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Full text of "Der Verbrecher und seine Richter. Ein psychoanalytischer Einblick in die Welt der Paragraphen"







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FRANZ ALEXANDER UND HUGO STAUB 
DER VERBRECHER UND SEINE RICHTER 



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DER VERBRECHER 

UND 

SEINE RICHTER 

EIN PSYCHOANALYTISCHER EINBLICK 
IN DIE WELT DER PARAGRAPHEN 

VON 



FRANZ ALEXANDER 

BERLIN 
UND 



HUGO STAUB 



BERLIN 



1929 

INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN 



ALLE BECHTE, 

INSBESONDERE DIE DER ÜBERSETZUNG 

VOR BEHALTEN 



COPYRIGHT 1929 

BY INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER 

VERLAG, GES. M. E. H.", WIEN 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



DRUCK DER VERNAY A.-G., WIEN IX. 



h. 



VORWORT 



Ein Arzl und ein Jurist verstidien in diesem Budie, das psydioanalylisdie Wissen 
für das Verständnis des kriminellen Metiscken zu verwerleii. Sie gehen dabei von der 
Überzeugung auj, daß der Verhredier, ebenso wie der JVeurolische und der Gesunde, das 
legitime Objekt psydioanalylisdier Unlersudiu?igen bildet. Audi dieser Versudi soll zeigen, 
daß die Psydioanalyse nidit lediglidi eine Therapie seelisdier Erkrankungen, eine Heihmgs- 
meüiode unter vielen anderen ist, — was häußg angenommen wird, — sondern daß die 
Psydioanalyse die Wissensdiajt des seeäsdien Apparates ist. Jedes wissensdiajtlidie Gebiet, 
das mit den seelisdien Vorgängen des Meyisdien zu tun hat, ist eo ipso das eigejiste 
Anwendungsgebiet der Psydioanalyse. Die Verfasser hoffen mit ihrem Versudi, wenn 
nidit mehr, so wenigstens die Anregung für die Entwidlung einer psydioanalytisdien 
Kriminologie gegeben zu haben, die neben der neu entstehenden psydtoanalytisdie?t 
Pädagogik und Ethnologie Er euds Lehre für ein neues Gebiet unserer Kultur 
nutzbar machen soll. 

So ist dieses Budi nicht allein an den psychoanalylisdteji Therapeuten gerichtet, es 
wendet sidi in erster Reihe an die Jurislenwelt und den Geridttsarzt. Weil aber die 
Reditspßege unter versländlidier und erwünsdüer Kontrolle der ößenllidikeit sieht, so 
riditen wir uns gleidizeitig an diese breitere öffenlUdikeit. Der Psydioanalyliker vom 
Fadt wird daher im Budi rnandie elem&ntare Darstellung wiederfinden, wenn wir audt 
bestrebt waren, selbst die rein psydioanalytisdien Gebiete, wie Traumdeutung, Fehl- 
handlung und neurolisdie Symptombildung, von dem besonderen Standpunkt der 
Kriminologie aus zu beleuchten. Dieser neue Gesidttspunkt mag vielleicht auch dem 
engeren Gebiet der Psydioanalyse mandie Anregung geben können. 

Unsere Darstellung ist das Ergebnis einer vierjährigen theoretisdien und praktischen 
Zusammenarbeit, die in der psydioanalytisdieji Bearbeitung einzelner besonders geeigneter 
Kriminalfälle bestand und auch forensisdi bei Strafverteidigungen verwertet werden konnte. 
Den ersten Kriminalfall haben wir IQ25 psydioanalylisdi unlersudit. Aus der analytischen 
Bearbeitung der Fälle gewannen -wir unsere theoretisdien Einsichten, zu deren Jllustrierung 
wir nur einige besonders markante Kriminalgesdiidilen mitteilen. 

Im Anhang versudien wir, durdi sozial-psychologisdte Überlegungen die affektiven 
Schwierigkeiten zu beleuchten, die der praklisdi-müstisdien Verwertung wiserer Ergebnisse 
nodi entgegenstehen. 

Berlin, im Herbst ig^S. . DIE VERFASSER 



EINLEITUNG 



Die Bestrebung der Psychoanalyse, den secÜsdi Erkrankten zu verste- 
hen und ihm dadurch zu helfen, bedarf heute keiner Rechtfertigung mehr. 
Noch vor einigen hundert Jahren gehÖne die Hysterie nicht zum Wirkungs- 
kreis des Arztes, sondern zu dem des Richters : Die hysterische Frau wurde 
zur Hexe erklärt und bestraft. Die Strafe war han, härter als die eines heu- 
tigen Mörders. Es ist nidit unmöglich, daß in der Zukunft auch der Krimi- 
nelle diesen Wechsel in seiner Behandlung erfahren wird. Das Erscheinen 
des ärztlichen Sachverständigen, des Psychiaters, im Gerichtssaal bei „zweifel- 
haften" Fällen ist der erste Sciiritt auf diesem Wege. Eine tiefere Kenntnis 
des Seelenlebens des Verbrechers wird den Kreis dieser zweifelhaften Fälle 
mächtig ausdehnen. Unsere Bestrebung, den Kriminellen zu verstehen, be- 
darf jedoch heute noch einer Rechtfertigxing. Der Verbrecher bedeutet doch 
eine Gefahr ftir die Gesellschaft, das einzige Interesse, das er zu verdienen 
scheint, ist, ihn unschädlicii zu maciien und durch seine Bestrafung ein ab- 
schreckendes Beispiel zu statuieren. Es ersdieint zunächst als eine luxuriöse 
Verschwendung wissenschaftlichen Eifers, allzu eingehend in seine Persönlidi- 
keit einzudringen. Toni mmprendre c'est tout pardonner. Es haftet dem Psycho- 
logen, der den Verbrecher verstehen will, folgUch sich zunächst auf seinen 
Standpunkt stellt oder, wie wir es in unserer Wissenschaft gern ausdrücken, 
sich mit ihm identifiziert, der Verdacht an, dem Kriminellen helfen zu wollen. 
Und so gerät der Psychologe in den Verdacht der Illoyalität gegenüber der 
Gesellschaft. 

Da die Autoren dieses Buches sich im folgenden diesem Verdadit in 
reichlichem Maße aussetzen werden, soU ihnen erlaubt sein, zunächst zu be- 
weisen, daß das psychologische Verständnis des Kriminellen nicht in erster 
Reihe dem Kriminellen hilft, sondern dem Interesse der Gemeinschaft dient. 

Diese Rechtfertigung wird uns zwar von unserer eigenthchen Aufgabe 
ablenken, sie wird uns jedoch grundsätzliche Gesichtspunkte ftir die Notwen- 
digkeit einer psychoanalytischen Kriminologie liefern. 

Wir dürfen mit dem zunächst nicht bewiesenen Satze beginnen, daß 
jedes Urteil, das gemeinhin als gerecht empftinden wird, das psychologische 
Verständnis des Täters, d. h. die Kenntnis seiner Motive, voraussetzt. Die 
gleiche Tat kann, je nach ihren Motiven, von uns gebilligt oder verurteilt 
werden. Den Feind im Kriege zu ermorden wird gepriesen, den Angreifer 
in Notwehr zu töten, wird zugebilligt, in verständlichem Affekt ein Men- 
scherdeben zu vernichten, wird manchmal verziehen, der Raubmörder wird 



ö Einleitung 






einstimmig verurteilt. Die bloße Tat ist überall die gleiche, unsere versdiie- ö 

dene Beurteilung gilt lediglicli den verschiedenen bewußten Zielsetzungen 
und den verschiedenen affektiven Motiven des Täters. Ohne die Motive zu 
kennen, kann man zu einer Tat überhaupt nicht Stellung nehmen. Ja selbst 
die Hauptfrage, ob eine Tat überliaupt als kriminell zu werten ist, hängt 
von der psychologischen Diagnose ab. Diese zentrale Bedeutung der Psycho- 
logie beim Richten wird uns später eingehend beschäftigen. Ihre Vorweg- ^ 
nähme erfolgt nur zur FeststeOung, daß das Gefühl der Gereduigkeit eines 
Urteils an die riclitige Beurteilung der Motive der Tat gebunden ist. 

Im Falle des Kriminellen, vor dem die Gesellschafi gesdiützt werden 
soll, erscheint damit allein das allzu eifrige Sudien nadi psychologisdiem 
Verstehen dodi nodi nidit gerechtfertigt. Wir entsdiuldigen unsere Absidit, 
uns mit dem Seelenleben des Kriminellen so eingehend zu befassen, mit dem 
Bestreben, ihm eine geredite Beurteilung zu versdiaffen. Aber wozu dieses 
überspannte Bedürfnis nadi theoretischer Gerechtigkeit im Falle des offenbar 
geseilsdiaftsfeindlidien Kriminellen? Es scheint, daß wir doch den Kriminel- 
len gegenüber der Gesellschaft sdiützen und nicht umgekehrt, wie wir so- 
eben noch behauptet haben, den Interessen der Gesellschaft dienen wollen. 
Nur wenn die als gerecht empfundene Beurteilung des Kriminellen wirklich 
der Gemeinschaft dient, ist der sdieinbare Widersprudi gelöst. Wir wollen 
t uns eindeutig ausdrücken und unterwerfen uns freiwillig dem folgenden 

Verhör, mit dem ein Anwalt der Gesellschaft die Autoren zur Verantwor- 
tung ziehen könnte : 

■ — „Warum wollt Ihr unbedingt den Kriminellen verstehen? Es ist viel 
widitiger, ihn zu fassen und die Gesellschaft von ihm zu befreien. Könnt 
f Ihr Euren psydiologisdien Eifer nadi Verstehen nicht auf wertvollere Ob- 

jekte verschwenden? Dieser große Eifer sdieint doch nur den Zweck zu 
; haben, dem Verbrechet zu heffen." 

J — „Nicht dies ist unser erstes Ziel. Wir wollen den Kriminellen ver- 

\ stehen, um ihn so beurteilen zu können, daß dieses Urteil allgemein als 

r. gerecht empfunden wird. Und wir behaupten, daß unser Bestreben in erster 

i Reihe der Gesellschaft dient, weil das Gefühl der Gerechtigkeit zu den 

psychologischen Grundlagen jeder Gesellschaftsbildung gehört und well seine 

Verletzung auf die Gemeinschaft zersetzend wirkt. Jener, heute noch schwach 

organisierte Teil des Ichs, — von Freud ,Über-Ich' genannt, — der die 

Bereitschaft des Mensdien zum sozialen Zusammenleben bedingt, verliert 

seine Macht über die asozialen Anteile der Persönlichkeit bei der Verletzung 

des Rechtsgefühls." 

Wir rechtfertigen uns auf diese Weise allerdings mit einer zunächst un- 
bewiesenen Behauptung, und unsere Aufgabe besteht nun darin, ihre Rieh- 



Einleitung 



tigkeit zu erweisen. Mit dieser Behauptung haben wir uns die Erörterung 
dreier bisher ungelöster Probleme aufgeladen. 

1) Was ist das Gefühl der Gerechtigkeit, das dem Juristen als „Rechts- 
gefühl" geläufig ist (nicht: was ist Gerechtigkeit in abstracto), und welche 
soziale Bedeutung kommt ihm zu ? 

2) Was ist Kriminalität und wer ist kriminell? 

Nach der Beantwortung dieser beiden ersten Probleme drängt sich un- 
aus weichbar die Frage auf: 

3) Was soll mit dem Kriminellen geschehen? 

Die erste Frage enthält die Voraussetzung und gleichzeitig die Recht- 
fertigung unseres nicht ohneweiters selbstverständlichen Vorhabens, uns mit 
der Persönlichkeit des Kriminellen eingehender, als es bisher je geschehen 
ist, zu befassen ; ein Vorhaben, das, wie jedes psychologische Verstehen- 
wollen, eine weilgehende Einfühlung in die Persönlichkeit des Kriminellen 
voraussetzt. Erst wenn wir den sozialen Wert einer als geredit empfunde- 
nen Beurteilung des Kriminellen bewiesen haben, wird uns der Leser ohne 
Widerstand in den Hauptteil unserer Arbeit, die Erforschung und das Ver- 
stehen der kriminellen Persönlichkeit, folgen. Wenn wir dann noch zum 
Schluß die praktische Frage, was mit dem Kriminellen geschehen soll, kurz 
berühren, so tun wir das nur zögernd, weil ihre Beantwortung nicht ledig- 
iidi von wissenschafthcher Erkenntnis, sondern vor allem von praktischen 
Erwägungen abhängt. Immerhin wird unsere Arbeit dartun, daß die heutige 
Art der Behandlung des Kriminellen, die Strafe, einer kritischen Nachprü- 
fung bedarf. 



ERSTER TEIL 



DIE THEORIE DES VERBRECHENS 



I" 



Der Kampf ums Recht 

Als grob empirische Beweise für die zersetzeade Wirkung, die Fehl- 
urteile auf jede soziale Organisation haben, können geschididiche Talsachen 
in beliebiger Form angeführt werden. Sowohl Fehlurteile, die in Verurtei- 
lungen wegen nicht begangener Taten bestehen, wie auch solche, deren 
Ungerechtigkeit auf einem Mißverhältnis zwischen Vergehen und Buße be- 
ruht, wirken aufreizend auf die Massen, die dann nicht mehr gewillt sind, 
die bestehende Ordnung und ihre Gesetze anzuerkennen. Die massenpsycho- 
logische Wirkung von Fehlurteilen ist die Empörung und die Abnahme 
einer bereits erreichten sozialen Anpassung. Triebeinschränkungen, die der 
Mensch mit Rücksicht auf seine Mitmenschen sich auferlegt hat, werden, un- 
abhängig davon, ob sie auf Einsicht, d. h. freiwilliger Unterwerfung oder 
auf sozialer Unterdrückung beruhen, durch Verletzung des Gerechtigkeits- 
gefühls erschüttert. So sehen wir am Anfang sozialer Umwälzungen als aus- 
lösendes Moment, jedoch keineswegs als Ursache, die Häufung von Fehl- 
urteilen. Man könnte sagen, das chronische Gefühl der Ungerechtigkeit 
wegen sozialer Unterdrückung, das nicht die dynamische Kraft besitzt, die 
revolutionäre Auflehnung in Handlung umzusetzen, wird bei akuter Ver- 
letzung des Rechtsgefühls durch Fehlurteile zur Empörung gesteigert und erst 
diese Empörung bildet den Boden für die revolutionäre Tat, den Durchbruch 
bisher eingeschränkter Triebe. Die Fehlurteile verwandeln den chroni- 
schen, jedoch noch statischen Zustand der Verbitterung in den akuten 
und dynamischen Zustand der Empörung. So beginnt die französische 
Revolution mit der Häufung von Fehlurleilen, aber auch jede Meuterei auf 
Grund von harten, ungerechten Strafen, die Reformation mit der korrupten 
Absolution der Reichen in der katholischen Kirche. Bei jeder Revolution gilt 
der erste Gang der revoltierenden Massen den Gefängnissen, um die Ver- 
urteilten zu befreien. 

Zwei psychologische Wirkungen können demnach als allgemein gültige 
Folgen der Verletzung des Rechtsgefühls formuliert werden : 

I) Das massenpsydiologisdie Interesse für die Ungereditigkeit. Jeder 
einzelne empfindet zumindest die Unbill, die einem der gleichen sozialen Schichte 
Angehörenden widerfahrt, als eigene Sache. Offenbar beruht diese massen- 



Der Kampj ums Recht 1 1 



psychologische Wirkung der Ungerechtigkeit auf der Grundlage der Identifi- 
zierung: „Jedem von uns könnte das Gleiche zustoßen". 

2) In jedem einzelnen Mitglied derselben sozialen Gruppe erfolgt eine 
Störung des bisher mehr oder weniger stabilen Gleichgewichtes zwischen 
Triebeinschränkung und Triebspannung zugunsten der bisher gehemmten 
Triebe. Es erfolgt eine Regression von Triebeinschränkung zum Triebdurch- 
bruch. 

Während die massenpsychologische Wirkung des verletzten Gerechtig- 
keitsgefühls ohneweiters verstandlidi ist, bedarf der regressive Vorgang einer 
eingehenden Untersuchung. Die psydioanaly tische Theorie der Ich-Entwick- 
lung wird uns helfen, diesen Vorgang zu verstehen. 

Triebeinschränkungen werden im allgemeinen auf Grund von Unlust- 
befürchtungen und von positiven Lusterwartungen vorgenommen. Sie be- 
deuten die Anpassung der subjektiven Triebansprüche an die objektiven 
Gegebenheiten der Realität. Man verzichtet auf gewisse Triebbefriedigungen 
entweder, weil die Befriedigung nidat möghdi ist. oder weil sie mehr Un- 
lust zur Folge hätte als der Verzidit. Oft genügt es, gewisse Triebbefriedi- 
gungen aufzuschieben, die Spannung eine zeiüang zu erdulden, um dadurdi 
eine Unlust, die die sofortige Befriedigung nadi sich ziehen würde, zu ver- 
meiden, oder um durdi den Aufsdiub die Triebbefriedigung vor äußeren 
Störungen zu sidiern. Freud hat diesen Vorgang die Entwid^lung vom 
Lustpnnzip zum Realitätsprinzip genannt. Das Realitätsprinzip bedeutet also 
em verbessertes, an die Gegebenheiten der Realität angepaßtes Lustprinzip. 
Triebe drängen nadi Abhihr, nadi Befriedigung. Die Realität setzt ihnen 
Widerstände entgegen, das Realitätsprinzip besteht in einer zwedcmäßigen 
Anpassung der Triebansprüdie an die gegebenen Befriedigungsmöglidikeiten. 
Es ist selbstverständlidi, daß die Verzidite nur so weit gehen, wie es gerade 
nötig ist. So entsteht ein Gleichgewiditszustand zwisdien Triebverzidit und 
Befriedigung, der gestört wird, wenn neuer Triebverzidit verlangt wird. 
Die gesamte Erziehung beruht auf diesem Prinzip. Sie ist eine syste- 
matisch geleitete Anpassung der ursprünglich asozialen Triebansprüdie des 
Kindes an die Anforderungen der Erzieher. Ebenso wie die Anpassung an 
die physikalisdie Realität steht audi die Anpassung an die Sozietät im Zei- 
chen der Entwiddung vom Lustprinzip zum Realitätsprinzip. Den unlust- 
vollen Erlebnissen, die dann entstehen, wenn unsere Triebhandlungen die 
Eigenheiten der Natur nicht berücksiditigen, entspricht auf dem Gebiete der 
Erziehung, überhaupt auf dem sozialen Gebiete, die Strafe. Der Lustprämie 
geglückter Befriedigungen, dem Lohn für geleistete Triebeinschränkungen 
entspricht in der Erziehung die Liebe derjenigen, die von uns die sozialen 
Trjebeinschränkungen fordern. Angst vor Strafe und Hoffnung auf Geliebt- 



1 2 Der Kampf ums Redil 






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werden sind also die beiden sozialen Regulatoren des Trieblebens. Zu dieser .^j 

einfachen Formulierung kam Freud in seinen letzten zusammenfassenden 
Arbeiten über das menschliche Triebleben. („Das Ich und das Es" und 
„Hemmung, Symptom und Angst".) 

Die psychologische Bedeutung der Strafe ist von Freud und seinen 
Schülern eingehend dargestellt. Sie ist die Nachbildung des Verhältnisses der 
unpersönhchen Natur zum Triebleben. Der Umwelt nicht angepaßte Trieb- '^] 

handlungen haben Unlust zur Folge. Der strafende Erzieher übernimmt 1 

diese Unlust verursachende Rolle der unpersönlichen Natur.' Dem übermütig 
umhertollenden Kinde, das sich an der Tischkante eine Beule schlägt, wird 
dieses Mißgeschick vom Erzieher als Strafe gedeutet und in der körperUchen , 

Züchtigung aktiv nachgebildet. \ 

Nur der zweite Faktor, die Hoffiiung auf Geliebtwerden oder, was das- j. 

selbe bedeutet, die Angst vor Liebesverlust, bedarf einer eingehenderen Er- '-^l 

örterung als er bisher in der psychoanalytischen Literatur erfahren hat. j( 

Während die Triebeinschränkungen, die aus Angst vor Strafe vorgenommen 
werden, auf einem Machtwort beruhen, bedeutet die Einsdiränkung, die 
man um geliebt zu werden, leistet, einen stillschweigenden Vertrag, eine 
Art Liebeshandel. Dieser Vertrag lautet etwa : „Ich nehme gewisse Trieb- 
einschränkungen auf mich, die du von mir verlangst. Ich verzichte also dir 
; zuliebe, um von dir geliebt zu werden. Den Nutzen dieser Liebe erkenne 

i ich in erster Reihe in der Sicherheit, die sie mir gewährt". Das GeHebtwer- ^' 

( den enthält neben seinem eigenen Lustwert die Sicherheit gewisser erlaubter 

1 Triebbefriedigungen, und folglidi ist es mit dem Gefühl der Sicherheit über- 

haupt engstens verknüpft. Dieser Liebeskontrakt besteht also in dem Um- 
j tausdi von Triebbefriedigungen gegen Geliebtw erden, das selbst einen eige- ^ 

i nen Lustwert hat. 

Dieser Tausdihandel zwischen Liebe und Verzicht beginnt in der frü- 
1 besten Kindheit. Die Liebe ist eine Gabe, die das Kind zuerst von der 

J Mutter erhält. Milch, Wärme, Sorgfalt sind die ersten greifbaren Äußerun- 

! gen der Mutterliebe. Doch der mütterliche Instinkt versteht es, mit der 

Dosierung und Entziehung dieser Liebesgaben auf das kindhdie Triebleben 
einen bestimmenden Einfluß zu gewinnen. Liebe zu spenden und zu ent- 
ziehen, darin besteht die große Macht der Mutter, mit der sie das Kind zu 
: Trieb verzichten zwingen kann. Erst später kommt das väterliche Erziehungs- 

)■ moliv, die Strafe, als direkte Zufügung von Unlust zur Geltung. So erweist 

' sich die Mutter eher als Lustquelle, der Vater als erster Vertreter des harten 

j Realitätsprinzips. Erst, wenn das Kmd die vollständige Abhängigkeit von 

i) Vgl. Alexander, „Psychoanalyse der GcaamCpersöalidikcit", Internat. Paychoanalyt. 
Blbl., Bd. XXn, Wien iga;. 



.9. 



Dur Kampf ums Redü 1 3 



der Mutter allmählich verliert und immer mehr zu einem selbständigen 
Wesen wird, reidit das Erziehungsprinzip der Liebesprämie und Entziehung 
von Liebe nicht mehr aus, und es tritt die Strafe als unmittelbare Zufügung 
von Unlust an ihre Stelle. Je unabhängiger das Kind von der Mutter wird, 
umso mehr verliert das Geliebtwerden an Bedeutung, da das Kind nun 
allein für seine Lustbefriedigungen sorgen kann und nicht mehr ausschließ- 
lidi auf das Geliebtwerden angewiesen ist. Jetzt erst wird das Maditwort 
der Strafe als hemmender Faktor nötig. 

Angst vor Strafe und vor Liebesverlust — audi das ist ja nur eine 
besondere Form der Strafe — sind die beiden Erziehungsfaktoren, siebleiben 
audi später für den Erwachsenen die hauptsächlichsten Regulatoren des Trieb- 
lebens. Der Triebverzicht auf Grund bewußter Einsicht spielt neben diesen 
beiden emotionalen Momenten — wie die analytische Erfahrung zeigt — 
eine redit bescheidene Rolle. Das Streben nach Lust und nach Vermeidung 
von Unlust ist die elementare Grundlage aller Anpassungen. 

Diese Überlegungen enthalten die stillschweigende Berücksichtigung der 
Tatsadie, daß bei jeder Triebeinschränkung eine mächtigere triebeinschrän- 
kende Außenwelt den schwächeren Triebansprüchen gegenübersteht, mag 
diese einschränkende Instanz Natur, Erzieher, sozialer Führer oder stärkere 
soziale Klasse heißen. Dieser Prozeß der Triebeinschränkung, die Anpassung 
an eine mächtigere einschränkende Instanz, führt zu einem Gleidigewichts- 
zustand, in dem der sich einschränkende seelische Apparat gerade nur das 
unbedingt nötige Quantum an Verzicht leistet, um dafür die größtmöglidie 
Sicherheit für die übrigen Triebbefriedigungen zu erhalten. Jeder soziale 
Rechtszustand bedeutet emen solchen Gleichgewichtszustand zwischen Trieb- 
verzicht und zugesicherten Befriedigungen, eine Art Vertrag zwischen trieb- 
einschränkenden Instanzen und Triebansprüchen des einzelnen. Der überaus 
empfindliche gefühlsmäßige Regulator dieses Gleichgewichtszustandes ist das 
Gefühl der Gerechtigkeit. Es ist keineswegs auf der Kenntnis der Rechis- 
bestimmungen aufgebaut, was I he ring im „Kampf ums Recht" bereits klar 
erkannte, es ist ein rein instinktiv funktionierender Indikator, etwa mit der 
Angst oder, wie Ihering meint, mit dem Schmerz vergleichbar. Wie die 
Angst die drohende Gefahr signalisiert, so reagiert der Gerechtigkeitssinn 
auf jede Bedrohung der erlaubten Triebbefriedigungen, die durch Trieb- 
verzichte so bitter erkauft wurden. Der Mensch empfindet mit einer erstaun- 
lichen Genauigkeit, wenn seine erworbenen Rechte — und jedes Recht ist 
einmal erworben worden — irgendwie bedroht oder geschmälert werden, 
und reagiert auf den Reditsbruch auch seinerseits sofort mit der Kündigung 
des Vertrages, mit Aufhebung der bisher geleisteten Triebeinschränkungen. 
Und so entsteht die Regression von Triebhemmung zum Triebdurchbruch. 



14 Der Kampf umi Redit 



j 



Die Empfindlichkeit des Rechtsgefühls, dessen Verletzung fähig ist, 
Massen zu entzünden, erklärt sich noch besonders daraus, daß der Vertrag 
zwischen einer schwächeren und einer stärkeren Partei gesdilossen wurde. 
Das Ich, das den Triebverzicht nur mühsam dem Drängen seiner Trieb- 
anforderungen abringt, bringt der mächtigeren Instanz — der Gemeinschaft 
— dieses Opfer nur in Erwartung einer Gegenleistung, deren Wesen wir in 
dem Geliebtwerden erkannt haben. Die sozialen Äußerungen dieses Geliebt- jj 

Werdens sind Anerkennung, Achtung, die ganze Stufenleiter von der jedem 
Bürger zustehenden persönlichen Freiheit bis zu den hödisten Auszeidinun- j| 

gen. Diese Gegenleistungen erleichtern das Ertragen der Einschränkung per- 
sönlicher Souveränität. Und um diese Gegenleistungen werden der ungerecht 
Behandelte und mit ihm alle Gemeinschafts gen essen, denen das gleiche 
widerfahren könnte, betrogen. Der Triebverzicht wurde also liir nichts 
geleistet. So entsteht die Empörung mit dem trotzigen Entschluß, sich für 
alle geleisteten Verzichte in schrankenlosem Ausleben der bisher einge- 
schränkten Triebe schadlos zu halten. JK 

Darum wirkt es so aufreizend, wenn der Unschuldige durdi ein Fehl- 
urteil wie ein Verbrecher behandelt wird, aber auch, wenn in der Härte 
eines Urteils die Willkür des Machthabers zum Vorschein kommt. Dichter 
bearbeiten gern die besonders empörende Situation, . in der gerade dem 
Rechtschaffenen, der in der Erwartung auf den endlichen Sieg der Gerechtig- 
keit lange geduldig schweigt, ein Unredit widerfährt. Doch diese trotzige 
Geduld eines Michael Kohlhaas enthält die unheimlidie Stille vor dem 
Sturm. Hinter ihr verbergen sich die Gewitterwolken sich aufbäumender 
Triebe. 

Der Kleistsdie Held ist ein tragisches Opfer dieses gesetzmäßigen Vor- 
ganges der Triebregression bei verletztem Rechtsgeföhl. Die Korruptheit der 
Madithaber erschüttert die Macht ihrer inneren Vertreter, der hemmenden 
moralischen Kräfte, und so wird der Mensdi zum Spielball der entfesselten 
Triebe. Midiael Kohlhaas, der Rechtschaffene, der Unrecht lange genug er- 
tragen hat, wird zum Plünderer, Räuber und Mörder, nachdem seine Hoff- 
nung auf Wiedergutmachung des an ihm verübten Unrechts endgültig 
schwindet. Mit der Erschütterung seines Vertrauens zu den weltlichen 
Autoritäten schwindet gleichzeitig auch die Macht seines Über-Ichs. Das Volk 
sieht aber in ihm den Vorkämpfer der Gerechtigkeit. Nur Luther erkennt 
hinter dem Gewand dieses Reditsfanatismus den Haß, der seine Handlungen 
im Grunde bestimmt. 

Aber es ist keine Willkür dichterischer Phantasie, kein literarisch-tedi- 
nischer Kniff, um die Gemüter zu bewegen, und audi kein Zufall, wenn 
gerade dem besonders Rechtschaffenen solches Unrecht widerfährt. Er ist ja 



* 



Der Kampf ums RedU \ 5 



ein Vorkämpfer der abstrakten Idee der Gerechtigkeit, des fair play, und 
sein tapferes Festhalten an der Idee, das zähe Einhalten jener Seite des 
Vertrages, die ihn verpflichtet, ist das stärkste Hindernis gegen die Willkür 
der Machthaber, die nun ihrerseits auch gezwungen sind, den Vertrag zu 
halten. Wenn das Unredit gesdiehen soll, so muß der zäheste Verteidiger 
des Rechts zunächst beseitigt werden. Und so wird er zum heldenhaften 
Verteidiger jenes unsichtbaren Vertrages zwischen Individuum und Gesell- 
schaft, den die geschriebenen Gesetze, so ausführlich und umständlich sie auch 
verfaßt sein mögen, nur sehr unvollständig wiedergeben, jenes Vertrages, der 
dem Individuum den Rest seiner Freiheit als Lohn für die geleisteten Trieb- 
verzichte zusichern soll Scheinbar ein Vorkämpfer des Rechts, ist er in 
Wirklichkeit ein Vorkämpfer der Freiheit. Er harrt beim Gesetz aus, um die 
andere Partei ins Unrecht zu setzen, und dann die Hemmungen des Gesetzes 
abstreifen zu können. 

In den tiefsten Schichten unserer Persönlichkeit, in unserer ursprünghcli- 
sten Sehnsucht nach uneingeschränkter Triebbefriedigung fühlen wir alle mit 
ihm. Seine ungeredite Verurteilung gibt uns die Berechtigung, auch unserer- 
seits die drückenden Fesseln abzustreifen. Die psydiologisdie Wirkung dieser 
so gern phantasierten Situation zeigt am klarsten, daß der in Gesellsdiaft 
lebende Mensch im tiefsten Innern nur darauf lauert, daß die andere Partei 
als erste den conlral social bricht und ihm dadurdi die Rüdekehr zu seinem 
ursprunghdien, im Grunde nie aufgegebenen Individualismus ermöghdit. 

So erweist sich das Gereditigkeitsgefühl hinter seiner Maske des Ver^ 
teidigers des absoluten idealen Redits als eine infolge der Härte der Realität 
bescheiden gewordene Form des Lustprinzips, das verzweifelte Wachen 
des Individuums über den Rest seiner so arg besdinittenen persönlichen 
Freiheit. 



Die Justizkrise der Gegenwart 

Wir haben in dem Reditsgefühl eine der Grundlagen des sozialen 
Zusammenlebens erkannt. Man kann es als eine Art innerpsydiischen Regu- 
lators bezeichnen, dessen Vorhandensein gewisse, im Interesse der Gemein- 
schaft erforderliche Selbsteins diränkungen automatisch gewährleistet. Seine 
Verletzung führt, wie wir dargelegt haben, über Verbitterung zur Empörung, 
in weicher der Mensch nicht mehr im gleichen Maße wie bisher zu frei- 
willigem Triebverzicht gewillt ist. Die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung in 
einem solchen Zustande würde daher nur noch durch äußere Machtfaktoren 
herbeigeführt werden können. Hinter jedem Staatsbürger müßte ein Sdiutz- 



1-6 Die Juilizkrise der Gcgcnwnrl __^^-^__^-— ■■* 

i 

mann stehen. Die technische Undurchführbarkeit einer lediglich durch äuße- 
ren Zwang aufrechterhaltenen Ordnung beweist ohneweiters die ökonomische 
Bedeutung der freiwilligen Bereitschaft zur Einordnung, die, wie wir gese- 
hen haben, auf der Unversehrtheit des Gefühls der Gerechtigkeit aufgebaut 
ist. Das ungestörte Vertrauen der AUgemeinheit zu den Einrichtungen der 
Rechtspflege und zu ihren Trägern ist das Zeichen dafür, daß das Gerechtig- 
keitsgefühl der Allgemeinheit mit den Anforderungen der Staatsführung im ^ 

Einklang steht. gj 

■ Die Beurteilung dessen, was als Crimen zu gelten hat, und was mit 
dem Kriminellen geschehen soU, wird zwar den spezialwissensdiaftUch vor- 
gebildeten Juristen überlassen, die Ausübung der Rechtspflege jedoch ge- 
schieht unter dauernder Kontrolle und regster Anteilnahme der OfFenilich- 
kelt. Kaum ein anderer Vorgang des öffentlichen Lebens wird mit so ver- f 

dächtiger Eifersucht verfolgt, wie das Arbeiten der Justizmaschine. Solange 
jedoch durch die Macht des Staates und die Autorität der Rechtswissen- ; 

Schaft der Glaube an die Unfehlbarkeit des Richters unerschüttert ist. können 
auch Denk- und Urteilsformen, die sachlich und wissenschaftlich bereits 
überholt sind, sich halten, ohne das allgemeine Gerechtigkeitsgefühl allzusehr 
ins "Wanken zu bringen. In einer Zeit aber, in der sdion die außerordentlich 
gestiegenen sozialen Anforderungen, denen der einzelne gegenübersteht 
(Krieg, Wirtsdiaftsnot, Arbeitslosigkeit, Spätkapitalismus), ein besonders 
eifersüchüges Wachen über den verbHebenen Rest persönlicher Freiheit zur 
Folge haben, in einer Zeit, in der — zumindest in Europa — die bisheri- 
gen formalen Autoritäten und Ideologien erschüttert sind, in der die Herr- 
schaft eines einzelnen nur durch Diktatur, durdi nackte Macht und nicht 
mehr, wie früher, durch innere moralische Mächte, wie Religion und Loya- 
lität' aufrechtzuerhalten ist, ist auch die Rechtspflege ihrer Glaubensstützen 
beraubt. Durch keine moralisdien oder affektiven Autoritäten mehr gestützt, steht 
sie in ihrem nackten, sachlichen Aufbau, in der Dürftigkeit ihrer Inhalte, in 
der Übedebthext ihrer Einrichtungen, entblößt vor der Kritik der Allgemein- 
heit. Die Folge hieven ist die allgemeine Justizkrise, deren volle Auswir- 
kung im wesentUchen nur noch durch den äußeren Zwang staatlicher Ein- 
richtungen und durch die Indolenz der Massen gehemmt wird. 

In solcher Lage aber ist es zeitgemäß und an der Zeit, die Grundlagen 
der Rechtsprechung schleunigst und gründlich zu revidieren. 

Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß eine Tat nur dann beur- 
teilt werden kann, wenn neben der Kenntnis des Tatbestandes auch die 
Motive des Täters verstanden werden. Solange die Psydiologie als exakte 
Wissenschaft unbekannt war, steUte die Anforderung einer solchen individuell- 
psydiologischen Beurteilung jedes einzelnen Falles den Richter vor eine un- 



Die Justizkrise der Gegenwart 17 



lösbare Aufgabe. Das Urteil wäre von persönlicher Meinung, Geschmack, 
intuitiver Menschenkenntnis und sozialer Einstellung des Richters abhängig. 
Um diese Mängel, die eine außerordentliche Unsicherheit in die Rechtspflege 
hineintragen würden, nach Möglichkeit zu beheben, sind in der modernen 
Stra^ustiz drei Einrichtungen getroffen worden. 

1) Aufstellung kasuistisch geordneter objektiver Tatbestände, die darauf 
abzielen, die Jndividuell-psychologisdie Beurteilung des Falles möghchst aus- 
zuschalten. Wir wollen das als die pseudo- exakte Bestrebung der 
Jurisprudenz bezeichnen. 

2) Einführung der Laiengerichte, das Eingeständnis des Versagens der 
pseudo-exakten objektiven Justiz und die Wiedereinführung der Psychologie 
in der Form einer laienhaften Beurteilung nach dem gesunden Men- 
schenverstand. 

3) Heranziehung der ärztlichen Sadiverständigen, ein Versuch, die 
sogenannte wissenschaftliche Psychologie in der bisher be- 
kannten Form der Psychiatrie zu Hilfe zu rufen. 

Wir werden im folgenden darlegen, warum diese drei Methoden völlig 
versagen mußten hei dem Versuch, die heutige, ihrer autoritären Stützen 
beraubte und der öffentlichen Kritik in besonders starkem Maße exponierte 
Justiz aus ihrer gegenwärtigen kritischen Lage herauszuführen. 

Die heutigen Strafgesetzbücher basieren im allgemeinen auf dem Prinzip, 
sämtlidie als krimineU bezeichneten Handlungen in bestimmten kasuistisch 
geordneten Formen abstrakt zu erfassen. Die Aufgabe des Richters besteht 
darin, die fragliche Einzeltat möglichst eindeutig in eine dieser Kategorien 
einzureihen. Auf diesem Wege wird angestrebt, die als unsicher und un- 
exakt empfundene persönliche Beurteilung des Falles durch den Richter aus- 
zuschalten und das Urteil möglichst aus einer geglückten paragraphenmäßigen 
Qualifizierung automatisch abzuleiten. 

Wenn so auch die Gesetzgebung gehofft hat, in weitem Umfange die 
Frage, ob eine einzelne Handlung als Delikt zu werten ist, dem Urteil der 
richtenden Personen durch Objektivierung der Tatbestände zu entziehen, so 
ist es dennoch in keinem Rechtssystem möglich, die kriminelle Tat als ein 
objektives, von der Person des Täters abstrahiertes Geschehen zu werten. 
Vielmehr liegt jedem Richterspruch neben der Feststellung des objektiven 
Geschehens ein psychologisches Urteil zugrunde. Richten ohne Psychologie 
ist nicht denkbar. Um jedoch auch die psychologische Beurteilung von der 
persönlichen Einstellung des Richters unabhängig zu machen, wird die 
Psychologie nach der gleichen Methode in abstrakte Formeln gezwängt. Grob 
psychologische Bewertungen geben bei gleichem objektiven Geschehen den 
Ausschlag für die kriminalistisciie Beurteilung der Einzelhandlung (Mord und 

Alexandcr-Slaub r Vcrbrcdier X 



IS 



Die Juslizkrise der Gegenwart. 



Totschlag, Vorsatz und Fahrlässigkeit, gewinnsüchtige Absicht oder deren 
Fehlen und dergl). Zu welchen absurden Ergebnissen diese pseudo-exakten 
Unterscheidungen führen können, zeigt eine Bestimmung des portugiesisdien 
Strafredits, nach der eine Tötung dann als vorbedachter Mord zu werten ist, 
wenn festgestellt werden kann, daß die Tötungsabsicht schon wenigstens 
24 Stunden vor Ausführung der Tat bestanden hat/ Die Willkür psydiolo- 
gisdier Bewertung soll ausgeschaltet werden, darum wird sie durch die 
Pseudo-Exaktheit toter Zahlen ersetzt. 

Alle bisherigen Rechtssysteme haben in ihren pseudo-exakten Bestrebun- 
gen nur zu einem geringen Teile erreicht, die lebendige psydiologische Be- 
urteilung des Falles durch eine in abstrakte Formeln gekleidete Psychologie 
zu ersetzen. Dagegen haben sie zur Folge gehabt, daß das Interesse für ein 
wirklich psychologisches Verständnis des Täters sich abschwächte. Zu viel 
Psychclogisieren macht eben die Aufgabe, die Tat in eine der vorhandenen 
vorbestimmten Kategorien ohneweiters einzureihen, unmöglich. Die Psycho- 
logie mußte also dem Richter bei der Urteilsfindung eher hinderlidi sein. 
Aber selbst die wenige Psychologie, die für die Beurteilung jedes Einzel- 
falles unvermeidlich ist, macht sdion diese Einreihung in die vorhandenen 
Schemata fast zur Unmöglichkeit. Die Folge ist eine spitzfindige Judikatur, 
die versucht, den engen Rahmen der Schemata durch Erlinden immer neuer 
abstrakter psycliologischer Tatbestände zu erweitern und durdi scholastische, 
rein deduktive, logische Jonglierkünste die Zugehörigkeit einer Tat zu einer 
bestimmten Kategorie zu beweisen. So wird die heutige Justiz eine geheime 
Tedmik des gelehrten Richters, sie entfernt sich weit von dem Verständnis 
des gewohnlichen Menschen und von dem gesunden Mensdienver stand. 

Die Flucht des Richters in die pseudo-exakte Welt der Paragraphen, 
dieser oft geradezu verblüffende iwrror des Juristen vor jedem Versuch eines 
Verständnisses der menschlichen Motive bedeutet eine Fludit vor persönlidier 
Verantwortung. Wenn es gelingt, ein bestimmtes Delikt mit Hilfe des ge- 
schriebenen Rechts möglichst passend unter einen Paragraphen zu stellen, ist 
das eigene Gerechtigkeitsgefühl beschwichtigt. Die Verantwortung für eine 
Ungerechtigkeit trägt dann das unpersönliche geschriebene Gesetz. Diese 
Flucht vor der Psychologie ist nur dadurch zu verstehen, daß es eine wissen- 
schaftliche Psychologie der Einzelpersönlichkeit bisher nicht gegeben hat, 
daß vielmehr das Verständnis menschlicher Handlungen bisher lediglich von 
der Intuition des einzelnen abhing und somit in der Hauptsadie^das Privileg 
der Diditer und Künstler gewesen ist. So wird es begreiflich, wenn der 
Richter vor der Scylla des Geheimnisses menschlicher Motive sdiaudernd in. 

i) Artikel 325, Portugesisdicr Code Penal. Vergleichende Darstellung des Deutsdicn und 
Ausländischen Strafredits. Besonderer TeU, Band V, Seite 4,8. Berlin 1906—1909. 



Die ßisHshise der Gegenwart 19 



die Charybdis der Paragraphen flieht, die ihm wenigstens die Verantwor- 
tung für eine unlösbar erscheinende Aufgabe abzunehmen bereit sind. \ 

Um die allgemein erkannte Lebensfremdheit der scholastisdien Juris- 
prudenz ein wenig zu mildern, den von Paragraphen geplagten gelehrten 
Richter ein wenig zu entlasten imd dem Gerechtigkeitsgefühl wenigstens 
durch Zulassung intuitiver, triebhaft gefühlsmäßiger psychologischer Beurtei- 
lung ein wenig entgegenzukommen, hat man die individuell-psychologisdie 
Beurteilung des Einzelfalles durch verschiedene Hintertüren wieder herein- 
gelassen. Dem Richter wird bei Bemessung der Strafe, durdi die Einrichtung 
des bedingten Strafaufschubes, durch eventuellen Erlaß der Strafe, die Mög- 
lichkeit gegeben, den besonderen psydiologischen Umständen des Einzel- 
feUes wenigstens in geringem Umfange Rechnung zu tragen. Sodann hat 
man, um die Starrheit der Paragraphenherrsdiaft ein wenig auszugleichen, 
die Laiengerichte gesdiaffen. Es ist ein paradoxes, in den Wissensdiaften 
sonst nicht bekanntes Eingeständnis eigener Ohnmacht, daß der Fachmann 
durch den Laien korrigiert werden muß. Immerhin bedeutet die Einführung 
der Laienjustiz einen wesendichen Fortschritt. Dem Laien ist die Möglich- 
keit versdilossen, vor der Verantwortung in die Welt der Paragrapiien zu 
fliehen, weil er diese glücklicherweise nicht kennt. Er muß der Verantwor- 
tung ins Auge schauen, er muß urteilen, und dieses Urteil kann, wie jedes 
Urteil, nur auf psychologischem Verstehen des Täters beruhen. Die Last der 
Verantwortung, aus eigener unsicherer Intuition reale Folgen ziehen zu 
müssen, wird für die Laien dadurch gemildert, daß man sie nicht einzeln, son- 
dern kollektiv richten läßt und in den meisten Rechtssystemen überdies 
dadurch, daß ihr Einfluß bei der Urteilsfindung begrenzt wird, daß die 
gelehrten Richter unter dem Schutze der Paragraphen einen Teil ihrer Ver- 
antwortung wieder von ihnen nehmen. Es ist nicht verwunderlich, daß der 
Versuch, die Blindheit der Paragraphenweh durch die lalune Intuition des 
Durdisclmittslaien stützen zu wollen, zu einem Ausweg aus der Justizkrise 
nicht fuhren konnte. 

Als Ergebnis aus alledem folgt die Tatsache, daß man, wenn man 
überhaupt zu einer kriminellen Tat in irgendwelcher Weise und mit irgend- 
welcher soziologisdien Begründung Stellung nehmen will, dies nur tun kann 
mittels individueller psychologischer Beurteilung des Einzelfalles. Das gih un- 
abhängig von jeder Strafrechtstheorie und unabhängig auch von der Form 
der Maßnahmen, die dem Täter gegenüber zu ergreifen sind. Wenn auch 
die Autoren allen heute geltenden Formen der Bestrafung wie überhaupt 
dem Begriff der Strafe selbst kritisch gegenüberstehen, so glauben sie den- 
noch, sidi mit der Diagnostik der kriminellen Handlung befassen zu dürfen, 
da diese unabhängig ist von den zu treffenden Maßnahmen. Im Gegenteil, 



•l 



20 Die JasUzkrise der Gegenwart 

die Diagnose bildet die einzige zuverlässige Grundlage für die zu ergreifen- 
den Maßnahmen. Etwas muß ja mit dem Kriminellen geschehen, und was mit 
ihm geschehen soll, ist abhängig von der psychologischen Beurteilung des 
Falles. 



Die Rolle der Psydiologie in der Beurteilung des Täters 

Dem komplizierten Vorgange jeder Rechtspflege liegt das folgende ein- 
fache sozialpsychologische Schema zu Grunde : 

Die Gesellschaft fragt zwar den Täter: „Was hast Du getan ? —", 
stellt diese Frage jedoch im wesentlichen nur, um festzustellen : 

„Warum fiasl Du das getan ? ".; 

Hast Du ßir uns oder gegen wis handeln wollen ? 

Bist Du gefährlich oder nützlich für mu ? 

Bist Du nur deshalb gefährlich, weil unfähig, die Folgen Deiiier Handlungen 
zu überselun ? Bist Du krank f (psychiatrische Diagnostik) oder ^ 

Stellst Du Dich außerJialb unserer Gesellschaft f 

Und endlich : 

„Hast Du etwa wohlwollend handeln wollen und nur Uriglück gehabt f 

Wir behaupten, in diesen wenigen Fragen das Grundgerüst jeglichen 
Strafrechts unterbringen zu können. Jedes Strafrechtssystem, auch das mit 
objektiven Normen versehene, bezweckt demnach die Feststellung der Motive. 
Richten verlangt eben Psychologie. 

Wir haben bereits dargetan, daß alle bisherigen Rechtssysteme in grö- 
ßerem oder geringerem Umfange dieser Forderung Rechnung tragen, und 
daß gerade der Fortsdiritt des Strafrechts in einer immer größeren Locke- 
rung der objektiven Normen durch Einlaß der Psychologie besteht. Liszt 
ist der Erste, der den Satz, nicht die Tat, sondern der Täter solle bestraft 
werden, zur Grundlage seiner Strafrechtstheorie machte. Wenn trotzdem Volk 
und Kriminaljustiz sich immer weiter voneinander entfernen, und wenn 
trotzdem heute eine allgemeine Vertrauenskrise gegenüber der Strafjustiz 
festzustellen ist, so dürfte das, wie der Inhalt dieses Buches dartun wird, zu ^ 
einem wesentlichen Teile darauf zurückzuführen sein, daß die Forderung 
Liszts nicht erfüllt werden kann, weil die Psychologie, die in der Straf- 
justiz verwendet wird, keine Psychologie des lebendigen Menschen ist. Die 
bisher angewandten psychologischen Methoden befassen sich nicht mit der 
Erkenntnis der Einzelpersönlichkeit, sondern vermitteln bestenfalls generelle 
psychologisdie Erfahrungen oder Einsichten, meist überhaupt nur abstrakte 
Konstruktionen. Man kennt und verwendet eine Psychologie des Wolfens, 



Die Rolie der Psychologie in der Beurteilung des Täters 2 \ 

der Gefühle, des Gedächtnisses, der Reizreaktion usw., hat jedoch keine 
Kenntnis von den realen Motiven, von den tatsächHchen Gefühlen, kurz 
vom lebendigen Menschen. 

Es haftet diesen Methoden daher ein ähnlicher Mangel an, wie der 
Objektivierung der Tatbestände. Objektive Tatbestandsnonnen sind audi im 
Verein mit konstruktiven abstrakt-psychologischen Thesen nicht geeignet, 
uns eine bildhafte unmittelbare Erkenntnis der Einzelpersönlichkeit und ihrer 
Motivarion zu verschaffen. Die Psychologie des Individuums, die Erkenntnis 
der tieferen Beweggründe einzelner menschlicher Handlungen hat erst die 
psydioanalytisdie Wissenschaft zum Gegenstand ihrer Forschungen gemacht. 
Die Psydioanalyse erhebt daher den Anspruch, bei der Beurteilung des 
kriminellen Täters mitzusprechen, sie glaubt, diejenigen Methoden vermit- 
teln zu können, die zum vollen Verständnis der Handlungen krimineller 
Personen fiihren. 

Die Psychologie vor Freud hat ihre Aufgabe, das Verständnis des 
Täters zu vermitteln, schon deshalb nicht erfüllen können, weil sie als eine 
abstrakte, eher philosophische und konstruktive Wissenschaft die Persönlich- 
keit des Einzelindividuums nicht zu erfassen vermochte. Vor allem aber war 
ihr die Grundtatsache jeder Psychologie, die erst Freud entdeckt hat, unbe- 
kannt: daß die menschliche Persönlichkeit keine homogene Einheit ist. Das 
bewußte Ich — der ausschließhche Gegenstand jeder bisherigen psychologi- 
schen Untersuchung — ist nur ein geringer Teil des Psychischen. Es ist 
über dem großen Reservoir der unbewul^ten Triebe, Motive und Vorstel- 
lungsinhalte gelagert und in weitestem Umfange von diesen abhängig. Diese 
von der psychoanalytischen Wissenschaft entdeckte Grundtatsadie kann in 
ihrer Bedeutung für die Kriminalistik etwa wie folgt formuliert werden : 
Der Angelpunkt jeden Verhörs, „warum hast Du dies oder jenes getan", 
kann von dem Befragten nur zu einem Teil beantwortet werden, u. zw. 
nur für jene Motive, die dem bewußten Teil seiner Persönlichkeit zugäng- 
lich sind. Die oft dynamisch viel wirksameren unbewußten Motivationen 
sind Ihm unbekannt. Demnach kann er selbst eine kausal vollgültige Erklä- 
rung seiner Tat gar nicht geben,' Diese eine Tatsache genügt bereits, um 
zu erweisen, daß das Strafprozeßverfahren eine grundlegende Umwälzung 
erfahren muß. Die ganze Technik des Verhörs, das Suchennach eindeutigen, 
bewußten Motivationen, das Aufspüren von Widersprüchen, das Bestreben, 
dem Täter diese Widersprüche als Unwahrhaftigkeit auszulegen und die 
moralische Bewertung seiner Persönlichkeit davon abhängig zu machen, ist, 
im Lichte der Psychologie gesehen, unzulässig, weil unwahr. 

i) Vgl. audi R e i k, Geständniszwang und Straf bcdiufnis. Internal. Psych oanalyt. BibL, 
Ed. XVni, Wien 1935. 



22 Die RoUe der Psycholog m der Rfnirleilun^ des Tälers 

'Nickt der Richter, der die Widersprüdie in der Aussage feststellt, son- 
dern meistens der Täter, der sidi in Widerspruch verwickelt, hat Redit, 
weil ja die meisten mensdilichen Handlungen tatsächlidi aus widerspruchs- 
vollen Motiven begangen werden. Niclit das „entweder-oder", sondern 
das „so wohl-ais-auch" ist geltend im Seelenleben. Wenn der Täter 
beim Verhör imstande wäre, die volle Wahrheit zu sagen, d. h. wenn er 
selbst alle seine Motive kennen würde, so müßte er bei jedem Ver- 
hör in Widerspruch geraten, jd 

Menschliche Handlungen sind immer überdeterminiert, die ver- 
schiedenen Deteiininanten (Motive) oft widerspruchsvoll. 

Die Psydioaualyse zeigt, daß man denselben Menschen zur gleichen | 

Zeit bewußt lieben und unbewußt hassen kann oder umgekehrt. Man mor- 1 

det also auch gleidizeiiig aus Haß und Liebe, man stiehlt gleichzeitig aus 
Gewinnsucht und unbewußten, nidit auf Vorteil abzielenden zwanghaften 
Luststrebungen. Und dieselbe Überdeterminiertheit gilt ebenso für die krimi- 
nellen wie auch für die sozial anerkannten Handlungen. Der Kolonialsadist 
hat als dünne Rationalisierung für das Ausleben seiner Grausamkeit die ' 

Aufgabe, durch strenge Zudit Wilde zu sozialen Menschen zu erziehen. In 
ähnhdier Weise, freilich in anderem Mischungsverhältnis, findet man die 
beiden entgegengesetzten Tendenzen, den bewußten sozialen Willen zur 
Erziehung und den grausamen Beherrschungstrieb bei allen Erziehungsper- 
sonen wirksam. In der Härte des Gefangenenaufsehers, in der Zucht des 
Feldwebels, in der Strenge des Lehrers und Erziehers wirken die beiden 
entgegengesetzten Tendenzen, von denen jedoch nur die eine, die soziale 
Komponente, der bewußten Persönlichkeit zugänglich ist, während die 
andere, dissoziale, ins Unbewußte verdrängt ist und unbemerkt zur Geltung 
kommt. Warum sollte der sich reditschaffen ersdieinende Mensch hinter 
seinen bewußten Motiven, die seine Handlungen scheinbar hinreichend er- 
klären, auch die unbequemen, unbewußten Motive erkennen ? Nur wenn 
die bewußte Motivation nicht ausreicht, wenn die unbewußten Tendenzen 
zu stark zum Ausdruck kommen, kommt der Verdacht auf, daß vielleicht 
noch etwas Unbekanntes hinter den bewußten Motiven stecken mag. jj 

So kann der paradoxe Fall vorkommen, daß eine kriminelle Tat aus 
unbewußten nichtkriminellen Motiven und eine soziale Tat aus dissozialen 
Motiven entsteht. Der Psychoanalytiker weiß nur zu gut, daß bei sozial 
höchst wichtigen und geachteten Berufen, wie denen des Chirurgen oder 
Staatsanwaltes, eine domestizierte sadistische Komponente eine wichtige Rolle 
spielt und oft ausschlaggebend gewesen sein mag für die Wahl des Berufes. 
Bei dem Arzt erlaubt das Vorherrschen mcnschlidier Hilfeleistung das un- 
bemerkte Ausleben des Sadismus, dem Staatsanwalt erlaubt die Bestrebung, 



Die Rolle dgr Psychologe in der Beurteilung des Tälers 23 

die Staatssicherheit zu sdiützen, die Realisierung der unbewußten Neigung, 
dem Anderen Leid zuzufügen. 

Ebenso wie jede soziale Handlung von vielen, teilweise kriminellen 
psydiischen Determinanten mitbestimmt wird, hat jede kriminelle Handlung 
mehrere, großenteils dem Täter unbewußten Motive. Nur die inhaltliche 
Kenntnis der Gesamtheit der Motive und die Kenntnis ihrer relativen Stärke 
und Wirksamkeit vermittelt uns aber ein volles Verständnis der Tat. 

Die bisherige Psydiologie wie auch die oberflächliche Menschenkenntnis 
des Laien erfaßt aus dieser komplizierten Fülle von unbewußten und be- 
wußten Motiven nur den nächstliegenden Teil der bewußten Motivation, 
meistens also nur eine dünne Schicht von Rationalisierungen, in den selten- 
sten Fällen die dynamisch wirksamsten Motive. Dem Staatsanwalt, dem 
Richter, dem Laien und dem ärzthchen Sachverständigen stand bisher nur 
diese Oberflächenpsychologie zur Verfügung. Kein Wunder also, daß 
psychologisch richtige, das allgemeine Rechtsgefühl befriedigende Urteile nur 
in glücklichen Ausnahmefällen vorkommen und die allgemeine Vertrauens- 
krise der Justiz immer welter um sich greift. Nur jene extremen Grenzfälle, 
in denen das kriminelle Motiv das bewußte Ich eindeutig beherrscht und 
dadurch für die Tat praktisch allein ausschlaggebend ist, oder die selteneren 
Fälle, in denen ein soziales Motiv vorherrschend ist für eine kriminelle 
Handlung (Tötung des unheilbar Kranken aus Mitleid), können mit Hilfe der 
dürftigen Bewußtseinspsychologie kausal einigermaßen richtig und darum für 
den praktischen Bedarf hinreidiend verstanden werden. Alle verwickeiteren 
Fälle aber bleiben unaufgeklärt, trotz der verzweifelten Versuche, psycholo- 
gisch sachverständige Ärzte und neuerdings sogar Dichter zur Aufklärung 
der Motive heranzuziehen. Das Gereditigkeitsgefühl der Allgemeinheit bleibt 
dabei unbefriedigt. Wenn auch niemand dem Ausdruck geben kann, was 
ihn unbefriedigt läßt und warum, so besitzt doch jeder ein inneres Wahr- 
nehmungsorgan, mit dem er unbewußt das Unbev^ßtc des Anderen ver- 
steht oder wenigstens fühlt. Das Gefühl der Unzufriedenheit entsteht, weil 
das Urteil das Unbewußte des Täters nicht berücksichtigt hat. Man spürt, 
daß der Täter für etwas Konstruiertes, das er subjektiv nicht begangen hat, 
verurteilt wird. Er meinte mit seiner Tat etwas anderes, nicht das, was ihm 
unterschoben wurde. Doch dieses „etwas anderes" bleibt begrifflich unfaßbar 
und unaussprechbar, weil es dem Unbewußten angehört. Die Psydhoanalyse 
vermag dieses dunkle Etwas wissensdiaftlich zu fassen. Nur der Einlaß der 
Psydioanalyse in den Gerichtssaal wird daher das dort herrschende Dunkel 
aufhellen und den einzigen Ausweg aus der Justizkrise zeigen. 

Der Arzt als gerichtlicher Sachverständiger konnte diese Aufgabe jeden- 
falls nicht leisten. Wir werden auf seine meist so nichtssagende Rolle im 



24 



Die Roüe der Psydinh^^ in der Beiirleilung des Tätms 



Gerichtssaal nodi zurückkommen. Wir stimmen mit Wilmans' überein, 
wenn er im Einklang mit einer Reihe namhafter Psychiater dem heutigen 
Richter die Fähigkeit abspricht, die Persönlichkeit des Täters so zu erfassen, 
wie es für das Urteil nötig wäre. Aber wir glauben nicht, daß der heutige 
Psychiater ohne tiefenpsychologische Schulung dazu fähig ist. Es ist fraglos 
ein gewisser Fortschritt, wenn Aschaffenburg, Wilmans, Bonhoef- 
fer, Leppmann und andere Psychiater zur Ansicht gelangt sind, daß ein 
großer Teil solcher Rechtsbrecher, die keine eindeutige psydhialrische Diagnose 
zulassen, die sogenannten „Grenzfälle", als seelisch Kranke zu betrachten 
sind. Sie bezeichnen diese Fälle gern als geistig Minderwertige, psycho- 
pathische Persönlichkeiten, hysterische oder epileptische oder zyklothyme 
Charaktere oder zusammenfassend als Grenzzustände und haben die größten 
Schwierigkeiten, sie eindeutig abzugrenzen und diagnostisch exakt zu er- 
fassen.* Aber wenn auch, eher durch den psydiiatrisch erfahrenen Blick als 
auf Grund von exakter psychologischer Kenntnis, die auffallendsten Fälle als 
krank erkannt werden, so ist ohne tiefenpsychologische Erfahrung ein tieferes 
Verständnis dieser Persönlichkeiten und ihrer Handlungen unmöglich. Wie 
Histologie ohne Mikroskop, so ist Psychologie ohne Psychoanalyse nicht 
denkbar. Aber immerhin ist es zu begrüßen, daß neben dem lange vorherr- 
schenden kriminal-biologischen Gesichtspunkt, der nach bei den meisten 
Kriminellen nidit vorhandenen groben, biologisch greifbaren Merkmalen 
sucht, aUmählich auch die Kriminalpsychologie zum Wort kommt. Wenn 
auch diese Psychologie bisher nur die Oberflädie zu erfassen vermochte, so 
kommt doch bei manchen Autoren neben der flachen einseitigen Intelligenz- 
prüfung die Berücksichtigung des für die Handlungen bedeutsameren emotio- 
nalen Lebens zum Ausdruck. Der Psychoanalytiker kann jedoch mit der 
grob-psydiiatrisdien Feststellung einer „psychopathischenPersÖnlich- 
keit", zu der der heutige Gerichtsarzt im besten Falle fähig ist, nicht zu- 
frieden sein, weil er ja imstande ist, hinter diesen allgemeinen wissen- 
schaftlidien Bezeichnungen die wirksamen psychologischen Mechanismen im 
einzelnen anzugeben. Aber es kann nicht genug betont werden, daß ein 
großer, vielleidit der größte Teil dieser Grenzfälle ohne Tiefenpsychologie 
nicht einmal als solche erkannt werden können. 



i) Wilmans : Die sogenannte verminderte Zurechnungsfähigkeit, Berlin 1927. 

2) Die UnZuverlässigkeit der grobpsychiatrischen Diagnostik zeigt ein neuerdings vorge- 
kommener Fall. Ein angesehener Gerichtspsydiiater hatte einen chronischen Betrüger und Hodi- 
slapler zweimal für unzurechnungsfähig erklärt, in einer dritten Verhandlung aber für zurech- 
nungsfähig, obwohl sidi am klinischen Bild nichts geändert hatte. Er hatte sogar seine früheren 
Gutachten vergessen und sie trotz eindringlicher Vorhalte abgeleugnet. Uns erscheint dieser 
Vorfall nicht weiter erstaunlich, da soldien Gutachten, die ohne analytische Kenntnis der Per- 
sönlidikeii erstattet werden, jede exakte wissenschaftliche Gniudlage fehlt. 



Du Rolle der Psychologie in der Beurleiiung des Tälers 25 



Die Forderung L i s z t s, daß das Gericht nicht zur Tat, sondern zum 
Täter Stellung nehmen soll, mußte bis heute, so lange, als Freud nidit die 
Erforsdiung der Persönlichkeit zu einer exakten Wissenschaft entwickelt 
hatte, ein frommer Wunsch bleiben. Der Einlaß der Psychoanalyse in den 
Gerichtssaal wird den ersten Schritt zur Verwirklichung dieser Forderung 
bedeuten. 



Die Kriminalität als allgemein menschlidie Erscheinung 

Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß die Bestrebung, biologisch 
determinierte VerbrecJiertypen dem Normalmensdien gegenüberzustellen, die 
große Anzahl der mehr oder weniger Dissozialen nicht erfaßt. Die relativ 
kleine Zahl degenerativer Persönlichkeiten, die auf Grund vererbter Anlagen 
oder aus pränatalen Entwicklungshemmungen zur sozialen Anpassung unfähig 
sind, ist für die Kriminalität nicht charakteristisch. Die Mehrzahl der Krimi- 
neUen ist vielmehr in ihrem körperlichen und groben seelischen Aufbau dem 
normalen Menschen gleich, die Abweichung zwischen den beiden ist eine 
Entwicklungstatsache, die von dem späteren Lebensschicksal meist in viel 
stärkerem Maße abhängig ist als von der Erbmasse, d. h. der größte Teil 
der KrimineUen hätte sich bei anderem Lebensschicksal zum normalen Men- 
sehen entwickehi können. Die Bestrebung Lombrosos und seiner Sdiule, 
eme scharfe Grenze zwischen Kriminellen und Normalen aufzufinden, ent- 
sprmgt aus dem narzißtischen Wunsche des Wissenschaftlers, sich und seine 
normalen MitmenscJien von den Kriminellen als von einer biologisdi durch 
leicht erkennbare körperUche Merkmale unterschiedlichen Rasse eindeutig ab- 
zutrennen. Jeder Versuch, diese Trennungslinie zu verwischen, trifft auf den- 
selben affektiven Widerstand wie etwa die Abstammungslehre Darwins, der 
den mensdilidien Hochmut dadurch verletzt hat, daß er den Menschen in 
die Tierreihe versetzte. Die psychoanalytische Erforschung des unbewußten 
Seelenlebens führt zu der Einsicht, daß jener Teil des Menschen, in welchem 
er sozial angepaßt ist, ein spätes und relativ labiles Entwicklungsprodukt ist, 
während sich in dem quantitativ und dynamisch mächtigeren Kern der Per- 
sönlichkeit Normale und Kriminelle nidit unterscheiden. Der Mensch kommt 
als kriminelles, das heißt sozial nicht angepaßtes Wesen auf die Welt und 
behält in den ersten Lebensjahren seine Kriminalität in fast vollem Umfange. 
Seine eigentliche soziale Anpassung beginnt erst mit der Überwindung des 
Ödipuskomplexes in der von Freud beschriebenen Latenzperiode, die nach 
dem 4. bis 6. Lebensjahre beginnt und mit der Pubertät endet. Erst hier 
trennt sidi die Entwicklung des Gesunden von dem Kriminellen. Während 






26 



Die Krimmaliläl als allgftnan mensdilidie Ersdieinnns; 



es dem Normalen gelingt, hauptsächlich in der Periode der Latenz, seine 
genuinen kriminellen Triebregungen teilweise zu verdrängen und von 
der Motilität auszuschließen, zum anderen Teil im Sinne der Sozietät umzu- 
wandeln, mißglückt dem Kriminellen dieser Anpassungsvorgang in größerem 
oder geringem Umfange. 

Der Kriminelle setzt seine natürlichen unangepaßten Triebe, ebenso wie 
das Kind es möchte, wenn es nur könnte, in Handlungen um. Für die ver- 
drängte, also unbewußte Kriminalität des Normaimenschen bleiben dagegen 
nur einige sozial harmlose Ventile, wie das Traum- und Phantasieleben, das 
neurotische Symptom und dann einige Übergangsformen [bereits weniger 
harmloser Beftiedigungsmöglichkeiten, wie Duell, Boxsport, Gladiatoren- und 
Stierkämpfe, bis zu dem freien Ausleben verdrängter Kriminalität im Kriege. 
Kein besserer Beweis für die allgemeine Kriminalität könnte erbracht werden 
als das gewagte Experiment, der spanischen Nation ihre Stierkämpfe, den 
Amerikanern ihren Box- und Rugbysport, dem alten Europa seine Soldaten- 
spiele oder der Welt die Stra^ustiz zu nehmen. Die generelle Kriminalität 
des heutigen Menschen benötigt gewaltige grobkörperliche Abfuhrwege, um 
sie von der Verwendung im Kampfe AUer gegen Alle abzuwenden. 

Eine teilweise motorische Beherrschung der kriminellen Regungen und 
ihre Ableitung in andere, sozial unschädlichere Wege unterscheidet allein die 
sozial angepaßten Moralmenscben von den Kriminellen. Diese Beherrschung 
und die domestizierten Ableitungen der ursprünglich asozialen Tendenzen 
werden erst im Laufe der Erziehung der Einzelpersönlidikeit erworben. 
Kriminalität ist also im Allgemeinen kein Geburtsfehler, sondern ein Erzie- 
hungsdefekt, abgesehen von Grenzfallen, die besonders berücksichtigt werden 
müssen. Diese Verhältnisse werden durch ein Gedankenexperiment klar, in- 
dem man sich eine Welt vorstellt, in der die Kinder zwischen dem 2. und 
6. Lebensjahr in ihrer psychischen Kraft dem Erwachsenen so überlegen 
wären, wie heute die Erwachsenen den Kindern, und die ersteren alle ihre 
Phantasien in Handlungen umsetzen könnten. Diese Riesenkinder Gullivers 
würden im Zwergenlande der Erwachsenen eine Welt der reinprozentigen 
Kriminalität verwirkhchen. 

Die erste Beziehung, die der neugeborene Mensdi zur Umwelt erwirbt, 
ist ein uneingesdiränkter Bemächtigungsdrang. Dieser Bemäditigungsdrang, 
der sich in der kannibalischen Betätigung des Säuglings an der Mutterbrust, 
dem partiellen Auffressen der Mutter durch das Kind äußert, ist der Inhalt 
der von der psydioanalytischen Trieblehre als oral-sadistische Stufe 
bezeichneten ersten Entwicklungsphase des Menschen. Die prägenitale Sexua- 
lität des Säuglings befriedigt sich in der Mundzone während der Saugtätigkeit 
an Mutterbmst, Flasche oder Daumen. 



Die Kriminalitai als ^gemein fnensdilidu Ersdieinung 27 

In dieser Phase fehlt naturgemäß nodi jegHdie Spur der späteren sozialen 
Beziehungen, das heißt, irgendeine Neigung zur Berücksichtigung der Inter- 
essen anderer. 

Störungen während dieser Triebphase, insbesondere Erziehungsfehler bei 
der Entwöhnung, können trotzdem die Erziehbarkeit zur Sozietät beein- 
trächtigen. Menschen, die bei jeder Beeinträchtigung ihrer Wünsche zu Ge- 
walttätigkeiten neigen, die auf jeden Aufschub eines Lustgewinnes mit un- 
bezwingbarer Ungeduld reagieren, waren häufig oral verwöhnte Kinder, bei 
denen sich übermäßig langes Gewähren der Säugeperiode spater bitter rächt.' 
Die Entwöhnung muß ja einmal stattfinden und trifft bei solchen Verwöhnten 
auf den trotzigen Widerstand gegen das Aufgeben eines wohlerworbenen 
Gewohnheitsrechtes. Abraham und Alexander* wollen die letzten 
Wurzeln der Kleptomanie in Störungen dieser Periode suchen. 

Die erste Nötigung zur Anpassung an die Anforderungen der Erwach- 
senen erfährt das Kind bei der sogenannten Reinlichkeitsdressur. 

Die an exkrementeile Vorgänge gebundene Lustbefriedigung, die ebenso an 
das Zurückhalten der Exkremente wie an ihr Herauspressen geknüpft ist, wird 
ebenso wie die koprophile Neigung des Kindes durch die Anforderung der Erwach- 
senen an Ordnung, Reinlichkeit und Zucht beeinträchtigt. Die wesentliche Folge 
dieses Einbruchs in die ursprünglichen Triebtendenzen besteht darin, daß die 
Souveränität des Kindes, aus den exkrementeilen Vorgängen zu der Zeit, in 
der Art und in dem Maße Lust zu gewinnen, wie es ihm beliebt, beein- 
trächtigt wird. Einer der Wesenszüge dieser analen Erorik besteht in einer 
Art von Machtgefühl, in einem Gefühle der Unabhängigkeit des Lustgewinns 
von Anderen, weil ja die Exkremente selbsthergestellte Produkte sind, im 
Gegensatz zu der mit dem Gefühl der Unsidierheil verknüpften immer 
wegnehmbaren Mutterbrust oder Flasche, an deren Stelle sie als 
Lustquelle getreten sind. Im Gegensatz zu diesen dem Zugriff der Er- 
wachsenen ausgesetzten lustspendenden Objekten der oralen Erotik ist die 
im Körperinneren verborgene Kotstange dem Machtbereich der Erwachsenen 
entzogen. Die starke Betonung des Unabhängigkeitsdranges, des Trotzes, der 
SelbstherrHchkeit in der analen Phase — von Freud zuerst in dem Eigen- 
sinn des Anal-Erotikers erkannt — ist, was in der psychoanalytischen Lite- 
ratur noch wenig berücksichtigt wurde, eine Art Überfcompensierung der 
schlechten Erfahrungen aus der oralen Phase, in der das Kind in seinem 
Lustgewinn von der Willkür der Mutter abhängig war. 

i) Vgl. Abraham. Psydioanalytische Studien zur Charakterbildung'. Internat. Psych oaiialyt. 
Bib]„ Bd. XVr, Wien 1925. 
( s) Alexander. Kastration skomplex und Charakter. Internat. Ztsdir. für Psydioanalyse. 

Vin. (1922.) 



■J-^ — — j 



^ 



*° Otg Kriminalität als altgrmein meiutklidie Erscheinimg 

Aus Furdit vor Strafe oder Tadei der Erwadisenen lernt das Kind die 
Beherrschung und RegTjlierung seiner Sphinktertätigkeit. Das erste Verbrechen, 
das alle Mensdien ausnahmslos begehen, ist die Übertretung der Reinlidi- 
keitsgebote. Und unter dieser Herrschaft der Kriminaljustiz der Kinderstube 
lernt der Mensch die Repressalien der Umwelt gegen seine ursprünglichen 
Triebregungen zum ersten Male kennen. Mit Recht spricht Ferenczi' von 
der Sphinktermoral als dem Anfang und der Grundlage jeglicher Moral. 

Für gewisse unzugänglidhe Kriminelle, die in einer trotzigen Ablehnung 
der Sozietät verharren, könnte das Vorbild ein auf seinem Töpfchen thronendes 
Baby sein, das allen Beeinflussungen einen unzugänglichen Widerstand ent- 
gegensetzt und triumphierend sich in dieser souveränen Situation dem Er- 
wachsenen überlegen fühlt. 

In dem Augenblick, wo das Kind zum ersten Male die Hemmungstätig- 
keit seines Sphinkters selbständig vornimmt, hat es den ersten entscheidenden 
Sdiritt zur Anpassung an die Umwelt getan. Es hat in einem Teile seiner 
Persönlichkeit eine Hemmungsinstanz aufgeriditet, die von dem übrigen Teil 
seiner PersönHchkeit dasselbe verlangt, was bisher die Außenwelt von ihm 
verlangt hat. Es hat sich also in einem Teil seiner Persönlichkeit mit den 
Anforderungen der Erziehungspersonen identifiziert. Im Gegensatz zu der 
späteren Identifizierung mit der Person des Erwachsenen könnte man hier 
von einer Partiali den tifizierung mit einer Anforderung sprechen. 

Auch Störungen dieses Anpassungsvorganges können die Grundlage für 
Störungen in der echten sozialen Anpassung werden, da diese Reinlichkeits- 
dressur für spätere Triebeinschränkungen vorbildlidi wird. 

Die von Freud, Jones und Abraham beschriebenen analen Cha- 
rakterzüge enthalten in ihren Übertreibungen einen großen Teil der dis- 
sozialen und kriminellen Eigenschaften. Der Ausdauer und Beharrlichkeit, 
diesen Sublimierungs ergeh nissen des infantilen analen Trotzes entspricht in 
ihren asozialen Übertreibungen die starrsinnige Verbohrtheit mancher Reclits- 
brecher. Der Eigensinn des analen Charakters steigert sidi bei den meisten 
Kriminellen zu selbstherrlichem, unzugänglichem Trotz gegenüber der gesamten 
Menschheit. 

Im Verlaufe der Entwicklung erweitert sich das Interesse des heran- 
wachsenden Kindes immer mehr und beginnt neben der Richtung auf die 
eigenen Körpervorgänge eine Beziehung zur Umwelt zu bekommen. Die 
Triebe, die in ihrem psychischen Inhalt in den eben beschriebenen beiden 
Entwicklungsphasen, der oralen und analen Stufe, auf die Ernährungs- und 
Stoffwechselvorgänge gerichtet waren und aucli ihren Lustgewinn aus diesen 

i) Ferenczi, Zur Psydioaoalysc von Sexualgewohnhciten. Internat. Ztsdir. f. PsA. Bd. XI 
(»935)- 



Die Krimnalität als allgemein mensAUdie Erscheinung 29 

Vorgängen erhalten, nähern sich in ihrem Inhalt erstmalig der Stufe des 
Erwachsenen, indem sie auf Objekte der Außenwek gerichtet werden. Die 
ersten Objekte bilden naturgemäß die Familienmitglieder, und so wird die 
Beziehung des Kindes zu Vater, Mutter und Geschwistern das Zentralproblem 
der weiteren Kindheitsentwicklung. Die psychische Bewältigung dieser Be- 
ziehungen ist, wie die gesamte therapeutische Erfahrung der Psychoanalyse 
in SOjähriger empirischer Forschungsarbeit eindeutig gezeigt hat, schlechthin 
entscheidend für die gesamte spätere Entwicklung des Menschen. Die Art, 
wie das Kind die aus dieser Situation entstehenden Konflikte überwindet, 
bestimmt, ob es gesund oder seelisch krank wird, ob sein Verhalten sozial 
angepaßt oder kriminell wird. Es soll schon an dieser Stelle hervorgehoben 
werden, was unsere spätere Darstellung erweisen wird ; daß Psychoneurose 
und Kriminalität soziale Anpassungsdefekte sind, die sich weniger in ihrem 
psychologischen Inhalt, als vielmehr in ihrer Dynamik unterscheiden. Beide. 
Neurotiker und Verbrecher, sind an dem Unvermögen gescheitert, ihre kon- 
fliktvollen Beziehungen zu der Familie in sozialem Sinne zu lösen. Was der 
Neurotische in für die Umgebung Jiarmlosen Symptomen symbolisch zur 
Darstellung bringt, führt der Kriminelle in realen Handlungen aus. Dieser 
widilige Umstand erÖifnet uns die methodologische Möglichkeit, den psychi- 
schen Inhalt der kriminellen Tat aus der Psychoanalyse der Neurosen zu 
verstehen. 

Freilich werden wir hierbei auf die grundlegende Frage stoßen, weldhe 
Umstände dafür verantwortlich sein mögen, daß der eine sich mit der krimi- 
nellen Phantasie und ihrer Ersatzdarstellung im neurotischen Symptom be- 
gnügt, während der andere auf die Überführung in die Motilität nicht ver- 
ziditen kann. Diese Frage betrifft die Ökonomie und die Struktur des seeli- 
schen Apparates, sie ist eine Frage der relativen Stärke sozialer Hemmungs- 
instanzen gegenüber dem Druck restiiclier nicht domestizierter Triebansprüche. 
Somit müssen wir zur Klärung dieses Problems die letzten Errungensdiaften 
der psychoanalytischen Forschung über den strukturellen und dynamischen 
Aufbau der Persönlichkeit heranziehen. 

Es ist offenbar, daß zum Verständnis der Kriminalität die Kenntnis der 
Entstehung des sozial angepaßten Teiles des Ichs aus dem großen homogenen 
Reservoir des mitgebrachten ursprünglichen asozialen Trieblebens, dem Es, 
erforderlich ist. 

Die beiden bereits beschriebenen prägenitalen Anpassungs Vorgänge be- 
deuten nur eine Vorbereitung auf die erste große Anforderung, die Objekt- 
beziehungen zu Eltern und Geschwistern in sozialem Sinne umzuformen. 

Die für das Kind zu lösende Aufgabe besteht darin, die ursprüngliche, 
geschlechtliche Anziehung zu dem Eltemteil des anderen Gesdiledils mit 






30 Die KriminaliUit ah allgemein inensthlidie Ersdieinung „^ 

seinen Beziehungen zu dem gleidigeschleditüchen EltemteÜ in Einklang zu 
bringen. So gerät der kleine Sohn unter dem Drude seines zwar nicht immer 
bewußt ausgedrückten, in der Trieb riclitung aber eindeutig vorhandenen 
Sexualverlangens nach der Mutter, das die objektlosen oralen und analen 
Lustbestrebungen bereits abgelöst hat, in eine sexuelle Rivalitätseinstellung 
gegenüber dem Vater als Sexualkonkurrenten. 

Die Angst vor dem stärkeren und mächtigeren Vater tritt als Kastrations- 
angst in die Erscheinung, hemmt die aktiv männlichen Bestrebungen und 
verstärkt so die biologisch vorgebildete, auf der Bisexualität und der oralen 
Fixierung beruhende Bereitschaft zur passiv femininen Anlehnung an den 
Vater. 

Dieselbe Person wird so gleidizeitig feminin geliebt und als Konkurrent 
gehaßt, das Kind gerät in den Ambivalenzkonflikt. Einen Ausweg aus dieser 
konfliktvollen Ambivalenzsituation findet das Kind in dem Bestreben, dem 
Vatervorbild gleichzu werden, sich mit ihm zu identifizieren. Diese Identifi- 
zierung bedeutet einmal, daß das Kind in seiner Phantasie hofft, in sexueller 
Hinsicht an die Stelle des Vaters zu treten ; diese Identifizierung hat aber 
auch zur Folge, daß der Vater auch mit seiner verbietenden Funktion in die 
Persönlichkeit des Kindes aufgenommen wird. 

Durch die Introjektion des Vatervorbildes entsteht innerhalb der Per- 
sönlichkeit des Sohnes eine Teilpersönlichkeit, die gegenüber seinen ursprüng- 
lichen Trieben die hemmenden Anforderungen des Vaters vertritt. Das Gleich- 
werden mit dem Vater in seiner sexuellen Rolle bleibt sdion aus biologischen 
Gründen eine Hoffnung auf die Zukunft, die hemmenden Anforderungen 
werden sogleich wirksam. So erscheint uns die erste echte soziale An- 
passungstatsache als ein Kompromiß zwischen Lusterwartung und Verbot. 
Eine Trieb einschränk ung gelingt in der Erwartung auf späteren gesidierten 
Lustgewinn. Dieses fiir das dem Lustprinzip unterworfene Seelenleben des 
Kindes so ungünstige Kompromiß wird nur unter dem Drucke der Angst 
akzeptiert, der Angst vor Unlust, die bei Befriedigung verbotener Trieb- 
ansprüche unausweidibar eintritt. Eine volle Identifizierung mit dem Vater 
ist ja nicht möglich, gänzlich an seine Stelle zutreten, verhindert die biologi- 
sche Unmöglichkeit und die Kastrationsangst. So kann nur die Identifizierung 
mit der hemmenden Funktion und mit gewissen sub]imiei;ten Eigenschaften 
gehngen. Als Trost bleibt die Hoffiiung auf spätere vöUige Identifizierung 
(„Wenn idi einmal groß sein werde . . .") und fijr die Gegenwart die Liebe 
als Belohnung für den Triebverzicht. 

Der Wunsdi, gehebt zu werden, spielt nach Freud bei den Mädchen 
eine größere Rolle als beim Knaben, der sidi zur Anpassung in erster Reihe 
aus Angst vor dem strafenden Vater bereitfindet. Unsere Untersudiungcn 



^ 



7fe KriminaBM als nüsfimdn mmsdilidie Ersdm nvng 3 ! 

beschränken sich im Wesentlichen auf das männliche Geschlecht, da dieses 
in der Kriminalität und überhaupt in der Gesellschaftsbildung bisher die ent- 
scheidende Rolle gespielt hat. Die Ergebnisse sind jedoch im Prinzip auch 
auf die Frau anwendbar. 

Die Angst vor dem Vater, der Wunsch, von ihm geliebt zu werden 
und das Bestreben, ihm als Vorbild zu gleichen, sind also die Triebfedern 
für die Identifizierung in ihrer hemmenden und vom Sohne erwünschten 
Konsequenz. Diese durch Identifizierung entstandene Instanz, die gleichzeitig 
eine Hemmungsftinktion und ein Ideal darstellt, unterscheiden wir als 
Über-Ich, den sozialen Anteil der Persönlichkeit, von dem übrigen Ich. 

Zusammenfassend läßt sich die Differenzierung des Über-Ichs von den 
übrigen Teilen der Persönlichkeit als ein Vorgang beschreiben, der dem 
Lustprinzip unterworfen ist. Angst vor Strafe und Liebesverlust, also Ver- 
meidung realer Unlust, und die Hoffnung auf positiven Lustgewinn im 
Geliebtwerden, auf Lustbefriedigungsmöglichkeiten durch Gleidiwerden mit 
den Erziehern sind die Triebfedern der Überich-Bildung. 

Das Ergebnis dieser Differenzierung im Ich besteht darin, daß ein Teil 
des Ichs der Umgebung, den Eltern und späteren Erziehungspersonen, in 
ihren sozialen Anforderungen gleichgeworden ist und als Über-Ich dem ur- 
sprünglichen Triebleben hemmend gegenübersteht. Die Beziehungen zwischen 
dem Über-Ich und dem übrigen Teil der Persönhchkeit sind also eine Nach- 
bddung des Verhältnisses zwischen Kind und Erziehungspersonen. 
Der frühere Konflikt zwischen Eltern und Kind hat sich so in einen inneren 
Konflikt zweier Teile der Persönlichkeit, des Über-Ichs und des Idis, ver- 
wandelt. An Stelle der Realangst (Kastrationsangst) tritt die Gewissensangst, 
die verinnerhchte Angst des Idis vor seinem Über-Ich. Und in gleiclier Weise 
verinnerlicht sich der Wunsch, von den Eltern geliebt zu werden, in dem 
Bestreben, mit dem eigenen Gewissen in Einklang zu stehen. 

Für alle Psych oneurosen wie für den größten Teil der Kriminellen ist 
charakteristisch, daß diese Einverleibung des Über-Ichs unvollkommen bleibt. 
Es mißlingt die Zusammenfassung des Ichs und Über-Ichs zu einem einheit- 
lichen Gebilde, das Über-Ich bleibt mehr oder weniger ein Fremdkörper, es 
bleibt eine Spannung zwischen dem Ich und Über-Ich, in der das Ich be- 
strebt ist, seine Unabhängigkeit gegenüber dem Über-Ich wieder zu erlangen, 
dem Drängen der ursprünghdi unangepaßten Triebtendenzen des Es nach- 
zugeben. Diesem Streben nach Unabhängigkeit steht nun aber neben der 
Realität die Anforderung des Über-Ichs drohend entgegen. 

Am besten läßt sich dieses fremdkörperartige Dasein des Über-Ichs in 
der Persönlichkeit des Kindes während der Entwicklungszeit des Über-Idis 
beobachten. Es läßt sich eine Periode feststellen, in der das Über-Ich noch 






£2 Oie Kriminalität als aligemein mensdUidie Erseheinung 



in einer weitgehenden Abhängigkeit von seinen realen Vorbildern steht. 
Anna Freuds glänzende Beobachtungen an Kindern' zeigen uns, daß in 
dieser Übergangsperiode das Kind in Gegenwart der Eltern sidh moralisch im 
Sinne der erzieherischen Anforderungen benimmt, dem Druck seines 
Über-Ichs Folge leistet, um gleich darauf, wenn es allein ist, in seinen ur- 
spriingHchen asozialen Zustand zurückzufallen. Audi wir haben kürzhdi Ge- 
legenheit gehabt, diese Erscheinung bei einem 3jährigen Kinde zu beob- 
achten, das, von dem Töpfchen aufstehend, seinen Kot entzückt beobachtete 
und ausrief: „Ach, das riecht so fein", im nächsten Augenbhdk aber sich be- 
sinnend und die Mutter schuldbewußt ansehend hinzufügte: „Ach nein, 
pfui!" In dieser Zeit, in der das Über-lch anfangt, ein Teil der Persönlich- 
keit zu werden, aber noch nicht fest in das Gefüge der Persönlichkeit ein- 
verleibt ist, sieht man am besten die Bestrebung des Ichs, diese lästige Hem- 
mungsinstanz immer wieder loszuwerden. Nur unter dem ständigen erzie- 
herischen Druck der Eltern erfolgt mit der Zeit eine völlige IntrojektJon. 
Eine gewisse Abhängigkeit des Über-Idis von den realen Vorbildern bleibt 
aber bei den meisten Erwachsenen zeitlebens bestehen. Sinkt das Vertrauen 
in die Autoritäten, so wird auch die innere Macht des Über-Ichs erschüttert. 
Der Mensch, der auch dann rechtschaffen bleibt, wenn die Welt untergeht, 
wenn um ihn herum die ganze Menschheit die sozialen Schranken durch- 
bricht, stellt sicherlich nicht die Regel dar. 

Erst jetzt können wir unsere früheren Ausführungen über die Rolle des 
Gerechtigkeitsgefühls ergänzen. Wir sahen, daß bei Verletzung des 
Rechtsgefühls die Triebeinschränkungen nachlassen und ein regressiver Durch- 
bruch verdrängter Bestrebungen erfolgt. Wir verstanden, daß das Unrecht 
vom Ich als eine Art Vertragsbruch empfunden wird. Die mächtigen ein- 
schränkenden Instanzen haben ihrerseits ihre Versprechungen nicht gehalten, 
und so braucht das Ich auch seinerseits nicht weiter Verzicht zu leisten. Jetzt 
verstehen wir den näheren Ablauf dieses Vorganges. Die wichtigsten, grund- 
legenden Verzichtleistungen, die ersten sozialen Triebeins diränkungen des 
Idis, werden unter dem Drucke des Über-Ichs geleistet. Das Über-lch ist der 
innere Vertreter der die Einschränkungen fordernden Realität, und seine hem- 
mende Macht bleibt, wie wir gesehen haben, mehr oder weniger abhängig 
von der Beziehung des Ichs zu den Autoritätspersonen. In demselben Maße, 
wie das Vertrauen des Ichs zu den realen Autoritätspersonen schwindet, 
verliert auch das Über-lch als deren Repräsentant im Ich seine Madit über 
das Triebleben. Wir können also die eingangs erwähnten regressiven Vor- 
gänge beim verletzten Gerechtigkeitsgefühl dahin präzisieren, daß beim 
Reditsbruch das Über-lch seine hemmende Macht über das 

i) Anna Freud, Ent'iilirung in die Technik der KindcranjJysc. Wien »gay. 



Tue Kriminnlilai nh allgemein mmschU die ErsJicinung 33 

Ich verliert und dieses nun ungestört den Tendenzen des Es 
nachgeben kann. Bemerkenswert bei diesem Vorgang, wie bei jeder Re- 
gression, ist seine Neigung nach Ausdehnung. Der Rechtsbruch mag sich auf 
irgend eine Kleinigkeit beziehen, wir sehen indem reaktiven Triebdurchbruch 
oft die ältesten grundlegendsten kuhurellen Schranken überrumpelt. Michael 
Kohlhaas, dem zwei Pferde widerrechtlich zurückbehalten wurden, leitet 
daraus das Recht zu Mord und Totschlag ab. Die Psychologie der Kinderzeit 
klingt aus diesem Verhalten : „Wenn die Eltern Unrecht begehen dürfen, 
dann darf ich alles tun." Wir sehen wieder, wie widerwillig der seelische 
Apparat die kulturellen Schranken auf sich genommen hat. 

Wir werden später noch dartun, daß nur die entwlcklungs geschichtlich 
ältesten Triebeinschränkungen, die zu den Grundlagen der Gesellsdiaftsbildung 
gehören, also hauptsädilich die dem Ödipuskomplex angehörenden Tendenzen, 
lediglich durch das Über-Ich, unabhängig von äußeren Verboten, gehemmt 
werden. Den größeren Teil der Triebverzidite leistet der heutige Kultur- 
mensch noch ähnlich wie das Kind hauptsächlich aus Angst vor Vergeltung. 
Diese hemmende Angst wird durch eine dünne Schicht moralischer, noch 
keinesfalls fest organisierter innerer Hemmungen, die von den allerjüngsten 
Teilen des Über-Ichs ausgeiien, unterstützt. Die Ausbreitungstendenz des 
Triebdurchbruchs kommt nun darin zum Ausdruck, daß bei einem relativ 
geringfügigen Rechtsbruch seitens der Autoritäten selbst die tieferen, schein- 
bar bereits fest organisierten, im Ich aufgenommenen Hemmungen bedroht 
werden. So konnten wir bei einem politischen Verbrecher, der seinem Ge-1 
fühl nach zu Unrecht eingesperrt war, während der Gefangenschaft deutHche 
Inzestträume mit Pollution feststellen. Selbst die Inzestschranke wurde durch 
das erlittene Unrecht aufgehoben, als ob der Gefangene sich gesagt hätte : 
„Wenn der Vater (der Staat) mich auf diese Weise behandelt, brauche ich 
seine Vorrechte nicht mehr zu beachten und kann mir die Mutter nehmen." 

Diese Methode, die das Kind so gerne anzuwenden pflegt, um den 
moraüschen Einfluß der Eltern zu sdiwächen, verwenden die Neurotiker und 
die neurotischen Verbrecher ihrem' Gewissen gegenüber, um dem Ich freie 
Hand in der Befriedigung der asozialen Tendenzen zu verschaffen. Wie einer 
der Autoren an anderer Stelle es ausgedrückt hat : sie bestechen oder ent- 
waffnen ihr Gewissen dadurch, daß sie freiwillig Leid auf sich nehmen. 

Alle Formen der Psychoneurose beruhen auf diesem Bestechungsmecha- 
nismus, sie sind Kompromißleistungen des Ichs, um gleichzeitig den ver- 
pönten Tendenzen des Es, wie auch den Über-Ich-Anforderungen gereciit 
zu werden. Dieselben Mechanismen, die bei der Neurosenbildung beschrieben 
wurden und deren Wesen darin besteht, daß trotz Vorhandenseins einer 
sozialen Instanz in der Persönlichkeit die unangepaßten Tendenzen des Es zu 

AUxander-SUub ; Verbiedier ' , 



■^ ■ 



34 



Die KriminnUläl ah aüj^ernttin mmsAUrkc ErsdieJnung 



einer Ersatzbefriedigung gelangen, sind audi bei dem überwiegenden Teil 
der Kriminellen wirksam. Der Unterschied besteht allein darin, daß die 
Befriedigung, die das neurotische Symptom gewährt, keine vollwertige 
Handlung und nur von subjektiver Bedeutung ist, und daß das neurotische 
Leiden den Sinn einer selbstverhängten Strafe hat, während die kriminelle 
Be&iedigung der Triebe eine reale Tat gegen die Außenwelt und seine 
Folge, die Strafe, ein von außen verursachtes Leiden bedeutet. Die Neurose 
ist somit als ein späteres Entwicklungsprodukt, als eine intrapsychischc 
Nachbildung des gesamten kriminellen Geschehens, — Vergehen und Buße, — 
anzusehen. 

Sowohl die Neurose wie auch die Kriminaiität bestehen aus zwei Pha- 
sen, einer der Realität oder dem Über-Ich nicht entsprechenden Befriedigung 
und aus einer Strafe, der Leidenskomponente, als Reaktion der Gesellschaft, 
bezw. des Über-Ichs auf die Befriedigung. 

Die an Zahl so ausgedehnte Gruppe von Kriminellen, die in ihrem 
seelischen Aufbau eine innere Verwandtschaft mit den psychoneurotisch Er- 
krankten aufweist, also den neurotischen Konflikt zwischen asozialen und 
sozialen Strebungen verrät, wollen wir als neurotische Verbrecher 
bezeichnen. Mit diesem Ausdruck meinen wir also alle Kriminellen, deren 
Tat auf ähnlichen unbewußten Vorgängen beruht, wie jene, die auch zur 
Neufosenbildung fuhren können. Die moderne Psydiiatrie bezeichnet diese 
Kriminellen gern als psydiopathische Persönlichkeiten, als hysterisdie und 
epileptisdie Charaktere, die nach der Ansicht Aschaffe nburgs und an- 
derer Psychiater einen bedeutenden Teil der gesamten Rechtsbrecher aus- 
machen. Sie unterscheiden sich vom Psychoneurotiker allein dadurch, daß 
dieser die Spannung zwischen unbewußten Tendenzen und verdrängenden 
Kräften im neurotisdien Symptom — autoplastisch — darstellt, während der 
erstere die gleiche Spannung durch Handlungen — alloplastisch — in die 
Realität überführt. Wir werden noch eingehend zeigen, daß bei dieser Art 
von Kriminellen die heutige Reaktion der Gesellschaft, die Strafe, weder 
abschreckend oder hemmend noch bessernd wirken kann, daß sie vielmehr 
lediglidi eines der Verfuhrungsmomente zur Kriminalität ist, also die Krimir 
nalität geradezu fördert. 

Wenn eine Gruppe der Kriminellen dadurch gekennzeichnet ist, daß 
eine übergroße Spannung zwischen sozialen Anforderungen und Triebten- 
denzen vorhanden ist, das heißt, die sozialen Vorbilder nicht organisch im 
Ich verschmolzen sind und dem Ich fi^emd gegenüberstehen, so weist eine 
andere ebenfalls prakiisdi bedeutsame Gruppe Krimineller diese Abweichun- 
gen von der Norm in ihrem seelischen Aufbau nidii auf. Diese Gruppe, 
besonders ihre jugendlichen Vertreter, hat Aichhorn in seinem Buche 



Die KriminaMtät ah aü^emem Tnensdilidie Ersduimmg 35 

„Verwahrloste Jugend"' beschrieben. Er kam zu der Einsicht, daß diese 
Menschen gleichsam ein kriminelles Über-Ich haben, sie sind an ihre krimi- 
nelle Umgebung und kriminellen Vorbilder angepaßt. Innerhalb ihrer krimi- 
nellen Gemeinschaft sind sie sozial, sJe haben ihre eigene, oft ungemein an- 
spruchsvolle Verbrechermoral. Diese Verbrechermora! bedeutet eine Identi- 
fizierung mit einer Sozietät, wenn auch nicht mit der bürgerlichen. 

Auch der normale Nichtkriminelle teilt seine Ideale nicht mit der ge- 
samten Gesellschaft, weil er ja im allgemeinen nur einer Klasse oder Kaste 
mit einer spezifischen Ideologie angehört. Der psychologische Inhalt der 
Idealbildung des Über-Ichs ist ein anderer beim Proletarier als beim Aristo- 
kraten, er Ist auch anders beim Pazifisten als beim Militaristen. Was der 
eine als kriminell bezeichnet, empfindet der andere oft als höchstes ethisdies 
Postulat. So ist diese Gruppe von Rechtsbrechern, die wir als normale Kri- 
minelle bezeichnen, in ihrem psychischen Aufbau von den nicht kriminellen 
normalen Mensdien nicht verschieden. Vielmehr sind es Menschen, die einer 
anderen Gemeinscüiaft gut angepaßt und in dieser Gemeinsdiafi sozial sind. 
Der innere Konflikt zwischen Ich und Über-Ich ist nich^t vorhanden, jeden- 
falls nicht stärker als beim Normalen. 

Dieser so außerordentlidi verbreitete Verbrecbertyp unterscheidet sich 
also nicht einmal psychologisch strukturell von dem gesunden Normalen. Nach 
einer biologischen Unterscheidung zu suchen, ist geradezu ein übertriebener 
Hochmut des die Moral einer bestimmten Gesellschaftsform verteidigenden 
Wissenschaftlers. 

Diese Kriminellen sind als psychologisch Normale anzusehen, sie haben 
nur das Unglück, sich einem schwächeren Teil der Gesellschaft angepaßt zu 
haben. Mancher unter ihnen würde außerhalb dieses kriminellen Milieus zu 
höchster sozialer Anpassung gelangen können. Nichts zeigt dies klarer, als 
die Verbrecherromantik, die mit all ihren Überlieferungen und in ihren lite- 
rarischen Darstellungen auf die edelsten menschlichen Regungen, auf Opfer- 
mut, Tapferkeit, Mitleid mit dem Schwachen, Ritterlichkeit u. dgl. abzielt. 

Gegenüber diesen beiden großen Gruppen, dem seelisch Erkrankten und 
dem seelisdi Gesunden, aber in sozialer Hinsicht abnormalen Kriminellen 
spielen praktisch diejenigen Verbreciier eine untergeordnete Rolle, die bisher 
in der forensischen Medizin am meisten beachtet wurden. Wir meinen die 
schon in ihrer Entwiddung auf Grund grobkörperliciier Vorgänge Zurück- 
gebliebenen oder diejenigen Menschen, deren geistige Persönlichkeit durch 
organische Prozesse zerstört wurde (Idioten, Paralytiker, Schizophrene und 
Epileptiker). 

i) Internat PsyctoaDalyt Bibl., Bd. XIX, Wien 1925. 



3o Die KriminaHtcä als allgemein mmsihlidzc Ersdtcinimg 



Allerdings ist der Übergang dieser Gruppe zu den Neurotischen schwer 
faßbar. Es steht zum Beispiel noch nicht fest, wie weit bei der Schizophrenie 
die vererbte Anlage und wie weit das spätere Schicksal für die Erkrankung 
verantwordidi ist. Offenbar ist bei den verschiedenen Fällen einmal der 
eine, ein anderes Mal der andere Faktor vorherrschend, und ebenso sdieint 
der epileptische Charakter eine Übergangs form zwischen Psychoneurose und 
organisclier Erkrankung zu sein. Diese Gruppe, deren seelische Abweichun- 
gen nicht in erster Linie auf den psychischen Einwirkungen ihrer Umgebung 
und überhaupt des späteren Lebensschicksals beruhen, sondern von organi- 
sdicn Prozessen oder von der Vererbung herstammen, bezeichnen wir als 
Kriminelle auf organischer Grundlage. 

Wir haben damit die drei großen Hauplgruppen der Kriminellen um- 
schrieben : 

1)Der neurotische Kriminelle, dessen gesellsdiafisfeindliches 
Verhalten den Ausweg aus einem innerpsychischen Konflikt sozialer und 
asozialer Teile seiner Persönlichkeit darstellt. Dieser Konflikt entsteht aus 
ähnlichen seelisdien Einwirkungen der frühesten Kindheit und des späteren 
Lebensschicksals wie die Psychoneurose {psychologisdie Ätiologie). 

2) Die in ihrem psychischen Aufbau dem Normalen ähnlichen, aber mit 
kriminellen Vorbildern sich identifizierenden normalen Kriminellen 
(soziologisdie Ätiologie). 

3) Gegenüber diesen beiden psychologisch bedingten die dritte 
organisch bedingte Gruppe der Kriminellen auf der Grundlage 
organischer Krankheitsprozesse (biologisdie Ätiologie). 

Diesen drei Gruppen Krimineller, die auf Grund ihrer persönlichen 
(organischen oder psychischen) Anlage zum Verbrechen neigen (chronische 
Kriminelle), steht jene große Zahl von normalen Menschen gegenüber, 
die unter gewissen spezifischen Bedingungen akut kriminell werden. 
Die kriminellen Handlungen, die so akut zustande kommen, stammen nicht 
von einer spezifischen Menschengruppe her, vielmehr ist ausnahmslos jeder 
Mensch unter gewissen Voraussetzungen und in einer gewissen Lage zur 
Begehung irgend eines Rechtsbruches fähig. Für diese Handlungen ist also 
nicht die Eigenart des Menschen, sondern die Besonderheit der Situation 
charakteristisch. Einer Typenlehre des Verbrechers nicht; zugehörig, sozial am 
wenigsten bedeutsam, sind diese akuten Rechtsverletzungen psychologisdi um- 
so interessanter. 

Die diagnosdsche Qualifizierung einer kriminellen Tat als zu dieser 
letzteren Gruppe gehörig ist geradezu von entscheidender praktischer Bedeutung 
für die Reditsprechung, da irgend eine Behandlung o der Verbesseru ngs- 
Tendenz oder Rückfallverhütung hier nicht am Platze ist . 



r 



Die Kriminalität ah allgemein mensddidie Ersdieinung 37 

Alle diese Arten und Fälle der Kriminalität bewegen sich innerhalb zweier 
nur in der Theorie denkbarer polarer Grenztypen. Auf der einen Seite steht 
der eindeutig Kriminelle, bei dem die soziale Anforderung noch keinen inneren 
Vertreter in der Form eines Über-Ichs gefunden hat, der also seine dissozialen 
Bestrebungen ledighch aus Angst vor der Übermacht der Gesellschaft ge- 
zwungener Weise und ohne jede innere Überzeugung einschränkt. Die andere 
Grenze würde der vollständig sozial Angepaßte bilden, der ohne inneren 
Konflikt das Interesse der Gemeinschaft den eigenen Interessen voranstellt, 
bei dem also Über-Ich und Ich zu einer Einheit versdimolzen sind. In der 
ReaHtät sind diese konfliktlosen Grenztypen nicht vorhanden, vielmehr finden 
sich nur die Zwischenstufen vor. Bei diesen Zwischenstufen — und jeder 
Mensch unserer Zivilisation gehört hierzu — bildet die Persönlichkeit keine 
homogene Einheit. Vielmehr besteht immer eine Spannung zwischen dem 
ursprünglichen und dem sozialen Teil des seelischen Apparates. 

Soweit uns in unserer Arbeit die Psychologie des Verbrechers und des 
Verbrechens beschäftigen wird, werden wir in erster Reihe die neurotischen 
Kriminellen und akuten Rechtsbrecher behandeln. Die normalen Kriminellen, 
also ein großer Teil der Berufsverbrecher, werden uns nur insofern noch 
beschäftigen, als wir nicht werden vermeiden können, die Kriminahtat über- 
haupt kritisch zu beleuchten. Die Kriminalität auf der Grundlage organischer 
Krankheitsprozesse ist jenes Kapitel des Strafrechts und der forensischen 
Medizin, welches sowohl in der Diagnose wie in der Behandlung seine Auf- 
gabe noch am vollkommensten zu lösen vermocht hat, mit grober psychiatri- 
scher Dcskription auskommt imd eine wissenschaftliche Psychologie ent- 
behren kann. 



Die psydioanalyfisdie Theorie der neurotischen 
Symptombildung als Grundlage der Kriminalpsydiologie 

Eine psychologische Untersuchung des Verbrechers und des Verbrechens, 
die ihr gesamtes wissenschaftliches Rüstzeug in erster Linie aus den psycho- 
analytischen Kenntnissen der Neurosen mitbringt, kann nicht darauf verziduen, 
die Ergebnisse der psychoanalytischen Neurosenlehre vor dem Eingehen auf 
ihre speziellen Probleme wenigstens in kurzer Darstellung wiederzugeben. 
Es ist ein Fall der in der Geschichte der Wissenschaften nidit seltenen 
Anachronismen, daß wir das Verbrechen aus seinem innerpsycliisdien Erbe 
und Nachbild, der Neurose, verstehen lernen, die Tat aus ihren verblaßten 
seelischen Fossilien. Die Neurose ist ja ein auf das innerpsychische Gebiet 
gedrängtes Ausleben der asozialen Tendenzen des Kulturmenschen. Sie ist 



^° Die psydioanalybidie Theorie der neiirolhdien Syniptombüdu n^ 

in ihrem psydiologischen Inhalt und in ihrem Aufbau eine treue Wieder- 
liolung der Strafjustiz der Urgeschichte. Vergehen und Strafe stellt den Inlialt 
jeder Psychoneurose dar, nur daß all dies sidi nidit in der realen Welt der 
Handlungen, sondern in der Phantasiewelt der Symptome abspielt. Nicht nur 
den Geist, der die primitive Strafjustiz beherrsdit hat, das Talionsprinzip, 
finden wir in der Neurosenpsydiologie wieder, sondern wir können audh 
den Inhalt der sozialen Probleme der Urzeit, das Urverbrechen in der Form 
von Inzest und Vatermord, ja sogar die Form der Urstrafe, die Kastration, 
aus dem Unbewußten rekonstruieren. Es ist ein merkwürdiger, zunächst sogar 
befremdender Eindruck, den der biologisch geschulte Mediziner erhalt, wenn 
er sich mit der psychoanalytischen Neurosenlehre zum ersten Male bekannt 
macht und plötzlich das Wesen dieser Krankheiten in einer ihm fremden, 
jedenfalls aber in den Naturwissenschaften ungewohnten, teils literarisdien, 
teils juristischen Sprache und in kriminologischen BegrifiFen ausgedrückt zu 
hören bekommt. Er hest von dem Oedipuskomplex, dessen Inhalt das Ur- 
verbrechen, der Vatermord und der Mutterinzest ist, er hört 
von der K a s t r a t i o n s a n g s t, der Angst vor dieser befremdlichen S t r a f e, 
die die Grundlage aller menschlichen sozialen Triebeinschränkungen sei, die 
Ursache des so bedeutungsvollen Vorganges der Verdrängung, die den ge- 
samten Aufbau des seelisdien Apparates, die Abgrenzung von bewußten und 
unbewußten seelisdien Prozessen bedingt. Er hört von Schuld undSühne. 
von Opfer und Buße, von der Bestechlichkeit, von der Strenge 
seehscher Instanzen, von Strafbedürfnis und Geständniszwang. 
Er lernte bis jetzt das Knochen- und Muskelsystem, den Blutkreislauf kennen, 
die physikalisch-chemisdie Zusammensetzung des menschlichen Körpers, er 
hat diesen Körper als eine kompliziert eingerichtete Art Wärmemasdiine 
erkannt, und plötzlich fuhrt ihn die Psydioanalyse in einen Geriditssaal, der 
von dem hödist primitiven Geist primitiver Völker oder des Kindes erfüllt 
ist, und er erfahrt, daß dieser Geridbtssaal in der Persönlichkeit des Menschen 
ins Unbewußte versenkt existiert. Und es wird ilun versichert, daß die 
neurotischen Symptome, die oft in körperlichen Störungen sich äußern, und 
die er bis jetzt aus physikalisdh-diemisdien Prozessen erklärt bekam, auf 
diesen merkwürdigen innerpsychischen Vorgängen beruhen, daß sie die 
heimliche Befriedigung von verbotenen asozialen Tendenzen darstellen, und 
daß auch die Strafe für diese Reditsübertretungen in den Leidenssymptomen 
der Neurose enthalten ist. Und so gesdiieht die merkwürdige Metamorphose, 
daß der physikalisch-chemisch geschulte Mediziner, um gewisse Krankheiten 
zu verstehen und zu heilen, plötzlich Kriminalpsychologe werden und sich in 
den Geist einer merkwürdigen barbarisch-primitiven StraOustiz vertiefen muß, 
in der Mord, Blutschande, Kastration da* Hauptthema bilden. So erscheint 



pr 



als Gnaidiage der Kriminalpsythobgie 39 

uns der Weg von der psychoanalytischen NeurosenJehre in den Gerichtssaal 
kürzer als der Weg zur Anatomie und Physiologie des Gehirns und zu der 
physikalischen Chemie der Körpervorgänge. 

Das psydioneurotische Symptom besteht entweder aus physiologisch 
unz wedemäßigen, sinnlosen und störenden Innervationen und Ausfallserschei- 
nungen oder aus psychologisch unsinnigen, unbegründet ersdieinendeii 
seelischen Reaktionen. Die erste Gruppe der psychisdi bedingten körperlichen 
Symptome, wie organisch unbegründetes Erbrechen oder Obstipation, Dyspnoe, 
Krämpfe, Lähmungen oder psychisch bedingte, organisch unbegründete Blind- 
heit, Taubheit, Gefuhlsanomaiien oder Unempfindlichkeit einzelner Körper- 
teile, werden in der Psychoanalyse Kon Version s Symptome genannt 
und dem Krankheitsbild der Hysterie zugeteilt. Sie sind der Ausdruck 
unbewußter seeUscher Vorgänge, die teils auf Triebbefriedigung, teils auf 
Selbstbeschädigung mit einer Straftendenz abzielen. Die Störungen auf dem 
Gebiete der reinen seelischen Vorgänge, wie real unbegründete Angstzustände 
und Befürchtungen, Hemmungen, Depressionen und Selbstansdmldigungen 
oder ebenso unbegründete Steigerungen der Stimmung, ferner sinnlose, der 
bewußten Persönlichkeit fremd erscheinende Zwangsimpulse lassen sich ähnlich 
aus dem oft äußerst verwickelten Kräftespiel verdrängter Triebansprüche und 
den durch diese verursachten moralischen Reaktionen erklären. Diese Störungen 
bilden die Symptomatologie der Angst neurosen, Phobien, Zwangs- 
neurosen und manisch-depressiven Zustände. Die vielgestaltigen 
Krankheitsbilder der Psychosen, die wahnhafte Verfälschung der psydhi- 
sdien (inneren) und der äußeren Realität in der Form von Wahnvorstellungen, 
Halluzinationen bis zur gänzlichen Desorientiertheit — die Folge einer völligen 
Zurückziehung aller Interessen und aller Beziehungen von der Außenwelt — 
erhalten einen verständlichen Sinn als regressive Vorgänge zu primitiven 
Formen des Wunsch- und Vorstellungslebens. 

Dieses gesamte Gebiet pathologisdier Seelenvorgänge wurde vor Freud 
von der Psydiiatrie zwar in allen äußeren Erscheinungsformen gut gekannt 
und in zahllosen, rein den äußeren Ablauf der Krankheit betreffenden 
Deskriptionen und Systemen dargestelh, es ist aber in seiner Bedeutung und 
in seinem Sinn vollständig unverstanden gewesen. Die Entdeckung der un- 
bewußten Seelenvorgänge und ihrer Erforschungstechnik lieferte mit einem 
Schlage den Schlüssel zu diesem bis dahin so verkümmerten Gebiet der 
Medizin. In der Geschichte der Wissenschaften finden sich nur wenige Bei- 
spiele für eine so plötzliche Entstehung eines ganz neuen Wissenszweiges, 
der ein früher völlig unbewältigtes Gebiet in kurzer Zeit zu erforsdien und 
wissenschaftlich auszubeuten vermochte. Aber noch mehr als das : es entstand 
aus den therapeutischen Anfangen mit Hilfe der Methode der freien Assozia- 



z!l Zfe psydioanalylisdie Theorie der neurolisdten Symptombild ung, 

tion und der Traumdeutung und aus dem psychologischen Verständnis und 
der Handhabung der Gefuhlsbeziehung zwischen Arzt und Patient eine 
Anatomie und Physiologie der Psyche. Vielleicht nodi schneller als im 
Mittelalter, nachdem das Innere des menschlichen Körpers aufge- 
hört hatte tabu zu sein, die Sektion zu einer wissenschaftlidien Anatomie 
gefiihrt hat, hat die Überwindung des Widerstandes gegen das Innere, die 
unbewußten Teile unserer Persönlichkeit, zur Kenntnis des Auf- 
baues des Ichs geführt. 

Das neurotische Symptom, sowohl das körperliche Konversionssymptom 
wie die rein seelischen Störungen, erhielten durch die Aufdeckung jener un- 
bewußten Motive, zu deren verhüllter Darstellung sie dienen, einen ver- 
standlidien Sinn. Ahnhdi wie der unsinnige und unverständliche Traum, 
läßt sich das unversländHche, scheinbar sinn- und zwecklose Symptom als das 
Produkt zweier psychodynamischer Kräfte verstehen, das Produkt eines ver- 
drängten, der bewußten Persönlichkeit fremden, von dieser verurteilten 
Wunsches, und der Reaktion der sozial angepaßten Teile der Persönlichkeit. 
Das Symptom ist also das Kompromißergebnis der verdrängenden und der 
verdrängten seelischen Kräfte. Zuerst gelang es der Psychoanalyse, das Ver- 
drängte, den unbewußten asozialen Inhalt der Symptome, zu erkennen und 
es ganz allgemein als die infantilen Sexualbestrebungen und Aggressionen 
gegen Familienmitglieder, in erster Reihe gegen die Eltern, zu besdireiben. 
Zwei ganze Jahrzehnte psychoanalytischer Forschung brachten den Nach- 
weis des Ödipuskomplexes als des unbewußten Inhalts neurotisdier Sym- 
ptome und Träume. Es zeigte sich, daß alle diejenigen seelischen Inhalte, die 
der Mensch in seinem späteren Leben verdrängt, in einem gefühlsmäßigen 
Zusammenhang mit der Ddipussituation stehen, und daß sie nach ihrer Ver- 
drängung im Unbewußten mit dem infantilen Ödipuskomplex wie durch 
eine Nabelschnur verbunden bleiben. 

Diese Forschungen betrafen hauptsächlich die unbewußten und ver- 
drängten Seeleninhalte, während die verdrängenden Kräfte, die Re- 
aktion des Ichs auf diese verpönten Inhalte, weniger bekannt waren. Nur 
die allgemeine Tendenz der Verhüllung des Sinnes als allgemeiner Mecha- 
nismus des Traumes und der Symptombildung war als Abwehrreaktion des 
Ichs allgemein erkannt. Die erste Vorstellung war also etwa die Gegenüber- 
stellung der dynamisch-antagonistisch wirkenden Kräfte: das Unbewußte des 
Menschen, die ursprünglichen, asozialen Triebe enthaltend, gegenüber dem 
bewußten moralisch und sozial empfindenden Teil der Persönlichkeit, dem 
Ich. Das Ich und das Triebleben oder das Bewußtsein und das 
Unbewußte wurden als die zwei entgegengesetzten Pole der Persönlicbkeit 
angesehen. Der manifeste Trauminhalt und das neurotische Symptom wurden 



"fr 



als Grvndtage der Kriminalpiydwlo^ 41 

als Äußerungen des Verdrängten aufgefaßt, die, in eine harmlose unver- 
ständliche Form gekleidet, das sozial empfindende bewußte Ich nicht stören. 
Wie richtig auch diese erste Darstellung die groben dynamischen Ver- 
hältnisse wiedergab, so zeigte sich doch immer mehr, daß die Reaktionen 
des Ichs auf das Verdrängte sich durch diese einfache Formel nicht erschöp- 
fend beschreiben heßen. Es zeigte sich audi, daß das Ich und das Bewußt- 
sein sich keinesfalls decken. Es war Freud bald nach den ersten Mitteilun- 
gen über die hysterischen Symptome klar geworden, daß das Symptom nicht 
nur die verhüllte Darstellung eines idhtfremden Wunsches ist, sondern auch 
ein moralisdies Element einer gegen das eigene Ich gerichteten Tendenz, eine 
Art Selbstbestrafung enthält. Wäre das Symptom nur Befriedigung, so wäre 
es psychologisch nicht verständlidi, woher das Unlustmoment, das Krank- 
heitsgefühl und überhaupt sein Lei densdiar akter herrührt. Manche neuroti- 
schen Zustände, wie die melancholische Verstimmung, zeigen das Leidens- 
moment, die Selbstbestrafungstendez nur zu deudich, sie geht in schweren 
Fällen bis zur Zerstörung des eigenen Lebens. Die feminin-masochisüsche 
(homosexuelle) Befriedigung, die die Wendung gegen das eigene Selbst ge- 
währt, reicht nicht aus, um diese Erscheinung zu verstehen, wenn auch eine 
solche erotische (masochistische) Beimischung immer vorhanden sein mag, oft 
geradezu die Hauptrolle spielt, Allmählich verdichteten sidi diese Erfahrun- 
gen über die Selbstbestrafungs- und Leidenstendenzen der Neurotiker bei 
Freud zur Annahme eines Strafbedürfiiisses, das aber selbst unbewußt ist 
und mit dem moralischen sozialen Teil des Ichs, mit dem Über-Ich, in 
engstem Zusammenhang steht. Die Tatsache, daß viele neurotische Kranke 
auf die Besserung der Symptome oder sogar nur auf den analytisch-thera- 
peutischen Versuch, die Symptome zu lösen, mit einer Verschlechterang 
des subjektiven Zustandes, mit schweren Angstzuständen, ja sogar mit einem 
unheimlichen Selbstzerstörungsdrang reagierten, zeugte nur zu klar für das 
tiefe Leidensbediirfhis dieser Kranken. Man sah, wie der neurotisch Kranke 
sidi mit einer wenigstens ebenso großen Zähigkeit an sein Leiden klam- 
mert, wie an die Befriedigung, die ihm das neurotische Symptom gleich- 
zeitig gewährt. Ein immanentes Schuldgefühl, das gerade aus den ichfremden 
Befriedigungen herstammt, zwingt den neurotischen Menschen, sein Kreuz 
zu tragen. Einem der Autoren gelang es dann, das neurotische Leiden als 
eine grundsätzliche Bedingung der neurotischen Befriedigung festzustellen/ 
Ein von Freud bei den manisch-depressiven Zuständen anerkannter 
Zusammenhang ließ sich für die Symptombildung schlechthin verallgemeinern. 
Freud erklärte das so häufige Nacheinander von melandiolischen und mani- 

i) Alexander, Psychoanalyse der Gesamtpersönlidikcit, Wien 1927. 



42 



Die psydwanafylisdie Theorie der ncurotisdtm Sympiombilduns 



sdien Zuständen aus der gegenseitigen Bedingtheit von uneingesdiränkter 
Wunschbefriedigung und moralischer Selbstbestrafang. Schrankenlose Befrie- 
digung verpönter Wünsche in der Manie verursacht Schuldgefühle und das 
Bedürfais nadi Strafe, die die Schuldgefühle aufheben soll. Dieses Straf- 
bedürfiiis beherrsdit eindeutig das Bild der Melancholie. Das Erleiden der 
Selbststrafen, das schrankenlose Austoben des Gewissens in der Melancholie 
fuhrt dann wieder in der folgenden manischen Periode, einer Revolution 
ähnlich, zu einem neuerhchen Durchbruch der in der Melanchohe so weit- 
gehend eingeschränkten Triebe. Derselbe Mensch, der in sdiweren Fällen 
melancholisdier Verstimmung fortwährend mit dem Gedanken an Selbstmord 
spielt, kann in dem manischen Zustand ein für das fremde Leben gefähr- 
licher Tobsüchtiger werden. Die Kenntnis des Zusammenhanges von 
Wunschbefriedigung und reaktivem Leidensbedürfnis lassen die grundlegen- 
den Verhältnisse der Neurosenbildung wie folgt zusammenfassen. 

Jede Befriedigung verdrängter Wünsche im Symptom erregt eine un- 
bewußte Gewissensangst, eine Angst des Ichs vor seinem sozial an- 
gepaßten Teil, dem Über-Idi, das selbst zum größten Teil unbewußt ist. 
Diese Angst ist die innerpsychische Fortsetzung der Angst des Kindes vor 
dem Erzieher, die Verinnerlichung der infantilen Angst vor Strafe und 
Liebesverlust. Dieselbe Angst, die das Kind vor den realen Erziehern hat, 
hat später der Erwachsene vor seinem Gewissen, das ein innerer Vertreter 
der Eltern geworden und durch die Identifizierung des Kindes mit diesen 
entstanden ist. Am klarsten sieht man dies in jenen Fällen der Melancholie, 
in denen der Kranke in seinen Halluzinationen mit denselben Worten von 
seinem Gewissen gepeinigt wird, die er als Kind von den Eltern zu hören 
bekam. 

Die Befriedigung verpönter Wünsdie auch dann, wenn es in der ver- 
hüllten Form unverständlidier Symptome geschieht, erregt die Angst vor 
dem Über-Ich. Das Strafbedürfnis ist die Folge dieser unbewußten 
Gewissensangst. Die Selbstbestrafungen und Leiden haben nämlich den 
dynamischen Sinn, die hemmende Gewissensangst aufzuheben, um den Weg 
zur Befriedigung der verpönten Wünsche freizumachen. Der Geist jegli- 
cher Straljustjz, daß die Strafe das Unrecht sühnt, ist in dieser Neurosen- 
psychologie verewigt. Nur einen Schritt weiter bedeutet es in diesem psy- 
chologisdien Kausalzusammenhange, wenn das neurotische Idi die Strafe als 
eine moralische Berechtigung, als einen Freibrief für das Ausleben neuer 
verpönter Befriedigungen empfindet. 

Durch diese Erkenntnisse wurden eine Reihe von Beobachtungen, die 
früher unverständlidi oder mit der Theorie im Widerspruch schienen, er- 
klärbar. Die Verhüllung des unbewußten Sinnes der symptombildenden ver- 



als Gnmdhge der Knminalpsydiologie 43 

pönten Tendenzen genügt offenbar nicht, um die moralische Reaktion und 
die neurotische Angst überhaupt zu vermeiden. Würde die Verhüllung des 
Sinnes dazu ausreichen, das Gewissen zu umgehen, so wäre die immer vor- 
handene Selbstbestrafungstendenz und der Leidenscharakter der Neurose 
überflüssig und daher unverstandlicii. Außerdem ließen sich mit der reinen 
Verhüllungstheorie auch die phobischen Hemmungszustände nicht 
erklären. Bei diesen Zuständen werden harmlose Handlungen, wie auf der 
Straße gehen, wie Eisenbahn fahren, schreiben usw. von den Kranken mit 
Angst vermieden, weil sie den unbewußten Sinn einer symbohschen sexuel- 
len Handlung erhalten. Dieser unbewußte Sinn ist jedoch hinter ^der harm- 
losen manifesten Handlung so gut versteckt, daß es unverständlich ist, warum 
manche Neurotiker hierauf mit solcher Angst reagieren. In solchen Fällen 
hilft also die Verhüllung offenbar nicht gegen die Ablehnung des Über-Ichs. 
Andererseits fehlen aber bei diesen phobischen Zuständen die der Über- 
windung der Angst dienenden Selbstbestrafungstechniken, die Bestedaungs- 
manöver, die durdi Leiden das hemmende Ober-Ich entwaffnen sollen. 
Darum feUen auch jeghche Befriedigungen, die Krankheit besteht nur in 
einem unmittelbar durch die Angst hervorgerufenen Hemmungszustand. In 
anderen FäUen hingegen, bei den meisten Zwangsneurosen, ist gerade die 
Bestechungspolitik so weitgehend entwickelt, daß sogar die verpöntesten un- 
bewußten Inhalte, wie Mord- und Inzestwünsdie, unverhüllt ins Bewußtsein 
treten können. Diese Kranken erkaufen die Freiheit der Gedanken durch 
eine Reihe oft nur formeller Selbsteinschränkungen und Selbstbeherrschun- 
gen, wie Überpünktlichkeit, Übergewissenhaftigkeit in Kleinigkeiten, aber 
auch durch schwere leidvolle Wasch- und andere Zeremonien, die die Über- 
treibung der Gebote der Erziehung (Reinlichkeit, Ordnung usw.) bedeuten. 

Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß die Befriedigung der mora- 
lisdien Ansprüche der Persönlichkeit in der Form des Strafbedür&iisses neben 
der Verhüllung des unbewußten Sinnes verdrängter Wünsche die aUgemeine 
Bedingung der neurotischen Symptombildung ist. Während die Verhüllung 
nur gegenüber der bewußten Persönlichkeit den eigentlichen Sinn des 
Symptoms verdecken soll, bewirkt die Befriedigung des Strafbedür&iisses die 
Entwaffnung der unbewußten moralischen Hemmungen. 

So enthüllen sidi vor uns Struktur und Inhalt jeder Psychoneurose als 
ein verinner lichtes, ins Unbewußte versenktes Stück des Urgeschehens der 
Gesellschaft; Urverbrechen und Sühne. Wenn auch heute Verbrechen und 
Strafen in Form und Inhalt gewechselt haben, so ist doch die affektive Ver- 
knüpfung von Strafe als Sühne fiir Vergehen noch in vollstem Umfange 
wirksam. Jeder, der die praktische Justiz der Gegenwart kennt, weiß, wie 
sehr die modernen Bestrebungen der Rechtswissenschaft, die Bedeutung der 



^2 Jfo Frage der VeraTitwortlidik eit 

Strafe in der Prävention zu finden, bis heute nur theoretisdie Bedeutung- 
haben. Im Gerichtssaal herrscht nach wie vor das Sühneprinzip : wer einen 
Rechisbruch begeht, muß eine in ihrer Schwere der Tat entsprechende, rein 
gefühlsmäßig geschätzte Strafe erdulden. Die Schätzung entspricht der Inten- 
sität des Vergeltungsdranges, den das Verbrechen in dem Richter auslöst, 
nicht irgend einem sozialen Zweckmäßigkeitsprinzip. Als Individuum in seiner 
bewußten Persönlichkeit mag sich der heutige Mensch von diesem Geist 
der Primitiven ein Stück weiter entwickelt haben, als kollektives Wesen, in 
den Funktionen seines Über-Ichs, wie auch in vielen seiner sozialen Institu- 
tionen, in erster Linie aber in dem Geist seiner Justiz, sieht er noch auf 
der Stufe der primitiven Gesellsdiaft. 

Verbrecher und Justiz leisten zusammen dasselbe, was der Neurotische 
in seinen Symptomen innerpsychisch allein vollbringt : Verbrechen und Sühne. 
Und wie der Neurotische die Sühne, das Leiden, als Freibrief für seine Ver- 
gehen — Symptombefriedigung — benutzt, so dient die Einrichtung der 
Strafe jenem großen Teil der Rechtsbrecher, die wir neurotische Kriminelle 
genannt haben, zur Aufhebung ihrer moralischen Hemmungen. Die in Aus- 
sicht gestellte oder erlittene Strafe ist für den neurotischen Kriminellen die 
unerläßliche Voraussetzung für die Begehung seiner Rechtsbrüche, insbeson- 
dere aber für deren Wiederholungen. Bei diesen Menschen würde das von 
Victor Hugo in „Les miserables" phantasierte Verhalten des vom Raub- 
mörder angegriffenen Priesters, der das Verbrechen an Stelle der vom Täter 
provozierten, unbewußt erhofften Strafe mit Wohhaten beantwortete, ein 
wirksameres Präventivmittel sein, als jede Strafe. Während die Strafe den 
Verbrecher entsühnt und damit seine moralisclien Hemmungen abbaut, 
steigert die Wohltat bei diesen neurotischen Kriminellen die hemmende 
Macht ihres ohnehin überstrengen Über-Ichs. 



Die Frage der Verantwortlidikeit und die Rolle der 
ärztlidien Sadiverständigen im Geriditssaal 

Wir fühlen uns durch die bisherigen Ergebnisse genügend ausgerüstet, 
um uns an diesen Augiasstall rechtsphilosophischer Problemarik heranzu- 
wagen und eine rein psychologische Untersuchung des Begriffes der Verant- 
wortlichkeit zu versuchen. Wir wollen die bisherige traditionelle Verquickung 
dieser Frage mit den philosophisch-religiösen Problemen der Willensfreiheit 
vermeiden und den Begriff der Verantwortlichkeit zunächst rein 
psydiologisch fassen. Die psychoanalytische Auffassung betrachtet den seeh- 
schen Appa rat des Menschen als ein durch die psydiologische und biolo- 



r 



ztnd die Rolle der ärztlidien Sadiverständigen 45 

glsche Kausalität lückenlos determiniertes System. D amit verliert der Begriff 
der Willensfreiheit im philosophisch-religiösen Sinne jede Bedeutung. Mensch- 
liche Handlungen sind mehrfach, durch unbewußte und bewußte Motive 
determiniert. Was man üblicher Weise als „freien Willen" bezeichnet, 
ist gleichbedeutend mit den bewußten Motiven des Ichs. Daß diese bewuß- 
ten Motive selbst komphzierte Abwandlungsprodukte unbewußter, trieb- 
hafter Motive sind, die wahrscheinlich verschiedene seelische Zensurstellen 
passiert und erst nach dieser Passage ihre bewußtseinsfähige Form erhalten 
haben, ist die nädiste wichtige Tatsache, die das Problem der Willens- 
freiheit beleuchten mag. Selbst bei dem normalen, gesunden Menschen sind 
diese bewußtseinsfähig gewordenen ich-gerechten Motive keinesfalls immer 
unbedingt siegreich und ausschlaggebend für die Handlungen, sie werden 
meist durch unbewußte Motive beeinträchtigt, ja oft sogar vereitelt. Den 
besten Beweis liefern hierfür die Fehlhandlungen, bei denen an Stelle einer 
bewußt intendierten Handlung eine andere, unbewußt beabsichtigte ausge- 
jfuhrt wird. \y'ir meinen, daß der Begriff des freien Willens nichts anderes 
bedeutet, als den narzißtischen Wunsch, ja sogar das Postulat der Moralisten, 
daß das Über-Icli den seelischen Apparat des Mensdien uneingesdiränkt be- 
fehligen möge. Sie meinen, der Mensch habe immer die freie Wahl zwischen 
Gut und Böse, und diese Vorstellung der freien Wahl ist die Grundkge 
der Verantwortung. Wenn wir falsch handeln, so sind wir verantwordich, 
weil wir ja auch anders hatten handeln können. Allerdings, wenn in dem 
Moment der Handlung das Kräfteverhältnis der verschiedenen Motive ein 
anderes gewesen wäre ! Aber dieses die Handlung bestimmende Kräftever- 
hältnis der verschiedenen Motive ist von dem Gesamterleben des Einzelnen, 
von seiner persönHdien Lebensgeschichte und seiner Konstitution abhängig. 
Hätte er einen anderen Vater gehabt, hätte er eine andere Erziehung ge- 
habt, hätte er vor der Tat ein Glas Bier weniger getrunken, so wäre seine 
Handlung anders ausgefallen. Der freie Wille der Moralisten und Philo- 
sophen bedeutet nicht nur die einseilige Berücksiditigung der bewußten 
Motive, sondern noch mehr als das, die Annahme eines in dem Weltge- 
schehen frei schwebenden morahschen Machtfaktors, der das psychische Ge- 
schehen jederzeit beeinflussen kann, aber selbst eine von jedem Einfluß un- 
abhängige Existenz führt. 

Die rein empirisch-psychologische Beantwortung der Frage läßt hingegen 
die folgende Formulierung zu: menschliche Handlungen sind mehrfach 
determiniert. Wir kennen neben rein physiologischen Determinanten 
drei dynamisch wirksame psychologische Systeme im seelischen Apparat : 
Das Ich, das Über-Ich und das Es. Jedes dieser Systeme ist in jeder Hand- 
lung dynamisch mitwirksam. Bei Gesunden kommen die meisten Handlun- 



*r jQig Frage der Verantworllidike U 

gen SO zustande, daß die dynamischen Triebkräfte des Es mit den vor- 
herrsdienden Motiven des Ichs in Einklang gebracht werden, wobei Idi und 
Über-Idi ein weitgehend einheithches System bilden. Bei pathologischen Zu- 
ständen ist der Einfluß des bewußten Ichs auf die Handlungen gegenüber 
den unbewußten triebhaften Motiven geringer. 

Der Begriff der Verantwortlichkeit erhält dadurch einen rein prak- 
tischen Sinn. Das bewußte Ich ist jener Teil des seelisdien Apparates, 
der den Umgang mit der Außenwelt besorgt. Es ist folglich auch jener Teil, 
auf den wir beim Verkehr mit unseren Mitmenschen einwirken wollen, 
wenn wir sie tadeln oder loben, von ihnen etwas verlangen oder ihnen 
etwas versprechen, etwas verbieten oder gestatten. In diesem Sinne können 
wir die bewußte Personlidikeit für die Handlungen praktisch verantwortlich 
machen, das heißt, wir benehmen uns so, als ob das bewußte Ich tatsäch- 
lich jene Macht über die Handlungen hätte, die wünschenswert wäre. Diese 
Einstellung ist theoretisch unberechtigt, aber sie hat ihre praktisdie oder 
besser gesagt taktische Bereditigung. Wenn der Minister des Innern seinen 
Polizeichef für den Straßenverkehr in seinem Gebiet voll verantwordich 
macht, so ist das praktisch (erzieherisch) sinnvoll, theoretisch absurd. Der 
Polizeidief kann ja nicht für jede Unachtsamkeit seiner VerkehrspoHzisten und 
folglidi auch nicht für jeden Straßenunfall moralisch aufkommen. Aber er soll 
danach trachten, daß in seinem Verwaltungsbezirk Ordnung herrscht, und 
dieser Sollzustand kann nur dadurch erreicht werden, daß man ihn möglichst 
weitgehend verantwortlidi macht. In diesem Sinne soll auch das Ich über 
das gesamte Handeln herrschen. Wir können Freuds Bemerkung, daß der 
Mensdi auch für seine Träume, also fiir seine unbewußten Wünsdie verant- 
wortlich ist, als ein solches Postulat auflassen. Auf die Frage, ob wir fiir 
unsere Träume die Verantwortung übernehmen müssen, entgegnet Freud: 
„Was sollen wir denn mit ihnen tun?" Wir möchten antworten: „Wer 
soll denn die Verantwortung für sie übernehmen?" Am nächsten steht ja 
jeder selbst seinem eigenen Unbewußten, wenn auch die eigene Entfernung 
nodi groß genug ist. In der Psycheanalyse hat aber der Mensch eine Me- 
thode erhalten, den Verwaltungsbereidi des bewußten Idis weitgehend über 
das Unbewußte auszudehnen. Der Entdecker der Psychoanalyse kann nur für 
die Übernahme der Verantwortung für das Unbewußte plädieren, da er es 
dem Menschen möglich gemacht hat, mit der bewußten Persönlichkeit über 
die unbewußten Teile eine Verwaltungsmacht zu gewinnen. 

Die Gesellschaft muß jedoch dem gesetzwidrig handelnden Menschen 
erst die Gelegenheit geben, eine praktische Verantwortung für seine Hand- 
lungen zu übernehmen, indem sie die psychoanalytische Behandlung jenen 
Kriminellen zuteil werden läßt, die stärker unter dem Einfluß ihrer unbe- 



m 



^ 



und die Rolle dir är::llühcti Sac/iver^ländi gen 47 

wußten Tendenzen stehen als der Normale. Erst nach einer psychoanalytisdien 
Behandlung kann man den Menschen für seine Träume, den Neurotiker für | 
seine Symptome und den neurotisdien Kriminellen für seine Taten mit Redit 
verantwordich madien. Solange das Unbewußte isoliert vom Bewußtsein ein 
Sonderdasein führt, ist es eine mehr oder weniger autonome Macht und ver- 
halt sich zu dem bewußten Ich wie jene Funktionen des Körpers, die durdi 
den bewußten Willen nicht beeinflußbar sind. 

Der praktische Begriff der Verantworthclikeit läßt sich durch den rein 
wissenschaftlichen Begriff des Grades und der An der Beteili- 
gung des Ich an der Tat ersetzen. Für die Behandlung der Krimi- 
nellen ist die Feststellung dieser Teilnahme des bewußten Ichs allein maß- 
gebend. Für eine Tat kann man jemand, wenn man den Ausdruck Ver- 
antwortung beibehalten will, soweit verantwortlich madien, als sein bewußtes 
Idi an der Tat beteiligt war. Das bedeutet, daß man durch Mahnung, Er- 
klärung, Strafe oder Drohung soweit etwas für die Zukunft bei dem Täter 
erreichen kann, als das bewußte Ich seine Handlungen beeinflußt. Eine 
dauernde Wirkung auf die unbewußten Teile der Persönlichkeit kann man 
bei Jugendlichen von der Erziehung, bei Erwachsenen nur von einer ana- 
lytischen Kur erwarten. Der unter dem Einfluß unbewußter Motive han- 
delnde Verbrecher müßte in seiner Ichstruktur verändert werden, wenn man 
bei ihm eine dauernde Wirkung erzielen will. Seine Bestrafung ist im 
Prinzip, gleichbedeutend mit der Verbrennung der Hysterischen im MittelaEeirr 
Wenn Psydiiater wie Aschaffenburg glauben, dem geltenden Sühne- 
prinzip der Justiz entgegenkommen und die Strafe als therapeutische Maß- 
nahme bei manchen vermindert Zurechnungsfähigen, wie z. B. bei hyste- 
rischen Charakteren billigen zu können,' so müssen wir erneut darauf hin- 
weisen, daß die Strafe das Strafbedürfnis des Neurotischen befriedigt und 
dadurch manchmal eine vorübergehende symptomatische Erleichterung bringen 
kann. Die Erkrankung der Persönlichkeit wird jedoch dadurch ebensowenig 
behoben, wie eine chronische Nierenerkrankung durch Verabfolgung von 
Aspirin geheilt werden kann, wenn audi die sekundär auftretenden Kopf- 
schmerzen dadurch vorübergehend beseitigt werden mögen. Die Strafe als 
therapeurische Maßnahme ist also mit einer reinen Symptomtherapie ver- 
gleichbar, die nur geeignet ist, das Krankheitsbild zu verwischen, ein Ver- 
ehren, das den ätiologischen Bestrebungen der heutigen modernen Medizin 
kraß widerspridit. 

Im Lichte unseres analytischen Wissens sind die heute geltenden oder 
in den Neuentwürfen geplanten Bestimmungen über die Zurechnungs- 

i) ABch äff cnburg, Verminderte Zurcdxnungsßliigkeit. Dtadie. Med. Wdischr. Jg. ^. 
No. gl. 



^" ^ Die Frage der Ve/'anlwortli dikeJt 

fähigkeit und über die sogenannten vermindert Zurechnungsfähigen 
unhaltbar. Der §51 des Deutschen Strafgesetzbuches ist in voller Unkenntnis 
der unbewußten Seelen Vorgänge verfaßt. Man schließt die Zurechnungsfähig- 
keit fiir Handlungen, die im Zustande der Bewußdosigkeit oder krankhaften 
Störung der Geistestätigkeit begangen sind, aus. Der erste Fall bezieht sich 
lediglich auf die relativ seltenen Fälle der epileptisclien oder hysterischen 
Dämmerzustände, schwersten Intoxikationen und Handlungen in Schlaftrunken- 
heit. Die zweite Bestimmung des deutschen § 51 über den Ausschluß freier 
Willensbestimmung bei Krankheiten hat deshalb keinen wissenschafdichen 
Sinn, weil eine freie Willensbestimmung in dem gemeinten Sinn bei keinem 
Menschen existiert und unbewußte Vorgänge, die die bewußten Motive und 
Entschlüsse beeinträchtigen, allerdings in quantitativ versdiiedenem Maße bei 
jeder Handlung vorhanden sind. Außerdem können nicht nur krankhafte 
Zustände, sondern akute AfFektzus lande die in dem § 51 gemeinte freie 
Willensbestimmung zeitweise sehr weitgehend beeinträchtigen. Nur die prak- 
tisch relativ unwichtigen Grenzfalle von schweren Geisteserkrankungen werden 
von diesem Paragraphen erfaßt. 

Von diesen wenigen extremen Fällen abgesehen, kennt der Arzt auf 
Grund seiner psychiatrisch-forensischen Kenntnisse keine exakt formulierbare 
Beeinträchtigung der Zuredinungsföhigkeit. So erschöpfte sich die Haupttätig- 
keit der Gerichtssachverständigen in der Feststellung, ob bei den Tätern die 
Diagnose Epilepsie oder eine andere schwere Geisteskrankheit möglich, sei 
oder nicht. Die Absurdität dieses Zustandes versucht man in den letzten 
Jahren dadurch zu mildern, daß der unklare Begriff der psychopathischen 
P e r s Ö n I i dl k e i t, die nur „vermindert z u r e c h n u n g s f ä h i g" sei, in 
jenen Fällen verwendet wird, bei denen schon die grobe Beobachtung irgend- 
welche pathologischen Vorgänge entdeckt, ohne eine eindeutige psychiatrische 
Diagnose zu erlauben. 

Alle diese Versuche wissenschaftlicher Abgrenzung und Einfuhrung 
neuer psychologischer Begriffe, wie des der verminderten Zurechnungsfdhig- 
keit, sind aber für die klare Erfassung der einzelnen Fälle deshalb unge- 
eignet, weil sie in Unkenntnis der unbewußten seelisdien Vorgänge erfolgt 
sind. Jeder Mensch ist ja theoretiscli vermindert zurechnungsfähig, da bei 
keinem Menschen das bewußte Ich eine volle Herrschaft über die Hand- 
lungen hat. Der quantitative Anteil von bewußten und unbewußten 
Motiven ist also allein maßgebend nicht nur für die Diagnose und für die 
Bestrafung, sondern überhaupt für jede Maßnahme gegenüber dem Täter. 
Die Aufgabe des Richters wird in der Zukunft darin bestehen müssen, diese 
psychologistiie Diagnose zu stellen. Die Maßnahmen, die aus dieser Diagnose 
folgen, müssen psychologisch begründet sein. Warum der Taschendieb, der 



und du Roüe der Ürztiidien Sadiversiändig en 49 

eine Uhr stiehlt, gerade ein oder zwei Jahre eingesperrt werden soll, kann 
weder durdi empirische Erfahrungen nodi durch psychologisdie Erwägungen 
erklärt werden. 

Der § 51, der dem Arzt heute die Mitwirkung bei der Gerichtsverhand- 
lung gewährleistet, sollte daher in richtiger Fassung die Grundlagen für die 
gesamte kriminal istisdie Diagnostik enthalten und diese nicht, wie bisher 
nur auf bestimmte Grenzlalle beschränken und dadurch bedeutungslos machen. 
Diese Diagnose, die Feststellung der relativen Beteiligung des bewußten Ichs 
und des Unbewußten an der Tat, müßte den Hauptteil der juristischen und 
der in Zukunft damit zusammenfallenden medizinischen Arbeit, kurz das 
Wesentliche der Urteilsfindung, ausmadien. Aus dieser Diagnose ergeben 
sich zwanglos die gegenüber dem Täter zu ergreifenden Maßnahmen. 

Wir bezweifeln allerdings, daß der heutige rein medizinisch gebildete 
Gerichtsarzt fähig ist, diese Diagnose zu stellen, die an Stelle der Beant- 
wortung des so eng gefaßten § 51 treten sollte. Aber ebensowenig ist der 
tiefenpsychologisch unorientierte Richter zu dieser Diagnose befähigt. Heute 
erwartet der Jurist von dem Mediziner in den zweifelhaften Fällen — und 
je mehr man von der Psychologie des Täters ahnt, umsomehr Fälle werden 
zweifelhaft — die Belehrung, die dieser ihm eben nicht geben kann. 

Wir glauben nicht, daß der Arzt mit seiner heutigen Ausbildung imGeridits- 
saal besonders viel zu suchen hat, und wir glauben auch nicht, daß es in 
der Zukunft die Aufgabe des Sachverständigen sein wird, den Richter über 
die Psychologie des Täters zu belehren. Die Psychoanalyse gehört zum widi- 
tigsten Rüstzeug des Richtersund er selbst muß sachverständig auf 
dem Gebiete menschlidier Handlungen sein. 

Gerade die Gruppe der „vermindert Zurechnungsfähigen" zeigt am 
besten, daß Gesundheit und Krankheit wie auf jedem Gebiet, so audh bei 
dem sozialen Verhalten fließende Begriffe sind. Auf diesem Gebiet nennen 
wir einen Menschen auch dann krank, wenn er trotz völlig entwickelter In- 
telligenz und Urteilsfähigkeit chronisch unter dem Druck seiner dem be- 
wußten Idi unzugänglidien unbewußten Motive handelt, seine Handlungs- 
weise auch dann nicht ändern kann, wenn er sie selbst verurteilt und ändern 
möchte, und selbst dann nicht, wenn er durch Strafen dazu gedrängt wird. Um 
die Handlungsweise eines solchen Mensdien zu verstehen, sind dieselben 
Kenntnisse nötig wie zum Verständnis eines normalen Menschen, die Kennt- 
nis des seelischen Apparates. Der Richter, der dazu berufen ist, menschliche 
Handlungen zu verstehen und dazu Stellung zu nehmen, muß fähig sein, 
gesunde und krankhafte Täter in gleidier Weise zu beurteilen. Den ärzt- 
lichen Sadi verstand igen wird er nadi wie vor braudien, wenn die Störung auf 
dem seelischen Gebiet die sekundäre Folge organischer Krankheitsprozesse 

Alci:«i43er.Staub : Verbredier . 



^" Die Frage der Verajihnorilü hluU 

ist. Bei der praktisch so wichtigen und zahlenmäßig überwiegenden Gruppe 
jener pathologischen Täter, die die heutige forensische Medizin als Grenz- 
zustände für vermindert zurechnungsfähig erklärt, Hegt aber die Krankheit 
genau wie bei den Psychoneurosen auf dem Gebiete der sozialen Anpassung, 
auf dem Gebiete des seelischen Apparates. Die diagnostisclie Feststellung, 
das Verstehen und Beurteilen dieser Rechtsbrecher gehört zu der souverän- 
sten Tätigkeit des Riditers. Wenn er diese Aufgabe ohne Sachverständigen 
nicht leisten kann, so kann er keine mensdilidie Handlung verstehen und 
beurteilen. 

Wir sehen jedoch die Zukunft nicht optimistisdi und glauben nicht, daß 
die staatliche Anerkennung des Unbewußten allzubald erfolgen 
wird. Nidit nur die Kenntnis des Inhalts des Unbewußten, sondern die 
bloße Tatsache, daß neben den bewußten Motiven uiizugängHche und un- 
bekannte Kräfte in uns wirksam sind, ist für den Menschen unerträglich. Die 
Angst der Menschen vor dem eigenen Triebleben und die narzißtische Be- 
strebung seines Ichs, als Herr im eigenen Hause zu erscheinen, kann nicht 
genug beachtet werden. 

Wir erinnern uns an die vor vielen Jahren ausgeführten Experimente 
mit posthypnotischen Befehlen, bei denen uns damals noch in Unkenntnis 
der Psychoanalyse auffiel, wie der Hypnotisierte immer seine Handlungen, 
die er in der Hypnose vorgeschrieben bekam, nachträglich als eigene 
Wünsche zu rationalisieren versuchte. So erhielt zum Beispiel eine Hypnod- 
sierte den Befehl, eine Stunde nach dem Aufwachen ihr Haus zu verlassen, 
in dem Treppenflur sich umzudrehen und in das Zimmer zurückzugehen und 
erst dann wieder das Haus zu verlassen. Als sie im Wachzustande von den 
in der Hypnose erhaltenen Befehlen nicht wissend, die Handlungen tatsäch- 
lich ausführte, und man sie fragte, warum sie weggehe, extemporierte sie ein 
ad hoc erfundenes Motiv, „sie müsse zur Schneiderin gehen". Das Umkehren 
in dem Treppenflur begründete sie damit, daß sie ihr Taschentudi vergessen 
hätte. Es sträubte sich etwas in ihr, eine Handlung ohne bewußte Motivation 
auszuführen. Ähnlidi begründen viele Täter ihre Handlungen vor dem Gericht 
durch Motive, die erst nachträglich, aber in gutem Glauben konstruiert sind, 
um eine Tat, die aus unverstandenen unbewußten Motiven begangen wurde, 
für den Richter und auch für ihre eigene bewußte Persönlichkeit erklärbar 
zu machen. Die Widersprüche bei den verschiedenen Verhören derselben 
Person stammen viel häufiger davon, daß der Täter selber seine wirksamen 
unbewußten Motive nicht kennt, nach bewußten Motivationen sucht u7i3^ 
diese bei jedem Verhör besonders erfinden muß, als daher, daß er seine Lage 
verbessern will. Der Verhörte lügt allerdings, darin hat der Untersuchungs- 
riditer und der Staatsanwalt recht, aber er lügt häufig aus der gleichen see- 



I 



und die Rolle der ärztlithen SathverstÖndigen ■■.•'..- ^| 

Jisdien Not wie die erwähnte Hypnotisierte, die unwahre Motive für ihre 
Handlungen ei-findet, weil sie die wahren nicht kennt, und ohne bewußte 
Motive nicht gehandelt haben will. Gerade die Lügen und Widersprüche 
bei den verschiedenen Verhören werden aber ais Beweis fiir hinterlistiges und 
trotziges Leugnen ausgelegt. 

Alle Beteihgten im Gerichtssaal kennen nur bewußte seeHsdie Motive 
und sudien jede Tat aus bewußten Motiven rationell zu ergründen. In 
diesem einen Punkte sind Richter, Staatsanwalt und Täter Verbündete. Sie 
alle, Mitglieder der hochmütigen, die eigenen Schwädien nicht kennenden 
Menschenrasse, sind bestrebt, als jene souveränen Herren im eigenen Be- 
reidie ihrer PersönHdikeit zu erscheinen, die sie noch weit entfernt sind, 
wirklich zu sein. Und wenn ein Täter zufallig in ehrlicher Bescheidenheit 
auf die Frage „warum hast Du das getan?" mit einem resignierten: Jch 
weiß es nicht" antwortet, fühlt sich jeder in seiner menschlichen Würde be- 
leidigt, und dieses einzige wahre Wort, das bei der Gerichtsverhandlung ge- 
fallen ist, glaubt kein Mensch. Der Mensch, die Krone der Schöpfung, muß 
wissen, was er tut und warum er handelt. Und in je größerem Maße der 
abendländische Mensch die äußerere Natur zu beherrschen gelernt hatte, umso- 
mehr verlor er die Kenntnis um sich selbst, und umsomehr verletzt es das 
Selbstgefühl des Herrn über Raum und Zeit, der Sklave seines unbewußten 
Trieblebens zu sein. 

Die Theorie der Willensfreiheit im Gegensatz zum orientalisdien Fata- 
lismus ist ein typisches Produkt dieses Leugnens der eigenen Schwache nach 
Innen. Und je größer diese Schwädie, umso stärker das Bedürfnis nach ihrer 
Verleugnung. Darum wird die Illusion der Willensfreiheit so unerläßlich iür 
den technisch-materialistisch orientierten Kulturmenschen, der damit seine 
verlorene Macht über seine innere Welt, die er noch in mittelalterlidier 
Vertiefung in höherem Maße besessen hatte, sich voriausdien modite. 

Die Annahme der Psychoanalyse bedeutet hingegen die Anerkennung 
der Macht des Unbewußten. Sie bedeutet aber auch den ersten Schritt zur 
wirklichen Beherrschung an Stelle der Verleugnung unbewußter 
Kräfte. Die Reform des ganzen modernen Strafrechts kann nur von diesem 
Angelpunkt aus gesdiehen. Wird die Wirksamkeit unbewußter Motive an- 
erkannt, so wird in vielen Fallen an die Stelle der Strafe die Heilung und die 
Erziehung treten. Die Illusion der Willensfreiheit und die Strafe sind die 
beiden mächtigsten Waffen der Verdrängungspolitik des heutigen Mensdien, der 
lieber blind die Verantwortung übernimmt, sich bestrafen läßt, um nur nicht 
sein Unbewußtes erkennen zu müssen. Strafgesetzbuch, Richter, Staatsanwalt, 
Verteidiger, Sadiverständige und audi der Täter sind an diesem Verdrän- 
gungswerk in gegenseitiger Unterstützung beteiligt. 



£L 



£f Bekilif^ungsfirad des Ichs am Vmbredien 



Betei!igungsgrad des Ichs an den versdiiedenen seeli- 
sdien Vorgängen und am Verbredien 

Den ständigen Druck, den die asozialen Tendenzen auch beim sozial 
angepaßtesten normalen Mensdien auf das Idi ausüben, beweist eine Reihe 
von psydiisdien Vorgängen, die diesen Tendenzen wenigstens eine halluzina- 
torisdhe, phantastische Befriedigung versdiaffen. Gerade das Verständnis des 
Traumes, der Tagträume, des Witzes und der Fehlhandlungen des Alltags 
haben es Freud erlaubt, die beim neurotischen Symptom wirksamen unbe- 
wußten Kräfte des Es audi beim normalen Gesunden wiederzufinden. 

Die obengenannten psychischen Vorgänge stellen oft eine Kriminalität 
auf sozial ungefahrlidier Grundlage dar, weil sie keine realen Handlungen 
sind und nur eine subjektive Bedeutung haben. Sie können, wie wir sehen 
werden, alle psychischen Inhalte des Deliktes enthalten mit der einzigen Aus- 
nahme, daß sie nicht in eine Handlung umgesetzt werden, sondern sich mit 
einer phantastischen Darstellung begnügen. Nur die Fehlhandlungeo, jene 
kleinen UnacJitsamkeiten und sdieinbaren Zufallshandlungen des Alltags, die 
jeder Mensch begeht, bedeuten bereits einen Übergang zur vollwertigen 
Handlung. In ihren kriminellen Folgen sind sie als Fahrlässigkeitsdelikte 
bekannt. 

Für die dynamische Kraft der vom Über-Icii ausgehenden Hemmungen 
ist es besonders bezeichnend, daß selbst in der harmlosen phantastischen 
Darstellung des Traumes die asozialen Tendenzen vor dem bewußten Ich 
verhüllt werden müssen. Der manifeste Trauminhalt erscheint meist unver- 
dächtig oder sinnlos, um den latenten eindeutig kriminellen oder wenigstens 
vom Ich abgelehnten wahren Sinn zu verdecken. Der normale sozial ange- 
paßte Mensdi erlaubt sich nicJit eirmial im Traume, vor sich selbst kriminell 
zu erscheinen. 

Da das Traumleben uns die unmittelbarste Erkenntnisquelle fiir die 
Erforschung der bei allen Menschen vorhandenen unbewußten Kriminalität 
liefert, werden wir nicht umhin können, den Traummeciianismus, der schon 
bei der Erforschung der Neurosen unschätzbare Dienste geleistet hat, auch 
für die Ätiologie der Krbninalität aU Erkenntnisquelle heranzuziehen. 

Psychoanalyse eines Traumes mit verhülltem 

kriminellem Inhalt 

Ein Mann in mittleren Jahren, Familienvater, mit besonders weiciien 
Charakterzügen, der zu seiner Selbstdharakteristik behauptet, nicht einmal 
einer Fliege ein Leid tun zu können, bringt den folgenden Traum: 



Beläägungsgrad des JAs am Verbredien ^ 53 

„Ick gehe mit einem höheren russischen Offizier spazieren. Ick merke dann, 
daß es der Zar ist. Plötzlidi springt ein Fremder hinzu und will den Zareti mit 
einem Doldie ermorden. Ich will dazwischenspringen, um ihn zu retten. Es ist 
jedoch schon zu spät und der fremde ermordet den Zaren." 

Der Traum wird der analytisdien Technik gemäß in einzelne Teile 
zerlegt und der Träumer aufgefordert, zu den einzelnen Teilen seine spon- 
tanen Einfalle mitzuteilen. Durch diese Methode wird die Traumarbelt — 
die Verhüllung des ursprünglidien Trauminhalts — rückgängig gemadit. 
Durdh die Aufteilung des Traumes in einzelne Teile können nämlich die 
ursprünglichen Vorstellungen, die sich hinter den manifesten Traumbestand- 
teilen verbergen, ins Bewußtsein treten, weil die Teile für sich allein 
harmlos sind und nur in ihrem Zusammenhang den verpönten Inhalt dar- 
stellen. Der Traum ist eine Kompromißleistung zwischen dem halluzinatori- 
schen Äußerungsdrang verdrängter Tendenzen und den verdrängenden, ver- 
hüllenden seelischen Kräften. Beim freien Assoziieren zu den einzelnen iso- 
lierten Traumbestandteilen kommt die Äußerungstendenz des Unbewußten 
stärker zum Ausdrudt, weil die Verhüllung nur den Sinn des gesamten 
Traumes verdecken soll und die Verhüllung des Sinnes der einzelnen aus 
dem Zusammenhang gelösten Teile mdit nötig ist. In ihrer Isolierung sind 
sie ja harmlos. All dies wird bei der Einzeldarstellung der Traumanalyse klar. 

Einfälle zum Traum: 

Zum Zaren: „Zar heißt russisch Väterchen — mein Vater," 

Zum russischen Offizier: „Im Weltkrieg habe idi auf Russen gesdiossen. 
Es ist ,b e f r e m d e n d' für mich, daß idi damals zu soldien Grausamkeiten 
fähig war, da ich sonst nicht einmal eine Fliege erschlagen kann. Im Stellungs- 
krieg war es eine stillschweigende Vereinbarung zwisdien uns und den 
Russen, daß wir in Gefechtspausen nicht aufeinander geschossen haben, man 
konnte sich ruhig zeigen, und wir habenidie einzelnen Gegner schon per- 
sönlich gekannt. Idi verstehe nicht, wie idi es trotzdem fenigbradite, in den 
Gefechtspausen mit besonderer Grausamkeit auf Russen zu schießen. Ich 
dachte mir, daß die Russen unsere Frauen und Kinder ermorden wollen, 
und darum ist es erlaubt." 

Zu dem „Fremden" : Der Träumer weigerte sich zu dem „Fremden" 
Einlalle zu bringen, es fiele ihm nichts ein. Er beteuerte nur immer wieder, 
er wisse nicht, wer der Fremde sei. Es wurde ihm nun nahegelegt, daß es 
vielleicht kein Fremder wäre, sondern er selbst, und daß er mit der Dar- 
stellung eines Fremden nur ausdrücken woUe, es sei ein ihm fremder Teil 
seiner Persönlichkeit, der den Mord ausfuhrt. Er habe schon den Ausdruck 
„befremdend" dafür benutzt, daß er abweichend von seinem sonstigen 
milden Charakter auf die Russen geschossen habe. 



i^ 



£^_ __^_^__ BeteUij^ngs^ad des Idis am Verbredien 

Er wehrte sidi heftig und antwortete: „Wieso sollte idh das sein, ich 
will ja im Traum den Zaren retten und nicht ermorden." 

Nun wurde ilim klar gemacht, daß er im Traume ein souveräner Autor 
sei und seine Rettungsaktion auch erfolgreich hätte darstellen können, wenn 
es ihm tatsädiUch mit dem Rettungswunsch ernst gewesen wäre. Als ihm 
die im Traum dargestellte Mordlust vorgehalten wurde, benutzte er also zu 
seiner Rechtfertigung im Wachen die gleiche Verhüllungsmethode wie im 
Traum, indem er die heuchlerische Rettungsgeste unterstreichend hervorhob. 

Er hat zur Verhüllung der Mordabsicht zwei Mechanismen verwandt: 

1) Einen Teil seiner eigenen Person stellt er als einen Fremden dar 
fProjektion), wobei er zum Teil der Wahrheit folgt. Die Mordlust ist seinem 
moralisch empfindenden Ich tatsächlich etwas Fremdes gewesen, die jedoch in 
der besonderen Situation des Weltkrieges entschuldbar war und darum auch 
ausgeführt wurde. 

2) Er verhüllt den Mordwunsdi durch die heuchlerische Geste der 
Rettungsaktion (Überkompensierung), die jedoch nur dazu dient, das Über- 
leb 2U beschwichtigen, um dann ungestört den Mordwunsch zur Darstellung 
bringen zu können. 

Die stärkste Verhüllung betraf aber das Objekt des Mordwunsches. Es 
handelt sich hier nicht um einen gewöhnlidien Mord, sondern um die Dar- 
stellung des Vatermordes. Der russische Offizier wandelte sich ja schon am 
Anfang des Traumes in den russischen Zaren um, zu dem ihm über den 
Umweg der Wortassoziadon : Zar — Väterchen — Vater — sein eigener Vater 
einfiel. (Anspielung durch Sinnverknüpfung und Wortassoziation.) Dieser 
Einfall konnte noch am Anfang der Traumanalyse als harmlos ins Bewußt- 
sein treten, denn es war ihm ja nicht bewußt, daß er der fremde Täter sei, 
im manifestierten Trauminlialt ist er ja der Retter. 

Der Traum ist ein Beispiel für eine außerordentlich sorgfältige Verhüllung 
des ursprüngHchen latenten Mordwunsches. 

Der Träumer selbst mordet nicht, sondern will retten. Es wird also 
zunächst die Täterschaft überhaupt abgeleugnet. Aber das genügt ihm noch 
nicht. Um vor jedem Verdacht sicher zu sein, wird als Ermordeter der ehe- 
malige Feind an die Stelle des Vaters gesetzt (Verschiebung). In dieser Form 
kann der Traum die Zensur des Über-Iclis passieren, trotzdem er unzweifel- 
haft den Vatermord darstellt. 



Der Traum ist also ähnlich wie das neurotische Symptom ein 
rein innerpsychisches, für die Außenwelt indifferentes Ventil verdrängter 



/ 



i 



--;^ 



Beleiügungsgrad des Idis am Verbredten 55 

asozialer Tendenzen. An seinem Zustandekommen ist das Icli nur in seiner 
hemmenden Eigenschaft in der Verhüllung und in den morahschen Reaktionen 
{Straftendenzen, moralische Überkompensierungen) beteiligt. 

Den Übergang vom Traum und neurotischen Symptom zur realen 
Handlung bilden gewisse Tagträume, ein freies Schweifen der Phantasie, 
ein Schwelgen in häufig kriminellen Vorstellungen, zu deren Realisierung 
der Phantasierende sich nidit aufschwingt. 

Der Schüler ohrfeigt tagträumend den Lehrer, der ihn ärgert, der Soldat 
verflucht den Feldwebel, der ihn schikaniert, und wünscht ihm den Tod, 
der Ehemann phantasiert die Verwirklichung seiner Wünsche nach fremden 
verbotenen Frauen, kurz, jeder Mensch sdiafft sich in der Phantasie die 
Möghchkeit der Abfuhr verbotener Wünsche. 

Für die Tagträume ist jedoch gegenüber dem Traum charakteristisch, 
daß solche Handlungen phantasiert werden, die nicht von der innermorali- 
schen Instanz verboten, sondern aus Angst vor den realen Konsequenzen 
unterlassen werden. Diese Wünsche gesteht man sidi ein, ohne sie jedodi 
ausfuhren zu können. In den Tagträumen zeigt sich also die tatsächliche 
kriminelle Kapazität der Menschen, im Traume jedoch die latente unbewußte 
Kriminalität. Träume und Tagträume sind mithin die Form, in denen auch 
der sozial Angepaßieste seine Kriminalität auslebt. Dadurch, daß im Tag- 
traum die Handlung nur phantasiert wird, kann diese Phantasie den vollen 
Grad der Kriminalität erreichen, zu dem der Tagträumer fähig wäre, wenn 
die Angst vor den Folgen ihn nicht hindern würde. 

Wenn auch die Justiz der Neuzeit Gedanken für zollfrei erklärt, so 
darf doch darauf hingewiesen werden, daß man noch unter der Herrschafit 
des Corpus juris canonici auch für verpönte Gedanken zur strafrechtlichen 
Verantwortung gezogen werden konnte. 

Am Traum und neurotischen Symptom beteiligt sich das Ich nur in 
seiner Hemmungsfunktion durch Ausschließung der latenten Wünsche von 
Bewußtsein und Motihtät. An der Bildung der Tagträume nimmt das Ich aktiv 
teil, schließt sie allerdings von der Motilität aus. Bei den Fehlhandlun- 
gen ist die Beteiligung des Iciis schwerer festzustellen. Denn das bewußte 
Icäi beherrscht die Motilität, die Fehlhandlungen, die ja bereits eine auf die 
Außenwelt gerichtete Tätigkeit darstellen, sollten also ohne eine Stellung- 
nahme des bewußten Ichs nicht zustande kommen können. Gegenüber dem 
Aufsteigen von Traumbildern und spontan sich aneinanderreihenden Tag- 
phantasien ist das Ich noch relativ machtlos. Denn sein souveränes Gebiet 
ist ja in erster Reihe die Beherrschung der Innervation der willkürhchen 
Muskeln. In den Fehlhandlungen sdieint nun ein kurzschlußartiger Zugang 
von den unbewußten Tendenzen zu ihrer Umsetzung in Handlungen ohne 



56 



BcleiS^Tigsgriid des Ms am Verhredien 



Beteiligung des Ichs vorzuliegen. Dem Ich konnte man nur vorwerfen, daß 
es auf einem Gebiet, in dem es ihm möglich ist einzugreifen, seine Funktion 
nicht erföUte. Die Entschuldigung des Fehlhandlungen Begehenden ist, er 
habe nicht aufgepaßt, sei müde, benommen, aufgeregt gewesen, habe vieles 
andere im Kopf gehabt und deshalb nicht daran denken können. Alle diese 
Entschuldigungen treffen auch zu. Das Idi war anderswo beschäftigt und so 
war es nidit imstande, eine aus dem Unbewußten aufsteigende Tendenz, 
die es sonst ablehnt, aus der Motilität auszuschließen. Die Fehlhandlungen 
kommen also dadurch zustande, daß die Handlung von einem unbewußten 
Teil der Persönlichkeit intendiert, von einem anderen Teil, dem Ich, aber 
nicht verhütet wird. 

Für die Fahrlässigkeitsdelikte — Fehlhandlungen mit krimi- 
nellem Ausgang — ist also gegenüber sonstigen kriminellea Handlungen 
diarakteristisch, daß das Ich nicht aktiv an der Tat beteiligt ist, also auch 
für die Tat nicht durch die später beschriebenen besonderen psychischen 
Medianismen gewonnen zu werden braucht. Das Idi wird einfach von den 
verdrängten Tendenzen überrumpelt, und zwar in einem für diesen inner- 
psychischen Überfall besonders geeigneten Augenblick. Wenn das Idi sidi in 
einem akuten Schwädiezustand befindet (Übermüdung, Zerstreutheit), wenn 
es in eine besonders schwierige Aufgabe vertieft und die Aufmerksamkeit 
stark auf einen bestimmten Punkt konzentriert ist, können sich Fehlleistun- 
gen besonders leicht ereignen. Das Ich hat ja eine Doppelfunktion : es ist 
gleichzeitig Wahrnehmungsorgan nadi außen, wie es audi, durdi seine innere 
Wahmehmungsfunkrion, über das Triebleben herrscht. In seiner Haupt- 
funktion, der Beherrsdiung der Motilität, kommt diese doppelTgerichteie 
Wahrnehmungstätigkeit zur Zusammenfessung. Jene Triebansprüdie werden 
zur Motilität zugelassen, die mit der Realität in Einklang gebradit werden 
können. Ist das Ich durdi eine dieser beiden Wahrnehmungsftinktionen be- 
sonders in Anspruch genommen, so wird seine Leistung nach der anderen 
Seite geringer. Nach außen und nach innen in gleidiem Maße zu wadien, 
gelingt oft nicht. So können Fehlhandlungen ebenso leicht entstehen bei an- 
gestrengtem konzentriertem Beobachten äußerer Geschehnisse, wie der 
Mensch umgekehrt in der Beobaditung der Außenwelt ungenauer wird, 
wenn er mit seinem Interesse gerade besonders nach innen gekehrt ist. 

Der Redner, der angespannt auf den Inhalt seines Vortrages konzentriert 
ist, wird leidit einen formalen lapsus linguae begehen, der eine verdrängte 
Tendenz zum Ausdruck bringt; der zerstreute Professor, der, in seine Gedanken 
vertieft, die Prüfung der äußeren Realität für eine kurze Zeit einstellt, 
kommt durdi Fehlhandlungen in die aus den Witzblättern bekannten lädier- 
lidien Situationen. 



Beleiligtingsgr-ad des Idis am Verbredien Bl 

Immer handelt es sidi bei den Fehlleistungen darum, daß das Idi in 
eine besondere Aufgabe vertieft entweder die Realitätsprüfung oder die in- 
nere Kontrolle über verdrängte Tendenzen nicht in dem Umfange leistet, 
wie im normalen Gleichgewichtszustande. Seine aktive Beteiligung an der 
Handlung ist gering, sie beschränkt sich darauf, daß die Wachsamkeit gegen- 
über den drängenden Tendenzen des Es für einen Augenblick nachläßt. 
Immerhin ist diese Unterlassungssünde deshalb für die Realität bedeutungs- 
voll, weil ja eine Fehlhandlung im Gegensatz zu Traum, Symptom und 
Tagtraum für die Umwelt ernste reale Folgen haben kann. Die Justiz strafe 
bei den Fehlhandlungen angeblich nur die mangelnde Aufmerksamkeit. Aber 
die realen Strafen fallen oft härter aus, als eine bloße Unterlassung es ver- 
dienen würde. Man sieht daraus klar, daß die Menschen die unbewußte Absicht, 
die in den Fehlleistungen zum Ausdruck kommt, fühlen und affektiv hierauf 
reagieren, indem sie durch die Härte der Strafe die unbewußte Absicht mit 
treffen wollen. Wird hier das Unbewußte des Täters wegen seiner aso- 
zialen Tendenzen zur Verantwortung gezogen, so wird in anderen Fällen, 
zum Beispiel bei dem neurotischen Verbrechen, der erfolglose Kampf der 
bewußten Persönlichkeit gegen die asozialen Tendenzen dem Täter kaum 
angerechnet, in anderen Fällen wieder wird der Moralität des Unbewußten, 
dem Strafbedürfais, nicht Rechnung getragen. 

Wir sehen aus alledem, welche Verwirrung die Unkenntnis der relativen 
Beteiligung des bewußten Ichs und des Unbewußten an der Tat anrichtet, und wie 
der Täter infolgedessen keine zweckmäßige Behandlung erfahrt, sondern der 
oft irrationellen unbewußten affektiven Reaktion der Richter ausgeliefert ist. 
. Die Fahrlässigkeilsdelikte gehören zu den wenigen Fällen, bei denen 
eine strengere Stellungnahme praktisch gerechtfertigt sein könnte, als die 
juristisdie Theorie es zuläßt, die sie als absichtslose Handlungen wertet. In 
der Praxis benimmt sidi der Richter auch oft so, als ob er Freuds Theorie 
über die unbewußte Motivation der Fehlhandlungen kennen würde. Aber 
nur eine genaue Kenntnis der seelischen Dynamik kann in allen Fällen 
Gesetz und Praxis miteinander in Einklang bringen und dadurdi eine zuver- 
lässige, von affektiven Momenten befreite, zweckmäßige Behandlung des 
Täters gewährleisten. 

Gegenüber den bisher behandelten Vorgängen, Traum, Symptom, Tag- 
traum, Fehlhandlung — ist bei jeder vollwertigen Handlung die Betei- 
ligung des Idis wesendidi großer. Aber auch bei den vollwertigen Hand- 
lungen läßt sich eine Skala nadi dem ßeteiligungsgrade des Ichs an der Tat 
aufstellen. Die unterste Stufe in dem Grade der Beteiligung des Idis bildet 
das Agieren des stark unter dem Einfluß unbewußter Motive handelnden 
neurotischen Kriminellen. 



58 Beteiligungsgrad des Idts am Verbrechen 

Für die neurotischen Kriminellen ist charakteristisch, daß sie 
sich mit der kriminellen Handlung nur teilweise identifizieren. Oft ist aller- 
dings die Ablehnung der Tat nur eine unbewußte, die in irrationalen 
Selbstsdiädigungen als Selbstbestraiung zum Ausdruck kommt. Das Ober- 
Ich verbietet ihnen die kriminelle Tat, durch eine Reihe kompHzierter inner- 
psychischer Vorgänge jedoch, die wir im einzelnen noch zu beschreiben 
haben werden, wird die Abhängigkeit des Ichs von dem verbietenden Über- 
ich gelockert und die Ausfuhrung krimineller Tendenzen ermöglicht. Bei 
manchen neurotischen Kriminellen haben die verbrecherischen Handlungen 
sogar einen deutlich zwanghaften Charakter. Diese stehen dem an einer 
Neurose Erkrankten, namenthch dem Zwangsneurotiker, am nächsten. Der 
Zwangsimpuls tritt als etwas Fremdes in den Kreis der bewußten Persön- 
lichkeit, das Ich nimmt diesen fremden Impuls wahr, empfindet ihn auch als 
fremd, ist jedoch nicht imstande, ihn aus der Motilität auszusdiließen. Hier- 
her gehören die Fälle von Kleptomanie, Pyromanie, zwanghaftem Lügen und 
Betrügen. Diese von einem Teil der ärztlichen und juristischen Welt be- 
zweifeilen oder mißverstandenen Fälle bilden die Übergangsstufen von den 
echten Neurosen zum neurotischen Kriminellen. Der BeteiÜgungsgrad des 
Idis ist nur unwesentlich größer als bei den Fehlhandlungen. Während bei 
der Fehlhandlung das Ich die Augen geschlossen hält, da es sich anderswo 
beschäftigt, ist die Wahrnehmungs Funktion des Ichs bei den Zwangs- 
handlungen intakt, gelähmt ist nur die Hemmung« Funktion. Trotzdem 
das Idi den Impuls wahrnimmt und als fremd ablehnt, ist es nicht imstande, 
seine Ausfiihrung zu unterdrücken. 

Die meisten neurotischen Kriminellen weisen aber einen höheren Be- 
teiligungsgrad des Ichs insofern auf, als die kriminelle Tat ebenso wie bei 
dem bewußt handelnden Verbrecher wenigstens im Augenblick der Aus- 
führung vom Ich akzeptiert wird. Bezeichnend für diesen Verbrechertypus 
ist, daß sie triebhaft handeln, der Einfluß unbewußter Motive auf ihre 
Handlungen viel größer ist als beim normalen Menschen, und daß sie darum 
über die Motive ihrer Tat selbst nur sehr ungenauen AufsdJuß geben 
können. Die Abhängigkeit des Ichs von dem sozialen Teil der Persönlidi- 
keit ist nicht etwa völlig gelost. Es sind beim neurotischen Verbrecher im 
Ich selbst Strömungen, wenn auch oft nur unbewußt, gegen die Ausfuhrung 
der Tat vorhanden. Die Lodcerung der Abhängigkeit des Idis vom Über- 
Idi und das Hinübergleiten des Ichs unter die Führung der Tendenzen des 
Es erfolgt ähnlich wie beim neurotischen Symptom durch komplizierte psy- 
chische Mechanismen, die dem bewußten Teil der neurotischen Kriminellen 
selbst verborgen sind. Diese psychischen Medianismen, durch die das Ich für 
die Tat gewonnen wird, werden uns noch eingehend beschäftigen. Es wird 



.71 



Beteiägungsgrad des Jdis am Verbredien 59 

sich dabei erweisen, daß selbst in den Fällen, wo das Idi ganz mit der Tat 
einverstanden zu sein scheint, unbewußte Vorgänge dieses übrigens sehr 
labile Einverständnis herbeigeführt haben. Das Idi hat sich gleichsam zur 
Tat überredet und holt sich das Gefühl der Berechtigung hiezu aus den in 
der Neurosenpsydiologie gut bekannten Rationalisierungen, Projekiions- und 
Selbstbestrafungs-Mechanismen. 

Der eine Fehlleistung Begehende, der Zwangsimpulsen Unterworfene und 
der neurotische Kriminelle stehen mit einem Teil ihrer Persönlichkeit auf der 
Seite der Sozietät, sie haben die Neigung, sich eher mit dem Über-Idi als 
mit dem Es zu identifizieren, und nur gewisse Vorgänge, die der Bewußt- 
seinskontroile in größerem oder weniger großem Umfange entzogen sind, 
lassen den Durchbruch der Tendenzen des Es in die Motilität geschehen. 
Der normale Kriminelle steht dagegen mit seiner gesamten bewußten Per- 
sönlichkeit auf der Seite der Tat, mit der Front gegen die sozialen Anfor- 
derungen der Gesellschaft. 

Bei den nicht kriminellen Menschen, die in gewissen Situationen, beson- 
ders im Affekt, kriminell handeln, ist die aktive Beteiligung des Ichs an der 
Tat nicht viel geringer als beim normalen Kriminellen. Im Augenblick der Tat 
idendfiziert sich das gesamte Ich mit der Handlung, nur ist dieser Zustand 
ein akuter, akzidenteller, durch irgendwelche Einwirkungen der Außenwelt 
herbeigeführter, während beim normalen Kriminellen das Ich chronisch auf 
der Seite der Tendenz des Es steht. 

Wenn wir das Ergebnis unserer bisherigen Darstellung zusammenlassen, 
so werden wir feststellen müssen, daß allen Menschen das Vorhandensein 
eines großen Reservoirs dissozialer oder krimineller Strömungen gemeinsam 
ist, daß alle Menschen die Tendenz haben, diese dissozialen und kriminellen 
Wünsche abzuführen, und daß die verschiedenartige Form der Abiuhr sicii 
danach bestimmt, in welchem Maße das Ich seine Abhängigkeit vom Über- 
ich, dem Repräsentanten der Sozietät im Individuum, löst und sich in den 
Dienst der Triebabfuhr stellt. 

Eine Skala der Kriminahtät wird dalier eine Unterscheidung nach dem 
Beteiligungsgrad des Ichs an dem kriminellen Impuls zum Inhalt haben. Im 
groben wäre etwa folgende Reihenfolge mit steigender Ich-Beteiligung aufzu- 
stellen : 

Kriminalität der Phantasie (Traum, neurotisches Symptom, Tagtraum). 

Fehlhandlungsdelikte. I. 

„ , 1 , 1 Übergang zur vollwertigen Handlung. 

Äwangshandlungen, | 

Triebhaftes kon f li k t v olle s Agieren des neurotisdien Verbrechers. 

Affekt- und Situationsdelikt des Normalen. 

Konfliktlose Taten der normalen Kriminellen. 



P" BeleiUgungsgrad des Idis am Verbredten 



Ausgenommen von dieser Skala sind jene Handlungen, bei denen die 
Beteiligung des Idis durdi organische Zerstörungsprozesse oder durch toxisdie 
Lähmungen eingesdiränkt oder ausgeschaltet ist. 



Allgemeine psychische Medianismen der Kriminalität 

Wir haben verstanden, daß abgesehen von den Taten gesunder Krimi- 
neller eine kriminelle Handlung im allgemeinen dadurch zustande kommt, 
daß die Abhängigkeit des Ichs von dem hemmenden Über-Ich geschwächt 
wird und das Ich dadurch seiner ursprüngHdieren Neigung den Tendenzen 
des Es zur Motilität zu verhelfen, nachgeben kann. Dem psychologischen Sinn 
jener Vorgänge, durdi die das Ich seine Abhängigkeit vom Über-Ich verliert 
und dadurdi an die Seite der Es-Bestrebungen treten kann, verstehen wir 
am besten, wenn wir von jenen psychologischen Situationen ausgehen, in 
weldien auch der Gesunde von seinen sonstigen moralischen Hemmungen 
befreit wird. 

Wir erwähnten bereits den extremen Fall der Notwehr, in dem das Idi 
auf die Schonung des fremden Menschenlebens nicht mehr Rüdcsicht zu nehmen 
braucht, weil auch der Angreifer sich jenseits der Moral gestellt hat und ein 
fremdes Leben bedroht. Ahnlich ist die psychologisdie Situation bei der Ver- 
letzung des Gerecht jgkehsgefühls, die zur Empörang und in diesem Zustande 
zum Durchbruda der ursprünglichen asozialen Tendenzen führt. Man fühlt 
sidi ähnlich bedroht, wie bei der Notwehr, nocli dazu von den Autoritäten, 
die das Recht schützen sollten. Wir sahen, daß das Über-Ich des Erwach- 
senen mehr oder weniger von der Beziehung zu den realen Autoritätsper- 
sonen abhängig ist. Erschüttern diese durch ihr Unrecht das in sie gesetzte 
Venrauen, so sinkt auch die Abhängigkeit des Ichs von ihrem inneren Ver- 
treter, dem Über-Ich. 

In jeder dieser Situationen, in Notwehr wie bei der Verletzung des 
Gerechtigkeitsgefühls, wird dem Ich ein Leiden zugefügt oder angedroht, und 
dieses Leiden hebt die moralischen Hemmungen auf. Wir wissen bereits, 
daß die moralischen Hemmungen zwecks Vermeidung von Unlust und in 
der Erwartung auf späteren Lustgewinn entstanden sind. Es ist also verständ- 
lich, daß ein größeres Leiden, das gerade dadurch entstehen würde, daß 
man in einer Situation den moralischen Hemmungen gehorcht, imstande ist, 
diese Hemmungen aufzuheben. In Notwehr moralisdie Hemmungen gelten 
zu lassen, das heißt, Rücksicht zu nehmen, wäre ja pure Selbstzerstörung. 
Man ist doch gerade im Dienste des Lebens moralisch geworden, um Unlust zu 
vermeiden. In solcher Situation würde also die Moral den ursprünglichen Zwetk 



Allgemevtf psychisdu: Mechanismen der Krimin alität 61 

verfehlen. Und darum wird sie in der Notwehrsituation außer Kurs gesetzt. 
Ähnlidi wie bei der Notwehr ist der Zustand berechtigter Empörung. Jene Bedin- 
gungen, unter welchen die hemmende Macht des Über-IcJis aufgerichtet 
wurde, sind in diesem Zustand nicht mehr vorhanden. Die Angst vor Un- 
lust und die Lustprämie des Gehebtwerdens, die die Einhaltung der mora- 
lischen Verbote bewirken, verlieren bei ungerechter Behandlung ihre hem- 
mende Kraft. Ein weiteres Sidi-Fügen würde nur mehr Leiden bedeuten 
und keine Lustprämie mehr verheißen. Wenn wirklich die Angst vor Leiden 
(Strafe) und die HofEhung auf Geliebtwerden die beiden psydiologisdicn 
Faktoren sind, die das Ich zur Einschränkung der asozialen Tendenzen be- 
wegen, so ist es verstämQich, daß ein effektives Leiden, das großer ist als 
die zu erwartende Strafe, diese Faktoren unwirksam macht. Wenn das 
effektive Leiden groß genug ist, so wird audi die Prämie des Geliebt- 
werdens es nicht wett madien können. Dies gilt in gleichem Maße für das 
Verhältnis des Ichs zu Realitätspersonen wie zu dem Über-Ich. 
Wir können diese Verhältnisse folgendermaßen formulieren : 
Wenn das Idi aus der Befolgung der moralischen Rücksichten keinen 
Gewinn mehr ziehen kann, so fallen diese Rücksichten. Im Zustande des 
Leidens ist die Angst vor der Strafe kleiner, das Ick kann dann nichts mehr 
verlieren. Je größer das Leiden ist, um so geringer wird die Abhängigkeit 
vor den einschränkenden Autoritäspersonen und vor dem Über-Idi, ganz 
besonders, wenn das Leiden von diesen Instanzen ausgeht. Die Straf- 
drohung wirkt einschüchternd auf die Triebe, das Leiden selbst aber und 
so audi das Leiden während der Strafe wirkt faefi-eiend. Denn mehr als 
Leiden bedeutet auch die Strafe nidit. Das leidende Ich kann nichts mehr 
verlieren und neigt daher im Zustand des Leidens dazu, mutig oder ver- 
zweifelt gegen die beeinträchtigenden Sdiranken im Sinne der ursprünghciien 
Tendenzen des Es loszugehen. 

Den Zustand des Leidens oder der Empörung, die von moralJsdien 
Hemmungen befreien, stellt der Neurotisdie und der neurotisch Kriminelle 
selbst autonom her. Sie führen absiditlich, wenn auch meistens unbewußt 
absichdidi, eine solche psychische Situation herbei, in der, wenn sie sthick- 
salsgemäß entstünde, auch der Gesunde seine moralischen Hemmungen auf- 
geben würde. Sie stellen eine solche Situation her, in der das Nadigeben 
gegenüber den Tendenzen des Es, das heißt, die asoziale Tat berechtigt er- 
scheint. Dies kann einmal dadurch geschehen, daß die realen Autoritätsper- 
sonen vom Täter zur Ungerechtigkeit verfuhrt, wie audi dadurch, daß das 
eigene Über-Ich zur Überstrenge, zur Ungerechtigkeit verleitet wird. Gelingt 
es dem Kinde, die Ekem oder den Lehrer durch geschickte Provoka- 
tionen zu übermäßigen Strafen zu verfuhren, so bekommt das Ich in 



62 AUgemeine fisychisAe Medianümm der KriminaBäl 

dem so entstandenen Zustand der Empörung; freie Hand, den Tendenzen 
des Es nachzugeben. Bei überstrenger Behandlung wirkt höchstens nodi die 
Angst vor der nächsten Strafe triebhemmend, die innere moralische Eigen- 
hemmung geht aber verloren. 

In der Neurose steht ein Teil der Symptome im Dienste dieses Be- 
freiungsmanövers, und zwar sind es die Symptome, welche Selbstbestrafung 
und Selbsteinschränkung bedeuten. Bei den neurotischen Kriminellen leisten 
die wirklich verhängten Strafen sowie auch die harten Lebenssituationen, in 
die sidi solche Menschen unbewußt beabsichtigt bringen, die gleichen Dienste, 
sie schwächen die Abhängigkeit des Ichs von dem Über-Ich. 

Eine für die neurotischen Kriminellen besonders bedeutsame Form der 
Ausschaltung des hemmenden Einflusses des Über-Ichs ist die sogenannte 
Schuldprojektion ; ein Mechanismus, weldier bei der Paranoia eine über- 
ragende Rolle spielt. 

Wenn in der Neurose das Leiden durch Symptome autoplastisch selbst 
herbeigeführt wird, so bedeutet der Medianismus der Schuldprojektion die 
Herstellung eines Zustandes, in welchem der Täter durch größere oder ge- 
ringere Verfälschung der Realität sich in den Glauben versetzt, daß die Um- 
welt ihm Leiden zufüge. Die Realität wird in der Weise umgedeutet, daß 
das kranke Ich sich in Notwehr zu befinden glaubt, die reale Situation wird 
falsch interpretiert, und zwar derart, als ob der Schuldige das Opfer, der 
Angegriffene schuldig wäre. 

In dieser umgedeuteten Situation entsteht dann eine AfFektentwicklung, 
die vom Ich als berechtigt und der Situation angepaßt empfunden wird. 
Der Kranke nimmt an, daß er angegriffen, schlecht behandelt, verfolgt oder 
beleidigt werde und fühlt sich in Notwehr. 

Für die Schuldprojektion ist charakteristisch, daß die dem Gegner zu- 
geschobenen Motive in Wirklichkeit verdrängte eigene vom Über-Ich abge- 
lehnte Motive des Täters sind. Die Schuldprojektion bedeutet also eine 
gleichzeitige Verfälschung der inneren wie der äußeren Realität. Die Ver- 
fälschung erfolgt unter dem Drucke der Tendenzen des Es, die auf diese 
Weise ungehemmt zum Ausdruck kommen können. 

Zum ersten Male wird dieser Mechanismus von Freud bei der patho- 
logischen Eifersucht des NeurotJkers beschrieben, die auch für einen großen. 
Teil der Eifersuchtsdelikte eine entscheidende Bedeutung hat.' Der eine 
Ehepartner verschiebt seine eigenen unbewußten, verdrängten ehebrecheri- 
schen Tendenzen, die seine ethischen und zärlUchen Gefühle verletzen, auf 
den anderen Ehepartner und entlastet dadurch sein reaktives Schuldgefühl. 

i) Freud, GcBaininelte Sdiriftcn, Bd. V. S. 388. 



Aägemänc piydüsAe Mediamsrnm- der Krimi naläät 6S 

Nicht er, sondern sie ist untreu oder umgekehrt. Oft ist diese Konflikt- 
situation so stark, daß die harmlosesten Handlungen des einen vom ande- 
ren wahnhaft umgedeutet werden. Es entstehen so noch stärkere eifersüdi- 
tige und aggressive Affekte als bei tatsächlich ertapptem Ehebruch, und oft 
gehen Ehen auf diese Weise zugrunde, ein Sieg der eigenen unbewußten 
ehebrecherisdien Tendenzen des Eifersüchtigen, die jetzt fi-ei und ohne 
Schuldgefühl realisierbar sind. 

Wenn durch solche psychologischen Methoden das Ich seine Freiheit 
vom Über-Ich durch Verfälschung der inneren und äußeren Realität erreidit, 
so kann in anderen Fällen durch günstigen Zufall die Realität soweit den 
Tendenzen des Es entgegenkommen, daß selbst der normalste Mensch ein 
Crimen begeht. Der Ehebruch braucht ja nidit immer nur phantasiert zu 
sein. Beim Ertappen auf frischer Tat ist das durch die Realität dem Ich zu- 
gefügte Leiden und Unbill so groß, daß dadurdi alle moralischen Hemmun- 
gen unwirksam werden können. In solchen Fällen wird das Leiden oder die 
Unbill nicht wie bei den Neurotischen phantasiert oder selbst aufgesucht, 
sondern real erlebt und dadurch der Weg zur kriminellen Tat frei. Auch das 
Gericäit sucht in solchen Fällen gern einen Ausweg für den Freispruch. 

Den bisher beschriebenen psychischen Vorgängen, durch die das Ich 
seine Abhängigkeit vom hemmenden Einfluß des Über-Idis löst, ist gemein- 
sam das Leiden, das entweder 

1) ohne eigenes Zutun real erduldet wird, oder 

2) unbewußt absichthch aufgesucht wird {neurotischer Mecha- 
nismus), oder 

3) phantastisch vorgestellt und erlebt wird. (Psychotischer 
Medianismus). 

Eine andere Art, mit der das Idi für eine asoziale Tat gewonnen wer- 
den kann, ist die Rationalisierung. Unter Rationalisierung versieht 
die Psychoanalyse das willkürlidie Herausgreifen eines ichgerechten Motivs 
für die Tat, die aber gleichzeitig von ichfremden Motiven determiniert ist. 
Aus der Fülle der Determinanten wird nur das ichgerechte Modv vom Be- 
wußtsein anerkannt und wahrgenommen. Die unbewußten ichfremden Ten- 
denzen können im Dunkel bleiben, weil die Tat durch die vom Bewußt- 
sein wahrgenommenen Motivationen sdion genügend begründet erscheint. 

Der Snob rationalisiert so seine Sucht aufzufallen, um sich Geltung zu 
verschaffen, mit verschiedenen kulturellen Interessen, die in der Quantität 
meistens viel kleiner sind als die idifremden Exhibitionstendenzen, die er 
sich selbst nidit zugestehen möchte. Die gelangweilten Damen der Gesell- 
schaft veranstalten pompöse Wohltätigkeitsfeste im Glauben, aus sozialem 
Mitleid zu handebi, das in Wirklidikeit aber weit zurückliegt gegenüber 



64 Allgemeine psychische Mechamsmm dtr Kriminaliiät 

dem nidit eingestandenen ökonomisch wirksameren Motiv ihrer Vergnügungs- 
sucht. 

In der Kriminalität ist dieser Mechanismus am häufigsten bei dem po- 
litischen Attentäter, der sich eine politisdie Theorie aufbaut, um 
seine mehr oder weniger sublimierten Vatermordtendenzen ohne Schuld- 
gefühl ausleben zu können. Die häufig unlogischen, leicht durchsichtigen und 
fadenscheinigen Rationalisierungen solcher Taten, denen zum Beispiel audi eine 
Herrscherin, die mit Staatsgeschäften und der Staatsgewalt nichts zu tun 
hatte, zum Opfer fallen konnte, zeugt oft föir die elementare Überrumpelung 
des logischen Denkens, einer Funktion des Ichs durch die Affekte des Es. 
Die Rationalisierung bedeutet also immer eine Akzentverschiebung. Hinter 
der bewußten ichgerechten Motivadon versteckt sich eine unbewußte, ich- 
fremde aggressive Tendenz. Dadurch, daß nur die bewußte Determinante 
gesehen und zugegeben wird, erfolgt eine quantitative Verfälschung der 
psychischen Situation. Die Stärke der bewußten Modve wird überschätzt, 
die sie verstärkende unbewußte Motivation wird abgeleugnet. 

Bei einer gewissen Art von kriminellen Taten wird die Hemmungs- 
funktion des bewußten Ichs noch dadurch ausgeschaltet, daß die Tat ähn- 
lidi wie das neurotische Symptom in ein unverständHdies, oft unsinniges 
Gewand verhüllt im Bewußtsein erscheint. Soldie Delikte, die eine andere 
unbewußt gewollte Handlung ersetzen sollen, wird man zutreffend als 
Symptomhandlungen oder Symptomdelikte bezeichnen können. Diesel- 
ben Mechanismen, die bei der Symptombildung wirksam sind — Versciiie- 
bung, Anspielung, symbolische Gleichsetzung usw. — bringen auch diese 
Delikte zustande. Gleich ist auch ihre ökonomische Funktion. Beide dienen 
der Aufhebung einer Triebspannung durdi Ausleben in einer vor dem Ich 
verhüllten Form. 

Diese Fälle bedeuten einen Übergang 2u den Neurosen, insbesondere 
den Zwangsmechanismen. Wenn man einen solchen Täter über seine Mo- 
tive befragt, so antwortet er, er habe aus unwiderstehlichem Zwange ge- 
handelt, er wisse selbst nicht warum, ihm sei eine soldie Tat fremd. Und 
wirklicii fehlen solchen Handlungen die bewußten Modve, das Idi steht 
wirklich rados gegenüber der Tat und versucht sie nachträghch zu moti- 
vieren. Dieser Versudi, einer unverstandenen Tat hinterher bewußte Motive 
unterzulegen, erfolgt, wie wir bereits erwähnten, nicht nur deshalb, weil der 
Untersuchungsrichter für jede Tat ein bewußtes Motiv vom Täter verlangt, 
sondern vor allem auch, weil sein eigenes Ich das Gleiche von ihm fordert. 
Er möchte vor sich selbst nicht als Spielball seiner Triebe erscheinen, sciion 
das Selbstgefühl verlangt von ihm wenigstens eine scheinbare Modvierung, 
um wenigstens die Illusion der Herrschaft der bewußten Persönlichkeit über 



I Allgemeine psychische Mechanismen der K nminaHUä 65 

( ' ' "^ ~~~ ~ 

die Triebe zu retten. So hat zum Beispiel eine notorische Kleptomanin. 
die von einem der Autoren behandelt wurde, dem Staatsanwalt zugegeben, 
sie habe eine billige Ausgabe des „Faust" deshalb sich angeeignet, weil sie 
Schauspielerin werden wollte und das Euch vielleicht in ihrer späteren Lauf- 
bahn einmal hätte verwenden können. Der als Sachverständiger zugezogene 
Autor, der die Delinquentin vorher behandek hatte, konnte hier das Gericht 
leidit davon überzeugen, daß das nicht ein wirksames Motiv für die Tat 
sein konnte, sondern daß die ,Tat hier eine tiefe symbolische Bedeutung 
gehabt hat und der verhüllte Ausdruck verdrängter Motive war. 

Interessant war es, zu sehen, wie verschieden das Verhalten dieser Klepto- 
manin in der Gerichtsverhandlung und bei der psychoanalytischen Behandlung 
war. Nur in der Psychoanalyse konnte sie wirklich aufrichtig sein. Sie ge- 
stand dem Arzt, daß sie ihren Taten völlig ratlos gegenüberstehe, daß sie 
selbst nicht verstehe, warum sie so etwas getan habe, sie erwog selbst die 
Möglichkeit, daß sie vielleicht doch aus Habsucht gehandelt haben könnte, 
mußte aber diese Annahme verwerfen, weil die Habsucht nicht erklären 
konnte, warum sie zum Beispiel gerade Bilder, auf denen eine Mutter und 
Kind abgebildet war, mit Vorliebe stahl, und andere, auch wertvollere Bilder 
sie kalt ließen. Oft füMte sie, daß eher noch gewisse aggressive Gefühle 
gegen den Bestohlenen mitgewirkt haben mochten, wenn sie zum Beispiel 
Kleider stahl, die sie selbst nicht tragen konnte und die sie auch nie ander- 
weit verwertet hat. Aber andere Talen konnten auch damit nicht erklärt 
werden. 

Während der psychoanalytischen Behandlung, die zur vollen Gesundung 
führte (die Patientin führt seit vielen Jahren ein völlig einwandfreies, ge- 
achtetes Leben, ohne jeden Rüdcfall), kamen die wahren unbewußten Motive 
der krankhaften Stehlsucht zum Vorschein. Durch das Stehlen wollte sie sich 
symbohsch mit Gewalt etwas rauben, was das Leben ihr versagt hatte. Sie 
wollte sidi schadlos halten für versagte oder zu geringe Liebe im Elternhaus, 
dann für die anatomische Beeinträchtigung der Frau gegenüber dem Mann 
und fiir das versagte Kind, das von dem Geliebten zu erhalten ihr aus ge- 
sellschaftljdien Gründen und aus inneren tiefer liegenden Hemmungen nicht 
möglich war. In dem Stehlakt kamen alle diese drei unbewußten Sehnsüchte 
wenigstens verhüllt zu einer Ersatzbefriedigung. Das Stehlen von Bildern, 
auf denen eine Mutler mit dem Kind dargestellt war, befriedigt die Sehn- 
sudit nach der Mutterschaft, der Diebstahl der Faust-Ausgabe und anderer 
bedeutender literarischer Bücher gewann eine Bedeutung als Symbol der 
faszinierenden männlichen Leistungsfähigkeit, die sie sich durch Raub an- 
eignen wollte, der Kleiderdiebsulil erschien in der Hauptsadie als ein Rache- 
akt gegen die Mutter, von der sie sich vernachlässigt gefiihlt hatte. Alle diese 

Aleiaiidcr.S(aub : Verbredicr 



66 Aügcmeme psyclüsdie Meckatiismen der Kriminnliläl 

Diebstähle sind eindeutige Beispiele für das früher erwähnte Symptom- 
delikt. 

Trotzdem ihr während der Kur alle diese unbewußten Motivationen 
bewußt geworden waren und sie gelernt hatte, diese Triebe zu beherrschen 
und in idigerechter Form zu sublimieren, an Stelle der neurotisdien Ersatz- 
befriedigung, die das Stelden ihr gewährt hatte, sich reale Befriedigungen im 
Leben zu erkämpfen, befand sie sich in der Geridits Verhandlung, in der sie 
nach ihrer Gesundung für die früher begangenen Taten abgeurteilt werden 
sollte, in einer hoffnungslosen Lage. Die Aussichtslosigkeit, diese Motive 
denen klar zu machen, die in erster Reihe berufen waren, sie zu verstehen, 
veranlaßte sie, den Wünschen des Staatsanwaltes nadt einer bewußten allge- 
mein verständlidien Motivierung nadizugeben. Der Psychoanalytiker sah sich 
allerdings freudig überrascht von der Fähigkeit eines Gerichtshofes, sich in 
diese ihm völlig fremden Gedankengänge einzufühlen, eine Fähigkeit, die die 
Psydioanalyse bisher in ärztlidien Kreisen nur selten vorgefunden hat, und 
die den Gerichtshof veranlaßte, entgegen dem Gutachten des beamteten 
Gerichtsarztes die Angeklagte freizusprechen. Der Gerichtsarzt stand der Tat- 
sache der Kleptomanie überhaupt skeptisch gegenüber, meinte, sofern man in 
seltenen Fällen so etwas annehmen könne, so müßten besondere diagnosti- 
sdie Merkmale, wie Imbezillität, Schwitzen und Tremor der Hände bei 
Ausführung der Tat vorhanden sein. Die Angeklagte sei eine besonders in- 
telligente, geistig hochstehende Person, und so ein Mensch müsse unbedingt 
wissen, was er tue. Aber gerade dieses Mißverhältnis zwischen der gut ent- 
widtelten bewußten Persönlichkeit, der eine solche Tat wirklich fern lag, 
und dem sich zwanghaft als Fremdkörper in das Bewußtsein hineindrängenden 
Drang zum Stehlen war für den Psychoanalytiker der Beweis für das Vor- 
handensein eines neurotischen Mechanismus. 

Wir werden in unseren späteren Untersuchungen dartun, daß in den 
meisten Fällen die unbewußten Tendenzen nidit in der Form solcher um- 
schriebener isolierter Zwangsimpulse ins Bewußtsein treten, sondern, daß die 
unbewußten Triebe das bewußte Ich in seiner Gesamtheit durchdringen und- 
den Handlungen solcher Mensdien einen sdiicksalsmäßigen, wie Freud 
sagt, dämonischen Charakter verleihen. Bei diesen „neurorisdien Charakteren" 
sind meistens alle bisher beschriebenen Mechanismen in verschiedenem Aus- 
maße wirksam : die Leidensmechanismen, die Rationalisierungen 
und die symptomähnliche Verkleidung des Sinnes ihrer Hand- 
lungen. 



Der neurolische Verbrecher 67 



Der neurotisthe Verbredier 

Im Jahre 1915 beschrieb Freud in seiner kleinen Arbeit „Einige 
Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit" Menschen, deren Leben 
unter dem Einfluß gewisser unbewußter psychischer Mechanismen einen von 
ihrem bewuiken Willen unabhängigen, oft geradezu zwanghaft anmutenden 
schicksalmäßigen Verlauf nimmt. Einer dieser Typen — von Freud „die 
Ausnahmen" genannt, — versucht, an eine infantile Situation fixiert, im 
Leben entgegen den realen Mögüchkeiten als Ausnahme behandelt zu werden. 
Das ganze Leben solcher Menschen verläuft im Zeichen dieses triebhaft-irratio- 
nalen Verlangens. Freud konnte bei diesen Menschen eine gemeinsame Eigen- 
tümlichkeit in ihren früheren Lebensschictsalen nachweisen. „Ihre Neurose 
knüpfte an ein Erlebnis oder an ein Leiden an, das sie in der ersten Kinder- 
zeit betroffen hatte, an dem sie sich unschuldig wußten, und das sie als 
eine ungeredite Benachteihgung ihrer Person bewerten konnten. Die Vor- 
rechte, die sie aus diesem Unrecht ableiteten, und die Unbotmäßigkeit, die 
sich daraus ergab, hatten nicht wenig dazu beigetragen, um die Konflikte, 
die später zum Ausbruch der Neurosen führten, zu versdiärfen." 

Es ist verständlich, daß Mensdien, die dauernd eine Ausnahmestellung 
in der Welt beanspruchen, sich schwerer äußeren Anforderungen anpassen 
köimen und deshalb auch ein nicht geringes Kontingent der Kriminellen 
liefern, die ja ebenso wie die Neurotiker, wenn auch in anderer Form, 
an der sozialen Anpassung scheitern. 

Ein zweiter Typ sind „die am Erfolge scheitern". Es sind dies 
Menschen, die unter dem Dnicke unbewußter Schuldgefühle Erfolge nicht 
vertragen können und gerade nach erreichtem Erfolg entweder, wie Freud 
es beschreibt, in eine Neurose verfallen oder, wie wir sonst sehen konnten, 
unbewußt beabsichtigt Leidenssituationen aufsuchen, um gleichsam für den 
Erfolg zu bezahlen, oder die es triebhaft darauf anlegen, die Früchte ihrer 
"Erfolge immer wieder zu zerstören. 

Wenn dieser Typ kriminalistisch weniger interessiert, so ist der von 
Freud als dritte Gruppe beschriebene „Verbrecher aus Schuldbe- 
wußtsein" für uns von besonderer Bedeutung. 

Diese Menschen begehen das Verbrechen vor allem darum, weil es ver- 
boten ist, und weil seine Ausführung ihnen eine seelische Erleiditerung 
bringt. Ein sie dauernd belastendes Schuldgefühl unbekannter Herkunft wird 
durch das Vergehen an eine bestimmte Tat geknüpft und so wenigstens 
irgendwie in einer bewußtseinsfahigen, leichter ertragbaren Form untergebracht. 
Ihr Schuldgefühl stammt nämlich aus unbewußten Wünsdien, die vom eigeneo 



^ 



68 Der neurotische Verbrecher 



Über-Ich viel schwerer verurteilt werden, als die real begangene strafbare 
Handlung. Diese Menschen haben also offenbar ein besonders strenges Ge- 
wissen und darum größere Angst vor ihrer eigenen moralischen Instanz als 
vor dem weldichen Gericht. Die Bestrahing iür die meistens ziemlidi harm- 
lose (jedenfalls von ihrem Über-Idi als wesentlich harmloser als der verpönte 
Wunsch empfundene) Tat bedeutet fiir sie einen moralischen Gewinn, weil 
sie mit der realen Strafe gleichzeitig für ihre unbewußten Wünsche bezahlen 
und damit das Schuldgefühl beschwiclitigen können. Die wirklichen Ursachen 
ihrer Schuldgefühle — die immer aus der mangelhaft bewältigten ödipus- 
sjtuation stammen — brauchen so nidit mehr bewußt zu werden, weil sie 
auf die real begangene Tat verschoben werden. 

Das Verbrechen aus Schuldgefühl ist eine Kombination zweier früher 
beschriebener allgemeiner Mec3ianismen, der Verhüllung und der Selbst- 
bestrafung. Der eigendidi gemeinte verdrängte Wunsch kommt in der relativ 
geringfügigen Tat fiir das Bewußtsein verhüllt zum Ausdruck. Die aufge- 
suchte Strafe beschwichtigt das Über-Ich, dessen innere Wahmehmungsfunktion 
hinter der Verhüllung die latente wahre Absicht merkt. Die gefühlsmäßige 
Gleichsetzung von Wunsch und Tat wird nach Freud dadurch ermöglicht, 
daß beide verboten sind. In den meisten Fällen laßt sicli analytisch neben 
dieser konstanten groben Übereinstimmung noch eine feinere symbolische 
Verbindung oder irgendeine Anspielung auf das eigentlich Gemeinte auf- 
dedten. 

Diese Kriminellen, die ihr Dasein ausschließlidi dem Talionsgedanken 
der Strafe verdanken, sind in einem gewissen Sinne überm oralisch, sie be- 
sitzen ein überempfindliches Gewissen, wenn audi gleidizeitig in ihrem Un- 
bewußten unbewältigte archaische kriminelle Tendenzen wirksam sind. 

Die ersten Mitteilungen Freuds über diese drei neurotischen Gharakter- 
typen haben besonders nach dem psychoanalytischen Ausbau der Ichpsydio- 
logie verschiedene Forsdier zur weiteren Untersuchung dieser triebhaften 
irrationalen Persönlichkeiten angeregt. Neben Reiks' und Reichs" dies- 
bezüglichen Arbeiten („Geständniszwang und Slrafbedürfhis", bezw. „Der 
triebhafte Charakter") hat Alexander' den „neurotischen Charakter" khnisch 
abzugrenzen versucht. 

Wir wollen seinen Gedankengang hier kurz wiedergeben. 

Als neurotischen Charakter bezeichnet er jene Gruppe von 
pathologisdien Persönlichkeiten, bei denen das Krankhafte sich nidit in um- 
sdiriebenen Symptomen äußert, die vielmehr in ilirer gesamten Lebensführung 

il Reik, Geständiiiszwaiig und Swafbedürfnis (Internal. PsA. Bibl., XVni). Wien 1927. 
») Reich, Der triebhafte Charakter (Neue Arb. z. ärztl. PsA., IV), Wien 1925. 
3) Alexander, Der neurotische Chaiaktcr. Internat. Zschr. f. PsA. XIV, (igaS). 



Der neuron sehe Verbrecher 69 



in typischer Weise von der Nonn abweichen. Im Gegensatz zu den meist 
so inaktiven echten Neurotikern sind diese Kranken Menschen der Tat, ihr 
Leben verläuft dramatisch. Eines der charakteristischen Grundmerkmale der 
Neurosen, die autoplastische Art der Triebbefriedigung, fehlt ihnen häufig 
ganz. Das, was wir seit Freuds Formulierung als einen Wesenszug der 
Neurose betrachten, daß ein ichfremder Triebanspruch nur eine Ersatz- 
befriedigung in der Form des Symptoms erhält, gilt für diese Gruppe von 
Menschen ganz und gar nicht. Diese handeln, leben ihre Triebe aus, auch 
die ichfremden, asozialen Tendenzen, und trotzdem sind sie nicht wirkliche 
Kriminelle. Gerade, daß ein Teil ihrer Persönlichkeit dieses triebhafte Aus- 
^ leben verurteilt, wenn er es auch nicht beherrschen kann, unterscheidet sie 
von der mehr homogenen, eindeutig asozialen Persönlidikeit der Kriminellen. 
Merkwürdige, gegen sich selbst gerichtete Handlungen, ein irrational er- 
scheinender Selbstzerstörungsdrang zeugt nur zu klar für das Vorhandensein 
der inneren Selbstverurteilung. Das andere Charakteristikum der Neurose, 
_ der seelisdie Konflikt, und zwar ein unbewußter Konflikt zwisdien zwei 
heterogenen Teilen der Persönlichkeit, ist also bei dieser Gruppe deutlich 
vorhanden. Und gerade dieses Merkmal, die Spaltung der Persönlidikeit in 
einen triebhaft handelnden und einen darauf moralisch, sogar übermoralisdi, 
weil nicht nur selbsteinsdiränkend, sondern selbstschädigend reagierenden 
Teil, erlaubt uns, diesen Mensdientyp als krank anzusehen. 

Es ist gerade das Verdienst der Psychoanalyse, daß wir heute selbst 
dem mandimal kraß asozialen Verhalten solcher Menschen an Stelle der bis 
jetzt üblichen wertenden, d. h. verurteilenden Einstellung mit einem ähn- 
lidien medizinischen Verständnis begegnen können, wie dem neuroti- 
sdien oder gar dem organischen Symptom. Dieses Verhalten erduldet der 
Kranke im Prinzip ebenso, wie der Neurotisdie oder der organisch Kranke 
seine Symptome, weil seine Motive unbewußt, also solche sind, zu denen 
die bewußte Persönlichkeit keinen Zugang hat. Schönes Zureden, Ermunte- 
rungen oder Strafen durch die Umgebung nützen ebensowenig, wie der selbst 
gefiißte Vorsatz, morgen ein neues Leben zu beginnen, so wenig, wie etwa 
der Vorsatz eines Kranken nützen würde, durch Willensanstrengung seine 
Diabetes zu überwinden. Die Ohnmacht des bewußten Ichs gegenüber diesem 
triebhaften Agieren ist das Gemeinsame, das es mit den körperlichen und 
neurotischen Erkrankungen verbindet. Allerdings ist der Weg von dem or- 
ganischen Symptom zum asozialen oder oft sogar nur zum irradonalen Ver- 
halten im Leben so lang, daß es ohne weiteres erklärlich ist, wenn Psydio- 
analyse und Medizin nodi nicht zu einer Einheit verschmolzen sind. Es ist 
audi nidit verwunderlich, wenn diese Art Menschen, deren wissensdiaftliche 
Erforschung selbst in der Psydioanalyse neuer ist, als die der Neurotischen, 



70 Der neurotische Verbrecher 



nicht von vornherein als Kranke angesehen, sondern je nach ihrem Alter 
eher dem Wirkungskreis des Erziehers oder des Richters überlassen werden, 
als dem des Arztes. Wir sind ja gewöhnt, die Krankheit als etwas von dem 
bewuiken Willen des Mensclien Unabhängiges zu betrachten, als eine vis 
maior, die der kranke Mensch erdulden muß. Andererseits waren wir auch 
gewöhnt, für das Handeln eines Menschen, abgesehen von den im § 51 des 
Deutschen Straigesetzbuches vorgesehenen Fällen, seine bewußte PersÖnlidi- 
keit verantwortlidi zu machen. Man kann schwer jemanden für ein Magen- 
geschwür verantwordidi machen, leichter — wie die Kriegserfahrtmg zeigt 
— für ein hysterisches Symptom, nocii leichter aber dafür, daß er ver- 
schwenderisch ist, sein Geld verspielt und in keiner ernsten Arbeit aus- 
harren kann. Um gewisse Mensdien der letzteren Sorte auch als krank zu 
bezeichnen, muß wohl der Begriff der Krankheit mächtig ausgedehnt und 
begrifflich neu bestimmt werden. Es ist dabei leider unvermeidlich, daß der 
organisch Erkrankte so in eine schlechte Gesellsdiaft gerät. 

Von dem strukturell -dynamischen Gesichtspunkte aus gesehen, steht solch 
eine unbewußt bedingte irrationale Lebensführung jenen Zwangshandlungen 
am nächsten, bei denen der Zwangaimpuls nicht mehr in der Form einer 
vollständig unsinnigen Symbolhandlung ersdieint, sondern den An- 
schein einer realen Handlung annimmt, also zum Beispiel den kleptomanen 
Handlungen, wobei das Stehlen aber einen subjektiven symbolischen Sinn 
hat und nicht — wie es scheint — für den rationellen Zweck der Bereiche- 
rung ausgeführt wird. Ein der bewußten Persönlichkeit fremder Impuls er- 
scheint bei der Zwangsneurose wie ein Fremdkörper im Bewußtsein und 
kann in Grenzfällen, wie bei der Kleptomanie, sogar zur Motilität gelangen. 
Bei den echten Formen von neurotisdien Charakteren kommen die ver- 
drängten Tendenzen, wenn auch meist in einer modifizierten Form, immer 
zur Ausführung. Sie überfluten das Ich aber in einer viel diffuseren Weise 
als vereinzelte Zwangshandlungen und beeinflussen das gesamte Handeln, 
beherrschen das Ich manchmal so weilgehend, daß ein bewußter Konflikt 
und so auch die Krankheitseinsidit vollständig fehlen können. Aber ein un- 
bewußter Konflikt, eine unbewußte Ablehnung kommt in der nie fehlen- 
den selbstsdiädigenden Tendenz eindeutig zum Ausdruck. Wenn diese un- 
bewußte moralisdte Reaktion fehlt, dann sprechen wir auch nidit mehr von 
neurotisdien Mensdien, sondern von normalen Kriminellen oder von ande- 
ren Abarten. 

Die große forensische Bedeutung dieser Fälle ist ohne weiteres klar. 
Ein großer Teil solcher iieurotisdi agierender Menschen, von unbewußten 
Motiven zum Verbrcdien oder zum Bestraftwerden gelrieben, kommt früher 
oder später in Widerspruch mit den bestehenden Gesetzen. Ihre eindeutige 



r 



Der neurotische Verbrecher 7 i 



Abgrenzung von den echten Kriminellen, für die sie so oft trotz der Ein- 
führung der nosologischen Gruppe psychopathisdier Persönlidikeiten in der 
heutigen Reditsprechung gehalten werden, ist eine der großen Aufgaben der 
Psychoanalyse, die sie praktisch erst dann wird erfüllen können, wenn sie 
den Weg über den ärztlichen Gerichtssachverständigen oder durch die 
psychoanalytische Schulung des Richters zum Gerichtssaal gefirnden haben 
wird. Erst dann wird die Gesetzgebung mit einem weiteren Schritt von 
dem Geist der Hexenprozesse sich entfernen, an die mandie moderne Prozeß- 
verhandlungen erinnern, wenn dem aus unbewußten Motiven handelnden 
Verbrecher im Trommelfeuer der Kreuzfragen vom Richter und vom Staats- 
anwalt bewußte Motive unterschoben werden. 

Der neurotische Charakter ist, unabhängig davon, ob er mit den 
bestehenden Gesetzen in Widerspruch gerät oder nicht, jedenfalls ein 
Kranker, der an einer symptomlosen Neurose leidet, und den der 
psychoanalytisch geschulte Blick ohne Zweifel als neurotisch erkennt, 
ohne ihn in irgend eine bekannte nosologische Gruppe einreihen zu 
können. Diese Menschen haben ein dramatisches Schicksal, sie werden im 
Leben von einem „dämonischen" Zwang getrieben, an die Stelle der Sym- 
ptome treten die irrationalen Handlungen, deren unbewußter Sinn sich 
ebenso deuten läßt, wie der eines neurotischen Symptoms. Aber nicht nur 
ihre einzelnen Handlungen, sondern der ganze irrationale Ablauf ihres Lebens 
erhält erst nach der Deutung der unbewußten Motive einen verständlidien 
Sinn. Hierher gehören gewisse Abenteurer, hinter deren Handlung immer 
die gleiche Auflehnung gegen die Autorität des Staates und der Gesetze 
steckt, und denen es immer gelingt, ungerecht, wenigstens subjektiv unge- 
recht, bestraft zu werden, und so den Vater-Staat — ins Unrecht zu 
setzen. Femer gehört in diese Gruppe der größte Teil jener Menschen, die 
die forensische Medizin als geistig Minderwertige zusammenfaßt und die 
Bleuler in seinem Lehrbuch der Psychiatrie als psychopathisdie Persön- 
lichkeiten, Erregbare, Haltlose, Triebmensdien, Verschrobene, Lügner und 
Sdiwindler, Gesellschaftsfeinde, Streitsüchtige beschreibt. Auch der ältere 
Begriif der moral insaiiily fallt mehr oder weniger mit dieser Gruppe zu- 
sammen. Bei einem großen Teil solcher Charaktere zeigt sich das Krank- 
hafte vornehmHch auf dem Gebiete des Liebeslebens. Wir möchten aber 
davor warnen, etwa zwei scharf getrennte Gruppen aufzustellen und neu- 
rotisdie Charaktere auf dem Gebiete des sozialen Lebens von jenen, deren 
Triebhaftigkeit hauptsächlich in den Liebesbezieliungen zum Ausdruck komint, 
abzugrenzen. Es scheint vielmehr, als ob das neurotische Verhalten auf dem 
einen Gebiet meist mit Störungen auf dem anderen Gebiete zusammenhinge. 
Es ist aber nicht zu leugnen, daß in mandien Fällen das soziale Wirken, 



72 Oer neurotische Verbrecher 



in anderen das Liebesleben in den manifesten Äußerungen im Vordeigrund 
steht. Die Schilderung der typischen Vertreter dieser neurotisch Liebenden 
gehört nicht zu unserer jetzigen Aufgabe. Jedem sind die Don -Juan-Typen, 
die nie erreichbaren Idealen nachjagen, ebensogut bekannt, wie jene maso- 
chistisch gefärbten Hörigen, die ihr Strafbedürfnis nicht in einer abgekapsel- 
ten masodiistischcn Perversion ausleben, sondern es in ihre Liebesschicksale 
in diffuser Form hineinverweben. Einer Frau sich opfern und treu 2U dienen, 
ist für diese eine Liebes- und Potenzbedingung, wie für den Masochisten 
die greifbareren Formen der Bestrafung. Andere wieder sind gleichzeitig an 
zwei Frauen gebunden, zwischen denen sie nicht wählen können. Der neu- 
rotische Konflikt findet in dieser typischen Lebenssituation einen realen 
und oft tragisdien Ausdruck. 

Als das wesentlichste Merkmal des neurotischen Charakters, das bei 
jedem Einzekyp vorhanden ist, konnte man die große expansive Kraft der 
idifremden Tendenzen bezeidinen. Diese Menschen lassen sich nicht wie die 
Neurotiker auf das rein subjektive Gebiet der Symptome einsdiränken, sie 
setzen sich in der Realität durch, trotzdem der sozial angepafite Teil des Ichs 
ihnen verneinend gegenübersteht. Die relative Siäike des Ichs ist allerdings 
kleiner als bei den Neurotischen, aber meist nicht wegen der absoluten 
Schwäche des Ichs, sondern wegen der starken Expansionskraft des 
Trieblebens. Ob ein Mensdi in seinem Triebleben zur Autoplastik neigt 
oder nicht, ist für die Entwicklung zur Neurose oder zur Kriminalität von 
geradezu entscheidender Bedeutung. Ohne autoplastische Neigung ist keine 
Neurose, ohne expansive Triebe keine Kriminalität denkbar. Für diese 
Qualität der Triebe ist in erster Linie ein konstitutioneller Faktor verant- 
wortlich. In dieser expansiven Qualität seines Trieblebens stellt der neuroti- 
sche Charakter dem Gesunden näher als dem Neurotischen. Er handelt 
und läßt sich durdi die Sozietät nicht in die Phantasiewelt der Symptome 
hineindrängen. Der Neurotische behält den ursprünglidien infantilen Inhalt 
seiner Triebansprüche, begnügt sich aber mit den phantastischen Befriedi- 
gungen, die ihm die Symptome gewähren. Der Gesunde modifiziert lieber 
seine ursprünglichen unrealisierbaren Triebe, nur um auf reale Befriedigung 
nicht verziditen zu müssen. Der neurotische Charakter will nocli mehr, er 
will seinen Naturzustand behalten und sidi in dieser Form durchsetzen. Er 
will beides, er will wie der Neurotisdie die ursprünglichen asozialen Befriedi- 
gungen behalten, trachtet aber nadi realen Befriedigungen wie der Gesunde. 
Weil aber ein Teil des eigenen Ichs diesem Versuch widerspricht, schneidet 
er sich ins eigene Fleisch. 

Das expansive Triebleben grenzt also den neurotischen Charakter vom 
editen Neurotischen ab und bringt ihn näher zum Gesunden. Dies kommt 



, Der neurotische Verbrecher 73 

auch in der Therapie zum Ausdruck. Den gewaltigen Schritt von der intro- 
vertierten Autoplastik zum Handeln, der bei schweren Neurosen oft unmöglich 
ist, brauchen wir bei dem neurotischen Charakter nidit zu erzwingen. Das 
Handeln muß nur mehr unter die Herrschaft der bewußten Persönlichkeit 
gebracht werden. Darum bieten diese Fälle ein so dankbares Feld für analyti- 
sche Erfolge, wenn sie nur zum Analytiker kommen. In ihren jungen Jahren 
fehlt ihnen aber meist jede Krankheitseinsicht. Oft sind sie frisch -fröhliche 
Draufgänger, die erst durch die bitlere Lebenserfahrung zur Einsicht kommen. 
Darum sehen wir sie in der Analyse meistens im reifen Mannesalter. 

Man gelangt durch diese Überlegungen zu der Einsicht, daii der neu- 
rotische Charakter in seiner psychobiologisdien Konstitution im Gegensatz 
zum Neurotiker eher dem Gesunden gleichzusetzen ist. Seine Abweichung 
von der Norm ist nicht so sehr die Folge einer besonderen pathologischen 
Konstitution, sondern des späteren Lebensschicksals. Dieselben oder ähnlichen 
pathogenen Momente, die den in der expansiven Kraft seines Trieblebens 
konstitutionell Geschwächten zum Neurotiker werden lassen, fuhren bei dem 
Kinde mit gesunden expansiven Trieben zur Entwicklung eines neurotischen 
Charakters. Es sind gewissermaßen unvollständig gezähmte Naturmen.schen. 
Und dies erklärt die merkwürdige stark gezeichnete Unebenmäßigkeit ihrer 
Persönlichkeit, das zähe Festhalten der Triebe an realen und ursprünglidien 
Befriedigungen neben einer hemmenden selbstbestrafenden morahschen In- 
stanz. Diese Spaltung ist ähnlich jener beim Neurotiker, nur, daß sowolil che 
Befriedigungen wie das Leiden durch reale Handlungen und Erlebnisse er- 
reicht werden. 

Man könnte in diesen Überlegungen sogar noch weiter gehen und 
meinen, daß ein besonders expansives, unzähmbares Triebleben sich am 
schwersten durch die Zivilisation zu neurotisdien Ersatzbefriedigungen zwingen 
oder in der Form von Sublimierungen domestizieren läßt. Mensclien mit 
solch ursprünglichem Triebleben haben es besonders schwer, sich den heutigen, 
viele Einschränkungen fordernden Verhältnissen anzupassen. Dem in der ex- 
pansiven Kraft seines Trieblebens bereits etwas Geschwächten wird diese 
Anpassungsleistung eher gelingen. Daraus würde aber folgen, daß derjenige 
Typ, den wir heute als gesunden Normalen bezeichnen, einen Zwischentyp 
zwischen den ursprünglichen expansiven Triebmenschen und den Neurotikern 
bildet. Unsere Zivilisation erfordert ja eine weitgehende Triebeinschränkung 
und, wie jede Zivilisation, fiihn ihr Weg in der Riditung der Neurose, in 
der Richtung einer gewissen Degeneration des Trieblebens. Ein gutes Mittel- 
maß von dieser degenerativen Schwäche, eine gewisse Bereitschaft, die ur- 
sprünglichen Handlungen durch die sublimeren Arten der Beft-iedigungen 
einzutauschen, ist vielleicht das Rätsel der seelisdien Gesundheit im heutigen 



74 Der neurolisclie Verbrecher 



Sinne, d. h. der Angepalkheit an die komplizierien Lebensbedingungen 
unserer weitgehend organisierten Gemeinschaft. Das Individuum mit seinen 
individuellen Triebzielen, mit seiner selbstherrlichen Intaktheit wird als bio- 
logische Einheit, als Einzelwesen zu Gunsten der Sozietät geopfert. Der 
Kollektivmensch ersdieint biologisch als ein Entanungsprodukt im Ver- 
gleich zu dem als Einheit abgeschlossenen, auf sich gestellten Einzelindividuum. 
Der urbane Typ der hochorganisierten Gegcnwartskultur wirkt neben dem 
viel weniger sozialen Mensdien patriarchalisdier Zeiten als Triebwesen ver- 
krüppelt. 

Der neurotische Charakter kämpft den tragischen Kampf des Individuums 
gegen die Gemeinschaft. Während aber die einen dieser Gruppe sich offen 
gegen den Zwang der Sozietät auflehnen imd so zu Rechtsbrechern werden, 
versucht ein anderer gutmütigerer Teil, die Illusion des Individualismus in 
den merkwürdigsten Arten eines Sonderlingsdaseins aufrecht zu erhalten. 
Diese Menschen retten ihre Individualität in ihr Privatleben hinein. Beses- 
sene Sammler und Liebhaber, Spieler, waghalsige Rekordbrecher, Menschen, 
die ytAz Gelegenheit aufsuchen, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, gehören 
hierher. Hinter dem oft so lächerlich wirkenden Hang des Sonderlings, etwas 
ganz Ausgefallenes zu tun und so von der Norm abzuweichen, steckt der 
Trotz gegen das Aufgeben der individuellen Freiheit der Triebe. Wenn 
audi der Trotz des Sonderlings harmloser und weniger offen ist als der des 
neurotischen Reditsbrechers, seine psychisdie Grundlage ist die gleidje : das 
trotzige Festhalten an den Rechten des Individuums gegenüber dem Zwang 
der Massenbildung. 
[ Beide Formen der neurotischen Charaktere, der Verbrechertyp wie 

j- der Sonderling, fanden zahlreiche literarische Bearbeitungen. Dosto- 

[ jcwskis Dimitri KaramasofF i.st der klassische Vertreter der ersten, Bal- 

zacs Vetter Pons der der zweiten Gattung. Ein heroischer Darsteller des 
Abenteurer- Typs ist die Gondotiiere- Figur Casanovas. Er weist in 
j. einer seltenen Reidihaltigkeit fast alle bezeichnenden Merkmale des neuroti- 

schen Charakters auf. Ein extremer Individualist, allen wehiichen und kirdi- 
r liehen Mäditen trotzend, seine Überlegenheit immer und überall zur Schau 

tragend, ein Fanatiker der Tat, steht er doch unter dem Einfluß eines star- 
ken Strafbedürfiiisses. Seine Aufzeichnungen über seine Verhaftung, wie er 
die Mahnungen seine Freunde, zu fliehen, und die Hilfe seines Gönners 
Bragadino starrsinnig zurückweist und seine Verhaftung geradezu provoziert, 
fassen keinen Zweifel an dem Wirken seines tiefen Strafbedürfnisses. Es 
kommt auch in seinem ständigen Spiel mit der Gefahr während seines gan- 
zen Lebens zum Ausdruck. Er übt auf die heuligen, in ihrer Entwicklungs- 
linie zur Neurose neigenden, auf die Tat und die Ursprünglidikeit der Be- 



\ 



Der neurotische Verbrecher 75 

I friedig-ungen verzichtenden Menschen deshalb eme so faszinierende Wirkung 

aus, weil er handelt, nicht verzichtet und zum Vorkämpfer der individuellen 

! Freiheit der Triebe gegenüber der alles gleichmäßig grau lärbenden Ge- 

rne! nschaftsidee wird. Er bringt einen moralischen Zug in diesen Kampf, 
in dem er sich als den Helden der Freiheit des Denkens gegenüber dem 
tyrannischen Geist der Inquisition und des kiichiichen Aberglaubens auf- 

I fuhrt. Doch auch diese Schlagworte, mit denen er seinen Kampf rechtferti- 

' gzn möchte, helfen ihm nichts gegen das unbewußte Snafbedürfnis. Er muß für 

seine Auflehnung gegenüber den Machrhabern, in denen er wie jeder In- 
dividualist, den ersten Machthaber, den Vater, bekämpii, mit der selbst ver- 
ursachten Gefangenschaft bezahlen. 

in unserer anti individualistischen Zeit sind die Casanova-Gestalten, die 
sich über Staat, Kirche und alle Madithaber auf so dramatische Weise lustig 
machen, nicht mehr häufig. Sie würden auch anachronistisch wirken. Sic 
passen in die Bleikammern des Dogenpalastes eher hinein als in unsere farb- 
losen Staatsgefängnisse. Und ebenso wie die Gefangnisse von heute pro- 
saischer geworden sind, ist auch der moderne neurotische Charakter des 
Abenteurertypus farbloser geworden. Heule ist er theoretischer Oppositions- 
politiker und in einer Partei organisiert. Oder noch häufiger erscheint er auf 
dem Wirtsdiaftsgebiet als Indusirieritter, als rücksichtsloser Verdiener, der 
aber gleichzeitig von demselben Selbstzersiörungsdrang getrieben wird wie 
sein mehr heroischer Vorgänger. Der so häufige Wechsel von finanziellem 
Aufstieg und Zusammenbruch, der für diese Menschen cliaraktenstisch ist. 
ist der Ausdruck der nebeneinander wirkenden aggressiven und selbstzer- 
störenden Tendenzen. 

Jedem wird es jetzt verständlich sein, warum die neurotischen Charak- 
tere die dichterische Phantasie seit jeher so angeregt haben. Es sind ja 
meistens starke Individualitäten, die aber gleidizeitig kollektiv empfinden. 
Sie stellen den ewigen Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft nicht 
wie der Neurotische durch schwer erschließbare innerpsychische Vorgänge 
dar, sondern dramatisch durch ihr manifestes Lebensschicksal. Deshalb sind 
sie geborene Helden, die ein tragisches Schicksal haben müssen. Ihr Unter- 
gang ist der Sieg der Gesellschaft, und der Zuschauer, der ja immer selbst 
jn gleicher Weise innerlich gespalten ist, kann beide Seiten seiner Persön- 
lichkeit — die rebellische und die soziale — durch Einfühlung ausleben. 

Wir kommen zum Ergebnis, daß der neurotische Verbrecher einen 
Sonderfall des neurotischen Charakters bildet, den sein triebhaftes Handeln 
mit den Strafgesetzen in KontKkt bringt. Wir sahen, daß andere Vertreter 
dieser Gruppe in ihrem iädierlichen, isolierenden Sonderlingsdasein eine 
harmlosere, sozial weniger schädliche Abfuhmioglichkejt für ihr triebhaftes 



76 Der neurotische Verbrecher 



Agieren und für die Befriedigung ihres Strafbedürfnisses finden. Bei manchen 
Mensdien ist diese unbewußt bedingte Führung ihres Lebens noch weniger 
deutlich. Häufig kommt das Neurotische nur in der Gestahung ihrer Ehe, in 
dem oft: irrationalen Verlauf ihrer Karriere, in dem anscheinend zufallsmäßigen 
Auf und Nieder ihrer beruflichen Erfolge zum Ausdruck. 

Der neurotische Kriminelle unterscheidet sich von diesen sozial harm- 
loseren Venretern der allgemeinen Gruppe „neurotischer Charakter" nicht 
in irgend einer grundsätzlichen Beziehung, sondern lediglicli darin, daß sein 
neurotisches Agieren in sozial schädlicher Form erfolgt. 

Die zwingende Konsequenz dieser diagnostischen Feststellung besteht 
darin, daß der neurotische Verbrecher ebenso wie jeder neuroiische Cha- 
rakter ein psychoneurotjsch Erkrankter und als solcher heilbar ist 
und darum Anspruch auf eine ärztliche Behandlung hat. Seine Krankheit 
besieht in dem Mißverhältnis zwischen Triebstärke und Kraft der Hemmungs- 
funktion des Ichs und in der geringen Plastizität des Trieblebens. Er ist 
paradoxerweise krank an einer übermäßigen ursprünglichen Gesundheit seines 
Trieblebens, an einer Ursprünglichkeit, die die heutige Gesellsdiaft und auch 
sein Über-Ich in dieser Form nicht dulden können. Jedenfalls aber erfolgt 
sein sozial schädliches Handehi unter dem Einfluß unbewußier Motive, zu 
denen sein bewußter Wille keinen Zugang hat. Seine Bestrafung ist sinnlos, 
welche Bedeutung man audi immer der Strafe beimessen möge. Vom Stand- 
punkte der Vergeltungstheorie fügt man ihm ein Leiden zu für etwas, 
wofür er nichts kann. Abschrecken kann ihn die angedrohte Strafe 
schon deshalb nicht, weil sein unbewußtes Strafbedürfnis die gerichtliche 
Bestrafung begrüßt, oft geradezu aufsucht und weil in dem Sonderfall des 
Verbrechers aus Schuldbewußtsein die Strafe ein Hauptmotiv für die Tat 
bildet. Der soziale Gewinn aus der allgemeinen Abschreckung 
(Generalprävention) ist auch äußerst fragwürdig, weil sehr viele Kriminelle, 
nämhch alle ihre neurotischen Leidensgenossen, aus der Strafe die Mögliclikeit 
ihres neurotisdi-kriminellen Agierens schöpfen. Daß schließlich die Strafe 
diese Menschen auch nicht bessern kann, liegt klar auf der Hand, weil 
ihr bewußter Wille die im Unbewußten ^yirkenden Kräfte nicht bewältigen 
kann. Ihre Bestrafimg ist psychologisch unsinnig und ist sozio- 
logisch schädlich. 

Unabhängig von allen diesen mehr oder weniger theoretischen Er- 
wägungen erweist die Praxis der psychoanalytischen Therapie, daß diese 
konfliktvoUen Mensdien, bei denen die sozial angepaßten Teile der Persön- 
lichkeit mit dem asozialen Teil in einem ähnlichen ständigen Kampfe stehen 
wie bei den Neurosen, häufig, wenn auch nicht immer, heilbar sind. Jeden- 
falls hat die psychoanalytische Kur bei diesen Menschen, deren Triebleben 



11 



Der neurotische Verbrecher 77 



meistens konstitutionell unbelastet ist, besonders große Aussichten. Im Gegeü- 
satz zu dem Neurotischen, der in seiner Neigung zur Introversion einen konsti- 
tutionellen Faktor mitbringt, sind bei diesen Menschen nur die später erwor- 
benen Schichten der Persönlidikeit krank. Das souveräne Gebiet der psycho- 
analytischen Therapie liegt aber gerade hier, sie ist imstande, die patho- 
genen Eindrücke des individuellen Lebens rückgängig zu machen, weniger 
vermag sie, konstitutionelle Anlagen wesentlich zu ändern. 



Perversion und Verbredien 

Die psychologischen Verhältnisse, die für den neurotisdien Verbredier 
eine besondere Beurteilung erfordern, gelten in verstärktem Maße für die 
Perversen. Wenn man den bewußten Willen des Täters als Grundlage 
seiner Verantwordichkeit anerkennt, so bringt uns der Rechtsbrecher 
aus Perversion in eine besondere Verlegenheit. Perverse Regungen sind 
ja bekanntlich nicht durch den verantwortlichen Teil der Persönlichkeit 
beeinflußbar. Die Strafrechtskodifikationen vermengen zwar gern die zahl- 
reichen Fälle von Inzest, des Geschlechtsverkehrs von Mutter und Sohn, 
Vater und Tochter, Bruder und Schwester, unter dem Begriff der SittUchkeits- 
verbrechen mit den Perversionen. Der Inzest wurzelt jedoch in dem natür- 
lichen Sexualtriebe, ist die Realisierung natürlicher sexueller Bestrebungen, 
die jedem Menschen eigen sind und die Grundlagen des Ödipuskomplexes, 
des Angelpunktes aller Sexualentwicklung bilden. Ihr Verbot ist sinnvoll, da 
hier ja von dem Menschen nicht die Änderung des gesamten Inhaltes des 
Triebes verlangt wird, sondern nur die Autgabe der infantilen Objekte. 
Die echten Perversionen, Abweichungen von der Norm des natürlichen 
Geschlechtstriebes, sind jedoch als sexuelles Empfinden praktisch (nicht theo- 
retisch) wie eine Naturtatsache zu bewerten, ähnhch einer körperlichen 
Abnormität, die man durch keinerlei Strafmaßnahmen zu ändern erhoffen 
kann. Die perverse Handlung kann man freilich verbieten, man wird sie 
verbieten müssen, wenn sie, wie bei mandien Sadisten, als solche bereits 
den Tatbesland eines Deliktes darstellt. Für den Perversen aber bedeutet 
dieses Verbot das Gleiche, wie das Verbot sexueller Befriedigungen über- 
haupt. Denn ihm sind ja die Möglichkeiten normaler sexueller Betätigung 
versperrt. Ihm bleibt seiner Anlage nach nur die Möghchkeit einer Sexual- 
befriedigung auf dem Wege der Perversion oder der völlige Verzicht. Daß 
man einem Lustmörder das Ausleben seiner Sexualität in seiner gemein- 
schädlichen Form nidit erlaubt, ist das selbstverständliche Recht der Gesell- 
schaft. Das Gleiche gilt von vielen anderen, weniger extrem gemeinschäd- 



'6 Perversion und Verbrechen 



liehen Perversionen, deren Schädlichkeit aber immerhin genügt, um das 
Gefüge der Gemeinschaft oder die Rechte anderer zu bedrohen. Da der Gesell- 
schaft bis heute kein anderes Mittel zur Verfügung zu stehen scheint, als durch 
Androhung von Strafen hemmend zu wirken, so könnte man versucht sein, 
zu resignieren und zu meinen, es müsse dann eben manchen besonders 
gefahrlichen Perversen die Möglichkeit sexueller Befriedigung mit Gev^-alt 
und Drohung abgeschnitten v/erden. Man könnte sich damit begnügen, 
die Frage, was als gemeinschädlich bekämpft werden muß, und was 
als private Angelegenheit der Perversen angesehen werden kann, mit der 
größtmöglichsten Nachsicht zu behandeln. Die strenge Bestrafung der Sodomie 
oder gar der Versudi des Entwurfs zu einem neuen deutschen Strafgesetz- 
buch, Körperverletzungen auch dann zu bestrafen, wenn sie mit Einwilligung 
des Verletzten erfolgen, sofern sie „gegen die guten Sitten verstoßen", er- 
scheinen als ein unangebrachter Verstoß in das Privatleben ohne einen hin- 
reichend zwingenden soziologischen Grund, als eine unsinnige überflüssige 
Verletzung des Gerechtigkeitsgefühles. 

Diese einfachen Überlegungen werden ungemein verwickelter und 
schwieriger, wenn man den Sinn und die Genese der Perversionen mit 
psychoanalytischem Wissen ansielit. Freud und die psychoanalytische 
Literatur hat sie ausgiebig bchandeh und in zahlreichen Darstellungen auf- 
geklärt. Für unsere Zwecke genügt es, zunächst darauf hinzuweisen, daß die 
Perversionen nichtannähernd indem Maße aus der Erbanlage erklärt 
werden müssen, wie dies die medizinische Wissensdiaft bisher getan hat, daß sie 
sidi vielmehr im allgemeinen unter dem Eindruck pathogener Einflüsse 
entwidceln und nicht als unabänderliche Anlage mit der Geburt mitgebracht 
werden. Vollends bedenklich aber werden wir bei jeder Maßnahme, die wir 
im Interesse der Gemeinschaft gegen die Perversen unternehmen wollen, 
wenn wir aus den psychoanalytischen Untersuchungen erfahren, daß ganz 
allgemein zunächst jede erworbene Perversion aus einer übermäßigen Beein- 
trächtigung des normalen sexuellen Empfindens des Kindes entsteht. Gerade 
die Hemmung der ersten normal gerichteten Sexualstrebungen des Kindes — 
das Verbot des Inzestwunsches — die Grundlage jeder menschlichen Gemein- 
sdiaftsbildung, ist der Ausgangspunkt der perversen Sexualentwicklung. 

Wir wissen, daß ein großer Teil der Perversionen, im wesentlichen nur 
mit Ausnahme der HomosexuaUtät, eine Regression auf prägenitale Organi- 
sationsstufen der Libido bedeutet. Die Angst vor dem Vater, die nadi dem 
TaJionsprinzip des Unbewußten als Kasiraiionsangst ersdieint, treibt den 
Knaben dazu, seinen ersten schwachen, auf die Mutter gerichteten genitalen 
Regungen zu entfliehen und sich in die Regression, etwa auf die sadoma- 
sodiistische Stufe, zu flüchten. An Stelle des triebhaften Wunsches nach dem 



Perversion und Verbrechen 79 



Geschieditsakt tritt dann der Wunsch, Schmerzen zuzufügen oder zu erleiden. 
Neben dieser Regression kommt bei dem kriminalistisch so wichtigen Sadisten 
noch ein zweiter Mechanismus zur Geltung. Seine ursprünglich gegen den 
Vater gerichteten Aggressionen werden auf die Frau verschoben und in sein 
sexuelles Empfinden aufgenommen, das so seinen ursprünglidien Gefühlsinhalt 
ändert und sadistisch verfärbt wird. Um sich vor dem Konflikt mit dem 
Vater zu retten, ist er in die Perversion geflüchtet. Damit entlastet er seine 
Beziehungen zum Vater von dem Halä, muß aber dafür den Inh;üt seines 
normalen Sexualempfindens opfern. Es ergibt sich also die paradoxe Formu- 
lierung, daß der Perverse das Opfer der sozialen Ordnung geworden 
ist, die die Aufgabe des gegen den Vater gerichteten Hasses und der sinn- 
lichen Bestrebungen gegenüber der Mutter verlangt. 

Leider haben Vertreter der psychoanalytischen Wissenschaft zum Falle 
Haarmann keinen Zutritt gehabt. Doch kann man schon aus den wenigen 
Daten über Haarmanns Jugend und Entwicklung verntuten, daß der uner- 
ledigte Vaterhaß, der sich bei Haarmann in ganz ungewöhnlicher Form durdi 
sein ganzes Leben zog, in den Morden durch Verschiebung auf andere Per- 
sonen zum Ausdruck kam.* Ein ähnlicher Mechanismus, allerdings nicht in 
erotisierter Form, beweg Kain, seinen Bruder Abel an Steile des Vaters zu 
töten. Der gewünsdite Vatermord, dessen Ausführung das Über-Ich verbot, 
wird möglich, nachdem an Stelle des Vaters eine vom Über-Ich weniger ge- 
schützte, gleichfalls beneidete Ersatzperson getreten ist. Einen ahnlidien Vor- 
gang werden wir später in dem dargestellten Falle der Frau Lefebvre 
wiederfinden und dabei sehen, welche bedeutende Rolle dieser Mechanismus 
bei vielen neurotischen Morden spielt. 

Es ist hier nicht der Ort, die Theorie aller einzelnen Perversionen zu be- 
schreiben. Wir müssen uns mit dem Hinweis begnügen, daß in der Psydio- 
genese der Perversionen der Ödipuskomplex eine zentrale Bedeutung 
hat, daß die Perversion ein regressives Ausweichen vor den Konflikten der 
ödipussituation ist. Dabei ist die konstitutionelle Stärke der prägenitaien 
Triebe bei der Wahl der Perversion von besonderer Wichtigkeit. 

j) Vgl. Th. Lessing (Haarmann, Berlin, 1925, S. 29): ,Für den Scclenforsdier ist es von 
Widirigkeit, daß sdion der klebe Knabe in dem Vater eine Art Nebenbuhler sah, wcldicn er 
haßte und tot wünsdite. Durdi das ganze Leben zielit sich diese Feindsdiait mit dem Vater. 
Die beiden beschuldigen und bedrolien einander. Der Vater droht, den Solm ins Irrenhaus zu 
bringen, der Sohn will den Vater (wegen eines angeblichen Mordes an seinem LokomotivfTihrer) 
ins Zudithacs setzen. Es kommt immer wieder zu Mißhandlungen und Sdilagereien. Jeder be- 
hauptet, daß der andere ihm nach dem Leben tradite, ihn vergiften wolle, ihn beeiniräditige. 
Zwisdiendurch verbinden sie sich aber auch mal wieder zu gemeinsamen Bclrügereieii oder ent- 
lasten einander vor Gericht. Das Verhältnis Haarmanns zur Mutter dagegen ist von immer 
gleidier Schwärmerei. Sie ist die Einzige, von der er Gütiges zu eraählen weiß und stets mit 
sentimentalen Gefühlen spridit." 



80 Perversion tmd Verbrechen 



Die für unsere Untersuchungen wesentlichste Feststeilung aber ist, daß 
die Handhabung der heutigen Kindererziehung, die Beeinflussung der infan- 
tilen Sexualität durch übermäßige Strenge, durch den Zwang zu über- 
mäßiger Sexualverdrängung, durch Unaufrichtigkeit und Heu- 
chelei, der wichtigste ätiologische Faktor für die Entstehung der Perver- 
sionen ist. Es wird zwar nidit jeder Mensch pervers; daß er es nicht wird, 
ist nicht sein Verdienst, sondern das Verdienst der Erziehung. Ebenso aber 
ist die Entstehung der Perversion die Schuld der Erziehung und nidit des 
Kindes. Schon darum ist es iÜr das Rechtsgefühl unerträglich, den Perversen 
dafür zu strafen, daß er das Opfer falscher Erziehungsanforderungen der 
Gesellschaft geworden ist. Allerdings ist nach Liszt jeder Kriminelle das 
Opfer des Milieus und der Erziehung. Bei der gewöhnlidien Kriminalität ist 
aber der bewußte Wille, auf den eine Einwirkung möghch ist, beteiligt, 
während der Perverse mit seinem Bewußtsein die perversen Sexualtriebe 
nicht ändern kann. Vor allem stehen wir dem sozialen Gefiige der 
heutigen Gesellschaft und ihren Mängeln mehr oder weniger ohnmächtig 
gegenüber, während die Einführung einer auf psychoanalytischem Wissen 
beruhenden hygienisdien Sexualerziehung leichter begonnen werden kann. 
Durch die Unterlassung einer Reform der Sexualerziehung madit sich die 
Gesellschaft an der Entstehung von Perversionen mitschuldig. 

Alle unsere Ausführungen gelten auch für den größten Teil der H o m o- 
se XU eilen, nämlich für jene Homosexualität, die nicht als konstitutionelle 
Anlage anzusehen, sondern im Verlaufe der Kindheitsentwicklung erworben 
ist. Nicht nur wegen der großen Verbreitung der erworbenen Homosexua- 
lität, sondern vor allem wegen ihrer sozialen Bedeutung müssen wir uns 
jedoch näher mit diesem Problem beschäftigen. 

Wenn die übrigen Perversionen, der Sadismus, der Masochismus, der 
Exhibitionismus usw. Regressionen auf frühere Organisationsstufen der Libido 
darstellen, so besteht die erworbene Homosexualität in einer übermäßigen 
Besetzung der gleichgeschlechtlichen Triebanlage des Menschen. Jeder Mensch, 
ja, jedes Lebewesen, ist bisexuell organisiert, doch beruhen die meisten 
Fälle von Homosexualität nicht auf einer angeborenen Stärke der einen 
Quote. Die übermäßige Besetzung der homosexuellen Komponente im Ver- 
lauf der Entwicklung bedeutet vielmehr immer eine Flucht aus dem 
Ödipuskonflikt durch Aufgabe des eigenen Geschlechts. Auch hier 
müssen wir, ohne im einzelnen die teilweise sehr kompHziertcn psychischen 
Mechanismen der Homosexualität darzustellen, auf die ausgedehnte psydio- 
analytische Literatur, besonders die Sdiriften von Freud, verweisen. Die 
fiir die Kriminalistik wichtigen Feststellungen lassen sich wie folgt zusammen- 
fassen. 



Perversion und Verbreclie7i 81 



Die Aufgabe des Vaterhasses führt bei jedem Menschen zu einer Ver- 
stärkung der passiv-femininen Regungen. Im normalen Falle aber werden 
die passiv-femininen Bestrebungen als Einfügung unter die Autorität des 
Vaters desexualisiert und bilden in dieser desexualisierten Form die ersten 
Anfänge der Gesellschaftsbüdung. Die Familie, diese Keimzelle der Gesellsdiaft, 
in der die Sohne zum Vater als dem Führer aufschauen und einander als 
Kampfgenossen und Verbündete empfinden, wird durch die passiv-femininen 
Bestrebungen zusammengehalten. In der desexualisierten, subHmierten Form 
also begründen die passiv-femininen, das heißt die homosexuellen Kompo- 
nenten eines jeden Mensdien, die Solidariiät der Gesellschaft. Freud zeigt 
in seinen massenpsychologischen Untersuchungen („Massenpsychologie und 
Ich-Analyse") die Tatsache, daß die Massenbildung auf zielgehemmter, subli- 
mierter passiver Beziehung zum Vater und dem desexualisierten erotischen 
Zusammenhalt der Brüder beruht. Die Homosexualität als die eine Kompo- 
nente der bisexuellen Organisationen der Menschen ist also in ihrer subH- 
mierten Form die Bedingung, die die Gesellschaft zur Entstehung, zur Ent- 
wicklung bringt und zusammenhält. Man sollte daher meinen, daß die Homo- 
sexualität als sexuelle Perversion, die auf der übermäßigen grob-sexuellen 
Besetzung der homosexuellen Komponente beruht, der Gesellsdiaftsbildung 
ihre Grundlage, die subHmierten Formen der Beziehungen zwischen 
Vätern, Brüdern und Söhnen entzieht oder wenigstens schwächt. Die Gesell- 
schaft erhebt audi tatsächlich Anspruch auf die sublimierten homosexuellen 
Teile der Mensdien, auf denen ihre Existenz beruht, und wittert in der 
homosexuellen Perversion eine Gefahr. Sonst wäre ja nicht zu begreifen, 
warum die Homosexualität nicht als Privatsache erlaubt sein sollte, wie etwa 
der Masodiismus oder die Homosexualllät der Frauen. Sie ist ja nidit ein 
Angriff auf die Rechte anderer, wie der Sadismus, sie ist harmlos und tut 
niemandem etwas Unerwünschtes zuleide. Fällt aber das Bindemittel des 
sozialen Zusammenhaltes zurück in grob-sexuelle Besetzung, so dürfte es 
für die GeseUschaftsbildung verloren gehen. Die grob-sexuelle Bindung ist 
eine Angelegenheit zu zweit und nicht geeignet, Massen zu binden. Sie 
erweckt die Furcht vor der gleichen Korruption, wie sie etwa bei pro- 
miskueller Politik entstehen kann. Wenn die Frau, solange sie hauptsächlich 
Geschleciitswesen war, Zutritt zu allen sozialen Funktionen, zur Regierung 
und zur Leitung der Gesellschaft erhalten hätte und manchmal auch erhalten 
hat, so entstand sofort die Gefahr, daß an Stelle zweckmäßiger Entscheidungen 
die Politik durch sexuelle Bindungen oder grob-sexuelle Bestrebungen be- 
einflußt werden konnte. Die gleidie Gefahr ahnt die Gesellschaft offenbar in 
den Fällen, wo an Stelle der desexualisierten die sinnliche Homosexualität 
tritt. Denn im Kampfe der desexualisierten und der sexuell besetzten Triebe 

Alexandcr-Staub ; Verbtechtr k 



82 Pctz'ersion und Verbrechen 



unterliegen leicht die ersteren unter dem mächtigem Drucke des allen 
Menschen immanenten Lustprinzips. Im Konflikt von Lust und Pflicht siegt 
leicht der grob-aexuelie Trieb, So verstehen wir die Duldung der Homo- 
sexualität bei der Frau, weil diese als gesellschaftsbildender Faktor bisher keine 
erhebliche Rolle gespielt hat. Wie lange die Frau, bei der rapiden Zunahme 
ihrer sozialen Rolle diese Nachsicht noch erfahren wird, ist eine andere Frage. 

Diese theoretischen Erwägungen dürften uns die besondere Ablehnung 
der Homosexualität und die Angst erklären, die die Gesellschaft vor ihr 
empfindet. Die Erfahrung scheint allerdings diesen Befürchtungen nicht recht 
zu geben. Der Durchschnittshomosexuelle mag vielleicht ein typisches Fehlen 
von sozialen Tugenden aufweisen, — an die Stelle versachlichter distanziier- 
ter Beziehungen der Männergesellschaft tritt bei ihm eine mehr persÖnlicli gefärbte 
Sexualmoral, wie sie für das Privatverhältnis von Mann und Frau charakte- 
ristisch), ist. Eine große Zahl von Homosexuellen aber, insbesondere der 
hochstehende intellektuelle Typ, zeichnet sidi durch eine Besondere Subli- 
mierungsfahigkeit aus. Dieser Widersprudi beweist uns nichts weiter, als 
daß der in seiner ursprünglichen Sexualität stark eingeschränkte heutige 
Kulturmensch über ein solches Quantum sozial verwertbarer sublimierter 
Libido verfügt, daß der Verbrauch von gleichgeschleditlidier grobsexueller 
Libido seine soziale Eignung praktisch nicht beeinträchtigt. Man bedenke 
auch, daß der Homosexuelle durcli die Einschränkung seiner ßefi-iedigungs- 
möghchkeiten zu Sublimierungen gedrängt wird. Die allgemeine Achtung 
der Art seiner sexuellen Befriedigung treibt ihn dazu, die Kränkung seines 
Selbstgefühls durch sublimierte produktive Leistungen aufzuheben. 

Die Bedeutung der sublimierten gleichgeschlechtiiclien Tendenzen für die 
Massenbildung läßt uns so vielleicht das unbewußte Hauptmotiv für das zähe 
Festhalten am § 175 verstehen. 

Wenn auch unsere jetzige Kenntnis der Seelenökonomie uns nicht er- 
möglicht zu beurteilen, ob die Homosexualität bei übermäßiger Verbreitung 
zu einer berechtigten sozialen Sorge werden konnte, so ist eines jedenfalls 
sicher: ihre Bestrafung ist sinnlos und ungerecht. Nicht die 
Bestrafung des Erwadisenen, sondern die Einwirkung auf das Kind 
ist hier die allein mögHche Maßnahme. Die Homosexualität ebenso 
wie alle anderen Perversionen sind Erziehungsprobleme, nidit Fragen 
des Kriminalrechts. Die Perversen sind Opfer ihrer Inzestscheu, 
unterlegen bei ihrem Versuche, dem Ehernkonllikt zu entrinnen, sie sind 
die sichtbarsten Opfer der von der Gesellschaft geforderten Sexualverdrän- 
gung. Freiheit für das normale sexuelle Empfinden, Verständnis für die An- 
forderungen und die Entwicklung dieses mäditigsten Triebes der Menschen, 
die Änderung der sexuellen Atmosphäre in der Familie, eine psychoanalytisch 



Perversion und Verbrechen 83 



geschulte Erziehung sind die alleinigen Mittel zur Bekämpfung der Perver- 
sionen. Der Versudi der Gesellschaft, ihre eigenen Fehler an den Opfern zu 
rädien und zu strafen, ist grausam, unnütz und unz wedemäßig. Die Homo- 
sexualität des Erwachsenen kann man nur dulden, weil man, abgesehen von 
den durch Prychoanalyse heilbaren Fällen, nichts anderes mit ihr anfangen 
kann, weü alle anderen Maßnahmen zwecklos sind. Das ewig angeführte 
Argument, sie verführe die Jugend, ist nur von geringer praktischer Be- 
deutung. Gegenüber der Macht und der Lustbedeutung der normalen Sexual- 
betätigung kommt die Verführung durch Homosexuelle nur in geringem 
Umfange und fast nur dort in Frage, wo ohnehin die psychischen Grund- 
lagen für die Homosexualität bereits vorhanden sind. Der Sdiaden aber, den 
das Verbot der Homosexuahtät anrichtet, ist um so größer. Denn das Ver- 
bot steigert die versteckte Inzestbedeutung des homosexuellen Aktes, es 
wirkt also, wie alles Verbotene, eher anziehend und fördernd als ab- 
schreckend. 

Di e_ angeborene _^enuine Homosexualität ist von relativ untergeordneter 
Bedeutung. Ihr stehen wir ebenso wie allen unabänderlichen Tatsachen der 
biologischen Konstitution machtlos gegenüber. 

Es bleibt als zweckmäßigste Maßnahme nur übrig, die Perversion 
des Erwachsenen zu dulden, die übermäßig Gemeinschäd- 
lichen zu isolieren und im übrigen durch eine vernünftige psycholo- 
gisch richtige Erziehung der Jugend, durch Abbau der Ver- 
drängung normaler S e xuali rät vorbeugend zu wirken. Den kon- 
fliktvollen Perversen, die ihre Neigung als Krankheit empfinden, 
kommt die psychoanalytische Therapie in weitem Umfange zu Hilfe. 

Eine psydioanalytisdie Kriminaldiagnostik 

CSdiematisdie Zusammenfassung der kriminellen Handlungen) 

Nachdem wir in unseren bisherigen Darlegungen versucht haben, die 
psychologischen Bedingungen zu beschreiben, unter denen eine kriminelle 
Handlung emsteht, wollen wir nunmehr in einer kurzen Zusammenfassung 
die Verwertbarkeit unserer Einsichten für die praktisclie Kriminologie dar- 
stellen. Die Untersuchung der Frage der Zurechnungsfahigkeit ergab, daß 
dieser juristisdie Begriff zweckmäßig durch eine Kriminaldiagnostik ersetzt 
werden sollte, die auf der Feststellung des Beteiligungsgrades des bewußten 
Ichs und des Unbewußten an der Tat beruht. Wir haben die Kriminahtät 
ausschließlich von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, der sich in der fol- 
genden schematischen Übersicht darstellen laßt. Wir unterscheiden: I) Kri- 

6* 



84 £(71^ psyclwanalyiische Krim iua Idiagnosl i k 

minelle Handlungen kriminell affizierter Mensdien (Chronische Kriminalität). 
Es sind dies Menschen, die auf Grund des Aufbaues ihres seelischen Appa- 
rates zu kriminellen Taten neigen. II) Kriminelle Handlungen von nicht 

kriminellen Menschen (Akzidentelle Kriminalität). 

1) Chronische Kriminalität: Diese Gruppe läßt sich je nach 
dem Beteiligungsgrade des Idis an der Tat in folgende diagnostische Einheiten 
aufteilen ; 

a) Kriminelle Handlungen, bei denen auf Grund von toxi- 
sch e n oder anderen organisch-pathologischen Vorgängen die 
Funktion des Ichs weitgehend beeinträditigt oder ausgeschaltet ist. Hierher 
gehören alle die Falle, die von der Rechtswissenschaft und der forensisdien 
Medizin als unzurechnungsfähig bezeichnet werden. Der Beteiligungsgrad des 
Idis an der Tat kann in solchen Fällen bis zum Nullpunkt sinken (Imbezille, 
organisch Geisteskranke, Alkoholiker und andere Süchtige). Natürlich kann 
ein toxischer Zustand mutwillig zum Zwecke der Ausschaltung der Hem- 
mungsinstanzen vom Täter herbeigeführt: werden, und wieder in anderen 
Fällen z. B. bei Süchtigen ist er die Folge und Äußerung einer schweren Neurose. 
So wird man also nur einen Teil der im toxischen Zustand begangenen Delikte 
in diese Gruppe auinehmen können. Die Intoxikation ist oft nur die un- 
mittelbare Ursache der Tat, die wirkliche Grundlage ist jedoch in der 
Neurose des Täters zu sudien. In solchen Fällen ist die Intoxikation und 
die Tat die sekundäre Folge der Neurose, der Tätei' gehört also in die 
Klasse der neurotischen Kriminellen. 

b) Neurotisch bedingte kriminelle Handlungen. 

Diese Handlungen sind in erster Linie durch unbewußte Motive bedingt, folglich 
kann der bewußte Teil der Persönlidikeit zu diesen ihm unzugänglichen 
Motiven keine Stellung nehmen. Zur Ausführung der Tat wird das Ich 
durch besondere neurotische Mechanismen gewonnen, die die Abhängigkeit 
des, Ichs vom hemmenden Einfluß des Über-Ichs lockern oder das Ich durch 
Verhüllung des eigentlichen Sinnes der Tat über die wahren Motive täu- 
schen. Je nach den Mechanismen, die bei der Tat in der Hauptsache wirk- 
sam sind, unterscheiden wir : 

Die Zwangs- oder Symptomdelikte (Kleptomanie, Pyromanie, 
Pseudologie). Diese stehen dem neurotischen Symptom am nächsten, der 
zwanghafte Impuls erscheint als Fremdkörper im Ich, sinnlos und isoliert 
von den übrigen Bewußtseinsinhalten. Das Idi wird in diesen Fällen von 
den unbewußten Tendenzen überwältigt. 



^i 



I' 



Eine psychoanalytische KrimiKaldiagnostik 85 

Neurotisches kriminelies Agieren mit Beteiligung der Ge- 
samtpersönlichkeit. Das Ich wird durch Leidensmechanismen oder durch 
Rationalisierungen, meist durch beides, zur Tat verleitet. 

Die Leidensmechanismen entsprechen entweder einem neurotischen 
Vorgang — reales Leiden wird zwecks moralischer Befreiung aufgesucht — 
oder sie haben einen mehr psychotischen Charakter — das Leiden 
wird durch Schuldprojektion phantastisch erlebt. 

Die Rationalisierungen, die auch der Gesunde tägHch im Leben ver- 
wendet, bedeuten eine quantitative Verfälschung der psychischen Dynamik, 
eine Überschätzung der ichgerechten bewußten Motive, um die Tat mit 
dem Gewissen in Einklang zu bringen. 

Einen extremen Fall des neurotischen Agierens bildet der Verbrecher 
aus Schuldgefühl, der die Tat ausführt, um ein präcxistcntes Schuldgefühl an 
ein reales, relativ harmloses Vergehen anzuknüpfen. Wie überall wirken auch 
hier mehrere Mechanismen {Verhüllung des Sinnes und Aufsuchen von Leiden) 
zusammen. Unsere schematisdie Unterscheidung trifft wie jede Schemati sierung 
nur die Grenzfalle, in denen einer der beschriebenen neurotischen Mechanismen 
eine überragende Rolle spielt. 

c) Kriminelle Handlungen der normalen nicht 
neurotischen Verb reell er mit kriminellem Über-Ich, 

Wir begnügen uns damit, zusammenfassend zu wiederholen, daß diese Mensdien 
einer besonderen Gemeinschaft mit eigener, von der herrschenden abweichender 
„Verbrechermoral" angepaßt sind. Ihre ganze Persönlidikeit identifiziert sich 
daher mit der Tat. Man könnte sagen, ihre asoziale Tat ist ichgerecht und über- 
ichgeredit. Hierher gehören manche Vagabunden, Bettler, Bandenführer (Pri- 
mat des Lustprinzips), Berufsverbrecher, w^ie Taschendiebe, Einbrecher, 
Hehler. 

d) Als gedachter Grenzfall erwähnt sei der genuine Verbrecher, 
der sozial überhaupt nicht angepaßt, auf der Naturstufe des Urmenschen 
stehend, seine Urtriebe unmittelbar in die Tat umsetzt, von keiner inneren 
Instanz gezähmt, lediglich gehemmt durch den Widerstand der äußeren 
Realität, durch die reale Angst vor Repressalien (der Mensch ohne Über-Ich). 
So paradox es audi klingen mag: von dem reinen Vertreter dieser nur 
theoretisch abgegrenzten Gruppe, dessen reale Existenz uns fraglich erscheint, 
unterscheidet sich der durchschnittliche Normalmensch nur quantitativ. Die 
meisten Menschen unterlassen, wie bereits erwähnt, ^gewisse asoziale Hand- 
lungen nur aus Realangst, nicht aus inneren moralischen Hemmungen. Eine 
so weitgehende Anpassung an die Anforderungen der Sozietät, die in einer 
Änderung innerhalb des seelischen Apparates besteht — Aufrichtung eines 



°^ Eine psychoanalytische Knminaldiagnostik 



im Sinne der Sozietät modifizierten automatisch arbeitenden Hemmungs- 
apparates — erfolgt ja nur in gewissen Beziehungen zur Sozietät. Die ältesten 
Gesetze der Gesellschaft, die offenbar die Grundbedingungen jeder Gesell- 
schaftsbildung sind, dasVerbot von Ehernmord und Inzest, des Kannibalismus, sind 
bereits innere, von äußeren Repressalien unabhängig wirksame Gesetze ge- 
worden. Es sind dies fast die einzigen Verbote, die auch ohne Polizei im all- 
gemeinen befolgt werden würden. Alle anderen Hemmungen gegenüber asozialen 
Tendenzen, die im Laufe der individuellen Entwicklung erworben und mehr oder 
weniger von der gerade herrschenden Moral und Sitte abhängig sind, sind in ihrer 
inneren von äußeren Verboten unabhängigen Wirksamkeit schon recht labil. 
Sie bedijrfen der Unterstützung durch äußere Angst vor RepressaHen. Selbst 
das Morden ist durch innere Hemmungen im allgemeinen noch nicht so 
unterbunden, daß es nidit unter Umständen, wie dem Soldaten, anbefohlen 
werden könnte. Vatermord oder gar Kannibalismus würden die meisten 
Menschen wegen ihrer inneren Hemmungen selbst auf Kommando nicht mehr 
ausführen können. 

Die Kriminalität ist also eine allgemein menschliche Erscheinung und 
wird fast nur durch das Zusammenwirken von Gewissensangst und Realangst 
eingedämmt. Und so beschränkte sich unsere Aufgabe auf die Erforschung der 
Bedingungen, die dafür verantwordich sind, daß beifgewissen Mensclien oder 
in gewissen Situationen das Zusammenwirken von Realangst und Gewissens- 
angst nicht ausreicht, um die asoziale Tat zu verhindern. 

11) Akzidentelle Kriminalität. Diese zweite Haupigruppe 
zerfälk in zwei Arten von Aktualdelikten : 

a)DieFelilleistungsdelikte. (Fahrlässigkeit.) Durch ander- 
weitige Inanspruchnahme des Ichs kann eine unbewußte kriminelle Tendenz 
akut zum Durchbruch gelangen. Das Idi verwirft die Tat in vollem Umfange. 

h) Die Situationsdelikte. Durch die Besonderheit einer Situa- 
tion entsteht eine Affektentwicklung, die als Ursache emer singulären kriminellen 
Tat von jedem Einzelnen verstanden und verziehen wird. Zur Psychologie 
solcher Fälle sei daran erinnert, daß es sich immer um eine reale Leidens- 
situadon handelt, welche das Gerechtigkeitsgefühl so stark verletzt, daß die 
hemmende Macht eines sonst gut funktionierenden Über-Ichs gegenüber der 
Tat außer Kurs gesetzt wird. 



Diese kursorische Übersicht über die verschiedenen Formen der Krimi- 
nalhät soll ungefähr zeigen, wie wir uns die Kriminaldiagnostik als Grund- 
lage einer künftigen Kriminaljustiz denken. Die Hauptaufgabe des künftigen 



Eine psychoanalytische Kriminaldiagnostik 87 



p sy eil oanaly tisch vorgebildeten Richters wird darin bestehen, den Täter nicht 
mehr in die entsprechenden Paragraphen, sondern in die entsprechende 
psychologische Kategorie richtig einzureihen. Die zu ergreifenden 
Maßnahmen, die freilich nicht mehr in sinnloser, willkürlich arithmetisch ab- 
gestufter Einsperrung bestehen werden, leiten sidi zwanglos aus dieser 
diagnostischen Feststellung ab. Die erste Gruppe der chronischen Kriminalität 
auf Grund von toxischen oder anderen organisdi-pathologischen Vorgängen 
gehört in die Hand des Arztes, der neurotische Kriminelle in die des psycho- 
analytischen Therapeuten. Der Kriminelle mit kriminellem Über-Ich stellt 
uns vor ein mehr pädagogisches Problem. Besonders bei Jugendlichen wird 
eine geeignete prophylaktische und erzieherische Beeinflussung der Über-Ich- 
Entwicklung im Sinne von Aichhorn'^ die Bildung eines kriminellen Über- 
Ichs verhindern oder redressieren können. 

Daß man im übrigen unabhängig von der Behandlung alle chronisch- 
gemeinschädlichen Kriminellen für die Dauer ihrer Gemeinschädlichkeit wird 
internieren oder sonstwie verwahren müssen, ist selbstverständlich. 

Die Bestrafung der akzidentellen Kriminalität ist überflüssig und zwecklos. 
Die in allen Kuhurstaaten vorhandenen, übrigens leicht ausbaufähigen zivil- 
rechthchen Bestimmungen über Schadenersatz und die Einführung eines 
Arbeitszwanges im Dienste der Wiedergutmachung dürften audi bei den 
normalen Kriminellen fast immer dazu ausreichen, um dem Gerechtigkeits- 
gefühl und gleichzeitig dem Gedanken der Abschreckung genügend Rechnung 
zu tragen. 



i) Vgl. A i c h h r n, Die verwahrloste Jugend (Internat. PsA. Bibl., Bd. XIX). Wien 1935. 



ZWEITER TEIL 

EINIGE KRIMINALFÄLLE IM LICHTE 
DER PSYCHOANALYSE 

Methodologische Vorbemerkungen zur Analyse von 

Kriminalfällen 

Die psychoanalytische Bearbeitung eines praktischen Kriminalfalls bietet 
andere Schwierigkeiten, als die Aufklärung einer Neurose. Der neurotisch 
Erkrankte, der sich zum Arzt begibt, um von dem Leiden der Neurose 
befreit zu werden, ist ungleich bereiter, diesem Arzt, den er als seinen Ver- 
bündeten empfindet, sein bewußtes und unbewußtes Material preiszugeben, 
als der Kriminelle gegenüber den Vertretern der Justiz. So beruht die Be- 
ziehung des Angeklagten zu seinem Verteidiger im allgemeinen auf einer anderen 
psychologischen Grundlage als die des Patienten zum Arzt. Beide suchen 
zwar Hilfe, aber Hilfe verschiedener Art. Der analytische Patient weiß, daiä 
der Arzt ihm nur helfen kann, wenn er selbst durch Mitteilung seiner Ein- 
fälle hieran mitarbeitet. Der Angeklagte dagegen verlangt von seinem Ver- 
teidiger die Erzielung eines praktischen Erfolges und ist oft keineswegs davon 
überzeugt, daß dieser Erfolg am besten durch Preisgabe der objektiven Wahrheit 
erreicht werden kann. Also erfährt der Verteidiger vom Angeklagten nicht immer 
die reine Wahrheit, sondern oft eine Darstellung, die so gefärbt ist, wie der 
Angeklagte glaubt, seinen praktischen Interessen am besten zu dienen. Eine 
Änderung dieser Sadiiage könnte, wie F e r e n c z i ' bereits zutreffend hervor- 
hebt, nur eintreten bei einem auf medizinisch psychologischer Einstellung 
aufgebauten Kriminalverfahren. Nur, wenn der Delinquent wüßte, daß nicht 
eine Strafe oder irgendeine Leidensreaktion ihm drohe, sondern daß man 
ihn verstehen und ihm helfen wolle, würde seine Situation der des Kranken 
in der Psychoanalyse ähnlicher werden können. Heute fehlen noch alle Vor- 
aussetzungen hierfür. Und selbst wenn ein Angeklagter sich seinem Ver- 
teidiger und den Gerichtspersonen wirklich offenbaren wollte, fehlen nodi 
immer alle methodologischen Grundlagen für die Anwendung der klassischen 
Analyse als diagnostisches Verfahren. Die seelische Spannung vor dem Urteils- 
spruche ist der Methode des freien Assoziierens nicht günstig. 



]) A pszidioanali'zis es a kriminaliläs, Zeitschrift .Szizctdunk", Budapest, Mai 1928. 



Vorbemerkungen zur Analyse von Kriminaifä llen 89 

Natürlich fallen alle diese Bedenken nach dem Urteilsspruch fort, be- 
sonders wenn der Angeklagte sidi nicht mehr in Haft befindet. Hierbei 
kommt aber hindernd in Betracht, daß beide Rechtsfolgen des Urteils, die 
Freisprechung sowohl wie die Verurteilung, nicht besonders geeignet sind, 
den Kriminellen der Analyse gefugig zu machen. Auch in unserem Falle, den 
wir zunächst beschreiben wollen, hat der Angeklagte nach seiner Freilassung 
die ihm in Aussicht gestellte Gratis- Analyse und die wirtschaftlidie Hilfe 
zurüdtgewiesen, da er glaubte, eine solche Wohltat nicht annehmen zu 
können. Ein Verbrecher aus Schuldgefühl kann die Hilfe des Verteidigers, 
die der Befriedigung seines Straf bedürfiiisses geradezu entgegenwirkende 
Wohltat, nicht akzeptieren. Sein unbefriedigtes Straf bedürfiiis treibt ihn im 
Gegenteil zu neuen Versuchen, ins Gefängnis zu gelangen. 

Ahnhche Erwägungen veranlaßten Ferenczi (a. a. O.) an der An- 
wendbarkeit der Psychoanalyse für Fälle, die noch vor dem Gericht stehen, 
zu zweifeln. Wenn Ferenczi hierbei nur an die psyclioanaly tische Therap ie 
denken würde, so würden wir ihm beistimmen. Denn die Atmosphäre des 
heutigen Gerichtsverfahrens macht tatsächlich die für die Kur erforderhche 
Aufridiiigkeit unmöglich. Ferenczi meint aber, daß auch das analytische Ver- 
ständnis des vor Gericht stehenden Täters unmöglich sei. Die von uns mit- 
geteilten Fälle, die vor dem Urteilsspruch analytisch aufgeklärt werden 
mußten, werden vielleicht eine theoretische Diskussion hierüber über- 
flüssig machen. Überdies möchten wir daran erinnern, daß die Ziel- 
setzungen der Therapie andere sind als das Verstehen der seelischen 
Motive einer Tat und der Persönlichkeit des Täters. Aucii in der psydio- 
analytischen Therapie hat der Analytiker nach kurzer Zeit, manchmal bereits 
nach einigen Sitzungen ein Bild über den wesenthchen Inhalt über die Struktur 
und Genese einer Neurose, ohne dieses Wissen schon therapeutisch verwertai 
zu können. Der besonderen seehsdien Einstellung des Delinquenten vor 
Gericht kann das psychoanalytische Wissen Rechnung tragen. Das Verhalten 
des Angeklagten, sein Leugnen, sein Geständnis, die Art und der Inhalt 
seiner Rationalisierungen können psychoanalytisch verwertet werden. Über- 
haupt verrät die Beobachtung des Rechtsbrechers während der schicksal- 
sdiweren Stunden der Gerichtsverhandlung dem Psychoanalytiker oft mehr 
über sein Unbewußtes als manche leeren Wodien einer sdiwierigen Analyse. 
Die dramatisch konzentrierten Äußerungen des Unbewußten vor 
und während der Gerichtsverhandlung, wie das mit unerbittlicher Gesetz- 
mäßigkeit waltende Strafbedürfnis in dem an erster Stelle beschriebenen 
Falle, wiegen in ihrer Überzeugungskraft und Tiefe oft die mehr episch 
protrahierte Darstellung des Unbewußten durch freies Assoziieren wäh- 
rend der Kur reichhch auf. Der Angeklagte führt uns durch die Tat und 



"0 Vorbemerkungen sitr Analyse von Krimtmlfällen 



sein Agieren gegenüber der Staatsgewalt ein Stück seiner Analyse plastisch 
vor Augen. 

Dem analytisch vorgebildeten Verteidiger gelang es überdies zuweilen, 
ein Vertrauensverhältnis zum Delinquenten herzustellen, das die Übertragung 
des Patienten zum Arzt hinsichthch der Gewinnung von unbewußtem Material 
gleichwertig war. 



Ein Verbredier aus Sdiuldgefühi 

Audi im vorliegenden Falle verdanken wir das Material dem guten 
Vertrauensverhältnis des Angeklagten zu seinem Verteidiger, das der positi- 
ven Übertragung der analytischen Situation entspricht. Trotzdem bleibt es 
aus den mitgeteilten Gründen recht mangelhaft. Insbesondere das verdrängte 
infentile Material, das nur durch methodische freie Assoziation zugänglich 
gemacht werden kann, läßt sich nur aus Andeutungen rekonstruieren. Wenn 
also die Ätiologie des Falles therapeutischen Ansprüchen nidit genügen mag, 
so reichen die gewonnenen Einsichten doch für das psychologische Verständnis 
der unbewußten kriminellen Mechanismen aus. 

Ein 34jähriger Intellektueller — wir wollen ihn Bruno nennen 

war wegen versdiiedener kleiner Diebstähle zu über 1 Jahr Gefängnis ver- 
urteilt worden. Er appellierte an die höhere Instanz, einer der Autoren über- 
nahm seine Verteidigung und fand ihn in der Untersudiungshaft in einem 
guten seelischen Gleichgewicht und fest vergnügten Zustand vor. Es stellte 
sich bald heraus, daß es sich nicht um gewöhnliche Diebstähle handeln 
konnte. Seine Taten standen weder mit seiner sozialen Stellung noch mit 
seinen übrigen Lebensumständen im Einklang. Er war jahrelang in Universi- 
tätskliniken auf Grund eines gefälschten Diploms, aber solider ärztlicher 
Kenntnisse als Chirurg tätig gewesen, von den Leitern der Kliniken beson- 
ders geschätzt und anerkannt, auch theoretisch wissenschaftlidi und in Labo- 
ratoriumsuntersuchungen erfolgreich. Er hatte einige wissenschaftliche Origi- 
nalarbeiten publiziert. 

Schon im Verlaufe seiner ärzdichen Tätigkeit in einer Hauptstadt Mittel- 
europas hatte er ärztliche Bücher in einer Buchhandlung gestohlen, sie sofort 
in einer anderen, in der Nahe liegenden Buchhandlung zum Kauf angeboten, 
ohne die darin befindliche Enkette des Verkäufers zu entfernen. Dies fiel 
auf, er wurde ersucht, noch einmal wiederzukommen, und entfernte sich 
unter Zurücklassung seines vollen Namens nebst Adresse. Natürlich wurde 
die Tat entdeckt, er festgenommen, und es stellte sich hierbei heraus, daß 
er gar kein Arzt und sein Diplom gefälscht sei. 



Ein Verbrecher aus Schuldgefühl 91 

Dieser Diebstahl erscheint, wie alle seine sonstigen Straftaten, als ge- 
wöhnlicher Diebstahl unmotiviert. In der Buchhandlung, in der er die Bücher 
entwendete, war er seit Jahren als treuer Kunde bekannt, hatte genügend 
Kredit, um jedes Buch kaufen zu können, befand sich auch in guter Ver- 
mögenslage, da er kurz zuvor eine gut bezahlte Assistentenstelle an einer 
gynäkologischen Universitätsklinik erhalten hatte. Er wurde einige Zeit nach 
seiner Verhaftung wegen der Geringfügigkeit der Delikte bei Fortdauer des 
Strafverfehrens entlassen und begab sich, mit einigen Mitteln versehen, nadi 
Berlin, wo er unter seinem riditigen Namen in einem Hotel abstieg. Bald 
nach seiner Ankunft ging er im Klinikenviertel in mehrere medizinisdie 
Buchhandlungen, entwendete dort verschiedene ärztliche Bücher, trug sie, mit 
der Etikette des Verkäufers versehen, in treuer Nachahmung des früheren 
Verhaltens in eine andere Buchhandlung in der Nähe und bot sie dort zum 
Kauf an. Er fiel auf, wurde gebeten, noch einmal wiederzukommen, hinter- 
ließ Namen und Adresse und wurde verhaftet. 

Als ihm der Polizeikommissar nach Aufiiahme eines Protokolls in Aus- 
sicht stellte, daß man ihn wegen der geringfügigen ßüdierdiebstähle vor- 
läufig freilassen werde, erklärte er dem Beamten, er habe auch nodi in 
einem optischen Geschäft Teile eines Mikroskops gestohlen. Auch deshalb 
wollte man ihn noch nicht in Haft behalten. Daraufhin gestand er der Polizei, 
daß er auf der Reise nach Berlin in Leipzig ausgestiegen sei und in einer 
Ausstellung mehrere kleine Porzellanfiguren entwendet habe. Als er diese 
Gegenstände vorzeigte, wurde er endlich in Haft genommen und in das 
Untersudiungsgelangnis eingeliefert. Dort fühlte er sich wohl und erlelditert, 
hatte nur die eine Sorge, in den Besitz medizinischer wissenschaftlicher 
Bücher zu kommen, und studierte mit großem Eifer. Während seiner Haft 
schien ihm eigentlich nichts zu fehlen, er war glücklich und zufi-ieden, führte 
sich ausgezeichnet auf, suchte mit dem Gefängnisarzt, der sein medizinisches 
Wissen und Können zuerst mißtrauisch betrachtete, dann offeu bewunderte, 
in Kontakt zu kommen und ihm in seiner Gefängnisarbeit zu helfen. Es 
war dem Verteidiger bald klar, daß es sich hier unmöglich um aus bewuß- 
ten Motiven erklärbare Straftaten handeln konnte, sondern daß ein typischer 
Fall neurotischen Agierens vorlag. Selbst einem nicht tiefen- psychologisdi ge- 
sdmlten Kriminahsten mußte das anscheinend Irrationale im Verhalten Brunos 
auffallen. Seine Handlungen waren offenbar darauf angelegt, ihn ins Ge- 
fängnis zu bringen. Die Ausführung der Taten läßt so sehr alle Vorsicht 
und jeden Versuch, ihre Entdeckung zu verhindern, vermissen, sie sind im 
Gegenteil so vorgenommen, daß sie entdeckt werden müssen, daß sie nur 
aus dem unbewußten Drang, bestraft zu werden, erklärt werden können. 
Bei diesen Taten koimte er ja nichts gewinnen, nur verlieren. Sein Ver- 



92 Ei» Verbrecher aus Schuldgefühl 



halten bei der Polizei in Berlin, wo er solange unentdedete Straftaten ein- 
gestand, bis er endlich seine Freilassung unmöglich gemadit hatte, zeugt ein- 
deutig für das Wirken seines Strafbedürfnisses. 

Als nächstes Problem drängt sich uns die Frage auf, aus welchen 
Quellen wohl dieses unerbittliche Strafbedürfiiis herstammen möge. Wenn 
wir annehmen, daß seine Delikte aus dem unbewußten Drang stammen, sich 
Schaden zuzufügen, so könnte man meinen, dieses Sirafbedürfhis sei eine 
Reaktion auf die Benutzung des gefälschten Arztdiploms, zumal ja die ersten 
Bücherdiebstähle zur Zerstörung dieser erschlichenen Karriere gefuhrt halten. 
Seine Lebensgesdiichte wird uns jedoch darüber aufklären, daß die so offen- 
bar mit seinem Arztberuf verknüpften Schuldgefühle auf einer früheren und 
tieferen Grundlage beruhen. 

Seine erste Straftat beging er im Aher von etwa siebzehn Jahren im 
Kadettenkorps, wo er zum Offizier ausgebildet werden sollte. Er stahl in 
der Kantine in Gegenwart der Aufsichtspersonen einige Süßigkeiten. In seinen 
eigenen Aufzeichnungen nennt er das ein schweres Vergehen, das er sich habe 
zuschulden kommen lassen, und das mit Recht seine Ausschließung aus dem 
Kadettenkorps nach sich gezogen habe. In Wirklidikeit sollte er nur mit 
einer Hausstrafe diszipliniert werden. Er zog jedoch daraufhin vor, aus dem 
Kadettenkorps zu fliehen und wurde deswegen ausgeschlossen. Eine Andeutung 
über die tieferen Ursachen seiner Schuldgefühle erhalten wir hier aus dem 
Umstände, daß die Tat geschah, unmittelbar nachdem seine Mutter in 
schwangerem Zustande ihn besucht hatte. Er erzählte seinem Verteidi-^er, er 
habe sich wegen dieser Schwangerschaft furditbar geschämt und das Gefühl 
gehabt, alle Leute zeigten mit Fingern auf ihn. 

Diese seine erste Tat ist ein klassischer Fall des Verbrediens aus Schuld- 
bewußtsein. Er fühlt sich schuldig für die Schwangerschaft seiner Mutter, 
da er sich ja in seiner unbewußten Phantasie für deren Urheber häU, und 
will die hieraus stammenden Schuldgefühle durch eine relativ harmlose Hand- 
lung, die ihm eine Bestrafung einbringen soll, auflieben. Das geringfügige 
begangene Delikt empfindet er deshalb als so scliwer, weil es ja der 
Befriedigung des Straf bedürfhisses für den viel schwereren verdrängten 
Wunsch dient und von diesem einen Teil seiner Affektbesetzung übernimmt. 
Eine Erinnerung seiner fi-üheren Jugend gibt uns darüber Aufschluß, warum 
er gerade den Diebstahl von Süßigkeiten dazu benutzt, die Strafe zu provo- 
zieren. Ein strenger, nach puritanischen Sitten erziehender Vater — ein 
höherer Staatsbeamter — hatte den Verbrauch von Zucker durch den jungen 
Bruno peinlichst kontrolliert. Er erzählt, noch heute verbittert, wie der Vater 
strengstens darauf geachtet habe, daß er nur e i n Stück Zucker in Tee oder 
Kaffee nahm, daß die Mutter ihm zwar heimlich erlaubte, auch ein zweites 



Ein Verbrecher aus Schitldgefühl 93 



Stück zu nehmen, dalä der Vater aber, wenn er dies merkte, ihn mit einer 
Peitsche geprügelt habe. So wurde für ihn der Genuß von Süßigkeiten zum 
Symbol einer vom Vater verbotenen heimlichen Beziehung zur Mutter, deren 
Entdeckung eine Strafe zur Folge hatte. Es soll noch daran erinnert werden, 
daß nach den psychoanalytischen Erfahrungen Zucker und Süßigkeiten als 
Ersatz für die Muttemiildi und so als Symbol für die Mutterliebe überhaupt 
empfunden werden. Die Vorliebe für Süßigkeiten entspridit der oralen 
Fixierung an die SäugUngssituation, der ersten sinnlidien Lustbeziehung des 
Kindes zur Mutter. 

Diese erste Straftat in der Kadettenschule enthält die beiden von 
Freud festgestellten Merkmale des Verbrechens au.s Schuldbewußtsein : die 
Tat wird ausgeführt, weil sie verboten ist und zu dem Zwecke, um ein aus 
dem Ödipuskomplex stammendes präexistentes Sdiuldgefühl an ihre Aus- 
fuhrung anzuknüpfen und durch Erleiden der Strafe zu mildern. Das mani- 
feste Delikt verhüllt die eigenthch gemeinte ödipustat. 

Wie weit seine Schuldgefühle in die Kindheit zurückreichen, zeigt seine 
infantile Neurose, eine Phobie, die in seinem fünften Lebensjahr aus einem 
plötzlichen Anlaß entstand, Er ging mit seiner Mutter zur Stadt, um seinen 
Vater abzuholen. Zwei scheu gewordene Pferde, die ihnen entgegenrannten, 
erschreckten ihn so sehr, daß er jahrelang Angst hatte, auf die Straße zu 
gehen. Diese übermäßige Reaktion läßt sich nadi den psychoanalytischen Er&h- 
rungen leicht aus dem Schuldgefühl erklären, das in dem kleinen Begleiter 
seiner Mutter aus dem Wunsche wach geworden war, möglichst lange mit 
der Mutter allein und ohne den Vater zu bleiben. Die Szene mit den 
Pferden, die wütend auf ihn zurannten, konnte nur deshalb diese übermäßige 
neurotische Reaktion auslösen, weil sie den Knaben in dieser Kon- 
fliktsituation traf. In dem Augenblick, wo er tagträumend dachte : „Ich möchte 
immer allein mit der Mutter sein, der Vater soll nicht kommen", erschienen 
plötzhch die wildgewordenen Pferde, nach Art infantiler Tierphobien als 
Vertreter des totgewünschten rächenden Vaters. 

Es ist bemerkenswert, wie es ihm wirklich gelang, die Bagatelle im 
Kadettenkorps zu einem wichtigen Ereignis seines Lebens zu gestalten. Er 
erzwingt durch einen gespielten Selbstmordversuch die Verzeihung seiner 
Eltern und darf wieder in eine höhere Schule, aus der er wegen verschie- 
dener Kindheitserkrankungen auf Anraten des langjährigen Hausarztes ge- 
nommen worden war. Dieser Arzt scheint überhaupt eine verhängnisvolle Rolle 
in seinem Leben gespielt zu haben. Er war es, der den firühzeitig vom Knaben 
geäußerten Wunsch, das medizinisdie Studium zu ergreifen, dadurcli ver- 
eitelte, daß er die Eltern bewog, das Kind wegen seines geschwächten Ge- 
sundheitszustandes einen mehr körperlichen statt eines geistigen Berufes er- 



"^ Sht VerbTecher aus Schuldgefühl 



greifen zu lassen. Dieser Eingriff des Arztes mußte den Knaben umso 
schwerer treffen, als er jahrelang mitansah, wie der Arzt freien Zutritt in das 
Schlafzimmer der dauernd kranken Mutter hatte. So erhielt der ihm versagte 
Arztberuf die Bedeutung eines Freibriefes für die ungehinderte körperliche 
Beziehung zur Mutter. Dieses Privileg hatte neben dem Vater nur der Arzt. 
Die Gleichsetzung des Arztberufes mit der Befriedigung der kindlichen Inzest- 
wiinsche wurde durch die Versagung besonders begünstigt. Beide Formen, 
sich dem mütterlidien Körper zu nähern, waren ihm verboten. 

Wie eng der ärzthche Beruf bei ihm mit der infantilen Sexualneugier 
und Schaulust verknüpft war, zeigt ein Diebstahl, den er beging, als er als 
Hospitant medizinische Vorlesungen besuchte. Wahrend einer anatomischen 
Vorlesung stiehlt er seiner Nachbarin einen Photoapparat und wird, da er 
sich nicht etwa aus dem Saal entfernt, sofort entdeckt. Aus den Schuldge- 
fühlen, die bei ihm mit dem ärztHdien Wissen verknüpft sind {anatomisches 
Interesse^Schaulust gegenüber der Mutter) stiehlt er einen optischen 
Gegenstand, um dafür und nicht für das sdiwerere Vergehen auf optischem 
Gebiete bestraft zu werden. Also wiederum ein reines Symptomdelikt aus 
Schuldgefühl. 

Jetzt verstehen wir, warum er immer medizinische Bücher und optische 
Instrumente stahl. Die Beschäftigung mit der Medizin bekam für ihn den 
absoluten Gefühlswert der ödipustat. Darum mußte er sich das medizinische 
Wissen, medizinische Instrumente und das ärztliche Diplom gegen das Gesetz 
stehlen, erschleichen und erkämpfen. Dies bradite ihm zwei psychologische 
Gewinne. Die Trotzhandlungen ermöglichten eine vollständige Gleichsetzung 
der beiden verbotenen Taten und gewährten ihm so den Lustgewinn der 
ödipustat, während andererseits die Schuldgefühle auf das geringere oft nur 
formale Versehen verschoben werden konnten. Denn ohne Diplom mit gro- 
ßem medizinischem Wissen und Können zu operieren, ist ja ein geringeres, 
nur formales Vergehen gegenüber seiner unbewußten Bedeutung, dem Ver- -t 
kehr mit der Mutter. Wenn wir in seinen Aufzeichnungen den triumphie- 9 
renden Satz lesen, daß er ohne Diplom, trotz der Verbote aller Autoritäten, 
besser operieren konnte, als viele andere diplomierte Arzte, so verstehen 
wir erst ganz den besonderen Lustgewinn, den dieser Mechanismus ihm 
verschaffte. 

Die Aufrediterhaltung dieser Trotzeinstellung glückte ihm solange, als 
er als unbezahher Assistent sich seinem Berufe unter Leiden und Entbehrun- 
gen widmete. Als er aber in seiner Karriere stieg und in eine gutbezahlte ^«v 
Stellung bei einem gütigen Chef, noch dazu in einer gynäkologischen Klinik «-' 

berufen wurde, war dem Trotz der Boden entzogen und die Schuldgefühle 
wuchsen. In diesem Zeitpunkt seines Lebens beging er die erwähnten j 



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Ein Verbreckfr aus Schuldgefühl 95 

Büdierdicbstähle, die zu seiner Entlarvung führten. Als guter und erfolg- 
reicher Arzt wegen des formalen Mangels eines Diploms bestraft und ver- 
jagt zu werden, verschaffte ihm eine besondere Erleichterung der Schuld- 
gefühle (Euphorie und Arbeitsdrang im Gefängnis), die ihm ermöglichte, die 
Umwelt wieder ins Unredit zu setzen und zu seinem Trotz zurückzukehren. 
Triumphierend schreibt er nach seiner Freilassung seinem Verteidiger, er 
habe sich aus eigenen Mitteln und auf erlaubte Weise ein Mikroskop ge- 
kauft, das besser sei, als das seinerzeit gestohlene, „der Welt aber werde er 
es zeigen, daß er für die menschliche Gesellschaft nicht bloß Ballast sei". 
Diese merkwürdige Überbewertung des Besitzes eines Mikroskops, das er sich 
trotzig sofort nach seiner Freilassung verschaffte, zeigt uns von neuem, in 
welchem Maße die infentile Schaulust, die besondere Form seines Inzest- 
wunsdies auf den Besitz dieses wissensdiaftlichen Instruments versdiobea 
wurde. 

Einen mehr kleptomanen Charakter hat der Diebstahl der kleinen Por- 
zellanfiguren, die neu und ziemlich wertlos waren. Einen gewissen Hinweis 
auf die unbewußten Motive dieser Tat gibt neben dem, was wir von i hm 
sdion wissen, sein spontaner Einfall bei der Erzählung der Tat, daß seine 
Mutter eine wertvolle Sammlung alter Porzellanfigürdien gehabt habe, die 
er sehr liebte. Wie weit hier eine Identifizierung mit der Mutter oder aber 
sein infantiler Bemächtigungsdrang gegenüber der Mutter nach dem Grund- 
satz unbewußter Vorgänge „pars pro toto" Ausdruck findet, ist schwer zu 
entscheiden. Sein trotziges Festhalten an dem Wunsch, die Mutter zu be- 
sitzen, spricht eher für die ökonomisch größere Bedeutung der letzteren 
Determinante. 

Überhaupt steht sein Leben im Zeichen des zähen Festhaltens an den 
Inzestwünschen in trotziger Auflehnung gegen den Vater. Alle seine Hand- 
lungen gehen darauf aus, die Außenwelt, das heißt alle späteren Vertreter 
des Vaters, ins Unrecht zu setzen, sie zu hartem, ungerechtem Verhalten 
zu verleiten und dadurch sJdi von Sdiuldgefühlen zu beft-eien, ohne den 
Trotz aufgeben zu müssen. Er kann nur schlechte, harte, ungerechte Vater- 
vorbilder ertragen, darum kann er den gütigen Chef, die Hilfe des Vertei- 
digers und seine Gratis-Analyse nicht annehmen. Er hat in seiner Jugend nur 
gelernt, einem harten, unpsychologischen Vater gegenüber sich zu behaupten, 
hat seinen ganzen seelischen Apparat dieser Atmosphäre seiner Jugend an- 
gepaßt. Ein gütiger, verständnisvoller Vater würde ihn völlig aus dem Kon- 
zept bringen, ihn zu diesem gütigen Vater in eine ihm unbekannte und 
unheimliche Sdiuldrelation treiben, sein ganzes bisheriges Lebens- 
gebäude in seinen Grundlagen erschüttern. Darum zieht er es vor, vor 
dem Angebot seines Verteidigers zu fliehen und aus sicherer Ferne zu 



"o Hin Verbrecher aus Schuldgefühl 



j schreiben : „Warum ich Ihre in Aussidit gestellte Unterstützung nicht an- 

I nehmen kann ; — ja, unter jede Rechnung macht man einen Strich, das 

, ,SoI]' und .Haben' fällt bei uns zu einseitig aus. Ich wäre mein Leben lang 

Ihr Schuldner, dieses Gefühl vertrage ich eben nicht . . . Meine Haft hätte 
I nicht enden sollen, ich bin im bösen Sternbild geboren." 

I Ihm war es nicht schwer geworden der heutigen Strafjustiz die Rolle 

des ungerechten Vaters zuzuweisen, und so die Athmosphäre des 
Ehernhauses wieder herzustellen. Dem moralischen Einlluß eines Vaters 
I der ihn im Geiste einer engstirnigen Beamtenmoral immer wieder 

1 ungerecht und hart bestrafte, ihm allen dem Kinde zukommenden Lustgewinn 

I untersagte, die Mutter schlecht behandelte und betrog, konnte er sich leidit 

entziehen und dadurch seinen Ödipuskomplex behahen. Aus den kleinen Einzel- 
heiten, die wir aus den Erziehungsmethoden seines Vaters wissen, — Sdiläge 
für ein Stück Zucker, nur an Feiertagen Erlaubnis, mit Spielsadaen zu spielen, — 
sehen wir die militaristische Pflicht- und Drilhnoral der Vorkriegszeit, die so häufig 
I eine positive Identifizierung mit den Erzieh ungs Vorbildern unmöglich machte 

' und zur Bildung eines Über-Ichs führte, das ein Fremdkörper in der Per- 

sönlichkeit blieb. Wenn dieser Vater dann noch eine sozial und geistig über 
I ihm stehende Mutter vor den Augen der Kinder brutahsiert, beschimpft und 

I in hypokritischem Gegensatz zu der gepredigten Moral betrügt, so verstehen 

wir, warum dieser Mensch auch später immer bestrebt war, die Vaterimagines 
in Unrecht zu setzen und sich auf diese bequeme Weise von ihrem hem- 
• menden Einfluß zu befreien. Wir sagen : bequem, weU die heutigen Staats- 

einrichtungen es den Menschen wirklich nicht schwer machen, in ihnen den 
I unpsychologischen Vater wiederzufinden. Unserem Bruno gelang dies jeden- 

I ^'sin vollstemMaße. Als geschickterChirurgund wissenschaftlich geschuherArzt. 

^ der selbstlos vielen Menschen geholfen hatte, bestraft zu werden, bedeutete fiir 

[ *^" ei"en Triumph über die Gesellschaft und eine Befriedigung, um die ihn viele 

normale Menschen in ihren gesunden Sublimierungen beneiden könnten. 
Gegenüber diesem Fall eines neurotischen Kriminellen, der dem Typus 
des Verbrechers aus Schuldgefühl mit kleptomanen Zügen entspricht, und 
der nur in sehr beschränktem Maße gemeinschädlich erscheint, ist als adäquate, 
zukünftige Reaktion die vorübergehende Internierung mit dem Versucli einer 
psychoanalytischen Heilung angezeigt. 

Die Bestrafung im heutigen Sinne ist in soldien FäUen sinnlos, als 
Besserungsmaßnahme unwirksam und sozial schädlich, weil sie den Täter zu 
neuen Straftaten geradezu verführt. Man konnte Bruno ja keinen größeren 
Gefallen erweisen, als sich ihm gegenüber ins Unredit zu setzen, wahrend 
jede Wohltat ihn in Verwirrung brachte. Solange die Gesellschaft solche 

; Menschen bestraft, also auf ihre unbewußten Provokationen hereinfallt, haben 



Ei» Verbrecher aus Schuldgefühl f^-j 



sie in gewissem Sinne redhit, sich nicht heilen und dadurch dieser Befriedi- 
gungsmöglichkeiten berauben zu lassen. Eine wirklidie Heilungsaussidit werden 
sie erst dann haben, wenn man aufhört, sie zu strafen. 

t 

Tötungsversudi eines Neurotischen 

Im Winter 1927 begab sich der etwa 25 Jahre alte, bisher unbescholtene 
stellungslose Kaufmann Karl mit seiner Geliebten, einem Dienstmädchen, 
nachts in ein Absteigehotel in Berlin und schoß ihr eine Kugel in die Schläfe. 
Er brach sodann bewußtlos zusammen, erholte sich bald wieder, klingelte 
nach Arzt und Polizei und wurde abgeführt. Es ergab sich, daß er gemein- 
sam mit der Geliebten aus dem Leben hatte scheiden wollen. Beide halten 
sich an dem genannten Abend zu diesem Zwecke miteinander verabredet, 
waren in verschiedene Gast- und Vergnügungsstätten gegangen, haben Ab- 
schiedsbriefe geschrieben. Karl hatte mit dem Gelde der GeHebten einen 
Revolver gekauft und sie waren schließlich in das Hotel mit der Absidit 
gegangen, dort ihrem Leben ein Ende zu madien. Als er den Schuß gegen 
seine Geliebte abgegeben hatte, der sie zwar nicht das Leben, aber das Licht 
eines Auges gekostet hatte, fehlte ihm der Mut, die zweite Kugel gegen sidi 
abzufeuern, und er stellte sich der Polizei. 

Siditbare Gründe fiir die Tat schienen nidit erkennbar zu sein. Karl 
war jung, gesund, dem Alkohol und Abenteuern mit Frauen etwas zuge- 
neigt, sonst von normalem, eher gutmütigem Habitus. Seine Mutter war 
früh gestorben, sein Vater war Offizier im Felde und nach dem Kriege 
als Ingenieur dauernd außer dem Hause in Arbeit. Dies imd der Umstand, 
daß er in jugendlichem Alter freiwillig am Kriege teilgenommen hatte, 
später im Grenzschutz noch einige Zeit weiter den Soldaten spielte, hatten 
ihn notgedrungen etwas verwahrlosen lassen, so daß es ihm nicht recht gelang, 
im Leben festen Fuß zu fassen. Er hatte den Kaufmannsberuf erlernt, wohl 
auch einige Zeit mit Unterbrechungen Arbeit gefunden, in der Hauptsache 
war er aber stellungslos, lebte von Arbeitslosenunterstützung und einigen 
Gelegenheitsarbeiten. Immerhin litt er keine allzugroße Not. Die Geliebte, 
aus besserer Kleinbürgerfamilie der Provinz stammend, war bei einer Herr- 
schaft des Berliner Westens in Dienst, hatte den Karl vor einigen Monaten 
kennen gelernt und mit ihm ein Liebesverhältnis angeknüpft. Im übrigen 
war sie in ihrem Heimatsort mit einem von den Eltern gebilligten Manne 
verlobt, den sie auf Wunsdi der Eltern hätte heiraten sollen. Karl war dieses 
Verlöbnis bekannt. Auf seine Fragen, ob sie nicht auch ihn heiraten würde, 

AlM»nder-S(«ub ! VeAndux , 



°o Tötungsversuch eines Neurotischen 



erklärte sie ihm, sie würde das gerne tun, wenn er einen festen Beruf hätte, 
eine Frau ernähren könnte und außerdem dem Alkohol und den Frauen 
gegenüber etwas zurückhaltender werden würde. Immerhin hinderte ihr Ver- 
löbnis ihn nicht, das Liebesverhältnis fortzusetzen. Da er nicht viel verdiente, 
bestritt sie allein die Kosten ihrer gemeinsamen Ausgänge und Kinobesuche, 
Er ließ sich dies gefallen, nahm auch den Gedanken daran, daß sie einem 
anderen Manne versprochen war, mit der Vorstellung hin, sie müsse diesen 
anderen aus Zwang der Eltern heiraten, weil sie sonst enterbt und ver- 
stoßen werden würde, sie würde ihm sicher den Vorzug geben, wenn er 
eine Familie zu erhalten in der Lage wäre. Doch schien das Gleidigewicht 
der beiden häufig gestört, eine Verstimmung des einen wurde oft durch eine 
Depression des anderen abgelöst. Veranlaßt wurden diese Gemütsbewegungen, 
wie es schien, durch das Schwanken des Mädchens zwischen ihrem Ver- 
lobten und ihrem Geliebten. Eines Tages erklärte sie ihm, es sei ja doch 
wohl das Beste, wenn sie den Verlobten heirate, Karl könne ja Hausfreund 
bei ihnen werden. Er lehnt diesen Vorschlag auf das Heftigste ab. Es er- 
scheint ihm moralisch als durchaus unzulässig und nicht diskutabel. Die 
nächste Folge dieses Vorschlages ist eine Depression, in der er Selbstmord- 
gedanken äußert. Er erklärt seiner Geliebten, jetzt werde er dodi Schluß 
machen mit seinem Leben, er tauge ja doch zu nichts, könne sidi keine 
FamiHe und kein Heim gründen und sei seines Lebens in jeder Beziehung 
überdrüssig. Sie bittet ihn, sie in den Tod mitzunehmen. Audi sie sei un- 
gemein unglücklich, sie Hebe den Mann nidit, den sie aus Zwang heiraten 
solle, sie würde zwar versuchen, ihre Pflichten zu erfüllen, aber die Ehe 
würde ja doch unglücklich werden. Audi sonst sei sie lebensüberdrüssig, da 
sie von ihren nächsten Angehörigen verkannt und sdilecht behandelt werde. 
Ihre ältere Schwester habe sie fälschlich des Diebstahls bezichtigt, und so 
ziehe sie es vor, mit ihm in den Tod zu gehen. Er greift diesen Gedanken 
sofort auf, meint, seine Geliebte von einem traurigen Leben und einer un- 
glücklichen Zukunft zu erlösen, und so beschließen sie den gemeinsamen 
Selbstmord. 

Es bedarf keiner Ausfuhrung, daß die Gründe, die Karl und seiner 
Geliebten für ihre Tat bewußt werden, nicht die wahren ausschlaggebenden 
Motive sein können. Das Motiv, das Karl für die Tötung seiner Geliebten 
angibt, ist leidit als eine dünne Rationalisierung zu erkennen, die der Ver- 
deckung anderer wirksamerer verdrängter Determinanten dient. Und auch 
der Anlaß, der in ihm den Entschluß zum Selbstmord erwadien läßt, muß 
uns auflSllig ersdieinen. Er hat mit dem Mädchen ein Liebesverhältnis unter- 
halten, trotzdem er wußte, daß sie einem anderen Manne versprochen war, 
und gerät plötzlich anscheinend unvermittelt in eine heftige affektive Abwehr- 



TötuHssversuch eines Neiiroiiscben 99 

reaktion bei der Vorstellung, daß sie ihren Verlobten heiraten und er Haus- 
freund werden solle. In Wirklichkeit wird ihm doch damit nichts wesentlidi 
anderes zugemutet, als das, was er bisher getan hat, und es erscheint daher 
nicht verständlich, daß dieser Vorschlag die Tat ausgelöst haben soll. 

Wir wissen aus psychoanalytischer Erfahrung, daß die Situation des 
Hausfreundes für das Unbewußte die Quahtät einer realisierten ödipusiat 
hat. Ein Dritter Unbefugter setzt sich unerlaubt in den Besitz einer Frau, 
die einem anderen, dem rechtmäßigen Ehemann zugehört. Es ist dies nichts 
anderes als das, was das Kind in seinem Ödipuskomplex erwünscht. Auch 
für Karl hat diese Situation keine andere Bedeutung. Seine Mutter ist früh 
gestorben. Die starke Amnesie, die seine frühe Kindheit bedeckt, konnte bei 
der Ungunst der äußeren Situation nicht wesentlich behoben werden. Gegen- 
über dem Vater hatte Karl manchmal eine positive, oft eine trotzige Ein- 
stellung. Bald wohnte er bei ihm, bald ging er wieder weg und war mit 
seinem Vater verfeindet. Eine deutliche Ambivalenz beherrschte seine Gefuhls- 
beziehung zum Vater. Als dieser, über 60 Jahre alt, sich nochmals verhei- 
ratete, und zwar mit einer Karl etwa gleidialtrigen jungen Frau, sdiien sich 
das Verhältnis zu bessern. Zwischen Karl und seiner Stiefmutter entwickelte 
sidi schnell eine innige Kameradschaft, die sonst so häufige feindselige Ein- 
stellung gegen die Stiehnutter fehlte völlig, im Gegenteil, Karl fühlte sich 
von ihr angezogen. Sie brachte ihm gleichfalls Freundschaft entgegen, und das 
Verhältnis zur väterlichen Familie, das früher oft recht schlecht gewesen war, 
wurde das denkbar beste. Die Stiefmutter war schwach und kränklich, wurde 
von einer heftigen Krankheit befallen, die sie dauernd ans Bett fesselt. Karl, 
dessen Vater beruflidi den ganzen Tag außer Hause war, verbrachte die 
Tage in der elterlichen Wohnung und war glücklich, die Stiefmutter pflegen 
und betreuen zu dürfen. Er bereitete ihr das Essen, reichte es ilir dar, besorgte 
ihre Wohnung, unterhielt sie, während der Vater seinem Berufe nachging 
und erst abends heimkehrte. Karl entfernte sich am Abend und wohnte außer- 
halb der elterlichen Wohnung, 

Eines Abends erklärte ihm der Vater plötzlich, es würde doch vielleicht 
besser sein, wenn Karl sich tagsüber, während der Vater nicht zu Hause sei, nicht 
in der Wohnung aufhalten würde. Denn die Leute könnten schlecht dar- 
über denken und häßlich reden. Diese an sidi verständliche und der realen 
Situation angepaßte vorsichtige Rücksichtnahme auf die Umwelt wirkte auf 
Karl geradezu niederschmetternd. Er fuhfte sich vom Vater ungemein schlecht 
und ungerecht behandelt, fühfte sich wie vor den Kopf geschlagen wegen der 
Tatsache, daß der Vater ihm so etwas zutraue und zog hieraus die Kon- 
sequenz, dem väterlichen Hause überhaupt fernzubleiben, das er bis zu dem 
mehrere Monate später erfolgenden Tode der Stiefrnutter nidit mehr besuchte. 

7* 



100 Tölungsversuch eines Neurotischen 



Diese unerwartet heftige, der tatsächlichen Sachlage nicht entsprechende 
Gefuhlsreaklion Karls muß uns in verschiedener Riditung auffallen. Unwill- 
kürlidi fällt einem das französische Spridiwort ein : „// n'y a que la 
vcrite qui blesse." Wenn auch kein Umstand dafür spricht, daß Karl sidi 
bewußt irgendwelche sündhafte Wünsche gegenüber der Stiefrnutter vorzu- 
werfen hatte, so steht doch auf Grund unserer psychoanalytischen Erfah- 
rungen fest, daß er sich durch die Äußerung seines Vaters nur deshalb so 
verletzt fühlen konnte, weil sein Vater ihn an seiner verwundbarsten Stelle 
getroffen hatte, indem er ihm das auf den Kopf zusagte, was Karl zwar 
bewußt nicht gewoUt, aber im Unbewußten triebhaft ersehnt hatte. Der 
junge Karl, der bisher zahllose Liebesverhähnisse zu Mädchen gehabt hatte, 
die nie von langer Dauer waren, der also zu irgendwelchen wesentlichen 
Objektbeziehungen gegenüber Frauen nodi nie gelangt war, gerät alsbald 
nach dieser Szene mit dem Vater an seine GeHebte, bleibt an ihr hängen 
und beginnt mit ihr ein Liebesverhältnis, das immerhin eine Reihe von 
Monaten bis zur Ausführung der Tat dauert. Sie ist in gleichem Alter wie 
die Stiefmutter, von gleichem körperhchen Typ und überhaupt von einer, 
den ungewandten Zeugen im Gerichtssaal auffallenden äußeren Ähnlichkeit 
mit der Stiefmutter. Audi ihre äußere Lebenssiiuation war der seiner Stief- 
mutter ähnhch, denn auch sie gehörte einem anderen Manne, ihrem Ver- 
lobten, den sie heiraten sollte. Und auch sonst, in der Färbung ihrer Be- 
ziehungen, spiehe sie die MutterroUe. Er ließ sich von ihr freihalten, seinem 
Bruder eine Anstellung besorgen, sie war überhaupt eher die Gebende, Karl 
der Empfangende, so daß sein ganzes Verhältnis zur Geliebten für das Un- 
bewußte den Gefühlswert seiner Beziehung zu der Stiefmutter hatte. 
Das, was sein Unbewußtes der Stiefrnutter gegenüber erstrebt hatte, wird 
offenbar hier der Geliebten gegenüber verwirklicht. 

Wir verstehen jetzt die Gleichartigkeit seiner depressiven Reaktion auf 
die Bemerkung des Vaters, die Leute könnten Schlechtes denken, und auf 
den Vorschlag der GeHebten, Hausfreund zu werden, aus der Gleichartig- 
keit der Gefühlsbindung zur Stiefmutter und zu der Geliebten. Die Bindung 
an die Stiefmutter, die im Verhäknis zu seinen sonstigen Beziehungen 
zu Menschen auffallend stark erscheint, hat ihre Grundlage in dem 
unbewußten Inzestwunsch. Ein genügend starkes hemmendes Über-Ich ver- 
bietet das Bewußtwerden und die Realisierung dieser Wünsche. Die Er- 
mahnung des Vaters trifft ihn deshalb so empfindlich, weil sie die Ver- 
drängungsarbeit, die infolge des starken Inzestverkngens ohnehin schwierig 
genug ist, durch Bewußtwerden ernsdich gefährdet. Der so aufgescheuchten 
unbewußten Schuldgefühle — der Gewissensspannung — suclit er sich durch 
das Mittel der Projektion zu entledigen. Er verdreht die Ermahnungen seines 



Tötungsversuch eines Neurotischen '"^ 



Vaters, meint, dieser werfe ihm etwas vor, was er doch nicht getan habe, 
sei also ungerecht gegen ihn, und erreicht auf diesem Wege, sich vom Vater 
zu trennen und ihn ins Unrecht zu setzen. In Wirklichkeit hatte ihm der 
Vater den Inzestwunsch bewußt gar nicht vorgeworfen, vielmehr hatte er 
den Worten des Vaters diesen für sein unbewußtes Verlangen zutrefifenden 
Sinn unterlegt. Wie die meisten Projektionen mag audi in diesem Falle der 
projizierte Affekt für das Unbewußte des Vaters gültig sein, weil in der 
Mahnung die unbewußte Eifersucht gegen den Sohn zum Ausdruck kam. 
Die Affektreaktion, die aus den bewußten Seeleninhalten unerklärlich er- 
scheint, wird sinnvoll, wenn wir den Dialog der beiden Unbewußten von 
Vater und Sohn verstanden haben. 

War er so dem Druck der Gewissensspannung durch die Schuld- 
projektion entronnen, so waren damit die unbewußten Inzeslwünsche noch 
nidit zum Schweigen gebracht. Sie dürften vielmehr eher stärker geworden 
sein, da die hemmende Macht des Über-Idis durch die Verringerung der 
Schuldgefühle geschwächt wurde. Die Beziehung zur Geliebten erscheint als 
ein Versuch des Unbewußten, die Triebspannung durch einen Kompro- 
miß nach der Richtung der Gesundheit, nämlldi durch exogame Objckiwalii 
zu lösen. Allerdings kommt bei dieser Lösung in der Hauptsadie der In- 
zestwunsch zur Gehung, denn das gewählte Objekt hat alle Merkmale der 
verbotenen Mutter. Ihr Vorschlag, sie wolle den anderen Mann heiraten und 
er solle Hausfreund werden, verursacht ein neues Aufsteigen von Schuld- 
gefühlen. War es ihm bisher mit Mühe und Not gelungen, seine Hemmungs- 
instanzen dadurdi einzuschläfern, daß ja die GeHebte in Wirklichkeit nicht 
seine Mutter, sondern ein firemdes erlaubtes Liebesobjekt war, und hatten so 
die inzestgefärbten Tendenzen des Es die Überhand gewonnen und sich un- 
gestört ausleben können, so mußten die Schuldgefühle verstärkt wieder auf- 
treten, wenn die Verdrängungsarbeit dadurch gestört wurde» daß der Smn 
seiner Beziehungen zur GeHebten bewußt zu werden drohte. Sein psychi- 
sdies Gleichgewicht konnte einigermaßen aufrecht erhalten bleiben, solange 
die Geliebte ja nicht wirklich verheiratet war, von ihrem Verlobten getrennt 
lebte, dem Karl erklärte, sie würde vielleicht auch ihn heiraten. Eine Heirat 
mit ihrem Verlobten, die für das Unbewußte die Inzesttat vollkommen ge- 
macht hätte, war nidit mehr zu ertragen. Der Entschluß zur Tötung der 
GeHebten und zum Selbsmord ist der Versuch einer kurzschlußarrigen 
Lösung dieser Spannungssituation, deren tieferer Sinn uns bald verständlich 

wird. 

Ein heftiges, aus dem ungelösten Ödipuskomplex stammendes Inzest- 
verlangen, dessen Vorhandensein gegenüber seiner wahren Mutter zwar nicht 
festgesteUt werden konnte, das nach den analytischen Erfahrungen aber bei 



r_ TötiingsvcrsHch eines Neurotischen 



dem gesamten psychischen Verhalten Karls zweifellos vorhanden war, wird 
zunächst in sublimer Form gegenüber der Stiefmutter ausgelebt. Als dieses 
Ventil dadurch verstopft wurde, daß die Ermahnungen des Vaters die Ver- 
^ drangungsarbeit störten, werden die Inzestwünsche zunädist auf ein Ersatz- 
objekf, die Geliebte versdioben. Als auch diese Position der verdrängten 
Wünsche erschüttert wird, erfolgt eine Regression auf die sadomasochistische 
Stufe. Der durcJi das Gewissen verbotene Inzest wird durch gemeinsames 
Sterben dargestellt. Nach Art eines hysterischen Symptoms bedeutet dieses 
gemeinsame Sterben gleichzeitig eine Selbstbestrafung und das Ausleben der 
erotischen WÜnsdie. Die Wendung des Spradigebraudis : „Im Tode ver- 
eint" beweist die erotisdie Besetzung der Idee des gemeinsamen Sterbens. 
Das Ausleben des Inzestwunsches wird möghch, da die Sdiuldgcffihle gleich- 
zeitig durdi die selbstverhängte Todesstrafe besdiwichtigt werden. 

Der Vorsddag der Geliebten, sie werde ihren Verlobten heiraten, mag 
m Karl audi nodi darum eine Depression ausgelöst haben, weil dieser Vor- 
sdilag ja den Sieg des Vatervorbildes bedeutete. Der Entsdiluß, die Frau zu 
toten, bedeutet daiier weiterhin einen Versuch, dem Vater die Frau zu 
rauben. Somit enthält die Tat die beiden Komponenten des ödipuswunsdies, 
dem Vater die Frau zu nehmen, um selbst mit ihr vereint zu sein. 

Wenn uns audi so mandies von den unbewußten Motiven verständ- 
lidi wurde, so bleibt dodi das Hauptproblem nodi immer im Dunkeln: 
wie es Karl gelang, die Tat ohne Sdiuldgefühlsreaktion auszuführen. Sie 
muß für ihn nodi einen unbewußten Sinn gehabt haben, der den Anforde- 
rungen des bei ihm besonders strengen Über-Idis enlsprach. Sonst wäre es 
nicht verständlid,, daß er. der dodi die Gellebte verstümmelt und sidi vor 
dem eigenen Selbstmord gedrüdtt hatte, sidi keine erhebhdien Selbstvor- 
wurfe zu madien braudite, ja beinahe aUes in Ordnung fand. Dieses merk- 
würdige subjekrive Einverständnis des Über-Idis mit der Tat, das auf un- 
bewußten Vorgängen beruht, interessiert uns in der Psydiologie soldier 
Fälle darum am meisten, weil nur das Verständnis dieses unbewußten 
Redufertigungsvorganges uns darüber Aufsdiluß geben kann, wie moralisdi 
emplmdende Mensdien soldie sdiweren Delikte ohne Sdiuldgefühle begehen 
können. 

Wie stark das Gewissen die Handlungen Karls sonst beeinflußte, sehen 
wir daran, daß die Sdiuldgefühle wegen des Inzestwunsdies ihn in ein un- 
stetes Leben hetzten, ihn vom Elternhause verjagten, die Herbeiführung 
normaler Beziehungen zur Geliebten ihm unmÖglidi maditen. Auf wieder- 
holte Fragen, was ihn denn wirklich dazu getrieben habe, mit seinem Leben 
auch dem Leben der Geliebten ein Ende zu bereiten, gab er immer wieder 
stereotyp die eine Antwort : „Ich habe die Ehe meines ältesten Bruders ge- 



Töhmgsvärsttch eines NeuroHscken 103 



sehen," — Karl ist der Jüngste von drei Brüdern, — „mein Bruder arbeitet 
den ganzen Tag, lebt in gehobener Stellung und verdient eine Menge Geld. 
Die Frau schläft den ganzen Tag, putzt sich, betrügt ihn, vertut das ganze 
Geld, so daß er eine außerordentlich unglückiidie Ehe &hrt. Vor einer sol- 
chen unglücklichen Ehe habe idi meine Braut bewahren wollen." Die 
logische Bhndheit, die in diesen Argumenten liegt, ist erstaunlich. In dem 
Falle, den er als Beispiel heranzieht, ist ja der Mann der Geschädigte und 
die Frau diejenige, die den Mann betrügt und Schuld auf sich häuft. Diese 
Argumentation wäre nur dann verständhch, wenn er eine schledite Frau 
hätte töten wollen. Er verrät also damit seine unbewußte Absidit, eine 
schlechte Frau zu töten. Seine GeHebte hatte ja tatsächlich ein schlechtes Le- 
ben geführt, sie hatte ihren Verlobten betrogen, sie hatte ihr Geld für einen 
anderen Mann ausgegeben, sie hatte alles das für ihn getan, was er von 
seiner Stiefmutter erwartet hatte und wofür er die unbewußten Schuldge- 
fühle spürte. Wenn er sie darum tötete, so identifizierte er sich zunächst mit 
dem gesdiädigten Mann, eigentlich aber mit dem Vater, der sich für die 
begangene Untreue durch Tötung rächt. Geliebte und Stiefmutter 
waren ja in seinem Unbewußten so stark miteinander gleichgesetzt, 
daß er in der Geliebten die Stiefmutter töten konnte, als ob diese und 
nicht die Geliebte die Untreue gegen den Vater begangen hätte. Damit kann 
er die Rolle des rächenden Vaters voll zu Ende spielen. Die Schuldgefühle 
wegen des begangenen Inzestes werden also dadurch aufgehoben, daß er 
sidi mit dem rächenden Vater identifiziert und so sein Über-Ich auf die 
Seite des Es treten kann. Es gelingt ihm dadurdi, der Tat eine positive, 
die Sdiuldgefühle erleichternde Färbung zu verleihen, indem er in der Rolle 
des Vaters, der durch seine Frau betrogen worden ist, sich an dieser Frau 
rächt. Audi hier sehen wir wieder das Wirken der Schuldprojektion. Die 
eigenen Inzestwünsche, die er unbewußt gegenüber der Stiefmutter gehabt 
hatte, gehngt es ihm, auf die Geliebte als Ersatzobjekt zu projizieren. Es 
gelingt ihm, weil diese ja wirklich ihren Verlobten betrogen hat. Er kann 
sich nunmehr von den Sdiuldgefiihlen befi-eien, indem er in der Rolle des 
rädienden Vaters die ungetreue Frau tötet. 

Bezeichnend ist, daß seine Geliebte selbst in ihrem Unbewußten die 
Tat als einen Racheakt empftmden hat. Sie war nadi der Tat gegen ihn 
voller Aggressionen, heiratete ihren Verlobten, suchte Karl zu schädigen und 
zu belasten, wo und wie sie nur konnte, behauptete zunächst, sie habe gar 
nicht aus dem Leben gehen wollen, Karl habe sie dazu gezwungen und er- 
morden wollen und gab ihre feindselige Haltung bis zur Hauptverhandlung 
nicht auf. Erst unter der Last von Zeugenaussagen und Abschiedsbriefen, 
die sie geschrieben hatte, änderte sie im letzten Augenblick ihre Haltung. 



— 1^ Tötungsversuch eines Neurotischen 



Dieses sonst merkwürdige feindselige Verhalten wird uns verständlich wenn 
wir daran denken, daß es die Triebreaktion auf die von ihr unbewußt ge- 
fühlte aggressive Färbung der Tat war. 

Diese im Unbewußten Karls dynamisch wirkenden Motive könnten erst 
in die Motilität umgesetzt werden, nachdem auch das bewußte Ich durch 
Rationalisierung für die Tat gewonnen wurde. Karl überzeugt sein bewuß 
tes Ich davon, daß er eine gute Tat vollbringt, wenn er die Geliebte von 
ihren Enttäuschungen, Leiden und Unbill ihres Lebens befi-eit. 

Mit dem Entscliluß zum Selbstmord will er die Realisierung des ödi- 
puswunsdies auf der sado-masochistischen Stufe erreichen, er will mit der 
Geliebten im Tode vereint sein und gleichzeitig die Schuldgefühle aufheben 
indem er sich mit dem rächenden Vater identifiziert, der den Sohn wegen 
des begangenen Inzestes tätet. 

Als letzte Determinierung bedeutet der Gedanke des Selbstmordes noch 
eine weitere Reahsierung des Odipuswunsches. nämlich die Tötung des — 
introjizierten - Vaters. Die Identifizierung mit dem Vater erfolgt einmal 
auf dem Wege über die Frau. Der Mann, der die Mutter besitzt, soll durch den 
Selbstmord getötet werden. Sodann bedeutet der Selbstmord die Beseitigung 
des Über-Ichs, - also wieder des introjizierten Vaters. - das die drohenden 
Sdiuldgefuhle ausschickt und durch den Selbstmord zum Schweigen gebracht 
werden soll. Mit Recht erklärt Freud jeden Selbstmord als verkappten 
Mord eines introjizierten Anderen. 

Es bleibt jetzt nur noch die Frage zu beantworten, welche Umstände 
Karl an der Ausführung des Selbstmordes gehindert haben. Wir sahen ja 
aber schon, daß seine SdmJdgefühle nach der Tat nicht eben auffallend groß 
waren. Er fühlte sich ziemlich im Redit. verteidigte sich mit zäher Energie 
gegenüber den Angriffen der Geliebten und war auch mit seinem Vater 
innerlich versöhnt. 

Durcli die Tötung der Geliebten hatte er, wie wir gesehen haben, den 
Vater bereits gerächt. Er hatte sie wegen der begangenen Untreue bestraft 
also dem Vater Genugtuung versdiaffi, er hatte audi sidi bestraft, indem er 
sidi seines Liebesobjekies beraubte. Die Sdiuldgefuhle gegen den Vater 
wurden dadurdi sdion zu einem erheblidien Teile abgetragen, sie dürften 
darum quantitativ nidit mehr ausgereidit haben, um den natürlidien Lebens- 
trieb zu besiegen. 

Die Depression, die der Vorsdilag der Geliebten in ihm auslöste, 
wurde dadurdi aufgehoben, daß er ja seine Mitsdiuldige töten durfte, die 
mit der Tötung einverstanden war, und vor allem, weil durdi die Beseiti- 
gung der störenden Frau die Identifizierung mit dem Vater in tragisdier 
Situation gelingt. Wie dem Vater schon einmal die Frau gestorben war. so 



äk 



ToluHgsversuch eittes Neurotischen 105 

beraubt er sich zwedcs Selbstbestrafiing gleichfalls des Liebesobjektes. Er 
wird dem Vater in dieser tragischen imlustvollen Rolle gleich und kann so 
die Schuldgefühle beschwichtigen und seinen Frieden mit dem Vater finden. 
Die Schuldgefühle gegenüber dem Vater und die unbewußte homo- 
sexuelle Fixierung an ihn waren die stärksten Gefühle in ihm, stärker als 
jede heterosexuelle Bestrebung. Am besten beweist dies das Endergebnis 
der Tat, der die Geliebte zum Opfer gefallen ist. Die passiv homosexuelle 
Komponente des Dranges, Vater und Mutter zu trennen, war aussdilaggebend 
bei der Tat, durch die die Mutter (Geliebte), deren Existenz den Konflikt mit 
dem Vater verursacht, beseitigt wird, sodaß er mit dem Vater ungestört zu- 
sammen bleiben kann. Die aus der Homosexualität stammende Aggression 
gegen die Frau äußert sich in der abfälligen Kritik, die er an der Ehe- 
frau seines Bruders übt, in seinem ganzen Verhalten zu Frauen, zu denen 
er nie in eine echte Gefühlsbeziehung treten konnte, in der Tat selbst 
und endlich in seiner darauf folgenden Aussöhnung mit dem Vater. Auf die 
Befriedigung des Inzestwunsdies, der Geliebten in den Tod zu folgen, kann 
er verzichten, da er in die passiv homosexuelle Rolle fliehen kann. Diese 
Rolle bedeutet ja eine Befriedigung des umgekehrten ödipuswunsches, die 
homosexuelle Vereinigung mit dem Vater. Und so gelingt es den Lebens- 
trieben, wieder die Oberhand zu gewinnen. 

Es handelt sich hier also um eine Tat, die nicht aus kriminellen 
Motiven begangen wird, sondern die in der Hauptsache ausgelöst wird durch 
das Wirken allzustarker Schuldgefühle, die also eher aus ethischen 
Ursachen entsteht. Karl ist ein neurotischer Krimineller, der sich 
mit seinem bewußten Ich fiir die Tat keine Rechenschaft geben kann. Eine 
Bestrafung und Leidenszufügung ist in diesem Falle wirkungslos und un- 
zweckmäßig. Er gehört in die Hand des Psychoanalytikers. Eine Entwirrung 
seines unerledigten Ödipuskomplexes und damit seine Heilung und Rück- 
führung in die Sozietät ist durch Psychoanalyse möglich. 

Als Kuriosum erwähnt sei die juristische Beurteilung des Falles nach dem 
geltenden deutschen Strafrecht. Die Tötung eines Menschen auf ausdrückhches 
Verlangen wird mit einer milden Gefängnisstrafe bedroht. Der Versuch einer 
solchen Tötung ist straflos. Wenn jedoch, wie in unserem Falle, die Töiung 
nicht gelingt und die Tat den Verlust eines Auges zur Folge hat, so muß 
nadi der Judikatur des Reichsgerichts die Bestrafung nach § 225 erfolgen. 
Der Strafrahmen ist hier ganz wesentlich sdiwerer. 



i1 



*^" Seelische Ökonnmili des Mordes der Frau Lefebvre 



Seelisdie Ökonomik des Mordes der Frau Lefebvre 

Dm nadistehendm Ausjukrungen lügt die psydiotmalylüdu: Är^eU von Marie Bon aparte über 

den Fall Lefebvre zugrunde (Rmiie Frangaise Piydtanalytiquf, Tome i, igsj, Nr. i ; deutsdi 

in Jmago- Bd. XV, n)sg, Heft i, auch als Separaldnid erschienen}. 

Im August 1925 ersdioß Frau Lefebvre, eine reiche, über 60 Jahre 
alte Biirgerslrau aus Nordfrankreich ihre im sechsten Monat schwangere 
Schwiegertochter auf einer Spazierfahrt in ihrem Auto, das von ihrem Sohn, 
dem Mann der Schwiegertochter, gelenkt wurde. Sie wurde zum Tode ver- 
urteilt, dann zu lebenslänglicher Einsperrung begnadigt, und fuhrt im Zucht- 
haus ein religiöses, ruhiges, von Gewissensbissen und sonstigen Konflikten 
ziemlich freies Leben. Äußere Motive, die mit Hilfe der Oberflädienpsydio- 
logie die Tat erklärbar erscheinen lassen, sind kaum vorhanden. Sie selbst 
erklärte vor Gericht, ebenso wie V/^ Jahre später der Analyiikerin Marie 
Bonaparte, sie habe bei der Tat immer nur die Empfindung gehabt, ihre 
Pflicht zu tun. Sie sei auch heute noch der gleichen Meinung, sie habe ihre 
Schwiegertochter getötet, „wie man Unkraut, wie man schlechtes Kom aus- 
reiße, wie man ein wildes Tier totschlage." Und wenn sie gefragt wurde, 
worin denn eigentlldi die Wildheit des Tieres bestand, kann sie fast nichts 
darüber sagen. Sie habe gegen ihre Mutter einen Prozeß anstrengen wollen ; 
und einmal habe sie bei einem Wortwechsel zu ihr (zu Frau Lefebvre) ge- 
sagt: „Sie haben mich jetzt, man muß jetzt mit mir redinen." Das ist so 
ziemlich alles, was Frau Lefebvre selbst zur Begründung für ihre Tat an- 
führen kann. Es genügt, um auch noch Jahre nachher sie empfinden zu 
lassen, sie habe etwas Gutes getan und nidits Böses, sie habe sich von 
ihrem Verdruß befreit", darum gehe es ihr jetzt gut und Gewissensbisse 
braudie sie nicht zu haben. Sie empfand ihre Tat aucli als in Übereinstim- 
mung mit ihren religiösen Vorstellungen, wenn sie äußerte, sie habe sich 
selbst Gerechtigkeit widerfahren lassen, und ohne Gottes Willen habe das 
nicht geschehen können. 

Wie im vorigen Falle, so sehen wir also auch hier dieses merkwürdige 
irrational erscheinende Einverständnis mit der Tat. 

Frau Lefebvre war offenbar der Meinung, ihre Schwiegertochter habe 
an ihr ein Verbrechen begangen, das den Tod verdiene, daher habe sie sich 
Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wenn man der Frau Lefebvre Glauben 
schenken will, so bestand dieses Verbrechen eben darin, daß ihre Sdiwieger- 
foditer zu ihr etwas drohend geäußert hat, „Sie haben mich jetzt, nun muß 
man mit mir rechnen." Der Sinn dieser Äußerung liegt auf der Hand. Es 
bedeutet: „Idi bin da," und darin liegt das Verbrechen. Eine junge fremde 
Frau kam und stahl ihr ihren Sohn. Die dumpfe Ahnung des Volkes, eine 



Seelische Ökonomik des Mordes der Frau Lefebvre 107 



unerlaubte Beziehung zwischen Mutter und Sohn müsse das Motiv der Tat 
sein, wird sich, wie so oft, als zwar nicht real, aber doch psychologisch rich- 
tig erweisen. Es handelt sich tatsächhch auch hier um ein nur aus der 
ödipussitualion erklärbares Verbrechen. 

Wir wissen aus dem Prozeß, daß Frau Lefebvre den Entschluß faßte, 
einen Revolver zu kaufen, als sie zum ersten Male die Schwangerschaft ihrer 
Schwiegertoditer vermuten konnte. Sie kaufte ihn, als diese Vermutung zur 
Gewißheit wurde. Als Grund für den Ankauf gab sie sich und ihrer Familie 
an, sie wolle in ihrem Hause vor Dieben geschützt sein, die die Nachbar- 
schaft wiederhoft heimgesucht hätten. Es fiel der Analytikerin sogleich die 
Ähnhchkeit dieser Motivierung mit dem unbewußten Sinn der gegen die 
Schwiegertochter erhobenen Vorwürfe auf, daß nämlich die Schwiegertochter 
ihr den Sohn gestohlen habe. Und sie konnte weiter feststellen, daß die 
Scliwangerschaft der Schwiegertochter ihrem Unbewußten so unerträglich 
war, daß diese reiche, in ruhigen, geordneten Familienverhältnissen lebende 
Bürgersfrau den Maim, das Heim, die Kinder verlassen und ihr Leben durch 
die Tat auf Spiel setzen konnte. 

Die Neidreaktion gegenüber der schwangeren Schwiegertochter wird 
durch die symbolische Bedeutung der Schwangerschaft für die Frau noch be- 
sonders verschärft. Das Mädchen muß sich im Gegensatz zum Knaben, den 
der Kastrationskomplex, die Angst, den Penis zu verlieren, in mandierlei 
Konflikte bringt, frühzeitig mit dem endgültigen Fehlen des Phallus abfin- 
den. Die Tatsache, ein Weib, ein kastriertes Wesen zu sein, wird dem 
weiblichen Kinde firühzeitig zur Gewißheit, es lernt nach und nach, auf diese 
infantile Hoffnung zu verzichten, indem es triebhaft weiß, daß die Natur 
der Frau hielur einen Ersatz gegeben hat, das Kind, das ihr zur Entschädi- 
gung hn Körper wachsen wird, und das sie schon im Voraus in der Puppe 

liebt. 

So erhäU das Kind fiir das Unbewußte der Mutter die Bedeutung'eines 
Ersatzes für das fehlende männliche GHed. Es gehngt Marie Bonaparte, 
eine der unbewußten Determinanten des Hasses der Mutter gegen die 
Schwiegertoditer aus dem Peniskomplex abzuleiten. Die Schwiegertochter 
hatte ihr den Sohn, den die Mutter unbewußt als den endlich erhaltenen 
Ersatz für den fehlenden Penis betrachtete, gestohlen. Sie konnte es nicht 
ertragen, daß dieser Sohn in der Sdiwiegertochter zu einem Fötus, dem 
weiblichen Penisersatz, geworden war, und ihr so geraubt wurde. 

Die Reaktion gegen die schwangere Schwiegertochter, die in einem 
Auto durch einen Pistolenschuß (Auto und Pistole, Symbole des männlichen 
Genitales) getötet wurde, erweist sich in der Darstellung Marie Bonapartes 
als die Wiederholung einer sehr alten Feindseligkeit gegen die Mutter der 



^QS Seelische Ökonomik des Mordes der Frau Lefebvre 



Frau Lefebvre selbst, die zweimal während der Kindheit der späteren Frau 
Lefebvre schwanger war und zuerst den Bruder Charles, dann, als sie fast 
vier Jahre alt war, die Schwester Nelly zur Welt brachte. Diese zweite Ge- 
burt dürfte in dem kleinen Mädchen jene typische Eifersucht hervorgerufen 
haben, die sie in ihrer Tat wiederholte, sie muß, wie übrigens alle Kinder 
in dieser Lage, gegen die Mutter Todeswünsche gehabt haben, die sie spä- 
ter auf ihre jüngere Schwester übertrug. 

Eine Jugenderinnerung der Frau Lefebvre, die sie der Analytikerin er- 
zählte, zeigt diese Verhältnisse in außerordentlich typischer Weise. Die 
Kinder spielten gern religiöse Zeremonien. Der kleine Charles war der 
Geistliche und hieh die Messe ab, man veranstaltete Prozessionen im Garten 
und man begrub krepierte Hühnchen in Zigarrenschachteln in einem beson- 
ders dazu hergerichteten Friedhof, nachdem man sie feierlich gesegnet hatte, 
und auf ihrem Grabe errichtete man kleine, aus Gänseblümchen gesdimückte 
Kreuze. Dieses kindliche Spiel erkannte Marie Bonaparte bereits als Vorbild 
der begangenen Tat. Die kleinen gestorbenen Küken — Symbole der Todes- 
wÜnsche gegen das jüngere Kind' — werden mit Hilfe des Bruders, der als 
KompHce des Verbrechers figuriert, unter religiösen Zeremonien bestattet. 
Wir erinnern uns. daß Frau Lefebvre die Tat merkwürdigerweise in Gegen- 
wart ihres Sohnes, als dieser das Auto lenkte, beging, daß sie offenbar also 
für ihr Verbredien die Anwesenheit ihres Sohnes brauchte. 

Wenn die Analyiikerin so feststellen kann, daß die Tat der Frau Lefeb- 
vre sich als eifersüchtiger Racheakt gegenüber der Schwiegertochter dar- 
stellt, die ihr durch die Schwangerschaft den Sohn, ihren Penisersatz gestoh- 
len hatte, so wird man die dunklen Wurzeln dieser Katastrophe in der 
ödipussituation der Frau Lefebvre wiederfinden, die ihre ursprüngliche 
ödipuseifersucht gegen die eigene Mutter wegen deren Schwangerschaft auf 
die durch diese Schwangerschaft zur Welt gekommene jüngere Schwester, 
und später auf die schwangere Sdiwiegertochter verschoben, hat. 

Marie Bonaparie weist jedoch zutreffend darauf hin, daß noch andere 
sehr starke Momente mit wirksam gewesen sein müssen, um den infentilen 
Ödipuskonflikt gerade durch die Schwangerschaft der Sdiwiegertochter in sol- 
ditm Maße wieder zum Aufflammen zu bringen. Die Analytikerin berichtet 
uns von zahllosen hypocliondrischen Beschwerden, von denen Frau Lefebvre 
ihr ganzes Leben lang geplagt gewesen sei, insbesondere in den letzten zehn 
Jahren vor der Tat nach Beginn der Menopause. Als durch den endgültigen 
Stillstand der genitalen Funktion die Empfängnis nicht mehr möglich war, 
litt sie dauernd an o rganischen Siörungen und Beschwerden, die der sym- 

i) Hierauf weist übrigens auch der Sprachgebrauch hin: ^öu^bI = Küken = kleines 
Mädchen. 



Seelische Ökonomik des Mordes der Frau Lefebvre 109 



bolischen Darstellung des Zustandes der Sdiwangersdiaft dienten. Frau Lefeb- 
vre scheint sidi danach seit dem Verluste ihrer Weiblichkeit besonders ver- 
zweifelt an ihre Mutterschaft geklammert zu haben. Zwölf Jahre lang, vom 
48. bis zum 60. Lebensjahre, lebte sie so mit dem Gefühl dauernder hypo- 
diondrisclier Beschwerden in den Verdauungs- und Nachbarorganen, die für 
das Unbewußte die Bedeutung analer Sdiwangerschaftsphantasien hatten. 
Der Hypochondrische, der unfähig ist, seine Interessen — seine Libido — 
der äußeren Umwelt zuzuwenden, zieht sie auf seine eigenen Organe zu- 
rück die von nun an dazu dienen, seine Triebwünsche auszudrücken. Dieser 
Rückzug der Libido auf die eigene Person wird um so leichter zu Stande 
kommen, je weniger es einem Menschen gelungen ist, im Laufe der Ent- 
wicklung zur genitalen Stufe zu gelangen. 

Auf der einen Seite die Eifersucht gegen die schwangere Schwiegertochter, 
die ihr den Sohn, ihren Penis gestohlen hat, auf der anderen Seite der 
eigene, durch die Menopause herbeigeführte Verlust der Weiblichkeit, führte 
nach Meinung der Analytikerin die besonders starke Regression in die anal- 
erolisdie Phase herbei. Sie wollte ihren Sohn besitzen als maier familias, 
Beherrscherin und Eigentümerin aller Familienmitglieder ihres Blutes sein, 
und das ließ sie das Eindringen der Schwiegertochter und die Besitzergrei- 
fung des Sohnes durch eine andere Frau als einen besonders kränkenden 
Diebstahl empfinden. Alle diese starken narzißtischen Kränkungen brachten 
dann den alten verdrängten ödipuswunsdi gegenüber der eigenen Mutter, 
der schon frühzeitig auf die jüngere Sdiwester projiziert war, mit erneuter 
Heftigkeit zum Aufflammen. Dynamisch bedeutet danach die Tat die Aus- 
führung des tief verdrängten ödipuswunsdies gegenüber der eigenen Mutter. 

Noch immer aber bleibt unerklärt, wieso diese unbewußten Bestrebungen 
das Ich soweit überrumpeln keimten, daß es zur Ausfiihrung der Tat kam. 

Die Analytikerin schließt aus der Vorstellung der Frau Lefebvre, sie 
habe nur ihre PfUcht erfüllt und ihre Familie von einem unerwünschten 
Eindringling befreit, daß sich auf Grund paranoischer Realitätsverfalsdiung 
das Über-Ich mit dem Es vermengt habe. Nachdem die seelische Topographie 
in dieser Weise verändert worden sei, habe es keinen Konflikt mehr ge- 
geben, es entstand das Verbrechen dadurdi, daß das Unbewußte, das Be- 
wußte und das Gewissen einig waren. Die Identifizierung mit der beherr- 
schenden und strafenden Mutter mag nach Meinung von Marie Bonaparte mit 
der Anlaß gewesen sein, der die Außerkurssetzung des Über-Ichs ermÖghchtc. 

Diese vermutete Identifizierung wird von der Autorin nidit näher 
besdirieben. Wir werden zeigen können, daß diese intuitive Vermutung in 
vollem Umfange zutrifit und erst den Schlüssel für das volle Verständnis des 
Mordes liefert. 



^ 



**0 Seelische Ökonomik des Mordes der Frau Ldchvre 



Bezeichnend für die Veränderung in der Ich-Strukiur ist nach Meinung 
der Analytikerin, daß Frau Lefebvre sich seit der Tat außerordentlich 
gut und wohl und frei von Gewissensbissen und Reue fühk. Ihren Sohn 
wiederzusehen, hat sie niclit den Wunsch, sie hat ihm gegenüber kein 
schlechtes Gewissen, sie fühlt ihn vielmehr unbewußt als Komplicen, als 
Mittäter, so wie bei dem Spiel der Kinder ihr jüngerer Bruder die symbo- 
lische Tötung der jüngsten Schwester, des Eindringlings in die Familie, mit- 
begangen und durch religiöse Zeremonien geheiligt hatte. Die Rolle von 
Bruder und Sohn überträgt sie nach begangener Tat auf Gott- Vater. „Ich 
werde meine letzten Tage wie Magdalena am Fuße des Kreuzes verbringen", 
schreibt sie ihrem Manne aus dem Gefängnis. 

Wir möchten diese Auffassung nodi damit erhärten, daß Frau Lefeb- 
vre den gleichen Versdiiebungsmechanismus schon in ihrer Kindheit an- 
wandte. Der jüngere Bruder, der offenbar in ihrer Jugend eine ähnliche 
Rolle für sie gespielt hat wie später der Sohn, wurde auch damals mit den 
Attributen des Vaters ausgestattet, er hatte als Priester verkleidet das Be- 
gräbnis der jungen Küken durch rehgiÖse Zeremonien zu segnen. In der 
Kindheit hat Frau Lefebvre schon versucht, ihren Ödipuskonflikt, den 
verpönten Wunsch nach Vereinigung mit dem Vater und die Beseitigung 
der störenden Mutter, von den ursprünghchen Objekten auf die Geschwister 
zu verschieben. Die Lösung des Ödipuskonfliktes war nicht gelungen, unter 
dem Drucke des Über-Ichs wurde die KonfHktsituation auf die Geschwister 
projiziert : der jüngere Bruder wurde zur Vater-Imago erhoben (auch er war 
ja ein Penisträger), die jüngere Schwester war ebenso ein Störenfried dieser 
Beziehungen wie früher die Mutter. Und in dem Spiel der Kinder gelang 
es, die ödipuswünsche symbolisch zu realisieren. Die kriminelle Tat war 
eine geradezu verblüfFende Wiederholung dieses Spieles mit ähnlicher Rollen- 
besetzung. Die Schwiegertochter spielte das Küken, das heißt die kleine 
Schwester, den jüngeren Bruder stellte der Sohn dar. 

Die Tat brachte ihr so offenbar dieselbe Erleichterung wie das Spiel 
der Jugend, indem sie gleichzeitig den eifersüchtigen Haß und auch, durch 
das religiöse Zeremoniell, die Ansprüche des Über-Ichs befriedigte. Dazu 
kommt die Erleichterung durch Befriedigung des Strafbedürlhisses infolge 
des Einsperrens. 

Die unbewußten Motive der Tat 'lassen sich, wie folgt, zusammen- 
fassen. 

Die bei allen Frauen vorhandene, sprichwörrhch bekannte Eifersucht der 
Mutter gegen die Schwiegertochter hat ihre Wurzeln in der Bedeutung des 
Sohnes als Phallusersatz und erfährt eine ungeheure Verstärkung durch die 
Kränkung des Narzißmus, den die Schwangerschaft der Schwiegertochter der durch 



y 



Seelische Ökonomik des Mordes der Frau Lefebvre 111 

die Menopause ihrer Weiblidikeit beraubten Frau zufügt. Diese kränkende Sterili- 
tät, so ähnlich der infantilen Lage der Tochter gegenüber der Mutter, hat bei 
Frau Lefebvre den ursprünglichen, nur mühsam verdrängten Ödipuskomplex 
wieder aufflammen lassen. Die Beziehung zum Sohn enthält neben seiner 
Bedeutung als Penisersaiz den Gefühlswert der verdrängten Wünsche gegen- 
über dem Vater. Auf die Frau des Sohnes wird die gesamte infantile Eifer- 
sucht gegenüber der Mutter übertragen. Sie begeht durch die Tat den 
Muttermord. Damit gelang es Marie Bonaparie, diejenigen unbewußten 
Seelenvorgänge zu rekonstruieren, die die Tat bedingt haben. Es entsieht 
nun die Frage, warum und auf welche Weise diese so allgemein mensdi- 
lichen Tendenzen, die Eifersucht der Schwiegermutter gegen die Schwieger- 
tochter, bei Frau Lefebvre den Weg zur Motilität in der Form des 
Mordaktes finden konnten. 

Wir wollen im folgenden versuchen, auf Grund der bei anderen Kri- 
minalfällen erworbenen psychoanalytischen Erfahrungen jene psychischen 
Mechanismen näher zu beschreiben, durdi weldie das Ich zur Ausführung 
der Tat gewonnen und der hemmende Einfluß des Über-Ichs ausgesdialtet 
wurde. Wir werden hierbei eine bezeichnende Übereinstimmung dieser 
Mechanismen mit jenem des von uns beschriebenen Tötungs Versuchs eines 
Neurotischen feststellen können. 

Frau Lefebvre befand sich der Schwiegertochter gegenüber in einer ähn- 
lidien Gefühlssituation wie seinerzeit als Kind der eigenen Mutter gegen- 
über. Sie mußte die Schwangerschaft der anderen Frau mit ansehen, selbst 
von der Mutterschaft ausgeschlossen. Sie ist aber gleichzeitig auch in dersel- 
ben Lage, in der die Mutter ihren infentilenödipuswünsdien gegenüber war. 
Die Schwiegertochter hat das realisiert, was sie der Mutter gegenüber ge- 
wollt hat : die Tochter ist schwanger, nidit die Mutter ! Und so gelingt es 
ihr, sidi nunmehr mit der Mutter zu identifizieren und so zu reagieren, wie 
sie im Unbewußten gefurchtet hatte, daß die Mutter ihr gegenüber handein 
würde und nadi den Anforderungen ihres Über-Ichs handeln durfte. Diese 
Identifizierung mit der Mutter erlaubt ihr nunmehr, die Radi e 
der bestohlenen Mutter zu erfüllen. Sie spielt unbewußt das Spiel zu Ende, 
das sie in der Kindheit angefangen hatte. So, wie es ihr als Kind gelungen 
war, ihre ödipuswünsche zu behalten und symbolisch zu befriedigen, so 
gelingt es ihr nunmehr in der Identifizierung mit der Mutter audh noch die 
Radie für die ödipustat auszukosten. Dieser Vorgang wird nur aus den 
Gesetzen der Identifizierung und Projektion verständlich. Die 
eigenen ödipuswünsche gegenüber der Mutter werden auf die Schwieger- 
toditer projiziert, die eigenen Wünsche gegenüber dem Vater werden auf 
den Sohn verschoben, und die aus den eigenen ödipuswünsdien stammen- 



' ^^ Seelische Ökonomik des Mordes der Frau Lefebvre 



den Schuldgefühle werden dadurch aufgehoben, daß die Täterin sich mit der 
geschädigten Mutter identifiziert und an der Person, auf welche die eigenen 
ödipuswünsdie projiziert wurden, Rache nimmt. Erst dieser paranoische 
Rollentausch erlaubt das volle Ausleben des Ödipuskomplexes, er -erklärt 
den Triumph, denn es siegt ja die Gerechtigkeit und es folgt die Strafe auf 
die ödipuswünsdie. Nun erkennen wir erst genau, woher die Erleichterung 
von Leiden und das Fehlen jeglicher Reue und Gewissensbisse nach der 
Tat stammt. Für das Unbewußte hat ja die Tat die Bedeutung einer Strafe 
für die eigenen ödipuswünsdie, dem unbewußten Talionsgedanken ist Ge- 
nüge geschehen, die Sdiuld ist gesühnt. 

Jetzt verstehen wir auch eindeutig den Sinn ihrer Rationalisierungen. 
Wir wissen, warum sie die Schwiegertochter toten wollte, „wie man Un- 
kraut, wie man schlechtes Korn ausreiße, wie man ein wildes Tier tot- 
schlage", warum sie, die Schwiegertochter tadekid, hervorhob, „daß sie ge- 
gen ihre eigene Mutter einen Prozeß anstrengen wollte." Und wir verstehen 
überhaupt, warum sie so unerschütterlich davon überzeugt war, daß sie mit 
dem Mord ein gutes Werk getan hatte, warum sie in der Schwiegertochter eine 
Verbrecherin sehen konnte. Für ihre Phantasie war die Schwiegertochter die 
Verkörperung ihrer eigenen infantilen verpönten unbewußten PersönHchkeit. 
Alle Angriffe gegen die Schwiegertoditer galten ihrem eigenen Unbewußten, 
ihrer eigenen mutterfeindlichen EinsteUung als Kind. In dem Haß gegen die 
Sdiwiegertoditer werden diejenigen Kräfte nadi Außen gewendet, die früher, 
gegen die eigenen ödipuswünsdie geriditet, deren Verdrängung bewirkt 
hatten. 

Die Ökonomik der Tat wird nun audi klar. Die verdrängten Triebe 
werden frei und die bisher nadi Innen hemmenden Kräfte sadistisch nadi 
Außen ausgelebt. Frau Lefebvre ersdieint so als Opfer der ungemein starken 
Verdrängung, der harten religiösen Atmosphäre ihrer Jugend. Der Mord 
kommt durch das Zusammenwirken der verdrängten Aggressionen mit 
den verdrängenden Kräften zustande, nachdem es ihr gelungen war, 
diese Kräfte anstatt gegen das eigene Triebleben durch die Projektion 
des eigenen Unbewußten in die Schwiegertoditer nadi Außen zu wenden. 
So wirkt Verdrängendes und Verdrängtes in derselben Richtung. Das 
Einsetzen der Menopause ist der geeignete Zeitpunkt für diese Wen- 
dung der verdrängenden Kräfte nach außen. Die Verdrängung hat sie zur Fri- 
gidität verurteilt und in ihrem ganzen Leben jede sexuelle Befriedigung 
zerstört. Die Verzweiflung der alternden Frau bringt es zustande, daß diese 
strengen triebhemmden Kräfte endlich und zum ersten Male nicht gegen die 
eigenen Triebe, sondern gegen die schwangere Sdiwiegertoditer sich richten, 
die alle die Befriedigungen zu haben scheint, die ihr immer versagt waren. 



Seelische Ökonomik des Mordes der Frau Lefebvre 113 

Dieser Mord ist also hauptsächlich auf das Konto der verdrängenden Kräfte zu 
schreiben und sein Zustandekommen ist aus ihrer ungeheuren Stärke zu erklären. 
Die Härte der Verdrängung können wir eindeutig aus der Härte der Kritik, mit 
der sie sich gegen die Sdiwiegertochter wendet, ersehen, weil diese Kritik 
ja früher als Verdrängung gegen die eigenen Triebe gerichtet war. 

Die S t r a f e des weltlichen Gerichts, die Frau Lefebvre zu erleiden hat, 
wird als Wohltat empfiinden und muß so empfunden werden, weil die 
Strafe den letzten Rest der durch die Projektion schon gelockerten Schuld- 
gefühle aufhebt. Daher ihr Wohlbefinden im Gefängnis, der Fortfall aller 
körperlichen Beschwerden, die auffallende Verjüngung ihres ganzen Habitus, 
von der Marie Bonaparte uns zu berichten weiß. Und der Lustgewinn, der 
aus diesen Vorgängen gezogen werden kann, ist die endüche Vereinigung 
mit dem Vater, die symbolische Erreichung ihrer ödipuswünsche. Nunmehr 
ist sie mit Gott, ihrem Vater, vereint, die Nebenbuhlerin ist beseitigt, und 
nichts kann dieses Glück mehr stören. Jeder möglidie Einspruch des Über- 
Ichs ist entkräftet, weil sie ja in der Person der Schwiegertochter ihre 
eigenen bösen Triebe getötet hat. Diese völlige Übereinstimmung von 
Über-Ich- Anforderungen mit den Tendenzen des Es wird auch durch das 
Bewußtsein nicht gestört, denn die Rationalisierungen, die das bewußte 
Gewissen zu beschwichtigen hatten, waren gut gewählt. Die schließliche 
Vereinigung mit dem Vater, die endliche Verwirklichung des Ddipuswun- 
sches gelingt unter dem Deckmantel religiöser Gefühle. 

Es bleibt noch hinzuzufügen, daß die Tat eine weitere Überdetermina- 
tion aus der infantilen Situation erhält. Frau Lefebvre hat als Kind 
bereits eine gleiche Situation erlebt wie später vor der Tat. Ihre Groß- 
mutter mußte auch mitansehen, wie eine Frau ihr den Sohn stahl. Und diese 
Großmutter scheint das wahre, positive Mutterideal der Frau Lefebvre ge- 
wesen zu sein. Während sie von ihrer Mutter im Wesentlichen nur negative 
Züge zu berichten weiß, die ihre Haßeinstellung nur leicht verdecken, scheint 
sie ihre ganze positive Mutterübenragung auf die Großmutter vereinigt zu 
haben. Sie wird als das gütige Muttervorbild von Frau Lefebvre be- 
schrieben, sie wird als das wahre Mutterideal, als das Haupt der Familie 
empfunden. Es liegt nahe, daß das Kind die eigene Eifersucht gegenüber der 
Mutter in der Großmutter wiederzusehen glaubte, daß sie das, was sie an 
Eifersucht in ihrem Innern erlebt hatte, auch in der Großmutter wiederfand. 
Mit ihr konnte sie sich umso leichter identifizieren, als Tochter und Groß- 
mutter nicht Rivalinnen, sondern beide, wegen der Jugend oder wegen des 
Alters von der Sexualität ausgeschlossen, Leidens- und Bundesgenossinnen waren. 
Die große Liebe und Solidarität zwischen Großeltern und Enkeln beruht nicht 
zuletzt auf dieser Schicksalsgemeinschafc, der jede störende Eifersucht fehlt. 

Alcxandcr-Suub ; Vcrbrcdier 8 



^'■^ Seelische Ökonomik des Mordes der Frau Lefebvrc 



Die Tat der Frau Lefebvre vollendet also auch durch die Identifizierung 
mit der Großmutter deren Rache gegenüber ihrer Mutter— Schwieger- 
toditer — als der Räuberin ihres Sohnes. Der unantastbare, gütige Charakter 
der Großmutter, wie er in der Erinnerung der Frau Lefebvre forüebt und 
die negative Kritik gegenüber der Mutter erleichtern die Identifizierung mit 
der Großmutter und die Aufhebung der Schuldgefühle fiir die Tat, da ja 
die Mutter = Schwiegertochter die Schuldige, die Großmutter = Frau Le- 
febvre die gütige, reine, zu Unrecht geschädigte Frau ist, die zu rächen ein 
gutes Werk sei. 

So sehen wir durch das ganze Leben der Frau Lefebvre den Ddipus- 
kampf toben, ein zähes Festhalten an den verpönten Wünschen, die, anstatt 
aufgegeben zu werden, unter dem Druck des Über-Idis ständig ihre Position 
wechseln, immer wieder auf andere Menschen verschoben werden. Mit Hilfe 
des Projektionsmechanismus erreicht sie es sohheßlich, die ödipustat voU zu 
reahsieren, die Mutter zu töten und gleichzeitig die Rache der Mutter 
herbeizuführen, um schließlich mit dem Vater ohne Schuldgefühle vereint zu 
sein. So werden die Tendenzen des Es ausgelebt, den Anforderungen des 
Über-Ichs geschieht Genüge, das bewußte Ich wird durch die Rationahsie- 
rungen überrannt, und das Ende ist ein völliges ausgeghchenes Glück und 
Harmonie m der Vereinigung mit Gott, dem Vater. 

Wir glauben, daß viele Morde, die unter dem Einfluß unbewußter 
Motive begangen werden, einen ähnlichen Mechanismus aufweisen. Die Tat 
Kains, !das erste Vorbild eines neurotischen Menschenmordes, sdieint uns 
Recht zu geben. Der erste Mord in der Bibel ist kein Vatermord. An Stelle 
des Vaters mordet der ältere Bruder den Jüngeren. Er iuhlt in dem jüngeren 
Bruder eme ähnliche Eifersucht ^^gtn sidi selbst, den Älteren, die er dem 
Vater gegenüber empfindet. Und so kann er in Abel die eigene Eifer- 
sucht gegen den Vater töten. Auf diese Weise wird er seinen Ri- 
valen los und erleichtert seine Schuldgefühle gegenüber dem Vater, mit dem 
er sich identisch fühlt, und den er für seine eigenen ödipuswünsche rächt. 
Die verpönten Teile seines Ichs, die verdrängten ödipuswünsche also, hat 
Kain in Abel getötet. Der von uns beschriebene Mordversuch eines 
Neurotisdien zeigt ebenso wie die Tat der Frau Lefebvre den gleichen 
Mechanismus. Diese Morde haben den Gefiihlswert panieller Selbstmorde, da 
sie den verpönten, verhaßten Teil des eigenen Trieblebens in einem An- 
deren entdecken und töten. Wenn Freud in jedem Selbstmord gleich- 
zeitig den Mord an einem Anderen sieht, so scJieinen uns umgekehrt 
audi viele neurotische Morde [verkappte Selbstmorde zu sein. 



ANHANG 



Einige Bemerkungen zur Psychologie der 
strafenden Gesellsdiaft 

Wir sind am Ende unserer Arbeit. Unserer Aufgabe, ein tieferes Ver- 
ständnis der krimineDen Tat mit Hilfe psychoanalytlsdien Wissens zu er- 
langen, haben wir nichts Grundsätzliches mehr hinzuzufügen. Wir hoffen, 
daß die tiefenpsydiologischen Einsichten in das Seelenleben des Kriminellen 
zweckmäßigere Maßnahmen gegenüber dem Rechtsbrecher ermöglichen wer- 
den. Es lag nicht in un-serer Absicht, diese Maßnahmen selbst zu erörtern. 
Die Psychologie des Kriminellen, auf die wir uns beschränkten, soll die 
wissensdiafdiche Grundlage einer künftigen Kriminaldiagnostik und Kri- 
minaljustiz bilden. 

Wenn wir uns aber fragen, welche praktischen Folgen sich schon für 
die Gegenwart aus diesen Untersuchungen ergeben, so wird uns das Ergeb- 
nis ein wenig enttäuschen. Es ist uns zwar gelungen, zu zeigen, daß bei 
einem großen Teil von Rechtsbrechern, die heute noch als Kriminelle abge- 
urteilt werden, eine andere Behandlungsweise angezeigt wäre. Die neuro- 
tischen Kriminellen konnten wir als symptomlose Neuroiiker, die ihre 
Krankheit im Leben agieren, dieses Agieren unbewußt, manchmal auch 
bewußt verurteilen, aber nicht verhindern können, in die Gruppe der Kran- 
ken einreihen. Damit haben wir nicht viel anderes getan, als den Kreis 
jener Kranken auszudehnen, die früher als vom Teufel Besessene gleichfalls 
der StraJjustiz ausgeliefert waren. Und auch das ist nichts prinzipiell Neues. 
Auch die moderne forensische Schul psychiatrie versucht, diesen von ihren 
Trieben besessenen Kranken eine andere Behandlung zu verschaffen, als den 
normalen Kriminellen. Mit dem Mikroskop tiefenpsychologischen Wissens 
ausgerüstet, konnten wir ledigHch diese Unterscheidung vollkommener durch- 
führen, die pathologischen Kriminellen exakt erfassen, das Wesen ihrer 
Krankheit aufdecken und in ihren Handlungen den Anteil der psydiopatho- 
logischen Vorgänge im einzelnen beschreiben. Für diese Menschen können 
wir also etwas Neues und Eindeutiges vorschlagen: die Abschaffung 
jeglicher Strafe und ilire Zuführung in eine auf psychoanalytischer 
Grundlage beruhende Erziehung oder Behandlung. Wenn man auch 
die praktische Bedeutung dieses Ergebnisses wegen der großen Zahl der 
neurotischen Kriminellen nidit untersdiätzen darf, so wird unsere Enttäu- 



^1" Bemerkuiisen snr Psyckolonie der strafenden Gesellschaft 



schung dadurch doch nicht aufgehoben, weil dies ja keine prinzipielle 
Umgestaltung des Strafredits bedeutet. Wir entziehen nur dem Strafredit, 
das in seinen Grundlagen unersdiüttert zu bleiben scheint, einen Teil seiner 
Objekte, um sie zuständigkeitshalber in die Hände des Erziehers oder Arztes 
zu übergeben. 

Für den Rest der Kriminellen, den normalen Rechtsbrecher,' 
mußten wir aber zugeben, dali nur die Angst vor unlustvollen Folgen, also 
das Fundament jeglicher Strafjusliz, asoziale Handlungen praktisch verhin- 
dern oder wenigstens einschränken kann. Würde das heutige Kriminalrecht 
lediglich dieses zweckmäßige, die Gesellschaft schützende Prinzip mit mög- 
lichst sachhcher Vollkommenheit und ohne Affekt anstreben, so wäre unsere 
Aufgabe so ziemlich beendet. Die auf wissenschafi liehen Erwägungen beru- 
hende, zweckmäßig abgewogene Zufügung von Leiden würde dann nur die 
normalen Kriminellen, deren Kreis wir allerdings erheblich einschränken 
konnten, treffen. 

Dieses reine Zweckmäßigkeitsprinzip der Prävention und Ab- 
schreckung kommt jedoch im Charakter der heutigen Strafe weit weniger 
zur Geltung als das vorherrsdiende affektive Moment der Sühne und 
Vergeltung. Die Härte sowohl wie die Art der heutigen Strafe werden 
in erster Linie von dem Vergcltungsdrang gefühlsmäßig abgeleitet. Unsere 
psychoanalytischen Einsichten über das Wesen der Kriminalität, besonders 
die Erkenntnis der tief verwurzelten Verknüpfung von Schuld und Sühne 
im Emzelindivlduum, drängen uns zu einer Stellungnahme gegenüber diesen 
irrationalen Prinzipien des Strafrechts. 

Damit verlassen wir unser bisheriges Thema, die Psychologie des 
Täters, und wenden uns zur kollektivpsychologisdien Untersuchung der 
strafenden Gesellschaft. 

Schon der erste Schritt in das Gebiet der Kollektivpsychologie stellt uns 
vor ein neues Problem, das wir bei der psycliologi sehen Untersudiung des 
Täters nodi außer Acht lassen konnten. Wir versprachen uns von der tiefe- 
ren Kenntnis des Täters ein Urteil, das dem allgemeinen Gereditigkeits- 
gefühl besser entspricht. Wir haben dabei jedoch nicht berücksichtigt, daß 
das Rechfsgefühl der Massen nidit von intellektuellen Einsichten allein ab- 
hängig ist. Die Masse verlangt nach Sühne, das psydiologische Verständnis 
des Täters hebt im allgemeinen das Verlangen nach Sühne nodi nicht auf, 
es kann nur den Sühnedrang den Motiven entsprediender gestalten. Wenn 
wir z. B. beweisen konnten, daß der Verbredier aus Schuldgefühl haupt- 
sädihch von seinem dunklen Strafbedürlhis in die Kriminalität getrieben 
wurde, so wird das Verlangen nadi Sühne eine andere Form haben als 
gegenüber einem bewußten Feinde der Gesellschaft. Aber eine rein zweck- 



Bemerkungen zur Psychologie der strafenden Gesellschah 117 

mäßige Reaktion wird auch dann noch durdi affektive Momente beeinflußt 
und gestört werden. Der nächste Schritt auf dem Wege zu einer von den Affek- 
ten befreiten Justiz führt uns also zu der psychologischen Erforschung dieser 
Affekte des strafenden Kollektivmenschen. 

Wie tief der Drang nach Sühne und Vergeltung in der Gemeinschaft 
wurzeh, zeigt jeder Kriminalfall, der sich durch besondere Grausamkeit oder 
durch besonders schwere Opfer auszeichnet. Das ganze Volk verlangte den 
Kopf des Massenmörders Haarmann und wollte nichts davon hören, daß bei 
ihm wahrscheinlich eine überstandene Geisteskrankheit vorlag und sicher 
eine krankhafte Trieb verirrung die bewußten Hemmungsinstanzen überrum- 
pelt hatte. In solchen Fällen würde durch eine strenge Isolierung mit dem 
freilich nicht sehr aussichtsreichen Versuch einer Behandlung und Heilung 
dem rationellen Prinzip des Schutzes der Gesellschaft sicher Genüge gesche- 
hen. Die Todesstrafe ist hier wie immer der reine Ausdruck eines trieb- 
haften Vergeltungsdranges, der Blut für Blut verlangt. Wie exakt und tief- 
gehend wir auch die Persönlichkeit des Täters und die Psychogenese der 
Tat mit Hilfe der Psychoanalyse aufdecken, so wird doch immer eine diesen 
aufgedeckten Motiven entsprechende Behandlung des Täters auf ungemein 
starke Widerstände stoßen, wenn diese Reaktion nicht gleichzeitig auch dem 
affektiven Sühne- und Vergeltungsdrang der Allgemeinheit entspricht. Eher 
wird die wissenschaftliche Einsicht verworfen, als die Befriedigung der Af- 
fekte geopfert. Die bessere Kenntnis des Täters wird in vielen Fällen zwar 
die Anforderungen des allgemeinen Rechtsgefühls modifizieren, nicht aber 
den Sühnedrang überhaupt aufheben. Den Täter wird man zwar nidit mehr 
für eine konstruierte oder mißverstandene Handlung bestrafen, sondern dafür, 
was er tatsädilich gemeint hat, aber auf die Strafe wird man auch weiterhin 
nicht verzichten wollen. Somit ist eine affektlose Justiz davon abhängig, daß 
es gelingt, den Sühnedrang selbst psydioanalytisch in seinen unbewußten 
Wurzeln aufzuklären, seinen Inhalt ins Bewußtsein der Allgemeinheit zu 
bringen und dadurch das Reditsgefiihl dahin zu ändern, daß es mit den 
rationalen Maßnahmen in Einklang steht und auf die Befriedigung irratio- 
naler Affekte verzichtet. 

Wir haben am Eingang unserer Darlegungen festgestellt, daß die Ver- 
letzung des Gerechtigkeitsgeffihls deshalb zur Empörung und zum regressi- 
ven Triebdurchbruch führt, weil die restliche, dem Einzelnen noch verblie- 
bene persönliche Freiheit durdi Fehlurteile bedroht wird. Wir müssen nun- 
mehr feststellen, daß das Gerecht igkehsgefiihl audi durch den gerade ent- 
gegengesetzten Vorgang verletzt werden kann, wenn nämlidi der Täter 
seiner vermeintlich verdienten Strafe entgeht. Wenn im ersten Falle der 
Mensch fühlt, daß ihm das gleiche Unrecht widerfahren könnte, wie dem 



118 Bemerkungen sttr Psychologie der strafenden Gesellschaft 



durch das Fehlurteil Betroffenen, so fuhk sich in dem letzteren Falle jedes 
Mitglied der Gemeinschaft dadurch beeinträchtigt, daß ein anderer straflos 
etwas ausführen darf, was dem Rcduschaffenen verboten ist. In beiden Fällen 
geht der Kampf um die persönliche Freiheit der Triebe, handelt es sidi um 
einen Protest gegen den Triebverzicht. „Wenn ein anderer zu Unrecht be- 
straft wird, kann auch meine Freiheit bedroht werden, wenn ein ande- 
rer der Strafe entschlüpft, warum muß i c h dann den Triebverzidit 
leisten !" 

Diese einfache psychologische Feststellung führt uns zu einem wesentli- 
dien Motiv des Sühnedranges. In unserer psychoanalytischen Sprache ausge- 
drückt, bedeutet die Siraflosigkeit eines Übeltäters die Bedrohung der eige- 
nen Verdrängungen. 

In ähnlicher Weise hat Reik' und neuerdings auch Witt eis' auf die 
Bedeutung der Strafe für die Verdrängungen der Mensdien hingewiesen. 
Klar aber wird diese Funktion der Strafe erst dann, wenn wir uns erneut 
die Abhängigkeit des Über-Idis von den äußeren Autoritäten vor Augen 
halten, die Anna Freud bei dem Kinde so überzeugend feststellen konnte 
(a. a. O.). Wir wiesen aber bereits darauf hin, daß eine gewisse Abhängig- 
keit bei den meisten Erwachsenen während ihres ganzen Lebens fortdauert. 

Die Macht des eigenen Über-Ichs über das Triebleben wird also nicht 
nur durch strenge ungerechte Urteile erschüttert, sondern audi dann, wenn der 
Täter straflos bleibt und für seine Tat nidit büßen muß. Die Straflosigkeit 
bedeutet ja, daß der Richter dem Täter das erlaubt, was man sich selbst 
verbietet. In dieser Situation bleibt nur übrig, entweder die eigenen Hem- 
mungen aufzugeben und den asozialen Tendenzen nachzugeben oder die 
Strafe für den Täter zu verlangen. „Was idi nicht darf, darf er audi nidit, 
wenn er straflos bleibt, so will idi audi nicht mehr verzichten." 

Die Angst vor der Absetzung des eigenen Über-Ichs und vor dem 
Durdibrudi der so schwer gezähmten Triebe ist es, die aus Selbstschutz 
nach Sühne ruft. Diese Angst ist ja begründet, weil die ungezähmten Triebe 
uns vor der Aufriditung des Über-Ichs in ständige Konflikte und Leidens- 
situationen mit der Umweh gebracht haben. Um diesen Leidenserfahrungen 
auszuweichen, wurde das Über-Ich aufgerichtet. Trotzdem ist das ursprüng- 
liche Drängen der Triebe in den Mensdien noch so stark, daß das Über-Ich 
zur Erhaltung seiner Verdrängungsmacht die dauernde Unterstützung durch 
die Autoritäten der Außenwelt braudit. Das Idi ruft also bei jedem Rechts- 
bruch nadi Sühne, um in seiner Bedrängnis durch die Triebe die Madit 
seines Über-Ichs zu stärken. Das schledite Beispiel des Täters wirkt verfüh- 

i) Geständniszwang und Strafbedürfnis. (Internat. Psydioanalyt. Btbl. XVET), Wien 1935. 
2) Rid-.ter und Rache. Alnwiiadi 1929 des Internat. Psydioanalyt. Verlag-s. 



Betnerkungen ::ur Psychologie der strafenden Ges etlschait 1 19 

rend auf die eigenen verdrängten Triebe und erhöht ihren Druck. Damm 
braucht das Ich eine Stärkung der Macht seines Über-Ichs und kann diese 
Stärkung nur von den realen Autoritätspersonen erhalten, die das Vorbild 
des Über-Ichs sind. Kann das Ich den Trieben nachweisen, daß auch die 
w^eltlichen Autoritäten dem Über-Ich Recht geben, dann kann es sich dem 
Durchbruch der Triebe erwehren. Desavouieren aber die weltlichen Autori- 
täten das Über-Ich, indem sie den Täter laufen lassen, so gibt es keine 
Hilfe mehr gegen den Durchbruch asozialer Tendenzen. Der Sühnedrang ist 
also eine Sdmtzreaktion des Ichs gegen die eigenen Triebe im Dienste ihrer 
Verdrängung, um das seelische Gleichgewicht zwischen verdrängenden und 
verdrängten Kräften aufrecht zu erhalten. Das Verlangen nach Bestrafung des 
Täters ist gleichzeitig eine Demonstration nach innen, um die Triebe einzu- 
schüchtern ; „Was wir dem Täter verbieten, darauf müßt auch ihr verzichten.* 

Je größer nun der Druck der verdrängten Tendenzen ist, umsomehr 
benötigt das Ich die Sühne als abschreckendes Beispiel gegenüber der Ur- 
welt der eigenen verdrängten Triebe, was auch Witt eis (a. a. O.) mit 
Recht besonders hervorhebt. Je lauter also der Mensch nach Bestrafung des 
Übeltäters ruft, umsoweniger hat er mit den eigenen verdrängten asozialen 
Trieben zu kämpfen. Es ist geradezu ein diagnostisches Merkmal starker, 
unverarbeiteter asozialer Tendenzen, wenn jemand sich allzueifrig in den 
Dienst des Sühnegedankens stellt. Die oft merkwürdige unterirdische Affi- 
nität zwischen Verbrecherwelt und ihren amtlichen Ver- 
folgern ist aus diesem psychischen Vorgang zu erklären. Mit einem Teil 
seiner Seele, dem unbewußt triebhaften, steht ja jeder Mensch, aber ganz 
besonders der eifirige Verfolger des Verbrechers, auf dessen Seite. Diese un- 
bewußte Sympathie wird durdi die Verdrängungsinstanz am Bewußtwerden 
verhindert und in der Verfolgung des Täters überkompensiert. Wird aber 
der Sühnedrang durch Bestrafung des Täters ausgiebig befi-iedigt, hat man 
sich dadurch bewiesen, daß man selbst brav und loyal auf der Seite der 
Sozietät steht, so darf dem bestraften Täter gegenüber eine besondere Milde, 
oft geradezu Sympathie und Freundschaft entgegengebracht werden. Man hat 
ja durch die Befinedigung des Sühnebedürfnisses einen Sieg über das Böse 
im eigenen Ich errungen, man darf dem Täter ja wirklidi dafür dankbar 
sein, daß e r für das gebüßt hat, was w i r unbewußt gewollt haben. Darum 
ist schon den Urvätern ein reuiger Sünder lieber gewesen als hundert Ge- 
rechte. Denn der reuige Sünder ist ein starker Helfer im Kampfe gegen die 
eigenen verdrängten Triebe. 

Reik (a. a. O.) sieht die Bedeutung, die das Gericht und die Allge- 
meinheit dem Geständnis des Täters beilegt, hauptsächlich darin, daß 
der reuige geständige Täter seine Tat selbst verurteilt und dadurch dem 






1^2 Bemerkungen zur Psychologie der strafenden CeselischaU 



Richter ermöglidit, unter Aufhebung der eigenen Schuldgefühle den Täter 
schuldig zu sprechen. Wir möchten noch auf einen weiteren, vielleicht tiefer- 
hegenden, aber ökonomisch nicht weniger bedeutungsvollen Faktor hin- 
weisen. Der trotzige Täter bedeutet, selbst wenn er verurteih wird, immer 
noch eine Gefährdung der eigenen Verdrängungen. Denn die Triebe jedes 
Menschen haben die Tendenz, in trotziger Auflehnung gegen die Gesell- 
schaft und das eigene Über-Idi nach Befriedigung zu verlangen. Der trotzige 
Täter Ist also der ständige Bundesgenosse und Verführer der verdrängten 
Triebansprüche. Die bloße Existenz eines trotzigen oder verstockten Täters 
ist ein lebender Beweis dafür, daß eine solche Auflehnung überhaupt mög- 
lich ist. Darum wird er zum Schutze der eigenen Verdrängungen besonders 
hart bestraft. Der geständige reuige Sünder jedoch, der selbst das eigene 
Tricbleben desavouiert und Besserung verspricht, ist dagegen ein starker 
Helfer des Über-lchs. Es siegt das Über-Ich des Täters und in allen Zu- 
schauern wird das Prestige des eigenen Über-lchs erhöht. Man darf jetzt in 
der Strafe milder sein, denn die Strafe braucht ja nicht mehr dazu zu dienen, 
die eigenen gefährdeten Verdrängungen zu unterstützen. Diese Stärkung der 
Verdrängung hat der Täter mit seinem Geständnis selbst übernommen und 
damit die Strafe von ihrer Sühne-Funktion endastet. Selbst das verdrängte 
Triebleben kann sich mit der Tat nicht mehr identifizieren, da der Täter 
selbst gegen seine Tat Stellung genommen hat. Der reuige Verbrecher be- 
deutet weder als Angreifer der Gesell scliaftsordnung noch audi als Ver- 
führer oder Aufi-Ührer der verdrängten Triebe der Mitmensdien eine Gefehr. 
Er hat sogar einen Anspruch auf Milde, da er als lebendes Beispie] für den 
Sieg des Über-lchs über die Triebe erzieherisdi wirkt. 

Die gleiche Psychologie erklärt einen merkwürdigen Brauch hn chinesi- 
schen StrafvoUzug, dessen Kenntnis wir der Erzählung eines Augenzeugen, 
eines englischen Ofiiziers, verdanken. Von mehreren zum Tode durch das 
Schwert vcrurteihen Komplizen wird einer durch Auslosung dazu bestimmt, 
mit je einem einzigen Schwerthieb die Kopfe der anderen vom Rumpfe zu 
trennen. Gelingt ihm dies, so ist er fi-ei. Mißlingt es ihm aber, so muß er 
sich wieder unter die Hinzuriditenden legen und es kommt der nächste noch 
Lebende als Henker an die Reihe. Wem dieser grausame Strafvollzug fehler- 
los glückt, der wird begnadigt. 

Wer durcli eine Henkerstat eindeutig und fehlerlos beweist, daß er sldi 
in den Dienst der strafenden Gesellschaft gestellt und der Solidarität mit den 
Komplizen völlig entsagt hat, kann begnadigt werden, da er der Verdrän- 
gung asozialer Tendenzen einen großen Dienst geleistet hat. 

Wenn wir das Gerechtigkeitsgefühl als einen Indikator für den Gleich- 
gewichtszustand zwisdien Triebverzicht und Triebfreiheit erkannt haben, so 



Bemerkungen sur Psychologie der strafenden Gesellschaft 121 

ist das Sühneprinzip diejenige Funktion des Gerechtigkeitsgefühls, die den 
Triebverzicht gegenüber dem drohenden Triebdurchbruch stärkt. Die Sühne- 
tendenz der Strafe gilt also in erster Linie nicht so sehr dem Täter wie 
den eigenen Trieben. Die ausgleichende Rolle des Gerechtigkeitsgefühls 
kommt am schönsten darin zum Ausdruck, daß es bei überharten Urteilen, 
wenn also die Triebansprüche übermäßig angegriffen werden, an die Seite 
des Täters als des Repräsentanten des Trieblebens tritt, während das Ge- 
rechtigkeitsgefühl den Täter verfolgt, wenn durch seine Straflosigkeit die 
eigenen Triebe überhand zu nehmen drohen. 

Neben diesem Sübnecharakter, der in der modernen Rechtsphilosophie als 
Rechtsstrafe zum Ausdruck kommt, hat die Strafe nodi eine tiefere affektive 
Wurzel, die Rache. Sie ist älter als das Sühneverlangen, sie ist ein Trieb - 
anspruch, der in jedem Lebewesen unabhängig von den später errichteten 
sozialen Instanzen, wie dem Übcr-Idi, wirksam ist. Jedes Tier rächt sich an 
seinem Angreifer. 

Wie die Triebe in der Realität auf Widerstände treffen und dadurch 
ein Spannungs- oder Leidenszustand entsteht, so reagiert der Mensch auf 
jede von Außen kommende unlustvolle Beeinträchtigung in Urakehrung 
dieser Situation, indem er die Rolle der die Unlust zufügenden Realität 
gegenüber dem Angriff des Anderen übernimmt. Dieser RoUentausch bildet 
die Grundlage der Rache. Freud formuliert diesen Vorgang in dem Salz, 
daß man das, was man passiv erduldet, bestrebt ist, aktiv 
auszuleben. Der kleine Junge, der von der Zahnbehandlung nach Hause 
kommt, fordert gerne seine kleine Sdiwester auf, mit ihm Zahnarzt zu 
spielen, wobei er der Zahnarzt sein will. Er rächt sich für das erlittene 
Leiden in diesem Falle an einem unschuldigen Opfer. Natürlich richtet sich 
meistens das Rachegefuhl zunädist gegen die Person, die einem das Leiden 
zufügt. Die tiefere Ableitung und Analyse dieses primären Vorganges gehört 
nicht zu unserer Aufgabe.' 

Da jeder Rechtsbrecher die Interessen der Anderen bedroht, löst er das 
reaktive Verlangen nach Rache aus, das in dem Talionsprinzip primitiver 
Strafrechtssysteme seinen Niederschlag gefunden hat. Wahrend der Sühne- 
drang dem Schutz vor der Identifizierung mit dem Missetäter dient, steht 
die Rache im Dienste des Selbstschutzes vor dem äußeren Feind. Das Sühne- 
verlangen ist eine Reaktion auf das Drängen der eigenen Triebe, die Rache 
auf Angriffe von außen. Damit unterscheiden wir zwei affektive Wurzeln 
der Strafe : den Sühnedrang und die Rachetendenzen, die wir als Drang 

i) Geriaiid erkennt diesen Vorgang als eine primäre Triebreaktion. Er sieht in der 
Talion ein allgemeines Prinzip, durch .Projektion" unlustvolle Spannungen aufzuheben. (,Dic 
Entstellung der Strafe." Rektoratsrede. Jena 1925.} 



122 Bein erkunden sur Psychologie der strafenden Gesellschaf l 



nach Vergeltung von dem Verlangen nach Sühne abgrenzen wollen. Im 
Strafrecht ist der primitive Radie-Affekt in einer gemilderten und modifi- 
zierten Form noch heute vorhanden. Er kommt in dem Vergeltungscharakter 
der Strafe insbesondere in der primitiven Härte und in der irrationalen 
Art der Leidenszufügungen im Strafvollzug noch hinreichend zum Ausdruck. 

In dem Sühneverlangen und in dem Verlangen nadi Vergeltung, die 
bis heute in der Strafrechtsphilosophie und auch in der Psychologie kaum 
unterschieden werden konnten, handelt es sich zwar qualitaüv um den 
gleichen Vorgang, die Reaktion des Ichs gegen einen feindseligen Angrifl, 
aber um zwei verschiedene Richtungen desselben Affekts. Das Ich hat bei 
jeder kriminellen Tat, die ein anderer begeht, nach zwei Fronten zu 
kämpfen. Es sieht sich einem äußeren und einem iimeren Feind gegenüber. 
Das Ich empfindet jeden Kriminellen als seinen eigenen Feind, von dem auch 
es pcrsönhch bedroht wird. Gleichzeitig aber hat es gegen einen inneren Feind, 
die eigenen verdrängten Triebe, zu kämpfen, die, durch das Beispiel des Täters 
verführt, durchzubrechen drohen. Die erforderliche reaktive Verstärkung der 
eigenen Verdrängungen kommt in dem Verlangen nach Sühne zum Ausdruck, 
der Vergeltungscharakter der Strafe dient als Repressalie gegen den Angriff 
von außen. Es handelt sich also bei Sühne und Vergeltung um Atn gleiclien 
seelischen Vorgang mit einer Akzentverschiebung, an ein verschiedenes 
Publikum gerichtet. Der Sühnedrang spricht mehr zu den eigenen Trie- 
ben, die Vergehung ist ein Racheakt gegenüber dem Täter. 

Eine weitere Bedeutung erhält die Strafe in der Seelenökonomik, — was 
"Witte Is (a.a.O.) in erster Linie hervorhebt,— indem sie eine Aggression 
in berechtigter Form ableitet, deren asoziales Ausleben durch die Verdrän- 
gungen verhindert wird. Dadurch gewinnt die Strafe eine Bedeutung als 
Rekompense für geleisteten Verzicht an Sadismus. Die Identifizierung mit 
der strafenden GeseUschaft ermöglicht dem Rechtschaffenen ein Ausleben von 
Aggressionen in erlaubter Form. Dieses Ausleben verringert das Quantum 
der zu verdrängenden Aggressionen, erleichtert also die Verdrängungsarbeit. 
Jedes Gerichtsverfahren, besonders die Vollstreckung der Todesurteile, hat 
vielfach den Charakter einer Schaustellung und dient zur Abführung von 
Aggressionen, ähniicli wie die Gladiatoren-Kämpfe des alten Roms oder die 
Stierkämpfe der lateinischen Rasse. 

Diese drei unbewußten affektiven Quellen der Strafe wirken hindernd 
gegenüber der Einführung einer rein rationalen Justiz, die ohne Sühne, 
ohne Vergeltung arbeiten und auch auf die versteckteBe friedigung 
von Agressionen der Massen verzichten wird. Eine solche von Affek- 
ten purifizierte Justiz wird nur möglich werden, wenn in den Menschen die 
Herrschalt des Ichs über das Triebleben so gesichert sein wird, daß seine 



Bemerkungen sur Psycliologie der strafenden CeseUschaft 123 

Unterstützung durch Sühne entbehrlich wird, und wenn außerdem die aggres- 
siven Tendenzen der Massen einen weiteren Abbau durch Sublimierungen 
er&hren haben. Wir müssen uns darüber klar sein, daß wir von der Ver- 
wirkhchung dieses Zustandes noch weit entfernt sind. Dem Menschen der 
heutigen Zeit wird außer den bisherigen nationalen Solidaritätsanforderungen 
durch den Pazifismus eine neue weitergehende Solidarität, ein Verzicht 
auf das Ausleben von Aggressionen im Kriege zugemutet. Aber auch das 
Wirtschaftsleben bietet immer weniger Gelegenheit zur Abführung von 
Aggressionen. Die modere Wirtschaftsentwicklung hat zuerst den fi-eien Wett- 
bewerb des Handwerkers aufgehoben und dem Kollektivgedanken im 
Arbeiterstande zum Siege verholfen. Die Zahl der fi-eien Unternehmer ver- 
ringert sich unter den Konzentrationstendenzen des Spätkapitalismus immer 
mehr, immer weitere Schichten ehemals wirtschafdich individualistischer Kreise 
geraten in eine aufgezwungene Solidarität zueinander. Der individualistische 
Kampf Aller gegen Alle verHert so immer mehr an Boden, den Aggressionen 
werden auch diese subÜmiertcn Beft-iedigungsmöglidikeiten im Wirtschafts- 
kampfe entzogen. 

Der Jmoderne Spätkapitalismus hat durch seine jeden Individualismus 
erstickenden Konzentrationstendenzen eine rapide Verstärkung des kollekti- 
vistischen Prinzips zur Folge, was von vielen Politikern und Soziologen oft 
so gründlich verkannt wird, Sic bekämpfen in ihm eine individuaUstisdie 
Wirtschaftsform, indem sie ihn mit der Planlosigkeit frühkapitalistisclien 
Uniernehmertums verwechseln. Eine Zeit, die den Mensdien immer weiter 
in den Rahmen des Gemeinschafissystems hineinpreßt, seinen IndividuaHs- 
mus immer mehr aufsaugt, besonders aber alle Aggressionen unterbindet, die 
die Solidarität eines so komplizierten Gesellschaftskörpers bedrohen, eine 
solche Zeit wird kaum auch noch die letzten ichgerechten Zufluchtsstätten 
des Sadismus in der Justiz opfern können. Schwerlich werden Politik und 
Sport allein alle aufgegebenen Sadismen ersetzen können. 

Die ganze Geschidite des Strafredits ist erfüllt von dem Bestreben, an 
Stelle der irrationalen und triebhaften Grundlagen der Strafe den rationalen 
Gedanken zum Siege zu verhelfen. In der Straft-echtswissenschaft gilt das 
Prinzip der Talion längst als überwunden. Abschreckungs- und Besserungs- 
tendenzen, also rein rationale Gesichtspunkte glauben an ihre Stelle getreten 
zu sein. Aber die praktische Durchführung dieser Prinzipien geht kaum über 
den schwachen Versuch eines Kompromisses mit den triebhaften unbewuß- 
ten Kräften hinaus. In der Abmessung und der Durchführung der Strafe 
kommen diese irrationalen Tendenzen am klarsten zum Vorschein, da die 
heurige Strafzume-ssung und die Art der Sirafvollstredcung aus rationalen 
Erwägungen kaum noch ableitbar sind. Warum der eine Taschendieb 



124 Bemerkungen sttr Psychologie der strafenden Gesellschaft 

2 Jahre ins Gefängnis wandern muß und der andere Dieb 5 Jahre, warum 
der eine ins Gefängnis, der andere ins Zuchthaus soll, woher die mathe- 
matische Gleichung stammt : 8 Monate Zuchthaus = 1 Jahr Gefängnis, aÜ dies 
ist aus Zweckmäßigkeitsprinzipien nicht mehr ableitbar. Strafzumessung und 
ihr Vollzug sind wahre Tummelplätze reiner Befriedigung der Affekt- 
ansprüche. Diese Affekte erklären den unbewuiäten Widerstand, auf den die 
praktische Anwendung unserer psychoanalytischer Erkenntnisse im Strafrecht 
treffen wird. Erst wenn die Allgemeinheit auf die Unterbringung der drei 
AflFektansprüdie, Sühne, Vergeltung und Rekompense für sozial 
gehemmten Sadismus bei der Behandlung des Kriminellen verzichten 
wird, wird das Reditsgefühl sich mit einer wissenschaftlich fundierten, rein zweck- 
mäßigen Behandlung des Rechtsbrechers zufrieden geben. Die Voraussetzung 
hierfür bildet aber vor allem die psychologische Kenntnis des Täters, die 
wir mit unserer Arbeit anzubahnen versuchten. 



INHALTSVERZEICHNIS 

SoiCe 

Vorwort 5 

Einleitung • ■ ■ • , ^ 

Erster Teil: 
Die Theorie des Verbrechens 

Der Kampf ums Redit lo 

Die Jusiizkrise der Gegenwart »5 

Die RoUe der Psychologie in der Beurteilung des Täters 20 

Die Kriminalität als allgemein menschliche Erscheinung 25 

Die psychoanalytische Theorie der neurotischen Symptombildung als Grundlage 

der Kriminalpsychologie 37 

Die Frage der Verantworthdikeit und die Rolle der ärzdidicn Sachverständigen 

im Gerichtssaal 44 

Beteiligungsgrad des Ichs an den versdiiedenen seelisclien Vorgängen und am 

Verbrechen 5^ 

Allgemeine psychische Medianismen der Kriminalität 60 

Der neurotische Verbrecher 67 

Perversion und Verbrechen 77 

Eine psychoanalylisdie Kriminaldiagnostik (Schematische Zusanunenfassung der 

kriminellen Handlungen) S, 



a 



Zweiter Teil: 
Einige Kriminal fälle im Lichte der Psychoanalyse 

Methodologische Vorbemerkungen zur Analyse von Kriminalfällen SS 

Ein Verbrecher aus Sdiuldgefuhl 9" 

Tötungsversuch eines Neurotisdien 97 

Seelische Ökonomik des Mordes der Frau Lefebvre io6 

Anhang 
Einige Bemerkungen zur Psychologie der strafenden Gesellsdiaft 115 



fnteraiatioBaler Psychoaiialytisclicr Verlag 

Wien, In der Börse 

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PSYCHOANALYSE DEM 
GESAMTPEKSÖNLICHKEIT 



von 



FMANZ ÄLEXÄNDE 

Geheftet Mk 9—, Ganzlemen Mk 11-- 



„Didaktisdi gesdiictl und bestediend 
gut gcsdiriebcn. Trotz oder wegen 
seiner grandiosen Einseitigkeit regt es 
starlt; zum Nachdenken an". (J. E. 
Staehdin in der Schweizerischen Med. 
Wodiensdiriß) 

„Wir können das Studium, dieses 
Budies allen bestens empfehlen, die 
sidi mit den Lcidenszuständen der Men- 
schen besdiäfugen wollen". (R. Mutze in 
der Sachs. SdiuheitungJ 

„Auch für den nicht auf eine bestimmte 
analytisdic Richtung ein geschworenen 
Arzt und Psychologen (bemerkenswert". 
(A. Storth in der Dmtsdten LH. Zeitung) 

„Sdiarf und gesdieit . . . Ein überaus 
erfreulidies und zum Denken anreizendes 
Budi", (Journal of Jicru. and Me.rü. 
Disease) 

„Ein Beweis für die Feinheit der 
Alexanderschen Analyse liegt in seiner 
tiefen Definition defi Sdiicksal erlebe isses, 
die geradezu den Geltungswert einer 
metaphysischen Erkenntnis besitzt". (Dr. 
Fritz Friedländer in Berl. Börsencourier) 

„Das Budi wird dadurch von beson- 
derer Bedeutung, daß es die rein zer- 
gliedernde Beobaditurg überwindet und 
den Weg zur Erforsdiung der psychischen 
Gesamipcrsönlichkcit freilegt". (Prof. EriA 
Stern mjalirb.j. Erxichungswiss. u.Jugeiid- 
hinde) 



Iniialt: i. Eiuwiiklmigiridinine der Psych o:iü:.lysc. Die Entdeiimig- de» 
IdiJ. WiederlioluQgazwa.ig als ÄuGerung des Triighciuprinzips. Vcrinnerlidiung 
der Rcalargst jur Gi:wi5scnsangst. Die Strafe bcgiinstigi die Siindc. MiUbraudi 
des I^idcns als Mildcnjrgsgnind. — 3. Die Kollc des Idia in der Neurose. 
Der hysleriädie und der paraiioiädic Mcdianismus. Die Sdiainreakdon. — 
%. Rcditfertigung der draiTiaiischcn Darstellung der Neurosen. Die dynamische 
Struktur der Zwangsneurosen und der Phobien. Eifcrsudil in der Kinderstube. 
Askerisdic Züge in der Edc und in drr Muirenchafi, Str.iGciianssl als Folge 
von Dinunphaniasicn. — 4. Der jwinssncurolisdic Zweifel. Die Strafe als 
Befriedigung femininer Bestrebungen. Der Sinn der hyiiudiundiisdico Be- 
fürdmingen, — 5, Die dynimisdic Neurose nfomiel. Erütiiicrung des Slniibe- 
diirfiiisses. Die Rolle des Leidens in Religion und Eriichunff, Das unvernieid- 
lidie Nadieinander vun Lust und Unlust. Die hiologische Wur/el der Uiilusi- 
Erwartungen. Festhalten an alten Bcfriedigungjarten. — ü. Das ätiologiadie 
Prohleiii der Neurosen. Die Suhlimicrangen. — ;. Tricbmi Teilungen. Ein Fall 
von inasodiisiisdiein T'ransi'estitiaii.ua. Die sjdistisJie Kouiponecte der Moral. 
Wirkung Her Todemadiridic. Pervcrsiün als SJiuii vjr Sclbstzerstörung. — 
8. Allgemeine Krankheit st lieorie auf Grundlage der Trieblehrc von Freud 
Rüdiwcnduug des Hasses in der Melancholie. Masudhismus und Humosciua- 
lität. — 9. Die Triebgrundlagen der Neurosen. Die Fcnünlidikeiiabildung 

„Drum willst du didi vor Leid bewahren, — So ilehe 
zu den Unsichtbaren, — Dali sie zum Glück den Sciirnerz 
verleihn" — ist das Motto des Alexanderschen Werkes. 
Freuds Ichtheorie, in den letzten Jaliren aufgericlitet, als 
kühner Oberbau über das Fundament psychoanalj-ti scher 
Tiefenforschung, wird von Alexander auf das ganze Gebiet 
der NeuFosenlehre angewendet und darüber hinaus zu einer 
Seelenlelire von der Gesamtpersönlichkeit entwickelt. Dyna- 
mik und Ökonomie des ganzen Trieblebcns wird untersucht 
und Entscheidendes zur Psychologie von Gewissen, Leiden, 
Strafbedürfeis, Flucht in die Krankheit, triebhafter Selbst- 
zerstörung, neurotischem Sichausleben usw. an den Tag ge- 
fördctt. Mit der Entdeckung der Bedeutung des Ichs fängt 
eine neue Periode der psychoanalytischen Forschung an. 
Während die erste Periode im Zeichen der Deutungskunst 
stand, die die Äußerungen der Triebe zu begreifen lehrte, 
zeugt die Alexandcrsche Arbeit bereits von den Bestrebungen, 
Bestandteile zerlegter Triebaußerungen in der Gesamtstruktur 
ihres Aufbaues zu betrachten. Die theoretischen Ausführungen 
werden durcii Krankengeschichten illustriert. 



Intematioealer Psyclboaiialytischer Yer^ 

Wien, In der Börse 



GESTÄNDNISZWANG UND 
STMAFBEDÜMTNIS 

PROBLEME DER PSYCHOANALYSE UND DER KRIMINOLOGIE 

von 

THEODOE EEIK 

Geheftet Mk 8-—, Ganzleinen Mk 10-- 



Bestimmte Erfahmng-en der psychoanalytischen Praxis haben 
Reik veranlaJii, die Exisiena einer besonderen psychischen 
Tendenz, die er als unbewußten Geständniszwang bezeichnet, 
anzunehmen. Das Symptom der Neurosen repräsentiert nicht nur 
die Kraft der verpönten Wünsche, sondern wesentlich auch die 
Macht verbietenden (moralischen, ästhetischen) Instanzen. Freud : 
«Der Selbstverrat dringt dem Menschen aus allen Poren." Das 
unbewußte Geständnis bring-t ein Stück psychischer Entlastung, 
das von der partiellen Befriedigung herrührt, die das Geständ- 
nis als eine Art abgeschwächte Wiederholung der phantasierten 
Tat erscheinen läßt. Das Erfassen der unbewußt gewünschten 
Tat sowie der Vergleich des Ichs mit dem Ichideal des Men- 
schen hn Geständnis liat den ElFeVt, daß der Einzelne, der 
Bekennende mit sich bekannt zu werden beginnt. Denn wir 
sind nicht nur weit böser, sondern auch weit besser als wir 
annehmen. An Hand psychoanalytischer Krankenberichte zeigt 
Reik eingehend den Anteil des Über-Ichs an der Entstehung 
und Entwicldunf; der Neurose. Über den Rahmen der Heilkunde 
hinausgreifend, meint Reik in dem vom Über-Ich ausgehenden 
unbewußten Straibedürfnisse eine der gewaltigsten, schicksals- 
formenden Mächte des Menschenlebens überhaupt zu erkennen. 
Besonders eingehend wird vom Verfasser die Kriminologie 
berücksichtigt. Die Strafrechtstheorie Reiks geht davon aus, daß 
das Schuldgefühl gerade bei jenen Verbrechern, für welche die 
Strafgesetzgebung bestimmt ist, der Tat vorangeht. Die Strafe 
dient der Befriedigung des unbewußten Sn-afbedürfnisses, das 
zu der verbotenen Tat trieb, und befriedigt gleiclizeitig auch 
das unbewußte Strafbedürfhis der Gesellschaft durch deren un- 
bewußte Identifizierung mit dem Verbrecher, Reik zeigt des 
ferneren die mannigfaltigen Äußerungen des unbewußten Ge- 
ständniszwanges auf den Gebieten der Religion (Beichte, Sün- 
de obekenntnis), des Mythus, der Sprache und der Kunst. 
Das Sdüußkapitcl ist dem sozialen Geständnis zwang gewidmet: 
Psychoanalyse ist — geistesgeschichtlich betrachtet — das erste 
bewußte Geständnis der Gesellschaft, das die triebhaften Grund- 
lagen, auf denen die Geraeinschaft ruht, einer psydiologi sehen 
Uatersüdiung unterwirft. Sie bereitet den Abbau der rohen Trieb- 
gewalt imd des unbewußten Triebgefühles vor. Im bedeutsamen 
Stüdc Mcnschhcitsarbeic, daß die Psydioanalyse bietet, ist Reiks 
Werk em Beitrag, dessen Tragweite heute noch nicht abzuschätzen ist. 



,,Die hochinteressante Arbeit eines 
tiefgründigen Denkers und scharfen 
Beobachters, deren große Bedeutung 
für die Weiterentwicklung der Psyclio- 
analyse die Zukunft zeigen wird". 
(österreidiisdie Ridilerzeitung) 

„Kein Leser wird sich dem Ernst 
entziehen können, mit dem Reik den 
seltsamen Kontrast zwischen äußerer 
Selbatgereditigkeit des Menschen (als 
Einzelnen wie als Kollektivum) und 
dem inneren Sclbstgcridit aufdetkt, 
der den Leitfaden der etJiten sitdidien 
Entwicklung bildet". (Büdiemindsdiau 

„Verminelt über die letzten Wurzeln 
des Geständnis- und^BeslrafungStriebes 
bei Neurotikem viele übcrxasdicnde 
und originelle, sicher auch einst fiiidit- 
bar werdende Einsic3iten". (Zentralblall 
J. d. ges. Neurologie w. Psychiatrie) 

„Reik versteht es in glänzender 
Weise, seine Hypothesen vorzutragen. 
Ein bewundernswerter Glaube an die 
Bedeutung der Psyclioanalyse läßt ihn 
zur höciisten Höhe einer optimisdsdien 
ZukunftshofTnung aufsteigen". (Prof. 
Friedländer in der Unisdiau) 

„Ungemein interessant und ausge- 
zeichnet geschrieben ... Es scheust, 
daß Reiks Theorie bei der Reform 
des Strafreiits eine Rolle zti spielen 
berufen sein wird'". (Wiener Ktht. 
Wodieiisdiriß) 



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