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Full text of "Buch der Seele [microform]"

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RICHARD SCHAUKAL 






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1908 
BEI GEORGMÜLLEIC 
MÜNCHEK^LEIPZIG 



THE UNIVERSITY 

OF ILLINOIS 

LIBRARY 



KiBoa 



OTTOHARRftSSOWITZ 

BUCHHANDLUNG 

:LEIP2fG 



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which it was withdrawn on or before the 
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Theft, mulilation, and underlining of books 
are reasons for disciplinary action and may 
result in dismissal from the University. 

UNIVERSITY OF ILLINOIS LIBRARY AT URBANACHAMPAIGN 



MAY 5li 
flAY 10 



L161 — O-1096 



RICHARD SCHAUKAL 

BUCH DER SEELE 




RICHARD SCHAUKAL 

BUCH DER SEELE 



MÜNCHEN UND LEIPZIG 
BEI GEORG MÜLLER 1908 



Gedruckt in 750 numerierten Exemplaren, davon 35 vom 
Dichter signierte auf Van Geldern 



Nr. 





■/ 



Neue Gedichte 



c5 



78.'il0(> 



Wilhelm Raabe 



in Liebe und Verehrung- 



Ich gehe, gehe von mir fort, 
kann mir dodi nicht entgehn. 
Ich sage : Sieh, das war ich dort, 
und kann es selbst nicht sehn. 



AN DEN HERRN 

Du, in den wir münden, 
du, aus dem wir erwacht; 
wer, wer darf dich verkünden, 
der du dich selbst erdadht! 

Der du über den Zeiten 
thronst in UnendUchkeit, 
über die Meere gleiten 
Schatten von deinem Kleid. 

Tage und Nächte sdileichen 
unten an seinem Saum. 
Erblühen und Verbleichen 
gabst du uns als Traum. 



R. Schaukai, Gedichte 



MEINER MUTTER 

Weisst du, dass von allen Zweigen 
meines Lebensbaums 
dir zu Danke Lieder steigen 
in das Blau des Raums, 

wo der ewige Erhalter, 
der sie lächelnd lenkt, 
all die Vögel und die Falter 
seinen Engeln schenkt? 

Und so sdiwirrts von bunten Sdiwingen 
um die selige Schar, 
und ihr Sdiweben wird ein Singen 
eingestimmt und klar. 

Und es drängen sidi die Engel 
durch das Himmelstor, 
Kopf an Kopf wie Lilienstengel 
beugt sidi forschend vor. 

Ihre Fittichsdiultern gleiten, 
schimmernd Elfenbein, 
dann zum Thron der Benedeiten 
in der Glorie Sdiein. 

Sanft den jubelnden Verkiindern 
wehrt die reinste Magd, 
und die gnadevoll uns Sündern 
Gott geboren, sagt: 



Lange weiss die wundergute 
Erdenkunde sdion, 
der im Sdimerzensdiosse ruhte 
todesbleich der Sohn. 

Als ein Ohr der Kindesklage, 
Kindesglücks der Welt 
bis ans Ende aller Tage 
hat Er midi bestellt. 



AN MEINE FRAU 

Lass, Vertrauteste, zusammen 
uns den steilen Pfad ersteigen: 
meine Sehnsucht wird in Flammen 
wallend uns die Wege zeigen. 

Sdiatten sdileichen in den Talen, 
drücken auf die dumpfen Tage. 
Mich verlangt nadi heissen Strahlen, 
der ein heisses Herz ich trage. 

Nebelt's gleich aus sdiroffen Schrunden, 
spreizen sich die Hindernisse: 
unter Hängen, neben Schlünden 
wag ich mich ins Ungewisse! 



ERWARTUNG 

Dumpfes Drängen, trübes Wähnen, 
welkend schleifts ein müder Wind, 
dodi idi lausche durch die Tränen 
Schritten, die noch ferne sind." 

Einen Schatten seh ich steigen, 
eine Stimme hör ich nahn: 
aus mir selbst midi vorzuneigen, 
treibt es mich, ihn zu empfahn. 

Und nun hält er an der Schwelle, 
und da klopft er schon ans Tor: 
lodernd schlägts in Flammenhelle 
über meinem Haupt empor. 



FRUHLINGSAHNEN 
I 

Schon will sich Frühlingsahnen 
aus tiefster Brust erheben, 
die lauen Lüfte mahnen 
an seligstes Erleben. 

Schon zeichnen sich die Bäume 
weicher am Himmelsrande. 
Sehnsüchtig schaun die Träume 
nach dem gelobten Lande. 



n 

Was will das bange Drängen 
in meiner Brust, 
in Schwellen und Verengen 
die wehe Lust, 

die mir das Herz, die Kehle 
vor Horchen sdinürt? 
Hat einen Hauch die Seele 
vom Lenz verspürt? 



MÄRZ (Kinderlied) 

Die Dädier spiegeln blank, 
von allen Rinnen klopfen 
die trommelnden Tropfen. 
O heller Klang! 

Was willst du, junger Wind, 
mit deinem wilden Wehn? 
Lass mich entgegengehn 
dem Frühlingskind! 



8 



SCHÖPFUNG 

Du kennst des Werkes widriges Versagen: 
wies ungewiss im Busen dir gewittert, 
<lein innrer Bau von Wehen wankend zittert 
und alle Worte zögern und verzagen. 

Du gehst ein Fremder durdi die Zeit. Es klagen 
Gedanken dir, vom Ganzen abgesplittert, 
dein Sehnen vor, das dich zuletzt erbittert; 
du willst zermürbt dich seiner sdion entschlagen — 

da ballt verdichtend sidi die schwangre Schwüle, 

die Welt verfinstert unter ihrem Schatten, 

mit eins zerreisst ein Blitz, ein flammend greller, 

donnernd das Dunkel; schnell und immer schneller 
^trömts regenrauschend auf ergrünte Matten, 
und farbig schwebt ein Bogen durch die Kühle. 



IN DER HEIMAT 

Warum dies Traurigwerden 
dort, wo die Sehnsucht weilt? 
Bin ich denn hier auf Erden 
nie ganz und ungeteilt? 

Kann ich nicht stille kauern, 
tief in mich selbst gebückt, 
in Seligkeit und Schauern 
mir und der Welt entrückt? 

Muss ich mir selbst gestehen 
stets meine arme Qual, 
in Lidit und Ruhe sehen 
als ins entfernte Tal, 

dahin ich nie gelange? 
O Seele, wirst du nie 
durchbrechen diese bange 
Schale? O fiele sie! 



10 



SURSUM 

Empor zur sternbesäten Weite 
wag wieder deinen fernetrunknen Flug! 
Schon steht der gute Geist dir freundlich an der Seite, 
der auf dem starken Nacken sonst dich trug. 

Verlass den Strand, der murmelnd deinen Füssen 
Welle auf Welle sterbend angespült. 
Die dich erwarten, wollen dich begrüssen! 
Lass aus dein Herz, das wieder Flügel fühlt! 



11 



SOMMERS EINZUG 

L^eug, o Lenz, den weissen Nacken: 
*— ^ sieh, ein brauner Herrscher naht 

dem Gefilde reicher Tat; 

stolz im Scharlach der Schabracken 

windet sidi der Zug in Zacken 

ragend über schwanke Saat. 

Längst schon stieg den Himmelsbogen 

glühend dein Gestirn hinauf. 

Deine Hirten sind verzogen, 

deines Flusses flüchtige Wogen 

sdi äumen schwalbenüberflogen 

zu den Rosenbüschen auf. 



12 



WOLKEN 

Im Grase lieg idi hingestreckt 
und blinzle hoch ins Blau, 
wo Wolken wandern windgeschredct, 
und denke nichts und schau 

und sdiau nur immer immerzu: 
wie wird mir doch so weit, 
als hielt ich meine gute Ruh 
schon über aller Zeit . . . 



13 



MOZARTS SPINETT 

Dem schmäditigen Gerät zum ersten Male 
ist lieblich läutend Glockenklang entquollen: 
Tropfen, die perlend bald im Becken rollen, 
bald lauter plätschernd in basaltner Schale 

vom Rande rinnen, blitzender Opale 
träufelnde Reihen, bald in einem tollen 
trommelnden Tanze stürmen, bald vom vollen 
Winde gewiegt in Schleiern wehn zu Tale. 

Und wie das Mondlicht blaue Silberseiden 
über den Rasen rings um die Fontäne 
flutend verflicht, erweitert sich die Szene: 

der Fluss erglänzt metallen unter Weiden, 
aus weisser Götter schweigenden Verstecken 
flackert Geflüster längs den Taxushecken. 



14 



ENGLAND 

Weiss im grellen Mittagleuchten 
stieg es aus den Schimmerfluten, 
wuchs in drängenden Minuten, 
und ich sahs mit heimwehfeuchten 
landungbangen stummen Augen. 

Und es war, als ob mein Leben, 
das ich, einem neuen Sterne 
mich vertrauend, tauber Ferne 
trotzig zwingend wollte geben, 
traurig mich mit stummen Augen 
fragte: Kannst du mir entrinnen . . .? 



15 



LANGE ZEIT 

I ange Zeit im lauten Leben 

^— * war ich von den Ahnungslosen 

einer, der, dem Hauch der Rosen 

und dem kühlen Licht der Sterne 

träumend sich dahinzugehen, 

ohne Ziele, ohne Ferne, 

lächelnd bald und bald verdüstert, 

zärtlich vom Versteck umflüstert, 

als ein Dauerndes empfunden. 

Doch es kamen dunkle Stunden, 

die den Himmel rings verstellten, 

also dass ich heimlich bangte, 

nach den schimmernden Gezeiten, 

nach den Wäldern, Aun und Matten, 

Seen und Gärten mich verlangte 

unter ihrem kalten Schatten. 

Und ich fühlte mich versinken 

tiefer stets in Dämmerungen, 

sah vom Abgrund hoch am Rande 

weisse gute Hände winken, 

wie wenn Schiffe sich vom Strande 

mit gefüllten Segeln heben, 

und du beugst, vom Schwall Umschwüngen 

gelber Wogen, dich enteilend 

noch in stummem Gruss hinüber, 

einmal noch im Gruss hinüber, 

wo die weissen Tücher schweben . . . 



16 



DER WIND 

Manchmal wirft sich der Wind 
wild an die Fensterscheiben: 
er ist zottig-schwarz und blind. 
Dann wieder treiben 

fern-fernste Wolken am Himmel hin dradien- 

geschwind : 
nirgend kann er bleiben. 

Er donnert heulend ums Haus, 

springt tief ins Wasser und wirbelt zu Tal. 

Dann dehnt er sidi aus 

und rast, ein flammendes Fanal, 

hoch über alle Wälder in die Nacht hinaus. 

Mandimal schauernd im Baum 

hoch am Mittag lässt er die Blätter schwirren 

leise zärtlidi: man hört es kaum, 

es ist wie ein Heimatirren, 

ein längst geträumter Traum. 



2 R. Schaulcal, Gedichte 17 



HOCHSOMMER 

Nun hat der Sommer sich im Grünen 
gelagert, stützt das Träumerhaupt 
in die gebräunte Hand. Belaubt 
sieht er in fernste Fernen Ast 
an Ast, bis wo die weissen Dünen 
die nie beruhigte See bestürmt 
mit ihren schäum- und trotzgekrönten kühnen 
tobenden Kindern. Hodi im Westen türmt 
gewaltig sich die schwarze Wolkenwand . 
Ihn schläfert. Müde sinkt sein Lid. 
Die Schwalben kreisen. Magisch glänzt das Land . 
Der Frösche Nachtgesang erhebt im Ried 
sich leiseschwellend. Kühler streicht ein Hauch. 
Friedlich aus allen Hütten kräuselt Rauch, 
verschwebt in Schleiern und versdiwimmt im Glast 
der tiefern Sonne. Hoch im Dorf beginnt 
die Glocke, die den Abend überspinnt . . . 
Der Abendstern steigt auf, und sadit 
verbreitet sich die Nacht. 



18 



WALDWEBEN 

Vom Quell die Kieselkühle 
haucht mir entgegen. Warm 
aus schwebender Mittagsschwüle 
tret ich, den Stock im Arm, 

ins grüne Dämmern. Leise 
den moosigen Weg entlang 
die alte Waldesweise, 
der rauschende Gesang. 

Zitterndes Sonnenflimmern 
spinnt sidi von Zweig zu Zweig, 
zwischen den Sdiatten sdiimmern 
Goldkringel auf dem Steig. 

Da sind die durstigen Farren, 
da sind die Falter von einst . . . 
Du Spur von knarrenden Karren, 
wie du bekannt mir scheinst! 

Du flatternde Waldesseele 
voll Märchenheimlichkeit — 
was würgt mir in der Kehle! 
Das war vor langer Zeit ... 



19 



DER NACHEN 

Nun ist die Nacht gekommen 
mit sanftem Schritt. 
Die lautlos rings erglommen, 
die Sterne bringt sie mit. 

Schon hält ein stiller Nadien 
am schwarzen Strand: 
steig schwankend ein, erwachen 
wirst du im fernen Land. 



20 



SCHLAFLOSE NACHT 

Wer schlaflos liegt und horcht hinaus: 
die Nadit ist gross und grauenhaft 
und wallt in Dunkelheit und sdiafft, 
die Welt braust sidi in tauben Ohren aus . . 

Wer schlaflos liegt und hält sein Herz, 

das auf den Flügeln schwüler Sucht 

ins Ungewisse will der Flucht: 

es kann nicht mehr vor dumpfem Schmerz . . 

Wer schlaflos liegt und fühlt: sein Haus 

versinkt in Tiefen und ertrinkt, 

dann aber breitet schwer sich aus 

ein flimmerndes Dämmern, das Erlösung bringt 

und zögert lang und dehnt sich weit 

und ist voll Angst und Traurigkeit ... 

Wer schlaflos liegt und horcht hinein 
in seine stumme Mensdienpein : 
was warst du dodi, was bist du noch! 
Bist dus, der frierend sich verkrodi 
vor Gott, o Mensdi, dem's wieder Tag, 
Tag harter Sorge werden mag? 



21 



AN DIE SCHÖNHEIT 

Ich möchte die Sdiönheit in midi trinken, 
die Schönheit, die schon meiner harrt. 
Wo bleibst du, sagt sie, ich steh erstarrt, 
und ich will erweichen und will versinken 
in eine lebende Gegenwart, 
ich will in einen untertauchen, 
der mich nidit allen andern zeigt, 
der mich verschlingt und mich versdiweigt, 
aus seinem Atem will ich haudien 
und wie vergangen in ihm ruhn, 
auf dass er mich erst wieder dichte, 
ich will in seinem Augenlichte 
und auferstehn in seinem Tun. 
Denn diese, die da suchend schleichen, 
sich bücken, näher mich zu sehn, 
und midi umwandeln auf den Zehn, 
midi messen und mit sich vergleichen, 
ach, alle diese sind wie Diebe, 
ihr Blick, wenn er sidi hebt, entweiht. 
Ich aber bin alt wie die Zeit 
und unbesiegbar wie die Liebe 
und gross wie Gottes Sdiöpfersinn, 
und weil ich unermesslidi bin, 
will ich in einem untergehn, 
der unersättlich ist an mir, 
nicht ein getragenes Panier, 
nicht eine Helm- und Panzerzier, 
als eine Flamme will idi wehn 
aus ihm für mich und er aus mir. 

22 



SONNENAUFGANG 

Das ist die Zeit der kühlen Frühe: 
die Vögel schreien insgesamt. 
Der Himmel hebt sich immer höher, 
ganz leise wachsend angeflammt. 

Und von den Wiesen wallt der Nebel 
zerfliessend wie ein Morgentraum. 
Den Weg entlang erwacht die Reihe 
der hohen Pappeln Baum an Baum . . 



23 



STUNDE DER OHNMACHT 

I |er du entschlossen, Pfade zu besteigen, 
^-^ die vor den kühnen Wünschen sich geweitet : 
wie hat verweisend einer Stunde Schweigen 
dein jäh entfachtes Wagen heimgeleitet! 

Und allem Drängen hast du dich verweigert, 
stumpf in der nächsten Staffeln Überwinden. 
Nun musst du müde dich erfahren finden, 
dass die verstummte Sucht sidi blutend steigert. 



24 



STUNDE DER FÜLLE 

Breit über, selige Stunde, 
der Zweige schwankende Last! 
Die Wunder quellende Kunde, 
ach, sie verstört mich fast. 

Herrschender meine Stirne 
hebt sidi aus hemmender Hut, 
nah und näher die Firne 
eisig in Purpurglut. 

Tief aus schlitternden Schlünden 
lodernd stürmt es empor, 
wallend über den Gründen 
schwebt der gewaltige Chor. 

Alldurchkreisendes Leben 
braust in Flammen und Schwall, 
und ich erfühls mit Beben: 
ich bin überall! 



25 



IM REISEWAGEN 

Scheu vorm Scheine der Laterne 
weicht Gesträuch am Wegesrande. 
Kälter glänzen sdion die Sterne 
hier in diesem fremden Lande. 

Doch wie dich gemadi das Rollen 
in ein andres Leben leitet, 
fühlst du, dass aus deinem vollen 
Herzen Licht es überbreitet. 



26 



WIR 

Und immer wieder Nacht und Ende 
und immer wieder Anfang, Lidit: 
wir schliessen, öffnen unsre Hände 
und senken, heben das Gesicht. 

So haben wir aus Angst vorm Kreise 
in feiger Scheu zureditgestellt 
die Ewigkeit nach Menschenweise, 
für Menschenmüdigkeit die Welt. 



27 



DIE STUNDEN 

Manche Stunden gehn 
weich auf leisen Zehn, 
den Rosenfinger am Munde. 
Manche Stunde 
sdileppt sich schwer, 
kann nicht mehr, 
fällt im Finstern zusammen. 
Andre sind wie Flammen: 
züngeln, lodern und zucken. 
Manche ducken 
sich unter Schlägen: 
kannst die trägen 
nicht von der Stelle bringen. 
Manche singen, 
jubeln und lachen. 
Viele möchtest du ungeschehn, 
vergessen machen, 
sie aber bleiben stehn 
und dröhn. 
Andre sind entflohn, 
eh du sie fassen magst, 
„Bleibt noch" zu ihnen sagst. 



28 



KLANGE VOM ZIRKUS 

Kreischende Fiedeln und wimmernde Flöten. 
Ein Hund schlägt an und heult darein, 
und nun schnauben die rauhen Trompeten. 
Trübe Lichter erfrorner Laternen . . . 
Liegt eine Welt zwisdien mein und dein. 
Fallen die Lose von kalten Sternen? 
Oder musst Mensch du alles lernen, 
Fiedel und Vieh und Gaukler sein? 



29 



SEELE 

Sehnend schau ich hinaus: 
riefst du mich, liebliche Seele? 
Bang in der hämmernden Kehle 
fühl ich das lastende Haus. 

Schwingen wachsen mir schon. 
Seele, Seele, ich nahe! 
Dass ich dich wieder empfahe, 
kündets der bräutliche Ton? 

Wellen heben empor 
sich aus dem bleiernen Weiher. 
Flatternd zerreissen die Schleier 
mir um Auge und Ohr 

und ein Dröhnen im Blut 
kündet die seligste Feier: 
Seele, wie flammt dein Freier! 
Herz, wie stürmt deine Glut! 



30 



SPAT 

Spät, wenn die alte Uhr gesdilagen 
und wieder Stille dich umwirbt, 
das Pendel geht, die Lampe zirpt, 
steigt es empor aus alten Tagen 
und füllt mit Geistergruss die Luft 
und macht dein Herz so schwer vor Sehnen 
nach einem längst verhauchten Duft, 
nach einer fernen kühlen Gruft, 
nach Wind im Wald an Bergeslehnen . . 



31 



SCHLAF 

Schlafe, schlafe nun, lass 
leise die Panzerringe 
sich lösen vom Leib. Die Klinge, 
gesdiärft im Wehren der Dinge, 
die dich bedräuen mit Mass, 

harrt dir zu Häupten des Pfühles. 
Schlafe nur: Schlaf ist Glück, 
alles gibt er zurück, 
sammelt dir Stück um Stück 
sdinöde vertanen Gefühles, 

gibt dich dir selber wieder, 

da dich die Mensdien verdarben, 

wärmt und bestärkt dir die Glieder, 

weich mit Silbergefieder 

streicht er die Tagesnarben. 



32 



WIEDERSEHEN 

Wenn in den reineren Regionen 
sich deine Seele meiner eint, 
wird Lächeln in uns beiden wohnen, 
das hell die Erdenform durchscheint, 

wird seliges Erbeben künden 
von gnadevoller Reinigung : 
hoch über zweifelengen Schlünden 
hält uns der ewige Flügelschwung. 



R. Schaukai, Gedichte •i'S 



/\ ch, alle diese Worte weiss ich schon ! 
•• »> Ich habe mehr als Worte zu gewinnen, 
die als ein Wesenloses mich durchrinnen 
und ferne rauschen wie der Muschel Ton. 

Ach, alle diese Dinge, die geschehn, 
sind ohne Sinn und so voll Traurigkeit 
und sind mir alle längst Vergangenheit, 
versuch ich müd in ihnen mich zu sehn. 

Warum denn aber diese Traurigkeit, 
die mich wie einen dumpfen Sklaven schleift? 
O gib mir, grosser Gott, der dies begreift, 
noch hier im Tale deine Heiterkeit! 



34 



Manchmal mein ich es zu halten 
mitten in der Nacht, 
was in wechselnden Gestalten 
mich so selig macht. 

Und es ist mir dann am Tage 
unter meinem Kleid, 
dass ich etwas an mir trage, 
das von Ewigkeit. 



35 



VYyir sagen Abend, Übel, Tod 

» » und zählen nach der Zeit. 
Was will die arme Menschennot! 
Es gibt nur Ewigkeit. 

Es ist nichts böse und nichts gut; 
dies bleibt ein Spiel wie Zeit. 
Wir sind in Gott, der niemals tut, 
nur ist in Ewigkeit. 



36 



Bin ich im Leben? 
Ist es in mir? 
War ich das eben? 
Bin ich das hier? 

Alle das Denken 
gibt keinen Halt, 
Dauer nur schenken 
kann die Gestalt. 



37 



ES WIRD SEIN 

Was war, eh du den Anbeginn 
der bitter-kargen Tage fühltest, 
eh du mit jedem Hungersinn 
dich brennend in das Leben wühltest? 

Und was wird sein, wenn du im Hirn 
den letzten Feuerfunken beben 
verzweifelnd ahnst und diese Stirn 
sie stumm der stummen Erde geben? 

Wirst du mich rufen, Herr, und mir 
die Wunder erst der Wirklichkeiten 
wie einen klaren Teppich breiten? 
Kannst du mich würdigen zu dir? 

Ich darfs nicht denken, dass du dich 
mir schenken solltest ganz allein. 
Und dennoch, horch ich tief in mich, 
dann muss ich sagen: es wird sein! 



38 



STERNHELLE NACHT 

Die Sterne stehn am Himmel heut zu Haufen. 
Idi schaute lang. Da ward mir zur Chimäre 
das schimmernde Gedränge, wars als wäre 
ein Hauch mir frierend übers Herz gelaufen. 

Dann breitete sidi spiegelglatte Stille, 
darunter meiner Gegenwart Gezeiten 
im Dunkel starrten der Vergangenheiten, 
idi ausgelöscht als Wesenheit und Wille. 

Und wie des Nachts Erwachendem im Bette 
vermauert das Gemach ersdieint, die Hand 
ins Finstre tastend immer bang nur Wand 

und Wand nur spürt an sonst vertrauter Stätte: 
so war mir das Gefühl der Himmelsfemen 
zur Nähe worden, Stern ich unter Sternen. 



39 



NACH EINEM REGENTAGE 

^ chon hat der Herbst die Wege 
*^ mit Blättern still bestreut. 

Ich geh und überlege: 

»st vieles, was mich reut. 

Es funkelt noch die Feuchte 
im dunstig schwadien Schein. 
Ein schüchternes Geleuchte 
fängt sich das Dickicht ein. 

Mit rauschendem Gerinne 
singt sich der Bach zu Tal. 
Es schimmert ein Gespinne 
an einem Sonnenstrahl. 

Da schau ich von dem Hange 
hinüber und hinauf: 
mit meinen Blicken fange 
idi einen Vogel auf. 



40 



IN DER NACHT 

• • 

Uberm Klopfen meines Herzens bin idi auf- 
gewacht . . . 
Atemzüge meines Kindes ruhig in der Nacht. 

Schwankend schwebt ein leiditer Schatten an der 

Dedce hin, 

und aus bunten trunknen Träumen weiss ich, wo 

ich bin. 

Lauschend beug ich mich hinüber. O, erfüll sie 

ganz, 

Frieden, meine bange Seele still mit deinem 

Glcmz ! 



41 



AN GEORG 

I 

Deine lieben Hände mir im Haare, 
tief das Kinn auf deiner warmen Brust: 
augenschliessend selig-stumme Lust 
dieses Eine, dieses holde Wahre! 

Und noch ging dein Singsang durch das Zimmer 
wie auf bunten Flügeln leicht und froh, 
nun ist alles schwarz verstummt, und wo 
leuchtet, liebster Schläfer, wohl dein Schimmer? 

Wallt dein reiner Traum durch Wirklichkeiten, 
die den Grossen unerforschlich sind? 
Gott, verhüllter Gott, muss denn ein Kind 
erst verarmend in das Leben gleiten? 



42 



u 

Mit den kleinen Händen 
greifst nach den Dingen schon, 
lausdiend den Kopf zu wenden, 
zwingt dich ein jeder Ton. 

Noch aber hüllt die Liebe 
dein unbewusstes Sein, 
die ahnungslosen Triebe 
in ihr Behüten ein. 



43 



DER KREIS 

IVjur aus den Vergangenheiten 
•*■ ^ kannst du dir entgegenschreiten, 
rundet sich dein Weg zum Kreis; 
fühlst Altvordern dich verbunden, 
der du so zu dir gefunden, 
ahnts erschauernd was Er weiss : 
dass das Leben Ihn verkündet, 
der sich aus sich selbst vollendet, 
dass es nicht beginnt, noch . endet, 
ihm entquellend in ihn mündet. 
Ewig auf den alten Wegen 
kommst du werdend dir entgegen. 



44 



DER TRAURIGE MOND 

I raurig aus Gestrüpp und Bäumen 
^ taucht der blasse Mond empor. 
Tief in Tränen und in Träumen 
blickt er durch den feuchten Flor. 

Und es fliesst ein silberbleicher 
Nebel übern hohen Wald: 
rätselhafter, ahnungsreicher 
wandelt sich der Welt Gestalt. 



45 



ENTFÜHRUNG 

\ \ /enn die leichte Kerzenflamme 

* • schwelend sich gespenstisch hebt, 
die am runden weissen Stamme 
zuckend wie gefangen klebt, 

und ein Hauch im düstern Zimmer 
unbemerkt sie plötzlich treibt, 
dass ihr flüchtig blasser Schimmer 
schattend einen Kreis beschreibt: 

fühlst du dich im tiefsten Kerne 
wie von einem Ruf berührt, 
der dich in die grosse Feme, 
in die Ewigkeit entführt, 

fühlst didi über diesem Leben 
körperfrei im Wirbelwind 
lautlos zu den Quellen schweben, 
draus die Zeit ins Dunkel rinnt. 



46 



DIE ALTEN BILDER 

Ich weile gerne vor den alten Bildern, 
die dunkelnd in den Galerien träumen. 
Es kommen Fremde, die beflissen säumen, 
stumm in den Büchern blättern, die sie schildern. 

Ich kenne Bilder, die sich mählich mildern, 
und welche, die sich immer trotzig bäumen. 
Viele verfallen in den stillen Räumen 
wie trostlos Eingeschlossne, die verwildern. 

Manch eines hab ich wie ein Weib besessen, 
das eines Tages kühl mir dann entglitten. 
Verstohlen folgen andre meinen Schritten, 

die wiederkehrend ich doch stets vergessen. 
Nur mit Erstaunen mag idi manchmal lesen, 
dass alle diese Bilder jung gewesen. 



47 



JAGDMORGEN 

I litzernder Schnee am Fusse, 
^^-*' weithin blitzende Schau, 
weich in wallendem Grau 
der Himmel über den Fichten. 
Wird sichs in dir nicht lichten 
zu heiterem Gegengrusse? 

Schleppst trüb in Gottes Odem 
dein enges Menschensein 
an schmutzenden Ketten hinein. 
Der Glanz erstirbt vorm Brodem 
aus deinen Tiefen, Seele, 
licht- und lebensdiele. 

Ein Sdiatten trübt das reine 
blaustarrende Kleid der Hügel: 
sind schwarze Rabenflügel 
und -Fänge: Seele, deine! 
Und sieh, ein Volk von Dohlen 
folgt stolpernden Jägersohlen. 



48 



VISION 

Der idi einsam in dem stillen milden 
Lichte meiner Lampe mich verträume, 
schaue plötzlich eines regen wilden 
Tropenstromes gischtend weisse Schäume. 

Wirr versdilingen sich um schlanke Stämme 
der Lianen rankende Gesdilechter. 
Drohend wälzt der Fluss geschwoUne Kämme, 
scheuer Grenzen grollender Verächter. 

Papagein, die ockergelben feuchten 

und getigerte und grüne Sdilangen 

Fürchterlich in seinem fahlen Leuchten 

ist ein Fluss durch mein Gemach gegangen. 



R. Schaukai, Gedichte 4" 



DER STERN 

L^Iass unter deinem Hauchen, 

*— ^ o Weihnachtstraurigkeit, 
aus Nebelferne tauchen 
die Türme der Kinderzeit. 

Und über den Türmen funkeln 
seh ich den alten Stern, 
dann sitz ich wieder im Dunkeln, 
verwiesen, fern. 



50 



MEINER MUTTER (Ein andres) 

Von deiner milden Güte 
lass mich ein leises Lied 
dir sagen, Vielgemühte, 
wies mir mein Herz verriet. 

Ich ging in deinem Segen 
so manches Kinderjahr, 
du brachst auf Rosenwegen 
die Dornen der Gefahr. 

Und als ich ritt ins Freie 
mit hellem Knappenblick, 
floss deine Gnadenweihe 
um Fahrt- und Kampfgeschick. 

Gesegnetes Gewaffen 
mir manchen Sieg errang, 
und was ich kühn erschaffen, 
dir gilt der Hüterdank. 

Viel Könige und Helden 
gewannen Ruhm und Ehr, 
mich aber lass vermelden, 
wie mir geworden mehr : 

Von jedem Glück den Schimmer 
erschufst zu Glänze du. 
Das Leiden decktest immer 
du mit der Hand mir zu 



51 



und bargst das Blut der Wunde, 
dass midi verstörte nicht 
auch nur die bange Kunde, 
mit lädielndem Gesicht. 

Die um die sieben Schwerter 
duldend den Mantel schlug, 
dich ruf ich Unversehrter 
verkünd Ihm diesen Trug, 

dass, laden die Drommeten 
uns einst zum Weltgericht, 
wir beide vor ihn treten 
und seine Mutter spricht : 

Sieh diese, Herr der Scharen, 
sie hielt in treuer Hut, 
was du ihr gabst zu wahren 
als ein geliehnes Gut. 



52 



DAS WORT 

Wir könnens nicht begreifen 
und fragen immer doch, 
wohin die Wolken schweifen 
und wie die Wiesen reifen, 
und fragen noch und noch. 

Es wird ein Wort uns tagen, 
das über allem Wort. 
Dann enden alle Fragen. 
Jetzt aber tragen, klagen 
und fragen wir so fort. 



53 



SONNENUNTERGANG 

In den Fenstern glüht der letzte Schein, 
alle Wolken stehen loh in Brand, 
in den Himmel dampft der Rauch hinein, 
atemlos in Schweigen harrt das Land. 

Und nun ist die Sonne hinterm Berg, 
ausgelöscht ist, heller Tag, dein Licht, 
Mensch, lass ab von mühevollem Werk, 
lausch der Seele, die im Kühlen spricht. 



54 



AUS EINEM SONETTENKRANZ 

„HEIMAT DER SEELE" 

I 

Wie hast du mich, Mama, so manches Mal 
in Bangigkeit von dannen fahren sehen, 
und ich mit mutigem Lächeln sah dich stehen 
und freundlich winken, in der Seele Qual. 

Dann hat mich meines Herzens Lebenswahl 
für immer dir entführt. Die Jahre gehen, 
die früher tändelten auf leichten Zehen, 
die Stunden, stürmen wie ein Sturz ins Tal. 

Nur selten darf ich dich, Geliebte, küssen, 

und immer wieder siehst du schwer mich scheiden, 

wir wissen, dass wir uns entbehren müssen. 

Mir wachsen Kinder auf, die es nicht ahnen, 
was wir, Mama, von solchen Dingen leiden, 
die sie bezaubern, wie die Eisenbahnen. 



55 



II 

Ich muss aus allerersten Kindertagen 
* — ich weiss nicht, hats die Mutter mir erzählt 
und hab ichs aus den vielen mir erwählt — 
ein mildes grünes Bild im Herzen tragen. 

Ich seh mich selbst im weiss lackierten Wagen, 
herum sind Bäume — wie sie mich gequält 
mit Schrecken haben, wenn ein Wind sie wählt 
und wühlend schüttelt; bebend flog mein Fragen: 

„Die Bäume wackeln! Warum wackeln sie?" — 
Doch das ist eine spätre Melodie . . . 
Die grüne milde weilt am Vorhang, haucht 

den blauen zärtlich an und wiegt auf vielen 
besonnten Blumen sich, und Falter spielen 
in ihrem warmen Ton, der untertaucht. 



56 



III 

Du bist mir, Mutter, immer noch das braune 
schwarzäugig frische Kind von einst — ich meine 
dich fast zu sehn — du singst mir träumend deine 
einsamen Lieder, und ich lausche, raune, 

wie Kinder tun in weidier Schläferlaune. 

Und klagend aus den Liedern steigt das eine: 

es plätschert über laute dunkle Steine 

und spiegelt mich zuweilen, dass ich staune. 

Es ist ein Lied wie Wandern in die Weite 
und ist die Ewigkeit vom Weiterwandern, 
es geht nur immer nadi der einen Seite, 

es geht in Ufern, die sidi höher heben, 

es träumt sich so dahin, getrennt von andern: 

es ist das Lied von deinem, meinem Leben. 



57 



IV 

\ /om Schnee, der auf dem Dach der Stapelräume — 
^ ein enger Hof war's zwischen hohen Mauern — 
schon wochenlange lagernd mochte dauern, 
kam weiches Licht in warme Winterträume. 

Wenn ich mich auf dem Wege heim versäume, 
— wir wussten's beide — an Mama schon kauern 
im Dunkel darf das andre, wartend schauern 
vor der Berührung; und obwohl ich schäume 

in Ungeduld, zu jubeln, bin ich zag 
ins Zimmer eingetreten, doch ich schaue 
mit angespanntem Blick ins Dämmergraue 

zum Sofa, wo ich die Verschwörer fühle, 

die sich nicht rühren. Tastend meid ich Stühle 

steh, beuge mich: mir stockt der Herzensschlag . . . 



58 



V 
(An Fanny) 

Ich sah dich nachts am Fenster stehn und weinen, 
du hast ganz still geweint und nicht geklagt. 
Auch ich stand still und hab dir nichts gesagt. 
Du hattest heut zum letztenmal an deinen 

nährenden Brüsten den geliebten Kleinen 
säugend gehalten. Als ihn dann die Magd 
gebettet, mochte dir 's — du sahst verzagt 
ihn von dir nehmen — wie ein Abschied scheinen. 

Sechs milde Monde war es dein gewesen, 

das du geboren, das an dir gediehn, 

das freundliche, das hold vertraute Wesen, 

nun gabst du schweigend Seligkeit dahin. 

Du standst im Dunkeln, dunkelnd abgeschieden, 

er aber schlief in ahnungslosem Frieden. 



59 



ELEGIE DER SELIGEN RESIGNATION 

Wenn ich das Antlitz dieser Welt betrachte, 
die rätselhaften Züge, die verlocken, 
bin ich, der glanzgeblendet einst erschrocken 
getaumelt hatte, nah, dass ich verachte. 
Was künden all die hohlgegossnen Glocken? 
Und keinen sah ich, der verweisend lachte! 
Umlärmt von greller Stimmen wüstem Kreischen, 
blick ich erstaunt ins tägliche Zerfleischen. 

Die Menschen rollen wie geballte Massen 
aus leichtem Schnee und wachsend nur im Gleiten 
besinnungslos vor Lieben und vor Hassen 
ins dunkle Gähnen der Unendlichkeiten. 
Und willst du einen herzlicher umfassen, 
reisst ihn hinweg der breite Strom der Zeiten. 
Den Mantel raffend um gebeugte Schläfen, 
sinn ich der Ziele, die sie gerne träfen. 

Und all die Kläglichkeit von Menschenzielen 
umgeistert meine schweigenden Gedanken: 
wie sie als Kinder froh mit Wünschen spielen 
und jeder Schmeichelhoffnung folgend schwanken 
uneingedenk der andern, die da fielen 
entseelt an den erbarmungslosen Schranken. 
Und träumend flieh ich in das Grenzenlose, 
zum Firnenlicht der unbegriffnen Rose. 



60 



Euch Schwächlinge bedenk ich und beklage 
das sinnlos nimmermüde Wegewandeln, 
dies Drängen durch die Hecken dunkler Tage, 
dies ungestüme Fordern, zweifelnd Handeln, 
und — bin versucht, dass ich gelassen sage: 
es war doch schön im Ruch der frühen Mandeln, 
da milder Abend manche Sehnsucht reifte, 
mich mancher Traum vom Leben hold umschweifte. 

Wer aber Irdisches verflattem hörte 
wie einen hohen Flug von weissen Tauben, 
wer Wunden, die er einst im Heilen störte, 
entschlossen narben Hess, den blinden Glauben 
an Gunst des Glücks, der folternd ihn betörte, 
in einer Nacht voll Glanz verstiess: ihm rauben 
den friedevollen Schlaf nicht mehr Gesichte 
und Blendewunder weltlicher Geschichte. 

Er hat sich seinen engen Kreis gezogen, 
in dem er still sein auferlegtes Tun, 
unwirklich fast, von Zweifeln kaum betrogen, 
duldsam verrichtet, traumgekröntem Ruhn 
als unserm besten Erbteil wohl gewogen, 
geht jeden Morgen er in festen Schuhn 
gewählter Pflicht ans Werk und gibt dem Leben 
an reifer Frucht, was er ihm hat zu geben. 

Doch ragt sein freier Geist ins Unbegrenzte: 
was ihn als Leib umgibt, ist nur Gewzmdung 
der Seele, die in selige beglänzte 



61 



Gefilde steigt, ein Aar, aus dumpfer Brandung 
der Täglichkeit, mild nahen sich bekränzte 
Unsterbliche in strandgewohnter Landung 
dem Hafen seiner stolzen Einsamkeit, 
und überwunden sinkt und stürzt die Zeit. 



62 



AN ADALBERT STIFTER 

Vor seinem Denkmal 

(Zur Enthüllung in Oberplan am 26. August 1906) 

Aus deines Hochwalds rauschendem Gebreite, 
dem kühl smaragdnen, das in keuscher Flut 
stolz wehende Kronen spiegelt, glanzgeweihte, 
aufragt dein klares Bild, du gütig-weiser 
menschlichster Mensch und sanfter Lebenspreiser, 
auf deiner freien Stirn die letzte Glut 
sinkender Sonne, tief im Aug ein Leuditen, 
als hielte sich ein Tränlein dort versteckt, 
das deine Wange, zärtlich gleitend, feuchten 
wohl wollte, doch du wehrtest ihm mit Macht, 
hast deine Brust mit einem Ruck gereckt 
und sahst der Sonne nach und zucktest nicht, 
mochte dir Weh audi, wühlendes, so schwer, 
o bergesdiwer und dunkel wie die Nacht, 
das Herz bedrängen . Langsam sdiied das 

Licht . . 
Nun aber wars, als ob dein Mund sich senkte, 
und Falten, herbe Falten gruben sich 
im Dämmersdiatten deinem Antlitz ein, 
wie wenn ein stumpfer Pflug sich, kümmerlich 
bespannt, im Acker schöbe, den ein Harter lenkte : 
und. Milder, diese Furchen blieben dein! 
Und deine Augen, wanderten sie jetzt. 



63 



verhüllt und scheu wie schweigend weggewiesne 
Fremdlinge, heimatlose, dem Geklüfte 
der Seele zu, Verstössen und verletzt? .... 
Dies war dein Schicksal, Sanfter! Linde Lüfte, 
schmeichelnde Abendlüfte der Verehrung, sind 
heut um dein Haupt, das weit im Land gepriesne, 
dein Leben aber schritt im scharfen Wind 
durch Einsamkeiten hin: ein Dichterleben! 
Heut hat dir jedes Kind ein Wort zu geben, 
draus Liebe duftet. . . . Lieblichster Verkünder 
der Herrlicheit der Welt, ob du, Ergründer 
der Einigkeit aller erschaffnen Dinge, 
hemiederschwebst aus Gottes höchstem Ringe, 
im Grase weilest, das verstohlen funkelt 
vom Silbertau der Morgenhoffnung, leise 
den Abendstern beschwörst mit süsser Laute, 
während der Wald verlassen sich verdunkelt, 
ob du des Blutes sinnverwirrend jähe 
Gewalt besänftigest mit kühlen Händen 
— Grossvaterhände, ganz ergebne, traute! — 
ob du geneigt belauschest jede Weise, 
die flüsterndste der traumumflorten Flur, 
der Blätter raunend Rieseln, das Gestöhn 
des Stamms im Sturm, das gläserne Getön 
des Schilfs; beschleichst der Rehe Spur, 
der weich hintrabenden, im Ried, das Leuchten 
des trägen Stroms entlang gespenstigen Weiden; 
Nah-nächster allem keusch verschwiegnen Leiden, 
Barmherzigster den scheuen heimwehfeuchten 
Blicken der Kinder, die das Grauen ahnen, 
das rätselhafte, öder Wanderstrassen. 

64 



Holdseligster dem Leiden sanfter Frauen: 
du allen innerlichsten Ebenmassen, 
den unbekannten tief bewussten Planen 
ganz Angemessner, ja, du durftest schauen 
mit seligen Augen, wo wir wankend wähnen, 
verzweifeln am Begreifen und verzagen 
mit zitternden, mit lauten Sklavenzähnen: 
du hattest Gott, du konntest ihn ertragen! 
Und Gott hat Schlichten didi erhöht wie keinen, 
vor deinem Wesen blassen bunte Worte 
und gleidien ausgelöschten Edelsteinen 
im Strahlenglanz aus Seiner Gnadenpforte! 



R. Schaukai, Gedichte 



65 



REMBRANDT, DER KÜNSTLER. 
EINE VISION 

Schon glühten im Kamin die letzten Scheite 
und schwerer lastete die Nacht i m Räume : 
da war es mir, als ob aus meinem Traume 
wachsend ein starker Schatten sich verbreite. 

Und schwoll und ward von abertausend Chören 
ein über Welten wallender getragen 
und war zugleich ein brausend Flügelschlagen, 
hoch über allem armen Menschenhören. 

• Und als der Donnerschall der Ewigkeiten 
zur eisigen Ruhe flutend sich ergossen, 
war mir der Schauer tief ins Herz geflossen 
vorm grausen Schweigen der erstarrten Zeiten. 

Das ist im regungslosen Sternenlichte 

der wunderbare Wagestand der Gleiche, 

auf schwindelnd sdiroffem Grat im Zwischenreiche 

die seltne Weihestunde der Gesichte. 

Nun ist mir Madit verliehen, zu beschwören, 
nun ist mir Kraft gegeben, zu gestalten: 
ich darf euch bannen, herrschend euch zu halten 
und kann geheimnisvolle Kunde hören. 

Sdion fühl ich eudi lebendigste Verwandte 
herangedrängt an dieser Stunde Feuer, 
vertraut begrüss ich, was als ungeheuer 
den bange Nahenden sonst übermannte. 



66 



Und einen ruf ich aus dem sdiwangern Schweigen, 
in dem sie meine Flamme mir umschauern: 
„Du, dem auf breiter Stirne Wolken kauern, 
geruhe, Grosser, in den Kreis zu steigen!" 

Sein Haupt war aber, als es bleich enttauchte 
dem Dunkel, sdiwer mit herbem Leid beladen 
der quälenden Beschwörung, doch der Gnaden 
dreifache Krone krönte das erlauchte. 

Alsbald begann der Mund, der lang versdiwiegne, 
glutend begann das Aug sich zu beleben, 
un^/ vor der Geister weichendem Verschweben 
schritt die dem Schoss der Ewigkeit entstiegne, 

sdiritt Rembrandts Stimme : „Deiner Seele Rufen, 
das mich aus der Verehrung Kreisen störte, 
der Sehnsudit Not, die flehend unerhörte, 
was will so nahe sie vor Gottes Stufen?" 

Und ich darauf: „Der du bei Lebenszeiten 
der Quellen Rauschen hörtest in der Stille, 
dem sich geoffenbart des Schöpfers Wille 
in diesem Tal schon der Vergänglichkeiten, 

der du der Seelen scheues Dämmerweben 
ans Licht gehoben hast mit Magierhänden, 
gebietend dem Geheimnis der Legenden 
und unserm Lebenstraum Gestalt gegeben, 

der du mit deinem Blicke der Sibyllen 

die Flammenblitze jäher Widerscheine 

auffingst und zaubernd kleidetest in deine, 

die rätselhaftesten der Farbenhüllen, 

5* 67 



verkünde mir : wo ist das ewig Wahre ? 
Ist es in diesem unserm Schlaf und Wachen, 
im Grün und Reif der Flur, der Mädchen Lachen, 
Gebirgen, Städten, Schiffen, Bett und Bahre? 

Warum, wenn dieses unser echtes Erbe, 
warum vermag es plötzlich zu zerstieben 
vor Versen, Farben, Klängen, die wir lieben, 
als ob die Welt mit ihrem Schwinden sterbe? 

Warum, wenn uns die Kunst auf Riesenhänden 
aus Qual und Qualm erhebt der Menschentage, 
sind wir so leicht, als ob ein Hauch uns trage, 
warum so schwer dann zwischen unsern Wänden? 

Wo ist die Wahrheit? Hinter diesen Spiegeln, 
die sich verhundertfältigt rings erneuen? 
In unsrer Notdurft stierem Wiederkäuen? 
Schläft sie verschlossen unter hundert Siegeln? 

War sie bei Kindern, die sie dann vergassen? 
Kommt sie zu Greisen, die sie nicht mehr sagen? 
Kauert sie in der Kranken fremden Klagen? 
Gibt's Stummgeborne, die sie stumpf besassen? 

Hat sie sich Schwertern schwesterlich verschworen ? 
Lungert in Lumpen sie auf Kirchenstufen? 
Stürmt sie mänadisch aus den Kelterkufen? 
Wo ist die Wand, die Weise trennt von Toren? 

Sag mir, du Mensch der Menschen, Sturmersteiger 

der Firnenferne heiliger Gottesnähe, 

sag mir, was will dies immer wieder jähe 

Stillstehn der frongewohnten Stundenzeiger? 

68 



Da hob er seine Hand, mir zu begegnen, 
und wehrte meinem ungestümen Fragen: 
„Ich darf dir nichts von dieser Wahrheit sagen, 
kann keinen Mensdien mit Gewissheit segnen. 

Dies aber merke: nicht in Himmelsklarheit, 

nicht in der unversehrten Augenweide 

der Söhne Gottes am erhabnen Kleide: 

im Wagen und Verzagen wird euch Wahrheit. 

Und wie die Mutter an der ersten Wiege, 
und wie der Sohn an seines Vaters Sarge 
in Seligkeit, in Qual das stete karge 
Dasein verwindend plötzlich vor der Stiege 

auf Augenblicke steht, die aus dem Leben 
hinüberführt ins Zeit- und Grenzenlose, 
wie eine Braut aus der erblühten Rose 
den Duft einatmet, süss dahingegeben 

an das Geheimnis ihrer Weibersendung: 
so hat der Künstler vielfach zugemessen, 
was jene einmal fühlen und vergessen: 
er träumt sie immer wieder, die Vollendung. 

Und was er stets aufs neu im Wunderahnen 
empfängt aus dem verheissnen Land der Feme, 
vertraut ihm und unfassbar doch im Kerne, 
die bange Sehnsucht ist ein Heimatmahnen. 

Nicht in der Welt der Formen und Gestalten, 
in seiner Brust nur hat er es zu eigen, 
er darf es nimmer auch den andern zeigen : 
was ihm die Gnade gibt, kann er nicht halten. 

69 



Und nur wer selbst im Reich der Übermasse 
gewohnt ist, wie ein Kind im Gras zu schreiten, 
den wird geheime Wissenschaft begleiten 
durch unsrer Werke graue Gräberstrasse! 

Nur Maler über Grüften sind die Werke, 
darin das heimlich uns Geoffenbarte 
des Bildners nimmermüde Hand verwahrte, 
die gottergebne Hand der Demutstärke. 

Wenn du dereinst wirst preisend Ihn beteuern 
im dreimal heiligen Ring des Ewig-Einen, 
wirst du begreifen, dass auch wir nur scheinen, 
die wir als Schöpfer seine Welt erneuern. 

Denn all das ist nur Schein, was wir vollenden, 
ein blasses Gleichnis seiner Wirklichkeiten. 
Auf jeder Stufe, die wir überschreiten, 
müssen wir uns nach seiner Seite wenden. 

Dies gilt von jeglichem Geschöpf auf Erden: 
denn alle Wesen in den vielen Kreisen, 
die lebend seine Gegenwart beweisen, 
werden erst wirklich in der Heimat werden. 

Wir waren alle einmal sdion darinnen. 
Davon ist ein Erinnern uns geblieben, 
das plötzlich, manchmal unterm Flockenstieben, 
manchmal in eines Waldes Dämmerspinnen, 

uns überfällt. Doch die wir Künstler nennen, 
die wissen mehr davon und sind so reicher 
und — ärmer drum als jene Tagesschleicher, 
die ihren Ursprung immer doch verkennen. 
70 



Wenn ich euch aber Werke gab zu schauen, 
nichts künden sie als meine Herzensfährden, 
in ihren unbegreiflichen Gebärden, 
in ihren Händen, Stirnen, Knien und Brauen 

sind Zeichen meiner Wanderschaft gesdirieben 
zu den Gefilden unsrer Gottessüchte. 
Nehmt sie als dunkel tastende Gerüchte: 
die Wahrheit ist ja doch in mir geblieben!" 



71 



Neue Nachdichtungen aus dem 
Französischen 



NACH CHARLES BAUDELAIRE 



DER FEIND 

Nur selten hat ein jäher Sonnenschein 
der Jugend Wetterdunkel mir gelichtet, 
in meinen Garten brachen Güsse ein, 
fast alle Frucht, die reifte, ward vernichtet. 

Und es ist Herbst. Ich soll die Schaufel führen. 
Es starrt von Löchern, die voll Wasser stehn. 
Muss ich zu neuer Müh mich wieder rühren, 
der ich Verwüstung stets am Werk gesehn? 

Ob diese neuen Blumen, die idi träume, 
in solchem Boden je Gedeihen finden? 
Werden die Wurzeln dorrend nidit verschwinden ? 

O namenloser Schmerz! Ich zaudre, säume, 
und grausam schlürft der finstre Feind, die Zeit, 
mein Blut, mein Herz, verzehrt midi und gedeiht. 



77 



DER ALBATROS 

Gern fangen, sich die Weile so zu kürzen, 
einen der grossen Vögel die Matrosen, 
laut lachend sehen sie den ahnungslosen 
Reisebegleiter auf die Planken stürzen. 

Erbärmlich müht er sich hinwegzudringen, 

er schleift verstört, der königliche Flieger, 

des Ungefügen spotten laut die Sieger, 

wie schwere Ruder hinten nach die Schwingen. 

Den riesenhaften Schattens durch die Weiten 
die freien Flügel herrscherstolz getragen, 
muss Augenweide plumper Lust bereiten: 
er humpelt hässlich, Hohn verfolgt den Zagen. 

Der Dichter gleicht dem Fürsten im Azur: 
er sucht den Sturm, er trotzt dem schwachen Bogen, 
doch merkt er unterm Volke landend nur, 
dass ihn sein hoher Flug ums Gehn betrogen. 



78 



DON JUAN IN DER HÖLLE 

Als Don Juan am düstern Strome stand 
und Charon seinen Obolos bekommen, 
hat eines finster-stolzen Bettlers Hand 
zur Rache stark die Ruder aufgenommen. 

Die schlaffen Brüste im zerrissnen Kleid 
wiesen ihm Weiber mit gerungnen Händen, 
und hinter ihm schwoll aus der Dunkelheit 
Geheul der Opfer hallend an den Wänden. 

Und während Leporello seinen Lohn 
lachend verlangt, zeigt zitternd allen Toten 
der greise Vater den verruchten Sohn, 
der einer weissen Stirne Trotz geboten. 

Dass durch das Lächeln seiner Liebesschwüre 
er die Betrogene zum letztenmal 
wie in der ersten süssen Zeit verführe, 
erfleht Elvire fröstelnd vom Gemahl. 

Aufrecht, gerüstet, riesig stand am Steuer 
der Steinerne und schnitt die schwarze Flut. 
Jedoch der stolze Herr der Abenteuer 
hat ihrer keinen anzuschaun geruht. 



79 



I jein Schritt in schimmernder Gewänder 

Schmiegen 
gleicht glatter Schlangen taktgeruhigem Tanz, 
die unterm Stab sich des Beschwörers wiegen 
emporgereckt aus ihrer Leiber Kranz. 

Wie tauben Meers herangewälzte Welle, 
wie rote Woge mitleidlosen Sands — 
darüber hoch ein Himmel ohne Helle — 
entfaltet sich. Gelassenste, dein Glanz. 

Nie künden dieser Augen kalte Steine 
das Rätsel ihres Wesens: Engelreine 
geschwistert einer Sphinx geheimnivoll. 

Die wie von Gold, Stahl und Demanten schimmert, 
die nutzlos als ein Stern im Finstern flimmert, 
die Frau, die keine Früchte tragen soll. 



80 



DUFT DER FERNE 

Geschlossnen Auges deiner heissen Brüste 
Duft atmend in der Sommerabendschwüle, 
entrücken mich die dämmernden Gefühle 
an eine sonnenflutend selige Küste. 

Begnadetes Gestade: das Gerüste 

seltsamer Bäume starrt am Blumenbühle 

von reifer Früchte prangendem Gewühle. 

Der franke Blick der Fraun hehlt kein Gelüste; 

die Männer schreiten in geschmeidiger Kraft. 
Von deinem Duft zu fernem Reiz entrafft, 
schau angefüllt mit segelhellen Masten 

den Hafen ich, trinke der Tamarinden 

grünen Geruch, dem, dünkt mir, sich verbinden 

Lieder der Schiffer, die von Fahrten rasten. 



R. Schaukai, Gedichte 81 



VERHÖR UM MITTERNACHT 

Die Wanduhr meldet Mitternacht. 
Ich höre Hohn in ihrem Sdilage. 
Was hast du, fragt sie, Mensch, gemacht 
mit diesem nun gewichnen Tage? 
Freitag, der dreizehnte, zu sehr 
nur hat er den Verruf bekräftigt! 
Heut hab ich mich als Heide, mehr: 
als Ketzer sdinöde mich beschäftigt. 

Idi habe den gelästert, dessen 
Name vor allen andern strahlt, 
prassend am Protzentisdi gesessen, 
gegrinst, wo Pöbel plump geprahlt, 
höchst würdiger Vasall der Geister, 
der platten Menge mich gesellt, 
feig im Verleugnen meinen Meister 
und in Lobhudelei gestellt. 

Gekränkt hab idi, ein feiler Scherge, 
den Schwadien, den man schändlich höhnt, 
habe dem Götzen blinder Zwerge, 
der glotzenden Vernunft, gefröhnt; 
dem stumpfen Stoff hab idi gespendet 
im Schmatze meinen Sklavenzoll, 
von der Verwesung Glast geblendet, 
geehrt, was ich verachten soll. 



82 



Und endlich hab ich, Herr der Leier, 

ich, stolzer Priester, dessen Ruhm, 

zu künden düsterroter Feier 

verschwiegnen Rausch im Heiligtum, 

im Wahn den Taumel zu versenken, 

den Leib mit Speisen angefüllt, 

ihn übersdiwemmt dann mit Getränken — — 

Lisch, Licht, dass mich das Dunkel hüllt! 



6* 83 



BEGRÄBNIS EINES VERFEHMTEN 
DICHTERS 

Wenn deinen Leib in einer finster- 
lastenden Nacht ein guter Christ 
verscharrt, wo zwischen feistem Ginster 
Gerumpel aufgestappelt ist, 

wird, wenn der Schein der keuschen Lichter 
im Frösteln vor dem Tage lischt, 
die Spinne dir, verfehmter Dichter, 
Vergessen weben. Züngelnd zischt 

die feuchte Natter, die da heckt, 
du hörst ob deinem Haupte kläglich 
hungrige Wölfe heulen; täglich 

kreischen hier Hexen; lüstern fauchen 
Greise ; geschwärzte Schelme schmauchen 
und schmieden Schliche hier versteckt. 



84 



NACH PAUL VERLAINE 



NEVERMORE 

Was mahnst du midi, mein Herz, an alte 
Zeiten! . . 
Die Drossel fliegt. Von gelben Blättern gleiten 
kraftlose Strahlen, raschelnd hör ich schreiten 
den Wind durch welkende Vergangenheiten. 

Wir gingen beide schweigend, Hessen Haar 
und Träume leise flattern, und mir war, 
als sdileppte müd sich hinter uns das Jahr. 
Da blicktest du midi an so sonderbar 

und fragtest — hör ich doch den goldnen Klang 
noch ihrer süssen Stimme! — : „Welchen Tag 
wirst du dereinst den schönsten nennen, sag?" 

Ich küsste ihre Hand und hielt sie lang . . . 

Ach, wie die ersten Blumen duften keine, 

und nie mehr klingt ein Ja süss wie das eine! 



87 



SCHÄFERSTUNDE 

j Jer Mond ist rot, der Himmel trüb und schwer. 
•L^ Schon schläft die Wiese in dem blassen Rauch, 
der schieiernd steigt. Vom Schilf, das weich ein 

Hauch 
durchschauert, kommt der Ruf der Unken her. 

Nun schliesst den Kelch die weisse Wasserrose, 
die Pappeln wandern steif, bis unbestimmt 
im weiten Land ihr schmaler Schatten schwimmt. 
Es glüht im Strauch, funkelt im feuchten Moose. 

Die Fledermäuse wachen auf und gleiten 
lautlos durchs Dunkel mit den schweren Schwingen. 
Ein fahles Leuchten zögert durchzudringen: ' 
da taucht mein Stern aus den Unendlichkeiten. 



88 



DER SPIESSER 

Gemeindehäuptling und Familienvater. 
Das Bild der Würde. Bis ans Ohr im Kragen. 
Er träumt und blinzelt. Die Pantoffeln tragen 
den ganzen Frühling. Was ist dem Berater 

des öffentlichen Wohles das Theater 

des Firmaments, was will der Sang besagen 

der Nachtigall, das monotone Sdilagen! 

Im Wald ist's feucht, ein Vogel ist kein Kater. 

Er hat was Wichtigers zu denken, ja — : 

ein Freier ist um seine Tochter da, 

hat Geld im Sack und geht auf Doppelsohlen. 

Die Versemadier soll der Teufel holen, 

die Hungerleider! . . Die Pantoffeln tragen 

den ganzen Frühling. Höher kriedit der Kragen. 



89 



ALTE WEISE 

Rosig schon schimmern im ergrauenden Scheine 
die Tasten unter ihrer schmalen Hand. 
Durchs Dämmern, das ihr Duft erfüllt, schwebt eine 
bescheidne liebe Weise, wohlbekannt 
aus alten Tagen, am verblassten Band 
sehr zarter Töne, zag, wie wenn sie weine. 

Wie kommt mich plötzlich dodi ein Schläfern an? 
Mein armes Herz wiegt sidi in sanften Wonnen 
Willst du midi hold betören, süsser Wahn? 
Hast du, du weicher Klang, mir das getan, 
der in die Nacht enteilend schon zerronnen 
durchs Fenster in den Garten vom Altan? 



90 



I ass wechselseitig uns Verzeihung üben: 
*— ^ so werden wir gewiss noch glücklich werden, 
und kommen dann die nicht ersparten Fährden, 
so werden wir gemeinsam uns betrüben. 

Lass unsre schwesterlichen Seelen lernen, 
verborgnem Wunsdi die Süssigkeit vereinen, 
die kindische, dass wir verbannt nur scheinen, 
freiwillig von den Menschen uns entfernen. 

Wir wollen Kinder sein, die staunend leben, 
wir wollen schwärmerisdien Mädchen gleichen, 
die im versdiwiegnen Laubengang erbleidien, 
nidit ahnend, dass man ihnen längst vergeben. 



91 



SCHLICHTES LIED 

Hört meines Liedes milde Weise, 
vergebt ihm sein verstohlnes Weinen, 
es ist so sanft: man möchte weinen, 
ins Moos versickern Tropfen leise. 

Erkanntet ihr die trübe Stimme? 
Sie klang einst hell in bessern Tagen 
und muss nun so verschleiert klagen! 
Das tat die Zeit an ihr, die schlimme. 

Bald vor des Herbstwinds rauhen Stössen 
fröstelnd verhüllt sie dicht die Wahrheit, 
bald wieder wagt in Sternenklarheit 
die strahlende sie zu entblössen. 

Und die ihr wieder habt vernommen, 
die Stimme singt ihr Lied vom Lieben. 
Ach, Neid und Hass, vorm Tod zerstieben 
sie wie die Nadit, wenn Lichter kommen. 

Sie singt: Die eitelm Wunsch entsagen, 
die werden ihren Frieden finden, 
und die vorm Sieg sich überwinden, 
die werden goldne Kronen tragen. 

Dem schlichten Lied an eurer Schwelle 
verschliesst euch nicht, hört es mit Güte! 
Wer sich um andre tröstend mühte, 
dem wirds im eignen Busen helle. 

Die Seele, die geduldig leidet, 
wird ihre Strasse weiter wallen. 
O lasst euch ihren Rat gefallen! 
Sie will euch segnen, eh sie sdieidet! 
92 



Mir ist, ich hörte Stimmen 
überm Gemurmel sdiweben, 
ich fühle die Fernen beben 
in schwellendem Erglimmen. 

Was flimmert im Gesdiwele? 
Ein Lied will mich entrüdcen. 
Vor taumelndem Entzücken 
entschwindet mir die Seele. 

O nur nidit mehr erwadien! 
Lass gleiten, lass versinken 
die Stunden und ertrinken 
um unsem seligen Nadien! 



93 



I |as ist das verzückte Schmachten, 

*-^ das selige Umnachten 

der Liebe, ist im Wind 

das Rieseln der Blätter im Walde, 

ist wie durch die Gräser der Halde 

ein Rauschen rinnt; 

ist wie der Vögel Geschwirre, 
das zwitsdiemde Gewirre, 
im Laub; ist wie im Bach 
über den klirrenden hellen 
Kieseln das Wirbeln der Wellen. 

Die so zu zweien klagen, 
sich leise bebend sagen 
von ihrer Seele Not, 
sind wir das, die im Düstern 
von unsern Qualen flüstern, 
den Blick im Abendrot? 



94 



Unendlldies Weh 
in der schweigenden Weite, 
wie Sandgebreite 
schimmert der Sdinee. 

Der Himmel thront, 
ein kupfernes Becken, 
ein starrender Schrecken, 
es stirbt der Mond. 

Wie Schatten ziehn 
die grauen Eichen 
im wogenden bleichen 
Dunst dahin. 

Der Himmel thront, 
ein kupfernes Becken, 
ein starrender Schrecken, 
es stirbt der Mond. 

Ihr Wölfe und Krähen, 
verhungert Getier, 
was sucht ihr hier 
im eisigen Wehen? 

Unendliches Weh 
in der schweigenden Weite, 
wie Sandgebreite 
schimmert der Schnee. 



95 



NACH STEPHANE MALLARME 



7 R. Schaukai, Gedichte 



MEERESBRISE 

Mein Leib ist müd, und alle Bücher schweigen. 
O fliehn, hinüberfliehn ! Ich fühls, die Vögel 

steigen, 
vom Schaumgeflock der Wogen trunken, hodi 

ins Blau! 
Nichts, nicht der alten Gärten träumerisdie Schau 
kann dieses bange Herz vom Meeresdrang befrein ; 
nodi, tiefe Nädite, der verlassnen Lampe Schein, 
der überm leeren weissen Bogen schwelend liegt; 
das Kind nicht, junge Frau, der Mutter ange- 
schmiegt. — 
Ich scheide! Dampfer, schlank mit Masten ragend 

schwanker, 
zu fremden Küsten lichte schleunig deine Anker! 
Noch glaubt, von seinen Wünschen grausam schon 

verlassen, 
mein Weh an Tüdier, die am Strande winkend 

blassen! — 
Sind diese Masten, die ihn stolz zu rufen scheinen, 
dem Sturm zur Beute sdion bestimmt, statt mich 

zu meinen 
Inseln zubringen, drüben? Wartet schon das Riff? 
Horch, o mein Herz, Gesang erfüllt das schnelle 

Schiff! 



99 



HERODIAS 

Die Amme: 

Bist du es, Fürstin ? Träumt mir ? Ach, erlaube, 
die Ringe dir zu küssen, dass ichs glaube! 
Nicht mehr im Unbetretnen . . . 

Herodias: 

Bleib! Die Flut, 
die blonde, meiner Haare, macht mein Blut 
erstarren, wenn sie mir das Fleisch besprüht, 
und meine Haare, die das Licht durchglüht, 
sind sterblich nicht wie du! Dein Kuss ist Mord, 
war Schönheit nicht schon Tod . . . Was zog mich fort, 
was für ein banger bleicher Morgenschein, 
durch Nebelfernen dämmernd, lud mich ein? — 
Du, Winter meiner Amme, sahst midi gehn 
in das Verliess der Löwen, lässig stehn 
im dumpfen Duft der königlichen Mähnen, 
der hundertjährigen, doch kannst du wähnen, 
wie es mich schauderte? Fern im Exil 
verweilt mein Traum : wie vor der Wasser Spiel 
zerpflück ich meine bleidien Lilien alle, 
und ihrem Schweben, ihrem Flockenfalle 
folgen gebannt die Löwen durch mein Schweigen, 
dem Saum des Kleides näher schleichend, neigen 
sie meinen Füssen sich, die wohl das Branden 
der Meereswogen stillten, leise landen 
die wilden hiessen. Also still auch du 
des greisen Fleisches Lüste, da, sieh zu, 
hilf mir mein wildes Haar — muss dich doch quälen 
die Mähnenmiene — vor dem Spiegel strählen. 
100 



Die Amme: 

Soll ich dem Haar die heitre Myrrhe spenden? 
Soll ich der welken Rosen Saft verwenden, 
den düsterroten, den sie rühmen? 

Herodias: 

Lziss! 
Du weisst es doch, dass ich sie nur mit Hass 
betrachten kann, die duftenden Gefässe! 
Willst du, dass mich die Trunkenheit besässe, 
die ihrem Hals enthaucht? Den Blumen mag 
mein Haar nicht gleichen, die den trüben Tag 
der Menschen buhlend heitern, es ist Gold, 
jungfräulich reines: ob es funkelnd rollt 
oder in matter Blässe kühl sich schmiegt, 
nie sei von sdimeichelndem Geruch besiegt 
das trotzige Metall, das blank und glatt 
stets Waffen und Geschmeid gespiegelt hat! 

Die Amme: 

Geh nicht mit grauen Jahren ins Gericht: 
mein müder Kopf vergass Gebot und Pflicht. 

Herodias: 

Genug davon! Den Spiegel halte mir . . . 
Wie oft, von Träumen matt, kam ich zu dir 
und spähte, Spiegel, wieder ins erfrorne 
gerahmte Wasser, sudite das Verlorne, 
die welken Blätter der Erinnerungen 
tief unterm Eis, und hab didi nie bezwungen, 
nur meinen Schatten sah ich in der Feme . . . 

101 



Dodi mandimal aus der schweigenden Zisterne 
stieg nackt mein Traum empor und schreckte 

mich . . . 
Sag, Amme, bin ich schön? 

Die Amme: 

Wie preis ich dich*^ 
du Stern! Doch da, die Fledite fällt . . . 

Herodias: 

Hinweg ! 
Wag soldien Frevel nicht! Der jähe Schredc 
vor der Gebärde nur lässt jede Welle 
des Blutes starren bis hinauf zur Quelle! 
Fluch dieser lästerlichen Hand! Verkünde, 
was für ein Dämon treibt dich so zur Sünde? 
Der Kuss zuerst, die Salben, nun die Hand! — 
Ich schaudre! Dieser Tag — o, ich empfand 
es ahnend! — birgt im Schoss noch mehr! 

Die Amme: 

Verhüts der Himmel gnädig! Freilich sehr 
seltsam ist diese Stunde ... Schattenhaft, 
einsam schweift Ihr durch Eure Leidenschaft, 
seht Euch entsetzt in früher Reife blühen, — 
anbetungswürdig doch in diesem Glühen 
kindlicher Schönheit . . .! 

Herodias: 

Wagst es einmal noch? 

Die Amme: 
War' ich, wem Ihr bestimmt seid! 
102 



Herodias: 

Sdiweige dodi! 

Die Amme: 
Und wird er kommen ? 

Herodias: 

Lisch, du keusdies Licht! 

Die Amme: 
Wie sollte, Süsse, didi Bestürzung nicht 
bei dem Gedanken an den Gott ergreifen, 
dem keiner wehrt, dem sie entgegenreifen, 
die bangen Reize, die didi blendend schmücken? 
Und wem denn wahrt Ihr bebend das Enzücken, 
das lockende Geheimnis Eures Leibes? 



Mir! 



Herodias: 

Die Amme: 

Ach was für eine blasse Blume Ihr 

dann wäret, einsam wachsend und bewegt 

vom eignen Schatten kaum im Wasser! 



Herodias: 

Hegt 

dein Herz nur schnödes Mitleid oder — Hohn? 

Geh! 

Die Amme: 

Glaub mir, Kind, ich hör ihn kommen schon 
den Tag, dem dieser Trotz erliegt! 

103 



Herodias: 

O wer 
vermöchte mich wohl zu berühren, der 
Löwen sich neigen! Und ich will auch nie 
an Mensdilichem ein Teil, und wenn du, wie 
schon oft, mich sahst mit starrem Blick, ein Stein, 
dastehn, o Amme, war es, weil ich dein, 
der Milch gedachte, die mich nährte . . . 

Die Amme: 

Klage 
erfüllt mich um das Opfer, dem ich sage: 
schon wölkt dein Schidksal schattend über dir! 

Herodias: 

Mir will ich blühen, ewig, einzig mir! 
Ihr wisst es alle, schweigende Gefährten: 
ihr, ohne Wind, versunkne grosse Gärten 
von Amethyst, du Gold, verstedct im Dunkeln 
des brachen Bodens, ihr, im keuschen Funkeln, 
erlauchte Steine, deren klares Licht 
mein Auge wahrt, und die ihr Glanz, Gewicht 
und Grauen meinem jungen Haar gabt, Erze ! 
Doch du, in deren zeitverderbtem Herzen 
die Bosheit der Sibyllen grinst, dass didi 
von einem Sterblichen mir lästerlidi 
zu sprechen lüstet, die du schauernd, bleich 
aus den Gewändern schon, die Kelchen gleich 
entblättert sinken, gleiten siehst die spröde 
duftende Blüte meiner Sdiönheit, Schnöde, 
gestehe, dass, wenn mich der laue Wind 
des Sommers, dem die Frauen willig sind 
104 



sidi zu entsdileiern, sah in meiner herben 

stemkühlen Nacktheit, ich auch schon zu sterben 

nicht zögerte! Denn meiner Jungfernschaft 

starres Geheimnis lieb ich, lieb die Haft, 

die hüllend midi umwallende, der Haare, 

und diesen Schauder, wenn die frierend klare, 

die keusche Nacht in meine Kammer steigt 

und ihre Kälte meinen Leib umsdiweigt, 

den makellos auch keiner brauchen wird! 

O du, von eisigem Panzer hell umklirrt, 

glühend in Reinheit, ewige Sdiwester Nacht, 

mein Traum hat sich geflügelt aufgemadit 

und schwebt empor zu dir: idi bin allein 

in meiner öden Heimat, ich bin dein, 

und alles ringsherum ist wie das Dienen 

von stummen Spiegeln, und es sdieint aus ihnen 

in diamantner Stille nur mein Bild! 

O Stille, die von Einsamkeiten schwillt! 

Die Amme: 
So wollt Ihr sterben? 

Herodias: 

Mütterchen, noch nidit. 
Beruhige didh und geh jetzt, denk: sie spricht 
aus ihrem harten Herzen, und — verzeih . . . 
Vorher jedoch magst du die Laden sdiliessen: sei 
die so verhasste Bläue mir erspart, 
die buhlend sich dem Widerscheine paart 
im feilen Fenster . . . Wellen wiegen sich . . . 

105 



Kennst du kein Land, sag, irgendwo da drüben 
— denn in ein soldies Land verlangte mich — , 
in dessen Himmel sich die Spuren grüben 

vom still im Laub erglühten Abendstern? 

Nun zünde mir — ich lausche gar zu gern 
dem leisen Tropfen, wenn die sdilanke Flamme 
das Wachs in goldner Fessel schmilzt, noch, Amme, 
die Fadceln an — du magst es töricht schelten — 
und . . . 

Die Amme: 
Nun? 

Herodias: 

Leb wohl ... 

Dir, meine Lippen, gelten 
denn alle diese Worte? Nein, ihr lügt! 
Mir ahnt ein Unbekanntes . . . Oder trügt 
ihr nicht, und sinds, eudi selbst geheimnisvoll, 
Seufzer der Kindheit, die schon scheiden soll, 
ist es kein Traum nur, wenn ich mandimal meine, 
fremd glitten mir vom Leib die kalten Steine? 



106 



NACH EMILE VERHAEREN 



DIE MILDEN MÖNCHE 

Sind Mönche mit so selig sanften Mienen» 
dass man mit Rosen gern die Hände ihnen 
und Palmen schmückte, blauen Baldachin 
Hess ragend über ihren Häuptern ziehn 
und ihren Schritten durch das Tal der Zeiten 
möcht goldnen Pfad in Silbersaum bereiten: 
und würden längs der Seen Gestaden schreiten 
wie Lilien, die das Ufer still begleiten. 

Nur einer Kerze Schimmer wagt ihr Geist zu breiten, 
sie tragen süsse Liebe zur Gebenedeiten. 
Sie sind von ihr durchglüht und wandeln sie 

verkündend: 
Stern tiefster Meere, Glanz das Firmament ent- 
zündend. 
Mit goldnen Lippen, wie das englische Gesinde, 
rufen der Jungfrau Lob sie laut in alle Winde. 

Und weil sie so in Andacht flammend flehn, 
kommts, dass die Augen ihnen grösser offen stehn 
als Menschen sonst; und würden in verzückten Qualen 
mit ihrem Leben ihren Glauben zahlen. 
Und an dem Liebesabend wird sie durch des Knaben 
göttliche Hand im Kussdie Frömmsten gnädig laben. 



109 



Inhalts- Verzeichnis 



Seite 

Neue Gedichte 

An den Herrn 1 

Meiner Mutter 2 

An meine Frau 4 

Erwartung 5 

Frühlingsahnen I 6 

n 7 

März (Kinderlied) 8 

Schöpfung ........ 9 

In der Heimat 10 

Sursum 11 

Sommers Einzug 12 

Wolken . .13 

Mozarts Spinett 14 

England 15 

Lange Zeit 16 

Der Wind 17 

Hochsommer ....... 18 

Waldweben . . . . . .19 

Der Nachen 20 

Schlaflose Nacht . . . . . .21 

An die Schönheit 22 

Sonnenaufgang 23 

Stunde der Ohnmadit . . . . . 24 

Stunde der Fülle 25 

Im Reisewagen 26 

Wir 27 

Die Stunden 28 

111 



Seite 
Klänge vom Zirkus ...... 29 

Seele 30 

Spät 31 

Schlaf . .32 

Wiedersehen ....... 33 

Ach, alle diese Worte ... . . . .34 

Manchmal mein ich es zu halten ... . .35 

Wir sagen Abend ... . . . . .36 

Bin ich im Leben ... . . . . .37 

Es wird sein ....... 38 

Sternhelle Nacht 39 

Nach einem Regentag-e ..... 40 

In der Nacht 41 

An Georg I 42 

II 43 

Der Kreis 44 

Der traurige Mond ...... 45 

Entführung ....... 46 

Die alten Bilder 47 

Jagdmorgen ....... 48 

Vision 49 

Der Stern 50 

Meiner Mutter (Ein andres) . . .51 

Das Wort 53 

Sonnenuntergang 54 

Aus einem Sonettenkranz „Heimat der Seele" 
Wie hast du mich .... . . . .55 

Ich muss aus allerersten Kindertagen. . . 56 

Du bist mir, Mutter, immer noch ... 57 
Vom Schnee ....... 58 

Ich sah dich nachts am Fenster ... 59 

Elegie der seligen Resignation .... 60 

An Adalbert Stifter 63 

Rembrandt, der Künstler. Eine Vision . . 66 



112 



Seite 

Neue Nachdichtungen aus dem Fran- 
zösischen 

Nach Charles Baudelaire 

Der Feind .... . . . 11 

Der Albatros 78 

Don Juan in der Holle ..... 79 
Dein Schritt .... . . . . .80 

Duft der Ferne 81 

Verhör um Mitternacht ..... 82 

Begräbnis eines verfehmten Dichters . . 84 

Nach Paul Verlaine 

Nevermore 87 

Schäferstunde ....... 88 

Der Spiesser 89 

Alte Weise 90 

Lass wechselseitig uns Verzeihung üben ... 91 

Schlichte Weise 92 

Mir ist, idi hörte Stimmen ... . . .93 

Das ist das verzückte Sdimachten 94 

Unendlidies Weh .... . . . .95 

Nach Stephane Mallarme 

Meeresbrise ....... 99 

Herodias 100 

Nadi Emile Verhaeren 

Die milden Mönche 111 



113 



Die frühern Gedichte von Richard Schaukai um- 
fassen folgende Bände : 

Gedichte 1893* 

Verse (1892—1896) 1896* 

Meine Gärten. Einsame Verse, 1897 

Tristia. Neue Gedichte 1897—1898. 1898* 

Tage und Träume 1899* 

Sehnsucht. Neue Verse 1900* 

Pierrot und Colombine oder dcis Lied von der Ehe. 
Ein Reigen Verse 1902 

Das Buch der Tage und Träume. (Neue erweiterte 
Ausgabe der „Tage und Träume", mit dem 
Porträt des Dichters) 1902 

Ausgewählte Gedichte 1904 

Verlaine-Her edia. Ausgewählte Nach- 
dichtungen 1906 



(Die mit * bezeichneten Bände sind vergriffen und 
werden nicht mehr aufgelegt) 



Bei Georg Müller sind folgende Werke von Richard 
Schaukai erschienen: 

Kapellmeister Kreisler 1906 

Giorgione 1906 

Literatur 1906 

Leben und Meinungen des Herrn Andreas von 

Balthesser 1907 (5. Auflage 1908) 
Schlemihle. Zwei Novellen 1907 (2. Auflage 1908) 



114