——

——

= - B>- —.— 8 em r ͤ = = ee = = = . —.— == —ͤ—ũ— = —— = == zer TIERE == = Se = = = === = = ———ñ—— SIE m er „fc nn > 27 m = mm = —— 4 nn Stu - = == - = z ; :

r =

j e IN | 0 || N N

100

Hl e ill E =

5 gl

Il ıl ||

Jin | ı N | N | | | | 0 N 10 5

—ů— —— —e— pn

15 ı | | | I

—— ſ— onen

PRESENTED

TO

THE UNIVERSITY OF TORONTO

BY THE UNIVERSITY OF STRASSBURG, GERMANY.

JANUARY IOTH, 1891

v N * 2 2 * . n 8 r: - My 2 ah. # *

* Pur D en 5 N - Kr

Die Verfaſſung

der re der Orden.

Praktiſche Erläuterungen zu dem Briefwechſel über die deutſche Kirche, das Epiſkopat und Jeruſalem.

| ! |

| | |

Mit Vorwort und vollſtändigem Briefwechſel

herausgegeben von

Chriſtian Carl Joſias Bunſen,

der Philoſophie und der Rechte Doctor,

Hamburg 1845. Agentur des Rauhen Hauſes.

Den chriftlichen Brüdern

der

Synode der evangeliſchen Kirche von Rheinland und Weſtphalen

und der

kirchlichen Verſammlungen des ver⸗ floſſenen Jahres

in den

übrigen Landſchaften Preußens

mit chriſtlicher Ehrerbietung und Liebe

zugeeignet.

Vorwort.

Waͤhrend meiner letzten Anweſenheit in Deutſchland, im Fruͤhjahr und Sommer des vorigen Jahres, theilte ich einigen Freunden den Auszug eines vertraulichen Briefwechſels mit, welchen ich im Jahre 1843, auf Ver— anlaſſung der von Abeken herausgegebenen Schrift („Das evangeliſche Bisthum in Je— ruſalem“) mit einem befreundeten, hochgeſtell— ten Staatsmanne Großbrittanniens, vorzugs— weiſe uͤber das Epiſkopat gefuͤhrt hatte. Jene Freunde aͤußerten mir den Wunſch, daß dieſer Briefwechſel auch andern Freunden

bekannt werden möchte, Ich entſchloß mich alſo, eine deutſche Ueberſetzung als „Hand— ſchrift für Freunde“ in wenigen Abzuͤgen drucken zu laſſen. Dieſe Mittheilungen ha; ben zur Folge gehabt, daß einzelne Stellen meines Briefes waͤhrend der letzten Monate des verfloſſenen Jahres in oͤffentliche Blaͤtter gerathen ſind, und zu ſehr verſchiedenen Auf— faſſungen, Auslegungen und Bemerkungen gefuͤhrt haben. Von zwei achtbaren und vielgeleſenen Tagesblaͤttern hat das eine in meinen Worten einen „Proteſt gegen das Epiſkopat“ geſehen; das andere meine An— ſicht dem entgegengeſetzt, was (nach einer un— begruͤndeten Vermuthung) im Vaterlande von der Regierung angefirebt werde.) Andere

) Allgemeine Augsburger Zeitung. (Novbr.) Allge— meine Deutſche Zeitung. (Dezember.) Allgemeine Berliner Kirchenzeitung. (16. November).

7

——

politiſche Blaͤtter haben einzelne Saͤtze aus meinem Briefe ohne alle Bemerkung gegeben; dagegen legt mir die Berliner Allgemeine Kirchenzeitung in dem Schreiben eines Cor— reſpondenten „vom Oberrhein,“ der ſich wohl huͤtet irgend eins meiner Worte anzufuͤhren, unbedingt die Empfehlung des Epiſkopalismus in den Mund und giebt mir dabei einige vornehm belehrende Winke. Jenen und an— dern ehrenhaften Blaͤttern nun danke ich zuvoͤrderſt fuͤr die Theilnahme, die ſie dem Schreiben, um der Wichtigkeit des Gegen— ſtandes willen geſchenkt haben. Denn ich weiß gar wohl, daß dieſe Worte an ſich und um meiner geringen Perſon willen dieß nicht verdienen. Allein der Gegenſtand iſt aller— dings ein ſehr wichtiger: er gehoͤrt ohne Zweifel mit zu der Lebensfrage der Gegen— wart, nicht bloß in Deutſchland, ſondern in

8

den meiſten Laͤndern Europas. Es muß alſo jedem Freunde der Sache hoͤchſt erfreulich ſein, wenn dieſer Gegenſtand eine Theilnahme, nicht etwa unter Theologen und Rechtsgelehr— ten, ſondern uͤberhaupt unter den Gebildeten und Denkenden findet, welche ſich um die Öffentlichen Angelegenheiten des Vaterlandes bekuͤmmern. Denn eine ſolche allgemeine Theilnahme iſt nörhig, aber auch, bei einer Nation wie die deutſche, hinlaͤnglich, damit die wirkliche und praktiſche Wahrheit, welche wir ſuchen, bald zu Tage komme und allge— meine Anerkennung erlange: trotz ihrer Feinde, trotz der langen Gleichguͤltigkeit der Vaͤter, trotz der Abgeſtorbenheit und Verwirrung ſo mancher unſerer Zuſtaͤnde, und trotz der wechſelnden Geſtaltungen und des Streites von Theorien und Vorurtheilen des Tages, welche die Wirklichkeit uͤberdecken, und das

9

geſunde und gewiſſenhafte Urtheil der Ge— meinde erſchweren. Nur bei einer ſolchen all— gemeinen Theilnahme des evangeliſchen Volks laͤßt ſich auch hoffen, daß ein alſo gewonnenes richtiges Urtheil, nicht in Lehrbuͤchern nieder— gelegt, oder im Weingeiſte abgezogener, ſpe— culativer Formeln aufbewahrt, ſondern zur thatkraͤftigen Verwirklichung und Foͤrderung des als wahr Erkannten ausgebildet und ins Leben gefuͤhrt werde.

Und mit dem Ausdrucke dieſes Dankes, dieſer Freude und dieſer Hoffnung moͤchte ich eigentlich gern alles beſchließen, was mir perſoͤnlich iſt. Aber es kommt mir vielfach zu Ohren, wie von gewiſſen Seiten jene Aeußerungen, hier und da, zu einem Gerede Anlaß gegeben, deſſen Summe und Bedeu— tung etwa da hinaus zu laufen ſcheint: daß ich keinen Beruf gehabt einen ſolchen Brief—

10

wechſel zu fuͤhren, noch weniger das uͤber einen ſolchen Gegenſtand Geſchriebene, auch nur fuͤr Freunde drucken zu laſſen. Ich wuͤrde (meinen jene) uͤberhaupt beſſer gethan haben, meine Perſon in Angelegenheiten, die nicht meines Amtes ſeien, namentlich in kirch— lichen, nicht vor die Oeffentlichkeit zu bringen. Gegen ſolches „Gerede“ finde ich mich ver— anlaßt, Folgendes zu ſagen.

Wenn ich in den letzten ſieben Jahren ſchweigend, obwohl nicht gleichguͤltig zugeſehen habe, wie mancherlei Leute bemuͤht geweſen ſind, waͤhrend meiner Abweſenheit vom Vater— lande, meine Anſichten uͤber kirchliche Fragen wie uͤber Staatsangelegenheiten zu verdaͤchti— gen, und meinen Namen zu verunglimpfen; ſo hatte das, wie jeder wußte, der wollte, einzig und allein darin ſeinen Grund, daß ich uͤber jene Punkte nicht reden konnte, ohne

22

Dienſtgeheimniſſe zu verletzen, der Regierung Verlegenheiten zu bereiten und der Sache des gemeinſamen Vaterlandes zu ſchaden. So ſchwieg ich, meines guten Gewiſſens mich troͤſtend, und ſtellte die Sache Gott an— heim, zugleich dem Gerechtigkeitsgefuͤhle mei— ner Landsleute beider Bekenntniſſe vertrauend. Denn niemals werde ich glauben, daß in Deutſchland Feind heißt, wer eine von der unſrigen verſchiedene ehrliche Anſicht uͤber eine oͤffentliche Angelegenheit hat und mit Ueberzeugung darnach handelt.

Jetzt iſt es anders. Es iſt die Rede von einer rein perſoͤnlichen Frage, meinen Anſichten uͤber Theorie und Geſchichte der Kirchenverfaſſung, und uͤber die Stellung unferer Kirche zu einem auslaͤndiſchen Epiſko— pate: und ich denke, ein jeder deutſcher Pro— teſtant hat das Recht, eine ſolche Anſicht zu

12

haben und auszuſprechen. Die Frage iſt in meinen Augen, nach Beſeitigung theologiſch— kanoniſtiſcher Mißverſtaͤndniſſe, eine reine Ver: faſſungsfrage. Aber ſie iſt deßhalb nicht minder eine hoch wichtige: und es wird wohl jeder uͤber ſie nachgedacht haben, der waͤhrend der letzten fünf und zwanzig Jahre die oͤffent— lichen Angelegenheiten des Vaterlandes, und die Zukunft der evangeliſchen Kirche Deutſch— lands zu Gegenſtaͤnden ernſter Betrachtung gemacht hat. Wer aber in jener Zeit, ſei es aus Unmuth und Verzweiflung, ſei es aus natuͤrlicher Dumpf- und Stumpfheit ge— ſchlafen, ſollte wenigſtens nicht daſſelbe von andern vorausſetzen, bis er den Beweis da— fuͤr in Haͤnden hat.

Deßhalb ſoll mich auch jenes Gerede nicht einen Augenblick abhalten, ein dem Freunde gemachtes Bekenntniß denjenigen im

13

Vaterlande zu übergeben, welchen es der Muͤhe werth ſcheint, daſſelbe in ſeinem Zu— ſammenhange vollſtaͤndig kennen zu lernen. Von dieſen Guͤnſtigen allein erbitte ich mir auch noch die Erlaubniß, um jenes Gere— des willen, einige Worte hinzufuͤgen zu duͤr— fen uͤber das Verhaͤltniß dieſer Aeußerungen zu fruͤheren, und uͤberhaupt zu meiner ge— ſammten Ueberzeugung hinſichtlich jener Ver— faſſungsfrage.

Es leben mehrere, die wohl wiſſen, daß ich ſeit mehr als 25 Jahren mich bemuͤht habe, mir uͤber die geſammte Darſtellung und Verfaſſuug der Kirche eine geſchichtlich und theologiſch begründete Meinung zu bilden, und die dasjenige kennen, was ich daruͤber ſeit 1822, nicht ohne ein Gefuͤhl der Wich— tigkeit und Zukunft des Gegenſtandes, bei mehreren Veranlaſſungen, geſchrieben und ge—

24

ſagt. Dieſe nun werden in jener gelegent— lichen Herzensergießung nichts finden, als was ihnen lange als meine Ueberzeugung bekannt iſt. Sie alle werden mir in dieſer Bezie— hung daſſelbe Zeugniß ertheilen koͤnnen, was jener Staatsmann mir in dieſem Briefwechſel, mit Ruͤckſicht auf fruͤhere Mittheilungen, ſo offen und edel gegeben hat. Jene Aeuße— rungen waren aber theils muͤndliche, theils in Folge hoͤherer Aufforderungen geſchrieben. An ſich iſt es mir alſo ganz erwuͤnſcht, daß eine ſo natuͤrliche und ungeſuchte Gelegenheit ſich dargeboten, etwas in rein ſchriftſtelleriſcher Form als meine perſoͤnliche Ueberzeugung Aus— geſprochenes, der Gemeinde, unbefangen und vertrauensvoll zu uͤbergeben, da es einmal die oͤffentliche Aufmerkſamkeit beſchaͤftigt und zu mehreren Mißverſtaͤndniſſen Anlaß gegeben hat. Gerade weil ich etwas ganz und gar

2. 8

außer meinem Amte gefprochen und geſchrie— ben, fuͤhle ich volle Freiheit, daſſelbe zu ver— öffentlichen und zu vertreten.

Nichts kann jedoch ungenuͤgender ſein fuͤr eine eigentliche Eroͤrterung dieſer Ver— faſſungsfrage, als Form und Inhalt jenes Schreibens. Es iſt ein einfaches Bekennt— niß: und zwar nicht allein mit bloßer Andeu— tung der tieferen Gruͤnde und geſchichtlichen Thatſachen geſchrieben, auf welchen es zu ruhen glaubt, ſondern auch mit Vorausſetzung gleichlaufender Wahrheiten, die hier gar nicht zur Sprache kommen konnten. Der Brief ward uͤberhaupt haſtig, im Drange von Ge— ſchaͤften und Abhaltungen hingeworfen, ohne vorher auch nur aufgeſetzt zu fein: fo fern lag jeder Gedanke an eine kuͤnftige Veroͤffentlichung. Es iſt ein Freundeswort zu einem Freunde geſprochen, deſſen Zeit man zu ſehr ehrt, um

RR 28

ihm etwas auszuführen, was er beſſer weiß, als wir. Ja, und ich will hinzuſetzen, das Wort iſt mit der Freiheit und Unbefangenheit geredet, mit welcher hier zu Lande oͤffentliche Angelegenheiten beſprochen werden, und mit dem freudigen und herzerweiternden Ver— trauen auf billige Aufnahme, welche unter dieſem Volke jedem Ehrenmanne bei aller Meinungsverſchiedenheit ſicher und gewiß iſt.

Wenn ich nun ein ſolches Schreiben der Oeffentlichkeit uͤbergebe, ſo darf ich wohl von Guͤnſtigen und Unguͤnſtigen, ſofern ich ihr Urtheil achten ſoll, dieſes erwarten, daß ſie das argloſe Freundeswort mit argloſem Her— zen aufnehmen, ſie moͤgen nun meiner Anſicht beipflichten oder nicht. Aber ein wirkliches, volles Verſtaͤndniß deſſen, was ich eigentlich will, darf ich mir, was den praktiſchen Haupt— punkt, die Verfaſſung der Kirche betrifft, von

17

jener Herzensergießung, ſelbſt bei Guͤnſtigen kaum verſprechen. Denn der Mißverftänd: niſſe und Verdaͤchtigungen ſind zu viele, als daß ein, ohne Beweis und Erklaͤrung dem Freunde zugerufenes ſprudelndes Wort, trotz aller Verwahrungen, nicht in ihren Wirbel und Strudel hineingerathen ſollte. Wiederum aber iſt es ſchwer, den theologiſchen, geſchicht— lichen und kirchenrechtlichen Unterbau eines ſolchen Bekenntniſſes offen zu legen, ohne einen ſtarken Band mindeſtens auszufuͤllen: namentlich da man nach einer unter deutſchen Gelehrten weit verbreiteten Art, in Eroͤrterung praktiſcher Fragen zwar ganz gut da aufhoͤren kann, wo das Poſitive und Praktiſche an— faͤngt, aber um keinen Preis anders als eine unendliche Zeit vor Erſchaffung der Welt beginnen darf. Mein erſter Gedanke war daher, daß dieß ungeſchmuͤckte und im Erguß 2

18

eines vollen Herzens niedergeſchriebene Wort, da es nun einmal in die Welt treten muß, ſich helfen moͤge, wie es kann, nach der Wahrheit, die etwa in ihm iſt. Um jedoch dem natuͤrlichen Wunſche einer Verſtaͤndigung uͤber das Weſen einer praktiſchen Kirchenver— faſſung zu genügen, habe ich mich entfchloffen, zwar alle Gelehrſamkeit bei Seite zu legen, jedoch einfach aus weſentlich zugeſtandenen Grundſaͤtzen und aus den Beduͤrfniſſen der Gegenwart heraus dasjenige zu eroͤrtern, was ich in mir als die verſtaͤndige und praktiſche Grundlage jenes Bekenntniſſes vorfinde. Ich will unverhohlen diejenige Anſicht uͤber die Kirchenverfaſſung ausſprechen, aus welcher jene Herzensergießung hervorgequollen iſt. Keineswegs denke ich mich dadurch in eine ſchriftſtelleriſche Klopffechterei zu verwickeln. Denn wenn das, was in meiner Anſicht

19

wahr ift, es nicht dadurch wird, daß ich es ſage; ſo wird es auch dadurch nicht unwahr, daß andere es laͤugnen oder angreifen. Das Urtheil uͤberlaſſe ich der Gemeinde. Ich fuͤhle hieruͤber nicht die geringſte Unruhe oder Ungeduld. Am allerwenigſten werde ich mich in Streitigkeiten einlaſſen, welche außer— halb der evangeliſchen Kirche und zwar Deutſchlands liegen. Ich ſuche nichts und verlange nichts mit den Erfahrungen und Ueberzeugungen, die ich uͤber die mir theuerſten Angelegenheiten gewonnen zu haben glaube, als ein treues Bekenntniß dieſer Ueberzeugung abzulegen, Behufs einer Verſtaͤndigung mit denen im Vaterlande, welche ſich mit mir auf demſelben Glaubensgrunde fühlen. Nur dieß Eine erbitte ich mir von allen Leſern, daß wer etwa wiſſen moͤchte, was ich uͤber jenen Gegenſtand gedacht und denke, mich nach den

re

20

ruͤckhaltsloſen Erlaͤuterungen beurtheile, welche ich dem Bekenntniſſe mitgebe, und nicht nach irgend welchen mir geliehenen Gedanken oder Vorausſetzungen. Was dem einen recht, iſt dem andern billig. Wir alle, die wir vor der Gemeinde auftreten, in einer Zeit, welche noch bedeutungsvoller iſt durch vieler Blind— heit uͤber ihre Zeichen, als durch das Dro— hende dieſer Zeichen ſelbſt, reden und handeln ja vor dem Angeſichte Gottes, und haben hier auf Erden, wenn wir nicht ungenannt verſchwinden, das Gericht der Geſchichte zu erwarten. Irrthuͤmern und Fehlern entgeht niemand im oͤffentlichen Leben, weder im Reden noch im Handeln: und wer ſich fuͤr unfehlbar und untruͤglich haͤlt, der hat den groͤßten aller Irrthuͤmer begangen, und na— mentlich bei geiſtlichen Dingen ſich das Ver— ſtaͤndniß der Wahrheit von vorn herein ab—

21

geſchnitten. Aber das Gefühl einer redlich im Leben feſtgehaltenen und an Erfahrungen gepruͤften Ueberzeugung giebt einen Glauben an dieſelbe, und dieſer Glaube den Muth, Gegenwart wie Zukunft kuͤhn ins Auge zu ſehen. So viel uͤber mich und uͤber Ver— anlaſſung und Zweck dieſer Veroͤffentlichung.

Ueber das evangelifche Bisthum in Je— ruſalem habe ich dem zum Schluſſe meines Schreibens Geſagten hier nichts hinzuzufuͤgen. Eben ſo wenig beduͤrfen die Briefe meines verehrten Freundes, des Hoch Ehrenwerthen Herrn William Gladſtone, irgend einer Er— laͤuterung von meiner Seite. Auch das habe ich wohl kaum noͤthig noch beſonders zu er— waͤhnen, daß die Bekanntmachung derſelben mit ſeiner ausdruͤcklichen Genehmigung ge— ſchieht. Er ſtellte dabei nur Eine Bedin— gung: naͤmlich daß ſie vollſtaͤndig abgedruckt

22

würden. Dieß wird den Abdruck von Aeu— ßerungen entſchuldigen, in welchen ich nur die Beſcheidenheit und Demuth eines Chriſten verehre, und die Partheilichkeit und Nachſicht eines Freundes beſchaͤmt erkennen kann.

London, den 28. Februar 1845.

23

Nachſchrift.

London, den 31. Maͤrz 1845.

Waͤhrend der Reinſchrift und Durchſicht der folgendenden Abſchnitte find mir die Ber: handlungen der rheiniſchen Provinzialſynode von 1844 zugegangen, zugleich mit dem Dezemberhefte der trefflichen Monatsſchrift der rheiniſch⸗weſtphaͤliſchen Kirche von Nitfch: und Sack. Die Unterbrechung der Waſſer— verbindungen und zufällige Umſtaͤnde hatten. es mir nicht moͤglich gemacht, dieſe Werke fruͤher zu erhalten. Beide, namentlich die Verhandlungen, haben mir Veranlaſſung ge: geben, Verſchiedenes im Texte Geſagte weiter auszufuͤhren, auch fuͤr manche Punkte hoͤchſt

24

erfreuliche Zeugniſſe zu gewinnen. Damit jedoch das Verhaͤltniß der Vorſchlaͤge und Beſchluͤſſe der Synode zu meiner Arbeit ſich ganz klar hinausſtelle, habe ich im Texte durchaus nichts geaͤndert, ſondern alles auf jene Verhandlungen Bezuͤgliche, deſſen ich glaubte Erwaͤhnung thun zu muͤſſen, an ge— eigneter Stelle in Anmerkungen eingetragen. Ich kann und darf aber dieſes Vorwort nicht ſchließen, ohne meine innige Freude uͤber ein ſo wichtiges und ermuthigendes Le— benszeichen, welches ein wahres Ereigniß fuͤr die deutſche evangeliſche Kirche heißen mag, und meinen warmen Dank fuͤr die daraus geſchoͤpfte Belehrung und Hoffnung oͤffentlich auszuſprechen.

Briefwechſel

über die deutſche Kirche, das Episcopat

und Jeruſalem.

Aus dem Englifchen.

Erſtes Schreiben des Hod) - Ehrenwerthen Herrn Gladſtone.

Fasque, 2. September 1843.

Theurer Freund!

Sie waren ſo guͤtig, vor meiner Abreiſe nach London das Werk in meine Haͤnde zu legen, in welchem, wie ich Sie verſtand, eine urkundliche Darlegung der Natur aller mit dem Bisthum von Jeruſalem in Verbindung ſtehen— den Einrichtungen dem deutſchen Publikum uͤbergeben wird. Ich meine „die geſchichtliche Darlegung mit Ur— kunden. Ich habe es mit tiefem, aber ich fuͤhle mich verpflichtet, zu ſagen, mit ſchmerzlichem Intereſſe geleſen; ich fuͤhle, daß Freimuͤthigkeit von meiner Seite und die Erinnerung an tauſend Freundſchafts-Erweiſungen von der Ihrigen es erheiſchen, daß Sie der erſte ſein ſollten, dem ich alfo die Art und Weiſe meiner Eindruͤcke dar: legte.

eng

Sie werden mich nicht fo verſtehen, als wollte ich die Beweggruͤnde angreifen, aus denen dieſe Darlegung hervorgegangen iſt, oder die vollſtaͤndige Berechtigung des Verfaſſers wie ich glaube, ſagten Sie mir, es ſei Abekens Werk irgend eine, ihm paſſend erſcheinende, Anſicht zu veroͤffentlichen; aber es ſchmerzt mich tief, daß hiermit eine Anſicht von der engliſchen Kirche und der von dem Primas und dem Biſchof von London in Bezug auf dieſes Bisthum gethanen Schritte in Verbin: dung gebracht werde, welche ich muß es geſtehen mir nicht allein durchaus im Widerſpruch mit dem wahr— haften Weſen des Planes ſelbſt zu ſein ſcheint, ſondern auch durch und durch verderblich jeglichem Leben oder der Verwirklichung jeglicher Hoffnung fuͤr Andere oder fuͤr uns ſelbſt, welche in unſerer biſchoͤflichen Verfaſſung liegen mag.

Ich muß meine beſtimmteſte Ueberzeugung ausfpre: chen, daß dieſe Praͤlaten weder mit den Lehren uͤber⸗ einſtimmen werden, welche dieſes Werk ihrer Kirche in Betreff der Kirchenverfaſſung zuſchreibt; noch mit den allgemeinen Grundſaͤtzen, auf welchen die dritte Abthei— lung deſſelben ruht, und aus denen ich entſchieden ſchließe, daß diejenigen, welche der Biſchof zu Jeruſalem fuͤr die deutſchen Gemeinden ordiniren ſoll (wenn es welche geben

wird), in den Augen des Verfaſſers der vollſtaͤndigen amtlichen Verbindung mit der Kirche, ſowohl ihres Landes als des unſrigen theilhaftig fein ſollen und hin her ſich begeben duͤrfen, mit dem Rechte, in beiden ein geiſtliches Amt zu verwalten. Ich bin eben ſo feſt uͤberzeugt, daß dieſes nicht die in unſerm Lande gemachte Erklaͤrung des Planes iſt und auch wirklich nicht die richtige genannt zu werden verdient. Die Frage wegen einer Verbindung zwiſchen religioͤſen Koͤrperſchaften kann doch augenſchein⸗ lich nicht durch einen Seitenſtreich abgemacht werden, und jeder Verſuch, ſie alſo zu behandeln, koͤnnte neue Verwirrung hervorrufen aber ich fuͤrchte, das ent— weder Deutſchland eine unrichtige Darſtellung des Planes empfangen hat, oder daß in den Anſichten, unter welchen er auf dieſer und auf jener Seite des Waſſers befoͤrdert worden iſt, Grundverſchiedenheiten Statt finden.

Meine Abſicht bei dieſem Schreiben iſt wirklich viel weniger, Sie um eine Erklärung zu bitten, welche Ihnen Muͤhe verurſachen muß, als mein eigenes Gewiſſen zu befreien, indem ich nur die durch ein Werk unwillkuͤhrlich erzeugte Anſicht ausſpreche, welches Sie mir uͤbergeben haben; aber ohne Zweifel wuͤrde es mir ein Troſt und ein Vergnuͤgen ſein, wenn Sie mir mittheilen koͤnnten, daß die „Geſchichtliche Darlegung“ nicht in den Einzel-

30

heiten, welche ich bezeichnet habe, eine verpflichtende Bedeutung hat, an welche der Koͤnig von Preußen ge— bunden waͤre. Und wenn es nicht zuviel verlangt iſt, moͤchte ich erfahren, ob der Erzbiſchof und der Biſchof von London, welche in dieſer Angelegenheit als die erkor— nen Repraͤſentanten jedes Mitgliedes der englifchen Kirche handeln, mit dem Inhalte des Werkes vertraut ſind?

Jedoch bitte ich Sie, durchaus nicht anzuſtehen, die Muͤhe des Antwortens abzulehnen, wenn Sie glauben, daß ich nach etwas gefragt, worauf Sie nicht leicht und gern antworten koͤnnen. Ich verbleibe, mein theurer Freund, Ihr treu ergebener

W. T. Gladſlone.

Zweites Schreiben des Hoch- Ehrenwerthen Herrn Gladſtone.

Fasque, 8. September 1843.

Mein theurer Freund!

rs e Och muß noch ein Wort hinzufügen in Beziehung auf meinen letzten Brief. Ich fuͤrchte, das

31

Bedauern, welches ich darin ausſprach, koͤnnte anfpruche- voll und anmaßend klingen. Irgend ein Gefuͤhl dieſer Art, ich verſichere Sie, war fern von mir, und ich bitte Sie, den Anſchein davon zu entſchuldigen. Obwohl ich in der engliſchen Kirche allenthalben die Zeichen von Wie— derbelebung und Beſſerung erblicke, und obwohl es eine Pflicht iſt, dieſe anzuerkennen und dankbar dafuͤr zu ſein; ſo macht doch wahrlich jedes Jahr das ich lebe, und die zunehmende Erfahrung in den oͤffentlichen Angelegenheiten, daß ich immer tiefer und ſchmerzlicher unſere Suͤnden, Aergerniſſe und Unwuͤrdigkeit als Kirche empfinde. Aber

daneben erblicke ich in dem Epiſkopat, als der Baſis

wahrhaft apoſtoliſcher Einrichtungen und apoſtoliſcher Zucht, die einzige lebendige und maͤchtige Hoffnung un— ſerer Herſtellung. Die Grundlinie dieſer Baſis und des Wenigen von Zucht, was damit jetzt verbunden iſt, zu verwiſchen oder zu ſchwaͤchen wuͤrde fuͤr uns, nach meinen Gefuͤhlen, ein Schaden ſein, den irgend ein, andern er— wachſender Vortheil nicht im Stande waͤre, aufzuwiegen. Immer Ihr warmer und aufrichtiger Freund

W. T. Glaoſlone.

32

Schreiben des Geheimenrath Bunfen. Carltonhouſe Terrace, 13. Septbr. 1843.

Theurer Freund!

Ihren Brief vom zweiten d. M. erhielt ich vori⸗ gen Sonnabend, als ich eben in den Wagen ſtieg, um nach der Stadt zu fahren; und hier bin ich bis geſtern Abend dermaßen mit Geſchaͤften uͤberhaͤuft geweſen, daß ich erſt dieſen Morgen die Feder ergreifen kann, um Ihnen fuͤr die Freundlichkeit zu danken, welche Sie be— wog, gegen mich lieber als irgend einen Anderen ſich uͤber den ſchmerzlichen Eindruck auszuſprechen, welchen die dritte Abtheilung der „Deutſchen Darlegung“ auf Sie gemacht hat.

Erlauben Sie mir, theurer Freund, vor allen Din: gen zu erklaͤren, daß jenes Werk ſich ſelbſt verantworten muß. Es iſt auf des Koͤnigs Befehl von einem Manne geſchrieben worden, welchem die auf meine Verhandlungen und auf die Ausfuͤhrung von deren Reſultate bezuͤglichen Aktenſtuͤcke offen ſtanden. Er hat ſolche Dokumente ganz

33

oder zum Theil mitgetheilt (das erzbifchofliche „Statement“ mit eingerechnet) wie es ihm paſſend erſchienen. Dieß iſt der amtliche Theil des Werkes: und ihn muß ich, mag er Recht oder Unrecht haben, ſich ſelbſt uͤberlaſſen.

Das Uebrige gehoͤrt dem Verfaſſer an. Er wuͤnſchte des Koͤnigs Gedanken und die deſſen Ausfuͤhrung betref— fenden Urkunden dem deutſchen Publikum zu erlaͤu— tern: hat er dieſes unrichtig gethan, ſo wird er ſeines Irrthums uͤberfuͤhrt werden. Inwiefern er die perſoͤn— lichen Anſichten des Koͤnigs ausgeſprochen, iſt eine Frage, welche, meines Beduͤnkens, nicht zu der Kritik des Bu— ches gehoͤrt.

Dieſes iſt die Antwort auf Ihre Fragen, wie ſich das Werk zum Koͤnige und zu den Praͤlaten verhalte. Natuͤrlich kannten dieſe alle Aktenſtuͤcke, alſo noch mehr als die hier gegebenen Auszuͤge, obwohl nicht mehr als Sie damals geleſen: auch iſt das Buch gleich bei ſeinem Erſcheinen ihnen vorgelegt worden. Eine Ueberſetzung wird, glaube ich, in London eben gedruckt, unter Dr. M' Cauls Aufſicht.

Wenn Sie mich aber freimuͤthig fragen, ob die Darlegung in ihrer dritten Abtheilung meine eigenen Ueberzeugungen und Anſichten ausſpreche oder nicht, ſo

erwiedere ich mit gleicher Freimuͤthigkeit, daß ich auf 3

34

keinen Punkt geftoßen bin, worin das Gegentheil Statt faͤnde. Abeken wurde aufgefordert, nach eigener Ueberzeugung zu ſchreiben, dem Eindrucke gemaͤß, welchen die ihm bekannten Thatſachen und Urkunden auf ihn ge— macht; und ich war ſehr erfreut zu finden, daß ſeine Darſtellung, meines Erachtens, die richtige Anſchau— ung von dem giebt, was hier geſprochen und gethan iſt. Was ſeine Anſichten von der engliſchen Kirche betrifft, fo ſetzt er fie nicht den Engländern, ſondern den Deutſchen auseinander: und ich ſehe nicht, wie dieſe Darſtellung weſentlich der gleich, welche in ſeinem Sendſchreiben an Dr. Puſey entwickelt iſt der Eng— liſchen Kirche in ihrer Anſicht von Verfaſſung zu nahe tritt, wofern ſie nicht gegen urkundliche Symbole, wie Artikel und Canones verſtoͤßt. Indem er Hooker anfuͤhrt, zeigt er deutlich, nach welchem Geſichtspunkte er jene Kirche von ſeinen Landsleuten betrachtet zu ſehen wuͤnſcht.

In Betreff irgend einer Abſicht von ſeiner Seite, der Engliſchen Kirche, durch eine Darſtellung wie er ſie mit Recht oder Unrecht in jener Abtheilung giebt, eine Verbruͤderung mit einer andern religioͤſen Genoſſen— ſchaft aufzudringen, koͤnnen Sie ganz ruhig ſein. Sie liegt ſeinen perſoͤnlichen Anſichten eben ſo fern als dem

n

35

Werke, worauf ſie ſich bezieht: und gewiß haͤtte ihm nichts mehr den Weg zum Herzen eines Deutſchen ich rede von dem wahrhaft erleuchteten und chriſtlichen Publikum verſchließen koͤnnen, als auch nur der Schein einer ſolchen Abſicht. Aber offen geſtanden finde ich in dem Buche das nicht, was Sie (falls ich Sie richtig verſtanden) darin entdeckt haben, namlich „daß die Perſo— nen“ (die von dem Biſchof zu Jeruſalem zum Dienſte un: ter ihm geweihten) „zwiſchen beiden Kirchen ſich bewegen duͤrfen, mit dem Rechte kirchlicher Dienſtleiſtung in beiden.“

Dieſes iſt nicht der Fall. Sie muͤſſen von dem Biſchof ordinirt fein, weil die Dioͤceſe der Engliſchen Kirche angehoͤrt: wir ſehen ſie fuͤr vollguͤltig ordinirt an. Wie koͤnnen Sie dieſes tadeln, oder wie kann es das Epiſkopat angreifen, ſchwaͤchen oder verunglimpfen? Sie ſollen in keiner engliſchen Gemeinde den Gottesdienſt verrichten, weder in Jeruſalem noch ſonſt wo. Sicherlich wuͤrde eine ſolche Forderung ausgeſprochen worden ſein, wenn das Bisthum ein gemeinſchaftliches geworden wäre, und dafuͤr ſahen es auch meine Landsleute an, und erklaͤrten ſich deshalb gegen die Verpflichtung zur Weihung in Jeruſalem. Gerade in dieſer Hinſicht hat Abekens Schrift der Unwiſſenheit und den Vorurtheilen am meiſten entgegenwirkt.

36

11 uhr. So eben erhalte ich, theurer Freund, Ihren herrlichen Brief vom sten dieſes. Glauben Sie mir, niemals hatte ich geargwohnt, daß andere als die freundſchaftlichſten Beweggruͤnde Ihnen eingegeben haben konnten, mir zu ſchreiben, und meine vorhergehenden Zeilen werden Ihnen wohl bewieſen haben, daß Ihre freimuͤthigen Erklaͤrungen uͤber den Gegenſtand ſelbſt eben ſo freudig von mir begruͤßt worden waren, als fruͤh im Jahre 1839 die Erſcheinung Ihres Werkes, gerade auch in Betreff ſolcher Punkte, welchen ich nicht bei⸗ pflichten konnte, inſofern fie auf geſchichtlichen Annah⸗ men beruhten, von denen ich auf's entſchiedenſte abweichen mußte. Den Buchſtaben derſelben hielt ich für eben fo unhaltbar, als mir der Geiſt und die Abſicht, auch in dieſen Punkten, uͤber alles Lob erhoben und wahrhaft katholiſch zu fein ſchienen und noch ſcheinen. Meine Freimuͤthigkeit vergaben Sie mir damals, und ich hoffe, Sie werden auch jetzt es thun.

Die Redlichkeit dieſes Gefuͤhls bei dieſer Gelegenheit kann ich nicht beſſer darthun, als indem ich Ihnen (und zwar etwas ſcharf, um mich kurz faſſen zu koͤnnen), was ich damals ausſprach, wiederhole. Fuͤr den einzig haltbaren Boden, worauf ſich, philologiſch, hiſtoriſch und theologiſch, das Epiſkopat erklaͤren, vertheidigen, als

37

nothwendig erweiſen laſſe, erklaͤrte ich den der Katho— lieität. Denn wenn Sie in ihrem zweiten Briefe ſa— gen, daß Sie auf das Epiſkopat Ihre Hoffnung ſeines Wiederauflebens Ihrer Kirche gruͤnden, ſo halte ich mich gegen Sie als einen Freund und einen Chriſten ver: pflichtet zu erklären, in welchem Sinn ich Ihnen bei: ſtimmen kann, in welchem ich, ſollte dieſer Punkt zu einem dogmatiſchen Schiboleth und zur Bedingung der Seligkeit ausgedehnt werden, von Ihnen abweichen wuͤrde, nicht inſofern ich Deutſcher Proteftant bin, ſondern in- ſofern ich begehre, katholiſcher Chriſt zu fein. Was ich ſage, iſt nicht gegen Sie gerichtet, ſondern gegen ein Syſtem, welches dem Epiſkopat ein unbedingtes Recht verleiht, das man, mit Hooker, ſelbſt nicht einmal der geſammten Geiſtlichkeit beilegen darf.

Es giebt zwei Geſichtspunkte, worunter das Epi- ſkopat als die Grundlage wahrhaft apoſtoliſcher Inſtitu⸗ tionen und damit als die Grundfeſte der Kirche betrachtet, dem zufolge auf's ſorgfaͤltigſte und eifrigſte bewahrt und der Achtung der Mitchriften perſoͤnlich und nationell empfohlen werden kann.

Die eine moͤchte ich die Verfaſſungsanſicht nennen. Die Sicherheit des Staats im Allgemeinen be— ruht auf der Bewahrung ſeiner Regierungsform, und

38

das mag auch von der Kirche gelten. Es giebt ſogar ſehr gewichtige Gruͤnde zu behaupten, daß die Abſchaf— fung oder das Abſterben des Epiſkopates in der Regel die Geſundheit des Lebens der Kirche gefaͤhrdet, und ſie innerer oder aͤußerer Zwangherrſchaft ausſetzt. Die Urſache davon ſuche ich nicht allein in der Gefahr, welche jede Aenderung in der Verfaſſung, insbeſondere die Schwaͤchung der Regierungsgewalt und der Achtung vor geheiligten Formen begleiten muß; ſondern auch in der weſentlichen und unheilbaren Einſeitigkeit und Man⸗ gelhaftigkeit einer jeden Form des Kirchen-Regiments, ja nach meiner Meinung, einer jeden Verfaſſungsform, ſtaatlich wie kirchlich, worin das Gewiſſen des indi— viduellen Herrſchers mag er Biſchof, Koͤnig, Praͤſi— dent, Richter, Conſul, Dictator heißen ſeiner perſoͤn— lichen Freiheit beraubt wird. Eine ſolche Verletzung des Gewiſſens finde ich, wo es keine freie und wahrhafte Gewalt des Veto in der Geſetzgebung und in der Aus— uͤbung perſoͤnlicher Pflichten giebt: denn das Gewiſſen iſt nichts anderes als ein Veto. Das Epiſkopat aber ſo habe ich immer behauptet und werde es immer be— haupten hat außerdem noch eigenthuͤmliche Anſpruͤche auf die Achtung chriſtlicher Genoſſenſchaften. Seine Einſetzung wurde (ſo glaube ich, trotz der ſchlechten

39

Gruͤnde, welche vorgebracht worden find, um fein Be: ſtehen vor dem Ausſterben der Apoſtel zu beweifen) ſehr bald allgemein, wenn gleich in zwei ſehr verſchiede— nen Geſtaltungen, was die Einſetzung (d. h. Weihe) der Biſchoͤfe betrifft. Ferner bewahrte unter Gottes Schutze, durch den Geiſt, welcher die Kirche beſeelte, das Epiſko— pat dieſelbe vor Trennungen, und ließ ſie vor der Welt leuchten als erſte Darſtellung der uͤber die Graͤnzen des volksthuͤmlichen Beſtehens hinaus organiſirten Menſchheit. Selbſt an der ſpaͤter eingetretenen Verkuͤmmerung und theilweiſe Zerſtoͤrung des Kirchenlebens will ich dem Epiſkopate keinen groͤßeren Antheil geben als irgend einem anderen Elemente der Verfaſſung. Zwar bahnte der Despotismus der Biſchoͤfe den Weg zu dem Despo— tismus der Paͤbſte: jedoch ging der erſtere ſelbſt erſt wieder hervor aus einer Verderbung der urſpruͤnglichen Idee des chriſtlichen Prieſterthums in ſeiner Stellung dem Volke gegenuͤber, und war alſo die Schuld der ge— ſammten Geiſtlichkeit. Dieſe Verderbung war aber end— lich wieder nur die natuͤrliche Folge der allmaͤligen Ver— kuͤmmerung jener von Gott gelehrten und von Gott eingeſetzten Natur des allgemeinen (und deshalb jedes beſondere ausſchließenden) Prieſterthums eines jeden glau— bigen Chriſten, als ſolchen, und daher war es die Schuld

40

der ganzen Kirche. Die wahre Religion raͤcht fich immer zuerſt durch eine Verruͤckung des Mittelpunktes ihres Daſeins (und was iſt die Urſuͤnde und der Fall des Menſchengeſchlechtes anderes als eine ſolche Ver— ruͤckung?) und durch die daraus hervorgehende Aufloͤſung aller zuſammenhaͤngenden Elemente. Was nun den goͤtt⸗ lich gelehrten und anbefohlenen Mittelpunkt des leben— digen Beſtehens, und deshalb der Entwicklung der Kirche betrifft, fo möchte ich ihn, pofitiv, bezeichnen, daß er iſt die Innerlichkeit und Geiſtigkeit ihres organi— ſchen Handelns als des Leibes Chriſti, folglich ihres Prieſterthums und ihres Opfers. Negativ bedeutet dieß: ihr Leben wird in feinem Mittelpunkte mehr als durch ir— gend einen Irrthum, ein Schisma, eine Ketzerei uͤber einen beſondern Punkt der theologiſchen Lehre, angegriffen durch die Idee eines levitiſchen Prieſterthums und eines Natur: Opfers von den „Elementen der Welt,“ wie der Apoſtel ſagt. Wenn nun die Geſchichte irgend etwas beweiſen kann, ſo beweiſt die der Kirche (durch unvertilgbare Urkunden) daß dieſe Verruͤckung fruͤh begonnen: daß ſie einen liturgiſchen Urſprung hatte, dann ſcholaſtiſch erklaͤrt ward, endlich fei⸗ erlich gutgeheißen durch die Aufſtellung des unbedingten und poſitiven (und deshalb ketzeriſchen) Gegenſatzes im Tridentiner Concil, und zwar im Artikel uͤber das

1

41

Suͤhnopfer der Meſſe. Und wahrlich nimmer leuchtete Chriſti Verſprechen an ſeine Kirche heller als zu jener verhaͤngnißvollen Zeit! Da auf dieſe Weiſe die Ideen von Kirche, Sacrament, Prieſterſchaft, Opfer allmaͤlig verderbt worden ſind, ſo wuͤrde es unbillig ſein, Einem Elemente der Kirchenverfaſſung die Schuld dieſer Verderbung aufzubuͤrden: thoͤricht wäre es ſogar, irgend einem oder allen dieſen Elementen insgeſammt die Ver— derbung zur Laſt zu legen. Es iſt zwar nicht zu laͤugnen, daß es der Biſchoͤfe Amt wurde und lange Zeit ver—

blieb, die, wenn auch krampfhaft, doch nach Leben rin—

genden Beſtrebungen der Kirche gewaltſam zu erſticken: aber es moͤchte wohl unter jenen Umſtaͤnden eine jede Regierung daſſelbe gethan haben: jedenfalls waͤre es noch ſchlimmer, das Epiſkopat wegen dieſer Gruͤnde zu verdammen, als das Koͤnigthum wegen ähnlicher. Jedoch ich gehe noch weiter: ich behauptete, kein Politiker wird glauben (keiner, meine ich, welcher die chriſtliche Politik, die irdiſchen Beduͤrfniſſe des Reiches Gottes auf Erden wahrhaft und praktiſch erkennt), es ließe ſich das katholiſche Element einer Nationalkirche darſtellen, behaupten, wirkſam machen ohne die Form des Episkopates: ich meine des Epiſcopats in ſeinem urſpruͤnglichen und apoſtoliſchen Charakter, fo fern

42

den Apoſteln keine dogmatiſche ſondern eine rein disziplinariſche Abſicht untergelegt werden muß, wie ich fie oben naher zu bezeichnen geſucht.

Vergeben Sie, theurer Freund, nicht bloß die Un— vollkommenheit ſolcher „gefluͤgelten Worte“, ſondern die, auch in dieſer abgeriſſenen Geſtalt, große Laͤnge meiner Herzensergießungen. Erlauben Sie mir, mit wenigen Worten anzudeuten, in welcher Hinſicht und aus welchen Urſachen ich jetzt und immer gegen eine andere gar ſehr verſchiedene Anſicht des Episkopates und ſein unbedingtes Recht mich erklären muß. Mag immer: hin eine Kirche, wie z. B. die engliſche, durch einige ihrer nicht amtlichen Organe wenn auch vielleicht durch Vaͤter und Gottesgelehrte, behaupten, daß die apoſto— liſche Succeſſion des verordneten Miniſteri— ums Chriſti (successio apostolica divini ministerii) als eines untheilbaren Körpers, und als einer Diener: ſchaft an der Kirche nicht als der Kirche ſelbſt, nur dann offenbar und kraͤftig ſei, wenn ſie das Epiſkopat in ſich ſchließe; immer heißt dieſes nicht, daß jene Succeſſion gleichbedeutend ſei mit biſchoͤflicher Succeſſion. Ich kann dieſes nicht anders betrachten als ſo manche andere Erſcheinung im engliſchen Leben, naͤmlich als die inſelhafte Idioſynkraſie in der Verkuͤndigung und

43

Verkoͤrperung einer katholiſchen Wahrheit, und als nationalen Ausdruck eines katholiſchen Prinzipes. Eine Volkskirche mag belieben ein Prinzip in volksthuͤmlicher Weiſe auszudruͤcken, gegen deren Mißverſtand ſie ſich durch Liturgie, durch Artikel, und durch die unbedingte Anerkennung der oberſten Autorität der Bibel verwahrt. Kein Verſtaͤndiger wird deßhalb mit ihr hadern: wiewohl es zutraͤglich ſein mag, wenn ſie von Zeit zu Zeit an den Unterſchied zwiſchen Idee und Form, zwiſchen be— dingtem und unbedingtem Rechte, und vor allem zwiſchen Geſetz und Wahrheit erinnert wird.

Aber wenn irgendwie und zu irgend welcher Zeit das Episkopat zum Kennzeichen der Kirchſchaft erhoben werden ſollte, nicht bloß verfaſſungsmaͤßig und volks— thuͤmlich, was ein geſetzmaͤßiger Akt der nationalen Un: abhaͤngigkeit iſt: wenn die Kirche, inſofern ſie durch Episkopat ſich bekundet und beſteht, ſich an die Stelle Chriſti ſetzen will, und des Geiſtes, welcher allein wahre Kirchſchaft verleihen kann, weil nur er wahres Leben verleiht, d. h. kindliche Dankbarkeit und Selbſtverlaͤug— nung, hervorgegangen aus gottbefreitem, goͤttlich freiem Willen, ſtatt des Gefuͤhles des Fluches und der Ver— zweiflung uͤber die Folgen der innern Knechtſchaft: wenn die verheißene Seligkeit von dieſem Epiſkopat ab—

48

haͤngig gemacht werden ſoll; fo ift meines Beduͤnkens dadurch der Todesſtreich nach jener Kirche innerſtem Lebenskeime gefuͤhrt, falls ſie nicht Buße thut. Denn ſie ſucht Heil bei Menſchen und nicht bei Gott, bei den „elenden Elementen“ dieſer Welt, und nicht im göttlichen Geiſte, dem Urquell alles Lebens und dem Befreier vom Tod und Verderben: ſie greift ein in die „glorreiche Freiheit der Kinder Gottes“, der Erlöfeten Chriſti und der geborenen Buͤrger des Reiches des Herrn: ſie kreuziget Chriſtus, und leugnet praktiſch die Kraft ſeines Opfers. Nicht die Heiden, die Juden kreuzigten Chriſtus, und fo thun fie es bis auf den heu— tigen Tag. Von allem dieſem bin ich feſt uͤberzeuget, wie ich es bin von dem Daſein Gottes, und wie ich an den ſeligmachenden Tod Chriſti und an das ewig verjuͤn⸗ gende, allmaͤchtige Wirken des Geiſtes glaube. Ich hoffe, daß ich ſo denken wuͤrde, auch dann, wenn, zu meiner größten Bekuͤmmerniß, Gott mich in der Roͤmiſchen Kirche haͤtte laſſen geboren werden. Ich ſage keinen Theil hiervon als Proteſtant, wiewohl ich die Reforma— toren dafuͤr ſegne, daß ſie mich es lehrten, indem ſie mir den Sinn der Schrift und der Kirchengeſchichte oͤff— neten. Aber ich brauche nicht hinzuzufuͤgen, daß ich es als eine verraͤtheriſche Handlung anſehen wuͤrde (abge:

25

ſehen davon, daß es unter allen Umſtaͤnden in meinen Augen gottlos waͤre), wenn ich nicht gelobte, alle Kraͤfte meiner Seele (ſo gering ſie auch ſein moͤgen) und den letzten Tropfen meines Blutes opfern zu wollen, um vor einem ſolchen Epiſkopate die Kirche der Nation zu be— wahren, zu welcher zu gehoͤren ich ſtolz und hoffentlich auch dankbar bin. Und offenbarte mir ein Engel vom Himmel, daß, durch Einfuͤhrung, oder durch Anpreiſung oder auch nur Beguͤnſtigung des Einfuͤhrens eines ſol— chen Epiſkopates in irgend einem Theile Deutſchlands ich nicht allein das deutſche Volk ruhmvoll und maͤchtig über alle Völker des Erdbodens machen, nein auch erhe— ben koͤnnte zum gluͤcklichen Vorkaͤmpfer gegen den Unglau— ben, den Pantheismus und den Atheismus des Tages, ich thaͤte es nicht: ſo wahr mir Gott helfe, Amen! Moͤglich daß wir beſtimmt ſind unterzugehen, Kirche und Staat: aber gerettet koͤnnen und duͤrfen wir nicht dadurch werden, daß wir Leben in Aeußerlichkeiten erſtreben. Theurer Freund, nehmen ſie dieſe lange, unfertige und ſchlecht geſchriebene Herzensergießung hin als meinen chriſtlichen Dank fuͤr die Freundlichkeit, Achtung und Liebe eines Mannes, deſſen chriſtliche Redlichkeit, deſſen Muth und Ernſt ich froh bin, lieben zu duͤrfen; denn verehren mußte ich von Anfang an jene Eigenſchaften von

46

Grund meines Herzens. Solchen Herzen, wie das Ihrige, ſolchen Freunden gegenuͤber, wie Sie ſind, fuͤhlt man ſich ſo bloß, ſo arm: denn man hat ihnen nichts anderes zu bieten, als jene ruͤckhaltsloſe Offenheit, deren man ſich (und nicht bloß aus Klugheitsgruͤnden) vor der Welt enthält. Keine Moͤglichkeit eines Mißverſtaͤndniſſes in Betreff meiner Ueberzeugungen und Meinungen darf in Ihrer Seele zuruͤckbleiben, ſonſt müßte ich mir undank⸗ bar vorkommen. Außerdem fuͤhlte ich, daß ich mir ſelbſt ſolch ein offenes Bekenntniß ſchuldig bin; denn hiermit werden Sie ſicherlich all mein vergangenes und (unter Gottes Gnade) all mein zukuͤnftiges Handeln, Schreiben, Reden in Einklang finden. Diplomatiſch iſt weder meine Theologie noch meine Amtsthaͤtigkeit in Kirchen— angelegenheiten hier oder ſonſt wo jemals geweſen und ſoll es nie ſein; waͤre ſie es je geweſen, ich haͤtte (Gott ſei Dank!) eben ſo ſehr in letzterer Hinſicht dem Willen meines Koͤniges, als in der erſteren den Ge— boten meines Herrn und Heilandes zuwider gehandelt. Dixi et salvavi animam meam.

Nun erlauben Sie mir noch Ein Wort hinzuzufuͤ— gen, eine Bitte, in Betreff unſerer praktiſchen Stellung dem Bisthum von Jeruſalem gegenuͤber. Nach meiner Ueberzeugung und, wie ich glaube ſagen zu durfen, nach

47

der Ueberzeugung der Praͤlaten, mit denen jene Maaß— regeln ausgefuͤhrt ſind, iſt die Idee des Koͤniges und die Art, in der es verwirklicht worden, mit einem Worte das Bisthum von Jeruſalem, durchaus unabhängig von dem halb dogmatiſchen, halb hiſtoriſchen, halb Verfaſſungs— kampfe zweier Partheiungen in der Kirche Englands, der ſich durch die letzten drei Jahrhunderte hindurchzieht: ich moͤchte faſt ſagen, eben ſo ſehr, wie es von Torythum und Whigthum unabhaͤngig iſt. Es greift der Durch— kaͤmpſung und Beantwortung keiner der Lebensfragen

vor, die auf jenem Felde dem Streite unterliegen; ſo

weit natuͤrlich, als jener Streit wahrhaftig innerhalb der englichen Kirche iſt, von Laud bis Tenniſon, jener Kirche, welche auf Artikeln und Liturgie beruht. Aber wahrlich am allerwenigſten ſcheint es mir auf die Schwaͤ— chung des biſchoͤflichen Anſehens hinzuwirken: iſt es doch im Gegentheil die erſte oͤffentliche Anerkennung der eng— liſchen Kirche von außen!

Diejenigen, welche das Werk befoͤrdert haben, moͤ— gen, unter andern Schwaͤchen, ihre eigenen Anfichten, _ Theorien und Vorurtheile befisen, und mögen dieſelben zeigen in dem, was ſie zur Vertheidigung deſſelben zu ſagen oder zu ſchreiben haben. Aber das Bisthum in Jeruſalem iſt und wird ſo frei und unabhaͤngig von die—

48

ſem bleiben, als nur immer von den Formeln, Theorien, und vielleicht auch Vorurtheilen derjenigen, welche es, wie Herr Hope, angegriffen, oder derjenigen, welche von demſelben Geſichtspunkte es vertheidigt haben. Das „Sta- tement published by authority“ greift in keine engliſche Kirchenfrage, die Schrift uͤber das Evangeliſche Bisthum in Jeruſalem in keine deutſche Kirchenfrage ein. Beide geben Thatſachen, und fuͤgen dieſen Erläuterungen bei: das eine (und nur dieſes kirchlich-amtlich) für Eng- land, das andere fuͤr Deutſchland. Zehn bis funfzehn Jahre werden darthun, ob und wie Gutes geſchafft wer— den kann durch chriſtliches Zuſammenwirken nicht durch Mengung oder Vermengung proteftantifch- chriſtlicher Kirchen zu Jeruſalem. So viel iſt offenbar, meine ich, daß dieß auf keine andere Weiſe erreicht werden konnte. Was auch die Vorſehung beſchloſſen haben mag, die einzige ſtaatsmaͤnniſche Anſicht ſcheint mir die zu ſein: dem Werke ſeinen freien Lauf zu laſſen, und es nicht mit den Theorieen einer beſtimmten Rich— tung oder Nation, und mit den Jagesſtreitigkeiten in Verbindung zu ſetzen. Dieſes wuͤrde aͤrger ſein als die Kaͤmpfe der Kreuzfahrer verſchiedener Nationen, welche ihre Partheifehden und ihren Nationalehrgeiz in das gelobte Land heruͤberbrachten. Zion ſei ein neu—

49

traler Boden, und insbeſondere möge das, was wir Deutſche in unſerer eigenthuͤmlichen Weiſe ſagen, nicht Sie, den Sohn der engliſchen Kirche und den Ver— faſſer des „Verhaͤltniſſes von Staat und Kirche“ minder guͤnſtig denken machen von dem Werke, welches unter großen Schwierigkeiten und dem vereinten Angriffe von Unglaͤubigen und Papiſten auf jenem heiligen Boden ge— trieben wird, in Glauben und Hoffnung und, wie ich meine hinzufuͤgen zu duͤrfen, in Liebe. In der Hoffnung, daß Sie dieſe Nachſicht insbeſondere den rohen Andeu— tungen und Ergießungen dieſes endloſen Briefes ange— deihen laſſen wollen, verbleibe ich, mein theurer Freund,

Ihr treu ergebener WVunſen.

Drittes Schreiben des Hoch-Ehrenwerthen Herrn Gladſtone.

Fasque, 19. September 1843.

Mein theurer Freund!

Ich habe Ihren anziehenden Brief empfangen und

aufmerkſam durchgeleſen. Die Offenheit und der Umfang 4

50

der darin gegebenen Eroͤffnungen ſprechen fuͤr ſich ſelbſt, und beduͤrfen nicht einmal einer ausdruͤcklichen Anerken—⸗ nung. Sie reichen weiter als irgend eine Erklaͤrung uͤber Ihre Anſichten, die ich fruͤher empfangen hatte: aber es iſt wahr, ſie fuͤgen nicht ein einziges Element hinzu, das irgend wie im Widerſpruch ſtaͤnde mit dem, was ihnen vorhergegangen iſt. Was mich betrifft, ſo bin ich durch meine eigenen gewiſſenhaften Ueberzeugungen und durch das, Angeſichts der Welt abgelegte Zeugniß, deſſen Grund ſie waren und ſind, gefeſſelt und gebunden an eine Theorie des Epiſkopats und der ſichtbaren Kirche, welche von der Ihrigen abweicht. Aber ich bin zufrieden, in Geduld Zeuge zu ſein des Kampfes der Wahrheit und ihrem Offenbarwerden entgegen zu harren: wahrlich nicht mit Gleichguͤltigkeit mitten unter ſtreitenden Lehren, aber auf der andern Seite ohne zu verſuchen, meinen Mit: chriſten die Uebung der Thaͤtigkeit ihres Gewiſſens zu verkuͤmmern, ſelbſt in Faͤllen, wo ſie mir nicht in allen Erforderniſſen zur Bildung eines richtigen Urtheils uͤber— legen ſind, Faͤllen, ſo verſchieden von dem gegenwaͤrtigen. Ich wuͤnſche auch nicht für mein Vaterland von andern Nationen eine Zuſtimmung oder irgend eine beſondere Achtung zu fordern fuͤr jene Idioſynkraſieen, woran es ſo reich iſt. In der That Sie gehen darin viel weiter

51

als ich. Denn waͤhrend Sie bereit ſind, es als ein Geſetz unſerer bürgerlichen Ordnung zu dulden, daß wir biſchoͤf— liche Weihe zur Bedingung einer Gemeinſchaft des geiſt— lichen Amtes machen; ſo koͤnnte ich es nicht entſchuldigen noch leiden, daß man fuͤr eine ſolche Sache diejenigen Verkehrskanaͤle verſtopfte, welche alle Theile des Leibes Chriſti frei durchſtroͤmen und ſichtbar verknuͤpfen ſollten.

Laſſen Sie mich Ihnen verſichern, daß ich ganz den praktiſchen Betrachtungen am Schluſſe Ihres Briefes beiſtimme. Als ich Ihnen ſchrieb, hatte ich nicht die Ab— ſicht, es ſollte, was auch immer Ihre Theorie uͤber das Bisthum ſein moͤchte, irgendwie verſucht werden, das Geſchehene ungeſchehen zu machen: und ich werde wahr— lich mich ſehr freuen, zu ſehen, ob im Verlaufe einer geraumen Zeit Gutes entſtehen wird (um Ihre eignen Ausdruͤcke zu gebrauchen), von Mitwirkung ohne Ver— miſchung: von einer verſuchsweiſe gemachten Anſtrengung in Erfahrung zu bringen, welche Faͤhigkeiten wahrer Vereinigung moͤglicherweiſe in beiden Kirchen beſtehen, ohne daß man unterdeſſen auf der einen oder andern Seite den eigenen Grund und Boden gefaͤhrde oder aufgebe.

Was ich geneigt bin in der „Geſchichtlichen Darle— gung“ in Abrede zu ſtellen, iſt nicht die Freiheit, von

52

welcher der Verfaſſer Gebrauch macht, indem er die fuͤr das Bisthum getroffenen Einrichtungen in ſeiner Weiſe auslegt, ſondern die Auslegung, welche er den Anord— nungen und Erklaͤrungen der engliſchen Kirche giebt: eine Auslegung, die nach meiner Anſicht, gänzlich zuwider läuft ihrem Sinne und den neulich veroͤffentlichen Er— klaͤrungen des Biſchofs von London, welcher ſelbſt einer der vorzuͤglichſten Arbeiter bei den Verhandlungen ge— weſen iſt.

Ich tadle nicht die Handlung, dem Abkommen in Beziehung auf die engliſche Kirche auf dieſe Weiſe eine Auslegung zu geben. Es mag eine Nothwendigkeit ge— weſen ſein (und wahrſcheinlich war es ſo, obwohl man es hier bei dem „Statement“ nicht unerlaͤßlich fand), zu zeigen, daß jene Verhandlungen nach Ihren geiſtlichen Einrichtungen einen beſondern Sinn tragen muͤſſen. Aber ich bedaure es: weil es mir ſcheint, daß das Unterneh— men ſelbſt, welches aus ſo bewundernswuͤrdigen Beweg— gruͤnden hervorgegangen, in eine falſche Stellung dadurch geraͤth, daß man in Deutſchland und in England im entgegengeſetzten Sinne erklaͤren muß, und weil, wie ich geſtehe, es mir auch ſcheint, daß Abekens Darſtellung irgend eine Art von Verwahrung erfordert, worin ausge— ſprochen werde, daß wir durch dieſelbe nicht gebunden ſind.

9 4

53

Es iſt ganz wahr, daß ſein Sendſchreiben an Dr. Puſey in demſelben Sinne geſchrieben iſt, aber dieß wird als individueller Ausdruck einer Meinung verſtanden. Und von denen, welche in England fuͤr das Bisthum ge— ſchrieben, iſt keiner, fo weit ich fie kenne (Hook, Perce— val, Maurice, Palmer, Allies) einer Anſicht gefolgt, die jener irgendwie aͤhnlich ſaͤhe.

Ich freue mich ſehr zu vernehmen, daß das Buch wahrſcheinlich uͤberſetzt werden wird. Sie haben mir alles geſagt, was ich jetzt verlangen oder erwarten konnte, in— dem Sie mir melden, daß es dem Erzbiſchof von Canter⸗ bury und dem Biſchofe von London mitgetheilt worden: und vielleicht kann ich ſpaͤter erfahren, wie ſie daſſelbe anſehen.

Das Werk aber, darin ſtimme ich Ihnen bei, ſteht da ganz unabhaͤngig von den Auslegungen, welche daruͤber gegeben werden: man ſollte ihm einen freien und vollen Spielraum geben, mit aller Geneigtheit zu ſeinen Gun— ſten, und ich ſehe keinen Grund, weßhalb irgend eine Verſchiedenheit in der Auslegung deſſen, was geſchehen iſt, daſſelbige im Geringſten betheiligen duͤrfte, es müßte denn ſein, daß zu irgend einer Zeit eine praktiſche Schwierigkeit ſich herausſtellte, welche Verſtaͤndigung erheiſchte. Dieß iſt meine beſtimmte Anſicht der Sache,

54

wie es jetzt liegt: dabei aber beſorge ich, die von mir gefuͤrchteten Schwierigkeiten werden ſich zeigen, wenn Biſchof Alexander deutſche Candidaten ordiniren, und es ſich finden ſollte, daß dergleichen Candidaten in amtlicher Gemeinſchaft mit der preußiſchen Landeskirche ſtaͤnden, und dann eine Frage entſtehen ſollte uͤber das Verhaͤlt— niß jener Maͤnner zur engliſchen Kirche.

Sein Sie verſichert, die Laͤnge Ihres Briefes konnte in meinen Augen kein Fehler ſein, und in Betracht der Wichtigkeit der zu erklaͤrenden Gegenſtaͤnde moͤchte ich keinen Theil deſſelben miſſen: nur mit Ausnahme der— jenigen Stellen, worin Sie ein viel zu guͤnſtiges Urtheil uͤber mich faͤllen oder durchblicken laſſen: ich kann nur hoffen, daß ſie einen Einfluß haben werden mir zu hel— fen das zu fein, wofür Sie mich nehmen...

Immer, mein theurer Freund, Ihr aufrichtig ergebener

W. T. Gladſlone.

Die Verfaſſung

der

Kirche der Zukunft.

J.

Einleitung.

Das chriſtliche Prieſterthum, der Staat und der kirchliche Beruf der Gegenwart.

Die Verfaſſung einer Kirche umfaßt im weite— ſten Sinne das ganze Leben der chriſtlichen Gemeinde, als ſolcher. Dieſes Leben iſt aber, wie das jedes einzelnen Gliedes der Gemeinde, einestheils ein Leben in Gott, anderntheils ein Leben in der Welt. Das Geſammtleben des Chriſten in Gott, das Leben der Anbetung ſtellt ſich dar in dem Gottesdienſte und den kirchlichen Feiern: Das chriſtliche Geſammtleben in der Welt, das Leben der Gemeinde in ſich ſelbſt, nach ihrem irdiſchen Beſtehen, offenbart ſich in den gegenſeitigen Rechten und Pflichten, welche die Ge— meinde und ihre Aemter in Beziehung auf dieſes

58

irdiſche Beſtehen haben und uͤben. Die Anordnung oder Verfaſſung der einen Lebensthaͤtigkeit wie der andern iſt eine lebendige, thatſaͤchliche Darſtellung der Kirche, die Verwirklichung eines Lebens, das in ihr iſt. Die Gottesdienſt-Ordnung verwirklicht das un— mittelbare Leben der Chriſtenheit in Gott: die Ge— meinde- Ordnung das unmittelbare, d. h. das Leben der Kirche als ſolcher in der Zeitlichkeit, in welcher ſie ſich als eine bruͤderliche Gemeinſchaft zu erhalten und zu regieren hat.

Die Rechte und Pflichten der Glaͤubigen, welche nicht das chriſtliche Verhaͤltniß zu Gott und den Glauben an daſſelbe in Anſpruch nehmen, ſondern das von Bürgern oder Unterthanen als ſolchen ge hoͤren in die ſtaatliche Verfaſſung.

Die Eroͤrterungen dieſes Buͤchleins betreffen nur die kirchliche Verfaſſung im gewöhnlichen, beſchraͤnkten Sinne. Ueber den andern Zweig der Darſtellung des kirchlichen Gemeinlebens (der liturgiſchen) wer: den wir anderweits eine Gelegenheit haben, der Gemeinde unſere Anſicht vorzutragen. In dieſen einleitenden Worten muͤſſen wir jedoch die thatſaͤchliche

59

Darſtellung des kirchlichen Lebens nach ihrer ganzen Ausdehnung ins Auge faſſen: theils um den gemein— ſamen Gegenſatz beider Zweige, gegenuͤber den theo— logiſchen Lehrbekenntniſſen und Lehrgebaͤuden anſchau— lich zu machen, theils um zu zeigen, wie beide, Gottesdienſt- Ordnung und Gemeinde- Ordnung, im Evangelium und im ſittlichen Bewußtſein eine und dieſelbe Wurzel haben.

Wir gehen naͤmlich davon aus, daß jene beiden Zweige weſentlich in der Idee des Prieſterthums wurzeln, und daß ihre rein chriſtliche Geſtaltung vor allem bedingt iſt durch das Verſtaͤndniß und die An— erkennung des allgemeinen Prieſterthums der Chriſten. Ueber dieſen Punkt muͤſſen wir uns alſo erlauben, einige Andeutungen und Annahmen vorauszuſchicken.

Alle Religionen, und ganz beſonders die der weltgeſchichtlichen Staͤmme, haben ein Prieſterthum, weil Prieſter und prieſterliche Opfer. In allen Re— ligionen heißt Prieſter, im Sinne von Opferer, wer ſich unmittelbar der Gottheit nahen darf, mit Gebet und Fuͤrbitte. Die Natur-Religionen und das Ju— denthum hatten jene unbewußt, dieſes bewußt

2

ein vorbildliches, opferndes Prieſterthum. Eine Koͤrperſchaft, auserleſen aus dem Stamme oder Volke, vermittelte deſſen Verbindung mit der Gott— heit, im Ganzen und im Einzelnen, und unterhielt den Verkehr des Gemuͤths mit der Gottheit, auf deſſen Annahme und Bethaͤtigung alle Religion ruht. Dieſe Prieſterſchaft nahte der Gottheit, und war ihr fuͤr die treue und ehrfuͤrchtige Verwaltung des Dien— ſtes verantwortlich. Die Werke ihrer ſinnbildlichen Vermittlung waren Darbringungen des Eigenen, vor— zugsweiſe thieriſchen Lebens, immer in dem Sinne des Aufgebens und Vernichtens des Eigenthums oder des Einzellebens zum Dienſte und zur Ehre der Gottheit. Solche Darbringungen heißen Opfer. Im urſpruͤnglichen Gottesbewußtſein der mit Gott ſich einig fuͤhlenden Menſchheit koͤnnen ſolche Darbringun— gen nur als Sinnbilder gedacht werden, Sinnbilder der vollen, ſeligen Hingabe des Eigenwillens, alſo Zeichen des Dankes gegen Ihn, in dem und durch den wir leben, weben und ſind. Allein das geſchicht— liche Gottesbewußtſein des Menſchen iſt durch die Suͤnde nothwendig ein geſpaltenes, ein ſchwebendes.

61

Nach dem einen Pole hin zeigt es ſich als Gefuͤhl der Getrenntheit von Gott, nach dem anderen als Gefuͤhl der Abhaͤngigkeit. In jeder einzelnen Hand— lung, welche auf Gott ſich bezieht, wird alſo der eine oder andere Pol uͤberwiegen und den Ausſchlag geben. Ueberwiegt bei Volk und Einzelnem das Gefuͤhl der Getrenntheit von Gott durch die Suͤnde und Unvollkommenheit; ſo wird der Menſch getrieben wenn er der Gottheit naht, eine Suͤhne der belei— digten Gerechtigkeit zu verſuchen, das heißt, in der finn: und vorbildlichen Sprache jener Religionen, das Suͤhnopfer darzubringen, damit die aufgehobene oder verdunkelte Gemeinſchaft hergeſtellt werde durch Hin— gabe des Einzellebens, des Eigenen, an die erzuͤrnte Gottheit, zur Strafe oder Buße. Das Ueberwiegen des anderen Poles hingegen, des Gefuͤhles der Ab— haͤngigkeit, beim Empfinden der Liebe und Guͤte Gottes, ruft das Beduͤrfniß hervor, die Dankbar— keit des Herzens zu bethaͤtigen durch die Hingabe des Theuerſten an die Gottheit, welche alles Guten Geberin und Urſache iſt.

62

Mit naturgemaͤßer Nothwendigkeit find demnach alle Opfer des geſchichtlichen Heidenthums wie des Judenthums entweder Suͤhn- oder Dankopfer. Das zeigt aber auch die levitiſche Anordnung des juͤdiſchen Gottesdienſtes und die Geſchichte aller heidniſchen Religionen und Gottesdienſte. Die äußere Darbrin: gung iſt in allen ſinnbildlich, aber vom weltgeſchicht— lichen Standpunkte aus zugleich vorbildlich. Denn alle jene Opfer ſind Verſuche, die Vereinigung mit Gott herzuſtellen, deren Unterbrechung und Herſtel— lung der innerliche Grund und das Ziel aller Reli— gion iſt. Dieſe Verſuche konnten aber nie das ver— wirklichen was ſie bezweckten. Erſtlich ſchon nicht als bildliche, aͤußerliche Thaten, hier, wo es ſich um das eigentlichſt Innerliche, die ſittliche, auf Gott gerichtete Geſinnung handelt. Dann aber auch, weil es gerade unmoͤglich war, dieſe durch die Opfer ſinn— bildlich verwirklichte, innerliche That wahrhaft zu vollziehen. Vollkommener Dank iſt nur dem moͤglich, welcher ſich vollkommen mit Gott vereinigt fuͤhlt: alſo verhindert die den Menſchen beherrſchende Spal— tung des Gottesbewußtſeins, daß das ‚Gefühl der

63

Getrenntheit, der Sünde, des Außer : Gott + Seins dauernd im Danke verſchwinde. So wird alſo die dankende und dankbar ſich hingebende Seele noth: wendig zu dem andern Pole getrieben. Aber hier vermag ſie noch viel weniger das Opfer zu vollziehen. Denn es wuͤrde dazu vor Allem die vollkommene Schuldloſigkeit und Unſuͤndlichkeit des Opfernden gehoͤren: aber wie koͤnnte irgend ein Menſch dieſe anſprechen? Und wie nun gar fuͤr andere, fuͤr Fa— milie und Volk? Das Bewußtſein der Schuld, der Unvollkommenheit, des Getrenntſeins begleitet den Gott ſuchenden Menſchen zum Altar. Er giebt ſein theuerſtes Eigenthum hin, er ruft auf das ſtell— vertretende Haupt des Opferthieres alle Strafen der Gottheit herab, von welchen ſein eigenes Haupt, nach der Stimme des Gewiſſens ſich bedroht fuͤhlt: ja er opfert wohl gar der zuͤrnenden Gottheit im Wahnſinn das geliebte Haupt des Kindes. Im Herzen bleibt das Gefühl des Zornes Gottes: jedes Ungluͤck, jeder Schmerz, jeder Verluſt des Theuren iſt ihm ein Beweis dieſes Zornes, dieſer Getrenntheit. So be— wirkte das Suͤhnopfer des vorbildlichen Geſetzes eben

64

jo wenig als das der Natur-Religionen jenes beſeli— gende Gefuͤhl der Wiedervereinigung, und ſo konnte auch das wahre Dankopfer nie zu Stande kommen. Die Vollziehung des einen wie des andern wuͤrde eine goͤttliche Erneuerung des Herzens vorausſetzen, in welcher der Menſch ſich zwar noch als unvoll— kommen ſuͤndhaft empfaͤnde, aber nur zu feinem eige⸗ nen Beſten, zur Erſtarkung des goͤttlichen Lebens in ihm. Die freie Hingabe an das Goͤttliche ſetzt voraus das volle Gefuͤhl der Liebe Gottes, welche ſelbſt die Sünde, nach ihrem ewigen Nathichluffe zur Verherrli— chung des Reiches des freien Geiſtes dienen laſſen will.

So bewegte ſich alſo durch die langen Jahrtau— ſende alles religioͤſe Leben der Voͤlker in ewiger Un— ruhe zwiſchen den beiden Polen des auseinander gefallenen Gottesbewußtſeins. In der That iſt die innere Geſchichte ihrer Religionen nichts als die Geſchichte von den Schwankungen des Pendels ihres Lebens im Unſichtbaren, zwiſchen Suͤhnen und Dank. Neue Suͤhnen wurden dargebracht, neue Dankgebete ſtiegen mit dem Rauche des Opfers zum Himmel empor: das wahre Opfer wurde nie vollzogen. Der

65

Menſch fühlte ſich immer wieder getrennt von Gott: das Gefuͤhl des Zornes Gottes verdunkelte das Be⸗ wußtſein der Liebe, und die Selbſtſucht der Natur fand in den Erweiſungen der goͤttlichen Liebe nur Veranlaſſungen groͤßerer Selbſtſucht, alſo Urſache groͤßerer Getrenntheit. Keine jener Religionen konnte das Raͤthſel der Menſchenbruſt loͤſen: der Streit zwiſchen dem unbeugſamen Sittengeſetze, welches vollkommene Heiligkeit fordert, und dem wirklichen Thun und Leben, welches dem Gewiſſen Unvollkom— menheit und Abfall zeigt, blieb ungeſchlichtet, unver— ſoͤhnet. Wohl ſtieg, vom Geiſte Gottes geleitet, der Denker in ſeine Bruſt, und erkannte das Raͤthſel, aber ohne es loͤſen, den Streit, aber ohne ihn zu ſuͤhnen. Der Menſchheit fehlte die Einſicht, weil ſie der Kraft ermangelte. Der Fromme und Gottes— fuͤrchtige lebte in Glauben auf Hoffnung. Er that und ehrte die aͤußeren Werke der Religion ſeines Volkes, als Theil ſeiner buͤrgerlichen Pflichten und Ehren, und zugleich als Sinnbild von etwas, deſſen Wirklichkeit und Weſenhaftigkeit ſich eben ſo wenig

ablaͤugnen, als ausſprechen und darſtellen ließ. 5

66

Chriſtus loͤſte dieſen unſeligen Streit durch die freie und liebevolle Hingebung ſeines Willens in den des Vaters: eine That des Lebens und Sterbens, in welcher Chriſtus und die chriſtliche Kirche uͤber den Erdkreis mit ihm, die Selbſtentaͤußerung der Gottheit erkennt, und welche die Wiſſenſchaft, oder die bewußte Vernunft, als ewige That Gottes fordert. Durch dieſe gottmenſchliche That der ewigen Liebe empfingen diejenigen Menſchen, welche daran glaub: ten, den neuen Geiſt, eine neue goͤttliche innere Kraft. Das innerliche Bewußtſein der ewigen, erloͤ— ſenden Liebe Gottes (der Glaube) gab die Faͤhigkeit ſich mit Gott vereint zu fuͤhlen, trotz der Suͤnde: denn es gab die Kraft die Suͤnde, als das Boͤſe, Feindliche vom wahren Ich zu trennen, alſo das Leben von aller Sünde Kern, der Selbſtſucht zu be: freien. Freie Hingabe in dankbarer Liebe an Gott und die Bruͤder ward jetzt moͤglich: eine Hingabe um Gottes willen, aus dem Gefuͤhle der Dankbarkeit gegen den, welcher uns zuerſt geliebt hat.

In der Sprache der Ueberlieferung, der Ge— ſchichtlichkeit heißt dieß alſo etwa ſo. Das große

67

Verſoͤhnopfer der Menſchheit ward durch Chriſtus vollbracht, vermittelſt ſeiner perſoͤnlichen Hingabe: das große Dankopfer der Menſchheit ward durch Chriſtus moͤglich, vermittelſt des Geiſtes. Wir ſagen, der Menſchheit, nicht der Voͤlker: denn wie mit dem Gottesbewußtſein die Menſchheit aus dem Einen ins Viele gefallen war, ſo wurde mit der Herſtellung des Be— wußtſeins auch die Herſtellung der Menſchheit moͤglich.

So war alſo, durch die in Chriſti als des ver— koͤrperten ewigen Wortes perſoͤnlicher That erſcheinende goͤttliche That, die eine der zwei Vorbildlichkeiten, das Suͤhnopfer, fuͤr alle Zeit und Ewigkeit erfuͤllt, das Angeſtrebte ein fuͤr allemal vollbracht. Die an— dere Vorbildlichkeit aber hatte begonnen in Erfuͤl— lung zu gehen. Das wahre Dankopfer trat in die Zeit ein, als der Pulsſchlag des goͤttlichen Lebens auf Erden, beſtimmt, nach Chriſti Verheißung, bis zum Ende der Tage fortzudauern, im Gottesdienſt und im ganzen Leben als der wahre, unmittelbare Verkehr des Menſchen mit Gott, gleichſam als die fortdauernde Einleibung der Menſchheit in das Goͤttliche. Die Vor— bildlichkeit ſollte und mußte alſo, hier wie dort aufhoͤren.

68

Wenden wir dieß auf die oben feſtgeſtellten Be: griffe von Prieſterthum und Opfer an: ſo ſcheint zweierlei klar zu ſein, Einmal, daß Prieſterthum und Opfer, in dem Sinne des Judenthums und Heiden thums, gaͤnzlich und fuͤr immer aufgehoͤrt haben, Zeichen des Gottesbewußtſeins der Menſchen zu ſein. Es kann nun keine menſchlichen (alſo vorbildlichen) Vermittler mehr geben zwiſchen Gott und Menſchen; denn der Vermittler, der Hoheprieſter, iſt ſelbſt Gott, keine vermittelnden Werke (Opfer) zwiſchen der inne ren Geſinnung und der inneren Beruhigung, denn das wahre Opfer iſt vollbracht und wird vollbracht. Die Vermittlung des verſoͤhnten Menſchen liegt einzig in ſeinem freien Glauben an die von Chri— ſtus verkuͤndigte Liebe Gottes, an den von ihm ver— heißenen Geiſt und an die vom Geiſte bewirkte Erneuerung des Innern und der Welt. In dieſem Sinne konnte es alſo bei den Voͤlkern, die zu Traͤgern der fortſchreitenden ſittlichen Welt: ordnung (des Reiches Gottes) berufen ſind, keine Prieſter mehr geben. Alles Vorbildliche zuvoͤrderſt muß aufhoͤren, wenn die Wirklichkeit erſcheint. Die

goͤttliche Wirklichkeit, welche ſichtbar perſoͤnlich einge: treten war, hatte die Verſoͤhnung vollzogen: damit war alſo das Suͤhnopfer erledigt. Jede Hingabe um zu ſuͤhnen war hinfort ein Ruͤckſchritt, oder geradezu ein Unglaube, ein Frevel. Allerdings blieb noch das Gefuͤhl der Suͤnde, ja es wurde jetzt erſt recht klar im Bilde der goͤttlichen Vollkommenheit und Kraft, die in Chriſtus erſchienen war. Der Menſch als ſolcher ſollte der Gottheit nahen, alſo mit prieſterlicher Wuͤrde. Dieß konnte er, bei jenem Gefuͤhle der Suͤnde, nur unternehmen, indem er ſich, wie nie vorher, perſoͤnlich verantwortlich fuͤhlte fuͤr all ſein Thun und Denken. Kein anderer Menſch konnte fuͤr ihn die Verantwortlichkeit uͤbernehmen: ja auch kein eigenes aͤußerlich erſcheinendes Thun konnte den Mangel der innern Geſinnung des Glaubens und der Liebe erſetzen, welche allein mit Gott vereinigt und verbindet. Die ſittliche Verantwortlichkeit kam, als perſoͤnliches Grundgefuͤhl jedes Einzelnen, mit dem Chriſtenthum in die Welt. In ſo fern ſchon war jeder einzelne Menſch ein Prieſter des Aller— hoͤchſten, ihm allein ſittlich verantwortlich: ſein ganzes

20

Leben, in der Anbetung und in der Welt, ein fort: dauerndes Opfer, ein Theil des großen Werkes des Geiſtes der Liebe, durch welchen die Menſchheit her: geſtellt und das Reich des Wahren und Guten ge— bildet und gefoͤrdert wird. Glaube und Sittlichkeit waren nun unzertrennlich, und weſentlich gleichbedeu— tend: die Aeußerlichkeit der Religionen war innerlich geworden, die Geſinnung an die Stelle des aͤußeren Werkes getreten.

Dieß iſt, nach unſerer Auffaſſung, das Prieſter⸗ thum, welches der Apoſtel Petrus der geſammten chriſtlichen Gemeinde, dem glaͤubigen Volke als dem wahren auserwaͤhlten Iſrael beilegt, wenn er ſagt: „Ihr ſeid das auserwaͤhlte Geſchlecht, das koͤnigliche „Prieſterthum, das Volk des Eigenthums, daß ihr „verkuͤndigen ſollt die Tugenden deß, der euch berufen „hat von der Finſterniß zu feinem wunderbaren Licht““ (1. Petr. 2, 9). Und jene fortgeſetzte Hingebung des Selbſt in dankbarer Liebe iſt das Opfer, zu welchem der Apoſtel eben daſelbſt die Gemeinde auf ruft: „So bauet euch nun, als die lebendigen Steine, „zum geiſtlichen Hauſe, zum heiligen Prieſterthum,

21

„zu opfern Gott geiſtliche Opfer, die Gott angenehm „ſind durch Jeſus Chriſtus“ (1. Petr. 2, 6). Dieß endlich iſt der vernuͤnftige Gottesdienſt, zu welchem Paulus die Roͤmer aufruft (12, 1): „So ermahne „ich euch nun durch die Barmherzigkeit Gottes, daß „ihr eure Leiber begebt zum lebendigen, Gott wohl: „gefaͤlligen Opfer, welches ſei euer vernuͤnftiger Got— tesdienft:“ dieß „das Lobopfer,“ welches nach dem Briefe an die Hebraͤer (13, 15) die Chriſten Gott allezeit darbringen ſollen. Jenes allgemeine Leben der Chriſtenheit aber, in Gott und in der Welt, jene Bethaͤtigung des allgemeinen Prieſterthums der Chriſten, jenes Anſtreben der Verwirklichung und Foͤrderung der ſittlichen Weltordnung Gottes iſt das allgemeine Dankopfer (Speisopfer), welches, nach dem Ausdruck des juͤngſten Propheten des alten Bun— des (Mal. 1, 13) einſt von allen Voͤlkern uͤber dem Erdboden dem Herrn dargebracht werden ſoll.

Es iſt klar, daß dieſe große ſittliche Idee zu ihrer vollen, naturgemaͤßen und geſunden Entwicklung ein chriſtliches Volk und einen chriſtlichen Staat fordert, obwohl fie, in ihrem Keime, nur der chriſt⸗

22

lichen Familie bedarf, und unter Neronen erſtarken kann. Die chriſtliche Idee nimmt den ganzen Men— ſchen, das ganze Leben in Anſpruch: aber der ganze Menſch entwickelt ſich nur als Theil einer freien Geſammtheit, das ganze Leben nur im ſtaatlichen Leben. Der Kirche des zweiten und dritten Jahr— hunderts fehlte Volk und Staat: die Verſunkenheit des roͤmiſch-byzantiniſchen Volkes machte das Auffom: men eines wahrhaft chriſtlichen Staates unmoͤglich: die germaniſchen Staͤmme bedurften erſt Jahrhunderte der Durchbildung. Das germaniſche Mittelalter em: pfing ſeine kirchliche Bildung von einer auslaͤndiſchen Prieſterkaſte. Es blieb dem Mittelalter die chriſtliche Grundidee, daß die Rechtsperſon der Kirche eine prieſterliche ſei: aber es kam ihm, nach der Natur— geſchichte aller Religionen, die alte heidniſch-juͤdiſche Vorbildlichkeit ins Chriſtliche hinein, als ſei eine vermittelnde Koͤrperſchaft der nothwendige Traͤger dieſer Prieſterlichkeit. In Folge einer ſolchen Dar— ſtellung des Prieſterthums durch den geiſtlichen Stand, als einen vermittelnden, ging die Gemeinde unter in der Geiſtlichkeitskirche: das chriſtliche Dankopfer der

73

anbetenden Gemeinde ward verwandelt in die Suͤh— nung der Todten und Lebenden, das Meßopfer. Eben ſo hielt die Kirche des Mittelalters ganz richtig feſt, daß das evangeliſche Leben ſich nach evangeliſchen, nicht nach außerchriſtlichen Geſetzen geſtalten und ver— walten muͤſſe. Allein vermoͤge der Verſetzung der Grundidee der Verfaſſung hieß ihm evangeliſch das Kirchliche, kirchlich aber waren ihm nur die Satzun— gen der Geiſtlichkeit. So trat die Kirche des Mit— telalters in einen Gegenſatz mit der Volksthuͤmlichkeit und mit dem Staate, ebenſowohl als mit der freien Wiſſenſchaft des Gedankens und der freien Erfor— ſchung der heiligen Urkunden.

Die Reformation forderte fuͤr das chriſtliche Le— ben das allgemeine Prieſterthum der Gemeinde zuruͤck, fuͤr den chriſtlichen Staat die Selbſtaͤndigkeit des volk— lichſtaatlichen Lebens. Die Geiſtlichkeit wollte weder das Prieſterthum herausgeben, noch die Anmaßung der allgemeinen kirchlichen Oberherrlichkeit aufgeben, und die alten Herrſcherhaͤuſer unterſtuͤtzten ſie bei die— ſer Weigerung und liehen ihr den weltlichen Arm und die Gewalt um ſie geltend zu machen. So

«4

trennte ſich der Weſten in zwei Lager. Auf der einen Seite die Geiſtlichkeitskirche mit ihren byzantinifch: mittelalteriſchen Formen, und mit ihren mittelalter: lichen Satzungen und Philoſophemen uͤber dieſelben, deren Bewußtſein im zweiten Geſchlechte nach der Reformation, ein Kirchenrath zum feſten Bekenntniſſe der neuen Kirche des romaniſchen Weſtens gemacht hatte. Auf der anderen Seite die Gemeindekirche mit dem Stoffe neuen Lebens, der in den germani— ſchen Staͤmmen noch verborgen lag, nachdem dieſe ſich die Bildung und das Bewußtſein der alten Welt angeeignet, und zu den Quellen aller geſchichtlichen Erkenntniß, namentlich auch der Offenbarung, ſich durchgekaͤmpft hatten. Das Chriſtenthum machte das Entſtehen chriſtlicher Staaten uͤberhaupt moͤglich, die Reformation die Verbindung des chriſtlichen Lebens mit allen Zweigen des ſtaatlichen, wiſſenſchaftlichen und geſelligen Lebens. Die Lehre von der Rechtfer— tigung durch den Glauben im Gegenſatze aͤußerer Werke iſt uns die eine Seite des Gedankens, deſſen andere Seite wir anzudeuten unternommen haben, und in den folgenden Erlauterungen. weiter zu ent:

75

wickeln, vor allen aber praktiſch anſchaulich zu ma— chen verſuchen wollen. Die Geſinnung allein ſoll gelten, fo daß die Beſonderheit der That Handwerk, Regierung, Predigen) dagegen ganz verſchwindet. Dieß kann aber nur geſchehen durch Verwirklichung der Idee der perſoͤnlich ſittlichen Verantwortlichkeit, alſo durch Anerkennung voller Gewiſſensfreiheit des Einzelnen.

Die Reformation, ſagen wir, machte die Heraus— ſtellung des allgemeinen Prieſterthums in einem welt— geſchichtlich gebildeten Volke und Staate moͤglich: aber damit nicht wirklich. Die Moͤglichkeit war gegeben durch Annahme der Schrift als oberſter Richt— ſchnur des Glaubens, durch Auſſtellung und offenes Bekenntniß jenes Grundſatzes und durch die unbe— dingte Forderung einerſeits der inneren Geſinnung und der perſoͤnlichen Verantwortlichkeit, andrerſeits der Freiheit des Gewiſſens im Staate. Die volle Verwirklichung erforderte die Durchbildung jener Grundſaͤtze in allen Grundverhaͤltniſſen des Familien— lebens, und des oͤffentlichen Lebens in Staat und Kirche. Der freie evangeliſche Glaube mit andern

76

Worten bedingt die Möglichkeit der geiſtigen Frei— heit; die Verfaſſung, in dem allgemeinſten Sinne des Wortes, bedingt die Verwirklichung und Bethaͤtigung des wahren Prieſterthums in der Gemeinde und die Erhaltung der Gemeinde ſelbſt.

Die kirchliche Verfaſſung ſetzt allerdings den Glauben an die goͤttlichen Thatſachen der Erloͤſung und Stiftung der Kirche voraus. Aber das thut die Lehre auch. Der ewige, unzerſtoͤrbare Grund und Gegenſtand des Glaubens ſind drei goͤttliche Thatſa— chen, die Thatſache der Schöpfung der Welt und des Menſchen als des goͤttlichen Ebenbildes, die That— ſache der Erloͤſung durch Chriſtus als den Gottmen— ſchen, und die Thatfache der Ausgießung des Geiſtes als des Leiters des Bewußtſeins der Gemeinde und als des hoͤchſten Zeugniſſes fuͤr das geſchichtlich Be— zeugte (1. Joh. 5.). Auf dieſen goͤttlich gegebenen thatſaͤchlichen Glaubensgrund ſetzt die Theologie die Lehre, in der Form von Bekenntniß, Artikeln, Syſtem: und das hat ſie nun in der evangeliſchen Kirche dreihundert Jahre gethan: auf geſaͤubertem Grunde, allein uͤbrigens mit derſelben einſeitigen An—

27

ſicht, wie, durch tauſend Jahre vorher, die Geiſtlichkeit der alten Kirche. Naͤmlich mit der Anſicht, daß das Chriſtenthum vor allen andern Lehre ſei, und die Einheit der Lehre (d. h. des theologiſchen Syſtems) alle andere kirchliche Entwicklung bedinge. Die An— ſicht iſt die nothwendige Frucht jeder Geiſtlichkeits— kirche. So glaubte und ſagte man im Lateran: ſo bei der Unterſchrift der Concordienformel: ſo in Dort— recht. In der Wirklichkeit iſt es ganz anders. Alle Abgoͤtterei der alten Welt iſt nicht aus der Lehre hervorgegangen, ſondern aus der Verfaſſung; dieſe aber aus der Verweltlichung des Bewußtſeins und dann aus einer entſprechenden Vermiſchung menſchlicher Selbſtſucht mit dem Ueberlieferten in Gottesdienſt und Gemeindeordnung. Der alte Bund predigt das oberſte Gebot der Liebe, mit denſelben Worten, in welchen Chriſtus ſein neues Gebot ankuͤndigt. Aber durch das Geſetz und die levitiſche Verfaſſung, welche, wie der Apoſtel ſagt, nicht durch Gottes Werk zwi— ſchen die Verheißung und Erfuͤllung geſtellt, alſo im Zorne Gottes gebildet ward, trat das geſetzliche Werk ſo ſehr hervor, daß alle Sittlichkeit zur Geſetzlichkeit

728

wurde. Natuͤrlich fand ſich nun die Geſetzlichkeit, als etwas Aeußerliches, im Widerſtreit mit der freien inneren Geſinnung. Da entſtand der Phariſaͤismus als Syſtem der Werkheiligkeit. Die weſentlichen Gruͤnde, welche die evangeliſche Kirche von der alten Kirche des Oſtens trennen, liegen rein in der gottesdienſtli— chen und kirchlichen Verfaſſung. Ja ſelbſt die wich tigſten, welche uns von der roͤmiſchen Kirche trennen. Dieſe Kirche lehrt die ſittliche Verantwortlichkeit an ſich eben ſo ungefaͤhr wie die evangeliſche: wenn die Voͤlker unter ihr dieſe Verantwortlichkeit nicht ſo allgemein fuͤhlen, wenn der ausſchließliche Werth der Geſinnung uͤber allen Unterſchied des Werkes hinter dem Werthe der Ceremonien zuruͤcktritt, ſo kommt dies von der Verfaſſung, d. h. von dem durch die kirchlichen Satzungen und Werke ausgepraͤgten Leben, und nicht bloß von den gottesdienſtlichen Satzungen. Denn warum anders ſind dieſe nicht laͤngſt ver— aͤndert, als weil die Verfaſſung die Geiſtlichkeit allein als die Kirche ſetzt, d. h. als geſetzgebende Gemeinde, und an ihre Spitze einen unbeſchraͤnkten, alſo untruͤglichen Herrſcher ſtellt? Gewiß war es

79

weltgeſchichtlich richtig, daß durch die Forderung der Geſinnung, durch den Heiſcheſatz des rechtfertigenden Glaubens, der Verſtand einen Hebel gewann zum Um— ſturze dieſer Verfaſſung. Die Rechtfertigungslehre iſt in ihrer Weſentlichkeit (welche verſchiedene Methoden der philoſophiſch-theologiſchen Lehre zulaͤßt alſo for derte) nichts als das Poſtulat der Anerkennung der Wahrheit und Weſenhaftigkeit des Glaubens an die Gottheit Chriſti und an Chriſti Erloͤſungswerk. Eben ſo iſt die Lehre von der ſittlichen Verantwortlichkeit und dem allgemeinen Prieſterthum der Gerechtfertig— ten nichts als das Poſtulat der Verwirklichung des Glaubens an den heiligen Geiſt. Luther wollte nicht weniger Chriſtus, ſondern mehr: die Kirche der Zu— kunft bedarf nicht weniger Geiſt, ſondern mehr. Se: nes erſte Poſtulat macht möglich die volle Verwirkli— chung des Glaubens an den Sohn; denn die Recht— fertigung als Vermittlung des ſich ſuͤndhaft fuͤh— lenden menſchlichen Bewußtſeins mit dem Sittenge— ſetze oder der Gerechtigkeit Gottes iſt die ſittliche Wirklichkeit jenes Glaubens. Dieſes zweite Poſtulat giebt die Moͤglichkeit der vollen Verwirklichung des

80

Glaubens an den Geiſt, denn die Heiligung des Ein— zelnen und der Geſammtheit im Reiche Gottes auf Erden iſt die menſchliche Wirklichkeit dieſes Glaubens, nicht allein pſychologiſch perſoͤnlich, ſondern auch kirch— lich und ſtaatlich weltgeſchichtlich. Alles dieß iſt aber nicht moͤglich ohne Chriſtus, den Rechtfertigenden: der Geiſt verdraͤngt nicht den Sohn, ſondern verklaͤrt ihn, wie dieſer den Vater. Doch dies kann hier nur angedeutet werden zur Abweiſung des heuchleriſchen ja gotteslaͤſterlichen Mißbrauches, welcher mit dem Worte Geiſt getrieben wird, und zur Abwehrung des Mißverſtaͤndniſſes, als ſolle die Rechtfertigungslehre irgendwie in den Hintergrund geſtellt werden. Ver— faſſung und Lehre, in dieſem Sinn, ſtehen ſich alſo nicht feindlich gegenuͤber, noch als das Bedingte und das Bedingende. Die Verfaſſung iſt die Verwirklichung jenes Glaubens als Lebens, wie die Lehre es iſt als eines Gegenſtandes des vernuͤnftigen Nachdenkens. In ſo fern iſt die Verfaſſung das nothwendige Ge— gengewicht der Lehre. Die Lehre bedingt nicht die Verfaſſung, ſondern es ſtehen beide in Wechſelwir— kung in der Kirche. Ja die Lehre wird praktiſch

verftanden nach der Verfaſſung, unendlich mehr als die Verfaſſung nach der Lehre. Gottesdienſtliche, im— mer wiederkehrende, alle Mitglieder beruͤhrende For: men, Sitten und Thaten und die verfaſſungsmaͤßige Wirkſamkeit in Regierung und Verwaltung haben nachweislich die wichtigſten Lehren umgebildet. Der Geiſt ſtrebt naturgemaͤß dahin, Einheit in Sitten und Satzungen zu bringen und ſucht und findet die Formel derſelben, indem er jene Sitten und Satzun— gen als Thatſachen annimmt und zwar als göttlich gegebene, als goͤttliche Thatſachen. Die roͤmiſche Kirche lehrt die Verehrung und Anbetung des Einen Got— tes: daß dieſe praktiſch durch die Verehrung der Hei— ligen verdunkelt wird, iſt urſpruͤnglich Folge der got— tesdienſtlichen Formen und die Lehre iſt nur die Apo— logie derſelben, ein Verſuch, das was man thut, einiger: maßen mit jener Grundlehre in Einklang zu bringen. Die vollſtaͤndige Lehre vom Meßopfer iſt uns ge— ſchichtlich nur das letzte Glied einer tauſendjaͤhrigen Entwicklung, welche mit dem verfaſſungsmaͤßigen Setzen der Geiſtlichen als der Kirche, und des Abend—

mahls ohne Communion des Volkes als des Opfers 6

82

der Gemeinde begann. Daß Theologen die Sache umgekehrt angeſehen, iſt ganz natuͤrlich, aber nichts deſto weniger ein verderblicherer Irrthum, als manche Lehren, welche Theologen verketzert und verurtheilt haben. Das vorbildliche Prieſterthum, welchem das Chriſtenthum ein Ende machen ſollte, ſchlich ſich in die kirchliche Welt wieder ein durch das natuͤrliche Hei— denthum im Gottesdienſte, und durch das geſetzliche Judenthum in der Verfaſſung. Die Lehre ward verſetzt und verderbt durch That und Leben, nicht umgekehrt.

Die Idee der Reformatoren war aber nichts deſtoweniger die Verwirklichung, nicht bloß die Mög: lichmachung des innerlichen chriſtlichen Lebens, wel— ches ſie durch ihr Bekenntniß und ihre Heiſcheſaͤtze moͤglich gemacht hatten, und durch ihre hiſtoriſch— philoſophiſchen Entwicklungen und Lehrgebäude zu erklären ſuchten. Hieruͤber waren die beiden großen Reformatoren einig. Aber der romaniſche Refor— mator verſuchte dieſe Verwirklichung dadurch zu be— gruͤnden, daß er eine freie Stadt, deren Buͤrger alle Glieder der Kirche des Evangeliums waͤren, als Muſter des chriſtlichen Staates aufſtellte. Er gab

s3

dadurch feiner Kirche einen entſchiedenen Vorzug für Jahrhunderte: einen politiſchen Sinn fuͤr freie Ver— faſſungsform: aber er griff zugleich der Geſchichte vor, hinderte die freie Entwicklung der weltgeſchicht— lichen, neuen Verfaſſung der Kirche durch die Ber ſchraͤnktheit der damals allein moͤglichen, unvollkom— menen Form, und gab dieſer Form eine uͤbermaͤßige Bedeutung, gerade weil ſie mit der erſten Begruͤn— dung des gereinigten Glaubens ſich feſtgeſetzt hatte.

Der germaniſche Reformator wies alle Anmu: thungen zur Aufftellung einer neuen Kirchenverfaſſung ab, und uͤberließ ſo dieſe aͤußerlich dem Eigennutze und der Raubſucht der Fuͤrſten, der Selbſtſucht des Adels und der Rohheit und Huͤlfloſigkeit der Ge— meinden. Denn ſolche Fuͤrſten, ſolchen Adel und ſolche Gemeinden hatte das Mittelalter erzogen und uͤberliefert, und insbeſondere das ruchloſeſte und gott— vergeſſenſte aller Jahrhunderte in ſtaatlichen und kirch— lichen Dingen, das funfzehnte. Aber wir glauben doch, daß von den beiden der germaniſche Reformator den hoͤhern Genius in ſich trug. Er ſah die Un’

moͤglichkeit ein, die Frucht des beginnenden neuen 6*

81

Lebens in die Schale der untergehenden Vergangen— heit zu legen: und er glaubte an die Bildungsfaͤhig⸗ keit der Menſchheit, und die goͤttliche Kraft der Geſinnung und des allgemeinen Gewiſſens zu ſehr, um ſich vor Kaͤmpfen zu fuͤrchten, deren Ausgang ihm im Glauben nicht zweifelhaft ſein konnte.

Wir halten dafuͤr, daß die Geſchichte der Welt dieſen Glauben beſtaͤtigt habe.

Die Bedingung einer freien kirchlichen Ver— faſſung iſt volles Recht der freien Geſinnung: alſo Gewiſſensfreiheit: alſo buͤrgerliche Freiheit. Dieß iſt eben ſo gewiß, als daß dieſe buͤrgerliche Freiheit nicht geſichert iſt, und nicht wohlthaͤtig wirken kann, ohne daß das freie Volk ein lebendig chriſtliches ſei. Ohne innerliche Religion kann buͤrgerliche Freiheit nur zer— ſtoͤren: fie mag den Grund ſaͤubern zum Bau der Zukunft, aber ſie vermag nicht wieder aufzubauen, nicht zu begluͤcken. Statt als Segen in der Ge— ſchichte dazuſtehen, greift ſie in die Weltgeſchichte nur zerſtoͤrend ein.

Die Freiheit ſtrebten alle Voͤlker an, ſeit der Reformation: die evangeliſchen als Schutz der Glau—

85

bensfreiheit, die unter der roͤmiſchen Kirche gebliebe— nen als Schutz gegen den doppelten Deſpotismus des abſolut romaniſchen Staates.

Beide Beſtrebungen haben ſich oft bekaͤmpft und gehindert, und verſtehen ſich bis auf den heutigen Tag noch ſehr unvollkommen: aber ſie haben ſich im Ganzen doch gefoͤrdert und gegenſeitig bedingt. N

So ſind drei Jahrhunderte vergangen. Gewiſ— ſensfreiheit iſt errungen, buͤrgerliche Freiheit geſichert.

Die romaniſchen Voͤlker wollen nicht mehr Frei— heit ohne Religion, die germaniſchen nicht mehr Re— ligion ohne Freiheit. Die Wiſſenſchaft iſt unter den herrſchenden Voͤlkern in ihre Rechte eingeſetzt, gut— willig oder als unvermeidliche Folge der bürgerlichen Freiheit. Gewiſſensfreiheit iſt ein Poſtulat der Freiheit geworden, ſelbſt wo noch wenig perſoͤnliche ſittliche Verantwortlichkeit lebt: das eigene Urtheil in religioͤſen Dingen (d. h. die Anwendung von Ber: nunft und Gewiſſen) wird von den einen als Recht erkannt, von den andern als eine Pflicht, geuͤbt von vielen, gefordert von allen.

x _

Das harmonische Spiel der Kräfte zwiſchen Himmel und Erde, zwiſchen Jenſeits und Dieſſeits, zwiſchen Unſichtbarem und Sichtbarem, iſt wieder eroͤffnet: die Scheidewand iſt niedergeriſſen zwiſchen Weltlichem und Geiſtlichem.

Damit iſt die Welt in einen jener großen kritiſchen Momente eingetreten, wo die Voͤlker entweder ſich zu neuer Lebenskraft entfalten oder untergehen. Wir glauben das erſte. Jetzt oder nie iſt die Zeit, daß die Regierungen und Voͤlker ſich aufklaͤren uͤber das Chriſtenthum, uͤber die Bedeutung der Kirche und ihrer Verfaſſung.

Jede Verſtaͤndigung daruͤber ſetzt einestheils die. allgemeinen Grundſaͤtze aller kirchlichen Verfaſſung voraus: andrerſeits eine zugegebene Baſis der Lehre. Unſere Verſtaͤndigung nun richtet ſich an das deutſche Volk: unſer Grund und Boden iſt das Evangelium. Wir faſſen dieſes Evangelium auf im Weſentlichen mit der proteſtantiſchen und reformirten Kirche, wie ſie durch die Gemeinſamkeit des Gottesdienſtes und der Anbetung als Eine ſich darſtellt: alſo mit der evangeliſchen Landeskirche Preußens. Wir behaupten

82

nun, daß namentlich fuͤr dieſe Kirche der weltge— ſchichtliche Zeitpunkt gekommen iſt, welchen das Chri— ſtenthum im allgemeinen, die Reformation insbeſon— dere moͤglich gemacht: die Darſtellung einer freien, nationalen, durch und durch volksthuͤmlichen Gemeinde, welche ſich als Theil der allgemeinen Kirche Chriſti erkennt, darſtellt, fortpflanzt, erhalt und regiert.

Aus dem bisher angedeuteten Ideenkreiſe iſt das Bekenntniß des Schreibens hervorgegangen: aus demſelben Ideengange fließt die Ausfuͤhrung dieſer Schrift.

Wir werden alſo zuerſt zu beweiſen ſuchen, daß die von der Reformation aufgeſtellten zwei Heiſche— ſaͤtze oder Poſtulate, das vom allgemeinen Prieſter— thum, und das von der Trennung der geiſtlichen und weltlichen Regierung, wirklich den Grund aller Her— ſtellung einer freien Kirchenverfaſſung enthalten, daß nach ihnen jede ſolche Verfaſſung geprüft werden, daß jede wahre, ſich als Foͤrderung und Entwicklung derſel— ben in der Weltgeſchichte darſtellen muß. (Abſchnitt II.)

Dann werden wir zweitens beweiſen, daß alle bisherigen Verfaſſungen evangeliſcher Kirchen fuͤr

88

die Zukunft unhaltbar find, als entweder auf Reſte der aufgegebenen byzantiniſch-mittelalterlichen Geiſt— lichkeitsverfaſſung gebaut, oder auf reine Verneinung des Epiſkopats der Geiſtlichkeitskirche. Jene Reſte ſind nur durch die bisherige negative Stellung des Gegenſatzes erhalten, dieſe Verneinungen nur durch die Fortdauer der Einſeitigkeit, welche ſie hervorge— rufen. Die Kirche der Zukunft verwirft den Epiſko— palismus der Geiſtlichkeitskirche: damit hat aber auch der bloß negative Gegenſatz der alten Kirche ſeine Endſchaft erreicht. (Abſchnitt III. VI.)

Nachdem wir nun ſo die allgemeine Idee der Verfaſſung der Zukunft in ihrem Gegenſatze zu der Geiſtlichkeitskirche entwickelt, werden wir drittens die Elemente der Herſtellung einer ſolchen Kirche in Deutſchland, in der Gegenwart und Wirklichkeit auf— ſuchen, und nach jener Idee würdigen. (Abſchn. V. VI.)

So vorbereitet und ausgeruͤſtet werden wir endlich die Idee der Kirche der Zukunft auf Preußen anwenden, und dabei alle Fragen, ſowohl der inneren Verfaſſung als des Verhaͤltniſſes zu Volk, Wiſſenſchaft und Staat ins Auge faſſen. (Abſchn. VII. XI.)

S

Die ſo dargeſtellte Verfaſſung iſt die des Be— kenntniſſes: wir glauben, im Weſentlichen die der Zukunft. Ihre Stellung im gegenwaͤrtigen Augen— blicke bildet den Schluß unſerer Betrachtung. (Ab—⸗ ſchnitt VII.)

II.

Die beiden Forderungen der Reformation und | ihre evangeliſchen Gegenſätze.

Die erſte weſentliche Grundlage des ganzen Bekenntniſſes, ſowohl fuͤr die Beurtheilung der jetzt beſtehenden Verfaſſungen der Kirche (im engeren Sinne) als für die Natur der Verfaſſung der zukuͤnf— tigen Kirche, iſt das allgemeine Prieſterthum der Chriſten. Und hieruͤber moͤchte ich, nach dem eben im Allgemeinen Geſagten, mich gern in naͤhere Eroͤrterungen einlaſſen in beſonderer Beziehung auf die evangeliſche Gemeindeordnung, weil es mir immer geſchienen hat, daß unſere Kirchenrechtslehrer und kirchlichen Politiker jene Idee auf dieſem Gebiete

90

eben fo wenig vollftändig ausgebeutet und erfchöpft haben, als die Theologen und Liturgiker auf der an: dern Seite der Darſtellung der Kirche im liturgiſchen Gebiete. Denn es moͤchte doch vielleicht hier die tiefſte Beruͤhrung der Metaphyſik und Ethik liegen, und die ſpeculative Begruͤndung der Lehre von der Heiligung, auf welcher am Ende ſowohl Ver— faſſung als Liturgie ruhen. Allein jener Grund— ſatz vom allgemeinen Prieſterthum, iſt namentlich in Beziehung auf die Verfaſſung ſo allgemein in allen evangeliſchen Kirchen angenommen, und die Lehre von demſelben, im Gegenſatze prieſterlicher Anmaßungen, iſt bei uns insbeſondere ſo rein bewahrt, und ſo ſtark ins chriſtliche Leben eingedrungen, daß wir uns nicht erlauben duͤrfen, fuͤr den Zweck der folgenden Erlaͤu— terungen, naͤmlich die Verſtaͤndigung uͤber das Prak— tiſche, in ſolchen Tiefen, hier einzugehen. Es genuͤgt ausdruͤcklich hier zweierlei auszuſprechen, welches wir ſchon in der Einleitung angedeutet. Einmal, daß unſer ganzes Verfaſſungsgebaͤude theologiſch und ſpe— culativ auf der vollen Anerkennung jenes Grundſatzes ruht. Zweitens, daß wir hier und weiterhin fuͤr den

91

theologiſch-ſpeculativen Schulausdruck den ſittlichen Exponenten als auf dem Verfaſſungsgebiete gleichbe— deutend ſetzen. Das allgemeine Prieſterthum der Glaͤubigen iſt uns die allgemeine ſittliche Verant— wortlichkeit des Individuums gegen Gott. Wir wollen damit keineswegs ſagen, daß der alte Ausdruck nicht ſeine guten Rechte auf dem Gebiete der Dog— matik und der metaphyſiſchen Ethik habe. Allein im Gebiete der Verfaſſung drückt die andere Bezeich— nung unſern Begriff genuͤgend aus. Dabei iſt dieſe allgemein verſtaͤndlich und keines Myſtizismus ver— daͤchtig. Endlich kann es nicht zu ſtark bei jeder Gelegenheit betont werden, daß die evangeliſche Kirche, Religioſitaͤt und Sittlichkeit, alſo auch religioͤſes und ſittliches Bewußtſein, als im tiefſten Grunde verei— nigt, und als unzertrennlich betrachtet, alſo den ſitt— lichen Exponenten, jedes objectiven Ausdrucks uͤber das Verhaͤltniß des Menſchen zu Gott aufzuweiſen ſchuldig iſt.

Dieſem allgemeinen Prieſterthum nun ſtellt ſich gegenuͤber, und ſcheinbar entgegen, die evangeliſche Lehre vom goͤttlichen Rechte des Amtes an der

9

Gemeinde, und dieſes Recht wird im Schreiben eben— falls ſehr ſtark betont. Nach jener Lehre kann das Amt ſogar ein Recht vor allem Rechte des chriſtlichen Volkes zu haben ſcheinen. Chriſtus ſtiftete es noch vor der Ausgießung des Geiſtes, und gab ihm mit großer Verheißung die Schluͤſſel des Himmelreichs, die Macht zu binden und zu loͤſen. Die chriſtliche Gemeinde entſteht erſt durch dieſes Amt und hoͤrt mit ihm auf. Bei naͤherer Betrachtung ergiebt ſich leicht, daß Prieſterthum nnd Amt in einem gegenſeitigen Verhaͤltniſſe ſtehen, und ſich auf einander beziehen, wie die beiden Theile eines Gegenſatzes. Das Amt iſt geſtiftet, damit es im goͤttlichen Auftrage verkuͤn— digen ſolle, was da Heil bringt und frei und ſelig macht und was Unheil bringt und in Unfreiheit und Unſeligkeit gefangen hält: und zwar fo, daß dieſes Heil und dieſe Seligkeit, und ihr Gegentheil nicht ein voruͤbergehendes, irdiſches ſei, ſondern auch ein ewiges. Nur wer dieſe Botſchaft des Heiles annimmt, der kann jenes Prieſterthum uͤben, der hat in ſeinem Gewiſſen, durch das goͤttliche Wort der Schrift und des Amtes die Kraft, das Heil zu erkennen, die

Selbſtſucht zu bekaͤmpfen, und alle Dinge dieſer Welt nach dem Bewußtſein in der ſittlichen Verant— wortlichkeit zu behandeln. Dieß Amt ſoll nicht auf hoͤren bis zum Ende der Dinge, ſo wenig als die Kirche, d. h. es ſoll zu jeder Zeit, ſo lange die ge— genwaͤrtige Weltordnung auf Erden beſteht, nie an dem Glauben fehlen, welcher die Botſchaft des Heiles verkuͤndigt, ſo wenig als an dem Glauben, welcher ſie annimmt.

So ſtellt ſich der erſte unſerer Gegenſaͤtze auf dem ſittlichen Gebiete, und dem Gebiete der Ver— faſſung dar. Jeder in der Wiſſenſchaft des Ge— dankens, wie Kant ſie begruͤndet, durch die Nach— weiſung der Antinomien im tranſcendentalen Denken nicht ganz unerfahrene weiß nun im Allgemeinen zuvoͤrderſt, wie alle wahre Erkenntniß dadurch be— dingt iſt, daß ſolche Gegenſaͤtze, oder Antinomien vollſtaͤndig anerkannt werden, als in der Natur des Denkens und im Geſetze der Verwirklichung der Idee begruͤndet. Nicht minder iſt aber das an— dere, von der deutſchen Wiſſenſchaft entdeckte Geſetz des Geiſtes zu beachten, wonach alle ſolche Gegenſaͤtze

94

2.

aus einer Idee fließen, welche die hoͤhere Einheit der in ihnen geſpaltenen Wahrheit enthaͤlt. Durch die Anerkennung dieſer Idee verlieren die Gegenſaͤtze des Verſtandes ihr Unbedingtes, und erhalten, vermittelſt der gegenſeitigen Bedingtheit, erſt ihr rechtes Ver— ſtaͤndniß und ihre volle Wahrheit.

Die hoͤhere Einheit fuͤr jene beiden Glieder des erſten Gegenſatzes iſt nun die ſittliche Weltordnung, oder in theologiſcher Sprache, das Reich Gottes, in welchem und durch welches die Menſchheit fortſchrei— tet. Die Naturkraft ſoll in dieſer Weltordnung immer mehr durch den Geiſt bewaͤltigt, und das Boͤſe dienſtbar gemacht werden fuͤr die Entwicklung des Guten. Die göttlich gegebenen Rechtsperſonen in jenem Reiche ſind die einzelnen Glaͤubigen, aber die Entwicklung der einzelnen Seele und die Foͤr— derung des goͤttlichen Reiches als eines Ganzen ſind nur verſchiedene Ausdruͤcke deſſelben Gedankens. Was die einzelne Seele ſelig macht, foͤrdert das Ganze, und dieſes Ganzen Foͤrderung iſt die Bedingung der vollen Entwicklung der Menſchenſeele. Das Amt des Wortes iſt alſo nothwendig aber nicht für ſich als

95

Selbſtzweck, ſondern als Mittel, obwohl als göttliches und allein vernunftgemaͤßes. Dies Amt bedingt das Daſein der Gemeinde, und dieſes Daſein bedingt die Entwicklung des Reiches Gottes. Alſo laͤßt ſich keine Darſtellung des allgemeinen Prieſterthums denken, außer dem Amte: denn ſonſt waͤre das Prieſterthum außer der Gemeinde, welche erſt durch das Amt ent— ſteht. Aehnlich verhaͤlt es ſich im Gebiete des Staa— tes, hinſichtlich des Gegenſatzes von Volk nnd Ne gierung. Von dem einen Begriffe ausgehend gelangt der Jakobinismus nie zur Regierung: von dem andern, der Abſolutismus nie zur Freiheit, und der Halleria nismus, vor lauter Privatrechten, nicht einmal zum Staate. Doch wir bleiben auf unſerm kirchlichen Gebiete. Die volle Geltendmachung des Rechtes und der Pflicht des allgemeinen Prieſterthums der Chri— ſten in der Gemeinde, d. h. im Reiche Gottes, beeintraͤchtigt nuch dem Obigen, fo wenig die Würde des geiſtlichen Amtes, auf dem Gebiete der Ver— faſſung, als auf dem liturgiſchen Gebiete die Wuͤrde der Sakramente. Vielmehr liegt fuͤr Amt und Sa— krament der Schluͤſſel zum Verſtaͤndniſſe der Lehre

26

und ihrer weltgeſchichtlichen Entwicklung, in der vollen Anerkennnug jener Wahrheit. Der Chriſt opfert, nicht der Geiſtliche: d. h. jeder in die Ge— meinſchaft der Glaͤubigen aufgenommene Menſch tritt vor Gott und ſtellt ſich Gott dar, im Gebete wie im Leben, mit dem Bewußtſein ſeiner ſittlichen Ver— antwortlichkeit. Das Opfer, d. h. jede im Glauben vollzogene That, iſt ein innerliches Werk, nicht ein aͤußerliches. Der Chriſt und die ganze glaͤubig ge— wordene Menſchheit giebt in freiem Gefuͤhle ihrer dankbaren Liebe, ſich ſelbſt, ihren ſelbſtiſchen Willen, ihr außergoͤttliches Naturleben auf. Dieſes ihr Glau— benswerk iſt das einzige, bis zur Ruͤckkehr des Herrn fortdauernde gottgefaͤllige Werk, wie im Gottesdienſte ſo im Leben. Die evangeliſche Lehre iſt hieruͤber nicht mißverſtaͤndlich: es iſt nur gut, daß man ſie jetzt nach dem philoſophiſchen Bewußtſein der Zeit ausſpreche. Zwiſchen dieſem chriſtlichen Prieſterthum nnd dem Vater iſt kein menſchlicher Vermittler denk— bar, ſondern nur das Menſch gewordene ewige Wort, der Gottmenſch: alſo Gott der Sohn. Alles levitiſche Prieſterthum iſt, wie wir in der Einleitung bereits

9

angedeutet, nur Vorbild und Vorſchatten, und zwar in doppelter Weiſe. Jenes einmal, geſchichtlich und perſoͤnlich vollzogene, freie Opfer Chriſti hat fein Vor: bild im Priſterthum und Opfer des alten Bundes. Gleichmaͤßig iſt das Prieſterthum der Geiſtlichkeits— kirche und ihr Meßopfer uns der Schatten der andern Haͤlfte der goͤttlichen Thaͤtigkeit im Menſchen, des freien Dankopfers des geiſtlichen (nicht des perſoͤnli— chen) Leibes Chriſti, d. h. der Koͤrperſchaft der glaͤu— bigen Menſchheit, der Gemeinde. Jenes durch Chri— ſtus bedingte Opfer iſt, eben ſowohl als jenes, Chriſti That im Geiſte, alſo goͤttliche Wirklichkeit, und und wie vor jenem, ſo muß vor dieſem, als vor goͤttlicher Wirklichkeit aller Schatten weichen: und das der Schrift nach, noch auf dieſer Erde. Dieß iſt die Grundlage der poſitiven, anti- roͤmiſchen Litur— gik, und die Ausfuͤhrung dieſes Punktes behalten wir einem andern Werke vor. Was uns hier aber beſchaͤftigt, iſt die rechtliche Betrachtung des Prieſter— thums des neuen Bundes. Auch hier muß, unſerer Ueberzeugung nach, Vorbild dem Weſen, Schatten der Wirklichkeit weichen, ſo wie das durch die Re—

«

98

formation geſprochene Wort angenommen iſt. Alles was zwitterhaft ſich ſtellen will zwiſchen Geiſtlichkeits⸗ kirche und Gemeindekirche iſt unhaltbar und geraͤth zwiſchen die Speichen der Weltgeſchichte.

Mit dieſer Verſtaͤndigung uͤber den Sinn des erſten Gegenſatzes, von allgemeinem Prieſterthum und Amt haben wir uns auch den Weg gebahnt zum Verſtaͤndniſſe des zweiten unſerer Gegenſaͤtze: Ka— tholizitaͤt und Nationalitaͤt, oder geiſtliches und welt— liches Regiment, Kirche und Staat. Die Kirche iſt als geiſtige Perſon das durch Chriſtus erloͤſte menfch: liche Geſchlecht: als Anſtalt das goͤttliche Mittel zur Herſtellung der zerſprengten und getheilten Menſchheit. Und zwar iſt ſie das vom Anfang an. Sie war es eben ſowohl damals, wo ſie ſich noch im Kreiſe glaͤu— biger Familien bewegte, als nachdem ſie, dreihundert Jahre ſpaͤter, vom Weltreiche der Roͤmer in das Staatsleben aufgenonmmen wurde. Das Wort des Heiles iſt an alle Menſchen ergangen, und durch daſſelbe iſt ein goͤttliches Reich der Wahrheit und Liebe gegruͤndet, in welchem alle Menſchen Bruͤder ſind, weil Eines Vaters Kinder und zu Einem Heile

99

Berufene. Wie jene Familien und Gemeinden all maͤhlig durch die Kirche des allgemeinen Lebens der Menſchheit theilhaftig wurden; ſo iſt es allmaͤhlig der Staat geworden: unter Conſtantin, unter Carl dem Großen, und durch die Reformation. Nur durch die Aufnahme der Kirche in ſich, wird ein Volk Theil der goͤttlich befreiten Menſchheit, und der Staat wirklich die hoͤchſte ſichtbare Darſtellung der Sittlichkeit. Hegels Definition des Staates als hoͤchſte Darſtellung der Sittlichkeit, iſt erſtlich nur vom chriſtlichen Staate wahr, und zweitens im hoͤchſten Sinne, ſelbſt in dieſem chriſtlichen Staate nur ſo weit die kirchliche Sphaͤre in ihm wirkſam iſt. Denn in dem chriſtlichen Staate, als weltlichem Regimente, herrſcht das Recht und die That, alſo die Aeußerlich— keit des Sittlichen vor: nur in der Kirche oͤffnet ſich das innerliche, freie, eigentliche Leben der Sittlichkeit. In ihr gilt die Geſinnung allein, nicht das Werk: und zwar ſowohl im unmittelbaren Verkehre des Chriſten mit Gott, als im mittelbaren, durch die Welt (Menſchen und Dinge) vermittelten. In jener Stellung zur

Menſchheit, welche aͤlter iſt, als das ſtaatliche Daſein 7 *

100

(da das Ganze früher als das Getrennte fein muß) und welche, nach der chriſtlichen Lehre, die Staaten ſcheint uͤberleben zu ſollen, liegt auch die Begruͤndung der Allgemeinheit der Kirche. Das bedeutet aber das Wort katholiſch und Katholizitaͤt. So wird katholiſch, d. h. allgemein, im alten Glaubens: bekenntniſſe gebraucht. In dieſem Sinne allein habe ich auch beide Woͤrter, nach ſehr allgemeiner, engli— ſcher Sitte im Briefe immer angewandt. Keine Kirche kann eine wahre ſein, ohne ſich als Theil dieſer allgemeinen Kirche zu denken. Alſo auch, um: ſerm Gegenſatze nach, keine, welche ſich ſelbſt als die allgemeine Kirche ſetzt. Denn jener Wahrheit ſteht gegenuͤber die andere, daß, vermoͤge goͤttlicher Ord— nung, die Menſchheit geſchieden iſt nach Zungen und Voͤlkern, und daß die hoͤchſte Darſtellung des ſittlichen Lebens der Menſchheit im Staate verwirklicht wird. Solche Nationalitäten und ſolche Staaten alſo find chriſtliche, welche ſich anerkennen als goͤttlich berufene Glieder an dem Leibe (der Koͤrperſchaft) der erlöften Menſchheit: als Glieder an der Kette der weltge— ſchichtlichen Entwicklung. Die Voͤlker ſind die Ein—

101

heiten, und gleichſam hoͤheren Perſoͤnlichkeiten der Weltgeſchichte. Aber kein Volk iſt die Menſchheit, und keines kann ſich dafuͤr halten, ſo fern es ein chriſtliches iſt. Die Staaten ſind die Formen und Anſtalten, in welchen das allgemeine Gewiſſen der Menſchheit ſich ſelbſtſtaͤndig verwirklicht: aber kein Staat iſt ein chriſtlicher, welcher glaubt, dieſes Ge— wiſſen gemacht zu haben, oder machen zu koͤnnen oder zu duͤrfen. Das Gefuͤhl dieſer Wahrheit in den edlen germaniſchen Voͤlkern bildete den tiefſten Grund der geiſtigen Macht der Prieſter, Biſchoͤfe und Paͤpſte des Mittelalters. Aber als ein rein und bewußt chriſtlicher Staat kann nur derjenige gelten, welcher das Chriſtenthum nicht allein als eine goͤttlich gegebene Thatſache anerkennt, ſondern auch das freie Gewiſſen der in ihm enthaltenen Gemeinden, als den hoͤchſten irdiſchen Ausleger dieſer Thatſachen. Beide Saͤtze zuſammen ſind maßgebend fuͤr die gerechte Wuͤrdigung der mittelalterlichen und neuen Formen der Verfaſſung der Kirche und ihres Verhaltniſſes zum Staate. Nach dem Obigen kann uns unmoͤg— lich diejenige Kirchengemeinſchaft als der vollſtaͤndige

102

Ausdruck der Idee der Kirche gelten, welche die Volksthuͤmlichkeit, ſtatt ſie zu einer Darſtellung der Menſchheit zu verklaͤren, entweder unterdruͤckt, wie der Papismus, oder ganz uͤberſieht, wie der Inde— pendentismus. Noch kann uns derjenige Staat ein freier, wuͤrdiger heißen, welcher die Oberherrlichkeit eines andern Gewiſſens anerkennt, oder gar als Be— dingung ſeiner Theilhaftigkeit am Reiche Gottes anſieht. Jene Kirchengemeinſchaft iſt offenbar noch befangen in dem Gegenſatze von Natur und Geiſt, Volk und Menſchheit, welchen zu uͤberwinden ſie ge— ſtiftet iſt. Dieſer Staat aber muß uns als in der Unmuͤndigkeit gehalten erſcheinen, welche eben durch den Staat aufhoͤren ſoll. Denn unmuͤndig iſt alles nicht unbedingt ſittlich verantwortliche, Einzelner wie Geſammtheit. Die ſittliche Verantwortlichkeit des Volkes iſt im Staate, d. h. in dem freien Gewiſſen ſeiner Gemeinde oder Gemeinden: nicht außer ihm. Das Gewiſſen kann und ſoll ſich durch Freunde und Feinde aufklaͤren: aber es kann durch ihr Anſehn nicht erſetzt werden. Alle Kirchen ſollen Zeugen ſein der Wahrheit: aber kein Zeugniß hat einen Werth

103

vor Gott und in der Geſchichte, welches nicht das Zeugniß eines freien, ſittlich verantwortlichen Weſens iſt. Die Kirche verhaͤlt ſich alſo auf dem aͤußern Gebiete zum Staate, wie im innern Gebiete das Prieſterthum ſich zum Amte verhaͤlt. Das Prieſter— thum iſt nur in der Gemeinde, und die Gemeinde entſteht erſt durch das Amt: das Amt iſt aber kein Selbſtzweck, ſondern nur Mittel zur gottgefaͤlligen, geordneten Uebung jenes Prieſterthums, d. h. der gemeinſamen, ſittlichen Thaͤtigkeit der Menſchen in Beziehung auf Gott. Eben ſo iſt die Kirche nur in Voͤlkern oder Gemeinden und Familien, und dieſe entſtehen erſt durch den Staat, und deſſen Vorbild, die Ehe: der Staat aber iſt nicht Selbſtzweck, ſo wenig als eine volksmaͤßige Eigenthuͤmlichkeit. Dieſe Eigenthuͤmlichkeit iſt die natuͤrliche Grundlage fuͤr die Menſchheit, fuͤr das Reich Gottes, und die buͤrger— liche Geſellſchaft iſt das Mittel, dieſe Natur zu ver— klaͤren in Geiſt, und aus dem ſtarren Leben der Selbſtſucht und Abgeſchloſſenheit zu erheben in das freie Leben der Liebe: oder mit andern Worten, ſie der goͤttlichen Erloͤſung theilhaftig zu machen. Wie

ZUR

dort die höhere Einheit von Prieſterthum und Amt, das Reich Gottes, fo iſt die höhere Einheit von geift: licher und weltlicher Obrigkeit, oder von Kirche und Staat, der chriſtliche Staat, oder beſſer, das chriſt— liche Reich.

Dieſe beiden Gegenſaͤtze: Prieſterthum und Amt, Kirche und Volksthuͤmlichkeit oder Staat, beherrſchen in ihrer allgemeinſten Geltung, die ganze Weltgeſchichte, in ihrer Fuͤlle die Geſchichte der chriſtlichen Voͤlker. Ihre gegenſeitige Bedingtheit iſt jedoch erſt zum Be— wußtſein gelangt durch den Kampf des Geiſtes, wel— cher im ſechzehnten Jahrhundert begann. Dieſer Kampf fuͤhrete, nach langem und entſetzlichen Blut— vergießen, zur Spaltung der Idee der Kirche in feindliche Gegenſaͤtze, und hoͤrte in Gleichguͤltigkeit und allgemeinem Verfall auf. Erſt jetzt ſcheint das naturgemaͤße Spiel der Gegenſaͤtze auf dem Gebiete muͤhſam errungener Gewiſſensfreiheit, und gleich ſchwer erkaͤmpfter buͤrgerlicher Freiheit wieder beginnen zu wollen. Es iſt unverkennbar, daß die alten Formen zuſammenſtuͤrzen, nnd daß ein neuer kirchlicher Bil— dungstrieb ſich allenthalben kund giebt. Dieſer Bil:

105

dungstrieb wird alſo, wenn das Obige wahr iſt, ebenſowohl die Gemeinde beruͤhren muͤſſen, als das Amt: ebenſowohl das Volk umfaſſen als die Geiſt— lichkeit: ebenſowohl die Nationalitaͤt anſtreben als die Katholizitaͤt. Alles dieß, nicht weil die gegenwaͤrtige Form der ganzen buͤrgerlichen Geſellſchaft dergleichen wuͤnſchenswerth oder nothwendig macht, ſobald kirch— licher Sinn in den Laien erwacht. Allerdings glauben wir, daß dem ſo ſei. Allein wir ſtellen jenen Satz nicht wegen irgend einer Aeußerlichkeit auf: was wir fordern, verlangen wir um der Heiligkeit und Hoheit der Idee der Kirche ſelbſt willen. Wir wollen nicht weniger Kirche ſondern mehr. Die Form der Ge— genwart, die Wirklichkeit des geſelligen Lebens iſt nach unſerer Ueberzeugung das was ſie iſt nur deß— wegen, damit jener neue, verjuͤngte Bildungstrieb die Menſchheit durchſtroͤmen, damit die Kirche der Zu— kunft erſcheinen koͤnne. Hochkirchlich kann uns in der Kirche der Zukunft nur die Anſicht heißen, welche nicht der Geiſtlichkeit (der Rechtsperſon der mittelal— terlichen und der bisherigen Staatskirchen) das geſetz— gebende Recht und die Gewalt giebt, ſondern der

106

ganzen Gemeinde, als der Perſon der vollftändigen, bewußten, muͤndigen Kirche. Denn jene mittelalterliche Anſicht von der Kirche iſt uns eine ganz niedrige, eine nur vorläufige. Sie iſt uns gleichſam das Ge: ſetz in der Entwickelung des Chriſtenthums: das was iſt, damit es nicht ſei, d. h. damit fein Gegentheil werde. Es iſt hiernach auch klar, daß uns die buͤr— gerliche und kirchliche Verfaſſung des Staates, alſo Staͤnde und Synoden, zwei verſchiedene Stroͤme des Einen nationalen Lebens ſein muͤſſen, deren Einigkeit am Beſten geſichert wird durch ihre vollſtaͤndige Ge— trenntheit. Eine evangeliſche Kirchenverfaſſung iſt uns hiernach nichts als die andere Seite der Verfaſſung für die evangelifchen Chriſten. Kein Volk iſt politiſch frei, ohne eine nationale Kirchenverfaſſung fuͤr die Bekenner des Evangeliums. Die roͤmiſch-katholiſche Kirche ſchließt die Theilnahme der Laien aus, und das nationale Element kann hier nur durch ſchuͤtzende Staatsgeſetze nach beiden Seiten hin, nicht durch Theilnahme der Gemeinde ſelbſt, gegruͤndet werden. Dieſe Anſicht fuͤhrt in irgend einer Art zu einem Ver— ſtaͤndniſſe mit den Biſchoͤfen oder dem Papſte. In

107

jener evangeliſchen Kirchenverfaſſung aber ift es ganz anders. Wir werden keinesweges nach einer Staats— kirche ſtreben, dem unfreien Erbtheile des Roͤmer— reiches und des Mittelalters. Eine Staatskirche iſt uns nur da naturgemaͤß, wo ihr ein Kirchenſtaat ent— ſpricht, d. h. wo wie in Genf und Schweden, Staat und Kirche ſich wirklich thatſaͤchlich decken. Es iſt aber ſchwer, daß dieß bei buͤrgerlicher Gewiſſensfrei— heit und lebendigem religioͤſen Sinne lange Zeit der Fall ſei, oder daß die Kirchenform nicht erſtarre oder verderbe waͤhrend die Staatsform fortlebt. Ueberhaupt aber iſt die Staatskirche eine gefaͤhrliche, politiſche Einrichtung, weil eine Fiktion (was zu deutſch zwi— ſchen Dichtung und Luͤge in gefaͤhrlicher Mitte haͤngt): und faſt allenthalben klebt Blut und Gewaltthat an ihren Fußtapfen. Dagegen werden wir nach einer evangeliſchen Nationalkirche ſtreben, d. h. nach einer Kirche welche das nationale Leben in ſeiner Beziehung auf Gott, im Gebiete der freien Sittlich— keit, eben ſo vollkommen und ſelbſtthaͤtig darſtellt, als der Staat (im engeren Sinne) daſſelbe Leben in ſeiner Beziehung auf die Welt, im Gebiete des Rechts

108

verwirklicht. Zwiſchen beiden, der Staatskirche und Nationalkirche, iſt ein großer Unterſchied. Die Staatskirche iſt ausſchließend, alſo verfolgend, un— terdruͤckend: die Nationalkirche keineswegs. Jene iſt kaum noch irgendwo anwendbar: dieſe allenthal— ben, wo die große Maſſe des Volkes ſich nicht ſo weit in Sekten geſpalten hat, daß keine kirchliche Gemeinſchaft, mehr als eine andere, fuͤr den Aus— druck des nationalen Lebens gelten kann. Ihre For— mel ſchließt keineswegs aus, daß, bei einer politiſchen Verfaſſung mit gleichen politiſchen Rechten aller aner— kannten chriſtlichen Bekenntniſſe und mit buͤrgerlicher Duldung aller nicht unſittlichen, alſo ſtaatsgefaͤhrlichen Sekten und Religionen, doch mehrere groͤßere kirch— liche Gemeinſchaften neben einander ſtehen, in welchen das nationale Bewußtſein ſich vorzugsweiſe darſtellt. In dem alten Staate konnte es nur Eine Kirche geben, die alsdann eben die Staatskirche war. In dem neueren kann und wird es meiſtentheils, im Weſten wenigſtens zwei, im Oſten mindeſtens drei na tionale Kirchen geben, ſobald Gewiſſensfreiheit Grund— ſatz der Verfaſſung iſt. Die wahre Staatsweisheit

109

———

hat nicht zu fragen, ob dieß an ſich ein Gluͤck oder Ungluͤck ſei: ſie hat vielmehr zu glauben, daß es ein Gluͤck ſein werde, falls ein weltgeſchichtlicher Fort— ſchritt dadurch bewirkt wird. Sie ſelbſt aber hat darauf zu ſehen, daß die Rechte einer jeden anerkann— ten Gemeinſchaft geſchuͤtzt ſeien, und daß ihnen die Mittel geboten werden zu ihrem aͤußern Beſtehen und zur chriſtlichen Erziehung des Volkes und der Geiſt— lichkeit in ihr, den kirchlichen Beduͤrfniſſen und den nationalen Einrichtungen entſprechend. Sie hat ferner daruͤber zu wachen, daß keine groͤßere Kirchengemein— ſchaft ihre innere Zucht auf Koſten des nationalen Rechtes der allgemeinen Duldung, auch der kleinſten Gemeinſchaften geltend mache. Endlich hat ſie dahin zu ſtreben, daß alle, große und kleine Gemeinſchaften, ſo viel als moͤglich? mit dem Geiſte der Volksthuͤm— lichkeit und der Liebe zu dem gemeinſamen Vater— lande durchdrungen werden. Es kann allerdings auch geben, und es giebt in der Gegenwart wirklich, na— tionale Zuſtaͤnde, wo eine Menge kirchlicher Formen neben einander ſtehen, ohne daß irgend eine ſich als Ausdruck des nationalen Lebens geltend machen koͤnnte.

110

So laͤßt fih von den Vereinigten Staaten Nord: amerikas, welche theoretiſch nicht einmal ein chriſt— licher Staat ſein wollen, nur ſo viel ſagen, daß die Nation eine proteſtantiſche iſt, und zwar auch kirchlich eine ſehr lebenskraͤftige. Ein ſolcher em— bryoniſcher Zuſtand der Kirchenverfaſſung mag nur in Laͤndern, wo, wie im Waadtlande, eine rohe Volks— tyrannei ſich des Heiligthums bemaͤchtigt hat, und z. B. ſich anmaßt zu entſcheiden, ob die Kirche ihr nationales Glaubensbekenntniß behaupten ſolle oder nicht, zu jenem ſogenannten Freiwilligkeits- Syſtem fuͤhren. Ein ſolcher Zuſtand erklaͤrt jenes Streben, und rechtfertigt Buͤcher wie die des edlen und geiſtvollen Vinet, welchem eine Nationalkirche nichts anders iſt als eine Staatskirche, und welchem alles Heil in der ſogenannten Trennung von Kirche und Staat zu liegen ſcheint. Aber fuͤr nns waͤre ein ſolches Stre— ben nicht allein ein Schritt der Verzweiflung und des Unglaubens, ſondern auch ein geſelliger und po— litiſcher Ruͤckſchritt. Naturgemaͤß ſtrebt jedes Volk dahin, ſich in religioͤſen Dingen als Einheit darzu— ſtellen. Aber woraus folgt, daß eine ſolche Einheit,

eine buchſtaͤbliche Einheit des Symbols, eine Einfoͤr— migkeit im Gottesdienſte fein follte? Warum ſollte es nicht hoͤher ſein, im Gefuͤhle der Glaubenseinheit die Anerkennung der Gemeinſchaft in der Anbetung anzuſtreben? ja die Einheit in Liebe feſtzuhalten und in Werken der chriſtlichen Liebe zu bethaͤtigen, wo ſie im Gottesdienſte verſagt wird? Im Großen und Ganzen der Weltgeſchichte find und bleiben, auch fo, die Voͤlker die Einheiten und Perſoͤnlichkeiten des Reiches Gottes: jedes Volk bildet, auch ſo, ein Glied an der Kette der ſich herſtellenden großen Koͤrperſchaft der Menſchheit. Dieß iſt aber der goͤttliche Beruf der Voͤlker und Staaten: oder, mit andern Worten, der hoͤchſte und letzte Beruf und Zweck alles ſtaat— lichen und nationalen Lebens iſt die Foͤrderung der Menſchheit und des Menſchlichen.

112

III.

Die mittelalterliche und evangeliſche Geiſtlich- keits-Kirche und ihre evangeliſchen Hefte und Verneinungen.

Wir gehen nun daran, zuerſt die Erſcheinungen des uns allen gemeinſamen Mittelalters, und dann die der evangeliſchen Kirchenverfaſſungen im Lichte der bisher entwickelten Idee der kirchlichen Verfaſſung zu betrachten. Ich habe aus jener Idee heraus einige ſehr ſtarke Worte in dem Bekenntniſſe geſagt, und gebe ſie ungeſchwaͤcht wieder, mit Auslaſſung eines ganz unweſentlichen, haſtigen Wortes, das mir im vertraulichen Briefwechſel entſchluͤpft, und unabſicht— lich in die „Handſchrift fuͤr Freunde“ uͤbergegangen war. Hier wiederhole ich nur, daß ich aus dem deutſchen, evangeliſchen Geſichtspunkte ſpreche, und ein Bekenntniß geben will: nicht eine Lehre fuͤr die welche draußen ſtehen. Ich habe mich hier mit Nie— manden zu verſtaͤndigen als mit der Kirche meines

112

Volkes und Glaubens, d. h. der vereinigten evangeli— ſchen Kirche, wie ſie in Preußen und im groͤßten Theile des proteſtantiſchen und reformirten Deutſch— lands beſteht. Mein Standpunkt iſt alſo im Allge— meinen der Grund und Boden der evangeliſchen Kirche, der Geſammtgehalt der Erklaͤrungen der Reformation, insbeſondere aber das geſchichtlichſte und ältefte aller evangeliſchen Bekenntniſſe, das augsbur— giſche: endlich neben ihnen, als praktiſche Erklärung, die Liturgie der Vereinigten evangeliſchen Kirche Preußens. Ich will mich aber doch noch einmal recht ausdruͤcklich dagegen verwahren, als laͤge in jenem frei ausgeſprochenem Bekenntniſſe irgendwie ein feindſeliges Verdammungs Urtheil uͤber unſere Brüder von der roͤmiſch-katholiſchen Kirche, oder ein unberufenes Gericht uͤber die engliſche Kirche, oder uͤber irgend eine andere. Wir reden hier insbeſondere gar nicht von Kirchen und Voͤlkern, welche entweder jene Anſicht vom allgemeinen Prieſterthum gar nicht anerkennen, oder ihre entſcheidende Wichtigkeit und die Nothwendigkeit derjenigen Folgerungen zu laͤugnen

ſcheinen, welche wir, nach unſerm Gewiſſen, daraus 8

114

ziehen zu muͤſſen glauben. Moͤgen ſolche Kirchen immerhin, wenn es ihnen Gewiſſensſache iſt, Satzun— gen aufrecht halten, die ihr Urtheil in dieſer Hin— ſicht binden, und moͤgen ſolche Voͤlker durch buͤrgerliche Geſetze jenen Satzungen Kraft geben. Dieſe unſere Brüder glauben offenbar im ſicheren Hafen evangeli— ſchen Chriſtenthums zu bleiben, wenn ſie uns ſcheinen, ſich krampfhaft an etwas feſtzuhalten, das wir nur als Schemen und Schatten der gemeinſamen ange— ſtrebten chriſtlichen Wahrheit begreifen. Wir haben nicht diejenigen zu richten, welche außer uns ſtehen, ſondern nur uns ſelbſt. Es mag nicht einer jeden Kirche oder eines jeden Volkes Beruf ſein, in geiſt— lichen Dingen die Freiheit und Selbſtthaͤtigkeit gel: tend zu machen, welche von allen grundſaͤtzlich in Anſpruch genommen wird, und welche dieſelben Voͤlker vielleicht auf dem Gebiete des buͤrgerlichen Lebens mit beſonderem Eifer und Eiferſucht bewachen. Das iſt ihre Sache, nicht unſere. Alle Freiheit wird nur möglich in dem Maaße des Glaubens an dieſelbe, und alſo hier an den Geiſt. Dieſer Glaube iſt aber „nicht jedermanns Sache.“ Die volle Durchfuͤhrung

115

einer neuen Wahrheit ſtreitet faft immer mit erwor— benen Rechten, und oft mit ehrwuͤrdiger Sitte und Gebrauch. Daher kommt es, daß einem politiſchen Verſtande ſich oft das Unvollkommene, Beſtehende, wenn es im Ganzen gut wirkt, unendlich mehr em— pfiehlt, als das Neue, wenn es ihm gleich beſſer ſcheint: und daß man der Wahrheit ungern nach— forſcht, damit Recht und Sitte nicht in Gefahr kommen, geſtoͤrt zu werden. Endlich aber iſt wirklich, von der Wahrheit und ihrem unbedingten Rechte auf dem geiſtigen Gebiete abgeſehen, alle Freiheit nur in ſo fern ein Segen fuͤr ein Volk, als ſie Bedingung einer hoͤheren Entwicklung zum gemeinen Beſten ſein will und kann. Den einzelnen Menſchen richtet erſt Gott, die Voͤlker ſchon die Geſchichte: und zwar richten beide nicht ſowohl nach dem reichen Pfunde, das dieſen mitgegeben, ſondern nach dem redlichen, gewiſſenhaften Gebrauche, den ſie von dem ihnen anvertrauten Pfunde gemacht haben. Dieß alles wollen wir uns ſagen: ihnen nur dieß, daß ſo fern Chriſti Geiſt in ihnen iſt, ſie uns nach denſelben Grundſaͤtzen beurtheilen werden.

116

Indem wir uns alfo, im Glauben, auf das hohe Meer der geiſtigen Freiheit begeben, welche dem deutſchen Volke immerdar die erſte und wichtigſte aller geduͤnkt hat, wollen wir jene andersdenkenden chriſtlichen Brüder in Liebe dem Einfluſſe des chriſt⸗ lichen Geiſtes uͤberlaſſen. Wir wollen, bei entfchie: dener Abweiſung von Forderungen, die uns theils kindiſch und widerwaͤrtig, theils den gemeinſchaftlich angenommenen Grundſaͤtzen widerſprechend erſcheinen, doch nie vergeſſen, daß der Geiſt Chriſti eben ſowohl ein Geiſt der Liebe und der Ordnung, als der Frei heit und der Entwicklung iſt. Endlich haben wir auch wohl zu bedenken, daß ſelbſt das Halten am Abbilde und Schatten im frommen Gemuͤthe auf dem Glauben an das Weſen ruht, und einem gei: ſtigeren Glauben naͤher ſteht als roher Unglaube, welcher in ſeinem Herzen dieſes Weſen und dieſen Glauben noch viel mehr haßt, als alles Sinnbild und Schattenbild deſſelben. Jedermann ſollte, na: mentlich bei uns und in unſern Tagen das herrliche Wort Nitzſchens zu Herzen nehmen, daß wie, nach altem Ausſpruche, dem Menſchen nichts Menſchliches

fremd ſein fol, ſo dem Chriſten nichts Chriſtliches, d. h. nichts, was ein chriſtliches Gemuͤth beruͤhrt und ihm heilig iſt.

Dem Mittelalter ward die Lehre von der Kirche als Geiſtlichkeitskirche zwar noch nicht dogmatiſch, aber doch durch Liturgie und Verfaſſung uͤberliefert. Wie in jener das allgemeine Prieſterthum der Glaͤu— bigen verdunkelt war, fo in dieſer das Oberherrlich—⸗ keitsrecht der Gemeinde. Die eigentliche Rechtsperſon der mittelalterlichen Kirche iſt daher die Geiſtlichkeit, als Koͤrperſchaft, und deren perſoͤnliche Spitze, der Biſchof. Mit anderen Worten: die germaniſchen Voͤlker empfingen das Chriſtenthum nicht von einem Volke oder von einer volksthuͤmlichen Kirche, ſondern von einer außervolklichen und außerſtaatlichen, geiſt⸗ lichen Koͤrperſchaft: und zwar kam es zu ihnen in einer innerlich ſchon ſehr weit gediehenen und praktiſch befeſtigten Verſetzung aller mit dem Begriffe der Kirche eng zuſammenhaͤngenden Seitenbegriffe, naͤm— lich der Begriffe von Prieſter und Prieſterthum, Opfer und Werk. Durch die Wechſelwirkung aller dieſer gegebenen Elemente im germaniſchen und ger—

118

maniſch-romaniſchen Geiſte entſtand das Mittelalter. Sein Gegenſatz, gegenuͤber der alten Welt und der durch die Reformation bedingten neuen, iſt die Tren: nung des Menſchlichen und Chriſtlichen, des Buͤrger— lichen und Geiſtlichen. Denn aus dieſer Scheidung und Trennung erklaͤrt ſich, wie das Mittelalter wohl Geiſtlichkeits- Synoden hervorbringen konnte, aber keine apoſtoliſchen Gemeinde-Verſammlungen: daß es anachoretiſche Heilige und geiſtliche Orden erzeugte, aber nicht glaubenskraͤftige Buͤrger, wie Jeremias und Cato, und eben ſo wenig ſelbſtſtaͤndige Staa— ten und volksthuͤmliche Verfaſſungen. Mit andern Worten: das Hoͤchſte war dem Mittelalter, in Folge jener Anſicht von der Kirche, die Trennung des Geiſtlichen und Natuͤrlichen, in deren Durchdringung das klaſſiſche Alterthum und die Gegenwart, wenn gleich in verſchiedener Weiſe, das geſunde, gottge— faͤllige Daſein und die wahre Vollkommenheit erblicken.

Dieſe Stellung des Mittelalters zum erſten Gegenſatze bedingte auch nothwendig die Auffaſſung des zweiten Gegenſatzes, von Katholizitaͤt und Na: tionalität. Das Mittelalter erſcheint darin groß und

119

beſchraͤnkt zugleich. Groß, indem es den Begriff des allgemeinen Menſchlichen in demjenigen feſtgehalten, was es uͤber goͤttliche Dinge als Wahrheit annahm und glaubte. Es hat dadurch ein edles Zeugniß ab— gelegt fuͤr dieſe Wahrheit ſelbſt: denn alle Wahrheit iſt allgemein, und aller Glaube an ſie fordert Allge— meinheit. Beſchraͤnkt aber ſcheint mir das Mittelalter hierin dadurch, daß es erſtlich Weſentliches und Un— weſentliches nicht unterſchied, und dann zweitens dadurch, daß es die Unabhaͤngigkeit des nationalen Gewiſſens in der Darſtellung jener Idee verkannte. Indem es die Kirche nur in einer amtlichen Koͤrper— ſchaft begriff, ſetzte es die menſchliche Spitze des kirchlichen Lebens des Volkes in dieſe Koͤrperſchaft, und damit außerhalb der Volksthuͤmlichkeit. Daß, nach meiner Ueberzeugung, dieſe beſchraͤnkte Anſicht, welche das geiſtliche Gewiſſen der deutſchen Nation unter die Kuppel von St. Peter begrub, im innerſten Grunde die Folge der Verdunkelung und Verſetzung jener Grundideen von Kirche, Prieſter, Prieſterthum und Opfer geweſen, iſt in dem Schreiben klar genug ausgeſprochen. Man kann auch vom evangeliſchen

120

Standpunkte eben ſo gut ſagen, es habe, in Wechſel— wirkung, das von der geiſtlichen Koͤrperſchaft gebildete kirchliche Recht des Mittelalters die Idee der chriſt— lichen Wahrheit verdunkelt, und die Lehre vom Gehorſam gegen die Kirche (d. h. gegen die Geiſt— lichkeit) ſich an die Stelle des Glaubens an das ewige Wort, das Urtheil der Kirche (d. h. des Geift: lichen) an die Stelle des Gewiſſens und des inneren ſittlichen Bewußtſeins geſetzt. Dieſes iſt eben ſo wahr, und ſicher als jenes: und als man beides in ſeinem Widerſpruche mit Evangelium und den Apo— ſteln erkannte, und dieß ausſprach, da war die Re— formation gemacht: d. h. da trat ein in die Weltge— ſchichte eine Bewegung von tief bejahendem Gehalte, und tief in die Zukunft eingreifend ein neues Prinzip, das ſein Recht fordert, ganz abgeſehen von allen ver— beſſerlichen Mängeln und allen abzuſtreifenden Miß⸗ braͤuchen der alten Kirche.

Nach dieſem Verhaͤltniſſe des Mittelalters iſt es einleuchtend, daß das Kirchenrecht deſſelben, wie es auf dem Grundbegriffe des Prieſterthums der Geiſtlichen ruht, fo feinen praktiſchen Mittelpunkt

121

im Epiſkopalismus haben muß, d. h. in dem vor zuͤglichen Prieſterrechte der Biſchoͤfe. Dieß war eben ſowohl eine nothwendige Folge jener Stellung, als daß die neuere roͤmiſche Kirche in dem Papismus ihren Mittelpunkt genommen, d. h. in der Annahme von der Oberherrlichkeit und Machtvollkommenheit des Papſtes uͤber die Biſchoͤfe, wie uͤber Gemeinden und Concilien. Aber nicht dieſe Anſicht bloß ward von der Reformation verworfen, ſondern uͤberhaupt die Geiſtlichkeitskirche. Dieſer Punkt iſt uns die eigentliche Lebensfrage aller evangeliſchen Landes— kirchen.

Was nun die Verfaſſung aller evangeliſchen Kirchen betrifft, ſo liegt unzweifelhaft allem die rich— tige Annahme zu Grunde, daß die Reformation der Geiſtlichkeitskirche ein Ende gemacht. Dieſe Annahme in einen freien und friſch ſich entwickelnden und be— wußten Organismus geſetzt, muß nothwendig die wirklich bejahende bisher nur im Schatten vorgebildete Kirche der glaͤubigen Voͤlker erzeugen. Allein Nie— mand fuͤhlte mehr, als die großen Vaͤter unſerer Reformation, Luther an der Spitze, daß vor allem

122

das neue, in die Kirche aufzunehmende Element, das chriſtliche Volk, gebildet werden mußte. Wir koͤnnen es jetzt als eine geſchichtliche Thatſache be: greifen, wie und warum dieß in Folge innerer und aͤußerer Hemmniſſe, erſt durch die allmaͤhlige dreihun: dertjaͤhrige Bildung proteſtantiſcher Voͤlker und eines weltgeſchichtlichen Bewußtſeins derſelben, als Traͤger der Macht und der Wiſſenſchaft, moͤglich geworden iſt. Buͤrgerliche und geiſtige Freiheit mußte erkaͤmpft, der Begriff der perſoͤnlichen ſittlichen Verantwortlich— keit, als des Traͤgers und Exponenten des allgemei— nen Prieſterthums, erſt durch alle Verhaͤltniſſe des Lebens, und durch alle geiſtige Beſtrebungen hindurch gebildet werden. Waͤhrend dieſes langen, ſchwierigen Bildungsproceſſes verloren die proteſtantiſchen Theo— logen und Canoniſten Glauben und Geduld. Einige klammerten ſich an die Rechtsbegriffe der alten Geiſt— lichkeitskirche an, und bereiteten ein Syſtem vor, wel— ches folgerecht durchgefuͤhrt, eine Menge kleiner Paͤpſte und paͤpſtlicher Koͤrperſchaften haͤtte bilden muͤſſen, aber, durch den Gegenſchwung der Zeit gehemmt, bisher nur als pfaͤffiſcher Anſpruch oder unſchuldiger

123

Aberglaube erſchien. Maͤchtiger und bedeutender iſt die in unſern Tagen aus dem Gegenſatze gegen den Individualismus und die todten Formen des vorigen Jahrhunderts, welcher in Deutſchland die romaniſche Schule hervorrief, in England mit ſittlichem Ernſte und Gelehrſamkeit hervorgegangene Richtung zum Geltendmachen des ausſchließlichen kirchlichen Rechtes der Geiſtlichkeit, und zwar als geſchichtlich biſchoͤflicher. Der Unterſchied der entſchiedenen Hinneigung zu Rom und der entſchiedenen Abneigung gegen Rom iſt da— bei, fuͤr die Verfaſſung, ein ganz untergeordneter, ein verſchwindender, eine bloße Frage der kirchlichen Na— tionaloͤkonomie. Wir muͤſſen es fuͤr einen Irrthum halten anzunehmen, daß der Papismus, in der Ver— faſſung wie in der Lehre von der Kirche, dem Poſtulat jener Schule, an Dapit und an Rom klebe, und daß die große Bewegung der Geiſter im ſechzehnten Jahr— hunderte und im neunzehnten, in Gottes Willen, im Bewußtſein der Völker, und im Ernſte der Welt: geſchichte nichts anders bezwecke und bedeute, als einen anglikaniſchen oder lutheriſchen oder presbyte— rianiſchen, ſelbſtgemachten, hausbackenen Papismus

124

hervorzubringen. Nach der oben entwickelten Anſicht muͤſſen alle diejenigen in einen unaufloͤslichen Wider— ſpruch gerathen, welche, bewußt oder unbewußt, als Theologen oder Canoniſten, irgendwie und irgend— wo die Anſpruͤche der Geiſtlichkeitskirche mit den proteſtantiſchen Bekenntniſſen, dem Evangelio, den Apoſteln und der Geſchichte der Kirche und ihres Rechtes in Einklang bringen wollen.

Dieſer Richtung nun gegenuͤber warfen andere die große Idee der Kirche als der goͤttlichen Anſtalt fuͤr die Einheit des Menſchengeſchlechts ganz weg, um jenem nachtwandelnden Geſpenſte der Geiſtlich— keitskirche, und den Gefahren eines neuen Papismus zu entgehen. Die Religionskriege des ſiebenzehnten Jahrhunderts brachen die Lebenskraft des erwachten Volksbewußtſeins in kirchlichen wie in politiſchen und wiſſenſchaftlichen Dingen. Erſt nach ihnen begann, namentlich bei uns, das Syſtematiſiren der Theologen und Canoniſten mit gaͤnzlich todten Begriffen. So glauben noch jetzt offenbar viele proteſtantiſche Cano— niſten ganz ehrlich, daß die Kirche mit der Neforma: tion aufgehört habe, ſtatt daß mit ihr die volle

_125

Kirche erft anfing, die vorgebildete erſt begann in die Welt zu treten.

Man kann hiernach ſagen, daß alle in dieſer ſchweren und dumpfen Zeit gebildeten oder eingebildeten Verfaſſungen, entweder auf einem Reſte jenes fruͤhe— ren Baues, alſo des mittelalteriſchen Epiſkopalismus ruhen, oder auf dem Gegenſatze gegen denſelben. In beiden Formen beſteht die Annahme des allge— meinen Prieſterthums der Chriſten und des allentſchei— denden Anſehens der Schrift: aber ſie ſind dort das Maaßgebende und Begraͤnzende, hier das in ſeiner Gegenſetzlichkeit Entſcheidende und alles Beherrſchende.

Die Stellung der Kirche der Zukunft zu beiden kann uns nach dem Obigen nicht zweifelhaft ſein. Wir muͤſſen als Bedingung jeder lebendigen Herſtel— lung anſehen die Befreiung der Menſchheit eben ſo— wohl von jenen Truͤmmern der Rechtsbegriffe der Geiſtlichkeitskirchen, als von deren verneinendem Gegenſatze. Aber ehe wir daran gehen, dieß in unmittelbarer Anwendung jener Grundbegriffe auf die Kirche der Zukunft anſchaulich zu machen, wollen wir zuerſt verſuchen, das Geſagte zu erlaͤutern

126

durch die nähere Beleuchtung der bisherigen Kir: chenreformen, ſowohl des Episkopalismus als feines Gegenſatzes. Hierdurch werden wir die unmittelbare Einleitung gewinnen fuͤr den Verſuch der Herſtellung einer, von beiden Befangenheiten gleichmäßig befreiten Verfaſſung der zukuͤnftigen Kirche. Hinſichtlich des Epiſkopalismus ſelbſt nun habe ich in jenem Schreiben mich unbedingt wider jede Auffaſſung ausgeſprochen, welche ihm einen dogmatiſchen Werth beilegen wollte: ja ich habe als eine Ketzerei die An— ſicht erklaͤrt, welche als allgemeine Wahrheit den Satz aufſtellt: das geſchichtlich fortgepflanzte Biſchofthum ſei die Bedingung der Theilhaftigkeit des Einzelnen wie des Volkes, an Chriſti Kirche und ihren Ver— heißungen, und alſo damit nothwendig, dei folge rechtem Denken, die Bedingung der Sicherheit der Erloͤſung, welche die Schrift dem Glauben zuſichert. Dieß hat der Epiſkopalismus der reformirten Kirche, der anglikaniſchen, nie gethan: vielmehr verwarfen die Artikel dieſer Kirche eine ſolche Anſicht aufs allerent— ſchiedenſte, noch ſtaͤrker als das proteſtantiſche Glau— bensbekenntniß. Allein die Kirche iſt jenes Irrthums

127

nie ganz mächtig geworden, und zwar in Folge ihrer einſeitigen Verfaſſung, und ihrer nicht ganz durch— gebildeten Liturgie. Ueber die Verwerflichkeit des Epiſkopalismus in jenem Sinne, vom evangeliſchen Standpunkte, glaube ich mich im Schreiben ſo deut— lich ausgeſprochen zu haben, daß mich niemand miß— verſtehen kann, auch wer will.

Ich habe aber auch zweitens geſagt, daß als nationale Verfaſſungsfrage ein biſchoͤfliches Syſtem mir ſcheine unbefangen betrachtet, ja gelobt und angeprieſen werden zu koͤnnen, trotz der unzu— laͤſſigen Anſpruͤche, die ſich hier und da an daſſelbe angehaͤngt haben. Ja ich habe nicht verhehlt, daß meine eigene perſoͤnliche Ueberzeugung dahin gehe, es werde ſich nicht wohl eine freie Kirche (wir meinen natuͤrlich die eines großen gebildeten und freien Volkes) mit Gewaͤhr ihrer Widerſtandskraft gegen Polizeige— walt, Schwaͤrmerherrſchaft und Unglauben und mit Faͤhigkeit im nationalen Leben das Menſchliche zu umfaſſen, bilden oder herſtellen laſſen, ohne daß jenem, im Biſchofthume dargeſtellten Elemente, des perſoͤn— lichen Gewiſſens, volle Gerechtigkeit widerfahre.

128

Bei einer ſolchen Empfehlung des biſchoͤflichen Elementes habe ich nun offenbar nicht die Verfaſſung der anglikaniſchen Kirche im Auge, wie ſie ſich im ſechzehnten Jahrhunderte, vor der vollen Entwicklung der evangeliſchen Gemeinde bildete, oder vielmehr aus der mittelalterlichen Kirche heruͤber genommen wurde, und wie ſie im ſiebenzehnten ſich im Gegenſatze von Presbyterianismus und von politiſchen Anſpruͤchen der Laien feſtſetzte. Der Epiſkopalismus dieſer Ver— faſſung kann mir, in ſeiner beſten Geſtalt, eben ſowohl nur als ein Bruchſtuͤck der evangeliſch-apoſto— liſchen Kirchenverfaſſung gelten, wie die Syſteme, welche an ſeine Stelle getreten ſind. Er iſt eben ſowohl in einer falſchen Gegenſaͤtzlichkeit und ſchaͤdli— chen Einſeitigkeit befangen, als ſein urſpruͤnglicher Gegenſatz: der aus der Verneinung der ungehoͤrigen Anſpruͤche, Anmaßungen und blutigen Verfolgungen jenes Epiſkopalismus hervorgegangene Presbyterianis— mus. Dieſer naͤmlich hatte anfangs die Abſicht, ſich zu einer freien, vollſtaͤndigen Verfaſſung zu entwickeln, ward aber, durch den Eifer der Verneinung und das Uebergewicht der Geiſtlichen, fruͤh ſtarr und unbild—

129

ſam, und zeigte fich ſchroff, eng und abgeſchloſſen, allenthalben wo er zur Herrſchaft gelangte. Jener Epiſkopalismus und dieſer Presbyterianismus erkennen beide in ihren Symbolen die Allgemeinheit, einestheils der Kirche, andrerſeits des chriſtlichen Prieſterthums an. Allein der Epiſkopalismus hat, ſo ſcheint es mir, mit dem allgemeinen Prieſterthum ſo wenig an— zufangen gewußt, als der Presbyterianismus mit der Katholizitaͤt. Wenn hiernach das alte Biſchofthum die Idee der Kirche ſehr unvollſtaͤndig darſtellt; ſo iſt deßhalb ſeine bloße Verneinung noch keine voll— ſtaͤndige, alſo auch nicht eine wahrhaft freie Ver— faſſung. Man wuͤrde gegen die Geſchichte ſuͤndigen, wenn man jenem Epiſkopalismus allein die Ver— irrungen und Gefahren zuſchreiben wollte, die er in Wahrheit großentheils mit ſeinem Gegenſatze gemein hat. Jede geiſtliche Koͤrperſchaft, ob unter Einem geiſtlichen Haupte (was das folgerechteſte) oder unter mehreren, oder in ganz demokratiſcher Geſtalt, hat nothwendig das Streben, das ihr anvertraute Amt uͤbermaͤßig hoch zu ſchaͤtzen, ſich ſelbſt fuͤr das Ganze

zu halten, und darauf einen Anſpruch von Gewalt 9

130

und Machtvollkommenheit zu gruͤnden, welcher nicht allein die Rechte des chriſtlichen Volkes beeintraͤchtigt, ſondern auch zu aberglaͤubiſchen Begriffen von jenem Amte führt. Solche Begriffe verdunkeln aber noth: wendig immer mehr das Gefuͤhl des allgemeinen Prieſterthums, und der rein geiſtigen Natur ſeines Opfers: ja ſie koͤnnen, wenn wir die Geſchichte des Chriſtenthums nicht ganz mißverſtehen, zur Verken— nung der geiſtigen Natur des Chriſtenthums uͤber— haupt verleiten. Das allgemeinſte Uebel aber iſt dieſes, daß ſie auch die buͤrgerliche Seite der kirch— lichen Verhaͤltniſſe ausſchließlich von einem theologi— ſchen Begriffe aus beurtheilen, und aus einer Ver— faſſungsfrage eine Gewiſſensſache zu machen geneigt ſind. Dieß nun nennen wir Pfaffenthum, und meinen, es ſei die Klippe aller Geiſtlichkeitskirchen, d. h. aller kirchlichen Gemeinſchaften, in welchen die Koͤrperſchaft der Geiſtlichkeit an die Stelle des chriſtlichen Volkes und der Gemeinde tritt. Die lutheriſchen Geiſtlichen haben jenen Geiſt des Pfaf— fenthums gezeigt unter der Conſiſtorialverfaſſung, und die calviniſchen unter der presbyterianiſchen, gerade

a

fo gut als die orientaliſchen, roͤmiſchen und anglika— niſchen Biſchoͤfe: Wittenberg, Genf und Dortrecht ſowohl als Jeruſalem, Rom und Canterbury. Der Begriff des allgemeinen Prieſterthums aller Chriſten iſt ihnen allen gar oft abhanden gekommen, und mit ihm das Bewußtſein der geiſtlichen Berechtigung des chriſtlichen Volkes in der Gemeinde. Aber wir wie— derholen, was wir im Schreiben geſagt. Im Grunde genommen, haben die chriſtlichen Voͤlker einen bedeu— tenden Theil der Schuld ſich ſelbſt zuzuſchreiben. Es iſt großentheils die Erkaltung ihrer Liebe, welche die Geiſtlichkeit in dieſe falſche und betruͤbte Stellung gebracht hat. Denn mit der Liebe erkaltete der Eifer, und ſchwand die freiwillige Thaͤtigkeit der Laien in der Gemeinde. So erſtarb zuerſt das alte

Diakonat: dann wurde das Presbyterat gelaͤhmt;

wo es Biſchoͤfe gab durch dieſe, in den nicht biſchoͤf— lichen Kirchen durch die Tyrannei der Theologen, zu deren Erben ſich, unter dem Jubelrufe der Voͤlker, der neue Staat machte.

Der Epiſkopalismus hat aber allerdings Eine Einſeitigkeit und Gefahr, welche ihm eigenthuͤmlich

132

heißen muß: daß er naͤmlich die Rechtmaͤßigkeit des geiſtlichen Amtes nur in der fortdauernden Anweſen, heit des biſchoͤflichen Amtes ſieht. In ſo fern kann man ſagen, daß er leichter als irgend eine andere Form dahin fuͤhrt, den Begriff der Kirche und der Theilhaftigkeit ihrer Glieder an der Erloͤſung und dem goͤttlichen Geiſte in der aͤußerlichen geſchichtlichen Ueberlieferung jenes Amtes zu ſehen, und alſo die Lehre von der Erloͤſung, Rechtfertigung und von den Sakramenten im juͤdiſchen Sinne zu verderben. Das aber iſt uns Chriſtum verlaͤugnen und kreuzigen. Die ſchwediſche Kirche nun hat niemals ſolche Anwand— lungen gezeigt, wie denn überhaupt proteftantifche D

) Wir gebrauchen hier und anderwärts, bei Zuſammenſtellung der beiden Hauptabtheilungen der evangeliſchen Chriſtenheit, proteſtantiſch ſtatt lutheriſch: nach dem Borgange des Sprachgebrauchs von reformirt ſtatt calviniſtiſch. Beide Ausdrücke entſprechen ſich alsdann vollkommen, während luthe- riſch und reformirt ſich ſprachlich gar nicht entſprechen. Auch ſind beide gleich begründet in der Geſchichte. Alle evangeliſche Kirchen erkennen ſich, im Gegenſatze der unverbeſſerten römi— ſchen, als reformirte oder verbeſſerte: aber die, welche durch Calvin ihre kirchliche Geſtalt gewannen, legten ſich dieſen Namen zuerſt bei. So heißen die Schweizer, Holländer, Schot⸗

133

Kirchen nie ſo viel Werth auf Verfaſſungsfragen gelegt, als die Reformirten es unter allen Formen gethan haben. Aber die ſchwediſche Kirche iſt doch auch eine Geiſtlichkeitskirche. Die perſoͤnliche Bi⸗ ſchofsgewalt iſt nur gemildert durch ein Conſiſtorium oder Domkapitel in jedem Sprengel, und durch die Verbindung der ſtaͤndiſchen Reichsverfaſſung mit den kirchlichen. Die Geiſtlichen haben naͤmlich ein bedeu—

tendes politiſches Wahlrecht, und alle Biſchoͤfe ein

ten, ſelbſt die Engländer allgemein, und mit Recht reformirte Chriſten. Man kann aber die Engländer ſchon nach ihren Symbolen ſchwer Calviniſten nennen: manche deutſche refor- mirte Kirchen haben auch weſentlich unterſcheidende Punkte des dogmatiſchen Syſtems Calvins aufgegeben, ohne dadurch aufzuhören, reformirte Chriſten zu ſein, im Gegenſatze der lutheriſchen. Eben ſo ſind alle evangeliſche Kirchen proteſtan— tiſche. indem fie ſich anſchließen an die von den augsburgiſchen Glaubensgenoſſen eingelegte geſchichtliche Proteſtation (Rechts— Erklärung): allein dieſe haben ein beſonderes Recht für die Bezeichnung als proteſtantiſche Kirche, den Reformirten ge— genüber. Ich bemerke bei dieſer Gelegenheit, daß ich lu— theraniſch, zur Unterſcheidung von lutheriſch, abſichtlich gebrauche zur Bezeichnung des nicht ſo wohl von Luther per— ſönlich aufgeſtellten, als vielmehr auf ihn gebauten dogmatiſchen Syſtems, wie es ſich jetzt in den ſogenannten Alt-Lutheranern darſtellt.

134

Mitgliedſchaftsrecht in den Reichsſtaͤnden. Unmittel bares Recht der Laien giebt es nicht jenſeits der Pfarreien. In jeder Pfarrei beſteht naͤmlich ein Kirchenrath, jedoch ohne bedeutende Rechte. Das Wahlrecht der Gemeinde bei denjenigen Pfarren, welche nicht koͤnigliche oder Conſiſtorialpfarren ſind, beſteht in dem Rechte, aus drei oder vier, vom Con— ſiſtorium vorgeſchlagenen Candidaten einen zu waͤhlen. Synoden von Geiſtlichen und Laien giebt es gar nicht: die Reichsſtaͤnde ſind hier, ſo weit es die Ver— einigung des Kirchlichen und Staatlichen erlaubt, wirklich, was das engliſche Parlament nach einer politiſchen Fiktion ſein ſollte. Kirchenbußen ſind koͤr— perliche Strafen, die von geiſtlichen und weltlichen Gerichten verhaͤngt werden koͤnnen. Es iſt klar, daß dieſe Verfaſſung, gerade wie die ſchwediſche Liturgie, das feſtgewordene Bild einer evangeliſch- proteſtanti— ſchen Kirche des ſechzehnten Jahrhunderts darſtellt, die Staatskirche eines Kirchenſtaats. Der zweite Kirchenſtaat iſt oder war Genf. Sein Grundprinzip iſt die Selbſtergaͤnzung der Aelteſten und der Geiſt— lichen: und dieſes Recht ſtempelt den alten Presby—

135

terianismus gerade eben fo gut zur Geiſtlichkeiskirche, als den reformirten oder proteſtantiſchen Epiſkopa— lismus.

Wer von dieſen geſchichtlichen Thatſachen ſich überzeugt hat, wird von keiner der bisherigen Haupt: formen der Nationalkirchen dasjenige Heil erwarten, welches uͤberhaupt in der Verfaſſung liegen kann. Denn jene Kirchenverfaſſungen ſind alle, mehr oder weniger, aus dem Geiſte des unbedingten Gegenſatzes hervorgegangen, und in Einſeitigkeit befangen; Bruch— ſtuͤcke der zerſchlagenen Idee der Kirche Chriſti. Wer nun dieſe Ueberzeugung gewonnen, wird auch ein ganz unbefangenes Urtheil behaupten koͤnnen über die beiden Syſteme, welche im vorigen Jahrhunderte ſich aus dem Gefuͤhle jener Einſeitigkeit, und im Gegenſatze zu jenen pfaͤffiſchen Richtungen erhohen haben: das eine in dem Staate, das andere in vollkommener Entfremdung vom Staate. Unter jenen verſtehen wir die Diktatur der weltlichen Regierungen. In Genf und in allen nach Genf gebildeten Ver— faſſungen kam dieſe Diktatur gleich urſpruͤnglich herein durch folgerechte Anwendung des Begriffs der Einheit

136

von Staat und Kirche: ein großartiger Irrthum zu Anfang und ein trauriger Anachronismus bald nach— her. Dort ſtand dem Staate eine geſchloſſene, d. h. ſich ſelbſt erneuernde Koͤrperſchaft gegenuͤber, bei welcher die Geiſtlichen den uͤberwiegenden Einfluß hatten, das Volk aber, als Gemeinde, gar keinen.

Was nun die aus der deutſch-proteſtantiſchen Kirche hervorgegangene Form jener Diktatur betrifft; ſo ſtuͤtzte ſich dieſe ganz entſchieden auf das Gefuͤhl der Laien, als mit den Geiſtlichen gleichberechtigter Bruͤder, und wurde als Proteſtation gegen das lutheraniſche Pfaffenthum trotz ihrer allerdings ſehr unfreien Form gern angenommen und ertragen. Die Canoniſten thaten ihre Schuldigkeit und machten die Thatſache zum Recht. Die wahre oder vermeintliche Berechtigung einer lutheraniſchen Koͤrperſchaft ward auf die lutheraniſche Regierung uͤbertragen, ohne Beruͤckſichtigung des in den Ortsgemeinden dargeſtell— ten chriſtlichen Volkes: ja zuletzt ſelbſt auf die Re— gierung ſchlechthin als ſolche; alſo auch auf eine roͤmiſch-katholiſche. Wir nun koͤnnen dieſes Syſtem, ſelbſt in ſeiner urſpruͤnglichen Geſtalt, nicht als eine

132

Verfaſſung, als geſetzliche Freiheit der Kirche begreifen, und nennen es deßhalb, zu ſeiner Rechtfertigung, eine Diktatur: wir meinen aber damit das wohlbekannte gegenwaͤrtige Conſiſtorialſyſtem.

Die andere Proteſtation war der Independentis— mus, und die darauf gegruͤndete Lehre der ſogenannten Sonderung der Kirche vom Staat, oder das Freiwil—

| ligkeitsſyſtem. Wie jene Diktatur das Verdienſt hat,

die Gemeinde vor den Anmaßungen des Pfaffen— thums geſchuͤtzt zu haben, ehe dieß durch eine natio— nale, freie Kirchenverfaſſung geſchehen konnte; ſo muß dem Independentismus das Verdienſt zuerkannt wer— den, den Staatskirchen ſowohl als den Geiſtlichkeits— kirchen, dem Polizismus wie dem Dogmatismus gegenuͤber, geltend gemacht zu haben das unver— aͤußerliche kirchliche Recht der Gemeinde, d. h. im hoͤchſten Sinne, des gemeindlich geordneten chriſtlichen Volkes. Es lag in der Natur des Gegenſatzes, daß dem Independentismus dieſe Kirchengemeinde die Orts— gemeinde blieb, von welcher, als der unterſten Ein: heit, er ausging, und daß jene kirchliche Freiheit ihm eine Freiheit außerhalb des nationalen Lebens wurde.

138

Durch die erſte Einſeitigkeit machte er ſich die Dar— ſtellung einer großen Kirchengemeinſchaft, praktiſch wenigſtens, unmoͤglich; und durch die zweite naͤherte er ſich wieder dem Mittelalter und dem Pabſtthum. Das Pabſtthum zerſtoͤrte inſtinktmaͤßig, ſo weit es konnte, den goͤttlich gegebenen Knotenpunkt der Ent— wickelung des Chriſtenthums in ſelbſtſtaͤndigen Völkern und Staaten. Der Independentismus, und ſein amerikaniſches Evangelium und Kirchenrecht, die Lehre der ſogenannten Trennung von Kirche und Staat, verlieren den Begriff der Volksthuͤmlichkeit eben ſo gut wie den der Allgemeinheit. Sie proteſtiren gegen den Staat, und es entgeht ihnen die Nation. Sie wollen Freiheit und ſie gerathen in arge Dienſtbarkeit; die Geiſtlichen unter der Schwaͤrmerei einer Orts— gemeinde oder ihrer Mehrheit, die Gemeinde unter dem einſeitigen, durch keine geſchichtliche Entwicklung gemilderten Dogmatismus ihres Predigers. Ganz beſonders hat der theoretiſche Independentismus in dieſer Hinſicht eine merkwuͤrdige Aehnlichkeit mit dem mittelalterlichen Moͤnchthum: er ſieht, wie dieſes, die reine Form des Chriſtlichen nicht in dem von Gott

139

gegebenen bürgerlichen Leben, in welches er geſetzt iſt, ſondern entzieht ſich dem Kampfe mit der Welt, ſtatt freudigen Muthes die Welt mit dem Glauben zu bekaͤmpfen und mit der Liebe zu durchdringen. Ber: zweifelnd an der Wiederbelebung der in die Sklaverei des Staates und in die noch viel ſchlimmere der Verweltlichung gerathenen Landeskirchen, vergißt er Zeit und Stunde, und ſieht die Gegenwart ſelbſt, vieler Jahrhunderte ſchwer errungenes Erbtheil, als ganz und gar nicht beſtehend an. In dieſer Ver— zweiflung will er von vorn anfangen, als wenn es gar keinen chriſtlichen Staat gaͤbe, und laͤßt ſich dabei von amerikaniſchen Rednern beſtechen, welche aus der Nothwendigkeit eine Tugend machen, was uͤbrigens viele andere auch vor ihnen gethan haben. So iſt man dahin gelangt, in dem embryoniſchen Zuſtande die hoͤchſte Vollendung, in dem dort natur— gemaͤßen Anfangspunkte das Ziel und den Hafen aller Entwicklung zu erblicken. Aber man kann dieſe Ein: ſeitigkeit und Taͤuſchung beklagen, und doch das große Verdienſt des Independentismus, als Syſtems fuͤr eines der Elemente der Kirchenverfaſſung anerkennen,

140

ſo wie den chriſtlichen Ernſt und Eifer feiner Bekenner und Lehrer bewundern. John Owen hat die Lehre der Gewiſſensfreiheit noch kraͤftiger und unbefangener gepredigt, als Biſchof Taylor, ſein Zeitgenoſſe: nicht, wie eine ſpaͤtere Zeit im Unglauben, ſondern im Glauben: nicht im unkirchlichen Sinne, ſondern um der Kirche willen.

Dieſe Anſicht der bisherigen kirchlichen Ver— faſſungen mag nun wahr oder falſch ſein. Demjenigen aber, welcher ſie einmal in ihren weſentlichen Punk— ten, als eine wahre erkannt, muͤſſen natuͤrlich die einſeitigen Anſpruͤche irgend einer jener Verfaſſungen auf allgemeine Wahrheit und allgemeine Anerkennung ziemlich gleich unbefugt vorkommen. Wir wuͤnſchen jedoch, deshalb nicht ſo mißverſtanden zu werden, als ob wir das Heil der Kirche in einer ideenloſen Men— gerei widerſtreitender Prinzipien und Formen ſuchten. Waͤre die Sache damit abgethan, ſo duͤrfte man nur die Verfaſſung der biſchoͤflichen Kirche der Vereinigten Staaten annehmen: ohne Zweifel die bedeutendſte thatſaͤchliche Erſcheinung auf dem Gebiete der Kir— chengeſchichte der letzten hundert Jahre. Sie hat

141

dem Pfarrgeiſtlichen nicht allein, ſondern auch den Laien ihr Recht zuerkannt, und zwar gleichmaͤßig in der Verwaltung und in der Geſetzgebung der Kirche. Indem ſie dabei das perſoͤnliche Gewiſſen in der hoͤheren Gemeinde feſtgehalten, durch die Biſchoͤfe, hat ſie einerſeits Rom uͤberfluͤgelt, andrerſeits den ſtarren Presbyterianismus und den vereinzelnden Independentismus uͤberboten. Sie giebt dem Laien groͤßere Rechte, als der Presbyterianismus es thun konnte, und ſie zeigt dieſem, dem Independenten, neben der unabhaͤngigen Ortsgemeinde die thatſaͤchliche Verbindung derſelben zu organiſcher Einheit und bruͤderlicher, geordneter Zuſammenwirkung. Sie ſichert endlich die Freiheit des Einzelnen, ſowohl die der Geiſtlichen als die der Laien, viel beſſer als es dort der Fall ſein kann. Der Geiſtliche iſt kein Diener der Gemeinde, ſondern Beamteter der Kirche: und der Laie iſt vor der Schwaͤrmerei und Tyrannei eines Volksredners geſichert: beide ſtehen nicht auf einer Perſoͤnlichkeit, ſondern auf breiter geſchichtlicher Baſis der eigenen Kirche, der Kirche des Mutterlan— des und der ganzen Chriſtenheit. Der Dogmatismus

142

ferner iſt in ihr durch eine gefchichtliche und volks— thuͤmliche Liturgie gemildert, welche die Einheit beſſer vermittelt als dogmatiſche Formeln der Schule. Wie Eraftig endlich fie die Kirchenzucht handhabt, zeigt die neuliche Abſetzung eines Biſchofs, und die Amtsent— hebung eines andern, und zwar nicht um dogma: tiſcher ſondern um ſittlicher Gruͤnde willen.

Es iſt alſo ganz begreiflich, daß dieſe Kirche, die einzige große, organiſche Bildung der neuen Welt, welche rein volksthuͤmlich und evangeliſch, und dabei doch katholiſch heißen kann, ſich von geringem und ſchwierigem Anfange bereits ſo lebenskraͤftig uͤber die ganze Union ausgebreitet hat, und immer mehr ſich als eine nationale Kirche erweiſt und darſtellt. Allein mit aller Anerkennung dieſes, in Europa und ſelbſt in England faſt gar nicht gewuͤrdigten Verdienſtes, koͤnnen wir doch in jener Kirche nicht die Loͤſung un— ſerer Aufgabe, nicht die vollendete Form einer Kirche der Zukunft erkennen. Die Gegenſaͤtze des Alten find in ihr nur aͤußerlich neben einander geſtellt, nicht innerlich vereinigt und vermittelt. Deßhalb ſtehen ſie einander unverſtanden und unverſoͤhnt, feindſelig gegen:

143

uͤber. Dieß beweiſen auch die letzten theologiſchen Streitigkeiten jener Kirche, denen wir uͤbrigens Mac Ilvaines Werk und andere herrliche, evangeliſche Zeug— niſſe verdanken. Durch dieſen Mangel an Durchbil— dung der Idee hat fie für lange, wenn nicht für im: mer, die Gelegenheit verloren, auf der einen Seite die in Amerika bekanntlich biſchoͤflichen Methodiſten an ſich zu ziehen, und auf der andern die rechtglaͤu— bigen Independenten-Gemeinden, in welchen viel ſitt— licher Ernſt, wahre Froͤmmigkeit und tuͤchtige kritiſche Gelehrſamkeit vereinigt iſt.

IV.

Grundſätze der Herſtellung einer vollſtändigen evangeliſchen Kirchenverfaſſung.

Was denn willſt du? wird man mich hier fra— gen. Die bisherigen Verfaſſungen ſind dir nicht recht: von der Conſiſtorialverfaſſung willſt du, fo ſcheint es, gar nichts wiſſen. Der anglikaniſche Epiſkopa—

144

lismus iſt dir nur ein Bruchſtuͤck, ſein Gegenſpiel, der genfer-hollaͤndiſch-ſchottiſche Presbyterianismus nichts anders: der Independentismus endlich eine auf— loͤſende Verneinung; ja ſelbſt mit der amerikaniſchen Verfaſſung willſt du dir nicht genuͤgen laſſen: und bei dem allen verlangſt du doch eine biſchoͤfliche Ver— faſſung. Alſo was willſt du? Dieſer ganz natuͤr— lichen, offenen Frage fuͤhle ich mich gedrungen, da ich nun mein Bekenntniß zu vertheidigen begonnen, eine eben ſo offene Antwort entgegen zu ſtellen. Ich will denn, daß wir das ausbilden, was wir in der vereinigten, evangeliſchen Kirche Deutſchlands beſitzen. Und zwar will ich dieß deswegen, weil ich glaube, daß, wenn wir die Sache beim Lichte beſehen, und das Kind beim rechten Namen nennen, es ſich finden wird, es ſeien ſelbſt die Truͤmmer und Embryonen unſerer kirchlichen Einrichtungen die Anlage zu etwas Vollſtaͤndigerem und Hoͤherem, als alles was jene Kirchen erſtrebt und erreicht haben. Meine feſte Ueberzeugung iſt, daß aus einer furchtloſen und gleichmaͤßigen Anwendung der oben entwickelten evangeliſchen Grundſaͤtze die Herſtellung einer freien

Verfaſſung der deutſchen evangelichen Kirche uns von ſelbſt hervorgehen, und ſogar in anſcheinend unkirchlichen Erſcheinungen und Formen der Gegen— wart einen lebendigen Anknuͤpfungspunkt finden wird. Wir muͤſſen nur die Beſchraͤnktheiten und die ganze Sprachverwirrung der Geiſtlichkeitskirchen wegwerfen, und die Herſtellung aus dem innerſten Herzen der Gegenwart, nach der Idee der Kirche, in Glauben und Liebe anſtreben. Um uns der unzerſtoͤrbaren Grundlage einer ſolchen Herſtellung bewußt zu werden, wollen wir hier aus dem oben feſtgeſtellten Verhaͤlt— niſſe des allgemeinen Prieſterthums der Chriſten zu dem geiſtlichen Amte einige praktiſche Folgerungen ziehen.

Es iſt an die Menſchheit das goͤttliche Wort der erloͤſenden Liebe ergangen: ſchon durch Gewiſſen und Vernunft: klarer durch Geſetz und Evangelium. Dadurch iſt ſie eine prieſterliche Gemeinde geworden, und ihre Glieder ſind als ſolche Prieſter: d. h. ſie haben einen unmittelbaren Verkehr mit Gott. Dieß heißt uns in der ethiſchen Sprache: jedem Einzelnen,

in welchem jene Stimme erwacht, dem jene Botſchaft 10

126

erklungen iſt, wohnt perſoͤnlich eine volle ſittliche Verantwortlichkeit bei. Alle ſolche ſind, wie berufen, ſo befaͤhigt, die Dinge dieſer Welt als Prieſter, d. h. als perſoͤnlich verantwortliche unſterbliche Weſen, zur Foͤrderung des Reiches der Wahrheit und der Liebe zu behandeln: das heißt zu handeln vom freien ſittli— chen Standpunkte aus, nicht von dem natuͤrlichen Mittelpunkte des Ich, in der Sclaverei der Selbſt— ſucht. Damit iſt zweierlei gegeben. Einmal das goͤttliche Amt der Verkuͤndigung jenes Heils, und zweitens das gemeindliche Recht derjenigen, die es annehmen. Die Gemeinde entſteht durch das Wort: aber das Amt dieſes Worts iſt ein Amt an der Ge— meinde und in der Gemeinde. Chriſtus iſt das Haupt der Gemeinde, ſeiner Gemeinde, welche deß— halb ſein Leib: d. h. gleichſam ſeine Koͤrperſchaft heißt. Was alſo zur Erhaltung dieſer Koͤrperſchaft nothwen— dig iſt, muß in Chriſti Namen geſchehen, d. h. auf Grund ſeines Gebots der Verkuͤndigung, und in unmittelbaren Bezug auf Gott. Alles in dieſer un— mittelbaren Beziehung auf Gott Gethane heißt kirch⸗ lich, im Gegenſatz des mittelbar d. h. (wermittelft

1473

der Welt) auf Gott bezogenen Lebens des ſtaatlichen. So haben wir denn nothwendig zwei Aemter. Erſtlich das Amt der Verkuͤndigung des Wortes, d. h. im ausgedehnteſten Sinne, das der Prediger und Seel— ſorger. Zweitens das Amt der innern Regierung ' der Gemeinde. Dieß Amt iſt mittelbar gegeben: durch jene Verbindung des Amtes der Verkuͤndigung mit einem, zahlreichen oder, geringen, glaͤubigen Volke, eine Verbindung, durch welche die Gemeinde entſtand. Denn eine Gemeinſamkeit kann nur alsdann ins Leben treten, wenn ihr inneres Leben ſich zu geſtalten Freiheit und Raum gewinnt. Dieſes Amt iſt alſo noch weniger ein Ding fuͤr ſich, als das erſte. Es iſt ein bloßes Mittel und Werkzeug. Es ſoll dazu dienen das Wort in der Gemeinde rein zu erhalten, und die Handhabung von chriſtlicher (alſo geiſtiger) Zucht und Ordnung auf dem kirchlichen Gebiete, dem Gebiete der Liebe, zu ſichern. Jenes Amt iſt von Chriſtus ſelbſt, alſo mit goͤttlichem Rechte eingeſetzt. Dieſes iſt goͤttlichen Rechtes durch die Vermittlung des goͤttlichen Rechtes der menſchlichen

Geſellſchaft oder des Staates. Diejenigen nun, welche 10 *

148

die Verkuͤndigung des Wortes und die Seelſorge an einer Gemeinde zu ihrem Lebensberufe gewaͤhlt, und zu dieſem Amte berufen ſind, nennen wir deßhalb vorzugsweiſe Geiſtliche. Beide aber, die Geiſtlichen und die Regierer, werden zu ihrem Amte Helfer ge— brauchen. Und ſo haben wir denn naturgemaͤß drei Aemter in der Gemeinde: das Hirtenamt, oder das Amt der Seelſorger: das Amt der Regierer, und das beiden zur Seite ſtehende Amt der Helfer. Das erſte Amt kann immer nur vor einer beſchraͤnk— ten, oͤrtlich verſammelten Gemeinde geuͤbt werden, und iſt gewoͤhnlich an eine Ortsgemeinde (Parochie) geknuͤpft, deren Prediger und Seelſorger deßhalb ihre Pfarrer genannt werden. Die Gemeinde mag nun eine Stadt- oder Landgemeinde fein, eine große oder kleine, eine vornehme oder geringe: das Hirtenamt iſt immer Eines und es kann darin keine Ungleichheit und weſentliche Verſchiedenheit geben. In dieſem Sinne nimmt unſre evangeliſche Kirche ganz richtig an, daß es dafuͤr nur Eine Ordination geben koͤnne und ſolle. Unſre Biſchoͤfe alſo, wenn wir deren haben ſollen, wer: den auf dieſem Gebiet ſicherlich gar keinen Platz haben.

149

Das zweite Amt war uns das der Regierer. Die oberſte Rechtsperſon in der Kirche iſt die Ge— meinde. Das Gewiſſen der glaͤubigen gemeindlich geordneten Menſchheit iſt die oberſte Darſtellung der glaubigen Geſammtheit. Dieſe Geſammtheit laͤßt ſich jedoch nur in der Geſchichte des Reiches Gottes anſchauen: in der Wirklichkeit iſt ſie ganz undarftellbar, Nicht als ob fie die unſichtbare Kirche waͤre, d. h. die Geſammtheit der innerlich Chriſti theilhaftig Gewordenen. Mit dieſer Geſammt— heit, welche Gott allein kennt, haben wir hier uͤber— haupt gar nichts zu thun. Dieſe goͤttliche Geſammt— heit iſt unſichtbar, in der Ortsgemeinde wie in der Weltgemeinde, in der Gegenwart wie in der Reihe der Geſchlechter, welche ſich vom Anfang bis zum heutigen Tage gefolgt ſind: und ſie wird unſichtbar bleiben bis zum Tage der Offenbarung des vollkom— menen Reiches Gottes. Unſichtbar iſt eigentlich auch im Staate die Schaar der wirklichen guten Buͤrger und wahren Vaterlandsfreunde: aber auf feinem Ge: biete gilt vorherrſchend die That, dort nur die Ge— ſinnung. Das alſo iſt die unſichtbare Kirche. Aber

150

die Kirche, welche Chriſtus auf Erden geſtiftet, iſt die ſichtbare Gemeinde ſeiner Glaͤubigen, wie Ri— chard Rothe und Stahl ſo unwiderleglich, auch ſpecu— lativ nachgewieſen. Die Unſichtbarkeit der ſichtbaren Kirche iſt die Erfindung der Theologen. Sie kam den Kanoniſten ſehr recht in ihrer Verlegenheit, die Rechtsperſon der Kirche wieder zu finden, welche ihnen mit dem Untergange der Geiſtlichkeitskirche ab— handen gekommen war. Was man ihnen dafuͤr in der Wirklichkeit nach einander geboten: die Theologen, die Conſiſtorial-Behoͤrde, der Landesherr, wollte alles nicht recht paſſen: und als jemand im vorigen Jahr— hundert die Kuͤhnheit hatte (geraume Zeit vor Rouſſeau) zu denken und zu ſagen, die verlorne Rechtsperſon ſei am Ende die Gemeinde, da war der Begriff derſelben ſchon ſo in die Ortsgemeinde zuſammen geſchrumpft, oder in die Staatskirche verknoͤchert, daß die welt— geſchichtliche Idee der Kirche daraus nicht hervor— keimen konnte.

Das iſt die kurze Geſchichte der erſonnenen un— ſichtbaren Kirche. Wir nun reden hier und uͤberall in unſerer Unterſuchung von der ſichtbaren Gemeinde

151

des Herrn, von der, nach Familien, Gemeinden, Staͤmmen, Voͤlkern und Staaten ſich herſtellenden Menſchheit. In ihr nun, ſagen wir, iſt die Ge— ſammtheit nirgends darſtellbar. Denn es mag jemand noch ſo hoch von den allgemeinen Concilien denken, ſo waren ſie doch nur ſehr unvollſtaͤndige und unfreie Darſtellungen der Geiſtlichkeit, ja nur eines Zweiges der Geiſtlichkeit, der Gemeinden aber ſo gut wie gar nicht; es moͤchte denn jemand die Mitwirkung der byzantiniſchen Caͤſaren, ihrer Kaiſerinnen, Kammer: herren, Adjutanten, Guͤnſtlinge und des ganzen con— ſtantinopoliſchen Hofes, mit dem Heere im Hinter— grunde, als einen Erſatz fuͤr das Volksgewiſſen nehmen wollen. Eine ſichtbare Univerſalkirche wuͤrde einen Univerſalſtaat vorausſetzen, welchen das alte roͤmiſche Reich ſich einbildete zu ſein, als es aufhoͤrte eine Nation zu haben, und welchen das neue roͤmiſche Reich anſtrebte, als die germaniſchen Staͤmme noch nicht die muͤndigen Nationen des neuen Europa geworden waren. Es giebt keine Regierung auf Erden jenſeits des Staates: alſo auch nicht in kirch— lichen Dingen, ſobald chriſtliche Voͤlker muͤndig wer—

152

den, und ſich als ſolche erkennen. Eine chriſtliche Nation nun, ſo fern ſie ſich als eine evangeliſche Landeskirche darſtellt, bildet uns die Reichsgemeinde. Zwiſchen ihr und der Ortsgemeinde wird die Landes— gemeinde und die Kreis- oder Bezirksgemeinde ſtehen. Die Sphaͤren der kirchlichen Regierung in allen dieſen ſind weiter und enger: aber die geiſtliche Oberherrlich— keit iſt und bleibt in jeder Sphaͤre bei der Gemeinde. Dieß folgt eben ſo natuͤrlich aus dem eben Geſagten, als daß in dieſer Gemeinde das Amt der Verkuͤndi— gung als ein goͤttlich gegebenes gelte und beſtehe, als oberſte Richtſchnur, als Zweck und Ziel aller Regie— rung aber die Foͤrderung des Reiches Gottes, des Reiches des fortſchreitenden ſittlichen Bewußtſeins, anerkannt werde. Die Gewalt des geiſtlichen Re— gierungsamtes iſt uns alſo, was die Kirchenrechts— lehrer die Gewalt der Gerichtsbarkeit nennen, im Gegenſatze der Gewalt des Standes, d. h. des geiſt— lichen, oder des Amtes am Worte. Jeder nun, welcher ein kirchliches Regierungsamt bekleidet, muß es eben ſo von der Gemeinde und in der Gemeinde Chriſti empfangen, wie die Apoſtel es von Chriſtus

153

und in Chriſtus damals erhielten, als er die Juͤnger berief fuͤr die an die Zeugen des Wortes ſich an— ſchließende Gemeinde. Wer er auch ſei, will er an Chriſti Gemeinde Theil haben, jo muß ihm das Amt der Kirchenregierung von der Gemeinde uͤber— tragen werden: denn ſie iſt im Reiche des Geiſtes an Chriſti Stelle getreten. Er wird alſo von der Gemeinde berufen und verordnet werden muͤſſen. Er kann nun, nach dem gewoͤhnlichen Sprachgebrauche, entweder ein Geiſtlicher ſein oder ein Weltlicher: allgemein und vor allem nothwendig iſt nur dieß, daß er ein kirchlicher Menſch ſei, ein Prieſter im wahren Sinn, und als ſolcher anerkannt und berufen. Ob aber fuͤr ein gegebenes Regierungsamt ein Geiſt— licher oder ein Weltlicher den Vorzug verdiene, das wird davon abhaͤngen muͤſſen, ob die Amtsthaͤtigkeit eine Richtung habe mehr nach der goͤttlichen Seite zu, oder nach der weltlichen, mehr nach dem Gebiete der Liebe oder nach dem des Rechtes. Theologen, als fuͤr ſich handelnde und berathende Koͤrperſchaft, erſcheinen in der Geſchichte und Erfahrung immer als einſei— tige und befangene Geſchaͤftsmaͤnner: das Recht aber

154

haben felbft die froͤmmſten und weifeften der Körper: Schaft, wenn fie fih daran gewagt, nur verdorben. Jenes erklärt ſich theils aus der falſchen Stellung jeder Koͤrperſchaft, welche das Ganze vertreten will: ſie betrachtet ihr Amt als Selbſtzweck, ihr Recht als ein unbedingtes. Dieſe Klippe aller Koͤrperſchaften iſt aber ganz beſonders gefaͤhrlich auf dem geiſtlichen Gebiete: denn hier gielt es nicht bloß ein Recht, ſondern eine Wahrheit: und eine Wahrheit, die vor allem Rechte iſt, und uͤber allem Rechte ſteht. Das Recht aber wird deshalb ſo ſchlecht in den Haͤnden der Geiſtlichkeit, weil ſeine Handhabung ſie auf ein von ihrem Berufe ganz verſchiedenes Feld fuͤhrt. Es iſt eine Thatſache, und eine ſehr begreifliche, daß es den Geiſtlichen ſchwerer wird als andern, in den menſchlichen Dingen die unbedingte Hoheit der Ge— rechtigkeit anzuerkennen, das Recht wie die Schuld der That, als ſolcher zu wuͤrdigen, abgeſehen von der Geſinnung. So hat Auguſtinus das Eheſcheidungs— recht verdorben, indem er Geſinnung und That, Sittlichkeit und Recht vermiſcht: und das ganze Eheſcheidungsrecht der weſtlichen Kirche leidet ſeitdem

155

an dieſem Sentimentalismus. Die rein richterlichen Amtsthaͤtigkeiten werden wir alſo eben ſo wenig vor— ſchlagen Geiſtlichen zu uͤbertragen, als die der aͤußer— lichen Verwaltung, z. B. die des Vermoͤgens. Aber es wuͤrde doch ſeltſam ſein, wenn wir die Einſetzung eines Pfarrers in ſeine Gemeinde, ganz offenbar ein Amt der chriſtlichen Regierung in der Kirche, uns denken wollten, geſondert von der Perſoͤnlichkeit und dem Gewiſſen eines Geiſtlichen. Ebenſo wird es unnatuͤrlich erſcheinen, wenn wir ihm nicht einen perſoͤnlichen, wenn gleich nicht richterlichen Antheil an allem beilegen wollten, was zur Aufrechthaltung der inneren Kirchenzucht gehoͤrt. Sei nun der kirch— liche Regierungsbeamte Geiſtlicher oder Weltlicher, immer wird er eine doppelte Oberherrlichkeit anzuer— kennen haben: nach innen, die der Gemeinde, nach außen die der weltlichen Obrigkeit.

über dieſe beiden Punkte iſt es noͤthig, Einiges zur Erklaͤrung zu ſagen und zur Vermeidung von Mißverſtaͤndniſſen. Hinſichtlich der erſten Behauptung gerathe ich vielleicht bei einigen Canoniſten oder Hal— lerianern in den guten Ruf eines Predigers der

156

Volksſouveraͤnitaͤt. Denn wie die Theologen es beque— mer und angenehmer finden jemanden als Ketzer und Laͤſterer zu verdammen, als ihn ſeines Irrthums auf dem Gebiete des Gedankens und der Geſchichte zu uͤberfuͤhren; ſo ſind die Rechtslehrer gar leicht mit revolutionaͤren Geſinnungen und mit Hochverrath bei der Hand, wenn jemand (beſonders der nicht in ihre Zunft gehoͤrt) etwas ſagt, das nicht in ihre Formel paßt. Ich will ihnen alſo hiermit ſagen, daß ich jenes Wort wohlbedaͤchtig gebraucht habe, und daß ſie vielleicht beſſer thun, ſich zu bedenken, ehe ſie es anfechten. Der Geiſt Gottes iſt der Gemeinde gege— ben, dem glaͤubigen Volk mit ſeinen Geiſtlichen, oder wie der Apoſtel ſagt: den Heiligen (Glaͤubigen) die die da find mit den Aelteſten und Diakonen (Phil. 1, 1.). Nun giebt es doch wohl keine Oberherrlich— keit uͤber den Geiſt Gottes. Mit andern Worten: es giebt in der ſittlichen Weltordnung keine Macht, die hoͤher waͤre, als das allgemeine Gewiſſen, und zwar das freie, nicht geknechtete. Denn der Strom des göttlichen Geiſtes fließt rein nur aus uuvergifteter Quelle: dieſe Quelle aber iſt nichts Geringeres als

Bon _

volle Gewiſſensfreiheit weil Selbſtverantwortlichkeit der Einzelnen. Dieſe ſittliche Weltordnung nun, die Kirche, bewegt ſich auf Erden, ſo lange der uns begreifliche, geſchichtliche Zuſtand der Menſchheit dauert, in dem Staate, d. h. in der Sphaͤre des Rechtes und der weltlichen Ordnung. Hier iſt die Regierung das Erſte in welcher Form ſie es auch ſei: denn Recht ſetzt Regierung voraus. Aber tief in des Menſchen Herzen lebt das unverloͤſchliche Gefuͤhl der einigen, ſeligen, freien Menſchheit, wie der Traum der Kindheit in den Stuͤrmen des Lebens fort, und erzeugt ſeltſame Zerrbilder im Hohlſpiegel der Wirk— lichkeit. So finden wir das Ideal der Kirche ange— ſtrebt, vor der Menſchwerdung Gottes, als die Kirche (d. h. die Menſchheit als ſolche) noch nicht ſichtbares Beſtehen auf der Erde gewonnen hatte. So be— gegnen wir, mehr als zweitauſend Jahre ſpaͤter in Frankreich dem Zerrbilde des Ideals der Menſch— heit, nach der innern Aufloͤſung und gewaltſa— men Zerſtoͤrung der romaniſchen Staaten: zu einer Zeit wo die Gewiſſensfreiheit aus der Kirche des abſoluten Staates getrieben, und der Glaube an das

158

Chriſtenthum mit der Gewiſſensfreiheit aus dem Gewiſſen der Voͤlker gewichen war. Jenes zeigt ſich am klarſten in der Republik Plato's: dieſes in den politiſchen Theorien der allgemeinen Menſchenrechte,

Sm

welche die große franzoͤſiſche Revolution einleiteten, ſo wie neuerdings in den Traͤumen und dem Wahnſinne des Communismus oder Sozialismus, oder wie dieſes muttermoͤrderiſche Kind der, auf den Thron von Po— litik und Gewiſſen gehobenen National-Oekonomie ſich nennt, dieſer Weheruf gegen den Goͤtzendienſt des Reichthums. Die Reformation rettete durch ihr bejahendes, an das freie Gewiſſen und die innere Geſinnung, das ſittliche Gefuͤhl ſich wendendes Glau— bensprinzip, und durch ihre Forderung des allgemei— nen Prieſterthums der Gemeinde, als der ſittlichen Verantwortlichkeit des Einzelnen, trotz Bauernkrieg, Scheiterhaufen und Ligue, die eine Haͤlfte Europa's vor dem zerſtoͤrenden Feuer, welches drittehalb Jahr— hunderte ſpaͤter in Frankreich ausbrach, und noch jetzt nach einem halben Jahrhundert fortfaͤhrt, die ausſchließlich roͤmiſch katholiſchen Voͤlker zu durch: wuͤhlen. Allein Traͤume zeugen für, den Geiſt

159

und Zerrbilder des Heiligen für die goͤttliche Wirk lichkeit, auch wider ihren Willen. Die chriſtliche Gemeinde hat doch die geiſtliche Oberherrlichkeit, je nach ihrer Sphaͤre in dem Gebiete der chriſtlichen Kirche, trotz aller Traͤume, Irrthuͤmer und Verzer— rungen, welche uͤbrigens weltgeſchichtlich mit ihr naͤher in Verbindung ſtehen duͤrften als befangene oder oberflaͤchliche Beobachter waͤhnen moͤgen. Jenes alſo ſei zur Erklaͤrung und zu unſerer Rechtfertigung hier geſagt.

Was aber das Verhaͤltniß der kirchlichen Regie— rungsbeamten zu der weltlichen Obrigkeit betrifft; ſo ſteht uns feſt, daß die buͤrgerliche Ordnung und die buͤrgerliche Obrigkeit eben ſo gut von Gott ſind, als die Kirche. Alſo hoͤren die Kirchenbeamten durch ihr Amt nicht auf Unterthanen zu ſein. Aber ſie werden dadurch nicht Staatsbeamte, wenn man die einfach— ſten Begriffe nicht durch einen ungeſchickten Sprach— gebrauch verwirren will. In einem evangeliſchen Staate iſt es jedoch ganz begreiflich, daß waͤhrend der Belagerung Zions und der Laͤhmung der gemeind— lichen Regierungsthaͤtigkeit, die evangeliſche Obrigkeit

_ 160

zeitweilig, und als im Glauben und in der Gemeinde ſtehend, die Verwaltung der Kirche uͤbernommen habe. Die Haͤupter der Geiſtlichkeit, welche den Heils— brunnen Zions bewacht, verließen Stadt und Volk, und gingen zum Feinde uͤber: das Volk fand den Brunnen verſchuͤttet, und die Schluͤſſel beim Aus— raͤumen auf dem Boden liegen. Es uͤbergab ſie dem mannhaften Fuͤhrer der waffenfaͤhigen Mannſchaft als dem erſten evangeliſchen Chriſten, und ſah gerne, daß dieſer ſogar die evangeliſch geſinnten Geiſtlichen von der oberſten Verwaltung des Brunnens abhielt. Denn es befuͤrchtete mit Recht, ſie moͤchten in gleichen Irr— thum gerathen, wie ihre Vorgaͤnger, und ihre Koͤrper— ſchaft fuͤr Zion, ihr menſchliches Recht fuͤr goͤttliche Wahrheit, und ihre loͤcherigen Behaͤlter fuͤr den Brunnen des ewigen Lebens halten. Dieſem Noth— ſtande hat in Deutſchland erſt die Erhebung Preu— ßens zu einer europaͤiſchen Macht und zum Traͤger des geiſtigen Geſammtbewußtſeins Deutſchlands ein Ende bereitet.

Wenn wir uns alſo, mit beſonderer Beziehung auf Preußen, nach demjenigen umſehen, was in jenen

161

verfchiedenen Aemtern und Kreiſen des kirchlichen Lebens ſich vorfindet, ſo werden wir nicht darnach fragen ob die innern und aͤußern Traͤger des kirchli— chen Lebens einen ſchwarzen Rock tragen oder einen blauen, ob ſie der Kirche oder dem Staat angehoͤren, ob ſie dem Kirchenrecht oder dem Landrechte entſtammt ſind. Jene Farben haben beide die Kirche gerettet mehr als einmal, beide durch glaͤubiges Wort und Bekenntniß in Leben und Tod, wie durch muthige That vor Gott und der Welt. Es wird uns auch nicht irren, ſondern troͤſten und erbauen, wenn die eine oder andere wiederbelebende Idee zuerſt im Ge— wande der Philoſophie und Wiſſenſchaft oder der Dichtung und des Schriftthums erſchienen iſt. Was die Laienſchaft als Regierung und Beamte, durch den Staat für die Verfaſſung der Kirche gethan in der Zeit der Diktatur, das hat ſie durch die Wiſſen— ſchaft fuͤr das chriſtliche Leben vorbereitet, in derſelben Zeit: d. h. in den letzten dreihundert Jahren, und namentlich in den letzten ſiebenzig. Sie hat dem kirchlichen Leben das ganze große Geſammtleben der

Menſchheit wieder erobert: naͤmlich im evangeliſchen 11

162

Deutſchland, und ganz befonders in Preußen. Die Freiheit des ſittlichen Bewußtſeins, auf Grund der Unabhaͤngigkeit des Sittengeſetzes, als des Geſetzes der goͤttlichen Weltordnung, welche Kant lehrte, that mehr fuͤr die Wiederbelebung des chriſtlichen Lebens, als alle trocknen Dogmatiken der Zionswaͤchter des Jahrhunderts. Fichte's Idealismus fuͤhrte ihn und viele Tauſende zu der Sehnſucht nach dem ewigen Leben in Gott, welches das Chriſtenthum verkuͤndigt, waͤhrend jene Zionswaͤchter in ihm hier nur eine trockene Glaubensformel, dort nur die endloſe Be— haglichkeit eines langweiligen Daſeins verſpuͤren konnten. Schellings großer Grundgedanke vom Un— endlichen und Unbedingten, als dem Geiſte, dem Urquell und Urgrund alles Endlichen und Bedingten, und der goͤttlichen Einheit alles gegenſaͤtzlichen Lebens, hat der Idee die Unabhaͤngigkeit vom aͤußerlich Ge— ſchichtlichen gegeben, welche das Chriſtenthum voraus— ſetzt und verlangt, und welche es in dem Herzen und der innern Erfahrung aller Glaͤubigen thatſaͤchlich bewaͤhrt.

Endlich werden wir nicht verſchmaͤhen ſondern mit demuͤthigem Danke erkennen, was ſich ſtill und

163

meiſt unerkannt im Volke ſelbſt geſtaltet hat. Wir meinen nicht, was das Volk als Nation gethan. Iſt das Leben der evangeliſchen Voͤlker waͤhrend der letzten drei Jahrhunderte nicht mit leuchtender Schrift in die Weltgeſchichte geſchrieben? Iſt das allgemeine Bewußtſein der ſittlichen Verantwortlichkeit eines jeden Einzelnen, und die Forderung der Unzertrenn— lichkeit von Sittlichkeit und Religion, nicht von ihnen ausgegangen? ja ſind beide nicht in ihnen, wenn man die Maſſen im Großen und Ganzen betrachtet, theils ausſchließlich, theils uͤberwiegend ausgebildet? Nein wir reden hier von dem, was die Stillen im Lande namentlich in den letzten Jahrzehnden, obwohl ſcheinbar vereinzelt und vor der Welt unanſehnlich, auf dem innerſten Gebiete des Chriſtenthums, dem Felde der thaͤtigen, dienenden Liebe gethan haben. Ueber— haupt aber, was kuͤmmert es uns, ob eine menſchliche Wahrheit und menſchliche That in der ſogenannten Kirche oder in der Welt, oder gar, ob ſie bei Geiſtlichen oder Laien geboren ſei, wenn ſie ein chriſtliches Element enthaͤlt? Das aber muß jedes Gute thun, wenn es

wahr, jedes Wahre, wenn es gut iſt: was im hoͤchſten j 47

164

Sinne daſſelbe heißt. Wer nicht glaubt, daß alles Wahre und Gute chriſtlich ſei, der glaubt eigentlich nicht an das Chriſtenthum: und wer ſich davor fuͤrchtet, der iſt, wo nicht unglaͤubig, doch ſehr kleinglaͤubig. Alles wahre Leben wurzelt im Chriſtenthume, oft allerdings, ohne ſich deſſen bewußt zu ſein. Wir leben ſeit Geſchlechtern und Jahrhunderten in einer chriſtlichen Luft, mehr als wir wiſſen: das Chriſten— thum iſt in Sprache und Verfaſſung viel tiefer ein— gedrungen als wir ahnden. Viele ſehen den Wald nicht vor lauter Baͤumen, und die Sonne nicht vor der Macht ihres Widerſtrahles: preiſen deßhalb aber nicht minder, willig oder unwillig, die Schoͤnheit des Waldes und das Licht der Sonne. Alſo eigentlich ſind alle jene Erſcheinungen fuͤr die Kirche troͤſtlich, und fuͤr die Zukunft bedeutungsvoll. Dazu rechnen wir auch beſonders, daß in dieſem Augenblicke ein zum mindeſten eben ſo reges Leben ſich bei den Laien als bei den Geiſtlichen findet, bei Großen und Klei— nen: endlich, daß das kraͤftigſte Leben in der Geiſt— lichkeit ſelbſt, entſchieden ein gemeindliches und volfe: thuͤmliches, bruͤderliches iſt.

165

Das alſo ſei uns der vorläufige Ausgangspunkt unſerer Unterſuchung und die Anknuͤpfung der ver— ſuchten Herſtellung an unſere Grundlage, das allge— meine Prieſterthum. Wir gehen nun daran, nach den verſchiedenen Sphaͤren des kirchlichen Lebens, die Elemente aufzuſuchen und“ zu prüfen, welche die evangeliſche Kirche in Preußen fuͤr die Herſtellung einer vollſtaͤndigen Verfaſſung der Kirche in dem oben angedeuteten Sinne darbietet.

V.

Die Verfaſſuugs- Elemente der Ortsgemeinde in Preußen.

Wir beginnen die Ueberſchau der kirchlichen Ele— mente, welche die Gegenwart uns zu bieten ſcheint, mit der Ortsgemeinde. Hier finden wir in Preußen gegen ſechstauſend Pfarrgeiſtliche, angeſtellt an einer bedeutend groͤßeren Zahl von Gemeinden. Sie ſind ſaͤmmtlich berufene und verordnete Diener

166

des Wortes, groͤßtentheils anerkannt als Männer ernſter Bildung und ernſten Strebens, und die nicht bloß die allgemeine menſchliche Bildung ſich angeeig— net, ſondern auch das Chriſtenthum nach ſeiner phi— lologiſchen, geſchichtlichen und ſpeculativen Seite hin, auf den Hochſchulen Deutſchlands wiſſenſchaftlich und als Lebensberuf kennen gelernt haben. Und hier laſſe man ſich nicht durch Formeln und Stichworte bethoͤ⸗ ren, oder durch den Streit der Schulen erſchrecken. Wir reden nicht von einigen wenigen Pfarrern, die zum offenen Bruche mit dem kirchlichen Glauben an Chriſtus gekommen zu ſein ſcheinen. Wir bedauern, daß ſie weder die Gewiſſenhaftigkeit, noch das Ehrge— fuͤhl haben, ein Amt niederzulegen, welches mit ihren philoſophiſchen und geſchichtlichen Ueberzeugungen, nach ihrem eigenen Bekenntniß in offenem Wider— ſpruche ſteht. Die Regierung fuͤhlt mit Recht ein großes Bedenken ihre Gewalt zu gebrauchen, um dem Aergerniſſe ein Ende zu machen, und uͤberlaͤßt ſie dem Gerichte Gottes und der Gemeinde. Bei einer freieren Kirchenverfaſſung, wie die rheiniſch— weſtphaͤliſche iſt, wuͤrden ſie ſich ohne Zweifel veranlaßt

167

fühlen, ſich eine andere Gemeinde zu ſuchen, als die, deren Lehren ſie mit Fuͤßen treten, waͤhrend ſie ihr Brod eſſen und ihre Heerde zu weiden uͤbernommen haben. Wir verſtecken dieſen Punkt nicht: wir erlauben aber niemanden daraus einen Schluß zu ziehen fuͤr den Geſammtzuſtand unſerer Kirche, der nicht unſere Verfaſſung und die Stellung der Wiſſen— ſchaft zum Leben bei uns kennt und verſteht. Ohne Zweifel beduͤrfen wir fuͤr die weiſe und chriſtliche

Ordnung jenes Punktes ganz beſonders des göttlichen

Segens, und eines in Liebe und Weisheit waltenden Geiſtes: doch das beduͤrfen alle Kirchen mit uns fuͤr ihre Maͤngel und ihre Schwierigkeiten. Wir koͤnnen aber frei ſagen, daß die verwirrten Maſſen begonnen haben, ſich zu ſcheiden. Unterdeſſen hat auf der andern Seite vieles Schroffe ſich gemildert, und manche Verwirrung der Begriffe klaͤrt ſich mehr und mehr im Leben und in freier Beſprechung auf. Doch davon weiter unten ein Mehreres. Hier haben wir nur die allgemeine verfaſſungsmaͤßige Anlage hinſicht— lich der Verkuͤndigung des Wortes klar zu machen. Dieſe Anlage iſt zwar, wie bei allen bisherigen

168

Landeskirchen, nur eine Pfarrordnung, ohne bewegliche Prediger, wie die apoſtoliſche Zeit ſie hatte, und die jetzige ſie moͤglich macht und fordert. Allein auf jenem Gebiete iſt ſie ein achtungswerthes Ganze. Die Maͤngel liegen zu Tage, und die Beduͤrfniſſe ſind allgemein anerkannt und gewuͤnſcht. Dahin rechnen wir beſonders die Theilung vieler unermeßlich ausgedehnter Pfarrgemeinden in den großen Staͤdten und ſo mancher Kirchſpiele auf dem Lande, wo ent— fernte Tochterkirchen eingepfarrt ſind: endlich die Aufbeſſerung der Gehaͤlter bei leider noch mehreren armen Landgemeinden. Es fehlt hierbei der Regie— rung nicht an gutem Willen, ſondern einfach an Geld. Von den Gemeinden iſt aber wenig oder nichts zu erwarten, ſo lange ſie die Kirche als eine Staatseinrichtung und nicht als ihre eigene und eigenſte Angelegenheit anſehen. Dieß wird aber der Fall ſein, ſo lange ſie keine verfaſſungsmaͤßigen Rechte in der Kirche und keinen thaͤtigen Antheil an der Beſetzung der Pfarrer haben. Der Geiſtliche hieß urſpruͤnglich ein Aelteſter, Presbyter (woher Prie— ſter), oder Aufſeher, Epiſkop (woher Biſchof,

169

lateiniſch Superintendent), d. h. er hatte den einen und den andern Namen (jenen als die juͤdiſche, dieſen als die griechiſch-roͤmiſche Benennung: Tit. 1, 5. 7. 1. Tim. 3, 1. 2.) gemein mit andern, von den Apoſteln und der Gemeinde berufenen und eingeſetzten, glaͤubigen und bewaͤhrten aͤlteren Maͤnnern. Wir finden, daß er keineswegs urſpruͤnglich ausſchließlich gepredigt und gelehrt: allein die Scheidung des Pre— digers von den uͤbrigen Aelteſten war die nothwendige Folge der Ausbreitung der Gemeinden und der Feſt— ſetzung des chriſtlichen Lebens. Die gemeindliche Zucht und Ordnung blieb geraume Zeit ein Gegen— ſtand der gemeinſchaftlichen Thaͤtigkeit der Aelteſten. Der Geiſtliche hatte alſo nur Theil daran, als Mit— glied des verwaltenden oder regierenden Gemeinde— vorſtandes. Dieſe Aelteſten nun, welche den mittel— alterlichen Kirchen ganz fehlen, und in der engliſchen durch die Churchwardens oder Kirchenmeiſter unvoll— kommen vertreten ſind, hat der eine Theil unſerer evangeliſchen Kirche, die reformirte Gemeinde, gleich bei der Reformation ſehr kraͤftig und wirkſam herge— ſtellt. Ein Landesgeſetz vom Jahre 1817 ordnet

120

ferner in Preußen die allgemeine Einfuͤhrung derſelben in die evangeliſche Landeskirche an, und die Verfaſ— fung der rheiniſch-weſtphaͤliſchen Kirche vom Jahre 1835, ſtellt ſie in einer der großen evangeliſchen Landesgemeinden des Reichs wirklich dar. Wie ſie ſich dort, nicht allein fuͤr die Belebung des kirchlichen Sinnes, und fuͤr die Handhabung einer weiſen Kir— chenzucht in der Ortsgemeinde bewaͤhrt haben, beweiſt eine nun zehnjaͤhrige, ſegensreiche Erfahrung. Die Mitglieder des Gemeindevorſtandes (wenigſtens vier: zwei Aelteſten, der Kirchenmeiſter oder Rechnungs; fuͤhrer, und der Armenpfleger oder Diakonus) werden in kleinen Gemeinden bis 200 Seelen, von allen ſelbſtſtaͤndigen, zur Kirche und den Sakramenten ſich haltenden volljaͤhrigen und unbeſcholtenen Gemeinde— gliedern auf vier Jahre gewaͤhlt; in den groͤßeren vom Vorſtand und den Vertretern der Gemeinde (von welchen wir ſogleich reden werden) auf zwei Jahre: naͤmlich ſo, daß alle zwei Jahre die Haͤlfte, mit Moͤglichkeit der Wiedererwaͤhlung, austritt. Der Pfarrer iſt der bleibende Vorſitzer des Vorſtandes, welcher ſich regelmaͤßig jeden Monat verſammelt.

171

Dieſer Vorſtand handhabt die Kirchenzucht, nimmt die öffentlich geprüften Confirmanden in die Gemeinde auf, und waͤhlt Abgeordnete fuͤr die Kreisſynode aus den Aelteſten. Dieſe ſelbſt wachen ganz beſonders, mit dem Pfarrer, uͤber die Erhaltung der kirchlichen Ordnung und Zucht in der Gemeinde. Der urſpruͤng— liche Presbyterianismus ließ ſich den Gemeindevor— ſtand, das Presbyterium, aus ſich ſelbſt erneuern (durch Aufnahme, Cooptation): jene Verfaſſung laͤßt ſie durch Wahl der Gemeinde (unmittelbare oder mittelbare) hervorgehen, und alle zwei Jahre ganz oder zur Haͤlfte, ſich durch neue Wahl erneuern, mit Befugniß der Wiedererwaͤhlung. Eine Verbindung beider Formen moͤchte das Richtigere ſein; aber wir koͤnnen keineswegs einſehen, daß das Beſte die Form des alten Presbyterianismus ſei, welcher gerade da— durch unfrei iſt, daß er nichts kennt als Fortpflanzung von Koͤrperſchaften durch Selbſterneurung. Indem dieſe Form die fortdauernde Thaͤtigkeit der Gemeinde gaͤnzlich ausſchließt, ſchwaͤcht ſie den Gemeinſinn der— ſelben, und bereitet dem Vorſtande das Schickſal aller un verantwortlichen Koͤrperſchaften.

172

Der Vorſtand hat eine ſchoͤne und natürliche Stellung zwiſchen Pfarrer und Volk. Er kann und ſoll jenen chriſtlich ermahnen, wenn er durch Lehre oder Leben Bedenken im Gewiſſen oder Aergerniß erregt. Eben ſo kann er dem einzelnen Gemeinde— gliede, welches dergleichen Bedenken hat, lehrend, beſchwichtigend, ermahnend gegenüber treten. Es iſt ein Reſt jenes alten Pfaffenthums, welches im Evan— gelium fuͤr alle Zeiten als Phariſaͤismus geſchildert iſt, wenn die Geiſtlichen ihre Lehre uͤber das Ver— ſtaͤndniß und Gewiſſen der Gemeinde erhaben glauben. Es iſt dieß eine falſche Standes-Vornehmlichkeit und eine ganz unproteſtantiſche Anſicht von der Natur der chriſtlichen Glaubenslehre. Die Gemeinde, einſchließ— lich des Vorſtandes, ſoll dem Prediger mit Vertrauen und Achtung in Lehre wie im Leben entgegen kommen, und das wird ſie auch allenthalben thun: aber es gebe berufene Organe, durch welche er erfahre, was die Gemeinde uͤber beide denkt. Nur Richterin kann die Ortsgemeinde nicht ſein. a

Dagegen iſt die Gemeinde, wie in der apoſto— liſchen, ſo auch in jener Kirche, mit dem Vorſtande

173

an ihrer Spitze, die hoͤchſte Behörde für die gemeind— lichen Angelegenheiten, welche in dieſe Sphäre gehoͤ— ren. Um ſo zweifelhafter kann es ſcheinen, ob eine neue Zuthat bei jener Verfaſſung wirklich eine Ver— beſſerung des alten Presbyterianismus zu nennen ſei. Wir meinen die Bildung der ſogenannten Repraͤſenta— tion, welche in allen Gemeinden, die uͤber 200 Mit— glieder zaͤhlen, zwiſchen den Vorſtand und die volle Gemeinde eingeſchoben worden. Sie hat ſechzehn bis ſechzig Mitglieder, wovon ein Viertel alle vier Jahre austritt, und wird von der Gemeinde gewaͤhlt, durch verſchloſſene Wahlzettel, welche ſo viele Namen ent— halten, als Wahlvertreter zu ernennen ſind. Sie wähle, mit dem Vorſtande, unter deſſen Vorſitze den Geiſtlichen aus den Candidaten des Kreiſes, oder andere, welche ſie zu hoͤren wuͤnſcht. Der Superin— tendent kann auch ſeinerſeits Candidaten empfehlen, und leitet die Wahl. Die Gemeinde hat das Recht des Einſpruches, uͤber deſſen Guͤltigkeit die Regierung des Bezirks entſcheidet. Der Vorſtand beruft die Vertreter: zwei Drittel werden zur Faſſung eines Beſchluſſes erfordert. Der Vorſtand fuͤhrt ferner die

174

gemeinſchaftlich gefaßten Beſchluͤſſe aus, und hat mit den Vertretern die Verwaltung des Vermoͤgens, ſogar das Recht (unter der Genehmigung der Regierung), Gemeindeſteuern fuͤr den kirchlichen Zweck auszuſchrei— ben und Grundſtuͤcke zu veraͤußern. Dieſer Körper tritt alſo in allen einigermaßen bedeutenden Gemein— den bald an die Stelle der Gemeinde, bald an die des Vorſtandes, und ſcheint die natuͤrlichen Rechte beider zu beeintraͤchtigen. Denn einestheils verkuͤm— mert dieſe Vertretung durch ihr Schatzungs- und Wahlrecht die eigenthuͤmlichſten Rechte der Gemeinde: andrerſeits verſchlingt ſie durch ihre uͤberwiegende Mehrheit (40 Mitglieder bei Gemeinden uͤber 2000 Seelen, 60 bei denen uͤber 5000) die verfaſſungs— maͤßige Bedeutung des Vorſtandes, der vermittelſt ihres Wahlrechtes ganz in ihren Haͤnden iſt. Wir zweifeln deßhalb, ob dieſe Form der Ausfuͤhrung eines Gedankens des Landrechts (welches ausdrücklich jenen Namen gebraucht) ſo vollkommen ſei, daß ſie als Muſter gelten koͤnne. Uebte die Gemeinde fort— dauernd ein Wahlrecht aus bei dem Vorſtande; ſo koͤnnte dieſem vielleicht uͤberlaſſen werden, die Ver—

175

treter (gleichſam den großen Rath der Gemeinde) ganz oder zur Haͤlfte zu waͤhlen. Oder es koͤnnte jenes Syſtem bei Gemeinden uͤber 200 Seelen etwa bleiben: der Vorſtand aber ein Recht der eigenen Abſtimmung haben, und zur Faſſung eines Be— ſchluſſes die Zuſtimmung beider Koͤrper erfordert werden. Koͤnnten ſie ſich nicht vereinigen, ſo wuͤrde die Gemeinde berufen. Eben ſo wuͤrden wir gern bei allen Wahlen jener Verfaſſung, ſtatt der feſtge— haltenen Einfoͤrmigkeit, Sitte und Brauch der ein— zelnen Gemeinden beibehalten oder hergeſtellt ſehen. “) Aber bei allen dieſen zweifelhaften Punkten, wie iſt es moͤglich zu verkennen, daß durch jene reformirte Ein— richtung eine Luͤcke der aͤlteren Kirche, und zwar der biſchoͤflichen ſowohl als der Conſiſtorialkirche ausge—

„) Auch hier begegnet unſern Wünſchen ein Antrag uud Beſchluß der rheiniſchen Synode von 1844 (Verhandlungen, S. 68): „Wo eigenthümliche Verhältniſſe einzelner Gemeinden oder Landestheile es nöthig! machen, können zur Ergänzung oder näheren Beſtimmung der K.⸗O. beſondere Statuten entworfen werden. Dieſe ſind zunächſt den Kreisſynoden und dann der Provnizialſynode zur Begutachtung vorzulegen. Gereichen fie nach deren Urtheil der K.⸗ O. nicht zur Verletzung, fo iſt die Genehmigung der kirchlichen Provinzialbehörde einzuholen.“

126

fuͤllt ſei? Alle Kirchen dieſer Art erkennen freilich an, daß es einen ſolchen Vorſtand geben ſolle, allein die engliſchen und deutſch-proteſtantiſchen Kirchenvor— ſteher haben eigentlich nur mit der Baulichkeit der Kirchengebaͤude und dem Rechnungsweſen etwas zu ſchaffen, und hoͤchſtens die Almoſen der Gemeinde beim Gottesdienſte einzuſammeln. Der ſchwediſche Kirchenrath hat die Aufſicht uͤber die Kirchenzucht hinſichtlich der Wahlen. Das Richtigſte hat vielleicht das Landrecht: naͤmlich Wahlrecht der Gemeinde, verbunden mit dem Rechte des Vorſtandes, einen Candidaten (oder mehrere) vorzuſchlagen. Die Ge— meinde ſelbſt aber ſteht in allen dieſen Kirchen ganz oder beinahe als eine unmuͤndige da, welche alles ſelbſtſtaͤndigen Rechtes los und ledig iſt. So erſcheint uns die apoſtoliſche Gemeinde nicht: und philoſophiſch wuͤßten wir dieſe Form auch nur als eine Art der Diktatur anzuſehen, alſo als Nothſtand. )

) Die von der Synode von 1845 beſchloſſenen Verbeſſerungen der hier- her gehörigen Gemeindeordnung ſind im Weſentlichen folgende:

1. (F. 8.) Die Mitglieder des Presbyteriums werden in den größeren Gemeinden, wie in den kleineren, auf vier Jahre

122

Auch das Recht der Gemeinde bei Patronat— pfarreien ſcheint uns, im Allgemeinen, am beſten

gewählt, und die Hälfte der Mitglieder geht alle zwei Jahre ab.

2. (F. 10.) Zur Wählbarkeit für das Presbyterium wird auch das Beitragen zu den kirchlichen Bedürfniſſen erfordert.

3. ($. 14.) Das Presbyterium bildet auch, in den verfaſſungs⸗ mäßigen Gränzen, den Vorſtand der Pfarrſchulen.

4. ($. 15.) Die Pflichten der Aelteſten in Beziehung auf Zucht nnd Ordnung (a. b.) werden näher beſtimmt als Aufſicht über Gottesdienſt und Ordnung (S. 119). Die beſchloſſene Faſſung iſt: „fie ſollen neben dem Prediger „Aufſicht führen, ſolche, welche durch Lehre und Wandel „oder Verachtung des Gottesdienſtes Anſtoß geben, freund⸗ „lich ermahnen und Anſtöße wegräumen.“

4. (5. 19 33.) Die Gemeindevertretung. Ihre An⸗ zahl ſoll nicht unter 12, nicht über 60 betragen, und für jede Gemeinde, nach Vernehmung des Presbyteriums, und auf Antrag der Kreisſynode, von der oberen Kirchen⸗ behörde für einen Zeitraum von 10 bis 40 Jahren feſtge— ſtellt werden.

Zur Wählbarkeit ſoll noch erfordert werden das Beitragen zu den kirchlichen Bedürfniſſen: ausgeſchloſſen find alſo die von Almofen lebenden Gemeindeglieder. Eben fo die unter Kirchenzucht ſtehenden. Außerdem müjfen die Wählbaren entweder abgegangene Presbyteren ſein, oder welche ihre Geeignetheit dazu nicht verloren haben: oder ein öffentliches Amt bekleiden: oder einem eigenen Ge⸗ ſchäfte vorſtehen oder eigene Haushaltung ſichern.

Die Vertreter verſammeln ſich nur auf Veranlaſſung und Beſchluß des Presbyteriums, und werden von dem

12

178

und freifinnigften von dem Landrechte aufgefaßt zu ſein. Der Patron (Landesherr oder Privatperſon) kann nur einen von der geiſtlichen Behoͤrde gepruͤften Candidaten des Predigtamts oder einen ſchon beſtell— ten Pfarrer vorſchlagen: die Form des Vorſchlages dreier Candidaten iſt bei Patronen roͤmiſch-katholiſchen Bekenntniſſes vorgeſchrieben: ſonſt beibehalten wo ſie braͤuchlich geweſen. Die Gemeinde hat das Recht, nach gehaltener Probepredigt Einſpruch zu thun; wenn ſie Gruͤnde gegen die Wuͤrdigkeit des Vorge— ſchlagenen vorbringen kann: eine Ablehnung durch zwei Drittel derſelben genuͤgt aber, um den Patron zu noͤthigen, einen andern vorzuſchlagen, außer wenn die obere geiſtliche Behoͤrde findet, daß der Wider—

Präſes deſſelben ſchriftlich, unter Angabe des Gegenſtan— des berufen.

Zur Beſchlußnahme genügt die Hälfte der Mitglieder: die Unterſchrift von Präſes und ſechs Mitgliedern genügt für die Gültigkeit des Beſchluſſes.

Es iſt unmöglich, in dieſen Vorſchlägen nicht die Stimme der Erfahrung und Weisheit zu ſehen. Unſere Hauptbedenken gegen die Gemeinde- Vertreter ſcheinen uns, namentlich durch die hierher gehörigen Beſchlüſſe, wo nicht beſeitigt, doch ſehr vermindert zu ſein.

179

fpruch der Gemeinde nur Folge von Aufhetzungen und Aufwiegelungen ſei. Denn das Landrecht ſetzt als Grundſatz feſt, es duͤrfe der Gemeinde kein Prediger aufgedraͤngt werden. Dieſer Grundſatz ſcheint auch als das natuͤrliche Recht der Gemeinde anerkannt werden zu muͤſſen. Daß die Gemeinde jedoch Gründe angebe für ihre Ablehnung, oder wenigſtens nicht Richter in ihrer eigenen Sache ſei, ſcheint uns eben ſo natuͤrlich. Es iſt gewiß fuͤr den Pfarrer ſelbſt wuͤnſchenswerth, daß ihr hierbei die groͤßte Weite und Freiheit gegeben werde. Viel— leicht ließe ſich auch, bei eingerichtetem Gemeindevor⸗ ſtande, nach dem Vorgange der rheiniſch-weſtphaͤliſchen Kirche ein engeres und weiteres Ablehnungsrecht feſt— ſetzen, je nachdem Gemeinde und Vorſtand einſtimmig waͤren in der Ablehnung oder nicht. In jedem Falle aber muͤſſen wir ganz Eichhorn beipflichten, wenn er die Meinung ausſpricht, daß Beſtimmungen, wie jene des Landrechts, ein todter Buchſtabe bleiben, fo lange nicht an das Ablehnungsrecht organiſche Formen und Thaͤtigkeiten geknuͤpft find, welche die Ausübung deſſelben beſtimmen, und ſeine Geltendmachung ſichern.

12 *

180

Damit ſtimmt auch die Erfahrung überein. Immer jedoch ſind wir dem Landrecht auch hier verpflichtet fuͤr die Aufſtellung des richtigen Grundſatzes. Er verſoͤhnt das Patronatsrecht mit dem unveraͤußerlt— chen Rechte der Gemeinde. Denn was den Werth des Wahlrechts an ſich betrifft, ſo halten wir alle unbedingten Ausſpruͤche zu Gunſten des einen wie des andern fuͤr ſehr thoͤricht. Beide beſtehen zu Recht, beide ſind geſchichtlich begruͤndet, und in jedem von beiden iſt ein ſchaͤtzbares Element chriſtlicher Freiheit enthalten. Es iſt uͤberhaupt ein Gluͤck in jeder Ver— faſſung, wenn dieſelbe dem Wuͤrdigen verſchiedene Wege darbietet gewaͤhlt zu werden. Die Geſchichte lehrt, und die Erfahrung zeigt, daß alle Wege ver— dorben werden koͤnnen, alle Thaͤtigkeiten gelaͤhmt, aber daß ſelten alle Formen ſich gleichmaͤßig verderben, und alles Leben zu gleicher Zeit abſtirbt. Solche Ver— ſchiedenheiten verhuͤten deshalb, kirchlich wie buͤrger— lich, bedenkliche Einſeitigkeiten, und geben der Ent— wickelung ein groͤßeres und freieres Spiel.

Jenen Grundſatz nun wirkſam zu machen, ſcheint es vor allem der Feſtſetzung einer organiſchen Form der

181

Zuſtimmung der Gemeinde bei Patronatspfarren zu beduͤrfen. Und hier draͤngt ſich als die natuͤrliche und geſchichtliche Form, die der Berufung (Vokation) auf. Sie ſteht der Gemeinde anerkannt zu, wo ſie den Prediger waͤhlt: allein warum ſollte ſich bei Patronats— pfarren, ſobald nur der Willkuͤhr oder Befangenheit der Gemeinde natuͤrliche Schranken geſetzt ſind, nicht eine Berufung Seitens der Gemeinde neben der des Patrons denken laſſen? Das Band zwiſchen Seel— ſorger und Gemeinde iſt ein ſo heiliges, daß wo ſich eine chriſtliche Gemeindethaͤtigkeit geſtaltet hat, dieſelbe hier einen Platz finden ſollte. Endlich wie jedes Recht Pflichten vorausſetzt, ſo muß auch das Patronatsrecht an entſprechende Pflichten gebunden ſein, und auf— hoͤren, wenn denſelben nicht Genuͤge geſchieht. Auch hierin ſind die Beſtimmungen des Landrechts muſter— haft. Es erfordert perſoͤnliche Ehrenfeſtigkeit, chriſtli— ches Bekenntniß und Beitrag zur Erhaltung oder Wiederaufbau der Kirche. )

») Die Erwerbung mindeſtens eines beſchränkten Wahlrechtes für diejenigen Gemeinden der chriſtlichen Kirche, deren Pfarren bis jetzt landesherrlich beſetzt find, iſt ein ganz beſonderer Gegen⸗

182

Außer dem Wahlrechte hat die Gemeinde gewiß Recht, daß ihr Rechnung abgelegt werde von der Verwaltung des Gemeinde-Vermoͤgens. Was man auch hinſichtlich der Vertretung überhaupt denke, ger wiß bedarf es deren hierbei nicht nothwendig. Der ganze Vorſtand mit dem Pfarrer kann die Rechnung des Kirchen- oder Seckelmeiſters, nachdem er ſie ge—

ſtand der Berathungen der Synode ſeit 1841 geweſen, und ins— beſondre wieder im verfloſſenen Jahre. In der Synode von 1841 ging der Vorſchlag dahin, daß in jenen Gemeinden eine rein kirchliche Behörde, entweder drei Candidaten zur Wahl vorſchlagen, oder aus drei von der Gemeinde vorgeſchlagenen, Einen ernennen ſollte. (Verhandlungen von 1844 S. 37) In der letzten Synode wurde zuerſt feſtgeſetzt (zu § 4.), daß wo der Staat bisher die Ernennung geübt, ohne die gemein- ſchaftlichen Laſten des Patrons zu tragen, vermuthet wer— den ſolle, er habe die Beſetzung landesherrlich vorgenommen. Für den ganzen Artikel über das Wahlrecht wurde endlich folgende Faſſung beliebt:

„Jede kirchliche Gemeinde hat das Recht, ihren Pfarrer zu „wählen. Bei Gemeinden, deren Pfarramt bisher landesherr— „lich beſetzt worden iſt, hat das Presbyterium drei Candidaten „vorzuſchlagen. Erklärt das Moderamen der Kreisſynode ſich „damit einverſtanden, ſo wird auf dem Grunde des Vorſchla⸗ „ges von der Gemeinde, oder dem ordnungsmäßigen Mahl- „collegium zur Wahl geſchritten. Findet zwiſchen Presbyterium „und Moderamen eine Wahl nicht ſtatt, fo hat die obere „Kirchenbehörde vor der Gemeindewahl über die Feſtſtellung „der Wahlliſte zu entſcheiden.“

183

prüft und vollzogen, durch den Druck veröffentlichen. Dieſe Art ſcheint, wenigſtens in unſerer Zeit, die natuͤrlichſte Form zu ſein, weil die einfachſte. Ver— aͤußerung des Vermoͤgens ſollte, auch wo eine Ver— tretung ſtatt findet, vielleicht nur von der vollen Gemeinde, auf Antrag des Vorſtandes, beſchloſſen werden koͤnnen: gewiß bei Verſchiedenheit der Anſicht des Vorſtandes und der Vertreter, wo es ſolche giebt. Beſchwerden muͤſſen natuͤrlich an die obere kirchliche Behoͤrde gehen, von welcher wir bald reden werden. | Von der Möglichkeit eine folche aufzuftellen und wirk— ſam zu machen, wird es abhangen, ob, wie gewiß zu wuͤnſchen, jede Beaufſichtigung der Gemeinde Seitens der ſtaatlichen Behoͤrde, und alles Hin- und Herſchreiben aufhoͤren koͤnne.

Die Wahl des Abgeordneten fuͤr die Kreisgemeinde fälle dem Vorſtande anheim. Der Pfarrer iſt ihr Mit glied perſoͤnlich: die uͤbrigen Aelteſten ſtehen ihm und ſeinem perſoͤnlichen Rechte als die andere Haͤlfte, die Eörperfchaftliche gegenüber. Die Zahl der Laien zu verdoppeln, waͤre unnatuͤrlich: auch hat der Inſtinkt alle Kirchen zur Anerkennung jener Zweiheit gefuͤhrt.

184

Ehe wir aber zu der höhern Gemeinde übergehen, muͤſſen wir das dritte Amt bei der Ortsgemeinde ins Auge faſſen: das der Helfer oder zu griechiſch Diakonen, nach apoſtoliſchem Vorgange und Sprachgebrauch.

Der erſte Gegenſtand dieſes Amtes iſt die Huͤlfe des Predigers: alſo entweder im Predigen allein, oder in der Seelſorge uͤberhaupt. Zu jenem be— rechtigt jetzt das Amt der Candidaten, nach uͤber— ſtandner erſter Prüfung, welche dem academiſchen Dreijahr folgt. Zu dem andern wird die zweite Pruͤfung erfordert, welche aber erſt nach einem bedeu— tenden Zwiſchenraum erfolgen kann. Hier haben einige unverſtandene Reſte des kanoniſchen Rechtes (alſo im Grund Begriffe deſſelben Rechtes welches man verwirft) der proteſtantiſchen Kirche gewiſſe Schwierigkeiten gebracht. Dieſe loͤſen ſich aber von ſelbſt, ſobald man jene Rechtsbegriffe der Geiſtlichkeits— kirche ganz und gar fahren laͤßt, und die urſpruͤngliche aus dem Geiſte der evangeliſchen Kirche und der Wirklichkeit neu herſtellt. Doch von der Einſetzung haben wir unten im Zuſammenhange zu reden. Es

185

leidet keinen Zweifel daß Huͤlfsprediger an vielen Gemeinden ein dringendes Beduͤrfniß ſind: es iſt eben ſo natuͤrlich, daß hierzu ſolche Candidaten gewaͤhlt werden, die von der Kirche ſchon zum Predigen be: faͤhigt erklaͤrt ſind. Sie alſo allein werden berufen werden koͤnnen, und als Predigt-Diakonen einzuſetzen ſein. Solche nun, wenn ſie ſich im Dienſte bewaͤhrt, und die zweite Pruͤfung beſtanden haben, werden wiederum berufen werden koͤnnen zu Huͤlfspfarrern (Pfarrvikaren), und als Pfarrdiakonen einzuſetzen ſein. Heißen moͤgen ſie wie ſie wollen. Wir reden hier und uͤberhaupt von Aemtern, nicht von Namen und Titeln, die uns gaͤnzlich gleichguͤltig ſind, wenn man fie zu Gegenſtaͤnden des Streits machen will. ) Dieſen Diakonen ſtehen zunaͤchſt die Helfer in der chriſtlichen Lehre und Erziehung. In der von Gott

) Die Anſtellung ordinirter Synodal-Candidaten iſt in der letzten rheiniſchen Synode wieder lebhaft angeregt worden. Die Synode von 1841 hatte die Anſtellung von 20 beantragt, zur Aushülfe für das Ganze: die Ordination ſolle von dem Moderamen der Kreisſynode erfolgen. Angeſtellte Hülfsprediger (wurde 1844 vorgeſchlagen) ſollten als volle Pfarrer anzuſehen ſein. (Vhdlg. S. 29.)

186

urſpruͤnglich gegebenen Gemeinde, der chriftlichen Fa: milie, find Vater und Mutter wie die göttlich ge: weihten Priefter für die Verkündigung des Wortes, und die natürlichen Aelteſten für Zucht und Ordnung, ſo auch die natuͤrlichen chriſtlichen Lehrer. In der Gemeinde mußten ſich dieſe Thaͤtigkeiten bald derge— ſtalt ſpalten, daß zwiſchen der haͤuslichen Unterwei— ſung zum Glauben und zur Gottſeligkeit, und der unmittelbaren Vorbereitung zum Einſegnen der Er— wachſenen ſich die Schule ſtellte. Auch hier hat der Geiſt die deutſch-evangeliſche Gemeinde kirchlich und ſtaatlich auf das Rechte geleitet. Jede Pfarrgemeinde hat bei uns ordnungsmaͤßig ihre Pfarrſchule, und der Schulmeiſter iſt zugleich der Vorſaͤnger in der Ge— meinde und gewoͤhnlich auch der Organiſt beim Got— tesdienſt, uͤberhaupt der Kuͤſter.

In Preußen nun ſind gegen ſiebenzehntauſend Volksſchullehrer bei evangeliſchen Gemeinden angeſtellt: faft ſaͤmmtlich Maͤnner, die, bis zum fünfzehnten Jahre etwa, in einer gelehrten Schule gebildet wor— den, und waͤhrend zwei bis drei Jahren, in einem der 24 evangeliſchen Schullehrerſeminare ſich theoretiſch

187

und praktiſch für ihr wichtiges Amt vorbereitet haben. Man ſpricht viel von den Entſagungen, Entbehrun— gen, Pruͤfungen, welchen die aͤrmeren Moͤnchsorden ſich unterziehen oder unterzogen. Wir laſſen den Werth derſelben dahin geſtellt. Wir wollen aber dreiſt behaupten, daß weder das Mittelalter noch die Gegenwart in der Wahrheit, groͤßere und zugleich nuͤtzlichere Aufopferung, ja Begeiſterung in dieſer Beziehung aufzuweiſen haben, als der bei weitem groͤßte Theil jener jungen Maͤnner freiwillig auf ſich nimmt und ertraͤgt. Meiſtentheils ohne alles Ver— moͤgen, kuͤmmerlich ihr Daſein friſtend, in einer Zeit, welche jedem, nur einigermaaßen gebildeten Manne ſo viel mehr Lockungen und Ausſichten darbietet als irgend eine vorhergegangene, weihen ſie ſich, freiwillig, ohne Geluͤbde, ohne andre Ausſicht als auf ein ſchwe— res Leben und ein, immer ſehr geringes, oft ganz kuͤmmerliches Gehalt (bisweilen nur 50 Thlr., ja an einigen Orten weniger als die Haͤlfte oder ein Vier— tel!) einem Geſchaͤfte, welches ohne höheren Blick und ohne Liebe, abſtumpfender iſt als irgend ein an— deres. Hier iſt die beruͤhmte Theorie eines geiſtreichen

188

engliſchen Domherrn von den „Preiſen in der Lotterie“ doch noch weniger anwendbar als bei unſern Geiſtlichen! Es iſt edle Wißbegierde bei allen, Liebe zur Pflege der Jugend des Volks und glaͤubige Hingebung bei vie— len, welche allein jenen Entſchluß und die beharrliche Ausfuͤhrung deſſelben bei Tauſenden und Zehntauſen— den zu erklaͤren vermag. Die mittlere Claſſe der Geſellſchaft wird durch jene Anſtalt noch enger mit der Kirche verbunden, als es hier und da durch Pfarrer geſchieht, die jenem Stande durch die Ge— burt zugehoͤren. Der chriſtliche Sinn des Handwerk— ſtandes wird dadurch ebenſowohl genaͤhrt, als die gei— ſtigen Beduͤrfniſſe in ihm befriedigt werden. Maͤnner, die in England Diſſenter und Diſſenterprediger wer— den, finden ihre Sphaͤre bei uns, in der Landeskirche, durch den Schulſtand. Die ganze Anſtalt der preu— ſiſchen Schullehrerſeminaren iſt, unſerer Anſicht nach, eine der wichtigſten in der ganzen Monarchie, ja eine der bedeutendſten Erſcheinungen der Zeit. Als ſolche haben ſie auch manche geiſtreiche und beruͤhmte fran— zoͤſiſche Gelehrte und Staatsmaͤnner anerkannt, gegen welche die Berichte einiger engliſcher Reiſenden ſehr

189

unvortheilhaft abſtechen, welche von Sprache, Litera— tur, Wiſſenſchaft, Geſchichte und Leben des Volkes im beſten Falle gar nichts wiſſen, gewoͤhnlich aber grade genug, um alles mißzuverſtehen, und mit ſtolzer Selbſtgenuͤgſamkeit zu verdammen. Daß jene Schul— lehrer bei einer anſtaͤndigeren Einnahme, als ſie noch an vielen Gemeinden haben, viel kraͤftiger und ſegens— reicher wirken wuͤrden, ſind wir die letzten laͤugnen zu wollen. Eben ſo iſt es fuͤr uns keinem Zweifel unterworfen, daß die Volksſchule noch mehr der Kirche und dem praktiſchen chriſtlichen Leben angeſchloſſen und dadurch der Schullehrerſtand wahrhaft gehoben werden ſollte. Nicht durch eitles Halbwiſſen, welches nur aufblaͤht, kann ihnen geholfen werden, ſondern durch tuͤchtiges Wiſſen ihres eigenen Berufes, welches demuͤthig macht. Aber daß die ganze Anlage großartig iſt und einem allgemeinen Beduͤrfniſſe entgegenkommt, und daß ſie ſchon jetzt ſegensreich wirkt, muß gewiß anerkannt werden. Die Anlage iſt da: großer Eifer und edle Geſinnung zeigt ſich bei den Leitern von ſehr vielen jener Seminare eben ſowohl als bei den Zoͤglingen. Nur in Deutſchland iſt das Amt eines

190

Volksſchullehrers ein Lebensberuf des Laien, ein ge— achteter, und ein weſentlich kirchlicher. Das aber iſt etwas Großes, ja bis jetzt Einziges. Die Anſtalt iſt da, und lebendig, alles uͤbrige laͤßt ſich beſſern. Die Sache iſt ſchwierig: eben weil ſie groß iſt. Die aͤltere, weſtliche Kirche hat dieſen nichts, die neuere etwa nur die „Bruͤder der Chriſtenlehre“ (die ſoge— nannten Ignorantinen oder Ignorantellen) entgegen zu ſtellen: die engliſche nur mißlungene Verſuche, neue Geruͤſte und einige hoͤchſt achtungswerthe, junge und beſchraͤnkte Anfaͤnge. Nirgends außer dem evan— geliſchen Deutſchland und den Fatholifchen Landes: kirchen, welche ihrem Beiſpiele gefolgt ſind (denn des edlen Fuͤrſten Egon von Fuͤrſtenberg Bemuͤhungen am Ende des vorigen Jahrhunderts ſtehen einzeln da), nirgends ſonſt, ſagen wir, iſt der Schullehrerſtand ein Beruf und ein volksthuͤmlicher: nirgends ſtellt ſich die Idee der Volksbildung und Volkserziehung ſo kraͤftig dar, als ein großer durchgefuͤhrter Na— tionalgedanke, welcher einen weſentlichen Zug des Staats- und Volkslebens bildet. Dieſer Zweig der gemeindlichen Huͤlfe waͤre alſo doch wohl ein nicht

191

veraͤchtliches Element der Diakonie in der Gegenwart fuͤr die Lehre: und es werde nie vergeſſen, daß er der Kirche erwachſen iſt unter der Diktatur des Staates, und das in ſchweren und bedraͤngten Zeiten der Regierung wie des Volkes. Aber eben ſo wenig fehlt es der evangeliſchen Kirche Deutſchlands an weſenhaften Elementen fuͤr die Diakonie auf dem Gebiete der Armen-, Kranken-, Kinder- und Gefangenen-Pflege, welche den Aelteſten mit dem Geiſtlichen der Ortsgemeinde obliegt. Die rhei— niſch⸗ weſtphaͤliſche Kirche, und faſt alle andern refor— mirten Kirchen außer ihr, auch manche proteſtantiſche, haben Armenpflege. Wir koͤnnen es nun zwar nicht organiſch und naturgemaͤß finden, daß der dem Vor— ſtande verantwortliche Rechnungsfuͤhrer (Kirchenmei— ſter) und Armenpfleger (Diakonus) in den Vorſtand ſelbſt aufgenommen ſeien. Vielmehr ſehen wir in dieſem den Diakonus, wie er ja auch dort heißt, den Armenpfleger, welcher unter Leitung des Vorſtandes ſeinem Amte obliegt, und (wie es dort auch vor— geſchrieben) den Aelteſten Rechenſchaft ablegt. Aber die Sache iſt da, wenn gleich unter anderm Namen.

192

Ueberhaupt haben die reformirten Gemeinden hierin unbeſtreitbar den Vorzug vor den proteſtantiſchen: und unausſprechlich iſt das Gute, welches ſie damit ge— ſtiftet. Und damit ſei eine Schuld der nationalen Dankbarkeit abgetragen, namentlich auch an die Reſte fo vieles edlen franzoͤſiſchen Blutes, welche, dem Tode und der Galeere entronnen, in Berlin und aͤnder— waͤrts bei uns eine Zuflucht ſuchten und fanden. Niemand aber, wer er auch ſei, wird in unſerer Zeit laͤugnen, daß die Armen, Kranken und Gefangenen ein ganz beſonderer Gegenſtand der gemeindlichen Pflege ſeien, und vieler Huͤlfe beduͤrfen. Der Staat und die ſtaatlichen Gemeinden haben es faſt allent— halben, und zwar zuerſt in England, dann in andern evangeliſchen Landen, als Recht der Huͤlfsbeduͤrftigen anerkannt, von den Gemeinden eines chriſtlichen Staates Unterſtuͤtzung zu erhalten. Der evangeliſche Staat hat dieß allmaͤhlig zum allgemeinen Bewußt— ſein gebracht. Aber um ſo klarer iſt dadurch gewor— den, wie unzureichend die Huͤlfe iſt, welche der Staat und ſtaatliche Gemeinden den Armen und Kranken leiſten koͤnnen, ſelbſt nur um ihr aͤußeres Elend zu

193

lindern. Wie viel Gräuel und Jammer endlich hinter den Riegeln der Staatsgefaͤngniſſe verborgen war, das hat den Staat und die Menſchheit, zuerſt und mit Erfolg, nicht eine Landeskirche gelehrt, ſon— dern die Geſellſchaft der Freunde. Aber je eifriger der Staat verſucht, mehr zu thun als ſeine Armen vor dem Hungertode zu bewahren, ſeinen Kranken Schlafſtaͤtte und Arzenei zu gewaͤhren, und ſeine Gefangene vor dem Entlaufen zu bewahren und zweckmaͤßig zu beſchaͤftigen, deſto offenbarer wird ſeine Ohnmacht. Er kann nicht Liebe befehlen, er kann nicht troͤſten, er kann auch nicht einmal wirklich beſſern. Hier nun tritt die chriſtliche Gemeinde in das eigentliche Feld ihres allgemeinen Prieſterthums, ihres ſelbſtſtaͤndigen ſittlichen Handelns ein. Ihr Vorſtand muß auch hier als Leiter und Verwalter daſtehen. Aber es ſind Maͤnner und Frauen, Juͤng— linge und Jungfrauen noͤthig zur Huͤlfe, und zwar in doppelter Weiſe. Einige um das Amt der Pflege bei den verwahrloſten Kindern, am Bette des Kran— ken und Sterbenden, in der Huͤtte des Armen, in

der Herberge der Bettler, in der Zelle der Gefange— 13

194

nen, mit Aufgeben aller andern Beſchaͤftigungen zu uͤben; andere um in freien Vereinen Beſuchender, Troͤſtender, Helfender, die Botſchaft der ewigen Liebe an die troſtbeduͤrftigſten Herzen zu tragen. Dieſe beide Arten der Huͤlfe ergaͤnzen ſich, wie ich ander— waͤrts naher nachgewieſen ): und geſchichtlich hat dieſe groͤßte und ſegensreichſte Lebensregung der Kirche des Evangeliums in der zweiten Form begonnen. Aber ſie iſt unter uns nicht dabei ſtehen geblieben. Was Falk in Weimar gethan, was Kopf in Berlin und das edle Grafenpaar der v. d. Recke in Duͤſſelthal, und endlich Wichern in Hamburg noch thun fuͤr die verwahrloſten Kinder und jungen Verbrecher: was Zeller in Beug— gen bei Baſel gegruͤndet fuͤr Volksſchullehrer der aͤrmſten und verwahrloſeſten Klaſſe: was Fliedner in Kaiſerswerth bei Duͤſſeldorf geſtiftet durch die ge— ſegnete Anſtalt von Pflegerinnen, als fuͤr kirchliche

*) In dem Büchlein: „Eliſabeth Fry an die deutſchen Frauen und Jungfrauen.“ Als Handſchrift gedruckt in Bern 1840: in Hamburg veröffentlicht durch die Druckerei des Rauhen Hauſes 1842. Ein weiſer Rezenſent in dem „Repertorium“ hat davon ſo viel verſtanden, daß er neulich herausgebracht, ich habe es „überſetzt aus dem Engliſchen.“

195

„Diakoniſſen“: was endlich Wichern in Hamburg durch die freie Huͤlfe chriſtlicher Handwerker fort— dauernd ſchafft fuͤr die Erziehung und Beſſerung der Verwahrloſten, der Verbrecher, der Gefangenen und faſt in allen Gebieten der chriſtlichen Huͤlfe das weiß, oder wenigſtens ſollte jeder wiſſen, der an dieſen Sachen Theil nimmt, und auch nur uͤber ſeine eigene Landeskirche ein andres als uͤbereinkoͤmmliches und taͤuſchendes Urtheil gewinnen will. Die Sachen ſind gethan in Stille und Demuth: aber nicht heim— lich, nicht im Winkel: ſondern am hellen Lichte der Oeffentlichkeit. Ferner aber muͤſſen ſie, ſelbſt im ſtrengſten Sinne, kirchliche Beſtrebungen und Thaten heißen. Allerdings ſind die Haͤlfte jener Apoſtel der Liebe Laien, alle aber ſind erklaͤrte und bewaͤhrte evangeliſche Chriſten der Landeskirche. Wir duͤrfen alſo ſagen: was dieſe evangeliſche Landeskirche hierin angeſtrebt, das ſind ſchon jetzt nicht Gedanken, ſon— dern Thaten: auch nicht mehr Thaten Einzelner, welche mit ihnen ſterben und untergehen koͤnnten. Es ſind, daß wir das Wort, das ernſte, hier ſchon aus—

ſprechen, die werdenden Geſtaltungen des Amtes der 18 *

196

Huͤlfe in der Kirche der Zukunft. Sie beginnen bereits auch außerhalb Deutſchland ins allgemeine Bewußtſein der evangeliſchen Kirche zu treten, und werden allenthalben vom Glauben und von der Liebe der Gemeinden getragen. Es bedarf nur, daß dieſes reiche Leben, im Mittelpunkte ordnender und bewuß— ter Thaͤtigkeit vereinigt werde, damit es das ganze Gebaͤude der evangeliſchen Kirche Deutſchlands kraͤftig und geſtaltend durchſtroͤme, und ſo alle vereinzelten Beſtrebungen zu bleibenden Stiftungen glaͤubiger Liebe aufwachſen. Aber ſchon jetzt iſt genug da, um uns zu berechtigen, von dieſem großen Zweige der Dia— konie in der Kirche zu reden, ohne aus der Wirk— lichkeit herauszutreten. Die Kirche hat ſich nur in ihrer Knechtsgeſtalt, in dem polizeilichen Kleide zu erkennen, das viele ihrer Diener tragen: ſie hat ſich nur von der Vereinzelung und Bewußtloſigkeit zu erholen, worin manches Element ihres Lebens noch daſteht, um ſich bewußt zu werden, was der Geiſt in ihr geſchafft, und was er in ihr fuͤr die große Zukunft will. Nicht alte Formen, nicht fremde Weihen, nicht ausgelebte Titel: aber eben ſo wenig

197

todtes und kraftloſes Schulgeſchwaͤtz, ſondern ſittliche Kraft und Thaͤtigkeit, volksthuͤmliches Leben aus dem eigenſten Herzen, urſpruͤngliches und ewig junges und neu belebendes.

Das iſt die Ortsgemeinde nach den Ele— menten der Gegenwart: die ſichtbare Grundlage, die unterſte Einheit der Kirche und die Bedingung alles Lebens der Kirche. Es liegt unſerer Darſtellung das Princip der Selbſtregierung (Autonomie) zu Grunde. Mit dieſer iſt aber noch keine Kirchenregierung gegeben, ſo wenig als mit einer buͤrgerlichen Ge— meinde-Ordnung eine politiſche Regierung und Gewalt. Wenn wir uns alle Ortsgemeinden in jener Weiſe dargeſtellt denken, ſo haben wir eben nur ſo viele einzelne Gemeinden. Wir haben noch keine Behoͤrde zur Schlichtung innerer Mißverſtaͤndniſſe zwiſchen Pfarrer, Vorſtand, Gemeinde, Patron. Soll die Gemeinde etwa ihre Pfarrer ſelbſt einſetzen, die kirch— lich⸗ ehelichen Angelegenheiten, die in ihr vorkommen ſelbſt ſchlichten und richten? Mit einem Worte: man kann mit dem Begriffe von Ortsgemeinden nie zur Kirche gelangen. Man muß vorher anerkennen, daß

198

die Ortsgemeinde nur durch die Kirche eine Gemeinde ift, eben ſo gut als eine freie Kirche nur auf freien Gemeinden ruhen kann. Es gilt auch hier das all— gemeine Geſetz der Wahrheit in Gegenſaͤtzen. Das durch Gemeinde und Kirche, die Lebenskraft von unten und von oben, gebildete, wirkliche Ganze bedarf nun der Regierung: und wir koͤnnen alſo das eigentliche Amt der Kirchenregierung nur finden indem wir in die weitern Kreiſe des kirchlichen Lebens eingehen.

WE. Die Verfaſſungs- Elemente der höheren Gemeinde in Preußen.

Der hoͤhern Sphaͤren des kirchlichen Lebens ſind in Preußen im Allgemeinen vier. Zunaͤchſt die 333 Kreiſe, mit 386 Superintenden— ten. Von ihrer Stellung werden wir ſogleich mehr ſagen. Dann folgen die 25 Regierungs— bezirke, mit einer Abtheilung der Regierung d. h. der Behoͤrde, welche in der Hauptſtadt eines

299

jeden dieſer Bezirke fist, und mit der Beſetzung der Pfarrſtellen, Verwaltung des Kirchenvermoͤgens und der polizeilichen Beaufſichtigung der Gemeinden be— auftragt iſt. Hierauf die acht landſchaftlichen Behoͤr— den, oder Provinzial-Conſiſtorien, mit dem Ober⸗Praͤſidenten der Provinz, als ihrem verfaſſungs— maͤßigen Praͤſidenten, an der Spitze: zur allgemeinen Aufſicht und insbeſondere zur Pruͤfung der Candida— ten. Endlich in Berlin, das Directorium der geiſtlichen Angelegenheiten unter einem Mini— ſter. Die Kreisſynoden der rheiniſch-weſtphaͤ— liſchen Kirche fallen zuſammen mit den Superinten— denturen, alſo im Ganzen mit den landraͤthlichen Kreiſen, oder der erſten Kirchenſphaͤre: die beiden Provinzial-Synoden mit dem Umfange der bei— den Provinzen Rheinland und Weſtphalen, alſo mit der dritten Sphaͤre. Die Sphaͤre der Regierungs— Bezirke iſt nur eine ſtaatliche. Hier nun zeigt ſich fogleich dem praktiſchen Auge eine auffallende Erſchei— nung. Provinz und Regierungsbezirk ſind offenbar zu groß um als Mittelpunkt einer ſelbſtſtaͤndigen auf thaͤtiger Theilnahme der Gemeinden ruhenden Kirchen—

200

regierung angenommen zu werden. Ein Regierungs— bezirk in Sachſen umfaßt uͤber 30 kirchliche Kreiſe, und enthaͤlt gegen 400 Pfarreien. Mit richtigem Takte hat alſo die rheiniſch-weſtphaͤliſche Kirche, den gegebenen Knotenpunkt zwiſchen Ortsgemeinde und Regierungsbezirk feſtgehalten durch ihre Kreisgemeinde und Kreisſynode und ihre Superintendenten. Von allen gegebenen Sphaͤren iſt dieſe Mittelſphaͤre zwi— ſchen Pfarrei und Bezirk offenbar die einzige, in welcher eine ſelbſtſtaͤndige Kirchengemeinſchaft, eine Kirche im aͤlteſten Sinne, gebildet werden kann. Die erſte Frage wird nun ſein: iſt es der rheiniſch-weſt— phaͤliſchen Presbyterialkirche gelungen, eine ſelbſtſtaͤn— dige Kirchenverwaltung in ihrem Kreiſe einzurichten?

Die Thaͤtigkeiten der Kreisſynoden koͤnnen ihrer Natur nach nur vorberathende ſein. Die Verwaltung dagegen ſollte man in jener Verfaſſung erwarten in den Haͤnden des Superintendenten zu treffen, welcher mit Stellvertreter und Schreiber, das fogenannte Directorium der Kreisſynode bildet. Allein es findet ſich in der Wirklichkeit, daß der Superintendent der Presbyterialkirche ſo wenig eine ſelbſtſtaͤndige Stellung

201

hat, als der Superintendent der reinen Conſiſtorial— Kirche. Woher kommt dieſer Mangel und Widerſpruch? Weſſen Schuld iſt er? Des Staates, oder des Pres— byterianismus oder der Umſtaͤnde? Und wie laͤßt ſich dem Mißſtande abhelfen? Um dieſe wichtigen Fra— gen gruͤndlich beantworten zu koͤnnen, muͤſſen wir etwas naͤher in das Einzelne der bisherigen Verfaſ— ſung eingehen, ſowohl in dieſer Sphaͤre als in der hoͤheren. Wir beginnen mit dem Presbyterial-Syſtem der Kreisgemeinde. Dieſes Syſtem hat alſo im Kreiſe zwei Triebraͤder neben einander geſtellt: eine berathende und waͤhlende Kreisſynode und einen aus— fuͤhrenden und verwaͤltenden Superintendenten. Dieſer nun wird mit einem Stellvertreter (Aſſeſſor) und Schreiber (Scriba), die beide Geiſtliche ſind, von der Synode, mit Recht der Wiedererwaͤhlung, auf 6 Jahre gewaͤhlt. Außerdem waͤhlt die Synode alle drei Jahre einen der Pfarrer, und einen der Aelteſten des Kreiſes, fuͤr die Provinzial-Synode. Endlich beräth fie über die an die Provinzial: Synode zu ſtellenden Anträge. Zur Ausübung diefer und ihrer anderen Rechte und Pflichten verfammelt fie fih, auf

202

Berufung des Superintendenten, regelmaͤßig einmal des Jahres. Welches aber ſind ihre Befugniſſe in der eigentlichen Verwaltung? Die Kirchenordnung von 1835 fuͤhrt folgende Rechte auf:

1) Aufſicht uͤber alle kirchliche Beamten der Ortsgemeinde, und die Candidaten des Kreiſes. Ge— rade dieſe Aufſicht wird auch dem Superintendenten zugetheilt: in die Oberaufſicht aber theilen ſich die zweite Abtheilung der Regierung, zu welcher der Kreis gehoͤrt, und das Conſiſtorium der Provinz, beide unter dem Miniſterium in Berlin.

2) Handhabung der Kirchenzucht innerhalb der geſetzlichen Schranken. Dieß iſt bis jetzt praktiſch eine ganz ſchlummernde Thaͤtigkeit: auch ſieht man nicht, wie der Kreisſynode zwiſchen dem Kirchenzucht— Recht der Gemeinde und dem richterlichen Rechte der Provinzial-Synode irgend eine bedeutende Wirkſam— keit gegeben werden koͤnnte. Selbſt in der Form einer Berufung vor der Entſcheidung des Directo— riums iſt eine ſolche ſchwer zu denken. Die Kreis— ſynode hat weder richterliche Gewalt, noch richterliche Elemente in ſich.

203

3) Aufficht über die Verwaltung des Gemeinde; Vermögens. Aber die Königliche Regierungs-Behoͤrde hat daneben und darüber die Oberaufſicht, und na: mentlich die Prüfung und Beſtaͤtigung der Vor: ſchlaͤge, eben wie die Abnahme und Vollziehung der Rechnungen. Was bleibt bei dieſem Geſchaͤfts gange fuͤr eine jaͤhrlich ſich vereinigende Synode uͤbrig?

4) Verwaltung des Stocks fuͤr die Prediger— Wittwen, und der eigenen Synodal-Kaſſe. Es kann auch hierbei offenbar nur von Nachſehen der Rech— nungen die Rede ſein, und bei dem erſteren Gegen— ſtande nicht ohne Mitwirkung der Regierung.

5) „Leitung der Wahlangelegenheiten der Pfar— „rer des Kreiſes, ſo wie Ordination und Einfuͤhrung.“ Gerade dieſe Thaͤtigkeiten ſind aber (nach $. 59) ganz ausdruͤcklich dem Directorium, und alſo dem Super— intendenten aufgetragen, wie es auch praktiſch allein denkbar iſt. Die Theilnahme der Synode aber an der Ordination beſchraͤnkt ſich (nach §. 62) darauf, daß der Superintendent alle Pfarrer des Kreiſes (alſo die eine Haͤlfe der Synode) einladet, und daß

204

diejenigen, welche erfcheinen, an der feierlichen Hand: lung Theil nehm:n.

In der Wirklichkeit alſo iſt es ſo, wie es der Natur der Sache nach allein ſein kann: die Synode iſt gar keine verwaltende Behoͤrde, und was ſie in der Kirchenordnung ſcheinbar dazu macht, iſt nicht viel mehr als ein todter Buchſtabe. *)

Aber die Befugniſſe des Superintendenten werden doch, nach dem Buchſtaben jener Verfaſſung wenigſtens, bedeutender ſein? Hoͤren wir die Kirchenordnung von

) In den Beſchlüſſen der letzten rheiniſchen Synode werden die Thätigkeiten der Kreisſynode ($ 37.) folgendermaßen zuſam⸗ mengeſtellt: fie beräth die Anträge an die Provinziulfynode: erklärt ſich gutachtlich über die Proponenda: empfängt Bericht über den Zuſtand des ganzen Kreiſes, und beſpricht etwa erforderliche Maßregeln und Ausgleichungen: empfängt Bericht über die Viſitation, insbeſondere über die Verwaltung des Kirchen- und Armenvermögens und das Pfarrſchulweſen: wählt das Directorium, auch Commiſſionen: beräth über alle Angelegenheiten, die zum innern Bau und Gedeihen der Gemeinde dienen: ſucht im Allgemeinen das Band der Ein— tracht zu befeſtigen, das chriſtliche, kirchliche Leben anzuregen, und die Hinderniſſe eines heilſamen Gebrauches der Sakra— mente zu beſeitigen.

Es ſcheint uns, daß dieſe gedrängte Zuſammenſtellung unſer Urtheil nur beſtärkt. Das Mißverhältniß zwiſchen Aufgabe und Macht wird noch anſchaulicher.

205

1835. Es ſoll ihm nach derfelben, außer dem Rechte der Berufung der Synode und des Vorſitzes, die Ausfuͤhrung der Beſchluͤſſe der Kreisſynode zuſtehen. Allein erſtlich ſind die Beſchluͤſſe nicht ſehr bedeutend, und dann kann er nichts thun, ohne Befragung und Entſcheidung der Regierungsbehoͤrden. Er hat nämlich die Beſchluͤſſe durch den General- Superin— tendenten (von dem bald nachher die Rede ſein wird), an das Koͤnigliche Conſiſtorium einzuſenden. So heißt es auch dort, er habe die Aufficht über die Ausfuͤhrung der Kirchenordnung. Die Frage iſt aber: welche ſelbſtſtaͤndige Thaͤtigkeit ihm dafuͤr vergoͤnnt oder aufgelegt iſt? Hierbei nun finden wir zuerſt, daß er eine ſchiedsrichterliche Gewalt hat, um Miß— helligkeiten und Streitigkeiten, die in einer Ortsge— meinde zwiſchen Pfarrer und Gemeinde, Vorſtand, Candidaten oder Schulmeiſter und Kirchendiener aus— gebrochen ſind, zu ſchlichten und beizulegen, allein oder mit Zuziehung richterlicher Perſonen. Dies iſt alſo nur das Recht einer Vermittlung oder eines Suͤhneverſuchs. Die Gewalt iſt bei der Regierung des Bezirks oder dem Conſiſtorium der Provinz, oder

206

den Gerichten. Zweitens aber beſucht und beſichtigt er alle zwei Jahre regelmaͤßig alle Pfarren ſeines Kreiſes: die Durchſchnittszahl der Pfarren fuͤr einen Kreis iſt in der Monarchie ſiebzehn. Ueber das Er— gebniß ſtattet er der Kreisſynode einen Bericht ab. Allein dieſe hat, wie wir geſehen, hierbei nichts zu verfuͤgen, und die Provinzialſynode auch nicht. Wohl aber das Conſiſtorium. Er reicht zwar dieſem nicht unmittelbar den Bericht ein, ſondern der Regierung: dieſe aber ſendet ihn dem Conſiſtorium ein, welches ihn prüft, und in Folge der Prüfung, nach Veranlaſſung, auch eine außerordentliche Viſitation verfuͤgt, bei welcher alsdann derſelbe Geſchaͤftsgang ſich wieder— holt. Bei Erledigung einer Pfarre, ordnet der Superintendent den jeweiligen geiſtlichen Dienſt an derſelben, trifft die Vorbereitungen zur Wahl (wobei er Candidaten empfehlen kann), und leitet die Wahl ſelbſt mit dem Stellvertreter und Schreiber. Die Ordination nimmt er mit den anweſenden Kreis— pfarrern vor. Alle Geſuche der Ortsgemeinde oder des Pfarrers an die Regierungsbehoͤrde der Provinz, und alle kirchlichen Verfuͤgungen dieſer Behoͤrde an

207

diefelben, gehen durch den Superintendenten. Eben ſo auch die Verfuͤgungen uͤber die Pfarrſchulen.

Dagegen betrachte man die Befugniſſe der koͤnig— lichen Behoͤrde der Provinz. Zuerſt hat die hierher gehoͤrige (zweite) Abtheilung der Regierung des Bezirks deren jede in der Monarchie durchſchnitt— lich vierzehn Kreiſe umfaßt im Allgemeinen die Aufſicht uͤber Alles „Aeußerliche“ der kirchlichen Ver— haͤltniſſe: dann, außer der landesherrlichen Beſtaͤti— gung aller uͤbrigen, die Beſetzung der koͤniglichen Patronatspfarren, Zuſammenziehung und Vertheilung der Pfarreien, mit Einwilligung der Patronen und Ortsgemeinden. Die Superintendenten find ihr um: tergeordnet und haben ihre Viſitationsberichte ihnen einzureichen, zur Pruͤfung und Einſendung an das Provinzialconſiſtorium. Die Regierung kann gegen dieſelben Strafverfuͤgungen erlaſſen und zur Ausfüh: rung bringen.

Die Verhaͤltniſſe dieſer Behoͤrde nach oben ſind folgende: Sie berichtet an das geiſtliche Miniſterium immer durch den Oberpraͤſidenten der Provinz, in eini— gen Faͤllen aber durch Einſendung jener Berichte an das

208

Provinzial: Confiftorium. Die kirchlichen De fugniſſe dieſer Eöniglichen Behörde nun find folgende.

1. Allgemeine Aufſicht über die Synoden; über die geiſtlichen Seminare, und über Amtsfuͤhrung und Lebenswandel der Geiſtlichen. Fuͤr den letzten Punkt haben die Regierungen eine gleichlaufende Befugniß.

2. Aufſicht über den Gottesdienſt im Allgemei— nen: „beſonders in dogmatiſcher und liturgiſcher Be— „ziehung, zur Aufrechthaltung deſſelben in ſeiner „Reinheit und Wuͤrde.“ Hierzu gehoͤrt auch Anord— nung von Feſttagen, und der Buß- und Bettage mit Vorſchrift der Predigttexte.

3. Pruͤfung, und nach Befinden, Berichtigung oder Beſtaͤtigung der Synodalbeſchluͤſſe: auch Bericht— erſtattung uͤber dieſe Beſchluͤſſe, ſo fern ſie erforder— lich iſt. N

4. Weitere Pruͤfung der von den Regierungen bereits geprüften und eingeſandten Viſitationsberichte der Superintendenten. Die Regierungsmitglieder ſollen uͤberhaupt, wie es von dieſer Abtheilung der Regierungen in der Verordnung heißt, „dafuͤr ſor— „gen, daß der geiſtliche Unterricht und der Gottes—

209

„dienſt, ſowohl feinem Innern als feinem Aeußern „nach, den Vorſchriften gemaͤß, gehoͤrig beachtet „werde.“ Sie koͤnnen Vorſchlaͤge machen zur Ver— beſſerung beider, im Belange der Religioſitaͤt, Sitt— lichkeit und Duldung. Obwohl Aufſeher, ſollen ſie ſich doch zugleich als Genoſſen und Vertraute des geiſtlichen Standes anſehen, und ſein Anſehen zu erhalten ſuchen.

5. Pruͤfung der Candidaten, fuͤr Predigen und fuͤr Amt. Die erſtere iſt jedoch jetzt einer Univerſitaͤts— commiſſion aus der theologiſchen Fakultaͤt aufgetragen.

6. Eine richterliche Gewalt uͤber die Geiſtlichen. Alſo zuvoͤrderſt „Einleitung des Strafverfahrens gegen „diejenigen Beamten des oͤffentlichen Gottesdienſtes, „welche bei Fuͤhrung ihres Amtes gegen die liturgi— „Ihen und rein kirchlichen Anordnungen verſtoßen.“ Außerdem, Dienſtenthebung der Geiſtlichen und An— trag auf Amtsentſetzung in Folge von Amtsvergehen.

7. Einfuͤhrung der Superintendenten. In den uͤbrigen Provinzen haben die Conſiſtorien außerdem noch den Vorſchlag zur Beſetzung der Superinten—

denten-Stellen. 14

210

Dieſe Beſetzung ſelbſt, und uͤberhaupt die ganze obere Leitung ſteht verfaſſungsmaͤßig dem Miniſte— rium der geiſtlichen Angelegenheiten zu. Von die— ſem muß das Conſiſtorium uͤber alles Weiſungen ein— holen, was uͤber Anwendung ſchon feſtgeſtellter Grund— ſaͤtze hinausgeht, und irgendwie von dem Beſtehen— den abweicht. Die 25 Regierungen ſelbſt aber be— richten, wie ſchon bemerkt, über alles durch Vermitt— lung des Oberpraͤſidenten, zuweilen auch durch die des Conſiſtoriums, an das Miniſterium.

In dieſes, gewiß ſchon ſehr kuͤnſtliche allgemeine Raͤderwerk, wie es durch die Verordnungen von 1817 und 1825 feſtſteht, wurden, durch eine Verordnung im Jahre 1829, die Generalſuperintendenten eingeſchoben „zur Foͤrderung des innigeren Zuſammen— hanges der evangeliſchen Kirche,“ mit einem perſoͤn— lichen Beaufſichtigungsrechte. Sie haben, mit dem Range von Direktoren Sitz und Stimme in den Regierungen, „mit Erlaubniß des Miniſteriums“, und in dem Conſiſtorium der Provinz „als Organſe der geiſtlichen Obern“, und ſie nehmen, in beiden, nach dem Oberpraͤſidenten die erſte Stelle ein. Fuͤr

211

die beiden Kirchen von Rheinland und Weſtphalen iſt Ein Generalſuperintendent angeſtellt, auch er mit dem Titel Biſchof. Er hat, nach dem inhaltſchweren Schluß- Artikel der Verfaſſung jener Kirche, die Ber aufſichtigung der in dieſer Kirche enthaltenen Super: intendenturen oder Sprengel, „nach den ihm vom „Miniſter der geiſtlichen Angelegenheiten ertheilten „Inſtruktionen. Er wohnt den Verſammlungen der „Provinzialſynode bei, um die Rechte des Staats „wahr zu nehmen und kann an die Synode Anträge „machen.“

Jeder der hierher gehoͤrigen Abtheilungen einer Regierung ſteht ein weltlicher Rath als Direktor vor, unter der allgemeinen Leitung des Prafidenten: außer: dem werden, fuͤr kirchliche und Schulangelegenheiten zuſammen, durchſchnittlich, außer Aſſeſſoren, Kanzel— liſten und Schreibern, etwa zwei Raͤthe beſchaͤftigt, die in den meiſten Faͤllen beide Weltliche ſind. Im Conſiſtorium hat der Oberpraͤſident der Provinz den Vorſitz, unter ihm der Generalſuperintendent. Von den vier oder fuͤnf Conſiſtorialraͤthen, welche durch—

ſchnittlich, unter jener Leitung, die Kirchen- und 14*

212

Schulangelegenheiten, beſorgen, ſind die meiſten Geiſt— liche, oder theologiſche Profeſſoren: dieſe nehmen jedoch nicht ſo regelmaͤßig Theil an den laufenden Geſchaͤften als die weltlichen Raͤthe. Man kann alſo etwa ſagen, daß die ſogenannten biſchoͤflichen Rechte, außer dem Miniſter der geiſtlichen Angele— genheiten und feinen Raͤthen für dieſe Abtheilung, und außer den acht Oberpraͤſidenten der Provinzen, insbeſondere ausgeuͤbt werden durch die ſieben Gene— ralſuperintendenten, und etwa ſechzehn, groͤßtentheils geiſtliche, Raͤthe der acht Conſiſtorien: endlich daß ſie in den 26 Bezirksregierungen, unter der oberen Leitung der Praͤſidenten, etwa dreißig, großentheils weltliche Raͤthe beſchaͤftigen. Somit erfordert die Verwaltung der eigentlichen Kirchenangelegenheiten, abgeſehen von der Wahrung der allgemeinen landes— herrlichen Hoheitsrechte in Beziehung auf die Kirche, uͤber 50 hoͤhere Beamte: die Aſſeſſoren und Kanze— liſten ungerechnet. Von dieſen fuͤnfzig ſind mehr als die Haͤlfte Weltliche. Dieſe koͤniglichen Raͤthe nun verwalten eigentlich die 340 Kreisgemeinden, und die 340 Superintendenten ſind ihre (unentgeldlichen)

Ar

213

Organe. Insbeſondere haben auch in Rheinland und Weſtphalen, die beiden Conſiſtorien mit ihren acht Regierungen die obere kirchliche Verwaltung, und die unmittelbare Regierung uͤber die 41 Kreiſe oder Superintendenturen der rheiniſch-weſtphaͤliſchen Presbyterialkirche.

Geht man nun bei dieſer Kirche von dem Sy— ſteme des reinen Presbyterianismus aus, welches jener Kirchenordnung zum Grunde uͤberwiegend liegt; ſo iſt

nicht zu laͤugnen, daß die koͤnigliche Verwaltung durch

Regierungen und Conſiſtorien mit den perſoͤnlichen Befugniſſen der Generalſuperintendenten, und der centraliſirenden Miniſterialgewalt, in jenes Syſtem ſehr tief und hemmend eingreift, beſonders fuͤr alles was uͤber die Verwaltung der Ortsgemeinden hinaus— liegt. Dieſer Widerſpruch wird aber noch anſchau— licher, wenn man die dritte und oberſte Stufe der kirchlichen Verwaltung nach jener Verfaſſung mit den entwickelten Befugniſſen der kirchlichen Behoͤrden ver— gleicht.

Die Provinzialgemeinde, d. h. die Ver⸗ ſammlung, welche die jideale Zuſammenfaſſung aller

214

Kreiſe der Provinz darſtellt, heißt in jener Berfal fung, die Provinzialſynode. In ihr ſitzen dreier: lei Klaſſen von Mitgliedern:

1. Saͤmmtliche Superintendenten, von Amts; wegen.

2. Ein abgeordneter Pfarrer aus jedem Kreiſe.

3. Ein ebenfalls von jeder Kreisſynode abgeord— neter Aelteſter.

Dieſe Synode waͤhlt zum Vorſitzer einen Geiſtlichen, welcher „Praͤſes der Provinzialſynode“ heißt, und einen andern Geiſtlichen als Stellvertreter (Aſſeſſor): beide fuͤr ſechs Jahre mit Waͤhlbarkeit nach Ablauf dieſer Friſt. Ihre Wahl muß vom Miniſterium beſtaͤtigt werden. Waͤhrend der Dauer der Synode fuͤhrt das Protokoll ein dritter Geiſt— licher, ebenfalls von der Verſammlung gewaͤhlt (Scriba). Der verwaltende Vorſtand beſteht alſo wieder ausſchließlich aus Geiſtlichen.

Die Synode verſammelt ſich regelmaͤßig alle drei Jahre in einer der Kreisſtaͤdte, nach ihrer Wahl. Den Vorſitz fuͤhrt der Praͤſes, im Behinderungsfalle der Stellvertreter. Ihre Befugniſſe ſind folgende.

215

1. Sie beaufſichtigt die von den Kreis ſynoden verwalteten Wittwen⸗ und Synodalkaſſen: natürlich unbeſchadet des Oberaufſichtrechts der Regierung.

2. Sie wacht uͤber Erhaltung der reinen Lehre in Kirchen und Schulen und eben ſo der Kirchen— zucht. Sie aͤußert dieſe Beaufſichtigung durch Be— ſchwerden bei den Staatsbehoͤrden.

3. Sie hat naͤmlich das Recht der Beſchwerde uͤber Verletzung der kirchlichen Ordnung, uͤber Miß— braͤuche, und uͤber die Amtsfuͤhrung und den Wandel der Geiſtlichen und Kirchenbeamten.

4. Eine thaͤtige Theilnahme hat ſie nur bei den beiden Pruͤfungen der Candidaten ihrer Provinz. Sie ſendet naͤmlich dazu aus ihrer Mitte Abge— ordnete, von gleicher Anzahl, und mit gleichem Rechte der Prüfung und Abſtimmung wie die Conſiſtorialraͤthe.

5. Sie beraͤth die Anträge der Kreisſynoden,« und faßt uͤber die inneren kirchlichen Angelegenheiten Beſchluͤſſe. Dieſe Beſchluͤſſe aber treten nur in Kraft durch die Beſtaͤtigung der Staats Behoͤrden, welche, wie wir eben geſehen, ſogar das Recht haben, die— ſelben zu veraͤndern, nicht bloß einfach zu verwerfen.

216

6. Die „geiſtliche Staatsbehoͤrde“ kann auch Gegenſtaͤnde zur Berathung und Begutachtung vorlegen.

Führen wir alle dieſe Befugniſſe auf verfaſſungs— maͤßige Hauptpunkte zuruͤck, ſo hat die Provinzial— ſynode ein Beſchwerderecht, ein Berathungsrecht, und ein bedingtes Beaufſichtigungsrecht. Verwaltend tritt ſie nur auf durch die Theilnahme an den Candidaten— Pruͤfungen: allein dieß iſt eigentlich nicht eine Hand— lung der Verſammlung, ſondern die Thaͤtigkeit eines von ihr hierzu gewaͤhlten Ausſchuſſes.

Der Praͤſes ihres allgemeinen Verwaltungs— Ausſchuſſes fuͤhrt den Vorſitz mit Stichentſcheid. Er faßt die Beſchluͤſſe der Mehrheit ab, und ſendet ſie den Staatsbehoͤrden ein, mit welchen er uͤberhaupt den amtlichen Verkehr fuͤr die Synode fuͤhrt. Er hat das Recht, der Synodal-Verſammlung eines

„jeden Kreiſes der Provinz mit vollem Stimmrechte beizuwohnen. Er ſtellt endlich die Provinzial-Synode bei Einweihung von Kirchen dar, wie der Superin— tendent bei der Ordination die Kreisſynode.

Die perſoͤnliche Thaͤtigkeit iſt uͤberhaupt ganz die des Superintendenten, nur mit der Verſchieden—⸗

212

heit, welche aus der bedeutenderen Stellung der Provinzial⸗Synoden, gegenüber den Kreis -Synoden hervorgeht.

Wir koͤnnen alſo nicht umhin zu erkennen, daß es dieſer Presbyterial-Verfaſſung weder im Kreiſe noch in der Provinz gelungen iſt, eine ſelbſtaͤndige Kirchenregierung darzuſtellen. Sie iſt darin ſehr hinter dem Staate zuruͤckgeblieben. Der Staat hat begriffen, daß ein wichtiges Amt nicht auf einige Jahre verliehen werden kann: wie denn auch die Kirche bei den Pfarrgeiſtlichen nur Beſtellung im Sinn einer Anſtellung auf Lebenszeit kennt. Zwei— tens hat der Praͤſes in der Verwaltung durchaus keine perſoͤnliche Verantwortlichkeit, welche uͤber die eines treuen Schreibers und ſorgſamen Briefboten, bedeutend hinausginge. Verantwortlichkeit iſt aber die Bedingung nicht nur perſoͤnlicher Rechte, ſondern auch der perſoͤnlichen Hingebung und Anſtrengung bei ihrer Ausuͤbung. Dieſer Grundſatz gilt fuͤr einzelne Beamte wie fuͤr Koͤrperſchaften, und bewaͤhrt ſich in der Erfahrung auf dem buͤrgerlichen und politiſchen Gebiete allenthalben. Denn auch rein berathende

218

Körperschaften, und Verſammlungen ſtehen, wie die Geſchichte lehrt, an dauernder Tuͤchtigkeit der Ge— ſinnung und That eben ſo tief unter Verſammlungen mit entſcheidendem Rechte, wie mißtrauiſch über: wachte, zu keiner freien Handlung befugte einzelne Beamte, unter ſolchen ſtehen, die auf eine freie Veranrwortlichkeit angewieſen ſind.

Es iſt aber auch nicht zu verkennen, daß zu wuͤrdiger Darſtellung eines ſo hohen Amtes manche Befugniſſe und Freiheiten gehoͤren wuͤrden, uͤber welche die Synode nicht verfuͤgen kann. Alles bei den Kreisſynoden und Superintendenten Geſagte gilt auch hier.

Der eigentliche Grund des Mißſtandes liegt jedoch tiefer. Der Presbyterianismus hat immer die Befangenheit ſchwacher Demokratieen gezeigt, die von berathenden koͤrperſchaftlichen Behoͤrden beherrſcht werden. Ein Mißtrauen dieſer Art hat ihn abge— halten, einem Geiſtlichen, obwohl er aus der Mitte der Synode genommen, und von ihr ſelbſt gewaͤhlt wird, eine bedeutende Gewalt anzuvertrauen. Der Staat aber hat, der Synode gegenüber, eine Abnei—

219

gung gefühlt, dieſer gemeindlichen Behörde oder dem Beamten ihrer ſechsjaͤhrigen Wahl, freie Hand zu laſſen. Alſo iſt es eigentlich ein doppelter Mangel an Vertrauen, der es unmoͤglich gemacht, in der einzig dazu geeigneten Sphaͤre eine kirchliche Regie— rung darzuſtellen, welche den erſten Anforderungen an eine praktiſche Geſchaͤftsfuͤhrung und freie Verfaſ— ſung entſpricht. Die Superintendenten ſind, auch in der rheiniſch⸗ weſtphaͤliſchen Kirche, wenn man es frei heraus ſagen will, wie den Kreisſynoden gegen— uͤber nicht viel mehr als zeitige Berichterſtatter, ſo in der wirklichen Verwaltung nichts als die ſtatiſtiſchen Durchgangspunkte und Regiſtratoren von unten der Berichte und Geſuche an die Staatbehoͤrden, und von oben der Erlaſſe und Verfuͤgungen derſelben Be— hoͤrden. Vieles hiervon fließt ohne Zweifel mit Noth— wendigkeit aus den ausgedehnten Befugniſſen und Pflichten der Regierungsbehoͤrden. Wenn wir aber oben in dieſer polizeilichen Bevormundung der kirch— lichen Verwaltung durchaus kein Element einer defi— nitiven Kirchenverfaſſung zu finden vermochten, ſo koͤnnen wir doch eben ſo wenig uͤberſehen, daß nicht

220

bloß die Luft zur Bevormundung diefe Verwicklung hervorgerufen, ſondern daß auch der Presbyterianis— mus es durch eine, ihm in ſeiner ungemiſchten Natur einwohnenden Befangenheit ſchwer gemacht hat, die Verwicklung zu loͤſen. Ich glaube, man thut beſſer, die Sache zu erklaͤren, als abzulaͤugnen. Daß man in jener Mittelſphaͤre einen Knotenpunkt der kirch— lichen Verwaltung geſucht, iſt naturgemaͤßer Ausdruck einer, in dem geſellſchaftlichen Organismus begruͤnde— ten Thatſache. Es iſt aber eben ſo ſehr Folge einer allgemeinen geſchichtlichen Thatſache des Zuſtandes unſerer buͤrgerlichen Geſellſchaft, daß es bisher nicht gelungen, in jener Sphaͤre eine lebenskraͤftige Regie— rung darzuſtellen. Jene erſte Thatſache iſt die Noth— wendigkeit eines Knotenpunktes der Kirchenregierung zwiſchen Orts: Gemeinde und Provinzial: Gemeinde. Wir haben es ſchon oben anſchaulich gemacht, daß die Conſiſtorial-Behoͤrde nicht unmittelbar mit den Gemeinden und Pfarrern verkehren und einen ſich ſelbſt verwaltenden Kirchenverband in ihnen darſtellen kann: ja daß, abgeſehen von der Ungeeignetheit einer rein politiſchen Provinzial-Behoͤrde die Regierungs—

221

bezirke für jenen Zweck zu groß ſind. Nun fallen die Superintendenturen bequem mit den landraͤthlichen Kreiſen zuſammen, die im buͤrgerlichen Leben, nicht bloß polizeilich, Sondern auch ſtaͤndiſch die unterften Einheiten bilden. Sie find faſt vom doppelten Um: fange der alten Landdekanate, d. h. der Zehenden von Pfarrern. Dieſe erſte Thatſache, von welcher unſere ganze praktiſche Darſtellung und Unterſtuͤtzung ausgegangen iſt, erklaͤrt alſo die Wahl jener Sphaͤre fuͤr die kirchliche Verwaltung vollkommen. Eine zweite Thatſache aber erklaͤrt, weßhalb gerade in dieſem naturgemaͤßen Knotenpunkte ſich nie eine ſelbſtaͤndige Regierungsbehoͤrde hat bilden koͤnnen. Dieſe That— ſache iſt ein doppeltes Mißtrauen: einmal das Miß— trauen der Pfarrgeiſtlichen in den Synoden gegen jede Stellung, die einem ihres Gleichen nicht ein Primat, ſondern den Schein deſſelben geben koͤnnte. Dann das Mißtrauen der Laienſchaft innerhalb und außerhalb der Synoden, alſo auch bei der Staats— regierung, gegen eine Geiſtlichkeits-Regierung. Alſo Mißtrauen und die Furcht, dort vor dem Primat, hier vor dem Pfaffenthum hat die Herſtellung einer

222

freien Verwaltung unmoͤglich gemacht. Wir klagen Niemanden an, und wir vertheidigen Niemanden: wir ſprechen nur unſere geſchichtliche Ueberzeugung aus von einer politiſchen Thatſache und wir glauben, daß wir ſie geſchichtlich auffaſſen und bezeichnen. Jenes Gefuͤhl hat den Presbyterianismus abgehalten, auch wo er ſich ganz frei von der Staatsgewalt ent— falten konnte, die Superintendenten irgendwie ſelb— ftändig zu machen: beide Thatſachen haben die Ne gierungen davon abgehalten, und alſo gewiſſermaßen zur Diktatur gezwungen. Wir nehmen deshalb als eine thatſaͤchliche politiſche Wahrheit an, einmal die anerkannte Nothwendigkeit eines ſolchen Knotenpunk— tes und dann die Unfaͤhigkeit der bisherigen kirchlichen ſowohl als ſtaatlichen Formen denſelben lebenskraͤftig zu machen.

Es iſt wichtig, daß man das erſte ſo offen und ehrlich anerkenne als das zweite. Die gleiche An— erkennung des Strebens, eine freie Kirchenregierung in dem landraͤthlichen Kreiſe einzurichten, und des Mißlingens dieſes Strebens bildet die Grundlage des Gelingens einer praftifchen Herſtellung. Es ge

223

nügt auch hier bei der großen, gediegenen Bildung des chriſtiichen Volkes, und bei der Geſundheit des Kreiſes der kirchlichen wie der ſtaatlichen Einrichtun— gen, bei dem freiſinnigen Geiſte der Regierung, und bei der allgemein gewordenen Theilnahme der Ge— meinden an der Verfaſſung der Kirche, das Uebel zu erkennen, um das Heilmittel zu finden.

VII.

Die Sphäre des unabhängigen Kirchenkreiſes in der Kirche der Zukunft oder der bifchöf- liche Sprengel.

Wir beduͤrfen eines naturgemaͤßen kirchlichen Kreiſes jenſeits der Ortsgemeinden, und wollen dafuͤr vorläufig mit der rheiniſch-weſtphaͤliſchen Kirche, und überhaupt mit der bisherigen Kirche, den landraͤth— lichen Kreis annehmen. In dieſer Mittelſphaͤre liegt alſo die ſelbſtaͤndige, ſich ſelbſt ver—

224

waltende Kirche der Zukunft, unſer biſchoͤf— licher Sprengel. Denn wir haben es keinen Hehl, daß wir uns hier einen Biſchof denken, und als ſolchen einen Geiſtlichen, welcher neben ſich, nicht, wie in der Presbyterialverfaſſung Geiſtliche, ſondern zwei weltliche Kirchenraͤthe hat, einen fuͤr die reinen Verwaltungsgeſchaͤfte, und einen fuͤr diejenigen, welche einen richterlichen Charakter tragen. Beide Raͤthe ſind uns vom Staat gebildete und gepruͤfte, fuͤr ihr Amt geſchickt befundene Geſchaͤftsmaͤnner, welche, aus den Aelteſten oder der Synode genommen, des Biſchofs ſtehenden Rath, und mit ihm die Behoͤrde eines ſelbſtaͤndigen Kirchenverbandes bilden. Neben dieſer Behoͤrde ſteht uns die Kreisſynode, als der große Rath des Sprengels. Die politiſche Aufgabe nun iſt, die beiden Behoͤrden, Kirchenrath und Sy— node, unter einander, und gegenuͤber der Provinzial— Synode, ſo wie dem Staate, in diejenige Selb— ſtaͤndigkeit zu ſetzen, welche den Grundſaͤtzen einer vernünftigen und freien Verfaſſung und Geſchaͤftsfuͤh— rung entſpricht, und zugleich hinlaͤngliche Buͤrgſchaften darbietet, fuͤr die chriſtliche Gemeinde, wie fuͤr die

225

Staats Regierung. Unterfuchungen diefer Art fcheinen allerdings einigen fpeculativen Theologen unferer Zeit et: was ferne zu liegen, oder gering vorzukommen: wir meinen denjenigen, welche, zum Theil mit großer Verachtung der Laien, als der Unwiſſenſchaftlichen (Joh. 7, 40), uns das Schauſpiel ſcharfſinniger, aber unfruchtbarer, logiſcher Gefechte, von abſtrakten Formen mit der naturwuͤchſigen Wirklichkeit gegeben haben. Wer aber dieſer Wirklichkeit und den Geſchaͤften nicht ganz fremd geblieben, der wird uns beiſtimmen, wenn wir ſagen, daß eine berathende Be— hoͤrde, ſelbſt wenn ſie nicht aus Geiſtlichen beſtaͤnde, nicht verwalten kann. Es laͤuft dabei alles auf Geſchreibe oder Geſchwaͤtz hin. Geiſt, Geduld und Thatkraft gehen in Hin⸗ und Herreden unter, oder erſaufen jaͤmmerlich in Dinte. Im beſten Falle wird das Ergebniß langwieriger Berathungen zuletzt im Aktenſtaube der verdienten oder unverdienten Vergeſſenheit uͤbergeben. Da aber die wirk— lichen Geſchaͤfte doch am Ende erledigt werden muͤſſen, ſo faͤllt ihre Fuͤhrung nothwendig, bei dem Mangel kirch— licher Beamten, den hoͤheren Staatsbehoͤrden zu: damit aber eben ſo nothwendig in der Wirklichkeit, einem großen

Theile nach, un verantwortlichen Untergeordneten, mögen 15

226

fie Direktoren oder Raͤthe oder expedirende Secretaire heißen. Wenn wir alſo von einer kirchlichen Behoͤrde reden, ſo muͤſſen wir uns an deren Spitze einen perſoͤnlich verantwortlichen Vorgeſetzten denken, welcher eben ſo wohl in der Kirche ſteht, als ſeine Beiſitzer oder Raͤthe. Dieſem Kirchenrathe (wie wir ihn in Gemaͤßheit eines ziemlich allgemeinen Sprachgebrauches nennen moͤchten) und dem Biſchofe perſoͤnlich, werden alſo Kirche und Staat einen Theil der Regierung zu uͤbergeben haben. Beide, Biſchof und Raͤthe, ſtehen mit der Kirche durch ihre Lebensthaͤtigkeit, Beruf und anerkannte Geltung in Verbindung. Der Staat hat die Raͤthe gebildet und ge— pruͤft, die Kirche ſie anerkannt: beide kennen ſie. Eben ſo iſt der Biſchof beiden bekannt: denn er iſt Pfarrer ge— weſen: er muß als ſolcher demnach ſich bereits das chriſt— liche Vertrauen von Gemeinde und Regierung erworben haben. Es bleibt alſo nur uͤbrig zu ſehen, auf welche Weiſe beide, ſowohl die Raͤthe als der Biſchof, mit der verfaſ— ſungsmaͤßigen Thaͤtigkeit der Kreisſynode und der Provin⸗ zial⸗Synode in eine fruchtbare Verbindung geſetzt werden koͤnnen. Die natuͤrlichſte und befriedigendſte Art, um zu ſichern, daß die Raͤthe das Vertrauen der Gemeinde

222

genießen, ſcheint die zu fein, daß man feſtſetze, die welt: lichen Kirchenraͤthe muͤſſen aus der Kreisſynode genom— men werden. Unter einer ſolchen Vorausſetzung koͤnnen wir getroſt dem Biſchofe, unter der Beſtaͤtigung der Re— gierung, die Wahl oder den Vorſchlag fuͤr die Regierungs— Ernennung übergeben. Denn es iſt noͤthig, daß die Kir: chenraͤthe auch fein Vertrauen haben. Ihnen ſelbſt aber werden wir einen, dieſem Vertrauen entſprechenden, und ihrer Erfahrung angemeſſenen Platz in der Provinzial— Synode, d. h. kirchlichen Landesgemeinde, anzuweiſen haben. Durch ihre Anſtellung neben dem Biſchofe werden die Kirchenraͤthe endlich auch Mitglieder der Ortsge— meinde, deren erſter Pfarrer der Biſchof iſt. So iſt, wie es ſcheint, die Möglichkeit gegeben, hier einen Knoten: punkt zu bilden, in welchem Orts- Kreis- und Landesge— meinde, geiſtliche und weltliche Kirchenglieder, ſich durch: dringen, und von welchem nach oben und nach unten neue Lebenskraft ausſtroͤmen kann. Die Kirchenraͤthe zuvoͤrderſt gehen in irgend einer Form hervor aus der Kreisgemeinde, und ſtehen in Verbindung mit der Pro— vinzialgemeinde. Aber noch wichtiger iſt, daß der von Kirche und Staat ausgeſtattete und betraute Biſchof

15*

228

ſelbſt recht aus dem Herzen der Gemeinde hervorgehe. Der Biſchof der Geiſtlichkeitskirche wird, nach den alten kanoniſchen Vorſchriften, „von Geiſtlichkeit und Volk“ gewaͤhlt. In der amerikaniſchen Kirche waͤhlt die Geift: lichkeit des Sprengels einen Candidaten, und ſchlaͤgt dieſen den Abgeordneten der Laienſchaft vor, welche das unbedingte Recht der Annahme und Verwerfung haben. In der rheiniſch-weſtphaͤliſchen Kirche, denken wir uns, muͤßte er aus der Provinzial-Synode hervorgehen. Etwa ſo daß der Koͤnig aus drei von der Synode ihm vorge— ſchlagenen Superintendenten oder Pfarrern Einen aus— waͤhle und ernenne. Vielleicht iſt dieſe Form der andern vorzuziehen, daß naͤmlich der Landesherr, dem unbeding— ten Wahlrechte der Synode ein eben ſo unbedingtes Ab— lehnungsrecht entgegenſetze. Jede dieſer Formen hat ihre eigenthuͤmlichen Vortheile und Bedenken, und es laͤßt ſich im Allgemeinen nichts Beſtimmtes uͤber dieſen Punkt fagen. Uns liegt hier nur daran, die verſchiedenen mög: lichen Formeln zur Sprache zu bringen. Keine iſt un: bedingt verwerflich, keine unbedingt die beſte. Die naͤhere politiſche Eroͤrterung der moͤglichen Formen liegt außer— halb des Kreiſes dieſer Betrachtungen. Wir wuͤnſchen

229

nur die leitenden Grundideen anſchaulich zu machen. So iſt uns hier das Weſentliche nur dieſes, daß beide, Fuͤrſt und Gemeinde, naturgemaͤß zur Wahl und Er nennung des Biſchofs mitwirken: ſo daß der Fuͤrſt ent— weder die kirchliche Ernennung aus vorgeſchlagenen Can— didaten, oder die unbedingte Beſtaͤtigung und Verwer— fung habe. Das alfo iſt unfer Biſchof, und das unſer Epiſkopalismus.

Alles was wir noch uͤber die Formen der Verfaſſung der Kirche der Zukunft im evangeliſchen Deutſchland fa: gen werden, hat nur den Zweck, dieſen Grundgedanken unſerer Herſtellung nach allen Seiten hin klar zu machen und durchzufuͤhren. Denn was wir daruͤber eben ausge— ſprochen, iſt allerdings nichts als der erſte, roheſte Umriß, nur geeignet, unſern Gedanken in ſeinen Grundzuͤgen ſcharf hinzuſtellen in ſeinem doppelten Gegenſatze, ſowohl gegen die Geiſtlichkeitskirche, welche die Laien ausſchließt, als gegen die diktatoriſche Kirchenverwaltung des Staats, welche die Gemeinde und das kirchliche Element in den Hintergrund draͤngt“). Wir haben dabei angenommen,

) Zu unſrer großen Freude finden wir in den Beſchlüſſen der rheiniſchen Synode von 1844 dieſen, daß zwei Affejforen aus

230

daß der Biſchof ein Geiſtlicher ſei, und zwar ein Pfarr; geiſtlicher oder geiſtlicher Aelteſter. Das wird uns nun wohl im Ernſt Niemand anfechten: denn ſelbſt die aller: ſtrengſten Presbyterianer und Puritaner haben nie daran gedacht, daß ihr Superintendent irgend etwas anderes als ein Geiſtlicher ſein koͤnne. Und doch iſt dieß theoretiſch ein großer Irrthum. Das Verwaltungs- und Regie⸗ rungs⸗Amt hat an ſich gar nichts zu ſchaffen mit dem Amte der Verkuͤndigung des Wortes, wie wir ſchon oben ausge: ſprochen. Viele große und beruͤhmte Biſchoͤfe der alten Kirche wurden als Laien dazu gewaͤhlt. Auch beweißt noch die Faſſung der Conſecrations-Liturgie der alten Kirche, daß Conſecration der Biſchoͤfe und Ordination der Pres⸗ byter ſich parallel laufen, nicht jene urſpruͤnglich dieſe vor— ausſetzt. Aber bei der Art, wie ſich die geſellſchaftlichen Verhaͤltniſſe unter den chriftlichen Völkern entwickelt Ha; ben, wäre es allerdings praktiſch ungereimt, diejenigen von der Verwaltung der Kirche auszuſchließen, welche ihr

den Aelteſten in das Direktorium der Kreisgemeinde aufgenom- men werden ſollen. Dieſer Antrag bezeugt das Gefühl des Bedürfniſſes, den kirchlichen Laien einen unmittelbaren Antheil an der Geſchäftsführung zu geben.

231

Leben der Kunde der göttlichen Dinge gewidmet, und als Prediger, Seelſorger und geiſtliche Lehrer gewirkt haben. Wir nehmen deßhalb auch an, daß unſer Biſchof eben Pfarrer iſt und bleibt, und Niemand Biſchof werden kann, der nicht als ſolcher berufen und eingeſetzt ſei, und ſich in Predigt und Seelſorge bewaͤhrt habe. Er kann in ſeinem Sprengel, ohne in die Pfarrgerechtſame irgend eines Pfarrers einzugreifen, predigen, wo er will, und jede chriſtliche Seele des Sprengels kann ſich bei ihm geiſtlichen Rath holen. Aber zu dem Amte des Wortes kommt die kirchlich-geiſtliche Regierung hinzu. Jedoch nicht eine unbeſchraͤnkte Regierung, noch eine gleich: mäßige Regierungs⸗Befugniß in allen Zweigen der kirch⸗ lichen Verwaltung. Vielmehr wird das der Seelſorge zu: naͤchſt liegende geiſtige Gebiet das eigentliche Feld der perſoͤnlichen Amtspflicht des Biſchofs ſein. Wie ſollte aber eine Kirche frei heißen koͤnnen, in welcher der Pfarrer der Kreisgemeinde nicht diejenigen Rechte und Pflichten haͤtte in der groͤßeren Sphaͤre, welche Niemand dem Pfarrer der Ortsgemeinde in deſſen Sphaͤre ſtreitig macht? Unſer Biſchof ſtehe uns alſo an der Spitze der Verwaltung der Kreisgemeinde, eben wie der Pfarrer es

232

bei der Ortsgemeinde thut. Wie dieſer neben fich die Aelteſten hat, und mit ihnen den Gemeinde-Vorſtand bildet: ſo jener die beiden Raͤthe aus der Landesge— meinde, welche mit ihm den Kirchenrath bilden. Neben jenen ſtand die Ortsgemeinde, neben dieſen ſtehe die Kreisgemeinde.

Wir wollen nun verſuchen, den Geſchaͤftsbetrieb dieſer verſchiedenen Behoͤrden, (in der romaniſirten Beamtenſprache Reſſort genannt) naͤher aus der Na— tur der Sache hervorgehen zu laſſen, und gegenſeitig abzugraͤnzen.

Es wird ſich wohl Niemand einen Biſchof den: ken koͤnnen, welchem nicht ein freies Gewiſſensrecht hinſichtlich der Einſetzung der Geiſtlichen Namens der Kirche (in der Sprache der Geiſtlichkeitskirche, die Ordination) zuſtaͤnde. Denn wenn fuͤr irgend etwas, ſo iſt der Biſchof dafuͤr verantwortlich, daß kein Wolf in den Schafſtall eindringe, deſſen obere Fuͤrſorge ihm von Kirche und Staat aufgetragen iſt, und daß kein Unwuͤrdiger in das heilige Amt des Wortes eintrete, welches er ſelbſt bekleidet, und in welches er ihn einfuͤhren ſoll. In dieſer Verantwort⸗

233

lichkeit vor Gott und den Menſchen, liegt fein goͤtt— liches Recht des Enthaltens, alſo des Einſpruches gegen irgend eine andere Behoͤrde, die eine ſolche Handlung von ihm fordern ſollte. Ihm ſtehe nicht die Entſcheidung über die Prüfung zu: und wir moͤchten dieſe nicht einmal ihm mit dem Kirchenrathe zugleich übergeben, ſondern der Verwaltungs -Behoͤrde in der Landesgemeinde uͤbertragen ſehen, mit Zuzie— hung von Abgeordneten der Synode. Aber keine Behörde, keine Mehrheit dürfe fein Gewiſſen über: ſtimmen: und ſelbſt die obere Kirchenbehoͤrde habe nicht das Recht, ihn daruͤber zur Verantwortung zu ziehen, und zur Ordination zu zwingen. Es genuͤgt, daß er verbunden ſei, den Candidaten, der in ſeinen Sprengel gehoͤrt, aus demſelben zu entlaſſen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß der Biſchof dem Can⸗ didaten, welchen er zuruͤckweiſt, einen Entlaſſungs— ſchein geben muß und dieſer ſich alsdann von jedem andern Landesbiſchofe ordiniren laſſen kann, welcher die Bedenken des urſpruͤnglichen Dioͤceſans nicht theilt. Nicht ſo ſei es bei Einfuͤhrung eines Pfarrers in eine neue Gemeinde. Der Biſchof habe dabei das

234

Recht des Einſpruches, aber die Gültigkeit deſſelben unterliege der Entſcheidung der obern Verwaltungs— behoͤrde, und vielleicht, im letzten Zuge, der Entfcheis dung der Landesgemeinde (Provinzial-Synode). Denn es handelt ſich hier nicht um Ordination, um Ein— ſetzung ins prieſterliche Amt, ſondern um bloße Ber aͤnderung des Ortes ſeiner Thaͤtigkeit.

Alle dieſe Freiheit verlangen wir fuͤr den Biſchof mit derſelben Unbedingtheit, wie wir das Einſpruchsrecht der Gemeinde, dem Patrone gegenuͤber verlangt, und wie wir das des Pfarrers bei der Einfegnung feiner Pfarr- kinder als eine unveraͤußerliche Gewiſſensfreiheit gefor⸗ dert haben. Wir fordern dieſe Freiheit noch mehr im Belange der Freiheit Aller, als im Belange der Rechte Einzelner. Anders verhält es ſich hinſichtlich der Con: fir mation. Es verſteht ſich, daß wir nicht vorſchlagen, ſie dem Biſchofe zu uͤbergeben. Das waͤre ein ungeheurer Ruͤckſchritt. Die Anſicht der biſchoͤflichen Kirche des Mittelalters beruht urſpruͤnglich auf der Vorausſetzung, daß der einzelne, ohne den Ausſchuß der Aelteſten beſte— hende Landpfarrer (der urſpruͤngliche Chorepiſkopus) nicht die hinlaͤngliche Kenntniß beſitze, um ein ſelbſtaͤn⸗

235

diges Glied der Gemeinde zu lehren, zu pruͤfen und in die volle Gemeinſchaft der Glaͤubigen aufzunehmen. Auch hier iſt die Form nicht ein Ding fuͤr ſich ſelbſt, ſon— dern ein Mittel: und wer will laͤugnen, daß die bi— ſchoͤfliche Form eine hoͤchſt ungenuͤgende iſt, und einer Handlung der groͤßten Innerlichkeit, wobei die ent— ſchiedenſte und feierlichſte Selbſtthaͤtigkeit hervortre— ten ſoll, das Anſehen und die Natur eines aͤußeren Werkes giebt? Es waͤre leicht zu beweiſen, daß dieß auch aus den Ordnungen der alten Kirche hervorgeht. Doch Niemand wuͤrde leicht bei uns einen Beweis verlangen, und die entgegengeſetzte Annahme kann vor einer muͤndig gewordenen Philologie und hiſtoriſchen Kritik, wie Deutſchland ſie beſitzt, ſo wenig beſtehen als die Behauptung, daß im neuen Teſtament Biſchof und Presbyter verſchiedene Perſonen bedeuten.

Ein zweites perſoͤnliches Recht des Biſchofs iſt die ſogenannte Viſitation, oder die ſeelſorgeriſche Beſuchung und Beauſſichtigung der einzelnen Ge— meinden ſeines Sprengels. Denn auch hier ruht das Recht auf einer entſprechenden Verantwort— lichkeit.

236 .

Alle übrigen laufenden Gefchäfte werden aber im Kirchenrathe ausgemacht, d. h. mit Einſtimmig— keit oder Mehrheit der drei, welche ihn bilden. Streitige Faͤlle, welche neue Verfuͤgungen, oder we— nigſtens neue Anwendung von Grundſaͤtzen fordern, werden, ihrer Natur nach, der jaͤhrlichen Kreisſynode oder der hoͤheren Kirchenbehoͤrde vorgelegt, und von derſelben entſchieden. Die Kreisſynode leitet der Biſchof mit feinen Beiſitzern. In Verwaltungs— Angelegenheiten koͤnnen wir ihm aber, der Mehr— heit der Kreisſynode gegenuͤber, kein Einſpruchsrecht (Veto) zuerkennen, ſondern nur eine Verwahrung ſeines Rechts, die Sache bei der Provinzialſynode zur Sprache zu bringen. Eben ſo koͤnnen wir es nicht fuͤr billig erachten, daß bei Vorberathungen uͤber Gegenſtaͤnde der Beſchlußfaſſung der Provin— zialſynode ihm mehr zuſtehe, als eine ſolche Wer: wahrung, in dieſer Landesgemeinde ſeine perſoͤnliche Ueberzeugung vorzutragen. Die Abgraͤnzung der bi— ſchoͤflichen Thaͤtigkeit gegen die Regierungsbehoͤrden wird ſich uns aus der Herſtellung der oberen Sphaͤ— ren ergeben.

232

Wir muͤſſen jedoch zunaͤchſt die Begraͤnzung des biſchoͤflichen Kr eiſes ſelbſt naͤher unterſuchen. Iſt das jetzt beſtehende und von uns vorläufig ange: nommene Zufammenfallen deſſelben mit dem landräth: lichen Kreiſe ein natuͤrliches? Wir glauben keineswegs. Es iſt allerdings nothwendig, daß der Biſchof, ohne im geringſten in die ordentliche Thaͤtigkeit der Pfarrer einzugreifen, nicht allein die Pfarrer ſeines Sprengels perſoͤnlich genau kenne, ſondern auch der oͤrtlichen Eigenthuͤmlichkeit einer jeden Gemeinde nicht fremd ſei. Denn der wahre Begriff eines Biſchofs iſt uns unzertrennlich davon, daß der ſeiner Fuͤrſorge anver— traute Kreis in ihm einen Prediger und Seelſorger ſehe. Eben damit er dieſes ganz ſein koͤnne, nehmen wir an, daß ihm bei ſeiner oͤrtlichen Hauptpfarre ein beſtaͤndiger Huͤlfspfarrer fuͤr die oͤrtliche Seelſorge und zum Aushelfen beim Predigen zur Seite ſtehe. Gott behuͤte uns alſo vor Sprengeln, wie die mei— ſten roͤmiſch- katholiſchen und engliſchen! Aber auf der andern Seite duͤrfen wir nicht vergeſſen, daß die Ausuͤbung eines wahren biſchoͤflichen Amtes eine Vereinigung von aͤußeren und geiſtlichen Mitteln

238 _

fordert, welche in vielen unſerer Kreisſtaͤdte ſich, jetzt wenigſtens, noch nicht findet. Wir werden auch hier oͤrtliche Diakonen einer hoͤheren Art haben muͤſſen, und ebenfalls Gehuͤlfen fuͤr eine beſchraͤnkte Zeit. Warum ſollten kirchlich geſinnte und faͤhige Auscul— tatoren (Rechts- und Verwaltungs-Candidaten) ſich nicht eben ſo gut auch im Kirchenrathe fuͤr die kirch— lichen Geſchaͤfte bilden koͤnnen, wie jetzt bei den Re⸗ gierungen? Dieß iſt aber, ohne bedeutende Koſten, nur dann möglich, wenn in der Stadt eine Negierungs: behoͤrde oder ein Landgericht ſich findet. Eben fo würde dem Biſchof ſehr viel entgehen, wenn ihm nicht in ſeiner Kreisſtadt einige Maͤnner aus dem hoͤheren Lehrerſtande, dieſer Zierde Preußens, zur Seite ſte— hen. Auf jeden Fall aber muͤſſen ſich im biſchoͤflichen Kreiſe die hauptſaͤchlichſten Elemente vereinigt vorfin⸗ den, welche im Großen ſich in der Kirche des Landes darſtellen, im Lehr- Wehr- und Naͤhrſtande. Alſo werden in einer biſchoͤflichen Stadt ſich wenigſtens einige der Anſtalten vorfinden muͤſſen, welche das geiſtige Leben der Nation tragen und foͤrdern. Denn nur ſo kann unſre Kreisgemeinde eine ſelbſtaͤndige

239

fein, und als felbftändige Einheit in der Landge— meinde erſcheinen.

Die natuͤrlichſte Methode hier das Wahre zu treffen, ſcheint mir nun dieſe zu ſein. Wir muͤſſen uns nicht ſtatiſtiſch nach Kreiſen umſehen, ſondern nach Staͤdten, und zwar ſolchen, welche jene Verei— nigung geiſtiger Elemente, bis zu einem gewiſſen Grade wenigſtens enthalten. Unter dieſen nun ſchei— den wir zuvoͤrderſt aus: alle rein katholiſchen oder wenigſtens überwiegend katholiſchen Städte, Landes biſchof gegen Landesbiſchof zu ſtellen, ware unbruͤder— lich: alſo, nach dem kanoniſchen Rechte der Kirche der Zukunft, unrecht. So bleiben uns von den 26 Haupt; ſtaͤdten der Regierungsbezirke 15 deutſche evangeliſche Hauptſtaͤdte uͤbrig: und dazu Poſen und Bromberg, in denen die evangeliſche Bevoͤlkerung, obwohl die Minderzahl, doch ſehr bedeutend iſt, und als faſt ausſchließlich deutſche, dem polniſchen Elemente ſelb— ſtaͤndig gegenüber ſteht. Gneſen wird uns aber eben ſo unberuͤhrt bleiben, wie Coͤln, Coblenz, Trier, Aachen, Muͤnſter und Paderborn. Außer jenen 17 Staͤdten giebt es nur etwa 40 Staͤdte mehr, welche

240

jenen Bedingungen entfprechen, fo daß wir etwa 60 Bisthuͤmer fuͤr die 6000 Pfarreien der faſt zehn Millionen evangeliſchen Einwohner Preußens finden, Dieſe ungefaͤhre Annahme giebt uns durchſchnittlich Bisthuͤmer von einhundert Pfarren, mit einer Bevoͤlke— rung von 167,000 Seelen. Natuͤrlich wuͤrde die Zahl der Kreisgemeinden und Kreisſynoden mit der Zahl der Biſchoͤfe zuſammenfallen. Die Kirche haͤtte hiernach 180 regierende und verwaltende Beamten, (wovon zwei Drittel Weltliche), ſtatt 380 mit Befoͤrderung von Geſuchen und Befehlen belaſteter Superinten— denten: und wir glauben hinzufuͤgen zu koͤnnen, mit Erſparung von etwa 30 Raͤthen in den 25 Regierun— gen, und einer bedeutenden Anzahl von Schreibern, Kanzeliſten und Regiſtratoren. Ein ſolcher, nm den Mittelpunkt einer Stadt gebildeter, kirchlicher Kreis alſo heißt uns ein Sprengel. Wir denken ihn uns aber keineswegs als ein geiſtig ungegliedertes Ganze. Durch Anwendung der alten kirchlichen Anſtalt der Dekane oder Pfarrer von Zehenden, (jenes Wort beſteht im Wuͤrtembergiſchen) wuͤrden wir in jedem Sprengel etwa zehn Landdechanten gewinnen. Die

241

Dekanatswuͤrde muͤßte nicht an einen beſtimmten Ort gebunden, ſondern den jedesmal geeignetſten Maͤnnern unter den Pfarrern des Sprengels uͤbertragen wer— den, wie es in England bei den Archidiakonaten geſchieht. Ihre Wahl duͤrfte der Kreisſynode zuzu— weiſen ſein. Unter dieſen Zehenden faͤnden dann jene freien, etwa dreimonatlich wiederkehrenden Zuſammen— kuͤnfte ſtatt, welche ſich zum Austauſche von Erfah— rungen, und zur Erfriſchung des geiſtigen und geiſt— lichen Lebens an vielen Orten ſo fruchtbar und ſegens— reich erweiſen. Die Landdechanten wuͤrden ſie leiten. Auch Verwaltungs-Maßregeln des Kirchenraths duͤrf— ten wohl durch dieſe Organe gehen. Will man dieſe Zehendpfarrer nur Superintendenten nennen, ſo iſt dawider auch eben nichts einzuwenden.

Auch hier bei der biſchoͤflichen Kreisgemeinde, wird aber in Zukunft das polizeiliche Hin- und Her— ſchreiben aufhoͤren, nach unten und nach oben. Jede Kirche verwaltet ſich ſelbſt: das heißt, der Biſchof mit dem Kirchenrathe und der Kreisſynode verwalten und pflegen die Angelegenheiten der Gemeinden ihres Kreiſes, wie der Pfarrer mit den Aelteſten und der

16

242

Ortsgemeinde die örtlichen Gemeinden. Um dieſes an ſchaulicher zu machen, gehen wir nun daran, das ver— faſſungsmaͤßige Leben der uͤbrigen Kirchenſphaͤren von dem gewonnenen Mittelpunkte aus zu beleuchten. )

WII.

Die Herſtellung der übrigen kirchlichen Spha- ren nach unten und nach oben und Ueberſicht der Hauptpunkte der Verfaſſung.

Wir haben behauptet, der Mittelpunkt der Her— ſtellung einer freien Kirchenverfaſſung liege in der Herſtellung des kirchlichen Kreiſes, als der erſten

) Wir können uns hier nicht enthalten, auf zwei Hauptſtellen der Verhandlungen der letzten rheiniſchen Synode aufmerkſam zu machen, welche eben fo kräftig als gehalten das Bedürfniß einer ſelbſtändigen Kirchenverwaltung ausſprechen, und ein getreues Bild geben von der ernſten Verwicklung der gegen— wärtigen kirchlichen Zuſtände, bei dem beſten Willen wie der Gemeinden, ſo der Landesregierung. Wir geben beide als An— hang am Ende des Büchleins.

243

natuͤrlichen Zuſammenfuͤgung des oͤrtlichen Gemeinde— lebens. Indem wir nun dieſen kirchlichen Kreis naͤher zu begraͤnzen geſucht, haben wir unſer Augen— merk beſonders darauf gerichtet, innerhalb des biſchoͤf— lichen Sprengels der Kirche der Zukunft anſchaulich zu machen, wie durch denſelben ſich eine unabhaͤngige hoͤhere Kirchenverwaltung von ſelbſt bilde und zugleich die voͤllige Freilaſſung der Ortsgemeinden des Kirchen— verbandes moͤglich werde.

Wir wollen nun verſuchen, nach unten und nach oben die Wahrheit durchzufuͤhren, in welcher Weiſe von jenem feſten Mittelpunkte aus, die Herſtellung einer freien Kirche mit naturgemaͤßer Leichtigkeit ſich geſtalten koͤnne. Dieß wird nur eine Verbindung des eben Geſagten mit dem oben aufgezaͤhlten Elementen freier Verfaſſung in den Orts- und Landesgemeinden bedürfen. Wir beginnen mit der Ortsgemeinde. Es ſteht uns feſt, daß jede Ortsgemeinde in Zukunft keine andere Oberbehoͤrde kenne als den Biſchof mit ſeinem Kirchenrathe: ihre eigenen gemeindlichen An— gelegenheiten aber ſelbſt und frei verwalte. Es ſteht

uns ferner feſt, daß ſie zur biſchoͤflichen Kreisgemeinde 16 *

244

ihren Pfarrer und einen ihrer Aelteſten entſende. Wir fragen aber nun, auf das oben gegebene Bild der Ortsgemeinde hinweiſend: ſollen nur die Aelteſten in der Kreisgemeinde vertreten werden? und wir antworten unbedenklich: nein! Wir haben gefunden, daß der Volksſchullehrer in Preußen ein hoͤchſt be— deutendes Glied der Gemeinde iſt: ein Mittelglied in der Lehre zwiſchen ihr und dem Pfarrer, ſein Gehuͤlfe im Gemeinde : Unterricht, ja nach herkoͤmm— licher Sitte in Faͤllen der Noth ſein Vertreter im Gottesdienſte, ſo weit derſelbe in Lehre beſteht. Wir haben ſein Amt als einen Beruf gefunden, einen aͤcht kirchlichen und volksmaͤßigen, und wir haben mit Bewunderung geſehen, wie die Befaͤhigung dazu aus einer großen Anſtalt des evangeliſchen Staates hervorgeht. Die Erziehung der Volksſchullehrer iſt eine gemeinſchaftliche; durch alle dieſe Umſtaͤnde gewinnt die Geſammtheit der Schullehrer gewiſſer— maßen den Charakter einer Koͤrperſchaft.

Wir haben in jedem der ſechzig Kirchenkreiſe, oder in jeder der fechzig unabhaͤngigen biſchoͤflichen Kirchen zwiſchen 200 und 300 Schullehrer: alſo in jedem

245

Dekanate (oder jeder Superintendentur) 20 bis 30. Uns nun find die Schullehrer die Diakonen der Lehre: und wir moͤchten vorſchlagen, wenigſtens einen Theil der Candidaten des Predigtamts durch dieſen Zweig der gemeindlichen Diakonie durchgehen zu laffen: die uͤbrigen durch einen der andern Zweige dieſer Diakonie. Der Schullehrer der Gemeinde ſchließt ſich uns naͤm— lich an den Armenpfleger und Kirchenmeiſter der rheiniſch-weſtphaͤliſchen Kirche an, und bildet mit ihnen ein Diakonen⸗Collegium, und mit dem Predigt: gehuͤlfen, welcher der natuͤrliche Vorſtand dieſes Colle— giums ſein wuͤrde. Sollte es alſo nicht recht und billig ſein, ja iſt es etwas anderes, als was jede Verfaffungsform in Kirche und Staat ſein ſoll, naͤmlich Ausdruck einer thatſaͤchlichen Wahrheit, wenn wir vorſchlagen: erſtlich, daß die Diakonie uͤberhaupt, und zweitens, daß die Schulmeiſter in ihr noch be— ſonders bei der Kreisgemeinde vertreten werden. )

») Zu unſerer großen Freude lernen wir noch aus dem Dezember— hefte der vortrefflichen Monatsſchrift der rheinländiſch-weſt— phäliſchen Kirche, daß die merkwürdige Generalſynode zu Her— born vom Jahre 1586 folgendes feſtſtellte (Art. II. $. 28):

246

Dieß aber ließe fich bei Annahme unſerer Grund-Idee gar leicht bewerkſtelligen. Jedes ſolches Collegium von Diakonen (ohne die Volksſchullehrer) ordnete einen Waͤhler ab, dieſer Waͤhler Einen Abgeordneten für die Kreisgemeinde. Die Volksſchullehrer eines Diakonats würden außerdem auf aͤhnliche Weiſe Er nen Abgeordneten fuͤr ſich waͤhlen. So wuͤrde die Diakonie jedes Sprengels durchſchnittlich durch 20 Abgeordnete vertreten, welche neben den 100 abge— ordneten Aelteſten, ihren Sitz in der Kreisgemeinde nehmen, unter Vorſitz des Biſchofs. Die Diakonie bildete alſo neben Aelteſten und Geiſtlichen, im Ver: haͤltniſſe weniger als ein Zehntel der Gemeinde. )

„Auch die Diakonen ſollen zuſammen kommen, und ihre Ange: legenheiten berathen. Ihre nächſte Behörde iſt das Presbyte⸗ rium. (S. 317). Herr Pfarrer Goebel hat ſich den Dank aller Freunde der kirchlichen Freiheit verdient dadurch, daß er in jenem lehrreichen Artikel uns die Verfaſſung eines Theils des rheiniſchen Oberlandes, und einen neuen Beweis der Weis— heit und Größe des Verfaſſers des Heidelberger Katechismus (Olevianus) kurz gelehrt.

Wir werden in dieſer Anſicht ungemein beſtärkt, durch eine Bemerkung, welche wir in großen Zeugniſſen des kirchlichen Lebens in Deutſchland finden, der Verhandlung der rheiniſchen Provinzialſynode von 1844. Es wird hierin bemerkt, daß die

*

227

Folgende Ueberſicht der jährlich ſich verſammeln— den Kreisgemeinde macht das Geſagte anſchaulicher. Wir nehmen auch hier unſere durchſchnittlichen Zah— len an, von 100 Kirchſpielen und 10 Dekanaten: A. Geiſtliche.

J) der Vorſitzende, Biſchoß 17 2) die Dekane der übrigen Dekanate 99 .. 100 3) die übrigen Pfarren 900 B. Laien. | 1) die beiden Kirchenrathe ..... 2) 2) die Abgeordneten der Presbyterien 100 3) die Abgeordneten des Diakonen— 1

Collegiums: a) Schullehrer, einer für jedes Dekanae . . 10 b) Andere Diakonen .. 10

Zuſammen 222.

Kirchenordnung von 1835 in 9. 14. f. die Wahl derjenigen Mitglieder des Presbyteriums zur Kreisſynode beſchließt, welche nicht Aelteſte ſind. Nun aber ſei der Kirchenmeiſter namentlich oft vorzugsweiſe ein verdienter, thätiger Mann und erfahrner Chriſt. Deßhalb ſchlägt dieſe Synode vor, auch die Mitglieder des Presbyteriums wählbar zu machen, welche nicht Aelteſten ſind. Dieß kann, nach unſerer Trennung der Diako— nen vom Presbyterium, ſcheint es, viel leichter geſchehen.

248

Der Biſchof eroͤffnet die Gemeinde: dieſe waͤhlt einen Kanzler (Scriba), aus den Geiſtlichen oder Ael— teſten: einer der Kirchenraͤthe iſt der natuͤrliche Ver— treter des Biſchofs in Verwaltungs- und richterlichen Angelegenheiten: wo es jedoch die Lehre betrifft, ver— tritt den Biſchof ein von der Gemeinde gewaͤhlter Geiſtlicher.

Nach den bisher entwickelten Grundſaͤtzen geben wir dieſer Verſammlung keine Verwaltungsgeſchaͤfte: dagegen laſſen wir ihr nicht allein alle Rechte und Befugniſſe, die fie als vorberathende und beaufſich— tigende Behörde im Rheinlande und Weſtphalen hat, ſondern wir machen ſie wirklich zur Darſtellung einer unabhaͤngigen Kreisgemeinde. Der Biſchof, (denken wir) legt ihr vor, oder laͤßt ihr durch die Kirchen— raͤthe, mit Zuziehung der Dekane vorlegen die Ue— berſicht des im verfloſſenen Jahre, innerhalb des Sprengels, zur Foͤrderung des kirchlichen Lebens Ge— ſchehenen: namentlich werden ihr die Berichte uͤber die Viſitationen und alle wichtigeren Angelegenhei— ten, welche neue Verſtaͤndigung uͤber die beiſtehenden Grundſaͤtze der Verwaltung erforderten, zur Bera—

249

thung mitgetheilt. Dieſe Berathung iſt allenthalben wo eine neue kirchenrechtliche Vorſchrift erfordert wird, die der Landesgemeinde vorbehalten bleibt, eine vor: berathende. Die geſetzgebende Thaͤtigkeit bleibt aus— geſchloſſen. Die richterliche wohl am beſten auch. Denn die Berufung eines Geiſtlichen gegen die im Kirchenrathe verfuͤgte Amtsenthebung oder Entſetzung oder Entlaſſung wegen Amtsvergehen, gehoͤrt vor das Direktorium der Landgemeinde, oder vor die Provin— zialſynode ſelbſt, welche, wie wir ſehen werden, beide die Mittel haben, eine ſolche Unterſuchung vorzu— nehmen.

Hinſichtlich der Berathungen nun hat der Bi— ſchof das Recht die ſogenannten Proponenda vor zulegen, d. h. Gegenſtaͤnde der Berathung zur Ab— gabe von Gutachten, fuͤr die Landesgemeinde. Er thut dies aus eigenem Antriebe, oder im Auftrage der Provinzialſynode. Die Kreis gemeinde duͤrfte aber vielleicht auch das Recht haben, wenn zwei drittel ihrer Mitglieder einen deshalb gemachten Antrag unterſtuͤtzen, uͤber einen andern Gegenſtand des kirchlichen Lebens, welcher ſie bewegt, eine Bera—

250

thung anzuftellen und einen gutachtlichen Beſchluß zu faſſen.

Das Geſagte wird genuͤgen, um zu zeigen, wie leicht und naturgemaͤß ſich von dem gewonnenen Mittelpunkte aus die freie Verwaltung der Ortsge— meinden und ihre unmittelbare organiſche Bewegung in dem ſie umfaſſenden Sprengel, vermittelſt des biſchoͤflichen Kirchenrathes und der Kreisgemeinde ge— ſtalten laͤßt.

Wir gehen nun von dieſer zu der hoͤheren Sphaͤre uͤber.

Hier iſt die naͤchſte, und gewiſſermaßen die wichtigſte aller, die Landesgemeinde oder Pro vinzialſynode. Es fraͤgt ſich nun zuvoͤrderſt, wie viele ſolcher Landesgemeinden wir annehmen. Von den acht Landſchaften oder Provinzen des Reichs er: ſcheint zuvoͤrderſt Poſen zu unbedeutend fuͤr eine volle Landesgemeinde: wir denken uns alſo ein weſt— liches Bisthum (Poſen oder Liſſa) mit Schleſien verbunden: ein noͤrdliches (Bromberg nebſt Schoͤn— lanke) zu dem angraͤnzenden Preußen geſchlagen. Ferner aber ſind Rheinland und Weſtphalen durch

251

gemeinſchaftliche Verfaſſung und Entwicklung, und durch die gemeinſame Landes-Univerfitaͤt, endlich durch die verhaͤltnißmaͤßig beſchraͤnkte Anzahl ihrer evangeliſchen Einwohner ganz offenbar beſtimmt, den uͤbrigen evan— geliſchen Landſchaften gegenuͤber als Einheit dazuſte— hen. Uebrigens behalten wir die ſtaatliche Eintheilung bei, insbeſondere weil ſie wirklich volksthuͤmlich und kirchliche Perſoͤnlichkeiten ſind, in Geſchichte und in der Gegenwart. Aus dieſem Grunde wuͤrden wir nur vor— ſchlagen die 4 altmaͤrkiſchen Kreiſe, welche als jenſeits der Elbe liegend jetzt zum Großherzogthum Sachſen gehoͤren, kirchlich zu Brandenburg zu rechnen, wohin ſie nach der ganzen kirchlichen Geſchichte und Ver— faſſung gehoͤren. Wir haben hiernach ſehr paſſend fuͤr jede Kirchenprovinz eine evangeliſche Landes-Univerſitaͤt: N fuͤr Preußen Koͤnigsberg,

fuͤr Schleſien Breslau,

fuͤr Pommern Greifswald,

fuͤr Brandenburg Berlin,

fuͤr Sachſen Halle,

fuͤr Rheinland und Weſtphalen Bonn. Die theologiſche Fakultät der Landes-Univerſitaͤt be

252

ſchickt ihre Landesgemeinde durch zwei Abgeordnete aus ihrer Mitte, als Vertreter der Wiſſenſchaft. Der ganze Organismus ergiebt folgende Ueberſicht: ſechs Kirchenprovinzen, jede mit durchſchnittlich tau— ſend Kirchſpielen, jede Kirchenprovinz mit durchſchnittlich zehn Bis— thuͤmern, jedes Bisthum mit durchſchnittlich zehn Dekanaten, jedes Dekanat mit durchſchnittlich zehn Kirchſpielen. Die großen Einheiten der Kirchenprovinzen und der in ihnen ſich darſtellenden Landesgemeinden ſind geſchichtlich, national, politiſch gegeben und abge— graͤnzt. Dieſe Einheit wird nun dargeſtellt durch die Landesgemeinde. Wie der Sprengel oder das Bisthum eine feſte Staͤtte verlangt, im gegenwaͤrtigen geſellſchaftlichen Zuſtande; ſo auch die hoͤhere land— ſchaftliche Einheit. Wir werden alſo in jeder Land— ſchaft die Metropole ſuchen, d. h. diejenige Stadt der Provinz, welche ſoviel als moͤglich durch Geſchichte und Wirklichkeit zugleich, als Mittelpunkt des chriſt— lichen Lebens der Provinz angeſehen werden kann. Solche ſind etwa:

40

«

[43

253

14

[73

14

10

44

[47

‘“

10

(0

64

60

[73

40

14

44

«

[27

01 uuns

suaguixg used hege aun guvjufe gs W

64

OT vammo|n? Bangagdurk us pooh u z I usumwvolne :bangusquvaq vangus gu va WM 8 uouuovlne : unuune - unee VÄaammoct U 07 wowmmmv|n? dag U PD W

e uva ede zZ uv quagpuum PUNKT OT elne

:Baagsdiuog usgnaach in

2534

Sechs Kirchenprovinzen mit 60 Bisthuͤmern, bei annaͤhernd zehn Millionen evangelifcher Einwohner. ) Den Biſchof einer ſolchen Metropole nun nen— nen wir Metropolitanbiſchof: huͤten uns aber

*) Bloß zur Veranſchaulichung des hier Geſagten geben wir fol-

gende Ueberſicht der vorgeſchlagenen kirchlichen Kreiſe.

Wir

führen fie in jeder der ſechs kirchlichen Provinzen oder Landes⸗ kirchen, nach der Ordnung der Regierungsbezirke auf, mit den oben angegebenen Abweichungen.

I. Preußen. Metropole: Königsberg. 1. Königsberg. 6. Elbing. 2. Memel. 7. Marienwerder. 3. Gumbinnen. 8. Marienburg. 4. Cilſit. 9. Thorn. 5. Danzig. 10. Bromberg. II. Brandenburg. Metropole: Brandenburg. 1. Brandenburg. 7. Stendal. 2. Berlin. 8. Salzwedel. 3. Potsdam. 9. Frankfurt⸗Lebus. 4. Prenzlow. 10. Züllichau. 5. Neu- Ruppin. 11. Guben. 6. Havelberg. 12. Cottbus. III. Pommern. Metropole: Stettin-Cammin. 1. Stettin. 5. Stolpe. ö 2. Stargard. 6. Neu- Stettin. 3. Anclam. 7. Stralſund. 4. Cöslin. 8, Greifswald.

255

wohl, ihm irgend einen Primat oder auch nur den Schein deſſelben zu geben. Dieſes naͤmlich machen

IV. Schleſien. Metropole: Liegnitz.

1. Liegnitz. 6. Schweidnitz. 2. Glogau. 7. Brieg. 3. Sagan. 8. Oels. 4. Görlitz. tie 5. Hirſchberg. 10. Poſen. V. Sachſen. Metropole: Magdeburg.

1. Magdeburg. 6. Naumburg. 2. Halberſtadt. 7. Eisleben. 3. Quedlinburg. 8. Zeitz. 4. Merſeburg. 9. Erfurt. 5. Halle. 10. Nordhauſen.

VI. Weſtphalen⸗ Rheinland.

Metropole: Minden.

1. Minden. 6. Elberfeld - Barmen. 2. Bielefeld. 7. Weſel. 3. Soeſt. 8. Neuwied. 4. Dortmund. 9. Wetzlar. 5. Düſſeldorf. 10. Saarbrück.

Alle hier genannten Städte ſind entweder Sitze von Re— gierungsbehörden, oder haben große gelehrte evangeliſche Schulen oder andere wiſſenſchaftliche Anſtalten. Ohne beide ſind nur drei, übrigens bedeutende und zu Mittelpunkten kirchlicher Kreiſe geeignete Städte, nämlich:

in Brandenburg: Havelberg und Prenzlow: im Rheinland: Neuwied: Die nähere Begränzung jedes dieſer 60 kirchlichen Kreiſe nach

256

wir geradezu dadurch unmöglich, daß wir ihn als einen Theil in die Landesgemeinde oder Provin— zialgemeinde ſtellen, und alſo dieſer unterordnen. Unter den Biſchoͤfen werden wir ihm allerdings den Vorſitz in der Landesgemeinde geben muͤſſen. Die Synode jedoch waͤhle als geiſtlichen Stellvertreter einen der andern Biſchoͤfe der Kirchenprovinz. Als oberſte Verwaltungs-Behoͤrde der Landesgemeinde den— ken wir uns den Kirchenrath der Metropole mit dem Biſchofe an der Spitze: ſo jedoch, daß hier die Zahl der Raͤthe verdoppelt ſei, da in dem Kirchenrathe der Metropole die Vorarbeiten fuͤr die Provinzialſynode gemacht, und zugleich die, gegen die richterlichen Ent— ſcheidungen des biſchoͤflichen Kirchenrathes eingelegten

landräthlichen Kreiſen gehört nicht hierher. Dieß iſt aber eine einfache ſtatiſtiſche Aufgabe. Auf Gleichheit des Umfanges aller Sprengel einer Kirchenprovinz kann es dabei eben ſo wenig angeſehen ſein, als darauf, daß alle Sprengel der Monarchie gleich groß ſeien. Die einzelnen Pfarreien, welche in ganz überwiegend Eatholifchen Bezirken zerſtreut liegen, denken wir uns demjenigen Sprengel zugetheilt, mit welchem ſie am leich— teſten in Verbindung geſetzt werden können. Eine Berückſich⸗ tigung der Regierungsbezirke ſcheint uns überhaupt bei Abgrän— zung der Kirchenkreiſe zwecklos.

25

Berufungen gepruͤft werden muͤſſen. Alle vier Raͤthe denken wir uns aber auch hier als Weltliche, ſtatt des geiſtlichen Aſſeſſors und des geiſtlichen Scriba des rheiniſch weſtphaͤliſchen Praͤſidiums . Auf dieſe Weiſe entſteht uns der Landes-Kirchenrath, oder wenn es dem deutſchen Volke verſtaͤndlicher iſt, das Conſiſtorium. Wie nun dem Conſiſtorium im We— ſentlichen ſeine jetzigen Thaͤtigkeiten bleiben muͤſſen, wenn nicht ſtatt Vereinfachung, Verwicklung entſtehen ſoll; fo denken wir uns den Biſchof der Metropole durch das Koͤnigliche Vertrauen mit der Verwaltung des Patronatrechtes betraut, welches jetzt von den 26 koͤniglichen Regierungen ausgeuͤbt, alſo als zum Aeußerlichen der Kirchenregierung gehoͤrig gedacht wird. Wir nehmen an, daß der Metropolitan-Bi— ſchof dem Könige für jede Pfarre des Landes, welche über 800 Thaler Einkommen hat, und koͤniglicher Verleihung iſt, drei Candidaten vorſchlage, aus welchen

) Auch hierfür finden wir einen Anklang in den Verhandlungen der Synode von 1844: nämlich in dem Antrage, daß das Prä— ſidium ein Direktorium werde, und der Aſſeſſor Beiſtand, Bei— rath und Stellvertreter des Biſchofs ſei.

17

der König Einen ernennt. Für die übrigen Pfarrer (von 800 Thaler und weniger) denken wir uns den Biſchof jedes Kreiſes mit derſelben Befugniß ausge— ſtattet. Wir ſehen aber in beiden Faͤllen dieſe Be— ſtimmung als eine perſoͤnlich dem Biſchofe zuſtehende an: um ſo mehr, da wir das Einſpruchs- und Berufungs-Recht der einzelnen Gemeinden durch organiſche Formen feſtgeſtellt haben. Die Pruͤfung der Candidaten findet ſtatt unter Vorſitz des Metropolitan-Biſchofs. Er waͤhlt zu Examinatoren, außer den beiden Abgeordneten der Facultaͤt der Landes-Univerſitaͤt, noch zwei andre geiſtliche Mitglieder der Synode: dieſe ſelbſt endlich wählt, durch Stimmenmehrheit, eine gleiche Anzahl ſolcher geiſtlicher Abgeordnete. Es waͤre gut, daß beſtimmte Zeiten fuͤr die Pruͤfung feſtgeſetzt wuͤrden, damit jeder dabei betheiligte Biſchof, ſo oft es ihm beliebt, perſoͤnlich oder durch einen der Kirchenraͤthe, der Pruͤfung des Candidaten ſeines Sprengels bei— wohnen koͤnnte. Findet die Pruͤfung zur Zeit der Landesgemeinde ſtatt, ſo koͤnnen natuͤrlich alle Mit— glieder der Synode ihr beiwohnen. Der Biſchof,

259

zu deſſen Sprengel der Candidat gehoͤrt, hat aber außerdem immer das Recht, ſelbſt Fragen und Auf— gaben zu ſtellen. Was die laufenden Geſchaͤfte be— betrifft; ſo haben zwei der Raͤthe des Conſiſtoriums die reinen Verwaltungsgeſchaͤfte, und die zwei an— dern die gerichtlichen Amtsthaͤtigkeiten. Dieſe ſind erſtlich entweder (wie wir vorgeſchlagen) urſpruͤng— lich, oder in Folge von Berufung vom Urtheile der Kreisſynode, die Amts-Entſetzung oder Amts-Enthe— bung der Geiſtlichen und zweitens die kirchliche Schei— dung kirchlicher Ehen. Von dieſen Ehegerichten wer— den wir das Nähere ſagen, wenn wir die Verhaͤltniſſe der Kirche zum Staate beruͤhren. Was nun die Ernennung ſaͤmmtlicher Conſiſtorial-Raͤthe betrifft, ſo ſcheint es, daß wir ſie unmittelbar dem Fuͤrſten zu— weiſen muͤſſen: jedoch unter der Beſchraͤnkung, daß er ſie aus Mitgliedern der Kreisſynode oder der Provinzial⸗Gemeinde ernenne. Der Aeltere der Ver— waltungsraͤthe, und der Aeltere der Richter ſeien uns beide ſtehende Mitglieder der Landesgemeinde: die beiden andern waͤhlbar. Den Metropolitan waͤhle

aber der Koͤnig aus den bereits ernannten Biſchoͤfen. 17

*

250

Er hat übrigens in feinem Sprengel keine andere Rechte, als jeder andere Bifchof, und in der Ver: ſammlung nur den Vorſitz und die Entſcheidung bei Stimmengleichheit.

Die Landes gemeinde endlich iſt uns eine Verſammlung, welche im Allgemeinen der jetzigen Provinzial-Synode von Rheinland und Weſtphalen entſpricht. Unſerer Anſicht nach, wuͤrde ſie, dem Obigen gemaͤß, ſich etwa folgendermaßen geſtalten. Die in der Landesgemeinde zu vereinigenden Elemente wuͤrden ſein:

Erſtlich: Saͤmmtliche, alſo durchſchnittlich zehn Biſchoͤfe der kirchlichen Provinz.

Zweitens: Die beiden Kirchenraͤthe jedes Spren— gels kraft ihres Amtes. Fuͤr die Metropole aber nur der aͤltere Conſiſtorialrath und der aͤltere Conſiſtorialrichter.

Drittens: Eben ſo viel geiſtliche als weltliche Abgeordnete aus jeder der biſchoͤflichen Kreisgemeinden. Ob aber fuͤr jede Klaſſe, wie bisher, Ein Abgeordneter zu waͤhlen ſei, oder mehrere das bleibe dahingeſtellt. Zwei aus jeder wuͤrden fuͤr dieſe beiden Ordnungen, nach jener Durchſchnittszahl 40 ergeben. Wie wir

261

nun fuͤr die Kreisſynode den Volks-Schullehrerſtand heranziehen zu muͤſſen glaubten; ſo iſt es uns nicht zweifelhaft, daß in der Landesgemeinde der Kirche der Zukunft die Collegien der Gymnaſial-Lehrer und die evangeliſche Facultaͤt der Landes-Univerſitaͤt ver— treten ſein ſollte. Die durchſchnittlich zwoͤlf oder dreizehn evangeliſchen Gymnaſien der Provinz wuͤrden etwa zwei Abgeordnete ernennen: die evangeliſche Facul— taͤt eben ſo viele. Auf dieſe Weiſe gewinnen wir folgende Ueberſicht der Landesgemeinde oder Provinzial: Synode. A. Geiſtliche.

h 10 %% % ee 10 3) die Abgeordneten der Facultaͤt .. .. 232 4) die Abgeordneten aus den Pfarren der

dee lden 10 B. Laien.

1) die beiden älteren Landes-Kirchenraͤthe. . 2 2) die beiden Kirchenraͤthe der uͤbrigen Sprengel 20 3) die Abgeordneten der evangel. Schulcollegien 2 = 4) die Abgeordneten der Kreisſynoden ... 20

Durchſchnittliche Geſammtzahl 76.

262

Dieſe Mitglieder berathen alle gemeinſchaftlich. Bei der Abſtimmung aber ziehen ſich die Biſchoͤfe in ihren eigenen Berathungsſaal zuruͤck, um dort noch einmal unter ſich die Angelegenheit zu berathen, und unter ſich abzuſtimmen. Bei Stimmengleichheit hat der Metropolitan-Biſchof, wie oben geſagt, den Stich: Entſcheid: neben dem Vorſitze ſein einziges Vorrecht. Die Uebrigen ſtimmen zuſammen ab, außer wenn mindeſtens zwei Drittel der weltlichen Abgeordneten verlangen, daß nach den beiden Ordnungen abgemehrt werde. Fuͤr jeden Beſchluß iſt die Vereinigung der zwei oder drei Ordnungen nothwendig, nach welchen abgeſtimmt worden. Jeder alſo gefaßte Beſchluß be— darf natuͤrlich der koͤniglichen Beſtaͤtigung. Aber die Befugniß der Abaͤnderung eines zu beſtaͤtigenden Synodal-Beſchluſſes koͤnnen wir nicht zweckmaͤßig finden. Die Ausfuͤhrung des genehmigten Beſchluſſes fällt einzig und allein den kirchlichen Verwaltungs— Behoͤrden anheim.

Wenn das kirchliche Gericht uͤber die Biſchoͤfe in dieſe Sphaͤre gehoͤrte, ſo wuͤrde es jedenfalls vor die volle Landesgemeinde gehoͤren. Wir würden ale:

263

dann etwa folgendes vorſchlagen. Ein Biſchof müßte von den uͤbrigen Biſchoͤfen oder uͤberhaupt von den Geiſtlichen der Provinz gerichtet werden, wenn er durch eine Mehrheit von zwei Dritteln der uͤbrigen, geiſtlichen und weltlichen, Mitglieder, oder auch nur dieſer letztern allein, in Anklageſtand verſetzt waͤre, ſo fern naͤmlich ſeine Lehre und Rechtglaͤubigkeit oder ſein kirchliches Leben in Frage ſteht. Ebenſo der Kirchenrath. Die Biſchoͤfe koͤnnten ſich rechtliche Beiſtaͤnde waͤhlen aus den weltlichen Kirchenraͤthen. Allein die ganze Annahme ſcheint uns unzulaͤſſig. Einmal paßt das Richteramt nicht fuͤr Geiſtliche. Zweitens ſind die Biſchoͤfe nicht von der Synode er— nannt, ſondern vom Fuͤrſten, nach dem oben Vorge— ſchlagenen: jedenfalls hat die Krone ſie mit einem Theil ihrer Rechte betraut, alſo muß ſie auch bei dem Verluſte des Amtes betheiligt ſein. Endlich aber auch ſcheint die Amtsentſetzung oder Enthebung von Biſchoͤfen, fo weit fie kirchlicher Natur iſt, der ober ſten Kirchenbehoͤrde vorbehalten bleiben zu muͤſſen, und am beſten einer rein richterlichen.

264

Anders iſt es vielleicht bei der Frage: ob nicht die Synode, auf Vortrag einer, aus den richtlichen Raͤthen der einzelnen Sprengel gebildeten Kommiſſion, im letzten Zuge uͤber Faͤlle von Amtsentſetzung der Pfarrer wegen Amtsvergehen entſcheiden ſollte, durch Stimmenmehrheit, falls eine Berufung eingelegt waͤre von der Entſcheidung des Landeskirchenraths.

Wir ſind in alle dieſe Einzelheiten nur deßwegen eingegangen, weil wir nur ſo glaubten anſchaulich machen zu koͤnnen, wie naturgemaͤß und leicht die Scheidung des kirchlichen und ſtaatlichen Regiments iſt, ſobald man nur den Wahn gruͤndlich fahren laͤßt, daß die Geiſtlichkeit die Kirche ſei, und ohne Ruͤck— halt die daraus gefloſſene Anſicht aufgiebt, daß freie Kirchenregierung Pfaffenherrſchaft ſein muͤſſe, alſo mit der Sicherheit und Freiheit des Staates und ſeiner Buͤrger in Widerſpruch ſtehe. Zur Veran— ſchaulichung unſerer Ideen, in der oberſten Sphaͤre, der Reichs kirche, bedürfen wir nur weniger Worte.

Die oberſte Verwaltung der evangeliſchen Kirche, welche bis jetzt vom Miniſterium der geiſtlichen An— gelegenheiten ausgeuͤbt worden, fällt natürlich, ihrem

28 5

groͤßten Theile nach, ganz weg. Es bleibt fuͤr die koͤnigliche Verwaltungs-Behoͤrde auf dieſem Felde nur die polizeiliche (politiſche) Ober-Aufſicht des Koͤnigs, und der Verkehr der Regierung mit den Provinzial— ſynoden. Dieſer wird theils in Bearbeitung und Mittheilung der vom Koͤnige einer ſolchen Synode zur Berathung vorzulegenden Antraͤge beſtehen, theils in der Einholung der koͤniglichen Beſtaͤtigung oder Ab— lehnung der gefaßten Beſchluͤſſe. Was aber die oberſte richterliche Entſcheidung in denjenigen Ange— legenheiten betrifft, welche nicht in den Landesge— meinden erledigt werden koͤnnen; ſo denken wir uns hier lieber einen von der Verwaltung ganz getrennten kirchlichen Reviſionshof und zwar fuͤr folgende zwei Fälle. Erſtlich für die Eheſcheidungs-Prozeſſe, und zweitens bei Entſetzung oder Amts-Enthebung eines Biſchofs, in Folge eines koͤniglichen Antrages oder einer Anklage Seitens einer Provinzial- Synode. Was aber die Schlichtung von Streitigkeiten betrifft, zwiſchen der Kirche und den Profeſſoren der Theologie auf der Landes : Hochichule über Reinheit der Lehre; ſo moͤchten wir die Entſcheidung hieruͤber weder dem

266

Miniſterium, noch dem kirchlichen Reviſionshof zuge wieſen ſehen. Unſern Vorſchlag koͤnnen wir aber erſt weiter unten entwickeln, wo von den Ver— haͤltniſſen der Kirche zur Wiſſenſchaft die Rede ſein wird.

Wir ſetzen natuͤrlich voraus, daß der Miniſter des Koͤnigs der evangeliſchen Kirche angehoͤre, und mit ihr in Verbindung ſtehe, als Aelteſter, oder ſonſt als kirchlicher Mann. Schon wegen des Vorherrſchens des Rechtes in dieſer Sphaͤre wuͤrde ein Geiſtlicher fuͤr dieſe Stelle ungeeignet erſcheinen muͤſſen.

Fuͤr die ihm bleibenden Geſchaͤfte duͤrfte es hin— laͤnglich ſein, daß der vom Koͤnige erwaͤhlte evangeli— ſche Mann einen vortragenden geiſtlichen und weltli— chen Rath (beide natuͤrlich ebenfalls evangeliſche Maͤn— ner) unter ſich habe, mit dem erforderlichen Kanzlei— perſonale.

Ueber die Bildung des kirchlichen Gerichtshofes iſt es nicht noͤthig, hier in Naͤheres einzugehen. Denn daß die Richter kirchliche Maͤnner ſein muͤſſen, aber keine Geiſtliche, duͤrfen wir doch wohl kaum noch ausdruͤcklich bemerken.

267

Mit einem Worte: in der ſtehenden Verwal: tung der Reichskirche tritt zweierlei hervor: einmal die Thaͤtigkeit einer Abtheilung des Koͤniglichen Mi: niſteriums, Behufs der Aufſicht uͤber die Kirche und der Ausübung des Hoheitsrechtes im wahren Sinne des Wortes: anderntheils die Thaͤtigkeit eines koͤnig— lichen Gerichtshofes, der aus Maͤnnern der Kirche beſteht, und nach der Verfaſſung der Kirche ent— ſcheidet. Als Theil dieſer Verfaſſung ſetzen wir alſo die Angabe der Eheſcheidungsgruͤnde voraus: alles uͤbrige, die buͤrgerlichen Folgen der Ehe betreffende, verbleibt dem gemeinen Rechte und den gewoͤhnlichen Gerichtshoͤfen. Wir werden uͤber dieſen Punkt unten bei den Eroͤrterungen des Verhaͤltniſſes der Kirche zu der buͤrgerlichen Ordnung das Naͤhere beibringen.

Fuͤr die gewoͤhnlichen Beduͤrfniſſe einer einge— richteten und organiſch, nach ſelbſtaͤndigen Sprengeln und Landesgemeinden, ſich fortpflanzenden und regie— renden Kirche wird es nun kaum der Reichs ge— meinde beduͤrfen, von welcher allein uns noch uͤbrig bleibt hier zu reden. Regelmaͤßige Zuſammenkuͤnfte einer ſolchen Reichsgemeinde feſtzuſtellen, ſcheint alſo

268

bei der großen Bedeutung, welche eine folche Ver— ſammlung immer haben muß, weder thunlich noch raͤthlich. Wohl aber wird, bei außerordentlichen Er— lebniſſen der Kirche, namentlich auch im Anfange ihrer Bildung, eine ſolche Reichsgemeinde ſich nothwendig, und fuͤr die Erhaltung der Einheit im Geiſte, hoͤchſt wohlthaͤtig zeigen. Dieß zu ent ſcheiden muß aber der Koͤniglichen Weisheit uͤber— laſſen bleiben. Den Wunſch einer Reichsgemeinde auszuſprechen, und um ihre Berufung zu bitten, ſteht natuͤrlich den Landesgemeinden zu.

Die Bildung einer ſolchen Verſammlung ſcheint durch das Vorhergehende in den Hauptpunkten gege— ben. Einerſeits werden alle Biſchoͤfe in ihrem per— ſoͤnlichen Rechte daran Theil zu nehmen haben: andrerſeits eine entſprechende Anzahl von Abgeord— neten der Landesgemeinden.

Wenn wir 60 Biſchoͤfe annehmen; zehn durch— ſchnittlich von jeder Kirchenprovinz, fo wuͤrden 12 Abgeordnete von jeder der ſechs Gemeinden ihnen gegenuͤber 72 theils geiſtliche theils weltliche Reichs— Aelteſten bilden. Alle dieſe nun ſollten von der

269

Geſammtheit der Gemeinde mit Ausſchluß der Bi— ſchoͤfe gewaͤhlt werden: ſo jedoch, daß wenigſtens die Haͤlfte derſelben Weltliche, Aelteſte im gewoͤhnlichen Sinne ſein muͤſſen. Da die Beſchluͤſſe einer Reichs— gemeinde im Falle der Koͤniglichen Beſtaͤtigung von den Provinzial-Gemeinden und der ganzen Kirche anzunehmen ſein werden, welche durch ihre Vertreter und Abgeordnete dieſelben gefaßt hat, ſo iſt es noͤthig, daß das chriſtliche Volk nur ſolche Geiſtliche dorthin ſende, welche ſein Vertrauen haben.

Die Berathung dieſer 132 Maͤnner, denken wir uns wie bei den Landesgemeinden, gemeinſchaftlich: die Abſtimmung der Biſchoͤfe aber beſonders. Ohne Zuſtimmung der Mehrheit der Biſchoͤfe kann eben ſo wenig ein Entſchluß gefaßt werden, als ohne die der zwei und ſiebenzig. In dieſen entſcheidet eine Mehr— heit von zwei Dritteln.

Der Koͤnigliche Miniſter wohnte als ſolcher der Verſammlung nicht mitberathend bei, ſondern als Königlicher Amts-Abgeordneter (Commiſſar): er wäre, als Miniſter, das Organ des Koͤnigs bei der Ver— ſammlung, und dieſer bei dem Koͤnige.

220

Ohne Koͤnigliche Beſtaͤtigung iſt kein Beſchluß des Reichskirchenraths guͤltig.

So ungefaͤhr wuͤrde, unſers Erachtens nach, ſich in Anwendung auf Preußen, die Verfaſſung einer großen und freien, auf gemeindliche Selbſtaͤn— digkeit und die Unabhaͤngigkeit der Verwaltung eines Kreiſes oder kirchlichen Sprengels gegruͤndete Kirche der Zukunft darſtellen: einer Nationalkirche, welche ſich zugleich als einen Zweig der allgemeinen, welt— geſchichtlichen, apoſtoliſchen Kirche Chriſti, d. h. der durch das Wort und den Geiſt befreiten Menſchheit erkennt.

Damit nun das bei dieſer Herſtellung Weſent— liche nicht mit demjenigen in Eine Reihe geſtellt werde, was theils landſchaftliche Beſonderheit iſt, theils unſerer eigenen mangelhaften Ausführung an: gehoͤrt; ſo wollen wir verſuchen, hier zum Schluſſe dieſes Abſchnittes die Hauptpunkte zuſammen zu ſtellen, auf welchen, falls unſere Grundlage eine richtige iſt, jeder Plan einer ſolchen Herſtellung beruhen muß, was auch immer Art und Weiſe, Zeit und andere Bedingungen der Verwirklichung eines ſolchen Pla—

nes ſein moͤgen.

271

Erſtlich: Die kirchliche Oberherrlichkeit iſt bei der vollen Kirchengemeinde in Geſetzgebung und Re— gierung.

Zweitens: Die volle Kirchengemeinde ſtellt ſich nach unten als Ortsgemeinde dar, nach oben als Landesgemeinde. Zwiſchen beiden Sphaͤren liegt die

der unabhaͤngigen Kirche des kirchlichen Kreiſes oder | Sprengels, mit dem Biſchof und Kirchenrath, in der Mitte.

Drittens: Die Verwaltung iſt allenthalben in den Haͤnden von Vorſtaͤnden, an deren Spitze immer ein Geiſtlicher ſteht. So hat der Gemeinde- Vorſtand den Pfarrer, der Kirchenrath den Biſchof, der Lan— des: Kirchenrath den Metropolitan-Biſchof an der Spitze. Sowohl das Amt des Wortes, als da Amt der Verwaltung hat neben ſich das Amt der Helfer oder Diakonen, nie als Titel, immer fuͤr eine organiſche Thaͤtigkeit an und in der Gemeinde.

Viertens: Jeder Vorſtand hat einen Kreis von perſoͤnlichen und koͤrperſchaftlichen Pflichten, fuͤr welche er allein verantwortlich iſt. So die Orts— gemeinde fuͤr die Wahl der Geiſtlichen, und der Orts—

272

pfarrer für die Einſegnung: fo der Bifchof für die Einſetzung eines Predigers in das Amt: ſo die Lan— desgemeinde fuͤr ihre Beſchluͤſſe. Dieſen Gewiſſens— pflichten entſprechen Gewiſſensrechte: alles nach dem oberſten Grundſatze aller evangeliſcher Verfaſſung, dem allgemeinen Prieſterthum, d. h. der perſoͤnlichen ſittlichen Verantwortlichkeit des Einzelnen.

Fuͤnftens: Das perſoͤnliche Gewiſſensrecht darf eben ſo wenig unterdruͤckt werden, als das koͤrper— ſchaftliche.

Sechſtens: Die kirchliche Verwaltung iſt ganz in kirchlichen Haͤnden.

Siebentens: Die Patronatsrechte des Staates find gleich den Patronatsrechten von Privatperſonen zu betrachten. Sie duͤrfen nie das Berufungsrecht der Gemeinde ganz vernichten.

Achtens: Bei den Schullehrern wirken Staat und Kirche zuſammen.

Neuntens: Die Regierung hat, als ſolche, das Recht der allgemeinen polizeilichen Beaufſichtigung, und die Ernennung der hoͤheren Verwaltungs-Beam— ten, d. h. des Biſchofs und feiner weltlichen Raͤthe:

273

jedoch muß ſie dieſelben aus Maͤnnern der Gemeinde nehmen, Aelteſten und Abgeordneten. Den Metro— politan:Bifchof wähle der König aus den Biſchoͤfen des Reiches, den Landeskirchenrath aus den Kirchen— raͤthen.

Zehntens: Weder die Regierung kann der Kirche, noch eine geiſtliche Kirchenverſammlung dem Volke und dem Fuͤrſten kirchliche Satzungen auflegen, oder das Beſtehende jenſeits der Befugniſſe der Landes— gemeinde aͤndern. Wie alle Beſchluͤſſe der Landesge— meinde, ſo beduͤrfen auch die der Reichsgemeinde der koͤniglichen Beftätigung: außerdem aber kann eine Reichsgemeinde ſich nicht ohne koͤnigliche Berufung verſammeln, und die Laien haben in ihr ein unbe— dingtes Veto.

Wem es nun bewieſen iſt, daß auf dieſe Weiſe, bei liebevollem Entgegenkommen und gegenſeitigem Vertrauen von Gemeinde und Fuͤrſten, ein unberech— barer Fortſchritt der geſetzlichen Freiheit und des Lebens auf dieſem Gebiete gemacht, und die Loͤſung einer der ſchwierigſten Aufgaben der Zeit bei uns

geſchafft werden koͤnnte, fuͤr den bedarf es eigentlich 18

274

keiner Beantwortung der Frage: was wuͤrden Re— gierung und Gemeinden aufzugeben haben oder gewinnen? denn beider Belange koͤnnen durch— aus nicht als verſchieden gedacht werden. Faſſen wir jedoch die Frage nach dem rechtlichen Verhaͤltniß, ſo iſt klar, daß die Regierung ſich im Beſitze des Rechtes der eigentlichen Kirchenregierung befindet, ſelbſt in den presbyterial geſtalteten Landſchaften. In den uͤbrigen Landſchaften hat die Gemeinde offen— bar nur Rechte zu erhalten, die ihr mangeln. Aber ſelbſt die Gemeinden der rheiniſch- weſtphaͤliſchen Kirche haben, unſerer Ueberzeugung nach, kein Recht aufzugeben, was fuͤr ſie von irgend einem wirklichen Werthe waͤre: viel weniger irgend eine Buͤrgſchaft gegen Geiſtlichkeit oder Regierung. Worin beſtehen die Veraͤnderungen, welche durch eine ſolche Geſtaltung der Kirche hinſichtlich der Thaͤtigkeiten der Gemeinden und Synoden eintreten wuͤrden? Die Ortsgemeinden verlieren nicht allein gar kein Recht, ſondern erwer— ben zum erſtenmale eine wirklich freie Verwaltung. Ihre Wahlen fuͤr die Kreisſynode bleiben wie ſie ſind. Eine neue Kreisgemeinde ſelbſt umfaßt etwa durch—

275

ſchnittlich vier bisherige Kreiſe, von durchſchnittlich 100 Gemeinden, mit 10 Dechanten oder Superin⸗ tendenten. Dieſe erwaͤhlt die Kreisſynode auf ſechs Jahre, wie bisher die etwa fuͤnf Superintendenten des Bezirks. Die Verwaltung wird aber ſtatt des bisherigen Superintendenten mit zwei andern Geiſt— lichen, als Stellvertreter und Kanzler, von einem rein kirchlichen ſelbſtaͤndigen Kirchenrathe gefuͤhrt, in welchem ſich nur Ein Geiſtlicher befindet, gegenuͤber zwei Aelteſten. An der Spitze deſſelben ſteht naͤmlich ein Geiſtlicher, der Biſchof, hervorgegangen aus den Dechanten, oder uͤberhaupt aus den geiſtlichen Abge— ordneten der Provinzial-Synode, alſo jedenfalls mit voller Betheiligung der oͤffentlichen Stimme der Landeskirche. Die beiden Raͤthe aber, welche mit dem Biſchofe den, bisher von den koͤniglichen Raͤthen der Regierung und Conſiſtorium gefuͤhrten Geſchaͤften vorſtehen, werden aus den weltlichen Mitgliedern der Vorſtaͤnde gewaͤhlt, alſo aus den Aelteſten der Orts— gemeinde, oder aus den weltlichen Mitgliedern der Kreis: oder Provinzial-Synode: dieſe aber find wie der von den Gemeinden gewaͤhlt worden. Aber in 18°

276

welcher andern Machtfülle ſteht dieſer Kirchenrath da, im Vergleich mit dem bisherigen Direktorium! Die Raͤthe ſind gepruͤfte Geſchaͤftsmaͤnner, an Bildung und amtlicher Stellung den koͤniglichen Raͤthen der Regierung und Conſiſtorien und den Raͤthen bei den koͤniglichen Gerichtshoͤfen gleich: aber ſie ſtehen ganz anders ſelbſtaͤndig dem koͤniglichen Miniſterium gegen— uͤber. Sie ſind in ihrer Sphaͤre ganz frei, und die amtliche Beaufſichtigung uͤber ſie iſt bei der Provin— zial-Synode. Die richterliche Gewalt und die ganze aͤußere Verwaltung iſt ganz in den Haͤnden dieſer weltlichen Raͤthe, und ohne ihren Beirath kann der Biſchof nichts thun. Die ganze Verwaltung des Sprengels endlich iſt zuvoͤrderſt unter den Augen der Kreisſynode. Vor ihr werden die wichtigſten Ange— legenheiten beſprochen, ſie beaufſichtigt die Verwal— tung, und kann Antraͤge an die Landesgemeinde bringen. Dann aber iſt die Verwaltung noch unter der oberen Aufſicht dieſer Landesgemeinde ſelbſt, oder der Provinzialſynode. Sie nun erhaͤlt erſt jetzt freies Beſchlußrecht: ihr geiſtiges Gewicht und Anſehn wird gar bedeutend verſtaͤrkt durch die Erfahrung der

277

kirchlichen Verwaltungs: Behörden in der Provinz, deren Mitglieder in ihr ſitzen: endlich wird ihr Wahl: recht eher erweitert als beſchraͤnkt. Statt dreier Geiſtlicher ſtuͤnde ihr ein Geiſtlicher vor, mit vier weltlichen, aus der Synode oder den Aelteſten genommenen weltlichen Raͤthen. Statt eines, mit hoͤchſt beſchraͤnkten Befugniſſen der Staatsbehoͤrde ge— genuͤberſtehenden Praͤſes, waͤre ferner an die Spitze ein Landeskirchenrath geſtellt, kraͤftig und geeignet, die gefaßten und genehmigten Beſchluͤſſe auszufuͤhren, ohne alle ſtaatliche Beſchraͤnkung oder Mitwirkung. Geſetzt alſo, die Ernennung lebenslaͤnglicher Biſchoͤfe und Kirchenraͤthe, ſtatt ſechsjaͤhriger Superintendenten und Stellvertreter, und die Feſtſtellung einer beſtimm— ten Stadt für die Abhaltung einer Provinzial-Synode waͤre eine Freiheit der Synode weniger, was wir in Abrede ſtellen muͤſſen, welcher Vernuͤnftige wuͤrde das in die Wagſchale legen wollen? Aber wir fragen weiter: wie kann das eine wahrhafte Freiheit ſein, was dem eigentlichen Gegenſtande der Freiheit, alſo hier der Kirche keinen Vortheil bringt? Daß dieß aber weder das eine noch das andere thut,

278

vielmehr die Veraͤnderung in jeder Beziehung eine erſprießliche ſei, bedarf, ſo ſcheint es, keiner weiteren Ausfuͤhrung, ſondern nur einer unbefangenen Auf, faſſung.

Anders allerdings ſieht es mit der Staatsregie— rung aus. Ihr bleibt nur jenes Oberhoheits- und all— gemeine Aufſichtsrecht, welche ſie in der roͤmiſch-ka— tholiſchen Landeskirche, Papſt und Biſchoͤfen gegen— uͤber, ausuͤbt. Sie giebt alſo wohlgegruͤndete Rechte auf, und ſie allein. Dieß iſt ſo klar, daß kein Ver— ftändiger es dem freiſinnigſten Fuͤrſten rathen koͤnnte, die Gewalt aus den Haͤnden ſeiner Beamten in die der kirchlichen Gemeinden zu legen, wenn die freie Kir— chenverfaſſung nicht die Buͤrgſchaft der Ordnung und Erhaltung in ſich truͤge. Wahrlich, nicht bloß aus Ruͤckſicht auf die Erhaltung ihrer Rechte, nein, auch um des gemeinen Wohles willen, duͤrfte keine weiſe Regierung ohne ſolche Buͤrgſchaft die Angelegenheiten der evangeliſchen Landeskirche dieſer ſelbſt uͤberlaſſen. Pfaffenherrſchaft will Niemand: die Zeit ertraͤgt ſie nicht, der ganze Geiſt der evangeliſchen Kirche und Be— voͤlkerung iſt ihr entgegen. Aber die tief ins geiſtige

279

Leben der Nation eingreifende Regierung der kirchlichen Geſammtheit durch independentiſche Ortsgemeinden und ihre Vertreter, waͤre doch wahrlich noch viel unſiche— rer und gefaͤhrlicher! Einer aus ſolchen beweglichen und unberechenbaren Elementen gebildeten Verſamm— lung, einer ſo organiſirten, ſich ſelbſt verſchlingenden und vernichtenden Demokratie, ſollte die Regierung die heiligſten Angelegenheiten uͤbergeben? Wahrlich nicht deßwegen hat die Vorſehung die Schluͤſſel Zions in ihre Haͤnde gelegt, daß ſie dieſelben ſolchen Kirchen— herren uͤbergeben ſollte. Nicht deßwegen hat Regie— rung und Volk die ſchwierigſte aller Diktaturen uͤber— nommen und ertragen, und der Feſſeln der Theologen und Dogmatiker ſich entwunden, um in die Herrſchaft unvorbereiteter und unerfahrener Gemeinde-Vorſteher zu fallen! Es muß eine in ſich wohlbegruͤndete, ja es muß eine weltgeſchichtlich bedeutende Organiſation ſein, welche an die Stelle unſerer jetzigen, reinen oder gemiſchten Diktatur tritt: oder laßt uns alle Gott und den Koͤnig bitten, daß es beim Alten bleibe!

Dagegen darf die evangeliſche Kirche eines jeden deutſchen Volkes gewiß mit Grund hoffen, daß die

280

Regierung, als eine geſetzliche, vaͤterlich waltende und chriſtliche, nicht den Buchſtaben des beſtehenden Rech— tes feſthalten wolle gegen das verſtaͤndige und ehrer— bietige Verlangen und gegen die gewiſſenhafte Ueber— zeugung von Geiſtlichkeit und Volk. Keiner wird in diktatoriſchen aus Nothſtand oder Unterdruͤckung her— vorgegangenen Rechten eine Staͤrke, alſo in deren Aufgeben an eine weiſe geordnete, glaͤubige Gemein— deverfaſſung eine Schwaͤchung ihrer Gewalt ſuchen, ſondern vielmehr in einem geordneten, ſelbſtſtaͤndigen Gemeindeleben einen Zuwachs und den feſteſten Grund ihrer Macht erblicken wollen.

IX. Die Herrlichkeit der Aemter der Kirche der Zukunft, und die Einſetzung in dieſelben. Wir haben verſucht, die drei Aemter der evan—

geliſchen Kirche der Zukunft, nach den verſchiedenen Kreiſen des kirchlichen Lebens von den Ortsgemeinden

281

an darzuſtellen, und ihre Thaͤtigkeiten gegenſeitig abzugraͤnzen.

Wer die von uns angefuͤhrten Thatſachen be— trachtet, und mit uns von den an die Spitze dieſer ganzen Eroͤrterung geſtellten Grundſaͤtzen ausgeht, wird jedenfalls darin mit uns uͤbereinſtimmen, daß große und herrliche Lebens: Elemente ſich, wie in der Gemeinde und ihrem Wirken ſo in den Aemtern an denſelben zeigen.

5 Im Hirtenamt haben wir das Pfarrſyſtem der alten Kirche bewahrt, und es durch die Theilnahme der Kirchenaͤlteſten entweder bereits verſtaͤrkt und ge— ſtuͤtzt gefunden, oder ein entſchiedenes Streben der chriſtlichen Gemeinden wie der Pfarrer bemerkt, dieſes Element in das gemeindliche aufzunehmen. Wir haben geſehen, wie man Seitens der Regierung wie der Gemeinden darauf hingeht, die Schaar der Ver— kuͤndiger des Evangeliums zu verſtaͤrken durch Pre— diger und Pfarrgehuͤlfen, und wie es nicht an einer eifrigen, aufopfernden, gebildeten und glaͤubigen juͤn— geren Schaar fehlt, um dieſem Beduͤrfniſſe zu ent— ſprechen. Hinſichtlich der Huͤlfe in der evangeliſchen

282

Belehrung und Erziehung des Volkes aber find wir einer, in ihrer Art einzigen, großen Anſtalt begegnet: den 17,000 Schullehrern, welche den Pfarrgeiſtlichen zur Seite ſtehen, und ihnen in der Gemeinde dienen. Was endlich die Lebens-Elemente in der Verwaltung des Amtes der kirchlichen Regierung betrifft; ſo haben wir ein Syſtem gewiſſenhafter Diktatur Seitens des Staates gefunden: daneben, in zwei Provinzen, das Geruͤſt einer presbyterianiſchen Kirchenregierung. Wir haben in beiden Syſtemen das redliche Beſtreben erkannt, die kirchlichen Geſchaͤfte zum Heil und Be— ſten der Gemeinde zu betreiben. Wir haben geſehen, wie es nur der unheilbare Fehler des Syſtems iſt, welcher alle Bemuͤhungen hemmt; und wie dieſer Fehler ſelbſt eine Folge vielfachen Ungluͤckes und ſchwieriger Verwicklungen der Vergangenheit heißen muß. Kurz, wir haben auch hier einen lebensgeſun— den Kern getroffen, und zwar von alten wie von neuen Elementen. Das Gute und Evangeliſche des Syſtems der Geiſtlichkeitskirche ſteht noch da, und lebenskraͤftige neue Schoͤßlinge treiben von allen Sei— ten und offenbaren das Leben einer hoffnungsreichen

283

Zukunft. Am uͤberraſchendſten und bedeutendſten fan— den wir dieß auf dem Gebiete der Huͤlfe in der kirchlichen Armen- Kranken- und Gefangenenpflege. Da trat uns eine begeiſterte Schaar von Maͤnnern und Frauen entgegen, welche Anſtalten der huͤlfreichen Liebe geſtiftet, zur Beſſerung der Verirrten, zur Pflege der haus- und elternloſen Kinder, zum Troſte der Kranken und Gefangenen: glaubensvolle Hand— werker und ein Chor von Diakoniſſen, welche die Werke der barmherzigen Schweſtern der Geiſtlichkeits— kirche thun, ohne Geluͤbde, in voller evangeliſcher Freiheit, und in der Kraft der freien, weil dankba— ren, Liebe. Wer nun bedenkt, wie die Diakonie am erſten abſtarb, und wie ſie vorzugsweiſe der Geiſt— lichkeitskirche mangelt, weil ſie zu ihrer vollen Ent— wicklung die volle Gemeinſchaft der Laien und das volle Bewußtſein des allgemeinen Prieſterthums for— dert, dem wird es leicht ſein, die weltgeſchichtliche Bedeutung der Thatſache zu begreifen, daß unter den lebenskraͤftigen Schoͤßlingen des kirchlichen Lebens die Diakonie vor allen andern leuchtend hervorragt. Dieß iſt das Amt der Liebe, und vorzugs—

284

weiſe das Amt der Kirche der Zukunft. Hier iſt das werdende Element der zukuͤnftigen Kirche, deren Geburtswehen wir alle empfinden, der Ge— meinde, auf welche das Seufzen der Kreatur, und der immer entſetzlicher ſich uns enthuͤllende Jammer der Menſchheit deutet. Hier iſt das Amt, welches Allen offen ſteht: hier die Bewaͤhrung des Glau— bens, zu welcher jeder berufen iſt: hier die Ue— bung des Prieſterthums, zu welcher jede Verfaſſung der Kirche Freiheit giebt. Hier iſt der Mittelpunkt, aus welchem allein die Verfaſſung dieſer Kirche der Zukunft innerlich hervorgehen kann. Alle Unvoll⸗ kommenheiten der bisherigen kirchlichen Verfaſſungen fließen am Ende nothwendig aus dem Mangel an jener Liebe und aus der Schwaͤche des Glaubens an ihre weltüberwindende Macht. Der Unglaube hat noch nie eine Kirche geſtiftet, am wenigſten wird er, das todte Kind der Vergangenheit, im Stande ſein, die Kirche der Zukunft zu ſchaffen. Der Sklave des Ich „des dunkeln Despoten“ kann die Form des Lebens der Freiheit weder begreifen noch lieben. Aber der Glaube, der in der Liebe thaͤtig iſt, der vermag

285

es: ja, er allein vermag das verſtorbene Leben des Glaubens wieder zu erwecken und die uͤberlieferten goͤttlichen Thatſachen zu einem neuen, lebendigen Verſtaͤndniſſe zu fuͤhren. Abgeſtorbene Formen irdi— ſchen Daſeins zu beleben, heißt abgethane Werke wieder thun wollen. Das iſt aber gegen die göttliche Weltordnung: eine neue Zeit kann das Gute nur thun (d. h. das Reich Gottes nur foͤrdern), indem ſie es nach einem hoͤheren Prinzipe thut: das Hoͤchſte aber iſt der Geiſt, der in Liebe und Freiheit handelt: Vollkommenes wird nie auf dieſer Erde, weder in Kirche noch Staat ſich bilden laſſen: in Suͤnden wird alles menſchliche empfangen und geboren, und die Suͤnde klebt auch dem Hoͤchſten und Heiligſten an. Aber deßhalb kann auch keine Zeit weniger thun, als ſich in dem verſuchen, was ihr aufgetragen iſt: und die Aufgaben ſteigern ſich in der Weltgeſchichte. Immer hoͤhere Gegenſaͤtze ſind zu uͤberwinden, und in hoͤherer Einheit zu verknuͤpfen, und die hoͤchſte Einheit, die einzige menſchliche Loͤſung aller Gegen— ſaͤtze iſt die einzige bis jetzt noch nirgend ernſtlich verſuchte: die der thaͤtigen Liebe, und alſo die der

286

Freiheit: denn die Liebe kennt keinen Zwang. Die Zeit und das Volk, welchen hiernach das Herz ent— brennt, hat die Kirche dieſer Zeit eingenommen, und reißt die Lade des neuen Bundes an ſich. Sie findet von hier aus leicht die zerſprengten Elemente einer freien, nationalen und kirchlichen Verfaſſung wieder. Denn die wahre Staatsweisheit der Kirche wird nicht aufhoͤren, wenn das Amt der Liebe in ſeine Rechte eingeſetzt ſein wird. Ja, es bedarf in der Kirche der Liebe umgekehrt noch mehr erleuchteter Ueberlegung, noch reiferer Erfahrung, damit die in Zeit und Volk liegenden Formen fuͤr das kirchliche Leben gefunden und bewahrt werden. Das levitiſche Prieſterthum bedurfte einer großen Umhegung, und das Prieſterthum der Geiſtlichkeit der griechiſch-roͤmi— ſchen Kirche hat ſich nicht halten koͤnnen ohne ſtarres kanoniſches Recht, ja meiſt nicht ohne das Schwert des weltlichen Armes. Das allgemeine Prieſterthum bedarf beides fo wenig als es fie vertraͤgt. Aber es bedarf doch, ſo lange die Reiche dieſer Welt beſtehen, eines Hegens und Schuͤtzens in Weisheit und Sorg— falt, damit der Einzelne vor Verwirrungen bewahrt,

und das geſunde Leben des Geiſtes in der lebendigen Wechſelwirkung des Verkehrs mit Gott und den Bruͤdern erhalten werde.

Alſo einer freien Verfaſſung iſt die evangeliſche Kirche der Gegenwart beduͤrftig, wenn ſie wieder be— lebt werden ſoll, was fuͤr den Glauben heißt, daß ſie deren faͤhig iſt. Aber wie nicht um ihres Unglau— bens willen ſondern ihres Glaubens wegen, ſo auch nicht hin zu der falſchen Freiheit, d. h. der blinden Herrſchaft der Selbſtſucht und des Unglaubens, ſon— dern hin zu dem Leben der wahren Freiheit in glaͤu— biger Liebe. Dieſer Glaube allein iſt faͤhig, die Feſſeln der ſchmaͤhlichen Knechtſchaft zu brechen, in welcher die Kirche der Gegenwart gefangen liegt: er allein auch ſprengt die Thore der Zukunft und bahnt den Weg zu der Kirche der Liebe und Freiheit.

So viel hier, um zu zeigen, daß die Thore allen Herzen offen ſtehen, die ſich in Glauben und Liebe ſehnen nach dem Frieden der Kinder Gottes und der vollen Erloͤſung der Menſchheit; zugleich aber auch um die Unheiligen und Thoren, welche eine Kirche haben wollen ohne Glauben und ohne

388

ohne Opfer (Hingebung), von dem groͤßten Heilig— thume der Menſchheit abzuwehren, und unſre Sache von der ihrigen zu trennen.

Die evangeliſche Kirche Deutſchlands hat alfo in ſich alle Elemente fuͤr die Herſtellung der drei Aemter der Kirche, deren Truͤmmer die mittelalterliche Kirche bewahrt und deren vollere und freiere Entwick— lung die Kirche der Zukunft erfordert. Sie hat das ehrwuͤrdige Alte bewahrt als ihren weltgeſchichtlichen Anknuͤpfungspunkt, und ſie beginnt taͤglich mehr ſich bewußt zu werden der neuen in die Zukunft des Reiches Gottes hinausreichenden Lebens-Elemente, die ſie in ihrem dreihundertjaͤhrigen Erdenwandel in ihrem Schooße entwickelt. Sie hat bewahrt das doppelte Zeugniß vom geſchichtlichen Chriſtus, und ſie hat dazu den Geiſt, den hoͤchſten aller drei Zeugen: denn der Geiſt iſt Wahrheit. (1. Joh. 9.)

Wie aber ſollen die Aemter der Kirche der Zu— kunft in die Gemeinde eintreten? Wir antworten: nach allgemeinem Gebrauche und Gefuͤhle der geſamm— ten Chriſtenheit: das heißt, erſtlich oͤffentlich, vor der Gemeinde, und zweitens als vor einer chriſtlichen,

289

kirchlichen Gemeinde, und als zu einem kirchlichen Amte, mit Gebet und Segen.

Auch hier hat die rheiniſch- weſtphaͤliſche Kirche uns ein ſchoͤnes Lebens-Element gegeben. Sie beſitzt eine ſehr wuͤrdige und feierliche Einſetzung fuͤr die Gemeinde- Aelteſten und Diakonen. Uns wird dieſe Einſetzung natuͤrlich in zwei ganz verſchiedene zerfal— len, weil Aelteſte und Diakonen verſchiedene Aemter und Thaͤtigkeiten haben. Aber wir fuͤhren mit einer ſolchen Theilung nur weiter aus, was jene Kirche angefangen. Wir gehen nur auf demſelben Wege weiter. Nach uns ſollte eben ſowohl auch der Schullehrer feierlich vom Pfarrer eingeſetzt werden, mit aͤhnlichem Gebete und Segen, wie die Diakonen am Worte und an der Verwaltung.

Wenn nun dieſe, wie dann nicht die Mitglieder des Kirchenrathes durch den Vorſtand der Kreisge— meinde? Sie haben andere Thaͤtigkeiten, andere Pflichten, andere Rechte. Ihre Thaͤtigkeit und das Gedeihen ihres Amtes iſt der Gemeinde gewiß eben fo wichtig, als die des Gemeinde- Vorſtandes. Alf

muß endlich wohl auch der Biſchof eingeſetzt werden. 19

290

Wir wollen ja grade gegen das Vorurtheil anderer Kirchen proteſtiren, d. h. ein chriſtliches Bekenntniß ablegen, und dem daraus erwachſenden Aberglauben nach Kraͤften ſteuern, naͤmlich als haͤtte der Geiſtliche als ſolcher, ausſchließliches Standesrecht fuͤr die Re— gierung der Kirche in Anſpruch zu nehmen. Dieß alles wird aber doch wohl am ſicherſten und eindring— lichſten dadurch erreicht, daß ihm die Kirche zu dem neuen Amte eine neue Einſetzung giebt, gerade ſo gut wie den ihm zur Seite ſtehenden Kirchenraͤthen. Wir haben uns bei allen bisherigen Auseinan— derſetzungen abſichtlich aller gelehrten Nachweiſungen ja ſo viel als moͤglich aller Schulausdruͤcke enthalten. Denn was huͤlfe uns aller Beweis, daß es in alter Zeit alſo geweſen und alſo geheißen, ja ſelbſt in apoſtoliſcher Zeit, wenn es unſerer Wirklichkeit, un⸗ ſerem Bewußtſein nicht mehr entſpraͤche? Es giebt in der Kirche kein bleibendes Recht ohne Wahr— heit, und keine Wahrheit ohne klares Schrift: wort und deſſen wahr- und weſenhafte, alſo gei— ſtig wahre Anwendung und Bethaͤtigung. Aber wir wollen hier doch bemerken, daß unſer Vorſchlag

291

nicht mehr und nicht weniger thut, als den Grund: gedanken der Reformatoren ins Leben zu fuͤhren, auf deren Grund und Boden wir uns geſtellt haben. Die evangeliſche Kirche hat den alten Grundſatz: keine Einſetzung ohne Amt! bei den Geiſtlichen wieder in vollem Sinne zur Wahrheit gemacht. Wir machen den Grundgedanken aber erſt wirkſam, wenn wir jenen Satz umkehren und ſagen: kein Amt ohne Einſetzung! Wollte man nun dieſe Einſetzung Or— dination nennen: ſo waͤre das ſprachlich ganz richtig: denn Ordination iſt nichts als ein dem roͤmiſchen Kaiſerreiche entlehnter Ausdruck, die damalige geſetz— mäßige und übliche Bezeichnung für Amts-Einſetzung eines geehrten Beamten: und das iſt urſpruͤnglich die kirchliche Bedeutung, wie Eichhorn und Rothe beide nachgewieſen. Aber vielleicht erſcheint es doch zweckmaͤßig zu beruͤckſichtigen, daß dieſer Ausdruck nun einmal geſtempelt iſt fuͤr die kirchliche Einſetzung des Geiſtlichen, als ſolchen, in ſein heiliges Amt, das Amt des Wortes. Wenn wir alſo nur dieſe Einſetzung und keine andere, Ordination nennen; ſo

machen wir es gewiß dem chriſtlichen Volke leichter, 19 *

292

einzuſehen, daß auch in der vorgeſchlagenen Verfaſ— ſung die Kirche nur Eine Ordination hat, daß im Amte des Wortes es nur Einen Beruf giebt. Aller: dings wuͤrde dieß auch wahr ſein, wenn wir alle kirchlichen Einſetzungen Ordinationen nennten. Denn wenn Jemand nur fuͤr ein beſtimmtes Amt, das er bisher noch nicht bekleidet hat, eine beſtimmte Ordi— nation empfinge; ſo zeigte eine neue Ordination zum Beiſpiel fuͤr das Biſchofsamt, daß ihm eine Gewalt uͤbertragen werden ſoll, die er als Pfarrer nicht hat, noch als Geiſtlicher ausſchließlich anſprechen, noch ſich geben oder von ſeinen Standesgenoſſen allein geben laſſen kann, ſondern die in der Gemeinde ruht. Es iſt an ſich alſo nur weſentlich, daß die Einſetzung ſo geſchehe, daß das Recht der vollen Gemeinde ſich dabei darſtelle. Die Gemeinde iſt ſich das um ſo mehr ſchuldig, weil ſie dieſem ihrem Beamten das Gewiſſensrecht bei der Einſetzung anderer Diener des Wortes zugeſteht. Aber warum ſollen wir das an ſich ſchon fremde Wort noch für etwas anderes brau— chen, als wofuͤr es einmal geſtempelt iſt.

293

Wir halten alſo feſt: jedes kirchliche Amt hat ſeine kirchliche Einſetzung. Die Einſetzung eines Geiſtlichen, als Verkuͤndigers des Wortes und als Seelſorgers, die Einſetzung ins Hirtenamt, heißt aber Ordination, und fie allein. Sie kann nie wie derholt werden, denn das Amt iſt nur Eines.

Die übrigen Einſetzungen nennen wir Einſeg— nungen oder Weihen, beides nach kirchlichem Sprach— gebrauche, oder wie man will. Die ſaͤmmtlichen

Einſetzungen ſind nun folgende:

1. Für Weltliche.

1. Einſegnung der Helfer in der gemeind— lichen Verwaltung, welcher Art die Huͤlfe ſei: an Wort, Lehre oder Verwaltung. Dieß iſt alſo die im Ganzen gemeinſchaftliche Einweihung fuͤr gepruͤfte Candidaten des Predigamtes, fuͤr Schullehrer, fuͤr Helfer in der Armenpflege und aͤhnlichen Zweigen der huͤlfreichen Liebe. Alle ſind Diakonen: aber der kuͤnf— tige Geiſtliche iſt beſtimmt, nachdem er die Pflichten dieſes Amtes erfuͤllt, zur Seelſorge (dem eigentlichen geiſtlichen Stande) fortzuſchreiten.

294

2. Einſegnung der Aelteſten in der Orts— gemeinde.

3. Einſegnung der Kirchenraͤthe.

II. Für Geiſtliche.

1. Einſegnung eines Candidaten des Predigt— amtes (Diakonen am Worte) entweder zum Huͤlfs— ſeelſorger (Pfarrer) oder zum ſelbſtaͤndigen Seelſorger bei einer beſtimmten Ortsgemeinde. Dieſe Einſetzung alſo, wodurch der Diakonus Pfarrer wird, iſt die eigentliche Ordination.

2. Einſegnung eines Geiſtlichen zur Verwal— tung der Kreisgemeinden. Die Metropolitanbiſchoͤfe erhalten von der Kirche nichts Neues: ſie ſind dieſer nichts als Biſchoͤfe, obwohl der Landesherr ihnen bedeutende Rechte uͤbertraͤgt. Sie beduͤrfen alſo nur einer Einfuͤhrung. Eben ſo ſind die Verwaltungs— und richterlichen Befugniſſe der Landeskirchenraͤthe die— ſelben welche die Kirchenraͤthe beſaßen, obwohl in erweiterter Sphaͤre. Wir nehmen aber an, daß in Zukunft jeder Metaprolitanbiſchof ſchon fruͤher Biſchof geweſen, jedes Mitglied des Conſiſtoriums ein Mit— glied des Kirchenraths.

295

Wenn nun der Pfarrer die Diafonen und die Aelteſten eingeſetzt; fo wird der Biſchof die geprüften und zum Pfarramte berufenen Prediger einſetzen: d. h. er wird ſie ordiniren. Den Biſchof aber werden mehrere Biſchoͤfe einſetzen, den Metropolitanbiſchof andere Metropolitane. Allein hier wieder moͤchten wir vorſchlagen, daß wie dem Pfarrer Aelteſte bei— ſtehen ſollten bei ſeiner Einſegnung, ſo dem Biſchofe Aelteſte und Pfarrer, ſo dem Metropolitan Aelteſte, Pfarrer und Biſchoͤfe.

Auch in allen dieſen waͤre es leicht zu beweiſen, daß die Einrichtung, welche uns unmittelbar aus der Natur der Sache hervorgeht, d. h. aus der Verbindung der Be— duͤrfniſſe der Gegenwart mit den Grundſaͤtzen der Refor— mation, doch auch zugleich in Geiſt und Weſen eine Her— ſtellung der aͤlteſten Kirchenverfaſſung ſei, deren Bruch— ſtuͤcke ſich zerſtreut und unverſtanden in den uͤbrigen kirch— lichen Gemeinſchaften wiederfinden. Allein wir uͤbergehen dieſes alles, und wenden uns zur Betrachtung der alſo geſchiedenen und eingeweihten Aemter der Kirche zurück,

Es gilt in dieſer Zeit ein Zeugniß abzulegen fuͤr das allgemeine Prieſterthum, und kein Zeugniß

296

iſt fo eindringlich als das einer wiederkehrenden, bewußten, unmißverſtaͤndlichen, öffentlichen That.

Allein die Kirche der Zukunft hat noch ein gro: ßeres, wichtigeres Zeugniß vor der chriſtlichen Mir und Nachwelt: naͤmlich bei ihrem Eintritte in die Welt, als eine freie und vereinigte Landeskirche im Vaterlande der Reformation. Das Amt der Regie— rung iſt das vorzugsweiſe katholiſche, d. h. allgemeine, in der Erſcheinung und im Verkehre jenſeits der Schranken des ſtaatlichen Verbandes. Dieß Amt hat die Kirche der Zukunft in ſich, waͤhrend es die jetzige außer ſich hat. Das Eintreten dieſes Amtes in die Wirklichkeit iſt alſo eine bedeutende That— ſache, eine geſchichtliche That in der geſammten Chri— ſtenheit. Es iſt nicht bloß eine gemeindliche, oder nationale, es iſt eine allgemein menſchlich bedeu— tende Begebenheit.

Wir muͤſſen dieſen Punkt alſo noch ganz beſon— ders in's Auge faſſen.

297

X.

Das Verhältniß der neuen Diſchöfe zu andern Kirchen, oder der Eintritt der Kirche der Zukunft in die Chriſtenheit.

Wie denn, (ſo hoͤre ich manche fragen) treten die Biſchoͤfe der neuen Kirche in die Wirklichkeit ein? Wie ſtellen ſie ſich zu den Biſchoͤfen der Geiſtlich— keitskirche? Treten ſie ins Leben durch einen Cabinets— befehl, oder durch einen ſtaͤndiſchen Beſchluß, oder durch Beſchluß und Einſetzung der Provinzial-Synode, oder durch fremde Weihen? Auch hier wollen wir mit voller Freiheit antworten, was wir denken. Aller— dings ſoll unſere volksthuͤmliche Kirche der Zukunft ſich zugleich als eine ſolche darſtellen, welche die all⸗ gemeine (katholiſche) Chriſtenheit, die glaͤubige Menſch— heit und die Einheit des goͤttlichen Heilandes ernſt und liebevoll im Herzen traͤgt. Sie wird alſo ihren Anknuͤpfungspunkt einerſeits in dem volksthuͤmlichen Rechte und im Beſtehenden ſuchen, andrerſeits in der

298

großen weltgefchichtlichen Enwicklung der Kirche Chriſti. Beides zuſammen iſt der geſchichtliche Grund und Boden ihres kirchlichen Rechtes. Jede evangeliſche Landeskirche, namentlich die deutſche, hat dieſen ka— tholiſchen Anknuͤpfungspunkt in ſich erhalten: ſogar aͤußerlich, in der Ueberlieferung des Amtes. Die neue, freie Kirche iſt eine gemeindliche: ihre Ver— faſſung muß alſo nicht gemacht werden von dem Kirchenrechte untergegangener Vergangenheit; unter— gegangen aber iſt fuͤr ſie der Buchſtabe des Rechtes der geiſtlichen Koͤrperſchaft, welche darin als Kirche und Rechtsperſon geſetzt iſt. Die neue Kirche wird uͤberhaupt nicht vom alten Kirchenrechte gemacht, ſondern ſie macht ſelbſt das neue Kirchenrecht; und das von Gottes und Rechts wegen.

Wir haben uns ſchon oben zu der Lehre eines großen Vaters der engliſchen Kirche bekannt, daß die Gemeinde (das glaͤubige Volk) im Falle eines Abfal— les der Geiſtlichkeit vom Glauben das Recht hat, ſelbſt das Amt des Worts aus ſich hervorgehen zu laſſen. Und zwar deswegen, weil ſie die Pflicht hat, es zu thun. Sie muß, will ſie ein Theil bleiben am

5 299

Leibe Chriſti, (der in die göttliche Koͤrperſchaft auf: genommenen Menſchheit) das apoſtoliſche Amt des Wortes, wie Evangelium und Apoſtel es geben, wie— derherſtellen, dabei vor Gott und Menſchen bezeu— gend, daß ſie ſich von jener Geiſtlichkeit losgeſagt, um dieſes Evangeliums und dieſes Glaubens willen. Allein es iſt eine merkwuͤrdige Thatſache, daß keine evangeliſche Kirche ſich je in dieſem Nothfalle befun— den hat. Umgekehrt die evangeliſche Reformation ward allenthalben durch die Verkuͤndiger des Wortes gemacht, obwohl nur in England mit Beiſtimmung der Biſchoͤfe. Alle haben aber immer das Amt des Worts, welches ſich zum Evangelium bekennt, mit Ehrfurcht und Liebe bewahrt, und von Geſchlecht zu Geſchlecht ſorgſam, mit Gebet und Segen, vor der Gemeinde uͤberliefert. Um ſo weniger kann es aber eine Frage ſein, daß eine jede ſolche Landeskirche, mit ihrem evangeliſchen Landesherrn, oder, wenn der Landesherr eines andern Bekenntniſſes iſt, allein, unter dem Schutze der Gewiſſensfreiheit, das Recht hat, als ſolche, und kraft des Amtes des Wortes das in ihr iſt, das Amt der kirchlichen Regierung aus ſich

300

ſelbſt hervorgehen zu laſſen. Denn wer haͤtte eine geiſtliche Gewalt oder Recht anzuſprechen uͤber die von einem freien, ſelbſtaͤndigen Volke getragene freie Gemeinde Chriſti? Wer duͤrfte ein chriſtliches Bru— dervolk behandeln und anſehen wollen, wie Juda's Prieſterthum das von Iſrael? Wer das thate, ent: aͤußerte ſich ſelbſt des evangeliſchen Glaubens, und machte ſich zum folgewidrigen Papiſten oder zum heimlichen Juden.

Es iſt klar, daß Gott chriſtliche Staaten haben will, und ihnen die Herrſchaft der Welt gegeben hat. Die evangeliſche Landeskirche eines chriſtlichen Staa— tes theilt, wie ſeine Verantwortlichkeit vor Gott und Nachwelt, ſo auch ſeine Oberherrlichkeit.

Allerdings gruͤndet die landesherrliche Ertheilung des Biſchoftitels, wie dieſe in Daͤnemark und Preu— ßen Statt gefunden, ſo wenig eine biſchoͤfliche Kirche, als das Biſchofsamt ein Titel oder ein ſtaatliches Amt if, Bei einer ſolchen aͤußerlichen Negierungs: handlung laͤßt ſich auch nicht erwarten, daß andere Kirchen, wenn gleich deſſelben Glaubens, auf die chriſtlichen Aeußernngen, oder ſelbſtaͤndige chriſtliche

301

Mitwirkung einer ſolchen Kirche, vermittelſt ſolcher Biſchoͤfe irgend ein Vertrauen zeigen wuͤrden. Eben ſo wenig duͤrfte dies der Fall ſein, wenn eine Ge— meinde oder eine Koͤrperſchaft von Aelteſten, Beamte ohne perſoͤnliches Gewiſſensrecht, unter dem Namen von Biſchoͤfen ſcheinbar an die Spitze der Kirche ſtellte: wie die Herrnhuter. Aber ſo wie beiden For— derungen genuͤgt wird, indem einestheils dem Titel ein Amt der Verantwortlichkeit, eine Freiheit entſpricht, und anderntheils dieſes Amt aus der beſtehenden Kirche, als einer Gemeinde hervorgeht; ſo ſteht die Sache, wie oben geſagt, ganz anders zu Recht, und ganz anders in der Wirklichkeit.

Jede beſtehende Landeskirche hat aber ihr Recht und ihre Freiheit nicht bloß deßwegen zu wahren, weil ſie ſonſt anerkennen wuͤrde, daß ihre eigne Ver— gangenheit bisher ungeſetzlich, ihr Amt des Wortes bisher unapoſtoliſch geweſen, ſondern auch um eines guten chriſtlichen Bekenntniſſes vor Gott und Men— ſchen willen. Durch Anerkennung jener Anſpruͤche und jenes Rechtes der Oberherrlichkeit einer, außer ihrer Volksthuͤmlichkeit ſtehenden Kirche, wuͤrde ſie

302

eine große Unwiſſenheit an den Tag legen, oder die Mitſchuld einer großen Suͤnde auf ſich laden. Jedes Binden des Amtes an eine gewiſſe Kaſte, iſt eine Verkennung eben ſo wohl des allgemeinen menſchlichen Charakters des Chriſtenthums und der Allgemeinheit des Prieſterthums der Glaͤubigen, als der Selbſtaͤn— digkeit jeder chriſtlichen Nation in kirchlichen Dingen. Das Chriſtenthum wuͤrde nicht goͤttlicher Natur ſein, wenn feine Fortdauer an levitiſch-bevorrechtete Per: ſonen gebunden waͤre: und die Gemeinde haͤtte nicht den Geiſt empfangen, der ihr verſprochen worden, wenn es der Willkuͤhr irgend einer Klaſſe Menſchen außer ihr beduͤrfte, um ihr ein Recht in der geſchicht— lichen Kirche Chriſti zu geben, und einen Sitz auf den Thronen im Reiche Gottes. Ja wozu waͤre das ewige Wort Menſch geworden, wozu haͤtte Chri— ſtus den Tod am Kreuz erlitten, wenn nicht jener Fluch des Geſetzes und der aͤußerlichen Satzungen haͤtte von uns genommen, und die Menſchheit von den armſeligen Elementen der Welt befreit werden ſollen? Man muß nach unſerer Ueberzeugung das Evangelium und die apoſtoliſchen Briefe umſchreiben

303

und die ganze Kirchengeſchichte verdrehen, um der: gleichen in unſerer Zeit laͤugnen zu koͤnnen. Auch waren die großen Maͤnner des ſechszehnten Jahrhun— derts, ganz augenſcheinlich vom goͤttlichen Geiſte ge— trieben und geleitet, ſaͤmmtlich daruͤber einig, und es gehoͤrt dieß mit zu den ſchlagendſten Beweiſen des goͤttlichen Geiſtes, der in den Reformatoren und ihrem ganzen Geſchlechte war, daß Niemand die Rechte der Gemeinde in dieſer Beziehung tiefer und beredter ausgefuͤhrt, als Jewett, engliſcher Biſchof zu jener Zeit, und ein Geſchlecht ſpaͤter Hooker, der Geiſtliche und Vertheidiger der biſchoͤflichen Kirche Englands, im letzten ſeiner acht Buͤcher uͤber die Kirchenverfaſſung. Dieſe Wahrheit zu verdunkeln, und allmaͤhlig das Gegentheil feſtzuſetzen, dazu be— durfte es des Unterganges der beiden folgenden Ge— ſchlechter des Zeitalters der Reformation in Blutver— gießen, in Verfolgung und Unterdruͤckung der Feinde, und in jaͤmmerlichen Streitigkeiten der Theologen: bedurfte es jenes entſetzlichen ſiebenzehnten Jahrhun— derts, welches das ſechszehnte begraben, und ſich ſei— nen eignen Schand- und Leichenſtein vom achtzehnten

*

304

hat ſetzen laſſen. Aber es iſt dagegen eine wahrhaft troͤſtliche Erſcheinung, daß in unſerm Jahrhundert Niemand die Wahrheit vom allgemeinen Prieſter— thum der Chriſten ſo lebendig aus dem Herzen der Chriſtenlehre aufgefaßt, und ſo kraͤftig, eindringlich und faßlich geltend gemacht gegen die Anſpruͤche der Geiſtlichkeitskirche als wiederum ein Geiſtlicher der biſchoͤflichen Kirche Englands Arnold. Jene Wahrheit war der Mittelpunkt feines ganzen chrift: lichen Denkens und Forſchens, der tiefe und uner— ſchuͤtterliche Glaubensgrund feiner kirchlichen Weber: zeugung. Der Geiſt dieſes ehrwuͤrdigen Apoſtels der freien Kirche der Zukunft iſt heimgegangen, ehe er das Werk ſeines Lebens, das Buch von der Kirche vollendet. Er iſt von uns genommen, ehe der ſchwere Kampf nach beiden Seiten recht begonnen. Aber er hat ſeinem Volke, deſſen Liebe und Verehrung ſein ſchoͤnſtes Denkmal iſt, und uns allen ein lebendiges und leben— zuͤndendes Zeugniß zuruͤckgelaſſen, nicht allein in ſei— nen Schriften, ſondern in ſeinem ganzen Leben: das Bild eines erleuchteten, treuen unſelbſtſuͤchtigen Strebens nach chriſtlicher Wahrheit, und eines Gei—

305

fies der Liebe und Demuth nicht weniger als der Freiheit und der Kraft.

Wenn dem alſo iſt, wie viel weniger kann ein Zweifel ſein, daß eine große evangeliſche Landeskirche, welche das empfangene apoſtoliſche Amt des Wortes zuerſt vor allen gegen Biſchoͤfe, Pabſt und Kaiſer mit Muth gerettet, und gegen deren vereinte Macht mit Treue erhalten, vor den Augen Gottes und der Gemeinde von einem Geſchlechte zum andern uͤber— liefert, welche eine ununterbrochene Reihe von Zeugen des Geiſtes und der Kraft hervor gebracht hat, welche in unſern Tagen ſich unter der unbeſchraͤnkten Freiheit des Gedankens und der Speculation, ſowie unter dem ſchamloſen Aufdraͤngen der Erben des materialiſtiſchen Atheismus der franzoͤſiſchen Encyklo— paͤdiſten, nicht allein erhalten hat, ſondern erſtarkt iſt, daß eine ſolche Kirche, ſagen wir, das Recht habe, auf allgemeine Anerkennung der glaͤubigen evan— geliſchen Chriſtenheit, mit Biſchoͤfen wie ohne Bi— ſchoͤfe? Ja, ſie traͤgt das Pfand ihrer Anerkennung in der Weltgeſchichte und von ihrem Herrn in ſich,

wenn ſie zu irgend einer Zeit belieben ſollte aus ihrem 20

306

Presbyterate Biſchoͤfe hervorgehen zu laſſen, d. h. einen Theil des Amtes der Verwaltung der Kirche in ihrem irdiſchen Beſtehen mit dem unmittelbar goͤttlichen Amte der Verkuͤndigung zu verbinden. Allerdings iſt die bruͤderliche Anerkennung des Biſchofthums einer Landeskirche von andern rechtglaͤu— bigen ein wichtiger Gegenſtand der hoͤchſten geiſtlichen Staatsweisheit. Das biſchoͤfliche Amt iſt, feiner Natur nach, das natuͤrlichſte, und gewiſſermaßen das einzig moͤgliche Organ eines fruchtbaren Verkehrs und eines bruͤderlichen Zuſammenwirkens verſchiedener Landeskirchen. Es iſt die perſoͤnliche Darſtellung des Bewußtſeins der Kirche in der Sphaͤre des hoͤheren kirchlichen Lebens, und in ſofern iſt es das perſoͤn— lichſte Zeugniß der Gemeinſamkeit des Glaubens und der Allgemeinheit der Kirche. Es iſt alſo prak— tiſch die natuͤrlichſte Darſtellung der Gemeinſamkeit verſchiedener Landeskirchen, als der weltgeſchichtlichen Glieder der großen Kirche Chriſti, d. h. der frei ge— wordenen Menſchheit. Denn wenn ſchon der Orts— geiſtliche ein Amt hat nicht bloß an der Ortsgemeinde, ſondern, in der Idee, an der ganzen Kirche Chriſti;

202

ſo muß dieß doch in einem hoͤheren Grade der Fall ſein bei dem geiſtlichen Vorſteher einer von der un— mittelbaren Oertlichkeit erhobenen, bereits ideellen Ge— meinde wie die Kreisgemeinde iſt.

Wir alſo ſagen, daß um dieſer hoͤheren Ruͤckſicht willen, nur die Pflicht des Bekenntniſſes einer angefoch— tenen Grundlehre der evangeliſchen Kirche, uns abhalten darf, biſchoͤflichen Kirchen, wie der engliſchen und ſchwe— diſchen, gegenuͤber, daſſelbe zu thun, was jede Landes—

kirche in ihrem Innern thut, wenn ſie einmal Biſchoͤfe hat, naͤmlich daß ſie Biſchoͤfe nicht ohne Biſchof einſetzt.

Den Ausſchlag kann uns hierbei, wie allent— halben, nur das oberſte Prinzip der Kirche der Zu— kunft geben: die Liebe. Bringen wir die Frage von dem Gebiete des Rechtes der Geiſtlichkeitskirche auf das Feld des Rechtes dieſer Kirche, ſo geſtaltet ſich die ganze Frage anders. Auf dieſem Gebiete iſt Mac Ilvaine, der Biſchof des Staates Ohio, einer evangeliſchen Landeskirche in Deutſchland eben ſo nah, als es ein Biſchof in Magdeburg und ſeine Kirche, dem Biſchofe und der Kirche Berlins ſein wuͤrde:

und ein Biſchof der armen verfolgten maͤhriſchen 20 *

308

Gemeinde, (mögen fie nun ununterbrochen auch von biſchoͤflichen Haͤnden geweiht ſein, oder, wie alle alexandriniſchen Biſchoͤfe bis in das vierte Jahrhun— dert hinein nur von ihrem Bruder-Aelteſten) eben ſo groß als der Erzbiſchof von Canterbury. Im Reiche Chriſti giebt es keine Scheidewand, als die des Un— glaubens, und keine Hoheit als die des Glaubens. An ſich alſo iſt es von dieſem Standpunkte das natuͤrlichſte, daß, wenn es irgendwo im Glauben vereinte und von chriſtlicher Liebe beſeelte Biſchoͤfe giebt, dieſe deßwegen nicht uͤbergangen oder ausge— ſchloſſen werden ſollten, weil ſie derſelben Landeskirche oder demſelben Volke, oder demſelben Welttheil ange— hören. Das waͤre unkatholiſch, unapoſtoliſch, un evangeliſch: drei Ausdruͤcke, welche daſſelbe bedeuten. Gerade im Gegentheil, wir wiederholen es, eine Lan— deskirche, welche Liebe und Freudigkeit fühle, derglei chen bewußt zu thun, alſo in allen Glaubensbruͤdern Buͤrger deſſelben Reiches zu ſehen, reißt das Reich Gottes in Gegenwart und Zukunft an ſich. Es ſetzt aber auch dieſe Liebe eine entgegenkommende Liebe in der Schweſterkirche voraus, und ein gleiches

309

Gefühl der innern Freiheit, ſolchem brüderlichen Ver— langen zu entſprechen.

Dieß iſt, ſo ſcheint es uns, die evangeliſche An— ſicht der Katholizitaͤt in ihrem Verhaͤltniſſe zur Na— tionalitaͤt. Jene unfreien, thoͤrigten, unevangeliſchen, unapoſtoliſchen, unkatholiſchen Anſpruͤche, welche wir hier und anderwaͤrts ſo ſtark abgewieſen, ſtehen mit unſerem Vorſchlage nur in ſo fern in Verbindung, als ſie deſſen Anwendung hier um der Pflicht des Bekennniſſes halber, bedenklich, dort eingedrungener Geiſtlichkeits- Satzungen wegen, unmoͤglich machen dürften. Doch iſt die proteſtantiſch-biſchoͤfliche Kirche, die ſchwediſche, in dieſer Beziehung ganz frei: die amerikaniſche (reformirte) ebenfalls: die Miſſionskirche der evangeliſchen deutſchen Gemeinde aber, die der maͤhriſchen Bruͤder, endlich freier und naͤher als alle. Sie wuͤrde, bei entgegenkommender Liebe und entwik— kelter Freiheit der Landeskirche, vielleicht bei einer ſolchen Veranlaſſung ihrer bisherigen zeitweiligen Stellung zu derſelben und zum Volke entſagen, und, mit Beibehaltung ihrer koͤrperſchaftlichen Unabhaͤngig— keit und Verfaſſung, ſich als Miffionsorden der evan—

2310

geliſchen Kirche erkennen, und aus dieſer ſich neu verjüngen und immerfort erneuern und verſtaͤrken ſtatt ſich familienweiſe fortpflanzen zu wollen.

Alles das nun kann niemand weder machen noch wehren. Aber es iſt doch wohl nicht mir allein, ſondern auch manchem andern Herzen werth, den Gedanken, einer uͤber die ſtaatlichen Graͤnzen hinausgehenden Verbindung freier evangeliſcher Kirchen, als einen Lichtblick in der Zukunft liebend feſtzuhalten. Sei ner Verwirklichung ſtehen, ſelbſt jetzt, mehr Vorurtheil und Mißtrauen entgegen, als weſentliche Schwierig— keiten. Man verbanne nur recht gruͤndlich den boͤſen Traum von Geiſtlichen, die, (wie in der alten und mittelalterlichen Kirche) zuſammenkommen, um das Geſetz der Mehrheit oder des Kaiſers oder Pabſtes zu empfangen, und nachher den Gemeinden und Voͤl— kern aufzulegen. Man denke ſich, daß bei den Ver— ſammlungen und Berathungen einer freien, ein großes chriſtliches Volk darſtellenden gemeindlichen Kirche, bewaͤhrte Mitglieder einer andern großen National— kirche, Biſchoͤfe oder Aelteſte, Geiſtliche oder Laien, in ihrem Namen gegenwärtig wären: als chriſt—

311

liche Gemeinde („Publikum“): nicht um mitzu— ſtimmen und zu berathen, auch nicht aus bloßer Neu— gier: nein, um ein chriſtliches Urtheil zu gewinnen, für ſich und die Ihrigen eben fo wohl als für die, welche fie befuchen. Würden nicht Haß und Vorur— theile, welche durch das Schrifttum der Bosheit die Voͤlker der Gegenwart mehr trennen, als der Man— gel aller Mittel des nationalen Verkehrs, die das Mittelalter geſondert hielt; wuͤrden nicht alle dieſe Scheidewaͤnde des Teufels in die Hoͤlle ſinken, welcher ſie entſtiegen ſind? Wuͤrde nicht, im Angeſichte der Thaten goͤttlichen Lebens, im Spiegel Gottes, der Menſch den Menſchen erkennen, der Bruder dem Bruder in die Arme fallen? Wuͤrde damit nicht der Saame, ſtatt theologiſchen Gezaͤnkes, aͤcht chriſtlicher Einigkeit unter den chriſtlichen Voͤlkern der Erde ge— hoͤrt werden? „Aber Du verlierſt Dich in Deine Traͤume“, hoͤre ich Einige ſagen. Laßt uns denn ſe— hen, und uns zum Bewußtſein bringen, was ſchon beſteht, frei beſteht, und zwar in Deutſchland, in der Schweiz, in Frankreich, in England. Hat ſich nicht in allen dieſen Landen bei den großen Feſten der

212

Miſſions- und Bibelgeſellſchaften, ganz von ſelbſt eine ſolche Bruͤderlichkeit dargeſtellt? Stroͤmen nicht zu dieſen Feſten von allen Seiten aͤußerlich Fremde, von nichts angezogen, als von dem unwiderſtehlichen Magnete der bruͤderlichen Liebe der Erlöften? Sind da nicht Vielen die Augen aufgegangen, dem Einen uͤber den untergeordneten Werth alles Dogmatismus, (ſelbſt den des unbedingten Wiſſens!) uͤber die wun— derbare Vertheilung der Gnadengaben in dem Reiche Gottes unter den chriſtlichen Völkern, über die goͤtt— liche Macht des Wortes Gottes, und des Geiſtes, der es deutet? Iſt nicht Manchem dabei das Herz der Selbſtſucht aufgegangen in Liebe, und der ſtumme Mund in Lobgeſang und Preis der ewigen Barm— herzigkeit uͤbergefloſſen? Iſt nicht manche Thraͤne des Elends dort getrocknet, mancher Seufzer uͤber den Jammer der Gegenwart geſtillt, mancher heilige Entſchluß gefaßt, manches Geluͤbde des Glaubens gelobt? Es gehoͤrt die Blindheit des Unglaubens oder die Verſtocktheit des Phariſaͤismus einer Geiſtlich⸗ keitskirche dazu, um in ſolchen lebendigen Zeugniſſen der Wahrheit und der Macht des Geiſtes nichts als

313

unorganiſche, verwilderte Taͤtigkeit zu ſehen, traurige Zerrbilder der alten ehrwuͤrdigen Concilien von Prie— fern, Biſchoͤfen und Cardinaͤlen, mit Chorroͤcken und

ſcaͤnteln. Dergleichen Laͤugner des Geiſtes richten ſich ſelbſt durch ihre Unfaͤhigkeit, Leben zu erzeugen, und aus dem Dunkel der Schule thatkraͤftig an das Licht des Tages zu treten. Moͤgen ſie zur Zeit er— kennen, daß ſie ſich in die Gefahr ſetzen, gegen den heiligen Geiſt zu ſuͤndigen! Und hat ſich nicht bei uns ſelbſt, in der Abweſenheit aller kirchlichen Ge— meinſamkeit jenſeits der Staatsgraͤnzen, nur in der Abgeſtorbenheit der geſetzlichen Vereine der Geiſtlichen, Schon ſeit mehreren Jahren derſelbe Bildungs- und Vereinigungstrieb gezeigt, bei jenen Feſten der freien Miſſions- und Bibel-Vereine? Und hat ſich der Segen derſelben nicht in dem Maße bewaͤhrt, worin ſich jene Vereine und ihre Thaͤtigkeit erweitert? Duͤr— fen wir daſſelbe nicht auch fuͤr die Zukunft hoffen? Duͤrfen wir die bisherigen Graͤnzen uns nicht erwei— tert denken? Und wenn dieß, warum denn nicht den Eintritt der freien Kirchen-Verfaſſung eines großen Volkes in das ſelbſtaͤndige kirchliche Leben der euro—

314

paͤiſchen und der geſammten chriſtlichen Menſchheit, im Vaterlande der Reformation als eine bedeutungs— volle Veranlaſſung ſolch chriſtlicher Vereinigung zu Rath und That? Und die Theilnahme naher und ferner Chriſten, am Gebete der deutſchen Gemeinde beim Einſegnen der erſten Biſchoͤfe als eine wuͤrdige Gelegenheit? Ja das waͤre ein hoͤrbarer Tritt des Geiſtes, ein ſichtbarer Fortſchritt des Reiches Gottes, eine neue Stunde am Tage der Weltgeſchichte! Eine ſolche Vereinigung in Glauben und Liebe waͤre ein Bund, nicht evangeliſcher Fuͤrſten und Obrigkeiten, ſondern evangeliſcher Voͤlker: nicht ein Bund des Unglaubens, ſondern des Glaubens: nicht eine Ver neinung, ſondern eine Bejahung: nicht eine Prote— ſtantiſirung, ſondern eine Evangeliſirung der Welt. Die Voͤlker, welche ſie machten, thaͤten eine große weltgeſchichtliche That, die Niemand willkürlich machen, aber auch Niemand willkuͤrlich verhindern koͤnnte. Das waͤre eine offene Verbruͤderung, nicht zu Schutz und Trutz, wie die nothgedrungene unſerer Vaͤter, ſondern Niemanden zu Leide, allen zu Liebe. Gott hat in den dreihundert Jahren ſeit der Refor—

315

mation die evangeliſchen Voͤlker hoch geſtellt unter den Voͤlkern der Erde, unſcheinbare groß gemacht durch das Evangelium, unbekannte ruhmvoll, unfreie frei, ja neue ins Daſein gerufen, deren Macht und Reich ſchon jetzt faſt einen Erdtheil uͤberſchattet. Im großen, weltgeſchichtlichen Ganzen der Gegenwart iſt die evangeliſche Kirche in keine Banden geſchlagen, als die ihrer eigenen, inneren Knechtſchaft und Leblo— ſigkeit. Wo ſich noch Reſte finden, von Bedruͤckung und Verfolgung evangeliſcher Gemeinden Seitens nicht evangeliſcher Regierungen, da ſind es nur die eiſigen Truͤmmer einer kalten Vergangenheit, boͤſe Morgentraͤume von Bewaͤltigung der Freiheit des Geiſtes durch laͤngſt gerichtete Kuͤnſte der Nacht, und durch verbrauchte Werkzeuge der Finſterniß, welche nicht einmal mehr vom Fanatismus roher Volkeshau— fen getragen werden. Namentlich wird was davon im deutſchen Vaterlande die Gemuͤther neuerdings bewegt hat, und viele Gewiſſen noch jetzt ſchwer druͤckt, bald, wenn nicht (wie wir hoffen) dem lin— den Fruͤhlingshauche chriſtlicher Bruderliebe weichen, ſicherlich dem Sonnenſtrahle der Gerechtigkeit deut—

316

ſcher Fürften, und dem erſtarkten Rechtsgefuͤhle aller deutſchen Voͤlker. Aber ein Bund der Liebe waͤre es, und ein Zeichen des gnaͤdigen Herannahens des Reiches Gottes: ein Bund der Liebe unter Bruͤdern und fuͤr Bruͤder: ein Bund, beſtimmt, den ganzen Erdkreis mit einem leuchtenden Bande der Liebe und Freiheit zu umziehen, nachbildend im Glauben und in Anbetung jene ewige Liebe, welche den Welt— kreis mit Banden der Liebe zuſammenhaͤlt, und das Dunkel der Natur mit ihrem goͤttlichen Strahle erhellt!

Alſo, um das Geſagte praktiſch zuſammenzu— faſſen, unſer Vorſchlag geht dahin: Die deutſche Kirche, von welcher wir reden, muß ihr Recht an— ſprechen und ausſprechen, und gegen jeden entgegen— ſtehenden Rechtsanſpruch mit evangelifcher Würde und Freiheit behaupten. Wenn aber geſchichtliche Biſchoͤfe anderer evangeliſchen Kirchen und Gemeinden ſich willig zeigen, den Bund der Einheit in Liebe zu beſiegeln, und ihr Gebet mit dem der nun frei in die Chriſtenheit eintretenden großen Gemeinde deutſcher Zunge zu vereinigen, ſo wollen wir ihr Anerbieten

312

mit Freude annehmen, und einen Tag chriſtlicher Ver— bruͤderung mit Dank gegen den Herrn feiern. Der Tag wuͤrde ein weltgeſchichtlicher ſein!

XI.

Das Verhältniß der Kirche der Zukunft zu Volk, Wiſſenſchaft und Staat.

Wir haben bis jetzt die Herſtellung der Kirche in ihrer inneren Bildung betrachtet mit einfacher An— wendung unſerer Anſicht von dem gegenſeitig ſich be⸗ dingenden Rechte des Prieſterthums und des Amtes, der Gemeinde und der Geiſtlichkeit.

Es bleibt uns nun noch der zweite Theil der Herſtellung uͤbrig: die Kirche in ihrer aͤußeren Stel— lung, oder die Anwendung der bedingten Gegenſaͤtze von Katholizitaͤt und Nationalitaͤt, von Kirche und Staat.

Wir ſtreben eine Nationalkirche an, nach der oben gegebenen Bedeutung dieſes Wortes, und zwar

318

nicht in Folge einer allgemeinen, abſtrakten Formel, und nicht in einem die Gewiſſensfreiheit irgendwie beſchraͤnkenden Sinne. Wir wuͤnſchen nur die That— ſache dargeſtellt zu ſehen, daß bei uns das große evangeliſche Nationalbewußtſein Eines iſt. Unſere Nationalkirche iſt die der vereinigten evangeliſchen Kirche Preußens, mit keinem neuen Glaubensbekennt— niſſe, aber mit Gemeinſchaft in der Anbetung und in den Werken der Liebe. Eine ſolche freie nationale Kirche wird nun wohl noch einige Zeit Separatiſten oder Diſſidenten neben ſich haben. Aber fragen wir die Geſchichte des Separatismus: was lehrt ſie? Rur die über Chriſti Perſon Rechtglaͤubigen haben ſich gehalten, und unter dieſen haben nur diejenigen eine geſchichtliche Bedeutung genommen, welche nicht allein aͤußerlich veranlaßt wurden durch Maͤngel der Landeskirche, ſondern innerlich hervorgegangen ſind aus einem Streben chriſtlicher Liebe, welcher ein ſolcher Mangel vorzugsweiſe im Wege ſtand. Dieſe gefchichtliche in der Natur des Chriſtenthums tief begruͤndete Erſcheinung wird ſich auch jetzt wieder bei den merkwuͤrdigen Regungen einer freien Kirche inner—

319

halb der roͤmiſch-katholiſchen Bevölkerung Deutſchlands bewaͤhren. Die Herrnhuter und Methodiſten ſind die verhuͤllten Orden der Kirche der Zukunft fuͤr das Miſſionsweſen, und fuͤr das freie, an keinen Ort ge— bundene Predigt- Lehr- und Schulamt. Sie und andere ihrer Bruͤder ſind die Chryſalis der Pſyche, welche nur auf den milden Wind des Fruͤhlings wartet, um ihre Fluͤgel zu entfalten. Es kann alſo nicht einmal der Wunſch einer zum Bewußtſein ge— langten nationalen Kirche der Gegenwart ſein, daß jene kleineren kirchlichen Geſellſchaften untergehen. Es muß vielmehr ihr Gebet und Streben dahin gerichtet ſein, daß jene ſich aus Sekten (d. h. Familien-Ab— ſonderungen) verklaͤren in freie Orden der chriſtlichen Kirche der Liebe, welche (durch perſoͤnlichen Beruf vereinigt) beſondere Zweige des Amts der Liebe pfle— gen, in freier Eigenthuͤmlichkeit frei ſich der Landes— kirche anſchließend. Warum ſoll nicht einem beſon— deren Berufe eine beſondere Zucht und Form des Lebens entſprechen koͤnnen? Die Kirche des Mittel: alters hatte Geluͤbde: die Kirche der Zukunft hat die Weihe des allgemeinen Prieſterthums, und die Kraft

329

ſeines immer ſich frei erneuernden Opfers, als der That des rechtfertigenden Glaubens, d. h. der freien inneren auf Gott gerichteten Geſinnung. Damit muß ſie wuͤrken, von da aus das ganze Gebiet des kirch— lichen Lebens verjuͤngen, oder untergehen.

Die andere Seite des zweiten Gegenſatzes be— trifft das Verhaͤltniß der Kirche zum Staate und zur Regierung. Da uns die Sphaͤren des Staa— tes und der Kirche, und die Gebiete beider verſchie— den und getrennt ſind, zugleich aber auch die Anſtre— bung einer nationalen Darſtellung des kirchlichen Le— bens eine naturgemaͤße iſt; ſo muͤſſen uns auch hier die beiden entgegengeſetzten Syſteme der Staatskirche und der Trennung von Kirche und Staat gleich fern bleiben. Kirchliches und buͤrgerliches (ſtaatliches) Le— ben ſind uns zwei Stroͤme, welche das Volk am heil— ſamſten traͤnken, wenn ſie ſich nur in ihrem Aus— fluſſe aus der oberſten geſetzlichen Gewalt beruͤhren. Eine Verbindung beider, wie z. B. durch eine Dar— ſtellung der Kirche in den Staͤnden, kann uns nur als eine geſchichtliche, beſtehende Form gelten, welche fuͤr uns ſicherlich nicht paßt. Die volle Geſundheit

321

und das Gedeihen des Reiches wird umgekehrt in dem Maße geſichert ſein, als Staͤnde und Synode ganz getrennt ſind und bleiben. Das iſt in Preußen ſchon durch die Stellung der roͤmiſch katholiſchen Landeskirche, und die gleichen politiſchen Rechte bei— der Bekenntniſſe gegeben. Das Kirchliche gehoͤre alſo in beiden Bekenntniſſen der Kirche, das Staatliche dem Staate: jedoch wohlverſtanden ſo, daß der Staat bei ſtreitigen Einzel-Faͤllen über die Scheidungslinie kei— nen hoͤheren Richter auf Erden anerkennt, als das ſtaatliche Geſetz. Dieſe Form muß bleiben, ſo lange es Voͤlker giebt, und die jetzige Ordnung des Men— ſchengeſchlechts beſteht. Diejenige Form der Verfaſ— ſung wird alſo, in dieſer Beziehung, die vollkom— menſte ſein, welche in ſolchen ſtreitigen Faͤllen die Entſcheidung ganz einer von der Regierung unabhaͤn— gigen richterlichen Gewalt unterwerfen kann. Doch welche Form die buͤrgerliche Verfaſſung darbiete, der Staat wird um ſo ſtaͤrker ſein, je ſorgſamer er das kirchliche Gewiſſen in jeder ſeiner kirchlichen Gemein— ſchaften befragt und ehrt, und je mehr ihm daran liegt, daß es ſich erleuchte als daß es ſich beuge. 21

322

Eine ſolche ehrerbietige Beruͤckſichtigung mag den Stolz einer anmaßenden Geiſtlichkeit ſchwellen und ihr einen ſcheinbaren, gewiß kurzen Triumph gewaͤhren: ſie wird aber ihre goldenen Fruͤchte im Herzen eines gebildeten, verſtaͤndigen, das Vaterland liebenden und dem Pfaffenthum im Herzen abholden Volkes tragen.

Dieß alſo iſt unſre allgemeine Formel fuͤr das Verhaͤltniß der Kirche zum Staate als Regierung. Es bleibt uns nun uͤbrig zu betrachten, was im Lichte der Verfaſſung der Kirche der Zukunft von zwei hoͤchſt wichtigen Punkten zu halten ſei, welche der chriſtliche Staat in Preußen zum Schutze der Kirche bisher feſtgehalten hat. Wir meinen den ber ſtehenden geſetzlichen Zwang der Confirmation, als Bedingung der weiteren buͤrgerlichen Laufbahn, und der kirchlichen Trauung, als Bedingung der bürgerlichen Gültigkeit der Ehe. Beide Punkte berühren die zwei feierlichften und heiligſten Handlun— gen des bewußten und verantwortlichen Menſchen. Wer ſieht nicht, daß beide mit der Kirche der Zu— kunft unvereinbar ſind? So lange die Kirche nicht den Glauben hat, die polizeilichen Kruͤcken wegzuwer⸗

323

fen, auf denen fie verfrüppelt ift, fo ift fie es eben nicht, von der wir reden. Aber wir find überzeugt, daß Zweifel wie der eben ausgeſprochene, oder viel: mehr der Glaube an die Kraft der Wahrheit und den Segen der Freiheit in Millionen Herzen ſchlummert, welche die Erniedrigung und Schwaͤchung der Kirche durch jenen Zwang und dieſen vermeintlichen Schutz erkannt haben. Immerhin noͤthige der Staat, als geſetzlicher Vormund der Unmuͤndigen, getaufte El— tern, welche nicht Wiedertaͤufer geworden ſind, ihre Kinder zur Taufe zu bringen. Wir glauben, dieß bedarf kaum einer Erklaͤrung. Niemand der im deut— ſchen Volk eine Stimme hat, wird es deſpotiſch fin— den, daß der Staat gewiſſenloſen Eltern nicht bloß verbiete, daß ihre Kinder koͤrperlich nackt gehen, ſon— dern auch ihnen nicht erlaube, dieſelben an Geiſt und Seele der Segnungen entbloͤßt zu laſſen, welche, nach dem Glauben aller Landeskirchen, die weitere geiſtige Ausbildung weihen. Der Staat ſchreibt da— bei ja keinen Glauben vor: er findet eine Gemein: ſchaft vor, in welcher das Kind geboren iſt und uͤber—

giebt es derſelben. Allein die Confirmation hat uns 21 *

334

nur einen Sinn, wenn fie freies Bekenntniß des Einzuſegnenden iſt. Nur dann wird der Tiſch des Herrn und die innigſte Gemeinſchaft Chriſti nicht ſchon von dem in die Gemeinde eintretenden Geſchlechte entweiht, und das Gewiſſen der Gemeinde zerdruͤckt. Man gebe den aus der Schule in reifem Alter ohne Confirmation Abgehenden, ein Entlaſſungszeugniß, und verfuͤge, daß dieſes fuͤr das buͤrgerliche Leben dem Geſetze genuͤge, ſo gut wie das Confirmations— zeugniß.

Ebenſo iſt es mit der Ehe. So unvollkom— men und verkruͤppelt die juriſtiſche Ausbildung unſers Eherechtes iſt, ſo klar und unumſtoͤßlich ſind die kirch— lichen Annahmen von der Unzertrennlichkeit des chr iſt— lichen Ehebuͤndniſſes, in allen Faͤllen, wo es nicht nach dem Worte des Herrn getrennt werden kann. Der Staat hat die Kirche hierin ſchlecht genug vertreten: er konnte es aber auch gar nicht, haͤtte er es gewollt. Die kirchliche Trauung in der Kirche der Zukunft ſei frei: jeder moͤge ſich buͤrgerlich trauen laſſen koͤnnen, etwa in der durch die Anordnungen des Napoleoni— ſchen Geſetzbuches europaͤiſch gewordenen Art. So

325

wie dieſes feſtſteht wird es Jedermann klar fein, daß nur die Kirche das Band loͤſen kann und zwar nicht nach den Vorſchriften irgend eines andern Ge— ſetzes und Rechtes, als deſſen, welches ihr im Ge— wiſſen aus dem Evangelium hervorgeht. Sie kann das Band, welches ſie kraft des Wortes Gottes ge— knuͤpft hat nur in Gemaͤßheit deſſelben loͤſen. Mit dieſem Grundſatze kommt ſie unfehlbar auf das Schei— dungsrecht der Reformation zuruͤck, und hat nur Sorge zu tragen, daß daſſelbe von chriſtlichen Rechts— gelehrten klar ausgebildet werde, ſtatt, wie im ſieben— zehnten und achtzehnten Jahrhunderte, von unevan— geliſchen verwirrt und verdorben zu werden. Dieſer Punkt ſetzt noch manche Vorarbeiten voraus, kirchen— geſchichtliche und kirchenrechtliche. Aber wir ſtellen ſchon hier feſt, daß es ein großer Irrthum iſt, zu behaupten, ein Eheſcheidungsgeſetz gehoͤre, ſo weit die Eheſcheidungsgruͤnde und die Frage nach Beſtehen oder Loͤſung des kirchlichen Ehebundes betheiligt find, dem Staate (im engeren Sinne) zu, und um terliege der Berathung der Staͤnde. Die ſtaͤndiſche Berathung ſetzt voraus, daß das zu berathende Ge—

326

etz für die Unterthanen, als ſolche, bindend, alfo Staatsgeſetz ſei. Was aber haben die roͤmiſch— katholiſchen Unterthanen des Königs mit evangeliſchen Eheſcheidungsgruͤnden zu thun? Sofern ſie ſich zur Zucht ihrer Kirche halten, giebt es fuͤr ſie gar keine Eheſcheidung: wollen ſie ſich des Landrechts bedienen, ſo ſtehen ihnen ein Duzzend offen. Daſſelbe Land— recht bleibe ganz unverkuͤmmert, ſo weit die evange— liſche Kirche dabei betheiligt iſt, allen, die ſich ihrer Zucht entziehen und ſich buͤrgerlich trauen laſſen wol— len. Nach welchem Rechte aber die übrigen evange— liſchen Unterthanen kirchlich geſchieden werden koͤnnen, muß, in der Kirche der Zukunft, alſo morgen oder in tauſend Jahren, von der evangeliſchen Gemeinde beſtimmt werden, durch Beſchluͤſſe, welche natuͤrlich, wie alle andern, dem koͤniglichen Beſtaͤtigungsrechte unterliegen. Staͤnde und Kirche haben, wie wir von vorn herein erklaͤrt, ihren Vereinigungspunkt nur in der koͤniglichen Macht. Das beiden gemeinſame Be— ſchwerderecht wird ſich oft beruͤhren, namentlich auf dem Gebiete der Volkserziehung, aber nie wird das

327

eine Element in das andere uͤbergreifen dürfen. *) Die Kirche danke dem Staate fuͤr ſeinen Schutz, deſſen ſie nicht bedarf, ſobald ſie den Glauben hat, durch welchen ſie frei wird. Hieruͤber konnte man bis auf die letzten Jahre im Zweifel ſein. Aber nach— dem beide, der Glaube und der Unglaube, bei uns ſo ſtark hervorgetreten ſind und die paͤbſtlich bindende Macht des Landrechts fuͤr evangeliſche Pfarrer uns

») Wir finden auch hier einen erfreulichen Anklang in den neu⸗ lichen Verhandlungen der weſtphäliſchen Synode (Verhandlun⸗ gen S. 97), worin es heißt: „Darauf wurde über das zu erwartende Ehegeſetz die Discuſſion eröffnet. Die Synode glaubte, darauf Anſpruch machen zu dürfen, daß daſſelbe vor ſeiner Publikation ihr zur Begutachtung vorgelegt werde. Dagegen wurde bemerkt, daß bei Geſetzen, welche ſämmtliche Confeſſionen und Bürger des Staats betreffen, die einzelne Provinzialſynode ſolchen Anſpruch nicht erheben könne.

Dieſe Einrede wurde dadurch entkräftet, daß einzelne Synodalglieder behaupteten, daß die Ehe und deren Schlie— ßung und Trennung zu den innern und heiligen Angelegenheiten der Kirche gehöre, und die Eheſcheidung nur die evangeliſche Kirche betreffe, mithin die Provinzialſynode, als das eigentliche Organ der Kirche in den weſtphäliſchen Provinzen, Kraft des durch §. 49. der Kirchenordnung ihr anvertrauten Wächteramts verlangen müſſe, in einer ſo wichtigen Angelegenheit gehört zu werden. Dieſer Grundſatz wurde als richtig anerkannt und der entſprechende Antrag geſtellt.“

328

durch geiftlofe Theologen und Kanoniſten, oder gar durch katholiſche Zeitungen oder juͤdiſch-kosmopolitiſche Correſpondenten vorgehalten werden, iſt wohl Nie— mandem, der kein verzagtes Herz hat, ein Zweifel geblieben, daß das Heilmittel auch hier da ſei, wo wir es allenthalben gefunden haben: in der chriſtlichen Freiheit der Gemeinde! Unterdeſſen ſei Ehre und Dank den Geiſtlichen, welche Glauben und Muth gehabt haben, hierin ihrem Gewiſſen zu folgen. Wir tadeln die andern nicht: denn in dem chaotifchen Zu: ſtande der rechtlichen Verhaͤltniſſe der Kirche, und bei der dumpfen Begriffsverwirrung uͤber die einfach— ſten Fragen, welche ſo herrſchend geworden iſt, hoͤrt alles Richten auf. Allein daß jene Maͤnner preis— wuͤrdig handelten, wird die Geſchichte und vielleicht ſchon die naͤchſte Zukunft anerkennen.

Insbeſondere verſchone der Staat die Kirche um Gottes willen mit aller polizeilichen Huͤlfe. Ich habe mich immer erklaͤrt, und muß mich auch hier aufs allerbeſtimmteſte erklären? gegen jede polizeiliche Beſtrafung des Ehebruchs als ſolchen, die man neu— lich ſelbſt dann herſtellen gewollt hat, wenn der

329

beleidigte Theil nicht klagbar geworden iſt! Die Erfahrung Italiens und Spaniens zeigt, daß eine ſolche Beſtrafung des Ehebruchs nur gegen die armen Suͤnder etwas bedeutet, nichts aber gegen die hoͤheren und hoͤchſten Staͤnde, welche mit einigem Anſtande zu ſuͤndigen im Stande ſind. Aber koͤnnte eine polizeiliche Strafmacht auch goͤttliche Gerechtigkeit uͤben, d. h. ohne Anſehen der Perſon richten, ſo duͤrfte ſie es, unſerer Ueberzeugung nach, in der Kirche der Zukunft nicht thun, weil es gegen die Natur der chriſtlichen Ehe iſt. Sie wuͤrde dadurch dieſe chriſtliche Natur der kirchlichen Ehe verkennen, und das Heiligthum der Kirche entweihen. Das heißt uns naͤmlich koͤrperlichen Zwang, koͤrperliche Strafe, vielleicht buͤrgerliche Unehre in das Gebiet der geiſt— lichen Zucht bringen.

Ich weiß wohl, welches Hohngelaͤchter des Un— glaubens mich hier erwartet, welches haͤmiſche Grin— ſen der Feinde der evangeliſchen Kirche, welche lieber alles wollten, als das Evangelium in ſeiner vollen Kraft und die evangeliſche Gemeinde in ihrer Freiheit ſehen. Dein Zwang (ſagen fie) iſt der ſchlimmere:

330

Beichtſtuhl und geheimes Gericht! Ja, und das will ich nicht laͤugnen. Die Kirche der Zukunft be— darf eines Beichtſtuhles und eines Gerichtes, und zwar eines geheimen. Aber ihr Beichtſtuhl iſt die Kanzel mit dem Worte Gottes, welches durch Leib und Seele dringt: ihr geheimes Gericht iſt das Ge wiſſen. Wir ehren die Sittlichkeit derjenigen, welche nicht kirchlich ſein wollen, zu ſehr, um voraus zu ſetzen, es werde der nicht Eingeſegnete und zum Abendmahl Vorbereitete ſich dem Tiſche des Herrn nahen wollen, um Ihn und Seine Kirche zu verſpotten. Wir glauben nicht, der freiwillig in unkirchlicher Ehe le— bende Ehegatte, werde ein Ehrenamt in der Kirchen— gemeinde anſprechen, deren Segen er nicht allein damals verſchmaͤhte, als er ſeine Ehe einging, ſondern auch fortdauernd verachtet, indem er ihn nicht nach— traͤglich ſich erbittet. Wir glauben auch, daß, was das Abendmahl betrifft, in den meiſten Faͤllen, durch öffentliche, allgemeine Abmahnung in der Vorberei— tung der Zweck der Selbſtvertheidigung erreicht, und das Gewiſſen der Kirche geſichert werden kann. Wo jedoch oͤffentliches Aergerniß iſt, wo Abmahnung und

331

Zuſpruch ſich als ungenuͤgend erweiſen, da allerdings genuͤgt jene oͤffentliche Abmahnung nicht, ſondern es muß der furchtbaren Verſtocktheit oder gottloſen Ver— wegenheit, zum Heile des Suͤnders ſelbſt die Wei— gerung der Kirche entgegengeſetzt werden. Es gehoͤrt nicht hieher zu unterſuchen, welches bei einer ſolchen Entſcheidung die Graͤnzen und Formen der Kirchen— zucht ſein ſollten. Wir halten im Allgemeinen fuͤr muſterhaft und hinreichend, was die rheiniſch-weſt— phaͤliſche Kirche, nach wiederholter Berathung, und nach Einholung der Gutachten der Kreisſynoden, auf: geſtellt und beſchloſſen, und was hierauf im vorigen Sommer die koͤnigliche Genehmigung erhalten hat.“)

) Die weſtphäliſche Synode von 1844 hat ſich nach Begutachtung des Entw zrfs durch ſämmtliche Gemeinde Vorſtände, Presby— terien und nach Bericht aller Kreis-Commiſſionen zu derſel— ben vereinigt, wie die rheiniſche, und dem gemäß beſchloſſen (Verhandlungen, S. 124.): „Perſonen, die einen laſterhaften „und offenbar gottloſen Wandel führen, ſo wie ſolche, die den „Sriftlichen Glauben in beſtimmten ſchriftlichen oder mündlichen „Erklärungen, oder in öffentlichen Handlungen ausdrücklich ver— „werfen und verſpotten, werden vom Presbyterium durch „den Pfarrer, nachdem alle ſeelſorgeriſche Bemühungen ver— „gebens geweſen, vom Abendmahl und Pathenſtellen ausge— „ſchloſſen. Ein Recurs findet ſtatt an das Moderamen der „Kreisſynoden“

332

In Beziehung auf die von uns vorgefchlagene Verfaſſung wollten wir nur wiederholen, daß uns alle Kirchenzucht im eigentlichen Sinne, ſowohl von der perſoͤnlichen Wirkung des Biſchofs getrennt fein muß, als von der des oͤrtlichen Seelſorgers, des Ortspfar— rers. Endlich auch wird in unſerer Verfaſſung im— mer der oberſte Grundſatz feſtzuhalten ſein, daß die kirchliche Gemeinde in ihrer koͤrperſchaftlichen Dar— ſtellung auf den hoͤheren Gebieten die hoͤchſte Behoͤrde iſt. Eben deßhalb mußten wir ja fuͤr die richterlichen Geſchaͤfte in der Landeskirche, kirchliche Conſiſtorial— Behoͤrden vorſchlagen, und zwar ausſchließlich aus ſogenannten Laien oder Weltlichen beſtehend. Denn wie fchon oben bemerkt worden, die Perſon des Geiſtlichen, hat mit dem Richterwerke nichts zu ſchaf— fen, koͤnnte auch angenommen werden, daß der Pfar: rer oder Biſchof die erforderliche Kenntniß und Er: fahrung beſitzen werde. Das Gebiet des Richtens verdirbt den Standpunkt des Amtes der Liebe.

Es bleibt uns nun noch auf dieſem Gebiete eine der brennenden Fragen der Zeit zu beruͤhren: was iſt das Verhaͤltniß der theologiſchen Fakultaͤt zu

333

der Kirchenbehörde und zum Staat? Wir mußten ihre Behandlung bis hierher verſchieben, weil jene Lehrer Staatsbeamte ſind. Es tritt hier alſo das doppelte Verhaͤltniß der Kirche ein, einmal zum Staat, dann zur kirchlichen Wiſſenſchaft.

Nach dem Vorhergehenden ſteht uns zuvoͤrderſt feſt, daß die Fakultaͤten, von welchen wir reden, Fa: kultaͤten der evangeliſchen Landeskirche ſind, und nicht etwa Dilettanten-Anſtalten phantaſtiſcher Experimental— Kirchen, erſonnen nach den Recepten von Strauß, Feuerbach oder Bruno Bauer, und gebaut auf den Grund (fuͤr den wiſſenden Menſchen), daß es weder eine Kirche, noch eine Offenbarung, noch einen zu verehrenden Gott gebe. Die evangeliſche Landeskirche erwartet vom Staate ihre Lehrer. Der Staat giebt die theologiſchen Fakultaͤten, als Theil der akademi— ſchen Staatsanſtalten. Er alſo ſtellt die Profeſſoren an. Hierbei befragt er natuͤrlich das Urtheil der evangeliſchen Kirche, entweder unmittelbar, oder nach Offenkundigkeit. Aber er kann Mißgriffe thun: die Gemeinde muß alſo, wenn ſie frei ſein will, das Beſchwerderecht haben. Dieſes Beſchwerderecht nun

334

iſt ein kirchliches, und der Gegenſtand ein geiftlich kirchlicher, ja der Mittelpunkt des wiſſenſchaftlichen Bewußtſeins der Kirche. Als perſoͤnlichen Huͤter der Lehre finden wir nun den Biſchof: ihm alſo koͤnnen wir das Beſchwerderecht der Kirche nicht abſprechen. Aber wir legen ihm keineswegs die Befugniß der Unterſuchung bei: dieſe bleibt der Gemeinde, in ihrem vollen Sinne. Und zwar nicht der Kreisgemeinde, deren Vorſitzer der Biſchof iſt, ſondern der Provin— zialiynode, in welcher er als Mitglied ſitzt. Das natuͤrlichſte nun ſcheint, daß wir jenes Beſchwerderecht und dieß Unterſuchungsrecht je auf die theologiſche Fakultaͤt der Provinz beſchraͤnken. Jeder Biſchof einer ſolchen Provinzialſynode habe alſo das Recht einen Antrag zu ſtellen auf Unterſuchung uͤber die Reinheit der Lehre eines Mitgliedes der Fakultaͤt. Die Synode verwirft den Antrag oder nimmt ihn an. Die Frage iſt im letzteren Falle: ob dieſe Ent— ſcheidung die Kraft eines richterlichen Ausſpruchs haben koͤnne? Wir ſagen unbedingt: nein! Denn die Univerſitaͤtslehrer haben ihre Ernennung vom Staate nicht von der Kirche. Die Form der Ent—

335

ſcheidung wird alfo diefe fein muͤſſen, daß die Synode den Koͤnig bittet, um ihrer Gewiſſensbedenken halber einen Lehrer ſeines Amtes zu entſetzen oder zu ent— heben. Der Landesherr aber wuͤrde dieſem Geſuche willfahren, nach Einholung des Urtheils des kirchlichen Reviſionshofes, daß allen Formen genuͤgt ſei, jedoch ohne daß dieſer Hof oder die Regierung in eine theologiſche Unterſuchung eingehe. Weder der Landes— herr, noch ſein Miniſter, noch der Gerichtshof wird ſich uͤber den Punkt der Lehre eine kirchliche Ueber— zeugung, Beruf und Anſehn zutrauen, welche uͤber die einer Landesgemeinde zu ſtellen waͤren. Nur durch ein Verfahren wie das vorgeſchlagene entgeht die Regierung einer falſchen Stellung, in welche ſie ſonſt unvermeidlich gerathen muß. Denn falſch muͤſ— ſen wir jede andere Stellung nennen, ſei es daß ſie ein kirchliches Urtheil faͤllt uͤber eine wiſſenſchaftliche Frage, ſei es daß ſie aus Furcht vor der Unbeliebt— heit eines ſolchen Gebrauches ihrer weltlichen Gewalt, ſich alles Urtheiles und Thuns enthaͤlt. Denn in jenem Falle ſcheint ſie den ſchweren Arm der Gewalt in die Wagſchale des Gewiſſens zu legen, und den

336

gordiſchen Knoten der Wiſſenſchaft mit dem weltlichen Schwerte zu zerhauen. In dem zweiten Falle aber ſcheint ſie die, von ihr doch uͤbernommene Pflicht zu verſaͤumen, naͤmlich die bevormundete chriſtliche Ge— meinde, deren Jugend auf die Lehren der Landes— Univerſitaͤt vorzugsweiſe angewieſen iſt, gegen Miß— brauch des Lehreramtes und gegen Verrath der Kirche zu ſchuͤtzen, und einem Aergerniſſe zu wehren, das ſie gewiſſermaßen angeſtiftet.

Wir haben das Recht der Gemeinde, uͤber ihr chriſtliches Bedenken beruhigt zu fein, und nöthigen: falls Schutz fuͤr ihr Gewiſſen zu erlangen, als un— beſtreitbar angenommen. In der That wuͤrde der Anſpruch, daß die Beruͤckſichtigung deſſen, was ein theologiſcher Lehrer der Hochſchule über religioͤſe An: gelegenheiten ſchreibt, von vorn herein ausgeſchloſſen bleiben muͤſſe vom Urtheil der Gemeinde, zu der Annahme zwingen, daß ſolche Lehrer der evangeliſchen Fakultaͤt entweder Anſpruch machen auf paͤbſtliche Untruͤglichkeit oder Verzicht leiſten auf ein offenes, redliches Gewiſſen. Der Staat aber kann kein Be— denken haben, die evangeliſche Kirche zu befriedigen,

337

welche für die ganze, überwiegend aus Weltlichen be: ſtehende Landesgemeinde nicht mehr verlangt, als was das Geſetz Preußens dem roͤmiſch-katholiſchen Epi— ſkopat ſichert. Denn dieſes beſitzt, ſeit der erſten Anerkennung deſſelben, unter Friedrich dem Großen, ein unbedingtes Veto-Recht bei der Ernennung, und ſpaͤter, waͤhrend der Amtsfuͤhrung der Angeſtellten. Allen ſolchen Betrachtungen der Gerechtigkeit, der politiſchen Weisheit und der Freiheit der Ge— meinde wird nun das Meduſenhaupt der akademi— ſchen Lehrfreiheit entgegengehalten. Wir laſſen uns aber nicht verſteinern. Allerdings ſcheint uͤber nichts eine größere Verwirrung der Begriffe im proteſtanti— ſchen Deutſchland zu herrſchen, als über dieſe Lehr: freiheit. Was hieruͤber neulich wieder von manchen Seiten geſagt worden iſt, begreift ſich nur aus zwei, außer der Sache liegenden, uͤbrigens bedeutungsvollen Umſtaͤnden: aus dem Streben nach einer politiſchen Vertheidigungswaffe gegen die Staatsgewalt, und aus dem uͤberhand nehmenden Argwohn der Gemuͤ— ther in geiſtlichen Angelegenheiten. Wir nun reden von der Lehrfreiheit in der freien evangeliſchen Lan—

22

338

deskirche, und nur von dieſer. In ihr fällt aller gerechte oder ungerechte, vernünftige oder unvernuͤnf— tige Argwohn weg, ſowohl gegen die Regierung, Seitens der Wiſſenſchaft, als gegen die Geiſtlichkeit, gegenuͤber dem Volke. Von dieſem Zuſtande alſo redend, erbitten wir uns unpartheiiſches Gehoͤr fuͤr Folgendes. Man lehrt in unſerer Zeit auf doppelte Weiſe: durch wiſſenſchaftliche Werke und durch Vor— traͤge an Lehranſtalten, deren oberſte die Univerſitaͤten ſind. In jenem Gebiete herrſcht bekanntlich in Preu— ßen eine groͤßere Freiheit als in England und Frank— reich. Der ſogenannte, wahre oder angenommene wiſſenſchaftliche Charakter eines Werkes ſichert jedem deutſchen Schriftſteller das Mittel, ſeine theologiſchen und ſpekulativen Ideen vor die Oeffentlichkeit zu bringen. Außerdem aber ſteht in jeder Univerſitaͤt die philoſophiſche Fakultaͤt da, mit vollem Rechte, die Wiſſenſchaft des Gedankens zu lehren, und die Prin— zipien ihrer Anwendung, ſo weit die allgemeinen po— lizeilichen Strafbeſtimmungen des Landrechtes nicht in Frage kommen, mit welchen die Kirche nichts zu thun hat. Eine ſolche Freiheit iſt gewiß die dem

in.

Charakter des deutſchen Volkes und der Geſchichte ſeiner geiſtigen Bildung angemeſſenſte. Wir werden des Boͤſen ſchon auf rein wiſſenſchaftlichem Wege maͤchtig werden. Allein die akademiſchen Vortraͤge einer evangeliſch-theologiſchen Fakultaͤt haben noth— wendig den Zweck, daß in ihnen die Lehre der Kirche vorgetragen werde von Maͤnnern, die ſich redlich zu ihr bekennen koͤnnen, weil ihre freie Ueberzeugung mit der Landeskirche im Weſentlichen uͤbereinſtimmt, und zwar fuͤr junge Maͤnner, welche ſich dem geiſtlichen Berufe in dieſer Kirche widmen wollen, und auf die Vorleſungen der Univerſitaͤt angewieſen ſind. Wie ſehr hierbei Sitte und Geiſt des Jahrhunderts und die Mannigfaltigkeit der deutſchen Staͤmme und Ein: richtungen eine hinlaͤngliche Weite und Buͤrgſchaft geſtatten, iſt keinem europaͤiſchen Staatsmanne unbe— kannt. Die Frage iſt bloß, ob nun dieſe kirchlichen Lehrer auf paͤbſtliche Untruͤglichkeit ſollen Anſpruch machen koͤnnen, und alſo uͤber alle Verantwortlichkeit erhaben ſein ſollen der Kirche gegenuͤber? Sie ſind nicht bloß Schriftſteller: waͤren ſie dieſes, ſo haͤtten ſie niemandem Rechenſchaft zu ſtehen als den Landes— 2

340

geſetzen und der Wiſſenſchaft. Nein, fie haben das Amt der Lehrer uͤbernommen, fuͤr die heranzubildenden Geiſtlichen der evangeliſchen Landeskirche. Sich in dieſem Amte uͤber das Gewiſſen der Kirche ſtellen zu wollen, ſcheint uns eine unevangeliſche und tyranniſche Anmaßung. Aber wir erkennen als billig an, daß ſie nur dem perſoͤnlichen Gewiſſen der ſelbſtaͤndigen Kirche vor der verſammelten Landesgemeinde anklag— bar, und dieſer, nach voller Vertheidigung und An— hoͤrung verantwortlich ſeien. Aber das Urtheil der Kirche erhaͤlt erſt durch den Landesherrn ſeine Aus— fuͤhrung, nachdem die Wahrung aller Formen vom oberſten Gerichte der Kirche anerkannt worden. Endlich aber da die Profeſſoren nicht von der Kirche angeſtellt find, ſondern vom Staate, fo werden fie in Bezie— hung auf das Gehalt, alle Rechte haben, welche nach der allgemeinen Dienft : Pragmatik den Beam: ten zuſtehen. Wir wiederholen ausdruͤcklich, daß wir nur von den Lehrern an der theologiſchen Fakultaͤt reden. Die philoſophiſche Fakultaͤt gehoͤrt nicht einer beſtimmten Kirche an, und ſteht alſo nur unter den Staatsgeſetzen.

341

Es bleibt uns nun in diefer Unterſuchung noch der bedeutende Punkt der irdiſchen Mittel uͤbrig, welcher die Kirche bedarf, um ihre Pflichten zu er— fuͤllen. Die freie Kirche bedarf in Preußen fuͤr die amtlichen Arbeiten, welche jetzt in der zweiten Ab— theilung der 26 Regierungen und in den 8 Conſiſtorien gethan werden, etwa 60 Geiſtliche mit biſchoͤflicher Verantwortlichkeit und Rechtsbefugniß: jeden mit zwei weltlichen Kirchenraͤthen: außerdem noch zwoͤlf welt— liche Raͤthe und Richter bei den ſechs Metropolitan: kirchen. Dieſe alle muͤſſen ihres Amtes leben, ſo gut als die Biſchoͤfe. Auch kann das Gehalt jener wah— ren Superintendenten oder Oberpfarrer nicht von den Pfarrgehaͤltern genommen werden: denn die Biſchoͤfe beduͤrfen wie wir geſehen, neben ſich eines zweiten Pfarrers, damit die Seelſorge und die Predigt nicht unter der Verwaltung leide. Ferner iſt es klar, daß eine ſolche evangeliſche Kirche, nicht beſtehen kann, ohne daß fie ihre Candidaten praktiſch heranbilde und ſie nach den akademiſchen Jahren und in der Zeit zwiſchen Prüfung und Amt, oft der Noth und dem Elende preisgebe, immer aber zur Theilnahmloſigkeit

343

an der Kirche verurtheile. Sie kann auch die Can⸗ didaten nicht den Pfarrern als geiſtliche Coloniſten ins Haus ſetzen. Das Aufbringen der Koſten aber von den Gemeinden fordern oder erwarten zu wollen, wäre gegen die Formel unſerer Kirche, als einer na— tionalen. Schon das finden wir ungerecht, daß die Gemeinden der rheiniſch-weſtphaͤliſchen Kirche jetzt die Koſten ihrer Synodal-Verwaltung tragen muͤſſen. Fuͤr alle dieſe Beduͤrfniſſe findet ſich nun in Preußen eine geſchichtliche und rechtliche Grundlage. Durch eine landesgeſetzlich gewordene Uebereinkunft mit Rom erhaͤlt die roͤmiſch-katholiſche Landeskirche eine ewige Rente von faſt 200,000, in der Wirklich— keit aber von etwa 250,000 Thalern, und zwar fuͤr folgende zwei Beduͤrfniſſe: Dioͤcaͤſan -Verwaltung: (Biſchof mit Curie und Kapitel), und die biſchoͤf⸗ lichen Seminare. Dieſen Zwecken aber entſprechen genau die eben angeregten Beduͤrfniſſe in der an— dern Landeskirche. Nehmen wir alſo das Verhaͤlt— niß der Bevoͤlkerung zum Maßſtabe an, ſo wird es klar, daß der Staat bei gleicher Gerechtigkeit gegen beide Landeskirchen, der evangeliſchen Kirche,

343

fobald fie fich frei geſtaltet, eine ewige Rente von mehr als 400,000 Rthlr. ſchuldet; dagegen fallen von dem Staatsbudget fuͤr immer weg die Haͤlfte der Koſten fuͤr die zweite Abtheilung der 26 Re— gierungen, und gewiß der groͤßere Theil der Koſten fuͤr die Conſiſtorien. Eingezogene und fuͤr die allge— meinen Staatsbeduͤrfniſſe verwandte Stifter, und andere Guͤter beider Kirchen, bleiben natuͤrlich dem Staate. Die als Theil der Staatsſchuld anzuſe— hende Rente tritt uͤberhaupt an die Stelle der alten Form des liegenden Grundbeſitzes. Auch die Einzie— hung der noch beſtehenden evangeliſchen Stifter fuͤr jene Beduͤrfniſſe ſcheint uns weder gerecht noch raͤth— lich. Allerdings ſind Pfruͤnden ohne Pflicht und Amt ein Schandfleck der evangeliſchen Kirche, und im Grunde nicht allein eine Ungerechtigkeit gegen die Kirche, ſondern eine Grauſamkeit fuͤr die, welchen ſie verliehen worden, falls dieſe einen klaren Begriff von dem Zwecke jener Stiftungen haben. Dieſe Wahrheit wird ſich gewiß, mit aller Achtung fuͤr wirklich erworbene Rechte, in diefer Zeit der Wieder: belebung bald geltend machen: und die evangeliſche

314

Wiederbelebung jener Stifter für Werke chriſtlicher Liebe, nicht ihre Einziehung iſt zu wuͤnſchen. Jene Ausſtattung der Kirche durch eine Rente waͤre wohl fobald als moͤglich zu treffen. Die Verwaltung der evangeliſchen Rente bliebe natuͤrlich bei der Regierung, bis ſie mit den jetzt beſtehenden oder zu berufenden Synoden eine freie gemeindliche Kirche ins Leben tre— ten laſſen kann. Wie aber wird es mit den Bedürf: niſſen, welche ſich nun auf das Pfarrſyſtem bezie— hen? Sie ſind groß und ſchreiend. Ein großer Theil der jetzigen evangeliſchen Pfarrer ſteht tief un: ter dem niedrigſten Satze, der fuͤr Land und Stadt angenommen werden ſollte: alſo etwa 500 und 700 Thaler. Außerdem fehlt es an Huͤlfspredigern und Huͤlfspfarrern, nach dem Zeugniſſe der Synoden der Conſiſtorialkirchen von 1844, ſo weit ihre Beſchluͤſſe und Anträge bisher veröffentlicht worden find. Die Ordination von fogenannten Synodal: Kandidaten, d. h. von ſolchen, die innerhalb eines Kreiſes oder Bezirks verwendet werden ſollen, wird allgemein be— gehrt von ihnen, wie von den Presbyterial-Synoden, und es ſteht auch hier der dringend erſehnten Huͤlfe

345

nichts entgegen, als Mangel an Geld. Endlich wird vielfach uͤber den Mangel eines Stockes geklagt, durch welchen Pfarrern, deren Abgang wuͤnſchens— werth oder nothwendig iſt, in Ruheſtand verſetzt werden koͤnnten. Wir glauben, daß die evangeliſche Kirche ein Recht hat, von dem Staate ſo viel we— nigſtens zu verlangen, daß ihr für die Pfarrbeduͤrf— niſſe daſſelbe gezahlt werde, was die katholiſchen Pfarrer beziehen, d. h. im Verhaͤltniſſe der Be— voͤlkerung. Wir glauben aber ferner, daß ſehr viel daran fehlt, daß dies jetzt geſchehe. “)

») Die Anſicht der rheiniſchen Synode iſt vollſtändig in dem zivei- ten der Auszüge aus den Verhandlungen gegeben, welche ſich als Anhang! zum Schluſſe dieſer Erörterungen abgedruckt fin- den. Hiernach erhalten vom Staate jährlich:

D Ä 712,000 ,

die Evangeliſ chen 240,000 Alſo erhielten die Evangeliſchen nur etwas mehr als ein Drittel, ſtatt daß fie im Verhältniſſe von 5 zu 3 erhalten ſollten: 240,000 , ftatt 1,186,000 .

Im Rheinlande erhalten nach der Synode: die Katholiken (2 Millionen) .. , . 293,000 , die Evangeliſchen (500,000 33,274

346

XII. Schluß.

Der Ausgangspunkt und die gegenwärtigen Zuſtände.

Iſt das bisher Geſagte wahr, ſo iſt damit be— wieſen, daß die Zeit der Geiſtlichkeits- und Staats: kirchen voruͤber iſt, damit aber auch eben ſo gewiß die der Secten und Separatiſten, und daß es für die kirchliche Gemeinſchaft der Zukunft keine anderen

Ihr Antheil iſt alſo faſt ein Drittel und ſie erhalten ein Neuntel deſſen, was die Katholiken vom Staate beziehen.

Dieſe Zahlen als Grundlage der Ausgleichung angenommen, würden von den 712,000 , nach Abzug der kirchlichen Koften jenſeits des Pfarrverbandes (der Rente von 250,000 „B) über 450,000 »3 (462,000 ) übrig bleiben für das Pfarrſyſtem. Dieß würde, nach dem Verhältniſſe von 5: 3, 770,000 für die evangeliſchen Pfarrer vorausſetzen: alſo faſt noch einmal fo viel (222,000 ) als alles, was die evangeliſche Kirche jetzt vom Staate bezieht. Dieſe Berechnung iſt übrigens ganz unabhängig von der von uns genommenen Baſis, behufs des Anſpruchs der evangeliſchen Kirche auf eine ewige Rente für die Bedürfniſſe jenſeits des Pfarrverbandes.

347

Schranken giebt, als die Grenzen der bewohnten Erde, keinen Weg, als durch die Liebe und Freiheit, keine naturgemaͤße aͤußere Trennung, als nach den Zungen und Voͤlkern, die Gott gegeben hat. Es iſt damit auch weiter bewieſen, daß die von einem jeden vereinten Volke anzuſtrebende Kirchengemeinſchaft alle in der politiſchen Natur des Menſchen und in der Idee der Kirche begruͤndeten Elemente des kirchlichen Lebens in ſich zu vereinigen ſuchen ſolle, damit ſie ein moͤglichſt wenig unvollkommenes Bild der goͤttlich befreiten Menſcheit darſtelle, und ein lebendiges ſicht— bares Glied am unſichtbaren Leibe ihres Herrn werde. Wir haben, bei dem Verſuche dieß zu beweiſen, dahin geſtrebt, den Dingen die Kunſt- und Stichwoͤrter abzuſtreifen, womit nun ſchon lange Theologen und Kanoniſten ihre Sprache eben ſowohl von der Wiſ— ſenſchaft und des Lebens getrennt, und dadurch ſich und die Kirche, ſo viel an ihnen lag, von Wiſſen— ſchaft und Leben getrennt haben. Insbeſondere aber haben die abſtrakten Formeln und todten Rechtsbe— griffe die Grundſaͤtze der evangeliſchen Kirchenverfaſſung verdunkelt, und bald einem form- und huͤlfloſen

348

Myſticismus preisgegeben, bald in einen leeren For: malismus verwandelt, wodurch das Leben zu Sche— men und Schatten verkruͤppelt wird. Bei dieſer Unterſuchung ſind uns hoͤchſt weſentliche, aber einfache Probleme chriſtlicher Staatsweisheit uͤbrig geblieben, deren Loͤſung, obwohl in verſchiedenen Formen, unfehl— bar gegeben iſt durch zwei einfache Grundſaͤtze. Einmal, innerlich, durch die unverzagte Anwendung der an die Spitze geſtellten Idee des allgemeinen Prieſter— thums als der bewußten Verwirklichung des auf Gott gerichteten, ſittlichen Bewußtſeins, auf die Verhaͤltniſſe und Beduͤrfniſſe der Wirklichkeit. An— derntheils, aͤußerlich, durch eine klare Scheidung des Kirchlichen und Staatlichen, aber im Staate.

Es bleibt uns zum Schluſſe nur die Erwaͤgung der Frage uͤbrig: welches denn koͤnnte bei uns der unmittelbare Anfangs- und Ausgangspunkt der Be— wegung nach einem ſolchen Ziele ſein?

Ehe wir dieſe Frage beantworten, müffen wir die Sache erſt etwas naͤher in ihrer allgemeinen Geltung betrachten.

319

Das Ziel des kirchlichen Verfaſſungstriebes iſt allerdings fuͤr alle Voͤlker, weſentlich daſſelbe: Aus— gang und Entwickelung koͤnnen bei jedem ſehr verſchie— den ſein. Eine jede nationale Entwicklung wird einen eignen, durch ihre innere und aͤußere Geſchichte bedingten Ausgangspunkt haben. An ſich liegt in dem Verſtaͤndniſſe jedes einzelnen Theiles eines orga— niſchen Lebens das Verſtaͤndniß des Ganzen: d. h. jenes ſetzt dieſes voraus. Aber in der Erſcheinung, in der Geſchichte alſo, iſt jeder Anfangs- oder Aus: gangspunkt ein einſeitiger. Fuͤr das Gedeihen der Bildung iſt, bei richtigem Verſtaͤndniſſe des Ganzen, die beſondere Natur dieſes Ausgangspunktes an ſich gänzlich gleichgültig, und nur Eins iſt dabei noth— wendig, naͤmlich daß dieſer Ausgangspunkt ein leben— diger ſei. Leben geht nur aus vom Leben und ſelbſt vom glaͤnzendſten Leichnam kommt nur Tod. Die Waſſer des Teiches Bethesda waren nur heilkraͤftig, wenn ſie ſich bewegten. Wo aber Leben, da iſt Geiſt, und Niemand kann ihm wehren, als durch einen hoͤheren Geiſt: wo keines, da iſt Tod, und Niemand kann es machen. So fuͤrchte ſich denn

350

Niemand vor einer Bewegung im Gebiete der Kirche, denn jenes Geſetz von der Bewegung, als Zeichen der Lebenskraͤftigkeit, muß vorzugsweiſe in dem gei— ſtigen Gebiete herrſchen, da hier alles Lebens und aller Bildung Anfang iſt. Den Ausgangspunkt giebt Gott und die Geſchichte, und aller Geſchichtlichkeiten geſchichtlichſte iſt die Wirklichkeit der Gegenwart. Einen Ausgangspunkt willkürlich waͤhlen kann alſo keine irdiſche Macht. Das Glied, welches zuerſt er— wacht, muß zuerſt gepflegt werden, ſelbſt wenn es ohne volles Bewußtſein des Ganzen erwacht waͤre, zu dem es gehoͤrt. Aber Regierung und Volk koͤn— nen und ſollen daruͤber wachen, daß der alſo vom goͤttlichen Anfangspunkte beginnende Bildungstrieb nicht gehemmt und verkuͤmmert werde. Die größte _ aller Gefahren hierbei, iſt die gewoͤhnlich am wenig— ſten geahndete. Von jedem Elemente aus, wenn es nur ein lebendiges, bildungsfaͤhiges iſt, kann ein voll— ſtaͤndiger Organismus in aller Schönheit und Voll— kommenheit gebildet werden. Da jedoch alles natüͤr⸗ liche Leben, weil ſelbſtſuͤchtig, im Gegenſatze befan— gen iſt; ſo wird jener Anfangspunkt verſucht ſein,

351 ® fih zum Mittelpunkte der geſammten Bildung zu

machen. Die zuerſt ins Leben getretene Form, ſtatt ſich als Element des Ganzen zu erkennen, wird das Ganze ſein wollen. Die Verneinung will das Be— jahende beherrſchen: der Anfang Prinzip ſein wollen, nach einwohnendem uralten Geluͤſte. So wollte auch in der apoſtoliſchen Zeit der Judaismus die chriſtliche Entwicklung beherrſchen: in der darauf folgenden der Kanonismus, und wiederum ſpaͤter der Dogmatismus, zuerſt nur ein theologiſcher, jetzt vorherrſchend auch ein rein ſpekulativer. Alle dieſe Anfangspunkte wa: ren geſchichtlich und ehrenwerth, und jeder hat eine innere Begruͤndung in einem weſentlichen Elemente des Chriſtenthums. Aber das chriſtliche Leben in ſei— ner Geſundheit und Fuͤlle iſt weder eine juͤdiſche Geſetzlichkeit, noch eine kanoniſtiſche Rechtsanſtalt, noch auch Problem oder Werk der Speculation und des logiſchen Begriffsſpieles. Es iſt ein evangeliſches und ein gemeindliches Leben, und vor allen Dingen, es iſt ein Leben und eine That, nicht ein Zankapfel der Schule und in muͤſſiges Spiel des Verſtandes. Nur das Leben giebt die lebendige Verſtaͤndigung

352

und Einigung zwiſchen den beiden Polen aller chriſt— lichen Erkenntniß, dem geſchichtlichen und dem fpefu: lativen Elemente, der Ueberlieferung und der Idee, der Thatſache und dem Gedanken. Nur das Leben bewahrt jeden Theil vor dem Verderben und Abſter— ben. Das geſchichtliche Element namlich iſt in Ge fahr auszuarten, entweder in aͤußeren Dogmatismus, d. h. in das Verſtandesfuͤrwahrhalten einer uͤberlie— ferten als einer aͤußeren Thatſache, oder in zerſtoͤrende Buchſtabenkritik. Das ſpekulative Element neigt ſich zum innern Dogmatismus, d. h. dem Formalismus, alſo eigentlich einem Glauben des Verſtandes an ſeine eigenen Abſtraktionen uͤber Geſchichtliches: oder zum Skeptizismus, dem Unglauben ans Geſchichtliche. Das innerliche chriſtliche Leben iſt der Traͤger von beiden: nicht gehalten von jenen beiden Polen neigt es ſich jedoch zum Gefuͤhls-Myſtizismus der thatloſen Beſchaulichkeit, oder zum Moralismus, der von der Idee Gottes ge— trennten Ethik. Aber in der Geſundheit des kirchlichen Lebens, der Einzelnen wie der Geſammtheit, bildet das ſittliche Gewiſſen, fuͤr jeden in der ihm paſſendſten Weiſe, die Verbindung und Einigung zwiſchen Ger

353

ſchichtlichem und Spekulativem und ſtellt die Einheit von Ueberlieferung und Idee thatſaͤchlich dar. Eben ſo iſt es nun in der Verfaſſung. Ihre Herſtellung kann eben ſo wohl ausgehen von einer weltlichen oder geiſtlichen Diktatur, alſo vom Syſtem der neuen Con: ſiſtorialkirche, oder vom Syſtem des einſeitigen Epi— ſkopalismus, oder des ſtarren Presbyterianismus: eben ſo wohl endlich auch von dem embryoniſchen Syſteme des Independentismus. Je nach dieſem Ausgangspunkte werden die Schwierigkeiten und Ge— fahren ihrer Entwicklung verſchieden ſein. Was z. B. in dem einen Lande ſchwer iſt, macht ſich in einem andern von ſelbſt: und was dort vielleicht unmoͤglich erſcheint, wuͤrde hier kaum als Schwierig— keit erkannt werden: auf dieſem, wie auf jedem andern Gebiete des geiſtigen Lebens.

Aber welches auch der Ausgangspunkt ſei, es genuͤgt in der Gegenwart, daß das Volk die Schwie— rigkeit und Gefahr erkenne, damit ſie uͤberwunden ſei. Vorurtheile, Irrthuͤmer, Einſeitigkeiten verſchwinden vor der Gewalt der Wahrheit, ſobald man ihr ins

Angeſicht ſieht, und vor der Kraft des Lebens, ſobald 23

354

man es gewaͤhren laͤßt. Nur zwei Irrthuͤmer ſind toͤdtlich: daß man einen gegebenen Lebenspunkt nicht erkenne, oder daß man glaube, die Verneinung eines Irrthums genuͤge, um die Wahrheit lebendig zu be— gruͤnden. Die Gefahr iſt auf beiden Seiten ſehr groß: auf beiden ſind Taͤuſchungen verzeihlich. Die Einen laſſen ſich leicht durch die fruͤhere Herrlich— keit einer geſchichtlichen Erſcheinung und die Ehr— furcht vor dem geſchichtlichen Rechte, zu dem Glau— ben verleiten, daß ein abgeſtorbenes Leben wieder erweckt, und eine verbrauchte Form wieder lebendig gemacht werden koͤnne. Andere werden, im Gefuͤhle dieſer Abgeſtorbenheit und Verderbung der Vergan— genheit und Gegenwart, durch die Macht des Gegen— ſatzes uͤbermaͤßig dahin getrieben, daß ſie das Heil der Zukunft in der Zerſtoͤrung des Vergangenen ſu— chen, das Heil der kommenden Geſchlechter in dem Abſchneiden der Gegenwart von der Geſchichte. Jene glauben das Neue zu bauen, und das Reich Gottes zu foͤrdern, indem ſie ſich, der Gegenwart vergeſſend, in einer poetiſchen Geſchichtlichkeit ſpiegeln: dieſe in: dem ſie das Bejahte verneinen, und das Gebaute

355

niederreißen. Dieſe vergeſſen, daß wer den Gegen— ſatz ergreift, ſpaͤteſtens mit demjenigen Leben unter— geht, welchem er ſich verneinend entgegengeſetzt, oft aber fruͤher. Jene vergeſſen das Wort des Herrn: „Laſſet die Todten ihre Todten begraben:“ und das: „Faſſet den neuen Wein nicht in alte Schlaͤuche.“ Beide Beſtrebungen ſind Regungen des noch nicht ganz bekehrten und erleuchteten Petrus, welcher keine, den Juden unreine Thiere angreifen wollte, auch da ſie ihm vom Himmel kamen; und der einſt das Schwert fuͤr denjenigen ergriff, deſſen Tod und Auf— erſtehung er ſpaͤter als Heil der Welt verkuͤndigen ſollte. Petrus kam erſt durch ſchwere Verirrungen und Pruͤfungen zur Erkenntniß. Aber auch der Juͤn— ger der Liebe begann damit, daß er Feuer vom Him— mel verlangte, um die Unglaͤubigen zu ſtrafen, welche die Sendlinge des Herrn nicht aufgenommen. Was nun die Gefahr einer Hemmung des einmal begon— nenen neuen Bildungstriebes, und eines vorzeitigen Abſchließens betrifft; ſo wird derſelben in chriſtlichen Staaten menſchlicherweiſe am wirkſamſten entgegenge— arbeitet, durch die weiſe Foͤrderung eines großartigen

235

356

und kraͤftigen Geſammtlebens der Nation, worin alle naturgemaͤßen Elemente leben und wirken: innerlich aber durch die Erleichterung eines wahrhaftigen kirch— lichen Gemeindelebens, mit Freiheit fuͤr alle drei Aemter der Kirche, und mit Beruͤckſichtigung des Amtes der freien Liebe insbeſondere. Denn dieſes iſt, wie wir oben geſagt, das eigentliche werdende Ele— ment der Kirche der Zukunft. Iſt es zu verwundern, daß ſich dieſes Leben bisher noch ſpaͤrlich und gleich— ſam verſtohlener Weiſe, auch oft in verachteter Ge— ſtalt gezeigt, daß es ſich vielfach verirrt und verwirrt hat, wenn die Zerriſſenheit und das Ungluͤck der letzten zweihundert Jahre erwogen wird? Oder ſoll es uns irre machen und abſchrecken, wenn die Schul— weisheit ſich in ihrem Uebermuthe für die Wiſſenſchaft des Chriſtenthums haͤlt, und von dieſem neuen Stein der Weiſen, der vollendeten Wiſſenſchaft, den Anfang des Heils erwartet? Sind alle dieſe Einſeitigkeiten nicht die nothwendigen Folgen unſers gemeinſamen Un— gluͤcks, unſerer gemeinſamen Schuld? Muß der Geiſt eines großen, und dem geiſtigen Gebiete mit Innig— keit lebenden Volkes nicht in ſolche Mißgriffe und

23527

Irrthuͤmer verfallen, wenn ihm eine harmoniſche Ausbildung, und eine thatkraͤftige Bethaͤtigung durch den Mangel eines oͤffentlichen Lebens, wo nicht un— moͤglich gemacht, doch unendlich erſchwert wird? Alſo werden das evangeliſche Volk Deutſchlands und ſeine Regenten ſich auf der großen Bahn nicht irre machen laſſen. Kleine ſtaͤdtiſche oder laͤndliche Genoſſenſchaften und weniger geiſtige Voͤlker moͤgen ſich vorzeitig abſchließen, und, ſtatt das Ganze in ſich weltgeſchichtlich darzuſtellen, ſich mit dem Bruchſtuͤcke begnügen, welches Zufall und Perſoͤnlichkeiten in ihnen zur Anerkennung gebracht haben. Sie thun vielleicht in dieſem Augenblicke weiſe daran, obwohl ſich ihre Schwierigkeiten dadurch nicht mindern, falls ſie beſte— hen bleiben wollen. Denn es kommt eine Zeit, wo ſich jede Einſeitigkeit eines Principes raͤcht, jeder Mangel fuͤhlbar macht. Aber ein großes, geiſtiges zum weltgeſchichtlichen Bewußtſein erwachtes evange— liſches Volk, kann ſicherlich auch auf dieſem Gebiete, nur dann etwas Dauerndes zu ſchaffen hoffen, wenn es die Aufgabe in ihrer ganzen Großheit auffaßt: d. h. mit andern Worten, wenn die Verfaſſung und

358

geſammte Geſtaltung der Kirche der Zukunft hervor: geht aus dem ungetruͤbten Geſammtgefuͤhle der Na— tur des Reiches Gottes, der Bedingungen ſeines irdiſchen Beſtandes, und der ihm, dem Volke, durch ſeine Geſchichte und Eigenthuͤmlichkeit darin angewie— ſenen Stelle. Und hier duͤrfen wir vor der Welt unſere Maͤngel frei bekennen, und unſere Suͤnden, die daran noch mehr Theil haben als unſer Unglück und unſere Widerſacher. Denn der Geiſt, welcher alles verjuͤngt, iſt bei uns, mindeſtens in eben ſo großem Maaße als bei irgend einem Volke der Ge— genwart: ich glaube aber mehr. Andre Kirchen ha— ben manches gerettet und erhalten, was uns fehlt, dagegen anderes eingebuͤßt, was wir beſitzen. Wir ſitzen unter Truͤmmern: ſie auch. Aber der Unter— ſchied iſt vor Allem, daß wir es wiſſen, ſie aber nicht. Sollten wir alſo nicht den Muth haben, dem was im Kampfe unſerer Nationalitaͤr, waͤhrend des eben verfloſſenen Jahrtauſends uns von Altem und Neuem umgiebt, im Lichte des Evangeliums ins Auge zu ſehen? Nicht fragend nach Alt oder Neu, ja nicht einmal nach dem Ende aller dieſer Dinge, ſondern

359

vorerft und vor Allem nach der göttlichen Wahrheit, welche allein uns belehren kann über den Werth von Altem und Neuem im nahenden Reiche Gottes d. h. in dem Reiche der Freiheit und Liebe. Dann erſt koͤnnen wir mit dem, was wir als unſer Fleiſch und Blut erkennen, freudig ans Werk der Herſtellung ge— hen. Allerdings, wer herſtellen will, muß hier und da ausreißen; das wird auch vielleicht uns begegnen. Aber wozu kann uns der Jammer der Zerſtoͤrung Zions zugeſandt ſein, als daß wir Muth gewoͤnnen, im Glauben die Hand anzulegen, um ihren Tempel nach dem angeſchauten Bilde, unvollkommen, aber doch in der Wahrheit, und mehr als alles vorhergehende dem goͤtt— lichen Bilde entſprechend, bewußt wieder aufzubauen? Ja, es iſt wahr, wir ſitzen unter Truͤmmern, und zwar unter den Truͤmmern einer untergegangenen oder untergehenden Welt. Aber es ſind auch bei dem Einſturze unſerer Mauern manche Scheidewaͤnde ge— fallen, welche das Verwandte trennten und ſehr oft das reine Himmelslicht ausſchloſſen, um deſſen Auf— bewahrung und Spendung das ganze Gebaͤude er— richtet war. Der Staat hat bei uns manches uͤber—

360

nommen, was beffer von der Gemeinde oder den Dienern des Wortes gethan wuͤrde. Aber haben alle drei, Regierung, Gemeinde und Geiſtlichkeit verſchie— dene Belaͤnge? Es iſt unſer aller Glaube, daß ſie es nicht haben. Weder Staat noch Gemeinde haben bei uns die Anmaßungen einer Prieſterkaſte zu be— argwohnen: die Regierung keine rohe, fanatiſche Ge— meinde, die Kirche keine hinterliſtige, fremdlaͤndiſche Regierung.

„Aber euer Glaubensleben iſt zerſtoͤrt durch den „Rationalismus!“

Welchen? Weſſen? Der todte Rationalismus der Schule des achtzehnten Jahrhunderts, welcher neben einer erſt beginnenden Kritik nichts beſaß als einen, die Tiefen des Gemuͤths wie des Geiſtes nicht ahnenden Verſtand, hat ſich ſelbſt zu Grabe getragen, außer wo er von Regierungen kuͤnſtlich als Mumie und Hausgoͤtze im Hauſe gehalten und gepflegt wird. Dem wahren rationaliſtiſchen Elemente aber überhaupt, welches ſich innerhalb des Lehramtes der Kirche be— findet, d. h. dem Streben nach Verbindung von Ver— nunft und Offenbarung, verdankt die deutſche evan—

361

gelifche Kirche wenigſtens eben jo viel, als dem ent gegengeſetzten. Die freie Kritik der heiligen Buͤcher hat dem Verſtaͤndniſſe des goͤttlichen Inhaltes unend— lich mehr genuͤtzt als geſchadet, nicht allein im neuen, ſondern auch im alten Teſtamente. Man faſſe die Erſcheinung nur geſchichtlich als ein Ganzes auf, und es wird jedem klar werden, daß Geiſtlichkeit, Ge— lehrte und Nation im Glauben an die Wahrheit, und nicht im Unglauben dieſe Pruͤfung vorgenommen. Daſſelbe gilt von dem Einfluſſe der philoſophiſchen Schulen von Kant bis Schelling und Hegel. Wir wollen die Freiheit, welche die Wiſſenſchaft des Gei— ſtes, als ſolche, bei uns genießt, und insbeſondere auf dem Gebiete der Erforſchung der ewigen Wahrheit und ihres Grundes, anderen Völkern nicht aufdroͤn gen. Aber beneiden koͤnnen wir fie nicht um des Mangel an derſelben, eben weil wir uͤberzeugt ſind, daß das Chriſtenthum die Religion des Geiſtes ſei, der Geiſt aber Wahrheit. Wir wiſſen, und die Nachwelt wird es durch die Geſchichte wiſſen, daß die Grundbegriffe aller Religion: Gott, ſittliche Freiheit oder Veran—⸗ wortlichkeit, Unſterblichkeit, goͤttliche Weltregierung

362

und aͤhnliche, in der neuen Welt erſt durch jene große Entwicklung der deutſchen Philoſophie als an ſich ewig dargethan, und im freien Kampfe neu belebt und verjuͤngt worden ſind. Wir koͤnnen es wahrlich an ſich nicht fuͤr ein Ungluͤck halten, wenn Maͤnner der Wiſſenſchaft, welche ſich zur Kirche bekennen, (von den andern, welche ſich ihr, die geſetzliche Frei— heit benutzend, offen entgegenſtellen, kann ja hier keine Rede ſein) ſich ernſt bemühen zu zeigen, daß das Chriſtenthum auch in der Idee wahr ſei. Wie ſollten wir erſchrecken uͤber die Verſuche der Speku— lation, zu beweiſen, daß dem geſchichtlichen Zeugniſſe das Zeugniß des bewußten Geiſtes entſpreche, daß der beglaubigten offenbarten Thatſache eine ewige Wahrheit und ein goͤttliches erkennbares Geſetz zur Seite ſtehe? Ein Ungluͤck allerdings waͤre es, und eine unermeßliche Ihorheit, wenn ſolche Männer leh— ren und das evangeliſche Volk ihnen glauben ſollte, das chriſtliche Leben muͤſſe als unterbrochen und gleich— ſam aufgehoben (ſuspendirt) angeſehen werden, bis die Wiſſenſchaft des Gedankens ſich ganz darin zu— recht gefunden und vollſtaͤndig damit verſtaͤndigt habe.

363

Allein einer ſolchen Thorheit iſt ja wohl in unfern Tagen Niemand faͤhig, wo es ſelbſt den Bloͤdſinnigen klar geworden, daß das Chriſtenthum nicht ein Ge— danke, ſondern eine That ſei: nicht eine Wiſſenſchaft, ſondern ein Leben: und daß der hoͤchſte Beweis fuͤr ſeine Wahrheit ſo wenig in der Spekulation und Wiſſenſchaft liege, als in der Geſchichte, (1. Joh. 5.) fondern im Geiſte, dem Beweiſe der Kraft, dem in: nern Zeugniſſe des Gewiſſens und der Erfahrung im Leben. So viel hier gegen ſo manche theils unmuͤn— dige, theils boshafte Laͤſterer unſerer evangeliſchen Kirche und kleinglaͤubige, altweiberiſche oder heuchle— riſche Wehklagen uͤber die ungezuͤgelte deutſche Wiſſen— ſchaft und Philoſophie.

Schon jetzt iſt es in Deutſchland jedem Unbe— fangenen unverkennbar, dem die Erſcheinungen auf dem geiſtigen Gebiete des deutſchen Lebens nicht fremd geblieben, daß trotz alles Geſchreies von Un— glauben, und trotz aller wirklichen Verwirrung im Reiche Gottes, die deutſche Wiſſenſchaft, und die deutſche Philoſophie ſich in den letzten ſiebenzig Jah— ren eine feſtere und unzerſtoͤrbarere, weil geiſtigere

364

und lebendigere, Grundlage für eine neue Form des chriſtlichen Lebens gebildet hat. Und ich ſetze unbe: denklich hinzu: nicht bloß fuͤr ſich, ſondern fuͤr die ganze Menſchheit. Daß dieſes alles nun fuͤr uns, als Volk und Einzelne, nicht zum Verderben ſei, ſondern zum Heile, das allerdings wird von dem göttlichen Segen, unſrerſeits aber von der Treue und dem Ernſte abhaͤngen, womit wir das große Ziel ins Auge faſſen, und unabgewandt verfolgen. Nicht als ein Spiel des Verſtandes, ſondern als den heiligen Ernſt des Lebens: nicht in erbaͤrmlicher Selbſt- und Genußſucht, auch nicht in ſchwaͤchlicher Gefuͤhligkeit und Selbſtbeſpiegelung: nicht in Träumen und Geis beln, nicht endlich vor allem in Hader und Streit, ſondern in liebevoller Aufopferung, und in bruͤder— lichem Zuſammenwirken. Und haben wir nicht im wirklichen Leben der Kirche hoͤchſt ermuthigende Le— benszeichen, dem fruͤheren Tode gegenuber? Wem iſt die Wiederbelebung, Ordnung und Zucht der rheiniſch-weſtphaͤliſchen Kirche in Preußen unbekannt? Ihre Synode blickt, beim Abſchluſſe des erſten Jahr— zehends ihrer Verfaſſung mit Dankbarkeit auf den

365

bisher erfahrenen göttlichen Segen zurück, und mit ihr ſieht eine Million treuen, gläubigen und aufge klaͤrten evangeliſchen Volkes, vertrauensvoll hin auf die Verfolgung des ihnen geſteckten Zieles. Wer will den redlichen Ernſt und das chriſtliche Gefuͤhl in den Berathungen, Vorſchlaͤgen und Antworten der geiſt— lichen Synoden der uͤbrigen evangeliſchen Landſchaften Preußens verkennen, welche eine vertrauensvolle und weiſe Regierung neulich hervorzurufen den Muth, weil den Glauben, gehabt hat? Und uͤber dieſe ganz neue Erſcheinung ſei es uns erlaubt fuͤr die ihr fer— ner ſtehenden einige erlaͤuternde Worte hinzuzufuͤgen. Sie iſt nicht allein eine merkwuͤrdige Begebenheit, ſondern eine uͤberraſchende Beſtaͤtigung der Anſicht, auf welcher unſere ganze Anſicht von der Kirche der Zukunft ruht. Seit Jahrhunderten nicht zu gemein— ſamer freier Berathung berufen, treten die Geiſtlichen in jeder der ſechs uͤbrigen Provinzen, alle Superin— tendenten als ſolche, und eine eben ſo große Anzahl frei gewaͤhlter Pfarrer unter der Leitung des General— Superintendenten der Provinz zuſammen, verſtaͤrkt durch einen Abgeordneten der Landes- Univerſitaͤt

366

und den Ober: Prediger des Heeres in der Provinz. So ſtehen auf einmal ſechs Verſammlungen von durchſchnittlich mehr als 100 Geiſtlichen da. Die Regierung legt ihr keine eigenen Antraͤge vor, ſondern eine Zuſammenſtellung der im Jahre 1843 uͤber faſt alle Theile des kirchlichen Verfaſſungslebens abgehal— tenen 340 Kreisverſammlungen der Geiſtlichen. Sie giebt ihnen dazu die volle Freiheit, auch ſolche Anliegen und Beduͤrfniſſe zur Verhandlung zu brin— gen, welche in jenen Berathungen nicht zur Sprache gekommen waren. Beſorgniſſe der verſchiedenſten Art verbreiten ſich, innerhalb und außerhalb der Ver— ſammlung: die Gemeinden verwahren ſich gegen herrſchſuͤchtige Beſchluͤſſe der Geiſtlichkeit, und die Gelehrten gegen Umtriebe der „Finfterlinge.“ Aber ſelbſt die Theologen verſchiedener Schulen treten in die Verſammlungen mit Mißtrauen gegen ihre Geg— ner ein. Unter dieſen Anzeichen verkuͤnden die Feinde des Evangeliums Streit, Aergerniß, und Aufdeckung der inneren Zerfallenheit der evangeliſchen Kirche, welche nach ihnen, in Deutſchland wie in England in den letzten Zuͤgen liegt. So werden die Ver—

367

ſammlungen in der Mitte November eröffnet. Und was geſchieht? Alle Verſammlungen beginnen mit wuͤrdigem Ernſt: bald ſtellt ſich Vertrauen ein: die Augen werden den Verſammelten geoͤffnet: Bruder erkennt den Bruder, im Lichte deſſen, wodurch ſie Bruͤder ſind. Man geht furchtlos in alle Fragen ein: die Verſchiedenheit der Anſicht ſcheint ſich nur kund zu thun, damit die hoͤhere Einheit des Glau— bens und der Liebe ſich offenbare. Alle Verſamm— lungen ſchließen mit den ruͤhrendſten Aeußerungen brüderlicher Liebe und des Bewußtſeins der Einheit in Chriſtus. Geſchaͤftlich giebt ſich eine hoͤchſt ach— tungswerthe Ordnung und Klarheit kund, obwohl jede Verſammlung ihre Geſchaͤftsordnung erſt zu ent— werfen hat. Hinſichtlich der Verfaſſung verlangen alle Verſammlungen einſtimmig die Herbeiziehung ihrer Bruͤder nicht geiſtlichen Standes: alle die Anerkennung des presbyteriſchen Elementes der Kir— chenverfaſſung, keine das ungemiſchte. Ueber den großen Punkt der Reinheit und Einheit der Lehre thut ſich, bei unverkennbarer Verſchiedenheit in der kirchlichen Formel fuͤr das wiſſenſchaftliche Bewußtſein

368

nicht weniger Einheit kund in dem Feſthalten der Worte Gottes und der rechtfertigenden Innerlichkeit der Geſinnung im Glauben an Chriſtus, oder, um die Worte der großen Mehrheit (faſt voller fünf Sechstel) der ſaͤchſiſchen Synode von 180 Geiſtlichen zu gebrauchen: „Die Norm des evangeliſchen Glau— „bens und Lebens ſei der Lehrinhalt der heiligen „Schrift, und zwar des Alten Teſtamentes, in ſo „fern daſſelbe auf Chriſtum hinweiſt, und des Neuen „Teſtamentes, in ſo fern daſſelbe auf Chriſtum zu— „ruͤckweiſt.“ Die hoͤchſten und heiligſten Punkte der Lehre werden mit gebuͤhrendem Ernſte und voller Ein— heit beſprochen, und die Synode ſchließt nach vier— zehntaͤgiger unausgeſetzter ernſter Berathung mit fol— gendem Ausſpruch:

„Die Synode fuͤhlt ſich zu der Erklaͤrung ge— „drungen, daß ſie es zwar weder fuͤr rathſam, noch ‚für ausfuͤhrbar erachtet, hinſichtlich des Lehrbegriffs, ‚durch Ablaſſen auf der einen, durch Zuthun auf der ‚anderen Seite, ein drittes Allgemeines zu erlangen „und feſtzuſtellen, welchem alles Beſondere ſich unter— „ordne, zumal ſie in dem Stehen auf der heiligen

369

„Schrift und in dem Glauben an Jeſum Chriſtum (dem „Mittelpunkt der Schrift) ein ſolches Band beſitzt und „mit Treue feſtzuhalten herzlich entſchloſſen iſt: daß ſie „aber, geſtaͤrkt und erhoben durch das bisherige bruͤ— „derliche, vom Geiſte des Herrn beſeelte, und durch „keine einzige ſchmerzliche Erfahrung getruͤbte Bei— „ſammenſein, nicht bloß ein großes Vertrauen auf den „Ernſt ihrer Glieder in Sachen, welche der Seelen „Seligkeit betreffen, ſondern auch die Hoffnung mit— „nimmt, das Hinſchauen auf die angedeuteten Wege der „Vermittlung und hauptſaͤchlich der Geiſt Gottes, wel: „cher in alle Wahrheit leitet, werde, bei anhaltendem „Forſchen, demuͤthigem Gebete und ernſtem Ringen nach „der Heiligung, jedes ihrer Mitglieder vollbereiten, „ſtaͤrken, kraͤftigen, gründen und dem Ziele größerer „Einigkeit mit der Geſammtheit, wie bereits in der „Geſinnung, ſo auch im Bekenntniß und in der Ver— „kuͤndigung entgegenfuͤhren, damit das Heil der Seelen „gewahrt und die Erbauung der Gemeinde Gottes „gefoͤrdert werde.“

Wir wenigſtens erblicken in dieſen Worten, nach ſolchem Thun ſo ernſter und wuͤrdiger Verſammlung,

24

820

ein ermuthigendes Zeichen, daß der Geiſt Gottes ſich auch hier nicht unbezeugt bei uns laſſe, und ſehen der weiteren Entwicklung mit Zuverſicht entgegen. In ganz andern Umſtaͤnden aͤußerlich findet ſich die evangeliſche Kirche Baierns. Aber ihr Glauben hat in ihrer Pruͤfung eine deſto groͤßere Verherrlichung erfahren. Hat nicht das unverzagte Auftreten der Ansbacher Synode und das freudige Bekenntniß, daß ohne den groͤßten Gewiſſenszwang evangeliſchen Sol— daten nicht angemuthet werden koͤnne, vor der Hoſtie niederzufallen, einen Anklang bei allen freien deut: ſchen Herzen gefunden, ohne Unterſchied des Bekennt— niſſes, und einen Wiederklang durch ganz Europa? Ein Bekenntniß, durch ſeinen Ernſt und ſeine Innig— keit wuͤrdig der Zeit, worin die Apoſtel litten: ein Zeugniß, im Kampfe nicht des Einzelnen fuͤr ſtolze, unbeſchraͤnkte Macht: ſondern Tauſender und Millio— nen fuͤr Gewiſſensfreiheit: ein Auftreten vor der Regierung, nicht mit Pochen auf goͤttlichem Rechte, fondern in demuͤthiger Ergebenheit gegen die irrege— leitete nicht evangeliſche Obrigkeit. Und wenn eine ſolche ſchwere Pruͤfung viele tauſend Herzen mit

371

Schmerz und Wehmuth erfuͤllt, hat ſich dieß Mitge— fuͤhl unter den evangeliſchen deutſchen Mitbruͤdern in Haß und Zorn kund gegeben? Nein! der Grundzug der großen evangeliſchen Huͤlfsgeſellſchaft Deutſchlands, thaͤtige Unterſtuͤtzung beduͤrftiger Glaubensbruͤder, hat ſich inmitten der, durch die Kniebeugungsfrage her— vorgerufenen Aufregung nur noch klarer herausgeſtellt. Der Guftav : Adolphs : Verein ſchließt ſich mehr und mehr den wohlthaͤtigen chriſtlichen Vereinen an, welche ſeit zwei Jahrzehenden ſich frei, und fern von allem politiſchen Treiben geſtaltet und gebildet haben. Denn allerdings bedeckt ſich das ganze proteſtantiſche Deutſch— land, ja von ihm aus die Schweiz und Frankreich mit einem Netze, nicht geheimer Orden und im Stil— len ſchleichender fremdlaͤndiſcher Geſellſchaften, ſondern offener Bruͤderſchaften und freier Schweſterſchaften chriſtlicher Liebe; zum Troſt der armen und bedraͤng— ten Glaubensbruͤder. Hat aber die durch den Gu— ſtavs-Adolphs⸗ Verein hervorgerufene Aufregung der ganzen proteſtantiſchen Bevoͤlkerung Deutſchlands wirklich irgend eine politiſche Gefahr in ſich; ſo kann ſie im Augenblicke durch ein billiges Verfahren der

24°

32

katholiſchen Regierungen Deutſchlands gegen ihre evangeliſchen Unterthanen beſeitigt werden. Iſt nicht unverkennbar, daß dem Ganzen keineswegs eine poli— tiſche Wuͤhlerei oder uͤberhaupt unchriſtliche Geſin— nung zu Grunde liege, ſondern ein, wenngleich dunk— les Gefuͤhl und ein, wenngleich noch nicht gelaͤuter— tes und klares Beduͤrfniß der Glaubensgemeinheit und der Bruderliebe? Sind nicht bereits durch den Gegenſtand und die Thaͤtigkeit dieſer, viele Millionen umfaſſenden evangeliſchen Huͤlfsgeſellſchaft, Tauſende geweckt worden aus dem Schlafe der Selbſtſucht und aus dem Tode des Unglaubens, und angetrieben zur Theilnahme an den Werken des in der Liebe thaͤti— gen Glaubens, in wenigen Monaten mehr als durch alle gelehrten Redensarten ſeit einem Jahrzehend? Wir wollen keinen Bund der Evangeliſchen im ge— liebten und lange genug zerriſſenen deutſchen Vater— lande wiederaufbauen: aber wir wiſſen ſehr wohl, daß man ihnen keine Ligue entgegenſetzen koͤnnte, wenn man auch wollte, aus dem einfachen Grunde, weil die katholiſchen Voͤlkerſchaften nicht mehr ſich von Prieſtern fanatiſiren laſſen wollen. Was inner

373

halb der roͤmiſchen Kirche in Deutſchland geſchehen, haben wir nicht hervorgerufen: ſondern es iſt offen— kundig das Auflehnen der Gemuͤther gegen die Strenge der katholiſchen Geiſtlichen, hinſichtlich der gemiſchten Ehen und gegen eine Richtung, die ſich bei Ausſtel— lung des heiligen Rockes in Trier kund gab. Die neuen Gemeinden wollen Freiheit, wie jeder es will. Ob ſie ſie erlangen und behaupten, wird von ihrer Stellung zum Kern des Chriſtenthums, zu Chriſtus, abhangen. Wir Evangeliſchen wollen nur Frieden und koͤnnen nur Frieden wollen. Wir haben im Kampfe um kirchliche Fragen uns uͤber die Kirche und ihre Verfaſſung zu verſtaͤndigen begonnen. Die Streitigkeiten uͤber die Union, die Liturgie, ja ſelbſt uͤber Coͤln und Jeruſalem haben uns darin weiter gefuͤhrt, als alle Abhandlungen uͤber die Augsburgiſche Confeſſion und ihre Lesarten, und ſelbſt weiter, als alle Spekulationen uͤber das Verhaͤltniß von Staat und Kirche. Man kann beſſere Beweiſe der Kraft verlangen, als die Streitſchriften, welche jene Ange— legenheiten hervorgerufen: aber wir ſind weiter ge— kommen mit dem allen: es hat ſich die einwohnende,

324

obwohl zerſplitterte und verkuͤmmerte Lebenskraft in uns wieder erweckt: nicht eine kuͤnſtlich gemachte, ſcheinbare, ſondern natuͤrlich freie, wahre. In allen dieſen Beſtrebungen liegt nothwendig etwas Anregen— des fuͤr das ganze deutſche Volk: aber ſie ſind in ſich keineswegs feindlich und kriegeriſch. Umgekehrt, wir koͤnnen, wie fuͤr das gemeinſame deutſche Vater— land, ſo fuͤr die Entwicklung der großen Kirchenfrage nur Erhaltung des Friedens und Fortſchreiten der geſetzlichen Freiheit wuͤnſchen. Ja wir werden allen Verſuchungen und Anreizungen widerſtehen, welche darauf hingehen moͤchten, deutſche Staͤmme und Bruͤder in feindliche Lager zu trennen, und wieder fuͤr Jahrhunderte gegen einander abzuſchließen. Wir ſind daran gegangen, unſere eigene Kirche wieder zu bauen, auf Liebe, Hoffnung, Glaube: alſo auf buͤr— gerliche und geiſtige Einheit und gemeindliche TIha: tigkeit in geſetzlicher Ordnung.

Aber auch die Wiſſenſchaft iſt der Wirklichkeit nicht ſo fern geblieben, als ſie ihr noch vor zehn Jahren ſtand. Sie hat mehr als je vorher ihre Augen aus den grenzenloſen Reichen der Idee, und

375

von der Erforſchung untergegangener Jahrhunderte hinweggewandt auf die große Aufgabe der Gegenwart und Zukunft. Es zeigt ſich auch bei ihr uͤberwiegend, ſtatt der Störrigkeit der alten proteſtantiſchen und reformirten Theologen, eine eben ſo weitherzige und freie als chriſtliche und kirchliche Richtung, die nicht in Haß und Streit wandeln will, ſondern in Liebe und Verſoͤhnlichkeit: und das nicht aus Gleichguͤltig— keit, ſondern aus Erkenntniß und Weisheit.

Haben die Maͤnner der Wiſſenſchaft in Bonn und Erlangen nicht freudigen, begeiſterten und begei— ſternden Antheil genommen, an dem Kampfe und Leben des Glaubens, der um ſie entbrannt iſt? Und hat das etwa ihrem wiſſenſchaftlichen Leben geſchadet und nicht vielmehr daſſelbe gefoͤrdert? Iſt uͤberhaupt nicht in der rein wiſſenſchaftlichen Behandlung die Einhel— ligkeit und glaͤubige Uebereinſtimmung aller namhaften Maͤnner der Wiſſenſchaft und Forſchung merkwuͤrdig, welche ſich uͤber die Grundlage der kirchlichen Ver— faſſungsfrage ausſpricht, und der Fortſchritt, welchen dieſe Betrachtung in dem letzten Jahrzehende gemacht hat? Ueber die Unvertraͤglichkeit des evangeliſchen

376

und apoftolifchen Chriſtenthums mit einer levitiſchen Geiſtlichkeit und kanoniſtiſchen Gerechtigkeit, alſo mit dem folgerechten Syſtem des hochkirchlichen Epiſkopa— lismus von Laud bis Newman beſteht in der deutſchen Wiſſenſchaft ſo wenig als im deutſchen Volke irgend eine Verſchiedenheit der Anſicht. Rudelbach und Hengſtenberg haben ſich daruͤber eben ſo beſtimmt und ſcharf ausgeſprochen als Schleiermacher und Nitzſch. Die Beſchraͤnktheit und Thorheit des Independentis— mus und der Lehre der Freiwilligkeitskirche ſind in kei— nem Lande gruͤndlicher, wenn auch hier und da klarer und praktiſcher dargethan, als in Deutſchland. Aber auch die hiſtoriſchen Irrthuͤmer und Einſeitigkeiten, und die Starrheit des Syſtems des alten Presbyte— rianismus haben ihre gerechte Wuͤrdigung gefunden, nicht bloß in Richard Rothe, dem begeiſterten Freunde des urſpruͤnglichen Biſchofthums, und in Carl Rothe, dem warmen Verehrer und beredten Lobredner der lutheriſchen Lehre von der Kirchenverfaſſung, ſon— dern auch bei Sack, dem eifrigen reformirten Lehrer und Mitgliede einer reformirten Synode, und ſelbſt bei Sydow, dem Apoſtel der freien ſchottiſchen Kirche

377

in Deuſchland. In allen dieſen herrſcht, bei merk: licher Verſchiedenheit in andern Punkten, doch eben wie in jenen praktiſchen Beſtrebungen derſelbe evan— geliſche Glaube, daſſelbe Verlangen nach dem Chri— ſtenthum, um ſeines ſelbſt willen, derſelbe Drang, von Wiſſen zur That, aus der Schule ins Leben zu treten; daſſelbe ahndungsvolle und glaͤubige Gefuͤhl einer beſſern Zukunft, und in allen dieſen dieſelbe Geiſtigkeit und Freiheit, welche das deutſche Volk in ſeinen beſten und groͤßten Zeiten vor allen Voͤlkern der Erde ausgezeichnet hat.

Es ſind dieſe Lebenszeichen, welche mich ſeit 1840 im Vaterlande erquickend und begeiſternd an— geweht haben, und wie ein belebender Fruͤhlingshauch mir in die Fremde nachgefolgt ſind. Es war dieſes freudige Bewußtſein, welches mich erfuͤllte, als mir mit einer fremden Kirche uͤber die Gruͤndung eines feſten, weltgeſchichtlichen Punktes im Morgenlande zu unterhandeln aufgetragen war, und ſpaͤter, als ich das Bekenntniß niederſchrieb, welches ich jetzt der Oeffentlichkeit uͤbergebe. Dieß endlich wird mir auch, unter allen Verhaͤltniſſen den Muth geben, meine

378

Ueberzeugungen frei zu bekennen. Es wird meinen Glauben erhalten und ſtaͤrken, an die weltgeſtaltende Kraft, welche auch jetzt im deutſchen Volke liegt, und an das Lebenspfand fuͤr eine ſchoͤne und große Zukunft der evangelichen Kirche meines Vaterlandes. Und ich danke Gott, daß ich weiß und frei ſagen darf, daß unter allen, die ich kenne und verehre, Niemand einen groͤßeren Widerwillen in ſich traͤgt gegen leere Aeußerlichkeiten und gegen auslaͤndiſche Formen des Volkslebens, Niemand Freiheit auch auf dieſem Ge— biete inniger ehrt und wahrhaftiger wuͤnſcht, als der Koͤnig, auf welchen ſo viele deutſche Herzen und ſo viele evangeliſche Chriſten, auch in dieſem Lande, mit Vertrauen, Hoffnung und Fuͤrbitte hinblicken.

Anhang.

Aalini dein e as van! b

f ne 5 e e e e ee g 118 5b ing Nün ren FERN tu ie ken N t, pen pg a: ia Ne ne 800 Au Br te REN: A ee ee ien . 6 eie i Nui, e Kir 1 N N 10 16 N in Meng ka hi , SRE

9 6 5 61 90 Ber l n . * hie * e bed e e en eee e u, u Ara DAN 4 Det 1 N

1 0 f 1 i Mee ur

Auszüge aus den Verhandlungen der rheiniſchen Provinzialſynode von 1844.

3% Die beiden erſten Vorſchläge der kirchlichen Ver-

faſſungscommiſſion der Synode.

Funfzehnte Sitzung (den 10. Sept.). Der erſte Vorſchlag wurde folgendermaßen eingeleitet.

Durch Staatsregierung und Verwaltung werden alle oͤffentlichen Funktionen des Gemeinlebens bedingt. Ein ſelbſtaͤndiger Staat im Staate iſt nicht zulaͤſſig. Die deutſch⸗evangeliſche Kirche, auch die Presbyterial— kirche, will ſich der Aufſicht nicht entziehen, die in dem Rechte und der Pflicht der Landeshoheit gegruͤndet iſt. Polizeiliche Aufſicht der Regierung, Schutz des Gottes— dienſtes, ſchirmendes und ſchiedsrichterliches Sichverhal— ten des Staats in Bezug auf allen Kultus, und daher ein Zulaſſungs⸗, Einfichts- und Aufſichtsrecht, wollen

382

wir Alle. Taͤgliche Erfahrungen, Einſicht in die In⸗ ſtruktionen der Regierungen, Kenntniß der neueren preu— ßiſchen Staats- und Kirchengeſchichte lehren aber, daß Staatsaufſicht im Kirchlichen nicht in ſo eingeſchraͤnktem Sinne gemeint werde. Man nimmt ſie im Sinne des territorialiſtiſchen Syſtems; man leitet die Kirchengewalt aus dem Begriff des Staats und der Landesherrſchaft her. Veranlaſſung dazu gab die Thatſache, daß, obgleich die Reformatoren kirchliche und weltliche Gewalt genau unterſcheiden, doch die deutſche Reformation durch lan⸗ desherrliche Viſitationen zu Stande kam. Die Landes- herren wurden Nothbiſchoͤfe, uͤbten faktiſch die Kirchen⸗ gewalt aus und foͤrderten zuweilen mit ſtarker Hand die Reformation. Der Religionsfriede geſtand den Landes— obrigkeiten als ſolchen das Reformationsrecht zu. Lan⸗ desherrliche und geiſtliche Gewalt vermiſchten, verſchmol⸗ zen, verwirrten ſich. Zuruͤckgehend auf den Anfang ſuchte man in beſondern Syſtemen die Sache aufzuklaͤren. Man ſagte, der Landesherr habe Epiſkopalrechte nach einer vorausgeſetzten Devolution (Leipziger Epiſkopalſyſtem). Dieß genuͤgte den Hallenſern nicht. Nach Chriſt. Tho⸗ maſius, deſſen Anſicht, durch J. H. Boͤhmer nicht be⸗ richtigt, auf die preußiſchen Staatsmaͤnner Einfluß uͤbte, beſtimmt der Landesherr als ſolcher die aͤußere Religion;

383

d. h. das Liturgiſche, Disciplinariſche, Oekonomiſche ord- net er aus landesherrlicher Vollmacht; die innere Reli: gion, das Dogmatiſche, uͤberlaͤßt er den Gemeinden und der Geiſtlichkeit. Hier iſt keine Kirchengewalt, nur Staatsgewalt. In andern Laͤndern beſtand noch lange das Konſiſtorium, ein Surrogat der biſchoͤflichen Regie— rung. Im preußiſchen Staate wurde ihm eine Befugniß nach der andern genommen, bis es endlich ganz ver— ſchwand. Das Kirchenregiment wurde ein Zweig der Staatsgewalt. Erſt Friedrich Wilhelm III. fuͤhrte wieder eine Art von Konſiſtorialverfaſſung ein (1817); und da die Regierungskollegien noch immer einen betraͤchtlichen Theil des Kirchenregiments behielten und das Konſiſto— rium zu uͤberfluͤgeln ſchienen, ſo ſtellte er noch die Ge— neralſuperintendenten auf. Aber auch dadurch war die Unkirchlichkeit der Kirchenregierung noch nicht uͤberwun— den; die Regierungen waren noch zu kirchlich, die Konſi— ſtorien noch zu wenig kirchlich. Dieſe ſchwankende unbe— greifliche Regierung hat die edelſten Beſtrebungen des Koͤnigs verkuͤmmert und zu unheilvollen Maßregeln der Bedruͤckung verleitet. Uns iſt mit der Kirchenordnung eine Herſtellung der aͤlteren Presbyterialverfaſſung ge— währt. Anwendung und Durchführung des territoriali— ſtiſchen Grundſatzes inmitten derſelben wuͤrde eine Ver—

23384

neinung der alten Verfaſſung ſein. Wir ſind in einem ſolchen Widerſpruch. Die Regierungen uͤben die ihnen nach den Inſtructionen von 1817 und 1825 zuſtehenden Befugniſſe uͤber die Provinzialkirche aus, ohne daß dieß mit dem Buchſtaben der Kirchenordnung und den billigen Vorausſetzungen, womit man dieſelbe empfing, uͤberein— ſtimmte. Die Regierungen von Coblenz und Trier be— ſetzen die Pfarraͤmter, miſchen ſich in die Frage, wie viel Predigten, Catechiſationen, gottesdienſtliche Zuſammen⸗ kuͤnfte in die Berufungsurkunde aufzunehmen ſeien, auch da wo Wahlrecht iſt. Sie uͤben eine antheilige Disciplin uͤber die Geiſtlichen, inſpiciren den Haushalt der Ge— meinen, und verfahren dabei gegen die eine Synode ſo, gegen die andere anders. Gar oft concurriren und colli- diren auch Konſiſtorien und Regierungen. Abgeſehen aber davon iſt es ein unzulaͤſſiger und druͤckender, weder natuͤrlicher noch rechtlicher Zuſtand, daß Collegien, welche theilweiſe aus Entholifchen Raͤthen, theilweiſe aus prote— ftantifchen, die ohne Ruͤckſicht auf kirchliche Einſicht und Geſinnung ernannt werden, beſtehen, einen betraͤchtlichen Theil der Kirchengewalt ausuͤben. Die Commiſſion traͤgt demnach darauf an, den Koͤnig zu erflehen, daß die Abſonderung der evangeliſchen Kirchenverwal⸗ tung vom Reſſort der Regierungen verordnet

385

und der Name dieſes Collegiums aus §. 148 weggelaſſen, §. 59 Nr. 14 mit dem des Konſiſtoriums vertauſcht, oder doch ein feſter, klarer Unterſchied der ſtaatlichen und kirchlichen Aufſicht uͤber das evangeliſche Gemeindeleben ausgedruͤckt werde, welcher nicht nach dem oft zweifelhaften Begriff von Innerem und Aeußerem zu bemeſſen iſt, ſondern nach dem Unterſchied der hoheitlichen Rechte und der Kirchen— gewalt. Die Beſtatigung der Vocation (Pfarrerwahl) bleibt uͤbrigens immer Sache der Staatsbehoͤrde. Dieß fordert ſchon das Intereſſe der Paritaͤt der Confeſſionen. Aber die verfaſſungsmaͤßige Wahl muß der oberen Kir— chenbehoͤrde angezeigt, wenn der Gewaͤhlte ein Candidat iſt, von ihr die Ordination begehrt; endlich auch die Gutheißung des ſpeciellen Theils der Vocation von ihr ertheilt werden. Dieß Alles iſt kirchlich, kann nicht auf der Beſtaͤtigung der Regierung beruhen, und muß dieſer vorangehen. Die Kirchenbehoͤrde kann aber auch die politiſche Beſtatigung vermitteln, und ſammt der kirch— lichen dem Superintendenten zugehen laſſen. Was aber die Verwaltung des Kirchenvermoͤgens betrifft, ſo reſſor— tirt die Genehmigung gezwungener Umlagen immer von der Regierung. Es bleibt bei der aus dem politiſchen Aufſichtsrechte reſultirenden Oberaufſicht, und es iſt da—

25

288

gegen nichts Erhebliches einzuwenden, wenn nur der Kirche die ſelbſtaͤndige oͤkonomiſche Verwaltung nach ihren Inſtanzen verbleibt. Da auch dieſe erfahrungs⸗ maͤßig als zutraͤglich ſich herausſtellt und hinlaͤngliche Sicherheit darbietet, ſo ſteht jener Bitte um Abſonderung nichts entgegen. Der ſo begruͤndete Antrag fand allgemeine Zuſtimmung.

Der zweite Hauptvorſchlag der Commiſſion ging dahin, daß die Provinzialſynode bei des Koͤnigs Majeſtaͤt die Entwicklung des Conſiſtoriums zu einer, der evangeliſchen Kirche überhaupt, der Presbyterial— kirche insbeſondere erforderlichen, wahrhaft kirchlichen obern Verwaltungsſtelle beantrage. Dieſe Kirch: lichkeit aber ſollte nicht vom biſchoͤflichen noch vom terri⸗ torialiſtiſchen Prinzip emanirt, ſondern auf die innere Vereinigung des landesherrlichen Pflegeamts, des von feiner poſitiven Seite betrachteten ius eirea sacra, mit dem chriftlichen Gemeinderechte gebaut fein, und ſowohl formell als materiell beſtehen: materiell, inwiefern die Kirche blos nach ihren Geſetzen regiert wird, nachdem der Landesherr dieſelben ſactionirt hat; formell, inwie— fern die Vocation des Perſonals und die Conſtitution des Collegiums beweiſen, daß das landesherrliche Recht mit dem der Gemeinde zuſammengeht. Nur ſo giebt es

38?

in der Presbyterialkirche eine wahre Pietaͤt gegen die Entſcheidung der Behörden, nur fo eine vorläufige Be— ruhigung, zumal bei Verfuͤgungen in Lehre, Cultus und Disciplin, die ſich der Geſetzgebung naͤhern. Der ge— genwaͤrtige Zuſtand genuͤgt nicht. Das Conſiſtorium mit ſeiner Inſtruction hat zu viel und zu wenig Befug— niſſe: zu viel in Bezug auf die niedern, zu wenig in Bezug auf die hoͤhern Behoͤrden. Hier iſt es durch die Regierung zu ſehr gehindert, auch durch das Miniſterium beengt; dort zu politiſch geſtellt. Iſt es nun an der Zeit, Conſiſtorial⸗ und Synodalverfaſſung zu vereinigen? Die Kirchenordnung und die Inſtruction von 1817 loͤſen die Aufgabe nicht. Jene beſtimmt uͤber Weſen, Befug— niß und Stellung des Conſiſtoriums nichts Neues und Feſtes. Dieſe, welche zunaͤchſt bindend fuͤr die Acte deſſelben bleibt, weiſt es nicht an, in Allem auf die verfaſſungsmaͤßige Entſcheidung der Synode zu achten und daran anzuknuͤpfen; ſie macht es vielmehr geneigt, in den innern Angelegenheiten gelegenheitlich, zumal auf miniſteriellen Anſtoß, verordnend an die Superintenden— ten ꝛc. ſich zu wenden, als gaͤbe es keine Synode. Dieß iſt eine Quelle haͤufiger Conflicte und Conteſtationen vor dem Miniſterium. Beide (Synode und Konſiſtorium)

haben ſich gegenſeitig bei den Gemeinden um ihr An— 25

388

ſehen gebracht, und die Verwaltungs- und Verfuͤgungs— behoͤrde druͤckt das Organ der kirchlichen Sinnesaͤuße⸗ rung zu einem bloß berathenden Collegium herab. Die Kirche hat das Fundament ihrer ordnenden und aller Lebensthaͤtigkeit in der koͤrperſchaftlich organiſirten Ein⸗ zelgemeinde. Die Presbyterialkirche verlangt aber auch kirchlichen Verband, und entwickelt ſich, vom Geiſte aus und von einer Verknuͤpfung des Kirchenregiments zur andern, zu einer Bewegung der Selbſtaufſicht und der Selbſtvervollkommnung nach dem goͤttlichen Worte und nach ihrer reformatoriſchen Geſchichte. Dieſe Bewegung kann in der landesherrlichen Theilnahme ihre Beruhigung und Beſtaͤtigung finden. Das landesherrliche Recht hat aber theils eine negative Seite: Veto und Zulaſſung, Schutz- und Schiedsrecht; theils eine poſitive: Pflicht und Recht der Pflege. Der evangeliſche Landesherr iſt gleichſam der Oberaͤlteſte. Landesvaterſchaft und Haus⸗ vaterſchaft in gleichem Bekenntniß haben eine analoge Bedeutung. Nur darf ſich das epiſkopaliſtiſche und territorialiſtiſche Prinzip nicht wieder einmiſchen. Das Gemeinderecht muß verfaſſungsmaͤßig vollzogen werden. Die Provinzialſynode faßt Beſchluͤſſe, die vom Landes⸗ herrn genehmigt werden; die landesherrliche Behoͤrde bringt Proponenda an die Synode. Es muß aber eine

289

beftändige Verwaltungsbehoͤrde da fein. Beide Seiten ſind organiſch zu verbinden, mit Unterſcheidung und ohne Vermiſchung. Dieſe Anſicht ſetzt bei ihrer Verwirk— lichung folgenden Antrag vorans:

Des Koͤnigs Majeſtät wird Namens der Gemein— den der rheiniſchen evangeliſchen Kirche angefleht, die Geſammtheit der landesherrlichen Rechte in Bezug auf dieſe Kirche zwar durch ein nur ihm verantwortliches geiſtliches Miniſterium auszuuͤben, aber durch ihre Regierungscollegien nur das allge— meine hoheitliche Recht ausuͤben zu laſſen, das Pflegerecht (als Oberaͤlteſter) dagegen durch eine kirliche Oberbehoͤrde, durch ein Colle— gium, das mit der Presbyterialkirche in organiſcher Verbindung ſteht, nach Vorſchlaͤgen der Provinzial— ſynode, deren Modalitaͤt naͤherer Beſtimmung unter— liegt, vom Koͤnige ernannt und mit Inſtructionen verſehen werde:

1) In Gemeinſchaft mit der Provinzialſynode, in welcher ſeine Mitglieder Sitz und Stimme haben, die kirchlichen Ordnungen zu berathen und zu be— ſchließen; 2) die Beſchluͤſſe zur landesherrlichen Sanction zu bringen; 3) nach den ſactionirten Ord⸗ nungen die Provinzialgemeinde zu beaufſichtigen; die

390

Candidaten zu prüfen und zu qualificiren, die verfaf- ſungsmaͤßig vocirten Pfarrer und deren Vocation, beziehungsweiſe nach Benehmen mit den Regierun⸗ gen, zu beſtaͤtigen, die Lehr-, Liturgie-, Geſang- und Unterrichtsbuͤcher mit der Provinzialſynode zu pruͤfen und zu approbiren, in Anſehung der Disciplin uͤber Pfarrer, Aelteſte, Candidaten, und des Haushalts in den Gemeinden die obere Inſtanz zu bilden, ohne den verfaſſungsmaͤßigen Vorſtufen vorzugreifen, die in Eigenthums- und Ehrenſachen Recht ſuchenden Gemeinden durch ſeinen Juſtitiarius zu berathen und zu vertreten, und zur Vollziehung der Kirchenord— nung anweiſend, einſchreitend, beſcheidend, ſchlichtend zu verfuͤgen.

Dieſe Inſtruction waͤre als integrirender Beſtand— theil in die Kirchenordnung aufzunehmen.

Wie nun dieß auszufuͤhren, wie zu dem Neuen hinuͤberzuleiten, wie die Ausuͤbung des Vorſchlags— rechts der Provinzialſynode zu den Stellen des obern Kirchenraths naͤher zu beſtimmen ſei, ob 3 Geiſtliche und 2 Aelteſte unter dem Praſidium der Generalſuperintendenten und des Juſtitiarius einzu— richten dieſes alles iſt der Weisheit und dem hoͤhern Ermeſſen der Raͤthe des Koͤnigs zu uͤber—

391

laffen, mit der Zuverſicht, daß fie keine zu großen Schwierigkeiten darbieten werden.

Die Synode erklaͤrt ohne weitere Discuſſion mit allgemeiner Zuſtimmung, daß in dieſem Antrage das Reſultat der weſentlichen Wuͤnſche zuſammen⸗ gedraͤngt ſei.

>) ws

Bericht der Commiſſion für Erwägung der con- feſſionellen Verhältniſſe.

Siebenzehnte Sitzung (den 12. Sept.) Erſte Abtheilung des Commiſſionsberichts: Paritaͤtsver— haͤltniß.

Fuͤr Katholiken und Evangeliſche in Deutſch— land, namentlich in Preußen, iſt Paritaͤt das Cardi⸗ nalgeſetz. Wir Evangeliſche billigen dieß von Herzen. Denn ſo will es die Gerechtigkeit, darauf beruht der Friede, die Staͤrke, das Wohl des Vaterlandes; und ſo iſt es ind den Friedensſchluͤſſen feſtgeſetzt. Jene undeutſche Partei aber, welche ſchon fruͤher namenloſes Elend uͤber Deutſchland gebracht, erhebt aufs Neue ihr Haupt, be⸗

BR...

fonders in Preußen und in der Rheinprovinz. Die evangeliſche Kirche weicht vor dem Kampfe nicht zuruͤck auf dem Gebiete des Glaubens und der Wiſſenſchaft. Gewaffnet mit dem Worte Gottes und der Wahrheit, iſt ſie des endlichen voͤlligen Sieges gewiß. Daneben aber macht fie den Anſpruch, daß der Staat die Parität ganz realiſire, und der evangeliſchen Kirche die voͤllige Freiheit im Gebrauche ihrer Mittel gelaſſen werde, was bisher nicht geſchehen iſt. Demnach moͤge die Synode folgende Antraͤge ſtellen:

1) „Daß es der evangeliſchen Kirche ge— ſtattet werde, ſich ſelbſt zu leiten und zu regie— ren und die Kirchenordnung hiernach fortzu— bilden zu groͤßerer Freiheit der Kirche nach dem Grundſatz der Paritaͤt. In der Kirchenord— nung liegen die Keime einer freien Kirchenverfaſſung; dieſe ſind aber mit territorialiſchen Elementen bedeckt. Die Generalſuperintendenten und Conſiſtorien find ja Staats— behoͤrden, die Regierungen, die den externis vorſtehen, ſind ſogar weltliche, ja confeſſionell gemiſchte Behoͤrden, mit Uebergewicht der Katholiken. Aber auch die zeitlichen Intereſſen der evangeliſchen Kirche werden vielfach ver— kannt und immer kuͤhner angegriffen. Und die katholi⸗ ſchen Geiſtlichen haͤngen von den Biſchoͤfen ab, dieſe

333

vom Papſt. Den Biſchoͤfen ſtehen geiftliche Raͤthe und ein Juſtitiarius zur Seite; und in den Regierungen wird ihre Sache nachdruͤcklich vertreten. Da iſt Unabhaͤngig⸗ keit, Einheit, Macht und Schutz; bei den Evangeliſchen Abhängigkeit, Spaltung, Zwieſpalt im Regiment, Ge— bundenheit der Kräfte, verhaͤltnißmaͤßige Verlaſſenheit und Preisgebung. Die Parität iſt kaum ein Schatten, zu großem Schaden der evangeliſchen Kirche. Der ſo motivirte Antrag, die Summe der Antraͤge der Com— miſſion fuͤr Reviſion der Kirchenordnung, hier aus dem Geſichtspunkte der Paritaͤt wieder aufgenommen, wurde zum Beſchluß erhoben.

2) Daß das Miß verhaͤltniß, hinſichtlich der Unterftusung aus Staatsmitteln zwifchen Katholiſchen und Evangeliſchen aufgehoben werde. Wie in der Verfaſſung dem Staate gegen— uͤber die katholiſche Kirche in entſchiedenem Vortheil iſt, ſo auch, wie es ſcheint, in Anſehung der Mittel, die der Staat zu kirchlichen Zwecken hergiebt. Nach dem zuletzt bekannt gemachten Staatsetat erhalt die katholi— ſche Kirche im Ganzen 712,215 Thlr., die evangeliſche nur 239,775, während die Cvangeliſchen doch beinahe zwei Drittel der Bevölkerung betragen. Was aber ins— beſondere die Rheinprovinz betrifft, fo beziehen die Ka⸗

394

tholiken (1,889,000 E.) 293,000 Thlr., die Evangelifchen (590,000 E.) nur 33,274 Thlr. Bei den vielfach drin⸗ genden Beduͤrfniſſen der evangeliſchen Kirche iſt um ſo mehr zu hoffen, daß das Erforderliche bewilligt werde, da dem Anſchein nach die katholiſche eine ſo bedeutende, unſere Beduͤrfniſſe und Forderungen fo weit uͤbertreffende Summe erhaͤlt.

Der Antrag, mit hervorgerufen durch den Eindruck, den der Etat auf die evangeliſche Bevoͤlkerung gemacht, wurde in der Weiſe zum Beſchluſſe erhoben: Die Sy— node wuͤnſcht, daß die Pro vinzialgemeinde über jenes auffallende Miß verhaͤltniß aufge— klaͤrt und beruhigt werde, indem die Paritaͤt hier vermißt wird, und es wenigſtens den Schein hat, daß die evangeliſche Kirche bei den Unterſtuͤtzungen aus Staatsmitteln zuruͤck— geſetzt werde. Zugleich aber ſieht ſich die Sy— node gedrungen, in Bezug auf die beſondern Wohlthaten, welche durch die Gnade Sr. Ma— jeftät einzelnen Geiſtlichen und Gemeinden zu Theil geworden, ihren innigen Dank auszu— ſprechen.

II. Original des BDriefwechfels.

(S. oben pag. 25 54.)

Casque Feltercairne, September 2. 1843.

My dear Friend.

Loa were so good as to place in my hands before my departure from London the work, in which, as I understood you, an authoritative exposition of the nature of the arrangements connected with the Bishop- rie at Jerusalem is given to the German publie: 1 mean the „Geschichtliche Darlegung mit Urkunden.“ I have read it with deep, but I am bound to say with painful interest: and I feel that frankness on my part, and the recollection of a thousand kindnesses on yours, require of me that you should be the first person to

whom I should thus state the nature of my impressions.

396

You will not understand me to impeach the motives with which this exposition has been written, or the per- feet title of the author I think you told me it was Abeken’s to publish any view which he may think fit of the German Protestant Church: but I do grieve that with this there should be connected a view of the English Church, and the proceedings of the Primate and the Bishop of London in relation to this Bishoprie, which seems to me, I confess, not only quite at variance with the real character of the project itself, but also utterly fatal to whatever life or reality, whatever of hope for any others or for ourselves, there may be in our Epis- eopal Constitution.

i am bound to express the strongest conviction, that these Prelates are not parties to the statements of doctrine concerning the constitution of a Church, which are ascribed in this work to their Church; nor to the general principles on which the third Seetion of it is founded, according to which I distinetly gather, that the persons whom the Bishop at Jerusalem is to ordain for the German congregations (if any) will be, in the view of the author of that work, in full ministerial communion with the ecelesiastical establishment both of their own coun-

try and of ours, and may move to and fro between the

397

one and the other, officiating in each. I am equally convinced, that such was not the construction put upon the plan in this country, and is not in point of fact the right construction. The question of communion between religious bodies cannot, it is obvious, be settled hy a bye- blow, and any attempt thus to deal with it could only introduce confusion but I fear that either Germany has received an erroneous representation of the design, or that there are fundamental diserepaneies in the views with which it has been promoted on this side of the water and on that respectively.

My object in thus addressing you is really not to ask you to satisfy my mind by taking trouble upon your- self, so much as to liberate my own conscience in sta- ting the view forced upon me by a work which you placed in my hands: but undoubtedly it would be a relief and pleasure to me if you could acquaint me, that the „Geschichtliche Darlegung“ does not, in the partieu- lars which I have named, convey an authoritative sense, to which the King of Prussia is pledged: and if it were not pressing too far I should be very glad to learn, whether the Archbishop and the Bishop of London, who act in this matter as presumed representatives of every member of the English Church, are acquainted with the

contents of the work?

328

But I beg that you will not seruple to deeline the trouble of answering, if you think that I had asked what you cannot with the most perfeet convenience and propriety answer.

I sincerely hope that you are now enjoying a holi- day elsewhere than in London, though I address you there.

Believe me always

sincerely and warmly yours

(sig.) W. E. Gladstone.

Lasque, September 8, 1843.

My dear Friend,

I ought to add a word with reference to my last letter. I am afraid the regrets I expressed in it may savour of assumption and arrogance. Any such fee- ling, Iassure you, was far from me and I pray you to exeuse the appearance of it. Although I see in the Church of England everywhere the signs of revival and impro-

vement, and although it is a duty to acknowledge and to be

399

thankful for them, yet certainly every year that I live, and growing experience of publie affairs, makes me more deeply and painfully sensible of our sins, scandals and unworthiness as a Church. But then it is in the Episco- pate as the basis of truly apostolieal institutions and discipline that I see the one vivid and powerful hope of our recovery. To efface therefore or weaken the de- fining lines of that basis, and of the little discipline now connected with it, would be as 1 feel ruin to us, quite uncompensated by any benefit to others. Believe me ever

most warmly and sincerely yours

(sig.) W. E. Gladstone.

Carlton Terrace, Sept. 13. 1843.

My dear Friend,

I received Your letter of the 2. last Saturday when I was stepping into my carriage to go to town: and here I have been so entangled in business up to last night,

that I can only this morning take up my pen to thank

400

you for the kindness which prompted you to eommuni- cate to me rather than to any other the painful impres- sions which the third part of the German statement had produced upon your mind,

Now, my dear friend, let me first state, that the work must tell its own tale. It was written, by the king’s order, by one who had access to the papers and communications relating to my negociation and the exe- eution of its result. He has given such documents and extracts of documents (including the „Statement“) as he thought fit. That is the official part of it: and I must leave this, right or wrong, to its own merits.

The rest of the book is the work of the author. He wished to explain the king’s idea and the documents re- lating to its execution (Part I and II) to the German public. If he has done it erroneously, he will be convieted of his error. How far he has expressed the personal views of the king, is a question which appears to me not to belong to the book.

This is the answer to the questions you put, as to the bearing of the work upon the king and the pri- mates. Of course, the latter knew all the documents and thererefore even more than the extraets here

given altho’ not more than you read at the time: and

401

the book itself was put immediately into their hands. A translation is, I believe, printing in London under Dr. Mac Caul’s auspices.

But if you ask me frankly, whether the exposition sin the third part expresses or not my own conviction and views, I feel it my duty to answer with equal frank- ness, that Jam not aware of any point in which it does not. Abeken was desired to write according to his own convietion, from the impression received through the facts and papers he had been made acquainted with, and I was very thankful to find that they seemed to me to

convey a just idea of what had been said and done here. As to his views of the Church of England, he explains them not to the English, but to the Ger- mans: and I cannot see how this exposition (essen- tially the same as put forth in his letter to Dr. Pu- sey) should affect the Church of England in her view of her constitution, unless it runs against such autho- ritative emanations as Articles and Canons. By quoting Hooker, he has clearly indicated the standard by which he wishes that Church to be considered by his countrymen.

As to the intention of intruding upon the Church of

England a communication with another religious body 26

202

by such an explanation as he (rightly or not) gives in that section you may set your mind at ease. It is as far from his personal views as from the work to which they relate: and certainly nothing could have more ohstructed his way to the German mind than even the appearance of such an intention. I mean to speak of the truly enlightened and christian public. But J con- fess to you, I do not see in the book, what you seem to have discovered in it (if I understand you rightly), I mean „that the persons (ordained by the Bishop at Jerusalem for the service under him) may move to and „fro between the one and the other ecclesiastical esta- „hlishment, officiating in each.“

This is not the case. They must be ordained by him: because the diocese is one ofthe anglican church. Being ordained at Jerusalem by him, we consider them well ordained. How can you find fault with this, or how can it attack, weaken or corrupt episcopacy? They are not to offieciate in an English congregation, nei- ther at Jerusalem nor elsewhere. Of course such a demand would have been made, if the Bishoprie had been acommon one, as was supposed by my coun- trymen, who therefore protested aginst the obligation

of the Jerusalem ordination. The great, real result of

463

Abeken’s book has been to silence ignorance and to counteract prejudice in this respect.

II o’elock. This moment I receive, my dear friend, your beautiful letter of the 8. Believe me, I had never suspected you of any but the kindest motives in writing to me, and I think the preceding pages will show to you, that your frank explanation on the subject itself had been welcomed by me as I welcomed, early in 1839, the appearance of your work, expressedly also respec- ting those points I could not quite agree upon, as based upon historical assumptions or lemmata, from which I was obliged most strongly to dissent. I thought the letter of them as untenable, as the spirit and in- tention seemed to’ me, also in these very points (and seem to me now) beyond all praise and truly catholie. you then forgave me my frankness, and so I hope you will do now.

I cannot testify to you the sincerity of this my feeling at the present occasion better than in repeating to you, (and rather pointedly, in order to be brief,) what I then told you I eonsidered to be the only tena- ble ground, philologieally, historically and theologi- cally, to explain, to defend, to enjoin Episcopacy on

catholie grounds. For when you say in your second 26*

404

letter, that you found your hope of the recovery of your Church on the Episcopate, as the only means the- refore to revive the church, I feel in my conscience that I owe to you, as a friend and as a Christian, to declare in what sense I can agree with you, and in what sense I should dissent from you, if this point was to be stretched, and made a doctrinal test and covenant of salvation: not as being a german protestant, but as desiring to be a catholic christian. What I am now going to say, I mean to say, not against you, but against a system, vesting in the episcopate an absolute right, which according to Hooker, cannot be given even to the whole ministry.

There are two views in which the Episcopate can be considered as the basis of truly apostolical institu- tions, and thus as the safety of the Church, and there- fore most tenderly and jealously watched, and most strongly recommended to the respect of fellow-christians, individually and nationally.

The one view I wish to be allowed to callthe consti- tutional. The safety of a state generally depends upon the preservation of its form of government, and thus may also that of the Church. There are even very

strong reasons to assert, that the abolition or extinetion

405

of episcopaey generally endangers the soundness of the Church's life, and exposes her to despotism from within or from without. And the reason of this I believe to be, not only the danger which always must accompany any constitutional change, and in particular the weake- ning of the power of government and of the respect for sacred forms, but also the inherent and incurable onesidedness and defect of every form of ecelesiastical government (Ithink of any government civil as well as ecelesiastical) in which the conscience of the individual ruler call him Bishop, King, President, Judge, Con- sul, Dietator is violated. Such a violation of con- seience I find wherever there is no free and bona fide power of Veto, in legislation, and in the exereise of personal functions: for conscience is nothing hut a veto. But as to the Episcopate, Ihave always asserted, and shall always assert, that it has peculiar claims to the respect of christian communities. Its establish- ment (as I believe in spite of the bad arguments pro- duced to prove its existence before the decease of the surviving Apostle), became very soon general, although in two very different forms as to the appointment (i. e. eonsecration) of bishops. And under God, through the

Spirit which animated the Church, it did save the Church

406

from schisms, and thus enabled her to shine to mankind as the first manifestation of organized humanity, beyond ‘the limits of national life. Even in the corruption and almost extinetion of Church life I am ready to give to this institution no greater share than to any other ele- ment of the constitution. It is true that the despotism of bishops paved the way to the despotism ofthe Popes: but the despotism of bishops was the consequence of the eorruption of the original idea of Christian ministry, in its relation to the people and to the whole body of the Church, and thus was the fault of the Whole clergy. Finally this eorrup- tion was the natural consequence of the gradual corrup- tion of that divinely taught and divinely established na- ture of the general priesthood, and consequently the exclusive priesthood, of every believing Christian as such: and therefore it was the fault and just punishment of the whole Church. True Religion perishes always first by a metastasis, viz. by changing the centre of its existence (and is the original sin and fall of man- kind any thing else?) and only then by the corruption of all the composing elements. The divinely taught and enjoined centre of the existence and life and therefore development of the Church, in its positive expres-

sion I wish to be allowed to call, as I am sure it is,

207

the inwardness and spirituality of its organie action as the body of Christ, consequently of its priest- hood and sacrıficee.e. This means negatively: that its life is attacked in its centre more than by any error, schism and heresy on a peculiar point of theological doc- trine, by the idea of a levitical priesthood, and an ele- mentary sacrifice from the „elements of the world“ (oroıysia tod z60uoV). Now if history can prove any thing, the history of the Church proves (by inde- -lible records) that this metastasis began early: took its origin liturgically, then was explained scholastically,

finally was sanetioned by the decree of the absolute and positive (and therefore apostatizing) reverse of the christian saerifice in the Council of Trent, through the article on the propitiatory sacrifice of the Mass: and never shone Christ's promise to his church brighter than at this crisis!

The ideas of Church, Sacraments, Priest- hood, Sacrifice thus being gradually corrupted, it would be hard to visit this corruption upon one of the elements of the constitution of the Church: it would be absurd even to attribute this corruption to any and all of the elements of that constitution. It is true, the Bi-

shop became and remained long time the appointed means

408

of strangling the life of the Church in its convulsive, but vital, movements: but in that state of things, any government might have done the same: at all events to proseribe Episcopacy on that account would be even worse than proseribing royalty on similar grounds.

But I go further still: I maintain that no zrodırı- 20 9 d I mean nobody who understands really and practically the Christian polity (nosıreta), the terre- strial necessities of God’s Kingdom on Earth, will believe, that we can manifest and maintain and render efficient the catholic element of a national Church without the form of Episcopacy, in its primitive, and (as to its purely disciplinary, not dogmatie, intention) probably apostolie character, as I have attempted before to define it.

Forgive, my dear friend, not only the imperfection of such Errex ITEeooEVTe as those preceding, but the lengthiness, even with all this abruptness, of my con- fessions. Allow me to add in a few words, in what way and for what reasons, I do and ever shall protest against another, and widely different view of Episcopacy, and its absolute right. Not, if apologetically «a Church, like that of England, says, through some of her not authoritative organs, altho’ it may be by fa-

thers and luminaries, that the apostolie succession

409

of Christ’s appointed Ministers (which we callthe succes- sio apostolica divini ministerii, taking this minitry as an indi- visible body, but as a ministry in the Church, not as the Church itself) is only manifest and efficient if it includes episcopacy: that therefore, it is even identical, and exelu- sively identical, with episcopal succession. I certainly cannot consider this otherwise than many similar points in English life, viz. as the insular idiosyncrasy in declaring and embodying a catholic truth, and as the national expression of a catholie principle. If a national Church finds it convenient to express thus a prineiple in a national form, the misunderstanding of which she has guarded against by liturgy and articles and the unli- mited acknowledgement of the paramount authority of the Bible, no wise man will therefore quarrel with her, altho’ it may be good, she should from time to time be made aware of the difference between idea and form, of relative and of absolute right, and above all, be- tween right and truth.

But if and whenever Episcopacy is to be made the badge of Churchship, not constitutionally and natio- nally, (which is a lawful act of national sovereignty,) but on prineiple, and catholically: if the Church,

as manifesting itself and existing through Episcopacy,

4210

is to take place of Christ and the Spirit, who alone can give real churchship, because new life, (viz. filial thankfulness and selfdevotedness, springing out of the die vinely free will, instead of the feeling of accursedness and despair, consequences of the bondage of self) —: if covenanted salvation is to be made depen- dent upon this Episcopacy, then Ithink the deathblow is aimed at that Church’s inmost life, the eternal decree of condemnation is passed upon her, unless she re- pent. For she is seeking salvation in man and not in God, in the „beggarly elements of this world“ and not in the divine life, source of all life, and sole deliverer from death and corruption: she is attacking „the glorious li- berty of the Children of God,“ Christ's redeemed, and the native eitizens of Christ's kingdom: she is erucifying Christ and practically denying the merits of his sacrifice. Not the Gentiles but the Jews erueified Christ, and so they do still. Of all this I feel convinced, as I feel convinced of the existence of God, and as I believe in the saving death and divinity of Christ, and in the ever renewing almighty power of the Spirit. I hope, I should feel so, altho’ to my deep afflietion, if God had made me to be born in the Romish church. I do not

say any particle of this as a protestant, altho’ I bless

411

the Reformers for having taught it me, opening to me the sense of Seripture and of Church History. But it is unnecessary to add, that I should consider it as a par- rieidal act (besides its being godless in my mind at all events) if I did not vow to devote all the energies of my mind, insignificant as they are, and the last drop of my blood, to protest against such an Episcopate in the Church of that nation, to which it is my privilege (I say so in thankfulness) to belong. If an angel from heaven should manifest to me, that by introducing, or asserting or favouring only, the introduction of such an Episco- ‚pacy into any part of Germany, I should not only make the german nation glorious and powerful over all the nations of the world, nay combat successfully the unbe- lief, pantheism, atheism of the day I should not do it: so help me God. Amen! We may be doomed to perish, church and state; but we must not be saved and cannot be saved by seeking life in externals.

My dear friend, take this long, erude and ill writ- ten confession asmy christian thanks for the kind- ness, regard and affection of one whose christian since- rity, courage and earnestness I feel it a privilege to love, for I do, and did from the beginning, venerate

it from the bottom of my heart. To such minds as

412

yours, and to such friends as you, one feels so poor and so naked: for one has nothing to offer them but that unrestrieted openness, which not alone from pruden- tial motives, one withholds from the world. There must be left no possibility of mistake as to my convictions and opinions in your mind: for otherwise I should feel ungrateful. I felt besides, that I owed such a frank confession to myself: for with this I am sure you will find me consistent in all I have done, written and said, and, under God’s mercy, in all I may still have to do, write and say. There never has been, and I trust there never will be, any diplomacy neither in my divinity nor in my official activity about Church matters here or elsewhere: if it had been, it would, God be thanked! not have been less, as to the latter, against the precepts of my king, than, as to the first, against the precepts of my God and Saviour.

Dixi et animam servavi! Now allow me to add one word, a request, as to our practical position in the case of the Bishopric at Jerusalem. £ In my con- vietion, and, I belieye I may say, in that of the Prelates with whom that transaction was concluded, the idea of the king and the manner in which it has been realized,

in one word, the Establishment itself at Jerusalem, is

413

entirely independent of the half doctrinal, half historical, half constitutional struggle of two parties in the church of England these three hundred years: I might almost say, as much as it is independent of Toryism and Whig- gism. It prejudges no question of vitality at issue on that ground: I mean, of course, as far as that struggle is bonä fide within the Church of England, from Laud to Tennison, the Church as it stands by Articles and Liturgy. But certainly, last of all does it seem to me to have a tendeney towards weakening the authority of the Episcopate, of which, on the contrary, it is the first public acknowledgment the Church of England ever re- ceived.

Those who were instrumental in bringing it about, may, among other imperfections, have their own private opinions, theories, prejudices, and these may show them- selves in what they may have to say or to write in de- fence of what they have done. But the Bishoprie at Jerusalem is and will remain as free and independent of these, as it ever may be of the formulas, theories, sy- stems and perhaps prejudices of those who have attac- ked it or will attack it, like Mr. Hope, or have defended it, on the same ground, like Mr. Perceval. The „Sta-

tement published by authority“ does not prejudge any

214

english church question, nor e the „Evangelische Bis- thum in Jerusalem“ (much less then any english) any german church question. Both give facts, and to these facts add explanations: the one (and that alone autho- ritatively, in ecelesiastical sense) for England, the other for Germany. Ten or fifteen years will show, whether and how some good can be done by christian coopear- tion not fusion, or confusion of protestant natio- nal churches at Jerusalem. It could evidently, I think, not be effected in any other way. Whatever may have been decreed by Providence, the only statesmanlike view seems to me this, to give it a fair trial, and not mix it up with the theories of either side or nation, and with the struggles of the day. This would be worse than the quarrels among the Crusaders of diffe- rent nations, when they carried their party feuds, and their national ambitions into the Holy Land. Let Zion be a neutral ground, and let in particular what we Germans say, in our idiomatie. and idiosynerastie way, not make you, the Son of the Church of England, and the Author of the Relation of the Church with the State, think less fayourabiy of the work, which under great - diffieulties, and the combined attack of Infidels and Pa-

pists, is carrying on upon that holy spot, in faith and

415

hope, and I believe I may add, in charity. In the hope you will apply this request in particular to my erude confessions in this interminable letter, I remain my dear friend, with true attachment

Yours most faithfully

(sig.) Bunsen.

Fasque Fettercairn, September 19. 1843.

My dear Friend.

Ihave received and perused with attention your very interesting letter, The frankness and amplitude of its disclosures speak for themselves, and do not require even to be stated in terms. They reach further than any explanation of your views which I had formerly received, but certainly they do not add any element at allat variance with what preceded them. I am tied and bound by my own conscientions convietions, and by tes- timony born in the face of the world of which they were and are the ground, to a theory of Episcopacy-

and the visible church different from yours. But I am con-

416

tent to witness in patience the struggles of Truth, and to await her manifestation, certainly not with indifference among conflieting doctrines, but on the other hand without attempting to take out ofthe hands of my fellow christians (even in cases where they are not my supe- riors in all the qualifications for a right judgment cases different from that now before me) the exereise of the functions of their own conscience. Neither do I on behalf of my country desire to exact from other nations a conformity or any especial regard to those idiosynera- sies in which it so much abounds. Indeed you go far beyond me in this respet: for while you are ready to tolerate our making Episcopal orders a condition of mi- nisterial communion as a law of national polity, I could not at all excuse or endure the obstructing for such a cause those channels of intercourse which ought freely to pervade and vitally and sensibly to comect all the parts of the body of Christ.

Let me assure you that I quite agree in the prac- tical observations at the close of your letter. I did not intend in writing to you that, whatever your theory of the Bishoprie might be, any attempt should be made here to undo what has been done: and I slıall indeed be

well contented to see whether in the lapse of a reaso-

412

nable time good will arise (to use your own expressions) from cooperation without fusion: from a tentative effort, intended to ascertain what potential capacities of real union may exist in the two, without any compromise or departure on either side in the mean time from its own ground.

What I feel inclined to question in the „geschicht- liche Darlegung“ is not the freedom which the writer uses in affixing his own sense to the arrangements for the Bishoprie, but the construction which he has given to the ordinanees and deelarations of the Church of Eng- land: a construction which is, I conteive, quite contrary to their sense and to the recently published declarations of the Bishop of London, himself a principal coopera- tor in the proceedings.

I do not blame the act of thus giving a construc- tion to the transactions on behalf of the English Church: in may have been and probably was a necessity, although in the Statement here it was not found indispensable to show that according to your ecelesiastical institutions they must bear a particular sense: but I regret it, be- cause it seems to me that the scheme itself, undertaken from motives so admirable, is placed in a false position

by being understood and explained in contrary senses in 27

418

Germany and England respectively, and because I con- fess it also appears to me that Abeken's interpretation requires, that in some manner or other it should be said by way of protest, we are not bound by it.

It is quite true that his letter to Dr. Pusey was written in the same sense; but that was taken as an individual expression of opinion. And of those who have written for the Bishoprie in England, no one so far as I know them (Hook, Perceval, Maurice, Palmer, Allies,) has adopted any thing like it.

I am very glad to hear, it is likely that the work is to be translated. You have told me everything 1 could ask or expect at present, in saying it has been placed in the hands of the Archbishop and Bishop of London; and perhaps I may be able to learn hereafter in what light they view it.

But the work, I quite agree with you stands quite distinet from the constructions put upon it: it should have a fair and a full trial with every pre- disposition in its favour, and I see no reason why any difference in the interpretation of past procee- dings should be allowed in the smallest degree to prejudice it, unless and until some practical difficulty

requiring adjustment shall have actually arisen in its

419

progress. This is my distinet view ofthe case in its pre- sent position: at the same time I apprehend the diffi- eulties I have feared would occur, in case Bishop Alexan- ander should ordain German candidates, and when it was found that those candidates were in ministerial com- munion with the national Church establishment of Prus- sia any subsequent question should arise as to their relation to the Church of England.

Be assured that the length of your letter could be no fault in my eyes, and considering the importance of the matters it had to explain, there was no part of it that I could have wished omitted; unless indeed those in which you pass or imply much too favourable a judgment upon myself, and of which I can only hope and pray that-they may have an influence in helping me to be that which you take me for.

Believe me always my dear Friend

Your sincerely attached

(sig.) W. E. Gladstone.

27 *

III.

Notizen uͤber die pag. 194 und 195 genannten

der Diakonie und verwandten Beftrebungen angehoͤrenden

deutſchen Anſtalten.

Much die gedraͤngteſte Ueberſicht deſſen, was in den letzten Jahrzehenden auf dem betreffenden Gebiete von der glaͤubigen Liebe in den verſchiedenſten Vereinen und Anſtalten, welche alle durch die freiwilligen Lie⸗ besbeitraͤge chriſtlicher Gemeindeglieder beſtehen, ge⸗ wirkt iſt, wuͤrde den Raum dieſer Blaͤtter uͤberſchreiten. Dieſe Bemerkung moͤge nur andeuten, daß die untenge⸗ nannten Anſtalten als Glieder in einer großen Kette verwandter Beſtrebungen zu betrachten ſind. Wenn aber nur dieſe Anſtalten genannt werden, ſo hat das ſeinen Grund darin, daß gerade ſie, wenn auch keineswegs aus⸗ ſchließlich, entweder die erſten Glaubensunternehmungen der Art in Deutſchland geweſen, oder auch darin, daß

421

fie einen groͤßern Einfluß als andere auf die Forderung dieſer Ideen in der evangeliſchen Kirche Deutſchlands, und uͤber Deutſchlands Gränzen hinaus ausgeuͤbt haben und noch ausuͤben. Haͤtte die Darſtellung ſich uͤber das Gebiet der chriſtlichen Vereine ausfuͤhrlicher er⸗ ſtrecken koͤnnen, ſo haͤtten theils noch manche andere Zwecke, welche die Liebe ſeit den letzten Jahrzehenden mit großem Erfolg zu erreichen geſtrebt, genannt werden muͤſſen; theils wären die erſten Anfänge dieſer Beſtrebungen noch deutlicher bezeichnet worden. So waͤren z. B. in Betreff der Kranken⸗ und Armenpflege die ſchon 1832 und 1833 zu Stande gekommenen Krankenvereine in Berlin und Hamburg mit Auszeichnung zu nennen geweſen; von den beiden Krankenvereinen zu Berlin (dem maͤnnlichen, welcher der urſpruͤngliche war, und dem weiblichen) ſteht der weibliche mit dem aus ihm hervorgegangenen Eliſa⸗ bethſtift, das auch Diakoniſſen (regelmäßig ca. 20) bildet und entſendet, unter der Leitung des Predigers Goßner; der große Frauenverein fuͤr Arme und Kranke in Ham⸗ burg iſt von Amalie Sieveking geſtiftet, und hat unter deren bisheriger Leitung eine große Menge Toͤch⸗ tervereine namentlich im noͤrdl ichen Deutſchland entſtehen ſehen, auch ſchon in Daͤnemar k Schoͤßlinge getrieben. Auf dem Arbeitsgebiete fuͤr Gefangene waͤre vorzugsweiſe

422

hier darzuſtellen geweſen die 1827 entftandene große Rhei⸗ niſch⸗Weſtphaͤliſche Gefaͤngnißgeſellſchaft mit 70 Toͤchtergeſellſchaften, und der Wuͤrtembergiſche Verein fuͤr entlaſſene Straͤflinge mit 59 Huͤlfs⸗ vereinen. Es moͤge ferner noch hingedeutet werden auf das weniger allgemein Bekannte, was geraͤuſchlos durch die ſeit etwa 1831 (zuerſt in Baſel) entſtandenen und ſich jährlich weiter verbreitenden ſ. g. Juͤnglings— vereine, die unter dem wandernden Geſellenſtand mit dem Evangelium wirken, im glaͤubigen Geiſte beſchafft wird; ſo wie auf die zuerſt in Langenberg und Bre⸗ men hervorgetretenen evangeliſchen Vereine zur kirchlichen Huͤlfsleiſtung für die nach Amerika aus wandernden Deutſchen.

Die Diaconiſſenanſtalt zu Kaiſerswerth am Mhein

ſteht unter der Leitung des Pfarrers Fliedner, und iſt von demſelben 1836 geſtiftet. Ihr Entſtehen verdankt ſie dem allgemein gefuͤhlten Beduͤrfniſſe nach einer guten Krankenpflege in Rheinland und Weſtphalen. Die An⸗ ſtalt will tuͤchtige, chriftliche Krankenpflegerinnen (Diaco⸗

423

niffen) erziehen, welche ihre Bildung in dem zur Anſtalt gehoͤrigen Krankenhauſe (ſ. unten) erhalten. Die Dia⸗ coniſſenanſtalt nimmt als Mutterhaus die Probepflege— rinnen auf; die ungeeignet befundenen werden von hier wieder entlaſſen, die ſich bewaͤhrenden aber nach uͤber— ſtandener Probezeit (d. h. nach 6 9 Monaten) ins Diaconiſſenamt eingeſegnet und ſpaͤter in Krankenhaͤuſer, in einzelne Familien oder in ganze Gemeinden entſandt. Die foͤrmlich aufgenommene Diaconiſſe iſt auf 5 Jahre fuͤr die Anſtalt engagirt.

Die Vorſteherinn (die Gattinn des Pfarrers Flied— ner) leitet die Vorbildung der Probeſchweſtern im Allge— meinen und uͤbergiebt ſie der ſpeciellen Fuͤhrung einer Probemeiſterinn; der geiſtige Unterricht in der Religion und in der Methode der Seelenpflege wird von dem Pf. Fliedner ſelbſt oder von dem Anſtaltsprediger, der theoretiſche und practiſche Unterricht in der Krankenpflege von dem Anſtaltsarzt, Dr. Thoeniſſen, ertheilt.

Die Anſtalt hat bald die allgemeinſte, immer ſtei— gende Theilnahme gefunden. Schon im erſten Jahre bildeten ſich an 15 verſchiedenen Orten weibliche Huͤlfs— vereine. Nach einiger Zeit entſtand ein groͤßerer Verein fuͤr chriſtliche Krankenpflege in der Rheinprovinz und Weſt— phalen, der mit Portofreiheit beſchenkt wurde. Durch

AR

den Ankauf und Anbau neuer Häufer, möglich gemacht durch zinſenfreie Darlehn Sr. Majeſtaͤt des Königs von Preußen, gelang es, die Anſtalt immer mehr zu erwei⸗ tern, ſo daß im Jahre 1844 ſchon von 89 Diaconiſſen (worunter 55 ins Diaconiſſenamt eingeſegnete) 421 Kranke in der Anſtalt verpflegt werden konnten. 60 andere waren 1844 außerhalb des Mutterhauſes thaͤtig, und zwar von dieſen wieder 36 in Hospitaͤlern zu Elberfeld, Barmen, Creuznach, Saarbruͤck, Worms, Kirchheim, Frankfurt a. M., Berlin, Dresden (im Diaconiſſen⸗ hauſe) ꝛc.; 3 andere waren als Gemeinde-Diaconiſſen angeſtellt und die uͤbrigen dienten der Privatpflege, außer 5 andern, welche in den mit der Diaconiſſenanſtalt ver⸗ bundenen Inſtituten beſchaͤftigt waren. Zur Diaco⸗ niſſenanſtalt gehoͤren naͤmlich noch folgende andere An⸗ ſtalten:

1) Das Diaconiſſen-Krankenhaus, das ſich in einem neuen Anbau des Mutterhaufes befindet. Das Krankenhaus iſt Uebungsſchule fuͤr die Diaconiſſen und zu⸗ gleich eine Samariterherberge fuͤr Elende und Leidende aller Art; es nimmt auf Kranke jeglicher Confeſſion oder Religion, jeglichen Geſchlechts und Alters, einhei⸗ miſche und fremde, wie ſie die Noth dem Hauſe zufuͤhrt; im Jahre 1844 wurde darin ſolchen 421 Kranken eine

485

Pflege geboten, 181 unentgeldlich und 276 gegen Ver— guͤtung). Der Beſtand am Schluß des Jahres war 94. 2) Das Lehrerinnenſeminar, (Kinder-Diaco⸗ niſſen) zur Heranbildung von Lehrerinnen für Kleinkinder: ſchulen. Da der Lehrcurſus nur die ſehr kurze Zeit von 3 Monaten währt, fo hat natürlich ſchon eine große Zahl aufgenommen und entlaſſen werden koͤnnen bis zu Schluß des Jahres 1844 zuſammen 182. Als wichtigſte practiſche Uebungsſchule dient dieſen Lehrerinnen

3) die Kleinkinderſchule, die unter einer beſon⸗ deren Lehrerinn ſteht, 40 Kinder aus beiden Confeſſionen zaͤhlt und allmaͤhlig mit einem ſchoͤnen Apparat von An⸗ ſchauungsgegenſtaͤnden, Bildern ꝛc. bereichert iſt.

4) ein Waiſenhaus, (ſeit 1841) beſtimmt fuͤr verwaiſete Toͤchter vorzuͤglich von Pfarrern und Lehrern vom 4. bis zum 14. Lebensjahre. Daſſelbe zahlt 12 Waiſen. Veranlaſſung zu demſelben wurde der Wunſch, aus den Zoͤg— lingen je nach ihrer Neigung und Gabe Diaconiſſen heranzu— ziehen. Mit dem Waiſenhauſe iſt eine Vorſchule für Ele⸗ mentarlehrerinnen (jetzt ihrer 5) verbunden, welche kuͤnftig namentlich in den Naͤh⸗ und Strickſchulen arbeiten ſollen.

Die ältefte aller Anſtalten in Kaiſerswerth iſt das ſchon 1833 eingerichtete Aſyl fuͤr weibliche Ent⸗ laſſene, das finanziell ganz geſondert von den uͤbrigen

426

Anſtalten beſteht; es bietet ſolchen weiblichen entlaſſenen Gefangenen, welche waͤhrend der Haft Hoffnung zur Beſſerung gegeben haben und bei der Entlaſſung nicht ſogleich ein Unterkommen finden koͤnnen, einen Zufluchts⸗ ort auf hoͤchſtens ein ganzes und mindeſtens ein halbes Jahr; waͤhrend dieſer Zeit empfangen ſie chriſtlichen Unter⸗ richt und Anleitung zu Haus-, Hand- und Landarbeiten, wornach ſie dem buͤrgerlichen Leben zuruͤckgegeben werden. Die Leitung haben 2 Diaconiſſen. In 12 Jahren ſind im ganzen 117 Pfleglinge aufgenommen, von denen nach ihrer Entlaſſung durchſchnittlich die Hälfte auf dem beſ— ſeren Weg geblieben iſt.

Saͤmmtliche Anſtalten zu Kaiſerswerth beſtehen aus milden Beitraͤgen, die in verſchiedener Weiſe zuſammen⸗ gebracht werden. Jaͤhrliche Jahresberichte geben regel- maͤßige Kunde uͤber den Fortgang der Anſtalt.

Das energiſche, glaͤubige Wirken in Kaiſerswerth hat bald die Errichtung anderer Diaconiſſenanſtalten ver⸗ anlaßt. Namentlich ſeit dem Jahre 1842 haben ſich im uͤbrigen Deutſchland, in der Schweiz, in Frankreich, in Holland und England glaͤubige Kraͤfte zu dieſem Zwecke erhoben. Der groͤßte Theil dieſer Anſtalten verdankt die erſte Anregung wohl dem Fliednerſchen Inſtitut. Dahin

427

gehören die deutſchen Diaconiſſenanſtalten zu Ludwigsburg, zu Dresden und zu Wechſelburg; dann das Diaconiſſen⸗ Etabliſſement in Echallens Canton Waadt (ſ. 1842); die protestant Sisters of Charity zu London (auf An⸗ regung der Mrs. Eliz. Fry); die Diaconiſſenanſtalt des Paſt. Vermeil zu Paris (ſ. 1812, mit einem Kranken⸗ hauſe, einem Magdalenenſtift und einer Kinderbewahran— ſtalt), worin 12 Schweſtern arbeiten; die gleiche Anſtalt des Pf. Haͤrter zu Straßburg mit 10 Schweſtern, die ein Krankenhaus, eine Kleinkinderſchule, und eine Elementar- ſchule beſorgen; zuletzt ſ. 1844 der Verein zur Diaco- niſſenbildung fuͤr das Koͤnigreich der Niederlande in Utrecht. N

Johannes Falk in Weimar.

Johannes Falk aus Danzig, damals Legations— rath in Weimar, wurde durch die Kriegsnoth im Wei— marſchen Lande 1813 und 1814 und etwas ſpaͤter durch den Verluſt von 4 eignen Kindern veranlaßt, in heiliger Begeiſterung ſein Leben und alle ſeine Kraͤfte den Armen und Elenden, namentlich aber im Bunde mit ſeinem Freunde, dem Prediger Horn, den großen Schaaren der

428

in Folge des Krieges theils verwaiſeten, theils verwil- derten und zu allem Boͤſen heranreifenden Jugend ſeines Landes hinzugeben. Als ihm und Horn bald die Arbeit zu viel wurde und die Fuͤrſorge auch immer mehr aͤußere Mittel forderte, ſtiftete er den „Verein der Freunde in der Noth“ und dies iſt der erſte deutſche Verein, der ſich der verkommenen Jugend rettend angenommen. Der Verein wurde von allen Seiten des Vaterlandes, ganz beſonders aber von England aus kraͤftig unterſtuͤtzt, ſo daß Falk in Weimar und deſſen Umgegend bald 200 Kinder meiſt bei Handwerkern unterbringen konnte. Die bereits confirmirten verſammelte er alle 14 Tage und 4 Wochen um ſich in einer Sonntagsſchule, zu der die Theilnehmer von allen Seiten zuſammenſtroͤmten, die juͤngern taͤglich in einer ſ. g. Abendſchule, zu der fie von den Pflegeeltern entſendet wurden. Für je eins dieſer Kinder ſorgten auf Falk's Veranlaſſung, immer 5 bis 10 Perſonen. Seine Wirkſamkeit fand dadurch ein neues Feld, daß er ſich der 60 jungen Leute, die da⸗ mals in Weimar zu Landſchullehrern gebildet wurden und unter denen ein verderblicher Geiſt um ſich gegriffen hatte, perſoͤnlich annahm; die in der Stadt zerſtreut wohnenden jungen Maͤnner ſammelte er ebenfalls um ſein Werk und feſſelte ſie an ſeine taͤgliche Abendſchule.

429

Am Jage beſuchte er die zerſtreut wohnenden Kinder, Schuͤler u. a. und hatte das oͤffentliche Vertrauen bald in dem Maaße gewonnen, daß er der Mittelpunct aller der in Weimar den armen Kindern, Lehrſchuͤlern ꝛc. geſchenk⸗ ten Gaben wurde. Die groͤßte Noth in die Falk ge⸗ rieth, als er ſein eignes geraͤumiges Wohnhaus raͤumen mußte, wurde die Urſache, ſeine Arbeit zur hoͤchſten Bluͤthe zu entwickeln: er zog in das verfallene Haus der ehe⸗ maligen Grafen von Orlamuͤnde, das er theils umbauen, theils neu bauen ließ von den ſeiner Pflege angehoͤrenden Handwerkslehrlingen und Geſellen. Falk ſtarb 1826. Wenn auch mit ihm in Weimar die Kraft des von ihm getragenen Vereins erloſch, (denn das dem weimar' ſchen Landes⸗Waiſenhauſe incorporirte „Falkſche Inſtitut“ iſt nicht mehr die urſpruͤngliche Falkſche Anſtalt) ſo folgten doch feine Werke ihm nach als fruchtbare Lebensſaat.

Das Martinsſtift in Erfurt, geſtiftet und ge⸗ leitet ſeit 1820 von Dr. Reinthaler, iſt unmittelbar durch das Wirken Falk's veranlaßt, und von dieſem Mar⸗ tinsſtifte ging die erſte Anregung aus fuͤr die meiſten ſeit 1829 in Schleſien geſtifteten Vereine fuͤr verwahrloſete Kinder zu Goldberg, Luͤben, Jauer, Liegnitz, Schreiber⸗ hau ꝛc.

430

Die Anſtalt zu Düſſelthal.

geſtiftet (1819) und geleitet von dem Grafen Adelbert von der Recke Vollmerſtein. Als Erbtheil ihres ehrwuͤr⸗ Vaters uͤberkamen die beiden Bruͤder Adelbert und Werner von der Recke den freudigen Glaubensmuth zum Heil der huͤlfsbeduͤrftigen Jugend zu wirken. Schon 1816 nahmen ſie zu Overdyk, ihrem Stammgut, die erſten Kinder auf; der erſtgenannte der Bruͤder ſtiftete den „Verein der Menſchenfreunde“ und eröffnete die An⸗ ſtalt zu Overdyk, wo ſeit 1822 nur die juͤngern Kin⸗ der (jetzt durchſchnittlich 24) verblieben, da der Graf in demſelben Jahre das alte Trappiſtenkloſter Duͤſſelthal eine halbe Stunde von Duͤſſeldorf kaͤuflich erſtanden für c. 50,000 F. Nur unter der Mitwirkung der größten Unterſtuͤtzungen von Seiten des koͤniglichen Hauſes, und vieler fuͤrſtlich ſpendender Freunde der Sache in ganz Deutſchland und weiterhin, wo ſich in den erſten Jah⸗ ren der Anſtalt weit und breit Vereine fuͤr Duͤſſelthal bildeten, namentlich aber auch durch die Beihuͤlfe groß: muͤthiger engliſcher Wohlthaͤter konnte ſich die Anſtalt bis zu dem heutigen Umfang erweitern, (ſie beſitzt gegen⸗ waͤrtig nach verſchiedenen Ankaͤufen, ein Areal von 475 Morgen Land) und bis heute erhalten. Der Graf ſelbſt

431

überwies der Anftalt eine bedeutende Summe aus feinem Privatvermoͤgen. Duͤſſelthal herbergt in der Regel an anderthalb hundert Kinder; es iſt ein eigner Hausgeiſtlicher angeſtellt, mit 2 Lehrern, 3 Knaben und 4 Maͤdchenaufſehern. Die Kinder werden in den Morgen- und Abendſtunden unterrichtet. In der uͤbrigen Zeit finden die Maͤdchen Beſchaͤftigung im Haushalt und fuͤr denſelben, die Knaben aber in der großen Landwirthſchaft, bei der Feld-Gaͤrt⸗ nerei, in der Schneider-Schuſter⸗Tiſchler- und mancher andern Werkſtatt, uͤberdieß in einer Buchdruckerei und in einer Buchbinderei. Die Anſtalt druckt naͤmlich außer andern kleinern Schriften die monatlich erſcheinende „Kinder— zeit ung als das regelmäßige Organ der Mittheilun⸗ gen an ihre Befoͤrderer, und außerdem von Zeit zu Zeit ausfuͤhrliche Jahrsberichte, aus welchen die ſittliche Noth, der in Duͤſſelthal durch die Liebe Chriſti abgeholfen werden ſoll, nicht minder erhellt, als der Segen, mit welchem die dort durch viele Muͤhe glaͤubig hindurch⸗ gehende Arbeit gekroͤnt iſt.

Auch Duͤſſelthal wird außer durch das, was in der An⸗ ſtalt ſelbſt namentlich durch die Landwirthſchaft erworben wird, nur durch freiwillige Beiträge erhalten.

432

Denggen

(Armenſchullehrer- und Kinderrettungsanſtalt) unter der Leitung des Inſpector Zeller, gegruͤndet 1820 von einem Kreiſe glaubenskraͤftiger Maͤnner in Baſel, denen der Großherzog von Baden das Schloß Beuggen, einſt Sitz eines Commenthurs des deutſchen Ritterordens, 4 Stunden von Baſel, gewiſſermaßen ſchenkte. Der Zweck der Anſtalt iſt ein doppelter; 1) arme, ver: waiſete, verlaſſene Kinder aufzunehmen und chriſtlich zu erziehen; 2) freiwillige, taugliche, junge Maͤnner vorzu⸗ bereiten und zu verſenden, theils zu Erziehern ſolcher Kin⸗ der in aͤhnlichen Anſtalten, theils als Schullehrer in Ar⸗ menſchulen und armen Gemeinden, in den vaterlaͤndiſchen Gegenden und unter den Landsleuten nah und ferne. Den erſten Antrieb empfingen die Stifter der Anſtalt theils durch den Anblick des Elendes in der theuren Kriegszeit der Jahre 1815—17, theils durch den Anblick der neu errichteten Heiden-Miſſionsanſtalt in Baſel.

In 24 Jahren ſind in Beuggen 351 Kinder und 153 Schullehrer-Zoͤglinge aufgenommen; der Beſtand der Anſtalt betraͤgt ungefaͤhr 120 Kinder und 25 Schul⸗ lehrerzoͤglinge. Nach dem 23. Jahrsberichte waren von 335 Kindern bereits 40 wieder Vaͤter und Muͤtter

433

geworden, 54 ernaͤhrten ſich in bürgerlichen Gewerben, 77 waren Dienſtboten und noch Lehrlinge; uͤbel zum Theil ſehr uͤbel gerathen waren 23, 23 waren geſtorben, von 52 hatte man keine Kunde, 23 der fruͤhern Pflege— kinder waren ſeit laͤngerer oder kuͤrzerer Zeit wieder ge— ſegnete Rettungswerkzeuge an andern, Pflegeeltern der— ſelben oder Schullehrer und Lehrerinnen geworden. Nach demſelben Bericht waren von 150 Schullehrerzoͤglingen verſtorben oder nach ihrem damaligen Aufenthalt unbe— kannt 33, in der Schweiz hielten ſich auf 56, in Deutſch— land 30, im europaͤiſchen und aſiatiſchen Rußland II, in Nordamerica 2, in Afrika 2, in Elſaß 1, die Uebrigen waren noch in der Anſtalt. Von obiger Zahl waren 16 Erzieher armer Kinder an aͤhnlichen Anſtalten und 5 wieder Lehrer von kuͤnftigen Schullehrern.

Beuggen beſteht ganz durch milde Beitraͤge. Die Anſtalt iſt vom größten Einfluß für die chriſtliche Er— ziehung im ſuͤdlichen Deutſchland und in der Schweiz geworden, in welchen beiden Laͤndern ſeitdem Beuggen beſteht, allein in Wuͤrtemberg 23 24, und in der Schweiz 15 16 ähnliche Kinderanſtalten enſtanden find; zu der Entſtehung von vielen derſelben hat Beuggen, wenn auch nicht gerade direct doch indirect, mitgewirkt. In Beziehung auf die Schweiz iſt der Einfluß der Fellen-

28

434

berg-Wehrli'ſchen Wirkſamkeit in dieſer Beziehung nicht zu uͤberſehen. Unter den Wuͤrtembergiſchen Anſtalten der Art aber ſteht der Beuggener Anſtalt ihrem Urſprunge nach die Anſtalt zu

Lichtenſtern unter dem Inſpector Voͤlter ſehr nahe. Lichtenſtern (ſeit 1836) hat ganz den Doppelzweck wie Beuggen und zaͤhlte 1811: 90 Kinder in einer Kna⸗ ben- und Maͤdchenanſtalt, und 23 Schullehrerzoͤglinge. Auch von dort ſind ſchon wieder einige Lehrer-Zoͤglinge entlaſſen, die in Rettungshaͤuſern als Vorſteher oder Ge— huͤlfen arbeiten; einer derſelben iſt Vorſteher eines aͤhn⸗ lichen Lehrerſeminars zu Sarata in Suͤdrußland.

Beide Anſtalten geben Jahresberichte heraus; Beug— gen hat zum Organ der Mittheilung das „Monatsblatt von Beuggen“, Lichtenſtern den von Voͤlter redigirten „Suͤddeutſchen Schulboten.“

Die Erziehungsanſtalt für verwahrloſete Kinder a in Berlin ſteht unter der Leitung des Inſpect. Kopf und iſt 1825

gegruͤndet. Der Zweck der Anſtalt iſt die Rettung ſolcher tief verderbten Jugend vom 6—16 Jahre, deren Beftra-

4235

fung durch polizeiliche oder richterliche Behoͤrden bereits erfolgt oder feſtgeſetzt iſt, oder bei welcher nicht bloß Leichtſinn und jugendliche Unbeſonnenheit als Gruͤnde ihrer Verſunkenheit angeſehen werden koͤnnen. Unter Kopfs Leitung ſteht ſowohl die Knaben- als die Maͤd— chen⸗Anſtalt, zwiſchen denen ſonſt keine Gemeinſchaft ftatt- findet. Die Knaben ſind vorzugsweiſe mit Schrauben— Anfertigen beſchaͤftigt, beſorgen aber außerdem noch andere Werkſtaͤtten, ihre Hausarbeiten, Gartenland, Sei— denzucht u. f. w. Im Ganzen find ſeit 1825 in die Anſtalten 590 Knaben und 138 Maͤdchen der oben be— zeichneten Art aufgenommen, 80 Knaben und 30 Maͤdchen bilden den Kinderbeſtand der Inſtitute. An 474 noch im Leben befindlichen bereits wieder entlaſſenen Knaben iſt das ſehr ſchoͤne Reſultat der Erziehung: daß ſich 215 ſehr gut, 193 geſetzlich betragen; von 17 fehlen die Nach: richten, 49 büßen ihre Ruͤckfaͤlle in Gefaͤngniſſen. In jährlichen Berichten legt die Verwaltung Rechenſchaft ab.

Das Uanhe Haus zu Horn bei Hamburg

beſteht ſeit 1833 unter Wichern's Leitung. Den Namen

„Rauhes Haus“ trug ſeit Menſchengedenken das kleine mit 28”

436

Stroh bedeckte Häuschen, das der Vorſteher 1833 mit weni- gen Knaben bezog. Seit 12 Jahren hat die Anſtalt ſich ſehr allmaͤhlig im Aeußern bis zu c. 150 Perſonen in 12 Gebäuden, die, um einen Betſaal geſammelt, in einem blühenden Gar: ten liegen, und zu denen noch mehreres Ackerland gehört, er: weitert. Das Rauhe Haus iſt weder Waiſen-, noch Zucht =, noch Armen-Anftalt, ſondern eine kleine Colonie geworden, in der die rettende Liebe ihre mannigfaltigſten Zwecke, die hier aber organiſch in einander wirken, pflegt und nach außen hin verwirklicht. Es find eigentlich 4 Hauptzweige, in denen die Anſtalt ſich bis jetzt ausgebreitet hat:

1) Eine Rettungsanſtalt fuͤr Kinder, und zwar fuͤr ſolche Kinder bis zum 18. und 20. Jahre, an denen Eltern oder ſonſtige Erzieher bis dahin vergeblich gearbeitet. Die Anftalt ſteht, wie überhaupt, fo auch in dieſer Beziehung in keinem Verhaͤltniß zur Polizei, ſon⸗ dern bietet ſich nur den Eltern dar zum freien Dienſt der Liebe. Die Kinder werden ohne Unterſchied der Bildung und der Staͤnde aufgenommen, ſind meiſtens Hamburger, zum Theil aber auch aus dem uͤbrigen Deutſchland, aus der Schweiz, aus Holland. Die Kinder wohnen in Gruppen (Familien) von hoͤchſtens ihrer 12, in kleinen Haͤuſern, die ſie zum Theil mit eignen Haͤnden erbaut haben. Hinſichtlich der Beſchaͤftigung ſind ſie darauf angewieſen,

437

moͤglichſt alles ihnen Noͤthige ſelbſt zu beſchaffen; daher eine Menge Werkſtaͤtten: Schuſterei, Schneiderei, Spin⸗ nerei, Tiſchlerei, Bäckerei, Buchdruckerei, Buchbinderei, ꝛc., Landwirthſchaft und Gartenarbeit. Das Bauen ihrer Haͤuſer iſt ſchon vorher erwaͤhnt. Regelmaͤßig wohnen jetzt in der Anſtalt 90 jugendliche, maͤnnliche und weibliche, Zoͤglinge; doch iſt die Zahl der Kinder wie der Gebaͤude von Jahr zu Jahr im Zunehmen. Von s! bereits wieder entlaſſenen waren 1843 ihrer 74, die, ſo weit man von ihnen wußte, einen buͤrgerlich ge— rechten Wandel fuͤhrten. Im Ganzen ſind bis jetzt 186 Kinder aufgenommen worden.

Die dieſer Anſtalt eigenthuͤmliche Einrichtung, die Kinder in viele ſich kreuzende Gruppen der geſonderten Familien, der Arbeit, des Unterrichts ꝛc. zu bringen, verbunden mit dem Bemuͤhen, von der Anſtalt aus alle entlaſſenen Zoͤglinge regelmaͤßig in den Meiſterhaͤu— ſern, und alle in und um Hamburg wohnenden Eltern der Kinder regelmaͤßig in ihren Wohnungen zu beſuchen, ſo wie die vielfache Aufforderung von auswaͤrts, junge chriſtliche Maͤnner fuͤr mannigfache Berufskreiſe aufzu⸗ ſtellen, dieſe und aͤhnliche Gruͤnde veranlaßten den Vorſteher, 1842 einen Aufruf an die durch Deutſchland und weiterhin zerſtreuten, der Anſtalt befreundeten Kreiſe zu erlaſſen, zur Bildung

438

2) der Brüderanftalt des Rauhen Haufes als einer Pflanzſchule für Arbeiter der innern Miſſion. Die Bruͤderſchaft des Rauhen Hauſes iſt in Folge des Aufrufs zu Stande gekommen und in ſtetem Zunehmen. Sie beſteht aus jungen chriſtlichgeſinnten Maͤnnern, welche, meiſtens fruͤher Handwerker, bereit ſind, der Kinderanſtalt eine Reihe von Jahren als Ge— huͤlfen (die Kinderzoͤglinge nennen die Gehuͤlfen „Bruͤder,“ daher der Name,) zu dienen und während 2 4 Jahren einen theoretiſchen und practiſchen Curſus durchzumachen, nach deſſen Vollendung ſie in ſelbſtſtaͤndige Wirkungs⸗ kreiſe der innern Miſſion entlaſſen werden ſollen. Unter der innern Miſſion (zum Unterſchied von der Hei⸗ denmiſſion) iſt naͤmlich verſtanden „die geordnete freie Liebesthaͤtigkeit der chriſtlichen Gemeinde zum Aufbau des Reiches Gottes in Kirche und Staat an allen denjenigen Stellen, wo bis jetzt der Kirche oder dem Staat die dazu noͤthigen Kräfte fehlen“; fie iſt gefaßt als die „gegen- wärtige Offenbarung der Herrlichkeit des allgemeinen Prieſterthums in der Kirche, die ſich vorzugsweiſe in dem freien Wirken der chriſtlichen Barmherzigkeit kund giebt.“ Die dieſem Unternehmen gewordene Theilnahme hat ſich faſt aus allen Theilen Deutſchlands und von weiter her bethaͤtigt; Unterſtüͤtzungs⸗Vereine haben ſich z. B. in

439

Mecklenburg, im Hannoͤverſchen gebildet, die Preußiſche Regierung hat eine Reihe von Penſionaten auf eine Reihe von Jahren geſtiftet um eine Zahl ſolcher Maͤnner na⸗ mentlich als kuͤnftige Gefangenwaͤrter zu gewinnen. Der Zweck naͤmlich, der durch die Zoͤglinge der Bruͤ— deranſtalt erſtrebt wird, iſt ein ſehr mannigfaltiger: die Bruͤderanſtalt faßt ins Auge die rettende Erzie— hung, das Gefaͤngnißweſen, das Handwerksweſen, das Armenweſen, das kirchliche Beduͤrfniß unter den Coloniſten. Im letzten Jahre wurden von der Anſtalt gefordert (vgl. d. Jahresbericht) 8 Vorſteher von Rettungshaufern aus den verſchiedenſten Gegenden Deutſchlands, Arbeitsgehuͤlfen und Lehrer für Rettungshaͤuſer, Landſchullehrer, die zur: gleich Gehuͤlfen in der Seelſorge ſein koͤnnen, Schullehrer fuͤr ruſſiſche Landguͤter, Oberaufſeher in Strafanſtalten, Aufſeher und Oeconomen in Correctionsanſtalten und Detentionshaͤuſern, Gefangenwaͤrter, Hausvaͤter in Ar⸗ menhaͤuſern, Vereinshelfer für weibliche Vereine, Colpor⸗ teure fuͤr Maͤßigkeitsvereine, Armenpfleger fuͤr ganze Land⸗ guͤter, Herbergsvaͤter! für Juͤnglingsvereine (neu ſich bildende Geſellenvereine), Krankenwaͤrter, Coloniſtenpre⸗ diger und Schullehrer] für Amerika. Aus der Zahl der Gehuͤlfinnen des Rauhen Hauſes wurden Vorſtehe⸗ rinnen von Aſylen, von Magdalenenſtiften, von Warte⸗ ſchulen ꝛc. gefordert.

440

Die erſt aufbluͤhende Anſtalt hat bis jetzt 6 Colo⸗ niſtenprediger fuͤr Amerika gebildet, die dort bereits Gemeinden ſammeln, Kirchen und Schulen bauen; 7 Vor⸗ ſteher von Rettungshaͤuſern (und 2 Gehuͤlfen in aͤhnlichen Anſtalten) ſind bis jetzt von ihr ausgegangen, in Narwa, Riga, Reval, Roſtock, Luͤbeck, Celle, Bern; der jetzige geiſtliche Inſpector der Paſtoralhuͤlfsanſtalt der Duis⸗ burger Predigerconferenz zu Duisburg Candidat Brandt, hat ebenfalls vor Antritt ſeines Amts uͤber 4 Jahre als Oberhelfer im Rauhen Hauſe gearbeitet; drei der ge— nannten Anſtalten ſind ſchon wieder Bildungsſchulen fuͤr andere Inſtitu te.

Mit der Kinder- und Bruͤderanſtalt ſind ferner noch die, beiden dienende, Buchdruckerei und Agentur verbunden, welche als Huͤlfsanſtalten der beiden erſteren Inſtitute betrachtet werden koͤnnen.

3) Die Buchdruckerei, ſeit 3 Jahren in ſtetem Wachsthum begriffen, beſchaͤftigt regelmaͤßig 20 Perſonen und mehr. Ihr naͤchſter Zweck iſt ein ſittlicher: paſſende Beſchaͤftigung fuͤr eine gewiſſe Reihe von Zoͤglingen.

4) Die Agentur. Dieſelbe umfaßt: a) einen Ver⸗ lag wiſſenſchaftlicher und anderer Schriften, die dem Buch⸗ handel angehören und iſt deßwegen felbftftändige Verlagshandlung: b) den Verlag ſolcher groͤßern und

441

kleinern Schriften, die zur Volksſchriftenliteratur zu zählen find, für deren Betrieb bis jetzt an 50 Zweig: agenturen an 50 verſchiedenen Orten Norddeutſchlands beſtehen; e) eine Buchbinderei, die unter einem Faktor mit etwa 12 Arbeitern arbeitet; d) Steinzeichnerei mit Coloriren; e) eine Stereotypengießerei; außer⸗ dem liefert dieſelbe auch noch f) Holzſchnit tarbeiten. Dieſer ſaͤmmtliche Betrieb ſteht in Beziehung zu der zweckmaͤßigen Beſchaͤftigung der Kinder-Zoͤglinge.

Die ganze Anſtalt des Rauhen Hauſes wird außer durch den jetzigen oder kuͤnftigen Erwerb der Druckerei und Agentur, nur durch milde Beitraͤge aus Hamburg und dem uͤbrigen Deutſchland erhalten. Jaͤhrlich werden meiſt ſehr ausfuͤhrliche Jahresberichte ausgegeben. Als Organ regelmaͤßiger Mittheilung dienen die vom Vorſteher alle 14 Tage ausgegebenen „Fliegenden Blätter«, die zu: gleich fortlaufende Mittheilungen uͤber das ganze Gebiet der innern Miſſion (ſ. oben) darbieten.

Außer den ſchon oben genannten Anſtalten, welche von fruͤhern Bruͤdern des Rauhen Hauſes in Deutſch— land, Rußland und der Schweiß geleitet werden, ſind auf Veranlaſſung des Rauhen Hauſes noch nament⸗ lich in Schweden derartige Beſtrebungen ins Leben gerufen (z. B. Roby bei Lund) und ganz beſonders in

442

Frankreich, wo die in neuerer Zeit entſtandenen Co- lonies agricoles, die ſich dort immer weiter ſowohl zum Beſten der catholiſchen als der proteſtantiſchen verwahr- loſeten oder verirrten Jugend ausbreiten, nach der Idee des Rauhen Hauſes organiſirt ſind; namentlich gehoͤrt hierher Mettray bei Tours, das bereits 300 Zoͤg— linge in ſeiner Colonie (10 Haͤuſer mit einer Kirche) herbergt, fo wie deſſen Toͤchteranſtalten. Im noͤrdlichen Deutſchland beſteht ein inniges Verhaͤltniß zwiſchen der Anſtalt und den, mit durch ſie veranlaßten „Vereinen fuͤr innere Miſſion« 63. B. in Mecklenburg), in welchen eine organiſche Einigung der verſchiedenen Zwecke der chriſtlichen Aſſociation für Rettungshaͤuſer, fuͤr Gefangene, fuͤr Kinderbewahranſtalten, fuͤr Waiſen, für Armen: und Krankenbeſuche durch Frauen, für Juͤnglingsvereine zum Beſten der Handwerker ꝛc. zu Stande gekommen iſt.

443

Inhaltsverzeichniß.

Vorwort. Veranlaſſung und Zweck des Buches .......... 5. Der Zriefwechſel. 1. Gladſtone an Bunſen, erſtes Schreiben, 2. Sept. 1843. 27. 2. Gladſtone an Bunſen, zweites Be = 30. 3. Bunſen an Gladſtone, 19.2 2 32. 4. Gladſtone an Bunſen, drittes > 19. 75 49.

Die Derfafung der Kirche der Zukunft.

I Einleitung.

Das chriſtliche Prieſterthum, der Staat und der

kirchliche Beruf der Gegenwart 57 —89. Allgemeine Idee von kirchlicher Verfaſſun gg 57. Idee des vorbildlichen Prieſterthums und Opfers, Sühn⸗

opfer und Dankopfer.... nd. 59. Bedeutung der That Chriſti für die Vorbildlichkeit und

für die beiden Opfern 66. Das allgemeine Prieſterthum der Ehriften, als ſittliche

Verantwortlichkeit des Einzelne˖e n 63. Apoſtoliſche Lehre vom allgemeinen Prieſterthum und

vom fortdauernden Opfenrnrn 70. Verhältniß der Idee des allgemeinen Prieſterthums zu

Fc Cc 71

111

Verhältniß der Reformation und der Rechtferti⸗ gungslehre zu dieſer Idee: Ende der Geiſtlich⸗ Feitskicche Laer x ee

Die Reformation machte die Herſtellung des wahren Prieſterthums wieder möglich, nicht wirklich ...

Verhältniß der kirchlichen Verfaſſung zur Lehre..

Verhältniß von Luther und Calvin zu dieſer Anſicht

Die Entwicklung ſeit der Reformation und die Gegenwart. Germaniſche und romaniſche Be— We gung Fee ea ee

Standpunkt und Ueberſicht der Unterfuchung.....

II.

Die beiden Forderungen der Reformation und ihre evangeliſchen Gegenſũ ge

Das allgemeine Prieſterthum die Grundlage der Verfaſſung im engeren Sinnen Der Gegenſatz von allgemeinem Prieſterthum und dem göttlichen Rechte des Amtes und ihre höhere Einheit, das Reich Gottes see. Der zweite Gegenſatz: geiſtliche und weltliche Re⸗ gierung, Nationalität und Katholizität, Kirche und Staat: und ihre höhere Einheit, das chriſt⸗ liche Reich Verhältniß dieſer zwei Gegenſätze zur Weltgeſchichte, zur Geſchichte des Chriſtenthums, zur Geſchichte der drei letzten Jahrhunderte und zur Gegenwart und Zukunft der Kirche und der Menfchheit... Unterſchied von Staats- und Nationalkirche das Freiwilligkeitsſyſtem̃mmnmunm

Die mittelalterliche und evangeliſche Geift- lichkeitskirche und ihre evangeliſchen Reſte und Vernei nungen.

73.

75. 76. 82.

84. 86.

91.

98.

104.

Seite

89—111.

445

Verhältniß diefer Unterfüchung zur deutſch evan⸗

Großheit und Beſchränktheit des Mittelalters ... Die evangeliſche Geiſtlichkeitskirche, ihre Einſeitig⸗ % ĩ ͤ LV Die allgemeine Stellung des verneinenden Gegen⸗ ſatzes der Geiſtlichkeitskirche zur Kirche der Zukunft Die Ausdrücke des Schreibens für und wider den 22 ein eisie wer haften ei Alle Geiſtlichkeitskirchen find der Gefahr des Pfaffen⸗ thums ausgeſetzt, und unhaltbaeã eke. Beſondere Gefahren des Epiſkopalismuuuns fed Kihe Einſeitigkeit der beiden Gegenſätze der Geiſtlich⸗ keitskirche: der weltlichen Diktatur und des In⸗ De dennis nus daran Die biſchöfliche Kirche Amerikas, oder die rohe Ne- beneinanderſtellung der Gegenſd gen

IV.

Grund ſätze der Herſtellung einer vollſtändigen

Herleitung der Aemter aus der Idee des allge— eefterthu nns. Die drei Aemter: das Hirtenamt, das Amt der Regierer, das Amt der Helfer. Die Rechtsperſon der Kirche, und die Erdichtung eier Kirche Es giebt keine naturgemäße kirchliche Regierung CCC)! een een Die Oberherrlichkeit der Gemeinde Die Geiſtlichkeit als ſolche, hat kein Recht zur Re⸗ VPV) aan eine nee

112 117.

121.

126.

129.

131.

133.

135.

140.

24

Seite

446

Seite

Die Geiſtlichkeit verdirbt nothwendig das Recht.. 154. Jeder Beamte der Kirche hat eine doppelte Ober—

herrlichkeit anzuerkennen: Gemeinde und Staat 155. Vertheidigung der Lehre gegen den Vorwurf des

Predigers der Volksſouveränitätꝛeꝛ 156. Verhältniß der platonifhen Republik, der romani⸗

ſchen Revolution, und des Communismus zur

Idee der Kirche der Zukunft... 158. Was die evangeliſche Laienſchaft als Regierung,

als Wiſſenſchaft, als Volk für die Kirche gethan 159.

N

Die Verfaſſungs-Elemente der Ortsgemeinde

in Preußens ia 165 198. Die 6000 evangeliſchen Pfarrer Preußens... 165. Der evangeliſche Gemeinde-Vorſtand, die Aelteſten

der Presbyterial⸗Verfaſſun qq 170. Die Gemeinde und ihre Vertretung in der rheinifch-

weſtphäliſchen Kirche ge 172. Die Gemeinde und das Patronatöreht......... 1977 Die Elemente der Diakonie in der evangeliſchen

Kirche Preußens 184. Die Hülfsprediger und Hülfspfarrer (Pfarrvikare) 185. Die 17,000 evangeliſchen Volksſchullehrer Preußens:

Bedeutung dieſer Anſt allt 186. Die Diakonie als kirchliche Armen-, Kranken-,

Kinder- und Gefangenen -Pflege 191.

VI.

Die Verfaſſungs-Elemente der höhern Ge—

meinde in Preußen 189— 223. Der kirchliche Kreis, der einzige natürliche Mittel-

punkt ſelbſtſtändiger Kirchenregierung, unter den

vier gegebenen Sphärennndnd .. 198. Hat die rheiniſch-weſtphäliſche Kirche hier eine

freie Kirche gegründet, und warum nicht? .... 199.

447

Seite

Die Rechte der Kreisſy node 202. Die Rechte des Superintendenten .............. 204. Die Rechte der zweiten Abtheilungen der Regierun-

dg tungsbezirkee 207. Die Rechte des Provinal⸗Conſiſtoriums ..... 208. Die Rechte des geiſtlichen Miniſterium s 210. Die Rechte des General- Superintendenten 210. Ueberſicht der ftaatlihen Beamten für die Kirchens

e eee SAN AA Der ER RER RAE 212. elende 214. Urſachen des Mißlingens der Darſtellung einer freien

rireiſie 217.

Die Furcht vor dem Primat und die Furcht vor dem Pfaffenthum, die eigentlichen Gründe des ee einen inle.n.ce a neieächiae 221.

VII.

Die Sphäre des unabhängigen Kirchenkreiſes

in der Kirche der Zukunft oder der biſchöf—

CCCC%)))VTCC C 223— 243. Die Herſtellung eines unabhängigen Kirchenverban—

des im Kreiſe, der Mittelpunkt der Herſtellung

einer freien Kirchenverfaſſun e 223. Vorläufige Idee eines ſolchen Kreiſes als Sprengels 224. Unmöglichkeit, daß eine berathende Behörde ver—

VVV 225 Verbindung der Kirchenräthe und des Biſchofs

mit der Synode, und dem Staat ............ 226. Der Biſchof geht hervor aus der Synode durch

? 228 Der Biſchof allgemeiner Pfarrer und Seelſorger

CCC 231. Gewiſſensrecht des Biſchofs bei der Ordination .. 232. Die Confirmation gehört den Ortspfarrern 234.

Der Biſchof hat die Viſitation, aber kein Veto in der Verwaltung, noch in den Berathungen der Synode 235.

148

Nähere Begränzung des Kirchenkreiſes: Mittelpunkt eines Sprengels muß eine anſehnliche evangeli⸗ ſche Sid bilde nn ee 237.

So N etwa 60 Bisthümer in Preußen, 240.

Jeder Sprengel hat etwa 10 Dekane (Superinten⸗ dente ff 240.

Jeder ſolcher Sprengel iſt in ſeiner Verwaltung ſelbſtſtändig: das Geſchreibe hört auf......... 241.

VIII.

Die Herſtellung der übrigen kirchlichen Sphä— ren nach unten und nach oben und Ueberſicht

der Hauptpunkte der Verfaſſunn g Herſtellung der Ortsgemeinde von dem genom—

menen Mittelpunkte an ß 242. Die Diakonie muß einen befonderen Körper bilden,

mit den Candidaten an der Spitzz ee 244. Die Volksſchullehrer müſſen unter ſich noch eine

Körperſchaft bilden, und vertreten werden .... 245. Ueberſicht der Elemente der künftigen Kreisſynode 246. Der Biſchof in der Kreisſynoddee «se 248. Die Bildung der ſechs Landesgemeinden Preu⸗

ßens a = 250. Der Metropolitanbiſchof und der Landeskirchenrath

(Conſiſtoriuumd̃dd ee 254.

Der Metropolitanbiſchof und die übrigen Biſchöfe betraut mit Ausübung des landesherrlichen Pas

tronatr echtes. 257 Die Prüfung der Candid aten 258. Der Metropolitanbiſchof vom König ernannt aus

den Biſchöſe n 8 259. Thätigkeit und Recht der beiden Conſiſtorialräthe

und Confiſtorichtich tte ee 259. Der Metropolitanbiſchof hat in der Synode gar

kein Vorrecht, nur den Vorſit zzz 260

Seite

242 280.

449

Ueberſicht der künftigen Landesgemeinde 260. Die Biſchöfe ſtimmen beſonders ab 262 Die weltlichen Mitglieder haben ein Veto 262 Die Regierung beſtätigt die Beſchlüſſe, oder lehnt

fie ab, aber verändert fie nicht. 262

Fragliches Gericht über Biſchöfe und Pfarrer.... 262. Der geiſtliche Miniſter mit feinen zwei Räthen . 263.

Der oberſte kirchliche Reviſions hon. 265 “%%% c fe lan» wor 267. Ueberſicht der Hauptpunkte der VBerfaflung ...... 270

Was würde eine presbyteriale Gemeinde und was die Regierung bei einer ſolchen Verfaſſung auf⸗ zugeben haben, oder gewinnen 274

IX.

Die Herrlichkeit der Aemter der Kirche der Zukunft und die Einſetzung in diefelben... Ueberſicht der gefundenen Elemente der Herſtellung in den Aemtern der Kirche 231. Das eigentlich werdende Element der Kirche der Zukunft iſt das der Diakonie 283 Der göttliche Beruf der Kirche der Zukunft als einer Kirche der Freiheit und Liebe 285 Allgemeiner Grundſatz für den Eintritt ins Amt: keine Einſetzung ohne Amt, kein Amt ohne Ein⸗

FFPFPPPFCcCCCCcCCcccccccc 288 Einſetzung das allgemeiner, Ordination das beſon⸗ ff 292 Ueberſicht der verſchiedenen Einſetzungen in kirch⸗ e ee 293 Unterſchied von Einſetzung und Einführung ..... 294. Wichtigkeit des Zeugniſſes für das allgemeine Prie- ſterthum bei der Einſetzun g. 296

Seite

280 296

450

X.

Das Verhältniß der neuen Biſchöfe zu anderen Kirchen, oder der Eintritt der Kirche der Zukunft in die Chriſten heit

Jede Kirchengemeinde kann im Nothfalle alle Yem- ter aus ſich hervorgehen laſſen 298.

Keine evangelifche Landeskirche befand fich zur Zeit der Reformation in dieſem Nothfalle......... 299.

Jede kann das Amt der Regierung aus ſich ſelbſt hervorgehen laſſe n . 299

Sie darf hierbei keinen fremden Vorurtheilen nach⸗ geben, der Väter und des Zeugniſſes wegen . 301.

Jewell, Hoocker und Ar nod 303.

Beſondere Stellung der deutſchen Kirche 305.

Große geſchichtliche Bedeutung der Einrichtung eines unabhängigen gemeindlichen Episkopats, und Wichtigkeit der gegenſeitigen Anerkennung evangeliſcher Landeskirchen 306.

Erörterung der Frage von Theilnahme fremder

Kirchen an der erſten Einſetzung von Biſchöfen, vom Standpunkte der Liebe.. 307.

Zeichen der wahren Katholizität (Gefühls der All⸗ gemeinheit der chriſtlichen Kirche) in allen evan⸗ g geliſchen Kirchengemeinſchaften und Völkern.. 311.

Weltgeſchichtliche Bedeutung eines brüderlichen Zu⸗ ſammenlebens evangeliſcher Völker und Kirchen 314.

XI.

Das Verhältniß der Kirche der Zukunft zu Volk, Wiſſenſchaft und Staat Die freie Nationalkirche in ihrer äußeren Stellung 317. Die Stellung zu den Separatiſten oder Diſſidenten 318. Die Herrnhuter, der unentwickelte Miſſionsorden der evangeliſchen Kirche Deutſchlands 319. Verhältniſſe der Kirche zum Staate 320

Seite

En

252

Der Zwang der Confirmation und der kirchlichen Trauung muß aufhören, für alle. Fehler im neulichen Vorſchlage des Eheſcheidungs— geſetzes: die Kirche der Zukunft erträgt keine polizeiliche Mithülfᷣ c. Die Kirchenzucht, als Ausſchließung von Kirchen⸗ Aemtern und vom Abendmahlhi !!! Auch hier die Gemeinde die höchſte Behörde Verhältniß der Kirche zu den theologiſchen Facul- täten der Univerſit ä ten. Die Biſchöſe haben die Anklage, die Landeöge- meinde das Urtheil, als Antrag an die Regierung Erörterung des Begriffes der Lehr freiheit Die philoſophiſche Facultät ganz unabhängig von den Biſchöfen und der Kirche REN Beſchaffung der irdifhen Mittel für die verhält: nißmäßige Verwaltung der Kirche und die Dia⸗ konenſtellung der Candidatens. Die evangeliſche Kirche hat vom Staate eine Rente für dieſe Bedürfniſſe zu erwarten nach Verhält⸗ niß der Rente, welche der römiſch⸗katholiſchen Landeskirche zugeſichert worden Verhältniß der Staatsausgabe für die beiden Lan⸗ deskirchen, nach der Angabe der rheiniſchen Synode

XII. S ch lu 65

Der Ausgangspunkt und die gegenwärtigen ee EEE EHER.

Ergebniß der Unterſuchunnn g Wie iſt für die Bildung der Kirche der Zukunft

der wahre Anfangs- u. Ausgangspunkt zu finden? Jeder Ausgangspenkt gut, der ein lebendiger ift.. Jeder Anfang will Prinzip werden

322

341.

343.

345.

348. 349,

Seite

346 —378

452

Das Leben allein vermittelt das geſchichtliche und das ſpekulative Element, Ueberlieferung und Idee Die zwei tödtlichen Irrthümer: Verkennung des lebendigen Ausgangspunktes, und Gründen der Kirche auf Verneinung Beides find Regungen der unfreien Natur. Die bisherige Einſeitigkeit im deutſchen Leben der Kirche leicht begreife Die deutſche Kirche der Zukunft muß aus dem gro= ßen, weltgeſchichtlichen Geſammtgefühl kirchlichen i eat re LE Gegenwärtige innere Befchaffenheit der deutſchen evangeliſchen Kirche, Rationalismus, Kritik, Spe⸗ kula tian 8 Das Chriſtenthum iſt Leben und Weltgeſchichte, nicht Syſtem und ſpeculative Wiſſenſchaft .... Die Zeichen des neuen Lebens in der Kirche... Die rheiniſch-weſtphäliſche Kirche Die ſechs Synoden der übrigen Landſchaften Preußens Die evangeliſche Kirche Baierns und die Kniebeugung Der große evangeliſche Hülfs-Verein (Guſtav Adolph Verein)) Die freien Vereine hülfreicher Liebte Die neuen katholiſchen Gemeinden Gewinn des Kampfes um die gemiſchten Ehen und Jeruſ alem Die theologiſche Wiſſenſchaft nähert ſich dem Leben Einigkeit der verſchiedenen Schulen in Beziehung auf die Hauptpunkte der Verfaſſun gg. Grundzug geiſtiger Freiheit und Innerlichkeit in allen dieſen Regungen, und die Stellung Friedrich Wilhelm IV. zu dieſem Grundzugee

352

357

Seite

* 1 rr

Se a

453

Seite Anhang. I; Auszüge aus den Verhandlungen der rheinı- ſchen Provinzialſynode von 1844 ............ 381391.

1. Die beiden erſten Vorſchläge der kirchlichen Verfaſſungscommiſſion der Regierung ..... 381.

2. Bericht der Commiſſion für Erwägung der

confeffionellen Verhältniſſe. Erſte Abthei- lung: Paritätsverhältnium gag. 391.

II. eeectl s 395

III. Notizen über die Pag. 194 und 195 genannten, der Diakonie und verwandten Beſtrebungen

angehörenden deutſchen Anftalten.......... 420 442 NE REES RE 420. ELLE nee (ccc 422.

TED ER Je ccc 427.

N rn es »» 430.

VT 432.

Erziehungshaus in Berlin. .......ccceccceenen. 434.

Rauhes Haus zu Horn bei Hamburr g 435

Gedruckt im Rauhen Hauſe zu Horn bei Hamburg.

107, 121, 121, 126,

3. 4 v. 6 U. n. es 5 1 „10 v. 0 5 0 1.

v.

v.

Druckfehler.

Kirche 7] fi. in der l. der.

. fl. forderte I. fordert.

ſt. jenes l. dieſes.

ſt aller I. der.

. ft. allem l. allen

. fi. verwarfen J. verwerfen.

. ft. pſychologiſch perſönlich I. pſych. und perſönlich. ft. in ſolchen Tiefen, hier J in ſolche Tiefen hier, nach Exponenten muß das (,) wegfallen.

ni

ſtreiche das (,) zwiſchen gefährliche und politiſche.

*

1