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Full text of "Das Glas im Altertume"

HIERSEMANNS HANDBUCHEB, BAND Ff 



^^'"'"''^^ 




DAS 

ÖLAS IM 

ALTERTUME 



II 






HIE RSEMANNS HANDBÜCHER — BAND 111' 

Das Glas im Altertume 

VON ANTON KISA 
ZWEITER TEIL 



MIT 5 FARBENDRUCKTAFELN, 6 TAFELN IN 
AUTOTYPIE UND 127 ABBILDUNGEN IM TEXTE 







>^ 



V. 



4 



^^vy 



LEIPZIG 

VERLAG VON KARL W. HIERSEMANN 

1908 



IL TEIL. 



VI. 



Die Verwendung des Glases in der Antike 
und die gebräuchlichsten Gläserformen. 



Kisa, Das Glas 



Die Verwendung des Glases in der Antike und die 
gebräuchlichsten Gläserformen. 

Unsere wichtigsten und ergiebigsten Fundgruben antiker 
Gläser sind die Grabstätten, welche . mehr als profane Stellen 
von späteren Plünderungen bewahrt geblieben sind. Die Gläser 
stellen zumeist Totenbeigaben dar, da die fromme Sitte den 
Hinterbliebenen vorschrieb, den Verstorbenen auf der Fahrt zur 
Unterwelt mit Milch, Wein und Honig zur Wegzehrung, sowie 
mit solchen Gegenständen des Hausrates zu versehen, an welchen 
sein Herz zu Lebzeiten besonders hing oder die seinen Stand und 
Beruf kennzeichneten. Das Kind begleitete sein Spielzeug, die Frau 
ihr Schmuck und ihr Toilettengerät, den Arzt seine Instrumente, 
den Gelehrten und Beamten Schreibgerät, den Krieger mitunter 
die Waffen. Nur am Rhein war es bei den Legionären Sitte, 
sich in der Toga des römischen Bürgers bestritten zu hissen, 
der sie den Vorzug vor kriegerischem Schmucke gaben. Dazu 
kamen Öle und wohlriechende Balsame, mit welchen namentlich 
nach dem Aufhören der Leichenverbrennung in den Sarkophag- 
gräbern großer Luxus getrieben wurde. Ein Teil der duftenden 
Flüssigkeiten wurde bereits zum Balsamieren und Übergießen 
des Leichnams verwendet, der Rest vor Schluß des Sarges in 
Fläschchen und Kannen dem Toten ins Grab gestellt. Aber 
auch schon bei Brandgräbern wurden Prirfüms zum Besprengen 
der Asche reichlich verwendet und andere in Gefäßen den 
übrigen Beigaben hinzugefügt. Die Asche wurde in Urnen (ollae, 
urnae) beigesetzt, die aus Marmor, Ton, oder Glas bestanden. 

Gläserne Asche nbehälter aus Brandgräbern sind uns in 
großer Zahl und oft in ganz unversehrtem Zustande erhalten 
geblieben, weil sie zumeist in zylindrischen und \iereckigen 
Kisten aus Stein, manchmal aus Blei, ocU^r in giMuauerten Grab- 



312 

kammern geborgen waren. Am häufigsten sind sie in G^lllien, 
den Rheinlanden. Uritannien und Italien, in Sjianien und Xord- 
afrika nicht selten, dagegen in driechenland. im Orient und in 
Ägypten so gut wie unbekiumt. Nichtsdestoweniger stammen 
sehr \iele von ihnen, wie schon das .Ägypten eigentümliche, 
stark bläulichgrüne und durchsichtige iVüiteriid beweist, aus 
diesem Lande. Ihre \^erwendung als .Vschenurnen geht in Gallien 
und am Rheine bis in die Mitte des III. Jahrhunderts hinab, 
worauf der Leichen\erbrennung die Bestattung unverbrannter 
Leichen in Sarkophagen folgte. Ursprünglicli dienten sie aber 
anderen Zwecken, wie aus den Resten von Früchten, Wein 
und Öl hervorgeht, welche sich namentlich in den süditalischen 
Urnen des Museums von Neapel noch häufig erhalten haben. 
Ebenso wie diese Urnen als Behälter von Nahrungsmitteln und 
Flüssigkeiten verschiedener Art nach Europa kamen und später 
als Gr^iburnen benutzt wurden, so wurden auch in den germa- 
nischen Provinzen derartige Gefäße hergestellt und nach den 
darin gefundenen Eierschalen. Obst- und anderen Speisearten 
im Haushaltt^ \erwendet.^) Die italischen und gallischen Grab- 
urnen heimischen Ursprunges sind heller, mehr grünhch oder 
gelbhch, auch vollkommen wasserhell. 

Die gewöhnlichste Form der antiken gläsernen Grabume 
ist die des kugelbauchigen Doliums, das in Ton unsere Wein- 
fässer vertrat und so häufig in Pompeji, namentlich in dem 
Weinkeller der Villa von Bosco Reale, aber auch diesseits der 
Alpen, z.B. in Köln gefunden wurde (Abb. 54). Die kugelige Form 
ergab sich beim Blasen an der Pfeife als die einfachste und 
natürhchste. Außer dem Dohum waren unter den von der 
antiken Keramik vorgebildeten Formen für Aschenurnen in Glas 
der Canopus, Kr£iter, namenthch in der Sonderart des Vaso a 
colonette, die bauchige Gestalt der Ami)hora. das unter dem 
Namen Psykter bekannte Kühlgefäß, die 1 lydria und das 
Stamnion maßgebend. Daraus bildeten sich folgende Haupt- 
formen: 

1. Kugelbauchige und eirunde Urnen, deren breiter ge- 
gliederter Randwulst fast unmittelbar auf der Wölbung aufsitzt. 



^) Solche Glasurnen beönden sich u. a. im Museum zu Regensburg. 



313 



Ohne Henkel. Sie entsprechen den Tonurnen aus der ersten 
Kaiserzeit und reichen noch in die der Antonine hinein (Abb. 54: 
Formentafel C 170 bis 172). Der Deckel ist entweder flach 
und in der Mitte mit einem kurzen, von einem Knopfe ab- 



geschlossenen Handg-riffe versehen (wie bei Abb. 



verjungt 



sich in g-eschweifter Keg^elform mit kugeligem oder scheiben- 
förmigen Ende (Abb. 54; Formentafel C 167, 170, 172) oder in 
doppelter vSchweifung. Später treten ge- 
drungenere Formen mit kleinem Fußring 
und kurzem, weitem und ausgeschweiftem 
Halse auf, die aber, wie die früheren, 
henkellos sind (Grabfeld von Weißenturm 
bei Straßburg, Anfang des IL Jahrhunderts. 

2. Dickbauchige Krater, nach unten 
etw^as verjüngt, mit einer Abplattung oder 
einem Fußringe. Der mitunter ganz scharf 
abgesetzte Hals \erbreitert sich etwas 
nach oben und schließt mit einem Rand- 
wulste. vSeitwärts zwei aufrechtstehende 
(Juerhenkel, aus einem dicken Rundstabe 
geformt (Abb. 54; FormentJifel C 167). 
Häufig sind gerade bei dieser F'orm AI- 
artig zusammengebogene Henkel, denen 
der A^asi a colonnette nachgebildet und oft 
den Rand berührend. (Abb. 54a, 55). x\uch 
diese in Pompeji zahlreich vertretene Form 
gehört der frühen Kaiserzeit an und ver- 
ändert sich später gegen Ende des Jahrhunderts etwas, indem der 
Hals weniger scharf absetzt und entweder gleichmäßig verläuft 
oder nach oben enger w4rd. In ersterer ist sie der altehrwürdigen 
Gestalt des ägyptischen Canopus, der Grundform der Urne, am 
ähnlichsten, doch ist dieser stets henkellos; in letzterer dem 
Psykter, dem kleinhenkeligen, b^iuchigen Kühlgefäße. 

3. Amphoren, kugelbauchig, mit F'ußring, ^ülmählich in 
einen breiten Hals übergehend, mit dickem Randwulste, an 
welchen die stiirken, dreifach gerippten Henkel ansetzen. Diese 
steigen zumeist senkrecht an und biegen oben rechtwinklig ab. 
Die Form entspricht Tongefäßen aus der Zeit der Antonine. 




Abb. 154. Becher mit farbi- 
gen Xuppen. Deidesheim, 
Bassermann- Jordan. 



314 

(Abb. 54; Henkel in Formentafel C 169). vSelten ist als Aschen- 
ume die Form der kug-elbauchigen, einhenkeligen Kanne mit 
breitem, ringförmigem Rande, wie sie in den longobardischen 
Funden von Castel Trosino im Museum der Diocletiansthermen 
in Rom vertreten ist.^) Sie steht der Lagona (Handhydria) am 
nächsten, dem Wasserkruge, der auch sonst in Glas als Haus- 
gerät vorkommt. Die Benennung für Ton ist durch eine Inschrift 
auf dem Exemplare des Museums in Saintes gesichert: „Martiali 
soldam lagonam".'") 

4. Zvlindrische Aschenbehälter mit schmalem Randwulste, 
dicht darunter zwei kleine Henkel. Ein Exemj^lar dieser Art 
wurde in Trier mit emaillierten Fibeln und einem Lämpchen 
aus der P^abrik des Fortis gefunden, andere in Flammersheim 
(Eifel), Toulouse, Apt (Apta Juha), diese mit dem Stempel des 
Glasers L. Arleni La})idis. dann in Vaison und Colchester. 

5. Aschenbehälter in Form des Stamnion. Sehr breite 
Zvlinderform mit abgesetztem, kurzem Flaschenhalse, flachem 
Randwulste und breitem, recht- oder spitzwinkelig gebogenem, 
mehrfach geripptem Henkel (Abb. 54: Formentafel C 173). Diese 
auf altägyptische Gefäße zurückgehende Form ist ursprünglich aus 
Alexandrien eingeführt und diente gewöhnlich als Wein- und 
Ölkanne, sowohl einhenkelig (Formentafel E 264 — 267J wie doppel- 
henkelig (ibd. C 152, 153, 156). In späterer Zeit verlängert sich der 
Hals, bis er am Ende des IV. Jahrhunderts und in fränkischer 
Zeit beinahe die halbe Höhe des Gefäßkörpers erreicht. In 
Pompeji fand man das Stamnion ursprünglicher Form im Hause 
des Chirurgen. Zahlreiche andere gleichartige Exemplare aus 
den Vesuvstädten und anderen Gegenden Süditaliens, sowohl 
solche die als Aschenurnen, wie andere, die zum Haushalte benützt 



'^) La necropoli barbarica di Castel Trosino presso Ascoli l'iceno. Monumenti 
anlichi, pubblicati per cura dclla r. Accademia dei Lincei, vol. XU. Milano 1902. 
S. 146 ff. Mit 14 Tafeln. 

-j Revue archeol. XII, 175. Otto Jahn in den Berichten der siichsischen 
Akademie der Wissenschaften, philos.-hist. Kl. 1857, S. 197. Dieser Krug wurde auch 
für Wein und öl benutzt. Ähnliche Formen hatten wahrscheinlich die Gefäße, die 
man unter den Namen vinarium, vas vinarium, acratophoron, oenophoron, mit Deckel 
aquiminarium kannte. Lagona nannte man aber auch, wie früher bemerkt, das 
zylindrische Stamnion. 



3' 5 



wurden, sämtlich aus stark gefärbtem bläulichgrünem Glase, be- 
finden sich im Museum von Neapel.^) Französische Archäologen 
gebrauchen zur Bezeichnung der Stamnien gewöhnlich den Aus- 
druck „Diota", 

6. Aschenbehälter in Form viereckiger prismatischer Kannen, 
sonst in den Einzelheiten den vorigen gleich. Sie kommen auch 
sechseckig vor (Formentafel E 269, 270). Diese oft direkt 
büchsenartigen Gefäße sind ursprünglich gleichfalls alexandri- 
nischer Herkunft und aus bläulichgrünem Glase in Formen ge- 
blasen. Sie dienten in ver- 
schiedenen Größen von etwa 
8 — 40 cm Höhe zu Zwecken 
des Haushaltes und zur Ver- 
sendung \'on Flüssigkeiten. 
Eine farblos durchsichtige Urne 
von viereckiger Gestalt mit 
einem erhabenen Stempel in 
Sternform am Boden wurde in 
Spoleto gefunden. Gewöhnlich 
haben die Fabriksmarken hier 
die Form konzentrischer Ringe. 

Als Ausnahmen kommen 
Aschenurnen von einer Kugel- 
form vor, welche dem Aryballos ohne Henkel n^ihesteht, nur sind 
sie von imsehnlicher Größe. Eine solche befindet sich z. B. im 




Abb. 155. Cantharus mit Tränen. 
Köln, ehem. Sammlung .Merkens. 



1) Zur Aufbewahrung von Früchten und Gemüsen empfiehlt Columella, ein 
unter Claudias lebender Schriftsteller über Landwirtschaft, Gläser mit breiter Mündung 
und geraden Wandungen „ore patentiere et usque ad imum equalia" und zwar lieber 
in größerer .Anzahl als in zu großem Maßstabe. Damit meint er Lagonen und derbe 
napfartige Gefäße. Man fand sie in einer Gastwirtschaft in Pompeji am ursprüng- 
lichen Orte, angefüllt mit Birnen, Feigen, Kastanien und anderen Früchten und Ge- 
müsen (Mazois, ruines de P. III S. 63). Auf pompejanischen Wandgemälden sieht man 
mit Früchten gefüllte Glasgefäße auch auf der Speisetafel. Nero brauchte ein 
derartiges Gefäß für das Eiswasser, das er zu trinken pflegte. Man ließ das Wasser 
darin gefrieren und vor der Verwendung wieder auftauen. So ist sein Ausruf zu er- 
klären, als er in seinen letzten Augenblicken genötigt war den üurst aus einer 
Pfütze zu löschen: „Haec est Neronis decocta". Kaiser Maximin machte von einem 
Glase einen sonderbaren Gebrauch. Er sammelte darin den kaiserlichen — Schweiß! 
„Sudores saepe suos excipiebal et in calices mittebat" (Vopiscus). 



3i6 . 

Museum von Mainz (abgeb. bei Koepp, Die Römer in Deutschland, 
S. II 8, Fig. III. Eine imdere daselbst hiit gedrückte Kugelform, 
breiten flachen Randwulst, der unmittelbar auf dem Körper aufsitzt 
und an dessen unterer Hälfte dünne Längsrippen). 

Auch die symbolische Fischgestalt wurde zu Aschen- 
urnen verwendet. Leider ist uns kein Stück dieser Art mehr 
erhalten. Montfaucon veröffenthcht eine Fischurne aus Glas, 
die in Coningsheim gefunden und früher in Lüttich verwahrt 
wurde. Sie hatte eine gravierte Inschrift und zwar stand auf 
einer Seite POLITICVS ALBINIAE auf der anderen KARLSSIME 
SVAE. Sie war ebenso mit Asche gefüllt, wie eine andere 
Fischurne, die 1747 in dem benachbarten Tongern entdeckt und 
von Heylen in den Memoires de l'acad: de Bruxelles IV (1783) 
S. 445 veröffentlicht wurde. Sie hatte die Inschrift CARINE 
FILI MI CARISSIME.i) 

Weitaus die meisten der in Gräbern gefundenen Gläser 
haben die Form der Flasche. Diese ist nächst der reinen Kugel- 
gestalt die einfachste und natürlichste Bildung an der Glaspfeife. 
Wenn der Arbeiter, nachdem er die Glasblase hergestellt, die 
Pfeife senkrecht herabhängen läßt, zieht sich die Blase schon 
durch ihre eigene Schwere nach abwärts und es entsteht eine 
röhrenförmige Verlängerung, der Hals. Häufig wurde aber auch 
der Hals, ebenso wie der Fuß der Flasche, gesondert hergestellt 
und dem Körper angefügt. Durch gewisse Drehungen und 
Schwenkungen, durch Rollen auf dem Marmor, Absetzen und 
erneutes Blasen, durch Anhalten eines Stabes mit bestimmten 
Ausschnitten, durch Blasen in eine Hohlform kann der Arbeiter 
die Gestalt der Flasche beliebig variieren. 

Unter den zahllosen Flaschenformen, die wohl die größere 
I lälfte aller antiken Gläser ausmachen, kommen vorläufig für uns 
nur die im Totenkulte verwendeten, namenthch jene kleinen 
mehr oder minder zierlichen Bildungen in Betracht, die als 
Totenbeigaben im Volksmunde den Namen „Tränenfläschchen" 
angenommen haben, weil die Sage ging, daß die Leidtragenden 
und Klageweiber darin beim Begräbnisse ihre für den Ver- 
storbenen vergossenen Tränen gesammelt hätten. Süditalische 



') Vgl. Bohn, CiL XIII 3, No. 191, 192. 




Abb. 156. Hcnkelt'ormen. 



3i8 

Vasenbilder und Wandgemälde zeigen uns Frauen mit solchen 
Fläschchen bei der Toilette. Sie enthielten I^alsamc und wohl- 
riechende Essenz(Mi. w (^shalb man sie mit dem Gesamtnamen 
„Balsamarien", ohne Rücksicht auf den Stoff, aus welchem 
sie hergestellt sind, bezeichnen kann. Sie wurden durch einen 
hölzernen Pfropf und eine Harzschicht geschlossen, über welche 
man oft noch ein dünnes Bronzeplättchen legte, in .Vgypten 
mitunter auch mit Läppchen und .Streifen von Papyrus und 
Seide. Die Untersuchung des Inhaltes von Balsamarien aus rhei- 
nischen Gräbern, sofern von einem solchen noch Spuren vorhan- 
den waren, ergab bei den einen nichts als — Ackererde, welche 
im Laufe der Zeit mit Wasser durch den undichttMi Verschluß ein- 
gedrungen war. l)ei d(Mi anderen Balsam oder cm gelbliches Ol, 
einige ALile OlixeiKÜ. In Ägypten fand Daressy, wie oben mit- 
geteilt wurde, sogar noch in einem Fläschchen aus den Gräbern 
des Maherpra und Amenophis IL, also aus der Zeit um 1500 
\or Chr., Reste eines ziemlich stark und angenehm duftenden 
Parfüms, welches teilweise in die seidene Umhüllung der Mün- 
dung eingedrungen war, teilweise sich in einen festen Bodensatz 
verwcindelt hatte.^) Die zahllosen A^arianten der im Totenkulte 
verwendeten Maschen lassen sich iiuf die klassischen Grund- 
typen der unteritalischen Flasche und Kanne, die der Balsa- 
marien insbesondere auf die des Prochus, Stamnion, der ver- 
schiedenen Arten des Lekythos (lateinisch AmpuUa) und des 
von dem altkorinthischen Lekythos und der ägyptischen Situla 
abgeleitete Alabastron zurückführen. Letzteres, ursprünglich aus 
Ton gebildet, ist schon in Ägypten die weitaus beliebteste Form 
der sogenannt(Mi Tränenfläschchen. Zu deren Herstellung w urden 
oft die kunstvollsten Glastechniken, wie der Überfang, ^Mosaik, 
Bänderung, farbiger Fadenschmuck, Reliefverzierung in Hohl- 
formen, Gravierung, Schliff und Bemalung verwendet. Wir sehen 
vorläufig von allen diesen Arten der Bearbeitung ah und be- 
trachten nur die Grundformen. 



^) Vgl. die Untersuchung von Balsamaricn in einem .•Kscliengrabe am Rhein, 
Bonner Jahrb. 19, S. 77. Die Funde von Daressy sind von ihm in einem der 
großen Kataloge des Museums von Kairo veröffentlicht unter dem Titel: Fouilles de 
la Vallde des Rois. Tombes de Maherpra et .amenophis II. 



319 

Die archaische Form des Prochus, welcher in der grie- 
chischen Keramik eine so große Rolle s])ielt, zeigt einen kegel- 





li iik 




Abb. 157. Ilcnkelformen. 



förmigen, unten abgeplatteten, manchmal mit einem niederiMi 
Fußringe versehenen Körper, einen scharf abgesetzten, ziemlich 
die gliMche Höhe wie der Körper messenden Röhrenhals und 



3-0 

g-evvöhnlich einen schnabelförmigen Ausguß. Aus dem Prochus 
wurden im profanen Gebrauche die Becher mit Wein gefüllt. 
Ein langer, oben leicht geschwungener Henkel reicht vom 
Rande bis gegen die Mitte des Körpers. So finden wir d(ni 
Prochus, häufig mit allerlei Abweichungen, besonders in der 
Bildung des Halses und Henkels, auch in Glas (Vgl. Formen- 
tafel D 246, 247; E 253 bis 256). Wenn der Hals besonders 
angesetzt wurde, erhielt er am unteren Ende eine Einziehung; 
diese hatte auch den praktischen Zweck, das Auslaufen der 
Flüssigkeit beim Ausgießen zu verlangsamen und in allmäh- 
liges Tropfen zu \er\\andeln. An Stelle des Randwulstes tritt 
die trichterförmige Erweiterung, die halbkugelige oder ge- 
schweifte Mündung des attischen Lekythos, wie sie z. B. die 
Kanne F^ormentafel D 203 zeigt, oder eine kegelförmige Er- 
weiterung, die bereits unten beginnt. Die Henkel variieren in 
den m^mnigfaltigsten, der Glastechnik entsprechenden Bildungen, 
deren wichtigste auf den Abb. 156 bis 158 zusammengestellt sind. 
1 lenkellos kommt der Prochus bei den syrischen Ölflaschen 
(Formentafel A 16, 17) und bei zahlreichen ähnlichen, auch in 
(iallien und am Rhein bekannten Typen vor, wobei sich 
der Ivörper glockenförmig rundet (Formentafel A 15, 22, 23), 
oder bis zu einer bloßen verbreiterten Standfläche zusammen- 
schrumpft (Formentafel A 12 — 14, Abb. 56). Die schn£ibelartige 
Mündung findet sich auch bei anderen Glaskannen (Formen- 
tafel A 63, C 143, 174 — 178, 180, 183, D 193, 214 — 216, 232, 
235, 249, E 260), bei Gefäßen, die zum Ausguße bestimmt sind. 
Das in Formen geblasene Stamnion, das in großen Ver- 
hältnissen auch als Aschenurne dient und bereits unter diesen 
beschrieben w^urde, verliert als Baisamarium mitunter seine streng 
zylindrische F'orm und schwillt nach oben leicht an, wobei die 
obere Abplattung sich rundet und der Hals allmählich in den 
Körper übergeht. Es gibt auch ganz schlanke Formen dieser 
Art. Der Rand wird gewöhnlich durch einen doppelten oder 
dreifachen Ring gegliedert (Formentafel E 264 — 267), an welchen 
die Henkel anschließen; es kommt auch doppelhenkelig vor 
(Formentafel C 152, 153, 156, Abb. 57 Mitte). Eine besondere 
Abart sind die Reifenkannen, barillets, welche |Fäßchen nach- 
ahmen (Formentafel E 268 einhenkelig, C 154, 155 und Abb. 57 



321 



seitwärts zweihenkelig", Abb. 60 Mitte, 324a), wobei das Spund- 
loch manchmal an einem kurzen Halse in der Mitte zwischen den 
Reifen angebracht ist und das Gefäß auf drei Zapfen ruht (Formen- 
tafel E 272, 273, Abb. 58). Der Hals ist dabei mitunter von 
zwei kleinen Delphinhenkeln begleitet (Formentafel E 273, Abb. 58). 
Eine Variante zeigt einen kleinen halbrunden Henkel zwischen 
den Reifen, wobei der Hals ganz unterdrückt ist (Formentafel 
E 271, Abb. 59). 
DasStamnion ent- 
hält ebenso wie 
die Reifenkanne 
sehr oft am Boden 
in erhabenen Let- 
tern Namen, Initi- 
alen oder Zeichen 
des Fabrikanten. 
Im Museo Borbo- 
nico findet sich 
das Stamnion, wie 
auch die viereckige 
und sechseckige 
Kanne in allen 
Größen, bis zu 
40 cm, sowohl in 
Glas, wie in Ton. 

Oft sind die Kanten, besonders oben, stark ^lbgerundet, 
die Seitenflächen fast eliptisch werden. Nicht minder zahlreich 
und von stattlicher Größe sind die Exemplare in der Brera. 

Wie das Stamnion gehen auch die Delphin-Fläschchen auf 
altägyptische Muster zurück. Sie sind von schlanker zylindrischer, 
manchmal auch sechseckiger Form und zeigen einen röhrenför- 
migen, unten eingezwickten, oben scharf ohne Randwulst abge- 
schnittenen Hals. (Formentafel C 157 — 159, 9 a, b; Abb. 60, 61). 
Am unteren Ansätze des Halses sind zwei Ösen angebracht, 
welche bei den besseren Exemplaren, ebenso wie bei den vorge- 
nannten l^^äßchen Delphinköpfe darstellen. Diese sind in manchen 
Fällen gepreßt, bei den meisten Exemplaren aber aus freier 
Hand aus einem dicken Glasfaden gebildet, dessen Windungen 




Abb. 158. Henkelformen. 



SO 



daß 



ungefähr ;ui (Miicn I )('l])hinko])f erintii'rn. .Sic sind farblos oder 
türkisblau, selten \ on einer anderen färbe, und dienen zum 
Durchziehen von bronzenen Kettchen, durch welche die i-"läs(di- 
chen am Gürtel befestigt und in das Bad mitgenommen werden 
konnten. Auch sie enthielten Öle und Balsame. Das Material 
der Fläschchen ist in der Regel vollkommen farbloses Glas, 
das im Laufe der Zeit trübe geworden und nicht etwa 
künstlich mattiert ist: zu den sechseckigen Exem])laren ver- 
wendete m^m im Abendlande auch grünliches, aber nicht das 
ägyptische bläulich-grüne Glas, sondern eine hellere, mehr gelb- 
lich-grüne Sorte. Wie die vorhergenannten sind sie in Hohl- 
formen in einem .Stücke ohne Naht geblasen, dünnwandig und 
nach unten etwas verjüngt, um leicht aus der Form heraus- 
genommen werden zu können. 

Dieselben ösenartigen Henkel findet man an einer weit- 
verbreiteten Klasse von Gefäßen, kugeligen Badefläschchen 
aus bläulichgrünem, grünlichem, aber auch aus smaragdgrünem, 
dunkelgrünem, amethystrotem, goldbraunem und krystallhellem 
Glase (Formentafel B 130, C 161, 166; Abb. 60 — 63). Auch diese 
F^orm stammt, wie ich auf S. 83 gezeigt habe, von Ägypten her; 
sie ist aus dem allerdings griechischem Formgefühle angepaßten 
Aryballos entstanden und kommt daselbst außer m opakfarbigem, 
mit bunten Zickzack- und Wellenlinien verziertem Glase auch in 
Ton oft vor. Die Fläschchen sind ziemlich dickwandig und frei 
geblasen, unten entweder leicht abgeplattet oder mit einem F^uß- 
ringe versehen. Neben den kugeligen gibt es auch flache Bildungen 
in F'orm kleiner Pilgerfläschchen und ringförmig durchbrochene, 
die aus zwei F'ormhälften geblasen sind. (Auch das auf Abb. 60 
rechts wiedergegebene Stück aus goldbraunem Gkise mit einem 
Netzmuster, ein Kölner Fund, ist in einer Doppelform herge- 
stellt). Mitunter steht das Fläschchen auf drei kleinen Zapfen 
(F^ormentafel C 166). An den Ösen sind häufig noch Bronze- 
kettchen oder eimerartig gebogene Henkel erhalten, mittels 
welcher auch solche Fläschchen neben Striegeln und anderen 
Badegerätschaften am Gürtel getragen wurden. Eine Bade- 
garnitur dieser Art fand ich in einem Grabe an der Luxem- 
burger Straße in Köln, doch bestand hier das Fläschchen nicht 
aus Glas, sondern aus Bronze. Bei ili'n gläsernen Fläschchen 



323 



diente m^mchmal anstiitt des sonst üblichen hölzernen Pfropfes 
ein kleiner Bronzezylinder mit kurzem Knopfende zum Ver- 
schlusse, oder ein Schraubenverschluß aus gleichem Stoffe, 
welchem im Innern des Halses Windung-en entsprachen. Im 
Museo Borbonico gibt es derartige Fläschchen, die mit einem 
mehrgliederigen, in einen Ring endigenden Bronzeverschlusse 
versehen sind. (Abb. 63 a). An dem Ringe war ein bronzenes 
Kettchen befestigt. In der Sammlung- Disch befand sich ein 
Kugelfläschchen, an dessen 
Ösen ein Eimerhenkel aus 
Bronzedraht befestigt war, 
an welchem es getragen 
werden konnte. Im Halse 
steckte eine hohle zylind- 
rische Bronzehülse mit 
einem aufrechten Hand- 
griffe. Es ist nicht undenk- 
bar, daß dadurch das 
Fläschchen als Lampe her- 
gerichtet war, da durch 
die Metallhülse ein Docht 
gezogen werden konnte. 
(Abb. 63). Manche Fläsch- 
chen sind im Inneren durch 
Scheidewände in drei Ab- 
teilungen geteilt, welche 

im Äußeren durch drei entsprechende Öffnungen in der Mün- 
dungsplatte kenntlich sind. (Abb. 61 links). vSchraubengewinde 
kommen auch am Äußeren der Hälse vor, jedoch nur Ijei lang- 
halsigen Exemplaren ohne Mündung-splatte, so daß ein Metall- 
verschluß über den I lals geschraubt werden konnte, soHde genvig, 
um das Fläschchen und seinen Inhalt selbst auf weiten Reisen 
zu sichern (Abb. 61 rechts). 

Neben dem zylindrischen Stamnion wurde auch die \ ier- und 
sechseckige prismatische Kanne häufig als Baisamarium be- 
nützt (xVbb. 64). Die ob(>ren Kanten des KörptM-s sind abgerundet, 
der kurze Hals zumeist mit einer flachen Randscheibe versehen, 
an welchen die br(nten, rechtwinkelig gebogenen Henkel an- 




Al)b. 159. Gruppe von Gläsern, a Kegelflasche 

Mainz, Museum, b Becher. Worms, Paulusmuseum. 

C Kanne mit Kettenhenkel. Mainz, Museum. 



3^4 

schließen. Diese sind, wie beim /ylindriselien Staninion. mehr- 
fach gerippt oder flach. Das Meiterial ist grünhches, farblos 
durchsichtiges, selten gefärbtes Glas. Die Seitenwände sind 
gewöhnlich glatt, aber auch schräge gerieft. Gläser dieser 
Art kommen in allen Größen vor, von 5 bis etwa 45 cm Höhe, 
schlank und gedrungen, manchmal fast wie würfelförmige Tiegel 
oder Büchsen, henkellos und mit sehr breitem und kurzem 
Halse. Letztere dienten als Behälter zähflüssiger Salben und 
Schminken. Auf dem leicht konkaven Boden sieht man einziehe 
geometrische Reliefverzierungen und P'al)riksniarken: so kon- 
zentrische Ringe auf vielen gallischen, italischen und milesischen 
Exemplaren, auf anderen Sterne und Rosetten, in den Ecken 
kleine Rundknöpfe. Eine sechseckige in Köln gefundene Flasche 
des Museums W^dlraf-Richartz hat im Kreise linksläufig den 
Stempel IREXI, eine der früheren Sammlung Wolff daselbst den 
einfachen Buchstaben C. Solche Flaschen kommen schon in alt- 
ägyptischen Gräbern vor, finden sich aber sonst im ganzen 
Gebiete des Römerreiches, besonders häufig auf den grie- 
chischen Inseln und in Campanien (Museum \on Neapel), im 
cisalpinischen Gallien und Ligurien (Brera in Mailand). Zu ihrer 
Herstellung wurde eine hölzerne Hohlform aus einem Stück be- 
nutzt, welche sich nach oben etwas erweiterte, so daß die Glas- 
masse nach dem Erstarren leicht herausgezogen werden konnte. 
Gefäße dieser Art eigneten sich sehr zum Transport auf größere 
Entfernungen, w^obei man sie in passende Holzkistchen verpackte. 
Zum Tragen bediente man sich, ähnlich wie bei den Badefläsch- 
chen, eines Bügels aus Bronze oder einer vSchnur, welche an den 
Henkeln befestigt wurde, oder besonderer Körbe aus Bast oder 
Ton mit zwei röhrenförmigen Abteilungen, wie sie im Museo 
Borbonico erhalten sind (Abb. 15). Der zylindrischen Kanne, 
dem Stamnion, begegnet man um die Wende des I. und IL Jahr- 
hunderts oft auf den Grabsteinen von Legionären und Veteranen 
bei den Darstellungen des sogenannten Totenmales. Sie steht da 
offenbar als Weinbehälter zumeist in stattlicher Größe vor dem 
Triclinium auf dem Boden, neben ihr der dreifüßige, mit Bechern 
und Schalen besetzte Tisch. (Abb. 14). 

Eine altägyptische Form tritt uns ferner in schlanken \ier- 
eckigen Flaschen entgegen, die man nach dem häufig auf ihrem 




a b c d e f g h 

Abb. i6o. Gruppe von Kannen. Köln, Sammlung M. vom Ratli. 



Boden angebrachten Relief bilde des Gottes als Merkurflaschen 
bezeichnen kann (B'ormentafel B 105 — 107, Abb. 65, 66). Der 
lange röhrenförmige Hals ist scharf abgesetzt, der Körper an den 
oberen Kanten mäßig gerundet, die Mündung mit einer breiten 
und flachen Randscheibe versehen, wie sie sich zum Austropfen 
dicker Flüssigkeiten eignet. Bei dem unter No. 65 abgebildeten 
Exemplare ist die Randscheibe ausnahmeweise sehr klein. Diese 
für Salben bestimmten, daher lateinisch „unguentaria" benannten 
Flaschen sind aus \öllig farblosem, jetzt zumeist gleichfalls trübe 
gewordenem Glase in Ilohlformen geblasen, aber im Gegensatze 
zu den zylindrischen oder sechseckigen Delphinflaschen aus einer 
schwerflüssigen, durch gepulverten Quarz hergestellten Masse, 
aus welcher auch die ältesten farblosen Gefäße und vSchmuck- 
perlen Ägyptens, darunter das Fläschchen Sargons, hergestellt 
sind.^) Die Wandungsdicke ist nicht gleichmäßig, sondern in der 
j\Iitte am größten und verringert sich gegen die Kanten. Immer- 
bin ist sie an allen Stellen so beträchthch, daß die außen vor- 
tretenden Reliefverzierungen im Inneren kein konkaves Gegen- 
bild ergeben. Zwei einander entgegenstehende Seitenflächen, 
mitunter aber auch alle vier, sind mit dünnen gerippten Palm- 
blättern, der Boden mit Fabrikantenstempeln, Buchstaben und 
Figuren verschiedener Art \erziert, auf die wir noch zurück- 



1) Bohn hält die Mcrkurtlaschen im CiL XIII irrtümlich für gegossen. 
Kisa, Das Glas im Alteituine. II. -, , 



326 

kommen werden. Man hat Merkurflaschen in Särgen mit Münzen 
des Commodus gefunden, die meisten gehören aber dem 
III. Jahrhundert an. 

Weitaus die \-erbreitetste Klasse von Ualsamarien stellt 
die Lekvthos in ihrtMi zahllosen Abarten dar. Zuerst die ge- 
wöhnliche, von der griechischen Keramik mit feinstem Form- 
gefühle geschaffene Art, mit eirundem, nach unten etwas \er- 
engtem, oben rund gewölbtem Körper, scharf absetzendem, unten 
engem, nach oben trichterförmig verbreitertem Halse, flacher 
jMündung und vertikalem Henkel, der gewöhnlich aus rinrin ein- 
fachen, häufig auch aus einem Doppelfaden gebildet wird und 
oben mit einer Schleife an den Rand anschließt (Formentafeln 
C 178 — 188, D 189 — 193 einhenkelig; B 115 — 126 zweihenkelig; 
Henkelformen Abb. 156, Xo. 3 — 10. 12 — 15: Abb. 157, No. 29, 
31 — 34). Die F"orm der ^Mündung wechselt, neben glatter kommt 
auch die schnabelartige, halbkugelige u. a. vor, ebenso die des 
Fußes, der gewöhnlich nur eine Abplattung, manchmal aber 
eine eigene Fußplatte zeigt. Daneben gibt es jedoch Fläsch- 
chen, bei welchen sich die Rundung des Bauches zur Eiform. 
mit der größten Ausladung in der Mitte, und zur Birnform 
\'erschiebt, die sich nach unten verdickt. Zugleich wird die 
scharfe Trennung von Hals und Körper üillen gelassen und 
beide gehen allmählich ineinander über (Formentafeln B 127. 
D 199, 200, 222 — 243). So nähert sie sich der schlauchförmigen 
altkorinthischen Lekythos, die gewöhnlich henkellos ist. Auch 
die früher genannten Formen sind es oft. (Formentafel A 34, 
41» 52, 53, 56 u. v. a.). Die gehenkelte Lekythos zeigt sich 
besonders schön in den zierlichen Phiolen der frühen Kaiserzeit, 
in der sie in farbigem Glase hergestellt und gewöhnlich mit 
andersfarbigen F"äden umzogen wurde, welche um die ]Mündung 
und dicht unterhalb dieser, sowie an der Standfläche Reifen bilden 
und in Spiralform den Hals oder den Körper umspinnen. Die 
Henkel wurden gleichfalls aus farbigen Fäden gebildet. Es koTU- 
men auch Balsamarien vor, die völlig die Gestalt spitzbauchiger 
Amphoren im Kleinen wiederholen, wie das zierliche Exemplar 
aus lasurblauem Glase im ^luseum von Neapel (Abb. 67). 

Die altkorinthische henkellose Lekythos, auch Alabastron 
genannt, ist mit iher fußlosen Rundung das Prototyp der 



327 

„Tränenfläschchen". Feinere Exemplare von ihr wurden auf 
einen eigenen Untersatz, die Alabastrotheke, gestellt, einen 
kleinen Napf, der oben zur Aufnahme des Gefäßes eine runde 
Vertiefung- hat. Das Alabastron, das namentlich in der ägyp- 
tischen Glaskunst eine große Rolle spielt, ist aus der .Situla, dem 
schlauchförmigen ägyptischen Wassereimer entstanden, wurde 
aber in Griechenland, bei den Etruskern und Römern aus- 
schließlich als Salbgefäß benutzt. In Glas ist die Form genau 




Abb. i6l. Becher aus dem Silberschatze von Bosco Reale. Alexandrien. 



auf Formentafel A 4 wiederzuerkennen, mit zwei Henkeln ver- 
sehen auf Formentafel C 142. Man gab dem Alabastron aber 
auch einen kurzen Hals und eine Fußplatte an ganz kurzem 
Stengel (Formentafel A 4 — 7). Form, Schmuck und Material 
variieren ins unendliche, im allgemeinen lassen sich folgende 
Hau])tgruppen aufstellen: 

I. Schlauchförmige Balsamarien mit kurzem, am Ansätze 
leicht eingezogenem Halse und kleinem Randwulste. Sie ähneln 
den ägyptischen Alabastren, haben keine Henkel und enden 
manchmal in eine Spitze (Formentafel A 36), manchmal in eine 
solche mit kleiner Abplattung. Sie sind aus durchsichtigem, zu- 
meist grünlichem Glase gebkisen, es kommen aber auch gänzlich 
farblose, lasurblaue, smaragdgrüne, dunkelgrüne. xioU^ttrote, gelbe 
und dunkelbraune vor. Man begegnet ihnen schon in Pharao^en- 
gräbern, auf Cypern, in Syri(m, in Pomjieji, aber t^benso häufig 

22* 



328 

in Gräbern des IL und III. Jahrhunderts diesseits der Alpen 
(Formentafel A 20, 25 — 27, 35, Abb. 68 rechts). 

2. Röhrenförmige Balsamarien, unten gerundet, mit kleinem 
Randvvulste. Sie sind gewöhnlich grünlich odt^r bläulich durch- 
sichtig, seltener lasurbhiu oder gelb. II. — 1\'. Jahrhundert (i-or- 
mentafel A 3 u. a.). 

3. Röhrenförmige Balsamaricn, die sich unten nach einer 
Einschnürung zu einer kleinen Kugel (Abb. 1 5 1 c) oder einem Kegel 
erweitern, der, wie bemerkt, manchmal so breit und flach ist, daß 
er wie eine (hohle) Fußplatte erscheint und dem Gefäße die 
Gestalt eines modernen Kerzenleuchters gibt. Kommt in allen 
durchsichtigen Farbentönen vor. Leichte Erweiterungen zur 
Kugel- und Kegelform fand man schon in Pompeji (Formen- 
tafel A I, 14, 35), breitere Abplattungen tauchen in der Mitte 
des IL Jahrhunderts auf, die übertriebenen Formen gehören dem 
in. und IV. Jahrhundert an. Bei diesen tritt mitunter ein kleiner 
Seitenhenkel und Fadenverzierung hinzu (Formentafel A 12 — 19, 
22, 23; Abb. 56, 68). 

4. Phiolen. Die mit einem Randwulste versehene Röhre 
schwillt in der Mitte zwiebeiförmig an und verengt sich nach 
unten zu einer stumpfen Spitze. Solche Gläser erreichen manch- 
mal die Länge von 60 cm. Vielleicht sind sie ursprünglich zu 
ärztlichen Zwecken benutzt worden.^) Sie sind aus dickem, schwer- 
flüssigem Glase geblasen, welches die Spitze ausfüllt und jetzt 
nur noch matt durchscheint. Auch sie kommen bereits in Pom- 
peji vor, doch stammen die meisten im Rheinlande gefundenen, 
zu welchen auch solche aus durchsichtigem lasurblauen, gelben, 
grünen und violettroten Glase gehören, aus dem III. Jahrhundert 
(Formentafel A 2). 

5. Schlauch- oder birnförmige, nach unten verbreiterte Bal- 
samarien mit Fußring und Henkeln (Balusterform). Der farblose, 
grünhche oder braune Körper ist gewöhnlich von einem Spiral- 
faden umwickelt, Rand und Körper mit einem freiliegenden 



*) Sophus Müller, Nord, .\ltertumskunde II 112 hält sie irrtümlich für Saug- 
heber. Da sie unten keine Öffnung haben, können sie unmöglich als solche benutzt 
worden sein. In einem Grabe zu Varpelev in Dänemark hat man ein 20 cm langes 
Exemplar aufgefunden. 



329 

Zickzackfaden verbunden. Auch den Körper umgibt oft ein 
solcher Faden. Es sind späte Erzeugnisse, die erst am Ende 
des III. Jahrhunderts auftauchen, außer Gallien namentlich in 
Syrien (Formentafel A 6,7; Abb. 17, 18). 

6. Doppelbiilsamarien, aus einer in der Mitte zusammen- 
gebogenen Röhre gebildet, auch vierfach, mit hochgeschwungenem 




a c d c f h i 

Abb. 162. (jruppe von (iläsern mit Fadenverzierung. Köln, M. vom Ratli. 



Korbhenkel und zwei Seitenhenkeln. Manchmal hat jeder Teil 
seinen eigenen Korbhenkel, der von dem gemeinsamen überragt 
wird. Das ^Material ist zumeist gewöhnliches unentfärbtes Glas, 
auch durchsichtig lasurblaues, \iolettrotes und goldbraunes. Der 
griechische Namen für Doppelbalsamarien ist diXtxvd^oi. Auch 
ihnen war die Keramik mit Mustern vorangegangen; doppelte 
sowie mehrfache Salbgefäße aus Ton sind in ägyptischen Gräbern 
nicht selten.^) In G^lllien und am Rhein kommen sie in Glas erst 



)ben S. 85 u. v. Bissing, Die altägyptischen Tongefdße des Museums 



von Kairo. 



330 

im IV. Jcihrhundert vor, gleichzeitig- in Syrien (Formentafel A 
8 — lo und Abb. 17, 18). 

7. Kleine Fläschchen mit kugeligem, leicht abgeplattetem, 
rund oder konisch eingedrücktem Körper, birnförmig, kegel- 
förmig, plattrund usw. Die Formen im einzelnen zu beschrei- 
ben, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Man sehe daraufhin die 
Formentafeln A bis E und die Gruppen in Abb. 68, 160 durch. 
Der Hals ist zumeist röhrenförmig und scharf abgesetzt, unten 
oft leicht eingeschnürt und im I. Jahrhundert mit einem scharfen 
Schrägrande versehen. \^om II. Jiihrhundert ab tritt an dessen 
.Stelle gewöhnlich ein Wulst. Das Material ist sehr dünn geblasen 
und durchsichtig. Neben farblosen und grünlichen Fläschchen 
kommen solche in allen Farben vor, auch aus Biindglas mit 
Streifen, Flecken und Augen, goldgesprenkelte, vom III. Jahr- 
hundert ab solche mit dichter Spiralfaden-Umspinnung. Mele 
zeichnen sich bei einfacher Form durch leuchtende Farbe und 
Iris aus. 

Auch unter den nicht speziell für den Grabkultus bestimmten 
Gläsern spielt die Flaschenform im Gegensatz zur Keramik eine 
Hauptrolle. Bei den größeren, zur Aufnahme von Flüssigkeiten 
aller Art bestimmten Flaschen sind mit Ausnahme der Alabastra 
und Phiolen wohl alle bisher erwähnten Arten vertreten. Im 
allgemeinen läßt sich folgende Liste antiker Flaschenformen 
aufstellen : 

1. Reine Flaschenform mit birnförmigem Körper, der nach 
oben erweitert ist und nach unten sich verengt. Scharf ab- 
gesetzter Ilals mit Randwulst (Formentafel A 52, 53; B 97 — loi). 

2. Reine Flaschenform mit birnförmigem Körper, nach 
unten sich erweiternd, mit Standfläche oder Fußring. Der Hals 
geht entweder allmählich in den Körper über oder ist unten 
eingekniffen und schließt mit einem Randwulst ab (Formentafel 
A 34, 35- 37— 43> 46, 49'- 

3. Kugelbauchige Flaschen mit scharf abgesetztem oder 
allmählich aus dem Körper sich entwickelndem Halse. Dieser 
ist entweder röhrenförmig (Formentafel A 60, 61), oben 
leicht ausgebogen, mit scharfem Rande (A 56) oder Rand- 
wulst (A 60), unten eingezwickt, ohne Wulst (B 69) und oben 
ausgeschweift (A 64), zugleich mit Randwulst (B 67). Eine Lieb- 



331 

linirsform des III. Jahrhunderts zeig-t in der Mitte des Röhren- 
halses einen durch einen Zickzackfaden verzierten Krag-en, an 
welchen die oberen Enden der beiden halbrunden Bandhenkel an- 
schließen. (Abb. 129, 147). Auch diese Form stammt aus Ägyten. -^j 
Der lateinische Namen für die Kugelflasche ist Ampulla 
(am])oule = Blase). 

4. Kugelflaschen mit Trichterhals, die sich zum Teil dem 
typischen gallischen Trinkbecher aus Ton nähern. Die Form 
mit geraden Wandungen des Halses (B 80) ist seltener als die 
mit Schweifung (B 75, jS, 79). Auch doppelte Schweifung kommt 
vor (B 72, 74) und die in Gestalt eines kurzen, dicken Balusters 
(B 81, 82). Unten eine Abplattung oder ein Fußring, seltener 
eine gezahnte Fußplatte (B 81), wie sie unter den Scherben aus 
der Glashütte an der Nahe im Museum zu Wiesbaden in 
mehreren Exemplaren zu finden ist. Eine vollständige Kugel- 
flasche mit gezahnter Fußplatte besitzt Kommerzienrat Zettler 
in München. (Abb. 319). Diese Art gab die Vorbilder zu den 
Gefäßen mit gezahnter und welliger Platte der karolingischen 
Keramik, die sich in den massigen niederrheinischen Einmach- 
barren, den Milch- und Buttergefäßen aus Steinzeug bis heute 
erhalten haben. 

5. I^lattrunde (Feld-) Flaschen mit verschieden geformten 
1 lälsen, mit und ohne Henkel, unten leicht abgeplattet oder mit 
einer eigenen, durch einen Knauf verbundenen Fußplatte ver- 
sehen. Ganz einfach, mit Röhrenhals (A 54), mit zwei Henkeln 
(C 131, 140), mit Fußplatte und Knauf (C 132; vgl. auch 
Abb. 120). Eine kleine platte Amphoriske aus Trier, mit Netz- 
werk \erziert, endet in eine Spitze (B 122; Abb. 99). In vSüd- 
italien waren Pilgerflaschen aus Ton sehr beliebt. In den 
Museen von Neapel und Pompeji befinden sich ziihlreiche Ex- 
em])lare von solchen, ganz ])latt, mit kurzem 1 lalse, zwei kleinen 
Rundhenkeln und zwei Zapfen als Füßen. Die meisten zeigen 
die Scylla im Discus und auf gelbem Grunde Reste farbiger 
Bemalung. Solche Tonflaschen dicMittMi den Gkishütten von 
Sidon und Alexandria als Muster für ihre Medusenfläschchen 
(Alili. 2 88). 

^) Vgl. V. Bissing, Altägyptische Fayencegcfäße des Museums von Kairo, No. 3673. 



3?>2 



6. Ring- (Wurst-) Krüge. Oval mit scharf abgesetztem 
Röhrenhalse, Fußplatte, zwei Seitenhenkeln und zwei kleinen 
Ösen neben dein I lalsansatze. Bruchstück fincr solchtMi im 
Historischen Museum in Frankfurt a. M. (AI)]). 153b und Formrnt: 
C 150 ergänzt). Sehr zahlreich sind kleine h'.xemplare aus grüneni 
und braunem Glase mit Delphinhenkeln und ähnlicher Ausstattung, 
wie die kugeligen, aus dem Aryballos entstemdenen Kugelfläsch- 
chen (Abb. 153a und Forment: C 165, 166). 

7. Die Infundibula, zumeist Kugelfläschchen mit scharf ab- 
gesetztem Halse und ^"ertikalhenkel an deren Körpermitte eine 

spitze Saug- oder Ausgußtülle 
vorragt. Sie dienten als Saug- 
flas(h«Mi für Kinder. Das 
scheint aiuii die Inschrift eines 

t'^i^Sff.- -ffl^^B% Exemplares im Mainzer Mu- 
■ ^ ' '" ^^^mr seum anzudeuten, das um den 
Hals die gravierten Worte 
zeigt CVRRE PVER :\I 
(Palmzweig).') Man findet sie 
gleichfalls schon in .\.gy])ten, 
während sie in Gallien und 
am Rhein am häufigsten im III. Jahrhundert \orkommen und 
im IV. schon selten geworden sind.'-) 

8. Eiförmige Flaschen mit verschiedenen Hälsen. Unten 
leicht abgeplattet, mit eingezogenem Röhrenhalse (A 65); auf 
drei Füßen [A 47). Zahlreiche, den gallischen Tonbecher 
nachahmende Arten mit breitem Halse, der unten scharf oder 
mit einem Ringkragen absetzt (B 92 — 95 mit geschweiftem oder 
Trichterhalse B 85, 95). Der Körper zieht sich unten ein und 
endet mit einer Fußplatte (B 85, 93, 94) oder einem besonderen 
Fuß (B 92, 96). Bei vielen Exemplaren verläuft der Körper all- 
mählich in den Hals (B 84, 89). 




Abb. 163. Napf mit Doppclrand. 
Köln, Sammlung Xießen. 



») Vgl. Korresp. Blatt 18S9 S. 172. Westd. Zeitschrift VIII (1889) S. 270. 
Körber, Mainzer Inschriften S. 112 Xo. iSo mit Abb. S. in. Ergänzt wird MI, 
„Lauf, mein Junge!" 

2) Pilloy hat zahlreiche Exemplare in Vermand in Gräbern des III. Jahrhunderts, 
dagegen nur eines aus dem IV. gefunden. Er erklärt sie gleichfalls für Milchflaschen 
von Kindern. In Ägypten versah man auch Kugelbecher mit einem Saugrohre in 
der Mitte der Wandung. Vgl. Abb. 13, 6. 



333 



9- Zylindrische Flaschen, wie sie schon früher unter den 
Balsamarien beschrieben wurden. Außerdem derbere Formen 
des IV. und V. Jahrhunderts (A 48; B 103, 109; E 260 — 263). 

10. Prismatische Flaschen, wie sie gleichfalls unter den Balsa- 
marien behandelt wurden. Darunter auch Näpfe und Tiegel (B 1 10). 

1 1. Kegelförmige Flaschen, bei w^elchen der Hals mehr 
oder w^eniger scharf absetzt. Eine bestimmte Gruppe, die mit 
langem Röhrenhalse und ganz plat- 
tem Kegelfuß, wurde bereits bei 
den Balsamarien besprochen. Eine 
nicht seltene Abart zeigt oberhalb 
des Körpers eine Erweiterung in 
Form eines Doppelkegels (A 17). 
Bei einer schönen, mehr der Kanne 
zugehörigen Form, die im III. Jahr- 
hundert oft vorkommt, ist die 
Kegelgesttdt mit Ausnahme der 
Mündung auf das ganze Gefäß 
ausgedehnt. Manchmal schiebt sich 
ein niederes Zwischenglied zwi- 
schen Körper und Fußplatte (C 142 
bis 144: D 239 — 241). Dazu kom- 
men Itxemplare, bei welchen der 
Flaschentypus deutlicher ausge- 
sprochen ist (A 16, 18) und nament- 
lich gehenkelte (C 142, 144 — 148; 
D 239 — 241, 246, 24;). Oft ist 
ausgeprägt, sondern zur Rübenform abgerundet (A 28 — 33; 
D 233 — 238). Im Oriente wurden gern iibsonderliche Formen 
von Kürbissen (Wunderkürbissen) in (ilasflaschen nachgeahmt. 
Ursprünglich wurden die getrockneten Früchte selbst, wie noch 




Abb. 



[64. Becher mit acht Henkeln. 
Breslau, Museum. 



die Kegelform nicht scharf 



heute, zu Gefäßen benutzt. (Abb. 



b, d). Starke obere Au> 



rundung des Körpers gibt glockenftirmigc HildurigtMi (A 21. 23; 
C 149: I) 237, 238). 

In den zahllosen Varietäten der Masche spricht sich die 
fast unbegrenzteCiestaltungsfähigkeit desGlasmateriales am besten 
aus. .Vuf di(^sem Gebiete konnten dessen Eigenschaften am 
reichsten und eigentümlichsten ausgenutzt werden und zahlreiche 



334 

neue Formen g-eschaffen werden, über welche die Gefäßbildnerei 
in anderen Stoffen nicht verfügte. In anderen Typen ist die 
Glasindustrie vom Metall und namentlich von der Keramik 
beeinflußt. Wenn wir die bekannteren von diesen der Reihe 
nach daraufhin untersuchen, so finden wir fürs erste die I^'ormen 
des Canopus, des Doliums, des Kraters und der .Vni{)hora 
zu verschiedenen Gestaltungen der Aschenurne und anderer 
größerer Gefäße zu profanen Zwecken, wie zimi \^'r\\ahr(Mi \on 
Flüssigkeiten, Eßwaren und Früchten Nerwcrtet. Die do])])el- 
henkelige .Vmjjhora wurde besonders in der frühen Kaiserzeit, 
dann wieder in der Periode Hadrians und der Antonine in ver- 
schiedenen Abarten und Größen in Glas nachgebildet. Eine 
Nebenform, die unteritalische Flasche, kugelbauchig oder phitt- 
rund, mit scharf abgesetztem engem Trichterhalse und geschweiften 
Vertikalhenkeln, welche von dem oberen Rande des Körpers 
bis zur Mitte des Halses reichen, gewann auf die campanische 
Glasindustrie Einfluß und wurde besonders bei farbigen und 
Überfanggläsern, in der gallisch-rheinischen Glasindustrie auch 
noch im II. Jahrhunderte nachgeahmt (Formentafel C 132). Ebenso 
beliebt war die gewöhnliche Kanne mit Vertikalhenkel und 
einfach gelippter Mündung bei den schönen farbigen Oenochoen 
und anderen Glaswaren der frühen und mittleren Kaiserzeit, auch 
auf barbarischem Boden, wo die griechisch-römische Keramik 
ihren direkten Einfluß nicht in so starkem Maße üben konnte, 
wie in den klassischen Ländern und im Oriente (C 174 — 188 u. a.). 
Dagegen sind die Formen der Lagona und der Handhydria, (des 
Urceus) die für Wasserkannen aus Ton übhchen Arten, in Glas 
ungewöhnlich, obwohl z. B. ein Prachtgefäß \\ie die Portlandvase 
ihren Typus, allerdings als doppelgehenkelte Amphora, wiedergibt 
(B. 121, Tafel VII) und auch eine Form wie B 128. sowie eine ägyp- 
tische Kanne, die Froehner auf Tafel X abbildet, der Handhydria 
nahekommen. Jene zeigt gedrungene Kugelform mit abgeplatteter 
Standfläche, einen breiten, scharf abgesetzten Trichterhals und 
einen derben vertikalen Rundhenkel, der nur bis zur ]\Iitte des 
Halses reicht. Zur Klasse der Oenochoen wird \on manchen 
auch die Capis gerechnet, die Plinius wiederholt bei den Murrinen 
erwähnt, zuerst unter jenen Gefäßen, die Pompejus nach seinem 
Siege über ]\fithridates dem kapitolinischen Ju}:)])iter weihte, dann 



33; 



an einer späteren vStelle, an welcher er mitteilt, daß Nero eine Capis 
murrina mit zehntausendmal tausend Sesterzien {= ca. 828, 400 fl.!) 
bezahlte. Nach f larduin ist Ciipis jedoch ein „poculi genus, dictum 
a capiendo", also ein Pokal, eine vSchale mit einem Plenkel zum 
Anfassen. ]Man m^ig- über letztere Erklärung welcher Meinung 
immer sein, für ihre sachliche Richtigkeit spricht jedenfalls der 
Umstand, daß Murrinen in Gestalt von Kannen oder Flaschen un- 
bekannt waren und dieses Material nur zu offenen Schalen ver- 
wertet wurde. -^j 

Seltener wurde 
der Guttus oder 
Askos in Glas ge- 
bildet, jene eigen- 
tümliche, in drei 
Varietäten in Ton 
bekannte Form der 
Weinkanne, die aus 
einem flachrunden, 
kuchenartig auflie- 
genden Körper be- 
steht, von welchem 
am Rande ein 
schräges, mit dem 
Ivörper durch einen bügelartigen Henkel verbundenes Ausguß- 
rohr emporr£igt. Vielleicht kann man die sonderbare Form 
auch mit einem Bügeleisen vergleichen. In Griechenland, 
Italien und Ägypten war der Guttus in der beschriebenen 
attischen Form wohlbekannt. Flinders Petrie fand ihn bereits 
in einem Gr^ibe der 18. Dynastie (vgl. Petrie, Ulahün, Tafel XX, 9). 
Über die Alpen sind auf dem Importwege selbst in Ton nur 




Abb. 165. Gruppe, a Cantharus mit Kettennetz. Vatican. 

b Cantharus mit Kettenhenkeln. N'atican. c Napf mit 

Fadenverzierung am Rande. Neapel, Museum. 



^) Bei Plinius 37, 7 heißt es: ,,Eadem victoria (gemeint ist der Sieg des Pom- 
pejus über Mithridates, von welchem schon in den vorausgegangenen Kapiteln die 
Rede war) primum in urbem murrina invexit primusque Pompejus capides et pocula 
ex eo triumpho Capitolino Jovi dicavit, quae protinus ad hominum usum transiere, 
abacis etiam escariis vasis inde expeditis, et crescit in dies eius rei luxuria. Murrino 
LXX HS. empto capaci plane ad sextarios tres calice potavit ante hos annos con- 
sularis ob amorem adroso margine eius, ut tamen iniuria illa pretium augeret; neque 
est hodic murrini alterius pracstantior indicatura." 



336 

wenige Exemplare von ihm gedrungen. In Pompeji wurden jedoch 
außer solchen aus Bronze auch gläserne Gutti gefunden, welche 
zum Teil mit Kanneluren geschmückt sind und die direkte Nach- 
bildung getriebener Metallgefäße verraten. Ein Exemplar besteht 
aus dunkelblauem, ein zweites aus hellblauem, weiß geflecktem 
Glase, andere aus ferblos durchsichtigem. Einige zeigen die 
Abart des apulischen Askos mit schräg ansteigendem Aus- 
gusse (Ab. 69). Der bauchige Körper ist an zwei Enden zuge- 
spitzt, wobei die Stelle einer S])itze das Ausgußrohr vertritt, 
während das andere den Ansatz des halbrunden Korbhenkels 
bildet. Das ganze ruht auf einer kleinen Eußplatte. Bei den 
pompejianischen Gläsern bildet der Körper ein Eirund, der Henkel 
ist bei beiden verschieden geformt. Außer ihnen besitzt das Museum 
von Neapel noch Gutti anderer Gestalt. Auch in Pompeji selbst 
befinden sich in der Sammlung noch heute mehrere Exemj^lare. 

Unter den Salbgefäßen ist der wiederholt erwähnte Ary- 
b all OS teils unverändert, teils mit Abweichungen in der Bildung 
der Mündung und der Henkel von der Glasindustrie übernommen. 
Die zahlreichen Kugelfläschchen mit Delphinösen, die an Bronze- 
ketten dem Gürtel angehängt wurden, stellen diesen Tvpus in 
Glas dar (Formentafel C i()i ff.i. 

Die Trulla, zu Deutsch „Mauerkelle", eine Schale, teils 
flacher, teils halbkugeliger Form mit einem Handgriffe, der ent- 
weder wagerecht angeschlossen ist, oder wie bei einem Schöpf- 
löffel senkrecht emporragt, kommt in allen Gestalten in Glas vor. 
(Abb. 117, 191, Tafel VI 2). PHnius erzählt, daß T. Petronius, Neros 
Vertrauter und Zeremonienmeister, ein feiner Kunstkenner und 
Sammler, eine Trulla murrina mit 300000 Sesterzien bezahlt habe. 
Da er sie dem Kaiser, der ihn wegen einer Verschwörung Gift zu 
nehmen zwang und sein Vermögen zur Konfiskation bestimmte, 
nicht gönnen wollte, zerschlug er sie noch auf seinem Totenbette. 
Der Kaiser aber ließ die Stücke sammeln und in einem durch- 
sichtigen Gefäß aufstellen, kaufte aber selbst später, um alle 
anderen zu übertreffen, jene schon genannte Capis murrina 
für zehntausendmal tausend Sesterzien.^) Die P'orm der Trulla 

*) Plinius erzählt in dem vorhergenannten Kapitel 7 des 37. Buches weiter: 
„Vidi tunc adnumerari unius scyphi fracti membra, quae in dolorem, credo, saeculi in- 
vidiamque Fortunae tamquam Alexandri Magni corpus in conditorio ut ostendarentur 



337 



wurde zu Ende des IL Jahrhunderts und später in den Kölner 
Werkstätten, aus welchen die Schlang-enfadengläser hervorginj^ren, 
oft angewendet. Mit derTruUa, gewöhnlich auf ihr aufgestellt, wird 
stets eine zierliche Oenochoe gefunden, aus welcher das Getränk 
in jene, die als Trinkbecher diente, gegossen wurde. Es 
wäre aber auch nicht undenkbar, daß die reich ausgestatteten 
Gefäße eine andere Bestimmung bei der Tafel hatten. Vielleicht 
diente das Kännchen 
zur Aufnahme parfü- 
mierten Waschwassers, 
das den Gästen während 
und nach der Mahlzeit 
über die Finger gegos- 
sen wurde, wobei die 
vom Sklaven unterge- 
haltene Trulla zum Auf- 
fangen der Flüssigkeit 
benutzt wurde, also ähn- 
lich wie die Gemelli 
(gemelles) des Mittel- 
alters. Eine andere Form 
der Trulla, einen kleinen 
Napf mit langem wage- 
rechten Stil, stellt For- 
mentafel G 429 dar, einen tieferen Napf F 352 und Abb. 128b. 
PVoehner bildet Tafel XX, 89 eine gleiche ab. In Italien und 
im Orient ist dieses Gefäß viel häufiger als im Norden, besonders 
in Bronze. Trullae aus Ton hat man aber auch in rheinischen 
Gräbern gefunden. vSo besitzt das Kölner Museum ein schönes 
Exemplar aus weißem Ton mit einer Silenmaske am P^nde des 
Griffes, ähnlich der gläsernen Trulla aus Pompeji (Abb. 191). 

Die Pyxis, die Büchse, Dose, der Napf, meist zylindrisch, 
mit und ohne Deckel, kommt in Glas oft vor. Sehr große 
Exemplare wurden in Attika und Kreta gefunden, eine große 




Abb. 166. Becher mit WcUenfadeii. Köln, Museum 



placebat. T. Pctronius consularis moriturus invidia Neronis, ul mensam ems exhaerc- 
darct, trullam murrinam HS.CCC cmptam fregit, sed Nero, ut par erat principem, 
vicit omnes HS.IXI capidem unam parando. Memoranda res tanti impcratorem pat- 

rcnique patriae bibisse." 



338 

flache Pyxis in Picenum/ eine blaue mit kegelförmigem Deckel 
steht im Britischen Museum. Auch in Ägypten sind sie sehr 
häufig/) Manche hatten eine eigenartige Bestimmung. Die eine, 
mit einem einen Deckel von Silber und einer durchbrochenen 
Fassung aus demselben Metall, enthielt im Inneren kleine goldene 
Schächtelchen, die mit — abrasierten Barthaaren gefüllt waren. 
Es war der noch unberührte Bartwuchs eines vornehmen jungen 
Römers, der am Tage der Großjährigkeitserklärung feierlich 
zum ersten Male dem Rasiermesser zum Opfer gefallen war. Das- 
selbe berichtet Sueton von Nero. ") 

Da die Römer, ebenso wie unsere eigenen Landsleute im 
Mittelalter und in der Renaissancezeit, die Vertilgung geistiger 
Getränke zu einer Kunst ausgestaltet hatten, tat auch die Glas- 
industrie das ihre, um durch Mannigfaltigkeit der Formen und 
glanzvolle Ausstattung der Gaben des Bacchus sich würdig zu 
erweisen und die Freude an den Opfern zu Ehren des sorgen- 
brechenden Gottes zu erhöhen. Athenaeus bringt in seinem „Gast- 
mahle der Sophisten" mehr als hundert Namen und Beschreibungen 
von Trinkgefäßen in Metall, die zu seiner Zeit üblich waren 
und bemerkt, daß die Liste noch unvollständig sei. Für gläserne 
Trinkgefäße ließe sich wohl eine nicht viel weniger reiche Liste 
aufstellen, wenigstens was die Formen anlangt, in welchen die 
Phantasie der Glaskünstler schier unerschöpflich war. Dagegen 
sind uns nur wenige Namen erhalten, die wir mit Sicherheit auf 
bestimmte Formen beziehen können. Doch ergibt sich, wenn 
man die Keramik und Metallindustrie zu Hilfe nimmt, immerhin 
eine Reihe genau zu bezeichnender Typen. Mit Ausnahme 
des gidhschen Trinkbechers gibt es wohl keine Form antiker 
Trinkgläser, die nicht in der griechischen und römischen Gefäß- 
bildnerei ihr Vorbild hätte und selbst jene in den klassischen 
Ländern unbekannte Form geht, wie ich S. 84 nachgewiesen 
habe, auf ägyptische Muster zurück, welche, wenn nicht als 
Tiinkgefäße, so doch als Weinkannen gedient haben. 

In den ersten Jahrzehnten der Kaiserzeit verdrängte das 
Glas selbst von den Tafeln der Reichen Gold und Silbc^r. AU 



*) Vgl. Edgar, greco-egyptian Glass. Katalog des Museums von Kairo. 
^) „Primam barbam posuit conditamque in auream pyxidem pretiosissimis 
margaritis adornatam Capitolio consecravit." Sueton, Xero cap. XII. 



339 

es gewöhnlich geworden war, wurden allerdings die Edelmetalle 
in ihre Vorzugsrechte wieder eingesetzt und nahmen aufs neue 
\-on den Tischen des Luxus und des Schlemmertumes Besitz. 
Kinm^d brachte sogar die Mode den simplen Tongefäßen, soweit 
sie mit Kunst hergestellt waren, den vordersten R^uig" in der 
Wertschätzung, doch das war eine vorübergehende Laune. 




Abb. 167. Gr 



b d e f 

von (lläscrn aus der ehem. Sammlung Merkens, Köln. 



Jedenfalls bedeutete die Abnahme an materiellem Werte für das 
gläserne Geschirr nicht einen Rückgang im (jebrauche, gläserne 
Becher wurden vielmehr immer volkstümlicher und schließlich 
unentbehrlich. Dabei war dieser Stoff mehr als jeder andere 
geeignet, die verschiedenartigsten Ansprüche zu befriedigen, so- 
wohl für den alltäglichen Bedarf, wie für den verwöhntesten 
Luxus zu sorgen. Noch in spätester Zeit wurden ja gewisse 
Prunkgläser wie Edelsteine bezcihlt. ■'^) 



^) Vgl. die Stellen bei 
(llases im Abschnitte IV, S. i 



imischen Schriltstellern über die Wertschätzung des 
ff. 



340 

Die einfachste und häußi^ste Form des Trinkbechers ist der 
aus dem Dohum hervorgeg-an^ene Deines, der Kugelbecher, 
eine verkleinerte Ausgabe des imtiken tönernen Weinfasses, jeden- 
falls eine ebenso bequeme wie sinnige Form. Bequem für 
eifrige Verehrer des Bacchus schon deshalb, weil er nicht aiit- 
gestellt werden konnte, ehe er ganz geleert war, was eben einen 
w illkoiriiiicnen (irund gal^. ihn stets zu leeren. FrcMÜc^h gab es 
auch Untersätze, auf die der Kugelbecher aufrecht d. h. mit der 
Mündung nach oben ^lufgestellt werden konnte. Diese waren 
aus Ton oder Bronze gebildet und hatten entweder die Form eines 
Balusters oder die eines Napfes, wie er auch für Lekythen ge- 
brauclit wurde. ^) Auch der Kugelbecher kommt in /.ahlreichen 
Varianten \-or, die sich denen des tönernen Deinos anschließen. 
Er ist unten entweder vollkommen gerundet, so daß er von selbst 
nicht stehen kann, mit einer leichten Abpkittung versehen oder 
mit einem Fußringe; manchmal schiebt sich zwischen Rundung 
und Fußring noch ein kleines Zwischenglied (Formentafel F 356). 
Die Öffnung ist bald enger, bald weiter, entweder scharf abge- 
schnitten, mit einem Randwulste oder mit einem Schrägrande 
versehen, der gerade oder ausgeschweift ist (F 356 — 367). 
INIanchmal bekommt der Becher einen ringförmigen li^ils 
zwischen zwei Wülsten (F 366) oder so, daß bloß der Rand ge- 
wulstet ist (F 374). Im I\\ Jahrhundert wird der Raum zwischen 
Körper und Randwulst durch einen freien farbigen Zickzackfaden 
ausgefüllt (F 376, 377; Abb. 108). Allmählich erweitert sich die 
Mündung, auch die Fußplatte wird breiter und die Kugelgestalt 
geht allmählich in die des Napfes über. \^ollkommen halbkugelig 
ist d£is ursprünglich zu Opfer benutzte Futile (G 405, 406), 
etw^as flacher die Phiala, französisch coupe, (G 387), mit ge- 
fälteltem Rande, wi(^ im Museum \on Naniur, (Abb. 320 rechts 
G 425), häufig ganz in Falten gelegt (G 423; Abb. 318). 

Der Napf oder Skyphos ist nach dem Kugelbecher die 
beliebteste Form für Trinkgefäße. Sein Vorbild in der griechischen 
Keramik hat stets einen Fußring, bietet also im Gegensatze zum 
wankelmütigen Kugelbecher einen festen Stand, verjüngt sich 
nach unten mehr oder minder stark und ist gewöhnlich gehenkelt. 



1) Abb. bei Scmper, Stil II, 47. 



341 




a b c d e f 

Abb. i68. Gruppe von Gläsern aus der ehem. Sammlung Merkens, Köln. 



Er ist das Trinkg-efäß des Hercules, der oft mit ihm dargestellt 
ist. Bis in die frühe Kaiserzeit hinein versah man ihn mit wiige- 
recht an den kleinen Rundhenkeln aufsitzenden Daumenplatten, 
■doch ahmte mtm diese Form in Glas auch später nach, wie 
einige Exemplare in italischen Museen zeigen (F 350, 351 und 
Abb. 35 a, 161, 209). Rand und Fuß machen dieselben Wand- 
lungen durch, wie beim Kugelbecher, die Wandung zieht sich 
sowohl oben wie unten ein, so daß die Profile eine große 
Mannigfaltigkeit ergeben (E 302, 321, 322; F 323. 324, 350 — 354, 
368 — 373; G 380 — 386, 407 — 4i() u. a.). Eine besondere und 
vereinzelte Form ist aus F 372 und Abb. 70 ersichtlich, ein Napf 
des Museums von Ronen aus der Normandie, der in der Mitte 
von einem durcli mehrere halbkreisförmig-e Ausschnitte unter- 
brochenem Ringe umgeben ist.^) Dieser Ring sollte das An- 
fassen des Napfes ermöglichen, wenn er mit heißer Flüssigkeit 



^) Abgeb. bei Deville a. a. ()., danach in F. S. Meyer, Handbuch d. Orna- 
mentik, T. 185, 12. 

Kisa, Das Glas im Altertuiiio. 11. 2-J 



34:^ 

gefüllt war, ebenso wie. die horizontalen Ringe an Terra-sigillata- 
Schalen, die gleichfalls in Glas nachgebildet wurden (Abb. 163; 
Formentafel G 413, 414). Überhaupt sind die meisten Formen 
gläserner Näpfe, besonders in der gallischen Industrie, mehr oder 
minder treu vSigillaten nachgebikU^t. 

Wie die von Juvenal genannttMi. zu ( )])tt'rn l)t'nutzt(Mi Sclialcii, 
die Simpula odt^r Si!n]ui\ia aussahen, wissen wir niehl. Mau 
bildete sie in Murra, Krystall und ion^j. Auch die l-Onu der 
bereits erwähnten Capides"), welche Pompeius dem ju])])iter 
Capitolinus aus der Beute des Mithridates weihte, ist uns unbe- 
kannt. Die Calices alati, welche Nero erw-arb, sind wie die Calices 
pteroti — eine wörtliche Übersetzung des erstgen^mnten Aus- 
druckes ins Griechische — entweder sehr leichte, zarte Gläser oder 
Canthari gewesen, Becher, für welche zwei hochgeschwungene 
Henkel kennzeichnend sind."') Auch der Cantharus, der dem 
Dionysos eigen ist, kommt in verschiedenen Gestalten vor: 
Bald napfartig, mit einer Verbreiterung über dem Fußringe, 
die einer Untersatzschale gleicht, mit konkav eingezogener \Van- 
dung, mit kürzerem oder höherem Fuß. Letzteren will man 
gerade dem Calix pterotus beilegen. Gewöhnlich aber ist der 
Körper halbkugelig. Mehrere solche Formen kommen in (jlas 
vor (F 336 — 341), besonders im III. und IV. Jahrhundert. Der 
Cantharus mit konkav eingezogenen Wandungen ist wahrscheinlich 
mit dem Carchesium identisch, das in Glas henkellos, teils nüt 
Fuß, teils mit bloßem Fußringe vorkommt. Erstere Form (Abb. 1 19, 
Tafel V I ; Forment. F 344) wurde in Köln für farblose und 
smaragdgrüne Glaspokale mit Schlangenfäden angewendet, letztere 
ist in einigen Bechern aus schwarzem (Museum zu Köln und zu 
Namur) und smaragdgrünem Glase (Museum von Neapel) erhalten. 
Das schwarze Glas ist eine Nachbildung des Obsidian. \\'ahr- 
scheinlich bezeichnen das Simpulum, die Capis, das Ciborium 
einige der angedeuteten Formen des Cantharus. Manche wollen 
aber die Capis und das Simpulum auf einhenkelige Schiden be- 
ziehen, also als Abarten des Kvathos ansehen, gleich dem 



^) Juvenal VI, 340: ,.In sacris quidem inter has opes hodie non murrinis cry- 
stallinisve, sed fictilibus pro'ibatur simpuviis (oder simpulis).'' 
-) Plinius 37, 7. Vgl die Note 6. 
^) Plinius 36, I. Vgl. hierzu die Ausführungen im Abschnitte IV S. 176. V S. 297. 



343 

Kotylos. Die gewöhnliche Form des Kyathos ist die tiefe halb- 
kugelige Schale mit einem hochgeschwungenen Henkel, mit Fuß 
oder Fußring. Sie hat sich meines Wissens in Glas nicht er- 
halten, dagegen sind ähnliche Bildungen ohne oder mit kleinen 
Henkeln häufig (F 353, 354). 

Sehr beliebt ist namentlich in den ersten Jahrzehnten der 
Kaiserzeit bei feineren Glassorten die offene flache Schale auf 
einem Fuß, der Kylix oder die Patena (Abb. 211; Forment. 
^ 334> 335' Gr 422, 426). vSo wurden die Murrinen, die Mille- 
fiori- und Mosaikgläser gestaltet, aber auch Krystallgläser, später 
minderwertige Sorten. In den Museen von Neapel und Kairo 
befinden sich derartige Schalen, die nicht nur für Getränke, 
sondern auch als Escaria, für Obst und andere .Speisen benutzt 
wurden. Durch Verengung des Körpers zur Halbkugelform und 
darüber hinaus zur Ei form entwickelte sich der Kelch, dessen 
Vorstufen in Glas wir in den Formen F 334, 335, 342 erkennen.^) 

Der in Ton nicht sehr gebräuchliche konische Becher, der 
Calathus (Cymbium, Poculum), unser moderner Wasserbecher, 
ist in Glas eine der häufigsten Erscheinungen und geht auf ein 
hohes Alter zurück. Konische Becher in farbigem gemustertem 
Glase begleiteten bereits die Prinzessin Nsichonsu (21. Dynastie) 
in das Reich der Schatten.-) Auch hier sind die \''arianten 
schier unübersehbar. Die Becher sind bald schlanker, bald ge- 
drungener, die Wandungen mehr oder weniger schräge, gerad- 
linig, konkav oder konvex geschweift, der Rand glatt abge- 
schnitten, mit einem Wulste versehen, abgeschrägt, gerundet 
oder eingezogen; unten hat das Gefäß entweder eine glatte 
Standfläche, oder wie Flaschen einen kugeligen oder kegel- 
förmigen Einstich, einen Fußring oder kurzen P\iß. Häufig 
sind auch die Wimdungen doppelt geschweift, nach dem Rande 
zu ausladend, nach dem Boden zu verjüngt (E 290 — 301, 310 
bis 320). Zu Ende des IV. Jahrhunderts treten nach unten stark 
verjüngte, schlanke Bildungen auf (Abb. loi, 102, Forment. E 
300, 316), welche in dem fränkischen, beinahe spitz zulaufenden 
Hornbecher den äußersten Grad von Schlankheit erreiclien. 



^) Über christliche Glaskclche wird im \'III. Abschnitte berichtet. 
-) Vgl. S. 41 und .\bbildung 6. 

23 = 



344 



Ihnen foltft \-om \'l. Jahrliundcrt bis in karolingische Zeit hinein 
der unten ab^'orundete oder in einen Kn<)])f endigende Tuinni- 
1er, dessen Seitenw^indung g-ewöhnlich wie die des Carchesiums 
g-eschweift ist (E 317 — 319). Bei anderen Bechern dieser Zeit 
ist die Fußplatte auffallend klein, fast knopfartig (E 311 — 313), 
die Wandung mit rüsselartigen hohlen Ansätzen verziert, über 
welche gewöhnhch ein Wellenfaden dahinläuft. Man nennt diese 
Taschen- oder Rüsselbecher (E 320 und .Vbb. 102, 150, 151, 

Tafel XII). 

Außer den konischen 
Bechern gibt es auch vollkom- 
men zylindrische mit plattem 
oder leicht eingetieftem Boden 
(E 296) mit abgerundetem 
(E 276, 279, 280) und zugleich 
mit einem Fuße versehenem 
iE 278), dann solche mit kon- 
vexer Schweifung, die sich der 
Tonnengestalt nähern (E 288, 
304) und schließlich andere, 
die sich nach oben geradlinig 
verengen, unten leicht gerun- 
det und mit einer Fußplatte be- 
setzt sind, während der Rand 
glatt bleibt. Man glaubt für diese, namentlich im Totenkultus 
übliche Form den Namen Obba feststellen zu können (E 321). 
vSie wurde häufig in farbigem, feinerem Glase hergestellt und 
gut ausgestattet. Sehr viele Becher derselben Form, aber mit 
Deckeln versehen, sind in Cypern aufgefunden worden. Ein 
Spitzglas, ähnlich unseren langen Champagnergläsern, war die 
Plemochoe^), die in Ton äußerst selten ist, in Glas aber häufig 
vorkommt (E 277, 285, 300, 310 u. a.). Sie ist gewöhnlich mit 
einem kurzen Stengelfuße versehen, also unser Stengelglas. In 
dieser Form wurde sie auch in Köln mit bunten Schlangenfäden 
dekoriert (Abb. 114 rechts, 123), 




Abb. 169. Satyrmaske in Glasraosaik. 
Rom, ehem. Sammlung Sarti. (A'ergrößert.) 



^) Vgl. Otto Jahn, Die Formen antiker Gefäße und ihre Namen. Er hält die 
Plcmochoe für eine sehr seltene und eigentlich erst im Mittelalter ausgebildete Form 
des Stengelbechers. 



345 

Andere Becherformen, die sich dem Napf näherten, waren 
der Mediolus, Sinus, die Lepesta und Galeola. In ihnen kam der 
Wein zur Tafel, ehe das Akratophoron üblich wurde. Welche 
Varianten mit diesen Namen zu bezeichnen sind, wissen wir 
nicht. Nicht ung-ewöhnlich ist das Cymbium, ein Becher, der 
ursprünglich wie der Name sagt, einen Kahn nachbildete, mit 
zusammengedrückten Seiten und einem Korbhenkel versehen. 
Manchmal nähert sich die 
Gestalt derartiger Becher 
der eines aus Stroh gefloch- 
tenen Tragekorbes (G 428, 
-13 5 : Abb. 7 1 ein Exemplar 
aus der Sammlung Nießen 
in Köln, Abb. 74 aus dem 
Museum Poldi - Pezzoli in 
Mailand). Auch in Ton 
kommen ähnliche Bildun- 
gen vor, wie die Lampe im 
Antiquarium zu Mannheim 
(Abb. 73). 

Die schöne Form des 
R h y t o n s , von ]\Iartial 
Rhytium genannt, hat in 
der griechischen Keramik 
reizvolle Bildungen hervor- 
gerufen, welche auf die so- 
genannten Kopfgläser der 

Glasindustrie von vorbildlichem Einflüsse wurden (Abb. 72). 
Man versah den Koj)f eines 1 lirsches, Widders, Ebers mit einer 
trichterförmigen Mündung und ließ die Flüssigkeit in einem 
dünnen Strahle durch den Mund des Tieres ausströmen. ■■) Ahn- 
liche Formen kommen in Ägypten vor; durch sie wurden die 
griechischen Töpfer in der Zeit Alexander d, Gr. überhaupt erst 
zu ihren zoomorphen Gefäßen angeregt. Die gläsernen Trink- 
hörner sind einfacher, sie beschränken sich darauf ein ge]:)ogtMies 
Stier- oder BüfTelhorn nachzuahnum und \erzieren es durch. 




Abb. 170. Silcnmaske in (Ilasmosaik. 
Rom, ehem. Sammlung Sarti. (\'ergrößert.) 



1) Vgl. Semper, Der Stil II, 67. 



346 

Fadenschmuck verschiedener Art. Namentlich am Rheine sind 
solche Trinkhörner häufitf und offenbar wenij^-er durch alexan- 
drinische Muster, als durch den (jebrauch wirklicher vStier- 
hörner bei den Germanen als Opfer- und Trinkg-efäße an- 
geregt. Das ägyptische Trinkhorn im Louvre stammt wohl erst 
aus der Kaiserzeit. Im Britischen Museum befinden sich Trink- 
hörner, teilweise von stattlicher Größe, aus blauem und gelbem 
Glase, das eine mit einem aufgelegten Fadennetze, das andere 
mit Riefen, Zickzack- und Wellenfäden verziert. Auch in den 
Museen von Köln, Trier, Bonn, Mainz, Wiesbaden, Worms, 
vStraßburg, sowie in mehreren rheinischen Priv^ltsammlungen 
gibt es gläserne Trinkhörner. Einige sind an der Spitze ge- 
locht, damit die Flüssigkeit, wie bei den griechischen Rhyta 
in einem Strahle auslaufen konnte (x\bb. 103, 104: Forment. 
G 436 — 440). Vom Rheine kamen Trinkhörner aus (jlas in römi- 
scher Zeit nach Skandinavien, wo sie in dänischen und schwe- 
dischen Gräbern öfter gefunden wurden. 

Auch Vasa escaria, Speisegeschirr, wurde nach Plinius 
aus Glas hergestellt ^), zumal seit dieses ein wohlfeiler ^Massenartikel 
geworden war. Freilich vermochte es darin weder die Bronze, 
noch die Terra sigillata zu verdrängen, welche unter dem Speise- 
geschirr der besser situierten Stände in der Kaiserzeit den ersten 
Rang behauptete. Diese lieferte auch fast ausschließlich die Muster 
für das gläserne Tafel- und Speisegeschirr. Plinius berichtet, daß 
man zu Eßgeschirren manchmal das Glas so färbte, daß es dem 
Obsidian glich, also schwarz, daneben auch tiefrotes, undurch- 
sichtiges Haematinum verwendete.") Es gab Speiseschüsseln, 
die sich in der Form an die Patena anschlössen, aber einen 
Deckel hatten. ]\Ian n^innte sie Patella oder Catinum. Sie 
waren manchmal gehenkelt und mit einem kurzen Fuß versehen. 
Die für flüssige Speisen bestimmten waren tief, kumpig geformt 
(G 391, 393 — 395), andere flacher, wie die Patera (G 392, 396 bis 
399). Dazu gehören auch die bereits erwähnten Schüsseln mit 
einem flachen, unterhalb des Randes wagerecht abstehendem 



^1 Vgl. die in Note 6 zitierte Stelle des Plinius: ,,abacis etiam escariis vasis 
inde expeditis." 

-) Plinius 36, 2 . . . „fit et tincturae genere obsidianum ad escaria vasa et 
totum rubens vitrum, atque non tralucens. haemation appellatum." 



347 



Ringe für heiße Flüssigkeiten, welche gleichfidls ihre \^orbilcler 
unter den Sigillaten fanden. Teller, für welche man den Ge- 
samtnamen Lances hatte ^), wurden sowohl in Sigillata wie in 
Glas in zwei liauptformen hergestellt: In der des Pinax, flach- 
rund, mit gewölbtem Rande und eingestochenem Nabel (G 402, 
403) und der des Laux, ohne Nabel, mit flachem Rande, von 
runder oder ovaler Gestalt (G 431). Der Pinax erreichte manchmal 
eine ansehnliche Größe. Athenaeus erzählt von einem Glas- 
teller, der zwei Ellen im 
Durchmesser maß und auf 
einen silbernen Untersatz 
gestellt wurde. Im ägyp- 
tischen Museum des Louvre 
befindet sich ein Exemplar 
von I m Durchmesser, im 
Museum Wallraf - Richartz 
ein solches von etwa 40 cm 
und Scherben eines noch 
größeren. Derlei große 
Teller, die wohl nicht nur 
zur Dekoration sondern auch 
zum vServieren benutzt wur- 
den, nannte man auch Scu- 

tellae. Für flache Teller, namenthch für solche, die man mit 
Malerei oder Gravierung verzierte, gebrauchte man den allgemei- 
nen Ausdruck Discus."") Außerdem kommt noch die Bezeichnung 
Paropsis, vor allem für viereckige, dann für [^Schüsseln im 
allgemeinen vor.'"') 




Abb. 171. Tigerkopf in Glasmosaik. 
Rom, ehem. Sammlung Sarti. (Vergrößert.) 



*) Vgl. Mar(iuardt, Privataltertümer II, 635 f. 

') \'gl. Semper II, 24. Kr nennt auch gallisch-römische Glastellcr mit Mctall- 
fassung. 

'*) Clemens von Alcxandricn berichtet von reichen Leuten, ciali sie (iold zu 
Nachtgeschirren und Glas zu Becken für ihre Lehnstühle verwendeten: ,,Res est 
autem plane ridicula et digna maxime quae ludilnio habeatur. quoii vir argentea 
urinae receptacula et vitreas matulas inferant." Deville 1. c. 37 glaubt letztere in der 
Coli. Campana in runden Schüsseln mit flachem Rande zu finden, 8 cm tief, 18 cm 
breit, aus dickem grünlichem Glase; unter dem Rande sind sie mit Rillen versehen, 
welche das Gefiiß in einem Ilolzmöbel festhalten konnten. 



34<S 

Die Wrwendun^ ■ von llohlformen j^ab das Mittel an die 
Hand, Gefäße in phantasievollcr Weise auszugestalten. So ent- 
standen neben den einfachen geometrischen Bildungen solche, 
welche menschliche Gestalten, Köpfe und jmdere Gliedmaßen, 
Tiere, Früchte, Blumen, Konchilien, Gladiatorenhelme, Schiffe 
und Gebrauchsgegenstände wiedergaben. Ich übergehe hier 
diese Gruppe xoii (iläsern. da sie in einem besonderen Ab- 
schnitte ausführlich behandelt werden wird und füge hier nur 
einige Absonderlichkeiten bei, welche sich den oben be- 
schriebenen Klassen von Gefäßen anschließen. Als solche sind 
die zwei- und mehrteiligen Kannen und Flaschen zu Ije- 
zeichnen, die Vorfahren unserer altdeutschen „Brüderlein", die 
in den Dilekythen, den doppelt und mehrfach zusammengesetzten 
Balsamarien aus Ton und Glas, ihre Seitenstücke haben. \'on 
außen sieht eine solche Kanne wie eine gewöhnliche aus, nur die 
aus drei zusammengepreßten Röhren bestehende Mündung läßt 
auch dann noch die Dreiteilung erkennen, wenn das Glas trübe und 
undurchsichtig geworden ist. .Solche Gefäße wurden hergestellt, 
indem der Glasmacher drei Pfeifen zu gleicher Zeit oder doch in 
raschester Folge in den ]Mund nahm und die an jeder haftende 
Glasmasse zu Blasen ausblies. Diese bildeten nach außen eine 
gleichmäßige Rundung, flachten sich jedoch an den Berührungs- 
stellen ab, so daß im Inneren drei Scheidewände aus je zwei fest- 
anhaftenden Schichten entstanden. Jede der drei Kammern behielt 
ihre eigene Mündung, welche durch einen Wulst vereinigt wurde. 
Beispiele dreifacher Kannen findet man im Britischen Museum, 
der Sammlung Campana -^j, im Provinzialmuseum zu Bonn"-), im 
Museum Wallraf-Richartz, in der Sammlung Xießen zu Köln, 
im Paulus-Museum zu Worms ^), im Museum von Wiesbaden, im 
Provinzialmuseum zu Trier, und an mehreren anderen Stellen; 
auch bei kugeligen Badefläschchen ist bereits auf eine Dreiteilung 
aufmerksam gemacht worden. 



1) Vgl. Froehncr a. a. O. 

2) Zwei Exemplare, eines aus Xeuß vgl. Bonner Jahrb. in 112 S. 314 in 
einem Brandgrabe des II. Jahrhunderts, ein anderes aus Remagen, Bonner Jahr- 
buch 110, S. 61. 

^) Gefunden in Bingen. Vgl. Museographie d. Wcstd. Zeilschrift f. Gesch. u. 
Kunst XI, 241. 



349 



Ein hübscher vScherz des Glasmachers war das Einsetzen 
kleiner Kännchen auf den Boden m das Innere von größeren. 
Es ist nicht, wie Ilettner meinte, ein völlig- isoliertes Kunststück, 
das nur im Museum von Trier zu bewundern sei, sondern findet 
sich auch an hinderen Orten. Mir sind solche außerdem bekannt 
aus den Museen von Köln, Bonn, Worms und Amiens, sowie 
aus der ehemaligen Sammlung Merkens in Köln. Sie sind so 
entstanden, daß man den Hals der größeren Kanne weit offen ließ, 
das fertig bereitstehende kleine Kännchen in den Boden ein- 
fügte und hierauf den Hals ver- 
engte. Das Exemplar des Mu- 
seums von Amiens stammt aus 
der sehr ergiebig-en Xekro])ole 
von Vermand im Artois und ist 
von Pilloy beschrieben und ab- 
gebildet.^) Es hat, in (Überein- 
stimmung mit den rheinischen 
die in Formentafel T) 200 — 202 
dargestellte Form, ist am Halse 
und oberen Teile des Körpers 
schräge gerieft und unter dem 
Rande mit einem einfachen, am 

Halse mit einem doppelten Fadenringe umzogen; der breite 
Selleriehenkel ist mehrfach gerippt. Das Kännchen im Innern 
zeigt ziemlich kräftige Falten. Zierhcher ist dieses bei den 
Exemplaren von Merkens, denen in Bonn und Worms. Sein 
bunter Schmuck von Schlangenfäden ist in Bonn besonders gut 
erkennbar, weil hier die äußere Kanne bis auf den Boden ab- 
gebrochen ist. 

Weit schwieriger war die Herstellung des Gefäßes das 
die Abb. 78 wiedergibt. Es ist intakt in dem Exemplare 
der Sammlung Maria vom Rath in Köhi erhalten, das da- 
selbst gefimden wurde und stellt eine IHasche aus farblos 
durchsichtigtMU Glas(^ von 22 cm Höhe und 7 V,. ('ni größter 
Breite d^lr, deren Kör])er vierseitig abgeflacht ist, aber so 
daß keine scharf(Mi Kanten entstehen. Der schlanke Röhrenhals 




Abb. 172. Mosaikeinlage. Rom, 
ehem. Sammlung Sarli. (Vergrößert.) 



1) Pilloy, ctudes sur d'ancicns lieux de sepultures daiis l'Aisnc, Heft IV, T. II, 7. 



350 

schwillt nach oben und unten leicht an, der kegelförmig-e Fuß 
schließt mit einem Knoten an den Körper. In die vier Seiten- 
wände sind Löcher eingeschnitten und die Wandung- dabei so 
eingedrückt, daß sich die Schnittkanten im Innern wieder ver- 
einigen und vier Eckpfeiler bilden, welche einen Hohlraum 
begrenzen. Die Fugen sind im Innern deutlich als Nähte sicht- 
bar. Als Schmuck dienen farbige und farblose Auflagen: An 
den Seitenkanten läuft ein starker farbloser und gezahnter Streif 
entlang; farblos sind auch die Pilgermuscheln, welche über den 
vier Ausschnitten festgesetzt sind, während je zwei andere, die auf 
kurzen Stielen über die vier oberen Ecken hinaus wachsen, paar- 
weise opak-gelb und tief-azurblau sind. Den Rand der Mündung 
umgibt ein azurblauer Faden, den Ansatz des Trichters eine 
farblose Spirale, das Ende des Halses eine opak -gelbe. Die 
Muscheln, von welchen nur eine fehlt, sind in einer Hohlform 
gepreßt. Daß auch hier die Höhlung des Körpers zur Aufnahme 
eines Miniaturkännchens diente, das verloren gegangen ist, zeigt 
der Vergleich mit einem ganz ähnlichen Gefäße des Provinzial- 
museums in Trier (xVbb. 79), das vor kurzem daselbst gefunden 
wurde. Es ist stark beschädigt, läßt aber noch die Einzelheiten 
deutlich erkennen, namentlich die kleine im Innern aufgestellte 
Amphoriske, die Muscheln an den oberen Ecken und die dicken, 
schraubenförmig gedrehten Fäden, welche anstatt der gezahnten 
Streifen auf den vier Kanten aufliegen. 

Vier Durchbrechungen enthält auch eine Kanne des 
Museums Wallraf-Richartz in Köln (Abb. 80), gleichfalls Lokal- 
fund, 25 cm hoch, 12 cm breit, plattbauchig wie eine Pilger- 
flasche. Sie besteht aus farblosem irisierendem Glase und ist 
im Halse, der Fußbildung, dem Material und anderen technischen 
Einzelheiten den vorgenannten durchaus verwandt, denn alle drei 
stammen aus der Werkstatt der vSchlangengläser in Köln. Die 
Durchbrechungen befinden sich hier auf der Breitseite neben- 
einander. In ihnen sitzen vier kleine Täubchen aus voller opak- 
weißer Glaspaste geformt, an den Köpfen und Flügeln azurblau 
überfangen. Drei von ihnen wenden aus diesem Taubenschlage 
die Köpfe nach derselben vSeite, die \ierte ist umgekehrt. Das 
mag auf einem Versehen beruhen, es wäre aber auch denkbar, 
daß der Glaskünstler damit einen Scherz beabsichtigte, der 



351 



irg-end eine uns unbekannte, damals aber volkstümliche Erzählung- 
illustrierte. Das Gefäß hat zwei Henkel, die sich an den unteren 
Teil des Halses anschließen und zugleich mit dem äußeren Ge- 
fäßrande durch einen azurblauen Wellenfaden geschmückt sind. 
Den I lals umgibt ein Faden von derselben Farbe. 

Zu den Bizarrerien sind auch die Tümmler zu rechnen, 
in der einfachsten F'orm Kugelbecher, welche unten gerundet 
sind und daher, falls für sie kein eigener Untersatz vorhanden 
war, stets geleert und um- 
gestülpt auf den Rand auf- 
gestellt werden mußten. Im 
späten Mittelalter verfertigte 
man solche Tümmler, indem 
man in den Boden, um ihn zu 
beschweren, Bleimasse einließ, 
so daß das Gefäß, wenn man 
es aus der Hand legte, immer 
wieder auf den abgerundeten 
Boden zu stehen kam (Steh- 
aufmännchen). Aus der An- 
tike sind Tümmler solcher Art 
nicht erhalten. Zu Ende des 
I\'. Jahrhunderts und später 
bildete m£in ausgeschweifte 
Becher in Form des Carchesi- 

ums, deren Boden sich rundete oder in eine kegelförmige, oft mit 
einem Knopfe versehene Spitze auslief (Formentafel F 317 — 319). 
Aus ihm entwickelte sich der bereits erwähnte Rüsselbecher 
oder Taschenbecher der fränkischen und karohngischen Zeit, der 
oft in gewaltigen Dimensionen, bis zu 30 cm Höhe, aus grünem, 
olivgrünem, bräunlichem, selten wasserhellem Glase hergestellt 
wurde. Fr ist nach oben stark ausgeschweift, nach unten ein- 
gezogen, mit einer verhältnismäßig kleinen Fußplatte \-ersehen 
und mit dichten Spiralfäden gleicher Farbe umwunden. Das 
cliaraktcristische iiber sind die rüsselförniig gel)Ogenen hohlen 
Ansätze, die in zwei bis drei Reihen, meist zu fünf nel)en- 
einander, an die Wimdung angesetzt sind. Sie ist zu dit^siMU 
Zwecke mit ovalen Ausschiütten versehen, welchen die Rüssel 




Abb. 173. Rosette in (llasniosaik. 
Rom, ehem. Sammlung Sarti. (Vergrößert.) 



352 

genau angepaßt sind. l)i(>sr (mkIcmi in rmm khMncn hcraus- 
gebogenen Knoj)!" und sind mit rincin (Mn])()rlautriidcr, W'cllrn- 
faden geschmückt. Ks gehört keine geringe Jvunstfertigkeit 
dazu iius einem solchen Ungetüme zu trinken, denn der ein- 
gegossene Wein dringt in alle Rüssel ein und gluckst dem 
Trinker, so oft er den Becher ansetzt in die — Xase. 

Auch Geräte aller Art wurden aus dlas gemacht. Kine 
grolU^ Retorte wurde in Aliscampe bei .\rles gt^funden und 
bildet jetzt den .Stolz der .Vltertümersanindung von Marsc^ille.-^) 
Sie enthält angeblich noch heute Wein, dürfte also nichts anderes 
als ein Saugheber sein, ebenso eine aus Marseille selbst 
stammende und eine aus Arles. Am Rhein sind Saugheber nicht 
selten, mam findet ganze oder friigmentierte Exemplare fast in allen 
Museen des Landes. Es sind spitzwinkelig gebogene Röhren aus 
wasserhellem Glase mit einem Mundstücke an einem P^nde und 
einer »Spitze an dem anderen, ül)er welcher sich eine eirunde 
Anschwellung mit einem tiefen ovalen Eindrucke befindet.'^) 
Das Exemplar in der Sammlung M. vom Rath in Köln ist 
0,195 m lang und 0,105 m breit. Ahnlich sind die Saugheber 
im Kölner Museum. Solche Geräte kommen auch schon in den 
pompejanischen Funden \'or. ( )b die kleineren von ihnen für 
pharmazeutische Zwecke oder als Saugheber bei \Vein])robtm 
dienten, scheint mir zweifelhaft. Ich bin schon wegen ihrer 
großen Verbreitung geneigt sie für Toilettegeräte zu halten, die 
zum Berieseln von Gew^ändern, Tischzeug u. dgl. mit Parfüm 
gedient haben können. Die duftende Elüssigkeit wurde durch 
Saugen am Mundstücke in die eiförmige Blase hinaufgezogen 
und die spitze Öffnung dann mit dem Finger geschlossen, wobei 
der Daumen in die ovale Vertiefung eingriff. Entfernte man 
den Finger von der Spitze, so floß das Parfüm in feinem Strahle 
langsam aus. 

Gläserne Lampen, welche die kleinen (311am])en aus Ton 
und Bronze nachahmen, sind selten. Man findet sie im Kölner 
und Britischen Museum. Deville veröffentlicht nach Passeri ein 



1) Vgl. Revue archeol. N. S. 28, S. 79 f. 

■') Abgebildet in meinem Buche „Die antiken Gläser der Frau M. vom Rath 
Tafel XXX 264, S. 154 No. 314. 



353 



reich verziertes Exemplar in Überfang-glas, das auf blauem 
Grunde weiße Weinranken um ein Brustbild des Harpokrates, des 
Gottes des Schweigens, sowie die Inschrift „Deo qui est maximus" 
zeigt (Abb. 194). Der antike Ursprung dieser Lampe ist aber 
sehr unwahrscheinlich/) Gläserne Laternen nennt Isidor von 
Sevilla; es sind Bronzegestelle mit Glasscheiben, ähnlich den 
unseren. Löffel stellte man manchmal ganz aus Glas und zwar 
aus opak -farbigem 
her (Funde von Rom 
und der Insel Milo), 
bei anderen bloß 
den Griff oder bloß 
die Muschel, das 
übrige aus Metall. 
Trichter sind nicht 
selten; sie haben 
einen glockenförmi- 
gen oder konischen 
Körper mit einer 
Röhre daran, wie 
die Exemplare aus 
Rom (Yatican, Abb. 
']']), aus Neapel 
(Abb. 76) und im 

Kölner Museum."') Auch Glocken wurden aus Glas hergestellt, 
deren Form den unseren ähnlich ist (Abb. 76 ]\Iitte). Ein 
hammerförmiges Glasgefäß in der vatic^lnischen Sammlung 
(Abb. ']'] Mitte), dessen hohler Stiel als Hals dient, wurde zu 
Küchenzwecken benützt, wie auch ähnliche Geräte von heute 
{Teigroller). Sehr häufig sind Stäbchen aus Glas, die, wie bereits 
vS. 5 erwähnt wurde, verschiedenen Zwecken dienten. Sie sind 
zumeist gedreht, an einem Ende leicht zugespitzt, am anderen 
mit einer Abplattung, oder einem Ringe \ersehen, durch welches 
man einen Finger stecken konnte (Formentafel Ci. 40S, 409). 
Letzteres deutet darauf hin, daß uKin sie zum Eintauchen in 




Al)b. 174. 



Streifenmuster in Glasmosaik. Rom, ehem. 
Sammlung Sarti. (Vergrößert.) 



1) Dcville a. a. O. S. 63. Vgl. auch .Abschnitt VIII. 

2) Vgl. Overheck. Pompeji S. 451 Fig. 250. Üeville T. IX c. 



•354 

Flüssigkeiten verwendete, etwa um diese umzurühren oder zu 
mischen, während die Abplattung auf Salben- oder Schminke- 
streicher deutet. Andere mögen als Flüssigkeitsmaße, größere 
tatsächlich, wie man vermutet, als Stäbe zur Bezeichnung einer 
Amts würde gedient haben. Gab es ja doch im Oriente sogar 
gläserne Szepter. Auch Schröpfköpfe aus Glas sind gefunden 
worden, ferner Si egelstöcke,^)iillerleiS])ielgerät, wie Latrunculi 
(Martial VII, 72, 8), Schachfiguren, Würfel und Knöchel, zahllose 
runde Spielsteine") (vgl. S. 141). In Würfel setzte man die Augen 
mitunter aus andersfarbigem Glase ein.*) Ja selbst Taucher- 
glocken, Wasseruhren (Klepsydra), gläserne Vogelkäfige 
werden erwähnt. Letztere waren bis ins Mittelalter hinein üblich. 
Nach Hermes III, 10 wurden sogar Käfige für junge Tiger im 
Orient aus Glas hergestellt, d. h. starke Holzgitter mit Glasplatten 
versehen, damit man die Tiere jederzeit beobachten könne.*) 
Dazu kommen zahlreiche figürliche Amulette und Weihege- 
schenke (Votive) oder solche in Gestalt von Körperteilen und 
Emblemen, die auch bei den Römern eine Rolle spielten, und 
Tesserae, Marken zu verschiedenen Zwecken, welche durch Auf- 
pressen einer Negativform auf runde, münzenähnliche Pasten 
von fiirbigem Glase hergestellt wurden. Eine zu Fresnicourt bei 
Arras gefundene Tessera zeigt in Relief ein galoppierendes Roß. 
Hierher gehören auch die mit Ösen versehenen Glasmarken mit 
eingepreßten Reliefs, die in Ägypten als Plomben an Glasflaschen 
gehängt wurden, um im Handelsverkehr eine Kontrolle herbei- 
zuführen.'^) Aus diesen, sowie aus den Abdrücken und Abgüssen 
von Kaisermünzen, die häufig als Verzierung in den Boden von 
Glasgefäßen eingesetzt wurden, entwickelten sich die Glasmünzen 
der Araber. So fand man bei Chalons ein Glas mit der Nach- 
bildung einer ]Münze des Diadumenian am Boden, in Rom solche 



^) Siegelstöcke aus Glas in Goldfassung werden im Inventare des Hekatompedos 
erwähnt. Vgl. Boeckh, Staatshaushalt II, 263. 

') Zum Brettspiele wurden zweifarbige Spielsteine verwendet. Vgl. Ovid, .•\rs 
arr.andi IV, 307. 

^) Vgl. Führer d. d. Wiener Münz- und Antikenkabinet 1879 S. 44 No. 66. 

•*) Vgl. Froehner a. a. O. S. 102 f. 

*) Edgar, graeco-egyptian Glass etc. erwähnt solche Stücke. Aus ihnen sind 
die Glasmünzen der Araber hervorgegangen. 



355 

mit Münzkopien des Marc Aurel, des jungen Commodus und 
der Faustina; im Britischen Museum befindet sich ein Glasfrjigment 
mit Nachbildung- einer Großbronze Domitians, ein anderes mit 
einer Hadrians.^) Die Nachbildung von Gemmen und Cameen 
in Glas lassen wir, da dieser Kunstzweig zur Glyptik gehört, 
hier außer Betracht. 

Die Frage, ob die Antike die Lupe, die optischen Ver- 
größerungsgläser gekannt habe, muß schon in Ilinbhck 
auf die feine Arbeit an den Gemmen bejaht werden. Sicher 
hat bereits Archimedes sich mit solchen Problemen beschäftigt, 
als er seine berühmte Kugel herstellte, welche die Stellung der 
Himmelskörper juizeigte, und die Brennspiegel erfand, mit 
welchen die Schiffe der Belagerer von .Syrakus in Brand 
gesteckt wurden.-) Aristophanes spricht bei der Erzählung 
vom Feuer in den „Wolken" ausdrücklich von Brenngläsern. ^) 
Auch Plinius berichtet 37, 28 über den Gebrauch einer Krystall- 



1) Nesbitt, Collection Slade Xo. 195. Vgl. Froehner a. a. O. 

-) Über die zwei Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung konstruierte Himmels- 
sphäre des Archimedes sagt Ovid : 

Arte Syracusia suspensus in aere clause 
Stat globus immensi parva tigura poli. 
Claudian schildert in einem Gedichte den Eindruck, welchen das Werk auf die Götter 
machte. Als Juppiter den Himmel in eine kleine Glaskugel eingeschlossen sah, be- 
gann er zu lachen und sagte zu den Göttern: ,,Es ist also schon so weit mit der 
Macht der Sterblichen gekommen, daß sie meine Schöpfung zum Spielzeug in einer 
gebrechlichen Glaskugel verwenden. Ein Greis von Syracus maßt sich an, durch 
seine Kunst die Grundlagen des Himmels, die Harmonie der Materie, die Gesetze der 
Götter zu bestimmen! Seine dreiste Erfindung setzt bereits die Welt in Bewegung, 
eine armselige Hand macht sich zum Nebenbuhler der Naturkraft!" Im Originale 

lauten die Verse: 

In sphaeram Archimedis. 
Juppiter in parvo quum ccrneret aethera vitro, 
Risit et ad superos talia dicta dedit: 
Huccine mortalis progressa potentia curae 
Jam meus in fragili luditur orbe labor. 
Jura poli rerumque fidcm legesque deorum 
Ecce Syracusius transtulit arte sencx. 
Jamque suum volvens audax industria mundum; 
Aemula naturae parva reperta manus. 
^J Aristophanes, Die Wolken v. 766 — 772. 



356 



ku^el als Brennglas/; ' Seneca erklärt, daß eine mit Wasser ge- 
füllte Glaskugel die Buchstaben vergrößere, doch gibt er eine 
unrichtige Deutung dieser Tatsache.'^) Nachdem man die Wir- 
kungen einer solchen Kugel kennen gelernt hatte, suchte man 
sie durch geeigneten Schliff des Glases zu erreichen, durch die 
Herstellung von Linsengläsern. Funde von zweifellos antikem 
Ursprünge, welche an verschiedenen, weit von einander entfernten 
Orten gemacht wurden, beweisen, daß die Alten mit der Fabri- 
kation von Glaslinsen zu optischen Zwecken vertraut waren. Aus 
Plinius wissen wir, daß sich Nero im Zirkus 
eines Smaragdes bediente, durch welchen 
er die Käm])fe der Gladiatoren betrachtete. 
Freilich wird nicht mitgeteilt, ob dieses 
antike Opernglas linsenförmig geschliffen 
war also auch zur Vergrößerung diente, 
oder nicht. Wahrscheinlich benützte der 
Kaiser nur ein einfaches Stück smaragd- 
grünen Glases, um das grelle Sonnenlicht 
zu dämpfen, wie wir grüne oder blaue 
Brillen tragen. Geben ja doch sowohl Pli- 
nius wie Theophrast davon Kunde, daß den 
alten Steinschneidern diese milde Wirkung 
des Smaragdes nicht unbekannt war, weil sie, um ihre Augen 
von angestrengter Arbeit zu erholen, eine Zeitlang einen solchen 




Abb. 175. OrnamentfüL 

lung in Glasmosaik. Rom 

ehem. Sammlung Sarti 

(Vergrößert.! 



■*) ,.Addita aqua vitreae pilae sole adverso in tanlum excandesrunt ut vestes 
exurant." (Glaskugeln, mit Wasser gefüllt, sengen selbst die Kleider, wenn man die 
Sonnenstrahlen durch sie auffängt). Diese Tatsache war auch dem Lactantius bekannt, 
der in seinem Buche De via Dei cap. X schreibt: ,,Orbem vitreum plenum aquae si 
tenueris in sole, de lumine, quod ab aqua refulget, ignis accenditur ctiam durissimo 
frigore." 

'") Seneca, Quaest. nat, I 6. „Litterae quamvis minutae et obscurae per vitream 
pilam aqua plenam maiores clarioresque cernuntur. Poma formosiora quam sunt 
videntur, si innatant vitro." Derselbe ibid. I 5: ,,Poma per vitrum aspicientibus multo 
raaiora sunt." (Buchstaben, obwohl klein und undeutlich, können durch eine Kugel, 
welche man mit Wasser füllt, vergrößert gesehen werden. Früchte, welche in dem 
Glase schwimmen, scheinen schöner zu sein, als sie in Wirklichkeit sind). Seneca 
meint daß der Arbeiter durch ein solch einfaches Mittel sich die Arbeit in kleinem 
Maßstabe sehr erleichtern könne. Martial glaubt dasselbe: ,,Condita sie puro nume- 
rantur lilia vitro." 



357 

betrachteten.^) Eine Linse von plankonvexem Glase wurde aber, 
wie Minutoli berichtet, 1834 aus einem g-riechischen Grabe bei 
Xola hervorg'eholt. Sie hat 2" 3'" rh. Durchmesser und war in 
Gold gefaßt, doch wurde die Fassung später von dem Arbeiter, 
der das Stück gefunden hatte, abgelöst, um sie einem Trödler 
zu verkaufen, wobei das Glas etwas beschädigt wurde. Ein 
bikonvexes Glas wurde 1855 in England gefunden, andere in 
Mainz, in Pompeji und Cyrenaica. Wahrscheinlich führte der 
Gebrauch des Krystallglases als Brennglas zur Erfindung der 




Abb. 176. Randornament in Glasmosaik. Rom, ehem. Sammlung Sarti 
(Vergrößert.) 



konvex geschliffenen Linse; sicher sind die in Xola und ALunz 
gefundenen vStücke Vergrößerungsgläser.'") Schon Winckelmann 
war davon überzeugt, daß die Alten solche kannten und stützte 
sich dabei außer Plinius auf einen dem Brutus zugeschriebenen 
Vers, in welchem ein gewisser Patroclus als Faber ocularis 
bezeichnet wird.^) Die Echtheit dieser Stelle ist aber nicht über 
jeden Zweifel erhaben. Positivere Beweise als Schriftquellen liefern 
uns auch in diesem Falle die Funde. 

Dieselbe Bewandnis hat es mit den gläsernen Spiegeln 
des Altertums, über welche uns die antike Literatur nur sehr 
unklare Nachrichten vermittelt. Aristoteles spricht an einer Stelle 
gelegentlich von Spiegeln mit Metallbelag: „Wenn Metall poliert 
werden muß, um als Spiegel zu dienen, müssen Glas und Krystall 



•) Plinius 37, 16: „Nero princeps gladiatorum pugnas spectabat smaragdo''. 
') Vgl. Journal of the brit. Archeol. Assoc. XI (1855;, S. 1441'. — Archäol.- 
epigr. Mitteil, aus Österreich. Ill (1879), S. 151 f. — Marquardt, Privataltert. II, 726 f. 
3) Minutoli a. a. O., S. 4 f. 
Kisa, Das Glas im Altertume. II. 24 



358 

mit einem Metallüberzüge versehen werden, um ein Bild wieder- 
zugeben" meint er. Vielleicht ist er selbst \'on ungefähr auf die 
Beobachtung gestoßen, daß Gläser mit Zinnfolie die vorgehaltenen 
Gegenstände reflektieren/) Plinius dagegen, der zwar von 
Spiegeln als solchen spricht und sowohl dem Zinn w'w dem Queck- 
silber (argentum vivum) besondere Kapitel widmet, bringt diese 
drei Dinge in keinerlei Zusammenhang und sagt nichts \-on 
Spiegeln mit jMetallbelag. Er teilt nur mit. daß die Sidonier die 
gläsernen Spiegel erfunden hätten.-) Lsidor \on Sevilla, das Echo 
des Plinius, sagt vom Glase, daß es kein Material gebe, das für 
Spiegel geeigneter wäre. Auch sonst werden .Spiegel in der 
Literatur erwähnt. Pausanias berichtet als Merkwürdigkeit von 
einem Spiegel im Tempel der Diana in Arkadien, der im Xaos 
beim Ausgange in der Nähe der Statue der Göttin angebracht 
war. Wenn man sich in ihm betrachtete, sah man sich selbst 
kaum, wohl aber sehr deutlich jene Statue. Vielleicht war es 
ein Metallspiegel, der die hellfarbige Marmorfigur viel genauer 
wiedergab, als lebende Personen und auch entfernte Gegenstände 
stärker reflektierte als nahe. Um Metallspiegel handelt es sich 
auch bei der Mitteilung Senecas, daß man in Rom Spiegel von 
Mannesgröße herstellte und mit ziseliertem Gold und Silber, ja 
selbst mit Edelsteinen verzierte.'") Gläserne Spiegel von solcher 
Größe sind für das Altertum undenkbar und in einem einzigen, 
ungeteilten Stücke erst im 19. Jahrhundert hergestellt worden. 
Derselbe Seneca erzählt auch, daß man Spiegel aus einer 
größeren Anzahl kleiner Teile zusammengesetzt habe; wenn ein 
Einzelner sich vor einen solchen Spiegel setzte, habe dieser ein 
ganzes Volk wiedergegeben.^) Auch der Dichter Lucrez kennt 
Vexierspiegel, die aus zwei einander gegenüberstehenden Teilen 
bestanden, in welchen man sich beiderseits fünf bis sechs mal 
sah; sie müssen zu diesem Zwecke in einem Winkel von 60 



^) Ilg bei Lobmeyr, S. 23 f. — Vgl. auch den Aufsatz über Glasspiegel im 
Altertume, Bonner Jahrb. 85, S. 156 u. Marquardt, a. a. O. II, 735 f. 

2) Plinius 36, 193. 

^) Seneca, Quaest. nat. I 17. 

*) ,,Sunt quaedam specula ex multis, quae (particularis) composita, quibus si 
unum ostenderis hominem, populus apparet unaquaque parte faciem suam exprimente." 
Seneca, quaest. nat. I 5. 



359 



^IJI^M.^ 



Graden gegen einander gekehrt sein.^) Im III. Jahrhunderte 
spricht Alexander von Aphrodisias über gläserne Spiegel,"') sagt 
aber ebenso wenig wie Andere etwas über deren Herstellung 
und die Mittel, die man anwendete, das Glas reflexionsfähig zu 
machen. Und doch weiß man, daß die Alten das Quecksilber 
sehr wohl zum C^berzuge von Metallen anzuwenden verstanden 
und sich seiner zur Vergoldung der Bronze bedienten. „Aes 
inaurari argento vivo aut certe 
hydrargyro legi tum erat" heißt 
es bei Plinius. Die Vermutung, 
daß man die Kenntnis der 
Tauglichkeit des Quecksilbers 
zum Bindemittel von Metallen 
auch zum Überzuge gläserner 
Spiegel angewendet habe, liegt 
nahe. Von der Zinnfolie da- 
gegen glaubt Beckmann, daß 
sie den Römern noch unbe- 
kannt geblieben sei und erst 
im VI. Jahrhundert auftauche.''') 
Dem widersprechen neuere 
Funde, die auch die frühere 
Anschauung, daß die Antike 
bei ihren Spiegeln schwarzes 
Glas angewendet habe, das 
auch ohne Folie einen leichten 
Reflex der vor ihm befind- 
lichen Gegenstände wiedergibt, unbegründet erscheinen lassen. 
Diese Ansicht fußte auf Plinius, der von dem glasähnlichen schwarzen 
Obsidian, einer Art vulkanischen Xaturglases, folgendes berichtet: 
„Zu den Glasarten werden auch die obsidianischen Geräte 
gezählt, die Ähnlichkeit mit dem von Obsius (einem sonst ganz 
unbekannten Manne) in Äthiopien entdeckten Steine haben. 
Dieser ist von sehr schwarzer und zuweilen durchsichtig-er Farbe, 




Abb. 177. Bildchen in Glasmosaik. 
München, Anticjuarium. (Naturgröße.) 



^) ,,Fit quoque de speculo in speculum ut tradatur imago quinque etiam sex." 
Lucretius, de rerum natura IV 303. 

^) Alexander Aplirodisias, l'roblemata, I, 132. 

""') Beckmann, Geschichte der Erfindungen. III, S. 501 f. 

24* 



36o 

gibt einen matten und an den Wandspiegeln anstatt des Bildes 
den Schatten zurückwerfenden vSchein. Viele machen aus ihm 
Ringsteine; wir sahen auch gediegene Bildnisse des göttlichen 
Augustus aus diesem, die nötige Dicke bietenden Stoffe und er 
selbst weihte als Alerk Würdigkeit in den Tempel der Concordia 
vier Elefantenstatuen aus Obsidian. Auch Tiberius Cäsur sandte 
ein in dem Nachlasse des damaligen Statthalters von Ägypten 
gefundenes Bildnis des Menelaus aus Obsidian den HeliopoH- 
tanern für ihre gottesdienstlichen Gebräuche zurück, woraus der 
alte Ursprung dieses Stoffes, welcher jetzt in Glas nachgeahmt 
wird, hervorgeht. Xenokrates bemerkt, daß der Obsidian auch 
in Indien, ferner in Samnium, in Italien und in Hispanien am 
Ozean gewonnen werde.^) ]\Ian macht aucli durch eine Art \on 
Färbung (künsthchen) Obsidian zu Eßgeschirren und ein voll- 
kommen rotes, undurchsichtiges Glas, das sogenannte Ilaematinum 
(Blutglas)." 

Griechisch heißt der Obsidian 'Oipiavog ki^og. Salmasius 
zitiert aus einem ungenannten Autor in den Exerc. Plin. p. 91: 
^Me/.ag ov ?Uoiv a/j' vjiöxXioQog siqiGxofxsvog Iv Tij (pQvyiri vg xai 
nioGa xaÄsiTcd dict ro nQOGTQißö/iisvov avxov 06i.ir^v nvQtlv niaajjg."' 
Man hat also zur Wandbekleidung Obsidian und wohl auch 
schwarz gefärbtes, den Obsidian nachahmendes Glas verwendet; 
es ist aber aus dieser Nachricht durchaus nicht zu folgern, daß 
die Römer zu Glasspiegeln überhaupt nur schwarzes Glas be- 
nützten, das ebenso wie die glatten Metallspiegel das Bild in 
verschwommen Formen, mehr schattenhaft, wiedergab und zu 
diesem Zwecke keiner Folie bedurfte. Wir besitzen nämlich ein 
Zeugnis, das deutlicher als alle literarischen Nachrichten beweist, 
daß die Antike Spiegel aus farblos -durchsichtigem Glase mit 
Metallfolie kannte. Im Museum von Turin befindet sich eine 
ägyptische sitzende Statue aus Kalkstein aus der Ptolemäerzeit, 
in deren Sessel ein Spiegel aus farblos-durchsichtigem Glase ein- 
gelassen ist, der ebenso wie ein anderer daselbst befindlicher eine 



^) Plinius 67, I 2. In genere vitri et obsidianum numeratur ad similitudinem 
lapidis, quem in Aethiopia invenit Obsius nigerrimi coloris, aliquando et translucidi, 
crassiore visu atque in speculis parietum pro imagine umbras reddente . . . Xenocrates 
obsidianum lapidem in India et in Samnio Italiae et ad oceanum in Hispania nasci tradit." 



36i 

Fassung aus Sykomorenholz hat. Die Glasplatte ist mit einer 
Folie unterlegt, die leider noch nicht genau untersucht werden 
konnte, aber jedenfalls metallisch ist/) Daß Zinn durchaus nicht 
ausgeschlossen ist, ergibt sich daraus, daß einige kleine Taschen- 
spiegel, die man in römischen Standlagern in Deutschland, u. a. 
in Regensburg und in Köln gefunden hat, Zinn- oder Bleibelag 
aufweisen. Einer der Regensburger Spiegel ist ein Rundplättchen 
von etwa 5 cm Durchmesser, das auf einen mit Nägeln verzierten 
und mit einem kleinen Griffe versehenen Bronzediscus aufgelegt 
ist (Abb. 75). Die Kölner Exemplare sind gleichfalls rund, 
andere viereckig. Ein reicher ausgestattetes Stück kam 1866 
neben einer der Villen auf der Saalburg 9 m tief in einem 
Brunnen zum Vorschein, der zur Abfallgrube geworden, aber 
mindestens seit der letzten Zerstörung des Kastelles, also seit 
annähernd 1500 Jahren verschüttet ist. Die römische Herkunft 
ist daher zweifellos. Es ist ein rechteckiges, 4 cm breites und 
7 cm langes Stück (wie es scheint) gegossenen, farblosen Glases, 
mit Fassettenschliff an den Rändern und abgeschliffener Ober- 
fläche, mit einer feinen Goldfolie unterlegt, welche durch einen 
Überzug von rotem Lack geschützt ist. Neben ihm lag eine 
Münze Hadrians.-) In Italien, wie in den klassischen Ländern 
überhaupt, hat man solche Spiegel bisher nicht gefunden: es 
scheint, daß man, obwohl sie nicht unbekannt waren, doch den 
Metallspiegeln mit ihrer kunstvollen Ausstattung den Vorzug gab, 
wie ja auch heute Chinesen und Japaner in konservativer Treue 
an den alterebten Formen und Stoffen festhalten, obwohl sie 
sehr leicht imstande wären, Glasspiegel herzustellen. Der Um- 
stand, daß Soldaten im Lager Glasspiegel bei sich führten, läßt 
diese durchaus nicht als Luxusartikel erscheinen. Sie werden 
vielmehr in den germanischen Provinzen wohlfeiler gewesen sein 
als andere, weil sie im Lande selbst hergestellt wurden. Da 
sie meines Wissens in Frankreich und Belgien bisher nicht 
gefunden worden sind, müssen wir sie wohl als Erzeugnisse 
rheinischer Lokalindustrie auffassen. 

Wenn wir uns allein auf die Nachrichten der zeitgenössischen 



^) Raoul Röchelte, Peinturcs antiques 379 not. 62. Semper a. a. O. II, 183. 
-) Bonner Jahrb. 85, S. 156. 



362 



vSchriftsteller verlassen würden, müßten wir q-lauben, daß der Antike 
Fensterscheil)en \on dlas imln'kannt !u;-('l)liel)('n scit-n. rnd 
doch beweisen uns di(^ Funde, daß sie diese selir wohl kannte 
und sogar einen sehr ausgedehnten Gebrauch von ihnen machte, 
einen weit ausgedehnteren tds das frühe Mittehdter. Man nahm 
an, daß die Alten zum Verschlusse der Fenster die noch heute 
im vSüden gebräuchlichen Holzläden verwendet hätten, teilweise 
auch dünngesägte Marmorplatten, welche das Licht genügend 
durchscheinen lassen, oder solche von Fraueneis oder Ghmmer, 
dem Lapis specularis des Plinius^), den die Griechen to 6iaq>avtg 

nannten und vom Glase, dem va/,og 
xsxav/itvij ausdrücklich unter- 
schieden.-) Eine Reihe von alten 
Schriftstellen scheint auf diese 
Art der vSpekularien zu passen, 
die viel wohlfeiler als Glas waren 
und die Sonnenstrahlen dämpf- 
ten. Doch waren schon unter 
Caligula Glasfenster in Gebrauch. 
Im III. und IV. Jiihrhundert 
sprechen Augustinus und Ilieronynius \'on Glasfenstern in Basi- 
liken, unter Diocletian Lactantius, der Lehrer des Sohnes Con- 
stantins des Großen.^) Winckelmann folgerte aus den zu seiner 
Zeit in Herculanum gefundenen Stücken gläserner Platten, daß die 
Römer in der Kaiserzeit Glasfenster gehabt haben müßten.^) Die 
Scheiben sind teilweise in Bronzerahmen gefaßt und etwas dicker 
als die unseren. Später wurden auch in Pompeji, besonders in 
den Bädern, in der Casa di Goethe, der des Actäon'^) in Pozzuoli, 
Rom, Velleja und an anderen Orten Italiens Fensterscheiben in 
großen Massen, freilich zumeist zu Scherben gebrochen, gefunden. 




Abb. 178. Randeinfassung in Glasraosaik. 
IMünchen, Antiquarium. ^Xaturgröße.) 



1) Plinius 36, 160: 62, 183; 9, 113; 3, 30: 37, 203. 

^) Galenus, vol. 13, 663 ed. Kuhn. 

") Vgl. Marquardt a. a. O. II, 342 f. Zu den hier angeführten literarischen 
Zeugen fügt Froehner noch Philoponus II in Posteriora analytica S. 2 21 der Ausgabe 
von 1504. 

^j Winckelmann in den Anmerkungen über die Baukunst der Allen und in 
seinen Werken. II 251, 343. 

^) Nissen, Pompejan. Studien, S. 596. 



363 



Erstere saßen an manchen Stellen noch in den Fensteröffnungen 
fest und hatten eine Größe von 30X40, auch von 33X54 cm. 
Im Museum von Neapel befinden sich Scheiben von 27X33, im 
Britischen Museum solche von 30X60 cm. Die von Velleja sind 
auf einer Seite mattiert. Froehner vermutet, daß die Römer Fenster- 
scheiben im Oriente kennen gelernt hätten, was sehr wahrschein- 
lich ist; weniger glaublich ist, daß sie von dort her schon nach 
Etrurien gedrungen seien, wie man nach Deville annehmen müßte, 
der vScheiben des Museums Campana abbildet, welche aus einem 
etruskischen Grabe in Cerae stam- 
men.^) Man wird wohl auch sie in 
die Kaiserzeit versetzen müssen. 

Sehr häufig sind Funde römi- 
scher Fensterscheiben in den rhei- 
nischen Niederlassungen, nament- 
lich in den Überresten der Villen an 
der Mosel. Das Museum von Trier 
verwahrt deren eine große Zahl. 
Ein Stück aus Wellen (Kreis Saar- 
burg) hat noch den alten Bleirah- 
men, die Scheiben aus der Villa zu 
Beckingen sind ganz durchsichtig"), 
an einer Scheibe aus Wustweiler 
(Kreis Ottweiler) ist deutlich die Her- 
stellungsart zu erkennen: Man goß 

(xlasmasse auf eine Platte aus und zog sie nach allen Seiten mit 
einer Zange in die Länge. Andere stammen aus Oberweis, aus dem 
Trierer Dom, den Thermen, der Antoniterstraße daselbst, ferner aus 
Faha und aus Butzweiler. Nach Hettners Ansicht können die großen 
Trierer Bauten, der Kaiserpalast, die Basilika, die frühchristliche 
Kirche, welche den Kern des heutigen Domes bildet, in den 
Räumen, welche mächtige Fensteröffnungen in zwei Geschoßen 
übereinander und gleichzeitig Tlypokaustenheizung hatten, nur 
durch Verglasung bewohnbar gemacht worden sein. Wie sich 




Abb. 179. 
mosaik. 



Rosettenfüllung in Glas- 
München, Antiquarium. 

(Naturgröße.) 



'1 Deville a. a. O. T. 112a. 

-) llettner, Westd. Zeitschrift II S. 20. Vgl. auch die Zusammenstellung der- 
artiger Funde durch Cramer im Anhange seiner Abhandlung über Inschriften auf Gläsern 
des römischen Rheinlandes S. 32 f. Ferner Hettner, lUustr. Führer S. 114. 



364 

so einerseits dtis Überwiegen von Glasfenstern am Rhein durch 
klimatische Gründe erklärt, konnte man andererseits bei größeren 
oifenen Anlagen in Rücksicht auf die winterlichen Regengüsse 
auch im Süden die Verglasung sehr vorteilhaft finden. Mazois 
glaubt bestimmt, daß die Römer in Italien bei I 'raclitbautcn 
die Arkadenhöfe mit Glas deckten. Kr schlielU dies hau])t- 
sächlich aus einem von Winckelmann veröffentlichten (iemälde 
mit der Unterschrift BAL(neum) FA\'STIXP:S, auf welchem ein 
derartiger Verschluß deuthch sichtl)ar i,st.\) 

Andere Fensterscheiben wurden im Römerlager von Bonn"-), 
in Koblenz, im Bade des Kastells lleddersdorf bei Neuwied, in 
Wiesbaden, Alzei, Kreuznach, Holzbaum a. d. Höhe, in der Villa 
von Stolberg"'), im Römerlager von Neuß^), in der GlasüdDrik 
bei Cordel in der Hochmark (Eifel)''), der Villa zu Raversbeuren"), 
in mehreren Limeskastellen, wde Kastell Ruffenhofen ') (mit 
Münzen Marc Aureis bis Philipp L), Kastell Butzbach *"), Unter- 
böblingen'') und auf der wSaalburg^°) gefunden. Die hier ge- 
fundenen Scheiben (aus der sog. Villa des Caracalla, außerhalb 
der Umwallung und mehreren anderen Gebäuden der bürger- 
lichen Niederlassung) hatten ungefähr 30 cm Länge und 
doppelte Breite. Sie sind nicht wie unsere modernen Fenster- 
scheiben in mächtigen Zylindern geblasen, die dann auf einer 
Seite aufgeschnitten, flach aufgerollt und geglättet werden; die 
Herstellung geschah, wie auch an der Scheibe von Wustweiler zu 
erkennen ist, durch Guß und zw^ar zeigt es sich deutlich, daß dieser 
auf einer mit feinem Sande bestreuten Fläche vorgenommen 
wurde, die mit einem emporragenden Rtmde versehen war. Auf 
der anderen Seite sind die Scheiben völlig glatt, die Ränder aber 



^) Mazois II 53; Winckelmann Mon. ined. S. 266 T. 204. 
-) Bonner Winckelraanns-Programm 1888. Sp. 41. 
*) Berndt, Die römische Villa zu Stolberg. 

■*) Bonner Jahrb. II1/112 S. 417. Das Bruchstück hat an der dicksten Stelle 8 mm. 
^j Hettner, Illustr. Führer S. 114; Bonner Jahrb. 69 S. 27. 
^) Bonner Jahrb. 61 S. 134. 
') W. Kohl im Limesblalt VI, Lfg. 4. 
8) Kofier ibd. II, Lfg. i. 
") Kofler ibd. VI, Lfg. i. 

^^) V. Cohausen, Nassauer Annalen XII (1873). Bonner Jahrb. 53, S. 121. 
Jacobi, Das Römerkastcll Saalburg S. 458. 



365 



durch Zurückweichen der Glasmasse von der Einfassung verdickt. 
Die Kanten stoßen nicht in scharfem rechten Winkel zusammen, 
sondern sind leicht gerundet und mit zwei seichten Eindrücken 
versehen, die von einem Werkzeuge herrühren, mit welchem die 
Glasmasse ausgezogen wurde. Die Scheiben sind auch nicht 
gleichmäßig stark, in der Mitte beträgt die Dicke nur 2 mm, da- 
gegen an den Ecken bis zu 5. Im Übrigen gleicht das Glas in 
Aussehen und P^arbe unserem Rohglase, nur ist es nicht völlig 
durchsichtig, sondern nur durchscheinend, aber doch so daß es 
zum Verschluß und zur Erhellung der Räume 
völlig genügte. Die chemische Analyse ergab 
als Bestandteile Silicium, Soda, Kalk, Aluminium 
und Eisenoxyd. Die in Bandorf bei Oberwinter 
mit Münzen des III. und IV. Jahrhunderts ge- 
fundenen Scheiben sind hellgrün, fast wasserhell 
und nicht mit verdickten, sondern sorgfältig ab- 
geschliffenen Rändern \'ersehen. Während man 
an der Oberseite deutlich die Glättung merkt, ist 
die Rückseite matt, was aber nicht von einer künst- 
lichen Mattierung herrührt, sondern von dem 
Sande, mit welchem die Gußplatte bestreut wurde, ^j 

Auch in Auflingen bei Donaueschingen -), 
in St. Agatha im Trauntal'^), in Wilderspool in 
England, in Carnac in der Bretagne sind Glas- 
scheiben aufgetaucht. Letztere waren auf einer 
Seite poliert, auf der anderen rauh und zeigen 
an den Rändern Spuren von rotem Kitt, mit welchem sie in den 
Fensteröffnungen befestigt waren. Auch in Wilderspool kam 
eine gut erhaltene Scheibe von etwa 3 Zoll im Quadrat zum Vor- 
scheine, welche auf der einen Seite, die mit dem Marmor der 
Unterlagsplatte in Berührung war, matt aussah, während die 
Oberseite Anzeichen der Politur im Feuer trug. Außerdem fand 
man daselbst, wie in Pompeii, zahlreiche formlose Bruchstücke.^) 

Daß Fensterscheiben zur Verglasung von Laternen benutzt 




Abb. 180. Rand- 
ornament in Glas- 
mosaik. München. 
Antiquarium. (Na- 
turgröße.) 



^) Bonner Jahrb. 53, S. 121. 

^) Korrespondenzblatt d. Westd. Zeitschrift VI, 3. 

^) Mitteilungen der k. k. Central- Commission N. F. II (1876) S. 41 

■*) Th. May, Excavations at Wilderspool, S. 36 f. 



366 

wurden, ist bereits erwähnt worden. Interessanter jedoch ist es, 
daß den Alten wahrscheinUch £iuch schon die Verglasung von 
Bilderrahmen, der Schutz von Gemälden durch farblose, durch- 
sichtige Glasscheiben bekannt war. Flind(^rs Petrie fand auf dem 
Friedhofe von Ilawara, welcher Gräber \on der XII. Dynastie 
bis zur Ptolemäerzeit enthält, ein auf Hol/, gemaltes Bildnis, das 
im Stil und in der Technik den bekannten Mumienbildnissen aus 
dem Fayün nahesteht, aber älter ist als diese.^) Petrie bezeichnet 
diesen Fund selbst als den merkwürdigsten von allen , die auf 
jenem Grabfelde gemacht wurden. Das Gemälde, ein Frauen- 
porträt, hat stiirk gelitten, seine Umrahmung aber ist gut er- 
halten. Sie besteht aus vier flachen Holzleisten, welche so 
zusammengefügt sind, daß die senkrechten durch je zwei recht- 
eckige Einschnitte in die wagerechten eingesteckt sind, die 
über jene etwas vorragen; die Enden der Leisten sind an den 
vier Ecken gekreuzt. In die Einschnitte sind wie bei den 
modernen Blendrahmen Holzkeile eingetrieben, die teilweise 
auch an der Vorderseite sichtbar sind; der Rahmen ist auf 
dieser braun angestrichen und mit Weinranken bemalt. Zum Auf- 
hängen des Bildes dient eine gedrehte Schnur, die in primitiver 
Weise über die beiden oberen Ecken geknüpft ist. Das merk- 
würdigste aber ist, daß rings um die Bildfläche an der inneren 
Kante des Rahmens ein Schlitz eingeschnitten ist, durch welchen 
eine Platte über das Bild geschoben werden konnte. " Diese fehlt 
jetzt leider. Nun wäre es ja freilich denkbar, daß dies eine dünne 
Holzplatte war, mit welcher man das Gemälde beim Transporte 
oder aus anderen Ursachen schützen und verhüllen konnte. Aber 
Petrie fand in Tanis eine durchsichtige Glasplatte von genau zu 
dem Rahmen passender Größe, die mit Darstellungen aus dem 
Zodiakus am Rande bemalt war und sehr wohl die Bestimmung 
gehabt haben konnte, in einen Rahmen eingeschoben zu werden. 
Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß auch der von Hawara 
zur Aufnahme einer Glasscheibe diente. Damit wäre der Beweis 
erbracht, daß schon die Antike Bilderrahmen mit Verglasung 
kannte. Der Fund Petries hängt jetzt als ältestes und bisher 
einziges Beispiel dieser Art im Britischen ^luseum. 



1) Flinders Petrie, Hawara, Biahmu and Arsinoe. Wilh 4oPIalcs. London 1889.T. 



36; 

Die vielseitig-e Verwendung-, welche das Glas im alten 
Ägypten auch in der Architektur gefunden hatte, blieb auf 
spätere Zeiten nicht ohne Einfluß. Namentlich unter den Dia- 
dochen scheint in der Bekleidung der Wände, Säulen, Decken 
und Fußböden mit farbigem Glase großer Luxus getrieben 
worden zu sein, der später durch die römischen Feldherren 
nach Italien verpflanzt wurde. Die eine Art bestand darin, daß 
man die Wände in geometrischen Mustern mit zugeschnittenen 
und polierten Glasplatten vertäfelte und so einen Schmuck her- 
stellte, der wie unsere modernen Stuckmarmore wirkte. Die 
Platten waren teils einfarbig, teils bunt gefleckt, gemasert, in 
Nachahmung von Marmor, Onyx und anderen edlen Steinarten. 
Die zweite Art bestand darin, daß man Reliefornamente, Friese 
und figürliche Einsatzstücke durch Guß herstellte und mit glatten 
Platten abwechseln ließ. Solche plastische Dekorationen wurden 
auch in Überfangtechnik ausgeführt, wobei sich die Fig^uren 
meist von farbigem Grunde abhoben, und in derselben Weise 
behandelt, wie die Überfangvasen und Cameen, d. h. mit dem 
Schleifrade und durch Ziselierung. Die dritte, aus der ersten 
hervorgegangene Art, die zukunftsreichste von allen, war das 
Mosaik, d. h. die Zusammensetzung ornamentalen und figürlichen 
Schmuckes aus kleinen Glasstücken verschiedenen Zuschnittes. 
Doch wurde hierbei nur ein kleiner Teil der Farben aus Glaspasten 
hergestellt, die Hauptsache bildeten farbige Steinchen, auch Ton- 
würfel. Daneben wurde aber jene besondere Art von Glas- 
mosaik, die zur Herstellung der Murrinen diente, zur Bekleidung- 
von Wandflächen benutzt. Aus Klumpen von Glas, welche aus 
verschiedenfarbigen Stäben mit Überfang und regellosen Brocken 
buntfarbiger Paste zusammengeschmolzen waren, wurden, wie 
Plinius berichtet^), Platten und Streifen geschnitten und damit 
die Abaci, Prunktische zum Aufstellen kostbaren Gerätes und 
Spieltische, nach -Sidonius Apollinaris selbst Türflügel bekleidet.-) 
So wird man, wenigstens in kleinerem Maßstabe, murrinische 
Plcitten auch zu architektonischen Dekorationen verwendet haben. 

Der erste Römer, welcher ein großes Bauwerk mit Glas 



1) Plinius 37, 7. 

^j Dionysius Apollinaris, Carm. XI, 20. 



368 



nach orientalischem ATüster ausstattete, war der Aedil Scaurus, 
Sullas Stiefsohn, der an dem Feldzug-e gegen Mithridates teil- 
genommen und dabei in Judäa und -Syrien operiert hatte. Hier 
hatte er Gelegenheit die Glaswerkstätten von Sidon, Tyrus und 
wohl auch die Alexandriens kennen zu lernen und w urde durch 
die Prachtbauten der Diadochen, die von kostbaren Glasarbeiten 
angefüllt waren, zur Nachahmung angeregt. Dem gestrengen 

Plinius erscheint seine Neigung zum 
Luxus bei aller Kunstfreundhchkeit 
sehr bedenklich. Er vergleicht die 
altrömische Einfachheit mit dem 
Glänze der späteren und findet, daß 
die Entwickelung auf einer schiefen 
Ebene vor sich gehe. 

„ Man kann sich des Gedankens 
nicht erwehren", meint er ^), wie groß 
im Verhältnisse zu den Häusern 
jene Plätze gewesen sein mögen, 
welche den unbesiegten Feldherren 
von Staatswegen zur Erbauung von 
Häusern bewilligt wurden. Dabei 
galt es als die größte Ehre, daß 
dem P. Valerius Publicola, der mit 
L. Brutus das erste Consulat beklei- 
dete (509 vor Chr.), bei seinen vielen 
Verdiensten und in Rücksicht darauf, 
daß sein Amtsbruder zweimal die Sabiner besiegt hatte, ausdrück- 
lich gestattet wurde, die Türe seines Hauses so anzulegen, daß sie 
sich nach außen öffne und die Flügel nach der Straße aufschlage. 
Das war der herrlichste Vorzug selbst für solche, die mit einem 
Triumphe beehrt wurden. Ich möchte indessen nicht zugeben, daß 
die beiden Caius und Nero den Ruhm der höchsten Verschwendung 
genießen, sondern will dartun, daß selbst der Wahnsinn dieser 
Fürsten von dem Luxus des M. Scaurus überboten wurde, von 
welchem man nicht weiß, ob seine Adilität mehr zum Verfalle 
der Sitten beigetragen habe oder ob man Sulla die bedeutende 




Abb. 181. Blumenmuster in Glas- 
mosaik. Wien, Österr. Museum. 

(Naturgröße. ) 



^) Plinius 24, 9. 



369 

Macht seines Stiefsohnes mehr zum Verbrechen anrechnen solle, 
als die Verbannung so vieler Tausender. Dieser Scaurus führte 
während seiner Ädilität das größte aller Bauwerke auf, das je 
von Menschenhänden nicht nur für die Bedürfnisse eines be- 
stimmten Zeitraumes, sondern sogar für die Ewigkeit berechnet 
war. Es war ein Theater. Dessen Bühne enthielt eine dreifache 
Reihe von 360 Säulen in drei Geschoßen übereinander, und zwar 
in derselben Stadt, welche die Aufstellung von sechs hymettischen 
Säulen durch einen ihrer angesehensten Bürger nicht geduldet 
hatte, ohne diesem darüber Vorwürfe 
zu machen. Der untere Teil der Bühne 
war von Marmor, der mittlere von 
Glas — eine selbst später unerhörte 
Verschwendung — und der obere aus 
vergoldetem Getäfel. Die unteren Säu- 
len maßen 38 Fuß und zwischen ihnen 
standen eherne Bildwerke, 3000 an 
der Zahl." 

Zur Zeit des Augustus drang die 
Sitte der Wandbekleidung mit Glas- 
platten auch in die Privatarchitektur 
ein. Wände und Decken wurden mit Abb. 182. Blumenmuster in Glas- 
farbigen Reliefs und Ornamenten ge- mosaik. Wien, Österr. Museum, 
schmückt, das Mosaik trat in Wett- (Naturgröße.) 

bewerb mit dem Fresco. Einer der 

30 Tyrannen, Firmus mit Namen, der früher Feldherr der 
Zenobia gewiesen und sich nach ihrem Sturze Ägyptens be- 
mächtigt hatte, ließ seinen ganzen Palast mit Glasplatten bedecken, 
die mit Hilfe von Mastixfirnis an die Wände befestigt wurden.^) 
Von seinem Beispiele lernte Aurelian, der Besieger Zenobias, 
die Mauern seines römischen Palastes in gleicher Weise deko- 
rieren. Es ist möglich, daß die Relieftafel des Britischen 
Museums, welche Antinous als Bonus Eventus darstellt und früher 
für Lapis Lazuh gehalten wurde, von der Wandbekleidung eines 
solchen Palastes herrührt. Sie ist ebenso das Werk einer 
alexandrinischen Glaswerkstatt des IL oder III. Jahrhunderts wie 




^) Vopiscus im Leben des Firmus cap. 3. 



370 

das Glasrelief Apollos zwischen zwei Musen, welches Ilg mit dem 
Theater des Scaurus in Verbindung bringen wollte.^) Der Gott 
hält in der Linken die Lyra auf einen Dreifuß gestützt, den 
eine Schlange umwindet, in der Rechten das Plectrum. Neben 
ihm steht einerseits Thalia mit eint^r Maske und einrr Do])])el- 
flöte, andererseits Melpomene mit halbverschleiertem Antlitz, in 
der einen Hand eine Tuba haltend, die andere zum Kopfe er- 
hoben, in der H£iltung des Deklamierens. Diese Darstellung ist 
jedenfalls zum Schmucke eines Theaters gut geeignet (Abb. 193). 
Auf den Bau des Scaurus will man außerdem das Bruchstück 
eines Glasfrieses beziehen, das vielleicht einen Teil der Um- 
rahmung eines Reliefs gebildet habe. Es wurde in Rom gefunden, 
und ist im gegenwärtigen Zustande ungefähr 30 cm lang und 
10^ je, cm hoch.") Reliefplatten von kleinerem Umfange, welche 
niich Resten \'on Mörtel oder Kitt auf der Rückseite zu schheßen, 
gleichfalls als Wandbelag dienten, sowie andere, die in Möbel 
eingelassen gewesen sein mögen, sind in italienischen Museen, 
namenthch in der Sammlung des Vatikans nicht selten; auch 
diesseits der Alpen finden sich solche Stücke. Aus Italien 
stammt eine Platte aus heliotropfarbigem Glase mit der Relief- 
fig-ur eines Bacchanten im Kensington-Museum (Abb. 199). Bei 
Cordel in der Eifel stieß man unter den Überresten der römischen 
Glaswerkstatt auch auf den Rest einer Reliefplatte aus blauem 
opakem Glasflusse mit einer Blumenranke. ^) In der Sammlung 
Merkens in Köln befand sich das Bruchstück eines in Überfang 
hergestellten Reliefs von 5 cm Breite, das ursprünglich ungefähr 
I m lang gewesen sein mochte. Es zeigt einen Greif, der eine 
Tatze auf eine Amphora mit würfelförmigem Untersatze legt; 
ihm entsprach auf der anderen Seite der Vase ein anderer Greif 
in entgegengesetzter Stellung und dieses Motiv wiederholte sich, 
von Akanthus-Ranken unterbrochen, wahrscheinlich friesartig 
mehrere Male. Das Relief war von den Findern in mehrere Stücke 
zerschlagen worden, die einzeln verkauft wurden. Es bestand aus 



^) Das Relief des Antinous ist abgebildet in Ancient marbles Tom. III; das 
des Apollo in K. Rochette, Peintures ined. S. 3S1 und bei Passeri, Mus. I 76. Daselbst 
auch ein Stieropfer II 88. Vgl. Froehner a. a. O. S. 105. 

-) Abbildung bei Passeri, Mus. II T. 83. 

^) Hettner, Illustr. Führer. Bonner Jahrb. 69, 27. 



371 

drei Schichten verschiedener Farbe; die obere, aus welcher das 
ReUef herausgearbeitet ist, ist hisurblau, die mittlere opakweiß, 
die untere gewöhnhches grünliches Glas. Als Fundort ist Trier 
angegeben, es ist aber nicht unmöglich, daß es gleichfalls aus 
Cordel stammt/) 

Den Übergang zum Mosaik bilden einige Arbeiten in Opus 
sectile, d. h. Glasplatten, welche regelmäßig zugeschnitten und 
zu Mustern zusammengefügt wurden, also in Plattenmosaik. 
Stücke eines solchen, die einst einen FußbodenlDclay" bildeten, 
wurden in Rom in der Nähe .^m^m^ 

Streifen von Schiefer und Pa- - ^-;'^* 

lombino eingeschlossen waren. Abb. 183. Ornament in Glasmosaik. Wien, 

Hier bildeten Tafeln von far- Österr. Museum. (Naturgröße.) 

bigem Glase auch einen Teil 

der Wandbekleidung.-) Grüne Glasplatten \o\\ ähnlichem Zu- 
schnitte und der Dicke gewöhnlicher Ziegel gehören zu einem 
Fußboden, der einen Tempel auf der sog. Lsola Farnese (auf dem 
Wege von Rom nach Viterbo) schmückte.^) Ein anderer der- 
artiger Fußboden aus einer römischen Villa ist bei Passeri, 
Lucernae I 67 abgebildet. Ein Sockel aus weißem und schwarzem 
Glase wurde 1670 auf dem Mons Coelius in Rom gefunden.^) 
Eine grüne Platte, welche denen von der lsola Farnese gleicht 
und wohl auch von einem Estrich herrührt, befindet sich im 
Museum zu Rouen.'^) Auch ein Halbmond in roter Glaspaste, 
besser gesagt eine Pelta, die beliebte Ornamentform des Ama- 
zonenschildes, welche namentlich bei den Umrahmungen von 
Mosaikfußböden gerne verwendet wurde, aus der Sammlung Greau, 



^) Abbildung im Auktionskatalog Merkens No. 1085. Bonner Jahrb. Si, 67. 

2) Minutoli a. a. O. S. 13, T. I 4. 

'*) Winckelmann III 40. 

■*) Recueil des peinturcs antiques. Paris 17S3 I 31, T. 32. 

5) Deville a. a. O. T. 16. 



372 

gehört hierher. Er zeigt gleichfalls noch auf der Rückseite Reste 
von Mörtel.-') Plinius spricht von gläsernen Kammern, deren 
Restt> man i<S2r) in Mculnea ausgegraben zu haben glaul:)t. In 
dem Scherbenchaos dt^s alten Roms sind Stücke von glatten 
und relii^fierten Glas])latten nicht selten, welche auf der Rück- 
seite vSpUren ihrer urs])rünglichen Befestigung an Wänden von 
Gebäuden zeigen. 

Über die Anfänge des Mosaiks äußert sich Plinius folgender- 
maßen: „Die mit Steinchen eingelegten Böden nahmen ihren 
Anfang schon unter Sulla; wenigstens ist jetzt noch ein solcher 
vorhanden, den er aus kleinen Steinchen in dem Fortunatempel 
zu Praeneste legen ließ. Sodann gingen die vom Fußboden 
verdrängten Estriche auf die Gewölbe und Decken über und 
wurden aus Glas verfertigt. Auch diese Erfindung ist eine neue. 
Agrippa ließ noch in den Bädern, welche er in Rom erbaute, 
die Wände der Tepidarien mit enkaustischer Malerei verzieren, 
dagegen alle anderen weiß halten. Ohne Zweifel hätte er die 
gewölbten Decken mit Glasmosaiken schmücken lassen, wenn 
diese Kunst damals schon bekannt gewesen wäre oder von den 
Wänden der bereits beschriebenen Bühne des Scaurus bereits 
den Weg zu den Decken gefunden hätte.') 

„Von Glas wird das Gemach umhüllt", sagt Seneca aber 
zur Zeit Neros, als die Ausstattung von Palästen mit Glas- 
platten und Mosaiken nichts Ungewöhnliches mehr war. Und 
Achilles Statins rühmt von den Bädern des Claudius Etruscus: 
„Die Keimmern schimmern vnid es glänzen die Gewölbe \-on 
buntem Glase." Freilich beschränkt sich die Anwendung des 
Glases beim Mosaik auf einzelne Farben, die in vStein oder Ton 
nicht so gut zu erzielen waren, gewöhnlich auf blau und grün, dann 
auf Goldwürfel, welche dadurch hergestellt wurden, daß eine 
farbige (meist rote) Paste mit Blattgold belegt und mit einer 
farblos durchsichtigen Überfangschicht geschützt wurde, worauf 
man sie in kleine Stücke beliebiger Form, zumeist aber quadra- 
tischer, zerlegte. So sind vStein- und Glaswürfel auch in dem Fuß- 
bodenmosaik eines Palastes durcheinander gemischt, der in Rom 



^) Froehner a. a. O. S. 105. 
') Plinius 36, 64. 



373 

zwischen den Toren von S. Paolo und S. vSebastiano lag. Nach 
Minutoli stammt das Mosaik von einem Künstler aus der Zeit des 
Hadrian oder Caracalla, der sich auf seinem Werke selbst nennt, 
Heraklitos. Er stellt den „Asaroton" des Plinius dar und ist 
wahrscheinlich nach dem Fußbodenmosaik kopiert, das sich im 
Speisesaale des Sosos in Pergamon befand.^) Sosos war in der 
ersten Hälfte des IL Jahrhunderts vor Ch. der berühmteste Mosaizist 
Pergamons. Sein Hauptwerk war der „Oikos Asaratos", d. h. das 
ungefegte Haus, so genannt „weil er die Speisereste und was sonst 
ausgekehrt zu werden pflegt, mit kleinen, mannigfach gefärbten 
Würfelchen dargestellt hatte, als sei es auf dem Fußboden liegen 
geblieben." Bewundernswert war darin eine trinkende Taube, die 
das Wasser durch den Schatten ihres Kopfes verdunkelte, während 
sich andere Tauben sonnten und am Rande des Gefäßes (mit ihrem 
Schnabel) kratzten. Der „ungefegte Fußboden" wurde ebenso 
wie das Wassergefäß mit den Tauben als ein Lieblingsmotiv der 
Mosaizisten in der frühen Kaiserzeit wiederholt frei kopiert. 
Ersterer ist auch auf dem Fußboden vom Aventin dargestellt, 
der im Museum des Laterans verwahrt wird, und selbst in dem 
berühmten Kölner Philosophenmosaik sind Anklänge daran zu 
finden. Das Taube nmotiv aber ist am schönsten für sich allein 
in dem Mosaik aus der Villa Hadrians in Tivoli behandelt, das 
in das kapitolinische Museum übertragen ist. Es ist vielleicht 
die höchste Glanzleistung des malerischen Stiles im Mosaik, das 
die schwierige Technik in voller künstlerischer Freiheit ausnützt."') 
Das Mosaik bildet eine Kunstgattung für sich. Es kann 
sich deshalb hier nicht um eine eingehende Darstellung seiner 
Entwickelung, sondern nur um das Herausgreifen einiger kenn- 
zeichnender Beispiele handeln. Das bekannteste Werk dieser Art, 
das großartige Mosaik der Alexanderschlacht, das aus der 
Casa di Goethe in P^ompeji, einem Hause ersten Stiles aus dem 
n. Jahrhundert vor Chr. stammt, geht auf ein Gemälde der 



1) Minutoli a. a. O. S. 131". Plinius teilt 36, 60 darüber folgendes mit: 
„Celeberrimus in hoc genere fuit Sosus, qui Pcrgami statuit, quem vocant Asarolon 
oecon, quoniam purgamenta coenae in pavimento, quaeque everri solent, veluti relicta 
fecerat parvis e testiculis tinctisque in varios colores. Mirabilis ibi columba bibens 
et aquam umbra capitis infuscans. Apricantur aliae scabentes sese in canthari labro." 

-) Abbildungen des Taubenmosaiks u. a. bei Woermann a. a. O. I, S. 381. 
Kisa, Das Glas im Altertume. II. 25 



374 



thebanisch-attis( h(Mi Schule, wahrscheinlich von Philoxenos zurück, 
x'on welchiMii I'linius eine zur Zeit des Könijji's Kassandros (j4"eg"en 
300 vor Chi".) i>-enialtt^ Schlacht zwischen Alexander und Darius 
rühmt. Auch dieses bis heute kaum übertrotfene Muster eines 
Ivam]in)ildes zei^t, bis zu welcher Freiheit und Kraft der Dar- 
stellung- die i^riechische Ahderei vorg-esch ritten ist und beweist zu- 
i,4eich, daß die ]\Iosaiktechnik den höchsten Anforderungen in Bezug 
auf Anpassunijfsfähigkeit an den Stil der Malerei gewachsen war. 
Aus demselben I lause stammt die schöne, aus Miisken und Frucht- 
gewinden zusammengesetzte Mosaik- 
sch welle, das Stilleben mit Enten, 
1^'ischen, Schaltieren und der Kiitze, die 
einen Vogel frißt, ferner die feine Figur 
des Herbstes, der auf einem Panter reitet. 
Zu den bestgearbeiteten Mosaiken, die 
erhalten sind, gehört die in Pompeji ge- 
fundene Musikszene, als deren Meister 
sich Dioskorides von Samos bezeichnete. 
Alle diese Mosaiken befinden sich im 
Museum zu Neapel. ^) 

Ein schönes Beispiel für die Ver- 
bindung von Glas- und Steinmosaik bietet 
der Raub des II ylas, der jetzt als Sopra- 
porta über einer Flurtür des Palazzo Albani in Rom angebracht 
ist, ein Bild \on etwa 4 Quadratfuß rheinisch im Umfange.') 
Die Figuren sind aus Steinwürfeln zusammengesetzt, nur zu 
Beiwerk, wie Schilfkränzen, Wasser u. a. ist Glas benützt. Unter 
dem Hauptbilde, das durch recht gute Zeichnung ^lufFällt, ist 
eine Art von Behang mit einer altägyptischen Opferszene nach- 
gebildet. Diese, eine ungeschickte Arbeit aus Hadrians Zeit, 
besteht ganz aus Glas. Glänzend ist die Ausstattung einiger 
Nischen mit Wandbrunnen, die zum Teile noch an ihren Plätzen 
in Hausgärten von Pompeji stehen, zum Teile in das ^Museum 




Abb. 1S4. Schachbrettmuster 

in Glasmosaik. Wien, Österr. 

Museum. (Naturgröße). 



^) Woermann a. a. O. S. 420. 

2) Minutoli a. a. O. S. 15, T. IV. In der Sammlung Minutoli befanden sich 
auch Schiefertafeln mit Ochsenköpfen in Giallo antico, umgeben mit Kränzen von 
Epheu, Öl- und Kirschzweigen ibd. T. III 4, 5. Ein Wandornament in farbigem 
Glasmosaik aus Rom T. III 6. 




375 

von Neapel übertrag-en sind. Glaswürfel von Gold und leuchtenden 
Farben überwiegen hier Ijei dem rein ornamentalen Schmucke, 
in welchem Flächenverzierung mit Relief abwechselt. Auch in 
Relief gearbeitete Mosaikbildnisse sind erhalten; eines davon 
befindet sich im Museum von Neapel, zwei andere sah ]\Iinutoli 
bei dem früheren Erzbischofe von Tarent in derselben Stadt. 
Das erste jener „en bosse" ausgeführten Mosaiken war ursprüng- 
lich g-leichfalls in einem Garten])jivillon angebracht, dessen Wände 
und Pilaster in Manneshohe mit Marmorplatten und darüber 
hinaus mit farbigen Glastafeln und 
Ornamenten belegt waren. Zwischen 
den Glastafeln befanden sich figür- 
liche Reliefs in Giallo antico, in 
deren Umrahmung farbige Orna- 
mente aus Glas, wie Helme, Schil- 
der, Schwerter und andere Trophäen 
eingelassen waren. Leider ist von 
dieser kunstvollen Marketterie nur Abb. 185. Augenmusier. Wien, 
wenig erhalten. Auch Canonicus Osterr. Museum. 

Gorio zeigte Minutoli solche Einlagen 

aus Rosso und Giallo antico, weißem Marmor u. a., die an den 
Wänden zweier Gemächer zwischen farbigen Glastafeln prangten. 
Aus der Villa des Vopiscus in Tibur stammen zwei Friese im 
Besitze des k. d. arch. Institutes in Rom, mit breiten Borden aus 
farbigen Glasstücken \'on unregelmäßiger Würfelform ; als Ein- 
fassung dienen gedrehte Glasstäbe und in Streifen gereihte .See- 
muscheln. Mit ähnlichen Glaspasten und Muscheln sind, unseren 
Gartengrotten ähnlich, die Fontänen im Hause des Großherzogs 
und in den Häusern der ersten und zweiten Fontäne in Pompeji 
geziert. Glaspasten im Vereine mit Marmor- und Steinwürfeln 
sind auch im Fußboden des Porti cus verwendet, der zur Exedra 
der Casa di Goethe in Pomjieji führt. 

.Auch in den christliclien Mosaiken ist anfangs die \'er- 
einigung von .Stein und (jlas üblich. Sie war z. B. in der jetzt 
zerstörten Licini^mischen Basilica, später St. Andrea in Casabarbara 
genannt, angewendet. ]Mit der vollkommenen Verdrängung des 
Steinmosiiiks von den Wänden und dem Überwiegen der ])runk- 
vollen Goldwürfel war aber (h:^r neue .Stil, das Mosaik der christ- 

2S* 



376 

liehen Aera, im Wesentlichen begründet. Das erste Beispiel der 
neuen monumentalen Kunstweise bietet Sta. Costanza in Rom 
im IV. Jahrhundert, zu Beginn des fünften folgte das Baptisterium 
am Dome zu Ravenna u. a. Jetzt erst taucht der Name Opus 
musivum für das Mosaik in Glas auf, dessen glanzvolle Ent- 
wickelung dem frühen MitteUdter angehört. 



c^ms} 



Altersbestimmungen. 

Bei der Datierung antiker Gläser sind wir zumeist auf die 
Fundumstände angewiesen. Beigegebene Münzen ergeben einen 
terminus post quem, doch bleibt dabei immerhin ein gewisser 
Spielraum, da Münzen, besonders in der Kaiserzeit, oft einen 
längeren Kurs hatten und auch solche, die bereits außer Kurs 
waren, den Toten als Fährgeld für Charon, der es damit 
nicht so genau nahm, anvertraut wurden.^) In einem Skelett- 
grabe aus der ]\Iitte des IV. Jahrhunderts, das in der Benesis- 
straße in Köln aufgedeckt wurde und eines der seltenen ge- 
schliffenen Netzgläser, ein sog. Diatretum enthielt, befand sich als 
Beigabe eine Münze Traians. In einem dicht daneben liegenden 
Sarge, der alle Merkmale gleichen Alters zeigte und ein anderes 
Exemplar dieser kostbaren Gläsersorte barg, lag dagegen eine 
Münze Constantins d. Gr. Wenn demnach ein vereinzelter Münz- 
fund nur geringe Sicherheit gewährt, so muß sich diese doch 
steigern, wenn gleichartige Münzen an verschiedenen Orten 
als Beigaben einer bestimmten Spezies von Gläsern beobachtet 
werden oder wenn das Alter der Münzen mit dem anderer 
Funde übereinstimmt. Wie Münzen sind auch andere Gegen- 
stände, deren Entstehungszeit feststeht, z. B. F^ibeln, Lampen und 
Tongefäße, zur Altersbestimmung zu verwerten. Dazu kommt 
die Art der Bestattung, die Form und das Material des Sarges, 
des Grabmales oder Grabsteines, der Charakter seiner Inschrift. 
Aber auch aus der Form und Ausstattung der Gläser selbst. 



^) Poppelreuter macht darauf aufmerksam, daß man den Toten durchweg nur 
alte, stark abgenutzte Münzen mitgegeben habe. 



377 

die organischen Entwickelungsgesetzen folgen, lassen sich durch 
Vergleiche Altersbestimmungen ableiten. 

Im allgemeinen folgt die Glasindustrie den von der Keramik 
vorgebildeten Mustern, doch ergeben sich überall in der Ver- 
schiedenheit der Technik begründete Ausnahmen. So ist die 




Abb. i86. Ünyx-Cameo mit der Veri;öUerung des Augustus (Gemma .Vugustea). 
Wien, k. k. kunsthistorisches Hofmuseum. 



Randbildung-, welche in der Keramik eine sicher nachweisbare 
Stufenfolge einschlägt, in der Glasbildnerei von weniger Be- 
deutung, weil die Technik von Anfang an die Bildung rund- 
licher, wulstartiger FormtMi bevorzugte. Bei der Flaschen- 
bildung ist die Birn- und Schlauchform die nächstliegende, 
ebenso der ^lllmähliche Übergang des Körpers in den Hals und 
nicht das Anschwellen am oberen Teile und der scharfe Ansatz 



3/8 

des Halses. AUcrdino-s ist auch ein soleher manchmal technisch 
begründet, wemi nämlich der llals für sich an den Körper ge- 
fügt wurde: doch ist die scharfe Trennung selbst bei Flaschen 
beibehalten, die in einem Zuge geblasen sind. Deshiilb treten 
schon frühzeitig neben den scharfen, der Keramik nachgebildeten 
Profilen die runderen und weicheren, in der Glastechnik be- 
gründeten Übergänge auf 1 läufiger als in der Kt'ramik sind 
gewisse feststehende Tyjien, die sich ohne bedeutende .Ände- 
rungen mehrere Jahrhunderte lang erhalten und dem Wechsel 
der Mode Trotz bieten. Sie folgen dabei nur den allgemein 
gültigen Regeln der Formentwicklung, nach welcher man einen 
Typus als Normalform betrachten kann, zu der einerseits 
einige vorbereitende Versuche hinleiten, während später folgende 
Bildungen eine Entartung, eine Übertreibung bestimmter P^igen- 
tümlichkeiten darstellen. Die Normalform, wird in jener Periode 
erreicht, in welcher sich Geschmack und Leistungsfähigkeit 
harmonisch vereinigen, während die Übertreibung in der 
Regel zugleich eine Überspannung der technischen Fertigkeit 
bedeutet, schließlich jedoch in der letzten Periode einen Nieder- 
gang der Technik, Unsolidität, Imitation und schleuderhafte 
Produktion mit sich bringt. 

Zur Aufstellung einer lückenlosen Chronologie der antiken 
Glasindustrie reichen die vorhandenen Fundberichte noch eben- 
sowenig aus wie bei der Keramik und auf anderen Gebieten 
des Kunsthandwerkes. Besonders die Nachrichten über die 
Funde im Orient, in Griechenland, Russland, Spanien, Afrika 
sind ebenso spärlich wie unzuverlässig. Dennoch lassen sich 
schon heute bei Beobachtung der angeführten Grundsätze die 
antiken Gläser in folgende zeitliche Gruppierung bringen: 

I. Gru]ipe. Der ägyptischen Periode unter den Ptole- 
mäern. teilweise bis in die des neuen Reiches zurückreichend, 
und der letzten Zeit der römischen Republik gehören die opak- 
farbigen, aus freier Hand modellierten Gefäße mit buntem Faden- 
schmuck, Glasperlen derselben Art, ferner die Murrinen, Mosaik- 
gläser, die mit Überfang und die gleichfalls aus freier Hand 
gebildeten durchsichtig -farblosen Krystallgläser an. Sie sind 
durchweg orientalischen Ursprunges und stammen zumeist aus 
den ägyptischen, teilweise aus den \W»rkstätten von Sidon und 



379 

Tyrus. Sie wurden zuerst durch phönizische, dann durch grie- 
chische und etruskische Händler n^lch den griechischen Inseln, 




Abb. 1S7. Sardonyx-Cameo mit Germanicus vor Tibcrius und Livia. 
Paris, Nationalbibliothek. 

dem griechischen Festlande, den jihönizisclien und griechischen 
K()l()ni(Mi. nacli l^trurien und (iroßgriechenlaml. tlann nach dem 



38o 

übrig-en Italien ausg-eführt. Die Schmuckperlen fanden ihr 
Absatzgebiet so ziemlich in der i,'-anzen d^imals bekannten Welt. 

IL Gruppe. In die Zeit des Pompejus, die den Orient für 
Rom erschloß, bis in die Neros fällt die verstärkte Einfuhr \on 
ägyptischen Balsamarien, Murrinen, Mosaik- und Überfanggläsern. 
jNIit der Erfindung der Glaspfeife tritt an Stelle des aus freier 
Hand modellierten Glases das geblasene, an Stelle des opaken 
(vielmehr fast opaken) das durchsichtige. Zuerst überwiegt auch 
da das farbige, während das farblose Krystallglas noch eine 
große Seltenheit ist. Dagegen beginnt Alexandrien den Orient, 
Griechenland und Italien mit seiner blaugrünen Gebrauchsware 
zu überschwemmen. Das opake buntfarbige Glas tritt in 
Balsamarien in Schlauch- und Kugelgestalt, in doppel- und ein- 
henkeligen Canthari und Scyphi, in flachrunden Schalen, Platten 
zur Wand- und IVIöbelverkleidung, das Überfangglas in Gefäßen 
aller Art, Reliefplatten und Ringsteinen, das einfarbige und 
dünngeblasene in zierlichen griechischen Amphorisken, Oenochoen, 
Salbenfläschchen usw. auf. Dazu kommt das farbige, in Hohl- 
formen geblasene Glas von Sidon, zumeist Becher und Ampho- 
risken mit Palmetten, Trophäen, Disken, Kanneluren, jene Sorte 
von Gefäßen, welche Ennion, Eirenaios, ]Meges u. a. signieren. 
Ihnen schließen sich Fläschchen an, deren vier oder sechs 
Seiten mit Aledusenmasken geschmückt sind, unter Claudius die 
ersten Anfänge von Gläsern in Gestalt von ]Menschenköpfen, 
Tieren, Muscheln, Früchten usw. In einfarbigem, mitunter auch 
grünlichem Glase, werden die buntfarbigen flachen Schalen mit 
Rippen nachgeahmt. Aus blaugrünem Glase bestehen die 
Stammen, die zylindrischen, die vier- und sechsseitigen Kannen 
mit breiten flachen Henkeln, die gleichfalls in Formen geblasen 
sind, aus farblosem die Zylinderflaschen und Kugelflaschen mit 
Delphinösen, Becher in Halbkugelform, zyhndrische, konische 
und solche in Form des Carchesiums und der Obba. 

in. Gruppe. In den Nekopolen diesseits der Alpen bildet 
Glas in der ersten Hälfte des I. Jahrhunderts noch eine Kost- 
barkeit. Es ist durchweg aus dem Süden importiert und tritt in 
Bibracte, Haltern, den Lagern von Neuß und Xanten, aber auch 
an anderen Orten vorwiegend in farbigen Sorten auf, als murri- 
nisches, Mosaik- und Überfangglas, daneben in einfarbigen 



38i 

Amphorisken und Oenochoen in edlen griechischen Formen, 
wie in Italien. Zwei schöne türkisblaue Oenochoen wurden mit 
einer Münze Neros in Trier g-efunden (im Provinzialmuseum 




Abb. i88. Reliefs der rortUindvase. (Abwickelung.) 



daselbst), eine g-roße azurbhuu^ dieser Art in d(M- Altertümer- 
sammlung von Stuttgart kam als Geschenk Joachim INIurats 
aus Pompeji dahin. Nicht selten sind die Nachbildungen '\on 
Murrinenschalen mit Rippen in grünhchem Glase, die aber 



382 

auch noch sjiätc^r erscheinen. Audi in 1^'onnen yebhisene 
Gläser w unlen importiert, besonders kleine^ blaue und jjfoldjrelbe, 
vierseitit>-e Fläschchen mit Medusenmasken. Ein dunkel.^-rünes 
Fläschchen dieser Art mit Medusen- und Bacchusmasken wurde 
neben einer Münze des Claudius in Andernach gefunden, ein 
Becher von leicht ausgeschweiftem Profil mit Kanneluren am 
unteren Teile, darüber ein gerautetes Band, zusammen mit Terra 
nigra-Urn(Mi aus der Zeit der Claudier in Cobern an der Mosel 
{beide jetzt im Provinzialmuseum in Bonn). Solche Becher befinden 
sich auch unter den pompejanischen Funden. Dazu kommen (je- 
brauchsgefäße ägyptischen Fabrikates aus blaugrünem Glase: 
Stammen, viereckige und sechseckige Kannen, Aschenurnen in 
Form des Doliums und eines gedrungenen Stamnions. Balsamarien 
sind in dieser Periode noch nicht sehr zahlreich, in den Kölner 
Gräbern allerdings verhältnismäßig häufiger als in anderen rh<M- 
nischen. Bei vielen ist der Körper oben rund gewölbt und nach 
unten verjüngt, bei einem in Xanten gefundenen Exemplare der 
ehemahgen Sammlung Houben (jetzt mit der Sammlung Slade 
im Britischen Museum) läuft er unten in eine .Spitze aus (Formen- 
tafel A 52). Zugleich mit diesem .Stücke wurde eine Münze des 
Claudius und ein blaues Fläschchen in Form einer Taube ge- 
funden. Der Hals gewöhnlicher Flaschen und Kännchen ist 
röhrenförmig, hat oben einen kleinen, glatt profilierten Rand- 
wulst und setzt gegen den Körper scharf ab. Dünnwandigkeit, 
schöne Farbe und scharfer Absatz sind für die Balsamarien und 
Salbenfläschchen dieser Periode charakteristisch. Oft ist der 
Hals unten eingezwickt, wie bei Formentafel A i, 16. Balsamarien 
mit langem Röhrenhalse, kleinem Randwulste und kleincMU 
knopfartigen Körper in Kugel- oder Birnform kommen sowohl 
in Pompeji, wie diesseits der Alpen vor. Das ägyptische Museum 
des Vaticans besitzt ein großes Baisamarium dieser Art aus 
dunkelgrünem Glase, das aus einem ägyptischen Grabe der ersten 
Kaiserzeit stammt. Von ähnlicher Röhrenform ist ein gleichfalls 
dunkelgrünes Baisamarium aus späterer Zeit im Paulusmuseum in 
Worms (Abb. 153c). Auch schlauch- und birnförmige Fläschchen 
tauchen diesseits der Alpen schon in der Mitte des I. Jahr- 
hunderts auf. Die Mündung ist nicht immer mit einem Randwulste 
versehen, sondern sogar in der ^Mehrzahl der Fälle scharf, wie 



383 



mit dem Diamant abgeschnitten oder leicht schräg ausgebogen 
(Formentafel A 3). Der Schrägrand kann immer als Kenn- 
zeichen dieser frühen Entstehungszeit angesehen werden. Er 
fand sich in Andernach an Kugelfläschchen mit Münzen des 
Augustus und Tiberius, einmal bei einem farblos-durchsichtigen 
Exemplare von 5^/., cm Höhe, sonst bei gelben und blauen 
Fläschchen derselben Art (Provinzialmuseum in Bonn). Auch in 
Pompeji ist dieser Rand 
häufig. Dagegen fand 
man in Andernach mit 
einer Münze des Tiberius 
auch schon ein schlauch- 
förmiges Fläschchen, des- 
sen Hals allmählich ohne 
scharfen Absatz in den 
Körper übergeht. Die 
Form stimmt mit gleich- 
zeitigen Arbeiten in Ton 
überein. 

IV. G r u p p e. In der 
zweiten Hälfte des I.Jahr- 
hunderts werden diesseits 
der Alpen die gläsernen 
Aschenurnen häufiger. ^) 




jcicn der l'orllandvase. 



^) Hettncr, lllustr. Führer, S. 104. Die liier aufgestellte Cliionologie römisch- 
rheinischer Gläser schließt sich meinen .Ausführungen in dem Werke über die Samm- 
lung M. vom Rath und dem Aufsatze ,,Dic Anfänge der rheinischen Glasindustrie" 
in der Zeitschrift des bayr. Kunstgewerbevereins, München 1896 an. Hettner ist 
bisher der einzige Archäologe, welcher meinen Anregungen folgend, der antiken Glas- 
industrie vom kunsthistorischen Standpunkte aus größere Aufmerksamkeit zugewendet 
hat. IJifi meisten beschränken sich nach wie vor auf den Sammelsport von Stempeln 
und Inschriften auf Gläsern. Es ist zwar nicht zu leugnen, daß auch diese Tätig- 
keit von wissenschaftlichem Werte ist — bisher sind Ergebnisse in dieser Richtung 
allerdings äußerst spärlich und in keinem Verhältnisse zu dem Bienenficiße der Sammler 
— aber doch zu wünschen, daß gegenüber der philologisch-epigraphischen Forschung die 
kunsthistorische, das Studium der Formen und Techniken, künftig nicht allzu kurz 
kommen möge. Hätten die Behörden und Institute nur einen kleinen Teil der Summen, 
welche sie dem Sammeln, Revidieren und Superrevidieren der Glasinschriften und 
Stempel opfern, der kunsthistorischen Erforschung dieses wichtigen Gebietes zur \'er- 
fügung gestellt, wären die wissenschaftlichen Erfolge wahrscheinlich größere geworden. 



384 

Die Form des Doliums überwiegt dabei, doch kommt daneben das 
Stamnium und die viereckige Büchse ^•or. Die Glaswerkstätten 
Galliens und der Rheinlande verwenden ein unentfärbtes Rohglas, 
das nicht so stark blau wie das ägyptische ist, sondern grünhcher. 
Daraus werden auch zylindrische und prismatische Flaschen mit 
kurzem Halse, breiter Randplatte und flachen, ^•ielfach gerippten 
Henkeln, sowie Kugelfläschchen mit Delphinösen gemacht. Die drei 
letztgenannten gehören zu den langlebigen Formen, die sich mit 
kleinen Änderungen bis in die Zeit der Skelettgräber, bis ins 
TTT. Jahrhundert hinein erhalten. In Remagen fand man Stamnien 
mit Münzen Traians, in Trier auch sechseckige mit Münzen 
Hadrians, zu Anfang des 11. Jahrhunderts solche in den Grab- 
feldem um Mailand, Avenches, Köln u. a. Die kugeligen, aus dem 
Arvballos hervorgegangenen Badefläschchen mit Delphinösen sind 
schon in Pompeji häufig; am Rheine hat man sie in Xanten mit 
einer Münze Neros ^), in Trier und Köln mit Münzen ^■om Ende 
des I. und vom II. Jahrhundert, ja selbst noch mit solchen des Helio- 
gabal und der Julia ]Mnäsa gefunden. Außer Kugelfläschchen 
mit Delphinösen kommen um die Wende des Jahrhunderts 
und im Anfang des 11. zylindrische mit unten eingezwicktem 
Röhrenhalse vor (Formentafel C 157 — 159). Sie erhalten sich 
lange Zeit in ]\Iode. Neben einfachen Exemplaren gibt es 
später mit Spiralfäden völlig umwickelte, mit aufgelegtem 
Netzwerk, Nuppen und Zickzackfäden verzierte. Zu den pris- 
matischen Kannen aus Rohglas kommen viereckige Tiegel ohne 
Henkel, mit glattem Rande oder mit kurzer ringförmiger ]\Iün- 
dung. Sie dienten zum Aufbewahren von Speisen und Obst, 
wurden aber manchmal auch als Aschenbehälter verwendet. 
Sie zeigen ebenso wie die prismatischen Kannen am Boden 
erhabene konzentrische Ringe. In Trier fand man bei ihnen 
Münzen Vespasians. 

Häufiger als in der ersten Hälfte des Jahrhunderts treten 
jetzt gläserne Balsamarien und Olfläschchen auf, wobei das 
farbige Glas noch überwiegt: aber es ist stets durchsichtig 
und dünnwandig. Die Gefäße sind mit der Pfeife geblasen, 
niemals mehr aus freier Hand modelliert. Die Murrinen, ]Mosaik- 



1) Vgl. Houben a. a. O., T. 15. 



385 

g-läser, ^Millefiori, die Cberfang-gläser sind ausgestorben oder 
tauchen höchstens in versprengten SpätHngen der früheren 
Periode auf. Ebenso suchen wir die griechischen Oenochoen 
und Amphorisken vergeblich. Unter den Farben ist lapislazuhblau 
besonders beliebt, dann goldgelb, goldbraun, violett und dunkelrot, 
türkisblau seltener. Neben reiner Kugelform mit röhrenförmigem, 
scharf abgesetztem Halse dringt die Schlauchform, wie in der 
Keramik, immer mehr durch, oft in langgestreckten Bildungen. 
Der Hals geht dabei in den Körper über und hat einen Rand- 
wulst, der allmählich immer dicker wird. Auch vollkommen 
röhrenförmige Balsamarien mit ausgeschweiftem Trichterhalse 
kommen vor (Formentafel A 3). In Xanten fanden sich gedrehte 
Glasstangen (Salben- oder Schminkenreiber) mit Münzen des 
Titus (Formentafel G 408, 409). Die Carchesia aus Obsidianglas 
in den Museen von Köln und Namur stammen gleichfalls aus 
dem Ende des I. Jahrhunderts. 

V. Gruppe. Im Anfange des 11. Jahrhunderts gelingt es den 
gallischen und rheinischen Werkstätten durch Befreiung der Masse 
von Eisenoxyden mittels Zusatz von Braunstein ein vollkommen 
wasserhelles, farbloses Glas zu erzeugen, das nur wenig irisiert, 
dagegen eine leichte Trübung annimmt, die es wie mattiert, 
manchmal wie mit undurchsichtigen weißen Bändern und Linien 
durchzogen erscheinen läßt. In dieser Glassorte wurden konische 
Becher, kugelige Schalen, Flaschen und Kannen hergestellt, die 
durch tiefe runde Eindrücke und Riefen gebuckelt und gefaltet 
sind, eine Verzierungsart, die man der Keramik entlehnte und 
bis in das III. Jahrhundert beibehielt. Bei Kannen wurden 
Henkel aus zwei kettenförmig verschlungenen Fäden gebildet. 
Diese Art scheint anfangs namentlich in einer Werkstatt im 
Hunsrück gepflegt worden, im Süden jedoch unbekannt ge- 
bUeben zu sein. Dagegen findet sie sich im III. Jahrhundert 
in dem Grabfelde von Vermand (Artois) und an anderen 
Orten in der Nähe von Amiens^), gleichzeitig auch in Gräbern 
von Ehrang und in der Nähe von Mainz (Formentafel D 202, 
227, Abb. 159, 160 b,f, l6j c). Zu Anfang des IL Jahrhunderts 
tauchen am Mittelrhein die dem Prochus nachgebildeten 



1) Pilloy a. a. O. III A Tl. II 



386 



Kannen und Flaschen mit kegelförmig-em Körper, lang-em 
Rührenhalse und schmalem Randwulste auf. deren Henkel 
senkrecht ansteii>-t und mit einem sj^tzuinkelit^cii Knick an 
den Hals anschließt (Formentafel F 253 — 255). I>er Körper 
ist oft mit Längsri])pen versehen, so namentlich bei zahlreichen 
Exem])laren aus Bing-en und dem Fichtelgebirge. Hier erhielt 

sich diese Form sogar bis in die 
Renaissancezeit hinein. Bei anderen 
ist der Körper mit schräglaufenden 
Fäden verziert, welche dicht aneinan- 
derschließen und zwar paarweise, in 
langgezogenen Windungen (Abb. 93, 
144 c). Diese Verzierung, die am Rhein 
und in Avenches^) schon zu Beginn 
des IL Jahrhunderts auftaucht, erhält 
sich im lU. sowohl am Rhein, wie 
im nördlichen Gallien (Vermand). 
Auch die Kannen mit Dreiteilung 
im Inneren durch Scheidewände ge- 
hören dieser Zeit an, wenigstens ist 
das aus Neuß stammende Exemplar 
so zu datieren. 

Neben der Gliederung durch 
Rippen und Eindrücke kam das 
Blasen in Hohlformen immer mehr 
in Übung. Im Anschluß an die Me- 
tallgefäße mit Gladiatorenreliefs und 
an die Becher ims Terra sigillata mit zylindrischen Wandungen, die 
außer Wein- und Akanthusranken auch häufig Jagd- und Zirkus- 
szenen zeigen, entstanden in der nördlichen Belgica, in der Nor- 
mandie und wahrscheinlich auch in Britannien die Siegesbecher 
aus durchsichtigem goldbraunem, grünlichem, blauem oder farb- 
losem Glase, mit Reliefs von Wagenrennen und Gladiatorenkämpfen. 
VI. Gruppe. Seit Hadrian kamen bei der Renaissance der 
griechischen Kunst die edlen klassischen Formen der griechischen 
Keramik auch in der Glasindustrie wieder in Mode. Die in den 




Abb. 190. Sog. Auldjo-Vasc. 
Neapel, Museum. 



') Les tombes d'Avenches, bulletin de l'institut archeol.Liegeois XHI {il.V, 1 1, 13. 



38; 



jreriTianischen Provinzen eing-etretene Ruhe und Sicherheit lenkte 
von neuem Einwanderer aus dem hellenistischen Oriente nach 
dem Rhein. Diese schlug-en aber nicht mehr ausschließlich den 
Landweg- läng-s der Rhone und Mosel ein, sondern zog^en den 
direkten Seeweg- durch den Ärmelkanal vor. So erklärt es sich, 
daß g-erade am Niederrhein und im nördlichen Gallien das Kunst- 
handwerk nun stärkere hellenistische 
Einflüsse verrät. Auch die Kölnische 
Werkstatt, die im letzten Drittel des 
II. Jahrhunderts und zu Anfang- des 
folgenden die Schlang-engläser her- 
stellte, gebraucht fast ausschließlich 
griechische Formen: Die plattbauchige 
Pilgerflasche mit kurzem .Stengelfuße, 
bei Bechern die des zyhndrischen 
Scyphus, des Carchesiums und der 
Plemochoe, des Stengelglases. Dazu 
kommt die Oenochoe mit Kleeblatt- 
mündung und schön geschwungenem 
1 lenkel, die TruUa, die flache Schale 
nüt Griff" und das unverwüstliche 
vStamnion (Abb. 113 — 121). Zu der- 
selben Zeit, in welcher die belgische 
Keramik die Barbotineverzierung, den 
orniimentalen und figürlichen Schmuck 
durch Aufg-uß farbigen Tonschlickers 
in Übung brachte, bildete sich in Köln 
die Verzierung mit farbigen und ver- 
goldeten Schlangenfäden aus, welche die rheinische Glasindustrie 
um einen ebenso schönen wie eigfenartig-en Typus bereicherte und 
s])äter im niirdhchen GaUien nachge^ihmt wurde. Selbst die eigent- 
liche liarbotine, die den farbig-en Schmuck nicht nur in Fäden aus- 
zog-, sondern auch plastische Formen, wie Delphine, Seepferdchen 
und Tiere anderer Art gestaltete, kam auf Glas zur Anwendung 
(Abb. 131). Am kunstvollsten ist die Fadentechnik in einer flach- 
bauchigen Kanne des Kölner Museums mit reichem farbigem 
Rosettenschmuck und einigen ähnlichen Stücken entwickelt 
(Abb. I 20. II 3). 




Abb. I$i. Trulla aus Pompeji, 

mit Übcrfangdekor. Neapel, 

Museum. 



Daneben wurde der glatte Faden von der Mitte des Jahr- 
hunderts ab auch zu dichter Umwickelung des halben oder 
ganzen Gefäßes und zu netzartigen Auflagen benutzt. Ein Becher 
mit solchem Netzwerke wurde in Bachern mit Münzen des Com- 
modus gefunden, ebenso ein schkmk konisch geformter mit 
schmalen Längsfalten, Doch gehört die vollkommene Ausbildung 
der Netzverzierung dem III. Jahrhundert an, ebenso die Bear- 
beitung durch Gravierung und Schliff, obwohl Gläser mit ge- 
schliffenem Rautenmuster (Fassetten) gleichfalls schon Münzen 
des Commodus als Beigaben aufweisen. Für geschliffene Gefäße 
wurde Bleiglas verwendet, ein vollkommen farbloses Kry stallglas, 
das jetzt manchmal wegen seiner Weichheit etwas rauh und an- 
gegriffen aussieht, aber nicht etwa künstlich mattiert ist. Die 
Gläser dieser Sorte sind dickwandiger als die aus gewöhnlichem 
entfärbtem Glase, wie es zu Beginn des Jahrhunderts in den Werk- 
stätten diesseits der Alpen erzeugt wurde und auch noch später, 
namentlich für die in Formen geblasenen Gläser und solche mit 
Eindrücken und Falten, in Übung blieb. Häufig wird zu Ende des 
Jahrhunderts unter den Balsamarien, bei welchen jetzt das farb- 
lose Glas überwiegt, neben der Birnform und schlanken Schlauch- 
form die der Röhre mit kegelförmigem Plattfuße (Formentafel 
A 12, Abb. 56), unter den Fläschchen die des Infundibulums 
mit Ausgußdille am Bauche (Formentafel D 219), das aber noch 
zu Ende des III. Jahrhunderts in Vermand vorkommt.^) 

VII. Gruppe. Das III. Jahrhundert ist für die gallische und 
rheinische Glasindustrie die Zeit des höchsten Aufschwunges, sowohl 
in bezug auf technische Vollendung, wie auf Reichtum der For- 
men und auf Ausdehnung des Wirkungskreises. Der kunstvollen 
Ausbildung der Fadentechnik, des vSchliffes und des Blasens in 
Hohlformen verdankt sie einen sehr ehrenvollen Platz auf dem 
Felde des antiken Kunsthandw^erkes, ja teihveise selbst eine 
führende Rolle, welche sie dem Wettbewerbe des Orientes erfolg- 
reich die Spitze bieten ließ. Nicht nur Schlangengläser, auch 
geschliffene und geformte Arbeiten wurden nach Rom, Rhätien, 
Pannonien, nach Skandinavien und selbst nach dem Orient im- 
portiert. Kugelbecher mit runden und ovalen Hohlschlififen, flache 



1) Pilloy a. a. O. II T. III 6. 



389 

Schalen und Kannen mit F'assettenschliff, dessen Rosettenmuster 
j^Toße Ähnlichkeit mit denen moderner Krystallgläser haben, 
kommen schon zu Anfanir des 111. Jahrhunderts namentlich in 
Köln und 'IVier häufig- vor, ebenso solche mit Rautenmuster, 
(jleichzeitig- entstand in Trier das schönste antike geschliffene 
Glas, ein großer Becher mit einem Wagenrennen in Relief, 
von welchem leider nur ein Bruchstück im Museum erhalten 
ist (Abb. 250). Eine Kanne mit aufgelegtem Fadennetz wurde 
in Gelsdorf mit einer Münze des Severus Alexander ge- 
funden, eine kleine Amphoriske mit gleichem Schmucke in 
einem Trierer Skelettgrabe derselben Zeit, ebenso eine Perle 
aus schwarzem Glase in Form eines liegenden Fäßchens mit 
blauen Spiralumwickelungen an beiden Seiten, der Miniatur- 
form eines damals beliebten Bechertypus (Formentafel E 272, 
273). Auch Schlangengläser wurden in Gräbern dieser Zeit, 
besonders an der Luxemburger Straße in Köln, auch in Belgica, 
gefunden. Späteren Datums sind einige ziemlich ])lumpe Nach- 
bildungen im Regensburger und Wiesbadener Museum sowie 
die aus Sissy und Long-Rayes bei Soissons, welche bereits dem 
IV. Jahrhundert angehören.^) Das Schlangenfadenglas \-on 
Regensburg (Abb. 128c) ist eine schlanke zylindrische Flasche mit 
langem Halse, etwa vom Typus des Stamnions, das sich auch im 
III. Jahrhundert erhält, aber einen etwas längeren Hals bekommt 
(Formentafel C 152). ^Vuch zylindrische Delphinflaschen (Formen- 
tafel C I 57 — 1 59) wurden in Andernach und anderwärts in Skelett- 
gräbern \om Anfange des III. Jahrhunderts gefunden, in Gels- 
dorf und im (jrabmah^ zu Weiden kamen Merkurflaschen zut^ige 
jene mit Münzen der ersten Hälfte des IIL Jahrhunderts. Beide 
Arten kommen aber schon in Briindgräbern vom Anfange des 
11. Jahrhunderts vor (z. B, in den Gräbern der Moltkestraße in 
Köln, wo sie mit farbigen Amphorisken zusammenlagen). Größere 
birnförmige Kimnen mit kurzem Stengelfuß, geschwungenem 
Doppelfadenhenkel und einem gedrehten Ringe unter der 
Trichtermündung, oft mit Spiralfäden verziert, sind zu Be- 
ginn des 111. JahrluuuhM-ts liäutig (Formentafel I) 199, 200: 
Abb. 168 b, c). 



') Boulanger, Mobilier funcraire pl. MI, XlII. 
K i s <i , Das Glas im Altertume. II. 26 



390 



Vni. Gruppe. Für die Mitte des III. Jiihrhunderts sind 
Kugelflaschen mit Trichterhals ch^irakteristisch, welche sich teil- 
weise dem Typus des gallischen Trinkbechers aus Ton anschließen 
und offenbar von diesem hervorg-erufen sind (Formentafel 
B 72 — 80). Gleichzeitig- sind Kugelflaschen mit röhrenförmigem, 
unten eingezwicktem Halse (B 69, 70), Kan- 
nen in Kegelform mit hohem Fußring, breit 
ausladender, oft mit einem Wellenfaden 
besetzter Mündung und breitem gerieftem 
Henkel (D 250, 251; E 252; Abb. 167 a), 
ferner Flaschen aller Größen in Kegelform 
mit geradem oder unten eingezwicktem 
Halse (A 16, 18; Abb. 167 e). In Ander- 
nacher Gräbern vom Ende des III. Jahr- 
hunderts fand man Kugelflaschen mit Trich- 
terhals, solche mit röhrenförmigem, unten 
scharf abgesetztem, aber nicht eingezwicktem, 
oben mit einem Rand wulste versehenen Halse, 
andere mit oben scharf abgeschnittenem, 
unten eingezwicktem und schließlich solche 
mit kegelförmigem Körper und unten gleich- 
falls eingezwicktem Halse; ferner Kannen in 
Kegelform, einfache konische Becher, halb- 
kugelige Schalen mit schräg ausgeladendem 
Rande und runden Eindrücken, sowie lang- 
gestreckte, in der Mitte anschwellende 
Phiolen aus farblosem, durchscheinendem 
Glase ^) (Formentafel A 2). Glockenförmige 
Fläschchen mit scharf abgesetztem Röhren- 
halse (A 21 — 23) gehören in dieselbe Zeit; 
sie bestehen zumeist aus farbigem Glase. 
Kegelförmige Flaschen mit unten ein- 
gezwicktem Halse und einem dicken Faden unter dem Rande 
findet man um diese Zeit auch in Äg}^pten.-) Eine spätere Sorte 
zeigt den kegelförmigen Körper umgekehrt, mit der Breitseite 




Abb. 192. Flasche mit 
bacchischer Szene in Über- 
fangtechnik. Florenz, An- 
tiken-Museum. 



^) Bonner Jahrbuch. 86, S. l6of. 

') Edgar a. a. O. Xr. 32 588 u. a. Zeit Constantins d. Gr. 



391 

nach oben und in eine knopfartige Verdickung endend (Formen- 
tafel B 104).^) Kegelförmige Kannen vom Typus D 250 kommen 
auch oft in Vermand, im Artois und in der Picardie vor.") 

Der Mitte und zweiten Hälfte des III. Jahrhunderts gehören 
ferner die meisten in Hohlformen geblasenen Gläser GalHens und 
des Rheinlandes an, so die Frontinuskannen, jene zum größeren 
Teile in der Officina Frontiniana hergestellten Reifenkannen, 
welche ein Weinfaß nachahmen (Formentafel C 154, 155). Ihnen 




92 a. Abwickelung des Reliefs an der Flasche 192. 



reihen sich die Flaschen in Form von menschlichen Köpfen, 
von Janusköpfen mit Trichtermündung, Gläser in Form von 
hockenden, die Syrinx spielenden Affen und anderen Tieren, dann 
solche, welche Muscheln, Weintrauben und Früchte aller Art 
nachahmen, letztere gewöhnlich aus farbigem Glase. Ein Fläsch- 
chen mit zwei von Weinlaub umgebenen Masken aus der Zeit Con- 
stantins wurde in Ägypten gefunden.^) In der Mitte des Jahrhun- 
derts, als in Folge der erneuten Einwanderung aus dem Oriente 
hellenistische Einflüsse wieder stärker wurden, n^lhm man am Rhein 
auch die Herstellung von Balsamarien, kleinen Öl- und Parfüm- 
kännchen in den feinen Formen des I. Jahrhunderts wieder auf 



1) Edgar \r. 32760. 

2) Pilloy a. a. O. II, T. III, 
'') Edgar a. a. O. Xr. 32573 



26* 



392 

Man ist überrascht neben recht derben Flaschen aus g-rünhchem 
oder wasserhellem Glase mit kräftigem Randwulste und hand- 
festem Boden, neben kleinen schlauchförmigen Balsamarien mit 
breiter Trichtermündung (Hist. Museum in Frankfurt, aus Heddern- 
heim), zierliche Stücke wie die auf Formentafel C i86 — 188, 
D 189 — 195 zu finden, aus schönem azurblauem, dunkelrotem, 
violettrotem oder goldbraunem Glase, mit opakweißen Spiralfäden 
an den Rändern und am Halse und zierlich geschwungenen, aus 
einem weißen Doppelfaden gebildeten Henkeln. Solche Kännchen 
sind in größerer Zahl in (jräbern von Köln. Buschdorf i'mit 
Münzen des Diocletian und 2^Iaximian), delsdorf, Trier u. a. ge- 
funden worden; mit ihnen Zylinderfläschchen mit Delphinösen 
(Gelsdorf), Fläschchen in Birnform, die von Spiralfäden völlig 
umsponnen waren, sowie eine Flasche mit Kettenhenkel und von 
wellenförmigem Netzwerke bedeckt (Gelsdorf). Letztere Ver- 
zierung tritt auch in Grabfunden von Ehrang bei Trier und 
vom ^littelrhein auf. Zahlreiche Kannen mit wellenförmigem 
Netzwerke und solche mit Kettenhenkeln befinden sich im 
Museum von Mainz. 

Unter den Becherformen ist die des Scyphus, des unten 
abgeplatteten Kugelbechers die beliebteste. (Formentafel F 361 
bis 369). Er wird gewöhnlich am Rande mit gravierten Reifen 
verziert, ebenso die konischen Becher. Auch flachere Schalen 
mit profiliertem Rande, Falten und Eindrücken sind häufig 
(Köln, Conz bei Trier Abb. 318, 320). Aus Aubigny en Artois ist 
eine Schale in Form eines ungehenkelten Cantharus mit reichem 
Fadenschmucke bekannt •*), aus dem Grabmale zu Weiden und 
aus Gräbern der Luxemburger Straße in Köln Näpfe aus feinem 
Krystallglase von zierlicher, an moderne Teetassen erinnernder 
Form mit tellerartigen Untersätzen. 

Gravierung und Schliff werden namentlich in Köln und 
Trier gepflegt; gegen Ende des Jahrhunderts treten sehr häufig 
christliche Motive in der Dekoration auf. Den Triumph der 
Schleiftechnik bezeichnen die geschliffenen Netzgläser (früher 
Diatreta genannt), seit Maximian in einer Kölner und außerdem in 
einer unbekannten, vielleicht orientalischen Werkstatt geschaffen. 

^) Boulanger a. a. O. pl. I. 



393 

Flachrunde Schalen mit dem Monogramm Christi werden nicht 
nur durch Schliff, sondern im IV. und V. Jahrhundert auch durch 
lilasen in Formen hergestellt. Flaschenformen sind, wie erwähnt, 
im allgemeinen sehr derb und den modernen Gebrauchsflaschen 
ähnlich, da die Standfläche ziemhch breit und der Hals kräftig 
gebildet ist. Das Stamnion ist noch immer nicht verschwunden, 




Abb. 193. Apollo und .Musen. Relief in Überfangtechnik, angeblich vom Theater 
des Scaurus. Nach Passeri. 



man findet es auch ungchcnkclt und oben an di>n Kanten 
gerundet. 

Der /.weiten 1 lälfte d(\s 111. und dem Übergange ins 1\'. Jahr- 
hundert gehören ferner an: Die Form D 245 — 249, plattzwiebel- 
bauchige Kannen \'on eleganter Arbeit, teilweise mit .Schnabel- 
ausguß (Pilloy II, ])1. 3. V- Die l-'orm D 24^^. 2j\4. sowohl ganz 
mit eincMii dichten Spiralfadcn umsjioinuMi. als mit Diagonalfäden, 
die paarweise angeordnet sind: die sclilanke Kegelform Abb. 144 
links (I'illoy 11. pl. 3. 9): die Form C" 143 mit Schnabelausg'uß 
und auMiahmcw cisr \i(^r X'ertikalhenkeln in Köln (Abb. 97/3, 
Sammlung .M. xom Kalh. V. \'i, ->,[)K mit einem i lenkel in \'(Tmand 



394 

(Pilloy II, ])1. 4, 5); die sehr häufig-e, schöne Form der Kugel- 
flasche mit scharf abgesetztem, manchmal unten auch einge- 
zwicktem Röhrenhalse ohne Randwulst, welcher in der Mitte einen 
Ring hiit, an welchen die beiden geschw ungenen Henkel ansetzen 
C 138, 137: sie wird auf verschiedene Weise dekoriert, manchmal 
die Henkelzahl vervierfacht (Abb, 129/4, H/» 239; Pilloy II, 
pl. 4, 2. .M. vom Rath, X\^II, 151). 

IX. Gruppe. Im IV. Jahrhundert werden die Formen der 
Gebrauchsgläser immer derber und schwerfälliger, allerdings 
dabei oft praktischer. Die Flaschen z. B. haben eine feste, breite 
Standfläche, der Hals ist kräftig, mit einem dicken Randwulst 
versehen, breit angesetzt, so daß man nicht Gefahr läuft, ihn 
abzubrechen, wenn man das gefüllte Gefäß an ihm anfaßt, wie 
das bei den früheren eleganten Formen, namentlich bei den 
scharf abgesetzten oder eingezwickten Hälsen leicht möglich war. 
Der Schwerpunkt ist bei der Formbildung besser berechnet. Das 
Material ist dickwandiger, aber auch gröber. Reines Krystallglas 
findet man nur bei Luxusgläsern, sonst überwiegt wieder das 
unvollkommen entfärbte, das aber nicht mehr durchsichtig grün- 
lich ist, sondern stumpfe, schmutzige Töne nach olivgrün, gelb- 
braun und grünlichbraun hin zeigt. Es werden eben auch bei 
der Färbung die alten Rezepte nicht mehr genau befolgt, und 
Fehlfarben, wie ein gelbliches Rot oder mattes \''iolettrot anstatt 
Purpur, grünliches Gelb anstatt Hellgelb sind häufig. Lasurblau 
ist viel trüber als früher, am besten gelingt noch ein warmes 
Goldbraun. Außer zu ganzen Gefäßen verwendet man das farbige 
Glas zur Herstellung großer, bunter Xuppen, Spiral- und Zickzack- 
fäden. So werden Kugelflaschen und Kugelbecher verziert, die 
unten stark abgeplattet sind, ferner Xäpfe von Kugelform, die 
oben eingezogen, mit kurzem Halse und ausladendem Rande 
versehen sind. Zwischen Körper und Rand schlingt sich ein 
freier Zickzackfaden (x\bb. 108, Formentafel F 376, 377). In der 
nördlichen Belgica wurde außerdem, wie schon früher bemerkt, 
daneben auch der Kölner Schlangenfaden in ziemlich derber 
Weise nachgeahmt (Abb. 128 a, b, d, 129, 130). Über die Kugel- 
becher gewannen aber allmählig die zylindrischen, die man sehr 
schlank gestaltete, ausschweifte und mit einer Fußplatte versah 
(E 311 — 316) oder einfach zyhndrisch machte und unten ab- 



395 



rundete (E 276 — 280), die Oberhand. Aus dem Carchesium mit 
ausgeschweiftem Profil entstand in der zweiten Hälfte der Tümmler, 
unten teils gerundet, teils mit einem Knopfe versehen, das charak- 
teristische Trinkgefäß der fränkischen Epoche (E 317 — 319). 

Daneben 
erhielten sich 
allerlei altehr- 
würdige For- 
men, wie das 
unverwüstliche 
Stamnion, ge- 
henkelt und 
ungehenkelt , 
das man häu- 
fig mit einem 
längeren Halse 
versah und 
an den Ober- 
kanten run- 
dete (E 266, 
267), die Faß- 
kanne mit Rei- 
fen, schlanke 
vier- und sechs- 
kantige Fla- 
schen , Kan- 
nen von kegel- 
förmiger An- 
schwellung mit 
Diagonalfäden 
(Abb. 144 c; 
FormentafelD 
222). In Ägyp- 
ten findet man 

schlanke prismatische Fläschchen, deren kurzer Hals sich 
trichterförmig erweitert (B 108, 109) untl Kugelfläschchen mit 
rautenförmigem Netzmuster, das aber nicht durch aufgelegte 
Fäden gi'bildet, sondern durch I-'ormung entstanden 




Abb 



94. Lampe mit Harpokrates. Nach Passeri. 



396 

ist.-^) Auch bei wertvollen Trinkg-efäßen wandte man alte Formen 
an, namentlich die des zweihenkelig^en Cantharus, aus welchem sich 
die Form des christlichen Meßkelches entwickelte (F 336 — 340, 
342). Am Rhein war daneben die Form des Rhytons, des Trink- 
hornes, behelmt, das man oft sehr reich mit K^inneluren, Spiral- 
fäden, Nuppen, Zickzackbändern und Fadennetzwerk ausstattete 
(G 436—440). 

Balsamarien werden immer seltener, wie die Totenbeig-aben 
überhaupt mit dem Vordringen des Christentum es allmählich 
verschwinden, INIan findet noch farblose und farbige Ölfläschchen 
in schlanker Röhrenform, in Birn- und Schlauchform mit starker 
Abplattung und derbem Randwulste. Für die Kugelfläschchen 
mit Delphinösen treten kleine Näpfe ein, die im ganzen noch 
den T3^pus des Aryballos in der breiten Randscheibe, dem ge- 
drungenen Halse und Körper wahren, aber ganz schmucklos sind.') 

Die Fadentechnik erlebte im IV. Jahrhundert eine Restau- 
ration des altägyptischen Farnkrautmusters, dem schon am Ende 
des früheren eine solche des farbigen Wellenfadens, des sog. 
Vogelfedermusters, in nordbelgischenWerkstätten vorausgegangen 
war. Beispiele dafür enthält der bereits erwähnte longobardische 
Schatz von Castel Trosino im Museo Civico der Diocletiansthermen 
in Rom.^) Doch sind die Fäden nicht plastisch aufgelegt und 
eingewalzt, sondern nur leicht mit dem Pinsel aufgemalt- Über- 
haupt kam die Malerei auf Glas sehr in Schwung. Man wandte 
sowohl Erdfarben wie Emailfarben an, die eingebrannt wurden 
und verband die Bemalung teilweise mit Gravierung, indem man 
die Umrisse der Zeichnung einritzte und die Flächen kolorierte. 
Besonders schöne Wirkungen erzielte man aber mit Vergoldung, 
indem man Blattgold auflegte, die Zeichnung auskratzte und so 
Goldbilder auf farbigem Grunde schuf, die man teilweise durch 
Emailfarben belebte und durch einen farblos durchsichtigen 
Überfang schützte (Fondi d'oro). So stellte man in Ägypten 



^) Auch kannelierte Fläschchen dieser Art befinden sich im Museum von Kairo. 
Edgar a. a. O. Von den Händlern werden solche Fläschchen als arabisch bezeichnet. 
— Netzmuster siehe 32577. 

-) Edgar a.a.O. 32750, 32751. 

") Monumenti antichi pubbl. per cura della R. accademia dei lincei Bd. XII 
(1902). S. 145 — 379, tav. I — XIV. 



397 

und Rom schon im IL Jahrhundert auf größeren Gefäßen 
Bilder, selbst auf Kästchen kleinere Einsatzstücke und Medaillons 
her; die Blüte dieses Kunstzweiges aber verdankt man römischen 
und Kölnischen Werkstätten des IV. Jahrhunderts. 

X. Gruppe. Von den Römern übernahmen die Franken und 
Alemannen die Glasindustrie und wohl in vielen Fällen direkt die 
alten Werkstätten. Die Qualität des Glases verschlechterte sich 
aber im V. Jahrhundert immer mehr, reines Krystallglas ist eine 
große Seltenheit geworden, die trüben vSchmutztöne und Fehl- 
farben überwiegen. Nur bei den Schmuckperlen, für welche 
die Barbaren große Vorhebe zeigten und die sie massenhaft 
kopierten, findet man noch reine, lebhafte Farben.^) Die Formen 
der Gefäße werden karikiert, entweder übermäßig derb oder 
übermäßig gebrechlich gestaltet. Zu jenen gehören die Haschen, 
deren Fußplatte jetzt sogar über den Durchmesser des eigent- 
lichen Gefäßkörpers hinausschwillt, zu diesen die bereits be- 
schriebenen Taschen- oder Rüsselbecher. Außer Näpfen von 
kugeliger, unten abgeplatteter Form, Tummlern und schlanken 
kegelförmigen Bechern kommen solche mit konvex gebogener 
Wandung (E 297, 306, 307). Als Schmuck dienen dichte Spinil- 
fäden, Zickzackbänder und allerlei phantastische Windungen, 
sowie große Nuppen, an deren Stelle manchmal Brocken von 
farbigem Glase, ja selbst von Kieselsteinen aufgesetzt werden. 
Eine Eigentümlichkeit sind opakweiße Vogelfeder- und Wellen- 
muster ^luf grünlichem oder gelblichem Gkise, zumeist in dichter 
Reihung. Auch das Farnkrautmuster wird gern angewendet, 
jedoch wie im vorigen Jahrhundert nur flach aufgemalt, auf 
Schmuck] )erlen aber oft plastisch aufgc^legt. Charakteristisch sind 
flache, in llohlformon geblasene Schalen mit dem Monog-ramm 
Christi, umgeben von einem Kranze von 1 Mattwerk, Fischen oder 
Ornamenten. ^) 



1) Dieser Umstand ist dadurch zu erklären, daß der Bezug farbiger Pasten aus 
dem ( )riente, welche vorzugsweise zu Schmuckperlen verwendet wurden, nicht aufhörte. 

-| Die Formen fränkischer Gläser sind am besten bei Boulangcr a. a. O. 
pl. 29 — 31 u. a. wiedergegeben, auch bei l'illoy a. a. O. Die christlichen Schalen 
ibd. III, T. III und bei Houlanger. 

' ^^i ^ ' 



VII. 

Die Fadengläser, 



Die Fadengläser. 

Die Alabastra und verwandte Arbeiten. 

Schon in den ersten Anfäng"en der Glasindustrie hatte man 
erkannt, daß das Glas die Eigenschaft besitze, sich in heißem, 
zähflüssigem Zustande aus einem Kügelchen zu Fäden beliebiger 
Dicke und Länge ausziehen zu lassen und daß solche Fäden 
auf einen bereits vorgebildeten und erhitzten Glasgegenstand 
aufgelegt, ohne jedes Bindemittel haften bleiben. Befand sich 
dieser Gegenstand noch in weichem und bildsamen Zustande, 
so konnten die aufgelegten Fäden durch AValzen auf dem Marmor 
so tief eingepreßt werden, daß sie nur noch wenig aus der 
Wandung hervorragten und selbst diese Erhöhungen konnten 
mit dem Rade abgeschliffen werden, so daß die Fäden in einer 
Ebene mit der Oberfläche des Gegenstandes lagen und gleichsam 
ein eingelegtes Muster bildeten. 

In l)eidtMi Arten wurde der opak-farbige Glasfaden in 
^Vg}-pten schon zur Zeit des .Vlten Reiches zum Schmucke von 
Glasperlen, Gefäßen und farbigen Pasten anderer Art ver- 
wendet, wie im 11. Abschnitte näher ausgeführt wurde. Zu be- 
sonders eigenartiger Schönheit entwickelt!^ sioli die h'aden- 
verzierung in einer Khisse von Gefäßen, deren Fabrikation von 
den alten AVerkstätten in Theben und Memphis auch auf die 
von Alexandrien überging und neben den SchmuckjierltMi der 
bedeutendste Ex]iortartikt^l der ägyptischen Glasindustrie ge- 
worden ist, den sogenannten Alabastra. I )ie ältesten Grabfunde 
dieser Art sind in Form und W»rzierung den I^alsamarien aus 
Alabaster und l\)n nachgebiUU^t, xon jenen erlüelt die ganze 
Klasse \-on Gefäßen ohne Rücksicht auf das Material ihren 
Namen. Ursprünglich 'I'oilettengeräte, gingen sie allmählich 
\-(")llig in den Totenkult über und nahiinMi in l-'.truritMi seit dem 




402 

\''1I. Jahrhundert vor Chr., in (irierh(Miland und auf den Inseln 
seit den Diadochen, in Mittelitalien seit dem füidc der Repulohk 
bis zur Mitte des I. Jahrhunderts nach Chr. im Zahl und Kunst- 
wert unter den Totenbei^aben die erste Stelle ein. Ihre mannig-- 
faltit^en l^'ornKMi lassen sicli in fült)-ende Gruppen trennen: 

I. Altägyptische Balsamaricn. Nachahmung-en \on wirk- 
lichem Alabaster und von glasiertem Ton. 

I. Alabastra. Zyhndrische Fläschchen, unten abgerundet, 
mit kurzem Halse und breiter, flacher Randscheibe. Sie trag^en 
seitwärts zwei kleine gelochte Ösen oder 
Henkel, durch welche eine Trageschnur 
gezogen wurde. Sie sind aus bernstein- 
farbiger Paste mit freier Hand geformt 
und mit weißen Wellenbändern, wie 
natürlicher Alabaster, den auch die Grund-" 
färbe nachahmt, gemustert. Die Wellen 
ziehen sich in mehreren Linien ohne 
strengen Parallelismus quer über den 
Bauch. (Formentafel A 5 gibt das Wesent- 
Abb. 195. Bruchstück eines j-^j^^^ ^^^^ ^^^^^ ^^^^^^^ Rundung wieder). 
Reliefs in Überfang. München, , 1 , 111 t- 

_ ., „. . 2. Alabastra von schlankerer rorm, 

Freiherr v. Bissing. 

oben am Haisansatze gerundet, unten 
ebenso oder zugespitzt. Die Grundfarbe meist dunkles Azurblau. 

3. Alabastra in Gestalt von Säulen mit Palmenkapitellen, 
unten mit einem Fußringe. (Abb. 7, 201). 

4. Kugelige Fläschchen mit kurzem Halse und zwei oder 
drei Henkeln, ohne Fuß. 

5. Kleine Amjihoren mit zwei Henkeln und einem Spitz- 
fuße, an dessen Stelle manchmal ein kleiner Fußring tritt. Der 
Hals ist entweder eng und mit einer kleinen Randscheibe ver- 
sehen oder breit und mit einem Wulste abgeschlossen. 

6. Kleine plattbauchige, linsenförmige Fläschchen mit 
kurzem Halse, Randwulst und zwei Ösen. Sie wurden auch an 
einer Schnur cmgereiht, in größerer Zahl oder einzeln am Halse 
getrtigen. 

IL Balsamarien der Ptolemäer- und Kaiserzeit. Zu den alt- 
ägyptischen Formen treten besonders bei den Kännchen solche 
•der griechischen Keramik hinzu. WährtMid die der Ptolemäerzeit 



403 



noch in der alten Weise mit freier Hand modelliert sind, zeigen 
die der Kaiserzeit das Blasen an der Pfeife, teilweise in einer 
Hohlform. 

1. Röhrenförmige Alabastra, wie die unter I genannten, 
unten teils gerundet, teils spitz, zu einem Knopfe zusammen- 
gedreht oder mit einem kleinen Fußringe versehen (Tafel II i). 

2. Kugelförmige oder plattbauchige Fläschchen mit und 
ohne Ösen oder Henkel 

(Tafel II, 6, Abb. 4). 

3. Amphoren in alt- 
ägyptischem oder griechi- 
schem Stile, mit kurzem, 
leicht ausgebogenem oder 
breitem Trichterhalse, un- 
ten spitz oder mit einer 
kleinen Fußplatte versehen 
(Tafeln, 2, 4, Abb. 5,1 1,200). 
4. Oenochoen, nach 
unten mehr oder minder 
verjüngt, mit Fußring oder 
kleinem Fußansatze. Die 
kleeblattförmige Mündung 
tritt erst später auf; ihr 
geht eine strengere Form 
mit langem, wagerechtem 
oder schräg emporgerich- 
tetem Schnabel voraus (Tafel II 5, Abb. 82).^) 

Die Fadenverzierung dieser Gefäße zeigt zumeist Muster, 
die man schon bei den Gläsern der Funde von Daressy, Petrie 
und Newberry findet, also in der Zeit der 12. Dynastie, wenn nicht 
früher. Namentlich die Gläser aus den Gräbern Amenophis II. 
und aus den um etwa 1 50 Jahre jüngeren von Teil el Amarna 
verraten eine so außerordentliche Geschicklichkeit in der Be- 
herrschung der schwierigen Technik, daß man bei ihnen schon 




Abb. 196. Bruclistück einer Vase mit Überfang- 
dekor. Bonn, acad. Museum. 



^) Froehner a. a. O. S. 37 f. Abbildungen ägyptischer Balsamarien in Farben- 
druck aus der Sammlung Cliarvct ibd, Tafel I l — 7, II 3, 9, 10. Diese Stücke 
stammen aus .\ttika und Korinth. 



404 

eine kmg-e Übung voraussetzen muß. Die urs])rünglichste und 
einfachste Verzierungsart ist jedenfalls die mit I lorizontalreifen, 
die das Gefäß teils glatt, teils in Wellenlinien umziehen, wie 
man es bei dem n^itürlichen Alabaster sah, den man nachbildete. 
Die Wellenlinie wurde leicht zum Zickzack, indem man den 
aufgelegten, ciber noch nicht fest haftenden Faden in regel- 
mäßigen Abständen mit tMuiMU Werkzeuge, dem Kamme, scharf 
hinab- und hinaufzog. (Abb. 8, 200). Gewöhnlich sind mehrere 
Reihen einfacher glatter Bänder mit dicht gereihten Wellen- 
und Zickzacklinien an einem Gefäße vereinigt (Tafel II, i, 2, 4 — 6, 
siehe auch oben Abb. 5, 7, 11, 202). Eine Abart des WeUenmusters 
ist das Korbmuster. Dieses umspinnt den größten Teil des 
Gefäßes mit horizontalen Bändern, welche gleichfalls in regel- 
mäßigen Abständen mit dem Kamme emporgezogen wurden, 
so daß Längsstreifen entstanden, welche die bogenförmig ge- 
rundeten Teile der Horizontalbänder verbinden (Abb. 81). Das 
Muster gleicht dann einem Korbgeflecht und ist jedenfalls ur- 
sprünglich die Nachahmung eines solchen. Man pflegte in 
Ägypten die zerbrechlichen Gläser und Alabastergefäße mit 
einem Netz aus Papyrus oder einem Korbe aus Binsengeflecht 
zu schützen, eine Sitte, die sich bis heute erhielt und in dem 
Drahtgeflechte wandernder Slowaken die Erinnerung an die Antike 
bewahrte. Es ist nicht das einzige Mal, daß ein zum Schutze 
des Gefäßes angebrachtes Korbgeflecht das Motiv zu einer 
künstlerischen Verzierungsart des Gefäßes ergab. Auch das auf- 
gelegte Fadennetz der gallisch-rheinischen Gläser des III. Jahr- 
hunderts und das ausgeschliff'ene Netzwerk der Winckelmann- 
schen Vasa diatreta ist auf ein Metallgeflecht zurückzuführen. 
Dem Korbmuster, das den größeren Teil des Gefäßes 
einnimmt, wurden gewöhnlich glatte oder Wellenbänder ver- 
schiedener Stärke hinzugefügt. Wegen seiner Ähnlichkeit mit 
dem glatten Gefieder eines Vogels bezeichnet man diese Art 
der Fadenverzierung auch als Vogelfedermuster. Verwandt 
ist das Schuppenmuster, das sich aber \on jenem dadurch 
unterscheidet, daß die durch das Aufziehen zwischen zwei 
Wellenbogen entstandenen Spitzen in der oberen Reihe die 
tiefsten Ausbuchtungen der Wellen berühren. Beide Arten sind 
in Teil el Amarna und in den Fundtm Daressvs vertreten. 



Tafel TT 




BALSAMARIKX 
äj^yptischc Fadengläser aus der Ptolemäcr- und Kaiserzeit. 



italisch. 



4, 5 und 6: 

7 und 9: italische Filigranglüser. 8: Fläschchen mit Spiralfadenverzicrung 
Köln, Sammlung M. vom Rath 

Zu Seite 40}, 404, 406, 422, 424 und J14 



405 



Besonders charakteristisch ist das bereits im IL Abschnitte 
genannte Farnkrautmuster {msoig), das dadurch entstanden ist, 
daß der Arbeiter die horizontalen, dicht übereinander angeord- 
neten Fadenreihen in regehnäßigen Abständen mit dem Kamme 
abwechselnd hinauf- und hiiiabzog, bis sie parallele Zickzack- 
linien bildeten, die aber nicht in schnurgerader Richtung, sondern 
in S-förmiger Schweifung verlaufen, da die Enden dem Zuge des 
Kammes leichter nachgaben. Oft wurden noch über die Eck- 
punkte, ebenso wie beim Korbmuster senkrechte Fäden gelegt, doch 
genügte das Ziehen allein, um die senkrechten Richtungen zu be- 
tonen (Abb. 4 und 82). 
Es sieht dann aus, als 
wenn das Gefäß mit 
fein gefiederten Blät- 
tern oder Kielfedern 
ge'schmückt wäre,wes- 
halb das Muster auch 
Kielfeder muster 
genannt wird. Diesen 
Namen trägt es jeden- 
falls mit größerem 
Rechte, denn an die 

Blätter des Farnkrautes erinnert es mit seinen feinen ge- 
schweiften Ausläufern sehr wenig. Ich habe bereits bemerkt, 
daß sich das Farnkraut in Ägypten gar nicht vorfindet und 
daher auch nicht zu seiner Nachbildung Veranlassung gegeben 
haben kann. Man dachte nur ganz allgemein an blattartige 
Bildungen, am ehesten an die der Phönixpalme mit ihrem leicht 
zerteilten Blattwerke und an die des Papyrus. Die Einzelheiten 
ergaben sich dabei aus der Technik. Auf das heübvollendete 
und noch weiche Gefäß, dessen Grundfarbe zumeist ein dunkles 
Azurblau, i\ber auch helleres Blau, Türkisblau, Opakweiß, Bern- 
steingelb, Schwarz, später auch Lackrot und Violettrot ist, 
wurden die bereits fertig gezogenen, aber gleichfalls noch weichen 
und heißen Fäden aufgelegt. In diesem Zustande bedarf es 
keiner besonderen Bindemittel, um Glas auf Glas festhaften zu 
machen, wohl aber großer Geschicklichkeit, Vorsicht und Rasch- 
heit, denn bei längerem Zögern und Versuchen erkaltet der 

Kisa, Das Glas im Altertume. II. 27 




Abb. 197. Schale von Sackrau. Breslau, Museum. 



4o6 

Faden, verliert seine ßildsamkoit, \veit(^r(^ Ausdehnuii^-sfähi.y-kfit 
und springt wieder ab. In den incistt-n lallen w an-n wohl zwei 
Arbeiter gleichzeitig an einem Gefäße beschäftigt, einer, der 
das Gefäß hielt und in die nötigen Lagen brachte, auch manchmal 
den Faden anheften half, ein anderer, drr den Faden selbst 
handhabte, ihn zuerst auflegte und dann mit dem Kamme in 
die gewünschte Form brachte. Häutig mußtt^ das (jefäß, wenn 
die Zahl der Fadenreihen groß war, \on neuem erwärmt und 
erweicht werden. Saßen die Fäden fest, so wurdt^ das Gefäß 
solange auf dem IMarmor gerollt, bis jene in die Masse ein- 
gedrungen waren. Oft w^urde das Gefäß nach dem Erkalten 
noch mit der Drehscheibe abgeschliffen, andere Heß man in 
ihrem natürlichen Zustande, selbst wenn die Fäden nicht ein- 
gedrungen waren und in leichtem Rehef vorstanden. An 
vielen Stücken ist der Anfang des Fadens durch eine birn- 
förmige Verdickung kenntlich (Tafel II, 5). Das Glaskügelchen 
wurde auf das Gefäß aufgedrückt und aus ihm rasch der Faden 
ausgezogen. Der Rest blieb in Form einer „Träne" übrig, die 
in späterer Zeit, als man die Fadenlänge weniger genau berech- 
nete und das hierfür nötige Quantum zu hoch abschätzte, 
auffallend groß erscheint. Namentlich im IV. Jahrhundert und 
noch mehr bei den fränkischen Gläsern ist die Träne ganz 
unverkennbar. Sie ist manchmal jilastisch stehen geblieben, 
sonst plattg-edrückt. Selten sind die parallelen Züge der Faden- 
verzierung peinlich regelmäßig, zumeist macht sich hier eine 
flotte Sorglosigkeit bemerkbar, die den kün.stlerischen Reiz der 
Arbeit nur erhöht. vSie ist bei den altägyptischen, aus freier 
Hand modellierten Stücken noch größer als bei den späteren 
geblasenen. 

Die Fäden sind stets von anderer Farbe als der Grund, 
gewöhnlich weiß, gelb oder türkisblau, auch schwarz, selten 
rot. Viele haben durch die Feuchtigkeit gehtten, namentlich 
durch das in Ägypten so häufige Salz, das die Glasmasse ent- 
färbt und sie kreidig porös erscheinen läßt. Mitunter sind 
bloß die Fäden verwittert und herausgefallen, so daß die leeren 
Linien im Gefäße stehen bleiben. Dagegen haben die in Europa, 



^) Boulanger a. a. O. S. 2. 



407 

namentlich die in Griechenland und Italien gefundenen ägyp- 
tischen Balsamarien von der Verwitterung auffallend wenig ge- 
litten. Sie leuchten, wie ich gegen Boulanger auch hier hervor- 
heben möchte, noch heute in den reinsten und tiefsten Farben- 
tönen, die durch einen leisen metallischen Reflex, der z. B. dem 
satten Blau einen feinen Purpurschimmer verleiht, nur noch 
gehoben werden. Dies rührt daher, daß sie keine Zusätze von 
Manganoxyden enthalten, weil es nicht nötig war die Masse zu 
entfärben, und die durch Eisen hervorgerufene Trübung durch 
die färbenden metallischen Zusätze aufgehoben wurde. Selten 
ist eines dieser Gläser, wenn man es im Innern reinigt, völlig 
undurchsichtig, selbst die tief dunkelblauen lassen immer noch 
etwas Licht durch und erscheinen so manchmal leicht grünlich, 
was eben dem Umstände zuzuschreiben ist, daß die Masse nicht 
künstlich entfärbt ist. Da die abgerundeten und die mit Spitzfuß 
versehenen Exemplare nicht allein stehen können, verwendete 
man für sie eigene Untersätze aus Edelmetall oder Bronze, kurze 
Zylinder, die oben eine kapitellartige Erweiterung und darin 
eine Vertiefung haben.-^) Einige von ihnen sind im Museum 
von Neapel zu sehen. 

Über die Herkunft der opak -farbigen Balsamarien mit 
farbigem Fadenschmuck der geschilderten Arten waren die An- 
sichten lange geteilt. Da man so viele von ihnen auf den 
griechischen Inseln, in Griechenland selbst und in Kleinasien fand, 
hielt man sie bald für griechische, bald für phönizische Erzeug- 
nisse und vermeinte so die Lücken in der Kenntnis der Glasin- 
dustrien jener Länder füllen zu können. Auch in Unteritalien 
sind sie häufig, besonders in den Gräbern von Ruvo, Fasano 
und Cumae, dann in Ilerculanum. Die griechischen Kolonien 
Süditaliens werden aber an Reichtum der Ausbeute von den 
etruskischen Gräbern noch überboten, besonders von Toscanella 
und von Cerae, dem Haupt- Stapelpkitze für die ägyptische 
und griechische Einfuhr, Deshalb waren viele von dem etrus- 
kischen Ursprünge dieser Gläser überzevigt. ") Aber gerade 
in etruskischen Gräbern sind die kleinen Tonfigürchen mit 



1) Minutoli a. a. (). Tafel II Fig. 2, 3. Abeken S. 35: 
-) Vgl. Abeken, MiUelitalien S. 273 f. 767 f. 



4o8 

heller Glasur, die Uschebtis, Scarabäen und andere unzweifel- 
haft ägyptische Arbeiten ihre ständigen Begleiter. Am zahl- 
reichsten werden sie immer noch in Ägypten selbst, in Memphis 
und Theben, d^mn in Ivleinasien und auf den Inseln Cypern 
und Rhodus gefunden, wo namentlich das Grabfeld von Camyrus 
fast alle Museen versorgt. Der ägyptische Ursprung dieser 
Gläser ist also unbedingt sichergestellt. X'on ihrem Stamm- 
lande aus wurden sie nach dem übrigen Orient, den griechischen 
Inseln, nach Athen und Korinth ausgeführt, für welche Städte 
ein bedeutender Import ägyptischer 
Gläser hinlänglich bezeugt ist. Auch 
die italischen Funde rühren von Im- 
port her, der namentlich in der Kaiser- 
zeit sehr zunahm. 

Nach Strabo fand sich nur in 
Ägypten das Material zur Herstellung 
der kostbaren farbigen Gläser. In den 
alexandrinischen Werkstätten begann 
die allmähliche Verschmelzung alt- 
Abb. 198. Medusa in Überfang- ägyptischer Und griechischer Motive, 
technik. Köln, Sammlung Nießen. wie sie sich in den späteren Arbeiten 
zeigt, und namentlich solche kamen in 
großen ^Mengen nach Rom. Außer den altägyptischen Zickzack- 
und Wellenmustern, dem Korbgeflecht, Schuppen- und Farnkraut- 
dekor bildete man in der Kaiserzeit auch griechisch stilisierte Blatt- 
kränze, Mäander und Kymatien aus Fäden und kleinen Flecken. 
Auch goldgebänderte kommen \or und solche, die mit Gold- 
puder überstäubt und mit unregelmäßigen Goldflittem bedeckt 
sind. Man tauchte während des Blasens das unfertige Gefäß 
in Blattgold ein und blies es dann vollends aus, wobei das Blatt- 
gold zerriß und sich in allerlei kleinen Flecken auf der Ober- 
fläche zerstreute. Bernsteinfarbiger Grund kommt nicht nur bei 
den ältesten, dem Alabaster nachgeahmten Stücken vor, sondern 
auch bei späteren, nach Etrurien eingeführten, die aber noch 
aus vorptolemäischer Zeit stammen und aus freier Hand model- 
liert sind.-^) Während bei den meisten Exemplaren der Grund 




') Annali del'instiluto 1884 S. 176. 



409 



einfarbig ist, gibt es auch zweifarbige, deren oberer Teil grün, 
der untere blau ist. Beide Farben sind durch weiße oder gelbe 
Reifen getrennt, dabei die obere durch Überfang hergestellt. 

Mit Ausnahme der wenigen Exemplare, deren Musterung 
rein griechische Ornamentmotive enthält, herrscht bei allen 
Gefäßen dieser Klasse eine so ausgesprochene Übereinstim- 
mung in Stil und Technik, daß ihr gemeinsamer Ursprung 
nicht zweifelhaft sein kann. Es könnte 
sich nur darum handeln, ob etwa die 
ägyptischen Arbeiten an anderen Orten, 
namentlich Italiens, von einheimischen 
oder aus Ägypten berufenen Arbeitern 
kopiert worden sind. Ein solch selbst- 
loses Kopieren ist unwahrscheinlich, da- 
gegen sicher, daß die Verzierung mit dem 
eingelegten farbigen Glasfaden unter Bei- 
behaltung der ägyptischen Muster in Italien 
auf andere Arten von Gefäßen, namentlich 
Flaschen, Kannen und Becher übertragen 
wurde. Im Museum von Neapel befinden 
sich unter den Funden von Ruvo zwei 
birnförmige Flaschen von etwa 1 2 cm Höhe 
aus azurblauem Glase, die eine prachtvolle 
smaragdgrüne Iris angesetzt haben und 
mit eingeschmolzenen weißen Fäden ge- 
schmückt sind, welche das altägyptische 
Korbgeflecht nachahmen. Eine kugelbau- 
chige Amphoriske daselbst, die auf kleinen Fußzapfen steht, hat 
in ihrem türkisblauen Grunde ein reiches weißes Farnkrautmuster, 
eine wundervolle Kanne aus opakem goldbraunem Glase zwar 
nur mehrfache gelbe und weiße Reifen und Zickzackbänder, 
aber von ungewöhnlich feiner farbiger Wirkung. Das Antiken- 
museum in Florenz besitzt außer zahlreichen ägyptischen Bal- 
samarien aus etruskischen Gräbern mehrere schöne Oenochoen 
und Flaschen mit farbigem Famkrautmuster, außerdem ein zier- 
liches azurblaues Fläschchen mit einem gelben und grünen 
Spiralbande am Halse und einem aufgelegten Farnkrautmuster 
in gelb und grün auf der oberen Hälfte des Körpers. Italischer 




Abb. 199. Relief in Über- 
fangtechnik. London, Ken- 
sinston-Museum. 



410 

Import aus dem Anfän^re des I. Jahrhunderts ist die schöne 
dunkelblaue, etwa 15 cm hohe Schnabelkanne aus Ilausweiler 
im Provinzialmuseum in Bonn, in die weißes Vogelfedermuster 
eingelassen ist, das sich bei völligem Ausblasen des Gefäßes in 
diagonaler Richtung verschob. Am unteren Ansätze des dünnen, 
geschwungenen Henkels ist eine in einer Form gepreßte ^Nledusen- 
maske angebracht, ein gerade an dieser Stelle sehr beliebter 
Schmuck. (Tafel XI und .Vbb. 201). Häufig ist das Must(^r bei 
geblasenen Gefäßen schon vor der Vollendung des Körpers 
aufgesetzt und durch weiteres Ausblasen verschoben, wodurch 
mannigfache Variationen hervorgerufen werden. 

Später ersetzte man den in die Masse eingelassenen 
farbigen Faden durch leichten oberflächlichen Auftrag des 
Musters auf das fertige Gefäß mit dem Pinsel. Diese Klasse 
von Gefäßen, für die ich den Namen Fadenbandgläser ein- 
geführt habe, ahmt außer einfacherem Bandwerke das kom- 
pliziertere Farnkraut- und Korbflechtmuster mit sicherem Stil- 
gefühle und feinem Sinne für dekorative Wirkung nach und 
ist nicht nur in Italien, sondern vom III. Jahrhundert iib auch 
diesseits der Alpen heimisch.^) Im Museum Poldi-PezzoH in 
Mailand befinden sich zwei Kugelbecher mit Längsrippen, der 
eine dunkel violett, der andere goldbraun; bei jenem sind die 
Rippen mit feinen weißen Ouerstreifen gemustert, bei diesem 
der obere Teil mit einem unregelmäßigen weißen Faden um- 
wickelt und der gimze Körper mit weißen Wellenlinien um- 
sponnen. Die Fäden sind nur oberflächHch aufgemalt und an 
verschiedenen Stellen zusammengeflossen, oft zur Breite von 
Streifen. Der Augenschein lehrt, daß sie nicht auf das Gefäß 
aufgelegt wurden, solange sich dieses in heißem und weichem 
Zustande befand, sondern auf kaltem Wege mit einem Pinsel 
dem fertigen Gefäße aufgemalt wurden. Man benützte hierzu 
Emailfarben, d. h. gepulvertes, mit einem Bindemittel, wahr- 
scheinlich Firnis, angemachtes Glas, begann mit einem Tropfen 
am Boden des Gefäßes und zog den Faden allmählich bis zum 
Rande. Nach der Dekoration kam das (Jefäß nochmals rasch 
in Scharffeuer, das seine P^orm nicht beeinträchtigte, aber die 



I 



^) Sammlung M. vom Rath S. 32 f. 



411 



17), in der 



aufgetragenen Farben befestigte. Manchmal sind diese so dick 
hingesetzt, daß sie in leichtem Relief erscheinen. Die gallisch- 
belgische und rheinische Glasindustrie pflegte diese Technik mit 
besonderer Vorliebe. Namentlich in Köln sind Gläser nicht 
selten, welche die ägyptischen geometrischen Faden- und Band- 
muster in dieser vereinfachten Weise wiedergeben. Man findet 
einige davon im Museum Wallraf-Richartz (Abb. 
ehem. Sammlung IMerkens (Abb. 2 1 8) 
und jener der Frau AL vom Rath. So 
eine schlauchförmige Flasche, deren 
hellgrün durchscheinende Fläche von 
dichten opakweißen Spiralbändern in 
schräger Richtung durchzogen ist, eine 
flache Kugelschale aus violettrotem 
Glase mit Kanneluren, dicht überspon- 
nen von opakweißen Fäden und Wel- 
lenbändern (Tafel III i), einen Kugel- 
becher von leuchtendem Azurblau mit 
feinen Längsrippen und derselben Ver- 
zierung (Tafel III 31. Das Gefäß ist in 
einer Form geblasen, nachträglich ab- 
geschliffen und schheßHch mit dem 
Pinsel dekoriert.^) Das Metropohtan- 
Museum in New- York besitzt zwei der- 
artige Kugelbecher, der eine, aus Turin, 
ist goldbraun, unter dem Rande und 
auf den Rippen mit weißen Bändern 




Abb. 200. Ägyptische Amphora. 
London, Kensington-Museum. 



Auch in Belgien haben sich mehrere solche Stücke erhalten; 
im Musee du Cinquantenaire in Brüssel u. a. zwei zierhche Canthari 
von ambragelbem Glase, die mit einem weiß gemalten Korb- 
muster bedeckt sind und aus belgischen Gräbern stammen. Die 
Form des Cantharus ohne Henkel hat eine schöne Vase von 
dunkelblauem durchsichtigem Glase in der Sammlung Boulanger in 
Peronne, die aus einem Leichenbrandgrabe des III. Jahrhunderts 



1) Abbildungen in der Sammlung M. vom Rath. Tafel II ii, Tafel VII 65, 66. 
-) Froehner a. a. O. Tafel 29, 120, 121. 



412 

in Aubig-ny-en-Artois (Pas de Calais) stammt/) Der Fuß des breiten, 
mit geschweifter Wandung ausladenden Bechers ist ergänzt. Auch 
hier bedecken weiße Wellenlinien in dichter, an Korbgeflecht 
oder, wenn man will, an Vogelfedern erinnernder Reihung die 
ganze Außenseite, selbst den unteren Teil. Auf den ersten BHck 
ist man versucht in dem Muster verschiedene Abschattierungen 
vom hellsten Weiß bis zum tiefsten Blau zu sehen, doch wird 
dieser Eindruck nur durch die Transparenz des Glases und die 
Verschiedenheit in der Stärke des Farbenauftrages hervorgerufen. 
An den dünnen Rändern der Zeichnung läßt diese den blauen 
Untergrund deutlicher hervorschimmern als in der Mitte, wodurch 
sehr weiche Abtönungen hervorgerufen werden. Dabei ist so- 
wohl die Geschicklichkeit des Arbeiters, wie dessen Geschmack 
bei der Ausnützung eines so einfachen Mittels zur Erzeugung 
optischer Wirkungen zu bewundern. Auch die Pinselführung 
zeugt von großer durch lange Übung erlangter Sicherheit. Das 
Grab, in welchem die Schale gefunden wurde, gehörte einer 
wohlhabenden Frau an, denn es enthielt außer etwa 30 Gefäßen 
aus Terra sigillata zahlreiche gläserne Schmuckperlen, und war 
aus Steinen gemauert. In einer Seitennische der Ummauerung 
stand die Schale, die jedenfalls schon zu ihrer Entstehungszeit 
als großes Wertobjekt galt, während in der Mitte des um- 
mauerten Raumes die Reste eines hölzernen Kästchens mit 
Bronzebeschlägen lagen. Ein Brandgrab gehört in dieser späten 
Zeit zu den Ausnahmen. 

Im ni. und teilweise im IV. Jahrhundert dürften auch 
einige Becher des longobardischen Schatzes von Castel Trosino 
entstanden sein, in welchem die Technik der aufgemalten Faden- 
verzierung zu den schönsten Wirkungen ausgenutzt ist und die 
zu dem besten gehören, was sich in dieser Art erhalten hat. 
Der Schatz ist zwar in einer Niederlassung vom Ende des VI. 
und dem Anfange des VII. Jahrhunderts gefunden worden, setzt 
sich aber offenbar neben gleichzeitigen Arbeiten, namentlich 
Waffen und Metallschmuck, aus Gläsern antiken Ursprunges 
zusarnmen, die von den Barbaren als hochgeschätzte Beutestücke 
oder Geschenke von Römern auf ihren Kriegszügen allent- 



1) Boulanger a. a. O. Tafel I. 



413 



halben g-esammelt worden waren/) Unter den im Thermen- 
Museum von Rom aufgestellten Gläsern sind besonders be- 
merkenswert: 

Ein Kelchglas, blaßgrün, in Glockenform mit Stengelfuß, 
etwa lo cm hoch und ein ähnliches, etwas mehr ausgeschweiftes, 
farblos durchsichtig. 

Eine große kugelbauchige, 
etwa 32 cm hohe Kanne mit 
kurzem Halse, einem Deckel in 
Kegelform, mit Knopf auf der 
Mündung und starkem recht- 
winkelig gebogenem Henkel. 

Eine kleinere, etwa 20 cm 
hohe Kugelflasche mit Trichter- 
hals, aus durchsichtig farblosem 
Glase, deren Hals mit dünnen 
fünffachen Reifen in roter 
Emailfarbe bemalt ist. 

Eine Kugelflasche mit Trich- 
terhals von ähnlicher Form, hell- 
grün durchsichtig, etwa 14 cm 
hoch, am oberen und am unteren 
Teile des Körpers dicht von 
einem opakweißen Spiralfaden 
übersponnen; quer über den 
freien Zwischenraum zieht sich 
ein Verbindungsfaden. 

Ein Trinkhorn aus pracht- 
vollem azurblauemGlase, in Form 
eines Viertelkreises geschweift, 
etwa 20 cm hoch, verziert mit 
aufgelegten Fäden; am Rande 




Abb. 2 
muster. 



I. Oenochoe mit Vogelfedern- 
Gefunden in Hausweiler. Honn, 
Provinzialmuseum. 



^) Die Geschichte der Aufdeckung ist in den Monumcnti antichi pubbl. per 
cura della r. Accademia dei Lincei XII (1902), S. 145 f. geschildert, wobei die 
wichtigsten Fundstücke T. I — XIV abgebildet sind. Im Ganzen fand man hier 
26 Gläser, davon 9 in Männergräbern, 17 in Frauengräbern. Ich habe meine Auf- 
nahmen, nach welchen die Abbildungen dieses Buches hergestellt sind, bereits 1898 nach 
den Originalen im Thermenmuseum gemacht. 



414 

drei opeikweiße Reifen, an der gröliereii unteren Hälfte ein dichter 
Spiralreif und ani Knde ein flachrunder Knauf von derselben Farbe, 
am oberen Teile drei dicke Wellenbänder in opakem Blau, bei 
welchen Berg- und Tal der Windunt^en sich berühren (Abb. 104). 

P'in Kugelbecher aus farblos durchsichtig-em Glase, 5^2 cm 
hoch, verziert mit einem weiß aufgemalten Farnkrautmuster in vier 
Reihen, wobei die F'elder zwischen den einzelnen Seitenfäden rot 
emaiUiert sind. Die Mitte umgibt ein dünner opakweißer Spiral- 
faden (Tafel IV 1). 

Ein anderer von gleicher Form, aus hell azurblauem, durch- 
sichtigem Glase, 7^0 cm hoch, gleichfalls mit einem Farnkraut- 
muster dekoriert, das aber in schrägen, dicht zusammenstoßenden 
Streifen angeordnet ist, und zwar in rotem Email, wobei die 
Zwischenräume freibleiben. Den Rand umgibt ein starker opak- 
weißer Faden, um die Mitte ist ein dünnerer von gleicher Farbe 
geschlungen, an welchem man den tropfenartigen Beginn deut- 
hch bemerkt (Tafel IV 2). 

Namentlich das letzte Exemplar verdient die Bezeichnung 
eines Prachtstückes wegen der großen dekorativen Wirkung 
der leuchtenden Farben, der sehr sorgfältigen Pinselführung 
und Feinheit der Zeichnung. Bei beiden Kugelbechern ist das 
Farnkrautmuster freier und großzügiger als bei den ägyptischen 
Vorbildern behandelt, das Gefieder breiter, die Zwischen- 
felder größer, so daß sie einige ÄhnHchkeit mit dem spät- 
gotischen Fischblasenornamente bekommen. Die Technik ist 
besonders an dem erstgenannten deuthch zu beobachten, da 
einzelne vStellen des Emailüberzuges abgesprungen sind und 
den farblos durchsichtigen Glasgrund bloßlegen. Man fand 
diesen Becher in mehrere vScherben zerschlagen, doch gelang 
es ihn wieder herzustellen. Das Trinkhorn verweist nach 
rheinischen Werkstätten, auch die Form der übrigen Gläser 
widerspricht nicht dieser Zuteilung. Die beiden Stengelpokale 
gehören dem 1\\ Jahrhundert an, die anderen Stücke gleichfalls 
einer späten ZtMt, wenn nicht gleichfalls dem vierten so der 
zweiten Hälfte des vorhergehenden. 

Bei Schmuckperlen war der Ersatz der ein- oder aufgelegten 
Fadenverzierung durch Malerei, wie wir gesehen haben, schon 
in Ägypten zu Beginn der Kaiserzeit üblich. Die nordischen Nach- 



415 



ahmer bemächtigten sich der einfacheren Technik auch auf diesem 
Gebiete und wendeten sie noch in fränkischer Zeit mit großem 
Geschick an. Die auf Tafel IV i, 2 dargestellten großen Glas- 
perlen zeichnen sich sowohl durch Geschmack in der Farben- 
wahl, wie durch Zierlichkeit der Muster aus, das dem ägyptischen 
Korbgeflechte nahekommt und dicht übereinandergeordnete 
Bogenlinien zeigt, die durch keilförmige Zwischenzylinder unter- 
brochen sind. 

In der fränkischen Zeit verzierte man auch 
Becher, Schalen und Flaschen, zumeist von 
grünlicher oder gelblicher Grundfarbe, mit Korb- 
und Farnkrautmustern, die man in weißer Email- 
farbe aufmalte. Da die belgischen Museen, 
namentlich das von Namur, dann die von Amiens 
und Vermand besonders reich an Gläsern dieser 
Art sind, kann man wohl die nördliche Gallia 
Belgica, das alte Stammland der gallischen 
Glas- und Emailindustrie, als ihre Heimat be- 
zeichnen. Nach dem Untergange der römischen 
Herrschaft arbeiteten hier viele Werkstätten 
weiter und verpflanzten die römische Tradition 
in das Mittelalter. Wenn auch der alte Phan- 
tasiereichtum, der Geschmack und die technische 
Sicherheit verloren gingen, bewahrten sich die 
fränkischen Glasmacher immerhin eine große 
Geschicklichkeit in der Handhabung des Fadens 
und brachten einige originelle Muster hervor, 
wie die Horngläser und Rüsselbecher. Die 
Grabfelder der Picardie sind reich an Bechern, 
die man als Glockenbecher bezeichnen kann, 
eine Form, die bereits im IV. Jahrhundert, wenn 
auch selten, auftaucht und eine konvex oder 
konkav geschweifte Kegelform, gewöhnlich mit einem Knopf 
am Ende darstellt (Formentafel E 317, 319). Es ist möglich, 
daß solche Gläser ursprünglich als Glocken verwendet wurden, 
wenigstens liegt diese Vermutung bei einigen Exemplaren im 
Museum von Neapel nahe (Abb. 76 Mitte). Diese Becher konnten 
ebensowenig wie die Tümmler von selbst stehen, außer wenn 




Abb. 202. Baisama- 
rium in Säulenform. 
Ägyptisch. London, 
Kensingion -Museum. 



4i6 

man sie leerte und auf' den Rcind umstülpte oder, wie bei den 
Alabastren, einen eigenen Untersatz verwendete. Auch das 1 lorn. 
so genannt von seiner Ähnlichkeit mit einem geraden, stumpfen 
Büffelhorne, ein schlanker Ivegelbecher mit konvexen Wandungen, 
unten leicht abgeplattet oder mit einem kleinen Fußringe ver- 
sehen, konnte trotz dieser Abplattung nicht aufrecht stehen. Der- 
artige Becher sind im Norden von Belgica weniger verbreitet als 
die Glockenbecher, dagegen am Rhein häufiger. Man fand in 
ihnen manchmal einen rötlichen oder schwarzen Satz, den man 
früher als Überrest von Wein erklärte. Das ist jedoch nicht 
möglich, weil man den Toten in fränkischer Zeit keine Getränke 
mehr beigab. Da die Gläser oft in die innigste Berührung mit 
dem Leichnam kamen, ist anzunehmen, daß bei deren Zersetzung 
flüssige Masse in sie eindrang. Diese ist, da die Gläser zur Seite 
lagen, über den Rand gequollen und bildet so eine streifige 
Schichte bis zum Boden. In ihr fand man nach allen Richtungen 
gebohrte feine Gänge, die offenbar von Larven und Würmern 
herrühren.^) 

Sehr schön ist das Korbmuster an einigen aus Achery- 
Majot stammenden Gläsern in der Sammlung Boulanger in 
Peronne entwickelt, vor allem an einer Flasche, die aus grünlich 
durchsichtigem Glase besteht und sich nach unten stark erweitert. 
Den ganzen Körper bedecken, wie bei der prächtigen Oenochoe 
von Hausweiler im Provinzialmuseum von Bonn, sechs Reihen halb- 
mondförmiger Gehänge in w^eißer Emailfarbe, mit den Spitzen 
nach oben gekehrt und durch dünne senkrechte Linien getrennt, 
welche sich bis über die Hälfte des Halses emporziehen. Die 
Zeichnung ist von beinahe mathematischer Regelmäßigkeit, die 
Bogen fein geschwungen. Ganz ähnlich ist die \"erzierung einer 
anderen Flasche gleicher Herkunft, die jedoch gedrückte Zwiebel- 
form und einen langen Hals hat. Bei ihr beginnen die Bogen 
etwa in der Hälfte des Bauches und ziehen sich bis dicht an den 
Randwulst empor. Die Zeichnung ist hier weniger regelmäßig, 
die Abstände der Bogen und deren Breite ungleich. Am Halse 
erscheint das Muster in die Länge gezogen, was darauf schließen 
läßt, daß das Gefäß nach dem Auftrage der Farben nochmals 



^) Boulanger a. a. O. zu T. XXX, 2. 



417 

durch Hitze erweicht und dann der Hals verlängert wurde. Vier- 
faches Bogengehänge schmückt auch einen glockenförmigen 
Becher, gleichfalls aus grünlich durchsichtigem Glase, dessen 
Rand etwas ausgeschweift ist. Auf die obere Cuppa ist ein 
weißer Spiralfaden aufgelegt, der sich um einen schnecken- 
förmigen Knopf gleicher Farbe schlingt. Das Gehänge ist an 
den vSpitzen mit der Zange zu runden Knöpfchen aufgefangen, 
so daß es daran befestigt zu sein scheint. Die darunter befind- 
liche Fläche ist mit drei Bändern verziert, die sich aus dünnen 
Fadenreifen zusammensetzen.^) Ein Hornbecher aus farblosem, 
stark irisiertem Glase hat unter dem Rande einen dicken opak- 
weißen Spiralfaden in zwei Windungen, der mit einem Tröpfchen 
beginnt, darunter ein doppeltes Wellenband gleicher Farbe und 
ein dreifaches Gehänge, das an den Spitzen dünn zuläuft und 
in der Mitte jedes Bogens seine größte Breite erreicht. Auch 
hier ist das Muster sehr exakt ausgeführt. Ein ganz ähnhcher 
Becher wurde in Herpes gefunden. Diese Verzierung mit Ge- 
hängen kommt nach Boulanger auf nicht weniger als 30 von 
den 52 Gläsern des V. und VI. Jahrhunderts vor, die er in seiner 
Sammlung besitzt. Auch im Museum von Namur gibt es zahl- 
reiche Gläser mit Emailguirlanden, doch zählen dort die Glocken 
mit einem Knopfende zu den Ausnahmen. Im übrigen dürfte 
Boulanger kaum Recht behalten, wenn er den Guirlandenschmuck 
als eine Besonderheit der Picardie betrachtet, denn er ist auch 
am Rhein häufig zu finden, so auf mehreren Schalen des Kölner 
Museums, der Sammlung Nießen u. a. Auch bei diesen bildet 
durchweg grünlich-durchsichtiges Glas den Grund für die weiße 
Emaildekoration."^) Besonders reich an fränkischen Gläsern mit 
weißen und anderen Gehängen ist das P^lulus-Museum in Worms. 
(Eines davon auf Abb. 100). 

Während bei den Kölner Exemplaren, sowie einigen im 
Museum von Namur, das Gehänge seitwärts angebracht ist, gibt 
es andere, bei welchen der Emailschmuck sich rosettenförmig 
um die Mitte der Schale anordnet. In der Sammlung Boulanger 
befindet sich ein am Rande mit einer mehrfachen Fadenreihe 



^) Vgl. auch Pilloy a. a. ü. III. T. III, 
-) Boulanger, T. 31, Fig. I, 3 — 5. 



4i8 

verziertes Stück, dessen Mitte dureli einen stärkeren Sjjiral- 
faden umkränzt ist, an wek'hen sich ein (lr(Mfaches Wellenl)and 
anschließt. Die nicht g-anz regelmäßig- gezogenen Wellen gleichen 
einer fünf blättrigen Rosette. Das Stück stammt aus Achery- 
Majot. wie die \orhergenannten (iläser. Auch die (a\gend \-on 




Abb. 203. Vas murrinum. New- York, Metropolitan-Museum. 

Laon im Norden der Picardie soll solche Schalen, wenn auch in 
sehr geringer Zahl gehefert haben.^) Ein reicheres Muster zeigt 
ein Exemplar aus gelblichem Glase mit weißen Emailfäden, welche 
in dichter Reihung und wechselnder Stärke einen eigentümlichen 
Vierpaß mit Verschlingungen an den Enden bilden.-) Auch dieses 
Vierpaßornament kommt auf Kölnischen Gläsern vor. Dagegen 



^) Boulanger T. 32, 4. 

2) Dasselbe bei I'illoy a. a. O. III. T. \'I 



419 

beschränkt sich der Schmuck einer Schale aus Vermand auf 
einen einfachen unregelmäßig-en Sechspaß am Rande, von dessen 
Ecken tropfenförmige Stiele gegen die Mitte vorragen.^) Eine 
Anzahl von Gläsern aus den fränkischen Grabfeldern von Fallais, 
Mont Saumur u. a. im Archäologischen Museum von Lüttich, 
namenthch Spitzbecher und Schalen, zeigen gleichfalls vierpaß- 
förmige Rosetten und Korbmuster in weißem Email aufgemalt. 



'"^mTmim 



Abb. 20 ;a. Vas murrinum. Seilenansicht des nebenstehenden. 



Die Petinet- und Filigfrangläser. 

Um eine andere Verwendung des eingelegten Glasfadens 
kennen zu lernen, müssen wir wieder nach dem Mutterlande 
der Industrie am Nil zurückkehren. Flinders Petrie fand in 
Illahun drei Gläser, die an die feinsten Arbeiten von Murano 
erinnern, diese aber in der Pracht und dem vSchimmer der Farben 
noch übertreffen. Das eine war eine Pilgerflasche aus purpur- 
roter Paste, die mit einem regellosen Muster von feinen gelben 
Adern quer durchzogen war, das zweite bildete den Teil einer 
Kegelflasche aus blauschwarzer Paste mit ähnlicher Äderung, das 
dritte den Rest einer hellgrüiuMi Kegelflasche mit gelben und 
weißen Linien. Die Geschicklichkeit, welche die Arbeiter bei 



1) Pilloy a. a. O. Bd. II. T. VII. 7. 



420 

dieser Dekoration an den Tag legten, ist erstciunlich. Die Adern 
sind völlig eingebettet, bei glänzender Oberfläche, die nur durch 
teihveises Anschmelzen poliert ist, ohne daß die Farben willkürlich 
verlaufen wären.^) Noch ältere als diese der i8. Dynastie 
angehörigen Stücke fand Daressy bei seinen Ausgrabungen 
im Tal der Könige.") Solche ungemein wirkungsvoll dekorierte 
Gläser, die man jetzt Petinetgläser nennt, wurden dadurch her- 
gestellt, daß man Glasfäden von verschiedener Farbe und Dicke 
zu einem Bündel oder zu einem dünnen Ballon zusammenschmolz 
und sie während des Blasens zu einem Ganzen zusammenfließen 
ließ, wobei je nach dem Willen und der Geschicklichkeit des 
Bläsers ein mehr zufälhges oder ein symmetrisch geordnetes 
Muster entstand/^) Verwandt ist dieser Technik die der Filigran- 
gläser, die wie jene zum Schlüsse des Mittelalters von den 
Venezianern wieder nachgeahmt wurden. Bei diesen zog man das 
Glas zu sehr langen und dünnen Fäden aus, welche zusammen- 
gesponnen wurden wie Seide oder Leinen. Opakweiße wechselten 
mit farbigen und solchen ab, die schon in sich gemustert waren. 
Sie wurden mit Stäbchen von farblos-durchsichtigem Glase nach 
bestimmten Mustern in regelmäßigen Zwischenräumen neben- 
einander angeordnet, auch wohl teilweise spiralförmig zusammen- 
gedreht und hierauf durch Erhitzung verbunden. In erweichtem 
Zustande ließen sich die so entstandenen Stabbündel plattdrücken 
und ergaben dünne Platten und Streifen mit einem Bandmuster; 
diese wurden der Länge oder der Quere nach um die Mündung der 
Glaspfeife befestigt, zu einer Blase geformt und dann zu Gefäßen aus- 
geblasen, wobei man vielfarbige Bänder mit einfarbigen und farb- 
losen abwechseln ließ.^) Im alten Ägypten mußte man sich vor 
der Erfindung der Pfeife damit begnügen, die Streifen und Bänder 
mit freier Hand um den Tonkeni anzuordnen oder sie auf dem 
Marmor nebeneinander auszubreiten und auf diesen Kern auf- 
zurollen. Oft wurde die letztere Art mit der Reticella ver- 
bunden, d. h. mit durchsichtigen Streifen, innerhalb welcher sich 
zwei farbige Fäden spiralförmig kreuzen. Sie wurden dadurch 

^) Fl. Petrie, Illahun, Kahun and Gurob. 

^) Daressy, tombes de Maherpra et Amenophis II. 

■'') Blümner, Technologie IV, 392 f. 

*) Semper, Der Stil II 3, 183 f. 



421 



hergestellt, daß die farbigen Fäden um einen durchsichtigen 
Faden geflochten und ringsum mit anderen durchsichtigen be- 
setzt wurden, worauf sie im Ofen zu einer kompakten Glas- 
stange zusammenschmolzen; andere wurden aus zwei durch- 
sichtigen vStäben zusammengedreht, von welchen jeder einen 
. opakfarbigen Faden durch Überfang einschloß. vSolche Reticella- 
stäbe benützte man zur Einfassung der Murrinen und Mosaik- 
schalen, sowie 
zu Armringen 
und anderem 
Schmucke. Als 
Elemente des 
Musters finden 
sie sich beson- 
ders schön an 
einigen Bruch- 
stücken von 
Schalen im Mün- 
chener Antiqua- 
rium. Außer der 
farbigen und 
der FiHgranver- 
zierung ist bei 
Petinet- und 
Bandgläsern die Abb. 204. 

Verwendung 
von Gold nicht 

selten und zwar sowohl in Streifen, als in dünnen Fäden und 
in durchsprenkelten Bändern. Einfache farbige Streifen wurden 
mit vergoldeten kombiniert, Petinet- und Reticellabänder meist 
mit farblos-durchsichtigen oder gelben, manchmal alle Sorten 
zugleich. Die Zusammensetzung zu Gefäßen erfolgte außer der 
eben angedeuteten Weise auch so, daß man die einzelnen 
Streifen in einer Hohlform nebeneinander legte und dann von 
innen durch eine eingeblasene Glasblase verband. In Murano 
ordnet man jetzt noch die Streifen nach der Länge, Quere oder 
schräg auf einer heißen Metallplatte an und rollt das erhitzte 
Ende der Pfeife darüber, so daß sie daran der Reihe nach haften 

Kisa, Das Glas im Altertume. II. 28 




Schale aus Mosaikglas. 
Kensington-Museum. 



London, 



422 

bleiben. Darauf schmilzt man im Üfen die Streifen imeinander 
und bildet so einen Zylinder, den [man unten mit der T^iinge 
zusammenkneift. In diesem Punkte Uiufen dann alle .Streifen 
und Bänder zusammen. Durch Ausblasen des geschlossenen 
Zyhnders formt m^m Gefäße beliebiger Art, außer Schalen und 
Bechern auch engmündige Vasen, schkinke Kannen und Fkischen. • 
Ein gutes Beispiel hierfür gibt ein Fläschchen der Sammlung 
IVI. vom Rath, das in Köln gefunden wurde, jedenfalls italischer Im- 
port aus dem Anfange des I. Jahrhunderts (Tafel II, 3). Oft drückte 
man in den Zylinder Plättchen von Glasmosaik ein, welche durch 
Querschnitte des Stabbündels gewonnen wurden: durch das Aus- 
blasen und Rollen auf dem Marmor verschmolzen sie mit dem 
Grunde zu einer Fläche. Diese Methode bildet eine Mischung der 
Petinet- und Mosaiktechnik. Die einzelnen durch Plättung oder 
Längsschnitte gewonnenen .Streifen verwendete man auch nicht 
immer in ihrer ganzen Länge, sondern zerschnitt sie in unregel- 
mäßige Stücke und verarbeitete sie ebenso wie Mosaikplättchen 
durch Einsatz in den Zylinder. Schöne Proben derartiger 
Arbeiten enthält die Sammlung des Österreichischen ]\Iuseums 
in Wien. 

Wie die der Alabastra gehört die Blütezeit dieser Techniken 
der ägyptischen Periode und den ersten Jahrzehnten der Kaiserzeit 
an. Außer Äg}^pten, dem Orient und Italien haben sich keine 
Werkstätten an ihnen beteiligt und um die Mitte des I. Jahr- 
hunderts scheinen sie mit der Herrschaft des farbig- opaken 
Glases überhaupt zu erlöschen. Gleichwohl sind Petinet- und 
Filigrangläser aus der Antike in ziemlich großer Zahl auf uns 
gekommen, ein Beweis dafür, daß sie zu ihrer Zeit sehr viel 
produziert worden sein müssen. AUe größeren Museen, besonders 
die von Rom, Neapel, Florenz und ^mderen Städten Italiens, das 
Louvre, das Britische ]\Iuseum besitzen gut erhaltene, schöne 
Exemplare und auch in rheinischen Sammlungen sind sie zu 
finden, da die Gräber der ersten Kaiserzeit neben Mos^iik- 
gläsern auch derartige Exportware enthalten. In Pompeji befindet 
sich ein Becher mit ausgeschweiften Wandungen, ein sog. 
Carchesium, dessen schwarze Grundmasse von unregelmäßigen 
weißen Fäden und Bändern durchzogen ist. Aus den Schätzen 
des Museums von Neapel, das an solchen Arbeiten beson- 



423 

ders reich ist, sei ein Becher von schlanker ZyHnderform 
hervorg-ehoben , dessen goldbraune Masse mit einem fein ab- 
getönten Muster in br^iun und gelb in Form schräger Streifen 
und Hecken durchzogen ist. Ein Kugelfläschchen zeigt ein fein- 
streifiges Muster regelloser konzentrischer Fäden in violetten, 
gelben und braunen Tönen (Abb. 83), ein Baisamarium von lang- 




Abb. 205. Mosaikschale aus Trier. Im dortigen Museum. 



gestreckter Schlauchform mit vSpitzfuß eine feine weiße Äderung 
in schräg- und querlaufenden Wellenlinien auf dunkelviolettem 
Grunde. Auch im Antikenmuseum von Florenz befindet sich eine 
Anzahl von Petinet- und Filigrangläsern. Besonders interessant ist 
eine Kugelsch£ile aus farblosem Glase, deren Rand ein opakweiß 
in farblos -durchsichtige Masse eingelassener Reticellafaden um- 
gibt, während die Wandung durch dünne weiße Fäden in Bänder 
geteilt ist, die abwechselnd teils leer bleiben, teils mit einem weißen 
Faden in regellosen Windungen gefüllt sind (Abb. 88). Die vom 

28* 



424 

Metropolitan-Museum in New-York erworbene Sainmlunir Charvet 
enthält mehrere Arbeiten dieser Art, so ein birnförmig-es, kurz- 
halsig"es Fläschchen aus azurbkiuem (ikise mit dunkelviolettem, 
gelbem, rötlichem und weiln-m Wellemnuster (AI)):). 86), eine 
g-rößere Kugelflasche von schwarzer Farbe mit weißer, gelber 
und lichtbkiuer Bänderung (Abb. 85), ferner eine kleinere hell- 
blaue mit weißen Wellenfäden, die sich am Halse dem Korb- 
muster nähern, ein goldbraunes Kugelfläschchen mit weißen 
Schrägstreifen und ein zierliches Exemplar derselben Form, 
dessen schwarze Grundmasse von parallelen Zickzackstreifen 
unregelmäßiger Form in weiß, gelb und lichtblau durchzogen 
ist. Während dieses Stück aus Neapel stammt, rührcMi die 
anderen nus Syrien her.-^) Italischen Ursprunges ist auch das 
buntgebänderte Fläschchen des Kunstgewerbemuseums in Breslau 
(Abb. 84), ebenso zwei sehr schöne Kugelfläschchen des Museums 
Wallraf-Richartz in Köln, das eine schwarz, das andere goldbraun, 
(Tafel IV 2) beide mit feinen weißen Adern in unregelmäßigen 
Wellen- und Zickz^icklinien bedeckt. vSie stammen wie die ganz 
ähnlichen Exemplare der Sammlung M. vom Rath (Tafel 11 7, 9) 
aus Kölner Gräbern. Die Abbildung gibt von der Feinheit der 
Zeichnung und der Farbe eine klare Vorstellung. Bei Nr. 9 ist 
der milchweiße Grund etwas verwittert und dadurch vertieft, so 
daß die Wellenlinien der weißen Fäden scharf hervorragen. Ahnlich 
sind auch die beiden syrischen Fläschchen bei Froehner T. IX, 52 
mit weißem und hellgelbem konzentrischem Wellenmuster auf Gold- 
braun und T. X, 59, ursprünglich rotbraun mit hellen WeUen- 
fäden, jetzt silberglänzend irisiert. Auf T. II, 13 des Froehner- 
schen Werkes ist ein Kugelfläschchen aus Neapel dargestellt, 
bei welchem der Hals und ein auf den Körper übergehender 
Streifen smaragdgrün, das übrige azurblau ist: beide Farben 
sind jedoch durch ein g-oldbraunes Band getrennt, das mit dünnen 
weißen Fäden eingefaßt ist. Ein ähnliches Exemplar ist in der 
Kollektion Slade im Britischen Museum"-), ein drittes wurde in 
Volterra gefunden und befindet sich im Louvre. 



1) Froehner a. a. O. T. V, 22 — 24, 27, 28. 

2) Nesbitt a. a. O. T. II, i. Text Nr. 76. 



42 5 



Die Fadenauflage. 



Glas aus einem Küg-elchen in dünnen Fäden, Streifen, 
Stäbchen auszuziehen, ist, wie gesagt, ein naheHegendes und von 
Anfang an geübtes Experiment. Seine früheste Nutzanwendung 
fand es in den ägyptischen Werkstätten, in welchen die ausge- 
zogenen Stäbchen zerhackt und zerschnitten, gelocht und die 
einzelnen Stücke zu Schnüren an- 
einandergereiht wurden. Ein zweites 
Stadium der Entwickelung brachte 
die x\uflage desP'adens zum Schmucke 
von Perlen und Gefäßen, ein drittes 
die Zusammensetzung verschieden- 
farbiger Fäden zu Stabbündeln, aus 
welchen durch Quer-, Schräg- und 
Längsschnitte Plättchen gewonnen 
wurden, die einerseits zur Herstellung 
der Bandgläser, andererseits zu jener 
der Mosaikgläser dienten. 

Die Technik des aufgelegten 
und eingewalzten Fadens haben wir 
als Prinzip der Dekoration ägyptischer 
Alabastra und Balsamarien kennen 
gelernt und ihre Nachahmungen in 
spätrömischer Zeit bis zum Faden- 
bandglase und zu den fränkischen 
Gläsern mit weißer Emailmalerei ver- 
folgt. Bei allen diesen Arten handelte 

es sich um eine farbige Dekoration der Fläche, denn der auf- 
gelegte Faden wurde in den erweichten Grund durch Walzen 
eingedrückt, die Oberfläche poliert oder doch durch leichtes 
Anschmelzen geglättet. Freilich kam es öfter vor, daß man den 
Faden in Relief stehen ließ, namentlich an Schmuckperlen ist 
dies zu beobachten und wird hier von der Diadochenzeit ab zur 
Regel. Vorherrschend wurde die plastische Auflage des 
Fadens aber bei den schönen farbigen Kannen, welche zu 
Beginn der Kaiserzeit aus den alexandrinischen Werkstätten und 
den von ihnen abhängigen syrischen und italischen hervorgingen. 




Abb. 206. Muschelkanne. Köln, 
Museum Wallraf-Richartz. 



426 

Die Formen der (iefdße schließen sich denen di-r j^'-riechischen 
Keramik an, als (irundfarbe herrscht dunkelblau vor, ^lber auch 
türkisblau, goldbraun, purpurrot, grün, violett und schwarz ist 
nicht selten. Der Faden ist gewöhnlich opakweiß, auch gelb, 
seltener andersfarbig, bei schwarzen Kännchen türkisblau oder 
lackrot. Er umgibt die Mündung in einem einfachen Reifen, 
dem sich oft ein zweiter dicht darunter anschließt (wie z. B. an 
einem zierHchen Henkelkännchen ^lus Andernach im Provinzial- 
Museum in Bonn aus dem III. Jahrhundert), ebenso die Fuß- 
platte in ein oder zwei GHederungen: ein oder zwei stärkere 
Fäden bilden den Henkel, indem sie mit einer einfachen oder 
doppelten Schlinge dicht unterhalb der Mündung ansetzen und 
unten etwas verdickt und kantig auseinandergehen. Um den 
Hals legt sich ein feiner Spiralf^iden, der unten mit einer Träne 
beginnt, mehrere Schraubenwindungen beschreibt und dann schräg 
in den Ring unter der Mündung verläuft (Abb. 37 — 40, 90). 
Diese Klasse von Gefäßen ist aber nicht auf die Periode der 
Vorherrschaft des farbigen Glases beschränkt, sondern geht auf 
das n. und III. J^ihrhundert über, doch ist das farbige Glas später 
gewöhnlich dickwandiger. Auch die Kannen und Flaschen aus 
farblosem Glase, welche sich in späterer Zeit griechischen Formen 
anschließen, behalten diese Art des Fadenschmuckes bei, sei es 
in farblos-durchsichtigem, sei es in opak-farbigem Glase. Den 
Rand von Kugelbechern umzieht mitunter zur Hälfte ein dicker 
Schraubenfaden, der wie ein umgelegter P^imerhenkel aussieht 
und jedenfalls aus der naturalistischen Nachahmung eines Bronze- 
gefäßes entstanden ist (Abb. 90, links). Bei Kegelkannen findet 
man oft einen Wellenfaden am Rande (Abb. 47), bei kugel- 
bauchigen Kannen und Henkelbechem einen WeUenfaden, der 
sich zumeist auf die Teile beschränkt, die an den Henkelansatz 
anschließen. So an einem kugelbauchigen Kännchen aus azur- 
blauem Glase in Pompeji, einem ähnlichen im Museum zu Neapel 
und anderen (Abb. 36 a). 

Hatte man den .Spiralfaden zuerst auf einen Teil des Halses 
beschränkt und damit wohl den Bastfaden nachgeahmt, welcher 
an Tongefäßen und Gläsern den Verschluß festhielt oder eine 
Trageschlinge bildete, so dehnte man diesen Schmuck bald auch 
über andere Teile des Gefäßes aus. An Flaschen und Kannen 



427 



wurde der ganze Körper entweder mit piirallelen wagerechten 
Reifen in dichter Reihung oder mit einer Spiralwindung bedeckt, 
welche in leichter Schräge, fast wagerecht verläuft; zugleich auch 
der untere Teil des Halses (Abb. 38, 95), manchmal nur der Hals 
oder nur der Körper, Anfang und Ende des Halses, der obere 
und untere Teil des Körpers, so daß die Mitte freibleibt usw. 
(Abb. 39, 40, 91, 92, 97). Das zierliche blaue Fläschchen mit 
dem dicht geschlungenen weißen 
Spiralfaden auf Tafel II, 8, ein 
Kölner Fund der Sammlung M. 
vom Rath, gehört noch der 
Zeit der Claudier an, ebenso 
einige gleichartige Exemplare 
des Museums Wallraf-Richartz. 
Die wundervollen goldbraunen 
Kannen mit weißem und gelbem 
Spiralfadenschmuck im Museo 
Borbonico und andere ganz um- 
sponnene Fläschchen daselbst 
sind kaum späteren Datums, 
ebenso das dunkel-azurblaue, weiß 
umsponnene Kugelfläschchen der 
Sammlung Charvet aus Syrien 
und der eigentümliche Becher in 
Kahnform des Museums Poldi- 

Pezzoli in Mailand, dessen farblos-durchsichtige Wandung von 
einem opak-azurblauen Spiralfaden umwickelt ist (Formentafel 
G 432, 433). Dagegen ist das Kännchen mit faltigem Körper 
und drei Schlingen am Henkel, aus farblosem Glase, ein Kölner 
Fund der Sammlung Charvet, erst im III. Jahrhundert entstanden. 
Ein am Rhein, besonders in Köln, in dieser Zeit sehr häufiger 
Typus ist die hellgrüne Kanne in eleganter Bimform mit drei- 
teiligem Schlingenhenkel.'") In Bertrich an der Mosel fand man 
ein solches Spiralfadenglas mit Münzen des Hadrian und der 




Abb. 207. Fadeninschrift auf einem Fondo 
d'oro. Rom, ehem. Sammlung Sarti. 



1) Bull. del'Instituto 1874, S. 235. 

2) Froehner a. a. O. T. X, 58. 

») Ibd. T. XIII, 74 u. T. 29, 118. 



428 

Faustina, in Köln und Buschdorf blaut- Kännchi-n derselben .\rt 
mit spiralumwundenem Fuße und solche mit Spiralfaden am 
Halse mit ^Münzen des Diocletian und ALiximianus Herculeus.-^) 
Gerade in Gallien und am Rhein wurde im m. und IV. Jahr- 
hundert die Spiralfadenverzierung mit besonderer Virtuosität be- 
trieben. Außer Kannen und Flaschen stellte man auch fäßchen- 
artige Gefäße her, die als Flaschen oder Becher dienten, aufrecht 
stehen oder wagerecht auf Zäpfchen ruhen und an beiden sich 
verjüngenden Teilen mit dichten .Spiralen umwunden sind, wie 
ihre Vorbilder, die geformten Frontinuskannen mit plastischen, 
breiten Reifen (Abb. 58, 59, 95)."') Auch gläserne Griffe und 
Armbänder wurden mit Spiralfäden umwickelt;'') ferner Trink- 
hömer, die außer farbigem Spiralschmuck oft Delphinhenkel 
erhalten. (Formentafel G 436^ — 438, 440, Abb. 103, 104). Sie 
kommen am häufigsten in der Maingegend, im Hunsrück und 
am Niederrhein vor, sind aber in Gallia Belgica selten. Das 
früher in der Sammlung Disch, jetzt im Provinzialmuseum in 
Bonn befindliche Trinkhom mit blauem Spiralfaden ist in Köln 
an St. Severin gefunden; auch das der Sammlung ]M. vom Rath 
und ein in den letzten Jahren in das Museum Wallraf-Richartz 
gekommenes Exemplar sind Lokalfunde. Die Museen von Mainz 
und Wiesbaden besitzen mehrere, zum Teil aus Binger Gräbern 
stammende Trinkhörner, im Paulus -Museum in Worms befindet 
sich ein Trinkhorn, das in Worms gefunden wurde. Rheinischer 
Herkunft sind die Trinkhörner der .Sammlung Slade im Britischen 
Museum und sehr wahrscheinlich auch die in nordischen Gräbern 
aufgetauchten des Museums von Kopenhagen. Das auf Abb. 17 
wiedergegebene gehört dem bereits erwähnten Funde von Castel 
Trosino an. Obwohl klein, ist es doch besonders sorgfältig aus- 
geführt und bei leuchtend kobaltblauer Grundfarbe mit Spiral- 
schmuck von gleicher und opak-weißer Farbe (opak-weiß ist 
auch der Knauf am Ende), von prächtiger Wirkung. Farbig 
sind oft die kleinen Balsamarien in Form von Alabastren und 
kleinen Balustern, die aus Syrien stammen und von einem 



^) Bonner Jahib. 77, S. 221. 

*) Vgl. Sammlung M. vom Rath. T. VIII, 76, 78. 

3j ibd. T. III, 26. 



429 

Spiralfaden umwickelt sind, der sich bei manchen zu einer Art 
Korbhenkel fortsetzt (Abb. 17, 18). Auch Doppelg-efäße, selbst 
dreifache gibt es dieser Art, die von einem gemeinsamen Faden 
umschlossen werden. Froehner bildet T. VIII, 43 ein dunkel- 
grünes und 45 ein lichtblaues Exemplar dieser Art ab. 

Einen ausgedehnten Gebrauch machten die fränkischen 
Glasmacher von dem Spiralfaden. Sie färbten ihn opak-weiß oder 
ließen ihm den grünlich- durchsichtigen Grundton und verzich- 
teten so auf farbige Wirkung. Die Ränder ihrer Schalen und 
Kugelbecher sind mit einem breiten Bande umgeben, das sich 
aus dichten Parallelreihen von dünnen Fadenreifen zusammen- 
setzt, ihre Kannen, Flaschen und Becher entweder völlig, 
oder am oberen und unteren Teile dicht mit Spiralfäden um- 
sponnen, welche nicht nur das Gefäß schmückten, sondern es 
auch fester in der Hand sitzen ließen. Oft ist der Spiralfaden 
mit Nuppen, Zickzack- und Wellenbändern, bei den sogenannten 
Rüsselbechern mit den sonderbaren rüsselartigen Ansätzen kom- 
biniert. 

Obwohl im II. und III. Jahrhundert bereits das farblose Glas 
vorherrscht, kommen doch noch oft genug Gefäße vor, die uns 
selbst heute durch ihre tiefen und satten Farbentöne überraschen. 
Im IV. Jahrhundert dagegen wird die Farbenskala ziemlich be- 
schränkt, die reinen und leuchtenden Farben weichen matten, 
gebrochenen Mischtönen. Es überwiegt Grünlichgelb, Gelblich- 
grün, Olivbraun, ein kaltes Blau, Dunkelviolett, Weinrot (Violett- 
rot), Grünlichschwarz und Gelbhchweiß.^) vSolche Farben sind 
überall mit dem vorhandenen Rohmaterial leicht herzustellen. 
Ein stärkerer Zusatz von Pottasche färbt grün, von Soda gelblich, 
von Kalk oder kalzinierten Knochen opak-weiß. Mit Kupfer- 
oxyden erzielte man Blau, mit Manganhyperoxyd Violett. Kohlen- 
staub brachte topasgelbes Glas hervor und Schwefel schwarzes.') 
Dabei verwendete man aber auf die Fadenverzierung die größte 
Sorgfalt. Die Geschicklichkeit, welche die Glasmacher, nament- 
lich die belgischen und rheinischen, durch lange Übung in der 
Handhabung des ungemein feinen und gleichmäßigen Glasfadens 



1) Pilloy a. a. O. II, 148 f. 

-) eil. Laboulaie, Dictionnaire des arts, des manufactures et de l'agriculture. 



430 

erlangt hatten, muß selbst heute Staunen erregen. ^Nlögen sie 
ihre Linien mit mathematischer Regelmäßigkeit oder nach 
freiem Beheben in phimtastischen Zufallsformen gezogen haben, 
sind doch stets die großen Schwierigkeiten zu berücksichtigen, 
die sie dabei wie spielend überwanden und die heute nur in 




Abb. 208. Cantharub in Silberfassung. Petersburg, Eremitage. 



wenigen Glashütten mit ähnlicher Virtuosität beherrscht werden 
könnten. War es doch, damit der Faden an dem Gefäß hafte, 
nicht allein nötig, die Unterlage auf eine hohe Temperatur zu 
bringen, sondern auch den Faden im Zustande eines weichen, 
geschmeidigen Teiges bis zur Vollendung der manchmal sehr 
komplizierten Arbeit zu erhalten. Es ist schon schwierig genug, 
mit dem Faden drei bis \-ier Windungen um den Flaschenhals 
zu beschreiben, wie erst, den ganzen Körper mit ihm so umziehen. 



431 

daß er einen regelmäßigen Ablauf in seiner Stärke zeigt und 
die einzelnen Kreise wie abgezirkelt in genau gleichen Ent- 
fernungen parallel laufen. 

Manchmal ist es nicht ein einzelner Faden, der die Spirale 
um das Gefäß beschreibt, sondern eine ganze Reihe von solchen, 
die in gleichen Abständen nebeneinander angesetzt und dann in 
eleganter Windung streng parallel ausgezogen erscheinen, immer 
dünner werdend, bis sie sich am unteren Teile gänzhch ver- 
lieren. Häufig sind die Fäden in Gruppen zu zweien und dreien 




Abb. 208 a. Silberrelief an dem Cantharus 208. 



angeordnet und spiralförmig um das Gefäß gedreht, was 
manchmal zu der Verwechselung mit den in einer Hohlform ge- 
blasenen gerippten Gefäßen führte. Dazu gehören namentlich die 
schlanken kegelförmigen oder birnförmigen Kannen mit weiter 
Mündung, die im III. J^lhrhundert auftauchen (Formentafel 
D 239 — 241, Abb. 93) und gewöhnlich an ihrem oberen Teile 
mit feinen Schrägriefen versehen sind, von welchen immer zwei 
bis drei zusammen angeordnet sind. Der Arbeiter verfuhr bei 
der Herstellung der Spiralfäden folgendermaßen: Er heftete 
auf das vorher erhitzte Gefäß unter dem Rande die Glaskügel- 
chen an und zog aus diesen allmählich immer feiner werdende 
Fäden bis zum Ansätze des Bauches oder etwas tiefer in senk- 
rechter Richtung aus. Dann erhitzte er das Gefäß von neuem 
sehr stark und drehte es um seine Achse, indem er dabei die 
Mündung festhielt. Durch diesen einfachen Handgriff gab er 
den Fäden die schräge Windung. Diese stehen oft nicht nur 
im Äußeren, sondern auch im Inneren etwas über die Wandung 



432 

vor, was bei einem in der Form geblasenen Gefäße nicht 
möglich ist, sondern nur dur(ii den Druck der aufgelegten 
Fäden erfolgen kann. Bei geformten Gefäßen zeigen sich im 
Inneren vielmehr vertiefte Rinnen, die den äußeren Erhaben- 
heiten entsprechen. Auch sieht man am Ausgangspunkte eines 
jeden Fadens mehr oder weniger deutlich die Träne, den Über- 
rest des Glaskügelchens , aus welchem er gezogen wurde. 
Die Spiralen, die aus Gruppen von zwei bis drei Fäden gebildet 
werden, sind auf gleiche Weise entstanden, docli ist es zweifellos, 
daß jede Gruppe aus einem gemeinsch£iftlichen Kügelchen, ein 
und derselben Träne herausgezogen wurde und zwar gleich- 
zeitig. Eine so komplizierte Arbeit konnte unmöglich durch 
eine einzelne Kraft geschaffen werden, es waren mindestens 
zwei Personen zugleich daran beteiligt. In dieser Art ist die 
große Kanne im Besitze von M. ITibon in St. Quentin verziert, 
die in ihrem Inneren, wie einige früher genannte rheinische 
Exemplare, ein ]\Iiniaturkännchen birgt.") PiUoy nennt außer 
ihr noch die Kanne der Sammlung Charvet, die in Luxemburg 
erworben wurde, aber wahrscheinlich aus dem Grabfelde von 
Steinfort stammt (Froehner, T. ijj, wo auch ein kleineres 
Kännchen mit solchen Spiralen gefunden wurde, dann eine von 
Straub in Straßburg gefundene und mehrere aus Vermand.'') Sie 
kommen aber auch sonst am Rhein nicht selten vor und sind 
in den Museen von Köln, Bonn und Trier durch einige Exem- 
plare von stattlicher Größe und vortrefflicher Erhaltung vertreten. 
Die in unserer Abbildung 93 wiedergegebene Kanne der Samm- 
lung M. vom Rath wurde in Köln gefunden, ist 38 cm hoch und 
mit einer Löwenmaske am Ansätze des Henkels verziert. Bei 
einer etwas kleineren Kanne derselben Sammlung bedecken die 
doppelten Spiralfäden den ganzen Körper mit Ausnahme des 
Halses.*) 

^) So wirft z. B. Froehner die Kannen mit Spiralfäden und die mit schrägen 
Riefen, die sogenannten strigilierten Kannen, zusammmen. In einer Form geblasen 
ist die bei ihm T. 19 abgebildete Kanne aus Beauvais, welche durch Münzen des 
Postumus datiert wird, während die von Luxemburg T. 17 mit aufgelegten Spiralfäden 
verziert ist. 

'^) Pilloy a. a. O. 4. Fase. Fig. 7. 

') Straub, La cimetiere de Straßbourg. T. VL 

*) Vgl. Sammlung M. vom Rath. T. XVIa, XXIV, 198. 



433 

Ebenso leicht wie die Kannen mit Spiralfäden, können 
solche mit senkrecht gezogenen Fäden der Verwechselung- 
mit geformten Gläsern ausgesetzt sein. Von den gerippten 
Gläsern (Vasa costilia), die schon in Ägypten vorkommen, 
gibt es zahllose Exemplare. Zu den schönsten gehört ein 
großer blauer Cantharus aus Amiens, der aus der Sammlung 
Pourtales in das Britische Museum gekommen ist. ^) Kugel- 
bauchige Kannen mit senkrechten Rippen, die dem Gefäß ein 




Abb. 20Q. Becher in Silberfassung, aus \'arpelev. Kopenhagen, Museum. 

kürbisartiges Aussehen geben, sind besonders am ]\Iain nicht 
selten und haben in den Glashütten des Spessarts in der 
Renaissancezeit Nachahmung gefunden (Abb. 327). Auch Kugel- 
becher wurden manchmal mit Längsrip])en aus freier 1 fand ver- 
ziert, besonders mit farbigen, die mit Reticellafäden abwechseln, 
eine Dekoration, die in Hohlformen nicht hergestellt werden 
konnte. Mehrere solche Becher, die außerdem durch farbige Quer- 
streifen gemustert sind, kamen in einem Grabe zu Seintes (Charente 
Inf) zum Vorscheine. Vielleicht sind diese Gläser, welchen die 
auf Tafel IV abgebildeten Fadenbandgläser nahestehen, das 
was die Alten Echinus nannten.') Man setzte mitunter auf 



1) Dcville T. 61. 

2) Vgl. Revue archeol. N. S. 25 (1873) S. 224 T. VIII. 



434 

einen Spiralfaden kleine Perlen auf. wie an einer birnförmig-en 
Ampulla aus Heidenhübel im Elsaß. Ein fränkischer Becher 
der Sammlung- AI. vom Rath aus hellgrünem Glase, von ge- 
drückter Zwiebelform mit kurzem schräg ausladendem Halse, 
ist in seinem oberen Teile mit gleichfarbigen Spiralfäden in 
zwei Teilen umwickelt; die untere Partie geht in ein eigentüm- 
liches Rosettenmuster über, dessen Maschen den Boden bedecken 
(Abb. 96 d). Andere ähnhche Stücke befinden sich in den Museen 
von Bonn, Mainz und Worms. Ein fränkischer Kugelbecher aus 
Rasteigne im Museum zu Namur, von leuchtendem, durchsichtigem 
Goldbraun mit einem Stich ins Grünliche, ist an seinem Trichter- 
halse mit Spiralwindungen gleicher Farbe, am Körper jedoch mit 
senkrechten Fäden bedeckt, die ^ibwechselnd ganz dünn und glatt, 
dann wieder breit gedrückt und mit Querrippen versehen sind 
{Abb. 94)-') 

Sehr häufig ist der aufgelegte Zickzackfaden, eine Er- 
innerung an altägyptische Muster, doch wird er zumeist in 
einem einfachen Zuge verwendet, selten in doppelter oder mehr- 
facher paralleler Reihung. Seine Form ist gewöhnlich unregel- 
mäßig, von Zufall und Laune abhängig: er setzt sich nicht aus 
geraden Linien zusammen, die sich in spitzem AVinkel schneiden, 
sondern verläuft in leicht geschwungenem Bogen mit rund- 
lichen Ecken oder kleinen Schlingen (Abb. 96, 106 — 109) oder 
wird zur sanften Wellenlinie mit abgerundeten Ecken. Manchmal 
nehmen die Zacken ungefähr die Form des Löwenzahnes an oder 
runden sich fast zum Kymation. Langgezogenes, den ganzen 
Gefäßkörper einnehmendes Zickzack ist die älteste Form, sie 
findet sich schon in Pompeji. Auf Kanntni aus KrUn vom Ende 
des IL Jahrhunderts nähert es sich Längsrippen, die oben und 
unten zusammenlaufen und am Halse durch einen Reif vereint 
werden (Abb. 96 fj. Es ist einer der wenigen Fälle, in welchem 
das Zickzack in der Hauptsache geradlinig verläuft. Auch auf 
einem Glase des Trierer Museums, das aus einem Skelettgrabe 
von Pallien stammt und ungefähr die Form des gallischen 
Trinkbechers hat, zeigt es sich in ziemlich langen und regel- 



^) Bequet hat die fränkischen Funde der Gegend von Namur in Annales archeol. 
de Namur VI, 345 f., VIII, 327, XVI, 363, XXl u. a. veröffentlicht. 



435 



mäßigen Zügen, die den größeren Teil der Oberfläche füllen."^) 
(Abb. lood). Gewöhnlich beschränkt es sich auf ein Band 
von größerer oder geringerer Breite, welches bei Kannen und 
Flaschen die Mitte des Körpers schmückt und von Horizontal- 
reifen begrenzt ist (Abb. 96, 97). Im IV. Jahrhundert wird es 
fast zur ständigen Verzierung von Kugelbechern und Näpfen, 
indem es sich hier frei vom Körper zum Rande emporschwingt, 
so daß der Raum dahinter leer bleibt. (Abb. 97 f, 108). 
In dieser Form schmückt es auch den Hals von Kannen und 
Flaschen und ver- 
bindet „a jour" zwei 
leicht gefältelte Ring- 
kragen, die manchmi 
selbst noch mit einem 
feinenFaden eingefaßt 
sind. Dieses durch- 
brochene Gitterwerk 
kommt auf einigen 
Kannen aus dem Grab- 
felde von Vermand 

vor (Abb. I29d), einer Abb. 210. Becher in Silberfassung. Rouen, Museum. 

Kanne aus Steinfort 

im Museum von Luxemburg, auf der obenerwähnten Kanne 
von Straßburg, einer von AbbeviUe und an anderen Exem- 
plaren.") Pilloy irrt, wenn er diese Verzierungsart für eine 
eigentlich germanische hält, denn sie kommt nicht nur auf 
dem auch von ihm angeführten Kugelfläschchen (Aryballos) der 
Sammlung Charvet vor, das in Syrien gefunden wurde, sondern 




^) Dunkelblaue langgezogene Zickzackfäden bedecken auch den eigentümlichen, 
einer schlanken Rübe gleichenden Körper eines Fläschchens der Sammlung Charvet 
aus Köln. Vgl. Froehner a. a. O. T. X, 60. 

-) Pilloy 11, S. 145 f. T. Vll bis i, 8. Als Fundorte von Gläsern mit Zickzack- 
fäden werden angegeben: Oberolm, Straßburg, Furfooz, Breny, Sleinfort. Ein im Museum 
von St. Germain befindliches Exemplar stammt angeblich von der Marne. Das Grab- 
feld von Viel-Atre bei Boulogne s. M. ergab gleichfalls mehrere. Die Liste ließe sich 
leicht durch rheinische Fundorte vervollständigen; das Kölner Museum sowie die Privat- 
sammlungen dieser Stadt besitzen eine große Anzahl derartiger Gläser. Ihr Fabrikations- 
gebiet diesseits der Alpen dürfte aber auf Belgica und das Gebiet von Köln beschränkt sein. 



436 

gehört mit dem Spirälfaden zu dem unzertrennlichen Schmucke 
der schon oft erwähnten syrischen Balsamarien in Röhren- und 
Balusterform. Der Ursprung des Zickzacks ist wenigstens soweit 
die Glasindustrie in Frage kommt, jedenfalls in Ägypten zu suchen. 
Als Beweis hierfür genügt die vorhin erwähnte Ähnlichkeit mit 
dem Zickzack der ägyptischen Balsamarien und iVlabastra mit 
eingelegtem Fadenschmucke. Gewöhnlich sind bei dem gitter- 
artigen Zickzack Fäden verschiedener Farbe verwendet: gelb 
wechselt mit braun, blau und schwarz, ebenso bei den Xuppen, 
welche an Gläsern des IV. Jahrhunderts gewöhnlich mit dem 
Zickzack verbunden sind. 

Die Form desWellenfadens bildete sich, ähnlich wie bei den vor- 
her geschilderten fränkischen Gefäßen mit weißem Em^lilschmuck, 
auch plastisch zu Gehängen und ähnlichen \'erzierungen 
aus. Auf Abb. 1 62 i ist ein Kugelbecher dargestellt, dessen Rand 
ein mit Blattgold belegter Faden bildet. Von leicht geschwungenen 
Bogen hängen an kurzen Stielen Trauben herab, die aus kleinen 
Glaskügelchen hergestellt sind (Köln, Sammlung M. vom Rath). 
Dieses schöne Stück ist kaum später als zu Ende des IL Jahr- 
hunderts entstanden. Besonders häufig sind die Bogengehänge 
aber an Flaschen und Bechern des IV. Jahrhunderts. Während 
sie bei jenen mit den Spitzen nach aufwärts gekehrt sind, also 
regelrecht herabhängen, sind sie bei Kugel- und Glockenbechem, 
die auf den Rand aufgestellt wurden, mit den Spitzen nach unten 
gerichtet, also jeweilig für die Ansicht in der Ruhe berechnet 
(Abb. looa, b, e). Bei dem Glockenbecher a (im Bonner Provinzial- 
museum) sind am Ende vier Halbmonde aufgelegt, deren 
Spitzen sich nach unten verlängern und in Knöpfchen ver- 
einigen; bei b (im Paulus-IMuseum in Worms, aus Mariamünster) 
sind die Enden der Guirlanden ineinander verschlungen. Aller- 
dings ist die umgekehrte Form mitunter auch bei Zylinderbechem 
beibehalten, so bei einem aus Ehrang stammenden Exemplare 
des Provinzialmuseums in Trier (e), dessen Bogen oben von leicht 
gravierten Linien begleitet sind und sich in langen Tränen fast 
bis zum Fuße herab verlängern. Ein konischer Becher im 
Besitze des Herrn Bassermann-Jordan in Deidesheim, der dort 
vor etwa 70 Jahren gefunden wurde, zeigt außer Spiralreifen 
senkrechte aus dicken Fäden hergestellte Kanneluren (Abb. loi). 







-7= - 

£ S 



437 




Im Gegensatze zum ausgesprochenen Zickzack, das man ge- 
wöhnlich nur in einem Zuge aufsetzte, werden Wellen und Bogen 
auch in mehreren Reihen parallel übereinander angebracht, wie 
bei einem Kugelbecher im Provinzialmuseum zu Bonn (Abb. 1 59 b), 
einem konischen Becher aus feinem, farblos-durchsichtigem Glase 
aus Bingen im Paulus-Museum in Worms, der von oben bis 
unten mit dicht gereihten Wellenfäden bedeckt ist (Abb. 1 53d) und 
einem konischen Becher der ehemaligen Sammlung Disch, dessen 
Muster an das ägyp- 
tische Korbgeflecht 
erinnert; dieser ge- 
hört übrigens, wie die 
ähnlichen, unpastisch 
behandelten Email- 
dekorationen bereits 
der fränkischen Peri- 
ode an. Besonders ori- 
ginell entwickelt sich 
das Motiv an einem 
konischen Becher der 
Sammlung M. vom 
Rath, bei welchem vier Bogenlinien übereinander aus einer ge- 
meinsamen Träne entspringen und auf der anderen Seite wieder 
in eine solche zurückkehren. Dieses Muster wiederholt sich vier- 
mal rings um die Wandung und hat mit Polypen große Ähn- 
lichkeit, Die Fäden sind opak-azurblau, der farblos-durchsichtige 
Grund hat eine prachtvolle Silberiris angenommen (Abb. 145, 97 d). 

Durch die Aufkige eines Systems sich kreuzender Fäden 
entsteht ein feingegliedertes Netzwerk mit rautenförmigen 
Maschen, das entweder die ganze Fläche bedeckt, oder einen 
Teil von ihr, mitunter aber nur bandartig die Zwischenräume 
von zwei Horizontalreifen füllt. Das Vorbild zu dieser Deko- 
ration gab, wie für die ägyptischen Gläser mit eingelassenem 
Korbmuster, wirkliches Korbgeflecht aus Weidenruten, Bambus, 
Bast oder Metalldraht. Auch für sie gibt es bereits in der 
ersten Kaiserzeit eine Reihe von Beispielen: die ältesten tauchen 
an ägyptischen Tonbechern auf, so an einem blauglasiertem 
Exemplare des Museums von Kairo mit aufgelegtem opak- 

Kisa, Das Glas im Ahertuiiie. H. 29 



Abb. 211. .Mui 



Nielk 



438 

weißem Fadennetz und an mehreren anderen/) Farbig ist auch die 
Netzverzierung eines gläsernen Bechers in demselben Museum, 
der auf wasserhellem Grunde ein Muster in roten und blauen 
Glasfäden zeigt.") Ein zierliches opak -azurblaues Fläschchen 
im Antikenmuseum von Florenz hat am Halse ein aus einem 
gelben und einem grünen Faden geflochtenes Spiralband und 
am oberen Teile des Körpers ein Netzwerk aus gleichfarbigen 
Fäden. Auf einer Kanne des Mainzer Museums sind gleichzeitig 
kleine Kügelchen in die freien Felder eingefügt. Solche Kom- 
binationen waren sehr beliebt; man besetzte die Maschen des Netz- 
werkes mit kleinen Perlen, Ringen oder Lotusknospen. Ein Becher 
des Museums von Rouen hat auf lichtblauem Grunde opak- 
weißes Netzwerk mit Lotusknospen (Abb. 1 39), ein tonnenartiges 
Gefäß aus Köln im Provinzialmuseum von Bonn zeigt in den 
]\[aschen gepreßte Rosetten (Abb. 140). Die rheinischen Exem- 
plare bestehen aus farblos -durchsichtigem Glase, das für diese 
Sorte von Gefäßen vorherrschend bleibt, bis zu Ende des IV. das 
grünliche an seine Stelle tritt. In diese Zeit gehört der große 
zylindrische Becher aus grünlich-durchsichtigem Glase, mit Zick- 
zackband und regelmäßigem, aus starken senkrechten und waage- 
rechten Fäden von goldbrauner Farbe gebildetem Netzwerke. 
Dieses Prachtstück des Germanischen Museums in Nürnberg 
stammt aus Mayen in der Eifel (Abb. looc). Ähnlich, wenn auch 
lange nicht so sorgfältig und schön, ist das Netzwerk auf einer 
Kanne der Sammlung Cosserat in Amiens aus Saleux und auf 
einem Scyphus des Museums Wallraf-Richartz, der aus feinem, 
jetzt durch Verwitterung leicht mattiertem Krystallglase besteht 
(Abb. 98). Eine Kanne mit rautenförmigem Netzwerk des Pro- 
vinzialmuseums in Bonn, die mit ]\Iünzen des III. Jahrhunderts 
gefunden wurde, stammt aus den Gräbern von Gelsdorf.'"^) 

Häufiger besteht das Netz aus runden Maschen, die nicht 
durch Kreuzung gerader Fäden, sondern durch eine entspre- 
chende Anreihung senkrecht oder wagerecht laufender Wellen- 
fäden entstanden sind. Diese wurden so angeordnet, daß 



^) Vgl. F. W. von Bissing a. a. O. S. XV No. 3738 — 3749. 

"^) Maspero, Guide, engl. Ausgabe S. 352. (No. 326 in Schrank K.). 

') Bonner Jahrb. 33/34 S. 229. 



439 

sie sich wechselseitig- an Berg- und Tal berühren und inein- 
ander verschmelzen. Eine plattbauchig-e Amphoriske mit Spitz- 
fuß im Trierer Museum, die aus einem Grabe des ELL Jahrhun- 
derts stammt, zeig-t dieses Muster deutlich ausgepräg-t (Abb. 99), 
ebenso eine Kugelflasche vom Typus des gallischen Trinkbechers 
(Abb. 97 b) und eine Pilgerkanne aus lichtgrünem Glase mit 
Daumenplatten an den Henkeln, eine Arbeit vom Beginne des 
IV. Jahrh. (Abb. 96 a'), beide in der Sammlung M. vom Rath. 




Abb. 212. Murrinenschale. Hamburg, Kunstgewerbemuseur 



Oft kommt es an Kugelflaschen mit Trichterhals vor, die 
im in. und IV. Jahrhundert sehr gebräuchlich waren; auch 
Becher von kugeliger, zylindrischer und konvexer Gestalt wurden 
damit in Belgica und an anderen Orten Galliens, wie Lyon und 
Beimvais, in Obergermanien, den Glaswerkstätten des Hunsrücks 
und Spessarts \'erziert. Am Niederrhein ist es weniger häufig 
als in den Gräbern von Bingen, Alzey, Mainz, Wiesbaden, doch 
kommt es vereinzelt in Andernach-^) vor. Das Wellennetz wurde 
auch in Hohlformen hergestellt und wie die Flaschen mit kürbis- 
artigen Rippen, im XVI. Jahrhundert in den Glashütten des 
Spessarts nachgeahmt. Das Grtibfeld von Vermand hat sechs 
Gläser mit Wellennetz ergeben, ein Zeugnis dafür, daß diese 
Verzierungsart auch in der Picardie heimisch war.^) In Villa 



^) Bonner Jahrb. 76, T. II r. 

*) Pilloy II 138 f. T. VII bis IX. 



2()* 



440 

d'Ancy wurde ein liecher mit zwei Reihen von Xetzinaschen 
gefunden, im Museum der Picardie befindet sich ein Xetzbecher 
aus Amiens. andere lieferte das dräherfeld von Steinfort. Froehner 
bildet eine Kanne mit ziemlich flauem Netzwerke aus Lyon und 
einen besser geratenen Becher aus Mainz ab.^) Auch in Worms"-) 
und im ]Museum von St. Germain finden sich Beispiele. Netz- 
verzierungen sind oft auf Trinkhörnern angebracht, wie dem 
der Sammlung M. vom Rath (Abb. 103), denen der Museen von 
Wiesbaden, Bonn. Mainz. Worms. Kciln. Namur, des Museums 
der Diocletiansthermen in Rom u. a. Ein besonders schönes 
Trinkhorn in Namur. aus einem fränkischen Grabe zu Furfooz 
stammend, besteht aus grünlichem Glase und ist am Rande mit 
einem braunen Wellenfaden verziert.'^) 

Manchmal sind die Maschen des Netzes vollkommen ring- 
förmig in sich abgeschlossen und unter sich mit kurzen Stielen 
verbunden, so daß sie wie Kettenglieder aussehen. Derartiges 
Netzwerk, eine Nachahmung der geschliffenen Netzgläser (der 
Diatreta Winckelmanns», hat z. B. ein Cantharus im Museum des 
Vatikans (Abb. 165 a). Er ist farblos durchsichtig, halbkugelig und 
mit einem kräftigen Stengelfuße versehen, dessen Kanneluren aber, 
wie das Netzwerk selbst, nicht durch aufgelegte Fäden, sondern 
in einer Hohlform hergestellt sind. Der Becher ist wahrscheinlich 
gallischer Import, sein Fundort unbekannt. Dagegen ist ein 
ähnliches Stück derselben Sammlung und nachweislich in Rom 
gefunden, sicher Fadenarbeit. Es ist ein großer Cantharus aus 
azurblauem Glase, dessen hochgeschwungene Henkel aus dicken 
Fäden ganz in der A_rt des Ketten-Maschenwerkes hergestellt 
sind, so daß zwischen je zwei Ringe ein rundes Knöpfchen ein- 
geschoben ist (Abb. 165b). Häufiger sind Kettenhenkel, die 
aus. zwei Wellenfäden zusammengesetzt sind und zwai finden sie 
sich fast immer an Gefäßen, deren Körper mit einem Netzwerke 
aus Wellenfäden geschmückt ist. also bei uns am häufigsten an 
solchen vom Hunsrück. vom ^Slain und aus dem Spessart, aber 
auch bei Kannen mit anderer \^erzierung. .So hat z. B. eine kugel- 



>) Froehner T. 28. 115, Texlbild S. 71. 

2) Westdeutsche Zeitschrift 1883 T. III, i, 8. 

') Bequet in Annales archeol. de Namur tom. 14,15 S. 289 f. 



441 



bauchig-e Kanne der Sammlunj^»- AI. vom Rath kürbisartige Längs- 
rippen, eine birnförmige kleine dreieckige Kniffe (Abb. i6of, b). 
Am Rhein begegnet man ihnen am zahlreichsten in den Museen 
von Mainz ^j, Speier, Straßburg, Worms und Wiesbaden, also am 
Mittelrhein, dann aber auch in Trier, Bonn und in Köln, wo sämt- 
liche Privatsammlungen mit ihnen versehen sind. Eine Reihe von 
Kannen mit Kettenkenkeln wurde 1888 an den neuen Anlagen in 
Mainz aufgefunden. 
Das Paulus -Museum 
in Worms besitzt 
einen großen Becher 
mit rundmaschigem 
Netzwerke aus einem 
Wormser Grabe de>^ 
IV. Jahrhunderts, dann 
eine Kanne aus B(^r- 
nersheim (bei Alzeyj, 
deren Henkel aus 
zwei dicken Rund- 
fäden so zusammen- 
gedreht ist, daß in 
der Mitte eine runde 
Alasche offen bleibt 
(Abb. 159c). Im Trie- 
rer Museum befindet sich u. a. ein großer Becher aus Ehrang 
mit dickfädigem Wellennetze. Pilloy verzeichnet an Funden der 
„anses iijourees" außer denen von Vermand noch die von Stein- 
fort, Amiens (im Museum der Picardie und in der Sammlung 
Cosserat), Alise-St. Reine (im Museum St. Germain), Beauvais 
(im Museum daselbst und drei in der Sammlung Charvet). 
Straub fand in Straßburg eine Kanne mit ovalem Netzwerke 
und gleichem Henkel und teilt mit, daß eine ähnliche Kanne 
des Aluseums Schöpflin bei der Belagerung untergegangen sei. 
Cochet veröffentlicht einen ähnlichen Fund aus Neuville-le-Pollet 
und einen anderen aus Tourville-la-Riviere (Seine inferieure).") 




Murrinenschale aus Hellange. 
Luxemburg, Museum. 



1) Westd. Zeitschrift, Museographie VIII (1889) T. X 3, 4. 

-') Abbe Cochet, La Xormandie souterraine T. III 8 und La Seine inf. hist. et 
archeol. S. 408, daraus Deville T. 44 D. 



442 

Straub sah auch Kettenhenkel, die \on IvaniKMi abgebrochen 
waren, in den Museen von Tk)nn, S])eier und Wiesbaden.-^) 
Solche abgebrochene Henkel hätte er nel)en vollkommen er- 
haltenen Gefällen auch in den Altertümersammlungen von Brüssel, 
Lüttich, Maastricht u. a. entdecken können. Man hat sie mit 
Münzen des Postumus gefunden; sie entsprechen also einem 
Zeitgeschmacke, welcher in der Architektur die gewundenen, 
mit sogenannten Strigiles kannelierten Säulen und auch mit 
solchen Riefen versehene Sarkophage schuf 

Netzwerk aus Rundfäden von Glas wurde, wie schon die 
Kettenhenkel zeigen, nicht nur auf Glas aufgelegt, sondern auch 
zu freien, korbartigen Bildungen verwendet. Eine der bekann- 
testen dieser Art ist das sogenannte Diatretum, welches bei der 
Versteigerung der Sammlung Disch in die Kollektion Basilewski 
überging (Abb. 109). Es ist ein Cantharus aus farblosem Glase, 
dessen Fuß abgebrochen ist, halbkugelig und an der Außenseite 
mit Amoretten und Blattwerk in aufgelegtem Schaumgolde ver- 
ziert. Der mittlere Amor sitzt auf einem Felsblocke, die beiden 
anderen eilen auf- ihn zu. Diese Dekoration wird durch die 
rautenförmigen Maschen eines Netzwerkes aus dicken Wellen- 
fäden von farblosem, wenig durchscheinendem Glase sichtbar, das 
die Cuppa umgibt und mit ihr durch einige Stege am Rande 
und Fuße verbunden ist. Dicke Rundfäden, doppelt zusammen- 
gelegt und astartig gegliedert, bilden die Henkel. Obwohl schon 
E. aus'm Weerth, allerdings mit unzureichenden Gründen — ihm 
erschien nämlich das Goldbild ohne O'berfang verdächtig — den 
antiken Ursprung dieses Gefäßes bezweifelte — wird es in den 
meisten Listen der antiken Netzgläser, der sogenannten Diatreta 
noch immer mitgezählt. Auch Froehner hält es für antik. 
Gegen antike Arbeit spricht durchaus nicht der Mangel eines 
Überfanges über dem Goldbilde, da dieser auch an vielen 
zweifellos antiken Goldgläsern fehlt, wohl aber \-or allem der Stil 
der Zeichnung und nebenbei auch die Henkelbildung. Das Bild 
verrät in allen Einzelheiten den Geist der Barockzeit. Eine Reihe 
von ganz gleichartigen Goldbildern auf Glas und von Bechern mit 
Netzwerk sind im Museo vetrario in Murano zu sehen, das leider 



Pilloy II S. 136 f. T. III 



443 

von Archäologen viel zu wenig- beachtet wird, obwohl man in 
ihm die beste Gelegenheit hat sich über die Anfänge der vene- 
zianischen Glasindustrie zu unterrichten, die im wesentlichen auf 
der Wiederaufnahme antiker Muster beruht. Man gewinnt 
hier über manche rätselhafte Erscheinung, deren Bestimmung 
Schwierigkeiten macht, die erwünschte Aufklärung, so auch 
über die Versuche, die antiken Netzgläser durch zusammen- 
gesetzte Fäden nachzubilden, die sowohl in Venedig wie am 
Rhein in der Renaissancezeit und später angestellt wurden. Die 
in Murano verwahrten Proben aus dem XVII. und XVIII. Jahr- 
hundert stimmen in der Form und Technik so genau mit dem 
Disch'schen Cantharus überein, daß man deren Urheber mit 
voller Sicherheit auch als den dieses vielgenannten Glases be- 
zeichnen muß — die berühmte Fabrik der Briati. 

Ebenso ist ein anderes Netzglas, das gerade E. aus'm Weerth 
entdeckt zu haben glaubte, aus der Reihe der Antiken auszuschei- 
den, nämlich das Bruchstück einer Flasche im vSuermondt-Museum 
zu Aachen.-*^) Es zeigt den Rest des ziemlich weiten Halses, der 
von einem zwischen 4 und 7 mm abstehenden Netzwerke aus 
dicken runden Fäden umg^eben ist. Schon das schmutzig-grün- 
liche Material, das schlechter als jenes der fränkischen Gläser ist, 
hätte den Gedanken an antiken Ursprung ausschließen sollen. Die 
Technik dieses vStückes schildert E. aus'm Weerth folgendermaßen: 
Der Arbeiter machte zuerst mit dem Faden oben und unten zwei 
Bänder. Aus diesen zog er in gewissen Abständen mit der 
Zange Nasen heraus, drückte sie platt und diese wurden die 
Unterlagen für das Netz. An sie wurde oben und unten eine 
runde dicke Glasschnur in Wellenlinien angelegt, so daß die 
Senkungen der oberen auf den Hebungen der unteren ruhen. 
Das alles sind der Antike entnommene Motive, aber in Technik 
und Material verroht und bis zum Zerrbilde entstellt. Das Stück 
ist ebensowenig antik, wie die von E. aus'm Weerth selbst als 
Arbeit späterer Zeit bezeichnete flache Urne aus JüHch, jetzt im 
Provinzialmuseum in Bonn, die mit sehr unregelmäßigen ge- 
kreuzten Wellenbändern aus rohen, dicken und ungleichmäßigen 
Fäden besetzt ist") Ein Glas derselben Art befand sich in der 



^) E. aus'm Weerth im Bonner Jahrb. 76, S. 63 f. T. II 
2) ibd. T. II 3. 



444 



Sammlunsr Thewalt in. Köln, mehrere ßruchstücke wurden 1897 
daselbst am Domhofe ausg-egraben, andere kamen in den Abfall- 
gruben zum \'orschein, die man beim Umbau des Rathauses 
von Aaclien auf dem Chorusplatze entdeckte. Zu diesen gehört 
auch das eben beschriebene Fragment eines Xetzglases. Sowohl 
die Kölner wie die Aachener Funde sind Überreste von Arbeiten 
des X\T Jahrhunderts, in welchem die rheinische Glasindustrie, 
teilweise mit Anlehnung an antike Traditionen, einen neuen 

Aufschwung nahm. 

Ebenso habe ich mich durch 
erneute Prüfung davon über- 
zeugt, daß das im Antiquarium 
zu München befindliche, angeb- 
lich aus Pompeji stammende 
( rlasgefäß, dessen Fuß ein Netz- 
werk von schwarzen Glasfäden 
umgibt, gleichfalls neueren Ur- 
sprungs ist. Das Netzwerk ist 
von derselben Art, wie bei 
dem Aachener PVagmente, wenn 
auch feiner gearbeitet. Wahr- 
scheinlich stammt das Stück aus 
einer deutschen Werkstatt des 
X\7. Jahrhunderts. Wir können daher, da andere Arbeiten 
dieser Art nicht bekannt geworden sind, vorläufig kein korb- 
artig aus Glasfäden zusammengesetztes Gefäß, oder keinen der- 
artigen Gefäßmantel anführen, welcher mit Sicherheit der Antike 
zuzuschreiben wäre und das Vorbild für ähnliche Arbeiten 
späterer Zeit ergeben würde. 




Abb. 214. 



Murrincnschale. 
Museum. 



Trier, 



t?*? 



Die Schlangenfadengläser. 

Die Technik des aufgelegten Fadens ist eine dem Glase 
eigentümHche, wenn auch die Glasmacher manche Motive, wie 
die Korbmuster und Kettenhenkel, der Flechtarbeit abgelauscht 
haben. EigentümHch sind darum auch die Formen, in welchen 
sie auftritt. Eine Ausnahme bilden die Längsrippen, welche 



445 



schon die gallische Keramik der Latenezeit bei Urnen und 
Kugelbechern verwendete. Während sich in diesem Falle die 
Ähnlichkeit der Dekoration und Technik aus der Gemeinsamkeit 
der Vorbilder in Metallgefäßen erklärt, sind die feinen Reifen 
und Spiralen, die langgezogenen Zickzackfäden, ebenso die Netz- 
muster an Tongefäßen, namentlich Kugelbechern, zweifellos auf 
die Nachahmung von Gläsern zurückzuführen. Es ist wohl kein 
Zufall, daß die meisten derartigen Tongefäße glasiert sind, gelb 
oder lichtgrün; sie sollten durch 
die Farbe ihren Mustern noch 
näher kommen. Der hierbei 
verwendete Tonfaden ist durch 
Ausziehen und Rollen von 
Tonstreifen gebildet und auf- 
gelegt. 

Ganz verschieden davon 
ist die am Rheine seit der 
Latenezeit geübte Technik der 
Barbot ine, des Aufgusses 
von flüssigem, farbigem Ton- 
schlamme mittels des Mal- 
hornes oder der Kielfeder. Sie 
wurde ihrerseits auch in Glas 
nachgeahmt, allerdings nicht 

wie Hettner meint, bei jener Sorte von Gläsern, der wir uns 
jetzt zuwenden, den Schlangenfadengläsern, denn diese 
stellen eine bestimmt ausgeprägte Form der Fadenverzierung 
dar, die nicht mit Aufguß, sondern mit dem ausgezogenen Glas- 
faden arbeitet und von der Barbotine auf Glas ebenso ver- 
schieden ist, wie die Fadenverzierung auf Tonbechern von jener 
der Barbotine auf Ton.^) 

In derselben virtuosen Weise wie den bisher betrachteten 
geometrischen Schmuck behandelten die Glasmacher mit dem 
gezogenen Faden sowohl freie Bildungen der Phantasie als 
stilisierte Pflanzenformen und Ranken. Der Schwung und die 




Murrinenschale. Trier, 
Museum. 



') Vgl. Kisa, Antike Ciläser mit Fadenverzieruncj. 
werii", Wien 1899, Heft IV S. 137 f. 



^unst und Kunsthand- 



446 

Leichtig"keit, mit der sie diese schwierifren Motive meisterten, 
läßt erkennen, daß sie sich der vollkommenen Beherrschung- der 
Technik bewußt waren und es wtigen konnten von den über- 
lieferten Formen zu neuiMi, eigenartigen Bildungen überzugehen, 
zu welchen sie in älteren Arbeiten zwar Anregungen, aber keine 
direkten Vorbilder erhalten konnten. Der Name Schlangen- 
fadengläser, mit w^elchem ich diese eigenartige, schöne und 
technisch vollendete Gruppe bezeichne, nimmt auf das Haupt- 
motiv der Dekoration Bezug, den in ])hantastischen Schlangen- 
windungen gezogenen Faden, der aber durchaus nicht, wenigstens 
in der Blütezeit dieser Technik nicht, natürliche Schlangen 
darstellen will. Später verleitete allerdings die große Ähnlich- 
keit der Bildungen freier Phantasie die Nachahmer zu mehr 
oder minder naturalistisch treuer Wiedergabe von Schlangen- 
körpern. 

Die Gefäße mit Schlangenfäden sind nicht allzu häufig. Sie 
bestehen dvirchweg, mit Ausnahme späterer Nachahmungen, aus 
feinem, farblos durchsichtigem, künstlich gereinigtem Glase und 
zeichnen sich durch edle, meist der griechischen Keramik ent- 
lehnte Formen aus. So eigenartig die Dekoration, so streng ist 
die Formengebung von der Tradition bedingt. Am häufigsten 
kommt vor: 

I. Die Oenochoe (Abb. 113, 114a, 118, Tafel V 3) gedrungen, 
mit Kleeblattmündung, erhobenem oder gesenktem Schnabel, 
fein geschw^ungenem Henkel und Fußring. 

IL Die Trulla, die Mauerkelle (Abb. 117, Tafel VI 2), eine 
flache Schale mit Fußring und kurzem w-agerechtem Griff, die 
gew^öhnlich ersterer als Untersatz dient. In den Gräbern der 
Luxemburger Straße in Köln ümd ich sie immer umgekehrt, mit 
der Höhlung nach unten liegend, so daß die Oenochoe innerhalb 
des Fußringes zu stehen kam. Beide Gefäße gehörten offenbar 
zusammen. Während das Getränk in der Kanne verwahrt und 
aus ihr in die Trulla gegossen wurde, diente diese als Trink- 
schale und zu Libationen. (VgL S. 336.) 

IIL Schlanke Flaschen mit birnförmigem, allmählich in den 
LIals übergehendem Körper und trichterförmig ausgebogener 
Mündung. Unten ein Fußring oder eine runde Fußplatte mit 
Knauf (Abb. 114b, 115b, 122, Tafel VI i). 




447 

IV. Pilg-erflaschen, plattbiiuchig, mit Trichterhals, kurzem 
Stengelfuße und zwei Henkeln. Manche Exemplare haben einen 
einfachen röhrenförmigen Hals und unten nur eine leichte Ab- 
plattung (Abb. I20, 126, 114c, Tafel V 2). 

V. Kugelbauchige Flaschen mit ziemlich scharf abgesetztem 
Halse und Randwulst (Abb. 1 1 5 a). 

VI. Zylinderkamnen (Stamnia) der üblichen Form mit kurzem 
Halse, breiter Randscheibe und flachem geripptem Henkel 
(Abb. 49, 121). Es kommen aber auch andere Formen der Zylinder- 
kanne vor, so in der 
Regensburger Alter- 
tum ssammlung ein 
Exemplar vom spä- 
teren Typus mit oben 
abgerundetem Körper, 

längerem Halse, dop- Abb. 216. Mosaikschale. Köln, Sammlung M. vom Rath. 

peltem Randwulst und 

zwei Fadenhenkeln (Abb. 128c). 

VII. Becher (vScyphi) mit senkrechten Wandungen, unten ge- 
rundet, mit Fußplatte. In der Art der vSigillatakumpen von der 
Wende des I. und IL Jahrhunderts (Abb. 1 1 1) und der geformten 
Glasbecher mit Zirkusszenen. Am Rande sind aus dicken Fäden 
zwei schräg emporragende Henkel angesetzt, welche in kurzen 
Wellenlinien verlaufen. An einigen Exemplaren wird die eine 
Hälfte des Randes in der früher geschilderten Weise von einem 
gedrehten Faden in Nachahmung eines Eimerhenkels einge- 
nommen (Abb. 1 1 5 c). ^Manchmal ist ein wagerechter Griff, wie 
an einer Trulla oder Pfanne angebracht (Abb. 128b). Auch völhg 
henkellose Becher dieser Art kommen vor; ein solcher wurde 
1 897 in einem Grabe der Luxemburger Straße in Köln gefunden. 

VIII. Kugelbecher, oben eingezogen, mit vSchrägrand, unten 
mit Fußring (Abb. 128a). 

IX. Kugelkannen mit Röhrenhals, Fußphitte und zwei 
Henkeln (Abb. I29d). 

X. Fußbecher von schlanker Zylinderform, oben ausge- 
schweift, unten verjüngt, mit Fußplatte (Abb. 129 a — c). 

XL Becher in Form des Carchesiums mit konkav ausge- 
schweifter Wandung und kurzem Stengelfuße. Zwei aus smaragd- 



448 

grünem (jlase wurden am Weyertor in K(")ln i^efunden: der eine 
ist im Besitze des Musinims W^illraf-Richartz (Abb. i 19, Tafel V i), 
der andere in der Sammluni^- C. A. Xießen. In dem genannten 
]\Iuseuni befindet sich auch ein Carchesium aus farblosem Krystall- 
g-lase mit Schlangenfadenverzierung. 

XII. Steng-elgläser von schlanker Röhrenform mit leicht 
ausgebogenem Remde. Alan hat diese Form bisher überhaupt 
nur bei Gläsern dieser Sorte gefunden (Abb. ii4d, 123). 

XIII. Konische Becher, nach oben erweitert, mit Fußplatte 
(Formentafel E 282). So ein Exemplar im Museum von Wies- 
baden. 

XIV. Eirunde Becher mit kurzem l:)reitem Halse und 
Stengelfuß (Abb. I28d). 

XV. Ölfläschchen in Gestalt eines Gladiatorenhelmes (Abb. 1 1 6. 
125, Tafel VI 3). Kugelbauchig, mit Trichterhals, auf dessen Rand 
sie aufgestellt wurden. Auf dem Körper ist durch Fadenschmuck 
ein geschlossenes Visier dargestellt, darüber ein halbmondförmiger 
Kamm aufgesetzt. Der Körper ist für sich in Kugelform ge- 
blasen und am Ansätze des Halses mit einem Loche durch- 
brochen, wie manche Kugelfläschchen mit Delphinösen: die 
enge Öffnung hatte den Zweck das Öl langsam austropfen zu 
lassen. Die Form und \'erzierung läßt darauf schließen, daß 
die Fläschchen, wenigstens ursprünglich, für Gladiatoren bestimmt 
waren. Bisher sind zwei Exemplare dieser Art gefunden, beide 
in Köln. Das eine kam aus der Sammlung Disch an Hoffmann 
in Paris, das andere aus dem Grabfelde der Luxemburger Straße 
an das Museum Wallraf-Richartz. 

Verhältnismäßig am häufigsten sind die Formen I — III, VII 
und XII. Die Fadenverzierung besteht, wie auch sonst üblich, 
in Reifen, welche den Rand und die Fußplatte umziehen und 
am Körper die Abgrenzung für die eigentliche Bildfläche er- 
geben, ferner in zwei- bis vierfachen Spiralen des Flaschenhalses, 
in Wellenzügen, welche auf 'die flachen Henkel aufgelegt werden 
und sich bis zum Ansätze des Fußes ausdehnen, hauptsächlich 
aber in besonders charakteristischen Füllungen der Bildfläche: 

I. In langgezogenen, ziemlich geradhnigen Formen, welche 
aus dem Zickzack entstanden sind, jedoch kein fortlaufendes 
Muster bilden. Eine Flasche der Sammlung M. vom Rath in 



449 

Köln von der unter 111 beschriebenen Form zeigt diesen Anfang- 
der vSchlangenverzierung am deutlichsten. Auf ihren Körper ist 
ein opeik-gelber Faden aufgelegt, der unter dem Halse mit 
einem Haken beginnend, senkrecht hinabgeht, dann spitz nach 
oben sich wendend in leichter S-förmiger Windung verläuft, 
hierauf wieder umbiegt usf. (Abb. 146). Langgezogene gerade 
Linien herrschen auch auf dem Muster vor, das die beiden 
Seitenflächen einer plattbauchigen Flasche derselben Sammlung 
einnimmt; es beginnt mit einer kleinen Volute an der Mitte des 
Randes und endet nach einem großen Rautenzuge mit einer 
anderen, sehr unorganisch entwickelten Volute. Die seitliche 
Begrenzung bilden dem Umrisse des Körpers folgende Doppel- 
linien (Abb. 114 c). In geraden Linien bewegen sich auch die 
Muster einiger Becher aus dem IV. Jahrhundert, welche in der 
Picardie gefunden wurden (Abb. 129b). 

2. In schlangenartigen Wellenlinien senkrechter Richtung, 
die manchmal an Mäander erinnern. Drei bis vier solcher neben- 
einander schmücken Stengelbecher der Form Xll (Abb. ii4d), 
bilden aber auch das Hauptmotiv auf Kugelflaschen, so auf einer 
des Provinzialmuseums in Bonn, einer Kugelflasche und einem 
Becher aus Vermand, einem anderen Becher aus Sissy, Dep. 
Aisne (Abb. 129a) und auf der Kanne aus Boulogne (Abb. 130). 
Sie werden auch öfter zur Trennung größerer Ornamentflächen 
benützt (Abb. 114b, 122), beginnen oben mit einer Träne, Volute 
oder schlangenkopfartigen Verdickung und laufen unten dünn aus. 

3. In regellosen Wellenranken, welche gleichfalls mit einer 
schlangenkopfartigen Verdickung beginnen, oft spitz ausfahren, 
kleine Schlingen und Zickzacklinien bild(Mi und sich am Ende 
manchmal in Voluten einrollen (Abb. 1 14a. c. 115. 121. 122 u. a.). 
Sehr schön ist dir Volute bei 115a. Auf einer Zylinderkanne 
des Museums W'allraf- Richartz (A])b. 49. 121) kehrt in drei 
Reihen übereinandc^r cm eigentümliches Ornament wieder: Der 
am Ansätze plattgedrückte und in seinem \"erlaufe quer gerippte 
Faden geht in geschweiftem Zuge nach abwärts, bildet nach 
einem scharfen Bruche eine horizontale Wellenlinie und erhebt 
sich d^mn wieder steil zu einer Volute: so gleicht er ungefähr 
einer auf dem Boden ringelnden, ihr Haupt erhebenden Schlange. 
Bei der Trulla ist die äußere konvexe Seite, welche als Schau- 



450 



Seite jrilt. mit Mustern derselb(Mi Art verziert, die sich nebenein- 
ander viermal wiederholen (Al)b. ii;. Tafel VI 2). Auf Oeno- 
choen beschreibt der Faden am Anfanj^-e oft die Umrisse eines 
Herzblattes, ebenso auf Bechern der Form Xll (Abb. 114a). 
Sehr bezeichnend sind die scharfen Unterbrechung-en der Win- 
dungen, das Ausfahren des Fadens, welcher plötzhch um- 
kehrt und eine kleine Strecke über oder unter der früheren 
Richtung zurücklegt. Es ist ein freies Spiel des Glasmachers 

mit dem gefügigen Material, 

das er in jede ihm belie- 
bige Richtung zwingt; frei- 
lich ist manchm^ll damit 
eine Tugend aus der Not 
gemacht, indem eine un- 
beabsichtigte Abirrung von 
der geplanten Richtung den 
Glasmacher veranlaßte, den 
Zug zu unterbrechen und wie 
es eben ging, wieder einzu- 
lenken. Man darf nicht ver- 
gessen, daß der einmal auf- 
und eine Korrektur aus- 




Abb. 217. Fadenbanilgla>. Köln, Museum. 



gelegte heiße Faden fest haftete 
geschlossen war. 

4. Auf Oenochoen und Zylinderbechern von Form des 
Scyphus erscheint das Brillenornament, die Doppelvolute, in das 
Muster eingestreut (Abb. 114a). Die Carchesia Nr. XI zeigen das 
Triquetrum mit eingerollten Enden, das glückbringende Haken- 
kreuz, in einer der Fadentechnik angemessenen Umgestaltung 
(Abb. 119). Es kehrt dreimal wieder und w^echselt dabei auf den 
beiden smaragdgrünen Exemplaren mit einem regellosen Schlangen- 
faden ab. Das farblose Exemplar zeigt das Triquetrum mit einer 
Mittelspirale und vier gelippten Blättern kombiniert. Dieser Becher 
unterscheidet sich übrigens von den anderen auch durch die 
abweichende P^orm des unteren Teiles des Körpers, der scharf 
abgesetzt ausladet und durch opakweiße Längsstreifen gegliedert 
ist. Ausnahmeformen sind die Nachbildungen des Visieres an 
den beiden Helmfläschchen durch geriefelte Fäden und der 
Augen durch konzentrische, einen Punkt umgebende Ringe, die 



451 



^t;s^- 




üblichen Würfelaugen. An dem Exemplare der ehemaligen 
Sammlung Disch sind die W^mgenpartien durch zwei an Beeren 
pickende Tauben geschmückt, deren Umrisse in flottem, phan- 
tastischem Linienzuge durch dünne Fäden wiedergegeben sind 
(Abb. 125). 

Alle diese Dekorationen haben das Gemeinsame, daß sie 
kein zusammenhängendes Muster bilden, sondern ein oder 
mehrere Motive getrennt neben- oder übereinander anordnen. 
Auch die einzelnen Motive geben kein in sich abgeschlossenes 
Ganzes, weil der Faden nicht in sich zurückkehrt, sondern 
frei endigt. Sie stellen, wenn man 
von den Anklängen an Schlangen- 
köpfe und -Körper, den Herzblatt- 
bildungen und der Ornamentik des 
Dischschen Helmgläschens absieht, 
keine Naturformen dar, sondern sind 
Schöpfungen freier Phantasie. Da- 
neben gibt es aber einige wenige 
Exemplare, deren Fadenverzierung 
fein stilisierte Blattmotive, Guirlan- 

den und Ranken nachbildet und technisch wie künstlerisch das 
Feinste und Vollkommenste ist, was die Glasindustrie auf diesem 
Gebiete nicht nur in der Antike, sondern im ganzen Verlaufe 
ihrer Entwickelung geleistet hat. 

Hier kommt zuerst ein Oenochoe des Musee du Cinquanten^iire 
in Brüssel in Betracht, die in einem Brandgrabe zu Cortil- 
Noirmond (Provinz Brab^mt) mit Scherben von Mosaikglas, Münzen 
des Marc Aurel und frühen Münzen des Antoninus Pius gefunden 
wurde, was auf die zw^eite Hälfte des IL Jahrhunderts hinweisen 
würde (Abb. 1 1 3). Das edel gestaltete, vollkommen intakte Känn- 
chen besteht aus farblosem Glase feinster Sorte, das durch Ver- 
witterung leicht milchig geworden ist, hat eine etwas nach oben 
gekehrte Schnabelmündung, einen schön geschwungenen Henkel 
mit Daumenplättchen und trägt an der unteren Seite der Fuß- 
platte eine leicht in Relief aufgelegte Marke in Gestalt einer 
Si)irale, die von einer Art Strahlenkranz umgeben ist. Die 
Marke, wahrscheinlich das Zeichen des Glaskünstlers, ist sonst 
unbekannt und sehr auffallend, da mit wenigen Ausnahmen (die 



Abb. 21 8. Fadenbandglas. Köln, 
ehem. Sammlung Merkens. 



452 

sidonischen Rt'lirfyläser, ihre i^Tiechisch-italischen Xachahmunti-en, 
der Zirkusbecher von Oedenburg, eüiche Kopfgläser u. a.) Gläser mit 
künstlerischer Verzierung in der Antike keinerlei Signatur tragen. 
Sie unterscheidet sich \'on den üblichen Marken dadurch, daß sie 
nicht in einer Form gearbeitet, sondern, wie die Dekoration selbst, 
aus aufgelegten Fäden gebildet ist. Auch das gibt ihr eine Aus- 
nahmestellung als Zeichen einer künstlerischen Einzelarbeit. Der 
Glasmacher war sich offenbar bewußt, etwas Außergewöhnliches 
geschaffen zu haben. Vielleicht war die Oenochoe das erste, 
vollkommen gelungene Werk dieser Art, das einen neuen 
zukunftsreichen Tvpus begründete. Die Vermutung Petruccis,^) 
daß die Marke auf eine orientalische Werkstatt schließen 
lasse, ist unbegründet, da ähnliche Arbeiten aus dem Oriente 
bis auf eine Ausnahme fehlen. Froehner führt nämlich eine 
Oenochoe mit Schlangenverzierung bei Cesnola, Cyprus pl. 3 
an,-) aber dieses Stück ist dort völlig vereinzelt und kann bei 
den vielfachen Handelsbeziehungen zwischen Gallien und dem 
Orient ebenso leicht dahin verschlagen worden sein, wie gleich- 
artige Gläser nach Ostia, deren Reste sich im Museum des 
Laterans befinden. Das Brüsseler Exemplar ist am Rande mit 
einem opakweißen Faden eingesäumt, eine ganz feine Spirale 
gleicher Farbe umschlingt die Mitte des Halses, ein etwas 
stärkerer Faden grenzt den Körper vom Fuß ab. Jener zeigt 
ein viermal wiederholtes Muster von je drei, im Winkel gegen- 
einander gekehrten gefiederten Blättern mit geraden, aus einem 
opakweiften Faden gebildeten Rippen und tief eingeschnittenen 
Zacken, deren Umrisse durch farblose, dicht gewellte Fäden an- 
gedeutet sind. Die einzelnen Blattgruppen sind durch opak 
azurblaue Wellenfäden getrennt, welche senkrecht von oben 
nach unten verlaufen. Das Muster, namentlich der Umriss der 
Blätter, ist mit peinlichster Sorgfalt und fast mathematischer Ge- 
nauigkeit durchgeführt und zeugt von einer ganz ungewöhnlichen 
Sicherheit in der Behandlung des Glasfadens. Die Ansätze sind 
kaum kenntlich, die Linien verkiufen in einem Zuge, von unten 
allmählich sich nach oben etwas verfeinernd. 



^) R. Pctrucci im Bulletin des Musees roy. de Bruxelles III (1904J No. 4. Mit 
Abbildung. 

2) Froehner S. 72 Note. T. 25, 105. 



453 

Es scheint, als ob dieselbe Hand die Umrisse der gefiederten 
Blätter gebildet habe, die sich ^luf einer großen plattbauchigen Kanne 
des Museums Wallraf-Richartz zu einer schönen Rosette vereinen^) 
(Tafel V 2, Abb. 1 20). Diese wurde in einem Grabe der Luxemburger 
.Straße in Köln gefunden und war leicht beschädigt, doch konnte 
sie ohne besondere Mühe wieder vollkommen hergestellt u^erden. 
Hals und Fuß zeigen die für diese Klasse von Gläsern charakte- 
ristischen Formen, die zierlich geschwungenen Henkel sitzen am 
oberen Teile des Körpers dicht neben dem Halse an und reichen 
bis unter die Trichtermündung. Die Kanne ist gleichfalls aus f^irblos 
durchsichtigem Glase hergestellt, 
ist ca. 28 cm hoch und zählt in 
ihrer größten Breite i 5 cm. Das 
aus opakweißen, azurblauen und 
vergoldeten Fäden gebildete 
Ornament ist auf beiden Seiten 
gleich. Die Mitte bezeichnet eine 
dichtgeschlossene Goldspirale, 

wie man sie auch auf dem Car- Abb 219. Gerippte Schale. Köln, Museum. 

chesium aus Krystallglas findet; 

von ihr gehen vier azurblaue Diagonalrippen mit äußerst zier- 
lichen Blattumrissen aus, die sich von denen des Brüsseler 
Kännchens nur durch die Größe und die Vergoldung unter- 
scheiden. Dazwischen sind halbkreisförmige Gehänge angebracht, 
die aus dicht zuseimmengepreßten Glasfäden gebildet und nicht 
etwa in Barbotine, in Aufguß, hergestellt sind, in der Mitte azurblau, 
dann weiß, an den Enden vergoldet. Die flatternden Schleifen 
und Schnüre, an welchen sie zu hängen scheinen, sind aus feinen 
w^eißen Fäden zierlich geschlungen. Weiß sind auch die dünnen 
Reifen, welche den Rand, Hals und Fuß der Kanne umziehen, 
von derselben Farbe der Zackenfaden, welcher am Rande der 
Henkel emporklimmt und oben zwei runde Maschen bildet; die 
Zacken sind in regelmäßigen Abständen mit der Zange ausge- 
zogen. Der ebenso gezackte Faden, der die kreisförmige Peri- 
pherie des Körpers umschreibt, ist azurblau. Dieses Stück stellt 




^) Vgl. meinen Bericht über Römische Ausgrabungen an der Luxemburger Straße in Köln, 
S. 32, T. II 5, und den zitierten Aufsatz über antike Gläser mit Fadenverzierung S. 145. 



Kisa. Das Glas im Altertume. II. 



30 



454 

die vollkommenste Probe von Fadenarbeit dar, welche uns die 
Antike hinterlassen hat. Die Eleg"anz und Sicherheit der Technik 
ist ebenso bewunderungswürdig wie das künstlerische Gefühl, 
das sich in kleinen Abweichungen von schematischer Regel- 
mäßigkeit und in der Farbenwahl äußert. Eine ganz außer- 
gewöhnliche Routint^ verrät sich in der Führung des Fadens, 
nicht zum mindesten in der Herstellung breiterer farbiger Flächen 
in den Gehängen durch dünne Fäden verschiedener Farbe und 
in den graziös geknüpften Schleifen. Der frühere Direktor der 
Rheinischen Glasfabrik in Ehrenfeld, Oskar Rauter, der zahl- 
reiche antike Gläser vortrefflich nachgebildet hat, erklärte die 
Kanne als einen wahren Triumph der Fadentechnik, verzichtete 
aber mit Bedauern auf ihre Nachahmung, da ihm keine Hilfe- 
kräfte zur Herstellung eines so komplizierten und schwierigen 
Schmuckes zur Verfügimg stünden. Er bezweifelte selbst, daß 
die ]\Iuraneser heute hierzu imstande wären. 

Bruchstücke einer zweiten, ganz gleichen Kanne kamen in 
einem benachbarten Grabe zum Vorschein, eine dritte, ziemlich 
gut erhaltene, mit ähnlicher \>rzierung, ist angeblich aus Krefeld 
in das South-Kensington-Museum gekommen, eine vierte, nur 
fragmentarisch erhalten und kleiner, wurde in Straßburg ge- 
funden und ist im Besitze der dortigen Altertümersammlung. 
Die Rosetten sind weiß und azurblau, den Rand der Mündung 
umgibt ein blauer Fadenring, die Peripherie ein Wellenfaden 
derselben Farbe. Goldfäden fehlen hier ganz. Wellenranken 
und herzförmige Blätter, im Umrisse durch farbige gerippte 
Fäden nachgebildet, finden sich auf einem Fußbecher der ehe- 
maligen vSammlung Disch im Provinzialmuseum in Bonn. 

Der Faden verläuft bei den Kannen mit Blattwerk und 
Rosetten völlig rund und in leichter A'erjüngung, ohne daß die 
Ansatzstelle durch eine tropfenartige oder gar schlangenkopf- 
artige Verdickung kenntlich gemacht würde. Auch Quer- oder 
Schrägrippen fehlen hier, während bei den früher genannten 
Schlangenfadengläsern . die Fäden an \-ielen Stellen plattgedrückt 
und mit solchen Rippen gemustert sind. Noch deutlicher ist 
die Musterung an den picardischen Gläsern ausgeprägt: auf dem 
Becher aus Sissy ist sie rautenförmig, auf dem aus Vermand 
wechseln glatte Schlangen mit rautenförmig gerieften, wurm- 



455 

arti,t,'-en Gebilden ab. Pilloy teilt mit, er habe beieinem Händler 
in Trier die Reste einer großen Kugelflasche mit .Schlangen 
gesehen, deren Schuppen durch eingepreßte Rauten angedeutet 
waren/) In die kopfartigen Verbreiterungen der Schlangenfäden 



des Regensburger Stamniums 
Tropfen eingesetzt. Bei den 
und azurblau vor, seltener 
ist die Zusammenstellung 
von weiß und goldgelb 
oder azurblau und gold- 
gelb. Bei der Rosetten- 
kanne des Kölner Muse- 
ums sind die Guirlanden 
mit lackrotem Glasflusse 
unterlegt, offenbar aus 
technischen Gründen, weil 
deren Herstellung lange 
Zeit brauchte und es nicht 
möglich war, das Gefäß so 
oft und so lange zu er- 
hitzen. Man griff daher zu 
dem Notbehelfe, gerade 
nur jene kleinen Stellen, 
die man eben bearbeitete, 
mit heißem und weichem 
Em^iilgrunde zu bedecken, 
dicht zusammengepreßt 



sind kleine runde 
farbigen Mustern 



Perlchen oder 
herrscht weiß 




Abb. 220. Nelzbecher aus Köln. Berlin, Museum. 



Luf welchen die Fäden der Guirlanden 
wurden. Der Lack bot dann auch eine 
kompakte Unterlage für die breiteren Formen. Man könnte das 
mit dem Verfahren des Freskomalers vergleichen, der auch nur 
gerade für jene Stellen der Wand frischen Mörtelbewurf \or- 
bereitet, welche er eben bemalen will. Die senkrechten Schlangen- 
windungen, welche die Muster trennen, eingestreute Ornamente, 
wie Brillenspirale, Triquetrum, bestehen ans Fäden, welche in 
heißem und weichem Zustande in Blattgold getaucht und dann 
erst aufgelegt sind. Da die Vergoldung nicht mit farblos-durch- 
sichtigem Glase überfangen ist, reibt sie sich leicht ab. 



lil'.oy IJI S. 14- 



4?6 

Die edlen Formen der Gefäße, die flotte Art der Dekoration, 
verbunden mit einer heiteren und glänzenden Farbenwirkunjr, 
welche die Vorzüge des farblos-durchsichtigen Glases mit denen 
des opakfarbigen, also zwei Entwickelungsstufen der Industrie, 
in einer bisher unbekannten, genialen Weise vereinte, machen 
die Schhmgenfadengläser zu einer der interessantesten Speziali- 
täten der antiken Glasindustrie. Über die Herkunft fast 
sämtlicher Arten der Fadenverzierung gab uns bisher die alt- 
ägyptische Glasmacherei genügende Aufklärung, sie kann auch 
in der Hauptsache die Frage nach dem Ursprünge der Schlangen- 
fadengläser beantworten: Ähnliche phantcistisch-regellose Win- 
dungen beschrieb der farbige Glasstift des alexandrinischen 
Künstlers, wenn er die bekannten Schmuckperlen mit aufliegen- 
den Mustern versah. Aber bei der Verzierung von Gefäßen 
mußte man sich doch, bei aller Freiheit und bei aller Unab- 
hängigkeit von der Ornamentik der großen Kunst an gewisse 
feststehende Ornamente anlehnen. ]\Ian fand sie in der dünnen, 
konturierten Wellenranke, die sich auf scyphusartigen zylind- 
rischen Näpfen aus Terra sigillata zeigt und von der frühen 
Kaiserzeit bis etwa zur Mitte des I. Jahrhunderts behauptete. 
Ein Bruchstück im Bonner Provinzialmuseum und ein Scvphus aus 
Asberg zeigen diese Ornamentik besonders deutlich^) (Abb. iii). 
Die Wandungen dieses Gefäßes sind mit einer feinen, in leichtem 
Relief vortretenden Wellenranke mit herzförmigem Blattwerke 
verziert, die ganz wie Tauschierarbeit in ]\Ietall aussieht. Lange 
geschweifte Stiele zweigen von dem einfachen Rankenzuge ab, 
begleiten ihn eine Strecke, so daß er verdoppelt und verdreifacht 
erscheint, biegen dann in starkem Schwünge ein und tragen 
ein herzförmiges Blatt mit eingerollten Ansätzen. Der Glas- 
macher bildete die Ranken und Herzblätter in seiner Weise 
mit dem Faden nach, indem er an die Stelle einer Volute einen 
großen Tropfen setzte, von ihm aus den Umriß des Blattes 
beschrieb und diesen dann wieder nach einer spitzen Umbiegung 
in den Stiel hinüberführte. Auf dem Sigillatanapfe sind die 
Blätter von langgeschwungenen Stielen mit Ähren oder Kolben, 
begleitet, die wie Schraubenwindungen aussehen. Dieses auch 



^) Bonner Jahrb. 96/97 Fig. 17 und T. X 



457 



sonst bei der Si^illat^i sehr beliebte Motiv kommt auf Schkmgen- 
g-läsern als kolbenartige Verdickung- eines Wellenfadens vor und 
ist gleichfalls schräge gestrichelt. Abgesehen von solchen Ab- 
plattungen und Verdickungen herrscht der Grundsatz der Umriß- 
zeichnung vor, im Gegensatze zur Barbotine, welche reliefartige, 
körperhche Flächen wiederzugeben sucht. Besonders deutlich 
wird dies durch die 
Taubendekoration an 
dem Dischschen Helm- 
glase gekennzeichnet. 

Diese schönen und 
von Sammlern hochge- 
schätzten Gläser gehör- 
ten bis vor zehn Jahren 
noch zu den größten 
Seltenheiten. Man zählte 
damals kaum mehr £ils 
zwei Dutzend gut er- 
haltene Stücke, bis die 
erneuten Ausgrabungen 
in der Luxemburger 
Straße in Köln in den 
Jahren 1898 und 1899 
die Zahl um mehr als 
die Hälfte erhöhten. Und 
zwar waren es durchweg 

vorzügliche Exemplare aus der besten Zeit, welche hier in Brand- 
gräbern vom letzten Drittel des IL Jahrhunderts verborgen lagen 
und den vSammlungen des Museums Wallraf-Richartz zugeführt 
wurden, dessen Bestand an antiken Gläsern bereits alle imderen 
Museen diesseits der xYlpen überflügelt hatte. Trotz dieses reichen 
Zuwachses ist der Handelswert dieser Gläser nicht zurückgegangen, 
sondern vielmehr gestiegen, weil die neuen Funde nicht in den 
Handel kamen und ihnen nur sehr wenige aus anderen Gegenden 
folgten. Daß wir es mit Erzeugnissen zu tun haben, welche in 
ihren besten Stücken im römischen Köln heimisch war, geht aus 
einer Übersicht der Fundorte von Schlangenf adengläsern hervor, 
soweit sich diese iius der archäologischen Literatur ergibt. 




Netzbecher aus Köln. 
Antiquarium. 



München, 



45« 

Von Kcilncr l-undtMi sind im Museum Wallraf-Richart/. und 
in den Prix atsammluniren ung-efähr \-ierzig Exemphire zurück- 
geblieben. Dazu kommen die nach auswärts durch den Handel 
zerstreuten: \'ier im Provinzialmuseum in Bonn, und zwar eine 
Flasche mit kuiggezogenem gelbem Zickzackfaden, ähnlich der 
unter Nr. 146 abgebildeten der Sammlung M. vom Rath, ein 
Scyphus mit Herzbkittmuster aus der Sammlung Disch^) und zwei 
kugelbauchige Fläschchen mit senkrechtlaufenden Schlangen- 
windungen und Mäandern, während bei einigen anderen P^xemp- 
laren der Kölner Ursprung wenigstens wahrscheinlich ist. Diese 
sind: Ein Schnabelkännchen im Museum \on Wiesbaden; ein zier- 
liches Fläschchen, mit gelben, weißen, blauen und goldenen Fäden 
im Paulus-Museum zu Worms ^); zwei im Germanischen Museum 
in Nürnberg; zwei mit der Sammlung Charvet in das Metropolitan- 
Museum in New-York verschlagene Exemplare, eine schöne Oeno- 
choe mit vSchlangenfäden in weiß und azurblau mit goldenem 
Mäander und eine Kugelflasche mit weißem und azurblauem 
Dekor. ^) Der Kölnische Ursprung ist wohl auch bei der ehemals 
in der Sammlung Houben in Xanten befindhchen Kanne und 
zwei Stücken der Sammlung Slade im Britischen Museum, die an- 
geblich aus Krefeld stammen, anzunehmen.^) Ebenso ist bei der 
Rosettenkanne des South-Kensington-Museums, die gleichfalls in 
Krefeld erworben sein soll und bei der des Altertümermuseums 
in Straßburg Import aus Köln wahrscheinlich. 

Aus der Umgebung von Bonn stammen einige andere Stücke 
des dortigen Provinzialmuseums, darunter ein Fläschchen mit 
gelben Schlangenfäden, das in eine größere, leider zerbrochene 
Kanne eingefügt ist. Einzelne Stücke sind durch Münzen des 
Septimius vSeverus und der Julia Domna datiert. Zu ihnen kommt 
eine schöne Oenochoe mit blauem P'adenschmuck aus einem 
Skelettgrabe von Gelsdorf bei Meckenheim, das eine ungewöhnlich 
reiche Ausbeute an Gläsern lieferte. Man fand mit ihr außer einer 
gebrochenen Trulla und Bruchstücken anderer Schlangenfaden- 
gläser eine große Kanne mit Netzwerk und Kettenhenkel, zwei 



*) Abgeb. Bonner Jahrb. "i, T. VI 1388. 

2) Westdeutsche Zeitschr. Museogr. I\ S. 295. 

") Frochner T. 27, 108, T. 25, 105 S. 72. 

*) Fiedler, Houbens Antiquarium T. 38, 5. Nesbitt vS. 42, No. 226, 257. 



459 

große birnförmige Flaschen mit kegelförmig eingestochenem 
Boden, zwei Merkurflaschen, darunter eine mit der Relieffigur 
eines Genius am Boden und den Buchstaben G F H I in dessen 
Ecken, sowie das Stück einer Schale aus Krystallglas mit linsen- 
förmigem Fassettenschhff, also Gläser, die auf die zweite Hälfte 
des III. Jahrhunderts als Zeit der Bestattung hinweisen/) 

Die übrigen Fundstücke auf deutschem Boden sind schwer- 
fällige Nachahmungen aus späterer Zeit. Eine birnförmige Flasche 
des Paulus-Museums in Worms aus dem nahen Grabfelde von 
Mariamünster zeigt am Halse einen farblosen vSpiralfaden und am 
Körper gleichfalls farblose phantastische Schlangenwindungen, 
mit ungeschickter Benützung der älteren Kölner Muster. Die 
in Regensburg beim Bau der Staatsbahn gefundene Kanne 
(Abb. 128 c) verrät schon durch ihre Form, daß sie erst im IV. Jahr- 
hundert entstanden ist. Der opakweiße Schlangenfaden bewegt 
sich in rohem Zickzack und beginnt mit grotesken, unförmlichen 
Tropfen, in welchen man bei gutem Willen tierkopfartige Bil- 
dungen erblicken kann. Sie sind, wie bereits bemerkt, mit 
runden Knöpfchen besetzt; wo der Faden etwas dünner wird, 
bekommt der Zug etwas leicht Gewelltes. Das W förmige Muster 
kehrt mit ganz oberflächhcher Ähnhchkeit auf der anderen Seite 
der Kanne wieder, wobei zwei schräge Schkmgenhnien die 
Trennung bilden. Derselben Zeit gehört ein großer schlauch- 
förmiger Becher des Provinzialmuseums in Bonn an, der mit 
senkrecht herablaufenden gerippten Streifen und Schlangenfäden 
in derselben Richlung besetzt ist; erstere farblos, letztere dunkel- 
grün (x\bb. 127). Jünger ist ein Becher des Museums von Wies- 
baden, welcher in der Dotzheimer Straße daselbst in der Nähe 
eines römischen Sarkophages zum Vorscheine kam. Er zeigt alle 
Merkmale der Dekadenz. Unter dem Rande des grünhchen 
Glaskörpers ist ein dichter Spiralfaden herumgewickelt, die übrige 
Fläche nimmt in viermaliger Wiederholung ein willkürliches 
Muster von Wellenranken von der unter 3 geschilderten Art 
ein, das iiuf kurzen, senkrechten Stielen von der Fußplatte aut- 
steigt. Die Farben der Fäden sind die in der Spätzeit des 
IV. und im V. übHchen, goldbraun und violettrot. Zu diesen 



') Bonner Jahrb. 33 S. 229 T. 3, i. 



400 

Arbeiten sind noch einige fränkische Canthari mit einem ver- 
worrenen, netzartigen Belage zu rechnen, der in seinem Un- 
geschicke fast kindisch wirkt, wie z. ß. die Sch£de aus Oestrich 
im Rheingau im ]\Iuseum von Mainz und ein Cantharus aus 
Kreuznach daselbst.-^) 

Außerhalb der Rheingegenden hat die nördliche (nillia 
Belgica verhältnismäßig die meisten Funde geliefert. Das älteste 
und schönste Exemplar ist die oben beschriebene Kanne des 
Musee du Cinquantenaire in Brüssel, der sich einige Bruchstücke 
farbiger Schlangenfadengläser aus einem Grabe \ on Tirlemont 
im Besitze der archäologischen Gesellschaft in Brüssel anschließen. 
Sie wurden zugleich mit Spielsteinen aus weißen und schwarzen 
Glaspasten gefunden."') In das 11. Jahrhundert gehören noch 
einige Gläser des ^Museums von Xamur, ein Scyphus mit wage- 
recht angesetztem Griif aus grünlich durchsichtigem Glase, be- 
deckt mit dicken, welligen Zickzackfäden gleicher Farbe, die mit 
großen Tropfen beginnen und aneinander anschließen (Abb. 128b.), 
aus einem Grabe des H. Jahrhunderts zu Hauret, dann ein eirunder 
Becher mit einem Fuße aus gleichem jNlaterial, gleichfalls mit 
dicken Schlangenfäden derselben Farbe, die sich von oben nach 
unten ziehen und nicht miteinander verbunden sind, aus dem- 
selben Grabe (Abb. i28d). Ein drittes Exemplar daselbst, ein 
Kugelbecher mit steilem Schrägrande, aus einem der vornehmsten 
Frankengräber von Furfooz, zeigt bereits dieselben Alerkmale der 
Barbarisierung wie die Canthari von ]Mainz. Er ist grünlich 
durchsichtig, unter dem Rande mit einem Zickzackbande, am 
übrigen Teile des Körpers mit phantastischen Schlangen- und 
Zickzackwindungen bedeckt, die aus großen plattgedrückten 
Tropfen entspringen. Die Farbe der Fäden ist abwechselnd 
smaragdgrün und goldbraun (Abb. 128a). 

Eine Reihe von Schlangengläsern aus Gallia Belgica und 
benachbarten Gegenden schließt sich in der Verzierung eng an 
die Kölner Gläser an. Es sind nur sechs. Sie stammen aus 
Gräbern von Dieppe, Cany,'^) Rethel, aus dem Departement 



^) Lindenschmit in d. Altertümern u. h. Vorzeit I Heft il, T. VII 7. 
-) O. Almgreen, Studien über nordeuropäische Fibelformen S. I02 Note. 
''j Das Glas von Dieppe veröffentlichte Cochet in La Normandie souterraine 
pl. III 119; das von Cany ibd. pl. I 45. Das Glas aus Rethel ist bei Liebbe Cime- 



401 

Alarne (im Museum von St. Germainj, aus der \"rlla d'Ancy (in 
der Sammlung- Caranda^)) und aus Longiinraies bei .Soissons. 
Letzteres, ein fußloser zylindrischer Becher der Sammlung Bou- 
langer in Peronne, besteht aus farblos durchsichtigem Glase, das 
Iris angesetzt hat und ist am Rande mit einem blauen Spiralfaden, 
darunter mit abwechselnd blauen und weißen, gerippten Schlangen- 




Abb. 222. Netzbecher von Hohensülzen. Bonn, Provinzialmuseum. 



fäden geschmückt.-) Hierzu kommt das von Deville pl. ^J ver- 
öifentlichte Exemplar. Das Grabfeld xon Vermand in der Picar- 
die, das dem IV. Jahrhundert angehört, lieferte eine Kugelflasche 
aus grünlichem Glase von sehr reicher Dekoration (Abb. I29d). 
Um die jSIitte des Halses, dessen Mündung abgebrochen ist, 
schlingen sich zwei radiär geriefelte Kragen, deren Bänder durch 
einen schwarzen Zickzackfaden verbunden sind, so daß man durch 
diesen wie durch ein Gitter den Hals erblickt. An dem Körper 



tiere gallo-romaine de Senil pres Ketliel (Ardennes) l'aris, Lcroux iSi)9 abgebildet. 
Es ist ein Kelchglas von 20 cm Höhe mit vier Schlangenwindungen in azurblau, 
gelb und grün, dazwischen Mäander. 

^) Album Caranda, nouvelle Serie pl. 68. Deville a. a. O. pl. 37. 

^) Boulanger a. a. O. Zu pl. 13. 



462 

schlängeln sich acht dicke Fäden, abwechselnd schwarz und farblos 
empor, welche mit ihren verdickten Anfängen tatsächhch die 
AVindungen von Schlangenkörpern ziemlich naturalistisch treu 
nachahmen. An die Halskragen schließen sich zwei geknickte 
flache Henkel; der Fuß besteht aus einer runden Platte, über 
welcher eine kleinere geriefelte aufliegt.^) Ebenso deutlich ist 
die Schlangenform bei der Fadenverzierung eines schlanken, 
am Rande etwas ausgeschweiften F^ußbechers derselben Her- 
kunft von 19 cm Höhe und 8 cm größter Breite am Rande, der 
gleichfalls aus grünlich durchsichtigem Glase besteht und auf 
einer von zwei Reifen begrenzten Fußplatte ruht (Abb. 129c). 
Dicht unter dem Rande beginnen vier dicke, leicht geschlängelte 
und durch Kreuzrippen rautenförmig gemusterte Fäden, die 
sich bis zum Fuße hinabziehen und Blutegeln oder Würmern 
gleichen. Zwischen ihnen winden sich, wie auf der Kugelflasche, 
Schlangen mit verdickten Köpfen bis zum Rande empor. Feider 
ist dieses interessante Glas im Handel nach Paris ^•erschlag■en 
worden.-) 

Dem IV. Jahrhundert gehört auch die Kanne aus Boulogne 
im dortigen Museum an, deren Mitte durch ein von Reifen um- 
schlossenes Zickzackband bezeichnet wird: zu diesem steigen am 
unteren Teile des Gefäßes vSchlangenwindungen empor, abwech- 
selnd goldbraun und farblos (Abb. 1 30). Gleichen Alters sind zwei 
Becher der Sammlung Boulanger, welche in Form und Material 
mit dem von Pilloy veröffentlichten Exemplar aus Vermand überein- 
stimmen. Der eine ist farblos durchsichtig, sehr schlank gebildet 
und mit vier Schlangen verziert, welche sich zum Rande des Bechers 
emporzuwinden scheinen, g-leichfalls abwechselnd braun und fa.rblos 
(Abb. 129a). Der Naturalismus des Glaskünstlers ging hier soweit, 
daß er die Schlangenkörper nicht allmähhch von oben nach unten 
anschwellen ließ, sondern sie hinter dem Kopfe verjüngte, um sie 
in dem oberen folgenden Teile dicker werden zu lassen. Sie 
laufen unten in ganz dünne Fäden aus, welche sich sogar um 
den Rand der Fußplatte rollen. Die in starker Plastik vortreten- 
den Glasfäden sind durch ein eingepreßtes Rautenmuster, das 



1) Pilloy a. a. O. II. S. 143, 145. T. 7 bis i. 

2) ibd. II. S. 145. T. 7 bis 8. 



463 

die Schuppen der Schkmgen imitiert, gegliedert. Es kommt in 
der fränkischen Keramik bei den durch Rädchen eingedrückten 
Bandreifen fast in gleicher Gestalt häufig vor. Zwischen den 
Schlangenwindungen ziehen sich dünnere, nur leicht geschlängelte 
Stiele empor, die in kolbenartige, gleichfalls rautenförmig ge- 
musterte Verdickungen ausgehen. Auch bei ihnen wechselt Farb- 
losigkeit mit brauner Farbe.^) Der Fundort ist Sissy (Aisne). 
Etwas gedrungener ist der zweite Becher, der gleichfalls in 
Sissy gefunden wurde und aus grünlich durchsichtigem Glase 
besteht (Abb. 129b). Dicht unter dem Rande beginnen mit einem 
formlosen, großen Tropfen runde, ungemusterte Fäden, die sich 
zweimal rundlich umwenden und so drei parallele Linienzüge be- 
schreiben. Je drei dieser dreifachen Fäden sind dunkelgrün, je drei 
braun. Von naturalistischer Nachbildung von Schlangenkörpern 
kimn hier keine Rede sein"). Dennoch glaubt Boulanger auch 
hier Schlangen zu sehen, welche zum Rande des Bechers empor- 
klimmen und zitiert eine Stelle bei Deville, wonach der Gebrauch 
solcher mit Schlangen verzierter Gläser seit dem IL Jahrhundert 
in der ^mtiken AVeit häufig gewesen sei. Clemens von Alexan- 
drien, der Kirchenlehrer, ein heftiger Feind alles Luxus, will den 
Händen des Zechers einen mit vSchlangen bedeckten Becher ent- 
reißen, dessen sich dieser nicht bedienen konnte, ohne mit seinen 
Lippen die Köpfe der Reptilien zu berühren, und ihm die Worte 
des Dichters zurufen: „Schlangen auf deinem Becher! Du glaubst 
Wein zu trinken und trinkst Gift!" 

Caelatus tibi cum sit, Ammiane 

Serpens in patera Myronis arte 

Vaticana bibis, bibis vencMium. 

Marlial VI. 92. 

Der Dichter spricht aber nicht von einem Glase, sondern 
von einem Becher, der in der Art des berühmten Erzgießers 
Myron ziseliert war, oder vielmehr von der Nachahmung eines 
solchen metallenen Bechers in Ton, denn jxitera \"aticana bedeutet 
einen am Vatikan hergestellten Becher. 1 )ort aber hatten die 
Töpfer ihre Quartiere; Vaticana wurden darnach Tongefäße 
schlechtweg genannt. 

^) Boulanger pl. 13, i. Einen ganz ähnlichen Hcchcr bildet Deville T. 37 ab. 
•') ibd. pl. 13, 3. 



464 

Die Dtnituns^' Murtials, die sich der Kirchenlehrt^r anrij^-net. 
steht im \Vider.s])ruche zu der ii])hcheti \\)rst('nunj^ von den 
Schhing"en. Diese i^'alten in (h^r .Vntike nicht als bösartig'e 
Dämonen, als Sinnbilder d(»r Sünde und des 'J\'ufels, wie sie 
nach biblischen Vorstellunj:)fen, der Erzählung- von der Schlange 
im Paradiese, der ehernen Schlange der Juden u. a. in das 
Christentum übergegiingen sind, sondern im (jegenteile als harm- 
lose, ja nützHche Geschöpfe. Wie die Burgschlange auf der 
Akropolis, so wurdiMi auch in anderen Tem])eln Schlangen ge- 
züchtet. Das Haus, in welchem sich eine Schlange aufhielt, 
galt als ein von Glück gesegnetes; die Römer hielten sich 
zahme Hausschlangen und glaubten, daß die Wohnungen, in 
welchen Schlangenpaare hausten, unter dem besonderen Schutze 
der Götter stünden. Ehepaare ließen als -Sinnbilder glückhcher 
Ehe zwei Schlangen, die sich um eine Palme winden, an den 
Schmalseiten ihrer Grabsteine anbringen. Auch am Rheine sind 
solche Stelen häufig, im Museum Wallraf-Richartz sind deren 
mehrere zu sehen, z. B. der große Grabstein des M. Valerius 
Celerinus, Veteranen der X. Legion und seiner Gattin Marcia 
Procula^) (Abb. 14). Auf griechischen Grabreliefs, welche die 
Familie um den Tisch des Hauses vereint zeigen, ringelt sich die 
Schlange neben diesem empor, auf einem Relief des Berliner 
Museums schlingt sie sich um den auf dem Speiselager ruhenden 
Pater familias und wird von dessen Gattin geliebkost (Kat.-No. 829). 
Auf anderen Reliefs, die den heroisierten Toten zu Pferde darstel- 
len, steht die von der Schlange umzingelte Palme in einer Ecke 
und vor ihr der Opferaltar, den manchmal die Schlange gleichfalls 
umschlingt. In diesen Fällen ist der Genius des Hauses, bezw. 
der des Verstorbenen durch das Reptil symbolisiert. Auch in 
Italien blieb, lange nachdem für die Darstellung des Genius die 
menschhche Gestalt umgenommen war — die eines Jünglings in 
kurzer Tunica mit einem Füllhorn in den Händen und hochge- 
schnürten Sandalen an den Füßen — im \"olke das Bild der 
Schlange das gew^öhnliche für die Vorstellung der Genien. Als 



^) Führer d. d. städt. INIuseum Wallraf-Richartz S. 21, No. 86. Vgl. auch meinen 
Aufsatz Neue Inschriften, Westd. Z., Korrespondenzblatt 1S96, mit Angaben über den 
antiken Schlangenkultus. Über diesen auch Preller, Griech. Mythologie S. 87. Die 
Schmalseiten mit den Schlangen sind auf der Abbildung nicht sichtbar. 



465 



woltätiges Wesen erscheint sie ja auch an dem Stabe des Aesku- 
lap und, was für unseren Fall das Entscheidende ist, als heiliges 
Tier der Hygieia, der Göttin der Gesundheit, aus deren Schale 
sie trinkt. Demnach wollte man durch die Anbringung von 
Schlangen ^mf Trinkgefäßen nicht etwa deren Inhalt für g"iftig,. 
unheilbringend erklären, sondern im Gegenteile als heilkräftiges,, 
von den Göttern geschütztes Ge- 
tränk. Nach den früheren Bemerkun- 
gen ist es auch zu erklären, daß 
man in Rom auf die Mauern von 
Tempeln und anderen Heiligtümern 
zwei Schlangen aufmalte, um da- 
durch das Gebäude vor A^erunrei- 
nigung und anderen Freveln zu 
schützen. Der Abbe Baudry zitiert 
die Verse des Persius: 

Pingue duos angues, pueri, 
sacer est locus extra 

Megito . . . 

Sat. I 13. 

und fügt hinzu: „Wenn zwei auf 
eine Mauer gemalte Schlangen den 
Gassenjungen Roms verkündigten, 
daß das Gebäude geheiligt sei, so 
war dieses Tier ^luch bei den 
Galliern von symbolischer Bedeu- 
tung, denn es kommt auf ihren Münzen vor. Lange nach der 
Einführung des Christentumes noch besangen gallische Dichter 
die in Grotten und Höhlen havisenden Schlangen." 

Aber nicht nur auf Münzen der (rallier erscheint die 
Schkmge, sondern aucli als Attribut einer unbekannten Heils- 
göttin des gallisch-germ^mischen Kultus, von der eine Kalkstein- 
statue im Kölner Museum steht. Ihre Kennzeichen sind ein 
Fruchtkorb und eine Schlange, den Fuß setzt sie auf (Muen Stier- 
kojif Den Fruchtkorl) hat sie mit den Matronen und der Ne- 
halennia gemein. Die Schlange dmitet auf di(> griechisch- 
römischen Heilsgottheiten. ^) Pilloy erwähnt auch eine in den 




Abb. 223. Xetzhccher aus Daruvar. 
Wien, kunsthist. Ilofmuseum. 



^) Führer d. d. Museum W. R., S. 19, No. 241. 



466 

Brunnen von Bernard in der \^endee ^'efundene 'ron])latte, welche 
in R(4it>f ein defäli zei^l, an dessen K.md zwei Schlanjren 
em}X)rklimnien, unij^-eben \on einem Rahmen aus Würfelaugen. 
Er macht dann auch auf die WurmbikU^r aufmerksam, welche 
in dt^r fränkiselicMi Ornamentik eine so g^roße Rolle spielen und 
sucht si(- mit dem i^allischen Schlantrenkult in Verbindunjr zu 
bring'en. ^) 

So g-ewiß es ist, daß es in der Antike Gefäße, spez. 
Trinkgefäße gab, auf welchen Schlangen dargestellt waren, so 
gewiß ist es auch, daß bei den Fadengläsern die Darstellung 
von solchen, wenigstens in der guten Zeit, dem IL und 111. Jahr- 
hunderte, durchaus nicht be^ibsichtigt war. Der Glasmacher 
wollte vielmehr die altägyptischen Wellen- und Zickzackmuster 
nachahmen und ging dabei mit Zunahme der technischen 
Virtuosität von den geometrisch gebundenen zu immer freieren 
und phantastischeren Bildungen über. Je korrekter und strenger 
einerseits die Arbeit an den Rosettenkannen und ähnlichen 
Stücken wurde, desto mehr sagte er sich andererseits gleich- 
zeitig bei jenen Fadengläsern, die keinem feststehenden 
Ornamentierungsprinzipe folgen und nach modernen Begriffen 
stillos waren, von allen traditionellen und naturalistischen Formen 
los. Erst später, als die Abnahme der technischen Fertigkeit 
zu einer Zügelung der Phantasie nötigte, wurden die Verschling- 
ungen vereinfacht und auf gleichmäßigere Wellenzüge beschränkt, 
die den Bewegungen des Schlangenkörpers ähnlich waren. Im 
IV. Jahrhundert führte dies zu einer bewußten naturalistischen 
Ausgestaltung des Glasfadens, wobei man sich die Reptilien als 
auf der Becherwand zum Bande emporklimmend dachte, in der 
Absicht, selbst von dem Tranke zu nippen. 

Außerhalb des Rheinlandes und Galliens sind die Schlangen- 
gläser fast unbekannt, selbst am Rheine fehlen sie an zwei so 
bedeutenden Zentren der Glasindustrie, wie Trier und Mainz. Die 
vorher erwähnten Gläser aus der Umgebung von Mainz haben 
ja mit den schönen Arbeiten von Köln nur noch wenig gemein. 
Von Köln aus dürften mit den Netz- und Kettenhenkelbechern, 
sowie anderen noch zu erwähnenden Sorten, auch Schlangen- 



1) PiUoy a. III. S. 146. 



46/ 

g-läser nach Italien importiert worden sein. Die Scherben von 
farblosen Kännchen mit phantastisch geschlungenen Fäden in 
azurblauer und opakweißer Farbe, mit einzelnen vergoldeten da- 
zwischen, die ich im Museum des Laterans in Rom fand, stimmen 
vollkommen mit den Kölner Gläsern überein. Sie wurden bei 
den Ausgrabungen in Ostia, Roms Hafenstadt, gefunden, wo die 
aus Massilia kommenden Schiffe anlegten. Ein Kännchen nach 
Kölner Art ist, wie bereits erwähnt, auch in Cypern aufgetaucht, 
das einzige Exemplar, das unseres Wissens den Weg nach dem 
Osten gefunden hatte. Zahlreicher führte sie der Handel nach dem 
Norden. Sophus Müller teilt mit, daß in Dänemark einer der 
schmalen Becher mit Fuß, eine Plemochoe, und kleine vasenför- 
mige Gefäße aus grünhchem Glase mit weißen und blauen Glas- 
fäden in gewundenen Mustern gefunden wurden, wie sie aus 
Gallien und vom Rheine her bekannt sind. Aus einem Grabe in 
Nordrup stammen zwei schlanke Kegelbecher mit opakweißen 
und azurblauen Schlangenfäden, welche ganz in der Kölner Art 
gearbeitet sind.-^) Da sich unter den skandinavischen Funden 
mehrere gläserne Trinkhörner, eine Besonderheit rheinischer 
Werkstätten befinden, können wir annehmen, daß auch die 
Schlangengläser, wie die antiken Gläser überhaupt, mit x\usnahme 
der zumeist aus Ägypten importierten Schmuckperlen, aus Köln 
dahin gekommen sind, das ja von Ende des II. Jahrhunderts ab 
den wichtigsten Stapelplatz für den Handel der westlichen Reichs- 
hälfte mit dem germanischen Norden bildete.') 

Wie bei den meisten kunstgewerblichen Erscheinungen, 
müssen wir auch bei den Schlangenfadengläsern ein vorbereitendes 
Stadium der Entwickelung, Blüte und allmählichen Niedergang, 
selbständige Schöpfungen und mehr oder weniger geschickte 
Nachahmungen unterscheiden. Am Anfange stehen die lang- 
gezogenen, weitschweifigen Zickzackfäden, wie sie sich an der 
Flasche der Sammlung M. vom Rath (Abb. 146) und der des Bonner 
Provinzialmuseums finden. Die noch ziemlich ung-eschickte Art 



^) Vgl. Abschnitt XI mit Abbildungen der genannten Gläser. Ferner Xordiske 
Fortitsminder I T. II 2 S. 15 und T. IX; Memoires de la societe des antiquaircs du 
Nord, 72/77 S. 225 Fig. 16. 

^) Siehe III. Abschnitt Der antike Glasschmuck, S. 117 und IV, Abschnitt, Die 
Verpflanzung der Glasindustrie nach Griechenland, Rom und die Provinzen, S. 220. 



468 

der Zeichnung heit große AhnliclikcMt mit der Verzierung (Hnes 
Tonbechers aus Andernach im P)()nner Proxinziahnuscum, welche 
in Barbotine aufgetragen und rot g(4~ärbt ist:') solche Arbeiten 
werden in die Zeit d(»r tla\ischen Kaiser \-ersetzt, können aber 
wohl noch in das 11. Jahrhundert hinabgehen. An der Wende 
des I. und IL Jahrhunderts treten die Scyphi aus Terra sigillata 
mit senkrechten Wandungen auf, welche im Vereine mit getrie- 
benen Bronzegefäßen und den sidonischen Reliefbechern die in 
Hohlformen geblasenen Siegesbecher der Normandie mit Zirkus- 
szenen hervorgerufen haben. Das konturierte Ornament dieser 
Sigillaten mit seinen Wellenranken und Lotusblättern wurde im 
Anfange des IL Jahrhunderts in L^adentechnik auf Glasbechern 
nachgebildet.^) Diesem an den klassischen Ornamentstil ange- 
schlossenem Entwickelungsstadium folgte unmittelbar aus dem- 
selben Geiste heraus die Gruppe der Rosettenkannen und der 
mit stilisierten gefiederten Blättern, die durch Münzfunde auf 
das letzte Drittel des IL Jahrhunderts fixiert ist. Eine klas- 
sische Dekoration anderer Art tritt uns auf einem eiförmigen 
Becher des Louvre entgegen, welcher aus der Sammlung Cam- 
pana stammt und beweist, daß die Technik des aufgelegten 
Fadens auch in italischen Werkstätten gepflegt wurde (Abb. 1 1 2). 
Das schöne Stück, das noch völlig den alexandrinischen Typus 
der frühen Kaiserzeit trägt, besteht aus feinem, farblos -durch- 
sichtigem Glase und ist mit einem edel gezeichneten Weinranken- 
Gehänge aus azurblauer Barbotine geschmückt. Kleine rad- 
förmige Rosetten dienen zur Befestigung elyptischer Schnüre, 
von welchen die Blätter und Trauben sich ablösen. Unter dem 
Rande läuft ein feines Strichelband herum, unter den Gehängen 
kleine Voluten und Palmetten, gleichfalls aus azurblauen Fäden 
aufgesetzt.'^) 



^) C. Konen, Gefiißkunde der vorrömischen, römischen und fränkischen Zeit. 
T. XI, 14. 

-) Andererseits fand im III. Jahrh. die Keramik in den Schlangengläsern neue 
Dekorationsmotive. Eine Kanne des Museums W. R. in Köln und andere Gefäße 
in blaßroter Sigillata sind mit Rankenwerk in feinen weißen Linien verziert, welche 
deutlich die Nachahmung des Glasfadens zeigen. (Vgl. Poppelreuter, Bonner Jahrb. 
II 4/1 15 S. 355 Fig. 3 b). Dieselben Motive findet man bei gravierten Gläsern, wie 
dem Amorenbecher des Bonner Museums aus Köln (Abb. 252), 

3) Deville S. 28 T. 22. 



469 



Wir haben gesehen, daß eine auffallende Übereinstimmung in 
den Einzelheiten die Vermutung nahelegt, daß sowohl die Brüsseler 
Oenochoe wie die Rosettenkannen von Köln, vStraßburg und 
Krefeld derselben Werkstatt entstammen. Die unübertreffliche 
Vollendung dieser Arbeiten, welche sie als die hervorragendsten 
Leistungen der Glasfadentechnik aller Zeiten erscheinen läßt, 
führte die ihres Könnens bewußten Meister dazu, allem Her- 
kommen entgegen, den Glasfaden zu dem kapriziösesten und 
freiesten Spiele der Phantasie auszu- 
nützen, mit den technischen .Schwierig- 
keiten spielend, sie geradezu heraus- 
fordernd, jene Gruppe der eigentlichen 
Schlangenfadengläser zu schaffen, deren 
charakteristischer Schmuck sich sonst 
auf keinem anderen kunstgewerblichen 
Gebiete findet. Der Faden, der hier 
verwendet ist, gleicht in Form und Farbe 
vollkommen dem der Rosettenkannen, 
auch die Gestalt der Gefäße ist bis in 
alle Einzelheiten dieselbe so daß wir 
dieselbe Werkstatt für beide Arten an- 
nehmen müssen. Die überwiegende An- 
zahl der Funde verweist auf das Stadt- 
gebiet von Köln. Auch hier läßt sich 
unter den überallhin, zumeist aber in 
der Nachbarprovinz Belgica zerstreuten 

Stücken eine ganz gleichartige Gruppe deutlich ausscheiden, die 
sich durch die edle, an Formen der griechischen Keramik an- 
schheßende Gestalt der Gefäße, das feine, farblos durchsichtige 
Material, elegante Zeichnung der Dekoration und schöne Färbung 
des gleichmäßigen, dünnen, leicht gerippten F^ldens auszeichnet. 
An der ITauptquelle, dem ausgedehnten Grabfelde der Luxem- 
burger Straße in Köln, sind die Funde durch Münzen von 
Hadrian bis Septimius Severus datiert und die übrigen Beigaben 
von Tongefäßen, Lampen, Sigilkiten tragen dazu bei, die ]Münz- 
bestimmungen zu sichern. Auch vor Hadrian sind Schlangen- 
fadengläser gefunden, doch mit einfacheren Verzierungen und 
in der Regel einfarbigen oder farblosen. Andererseits kommen 




Abb. 224. Netzbecher. Mailand, 
Marchcse Trivulzio. 



Kisa, Das Gl; 



Altertume. II. 



31 



470 

Exemplare der besteji und reichsten Art, die genau mit denen 
aus der Zeit Iladrians übereinstimmen, noch im III. Jahrhundert 
vor, namenthch außerhalb Kölns. Die schöne Oenochoe und die 
Trulla aus Gelsdorf z. B. tauchte in einem Skelettgrabe vom 
Ende des III. Jahrhunderts auf, während in Köln zumeist Rrand- 
gräber solche Schätze bergen. 

Aus einer anderen Werkstatt sind die Schlangengläser des 
Museums von Namur hervorgegangen, welche im IL Jahrhundert 
zwar nach Kölnischen Vorbildern, aber mit einem minderwertigen 
grünlichen Material, weit einfacheren Mustern und einem gleich- 
falls grünlichen, dicken und schwerfälligen Faden arbeitete, somit 
auf farbige Wirkung verzichtete. Während sich also im Norden 
von Belgica bald eine Werkstatt auftat. welche Schlangengläser 
zwar nach Kölner Muster, aber sonst durchaus selbständig her- 
stellte, begnügte sich das Rheinland lange mit dem Bezüge 
aus der Kölner Zentrale. Die dortige Werkstatt dürfte aber wohl 
kaum zwei Jahrhunderte dieselben Typen hergestellt haben. Wahr- 
scheinlicher ist es, daß die in Gräbern des III. Jahrhunderts vorkom- 
menden farbigen Schlangenfadengläser in der Art der Oenochoe 
von Gelsdorf Arbeiten vom Ende des IL Jahrhunderts und vom 
Anfange des folgenden sind, und bereits „Altertümer" waren, als 
sie dem Schöße der Erde anvertraut wurden. Wie man im 
IV. Jahrhundert arbeitete, ersieht man aus der Wormser Flasche, 
der Kanne von Regensburg, den Gläsern von Vermand und Sissy. 
Am Rheine behielt man die Kölner Tradition bei, vereinfachte 
und vergröberte sie nur, der geringeren technischen Geschick- 
lichkeit entsprechend. In der Picardie wurde der Pfaden zwar 
auch schwerfälliger, das Muster bescheidener, aber es bildete 
sich ein neues künstlerisches Motiv heraus, indem man aus 
Wellen und Zickzack wirklich Schlangen machte. Zu Ende des 
IV. Jahrhundert kam, wie die Gläser von Wiesbaden, ]\Iainz 
und auch Köln selbst einerseits, die späten Arbeiten in Xamur 
und bei Boulanger andererseits lehren, wieder ein gemeinsamer 
Grundzug in die Produktion, indem man die ^Muster abermals 
mit phantastischem Reichtume überlud, aber auch derber und 
schwerfälliger machte und die früheren heiteren, glänzenden 
Farben durch die dem Verfalle der antiken Glasindustrie eigen- 
tümlichen braunen, grünen und schwarzen ersetzte. 



4/1 

Ein Kölner Glaskünstler war es, der seine Geschicklichkeit 
in der Handhabung des Fadens dazu benützte, ein Gefäß, anstatt 
es zu gravieren, dadurch mit einer Inschrift zu versehen, daß er 
Buchstaben mit Glasfäden auflegte. Das Museum Wallraf-Richartz 
erwarb vor wenigen Jahren ein Bruchstück feinen, völlig farb- 
losen und durchsichtigen Krystallglases, das anscheinend von 
dem ob(*r(Mi, kugelig gerundeten Teile einer Flasche oder Kanne 
herrührt und noch den Ansatz des Halses zeigt (Abb. 133). Dieser 
ist mit dem Reste einer Blattänie verziert, einem in leichter 
.Schräge verlaufenden dünnen Faden, farblos wie die ganze Auf- 
lage und die Scherbe selbst, an welchem beiderseits feine Wellen- 
linien die Umrisse der Blätter bezeichnen, ähnHch den gefie- 
derten Blättern der Brüsseler Oenochoe und der Rosetten- 
k^mnen. Darunter läuft ein längerer Streifen eines Ilorizontal- 
bandes, das aus zwei sich kreuzenden Wellenfäden hergestellt 
ist. Dicht unter ihm ist aus einfachen Fäden ein rechteckiges 
Schildchen abgegrenzt das die zweizeilige, durch eine Querlinie 
getrennte Inschrift SALVO . . . XA TVRAX(3 in deuthchen 
und schönen, aus Glasfäden hergestellten Buchstaben enthält. Die 
nach Stil und Technik dem III. Jahrhundert angehörige Arbeit 
ist übrigens nicht, wie Bohn, der die Inschrift im großen Corpus 
inscri])tionum latinarum veröffentlicht, annimmt, das einzige Stück 
dieser Art, ^) sondern hat einige A^erwandte. Freilich ist deren 
Technik verschieden, die fiMiien runden Fäden, aus welchen die 
Buchstaben und deren Umrahmung hergestellt wird, sind ver- 
goldet bezw. farbig und das Ganze mit einer dicken Schicht 
farblos durchsichtigen Glases überfangen, wie die meisten Gold- 
gläs(^r. Das im Britischen Museum befindliche Exemplar, wird 
deshall) von \'opel zu den Fondi d'oro gerechnet,"') es unterscheidet 
sich \on diesen aber wesentlich dadurch, daß es nicht aus einem 
dünnen Stücke Blattgold herausgekratzt, sondern vollkommen 
in I'"a(l('nt('(-hnik, aus aufgelegten feiiuMi Rundfäden hergestellt 
ist (Abb. 134.) Die Inschrift ist auf dem inneren Boden eines 
Glasgefäßes angt^bracht, von welchem nur die größere Hälfte mit 



') Bohn, CiL XIII. 3, Xo. 196. F.ine Ergänzung der Inschrift, die olTenbar 
Personcnnamen enthält, ist nicht versucht. 

-') H. Vopel. Die altchristlichen Goldgläser S. 85, .^bb. 9. Darnach ist unsere 
Abbildung hergestellt. Das Exemplar bei Tyskiewicz ist ebendaselbst Note i erwähnt. 

3»* 



4/2 

einem kleinen Teile der schrät»- ansteitj-enden Wandung- erhaltiMi ist. 
Auch hier sind die Buchstaljen \on einem rechteckigen Faden- 
rähmchen eingeschlosscMi und die Ijeiden Z(Mlen durch eine Linie 
t;etrtMnit. doch so, dal) si«^ oben und unten an die Begrenzung 
dicht anstoßen, von welcher die untere Linie sich seitwärts in 
leichten Schlangenwindungen emporschwingt und über der oberen 
weitmaschige Wellen bildet. Mit der unteren Linie läuft ein 
zweiter azurblauer Faden parallel. Die Inschrift (x\)NNI BONI 
ist, wie die beliebtere Formel „Vivas multis annis", ein Neujahrs- 
oder Geburtstagswunsch. Darüber ist eine Schicht \on i cm 
dickem farblos -durchsichtigem LFberfange gegossen, um die 
Arbeit zu schützen. Im Kataloge der Sammlung Tyskiewicz 
VIII 3 ist ein ganz ähnliches Stück A^erzeichnet, ein drittes be- 
fand sich in der Sammlung Sarti in Rom (Abb. 207). Dieses ent- 
hält innerhalb des wie bei dem Londoner Exemplare gebildeten 
Rähmchens die zweizeilige Inschrift DVLCIS (sc. anima).^) In 
einem fränkischen Frauengrabe zu Grues(Vendee) wurde ein dunkel- 
grüner Kugelbecher gefunden, der am Rande mit einem gelben 
Wellenfaden, am Körper mit parallel laufenden schrägen Fäden 
gleicher Farbe verziert ist. Über ihnen befindet sich die In- 
schrift E VT VC III A. Diese ist aber nicht in plastischen Fäden 
aufgesetzt, sondern dick mit weißer Farbe aufgemalt (Abb. 132).^) 



1 ?»^ 



Die Barbotine auf Glas. 

An die Schlangenfadengläser knüpft eine Dekorationsart 
an, die sich als eine Übernahme der Barbotine von Ton auf 
Glas darstellt. Dragendorff hat zwar den Versuch gemacht, 
die Glasindustrie darin der Keramik als die führende Kunst 
gegenüberzustellen,"') doch sind die Beweise dafür verfehlt, weil 
er die technischen Prozesse verkannt hat. Die Gläser, welche 
er als Zeugen für eine frühere künstlerische Ausbildung der 



1) L. Pollack, Vendita Sarti S. 68 T. 24. 

-) Vgl. Etudes bist, et archeol., Poitou et Vendee 1863. Fillon, Le Poitou II 
T. 39, 2. Deville S. 99 T. 66. Froehner S. i to. CiL XIII 1S6. 
•^) IL Dragendorff. Terra sigillata. Bonner Jahrb. 96 S. 121 f. 



m> 



473 

Barbotine in der Glasindustrie anführt, sind nämlich gar nicht 
mit flüssiger Masse dekoriert, sondern mit dem Schleifrade be- 
arbeitete Überfanggläser. So hält er die schönen Relief- 
scherben aus der Sammlung Thiersch, jetzt im Museum von 
Karlsuhe,^) für Barbotine, während sie ganz typische Erzeugnisse 
der Diatretarii sind, und schließt daraus, daß diese im III. Jahr- 
hundert durch die gallische Keramik hochentwickelte De- 
korationsweise ihre Vorläufer in 
alexandrinischen Glasarbeiten habe. 
Die Karlsruher Scherben sind, wie 
der Fachmann ohne weiteres sieht, 
ebensowohl Überfanggläser, wie die 
pompejanischen Glasgefäße des Mu- 
seums von Neapel und das Bruch- 
stück einer kleinen Reliefplatte im 
Kunstgewerbe -Museum von Ham- 
burg, das Dragendorff gleichfalls 
zur Stütze seiner Deszendenztheorie 
heranzieht. Direktor J. Brinckmann, 
welcher mir das Stück zur Unter- 
suchung zusandte, ist mit mir in der 
Überzeugung, daß es sich um Über- 
fang handle, einig. Der (rrund ist 
opak-azurblau, weiß überfangen und 
die obere Schicht mit dem Rade 
wieder ausgeschliffen, so daß nur 
zwei Satyrmasken übrig bleiben, die 
sich weiß von der blauen Unterlage abheben, \^on den für 
Tonbarbotine, namentlich auf Sigillaten, kennzeichnenden lanzett- 
förmigen Blättern mit kurztMi gel)Ogenen Stielen, welche aus 
„iiufgeschmolzenen" Glasklümpchen mit daraus hervorgezo- 
genem Faden bestehen soIUmi, findet sich sowohl auf diesem. 
wie auf den anderen erwähnten Proben keine Spur. Es scheint, 
daß Dragendorff diesen sogenannten Lotusschmuck, der in ähn- 
licher Form wie auf dem konvexgebogenen Rande von Sigillata- 
schalen auf einem der pompejanischen Gläser in Neapel ange- 




Abb. 225. Xetzbecher, ehemals in 
Straßburg, seit 1870 verschwunden. 



*) Abgebildet bei Schr:iber, Hellenist. Rclietl)ilder T. 104. 



474 

wendet ist, nicht nach dem Orij^inale, sondern nur nach der 
Umrißzeichnung bei Pistolesi beurtiMh hat. Auch Ilettner spricht 
in seinem Illustrierten Führer durcli das Provinzialmuseum in 
Trier von Barbotinegläsern und meint damit Schlangenfaden- 
gläser. Aber wenn auch Einzelheiten, wie z. B. der plattge- 
drückte Faden und seine tropfenförmigen Anfänge, die „Tränen", 
wie sie Pilloy nennt, Ähnlichkeit mit den Ranken und Beeren 
von Weintrauben auf den gallischen Tonbechern haben, so 
macht sich doch die A^erschiedenheit der Technik auf den 
ersten Blick geltend. Der Schlangenfaden ist wie erwähnt, 
hergestellt, indem der Glasmacher ein zähflüssiges Glaskügelchen 
an das Gefäß ansetzte und daraus den Faden zog oder mit 
einem heißen weichen Glasstift einen dicken Punkt ablagerte 
und dann, wie mit dem Pinsel oder der Zeichenkohle weiter- 
gehend, in leichterem oder kräftigerem Zuge den Faden ent- 
wickelte, diesen teils rund stehen ließ, teils platt drückte, riefelte 
oder mit rautenförmigen Eindrücken, wohl mit einem Rädchen, 
musterte. Die Barbotine dagegen arbeitet mit einem flüssigen 
Material, das sie aus dem Malhorne, einem Trichter, einer 
Kielfeder auftropft: sie ist nicht auf mehr oder weniger feine 
Linien beschränkt, wie die Fadentechnik, sondern dient vor- 
zugsweise zur Herstellung breicer, körperlicher Reliefs. Kenn- 
zeichnend ist hierfür die Art, wie die Fadentechnik bei den 
Rosettenkannen sich bemüht, breitere Rehefflächen in ihrer 
Art herzustellen, indem sie die Gehänge aus dicht zusammen- 
gedrückten feinen F"äden kombiniert. Die Barbotine würde 
diese durch Aufguß in einem Zuge gebildet haben. Das 
ist in Ton sehr leicht zu bewerkstelligen, bei Glas aber viel 
schwieriger, weil dieses, frei aufgegossen, längere Zeit braucht, 
um aus dem flüssigen Zustande in jenen Grad von Festigkeit 
überzugehen, welcher es befähigt die gewünschten Formen bei- 
zubehalten und weiter ausgestalten zu lassen. Daher ist schon 
aus technischen Gründen die Annahme, daß die Barbotine künst- 
lerisch früher in Glas als in Ton gehandhabt wurde, abzuweisen. 
Allerdings gibt es ein neutrales Grenzgebiet, in welchem sich 
beide Techniken berühren, nämlich die Arbeit mit dem Pinsel. 
Wie bei den Fadenbandgläsern und den fränkischen Nach- 
ahmungen von Fadengläsem Malerei an die Stelle des einge- 



475 

legten Glasfadens trat, so dient auch bei der Barbotine auf Ton 
anstatt des Malhornes der Pinsel zum Auftrage flacher Stellen 
des Schmuckes. Aber gerade von diesem gemeinsamen Operations- 
felde aus gehen die beiden Techniken in entgegengesetzten Rich- 
tungen auseinander. 

Die Annahme, daß die Barbotine auf Glas die ursprüng- 
liche sei, wird durch die Funde widerlegt, die gerade das Gegen- 
teil beweisen. Die älteste Anwendung der Barbotine ist auf 
ägyptischen Tongefäßen festgestellt.^) Auf griechischen Vasen 
finden sich mitunter Omamentstreifen, aus Blättchen und Schlangen- 
windungen zusammengesetzt, die mit dem Pinsel weiß und gelb 
aufgetragen sind und somit bereits das Hauptmotiv enthalten, das 
später in der Kölnischen Glasindustrie zu so reicher Entwicke- 
lung gelangen sollte. Freilich kann dabei nicht von eigentlicher 
Barbotine gesprochen werden. Dagegen sind die Lotusblätter 
mit kurzen gebogenen Stielen, die den Rand pompejanischer 
Sigillataschüsseln im Museum von Neapel schmücken, tatsächlich 
in Barbotine hergestellt. Wenn man von den einfachen Verzie- 
rungen der gaUischen Terra nigra in der Latenezeit absieht, 
welche nicht immer aufgetropft, sondern aus weich aufgelegten 
Tonstreifen und Fleckchen gebildet sind, findet man zu Neros Zeit 
auf Tonbechern die Lunulae, den halbmondförmigen Schmuck aus 
weißem Tonschlamm ; die Kugelbecher mit aufgesetzten Schuppen, 
Warzen und Stacheln, die Schalen mit Schlickerschmuck, spätestens 
unter den letzten Flaviern (Abb. iio): gleichzeitig die Lotus- und 
Efeuranken auf grauen und gelben Tongefäßen wie auf Sigillaten ; 
die Jagdbecher mit Hasen, Rehen und Hunden oder mit Tier- 
hetzen vom Ende des I. bis in das IL Jahrhundert hinein (Abb. 1 36). 
Letztere fallen mit den Anfängen des Schlangenfadenglases zu- 
sammen. Daran reihen sich Gefäße mit gelber und grüner Glasur, 
auf welche Ornamentstreifen und Tierfiguren aufgesetzt sind, aus 
dem IL und III. Jahrhundert, sowie Trinkbecher aus rotem, 
schwarzgefirnißtem Ton mit weißen und gelben Ranken, Augen 
und Sinnsprüchen, welche in der zweiten Hälfte des III. Jahr- 
hunderts aufkamen und zur Zeit Constcintins d. G. in Massen 
hergestellt wurden (Abb. 135). Die grün glasierten Kannen ver- 



') Vgl. S. 224 Note 



4/6 

raten besonders in ihren Henkeln und Maskenansätzen entschieden 
die Nachbildung von Bronze und nicht von Glas/) 

Dag-ecfen läßt sich umgekehrt die Übernahme der Tonbar- 
botine auf Glas feststellen. Das älteste Beispiel bietet der bereits 
erwähnte schöne Becher im Louvre mit azurblauen Gehängen, die 
jedenfalls einem keramischen Vorbilde entlehnt sind (Abb. 112). 
Sehr häufig ist, von vereinzelten Nachahmungen des Schlicker- 
schmuckes in Hohlformen abgesehen, die Verzierung mit Stacheln 
und Warzen, die schon bei ägyptischen Gläsern vorkommt. Eine in 
Pyrgoi bei Sta. Marinella gefundene blaue Oenochoe mit weißem 
Stachelbesatz kann noch aus den unter alexandrinischer Leitung 
tätigen Werkstätten Campaniens herrühren,') ebenso die pompe- 
janischen Gläser mit Aufsätzen in Gestalt spitzer oder rundlicher 
Warzen. Im Antikenmuseum von Florenz befinden sich zwei 
halbrunde Schalen aus grünlichem Glase, die unten kanneliert 
und in der Mitte mit knopfartigen Besätzen umgeben sind. Ähn- 
liche Stücke enthält die Sammlung M. vom Rath (Abb. 144 a, b,e) 
und das IMuseum Wallraf-Richartz. Bei manchen sind kleine 
kantige Stachel angebracht, bei anderen halbkreisförmige, welche 
mitunter gelocht wurden, vielleicht um einen Faden durch- 
zuziehen. Solche und andere Stachelbecher lieferte das Grabfeld 
von Vermand in der Picardie.'^) Oft wurde ein kurzer Faden 
senkrecht in regelmäßigen Abständen aufgelegt und aus ihm mit 
der Zange eine Reihe von Spitzen ausgezogen, wie bei einem 
Exemplare des Kölner Museums aus farblosem Krystallglase. 
Auch kleine leichte Ausz wickungen aus der Wandung selbst 
kommen vor (Abb. 152).*) Der größte Teil der Stachelbecher 
stammt aus dem HI. Jahrhundert, als die Keramik diese Art 
von Verzierung nicht mehr übte. In dem Grabfelde der Luxem- 
burger Straße in Köln lagen die ältesten und am sorgfältigsten 
ausgeführten Glasbecher mit Stacheln mit ]\Iünzen des Severus 



*) Namentlich die grünglasierten Kannen in den Museen von Bonn, Trier und 
Worms. 

-) Abgeb. bei Abeken, Mittelitalien S. 267. 

3) Pilloy II S. 148. 

■*) ibd. II. T. VII 6. Ahnlich bei einem Becher aus Abbeville. Pilloy, 
Fase. 5, T. III 23. Auszwickungen der Wandung zeigt eine Flasche aus Vermand, 
ibd. T. V 6. 



477 



Alexander zusammen. Oft wurden die Aufsätze aus anders- 
farbigem Glase hergestellt als das Gefäß, farblose und azur- 
blaue Becker mit opakweißen Stacheln verziert, purpurrote mit 
gelben usw. Aber diese Dekorationen brauchten nicht durch 
Auftropfen hergesteUt werden, dazu genügte das Ansetzen eines 
erhitzten und erweichten 
Glasstabes. 

Die figürhche Barbotine 
taucht auf Glas im An- 
schlüsse an die Schlangen- 
fadenverzierung erst im III. 
Jahrhundert auf, frühestens 
zu gleicher Zeit mit den 
grün glasierten Tongefäßen 
von ähnlichem Typus. Die 
schwierige Technik scheint 
nicht sehr beliebt gewesen 
zu sein und ihre Ergebnisse 
sind denen der Schlangen- 
fadentechnik nicht eben- 
bürtig. Wir finden farblose 
Becher von kugeliger oder 
zylindrischer Form, die mit 
kleinen Jagdszenen von Ha- 
sen und Hunden in Fries- 
streifen, mit Blattkränzen, 
Winkel- und Perlenbändern 
verziert sind. Diese Art 
steht der Alalerei mit Email- 
farben sehr nahe, wie wir 

sie auf einer Scherbe der ehemaligen Sammlung Merkens, jetzt 
im Museum Wallraf-Richartz und einer ähnlichen daselbst finden. 
Jene ist mit Ornamentstreifen und dem Reste einer Jagdszene, 
einem springenden Hunde, in Weiß und Gold geschmückt, diese 
mit einem Entenfriese. Farbenreicher ist eine Flasche des 
Museums Wallraf-Richartz, welche aus der W^erkstatt der 
Schlangengläser hervorgegangen sein dürfte (Abb. 131). Der in 
mohrore Trümmer zerschlagene aber wieder zusammengesetzte 




Marco, Venedif 



4/8 

Körper nähert sich dem Eirund, das durch vier seichte Ein- 
drücke abg-eplattet ist. Der kurze Stengelfuß hat ganz die 
bei Schlangengläsern wie Abb. 120 übliche Form, auch der 
jetzt unrichtig ergänzte Hals dürfte ursprünglich diesem Typus 
entsprochen haben. Auf die vier Seitenflächen sind in den 
beliebten Farben opakweiß und azurblau Schwäne, Delphine 
und Seepferde in zwei Reihen übereinander aufgegossen. 
Verglichen mit der zierlichen und gewandten Zeichnung, der 
feinen Modellierung der Tierfiguren auf den Jagdbechern aus 
schwarz gefirnißten Tone, selbst mit den späteren auf Sigillaten, 
macht diese Glasbarbotine den Eindruck des Rohen und Un- 
geschickten. Die aufgetropfte farbige Glasmasse ist wie Siegel- 
lack ausgeflossen, von Ausbildung der Formen ist kaum eine 
Spur vorhanden. Rundlich erhabene Flächen deuten in ihren 
äußeren Umrissen die Tierkörper an, Flossen, Schnäbel und 
Füße sind durch aufgesetzte Wellenfäden nachgebildet, weiß 
auf den blauen, blau auf den weißen Tierkörpem. Die an den 
rundlichen Kanten emporsteigenden Wellenmäander aus ver- 
goldeten Fäden entsprechen ganz denen der Schlangengläser. 
Zu der schlechten Erhaltung des Stückes mag eine Erscheinung 
beigetragen haben, die Pilloy bei den Nuppengläsern feststellt. 
Er hat beobachtet, daß an manchen von diesen einzelne Xuppen 
ausgebrochen sind und mit ihnen von der Gefäßwand gerade 
das Stück, auf welches sie aufgesetzt waren, so daß ein rundes 
scharfkantiges Loch entstand. Er erklärt dies als eine Folge 
der wiederholten Erhitzung, der das Gefäß beim Aufsetzen der 
heißen Nuppenmasse ausgesetzt war, wodurch die Festigkeit des 
Glases beeinträchtigt wurde. Bei dem Aufsetzen der Barbotine 
trat wohl aus gleichen Ursachen die gleiche Wirkung hervor, 
ja die Erhitzung mußte hier noch häufiger wiederholt und noch 
mehr gesteigert werden, ein Umstand, der dazu beitragen mag, 
daß so wenige Barbotinegläser auf uns gekommen sind. 

An diese Arbeiten möchte ich drei merkwürdige Gläser 
anfügen, die schon bei der Gruppe der Absonderlichkeiten der 
Gefäßbildung geschildert worden sind, obwohl bei ihrem Schmucke 
weder die Barbotine noch der Schlangenfaden angewendet ist: 
Die Kanne mit den vier Tauben im Museum Wallraf-Richartz 
(Abb. 80), jene mit aufgesetzten Muscheln in der Samm- 



479 

lung M. vom Rath in Köln und die ganz ähnliche im Pro- 
vinzialmuseum in Trier (Abb. 78, 79). Nach der Form der 
Kannen, deren Fuß-, Hals- und Henkelbildung, stammen diese 
Stücke aus derselben Werkstatt, welche die Rosettenkannen ge- 
liefert hat oder doch einer in gleicher Weise arbeitenden. Wo 
man den Faden so virtuos handhaben konnte, war es ein leichtes, 
aus stärkeren Fäden die kleinen blau-weißen Täubchen zu 
modellieren und in Formen die Muscheln zu pressen. Der 
azurblaue Wellenfaden, der bei ihnen vom Ansätze der Henkel 
an die Peripherie bis fast an den Fuß hinabläuft, ist in gleicher 
Art behandelt wie an den Rosettenkannen und an dem Henkel 
vieler Üenochoen mit Schlangenfäden. 



[ ?»5 3 



Die Nuppengläser. 

Der vorerwähnte Schmuck mit aufgesetzten Glasnuppen 
war ein billiger Ersatz der kostbaren Potoria gemmata, der 
vSchalen avis Gold und Silber mit aufgesetzten Cameen und 
Edelsteinen.^) Man ahmte diese in Glas nach und setzte sie auf 
Gefäße aus Ton oder Glas. Glasflüsse in gemmenartiger Fas- 
sung (aber durchaus keine Kopien von Edelsteinen) fand man in 
den ältesten Gräbern Etruriens und unter den Tempelruinen des 
alten Veji, das schon zerstört war, ehe noch der Luxus von 
Glasgefäßen in Italien bekannt wurde."^) Ihre früheste Form sind 
die Skarabäen und andere Amulette, die gegossen und durch 
das Rad und stählerne Werkzeuge bearbeitet wurden. Auch die 
riiutenförmigen, farbig geränderten Besatzstücke kann man hier- 
her rechnen, die auf gläsernen Armbändern aus den Gräbern 
Amenophis' IL so eingedrückt sind, daß sie leicht vorragen.'^) 

Mit Vorliebe verwendete man zu Einsätzen in Gefäße runde 
oder ovale Medaillons, welchen in Hochrelief das Gorgoneion 
eingepreßt ist. Wie bei den in Hohlformen geblasenen Gläsern 
mit einfachem oder Doppelkopfe ist dieses als axonov gedacht, 



^) Cicero, In Verrem V 27, 62. Flinius 37, 17 u. 

2) Minutoli a. a. O. S. lo. 

^) Daressy a. a. O. Kat. No. 24 834—42. 



48o 

als Schutzmittel ireiren .Unglück und Ixjse Geister. D^i diese den 
Menschen mit Vorliebe bei frohen Anlässen iinfechten, setzte 
man es auf Trinkgerät und Tafelgeschirr, bei Kannen an den 
unteren Ilenkelansatz, bei Bechern und Schalen an das Innere 
des Bodens, so daß es dem Zecher durch den Wein entgegen- 
schimmerte und ihn malmte, nicht zu sehr dem Glücke zu ver- 
trauen. Solche Besatzstüeke finden sich in fast allen Sammlungen. 
Ein schönes Gorgoneion aus blauem Glase mit sanft wehmütigem 
Ausdrucke ist mit der Sammlung Slade ins Britische Museum 
gekommen,-^) wo sich noch mehrere andere derartige Besätze 
befinden."-) Zwei aus Puteoli besitzt das Museum von Neapel, 
mehrere das Louvre, die Pariser Xationalbibliothek, das Münchener 
Antiquarium u. a. Auch in rheinischen Sammlungen sind sie nicht 
selten. Abb. 137 b zeigt ein solches Besatzstück in blauem Glase 
aus der vSammlung Sarti in Rom, 137 c ein grünes aus der Samm- 
lung M. vom Rath, 198 eines in azurblau überfangenem, weißem 
Glase aus der Sammlung Xießen in Köln. Eine Schale mit dem 
Gorgoneion am Boden wurde in Xanten gefunden und kam gleich- 
falls mit der Sammlung Slade ins Britische Museum. Schöne 
Kannen, deren unterer Henkelansatz mit einer Medusenmaske 
schließt, kann man besonders in italienischen Sammlungen finden, 
z. B. im Museum von Xeapel und im Museum Poldi-Pezzoli in 
Mailand. Auch die blaue pompejanische Kanne in Stuttgart 
(Abb. 36b) und die Oenochoe von Hausweiler im Provinzial- 
museum von Bonn (Abb. 201) zeigen diesen Schmuck, der 
namentlich im I. Jahrh. beliebt ist. Häufig tritt an die Stelle 
der Medusa eine Löwenmaske, wie an der strigiherten Kanne 
des ni. Jahrh. bei :M. vom Rath (Abb. 93). Das ^Nlotiv ist der 
Keramik entlehnt, denn sowohl an den älteren bemalten 
Vasen, wie bei den späteren plastisch geschmückten, ist das 
Gorgoneion häufig am Boden angebracht. Gerne verwendete 
man es auch auf dem Discus von Pilgerflaschen, woraus die 
gläsernen Medusenfläschchen der Sidonier entstanden (Abb. 288). 
In Pompeji sind mehrere derartige Pilgerfläschchen aus Ton 
erhalten, daneben auch solche mit dem phantastischen Rund- 



^) Nesbitt a. a. O. S. 22, Fig. 30. 
*) Archaeologia 39, S. 509. 



48 r 

bilde der Scylla/) In Ägypten benützte man Rundplättchen 
aus Glas, die in • Hohlformen gepreßt und mit einer Öse versehen 
wurden, Medusenmasken, komische Masken, Pferde und an- 
dere Tierbilder in Relief zeigen, um sie, wie Casanova nach- 
wies, an Glasflaschen als Marken anzuhängen. Noch die Araber 
brauchen sie, um damit das richtige Maß des Inhaltes zu be- 




Reiterfiaur von der Situla von S. Marco. Glasschliff. 



stätigen. Eine solche Marke befindet sich im Antiquarium von 
München; sie hat etwa die Größe eines Fünfpfennig -.Stückes 
und zeigt einen kleinen, nach rechts gewendeten Löwen. Kleine 
Täfelchen (Tesserae) aus Glas mit gepreßten Figuren dienten zu 
verschiedenen Zwecken, wahrscheinlich als Kontrollmarken; man 
hat sie in Rom und auch anderwärts gefunden, so in Fresnicourt 
bei Arras eine solche mit einem galoppierenden Pferde. Zum 
Schmucke von Gläsern wurden auch Abformungen von Münzen 
verwendet, wobei gleichfalls die Keramik Vorbilder lieferte. 



*) ^"gl. Gaedechens, Das Medusenhaupt von Blariacum, Bonner Winckelmanns- 
programm 1874 S. 10, mit zahlreichen anderen Beispielen. Siehe auch S. 331. 



482 

Eine in zwei ExemplarcMi erhaltene römische Flasche zeigt auf 
dem Boden eine Großbronze des Nero in Relief, eine bei Slade 
eine Münze Domitians.-^) Häufig- sind Einsätze von Medusen- und 
anderen Gemmen in Glas auf gläsernen Fingier- und Armringen. 

Rundmedaillons und rechteckige Platten mit gepreßten 
Reliefs dienten auch als Einsatzstücke für andere Geräte. Zu 
den namentlich in It£dien häufigen Arbeiten dieser Art, die zu- 
meist aus dem I. Jahrhundert stammen, gehört die Nachahmung 
einer ovalen Camee mit fliegender Victoria in azurblauem Glase 
aus der ehemaligen Sammlung Sarti in Rom (Abb, 137 a) und 
einige schöne Platten in der Glassammlung des Vaticans: Eine 
kleine Tessera mit einem Fische, eine andere mit einem Ziegen- 
bocke, von dessen Rücken ein Baum aufsteigt, eint- mit Amor, 
alle drei aus farblosem Glase gepreßt, dann mehrere aus azur- 
blauem Glase mit Pflanzenornament. Im Museum von Neapel 
befindet sich eine azurblaue Platte mit Masken und Palmetten; 
Merkens in Köln besaß eine solche mit dem Reste eines von 
Greifen begleiteten Vasenornamentes, die wahrscheinlich ebenso 
wie die Ornamentplatte des Trierer Museums aus den Resten 
der Glashütte bei Cordel stammt (s. S. 14). 

Bei Minutoli ist ein Cantharus aus hellbraunem J'on der 
ehemaligen Sammlung Bartholdi abgebildet, der eine interessante 
Probe des Glaseinsatzes auf Tongefäße liefert. Ovale Perlen 
aus azurblauem Glase mit einem weißen Querstreifen sind in kleinen 
regelmäßigen Abständen einem PViesstreifen eingefügt und durch 
gekreuzte Stäbe aus gleichfarbigem Glase verbunden.") Zu den in- 
teressanten Stücken der Glassammlung des Museums \on Neapel 
gehört eine flache, fußlose Patella aus mattglänzender, schwarzer 
Terracotta mit zwei spitzen, leicht nach oben geschwungenen Seiten- 
henkeln. In die innere Hohlfläche ist ein Kranz \-on Weinblättern 
eingeschnitten, in dessen Umrissen teilweise noch jetzt eingelegte 
Goldfäden sichtbar sind. Die Blätter waren mit smaragdgrünen 
Glasstücken, die Trauben mit korallenroten Glasperlen ausgelegt, 
die sich gleichfalls zum Teile noch intakt gehalten haben. Die 
Schale stammt aus Pompeji und ist jedenfalls alexandrinische 



^) Cil. XV. 6989 a und h. Xcsbilt a. a. O. S. 32. Siehe auch S. 354. 
2) Abb. bei Minutoli a. a. O. T. I, 2, 5, 6. 



483 

Arbeit, wobei altägyptische Glaseinlagen als Vorbilder dienten. 
Flinders Petrie fand in Teil el Amarna Fingerringe und das 
Stück einer opak-weißen gläsernen Schüssel, die Alabaster oder 
einen ähnlichen Stein nachahmte und tief eingravierte Verzie- 
rungen hatte, die wahrscheinlich für farbige Einlagen bestimmt 
waren. Auch Glaseinlagen in Ton waren sehr beliebt, besonders 
in der saitischen Epoche. (Vgl. S. 60 f). 

Metallgefäße mit Glaseinlagen sind selten. Es handelt 
sich hier nicht um Gläser mit Metallfassung, wie sie später 
besprochen werden, sondern um Gefäße, bei welchen der Körper 
aus Metall besteht und Glas nur stellenweise als Schmuck 
eingesetzt ist. Dazu gehört ein Bleigefäß aus der Sammlung 
Blacas im Britischen Museum, das mit bacchischen Szenen in 
Relief und einem Kranze von acht runden Glaspasten geschmückt 
ist (Abb. 336). Das Metall ist so ausgeschnitten, daß die 
Pasten ä jour erscheinen.-^) Vielleicht hat diese Bleicuppa als 
Goldschmiede-Modell gedient. Mit der Sammlung Slade ist ein 
eirundes Silbergefäß aus Italien in das Britische Museum ge- 
kommen, welches mit acht Reihen dunkelblauer Glaspasten ge- 
schmückt ist, die gleichf^üls ä jour in entsprechende Ausschnitte 
des Metallkörpers eingesetzt sind. Die Vase wurde von der Com- 
pania Venezia-Murano geschickt kopiert.") Im Museum von Namur 
befindet sich ein kleiner Bronze -Discus, in dessen Mitte eine 
Medusencamee aus Kobaltglas aufgesetzt ist; ringsum liest man 
die gravierte Inschrift PIRSIVS • CONSIDERA • CAPVT • 
GORGONIS. Pirsius, der Besitzer des Schmuckstückes, wird 
gemahnt, die Gorgo nicht zu vergessen, d. h. in allen Lagen 
des Lebens des Wechsels des Schicksales eingedenk zu sein. 
Der Discus wurde in einem Grabe von der Wende des I. und 
IL Jahrh. in Wancennes, zugleich mit dem bereits erwähnten 
Carchesium aus schwarzem Glase gefunden.'^) 

Beim Schmucke von Gefäßen begnügte man sich gleichfalls 
oft mit ganz einfachen Nuppenformen, Ein pompejanischer 



1) Gerhardt, Antike Bildwerke T. 87. 

^) Froehner a. a. O. S. 55 f. 

*) Runde, zumeist farbige Glasstücke mit einem gepreßten Gitter- oder Rosetten- 
muster fanden als Spielsteine Verwendung; ihre gewöhnlichste Art ist einfach tlachrund, 
aus dem Auftropfen flüssigen Glases auf eine Platte entstanden. Vgl. S. 141. 



484 

Becher des Museo Borbonico aus farblosem Glase hat tränen- 
artige Tropfen, ähnlich dem Kölner, auf Abb. 144 h dargestellten, 
ein Kugelbecher des Museum Kircherianum in Rom ist auf 
azurblauem Grunde mit kleinen weißen Dreiecken besetzt (Abb. 1 42). 
Die zahlreichste Klasse bilden Gefäße mit Nuppen von runder, 
ovaler oder unregelmäßiger Gestalt. Kleine runde 'Kröpfen, in 
Dreieckform oder zu Trciuben zusammengestellt, wechseln mit 
größeren, flachrunden oder mit einem aufgepreßtem Model ver- 
zierten*) (Abb. 144). Manchmal scheint nur ein zylindrisches Röhr- 
chen aufgedrückt zu sein, so daß in der Mitte ein Nabel, am 
Rande ein dicker Wulst aufquillt (Abb. 148), manchmal ein Stern- 
oder Rosettenmuster. Von dem iVlter dieser Verzierungsart 
gibt der bereits erwähnte Napf im Antiquarium in München 
Zeugnis, der aus farbloser, trüb durchscheinender Glaspaste 
modelliert und außen mit sechs solchen genabelten Nuppen, 
gleichfalls aus farblosem Glase, besetzt ist; allerdings dürfte er 
nicht über das VII. Jahrhundert vor Chr. zurückreichen. Nach 
Ägypten führt uns auch jenes Prototyp des gallischen Trink- 
bechers aus weißem Ton zurück, das mit einem Kranze hell- 
blauer Tropfen verziert ist (Abb. I3ii). Von Ägypten aus ver- 
breitete sich die Nuppenverzierung nach Sidon und nach Syrien, 
aus dessen Werkstätten zahllose derartige Gläser hervorgingen. 
Wahrscheinlich wurden diese Nachbildungen der klassischen 
Potoria gemmata im III. Jahrh. die Vorbilder der gallischen. Die 
Farben der Nuppen sind in der Kaiserzeit opakweiß, azurblau, 
smaragdgrün, dunkelrot, \'iolettrot, gelb, goldbraun und schwarz. 
Aus dem I. und IL Jahrhundert gibt es zierliche Ölfläschchen 
aus azurblauem und purpurrotem Glase mit kleinen weißen und 
gelben Tropfen; auf farblosen Gläsern des HI. Jahrhunderts 
wechseln opakweiße mit türkis- und azurblauen Tropfen und 
Nuppen, im IV. herrscht goldbraun, dunkelgrün, dunkelblau und 
schwarz vor. In der Zeit Constantins, welche diese Verzierung 
ebenso wie das Auftropfen von Augen, Beeren und Weintrauben 



^) Zu Trauben zusammengestellte Tropfen befinden sich z. B. auf einem koni- 
schen Becher der ehem. Sammlung Disch, Bonner Jahrb. 71 und auf einem Scyphus 
der Sammlung M. vom Rath (Abb. 162 i). Bei beiden sind sie von rundbogigen 
(jehängen begleitet. 



485 

auf tönernen Bechern und Kannen liebte, sind die bunten Xuppen 
oft von Zickzackfäden und gravierten Reifen begleitet. 

Es wurden auch Glasbrocken von unregelmäßiger Gestalt 
aufgesetzt, so z. B. auf einen Cantharus des Britischen Museums, 
welcher an St. Severin in Köln gefunden wurde. Er ist lo^/., cm 
hoch, besteht aus bernsteinfarbigem Glase und ist mit kleinen 
opakweißen Glasstücken besetzt, welche wie zerschlagene Stein- 
chen aussehen.^) xVzur- 
blaue und ])urpurrote 
Canthari mit diesem bar- 
barischen Schmucke ka- 
men in dem christlichen 
Grabfelde des genannten 
Stadtviertels zum Vor- 
scheine. Das Museum 
des Louvre besitzt ein 
im Volturnus gefundenes 
Terracotta-Gefäß, das mit 
Kieselbrocken besetzt ist; 
derartiger Besatz wurde 
auch aus praktischen 
Gründen auf dem Bo- 
den von Reibschalen aus 

Terra sigillata angewendet.') In der fränkischen Zeit führte er 
zum Besätze von Bechern mit wirklichen Kieselsteinen, einer 
Dekoration, die sich noch im altdeutschen „Krautstrunke" er- 
halten hat: auch die Verzierung mit Tropfen und Nuppen bUeb 
bis in das XVII. Jahrhundert hinein bei deutschen Trinkgefäßen 
vorherrschend. Die Nuppen des Mittelalters und der Renaissance 
gleichen oft den Butzenscheiben oder enden in eine Spitze oder 
einen Tropfen. Dieses Motiv läßt sich gleichfalls bis in das 
Ende des IV. oder den Anfang des V. Jahrhunderts zurück- 




Abb. 228. Geschliffener Becher. Mailand, Cagnola. 



^) Abgeb. Bonner Jahrb. 64, T. X 3., auch bei Slade. Ein ähnlicher Kelch 
barbarischer Art kam in einem Grabe von Neuß zum Vorscheine (abgeb. ibd. 63, 
T. V I) und befindet sich jetzt im Provinzialmuseum von Bonn. Er ist 1 1 cm hoch, aus 
schlechtem grünen Glase geblasen, mit blauen Zickzackbändern und blauen unregelmäßigen 
Tropfen verziert. E. aus'm Weerth schreibt ihn mit Recht frühestens dem V. Jahrh. zu. 

'-) Allerdings sind die Steinbrocken auf dem Boden von Reibschalen viel kleiner. 
Kisa, Das Glas im Altertuine. II. •12 



486 

verfolgen. An einem C'antharus der clu-maliüfen Sammlung- 
Merkens in Köln hängen \on d<Mi Xupju'n hingezogene Fäden 
herab, die in eine Tränr endigen (Abb. 155). T)it\se sich aus der 
Technik leicht ergebende Form haben auch die farbigen Xuppen 
eines fränkischen Bechers im Museum für Völkerkunde in Berlin, 
welche man bis auf den Fuß auslaufen ließ. Aus grünlich durch- 
sichtigem Glase bestehen die Nuppen eines Kugelbechers vom 
Anfange der fränkischen Epoche, der aus dem Griibfelde von 
Steinfort in Luxemburg in die Sammlung Charvet gekommen ist. 
Fünf solcher besetzen den gleichfalls aus grünlichem Glase ge- 
bildeten Körper unterhalb eines dunkelgrünen Zickzackbandes 
und hängen in leicht geschwungenen, rüsselartigen Fortsätzen bis 
zu einem zweiten, von einem dicken grünen Glasfaden gebildeten 
Bande herab, welches wie das obere von hellbraunen Reifen 
eingeschlossen ist. Ü^ber die Nuppen ziehen sich senkrecht 
goldbraune Wellenfäden, zwischen ihnen hängen, das obere mit 
dem unteren Bande verbindend, dunkelgrüne Wellenfäden herab.^) 
Die Fortsätze der Nuppen sind nicht mehr an das Gefäß an- 
gedrückt, sondern nur noch mit dem Ende an diesem befestigt. 
Dasselbe kann man an den langgezogenen Tränen eines Bechers 
im Museum von St. Germain en Laye beobachten, die schon 
ganz die F'orm der fränkischen „Rüssel" haben. Die Rüssel sind 
in zwei Reihen zu fünf gegenständig angeordnet. Das Stück 
ist fränkische Arbeit des VI. Jahrhunderts (Abb. 143).") 

Während die Nuppen hier aber noch massiv sind, werden 
sie in weiterer Entwickelung hohl geblasen und an runde Aus- 
schnitte der Gefäßwand festgemacht, so daß bei der Füllung des 
Bechers der Wein auch in sie eindringen konnte. Das ergab 
die bereits wiederholt genannten originellen Taschen- oder 
Rüsselbecher, deren Launen zu meistern nur unseren trink- 
gewaltigen Vorfahren gelingen konnte, denn sie senden dem 
Unerfahrenen das Getränk beim Ansetzen anstatt in den Mund 
in die — Nase (Abb. I02e, 150, 151). Die Franzosen nennen sie 
„Tränenbecher". Zu ihrer Herstellung war keine geringe Ge- 



^) Froehncr T. XIII 73. Pilloy bemerkt, daß der Becher in Steinfort gefunden 
und von Namur in seiner Studie über römisch-christliche Gräber veröftentlicht wurde. 

'-) Vgl. Deville S. 28, T. 20 B. Bei Abb. 143 ist als Aufbewahrungsort das 
Museum St. Germain en Laye richtig zu stellen. 



48/ 

schicklichkeit nöü^. Abgesehen von der sorgfältigen Führung 
des Fadens, der entweder in vielfacher Spiralwindung oder in 
dicht gereihten Reifen den oberen und unteren Teil des Gefäßes 
umspinnt, sind die Ansätze der Rüssel so genau gearbeitet, 
daß die Stelle, wo sie mit der Gefäßwand zusammenstoßen, 
nicht zu erkennen ist. Man könnte fast annehmen, daß diese 
an bestimmten Stellen ausgezogen Vvurde, was aber ganz aus- 
geschlossen ist/) Die Leute, welche so schwierige Dinge zu- 
stande brachten, waren nach Pilloys Ansicht die Erben jener 
Glaskünstler des IV. Jahrhunderts, welche unter anderen Meister- 
werken auch die Becher in Form von Sanduhren herstellten, bei 
welchen fünf Röhrchen den oberen Teil mit dem unteren ver- 
binden und von denen ihm nur drei Exemplare bekannt sind, 
zwei in der Sammlung Moreau im Museum St. Germain und eines 
in seiner eigenen.-) Doch kommen ähnhche Formen auch am 
Rheine vor, wie der goldbraune, mit vier schwarzen geschlängel- 
ten Henkeln versehene Becher der Sammlung M. vom Rath 
(x\bb. 96 rechts). Rüsselbecher wurden am Rhein, in Belgien, der 
Xormandie und in England gefunden; einen der größten und 
schönsten besitzt das Germanische Museum in Nürnberg, andere 
befinden sich im Museum und in Privatsammlungen von Köln, in 
den ]\Iuseen von Bonn, Mainz, Wiesbaden, Worms, Xew-York u. a. 
Das Xew-Yorker Exemplar stammt aus Bellenberg-Voehringen, 
ist farblos und hat goldbraune Ansätze. 

Die Xuppenverzierung ist außer am Rhein auch in Belgien 
sehr verbreitet. Besonders reich an Gläsern mit großen farbigen 
Nuppen und Tropfen, aus den Gräbern der Wallonie stammend,, 
ist das Museum von Xamur, während die Picardie zumeist farb- 
lose ergab.^) Manche wollten dem harmlosen Schmucke symbo- 
lische Bedeutung geben und brachten besonders die genabelten 
Xuppen mit der Sonnenscheibe in Verbindung. Ich glaube, daß 



1) J. Brinckmann bezeichnet die Rüsselbecher als die merkwürdigsten Trink- 
gefäüe nachrömischer Zeit, deren Herstellung eine ungewöhnliche Geschicklichkeit er- 
fordere. (Vgl. Führer d. d. Hamburgische Museum f. Kunst und Gewerbe S. 571). 

2) Album Caranda . 45, i und Nouvelle Serie T. 7S, i. 

■') Froehner T. 32, 125. Vgl. J. de Bay, Epoque des invasions barbares. 
Industrie gallo-saxonne S. 103 f. 

•>) Tilloy II (Vermand), T. II 3, III 2, IV 2, 3, 9, Fase. V (^.\bbevillei 111 2, S, 9. 



sie sich aus dem Nägelbeschlage von I lolz- und Aletallgeräten 
entwickelt haben und ihre Ausgestaltung der Vorliebe für das 
Würfelaugenornament, jenes uriilte Muster, verdanken, das aus 
einem einfachen Ringe mit einem Mittelpunkte besteht und in 
der Hallstadtperiode mit etruskischen Bronzen über die Alpen 
gekommen ist. Gleichzeitig lernten es die Barbaren auch durch 
die ägyptischen Augenperlen kennen. 

Neben den aufgesetzten Nuppen soll es auch solche geben, 
welche in entsprechende Ausschnitte der Gefäßwand eingesetzt 
sind. F. Hettner beschreibt in einer Mitteilung an Froehner 
einen Becher mit farbigen Nuppen, den er zu den interessantesten 
Gläsern des Trierer Museums rechnet. Seiner 
Ansicht nach sind die Nuppen in den Glas- 
körper eingesetzt und gehen auf beiden Seiten 
völlig hindurch.-^) Dieser auch von anderen 
geteilte Irrtum beruht auf einer optischen 
Täuschung. Wenn man z. B. ein geschliffenes 

Netzglas von innen heraus betrachtet, kann 
Abb. 229. Geschliffener ,. i-x- -i ttt 1 • 1 

Becher aus Szezsard. ^^'^^"^ ^^^^^h die Dicke der Wandung hindurch 
Ofen-Pest, Natialmuseum. genau die zumeist viereckigen Querschnitte 
der vStege erkennen, welche den inneren 
Glaskörper mit dem äußeren Netzwerke verbinden. Es scheint 
so, als ob die Wandung an diesen Stellen genau ausgeschnitten 
sei, als ob die Stege sie durchdrängen und auf der Rückseite 
wieder zum Vorschein kämen. Tatsächlich bestehen bei den 
einfarbigen, echten geschliffenen Netzgläsern Netz, Stege und 
innerer Körper aus einem Stücke. An den Pseudo-Diatreten, 
gleichfalls antiken Erzeugnissen, sind die verbindenden Stege 
aufgesetzt, aber nicht eingelassen, ebenso an den überfangenen 
Netzgläsern, bei welchen Netzwerk, Inschrift und Stege aus einer 
andersfarbigen Schicht herausgeschhffen sind. Die Strahlen- 
brechung täuscht jedoch dem Beschauer eine förmliche Durch- 




\) Froehner S. Ii^ ,,Parmi les verres les plus interressants du musee M. 
Hettner me signale un gobelet oviforme en verre incolore, dont le decor imite un 
potorium gemmatum; la pause est percee de trous ovales, de differentes grandeurs, 
dans lesquels on a Souffle de pätes vertes, bleues et rouges fonc^." Auch im 
Bonner Jahrbuche spricht Hettner von Ausschnitten des Glases, in welche die Nuppen 
eingepaßt seien. 



489 




lochung des Glaskörpers, g-entiu im Umfange und in den Formen 
des Querschnittes der Stege vor, von welcher keiner dem anderen 
vollkommen gleich ist. Dieselbe Beobachtung kann man an 
geschnittenen böhmischen Krystallbechern machen, bei welchen 
Körper und Henkel aus einem Stücke bestehen. Die Ansatz- 
stellen der Henkel scheinen gleichfalls wie Kanäle das Gefäß 
zu durchdringen, es ist als ob sie verzapft wären. Nicht anders 
verhält es sich mit den Nuppengläsern. Auf den noch weichen 
Glaskörper wurden die bunten Nuppen teils mit dem heißen 
Glasstabe wie mit Siegellack aufgetragen 
bezw. aufgetropft und ihnen in zähflüssi- 
gem Zustande eine kleine Verzierung 
aufgepreßt, teils in bereits fertigem 
Zustande angefügt. Je nach der Stärke 
des Druckes und der Konsistenz des 
Glaskörpers gab dieser in verschiedenen 
Graden nach und bildete auf der Innen- 
seite kleine Erhöhungen. Da man ge- 
wöhnlich durchsichtige Gläser mit Nup- 
pen schmückte, bildete sich über diesen 
im Inneren eine durchsichtige Überfang- 
schichte, welche gleichfalls infolge der 
Strahlenbrechung wie ausgeschnitten 
erscheint. 

Ob überhaupt jemals ein Ausschneiden von Gläsern zum 
Zwecke des Einsatzes von vSchmuckstücken stattgefunden hat, 
möchte ich bezweifeln. Ich wenigstens habe bei keinem einzigen 
der antiken Nuppengläser, welche durch meine Hände gegangen 
sind und die ich genau untersuchen konnte — es mögen weit über 
hundert sein — diese Wahrnehmung machen können. Freilich ist 
manchmal eine eingehende Prüfung nötig um die Täuschung zu 
erkennen, so z. B. bei einem Cantharus des Museums Wallraf- 
Richartz. Dieser ist farblos und mit zwei Reihen abwechselnd gold- 
brauner und hellblauer Nuppen verziert, welche zwar klein aber 
sehr dick sind, außen einen tiefen Nabeleindruck halben, innen 
fast halbkugelig hervorragen. Für das unbewaffnete Auge ist 
die Illusion, daß die Nuppen die \Vandung durchbrechen, voll- 
kommen. Das Glas hat dem Drucke von tiußen so scharf nach- 



Abb.229a. Geschliffener Becher 

aus Szezsard. 

Ofen-Pest, Xationalmuseum. 



490 

geg-eben, daß tatsächlich nur an der Rückseite der Xui)pen in 
ganz kleinen Kreisen Erhöhungen eingetreten sind. Bei näherer 
Untersuchung erkennt man, daß der Überfang hier überall ohne 
Unterbrechung hindurchgeht und an den Ansatzstellen der 
Xuppen allmählich anschwillt. Außen dagegen erscheinen 
diese infolge der ausquellenden Ränder scharf abgesetzt. 
Wenn man echte oder falsche Gemmen in Ausschnitte einsetzen 
wollte, mußte man deren Ränder etwas überlaufen lassen oder 
mußte sie verkitten, bezw. die Fugen mit etwas flüssigem Glase 
ausgießen, was alles leicht bemerkbar ist. Zu der Meinung, daß 
die Nuppen in Ausschnitte eingesetzt worden seien, mag auch 
die oben erwähnte Beobachtung Pilloys beigetragen haben, daß 
manche Xuppen ganz verschwunden sind und an ihrer Stelle 
runde Öffnungen von gleichem Durchmesser in der Wandung 
zurückließen. Es ist zweifellos, daß diese nicht ausgeschnitten 
worden waren, um Xuppen einzusetzen: man braucht nur das 
Innere der Gefäße zu prüfen, ebenso den Rand der Ausschnitte. 
Wären die Xuppen eingesetzt, müßte auch der Rand der Aus- 
schnitte ein wenig von der Xuppenmasse bedeckt sein, was 
nirgends der Fall ist. Die Xuppen sind nur deshalb ausge- 
brochen, weil sie sehr heiß aufgesetzt worden waren und da- 
durch die Wandung gebrechhch gemacht hatten.^) 

Der Glasfaden wurde auch, wie bereits bemerkt, in ver- 
schiedener Art zum Schmucke des Halses von Flaschen und 
Kannen benutzt. Bald umschlingt der Halsring als einfacher 
Rundfaden den Hals dicht unterhalb der Mündung und bildet 
so eine Verdoppelung des Randes, bald liegt er etwas tiefer, 
manchmal auch zweifach, wie an einer schlanken Kanne aus 
Vermand.-) Auf einer fränkischen Flasche des Provinzialmuseums 
in Bonn ist er so aufgelegt, daß unten zwischen Ring und Hals 
eine Hohlrinne entsteht. Am häufigsten findet man ihn in dünnen 
Spiralen den Hals oder einen Teil wie ein Schraubengewinde 
umschlingend. Seltener ist ein kantiger Ring, wie an dem röhren- 
förmigen Baisamarium im Paulusmuseum in Worms, wo er opak- 



1) Pilloy II 14S. 

^) Pilloy II, T. III 5. In .Ägypten wurden auch Tonkannen mit Halsringen 
verziert. Vgl. die blauglasierle Pilgerkanne aus früher Kaiserzeit im Museum von 
Kairo, v. Bissing, ägypt. Fayencegefäße Xo. 3673. 



491 

weiß von dem tiefen Azurblau des Gefäßes sich abhebt. (Abb. i 53c.) 
An einem einfachen runden oder kantigen Fadenringe in der Mitte 
des Halses setzen die geschwungenen Henkel der Kugelkannen 
mit Röhrenhals vom Typus Formentafel C 138 an, der im III. Jahr- 
hundert sehr beliebt ist^) (Abb. 147). O'berhaupt verwendet diese 




Abb. 230. Netzglas. Ofen-Pest, Nalioiialmuscuni. 

Zeit die meiste Phantasie auf die Gestaltung des Halsringes. Flache 
Ringe werden wie Halskrausen radiär gerippt, manchmal mit 
einem runden Faden an der Peripherie eingefaßt;"') schlanke 
Kannen mit Spiralfäden, die zu dreien angeordnet sind, sowie 
Kugelkannen der oben genannten Art wurden mit Vorliebe zu 
solchem Schmucke ausersehen. An die Stelle des Reifs mit 
glattem Profil tritt ein starker gewundener Ring von einem oder 
zwei Rundfäden, besonders bei schlanken Kugelkannen und 



^) Sammlung M. vom Katli, T. i8, 151. 
2) Pilloy II, T. 3, 9, T. III 3, IV 2, 7 — 5. 



492 

KujJ-elflaschen/ ) (Abb. 167, 168.) Mitunter bildet der aus 
mehreren Rundfäden gedrehte Ring halbrunde Zacken/) es gibt 
aber auch Kragen, die aus einem Stücke bestehen und mit 
starken senkrechten Einschnitten kantig gegliedert oder zu runden 
Zacken ausgearbeitet sind.^) Sehr hübsch wirken radiär gerippte 
Doppelkragen, die mit einem Zickzackfaden frei verbunden sind, 
wie an der früher genannten Kugelkanne mit aufwärts kriechen- 
den Schlangen aus Vermand (Abb. I29d) und an der Kanne 
aus Luxemburg in der Sammlung Charvet. '') 

Der Fuß ist ringförmig oder konisch gestaltet, manchmal 
eine Vereinigung beider Formen; er wurde an das fertige Gefäß 
angesetzt, ehe man es von der Pfeife ablöste und hierauf durch 
eine rasche Drehung ausgestaltet. Der Fuß ring ist immer sehr 
dünn, nur im IV. Jahrhundert und in der fränkischen Zeit tauchen 
plumpere Formen auf Um den kegelförmigen Fuß bildete 
man einen Hohlring, indem man den Rand etwas einrollte und 
fügte mitunter in den hohlen Raum einen besonders eleganten 
Schmuck von farbigen Reticellafäden ein. Wenn der Fuß fertig 
war, löste man das Gefäß durch einen leichten Schlag auf das 
Ende der Pfeife von dieser ab: um die Mündung zu vollenden 
und die Henkel anzusetzen, befestigte man die Pfeife mit etwas 
Glasmasse am Boden des Gefäßes und konnte dieses nun be- 
liebig drehen. ]\Ian erhitzte es von neuem und gab durch 
Drehung unter Beihilfe von Werkzeugen der ]\Iündung die ge- 
wünschte Gestalt,^ wobei man sie nach Belieben verengen oder 
. erweitem konnte. ^) 

Die Gründung blieb glattrund oder erhielt durch einen 
schnabelförmigen Ausguß verschiedenartige kleeblattförmige 
Faltungen. Man faßte sie, wie oben bemerkt, gewöhnlich durch 
einen einfachen oder doppelten Rundfaden ein. Seltener ist bei 
Kannen des III. und TV. Jahrhunderts die Auflage eines welligen 
Fadens an die rückwärtige, dem Henkel zugekehrte Hälfte, 



^) Sammlung M. vom Rath, IV 39. 

2) Pilloy II, T. III 4, 10. 

^) ibd. II, T. IV I, Kugelkanne mit kürbisartiger Rippung. VII 3, schlanke 
Kanne mit Längsrippen; VII 10, starke Rippen mit Einschnitten. 

*j Pilloy S. 145, T. VII— I, 8: Froehner T. 17. 85 und Pillov, Abbeville. 
fasc. V, T. III 13. 



493 




(Abb. 158.), die Umwickelung- des R^mdw ulstes gegen den Henkel 
zu mit einer drei- bis vierfachen Schraubenwindung (Abb. 36 a, 
47, 165 c) oder einer gedrehten Schnur, die wie ein umgelegter 
Eimerhenkel aussieht (Abb. 90 links). 

Die Henkel wurden gewöhnlich an der Seite angebracht, 
sei es so, daß sie bis zum Rande des Gefäßes hinaufgreifen, sei 
es, daß sie (besonders bei langhalsigen Gefäßen) nur bis zur 
Mitte reichen und dort von einem Ringe oder Kragen aufge- 
nommen werden. Andere beschrän- 
ken sich wie Ösen auf den oberen 
Teil neben dem Ansätze des Halses, 
oder wie die Henkel von Tassen und 
fäßchenartigen Bechern auf die Mitte 
des Gefäßes. .Scyphusartige Näpfe 
erhalten manchmal kleine, vom 
Rande emporstehende Rundhenkel 
(Abb. 115c, 124, 140). Auch eimer- 
artig emporstehende Henkel sind 
nicht selten, besonders bei Näpfen 
(Abb. 106) und zylindrischen Balsa- 
marien aus vSyrien (Abb. 17, 18). 
In Form und Größe der Henkel 

herrscht eine unerschöpfliche Mannigfaltigkeit (vgl. die häufigsten 
Henkelbildungen in Abb. 156 — 158). 

Trotz der fast unbegrenzten Phantasie, welche die Glas- 
macher entwickelten und der unvergleichlichen Bildsamkeit 
des Glasfadens, mit welchem sie dabei operierten, sind antike 
Henkel auf den ersten Blick von anderen zu unterscheiden, ^"or 
allem treten zwei Eigentümlichkeiten an ihnen hervor, die man 
bei späteren kaum findet. Zuerst die Art, wie der einfache 
oder zusammengesetzte Rundfaden in mehrere Schlingen ge- 
faltet an den Rand ansetzt und wie er sich unten am Gefäß- 
körper verbreitert, entweder rund oder spitz abschließt und bei 
kombinierten Fäden in seine Bestandteile auseinandergeht (Henkel- 
formen 12 — 19, 21, 26, 29 — 32, 36 — 43, 45, 46). Die andere 
besteht in der Zusammensetzung flacher Henkel aus dicht ange- 
HMhten Fäden, woraus sich gepreßte P^ormen mit feinen Längs- 
rippen entwickeln, welche an den Rändern durch Rundfäden 



Abb. 231. Bruchstück eines geschlif- 
fenen Krystallbechers. 
Wien kunsthistor. Hofmuseum. 



494 

eingefaßt werden. Wegen der Ahnlirhkeit mit gewissen Pflanzen- 
bildungen habe ich dafür die Bezeichnung Selle'riehenkel 
eingeführt (ibd. 32 — 45). ^lanchmal bleibt die Fläche zwischen 
den Rundfäden glatt (ibd. 46), mitunter ist sie mit Wellenfäden, 
(Abb. 158-) zopfförmig verschlungenen, mit schrägem oder wage- 
rechtem Rautenmuster gefüllt, das sich auch an dem unteren 
Henkelansatze fortsetzt (Abb. 156,0-).^) Selleriehenkel oder breite 
Flachbänder fehlen selten am Stamnium, kommen aber auch bei 
Kugelkannen des III. Jahrhunderts häufig vor.-) 

Die aus Rundfäden gebildeten Henkel des I. Jahrhunderts, 
sowohl die kleinen ösenartig gerollten, wie die in schöner 
Schwingung selbst über den Rand des Gefäßes emporsteigenden, 
sind der Keramik entlehnt, die flachen Formen der ]Metallin- 
dustrie. Dabei führte aber die Glastechnik zu freien Variationen, 
wie sie in Ton, selbst in ^Metall, in solch ungezwungener Art 
kaum denkbar sind. Die Henkel der ägyptischen Balsamarien 
sind zumeist Ösen aus dünnen Rundfäden, manchmal mit einer 
nach innen gebogenen Schhnge (Tafel 11 4, 6) oder gehen in ein- 
fache freie Rundung aus (Tafel 11 2). Kleine Ösen finden sich 
auch bei den Kugelfläschchen nach Art des Aryballos, nehmen 
aber hier, wie bei den Zylinderfläschen mit Röhrenhals, die Form 
von Delphinen an. (Formentafel B 130, C 157—159. 161 — 166.)'') 
Die Delphin Ösen zeichnen sich oft durch schöne türkis- oder 
azurblaue, manchmal durch goldgelbe oder lackrote Färbung aus. 
Bei den farbigen Kannen der ersten Kaiserzeit sind die Henkel 
aus zwei oder drei Rundfäden zusammengesetzt, die parallel 
nebeneinander laufen; die Schlingen, mit welchen sie an den 
Rand ansetzen, dienten ursprünglich zur Befestigung eines Deckels 
oder Pfropfens. ^lan behielt sie noch im III. Jahrhundert auch 
bei flachen Bandhenkeln bei oder ließ deren rundfädige Ein- 
fassung zu einer großen rechteckigen Schlinge emporwachsen, 
die sich quer über den Henkel erhebt und oft noch ihrerseits 
in der Mitte eine kleine runde Schleife bildet. Eine derartige 

1) Pilloy II S. 134 f. 

■2) ibd. II T. III 2, 3, 4. 5- 

^) Eine sonderbare Abart erscheint auf einem zylindrischen Känncben aus 
Vermand, abgeb. bei Pilloy II T. VI 4. Hier sind neben der Mündung Rundplätt- 
chen aufgesetzt, aus welchen die krausen, delphinartigen Ösen sich entwickeln. 



Schlinge kann man bei den schonen kegelförmigen K^mnen vom 
Typus Formentafel D 250, 251 beobachten und bei der Kanne 
Abb. 47 aus dem Grabfelde der Luxemburger Straße in Köln. 
Kleinere Rundhenkel haben oft eine Daumenplatte, welche bei 
den ältesten Stücken im Museum zu Neapel, im Schatze von 
S. Marco u. a. (Abb. 35) wagerecht liegt, später schräge ansteigt. 
(Abb. 96 a, 166). 

Im Laufe der Zeit nehmen die Fäden, die den Henkel 
bilden, phantastische Gestalten an. Bei einem Kännchen aus 
Vermand ist er astartig geknickt und mit 
Knoten versehen.-^) Oft wird der ganze 
Henkel mit der Zange in Schlingen gelegt 
(Abb. 90), in spitzen Zacken ausgezogen und 
bis zum Fuße als anhegender AVellen-, 
Stachel- oder Zackenfaden fortgesetzt (Abb. 
162). Besonders schön erscheint der Wellen- 
faden an den Kölner Rosettenkannen und 
Schlangengläsern, zumeist in azurblauer 
Farbe, an den Henkeln entweder mit einer 
frei aufragenden runden Schleife (Abb. 1 20) 
oder wie bei der Taubenkanne, mit einer 
phantastischen Verschlingung beginnend. 
Ein goldgelber Wellenfaden stellt auch in 

kühner Idealisierung die Rückenborsten eines azurblauen Schwein- 
chens dar, das am Ende des IL Jahrhunderts einem Grabe in der 
Luxemburger Straße in Köln beigegeben wurde und sich jetzt 
im Museum Wallraf-Richartz befindet (Abb. 105). 

Die besonders an Netzkannen häufigen Kettenhenkel 
wurden schon früher geschildert, dabei auch eine in einem 
Mainzer Exemplare vertretene Abart erwähnt, bei welcher die 
zusammengeflochtenen Rundfäden nur in der Mitte eine runde 
Schleife freilassen. Der hohe Schwung der dritten Abart von 
Kettenhenkeln, die aus Ringen bestehen, zwischen welche man 
Kügelchen eingeschoben hat, wie z. B. an dem Cantharus der 
vatikimischen Sammlung (Abb. 165), bringt die Calices alati 
Nero's in Erinnerung. Manche wollen ja unter diesen Fuß- 




Abb. 232. Scherbe eines 

geschliffenen Glases. 

Wien, Österr. Museum. 



1) Pilloy II T. VII 12. 



496 

becher mit hochi>-(\sch\vung-enen Henkeln verstehen, die wie Flügel 
emporstanden und den Eindruck des Luftigen, Körperlosen, 
den die farblose Klarheit des Krystallglases hervorrief, noch 
erhöhten. Auch solche Henkel erhielten durch Verschlingungen, 
Auszwickungen, Besatz mit Wellen und Stacheln phantastische 
Formen. Jedenfalls ist nicht nur der Xame „Flügelglas", sondern 
iiuch der Begriff antiken Ursprungs. Henkel dieser Art erhielten 
sich über die römische Zeit im Oriente, besonders in Syrien und 
Persien, und wurden von den Venezianern als Spezialität weiter- 
gebildet, nicht bloß durch die oben angedeuteten Mittel, sondern 
auch noch durch Ansätze frei geformten und gepreßten Zierrates. 
Freilich wird auch von der Einwanderung venezianischer Glas- 
macher im XVII. Jahrhundert nach Persien berichtet, welche die 
im Mittelalter empfangenen Anregungen zurückgaben. 

Die Henkel enden am Gefäßkörper in leichter Verdickung, 
die sich etwas zuspitzt, bei Flachbändern aber in Fortsetzungen 
des gemusterten oder glatten Bandes. Rundhenkel gehen oft 
in sägeartige Zacken aus, so z. B. die zweirippigen Henkel 
der beiden schönen kobaltblauen Amphorisken des Museums 
von Trier, die mit Münzen Neros gefunden wurden. Andere 
aus zwei oder mehreren Rundfäden zusammengesetzte Henkel 
teilen sich und bilden am unteren Ansätze tatzenförmige Ver- 
breiterungen. Wellen- und Zickzackbänder, sägeartige Spitzen 
setzen sich am Gefäßkörper fort (Abb. 162); dicke Fadenhenkel 
verbreitern sich in der vSeitenansicht unten zur Dreieckform, 
welche mitunter durch ein System von ovalen Durchbrechungen 
erleichtert wird. (Abb. i68a, Formentafel D 239.) .Sehr beliebt 
ist, wie bereits bemerkt, der Abschluß durch eine Löwen- oder 
Medusenmaske, welche für sich als Medaillon gepreßt und auf- 
gesetzt wurde. Den früher angeführten Beispielen möchte ich 
hier noch eine schöne goldgelb-durchsichtige Kanne des Museums 
Poldi-Pezzoli in Mailand anreihen, deren flacher, hochgeschwun- 
gener Henkel unten dreirippig ansetzt; er ist der Länge nach mit 
einem opak-azurblauen Faden belegt, der oben in zwei Schrauben- 
windungen den Rand umschlingt und in eine Medusenmaske 
endigt. 



ij Pilloy II T. IV 2. 



497 

Die Zahl der Henkel ist sehr verschieden. Mitunter sind 
große Seitenhenkel mit kleinen Ösen kombiniert, die neben dem 
Ansätze des Halses emporstehen, wie an dem interessanten 
Kannenfragmente des historischen Museums in Frankfurt a. M. 
(Abb. I 5 3 b.) — Eine hübsche 
Kegelkanne der Sammlung 
M. vom Rath in Köln hat 
drei kräftige senkrechte 
Fadenhenkel von azurblauer 
Farbe, eine Oenochoe der- 
selben Sammlung gar fünf 
von gleicher Farbe, vier 
kleinere, welche den Bauch 
umgeben und einen größe- 
ren, der bis zum Rande 
hinaufreicht. Vier Henkel 
zählt man an einer Kugel- 
flasche aus Vermand, die 
auch mit Nuppen ge- 
schmückt ist; sie werden 
von einem zierlich gefältel- 
ten Ringkragen in der 
Mitte des Halses aufgenom- 
men. Ein gleichfalls aus 
Vermand stammendes Sei- 
tenstück hierzu befindet 
sich in der Sammlung lumel 
in Amiens. Dazu kommen 
die fränkischen standuhr- 




Abb. 233. Lykurgosbecher. London, 
Lord Lionel Rothschild. 



förmigen Gefäße aus der Picardie und vom Rheine, ja sogar 
Becher mit acht derben Tatzenhenkeln wie an dem großen 
Napfe des Schlesischen Museums für Kunstgewerbe und Alter- 
tümer in Br.eslau (Abb. 164). 



VIII. 

Vasa Murrina und Vasa Diatreta. 



Vasa Murrina und Vasa Diatreta. 

Die Mosaikgläser. 

Unter den buntfarbig-en Gläsern gibt es mehrere Sorten, 
die noch kunstvoller als die ägyptischen Alabastra und Balsa- 
marien mit ihrem aufgelegten Fadenschmucke von einem 
farbenreichen, teils durchsichtigen, teils opaken Flachmuster von 
mannigfaltiger Zeichnung nicht nur äußerlich bedeckt, sondern 
völlig in der Masse durchdrungen sind. Sie gehören zu den 
kostbarsten Erzeugnissen des antiken Kunsthandvverkes und sind 
vom Ende des Mittelalters an, namentlich aber seit Winckel- 
mann, Gegenstand eifriger Nachahmung und wissenschafthcher 
Forschung gewesen. Trotzdem sind die bei ihnen angewendeten 
Techniken noch nicht ganz klargestellt und hier daher näheres 
Eingehen auf sie geboten. Man kann diese Gläser unter dem 
Gesamtnamen der Mosaikgläser zusammenfassen, weil ihre 
Musterung wesentlich auf der Anreihung verschiedenfarbiger 
Elemente, Stifte, Glasstücke von bestimmt zugeschnittener oder 
zufälliger Gestalt, Fäden, Röhren u. a. beruht.^) 

Die Heimat der Mosaikgläser ist gleichfalls Ägypten. Schon 
im IL Abschnitte sind zahlreiche Beispiele für ihre Verwendung als 
Besatz von Mumiensärgen, Möbeln, Schmucksachen und als Wand- 
bekleidung angeführt. Eine Art der hierzu nötigen Platten ist so 
hergestellt, daß man eine Unterlage aus Marmor, Alabaster, JJolz 
u. dgl. entsprechend aushöhlte und mit farbigen Glasmustern füllte. 
Das Ganze wurde dann erhitzt, \ielleicht auch noch zementiert und 

') Der erste Kunstscbril'tsteller, der das antike Mosaik- und Millefioriglas be- 
handelte, war Graf Caylus in Recueil I 293, Ihm folgte Winckelmann, der zwei 
,, Gemälde aus Glasröhren" beschrieb, eine Paste mit einer Knte und eine andere mit 
Ornament. 

Kisa, D.is GUis im AllcrUiiue. II. 



auf diese Weise fest verbunden. In Teil el Xebesheh fand man 
unter zahlreichen anderen Glasfragmenten im Treibsande eine 
Mosaikpkitte von 8" Breite und ursprünglich wohl von gleicher 
Länge, die einen Habicht darstellte. Jede Feder ist aus einem be- 
sonderen Stücke geschnitten, die Schwarzfedern grün mit brauner 
Spitze, die kleinen Rückenfedern, die am Halse, die oberen Flügel- 
ecken durch kleine Sechsecke aus blauem, die langen Federn in 
der Mitte des Flügels aus grünem Glase hergestellt, wobei zwischen 
den Federn vergoldete Stege stehen bleiben. Auf der Vorderseite 
bilden die einzelnen Glasstücke ein Relief: sie sind so zuge- 
schnitten, daß die hintere Fläche etwas schmäler ist als die vor- 
dere, also von keilförmigem Profil. Der Habicht, das Wappentier 
Unterägyptens, saß ursprünghch wahrscheinlich über einem Schilde 
mit dem Königsnamen. Das Stück stammt aus frühptolemäischer 
Zeit, ebenso die zahlreichen Formen zum Guße, die man in der 
Nähe fand, Vogelschnäbel, heilige Augen, Amulette u. a.-*) In 
ähnlicher Art waren die Flachreliefs aus der Zeit Ramses IIL in 
Teil el Yahudieh gearbeitet, von welchen sich einzelne Stücke 
im kunsthistorischen Hofmuseum in Wien befinden.'') 

Eine andere Art Mosaiktafeln herzustellen bestand darin, 
daß man Glasstücke in entsprechender Form zuschnitt, un- 
vermittelt nebeneinander setzte und durch Hitze zu einer Platte 
verband. So verfuhr man, wenn es sich darum handelte, mar- 
morartig gemusterte Wandbekleidung herzustellen. In Teil el 
Nebesheh z. B. fand man Platten, die ^Nlarmoräderung in rot, weiß 
und grün nachahmten. 

Für besonders feine Sorten aber, besonders für solche mit 
omamentalem, figürlichem oder mit zierlichem Blumenschmucke 
kam die Methode des Zusammensetzens und Ausziehens von 
Glasstäben in Anwendung, die man zum Unterschied von 
den anderen Arten das Fadenmosaik nennen kann. Man zog 
Glas von verschiedener Farbe in dünnen, geraden Fäden aus, 
legte diese nach einem bestimmten Plane aneinander, schmolz 
sie zu einem Gesamtstabe und zog diesen in einem durch 



^) Flinders Petrie, Murrray & Griffiths Nebesheh S. 42. 

-) Abgebildet bei Dedekind, Agyptologische Untersuchungen. 2 Tafeln in 
Lichtdruck. 



503 




Abb. 234. Gruppe von Gläsern mit gravierten Reifen. Kiiln, Sammlung M. vom Rath. 



Hitze erweichten Zustande beliebig in die Länge. Durch Quer- 
schnitte bekam man dünne Plättchen, welche das Muster genau 
wiederholten. Je mehr man den Gesamtstab verlängerte, desto 
dünner wurden die Fäden und desto minutiöser das Muster. 
Bildchen aus Glasmosaik, deren Elemente man fast mit der Lupe 
suchen muß, sind demnach nicht etwa schon ursprünglich aus 
fadendünnen winzigen Glasstäbchen zusammengesetzt, sondern 
erst durch das Ausziehen des Stabbündels auf ein Minimum 
gebracht. Das Verfahren wurde dadurch kompliziert, daß man 
einen oder mehrere Glasfäden in flüssige Masse anderer Farbe 
eintauchte und so röhrenförmig überfing. Das Überfangen konnte 
wiederholt werden, so daß sich im Querschnitte verschieden- 
farbige konzentrische Schichten um einen Kern bildeten. Am 
häufigsten ist die Anordnung so, daß um einen mehrfach über- 
fiingenen Kern im Kreise andere gleicher Art gelegt, das Ganze 
von einer Schichte Glas überfangen und zusammengehalten wird. 
Ist dieser Überfang von gleicher Farbe wie die einzelnen klei- 
neren Röhren, so erscheint im Querschnitte ein stengelartiges 
Streumuster; ist er verschieden, so bilden die einzelnen über- 
fangenen Fäden sternförmige Rosetten in einem meist durch- 

33* 



504 

scheinenden Grunde. Eine kleine X'erschiebun^ des Musters trat 
dadurch ein, dal) man aus dem Stabbündel Plättchen schräg- 
herausschnitt. Die Röhren des Musters liegen in solchen Fällen 
schief und bilden anstatt kreisrunder ovale Ringe. 

Auch Mosaikplatten solcher Art wurden in Teil el Xebesheh 
gefunden. Außer Blumen- und Sternmotiven waren Schachbrett- 
muster sehr häufig, mitunter solche aus fünf Farben, wobei die ein- 
zelnen Stäbchen rechteckigen oder quadr^itischen Querschnitt haben. 
In einem Falle ist das Stabbündel erst zur Hälfte durchsäg-t und 
so das Muster freigelegt. Um ^Mischfarben herzustellen, ohne die 
Glasmasse besonders zu färben, wurden aus einem farbigen Stabe 
sehr dünne Scheiben geschnitten und diese auf heiße Platten von 
hellblauem oder dunkelblauem Glase aufgelegt, deren Farbe durch 
die darüber gelagerte hindurchschien. Dasselbe ]\Iittel wandte 
m^in in romanischer Zeit an, als die Glasmalerei noch über eine 
beschränkte Farbenskala verfügte: man rief z. B. grün dadurch 
hervor, daß man eine gelbe Scheibe mit einer blauen bedeckte. 
Außer feinen Ornamenten sind im Fadenmosaik figürliche Dar- 
stellungen häufig. In Teil el Xebesheh fand man auf einem 
Plättchen von -^/e Zoll Durchmesser die vollkommen genau durch- 
geführte Figur eines Geiers mit Doppelkrone. Die Mehrzahl dieser 
durch ihre Feinheit und Zierlichkeit überraschenden Arbeiten 
gehört der saitischen Periode, der Ptolemäer- und der Kaiserzeit 
an. Im ^Museum von Kairo befinden sich zahlreiche größere und 
kleinere Platten mit geometrischen Mustern in dieser Technik, 
daneben auch mehrere, die einen Affen aus grünlichem Glase 
mit schwarzen und gelben Flecken auf dunkelrotem, opakweiß 
umrahmtem Grunde zeigen.^) Im ^luseum von Bulak füllen diese 
Arbeiten einen ganzen Schrank: die meisten Platt chen stellen hier 
Rosetten, Sterne, einzelne Blumen und Sträuße dar, ein besonders 
feines zeigt in weiß und schwarz einen würdevoll schreitenden 
A])is. dessen wundervolle Durchbildung selbst bei der Betrachtung 
durch die Lupe nicht verliert. Auf anderen Mosaiken sieht man 
Affen, darunter einen, der auf vier Beinen zu einer am Boden 
liegenden Frucht herankriecht, mehrere Frauenköpfe, weiß oder 



^) Es sind Arbeiten der griechisch-römischen Epoche. \'g\. Maspero, (juide. 
engl. Ausgabe S. 371. 



wasserblau, auf dunkelblauem, rot eingefaßtem Grunde; viele 
dieser Stücke gehören noch in die saitische Periode. Außer dem 
Habicht, dem Sperber, dem Symbol der aufgehenden Sonne, der 
Sonnenscheibe, kommen häufig Wasservögel und Fische vor, wie 
der in Abb. lo vorgeführte des Österr. Museums in Wien, dann 
männhche und weibhche Porträtköpfe, Masken, Tierköpfe, n£itura- 
listische Blumen, stilisiertes Blattwerk, Ranken, feine omamentale 
Motive griechischen Stiles, Rosetten und Schachbrettmuster. 
Bewunderungswürdig wie die ZierUchkeit und Genauigkeit der 
Zeichnung ist der Reichtum und Geschmack in den Farben.^) Die 
I'lättchen sind gewöhnlich viereckig, rund oder oval zugeschnitten, 
manchmal als Schmuckstücke in Ringe, Armbänder, Diademe, 
Fibulae u. dgl. von Metall gefaßt, in anderen Fällen als Besatz 
\-on kleinen Möbeln, vielleicht auch von Prunkgewändern gedacht 
und zwar so, daß das Muster auf beiden Seiten gleich gesehen 
werden konnte. Am häufigsten sind sie in ägyptischen Gräbern 
zu finden, doch sind in der frühen Kaiserzeit derartige ägyp- 
tische Arbeiten auch nach Süditalien, Sizilien und Etrurien ge- 
drungen. Reich an ihnen war die Sammlung Sarti in Rom, die 
Mosaiken mit Menschenköpfen, Satyr- und Silenmasken, Köpfen 
von Papageien, Sperbern, Ibissen und Panthern, dann eine große 
Menge von Ornamenten enthielt, welche auf alexandrinischen 
Ursprung deutlich hinweisen.") Einzelne Täfelchen sind mit 
Goldfäden durchzogen und von überraschend schöner Farben- 
wirkung. Da die Muster der wohl durchweg zum Besätze von 
kleinen Möbeln bestimmten Stücke ganz minimal sind, wurden 
sie in den Abb, 169 bis 176 vergrößert dargestellt. Die Farben 
(l»-r menschlichen und tierischen Gestillten sind ebensowenig 
naturalistisch wie die der Blumen und Blattornamente. Der 
Pantherkopf Abi). 171 ist allerdings gelb, aber rot gefleckt; rot 
ist auch das Auge und das I laarbüschel am Ohre, während der 
Bartkranz um die Backen im schönsten Himmelblau prangt. 
Die Satyrmaske Abb. 169 und die des Silen Abb. 170 leuchten 
in Scharlachrot, die inneren l'mrisse sind schwarz, die Augen- 



M Vgl. Frochncr S. 53t". T. Xl OS, 69. 

-) Ludwig Pollack, vendita Sarli, Katalog S. 69 Nr. 406 — 415 mit Abbil- 
dungen in Farbendruck auf den Tafeln 25 — 27, wonach die unseren hergestellt sind. 



5o6 

räncU^r, Bart und IJcUir \\c\i], lünzelheiten irrau t^-enuistcrt, 
Blätter und Weintrauben olivgrün. Ebenso lebhaft sind die 
Ornamente gefärbt, unter welchen namentlich eine in dunkelblau 
und rot gehaltene Borde auf bläulichweißem opakem drunde auf- 
fällt, die wie Stickerei aussieht (Abb. 176). 

Sarti hat seine Exemplare wahrscheinlich in Süditalien er- 
worben, woher auch die feinen kleinen ^Nlosaikstücke des Anti- 
quariums in München stammen dürften/) Einige Plättchen zeigen 
hier menschliche Köpfe, den einer Frau und eines bärtigen Mannes 
von orientalischem Typus. Die Fleischpartien sind opak-elfenbein- 
weiß, das Haar des Frauenbildnisses blond mit schwarzen Ab- 
schattierungen, die Augen schwarz, die Lippen sch^lrlachrot, der 
Hintergrund dunkelblau; bei dem männlichen Kopfe sind die 
Innenlinien, Augen und Bart gleichfalls schwarz, die hohe Mütze 
dunkelbraun, die wolligen Löckchen dabei durch winzige schwarze 
Spiralen angedeutet (Abb. 177). Noch bewunderungswürdiger 
ist die Kleinarbeit bei dem buntfarbigen Papageienkopfe, der 
Sperberfigur und dem in leuchtenden Farben prangenden 
zierlichen Geierkopffriese. Unter den Ornamenten ragt das 
Bruchstück einer buntfarbigen Borte hervor, die ähnhch 
wie ein Stück der Sammlung Sarti (Abb. 174), aus parallelen, 
verschieden gemusterten Streifen zusammengesetzt ist, es aber 
an Feinheit der Zeichnung und der Farben noch übertrifft 
(Abb. 180). Während sich bei dem Sartischen Stücke die ^Muster 
aus Halbmonden, dreigeteilten Lotusblüten, Schachbrett und 
Rosetten zusammensetzen, sich also noch stark an altägyptische 
anlehnen, finden wir bei dem Münchener rein griechische Motive, 
Kymation, Lorbeertänien und Perlenreihen von feinster Durch- 
bildung. Noch edler und formvollendeter ist das buntfarbige, mit 
Gold belebte Palmettenornament eines Bruchstückes von milch- 
weißer, opaker Grundfarbe (Abb. 178) und die beiden identischen, 
angeblich aus Pompeji stammenden Rosettenornamente (Abb. 179). 
Diese zeigen auf schwarzem Grunde einen sehr zierlichen sechs- 
spitzigen Stern, der aus Efeublättern und Voluten gebildet ist, mit 
einem kornblumenartigen ^Httelstücke, das Ganze kreisförmig von 



^) Christ, Führer S. 32. Nr. 837 — 838. Die Aufnahmen der besprochenen 
Stücke verdanke ich Herrn Dr. Bassermann-Jordan. 



i07 



zwei zierlichen Kymatien umrahmt; in den Farben der ung-ewöhn- 
hch feinen ^Musterung- wechselt blau, rot und gelb. Ein orig-inelles 
Motiv finden wir auf einem Plättchen des Österr. Museums in Wien 
(Abb. 183), das zwischen blauen und grünen Bändern ein opak- 
weißes, mit Gold und bunten Farben verziertes, zungenförmiges 
Alittelstück enthält.^) Zwei andere Proben (Abb. 181, T82) unter- 
richten uns über die Behandlung- des Pflanzen- 
ornamentes, namentlich der Blumenmuster, 
in alexandrinischen Werkstätten. Auf dunkel- 
blauem Grunde sind Blüten, Blätter und 
Ähren in naturalistischen Formen und Farben 
ausgebreitet und nur durch die strenge Sym- 
metrie eine Stilisierung hervorgerufen. 

Abb. 184 bietet auf purpurrotem Grunde 
ein schwarz-weißes Schachbrettmuster von 
wenig sorgfältiger Arbeit.") Welchen Grad 
peinlichster Genauigkeit man darin gewöhn- 
lich einhielt, lernen wir an dem Email- 
schmucke gallischer Gewandnadeln 
und an größeren Glasperlen kennen (Abb. 
29 u. 30). Zu deren Dekoration verwendete 
man, wie im Abschnitt III über den Glas- 
schmuck näher ausgeführt ist, gleichfalls 
kleine Segmente aus Mosaikstabbündeln, 
legte die Plättchen nebeneinander in den 

pulverförmig aufgetragenen Grund, füllte die Lücken mit farbigem 
Glasstaube und schmolz das (ianze ein, wobei die Muster der 
Plättchen von der Hitze nicht mehr verändert werden konnten. 
Nach Tischler gehört die Mehrzahl solcher Arbeiten in das IL 
und III. Jahrhundert. In der Tat hat die schwierige und zierliche 
Technik des Fadenmosaiks, nachdem sie auf anderen Gebieten 
aus der Mode gekonnnen war, in der gallischen Schmuck- 
industrie eine Zufluchtsstätte gefunchMi und ihr zu einem er- 




Abb. 235. SUimnium mit 

Liniengravierung. Köln, 

.Sammlung Nießen. 



*) Herr Regierungsrat P'olnesics hatte die Güte, die den Abbildungen zugrunde 
liegenden Aufnahmen für mich herstellen zu lassen. 

-) .\bbildungen anderer ornamentaler Mosaikplättchen bei Semper, a. a. O. 
T. XVI 6, 10. 



neuten Aufschwung-e \-erholfen.^) Die alexandrinischen und die 
von ihnen abhänt^ig-en italischen Werkstätten der Kaiserzeit 
exportierten außer einfarbigen Glaspasten in Form von Ziegeln, 
Stangen und Platten auch ]\Iosaikstabbündel nach dem Norden, wie 
die Funde in mehreren Glaswerkstätten beweisen. Wenn ein sonst 
so verdienter und kenntnisreicher Forscher wie O. Tischler es un- 
erklärhch findet"), daß die jMosaikplättchen zumeist so gar nichts 
ägyptisches hätten und sie deshalb größtenteils für italische 
Arbeiten halten möchte, die aus importierten ägyptischen Stab- 
bündeln hergestellt seien, so zeigt er darin nur eine allzu be- 
schränkte Auffassung des alexandrinischen Stiles. Zudem ist sein 
Erklärungsversuch ganz unmöglich, denn in den aus Alexandrien 
kommenden Stabbündeln waren ja die Muster bereits deuthch 
ausgeprägt. Eine Kombination mehrerer Elemente konnte zwar 
das Muster variieren, es aber nicht stilistisch umgestalten, aus 
ägyptischen Formen griechische machen. 

Aber nicht nur als Schmuckstücke wurden solche Mosaik- 
plättchen verwendet, sondern auch zur Zusammensetzung buntfar- 
biger Schalen, die man gewöhnlich Mille fiorischalen benennt, 
weil die Plättchen ein zierliches Muster von Streublumen und 
Rosetten zeigen. Die in der venezianischen Glasindustrie der 
Renaissance entstandene Bezeichnung „Millefiori" wird auch dann 
auf die Technik des Fadenmosaiks und die durch sie hergestellten 
Gefäße angewendet, wenn sich aus der Zusammensetzung der Glas- 
stäbe andere ^Muster ergeben. Diese wundervollen Gefäße, die zu 
den schönsten und kunstvollsten der antiken Glasindustrie ge- 
hören, sind zumeist flachrunde oder halbkugelige Schalen auf 
niederem Fuß oder unten einfach gerundet, ungehenkelt und ohne 
jede plastische Verzierung, mit Ausnahme senkrechter Rippen, 
welche viele von ihnen bis zum Rande hinauf gliedern. Die 
Mosaikplättchen, aus welchen sie zusammengesetzt sind, wurden 
in einer Hohlform aus Terrakotta nebeneinander gelegt und 
entweder durch Hitze erweicht, wobei die einzelnen Stücke 
an den Rändern sich verbanden oder durch eine meist farbig 



^1 Tischler, Abriß der Geschichte des Emails S. 48. — v. Cohausen, Römischer 
Schmelzschmuck S. 27 f. 

2) O. Tischler, a. a. O. S. 48 f. Blümner a. a. O. IV 392 f. Froehner S, 48 f. 



509 

durchsichtige Glasblase \-ereinig-t, welche man von innen ein- 
blies, so daß sie die Lücken zwischen ihnen füllte und im 
Innern einen Cberfang bildete, welcher die Form zusammen- 
hielt und zu weiterer Bearbeitung durch Pressung und Schliff 
geeignet machte/) Die Plättchen wurden durch Quer-, manch- 
mal auch durch Schrägschnitte aus Stabbündeln gewonnen. 
Wurden sie, wie das bei den einfacheren Arbeiten der zuerst 
genannten Art mitunter geschah, nicht w^eiter bearbeitet, so 
erscheint ihr Äußeres nicht ganz ebenmäßig gerundet, sondern 
leicht gekantet, aus kleinen, den Mosaikplättchen entsprechenden 
Flächen zusammengesetzt. Zumeist aber wurde die Schale durch 
Hitze erweicht und durch Pressung genau der Hohlform an- 
gepaßt, wobei auch die Rippen, welche von ihnen so viele 
zeigen, ausgeprägt wurden. Die Unregelmäßigkeiten der Außen- 
seite wurden durch nachträgliches Anwärmen und durch Ab- 
schleifen beseitigt. Man stößt oft auf die Behauptung, daß die 
Rundung und Glätte durch einen farblosen Überfang an der 
Außenseite hergestellt sei. Das ist aber bei antiken Schalen 
niemals der Fall, der äußere Cberfang ist vielmehr eines der 
Kennzeichen venezianischer Nachbildungen. Tischler hat das 
nachträgliche Abschleifen antiker Millefiorischalen bezweifelt und 
behauptet, daß solche Stücke, deren Oberfläche in ursprüng- 
lichem Zustande erhalten ist, durchaus keine Abschleifung an 
den einzelnen Stäbchen und Fäden aufweisen, wohl aber solche, 
die nachträglich von Händlern poliert wurden.') Durch das Ab- 
■^chleifen wären unfehlbar kleine Stellen ausgebrochen und das 
Muster so gestört worden. Daß Händler Schalen und Scherben 
polieren, um ihnen mehr Glanz und Transparenz zu geben, 
beweist nicht, daß diese Stücke nicht auch schon ursprüngHch 
poliert und abgeschliffen waren. Diese Prozedur ist gewiß nicht 
heikler als die des Zerschneidens eines Stabbündels durch Quer- 
schnitte in dünne Plättchen, ohne daß hierbei Stäbchen aus- 
gebrochen wären; sie ist auch nicht schwieriger als das Schleifen 
der Aggryperlen. Die Spuren des Abschleifens, etwaig-e kleine 



*) Brinckmann, Das Hamburger Museum S. 561 f. 

-) Tischler, Über die Aggryperlen und die Herstellung farbiger Gläser im 
Altertume. Schriften der physik.-ökon. Gesellschaft Königsberg (1887). 27. Jahrg. 



510 

Splitterun^'en, wurden eben i>"erade so wie bei den j^enannten 
Perlen durch nachträgliche Anwärmung der Oberfläche aus- 
g-eglichen. Was Tischler für natürliche Rauhigkeit hält, rührt 
von Verwitterung, von Irisierung und Auswachsen einzelner 
Stäbchen her, von chemischen Prozesscm, welche sich bei Glas- 
stiften von verschiedener Farbe und Konsistenz verschieden 
äußern und so im Laufe der Zeit kleine Unebenheiten hervor- 
gerufen haben. Wenn Händler die Stücke abschleifen, so ent- 
fernen sie damit nur die Verwitterungen und stellen annähernd 
das ursprüngliche Aussehen wieder her. 

Der Hauptreiz der vielbewunderten antiken Mosaikgläser liegt 
darin, daß das Muster die ganze Masse durchdringt, also auf 
der Innen- und Außenseite gleich sichtbar ist, ferner in der reichen 
Farbenskala und in dem Wechsel von durchsichtigen und un- 
durchsichtigen Stellen, der besonders hervortritt, wenn man das 
Gefäß gegen das Licht betrachtet. Der Grund, gebildet aus 
dem Überfange der einzelnen Stäbe und Stabbündel, sowie aus 
der sie zusammenhaltenden Glasblase, ist gewöhnlich durchsichtig 
azurblau, violettrot, goldbraun oder grün, die einzelnen Stäbchen, 
Flecken und Bänder opakw^eiß, gelb, dunkelbraun, rot, blau, 
smaragdgrün. Gold findet sich in verschiedenen Arten zur Er- 
höhung der farbigen Wirkung angewendet. Dünne mit Blatt- 
gold überfangene Fäden rahmen die einzelnen Muster ein, in 
die Masse von Bändern und Flecken erscheinen Goldstäubchen 
eingelassen, oft sind Augen und Flecken aus Glasstücken mit einem 
Belag von Flittergold versehen und in die Masse eingedrückt. 

Außer mehr oder minder naturalistischen Streublumen und 
blümchenartigen Rosetten, welchen diese Klasse von Gläsern 
den üblichen Namen Millefiori verdankt, kommen regellose 
Muster vor, die teils aus einfachen farbigen Glasstäben von 
verschiedenem Querschnitte zusammengesetzt sind, teils aus ein- 
oder mehrmals überfangenen Stäben, wodurch Röhren mit mehr- 
farbigen konzentrischen Schichten entstehen. Durch Schräg- 
schnitte, Pressung und Ausblasen wurden die Röhren und 
Ringe um egelmäßig verschoben und schimmern opak aus einem 
durchscheinenden Grunde, was ihnen ein korallenartiges Aussehen 
gibt, weshalb man diese Art auch ]\Iadreporengläser nennt 
(Abb. 197, 211). 



511 



Eine dritte Art zeigt die opaken Bestandteile des Musters 
auf dem Schnitt in Spiralwindungen, welche durch Verdrücken 
und Verschieben bandartige Formen annehmen. Der Herstel- 
lungsprozeß dieser Gläser, die an Bandjaspis, an Onyx, manch- 
mal auch an Holzmaserung erinnern, weshalb das Muster von 
Froehner als „texture en bois" bezeichnet wird, ist folgender: 

Man überfing dickere Glasstäbe von mannigfachem Quer- 
schnitt ein- oder mehrmal mit andersfarbigem Glase, setzte 
die so entstandenen Elemente in einem 
gemeinsamen Überfange zusammen und 
fügte noch ein neues hinzu: Man über- 
fing eine Glasplatte auf beiden Sei- 
ten mit mehreren verschiedenfarbigen 
Schichten und rollte sie spiralförmig auf 
Während jene im Querschnitte Flecken 
zeigten, die von Ringen umgeben waren, 
entstanden bei diesen aus verschiedenen 
Streifen zusammengesetzte Spiral- und 
Wellenbänder (Abb. 203, 212). Die 
durch Quer- und Schrägschnitte gewon- 
nenen Plättchen wurden gleichfalls in 
einer Hohlform nebeneinander gelegt, 
erhitzt und dann eine farbig- durch- 
sichtige Glasblase hineingeblasen, welche die Fugen füllte 
und innen einen Überfang bildete. Man war dabei nicht 
ängstlich auf Wahrung des Musters bedacht, wie es sich 
durch die Schnitte ergab, sondern erzielte gerade dadurch, daß 
man die Regellosigkeit noch übertrieb, die originellsten Zufalls- 
erscheinungen. Man nahm die noch an der Pfeife haftende 
Glasblase mit den darin inkrustierten Plättchen aus der Form 
heraus und blies sie in beliebiger Größe aus, wobei sich die 
Plättchen ausdehnten und das Muster phantastisch verschob. 
So war man nicht auf die flache Form der vorgenannten 
Klasse beschränkt und konnte auch halbkugelige Gefäße her- 
stellen. Indem man die Blase in eine zweite Form mit ver- 
tieften Rippen blies, erhielt die Schale außer ihrem farbigen 
Schmucke noch einen plastischen durch kräftige, nach unten 
verlaufende Längsrippen, die häufigste Art dieser ^losaik- 




Al)b. 236. Kugelflasche mit ge- 
schliffenem Netzmuster. 
London, Kensington-Museum. 



schalen. .Vuch hit>r. half man durch I Vt^ssunj^", manchmal diircli 
Schliff nach. 

Yon einer naturalistischen Xacdibildunj^- der 1 h^lzmaserunt,'- 
kann bei di(\sen (iläsern ebensowenig- die Rede sein, wie von 
(."int'r Kopie der Aderunt,»- des Marmors und \-erschiedener Arten 
von Halbedelsteinen. ^Nlan nahm sich zwar bei der Färbung- 
opaken Glases verschiedene Sorten von Edelsteinen zum Vorbilde. 
Plinius nennt hierbei den Saphir, Opal, Smarag-d, Hyacinth, 
Jaspis, Karneol; man kann noch hinzufügen Rubin, Topas, 
Türkis, syrischen Granat, Beryll, Amethyst, Praser, ^Vchat, 
Sardonyx, Onyx. Lapis Lazuli u. a.-^) Alexandria war besonders 
weg-en der Nachahmung- des Türkis und Lapis Lazuli berühmt. 
Hier, bei einfarbig'-en Stücken, wurde die vSchönheit der Farbe 
des Originales nicht nur erreicht, sondern oft noch überboten. 
Dagegen beschränkt sich die Nachahmung gemusterter Edelsteine 
auf eine oberflächliche Benutzung natürlicher Motive und war 
durchaus nicht auf Täuschung berechnet, am wenigsten in Bezug 
auf die F^arben. Mit Vorliebe behielt man Blau als (irundfarbe 
bei, dann ist Braun besonders beliebt, namentlich bei den 
Gefäßen der zuletzt beschriebenen Art, wodurch eine gewisse 
Ähnlichkeit mit Holzmaserung- und der Achatbänderung hervor- 
gerufen wurde. Selten ist die Nachahmung von Jaspis und 
Porphyr; freilich findet man in Rom große Mengen von bunt- 
gemusterten Scherben, aber ganz erhaltene Gefäße dieser Art 
sind nicht allzu häufig. Die altägyptische Glasindustrie kennt 
die Nachahmung der Achate und Onyxe noch nicht, sie ist erst 
in der Diadochenzeit durch die farbige Wandbekleidung mit 
Glasplatten hervorgerufen und in der ersten Kaiserzeit in 
Alexandrien und Rom am meisten entwickelt. 

Die Mosaikschalen mit und ohne Fuß, mit und ohne Rippen, 
sind m^mchmal sehr dünnwandig und am Rande mit einem 
Reticellafaden eingefaßt, der in farblos durchsichtiger Masse 
einen oder mehrere opake weiße, gelbe, rote oder blaue F'äden ein- 
schließt; diese laufen entweder parallel oder sind spiralförmig zu- 
sammengedreht.^) In der Mitte des inneren Bodens rag-t manchmal 



^) Frochner a. a. O. 41 f. 

') So bei einem von Deville T. VIHa abgebildeten Stücke, bei solchen des 
Museums Wallraf-Richartz, der Sammlung M. vom Rath in Köln u. a. 



513 

ein Nabel vor. Daß außer der Glättung durch xVnwärmen der Außen- 
seite, wie sie schon die altäg-yptische Glaskunst anwendete, 
auch die Pressung" bekannt war, lehren die gerippten Schalen 
ganz unzweideutig. Sie ist auch bei den einfarbigen kugeligen 
Schalen mit Rippen ganz deutlich, welche die Form der Mosaik- 
schalen nachahmen (Abb. 41 — 43, 219), ferner bei der schönen 
roten Schale mit eingepreßtem kassettenartigem Muster aus Köln 
(x\bb. 45) und den zahlreichen Besatzstücken in Medaillonform mit 
Medusen, Kaiserbildnissen nach Münzen und anderen Reliefs. Wenn 
der bekannte Kompilator Bruno Bucher die Erfindung der Glas- 
pressung den — Chinesen zuschreibt,^) so ist diese Behauptung 
im vollen Widerspruche zu den Fundergebnissen und ganz aus 
der Luft gegriffen. Die Pressung ist vielmehr im V. Jahrhundert 
mit der Glasindustrie überhaupt in China bekannt gew^orden, 
nachdem allerdings ägyptische und römische Gläser der Kaiser- 
zeit von Kleinasien aus schon seit dem IL Jahrhundert importiert 
worden waren. 

Den genannten Arten von Mosaikgläsern stehen die Band- 
gläser nahe, die nicht aus Quer- und Schrägschnitten, sondern 
aus Längsschnitten von Stabbündeln zusammengesetzt sind. 
Durch solche Schnitte entstehen Bänder, in welchen die ein- 
zelnen Elemente des Stabbündels als farbige Längsstreifen er- 
scheinen. ( )rdnete man sie nach einem bestimmten Prinzipe 
nebeneinander an und verband sie von innen mittels einer 
Glasblase, so erhielt man Gefäße, welche mit verschiedenfarbigen 
Streifen und Fäden gemustert erscheinen. Einzelne Stabbündel 
wurden schraul^enförmig um ihre Läng-enachse gedreht, wodurch 
sich di(^ in ihnen enthaltenen Fäden verstrickten und ein 
Muster bildeten, welches den Gefäßen den Xamen filigra- 
nierte oder Filigran-Gläser verschaffte. Justus Brinckmann"-) 
\-erwirft diese Bezeichnung, weil hier zwar fili, Fäden, aber keine 
grani, Körner, angewendet seien. Nach seiner Ansicht wußte 
die Antike davon nur (^inen bescheidenen Gebrauch zu machen, 
indem sie farbige hädcMi in flachen Schalen parallel nebeneinander 
legte und \-erband, wozu dann noch ein Reif aus einem farbigen 

') Bücher, Geschichte d. teclin. Künste s. ,,Ghisindustrie". Die l'ressun>j der 
crwiilinten Schalen wird in Abschnitt IX näher erörtert. 
-) Brinckmann a. a. O, S. 561 f. 



514 

Stabe angelegt wurde. Dagegen gelang es den \"enezianern im 
X\'L Jahrhundert die Filigrantechnik zur höchsten Virtuosität 
zu steigern. Geistvoll habe Semper den Gegensatz dieses antiken 
Fadenglases zum venezianischen hervorgehoben, welches durch- 
weg von dem Gesetze des radialen Zusammenlaufens aller Fäden 
nach einem Konzentrationspunkte beherrscht sei. 

Diese Ansicht trifft nicht zu. vSo unbedingt die Überlegenheit 
der Venezianer in der Handhabung des gestrickten Glasfadens, 
in der Herstellung der feinsten Muster aus opaken Fäden, die in 
farbloser Alasse zu schwimmen scheinen, anerkannt werden muß, 
so gewiß ist es, daß auch die ^Antike das Gesetz des radialen 
Zusammenlaufes der Fäden kannte. Diese Technik ist bereits bei 
den Perlen von Teil el Amarna entwickelt, und bei Gefäßscherben 
aus dem Palaste Amenophis III. bereits zu hoher Vollkommenheit 
gediehen (vgl. Tafel I Xo. 8) ebenso bei mehreren Vasen aus dem 
Funde Daressys, die gleichfalls der i8. Dynastie angehören. Ein 
spitzbauchiges Fläschchen der Sammlung M. vom Rath (Tafel II 3) 
zeigt, wie man in der frühen Kaiserzeit das schon bei Perlen 
angewendete Prinzip der spiralförmigen Drehung von bunten 
Fäden auf Gefäße übertrug: hier sind schmale Streifen von hell- 
und dunkelblauer, gelber, brauner und weißer Farbe zusammen- 
gelegt und nach dem Ausblasen des Gefäßes in einem Spitzfuße 
zusammengedreht. Dasselbe Prinzip fanden wir noch im lU. Jahr- 
hundert in Belgica und am Rhein bei der Herstellung großer 
farblos - durchsichtiger Kannen und Flaschen herrschend, bei 
welchen ein großer Teil mit dünnen, gew^öhnlich in Partien zu 
drei und vier angeordneten dichten Spiralfäden besetzt ist. Für 
die Anwendung dieses Gesetzes auf Kugelschalen ist ein Becher 
der Sammlung Nießen in Köln kennzeichnend, bei welchem sich 
von der Mitte des Bodens an zw^ei dicke Reticellafäden spiral- 
förmig um sich winden und so, dicht zusammengepreßt, das 
Gefäß selbst bilden. Die Wandung ist durch zwei starke Fäden 
hergestellt: der eine ist farblos -durchsichtig und enthält einen 
opakgelben Spiralfaden, der andere gleichfalls durchsichtig, 
jedoch gelb und zeigt zwei sich kreuzende opakweiße Fäden 
eingebettet (Tafel IV 2). 

Außer der farbigen und der Filigranverzierung ist bei Band- 
gläsern die Verwendung von Gold besonders häufig und zwar 



15 



^v.i. 




sowohl in breiten Streifen, wie in dünnen Fäden und in durch- 
sprenkelten Bändern. Einfache farbige Streifen wurden mit ver- 
g-oldeten kombiniert, Petinet- und Reticeilabänder meist mit 
farblos durchsichtigen oder gelben, manchmal auch alle vSorten 
miteinander. Die Zusammensetzung zu Gefäßen erfolgte nicht 
immer so, daß die einzelnen Bänder neben einander in eine 
Hohlform gelegt und dann von innen durch eine Glasblase ver- 
bunden wurden, sondern auch nach dem jet/t noch in den Werk- 
stätten ]\Iuranos herrschenden Prin- 
zipe: ]Man ordnete die Bänder der 
Länge, der Quere nach oder auch 
in schräger Richtung auf einer 
heißen Aletallplatte an und rollte 
das erhitzte Ende der Pfeife darüber 
hin, so daß sie in dichter Reihe daran 
haftenblieben. Hieraufschmolz man 
im Ofen die vStreifen aneinander 
und bildete so einen Glaszylinder 
den man unten mit der Zange zu- 
sammenkniff. In diesem Punkte 
liefen dann alle Streifen und Bänder 
zusammen. Durch Ausblasen des 
geschlossenen Zylinders formte man 
Gläser beliebiger Art, außer Schalen 

und Kugelbechern auch engmündige Gefäße, schlanke Vasen, 
Kannen und Flaschen. Oft drückte man in den Zylinder 
kleine Mosaikplättchen ein, welche durch Querschnitte des 
Stabbündels gewonnen waren; durch Ausblasen und Rollen 
verschmolzen sie mit dem Grunde zu einer Fläche und bil- 
deten so eine Mischung von Band- und Mosaikmuster. Die 
einzelnen durch Längsschnitte gewonnenen Bandstreifen ver- 
wendete man nicht immer in ihrer ganzen Länge, sondern zer- 
schnitt sie in unregelmäßige drei- und viereckige Stücke und 
verarbeitete sie wne die Mosaikplättchen der beiden erstgenannten 
Klassen. Schöne Proben dieser Techniken enthält die Sammlung 
von Millefiorischerben des Österreichischen Museums in Wien. 
Durcli die geschilderten, teilweise sehr schwierigen 
Methoden wird ^iber gerade die Herstellungsweise der schönsten 



Abb. 237. Cantharus mit Linien- 
gravierung. 
Köln, Sammlung Nießen. 



antiken Mosaik^iüser nicht erklärt. Dies sind llachrunde Schalen 
ohne Rippen, mit und ohne Nabel, meist sehr dünnwandig, mit 
kleinem g-eometrischem oder Streublumenmuster, welches durch 
ganz geringe Zwischenräume getrennt i-^t. Die Farbensktüa ist 
sehr reich, doch herrscht im Gesamtton olivgrün oder rötlich- 
gelb vor, so z. B. bei den aus Toscanella stammenden Stücken 
der Sammlung Campana im Louvre. Man bemerkt an ihnen 
weder leichte Unregelmäßigkeiten in der Rundung, welche darauf 
schließen ließen, daß sie aus einzelnen Plättchen zusammengesetzt 
sind, noch in den Zwischenräumen des ^Musters und auf der 
Rückseite Cberf angglas ; das Muster geht vielmehr vollkommen 
durch und ist von innen und außen gleich gut sichtbar. Bei 
weiterer Prüfung bemerkt man, daß die Stäbchen und Röhrchen 
des Musters nicht, der Rundung der Schale entsprechend, senk- 
recht auf der Gefäßwand sitzen, sondern mit einander fast parallel 
laufen und daß gegenüberliegende Stellen der Wandung einander 
vollkommen gleichen. Vom oberen Rande der Schale nach unten 
fortschreitend, findet man. daß die Schnitte durch die Stabbündel 
immer schräger werden, bis sie am Boden zu Längsschnitten 
sich gestalten. Das ist nur erklärlich, wenn die Schale aus einer 
kompakten Masse herausgeschnitten wurde, welche auslangen, 
durch Hitze zusammengeschweißten, in einfarbiges Glas gebetteten 
Stabbündeln hergestellt war.^) Es ist die Wiederholung eines 
Prozesses im großen, den wir im kleinen bei den ägyptischen 
Millefiorikugeln und gewissen Perlenarten gefunden haben. Die 
Technik ist sehr kompliziert und wurde erst in unseren Tagen 
wieder aufgefunden. Salviati, P^ranchini und andere moderne 
Nachahmer hatten anfangs einen anderen Weg eingeschlagen. 
Anstatt das Stabbündel aus einzelnen Fäden verschiedener Dicke 
zusammenzusetzen und hier und da größere Komplexe zu über- 
fangen, ließen sie jeden einzelnen Stab mehrmals in verschieden- 
farbige Masse eintauchen und wie bei den Aggryperlen in einer 
gerippten Form pressen, so daß sich bei Quer- und Längsschnitten 
konzentrische Sternmuster ergaben. Die Abschnitte, darunter auch 
Längsschnitte, wurden ihrerseits in einer Form zu Schalen und 
anderen Gefäßen zusamm.engepreßt und durch eine Glasblase, 
gewöhnlich von blauer Farbe, von innen \erbunden. Die äußere 

^) Vgl. Sammlung M. vom Rath. S. 30 f. 



517 

Vollendung erfolgte durch Schliff und farblosen L'berfang. Dieser 
und die konzentrischen Sternmuster lassen den modernen vene- 
zianischen Ursprung leicht erkennen; schwieriger ist dies bei 
Band-, Aladreporen- und anderen Gläsern mit regelloser Musterung. 
Den Schnitt aus dem Vollen brachte vor etwa zehn Jahren die 
Compania Venezia-Murano zuerst wieder zur Anwendung und 
erzeugte damit Millefiorischalen, welche an Feinheit des Musters, 
Farbenpracht und Glanz mit den besten antiken wetteifern. 
Beim Schnitt mißrät freilich gar manches Stück. Zwar können 
kleinere Splitterungen, wie bei den Aggryperlen, durch nach- 
trägliches Erhitzen und Glattschmelzen der beschädigten Stellen 
unkenntHch gemacht w^erden, oft aber nötigt ein Sprung das 
halbvollendete Stück oder einen Teil der Masse als unbrauchbar 
zu beseitigen. Von Händlern diesseits und jenseits der Alpen 
aufgekauft, wurden solche Abfälle als Bruchstücke antiker Mille- 
fiori Privatsammlern und selbst Museen in die Hände gespielt, 
namenthch zur Zeit, als die Compania die ersten vielbewunderten 
Proben der neuen Technik auf der Pariser Weltausstellung von 
1900 vorftihrte. Die Nachbildung ist in der Tat wohlgelungen, 
doch sind die Wandungen dicker als bei den antiken Schalen. 

Bei einer anderen Klasse von Mosaikgläsern hat ein Ver- 
fahren stattgefunden, das man mit Semper den Laminations- 
prozeß nennen kann. Durch Neben-, Über- und Schräglagerung 
von Glasstücken, die in Form, P\arbe und Durchsichtigkeitsgrad 
sehr verschieden waren, gewissermaßen durch Mischen von allerlei 
Splittern und Abfällen, wurde eine bunte Masse hergestellt, durch 
Hitze erweicht und zusammengeschmolzen. Man konnte sie an die 
Pfeife nehmen, in Formen blasen und namentlich zu engmündigen 
Gefäßen, Kannen und Flaschen, zu Füßen von Mosaikschalen u. dgl, 
verwehrten. Es bildete sich, wenn man Glasstücke verschiedener 
Farbe und (iröße mischte, ein regelloses Zufallsmuster, wenn 
man sich aber damit begnügte, Glassplitter und Körnchen einer 
Farbe einzumischen, eine gesprenkelte oder gefleckte Masse. 

In diese Gruppe gehören auch die sogenannten Onyxgläser 
nach Semper „eine sehr uneigenthche Bezeichnung für jene 
wundervollen Glasgeschiebe, mit welchen die Alten eine Art 
konventioneller Nachahmung der Texturen und Farbengemische 
kostbarer Steine hervorbrachten". Sie sind aus der Mischung 

Kisa, Das Glas im Altertume. II. 34 



5i8 

von verschiedenfarhij^iMi länj^-ereii dhisstückcn uiul StrcitVii h(>r\-or- 
g-egang-en, welche im heißflüssigiMi Zustamh- licim Au^blasl■n in 
drehende Bewegung geraten und sich dadurch rhythmisch zu 
Wellenbändern ausdehnen, wie etwa die Farben einer Seifenblase. 
Die meisten Mosaikgefäße sind in Ägypten, im Oriente, 
Griechenland, Süditalien und Etrurien aufgefunden worden. 
Die etruskischen Gräber, namentlich die Toscanellas, haben 
die besten Stücke an die Museen von Florenz und des Vati- 
kans geliefert. Aus Ägypten stammen außer vollendet schönen 
Exemplaren der frühen Kaiserzeit solche, welche die Technik 
noch in den Anfängen zeigen, wie z. B. ein großes Bruchstück 
einer Schale in der Sammlung des Freiherrn von Bissing in Mün- 
chen, ziemlich dickwandige rote Paste (haematinum), von kleinen 
weißen Blümchen durchsetzt und aus freier Hand modelliert, also 
offenbar noch aus der ersten Periode der Industrie vor der Erfin- 
dung der Glaspfeife stammend. Andere in derselben Sammlung 
befindliche Bruchstücke von opakschwarzem Glase, mit großen 
naturalistischen Mohnblumen auf dicken gebogenen Stengeln, bei 
welchen das Muster gleichfalls durch die ganze Masse hindurch- 
geht, sind jüngeren Ursprunges, folgen jedoch im Dekor alt- 
ägyptischen Arbeiten. Bei den etruskischen Millefiori, von 
welchen die schönsten im Museum Gregor XII. im Vatikan ver- 
eint sind, herrscht als Gefäßform die Schale mit niederem Fuße, 
also eine Art henkelloser Cantharus vor, daneben gibt es auch 
einfache halbkugehge Gefäße mit leichter Abplattung an Stelle 
des Fußes. Sie scheinen aus lauter äugen- und fleckenartigen 
Stücken zu bestehen, die sich hell von blauem, violettem oder 
goldbraunem Grunde abheben. In Etrurien selbst wurde kein 
Glas erzeugt, die hier gefundenen Schalen stammen durchweg 
von ägyptischem Importe her.^) Dagegen scheinen die in Süd- 
italien gefundenen im Lande selbst von alexandrinischen Werk- 
leuten hergestellt worden zu sein, die auch vor den Toren Roms 
eine große Fabrik betrieben, auf welche die massenhaften Funde 
von Millefiori-Scherben auf römischem Boden zurückzuführen sind, 
die HauptqueUe dieses Artikels für die Museen diesseits der Alpen.-) 

^) Strabo, geogr.B. l6: ,,Ego vitrariis Alexandriae audivi quamdam terram vitrariam 
esse in Aegypto,sinequasumptuosaquaedamet multorum colorum opera perfici requisitum." 
-) Froehner S. 48 f. 



19 



Die Blütezeit der Industrie fällt in die i. Hälfte des I. Jahr- 
hunderts n. Chr. In ihr und auch im weiteren Verlaufe dieses 
Jahrhunderts wurde viel nach dem Norden exportiert. Man ver- 
suchte zwar auch in Gallien und am Rhein Mosaikgefäße nach- 
zuahmen, hatte dabei aber wenig- Glück. Die im Rheinlande gefun- 
denen Schalen heimischen Ursprunges bedeuten vielleicht nur einen 
Versuch, aus Mosaik- 
plättchen, die eigent- 
lich zur Füllung von 
Km^iilfibeln oder an- 
deren Schmucksachen 
bestimmt waren, Ge- 
fäße zusammenzu- 
setzen, wobei der 
Verfertiger gänzlich 
unvermögend war, 
ihnen durch Pressen 
und Abschleifen Run- 
dung zu geben. Etwas 
besser gelang die Nach- 
iihmung von Band- 
gläsern, von welchen 
sich einige Stücke mit 
Reticellafäden in den 
Sammlungen vom 

Rath, Nießen u. a. befinden, sowie die Kopie mittels des 
Laminationsverfahrens hergestellter Gläser, wie z. B. eine Schale 
mit Marmormuster im Museum Wallraf-Richartz. Am wenigsten 
Schwierigkeit bot die Nachbildung der gerippten ^Nlosaikschalen 
in einfarbigem Glase tlurch Gul). Pressung und nachträgliches 
Abschleifen. Campanien lieferte hierzu Vorbilder aus dickem, 
grünlich(Mn Glase (viele davon im Museo Borbonico zu Neiipel), 
aber ^luch solche in prachtvollem Purpurrot, Kobaltblau, Gold- 
braun, Olivgrün und in verschiedenen Graden der Durchsichtigkeit. 
In allen größeren rheinischen Sammlungen sind derartige Gläser 
zu finden;^) die italienischen enthiilten eine Reihe ganz beson- 
ders bemerkenswerter. 




Abb. 238. Teller mit geschlift'enem Rosettenmuster. 
Köln. 



^) Abgeb. Sammlung M. vom Rath T. XVII 144, 



45; XVIII 15J, XXIII 
34* 



520 

Unter den Mosaikg-läsern des Antikenmuseums \on Flo- 
renz ist eine pracht\-olle Ivu_i>-elschale xon etwa 12 cm Durchmesser 
hervorzuheben, welche in smaraLj'dL,rriine, ^elb(\ azurljlaue. farb- 
los-durchsichtige und lackrote Streifen \on konzentrischer I -aj^-e- 
rung- tregliedert ist (Abb. 88). Jedes Band wird von einem dünnen 
opakweißen Faden eingefaßt, in die farblosen erscheinen gelbe 
Reticellafäden in regelloser Verschlingung eingebettet. Den Rand 
umgibt eine dicke blau -weiße Reticelkischnur. Wir haben hier 
also eine besonders kunstvolle \"(^rbindung- der Band- mit der 
Reticellatechnik. 

Im Museo Borbonico in Neapel fallen fünf Millefiori- 
schalen von flachrunder Form mit prächtig-en farbigen F'lecken- 
mustern auf; zwei haben gelbe Flecken auf schwarzem Grunde, 
zwei andere weiße auf violettem und eine weiße auf azurblauem 
Grunde. Fleckenmuster finden sich auch auf einigen blauen, 
goldbraunen und gelben Kannen und auf einem schönen, eigen- 
artig geformten Askos (die F'orm aus Abb. 69 unten ersichtlich). 
Das Bruchstück eines Millefioritellers von etwa 12 cm Durch- 
messer zeigt in durchsichtig azurblauer Masse weiße Spiralen 
und viereckige violette Flecken, in welche gleichfalls opak-weiße 
vSpiralen eingelassen sind: den Rand umgibt eine blau-weiße 
Reticellaschnur, Die Bandglastechnik tritt uns in besonders kunst- 
voller Ausbildung in einer flachen Kugelschale von etwa 16 cm 
Durchmesser entgegen. Die ]Mitte wird durch eine kleine Schach- 
brettrosette aus feinen weißen und azurblauen Stiften bezeichnet, 
welche ein Andreaskreuz aus breiten opakweißen Bändern durch- 
dringt, das von einem blau-weiß gedrehten Faden eingefaßt ist. Die 
so entstehenden vier Zwickel werden durch rechtwinkelige Bänder 
ausgefüllt, in welchen gelb, azurblau und opakweiß sich zweimal 
wiederholen: jeden zweiten Winkel bezeichnet ein kleineres 
Rautenmuster, in blau und weiß geschacht, zwischen den dritten 
und vierten Winkel legt sich wieder eine blau-gelb gedrehte 
Schnur. Den Rand umgibt ein farblos -durchsichtiger Reif, in 
welchen ein opakweißer Faden eingelassen ist. Das Stück wett- 
eifert an Zierlichkeit und Feinheit der Durchbildung und der 
Farbenharmonie mit den Mosaikrosetten des Münchener Anti- 
quariums und bildet das Seitenstück zu der Schale von Hellange 
im Museum von Luxemburg (Abb. 2 1 3). Eines der Hauptstücke 



521 

der Glassammlung desselben beneidenswert reichen Museums 
bildet eine leider nicht vollständig erhaltene, große flachrunde 
Schale von etwa 25 cm Durchmesser mit breitem, leicht ausge- 
bogenem Rande. Die durchsichtig farblose Masse erscheint dicht 
mit kleinen weißen Punkten besät, um welche sich unregelmäßige 
azurblaue Ringe legen; diese werden wiederum von einem 
feinen gelben Strahlenkranze umgeben. Das reizende Muster 
ist aus weißen Stäben mit azurblauem Cberfange hergestellt, an 
welchen sich ein weiterer farblos-durchsichtiger, von gelben flachen 
Fäden durchsetzter Überfang anschheßt; die dichten strahlenden 
Augen werden ab und zu durch goldene Flecken unterbrochen. 
Salviati hat eine vortreffliche Kopie dieser Schale im Museo 
vetrario in ]Murano ausgestellt. Außer den echten mehrfarbigen 
Mosaikarbeiten sind im ^luseo Borbonico auch die einfarbigen 
kugeligen vSchalen mit dicken Wänden und kräftigen Längsrippen 
zahlreich vertreten. 

Mehrere schöne Mosaik- und Bandgläser befinden sich im 
Schatze von S. Marco in Venedig, darunter auch ein Scyphus 
aus buntfarbigem Bandglas mit der alexandrinischen Silber- 
gefäßen nachgeahmten Henkelbildung, wie sie sich z. B. auch 
an den Bechern des Schatzes von Bosco Reale findet (Abb. 161). 
Es sind kleine runde Ösen, die von einer wagerechten, die 
Fortsetzung des Randes bildenden Daumenplatte bedeckt sind. 
Das Stück wurde von der Compania Venezia-Murano geschickt 
kopiert. 

In der Brera zu Mailand sieht man neben einigen Mosaik- 
schalen eine schöne dunkelbkiue Kanne, die mit weißen 
Flecken verschiedener Form und Größe durchsetzt ist; im 
Museo Poldi-Pezzoli daselbst eine andere Kanne von schlanker 
Trichterform, etwa 16 cm hoch, azurblau und ganz dicht mit 
runden und ovalen Flecken verschiedener Größe in gelber, roter 
und dunkelbrauner Farbe übersäet. Der zierlich geschwungene 
dunkelblaue Henkel setzt oben mit einer Schleife an und erweitert 
sich unten in drei Rippen. Die gewöhnliche Gestalt der ]\Iille- 
fiori ist durch grünliche Schalen mit starken Fängsrippen ver- 
treten. 

Im Mus(>um xon I)ari befindet sich eine Dose mit gewell- 
tem Deckel aus gelbbraunem Glase mit onyxartiger Musterung 



in weißen und clunkrlbraunen Adern. Sie ist mit einer kleinen 
Schale aus lasurblauem Glase und vielen anderen Gegenständen 
in einem apulischen Grabe an der Grenze der Basilicata gefunden 
worden, dem ein hohes Alter zugeschrieben wird. Wahrschein- 
lich stammen die Gläser von ägy])tischer Einfuhr nach Grol)- 
griechenland her. 

Italischen Ursprungs sind wohl auch die beiden Mille- 
fiorischalen, welche Deville T. VIII veröffentlicht, leider, wie 
gewöhnlich, nach unrichtigen Zeichnungen und ohne Angabe 
des Fund- und Aufbewahrungsortes. Nur von der einen sagt 
er, daß sie aus Etrurien stamme: sie hat halbkugehge Form, 
goldbraune Grundmasse, darin weiße Sternblümchen und recht- 
eckige goldene Flecken, die von dem Zeichner der Abbildung 
ganz genau mit Lineal und Winkelmaß konstruiert sind. Den 
Rand umgibt ein doppelt gedrehter weißer Faden. Die andere 
Schale ist gleichfalls goldbraun und außer weißen und bern- 
steinfarbigen (goldenen?), viereckigen Flecken mit halbaufge- 
wickelten blauen, roten, braunen und weißen Spiralen durchsetzt. 
Man erinnert sich dabei, daß solche halbaufgewickelte Spiralen 
schon in den Funden Daressys auftreten und außerdem eine 
ganze Klasse altägyptischer Schmuckperlen kennzeichnen. Wir 
haben es also mit einem erbeingesessenen Motive zu tun. Aus 
Toscanella dürfte die ovale Platte der Sammlung Sambon in 
Paris herkommen, deren hellgrüner Grund dicht mit dunklen 
und undurchsichtigen Sternchen besät ist; dazwischen sind vier- 
eckige Stückchen in Blau, Milchweiß und Gold eingelassen.^) 

Diesseits der Alpen sind Funde von Mosaikgefäßen sel- 
tener. Die Exemplare der Aluseen stammen, wie bereits be- 
merkt, zumeist aus Itiüien und sind erst in neuerer Zeit im 
Kunsthandel erworben. Namentlich der Besitz des Britischen 
Museums'-) und des Louvre ergänzt sich fast ausschließlich aus 
römischen Erwerbungen, letzterem sind die besten Stücke mit 
der Sammlung Campana zugeführt worden. Die halbkugelige 



1) Abgeb. in Le Musee III (1906) Xr. 12. 

-) Unter zahlreichen anderen Stücken zwei flache Schalen aus Canosa, erwähnt 

bei Froehner S. 5 1 not. 2. Ein großer Scyphus der Sammlung Slade stammt wohl 

gleichfalls aus Italien. Ein anderes Stück abgeb. bei Harrison, photographs T. 893. 



523 

Phiala der Sammlung Charvet kam iius der römischen Campag-na 
(Abb. 203, 203 a). Sie zeigt in dunkelvioletter durchsichtiger 
Grundmasse ein dichtes Muster leicht aufgerollter Spiralen von 
undurchsichtiger gelblichweißer und bläulichgrüner P'arbe, unter- 
mischt mit unregelmäßigen viereckigen Flecken von bläulich- 
weißer und orangeroter Farbe, die sich durch die ganze 
Dicke der Wandung verfolgen lassen; den Rand umgibt ein 
d 




Abb. 239. Gruppe von Gläsern mit Hohlschliff und Gravierung. 
Köln, Sammlung M. vom Rath. 



opakweißer Spiralfaden in durchsichtigem Blaugrün. ^) Einzelne 
Stücke sind in Frankreich selbst gefunden, so in Avignon, 
Corroy-le-Grand u. a.') Das Exemplar der Sammlung Spitzer, 
eine kugelige Schale aus hellblauem, durchsichtigem Glase, 
welche den Schmuck aufgerollter »Spiralen noch schöner als 
die Schale der Sammlung Charvet zeigt, befindet sich jetzt im 
Kunstgewerbemuseum von Hamburg (Abb. 2 1 2).^) Einheimischer 



50 f. 78. Jetzt 



Metropolitan -Museum von 



*) Froehner T. III 14, 15. 
New-York. 

-) I'.in Exemplar in Avignon, Fonds Calvet, Kat. Nr. 80; eines bei Deville 
T. VIII ein drittes bei Chalon, Notice sur un plateau en verre trouve a Corroy-le- 
Grand. Vgl. ferner Labarte, Collection Debruge-Dumenil NN. 1215, 12 16. 

") Ich verdanke die .Abbildung Herrn Director Justus Brinckmann. 



524 

Fund ist auch die prachtvolle Bandschale aus J lellange im 
Luxemburgischen, die 1853 in einem Brandgrabe zum Vorscheine 
kam und sich im ^Museum von Luxemburg befindet. Daß sie 
schon bei der Beisetzung als große Kostbarkeit galt, geht daraus 
hervor, daß sie in ein ^letallgefäß gleicher Form eingeschlossen 
war, welches man überdies noch in eine vSchüssel von grobem 
rötlichem Ton getan hatte. Zu dem Funde gehörten noch andere 
wertvolle Gläser, wie die Reste von zwei violetten Bechern, eine 
blaue Henkelkanne, eine Amphoriske aus durchsichtigem blauem 
Glase mit opakweißem Fleckenmuster, zwei gerippte Schalen, 
die eine grünlich, die andere braun. Das Hauptstück, die Mosaik- 
schale, (Abb. 2 1 3) ist vollkommen erhalten. Sie ist flachrund ge- 
wölbt, 14 cm breit, 32 mm hoch und 2 dick und auf beiden 
Seiten völlig gleich gemustert. Die Farbenskala umfaßt Blau, 
Rosa, Gelb, opakes Milchweiß, violette und farblos-durchsichtige 
Stellen. Die ganze Fläche ist ganz wie bei der schönen 
Schale des Museo Borbonico durch zwei gekreuzte Bänder von 
rosenroter Farbe mit opakweißer Einfassung in vier Abschnitte 
geteilt. Im Schnittpunkte beider Bänder, also in der Mitte der 
Schale befindet sich eine violette Raute mit fünf schachbrett- 
artigen, opakweißen Einsätzen. Die vier Zwickel sind von recht- 
winkeligen Bändern ungleicher Breite gefüllt und zwar in folgen- 
der Reihe: 

1. Ein schmaler, farblos -durchsichtiger Streif, durchsetzt 
von opakweißen Spiralfäden. 

2. Ein opakweißer iStreif 

3. Ein Streif von leuchtendem, durchsichtigen Blau, der 
im Winkel mit einem weiß und violett geschachten Rautenmuster 
in derselben Art wie das ^Mittelstück geziert ist. 

4. Ein weiß-violetter zusammengedrehter dünner Faden. 

5. Ein Streif, gebildet aus abwechselnd gelben und vio- 
letten Quadraten, letztere mit Weiß geschacht, wie das Mittelstück. 

6. Ein violetter Streif, in der Mitte von einem dünnen opak- 
weißen Faden durchzogen. 

7. Ein gelbes Band. 

8. Das dreieckige Schlußstück, von einem feinen Muster 
gefüllt, in welchem mit Ausnahme von Gelb alle bisher genannten 
Farben vertreten sind. 



525 

Das Ganze wird von einem Reifen eingefaßt, der aus 
einem opakweißen und einem violetten Faden zusammengedreht 
ist. Namur, der das prächtige Stück veröffenthchte, glaubt, daß 
nur Blau und Rosa, die von wunderbarer Schönheit seien, aus 
einer homogenen Masse bestünden, ebenso natürlich das farblos- 
durchsichtige Glas, während das Gelb, das zu wünschen übrig 
lasse, und die übrigen Farben, mit dem Pinsel aufgetragen seien/) 
Das ist sicher ein Irrtum. Es ist schwer zu glauben, daß die 
gelb -violetten, die opakweiß -violetten Schachbrettmuster, sowie 
die Spiralfäden durch Aufmalen hergestellt seien. Das Ganze 
ist feine Mosaik- und Reticellaarbeit, wie an dem Exemplar von 
Neapel, mit dem es so große Verwandtschaft hat, daß man auf 
dieselbe Werkstatt schließen muß. Die Luxemburger vSchale 
übertrifft aber noch die Neapler an Reichtum der Zeichnung 
und der Farben. 

Auch in Belgien wurden Millefiorischalen gefunden. Die 
im Brüsseler Alusee du Cinquantenaire befindlichen stammen mit 
wenigen x\.usnahmen aus dem Kunsthandel. Zu diesen Ausnahmen 
gehört eine Schale aus Hollogue-aux-Pierres") und eine ähnlich 
gearbeitete aus Corroy-le-Grand.^) 

In Deutschland haben sich die größeren Museen, nament- 
lich die Antiquarien von München und Berlin gleichfalls mit 
Mosaikgefäßen aus Italien versorgt, ebenso mehrere rheinische 
Privatsammlungen. Doch enthalten diese und das Museum 
Wallraf-Richartz auch heimische Funde der früher erwähnten 
x\rt. Scherben von Millefiori sind in Gräbern der ersten Jahr- 
zehnte der Kaiserzeit mehrfach zutage getreten, namentlich im 
Lager von Neuß*), während sie in dem von Haltern fehlen und 

^) Namur in den Publications de la societe pour la recherche et la conservation 
des monuments historiques dans la Grand-Duche de Luxembourg IX (1853) S. 1. 
T. II u. Namur, Renseignements S. 24. 

-| Schuermanns in d. Museographie d. W. Z. IX 313. 

^) Chalon im Bulletin des commissions roy. de l'art et Bull, de l'art et de l'ar- 
cheologie III S. 189. 

^1 Im Neußer Lager wurden folgende, jetzt im Provinzialmuseum zu Bonn 
verwahrte Scherben von Millefiori gefunden: Bruchstück einer gerippten Schale, gelb 
und weiß gemustert (Bonner Jahrb. 111,112 S. 314), Stück einer Schale mit Achat- 
muster vom tiefsten Braun bis Hellgelb, bei schöner wolkiger Marmorierung und 
feinstem Schlift"; erhalten ist fast der ganze Fußring und die Ansätze der gewölbten 



526 

in der Zeit der flavischen Kaiser l-)ereits aus der Mode gekommen 
zu sein sclieinen. Dagegen treten I').ind- und Onyxgläser nocli 
später bis gegen Ende des 1. Jahrhunderts auf. Das jVIuseum 
Wallraf-Richartz besitzt einige zierhche Bandgläser aus Kölner 
Gräbern, wie das kleine Fläschchen auf Tafel IV 5, die Samm- 
lung M. vom Rath außer den bereits genannten ein schlauch- 
förmiges Häschchen mit weißer ßänderung auf lichtgrünem 
Grunde^), den oberen Teil einer dunkelroten, weißgesprenkelten 
Amphoriske mit schön geschwungenen schwarzen Henkeln"'), 
einen Kugelbecher aus farblos-durchscheinendem Glase mit Längs- 
rippen und zwei Reticellabändern ''), das Bruchstück eines violett- 
roten, flachen Schälchens mit opakweißen Spiralfäden.') Auch 
die Sammlungen Merkens und Nießen enthalten mehrere Stücke 
dieser Sorten. Unter den einheimischen Funden des Bonner 
Provinzial-Museums ist eine Scherbe von Interesse, w^elche zwischen 
breiten braunen Adern feine, aus blau und weiß zusammen- 
gedrehte Fäden enthält, wobei ein gleichartiger Faden den Rand 
umsäumt. Auch ein Becher mit Achiitmusterung in zwei braun- 
gelben Tönen, ähnlich einem Kölner Exemplare der Sammlung 
Nießen, ist heimischer Fund. Millefiorischerben von großer 
Mannigfaltigkeit der Musterung sind im akademischen Kunst- 
museum in Bonn vereinigt, eine noch reichere Sammlung von 
solchen ist in das Suermondt-Museum von Aachen gekommen. 
Beide enthalten ausschheßhch italische Funde, die Aachener sind 
auf der Auktion Ramboux in Köln erworben, w' eiche zumeist 
aus Überresten der in Rom angelegten Sammlung der Frau 
Sybilla Mertens-vSchaaffhausen bestand. Einige Stücke von dieser 
sind auch in das Provinzialmuseum von Trier übergegangen (auf 
dem Umwege über die Auktion Disoh), welches sich w^ohl der 



Wandung. Eine Scherbe mit Rippen von gelb -grüner Musterung. Eine große 
Scherbe einer gerippten grünlichen Schale ohne Musterung. Eine gerippte dunkelrote, 
weiß marmorierte Scherbe. Die Scherbe eines dunkelblauen Tellerchens, von grünen, 
weißen, roten und gelben Streifen durchzogen, außen zum Teile mit weißen Quer- 
streifen bemalt (■). Nach der Beschreibung ist Fadenband -Technik anzunehmen. 
(B. J. ibd. S. 416 f.). 

^J Abgeb. in Sammlung M. vom Rath T. II ii. 

'^) dgl. T. II 13. 

•'') dgl. T. II 12. 

■•) dgl. T. I 9. 



527 



schönsten Millefiorischalen des Rheinlandes rühmen kann. Aus 
der ehemaligen Sammlung- Ramboux stammen zwei prachtvolle 
große, flache Schalen mit Rippen, die ein reiches mehrfarbiges 
Bandmuster zeigen und auf das feinste durch Schliff vollendet sind; 
die Grundfarbe ist dunkelrot, leicht durchscheinend, die Streifen 
weiß und violett (Abb. 214, 215).^) Durch das Licht betrachtet sind 
zwei andere, in der Maar bei Trier gefundene Schalen von 
reizvoller Wirkung. Sie 
sind flachrund, von farb- 
los-durchsichtiger Grund- 
masse, ohne Rippen, je- 
doch durch Ovierbänder 
verschiedener Breite be- 
lebt, die undurchsichtig 
und bunt gefärbt sind; 
an gewissen Stellen hat 
man unregelmäßige vier- 
eckige Stücke von durch- 
scheinendem Bernstein- 
gelb eingelassen, durch 
welche das Licht zart ge- 
brochen wird (Abb. 205)."") 
Eine 1903 in Wittlich ge- 
fundene gerippteMillefiori- 
schale ist kobaltblau und 
mit weißen Flecken ge- 
mustert. Aus demselben Grabe stammt eine undekorierte blaue 




Abb. 240. 



Teller mit Fassettenschlitf. 
Köln, Museum. 



^) Vgl. Bonner Jahrb. 71, 127 f. 

-) Ich verdanke Herrn Director Dr. Krüger die Photographien der Stücke, die 
unseren Abbildungen zugrunde liegen. Sie sind, wie die Abbildungen anderer Murrinen 
und Netzgläser zur Illustration meines Aufsatzes ,,Vasa murrina und vasa diatreta" in 
der Zeitschrift des Österr. Museums „Kunst und Kunsthandwerk", Jahrg. 1906 Heft 10 
benützt. Zu Abb. 205 sandte mir Herr Direktor Dr. Krüger folgende eingehende 
Beschreibung: Rand: Blau mit weißem Faden umwickelt. Die einzelnen Reihen haben 
die Farben i) blau, 2) in .\ufeinanderfolge der Horizontalstreifen weiß, rot, grün, 
rot, weiß; 3) blau; 4) grün, gelb, grün, gelb, grün, gelb, grün; 5. weiß und bern- 
steinfarben; 6. blau; 7) wie 2; 8) blau ; 9) wie 2 ; lo) blau; 11) wie 5; 12) wie 4; 
13) blau; 14) wie 2; 15) blau. Die gesperrt gedruckten Farbenstreifen sind breiter 
als die anderen und in sich abschattiert. 



528 

vSchale derselben Fbrm.^) Eine der größten und prächtigsten 
Millefiorischalen befindet sich im Paulus-Museum zu Worms. Sie 
ist bei Moselweis gefunden, tief rubinrot, mit weißen, roten und 
gelben Bändern und Fäden gemustert, 20 cm im Durchmesser 
breit, 4,5 cm hoch. Ein anderes hervorragend schönes Exemplar 
ist aus dem Kölner Kunsthandel erworben. Es ist ein henkel- 
loser Cantharus auf ziemlich hohem Fuße, bernsteingelb, dekoriert 
mit aufgerollten Spiralen in Weiß und Goldbraun, ähnlich wie 
die Hamburger Schale.^) 

Bemerkenswert sind zwei Mosaikgläser, die 1886 in dem 
acht Kilometer nordöstlich von Breslau liegenden Dorfe Sackrau 
gefunden wurden.'^) Das eine ist eine flachkugelige Schale von 
amethystvioletter Grundfarbe, durchscheinend, mit geflammter, 
dem sogenannten Festungsachat ähnlicher ^Musterung, bis auf 
eine kleine Lücke am Rande gut erhalten, 4,7 cm hoch, "j ,"] cm 
im Durchmesser. Die Schale sitzt auf einem schrägen Fußringe 
und hat einen fast wagerechten, ziemlich breiten Kragenrand 
(Abb. 197). An diesem sind zwei Reifen eingeschnitten, die 
sich aber nicht im Kreise schheßen, sondern offen verlaufen. 
Außen ist die Schale rauh und höckerig, im Inneren dagegen 
sorgfältig ausgeschliffen und pohert. Mit ihr wurde die Scherbe 
einer kleinen grünlichen Glasschüssel mit gelben Flecken ge- 
funden, die aus opakgelben, durchsichtig-hellblau überfangenen 
vStäben hergestellt ist, wobei sich in der Durchsicht die grüne 
^Mischfarbe ergibt. Zu derselben Schüssel gehört der Rest 
des Fußringes und eines Stückes der Wandung, was auf 
ein Gefäß mit schrägstehendem Doppelrande \on ungefähr 
40 cm oberem Durchmesser schließen läßt. Das Randstück eines 
dritten ]\Iillefiorigefäßes gleicht dem zweiten, nur scheinen hier 



^) Museogr. 1904 5 S. 375. Beide gleichen in der Form den von Hettner im 
111. Führer S. 107 veröffentlichten Stücken Xr. 16, 17. 

-) Museogr. VII Fig. 2. Weckerling, Das Paulus-Museum S. 303; das andere Stück 
in der Museogr. IX S. 295; Katalog II T. VII 4 S. 108. Andere Exemplare im Wormser 
Museum (Besitz des Herrn Barons von Heyli, sowie in den Privatsammlungen der 
Barone Heyl zu Hernsheim in Worms und Darmstadt stammen aus dem Kunsthandel. 

^') Grempler, Der I. Fund von Sackrau. II. Ausgabe. Breslau 1888. S. 14, 
T. VI 1—6. Fortsetzung: Der II. und III. Fund von Sackrau S. 5 f. T. I i, IV I. 
Die Abbildungen 50 und 197 sind mit Erlaubnis der Direktion des Museums schle- 
sischer Altertümer dieser Veröffentlichung entnommen. 



die Blättchen mehr zerdrückt, das Muster darum mehr geflammt 
als punktiert. Zahlreiche zugehörige Bruchstücke ergeben in der 
Rekonstruktion einen ganz flachen Teller mit einem Rande von 
1,1 cm Breite. Dagegen ist die Form eines Gefäßes aus farb- 
losem Glase mit blauem Überfange (dem gewöhnlichen Smalte- 
blau) nicht wiederherzustellen; seine zahlreichen kleinen Scherben 
zeigen nur in der blauen Schichte eingeschliffene Verzierungen, 
ovale Hohlschliffe und gravierte Linien, so daß diese als Über- 
fang angesehen werden muß, während die untere, die wasserhell 
mit einem Stich ins grünliche ist, ganz glatt bleibt. 

Ein anderes dünnwandiges Glas von blauer Farbe, von 
welchem gleichfalls zahlreiche kleine Trümmer übrig sind, kann 
gleichfalls nicht mehr zusammengesetzt werden; sicher ist nur, daß 
es ein Gefäß mit einem Fußringe war. Dazu kommt das Stück 
einer himmelblau durchscheinenden gelochten Glasperle. Nach 
den Fundumständen handelt es sich um ein Skelettgrab aus der 
älteren Eisenzeit, obwohl trotz eifrigsten Nachsuchens nicht die 
geringsten Reste der Leiche mehr festgestellt werden konnten. 
In den Skelettgräbern dieser Periode wurden die Leichen auf 
der Sohle des durch eine Steinsetzung abgegrenzten Raumes 
niedergelegt und die Beigaben daneben oder darüber gestellt. 
In der späteren Zeit mag das Grab durch künstliche Hebung 
des Grundwasserspiegels in seinem unteren Teile unter Wasser 
gesetzt und so fortgeschwemmt worden sein. Es ist nämlich 
festgestellt, daß vor 300 Jahren in der Nähe eine Mühle und für 
diese eine Wasserstauung (Schleuse) angelegt wurde. Das Grab 
fügt sich in die Reihe der Grabfunde ein, welche sich von 
Schweden und Dänemark in südöstlicher Richtung bis an die 
Grenze des Römerreiches verfolgen läßt und vorzugsweise durch 
die Funde auf Schonen, in Varpelev und Seeland, Sanderum- 
gaard auf Fünen, Haeven und Grabow in Mecklenburg, die 
von Pommern, Türingen, Schroda in Posen, Horodnicy in 
GaHzien, Ceke und Osytröpataka in Ungarn bezeichnet ist. 
Auf den .Sackrauer Fund paßt die von Unset für die dänischen 
Gräber aufgestellte Charakteristik nach Grem]iler vollständig: 
„Die Leichen sind ohne Särge bestattet, oftmals mit einer Ein- 
fassung von Steinen umgeben oder mit einer etwas höher liegen- 
den Steinlage bedeckt . . . Die Reichen sind in voller Klei- 



düng, oftnuils mit kostbarem Schmucke, bestattet; neben dem 
Skelette liegen einzelne (leräte. aber auch zahlreiche Gefäße: 
römische und barbarisch-römische Bronzegefäße, Gläser usw. 
Was diese Gräber vor allem auszeichnet, ist der Reichtum an 
fremden, von römischer Kultur zeugenden, zum Teile kost- 
baren Industrieprodukten. Wir finden da sowohl die älteren 
italisch-römischen als die jüngeren provinzial-römischen Formen, 
oftmals sogar nebeneinander, weshalb sie für die Zeitstellung 
der Gräber nicht maßgebend sein können. Diese Begräbnisse 
mit ihrer fremdartigen Eigentümlichkeit und den fremden Grab- 
geschenken bilden einen scharfen Gegensatz zu den landesüblichen 
Urnengräbern." ^) Allem Anscheine nach hat das Sackrauer Grab 
wegen seiner anderen Beigaben, zahlreicher Schmucksachen, der 
Reste eines Schmuckkästchens, einer Schere, eines Spinn- 
wirtels u. a. einer Frau angehört. Die Ornamentik der Bronzen 
und die Form der Fibeln, die sehr seltene Dreirollenfibel mit 
rautenförmigem Fuße, zahlreiche Analogien mit dem Funde von 
Varpelev, welcher durch eine Münze des Probus datiert ist, 
weisen das Grab dem Ende des III. oder dem Beginne des 
IV. Jahrhunderts zu. Damit darf der Sackrauer Fund als das 
älteste Beweisstück für das A'orhandensein einer Straße gelten, 
welche auch zu Beginn der \"ölkerwanderung von Südosten 
nach dem Norden durch Schlesien führte. 

Durch die einige Monate später fortgesetzten Ausgrabungen 
wurde die früher aufgestellte Datierung bestätigt und wahr- 
scheinlich gemacht, daß sowohl die erste wie die beiden 
später aufgedeckten Grabstätten einem vornehmen Vandalen- 
geschlechte angehörten. In dem zweiten Grabe fand man einen 
wohlerhaltenen Trinkbecher aus starkem weinrotem Glase vom 
Typus Formentafel F 361, doch mit ganz schmalem Rande, 
12 cm hoch, oben 9,2 cm weit, verziert mit zwei Reihen dicht 
anschließender ovaler und ein(^r Reihe kreisrunder HohlschlifFe 
und einem gravierten Doppelrehef am Rande.'") Das Haupt- 
stück lag im dritten Grabe. Es war eine Millefiorischale im 
eigentlichen Sinne des Wortes, also eine ]\Iosaikschale, deren 



^) Unsed, Das erste Auftreten des Eisens in Nordeuropa S. 445. 
2) Grempler a. a. O. II. und III. Fund S. 6, T. I i. 



531 



Schmuck zierliche kleine Blumen bilden, von flachkugeliger 
Form mit kleinem Fußring, 9,7 cm breit, 4 cm hoch (Abb. 50).^) 
Der Grundton ist ein schönes dunkles Rotviolett. Das Muster 
von Streublümchen, das sich hier in geradezu typischer Vollendung 
zeigt, enthält zierliche sechsblätterige Blüten, deren Kern aus 
einem kleinen lackroten, gelbgeränderten Punkte besteht, welchen 
sechs hellgrüne, gleichfalls gelb- 
geränderte Blütenblättchen von 
halbrunder Form umgeben; an 
diese schließt sich noch ein 
äußerer Kranz \'on zehn blaß- 
roten kleinen Blumenblättchen. 
Die Farbenharmonie ist sehr fein 
berechnet: die Blümchen stehen 
viel zarter und leichter auf dem 
Grunde als die schärfer um- 
rissene Zeichnung unserer Ab- 
bildung annehmen läßt. 

Hier ist es angezeigt einer 
Klasse von Gefäßen zu gedenken, 
die in der Literatur der Grie- 
chen und Römer wiederholt 
in bewundernden Ausdrücken 
genannt werden, bisher aber 
noch zu den vielen Rätseln ge- 
hören, welche uns die Geschichte 
des antiken Kunsthandwerkes 

aufgibt, nämlich der berühmten Murrinen oder \"asa Murrina. 
Nachdem ich bereits im V. Abschnitte die Frage gestreift, soll 
sie nun eingehender behandelt und das früher festgestellte Er- 
gebnis näher begründet werden. 

Als Leitmotiv könnte man der Untersuchung- Grillparzers 
Worte voranstellen: 

Willst du noch dazu die alten Autoren lesen, 

So brauchst du nicht zu erfinden, was lange vor dir gewesen. 

Seit der gelehrten Abhandlung, welche Friedrich Thiersch 
ihnen 1835 in den Al)handlungen der baverischen .Akademie 




Abb. 241. Kugelflasche mit Fassetten- 
schlitt". Köln, Museum. 



^) Grempler a. a. O. Tl. und 111. Fund, S. 9, T. IV i. 



53:^ 

der Wissenschaften widmete, ruht zwar der Streit, aber das Er- 
i^ebnis ist ein unbefriedigendes „Xon hquet", ein Kompromiß 
widersprechender Anschauungen.^) Nachdem der Autor gewissen- 
haft alle Stellen antiker Schriftsteller, in welchen die Murrinen 
genannt werden, zusammengestellt und die Ansichten späterer 
Forscher kritisch geprüft hat, verfällt er auf den Ausweg, zwei 
verschiedene Sorten gleichen Namens einzunehmen, eine kost- 
bare, die aus einem farbigen, dem Labrador verwandten Feld- 
spat geschnitten worden sei und eine minder wertvolle Nach- 
ahmung dieser in Glas, die sogenannte Murrinae coctae. Bei 
Zeitgenossen findet sich eine solche Scheidung nirgends direkt 
vollzogen, wenn auch einzelne Stellen für sie zu sprechen 
scheinen und so einen Ausweg andeuten, durch welchen die 
Widersprüche beseitigt und beide Parteien ins Recht versetzt 
werden könnten. Die neuere Forschung hat sich mit diesem 
Ergebnisse beruhigt und gleichzeitig läßt die L'berzeugung, daß 
ja von den einst so gefeierten Erzeugnissen des antiken Kunst- 
handwerkes doch nichts mehr auf uns übergegangen sei, weitere 
Bemühungen fruchtlos und unnütz erscheinen. 

Anstatt der Schreibart „Murrinen" und „Murra", das eine 
Wort für die fertigen Gefäße und Geräte, das andere für den 
Stoff, aus welchem sie hergestellt wurden, findet man oft die 
„Murrhinen", „^Murrha" und „Myrrha". Sie beruht auf der Ver- 
wechselung von Murra mit Myrrha, der Pflanze, die durch den 
Gleichklang der Worte (namenthch im Griechischen) und die 
Angabe des Plinius hervorgerufen ist, daß man die Murrinen 
auch wiegen ihres Wohlgeruches geschätzt habe. Murra und 
Myrrha haben miteinander nichts gemein. Bei römischen Schrift- 
stellern ist nur die Schreibart Murra (Plinius, Martial, Lucan, 
Statius) und das Adjektiv „murreus" (Properz) erhalten. Sie 
kommt von dem Griechischen /^lOQQa und dem Adjektiv fiodäivog 
(Arrian u. a.i her. Daneben findet sich das Adjektiv „murrinus", 
das allmählich substanziiert wird und die anderen Ausdrücke 
verdrängt (Sueton, Plinius, Juvenal, Ulpian u. a.). Pausanias ge- 



^) Friedrich Thiersch, Über die Vasa murrina der Alten. Abhandlungen der 
bayrischen .•\kademie der Wissenschaften. Philos.-philol. Klasse I. München 1835. 
S. 438 f. Mit einer Tafel in Farbendruck. 



533 

braucht fiooQta als Hauptwort. Der Ausdruck hat, obwohl er 
aus dem Griechischen ins Lateinische übernommen wurde, im 
Griechischen keine Wurzel und keine Bedeutung und stammt 
wahrscheinlich wie die Waren, die er bezeichnet, aus dem Orient. 
Der Hinweis auf den russischen Namen „Murava" für glasierte 
Waren hat keinen Sinn, denn dieser bedeutet nichts anderes 
als Moravia, Mähren und diente ursprünglich wohl zur Bezeich- 
nung des glasierten irdenen Geschirres, das in Mähren erzeugt 
und über Schlesien, Ungarn und Polen nach Russland verkauft 
wurde. 

Die beiden Hauptquellen, auf welchen die Forschung über 
die Murrinen beruht, sind Properz und Plinius. Jener läßt in 
einer seiner Elegien eine Kupplerin auftreten, die ein JNIädchen 
durch kostbare Geschenke, dem besten, was Rom zu bieten 
vermag, zu betören sucht: „Seu quae palmiferae missunt venalia 
Thebae, murreaque in Parthis pocula cocta focis."-^) „Sowohl 
durch Waren, die das palmenreiche Theben sendet, wie durch 
murrinische Gefäße, die in parthischen Öfen gebrannt sind." 
Danach erscheint Parthien, oder im weiteren Sinne das zu des 
Dichters Zeiten von Parthern eingenommene Persien, als Heimat- 
oder Ursprungsland der Gefäße und diese als ein Erzeugnis des 
Schmelzofens. Ob Metall, Ton oder Glas gemeint ist, bleibt 
unbestimmt, gewiß ist nur, daß die Murra damit nicht als ein 
fossiles Produkt bezeichnet wird. Eine andere Stelle bei dem- 
selben Dichter lautet: „Sit mensae ratio, nox que inter pocula 
currat. Et crocino nares murreus unguat onyx.""'j Sie sagt uns 
nichts näheres über die Eigenart der Murra, deutet jedoch an, 
daß aus ihr Salbengefäße, Balsam arien mit onyxartiger Musterung 
hergestellt wurden. 

Weit ausführlicher beschäftigt sich Plinius im 37. Buche 
seiner großen Naturgeschichte mit ihr. Zuerst berichtet er über 
ihre Einführung in Rom, ihre Verbreitung und außerordentliche 
Wertschätzung : 

„Eadem victoria primum in urbem murrina invexit, primus- 
que Pompeius capides et pocula ex eo triumjiho Capitolino Jovi 



') Properz, Elegien IV 5, 26. 
2) ibd. III 8, 22. 
Kisa, Das Glas im Altertume. II. ^5 



534 

diccivit, quae protinus' ad hominum usum transiere, abacis etiam 
escariis vasis inde expeditis; et crescit in dies eius rei luxuria. 
Murrino LXX HS. emto capaci plane ad sextarios tres calice 
potavit ante hos annos consularis ob amorem adroso marg-ine 
eius, ut tarnen iniuria illa pretium augeret; neque est hodie mur- 
rini alterius praestantior indicatura." ^) „Derselbe Sieg- (d. h. der 
des Pompeius über Mithridates, von welchem schon in den 
früheren Kapiteln die Rede war) führte zuerst die murrinischen 
Gefäße in die Stadt ein und Pompeius weihte zuerst nach 
diesem Triumphe dem kapitoHnischen Juppiter Henkelbecher und 
Trinkgefäße aus diesem vStoffe, welche alsbald in den Gebrauch 
der Menschen übergingen und sogar für Prunktische und Eß- 
geschirr Beifall fanden. Der Aufwand darin wächst von Tag zu 
Tag, so daß ein murrinisches Gefäß, ein Pokal, welcher höchstens 
drei Sextarien hielt, für 70000 vSesterzien verkauft wurde. Aus 
diesem trank vor einigen Jahren ein Consular mit solcher Gier, 
daß er den Rand annagte, durch welche Beschädigung er jedoch 
dessen Wert nur steigerte. Und noch jetzt hat ein murrinisches 
Gefäß keine bessere Empfehlung."-) 

Der hohe Preis von 70000 Sesterzien (gleich 5800 fl.) steht 
mit jenem im Einklänge, welchen derselbe Consular — gemeint 
ist Neros bekannter kunstliebender Zeremonienmeister T. Petro- 
nius — für eine Trulla murrina, eine flache Schale mit einem 
Griffe, bezahlte, nämhch 80000 Sesterzien. Da er sie dem Kaiser, 
der nach ihr sehr lüstern war, nicht gönnte, überdies in eine 
Verschwörung gegen diesen verwickelt, genötigt w^urde Gift zu 
nehmen, zerschlug er sie noch auf seinem Totenbette, um sie 
nicht in Neros Hände fallen zu lassen, der sie ohnedies seinen 



1) Plinius 37, 7. 

*) Hier ist auf eine alte Trinkersitte angespielt, die sich noch im studentischen 
Comment deutscher Universitäten bis ins XVII. Jahrh. erhalten hat. Im ,,Jus potandi", 
einer scherzhaften Dissertation über die Trinkgebräuche v.J. 161 5, wird erwähnt, daß 
manche Unsinnige beim ,, Bruderschafttrinken" das Glas zerbeißen und die Splitter, 
„gleich als wären es Kirschenkerne mit ungeheurem Zähneknirschen in sich fressen." 
Vgl. Fabrizius, Geschichte d. deutschen Korps S. 104. Der Trinkcomment deutscher 
Studenten geht ja vielfach auf Gebräuche bei römischen Bacchanalien und bei Zech- 
gelagen zurück, die sich trotz aller Wildheit doch an ein festes Zeremoniell hielten. Die 
Germanen mögen in der Völkerwanderungszeit Manches von ihnen kennen gelernt haben, 
was sich dann im Mittelalter an den Hochschulen festsetzte. 



535 



Erben genommen haben würde. Der Kaiser ließ die Trümmer, 
die von wunderbarer Schönheit gewesen sein sollen, auflesen 
und verwahren.^) Aber außer diesem hervorragenden Exemplare 
besaß Petronius noch eine solche Menge von diesen Gefäßen, 
daß Nero sie nach dessen Tode den Kindern entzog und öffent- 
lich in einem Theater jenseits des Tiber aufstellen ließ. Plinius 
berichtet darüber im An- 
schlüsse an seine Mittei- 
lung über die Murrinen: 
„Idem (consularis) in 
reliquis generis eius quan- 
tum locaverit licet estimare 
ex multitudine, quae tanta 
fuit, ut auferente liberis 
eius Nerone exposita occu- 
parent theatrum peculiare 
trans Tiberim in hortis, 
quod a populo impleri 
canente se, dum Pom- 
peianus praeludit, etiam 
Neroni satis erat. Vidi 
tunc adnumerari unius 
scyphi fracti membra, quae 
in dolorem, credo, seculi 
invidiamque Fortunae tam- 
quam Alexandri Magni 
corpus in conditorio ut 
ostendarentur placebat. T. 
Petronius consularis mori- 

turus invidia Neronis ut mensam eius exhaeredaret, trullam murri- 
nam HS CCC emptam fregit, sed Nero, ut par erat principem, vicit 
omnes, HS IXI, capidem unam parando. Memoranda res tanti 
imperatorem patremque patriae bibisse."") Zu deutsch: „Wieviel 
derselbe Consular in anderen Gefäßen dieser Art verbrauchte, darf 
man schon aus deren Menge schließen, die so groß war, daß 




42. Becher mit eingeschlifFener Inschrift 
und Ornamentik. Aus Krain. 



') Vgl. S. 336. 

') Plinius 37, 7, Fortsetzung. 



35' 



536 

sie, als Nero sie dessen Kindern wegnahm (der g-anze Besitz 
des zum Tode verurteilten Verschwörers und ehemaligen Ver- 
trauten des Kaisers wurde konfisziert), bei ihrer Ausstellung das 
kaiserliche Priviittheater jenseits des Tiber füllten, dessen vom 
Volke besetzter Raum selbst dem Nero genügte, wenn er dort 
als Sänger auftrat, um sich für die Vorstellungen im Theater 
des Pompeius \-orzubereiten. Ich sah damals die Stücke eines 
einzigen Bechers vorzählen, welche man, wie ich glaube zum 
Schmerze der Welt und zum Hohne des Glückes, wie den 
Körper Alexanders des Großen in einem Behältnis aufzubewahren 
beliebte, um sie zu zeigen. Der Consular T. Petronius zerbrach, 
als er zu Sterben kam, aus Neid gegen Nero und um dessen Tisch 
zu enterben, eine Trulla, die er für 300000 Sesterzien (gleich 
etwa 2 5 000 fl.) gekauft hatte. Nero aber übertraf, wie es einem 
Fürsten ziemt, alle Anderen, indem er einen einzigen Henkel- 
becher für zehntausend mal tausend Sesterzien (gleich etwa 8 29 000 fl.) 
erwarb. Eine merkwürdige Sache, daß ein Fürst und Vater des 
Vaterlandes so teuer trank!" 

Die Angaben über Preise müssen allerdings mit Vorsicht 
aufgenommen werden. Abgesehen davon, daß die Fama sie 
damals ebenso gern übertrieben haben wird wie heutzutage, 
schwanken die Lesarten, weil Irrtümer in der Aufzeichnung 
ebenso leicht möghch sind, wie in der Umrechnung. So ist 
z. B. der Preis des murrinischen Gefäßes, das oben mit 70000 
Sesterzien angesetzt ist, in einer anderen Ausgabe des Plinius 
auf 70 Talente angegeben, welche Thiersch in ungefähr 5 5 000 fl. 
umrechnet. Dagegen schwankt der Preis des von Nero ge- 
kauften Henkelbechers in den verschiedenen Ausgaben zwischen 
66000, 700000 und 829000 fl. Der Pokal, von dessen Rande 
Petronius ein Stück abnagte, maß drei Sechstel, d. h. V4 röm. 
Kubikfuß, jedenfalls für ein Trinkgefäß eine stattUche Größe und 
zugleich ein Beweis für den ansehnlichen Umfang, den manche 
Murrinen hatten. Auch Juvenal spricht von großen Gefäßen dieser 
Art: „Grandia tollunter crystallina, maxima rursas murrina."^) 

Unter den 2000 Gefäßen aus edlen Steinen, welche Pompeius 
aus der pontischen Beute heimbrachte, werden sich außer den 



^j Juvenal, Satyren VI 156. 



537 

dem Juppiter Capitolinus geweihten Henkelbechern noch andere 
Murrinen befunden haben. Der ganze große Rest fiel dem 
Staatsvermögen, dem Aerarium publicum anheim, wurde öffent- 
lich versteigert und kam so in die Hände wohlhabender Privat- 
leute. Unter Augustus folgte ihm der riesige Schatz, den die 
Könige Ägyptens seit unvordenklichen Zeiten aufgehäuft hatten 
und Cleopatra dem Sieger überlassen mußte. Augustus entnahm 
ihm für seine Person nur „unum calicem murrinum ex instru- 
mento regio", wie Sueton mit Bewunderung seiner großen Un- 
eigennützigkeit hervorhebt.^) Auch damals dürfte alles übrige 
versteigert worden und so in Privatbesitz gekommen sein, darunter 
wohl auch andere Murrinen. So erklärt es sich, daß einzelne 
reiche Leute, wie Petronius, große Mengen dieser Luxusware 
aufhäufen konnten. Sie blieb zu Lebzeiten des Phnius hoch 
im Preise, obwohl ihr gewisse „Fictilia" den Rang streitig 
zu machen begannen. „Eo pervenit luxuria, ut etiam fictilia 
pluris constent quam murrina," meint er in bezug auf den 
raschen Wechsel der Moden, den die Schwelgerei und der 
Reichtum verursachten.-) Unter fictiliis werden gewöhnlich Ton- 
gefäße verstanden, obwohl der Ausdruck im allgemeinen bild- 
same Stoffe aller Art, auch solche aus Metall und Glas, im 
Gegensatze zu den fossiliis, den Arbeiten aus Stein, Bernstein, 
Krystall usw. begreift. Aus Murra wurden außer Trinkgefäßen 
abaci und escaria hergestellt. Jene sind Spielbretter und Spiel- 
tische, aber auch Prunktische, die zum Aufstellen von kostbaren 
Geräten dienten und mit Platten aus Murra bekleidet waren; diese 
sind Speisegerätschaften aller Art, Schüsseln, Teller, Näpfe u. dgl. 
Aber auch zu größeren Arbeiten verwendete man Murra, nach 
Sidonius ApoUinaris formte man aus ihnen sogar Türflügel, d. h. 
man versah hölzerne oder bronzene Türen mit farbigen Einlagen 
aus diesem Stoffe im Vereine mit kostbaren Steinsorten: „Portas 
chrysolithi fulvus diffulgerat ardor murrina, sardonices, amethystus, 
Jberus, iaspis Indus, Chalcidicus, Scythicus, beryllus, achates. 
Attollunt duplices argenti cardine valvas.'^) 



^) Sueton, Augustus 71. 

-) Plinius 33, 2. 

'*) Sidonius ApoUinaris, Carmen XI 20 f. 



538 

Wenn Sidonius die Murra demnach für eine edle Steinart 
zu halten scheint, befindet er sich mit Plinius in Übereinstimmung, 
der sie für ein Naturprodukt ansieht, das wie der Krystall berg- 
männisch gewonnen wird. „Murrina ex eadem tellure et crystal- 
hna effodimus, quibus pretium faceret ipsa fragilit^ls. Hoc argu- 
mentum opum, haec vera luxuria gloria existimata est, habere 
quod posset statim perire totum."^) Sie wird aus der Erde aus- 
gegraben wie Krystall und ist ebenso gebrechlich wie dieser, 
was sehr zu ihrer Wertschätzung beiträgt. Ihre Entstehung denkt 
er sich aus einer flüssigen Masse, welche unter dem Einflüsse 
der Wärme des Erdinneren allmählich erhärtet und in starren 
Zustand übergeht. „Humorum sub terra putant calore densari."") 
Im Gegensatze dazu bilde sich der Krystall durch Abkühlung 
eines ursprünglich gleichfalls flüssigen Stoffes. „Contraria huic 
causa crystaUum fecit, gelu vehementiore concreta."^) Ähnlich 
stellte man sich auch das Entstehen des Bernsteines vor, das Plinius 
ungefähr ebenso schildert wie Tacitus, der in seiner Germania 
darüber schreibt: „Succus tamen arborum esse intelligas, quia 
terrena quaedam . . . implicata humore, mox durescente materia 
clauduntur." *) Wie in gewissen unwegsamen Gebieten des 
Morgenlandes Weihrauch und Balsam von Bäumen ausge- 
schwitzt wurde, so preßte nach der Ansicht der Römer die am 
Rande der Erdscheibe stärker wirkende Sonne den Wäldern 
einen Saft aus, der in das nahe Meer quoll, dort verhärtete und 
so den festen Bernstein lieferte. Die drei in der antiken Welt 
hochgeschätzten Produkte, die Murra, der Bernstein und der 
Krystall bilden so auch in der Darstellung des Plinius eine selb- 
ständige, von den Edelsteinen getrennte Gruppe, deren Entstehung 
man der Erdwärme, den Sonnenstrahlen und der Kälte verdankte, 
während man sich die verschiedenen Arten der Gesteine von 
Anfang an als feste Materialien erklärte. 

Im Anschlüsse an die Entstehung der Murra schildert 
Plinius deren Eigenschaften mit folgenden Worten: 



^) Plinius 33, 2. 

^) ders, 37, 8. 

») ders. 37, 9. 

*) Tacitus, Germania 45. 



539 



„Amplitudine nusquam parvos excedunt abacos; crassitudine 
raro quanta dictum est vasi potorio. Splendor hie sine viribus, 
nitorque verius quam splendor. Sed in pretio varietas colorum, 
subinde circumagentibus se maculis in purpuream candoremque 
et tertium ex utroque ignescentem velut per transitum coloribus. 
Sunt qui maxime in iis laudent extremitates et quosdam colorum 
repercussus, quales in celesti arcu s])ectantur. His maculae pingues 
placent, translucere quidquam 
aut pallere vitium est. Item 
sales verucaeque non eminentes, 
sed ut in corpore etiam ple- 
rumque sessiles. Aliqua et in 
odore commendatio est." ^) 

Zu deutsch: „Die Stücke 
sind nie größer als kleine Prunk- 
tische und selten dicker als die 
vorher genannten Trinkgefäße. 
(Im früheren Kapitel zählte Pli- 
nius verschiedene Prachtarbei- 
ten aus edlen Steinen auf.) Der 
Glanz ist an ihnen ohne Kraft 
und eher ein Schimmer (Lüster), 
als ein Glanz zu nennen. Ge- 
schätzt wird an ihnen aber die 
Mannigfaltigkeit der Farben, 
wenn nämlich die Flecken all- 
mählich ins Purpurrote oder Milchweiße oder in ein aus beiden 
entstandenes Drittes verlaufen, indem gleichsam durch einen 
Übergang der Purpur heller wird und diis Milchweiß sich rötet. 
Manche loben an ihnen hauptsächlich die Ränder und einen 
gewissen Widerschein der Farben, wie man ihn im Regenbogen 
beobachtet. Anderen gefallen die fetten (intensiven) Farbenflecken. 
Durchsichtige oder blasse Stellen sind ein Fehler, ebenso die 
Salzkörnchen (Flecken, welche Salzkörnchen ähnhch sind) und 
Warzen, die aber nicht hervorragen, sondern, wie auch zumeist 
im (menschlichen) Körper, darin eingebettet sind. Auch durch 
ihren Geruch empfehlen sie sich einigermaßen." 

1) Plinius 37, 8. 




Abb. 243. Becher aus geschliffenem 
Krystallglase. Trier, Museum. 



540 

Als die unifangreichstcn Arbeiten aus diesem Stoffe werden 
demnach die kleinen Schautische bezeichnet, die bereits erwähnt 
wurden; sie dienten zum Aufstellen von Prunkgefäßen, darunter 
von solchen aus ]\Iurra selbst. Auch Spieltische wurden als 
abaci bezeichnet. Sueton erzählt von Nero, daß er eine Zeitlang 
täglich an einem Abacus mit kleinen Gespannen aus Elfenbein 
sich belustigte.^) Der Ausdruck uuiculac für bunte Farbenflecken 
ist sehr gewöhnlich, namentlich bei der Beschreibung bunten 
Marmors. Die Perser benannten sogar einen Edelstein Telicardios 
mit dem Worte macula"-). Es bezeichnet einen Fleck oder Punkt, 
bei der Beschreibung der ]\Iurra also fleckenartige Musterung. 
Varietas coloriim bedeutet Vielfarbigkeit, Buntheit, nicht etwa 
ein wechselndes Farbenspiel, wofür Plinius den Ausdruck variatio 
gebrauchen würde. Es scheint, daß manche Murrinen durch 
ihre Größe auffielen. „Maxiuia initrri)ia" heißt es einmal bei 
Juvenal und andere gebrauchen ähnliche Ausdrücke. 

Über die Herkunft der ]\Iurrinen ist Plinius mit Properz 
derselben Ansicht, doch beschränkt er sich nicht auf Parthien 
allein, wie der Dichter, den offenbar das Versmaß und die 
poetische Sprache zur Kürze im Ausdrucke veranlaßten. Dabei 
gibt er einen Ort an, der besonders viele Murrinen lieferte: 
„Oriens murrina mittit. Inveniuntur enim ibi in pluribus locis 
nee insignibus, maxime Parthici regni, praecipue tamen in Car- 
mania."'") „Der Orient sendet die murrinischen Gefäße. Sie 
werden dort an mehreren Orten aufgefunden, die nicht einmal 
von Bedeutung sind, hauptsächlich im parthischen Reiche und 
besonders in Carmania." 

Auffallend ist der Ausdruck ,, inveniuntur". Thiersch glaubt, 
daß er sich auf den Rohstoff beziehe, wie auch die vorhergehende 
Beschreibung der Eigenschaften der Murrinen nicht für die 
fertigen Gefäße, sondern für jenen gelte. Dieser Deutung bereitet 
aber die Angabe von der Größe und Dicke der Murrinen 
Schwierigkeiten, über welche er sich vergeblich durch gewundene 
Gedankengänge hinwegzuhelfen versucht. Ihm ist ja darum zu tun, 



^) Sueton, Xero. Deutsche Ausgabe von Sarrazin S. 86. 
-) Plinius 37, lo. 
») ibd. 37, 8. 



541 

für seine Ansicht, daß die Murra ein Mineral sei, möglichst viele 
Stützen zu finden. Nimmt man jedoch das Nächstliegende an, 
das sich auch aus dem Zusammenhange ergibt, so bereitet die 
Deutung keine Schwierigkeiten. Der Orient, welcher die Murrinen 
sendet, ist die Fundgrube alter Arbeiten, die im Boden an ver- 
borgenen Stellen, manchmal vielleicht wie heute durch Zufall, 
gefunden wurden. Der Ausdruck iuvcniiintur paßt nicht für 
Waren, welche an jenen Orten hergestellt und dem Handels- 
verkehr übergeben werden, diese Orte sind ja vielfach „unbe- 
deutend", also weder durch Fabrikation, noch durch Handel 
ausgezeichnet. Dagegen können an solche Orte sehr wohl 
von alters her durch frühere Beziehungen zu den Fabriksorten, 
durch Sammler und durch plündernde Eroberer, Murrinen 
zusammengetragen worden sein, die man später aufdeckte und 
nach Rom verkaufte. 

Noch an einer späteren Stelle gedenkt Phnius der ]Murrinen, 
wo er vom Luxus seiner Zeit mit kostbaren Gefäßen spricht: 
„Proximum locum in delicns, feminarum tamen adhuc tantum, 
sucina obtinent, eandemque omnia haec quam gemmae auctori- 
tatem, sane priora illa ahquis de causis, crystallina frigido potu, 
murrinaque utroque," d. h.: „Den nächsten Rang im Luxus, 
jedoch bisher nur bei den Frauen, behaupten (nach den krystallenen) 
die Bernsteinarbeiten. Alle diese Dinge, die Murrinen, Krystall- 
und Bernsteingefäße, haben dasselbe Ansehen wie Edelsteine, 
jene ersteren jedoch aus irgend einer Ursache, indem die Krystall- 
gefäße zu kaltem und die Murrinen zu beiderlei Getränk dienen." 

Die anderen klassischen Schriftsteller, welche die Murrinen 
erwähnen, scheinen aber, soferne sie überhaupt die technische Seite 
berühren, in bezug auf deren Stoff nicht immer derselben An- 
sicht wie Plinius zu sein. Bei Statius findet man, wie auch bei 
Juvenal, Julius Capitolinus und anderen. Murrinen den Krystall- 
gefäßen entgegengesetzt, opak-buntfarbige Arbeiten den farblos 
durchsichtigen: „Pocula magno Prima duci murrasque graves 
crystallaque portat," -) zugleich ein Zeugnis für ihr schweres 
Gewicht, wozu auch die ,,in(ixiina iiiyrriiia" Juxenals passen. 



*) Plinius 37, ii. 

-) Statius, Silvae III 4, 57. 



542 

Seneca bezeichnet ]\Iürrinen als umfangreiche Gefäße aus edlem 
Steine: „Video murrina pocula, parum scilicet et luxui magno 
fuit, nisi quod vomant capacibus gemmis inter se propinarent." ^) 
An einer anderen Stelle deutet er den Schätzungswert, in welchem 
zu seiner Zeit einige Luxusarbeiten standen, durch folgende 
Reihung an: „ . . ut sit aureum poculum, an crystallum, an 
murrinum, an Tiburtinus calix. an manus concava, nihil refert." ") 
Der Pokal aus Tibur, welcher hier unmittelbar der hohlen Hand 
als Trinkgefäß vorangestellt ist, war wohl ein Tonbecher 
gewöhnlicher Sorte. Es müßte Wunder nehmen, wenn bei dieser 
Rangordnung das damals hochgeschätzte, auch \on Seneca 
sonst so häufig und in auszeichnender Weise erwähnte Glas 
überg angangen wäre. Das ist jedoch nicht der Fall, denn mit 
dem Ausdrucke crystalliiiii sind außer echten Krystallgefäßen 
auch solche aus Krystallglas gemeint, da man für beide Arten 
im lateinischen wie im griechischen nur eine Bezeichnung hatte; 
unter den Murrinen aber sind, auch gegen die Ansicht Senecas 
selbst, wie wir sehen werden, eben nur Gläser zu verstehen. 

Die Dichter des neronischen Zeitalters, Lucan'') und Martial,^) 
erwähnen die damals außerordentlich hoch bewerteten Murrinen 
wiederholt als Erzeugnisse des höchsten Luxus, ohne sich näher 
über sie zu äußern. Auf ihre Buntfarbigkeit spielt Alartial mit 
den Worten an 

vSurrentina bibis? nee myrrina picta, nee aurum 
Sume . . . 

An einer anderen Stelle deutet er ihre Fleckenmuster an: 
Plorat Eros quoties maculosae pocula myrrae 
Inspicit . . .') 

Juvenal stellt sie, wie bereits erwähnt, den farblos -durch- 
sichtigen Krystallen gegenüber: „In sacris quidem inter has 
opes hodie non murrinis crystallinisve, sed fictilibus proba- 



^) Seneca, De beneticiis L 5, 10, 9. 
-) ders. Epistolae 119. 
3) Lucan, IV 380. 

*) Martial Epigr. X 80, i; XIV 113, i. 

^) ders. XIII, XIV. Er zieht den Murrinen die Gläser von Sorrent, die 
leichten Erzeugnisse des Rades vor. 



543 

biliter simpuviis (oder simpulis/) d. h.: „In den Tempeln wird 
heute unter diesen Schätzen nicht aus murrinischen und krys- 
tallenen, sondern aus tönernen Schalen geopfert." Auch hier 
werden offenbar mit fictilia einfache Tonbecher bezeichnet und 
nicht im allgemeinen Gefäße aus weichen, bildsamen Stoffen, 







X\- 



'^M^r 



^ÄBb f I f ■ 



Syc. 






^ni5iM^^-aTAai^ 



^"^^mökÄii^ 



Abb. 244. Schematische Ansicht von Puteoli. Schliff von einer Kugelflaschc aus 
Odemira in Portugal. (Negativ.) 

so daß man aus ihrer Gegenüberstellung zu den Murrinen nicht 
mit Thiersch den Schluß ziehen kann, daß diese unbedingt zu den 
Arbeiten aus hartem Material, zu den Fossilien, zu rechnen seien. 
Dagegen rechnet sie Arrian offenbar, gleich dem Onyx, zu den 
Steinen. In seiner Beschreibung des roten Meeres wiederholt 
er Mitteilungen des Nearchos, des Admirals Alexanders d. Gr., 



') Juvenal, Sat. \'I 340. 



544 

der die macedonisch-griechische Flotte vom Jndus zum Euphrat 
führte und von seiner Bekanntschaft mit den Murrinen bereits 
Kunde gab. Arrian spricht von ihnen zweimal in der Form: 
„Uvv/iiij /Äi/iu y.cd fiougivri,'' ^) wobei freilich zu berücksichtigen ist, 
daß die Griechen auch die farbigen Glaspasten, die aus Ägypten 
zu ihnen herüberkamen, gegossenen Stein Ud^og xvttj nannten. 

Außer Arrian spricht nur noch ein griechischer Autor von 
den Murrinen, welche zu seiner Zeit nicht mehr so außerordent- 
lich hoch wie früher geschätzt waren. Es ist der bekannte 
Reiseschriftsteller Pausanias, der sein für die Kunstgeschichte 
so wichtiges Quellenwerk, die Periegesis, in den Jahren i6o bis 
1 80 n. Chr. während der Regierung ]\Iarc Aureis verfaßte. Er sagt 
darin: ^'Yukog iiiv aui xQvOTc'c/J.og xcu /.ioqqiu xai oCa laxlv äv^goonoig 
ä)la Aii>ov noioii.uva^-), d. h.: „Glas, Krystall, Murrinen und was 
sonst von den Menschen aus Stein hergestellt wird." Wir sehen 
daraus, daß die Angaben der Alten, die Murrinen seien aus Stein 
hergestellt, cum grano salis zu verstehen sind, denn auch Glas 
wird hier als ein Steinprodukt bezeichnet. Da unter den zur 
Glasbereitung erforderlichen Grundstoffen Kieselerde und Quarz- 
kiesel die Hauptrolle spielten, ist diese Anschauung ja iiuch 
einigermaßen begründet. Dazu kommt, daß die Griechen die opak- 
farbige Glaspaste, wie eben erwähnt, als Xii)^og xviri, gegossenen 
Stein, bezeichneten, im Gegensatze zu valog, dem durchsichtigen 
Glase späterer Periode. Hyalos und Krystall sind bei Pausanius 
Ausdrücke für zwei verschiedene Glassorten, das farbig-durch- 
sichtige Glas einerseits und das gänzlich farblose, wasserhelle 
andererseits. Dazu werden noch Murrinen hinzugefügt, was im 
Zusammenhange nur an eine dritte Glassorte, die opak-buntfarbige 
denken läßt. Jene Stelle des Pausanias ist daher so zu deuten, daß 
er darin die drei ihm bekannten Hauptsorten des Glases anführt, 
alle drei Produkte von Stein im übertragenen Sinne. Sie gibt 
demnach jenen, welche die Murrinen für Arbeiten aus festem 
Edelgestein erklären, keinen Anhaltspunkt. Bezeichnend ist ja 
auch, daß er den drei Sorten keine aus Ton und keine solchen 
anfügt, die zweifellos aus Edelsteinen, wie Onyx, Achat und dgl. 



^j Arrian, Periplus nibri maris ed. Hudson S. 4, 17. 
2) Pausanias, Perieg. VIII iS. 



545 

g-earbeitet sind, obwohl diese Zusammenstellung sehr nahe 
liegen würde. 

Nach einer IMitteilung des Julius Capitolinus ließ Marc 
Aurel Murrinen und Krystalle von Alexandrien öffentlich auf 
dem Forum in Rom versteigern/) Die Form, in welcher beide 
Luxuswaren nebeneinander genannt werden, berechtigt zu dem 
Schluße, daß sie als zusammengehörig hingestellt werden sollen, 
daß etwa farbige den farblosen zugesellt sind. Sein Mitregent 
Lucius Verus, ein Freund des Luxus, ließ seine Freunde bei 
Gastmählern aus Murrinen und Krystall trinken, wie derselbe 
Biograph berichtet.") Bald nach Pausanias nimmt Ulpian das 
Wort, der berühmte Rechtslehrer aus der Zeit des Kaisers 
Alexander Severus, aus dessen Schriften später ein großer Teil 
in die Pandekten Justinians übergeg^angen ist. Er deutet an, 
daß die Ansichten über den Stoff der Murrinen geteilt seien, 
daß nicht alle ihn für eine edle Steinart hielten, ohne für seine 
Person zu der Frage Stellung zu nehmen. „Murrina autem vasa 
in gemmis non esse, scribit Cassius".'^) Ein anderer Rechtslehrer, 
namens Javolenus, nennt die Murrinen bloß, ohne irgend eine 
Bemerkung anzuknüpfen.^) Als letzter spricht Lampridius im 
Leben Heliogabals von ihnen, indem er den Alißbrauch kenn- 
zeichnet, den der wahnsinnige Wüstling mit kostbaren Kunst- 
arbeiten trieb: „Onus ventris auro excepit, in murrinis et ony- 
chinis minxit." Damit kopierte dieser übrigens nur einen Zeit- 
gfenossen Martials, der über ähnliche Scheußlichkeiten berichtet.'^) 

Auf Grund dieser wenigen Nachrichten beschäftigte man 
sich schon vom XVI. Jahrhundert ab, seit das Interesse für die 
Antike wieder reger geworden war, angelegentlich mit den 
rätselhaften Gebilden, von welchen man mit Sicherheit unter 
dem Überresten des Altertumes kein einziges Stück mehr zu 
entdecken vermochte, obwohl sie einst, zur Zeit Neros, so zahl- 



^) Jul. Capitolinus, Marcus Aurelius c. 17, 21: Pocula crystallina et murrina 
in foro divi Traiani vendidit." 

-) ders. Lucius Verus: ,, Donatos etiam calices singulis potiones, murrinos et 
crystallinos Alexandrinos quoties bibitura est." 

^) Ulpian, Pandect. 34 tit. 2, 9 § 19. 

■*) Javolenus, Pandect. 33; 10, 11: ,,Murrea autem vasa.'' 

") Vgl. S. 184 Note I. 



546 

reich in Gebrauch waren, daß allein mit dem Vorrate eines ein- 
zelnen Sammlers von Murrinen, des Consulars Petronius, ein ganzes 
Theater, oder doch wenigstens dessen Bühne, gefüllt werden 
konnte. Cardanus brachte die Nachrichten bei Properz, wonach 
Murrinen in parthischen Öfen gebrannt wurden, mit der Schilderung 
bei Plinius, ihrer Gebrechhchkeit, Buntheit und anderen Eigen- 
schaften zusammen und verfiel auf den Gedanken, sie für Porzellan zu 
erklären, das von China bereits in römischer Zeit nach Europa 
gekommen sei.^) Gewisse Abweichungen, welche zu dem Bilde, 
das die alten Schriftsteller von den Murrinen geben, nicht 
stimmen wollten, wie die Iris, die durchsichtigen Stellen, haben 
sich nach seiner Ansicht erst im späteren Verlaufe der Fabri- 
kation eingestellt. Julius Caesar Scaliger und dessen Sohn Josef 
waren derselben Meinung. Wenn Plinius sie im Widerspruche 
zu Properz für Gemmen halte, so geschehe das nur „quod 
ignorat, esse pocula ex signino cocta, apud Sinas facta, quae 
nos porcellana vocamus, quare ridiculi sunt, qui ex Plinio gem- 
mea horiolantur".") Auch Salmasius ergriff des Cardanus Partei 
und schrieb 1629: „Nihil sane vero propius, quam antiqua mur- 
rina esse porcellanea nostra."^) 

Das Vertrauen in die Autorität des Plinius war also bei 
diesen Gelehrten bereits erschüttert, während sie für andere 
noch maßgebend bheb. So für Agricola, der die ^Murrinen für 
Onyx hält, für Nicolaus Guitbertus, der wegen der bunten 
Streifen zwischen Onyx und Sardonyx schwankt. Der erste 
Forscher, welcher der Frage eine eingehende Studie widmet, 
ist der Begründer der klassischen Archäologie in Deutschland, 
der Vorläufer von Lessing und Winckelmann, der Leipziger 
Professor Johann Friedrich Christ, in seiner Dissertation „De 
murrinis veterum disquisitionibus", Lipsiae 1743. Er untersucht 
die verschiedenen Sorten von Edel- und Halbedelsteinen und 
kommt zu dem Ergebnisse, daß die Murrinen eine Art von 
Onychites oder Alabastrites gewesen seien, ein dem Achat ver- 
wandtes, aber selteneres und kostbareres Gestein. Andere nach 



^) Cardanus, De subtilitate. Nürnberg 1550. 

-) Jul. Caesar Scaliger, De subtilitate ad Cardani exercit. 97 S. 327, ed. 
Wechsel 1601. Josef Scaliger, Zu Propertius IV 5, 26 ed. II 1600. 
^) Salmasius, Exercit. Plin. in solinum S. 204. 



547 




I 



ihm verfielen auf Speckstein, den die Chinesen „lu" nennen, 
obwohl dieser recht wenig- zu der Beschreibung- des Plinius 
paßt,-^) und schließlich auf einen Mittelweg, indem man zwei 
verschiedene Sorten annahm, eine feinere, aus einem Edel- 
gestein und eine gewöhnlichere, aus Por- 
zellan. Diese besonders von Mariette") ver- 
tretene Anschauung wurde in anderer Form 
von Thiersch wieder aufgenommen, welcher 
die widersprechenden Angaben der klassi- 
schen Autoren gleichfalls durch eine Zwei- 
teilung versöhnen will, jedoch an die Stelle 
von Porzellan Glas einsetzt. 

Plinius behandelt die Murrinen im 
37. Buche, w^elches den Edelsteinen und 
ihrer Bearbeitung gewidmet ist. Nachdem 
er die von Pompeius beim Triumphe über 
Mithridates nach Rom gebrachten Kunst- 
w^erke aus Edelsteinen aufgezählt und andere 
hinzugefügt hat, die sich im Altertume 
großen Ruhmes erfreuten, geht er auf die 
Murrinen über, von diesen auf Krystall 
und Bernstein und schildert dann ausführ- 
lich die verschiedenen Sorten von Edel- 
und Halbedelsteinen. Die Murrinen sind 
also von diesen getrennt und mit Krystall 
und Bernstein als jene drei Produkte grup- 
piert, w^elche sich „aus einer gewissen Art 
von Saft" oder Feuchtigkeit unter dem Ein- 
flüsse von Hitze und Kälte zu festen Kör- 
pern umgestaltet haben. Plinius gibt damit, 
trotz seiner Naivität in der Auffassung 
naturwissenschaftlicher Prozesse, immerhin 
deutlich genug zu verstehen, daß er die 

Murrinen nicht in die Klasse der Edelsteine im gewöhnlichen 
Sinne einreihe. Sie sind für ihn ein rätselhaftes Naturprodukt, 

') V. Veitheim, Vasa murrina. Hclmstädt lyqi. Böttiger im ,, Morgenblatt f. 
d. gebildeten Stände 1807, 13. April. 

'^) Mariette, Traite des pierres graves I S. 219. 




Abb. 245. Stamnium mit 
bacchischer Szene in Hohl- 
schliff, aus Hohensülzen. 
Bonn, Provinzialmuscum. 



548 

wie Krystall und Bernstein. Deshtilb sollte man auch, meint 
Thiersch, nicht unter den zahllosen bekannten Arten von Edel- 
und Halbedelsteinen nach Murrinen suchen. Die Beschreibung 
des Plinius paßt in der Tat auf keine von diesen genau, wenn 
man auch darunter eine oder die andere finden könnte, welche 
eine oder mehrere der genannten Eigenschaften zeigt, wie z. B. 
vSprödigkeit, matten Schimmer oder Lüster, Flecken, körnige 
Stellen usw. Gewiß ist, daß Plinius nicht von Äderung oder 
Bänderung spricht, vielmehr den Nachdruck auf Flecken verschie- 
dener Farbe mit andersfarbiger konzentrischer Einfassung legt. 
Offenbar meint er ein regelloses ^Muster, dem keine geometrischen 
Formen zugrunde hegen. \^on anderen Schriftstellern wird 
aber deutlich eine Ähnlichkeit mit Onyx hervorgehoben, so von 
Properz, Arrian und Lampridius, so daß wir außer Murrinen 
mit regellosem bunten Fleckenmuster auch solche mit onyx- 
artiger Streifung annehmen müssen. 

Aus der IVIurra wurden, wie wir erfuhren, große und kleine 
Gefäße, Opferschalen, Trinkbecher und Speisegeräte hergestellt. 
Ausdrücklich werden Henkelbecher für Opfer (capides), ein 
Pokal (calix), ein Trinkbecher in Halbkugelform (scyphus), eine 
Schale mit Griff (trulla). große Trinkgefäße und Balsam arien 
genannt. Außerdem ist mehrmals von der Bekleidung von 
Schau- und Spieltischen (abaci) und sogar einmal von ganzen Tür- 
flügeln (valvae) mit Platten aus Murra die Rede. Ein Becher aus 
diesem Stoffe faßte drei Sextarien, d. h. ungefähr eine Maß. 
Gefäße und Geräte solcher Art wurden in Aletall, Edelsteinen, 
Marmor, Alabaster, Krystall und Glas erzeugt, Trink- und 
vSpeisegeschirr nicht selten aus Edelstein, Krystall und Glas. 
Thiersch stellt fest, daß Plinius die ]\[urrinen nicht unter den Halb- 
edelsteinen, d. h. den Quarzen anführe und scheidet diese daher 
bei der Bestimmung gänzlich aus. Dann bleibt aber ihm zufolge 
immer noch die weitverzweigte Familie der Spate übrig, unter 
welchen sich einige Sorten durch besondere Pracht der Farben 
und Mannigfaltigkeit der Musterung auszeichnen. Namentlich 
unter den Flußspaten gibt es solche, deren Farbenspiel geradezu 
unermeßlich ist. In England wurde man zu Anfang des vorigen 
Jahrhunderts besonders auf einige heimische Arten des Flußspates 
aufmerksam und stellte aus ihnen Gefäße und Geräte her, deren 



549 

prachtvolle farbige Musterung allgemein auffiel und der Bijouterie 
ein neues ergiebiges Feld zu erschließen schien. Bald nach dem 
ersten Auftreten dieser Arbeiten sprach ein englischer Gelehrter, 
der ]\I. zeichnete, im Classical Journal von 1810 S. 472 die Ver- 
mutung aus, daß das Material mit dem der antiken ]Murrinen 
identisch sein könne und andere schlössen sich ihr an. Doch 
wandte sich die Mode nach kurzer Zeit bereits von diesem 
Material ab, sei es, daß seine Sprödigkeit der Bearbeitung 
zu große Schwierigkeiten entgegensetzte, sei es, daß die zu 
geringe Nachfrage den Preis in gleiche Höhe mit dem der kost- 
barsten und feinsten Edelsteine schraubte. Unter Umständen 
wäre es denkbar, daß auch im Altertume bereits die Mode 
wechselte oder die Quelle für die Murrinen versiegte. Nach 
Thiersch mögen die jetzt so gut wie verschlossenen Gebirgszüge 
am Kaspisee, in Armenien und Persien den Stoff geliefert haben, 
wie aus ihnen vielleicht auch jene ungewöhnlich großen Stücke 
von Onyx und Sardonyx hervorgegangen sein dürften, aus welchen 
die berühmten Prachtcameen von Wien, Paris und Neapel ge- 
arbeitet sind, Stücke, wie man sie in solchem Umfange heute 
nicht mehr findet. Einige Gelehrte haben ja auch in ihnen, wie 
z. B. im Braunschweiger Onyx, die Murrinen wieder entdecken 
wollen. 

Die Annahme von Thiersch, daß außer den kostbaren 
jMurrinen aus Stein, aus einem der farbenprächtigen Flußspate, auch 
solche aus Glas hergestellt worden seien, welche den in parthi- 
schen Öfen gebrannten Murrinen des Properz entsprächen, scheint 
in einigen antiken Schriftquellen eine Stütze zu finden. Plinius 
selbst sagt vom antiken Glase: „Fit et album et murrinum, aut 
hyacinthos saphirosque imitatum" ^), „auch macht man weißes 
(d. h. farbloses) und murrinisches Glas, sowie solches, das den 
Hyacint und Saphir nachahmt und anderes von allen sonstigen 
Farben". Hierbei fragt es sich, ob das Wörtchen „auf die 
beiden vorhergehenden Adjectiva von den folgenden als eine 
besondere Gruppe trennt, oder ob es einfach für „et" dasteht. 
In ersterem Falle muß man die Stelle in der Form übersetzen, 
in welcher ich es getan habe, in letzterem hat es zu lauten: 



1) Plinius 36, 67. 

Kisa, Das Glas im Altertume. II. 36 



„Auch macht man weißes, wie solches Glas, das Murrinen, 
Hyacint und Saphir etc. nachahmt." Jenes würde bedeuten, 
daß Plinius die ^Nlurrina hier den Gläsern zurechnet und das 
murrinische, d. h. buntfarbige Glas dem farblosen an die Seite 
setzt, dieses aber, daß er murrinum ebenso wie Hyacint und 
Saphir als Namen eines Edelsteines gebraucht. Die erste Lesart 
ist jedenfalls korrekter, würde aber einen Widerspruch zu seiner 
sonst stark betonten Ansicht ergeben, daß die Murra ein Natur- 
produkt sei, gleich dem Krystidl und dem Bernstein. Aber 
solche Widersprüche in technischen Frjigen sind ja bei ihm 
nichts Ungewöhnliches. 

Eine andere Stelle, welche die Murrinen in enge Beziehung 
zum Glase bringt, findet sich in Arrians bereits erwähntem Peri- 
plus Erythrei maris und lautet: „xcd ).ii>iag va^g nleiora ytir^ xcd 
va/Jfi fLio^oivrjc ttjc ytvouevr^g h' Jioano/.si" ^). Hier sind die 
beiden griechischen Bezeichnungen für Glas /US^og (X'^ttj) und 
vakog angewendet und damit das opake gegossene und das 
durchsichtige, sowie auch andere Sorten angedeutet, darunter 
das murrinische au5 der Gottesstadt Theben, Diospolis, dem 
uralten Sitze der Industrie. Es bleibt aber zweifelhaft, ob Arrian 
die Murrinen selbst für Glas hält oder \-on murrinischem Glase 
im Sinne einer Nachahmung der Murra in buntfarbigem Glase 
spricht. 

Auch Pausanias erwähnt die Murra in einer Fassung, 
welche schließen läßt, daß er sie stofflich dem Glase verwandt 
glaubt. vSie wird in der bereits früher wiedergegebenen Stelle 
ebenso wie va/.og, das durchsichtige farbige und xQiaTu/.kog, das 
durchsichtige farblose Glas als ein Produkt aus Stein erklärt. 

Im Grunde kann also Thiersch nur zwei Quellen für seine 
Ansicht, daß die ^Murrinen in Glas nachgemacht worden seien, 
in Anspruch nehmen, nämlich den Satz des Plinius über die 
Farben des Glases und den des Arrian, aber auch diese sind 
nicht deutlich genug. Trotzdem behaupte ich, daß er im Recht 
ist, wenn er glaubt, daß es gläserne ]\Iurrinen gegeben habe. 
Das geht wenigstens aus Plinius sowohl wie aus Arrian klar 
hervor, wenn man bei deren zuletzt zitierten Nachrichten auch 



') Ausgabe von Hudson S. 4. 



551 




Abb. 246. 



Becher mit Szene aus dem Lynkeus-Mythus in Hohlschliff. 
Köln, Museum. 



darüber in Zweifel bleibt, ob es außer gläsernen Murrinen auch 
andere gegeben habe. Ich gehe aber weiter und glaube, daß 
es überhaupt keine anderen als gläserne Murrinen ge- 
geben hat und daß es ein müßiges Unterfangen ist, nach irgend 
einem Edel- oder Halbedelsteine oder einem anderen Stoffe zu 
forschen, der die hochgeschätzten Prachtgefäße des Altertumes 
geliefert hat. 

Es kann doch kaum angenommen werden, daß von den 
großen Mengen von Murrinen, welche seit Pompeius in Rom 
zusammenströmten, sich nicht einmal ein kleines Bruchstück er- 
halten haben sollte. Während man bei Porzellan, Speckstein, 
Onyxgefäßen umherirrte, ließ man hunderte von wohlerhaltenen 
Gefäßen und zahllose Scherben von solchen unbeachtet, die sich 
im ganzen Bereiche der antiken Welt vorfinden, auf welche die 
Beschreibung des Plinius, die Andeutungen anderer alter Autoren 
vollkommen passen, die wir alle kennen und schätzen, aber mit 
keinem klassischen Namen zu benennen wissen. Wir behelfen 
uns mit einer, nicht einmal die ganze Gattung, sondern nur eine 
kleine .Spielart kennzeichnenden Benennung, die in der itahe- 



iiischen Renaissance entstand, als man die antiken Orig-inale 
nachzuahmen begann — Millefiori. 

Es ist als hätte m£m den Wald \or lauter Bäumen nicht 
gesehen. Anstatt den Versuch zu machen, für eine weitver- 
breitete und vielbewunderte Klasse von Denkmälern in der 
alten Literatur den Namen herauszufinden, verfolgte man den 
entgegengesetzten Weg und wollte für den bekannten Xamen 
eine neue unbekannte Sorte von Denkmälern schaffen. Ob- 
wohl die Unzu\erlässigkeit des Plinius in technischen Fragen 
längst bekannt und in einer Reihe anderer Fälle nachgewiesen 
war, wirkte seine x\utorität in dieser Frage wie Scheuklappen. 
Wir begreifen jetzt, wie bereits erwähnt, unter der Bezeich- 
nung „Millefiori" nicht nur jene Sorte opaker buntfarbiger 
Gläser, die mit einem kleinen Muster von Streublümchen ver- 
ziert sind, sondern Mosaikgläser verschiedener Art, solche mit 
einem regellosen Durcheinander von Flecken, runden und eckigen, 
regelmäßigen und unregelmäßigen Punkten, Augen, Streifen und 
Bändern, geraden, spiralförmigen und welligen Linien, also solche, 
die man auch im allgemeinen marmorierte, Onyx-, Madreporen- 
etc. Gläser benennt. Das Entscheidende ist, daß das Muster 
keine bekannte Art des buntfarbigen ^Marmors, der Edel- und 
Halbedelsteine wiedergibt, sondern nur in freier Weise an 
solche Naturformen anklingt. Die genaueren Nachahmungen 
von solchen waren längst als Glas bekannt und wurden nach 
den natürlichen Mustern bezeichnet. Dagegen richteten gerade 
jene opaken Gläser, die keine bekannte Gesteinsart nachahmten, 
sondern ein willkürliches, in seinem Farbenglanze die Natur über- 
treffendes Zufallsmuster und blümchenförmige Rosetten zeigten, 
in einer Zeit große Verwirrung an, für welche das Glas und die 
technischen Prozesse seiner Herstellung noch etwas Neues und 
teilweise Rätselhaftes waren. Man suchte auch bei ihnen nach 
einem Vorbilde in der Natur, nach einem seltenen Steine, der 
in fernen Landen aus unbekannten Tiefen gezogen wurde. 
Gemeinsam ist allen Arten von Millefiori die Technik, die Zu- 
sammensetzung der Glasmasse aus farbigen Stäben, die durch 
mehrfachen Überfang ringförmige, bunte Umrahmungen erhielten 
und mit Stäben und Brocken verschiedenster Form kombiniert 
wurden. 



553 

Nach Italien waren, wie ich schon bei einer anderen Ge- 
legenheit ausgeführt habe, Glasarbeiten zwar schon in einer Zeit 
gedrungen, welche diesseits der Alpen der Hallstadtperiode ent- 
spricht. Dieser gehören kleine Schälchen aus trübem bräunlichem 
Glase mit opak-weißer Aderung an, die man in Sta. Lucia und 
auch in Süddeutschland und Frankreich gefunden hat. Sie sind 
dickwandig und plump aus freier Hand gebildet. Durch die 
Phönizier kamen Schmucksachen von opak-buntem Glas aus der 
Heimat der Glasindustrie, dem Wunderlande der Pyramiden, 
nach Sizilien, Süditalien und Sardinien, durch die Etrusker und 
Griechen große Mengen von Balsamarien, schöngeformte 
Amphorisken, Oenochoen und Fläschchen, teils einfarbig, teils 
mit prächtigen bunten Bändern, Wellen- und Zickzacklinien. 
Aber erst Cicero spricht in seiner Rede pro Rabiro zum ersten 
Male in der römischen Literatur von Glas und erst zu seiner 
Zeit wurden die Römer mit der gewöhnlichen Gebrauchsware, 
den Kannen verschiedener Art und Form, Flaschen, Urnen, 
Bechern, Näpfen bekannt, welche die Alexandriner aus dem 
„Glase des Pharao", dem aus ordinärem Wüstensande gewonnenen, 
stark bläulich-grünen, aber durchsichtigen Materiale erzeugten. 
Um die Zeit des Augustus kamen neben dem Gebrauchsgeschirre 
die kostbaren, gleich Gemmen bearbeiteten Überfanggläser, wie 
die Portlandvase ins Land und mit ihnen die ersten alexandri- 
nischen Glasmacher, die ihre Werkstätten zwischen Cumae und 
Liternum, zu Neros Zeit auch in Rom selbst aufschlugen. Ein 
bisher unbekanntes Material erschloß sich den Römern in seiner 
ganzen unvergleichlichen Vielseitigkeit. War es ein Wunder, 
daß sie diesen Proteus des Kunsthandwerkes unter seinen ver- 
schiedenartigen Formen und Verkleidungen nicht immer er- 
kannten?-^) Mußte es ihnen nicht geradezu unbegreiflich vor- 
kommen, daß die opaken, bunten Schmuckperlen, Armringe und 
Balsamarien, die herrlichen Überfanggläser, die wie kostbare 
Edelsteine aussahen, dasselbe sein sollten, wie jene luftigen, 
körperlosen Gebilde, in welchen ihnen die feinen Parfüms 
und Öle des Orients geliefert wurden? Es war ihnen ebenso- 
wenig zu verdenken, daß sie die farbigen, undurchsichtigen 



1) Vgl. S. 297 ff. 



554 

Gläser mit Edelsteinen, wie die völlig farblosen, wasserhellen 
mit Krystall verwechselten. Die in dem verhältnismäßig- so 
kurzem Zeiträume von etwa 50 Jahren stetig folgenden Erfin- 
dungen, namentlich die des Blasens an der Pfeife, erregten 
die südländische Phantasie und schufen Legenden, in welchen 
die Eigenschaften des Glases ins Unermeßliche gesteigert wurden. 
Als von Sidon die ersten in Formen geblasenen Gläser nach 
Italien kamen, deren Wandungen sich zu Reliefs bogen, wie 
dünnes ]Metall am Ambos des Toreuten, entstand das ]\Iärchen 
vom hämmerbaren Glase des Tiberius. Die unerklärliche Er- 
scheinung der durchsichtigen Reliefgläser war schwer mit den 
massiven, farbenprächtigen Millefiori zusammenzureimen, die 
einige Jahrzehnte vorher in Rom aufgetaucht waren. Die Glas- 
künstler des Orientes hüteten ihre Geheimnisse und beförderten 
vielleicht durch Renommistereien die Legendenbildung nur noch 
mehr. Die Murrinen mögen sie selbst als Arbeiten aus kost- 
baren Steinsorten ausgegeben haben, um die Preise zu erhöhen, 
und die Täuschung wurde ihnen durch die Technik sehr er- 
leichtert. Es gibt nämlich tatsächlich zwei Sorten von Murrinen 
oder wenn man will, von ]Milletiorigläsern. Die eine besteht darin, 
daß die Gefäße aus dem Vollen, aus einer kompakten, in der 
Masse gemusterten Glaskugel herausgeschnitten und wie edle 
Steinsorten mit dem Schleifrade bearbeitet und ziseliert wurden, 
oder aus einer laminierten Glasmasse, der man schon vorher 
ungefähr die Form des Gefäßes gegeben hatte. In dieser Art 
waren namentlich die älteren Stücke behandelt, die Pompeius 
und Augustus nach Rom brachten und die nach dem Zeugnisse 
des Arrian, wenigstens teilweise, in Theben hergestellt wurden. 
Daß sich unter den Murrinen alte Stücke befunden haben 
müssen, geht daraus hervor, daß bereits Nearchos zur Zeit Alexan- 
ders d. Gr. ]Murrinen kannte. Schon unter Gläserscherben aus 
der 18. Dynastie befinden sich solche mit regellosen farbigen 
Fleckenmustern; auch das früher erwähnte Bruchstück beim 
Freiherrn von Bissing in München, mit kleinen weißen Blümchen 
durchsetztes Haematinum, beweist, daß die Technik eine alte ist 
und schon vor der Erfindung der Glaspfeife bekannt war.^) 

^) Für das Alter der Murrinen spricht auch der Umstand, daß der charak- 
teristische Schmuck der eingelassenen Spiralen, aus zusammengewickelten flachen 



555. 



Die Nachricht, daß Carmania im Lande der Parther die 
Hauptquelle für Murrinen gewesen sei, macht anfangs allerdings 
bedenklich, zumal sie nicht nur von Plinius, sondern auch von 
Properz herrührt. In Persien war keine Glasindustrie heimisch, 
was von antiken Gläsern in den Ruinen und Gräbern gefunden 
wird, ist ägyptischer und syrischer Import. Aber Plinius sagt 
bei derselben Gelegenheit, daß Murrinen dort auch an unbe- 
deutenden Orten vorkämen, was wohl sagen will, an Orten ohne 
eigenen Gewerbefleiß und ohne 
größere Handelsbeziehungen. Der 
schon früher hervorgehobene 
Ausdruck „inveniuntur" läßt aber 
erkennen, daß die Murrinen dort 
nicht erzeugt, sondern „aufgefun- 
den", entdeckt wurden. Es han- 
delt sich also wohl um Funde 
in Gräbern und an anderen ver- 
borgenen Stellen und um ältere 
Arbeiten, die aus Zeiten her- 
rührten, in welchen jene unbe- 
deutenden Orte eine größere 
Rolle spielten, als zwischen 

Ägypten, Assyrien und Persien enge Beziehungen ol:)walteten. 
Assyrische Eroberer kehrten aus Ägypten mit reicher Beute 
heim, auch das berühmte Fläschchen Sargons im Britischen 
Museum dürfte auf einem solchen Kriegszuge in die Hände des 
Eroberers gefallen sein. Später kamen auf friedlichem Wege, 
durch den Handelsverkehr, viele ägyptische Arbeiten, vor aUem 
kostbare Gläser ins Land, auch von gegenseitigen Geschenken 
der Herrscher wird mehrfach berichtet. So mögen mit anderen 
Schätzen die Murrinen den Weg aus ihrem Heimatlande am 
Xil in die Paläste assyrischer Herrscher und vornehmer Leute 
gefunden und sich von diesen auf ihre persischen Nachfolger 
bis auf Mithridates vererbt haben. Ebensowenig wie von einer 
Glasindustrie ist von einer anderen Kunst des Partherlandes 




Abb. 247. Lynkeusbecher. Nach Photo- 
graphie. Köln, Museum. 



Bändern entstanden, wie er z. B. auf Abb. 203 sichtbar ist, in Mitteleuropa auf 
ägyptischen Schmuckperlen der jüngeren Latenezeit, in Ägypten selbst schon um 
d. J. 1000 vorkommt. 



556 

im allg-emeinen und Carmanias im besonderen, etwa der 
Glyptik, die hier am nächsten in P)etracht käme, jemals die 
Rede. Sonst wird ausdrücklich iVlexandrien als Quelle für 
Murrinen genannt, murrini Alexandrini den crystalli Alexandrini 
entgegengesetzt, z. B. von Julius Capitolinus. 

Plinius und die meisten anderen Autoren mögen haupt- 
sächlich dadurch zu der Ansicht geführt worden sein, es gäbe 
außer den echten ]\Iurrinen aus Edelstein auch noch andere 
aus Glas, daß man außer dem .Schliff aus der ]VIasse noch eine 
andere dritte, auch sonst in der Glasindustrie bekannte Her- 
stellungsmethode benutzte.^) Diese bestand darin, daß man 
wie bei Perlen und anderen gläsernen Schmucksachen, aus 
farbig gemusterten Stabbündeln durch Schnitte in wagerechter, 
schräger und senkrechter Richtung Plättchen und Streifen 
zuschnitt, diese durch Erhitzung erweichte und in eine Hohlform 
zusammenlegte, der sie durch Blasen angepaßt wurden, worauf 
man sie in der Regel durch einen einfarbigen Überfang im 
Innern des Gefäßes verband. Diese leichtere und darum viel 
wohlfeilere Methode konnte aber erst nach der Erfindung des 
Glasblasens, also in der Zeit zu Beginn unserer Zeitrechnung 
eingeschlagen werden, wodurch dieser außerordentliche Fort- 
schritt in der Glasindustrie aufs neue seine weittragende Be- 
deutung offenbarte. Was früher peinlich und unter vielen 
Opfern an mißlungenen Exemplaren, die durch innere, unvorher- 
gesehene Spalten und Risse verdarben, mit dem Schleifrade 
herausgearbeitet werden mußte, gelang jetzt ohne sonderliche 
Mühe. Solche Arbeiten unterscheiden sich von den anderen 
durch Dünnwandigkeit und leichtere Formen, wenn sie auch 
lange nicht so fein abgeschliffen und ziseliert sind und auch in 
der Tiefe und Glut der Farben, dem feinen Schmelze des Lüsters 
den aus der Masse herausgeschliffenen Arbeiten weit nachstehen. 



^) Es scheint, nebenbei bemerkt, daß die Leute, die mit Properz die Murrinen 
für ein Kunstprodukt hielten, im Laufe der Zeit an Zahl zunahmen. Sowohl Pausanias 
wie Arrian lassen merken, daß man später, als die neuen, einander Schlag auf Schlag 
folgenden Erfindungen in der Glasindustrie nicht mehr wie im Anfange der Kaiserzeit 
die Köpfe verwirrten, klarer zu sehen begann und skeptischer wurde. Auch die Ge- 
heimniskrämerei der Werkstätten mag nach und nach ihre Wirkung verfehlt und so 
allmählich die richtige Erkenntnis sich Bahn gebrochen haben. 



557 

Die Stücke der dritten Art, namentlich flachrunde oder halb- 
kugelige Schalen mit und ohne Fuß, Becher, Pokale, sind sehr 
häufig und in allen Sammlungen von Altertümern zu finden, 
ebenso größere oder kleinere Plättchen, die zu Einlagen dienten 
oder als Schmuckstücke gefaßt wurden. Sie sind auch in rhei- 
nischen und französischen Gräbern zum Vorscheine gekommen, 
jedoch, wie bemerkt, nur in solchen der frühen Kaiserzeit, da 
von der Mitte des I. Jahrhunderts ab der Geschmack in der 
Glasindustrie andere Wege einschlug und namentlich das in 
Formen geblasene farblose Glas bevorzugte. Ein schönes 
Exemplar ist das weit nach dem Osten Deutschlands, nach 
Sackrau bei Breslau versprengte Schälchen, das bereits ein- 
gehend besprochen wurde (Abb. 50). Auch die bei Hellange 
im Luxemburgischen entdeckte Schale, sowie die Trierer Funde 
zeichnen sich durch originelle und lebhafte Farbenmusterung 
aus. Diese Stücke illustrieren zugleich die beiden verschiedenen 
Arten der Herstellung. Während die mit bunten Blümchen 
dekorierte ^Schale von Sackrau, also Millefiori im eigentlichen 
Sinne, aus der Masse durch Schliff herausgearbeitet ist, erscheint 
die von Hellange aus vier identischen, durch gekreuzte Streifen 
verbundenen Plättchen zusammengesetzt (Abb. 2 1 3). Derartige Ar- 
beiten konnten Plinius leicht als Nachahmungen der Murrinen in 
Glas erscheinen, während er die aus der Masse herausgeschliffe- 
nen schon wegen der an Steinschnitt erinnernden Technik für 
Arbeiten aus Stein hielt. Jene unterscheiden sich gew^öhnlich 
auch leicht durch die Musterung, weil bei der Zusammensetzung 
der Fläche aus Plättchen und vStreifen oft eine Wiederholung 
der gleichen Motive eintritt und so eine größere oder geringere 
Symmetrie der Zeichnung herbeigeführt wird, während bei der 
anderen Sorte volle Freiheit und Regellosigkeit vorherrscht. 

Die Beschreibung, welche Plinius von den Murrinen liefert, 
trifft in allen Einzelheiten auf jene Gattung von Millefiori zu, 
welche mit unregelmäßigen bunten Streifen und Flecken verziert 
sind, sie ist jedoch durchaus nicht erschöpfend. Er übergeht 
die mit kleinen Streublumen vollständig, wenn man auch zur 
Not die von andersfarbigen Rändern umzogenen Flecken, die 
Körnchen und Warzen, die nicht hervorragen, auf solche Blüm- 
chen und Rosetten beziehen könnte. Er schildert eben in all- 



558 

gemeinen Ausdrücken unter den vielen Varietäten nur solche, 
die ihm selbst untergekommen sein werden. Dagegen geht 
aus Properz. Arrian, Lampridius u. a. klar hervor, daß es 
Murrinen mit onyxartiger Musterung gab. Auch die Dickwandig- 
keit, welche jene d(^r Prunkgefäße aus Edelsteinen übertrifft, 
findet sich bei den Alillefiori, namentlich, wie erwähnt, bei den 
aus dem \^)llen herausgeschliffenen Stücken. Ebenso ist ihnen 
„ein Glanz ohne Kraft, mehr ein Schimmer als ein Glanz" 
eigen, denn durch Schliif und Politur wird gewöhnlich nur ein 
weicher Lüster hergestellt, der den Farbeneffekt nicht beeinträch- 
tigt. Die Vielfarbigkeit aber ist bei keiner anderen Art von 
Gefäßen so schön und reich entwickelt als b^i diesen Gläsern, 
obwohl die beiden Farben, welche Plinius besonders hervorhebt, 
Purpurrot und Milchweiß, nicht immer vorherrschen, die Farben- 
skala vielmehr unbeschränkt ist. Die Stelle ist auch gewiß nicht 
wörtlich zu nehmen, so als ob Plinius alle anderen Farben aus- 
schließen wollte, er will vielmehr damit nur die stärksten Gegen- 
sätze bezeichnen und hervorheben, daß es den Künstlern ge- 
lungen ist, selbst diese zu vermitteln. Besonderer Nachdruck 
ist dabei aber auf den Ausdruck „circumagentibus se maculis" 
zu legen. Man kann ihn nur mit „konzentrischen Flecken" 
wiedergeben, Flecken, die von Ringen anderer P'arbe, auch 
mehrfachen, umzogen werden. Diese Dekoration, die in der 
Natur z. B. auch beim Onyx vorgebildet ist, muß geradezu als 
ein kennzeichnendes Merkmal der Millefiori angesehen werden 
und erklärt sich durch die Technik des Überfanges. Ein Glas- 
stab von bestimmter Farbe wurde in flüssige Glasmasse anderer 
Farbe eingetaucht, so daß sich um ihn ringsum eine Schichte 
in Form einer Röhre von rundem oder unregelmäßigem Quer- 
schnitte ansetzte. Diese Prozedur konnte beliebig wiederholt 
werden, so daß sich mehrere vSchichten in buntem Wechsel der 
Farben um den zumeist dunklen Kern legten. Solche mehrfach 
überfangene Stäbe wurden zu Bündeln zusammengeschmolzen, 
Glasstäbe und Brocken anderer Farbe und Form, auch farblos 
durchsichtige und vergoldete, dazwischen eingefügt und so ein 
Klumpen, ein Block \-on buntfarbiger, durch und durch gemusterter 
Glasmasse gewonnen. Aus diesem konnten die ganzen Gefäße 
oder dünne Plättchen herausgeschnitten werden. In den Schnitt- 



559 

flächen ergaben sich konzentrische, aug-enartige Muster, regellose 
Flecken, ein reiches Allerlei von Farben und Formen. Die 
einzelnen konzentrischen Schichten sind nicht schroff voneinander 
getrennt, sondern zeigen in den Farben eine allmähliche Ab- 
stufung vom Hellen zum Dunklen, was durch die Färbung des 
Überfanges selbst erzielt ist und außerdem dadurch gefördert 
wurde, daß der Stoff nicht vollkommen opak ist. Mit Ausnahme 




Abb. 248. Becher mit Venus und Amor an der Weinschenke, in Gravierung. 
Bonn, Provinzialmuseum. 



einiger Sorten von Rot, Smaragdgrün und Gelb sind alle farbigen 
Gläser wenigstens leicht durchscheinend und machen nur dann 
den Eindruck, als ob sie ganz undurchsichtig wären, wenn die 
Innenwand der Gefäße unrein ist und diese selbst enge Mün- 
dungen haben, so daß kein Licht eindringen kann. Bei den 
transluciden Glasschichten der Murrinen geht die Farbe an den 
Rändern über und bildet so vermittelnde Töne. Diese Erschei- 
nung ist wohl bei Glas allein zu beobachten und bei Marmor, 
Edelsteinen, Quarzen und Flußspaten ausgeschlossen. NamentUch 
an Rändern milchweißer Schichten spielen die Nachbarfarben 
in weichen Halbtönen hinüber. 

Thiersch übersetzt „circumagentibus se maculis" mit „Flecken, 
deren Farbe sich beim Wenden des Gefäßes ändert, „changiert", 
und l^ringt auf diese Weise außer der varietas colontm. der 



56o 

Farbenbuntheit, auch eine variatio colorum, einen Farbenwechsel, 
ein Farbenspiel, heraus. Solches war der antiken Glasindustrie 
wohlbekannt; die Calices allassontcs versicolores des Kaisers 
Hadrian, von welchen sein Biograph Aurelius Vopiscus berichtet, 
zeichneten sich durch einen opalisierenden Farbenschiller aus, 
durch regenbogenartige Farben, die je nachdem das Licht auffiel, 
sich beim Drehen des Gefäßes änderten. Plinius vergleicht dieses 
Farbenspiel mit dem Schillern einer Viper „versicoloribus vipera- 
rum maculis". Dieses Opalisieren ist jedoch kein dauernder 
Effekt, er geht durch Verwitterung im Laufe der Zeit verloren, 
so daß sich kein antikes Glas dieser Art erhalten konnte. Wenn 
wir an solchen trotzdem noch häufig ein Opalisieren in Regen- 
bogenfarben oder metallischen Reflexen beobachten, so ist dieses 
Farbenspiel nicht künstlich hervorgebracht und von Anfang an 
beabsichtigt, sondern ein Ergebnis des Verwitterungsprozesses, 
die sogenannte Iris.^) Gerade Murrinen haben jedoch, wie die 
meisten opakfarbigen Gläser, von der Verwitterung wenig zu 
leiden, die im allgemeinen in südlichen Gegenden viel geringer 
auftritt, als in unserem feuchten Klima. Am meisten sind ihr die 
dünnwandig geblasenen, farblos-durchsichtigen Gläser ausgesetzt, 
welchen man durch Beimengung von Braunstein ihren Gehalt 
an Eisen entzogen hat. Übrigens steht an dieser Stelle nichts 
von einem künstlichen Opalisieren der Murrinen. Die Thierschsche 
Übersetzung beruht auf einer mißverständlichen Auslegung des 
Wortes „circumagentibus". Hätte Plinius changierende Farben 
gemeint, so stünde der Ausdruck „versicoloribus" da, den er ja 
in diesem Sinne, wie bemerkt, wiederholt anwendet. Colores 
circumagetites sind keineswegs Farben, welche umgewendet 
werden (mit dem Gefäße nämlich), schon die aktive Form des 
Verbums macht eine solche Übersetzung unmöglich, sondern 
„umgebende" Farben, d. h. Farbenringe. 

Dagegen erklärt Plinius alsbald im folgenden Satze, daß 
Einzelne an den Murrinen besonders die Ränder und gewisse 
Farbenreflexe bewundern, wie man sie am Regenbogen wahr- 
nehme. Beides paßt vortrefflich auf Gefäße aus Millefiori. Ihre 
Ränder haben gewöhnhch einen besonderen Schmuck durch 



>) Vgl. S. i8o, 273. 



56i 

Auflage eines Spiralfadens oder eines breiten Bandes erhalten, 
das aus opakweißen und dünnen farbigen Glasfäden zusammen- 
gedreht ist. Manchmal ist als Fassung auch ein durchsichtig- 
farbloses Band benutzt, in welches ein einfacher oder doppelt 
gekreuzter Wellenfaden von blauer, roter oder gelber Farbe 
eingelassen ist, so daß er gleichsam darin zu schwimmen scheint. 
Dieser Schmuck ist auffallend genug und findet auch heute noch 
viele Bewunderung, obwohl uns die Arbeiten venezianischer und 
böhmischer Glashütten mit ihren prächtigen gestrickten und 
filigranierten Gläsern an solche Techniken gewöhnt haben. Er 
weicht auch von der Arbeit und den Farbenmustern der Gefäße 
selbst so sehr ab, daß seine besondere Hervorhebung durch 
Plinius hinreichend begründet erscheint. Was aber die farbigen 
Reflexe der Gefäße betrifft, so sind diese noch jetzt an vielen 
Stücken deutlich wahrnehmbar und durch die Iris, wenn sie 
überhaupt auftritt, nur noch verstärkt. Namentlich spielt das 
dunkle Lasurblau, das man in Ägypten in so wundervollen, 
ebenso tiefen wie leuchtenden Schattierungen herzustellen wußte, 
gewöhnlich in einen purpurroten Schimmer über, während das 
Milchweiß in leichten Regenbogenfarben reflektiert. Nach dem 
Berichte des Plinius gab man der Glasmasse gerne Muscheln 
und andere Konchilien bei der Schmelze zu,^) deren Perlmutter- 
belag im Vereine mit Knochenasche derartige Reflexe hervor- 
ruft. Diese Mittel sind auch den Venezianern bekannt und 
werden von ihnen noch heute angewendet. 

Es fällt auf, daß unter den Gefäßformen, zu welchen die 
Murra verwertet wurde, gerade jene Art ganz fehlt, die sonst 
in Glas besonders häufig ist, nämlich die Flasche. Man kann 
getrost die Hälfte von allen erhaltenen antiken Gläsern zu dieser 
Klasse von Gefäßen rechnen, da sie das einfachste und natür- 
lichste Ergebnis der Arbeit des Blasens an der Pfeife ist. Da- 
gegen findet sich unter den antiken Murrinen nicht eine einzige 
Flasche, die einfache Form der Glasblase mit verengter Mün- 
dung, während sie in einfarbigem Glase, aber auch in geflecktem 
und mehrfarbig gebändertem unzählige Male vorkommt. Diese 
auffallende Tatsache ist nur dadurch zu erklären, daß die Glas- 



n Plinius 36, 66. 



562 

künstler nicht darauf verzichten wollten, die Vorzüg-e der Technik, 
die Herstellung- von bunten Fleckenmustern mit kompliziertem 
Überfang, von zierlichen Streublümchen und Rosetten, die wie 
auf der Schale von Sackrau gleichfalls mit mehrfachen farbigen 
Umrissen eingesäumt sind, von allen Seiten deutlich sichtbar zu 
machen. Sie formten aus Murra außer Platten mit Vorliebe 
offene, flachrunde oder halbkugelige Schalen, die innen und 
außen die gleiche durchgehende Musterung zeigen. Gerade 
diese Kontinuität des Musters bei den aus dem Vollen geschnit- 
tenen Stücken mag viel dazu beigetragen haben, bei Laien den 
Eindruck eines fossilen Stoffes, einer edlen Steinart hervor- 
zurufen. 

Nach Plinius erregten auch die fetten, d. h. intensiv ge- 
färbten flecken das Wohlgefallen \ieler. Diese Flecken sind 
gerade im Millefioriglase besonders stark und lebhaft in der 
Farbe, weit intensiver und feuriger als bei irgend einem natür- 
lichen, farbig gemusterten Steine. Selbst der Lapis Lazuli erreicht 
nicht die Tiefe und dabei den Glanz gewisser ägyptischer Nach- 
ahmungen in Glas. Dies erklärt sich daraus, daß zur Herstel- 
lung der verhältnismäßig immerhin dünnwandigen Gefäße ein 
ganzer Block gefärbter Paste verwendet wurde. Über die 
blassen und durchsichtigen Stellen der ]Murrinen, die Plinius als 
Fehler erschienen, sind Andere wohl anderer Ansicht gewesen. 
Jedenfalls werden gerade sie heute ungemein geschätzt und nicht 
wie die blassen und durchsichtigen Stellen bei farbigen Steinen 
beurteilt, wo sie allerdings unwillkommene EindringHnge sind. 
Plinius legt an die Murra denselben ^Maßstab wie an Edelsteine 
und schätzt auch bei ihr die Homogenität der Masse. In der 
Millefioritechnik aber wird gerade der Wechsel von opaken und 
durchsichtigen, lebhaft gefärbten und nur leicht angehauchten 
Tönen zu künstlerischen Wirkungen von eigenartigem Reiz aus- 
genutzt und zwar bei diesen allein. Er ist geradezu ein Charakte- 
ristikon dieser Technik. Diese Stelle des Plinius spricht besonders 
deutUch für die Identität der Murrinen mit den Millefiori. Man 
verwendete das durchsichtige farbige, auch manchmal das farb- 
lose Glas zum Überfang opaker Glasstäbe und streute es zwischen 
opake Flecken ein, was besonders dann schöne Effekte hervor- 
ruft, wenn das Gefäß gegen das Licht gehalten wird und sich 



563 



in rhythmischem Wechsel dunkle Flecken und Linien in hell- 
farbige und durchsichtig-e eingebettet zeigen. 

Körnige Stellen und Warzen, die Plinius bei den Murrinen 
hervorhebt, durchsetzen die Masse der Millefiori in allen Formen 
und Farben in regelloser Gruppierung oder bestimmter Zeichnung. 
Sie sind auch, wie er es fordert, in den Grund eingebettet, so 
daß sie nirgends hervorragen. Die Gefäße und Platten wurden 
eben sorgfältig poliert und tibgeschliffen, 
um alle Rauheiten zu entfernen. Schon 
daraus ergibt es sich, daß man sie nicht 
mit Reliefs verzierte, sondern allein die 
glatte Fläche in ihrer leuchtenden Farben- 
pracht wirken ließ. Die plastische Ghe- 
derung beschränkt sich auf Rippen und 
Kanneluren an der Außenseite. Es ist 
daher völlig verfehlt, wenn Thiersch die 
Nachahmungen der Murrinen in Glas in 
den berühmten cameenartig bearbeiteten 
Überfanggläsern im Stile der Portland- 
vase wiederfinden will, von welchen er 
zwei Bruchstücke mit weißen Reliefs auf 
dunklem Grunde aus dem Besitze des 
Fürsten Gregor Gagarin abbildet. Schon 
die Buntfarbigkeit, die regellosen Flecken 
der Murrinen hätten diese Vermutung 
ausschließen sollen. Auch die ägyp- 
tischen Balsamarien, welche auf einem zumeist dunkelfarbigen 
Grunde mehrfarbige glatte Bänder, Wellen- und Zickzacklinien 
zeigen, sind von den Murrinen in eigentlichem Sinne zu scheiden, 
da Plinius nichts von einer regelmäßigen Musterung, auch nichts 
von einer derartigen Gefäßform bei Murrinen weiß, obwohl sie 
ihm sicher bekannt genug war. Diese ägyptischen Gefäße waren 
in Italien schon lange vor Pompeius namentlich in Etrurien und 
Süditalien verbreitet. 

Auch Freiherr von Minutoli hielt die Überfanggläser für 
den „künstHchen Murrhin". Seine darauf bezüglichen Ausfüh- 
rungen in dem Aufsatze „Über antike Glasmosaik" in den Nach- 
trägen zu seinem italienischen Reiseberichte sind mir zwar un- 




Abb.249. Becner mit Amoren 

in leichtem Hohlschlift". 

Köln, Museum. 



564 

bekannt g-eblieben. doch erklärt er in seinem Büchlein „Über 
die Anfertigung und Nutzanwendung der farbigen Gläser bei 
den Alten", Berlin 1836, S. 8, also ein Jahr nach dem Erscheinen 
der Abhandlung von Thiersch, daß er schon früher in den oben 
erwähnten Fragmenten von Gefäßen aus farbigem Glase — er 
hatte einige antike Überfanggläser, wie die Portlandvase, die 
Oenochoe aus der Casa di Goethe (oder del fauno) in Pompeji 
u. a. besprochen — den künstlichen ]\[urrhin wiedererkannt habe. 
Ein sechsmonatlicher Aufenthalt in Rom habe diesen Glauben 
nicht geschwächt, sondern vielmehr bis zur Evidenz gesteigert, 
indem er unter den zahlreichen Bruchstücken ähnlicher Gefäße, 
die ihm in die Hände fielen, sehr viele fand, die vollkommen 
den Vergleich mit den bei den Klassikern vorkommenden Stellen 
über den künstlichen ^^lurrhin auszuhalten vermochten. 

„Ein gewisser \^orzug liegt auch im Gerüche." Mit diesen 
Worten schließt Plinius seine Beschreibung der rätselhaften 
]Murrinen und setzt damit allen ihren Rätseln die Krone auf. 

Bei dem Dufte mag wohl die liebe Einbildung ein wenig 
mitgespielt haben, vielleicht auch der Gleichklang des Namens 
mit der wohlriechenden Myrrhe. Gibt es ja doch auch heute 
Leute, die behaupten, daß ein Römerglas die feine Blume des 
Rheinweines am besten bewahre und Bayrisch Bier aus keinem 
Gefäße so gut munde, wie aus einem Steinkruge. Im Gebrauche 
selbst schienen die murrinischen Trinkgefäße, nach dem Urteile 
der römischen Damen, wie Plinius in einer früher zitierten Stelle 
meldet, neutral zu sein, man konnte sie zu warmen, sowie zu 
kalten Getränken gleich gut verwenden.^) Immerhin mag aber 
der gute Glaube auf einem Körnchen Wahrheit beruhen. Es 
gab nämlich im Altertume wirklich gewisse Gefäße, die sich 
durch ihren Wohlgeruch auszeichneten, so wie man zu Anfang 
des XV. Jahrhunderts in Oberitalien Zierkästchen mit Reliefs 
aus Pasta da odore, einem duftenden Muskatteige, herstellte. 
Athenäus berichtet von Bechern aus gebranntem Ton, die man 
in Koptos dadurch wohlriechend machte, daß man der Erde 
duftende Bestandteile zusetzte, und Aristoteles kannte ähnliche 
wohlriechende Terrakotten aus Rhodus.-) Es ist demnach durchaus 

1) Plinius 36, II. 

'-) Athenaeus, Deipn. XI S. 464 B f. 



Tafel MI 




1 :||. {■> >\< I 1 WMVASl'. 

Alcxundriiiischc Arbeit in ri-)crt'ani:tccliiiik 

l.ondon, l'.riti.schcs Muscuin 

Zu Sdli j-j(> und Ahh. iSS iiiiil iS(j 



565 

nicht ausgeschlossen, daß man in Ägypten, dem Stammlande 
luxuriöser Parfüme und Rauchmittel, auch der Glasmasse duftende 
Zusätze beizumischen verstand. Wahrscheinlich begnügte man sich 
aber doch damit die fertigen Gefäße zu parfümieren. Über welch 
solide Mittel man dabei verfügte, beweist ja der bereits erwähnte 
Fund, den Daressy in den Gräbern des Maherpra und Amenophis IL 
zu Theben vor wenigen Jahren machte. Hier kam unter den 
zahlreichen Gläsern aus der i8. Dynastie mit prachtvollem Wellen- 
und Zickzackschmuck in leuchtenden Farben, also aus der Zeit 
um 1500 vor Chr. (!), ein kugelbauchiges Kännchen aus blauem 
durchsichtigem Glase mit langem Henkel und engem Halse zum 
Vorscheine, das mit einem leinenen, von vSeidenbändern um- 
wickelten Pfropf geschlossen war. Beide waren mit Parfüm 
getränkt und dufteten noch jetzt sehr stark und angenehm, 
obwohl der Verschluß durchaus nicht fest ist und das Öl sich 
längst bis auf einen dünnen trockenen Bodensatz verflüchtigt 
hat. Übrigens scheint Plinius mit dem Ausdrucke „aliqua com- 
mendatio" nebenbei auch anzudeuten, daß der Duft der Murrinen 
nicht sehr stark war. 

Damit glaube ich dargetan zu haben, daß die „Murrina 
cocta" von Thiersch weder unter den Überfanggläsern, noch 
unter den ägyptischen Balsamarien zu suchen sind, sondern daß 
wir die Überreste der berühmten Vasa murrina in den zahl- 
reichen vielfarbigen Mosaikgläsern mit regellosem Flecken- und 
Streifenmuster, sowie unter den Millefiori im engeren Sinne er- 
halten haben, für welche es niemals Vorbilder aus Edel- oder 
Halbedelsteinen gegeben hat. Die großen Mengen von Murrinen, 
welche Petronius und andere Kunstliebhaber in Rom aufhäuften, 
sind also nicht spurlos im Erdboden versunken, wie frühere Er- 
klärer des Plinius offenbar angenommen hatten. Die Nachrichten 
dieses Schriftstellers über die Murrinen sind zwar lückenhaft 
und widerspruchsvoll, aber doch verhältnismäßig g-enauer und 
eingehender als die meisten seiner Beschreibungen kunstgewerb- 
licher Arbeiten. Er schildert, was er sah, nämlich Murrinen mit 
konzentrischen Fleckenmustern. Was er selbst nicht nennt, wird 
von Properz, Arrian und Lampridius ergänzt, die Murrinen mit 
onyxartiger Musterung, also die Sorte, die wir gewöhnlich Madre- 
porengläser nennen und Froehner als tcxtttre en bois bezeichnet. 

Kisa, Das Glas im Altertume. U. ßy 



;66 



Nachdem meine Prüfung der älteren und neueren Ansichten 
über die Murrinen mich von der Identität dieser mit dem Mille- 
fiori überzeugt hatten, war es für mich eine Art von Genugtuung, 
durch eine Bemerkung von Prof Luigi Conton in Venedig zu er- 
fahren, daß auch in den Kreisen der venezianischen Glaskünstler 
der Gegenwart eine ähnUche Ansicht verbreitet sei. In einem 

vor kurzem veröffent- 
hchten Berichte über 
den Fund von drei 
Scyphi des Ennion in 
einem Grabe der vene- 
zianischen Terra ferma 
teüt er mit, daß sich 
bei diesen auch vier 
Murrinen gefunden ha- 
ben, „nicht solche von 
den berühmten Murri- 
nen des Plinius, sondern 
Glasschalen , die nach 
einem technischen Aus- 
drucke der modernen 
Glasindustrie so benannt 
werden"/) Es sind zwei 
Paare, von welchen das 
eine 18.5 cm Durchmes- 
ser am Rande und 5 cm 
Höhe hat. Den Schmuck 
der Fläche bilden nach Contons Beschreibung spiralförmig ge- 
wickelte und zopfartig zusammengeflochtene Parallelfäden-), den 




Abb. 250. 



Bruchstück einer Vase mit Wagenrennen. 
HohlschlifF. Trier, Museum. 



^) Dott. Luigi Conton, I piü insigni monumenti di Ennione, recentamente 
scoperti nell agro Adriese. Estratto dall' Ateneo Veneto Anno XXIX vol. II. fasc. i. 
Luglio-Agosto 1906. Hier heißt es S. 9: ,,Ma l'importanza della scoperla e data da 
ben quattro murrhini di raro pregio, e sopratutto, secondo me, da tre tazze o scodelle 
ansäte recanti il nome dell artefice. . . I murrhini non sono certamente di quelli 
celebrati da Plinio ihist. nat. 37 cap. 7, 81 e che pare fossero di una pietra Orientale 
a noi scionosciuta ; ma sono murrhini secondo ü modemo linguaggio tecnico dell'arte 
vetraria, cioe vetri a piü strati di diverso colore, perfezionati col tomio e coUa 
rusta: lavoro di non facile esecuzione, data la fragilita della materia. il quäle nc 
accresce la rarila ed il prezzo." 

*)„... sono lavorate in filigrana di latticinio e trecciuole parallele . . .•' 



56; 

des Randes ein aus einem meerblauen und einem gelben Faden 
geflochtener Reif. Gleichfalls einfach flachrund, wenn auch etwas 
bauchiger, ist das kleinere Paar, das 13,5 cm im Durchmesser 
und 4,7 in der Höhe hat. Der Rand ist mit einem violett- 
grünen gedrehten Doppelfaden geschmückt, während die Fläche 
dasselbe Ornamentierungsprinzip zeigt wie die früher beschrie- 




Abb. 251. Bruchstück einer Vase mit Wagenrennen. Gravierung auf Glas. Aus Pisa. 



bene Millefiorischale des JVIuseo Borbonico und die des Luxem- 
burger Museums aus Hellange, nämlich zwei sich kreuzende 
breite Bänder, die sich aus Streifen in den Farben des Regen- 
bogens zusammensetzen. Die dem Berichte beigegebene Ab- 
bildung ist leider so klein und undeutlich, daß man nicht imstande 
ist, nach ihr die Beschreibung zu ergänzen. 

Auf meine Anfrage betreffend die moderne technische Be- 
zeichnung solcher Arbeiten als Murrinen teilte mir Conton brief- 
lich mit, daß die venezianischen Glaskünstler von heute als 
Murrinen Gläser mit mehrfarbigen Flecken bezeichnen, die aber 
nicht in eigentlicher Mosaiktechnik sondern auf folgende Weise 
hergestellt würden: Zuerst ordnet der Glaskünstler nach Beheben 



568 

Röhrchen und Stäbe \'erschiedener Form und Farbe aneinander 
und bring-t sie in den Ofen, wo sie zu einer Masse zusammen- 
schmelzen, ohne daß sich jedoch die einzelnen Elemente auf- 
lösen oder ineinander vermeng-en. Dieser Masse g-ibt man sofort, 
solange sie noch bildsam ist, in einem hölzernen ]Model eine 
ungefähre Form, gewöhnlich die einer Schale oder eines Napfes. 
Nachdem das Stück fest geworden, wird es mit dem Rade auf 
der Drehbank aufs sorgfältigste bearbeitet, schließlich geglättet 
und poliert. Um einen einzigen Napf fertig zu machen, braucht 
es. nicht weniger als einen Monat Zeit. Die meisten zerbrechen 
während der Arbeit infolge eines unvorhergesehenen Fehlers in 
der Masse oder einer Absplitterung beim Drehen und Ziselieren. 
Ein alter Glaskünstler sagte Conton, es sei eine Seltenheit, wenn 
unter einem Dutzend zwei Stücke gelängen. Das erkläre den 
hohen Preis, den man für Murrinen zahle. Weshalb die Modernen 
sie also nennen? — Weil vor 20 bis 25 Jahren ein venezianischer 
Glaskünstler nach der Beschreibung des Plinius die Ansicht ge- 
wonnen habe, daß die antiken Murrinen so gemacht worden 
seien. Man wende diese Bezeichnung aber nur auf die gefleckten 
Stücke an und nicht auch auf die mit Streublümchenmuster, 
weil solche schon seit langem hergestellt worden seien, ehe man 
die gefleckte Sorte kennen gelernt habe und weil für die ge- 
blümten Schalen die Bezeichnung Milleiiori bereits eingebürgert war. 
Aus diesen dankenswerten ^Mitteilungen geht hervor, daß 
ein Praktiker bereits aus der Schilderung des Plinius den 
richtigen Kern herausgefunden hatte, während die Archäologen 
noch in Wolkenkuckucksheim auf die rätselhaften ]Murrinen 
fahndeten, ohne jedoch mit seiner Ansicht über die Kreise der 
Glaskünstler Venedigs hinauszudringen. Es ist auch nicht ge- 
sagt, ob Jener damit den Murrinen überhaupt auf die richtige 
Fährte gekommen zu sein glaubte oder nur ihren Nachah- 
mungen in Glas, den Murrinae coctae. Die von ihm angewendete 
Technik ist nichts anderes als das, was Semper den Laminations- 
prozeß nennt, nur wird die Masse, die später mit dem Schleif- 
rade und der Drehbank zu bearbeiten ist, nicht aus unregel- 
mäßigen Brocken nach Zufallslaune zusammengesetzt, sondern 
aus Röhren und Stäben bestimmter Form und Größe, die plan- 
mäßig aneinander gefügt werden. Wenn Conton und die venezia- 



569 

nischen Glaskünstler von heute einen Unterschied zwischen dieser 
Technik und der Mosaikarbeit machen, so liegt dieser nicht sowohl 
in den ^Mitteln, die zur Kombination der einzelnen Elemente ange- 
wendet werden als vielmehr in der Art des Musters. Es ist kein 
Zusammenfügen von Stäbchen, Röhren und Stabbündeln, bzw. 
Abschnitten von solchen, zu einem geometrischen Muster, sondern 
zu freien Phantasiebildungen. Übrigens können die im Agro 
Adriese gefundenen Murrinen nach der Beschreibung Contons ganz 
gut für Mosaikarbeiten erklärt werden, denn sowohl das spiral- 
förmige Flechtwerk des einen Paares, wie die gestreiften Bänder 
des anderen können nur aus Abschnitten von Stabbündeln her- 
gestellt sein. Offenbar hat auch die moderne technische Termi- 
nologie den Begriff der Murrinen erweitert und von den durch 
Lamination hergestellten Fleckenschalen auf gebänderte und 
filigranierte übertragen. 

Die Überfanggläser. 

Thiersch, Minutoli u. a. waren geneigt, die Murrinae coctae, 
die angeblichen Nachahmungen der jMurrinen in Glas, in jenen 
kunstvollen Gebilden zu suchen, welche gleich den Werken der 
Glyptiker, in Onyx, Sardonyx und anderen Halbedelsteinen 
Schichten von verschiedener Farbe zugleich zu plastischen und 
malerischen Wirkungen ausnützen. Plinius widmet das 37. Buch 
seiner Historia naturalis den Edelsteinen, erzählt zuerst von deren 
Entstehung und Bearbeitung, führt dann die berühmtesten 
Arbeiten der Glyptik und die Namen der bedeutendsten Künstler 
an und fügt vor den Schluß noch die früher erwähnte Abhand- 
lung über die Murrinen, den Krystall und den Bernstein ein. 

Die Haupttätigkeit der Glyptiker bestand in der Bearbeitung 
von Gemmen, mit Reliefs versehener Edelsteine. Sie wurden 
entweder als Siegelsteine vertieft geschnitten, so daß erst der 
Abdruck in Wachs ein positives Relief ergab, die sogenannten 
Intaglios, oder so daß die Darstellung erhaben aus der Ober- 
fläche hervortritt, die Cameen. Zu jenen, die man zumeist in 
Fingerringe (Siegelringe) faßte,, verwendete man mit \\:)rliebe 



570 

Amethyst, Hyazint, Achat und Karneol, zu diesen Edelsteine, 
die sich aus mehreren Schichten verschiedener Farbe zu- 
sammensetzen, wie die Chalzedone, Onyx, Sardonyx u. a. Die 
Technik ist für beide Arten von alters her im wesentlichen 
gleich geblieben und. wie die Funde lehren, schon im alten 
Ägypten angewendet worden; sie beruht auf dem Schhffe durch 
das Rad auf der Drehbank.-^) War das zu bearbeitende Stück 
klein und flach, so wurde es mittels eines starken Kittes an dem 
oberen Ende des sogenannten Kittstockes befestigt, einem kurzen 
Stabe aus Holz oder Eisen. War es ein größerer Gegenstand, 
eine Platte oder ein Gefäß, so bettete man es in eine Kittmasse 
ein, so daß nur die oben zu bearbeitende Stelle frei blieb. Zum 
Gravieren bediente man sich kupferner oder stählerner Zeiger, 
die in eine Spindel eingesetzt und durch ein mit dem Fuße 
getretenes Rad in ungemein rasche, drehende Bewegung versetzt 
wurden. Das Ende des Zeigers war je nach Bedarf scharf und 
spitz (Schneidezeiger), scheibenförmig oder abgerundet (Bolzen- 
zeiger, Flachperl, Rundperl). Er wurde, um das Eingreifen 
in den harten Stein zu befördern, mit Schleifpulver be- 
strichen, das bei den Alten aus einem mit Öl angemachten 
Schmirgel, Naxosschmirgel, Xaxium, bestand, während man jetzt 
hierzu gewöhnlich Diamantstaub benützt. Auf die zu bearbei- 
tende Fläche wurde die Zeichnung mit einem Stifte entworfen 



^) Blümner a. a. O. IV 398 f. Marquardt a. a. O. II 735 f- Froehner 
S. 84 f. Marquardt behauptet bei der Erklärung des Ausdruckes „vitrum fabre sigil- 
latum" bei Apuleius, met. 2, 19, daß Gläser mit Reliefs in der Regel in einer Form 
gegossen, zuweilen so gepreßt worden seien, daß das Relief auf der Rückseite hohl 
sei (!). Eine ähnliche naive Anschauung von Glastechnik entwickelt Stephani bei der 
Besprechung eines in Kertsch gefundenen Bechers mit Silbermontierung, der später 
eingehend behandelt werden wird, im Compte rendu 1874 S. 25 f., indem er von 
Figuren spricht, die ,, während das Glas noch weich war, mit Hilfe einer Form hinein- 
gepreßt und daher auf der Rückseite hohl sind". Dieser Becher ist in einer Hohlform 
geblasen, wie überhaupt weitaus die meisten Glasgefaße mit Reliefs durch Blasen in 
eine Hohlform hergestellt sind. Daneben stehen die kostbaren, nach Art von Cameen 
bearbeiteten Überfanggläser und allerdings zahlreiche minder kostbare, durch Guß und 
Pressung hergestellte. Über letztere habe ich bereits gelegentlich der Potoria gemmata 
und der Mosaikgläser gesprochen. Über den Glasguß der Antike macht Semper a. a. O. 
II 198 f. einige treffende Bemerkungen. Er weist darauf hin, daß sehr viele der alt- 
ägyptischen Amulette, Skarabäen, Kugeln, Figurinen gegossen seien. Minutoli S. 8 
erwähnt ein ägyptisches .A.mulett aus blauem Glase in seinem Privatbesitze. 



571 

oder eing-eritzt, während das Wachsmodell dem Künstler nebenan 
vor Augen lag. Der im Kitte befestigte Gegenstand wurde fest 
an die Spitze des Zeigers angehalten und diese durch beständiges 
rasches Drehen langsam und so tief als nötig eingetrieben. 
Zunächst grub man mit dem scharfen vSchneidezeiger die 
äußeren Umrisse ein, hierauf wurden die überflüssigen umgeben- 
den Stellen fortgeschnitten, der frei gewordene Grund geglättet 
und dann der stehengebliebene Teil, das Relief, mit Zeigern 
aller Art durchmodelliert. Für 
die feinsten Schnitte benützte 
man Zeiger aus Ostrakit, einem 
dem Achat ähnlichen Feuer- 
steine, für die Gravierungen 
nach dem Rezepte des Heraclius 
den Smaragd. Den Diamant 
kannte man gleichfalls und 
nutzte seine große Härte bei 
der Bearbeitung von Edelstei- 
nen, nicht aber in der Glas- 
technik aus. ^) Schließlich wurde 
der fertige Gegenstand poliert, 
indem man der Spindel anstatt 
der Zeiger flache Aletallscheib- 
chen (aus Kupfer oder Zinn) 

einfügte, diese mit Bimsstein oder Schmirgelpulver bestrich und 
das Relief damit überging, da dieses sonst rauh und glanzlos 
erschienen wäre. 

Bei der Intaglioarbeit muß sich der Künstler von Zeit zu 
Zeit durch einen Wachsabdruck davon überzeugen, wie weit 
seine Arbeit vorgeschritten sei, während der Cameenarbeiter das 
Bild jederzeit in allen Stadien vor Augen hat und demnach 
leichter beurteilen kann. Unter allen Umständen aber ist für 




Abb. 252. Becher mit Amoren und Ranken 
in Gravierung. Aus Köln. Bonn, Provinzial- 

museum. 



1) Plinius sagt 39, 200 daß vom Diamanten alle anderen Edelsteine geritzt 
würden, erwähnt jedoch nichts von seinem Gebrauche in der Glastechnik. Über die 
Verwendung des Smaragdes zum Gravieren vgl. Ilg, Anmerkungen zu Heraclius S. 116, 
danach Froehner S. 94. S. auch Krause, Pyrgoteles; RoUett, „Glyptik" in Buchers 
Gesch. d. techn. Künste; Spemanns Kunsthandbuch s. Gemmen. 



5/2 

ihn die aufs äußerste entwickelte Feinfühlig-keit der Fingerspitzen 
neben der Schärfe des Auges von größter Bedeutung. 

Von den Ägyptern, welche zuerst die Steinschnittkunst 
trieben, ging sie auf die Assyrier und Babylonier über. Außer 
Schmucksachen und Amuletten, Siegelzylinderu und anderen 
kleinen Stücken, stellte man Balsamarien und Becher auf 
solche Art her. Von den Griechen wurde die Glyptik schon in 
früher Zeit geübt und in der Zeit Alexander d. Gr. durch Pyrgo- 
teles und andere Künstler zu holier Vollkommenheit gebracht. 
Unter den Diadochen wurde in Cameen, die zum Schmucke des 
Leibes, zum Besätze von Bechern und anderen Gefäßen und Ge- 
räten dienten, großer Luxus getrieben, namentlich aber die Mehr- 
farbigkeit des Onyx zum Schnitte ganzer, mit Hochreliefs 
geschmückter Prachtgefäße ausgenützt. Wie groß der Bedarf 
an solchen kostbaren Arbeiten gewesen sein muß, geht da- 
raus hervor, daß orientalische Fürsten eigene Daktyliotheken, 
vSammlungen geschnittener Edelsteine, anlegten. So besaß 
Mithridates, König von Pontus, wo ein lebhafter Handel mit 
Edelsteinen betrieben wurde, eine Sammlung von 2000 Bechern 
aus Onyx, die Pompeius als Beute nach Rom brachte und dem 
kapitolinischen Juppiter weihte. In dieser .Sammlung befanden 
sich, wie wir aus dem früher zitierten Berichte des Plinius 
wissen, auch Murrinen. -^ ) Auch Caesar und unter Kaiser Augustus 
M. Marcellus legten solche Sammlungen an. In christlicher Zeit 
wurden antike Gemmen gerne von Kirchen und Klöstern er- 
worben und von den Goldschmieden zum Schmucke von Evan- 
geliendeckeln, Kelchen, Reliquiaren, Antipendien und großen 
Reliquienschreinen verwendet, wo sich die mythologischen Dar- 
stellungen und Imperatorenbildnisse manchmal sonderbar genug 
ausnehmen. Unter den auf uns gekommenen größeren Werken 
der Glyptik aus Ptolemäerzeit sind die schönsten der fast i 5 cm 
hohe Cameo Gonzaga in der Eremitage in Petersburg mit den 
Brustbildern Ptolemäus I. und seiner Gattin Eurvdike und der 



*) Wie Daktyliotheken mögen von Fürsten und Vornehmen im Orient auch 
Sammlungen von Murrinen angelegt worden sein. Vielleicht ist die Nachricht, daß 
Carmania im Lande der Parther die meisten dieser kostbaren Gefäße lieferte, darauf 
zurückzuführen, daß an diesem Orte eine solche Sammlung den Römern in die Hände 
gefallen war. 



573 

des Wiener Hofmuseums, der wahrscheinlich Ptolemäus IL und 
Arsinoe darstellt. Bei den Römern war die Glyptik wohl aus- 
schließhch in den Händen ^sfriechischer und alexandrinischer 
Künstler, die in den Traditionen der Diadochenzeit geschult 
waren. Unter Augustus galt Dioskurides von Samos als der 
bedeutendste, von welchem auch das Mosaik einer musikalischen 
Szene herrührt, das aus einem pompeianischen Hause in das 
Museum von Neapel übertragen ist. Das prachtvollste Stück dieser 
Periode ist die von einem unbekannten Künstler geschnittene 
Gemma Augustea, ein Cameo mit der figurenreichen ^"ergötterung 
des Augustus (Abb. i86) etwa 20 cm hoch und 24 cm breit, im 
Wiener Hofmuseum; noch größer, 32 cm hoch, ist der Cameo 
mit der Apotheose des Tiberius in der Pariser Nationalbibliothek 
(Abb. 187). Aber trotz aller Pracht und geistreicher Ausnützung 
des Raumes fehlt den späteren Arbeiten, zu welchen auch die 
Gemma Claudiana im Haager Kabinet gehört, die künstlerische 
Diskretion der Ptolemäerarbeiten. Zu den Schmuck- und vSchau- 
stücken dieser Art kommen Gefäße und Figuren, wie die 
farnesische Onyxschale" und andere Gefäße des Museums von 
Neapel, die ruhende Artemis auf einem Amethyst von ApoUo- 
nius, der Perseus des Dioskurides, ein Satyr aus Sardonyx — in 
bacchischem Taumel aufgefaßt, an einer Seite leider verstümmelt 
— dann ein Satyr mit einem Kinde auf der Schulter, gleichfalls 
in Neapel, eine prachtvolle Vase mit figürlichen Hochreliefs im 
Museum von Braunschweig, genannt der Mantuaner Onyx u. a.-^) 
Dieselbe Technik wurde auf den Muschelschliff, auf Krystall 
und Glas übertragen. Man bearbeitete sowohl farbloses Krystall- 
glas und einfarbige Paste, der man ungefähr das Aussehen eines 
Edelsteines gab, sowie Überfangglas, durch welches man die 
Schichtung des Onyx, allerdings durchaus nicht naturalistisch, 
nachahmte. Farbiges Glas wurde in Hohlformen gegossen und 
so namentlich Ringsteine, dann auch Amulette, Schmuck- und 
Besatzstücke, hergestellt, ein wohlfeiler Ersatz für Edelsteine.") 
Die Arbeit des Schleifrades beschränkte sich bei solchen Stücken 
auf sorgfältigere Durchbildung der Einzelheiten und Politur. 



^) Spemanns Kunsthandbuch s. Gemmen. 

^) ^?}- Abschnitt III. Der antike Glasschmuck und seine Verbreitung. 



574 

Auch ganze Gefäße schnitt man, wie wir bei den Murrinen ge- 
sehen haben, aus der Masse heraus oder gab ihnen, nachdem 
sie aus der Hohlform herxorgegangen waren, mit dem Schleif- 
rade die letzte Feile. Wahrscheinlich wurden in Ägypten auch 
aus farblosem Krystallglase Becher und Schalen geschnitten, 
wobei man denselben Prozeß wie bei der Bearbeitung des natür- 
lichen Glasflußes, des Obsidians, befolgte. Aus diesem wurden 
nicht nur Gefäße, Geräte und Spiegel, sondern auch Statuen und 
Reliefs hergestellt.^) Von schwarzgefärbtem obsidianartigem 
Glase, das, gegen das Licht gehalten, rötlich durchschimmert, 
war bereits wiederholt die Rede. vSolches schwarzes Glasgeschirr 
bot ein Gegenstück zu dem schwarzen Bucchero- Tongeschirr 
Italiens und der Terra nigra Galliens, ebenso das opak-rote, 
aus Haematinum hergestellte ein solches zu der roten areti- 
nischen Ware und der Terra sigillata. 

Glas von mehrfarbiger Schichtung, das sich besonders zu 
cameenartiger Bearbeitung eignete, wurde durch Überfangen 
hergestellt, das wir bereits bei der Erzeugung von Glasperlen und 
Mosaikgefäßen kennen gelernt haben. Man tauchte zu diesem 
Zwecke ein Glas von dunkler und durchsichtiger Farbe, sei es 
eine Platte oder ein ausgeblasenes Gefäß, zumeist von dunklem 
Azur- oder Meerblau, aber auch goldbraunes, dunkelgrünes, 
schwarzes, in flüssiges Glas, gewöhnlich von opak-weißer, manch- 
mal auch gelber Farbe, so daß sich dieses entweder wie ein 
Mantel an die Oberfläche des Glases anschloß oder (bei Platten) 
sich in einer fest anhaftenden vSchichte darüber lagerte. ]\[anch- 
mal wurde das Eintauchen wiederholt, so daß sich mehrere 
.Schichten verschiedener Farbe ablagerten oder es wurden einzelne 
Stellen nebeneinander mit verschiedenen Farben gleichzeitig 
gedeckt. Dabei wandte man außer den Hauptfarben weiß und 
gelb auch andere, grün, violett, lichtblau an. Gewöhnlich sind 
auch diese opak; durch Überfang mit durchsichtigen Glasschichten 
konnte man die Farben variieren, z. B. aus Blau durch Deckung 
mit durchsichtigem Rot violette, mit Gelb grüne Mischfarbe 
hervorrufen. Nach dem Erkalten saß der Überfang fest und 
konnte, wie mehrfach geschichteter Onyx, mit dem Schleifrade 



') Vgl. S. 359 f. 



bearbeitet werden. Die Regel ist, daß man in den opak-weißen 
oder gelben Überfang die Umrisse der Zeichnung schnitt, die 
überflüssigen Teile des Überfanges entfernte und die untere 
Schichte bloßlegte, so daß das Bild hell auf dunklem Grunde 
stand. Hierauf wurde, wie in der Glyptik, die weiße Schichte 
mit Metallzeigern verschiedener Art zum Relief ausgearbeitet. 
Da auch das Weiß niemals völlig opak ist, sondern namenthch 
an dünneren Stellen immer mehr 
oder weniger Licht durchläßt, er- 
gaben sich bei der reliefartigen 
Bearbeitung reizvolle Übergänge. 
Die dünneren Stellen am Rande und 
die tiefer gearbeiteten innerhalb des 
Bildes lassen den dunklen Grund 
mehr durchschimmern, als die dicke- 
ren Schichten, wodurch die Model- 
lierung ungemein weich und zart 
wirkt, die Farbenkontraste an »Schärfe 
verlieren. Darin bietet das Glas noch 
größere Vorzüge als der Onyx. vSel- 
tener kommt es vor, daß eine dunkle 
Schichte als Überfang und eine helle 
als Grund dient. 

Auch das Überfangglas wurde 
vorwiegend zur Nachahmung von 
Gemmen benützt. Aber während 
man aus einfarbigem Glase gewöhn- 
lich durch IntagHoschHff Siegelsteine herstellte, arbeitete man 
aus Überfangglas Cameen mit erhabenen Verzierungen heraus. 
Die Tausende von Glascameen, die auf uns gekommen sind 
und die noch größere Menge von Siegelsteinen mit vertieften 
Rehefs zeig-en, welche außerordentliche Ausdehnung dieser 
Industriezweig im Altertume, namentlich in der ersten Kaiser- 
zeit in Alexandrien, gewonnen hatte, wobei die Nach- 
ahmung echter Edel- und Halbedelsteine oft so täuschend ist, 
daß sie heute von Händlern zu Fälschungen ausgenützt wird. 
Sehr viele der Gemmen und Cameen, die in Italien als Edel- 
steine verkauft werden, bestehen aus Glas. Darunter sind nicht 




Abb. 253. Kugelflasche mit Amor 
auf der Löwehjagd. Leichter Hohl- 
schliff. Köln, Museum. 



576 

wenige erst spätere Imitationen aus der Renaissance und dem 
Empire, als die Nachfrage nach antiken Gemmen besonders leb- 
haft war. Die Glascameen sind die weitaus zahlreichste Klasse 
antiker Überfanggläser, die auf uns gekommen ist. 

Aber auch größere Reliefplatten wurden so hergestellt und 
als Einsatzstücke in Möbel und Geräte, zu Wandbekleidung und 
anderen dekorativen Zwecken benützt. Im Abschnitte VI sind 
unter den Arten der Verwendung des Glases die bedeutenderen 
Arbeiten in L^berfangtechnik aufgezählt, die solchen Zwecken 
dienten. Die besten von ihnen sind offenbar alexandrinisch. 
Neben Reliefs, die völlig in griechischem Geiste gehalten sind, 
stehen derbe kunstlose Leistungen, bei welchem es auf mög- 
lichst starke dekorative Wirkung abgesehen war. Fast alle 
gehören ihrem Inhalte nach dem bacchischen Kreise an, waren 
also wohl für Speisesäle und ähnliche Prunkräume bestimmt, 
in welchen der Herr des Hauses seinen Reichtum vor den 
Gästen entfalten konnte. Zur Ergänzung der Liste seien hier 
noch einige angeführt, die Minutoli, Froehner u. A. zu den 
besten Stücken zählen. 

Ein Relief im Louvre, Bacchus und Ariadne zwischen 
Satyrn darstellend. ^ ) 

Ein Bacchusfest, gefunden in der Nähe Roms; ein kleines 
cameenartiges Zierstück, weiß auf blauem Grunde.") 

Ein Amor auf einem Löwen reitend, hinter ihm ein an- 
derer Amor, in der einen Hand eine Schale, in der anderen 
eine Schale und einen Kranz tragend, weiß auf blau: vielleicht 
gehörte das Stück zu einer Vase.''j 

Ein Satyr, der ein Maultier am Zügel hält, während ein 
anderer den Schlauch verschließt, aus dem er vSilen Wein ein- 
geschenkt hat, bei Thiersch, Vasa murrina S. 505 erwähnt.^) 

Der Triumph des Bacchus und der Ceres, Reheftafel im 
Vatikan, 10 Zoll im Geviert, in weißen Figuren auf braunem 
Grunde, das größte Minutoli bekannte Stück dieser Art. ^! Bacchus 



*) Froehner S. S4. 

^) Buonarrolti, Medaglioni S. 437. 

3) Minutoli T. I 7, S. 

') ibd. S. 3. 

■'•) Winckelmann a. a. O. III 44. 



577 

im Schöße Ariadnes, Relief in der vatikanischen Bibhothek^), 
dann gleichfalls im Vatikan, ein Apollo mit den Musen, '') ein Stier- 
opfer und anderes. 

Bruchstücke von Überfangrehefs sind gar nicht selten, auch 
außerhalb Italiens. Im Museum von Neapel befindet sich eine 
sehr schöne azurblaue Platte mit zwei bärtigen Masken, da- 
zwischen ein Palmettenornament in weiß, etwa 20X8 cm, ferner 
mehrere Bruchstücke von solchen Platten mit komischen Masken. 
Vielleicht bildeten diese ursprünglich Trullae, gestielte Pfannen, wie 
eine solche in demselben Museum vollständig erhalten ist. Deville 
ergänzt T. 88 einige Bruchstücke in dieser Weise. Das Kunst- 
gewerbemuseum in Hamburg besitzt eine Scherbe aus dunkel- 
blauem Glase mit einer Silens- und einer Satyrmaske in weiß.'") 
In der ehemaligen Sammlung Merkens in Köln befand sich, wie 
schon erwähnt, das Fragment einer rechteckigen Platte mit drei- 
fachem Überfange. Den Grund bildet gewöhnliches grünliches Glas; 
auf diesem lagert eine starke opak-weiße vSchichte, während die 
oberste dunkelblau und durchsichtig ist. Aus dieser ist das Rehef 
herausgearbeitet; es zeigt einen Cantharus mit einem Untersatze, 



*) Passeri, Lucernae I 66, 67 T. 76. 

■-) ibd. I S. 67 T. 90; II T. 83. Marquardt II 735 f. 

^) H. Dragendorff hat auf diesem Stücke lanzettförmige Blätter in Barbotine- 
technik entdecken wollen. Herr Direktor Justus Brinckmann sandte es mir zur 
Prüfung zu, ich vermochte jedoch ebensowenig wie er selbst daran etwas von Barbotine 
zu finden; die Reliefdekoration erwies sich in diesem Falle ebenso wie bei anderen 
von Dragendorff in seinem Aufsatze über Terra sigillata (Bonner Jahrb. 96 S. 121) 
als Barbotine erklärten Arbeiten als Überfang. Lanzettförmige Blätter mit gebogenen 
Stielen, wie sie für die Barbotine kennzeichnend sind, und aus ,, aufgeschmolzenen" 
Glasklümpchen mit daraus hervorgezogenen Stielen bestehen sollen, sind hier gar nicht 
vorhanden. Es ist nicht ohne Interesse festzustellen, daß Lotusblätter in der Glas- 
dekoration stets ungestielt sind. Außer ihnen findet man Lotusblüten. Was man 
häufig als ,, Astnarben" bezeichnet ist nichts anderes als die Lotusblüte: ein mandel- 
förmiges flaches Plättchen, das nur durch eine mit dem Rande parallel laufende Rille 
gegliedert ist. Mehrere wechselständige Reihen von solchen schmücken Bronzeflaschen, 
Becher und Kannen, wobei die unteren Reihen aus den charakteristischen, länglich 
herzförmigen Lotusblättern mit leicht geschwungener Spitze in schräger Lage und 
stets ohne Stiele gebildet werden. Aus der Metallindustrie ging dieser Schmuck in 
die Glasindustrie über. Die Bezeichnung „Astnarben" rührt daher, daß die Form 
wirklich eine gewiße .Ähnlichkeit mit den Schnittflächen dicht am Stamme abge- 
schnittener Äste mit glatter und dicker Rinde hat (Abb. 138). 



578 

aufweichen ein Greif seine Tatze legt; ein symmetrischer zweiter 
Greif, der ursprünglich auf der anderen Seite der Vase dargestellt 
war, ist abgebrochen. Auch einige ^Sledusenmasken, cameenartig 
auf Medaillons angebracht, in den Sammlungen M. vom Rath und 
Nießen (Abb. 198) zeigen eine Umkehrung der üblichen Farbenfolge, 
indem das Relief aus einer starken, azurblauen Schichte heraus- 
gearbeitet und als Unterlage opak-weißes Glas benützt ist. Im 
Museum von Wiesbaden befindet sich ein Kugelbecher von der 
unter dem Flaviern üblichen Form, ein Fund aus Hof heim, 
dessen Grundmasse weißes Milchglas ist, während zum Über- 
fange hellblau-durchsichtiges verwendet ist. Die L^berfangschichte 
ist nicht bearbeitet, sondern überzieht das Äußere des Bechers 
völlig glatt und gleichmäßig. Bei einer tragischen Maske des 
Britischen Museums ist der LTberfang sonderbar halbiert, indem 
die linke Seite der Maske aus opak-weißem, die rechte aus blauem 
Glase herausgearbeitet ist.^) Die Abbildung 195 gibt das Bruch- 
stück eines schönen alexandrinischen Überfangreliefs im Besitze 
von Professor von Bissing in ^München wieder. Es zeigt in opak- 
weißem Relief auf schwarzem Grunde einen schlankgeformtenWind- 
hund, der von einem Wärter an der Leine gehalten wird. Von 
diesem ist nur ein Stück des Oberkörpers, ein ausgestreckter Arm- 
und ein Bein erhalten; links stehen die Reste eines Baumes, unten 
bemerkt man Mauerwerk, auf welchem die Szene vor sich geht. 
Die Zeichnung ist sehr elegant und läßt bedauern, daß von der 
vorzüglichen Arbeit nicht mehr erhalten ist. Im Museum von 
Karlsruhe befinden sich einige schöne Bruchstücke von Cber- 
fang-Reliefs aus der Sammlung Thiersch,-) von ausgesprochen 
hellenistischem Typus. Das eine zeigt in vortrefflicher Zeichnung 
den Torso eines Maultiertreibers mit dem Kopfe des Tieres im 
Profil, das andere einen jungen Satyr, der einem alten Silen 
aus dem Schlauche Wein einschenkt. H. Dragendorflf hat hier, 
wie an der Hamburger Scherbe, Barbotine sehen wollen, d. h. 
eine Anwendung der Aufgußtechnik auf Glas, und daraus ge- 
schlossen, daß diese im III. und IV. Jahrhundert in der gaUischen 
Keramik hochentwickelte Dekorationsweise ihre Vorbilder in 



1) Froehner S. 86 Note. 

^) Abgeb. bei Schreiber, Hellenistische Bildwerke T. C IV. 



579 

alexandrinischen Arbeiten habe. Die Karlsruher Scherben zeigen 
jedoch ebenso deuüich die L'berfangtechnik, wie die berühmten 
Gläser des Museo Borbonico und die Portlandvase. Sie beweisen 
daher für die Barbotine nichts. In wie beschränktem Maße diese 
auf Glas Anwendung- gefunden habe, ist von mir im Abschnitte VII 
bei der Besprechung der Schlangenfadendekoration im Wider- 
spruche zu Hettner 
dargetan. Gut er- 
halten ist ein Relief- 
plättchen von 6^/.i cm 
Höhe im Museum 
von Rouen, das auf 
farblosem , hellblau 
eingefaßtem Grunde 
BacchusundAriadm ' 
zeigt. Deville.derda- 
Stück veröffentlich t . 
verschweigt dieP^ar- 
be der Schichte, aus 
welcher das Relief 
herausgeschliffen ist. 
Darunter bildet er 
das ovale Medaillon 
eines Genius mit 
Füllhorn, weiß auf 
blauem Grunde ab.^j 

Die schönsten und kunstvollsten Schöpfungen der Über- 
ftmgtechnik sind uns in einigen Gefäßen erhalten, welche zu- 
gleich von aUen erhaltenen Arbeiten der antiken Glasindustrie 
der großen Kunst, speziell der Plastik, am nächsten stehen. Sie 
können uns einen Begriff von der Vollendung geben, welche 
wir bei den größtenteils untergegangenen dekorativen x\rbeiten 
zur Wandbekleidung, den Rehefs im Theater des Scaurus 
und in orientalischen Palästen voraussetzen müssen. An der 
Spitze der kleinen Gruppe steht die berühmte Portlandvase 
{Tafel VIT, Abb. i88, 189). Es ist eine Amphora von kräftig 




Abb. 



254. Schale mit Medusa und Kassetten in Hohl- 
schlitf. New- York, Metropolitan-Museum. 



^) Das erste stammt aus der Sammlung Durand. Deville S. 57. 58 T. 48, A, B. 



58o 

gedrungener Form, mit breiter Standfläche und breitem Halse, 
deren Verhältnisse wohl deshalb so sehr in die Breite gehen, um 
für Reliefschmuck möglichst \iel Platz zu schaffen. Die Grund- 
farbe ist dunkles Lasurblau, das bei auffallendem Lichte 
rötlichbraun schimmert, weshalb man in manchen Beschrei- 
bungen als Grundfarbe braun angegeben findet.^) Der Über- 
fang, aus welchem die Reliefs herausgeschliffen sind, ist 
opak-weiß und beträgt 5 mm an seinen stärksten Stellen. Die 
Schicht ist in virtuoser Weise zur Abstufung des Reliefs aus- 
genutzt, liegt an manchen Stellen, besonders an den Rändern, 
dem Blattwerke, den Haarlocken, fast nur wie ein ILiuch über 
dem dunklen Grunde, erhebt sich dagegen an anderen zu 
kräftigem Impasto. Infolge der leichten Transparenz erscheint 
das Relief auch farbig abgestuft und geht von mattem Elfenbein- 
tone zu zartem und duftigem, bläulichem Weiß über. Der obere 
Ansatz der gleichfalls dunkelblauen, starken Henkel ist mit 
weißem Blattwerke verkleidet, der untere mit zwei bärtigen 
Masken. Beide Seiten sind von figürlichen Szenen in klarer Kom- 
position gefüllt, die ganz im hellenistischen Reliefstile gehalten 
ist. Die ]Mitte der einen nimmt die Gestalt eines sitzenden halb- 
entblößten Weibes ein, aus deren Schoß der gewundene Hals 
eines vSchwanes kosend emporzüngelt. Mit der Linken den 
Schwan umschlingend, streckt das Weib den rechten Arm nach 
rückwärts gewendet einem Jünglinge zu, den sie zu sich herab- 
zuziehen scheint. Hinter dem Jünglinge erheben sich als An- 
deutung eines Gebäudes zwei kräftige dorische Säulen mit 
unverjüngten glatten Schäften, anstatt der Kapitelle mit recht- 
eckigen Platten bedeckt, welche das dreighedrige Triglyphen- 
gesims tragen. Links hinter dem Architekturstücke kommt ein 
Lorbeerbaum zum Vorscheine. Über der Frau, die auf einem 
niedrigen, sockelartigen Lager ruht, schwebt Amor mit Bogen 
und Hochzeitsfackel. Rechts wächst hinter einem geschichteten 
Steinblock ein anderer Lorbeerbaum hervor, dessen beide 
Äste sich gabelartig teilen und in große Blattbüschel ausgehen. 



^) Diesem Widerspruche begegnet man bei Angaben der Grundfarbe von Über- 
fanggläsern, mehrfarbigen ägyptischen Balsamarien und anderen Gläsern häufig. Er 
ist dadurch zu erklären, daß das dunkle Purpurblau bei schräg auffallendem Lichte 
ins Rötliche spielt. 



Tafel \'III 




A.MlMloRA 

AK'x;in.lnni..chc Ail.ril in (■■lirrfaiigtcchnik 

Aus l'u,n|K,i 

Neapel, Museum 



Ztt Sritc j-Sj 



Tafel IX 




AMPHORA 

Alcxundrinische Arbeit in Lbcifun^'techni 

Aus Pompeji 

Neapel, INIuscum 



Zu Seite ;&2 




58i 

Der Block dient einem bärtigen Manne, der sinnend das Haupt 
auf die Rechte gestützt, die Gruppe betrachtet, als Untersatz 
des rechten Fußes; seine Stellung erinnert an die bekannten 
auf Lysipp zurückgehenden Poseidontypen. Rechts hinter ihm 
schließt ein dritter Baum die Szenerie ab. In der Mitte der 
anderen Schauseite befindet sich gleichfalls eine halbentblößte 
Frauengestalt, jedoch nach rechts gelagert, auf einem hohen 
plattenförmig geschichteten Felsboden; in der Linken hält sie 
eine zu Boden gesenkte Fackel, während die Rechte an den 
Hinterkopf gelegt ist. Vor ihr liegt auf dem Boden ein 
unkenntlicher Gegenstand, vielleicht Trümmer 
von Bausteinen, hinter ihr breitet ein Baum 
seine belaubten Äste aus. Der Blick der Frau 
ist nach abwärts gerichtet. Neben ihr sitzt 
auf erhöhtem Boden ein Jüngling, den linken 
Arm auf den Fels aufgestützt, mit der Hand 
in die Falten des leichten Mantels greifend, der 
den Schoß bedeckt, während seine Rechte lässig -^^^- -55- Besatz- 

stück mit Medusa in 
m den Schoß hmabhangt. Lmks von mm steht ,, , . , ..„ 

ein runder kurzer Pfahl, mit runder Platte be- Trier, Museum. 
deckt. Rechts von der Hauptfigur sitzt auf 
getrenntem, gleichfalls plattenförmig geschichtetem Felsboden 
eine zweite halbbekleidete Frauengestalt, nach rechts gewendet, 
während das bekränzte Haupt in scharfem Profil nach links 
zurückblickt; der rechte Arm stützt sich fest auf den Fels, der 
linke ist erhoben und hält ein Szepter. 

Der Schmuck der Prachtvase erstreckt sich sogar auf die 
sonst unsichtbare untere Fußplatte, die gleichfalls ein Über- 
fangrelief zeigt, das Brustbild eines Jünglings im Profil nach 
links, mit phrygischer Mütze, Ärmeltunika und Mantel, der in 
reichen Falten über das Hinterhaupt gezogen ist. Mit der er- 
hobenen Linken scheint er auf den Mund zu deuten. Hinter 
der Gestalt wächst ein Baum her\'or. Während hier Attys vor 
der Pinie, dem heiligen Baume der Cybele leicht zu erkennen 
ist, bereitet die Deutung der übrigen Gestalten, wie es scheint, 
unüberwindliche Schwierigkeiten. Man bezog die Szenen früher 
auf Thetis und Peleus, dann auf Jason und Medea, aber beide 
Deutungen sind gleich unsicher und mit literarischen Gestaltungen 

Kisa, Das Glas im Altertiiine. II. 08 



dieser Sagen in keinen bestimmten Zusammenhang zu bringen/) 
Wegen der Schönheit der Arbeit hat man die Vase lange für 
Sardonyx gehalten und als solchen beschrieben, wozu die Ver- 
wechselung der Grundfarbe blau mit braun wesentlich bei- 
getragen haben mochte. Sie wurde Ende des XVI. Jahrhunderts 
in einem berühmt gewordenen Sarkophage aus Marmor gefunden, 
der sich jetzt als eines der schönsten Stücke dieser Art im 
kapitolinischen Museum befindet und lange für den des Sep- 
timius Severus galt. Das Grab lag in einem Hügel der Um- 
gebung Roms, dem Monte del Grano, drei Meilen von der Porta 
S. Giovanni, zwischen der via Latina und der via Labicana. 
Die Vase blieb 150 Jahre lang in der barberinischen Bibliothek, 
wurde dann von Gavin Hamilton gekauft und der Herzogin von 
Portland überlassen. Beim Verkaufe des Kabinets der Herzogin 
1786 erwarb sie der Herzog von Portland für die Summe von 
1000 Guineen (21000 Mark) und vertraute sie später dem 
Britischen Museum an. Nachdem sie 1845 ein Besucher zer- 
schlagen hatte, wurde sie geschickt wieder hergestellt und prangt 
seitdem in alter Schönheit. 

Diesem Hauptstücke schheßen sich einige andere kleinere 
Vasen an, die gleichfalls alexandrinischen Kunstgeist verraten. 
Drei von ihnen stammen aus Pompeji und werden im ^Museum 
von Neapel verwahrt. Die schönste ist eine etwa 30 cm hohe 
Amphora, gefunden 1834 in einem Grabe, das nach ihr den 
Namen „la tomba di vetro blu" erhielt (Tafel \TII und IX). Der 
in einen spitzen Fuß ausgehende Körper zeigt auf dunkel- 
blauem Grunde sehr reiches weißes Cberfangrelief, das trotz 
aller Fülle doch gleichmäßig verteilt ist, so daß Relief und 
Grund ungefähr gleichviel Raum einnehmen. Die Bildfläche 



^) Die Darstellung des Mythus von der Medea in Ovids Metamorphosen gibt 
keine Handhabe, die Richtigkeit der Vermutung Froehners zu bestätigen, der aller- 
dings unter Vorbehalt, auf Jason und Medea rät. Die Deutung auf Thetis und Peleus 
findet sich bereits bei Veitheim, Historische und antiquarische Abhandlungen, Helm- 
stedt 1800 II. Teil, in Description of the Portlandvase by Wedgewood, London 1790, 
Archaeol. brit. VIII. S. 30 f. u. a. Vgl. auch Minutoli S. 2, Marquardt II 735 f, Deville 
T. 86, 87, Froehner S. 84 f. Die Literatur über die Portlandvase ist unerschöpflich, 
bietet jedoch zur Erklärung der Darstellungen nichts von Belang. Hervorzuheben ist 
nur die Bemerkung Froehners, daß die Darstellung des Attys auf einen sepulkralen 
Zweck der Vase deute. 



583 

zerfällt in vier Teile. Zwei davon bilden Weinranken mit 
großen Blättern und Trauben, zwischen welchen sich unten 
zwei Masken, oben zwei kleine Tauben befinden; die eine 
Maske ist männlich, mit einem kräftigen Schnurrbarte ge- 
schmückt, die andere weiblich. Die beiden anderen Teile 
zwischen dem Blattornament enthalten bacchische Szenen mit je 
vier Amoren. Auf der einen sehen wir das Fest der Weinlese. 
Einer der x\moren steht mit hoch erhobenen Thyrsus in einer 
flachen Kufe und tritt die Trauben mit den Füßen, die ein 
anderer von links in einem Füllhorne herbeiträgt; ein dritter 
sitzt zur Rechten auf einem hohen Pfeiler und bläst die Syrinx, 
ein vierter ihm gegenüber, auf einem anderen Pfeiler die 
Doppelflöte. Auf dem anderen Bilde ist ein Amor zum 
Schmause auf dem Triclinium gelagert, hält in der Linken den 
Becher und langt mit der Rechten nach einer Traube, die ihm 
ein zweiter Amor reicht, welcher hinter ihm auf einem Rund- 
pfeiler steht, einen flachen Korb mit Trauben auf dem Kopfe; 
ein dritter Amor sitzt am Fußende des Lagers und singt zur 
Laute, ein vierter steht links an der Ecke auf einem anderen 
Pfeiler und pflückt aus den Ranken Trauben. Um den unteren 
Ansatz der beiden Henkel schlingt sich im Halbbogen ein 
reiches, malerisches Gehänge von Blattwerk und Früchten ver- 
schiedener Art, das an zwei Schleifen befestigt zu sein scheint. 
Den unteren Teil der Vase schmückt ein landschaftlicher Fries 
mit Bäumen und Buschwerk; Ziegen und Schafe lagern darunter 
und nagen an dem Laube. Die Darstellung ist sehr lebendig, 
die Formengebung elegant und von großer Sicherheit, in den 
Figuren aber weniger fein und edel als an der Portlandvase. ^) 
Das Relief ist ungemein geschickt behandelt. Neben ganz zart 
und dünn aufliegendem Blattwerk findet man kräftig vor- 
springende Figuren, einen malerischen Wechsel von durch- 
scheinenden und elfenbeinartigen Tönen. Die eine Seite der 
Vase hat etwas durch Schmutz gelitten. 

Fast ausschheßlich ornamental ist der Schmuck der Vase 
Auldjo (Abb. 190), welche 1834 in Pompeji in der Casa di Goethe 

1) Annali del instit. 18.58 S. 195; 1839 S. 84 T. XI. Monumenti dell inst. 
T. III 5. Monaco, Guide du musee de Naples 1S74 S. 113. Deville T. 10, 11. 
IMarijuardt a. a. O. Froeliner S. 85. 

38* 



584 

gefunden wurde und im Britischen Museum verwahrt wird. Es 
ist eine schöne dunkelblaue Oenochoe, deren Körper von einem 
breiten, durch einen glatten Reif geteilten Kranze großer 
Wein- und Efeuranken umgeben ist. Den Halsansatz schmückt 
ein kleiner Fries von Akanthusranken, welcher von Blüten und 
an dem Blattwerke pickenden Tauben unterbrochen ist. Die 
Zeichnung ist sehr edel, die Ranken fein geschwungen, die Ver- 
teilung von Relief und Grund wohl bemessen. Neben weißem 
Überfange treten auch Stellen mit gelbem auf Die schöne 
Vase war früher in zwei Hälften gebrochen; die eine kam als Ge- 
schenk des Prinzen von Capua an Mme. T. Richardson Auldjo, 
die andere in den Handel, dann aber wurden beide vereint und 
dem Britischen Museum geschenkt.^) 

Dunkelblau, fast schwarz ist die Grundfarbe einer wunder- 
voll fein gebildeten Trulla des Museums von Neapel (Abb. 191), 
die gleichfalls in Pompeji entdeckt wurde. Leider ist das 
Gefäß zerbrochen, einzelne Teile fehlen, auch sonst ist die Er- 
haltung weniger gut, als bei den früher genannten Arbeiten. 
Trotzdem ist das Ganze ein Prachtwerk ersten Ranges. An einer 
Seite der flachrunden Schale ist wie bei Metallspiegeln ein 
starker kantiger Griff angebracht, der in einen ungemein fein 
durchgeführten opakweißen Widderkopf endigt. Opakweiß ist 
auch der Doppelreif, der den Griff am unteren Teile umzieht, 
ebenso der L'berfangschmuck der inneren Bildfläche. Die Mitte 
bildet eine bärtige Satyrmaske, den Rand füllt ein dichter 
Kranz von Weinlaub und Trauben, dessen Stiele durch eine 
Schleife vereint sind. Die Länge beträgt mit Griff etwa 30 cm.') 
Vielleicht gehörten, wie bereits bemerkt, mehrere Bruchstücke 
in demselben Museum, die mit komischen Masken und Wein- 
laub in Überfang, weiß auf dunkelblau, geschmückt sind, einer 
itnderen Trulla an. Deville versucht diese T. 88 seines Werkes 
zu rekonstruieren. ■') 



^) Minutoli S. 3. T. III I. Schulz S. 67. De la Motte, Choice examples of 
workmanship, London 185 1. Froehner S. 85. Marquardt a. a. O. 

'-) Pistolesi, Museo Borbonico XI 29. Schulz S. 67. Monaco S. 113. Froehner 
a. a. O. Marquardt a. a. O. 

3) Irrtümlich bezieht Froehner die Abb. bei Deville T. 88 auf die vorher ge- 
schilderte, nahezu vollständig erhaltene Trulla. 



Das Museum von Neapel besitzt zwei henkellose Canthari 
aus dunkelblauem Glase vom Typus Formentafel G 332, etwa 
15 cm hoch, von welchen der eine gleichfalls mit komischen 
Masken in weißem Überfange geschmückt ist. Nur sind diese 
merkwürdigerweise verkehrt, mit den Stirnen gegen den Fuß 
zu angebracht. Dieses Gefäß war ursprünglich jedenfalls ge- 
henkelt, so daß die Masken den unteren Ansatz der Henkel 
verkleideten.Der 
Teil um den Fuß- 
ansatz ist kan- 
neliert. ^) 

Im ^Vntiken- 
museum von Flo- 
renz befindet sich 
eine schöne azur- 
blaue Flasche mit 
weißem Über- 
fang, aus w^el- 
chem eine zier- 
liche bacchische 
Opferszeae heraus- 
geschliffen ist, 
bekannt unter 
dem Namen des 
Baisamariums 

von Torrita"-) (Abb. 192, 192 a). Das in Naturgröße ab- 
gebildete spitzbauchige Gefäß wurde 1870 bei der Eisenbahn- 
station Torrita in V^il di Chiana gefunden, doch nicht in 
unversehrtem Zustande. Es fehlen einige Stücke was die 
Deutung der in feinem Relief gearbeiteten Szene einiger- 
maßen erschwert. Man bemerkt in der Mitte eine kleine 
nakte Gestalt, die das Haupt mit einem Tuch oder einem 
Panterfell bedeckt hat. Mit der Linken hält sie einen flachen 
Korb auf dem Kopfe fest, die Rechte faßt einen mächtigen be- 
laubten Baumast, welcher mit der heiligen Binde umwickelt ist. 




!56. Probe von Liniengravierung auf einem Becher 
aus Köln. Bonn, Provinzialmuseum. 



*) Froehner S. 85. 

^) Veröffentlicht von Gräfin Gaetana 
lincei 1884 vol. 13. 



Lovatelli in Atti della r. .\ccademia dei 



586 

Links vor der rätselhaften Gestalt steht eine Priesterin und be- 
sprengt mit einem Gegenstand in ihrer Rechten, der leider 
ausgebrochen ist, wahrscheinlich einem in Weihwasser getauchten 
Zweige, die Opfergaben, x\mulette etc., welche der kleine Mann 
in dem Korbe trägt: in der Linken hält sie den Bacchus ge- 
weihten Cantharus. Hinter ihr wird der obere Teil und ein 
P^uß eines jungen Satyrs mit Fichtenkranz und Doppelflöte sicht- 
bar, das Übrige fehlt. Die Fichte ist der Lieblingsbaum Pans, 
weshalb die ihm untergebenen Sat}Tn und Faune sich gerne 
mit dessen Zweigen und Früchten schmücken. Hinter der rätsel- 
haften Gestalt erhebt sich auf hohem Sockel eine Statuette 
Priaps, der mit der Linken sein Gewand zur Seite schiebt und 
in der Rechten einen gebänderten Thyrsusstab hält. Davor 
steht auf einem runden Tische mit balusterförmiger Stütze ein 
Dreifuß mit geweihten Opfergaben. Die Statuette Priaps wird 
von einer Fichte beschattet, deren knorriger Stamm sich hinter 
dem Sockel erhebt und in zwei starke Äste gabelt. Ihr kehrt 
eine große Büste vSilens den Rücken zu, die auf einem niedrigen 
Sockel steht, der bis dicht unter den Kopf des Gottes mit einem 
Tuche drapiert ist. L'ber ihm ragt ein starker knotiger Stab 
empor, der gleichüills mit einer großen flatternden Schleife um- 
wickelt ist. 

In dem Korbe, den die Mittelfigur auf dem Kopfe trägt, 
sind die geheimnisvollen Weihegaben enthalten, welche bei der 
Aufnahme in die Mysterien des Bacchus dargebracht wurden. 
Die Szene stellt wahrscheinlich die Zeremonie vor, welche der 
Aufnahme und Reinigung eines Mitgliedes niederen Grades 
vorausging. Eine ähnliche halb verhüllte Gestalt als Trägerin 
mystischer Weihegaben findet sich auch in anderen antiken 
Darstellungen. Ob sie silenartigen Charakter hat oder ein Kind 
wiedergibt, bleibt zweifelhaft; die Körperformen scheinen eher 
auf letzteres zu deuten, zumal es auch unklar ist, ob unter der 
Kopfhülle ein langer Bart oder ein Tuchzipfel zum Vorscheine 
kommt. Der Korb spielt bei allen auf Mysterien bezüglichen 
Zeremonien eine Rolle; bei den bacchischen Pompen wurde 
ein solcher von einem Manne namens XiyivoqiÖQog feierlich einher- 
getragen. Die Legende erzählt, daß Bacchus als Kind auf dem 
Berge Nysa von tanzenden ]\Iänaden in einem Korbe gewiegt 



58; 

wurde und daß man die Ervvählung" des Gottes feierte, indem 
man ihn als Kind in einen mit Blumen und Früchten ge- 
füllten Korb legte. Dadurch ist die Bedeutung dieses Gerätes 
für den Bacchuskult sicher gestellt. Freilich spielt es auch bei 
anderen, mit einer Reinigung verbundenen Kulten eine Rolle ;^) 
daß aber für unseren Fall nur der bacchische in Frage kommt, 
ergibt sich aus der Anwesenheit des Priap, des Silen und des 
Satyrs. Bei dem innigen Zusammenhange der dionysischen 
Mysterien mit dem Totenkultus ist das Baisamarium durch seinen 
plastischen Schmuck als Grabbeigabe gekennzeichnet. 

Überfangreliefs befinden sich ferner auf einer Amphora der 
Sammlung Temple in Gestalt von zwei szenischen Masken am 
Ansätze der Henkel"); auf dem Fragmente eines Pinax der 
Sammlung Greaux, den Wagen der Venus darstellend, welchen 
Amor schwimmend geleitet"^); auf einer Gefäßscherbe der 
Sammlung Charvet, eine erotische Szene, weiß auf dunkel- 
blauem Grunde, früher in der Kollektion de Nolivos^). Auf 
einer von Deville ergänzten gläsernen Lampe, die Passeri zuerst 
veröffentlichte, ist der azurblaue Grund mit w^eißen Reliefs 
geschmückt^) (Abb. 194). Die Mitte des kreisrunden Diskus 
nimmt eine geflügelte Halbfigur des Harpokrates, des Gottes des 
Schweigens ein, der den Finger an den Mund legt; auf seiner 
Stirn trägt er das Zeichen der Abstammung von Osiris und 
Isis, die Lotusknospe. Vor ihm befindet sich eine Tessera mit 
der Inschrift DEO QVI EST MAXIM\^S. Den inneren Rand 
umzieht ein weißes geghedertes Band, den äußeren ein feines 
weißes Rankengewinde mit Weinlaub und Trauben. Die Seiten- 
voluten der Schnauze sind gleichfalls weiß. Der antike Ursprung 
der Lampe ist jedoch höchst unwahrscheinlich.*') 

Kleinere Bruchstücke von Gefäßen mit Überfangreliefs 



^) Vgl. Bültiger, Kunstmythologie II 350 f. 

-) Froehner S. 85. 

8) Ibd. 

*) Vgl. Katalog Durand Nr. 1544. Froehner T. 33. 

^) Passeri, Lucernae I i. Deville S. 55, T. 63. 

*') Nesbitt, Kat. d. Kensingtonmuseums (Glas) S. 32 hält die Lampe für das 
Modell zu einer Wedgewood- Arbeit. Andere Stücke mit Überfang bei Arneth, Cameen 
T. 22, Dumersan, Notices 1819 T. II i (Perseus und Andromeda) u. a. 



^88 



kommen auch diesseits der AIjxmi xor. P'.iiies ist so^ar in das 
südliche Norwegen verschlagen und aus einem Grabc^ bei 
Solberg hervorgezogen worden. Es ist der Rest einer dunkel- 
blauen vSeliale mit weilJem Relief, \on welchem iMiiigc» Ivöpfe 
\on Frauen und Amoren, Kinderkörper u. a. von guter Zeich- 
nung erhalten sind.^) Interessant ist ein leider in zahllose 
Scherben zerschlagenes Gefäß, dessen Form nicht wieder her- 
zustellen ist, aus dem ersten Grabfunde \-on Sackrau bei 

Breslau, das bereits früher 

kurz erwähnt wurde. Die un- 
tere Schichte ist liier farl^los 
durchsichtig, die obere smalte- 
blau. Aus dieser sind ovale 
I lohlschliffe herausgeschliffen 
und feine Reifen graviert, so 
daß der Untergrund sichtbar 
wird.'") Es ist jene Art des 
Schliffes, welche \-on der 
böhmischen Glasindustrie des 
XVII. und XVIII. Jahrhun- 
derts namentlich bei den Ru- 
bingläsern so vielseitig aus- 
gestaltet wurde. 
Dieselbe Technik haben wir uns bei der dem Bacchus 
geweihten Schale des Hippias von Tyrus zu denken, welche 
Achilles Tatius, ein Schriftsteller des III. Jahrhunderts, in seinem 
Gedichte „Leukippe und Khtophontes" beschreibt. Diese war 
ganz aus Glas und in geschnittener Arbeit mit einer Figur des 
Bacchus zwischen Weinranken verziert. Die Trauben sahen 
grünlich und unreif aus, wenn der Becher leer war, schimmerten 
jedoch purpurrot, sobald man Wein hineingoß. Nach dieser 
Beschreibung handelt es sich jedenüdls um ein grünliches Glas 
mit opakem Überfange, welcher teilweise h\s auf die untere 
durchsichtige Schichte durchbrochen war und an den aus- 
geschnittenen Stellen die Farbe des Weines durchleuchten ließ. 




Abb. 257. Becher mit Gravierung: Gladiatoren 
im Kampfe gegen wilde Tiere. Trier, .Museum. 



1) Abgebildet bei O. Rygh, Norske Oldsager 334. 

-j Grempler, der I. Fund von Sackrau S. 14, T. VI 4. 



Im Gegensatze zu den cameenartig- behandelten Gläsern war also 
hier der Intag-lioschliff, das negative Relief, bis zur völligen 
Durchbrechung der Überfangschichte zur Anwendung gekommen. 
Ähnliche Arbeiten hat, wie erwähnt, die böhmische Glasindustrie 
des XVIII. Jahrhunderts zu verzeichnen, am geschicktesten 
erweisen sich in ihr aber die Chinesen, welche einzelne 
Stellen des Überfanges durchbrechen und den an ihnen heraus- 
kommenden andersfarbigen Grund seinerseits wieder cameen- 
artig in positivem Relief be- 
arbeiten. Aber selbst diese 
komplizierte Art des Cber- 
fanges war der Antike nicht 
unbekannt. Im akademischen 
Kunstmuseum von Bonn be- 
findet sich das etwa 6 cm 
hohe und ebenso breite Bruch- 
stück einer Vase, das bei der 
A'^ersteigerung der Sammlung 
Hoffmann in Paris erworben 
worden ist (Abb. 196). Die 
unterste, etwa 5 mm dicke 
Schicht ist schwarzes Glas, 
darauf folgt eine opak-weiße 
von wechselnder, an den stärksten Stellen 3 mm messender Dicke 
und dieser schließlich eine ganz dünne Schicht von schönem opakem 
Lapis-Lazuliblau. Die Bauchung der Vase war durch schmale 
senkrechte und wagerechte Rinnen, welche bis auf die opak- 
weiße Schicht ausgearbeitet sind, in rechteckige Felder geteilt 
und innerhalb dieser der blaue Überfang mit kartuschenartigen 
Bildflächen durchbrochen. Die hier zum Vorschein kommende 
weiße Schicht ist in Relief bearbeitet und zeigt als Rest eines 
größeren Figurenbildes den Unterteil eines ägyptischen Thron- 
sessels mit starken geradlinigen Pfosten und dem Relief einer 
(weiblichen) Sphinx als Füllung zwischen den Beinen. Da das 
Stück gerade in der Mitte des Bildes abgebrochen ist, haben 
wir uns als Gegenstück eine zweite Sphinx und dazwischen etwa 
eine Vase vorzustellen. Der Sockel des Thronsessels ist ver- 
goldet und mit einem gravierten Zickzack gemustert; wahr- 




Abb. 257 a. Becher mit Gravierung: Gladiatoren 
im Kampfe gegen wilde Tiere. Trier, Museum. 



590 

scheinlich waren noch hindere Teile des Reliefs vergoldet. 
Außer Spuren von Gold finden sich auch solche von opakem Lack- 
rot unter und zwischen der opak-weißen vSchicht; im gegenwärtigen 
Zustande tritt diese vierte Farbenschicht nur an untergeordneten 
Stellen auf, es ist aber denkbar, daß sie an den jetzt fehlenden 
Teilen auch bei den Relief bildern verwendet war. Die feine 
und sorgfältige Zeichnung der Sphinx verrät, daß wir hier den 
Verlust eines sehr interessanten kleinen Kunstwerkes zu bedauern 
haben, das nicht nur technisch, sondern auch künstlerisch zu den 
hervorragenderen Leistungen der antiken Cberfangtechnik ge- 
hörte. Das ägyptische Motiv ist in durchaus hellenistischem 
Geiste umgestaltet, so daß wir das Stück der Epoche der Ptole- 
mäer oder der ersten Kaiser zuzuweisen haben. 

Die cameenartig behandelten Gläser sind der überwiegen- 
den Zahl nach im Anschluß an die Glyptik in alexandrinischen 
Werkstätten der frühen Kaiserzeit hervorgegangen oder doch 
das Werk alexandrinischer Glyptiker, welche in Rom und in 
Campanien tätig waren. Die Heimat der ,toreumata vitri' des 
Martial ist Alexandrien; trotzdem weiß unser Poet auch die 
Leistungen anderer Werkstätten zu schätzen. Unter den italischen 
scheinen die von Sorrent sich wegen ihrer mit dem vSchleifrade 
bearbeiteten Gläser in der ersten Kaiserzeit des besten Rufes 
erfreut zu haben. Martial will, daß man den edlen Sorrentiner 
auch in Sorrentiner Gläsern trinke: 

Accipe non vili calices de pulvere natos 
Sed Surrentinae laeve toreumata rotae! 
Und dann fügt er den uns bereits bekannten Spruch hinzu, in 
welchem er Sorrentiner Gläser den murrinischen und goldenen 
Bechern vorzieht: 

Surrentina bibis? nee myrrina picta, nee aurum 
Sume; dabunt calices haec tibi vina suos.^) 
Am Ende des L Jahrhunderts scheinen Gefäße und größere 
Reliefs nicht mehr in dieser Art hergestellt worden zu sein, 
dagegen blühte die Industrie der gläsernen Cameen, Ringsteine 
und Besatzstücke für die Potoria gemmata und andere Luxus- 
geräte weiter. Unter dem „vitrum fahre sigillatum" des Apuleius 



') Mariial lib. 



591 

haben wir wohl nicht mehr Gläser mit Überfangreliefs, sondern 
solche mit geformten zu verstehen/) unter den „homerischen 
Gläsern" der Zeit Neros dagegen wahrscheinlich Krystallbecher 
mit geschnittenen Rehefs.^) Ihren Namen führten diese daher, daß 
sie anfangs mit Szenen aus den homerischen Gesängen geschmückt 
waren. Der Überfang selbst geriet allerdings nicht in Vergessenheit, 
aber an die Stelle der cameenartigen Bearbeitung trat das Opus 
interrasile, die Durchbrechung ä jour und verwandte Tech- 
niken. Man sah der Metalltechnik das Verfahren ab, die Über- 
fangschichte mit durchbrochenen Verzierungen zu versehen, durch 
welche der andersfarbige Grund in malerischem Effekte hervor- 
leuchtete. Die neuere Glasindustrie hat zuerst in Böhmen im 
XVII. Jahrhundert, dann in der Empirezeit auch anderwärts auf 
die antiken Überfanggläser zurückgegriffen, im ersten Falle mehr 
die ornamentalen Durchbrechungen, im letzteren die cameen- 
artige Bearbeitung zu Reliefs nachahmend. Auf einen frucht- 
baren Boden fiel diese Technik namentlich in China, wo schon 
seit dem Mittelalter die Verzierung von Gläsern durch Über- 
fang und dessen Bearbeitung mit dem Schleifrade in virtuoser 
Weise gehandhabt wurde.'") Die in chinesischen Arbeiten ge- 
gebenen Anregungen wurden in neuerer Zeit von Tiffany in 
New -York, Galle in Nancy, Wolfers in Brüssel u. a. raffiniert 
ausgenutzt und fortentwickelt, so daß auch auf diesem Gebiete 
der „Kreislauf der Kunst", von welchem Wickhoff spricht, ge- 
schlossen erscheint. 

Das Opus interrasile in Glas. 

Es kann nicht überraschen, daß die Glasindustrie, die sich 
spielend so vieler dem Ton und den Metallen eigentümlicher 
Techniken bemächtigt hatte, auch vor dem Opus interrasile, 
der durchbrochenen Arbeit nicht Halt machte. Metallplatten 
wurden nicht bloß durch Stanzen, sondern aus freier Hand mit 



^) Apuleius, met. II 19. 

2) Deville S. 40. l'.ei den geschliffenen Gläsern werde ich auf diese Arbeiten 
zurückkommen. 

^) Vgl. die Sammlung chinesischer Gläser des Herrn M. von Brandt im Kunst- 
gewerbemuseum von P>erlin. 



592 

Punzen und schneidenden Werkzeugen durchbrochen und so mit 
Figuren und Ornamenten versehen, die entweder frei sichtbiir 
bheben oder auf einen farbigen Untergrund aufgelegt wurden. 
Diese Art ist sehr hohen Alters/) 

x\n der Spitze der Entwickelungsreihe stehen archaische 
Terrakotten und spätere griechische Arbeiten, Figuren und 
Gruppen, die von Schoene zusammengestellt und von Stej^hani 
durch andere Beispiele ergänzt worden sind.") \'iel häufiger 
sind solche Terrakotten in römischer Zeit, wo sie auch zur 
Bekleidung hölzerner Sarkophage benutzt wurden, während 
Arbeiten in Holz zumeist dem Zahne der Zeit zum Opfer 
geftillen sind. Unter den erhaltenen ist ein durchbrochenes 
Holzrelief des IV. Jahrhunderts vor Chr. in der Eremitage von 
Petersburg erwähnenswert, das Greife im Kampfe mit Tieren 
darstellt. Diese ^Sammlung ist aber besonders reich an durch- 
brochenen Metallarbeiten, namentlich Goldplättchen, mit welchen 
man die Gewänder vornehmer Leichen schmückte, nachdem 
sie vorher bei großen Festlichkeiten auch von den Lebenden 
getragen worden waren. Neben Schmuckplatten in vollem 
Rehef stammen zahlreiche durchbrochene aus den reichen 
Gräbern und Brandstätten der großen Blisnitza in der Krim, 
die dem IV. Jahrhundert vor Chr. angehören. In dem Grabe 
einer Priesterin der Demeter steckte ein prachtvoller goldener 
Kalathos, dessen figürlicher Schmuck in Relief getrieben, an 
den Umrissen ausgesägt und mit goldenen Stiften auf einen ur- 
sprünglich verschieden gefärbten, gleichfalls goldenen Untergrund 
befestigt ist.'^) In anderen Gräbern fand man elf goldene Figuren 
von Satyrn und Mänaden in durchbrochener Arbeit, die ehe- 
mals auf farbiges Leder oder Holz aufgelegt waren*), dann 
einen herrlichen goldenen Halsschmuck, welcher in durchbroche- 
ner Arbeit eine Schaf- und Ziegenherde darstellt.'^) An der Brand- 
stätte der Leiche einer vornehmen Frau lagen achtzehn goldene 



^) Vgl. Stephani, Compte rcndu 1872 S. 144 f. 
2) Schoene, Griech. Reliefs S. 60. Stephani a. a. O. 

^) Stephani a. a. O. 1865 T. I i — 3; ders. Altertümer von Kertsch T. I 2. 
■*) Ders. Compte rendu 1S69 T. I i — 9, 1870 S. 49. Zwei Figürchen von 
Tänzern und Tänzerinnen aus Kertsch s. Schreiber, kulturhist. Bilderatlas T. XX 2, 4. 
5) ibd. 1869 T. I 13 f. 



;93 



Sphinxe von feinster Arbeit und vier goldene Rosetten gleicher 
Art/) Das Grab von Kuloba lieferte von durchbrochenen Gold- 
arbeiten: Zwei Plättchen, welche skythische Reiter, mit dem 
Rücken gegeneinander gekehrt und Pfeile abschießend dar- 
stellen^), ein Plättchen mit einem einzelnen Reiter und zahlreiche 
andere mit Doppelsphinxen, Seeungeheuern, Greifen, geflügelten 
Ebern, Sirenen, Löwen u. a.^) Aus dem Königsgrabe zu Nikopol 
stammt die berühmte .Silbervase, deren Fries in massivem Silber 
gearbeitete Figu- 
ren auf durch- 
brochenem Grun- 
de zeigt und auf 
eine gleichfalls 
silberne Unter- 
lage gelötet ist^), 
ferner mehrere 
goldene Bänder 
mit Tierfiguren 
und Ornamen- 
ten ^) und zahl- 
reiche Bronze- 
geräte , die als 
Feldzeichen und 

Pferdeschmuck dienten.*^) Von geringerer Arbeit sind die Zier- 
stücke des Königsgrabes von Alexandropol, zahlreiche durch- 
brochene Goldplatten mit Tieren und Ornamenten,') Bronzen 
und Eisenbeschläge, die mit dünnen durchbrochenen Gold- 
plättchen belegt sind und gleichfalls als Feldzeichen und 
Pferdeschmuck dienten. ^) 




Abb. 



^58. Becher mit Reigentanz in Hohlschliff. 
Köln, Sammlung M. vom Rath. 



1) Stephani, Compte rendu 1865 T. III 30, 31; T. III 34. 

2) Ders. Antiqu. du Bosphore Cimm. T. XX 6. 
«) ibd. T. XX und XXII. 

*) Ders. Compte rendu 1864 T. I— III. Ders. Die Silbervase von Nikopol 
T. I— IV. 

ö) Ders. Compte rendu 1864 T. V 3. Ders. Recucil d'antiquites scyth: 
T. 38: 5—8, II. 

6) Ders. Recueil d'ant. sc. T. 24 : i, 2, 25, T. 26 : i, 2; T. 27 : i, 28. 

■) ibd. T. 8, T. 12, T. 15, T. 9, T. 10, T. 12. 

S) ibd. T. i : i, 2, 4, 8; T. 3:4. 



594 

Daneben besitzt die Eremitage mehrere Tausende von durch- 
brochenen Goldplättchen, welche zur Verzierung- von Gewändern 
dienten. Sie zeigen Tiere aller Art, Sphinxe, Sirenen, Ornamente 
von schöner Zeichnung und vortrefflicher Durchbildung. Es ist 
uns sogar der Name eines attischen Künstlers, eines Gold- 
schmiedes erhalten, der sich mit solchem Zierrat beschäftigte. 
Er hieß Pammenes. Demosthenes beauftragte ihn mit der Aus- 
führung eines goldenen Kranzes und eines ifiÜTiov SiäxQvffov, 
in dem er bei der Feier eines Dionysosfestes prunken wollte.^) 

Auch in Italien sind durchbrochene Metallarbeiten nicht 
selten. Das größte Stück dieser Art ist die Cista Castellani, in 
deren Silberbekleidung Figuren eingeschnitten sind, unter welchen 
der ehemals gefärbte Goldgrund sichtbar wird.'") Durchbrochene 
Arbeiten in Bronze finden sich zahlreich in Pompeji an Haus- 
gerät verschiedener Art, namentlich an Griffen und Beschlägen: 
das Museum von Neapel besitzt deren eine ganze Reihe. PHnius 
nennt goldene Kronen, die mit Goldplättchen von durchbrochener 
Arbeit verziert waren und spricht auch von durchbrochenen 
x-Vrbeiten in Marmor.'') Diese Verzierungsart ging also von den 
Griechen an die Römer über, die sie zum Teile zu sehr kunst- 
vollen Arbeiten verwendeten, am häufigsten bei Goldschmuck, 
Ohrgehängen, Fingerringen, Gürtelbeschlägen, Hängezierrat ver- 
schiedener Art, auch bei Pferdeschmuck, dem Beschläge von 
Waffen usw.*) 

In einem Grabe an der Luxemburger Straße in Köln wurde 
mit einer Silbermünze Gordians III. ein zierlicher Gürtelbeschlag 



^) Demosthenes, Oratio in Mid. S. 521, 25. 

-) Abgeb. Mon. del instit. VIII 26, i. Schreiber, kulturhist. Bilderatlas T. LXX. 7. 

") Plinius 12, 94: ,, Coronas ex cinnaniono interrasili auro inclusas primus 
omnium in templis Capitoli atque Pacis dicavit Imperator Vespasianus Augustus." 
Von der Verwendung des Marmors zum Opus interrasile spricht er 35, 2: ,,Nunc 
vero in totum a marmoribus pulsa, iam quidem et auro, nee tantum ut parietes toti 
operiantur, verum et interraso marmore vermiculatisque ad effigies rerum et animalium 
crustis." Stephani bemerkt dazu, daß solche Bearbeitung des Marmors noch nicht 
nachgewiesen zu sein scheine. Man braucht aber nur an die durchbrochenen Marmor- 
gitter zu denken, die an Türen und Balustraden nach dem Muster von Bronzearbeiten 
mit geometrischen Durchbrechungen versehen wurden. 

*) Kisa, Bonner Jahrb. 99 s. Funde in der Luxemburger Straße in Köln. — 
Ders. Die römischen Antiken in Aachen, Westdeutsche Zeitschrift XXV i (1906) S. 28, 72. 



aus durchbrochenem Silber g-efunden, der ursprüngUch farbig 
unterlegt war. Durch die Mitte zieht sich ein breiter Streifen 
mit der schwarz niellierten Inschrift AVSOXI VIVAS, der obere 
und untere Teil sind durch Kreisbogen und Rauten in einzelne 
Kompartimente abgeteilt, die mit zierlichem Rankenwerk, teils 
in zentraler rosettenartiger Anordnung, teils in tangential ab- 
gelösten Voluten gefüllt sind. Die Enden der Voluten haben 
meist zurückgebogene Bossen, andere verbreitern sich und es 
entstehen Formen, welche dem Blattwerke sarazenischer Ara- 
besken ähnlich sind. Den Goldschmied Hermehng, dem ich das 
Stück zeigte, setzte die kunstvolle Durchbruchtechnik in Er- 
staunen, er erklärte sie für das Vollendetste, das er in dieser Art 
gesehen und meinte, eine solche Arbeit wäre heute unmöglich, 
da sie niemand nach ihrem Werte bezahlen würde.^) Ähnlich 
ist ein goldener Gürtelbeschlag aus Kleve im Kunstgewerbe- 
museum in Berlin. Da er unvollendet ist, hat man es sicher 
mit heimischer Arbeit zu tun, die in der Werkstatt zurück- 
geblieben war. 

Aber nicht die Technik allein macht das Kölner vStück bedeut- 
sam, mehr noch die Gruppierung und Ausgestaltung des Ranken- 
werkes, die Freude an rein linearen Phantasien, die sich darin 
kundgibt. Die hochentwickelte Behandlung des Flachornamentes 
schien manchem für die Antike fremdartig, und doch ist sie gar 
nicht so selten; schon die vollendete Technik beweist, daß sie 
viel geübt worden sein muß. In fast allen rheinischen Museen 
befinden sich kleine Beschläge von Gürtelschnallen und Schwert- 
scheiden, die ein manchmal freilich sehr einfaches Durchbrechungs- 
muster mit gesägtem Rankenwerk und gegenständigen Blättern 
und Bossen zeigen, bei welchem die Verkleidung mit Akanthus 
vermieden ist und bloß die abstrakte Linie wirken soll. Im Zu- 
sammenhange mit den komplizierteren Arbeiten lehren sie, daß 
sich die spätrömische Kunst für die Flachdekoration des Metalles 
einen Stil zurechtgelegt hat, dessen Anfänge man lange im 
Oriente gesucht hat. 

Köln hat noch einige vorzüghche Beispiele dafür zu ver- 
zeichnen. Aus der ehemaligen Sammlung Thewalt stammen vier 



1) Abb. Bonner Jahrb. 99 T. I 



596 

in der Aachener StralJe zu Köln srefundene Gürtelbeschläg-e 
des Museums Wallraf-Richartz, welche dasselbe Ornamentie- 
rung'sprinzip einfacher, aber in der Arlieit ebenso sor^fälti^ 
zeigen.') An einem Crürtelschmucke der früheren Samm- 
lung Forst, jetzt gleichfiüls im Kölner Museum, erscheint das 
Volutenwerk in filigranartiger Feinheit ohne jede geometrische 
Unterteilung.-) Die Linien sind fast fadendünn, so daß man 
noch mehr als bei den früher genannten Stücken den Eindruck 
einer feinen Spitzenarbeit hat; ein ganz gleiches Beschlagstück 
wurde später in Köhi gefunden und befindet sich ebenfalls im 
Museum A\'allraf-Richiirtz. Ein Fingerring derselben Sammlung 
aus Silber beweist, daß diese Ornamentik nicht nur auf Platten 
Amvendung fand.'^) Ganz ähnliche Durchbrechungen bemerkt 
man auf einem goldenen Fingerringe der früheren Sammlung 
Schallenberg im Kölner Museum und einem gleichfalls goldenen 
Fingerringe des Suermondt-]\Iuseums von Aachen.^) 

Wie diese Ornamentik zum Schmucke von Waffen ver- 
wendet wurde, lehren zwei im Rhein bei Mainz gefundene 
Schwerter. Das eine, sehr reich ausgestattete, ist im Mainzer 
Museum verwahrt, das andere in die Sammlung des Barons Heyl 
nach Worms gekommen. Das Mainzer Exemplar hat eine mit 
Silberblech verkleidete Scheide, auf welcher das Mundstück, drei 
Querspangen und die lange Spitze mit dem Ortbande durch 
aufgelegte vergoldete Bronzeplatten gebildet werden. Die Durch- 
brechungen dieser Beschläge zeigen ein ähnliches zierliches 
Linienspiel. Etwas einfacher sind die Bronzebeschläge der 
anderen, gleichfalls silbernen Schw^ertscheide. Dazu gehören 
noch kleinere Stücke von Waffenschmuck, Beschläge und Metall- 
platten unbestimmter Verwendung, deren Durchbrechungen aus 
Kombinationen einfacher und Sförmiger Voluten, zumeist in 
streifenförmiger Anordnung bestehen; sie finden sich fast in allen 



1) Abb. Bonner Jahrb. 99 T. I 2 — 5. 

2) Abb. ibd. T. I 6. 

3) Abb. ibd. T. I 7 und S. 26 Fig. 4. 

■*) Westdeutsche Zeitschrift XXV. S. 28. Kisa, Führer durch das Suermondt- 
Museum S. 90. Ders. , Aachener Festschrift S. 16. Einige andere Beispiele nennt 
Poppelreuter im Bonner Jahrb. II4'5 S. 366 f. 



597 

rheinischen Museen/) Zu diesen Schmuckstücken ist neuerdings 
als Köhler Fund ein prachtvolles goldenes Armband hinzugetreten, 
ein breiter, von gedrehten Rundstäben eingefaßter, mit Edel- 
steinen in Kastenfassung besetzter Reif, der mit den feinsten 
und zierlichsten Rankenmustern durchbrochen ist. 

Diese Muster sind direkte Vorläufer der orientalischen 
Arabeske. Zuerst hatte sie Friedrich Schneider auf der Mainzer 
Schwertscheide erkannt und geglaubt, daß diese wegen ihrer 
Verwandtschaft mit orientahscher Ornamentik in einer orienta- 
lischen Provinz 
des Römerreiches 
entstanden sein 
müsse. Er war 
dabei von der 
damals herrschen- 
den Ansicht aus- 
gegangen , daß 
die Ornamentik, 
welche ein bloßes 
Spiel der Linien 
in der Fläche 
ohne jede Ab- 
sicht auf plasti- 
sche Wirkung darstelle, etwas spezifisch Orientalisches sei. In 
Wahrheit kennt aber keiner der Kunststile des alten Orientes 
etwas der Arabeske auch nur entfernt Ähnliches. Diese hat sich 
vielmehr erst zu Beginn des Mittelalters aus klassischen Orna- 
mentmotiven, wie sie in der späteren Kaiserzeit an verschiedenen 
Orten auftreten, in den orientahschen Provinzen entwickelt. Ihre 
Vorstufen sind namentlich in der Weberei zu finden, dann in 




Abb. 259. Becher mit Auferweckung des Lazarus in Hohl- 
schliff. Köln, Sammlung M. vom Ralh. 



^) Das Mainzer Schwert ist von Friedrich Schneider, Bonner Jahrb. 75 S. 152 f. 
besprochen. Eine Abbildung davon bei Lindenschmit A. h. V. IV 27, r, des 
Wormser Schwertes ibd. Fig. 3. Beide auch bei Lindenschmit Sohn, Mainzer Museum 
27, 9, 12. Kleinere Ornamente in A. h. V. I 10, 6; II 4, 3, 5 und i, 5, 8. 
Durchbrochene Goldplättchen als Anhänger von Schmucksachen findet man in den 
Museen von Köln, Bonn, Wiesbaden, Aachen u. a. Das Diadem von lieerapfel, das 
Gerhardt Bonner Jahrb. 23, 132 für etruskisch hält, ist nach gewissen Einzelheiten, 
wie Pelten, spätrömisch. 

Kisa, Das Glas im Altertume. 11. 29 



den Schmucksachen und (litterarbeiten des Opus interrasile, in 
Mosaiken und Wandmalereien. Es ist Alois Riegls Verdienst, 
die Wege dieses Prozesses nachgewiesen zu haben, indem er 
darlegte, daß der altorientalischen Kunst gerade das fehlt, was 
das Grundprinzi]> der sarazenischen Ornamentik bildet, nämlich 
die Wellenranke. Sie ist von der Antike nicht aus dem Oriente 
herübergeholt, sondern aus der mykenischen Kunst. ^) 

Eine große Verwandtschaft mit den Durchbrechungsmustern 
rheinischer Metallarbeiten zeigt das wundervolle Flachornament 
der Fassade von Meschetta.-) Die Formen liegen durchweg in 
einer und derselben Ebene, werden aber durch tiefe Unter- 
schneidungen und starke Innenlinien scharf gegliedert und hell 
vom dunklen Grunde herausgehoben. Das Ornament macht 
ganz den Eindruck vergrößerter Filigranarbeit und unterscheidet 
sich von solcher, wie von dem Opus interrasile zwar durch die 
Technik, nicht aber durch die künstlerische Absicht. Das archi- 
tektonische Relief und die ornamentale Kleinkunst sind der 
Ausdruck desselben Kunstwollens, malerische, mit Licht und 
Schatten spielende Flächenverzierung. Es ist sehr beachtenswert, 
daß wir diese Art, gleichzeitig in der Anwendung auf monumen- 
tale Wirkung wie auf kleines Schmuckgerät, in ihrer höchsten Ent- 
wickelung in der Zeit von 250 bis 350 an den entgegengesetzten 
Polen der alten Welt, sowohl am Rhein als im Oriente finden. Das 
graziöse, vollgeschwungene Rankenwerk, das sich aus der kanne- 
lierten Ya.se von Meschetta entwickelt, ist fast genau dem gleich, 
das wir auf dem silbernen Zierbeschlage der ehemaligen Samm- 
lung Forst bewundern. Yon altorientalischen Formelementen ist 
an der Fassade von Meschetta nicht die geringste Spur zu 
finden; freihch gehören die von Ranken umkreisten Flügel- 
greife, Pfauen und andere Vögel der altorientahschen Phantasie- 
welt an, aber ihr Ausdruck bewegt sich völlig in hellenistischen 
Kunstformen. Das Relief ist kaum gerundet, scharf umgrenzt, 
die Umrisse tief unterschnitten, die Innenlinien graviert, so daß 
alle Mitteltöne und Halbschatten fortfallen, Hell und Dunkel 
unvermittelt nebeneinander stehen. Gerade dadurch wird ein 



^) Alois Riegl, Slilfragen. Grundlegungen z. e. Geschichte d. Ornamentik. 1893. 
^) Brünnow und v. Domaszewski, Provincia Arabia. 



599 

optischer Eindruck hervorgerufen, welcher der durchbrochenen, 
auf einen dunklen Hintergrund aufgelegten Arbeit ähnlich ist. 
Auch hier ist das Ornamentierungsprinzip dasselbe, das später 
in dem anmutigen Linienspiele der Arabeske seine schönste Aus- 
bildung erfahren sollte. J. Strygowski versuchte neuerdings 
diesen Stil, der seine Wurzeln in der Antike hat, auf altorienta- 
lische Einflüsse zurückzuführen, welche in spätrömischer Zeit 
über die absterbenden hellenistischen Formen als über eine aus 
der Fremde importierte Kunst obsiegt hätten.-^) Aber der alte 
Orient arbeitet fast ausschließlich mit geradlinigen Formen und in 
sich abgeschlossenen Motiven, welchen das Prinzip fortschreitender 
Bewegung und organischer Wiedererneuerung fehlt, mit Formen, 
die in beliebiger Zahl und Richtung angereiht werden können, 
sich aber nicht logisch aus sich heraus entwickeln. Die Wellen- 
ranke, in welcher sich so recht das antike Prinzip der Erfüllung 
von Kunstformen mit organischem Leben verkörpert, wurde in 
den Wandmalereien von Pompeji durch hellenistische Künstler 
nach Italien verpflanzt und spielt seitdem in der dekorativen Kunst 
der Kaiserzeit eine große Rolle. In Gallien und Germanien 
fand sie den Boden bereits durch einheimische Arbeiten vor- 
bereitet durch die Durchbrechungen der auf kelto-skythische Tra- 
ditionen zurückgehenden Trompetenmuster, welche in rheinischen 
und belgischen Sammlungen keine Seltenheit sind. In Frankreich 
ergaben die Nekropolen von Chassemy (Aisne), Somme Bionne 
(Marne) u. a. Metallgerät mit allerlei schönen Durchbrechungs- 
mustern. Allmählich fand auch in diese Arbeiten der hellenistische 
Dekorationsstil Eingang und führte im III. und IV. Jahrhundert 
zu den auch technisch bewunderungswürdigen Zierstücken, die 
man namentlich, wie erwähnt, im Kölner Museum findet. 

Im allgemeinen ist das Prinzip der Flächendekoration aller- 
dings als ein orientalisches, der griechischen Vorliebe für die 
Reliefdekoration entgegengesetztes anzusehen. Dies ist auch 
der Grund, weshalb der Orient die Flächenornamentik der helle- 
nistischen Kunst so bereitwillig aufnahm und gerade die hier 



^) Strygowski, Der Dom zu Aachen und seine Entstehung. Im Abschnitt 
über die Elfenbeinreliefs am Ambo Kaiser Heinrichs II. — Ders. Jahrbuch d. preuß. 
Kunstsammlungen 1902. 

39* 



6oo 

einschlagenden Elemente \'or den anderen sich aneig-nete und 
weiterbildete. Insofern und nur so allein kann man von einem 
Wiederaufleben der altorientalischen Kunstprinzii)ien auf dem 
kleinasiatischen Boden des Römerreiches sprechen. Ihre weitere 
Entwickelung- im Laufe des Mittelalters besteht darin, daß sich 
die sarazenische Kunst, nachdem sie aus dem Hellenismus die 
rein ornamentalen F"ormen g-eschöpft hatte, auch die org^lnischen 
herübernahm, ihnen jedoch gleichsam das Leben raubte und sie 
zum dekorativen Schema umgestaltete. Aber auch im Westen 
ward die spätrömische Flächenornamentik im allgemeinen, die 
durchbrochene Arbeit im besonderen, ein wichtiges Element 
des Fortschrittes. Sie findet ihre weitere Ausbildung in den 
alemannischen Arbeiten Burgunds, auf ihr beruht der ganze de- 
korative Stil der Merovingerzeit, die irisch-angelsächsische Kunst, 
der Grubenschmelz des frühen Mittelalters. Ja Salomon Reinach 
findet sogar in dem durchbrochenen Spitzenwerke der Gotik 
noch einen Beweis ihrer Lebensfähigkeit.^) So eröffnet die spät- 
römische Kunst bei scheinbarer Barbarisierung der Entwickelung 
eine neue großartige Perspektive. 

Nach diesem Exkurs, aus welchem die Bedeutung der 
durchbrochenen Arbeit in griechischer und römischer Zeit deut- 
lich hervorgeht, wenden wir uns wieder dem Verhältnisse des 
Opus interasile zur Glasindustrie zu. 

Schon zur Zeit der Ptolemäer scheint man begonnen zu 
haben, auch Glasgefäße mit durchbrochenen Verzierungen in 
Gold und Silber zu überziehen.-') Athenäus berichtet von zwei 
xjMw«« vähva öucxqvou, welche in dem bacchischen Triumphe des 
Ptolemäus einhergetragen wurden. Das waren jedenfalls 
in Gold gefaßte Gefäße und nicht solche, deren Masse mit Gold- 
flittern durchsetzt war.'^) Plinius nennt außer den später zu er- 
wähnenden einen in solcher Arbeit erfahrenen Künstler, einen 
Crustarius namens Taukros, der wohl in der Diodochenzeit tätig 
war und wenn auch nicht hauptsächlich Montierungen von Glas, 
so doch ähnliche Arbeiten mit metallischer Unterlage, wie die 



^) Salomon Reinach, Anticiuites nationales. Catalogue du Musee du St. Germain 
en-Laye. Einleitung. 

^) Stephani, Compte rendu 1892, S. 144 f. 

^) Athenaeus V 199 T. „Kai xuXt/.sia oüo ■/.a\ üictXtva ciiäyyj^a. oüo." 



6oi 

berühmten Becher von BHsnitza und Nikopol anfertigte. Wenn 
er angibt, daß diese Technik zu seiner Zeit weniger in Mode 
war, so setzt er sich dabei mit seinen eigenen Worten in Wider- 
spruch, die SilHg folgendermaßen rekonstruiert: „Jam vero et 
mensas repositoriis imponimus ad sustinenda opsonia, interradi- 
mus alia, ut quam plurimum hma perdiderit."^) Ja es gab sogar 
nach Festus Verkaufsläden, die fast ausschließlich solche Ware 
führten.') Auch Cicero und besonders deutlich Juvenal erwähnen 
montierte Trinkschalen.'') 

Blümner nennt Gläser mit Metallmontierung seltene und 
kostbare Produkte.^) Vielleicht waren die Purpurvasen aus Les- 
bos, von welchen der Poet Hedylus berichtet,''*) sowie manche 

1) Plinius 33, 140. 

-) Festus, De signif. verb. S. 53 ed. Müller: „Crustariae tabernae a vasis 
crustatis dictae." 

•^) Cicero nennt bei verschiedenen Gelegenheiten Gefäße mit ,,emblemata" und 
„sigilla", mit ,,crustae und emblemata", womit freilich auch Poloria gemmata, sowie 
solche mit getriebenen Reliefs in einem Stücke gemeint sein können. Er hebt wieder- 
holt hervor, wie viele wertvolle Gefäße, deren technische Beschaffenheit wir uns nach 
seinen Ausdrücken ebenfalls kaum anders denken können, von Verres und seinen 
Gefährten geraubt und zerstört worden seien. Cicero Verr. II 4, 17, 37: ,,A pupillo 
Heio, cui Marcellus tutor est, a quo pecuniam grandem eripueras, scaphia cum 
emblematis Lilybaei utrum empta esse dicis, au confiteris erepta?" 

Ders. Verr. II 4, 22, 48. ,,Apposuit patellam, in qua sigilla erant egregia. 
Iste continuo ut vidit, non dubitavit illud insigne penatium hospitaliumque deorum ex 
hospitali mensa tollere; sed tamen, quod antea de istius abstinentia dixeram, sigillis 
avulsis reliquum argentum sine ulla avaritia reddidit." 

Ders. Verr. 11 4, ::2, 49: ,, argentum ille ceterum purum apposuerat ne purus 
ipse relinqueretur: duo pocula non magna, verum tamen cum emblematis. Hie, 
tamquam festivum acroama, ne sine corollario de convivio discederet, ibidem, convivis 
inspectantibus, emblemata evellenda curavit." 

Ders. Verr. IL 4, 22, 52: ,,ne quem putetis sine ma.ximo dolore argentum 
caelatum domo, quod alter criperet, protulisse. Omnia deferuntur; Cibyratae fratres 
vocantur; pauca improbant; quae probarant, iis crustae aut emblemata detrahebantur." 

Juvenal sagt Sat. V 3: ,, . . . ipse capaces Heliadum crustas et inequales 
berullo Virro tenet phialas" und Paulus (Fand. XXXIV 2, 32): ,,Auro facto adnume- 
rantur gemmae anulis inclusae, quippe anulorum sunt cymbia argentea crustis aureis 
illigata." — Fand. XXXIV 2, 32, I: ,,aurea emblemata, quae in (lapidibus?) aspidibus 
argenteis essent et replumbari possent deberi Gallus ait: sed Labeo improbat." 

*) Blümner IV 404 f. 

^) Hedylus bei .Xthenaeus XI 486: ,,Lesbium, genus vasis caelati a Lesbis 
inventum. 



602 

der in Sorrent erzeug-ten ziselierten \"asen ^) Gefäße von der 
Art, die Festus meint. Nur wenig-e Stücke haben sich er- 
halten. Das eine ist ein Scy])hus aus Blei in der Sammlung Slade, 
jetzt im Britischen Museum, der aus Italien stammt und wahr- 
scheinlich als Modell für einen Goldschmied diente (Abb. 335 a, b). 
Die obere Hälfte ist mit bacchischen Kinderszenen in Relief 
geschmückt, über welchen die Widmung- graviert ist: DOMI- 
TILLAE STATILIO CONIVX. Darunter läuft ein breites Band 
mit dicht gereihten ovalen Durchbrechun- 
gen, welche das azurblaue, im Inneren 
eingeblasene Glas zum Vorscheine kom- 
men lassen."-) An zwei entgegenstehen- 
den Stellen des Randes sind kleine kan- 
tige Henkel angebracht, die durch 
Masken abgeschlossen sind. Den un- 
teren Teil des Bechers nehmen zierliche 
Weinranken in Relief ein. 

Das zweite ist ein prachtvoller Can- 
tharus, der 187 1 in Mzechta, der 24 Werst 
nördlich von Tiflis gelegenen alten Haupt- 
stadt von Georgien ausgegraben und von 
Stephani veröffentlicht wurde. Er bildet 
jetzt eine Zierde der Eremitage von 
Petersburg.-'') (Abb. 208 a, b). — Die 
Cuppa besteht aus Silber, dessen ur- 
sprünghche Vergoldung bis auf geringe Spuren verschwunden 
ist. Der untere, auf einem kurzen gedrungenen Fuße ruhende 
Teil ist plattkugelig ausgebaucht, über ihm erhebt sich der 
eigentliche Körper in ausgeschweifter breiter Trichterform. Seinen 
vornehmsten Schmuck bildet eine Jagdszene in getriebenem, 
an den Rändern ausgesägtem Silber. ^Nlan sieht in der Glitte 
eine Hirschkuh, hinter ihr einen Hirsch mit hocherhobenen 
Vorderbeinen nach rechts eilend, verfolgt von einem Reiter mit 




Abb. 260. Siegesbecher aus 
Sidon. In einer Hohlform ge- 
blasen. New York, Metropo- 
litan-Museum. 



^) Hg bei Lobmeyr S. 13 f. Vgl. übrigens Seite 590. 

^) Vgl. Gerhardt, Antike Bildwerke T. 87. Das Stück wurde in Murano 
nachgeahmt. 

'') Stephani. Compte rendu 1S72 S. 144 f. T. II i — 3. Darnach ist unsere 
Abbildung hergestellt. 



6o3 

kurzem Mantt-l und 1 lalbstiefeln, den linken Arm mit einem 
Rundschilde bewehrt, die Lanze nach einem Löwen zückend, 
der ihn auf der Jagd nach den beiden Hirschen unterbrochen 
zu haben scheint und zur Verteidignng zwängt. Rechts vor den 
Hirschen geht ein bärtiger Mann in gleicher Tracht wie der 
Reiter einen Eber mit dem Spieße an, der sich ihm von rechts 
entgegenstellt. Pappelartige Bäume füllen den Hintergrund, nur 
hinter dem Eber und dem Löwen findet sich dichteres Gebüsch, 
dort großblätterige palmenartige, vom Boden aufsteigende Blatt- 




Abb. 260a. Aufrollung des vorigen. 



wedel, hier verästelte Bäume mit herzförmigen Blättern. Die 
Erhöhungen des Bodens sind geschickt zur Verbindung mit den 
Figuren ausgenutzt. Die Ausschnitte des Reliefs sind mit einem 
von innen eingeblasenen Glaskörper von dunkelvioletter Farbe 
ausgefüllt, das sich allen Vertiefungen des Silberreliefs anschmiegt 
und diese auch dort wiedergibt, wo Stücke der Montierung fehlen, 
so daß diese danach leicht zu ergänzen sind. Die abgebrochenen 
Teilchen sind übrigens ganz geringfügig. Die Komposition ent- 
spricht den zu Ende des IL und Anfang des IIL Jahrhunderts 
sehr beliebten Jagdszenen; sie ist sehr lebendig, vortrefflich in 
Zeichnung und Ausführung, wahrscheinlich einem griechischen 
Silbergusse nachgeahmt. Die Ausrüstung des Löwenjägers mit 
dem runden Schilde ist ebenso eine Zeitlang üblich gewesen, 
wie die pappelartige Bildung der Bäume. Über den Jagdfries 
läuft ein Band mit kleinen konkaven, schüsseiförmigen Rosetten 
dahin, die an der Rückseite durch flache Ringe verbunden sind. 



6o4 

Auch hier ist cUis Ornament durchbrochen, so daß der dunkle Glas- 
einsatz hindurchsieht; ebenso der bauchige untere Teil, welcher 
durch Zwickel gegliedert ist, wobei die Zwischenräume durch Herz- 
voluten gefüllt erscheinen, die auseinander her^iuswachsen und 
durch angesetzte Akanthusblätter mit den Zwickelbändern \er- 
bunden sind. Die geschwungenen Henkel bestehen aus zwei 
dünnen Silberfäden, die am oberen Ansätze geflochten, am 
unteren eingerollt sind und eine kleine Rosette tragen. Die 
Jagdszene, ganz im .Sinne jener späten Zeit komponiert, erinnert 
an die berühmten Gefäße des Akragas, dessen Lebenszeit leider 
nicht genau festzustellen ist.^) 

Von ähnlicher Arbeit ist der kostbare Kugelbecher, der 
1876/77 in Varpelev (Amt Presto) auf Seeland mit Münzen des 
Probus (276 — 282) gefunden wurde und im Museum von Kopen- 
hagen verwahrt wird.-) (Abb. 209.) Es ist eine dunkelblaue Glas- 
schale in einer Fassung von getriebenem und durchbrochenem 
Silber, das zwei Drittel des Körpers bedeckt. Das Silber ver- 
tritt hier die Stelle eines weißen Überfangglases, aber die Wirkung 
ist noch reicher und glänzender. Unter dem Rapde ist zwischen 
«inem Wellenbande und zwei gedrehten Reifen die Inschrift 
EYTYXWC ausgeschnitten, hinter welcher das Glas zum Vor- 
scheine kommt. Darunter ist ein reiches, gleichfalls durchbrochenes 
Ornament aus Rosetten, Weinranken, Efeublättern und Bluraen- 
büscheln angebracht, das von geperlten Rauten eingefaßt ist. 
Die mit Gold eingelegten Henkel ähneln in der Form denen 
alexandrinischer Silberbecher, z. B. von Bosco Reale. Das 
Ganze ist eine ebenso reiche wie geschmackvolle Arbeit, die 
griechische Tradition verrät und wie die vorige wohl in 

^) Plinius scheint auf Kunstwerke dieser Art in der Stelle 32, 154 anzuspielen: 
,,Proxumi ab eo in admiratione Acragas et Boethus et Mys fuere. Extant omnium 
opera hodie in insula Rhodiorum, Boethi apud Lindiam Minervam, Acragantis in 
templo Liberi patris in ipsa Rhodo Centaurus Bacchasque caelati scyphi, Myos in 
eadem aede Silenos et Cupidines; Acragantis et venatio in scyphis magnam famam habuit." 

") Sophus Müller, Nord. Altertumskunde II S. 84. Führer d. d. dänische 
Museum III 262, 56a. Abbildung bei Engelhardt, Aarböger 1877 S. 354 = 
Memoires de la societ^ roy. des antiquaires du nord 1878 — 1883. Vgl. auch Willers, 
Bronzeeimer von Hemmoor. P'roehner S. 93. Bohn Cil. .XIII. Germania magna 
(Instrumentum domesticum) Nr. 10047. Der Glückwunsch sutu/w; (zum Heile) oder 
zlxxtyi kommt auch auf Ringen und Gemmen vor. 



6o5 

Griechenland entstanden ist, woher sie auf einem der bekannten 
Handelsweg-e vom Pontus nach Norden gekommen ist. 

Hierher gehört auch eine Büchse aus farblosem Glase in 
der Sammlung Beugnot in Paris, die an der Porta Salara in Rom 
gefunden wurde. Sie ist in der Mitte in zwei Hälften geteilt, 
von welchen jede einen silbernen Klappdeckel hat. Auf der 
Oberseite dieser Deckel ist eine Zirkusszene graviert, vier Amoren 
als Wagenlenker. Der Grund um die Figuren ist vergoldet. 
Die Büchse enthielt die ersten Barthaare eines jungen Mannes, 
die ersten Zeichen der Mannbarkeit, deren Entfernung bekannt- 
lich mit einer Feierlichkeit verbunden war.^) Einfacher ist ein 
Scyphus aus grünlichem Glase im Museum von Ronen, der am 
Rande und am Boden von sägeartig gezackten Bronzereifen ein- 
gefaßt und mit einem Henkel aus Bronze versehen ist (Abb. 210). 
Ein Napf desselben Museums aus farblos durchsichtigem Glase 
hat einen runden Glasdeckel mit silbermontiertem Knopf, der 
die Form einer eirunden Beere auf vier Blättern hat; der Knopf 
entwickelt sich aus einem flachrunden kannelierten Buckel.^') 

Eine späte Gestaltung des Opus interrasile lernt man in 
der vSt. Silvester gewidmeten Hängeampel kennen, die de Rossi 
im Bull, archeol. crist. 1890 T. X veröffentlicht. Sie hat die 
Form einer flachen Halbkugel (einer Mütze), zeigt in der Mitte ein 
Band mit der gravierten Widmung >ß SANCTO SYLVESTRIO 
ANCILLA SVA VOTVM SOLVIT und ringsum ein flaches 
Gitterwerk aus Kreisen, die teils leer, teils mit Kreuzen und 
Rauten gefüllt sind, sowie aus schuppenartig übereinander ge- 
stellten Halbbogen, wie man sie auch an den Bronzegittern des 
Münsters von Aachen findet. Jedenfalls hatte die Ampel einen 
Einsatz aus farbigem Glase. 

Ursprünglich diente die metallische Fassung nicht nur zum 
Schmucke, sondern auch zu praktischen Zwecken. Der Metall- 
mantel sollte einerseits, wie bei unseren Punschgläsern, das 
Anfassen der Gefäße erleichtern, wenn sie mit heißer Flüssigkeit 



1) Vgl. S. 338. Außerdem Raoul Rochette, Peintures inedites S. 663. T. VIII 5. 
Froehner S. 93 not. 3. 

-) Deville T. 43 H und 43 G S. 55. Der antike Ursprung des letztgenannten 
Stückes scheint mir übrigens, nur nach der Abbildung bei Deville zu urteilen, nicht 
über jeden Zweifel erhaben. 



6o6 

gefüllt waren, andererseits den Bruch hindern oder bereits ein- 
getretenen wieder reparieren. Das Motiv mögen Umspinnungen 
mit Bast oder einem Drahtgeflecht ergeben haben, wie es noch 
heute in den Drahtbindereien Österreichs und der Balkanländer 
bei Ton- und Glastöpfen üblich ist und von den ganz Europa 
durchziehenden slowakischen Drahtbindern und Zigeunern aus- 
geübt wird, unter welchen sich ja manche sonst ausgestorbene 
antike Technik erhalten hat. Netzförmig durchbrochene Mäntel 
finden sich schon in der altori(Mitalischen Keramik; das assyrische 
Museum in London bewahrt zwei grün glasierte Vasen dieser 
Art, auch der ägyptischen Keramik waren sie nicht unbekannt. 
Die Chinesen bildeten sie in Steinzeug und Porzellan, dann 
auch in geschnittenem Glase nach und stellten so rosetten- und 
gitterförmig durchbrochene Gefäße her, in welche ein kleineres, 
andersfarbiges Glasgefäß gestellt ist. 

An solche Arbeiten aus verschiedenen Materialien müssen 
wir anknüpfen, um die berühmtesten Schöpfungen der antiken 
Glasindustrie zu verstehen, welche man seit Winckelmann gewohnt 
ist. als Vasa diatreta zu bezeichnen. Es sind meist Kugel- 
becher, deren Außenseite zur unteren Hälfte oder bis zu zwei 
Dritteln ein gläsernes Netzwerk umgibt. Die Maschen des Netz- 
werkes erinnern an Drahtgeflecht. Sie sind kreisrund (manchmal 
oval oder sechseckig), dünn und flach zugeschnitten, dabei an den 
Stellen, wo sie sich berühren, mit rosetten- oder maschenartigen 
Bünden versehen, die gleichfalls flach gehalten und blattartig 
graviert sind. Mit dem Glaskörper hängt das Netzwerk, welches 
auch den abgerundeten Boden umgibt, nur mittels feiner Stifte 
zusammen. Unter dem Rande läuft gewöhnlich eine Inschrift, 
deren Buchstaben, wie das Netz, frei gearbeitet und durch Stifte 
oder Stege mit dem Glaskörper verbunden sind. Dieser besteht 
immer aus farblosem Glase, während das Netzwerk, die Inschrift 
und die verbindenden Stege manchmal aus farbigem Glase her- 
gestellt sind. Zum Aufstellen bediente man sich goldener oder 
silberner Untersätze, der Engytheka.^) Nur wenige dieser kost- 
baren Arbeiten sind auf uns gekommen:"-) 

^) In den Anmerkungen zu Winckelmanns Kunstgescliichte III 293 „i^fjdT^y.r" . 

-) Die bekannten geschliffenen Netzgläser sind aufgezählt bei Marquardt a. a. O., 

Kraus, Realencyklopädie, Froehner S. 87 f. (unvollständig), C. Friedrich im Sprechsaal 



6o7 



1. Der sogenannte Becher Neros in der Sammlung des ]\Iar- 
chese Trivulzio in Mailand, gefunden 1725 bei Novara^) (Abb. 224). 
Er ist von schlanker eirunder Form, farblos und leicht irisierend, 
ungefähr 1 3 cm hoch, an der Öffnung 8 cm breit. Das zwei Drittel 
des Körpers umgebende Netzwerk ist hell-kobaltblau, die In- 
schrift unter dem Rande BIBE VIVAS MULTIS ANNIS smaragd- 
grün. Die Länge der Stifte, welche diese mit dem Glaskörper 
verbinden, beträgt 3 mm, die 
Länge der am Netzwerke i cm. 

2. Ein eirunder Becher aus 
farblosem, opalartig irisieren- 
dem Glase, gefunden 1875 zu 
Daruvar in Slavonien, jetzt im 
kunsthistorischen Hofmuseum in 
Wien (Abb. 223). Er ist etwa 
12 cm hoch und 9 cm breit. 
Das Netzwerk und der Rest 
der Inschrift FAVENTIB . . be- 
stehen aus demselben Glase wie 
der Kern.'-) 




Abb. 261. Etruskischer Bronzespiegel 
mit Gravierung. (Mars und Venus.) 



1881 Nr. I — 4, ders. in der Wartburg, 
Zeitschrift des Münchener Altertumsvereines 
1876, Nr. 1, 2; 1877 Nr. 8, E. aus'm 
Weerth im Bonner Jahrb. 59 S. 69 f., Kisa, 
Sammlung M. vom Rath S. 79 f.; ders. 
Vasa diatreta in der Zeitschr. f. christl. 
Kunst 1899 Nr. i — 3 u. a. 

^) Veröffentlicht von Amoretti in den Anmerkungen zu Winckelmanns Kunst- 
geschichte III 293 und von Marchese d'Adda, Richerche sulle arte e suU'industria 
romana 1870. S. 28 T. I. .'\bbildung auch bei Deville T. 33b, aber mit unrichtigen 
Farben. Der Becher war zuerst im Besitze Everardo Viscontis' und kam dann in 
den des Abbate Carlo Trivulzio. Ein bei Winckelmann sonst noch erwähnter Netz- 
becher im Besitze von H. Reiffcnstein ist nicht aufzufinden; wahrscheinlich beruht 
die Nachricht auf einem Irrtume. 

-) Die Inschrift wird von Arneth (Die antiken Cameen des k. k. Münz- und 
Antikenkabinets, T. 22, 4 Abb.) ergänzt zu ,,Faventibus amicis''. De Rossi schlägt 
dagegen vor: ,,Faventibus diis" (Bullet. 1873 S. 152, Französ. Ausgabe unter d. T. : 
,,Cimetiere chretien sur terre pres de Treves. De quelques verres insignes et d'une 
famille rh6nane de vases de cette espece)." Froehner vermutet (S. 98) ,,Dis faventibus." 
Zur Arbeit ist ein massiver Krystallbecher ohne Überfaug benutzt. Buchstaben und 
Netzwerk liegen in einer Fläche. Bei den Stegen sind die Unterschneidungen und die 



6o8 

3. Ein Becher \ on 1 ialbkugelform aus farblosem Glase, ge- 
funden 1869 bei Hohensülzen (Hessen) in einem Sarkophage zu 
Füßen des Skelettes (Abb. 222). Er war zerbrochen; der kleinere 
Teil der Bruchstücke kam in das Museum in Alainz, der größere 
in das Bonner Provinzialmuseum, wo sie wieder zusammengesetzt 
wurden. Der Becher war von ungewöhnlicher Größe, 1 5 cm 
hoch, 2 1 cm breit. Das Netzwerk, welches mehr als zwei Drittel 
des Gefäßes umzieht, ist gleichfalls farblos, oben aus eirund 
erweiterten, in der Mitte und unten aus kreisförmigen Maschen 
zusammengesetzt. Eine Inschrift war nicht angebracht. ^) 

4. und 5. Zwei Kugelbecher aus farblosem Glase, gefunden 
1844 in der Benesisstraße zu Köln in zwei Steinsarkophagen, 
zu Häupten der Gerippe von männlichen Leichen (Abb. 221, 220). 
Beide hatten noch Münzen im Munde, von Traian die eine, die 
andere vom jüngeren Constantin. Der größere von beiden 
Bechern, 12 cm hoch und 10 cm breit, wurde für 800 fl. von 
König Ludwig I. für das Münchener Antiquarium angekauft, 
der kleinere, etwa 10^2 cm hoch und 8^/2 cm breit, kam in das 
Berliner Museum. Das Netzwerk ist an beiden farblos und in 
derselben Art, offenbar von einer Hand gearbeitet. Das Münchener 
Exemplar trägt die Lischrift BIBE MVLTIS ANNIS das Berliner 
die griechische nie ZHCJIC KA.liec:-) 



Art der Rädchenarbeit noch heute ganz deutlich, auch an mehreren Stellen hinter 
dem Netz erkennt man die Spuren des Rades und der Abschleifung. Der Becher 
wurde 1790 durch Chevalier Bossi in Daruvar erworben und kam 1785 in das 
Wiener Antikenkabinet. Vgl. auch Sacken und Kenner S. 459. d'Adda S. 30. 
Cill. II 1637. 

^) Der Becher von Hohensülzen wäre, wenn ganz erhalten, der größte von allen. 
Der Sarg, in dem er gefunden wurde, bestand aus rotem Sandstein, dessen Fugen mit 
Kalk ausgegossen waren. Die übrigen Beigaben deuteten sämtlich auf das IV. Jahrhundert. 

-) Urlichs, Bonner Jahrb. 5, 377 mit Abb. Lersch ibd. 44. Kraus, Christi. 
Inschriften d. Rheinlande I 298. Froehner 89, 116. E. aus'm Weerth, Bonner Jahrb. 
59, 64 f. CiL Xlll 247. Richtig lautet die Inschrift des Berliner Exemplares 
::€ ZHCAIC KAAto:: Lersch und Urlichs sahen am Ende ein Sigma, es stehen 
aber, ebenso v/ie vor dem Anfangsbuchstaben € nur vier kurze Stifte vor, an welchen 
ursprünglich ein Buchstabe hing. Bei dem Münchener Exemplar schliei3t die Inschrift 
anstatt mit einem Punkte mit einem I-Strich (Bohn, CiL XIII 200). Bemerkenswert 
ist hier die Form des unteren Abschlusses. Die vier Stifte an der Spitze gehen 
radiär zusammen; die beiden mittleren sind mit einem wagerechten, die beiden nebenan 
mit etwas schräge gestellten Stiften verbunden. 



6o9 

6. Ein Kugelbecher aus farblosem Glase, gefunden 1845 
in Szeksard in Ungarn, aufbewahrt im Nationalmuseum zu Pest- 
Ofen (Abb. 229 a, b). Er ist 12 cm hoch und 15^/2 cm breit. Von 
den früher genannten unterscheidet er sich dadurch, daß er kein 
Netzwerk hat, sondern nur eine Inschrift, welche die Mitte des 
Körpers umgibt und darunter einen durchbrochenen Kragen. 
Er bedurfte keines Untersatzes, sondern steht, ähnlich den Fisch- 
gläsern in Trier, Köln und im Vatikan, auf drei schön ge- 
formten Schnecken und gleich viel Delphinen mit aufgesperrtem 
Rachen. Die Tierfigürchen sind für sich geblasen und an das 
Gefäß angesetzt. Die Inschrift ist fragmentiert, ABIB . . . OIMBNI 
nie ZHC . IC und wahrscheinlich zu ergänzen .lelßs w lloi^isn 
nis ^i^onig, d. h. „Bringe die Spende, o Poimenis, trink und sei 
glücklich!" ^) 

7. Ein eimerartiges Gefäß unbekannter Herkunft im Schatze 
von S. Marco in Venedig (Abb. 226, 227). Es ist eine Situla aus 
grünlichem Glase, von konischer, nach oben erweiterter Form, 
25 cm hoch, 19 cm breit, mit einem Bronzehenkel versehen. 
Das Netzwerk, welches die untere Hälfte umgibt, ist von dem- 
selben Materiale wie der Kern und besteht aus sechseckigen 
Maschen, zwischen welchen kleine Rauten angeordnet sind. Den 
oberen Teil nimmt eine Jagdszene in Hochrelief ein, zwei Reiter 
und Hunde, die einen Panther verfolgen. Der Boden ist flach 
und ohne Netzwerk. Eine Inschrift war nicht angebracht. ■) 

8. Ein Kugelbecher aus farblosem Glase, in der Sammlung 
Cagnola in Mailand, 13 cm hoch, 11^/2 cm breit (Abb. 228). Er 
ist nicht von Netzwerk, sondern von einer eigenartigen Hülle aus 
farblosem Glase umgeben: Vier breite geriefte Pilaster mit Kapi- 
tellen biegen sich um die Rundung des Gefäßes, unten durch 
eine kleine Platte, am Rande durch einen gezahnten Reifen 
verbunden. Zwischen ihnen sind ziemlich roh gezeichnete tragi- 
sche Masken ausgeschnitten, die mittels gewundener und geriefter 



^) Romer, Das ungarische Nationalmuseum. Mitt. d. Central-Commission 1S57 
S. 223; 1S58 S. 26. A. V. Kubinyi, Szekszarder Altertümer, Fest 1857, T. III. 
Friedrich in d, Wartburg a. a. O. und Bonner Jahrb. 60, 160. Froehner S. 9S 
glaubt nicht an die Richtigkeit der Lesung und verspricht eine bessere vorzuschlagen. 

-) Abb. Bonner Jahrb. 59, 68. Deville T. 34, 35. Zanotto, Venezia e sue 
lagune II. 2, 28. d'Adda S. 25. 



6io 

Streifen an die Pilaster und die oberen Reifen anschließen. Der 
Becher stammt ansJfel:)Hch aus .Sardinien.^) 

Außer diesen acht, mehr oder weniger gut erhaltenen, 
Diatreten gibt es noch mehrere Bruchstücke von solchen, sowie 
einige sehr bemerkenswerte, ihnen technisch nahestehende 
Arbeiten. Das Ungarische Nationalmuseum erwarb, wie mir 
Professor J. Hampel mitteilt, vor ungefähr lo Jahren ein im 
Komitate Feyer aufgefundenes Becherfragment aus farblos-durch- 
sichtigem Krystallglase, das auf eine von den bisher beobachteten 
abweichende Gefäßform schließen läßt. Der Becher dürfte, wie das 
silbermontierte Gefäß der Eremitage von Petersburg mit der Jagd- 
szene, im oberen Teile leicht ausgeschweifte zylindrische Gestalt 
gehabt haben, während sich der untere zwiebeiförmig verbreiterte 
und vielleicht von einem Stengelfuße getragen wurde (Abb. 230). 
Aus dem oberen Teile ist ohne Cberfang, aus dem Vollen, eine grie- 
chische Inschrift in großen Buchstaben ausgeschliffen, welche oben 
und unten mit dem Gefäßkörper zusammenhängen, dazwischen 
aber Losgelöst sind. Man liest deutlich den Rest des Spruches 
/■ . . . SEE wobei von dem Anfangsbuchstaben LI nur ein Teil, 
die erste Hasta mit dem oberen Ansätze der zweiten stehen 
geblieben ist. Auf dem fehlenden Stücke der Rundung ist lEZE 
zu „Piezeses" zu ergänzen. Der untere Teil ist durch schmale, 
dicht gereihte Durchbrechungen in Linsenform gitterartig ge- 
gliedert. "-) 

Das Österreichische Museum in Wien besitzt ein angeblich 
aus dem Römischen stammendes Bruchstück von farblosem 
Krystallglase, an welchem anstatt des Netzwerkes flache Bügel 
aus lasurblauem Glase angebracht und durch etwa 4 mm lange 
Stege mit dem Körper verbunden sind (Abb. 232.") 

Ein Stück eines Bechers aus Krystallglas bewahrt die 
Antikensammlung des ITofmuseums in Wien. Es zeigt den Rest 



1) Collection Cagnola. d'Adda S. 35, T. II. 

-) J. Hampel, Archaeologiai Ertesitö 1899 S. 16 — 18. 

^) Von der Seite betrachtet erscheint die eine Hälfte der Stege farblos, die 
andere lasurblau. Daraus geht hervor, daß die Bügel aus dem Überfange heraus- 
geschliffen sind, wobei zugleich von der unteren Krystallschicht die Oberfläche ab- 
gearbeitet wurde. Zu den verbindenden Stegen wurde sowohl Überfang wie Grund- 
slas benutzt. 



6ii 



einer Inschrift . LLVR (Abb. 231). Ein eij^-entliches Diatretum 
ist es nicht, denn die Buchstaben, in sehr hohem Relief 
ausgeschnitten, sitzen mit der ganzen Fläche auf dem Glaskörper 
auf. Vielleicht ist die Unterarbeitung ursprünglich beabsichtigt 
gewesen, jedoch schließlich unterblieben.-^) 

Ähnliche Arbeit zeigt eine violette Glasscherbe im Museum 
der Diocletiansthermen in Rom. ^) Aus der dicken Wandung ist 
ein Eierstab in Relief herausgeschnitten; darunter findet man in 
derselben Technik den Rest 
einer Inschrift /N 3 3 d. h. 
linksläufig „ Cena . . . " . Das 
Berliner Museum besitzt das 
Bruchstück eines Bechers 
aus Krystallglas, auf wel- 
chem sich unter dem Rande 
der Rest einer Inschrift 
LEE d. h. ZES ais erhalten 
hat. Die Buchstaben sind 
gleichfalls in Hochrehef 
herausgeschnitten. Auf der 
Versteigerung der Samm- 
lungDisch wurde von Rollin 
in Paris für 1760 eine Ku- 
gelflasche aus Krystallglas 
erworben, welche später in 
das Britische Museum über- 
ging. Sie ist mit einem ganz kurzen Halse versehen und mit 
geschnittenen Ornamentbändern bedeckt, welche in der Mitte 
einen breiten Reif mit der zweizeiligen Inschrift 

nie ZHCAic Aei 

PN ATAeiC (anstatt ArAeOlC) 
freilassen. Auch hier sind die Buchstaben in Relief ausge- 
schnitten. Der Glückwunsch Z e s a i s oder Zeses = vale. 




Abb. 262. Schale mit Neptun. Aus Köln. 
Perlin, Museum. 



^) Der Becher war wahrscheinlich zylindrisch und unten gerundet. .A.uch hier 
ist die obere Schicht eines dickwandigen Gefäßes durch Bearbeitung mit dem Rädchen 
und Schliff verdünnt und auf einzelne größere Buchstaben reduziert. Bei der Unter- 
suchung mit der Lupe zeigt die Oberfläche deutliche Spuren der Schleifarbeit. 

'-) Cil XV 7014. 



6l2 

war im III. und IV. Jahrhunderte besonders bei Christen sehr 
behebt. ') 

Die Technik des Rehefschnittes wurde auch sonst häufig 
angewendet, so bei den Amphorisken mit Lotusschmuck, welche 
mehrere Reihen aufgelegter Blätter und Knospen zeigen. Näher 
als diese später noch zu erwähnenden Arbeiten stehen den 
Diatreten Gläser mit figürlichem Reliefschmucke, zu welchen 
w^ihrscheinlich die sog. Homerischen Becher des Sueton und 
Plinius zu rechnen sind. Sie waren zu Neros Zeiten üblich und 
wurden so benannt, weil sie mit Szenen aus den Heldengesängen 
Homers und wohl auch mit anderen Darstellungen aus dem 
Götter- und Heroenmythus verziert waren. Sueton berichtet, 
daß Nero zwei von ihnen bei der Nachricht von der Empörung 
Galbas aus Wut zertrümmerte: „Duos scyphos gratissimi usus, 
quos homericos a caelatura carminum Homeri vocabant, solo 
illisit."-) Diese Becher, die der Kaiser zu Boden warf, so daß 
sie zerbrachen, bezeichnet Plinius ausdrücklich als Krystall- 
arbeiten: „Duos calices crystallinos in suprema ira fregit." Da- 
nach waren es geschliffene Krystallgläser, wobei freilich noch die 
Frage offen bleibt, ob bei ihnen Hohlschliif oder Reliefschliff 
zur Anwendung gekommen ist. Ich möchte letzteres annehmen 
und sie zum Unterschiede von den späteren zahlreichen Arbeiten, 
die namentlich aus rheinischen Werkstätten hervorgingen, jenem 
merkwürdigen Becher der Sammlung Lord Lionel Rothschilds 
an die Seite stellen, den Froehner als eines der wunderbarsten 
Gläser des Altertumes bezeichnet (Abb. 233).'^) Er stammt aus 
Italien und gehört dem Stile und der Technik seines Reliefs 
nach gleichfalls der Wende des III. und IV. Jahrhunderts an. 



^) Vgl. E. aus'm Weerth im Bonner Jahrb. 71 S. 124 T. VI und Dalton, 
Catalogue of early Christian antiquities of the British Museum S. 131. 

"^) Sueton im Leben Neros. 

") Froehner S. 90. Michaelis in Annali del'inst. 1872 S. 257 ibd. 1845 S. II4. 
Eine Photographie bei de la Motte, Choice examples, London 1851. Nesbitt, Cata- 
logue of the glass vessels in the Kensington-Museum Einleitung S. 33. Mir selbst 
war es leider nicht möglich, den Becher zu untersuchen. Mr. Archer, Lord Roth- 
schilds Sekretär, teilte mir mit, daß es jetzt unmöglich sei, das Stück herauszufinden. 
Es war früher jedoch längere Zeit im Kensington-Museum ausgestellt, wo es von Sir 
Augustus Franks und anderen Fachleuten studiert wurde. Unsere Abbildung ist nach 
der früher genannten, schwer zugänglichen Photographie hergestellt. 



Tafel X 




KOl'FClLAS 

Gallisch, 111. Jahrluindcil nach Chr. 

Köln, Sammluni; Xieüen 



Zu Seite ij6 



6i3 

Das Glas ist olivgrün und wenig durchscheinend, nimmt aber 
bei einfallendem Lichte eine tief rubinrote Färbung an, welche 
stellenweise zu Amethyst -Violett variiert. A. Franks bemerkt, 
daß es wahrscheinlich mit Kupfer gefärbt sei, jedoch bei zu ge- 
ringem Hitzegrade, so daß die beabsichtigte Rubinfarbe nicht 
völlig sich entwickeln konnte; es ist aber immerhin mög- 
lich, daß dieses farbige Doppelspiel mit Bewußtsein durch ein 
ungewöhnUchss Experiment im Glasofen herbeigeführt wurde. 
Um die Rundung ziehen sich in stark vortretendem Hoch- 
relief fünf Gestalten. In der Mitte sieht man einen Riesen mit 
wildem Haar und Bart, nackt, nur mit der Endromis, dem Ge- 
w^ande der Schnelläufer bekleidet; er ist mit Weinreben um- 
schlungen, Beine und Handgelenke gefesselt. Seinen Händen 
ist ein Beil entglitten. Das verzerrte Antlitz verrät Angst und 
die ohnmächtige Anstrengung sich seiner Bande zu entledigen. 
Man hat in der Gestalt den König Lykurgos erkannt, der die Ge- 
fährten des Bacchus getötet hat und nun dafür von dem erzürn- 
ten Gotte gestraft wird. Eines der Opfer des Königs, die Nymphe 
Ambrosia, liegt hinter ihm ausgestreckt und scheint des Gottes 
Hilfe zu erflehen. Auf der anderen Seite sieht man den jugend- 
lichen Bacchus mit Dythyrsus und Jagdsandalen, ihm zu Füßen 
emen Panter. Seine beiden Gefährten, Pan und ein junger Satyr, 
folgen ihm tanzend, letzterer mit einem Schäferstabe in Händen. 
Froehner, welchem es vor einigen Jahren möglich war das Stück 
zu untersuchen, erklärt, daß dessen Technik nicht ihresgleichen 
habe. Obgleich die Figuren dem Körper der Vase anhaften, 
sind sie fast ganz rund herausgearbeitet. Die meisten sind 
aber nicht, wie er meint, auf der Rückseite hohl, was auf die 
Herstellung durch Blasen in einer Hohlform deuten würde, son- 
dern massiv aus dem Körper der Vase herausgeschliffen und 
an den Rändern tief unterschnitten. Einzelne besonders stark 
hervortretende Teile des Rehefs, wie die ganze Figur des 
Panthers, der auf unserer Abbildung vor der Gestalt des 
Bacchus sichtbar wird, sind frei für sich geblasen und mittels 
verbindender Stege an das Gefäß angesetzt. Solche Stege, genau 
wie bei den Diatreten, bemerkt man auch als Stützen frei ge- 
schnittener Teile, wie an der Draperie, die vom rechten Arme 
des Gottes herabhängt, dem rechten Arme und erhobenen Fuße 

Kisa, Das Glas im Altertume. II. 40 



6i4 

des Satyrs hinter ihm ii. a. Die Teclinik des g-eschnitttMieii 
Reliefs mit ihren starken l'nterarbeitung-en erinnert an die Jag-d- 
szene der Situla von S. Marco, der es auch stilistisch nahesteht; 
man beachte nur die Übereinstimmung- in I^inzelheiten, wie die 
Bildung der flatternden Ge\vandzi])fel. Wenn die Stege dem 
Becher eine .Stelle bei den Diatreten zuweisen, so bringen die 
frei geblasenen und für sich aufgesetzten Teile des Reliefs 
ihn andererseits dem Becher von Szeksard, den Konchilien- 
bechern, den Gläsern mit aufgesetzten Fischen und Schnecken 
nahe. Stilistische Gründe machen es wahrscheinlich, daß das 
seltsame Werk in der Blütezeit der geschhffenen Netzgläser und 
in einer Werkstatt Kleinasiens entstanden ist. 

Aus Abbildungen und Beschreibungen kennen wir das 
Diatretum, welches 1826 zu Straßburg in einem Steinsarge am 
Weißenburger Tore gefunden wurde, bis 1870 im Besitze der 
dortigen Bibliothek war, aber zur Zeit der Belagerung spurlos 
verschwand (Abb. 225). Es war ein milchfarbiges Gefäß von 
schlanker Eiform, das bis zum Rande in einem purpurfarbigen 
rundmaschigen Netze steckte und darüber in smaragdgrünem 
Glase den Rest der Inschrift XIM . . NE AVGV . . . auf- 
wies, die Sa/vc (oder vivas, bezw. iniiltis niiiiis) Maximiane Au- 
guste zu ergänzen ist. Der Becher war von gleicher Farben- 
pracht und gleicher Arbeit wie der bei Tri\ulzio befindliche und 
wohl neben diesem der schönste. Zugleich mit ihm wurde eine 
Goldmünze Constans I. gefunden. Ob das kostbare Stück der 
Beschießung zum Opfer gefallen oder etwa entwendet worden 
ist, wird wohl für immer unaufgeklärt bleiben.^) Jedenfalls i-^t 
die Nachricht, daß bald nachher, 1873 in Arles ein ganz gleiches 
Glas mit rotem Netzwerke und grüner Inschrift 

DIVVS MAXIMIANVS AVGVSTVS 
zum Vorscheine gekommen sei, in \^erbindung mit dem Verluste 
des Straßburger Bechers aufzufassen. Damit sollte wohl die Mei- 
nung erweckt werden, daß man diesen glücklich wiedergefunden 



') Bull, monum. 39 (1S73) S. 822. — Der Straßburger Becher ist im Bonner 
Jahrb. 59 T. II abgebildet und von Schweighäuser im Schorn'schen Kunstblatte 1826 
Nr. 90 zuerst veröffentlicht, ferner in Memoires des antiquaircs de France VI 95, Corpus 
inscr. rhen. 1885, Deville T. 33 a (mit unrichtigen Farben). 



6i5 



habe. Die Nachricht erwies sich jedoch bald als das, was sie war, 
nämlich als eine dreiste Spekulation auf die Leichtgläubigkeit. 

Die Sammlung Maler in Rom (jetzt zum größten Teile dem 
Großh. Museum in Karlsruhe einverleibt) besaß ein Diatretum 
mit azurblauem Netzwerke, das gleichfalls verschwunden ist. 
Vielleicht war es identisch mit einem 1680 in einem Grabe zu 
Novara gefundenen Becher, welcher die azurblaue Inschrift „Bibe 
diu vivas" zeigte. Winckel- 
mann berichtet ^•on Bruch- 
stücken antiker Diatreta, 
die in Isola Farnese, dem 
alten Veji, aufgetaucht 
waren. Auch sonst wur- 
den derartige Funde aus 
Romgemeldet, die meisten 
Nachrichten jedoch nach- 
träglich widerrufen oder 
bei Untersuchung der 
Stücke als Irrtümer nach- 
gewiesen. ^) 

Das sogenannte Disch- 
sche Diatretum ist, wie ich 
oben gezeigt habe, aus der 
Reihe dieser Arbeiten aus- 
zuschalten. Es wurde von 
Rauter in der Rheinischen 
Glasfabrik zu Ehrenfeld bei Köln sehr geschickt nachgebildet.') 

1) Den Malerschen Becher erwähnt Urlichs Bonner Jahrb. 5, 377 f. Er dürfte 
kein geschliffenes Netz gehabt haben und überhaupt wahrscheinlich gar nicht hier mit- 
zuzählen sein. Schulz bezeichnet ihn als ,,anforina in vetro con bassorelievi, rinvenuta 
in Pompei". In den \nn. del instit. di corrisp. archeol. tom. XI S. 96 heißt es 
dagegen ,,un vetro azurro . . . si vede attacato in alcunc parti con una matcria vetrina 
un ornamento di archi incrociati, che gira il vasetto". Nach letzteren Worten können 
wir uns ganz gut einen Becher mit aufgelegten blauen WcUenfäden vorstellen, die 
sich kreuzten. Wahrscheinlich handelt es sich bei Schulz und in den Annali um zwei 
ganz verschiedene (iläser. De Rossi erwähnt auch zwei Diatreta im Kunsthandel in 
Turin und Venedig, die er aber kaum selbst gesehen hat. Über die Funde auf Isola 
Farnese s. Winckelmanns Werke, Stuttgart 1847 I 29. 

2) Das Kölner Museum besitzt aus dem Nachlasse Wallrafs einen aus feinstem, 
völlig farblos-durchsichtigem Bergkrystall geschnittenen Becher, der mit dem einf\\chen 

40* 




Abb. 



iGt,. Teller mit Hirschjagd in Gravierung. 
Köln, Sammlung M. vom Rath. 



6i6 

i'ber die Technik der sog'enannteii Diatret^i sind die An- 
sichten noch immer nicht geklärt. Winckelmann sagt in seiner 
Beschreibung des jetzt bei Trivulzio befindlichen Bechers: „Zu- 
verlässig sind weder die Buchstaben noch das Netzwerk auf 
irgend eine Weise angelötet, sondern das Ganze ist mit dem 
Rade aus einer Alasse Glas auf die Weise gearbeitet, wie bei 
den Cameen geschieht. Die Spur des Rades gewahrt man 
deutlich."-') Winckelmann, und mit ihm viele Andere, nahmen 
also an, daß der farblose Körper farbig überfangen und aus der 
oberen Schichte das Netzwerk und die Buchstaben durchbrochen 
und unterarbeitet wurden, wobei nur einzelne verbindende Stege 
in dem Zwischenräume stehen blieben. An der Richtigkeit 
dieser Erklärung begannen Schulz und de Rossi Zweifel zu 
äußern. Ersterer meint, daß das Netz in einer Metallform ge- 
gossen, nachträglich abgeschliffen, ziseliert und mit kleinen 
Stiften an den Kern angelötet worden sei. De Rossi unter- 
scheidet zwei Arten von Diatreta, echte, tatsächlich nach der 
von Winckelmann angegebenen Methode durchgeführte und so- 
genannte Pseudodiatreta, bei welchen das Netz selbständig 
geformt und nachträglich angefügt sei. Er hält sowohl den 
Becher bei Trivulzio, wie alle anderen erhaltenen Netzgläser für 
Pseudodiatreta, für Arbeiten des IIL und IV. Jahrhunderts und 
Nachbildungen der echten aus Neronischer Zeit, von welchen wir 
leider keines mehr besäßen. Marchese d'Adda, Schweighäuser, 
Froehner^) sind ähnlicher Ansicht. Letzterer wartet noch mit 



Rundhenkel aus einem Stücke gearbeitet ist. Trotz seiner schmucklosen Form ist er 
wegen der ungemein sorgfälligen Schleifarbeit als ein Meisterwerk zu bezeichnen. 
Thewalt hielt ihn für ein antikes Diatretum und Poppelreuler (Bonner Jahrb. 114,5 
S. 353 mit Abb.) folgt ihm in dieser Bestimmung. Ich bin jedoch nach wiederholter 
sorgfältiger Prüfung keineswegs in der Lage, dem erprobten Kenner in diesem Falle 
beizustimmen, sondern halte den Becher entschieden für eine Arbeit vom Ende des 
18. Jahrh., wozu auch die an Teetassen erinnernde Form vollkommen stimmt. 

^) Winckelmann, Werke III 113 f. 

-) d'Adda a. a. O. Schweighäuser im Schorn sehen Kunstblatte 1826 Xr. 90. 
Froehner S. 87 f. verwirft wie ich den Namen „Vasa diatreta" für Xetzgläser, meint 
aber, daß darunter überhaupt nicht Gläser, sondern Gemmen oder Gefäße aus kost- 
baren Steinen zu verstehen seien. Im Gegensatze zu diesen seien die benannten 
Gläser nicht geschliffen, sondern gelötet (soudes). Diese Erklärung hält schon 
C. Friedrich, Sprechsaal 1881 Nr. i — 4, Bonner Jahrb. 74 S. 161 f. für unmöglich^ 



einer besonderen PIrklärung über die Bildung- des Netzwerkes 
seiner „gelöteten Gläser" (verres soudes) auf. Er meint, daß die 
Ringe, aus welchen es zusammengesetzt ist, einzeln geformt und 
aneinander gelötet seien. Den Zweiflern gegenüber ist K. Friedrich 
nach wiederholter genauer Untersuchung des Münchener Dia- 
tretums wieder zu der Winckelmannschen Erklärung zurück- 
gekehrt. Er hat sich überzeugt, daß Netz und Inschrift bei 
diesem mit Punzen und Schleifrad hergestellt sind, indem der 
Diatretarius zuerst in die dicke Glaswand Löcher bohrte, diese 
allmählich ausweitete, unterschnitt und mit dem Schleifrade die 
Arbeit vollendete. Auch ein anderer technischer Fachmann, der 
Wiener Glasindustrielle Lobmeyr, ist — wohl durch die Unter- 
suchung des Wiener Diatretums aus T)aru\'ar — zu der Über- 
zeugung gekommen, daß es mittels Rades und Bohrers hergestellt 
sei. Er sagt: „Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die 
Diatreta geschliffen und eine jener fabelhaften Geduldarbeiten 
sind, wie solche vielleicht nur noch in China vorkommen, in der 
übrigen Welt aber ohne Sklavenarbeit überhaupt nicht zu leisten 
sind, ja nach der heutigen Entwicklung der Verhältnisse geradezu 
eine sträfliche Torheit wären. Solche Diatreta werden nach 
meiner Überzeugung hier nimmermehr gemacht werden." ^) 
Lobmeyr hat Recht, wenn er die Diatreta eine fabelhafte 
Geduldarbeit nennt, aber Unrecht, wenn er sie Sklaven 
zuweist. Glasbläser und Glasschleifer waren freie Handwerker, 
seit dem Edikte Constantins vom Jahre 337 den Künstlern 
gleichgestellt und \on Abgaben befreit. Auch seine Prophe- 
zeihung, daß sie hier nimmermehr gemacht würden, ist nicht 
eingetroffen, denn es ist in neuerer Zeit vollkommen gelungen, 
sie zu kopieren. 



da sie zu den Nachrichten römischer Schriftsteller und den gesetzlichen Bestimmungen 
über die Herstellung der Diatreten nicht stimme. Wenn bei der Bearbeitung von 
Krystall ein Stück abspringe, so werde dadurch der angefangene Gegenstand noch 
lange nicht unbrauchbar, wie dies bei der Herstellung der Diatreten der Fall war. 
Auch seien die fertigen Krystall- und Onyxgefäße lange nicht so gebrechlich, wie es 
nach Martial die Diatreten waren. Vgl. hierzu meine Bemerkungen auf S. 624 f. 

^) Lobmeyr in seinem mit Ilg herausgegebenen Werke. Die „operositas'', d. b. 
Gcduldarbeiten und Gläser von absonderlicher Gestalt schützte nach Flavius Vopiscu.s, 
Leben des Tacitus cap. XI auch dieser Kaiser besonders. 



6i8 

K. Friedrich niulke seine Erklärung- noch einmal ^'eg-en 
Alexander Schmidt verteidigen. Diesem erschienen zwei Metho- 
den leichter und wahrscheinlicher. Nach der ersten soll das Netz 
aus dicken Glasfäden unmittelbar auf den Becher aufgelegt und 
dann erst unterarbeitet und zugeschliffen worden sein. Nach 
der zweiten, schon von Schweighäuser bei der Veröffentlichung 
des Straßburger Diatretums ausgesprochenen Ansicht, sollten 
die Stege aus dem Glase, wie die Stacheln an den sogenannten 
Stachelbechern, ausgezogen und dann auf sie das Netz aus 
dicken Fäden aufgesetzt worden sein.^) Jenes ist unmöglich, 
schon deshalb, weil der Zwischenraum zwischen Netz und Kern 
zu groß ist, dieses, weil ausgezogene Stacheln selbst in dickem 
Glase auf der Rückseite eine leichte Einsenkung erzeugen, die 
aber bei den Netzgläsern fehlt. Im übrigen würde es wohl sehr 
schwer fallen und durchaus keine Erleichterung der Arbeit be- 
deuten, dicke runde Fäden von allen Seiten mit dem Rade so 
zu bearbeiten, daß sie flach und kantig werden, namentlich die 
rosetten- und schleifenartigen Bünde herzustellen.-j 

Die gegen die Winckelmannsche Ansicht gerichtete Kritik 
setzte im Grunde immer nur bei dem Punkte ein, daß es geradezu 



^) Sprechsaal l88i, l — 4. Bonner Jahrb. 74, 176. 

") J^g'^ Annahnne, daß die sogenannten Diatreta aus zwei übereinandergelegten 
Schichten bestanden, trifft für die einfarbigen nicht zu. Sein Irrtum ist dadurch 
hervorgerufen, daß das Äußere der Gläser infolge von Verwitterung oft, speziell bei 
dem Wiener Exemplare, eine andere Färbung als das Innere angenommen hat. An- 
gelötetes, besser gesagt angesetztes Netzwerk ist bei spätrömischen und fränkischen 
Gläsern, wie im VII. Abschnitte gezeigt worden ist, nicht selten. In manchen 
Fällen, wie bei dem Xordendorfer Glase des Xationalmuseums in München, dem von 
Selzen (vgl. Lindcnschmit A. h. V. I Heft 11, T. VII i) und anderen fränkischen 
Arbeiten, sind deutlich Reminiszenzen an geschliffene Netzgläser wahrzunehmen. — 
.\lexander Wagner (Sprechsaal 1881 Nr. 8) meint, daß beide Techniken, Lötung und 
Schliff, gleichzeitig angewendet worden seien. Zunächst habe man das Netz und die 
Buchstaben aus Fäden aufgelegt, mit der Pincette geordnet, geformt und möglichst 
innig mit dem Grunde verschmolzen. Die Fäden lagen dann überall fest, waren aber 
dick genug und boten reichlich Körper, damit das Schleifrad sie von allen Seiten be- 
arbeiten, verdünnen und zuletzt durch Unterschneiden vom Grunde loslösen konnte, 
so daß schließlich Netz und Lettern nur noch an Stegen hingen. Diese Ansicht ist 
jedoch von Friedrich fa. a. O. und Bonner Jahrb. 74, 179) als unhaltbar erwiesen 
worden. Der ganze Streit ist dadurch beendigt, daß die von ihm aufgestellte Theorie 
sich in der Praxis glänzend erprobt hat. 



6i9 



unmenschlich, ein Xeronischer B^lrb^lrismus sei, Diatreta aus dem 
Vollen herzustellen. Aber nachdem Friedrich seine Ansicht über 
die Herstellung des Münchener Diatretums nochmals und aus- 
führlicher begründet und die Glasschleifer direkt zu einem Ver- 
suche aufgefordert hatte, dieses nachzubilden, gelang es einer 
bayrischen Glashütte in Zwiesel, den praktischen Beweis für die 
Richtigkeit der Erklärungen fViedrichs und Winckelmanns zu 
liefern. Die Wan- 
dung wurde zuerst 
mit Stiften vorge- 
bohrt und die Höh- 
lungen dann mit 
dem Rade ausge- 
schliffen. Es wur- 
den so mehrere 
Stücke erzeugt, je- 
des kostete etwa 
halbjährige Arbeit 
und wurde auf der 
Nürnberger Aus- 
stellung von 1884 
für 600 M. verkauft. 
Die Nachbildung 
war also ohne un- 
menschliche Mühe 
und in verhältnis- 
mäßig kurzer Zeit 

gelungen. Vielleicht wäre der kaufmännische Erfolg ein besserer 
gewesen, wenn die Glashütte ein wirkliches Künstlerhonorar 
gefordert hätte, anstatt sich mit einem Preise zu begnügen, der 
gegen Tiffanysche und Sid\iatische Glasschliffe ein recht niedriger 
genannt werden muß.-') 




Abb. 264. 



reller mit Abrahams Opfe 
Trier, Museum. 



in Gravierunc 



ij Friedrich berichtet im Bonner Jahrb. 74, 176 f., daü der Verwalter einer 
Glashütte im bayrischen Gebirge auf Grund seiner Aufsätze im Sprechsaal 1881 
Nr. I — 4 das Münchener Netzglas kopierte und zwar vollkommen genau und in 
mehreren tadellosen Exemplaren. Die Kosten einer solchen berechnete er bei etwa 
halbjähriger Arbeit auf einige hundert Mark. Der Schleifer befolgte genau das von 
Friedrich angegebene Verfahren. 



()20 

^[ir selbst ist es durch das freundliche l-jUj^'e^'enkomnien 
der lierreii Direktoren Prof. v. Christ und R. v. Schneider möir- 
lich ^-eworden, einii^'e Diatreta i>-enauer /u untersuchen. Was 
Friedrich über die I lerstelluni^- des .Münchener Diatretums mit- 
teilt, unterschreibe ich Wort für Wort, es i^ilt auch vollkommen 
für das Exem})lar aus Daruxar im Wiener kunsthistorischen 
llofmuseum. Beide sind au> einem Stüc^k mit Bohrer und Rad 
ausgearbeitet. Das Netz kann unmöglich aus Fäden gearbeitet 
oder aus einzelnen Ringen zusammengelötet sein, denn es ist 
vollkommen flach, auch an den Stellen, welche die iUinde an- 
deuten, d. h. dort, wo die Fäden uiul Ringc^ zusammengestoßen 
wären. Es hätten sich gerade dort rundliche X'erdickungen 
gebildet, welche auch bei der sorgfältigsten nachträglichen Ab- 
schleifung als leichte Erhebungen hervortreten würden. Die 
äußere Wandung des Kernes zeigt deutlich die S])uren des 
Schleifrades, die Form der \-erbindenden Stifte oder .Stege ist 
entschieden durch Schliff hervorgerufen, sie sind kantig und 
setzen gegen das Xetz wie gegen den Kern hin scharf ab. Beim 
„Anlöten" würde auch da ein kleiner Wulst enstanden sein. 
AVollte man dennoch annehmen, daß Eötung vorliegt, deren 
Spuren nachträglich auf das peinlichste bis in die kleinsten Ecken 
und Winkel hinein mit dem Schleifrade und Grabstichel entfernt 
worden sind, so wäre nicht einzusehen, worin dann eigentlich 
die Erleichterung der Arbeit liege. FTbrigens bestehen bei beiden 
Diatreten das Xetz, die Stege und der Kern aus derselben 
Glasmasse. 

\"on größtem Interesse ist das Studium des kleinen PVag- 
mentes im Osterreichischen Museum in Wien, dessen Kenntnis 
ich Herrn Regierungsrat Custos Folnesics verdanke. Es zeigt 
in seiner vereinfachten Form deutlich die Bearbeitung üb er- 
fangen en Glases in der Weise der Diatreta. Die flachen Bügel, 
welche es anstatt des Netzwerkes schmücken, stehen weit genug 
auseinander, um auch eine genaue Prüfung ihrer Rückseite und 
der Stege zu ermöglichen. Darnach ist der Überfang durch- 
brochen und sowohl von diesem auf der Rückseite, wie \on 
dem inneren Glaskerne auf der Außenseite eine Schichte \on je 
2 mm Stärke abgeschliffen. Die verbindenden Stege bestehen zur 
Hälfte aus der kobaltblauen Masse des Cberfanges, zur anderen 



62 1 

Hälfte aus der farblosen des Gefäßes. Es kann daher keine 
Rede davon sein, daß sie nachträglich angelötet wären. Für 
die Entscheidung der Frage, ob auch die anderen Diatreta aus 
Überfangglas, das bei Trivulzio und der verlorene Straßburger 
Becher, zu den echten Diatreta zu rechnen seien, wäre es 
von großer Bedeutung, zu wissen, ob die verbindenden Stege 
gleichfalls zweifarbig sind. In diesem Falle wäre die Winckel- 
mannsche Diagnose ohne weiteres bestätigt. Immerhin könnten 
die vStege, auch wenn sie nur eine Farbe haben, aus dem 
Vollen herausgeschliffen sein, sei es aus dem Überfange oder 
aus dem Kern. 

Meine Untersuchung des großen Bruchstückes des Hohen- 
sülzener Diatretums im Provinzialmuseum in Bonn ergab folgendes: 
Das innere Gefäß ist für sich gearbeitet und zwar geblasen und 
vom Schleifrade vollkommen unberührt. Es ist gleichmäßig dick, 
farblos, jedoch irisiert und im Bruche leicht grünlich. Das um- 
gebende Netzwerk hingegen besteht aus feinem Krystallglase, 
wie es zum Schleifen verwendet wird, ist gleichfalls irisiert und 
im Bruche gelblich trübe. Seine Rundung folgt nicht genau 
der des Kernes, sondern ist am oberen Rande näher ange- 
schlossen, als unten an der Wölbung des Fußes. Wären beide 
aus einem Stück geschnitten, so hätte der Diatretarius die Ent- 
fernungen gleich gehalten, wie an dem Wiener und dem 
jMünchener Exemplare; der Kern ist nicht tief genug in das 
Netz eingesetzt worden. Die Stege, welche beide verbinden, 
haben runden Querschnitt und sind an beiden Enden leicht ver- 
dickt. Einzelne an dem Kern ^mhaftende Stege sind zu kurz 
geraten, aber nicht etwa abgebrochen, denn sie haben eine 
rundliche Spitze, welche offenbar das Netzwerk gar nicht berührte; 
daneben sind freilich auch scharfkantig abg-ebrochene Stege sicht- 
bar, die ursprünglich bis an das Netz reichten. Fast alle zeigen 
eine nachträgliche, wenn auch nicht durchgehende Überarbeitung 
mit dem vSchleifrade. Das Netz ist ganz mit dem Rade und zwar 
aus einer Krystallschale von größerem Umfange als der Kern 
geschliffen, flach und überall scharfkantig, die Bünde sorgfältig 
ziseliert. Das Gefäß ist in der Art hergestellt, daß auf den 
inneren geblasenen Kern in regelmäßigen Abständen Spitzen 
aufgesetzt wurden, wie an Stachelbechern, worauf man das 



62 2 

danze in die bereits fertij^'e clurchbrochcnc Kr\-stallschale ein- 
fügte. ^) 

Dieselbe Technik scheint mir bei der Situla von S. Marco 
angewendet zu sein. Ich mulke mich freihch damit begnügen, 
sie in der Vitrine zu studieren, aber wiederholte Beobachtungen 
bei guter Beleuchtung lassen kaum einen Zweifel darüber, 
daß auch hier das Netz nicht mit dem Kern aus einem Stücke 
herausgeschliffen, sondern für sich aufgesetzt ist. Es ist weniger 
sorgfältig gearbeitet als bei den anderen Diatreten, hat auch 
Maschen anderer Form, größere im Sechseck und dazwischen 
kleinere in Gestalt über Eck gestellter Quadrate. Es wurde in 
erhitztem Zustande auf die Stege des Kernes aufgedrückt und 
zwar am oberen Rande ziemlich dicht, so daß die Stege da- 
selbst teilweise auf ein Minimum zusammengepreßt wurden. — 
Von dem Pester Diatretum teilt mir Prof J. Hampel mit, daß 
die Inschrift zweifellos aus einem Stücke mit dem Kerne ge- 
arbeitet ist. 

Wir haben danach unter den antiken Netzgläsern, die man 
als Diatreta bezeichnet, drei Arten zu unterscheiden: Erstens 
solche, welche aus einem homogenen, mittels Bohrers und Schleif- 
rades bearbeiteten Krystallkörper bestehen, dann solche, welche 
auf dieselbe Art aus Überfangglas hergestellt sind, und drittens 
Diatreta, bei welchen das Netz für sich geschliffen und mittels 
Stegen um ein kleineres Gefäß befestigt ist. Es ist wohl kein 
Zufall, daß die beiden größten erhaltenen Exemplare solche 
Pseudodiatreta sind. In der Tat ist es eine Erleichterung der 
Arbeit, wenn der Künstler nur ein verhältnismäßig dünnes Glas 
zu durchbrechen hat und es bequem von allen Seiten bearbeiten 
kann, ehe er es den Stegen anfügt. Immerhin ist auch diese 
Leistung bewundernswert und peinlich genug. 



^) Die Stege sind daher angesetzt („gelötet"). Beim Wiener Exemplar, das 
übrigens viel kleiner ist, sehen die Stege ganz anders aus; bei dem Bonner sind sie 
zum Teile kantig gebildet. Die zu kurz geratenen, aber nicht abgebrochenen unter 
ihnen, enden in eine weiche rundliche Spitze, ohne jede Spur von Bruch oder 
Splitterung, wie eben nur ein heiß aufgesetzter Glasfaden enden kann. Das innere 
Gefäß hat vollkommen gleichmäßig dicke Wandungen und ist in der Durchsicht leicht 
grünlich, das Netz dagegen ganz farbloses reines Krystaljglas, leicht gelblich getönt. 
Der Kern war sicherlich niemals überfangen. 



623 



Die früher erwähnte Theorie von A. Schmidt und Schweig-- 
häuser über die Bildung der Diatreta aus Rundfäden mit nach- 
träghcher Be^lrbeitung• durch Schhff, ebenso wie die Froehners 
über die Zusammensetzung des Netzwerkes aus einzelnen Ringen, 
sind zwar unhaltbar, schon deshalb, weil beide den Prozeß nur 
noch komplizierter gestalten würden, aber sie sind nicht völlig 
aus der Luft gegriffen. Netzwerk aus aufgelegten Rundfäden 
findet sich ja häufig an mit- 
telrheinischen antiken Glä- 
sern vom III. und vom An- 
fange des IV. Jahrhunderts, 
ebenso aufgelegte, mit einem 
kleinen Knopfe verbundene 
Ringe; an den sogenannten 
Kettenhenkeln ist es sogar 
ä jour angebracht. Es unter- 
liegt wohl kaum einem 
Zweifel, daß man es auch 
zu größeren oder kleineren 
korbartigen Bildungen ver- 
wendet haben wird. Im 
Antiquarium zu München 
befindet sich, wie bereits 
im vorigen Abschnitte er- 
wähnt wurde, ein kleines, 
angeblich aus Pompeji stam- 
mendes Glasgefäß, dessen 
Fuß ä jour mit einem 

Netzwerke aus schwarzen Glasfäden umgeben ist. Diese Fäden 
sind aber niemals mit dem Schleifrade überarbeitet, sondern 
rund gezogen und so nebeneinander gelegt, daß sich Berg und 
Tal berühren. Dieses Netzglas dürfte dem XVI. Jahrhundert an- 
gehören, einer Zeit, welche viel mit dicken farbigen Glasfäden 
operierte. Häufiger sind noch spätere Arbeiten dieser Art, 
wie z. B. der aus der Sammlung Disch in Köln zu Beisilewsky 
übergegangene Cantharus (Abb. 109). Die Fäden seines Netz- 
werkes bestehen aus dickem rundgezogenem Krystallglase, eben- 
so die beiden derben Henkel. Ich habe nachgewiesen, daß der 




Abb. 265 



rdler mit Susanna und den beiden 
Alten in Gravierung. 
Köln, Sammlung M. vom Ralh. 



Becher aller W'ahrNcheinlichktMt nach aus der berühmten h'abrik 
Briati in \"enedig- stammt und dem XMII. Jahrhundert an- 
gehört. Das Korbmotiv, welches sich an ihm zeigt, ist sehr 
dauerhaft; es kommt an spätrömischen, namentlich iiber an 
fränkischen Gläsern vor, häufig auch an solchen des späten 
Mittelalters. Das Netzwerk, aus dicken, schmutzig braunen oder 
grünen Fäden gebildet, legt sich um den Hals und Fuß der 
Gefäße, nur an den Rändern haftend und oft von platten ge- 
rieften Bändern begleitet. Ein Glas dieser Art befindet sich in 
der Thewaltschen Sammlung, mehrere Fragmente wurden 1897 
am Domhofe in Köln gefunden, andere in Aachen. Das Xetz- 
glas im Suermondt-Museum, das aus'm Weerth als antik veröffent- 
lichte, gehört derselben Klasse niederrheinischer Arbeiten an und 
stammt aus dem XVI. Jahrhundert; schon das Material muß 
selbst bei kleinen Bruchstücken einen Irrtum in der Altersbe- 
stimmung ausschließen. Die venezianischen Nachbildungen zeigen 
freilich feines farbloses Krystallglas. 

Wann und wo sind die Gläser entstanden, die wir seit 
Winckelmann gewohnt sind Vasa diatreta zu nennen?-' 

Diatreta und ihre Hersteller, die Diatretarii werden in 
der antiken Literatur nur selten erwähnt. Zum ersten Male in 
den Versen des Martial:^) 

O quantum diatreta valent et quinque comati! 
Tunc cum pauper erat, non sitiebat Aper. 

Daraus erfahren wir vorläufig nichts weiter, als daß die 
Diatreta Trinkgefäße waren, die sich nur ein wohlhabender 
Mann leisten konnte, aber nichts über Material und Herstellung. 
Dann lesen wir erst in Ulpians Digesten wieder: „Si calicem 
diatretum faciundum dedisti, si quidem imperitia fregit, damni 
iniuria tenebitur; si vero non imperitia fregit sed rimas habebat 
vitiosas, potest esse excusatus. " -) Das heißt zu Deutsch: „Wenn 
du ein Diatretum machen läßt und es wird dabei durch Un- 



*) Martial, Kpigr. XII 70. Damit ist auch die Stelle bei Clemens von Alexan- 
drien, paedag. I S. 188 zusammenzubringen: ,,Ka\ [xr^^j xa\ -ooiuxtüv -jpispYo; ic, üsÄnj 
y.£vo8o^'!a , s'; Q^aZaiv o'.a. ~iyyr^e, £-otii.oT;'pa, osotivat iz a[jLa xa\ 7:tvttv otoaa/.ojia." 

-) Ulpian, Dig. IX 27, 29. Javolenus dig. X t. 2, 27 § 29. 



62 5 

Geschicklichkeit zerbrochen, so ist der Arbeiter zum Schaden- 
ersatz gehalten; wenn es aber nicht aus Ungeschicklichkeit 
bricht, sondern weil es schhmme Risse hatte, so kann der 
Arbeiter entschuldigt (freigesprochen) werden". Diese Notiz 
bringt uns um einen Schritt weiter. Es kann sich nicht um 
Gefäße aus Metall handeln, weil diese nicht infolge eines verbor- 
genen Risses während der Bearbeitung zerbrechen und innere 
Schäden leicht durch Hämmern geschlossen werden können. 
Wohl aber können sich bei der Bearbeitung mancher Halbedel- 
steine mit dem Schleifrade, z. B. des Achates, unter der intakten 
Schichte unvermutet Risse zeigen, welche den Künstler nötigen, 
die Arbeit einzustellen. Noch häufiger kommt es bei Überfang- 
gläsern, und wenn man will, bei falschen Edelsteinen vor, daß 
die untere Schichte schadhc'ift ist und die Masse bei weiterer 
Bearbeitung zerspringt; ebenso können bei Mosaikgläsern, bei 
den laminierten oder gekneteten Gläsern Sempers, die aus 
Brocken verschiedener Farbe und Konsistenz bestehen, also bei 
jener Gruppe mehrfarbiger Gläser, für welche wir den Xamen 
Vasa miiri'tJia wiedergewonnen haben, unter einer scheinbar 
tadellosen Oberfläche Risse und kleine Höhlungen verborgen 
sein, welche sich bei der Bearbeitung durch des Schleifrad ver- 
größern und die ganze Masse sprengen.^) Die Annahme, daß 
es sich bei den Diatreten um Glasprodukte handle, wird ver- 
stärkt durch die Zusammenstellung von vifrcarii und diatrctarii 
in dem erwähnten Erlasse Constantins d. Gr.. in welchem beiden 
der Künstlerrang und die Steuerfreiheit verheben wird. Diatretarii 
w^erden noch im Codex Theodosianus und im Codex Justinianus') 
genannt, ohne daß daraus ein sicherer Schluß auf die Art ihrer 
Tätigkeit gezogen werden könnte. Auch mit Äußerungen wie 
attdacis torcumata vitri bei Apuleius und calicis niidaccs bei 
Martial'), die man mit den Diatreten in Verbindung bringt, ist 



^) Vgl. K. Friedrich, Sprechsaal iSSi a. a. O. und Bonner Jahrb. 74 S. 161 f. 
'-) Cod. Justin. X I, 64. 

•') Martial spricht XIV 94 von ,,calices audaces", .\puleius von „toreumata 
vitri audacis", Gläsern von kühner und zerbrechlicher Bildung, wahrscheinlich feinen 
Krystallgläsem: 

,,Nos sumus audacis plebeia toreumata vitri 
Nostra necque ardenti gemma fcritur a(iua." 



626 

nicht viel anzutangen: wahrscheinlich bestand die „Ivi^ihnlieit" 
dieser Pokale in der Gebrechlichkeit und verschiedenen un- 
bekannten und uny-ewnhnlichen Zumutun_<i-en an den Stoff. Da- 
gegen scheint mir die erw iiu^chti^ Aufklärung in der Stelle bei 
CoeHus Rhodius hb. 27, cap. 27 enthalten zu sein: 

„Cahx vero diatretus Ulpiano intelligitur tesselatus et torno 
concinnatus, unde diatretarii artifices id genus." 

Tesselatus bezeichnet gewöhnlich etwas aus Würfeln zu- 
sammengesetztes, etwa einen Mosaikboden, ealix tesselatus 
demnach ein aus farbigen (jlasstiften oder -Stücken zusammen- 
gesetztes Glas, ein Mosaikglas. Ein solches ist aber das vas 
juurrimmi. Die Leute, w^elche dieses aus der ]\Iasse mit dem 
Schleifrade herausarbeiteten oder bearbeiteten, ihm durch Schliff 
und Politur die letzte Vollendung gaben, waren die Diatretarii. 
Von der technischen Seite aus betrachtet, gehören also in erster 
Reihe die ^Nlurrinen zu den \''asa diatreta und zwar neben der 
feineren aus der Masse herausgeschliffenen Sorte auch die minder 
kostbare, aus Mosaikplättchen zusammengesetzte, weil auch auf 
diese der Ausdruck tesselatus paßt und ihre letzte Vollendung 
gleichfalls durch Politur und Schhff erfolgte. Namentlich bei 
der ersten Sorte ist es leicht möglich, daß sich im Inneren 
„schlimme Risse" zeigen, die den Arbeiter hindern das Gefäß 
zu vollenden. 

]\Iit dem Rade sind aber auch die berühmten Überfang- 
gläser bearbeitet, welche cameenartige Reliefs zeigen, wie die 
Portlandvase. Diesell)e Technik kam bei den Nachbildungen 
der Murrinenschalen in starkem geripptem Glase, bei den 
Krystallbechern mit Fassetten und figürlichen Reliefs, bei den 
Arbeiten in der Art des Bechers, den Achilles Tatius beschreibt, 
und schließlich bei den berühmten durchbrochenen Netzgläsern 
zur Anwendung, auf welche Winckelmann speziell den Namen 
Diatreta anwandte. Alle Arbeit, von der Plinius spricht, wenn 
er rühmt, daß das Glas teils am Drehrade geschliffen, teils nach 
Art des Silbers ziseliert werde, ist Sache des Diatretarius. im 
Gegensatze zu der des Vitrearius, des Glasschmelzers und Glas- 
bläsers. So wird auch die Scheidung in dem Erlasse Con- 
stantins d. Gr. verständlich, denn es ist unmöglich anzunehmen, 
daß die kostbaren und mühseligen durchbrochenen Netzgläser 



627 

so häufig- hergestellt worden seien, daß sie eine eigene Klasse 
von Künstlern neben den Glasbläsern beschäftigten. Man nimmt 
die Bedeutung des Wortes diatrctuiu zu buchstäblich, wenn 
man es nur auf durchbrochene Arbeit bezieht. Das Wort ist 
g-riechischen Ursprungs, von diarQctw, welches durchbrechen, 
durchbohren bedeutet, aber auch drechseln, drehen, ring-sum 
bearbeiten. Strenge genommen ist ja nur bei den Pseudo- 
diatreten der Glaskörper, d. h. der äußere Becher, völlig- durch- 
brochen, während bei den Überfanggläsern und dicken Krystall- 
g-läsern Rad und Bohrer bloß bis zur Mitte eingegriffen haben. 
Für völlig durchbrochene Arbeit in Metall, Marmor usw. galt 
der technische Ausdruck „Opus interrasile". xAuf Glas scheint 
er nicht angewendet worden zu sein; ob es überhaupt eine 
eigene Bezeichnung für die geschliffenen Xetzgläser gab, mag 
dahingestellt bleiben. Vorläufig können wir uns damit begnügen, 
die für die Hauptgruppen passenden Namen herauszufinden und 
dort Klarheit zu schaffen, wo man durch ungenaue oder un- 
richtige Benennungen Verwirrung angerichtet hat. 

Diatreta im engeren Sinne, also geschliffene Netzgläser, 
vermutet man, wie früher bereits gesagt wurde, auch in den 
beiden kleinen Bechern, w^elche Nero mit 6000 Sesterzien be- 
zahlte (gleich 1140 Franken).^) Doch sind hier jedenfalls Cali- 
ces alati, geflügelte Gläser gemeint (vgl. Seite 176). Damit 
fällt aber die Hauptstütze der Ansicht, daß durchbrochene 
Netzgläser schon zu Neros Zeit gemacht worden seien; denn 
gerade mit jener Nachricht hatte man die Stelle bei Martial in 
Verbindung gebracht, in welcher die Diatreta zum ersten Male 
genannt werden und demnach Neros Becher für Diatreta erklärt. 
Die Diatreta Martials waren keinesfalls Netzgläser, sondern mit 
dem Schleifrade bearbeitete Stücke, sei es nun ]Murrinen, oder 
was wahrscheinlicher ist, Überfanggläser. Wir haben damit in 
dem Ausdrucke Vasa diatreta einen alle Arten geschliffener 
Gläser zusammenfassenden Ausdruck gewonnen. Eine Unter- 
abteilung dieser großen Gruppe bilden die Mosaikgläser, die 
Murrinen, mit ihren zahlreichen Abarten und jene kleine Gruppe, 



') Auch Froehner erklärt die Calices petroti hei l'Iinius 36, 66 nUschlioh 
„pcritreti". 



628 



die von Wiiickclmann ausschließlich mit diesem Xamen belegten 
Glanzleistungen der Glasindustrie in spätrömischer Zeit, die wir 
bis auf weiteres nun lieber „geschliffene Xetzgläser" nennen 
wollen. NMelleicht findet sich auch eimnal für sie in der antiken 
Literatur noch eine eigene Bezeichnung. 

Die geschliffenen Netzgläser sind aus der Nachahmung von 
Metallgeflecht und durchbrochenen Metallumhüllungen in der 
zweiten Hälfte des III. und zu Anfang des 1\'. Jahrhunderts zu 
einer Zeit entstanden, als das Opus interrasile 
blühte. Die Mehrzahl verweist an den 
Rhein, dessen Glaswerkstätten damals den 
Höhepunkt ihrer Entwickelung erreicht und 
wenn auch nicht die Alexandriens, so doch 
die Italiens auf vielen Gebieten überflügelt 
hatten. Die Inschrift auf dem Straßburger 
Becher, der Stil der anderen Devisen, die 
Fußbildung- auf dem Exemplare im Unga- 
rischen Nationalmuseum, die Fundumstände 
der Diatreta aus Köln, Hohensülzen, vStraß- 
burg sprechen für rheinischen Ursprung. Dazu 
kommt die ganz gleichartige Durchbildung 
des Netzwerkes auf echten wie auf Pseudo- 
diatreten, auf den Bechern von Köln, Hohen- 
sülzen, Daruvar, Straßburg und ^^erona. Die 
Übereinstimmung ist selbst in Einzelheiten 
so vollkommen, daß man nicht nur eine 
gleichzeitige Entstehung, sondern die gleiche Werkstatt annehmen 
kann. Zu denken gibt die Tatsache, daß von acht Exemplaren 
die Hälfte am Rhein, zwei in Pannonien und zwei im cisalpi- 
nischen Gallien gefunden wurden. Weder in Pannonien noch 
im nördlichen Italien gab es in römischer Zeit eine nennens- 
werte einheimische Glasindustrie, die Fundorte der Netzgläser 
liegen dort in IMilitärstationen, deren Besatzung mehrfach mit 
den rheinischen wechselte. Sie können durch höhere Offiziere 
und Beamte dahin gebracht sein. Wenn man noch erwägt^ 
daß diese kostbaren Luxuswaren an den übrigen Zentren 
der antiken Glasindustrie, in Alexandrien. Syrien, Campanien, 
Gallien bisher nicht gefunden worden sind, müssen wir wohl 




Abb. 266. Fläsclichen, ge 

formt. Xcw-York, Metro 

politan-Museum. 



62( 



rheinische Werkstätten als deren Schöpfer ansehen.^) Sie werden 
nur kurze Zeit von Wenigen in wenigen Exemplaren hergestellt 
worden sein. Daraus würde es sich erklären, daß sich die antike 
Literatur mit ihnen nicht beschäftigt hat. 

Von den übrigen sind aber drei Stücke sehr deuthch unter- 
schieden: Der Becher der Sammlung Cagnola, die Situla von 
S. Marco und der Lykurgosbecher. Der erstgenannte ist ein 
Diatretum im eigentlichen Sinn des Wortes, 
aber kein Netzglas; er ist ein Skulpturwerk 
in Glas, eine Reliefarbeit, die durch das 
Schleifrad hergestellt ist. Die Pilaster 
erinnern zwar an die trennenden Stützen 
einer Klasse von gravierten Gläsern, die 
wir unter den rheinischen Arbeiten noch 
näher kennen lernen werden, sonst aber 
fehlt jede deutliche Beziehung zu den 
rheinischen Gläsern."-) Diesem Ausnahme- 
stück, das schon durch seinen Fundort 




1) Friedrich, der die Diatreta des Martial für 
geschliffene Netzgläser hält, schließt daraus, daß diese 
Kunst unteF Nero aufgekommen und Rom stets ihr Ur- 
sprungsort gewesen sei (Sprechsaal 1881, I — 4: Bonner 
Jahrb. 74, 176 f.). Dagegen meint Froehner a. a. O., 
daß die mit griechischen Aufschriften versehenen Exemplare Abb. 267. Fläschchen, geformt, 
weder in Italien, noch in Sardinien (in Rücksicht auf den Xew-Vork, 

Becher der Sammlung Cagnola), noch in den beiden Ger- Metropolilan-.Museum. 

manien hergestellt sein können. Er gibt aber zu, daß die 

mit lateinischen Inschriften aus Rom und selbst vom Rheine stammen können. Die Heimat 
dieser Verzierungsart sucht er in allen Fällen im Oriente und verweist dabei auf die 
auch von mir erwähnten assyrischen Tonwaren mit Netzwerk und ähnliche chinesische 
und japanische Erzeugnisse. Vielleicht seien sie aus Werkstätten Alexandriens hervor- 
gegangen, wo ja Tongefäße aus allen Ländern in Glas nachgeahmt worden seien. Die 
griechischen Inschriften sind aber wie bei Besprechung der gravierten Gläser dargetan 
wird, für die Bestimmung des Ursprunges nicht von Belang. 

-) Noch deutlicher als bei anderen Diatreten ist hier die Anlehnung an Metall- 
technik. Der Becher sitht aus, als ob er ohne jede Abweichung ein Original aus 
Silber kopieren würde. Marchese d'Adda a. a. O. S. 35 f. hat denselben Eindruck 
bekommen, verfällt aber in unfruchtbares Phantasieien, wenn er dieselben Pilaster, 
kleinen Bogen und l >rnamente auf westgotischen und longobardischen Goldschmiede- 
arbeiten, auf solchen im Schatze von Monza sowohl wie in dem von Guarrazar, im 
Museum Cluny, in der Armeria Real in Madrid und in Miniaturen vom V. bis IX. Jahrh. 
Kisa, Das Glas im .-Mtcttume. 11. ±1 



630 

Sardinien auffällt, dessen antike Gläser zumeist aus dem Oriente 
stammen (Sidonische Siegesbecher u. a.), fehlt das Netz, weshalb es 
anscheinend zu Unrecht auf unserer Liste erscheint. Doch ist es 
nicht die Tradition, die mich veranlaßt, es hier mitzuzählen, sondern 
der Umstand, daß seine Skulpturarbeit den Zusammenhang mit den 
beiden anderen Stücken herstellt. Was bei der Situla von S. ]\Iarco 
in Verbindung mit dem Netzwerke den Ilauptschmuck bildet, tritt 
bei dem Cagnolabecher allein auf. Das Relief der Situla ist sehr 
tief unterschnitten und trägt entschieden orientalischen Charakter 
(Abb. 227).^) Das Pferd erinnert an die Greifengestalten der sassani- 
dischen Kunst, namenthch in der Bildung des Kopfes und der 
Mähne. Ich bin daher geneigt, die Situla nicht sowohl einer byzan- 
tinischen, als einer kleinasiatischen Werkstatt des V. Jahrhunderts 
zuzuweisen, in der auch das Opus interrasile auf direkte heimische 
Vorbilder der Goldschmiedekunst zurückgreifen konnte. Bei den 
nahen Beziehungen zwischen Venedig und dem Orient ist es leicht 
erklärlich, daß außer späteren orientalischen Prachtgläsern auch 
dieses Stück in den vSchatz von S. Marco aufgenommen wurde. 
Orientalisch ist auch die Reliefarbeit an dem Lykurgusbecher 
und an dem Cagnolas. Die Masken und die architektonische 
Gliederung des letzteren weisen deutlich auf hellenistische Vor- 
bilder, die Arbeiten Ennions und anderer Sidonier hin. Wie der 
Sacro Catino konnten auch diese beiden durch Genuesen aus 
dem Oriente herübergeholt sein. Neben, oder besser gesagt, 
nach den rheinischen Werkstätten erscheinen also auch orien- 
talische an den luxuriösen Gaben beteiligt, mit welchen uns die 
Antike vor ihrer gänzlichen Erschöpfung in einem glänzenden, 
kurzen Wiederaufflammen der Kräfte beschenkt hat. 



antreffen will. Das sucht er zugleich mit der Tatsache in Verbindung zu bringen, daß 
das Stück in Sardinien gefunden sei, wo auch phönizische Gläser vorkämen und daß 
im V. Jahrh. die Vandalen unter Genserich die Insel erobert hätten. Demnach sieht 
d'Adda in dem Becher eine phönizische Arbeit, welche nicht ohne Einfluß auf longo- 
bardische geblieben ist. Aus diesen verworrenen Gedankengängen kann man als 
richtige Beobachtungen wohl nur die nahe Verwandschaft mit Metalltechnik und den 
Hinweis auf den Orient herausgreifen. Fiorelli vermutet dagegen römische Arbeit; 
die tragischen Masken und Säulenstellungen erinnern ihn an das Viridarium eines 
römischen Hauses, das mit marmornen Disci szenischer .A.rt geschmückt ist. 

^) Über die Situla von S. Marco vgl. auch Nesbitt im Katalog des Kensington- 
Museums S. 33. 



631 
Gravierte und geschliffene Gläser. 
A. Ornamentale Gravierung- und Fassettenschliff. 

Während man Überfanggläser cameenartig bearbeitete, 
kam bei einfarbigen und farblosen gewöhnlich der vertiefte 
Intaglioschnitt zur Anwendung, Am häufigsten stellte man so 
Glasgemmen, Ringsteine und anderen Schmuck her, verzierte 
aber auch größere Gegenstände, namentlich Gefäße mit gravierten 
Linien und negativen Reliefs. Das Verfahren ist uralt, wie die 
altägyptischen und assyrischen Siegelzylinder, Skarabäen und 
Amulette mit gravierten Hieroglyphen, Namenschildern und 
Wappen beweisen. Unter den größeren Arbeiten dieser Art ist 
der Becher Sargons (Abb. 22) die bekannteste. Die mit freier 
Hand modellierte Vase ist sorgfältig abgeschliffen, mit dem ein- 
gravierten Namensschilde des Königs und Löwenfiguren assyri- 
schen Stiles geschmückt, offenbar erst von einem assyrischen 
Künstler, nachdem die Vase aus Ägypten gekommen war. Zum 
Gravieren von Reifen und Linien bediente man sich bei gröberen 
Arbeiten des Feuersteines, namentlich des bereits erwähnten 
Ostrazits, bei feineren des Smaragdes, sonst auch stählerner 
oder kupferner Grabstichel. Das Verfahren war ähnlich wie 
bei den Überfanggläsern, indem man metallene oder steinerne 
Zeiger mit verschieden geformten Spitzen mittels des Rades auf 
die Glasfläche einwirken ließ. Den Diamant, der heute allgemein 
angewendet wird, kannte man zwar und wußte auch, daß er 
alle anderen Edelsteine ritze, machte aber von dieser Kenntnis 
in der Glasindustrie keinen Gebrauch. Der Schliff erfolgte da- 
durch, daß man an Stelle der spitzen Zeiger solche mit flachen 
oder rundlichen ^Scheiben einfügte und sie mit Schmirgelpulver 
bestrich.^) 

Die einfachste Verzierung von Hohlglas durch Gravierung 
bestand in der Herstellung von feinen Reifen um den Körper, den 
Hals oder die Mündung des Gefäßes, indem man einen spitzen Zeiger 
ansetzte und das Gefäß eine Umdrehung machen ließ. Gewöhn- 
lich sind die Reifen verdoppelt und so ein Ersatz für den auf- 
gelegten Spiralfaden, auch drei- und mehrfach gereiht, wodurch 



^) Plinius 37, 200. Marquardt a. a. O. Hlümner IV 39S f. Froehiicr S. 94. 

41* 



632 

sie wie breite Bänder erscheinen. So linden wir sie auf dem 
zylindrischen Stamnion, wo sie die Reifen eines Fasses nach- 
ahmen, oft in ansehnhcher Breite, manchmal in parallelen Streifen 
den ganzen Körper schmückend; feiner und spärlicher, aber 
gleichfalls in mehrfacher Wiederholung, an den zylindrischen 
Flaschen mit Delphinösen; als bescheidenen und doch eleganten 
Schmuck des Randes an Bechern zylindrischer, konischer und 
kugeliger Form, am Rande von flachen Schalen, am Halse von 
Flaschen, zumeist dicht unter der Mündung (Abb. 234). Bei den 
farbigen Gläsern der ersten Periode noch unbekannt, wird diese 
Verzierungsart seit der Erfindung der Gkispfeife und dem Über- 
gewichte des farblos - durchsichtigen Glases herrschend. Wir 
finden gravierte Reifen von den pompejanischen Gläsern an 
bis in das V. Jahrhundert hinein. Auch die Untersätze von 
konischen Bechern, deren sich einige im Museo Borbonico be- 
finden, flache, runde und sechseckige Scheiben auf drei kurzen 
Füßen, haben einen mit gravierten Reifen versehenen Rand. 
Wir bemerken sie auf dem Becher Theodehndes im Domschatze 
von Monza, den schwarzen Bechern mit ausgeschweiften Wan- 
dungen in Form des Carchesiums usw. Anstatt durch Anreihung 
feiner geritzter Reifen erzielte man mitunter breitere Bänder da- 
durch, daß man einen flachen Zeiger aus Metall oder Feuerstein 
auf das Gefäß einwirken ließ, welcher nicht sowohl ritzte, als einen 
breiten Strich ausschabte; solche Bänder sehen wie geätzt aus 
und werden manchmal auch irrtümlich dafür gehalten. Sie 
kommen erst im HL und noch häufiger im IV. Jahrhundert vor, 
gewöhnlich mit Schrägstrichen und Rauten kombiniert (Abb. 235, 
237). Den flachen Zeiger ersetzte man manchmal durch einen 
hohlen, um mit diesem breitere und rundlich vertiefte Reifen 
herzustellen, die von fein geritzten begleitet werden. So sind 
z. B. die Reifen auf Abb. 238, 239 entstanden. 

Von Reifen und Bändern ging man bald zu reicheren Formen 
und tieferem vSchnitt über. Unter den pompejanischen Gläsern des 
Neapler Museums befindet sich ein Becher, der am Rande mit 
einer Lorbeertänie, darunter mit schönen Weinranken in Tief- 
schnitt verziert ist. Daß solche Arbeiten iiuch noch im III. Jahr- 
hundert vorkamen, zeigt ein Becher der Sammlung ]\I. vom Rath 
(Abb. 239e). Auch dieser hat am Rande ein Lorbeerband, am 



633 



Körper eine großzüg-ige Weinranke. Das Innere des Sacro catino 
schmückt in der Mitte ein mit kleinen Würfelaugen besetzter 
gravierter Doppelreif, welchen ein aus Halbkreisen zusammen- 
gesetzter achtspitziger Stern einschließt; an dessen Ecken sitzen 
kleine Kügelchen, von welchen acht Radien nach den Ecken 
der Schale auslaufen (Abb. 33). Ein aus der Zeit der Claudier 
stammender Krystallbecher aus Kobern an der Mosel im Bonner 
Provinzialmuseum zeigt am unteren Teile ausgeschliffene Kan- 
neluren und darüber ein gegittertes Band, 
in dessen Maschen kleine Punkte eingesetzt 
sind. Oft sind neben Ornamenten auch Sinn- 
sprüche graviert, wie auf einem zylindri- 
schen Becher aus farblosem Krystallglase 
mit abgerundetem Boden, der in Krain 
gefunden wurde. Außer Strichel und Reifen 
schmückt ihn ein großes Herzornament. 
(Abb. 242.) ^) Das Metropolitan-Museum be- 
sitzt als italienische Erwerbung eine läng- 
liche vSchale mit sechseckiger Vertiefung, 
an deren Schmalseiten halbrunde Hand- 
haben anschließen, eine Form, die auch 
in Sigillata vorkommt. Auf dem Boden ist 
eine viereckige Raute mit fleur-de-lysarti- 
gen Enden graviert, welche einen kleinen 
Ring mit einem Kreuzchen einschließt. Dieselben Ringkreuzehen 
wiederholen sich bei den Gravierungen des Bandes und der Hand- 
haben; es sind Wellenlinien mit Spiralen und blütenartigen 
Formen, welche ursprünglich vielleicht mit Goldfäden ausgelegt 
waren, denn sie erinnern sehr an Tauschierarbeit.-) 

Im III. und. IV. Jahrhundert ist die Strichelverzierung sehr 
in Übung, kurze Einschnitte, die einzeln oder paarweise, senk- 
recht, schräge oder wagerecht zu Bändern zusammengestellt 
werden, nach Art der Rädchenverzierung auf Tongefäßen 
(Abb. 239b, g, h, i): im IV. Jahrhunderte das Zickzack, das 
oft mit langen senkrechten Streifenansätzen verbunden wird, so 
daß eine Anreihung giebelförmiger Muster entsteht, die durch 

^) Veröffentl. von W. Kuhitschek im Jah: 
^) Froehner S. 95 Abb. 167. 




Abb. 268. Fläschchen, geformt. 

Xew-York, 

Metropolitan-Museum. 



j.d.k. k. Central-Komm. I. Bd. Wien 1903 



634 

rechteckige oder ovale Schliffe gleichsam mit Fenstern versehen 
werden (Abb. 239h). Offenbar diente beim Zickzack der Glas- 
faden ebenso als Vorbild wie bei der Verzierung des unteren 
Teiles mancher Kugelbecher durch spitzwinklige Sternrosetten, 
welche aus Durchdringungen von Kreisbögen gebildet sind 
(Abb. 339i). Daneben kommen oft Rauten und Gittermuster vor 
(Abb. 235 bis 239f). Ein konischer Becher des Mainzer Museums 
zeigt ein zweireihiges, von einfachen Reifen eingefaßtes gra- 
viertes Rautenmuster, dessen rechteckige Felder £ib wechselnd 
leergelassen und mit feinmaschigem Netzwerke gefüllt sind. 
Ein Cantharus des Trierer Museums, aus dem Grabfelde von 
St. Maximin stammend, ist am oberen Teile mit einem ge- 
rauteten Bande, darunter mit sechseckigen Rauten verziert, 
welche ovale Hohlschliffe umschließen^); ähnlichen Schmuck 
zeigt eine Urne und ein erst vor kurzem aufgefundener Kugel- 
becher daselbst. Andere Stücke befinden sich im Kölner Museum, 
der Sammlung Nießen, in den Museen von Bonn, Mainz, Wies- 
baden, Worms, Speier u. a. Eine Vereinigung von Rauten, Gitter, 
Zickzack und anderen linearen Motiven zu einer Rosette zeigt 
die Gravierung einer flachen farblos -durchsichtigen Schale der 
Sammlung Xießen (Abb. 238).-) 

Seltener sind die linearen Gravierungen in Belgica. Aus 
Vermand stammt ein Scyphus \-on gedrungen zylindrischer, 
unten eingezogener Form, der gegen den Fuß zu eingeschliffene 
Kanneluren, darüber ein Gitterwerk aus breiten eingeschabten 
Strichen zeigt. ^) Ein Kugelbecher derselben Herkunft hat am 
Rande mehrfache gravierte Reifen, darunter lange, giebelförmig 
eingefaßte Hohlschliffe, abwechselnd mit quadratischen, durch vier 
runde Hohlschliffe verzierte Rauten.^) Ein Stamnion ist durch 
Reifen am oberen und unteren Rande und durch senkrechte 
gravierte Doppellinien in Felder geteilt, in welchen sich zwischen 
zwei linsenförmigen Hohlschliffen geschachte Rauten befinden.'^) 
Ein zylindrischer Becher im Museum von Rouen, in einem Grabe 



1) Abgeb. im Bonner Jahrb. 64, 126. 

-) Abb. anderer gravierter Gläser s. Bonner Jahrb. 71 T. V 1362, 1363. 

«) Pilloy II T. IV 8. 

*) ibd. T. IV 12. 

■■*) ibd. T. VII 9. 



635 

daselbst mit einer Münze des Tetricus gefunden, zeigt am Rande 
zwischen zwei Reifen je zwei schräge Strichel, abwechselnd mit 
quergestellten Hohlschliffen, am unteren Teile eine einfache Folge 
von Schrägstricheln in vimgekehrter Richtung, dazwischen als 
Hauptschmuck eine Reihe schlanker Giebel mit langgezogenen 
Hohlschliffen/) In demselben Museum befindet sich eine Kugel- 
flasche mit Delphinösen, die aus Bonn stammt; den oberen Teil 
füllen zwei Reihen quergestellter Hohlschliffe, den unteren ein 
Band von linsenförmigen, abwechselnd senkrecht und wagerecht 
gestellten, den mittleren Teil große würfelaugenartige Plohlschliffe, 
getrennt von senkrechten Strichen, die beiderseits in kleine 
Ovalschliffe endigen.") 

Diese Stücke gehören bereits der zahlreichen Klasse von 
Gläsern mit Hohlschliffen an. Sie tauchten etwa gleichzeitig 
mit der geschnittenen Dekoration an Tongefäßen im ersten 
Drittel des III. Jahrhunderts auf und zwar mit VorHebe auf 
dickwandigem Bleiglase, das in seiner völligen P'arblosigkeit 
und seinem Glänze unserem Krystallglase nahe steht, wäh- 
rend man zu Gravierungen auch gewöhnliches Eisenglas mit 
dünnen Wandungen benützte. Außer farblosem kommt aber 
auch farbiges Krystallglas vor, besonders purpurrotes, violett- 
rotes und goldbraunes. Hohle Einschnitte wurden durch das 
Ferrum retusum des Plinius erzielt, die heutige Rundperl oder 
Buterolle, einen Zeiger, der anstatt der Spitze einen kleinen 
kugeligen Knopf hat. Je nach seiner Größe erzeugte er linsen- 
förmige, ovale oder runde Hohlschliffe, auch Ringe, Kanneluren 
und Rauten, welche zu mannigfachen geometrischen Mustern 
zusammengestellt wurden und mit gravierten Reifen und Figuren 
abwechseln. .So entstanden Schalen, Flaschen und Becher mit 
rosettenartigen Mustern und Bändern, die auffallend an die 
modernen geschliffenen und gepreßten Krystidlgläser erinnern. 
Oft wurde durch dichte Anreihung \o\\ HohlschlifFen der ganze 
Gefäßkörper fassettiert und so der Eindruck einer in wirklichen 
Krystall geschnittenen Arbeit hervorgerufen. Eine besonders 
reich ausgestattete große Schale dieser Art, aus der ersten Hälfte 



1) Deville T. 73 B. S. 64. 
■') ibd. T. 73 A. S. 64. 



636 

des III. Jalirluindcrts stainmciul , bcfmdcl sicli im .Museum 
W'allraf-Kicliartz (Al)b. 240); das kreisrunde Miltelstüek ist mit 
einem Rautenmuster j^efüllt, der Kand mit feinen ineinander 
jj-reifenden I lohlschlifFen \-erziert. Ahnliclie Selialen trifft man 
in der SamndunL^ Nießen, und in den Proxinzialmuseen von Trier^) 
und Ijonn. Letztere wurde im Vereine mit einer jrravierten 
Fkische und Münzen der ersten Hälfte des ill. Jahrhunderts in 
einem Grabe zu Gelsdorf j.>efunden."-) Eine Ku^elflasche des 
K(")lner Museums, welche dersell^en Zeit an^-cdiört, überrascht 
durch die elegante und sichere iVusführun^"- eines Musters, das 
g-eradezu als vorbildlich zu bezeichnen ist (Abb. 241): Eine 
sonnenartige Rosette ist von mehreren konzentrischen Kreislinien 
umgeben, welche durch Doppellinien durchschnitten und von 
den benachbarten Mustern getrennt werden. Auch eine Flasche 
der Sammlung Kramer in Köln hat schönen Fassettenschmuck."') 
In der Sammlung M. vom Rath befindet sich ein Stajunion und 
mehrere Becher von verschiedener Form, in welchen I lohlschliffe 
mit Gravierungen vereint sind (Abb. 239, b, d, f, g, i). 

Die Phantasie der Glaskünstler war in der Verwertung und 
Zusammensetzung der durch die Technik vorgeschriebenen Motive 
schier unerschöpflich. Namentlich die Werkstätten von Köln und 
Trier pflegten im III. und IV. Jahrhundert den Fassettenschliff 
eifrig, auch die englischen, während er in Belgica und im übrigen 
Gallien selten ist. Außer den rheinischen Museen sind die Londoner 
Sammlungen reich an Arbeiten dieser Art. Die Kugelschale und 
der Becher des Metropolitan Museums, erstere völlig bedeckt mit 
kleinen, um eine sechsblättrige Rose gruppierten, linsenförmigen 
Schliffen, letzterer mit drei Reihen von ovalen und einer 
Reihe von kreisförmigen Hohlschlififen, *) stammen aus Köln und 
halben in einer Reihe geschliffener Gläser der Museen \'on 
Köln, Bonn, ]Mainz und Trier Seitenstücke. Vom Rheine 
stammen wohl auch die nach dem Osten Deutschlands ver- 
schlagenen Stücke. .So ein Becher aus farblos-durchsichtigem 



*) Muscographie der Westd. Z. XI 251. 

-j Bonner Jahrb, 33/34 S. 224. Fund von Gelsdorf, um 220 n. Chr 

■^) Museographie IX 309 T. 17, 8. 

■*) Froehner T. XXII 93, 94. 



637 



Gla.se, am Boden mit g'eschliffenen Rundscheiben und gravierten 
Stricheln verziert, aus dem Grabe von Haeven in Mecklenburg,-^) 
ähnliche aus Grabow, Taastrup und Hötrup daselbst,-) ein weinroter 
Kugelbecher mit zwei Reihen ovaler und einer Reihe runder, dicht- 
g-ereihter Hohlschliffe unter einem Doppelreif, aus Sackrau bei 
Breslau.'^) Eine amethystfarbige Schale mit ovalem Tiefschnitt 
erwähnt Eng-elhardt aus dem Grabfunde von Yarpelev in 
Dänemark, zugleich mit einer farb- 
losen; bei beiden fand man Gold- 
münzen des Kaisers Probus. ^) Auch 
in Abekäs (Schoonen) kamen 1872 
zwei Glasbecher zum Vorschein, \'on 
welchen der eine konisch nach oben 
verbreitert, über dem Fußringe eine 
Einziehung zeigt und mit vier gegen- 
ständigen Reihen ovaler Hohlschliffe 
zwischen gravierten Dopj^elreifen 
verziert ist.''') 

In Italien sind Gläser mit Fasset- 
tenschliff nach Münzfunden schon zur 
Zeit des Commodus nicht selten. Die 
Technik war jedenfalls nicht lokalisiert, 
sondern gleichmäßig im Osten wie im 
Westen verbreitet, wenn auch Köln 
und Trier in der letzten Zeit anderen 
Werkstätten den Rang abgelaufen 
zu haben scheinen. Im Museum zu 
Neapel findet man außer gravierten 
Gläsern solche mit Hohlschliff; Ro- 
setten, Kanneluren, Reifen, linsenförmige, ovale und kreisrunde 
Ausschliife sind auch hier die üblichen Dekorationsmotive, seltener 
sind Rauten. Ein Kugelbecher in der Sammlung des \"atikans 
hat runde Hohlschliffe und graviertes, teilweise vergoldetes 




Abb. 269. Kännchen, geformt. 
Breslau, Scliles. Museum für Kunst- 
gewerbe. 



^) Mecklenburg. Jahrbücher 35, S. 115, T. II :;o. 

2) ibd. S. 105, 115. 

^) Grempler a. a. O. S. 6^ T. I i. 

*) Engelhardt, l'Ancien äge de fcr S. 9 Fig. 12, Fig. 11. .\arböger 1S77 S. 355. 

^) Montelius, Die Kultur Schwedens in vorchristl. Zeit. Deutsch v. C. Appel S. 99. 



638 

Linienornament: cin/cliic runde l-fldcr sind wcill i-iiiaillicrt und 
darauf der sieb(Miarniiy-e Leuclitcr gemalt. Ks ist wohl das Werk 
eines jüdischen Glasmachers, der in Rom im III. oder I\'. Jahr- 
hundert täti^ war/) Sicher orientalischen rrs})runi^s ist ein Xapf 
mit zwei kleinen Ösen und ganz mit F^issettenschliff bedeckt, 
in der Sammlung des Grafen Sergius Stroganoff in Petersburg. 



B. Gläser mit Reliefschnitt. 

Tn Italien ist eine Dekorationsart vertreten, die am 
Rheine fehlt, nämlich hohlausgeschliifene Lotusblätter ohne 
Stiel, welche den R^md von Schalen und die Wandungen von 
Flaschen und Bechern bedecken. Sie sind eine Nachahmung 
des positiven Barbotinesschmuckes an Terra sigillata und ein 
Gegenstück zu den Gefäßen mit Lotusknospen und Lotusblättern 
in positivem Relief, die teils eine Abart der Xuppenverzierung 
bilden, also aufgelegten Schmuck zeigen, teils in Relief ge- 
schnitten sind. Diese, wenn man will, cameenartig bearbeiteten 
Gläser übertragen die Technik, die wir an dem oberen Teile der 
Situla von S. Marco, dem Relief des Lykurgosbechers, dem Wiener 
Bruchstücke u. a. kennen gelernt haben, aus dem figürlichen ins 
ornamentale Gebiet. Ihr Ursprung ist alexandrinisch, als ältestes 
Exemplar dürfte ein Becher aus Pompeji im Museum von Neapel 
gelten. Er besteht aus leicht grünlichem durchsichtigem Glase, 
hat schlanke, unten abgerundete und mit einer Fußplatte ver- 
sehene Zylinderform und als Schmuck fünf wechselständige Reihen 
mandelförmiger, nach unten zugespitzter Knospen und Blätter; 
zwischen diesen sind kleine runde Tropfen und in der untersten 
Reihe dicht über dem Boden Sternchen angebracht, die in der Mitte 
und am Ende der sechs von ihr ausgehenden Strahlen kleine 
Beeren zeigen (Abb. 272 d).-) Dieser Schmuck ist nicht aufgetropft, 
sondern in Relief herausgeschliffen. Deville hält solche Gläser 
irrtümlich für eine Besonderheit der Werkstätten Pompejis selbst 
und vergleicht sie mit den späteren venezianischen Nachbildungen, 
den Gaufres de Venise. In Wirklichkeit sind sie weder auf Pom- 



^) Garrucci, Vetri ornati di figure in oro. Roma 1864 V i. 
"> Deville T. 9 B. 



639 

peji, noch auf Italien beschränkt. Das Museum Wallraf-Richartz 
besitzt zwei Amphorisken aus matt durchsichtigem Krystallglase, 
eine davon aus der früheren Sammlung Merkens (Abb. 138), die 
mit fünf wechselständigen Reihen von lanzettförmig zugespitzten 
Knospen und Blätter geschmückt sind; die drei oberen sind mit 
den Spitzen nach abwärts gestellt und so gestaltet, daß der stark 
heraustretende äußere Umriß sich im Inneren in einem verklei- 
nerten Kerne wiederholt. Dadurch sind diese Zierate deutlich 
als Lotusknospen gekennzeichnet. Die beiden unteren Reihen 
enthalten quer, d. h. mit den leicht aufgebogenen Spitzen nach 
rechts gestellte Lotusblätter, die in glatter Fläche ohne ver- 
stärkten Umriß und ohne Innenlinien hervorragen. Auch dieser 
Schmuck ist mit dem Schleifrade in Relief herausgearbeitet. Ein 
schlanker konischer Becher aus Krystallglas mit leicht ausge- 
schweiftem Rande zeigt gleichfalls fünf Reihen in Relief ge- 
schnittener mandelförmiger Blätter; er befindet sich in der 
Sammlung Pourtales in Paris. ') Die Blättchen sind aber hier wne 
bei dem Becher aus Pompeji glatt und unkonturiert, mehr zu 
der gewöhnlichen Gestalt der tränenartigen Nuppen (larmes), 
verallgemeinert, wie man sie durch Auftropfen herstellte. 
Der Becher im Museum von Ronen (Abb. 141) zeigt solche auf- 
getropfte Dekoration in Herz- und Mandelform, während ein 
Becher mit Netzwerk aufgetropfte Nuppen von einer Gestalt 
enthält, die sich von den Lotusknospen der Kölner Amphorisken 
nur durch den Mangel eines inneren Kernes unterscheidet 
(Abb. 139). Man hält die Lotusknospen manchmal irrtümlich für 
Astnarben, besonders auf Bronzegefäßen, welche genau den- 
selben vSchmuck zeigen und offenbar den Glasmachern als 
Muster dienten. 

Am Rheine findet man auch Gläser mit positivem jiflanz- 
lichem Reliefschmucke anderer Art. In Trier kam 1905 ein 
Becher aus farblosem Krystallglase von seltsamer Form zum 
Vorscheine; er gleicht einer abgestumpften vierseitigen Pyramide 
mit leicht abgerundeten Ecken und ist ungefähr in der Mitte einer 
der Seitenflächen mit einem kleinen kantigen Henkel besetzt (Abb. 
243). Obwohl das Gefäß sehr gelitten hat und nur notdürftig 



') Deville T. 74 B. 



640 

aus \-ielpn Trümnicrn wieder zusammeng-esetzt werden konnte, 
erkennt man doch deutlieli, daß aus den dicken Seitenwandungen 
sch\vung\-olles Rankenwerk von Plfeu mit schön gezeichneten 
Blättern in kräftigem Relief herausgeschnitten ist. Weit weniger 
geschickt ist der Reliefschnitt an einem Schälchen der Samm- 
lung M. vom Rath, das gleichfalls aus farblosem Krystallgkise 
besteht und an der äußeren konvexen Seite in gerauteter Um- 
rahmung \ier J.otusblätter und die linksläufige Inschrift ZHCAIN 
in Reliefschnitt zeigt. Von innen betrachtet erscheint diese 
natürlich richtig lesbar. Der Endbuchstabe ist nichts als ein ver- 
stelltes Z, was das Wort t,riOuig ergibt, den im \\. Jalirluindert 
auf Trinkgefäßen sehr häufigen (ilückwunsch.^i 



C. Gläser mit gravierten Stadtansichten. 

Außer ornamentalem Schmucke und Inschriften findet 
man zahlreiche figürliche und einzelne architektonische Dar- 
stellungen in Gravierung und vSchliff. Auf drei Kugelflaschen 
aus dünnem, farblos-durchsichtigem Glase sind in derben Umrissen 
die hervorragendsten Gebäude der Küste von Puteoli, der Haupt- 
stätte der italischen Glasfabrikation, dargestellt. Die Flaschen 
sind, was für die regen Handelsbeziehungen innerhalb des Welt- 
reiches kennzeichnend ist, zum Teile an weit auseinanderliegenden 
Orten aufgefunden worden, eine in Piombino, die andere in den 
römischen Katakomben, die dritte in Odemira in Portugal. Die 
Gebäude sind ganz schematisch in breiten Strichen mit dem 
Feuerstein eingeschabt und von erklärenden Inschriften be- 
gleitet, mit geringen Abweichungen auf allen dreien gleichartig. 
Auf der Flasche, die aus einem Grabe von Piombino, dem 
alten Populonia stammt und in die Sammlung der Groß- 
herzogin von Toscana kam, liest man die Worte: STAXVm. 
OSTRIARIA, PALATI Vm, RIPA, PILAE und auf dem 
Halse die Widmung: ANIMA FELIX VIVAS.') Auf der 
römischen, welche nach de Rossi „nel suburbano di Roma" 



') Vgl. Sammlung M. vom Rath T. XVIII 167. Bohn. CiL XIII. 
-) de Rossi, Bull. Napolit. 1853 S. 133, T. IX 2. Mercklin, Dorpater Lek- 
tionsverzeichnis 1851. 



641 

gefunden wurde und in das Aluseo Borj^iano di Propaganda 
kam, stehen die Bezeichnungen: FAROS, STAGNVm, 
NEronis, OSTRIARIA, STAGNVm, SILVA, BAIAE 
und auf dem Halse die Inschrift: MEMORIAE FE LI CT SSI ME 
FILIAE. Dressel suchte die Flasche jedoch in der bezeichneten 
Sammlung vergebens/) Die in den früheren römischen Berg- 
werken zu Odemira, zwanzig Legoas von Evora entfernt entdeckte, 
ganz gleichartige Flasche enthält die Inschriften: PI LAS, 
SOLARIVm, AMPITHE ATrum, TIIERMETANI, 
THATRVM, RIPA.-) Die Gravierung (Abb. 244) zeigt eine 
Brücke von drei Bogen, unter welchen fließendes Wasser ange- 
deutet ist. Auf ihr sieht man zuerst ein großes Tor, gekrönt 
von einem Giebel, dann zwei schlanke Säulen oder Pilaster, 
welche Statuen, Männer mit Lanzen, wie es scheint, tragen. 
Zwischen beiden steht die Inschrift PILAvS. Dann folgt ein 
Doppelportal mit darüber liegendem Gebälk, auf welchem die 
Vorderteile von vier, nach rechts sich aufrichtenden Rossen 
emporragen. Diese Darstellung wiederholt sich mit unwesent- 
lichen Änderungen auf den beiden anderen Flaschen, am ge- 
nauesten auf der von Piombino, auf w^elcher aber die Brücke 
vier Bogen zählt und die Inschrift PILAE lautet. Ob an Stelle 
der Männer mit Lanzen hier andere Gestalten die Säulen be- 
krönen (Jordan denkt an vStörche), ist nicht sicher zu erkennen. 
Die Brücke läuft hier, wie das Vorderteil eines Schiffes, in einen 
Tierkopf aus. Das Wort RIPA, das auf der Flasche von 
Odemira neben dem Tore angebracht ist, steht hier unter dessen 
Giebel. 

Zur Erklärung der Darstellung hat man ein angebliches 
antikes Gemälde herangezogen, das als Titelvignette die erste Seite 
von Belloris „Fragmenta vestigii veteris Romae" schmückt und 
die Bezeichnung „ex antiqua pictura" ohne jede nähere Angabe 
trägt. Wahrscheinlich ist es aber nicht als treue Reproduktion 
eines bestimmten Gemäldes aufzufassen, sondern als ein Phantasie- 
bild, das Bellori aus verschiedenen antiken Andeutung-en zusammen- 



1) de Rossi, a. a. O. S. 133 T. IX i. ibd, 1S54 S. 153. Hüll, dcl inst. 1S53 
S. 36. Dressel CiL XV 7008. 

-) Jordan, Archiiol. Zeitung 26 (1S67) S. 91, T. II (danach unsere Abbildung). 
CiL Suppl. Nr. 6251 i- 



642 

setzte. Wir seilen da in liall)er Vogelperspektive eine Insel 
oder J lalbinst^l, mit debäuden besetzt, deren Beischriften 
manchmal recht seltsam klin^-en, \vi(> hal. Fnustincs, horrca, fo. 
boariiim, aqiiae pnisi/cs, for. o/itor. portc.x Xfptiiiii, t. Apollonis. 
Von der Insel spring-t auf sieben Bogen eine Brücke ins Wasser 
vor und endigt in einen Vorbau, der eine Fig-ur enthält. Auf 
der Brücke sind zweimal ein zweibog-ig-es Tor und zwei frei- 
stehende Säulen wiederholt; auf dem 
ersten Tore erheben sich wie auf den 
Flaschen vier Vorderteile von Rossen, 
aber mit Fischschwänzen, also Hippo- 
kampen, von einer männlichen Fig-ur 
g-elenkt, auf dem zweiten vier männ- 
liche Körper, die m Fischschwänze 
ausg-ehen, nebst ihrem Lenker. Auf 
den Säulen stehen menschliche Figür- 
chen. Es liegt nahe, hier dieselbe Dar- 
stellung der Brücke oder besser gesagt, 
des Molo anzunehmen. Mercklin und 
de Rossi wollten früher darin das linke 
Tiberufer in Rom erkennen, doch hat 
sich dieser später endgültig für die 
Küste von Puteoli oder Bajae ent- 
schieden, nachdem bereits Steinbüchel 
diese Vermutung ausgesprochen hatte. 
Außer der beschriebenen Brücke sieht man darauf die Bezeich- 
nungen OSTRIARIA, STAGNUm, PALATIUm. Auf der in den 
Katakomben gefundenen Flasche folgen der Reihe nach FAROS, 
STAGNUm NEROXIS, OSTRIARIA STAGNUm, SILVA BAJAE, 
die Brücke oder der Molo jedoch nicht. De Rossi erklärt nun, diese 
Anlagen seien, vom Lande gesehen, an der Küste in der Richtung 
von Bajae nach Puteoli zu suchen. Sicher ist, daß ostriaria. faros 
und Bajae auf der einen, ripa und pilac auf den beiden anderen 
Flaschen, in die genannte Gegend führen. Die Flasche von Piombino 
zeigt, wie bemerkt, nicht eine von einem Ufer zum anderen führende 
Brücke, sondern einen mitten im Wasser endigenden Molo. Einen 




Abb. 270. Kännchen, geformt 
Salzburg, Museum. 



1) Mercklin a. a. O. S. VII. 



643 

solchenkennenwir inPuteoli, aus derSchilderung Senecas epist.77/) 
Er erzählt, daß das Volk auf die Brücke strömte, um die Schiffe 
einlaufen zu sehen, wie heutzutage ähnlich auf dem Molo von 
Neapel. Diese Brücke hieß pilae. Das Wort bezeichnet auf den 
Flaschen nicht die beiden vSäulen, zwischen welche es einge- 
schrieben ist und welche die Mitte des Molo einnahmen, sondern 
diesen selbst; er hatte seinen Namen von den Pfeilern, auf 




Abb. 271. Becher mit Gottheiten, geformt. Petersburg, Eremitage (Aufrollung). 



welchen er ruhte. Daß von den zahlreichen Pfeilern und Bogen, 
aus welchen er wohl bestand, nur drei wiedergegeben sind, ist 
bei einer schematischen Darstellung erklärlich, ähnliche andeu- 
tende Vereinfachungen waren ja auch auf Münzen üblich. 

Auf dem Molo von Pozzuoli stand dem Zugange vom Lande 
her zunächst eine Art Eingangstor. Nach dem Bilde auf der 
Flasche von Piombino scheint dies kein einfecher Durchgangsbogen, 
sondern ein dem sogenannten Janus quadrifrons ähnlicher Bau 
gewesen zu sein, mit Giebeln auf allen vier Seiten. Dann folgen 
die zwei Säulen mit Standbildern, und schließlich ein zweitoriges 
Monument, in welchem de Rossi den Trium])hbogen des Antoninus 



') , .Subito nobis hodie Alexandrinae naves apparuerunt . . . gratus illarum 
Campaniae adspectus est, omnis in pilis Puteolorum turba consistit et ex ipso genere 
velorum Alexandrinas quamvis in magna turba navium intclligit.'' 



t'44 

Plus vermutet; die vier Rosse können dann als .Vndeutung- der 
ihn schmückenden »Quadriga gelten. Diese drei Monumente ver- 
mochte der Glasgra\eur nicht persjiektivisch richtig darzustellen, 
denn es ist klar, dali man unter (h-m I)()g(Mi und /wiselicn den 
Säulen auf der Brücke hindurchging. Das Wort ripa bezeichnet 
offenbar das Ufer, von welchem man auf die Brücke gelangte. 
Nach Jordan sind darunter die Kais zu verstehen, die zu beiden 
vSeiten innerhalb des Hafens hinliefen. 

Das Ol^iis pildritni findet sich als das hervorragendste Werk 
sowohl auf der Flasche von Piombino, wie auf der \'on Odemira, 
deutlich bezeichnet. Die übrigen Gebäude sind auf allen dreien 
ganz ^'erschieden. Man kann bei einer derartigen Darstellung 
weder Vollständigkeit, noch richtige Anordnung erwarten. Diese 
ist auf der Flasche von Piombino und jener aus den Katiikomben 
durch die in einer Reihe umlaufende Inschrift angedeutet, 
während auf der Flasche von Odemira die Namen in das Bild 
eingezeichnet sind. Als natürhcher Mittelpunkt des Ganzen bietet 
sich hier eine Adicula mit Giebel, die zwischen zwei Säulen ein 
Götterbild zeigt, wie es scheint Fortuna mit Füllhorn und Ruder. 
Zu beiden Seiten dieses Tempels erkennt man zwei Häuserreihen 
übereinander, also perspektivisch hintereinander gemeint. Links 
unten ein kreisrundes Gebäude, das AMPHmiEATrum. Dieses 
scheint, da doch nicht zwei Amphitheater in einer Stadt ange- 
nommen werden können, in der oberen Reihe wiederholt zu 
sein. Oben dürfte ein in den Kreis eingezeichneter Palmzweig 
auf den Sieg in den Spielen deuten, der undeutliche Gegen- 
stand in dem vmteren Kreise aber kann kaum etwas anderes als 
eine Peitsche sein. Vielleicht sollte demnach die zweimalige 
Darstellung der Arena mit verschiedenen Symbolen auf die 
beiden Hauptdarstellungen, Gladiatorenkämpfe und Wagenrennen, 
hindeuten. Über die Rundung des oberen Gebälkes ragen Spitzen 
hinaus, wahrscheinlich die Enden der hohen Pfeiler, welche das 
Gerüst des Mauerwerkes bildeten. An beide schließen sich über- 
einander stehende Säulenreihen an, welche auf der anderen Seite 
des Tempels weiterlaufen; dieser ist vor ihnen stehend zu denken. 
Über der unteren Reihe liest man AMPHITHEAT THEATRUM 
RIPA dann folgt die Brücke, über der oberen SOLARIUm THER- 
MEANI(?). Dem Amphitheater zur Linken entspricht zur Rechten 



Tafel Xi 




OEXOCllüK MIT V( )(;KLKI';1)F.R.MLSTKK 

Alls 1 hiuswcilrr 

15i):in, r)uvin/-Kilnui.scum 



645 

unter tlifatniin die halbkreisförmig-e Andeutung der cnvea eines 
Theaters. Die Bedeutung der Inschrift tJicnne . ani ist ungewiß. 
Mommsen schlägt vor THERAIE.IAXI zu schreiben und 
meint demnach Durchgangsbögen wie beim Janustor in Rom. 
Solarium ist wahrscheinHch ein verandaartiges flaches Dach, 
vielleicht ein mit Porticus versehener Garten auf einer Terrasse.-^) 
Dann bleibt dem Tempel gegenüber als wichtigstes Stück der 
Molo übrig. Diese Auswahl scheint die hervorragendsten Bauten 
von Puteoli mehr in Rücksicht auf Symmetrie, als auf richtige 
Folge wiederzugeben. 

Was die Bestimmung dieser Gefäße betrifft, so bemerkt 
de Rossi, daß die Flasche aus den Katakomben durch ihre Um- 
schrift memoriac felicissime filme, welche bei einer sitzenden, in 
der Rechten Lorbeerzweige, in der Linken einen Becher halten- 
den Frauengestalt beginnt und zu ihr wieder zurückkehrt, sich 
deutlich als Andenken an eine Verstorbene kennzeichne. Die 
Flasche mit der Inschrift aiiiiua fclix vivas ist dagegen durch 
ihren Fundort, ein Grab, noch durchaus nicht als Grabbei- 
gabe bestimmt, der vSpruch kimn sich ebensogut auf eine 
lebende Person beziehen.') Die Flaschen sind sehr klein, bloß 
II und 15 cm hoch, zu (jelegenheitsgeschenken, Andenken an 
einen Badeaufenthalt und dergl. sehr geeignet; Jordan ver- 
mutet daher, dai] sie, ähnlich wie unsere kleinen Reiseer- 
innerungen, in Bajae für die zahlreichen, dort die Ferien ver- 
bringenden oder die Bäder nehmenden Fremden in ^Massen 
feilgehalten und auf Wunsch mit Namen oder Sprüchen verziert 
wurden. So würde es sich iiuch erklären, daß ein in Populonia 
Verstorbener ebenso wie ein in Odemira Lebender derartige An- 
denken an ihren Aufenthalt in Bajae erhalten haben. Aus der 
Darstellung des Trium])hbogens des Antoninus Pius geht hervor, 
daß die Flaschen erst nach diesem Kaiser entstanden sind und 
nicht etwa bereits nach Neros Zeit, wie man aus der Inschrift 
stagiuim Nerouis auf dem Exemplare der Katakomben schließen 
wollte. Diese bezeichnet vielmehr ein unter Neros Herrschaft 



1) Marquardt V i, 253. 

"-) Vgl. die Anreden ,,Polycarpe bibe (= vive) felix" auf einem Glase des 
Collegio Romano bei Merlin S. III; .,hospita felix vivas" etc. bei U. Jahn, Bonner 
Jiihrb. 13, 105 f., Orelli 4308 u. a. 

Kisa. Das Glas im Altertiime. II. ,2 



646 

angelegtes Bassin, das jedenfalls noch hjjäter \orhanden war, 
wenn es auch auf den anderen Flaschen nicht ausdrücklicli ge- 
nannt wird: die rohe Technik verweist \ielinehr in rinc ganz 
späte Periode, in das J\'. Jahrhundert. 

Wegen der Gleichartigkeit der Darstellung sind hier die 
Reste einer Glasschale aus Köln im Provinzialmuseum in Bonn 
zu erwähnen, die ciber. weil bei ihnen Goldbelag und Emailmalerei 
angewendet ist, erst in einem späteren Abschnitte eingehender be- 
handelt werden. Es sind vier Scherben \on farblosem Glase, 
auf welchen mehrere Gebäude an dem Ufer eines Flußes in 
Goldumrissen eingezeichnet sind. Unter den Aufschriften ist nur 
x\URELL\NA sicher, doch nicht, welcher Ort damit gemeint ist. 
Der Stil der Arbeit ist dem der Plaschen von Puteoli verwandt 
und jedenfalls gleichzeitig, doch liegt es nahe, rheinischen l'rs])rung 
anzunehmen. Die Zeichnung ist leicht \orgra\iert und dann in 
Gold und Farben ausgeführt. 

Bei anderen Stücken ist neben Gravierung mit freier Hand 
auch der Schliff mit dem Rade angewendet. Die Schalen dieser 
Art, namentlich aber flache Teller, waren nach der Ansicht 
E. aus'm Weerths manchmal in Metall gefaßt und auf metallenen 
Dreifüßen aufgestellt. Wahrscheinlich waren gravierte Metall- 
schalen als Vorbilder maßgebend, wie z. B. die silbernen Schalen 
der Sammlung des Grafen Sergius Stroganoff und die der Eremi- 
tage in Petersburg aus dem III. und I\". Jahrhundert und teil- 
weise noch aus byzantinischer und sassanidischer Zeit. Unter den 
römischen Stücken befindet sich eines mit der Darstellung von 
Ajax und Odysseus, die vor Athena um die W^iffen Achills 
streiten.^) Unter den sassanidischen Gravierungen überwiegen 
Jagdszenen. 

D. Festspiele, Zirkus- und Jagdszenen in Gravierung. 

Eine Reihe gravierter Gläser zeigt Darstellungen aus dem 
Leben, besonders aber Zirkusszenen und Jagden. Aus dem 
Anfange des IV. Jahrhunderts stammt eine flache Schale, die 



*) E. aus'm Weerth, Bonner Jahrb. 63, 113 f. Stepliani, Compte rendu 1867; 
de Linas, Orfevrerie II 43 f. 



647 

bei den Ausgrabungen von Sta. Maria Liberatrix in dem 
Atrium der Vesta in Rom gefunden wurde und im capitolinischen 
Museum verwahrt wird. •^) Sie ist von innen graviert, wie die 
meisten flachen Schalen, so daß das Bild von außen verkehrt 
erscheint, während engere Gefäße auf der Außenseite verziert 
wurden. Unter einem von zwei Victorien gehaltenen Kranze 
liest man die Inschrift 

VOTA 
XX 

MVLTA 
XXX 
Darauf folgen drei 
P^iguren. Die eine, 
nach links gewen- 
det, ist kaum mehr 
sichtbar; wahr- 
scheinlich stellte 
sie Maximianus 
Herculeusdar. Da- 
neben erscheint 
eine andere, sitzend 
nach rechts ge- 
wendet, wohl Diocletian, und hierauf eine lieg-ende, gleich- 
falls nach rechts gewendete Gestalt, in der Constantius 
Chlorus vermutet wird. Darunter sieht man, von drei Säulen 
getrennt, den Profilkopf Diocletians, den des Constantius und 
als Ersatz für das Bild des dritten Cäsaren den Namen 
SEBERVS, unter ihm die undeutliche Gestalt eines Mannes 
mit einem vSchilde. Bruzza, der die Schale veröffentlichte, führte 
sie auf die Vicennalia, das 20jährige Regierungs- Jubiläum 
Diocletians im Jahre 303 , zurück und deutete die Gestalten in 
der oben angegebenen Weise. Er nimmt an, daß oberhalb des 
Namens Severus in der Gestalt mit dem Schilde Constantius Chlorus 
als designierter Protektor dargestellt sei, der 305 Caesar wurde. 
In Umrißgravierung ist auch das große Bruchstück einer 




Abb. 272. 



Gruppe von geformten Gliiso 
Neapel, Museum. 



^) Dressel in Cil XV cap. VI 7007. Bruzza, Bull, arclicol. commun. 1882 
S. 180 T. XX. 

42* 



648 

faHilosen, irisierten Vase verziert, die um die Mitte des 
Will. Jahrhvmdc^rts in einem (iral)e an einem Stadttore^ in I*isa 
zum Vorscheine kam, aber leider von den Arbeitern aus Vn- 
achtsamkeit zertrümmert wurde. Passeri erwähnt bereits das 
Stück, das sich jetzt im Britischen Museum befindet und hebt 
hervor, daß die Darstellung- nicht in Relief g-ehalten, sondern 
in Umrissen iL^raviert s(m (Abb. 251). Sie zeis^t unter zwei 
von einfachen Linien eini^efaliten Friesstreifen mit dem In- 
schriftsreste CLAVDIA und ZKSES, die trleichfalls auf das 
IV. Jcihrhundert und christliclien rrs]iruns^- hindeuten, zwei 
breitere Bildstreif(Mi mit Szenen der Arena. Der obere schildert 
den Schauplatz, die Spinnt. Wir sehen den Rest eines Lorbeer- 
baumes, neben ihm die drei Pyramiden der Meta, des Zieles der 
Wag-enrennen: darauf einen Tempel zwischen Säulen, welche 
Standbilder der Victoria mit Helm und Schild (oder der Roma?) 
tragen, ihnen folgt eine Aedicula mit drei Gestalten: auf dem 
kräftigen Gesims sieht man Andeutungen der eirunden und ver- 
goldeten Ova curriculorum , welche hier aufgezogen wurden, 
sobald ein Wagen das Ziel erreicht hatte, sieben an Zahl, deirüber 
einen Palmzweig. Der untere vStreif enthält zwei im Wettkampfe 
begriffene Quadrigen, die eine mit dem Wagenlenker. Im 
ganzen dürften, nach den Abmessungen des Bruchstückes zu 
urteilen, welches ungefähr die Hälfte der ursprünglichen Run- 
dung einnimmt, \ier Quadrigen dargestellt gewesen sein. Die 
Zeichnung ist handwerksmäßig, wenn auch die Technik große 
Übung verrät."^) 

Ein interessantes Stück wurde Januar 190Ö auf dem süd- 
lichen Gräberfelde von Trier gefunden. Es ist ein Scyphus aus 
leicht grünlichem, durchsichtigem Glase von 5 mm dicken senk- 
rechten Wandungen, mit einem kräftigen Fußring'e (Abb. 257,257 a). 
In sein Inneres ist ein dicker Reif aus blauem Glase eingefügt,, 
wie auch gelegentlich Kugelkannen mit Trichterhals einen blauen 
Henkel haben.") Der Becher ist 9 cm hoch und hat oben 1 1 cm 



1) Dcville S. 74, T. 89. Froehner S. 95. 

-) Ich verdanke diese Angaben sowie die photographischen Aufnahmen, welche 
den Abbildungen des Bechers zugrunde liegen, dem liebenswürdigen Entgegenkommen 
des Herrn Museumsdirektors Dr. Emil Krüger, welcher den Fund in der Museo- 
graphie zu veröffentlichen gedenkt. 



649 

Durchmesser. Die Figuren sind roh und ungeschickt in Um- 
rissen graviert, die Gewandfeiten und Haare gestrichelt, auch 
einzelne Teile der Gewänder und Waffen durch dichte kurze 
Schraffierung hervorgehoben. Dasselbe gilt von den beiden 
Pferden und dem Eichkätzchen, während der Panter Flecken in 
Form kleiner Ringe hat und die Schnecke am Körper leicht punk- 
tiert ist. Unter der Inschrift BIBAMVS und einem Efeublatte als 
vSchluß, die sich dicht am Rande hinzieht, erblickt man eine 
Biga mit nach links galoppierenden Pferden und einem mit 
Rundschild und Lanze bewaffneten Wagenlenker, dem Essedarius, 
der sich umwendet, um einen gewaltigen, gegen ihn anspringen- 
den Panter zu bekämpfen. Dicht hinter dem Wagen kriecht 
eine große Schnecke mit ihrem Muschelhause am Rücken, während 
unter dem Panter friedlich ein Eichhörnchen an einer Frucht 
nagt. Eine zweite, unmittelbar folg-ende Szene zeigt den Zwei- 
kampf eines Retiarius, eines Netzfechters, mit einem Secutor. 
Beider Ausrüstungen sind trotz des Ungeschickes des Graveurs 
mit großer sachlicher Genauigkeit und offenkundigem In- 
teresse wiedergegeben. Der baarhäuptige Retiarius, der seinen 
Gegner an Körpergröße weit überragt, tritt mit dem linken Fuße 
stürmisch an, hält in der Rechten das kurze breite Schwert 
vor der Brust gezückt und in der Linken den Dreizack. Der 
linke Arm ist durch dicke Kreuz- und Ouerbinden gewappnet, 
das Netz ragt über die linke Schulter hervor. Die Brust ist 
nackt, die Lende durch einen breiten Pkittengürtel gegürtet, 
von welchem ein Schurz herabhängt. Auch die Beine scheinen 
ungeschützt zu sein, doch umflattert unterhalb der Kniee allerlei 
Bandelwerk die Waden. Der vSecutor erwartet in Verteidigungs- 
stellung, von einem mächtigen viereckigen vSchilde gedeckt, den 
heftigen Angriff des Gegners. Ein Helm mit großem Kamme 
und herabgelassenem Visier schützt ihm das Haupt, mit dem 
bandagierten rechten Arme streckt er das breite, gespitzte 
Schwert vor. Deutlich ist das rechte Bein mit seinen Kreuz- 
und Querbinden, seiner dicken Umhüllung vor dem unbewehrten 
linken hervorgehoben, dessen Knie von ähnlichem Zierrat ge- 
schmückt ist, wie das des Netzfechters. Zwischen Beiden steht 
ein viereckig-er Sockel mit vier Ringen, wahrscheinlich zur Kenn- 
zeichnung der Barriere, Unter ihnen liest man die AX'orte 



650 

PN'LCHER ET AX'KIdA. die irrtümlicli von der ersten Gruppe 
hierher geschoben sind; wahrscheinlich hieß der Wagenlenker 
Pulcher. Eine dritte (jrup])e scheint in roher und flüchtiger 
Zeichnung irgend eine vSkul])tur wiederzugeben, die als Vorbild 
für die Ringkämpfer die Arena schmückte. Sie stellt einen nackten 
Jüngling dar, welcher einen anderen gewaltsam vom Boden auf- 
hebt. Auf einem viereckigen sockelartigen Schildchen unter 
ihnen hest man die Namen ERCVLES ET ANTE\\S. Bis auf 
mehrere Sprünge und eine ausgebrochene Stelle in der letzten 
Gruppe ist der Becher vollständig. Obwohl er sich in der Form 
den geblasenen Siegesbechern mit Reliefs, welche zu Beginn 
des IL Jahrhunderts eine Besonderheit nordgallischer Glashütten 
bildeten, anschließt, verrät doch die Arbeit mit all ihrem Un- 
geschick den Ausgang der Antike, das IV. Jahrhundert. 

Weit besser ist eine andere Zirkusszene auf dem Bruch- 
stücke eines Bechers aus feinem Krystallglase in demselben 
Museum, die aber nicht in einfachen Umrißlinien graviert, sondern 
mit dem Rade hohl geschliffen ist. Das negative Relief ist in dem 
durchsichtigen, glänzenden Material so geschickt ausgeführt, daß 
die Spiegelung dem Beschauer ein positives Relief vortäuscht. Mit 
der technischen Geschicklichkeit, welche dieses Stück zu der besten 
aller rheinischen Schliffarbeiten macht, hält freilich die Zeichnung 
nicht gleichen Schritt. Sie ist ziemlich unbeholfen und fügt sich 
damit in die Reihe der späten Leistungen aus dem Ausgange 
der Antike ein (Abb. 250). Die Wettfahrt geht unter den Augen 
zusehender Frauen vor sich, deren Brustbilder in Arkaden mit 
vergitterten Brüstungen angebracht sind. Eine Quadriga kommt 
mit ihrem die Peitsche schwingenden Lenker hinter der Meta 
zum Vorscheine. Von den galoppierenden Pferden, deren Köpfe 
mit Palmblättern geschmückt sind, kommen nur drei zur Gel- 
tung, von dem vierten sind zwar die Hinterbeine deutlich sicht- 
bar, Andeutungen des Vorderleibes könnten bei leichten Be- 
schädigungen an der Bruchstelle verloren gegangen sein. Eine 
andere Quadriga folgte, doch sind von ihr nur zwei Vorderhufe 
hinter der Meta, dicht am Rande der Scherbe übrig geblieben. 
Eine dritte hat bereits umgewendet und kommt im Vordergrunde 
einher: von ihr sind die Oberkörper der Pferde und ein Teil des 
Lenkers erhalten. In der rechten Ecke ist ein Stück eines Ge- 



651 

bäudes mit verg-itterten Fenstern und eine nackte Jün^lings- 
gestalt mit einem Stabe (einer der Preisrichter?) sichtbar.^) Mit 
der exakten Durchführung dieses Stückes können sich die in 
HohlschHff dargestellten Gladiatorenszenen eines in der Revue 
archeol. 27 S. 281 abgebildeten Bechers, die auf einem Kugel- 
becher des kunsthistorischen Hofmuseums in Wien — einen sieg- 
reichen Athleten zwischen zwei Paaren von Kämpfern und eine 
Vase mit Palmen darstellend — die roh gravierten Gladiatoren- 
gestalten auf einer Flasche derselben Sammlung und einige 
andere nicht messen.-) 

An die Zirkusszenen reihen sich solche von Jagden an, die sich 
nach der großen Anzahl von Überresten zu schheßen, besonders 
am Rheine großer Beliebtheit erfreut haben mußten. Eine ge- 
wöhnliche Jagdszene und nicht eine Tierhetze, wie Froehner 
meint, ist es auch, die eine flache Schale des Mainzer Museums 
schmückt.^) Diese wurde 1875 am Fort Hauptstein in Trümmern 
auf der Brust einer mit Kalk übergossenen Leiche in einem 
Sarge aus Sandstein gefunden, während in den Ecken Reste 
anderer Glasgefäße lagen. Sie besteht aus dünnem grünlichem 
Glase, wie es gewöhnlich für Liniengravierungen benutzt wurde 
und zeigt in roher breiter Strichmanier, welche auf die Anwen- 
dung eines Feuersteinzeigers deutet, eine Landschaft mit einem 
reichbelaubten Baume in der Mitte und Strauchwerk daneben. 
Die Flur wird, wie es bei solchen Bildern Regel ist, durch Gras- 
halme angedeutet, drei Strichel, die zu einem Büschel zusammen- 
gestellt sind. Hinter dem Baume steht ein Jäger mit einem 
Jagdspieß, der den Augenblick erwartet hat, um diesen einem 
aufspringenden Eber in den Rüssel zu stoßen; dem Tiere springen 
zwei Hunde entgegen. Die Umrisse sind durch kurze Strichel von 

*) V. Wilmowsky, Archäol. Funde in Trier und Umgebung S. 2i. Hettner, 
lilustr. Führer. 

-) Sacken und Kenner S. 458. Führer d. d. Wiener Antikenkabinet S. 42. 
Froehner S. 95. 

•^) Froehner S. 96. F. aus'm Weerth, Bonner Jahrb. 69, 49 f. T. I. Körber, 
Mainzer Inschriften S. 112, Nr. 181 mit Abb. S. in, 3. Mowat, Revue archeol. n. 44, 
1882 S. 292. CiL XIII 197. Dank der paar Buchstaben, die der Graveur anbrachte, hat 
diese unbedeutende .\rbeit in der Literatur eine Beachtung gefunden, die künstlerisch 
weit hervorragenderen Stücken, weil sie ohne Inschrift geblieben sind, nicht zuteil 
geworden ist. 



g-leicher Dicke begleitet, die schräg ansetzen uiul in roher Art 
eine Rundung andeuten. Auch einzehie Teile des (jewandes sind 
gestrichelt, so daß es den >:\nschein hat, als ob der Jäger in 
Pelz gehüllt \\är(\ was abc^r tatsächlich nicht zutrifft, da solche 
Strichelung häufig iiuch an nackten Teilen vorkommt. In diesem 
Falle sind die Tierkörper jedoch sicher zur iVndeutung von Fell 
und Flecken gestrichelt; um den Riind 
läuft die Inschrift VALERI VIVAS. 
Kinzelne Stücke, so der größere Teil 
des ßiiumes und Strauchwerkes, sind 
ausgebrochen. 

Eine zierliche Kugelflasche des 
Kölner Museums W'allraf-Richartz, 
die aus feinem Krystallglase besteht, 
zeigt eine Jagdszene mit mythologi- 
schem Einschlage (Abb. 253). Unter 
einem Baume mit weitverzweigten 
Ästen steht ein Jäger in Erwartung 
eines Löwen, der gegen ihn anspringt: 
ein zweiter Baum trennt diese Gruppe 
\on einem Amor und einem Hirsche. 
Auch hier sind die Umrisse derb mit 
dem Feuerstein eingeschabt und von 
Stricheln begleitet. Grasbüschel, aus 
einem halben Dutzend großer vStrichel 
zusammengesetzt, wachsen nicht nur 
aus dem Boden hervor, sondern die- 
nen auch zur Füllung von Stellen 
über den Figuren in willkürlicher Ver- 
teilung. Am oberen Teile des Kugelbauches läuft die griechische 
Inschrift EPieiyllANH . nie . ZHCAIC ^ geschlossen von einem 
schematisch gravierten Palmzweige. .Vuch hier ergeben Stil und 
Technik, sowie die Inschrift das IV. Jahrhundert als Entstehung-s- 
zeit. Der Amor bildet kein Hindernis der Widmung des Gefäßes 
an eine Christin, auf welche der Ausdruck zesais deutet. Einzelne 
Stellen der Gravierung sind durch die Iris unkenntlich.^) 

^) Merkwürdigerweise ist diese Flasche trotz der Inschrift der .'Aufmerksamkeit der 
Philologen bisher entgangen und meines Wissens nur von Bohn im CiL XIII 245 erwähnt. 




Abb. 273. Amphoriske des Ennion. 
New -York, Metropoli'.an - Museum. 



653 

Flache Teller mit Jagdszenen findet man außer dem Kölner 
Museum auch in den .Sammlungen M. vom Rath und Nießen. 
Einen davon, eine Hirschjagd aus der Sammlung M. vom Rath, 
bilde ich zur Kennzeichnung dieser kunstlosen Art ab (Abb. 263). 
Der Jäger ist hier zu Pferde, die Körper des Pferdes und der 
Hunde ganz mit Stricheln bedeckt, die eine systematische Reihung 
erkennen lassen, wodurch der primitive Eindruck des Ganzen 
noch erhöht wird. Die Grasbüschel sind so angeordnet, daß die 
beiden äußeren Strichel durch einen ( Querstrich verl^unden und 




Abb. 273a. Aufrollung der Amphoriske 273. 

zwischen sie ein dritter, oder ein Zwickel eingefügt wird.^) 
Ein galoppierender Reiter erscheint auch auf einigen Schalen 
des Bonner Provinzialmuseums. Auf der einen, die 1877 in Bonn 
selbst an der Kölner Reichsstraße gefunden wurde, verfolgt er 
mit wehendem Mantel, den mit Querhaken versehenen Speer, 
die Mora, nach unten auslegend, einen Hasen, dem auch zwei 
Hunde nacheilen; an einem Baume ist ein Fangnetz ausgebreitet, 
auf welches der Hase zusteuert.") Auf einem Teller aus Ander- 
nach setzt ein Reiter einem Hirsche nach, dem er bereits den 
Speer in den Rücken geworfen hat; ein anderer etwas kleiner 
dargestellter Reiter leistet ihm Beistand. \''on der Inschrift ist 

nur der Rest V NCA ATS (vincas cum tuis?) erhalten. 

Die Inschrift wird als „linksläußg" bezeichnet, doch mit Unrecht. 



^) Vgl. Sammlung M. vom Rath 
2) Bonner Jahrb. 69, 49 f. T. III 



654 

Da das Glas durchsichtig- ist, kann sie von beiden Seiten gelesen 
werden. Bei flachen Schalen wird in der Regel die innere als 
Schauseite betrachtet und zugleich graviert, von dieser aus sind 
auch die Inschriften rechtsläufig lesbar. Wenn man die Schale von 
außen betrachtet, erscheint die Inschrift natürlich verkehrt.^) Eine 
Schale der Altertümersammlung von Straßburg, gefunden 1878 
am Weißentore, kleiner und tiefer als die Mainzer, zeigt einen 
nach links laufenden Hasen, der von einem Hunde verfolgt wird. 
Parallel mit dem Rande biegt sich ein Blattzweig, den Rand 
selbst umgibt ein ungeschickt graviertes Kymation zwischen 
einfachen Reifen. Ilie und da sind in der Fläche größere und 
kleinere linsenförmige Hohlschliffe verteilt.") Eine ähnliche Szene 
ist auf einem Becher des ]Museums in Reims graviert. Über 
dem vom Hunde verfolgten Hasen steht der Spruch 

A ^lE DVLCIS AiVn(S BI^ t 
d. h. „a me dulcis amica bibe", wobei bei ,amica' der Endbuch- 
stabe verkleinert in den vorletzten eingeschrieben ist und 
ein aus Stricheln gebildetes Palmblatt den Schluß bezeichnet. 
Auf einem Tonbecher derselben Sammlung liest man die weiß 
gemalte Inschrift BIBE A ME.^') 

E. M vthologische Darstellungen. 

Ein ergiebiges Feld für die Dekoration durch Gravierung und 
Schliff bot natürlich die antike Mythologie. Unter den zahl- 
reichen Beispielen dieser Art können nur einige genannt werden. 
So finden wir, um mit italischen Funden zu beginnen, auf einer 
Scherbe vom Boden einer flachen .Schale aus Rom in Umriß- 
gravierung einen Kentauren, dessen Kopf leider abgebrochen ist; 
mit dem rechten Arme scheint er ein Tier oder Tierfell empor- 
zuheben. Als Rest der Inschrift sind die Buchstaben PH . . . . S 

^) Danach sind die Bemerkungen Bohns im Cil. über die gravierten Inschriften 
auf durchsichtigen Gläsern richtig zu stellen. Es kommt stets darauf an, welche Seite 
des Glases bearbeitet ist, bezw. als Schauseite gilt. Vgl. Bonner Jahrb. 69, 5 1 T. IV. 
Cil. XIII 207. 

-) Bonner Jahrb. 69, 51 T. II. 

") Maxe - Wehrly, Inscr. bacch. Nr. 6 mit .\bb. .Album Caranda N. Serie 
T. 66. Catalogue du musee Habert Nr. 4720 mit .Abb.; ferner Cil. XIII 199. 



655 

kenntlich.-^) Zwei Stücke einer anderen Schale, die von A. Franks 
1857 "^ Rom für das Britische Museum gekauft wurden, zeigen 
die Reste von Musengestalten in Umrißgravierung, daneben 
einige undeutliche Inschriftreste.'-) Im Kataloge der Pariser 
Weltausstellung von 1867 ist eine Schale der Sammlung Bour- 
delay erwähnt, die in gravierten Umrissen eine weibliche Gestalt 
mit Sistrum auf einer Aedicula und daneben einen Bildhauer 
vorführt, der eine vStele bearbeitet.'') 

rJie meisten erhaltenen Stücke stammen aus den Rhein- 
gegenden und gehören dem IV. Jahrhundert an. In derber 
Strichmanier mit dem Feuerstein ausgeführt ist die Verzierung der 
Poseidonschale im Berliner Museum, die 1878 in Kobern an der 
Alosel gefunden wurde (Abb. 262). Der Gott ist in der typischen 
Stellung mit erhobenem, auf einen Untersatz gestützten rechten 
Fuße dargestellt, doch so ungeschickt, daß dieser in der Luft zu 
schweben scheint. Ein wSeelöwe, ein Seepanter und vier Fische 
umgeben die Hauptgestalt im Kreise, um den Rand läuft die 
Inschrift PROPINO t AMANTIBVS „Ich trinke den Liebenden 
zu". Zwischen beiden Worten ist wiederum als Abteilung ein 
kleiner Palmzweig graviert. Der Spruch hat, wie gewöhnlich, 
keinen Bezug zu der Darstellung, sondern richtet sich von dem 
Spender der Schale an die Beschenkten, wahrscheinlich ein junges 
Ehepaar; er dürfte erst nachträglich auf die bereits fertige vSchale 
auf Wunsch des Käufers graviert worden sein. Auch hier sind 
die L'mrisse von schräger, dichter Strichelung begleitet, die einen 
primitiven Versuch von Modellierung darstellt; aber während der 
Löwenleib gestrichelt ist, zeigt der des Panters auf dem Vorder- 
teile Ringelchen. Das Material ist gewöhnliches, durchsichtiges 
Glas mit einem Stich ins grünliche.^) 

In das Berliner ^Museum ist auch ein Kölner Fund, der 
vielbesprochene Prometheu sbecher gekommen, den Welcker 
bereits 1860 zum Gegenstande einer eingehenden Untersuchung 



1) Buon, Bullet, archeol. commun. 1S82 S. 255. CiL XV 701 1. 

2) de Rossi, Bullet, archeol. crist. 1S68 S. 36. Cil. XV 7009. 
") Froehner S. 95. 

*) E. aus'm Weerth. Bonner Jahrb. 69 (1880) 52, T. 55, 5a. ibd. 63 (1878) 
S. 167. I-'roehner S. 96. Mowat, Revue archeol. 44 (1882) S. 292. .\rnoldi, Kai. 
1887 S. 18. Cil. XIH 204, 



656 

g-emacht hat. i^r lial eine unten Iciclit abg-ej)lattett' Kui>-el- 
gestalt und besteht aus dickem, farl)l<;)seni Krystalljj-lase, das mit 
dem Schleifrade bearbeitet ist. Die X'erzieruiiiifen sind also nicht 
in iMnfachen Umrissen, sondern in Ilohlschliff wiederg-egeben, 
die Technik jedoch sehr primitiv, da sie die Modellierung- fast 
nur (kirch Anreihung- ovaler Ilohlschiiffe anzudeuten vermag-. 
Die 1 iau])tgru])])e ist an der Kundung- de^ i)()dens angebracht 
und \on iln- durch Kreisseg-nienle zwei lieg-eiide (xestalten ab- 
getrennt. Prometheus, ein Mann mit kurzem liaare und lockigem 
Barte, nackt, nur mit (^nem Lendentuche bekleidet, durch die 
griechische Heischrift lU'u 

MIK-U'JY 

r 
bezeichnet, sitzt, den Kopf im Profil nach links gewendet, auf 
einem Felsblock und leg-t zum Zeichen der Beseelung einem 
Jünglinge, der steif vor ihm steht, die Hand auf den Scheitel. 
Er hat ihn soeben aus Ton geformt, wie den anderen, der noch 
unbeseelt neben ihm am Boden liegt. Von links her kommt 
eilig- ein dritter Jüngling herbei, den der Diatretarius irrig als 
Ilypometheus YnO.V/K-JC bezeichnet, während er Epimetheus 

C 
heißen sollte. In der Hand hält er vor sich eine große Kugel, 
die Welcker als die Büchse der Pandora deutet, während ^Michaelis 
und nach ihm Blümner sie einfach für einen Tonklumpen erklären, 
\\ie solche angeblich in Massen auf dem Boden umherliegen und 
Prometheus bei seinem Werke der Anthropogenia, der ^Nlenschen- 
schöpfung dienen. So ist auch der Vorgang durch das hinter 
dem Haupte des Prometheus eingravierte Wort j^NOPUJ 

iioroN 

lA 
bezeichnet. Der Jüngling mit der Kugel, die Welcker jedenfalls 
richtig deutet, kommt aus der oifenen Tür eines Hauses heraus. 
Hinter ihm steht in steifer Stellung ein anderer nackter Jüng- 
ling, wahrscheinlich Atlas, der öfter neben Prometheus vorkommt. 
Diese beiden von vier Brüdern stellen die starke und gute Seite 
der Menschheit dar. Ü^ber allen diesen Gestalten liegt an- 
scheinend ein Toter ausgestreckt, gleichfalls nackt und wie alle 
außer Prometheus bartlos, mit lockigem Haare, das aus kleinen 



657 



Spiralen zusammeniJfesetzt ist. Es ist Alenötios, nachllesiod der 
vierte Sohn des Japetos, der von Zeus mit dem Blitze er- 
schlag-en wurde. Hinter Prometheus ist der Fels durch nicht 
ganz dicht angereihte ovale Hohlschliffe angedeutet. Die Grund- 
idee ist nach Welcker, daß der Mensch, aus Erde und von 
physischen Kräften belebt, beim Eintritt ins Leben von allerlei 
Übeln empfangen werde und 
nachdem er diese ertragen, dem 
sicheren Tode geweiht sei. Da- 
runter befindet sich, von vier- 
fachem Bogen abgetrennt, eine 
Xebendarstellung : Eine nackte 
weibliche Gestalt mit schmalem 
Lendentuche und Blattkranz im 
Haare nach rechts gelagert. Links 
von ihr sieht man zwei große Palm- 
zweige. Ihrem Schöße entspringt 
ein Knäblein mit ausgebreiteten 
Händen, wohl die Personifikation 
des Tages, dem die Mutter die 
Linke entgegenstreckt. Sie ist als 
die Mutter Gäa, FH, bezeichnet. 
Der großen Schöpfungsszene ist 
also eine kleine zur Seite gesetzt, 
die Schöpferin Erde. Welcker wird 
durch die zahlreichen Hohlschliffe 
irregeführt, die er als vorgebildete 
Tonklumpen deutet, aus welchen 
Prometheus die Menschen formt. 

Bei der Besprechung der Technik soll dieser Irrtum berichtigt 
werden. Es ist kein Grund vorhanden, den Becher für älter zu 
halten als die geschliffenen Netzgläser Kölns, wie gleichfalls 
Welcker annimmt. Die Arbeit trägt alle Merkmale der späten 
Antike und könnte frühestens in das Ende des III. Jahrhunderts 
versetzt werden.^) 




Abb. 274. Amphoriske des Ennion aus 
Piinticapaeum. Petersburg, Eremitage. 



^) Welcker, Bonner Jahrb. 2S (1S60) 59 f. T. 18. ders. Alte Denkmäler 
V 185 T. XI. ders. l'.ull. del'istit. 1860 S. 158 f. Michaelis ibd. 1860 S. 67. 
Movvat, Kev. archcol. 44 S. 291. Froehner .S. 95. l'.lümnor II 121. Cil. XI!! 242. 



658 

Aus derselben W'erkst^itt dürfte ein Stück des ^Museums 
Wallriif-Richartz hervorgegangen sein, das E. aus'm Weerth als 
„den wunderlichsten dieser barbarischen Becher" bezeichnet. Er 
hat j^leichfalls kugelige Form, doch ist sein Rand leicht aus- 
gebogen. Außer den Inschriften und dem ungeschickten Kymation 
am Rande, die graviert sind, ist das dicke, farblose Krystallglas 
gleichfalls in Hohlschliff bearbeitet, wobei linsenförmige Aus- 
schliffe sowohl bei der Modellierung der Körperformen, wie bei 
der Füllung des Hintergrundes benutzt sind. Die Darstellung ist 
der Danaidensage entnommen^) (Abb. 246, 247). Danaos, von 
seinem Bruder Aigyptos aus Ägypten vertrieben, fand in /Vrgos 
Schutz und ein neues Reich. Doch auch dorthin folgte ihm der 
Bruder mit seinen fünfzig Söhnen und begehrte für diese die 
fünfzig Töchter des Danaos, die Danaiden, zu Gattinen; dieser 
sagte scheinbar zu und das Eos bestimmte die Paare. Aber in 
der Hochzeitsnacht brachten die Töchter auf seinen Befehl die 
ihnen aufgedrungenen Gatten mit Schwertern um; nur eine, 
Hypermnestra, schonte den ihren, Eynkeus, sei es aus Liebe, sei 
es aus bloßem Abscheu vor der Gewalttat. Eynkeus bekam 
Gelegenheit zur Flucht, Danaos warf die ungehorsame Tochter 
in den Kerker, bis sie ein öffentliches Gericht freisprach. Mit 
Eynkeus endgültig und \-or aller Welt vereint, ward sie die 
Stammutter des argivischen Herrscherhauses. 

Auf dem Becher ist geschildert, wie Eynkeus, in der Mitte 
als Jüngling mit dem Hochzeitskranze im Haar dargestellt, durch 
die griechische Inschrift zu seinen Häupten bezeichnet ^JYXFEY, 

r 
in raschem Eaufe nach rechts entflieht, während er nach der 
Verfolgerin zurückblickt. Diese hält das Schwert in der Einken 
und mit der Spitze nach oben. Da die Inschriften rechtsläufig 



1) Bei Aeschylus, 'I/.sTios;, Horaz Oden III, ii, 25 f., Ovid, Heroid. 14 f. u.a. 
Vgl. Mowat, Rev. archeol. 44, 291. Froehner S. 95. CiL XIII 244. E. aus'm Weerlh, 
Bonner Jahrb. 74, 65, T. VI., ibd. 64, 127. Kamp, Antikaglien aus Köln S. 16 Nr. 199. 
Düntzer, Katalog d. Museums W. R. S. 17. (Mein Katalog, der eine ausführliche Dar- 
stellung dieses, wie der anderen wichtigeren Stücke des Museums enthält, ist leider 
nach meinem Ausscheiden aus der Verwaltung des Museums Manuskript geblieben, 
wird jedoch von Direktor Aldechoven bereitwilligst jedem Interessenten zur freien 
Benützung überlassen). 



659 

sind, kann man nicht annehmen, daß der Diatretarius ihr aus 
Versehen die Waffe in die Linke gab und sie überdies mit der 
Spitze nach oben kehrte: vielleicht wollte er damit andeuten, daß 
sie nicht gewohnt war mit Waffen umzugehen und daß ihr Angriff 
kein allzu ernsthafter war. Diese Deutung wird durch die bittende 
Gebärde der rechten PLind bestätigt. Hypermnestra, als solche 
durch die Inschrift YIiePMHC am Rande bezeichnet, beschwört 

TPA 
den Fliehenden inne zu halten. Ihr Haar fällt in langen Strähnen 
auf die Schulter hinab. Der wehende Mantel und das kurze 
Hymation sind mit Ringelchen gemustert, zwischen ihren Beinen 
sind zur Füllung des Raumes regellos linsenförmige Hohl^chliffe 
ausgestreut, die sich nach links fortsetzen und auch an anderen 
Stellen des Grundes sie in verschiedener Zahl angereiht er- 
scheinen. Zwischen ihr und Lynkeus schu'ebt ein großer ge- 
fiederter Palmzweig. Die Tracht der Hypermnestra erinnert an 
die der Amazonen; was man aber für Beinbinden hielt, die 
Querstriche unter dem einen Knie, ist offenbar nur ein unbe- 
holfener Versuch die Wade zu runden. Es ist kaum glaub- 
lich, daß manche Archäologen sich über das Geschlecht der 
beiden Gestalten täuschen konnten. Kamp läßt, trotz der 
Beischriften, Hypermnestra vor Lynkeus fliehen, vielleicht weil 
ihn die unmännliche Angst des jungen Bräutigams verdroß; 
auch E. aus'm Weerth bezweifelt es, ob die verfolgende Ge- 
stalt ein Weib sei. Das Geschlecht der beiden ist aber trotz 
der Unbeholfenheit der Darstellung nicht zu verkennen. Dagegen 
wird man über die Bedeutung der füllhornartigen Bildungen 
unter den Händen Hypermnestras und Lynkeus' in Zweifel geraten, 
kann aber schHeßlich hier kaum etwas anderes als ein Füllungs- 
ornament sehen. Lynkeus faßt mit der Linken die Hand des 
Flügelknaben, den die Inschrift IJuOOC als Pothos, den Gott der 
Liebessehnsucht, lateinisch Cupido, bezeichnet. Er kommt dem 
Paare vor der Tür des Brautgemaches entgegen, das sich gast- 
lich öffnet; man sieht unter dem gerafften Vorhange deutlich die 
Hängeampel. Die Szene ist ganz klar, der Vorgang bei aller 
Derbheit der Technik nicht ohne psychologische Feinheit ge- 
schildert, die auf ein gutes Original, \ielleicht ein Gemälde, 
schließen läßt. Zur Ausführung ist sowohl Gravierung mit freier 



66o 

Hand wie I lohKchliff Ijciiüt/l. Mit cineni sj)itz('n /cii^-cr, iiiciit 
etwa mit dem l)rutal schabcMidcn b\Hu»rstein, sondern mit einem 
härteren und seh-irfercn Werkzeui^-e, sind, freilieh unbeholfen 
g-enuL^-. die Spiralen der Kandxcr/icrun^-, die Reifen, I^uchstaben 
und Umrisse, auch die inneren Linien der Körper und (jewänder 
graviert, die Vertiefung-en mit der Kundperl und dem R^ide 
eing-eschliffen. Der Becher hat einig-e S])riing-e und am Rande 
einzelne Lücken, ist aber sonst recht gait erhalten. Sog-ar die 
g-länzende Politur der Außenseite komnU noch zur (ieltung". 

Ein anderes Gebiet des Mythus behandelt der Becher von 
Merseburg-, der mit der Sammlung Slade ins Britische Museum 
g-ekommen ist. Seine Fundumstände sind in Dunkel g-ehüllt, 
m^m erfährt nur, daß er „vor läng-erer Zeit" in Merseburg- neben 
unverbrannter Knochenasche mit einem unverzierten Becher aus 
Glas von derselben Kugelgestalt, einem bronzenen Siebe, Fibeln 
und anderen zweifellos römischen Gegenständen zum Vorscheine 
gekommen sei, also in dem Brandgrabe einer der germanischen 
Handelsstationen, in welchem ein römischer Händler beigesetzt 
worden war. Auch er besteht aus farblos-durchsichtigem, dick- 
wandigem Krystallglase, ist 0,092 m hoch, hat 0,144 im Durch- 
messer und ist in Hohlschhff bearbeitet. Die Darstellung ist aul)en 
angebracht und für Innenansicht berechnet. Man erkennt Artemis, 
welche auf die Kniee gesunken, den Kopf nach rechts wendet, 
in der Linken ein kleines Toilettegefäß hält und neben ihr einen 
Hund: auf der anderen Seite Aktäon mit dem Hirschgeweih 
auf dem Kopfe. Zwischen den Gestalten liest msiu AKTAIWN 
in griechischen Buchstaben späten Stiles, dabei APTeM 

IC 
(der vorletzte Buchstiibe der ersten Zeile undeutlich).^) 

Ein Becher des Museums von Reims schildert Atalanta mit 
Llippomedon, gleichfalls in Hohlsehliff und in einer Technik, 
welche auf dieselbe Herkunft wie di(^ anderen Heroenbecher 
schheßen läßt. Atalanta liegt, auf den linken Arm gestützt, zu 
Boden und zückt in der Rechten einen Dolch. Hippomedon flieht 



^) Xesbitt, Coli. Slade S. 58 .\r. 320; S. 59 Fig. 75. E. aus'm Wecrlh, 
Bonner Jahrb. 64 (1878) 127. CiL XIII (Germania Magna) 80. 



Tafel Xn 




RL-SSF.LIIKCIII'.K 

Fränkisch-karolini,'isch. \'om Rhein 

Kiiln, Museum WalliMf-Rieluirt/ 

Zn S.iic 344 



66 1 

nach rechts und wendet dabei den Kopf zurück. Neben den 
Gestalten liest man ihre Namen in griechischen vSchriftzügen: 
ATA JA Inno MG 

NTA JmN^) 

Ein wichtiger Fund wurde 1869 in Hohensülzen bei 
Worms gemacht.^) Zwei Särge aus rotem Sandstein enthielten 
als Beigabe der unverbrannten Leichname sechs geschliffene 
Gläser. Zu Füßen des einen lag das bereits früher besprochene 
große Netzglas, von welchem die eine Hälfte in das ^Mainzer, 
die andere in das Bonner Museum kam. An der Seite des- 
selben Leichnames stand eine zylindrische Flasche, ein Stamnion 
aus farblosem Glase mit zwei flachen blauen Henkeln, dessen 
Körper mit mehreren Reihen linsenförmiger Hohlschliffe zwischen 
gravierten Reifen, am oberen Teile mit einem gravierten regel- 
mäßigen Zickzack geschmückt war;"^) daneben befand sich ein 
anderes Stamnion mit figürlichem Hohlschliffe ^) (Abb. 245) und 
auf der Brust eine der langgestreckten Phiolen, die in der ]\Iitte 
verdickt sind, 0,39 m lang. (Typus P^ormentafel A 2.)'') In dem 
anderen Sarkophage lagen zwei kleinere Stamnien aus farblos- 
durchsichtigem Glase mit zwei flachen Henkeln, 0,32 m hoch, 
0,11 im Durchmesser, deren Körper gleichfalls Reihen linsen- 
förmiger Hohlschliffe zwischen gravierten Reifen zeigen, die teil- 
weise von giebelartigen Linien unterbrochen, oben und unten 
mit schrägen, langgezogenen Zickzackgravierung-en eingefaßt sind. 
Eine dritte ganz gleiche, aber etwas größere ist sehr beschädigt.") 
Die Grabstätte liegt nicht w^eit von der alten Römerstraße, die 
von Bockenheim kommend, bei Worms in die Trierer Straße ein- 
biegt. Alle Fundumstände deuten auf das IV. Jahrhundert. 

Außer dem berühmten Netzglase ist unter diesen Gefäßen das 
Stamnion mit figürlichen Hohlschliffen das wichtigste (x\bb. 245). 
Lindenschmit brachte die zahllosen Trümmer, in welche es ge- 
brochen war, mit seltener Geschicklichkeit und .Sorgfalt wieder 



^) Catalogue du Musce Habert (1901) Abb. S. 72, 73. CiL XUl 243. 

-) E. aus'm Weerth, Bonner Jahrb. 59, 64 f. T. III— V. 

■') ibd. T. V 5. 

^) ibd. T. III 2, T. IV. 

•'^) ibd. T. y 0. 

«) ibd. T. III 3, 4. 



im Altertuine. II. 



43 



662 







liiiiffi 



ili 



zusammen. Es stellt sich den g-leichartigen Kölner Arbeiten, wie 
der Schale mit der Anthropogenia, dem Becher der Hypermnestra 
an die Seite. E. aus'm Weerth hält es für byzantinisch, wie die 
anderen Hohlschliffe , die zumeist mit griechischen Inschriften 
versehen sind; doch sind seine Gründe, wie wir sehen werden, 
nicht stichhaltig genug, un meine Überzeugung von dem rhei- 
nischen Ursprünge dieser Klasse von Gläsern zu entkräften. Nach 
der Ansicht Wieselers, dem das Stamnion zur Beurteilung vor- 
gelegt war, sind die Darstellungen so zu deuten: 

Die Szene spielt 
in einem Heiligtume 
des Dionysos. Der Gott 
steht auf einer hohen 
Basis, \or dieser be- 
findet sich eine klei- 
nere, auf welcher das 
mächtige Haupt eines 
Satyrs gelagert ist. 
Ein Gelage hat statt- 
gefunden. Rechts liegt 
Herkules trunken, links 
schleppt ein Satyr die 
Reste der Mahlzeit auf 
seinem Kopfe in einem Korbe fort. Über Herkules tanzen zwei 
Gestalten, die eine nackt, nur mit einem ]Mantel bekleidet, eine 
andere in phrygischer Tracht; es ist Attys und Ampelos. Vor ihnen 
steht ein junger Satyr, der Dionysos einen Trinkbecher reicht. 
Rechts von Herkules sieht man einen Panter, über ihm Pan, der 
sein gewöhnliches Attribut, ein Pedum mit gebogenem Griffe hält; 
in lebhaften Sprüngen davoneilend, stiehlt er etwas aus dem 
Korbe, den der Satyr auf dem Kopfe trägt. Trotz der unge- 
schickten Zeichnung- ist in der ganzen Komposition ein gutes 
Original zu erkennen, das man vielleicht in einem unteritalischen 
Vasenbilde zu suchen hat; darauf deutet auch die Art der 
Gruppierung, die Stellung der Gestalten auf verschiedenen 
Sockeln bei Vermeidung einer gemeinsamen Standfläche. 

Dem bacchischen Kreise gehört auch der Schmuck eines 
konischen Bechers von 20-^/2 cm Höhe aus farblos-durchsichtigem 



Abb. 275. Becher des Ennion. Vom Agro Adriese 
Seitenansicht. 



663 



-tri.. I 

@ 



ffeN2 



Abb. 275a, 
Fries am 
vorigen 
Becher. 




Glase an, der in Worring-en bei Köln gefunden wurde, 
dann der Sammlung Disch angehörte und bei deren 
Versteigerung für 8000 M. an Basilewsky kam (Abb. 248)/) 
Die Verzierung ist bloß in derben Umrissen graviert, 
liohlschliff ganz vermieden. Innerhalb der Umrisse sind 
die Figuren leicht mattiert, dagegen alles übrige poliert, 
so daß sie sich vom Grunde gleichsam in Abtönung 
abheben. Die Umrisse sind nicht mit kurzen Schräg- 
stricheln begleitet, solche dagegen in dichten parallelen 
Reihen zur Schraffierung des Haares, der Gewänder, 
Früchte und Gehänge benutzt. Die künstlerischen An- 
lagen des Diatretarius, 
welchem der Schmuck 
dieses Bechers anver- 
traut war, erscheinen uns 
sehr bescheiden, dafür 
hat er sehr viel Fleiß 
und Sorgfalt angewen- 
det, um seiner Aufgabe 
gerecht zu werden. Unter 

dem Rande ziehen sich einige breit geschabte Reifen 
hin, ihnen folgt eine bandartige Galerie aus dichten 
senkrechten Doppelstrichen mit kleiner Giebelbekrönung. 
Die Szene zeigt ein. Haus, vor welchem eine weibliche 
Gestalt nach links sitzt, den Profilkopf nach rechts 
zurückgewendet und in einer Schale den Wein auf- 
fangend, den ihr ein Knabe aus einem Trinkhorne 
spendet. Das Profil ist in der primitivsten Weise durch 
Striche angedeutet die fast alle in scharfen Winkeln 
zusammenstoßen und teilweise sich kreuzen; das Auge 
ist durch eine Doppelraute mit einem Punkte darin dar- 
gestellt; auch die Finger an den Händen sind nur durch 
Striche bezeichnet. Die Gestalt trägt ein enganliegendes 
Gewand, das mit wagerechten Linien gegürtet ist und das 
linke Bein frei läßt. Der Mantel wölbt sich in hohem, mit 
dichten schrägen Stricheln gezeichnetem Bogen links von 



Abb. 275b. Boden des vorigen Bechers. 



ibd. 



1) E. aus'm VVeerth , 
^4, 57, T. 111 und VI. 



lionr 



Jahrb. 71, 



43* 



664 

der Schulter zur recht<Mi I land hcruh: wir hal)en in der (le.sUdt 
wohl \'enus zu erkeiuicn. 1 unter dem Knaben steig-t eine Fächer- 
palnie auf, rechts von ihm mühen sich zwei geflügelte Anioren ein 
großes Dolium emporzuheben. Links von Venus sitzt m ähnlicher 
Stellung eine Frau, die gleichfalls den Kopf zurückwendet und in 
der Rechten einen Becher hält. Ihre Frisur umgibt das Antlitz in 
einem ringförmigen Bausch, das lange und enganliegende Gewand 
umhüllt in dicht gestrichelten Falten den ganzen Körper: es ist 
offenbar eine Frau oder ein Mädchen, das sich unter der Anleitung 
der Liebesgottin den Freuden des Weines ergibt. Den Flintergrund 
füllen Gehänge, gestrichelte Rauten und Rundscheiben, .Vndeu- 
tungen von Gebäuden, wie eine Säulenstellung mit hohem Giebel- 
dache und F'enster verschiedener Art, während rechts, hinter 
einem der mit dem DoHum beschäftigten Amoren, sich ein reich- 
gegliedertes Bauwerk in mehreren Geschossen erhebt. E. aus'm 
Weerth hält es für die Cella vicinaria, das Gebäude, in welchem 
der Wein, nachdem er in offenen Dolien flaschenreif geworden 
und in Amphoren abgezogen war, aufbewahrt wurde.^) Zum 
Verschlusse der Amphoren dienten eingepichte runde Bleiplätt- 
chen.-) Im obersten Stockwerke des Hauses setzte man ihn dem 
aufsteigenden Rauche des Herdes aus, wodurch er angeblich 
milder wurde,") freilich manchmal aber auch seinen Wohlgeschmack 
einbüßte.') In dem niedrigen Untergeschosse des Hauses sieht 
man ein Tor und vielleicht senkrechte Fachwerkbalken, darüber 
einen Balkon mit hoher, gerauteter Tür zwischen Quadern, dann 
einen kleineren Balkon oder eine Galerie, dahinter zwei Fenster 
von Wohnräumen. Das oberste Stockwerk zeigt auf senkrechtem 
Fachwerk eine hohe offene Galerie, die von einem Spitzgiebel 
gedeckt ist und wahrscheinlich den Raum zur Aufbewahrung 
des Weines darstellt. Diese Deutung des Bauwerkes hat manches 
für sich, es fragt sich aber, ob es die Römer wirklich nötig 
hatten, so viele Stockw^erke aufzutürmen, um einen Raum zur 
Ablagerung des Weines zu gewinnen.'') Unten ist das Bild 

1) Marquardt II 445, 627. 
-) ibd. 445; Bonner Jahrb. 66, 95. 
3) Horaz, Oden III 8, 9; Columella I 6, 20. 
*\ Plinius 14, 68: Marquardt II 441 f. 

'") Vgl. die Beschreibung der Cella vicinaria in der Villa von Bosco Reale in 
Maus Pompeji. 



665 

zwischen Doppelreifen von einer Wellenranke mit kugeligen 
Blumen oder Früchten abgeschlossen. 

Rohe Darstellungen findet man auf einem Kugelbecher aus 
starkem Krystallglase , der in einem Grabe zu Rheindorf bei 
Opladen gefunden wurde und in das Bonner Provinzialmuseum 
gekommen ist (Abb. 252). Er ist gleichfalls in derben Linien 
graviert, wobei al:)er die Umrisse der Figuren, wie gewöhnlich, 
von kurzen Quer- und Schrägstrichen begleitet sind. Die höchst 
unbeholfene Zeichnung stellt in der Hauptsache eine weit- 
geschwungene Wellenranke dar. In vier ihrer Bogen steht ein 
Amor in affektierter Tanzstellung, das rechte Bein hoch erhoben, 
in der rechten Hand ein Winzermesser, um damit Trauben ab- 
zuschneiden, welche von der Wellenranke in Spiralen mit ketten- 
artig angereihten Beeren abzweigen, und sie in einem Korbe zu 
sammeln. Größere und etwas naturalistischer gebildete Trauben 
hängen in den anderen Bogen; neben ihnen sitzen Vögel, zwei 
Eulen und zwei Weinbergdrosseln. Von den Amoren ist nur 
einer vollständig erhalten. Über der breiten Wellenranke läuft 
ein vielgliedriger Reif und darüber von einem Doppelreife be- 
grenzt die Inschrift MERVEIFA VIVAS TVIS. Nach dem letzten 
Worte ist eine Lücke.^j Ein ähnlicher Becher aus Köln, der sich in 
der Sammlung Disch befand, wurde an Hoffmann in Paris verkauft. 

Derbe Strichgravierung im Vereine mit seichten ovalen Hohl- 
schliffen zeigt ein konischer Becher aus Krystallglas im Museum 
Wallraf-Richartz, der mit drei Amoren im Reigentanze ge- 
schmückt ist (Abb. 249). Alle drei Gestalten, breitspurig in Vorder- 
ansicht dastehend und sich die Hände reichend, sind ganz gleich, in 
der Zeichnung der Kopfprofile von großer Roheit, während die 
Körperformen immerhin noch etwas von klassischem Schönheits- 
gefühl bewahrt haben. Die Hächen sind gleichfalls innerhalb der 
Umrisse aufgerauht, auch dort, wo durch Hohlschliff etwas ]\Iodel- 
lierung versucht ist.-) 



1) E. aus'm Weerth, lionner Jahrb. 74 (1S82), 57, Abb. S. 64. Klein ibd. 
90 (18911 S. 16 Nr. 1390, Abb. S. 17. CiL XIII 1S9. 

-) Die der Abbildung zugrunde liegende Photographie verdanke ich wie die 
übrigen Aufnahmen antiker Gläser aus der unvergleichlichen Sammlung des Museums 
Wallraf-Richartz Herrn Direktorial-Assistenten Dr. l'oppelreuter, welchem ich für seine 
liebenswürdige Unterstützung auch an dieser Stelle meinen Dank abstalten möchte. 



666 

Ein unscheinbares aber zierliches Stück ist das kleine Frag- 
ment eines Gefäßbodens aus farblosem Krystallglas, in welchem in 
llohlschliff eine Medusenmaske darg-estellt ist (Abb. 255). Die 
Wang-enpartien, Augenhöhlen, Locken u. a. sind mit der Rund- 
perl vertieft und darin die inneren Linien fein und schwungvoll 
graviert. Das Stück wurde in Trier gefunden und befindet sich 
im dortigen jMuseum. Die sorgfältige Arbeit gehört wohl noch 
in das IIL Jahrhundert. Das Gefäß selbst ist rund um den Boden 
vollständig abgebrochen.^) Wir haben hier somit ein Beispiel 
von der Anbringung der Gorgo auf dem inneren Boden von 
Trinkbechern, von wo aus das Schreckbild dem Zecher mahnend 
durch den Wein entgegenstarrte. Es erinnert an das der schönen 
geschliffenen Patera aus Rom in der ehemaligen Sammlung 
Charvet"-) (Abb. 254). Auch hier schmückt es die Mitte des ver- 
tieften Bodens und ist von einigen flachen Reifen und einer Hohl- 
kehle umgeben, die zu dem breiten Rande herüberleitet. Diesen 
füllt in der inneren Hälfte eine regelmäßige Kannelierung in 
Hohlschliflf, während der Raum bis zur Kante glatt und frei bleibt. 

Von kleineren Arbeiten seien hier noch einige dünne 
Glasscherben erwähnt, die aus dem Römergrabe zu Weiden 
bei Köln in das Berliner ^Museum gekommen sind. Auf einer 
ist Neptun mit dem Dreizack graviert, darüber die Buch- 
staben MEN, auf der anderen ein undeutlicher Kopf, ein Brot 
und die Buchstaben I]\ auf der dritten und vierten bloß die 
Inschriftreste CE bzw. /. 

F. Reigentänze. 

Der Kölner Amorenbecher bildet den Übergang zu einer 
Reihe von Gläsern, welche in derselben primitiven Technik, 
ohne deutliche mythologische Bezüge ]Männer und Frauen 
im Reigen oder in ruhiger Stellung nebeneinander darstellen. 
Diese Art der Komposition wurde schon durch die Form 
der Becher nahegelegt. Der Stil und die Ausführung der 



^1 Nach freundlicher brieflicher Mitteilung des Herrn Museumsdircktors 
Dr. Emil Krüger, der auch die der Abbildung zugrunde liegende Photographie zur 
Verfügung stellte. 

'^) Froehner S. 70 Abb. S. 69. Danach ist unsere Abbildung hergestellt. 



66/ 

Figuren sind in allen Plinzelheiten von so vollkommener Über- 
einstimmung, daß man sie einer gemeinsamen Werkstatt zu- 
schreiben muß, die nach dem Fundorte der meisten zweifellos 
eine rheinische war. Mehrere Stücke trifft man in Kölner 
Privatsammlungen. Bei Frau M. vom Rath befindet sich ein 
konischer Becher aus farblos-durchsichtigem Glase, auf welchem 
drei tanzende Paare darstellt sind, die in den verschlungenen 
Händen Palm- oder Schilfbüschel halten, die Jünglinge in 
kurzer Tunika, die Mädchen in langem Chiton. Die Zeich- 
nung (Abb. 258) gibt einen Begriff von der abschreckenden 
Roheit der Darstellung, dem jämmerlichen Verfalle, welchem die 
Antike in dieser Periode der Umwälzung beim Beginne der 
Völkerwanderung ausgesetzt war. Die Gesichtszüge haben nichts 
Menschliches mehr. Eine wüste Strichelei ersetzt die Umrisse, 
wie die Stacheln eines Igels sträuben sich die Haare. Außer 
den rohen Umrissen sind auch die inneren Linien, besonders der 
Faltenwurf, breit mit dem Feuerstein eingeschabt und die ganze 
Silhouette mattiert. Hohlschliff ist nicht nur bei den linsen- 
förmigen Blüten, den guirlandenartigen Füllungen angewendet, 
sondern auch beim Faltenwurfe.") Ein Becher der Sammlung 
Niessen zeigt zwischen Pfeilern mit Bogenbekrönung eine Reihe 
von Männern und Frauen, darüber den Spruch ESCIPE 
POCVLA . . RATA "^ mit einem Palmzweig am Ende,") ein anderer 
daselbst eine Reihe von Legionären mit Feldzeichen. Auf einem 
Becher des Provinzialmuseums von Bonn, einem Lokalfunde, 
sieht man zwischen Pinien ähnliche stehende Gestalten in langen 
Gewändern. Zwei andere Becher dieser Sorte in demselben 
Museum sind Kölner Funde und stammen aus der ehemaligen 
Sammlung Disch. Der eine zeigt fünf Togati mit ausgestreckter 
Rechter zwischen Bäumen, der andere vier geflügelte Gestalten, 
gleichfalls in Toga, die nach rechts schreiten und Ähren (oder 
Mohn) in der Linken halten.^) Das Metropolitan - Museum in 
New York besitzt einen Kugelbecher mit ähnlicher Darstellung 



') Urlichs, Bonner Jahrb. 3 (1843) S. 148. Cil. XIII 23S. 
-) Vgl. Sammlung M. vom Rath S. 137 Nr. 187 T, XIX. Der Becher ist 
I m hoch, oben 0,116 weit. 
•■') Hohn, Cil. XIII 203. 
'') Bonner Jahrb. 63 T. V 4; ibd. 72 I". Vi 5, 6. 



668 







aus j\Iainz, vier rohe Fii^-urcn in l'ojra zwischen Pfeilern,') die 
Straßburger Sammhiny einen KuL;-elbe(Mier aus dem Grabfelde 
am Weißenburger Tore mit tanzenden Jünglingen in der Tunica 
und Mädchen in langen Gewändern, alle mit Zweigen in den 
Händen und durch Pfeiler getrennt.-) Ein ähnlicher Becher aus 
der ehemaligen Sammlung Pepys in Köln befindet sich im 
Britischen Mus(mm. 

Zu dieser Klasse kann man auch das Bruchstück \-om 
Boden einer flachen Scliak^ aus farblos-durchsichtigem Glase in 

der Collection Dutuit, 
I " " ':^M jetzt im Petit-Palais in 

^> ' yC?/T^I)J Q-NA _r^ \ unbekannter Herkunft 

I ^' ^-^ i ■r ^fi_ r >>-^«?^>k J ist und in Hohlschliff 

eine weibliche Gestalt, 
darüber die vergoldete 
Inschrift 
ZHCAIC ANIMA 
■BONA 
zeigt, in der sich latei- 
nische und griechische 
Buchstaben mischen.'") Christlich-religiöse Bedeutung hat vermutlich 
die Verzierung eines Baisamariums im Provinzialmuseum von Trier, 
das durch seine seltene Form auffällt. Es ist eine schmale und \'oll- 
kommen regelmäßige zylindrische Röhre, die nur ganz wenig am 
Rand ausgebogen und unten gerundet ist, in derselben Art, wie der 
geschliffene Becher aus Krain (Abb. 242). Wie mir der leider allzu- 
frühe dahingeschiedene, kenntnisreiche Nachfolger Felix Hettners 
in der Leitung des Provinzialmuseums, Herr Dr. Hans Graeven, 
mitteilte, ist es nach einer nicht ganz zu\'erlässigen Fundnotiz 
mit einem Großerze des Septimius Severus im Maar zum Vor- 
schein gekommen und besteht aus durch Verwitterung mattiertem 
Krystallglase. Es ist 0,155 m hoch und oben 0,045 ^veit. Da 
es aus vielen Bruchstücken zusammengesetzt ist, bereitet die 
Deutung der dargestellten Figur nicht geringe Schwierigkeiten. 

^) Froehner Abb. S. 94. 

2) Straub T. II. 

8) Lenormand, Coli. Auguste Dutuit (1879) S. 68, 139. CiL Xlll 222. 



Abb. 



r6. Becher des Ennion. Vom Agro Adriese. 
Seitenansicht. 



669 



]\Ian sieht einen nach rechts schreitenden Mann, den 
man für einen Krieger erklärt hat, doch entdeckt man 
bei näherem Zusehen um den etwas nach vorne ge- 
wandten Kopf einen Kreisnimbus, der mit kleinen 
Würfelaugen verziert ist: die Hände scheinen seitlich 
ausgestreckt zu sein. Vor dem Manne erhebt sich ein 
Baum. Die Technik ist dieselbe wie bei den vorher 
genannten Bechern, rohe Strichgravierung mit seichten 
ovalen Hohlschhffen. Oberhalb und unterhalb der Ge- 
stalt umziehen das Gefäß dünne erhabene Reifen und 
gravierte Rillen. Wahr- 



scheinlich müssen wir 
in der Gestalt Christus 
sehen, so daß dieses 
Glas bereits den folgen- 
den anzureihen wäre. ^) 






AV)b. 276b. Boden des vorigen Bechers. 



G. Christliche Dar- 
stellungen. 

Eine große Anzahl gravierter Gläser ist mit christ- 
lichen Darstellungen versehen. De Rossi hat im 
Bulletino dell'archeologia cristiana eine Reihe derartiger 
italischer, besonders römischer Funde veröffentlicht, die 
teilweise in das IIL Jahrhundert hinaufreichen, meist 
aber dem Ende der Antike angehören und von nicht 
geringerer Roheit sind, als die rheinischen Arbeiten. In 
den Katakomben sind sie selten, dagegen häufig in 
christhchen Wohnstätten. Dargestellt ist auf ihnen die 
Taufe Christi"); ferner Christus zwischen Heiligen, 
jugendhch bartlos in der Weise der Katakombenkunst 
und der frühen Sarkophagreliefs; Christus zwischen 
Petrus und Paulus; der gute Hirt mit der Flöte: die zwölf 
A])ostel, im Kreise ringsum in einer Säulenstellung 
angeordnet (gefunden von Bianchini); die Taufe eines 



l.>ies am ') Bonner Jahrb. 69, 20. 

vorigen ^) Bull, crisl. 1876, S. 7 und ibd. 1868 S. 35. Marügny, Dic- 

Becher. tionn. S. 82. Die Schale wurde bei den Thermen Diocletians gefunden. 



670 

Mädchens; besonders häutit>" aber d^is Opfer .Vbrahanis^) und die 
Auferweckung- des Lazarus. Diese beiden Stoffe sind namentlich 
am Rhein so beliebt, daß sie die Mehrzahl aller christlichen 
Motive bilden. 

Ein Becher der Sammlung M. vom Rath enthält in ähnlicher 
Anordnung- wie die Reigenbecher mehrere Szenen des Neuen 
Testamentes nebeneinander ohne Trennung (Abb. 259). ]\Ian sieht 
einen Mann in kurzer Tunica, im Profil nach links schreitend, 
der auf dem Rücken Lattenvverk trägt und mit der Rechten 
nach dem Pfostengestell eines Bettes greift; vor ihm steht ein 
Jüngling in faltigem Mantel, die Rechte mit einem dünnen Stabe 
erhoben: Es ist die Heilung des Gichtbrüchigen durch Christus. 
Zwischen den Köpfen beider Gestalten ist eine Art Gehänge 
aus kleinen hnsenförmigen Hohlschliffen zusammengestellt; hinter 
dem Gichtbrüchigen erkennt man einen Baumstamm und eine 
Blätterkrone, die auf gleich primiti\e Weise durch ovale Hohl- 
schliffe angedeutet wird. Der ersten Szene folgt die Einzel- 
gestalt Christi in demselben, faltig über die Schulter geworfenen 
Mantel, die Rechte in sprechender und lehrender Haltung er- 
hoben. Der aus kleinen spitzen Hohlschliffen zusammengesetzte 
Kopf hat auch hier nichts Menschliches mehr; wir erschrecken \-or 
einer Brutalität des Formgefühles, die kaum mehr überboten 
werden kann. Als dritte Szene sieht man eine aus Hohlschliffen 
zusammengesetzte formlose Puppe mit im Profil nach rechts 
gewendetem Kopf — einen in seine Binden und Leichentücher 
gewickelten Leichnam — neben ihm Christus in fast genauer 
Wiederholung der Gestalt der ersten Szene: Dargestellt ist die 
Auferweckung des Lazarus. Darauf folgt eine ähnliche, aber 
etwas menschlicher gebildete Mumie, den unteren Teil der 
Beine mit Binden umwickelt, sonst in einen Mantel gehüllt, der 
über den Hinterkopf gezogen ist und einen Frauenleichnam er- 
kennen läßt; neben ihr zum dritten Male Christus in der Haltung 
des Beschwörers und Wundertäters: Die Auferweckung von 
Jairi Töchterlein. Reihen hnsenförmiger HohlschlifFe, Grasbüschel, 
Andeutung von Steinen füllen die Zwischenräume der Gestalten, 



^) Bull, crist. 1874 S. 153; 1877 T. V, Vi. Bonner Jahrb. 69. 52. 



671 

die mattiert auf dem polierten Grunde stehen, mit derben, durch 
den F'euerstein eingeschabten Umrissen und Innenhnien.-^) 

Die Sammlung Nießen enthält einen konischen Becher mit 
der Darstellung des Sündenfalles in gleicher Technik. Zwischen 
Adam und Eva, die nackt erscheinen, steht der Baum mit der 
Schlange; unter dem Rande liest man den Spruch GAVDIAS 
IN DEO PIE Z, hinter Z(eses) ein Palmzweig.'") Mehrere Szenen 
sind wieder auf einem Kugelbecher des Provinzialmuseums in 
Bonn vereint, der dort vor dem Kölntore gefunden wurde. Im 
Ganzen sind sechs Figuren da, welche Moses, wie er Wasser 
aus dem Felsen schlägt, darauf die Auferweckung des Lazarus 
und das Wunder der Fischvermehrung darstellen. Obwohl dieses 
mit dem der Vermehrung der Brode verbunden war, sind keine 
Brode zu sehen.'^) 

Lebhaften Interesses erfreut sich in der Literatur trotz der 
ungefügen Darstellung eine flache Schale im Provinzialmuseum 
von Trier mit dem Opfer Jsaaks (Abb. 264). Sie besteht aus ordi- 
närem grünlichem Glase und mißt 0,183 m im Durchmesser. Man 
fand sie 1 870 in einem Grabe zu Pallien, wo sie, wie die Mainzer 
Schale mit der Eberjagd, in einem Steinsarge auf der Brust des 
Skelettes lag, während zu dessen Raupten Ölfläschchen standen. 
Der Sarg gehörte mit vierzig anderen zu einer christlichen Be- 
gräbnisstätte, die Domkapitular Dr. von Wilmowsky als im Vicus 
Voclannionum gelegen bezeichnet, wo nach einer alten Über- 
lieferung einst die Kirche St. Victor stand, während eine an- 
dere St. Isidor dahin verlegt. Auf der x\ußenseite der Schale 
sehen wir den Opferaltar graviert, von welchem drei Flammen 
emporzüngeln, dahinter eine Aedicula. Rechts davon steht 
Abraham, unbärtig, mit Tunika und kurzem Mantel bekleidet 
und wetzt das Schlachtmesser: hinter ihm kommt der Bock 
zum Vorscheine. Auf der anderen Seite steht Isaak, ein 
nackter Jüngling, dem nur der ^lantel die rechte Schulter 
verhüllt, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Eine leichte 
Erhöhung deutet das Erdreich an. Über dem Ganzen ragt 



^) Vgl. Sammlung M. vom Rath, S. 137 Nr. 188 T. XX 170. 

2) Bohn CiL XIII 216. 

^) Bonner Jahrb. 63, T. V 4, 4a. 



<372 

aus einer kurios srestalteten , zwei \\aj,'-erechten Latten ähn- 
lichen Wolke der .Vrm Gottes hervor. Zwei rechtwinkrhi^c 
Zwickel oberhalb der beiden Gestalten haben nur den Zweck 
der Raumfüllung, ebenso die lang-en Grasstengel mit gebogenen 
Blättern und die in spitzen Winkeln zusammengeschlossenen 
Halme welche da und dort aufsprießen. Dicht am Rande liest 
man in kleinen Buchstaben die Inschrift VIVAS IX DEO Z 
(zesais). Bohn bezeichnet auch sie als „linksläufiig", weil er ver- 
kennt, daß das Bild, obwohl auf der Außenseite graviert, doch 
für die Innenansicht berechnet ist. Die christliche Inschrift 
hinderte ältere Herausgeber der Schale nicht, ihr ein Motiv der 
griechischen Heroensage unterzulegen. Der Mann mit dem 
Opfermesser galt als Kalchas, sein Gegenüber als Iphigenie, 
der Bock als die nötige Hirschkuh. Über die aus den Wolken 
ragende Hand zerbrach man sich nicht weiter den Kopf. Jlohl- 
schliffe fehlen hier gänzlich. Die Zeichnung ist in breiten Um- 
rissen eingeritzt, bzw. geschabt, die von Quer- und Schräg- 
stricheln begleitet sind.-^j 

Das Opfer Isaaks erscheint auch auf einem Becher der 
Altertümersammlung von Straßburg in derselben Manier. Isaak 
trägt auf seinem Rücken das für das Opfer nötige Holzbündel 
selbst, wie der Gichtbrüchige auf dem Becher der Frau M. vom 
Rath, der wohl aus derselben Werkstatt hervorgegangen ist.-) 
Die Szene wiederholt sich mit einigen Abänderungen auf einer 
Schale bei Bellons Söhnen in Xicolas-les-Arras aus Boulogne s/m. 
Hier steht neben Abraham die Sonne, verkörpert durch den Kopf 
Sols mit Strahlenkranz, neben Isaak ein Halbmond, umgeben 
von zehn Sternen. Am Rande liest man die Inschrift MA^VS 
IN ETERNO X (umgekehrt für Z = zesais).-^j 

Die Auferweckung des Lazarus findet man wieder auf 
einer Schale aus A^ermand im Museum \-on St. Ouentin. Christus 



1) E. aus'm Weerth, Bonner Jahrb. 52, 174; ibd. 69, 53 T. VI. Wilmowsky 
a. a. O. Garrucci, Storia dell'arte crist. T. 463 und VI 92. Hettner, Führer (1883) 
12; ders. lUustr. Führer (1903) iii. CiL XIII 218 u. a. 

2) Straub, Cimetiere (1881). 

^) Vaillant, Epigr. Morinie S. 210 Nr. 74, Abb. auf dem Titel. Allard, Prec. 
analyt. de Ronen 1890 91 S. 231 und Abb. Leblant, Bull, archeol. du comite 1890 
S. 79, nouvelle ser. S. 59 und Xr. 44 A Abbildung. Bohn CiL XIII 220. 



6/3 



hält wie auf dem Becher bei Frau M. vom Rath einen Stab in der 
Hand, Lazarus steht im Leichenhemde in einer Aedicula. Um 
den Rand ist graviert VIV . S • IN DEO • P • X:J^. Hinter dem um- 
gekehrten Z steht das Labarum. Die Aedicula als Bezeichnung- 
des Grabes kommt auch in Goldbildern vor, namentlich in 
solchen mit viereckiger Umrahmung, während in den kreis- 
runden das Felsengrab Re- 
gel ist. Lazarus erscheint 
auch in diesen als Mumie 
eingeschnürt, wobei nur der 
Kopf freibleibt, doch sind 
in jedem Falle, auch in den 
auf Gläser gravierten Sze- 
nen, wenigstens die Beine 
mit Binden umwickelt/) 

Ein zylindrischer Be- 
cher, römischer Lokalfund, 
zeigt in vortrefflicher Gra- 
vierung Daniel unter vier 
Löw^en, während deren ge- 
w^öhnlich nur zwei darge- 
stellt sind.-) Die Vierzahl 
kommt außerdem nur noch 
auf der unter den bemalten 
Gläsern zu behandelnden 
Ursulaschale aus Köln vor.'^) 
Unter zwei Löw^en erscheint 
Daniel auf dem Bruchstücke 

eines Bechers der ehemaligen vSammlung Hoifmann in Paris, die 
1886 bei der Versteigerung in die Hände eines l^nbekannten 
überging. .Sie stammte aus Vermand, dem Hauptsitze der 
])icardischen Glasindustrie in römischer Zeit. Am Rande steht 
der Inschriftrest VIVAS IN ') 




Abb. 277. Becher, geformt. Nach Deville. 
(Stark modernisiert.) 



'■) Vopel, Die antiken Goldgläser S. 74. 
-) Bull, commun. 1884/5 T. V, VI. S. 86 f. 
•') Vopel a. a. O. 67. 

') Froehncr, Kat. d. (oll. IIolTmann I (1886) S. 60 Xr. 260. Pille 
Bohn CiL Xlli 221. 



6/4 

Eine interessante Szene findet man auf einer flachrinulen, 
aus Köln stammenden Schale der vSammlunt^ M. vom Rath 
(Abb. 265). Sie ist 0,245 m breit und 0,065 m t:ief. In der Mitte er- 
scheint eine nackte Frauengestalt in \^orderansicht, deren I laltung 
etwas an die der mediceischen Venus erinnert. Auf dem Kopfe 
trägt sie einen Modius, die Rechte hält ein Blattbüschel vor den 
Schoß, die Linke ist mit abwehrender Geberde erhoben. Sie 
steht auf Wasserwellen, die wie bei frühen Darstellungen der 
Taufe Christi, zu einem Hügel anzuschwellen scheinen. Ihr zur 
Seite sprießen aus dem Ufer des Wassers zwei gewundene 
Baumstämme em])or. Daneben stehen zwei Männer mit scharf 
geschnittenen Profilköpfen, in spätantiker IVacht des 1\'. und 
^^. Jahrhunderts: Langer ungegürteter Tunica mit engen Ärmeln, 
welche unten vorn geschlitzt und mit zwei Rundscheiben (tabulae) 
verziert ist; an beiden Seiten des Halsausschnittes sind längere 
Besatzstreifen (clavi) sichtbar. In der Rechten halten sie einen 
dünnen Stab, mit der erhobenen Linken deuten sie auf die 
Stirn. Es ist Susanna mit den beiden Alten. Trotz der rohen 
Zeichnung in derben, von kurzen Schrägstricheln begleiteten 
Umrißlinien, erinnert die Komposition und Technik an etrus- 
kische Metallspiegel. Solchen ist auch die uns fast komisch 
anmutende Geberde der Männer entlehnt, welche nichts anderes 
als das Sprechen bedeutet; nur ist die Hand etwas zu sehr nach 
oben gerückt, auf etruskischen Spiegeln ist der Zeigefinger auf 
den Mund gerichtet.^) Wie auf dieser Schale stehen auch auf 
dem Rehef eines Sarkophages in Arles die beiden Alten hinter 
Bäumen. 

Ähnlich ist eine gebrochene flache Schale des Paulus- 
Museums in Worms ausgestattet, die in einem Holzsarge ^m 
der Erankentaler Straße gefunden wurde. Die nackte weibliche 
Gestalt in der Alitte hält hier in der erhobenen Rechten eine 
Schale, in der Linken anscheinend ein Salbfläschchen, ist also 
in der Badetoilette begriffen. Die beiden Männer sind kleiner 
gebildet und in Felle gekleidet, die im Nacken geknotet sind, 
so daß die Enden vorstehen. Zwischen den Gestalten wachsen 
anstatt der Bäume Blumen auf langen Stengeln und mit ge- 



1) Vgl. Sammlung M. vom Rath S. 138 Nr. 189 T. XXI 17 1. 



wundenen Ansätzen hervor, ähnlich denen der Schale mit dem 
Opfer Abrahams in Trier. Einer dieser Steng-el scheint aus 
dem Fläschchen herauszuwachsen, das Susanna in der Linken 
hält, doch ist dies selbstverständlich ein Spiel des Zufalles, wenn 
nicht etwa ein nachträglich durch irgend eine Beschädigung 
eingetretener Riß hier eine gravierte Linie vortäuscht. Das 
Bild wird \-on einer Wellenranke und gestrichelten Blattschnüren 
eingerahmt, an welche sich der Rest einer Inschrift . ITA . . . 
VINVM anschließt, die Siebourg zu „Da vita mi vinum" er- 
gänzt. Den Halm und das Fläschchen in der Hand Susannas 
vereinigt er mit \iel Phantasie zu einem Saugheber, wie deren 
mehrere in italischen und rheinischen Sammlungen erhalten sind 
und deutet auch die Gefäße in den Händen der Männer als 
Trinkgeschirre. Der Mann zur Linken hält einen viereckigen, 
mit Rautenhnien \-erzierten Kasten, der zur Rechten zwei Öl- 
fläschchen. Auch der Kasten dürfte zur Frauentoilette gehören. 
Man ersieht daraus, daß die Legende von der Susanna, abgesehen 
von ihrer moralischen Tendenz, von altchristhchen Kunsthand- 
werkern wie die Darstellungen der Venus zur Verzierung von 
Toilettegefäßen benutzt wurde, denn als solche muß man wohl die 
Schalen ansehen.^) Sonst hat die altchristliche Kunst dem ^Motive 
gewöhnlich eine symbolische Bedeutung beigelegt, nämlich die 
der unschuldig verfolgten Kirche. 

Das Susannenmoti\- kommt im Vereine mit anderen auch 
iuif einer Schale aus Abbe ville vor.-) Diese zeigt in der Mitte 
in Strichgravierung ein großes Labarum und in dessen Zwischen- 
räumen kleine Sterne. Den breiten Rand schmücken rundbogige 
Arkaden, aus Palmen gebildet, deren Stämme in Form eines 
umgekehrten Spitzkegels sich nach oben erweitern und auf einem 
gewundenen Kranze dichte, aus gekreuzten Kreisbogen zusammen- 
gesetzte Blattwedel tragen: das rautenförmige Netzwerk, das so in 
den Bogenzwickeln entsteht, ist durch Strich elung belebt. Der 
Diatretarius hat damit bei aller Unbeholfenheit ein originelles und 
wirkungsvolles Ornament geschaffen. In zehn Arkadenfeldern 



1) Weckerling, Das Paulus-Museum (1S87) S. iio, T. VIU 2. Siebourg in 
der Zeitschrift „Vom Rhein" II (1903) S. 4. CiL XIII 210. 

2) Gazette archeol. 1884 T. 32, 33. Pilloy Fase. V. S. 207 .\bb. 20S, 210. 



.siiul Ijiblischr Szenen dari^-estellt. Das breite Feld ül)er dem 
Labarum enthält den Baum mit der Schlanj>-e, die beiden be- 
nachbarten Adam und Eva. Daran schließt sich in drei Feldern 
zur Rechten Daniel zwischen zwei Löwen, dann Susanna zwischen 
den beiden Alten und endlich in einem Plinzelfelde abermals 
Daniel mit dem babylonischen Drachen. Susanna ist nackt wie 
auf der Kölner und der W'ormser Schale, in der Haltung- 
jener ähnlicher, nur mt'hr nach rechts g-ewendet, wie im Fort- 
gehen begriffen; das Wasser staut sich hinter ihr gleichfalls 
zu einem Hügel an. Die beiden Alten haben aus Spiralen ge- 
bildetes Lockenhaar, kurzen Bart, genau dieselbe Tunica wie in 
Köln, und Binden an den Waden. D(^r eine \on ihnen streckt 
sprechend und zugleich begehrlich beide I lande vor, der hindere 
deutet mit dem Zeigefinger der Rechten regelrecht auf seinen 
Mund. .Vuch Daniel trägt die Tunica mit tabulae, die wegen 
der Strichelung der L^m. risse ein wenig an Pelzwerk erinnert, 
doch ist das sicher kein beabsichtigter Eindruck, \\eil alle Um- 
risse, auch die der nackten Körper, gestrichelt sind: nur ist 
Daniels Tunica, als die eines jungen Mannes, kürzer und gegürtet. 
Seine Stellung mit ausgebreiteten Armen ist zwar die eines 
Oranten, doch erinnert er mit seiner phrygischen Mütze eher an 
Orpheus. Gewöhnlich wird Daniel in den frühen Jahrhunderten 
nackt dargestellt, auch auf der später zu behandelnden email- 
lierten Schale von St. Severin in Köln, doch kommen Bei- 
spiele vor, wo er bekleidet ist.^j Im Gegensatze zu ihm ist 
Susanna anfangs gewöhnlich bekleidet, wie auf der Schale 
von Podgoritza, wo sie in Gestalt einer bekleideten Orans auftritt. 
Wenn aber Pilloy glaubt, daß die Schale von Abbeville das 
einzige beglaubigte Beispiel einer nackten Susanna aus der 
Frühzeit biete, so ist er, wie die vorher beschriebenen Schalen 
dartun, im Irrtume. Nackt ist sie auch auf einem Goldglase bei 
Garrucci (vetri 37, T. III) und einer Gemme im Museum Kirche- 
rianum in Rom. 

Die letzte Szene der .Schale von .Vbl)e\ille schildert die 
Zerstörung des babylonischen Götzen durch den Propheten. 
Dieser hatte sich verpflichtet, dem Ungeheuer den Garaus zu 



') Kraus, Realencycl. unter Daniel. Martigny, Dictionn. dgl. 



machen und zwar ohne Stock und Schwert. Er nahm Pech, 
Fett und Haare, kochte sie zusammen zu einer Kugel und steckte 
diese in den Rachen des Drachen, der bei diesem Leckerbissen 
auseinanderplatzte. Und der Prophet sprach dabei: „Seht, das 
ist es, was ihr angebetet habt." — Dieses Motiv ist nicht selten. 
Es findet sich auf 
zwei Goldgläsern •^), ciuf 
Sarkophagen im Vati- 
kan ■^), in Verona ''), Ar- 
les^) u. a. Das Labarum, 
das die Mitte der Gra- 
vierung bildet, >^, ein 
von P durchkreuztes X, 
ist nach Martigny in Gal- 
lien im IV. und V. Jahr- 
hundert die übliche Ge- 
stalt des Kreuzes; sie 
erscheint auf einigen 
geformten Schalen im 
Museum von Namur, auf 
einem Glase aus Ar- 
mantieres u. a. ^) Auch 
die begleitenden Sterne 
sind nicht selten; das 
bekannteste Beispiel 
hierfür gibt das Mosaik 
im Grabe der heiligen 

ConstanzabeiSt.Agnese .,, o c- r . v u t-> -n 

^ Abb, 278. Eimer, geformt. Nach Dcville. 

in Rom. (Stark modernisiert.) 

Die Sammlung Giu- 
seppe Sarti, die 1905 in Rom zur Versteigerung kam, ent- 
hielt eine Schale aus grünlichem (ilase \-on 24 cm Durch- 




^) Garrucci, Vetri T. III 13. 

^) Arringhi, Roma subterr: T. I S. 2S9. 

•') Maffei, Verona illust. III 54. 

*) Leblant, Sarcophages d'Arles S. 11, 

Martigny a. a. O. 

•'') Album Caranda n. serie T. 28. 
Kisa, Das Glas im Altertume. IL 



Vgl. Kraus a. 



6jS 

messer und 3,5 cm Ti(^fe, die bis auf ein Stück \oin Rande gut 
erhalten war und rohe Liniengravierunyf zeigte.') Bei unleug- 
barer Verwandtschaft in der Technik, aus welcher sich auch 
g-ewisse gemeinsame Merkmale der Stilisierung ergeben, ist 
doch der Charakter dieser römischen Arbeit von der rheinischen 
verschieden. Das ]\Iittelbild ist verhältnismäßig klein, ein breiter 
Rand freigelassen und beide durch einen Lorbeerkr^inz ge- 
trennt, der an einzelnen Stellen diagonal verschnürt ist. Der- 
artige Kränze sind der hellenistischen Kunst eigentümlich, der 
gallisch-rheinischen aber so gut wie unbekannt. Den äußersten 
Rand schmückt ein Giebelband mit doppelter radiärer Strichelung, 
ein auch am Rhein beliebtes ]\Iotiv. Im Mittelbilde sieht man 
eine männliche Gestalt mit Nimbus, in der Rechten einen Stall 
haltend, neben ihr etw^as kleiner gebildet, eine weibliche Figur 
mit gesenktem Kopfe, zwischen beiden im Hintergrunde zwei 
mit einem Bande umschnürte Bündel, links einen Baum. Pollack 
will darin Christus und die Hämorrhoista erkennen, doch ist 
zweifellos die angeblich weibliche Gestalt nichts anderes als der 
in Leichentücher gehüllte Lazarus, ganz so als ]Mumie ein- 
geschnürt wie auf den Exemplaren \'on Köln und Straßburg, 
welche die x\uferweckung des Lazarus schildern. Die Bündel im 
Hintergrunde erklären sich dann leicht als Stücke der Leichen- 
umhüllung. — Auf einer Scherbe derselben vSammlung, dem 
Stücke vom Rande einer Schale, sieht man in ganz roher 
Gravierung den Kopf eines Heiligen mit Ximbus.-) 

Noch viel geringeren Zusammenhang mit den rheinischen 
Typen, zugleich aber auch bereits ein völliges Versagen der 
antiken Kunsttradition, eine hoffnungslose Barbarisierung be- 
kundet die Schale von Podgoritza in der Sammlung Basi- 
lewsky in Paris.'^) Sie stammt aus dem albanischen Orte Pod- 
goritza, dem alten Doclea, besteht aus farblos durchsichtigem 



Vi Ludwig Pollack, Vendita Sarti Xr. 396, Abb. T. 24. Hier ist auf die 
Susannaschale der Sammlung M. vom Rath Bezug genommen, doch ist nur eine ober- 
flächliche technische Verwandtschaft da. 

-) Pollack, a. a. O. Nr. 397. 

^) Bonner Jahrb. 69, 49 f. T. V. de Rossi, Bullet. 1S77. Leblanc, Sarcophagcs 
d'Arles S. 28 T. 25. Kraus a. a. O. s. (ilasgefäßc. Pilloy a. a. O. S. 214 u. a. 



679 

Glase von unregelmäßiger Rundung und 22 cm Durchmesser. 
Diese jüngste aller bisher betrachteten Schalen ist nicht, wie 
die Mehrzahl, auf der Außenseite graviert, dabei jedoch für 
Innenansicht berechnet, sondern im Inneren, und für die gleiche 
Ansicht berechnet. Die kindlich ungeschickte Zeichnung zeigt 
im runden Mittelfelde Abrahams Opfer. Dieser steht ganz in 
Vorderansicht da, mit ungefügem, bartlosem Kopfe und langem 
gestrichelten Mantel, unter welchem in Profilstellung ein Arm 
mit erhobenem Messer zum Vorscheine kommt, dessen Griff 
pistolenartig gebogen ist. Rechts von ihm sitzt Isaak, be- 
deutend verkleinert, den Kopf im Profil nach links gewendet, 
in kurzer gegürteter Tunica, mit Binden unter den Knien. Ü'ber 
ihm zur Seite flammt der Opferaltar, während gerade gegenüber 
der Arm Gottes aus einer doppelten, Wolken andeutenden 
Wellenlinie in das Bild hineinragt. Unter ihm steht auf rund- 
lichem Steingerölle der AVidder. Dieses vSteingeröll zieht sich 
wie eine Pflasterung oder besser wie eine künstliche Grotte um 
die ganze Szene rund herum, so daß das eigentliche Bild 
einen exzentrischen Kreis innerhalb des größeren, von Steinen 
gefüllten, bildet. Auf dem breiten Rande der Schale sieht man, 
radiär angeordnet, acht biblische Szenen, die ohne ornamentale 
Trennung einander folgen und durch ein- oder mehrzellige Bei- 
schriften in Kapital- und Kursivbuchstaben erklärt werden, die 
mit dem Rande parallel laufen. 

Die Reihe wird durch Jonas' Meerfahrt eröffnet. Ein flach- 
rundes Boot mit zahlreichen Rudern, die hintere Spitze von 
einem Lorbeerkranz umgeben, während das Segel an dem 
Mastbaume wie ein Sonnenschirm hochgezogen ist, birgt drei In- 
sassen, welche in marionettenhafter Bewegung die Arme hoch- 
heben. Etwas tiefer darunter folgt das Meerungeheuer, das den 
Propheten schon bis auf die Beine verschlungen hat. j\Iit 
diesem Untiere kreuzt sich ein anderes, d. h. zur Illustrierung 
einer folgenden Szene dasselbe, nur in etwas abweichender Ge- 
stalt. Es st^lrrt Jonas an, der sich von seinem Aufenthalte in 
dem ungemütlichen Inneren des Drachen in der Kürbislaube 
erholt, die durch ein ])aar große Blätter angedeutet wird. Jonas' 
Ruhesitz gleicht (miu-iu Wagenrade. Darüber liest man die In- 
schrift DivxAx Di<: VEXTRE ovp:ti liberatvs est. 



68o 

Diunan ist gleichbedeutend mit Jonas, qucti steht für ccti da; 
cetus heißt jeder große Fisch, demnach auch ein Walfisch. 

Dieser Szene folgt der Sündenüdl in der üblichen Dar- 
stellungsweise, wobei Adam und Eva die Scham mit großen 
Blattbündeln bedecken. Um Adams Kopf befindet sich eine In- 
schrift mit absonderlichem Schreibfehler ABRAM ET EU AM, das 
erste Wort anstatt xVdam. Piei der dritten Szene, der Aufer- 
weckung des Lazarus, sieht Christus ungefähr wie der Abraham 
des Hauptbildes aus, Lazarus erscheint als pupjienhafte Halbfigur 
in einer fensterartigen Aedicula. Die Inschrift um Christus 
herum lautet DOMININVS LATARVM {für Lazarum), dann in 
Kursiv restiscitat. Die folgende Szene bietet einige bemerkens- 
werte Momente. Sie schildert ]Mosis Ouellwunder, setzt aber an 
Stelle des Moses den Apostel Petrus und l:)ildet diesen genau so, 
wie vorher Christus und Abraham. Der Quell wird mit einer 
gebogenen Rute nicht einem Felsen, sondern irrtümlich einem 
Baume entlockt. Wenn Moses jugendlich und unbärtig dargestellt 
ist, folgt der Diatretarius dabei dem von den Wandgemälden und 
Goldgläsern gegebenen Beispiele, in welchen der unbärtige ]\Ioses 
im Gegensatze zur Sarkophagskulptur dem bärtigen vorgezogen 
wird.^) Auch die vSymbolisierung des Moses durch Petrus ist, 
wie de Rossi nachweist, sehr häufig-): dieser wird dadurch als 
ein neuer Moses gekennzeichnet, der den Christen die QueUe 
des Glaubens erschloß. Die Beischrift ist schwer lesbares und 
fehlerhaftes Kursiv: Petrus virga perquovset, fontis cipcrunt 
quorcre anstatt „Petrus virga percussit, fontes coeperunt currere." 

Daniel unter den Löwen hat die Haltung eines Oranten, 
ist sehr stämmig, trägt eine kurze gegürtete Tunica mit 
breiter gerauteter Halsborde, gleichartigen Clavi und runden 
tabulae an den Schößen sowie geschnürte Schuhe. Die beiden 
Löwen rechts und links von ihm sind recht lebendig in ihrem 
wütenden Anspringen aufgefaßt. Die Inschrift lautet: DANIEL 
DE LACO LEOXIS. Die drei Jünglinge im Feuerofen nebenan 
haben Daniel gleiche Tracht, doch ohne Verzierung, auch dieselbe 
Orantenhaltung; von dem Ofen findet sich jedoch keine Spur. 



1) Vopel S. 64. 

2) de Rossi im bullet, crist, 1868 S. 3; ibd. 1874 S. 173; 1877 S. 



68 1 

nur die Inschrift nennt ihn: TRIS PVERI DE EGXE CA^II 
(no). Dicht hinter dem letzten der Jünglinge steht allein, ohne 
die beiden Lauscher Susanna, wiederum als Orans und zwar 
mit ganz wagerecht ausgebreiteten Armen, mit modischer zwei- 
teiliger Frisur, langem Gewände mit breiten, von den Schultern 
bis zu den Füßen reichenden Clavi und nackten Füßen. Hinter 
ihrem Kopfe hinweg läuft die dreizeilige Inschrift SVSANA DE 
FALSO CRIMINE. Nirgends findet sich auf den Randbildern 
eine Andeutung des Erdbodens und der Lokalität, mit Ausnahme 
der zur Handlung nötigen; auch das sonst bei den älteren 
vStücken übliche Füllsel von Hohlschlififen, Grashalmen u. dgl. 
fehlt hier ganz, der Grabstichel beschränkt sich auf das 
allernötigste. Es ist ein fremdartiges Gefühl, das hier waltet. 
Während früher durch kindliches Ungeschick und brutale Derb- 
heit doch immerhin eine stille Freude am Schaffen durchdrang, 
die bei allerlei Kleinwerk gerne verweilte, die Arbeit möglichst 
in die Länge zu ziehen sich mühte, erledigt der Schöpfer der 
Schale von Podgoritza bei noch geringerem Können seine Auf- 
gabe möglichst rasch, mit trockener vSachlichkeit, fast mit ge- 
heimem Verdrusse. . 

Von kleineren Stücken nenne ich eine Scherbe farblosen 
Glases mit gravierter Guirlande und dem Reste einer Inschrift 
. VLTI . . . (multis annis). Sie befand sich früher bei Castellani 
in Rom. ^) Deville bildet T. 32 einen Discus aus grünlichem 
Glase, eine flachrunde Schale mit schmalem Rande ab, in welche 
in einfachen Strichen ein Lorbeerkranz und darüber die seltsame 
dreizeilige Inschrift graviert ist: 

NON VN DA LETALIS EST 
AVSA CONSTANTI FERRE 
OlAM LICVIT FERRO CORONAM 
„Die Welle des Lethe hat nicht gewagt, dem Constans die Krone 
zu geben, die ihm erlaubt war durch das Schwert zu besitzen." 
Die Schale ist in Rom gefunden, doch nennt Deville, wie gewöhn- 
lich, nicht ihren Aufbewahrungsort. Arringhi bezeichnet sie in 
seinem Kommentare zu Bosios Roma subterranea als altchristlich. 
Er schließt aus der Inschrift, daß sie Gift enthalten habe, eine „unda 



'I Auktionskat. Caslclkini Nr. 420. CiL XV 7013. 



682 

letalis", das man einem Märtyrer, namens Constans, gereicht habe, 
nachdem man \-erge})ens versuclit. ihn durch das Schwert zu töten. 
Deville macht darauf aufmerksam, daß es nur einen heiligen 
Eremiten Constans gegeben habe, der aber in Gallien 561 zur Zeit 
Justiniar.s starb, als man sicher nirgends mehr an eine Christenver- 




.•cher mit Darstellung einrs Wag 
Namur, Museum. 



irennens. Aus Couven. 



folgung dachte. ^) Meiner Ansicht nach stellt .Vrringhi die Tat- 
sachen auf den Kopf. Die Inschrift sagt ja das Gegenteil, daß 
nämlich die totbringende Woge nicht gewagt habe, Constans 
den ]Märtyrertod zu bringen, daß dies aber dem Schwerte ge- 
lungen sei. Unda letalis ist nicht Gift auf einem Teller, sondern 



^) Deville S. 34 not. i. T. 32. 



683 



der Tiber, oder sonst ein Gewässer, in wel- 
chem man ihn ertränken wollte. Die Patera 
hat mit dem Martyrium direkt nichts zu 
tun, sondern ist ein frommes Erinnerung-s- 
zeichen und war wahrscheinlich wie die 
Goldgläser am Grabe des ^Märtyrers in den 
Mörtelbewurf eingedrückt. Daß kein Mär- 
tj-rer dieses Namens in den Listen ver- 
zeichnet ist, kann nicht als Beweis dafür 
gelten, daß es keinen solchen gab; jeden- 
falls ist er aber mit dem gallischen Eremiten 
nicht zu verwechseln. ^ 

Am Rheine sind an mehreren jr 
.Stellen Fläschchen aufgetaucht, in die ;^ 
ein Fisch eingraviert ist. Von solchen 
Gefäßen stammt die Scherbe von £, 
feinem, farblosen Krystallglase mit -■ 
dem Buchstabenreste E oder F von ^ 
der Saalburg ^), eine von Kastell Oster- S 
burken am Limes mit dem Inschrift- S 
reste S T'), jetzt im iMuseum von ^ 

Karlsruhe und andere. Da der Fisch ^ 

er 
in altchristlicher Zeit ein Xamenssymbol m 

Christi war, ist man geneigt, ihnen ^ 
eine rituelle Bedeutung beizumessen; 
doch läßt sich mit dem bisher gesammelten 
geringen Material diese Frage nicht ent- 
scheiden. Über die Darstellung von 
Fischen in der Glasindustrie wird übrigens 
noch später gehandelt werden.'^) 



^) Bonner Jahrb. 54, 305. 

') Schumacher, Limesblatt IV, 2. Cil XIII 240. 

*) Fische waren schon in der altägyptischen 
Keramik ein beliebter Schmuck. Auf türkis- und lasur- 
blau glasierten Tellern und Schalen aus der 18. Dynastie 
sind sie einzeln oder im Kreise gruppiert in schwarzen 
Umrissen aufgemalt. 








684 



H. Ursprung- und Technik. 



Da sich auf gravierten und g-eschhffenen Gläsern sehr oft 
griechische Inschriften finden, glaubte man ihren Ursprung im grä- 
zisierten Oriente suchen zu müssen, nach Analogie der sidonischen 
Reliefgläser, auf welchen griechische oder doppelsprachige Künst- 
lersignaturen zum ersten Male auftauchen. Xesbitt erklärte sie 
für byzantinisch und auch Froehner, E. aus'm Weerth u. a. 
hielten daran fest, daß dem Osten die Erfindung des Glas- 
schliffes und Glasschnittes, der Diatreten-Technik zu verdanken 
sei. Froehner verschließt sich zwar ebenso wenig wie aus'm Werth 
der Tatsache, daß die meisten Diatreten mit figürlichem Schmuck 
am Rheine gefunden werden, glaubt aber wegen der griechischen 
Inschriften nicht, daß daselbst auch ihre Heimat zu suchen sei. 
Rheinischen Ursprung möchte er nur den mit lateinischen In- 
schriften versehenen beimessen, die anderen dagegen als Import aus 
einem hellenisierten Gebiete betrachten. Dem widerspricht aber 
schon die Tatsache, daß sich häufig beide Sprachen vereint finden 
und daß Gläser, deren technische Eigentümlichkeiten sie als Er- 
zeugnisse derselben Werkstatt kennzeichnen, bald griechische, 
bald lateinische Inschriften haben. Schon bei den geschliffenen 
Netzgläsem haben wir dies feststellen können, außerdem aber 
beobachtet, daß bei diesen die Inschrift nicht das geringste zur 
Bestimmung des Ursprunges beizutragen vermag. Es nimmt 
"Wunder, einen so tüchtigen Philologen wie Froehner, keine 
Rücksicht auf den Umstand nehmen zu sehen, daß das Griechische 
in den beiden letzten Jahrhunderten im ganzen römischen Reichs- 
gebiete ]\Iodesprache geworden war, die namentlich bei Inschriften 
oft in recht barbarischen Formen verballhornt wurde. Daraus, 
daß die griechischen Sinnsprüche auf Gläsern fast immer gramma- 
tische oder orthographische Fehler schlimmster Art aufweisen, 
kann man ersehen, daß sie nicht in einem hellenisierten Lande 
gemacht, sondern von Arbeitern abgeschrieben sind, die kein oder 
wenig Griechisch verstanden. Anders steht es mit den nicht ganz 
tadellosen lateinischen Inschriften, an welchen es gleichfalls 
nicht mangelt. Deren Verstöße beruhen auf mundartlichen 
Änderungen und Mißbräuchen, sie sind nicht oder doch nur selten 
persönlich, sondern einer ganzen Provinz eigentümlich, nicht 



685 

sowohl Fehler als Provinzialismen. In christlicher Zeit ist besonders 
häufig der Spruch niEZHIJII, g-ewöhnlich IlieZHCeC geschrie- 
ben, auch in lateinischen Buchstaben PIEZESES, der aus dem 
Griechischen in die Vulgärsprache übergegangene Trinkspruch, der 
auch auf den gaUisch-rheinischen Barbotinebechern häufig erscheint 
und die lateinischen Formeln bibe, vale beinahe in den Hinter- 
grund drängt. Man ersieht daraus, wie allgemein der Gebrauch 
griechischer Redewendungen im geselligen und privaten Ver- 
kehre war. Wollte man alle derartigen Becher in Ton, Metall, 
Glas als griechisch-orientalischen Import erklären, so wäirde man 
damit wohl einen guten Teil von dem, w^as das gallisch-rheinische 
Kunsthandwerk im III. und IV. Jahrhunderte hervorgebracht hat, 
dem Orient ausliefern.-^) 

Man bearbeitete, wie bereits bemerkt, durch Gravierung 
und Schliff mit Vorliebe farblos-durchsichtiges Krystallglas, eine 
Glassorte, die durch Zusatz von Blei vollkommen entfärbt, 
glänzend rein, zugleich ^lber auch etwas weicher w^urde. Im 
IV. und V. Jahrhundert verwendete man zu figürlichen Gravier- 
ungen auch das ordinäre grünliche Eisenglas, beschied sich dabei 
aber auf derbe Umrißzeichnung und Schraffierung, ohne alle 
Feinheiten und ohne Hohlschliff. Da es bei durchsichtigem Glase, 
wenn es nicht bemalt werden soUte, wenig darauf ankam, welche 
Seite der Gefäße bearbeitet wurde, finden wir Gravierung und 
Schliff bald auf der Außenseite von Schalen, bald auf der Innen- 
seite. In der Regel verzierte man bei flachen Schalen oder 
Bechern das Innere, bei kugeligen oder konischen das Äußere; 
aber in jedem Falle hielt man daran fest, daß das Gefäß sich am 
vorteilhaftesten dem Trinkenden, der es an die Lippen setzt, zu 
präsentieren habe, also von der Innenseite. Danach richtete man 
stets die Inschriften ein und machte diese, wenn man das Gefäß 
von außen bearbeitete, linksläufig, damit der Trinker sie bequem 
lesen könne. Nach diesem Gesichtspunkte sind manchmal, wie 
ich bereits nebenbei bemerkt habe, die Ausführungen Bohns 
über verkehrte Schrift richtig zu stellen. 



^) Eine griechische Inschrift, die Sophus Müller für eine magische Formel hält, 
ist in eine große geschliffene Glaskugel graviert, die in einem fünischen Grabe ge- 
funden wurde. Vgl. vSophus Müller, Nord. Altertumskunde II. 59. 



686 

Technisch können wir unter den Gläsern mit gravierten 
und geschhffenen Figuren vier I lauptgruppen unterscheiden. 
Die erste bilden die in Hohlschliff mit der Rundperl, der Bouterolle 
bearbeiteten Stücke mit negativen, intaglioartigen Reliefbildern. 
Das vorzügliche Krystallglas, in welchem sie gewöhnlich ausge- 
führt sind, erzeugt durch Strahlenbrechung die Täuschung, als 
ob das Relief erhaben wäre. Die beste Arbeit dieser Art, üb('r 
die unser Urteil verfügen kann, ist das Bruchstück mit dem 
Wettlaufe der Quadrigen im Provinzi^dmuseum in Trier (Abb. 250), 
das sicher noch im III. Jahrhundert, wahrscheinlich um dessen 
Mitte, in der Glanzzeit der gallisch-rheinischen Glasm acherei ent- 
standen ist. Dieselbe Technik ist, freilich sehr vergröbert, von 
einem viel geringeren Talente bei der Prometheusschale in Berlin 
angewendet. Welcker, der diese zuerst veröffentlichte, äußert sich, 
nachdem er die Bedeutung der Szene eingehend erklärt, 
folgendermaßen : 

„Eines ist noch übrig, worüber ich völlig ratlos bin. Es 
sind dies die neben Prometheus ausgeschütteten, länglich runden 
Massen. Man könnte denken, sie seien in dieser Art vorbereitet, 
um bei der Zusammensetzung einer größeren Figur zu dienen, 
statt daß sonst Prometheus an den Sarkophagen einen Korb mit 
sinopischer Tonerde neben sich stehen hat. Auch die Körper, 
nicht bloß des tongebildeten Menschen, sondern aller anderen 
höheren Wesen, erscheinen wie aus kleinen Klumpen teilweise 
zusammengesetzt. Hierfür fehlt mir jeder Aufschluß." — Auch 
E. aus'm Weerth fallen die klumpenartigen Gebilde auf; er 
versteigt sich zu ihrer Erklärung in höhere Sphären und hält sie 
für „mystische Symbole", für Sternzeichen oder ähnhches. Bei 
ihm ist eine derartige Ratlosigkeit viel auffallender als bei dem 
berühmten Archäologen, der für technische Vorgänge überhaupt 
nur geringes Verständnis hat. Beiden hätte ein simpler Graveur 
den erwünschten Aufschluß leicht geben können. Die länglich- 
runden Massen, die den Erdboden andeuten, sind ovale und 
linsenförmige HohlschliflFe von derselben Art, wie sie bei der 
Fassettierung verwendet werden und durch die Rundperl, den 
Zeiger mit abgerundeter Spitze, hervorgerufen. Durch eine An- 
reihung solcher Hohlschliffe versuchte man auch bei figürlichen 
Darstellungen eine ?vIodellierung der Körperformen hervorzurufen. 



687 



Die Verfollszeit der Kunst griff so 
zu demselben primitiv^en Hilfemittel 
wie die archaische und die etrus- 
kische, denn wir finden auch 
bei den etruskischen Gemmen 
dieselbe Arbeit der Rundperl, f 
dasselbe Anreihen wurstartiger w 
Hohlschliffe zur Gliederung der ° 
menschlichen Körper. Die Hohl- ^ 
schliffe des Prometheusbechers, g 
welche den Erdboden bedecken, S 

ET 

sollen durchaus nicht Tonklum- ^ 

pen darstellen, auch die durch t: 

Prometheus geschaffenen Men- ö 

schenleiber sollen keineswegs ^ 

aus rundlichen Tonklumpen zu- g 

sam mengesetzt erscheinen. Wir „> 

haben es vielmehr mit einer <;}, 

rohen und naiven Technik zu ^ 

tun, die nicht mehr fähig ist, "o 

die Vorarbeit, die bloße Axi- g 

reihung \on Hohlschliffen durch 3 
feinere Übergänge und Ver- 

mittelungen zu Ende zu führen, g 

sondern den Hohlschliff halb p 

vollendet stehen läßt. Der S- 

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Meister des Trierer Fragmentes | 
mit der Zirkusszene war noch 
im Besitze dieser feineren Tech- ^ 
nik, während jener der Straß- % 
burger Schale mit der Jagd- ^ 
szene auf derselben tiefen Stufe "" 
stand, 'wie der des Prometheus- 
bechers. Beide Stücke können wir 
der zweiten Hälfte des IV. Jahr- 
hunderts zuweisen. Zwischen dem 
Trierer Fragment und diesen beiden 
bilden das Stamnion von Hohen- 





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688 

sülzen und der Lynkeusbecher eine charakteristische, etwa der 
Wende des 111. und 1\\ Jahrhunderts ang-ehörige Mittelstufe. Auch 
hier arbeitet die Rundperl ohne feinere Übergänge, aber die Kör- 
perverhältnisse sind besser, außer dem Schliff ist auch von der 
Gravierung reichlicher Gebrauch gemacht und Einzelnes mit 
dem Grabstichel übergangen. Das Haar ist sorgfältiger ziseliert, 
die Gewandfalten und inneren Linien teils graviert, teils einge- 
schliffen. Perlenschnüre und gestickte Säume angedeutet, über 
Gewänder und Hintergründe kleine Spiralen gestreut, welche die 
Darstellung beleben, indem sie einen Wechsel von glatten und 
gemusterten Stellen herbeiführen. Die eingestreuten Spiralen 
erinnern an den Schmuck einer gewissen Klasse von Fondi d'oro 
derselben Zeit. Beide Gläser scheinen aus derselben Werkstatt 
hervorgegangen zu sein, die in Köln ihren Sitz hatte; diese 
Stadt erscheint neben Trier als die bedeutendste Pflegestätte 
des Schliffes und der Gravierung in Glas vom III. bis in das 
IV. Jahrhundert hinein. 

Die zweite Gruppe bilden Gläser, deren Darstellungen nur 
im Umrisse graviert sind, wie der Kugelbecher mit xlmoren und 
Vögeln in Bonn (Abb. 252), die Schale von Podgoritza und die 
frühen stadt-römischen Arbeiten. Es wäre voreilig, aus der Unge- 
schicklichkeit der hier tätigen Hände eine späte Entstehungszeit 
zu folgern. Der Bonner Amorenbecher hat im Zuge der Ranken, 
in der Form der Trauben so große Ähnlichkeit mit Barbotine- 
schmuck des ni. Jahrhunderts, speziell mit dem einer Sigillata- 
kanne des Kölner ]^Iuseums, (abgeb. im Bonner Jahrb. 114 5 
S- 35 5 Fig. 3b), ja selbst mit dem Sigillatabecher von Asberg, 
(vgl. Abb. iii), daß diese Erzeugnisse kölnischen Handwerks 
zeithch kaum weit auseinanderfaUen dürften. Die Zeichnung des 
Amorenbechers zeigt keine Degeneration, sondern eher Unsicher- 
heit, zu geringe Vertrautheit mit der ungewohnten Technik. 
Die Gravierungen sind mit freier Hand gezogen, ebenso die 
derben, mehr geschabten Darstellungen auf den drei Flaschen 
von Puteoli und dem Bonner Fragment. Auf diesem hat sich 
ziemlich viel von der ursprünglichen Vergoldung und Bemalung 
erhalten: wo diese fehlt, geht doch die Gravierung durch, ein 
Bew^eis dafür, daß diese zuerst ausgeführt und dann hinterher 
das Blattgold aufgelegt wurde, im Gegensatze zu den eigent- 



liehen Goldg-läsern , den Fondi d'oro. Es ist dieselbe Methode, 
wie sie zum Vergolden von gravierten oder in Flachrelief ge- 
triebenen Metallgeräten angewendet w^urde. Stephani veröffentlicht 
eine in der Krim gefundene Silberschale, welche ein gutes Beispiel 
dieser Technik gibt/) Es wurden Goldplättchen von Papierdicke 
über das gravierte Bild gelegt und so eingedrückt, daß jede ein- 
zelne gravierte Linie auch in dem Goldüberzuge hervortrat und in 
diesem leicht nachg-ezogen werden konnte. Hierauf wurden alle 
Teile des Goldplättchens, welche nicht zur Deckung der Figuren 
selbst dienten, abgeschnitten und entfernt. Auf leicht aufgerauhtem 
Metallgrunde haften die GoldpLättchen \-on selbst, bei Glas 
mußten sie dünner geschlagen und mit Gummi o.der Eiweiß auf- 
geklebt werden. Trotzdem schabten sie sich, wenn sie nicht 
durch einen durchsichtigen Überfang geschützt waren, sehr 
leicht ab. Es ist daher nicht unmöglich, daß ursprüngHch auf 
diese Weise auch andere gravierte Gläser vergoldet waren, 
wenigstens will man in den gravierten Zeichnungen einiger von 
ihnen Reste von Gold, auch von Farben gefunden haben. -j Ich 
habe oben einige solche Stücke erwähnt. Ein Becher des Mainzer 
Museums, Lokalfund, hat bloß eine gravierte Inschrift, die fast 
unleserlich ist, aber deuthche Reste von Vergoldung aufweist. 
Die Inschrift lautet w^lhrscheinnch: VITAAI TIBI qVIA sCIS 
qVID SIT BONUM.'"*) Sicher ist bei einem jüdischen Glase, das 
im X. Abschnitte näher beschrieben werden wird, Vergoldung an- 
gewendet worden. De Rossi vermutet, daß die meisten gravierten 
und g-eschliffenen Gläser ursprünglich mit Farben ausgefüllt 
oder für Bemalung berechnet gewesen seien. ^) Vielleicht hat 
man manchmal die Umrisse mit Gold oder einer anderen Farbe 
gefüllt und so eine Art Tauschierarbeit und Xiello auf Glas her- 
gestellt, bei anderen hingegen die Figuren voll vergoldet oder 
mit Erdfarben, die nicht eingebrannt zu werden brauchten, 
deshalb aber unhaltbar waren, bemalt. Die nur leicht im Umrisse 
gravierten Darstellungen scheinen auch mir auf eine solche Be- 



') Compte rendu iSSi T. I 3, 5. 

ä) Garrucci, Vetri T. V. 

^) Körber, Mainzer Inschriften S. iii Nr. 179 mit Abb. Cil. XIII 209. 

*) de Rossi, Bull, crist. 1S6S S. 36; 1878 S. 147. 



690 

lebung- durch Gold oder Farben angeleg"t zu sein. Dagegen 
sind die in Hohlschliff hergestellten Figuren und Ornamente 
sicher nicht bemalt gewesen, einzelne Ausnahmen, wie das vati- 
kanische Glas mit dem siebenarmigen Leuchter, abgerechnet. 
Das Relief an ihnen ist mehr oder weniger mit Rücksicht auf 
die Durchsichtigkeit und Farblosigkeit des Glases gearbeitet und 
sollte durch Spiegelung erhaben wirken. Da durchsichtiges 
Email, welches diesen Effekt nicht paralysiert hätte, unbekannt 
war, hätte durch einen Auftrag von opaken Glasschmelz oder 
gar v'on Deckfarben, das Relief vollständig verloren gehen 
müssen. 

Die dritte Gruppe bilden Gläser aus ordinärem, zumeist 
grünlichem Material, in welches aus freier Hand mit der Feuer- 
steinspitze derbe Zeichnungen graviert oder besser geschabt sind. 
Die Körperverhältnisse sind überschlank, Haar und Bart mit 
dichten Stricheln und Löckchen angedeutet. Außer Spiralen oder 
Ringeln sind es in den meisten Fällen kurze Schrägstrichel 
von spitzer Linsenform, welche in dichter Schraffierung Haar und 
Bart andeuten und die Umrißlinien, auch die inneren, sowie 
die Falten begleiten. Der Versuch, auf diese Weise den An- 
schein plastischer Rundung zu erzielen — etwa wie bei den alten 
Holzschnitten — wird dadurch vereitelt, daß die Strichelung 
nicht nur auf einer Seite, der Schattenseite, erfolgt, sondern auf 
beiden. Kurze Strichel in mehr wagerechter Richtung bezeichnen 
das Fell der Tiere. Die Landschaft wird durch willkürliche, von 
Schrägstricheln begleitete Horizontallinien, gewundene Baum- 
stämme mit dünnen, geschwungenen Asten und lanzettförmigen 
Blattumrissen, dann durch Gräser bezeichnet, die entweder aus 
drei kurzen, mit einem Querstriche verbundenen Stricheln zu 
Büscheln zusammengesetzt sind, oder zu hohen, senkrechten Hal- 
men mit geschweiften Ansätzen aufschießen. Merkwürdigerweise 
haben sich die Grasbüschel in genau derselben Form, wie wir sie 
etwa auf Abb. 263 finden, in die romanische Kunst herüberge- 
rettet. Mit Vorliebe ist der schmale Rand der sogenannten Hansa- 
schüsseln mit ihnen verziert, einer Gruppe von flachen Bronze- 
schalen mit Gravierungen, die ich als Erzeugnisse einer oder 
mehrerer Kölner Werkstätten des XII. Jahrhunderts nachgewiesen 
habe. Der Einfluß antiker Glasgravierungen auf diese mittel- 



691 

alterliche Industrie ist unverkennbar/) In dieser Weise sind 
namentlich die Schalen und Becher mit Jag-den in Köln, Bonn, 
]Mainz u. a. ausgestattet, die wohl sämtlich einen gemeinsamen 
Ursprung haben; bei dem Exemplare der Sammlung M. vom Rath 
(Abb. 263) und der Andernacher Schale des Bonner Provinzial- 
museums sind einzelne Figuren fast genau wiederholt. In der- 
selben Weise sind der Amorenbecher von Bonn, der ähnliche, 
von Disch an Hoffmann-Paris übergegangene, die Neptunschale 
in Berlin u. a. ausgeführt. Bei dieser bringt die Komposition, 
wie schon früher hervorgehoben wurde, gewisse etruskische 
Spiegel in Erinnerung, die ohne Zweifel auf die Gravierung 
von Glas nicht ohne Einfluß blieben, wenn sie auch künstlerisch 
hoch über den späten, halbbarbarischen Arbeiten der rheinischen 
Diatretarii stehen. Die Abbildung 261 gibt einen solchen in Kölner 
Privatbesitz befindlichen Spiegel wieder, der in Italien erworben 
wurde. 

Die vierte Gruppe vereinigt Gravierung mit leichtem Hohl- 
schliffe. Es sind Becher aus Krystallglas, kugelig oder konisch 
geformt, geschmückt mit einer Reihe von Figuren. Hierher 
gehört der Becher mit Amoren im Museum Wallraf-Richartz, 
die mit tanzenden Paaren in der Sammlung vom Rath, bei C. A. 
Xießen in Köln, in den Museen von Bonn, Worms, Straßburg, 
der mit Soldaten und Feldzeichen bei Nießen, die Becher mit 
biblischen Szenen in gleichem Besitze und mehrere andere. Die 
Technik ist von abschreckender Rohheit. Die Körperumrisse sind 
mit ungeschickter Hand vorgraviert, Gesichtszüge und Haar durch 
kurze, scharfe Einschnitte mit dem Steinzeiger angedeutet, die 
wie .Stacheln starren. Flache, mit der Rundperl ausgeführte 
Rinnen stellen Arme, Beine und Gewandfalten dar. Aus linsen- 
förmigen Hohlschlififen setzen sich menschhche Körper, Baum- 
kronen, Blüten und willkürliche Füllungen des Hintergrundes 
zusammen. Leichte Strich el oder scharfe kurze Einschnitte, zu 
schrägen Reihen, Bogen oder Grasbüscheln angeordnet, trennen 
die einzelnen Figuren, manchmal treten zwischen diese auch 
geriefte Pfeiler. Fast alle Gläser dieser Gruppe sind in Köln 



^) Kisa, die Hansaschüsseln. 1905. Vgl. namentlich die Abb. 5 S, 31, 9 8. 49; 
ferner Zeitschrift f. christl. Kunst 1905. 



692 

und zwar in Gräbern s})ätester Zeit gefunden. Einzelne Figuren 
und Gruppen sind an verschiedenen, dahin und dorthin ver- 
streuten Exemplaren genau wiederholt, so die Figur Christi, die 
Auferweckung des Lazarus, Aloses, bezw. Petrus (in der Gestalt 
Christi) das Wasser aus dem Felsen schlagend. Sie sind offenbar 
aus derselben Werkstatt hervorgegangen, deren Sitz allem An- 
scheine nach Köln war. 

Plinius sagt, daß das Glas teils durch Blasen geformt, teils 
mit dem Rade geschliffen, teils nach Art des Silbers ziseliert 
werde. Mit letzterem Ausdrucke bezeichnet er wohl das Gravieren 
mit freier Hand, wie wir es bei den eben besprochenen Gläsern 
wiederholt gefunden haben. Daneben wurde aber vereinzelt auch 
eine Technik, die dem Metall ganz besonders eigentümlich ist, auf 
Glas angewendet, nämlich die Punzierung. Carl Friedrich ent- 
deckte im Münchener Antiquarium ein römisches Glasfragment, das 
den Rest einer mehrfigurigen Szene — nach seiner Vermutung 
einer christlichen Taufhandlung — in Punzenarbeit enthält und 
wie geperlt aussieht.^) Bei der Metallarbeit wird die Punze, ein 
Instrument mit verschieden geformter Spitze, mit dem Hammer 
eingetrieben, beim Glase tritt an seine Stelle ein metallener oder 
steinerner Zeiger, welcher mittels des Rades eingebohrt wird, 
also die Bohrarbeit. Durch mehr oder weniger vertiefte, dicht 
angereihte Punkte wurden Figuren in negativem Relief her- 
gestellt, welche beispielsweise an einem mit dunklem Weine 
gefüllten Becher einen hübschen, unsern Eisgläsern ähnhchen 
Effekt ergaben. In derselben Art sind zwei Scherben von 
Krystallglas in der Sammlung Nießen in Köln dekoriert. Deut- 
lich erkennt man an ihnen einen Pferdekopf und Palmzweige.') 



') Wartburg, Zeitschrift d. Münchener Altertumsvereins 1879 Nr. 3 S. 43 f. 
^) Vgl. meinen Katalog d. Sammlung Niessen (2. Aufl. 1896) S. 15 Nr. 219. 



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