Archaismen und Vulgarismen
iü der Sprache des Horaz
IL Teü
von
'«^' Dr. Friedrich RacMeschel
'«ff
6 jmnasialassistenten .
Programm
des
Königlichen Maximilians - Gymnasiums
für das
Schuljahr 1910/1911.
München 1911.
Druck der Akademischen Buchdruckerei von F. Straub.
— 1 —
n. Kapitel.
Formenlehre.
Bekanntlicli weisen die Handschriften in der Überlieferung der
Wortformen — vornehmlich im Vokalismus — die größte Verschie-
denheit auf. Bei ein und demselben Schriftsteller und in ein und
demselben Werk variieren die Formen. Die Schreiber unserer Hand-
schriften haben jedenfalls schon in ihren Vorlagen keine einheitliche
Orthographie vorgefunden; denn auch bei den Römern hielt die
Schreibung mit der in Weiterentwicklung begriffenen Aussprache
nicht Schritt. Vieles ist uns daher auf diesem Gebiete dunkel und
manches wird dunkel bleiben. Allein wie die ursprünglichen Lettern
eines Palimpsestes, so schimmert auch hier bisweilen an einzelnen
Stellen das historisch richtige Bild noch hindurch und wir können
durch einen Überblick über die Fundorte dieser Stellen mit größerer
oder geringerer Wahrscheinlichkeit ein Urteil über den Charakter
einer Form gewinnen. In der Poesie hat zudem gar oft das Metrum
erhaltend gewirkt. Nicht selten geben uns Grammatiker Fingerzeige
und endlich gestatten die romanischen Sprachen hie und da Rück-
schlüsse auf vulgäre Formen.
Der Hauptgrund für die Mannigfaltigkeit der Formen bei den
Dichtern ist zweifellos im Metrum zu suchen; denn ,in numeris
poetae quasi necessitati parere coguntur" (Cic. Or. 202). Unter dem
Zwang desselben machen sie den größeren Formenreichtum der archa-
ischen und vulgären Sprache für ihre Zwecke nutzbar.
Über die Horazische Formenlehre habe ich bei den Heraus-
gebern nicht eben viel gefunden. Sie merken wohl ungewöhnliche
Formen an und stellen sie zusammen — so besonders Fritzsche — ,
1
— 2 —
doch über die Natur derselben geben sie selten Aufschluß, obwohl
bereits Wölfflin in dem zitierten Aufsatz S. 145 eine Reihe vulgärer
Formen aus Horazens Satiren^) zusammenstellt und dabei auf den
Unterschied zwischen den Carmina und den Sermonen hindeutet.
Wölfflin gefolgt ist Barta, der (2, 29 ff.) allerdings die Formen mehr
aufzählt als behandelt.
I. Substantiva.
(Wir ordnen die Beispiele nach den landläufigen fünf Deklinationen.)
Navita = nauta. Der Diphthong au ist in manchen Fällen
aus der älteren Form avi durch Synkope des i hervorgegangen.*)
Dieser Prozeß hatte sich längst vor Eintritt der klassischen Periode
vollzogen. Die Form navita ist also ein Archaismus. Sie findet
sich (nach Georges, L. d. 1. W., Neue bemerkt darüber nichts) bei
Plautus, Catull, Lucr., Verg., Tibull, Prop., Ovid und in der nach-
klassischen Poesie, in der Prosa dagegen nur bei Cato in den Frag-
menten der Reden und dann erst wieder bei dem Archaisten Apulejus.
Horaz wendet die altertümliche, feierlich klingende Form nur
in den lamben und Oden an. epod. 10, 15. 17, 54. c. 1, 14, 14.
2, 13, 14. 3, 4, 30. 24, 41. 4, 5, 19. Die gewöhnliche Form steht
in den Oden 6 mal, in den lamben 3 mal, in den Sat. und Ep. 6 mal.
Hier ist auch stolidus (s. oben) einzureihen.
Ist die Unterlassung der Synkope hier archaisch, so ist ihre
Anwendung wohl vulgär bei den beiden folgenden Formen: Puertia
= pueritia: c. 1, 36, 8: Diese Form ist singulär. Gleichwohl möchte
ich nicht annehmen, daß der Dichter selber in Versnot diese Syn-
kope vorgenommen, sondern vermute eher, daß er hier die bequeme
Aussprache des Volkes sich zu eigen machte. Lamna = lamina:
c. 2, 2, 2. ep. 1, 15, 36. Daß diese Form der Volkssprache angehörte,
geht, abgesehen von ihrem Fehlen in der klassischen Literatur (Cicero
und Cäsar kennen nur die volle Form) und ihrem Vorkommen in
der vulgären (Vitruv, Petron), daraus hervor, daß sie in die roma-
nischen Sprachen überging. Franz. lame — Klinge, ital. lama.')
*) Die Formen consumpse, cesae, extinxem und produxe, die WölflFlin
hier anführt, fand ich bei Horaz nicht.
^) Sommer S. 639. Vgl. favitor bei Lucil und dem Verf. des Amphitruo-
prologs.
8) Gröber im Archiv 3, 275.
— 3 —
Auf die ältere Schreibweise uo, vo, quo statt uu, vu, quu will
ich nicht näher eingehen. Die erstere erhielt sich nach den In-
schriften bis ins erste Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung
hinein*) und die Handschriften geben wegen ihres Schwankens kein
klares Bild, Die Stellen aus Horaz sind gesammelt bei Fritzsche
zu s. 1, 1, 16 und 44.
Daß der Diphthong au im Volksmunde wie o gesprochen wurde,
ist längst festgestellt.^) Beweis sind nicht nur die romanischen
Sprachen, auch unsere Handschriften weisen und zwar charakteri-
stischerweise besonders bei archaischen und vulgären Schriftstellern
die vulgäre Form auf.
Sat. 2, 4, 15 schreibt Hoider, indem er die durch nachträgliche
Korrektur entstellte Lesart von vier Blandin. Handschriften wieder-
herstellt und sich auf das Zeugnis des Acro (cole, hoc est caule)
beruft: cole. Die Vulgärform (nach Georges noch bei Cato de a. c.
Varro de r. r. und Celsus) paßt jedenfalls im Munde des seine Kiichen-
rezepte vortragenden Catius. An den übrigen Stellen (s. 1, 3, 116.
2, 2, 62. 3, 125) bieten die Handschriften übereinstimmend caulis.
Nur in den Satiren finden wir ferner: plostrum: 1, 6, 42
(die urbane Form: c. 3, 24, 10; ep. 2, 2, 74. ars p. 276) und plo-
stellum: 2, 3, 247. Diese Formen kennen nur Cato de a. c. Varro
de r. r. der auctor belli Afric. Colum und Inschriften. Sie scheinen
erst spät endgültig die Oberhand gewonnen zu haben. So berichtet
Sueton als etwas Bemerkenswertes, daß Vespasian plostra für plaustra
gesprochen habe (Vesp. c. 22).
In der ars p. 154 fand schon Acro in seinen Handschriften
sowohl plosoris wie plausoris vor. Letzteres ist in den meisten
Handschriften erst durch nachträgliche Korrektur in den Text gesetzt.
Plausor lesen wir ep. 2, 2, 130 in allen Handschriften. Ich glaube
aber nicht, daß der Dichter in demselben Buche ohne ersichtlichen
Grund einmal die vulgäre und eimal die urbane Form angewendet
haben soll. Die Herausgeber haben denn auch die Nebenform (für
die Georges Beispiele bloß aus Sidonius beibringt) zum Teil verworfen.
Ich habe das Wort hier angefügt, um nicht Zusammengehöriges
zu trennen. Hieher gehört auch das nur in Satiren und Episteln
vorkommende so des, worüber unten die Rede sein wird.
1) Sommer S. 81 ; Niedermann S. 27.
*) Köhler S. 5; Sommer S. 91; Niedermann S. 31.
- 4 —
Die alte Form divus*) statt deus treffen wir in den Satiren
4 mal (deus 23 mal): divum (Gen.): 1, 3, 117. divos: 2, 3, 176. 206.
4, 88; in den Episteln zweimal: divus: ars p. 114. divos: ib. 83 (deus
19 mal); in den Oden 19 mal (deus 65 mal): (sub divum: 1,18,13. sub
divo: 2, 3, 23. 3, 2, 5). divus: 3, 5, 2. diva: 1, 3, 1. 35, 1. 3, 22, 4.
26, 9. c. s. 17. dive: 4, 6, 1. divi: 4, 2, 38. divum: 1, 2, 25. divüm:
4, 6, 22. divis: 1, 9, 9. 3, 3, 18. 14, 6. 4, 2, 51. 5, 1. divos: 2, 8, 11.
16, 1. 3, 4, 47. 4, 14, 34. In den Epoden fehlt die Form (deus und
dea achtmal), das Verhältnis zwischen divus und deus ist demnach in
den Oden wie 1:4, in den Satiren 1 : 5,75, in den Episteln 1:9,5;
divus war eben in den Oden am Platze wegen seines altertümlich-
feierlichen Charakters, den es schon im Altlatein besaß. Es steht
bei Plautus nur an sieben Stellen, denen über 400 mit deus gegen-
überstehen, in den Fragmenten der Annalen des Ennius dagegen
allein schon siebenmal. Sehr häufig ist es bei Lukr. und Verg.,^)
ebenso selten dagegen mit Ausnahme der Redensart sub divo = sub
Jove (Hör. c. 1, 1, 25) und des Kaisertitels in der Prosa, so bei
Cicero, wenn man absieht von dem archaischen Gesetzesstil (leg. 2, 19
bis. 20 bis. 21 bis. 22 bis), nur an einer einzigen Stelle: nat. deor.
1, 63, wo er Worte des Protagoras lateinisch wiedergibt.
Eine jüngere, aber noch archaische, durch Schwund des v ent-
standene Nebenform von divus ist dius, das Horaz adjektivisch ge-
braucht sat. 1 , 2 , 32 : sententia dia Catonis. Ich las es öfters bei
Ennius (ann. 18: pulcherriraa dium, 22: dia dearum, 56: Ilia dia,
115: Romule die), bei Lucilius (1316: Valeri sententia dia — das
Vorbild unserer Stelle), Lucretius (1, 22: dias oras), Vergil und Ovid,
in Prosa dagegen einzig bei Varro 1. 1. 7, 43: Casmillus dius ad-
minister. Außerdem kommt die Form vor in der bekannten, der Um-
gangssprache entnommenen Beteuerungsformel medius fidius. Hier
hat wahrscheinlich der Gleichklang die alte Form erhalten.
Duell um, die altertümliche, durch mißverstandene gelehrte
Etymologie ins Romanische^) übertragene Nebenform für bellum,
findet sich bei unserem Dichter dreimal in den Oden: 3, 5, 38. 14, 18.
4, 15, 8. bellum 19 mal, dreimal in den Episteln: 1, 2, 7. 2, 1, 254.
2, 98. bellum: 16 mal. In den Satiren herrscht die gebräuchliche
1) Sommer S. 45. ») Wotke S. 132.
3) Monographie von Ludwig Lange 'Leipziger üniversitätsprogamm 1878).
— 5 —
Wortform (9 mal). Über den Horazischen Gebrauch des Wortes
bemerkt Kießling zu ep. 1, 2, 7: ,Die archaische, von Vergil (soll
heißen Lukrez) wieder aufgebrachte Wortform für hello gibt dem
Ausdruck ein feierliches Gepräge, wie es sich ziemt, wenn vom Stoff
des heroischen Epos die Rede ist* und zu ep. 2, 2, 98: „duellum
bezeichnet hier ... so recht eigentlich den Zweikampf. Passend
wird das Wort c. 3, 5, 38 dem Regulus in den Mund gelegt. Vom
Marserkrieg wird es c. 3, 14, 18, vom Bürgerkrieg ep. 2, 1, 154 und
c. 4, 15, 8 gebraucht.
In dem Suffix dum hat sich der zwischen c und 1 auftretende
Gleitlaut zum Vokal u entfaltet.^)» Daß aber die Volkssprache zu den
alten, kürzeren Formen neigte, zeigen die romanischen Sprachen.*)
Die Dichter machten sich dieses Schwanken zunutze, indem sie je
nach der Versstelle die älteren oder jüngeren Formen anwandten,
periclum: sat. 1, 2, 40. 2, 7, 73. 8, 57 und in dem Scherzgedicht
c. 3, 20, 1. Die ungekürzte Form steht epod. 1, 3 (im sechsten Fuß
des iam. Senars), c. 2, 12, 7. 3, 25, 18, endlich ep. 1, 18, 83. 2, 1, 136
(im fünften Fuß).
Periclum bei Plaut., Ter., Lucil., frgm. trag, und com. und
vielen anderen Dichtern,') doch anscheinend nirgends in Prosa, hat
Horaz sat. 1, 2, 40. 2, 7, 73. 8, 57 und in dem Scherzgedicht c. 3, 20, 1.
Die ungekürzte Form steht epod. 1, 2 (im sechsten Fuß des iamb.
Senars), c. 2, 12, 7. 3, 25, 18, endlich ep. 1, 18, 83. 2, 1, 136 (im
fünften Fuß). Vinclum wendet Horaz an: epod. 9, 9. 17, 72. ep.
1, 7, 67. Vinculum: s. 1, 8, 50 (erster Fuß). 2, 3, 71. 7, 84 (fünfter
Fuß), c. 4, 7, 28. Nur in den vollen Formen erscheinen poculum
(sechsmal in den Satiren, je dreimal im ersten und fünften Fuß,
sechsmal in den Oden, viermal in den Epoden), piaculum (c. 1, 28, 34.
ep. 1, 1, 36: fünfter Fuß), ferculum (s. 2, 6, 104: fünfter Fuß), von
der Konsonantenverbindung bl.: venabulum (ep. 1. 6, 58: fünfter
Fuß), vocabulum (sat. 2, 3, 280. ep. 2, 2, 116: fünfter Fuß, ars
p. 71: vierter Fuß).
Genitiv auf i statt ii (Sommer S. 369; Neue 1, 134 ff.). Die
von Varro geforderte Doppelschreibung des i im Genitiv Sing, der
Substantiva auf ins und ium drang in der Prosa Ciceros und Cäsars
durch. Die Dichter bis Properz setzten auschließlich den einfachen
') Sommer S. 151.
») Gröber im Archiv 4, 431. ») Für Vergü: Wotke S. 137 f.
Vokal, so auch Horaz: epod. 1, 21: auxili. 17, 58: venefici. 17, 80:
desideri. sat. 1, 4, 138: oti. 2, 1, 80: negoti. 2, 3, 90. 226: patrimoni.
2,6,58: silenti. c. 1,2, 26: imperi. 1,6,12, 2. 18, 9: ingeni. 3,4,65:
consili. 4, 15, 14: imperi. ars p. 330: peculi.
Genitiv Plur. auf um satt orum (Sommer S. 379; Neue 1,
172 ff.). Der Gebrauch der alten Genitivendung beschränkte sich
zu Ciceros^) Zeit auf Worte der Verkehrs- und Kultsprache wie
nummum und deum. Horaz gestattet sich den Gebrauch der alter-
tümlichen Form nur bei dem Worte deus und hier nur sparsam,
deum: s. 2, 2, 104. 6, 65. c. 4, 5, 32. divum; sat. 1, 3, 117. carm.
4,6,22 und vielleicht: c. 1,2, 25: quem divum ... ? deorum: 16mal
in den Oden, dreimal in den Epoden, zweimal in den Satiren, drei-
mal in den Episteln, im Hexameter viermal im Versschluß (vgl.
Wotke S. 136).
Von der Form Diespiter für Juppiter sagt Varro 1. 1. 5, 66
mit Recht: Antiquius Jovis nomen. Daß sie schon früh aus der
Umgangssprache verschwand, zeigt Plautus, der sie nur dreimal
(Juppiter 86 mal) anwandte und zwar nur in Beteuerungs- und Ver-
wünschungsformeln. Zweimal bieten sie die Inschriften, dann taucht
sie erst bei Horaz wieder auf, der sie ihrem altertümlich-feierlichen
Charakter entsprechend nur in Oden der ernsten, feierlichen Gattung
verwendet: 1, 34, 5. 3, 2, 29.
Wie die Form Diespiter zu Juppiter, so verhält sich Mavors
zu Mars (Sommer S. 131). Letzteres gebraucht Plautus an neun
Stellen, ersteres ein einzigesmal (Mil. 1414) und zwar, wie ich glaube,
mit künstlerischer Absicht, um den Maulhelden Pyrgopolinices zu
charakterisieren, der trotz der erlittenen Demütigung gleich wieder
den Mund recht voll nimmt und die Urfehde schwört „per Jovem
et Mavortem" — seinem Patron. Außerdem bei Ennius ann. 108,
C. J. L. 1, 63. 808, Lukrez (1, 32) und anderen Dichtern für (Vergil:
Wotke S. 133), bei Horaz nur in der Ode an Censorin : c. 4, 8, 23
(Georges, L. d. 1. W. s. v.).
Als in das Kapitel veralteter Eigennamen einschlagend ziehe
ich hieher:
Graius für Graecus. Wir treffen diese Form nur in den Oden,
Epoden und Episteln an, nirgends in den Satiren (Graecus, ci : 7 mal).
^) Schmalz, Asin. PoUio S. 7.
— 7 —
epod. 10, 12 : Graia manus. c. 2, 4, 12 : fessis . . . Grais. 2, 16, 38 :
Graiae • Camenae. 4, 8, 4: fortium Graiorum. ep. 2, 1, 19: te Grais
anteferendo. 2, 2, 42: Grais • nocuisset. ars p. 323: Grais dedit . .
Musa loqui. Kießling bemerkt (im Anschluß an Döderlein) zu ep.
2, 1, 28: „Graii heißen Horaz die Griechen als das klassische Muster-
und Heldenvolk, z. B. stets in den Oden. Graeci dient in der Regel
zu ethnographischer Bezeichnung und hat alltäglicheren Klang:
daher allein in den Satiren." Ähnlich äußert sich Dillenburger zu
c. 2, 4, 12. Der Grund zu diesem unterschiedlichen Gebrauch liegt
darin, daß die Form Graius die altertümliche ist. Es gebrauchen
sie Ennius (ann. 2. 183. 358), Plautus (Men. 715), Naev. tr. 64,
Pacuv. 89. 105. 119. 364, Acc..364. 471, ine. ine. fab. trag. 41. 94,
Afran. 299. Es springt in die Augen, wie sehr die Verwendung des
Wortes in der Tragödie überwiegt. In Prosa bat sich die archaische
Form über die klassische Zeit hinaus nur erhalten in der geogra-
phischen Bezeichnung Alpes Graiae bei Mela, Plinius und Tacitus
(Georges s. v.).
Ein Archaismus ist die Form arbos für das spätere, durch
den Rhothazismus der Casus obliqui herbeigeführte arbor (Nieder-
mann S. 55). Die Dichter bewahrten die alte, auch inschriftlich
C. J. L. 4, 3187 a) gesicherte Form; so Lukrez. Vergil gebraucht
sie ausschließlich, Horaz einmal: c. 2, 13, 3, wozu Kießling bemerkt:
„Die archaische Form des Nominativs, um das (komische) Pathos
des Gedankens zu heben." Die andere Stelle, die Neue anführt,
c. 3, 4, 27 ist unsicher: es bieten sämtliche Handschriften die Form
arbor bis auf den Turicensis, dem Orelli und Kießling folgten. Es
ist hier allerdings leichter anzunehmen, daß die ungewöhnliche Form
in die gewöhnliche verändert wurde als umgekehrt.
Über die Akkusativendung is statt es kann ich mit
einigen Worten hinweggehen. Einmal ist es fraglich ob die ältere
Form auf is zur Zeit des Horaz ^) schon als Archaismus zu betrachten
ist, dann sind unsere Handschriften darin zu unzuverlässig, als daß
man Sicheres ermitteln könnte (Neue 1, 393). Über den Horazischen
Gebrauch dieser Formen hat Fritzsche gehandelt im ersten Exkurs
seiner Ausgabe der Satiren.
Daß das genus vieler Substantiva im Altlatein geschwankt
») Sommer S. 418.
— 8 —
hat, bezeugt Priscian (Neue 1, 998). Diese Anarchie mußte im
klassischen Latein der Gesetzmäßigkeit weichen, erhielt sich aber
fort in der Volkssprache. Aus dem Horazischen Sprachgebrauch
gehört hieher finis — gen. femin. (Neue 1, 1002); epod. 17, 36:
quae finis . . me manet? Man erklärt hier quae als ein Zugeständnis
an den Wohlklang, den die drei i gestört hätten. Ein solcher Grund
fehlt an der zweiten Stelle c. 2, 18, 30: rapacis Orci fine destinata.
Beispiele für den Gebrauch von finis als Femin. führt Nonius
S. 205 , 8 M an aus Accius, Coelius Antipater, Cassius Hemina, Si-
senna, Varro, Lukrez. Cicero weist dieses archaisch-vulgäre Feminin
nur einmal in den archaisierenden leges auf: 2, 55. Das Vorkommen
desselben bei Varro 1. 1. 5, 1, 13. 9, 28, 36, bei Cic. ep. fara. 12, 1, 1,
Atticus bei Cic. ep. ad Att. 9, 10, 4, Asinius PoUio^) ep. fam. 10, 32, 4
beweist, daß die Umgangssprache sich nicht an die klassische Regel >
band. Von prex (Neue 1, 709) gebraucht Horaz nur den Ablativ:
epod. 17, 43. sat. 2, 6, 13. c. 1, 2, 26. 21, 16. 35, 5. 3, 27, 11. 4. 5,33.
ep. 1, 9, 2. 13, 18. 14, 14. 2, 1, 135. 2, 173. ars p. 395. Der Sin-
gular gehört dem sermo priscus und familiaris an. Im Altlatein
lesen wir ihn bei Plautus (Capt. 244), Terenz (Andr. 601. Phorm.
547), Cato fr. 46, 10 Jord., dann beim auctor ad Her. 3, 3, 4. Auf
dessen Einwirkung geht auch wohl der Singular bei Cic. de inv. 1, 22
zurück. In den Reden kennt Cicero nur den Plural (44 mal), des-
gleichen in den philosophischen Schriften (zweimal). Ebenso hält es
Cäsar (zehnmal der Plural). Dagegen kommt der Singular wieder
in den Briefen ad Att. 11, 15, 2 zum Vorschein. Er behauptet sich
im Nachklassischen, wird noch in der Vulgata angetroffen (Thiel-
mann, Philol. 43, S 336), weshalb man ihn für volkstümlich an-
sehen darf.
Aus der fünften Deklination bietet carm. 3, 7, 4 ein Teil der
Handschriften die archaische Genitivform fide, die noch vor-
kommt bei Terenz Heaut. 1002, poet. trag. fr. bei Cicero de off. 3, 98
und Ovid.
Sat. 1, 3, 95 nahm Holder, dem sich Vollmer anschließt, unter
Berufung auf eine Glosse die alte Form des Dativs fide in den
Text auf, die Georges (Wortf. s. v.) nur aus Plautus und Terenz belegt.
Altertümlich sind auch die beiden folgenden Formen: pauperies
1) Schmalz S. 9.
— 9 —
sat. 1, 1, 93. 2, 2, 45. 3, 92. 5, 9. 7, 84. c. 1, 1, 18. 18, 5. 3, 2, 1.
16, 37. 24, 42. 29, 56. 4, 9, 49. ep. 1, 1, 46. 10, 39. 2, 2, 199; pau-
pertas, in den carm. einmal, in den Epoden viermal, fehlt in den
Satiren; es war metrisch unbequem. Wie die ie-Stämme überhaupt
im Aussterben begriflPen waren, so ist auch pauperies, nicht einmal
mit allen Kasusformen ausgestattet, im Kampf ums Dasein der
Wörter unterlegen. Es findet sich bei Ennius tr. 171, viermal bei
Plautus (paupertas zehnmal), mehrmals bei Terenz (Heaut. 96. 111.
Ad. 647), einmal (Aen. 6, 437) bei Vergil, fehlt aber beim auct. ad
Her., Varro de r. r., Nepos, Cicero, Sallust, Petron und jedenfalls
noch vielen anderen Autoren.^) Dagegen erscheint es wieder bei
Tacitus (h. 4, 47), Sueton (gramm. 11), Apulejus (met. 1, 15. 9, 35
und öfter) und in der Vulgata (prov. 6, 11).
Sat. 2, 2, 131 gebraucht Horaz die alte Nebenform nequities,
das von seinem besser ausgestatteten Nebenbuhler nequitia völlig
verdrängt wurde. Georges (Wortf.) führt für seinen Gebrauch nur
zwei Stellen aus Terenz (Heaut. 481. Ad. 358) an.
II. Adiectiva.
Die Schreibung u für den zwischen i und u schwankenden
Vokal der Superlativendung inius*) möchte ich nicht als einen
Archaismus bezeichnen. leb begnüge mich daher die Stellen zu
nennen, bei denen ein Teil der Horazhandschriften die Form umus
aufweist. Proxumus: sat. 1, 5, 45. 9, 54; optumus: sat. 1, 3, 130. 132.
4, 105. 5, 27. c. 4, 5, 1 ; intumus: c. 1, 9, 21. Fritzsche scheint mir
viel zu weit zu gehen, wenn er zu sat. 1, 9, 54 bemerkt: „Brauchte
Horaz die ältere Form, um den hochtrabenden Ton des Unverschämten
zu kennzeichnen?"
Dis = dives hat Horaz an folgenden Stellen: ditis (gen. sing.)
epod. 2, 65. ditem: sat. 1, 7, 19. ditior: s. 1, 1, 40. 5, 91. 9, 51.
2, 7, 52. ditis (acc. pl.): c. 1, 7, 9. Daraus, daß dis vor allem in
den Satiren erscheint, in den Oden nur einmal,^) darf man vielleicht
folgern, daß diese Form mehr für das tenue als das grande dicendi
genus geeignet war und von dem Dichter in den Oden später ge-
^) Der betreffende Artikel bei Georges '' ist sehr stiefmütterlich behandelt.
*) Niedermann S. 19; Sommer S. 119.
8) Dives dagegen: c. 1, 10, 14. 31, 10. 2, 3, 21. 12, 21. 18, 10. 31. 3, 11, 6.
16, 23. 24, 2. 29, 13. 4, 7, 15. 8, 5. 27. 11, 23. 12, 24.
2
— 10 —
mieden wurde. Im Altlatein bei Plautus (Cure. 472. 475. 485) und
Terenz (Heaut. 409. Phorra. 653. Ad. 581), dann bei Verg., Ov., Tib.
In Prosa einmal bei Cäsar (ditissimus: b. G. 1, 2, 1), ferner bei Nepos
und Livius, nie bei Cicero (Neue 2, 71).
Die ältere, etymologisch richtige Form formonsus hat der
codex Monacensis sat. 1, 6, 31 bewahrt, während an den drei übrigen
Stellen s. 1, 3, 125. ars p. 4. c. 4, 13, 3 die Handschriften nur die
Lesart formosus aufweisen. Die Überlieferung ist wahrscheinlich
durch die Schuld der Abschreiber entstellt. So las Porphyrio bei
bei c. 4, 18, 3 formonsa. Die alte Form kommt ^) vor bei Lucil.,
Varro, Publ. Syr., Verg., Ov., Vitr., Sen., Juven., Mart., Apul., ist
also vielleicht vulgär. Vollmer hat durchweg die Lesart formosus.
Auf die Flüchtigkeit der Aussprache in der alltäglichen Rede
geht zurück die zusammengesetzte Form vemens für vehemens:
ep. 2, 2, 28. 120 (die volle Form: ep. 1, 13, 5). Vor Horaz bei Lukrez,
CatuU (50, 21), nirgends in klassischer Latinität, doch im Briefstil
Cic. fil. ep. fam. 16, 21, 1 und bei Cicero in seiner Aratübertragung
V. 54, später bei Vitruv. Vollmer liest stets vehemens.
Synkope. Vulgärer Natur ist die Synkope des i in caldus:
sat. 1, 3, 53: caldior est. Wir begegnen ihr bei Cato (de a. c. neun-
mal, caldissimus ib. 34, 1), Lucilius 268. 291, Varro.^) Nirgends in
klassischer Prosa, am häufigsten in Ausdrücken der Sprache des täg-
lichen Lebens wie caldum, calda.^) Petron hat die urbane Form
nur im Verse (fr. 45), in Prosa nur die vulgäre c. 65. 68: calda.
41 : calda potio. 66 : calduiu. mel. 67 : caldum meiere et frigidum
potare, was ein sprichwörtlicher Ausdruck gewesen zu sein scheint.
In der Volkssprache herrschte also die synkopierte Form und von
ihr ging sie in die romanischen Sprachen über: Spanisch calda,
italienisch und portugiesisch caldo (Gröber im Archiv 1, 540).
Soldus für solidus, nur in den Satiren: 1, 2, 113. 2, 5, 65.
Die volle Form: sat. 2, 1, 78. 3, 240. c. 1, 1, 20. 3, 3, 4. Die jeden-
falls vulgäre Synkope nach Georges' Wortformen noch auf Inschriften,
C. J. L. 1, 206, 114 und 115, bei Varro*) und Martial 4, 37, 4. Be-
kanntlich lautete auch der Name der von Konstantin eingeführten
^) Schönwert-Weymann im Archiv 5, 195.
*) Beispiele bei Müller S. 8.
^) Vgl. Cic. nat. d. 2, 25: aquam calidam.
*) Müller, a. a. 0.
— 11 —
Münze im Volksmunde soldus, woraus italienisch soldo wurde. Die
Neigung zum Auswerfen von kurzem i hatte schon im archaischen
Latein manche Wortformen verändert (siehe navita oben), die die
klassische Sprache annahm, da die langen Formen bereits veraltet
waren. Die Dichter griffen aber bisweilen wieder auf diese zurück.
Dazu gehört:
Stolidusfür stultus (fehlt bei Neue und Georges), ep.2, 1,184:
indocti stolidique et depugnare parati. Für den Gebrauch waren
hier wohl metrische Gründe entscheidend: stultique würde ebenfalls
in den Hexameter passen, allein der Dichter vermied den vierfachen
Spondeus. Stultus in den Satiren 12 mal, Episteln achtmal, Oden — .
Die archaische Form fand ich im alten Latein bei Ennius (ann.
109. 187. trag. 36), Plautus (Amph. 1028. Aul. 415. Bacch. 548.
945. 1088. Capt. 656. Epid. 421. Mil. 1024. Trin. 199), Caecilius
(8, 77), Terenz (Andr. 470. Heaut. 545). Von Späteren führte Lukrez
(1, 641. 1068) das Wort wieder in die Literatur ein; ihm folgte
Catull (17, 24) und Ovid. Cicero gebraucht es an einer einzigen
Stelle (top. 59) in übertragener Bedeutung ^= unwirksam, es fehlt
bei Cato, Varro de r. r. auct. ad Her. Caesar und Nepos. In Prosa
suchte es einzubürgern Sallust (bist. 3, 67, 12. 4, 35. 97) und fand
Nachahmer in Livius und Tacitus.
III. Fronomina.
Im pron. rel. qui und interrog. quis sind in der Beugung
Formen der o- und i-Deklination gemischt. Im Dativ und Ablativ
Plural hat die klassische Sprache die Form quibus als die allein-
berechtigte anerkannt. In der archaischen und vulgären Latinität
jedoch bestanden nebeneinander die Formen quis und quibus.^)
Erstere findet sich in der Komödie (PI. Amph. pr. 44. Most. 1040.
Ter. Andr. 630), bei Lucilius (5 mal), Lukrez (4 mal), Catull (5 mal),
Vergil (in der Aen. lOmaP)), bei Horaz an folgenden Stellen: dat.
pron. rel. sat. 1, 3, 96. 4, 72. 130. 5, 42. 9, 27. ablat. pron. rel.
epod. 11, 9. sat. 1, 1, 75. ablat. pron. interrog. sat. 2, 8, 18. Die volle
Form in den sat. 13 mal, epod. 4 mal, ep. 6 mal, carra. 7 mal. Schon
Wölff lin ^) wies auf das bedeutsame Fehlen der einsilbigen Form in den
1) Köhler S. 25; Neue 2, 469 ff.; Sommer S. 467 f.
*) Wotke, a. a. 0., S. 141. 3) Philol. 34, 146.
— 12 -
Oden hin. Es scheint aber, daß Horaz auch in den Satiren von' dem
Gebrauch derselben mehr und mehr zurückkam; während im ersten
Buch sich beide Formen die Wage halten (je sechs), stehen im
zweiten dem einen quis sieben quibus gegenüber. Die vulgäre Form
liest man auf Inschriften (Orell. 5863. C. J. L. 2, 2660), bei Cato
(de a. c. 68), Varro (1. 1. 17 mal, de r. r. 15 mal), im bell. Hisp. 23, 8,
bei Sali. (Cat. einmal, lug. 17 mal) und anderen. Caesar hat sie
durchaus, Cicero bis auf die Briefe (fam. 11, 16, 3. Att. 10, 11. 2. 3.
13, 22, 4) verschmäht. Daß sie noch im 6. Jahrhundert im Ge-
brauch war, bezeugt Priscian (13, 3, 13, p. 960 K): dativum et
ablativum nunc quoque tam per is quam per bus proferimus. Für
die silberne Latinität: Degel S. 27. Hier ist noch zu nennen die
Ablativform qui, die Horaz am häufigsten in den Satiren, nie in
den Oden verwendet: sat. 1, 1, 1: qui fit? sat. 1, 3, 128: qui? sat.
2, 2, 19: qui partum? sat. 2, 3, 108: qui discrepat? sat. 2, 3, 241:
qui sanior? sat. 2, 3, 260: qui distat? sat. 2, 3, 275: qui sanior?
sat. 2, 3, 311: qui ridiculus minus? sat. 2, 7, 96: qui peccas minus?
sat. 2, 7, 105: qui tu impunitior . . . captas? ep. 1, 6, 42: qui possum?
ep. 1, 16, 63: qui melior servo, qui liberior sit avarus? ep. 2, 2,90:
qui minus • vexat? ars p. 462: qui scis? Qui ist im alten Latein*)
häufig. Cäsar hat es nirgends, Cicero nicht selten und zwar meist
in Verbindung mit dem Verbum posse (34 mal in den Reden, 58 mal
in den philosophischen Schriften, mit anderen Verben 26 mal in den
Reden, 30 mal in den philosophischen Schriften) angewandt. Im
nachklassischen Latein wird es selten, ja est ist in der Kaiserzeit
schon im raschen Verschwinden begrifi'en.
Kontrahierte Formen. Die Schwäche des Hauchlautes h
führte oft dessen Schwund im Anlaut wie im Inlaut, besonders
zwischen zwei gleichen Vokalen herbei.^) Die bequeme Lässigkeit
des Gesprächstons zog dann die beiden Vokale in einen zusammen.
Diese verkürzten Formen fanden in der dem Tone des täglichen
Lebens nahestehenden Literatur Aufnahme.
Die Form mi für mihi hat Horaz neunmal in den Satiren
(1, 1, 101. 2, 57. 131. 3, 23. 4, 108. 116. 9, 50. 71. 2, 6, 27), einmal
in den Briefen: 1, 18, 112. Unter diesen zehn Stellen steht sie zwei-
M Holtze 1,394; Neue 2, 458; Schmalz, Hist. Synt., §272; Sommer S. 466.
2) Sommer S. 216, 441.
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mal (s. 1, 4, 116. 9, 71) in Arsis, einmal am Versende (s. 1, 4, 108),
sonst stets vor einem Vokal. Die unverkürzte Form in epod. sechs-
mal, sat. 63 mal, ep. 34 mal, carm. 27 mal. Das Fehlen in den Oden,
auf das Wölfflin^) bereits aufmerksam gemacht, hat also seinen
Grund nicht im Zufall, sondern in dem vulgären Gepräge der Form.
Aus dem überwiegenden Vorkommen im ersten Buch der Satiren
wird man schließen dürfen, daß Horaz mit zunehmender Sprach-
beherrschung auf den Gebrauch dieser Form mehr und mehr ver-
zichtete. Beispiele aus der alten Literatur hat Neue (2, 349) ge-
sammelt; demnach kommt mi massenhaft in der Komödie vor; ist
aber auch dem Epos und der Tragödie nicht fremd. Zu Ciceros
Zeit ist mi aus der höheren Prosa verbannt und findet eine Zuflucht
im Briefstil bei Cicero^) und seinen Korrespondenten,^) später noch
bei Petron c. 76 bis und 77 bis in der Rede Trimalchios.
Im Gegensatz zu mi nahm Horaz die zusammengezogene Form
nil für nihil in alle Gattungen seiner Dichtung auf, freilich am
häufigsten in den Satiren, am seltensten in den Oden. Das Ver-
hältnis zu nihil stellt sich in den sat. (nil 39 mal, nihil zehnmal)
wie 3,9 : 1, in epod. (nil dreimal, nihil einmal, wie 3:1, in epist.
(nil 24mal, nihil elfmal) wie 2,18:1, in carm. (nil elfmal, nihil
neunmal) wie 1,22 : 1.
Die Form (die bei Neue und Georges fehlt) ist in der Komödie
ungemein häufig. Ich will nur erwähnen, daß sie in den frgm. com.
nach dem Index von Ribbeck 14 mal (gegen zehn Beispiele von
nihil) vorkommt. Sie fehlt in den Reden Ciceros, in den Dialogen
geben sie die Handschriften nur an zwei Stellen (Tusc. 3, 66. 5, 111),
wo Kühner sie als im Widerspruch stehend mit dem sonstigen Ge-
brauch in den philosophischen Schriften beseitigte, während K. F. W.
Müller sie bestehen ließ. Die familiäre Färbung der kontrahierten
Form ergibt sich aus ihrem verhältnismäßig häufigen Auftreten in
den Briefen ad Atticum. Ich nenne nur: 11, 9, 2. 13, 24. 46, 6.
Dazu ep. fam. 3, 8, 5.
Das Gesagte triflFt auch zu auf nilum: sat. 1, 5, 67 (nihilum:
1) Philol. 34, 146.
*) In den ep. fam. achtmal, 20 mal in den Briefen ad Atticum, mit dem
er nach seinen Worten tamquam cum se ipso loquebatur.
3) Hellmuth z. Balb. S. 33; Burg z. Cael. S. 11; Schmalz z. Vatin. 33;
Opitz S. 4.
— 14 -
sat. siebenmal, ep. einmal), das wir vorfinden in der Komödie (z. B.
Caecil. 249), in Ciceros Briefen (ep. fani. 3, 12, 4. Att. 12, 28, 1),
doch nirgends in seinen Reden und philosophischen Schriften. Über
seinen Gebrauch bei den Dichtern siehe Lachmann zu Lucr. 1, 159.
IV. Adverbia.
Die nach Degel S. 23 schon zur Zeit Ciceros veraltende Form
dein = deinde hat Horaz sat. 1, 3, 101. 5, 97.
Vulgär scheint die bei Horaz sat. 1, 4, 131. 2, 7, 40 vorkom-
mende Form
Fortassis = fortasse. Vor Horaz hat sie gebraucht Plautus
(Bacch. 671), nach ihm Seneca rhet. und Apulejus (met. 5, 9).
Sat = satis,^) bei Horaz nur einmal c. 2, 19, 26: non sat
idoneus, gehört der Volks- und familiären Redeweise an. Daher ist
es häufig in der Komödie (bei Plaut. 17 mal, bei Ter. 14 mal; in
den frgm. com. neunmal gegen 19 satis). Cicero hat es in den
Reden nur pro S. Rose. 89 in der beliebten Verbindung sat bonus
(s. Landgraf zu der Stelle), in den philosophischen Schriften nur an
vier Stellen (in der Formel sat est und erat), denen weit über 100
mit satis gegenüberstehen, verhältnismäßig häufig dagegen in den
Briefen: fam. 7, 16, 1. 24, 2. Att. 6, 8, 5. 14, 10, 1. 15, 19, 1.
Von einigen Adjektiven der zweiten Deklination wird das Adverb
auch auf ter gebildet. Diese — archaischen — Bildungen erhielten
sich, wie Rebling (S. 14) gesehen hat, namentlich in der Volkssprache.
Eingehender handelte darüber Köhler S. 12 f. Aus Horaz ist hier
anzuführen :
Naviter: ep. 1, 1, 24: agendi naviter. Nach Neue (2, 725)
noch bei Ter., Sisenna, Cic. ep., Lucr., Liv., Colum., Sen. phil.. Gell.,
Apul. (neunmal in den met.) u. a.
Largiter: sat. 1, 4, 132. large: c. 1, 9, 6. Außerdem (Neue 2,
730) bei Plautus (fünfmal), Claud. Quadr., Laber., Lucr. (zweimal),
je einmal in Cic. ep. und bei Caes. b. G., ferner im bell. Afr. bei
Vitruv, Suet., Petron., Apul. (siebenmal), Lact., Dictys, auf Inschriften.
Li den Reden und philosophischen Schriften kennt Cicero nur die
Form large (achtmal). Die beiden Formen empfahlen sich im Hexa-
meter durch ihre daktylische Messung.
1) Neue 2, 595 f.
- 15 -
Daß die mit dem Suffix vorsum gebildeten Adverbia besonders
in der Volkssprache heimisch waren, hat Köhler (S. 15) mit dem
Hinweis auf ihr Fortleben auf romanischem Boden wahrscheinlich
gemacht. Horaz weist zwei solche auf: dextrorsum: sat. 2,3, 50.
sinistrorsum: sat. 2, 3, 50. epod. 9, 20. Diese treflFen wir sonst
bei Plaut., Acc, Caes., bell. Afr., Liv., Frontin, Lact., Paul, ex Festo,
in guter Prosa wie bei Cäsar und Livius nur in der Form auf us.
V. Konjunktionen. Q
Über die Form ast = at sagt Schmalz in seiner historischen
Syntax §241: „Die Form ist archaisch und vulgär und findet sich
bei Ennius, Plautus, Cic. de legg. und ad Att. oft bei Dichtern und
zwar den augusteischen wie den nachklassischen ..." Horaz nahm
sie nur in die Epoden und Satiren auf: epod. 15, 24: ast ego. sat.
1, 6, 125: ast ubi. sat. 1, 8, 6: ast importunas. Also stets vor Vo-
kalen. At in epod. 5 mal, sat. 41 mal, carm. 5 mal, ep. 9 mal.
Ni = nisi (Holtze 2, 377 fi*.; Hand, Turs. 4, 184 ff.) ist wohl
der familiären Rede zuzuweisen. Schmalz, a. a. 0., § 344 urteilt dar-
über wie folgt: ,Ni hat bei den Schriftstellern der alten und der
klassischen Zeit sich besonders in Formeln der juristischen und
sakralen Sprache erhalten, neben welchen dann noch Phrasen der
Umgangssprache . . . häufig angetroffen werden ; sonst wird ni bei
Cicero wenigstens selten gefunden, Cäsar verwendet es gar nicht.
Den Dichtern war ni eine bequeme Formel, daher verwenden sie es
gerne." Bei Horaz in allen Gattungen seiner Poesie und zwar in
den epod. einmal (1, 8. nisi einmal), in den satt, zehnmal (1, 1, 44.
2, 95. 5, 59. 9, 37. 47. 2, 3, 85. 151. 153. 7, 118. 8, 60. nisi
20 mal), in carm. einmal (4, 6, 21. nisi siebenmal, si non dreimal),
in epp. dreimal (1, 2, 34. 2, 1, 133. 2, 54. nisi 15 mal). Über das
häufige Vorkommen von ni im Briefstil Süpfle-Böckel zu Cic. ep.
fam. 2, 6, 5.
Apokope von e (Hand, Turs, 4, 90 f.). Die Enklitika ne
verlor vielfach vor vokalisch und selbst vor konsonantisch beginnen-
den Wörtern ihren Vokal. Dieser Gebrauch war der Volkssprache
eigentümlich; er findet sich daher überaus häufig in der Komödie
(Holtze 2, 256 fi".). Cicero steckte ihm in den Reden und philosophi-
schen Schriften enge Grenzen und beschränkte ihn auf einige wenige
Formeln wie ain tu? ain tandem? ain vero? satin est hoc? (Kühner
— 16 —
z. Tusc. 5, 35). Horaz gestattete sich diese Freiheit der Umgangs-
sprache nur in den Satiren, sat. 1, 1, 108: nemon ut avarus (un-
sichere Lesart), sat. 1, 9, 69: vin tu . . .? Vgl. Plaut. Amph. 779:
vin proferri pateram? sat. 2, 3, 128: tun sanus? Vgl. Plautus
Amph. 361: tun postulas? sat. 2, 3, 152: men vivo? PI. Bacch. 783:
men criminatust? sat. 2, 4, 83: ten . . . rädere? PI. Asin. 697: ten
complectatur? 2, 7, 34: nemon oleum fert? Ter. Phorm. 152: ne-
mon • prodit?
VI. Verba.
1. Genus. (Neue, 3. Bd., Georges, Wortf.) Auf das ursprüng-
liche Vorhandensein einer aktiven Form neben der deponentialen
geht der passive Gebrauch des Part. Perf. von Deponentia zurück,
der in der vor- und nachklassischen Literatur vorzugsweise bestand
und wohl der Volkssprache angehörte (vgl. Schmalz, Hist. Syntax,
§ 174). Es scheinen namentlich Ausdrücke der sakralen, juristischen
und militärischen Sprache gewesen zu sein, die in die Literatur ein-
drangen. Aus Horaz ist folgendes anzuführen :
Abominatus: epod. 16, 8: parentibusque a. Hannibal, abo-
minaretur pass. Varro b. Prise. 9, 16, das pass. Part, bei Plin. mai.,
abominare auf einer neapolitanischen Inschrift und in der Itala.
Vereinzelt ist: inominatus: epod. 16, 38: i. • cubilia. Recte ominas
sagt Pompon. 36. auspicatus: c. 3, 6, 10: non auspicatos • irapetus;
in übertragener Bedeutung wie hier nur im silbernen Latein, au-
spicare in der alten Literatur nicht selten, dedestatus: c. 1, 1, 25:
bellaque matribus detestata. Ebenso beim Juristen Gaius. Bei Cic.
leg. 2, 28 schwanken die Handschriften, detestari pass. bei Apul.
und Augustin, detestare: Ammian und Greg, von Tours, inter-
minatus: epod. 5, 39. i. . . . cibo. Nur noch bei den Juristen
(Neue 3, 63). metatus: s. 2, 2, 114: m. in agello. c. 2, 15, 15:
m. . . porticus. Scheint der Soldatensprache anzugehören; noch bei
Hirtius und Livius (castra m.) und Ammian (vallum). Nur beiläufig
sei erwähnt: immetatus: c. 3, 24, 12, das sonst in der Latinität
anscheinend nicht nachzuweisen ist und möglicherweise nach Ana-
logie von immensus neugebildet, modulatus: c. 1, 32, 5: Lesbio •
modulate civi (barbite). Die Form modulo bezeugt Priscian 8, 29.
Das Part, mit pass. Sinn gebrauchen Varro, Ov., Manil., Plin. mai.,
Quintil., Suet., Fronto, Gell. (Neue 3, 64). immodulatus ars p. 263
a^^rvp.-*»;;*
— 17 —
ist singulär. Das der Juristensprache entlehnte p actus (c, 3, 3, 22 :
mercede pacta) ist auch dem klassischen Latein nicht fremd gewesen.
Dasselbe gilt von populatus (c. 3, 5, 24: arva . . populata), das
wohl dem sermo castrensis entnommen war. vßiTeratus: sat. 2,
2, 124: venerata Ceres (sc. est). Der passivische Q^ rauch noch bei
Verg., Apul., Amra., Ambros., Augustin, Greg. Tur., Ven. Fort. Ohne
Beispiel ist sat. 1, 9, 36: respondere vadato, das von der Mehrzahl
der Herausgeber als pass. ablat. absol. gefaßt wird wie auspicato,
intestato, da respondere in der juristischen Sprache nirgends mit
dem Dativ verbunden erscheint.
Das Part. Perf. Pass. in aktiver Bedeutung erhielt sich, von
juristisch-staatsrechtlichen Formeln wie iuratus, coniuiatus abgesehen,
nur in den Ausdrücken des Essens und Trinkens, die naturgemäß
vor allem in der Sprache des täglichen Lebens eine Rolle spielten,
doch auch von der klassischen Sprache größtenteils aufgenommen
wurden (Schmalz, Hist. Syntax, § 193). Dazu gehören: cenatus:
s. 1, 10, 61 (Neue 3, 113). pransus: s. 1, 5, 25. 6, 127. ars p. 340
(Neue 3, 114). impransus — nüchtern (fehlt bei Neue), sat. 2,
2, 7: hie impransi mecum disquirite! sat. 2, 3, 257: impransi cor-
reptus voce magistri, als Gegensatz zu potus. ep. 1, 15, 29: impransus
non qui • dinosceret. In der Komödie häufig (Plaut. Amph. 254. 952.
Pers. pr. 10. Rud. 144. Stich. 533), fehlt dieses Partizip in der
ganzen klassischen Latinität, die nur siccus und ieiunus kennt.
Siccus so: s. 2, 2, 14. 3, 281. carm. 1, 18, 3. 4, 5, 39. ep. 1, 17, 12.
potus (Neue 3, 114) — betrunken, sat. 1, 3, 90: comminxit lectura
potus. sat. 1,4, 88; post hunc quoque potus (aspergit). sat. 2, 3, 255:
potus ut ille dicitur . . . carpsisse. ep. 1, 19, 7: Ennius nunquam
nisi potus ad arma prosiluit dicenda. ep. 2, 2, 215: ne potum . .
rideat . . lasciva • aetas. ars p. 224: spectator . . . potus et exlex.
In den Oden nur in dem Schmähgedicht: 4, 13, 5: pota Cupidi-
nem • sollicitas. Potus, als geläufig von Varro bei Gellius 2, 25, 7
bezeugt, gehörte der vulgären Sprache an. Wir finden es, beidemal
mit der vulgären Steigerung bene potus, schon im Altlatein bei
Plautus (Paras. pig. frgm. 1) und Lucilius 1070.^) Cicero hat es
nur an zwei Stellen: pro Mil. 56 (pransi poti • ducis) verächtlich
von Clodius gesagt, und ep. fam. 7, 22 (bene potus — schön be-
1) Fehlt bei Neue.
— 18 —
zecht). Das urbane und deshalb auch allein übertragen gebrauchte
Wort war ebrius (s. 1, 4, 51. 2, 3, 60. carm. 1, 37, 12), Offenbar
zur Vermeidung des vulgären potus hat Horaz in den Oden uvidus
gebraucht: 2, 19, 18. 4, 5, 39.
Placitum est = placuit (Neue 3, 116) gehörte der altertüm-
lichen und familiären Rede an; es erscheint daher in der Komödie
(Plaut. Amph. 635: ita d<iv)is placitum. Ter. Hec. pr. 2, 13. 241)
und im Briefstil bei Ciceros Korrespondenten Cael. (ep. fam. 8, 4, 4),
Brutus (ib. 11, 1, 2. 6), Pompeius (Att. 8, 12 a, 4), ferner beim auct.
ad Her. 2, 1, 19 und Sallust lug. 81, 1. Cicero ließ es zu nur in
den Erstlingsreden (Verr. 4, 1) und in der an Archaismen reichen
Schrift de rep. 1, 18. Sonst hat er es geflissentlich gemieden, wie
Cäsar und Nepos. Formen des aktivischen Perfekts in den Reden
24 mal, in den philosophischen Schriften 23 mal, bei Cäsar viermal.
Von den Späteren hat namentlich Tacitus die passive Form (einmal
in den Historien, 18 mal in den Annalen) geliebt, wohl als Archais-
mus. Vgl. Donat zu Ter. Andr. 443: veteres et placitum et puditum
dicebant, quae nos placuit, puduit. Horaz wandte die familiäre Form
nur an in dem, wie es scheint, formelhaften Ausdruck sie placitum
est. Vgl. die oben angeführte Plautusstelle. sat. 2, 6, 22: sie dis
placitum. c. 2, 17, 16: sie • Justitiae placitumque Parcis.
2. Konjugation. Lavere fürlavare. Die Formen von lavo
nach der sogenannten dritten Konjugation mit Ausnahme des Perf.
und Part. Perf. erscheinen vor Horaz in Prosa einzig bei Cato und
Sallust, waren aber häufig in der archaischen Poesie (Stellen bei
Neue 3, 258). Dieser folgten die späteren Dichter, darunter auch
Horaz, der die altertümlichen Formen — abgesehen vom Partizip
(lavantes: s. 1, 4. 75), Supin (lavatum: s. 1, 3, 137. 6, 125) und Passiv
(lavemur: ep. 1, 6, 61) — ausschließlich anwendet: epod. 17, 51:
lävit. Dazu bemerkt Porphyrie: „lavit" secundum veterem declina-
tionem praeseuti tempore dicitur. sat. 1, 5, 24: lävimus. carm. 2, 3, 18.
3, 4, 61. 12, 7: lävit. carm. 3, 12, 2: lavere. 4, 6, 26: lavis.
Ein zweifelloser Archaismus (Sommer S. 632) ist der Gebrauch
des Infinitivs Pass. auf ier in der Zeit des Horaz. Cicero ver-
wendet die altertümliche Form nur in einer juristischen Formel,
dagegen unbedenklich in den Aratea: 33. 80. 226. 269 und damit
stimmt auch der Gebrauch bei den Dichtern Lukrez (49 mal, Stadler
S. 8), Vergil (Aen. fünfmal, Wotke S. 145), CatuU (viermal) überein.
— 19 —
Die Prosaiker Gellius, Arnobius und Martianus Capella haben diese
Infinitivform jedenfalls aus ihren Quellen herübergenommen. Ich
kann daher Wölfflin nicht beistimmen, wenn er (Philol. 34, S. 146)
sagt: „Dagegen ist es strenggenommen ein Verstoß, daß c. 4, 11, 8
der Infinitiv spargier zugelassen ist, während sich die übrigen acht
Beispiele des Infinitivs auf ier richtig auf die Satiren und Episteln
verteilen." Es sind: sat. 1, 2, 35: laudarier. sat. 1, 2, 78: seetarier.*)
sat. 1, 2, 104: avellier. sat. 2, 3, 24: mercarier. sat. 2, 8, 67: tor-
querier. ep. 2, 1, 94: labier. ep. 2, 2, 148: faterier. ep. 2, 2, 151:
curarier.
Die Optativformen des Präsens und des sigmatischen Aorists
auf im gehörten ~ abgesehen von sim, velim, nolim, malim — der
alten Sprache an, wurden vom Hochlatein vermieden, erhielten sich
aber zum Teil in der Volkssprache.
Edim = edam (Neue 3, 309 f.): sat. 2, 8, 90: quam si . . quis
edit. epod. 3, 3: edit • alium. Dazu bemerkt Kießling: ,Die alte, in
der Umgangssprache allein gebräuchliche Konjunktivform = edat."
Sie findet sich in der Komödie bei Plaut., Caecil., Pompon., in Prosa
bei Cato de a. c, Varro, Cicero (nur ep. fam. 9, 20, 3), Plin. mai.,
Gellius.
Ausim = ausus sim (Neue 3, 518 f., Sommer S. 624): sat.
1, 10, 48: neque . . detrahere ausim. Die alte Form haben Plaut.
Ter. Acc. Lucr. und andere Dichter; in Prosa bei auct. ad Her., Liv.,
Colum., den beiden Plin., Tac.,^) Fronto, Min. Fei., Aram. und den
Juristen. Im klassischen Latein sehr selten: bei Cicero nur einmal
(Brut. 18), wogegen Neue für ausus sim, sis u. s. w. mehr wie zehn
Stellen aus ihm beibringt.
Faxim = fecerim (Neue 3, 512 f.): sat. 2, 3, 38: cave faxis.
Worte des Stertinius. sat. 2, 6, 5: ut propria haec mihi munera
faxis, bittet Horaz den Merkur. Die archaische Form, in der
Komödie sehr häufig, erhielt sich in Gesetzes- und Gebetsformeln
(Süpfle-Böckel zu Cic. ep. fam. 14, 3, 3) und in Ausdrücken der
Umgangssprache wie oben cave faxis.
3. Kontraktion. Sat. 1, 9, 56. 2, 1, 17: dero. sat. 2, 2, 98:
der it. ep. 1,12, 24: dest.^) Die Zusammenziehung — ein Zugeständnis
^) Vollmer: sectari matronas.
*) Degel S. 27.
8) Vollmer schreibt stets ee.
- 20 —
an die bequeme Aussprache im täglichen Leben — trefiPen wir (nach
Georges, Wortf.) noch bei Lucr., Catull., Verg. und Val. FL, in Prosa
außer bei Sen., Suet., Tac. noch bei Caelius (bei Cic. ep. fam. 8, 3, 1.
Dazu: Burg, De Caelii genere dicendi. Dissertation. Freiburg 1888,
S. 17). Freilich geben uns die Handschriften sicher kein richtiges
Bild von der Ausdehnung dieses Gebrauches, allein für unseren Zweck
genügt der Hinweis, daß die Volkstümlichkeit desselben (nach Georges)
durch Inschriften wie Orelli 4859 erwiesen wird. In den Oden fehlen
wohl zufallig Formen, bei denen zwei e zusammentreffen.
Prendere = prehendere. Diese Verkürzung war in der
Volkssprache die Regel und lebt noch in den romanischen Sprachen^)
fort, doch hat sich, wenn wir den Handschriften Glauben schenken
dürfen, auch die klassische Sprache ihr nicht verschlossen.
Deprendi: s. 1, 2, 134. deprenderis: s. 2, 7, 43. deprensa: s. 1,
2, 131. deprensi: s. 1, 4, 114. reprensis: s. 1, 10, 55. prensus: c. 2,
16, 2. reprendes: ep. 1, 18, 39. Von deprehendo kommen bei Horaz
nur die verkürzten Formen vor; in den Oden findet sich das Verb
nur an der angeführten Stelle.
Hier will ich noch anfügen: copertus = coopertus: sat
2, 1, 68. Die römische Umgangssprache zog den Doppelvokal in
der Aussprache zu einem langen zusammen, ganz wie unsere in der
Aussprache von „Kooperator". Copertus finden wir bei Cato frgm.
Jord. 89, 23, coperiant bei Lucr. 6, 491, dagegen coopertus bei Cic.
Phil. 12, 15 und frgm. A. 6, 1; hinwiederum coptari bei Cic. ep. fam.
3, 10, 9, coptato in der lex Jul. mun. 106. (Vollmer schreibt: coopertus.)
Die im Perf. und Plusqu. bei der Lautgruppe sis eintretende
Haplologie (Sommer S. 617) findet sich nach Neue III, 500 besonders
bei den alten Dramatikern, bei Lucil., Varro, Lucr. und Catull, seltener
bei Verg.,^) Prop., Sil., Mart., Auson und späteren Dichtern, einige
Formen selbst bei Cicero (decesse ep. fam. 7, 1, 2. praetermisse ib. 6),
ist also wohl der alten und der Umgangssprache eigen.') Horaz
bietet folgende Beispiele: sat. 1, 5, 79: erepsemus. sat. 1, 9, 73: sur-
rexe (produxe: Ter. Varro). sat. 2, 3, 169: divisse. sat. 2, 3, 273:
percusti. sat. 2, 7, 68: evasti (invasse: Lucil. 57). Auf das aus-
schließliche Vorkommen dieser Verkürzung in den Satiren hat bereits
1) Körting s. v. 2) Wotke S. 146.
3) So Süpfle-Böckel zu ep. fam. 7, 1, 2.
- 21 -
Wölfflin im Philol. 34, 146 hingewiesen. Es läßt einen Rückschluß
auf die Volkstümlichkeit der Formen zu. Nicht anders ist es mit
der Ausstoßung von ve im verbum movere: sat. 2, 1, 45: commorit.
sat. 2, 1, 71: remorant. epod. 11, 14: promorat. Ebenso bei Ter.,
Lucr. und anderen Dichtern, In Prosa bei Varro (r. r. 3, 16, 32),
Caelius (ep. fam. 8, 15, 1), Cicero (Quint. fr. 2, 1, 1). Dagegen ist
die Ausstoßung von vi sat. 1, 9, 48: submosses^) auch Ciceros Reden
nicht fremd (fünf Beispiele bei Neue 3, 492).
Altertümlich und vielleicht vulgär ist die Zusammen zieh ung
von surripere und surpere : sat. 2, 3, 283: surpite. carra. 4, 13, 20:
surpuerat. Beispiele nur bei Plautus (Capt. 760, Brix-Niem.) und
Lucret. 2, 314.
Der Vollständigkeit halbö?" führe ich noch an epod. 6, 9: com-
plesti und füge die Nebenformen von edere hinzu, est: s. 2, 2, 57.
ep. 1, 2, 39. esset: s. 2, 6, 89.
Hier möge auch gleich Platz finden die Synkope des i im
Partizip positus: epod. 9, 1: repostum, epod. 2, 65: postoque (Keller
mit cd. R.). Daß die Dichter aus metrischen Gründen diese Form
der familiären Redeweise entnahmen, bemerkt ProU unter Anführung
zahlreicher Beispiele. Formen aus den romanischen Sprachen, die
auf diese Synkope zurückgehen, bringt Gröber im Archiv 4, 448.
In den Oden, Satiren und Epoden, wo die zwei Kürzen gut
ins Metrum passen, gebraucht Horaz stets die vollen Formen.
Partizip. Den gen. plur. auf um statt ium (Sommer S. 416;
Neue 2, 139 ff.; Weise § 82) finden wir bei den Dichtern Enn., Plaut.,
Pacuv., Caecil., Lucil., Turpil., (nicht bei Ter.), Acc, Varro sat. Men.,
Catull, Mart. u. a. aus metrischen Gründen angewandt. Es scheint,
daß sie die Form aus der Volkssprache schöpften; denn sie kommt
auch in Prosa bei Nepos, Sen. Tac. u. a. vor und war jedenfalls
noch vorhanden zur Zeit des Servius, der (zur Aen. 11, 886) fürs
Maskulinum und Femininum die Form auf um für zulässig, fürs
Neutrum jedoch die auf ium für alleinberechtigt erklärt.
Horaz bietet für die kürzere Form fünf Beispiele : sat. 2, 3, 296 :
sapientum. c. 1, 10, 2: recentum. c. 3, 5, 53: clientum. c. 3, 18, 1:
fugientum. c. 3, 27, 10: imminentum *) (nur Maskulinum u. Femininum);
^) Dagegen c. 3, 5, 43: removisse. *) Vollmer: imminentium.
— 22 —
für die regelmäßige acht: epod. 2,11: mugientium. epod. 17, 4:
valentium (Neutrum), c. 3, 16, 22: cupientium. c. 3, 21, 14: sapien-
tium. c. 3, 24, 46: faventium. c. 3, 25, 15: valentium. c. 4, 8, 26:
potentium. c. 4, 9, 42: nocentium.
Zum Schlüsse dieses Kapitels möchte ich noch erwähnen die
Form gnatus = natus, die bekanntlich die ursprüngliche und
altertümliche ist. Horaz hat sie nur in den Satiren, gnatus = filius:
sat. 1, 2, 21. 3, 43. 2, 3, 203. 304. 5, 31. gnata = fiha: sat. 2, 3,
215. 219. gnati = liberi: sat. 1, 1, 83. 2, 2, 115. 5, 28. Daraus
geht hervor, daß Horaz ebenso wie Terenz (Andr. arg. 5 Sp.) die
alte Form nur substantivisch gebraucht. Es scheint, daß dieselbe
in der Umgangssprache zur Zeit des Horaz noch in Geltung war;
denn wie er sie in den Satiren meist ohne metrischen Zwang (1, 2, 21.
3, 43 u. ö.) anwendet, so vermeidet er sie in den Oden (in den Episteln
ist das Partizip nie Substantiv) mit Bedacht: an den beiden Stellen,
wo nati für liberi steht, 1, 28, 31. 4, 4, 55, hätte die Form gnati
ebensogut ins Versmaß gepaßt.
23 —
III. Kapitel.
Syntax.
A. Von den Teilen des Satzes.
I. Subjekt und Prädikat.
Über den abundanten Gebrauch des pronomen perso-
nale sagt Schmalz in seiner lateinischen Syntax § 13: „In der Um-
gangssprache werden die Snbjektswörter ego, tu, nos, vos oft zum
verbum finitum gesetzt, wo sie entbehrlich erscheinen." Auch Horaz
machte, zum Teil wohl durch metrische Rücksichten veranlaßt, von
dieser Freiheit der Umgangssprache Gebrauch.
Ego: sat. 1, 6, 122: ad quartam iaceo; post hanc vagor aut
ego . . . ungor. ars p. 42: ordinis haec virtus erit aut ego fallor.
Beidemal metrisch an gleicher Stelle. Die übrigen Beispiele sind:
epod. 17, 74. sat. 1, 1, 103. 2, 69. 4, 137. 5, 7. 44. 6, 58. 9, 76.
10, 48. 87. 2, 3, 33. 62. 87. 6, 60. ep. 1, 1, 27. 5, 21. 9, 10. 19, 45.
2, 1, 250. 2, 199. ars p. 87. 450. carm. 1, 16, 25. 2, 7, 26. 17, 9.
3,3,33. 5,18. 14,14.27. 22,6. 4,1,37. 4,69. nos: sat. 2, 8, 34.93.
carm. 3, 24, 45. tu: sat. 1, 3, 134. 2, 3, 67. 132. 134. 155. 182. 6,
30. 53. 92. c. 1, 24, 11. 2, 12, 21. 3, 21, 2. ars p. 128. Weggelas.sen
sind hier alle Stellen, wo das pronomen betont ist oder ohne Prä-
dikat oder beim infinitivus historicus steht.
Die Synesis ist ein Kennzeichen der alten und der Volks-
sprache, die hier nach psychologischer Richtigkeit strebt, ohne den
Widerstreit mit der grammatischen zu scheuen. Die Synesis des
Numerus ist im Altlatein weitverbreitet, erfahrt aber im Klassischen
eine bedeutende Einschränkung (Schmalz, a. a. 0., § 20). Horaz
— 24 —
wendet sie nur einmal an: sat. 1,5, 28: missi magnis de rebus uter-
que. Ebenso bei Cato (de agr. c, 70), Plautus (Amph, arg. 1, 7.
Gas. 371. Epid. 258. 719. Cure. 187. Men. 186. 1105. Trin. 624),')
Terenz (Eun. 1022. And. 130), Varro (de 1. 1. 5, 180), bei Cicero
nur an einer noch dazu unsicheren Quelle (fr. 5, 16), bei Cäsar im
bell. civ. (2, 6, 5. 3, 30, 3.
Der archaischen und Dichtersprache gehört die Beziehung der
zweiten Person auf ein Pronomen wie quis, quisquis, quicunque an.
So sagt Cato de agr. c. 106: si quis plus voles . ., pro portione ea
facito!^) und ähnlich Horaz carm. 3, 27, 50: o, deorum si quis haec
audis. Die Vorstellung des Anrufens hat den Bedingungssatz beein-
fluist, so daß aus zwei Gedanken einer wurde. Von ähnlicher Kürze
ist epod. 15, 17: tu, quicunque es felicior. Weitere Beispiele fand
ich nur bei Dichtern wie Ovid a. a. 2, 242 und Martial 8, 48, 3.
10, 61, 3. spect. 24, 1. Vergleichen kann man das Plautinische
aperite aliquis!
II. Easuslehre.
Altertümlich ist der adverbielle Gebrauch von cetera nach
Degel, der S. 36 Hör. ep. 1, 10, 50 cetera laetus gut vergleicht mit
Curt. 6, 5, 3: ceteris laetus.
Den accusativus qualitatis hoc genus anstatt des genet. hat
Wölfflin in eingehender Darlegung') als vulgär erwiesen. Neben
Horaz sat. 2, 6, 44: nugas hoc genus haben ihn Lucilius 3 mal, Cicero
1 mal in den Briefen ad Att., Varro, Lukrez, Catull, Livius, Petron,
Sueton, Gellius, Apulejus u. a. Den Ursprung dieses Gebrauches
aus der alten Beiordnung hat 0. Altenburg*) erwiesen.
Properare aliquid: epod. 12, 22: vellera lana cui propera-
buntur. carm. 3, 24, 62: indignoque pecuniam heredi properet. ep.
1, 3, 28: hoc opus . . . properemus. Vgl. c. 2, 7, 24: deproperare •
Coronas. Diesen transitiven Gebrauch des Verbimas bezeugt als
') Holtze (2, 99), Dräger (1, 170) und Langen (Beitr., S. 16) führen die
Beispiele unterschiedslos auf, während doch wohl diejenigen zu trennen sind,
bei denen zu uterque eine Apposition tritt wie Eun. 840: uterque, mater et
pater, . . . erant. Ebenso PI. Bacch. 775. Gas. 371.
*) Mit Recht geschützt von Altenburg.
3) Archiv 5, 388 flP.
*) N. Jahrb., 24. Suppl.-Bd., S. 501.
— 25 -
Archaismus Servius zu Vergils georg. 4, 170: ,fulmina properant"
vetuste aifc ut Plautus „properant prandium" et Ennius ,festinant
diem". Die archaische Konstruktion führte Sallust in die Prosa
ein,^) dem Tacitus^) hierin folgt. Das nämliche gilt von festinare:
ep. 1, 2, 61: poenas . . . festinat.
Die Art des genetivus definitivus, bei welcher der Genetiv
abhängt vom substantivierten Neutrum eines Pronomens, wird der
älteren und mehr vulgären Sprache zugeschrieben.^) Horaz ver-
wendete sie einigemal: epod. 3, 5: quid • veneni . . .? sat. 1, 4, 104:
hoc • iuris, sat. 1, 9, 2: nescio quid • nugarum.
Der Umgangssprache eigen sind nach Schmalz § 62 die Genetive
loci und locorum nach Ortsadverbien: ep. 1, 3, 34: ubicunque
locorum vivitis. Hieher gehört vielleicht carm. 1,38, 3: sectari, • quo
locorum. Weißenfels hält locorum für den gen. partit. Kießling
meint, quo stehe für eo, ubi, eine Erklärung, die wohl hier paßt,
aber nicht für Stellen wie Cic. div. 2, 135: dicere, quo illa (radicula)
loci nasceretur. Ich muß deshalb Weißenfels zustimmen. Sehr
häufigen Gebrauch macht Vitruv von diesen Verbindungen; so hat
er quo loci siebenmal (Eberhard 2, S. 15),
Die Konstruktion von egere mit dem Genetiv wird vom
auct. ad Her. (6 mal) ausschließlich, von Sallust vorzugsweise (9:3)
angewendet, Cäsar bietet zu wenig Beispiele (1:1), während Cicero
ganz entschieden den Ablativ vorzieht, den er in den Reden 9 mal,
in den philosophischen Schriften 50 mal bietet. Den Genetiv läßt
er nur in den Briefen *) zu ; da diese Fügung auch der Komödie *)
nicht fremd ist, darf man ihren überwiegenden Gebrauch wohl der
Volkssprache zuweisen. Horaz verbindet das Verbum neunmal mit
dem Genetiv: epod. 17, 66. sat. 1,1,59. 4,118. ep. 1, 1, 102. 6,39.
17, 22. 18, 67. ars p. 154. carm. 4, 8, 10; mit dem Ablativ nur
zweimal: carm. 1, 22, 2. ep. 1, 10, 11.
Für eine der Volkssprache angehörige syntaktische Fügung
halte ich invidere alicui aliquid: sat. 1, 6, 50: mihi invideat . .
te • amicum. ep. 1, 14, 41 : invidet usum lignorum . . tibi. c. 4, 2, 24:
M lug. 37, 4. 105,2. 112, 2.
*) Nipperdey zu ann. 13, 17.
') Landgraf, Rosciana, kl. Ausgabe'', § 83. Süpfle zu Cic. ep. faiii. 2, G, .5.
*) Ad Att. 7, 22, 2. fam. 9, 3, 2. S. Antibarb.
5) Plaut. Amph. 819. Asin. 591. Mil. 1033. Rud. 274.
3
— 26 -
animumque . . educit , . nigroque invidet Orco. Sie fehlt in der
gesamten klassischen Prosa, findet sich dagegen in der silbernen
bei Livius und Curtius, Plinius, Petron (c. 129), Valerius Maximus,
Apulejus (apol. 21. 22) und bei Dichtern wie Vergil und Ovid. S.
Antibarb.
Der dativus praedicativus gehört nach Schmalz § 79 der
Sprache des alltäglichen Lebens an und wird von Horaz namentlich
in den Satiren verwendet: damno dedecorique esse: sat. 1, 2, 52: au-
xilio esse: sat. 1,4, 141; vitio vertere: sat. 1,6, 85; laudi esse: sat.
2, 3, 99; curae atque labori esse: sat. 1, 8, 18; curae esse: sat. 1, 6, 34.
2, 4, 8. ep. 1, 8, 30; cordi esse: carm. 1, 17, 13.
Als einen Archaismus betrachte ich es, wenn zu einem Verbal-
substantiv wie iaculator carm. 3, 4, 56 ein ablativus instrumenti
hinzutritt: evolsis truncis Enceladus iaculator audax. Fast nur im
Altlatein hat sich die verbale Kraft solcher Substantiva erhalten,
wie z. B. in manum iniectio in alten Gesetzen^) oder in Wendungen
wie quid tibi tactio hunc fuit? *)
Alius mit dem ablat. comparationis, dreimal bei Horaz,
außerdem bei Phädrus, in Prosa bei Varro, Brutus in einem Briefe
an Cicero und bei Apulejus, dürfte man wohl für einen Gebrauch der
Umgangssprache halten, sat. 2, 3, 208: species alias veris. ep. 1,
16, 20: alium sapiente bonoque. ep. 2, 1, 240: alius Lysippo.
Den Ablativ der Ortsruhe bei Appellativen ohne Attribut,
dessen vulgärer Charakter nach Schmalz § 94 Anm. 2 evident ist,
hat Horaz mehrfach verwendet. Die Beispiele hat gesammelt Fritzsche
zu sat. 1, 5, 87: mansuri oppidulo.
Nimio als ablativus mensurae: carm. 1, 18, 15: tollens •
plus nimio • verticem. carm. 1, 33, 1: ne doleas plus nimio memor.
ep. 1, 10, 30: quem res plus nimio delectavere secundae. ep. 2, 1, 198:
nimio spectacula plura (hier liest Vollmer mit Porph. mimo). Plus
nimio, von Horaz stets im Sinne eines Übermaßes gebraucht, ist
(s. Schmalz § 88) ein Ausdruck der Volkssprache, die ihn einfach
für multo plus anwendet. Ich fand ihn bei Plautus 29 mal, ^) nirgends
1) 0. Altenburg S. 515.
*) Lorenz zur Moat. 34.
3j Bacch. 122. 151. 164. 314. 396. Capt. 516. Men. 979. Merc. 549.
Most. 72. 145. 442. 1103. Pers. 111. Pseud. 281. Rud. 185. 460.606. Stich.
339. 700. 746. Trin. 34. 312. 387. 1040. Truc. 452. 470. 493. 673. Addictus.
- 27 —
bei Terenz, 2 mal bei Lukrez (5, 564. 986). In Prosa zuerst in
einem Briefe des Antonius bei Cic. ep. ad Att. 10, 8 A 1, dann bei
Livius (1, 2, 3. 2, 37, 4. 28, 25, 14. 29, 33, 4. 39, 40, 9), Apulejus
(apol. 99) und Gellius (1, 3, 25).
m. Adverbia.
Die Verbindung von Adverbien mit esse gehört vorzugs-
weise der Umgangssprache an; sie ist überaus häufig in der Ko-
mödie, ziemlich selten bei Cicero außer in den Briefen, ganz ver-
einzelt bei Cäsar.*) Horaz hat von ihr nicht eben sparsamen
Gebrauch gemacht:
Bene: sat. 2, 2, 120: b. erat. sat. 2, 6, 4: b. est. sat. 2, 8, 4:
sie, ut mihi nunquam . . fuerit melius, carm. 3, 16, 43: bene est,
cui deus obtulit . . . ep. 1, 1, 89: b. solis esse maritis. Dieselbe
Phrase treffen wir bei Ennius trag. 271, oft bei Plautus^) und
Terenz,*) bei Pacuv. in Cic. Tusc. 5, 108, Afran. 78, Pompon. 36,
Laber. 76, Catull (14, 10. 23, 15), Petron (c. 93, im Vers c. 34), bei
Cicero dagegen nur in den Briefen.*)
Male: carm. 2, 10, 17: non, si male nunc, et olim sie erit.
Fehlt in Ciceros philosophischen Schriften, in den Reden mit Aus-
nahme von Verr. 4, 95, kommt mehrmals in den Briefen*) vor. Im
Altlatein bei Ennius tr. 271, Plautus,^) Lucil. 470, Terenz,') Cato
de agr. 5, 2, dann bei Catull,^) Ovid a. a. 1, 602, Petron c. 54.
Pulchre: sat. 2, 8, 19: p. fuerit tibi. Über den Gebrauch
des Adverbs im allgemeinen habe ich oben gesprochen. Für die
Redensart p. esse fand ich Beispiele nur bei Plaut. Merc. 583 und
Catull 23, 5.
1) Schmalz § 142: Holtze 2, 6 ff.; Dräger 1, 193 ff.; Rebling S. 11;
(iuericke S. 53 ff.
*) Asin. 144. Aul. 225. Bacch. 84. Capt. 700. Caa. 255. 605. Cure. 526.
Men. 485. Merc. 850. Most. 690. Trin. 52. 352. Truc. 741.
8) Andr. 427. Phorm. 161. Ad. 34. 884.
*) Ad Att. 6, 7, 2. 12, 24, 3. 34, 1. fam. 16, 22, 1.
*) Ad Att. 13, 25, 3. 15, 15, 1. Hieher gehört auch die bis in die ersten
Dezennien unserer Zeitrechnung übliche (Sen. ep. 15) Formel des Briefstils: si
vales, bene est.
6) Z. B. Amph. 1058. Capt. 738. Cure. 164. Most. 52. Pseud. 276. 952.
Stich. 125.
■?) Ad. 34. 655. 8) 3_ 13. 14^ 10. 38, 1.
3*
— 28 —
Recte: sat. 2, 2, 106: uni • recte tibi semper erunt res. sat.
2, 3, 162: non est cardiacus hie aeger: recte est igitur surgetque?
R. esse, von Verhältnissen, die nach Wunsch gehen, und guter Ge-
sundheit gebraucht, war eine Redensart der Umgangssprache. Daher
begegnet sie uns bei Cicero nur in den Briefen, hier aber recht
häufig;^) später bei Gellius in einem Gespräch (13, 31 (30), 11) und
noch in der Vulgata (Rönsch S. 343).
Suaviter: sat. 1, 9, 4: quid agis . .? — ,suaviter, ut nunc
est. Zu ergänzen ist entweder „sum* oder „mihi est", wie sich aus
den Beispielen bei Petron ^) ergibt. Zu vergleichen ist Cic. ad Att.
13, 52, 1: fuit enini (hospes) periucunde.
Sic wird von den Komikern überaus oft mit esse verbunden,^)
von Cicero nur in den früheren Reden.*) Die Redensart sie est,
wohl aus sie res est *) entstanden, bietet uns die Komödie mehr-
mals.®) Cicero hat sie zweimal im Dialog') zugelassen, jedenfalls
um der Sprache die Färbung des sermo cotidianus zu geben. Horaz
hat sie an zwei Stellen : epod. 7, 17: sie est. carra. 2, 10, 18: non . . .
et olim sie erit.
üt: sat. 1, 6, 86: praeco • aut, ut fuit ipse, coactor. sat. 1, 9, 5:
ut nunc (sc. res) est. ars p. 361 : ut pictura poesis (sc. est). Bei-
spiele hiefür sind mir aus der klassischen Prosa keine bekannt; aus
Plautus führt Georges an: ut tute es, item censes omnes esse?
Retro: carm. 3, 29, 46: quodcunque retro est. R. esse meines
Wissens nur hier und Sen. ep. mor. 1, 1, 2: quidquid aetatis r. est;
doch scheint der zeitliche Gebrauch von retro nach den Beispielen,
die Rönsch S. 343 aus der Vulgata, aus Tertull. Sulp. Sev. Prudent.,
Amm., Symm., Lamprid. und besonders aus den Digesten und In-
schriften anführt, überhaupt der Volkssprache anzugehören.
Peregre: ep. 1, 12, 13: dum peregre est animus. Einen ähn-
lichen Gedanken drückt Cicero, wie Orelli bemerkt, pro Mil. 33 mit
>■) Ad Att. 1, 7, 1. 3, 1, 1. 9, 2. 4, 16, 1. 10, 12, 2. 6. 13, 3. 12, 23, 3.
14, 16, 4. fam. 10, 20, 3. Dolab. ep. fam. 9, 9, 1. Quint. fr. 3, 1, 1.
^) C. 75: V08 rogo, amici, ut vobis suaviter sit. c. 61. 64: solebas sua-
vius esse.
3) Holtze 2, 7.
*) S. Rose. 84. Q. Rose. 29. Landgraf, Cic. eloc., S. 38.
■') Plaut. Most. 1034. Ter. Andr. 588.
") Plaut. Amph. 901. Most. 71. Ter. Ad. 554 bis.
'') Div. 2, 120. rep. 1, 60.
- 29 -
den Worten aus : vestrae peregrinantur • aures ? Mehr der Voll-
ständigkeit wegen sei erwähnt ultra: carra. 2, 16, 25: animus, quod
ultra est, oderit curare. Ebenso sagt Cicero Verr. 5, 119: estne ali-
quid ultra, quo crudelitas progredi posset? Zu vergleichen sind die
Ausdrücke der Umgangssprache nil pote supra und ut nihil posset
supra mit Ellipse von esse.')
IV. Präpositionen.
Die Kunstdichter vermeiden bekanntlich die Präposition apud
und ersetzen sie durch den ablativus loci oder durch ad. Dieser
Gebrauch von ad, der nach Schmalz § 101 in der Volkssprache
wurzelt, erscheint bei Horaz fünfmal: sat. 2, 3, 19: res • Janum ad
medium fracta est. sat. 2, 6, 35: adesses ad puteal. c. 1,1,22: stratus
ad aquae • caput. c. 1, 29, 8: puer ... ad cyathum statuetur. c. 4,
9, 2: natus ad Aufidum.
Auf den von der guten Latinität abweichenden, wahrscheinlich
vulgären Gebrauch der Präposition in in der Redensart in cruce
suffigere hat Köhler S. 73 f. hingewiesen. Außer bei Horaz sat. 1,
3, 82 noch bei Catull 99, 4 und dem auct. belli Afr. 66, 4.
Altertümlich ist, wie Degel S. 15 f. beweist, der überwiegende
Gebrauch von ob gegenüber propter, bei Horaz in den Oden 1 : 0,
in den Sermonen 13 : 4.
Praeter omnes statt p. ceteros kommt nach dem Zeugnis von
Schmalz § 118 nach Plautus (Amph. 640) nur noch bei Horaz vor:
epod. 3, 9. 11,3. carm. 2, 6, 13. Ob hier eine volksmäßige oder
altertümliche Redensart vorliegt, läßt sich bei der geringen Anzahl
der Beispiele nicht entscheiden.
Super == de gebraucht Horaz viermal: carm. 3, 8, 17: civilis
super urbe curas. carm. 4, 2, 42: super impetrato • Augusti reditu.
CS. 18: decreta super iugandis feminis. ep. 2, 1, 152: condicione
super communi. Zur letzten Stelle bemerkt Kießling: , super = de
gehört dem leichten Ton der Umgangssprache an". Dies wird be-
stätigt durch sein Vorkommen: Imal bei Cato, 8 mal bei Plautus,^)
je Imal bei Pacuv. (237) und Afran. (343). Es fehlt bei Cäsar,
1) Ter. Andr. 120. Eun. 427. Ad. 264. Cic. ep. fam. 14, 1, 4. Ad Att.
13, 19, 3.
2) Amph. pr. 58. Bacch. 177. 195. 367. 561. 607. Mil. 1212. Most. 728.
Bei Terenz fand ich es nicht.
— 30 —
bei Cicero mit Ausnahme der Briefe.^) Den volkstümlichen Gebrauch
eigneten sich außer Dichtern (z. B. Verg. Aen. 1, 750) manche
Prosaiker an wie Sali. (lug. 71,5), Nepos (Paus. 4, 1), Liv. (42, 24, 2),
Tacitus,^) Apulejus (de dogm. Plat. 1, 10), am meisten aber nach
Schmalz § 138 Gellius*) und Ammianus.
V. Verbum infinitum.
Infinitiv. Über den accus, c. inf. im affektvollen Aus-
ruf, den wir bei Horaz fünfmal lesen: epod. 8, 1: Rogare . . te.
epod. 11, 11: contrane lucrum nil valere • pauperis Ingenium! sat.
1,9,72: huncine solem tam nigrum surrexe mihi! sat. 2,4,83:
ten . . . rädere? sat. 2, 8, 67: tene . . . torquerier? sagt Kießling zu
sat. 1, 9, 72: „Er gehört vorwiegend der älteren Sprache sowie
familiärer Redeweise an. Horaz hat ihn daher nur in den Epoden
und Satiren, Vergil dagegen als Archaismus wieder hervorgeholt."
Letztere Behauptung möchte ich nicht unwidersprochen lassen. Es
erscheint mir sehr unwahrscheinlich, daß Horaz in derselben Kon-
struktion einen Vulgarismus sah, Vergil einen Archaismus. Daß
sie in den Oden nicht vorkommt, halte ich für einen Zufall; denn
warum sollte Horaz in den Oden, zumal denen der leichteren Gat-
tung, eine Ausdrucksweise verschmäht haben, die Vergil Heroen
(Aen. 1, 97. 2, 657) und Göttern (1, 37) in den Mund legt? Über
ihr Vorkommen in der Latinität handelt Schmalz § 161.
Für einen Archaismus erklärt Schmalz § 145 die Konstruktion
des infinitivus finalis nach Verben der Bewegung, die
Horaz nur in den Oden anwendet: c. 1, 2, 7: Proteus pecus egit
altos visere montes. c. 1, 23, 10: non ego te . . . frangere per-
sequor. Wir begegnen ihr nicht selten im Altlatein: 12 mal bei
Plautus,*) 3 mal bei Terenz,*) 1 mal bei Turpil. 154; in Prosa bei Coel.
Ant. fr, 12 und Calp. Piso fr. 27, später bei Varro de r. r. 2, 1, 1.
Dann bei den Augusteischen Dichtern^) und in Prosa wieder bei
») Ad Att. 10, 8, 10. 14, 22, 2. 16, 6, 1.
2) Heraus z. hi.st. 2, 8. Nipp. z. ann. 15, 52.
^) Im ersten Buche allein 18 mal.
*) Asin. 910. Bacch. 354. 631. 900. Gas. 688. 855. Most. 67. Poen. 1175.
Pseud. 642. Rud. 94. 224. Trin. 1015
5) Hec. 189. 345. Phorm. 102.
6) Verg. Aen. 1, 528. Prop. 1, 1, 12. Ov. her. 1, 37.
- 31 —
Hygin fab. 27, Petron c. 140,^) Apulejus (met. 6, 9 bis.) und auf-
fallen der weise recht häufig in der Vulgata,^) z. B. Psalm 108, 17:
persecutus est hominem mortificare. Sollte sie nicht am Ende doch
vom Altlatein bis Spätlatein in der Volkssprache fortgelebt haben?
Die romanischen Sprachen machen diese Annahme wahrscheinlich.
(S. Meyer- Lübke, Grammatik der romanischen Sprachen, 3. Bd.,
Leipzig 1899, S. 540.)
Der Infinitiv nach Verben der positiven Willensrich-
tung. »Die leichtere und freiere Manier der Volkssprache", sagt
Thielmann im Archiv 2, 51, , wendet gar häufig den Infinitiv da an,
wo sich die Schriftsprache durch eine Konstruktion mit ut, quod
u. s. w. in pedantische Fesseln einzwängt." Die Dichter folgten dem
Gebrauch der Volkssprache; So finden wir auch bei Horaz den Kreis
der mit dem Infinitiv verbundenen Verba bedeutend erweitert:
Certare: carm. 1, 1, 8: certat • tollere. Die Fügung schon bei
Ennius (ann. 425), bei Cicero poeta (div. 1, 13), den Augusteischen
Dichtern,^) von denen sie wohl in die silberne Prosa (z. B. Gurt.)
überging.
Optare: epod. 17, 68: optat • collocare. sat. 1, 1, 79: optarem
pauperriraus esse. ep. 1.14, 43: optat arare. ep. 2, 1,266: decorari •
opto. Die Konstruktion wird von Schmalz § 149 als Beweis dafür
angeführt, „wie vorsichtig die klassische Sprache Konstruktionen,
die damals üblich und im Volksmund allgemein gebräuchlich waren,
von sich fernhielt". Sie begegnet uns in der Komödie*) mehrfach,
bei Lucilius 235, nirgends im goldenen Latein,*) doch bei Hirtius,
Liv., Gurt., Sen. ep., Tac. und bei den Dichtern.^)
Gaudeo: sat. 1, 4, 78: laedere gaudes. sat. 2, 8, 62: gaudes
inludere, c. 1, 1, 11: gaudentem • findere. c. 1, 34, 16: posuisse
gaudet. c. 3, 18, 15: gaudet • pepulisse. Der Infinitiv, der in der
Prosa, zuerst bei Seneca auftritt, ist von den Dichtern'') wahrschein-
lich der älteren Sprache entlehnt: Ter. Ad. 254. Acc. 32.
^) Nach Vermutung Stowassers, der (Wiener Studien 7, S. 43) ei für et
schreibt.
2) Rönsch S. 447. ») Verg. Aen. 2, 64. Ov. met. 10, 58.
*) Plaut. Asin. 608 Aul. p. 11. Ter. Hec. 651.
') Dräger 2, 803. Doch Cic. ep. fam. 4, 6, 3: te exopto . . videre. Mehr
im Antibarb.
6) Ovid. met. 4, 187. CatuU. 40, 6. 76, 25. Mart. 9, 51, 4.
1) Schmalz § 149.
— 32 —
Kurz erwähnt sei eniti: c. 3, 27, 47: lacerare . . et frangere
enitar. ars p. 236 : nee sie enitar • diflferre. Die Beispiele sind recht
spärlich. Dräger (2, 310) führt nur an: Ter. Andr. 596, Sali. lug.
14, 1, Ammian 17, 5, 15. Sallust hat einmal ut, zweimal ne mit dem
Verb verbunden, Cäsar einmal ut.
Expetere nur: epod. 11, 3: amore • qui . . . expetit . . urere.
Ob Horaz sonst diese Fügung mit Absicht mied, läßt sich schwer
sagen. Die Rücksieht auf das Metrum veranlagte ihn dazu jeden-
falls nicht. Sie war in der Komödie und demnach in der Volks-
sprache häufig.^) Die klassische Sprache mied die Konstruktion,
Sie fehlt bei Cäsar, Sallust, Nepos und es wird kein Zufall sein,
daß Cicero sie nur in den Philippischen Reden (12, 9) aufweist.
Außerdem noch bei den Dichtern*) und Vertretern der silbernen
Prosa, wie Curtius und Plinius maior.
Imperare: ep. 1, 5, 21: haec ego procurare . . imperor. Im-
peror setzt die Konstruktion mit dem Infinitiv voraus, die durch ihr
Vorkommen in der Komödie, bei den Verfassern des bell. Hisp. und
Afr., Vitruv, Sen. rhet. und anderen genügend als Vulgarismus ge-
kennzeichnet ist. Cicero hat ihn bezeichnenderweise nur in den
Verrinen (5, 68) einmal zugelassen. Auch hier war man (z. B. Orelli)
mit der Annahme eines Gräzismus vorschnell bei der Hand gewesen,
obwohl die Analogie von iubeor naheliegt.
Meminisse: sat. 2, 4, 12: memento . . . ponere. sat. 2, 4, 89:
ducere me . . . memento. sat. 2, 5, 52: abnuere . . . memento. sat. 2,
6, 37: orabant • meminisses • reverti. carm. 1, 7, 17: finire memento
tristitiam. carm. 2, 3, 1 : aequam memento . . . servare mentem. carm.
2, 17, 31: reddere victimas . . memento. carm. 3, 29, 32: memento
componere. ep. 1, 8, 16: instillare memento. Diese Umschreibung
des einfachen Imperativs scheint mir der Volkssprache anzugehören ;
denn wir lesen sie häufig in der Komödie.') In der klassischen
1) 13 mal bei Plautus: As. 27. Aul. 652. Gas. 184. 669. Cist. 554.
Cure. 106. Mil. 1258. Most. 128. Poen. 1131. Pseud. 1087. Rud. 240. 917.
Tiin. 674. 1 mal bei Ter. Heaut. 891.
^) Phaedr. 1, 16, 2. Ov. met. 7, 475.
3) Plaut. Bacch. 328. Capt. 231. Epid. 658. Merc. 282. Pseud. 1164.
Stich. 60. 61. Ter. Eun. 340. Die Beliebtheit dieser Ausdrucksweise zeigt
besonders Capt. 248: meminisse ut memineris. In gleicher Weise gebraucht
Plautus auch das vuk'äre commemini.
— 33 —
Prosa ist mir ein einziges Beispiel bekannt und dieses steht in
Ciceros Briefen ad Att. 15, 26, 5: velim Varroni . . . memineris ex-
cusare tarditatem litterar um mearum. Demnach war die Konstruktion
damals in der lebendigen Sprache noch vorhanden. Zahlreich sind
die Stellen bei den Dichtern.
Der Infinitiv nach Verben der negativen Willens-
richtung. Cavere: ars p. 168: commisisse cavet. Der Infinitiv,
im Altlatein bei Plautus Merc. 112 und Cato agr. 20, taucht in
späterer Prosa ^) wieder auf bei Sallust (lug. 64, 2). Nicht selten
ist er bei den Dichtern wie Catull, Prop., Ovid. Demnach wulgär.
Denegare: carm.3, 16,88: tu dare deneges. Außerdem bei Ter.
Heaut. 487: dare denegaris und Plin. ep. 3, 7, 14. Vielleicht familiär.
Formidare: ep. 1, 19, 4"^: naribus uti formido. Die Kon-
struktion scheint der alten und volksmäßigen Sprache anzugehören;
denn sie kommt vor bei Plautus (Pseud. 316), incert. poet. fab. 6
bei Ribbeck, trag, frgm., S. 271, fehlt in der klassischen Zeit und
erscheint wieder bei Apulejus (met. 3, 15), dann bei Vegetius und
Augustin. Dräger 2, 342 führt nur die Horaz- und Plautusstelle an.
Invidere mit inf. c. acc. : sat. 1, 2, 100: quae invideant pure
apparere tibi rem. carm. 1, 37, 30: Liburnis . invidens privata deduci.
Beispiele für diese, wohl archaische Konstruktion kenne ich außer
bei Dichtern^) nur im Altlatein: Plaut. Bacch. 543. Truc. 774,
Metuere: sat. 2, 3, 110: metuensque velut contingere sacrum.
sat. 2, 5, 65: Nasicae metuentis reddere soldum. carm. 2, 2, 7: pinna
metuente solvi. carm. 3, 9, 11: pro qua non metuam mori. carm. 3,
11, 10: quae . . . ludit metuitque tangi. carni. 3, 14, 15: nee mori
per vim metuam. carm. 4, 5, 20: culpari metuit fides. Kießling
bemerkt zur zweiten Stelle: „Gemäß der in der Umgangssprache
gewöhnlichen Struktur von metuo = nolo mit dem Infinitiv ist auch
hier, wo metuentis seine eigentliche Bedeutung beibehalten hat, der
Infinitiv eingetreten." Der Infinitiv ist im Altlatein nicht selten:
Plaut. Aul. 248. Most. 1125. Pers. 441. Pseud. 304 bis, Trin. 754.')
Truc. 352. Ennius trag. 262;^) er fehlt in der klassischen Prosa,
findet sich aber öfter bei den Augusteischen Dichtern, beim auct.
ad Her. und seit Livius auch in Prosa.
1) Ad Att. 3, 17, 3 (cave vereri) liest K. F. W. Müller vereare.
2) Z. B. Ovid. met. 4, 157.
') Von Dräger und Holtze übersehen.
— 34 —
Odisse: ep. 1, 16, 52: oderunt peccare boni. carm. 2, 16, 26:
oderit curare. Diese Fügung gehört jedenfalls der Umgangssprache
an. Wir finden sie zweimal bei Plautus,^) in Prosa nur bei Brutus
in Cic. ep. ad Brut. 1, 16, 6. Außerdem bei Ovid. am. 1, 10, 63.
Parcere: sat. 2, 2, 58: parcit defundere. carm. 1, 28, 23: ne
parce . . dare. carm. 3, 8, 26: parce . . cavere. carm. 3, 28, 7:
parcis deripere. Diese Fügung, namentlich die mit parce — erspar
dirs — gebildete Umschreibung des Prohibitivs^) war der alten und
später vielleicht der Umgangssprache eigentümlich. Sie begegnet uns
mehrfach im Altlatein, bei Cato agr. 1, Plaut. Bacch. 910. Epid. 464.
Pers. 312. Ter. Hec. 282, später bei Dichtern wie Lukrez, Catull,
Vergil und namentlich Ovid,^) in Prosa bei Livius,*) noch bei Apu-
lejus apol. 23 und den Kirchenschriftstellern. ^) Die Liviusstelle ist,
worauf schon das vulgäre sis hinweist, der Sprache des Lebens nach-
gebildet, und Apulejus wird in seiner Verteidigungsrede sich wohl
kaum einer altertümlichen Struktur bedient haben.
Der Infinitiv nach Verben des Zögerns, Nachlassens,
Eilens. Cessare: ep. 1, 7, 78: non cessat laudare. ep. 1, 19, 10:
non cessavere . . certare. carm. 3, 27, 58 : quid mori cessas? Im
Altlatein ist diese Konstruktion ungemein häufig, doch fast nur auf
Fragen beschränkt, durch die man sich oder andere zur Eile an-
treibt,^) dann bei Lukrez 1, 787, auct. ad Her. 4, 65, Catull, Ovid.
Fehlt bei Cäsar, Sallust, Nepos, ist bei Cicero ganz selten.'') Die
Stellen bei Petron^) und Apulejus^) deuten darauf hin, daß der Ge-
brauch in der Umgangssprache sich forterhielt.
Mittere: epod. 13, 7: cetera mitte loqui. carm. 1, 38, 3: mitte
1) Capt. pr. 66. Amph. 900.
■^) Ebenso comparcere: PI. Poen. 350. Turpil 145.
3) Am. 1, 2, 50. 10, 47. a. am. 1, 183. 2, 557. 3, 9. 457. rem. am. 3, 645.
*) 34, 32, 20: parce, ais, . . . iactare.
5) Schmalz § 149 a.
6) Plaut. Asin. 125. Aul. 397. 627. Capt. 651'. 827. Gas. 237. 723.
Cure. 672. Epid. 100. 342. 344. Mil. 896. Pers. 197. 234. Truc. 630 u. ö.
Enn. tr. 330. Terenz Andr. 343. 845. Heaut. 410. 757. Eun. 265. 996. Phorm.
252. 285. 377. 475. Hec. 324. Ad. 320. 586. 712. 916. Pacuv. 111. Acc. 302.
Turpil. 212.
7) Pis. 59. ad Att. 11, 11, 2. Auch Arat. 415.
^) C. 117: quid ergo, inquid Eumolpus, cessamus, mimum componere?
^) Met. 3, 16: non cessas . . . surripere?
— 35 —
sectari. Cicero gebrauchte die im archaischen Latein besonders als
Prohibitivumschreibung nicht seltene Verbindung nur in den früheren
Reden. ^) Sonst zieht er das Kompositum omittere vor: je dreimal
in den Reden und philosophischen Schriften.
Remittere mit Infinitiv halte ich für altertümlich. Außer
bei Horaz carm. 2, 11, 3: remittas quaerere findet es sich nur noch
bei Ter. Andr. 827 und SaU. lug. 52, 5.
Als eine ofi'enbare Fügung der Umgangssprache bezeichnet
Schmalz § 157 den Gebrauch von neglegere mit dem Infinitiv, den
Horaz einmal in den Oden aufweist, carm. 1, 28, 30: neglegis . . .
te • fraudem committere? Doch auch bei Cicero und Cäsar.
Durchaus altertümlich ist occupare: carm. 2, 12, 28: quae
(oscula) interdura rapere occupat. Außer dem Altlatein*) in Prosa
nur noch bei Livius.
Der Infinitiv nach Verben des Könnens und der Mög-
lichkeit. Callere: carm. 4, 9, 49: duramque callet pauperiem pati.
Eine altertümliche Struktur. Aus Pacuvius (75 Ribbeck) zitiert sie
Nonius, der erklärend bemerkt: callet significat seit. Dann bei
Lukrez (2, 978) und anderen Dichtern.*) In Prosa nur bei Curtius
(3, 2, 14) und dem archaisierenden Apulejus (flor. 1, 3, 11).
Das gleiche gilt von novisse: sat. 2, 3, 24: hortos . . mer-
carier . . . noram. Im Altlatein bei Enn. tr. 132. Cato or. Jord. 36, 9.
Dann bei Dichtern.*) In späterer Prosa aber nicht, wie Dräger
(2, 304) behauptet, erst bei Apulejus,^) sondern bei Plinius nat. bist.
23, 6, 57. Georges führt nur Apulejus und Lactantius an.
Habere: epod. 16, 23: an melius quis habet suadere? Diese
Konstruktion, die in der lateinischen Literatur zuerst in Ciceros
Rosciana § 100 auftritt, ist von Thielmann (Archiv 2, S. 51 ff.) als
volkstümlich erwiesen vrorden.
Valere: epod. 5, 87: non valent convertere. epod. 16, 3: va-
*) Landgraf, De Cicero eloc, S. 40.
2) Dräger 2, 309 führt an: Enn. tr. 140. Plaut. Most. 566. Poen. 320.
Rud. 248. Stich. 89. Titin. 145. Ich füge hinzu: Cato orig. 24, 1 Jord.
Acc. 880. 650.
=*) Pars. 5, 105. Juven. 4, 142.
*) Ov. am. 1, 3, 6. Publ. Syr. sent. 402, besonders bei Mart. 2. 52, 1.
3, 58, 43. 7, 25, 8. 10, 15, 2. 33, 9 u. ö.
°) Ich zählte sechs Beispiele : met. 2, 5. 7. 5, 9. flor. 1, 6 bis. 1, 9.
- 36 —
lueruut perdere. epod. 17, 4: carrainum valentium . . devocare, sat.
1, 1, 14: delassare valent. sat. 1, 9, 38: si • valeo stare. sat, 2, 7, 87:
nequid valeat . . morari. carm. 1, 34, 12: valet . . mutare. carm.
2,5,1: ferre iugum valet. carm. 4, 7, 27 : nee • valet • abrumpere.
ars p. 40: quid valeant (sc. ferre) umeri. arsp. 305: acutum reddere . .
valet. ars p. 473: valuit • frangere. Diese Verwendung des Verbs
tritt zuerst auf bei Cicero (oecon. 6) und Lukrez. Bei den Auguste-
ischen Dichtern ist sie nicht selten und wird in dieser Zeit auch in
Prosa häufiger. Vitruv hat sie viermal,^) auch Petron (c. 63 nach
Buch.) in der Rede des Triraalchio, dann Plinius mai. und Colum.
Demnach ist es nicht unwahrscheinlich, daß dieser Gebrauch in der
Volkssprache entstand und in die Schriftsprache eindrang.
Esse: epod. 17, 25: est levare. sat. 1, 2, 79: plus haurire est
quam . . decerpere. sat. 1, 2, 101 : videre est. sat. 1, 5, 87: versa dicere
non est. sat. 2, 5, 103: est . . voltum celare. ep. 1, 1, 32: est qua-
dam prodire tenus. Diese Fügung wird wegen ihrer Übereinstim-
mung mit dem griechischen Sprachgebrauch fast allgemein, auch von
Wölfflin, für einen Gräzismus angesehen. Ich kann mich dieser
Meinung nicht anschließen.
Schon die Autoren, bei denen die Veibindung zuerst angetroffen
wird, machen die Annahme eines Gräzismus wenig wahrscheinlich.
Gibt man selbst die ältesten, unsicheren Stellen^) preis, obwohl bei
deren Athetese die Annahme eines Gräzismus vielleicht nicht ohne
Einfluß war, so bleiben immer noch Mummius 1 und Varro bei
Gell. 18, 12, 9. In der derben Volkspoesie der Atellanen, die oft
die Sprache der Gasse wiedergab, wäre die Künstelei einer fremd-
sprachlichen Konstruktion sicher wenig am Platze gewesen und dem
biederen Varro, der seiner Vorliebe für die gute alte Zeit durch
eine etwas altertümelnde Schreibart Ausdruck verleiht, ist in seinen
schlicht beschreibenden antiquitates ein Gräzismus auch nicht ohne
weiteres zuzutrauen. Die ganze klassische Prosa verhielt sich gegen
diese Fügung ablehnend, anders die Augusteischen Dichter^) und
die Prosa seit Livius, der sie einmal zuläßt: 42, 41, 2. Dann bei
Valer. Max. Die Stelle bei Petron c. 67: est te, inquit, videre?*)
') Praun S. 11.
') Truciil. 501. Adelph. 828. Heaut. 192.
8) Ovid. am. 1, 10, 59.
*) Nach Friedländer eine gewöhnliche Begrüßungsforniel.
- 37 -
tut die Volkstümlichkeit der Konstruktion dar und auch Ovid a. a.
2,531: ,Effugere Lunc non est" quare tibi possit amica dicere?
klingt ganz wie die Sprache des täglichen Lebens. Vgl. damit
Mart. 12, 82, 1: Effugere in thermis et circa balnea non est Meno-
genem. Besonders häufig ist der Gebrauch beim älteren Plinius,
der ein wenig sorgfältiger Stilist war, zweimal hat sie Tacitus,^)
mehrmals Martial, öfter Gellius.^) Dieser Umstand, meint Schmalz
§ 150, läßt darauf schließen, daß sie im Altlatein doch verbreiteter
war. Er glaubt also (ebenso wie Thielmann im Philol. 42, S. 336)
an einen Vulgarismus. Und es ist von vornherein nicht leicht anzu-
nehmen, daß die Volkssprache eine syntaktische Fügung von einer
anderen übernimmt. Auf dem Gebiet der Syntax kennt die lebendige
Sprache beinahe nur EigenwücTisiges, mag sie auch dem Wortschatz
einer fremden so viel entlehnen, wie die lateinische Vulgärsprache
entlehnt hat. Einen Beweis des Gräzismus glaubte man auch darin
zu erblicken, daß mehrere Beispiele die Redensart est videre auf-
weisen = eariv Ideiv. Ich glaube aber, daß dies sich auch anders
deuten läßt. Man erklärt est mit Infinitiv nicht zutreff"end mit
licet; denn dieses bezeichnet nur eine auf dem Fehlen eines Ver-
botes beruhende Möglichkeit, est dagegen die Möglichkeit über-
haupt. Synonym mit est ist also posse mit dem infin. pass. Dieser
ist aber von v^idere nicht gebräuchlich, weil er mit dem medialen
zusammenfällt. Daher ist es nicht zu verwundern, wenn einige
Schriftsteller zu dem bequemen Gebrauch von est mit dem infin.
praes. act. griffen.
Zum Schluß möchte ich noch hinweisen auf die Stelle in Catos
Schrift de agric. praef. 1 : est interdum praestare, was von Keil und
anderen nach Gronov erklärt wird: ,es gibt zuweilen Fälle, wo es
besser ist*. Daraus geht hervor, daß die römische Volkssprache bei
esse den Subjektsinfinitiv kannte. Von der Bedeutung „es gibt ein
Sehen" bis zu der ,es ist ein Sehen möglich" ist aber kein großer
Schritt.
') Germ. 5; est videre. ann. lü, 34.
2) 3, 1, 11: videre est. 13, 30 (29), 1.
— 38 —
B. Der einfache Satz.
Fragesätze.
Familiärer Rede gehört nach den Herausgebern des Horaz und
nach Schmalz § 189 der Gebrauch von ut in direkter Frage an.
Horaz hat ihn sat. 2, 8, 1 : ut • iuvit te cena? ep. 1, 3, 12: ut valet?
ut- meminit nostri? Die Redensart ut vales? ist in der Komödie
nicht selten: Plaut. Epid. 9. Most. 718. Pers. 17. 204. Rud. 1304.
Truc. 577. Ter. Heaut. 406. Vgl, auch Cic. ad Qu. fr. 2, 3, 7: ut
te oblectas? (Preibisch S. 24).
Die Anfügung von ne ans Relativum ist nach Schmalz
§ 192 „der archaischen Sprache eigentümlich mit je einem Ausläufer
bei Horaz und Catull 64, 180*. Die Stelle ist sat. 1, 10, 21: o seri
studiorum, quine putetis . . . ?
Wie der infinitivus indignantis, so fällt auch die sogenannte
mißbilligende Frage in den Bereich der täglichen Rede nach
Schmalz § 198. Horaz macht von ihr Gebrauch sat. 2, 5, 18: utne
tegam • Damae latus?
Modi.
1. Optativ in Beteuerungsformeln (Blase in Landgrafs
histor. Grammatik 3, S. 130). Wie die deutsche und griechische^)
Sprache, so kennt auch die lateinische jene Form der Beteuerung,
wobei man sich selbst etwas Böses wünscht für den Fall, daß das
Behauptete mit der Wahrheit nicht übereinstimmt. So lesen wir
bei Plautus: di me perdant, si.^) Später treten aber Formen mit
der ersten Person auf. Horaz verwendete sie nur in den Satiren:
1, 9, 38: inteream, si . . . 1, 9, 47: dispeream, ni . . . 2, 1, 6: peream
male, si non . . . Dicbe kräftige Ausdrucksweise hatte ihr eigent-
liches Gebiet in der Umgangssprache. Wir treffen sie in Poesie und
Prosa nur in Stilgattungen an, die der Sprache des täglichen Lebens
nahestanden: bei Varro (de re r. 3, 3, 9: peream, ni), Catull, Vergil
(catal.), Properz, Ovids her., Senecas ep., Martial. Cicero hat sogar
in seinen Briefen die Formel , peream, si" geflissentlich gemieden;
denn während Brutus (fam. 11, 23, 2), Cassius (15,15,9) und Caelius
') Aristoph. Ritter 767. 833.
-) Stellen bei Brix-Niem. zu Mil. 833.
- 39 —
(8, 15, 2) sie unbedenklich gebrauchen, sagt er selbst moriar*) oder
ne vivam*) oder ne sim salvus.') Demnach ist peream si und erst
gar dispeream (s. oben), si als Vulgarismus zu betrachten; es ent-
sprach etwa unserem »der Teufel soll mich holen!" Noch viel
derber drückt sich der Gartengott aus, zu dessen Eigenschaften das
latine loqui*) gehört; sat. 1, 8, 37: mentior at si quid, merdis caput
inquiner albis corvorum atque in me veniat mictum atque cacatum
Julius.
Der Gebrauch der zweiten Person Präs. im positiven
wie negativen Wunschsatz, der sich an eine bestimmte
Person wendet, gehört nach Schmalz § 205 und den eingehenden
Darlegungen von Blase (a. a. 0., S. 127 f.) der älteren Sprache an.
Die Stellen aus Horaz sind gesaiTimelt bei Ebeling, de imperat. Horat.,
S. 13 f. und 90. Zu carm. 1, 88, 1 bemerkt Kießling: ,Ne doleas
nicht imperativischer Hauptsatz, sondern finale Apodosis, welche
sich als Lehre aus den nachfolgenden Tatsachen ergibt: ganz ebenso
sind 2, 4, 1. 4, 9, 1 sowie 2, 1, 37 aufzufassen. In Verboten gehört
die zweite Person des Konjunktivs Präsens dem Konversationstone
an, findet sich also häufig in der Komödie, bei Horaz nur in den
Satiren." Mag man auch über die Natur des Konjunktivs an einigen
Stellen (2, 1, 37. 4, 9, 1) zweifeln können, so erscheint doch an den
übrigen (1, 33, 1. 2, 4, 1) Kießlings Erklärung gezwungen; zudem
ist sie durchaus durch keine Notwendigkeit geboten; denn warum
sollte Horaz den Gebrauch der zweiten Person beim Gebot für ver-
einbar mit dem Stil der Oden gehalten haben, beim Verbot aber
nicht? Übrigens sind weder Blase (a. a. 0., S. 128) noch die neuesten
Herausgeber des Horaz, wie Keller und Heußner, Weißenfels und
Vollmer, Kießlng auf diesem Wege gefolgt.
Non = ne bei Wünschen und Aufforderungen ist nach
Schmalz § 205 ein Vulgarismus. Horaz gewährte ihm nur in Satiren
und Episteln Aufnahme: sat. 2, 5, 91: non etiam sileas.") ep. 1,1,29:
non tamen idcirco contemnas. ep. 1, 18, 72: non ancilla tuum iecur
ulceret. Hier steht non ulceret unter lauter Imperativen.
') Ad Att. 5, 20, 6. 8, 6, 30. 16, 5, 3. 11, 1. fain. 7, Vi, 1. 9, 15, 2.
2) Att. 4, 17, 5. 12, 3, 1.
3) Att. 16, 13 a, 1.
*) Priapea 3, 9. Die Stelle fehlt übrigens bei Otto, Sprichw.
^) Vollmer interpungiert hier: ultra »non' , etiam" sileas.
— 40 —
Daß ut = utinam altertümlicher Sprachgebrauch ist, zeigen
Schmalz § 205 und Blase 3, 133. Horaz bietet nur ein sicheres Bei-
spiel sat. 2, 1, 43: o . . . Juppiter, ut pereat . . . telum. An der
zweiten Stelle, epod. 10, 3: ut horridis utrumque verberes latus,
Auster, memento fluctibus! erklärt Kießling ut für die Wunscbpartikel
und memento für eine Parenthese. Da aber memento sich mehr an
den Willen wendet (s. oben), so wäre m., ut zwar singulär, aber
doch ohne Anstoß.
2. Imperativ. Archaistisch-vulgär ist die Umschreibung des
Prohibitivs durch nolito statt noli; sie kommt nach Blase, a. a. 0.,
S. 243 vor bei Lucil., Sisenna, Pompejus in Ciceros Briefen, Petron,
Mart., Plin. ep. Ich füge hinzu: Hör. ars p. 427: nolito . . . ducere!
Femer: Plaut Poen. 872 und Cic. nat. d. 2, 74: nolitote.
Ein Archaismus ist die Verbindung von ne mit dem Impe-
rativ, die wir nur an einer Stelle in den Oden antreffen: 1,28,23:
ne parce! Ausführlich handelt darüber Blase, a. a. 0., S. 244.
Hier seien angefügt einige Formeln der Umgangssprache, die
zur Abschwächung oder Verstärkung des Imperativs dienten: si me
amas, • paulum hie ades! sagt der Zudringliche sat. 1, 9, 38. Auch
in dem Gebrauch dieser Redensart liegt hier eine Dreistigkeit; denn
nur vertraute Freunde pflegten eine Bitte mit diesem Zusatz zu
begleiten, der einen Appell an die Zuneigung des anderen enthält.
Wir finden ihn bei Plautus (Trin. 244), Terenz (Andr. 687. Heaut.
1031), überaus oft in Ciceros Briefen ad Att.,^) bei Petron (c. 48).
Preibisch S. 39.
Si vis: sat. 1, 4, 14: accipe, si vis. Über diese namentlich in
der Komödie gebräuchliche Höflichkeitsformel hat Landgraf zur
Rosciana § 48 gesprochen.
Sodes (vgl. oben) hat Horaz an fünf*) Stellen: sat. 1, 9, 41.
ep. 1, 1, 62. 7, 15. 16, 31. ars p. 438. Schon die Umwandlung
von au in o (s. oben) verrät die Volkstümlichkeit der Redensart,
deren Gebrauch sich auf den sermo cotidianus beschränkte. Die
volle Form hat noch Plautus zweimal,') die kontrahierte las ich
1) 2, 1, 12. 4, 6. 19. 1. 23, 3. 4, 4 b 2. 5, 4, 3. 15, 3. 17, 5. 21, 7. 6, 9, 2.
12, 6, 2. 13, 37, 3. 45, 1. 16, 3, 1. 16, 10.
*) Nicht viermal, wie Blase S. 247 behauptet.
3) Poen. 757. Trin. 244.
— 41 —
bei ihm 4mal,^) bei Terenz 15 mal,*) dann bei Catuli (103, 1), bei
Cicero nur ad Att. 7, 3, 11, wo er die Worte eines anderen anführt,
bei Phädrus (app. 9, 5), Juven. (6, 280), Apulejus (met. 1, 4. 2, 22.
apol. 82).
Vei-stärkt wird die Aufforderung durch i, das ganz unserem
geh! beim Imperativ entspricht. Ausführlich hat darüber Lease ge-
handelt, dessen Aufsatz von Ziemer in der Woch. f. klass. Philol.
1899, S. 1064 besprochen ist. Die Häufigkeit der Redensart in der
Komödie,^) ihr Fehlen in der vorlivianischen Prosa*) und Vorkommen
bei Petron c. 115 spricht für ihren volkstümlichen Charakter. Aus
der Volkssprache haben sie die Dichter geschöpft, unter ihnen auch
Horaz: sat. 1, 10, 92 i, puer, atque . . . subscribe. ep. 1, 6,17: i
nunc, . . . suspice (ironisch), ep. 1, 7, 71: nunc i, rem strenuus äuge.
Vulgär ist der Gebrauch des Adverbs ocius bei Aufforde-
rungen und Befehlen oder Sätzen, die den Sinn einer Aufforderung
oder eines Befehls haben, wie es der Fall ist bei den drei Beispielen
aus Horaz: sat. 2, 7, 34: nemon oleum fert ocius? sat. 2, 7, 117:
ocius hinc te ni rapis. carm. 2,11,18: quis puer ocius restinguet?
Besprochen von Landgraf, de Cicero eloc, S. 30, der eine reiche
Stellensammlung bietet, die sich aber noch leicht vermehren läßt.
Ich fand diese Imperativverstärkung, die die Bedeutung eines reinen
Positivs hat, in der Komödie*) und Tragödie,^) nirgends in klassischer
Prosa, doch bei Curtius,') Petron,*) Persius (5, 141), Juvenal.')
Tempora.
Über das zweite Futur an Stelle des ersten sagt Schmalz
§217: »Das Futuril findet sich auch in vielen Stellen, wo ebenso
gut das Futur I stehen könnte. Mit der Zeit wurden die Grenzen
') Bacch. 837. Men. 545. Pers. 318. Trin. 562.
2) Heaut. 459. 580. 738. 770. Phoim. 103. 741. 793. 921. Hec. 858. 753.
841. 844. Andr. 85. Ad. 517. 643.
^) 69 mal bei Plautus, 12 mal bei Terenz.
*) Hier wird es durch age und agite ersetzt.
5) Plaut. Cure. 276. Most. 679. Pers. 85. Pseud. 758. Rud. 852. Stich. 353.
Truc. 624. 803. Ter. Andr. 724. 731. Eun. 470. 912. Heaut. 832. Phorm. 562.
6) Paeuv. 352. Acc. 382 (letztere Stelle fehlt im Index der großen Ribbeck-
schen Ausgabe).
'^) 10,2,29: facessite hinc ocius. ») C. 79. 94. 105.
®) 6, 416 (91 Ribb.): fustes huc ocius, inquit, adferte.
4
— 42 —
dieses Gebrauches immer enger gezogen und, abgesehen von gewissen
Formen wie si potuero, voluero, licuerit, placuerit, ex'scheint das
Fntur II seit der klassischen Zeit besonders oft nur in der ümgangs-
und Vulgärsprache. * Bei Horaz beschränkt sich das Vorkommen
dieses Tempus ausschließlich auf Epoden und Satiren: epod. 1, 32:
haud paravero. epod. 5, 1 02 : neque hoc parentes . . . effugerit specta-
culum. epod. 15, 24: ast ego • risero. sat, 1, 4, 131: fortassis . . .
abstulerit. sat. 2, 3, 60 : non magis audierit, sat. 2, 4, 27 : praecordia
mulso prolueris.
Die vulgäre, mit fuero gebildete Form des zweiten Futur
Passiv hat Horaz nur einmal in den Satiren zugelassen: 1, 9, 58:
Non, hodie si exclusus fuero, desistam. Sonst bevorzugt er das
regelrechte ero: ars p. 40, 468. Dieser Sprachgebrauch ist in seiner
historischen Entwicklung dargestellt von Blase, a. a. 0., S. 188 und
Archiv, Bd. 10, 322.
C. Die Beiordnung.
1. Konjunktionen.
Atque und ac nach Komparativen = quam gebrauchte
Horaz an nicht weniger als zwölf Stellen: epod. 12, 14: minus ac.
epod, 15, 5: artius atque. sat. 1, 1, 46: non . . . plus ac. sat. 1, 2, 22:
non • peius • atque. sat. 1, 5, 5: altius ac. sat. 1, 6, 130: suavius ac.
sat. 1, 10, 34: non . . insanius ac. sat. 1, 10, 59: mollius ac. sat.
2, 3, 241: qui sanior ac. sat. 2, 3, 270: nihilo plus • ac. sat. 2, 7, 19:
levius miser ac.^) sat. 2, 7,96: qui peccas minus atque. Wir sehen
daraus, daß Horaz diesen Sprachgebrauch, den er in seinen Erstlings-
werken ganz auffällig bevorzugte, in der späteren Periode seines
Schaffens völlig aufgab; jedenfalls wegen des vulgären Charakters
desselben, der sich ergibt aus seinem Vorkommen bei Livius in einem
Dokument vom Jahre 217,*) Plautus,^) Terenz,*) Lukrez,*) bei Cicero
nur in den Briefen,*) bei Catull,') Vergil^) und Sueton.®) Daß atque
^) Die beiden letzten Stellen hat Beste S. 26 übersehen.
2) 22, 10, 6: antidea . . . ac.
') Merc. 897: amicior . . . atque. Gas. 860.
*) Andr. 698. ^) 2, 351 : haud minus atque.
^ Ad Att. 5, 11, 2: minus ac. ') 61, 172: non minus ac.
*) Aen. 3, 661: haud minu« ac. ') Jul. 14: gravius atque.
— 43 —
in der Volkssprache überhaupt eine reichere Anwendung fand, zeigt
der Vergleich von Plaut. Mil. 763: haud centesimam partem dixi
atque . . . possum expromere mit Capt. 421 : haud centesimam partem
laudat quam ipse meritust, ut laudetur.
Die altertümliche Verbindung (Schmalz § 235) que — que
haben alle Augusteischen Dichter nach dem Vorgang des Ennius auf-
genommen, Horaz an folgenden Stellen: sat. 1, 1, 76. 2,56. 5, 98. 104»
8, 17. 51. 10, 27. ep. 1. (7, 37). (94). 19, 34. 2, 2, 144. ars p. 11. 73.
(207). 211. 280. carm. 1, 26, 12. (35, 10). (2, 1, 3). 3, 4, 19. (47).
c. s. 47. 66. In Klammern habe ich diejenigen Stellen eingeschlossen,
bei denen das erste que die Verbindung mit dem Vorhergehenden
herstellt.
In der Umgangssprache* wurzelt nach Schmalz § 242 der Ge-
brauch von at, wenn es in aufgeregter Rede einen Befehl oder
Ausruf oder Wunsch einleitet. At mit einem Befehl verbunden:
carm. 1. 28, 23: at tu, nauta, • ne parce! ep. 1, 7, 16: at tu, quantum
vis, tolle! (Worte des Calaber hospes). So wird at bei den Komikern
oft^) mit einem Imperativ verbunden, von Cicero nur in der Phrase
at videte,^) die er jedenfalls auch dem sermo cotidianus entlehnt
hat. Nicht hieher rechne ich die Fälle, wo at den Gegensatz der
angeredeten Person zu einer anderen bezeichnet.
At beim Ausruf: epod. 5, 1: At . . . quid iste fert tumultus.
Beispiele führt in reicher Menge an Hand im Tursell. 1, 440, 2. At
bei einer Verwünschung: sat. 2, 2, 40: at vos, • Austri, coquite.
sat. 2, 6, 54: at omnes di exagitent me, si. Fast nur bei Dichtern,
so bei Plautus,^) Terenz,*) Pompon.,*) Catull^) und Vergil (Aen.
2, 535). Aus der Prosa führt Hand (Turs. 1, 442) nur an: Justin
14, 4, 10: at vos, ait, devota capita, respiciant diu Ich füge hinzu
Apul met. 9, 21: at te dominus iste tuus et cuncta caeli lumina
pessime perduint! Hieher gehört auch epod. 3, 19: at si quid un-
quam tale concupiveris, iocose Maecenas, precor — manum puella
savio opponat tuo . . . Ich möchte vorschlagen hinter precor einen
1) Z. B. Plaut. Pseud. 32. Merc. 126.
«) Verr. 4, 151. leg. agr. 2, 23. 30. 33. dorn. 115. 130. Phil. 2, 28. 77.
3) Most. 38. Pseud. 837.
*) Andr. 666. Eun. 431. Hec. 134.
^) 137: at te di omnes . . mactassint malo!
6) 3, 13. 28, 14: at vobis male sit.
4»
^ 44 —
Gedankenstrich zu setzen; denn während at Verwünschungen ein-
zuleiten pflegt, folgt hier ängoadox^zcos der scherzhafte Wunsch
puella • opponat.
Nebenbei möchte ich bemerken, daß Horaz bei dieser Verwün-
schung des Knoblauchs ein literarisches Vorbild hatte an Naevius
com., der V. 19 sagt: ut illum di perdant, qui primam holitor pro-
tulit caepam!
2. Beiordnung statt Unterordnung.
Darüber sagt Schmalz § 222: ,Die ursprünglichste Form der
Satzbildung beim Zusammentreten mehrerer selbständiger Gedanken-
komplexe ist die Anreihung ohne jegliche Verknüpfung. Selbst-
verständlich ist diese Art des Satzbaues der Umgangssprache ganz
besonders eigen." Und § 266 faßt er das Ergebnis zusammen mit
den Worten: ,Wir sehen somit die einfache Parataxe auf den Dia-
log, den Briefstil und die volkstümliche Rede beschränkt."
Koordination statt kondizionaler, temporaler, kon-
zessiver Konjunktionen. Ich gebe gleich die Horazischen Bei-
spiele: sat. 1, 1, 45: triverit — : non capiet (konzessiv), sat. 1, 3, 15:
dedisses — : nil erat. sat. 1,3, 29: iracundior est — : at est bonus
(konzessiv), sat. 1, 3, 49: parcius • vivit: frugi dicatur. sat. 1, 3, 50:
iactantior est: — postulat. sat. 1,3, 51: est truculentior — : sim-
plex • habeatur. sat. 1,3, 53: caldior est: acris inter numeretur.
sat. 1, 3, 56: probus quis • vivit — : cognomen damus. sat. 1, 3, 58
hie fugit — : — vocamus. sat. 1, 3, 63: simplicior quis est —
— inquimus. sat. 1, 3,84: paulum deliquit — : odisti. sat. 1,4, 25
quemvis • elige — : — laborat. sat. 1, 6, 19: populus • mallet —
vel merito. sat. 1, 9, 54: velis tantummodo : — expugnabis. sat. 1,
10, 64: fuerit . . comis — : sed ille detereret (konzess.). sat. 2, 1, 53:
crede — : nil faciet. sat. 2, 2,16: foris est promus — : — bene
leniet. sat. 2, 2, 94: das aliquid famae — : — ferunt. sat. 2, 3, 164:
non est periurus — : immolet. sat. 2, 3, 259: „sume, catelle!*: negat.
sat. 2, 3, 292: casus • levarit — : mater • necabit. sat. 2, 5, 74: scri-
bet — : laudato! sat. 2, 5, 75: scortator erit: cave te roget! sat.
2, 5, 96: amat laudari: — urge ! sat. 2, 6, 39: dixeris »experiar": —
addit. sat. 2, 6, 49: luserat — : ,Fortunae filius" omnes. sat. 2, 6, 50:
manat .. rumor: — consulit (temporal), sat. 2, 7, 32: iusserit Mae-
cenas — : nemon • feret ? sat. 2, 7, 68 : evasti : credo, metues. sat.
- 45 —
2, 7, 73: tolle periclum: iam prosiliet. carm. 1, 27, 9: vultis • me •
sumere — : dicat. carm. 4,4, 65: merses — : — eyenit (temporal),
ep. 1, 1, 28: non possis — : non tarnen contemnas (konzessiv), ep.
1, 1, 33: fervet • pectus: sunt verba. ep. 1, 1, 36: laudis amore tu-
mes: sunt • piacula. ep. 1, 1, 57: est animus tibi — sed desunt — :
plebs eris (konzessiv), ep. 1, 1, 87: lectus • in aulast: nil ait esse
prius. ep. 1, 6, 29: vis recte vivere — : — hoc age! ep. 1, 6, 31:
virtutem verba putas — : cave! ep. 1, 10, 24: expelles — : tarnen •
recurret (konzessiv), ep. 1, 16, 54: sit spes fallendi: miscebis. ep.
2, 2, 14: semel hie cessavit — : des nummos, ep. 2, 2, 162: das
nummos: accipis uvas. ep. 2, 2, 201 : non agimur — : non tamen . . .
ducimus (konzessiv), ep. 2, 2, 205: non est avarus: abi ! ars p. 25:
brevis esse laboro: obscurus fio. ars p. 329: redit uncia: quid fit?
ars p. 370: abest — : sed tamen in pretio est (konzessiv), ars p. 439:
negares — : iubebat. Diese Ausdrucksweise, die den primitiven
Sprachgebrauch darstellt, wurde nach Entwickelung der Unterord-
nung von den Schriftstellern mit Bewußtsein als Kunstmittel ver-
wendet. Mit ihrer Lebhaftigkeit, Frische und Knappheit, wodurch
sie das bloß Gedachte, das Bedingte und eret noch zu Verwirk-
lichende als etwas Gegebenes hinstellt, eignete sie sich ganz be-
sonders gut für lehrhafte Darstellungsweise und so hat sie auch
Horaz vorzugsweise in den Satiren verwendet und in den Briefen
mit Ausnahme des an Augustus gerichteten. Die Frage des Lehrers
ars p. 320 wird wohl unmittelbar aus dem Leben der Schule ge-
grifiFen sein. Die erwähnten Vorzüge waren der Grund, warum die
römische Volkssprache^) stets an diesem Sprachgebrauche festhielt.
Wir begegnen ihm bei Cato,^) in der Komödie,^) einige Male auch
bei Cicero,*) unter den Augusteischen Dichtern namentlich bei Ovid,*)
dann bei Petron,®) Martial') und anderen.
•) Diese Art der Koordination war auch dem Griechischen nicht fremd.
Rehd.-Blaß zu Dem. 3, 18.
2) Beispiele bei 0. Altenbui^, a. a. 0., S. 508.
3) Plaut. Amph. 995: amat : sapit. Asin. 350. Merc. 770. Trin. 441. Ter.
Eun. 251: negat quis : nego; ait : aio. Heaut. 487. Ad. 118. 120. 123. Caecil. 5:
voltis : empta est; noltis: non empta est. *) Schmalz § 335.
^) Am. 8, 9, 37: Vive pius : moriere. a. a. 2, 199: Arguet : arguito. a. a.
2,201: Riseritiadride; si flebit, flere memento. Ebendort: 2, 299 ff. 543. 3, 133.
rem. am. 335 ff. 347. 375. 487. 505 f. 509. 519 f. 565 ff.
^) c. 44: serva me : servabo te. Jedenfalls eine im Yolksmund beliebte
— 46 —
Koordination bei verbis sentiendi. Die einfache Parataxe
an Stelle des acc. cum infin. beschränkt sich im klassischen Latein,
wie Schmalz § 266 zeigt, auf gewisse Verbalformen wie credo (sat.
2, 7, 68), opinor (sat. 1, 3, 53. ep. 1,16, 78. 2, 2, 17). Daß aber die
Volkssprache dieser Ausdrucks weise weiteren Spielraum gewährte,
beweist unter anderem der bei Cicero fehlende parataktische Gebrauch
von spero (Ter. Ad. 411. Novius 61. Petron. c. 47. 57) und scio
(Plaut. Asin. 790. Stich. 441. Apul. met. 5, 11. 24). In den Bereich
des Volkslateins fällt bei Horaz die Parataxe von video und puto.
Sat. 1,9,14: „Misere cupis* inquit „abire. iamdudum video".
sat. 2, 2, 85: ducit te species, video. ep. 1, 14, 21: fornix tibi et •
popina incutiunt urbis desiderium, video. Belegstellen hiefür fand
ich nur bei Ter. Hec. 770: noster socer, video, venit und Lucilius
1340: vis est vita, vides.
Sat. 2, 5, 76 : putasne, perduci poterit . . . ? Dazu Kießling :
,Mit einer nach den Ausdrücken des Glaubens und Meinens der
Umgangssprache ganz geläufigen Parataxe: Censen hodie despondebit
eam mihi, quaeso? Plaut. Rud. 1269." Thielmann (Philol. 42, S. 334)
vergleicht Vulg. gen. 17, 17: putasne, centenario nascetur filius?
Ebenso Job. 14, 14. Wie beliebt diese Beiordnung in der Volks-
sprache war, ersehen wir daraus, daß putasne in der Vulgata zu
einer Art Fragepartikel erstarrte. Darüber: Rönsch, Vulg. und It.,
Seite 343.
Anhangsweise seien hier einige Eigentümlichkeiten im Gebrauche
der Pronomina angefügt.
Rebling S. 38 hat auf die größere Freiheit der Volkssprache
im Gebrauch des pronomen reflexivum aufmerksam gemacht, von
der selbst die klassische Sprache sich nicht ganz freihielt,*) während
sie bei Cato'') und in der Komödie') gar nicht ungewöhnlich war.
Horaz hat sich diese Ungebundenheit in den Satiren und Briefen zu
eigen gemacht: sat. 1, 1, 1: nemo, quam sibi sortem • ratio tulerit . . .
sat. 2, 8, 82: quod sibi poscenti non dantur (Vollmer: dentur)
Wendung. Friedländer erinnert an die auf Ringen übliche Inschrift: ama me:
amabo te. c. 77 : assem habeas • assem valeas ; habes : habeberis.
') 1, 70, 3. 79, 2. 6, 50, 5. Bes. 12, 40 und 94.
1) Landgraf zur Rose. § 6. «) De agr. 31. 37. 157.
8) Plaut. Bacch. 6. Capt. 580. Merc. 238. Mil. 182. 187. 888. Fers. 472.
Poen. 956. 1083. Rud. 47. 410. Trin. 159. Afran. 147. Turpil. 36.
— 47 —
pocula. ep. 1, 18, 27: plus quam se sapere . , . volt. ep. 2, 1, 83:
nil rectum, nisi quod placuit sibi, ducunt. ep. 2, 1,245: neque
dedecorant tua de se iudicia.
Aus der lebhaften Gebärdensprache des Südländers erklärt sich
der Gebrauch von hie und hie homo = ego, der in Gesprächen
des täglichen Lebens recht häufig gewesen sein muß. Beweis ist die
Komödie.'^) Auch hierin gab Horaz seinen Satiren die Färbung der
täglichen Rede: 1, 9, 47: hunc hominem velles si tradere. 2, 3, 31:
dum ne quid simile huic.
In der Volkssprache begegnet uns bisweilen die merkwürdige
Erscheinung, daß jemand sein eigenes Ich anredet,^) sich selbst also
auf den Standpunkt einer anderen Persönlichkeit stellt, oder von
sich selbst in solchen Ausdrücken spricht, in denen andere von ihm
sprechen. So kann man im Münchener Dialekt manchmal hören,
daß jemand an die Stelle des Pronomens der ersten Person ,der
Meinige" setzt mit dem Verbura in der dritten Person. Der Betreffende
legt die Worte demnach gewissermaßen einem anderen in den Mund,
also etwa seinem Vater. Genau den nämlichen Gebrauch treffen wir
im Lateinischen an, wo no st er für ego eintritt. Noster nannten
die Sklaven den der gleichen familia Angehörenden,^) mit noster
spricht Sosias von sich Amph. 899: tu me alienabis nunquam, quin
noster siem. Diese Ausdrucksweise dehnte sich auch auf Freie aus.
So sagt Dämones Rud. 1245:*) minume istuc faciet noster Daemones
und Horaz sat. 2, 6, 48: subiectior . . (sc. est) invidiae noster. Viel-
leicht wäre noch zu nennen Afran. 10: quamquam non istis exercetur
in locis hie noster. Ähnlich ist Naev. com. 50: deo meo propitio homo
meus est.
Koordination bei Verben des WoUens. curare: sat. 2,
6, 38: imprimat his, cura, Maecenas signa tabellis. carm. 1, 38, 6:
nihil adlabores • curo. Kießling zu letzterer Stelle nennt den
bloßen Konjunktiv eine , Läßlichkeit der Umgangssprache". Dies
wird bestätigt durch sein Vorkommen bei Cato,*) Lucilius,®) Coel.
1) Plaut. Bacch. 640: hunc hominem = me. Cure. 248. Epid. 141. Mil. 633.
Pseud. 723. 939. Trin. 1115. Ter. Andr. 310. Heaut. 356. Ad. 906.
2) Plaut. Asin. 249. Merc. 112. Ter. Andr. 206. Phorm. 317 f.
») Brix-Niem. zu Plaut. Mil. 350.
*) Von den Herausgebern zitiert.
^) De agr. 73: bibant • curato. c. 143. ^) 1056: curare domi sint.
— 48 —
Antipater,^) Varro,*) Lukrez,*) sein Fehlen bei Cäsar (21 mal mit
Gerundiv) und Cicero mit Ausnahme der Briefe: ep. fam. 2, 8,1: curo
mihi scribas. Dann lesen wir ihn bei Phädrus 5, 2/6. Plinius^p.
1, 24, 1 und nicht weniger als siebenmal bei Petron: c. 58 ter, 69. 74
bis. 75.
Vulgär ist auch die Parataxe bei suadere: ep. 1, 1, 65: Isne
tibi melius suadet, qui rem facias (sc. suadet). Beispiele fand ich
nur bei Plautus (Asin. 644. Trin. 681), carm. epigr. ed. Bücheier
118, 2, Petron, der nur die Beiordnung kennt (c. 35. 52. 74. 75).
Je eine Belegstelle aus Nepos (Con. 4, 1) und Frontin führt Georges an.
Dicere: carm. 3, 14, 21: die et argutae properet Neaerae. ep.
1,7, 60: die, ad cenam veniat. Der vulgäre Charakter dieser Parataxe
erhellt aus ihrem Vorkommen bei Plaut. Stich. 624: dixi equidem
in carcerem ires. Catull. 35, 2: Caecilio • dicas Veronam veniat.
Petron. c. 70: die et Menophilae . . discumbat.
Orare: sat. 2, 4, 5: sed des veniam bonus, oro. sat. 2, 6, 35:
orabat • adesses. sat. 2, 6, 37 : orabant • meminisses. ep. 1, 18, 1 11 : sed
satis est orare Jovem . . . det (die Konstruktion mit ut bei Horaz
nur: sat. 2, 5, 67. ars p. 200). Auf das Vulgäre dieser lockeren
Satzverbindung hat Heerdegen in seinen „Untersuchungen zur latei-
nischen Semasiologie", 3. Heft, S. 46 und 50 aufmerksam gemacht
und zahlreiche Belege beigebracht.
Der Vollständigkeit halber füge ich hinzu: precari: epod. 3, 20:
precor . . . opponat. carm. 1, 2, 30: venias precamur. carm. 1, 3, 7.
reddas • precor. Ebenso Petron. frgm. 50 v. 14: hie, precor, inveniar.
Venerari: sat. 2, 2, 124: venerata Ceres, . . surgeret.
Die größere Selbständigkeit der Fragesätze im Altlatein
brachte es mit sich, daß sie auch bei Anschluß an ein verbum sen-
tiendi und dicendi den Indikativ beibehielten, wo nicht der dubitative
oder deliberative Charakter der Frage den Konjunktiv bedingte.*)
Die Volkssprache hielt an der selbständigeren Stellung der Frage-
sätze fest und so bietet namentlich Petron viele Beispiele für den
Indikativ.^) Aus Horaz ist nur anzuführen: ep. 1, 7, 39: inspice, si
possum donata reponere laetus. Der Sinn ist hier: ecce, laetus pos-
sum • reponere. sat. 2, 4, 38: ignarum, quibus est ius aptius.
*) Fr. 25: curabo tibi cena sit (0. Altenburg S. 505).
') L. 1. 6, 92 : uti curent . . . , in arce classicus canat.
») 6, 231. *) Schmalz § 270. ») Guericke S. 64.
— 49 —
D. Die Unterordnung.
1. Relativsätze.
Kasusassimilation des pronomen relativum. Die Er-
scheinungen der Assimilation und Attraktion im Lateinischen, lange
in ihrem Wesen verkannt und für Gräzismen erklärt, werden heute
allgemein als volkstümliche Bildungen^) aufgefaßt. , Reflexionsloses
Alltagssprechen, Volks- und Verkehrsrede " nennt Ziemer, Streifzüge,
S. 62 als die hauptsächlichste Fundgrube für die Ausgleichung.
Hieher gehören die Fälle, in denen das pronomen relativum im
Kasus sich an das Beziehungswort angleicht: sat. 1, 6, 15: notante
iudice, quo nosti, populo. Beispiele bei Schmalz § 283, zu denen
noch hinzukommt Luccejus bei Cic. ep. fam. 5, 14, 1 und Apul. dial.
Herrn. Trim. 4.
Nicht anders dürfte zu urteilen sein über die Attraktion
des Beziehungswortes zum Relativpronomen.
Im Nominativ: epod. 6, 7: agam . . ., quaecumque prae-
cedet fera. carm. 4, 13, 18: quid habes illius, quae spirabat amo-
res . . . facies.
Genetiv: sat. 1, 4, 2: alii, quorum . . virorum . . . sat. 2, 2, 59:
vinum et cuius odorem olei. Die regelrechte Konstruktion carm.
2, 14, 22.
Dativ: sat. 1, 10, 16: illi, scripta quibus comoedia prisca
viris est.
Akkusativ: sat. 1, 1, 1: quam • sortem . . ., illa . . epod. 2, 37:
malarum, quas amor curas habet. Vgl. Plaut. Rud. 1065: illum
quem dudum *** lenonem extrusisti, hie eins vidulum e<c>cillum **.
Die Attraktion des Subjekts eines relativischen und indirekten
Fragesatzes an das Prädikat des übergeordneten Satzes, wie sie bei
Horaz einmal vorkommt: carm. 4, 14, 7: quem . . . didicere • quid
posses . . . gehört nach Schmalz, Stilistik, § 51 der Sprache des täg-
lichen Lebens an. Ungemein beliebt ist sie in der Komödie; so wird
sie z. B. im Trinummus allein siebenmal gelesen (88. 373. 698. 872.
960. 992. 1142).
^) R. Förster, Die Kasusangleichung des Relativpronomens im Latei-
nischen. Festschrift für K. F. W. Müller. Jahrb. f. kl. Philol., Suppl. 170—194.
Leipzig 1900.
— 50 —
2. Konjunktionalsätze.
Quamvis mit dem Indikativ. Über die Bevorzugung des
Indikativs in der Volkssprache sagt Haase (zu Reisigs Vorlesungen,
Anm. 504): , Die Volkssprache vernachlässigt nichts leichter als die
Abhängigkeitsverhältnisse der Sätze; die lebendige Anschauung des
Faktischen . . . veranlaßt den Indikativ, der dann freilich in sorg-
fältiger Redegattung, wo die grammatischen Verbindungen so pedan-
tisch wahrgenommen werden, wie es in der besten Zeit der Römer
immer geschah, bedeutend beschränkt werden mußte." Horaz ge-
braucht den Indikativ: sat. 1, 3, 129. 2, 2, 29. 5, 15. carm. 1, 28, 11.
3, 7, 25. 10, 13. ep. 1, 14, 6. 17, 1. 22. 18, 59. 2, 2, 168. ars
p. 355. 366. Der Konjunktiv: sat. 2, 4, 90. carm. 1, 14, 11. 3, 11, 17.
4,2,39. 6,6. ep. 1, 18, 91. 2,2,113. Der Konjunktiv überwiegt
demnach nur in den Oden.
Der Indikativ scheint vulgär zu sein. Cicero,^) Cäsar und Sallust
kenneu nur den Konjunktiv, dagegen läßt Varro bereits den Indikativ
zu, ferner Vatinius (bei Quintil. 6, 3, 60), Nepos (Milt. 2, 3), Celsus,
Valer. Max., Petron (c. 58), Sen. phil., Colum. und das Spätlatein.
Veraltet für die elegantere Diktion war nach Schmalz § 305 *)
die Konjunktion quando im temporalen Sinne, die Horaz nur in
Epoden und Satiren gebraucht: epod. 16, 27: quando Padus • laverit.
sat. 2, 2, 42: mala copia quando • soUicitat. Bedeutend eingeschränkt
wurde von der klassischen Sprache auch der bei Plautus, Terenz
und Lukrez häufige Gebrauch von quando im kausalen Sinne.
Varro und Cäsar meiden es ganz, Cicero fast ganz.^) Horaz wendet
es vorzugsweise in den Satiren an: sat. 2, 5, 9. 6, 93. 7, 5. carm.
3, 17, 2.
Ut semel: sat. 2, 1, 24: ut semel icto accessit fervor capiti.
Kießling bemerkt: „Vt semel stammt aus der Sprache der Komödie.
Horaz hat sonst cum semel. * *) Beispiele sind mir fast nur aus dem
Altlatein bekannt.*) Cicero verbindet semel mit cum (2 mal in den
1) Rabir. 4 quamvis . . . viderat liest K. F. W. Müller videret.
*) Die Behauptung von Schmalz, Cicero lasse es in den Reden nicht zu,
wird widerlegt durch leg. agr. 2, 41 : tum, quando . . . legatos Tyrum misimus.
3) In den Reden nur leg. agr. 1, 3 und in einer juristischen Formel
Muren. 26.
*) Epod. 5, 39. sat. 2, 7, 71. ep. 1, 10, 17. ars p. 831. carm. 3, 5, 29. 4, 7, 21.
6) Plaut. Amph. 873. Most. 471. Lucil. 1079. Turpil. 161.
— 51 —
Reden, 5 mal in den philosophischen Schriften) und ubi (2 mal in
den Beden, Imal in den philosophischen Schriften); mit ut meines
Wissens nur Brut. 51; Cäsar gebraucht es b. G. 1, 31, 12.
lubeo, ut. sat. 1, 4, 121: sie me formabat puerum dictis et
sive iubebat, ut facerem quid „habes auctorem, quo facias hoc*
unum ex iudicibus selectis obiciebat. Den ut-Satz ließ man bis jetzt
allgemein von iubere abhängig sein und diese Interpretation ist
gewiß die nächstliegende. Doch Kießling, der überhaupt in seinen
Erklärungen gerne in die Ferne schweift, bemerkt zu der Stelle: „Das
finale ut facerem hängt nicht von iubebat, sondern dem folgenden
obiciebat ab, da Horaz auf iubere nie ut folgen läßt.' Kießlings
Erklärung erscheint mir geschraubt und gezwungen; es ergibt sich
dann der Sinn daß Horaz um zu gehorchen noch eine andere
Autorität als die seines Vaters nötig gehabt habe. Dies kann aber
die Meinung Horazens nicht sein. Wir vermissen dann ein libentius
oder ähnliches. Dieser Schwierigkeit sind wir bei der früheren
Erklärung überhoben. Ebensowenig kann ich die Begründung der
Kießlingschen Erklärung als stichhaltig gelten lassen. Daß iubeo
sonst bei Horaz nicht mit dem finalen ut verbunden wird, darf
uns nicht an der Möglichkeit der Konstruktion zweifeln lassen, wir
müßten es denn als Grundsatz aufstellen, daß eine Fügung bei einem
Autor mindestens zweimal vorkommen müsse, um für gesichert zu
gelten. Dieser Schluß wäre für Horaz doppelt verkehrt. Der Um-
fang von Horazens Schriften ist nicht groß und man kann gewiß
nicht behaupten, daß auf dem Räume von 317 Teubnerseiten sich
alle individuellen sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten erschöpft
hätten. Dazu kommt, daß die Stelle den Satiren angehört, in denen
er der Vulgärsprache manchie Zugeständnisse machte. In der Vulgär-
sprache hat die Verbindung iubeo, ut stets bestanden, nicht selten
auch ist bei ihr der parataktische Konjunktiv.^) Durch die klassische
Sprache wurde in der Literatur dem Infinitiv zum Siege verholfen,
doch hat auch sie dem Einfluß der alten und der Volkssprache sich
nicht völlig entziehen können.^) Im Spätlatein überwiegt sogar ut.^)
Schmalz führt übrigens in seiner historischen Syntax § 329 Horaz
unter den Autoren an, die iubeo mit ut verbinden.
1) Brix-Niem. zu Plaut. Men. 955.
») Cic. Verr. 4, 28. ») Dräger 2, 241.
— 52 —
Dum = ne: sat. 1, 1, 40: dum ne sit te ditior alter, sat. 2, 2, 31 :
dum ne quid simile huic. Modo ne, dummodo ne fehlt bei Horaz.
Daß dum ne der älteren und vulgären Sprache angehöre, erwähnte
Heerdegen in seinen Vorlesungen. Es ist nicht selten im Altlatein
anzutreffen,^) Cäsar kennt es nicht, Cicero hat es in den sorgfaltiger
stilisierten Schriften offenbar gemieden. In den philosophischen
Schriften verwendet er nur nur modo ne,*) in den Reden dum ne
bezeichnenderweise nur Verr. 3, 147 und Phil. 6, 5 und zweimal in
den Briefen ad Att. 6, 1, 4. 8, IIb, 3. Das Gesagte gilt auch von
usque dum: sat. 1, 4, 20. c. 3, 30, 8. Öfter im Altlatein,*) bei
Cicero in den Reden nur Quinct. 67 und Ver. 1, 12, in den Briefen
ad fam. 12, 19, 3,*) in den philosophischen Schriften nirgends. Später
z. B. Apul. met. 2, 17. apol. 80.
Entschieden als Vulgarismus anzusprechen ist nach den Aus-
führungen von Schmalz § 272 der erweiterte Gebrauch von si = ob,
bei Horaz nur in den Episteln: 1, 6, 41: si posset . . praebere rogatus.
1, 7, 39: inspice, si possum • reponere. 1, 17, 4: adspice, siquid . . .
loquamur.
Eine altertümliche, in der Sprache des Volkes erhaltene Kon-
struktion nennt Schmalz § 336 die Korrelation von si und sie,
die außer Horaz: ep. 1, 7, 69: sie ignovisse putato me tibi, si cenas . . .
noch Lucilius, Cicero und Antonius in den Briefen, Apulejus, Lact.,
Juvenc. anwenden.
Vulgär ist der nach Schmalz § 343 schon im Altlatein vor-
handene, im Klassischen fehlende, bei Nepos und Horaz wieder-
auftauchende Gebrauch von satis est, si; sat. 1, 4, 116: mi satis
est, si . . . possum.
•) Sen. cons. de Bacch. Cato de agr. c. 5, 4. 33. 50. Plaut. Aul. 211. 491.
Bacch. 867. Capt. 338. 682. Cure. 36. Merc 425. Pers. 657. Trin. 979. Ter.
Andr. 902. Hec. 634.
*) Rep. 1, 32. Acad. 2, 132. div. 1, 113. Lael. 61. off. 1, 89. 105. 2, 51, 71.
') Cato de agr. c. 22, 30 bis. 56. 95, 1. 107. 110. 120. 160. Plaut. Amph. 472.
Asin. 328. Pers. 82. Ter. Heaut. 136. 983.
*) Auch Plane, in ep. fam. 10, 7, 2.
— 53
IV. Kapitel.
Stilistik.
A. Redeteile.
I. Adiectiva.
Der singularische Gebrauch von paucus ist als Vulgarismus
erwiesen von Köhler S. 23, der als Fundstellen angibt: Enn. bell.
Afr. Vitruv, Hygin, Greg. Tur. Hinzuzufügen wäre auct. ad Her. 4, 45
und Horaz ars p. 203.
Multus. Der Singular wird in klassischer Sprache fast aus-
schließlich im Sinne einer Mehrheit gebraucht, also in Verbindung
mit Kollektivbegriffen wie caro,^) cibus,*) sanguis,^) aurum,*) argen-
tum.*) Es ist einleuchtend, daß außer multus kein anderes Adjektiv
zu Gebote stand, das zu einer Verbindung mit dem kollektiven Sin-
gular fähig gewesen wäre. Ich möchte daher diese singularische
Verwendungsweise nicht mit Schmalz (Stilistik, § 8) als der Volks-
sprache entnommen bezeichnen. Dagegen stimme ich Schmalz zu,
wenn er das nämliche von Wendungen wie ad multam noctem be-
hauptet. Für vulgär halte ich den Gebrauch von multus, wo es in
den Bedeutungsbereich von magnus übergreift. Die Beispiele hiefür
beschränken sich im klassischen Sprachgebrauch auf wenige Aus-
drücke.^) Horaz weist die folgenden auf: multa libertas: sat. 1, 4, 5.
manus: sat. 1,4, 141. laus: sat. 1,10, 49. carm. 4, 4, 66. ep. 2, 1,246.
1) Cic. Pis. 67. 2) Tuac. 5, 100.
3) Leg. agr. 2, 16. Sest. 12. Mil. 101. Phil. 5, 20. fin. 2, 97.
*) De leg. 1, 41. de sen. 59.
5) Verr. 4, 62.
8) M. cura: leg. agr. 2, 95. m. labor: div. Cael. 72. Verr. 4, 146. Font. 12.
Süll. 73. fin. 2, 111. 3, 40. m. venustas: fin. 1, 9.
— 54 —
ars p. 281. pars: sat.2,7,7. carm.3,30,6. caedes: carm.3,23,14.
vis: carm. 4, 11, 5. moles: ep. 1, 14, 30. plurimus labor: carm. 4,
2, 30. Vielleicht auch: risus: carm. 4, 13, 27. prex: ep. 1,13, 18.
carm. 4, 5, 33. Wie sehr die klassische Sprache in diesem Falle das
Adjektiv magnus bevorzugte, geht aus folgender Tabelle hervor:
multa
manus
Cic. phil. Sehr.
Caes.
magna
1
4
Sali.
4
laus
Cic. Red.
magna
4
Cic. phil. Sehr.
Caes.
7
1
pars
Cic. Red.
magna
19
Cic. phil. Sehr.
Caes.
10
37
Varro de re r.
2
Sallust
12
caedes
Cic, Red.
magna
1
Caes.
8
vis
Cic. Red.
magna
1
Cic. phil. Sehr.
Sallust
3
5
multa
multa
multa
multa
Also trifft auf 114 Beispiele mit magnus kein einziges mit
multus. Über die Weiterentwicklung dieses Sprachgebrauchs im
späteren Latein spricht Landgraf zur Rose. § 43.
II. Adverbia.
Der Gebrauch der Adverbia bei Horaz weist manche Eigen-
tümlichkeiten auf, die mit größerer oder geringerer Wahrschein-
lichkeit auf den Einfluß der Volkssprache zurückzuführen sind. So
drückt das Adverbium male im Hochlatein fast nur eine fehlerhafte
— 55 —
Beschaffenheit aus, außerhalb desselben aber auch einen Grad, indem
es den Begriff, zu dem es gestellt ist, abschwächt oder verstärkt.
1. Zu Adjektiven und Verben gestellt, schwächt male deren
Begriff ab oder hebt ihn völlig auf in folgenden Beispielen: sat. 2,
3, 137: male tutae mentis. sat. 2, 5, 45: validus male filius. sat. 2,
6, 87: tangentis male singula. c. 1, 9, 24: digito male pertinaci.
ep. 1, 19, 3: male sanos. ep. 1, 20, 15: male parentem . . . asellura.
Nicht ohne Grund hat Horaz vorwiegend in Satiren und Episteln
und nur einmal in einem Gedichte scherzhafter Art diese Verwendung
von male gemacht, die ich bei Cäsar nirgends fand und bei Cicero
nur an ganz wenigen Stellen: Catil. 3, 22: ex civitate m. pacata
und ad Att. 9, 15, 5: m. sanus. Letzteres ist ein weitverbreiteter
Ausdruck.^) Sonst hat Cicero« das in privativum oder parum, non
satis, non ita, minus, vix.
Male als Bezeichnung eines geringen Grades finden wir zuerst
bei Plautus,*) dann besonders bei den Dichtern der Augusteischen
Zeit und in der silbernen Prosa.^) Diesen Gebrauch für volkstümlich
zu halten, bestimmt vor allem sein Vorkommen bei Petron*) und
sein Fortleben in den romanischen Sprachen.*)
2. Umgekehrt verstärkt male den Begriff von Adjektiven und
Verben, die an und für sich etwas Schlimmes bedeuten.^)
a) Male bei Adjektiven, nur in den Satiren. 1, 3, 45: m.
parvus • filius. sat. 1,3, 48: pravis • male talis. sat. 1,4,66: rauci male.
Beispiele führt Wölfl'lin, a. a. 0., S. 15 an aus Sulp, bei Tib., Mart.,
Dracont. Dazu kommen Catull 10, 33 (insulsa m.) und Ovid am.
3, 7, 3 (m. languidus). In Prosa kenne ich keines. Fritzsche, der
das Plautinische insanum ') bei Adjektiven vergleicht, übersetzt sat.
1, 3, 45 „verwünscht" oder , verteufelt klein". Wohl mit Recht;
denn dieser Gebrauch von male scheint unmittelbar der Volkssprache
i) Wölfflin, Lat. und rom. Komparativ, S. 16.
2) M. morigerus : Cure. 169. Epid. 607.
3) Liv, 1, 25, 12. 10, 5, 11. Heraus zu Tac. bist. 1, 17.
*) C. 86: m. dormienti. 87: m. repugnanti.
^) Franz. malcontent, malheureux, malhonnSte, malpropre, malsain,
mauvais. Ital. malcontento, malcauto, malfermo, malfido, malsano, mal-
sicuro, malsincero. Vgl. dazu male fidus: Verg. Aen. 2, 23. Ov. trist. 1,6, 13.
Tac. bist. 1, 62, male firmus: Ov. a. a. 2, 319. rem. am. 623.
«) Hand. Turs. 3, 583. Wölfflin, a. a. 0., S. 15 ff.
7) Most. 908 Lor.
— 56 —
entnommen zu sein, die den Gefühlen *) weiteren Spielraum gibt und
daher bisweilen statt einfacher Gradbezeichnung solche Adverbia
anwendet, die zugleich den Eindruck des in Rede Stehenden auf das
Gemüt wiedergeben. So kommt unser Adverb »sehr* vom Verbum
.sehren* und heute, wo diese Grundbedeutung verblaßt ist, sagen
wir in familiärer Rede ,arg, schrecklich, furchtbar groß' und ähn-
liches. Dieselbe Rolle spielte im Griechischen alvwg (a 264: (pdeeaxev
yäg alvwg).
b) Male bei Verben: sat. 1, 2, 22: peius se cruciare. sat. 2,
5, 107 : male tussire. ep. 1, 17, 30: peius vitare aliquid, carm. 4, 9, 50:
peius timere. Dazu merkt Weißenfels an: , Peius für magis ist derb
und wohl der Vulgärsprache entnommen." Das „wohl" kann man
getrost streichen; denn der vulgäre Charakter dieser Redeweise läßt
sich aus einer Menge von Beispielen, namentlich aus der Komödie,
erschließen: m. castigare: Most. 882. m. contundere: Aul. 409. m.
formidare: Amph. 304. Capt. 913. Cist. 673. Poen. 379. Ps. 1019.
m. macerare: Cist. 59. m. metuere: Aul. 61. Men. 977. Poen. 1292.
Ps. 784. 912. Ter. Hec. 337. m. mulcare: Mil. 163. Most. 903b.
Ter. Eun. 774. Acc. 85. Phaedr. 1, 3, 9. m. odisse: Men. 189.
Rud. 920. Ter. Ad. 523. m. oppugnare: Most. 686. m. pallere:
Cas. 982. m. timere: Aul. 208. Ter. Heaut. 531. 664. peius col-
linere: Poen. 306. peius macerari: Cist. 76. peius odisse: Mil. 128.
formidare: Varro sat. Men. 539 Buch, pessime metuere: Cure. 684.
Aus spätei^en Dichtern führe ich an: m. vulneror: Ovid rem. am. 283.
m. fodere: auet. Priap. 52, 8. In Prosa ist dieser Gebrauch selten;
er fehlt bei Cäsar, Sallust, Nepos, Livius, Tacitus und anderen.
Cicero nahm ihn nur in die ersten und letzten Reden und in die
Briefe auf: m. mulcare: Verr. 4, 94. Scheint ein stehender Ausdruck
gewesen zu sein, peius odisse: Phil. 11,12. ad fam. 7, 2, 3. m.
odisse: ad Att. 2, 1, 5 und (als Worte Cäsars angeführt) 14, 1, 2.
pessime vexari: Rose. 60. Dann sind noch zu nennen: Asin. PoU.
bei Cic. ad fam. 10, 33, 3: peius timere. Petron c. 38: m. vacillare;
c. 56: pessime odisse.
Für eine der Umgangssprache angehörende Ausdrucksfülle halte
ich die Verbindung von perdere und perire mit male, die Horaz nur
in den lamben und Satiren anwendet: epod, 12, 16: pereat male,
1) S. Weise, Charakteristik der lateinischen Sprache, § 108.
^i^y- -■■;.•
— 57 -
quae . . . sat. 2, 1, 6: peream male, si non . . . Beispiele fand ich
nur außerhalb der klassischen Literatur, nämlich bei Plautus,*)
Catull,«) Ovid^) und Tacitus.*)
Misere wurde in der Voltssprache im Sinne von magnopere,
vehementer, maxime mit Verben des Begehrens verbunden, ganz
entsprechend unserem „elend", sat. 1, 9, 8: misere discedere quaerens.
sat. 1, 9, 14: misere • cupis abire. Beispiele bietet die Komödie, die
ergiebigste Fundgrube des Volkslateins. So verbindet Plautus mit
misere: deperire mulierculam (Cist. 131) und moliri (Cure. 188) und
Terenz bedient sich dieser Redeweise mit Vorliebe;*) einmal ist sie
erhalten in den Fragmenten des Caecilius.^) M. cupere, ein in der
Umgangssprache offenbar beliebter Ausdruck, kommt sogar bei Cicero
(frgm. B 13, 3, 2) einmal vor, der sonst mit dem an sich bedeutungs-
starken Verbum summe (S. Rose. 13) und vehementer (Verr. 3, 222)
verbindet.
Bene als Steigerung des Adjektivs war, wie Wölfflin im
„Philologus", Bd. 34, S. 140 nachgewiesen hat, in der Umgangs-
sprache heimisch, wenn es auch mehrfach im Klassischen anzutreffen
ist. Horaz machte davon ziemlich sparsamen Gebrauch: sat. 1, 3, 61.
9, 44: bene sanus. c. 2, 12, 15: b. fidus. Ob das vierte, von Wölfflin
angeführte Beispiel sat. 2, 3, 74: si male rem gerere insani est, contra
bene sani hieher gehört, ist zweifelhaft, da bene auch zu einem zu
ergänzenden gerere gehören kann. Vgl. franz. bienheureux, bien-
contant.
Multum verwendet Horaz mehrmals zur Steigerung von Ad-
jektiven: sat. 2, 3, 147: m. celer atque fidelis. sat. 2, 5, 92: m. simiKs.
ep. 1, 10, 3: m. dissimiles. ep. 2, 2, 62: m. diversa. Dazu kommt
sat. 1, 3, 57: m. demissus, da d. adjektiviert ist. Daß diese Ver-
wendung von multum, die bei Plautus 10 mal,') bei Terenz nie, bei
Späteren öfter sich vorfindet, der familiären Ausdrucksweise beizu-
*) Pers. 853. Trin. 1086: male disperii.
*) 14, 5: m. perdere.
') Am. 1, 6, 41 : m. perdere.
*) Ann. 6, 6 Worte des Tiberius : di me peius perdant.
5) M. amare: Andr. 520. Heaut. 190. Ad. 667. m. cupere: Ad. 522. 698.
m. orare: Heaut. 365. m. invidere: Eun. 412.
^) 157: difPerar sermone misere.
'') Brix-Niem. zu Capt. 272. Dazu kommt Capt. 87.
5
— 58 —
zählen ist, hat Wölfflin, a. a. 0., S. 8 durch zahlreiche Beispiele aus
dem Lateinischen^) und Italienischen (molto bene) erwiesen.
Von hier aus war nur ein Schritt zur Umschreibung des
Komparativs mit plus, die bekanntlich in den meisten romani-
schen Sprachen die herrschende geworden ist. Die Wurzeln dieser
Entwicklung im Lateinischen hat Wölfflin, a. a. 0., S. 29 ff. bloß-
gelegt. Ich denke aber, hieher gehören zwei von Wölfflin nicht
beachtete Beispiele aus unserem Dichter: sat, 1, 3, 51: at est trucu-
lentior atque plus aequo liber. ep. 1, 18, 10: alter in obsequium
plus aequo pronus. Der Zusatz aequo rechtfertigt plus nicht; vgl.
Priap. 1, 5: membrosior aequo. Ahnlich wie Horaz sagt Varro de
re r. 3, 16, 37: cinere paulo plus caldo quam tepidiore.
Hoc = ideo verwenden nach Hand, Turs. 3, 92 die Komiker,^)
dann die Schriftsteller der Augusteischen Zeit, Cicero nicht.') Überaus
häufig hat es Lucretius,*) Horaz nur in den Satiren: 1, 1, 46: non
tuus hoc capiet venter plus. 1, 3, 93: minus hoc iucundus amicus
sit mihi? 1, 6, 41: hoc tibi Paulus . . videris? 1, 6, 52: felicem
dicere non hoc me possim • quod. 1, 6, 87 : hoc nunc laus illi de-
betur . . maior. 1, 9, 8: pluris hoc • mihi eris. In den Briefen hat
Horaz hoc wohl mit Absicht vermieden; er setzt dafür ein: ideo
(1, 19, 26 — in den Satiren fehlend) und idcirco (1, 1, 29. 11, 16.
ars p. 265 — in den Satiren nur 1, 4, 45). Demnach ist es nicht aus-
geschlossen, daß Horaz diese Verwendung von hoc aus der Volks-
sprache geschöpft hat.
Eine Lässigkeit der Umgangssprache ist die Auslassung des
Demonstrativs vor dem Relativ bei verschiedenem Kasus,
die das klassische Latein — nach einer Bemerkung Heerdegens in
seinen Vorlesungen — vermeidet. Beispiele sind bei Plautus*) nicht
selten; bei Horaz beschränken sie sich auf die Satiren und Episteln.
1) Dazu kommen: Ov. met. 4, 155. Rut. Lup. 1, 17. Anthol. Lat. 93, 7
(Bährens). Fronto ad am. 2, 5. Vielleicht auch Cic. ep. fam. 6, 6, 9 : valde est
acutus et multum providens.
ä) Plaut. Cist. 320. Mil. 850. Rud. 388. Pseud. 807. 822.
3) Vielleicht S. Rose. 141. Oft als ablat. comp, und mensurae. S.Wölfiflin-
Meader, Arch. 11, 376.
*) S. Hiden, Lucietiana, Arch. 11, 102.
5) Asin. 527: qui deludunt, deperis. Capt. 941. Epid. 575. Men. 717.
Mil. 694. 1077. Most. 522. Poen. 280. Trin. 953 u. ö.
— 59 —
sat. 1, 3, 96: quis . . . placuit • , laborant. sat. 2, 1, 8: transnanto • , •
quibus opus est. ep. 1, 2, 46: . . . cui contingit, nihil amplius optet.
ep. 1, 10, 42: cui non conveniet . ., ut calceus , . . subvertet. ars
p. 40: cui lecta • erit res, nee facundia deseret. ars p. 248: offen-
duntur •, quibus est equus.
Hic-hic statt hic-ille. Über den Gebrauch der gleichen
Pronomina zur Bezeichnung verschiedener Personen und Dinge sagt
Wölfflin in seinem Vortrag über „Die Gemination im Lateinischen":*)
»Es entspricht der Lebhaftigkeit des Denkens, wie es in der Volks-
sprache zum Ausdruck kommt, wenn die zwei oder mehreren in
Gegensatz gebrachten Begriffe gleichmäßig gewissermaßen in unmit-
telbare Nähe des Sprechenden gerückt werden: Ähnlich in unserer
Konversationssprache: der — -der. Die Ausdrucksweise war ur-
sprünglich wohl deiktisch."
Diese lebhafte Ausdrucksweise vertrug sich recht gut mit der
dichterischen Sprache; so darf es uns nicht wundern, daß Horaz sie
in alle Dichtungsgattungen aufnahm.
Zwei Glieder: hic-hic: sat. 1, 3, 49. ep. 1,17, 39 ff. 2, 2, 67 ff.
haec-haec: ars p. 363. 365. hic-hunc: sat. 1,2, 4 ff. hanc-hunc: sat.
2, 3, 141. hoc-hoc: ars p. 45.*) corrige, sodes, hoc, aiebat, et hoc:
ars p. 439. hunc atque hunc: sat. 1, 1, 112. Adverbia: hac-hac:
sat. 2, 2, 64 (im Sprichwort wie Plaut. Gas. 971) und ep. 2, 2, 75
(in lebhafter Schilderung), huc et huc: epod. 4, 9. hic-hic: sat. 2,
3,59. hinc-hinc: sat. 1,1, 17 f. c. 3, 4, 58. hinc et hinc: epod. 2, 31.
5, 97. hinc-hic: c. 1,34, 14. Mehr als zwei Glieder: hic-ille-
hic-hic-hunc: sat. 1, 2, 41 ff. hic-hic-hunc-Albius-hic: sat. 1, 4, 27 ff.
Den klassischen Sprachgebrauch weisen folgende Stellen auf:
hic-ille: ep. 2, 2, 59 f. c. 3, 6, 15. 4, 8, 7. ille-hic: sat. 1, 1, 28 f.
2, 3, 50. hie atque ille: sat. 1. 4, 126. his-illis: sat. 1, 2, 11. illis-
his: sat. 2, 2, 36 f. hunc-illum: sat. 1, 3, 47. c. 1, 1, 7 ff. 12, 26.
illam-hanc: sat. 1, 2, 120 f. huc et illuc: c. 4, 11, 9. In den Oden
überwiegt also der klassische Gebrauch (5 : 2). Hier verhält sich die
Zahl der in ihnen vorkommenden Beispiele zu denen aus den übrigen
Schriften wie 5:8, während oben das Verhältnis ist wie 2:17.
^) Sitzungsb. d. Bayer. Akad. d. Wiss. 1882, S. 434 Anm.
2) Vgl. Ter. Ad. 417: hoc facito — lioc fugito. 418: hoc laudist — hoc
vitio datar.
- 60 -
c) Indefinita. Daß der Gebrauch des Plurals von uter-
que von zwei Personen oder Sachen der Volkssprache angehört,
zeigt Schmalz in seiner historischen Stilistik § 26. Bei Horaz be-
gegnet er uns sat. 1, 8, 25: pallor utrasque fecerat horrendas aspectu.
Die Volkssprache hat den Unterschied im Gebrauche von alius
und alter nicht strenge eingehalten, indem sie oft alter an die
Stelle von alius setzt.*) Horaz schloß sich ihr an folgenden
Stellen an: sat. 1, 1, 40: dum ne sit te ditior alter, sat. 1, 5, 33:
non ut magis alter, amicus. sat. 1, 5, 42: neque quls me sit de-
vinctior alter, ep. 1, 6, 32: ne portus occupet alter. Kießling hält
an der ersten und letzten Stelle die Grundbedeutung von alter fest
und übersetzt „der Konkurrent". Aber diese Auffassung ist nicht
nötig, an den beiden anderen Stellen auch gar nicht möglich. In
Verbindung mit Komparativen und Wörtern mit komparativer Be-
deutung gebraucht die Volkssprache mit Vorliebe alter ganz im
Sinne von alius. So die Komödie und auch spätere Dichter.*) Aus
dem Dutzend Plautinischer Beispiele seien nur zwei bezeichnende
namhaft gemacht. Mil. 313: quis homo . . te alter est audacior?
Aul. 206: neque illo quisquamst alter . . . parcior.
Wie die Volkssprache alius im Sinne von ,der andere" ge-
brauchte, so auch alii im Sinne von ceteri.') In dieser Weise sind
die beiden folgenden Horazstellen zu erklären: sat. 1, 10, 76: satis est
equitem mihi plaudere, ut audax, contemptis aliis, explosa Arbuscula
dixit. carm. 1,3, 4: obstrictis aliis (ventis) praeter Japyga. In Ver-
kennung der volkstümlichen Gleichung alii = ceteri merkte Weißenfels
(15. Aufl.) zur letzteren Stelle an: ,Man konnte ceteris erwarten;
aber es genügt die Angabe der Verschiedenheit", was er freilich in
16. Auflage änderte: „aliis wie oft bei Dichtern statt ceteris".
Der Gebrauch des prädikativen nullus als verstärkte Nega-
tion eignet vorzugsweise der Umgangssprache, wie bereits M. Haupt
(Observ. crit., Lips. 1841) sah. Horaz weist ihn nur einmal auf:
sat. 2, 2, 89 : non quia nasus illis nullus erat.
Das adjektivische quisquis bei Horaz c. 2, 13, 9: quidquid
usquam concipitur nefas gehört nach Kießling z. d. St. der älteren
') Schmalz, Historische Stilistik, § 29.
2) Z. B. Verg. Aen. 7, 649. Mart. 10, 20, 5.
') Schmalz, Historische Stilistik, § 29.
— 61 —
Latinität an. Holtze 1, 376 bringt drei Belegstellen bei: Cato de
agr. 48: suum quidquid genus talearum serito. Plaut. Men. 811:
quidquid tibi nomen est. Plaut. Pseud. 639: quidquid est nomen tibi.
Das ofPenbar formelhafte quidquid est nomen tibi taucht im späteren
Latein bei Gellius 4, 1, 4 wieder auf.
Rebling weist S. 18 nach, daß die Verdopplung des Pronomens
quantus in der Schriftsprache vermieden wurde und quantuscunque
dafür eintrat. Dasselbe gilt auch von dem bei Horaz vorkommenden
undeunde (sat. 1, 3, 88), das nach Georges außerdem nur Catull
und Apulejus anwenden. Klassisch war alicunde: Cic. Caecin. 46. 82.
Ver. 2, 48. Tusc. 3, 82. fin. 5, 31.
4. Negationen.
In seinen Vorlesungen machte Heerdegen die Bemerkung, daß
Horaz in den Satiren bisweilen non unquam = nunquam und
non usquam = nusquam sage, und sprach dabei die Vermutung
aus, daß hier ein alter und volkstümlicher Sprachgebrauch vorliege.
Die Beispiele aus Horaz sind folgende: sat. 1, 1, 97: ut se non un-
quam . . vestiret. sat. 1, 6, 14: non unquam • pluris licuisse.^) sat. 1,
6, 99: haud unquam solitus. sat. 1, 1, 37: non usquam prorepit.
Für non unquam sind mir nur zwei weitere Belege gegenwärtig:
Plaut. Merc. 288 und Catull 23, 23.
Man könnte als Ursache an Verszwang denken, käme non us-
quam nicht auch in Prosa (Cic. Tusc. 5, 24) vor,*) ebenso wie non
uUus, das außer Horaz: sat. 2, 8, 49: ut non • magis uUum aliud,
ep. 2, 1,122: non fraudem . . . uUam Plautus (Epid. 645) und Lu-
cilius (452) und selbst Cicero dreimal in den Erstlingsreden und
zweimal in den Briefen*) zuließ, wenn er die Negation betonen wollte.
In dieselbe Kategorie gehört das Cicero ebenfalls nicht fremde*)
non quisquam: sat. 1, 3, 6. 33. 4, 35. ep. 1, 14, 37. haud quis-
quam: sat. 1, 9, 27. 2, 1, 40. Auffallig ist, daß die Beispiele bei Horaz
fast ausschließlich sich auf die Satiren beschränken, daß sie im
ersten Buch am zahlreichsten sind und dann seltener werden. Sollte
diese Erscheinung mit der steigenden Versgewandtheit des Dichters
^) Vulgär ist hier die Verwendung von non unquam für ein verstärktes
non, worauf Eießling aufmerksam gemacht hat.
2) Haud unquam: Plaut. Most. 857.
8) Hellmuth S. 31. *) Landgraf z. Rose. 52.
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c) Indefinita. Daß der Gebrauch des Plurals von uter-
que von zwei Personen oder Sachen der Volkssprache angehört,
zeigt Schmalz in seiner historischen Stilistik § 26. Bei Horaz be-
gegnet er uns sat. 1, 8, 25: pallor utrasque fecerat horrendas aspectu.
Die Volkssprache hat den Unterschied im Gebrauche von alius
und alter nicht strenge eingehalten, indem sie oft alter an die
Stelle von alius setzt.*) Horaz schloß sich ihr an folgenden
Stellen an: sat. 1, 1, 40: dum ne sit te ditior alter, sat. 1, 5, 33:
non ut magis alter, amicus. sat. 1, 5, 42: neque quls me sit de-
vinctior alter, ep. 1, 6, 32: ne portus occupet alter. Kießling hält
an der ersten und letzten Stelle die Grundbedeutung von alter fest
und übersetzt „der Konkurrent". Aber diese Auffassung ist nicht
nötig, an den beiden anderen Stellen auch gar nicht möglich. In
Verbindung mit Komparativen und Wörtern mit komparativer Be-
deutung gebraucht die Volkssprache mit Vorliebe alter ganz im
Sinne von alius. So die Komödie und auch spätere Dichter.*) Aus
dem Dutzend Plautinischer Beispiele seien nur zwei bezeichnende
namhaft gemacht. Mil. 313: quis homo . . te alter est audacior?
Aul. 206: neque illo quisquamst alter . . . parcior.
Wie die Volkssprache alius im Sinne von »der andere" ge-
brauchte, so auch alii im Sinne von ceteri.^) In dieser Weise sind
die beiden folgenden Horazstellen zu erklären: sat. 1, 10, 76: satis est
equitem mihi plaudere, ut audax, contemptis aliis, explosa Arbuscula
dixit. carm. 1,3, 4: obstrictis aliis (ventis) praeter Japyga. In Ver-
kennung der volkstümlichen Gleichung alii = ceteri merkte Weißenfels
(15. Aufl.) zur letzteren Stelle an: ,Man konnte ceteris erwarten;
aber es genügt die Angabe der Verschiedenheit", was er freilich in
16. Auflage änderte: , aliis wie oft bei Dichtern statt ceteris".
Der Gebrauch des prädikativen nullus als verstärkte Nega-
tion eignet vorzugsweise der Umgangssprache, wie bereits M. Haupt
(Observ. crit., Lips. 1841) sah. Horaz weist ihn nur einmal auf:
sat. 2, 2, 89: non quia nasus illis nullus erat.
Das adjektivische quisquis bei Horaz c. 2, 13, 9: quidquid
usquam concipitur nefas gehört nach Kießling z. d. St. der älteren
') Schmalz, Historische Stilistik, § 29.
2) Z. B. Verg. Aen. 7, 649. Mart. 10, 20, 5.
') Schmalz, Historische Stilistik, § 29.
m:
— 61 —
Latinität an. Holtze 1, 376 bringt drei Belegstellen bei: Cato de
agr. 48: suum quidquid genus talearum serito. Plaut. Men. 811:
quidquid tibi nomen est. Plaut. Pseud. 639 : quidquid est nomen tibi.
Das offenbar formelhafte quidquid est nomen tibi taucht im späteren
Latein bei Gellius 4, 1, 4 wieder auf.
Rebling weist S. 18 nach, daß die Verdopplung des Pronomens
quantus in der Schriftsprache vermieden wurde und quantuscunque
dafür eintrat. Dasselbe gilt auch von dem bei Horaz vorkommenden
undeunde (sat. 1, 3, 88), das nach Georges außerdem nur Catull
und Apulejus anwenden. Klassisch war alicunde : Cic. Caecin. 46. 82.
Ver. 2, 48. Tusc. 3, 82. fin. 5, 31.
4. Negationen.
«
In seinen Vorlesungen machte Heerdegen die Bemerkung, daß
Horaz in den Satiren bisweilen non unquam = nunquam und
non usquam = nusquam sage, und sprach dabei die Vermutung
aus, daß hier ein alter und volkstümlicher Sprachgebrauch vorliege.
Die Beispiele aus Horaz sind folgende: sat. 1, 1, 97: ut se non un-
quam . . vestiret. sat. 1, 6, 14: non unquam • pluris licuisse.^) sat. 1,
6, 99: haud unquam solitus. sat. 1, 1, 37: non usquam prorepit.
Für non unquam sind mir nur zwei weitere Belege gegenwärtig:
Plaut. Merc. 288 und Catull 23, 23.
Man könnte als Ursache an Verszwang denken, käme non us-
quam nicht auch in Prosa (Cic. Tusc. 5, 24) vor,*) ebenso wie non
ullus, das außer Horaz: sat. 2, 8, 49: ut non • raagis ullum aliud,
ep. 2, 1, 122: non fraudem . . . ullam Plautus (Epid. 645) und Lu-
cilius (452) und selbst Cicero dreimal in den Erstlingsreden und
zweimal in den Briefen^) zuließ, wenn er die Negation betonen wollte.
In dieselbe Kategorie gehört das Cicero ebenfalls nicht fremde*)
non quisquam: sat. 1, 3, 6. 33. 4, 35. ep. 1, 14, 37. haud quis-
quam: sat. 1, 9, 27. 2, 1, 40. Auffallig ist, daß die Beispiele bei Horaz
fast ausschließlich sich auf die Satiren beschränken, daß sie im
ersten Buch am zahlreichsten sind und dann seltener werden. Sollte
diese Erscheinung mit der steigenden Versgewandtheit des Dichters
^) Vulgär ist hier die Verwendung von non unquam für ein verstärktes
non, worauf Kießling aufmerksam gemacht hat.
2) Haud unquam: Plaut. Most. 857.
8) Hellmuth S. 31. *) Landgraf z. Rose. 52.
— 62 —
zusammenhängen? Daß diese Trennung der Negation von dem zu
negierenden Begriff der Volkssprache eigentümlich war, ist nicht zu
erweisen. Eine Neigung zu dieser Ausdrucks weise war im Vulgär-
latein sicher vorhanden. Man denke nur an romanische Negationen
wie ne-jamais und non-mai.
5. Verba.
Als , direkt aus dem Volksmunde genommen' bezeichnet Land-
graf (Bl. f. d. bayer. Gymn., Bd. 16, S. 276) den reflexiven Ge-
brauch von habere, wie er vorliegt in den Worten des Horaz
sat. 1, 9, 53: atqui sie habet. Stellen bei Köhler S. 91. Lorenz zu
Plaut. Most. 936. Schmalz, Zeitschrift für das Gymn. 1881, S. 134.
Ersatz der Kopula esse. Schon im Altlatein traten an die
Stelle der Kopula esse andere Verba und zwar aus einem zweifachen
Grunde: Die lautliche Schwäche mancher Formen von esse stand
dem Streben der Volkssprache nach volltönenden Wörtern entgegen,
seine verblaßte Abstraktion der Neigung des gemeinen Mannes zu
anschaulicher, sinnenfälliger Ausdrucksweise. Daher traten bald
Nebenbuhler von esse auf den Plan, die den Bedürfnissen der volks-
tümlichen Rede besser entsprachen, so das Kompositum adesse,^)
später das bei Livius,*) Petron^) und Tacitus*) vorkommende agere
sowie agitare.*) Die Vorliebe für anschauliche Wörter, die den Mann
aus dem Volke nach einem Ersatz für esse hatte suchen lassen, war
auch für die Dichter entscheidend und so geht hier Volkslatein und
Dichtersprache großenteils Hand in Hand. Horaz verwendete für
den Begriff des Seins folgende Verba:
Vivere. Heerdegen machte in seinen Vorlesungen darauf auf-
merksam, daß Döderlein (Anm. zu sat. 2, 2, 135) zuerst den phraseo-
logischen Gebrauch von vivere als verstärkte Kopula erkannte. Die
übrigen Herausgeber des Horaz berühren meines Wissens diesen
Punkt nicht. Nicht weniger als 29 mal übernimmt vivere bei Horaz
1) Plaut. Asin. 513 : tu mi accusatrix ades. trag. ine. fragm. ine. 154 b :
adesse ultorem nati me credas mei.
2) 9, 22, 3: securior. 43, 4: incerti.
3) C. 74: at ego dum bonatus ago.
*) Hist. 3, 44: bello clarus egerat. Auch ohne Prädikatsnomen verwendet
er agere = esse, nicht selten im Partizip: hist. 3, 34. 57. 4, 15.
^) Porcius Licin. bei Suet. vit. Ter. p. 27, 9 ReifiF. : qui agitabant nobiles.
— 63 —
die Funktion der Kopula, am häufigsten in den Satiren: sat. 1, 1, 3
(contentus). 101 (Naevius). 117 (beatus). 2, 21 (miser). 3, 142 (bea-
tus). 4, 98 (incolumis). 108 (contentus). 6, 11 (probus). 70 (carus).
sat. 2, 2, 135 (fortis). 5, 28 (locuples). 6, 91 (patiens). 94 (sortita).
96 (beatus). 97 (memor). 7, 10 (inaequalis). 14 (moechus, doctus).
carm. 2, 3, 5 (maestus). 3, 5, 6 (maritus). 26, 1 (idoneus). 27, 14
(memor). ep. 1, 2, 10 (beatus). 2, 26 (canis; vixisset entspricht hier
einem vorangehenden fuisset). 3, 29 (carus). 7, 3 (sanus). 16, 66
(metuens), 17, 32 (ineptus). 2, 2, 157 (avarior). ars p. 36 (naso
pravo).
Als selbständiges Verb vertritt vivere esse: sat. 2, 1, 27: quot
capitum vivunt, totidem studiorum milia und ep. 1, 3, 34: ubicumque
locorum vivitis. Will Horaz die Art und Weise der Lebensführung
bezeichnen, so verwendet er Adverbien wie sie, bene, recte, suavius,
commodius, melius u. dgl. Fast ebenso viele Beispiele, nämlich 27,
zählte ich bei Plautus,^) aber der Gebrauch ist hier noch enger be-
grenzt; denn während Horaz vivere auch für dreisilbige Formen von
esse (fuisse, fueris, fuisset) eintreten läßt, verwendet es Plautus nur
für ein- (17 mal) und zweisilbige (10 mal). Ebenso verfahren Ennius
tr. 257, Lucil. 602. 1336, Terenz,«) Turpil. 80. Der erste, bei dem
vivere für eine dreisilbige Form von esse steht, ist Afranius.') Catull
hat vivere nur in den kleineren Gedichten : 8, 10. 10, 33. 107, 7. 111, 1.
In Prosa findet sich prädikatives vivere bei Caesar gar nicht, bei
Cicero mehrmals in Reden und Briefen,*) bei Sallust einmal: lug.
31, 26. In späterer Literatur begegnete es mir bei Apulejus (met.
5, 9. 18. 9, 35. 10, 8. 11, 6) und Gellius 2, 18, 8. Nach diesem
seinem Vorkommen hatte sich der prädikative Gebrauch von vivere
auf dem Boden der Volkssprache entwickelt und war auf ihm vor-
zugsweise heimisch geblieben.
Eine poetische Steigerung erblicke ich im Gebrauch von vigere
carm. 3, 9, 4: vigui beatior. 8: vigui clarior.
1) Amph. 1046. Aul. 315. Bacch. 553. 614. Capt. 328. 828. Gas. 403.
489. 863. eist. 645. Cure. 622. Men. 202. 726. 727. 908. Merc 605. 897.
Mil. 56. 578. 1320. 1417. Ps. 337. Rud. 127. 290. 520. Trin. 390. Truc. 418.
») Heaut. 391. Eun. 1031. Hec. 566. 861.
") 252: viiisti tristis, durus, difficilis, tenax.
*) S. Rose. 51. VeiT. 5, 77. Catil. 2, 16. Sest. 133. Phil. 11, 13. ad
Att. 3, 5. 15, 4. fam. 14, 1, 2.
— 64 -
Morari. Durch den Zusatz sub divo hat Horaz c. 2, 3, 23
einen vielleicht schon zu seiner Zeit in der Umgangssprache vor-
handenen Gebrauch geadelt. Im Spätlatein ist die Abschwächung
der Bedeutung von morari fast bis zu der von esse unleugbar. Siehe
Thielmann, ApoUoniusroman, S. 16.
Stare. Daß die teilweise Verdrängung von esse durch stare
bereits im Spätlatein begonnen hat, ist bekannt.*) Die Anfänge
dieser Erscheinung reichen weit hinauf, vielleicht bis in die Komödie.
Das erste sichere Beispiel fand ich bei Lucretius 2, 181 : tantä stat
praedita culpa (natura mundi), die nächsten bei Horaz sat. 1, 8, 10:
hoc • plebi stabat • sepulcrum. Vielleicht gehört auch hieher: sat.
2, 5, 92: stes capite obstipo. Zweifellos ist: c. 1, 16, 19: irae . . .
altis urbibus ultimae stetere causae, cur perirent, wozu Kießling
mit Recht die Bemerkung macht: , stetere für das farblose fuere".
Für das Zurücktreten der eigentlichen Bedeutung von stare fand
ich ein sprechendes Beispiel bei Petron c. 62 in der Erzählung des
Niceros: mihi anima in naso esse, stabam taraquam mortuus und
bei Martial 12,94,2: cessi, aemula ne starent carmina nostra tuis.^)
Wie leicht ein Übergang von esse zu stare möglich war, läßt sich
ersehen aus der Redensart esse cum telo (Cic. Mil. 11. ad Att. 2,
24, 3), wofür Cicero Catil. 1, 15 sagt: te stetisse in comitio cum telo.
Viel häufiger als stare treten Verba der Bewegung als Prä-
dikativa auf; dem Sprachschatz des Horaz gehören folgende an:
Ire: sat. 2, 7, 59: quid refert, . . . auctoratus eas, an . . .
Ebenso Plautus^) und die Augusteischen Dichter.
Incedere: epod. 15, 18: meo • superbus incedis malo. Nicht
selten bei Plautus,*) meines Wissens nur einmal bei Cicero (Sest. 19:
quam taeter incedebat), mehrfach bei Dichtern, z. B. Verg. Aen. 1,46:
ego, quae divom incedo regina.
Venire: sat.l, 7, 25: Canem illum . . . venisse. Die Bedeutung
des Kommens ist hier belanglos wie in der Stelle bei Plaut. Aul. 239:
1) Roßberg, „Zu Dracontius". Archiv, Bd. 4, S. 48.
■'') Rönsch S. 388 führt noch einige Belegstellen an, so aus Hygin, Valerius
Flaccus und Sen. trag. Laberius 59 ist zu streichen.
'^) Aul. 714: caecus eo. 721: pessume ornatus eo.
*) Asin. 405 (minis expletus cedit). Bacch. 1069. Cas. 446. Curc.294. 533.
Merc. 600: tristis cedit. Mil. 897: lepide • ornatus incedis — du kommst fein
daher. Poen. 577. Pseud. 308. Truc. 463.
— 65 —
dummodo morata recte veniat, dotatast satis. Selbst Cicero sagt
nat. deor. 1,17: me adiutorem huic venisse.
Ambulare: epod. 4, 5; licet superbus ambules. epod. 5, 71:
solutus ambulat. epod. 8, 14: onusta • ambulet. Ambulare bedeutet
im ersten und dritten Beispiel das Stolzieren und soll an der zweiten
Stelle die Bewegungsfreiheit bezeichnen. Wie sehr aber die sinnliche
Bedeutung zurücktreten konnte, zeigt das lehrreiche Beispiel aus
Plaut. Bacch. 820 : terrae odium ambulat. ib. 822 : tun terrae me
odium esse autumas?
B. Kürze des Ausdrucks.
I/Die Ellipse.
Unter den Begriff der Ellipse ordne ich alle die Fälle, wo die
Umgangssprache den kürzeren, die Schriftsprache den volleren Aus-
druck bevorzugt. Nur der Bequemlichkeit halber behalte ich die
Bezeichnung „Ellipse" bei, deren Einschränkung Hermann PauH)
mit Recht fordert.
Ellipsen von Substantiven. Aqua: sat. 2, 7, 91: repulsum
perfundit gelida. Dieselbe Ellipse bei frigida: C. J. L. 4, 1291. Celsus,
Quintil. 5, 11, .31. Plin. ep. 3, 5, 11. Sueton. bei calida: Cato de agr.
156, 3. Petron 65 und 68. Seneca, Plin. nat. h. 25, 7, 77. Cicero
schreibt Catil. 1, 31: si aquam gelidam biberint und nat. d. 2, 25:
ex puteis iugibus aquam calidam trahi.
Technischer Sprachgebrauch ist nach Kießling die Auslassung
von as oder nummus: sat. 1, 6, 75: octonos referentes Idibus aeris.
Belege bieten Kießling und Fritzsche.
Wie wir im Umgangstone sagen „wie viel ist es?" und ,um
drei", so ließ bei den Römern der senno cotidianus hora aus. sat.
1, 6, 122: ad quartam. sat. 2, 6, 34: ante secundam. ep. 1, 7, 71 :
post nonam. carm. 3, 19, 7: quotä. Ebensooft setzt Horaz hora
hinzu: sat. 1, 5, 23. 2, 6, 44. ep. 1, 7, 47. 17, 6. Die Beispiele für
die Ellipse sind nicht eben zahlreich. Meines Wissens beschränken
sie sich auf Pompon,^) Seneca, Martial, Juvenal, Fronto, Mart. Cap.
1) Prinzip. S. 313.
*) 65 : sero est : si sexta tibi placet, venibo.
- 66 -
Cicero setzt in den Reden und philosophischen Schriften stets hora
hinzu, in den Reden allein an mehr als einem Dutzend Stellen.
Die Auslassung von aedes: sat. 1, 9, 35 adVestae hat Wölff lin ^)
der familiären Redeweise zugewiesen.
Auf die bei Horaz zweimal vorkommende Ellipse von locus
bei cavus (sat. 2, 6, 116. ep. 1, 7, 33) hat Köhler^) aufmerksam ge-
macht. Ihr weiteres Vorkommen bei Varro de re r. 3, 15, 1 und
Colum. 12, 8 deutet darauf hin, daß sie in der Sprache der Land-
leute heimisch war. Sie paßt daher gut in den Mund der Landmaus
und des Wiesels.
Daß die Auslassung von oculis bei limis sat. 2, 5, 53 Sprach-
gebrauch der täglichen Lebens sei, hat Kießling gesehen.
Pretium ist hinzuzudenken sat. 2, 3, 245: luscinias • impenso •
coemptas. Für den vollen Ausdruck führt Krüger je eine Stelle aus
Cäsar und Livius an. Nur nebenbei, weil auch dem Klassischen
nicht fremd, sei erwähnt die Ellipse von partes (sat. 1, 9, 46) und
via (sat. 1, 5, 71).
Das pronomeu poss. ist substantiviert nach Auslassung des
Substantivs: carm. 1,15, 32: non hoc poUicitus tuae. carm. 1, 25, 7:
me tuo • pereunte, wozu Kießling bemerkt: „Dein Sklave" wie um-
gekehrt 1, 15, 32 „Deiner Herrin*. Bestätigt wird diese Auffassung
durch Plaut. Bacch. 92: mulier, tibi me mancupo: tuos sum. Daß
diese aus der Sprache der Sklaven^) in die der Liebenden über-
tragene Ausdrucksweise nur der Sprache des täglichen Lebens eignet,
bedarf keines Beweises.
Ellipsen der Pronomina. Daß die Auslassung des Sub-
jekts beim acc. c. in f. eine Nachlässigkeit der Umgangssprache
darstellt, ist längst festgestellt.*) Horaz weist sie nur in Satiren
und Episteln auf: sat. 1, 3, 22: dare nobis verba putas. ep. 1, 2, 11:
cogi posse neget. ep. 1, 16, 36: si . . neget esse pudicum (sc. me),
contendat . . pressisse (sc. me). ep. 1, 18, 106: quid credis . precari?
ep, 1, 20, 4: paucis ostendi gemis.
Über den reflexiven Gebrauch von habere ohne se s. oben.
1) Archiv 2, 365.
2) S. 89.
3) Plaut. Amph. 557. 565. Capt. 668 u. ö.
*) Landgraf, Rose. 59.
i0i-'r ■:-
— 67 —
Das Objekt ist weggelassen in der Redensart aufer! sat.
2, 3, 236. Dazu Kießling: , aufer — »weg damit!" ist Wendung
der Umgangssprache". Als Beispiele führen die Herausgeber an
Ter. Ad. 937. Phorm. 559. Dazu kommt Plaut. Mil. 761: remove,
abi, aufer ! (sc. te).
Ellipsen von Verben. Die Ellipse des Verbums gehört
vorzugsweise dem lebhaften Tone familiären Gespräches an. Cha-
rakteristisch ist ihr häufiges Auftreten in Ciceros Briefen.*)
Esse. Ich übergehe als eine allen Stilgattungen angehörige
Erscheinung die Auslassung von esse in der dritten Person Indikativ.
Anders verhält sichs mit der Weglassung der zweiten Person, die
nach Krüger zu sat. 2, 8, 2 der Konversationssprache eigentümlich
ist. sat. 2, 3, 128: tun saiyis? sat. 2, 3, 275: qui sanior? sat. 2, 7, 75:
tunc mihi dominus? sat. 2, 8, 2: nam . . . dictus . . . potare. Viel-
leicht ist hieher zu zählen die Ellipse von esse im indikativischen
Nebensatz: epod. 2, 67: haec ubi locutus. sat. 1, 5, 45: proxima . .
quae villula. sat. 1,9,42: ut contendere durum. ^) sat. 1,10,33: cum
somnia vera. sat. 2, 3, 143: qui . . . solitus. ep. 1, 7, 73: hie • ubi
visus. c. 1, 12, 7: unde . . insecutae. c. 1, 20, 3: datus . . cum tibi
plausus. c. 4, 14, 34: quo die portus • supplex.
Den Umgangston gibt nach Kießling zu sat. 1, 6, 53 wieder
die in der Komödie und in Ciceros Briefen nicht seltene Auslassung
des Konjunktivs von esse in Nebensätzen: sat. 1, 6, 53: quod te
sortitus amicum. sat. 1,6,112: percontor, quanti holus ac far. sat.
1, 8, 32: ut quae iam peritura. sat. 2, 4, 10: ede . . ., Romanus an
hospes. sat. 2, 5, 42 : vides . . . , ut patiens, ut . . acer. sat. 2, 5, 53 :
solus multisne coheres. sat. 2, 8, 68: ne panis adustus.
Facere wurde in der Umgangssprache in manchen Fällen
weggelassen; so besonders gerne in Fragen: epod. 1, 5: quid nos?
sat. 2,3, 99: quid . . . Aristippus? ep. 1, 1, 91: quid pauper?
ep. 1,2, 10: quid Paris? Hier sei gleich mit aufgeführt: ep. 1,3, 9:
quid Titus? (sc. agit). Wie beliebt diese Ausdrucksweise in der
volkstümlichen Rede war, beweist ihre Häufigkeit in der Komödie')
1) Süpfle-Böckel, Reg. d. Anm.
*) Vollmer: durum (est).
3) Brix-Niem. zu Plaut. Mil. 961. Ter. Andr. 708. 804. 806. Heaut. 595.
Phorm. 798.
— 68 —
und in der späteren Literatur Stellen wie bell. Afr. 16, 1 : quid tu,
inquit, miles tiro? und Petron c. 74: quid tos, inquit, adhuc non
cenastis?
Ferner ließ man in der Umgangssprache facere gerne aus in
Sätzen, die über die Handlungsweise eines Menschen ein Urteil ab-
geben: sat, 1, 2, 90: hoc illi recte. sat. 1, 4, 136: hoc quidam non
belle. Kießling nennt diese Art von Weglassung eine Ellipse der
Umgangssprache (zu sat. 1, 2, 90), die in der Komödie') und in den
Briefen Ciceros') öfter vorkommt.
Hieher gehört auch die Formel des täglichen Lebens „benigne"
— „sehr gütig", womit man Angebotenes höflich dankend ablehnte
(ep. 1, 7, 16 und 62). In anderem Sinne Ter. Ad. 702: perbenigne.
(Preibisch S. 42).
Das Prädikat facere ist endlich noch zu ergänzen sat. 2, 3, 31 :
dum ne quid simile huic (facias). sat. 2, 3, 99: quid simile isti
Graecus Aristippus (sc. fecit)?
Nicht der Umgangssprache allein angehörig war die Ellipse
eines verbum dicendi vor direkter Rede, eine Freiheit, die
Horaz sich namentlich in den Satiren gestattet (1, 2, 46. 5, 58. 9, 4.
41. 2, 3, 259. 264. 8, 16. 33. 75). Vgl. bell. Afr. 4, 4 Wölfflin.
Die kühne Ellipse sat. 1, 2, 120: lUam „post paulo" „sed pluris"
asi exierit vir* ist meines Erachtens der gesprochenen Sprache des
täglichen Verkehrs nachgebildet, wo Gebärde und Tonfall die Worte
eines Dritten kenntlich machten. Kießling führt aus Tacitus ann. 1, 23
den Spitznamen cedo alteram an, den der Soldatenwitz einem Cen-
turio beilegte.
Die Ellipse eines Verbs der Bewegung war, zumal in
der Frage, eine der Umgangssprache ganz geläufige Breviloquenz.
Beweis sind die überaus zahlreichen Beispiele in Ciceros Briefen,
von denen Dräger 1, 200 eine Anzahl anführt. Horaz bietet nur in
den Satiren Beispiele: 1, 9, 75: quo tu, turpissime? 2, 4, 1: Unde
et quo Catius?
Einzelnes: sat. 1, 2, 87: ut saepe. sat. 2, 3, 230: quid tum?
sat. 2, 6, 47: subiectior . . . noster. sat. 1, 6, 25: quo tibi . . . fieri
tribuno? ep. 1, 5, 12: quo mihi fortunam? ep. 1, 6, 12: quid ad
ij Z. B. Ter. Heaut. 653. Ad. 44. 426.
*) Ad Att. 10, 16, 5. 15, 3, 3. 16, 7, 3.
— 69 —
rem . . .? sat. 1, 2, 120 f.: illam . . . Gallis, hanc • ait sibi. sat.
1, 9, 43: Maecenas quomodo tecum? Ebenso im Apolloniusroman,
Thielmann S. 41. sat. 1,9, 77: clamor utrimque, undique concursus.
sat. 2, 8, 25: Nomentanus ad hoc. ars p. 20: cupressum scis simu-
lare, quid hoc, si . . . .
Den Stempel der Umgangssprache trägt die Ellipse des Zornes
unde mihi lapidem? unde sagittas? sat. 2, 7, 116 (vgl. bell. Afr. 4, 3 :
unde, inquit, istas?). Was Tiresias dem Odysseus sat. 2, 5, 102 zu
sagen anrät: ergo nunc Dama sodalis nusquam est? Unde mihi
tam fortem tamque fidelem? sind Phrasen, die wohl bei derartigen
Anlässen im täglichen Leben üblich waren.
Bei der Stelle sat. 1, 2, 101: Altera, nil obstat: Cois tibi paene
videre est ut nudam nehmen einige Herausgeber wie Fritzsche und
Krüger mit Unrecht die Ellipse eines indirekten Fragesatzes wie
quominus ex omni parte cernatur an. Dem Sprechenden drängt sich
als erstes Wort altera auf die Lippen, das den Gegensatz betont
und deshalb an die Spitze gestellt wird, unbekümmert um die Stel-
lung, die es im nachfolgenden Satze einnimmt. Also ein Vorherrschen
des psyclyjlogischen Moments über die grammatische Sprach rieh tig-
keit, wie wir es auch in unserer Umgangssprache auf Schritt und
Tritt beobachten können.
II. Das Asyndeton.
a) Von Satzteilen. Das Asyndeton war im Altlatein weit
verbreitet, wie aus einer ganzen Reihe gottesdienstlicher, juristischer
und staatsrechtlicher Formeln hervorgeht. Diese Knappheit des
Ausdrucks erhielt sich namentlich in der Volkssprache. Echt volks-
tümlich sind Ausdrücke wie plus minus, velit nolit (Rebling S. 44),
was Donat zu Ter. Ad. 990 (iusta iniusta) ausdrücklich bezeugt:
aproverbiales sunt huiusmodi locutiones: fanda infanda, digna in-
digna, velis nolis".
Aus Horaz habe ich drei Beispiele des Asyndetons anzuführen:
sat. 2, 3, 248 : ludere par impar. Die Bezeichnung des Kinder-
spiels ist offenbar unverändert aus der Sprache des täglichen Lebens
herübergenommen. Der sprichwörtliche Charakter der Redensart
serius ocius (carm. 2, 3, 26) ist bereits festgestellt, ep. 1, 1, 58:
ex Septem milia desunt. Aus der analogen Stelle in Ciceros Briefen
ad Att. 10, 8, 6: quippe qui . . . sex septem diebus ... in odium
— 70 —
venerit darf man schließen, daß dieses Beispiel des disjunktiven
Asyndetons der Umgangssprache geläufig war. Über das gleichfalls
hieher gehörige dicenda tacenda (ep. 1, 7, 72) ist unten noch zu
sprechen.
b) Von Sätzen. Der Satzbau der Volkssprache ist ein ein-
facher: die Gedanken werden in Hauptsätzen aneinandergereiht.^) In
der Erzählung liebt die Sprache des täglichen Lebens die Weg-
lassung von Verbindungswörtern. Ein vortreffliches Beispiel dieser
volkstümlichen Erzählungsweise bietet der Bericht des Simo im ersten
Akt der Andria, 127 ff.'^) Ich muß mich begnügen aus den Satiren
des ersten Buches einige Beispiele anzuführen: 1, 6, 60: narro —
respondes — abeo et revocas. 1, 7, 20: procurrunt — exponit —
ridetur — laudat — appellat. 1, 9, 1: Ibam — accurrit. 20 f.: De
mitto — incipit ille. 61 ff.: occurrit — consistimus — rogat et
respondet — vellere coepi — dissimulare — urere. 73 ff. : fugit • ac •
linquit — venit obvius . . et inclamat — oppono — rapit.
C. Breite des Ausdrucks.
Wenn auch in der Sprache im allgemeinen ein ökonomisches
Prinzip der Ausschaltung des für das Verständnis nicht Notwendigen
Avaltet, so bringt es doch Situation und Stimmung oft mit sich, daß
der Sprechende in behaglicher Breite sich ergeht und eine Art von
Luxus im Gebrauch des Sprachgutes sich gestattet. Hierin ging die
Volkssprache weiter als die klassische.
Im folgenden seien aus dem Horazischen Sprachgebrauch einige
Fälle abundanter Ausdrucksweise angeführt, die der Volkssprache
anzugehören scheinen. Der volkstümlichen und dichterischen Sprache
ist das Streben nach konkreter Ausdrucksweise gemeinsam. Daher
werden abstrakte Begriffe bisweilen der Anschaulichkeit halber in
ihre Teile zerlegt. Sehr beliebt ist die Scheidung von Begriffen in
zwei gegensätzliche Glieder, selbst wo ein logischer Widerspruch
sich erhebt. So sagt Plautus Trin. 360: Quin comedit, quod fuit,
quod non fuit. Ahnlich sagen wir: alles Mögliche und Unmögliche.
') Weise, a. a. 0., S. 125.
*) Andere Beispiele aus der alten Latinität bei Altenburg, S. 507 f.
— 71 —
Den engen Zusammenhang, der hierin zwischen der Volks- und der
Dichtersprache besteht, zeigt ein Vergleich von Plautus Asin. 247:
dignos indignos adire certumst mihi mit Verg. Aen. 9, 595: digna
atque indigna relatu vociferans.^)
Aus Horaz gehört hieher: ep. 1, 7, 72: dicenda tacendalocutus
iim Sinne von unserer Redensart »vom Hundertsten ins Tausendste
kommen". Der Begriff der Gesamtheit ist ars p. 113 umschrieben:
Romani tollent equites peditesque cachinnum, wozu KießUng
bemerkt: ,pedites ist scherzend hinzugefügt, als ob hier von equites
im Wortsinne die Rede wäre". Ich glaube aber eher, daß kein
Scherz dahinter zu suchen ist, sondern daß der aus der Zeit der
Servianischen Centurienverfassung stammende Ausdruck in der Um-
gangssprache in übertragener Bedeutung fortlebte. Eine ganz ähn-
liche Stelle fand ich bei Plautus Mil. 464: Neque eques neque pedes
profectost quisquam tanta audacia, qui aeque faciat confidenter
quicquam quam mulier facit. Endlich sei noch erwähnt die Um-
schreibung von „alle" durch pueri atque puellae sat. 1, 1, 85.
2, 3, 130. Rhetorisch gesteigert ist diese Ausdrucksweise bei Cic.
Phil. 13, 45: omnes te di homines, summi infimi, cives peregrini,
viri mulieres, liberi servi oderunt.
Den pleonastischen Gebrauch von rerum hat Wölfflin (Pilol.
34, 147) der Umgangssprache zugewiesen. Dieser Genetiv wird von
Plautus,2) Terenz (Heaut. 247) und Catull (28, 4) nur mit dem Pro-
nomen quid verbunden, von Horaz auch mit dem Plural des Neu-
trums von Adjektiven und Partizipien sowie mit dem Vokativ des
Maskulinums. Beispiele bieten besonders die Satiren: sat. 1, 9, 4:
dulcissime rerum. ^) sat. 2, 2, 25: corruptus vanis rerum. sat. 2, 8, 8 3
ridetur fictis rerum. ars p. 49: abdita rerum. Diesen Gebrauch über-
nahmen Livius*) und Apulejus*) u. a.
Die Umschreibung der Adverbia mit Hilfe von Sub-
stantiven nennt Wölfflin (Lat. u. rom. Komp., S. 67) ,ein schon
M Mehr Beispiele bei Orelli im dritten Exkurs zur fünften Epode, aus
dem Griechischen bei Rehdantz im rethorischen Index zu Demosthenes s. v.
Erweiterung, S. 17.
2) Aul. 54. 117. Capt. 376. Men. 789. Mil. 396. Most. 1063. Pers. 513.
Rud. 897. 1068.
8) Ähnlich Ovid: pulcherrime rerum met. 8, 49. a. a. 1, 213. her. 4, 125.
*) Z. B. 9. 43, 5 : subita rerum. ^) Met. 9, 1 : pauca rerum.
— 72 —
in der alten Volkssprache mit Vorliebe gebrauchtes Mittel*. Horaz
wendet es mehrfach an: sat. 1, 1, 98: adusque supremum tempus.
sat. 2, 2, 118: longum post tempus. carm. 2, 3, 5: omni tempore,
carm. 4, 4, 19: per omne tempus. ep. 1, 2, 66: ex quo tempore,
ars p. 302: sub verni temporis horam.
Eine volkstümliche Ausdrucksfülle ^) ist es, wenn die in einem
verbum compositum enthaltene Präposition durch ein gleichbedeutendes
Adverb wiederholt wird. Zahlreiche Beispiele hiefür hat gesammelt
Köhler S. 79 f. Aus Horaz gehört hieher: ep. 1, 5, 25: qui dicta
foras e lim in et. Das gebräuchliche Wort für austragen = aus-
plaudern war efiferre. So sagt Ter. Phorm. 958: vides peccatum
tuum esse elatum foras und Lucilius 652: neu mysteria ecferres
foras. Ohne foras gebrauchen das Wort Cicero de or. 1, 111 und
Caes. bell. G. 7, 2, 2. Wie beliebt im Volksmund dieser Pleonasmus
war, geht daraus hervor, daß Plautus foras 78 mal mit Compositis
von ex verbindet, mit verbis simplicibus nur 18 mal. Beispiele aus
dem Kirchenlatein bei Thielmann, Apolloniusroman, S. 15. carm. 2,
7, 15:^ rursus . . resorbens. Ein drittes Beispiel steht an einer
angefochtenen Stelle: carm. 4, 8, 16: reiectaeque retrorsum Han-
nibalis minae. Beispiele aus Plautus bieten Brix-Niem. zu Mil. 702.
Bekannt ist als eine Eigentümlichkeit der Volkssprache an die
Stelle eines einfachen Verbs eine breitere, mit facere zusammen-
gesetzte Redensart zu setzen. Beispiele geben Hellmuth S. 40 ff.
und Köhler S. 84 ff., 94 ff. Aus Horaz ist hier einzig zu nennen :
sat. 2, 8, 54: gravis aulaea ruinas in patinam fecere. Als echt
prosaisches Wort fand facere wenig Raum in der Poesie. Dies findet
in Horazens Dichtungen seinen zahlenmäßigen Ausdruck darin, daß
facere in den Oden nur 5 mal, in den Satiren und Episteln dagegen
101 mal vorkommt.
Libido est = libet: sat. 1, 6, 111: quacunque libidost, incedo
solus. sat. 2, 6, 67: prout cuique libido est, siccat . . . Daß die
Volkssprache abstrakte Substantiva mit esse statt des einfachen
Verbs gebraucht, bemerken Brix-Niem. zu Mil. 229. Beispiele haben
sie gesammelt zu Trin. 626: est lubido orationem audire. Diese
Ausdrucksweise fehlt bei Cicero und Cäsar und scheint der ganzen
klassischen Prosa fremd zu sein. Daß sie aber in der Volkssprache
') Nach Landgraf zu Rose, § 41.
- 73 —
sich erhielt, macht wahrscheinlich die Stelle bei Catull frgm. 3, Luc.
Müll, ligurrire libidost. Zu vergleichen ist pudor est = pudet
bei Ovid.
Ein breiter Ausdruck der Umgangssprache ist nach Orelli zu
ep. 1, 7, 3 die Verbindung von vivere und valere, die Horaz beide
Male als Formel des Abschieds gebraucht: sat. 2, 5, 110: viveva-
leque! ep. 1, 6, 67: vive, vale! Die Komödie verbindet die beiden
Verba mit Vorliebe: Bacch. 191. 246. Trin. 52. 773. 996. 1075.
Heaut. 430. Als Abschiedsgruß: bene valete et vivite! Mil. 1340.
Ähnlich, doch mit Bitterkeit, sagt Catull 11, 17: cum suis vivat
valeatque moechis! Aus der klassischen Literatur ist mir kein Bei-
spiel bekannt.
Eine volkstümliche Breite des Ausdrucks ist es, wenn eine
Frage statt unmittelbar' hingestellt zu werden von einem verbum
dicendi abhängig gemacht wird. Ein Beispiel hiefür bietet Horaz
in den Briefen 1, 4, 2: quid nunc te dicam facere in regione Pedana?
Es liegt auf der Hand, daß quid dicam ohne Bedeutung ist und
nur eine Umschreibung für das einfache quid facis, eine Ausdrucks-
weise, deren Volkstümlichkeit durch ihr häufiges Vorkommen bei
Plautus erwiesen wird. Ich fand sie dort nicht weniger als 25 mal,
nämlich Asin. 587. Aul. 67. 804. Capt. 268. 533. 541. Gas. 617.
Cure. 1. 12. 463. Merc. 128. 270. 516. Mil. 1201. Most. 916. 1042.
Pseud. 106. 637. 743. 966. Rud. 264. 611. Stich. 288. Truc. 689.
Trin. pr. 2. Daß sie selbst der Tragödie nicht fremd war, beweist
Ennius trag. 298. Sparsamer in ihrem Gebrauche als Plautus ist der
der Urbanität näherstehende Terenz: Heaut. 937. Phorm. 380. 659.
Von Späteren findet sich die Umschreibung bei Catull 80, 11, Ovid
am. 1,2, 1, Priap. 44, Mart. 5, 10, 1 u. a. Aus der klassischen Li-
teratur vermag ich kein Beispiel anzuführen, doch hat auch Cicero
ähnliche Umschreibungen aus der Volkssprache in seine Schriften
aufgenommen. S. Landgraf zu Rose, § 153.
Auf den der Umgangssprache angehörigen Gebrauch den Inhalt
eines Infinitivs durch ein pronomen demonstrativum gleichsam voraus-
zunehmen hat Köhler S. 51 aufmerksam gemacht. Horaz hat diese
Eigenart des Gesprächstons in den Satiren nachgeahmt: 1, 6, 8:
persuades hoc tibi vere . . . multos . . . vixisse.
Es erübrigt, daß ich den abundanten Gebrauch von coepi mit
dem Infinitiv anstatt des einfachen Perfekts berühre. Daß derselbe
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der Sprache des täglichen Lebens angehört, ist bereits von verschie-
denen Gelehrten nachgewiesen worden.^) Horaz kennt ihn nur in
Satiren und Episteln: sat. 1, 8, 28: divellere . . coeperunt, sat. 1, 9, 42:
praecedere coepit. sat. 1, 9, 63: vellere coepi. ep. 1, 20, 11 : ubi •
sordescere • coeperis. ep. 2, 2, 35: hortari coepit.
Anhang zur Stilistik.
Redensarten.
Eine Reihe von Redensarten des täglichen Lebens seien hier
aus dem Sprachgebrauch des Horaz anhangsvreise angeführt; denn
da sie zum Teil in das Kapitel der Wortwahl, zum Teil in das der
Wortbedeutung einschlägig sind, wollte ich ihre getrennte Behand-
lung vermeiden. Eine Formel der Umgangssprache war abi zum
Ausdruck des Lobes: ep. 2, 2, 205: non es avarus: abi! Bei-
spiele finden sich nach dem Thesaurus außer bei Plautus (Asin. 740.
Pers. 215. Triu. 830) und Terenz (Ad. 564. 765) nur noch bei Statius
Theb. 6, 816. Über den Gebrauch spricht Hauler zu Ter. Phorm. 994.
Aquam praebere = cenä excipere aliquem, das Horaz
sat. 1, 4, 88 und 2, 2, 69 gebraucht, ist nach einer Bemerkung Krügers
zur ersteren Stelle eine wohl dem gewöhnlichen Leben entnommene
Bezeichnung für die Tätigkeit des Gastgebers.
Für einen echt volkstümlichen Ausdruck, der in anschaulicher
Weise die äußere Geste anstatt des inneren Vorganges setzt, halte
ich sat. 1,10, 71: saepe caput scaberet vivos et roderet ungues.
Im nämlichen Sinne begegnet uns der Ausdruck caput scabere vor
Horaz in der von Orelli zitierten Stelle des Varro.
Eine Höflichkeitsphrase war cupio omnia quae vis: sat. 1,
9, 5. Parallelstellen aus den Komikern führt Heindorf an.
Den derben Ausdruck cutem curare: ep. 1, 2, 29. 4, 15 an
Stelle des urbanen corpus curare (Liv. 21, 31, 1 WölfiFlin) dürfte
Horaz der Volkssprache entnommen haben. Über das hieher gehörige
pelliculam curare siehe oben.
») Hellmuth S. 61 f. und Köhler S. 87; Schmalz, Zeitschr. f. Gym. 1881,
S. 111; Degenhait S. 4; Blase in Landgrafs histor. Grammatik, Bd. 3, S. 311.
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Über dicto citius sagt Kießling zu sat. 2, 2, 80: , Gehört der
Umgangssprache an: facta sunt citius quam dixi: Cic. Phil. 2, 82,
dicto citius decidas: Laber. 129." Später zweimal bei Patron c. 74. 131.
Auf volkstümliche religiöse Anschauungen gehen Redensarten
wie dis iratis natus, dis inimicus und ähnliche zurück, die
Horaz nur in den Satiren, meist scherzhaft variiert, gebraucht:
1,5,97: Gnatia Lymphis iratis exstructa. 2,3,8: iratis natus paries
dis atque poetis. 2, 3, 123: dis immice senex.*) 2, 7, 14: Vertumnis,
quotquot sunt, natus iniquis. Diese Redensarten sind nach meiner
Meinung in hohem Maße volkstümlich. Wir treffen sie überaus
häufig in der Komödie an: Mil. 314: dis inimicis natus . . atque
adversis. Most. 563: scelestus, natus dis inimicis omnibus. Poen. 645:
ei Mars iratust. Ähnliche Stellen: Naev. com. 70. Amph. 1022. 1090.
Pers. 666. Poen. 452. Rud. 1146. Ter. Andr. 664. Phorm. 74. Cicero
verschmäht diese volkstümliche Ausdrucksweise in den Invektiven
nicht, wenn er auf die Verblendung und Gottverlassenheit seiner
Gegner hinweist, so Cael. 42 : huic homini . . . pauci deos propitios,
plerique autem iratos putabunt. Pis. 59: tibi ... et esse et fuisse
(deos) videbit iratos.*) Später bei Phädrus 4, 20, 15 u. a. Wie sehr
aber diese und ähnliche Wendungen im Volksmund gang und gäbe
waren, ersieht man am besten aus Petron: c. 25: Junonem meam
iratam habeam. 44: ut illis Juppiter iratus esset. 58: curabo iam
tibi Jovis iratus sit. 58: Athana tibi irata sit curabo. 62: genios
vestros iratos habeam. 134: malo astro natus est.
Die wichtige Rolle, die der ep. 2, 2, 187 beschriebene genius
in der römischen Volksreligion spielte, findet ihren Ausdruck auch in
der Volkssprache. Das beweisen die zahlreichen Stellen bei Georges,
Dziatzko-Hauler zu Phorm. 44, Friedländer zu Petron 37. Aus
Horaz gehören hieher die Ausdrücke genium curare (c. 3, 17, 14),
placare (ars p. 210), piare (ep. 2, 1, 144), obsecrare per genium:
ep. 1, 7, 94.
Hoc age: sat. 2, 3, 152 ist, wie Fritzsche und Kießling mit
Recht erklären, ein Ausdruck der Umgangssprache = unserem „auf-
gepaßt* ! und in der Komödie sehr häufig. Beispiele bei Brix-Niem.
zu Capt. 444.
') Das Gegenteil ep. 2, 1, G8: Jove iudicat aequo.
*) Gegensatz Cic. ep. fam. 1, 9, 19 : dis hominibusque approbantibus.
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Über die Phrase quid agis? (sat. 1, 9, 4. ep. 1, 3, 15) siehe
jetzt Preibisch S. 21 f.
Ita = ja: sat. 2, 7, 2: Davusne? Ita, Davus. Dieses ita ohne
-est ist häufig in der Komödie (Brix-Niem. zu Capt. 262) und bei
Petron: c. 24. 25 dreimal, 55. 127.
Vulgären Euphemismus enthält die meist als Drohung ge-
brauchte Formel melius est: sat. 2, 1,45: melius non tangere, clamo.
Sonst nur noch in der Komödie. Plaut. Cure. 417: alibi te meliust
quaerere hospitium tibi. Asin. 429. Pers. 369. Ter. Andr. 180.
Über die Formel der Umgangssprache nil est = nichts ist's,
es gelingt nicht, die Horaz sat. 2, 3, 6 dem Damasipp in den Mund
legt,^) hat ausführlich gesprochen Landgraf zu Rosciana, § 58 und
ebenso § 130 über die verwandte Redensart nihil agere — nichts
ausrichten, epod, 17, 81: artis in te nil agentis. sat. 1, 9, 15: nil
agis. sat. 2, 3, 103: nil agit exemplum. Nicht selten in der Komödie:
Plaut. Epid. 112. Merc. 459. 728. Trin. 917. 976. Ter. Ad. 935.
Caecil. 66. 130. Cicero vermeidet die Wendung zwar nicht (Sext.
Rose. 130. Verr. 2, 48. Pis. 29. Phil. 13, 43. Aead. 2, 90. leg. 3, 42.
Tuse. 2, 61), zieht aber das synonyme nihil proficere vor, das er
etwa doppelt so oft anwendet: Verr. 4, 91. Sest. 71. 132. Plane. 75
(aus der Rede des Laterensis). Ligar. 2. Phil. 1,' 35. Aead. 2, 45.
Tuse. 2, 31. 3, 64. 66. 77. nat. d. 3, 14. off. 1, 150. 3, 90. Nihil
assequi sagt er Catil. 1, 15.
Der in der Tragödie vereinzelt (Acc. 9), in der Komödie zahl-
reich*) vorkommende Ausdruck nil moror, den Brix zu Trin. 291
seiner Bedeutung nach erklärt, gehört der Umgangssprache an.
Horaz hat ihn nur in den Sermonen: sat. 1,4, 13: nam ut multum
(seribat), nil moror. ep. 1, 15, 16: vina nihil moror. ep. 2, 1, 264:
nil moror officium. Für das Fortleben der Phrase in der Sprache
des täglichen Lebens sind die Worte des Antonius Beleg, die Cicero
Phil. 13, 35 anführt: nihil moror eos salvos esse.
Die in der Komödie häufige Abschiedsformel numquid vis?
sat. 1, 9, 6 hat Preibisch S. 29 ff. ausführlich besprochen.
^) Vollmer inteipungiert : nil est? Vielleicht gehört auch nihil est
sat. 2, 3, 116 hieher, womit Damasipp sich verbessert.
2) Asin. 643. Aul. 169. Capt. pr. 16. 471. Baceh. 990a. 1073. 1187. Mil.
280. 759. 1333. Rud. 852. Trin. 297. 337. 511. 1158 u. ö. Ter. Eun. 184.
i^f^^rirV''^
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mare et terra: epod. 17, 30 ist nach Kießling ein vulgärer
Ausruf des höchsten Pathos: , Himmel und Hölle!" Ebenso in der
Komödie/) doch auch in der griechischen Tragödie bei Euripides
(Phoen, 1297. Orest. 1496) und bei den attischen Rednern (Rehdantz,
Ind. 2 zu Demostenes, „Schwurforraeln").
Über quid quaeris? ep. 1, 10, 8 sagt Kießling: , Phrase des
urbanen Konversationstons, häufig von Cicero in den Briefen, z. B.
ad fam. 2, 9. 9, 18. 12, 33 gebraucht, um weitere Erwiderungen
abzuschneiden: ,kurz und gut, mit einem Wort*. Massenhaft in
den Briefen ad Atticum: 1, 14, 6. 16, 4. 2, 4, 5. 7, 2. 8, 1. 16, 1.
21,5. 24,4. 4,7,3. 16,8. 19,2. 5,2,4. 10,1. 16,2. 20,6. 6,1,14.
2, 10. 3, 2. 8. 7, 1 u. ö.
Quid ergo est? ars'p. 353. Daß diese Frage in der Um-
gangssprache beliebt war, hat Landgraf in seinem Kommentar zur
Rosciana § 36 festgestellt. Er fand sie bei Cicero besonders^ in den
Erstlingsreden, dann im Briefstil bei Petron und in der Vulgata.
Die fünf Stellen aus Petron und zahlreiche weitere aus Sen. phil.
bei Friedländer zu Petron 30.
Ein stehender Ausdruck der Umgangssprache war nach Kießling
quid vis satis est: sat. 2, 3, 127. Außerdem noch bei Plautus,
Terenz, Lucil, Turpil.
Unserem »ganz nach Belieben' entspricht die Phrase, die der
Calaber hospes ep. 1, 7, 19 gebraucht, als Horaz das Dargebotene
höflich dankend ablehnt: ut libet.
Über benigne siehe oben.
Über die vulgäre Redensart verbirtare sat. 1, 3, 22 hat aus-
führlich gesprochen Landgraf in den Bl. f. d. bayer. Gymn., Bd. 16, 325.
Ein scherzhafter, der Komödie entlehnter Ausdruck ist es,
wenn Horaz c. 3, 12, 3 von verbera linguae spricht. Eine über-
raschend ähnliche Stelle fand ich bei Plautus Truc. 113a: me illis
quidem haec verberat verbis, wobei für den Dichter wohl der Gleich-
klang von verba und verbera bestimmend war. Verwandt damit ist
Aul. 151: mihi cerebrum excutiunt tua verba: lapides loqueris. Wem
fiele hier nicht Hamlet ein, der „Dolche redet *?
Zum Scbluß ist noch ein Mittel zu nennen, wodurch Horaz
die Färbung des sermo cotidianus zu treffen suchte: die reichliche
^X^ Trin. 1070 : Mare, terra, caelum, di, vostram fidem !
Verwendung von Sprich w*berev, Die» "ßpricliWörter enthalten den
Schatz der LebensTf^iDR^ ^imapTt^llfif^ Aus dem 'YöJipo hervor-
gegangen, sind sie auch im Volke vorzugsweise im ^m||uch. Dies
bezeugt uns für das Altertum kein Geringerer als 4rastoteles, der
in seiner Rhetorik 1395 A sagt: ol yaQ äyQotxoi fxdXioxa yvcofiotvjioi
elolv xal gadicog &7io(paivovxai tta'&oXov. So kommt es, daß die Haupt-
fundstätten für die Sprichwörter im Lateinischen diejenigen Schrift-
steller sind, die die Sprache des täglichen Lebens wiedergeben, also
vor allem die Komiker und Satiriker. Auffallend ist der Reichtuiii
an Sprichwörtern bei Petron. 'Einen Überblick über die Verwendung
des Sprichworts bei Horaz gibt das Stellenregister in Ottos be-
kanntem Buche. ! <'■- '*\^
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