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Full text of "Schlaf und Nacht [microform] : Verse"

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LEONHARD SCHÜLER 

SCHLAF UND NACHT 

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DER ZWEEMANN / VERLAG / HANNOVER 



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Vom gleichen Verfasser erschien im Verlag . /^f 

Die Dachstube Darmstadt: ,^^. - 

ein Flugblatt DAS BAND i ^^r*^ 

mit drei Originallithographieen von Hermann Georgi 
in 250 numerierten Exemplaren 



1. Taus end 

Alle Rechte vorbehalten 
Copyright 1920 by Der Zweemann / Verlag / Hannover 
Gedruckt als dritter Band der ZweemannbQcher Neuer Dichtung 
in der Offizin von Edler & Krische, Hannover im Sommer 1920 

Geschrieben Frühling und Herbst 1919 



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Pontainen greifen schmale Arme in die Linnen 
des Himmels, der in einen Abend schwebt. 
Wir stehen stumm. Wir haben ein Besinnen: 
so heimlich dem Akkord entrinnen 
von Schritten, der den Park umlebt . . . 

Die Schwäne träumen auf dem runden Teiche. 
Die Wasserrosen sind in Schlaf verdammt. 
Es explodiert die Nacht auf uns das erste Bleiche. 
Erstarrt ist unser Blick . . . wir sinken in das reiche 
Begreifen eines Rot, das bald entflammt. ; 









Ich will dich nicht verlassen und verzweifelt sein 
an Abenden, an Ufern und an Wänden. 
Ichahhtedich, — du bist—du bringst mirwie auf Händen 
dich selbst und schließt dich mit mir ein. 

Ich bin noch nicht erklärt. Ich bin der Schwermut 

Untertan. 
Was ist dein Fleisch in meinen Armen! 
Wann wird die Stunde sein: da ich mir selbst Erbarmen 
und Wünsche schenke — und zu atmen fange an?,! 



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Wir suchen den Herbst der Alleen. 

Ich ahne ein weinendes Lied. 

Wir glänzen ob Tränen und Wehen — 

und lächelnd gehen 

Madonnen im Ried. 

Wir sind verstoßen von Allen. 

Uns nimmt der Wind wie ein Laub. 

Wir werden in Wirbel fallen, 

über die Landschaft wallen 

und stoßen Geschicke zum Raub. 

Uns halten die Wellen umschlungen. 
All Ufer ist furchtbar weit. 
Wir sind verloren, verklungen . . . 
. . . uns nimmt (wir sind errungen! — ) 
der dunipfe Lauf der Zeit. 







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Erbleichtes Antlitz schwebt durch dunkler Stunden 

steife Luft: 
Gespenst, das aufstand aus erhabnen Träumen . . . 
... es flattert schrecklicher Vogel in erstarrten Räumen 
der Trauerweiden gelb zu efeuüberrankter Gruft. 

Da atmet es. Aus dünnem Mund quillt weißer Kegel 

(o Motor). 
Vielleicht greift Knochenarm in Erde, die erweicht 

und faulend riecht. 
Dicht um dies Schauerleuchten kreist der Chor 
des leisen Windes, der durch Gräberreihen kriecht. 

Und plötzlich fällt ein Blitz aus Firmament: 
Taumel Natur ein Horizont verbrennt! . . . 



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Mein Gott! Aufrauschender du in Gewittern: 
ich bete in den Märchenbaum. 
All meine Worte sind gerundet (Kugeln) zittern 
von meinen Lippen bunt in deinen Raum. 

Mein Kleid ist Demut — strahlt wie Regenbogen. 

Da blitzen Meteore durch die Nacht! 

Ich bin geknickt! Mein Blut spritzt — wird von 

Furchen eingesogen . . . 
. . Saat sprießt auf, drin rote Blume lacht. 



Mein Gott! Aufrauschender du in Gewittern: 
ich nahe — taste mich — wie bin ich schmal. 
Linien der Arme sind dir nahe — zittern 
in deinem Atem, der mich dir befahl. 




9 



Wenn wir erwachen 

staunen wir groß vor dem Bild. 

Wachen einsame Nachen 

am Ufer mit Efeu wild. 

Staunen wir groß und schreiten 

in das träumende Land. 

Aber die Einsamiceiten 

breiten 

viel Horizonte vor tastende Hand. 

Und es schlummern die Quellen. 

Blumen tief im Gras. 

Ängstliche Tiere schnellen 

vor uns — die hellen 

Reihen der Birkeij flüstern von irgendwas. 

Und es ist wie ein leises 

Streicheln der Wind erwacht. 

Steil wie ein weißes 

Wort schwebt der Mond durch die Nacht. 



10 



Ich bin der letzte, der verechot im Azur 
erstarrten Blicks, mit Händen zu Gebeten, 
mich übersticht der Arm der stummen Sonnenuhr 
wie Mahnen, daß mich die Geschicke kneten. 

Nicht auf ich schreie — nicht ist letzter Schlag schon da 
vom schnellen Puls, der mich wie Fahn getragen. 
Ich bin noch nicht erlöst. Ich weiß, daß schon geschah 
vor tausend Monden dieses Schicksals Ragen. 

Und. so ich den Verzicht hinbreite auf die Flur 
des Abends, den schon Röte, Wolken überstreichen: 
erkenne ich mich Traum — und finde alle Spur . . 
und fühle seltne Hände mich erreichen. 



11 



Daß wir vor diesem Teich in Demut sind. 
Drin liegt der Mond, Zypressen, Horizont und 

Firmament. 
Vor einer Stunde flohen wir aus Element 
der späten Stadt. — Nun sind wir blind! 

Denn Demut dieser Landschaft ist nicht da, 
nicht Mond und Ufer, nicht Zypressen, — nicht 

das Meteor, das pfeift. 
Es ist nur Atmen, das uns greift: 
da unser Blut friert zu Kristall — und dies geschah . . 

Ein klirrend Echo trägt uns zitternd fort. 
Wir stürzen vor dem Horizont in unser Blut. 
Fest greife ich den roten Leib, der auf mir ruht: 
das ist das letzte Tönen aus vergehendem Akkord. 



12 



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Wir schreiten in den Tälern, die erröten 

vom Blut der Horizonte . . . aller Abend geilt. 

Und mit uns eilt 

Fluch zitternder Lippen: der will töten ... 

So haben wir geatmet und verbluten 

im Zickzackschritt — und Hunde folgen unsrem Stank. 

Wir sehen durch Tothäute unsrer Augen Sterngebilde 

blank — 
und lechzen nicht zurück nach Ebenen, darin noch 

Hörner tuten. 

Denn über allem Taumel ist breit ausgespannt 
Farbe des Todes: drin wir sind verrannt! 



13 






Bist du noch von der Vision getragen: 
balancierst verhexten Pulsschlag durch die Stadt, 
um dich in dem Taumel groß zu überschlagen — 
Salto mußt du (Feuerwerk) in Zickzackgassen wagen, 
wenn dich ein begeisterndes Gewoge hat. 

Um den Turm wird dein Gejohle kreisen, 
trabt auf Pflaster teuflischer Radau, 
Fenster klirren, Gaslaternen, Hunde reißen 
sich in Tanz und röcheln heißen leisen 
Atem in den aufgetünchten Tau. 

Aber wenn der Tag ersteht, wirst du erstehen — ^ 

Auge ist nervös von dem vernichteten Milieu. 

Du: dein Flatterhaar wird wie als Fahne wehen — 

deine Hand wird über Blüten gehen — 

du wirst sehen: 

Himmel — Himmel — rotes Segel auf dem See . . . 



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h ahne dich im Zischen Meteor. 

ufbäumt sich Traum zerschmetterter Gehirne 

mir wie Flamme, kreist in meiner Stirne . - 

id beugt mich — Demut ... je t'adore! ^ ' 4. 

er ich zerbrach an Mauern und Portal 

)r einem Fluch, der rot stand — Pyramide: 

scheinst du streichelnd Hauch und weißer Friede 

id trugst mich wie ein Kind in meiner Qual. '^['-'i 

nd so mich Fieber sticht und Schmerz und Trän \^ c 
id ich mich krümme in den heißen Kissen 

id keine Nacht um mich, nicht Tag, nur ungewissen 1 

lanzes ein Ahnen, hebst du dich Fontain , ; 

id strahlst in Farben eines Regenbogens vor -^ 

in Augen stiller Menschen in den Garten - 

id bist verzückt in dir . . . Und all mein Warten 
utet so glühend: je t'adore _ r' 

och irgendwann liegt bunter Abend mir im Arm ' ; 

ad ich entzünde Worte — Feuerstrahlen! 
nd Welt erdröhnt und aus Portalen - 

rieht Farbe und Musik, Schrei und Alarm. 

ann bin ich in dem Taumeltanzen groß v 

lit Verse und Gesänge in dem Munde. ■: 

ie Sterne einen sich : ich wandre in der Runde : ^ 

Lirch Firmament — und bin so schicksallos! V 



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Aufquillt Musik. Musilc! Wie unsre Atemstöße tönen I 
Musik! Musik! Akkorde uns versöhnen. ; 

Wir schweben über jedem Raum. 
Wer will mit uns in bläuliche Ferne streifen? 
O — über den Globus schweifen! 
Wer will sich ertränken mit uns im Schnee vom 
Kastanienbaum? 

Musik! Musik! Wir zittern — explodieren: 
in manchen Ebnen klebrige Fetzen stieren. 
Auslöschen Frühling — Sommer — Sonn . . . 
. . . daß nie wir unsere Gesichte wiederfinden — 
daß wir verschwinden 
im letzten Ton! 



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