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Full text of "Almanach der Psychoanalyse 1933"

1^ 



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Almanacn der 
Psycnoanalyse 

1933 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



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Sij;rnuiul Fivud (1^31) 
Holzplastik von O. Nomon (Biiisscl) 



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ALMANACH DER 

PSYCHOANALYSE 

1933 



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Internationaler 

Psydtoanalytisdier Verlag 

Wien 



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Alle Redjtc. 
iDsbcoodere das der Übersetzung. Torbchalt«. 



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Dru* vo„ Oüo M.^. Söhne G«. .. b. „., Wi.„. ,. w.ir.. 



*K«Mc 10 — 1708 32 



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INHALTSVERZEICHNIS 

Seile 

Kalendarium 7 

Sijjmund Freud: Über libidinöse Typen 9 

Albrecht Schaeffer: Der Mensch und das Feuer ... 14 
E. H. Erlenmeyer: Bemerkungen zur „Gewinnung des 

Feuers" 25 

Sigmund Freud: Zur Gewinnung des Feuers 28 

Lou Andreas-Salom^: Der Kranke hat immer redit 36 

Arnold Zweig: Odysseus Freud 45 

M. D. Eder: Der Mythos vom Fortsdiritt 48 

Ludwig Jckels: Das Sdiuldgefühl . 70 

Hermann Nunberg: Magie und AUinadit . 88 

Paul Federn: Das Idigefühl im Traume 9ö 

Fritz Wi 1 1 e I s : Das übericfa io der Gcschlechtsent- 

scheidung 131 

Melanie Klein: Die Sexualbctätigung des Kindes .... 138 
Robert Wälder: Die psydioanalytische Tlieorie des 

Spiels 152 

Dorolhy Burliagham: Ein Kind beim Spiel 172 

Anna Freud: Psydioanalyse des Kindes 177 

Marie Bonaparte: Der Tod Edgar Poes 198 

Stefan Zweig: Das ehelidie Mißgesdiick Marie Anloinettcs 225 



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Sfile 
Eduard Ilitschmann: Werfel als Erzieher der Väter . 243 

Emest Jones: Die Wortwurzd MK 249 

Oskar Pfister: Psychuanalysc unter den Navuhü-liicüa- 
"^^^ ■ ■ ..■;.. 264 

Theodor Reik: Der öclbstverraf des Mörders 275 

Alfred Frh. v. Berger: üie Dichter hat sie für siA . . . 285 

R- Baisse tte: Der Sohn Alexanders des Ueidu-n ... 290 
Verlagsanzeigeu * 298 

• - -Bildbeilagen 

Sigmund Freud, IIolzsk,d,.(nr von O. Nenion (Brüssel) Titelbild' 
Freud's Geburtshaus in FreiburK (C. S. R.) . , „aj» Seite 32 

Sandor Kado . . j c ■. .-.a 

,, . „ nfldi Seite \2S 

Mane Bo„apartc „„^,, ^,,^. ^,^ 

baadbUd der NavaKo-Indianer „,,,, Se..e 272 

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1 • 



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KALENDARIUM für das JAHR 

1955 



Mo 


JANUAR 


FEBRUAR 


MAR/ 


APRn. 


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Ostersonntüg 16. April 
Pfingsiaonntag 4. Juni 



) • 



ÜBER LIBIDINÖSE TYPEN 

Von 
Sigm. Freud 

Aus dem XVII. Band (1931) der ..Internatiomilen Z*'it- 
schrift für Psychoanalyao". (Jährlich vier Hefte im üe- 
saralumfang von etwa 6(X) Seiten. M. 28.—,) 

Unsere Beobachtung zeigt uns, dali die einzelnen 
menschlichen Personen das allgemeine Bild des Men- 
schen in einer kaum übersehbaren Mannigfalli^^keit ver- 
wirklicbea. Wenn man dem berechtigten Bedürfnis nach- 
gibt, in dieser Menge einzelne Typen zu milersrheiden, 
so wird man von vorneherein die Wahl haben, nach 
welchen Merkmalen und von welchen Gesichlspunklcn 
man diese Sonderung vornehmen soll. Körperliche Kigon- 
schaften werden für diesen Zweck gewiß nicht weniger 
brauchbar sein als psychische; am wertvollsten werden 
solche Unterscheidungen sein, die ein regelmäßiges Bei- 
sammensein von körperlichen und seclischeu Merkmalen 
versprechen. 

Es ist fraglich, ob es uns bereits jetzt möglich ist, 
Typen von solcher Leistung herauszu finden, wie es 
später einmal auf einer noch unbekarmlfn Basis gewiß 
gelingen wird. Beschrankt man sich auf die Bemühung, 
bloß psychologische Typen aufzustellen, so haben die 
Verhältnisse der Libido den ersten Ans[)ruch. der Ein- 
teilung als Grundlage zu dienen. Man darf fordern, dali 
diese Einteilung nicht bloß aus unserem Wissen oder 
unseren Annahmen über die Libido abgeleitet sei, sondern 
daß sie sich auch in der Erfahrung leicht wiederfinden 
lasse und daß sie ihr Teil dazu beitrage, die Masse 
unserer Beobachtungen für unsere Auffassung zu klären. 
Es ist ohne weiteres zuzugeben, daß diese libidinösen 



9 






Typen auch auf psychischem Gehiet iiiclil fhc einzig 
möglichen zu sein hrauchen. wiu] daß man, von antlcron 
Ei^j^cnschaften ausgehend, vielleicht eine gnu/r lieihö 
anderer psychologischer Typen aufstellen kaini. Kür alle 
solche Typen muß gelten, daß sie nicht mit kiankhi-its- 
Bildern zusammenfallen dürffsn. Sie sollen im (icgeiiteil 
alle die Variationen umfassen, die nach unserer pr.ik- 
tisch gerichteten Schätzung in die Breite des Normalen 
fallen. Wohl aber können sie sich in iluen extremen 
Ausbildungen den Krankheitsbildern annrdiern und sol- 
cherart die vermeintliche Kluft zwischen dem Normalen 
und dem Pathologischen ausfüllen helfen. 

Nun lassen sich je nach der vorwiegenden Unterbrin- 
gung der Libido in den Provinzen des seelischen Appiirata 
drei libidinöse Ilauptlypen unterscheiden. Deren Namen- 
gebung ist nicht ganz leicht; in Anlelnmng an unsere 
Tiefenpsychologie möchte ich sie als den erotischen, 
den narzißtischen und den Zwangslypus be- 
zeichnen. 

Der erotische Typus ist leicht zu charaklerisicron. 
Die Eroliker sind Personen, deren Hauptinteresse — der 
relativ größte Botrag ihrer Libido — dem Liebesleben 
zugewendet ist. Lieben, besonders aber Geliebtwerden, ist 
ihnen das Wichtigste. Sie werden von der \rigst vor 
dem Liebesverlust belierrscht und sind danuu Ix^sondcrs 
abhängig von den anderen, die ihnen die Liebe versagen 
können. Dieser Typus ist aucli in seiner reinen Form 
recht häufig. Variationen desselben ergeben sich je nach 
der Vermengung mit einem andern Typus und dem 
gleichzeitigen Ausmaß von Aggression. Sozial wie kul- 
turell vertritt dieser Typus die elementaren Triebaa- 
sprüche des Es, dem die andern psychischen Instanzen 
gefügig geworden sind. 



10 



Der zweite Typus, dem ich den zunächst befremd- 
lichen Namen Zwangs typus gegeben habe, zeichnet { 
sich durch die Vorherrschaft des Über-lchs aus. das 
sich unter hoher Spannung vom Ich absondert. Er wird ; 
von der Gewissensangst beherrscht an Stelle der Angst 
vor dem Liebesverlust, zeigt eine sozusagen innere Ab- 
hängigkeit anstatt der äußeren, entfallet ein hohes Maß 
von Selbständigkeit und wird sozial zum eigentlichen, 
vorwiegend konservativen Träger der Kultur. 

Der dritte, mit gutem Recht narzißtisch geheißene 
Typus ist wesentlich negativ charakterisiert. Keine Span- 
nung zwischen Ich und Über-Ich, — man würde von 
diesem Typus her kaum zur Aufstellung, eines Ober- ' 

Ichs gekommen sein, — keine Übermacht der erotischen 
Bedürfnisse, das Hauptinteresse auf die Selbsterhaltung 
gerichtet, unabhängig und wenig eingeschüchtert. Dem ] 

Ich ist ein großes Maß von Aggression verfügbar, das 
sich auch in Bereitschaft zur Aktivität kundgibt; im 
Liebesleben wird das Lieben vor dem Geliebtwerden be- 
vorzugt. Menschen dieses Typus imponieren den anderen 
ab ,, Persönlichkeiten", sind besonders geeignet, anderen 
als Anhalt zu dienen, die Rolle von Führern zu über- 
nehmen, der Kulturentwicklung neue Anregungen zu ge- 
ben oder das Bestehende zu schädigen. 

Diese reinen Typen werden dem Verdacht der Ablei- 
tung aus der Theorie der Libido kaum entgehen. Man fühlt 
sich aber auf dem sicheren Boden der Erfahrung, wenn 
man sich nun den gemi.schten Typen zuwendet, die um 
80 viel häufiger zur Beobachtung kommen als die reinen. 
Diese neuen Typen, der erotisch-zwanghafte, 
der erotisch-narzißtische und der narziß- 
tische Zwangstypus, scheinen in der Tat eine gute 
Unterbringung der individuellen psychischen Strukturen. 

11 



wie wir sie durch die Analyse kennen gelernt liahen. xu 
gestatten. Es sind längst vertraut« ClianiklerMlih'r, auf 
die man bei der Verfolgiirig dieser Mischlv(K'n f:erät, ^ 
Beim erotischen Zwangslyi)us scheint die (ber- ■ 
macht des Trieblebens durch den Ivinfhili des Ober-Ichs 
eingeschränkt; die Abhängigkeit gleicbzcilig von rezenten 
menschlichen Objekten und von dei» Ih-üklt-n der Kllern, 
Erzieher und Vorbild^'r erreicht bei diesem Typus <ica 
höcbstcn Grad. Der eroii so b-n a rz i liti sehe ist vieU ] 
leicht jener, dem man die grölMe lliuifigkeil ztjsprechon 
muß. Er vereinigt Gegensätze, die sich in ihm gegenseitig 
ermäßigen können; man k:inn an ibm im Vt-rglricb mil 
den beiden anderen erotisclien Typen lernen, dali Aggrea- ' 
sion und Aktivität mil der Vorlierrschafl des \;u/ilin)ua 
zusammengehen. Der narzißtische Z w a n g s l y p n a 
endlich ergibt die kulturell wertvollste Variation, indem 
er zur äußeren IJnabhäii^^Igkeit und UiMililung der Ge- 
Wissensforderung die Fähigkeit zur krai'lvollfn Heläli- 
gung hinzufügt und das Ich gegen das Über-Ich ver- 
stärkt. 

Man könnte meinen, einen Scherz zu inarbcn, wena 
man die Frage aul'wiri't, warum ein andiicr ibcon-li^ch 
möglicher Mischlypus hier keine lüwäbnung findet, iiäm- 
höh der o r o t i s c h -z w a n g h a f t - n a r z i ß t i s c h e. 
Aber die Antwort auf diesen Scherz ist ernsthaft: weil ■ 
ein solcher Typus kein Typus mehr wäre, sondern die ' 
absolute Norm, die ideale Ihuinonie. bedeuten würde. 
Man wird dabei innc, daß das IMiänonien des Tvpus 
eben dadurch entsteht, daß von den drei llauptvn \Nrn- 
dungen der Libido im seelischen Haushalt eine oder zwei 
auf Kosten der anderen begünstigt worden sind. 

Man kann sich auch die Frage vorlegen, welcb«» da» 
Verhältnis dieser hbidinösen Typen zur Pathologie ist. 



12 



ob einige von ihnen zum Übergang in die Neurose beson- 
ders disponiert sind, und dann, welche Typen zu wel- 
chen Formen führen. Die Antwort wird lauten, daß die 
A.ufstellung dieser libidinösen Typen kein neues Licht | 

aut die Genese der Neurosen wirft. Nach dem Zeugnis 
der Erfahrung sind alle diese Typen ohne Neurose 
lebensfähig, üie reinen Typen mit dem unbestrittenen 
Übergewicht einer einzelnen seelischen Instanz scheinen 
die größere Aussicht zu haben, als reine Charakterbilcler 
aufzutreten, während man von den gemischten Typen 
erwarten könnte, daß sie für die Bedingungen der Neu- 
rose einen günstigeren Boden bieten. Doch meine ich, 
man sollte über diese Verhältnisse nicht ohne besonders 
gerichtete, sorgfältige Nachprüfung entscheiden. 

Daß die erotischen Typen im Falle der Erkrankung i 

Hysterie ergeben, wie die Zwangstypen Zwangsneurose, i 

scheint ja leicht zu erraten, ist aber auch an der zuletzt i 
betonten Unsicherheit beteihgt. Die narzißtischen Typen, 

die bei ihrer sonstigen Unabhängigkeit der Versaguiig ^ 
von seilen der Außenwelt ausgesetzt sind, enthalten eine 

besondere Disposition zur Psychose, wie sie auch wesent- ' 

liehe Bedingungen des Verbrechertums beisteilen. i 

Die ätiologischen Bedingungen der Neurose sind be- 
kanntlich noch nicht sicher erkannt. Die Veranlassungen 
der Neurose sind Versagungen und innere Konflikte, J 

Konflikte zwischen den drei großen psychischen Instan- 
2en, Konflikte innerhalb des Libidohaushalts infolge der 
bisexuellen Anlage, zwischen den erotischen und aggres- 
siven Triebkomponenten. Was diese dem normalen psy- : 
chischen AJjlauf zugehörigen Vorgänge pathogen macht, ] 
bemuht sich die Neurosenpsychologie zu ergründen. 



13 



DER MLNSCH UND DAS FEltR 



Von 
AI brecht Schaeffer 

Anschließend an eine nnmerkuua Freud« In nm\»r 
Schrift „Das Unbohagon in dor Kultur" loitct dur Dichlor 
Albrecht Schaeffer hier eine AuHeinandenwlrung oln. auf 
die sich der folaende ßeitraa Erleamoyera und di» an- 
ßchlieOende Arbeit SiKmund Freuds bezkshon. 

Wenn etwas Neues zum Licht will ~ Tat, Work oder 
Gedanke, so bedarf es, außer des cigenrn Werdc-'Jrichs, 
eines Widerslands außerhall) seiner selbst; es l>edarf eines 
Feindes, um so, an ihm seinen Willen zum Lihcn kräf- 
tigend, sich emporzukämpfen, die letzte trenncnüi- Decke 
zu durchstoßen - oder aus Unklarheil und Guslalllosig- 
keit die lebendige und geprägte Form zu gewinnen Die 
großen Männer unserer Geschichte zeigen uns, wie sie 
wurden; sie verdanken ihre beste Kraft ihren Feinden 

So waren es - in erheblich bescheideneren Grenzen - 
hypothetische Sätze über die „Z ä h m u n g d c s F e u c r s" 
in dem neuen Buche Sigmund Freuds über Das 
Unbehagen in der Kultur", die in mir einer seil 
langem gehegten Mutmaßung über die Erfindung des 
Feucranzündens nun zu einer Festigung verhaUen, sutlalj 
sie sich aussprechen läßt. Wenn es daher nötig \s{ a. i. 
ich mich zunächst gegen die Hypothese Freuds wendf 
geschehe es nicht ohne die Erklfirung, daß es da«! ." 
zclne Wort ist, aber nicht der Mann, das ich zu bestreil 
versuche, da ich für die seltene Persönlichkeit des Viel 
wissenden und durch bedeutsame Entdeckungen d . 
Menschheit wichtigen Gelehrten nur die größle Vcrehrun 
empfinde. Wobei ich noch davon absehe, daß seine Hvih)- 
these für ihn, abseits von seinem eigeniUchen Weg liegend 
von Ihm nur gestreift wurde und, jedenfalls innerhalb 
der Grenzen jener Schrift, für ihn nicht von erheblicher 
Bedeutung war. r 



14 



Die „ersten kulturellen Talen", so sagt er, „waren der 
Gebrauch von Werkzeugen, die Zähmung des Feuers, der 
Bau von Wohnstälten". Und er fügt zu {ler im nächsten 
Satz wiederholten Wendung ,,die Zähmung dt*s Feuers" 
die folgende Anmerkung: 

„Psychoanalytisches Material, unvollständig, nicht sicher 
deutbar, läßt doch wenigstens eine — phantastisch klin- 
gende — Vermutung über den Ursprung dieser mensch- 
Uchen Großtat zu. Als wäre der Urmensch gewohnt ge- 
wesen, wenn er dem Feuer begegnete, eine infantile Lust 
an ihm zu befriedigen, indem er es durch seinen Harn- 
strahl auslöschte. An der ursprünglich phalliscbon Auf- 
fassung der züngelnden, sich in die Höhe reckenden 
Flamme kajin nach vorhandenen Sagen kein Zweifel sein. 
Das Feuerlöschen durch Urinieren — auf das noch die 
späten Riesenkinder Gulliver in Liliput und Rabelais* Gar- 
gantua zurückgreifen — war also wie ein sexueller Akt 
mit einem Mann, ein Genuß der männlichen Potenz im 
homosexuellen Wettkampf. Wer zuerst auf diese Lust ver- 
zichtete, das Feuer verschonte, konnte es mit sich fort- 
tragen und in seinen Dienst zwingen. Dadurch, daß er 
das Feuer seiner eigenen sexuellen Erregung dämpfte, 
hatte er die Naturkraft des Feuers gezähmt Diese große 
_ kulturelle Eroberung wäre also der Lohn für einen Trieb- 
verzicht. Und weiter, als hätte man das Weib zur Hüterin 
des auf dem häuslichen Herd gefangen gehaltenen Feuers 
bestellt, weil ihr anatomischer Bau es ihr verbietet, einer 
solchen Lustversuchung nachzugeben. Es ist auch be- 
merkenswert, wie regelmäßig die analytischen Erfahrungen 
den Zusammenhang von Ehrgeiz, Feuer und Ilarnerotik 
bezeugen." 

„Phantastisch klingend", so nennt er eingangs entschul- 
digend seine Hypothese, und schon diesem Wort muß ich 
widersprechen — und darf es wohl grade deshalb, weil 
es ein Wort meines Lebens-Gebietes ist, das der Mann 
der Wissenschaft wählte. Ich kann nämlich diese Mut- 
maßung von den Anlässen zur Feuer-Zähmung unmöglich 



-. I 



15 



: 



phantastisch finden, sondern vielmehr nur phantasielos: 
ja, so ohne Phantasie, d. h. ohne Vorstellungskraft irgend 
realer Zustände oder Vorgänge, so theoretisicrt, wie man 
es von einem Mann der Wissenschaft allerdings fordern 
möchte. Denn an menschliche Zustände welcher Art isl 
hier zu denken, welche Art Urzeit hier vorzustellen, welch 
ein Mensch und welch ein Feuer, dem sich „begegnen'*, 
das sich auslöschen ließ? — Ehe ich aber auf diesem Wege 
fortfahre, ist es nötig, die vou Freud nuiliuablich ge- 
äußerte Vorstellungsketle gewissermaßen ins Heale /.u här- 
ten, damit wir ihr eigentliches Ergebnis erfahren. Ciosagl 
wird: 

1) Ein Mensch begegnet einem Feuer. 

2) Dies darf er nicht in Besitz nehmen und zu nutzen 
versuchen. 

3) Sondern er muß den Trieb empfinden, es mit seinem 
Harn auszulöschen. 

4) Diesen Trieb muß er unterdrücken, um sich 

5) durch solchen Verzicht die Erlaubnis zum Besitz des 
Feuers zu verdienen. 

6) Nun darf er es wegtragen. 

Wie schon gesagt, meine Vorstellungskraft scheitert liier 
bei jedem Versuch zuzufassen. Allein es erheben sich noch 
andre, mir scheint, wesentlichere Fragen, nämlich: L'iß» 
knabenhafter Mutwille, läßt solch ein Wunsch zu ein ' 
Trieb-Befriedigung sich vorstellen, m früher Zeit, einem 
Wesen wie dem Feuer gegenüber, das jedenfalls eine Kost- 
barkeit war, gleichviel, ob eine geheiligte oder nur nütz- 
liche. Denn dies immerhin wissen wir, weil es noch heut© 
so ist. Wir können Vieles in so ferner Vergangenheit zwar 
nur vermuten; das aber scheint sicher, daß in je früheren 
Zeiten das Feuer um so größere Ehrlufchi ^t'uoü, als cia 
ursprünglich vom Himmel gespendetes, furclileinflößcndes 
und selber göttUches Wesen, wofür wir das Zeugnis der 
Mythen, das bekannteste in der von Prometheus haben. 
Etwas von dieser Ehrfurcht wird, denke ich, auch Pro- 
fessor Freud mir zugeben, aus demselben Grunde näm- 



16 



lieh, aus dem er die religiösen Bedürfnisse der Mensch- 
heit aus ihrer Angst und {liiriusigkeit herleitet. 

Unter dem Vielen, was wir nicht wissen, ist auch das: 
ob der Mensch als erstes ein vorhandenes, von einem 
Blitzstrahl entzündetes Feuer in Besitz nahm und aus 
ihm andre erweckte, oder ob er das Feuer nur kennen 
lernte aus dem Anblick, der ihm den Wunsch danach 
und ihn zu der Erfindung des Keuerschlagens erregte. 
Man mag geneigt sein, das Erste für richtig zu hallen; 
wenn ich dagegen für das Zweite bin, so ist das freilich 
nur meine subjektive Empfindung, die ich mit Gründen 
kaum zu stützen weiß, aber die mich glauben läßt, daß 
den Menschen immer eine Scheu gehindert habe, die vom 
Himmel gefallene Flamme zu berühren. Oder sie mag 
ihm auch wie ein Untier erschienen sein, das er nur von 
fern zu erlegen gewohnt war, aber nur als Verendetes 
anzutaslcu. Einer Mylhc vom fi-ucrsiundendcn Blitz er- 
innere ich mich nicht; dagegen gibt es zu denken, daß in 
der Sage Prometheus keineswegs die offene F'lamme, son- 
dern nur einen einzigen Funken in der HöliUing eines 
Rohrs zu den Menschen brachte. War das Ei eher da 
oder die Henne? Der Funken scheint dagewesen zu sein 
vor der Flamme, l'nd als seinen Ursprung nennt uns 
dieselbe Prometheus-Mythe die große Gebürerin selbst, 
die Sonne, worauf an späterer Stelle zu kommen sein wird. 
Gleichviel aber, wie wir die Gewinnung des ersten 
Feuers uns vorslellen mögen: sobald es da war, mußte 
es geheiligt sein. Kostbar war es auf jeden Fall. Denn 
wenn sein Bestand gebunden war an seine flul oder an 
die MögUchkeit, von der entfernten Mutter-Flamme ein 
neues zu holen, so war vor Allem diese seihst, war aber 
auch jede andre ein Heiligtum, dessen Vertilgung dem 
Tilger gewiß eine ähnliche Strafe eintrug wie das Aus- 
löschen eines Menschenlebens. Sehr wahr beginnt deshalb 
Johannes V. Jensen seine Sage vom Menschen der Eis- 
zeit im „Gletscher" mit der Verbannung dessen vom 
Stamm, der die Hut des heiligen Feuers versäumte. War 



t AlmuiBch 199S 



17 



den Menschen aber die Kunst des Feuerzüiidcns mit dem 
Quirl bekannt, so darf für gewiß gelten, daß dies zauber- 
hal'tc Instrument nicht m Jedermanns iiand war; daß es 
geheimer und mächtiger Besitz von Einzelnen - wahr- 
scheinlich Prieslern ~ war, — mit der gleiche» Iü>lge für 
Verehrung und Behütung der lebendigen Flamme. Ganz 
abgesehen von solchen grundbedeutenden HeiMgungcn — 
kostbar mußte das Feuer sein als Lebeus-Wecker »nid 
Lebens-Erhalter, mit seiner Wärme, seinem Litlil, seiner 
Kraft, Nahrung zu bereiten, Ton zu härten, Metall zu 
erweichen. 

„Wenn er dem Feuer begegnete", sagte l-'n-ud. Aber 
wer war es denn, und wie begegnete man einem Fcutir? 
Herdfeuer — gab es ein andres? Oder wäre ein im Walde 
vom Blitzstrahl enlziuideles vorbestellt? Nach Allem, was 
ich gehört oder selber gesehen habe, ist es das seUensle 
Vorkommen, daß ein Baum vom Blitz in Brand gesetzt 
wird. Und nun sollte Jemand solchem Feuer begegnen 
und Nichts wissen, als sich in solcher Weise dazu zu ver- 
halten? Nicht als ob ich solches Verhallc^n an sich in 
Abrede stellen wollte; ehi derartiges Antworten auf die 
Gebärde der Flamme, ein Verlangen, derartig leibhaft mit 
ihr in Verbindung zu kommen, liegt nicht außerhalb des 
Verstellbaren. Denn es hat Empfindungen, Bräuche so i 
Heiligungen gegeben, die nicht unsere waren, und w 
der Harn und seine Entleerung ins Feuer uns unanstän^ 
dig erscheint, so braucht das beim frühen Menschen des- 
halb durchaus nicht so gewesen zu sein. Wiederum aber 
ist es die Absicht des Auslöschens, die mir unverständ- 
lich bleibt, während eine Teilnahme am Lebendigen mir 
eher verstellbar wäx-e, die es höher aufprasseln läßt, uui 
durch gesteigertes Tanzen und Lodern wieder die Le]>cns- 
lust des Entfachenden zu steigern. Alkl'm ganz hyi^o- 
thetisch gesagt, denn die Basis, das Feuer selber und" ilie 
Begegnung mit ihm, bleibt u]il)etretl)ar. Unbelrelbar lelzl- 
hm - weshalb? Weil es Zufall wäre, was wir beträten. 
Aber die Zähmung des Feuers kann mit Zufälligkeit so 



18 



wenig zu lun gehabt haben wie die Entdcckunß Aiiurikas 
oder der elektrischen oder der Dampfkraft oder irgend 
einer der grolien Erfindungen und Euldeckungen, die alle- 
samt aus dem Geist entsprangen, aber tiichl aus der 
Rcalilüt. 

Allein die gedachte Begegnung des Menschen mit einem 
Feuer war nur Anlati und Anfang. Worin bcsland seine 
Zähmung? — Nein, sagt Professor Freud, diese ist ja hc- 
rcils erfolgt; weil der Mensch sich sellier t>ezfihmtc, be- 
zähmte er das Feuer. Und wenn mit diesem inneren Vor- 
gang auch realiter Nichts geschehen ist, so halten wir 
doch hier eine glaubhafte Wahrheit: daß nämlich nur 
der Mensch zu einem Bund mit dem Feuer gelang<'n 
konnte, der erfuhr und wußte, daß Feuer ein nicht nur 
in der Natur außerhalb seiner selbst Vorhandenes, daß 
Feuer auch in ihm selber war. Und liicran werden wir 
uns sputer erinnern. 

Ich gehe nun ohne weiteres daran, diejenigen Momente - 
auszubreiten, die sich in meinem Denken zu verschiedener 
Zeit einstellten und zusammenfügten; eine Frage zuerst. 

Die Frage war: wie lernte der Mensch das Feuer- 
machen? NVic, meine ich, kam er zu der Frrhidimg des 
Feuer-Quirls, jenes Instrumentes, das bei stehen geblie- 
benen Völkern noch heute, soviel ich weiß, im Gebrauch 
ist, und das aus einem Stabe von Hartholz besteht, der 
zugespitzt in die vertiefte Stelle eines weichen Holzes 
gesetzt und nun mit den Händen oder auch vermittels 
einer Bogensehne gequirlt, durch seine Umdrehung in 
dem Weirhholz Hitze, Glut, Feuer erzeugt, einen Funken, 
der in trocknem Laub oder Zunder aufgefangen der Keim 
der lodernden Flamme ist. — Ja, wie verfiel der Mensch 
darauf es so zu machen? Wer hat ihm gewiesen, daß ge- 
riebene Hölzer sich bis zum Brennen erhitzen? Wo in 
seiner Welt gab es einen Anlaß, derlei etwa zu versuchen? 
— Wenn ich antworte, ich sehe keinen, so kann ich gleich 



2* 



19 



hinzufügtn: ich wünsche auch keinen zu sehen. Denn icJi 
bin sicher, damil die gleiche Grundlage zu betreten, deren 
Gültif^kcit ich bereits weiter oben l)i'stritlcn hal)er die des 
Zufalls. Die Erlindung, vor der wir noch heute bewun- 
dernd slchn, kann wie all ihre spateren Scliweslern nicht 
erzeugt sein durch Anlaß irgend einer lUalitäl; sondern 
ihrer aller Erzeuger war eine vorj^efalite Idee. Die ßrolien 
technischen Entdeckungen wurden in der Theorie ge- 
macht; oftmals erst sehr spät, oft aus einem ganz andern 
Hirn, folgte die Praxis. 

Ideen, wie wir sie kennen, halte der Frühnunsch wohl 
keine. Was er halte, war sein ganzes, ihm vermutlich un- 
teilbar schchiendes Wesen, in dem er zwar nicht, wie wir 
Heutigen, Geist, Seele, Herz, Gedanke, Trieb, Willen. Ver- 
stand, Sexus, Bewußtsein und UnbewiiLUscin uinl was 
immer unterschied; das aber — um so besser, um so 
sicherer vielleicht -— so beschaffen war, daß es ilun dar- 
reichen konnte, daß es aus sich entspringen ließ, was es 
eben bedurfte; daß es Erfahrinigen .sammelte, nicht in 
Menschenaltern, .sondern in Völkerzeiten und Jahrtausen- 
den, die sich in der unterirdischen Nacht zu Krislall 
preßten, bis sie blitzten ; daß solches Wissen sich ilun 
dann darreichen konnte nach oben hin, in seine Tat- 
kraft hinauf, wo es nun Helle wurde, nun erst eine Kr 
fahrung, eine Schau, eine Einsicht, eine Rrauchbarl -it 
ein Wissen, das sich dann aus ihm löste und r.,^t. u' 



empfing von seiner Hand, als eine Art Etwas 



^•^ machen 



oder eine neue Erfindung. 

Wiederum aber, wenn sein Wesen so war, so kann 
darum für ihn kein Inneres, in ihm Beschlossenes ge- 
wesen sein, in das er hätte hineinschn oder him-in- 
horchen können, ujn Etwas darin zu erialnen oder zu 
erkennen; so wie wir heute meinen^ M^^n y,, ^cmu.,, auf: 
die S jmme des Herzens, die Mahnung des Gewissens, 
eme Ahnung, eine ßotschafl des (;nterl)ewußt.scins; wie 

Lr/r"r '''"' ^^'^^''^ Gespräche führer. lioO mit 
inrei :5eelc, Gespräche ihres verzagten mit ihrem tapferen 



20 



Ich, wo sie sich dann fragen: „Aber was redet denn mein 
Heber Geist mit mir Scjichesr* Somit'rn anzunehmen ist 
im Gegenteil, daß er innen aus sich Nichts erfuhr; daß 
er wie kein Späterer mehr in den äuÜerrn Dingen Iclito 
und ihrer Lebendigkeit inne war, insofern er nur von 
ihncu Alles erfuhr, was in ihm vorging, in ihrem Bilde 
sein eigenes Wesen sah und erkannte, so daß l)eis|)icls- 
weise alles Feurige in der Welt für ihn etwas Kinigcs 
war, die Glut der Sonne auf seiner Haut, die Sonnen- 
scheibe, der Blitz, das Feuer im brennenden Scheit und 
Feuer in seinem Innern. Feuer der Freude und Brand 
eines Schmerzes, Flammen-Qual eines Gifts oder einer 
Wunde und Fiammcn-Lust in seinem Gesrhiecht und die 
Flamme der Entehrung auf seiner Wange. All dies war 
Feuer eines einzigen gemeinsamen Ursprunges, und nur 
weil die Sonne brannte, konnte er eine Wallung in seinem 
Innern spüren als Brennen und ihrer gesondert inne 
werden und mit einem Namen bewußt. Wir sagen noch 
heute nicht umsonst, daß uns das Her/ brennt oder das 
Antlitz vor Scham. Scham und Beue und Verzweiflung 
waren einmal wie die Lüste wirkliche Brände, dem Feuer 
der Sonne verwandt. 

Daher, wenn eine Erfindung wie des Feucrmachens 
möglich wurde, so lag ihr Zcugungs-Orl im Innern des 
Menschen, die Zeugung jedoch geschah von außen; es 
war ein Funke der Außenwelt, der in das Innere fiel und 
den Gedanken erweckte. 

Denn nicht den Blitz fing Promelheus mit einem Scheit, 
— und wie wäre das doch leicht gewesen für den Titan? 
Sondern er mußte die Glut aus der Sonne selber schöp- 
fen — weshalb? 

Die Art und W^eise, wie er es tat, gab mir die erste 
Andeutung, eine Vorantworl auf meine oben gestellte 
Frage. Er schwang sich nicht, wie gemeinhin vorgestellt 
wird, mit einem Kienspan zur Sonne empor, um ihn 
dort zu entzünden und mit lodernder Fackel herabzu- 
stürzen; eine Badicrung von Klinger gibt solch ein Bild. 



21 



Sondern die Sage gibt elwn die Vorstellung, daß er in 
den Raum eindrang, in dem der Sonnenwagen bei Nacht 
verwahrt wurde, und daß er nielit nielir als einen Funken 
nahm, den er im holden Stengel des Akanllios oder der 
Narthex-Staude, mit einem Markplropfen verschlossen, da- 
vontrug. 

Einmal erhob sich mir denn hier die Frage: Warum 
dieser Unisland? Warum statt der offenen l-lamme aus 
dem offenen Quell der zarte geheime Funke im liolden 
Kohr? In der Mythe ist Nichts ohne Sinn, Alles vielmehr 
mit tiefem Grund; und welches war nun der Grund fiir 
diese geheime und mittelbare Art, das Offene aus dem 
Offenen zu holen? Die Lösung, die ich aus mir selhrr 
kaum gefunden hätte, zeigten mir die Sehlußverse des 
fünften Gesanges der Odyssee. 

Nachdem erzählt wurde, wie Odysseus nackend an 
das Ufer der Phaiaken trieb, dann im Wald sieh e" 
Lager unter dichtem Gestrüpp machte und sich zur Kr 
wärmmig mit Laub überschüttete, heißt es dort: 

Wie wenn Einer oinen Biiind mit dunkler Ascho verhüllte 

Am äußersten Rand des Ackers, wo keine Nachbarn dabei alnl 

Den Samen des Feuers wahrend, damit er ihn niclit von anl 

So verhüllte aich OdyaseuB mit Blättorn. anatrswo 

Iholen müßt«, 
Samen des Feuers, heißt es, spcrma pyros 

Der Mensch aber, der sich Glut unter der Ascho al 
Samen vorsleUte, für den mußte auch der promellieiscJie 
Funke im hohlen Stengel Same sein - oder auch I-unke 
der Lust im männlichen Glied. Und nun, nachdem mir 
die Verbindung im ScXliS gOgehen war, imn lag der Schluß 
mit der Lösung meiner Frage nach dem Feueniuirl nahe 
genug. Feuer war Feuer; das Feuer der sexuellen I-:rre- 
gung im Gliede, im ganzen ergriffenen Leib war wirk- 
liches brennendes Feuer, dem Feuer der Sonne enlstamml. 
Es wurde aber erzeugt durch die Heibung des Harten im 
Weichen, und so gibt uns der Stab von Uurtliolz beim 
Feuerquirl, der in die Vertiefung im Weichholz gesetzt 
wird, das genaue Bild des sexuellen Aktes, nur dafi die 



«* 



22 



praklisch nichl ausführbare BewoHun« dt-s Auf uiui Nu-ilcr 
In die des HtTumwirbelns verandt-rt wurde: das war ilas, 
was die Praxis zur ScIiöpftinK der Krfiridiinus Tal heilraucn 
konnte; die Theorie war vorKefalil iit der iniu-nn Welt, 
im leiblichen Keucr, in der ausbrechenden Maiunic der 
Lust, die auch die Seele verzehrte. Zum Kriinni^ »l'^'f 
konnte dieses nur werden dunh jenes lüniKkeils-HewuLil- 
sein des Mannes mit seiner Welt l):is I'eucr in seinem 
Leib konnte ihn zu keiner Denkverl»indunR mit der lüil- 
stebunji von I-Vucr in Holz brinKon, wenn er das innere 
nicht wie ein äuüeres Feuer verstand; dies wie jei»cs 
hatte ihm Einen Ursprung — die Sonne. Nicht im lUit* 
konnte er sein, denn der war selten, riüehti«, ein- oder 
meiirmalig zuckend; grade der BUlz komile ihn Nichts 
lehren, weil er offen springend die offene Klumine schlug, 
die kein Gutes war, keine Wohltal. sondern nnlK-zälnnliar. 
gierig, mörderisch, nichl zeugend oder nährend, sondern 
nur grausam und tödlich. Die Sonne jedoch war innner, 
war auch im Winter, war Jahrtausende her die unwandel- 
bar gleiche, war der Urquell des Lichts und der Waime, 
Ursprung aller Güte im Sommer, Ursprung allen Jubels 
im Frühjahr. Es war Sonne, die im Leibe des Mannes 
aufbrach durch die Umarmung des Weibes; es war auch 
Sonne, die im Ilerdfeuer brannte. Wir hätten keine Pro- 
metheus-Sage und keine Feuer des Jul und der Sonnen- 
wende, wäre nicht da wie dort, im Ilerdfeuer und im 
eigenen Schoß für den Mensclicn Sonne gewesen. 

Somit, scheint mir, bin ich mit meiner Hypothese — 
andres als das kaim es nicht sein, obwohl meine Aus- 
führungen positiven Charakter notwendig annehmen muß- 
,ten, weil keine andre Darstellungs-Art möglich ist, — 
bin auch ich zu der gleichen Stelle gelangt wie Freud, 
zum sexuellen Ereignis als dem Ursprung zur 
Zähmung des Feuers, wenn ich ihn auch nicht so 
losgelöst aus der übrigen Welt, nicht so allein triebge- 
bunden sehe, sondern vielmehr nur als den irdischen 
Gegenpol eines im Kosmos ruhenden Pols. Auch scheint 



23 




mir nicht unwichtig, daß ich den Urspnmf^ der Tal nicht 
in einem abseitigen, wie der Psychoanalytiker sagt, infan- 
tilen Trieb, sondern in dem zentralen Ereignis selber 
fand, das nicht Lust allein bedeutet, sondern vor allem ^ 

auch Zeugung. Wenn ich aber auch die Prägung „Zäh- 
mung des Feuers" brauchic, so wäre <liese Zähmung noch 
zu erläutern als eine, die sich zur Flamme in keiner 
Weise feindlich, nicht Gewalt übend, nicht cinsciiränkend 
oder unterdrückend verhält. Denn woran der Mensch sich 
wagte, und was er in Dienst gewann, das war ja nicht 
die offene rebellische Flamme, nicht ücwall, nicht einmal 
Kraft; es war kein Löwe, sondern es war wie das Saal- 
korn im Acker; es war der schwaclie, kraft- und hilf- 
lose Funke, den ein Fingerdruck löschen konnte- der 
gefahrlose, den es nicht zu bändigen galt, sondern viel- 
mehr erst zu beleben, anzufachen, zu nähren, zu schützen 
und pflegen. Es war ein Kind. Väterlich betätigte sich 
der Mensch an der kindlichen Flamme und mütlfrlich 
zumeist tut er es noch heute. Kindlichkeit sjjiclt in den 
tanzenden Flammen; wer jemals einen Abend laii<' vor 
dem Kaminfeuer saß, hat das Kindbche des leiditm 
Flammen-Getümmels gewiß empfunden mit dem gU-ichen 
Mannes- und Vaterbehagen, mit der es in seiner liöhlo 
der Mensch der Frühe empfand. Kann auch aus den 
Spielen des goldenen Kindes sich unverseliens ein unge- 
bärdiger und wahllos zupackender Jünglinf? recken- der 
väterliche Hüter des Feuers kennt sein Maß, das er selbst 
ihm gegeben hat, daß er schadlos und gebündigt bleiben 
muß, denn er selbst hat ihn gezeugt und erzogen; er ist 
stärker als Jener, den er in seiner zartesten, todnahen 
Hilflosigkeit kannte, und den er lie);f, )t'(.il er il,n gütig, 
weise, im räüKlm und schönsten Sinn väterlich behan- 
delte, wie CS kaum jemals ein Vater sein kann gegen einen 
leiblichen Sohn. 

Aber die sind auch unzähmbarer als die Flamme. 






24 



NOTIZ ZUR FRLUDSCHEN HVPOIHESE 

ÜBER DIE 
ZÄHMUNG DES FEUERS 

Von 
£ Erlenmeyer 

Ana »Jmago. ZeiUchrift für Anwendans der Pgycho- 
•Bftlyse Uli die Natur* and (^einLoBwiMaenBC halten", 
Bd. XVIII (19321. — Jährlich vier Uelto im Ueaamt. 
umfang von etwa G*»*) Seiten. M. 22.—. Siehe auch diu 
B{>nierkun£ za dem Toran^eheaden Aalaata von Albrecht 
Scbaeffer. 

In seinem Buciie „Das Unbehagon in der Natur" bringt 
Sigmund Freud eine Hypothese über die kullurelle 
Bedeutung der i'euerbezähmung.*) 

Diese Vorstellungen sind nun nicht ohne WidersprucJi 
geblieben. Am stärksten wendet sich Albret-hl Scbaef- 
fer in einem Aufsatz „Der Mensch und das Feuer'* 
gegen diese Ausführungen: 

„, Phantastisch klingend*, so nennt Freud eingangs ent- 
schuldigend seine Hypothese, und schon diesem "Worte 
muß ich widersprechen — und darf es wohl gerade" des- 
halb, weil es ein Wort meines Lebensgebietes ist, das 
der Mann der Wissenschaft wählte. Ich kann nämlich 
diese Mutmaßung von den Anlässen zur Feuerzähmung 
unmöglich phantastisch finden, sondern vielmehr nur 
phantasielos: ja so ohne Phantasie, d. h. ohne Vorstel- 
Imigskraft irgend realer Zustände oder Vorgänge, so Iheo- 
rctisicrl, wie man es von einem Manu der Wisseuschafl 
allerdings fordern möchte." 

Diese Äußerungen Schaeffers wenden sich wohl nicht 
nur gegen diese spezielle Hypothese, als auch gegen die 
Methode, die in der Aufstellung der Hypothese zur An- 

*) Siebe die Zitioninx aus Freoda „Unbeh&geD in der Kultur" im vor- 
hergeheodeo Auisatie Albrecht SchaoJElort, S. 1&. 



25 



Wendung k^m. Die Konslriiklioii oder Fiktion eines Ur- 
menschen scheint ihm gewagt. Er schreibt: Jimn an 
menschliche Zustände welcher Art ist hier zu denken, 
welche Art Urzeit hier vorzustellen, welch ein Mensch 
und welch ein Keuer, dem sich begegnen, das sieh aus- 
löschen ließe?" 

Diese Fiktion eines Urmenschen, einer Urhorde besitzt 
jedoch ein ganz anderes Maß von Kealit;it, als es etwa 
die „Urpflanze", die Goethe sich ersonnen halle, be- 
sitzt. Gewiß wird es nicht immer sieh ergeben, daß Ver- 
mutungen über Vorgänge in jenen Urzeiten sich mit 
historischen Beispielen belegen lassen. 

Jedoch gerade über das Verhalten früher Menschen ge- 
genüber dem Feuer lassen sich eigenartige, historische 
Belege beibringen, die, wie mir scheint, den Auslührun- 
gen Freuds direkt als Illustration dienen können 
onW "l^T ^f^*^*^^"*^*: das D s c h i n g i s - K h a n den Mon- 
tZr^ ^"l "f ^^ '.t^det man bei der Aufzahlung der 
Vergehen: daß derjenige mit dem Tode bestraft werden 
soll, der ms Wasser oder auf Asrh*. t^wu t i ti i 
„Geschichte der Goldenen UoJ'^lS^.'Z hTS 

;^.grwiYer^;ei:hVn""' ''-' ^^-- -" '- -- -e 

„Die Todesstrafe ist über vierzehn Verbrechen ver- 
hangt, über Ehebruch, Sodomie, Diebstahl, Totsrhl-iu- 
weiters über Lüge, Zauberey, über den, der entlaufene 
Sklaven semem Herrn nicht zurückstellt; der eine im 
Gefecht oder im Streifzug dem Vormann entfallene Waffe 
oder Beute nicht aufhebt und zurückstellt; der zum 
dritten Male ihm anvertrautes Kapital durchgebracht- 
über den, der im Zweykampf einem der beyden Kämp^ 
fenden geholfen; über den Feldflüchtigen und den Em- 
pörer; über den, der ins Wasser und auf Asche 
pißt, der die Tiere nach der Weise der Moslimen und 
nicht nach der der Mongolen schlachtet."^) 

*) Hammer-Purgßtall. S. 50. 



m 



Uammer-Purgslall verweist an einer anderen Stelle des 
Buches auf die Verwandtschaft dieser Gesetzgebung mit 
den Verholen der Pythagoräer.») ,,Wie den Pythagoräcrn 
nicht erlaubt war, gegen die Sonne zu harnen,« so den 
Mongolen, und zwar unter Todesstrafe, nicht ins Wasser 
und nicht in die Asche.** 

Die r-:igenarl dieser Bestimmungen spiegelt sich dann 
auch in ihren Sitten und Gebräuchen. .,lhre Iteinigung 
geschah durch das Feuer und nicht durch das Wasser, 
denn sie wuschen sich nie und glaubten sogar, daß ein 
Bad im Flusse den Weltcrslrahl vom Himmel rufe." Von 
dem Blitz heißt es dann weiter: „diesen fürchteten alle 
Mongolen über die Maßen: nur die vom Stamme der 
Uriangkut beschworen denselben. Im fürchterlichsten Ge- 
witter schmähten sie den Blitz und den Donner mit 
lautem Geheul." 

Diese Zitate bedeuten doch wohl, daß wirklich die 
Beziehungen der frühen Menschen zum Feuer, zur glut- 
bergenden Asche, zur Sonne, jenen Spannungen unter- 
worfen waren, die Freud in semer Hypothese postuliert, 
paß Dschingis-Khan, als er eme kleine Horde von No- 
maden zur Eroberung und Begründung des größten Rei- 
ches der Weltgeschichte führte, zu den gefährlichen Trie- 
ben, die mit Todesstrafe bedroht werden mußten, jene 
Begierde zum Feuerlöschen zählte, welche Be- 
deutung er diesem Triebverzicht für die geschichtliche 
Entwicklung beimaß. 

Die Ausführungen Freuds über die kulturelle Bedeu- 
tung dieses Triebverzichts werden jedenfalls durch diese 
historischen Tatsachen in eigenartiger Weise bestätigt. 



»)S. 191- 

") „CoDvsrBo aa solom vultu ma. mingeodum" Dioiteues baertlua, 
Pjthagoraa XVU. 



27 



ZUR GEWINNVNG DES FEUERS 



Von 
Sigm. Freud 



- dem A„f,at. von Albreoht^S^to^Cs.ll) """""'"' 

In einer Anmerkung meiner Schrift u i , , 
in der Kultur" (S. 47) habe ich ehli Ji'i;; f"'" 

erwähnt, welche Vermutung über dm r . ""*? '"' 
Feuers durch den Urmenschen man sich auTr ""^ f 
psychonalytischen Materials bilden könnt! n 
Spruch von Albrecht Schaeffer f ^\^^''' Wider- 
sche Bewegung, Jahrgang II. 1930 s'oVj'!''"'"""'^^' 
überraschende Hinweis in vorstehender" M .. •, "'"^ '^'" 
Erlenmeyer über das mongolische Verbot 7. T 
ZU pissen/) veranlassen mich ^«c tu * Asche 

.nn5.m«n /^ ' '' ^'"'™« wi«der auf- 



zunehmen.2) 



Ich meine nämlich, daß meine A.nnal 

dingung der Bemächtigung des Feuer« ^' • ^^ ^"*"^®' 
^^__^i der Ver- 

1) Wohl auf heiße Asclie, aus der man nochp ' 

Dicht auf erloschene. • ^^^^ SewiQmjn ^^j^ 

2) Der Widerspruch von Lorenz in „Chaos und R> 

1931, S. 433 ff.) geht von der VorauseetzunK aus, dal]/' ^^"^'^^^ ^^'^* 
Feuers überhaupt erst mit der Entdeckuug begonnen h i ^*''"""« «^oB 
Stande, es durch irgendeine Manipulation willkürlich u "^" ^'*' '"** 
Dageßt-n verweipt mich Dr. J. Hdrnik auf e" "'^'^•f"'- — 

Dr. Richard Lasch (in Georg ßuschans Sam T ^"'^*""IJ"H von 
Völkerkunde", Stuttgart 1922, Bd. I, S 24) • ^ ^"'^'''''f ..tliußtriorte 
der Feuererhaltuüg der Feuere rzeujuag 1«' '^^^'""^'*«'» 'st die Kunst 
entsprechenden Beweis hiefür liefert die T i* ^"'■auBgoKanceii: oinon 
pygmaenarUßen Urbewohner der Andami ^^^^•'ö' dali die houtiffon 

und bewahren, eine autochthone MethodTT tT'"' '^^^ *'*'"«'" '»'«'^''*" 
kennen." "vietnode der Feuerortouiiua« aber nicht 



28 



^»cht auf die homosexueU-betonte Lust gewesen, es durch 
aen Harnslrahl zu löschen, lasse sich durch die Deultiiig 
er griechischen Promelheussage bestätigen, wenn man 
Oie zu erwartenden Entstellungen von der TaLsache bis ( 

zum Inhalt des Mythus in Betracht zieht. Dioso Knt- 
slellungcn sind von derselben Art und niciit ärger als ' 

jene, die wir alltäglich anerkennen, wenn wir aus den 
Träumen von Patienten ihre verdrängten, doch so über- 
aus bedeutsamen Kindheitserlebnissc rekonstruieren Die 
dabei verwendeten Mechanismen sind die Darstellung 
durch Symbole und die Verwandlung ins (iegenteil. Ich 
kann es nicht wagen, alle Züge des Mythus in solcher 
Art zu erklären; aulier dem ursprünglichen Sachver- 
halt mögen andere und spätere Vorgänge 2u seinem 
Inhalt beigetragen haben. Ai)er die Klemeiite, die rino 
analytische Deutung zulassen, sind doch die auifällig- 
sten und wichtigsten, uänüich die Art, wio Proinotheus 
das Feuer transportiert, der Charakter der Tat (Frevel, 
Diebstahl, Betrug au den Göttern) und der Sinn seiner 
Bestrafung. * 

Der Titane Prometheus, ein noch göttlicher Kultur- 
heros,') vielleicht selbst ursprünglich ein Dcmiurg und 
Menschenschöpfer, bringt also den Menschen das Feuer, 
das er den Göttern entwendet hat, versteckt es in einem 
hohlen Stock, Fenciielroiir. Einen solchen Gegenstand 
würden wir in einer Traumdeutung gern als Penis- 
symbol verstehen wollen, wenngleich die nicht gewöhn- 
liche Betonung der H(ihlung uns dabei stört. Aber wie 
bringen wir dieses Penisrohr mit der Aufbewahrung des 
Feuers zusammen? Das scheint aussichtslos, bis wir uns 
*) Herakles ist dann halbgöttlich, Theseas ganz menschlich. 



Iil 



an den im Trau.n so häufigen Vorgang der Verkeh- 
rung, Verwandlung ins Gogenleil, Uinkchrung der Be- 
gehungen erinnern, der uns so oft <leu Sinn des Trau- 
mes verbirgt. Nicht das Feuer beh.Ml.e.gt der Mensch 
in s™ Pe„i,rohr, sondern in, (iegenteil das Mittel, 

sl^hl A T '" •'''='•'="' 'J»^ Wasser seh.es Ilarn- 
^Ms An diese Begehung .wischen Feuer und Wasser 

Sl an. '""''''' ^"•^^•'«kannles analytisches Mate- 

Zweitens, der Erwerb des Feuer, i«f ■ r i -<■ 
wird durch Raub oder Dieb , ah "" ' 

konstanter Zug aller ^Ttr:^r:"- ^'" "' T 
Feuers, er findet sich \J A (^ewinnung des 

legcnsten Völkern ntht ^«f »"«^ensten und ont- 

vl Feuorhringe^'p" L:!'",!?" '''f''''- '"'" 
sentliche Inhalt der cntll ». "'"'^ «*'''' ^'"- ^«■ 

halten sein. Abei C;!: 't^;'t''"'^''-"----'- 
trennbar mit der Vorstellun,^ . ' " ^"'"'«''''"'"^'^E ""- 
Wer ist dabei der Ge eh«5^ f T" ^"'"^"'^ vorknüpft? 
Hesiod gibt eit 1^!!^^^^'' "'^ '^'^ "^ 
anderen Erzählung, die nicht TreL mf ", "" '" """^ 
sammenhängt, Prometheus bei der Eii 1 ""' 

Zeus zugunsten der Menschen übervört ',""*^ '^" ^P^"' 
die Götter sind die Betrogenen 1 De p '" '"'^'- '^'^" 
Mythus bekanntlich die Befriedigunr n '^'""" '"''^ '^'"' 
auf die das Menschenkind verzichten muij ^*'"'*': ''"' 
vom Inzest her kennen. Wir würden in a l' ^'° ^" ** 
druaksweise sagen, das TricIllollOn das Ps""/"'?",'^"? 
die Feuerlöschentsagung betrogene cl "'" '''"'''' 

Gelüste ist in der Sage in oT -m ' ''" '"«"«'^"'^^''"« 

gewandelt. Aber die Sth'it T t' '^ '"""'" """ 

^oiuiut hat in der Sage niclils vom 

30 • . 



\ 



S' 



I 

Charakter eines Ober-Ichs, sie ist noch Repräsentant de.s 
übermächtigen Trieblebens. 

Die Umwandlung ins Gegenteil ist am gründlichsten 
in einem dritten Zug der Sage, i„ der üestrafm.K d« 
l'euerbnngers. Prometheus wird an einen Felsen ge- 
schmiedet, ein Geier frißt täglich an seiner Leber. Auch 
m den Feuersagen anderer Volker spielt ein Vo^el c^no 
Rolle er muß etwas mit der Sache zu tun haben, ich 
enthalte mich zunächst der Deutung. Dagegen fühlen 
wxr uns auf sicherem Boden, wenn Is sich un. die I^ 
klarung handelt, warun. die Leber zum Ort der Bestra- 
fung gewählt ist Die Leber galt den .Vllcn als der Sit. 
aller Leidenschaften und Begierden; eine Strafe wie die 
des Prometheus war also das IMchüge für einen triob- 
halten Verbrecher, der gefrevelt hatte unter dem Antrieb 
böser Gelüste. Das genaue Gegenteil trifft aber für den 
Feuerbringer zu; er hatte Triebverzicht geübt und ge- 
zeigt, wie wohltätig, aber auch wie unerläßlich ein sol- 
cher Tnobverzicht in kultureller Absicht ist. Und warum 
mußte eine solche kulturelle Wohltat überhaupt von der 
Sage als strafwürdiges Verbrechen behandelt werden? 
Nun, wenn sie durch alle KntsteUungen durchschimmern 
. läßt, daß die Gewinnung des Feuers einen Tnobverzicht 
zur Voraussetzung hatte, so drückt sie doch unverhohlen 
den Groll aus. den die triebhafte Menschheit gegen den 
Kulturheros verspüren mußte. Und das stimmt zu un- 
seren Einsichten und Erwartungen. Wir wissen, daß die 
Aufforderung zum Triebverzicht und die Durchsetzung 
desselben Feindseligkeit und Aggressionslust hervorruft, 
«>e sich erst in einer späteren Phase der psychischen 
Entwicklung in Schuldgefüiil umsetzt. 



31 



Die Undurchsichtigkeil der Promelheus-Sagc wie ande- 
rer Feuermylhcn wird durcli den üiiist«nd gesteigert, 
daß das Feuor dem Primitiven als etwiis der verliebten 
Leidenschaft Analoges — wir würden sagen: als Symbol 
der Libido - erscheinen mußte. Die Wärme, die das 
Feuer ausstrahlt, ruft dieselbe Empfindung hervor, die 
den Zustand sexueller Erregtheit Inigleitel. un<l die 
Flamme mahnt in Form und Bewegungen an den täligen 
Phallus. Daß die Flamme dem mythisciien Sinn als 
Phallus erschien, kann nicht zweifelhaft sein, noch die 
Ahkunftsage des römischen Königs Servius Tullius leugt 
dafür. Wenn wir selbst von dem zehrenden Feuer der 
Leidenschaft und von den züngchiden Flammen reden 
also die Flamme einer Zunge vergleichen, haben wir 
uns vom Denken unserer i)rimilivcn Ahnen nicht so sehr 
weit entfernt. In unserer Ilerleilung der Feucrgewin- 
nung war ja auch die Voraussetzung entlialten, daß doni 
Urmenschen der Versuch, das Feuer durch sein eigenes 
Wasser zu löschen, ein lustvolles Ringen mit einem an- 
deren Phallus bedeutete. 

Auf dem Wege dieser symbolischen AusgieichnuK 
mögen also auch andere, rein phantastische Elemente 
in den Mythus eingedrungen und in ihm mit den histo- 
rischen verwebt worden sein. Man kann sich ja kann 
der Idee erwehren, daß, wenn die Leber der Sita der 
Leidenschaft ist, sie symbolisch (lassdhc bedeutet wie 
das Feuer selbst, und daß dann ihre tägliche Aufzehrung 
und Erneuerung eine zutreffende Schilderung von dem 
Verhallen der Liebesgelüste ist, die, täglich befriedigt» 
sich täglich wieder herstellen. Dem Vogel, der sich an 
der Leber sättigt, fiele dabei die Bedeutung des Penis 



32 



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2ü,^ die ihm auch sonst niciil fremd ist, wie Sagen, 
träume. Sprachgebrauch und plastische Darstclhingen 
aus dem Altertum erkennen lassen. Kin kleiner Schritt 
Weiter führt zum Vogel Phönix, der aus jedem seiner 
Feuertode neu verjüngt hervorgeht, und der wuhrschein- 
lioh eher und früher den nach seiner Erschlaffung neu 
belebten Phallus gemeint hat als die im Abendrot unter- 
gehende und dann wieder aufgehende Sonne. 

Man darf die Frage auf werfen, ob man es dermythcn- 
bildenden Tätigkeit zumuten darf, sich ~ gleichsam 
spielerisch — in der verkleideten Darstellung allgemein 
bekannter, wenn auch höchst interessanter seelischer Vor- 
gänge mit körperlicher Äußerung zu versuchen ohne 
anderes Motiv als blolie üarstellungslust. Darauf kann 
man gewiß keine sichere Antwort geben, ohne das Wesen 
des Mythus versUnden zu haben, aber für unsere beiden 
Fälle ist es leicht, den nämlichen Inhalt und damit eine 
bestimmte Tendenz zu erkennen. Sie beschreiben die 
Wiederherstellung der libidinösen Gelüste nach ihrem 
Erlöschen durch eine Sättigung, also ihre ünzerstörbar- 
keit, und diese Hervorhebung ist als Trost durchaus an 
ihrem Platz, wenn der historische Kern des Mythus eine 
Niederlage des Trieblebens, einen notwendig gewordenen 
Triebverzicht behandelt. Es ist wie das zweite Stück der 
begreifhchen Reaktion des in seinem Triebleben gekränk- 
ten Urmenschen; nach der Bestrafung des Frevlers die 
Versicherung, daß er im Grunde doch nichts ausge- 
richtet hat. 

An unerwarteter Stelle begegnen wir der Verkehrung 
ins Gegenteil in einem anderen Mytlius, der anscheinend 
sehr wenig mit dem Feuerraythus zu tun hat. Die 1er- 

8 Aimanach 193S 33 



\ 



naischo Hydra mit ihren zahllosen züngelnden Schlangen- 
köpfen — unter ihnen ein unsterblicher — ist nach dorn 
Zeugnis ihres Namens ein Wasserdrache. Der Kullur- 
heros Ih^rakles bekämpl't sie, indem er ihre Köpfe ab- 
haut, aber die wachsen inmier nach, und er wird des 
Untiers erst Herr, nachdem er den unslerbliclien Kopf 
mit Feuer ausgebrannt hat. Ein Wasserdrache, der durch 
das Feuer gebändigt wird — das ergibt doch keinen 
Sinn. Wohl aber, wie in so vielen Träumen, die Um- 
kehrung des manifesten Inhalts. Dann ist die Hydra 
ein Brand, die züngelnden Schlangenköpfo sind die 
Flammen des Brandes, und als Beweis ihrer libidinösen 
Natur zeigen sie, wie die Leber des Prometheus wieder 
das Phänomen des Nachwachsens, der Krneuerunff nach 
der versuchten Zerstörung. Herakles löscht nun diesen 
Brand durch — Wasser. (Der unslerbliche Kopf ist 
wohl der Phallus selbst, seine Vernichtung die Kastra- 
tion.) Herakles ist aber auch der Befreier des Prome- 
theus, der den an der Leber fressenden Vogel tötet 
Sollte man nicht einen tieferen Zusamuionhang zwische " 
beiden Mythen erraten? Es ist ja so, als ob die Tat d» 
einen Heros durch den anderen gutgemacht würde Pro 

metheus iiatte die Löschung des Feuers verboten vu' 

das Gesetz der Mongolen ~, Herakles sie für den Fall 
des Unheil drohenden Brandes freigegeben. Der zweito 
Mythus scheint der Reaktion einer späteren Kullur/.eit 
auf den AlllalJ der 1* euergewiunung zu entsprechen. 
Man gewinnt den Eindruck, daß man von hier aus ein 
ganzes Stück weit in die Geheimnisse des Mylhus ein- 
dringen könnte, aber freilich wird man nur für eine 
kurze Strecke vom Gefühl der Sicherheit begleitet. 



34 



I 



Für den Gegensatz von T^uor und Wasser, der das 

ganze Gebiet dieser Mytiion helierrscht, ist außer dem 

historischen und dem syniboHsch-phaiit;»sliscln'n nocli ein 

drittes Moment aufzeigbar, eine physiologisclie Tatsache, 

die der Dichter in den Zeilen besclireibt: 

„Was dem Menschen dient zum Seichen, 
Damit schafft er Seinesgleichen.'* (Hein e.) 

Das Glied des Mannes hat zwei Funktionen, deren 
Beisammensein manchem ein Ärgernis ist. Ks besorgt 
die Entleerung des Harnes, und es führt den Liehesakt 
aus, der das Sehnen der genitalen Libido stillt. I )as 
Kind glaubt noch, die beiden Funktionen vereinen zu 
können; nach seiner Theorie kommen die Kinder da- 
'durch zustande, daß der Mann in den Leib des Weibes 
uriniert. Aber der Erwachsene weiß, daß die beiden 
Akte in Wirklichkeit unverträglich miteinander sind — 
so unverträglich wie Feuer und Wasser. Wenn das 
Glied in jenen Zustand von Erregung gerät, der ihm 
die Gleichstellung mit dem Vogel eingetragen hat, und 
während jene Empfindungen verspürt werden, die an 
die Wärme des Feuers mahnen, ist das Urinieren un- 
möglich; und umgekehrt, wenn das Glied der Entleerung 
des Körperwassers dient, scheinen alle seine Beziehungen 
zur Genitalfunklion erloschen. Der Gegensatz der beiden 
Funktionen könnte uns veranlassen, zu sagen, daß der 
Mensch sein eigenes Feuer durch sein eigenes Wasser 
löscht. Und der Urmensch, der darauf angewiesen war, 
die Außenwelt mit Hilfe seiner eigenen Körperempfin- 
dungen und körperverhältnissc zu begreifen, dürfte die 
Analogien, die ihm das Verhalten des Feuers zeigte, 
nicht Ulibemerkt und ungenützt gelassen haben. 



35 



4 



t 



ER KRANKE 
in AT IMMER RECHT 

Von 
Loif Andreas^Sdlomo 

Aus dem Buche „Mein Dank an Freud. Offener Brief 
an Professor Sigmund Freud zu seinom 7Ö. Güburtstaß'*. 
Das 109 Seiten Htarko Werk oröchion 11)31 iin InUTnaL»- 
nalen PsychoaimlytiHchen VorUß und kostet ia Leinen se- 
bunden Mark 5. — , geheftet Mark 3.20. 

Ober dem schöusLen Beruf sieht Ihr Arztworl: 

„Der Kranke hat immer Rechtl — Die Kranklieit selb.st 
darf ihm nichts Verächtliches sein, vielmehr ein wünüjier 
Gegner werden, ein Slück .seines Wesens, das sidi juif gule 
Motive stützt, aus dem es Wertvolles für sein spälercs 
Leben zu holen gilt." 

Dies Wort nimmt vom Kranken die Isolierung, worin er 
wie inmitten einer Leere dasteht, es nimmt das Mißver- 
ständnis einer Schande von ihm und öffnet den Kontakt 
von Mensch zu Mensch. Es begründet den Konliikl auf der 
Gleichheit menschlicher Bescliaffeiiheit und verneint ihn 
deshalb gleichzeitig in jedem Sinn individueller liimiuni» 

Vom Analysanden her erscheint diese allerdinas in- 
dividuell begründet; ruht doch die ganze Analyse auf 
der „Übertragung". Um deren Sondercharakler sicher- 
zustellen, haben Sie, von Beginn an beinahe, darauf auf- 
merksam gemacht, daß der Analysand seine Affeklc, sowohl 
die pro wie die kontra dcil AlialytlW, auf ihn nur „über- 
trägt" aus der eigenen äUcslen At'feklverganfleiiheil, ilin 
mit diesen Stücken nur behängt wie einen ihm bercilwiliig 
hingehallcnen Kleiderständer, und dati er dies Verfahren 
bis zuletzt auf zweierlei Weise übe: teils an der liand 
seiner, analytisch aus Verdrängungen heran fgehobenen 
Erinnerungen, teils, wo diese stocken, ia uuwissent- 



36 



liehen und unwillkürlichen Aktionen pm und kontra — so- 
mit indirekt, in agierendem Verhallen — das linterdrückle 
zur Kenntnis des Andern bringe. Aber auch darauf halxin 
Sic ja hingewiesen, wie etwas von diesem l'rNprunf; unsem 
Affekten und Bimlungeu überhaupt eigne, wie ihr Wurzel- 
grund am Frühesten und Ältesten unserer üiiwirüeke hafte 
und aus dieser Vergangenheit auch die GeRenwart norh 
aufbaue — wie demzufolge das letztlich l'nlerscheidetide 
der Übertragung während der Analyse erst gegeben sei 
durch das Reagieren des Analytikers darauf: indem er sie 
nicht zu erwidern, sondern zu verwenden hat, auszubeuten 
hat als Heilmittel, gleichviel ob sie sich störend dagegen 
einstellt: sei es durch ein Schönfärben des Erinnerungs- 
materials im Werben um Zuneigung, sei es iin gegnerisch 
gesinnten „Widerstand". Erst mit zunehmender Einsiclit 
des Analysanden in diesen inneren TatlKistaiid beginnt die 
volle Gemeinsamkeit der Arbeit, die Erforschung von Zu- 
sammenhängen im Unbewußten, also dessen, was Beiden 
sich erst daran erschließt. 

Dies Moment ist es ja, was die Tiefenforschung so voll- 
gültig von den PraktiJcen der Beichte einerseits, der 
Hypnose (von der sie ursprünglich ausging) andererseits 
ti*ennt — von dem, was auf bewußte Motive des Handelns 
fahndet, um sie erziehlich zu beeinflussen, sowie von dem, 
was seelische Autonomie herzustellen strebt, bis die Sugge- 
sübilitäl gegenüber dem Hypnotiseur das Bewußtsein über- 
rumpelt hat. Von beiden, Hynose wie Beichte, kann fälsch- 
lich was in die Tiefenforschung liineingeraten, sobald ihre 
Methodik nicht streng genug befolgt wird, sobald der 
Wunsch, suggestiv zu wirken, die imiern Bewegungen, 
die im Analysanden vor sich gehen, verwischt — undeut- 
lich macht, was daran selhsttätig oder eingeflüstert sei. 
Solche Oberaktivität geschieht leicht ohne jode Absicht 
dazu, je nachdem, ob im Analytiker allzuviel „Fülirer- 
tum" vorherrschen möchte, oder auch allzuviel drängende 
Teilnahme; denn die ..mit dem goldenen Herzen" ver- 
wechseln nicht minder irrtümlich Psychoanalyse mit Sa- 



37 



maritertiiim. Aber auf der aiukix^ii Seile müssen wir uns 
auch sa^cu, daß der Bogini der Noiilralitiil uml Objoklivilät 
ebeulalls übersiiarinl werden kauu luid es nicht scltea 
auch wh'd: in einer ganz vorwiegend inlellekluellen Kin- 
slcilung, <Ue auf Schoii'un^g der Nerven vor dem Aufrei- 
benden des Berufes al)zieU utwl darülwr zu vergt^sscn ge- 
neigt isl, bis zu welchem Grade bereils das ilineinhorchen 
und Sich-liinfülilen in die fremden Socleuäulierungen ein 
volles Hinhalten des ei^«enen UnbewnlMrn voraussetzen, 
und daß „aktiv" und „passiv", beides, sit-h dafür zusam- 
menlun müssen, was nicht gelingt, wo wir mit uns ., sparen". 
Nicht weniger als unserer ganzen /.usammonfassung zu 
solchem Dienst bedarf es, damit Helfer und Hilfsbedürf- 
tiger sich lief genug treffen in ihrem beidersi'itigcn Müllen, 
nämlich dort, wo wir uns ja bloß darum treffen und 
helfen können, weil wir gleichen Mensohcnlums sind. 
Demi das wollen wir uns doch klar macl)cn, wir alle 
Arbeitenden an diesem Reruf, an dieser Berufung: unsere 
Überlegenheil besteht von Kall zu Fall doch nur in einem 
Doppelten: einmal in dem uns durch die Kreudsche Mellio- 
dik erarbeiteten Wissen und sodann in der simplen Tat- 
sache, daß wir der Zweite siiwl, der dem Münchhausen 
beisteht, sich am cigmeil Schopf aus dem Wasser zu 
ziehn, und dessen, gegebenen I'^alles, auch der gewii'^ieste 
Analytiker nicht entraten könnte. Dies gewinnt noch an 
größter Wichtigkeit dadurch, daß der Erkrankte seine 
Krankheit ja gleichsam selber wie einen Zweiten in sich 
trägt, als eine Abspaltung von seiner Persönlichkeit, die 
ihm in seinem Geiiesungswillen dreinsprichl, seiine bewuß- 
testen Bemühungen, ihm unbewußt, wie ein listiger Be- 
trüger, ausnützt und hintertreibt. Im Kampf dieses Zweier- 
lei in ihm kommt es erst allmählich wenigstens bis zu der 
Einsicht: mit dem Leiden nicht identisch, sondern damit 
nur behaftet, ablösbar verknüpft zu sein; aber noch mitten 
in letzter Ablösung bleibt jede krankhafte Ho^uktion von 
der gleichen feindseligen Tücke — ein Patient besclirieb 
es lebhaft: wie in eimem in limidert SpUttcrchen zer- 



38 



schmetterlen Spiegel erkennl man nocli im U-Izlen Splitter 
das ßanze Aullitz des Feimles voUslämUg. Bis *lcr Haß 
Nvider diesen Hindrin^ling sich ehonralls so kondensiert 
hat, am Glück der Genesung? zu ebenso un^^etcilliin Zorn 
wird, als einst passives Gcwälirenlasseii .slallluitle. IK-nn 
mit den lösenden Erinncrun^n steigt auch die an die 
Urängste auf, an deren Uiienlrinnbarkeil die Neurose sich 
ansetzte, und läßt sie t}e*?*^"über dor nun fni^'ltvlen 
Realität in ihrer grausigen Gesi>enstiigkeil erscheinen. Auch 
dies äußerte ein Patient wie eine neue, ihn stark ergrei- 
fende Erwägung: zu denken, daß derj^leichen hinter dem 
Menschen liegt — hinler jedem Menschen, in der Hilf- 
losigkeit erster Erlebnisse, und vor der Entscheidung, 
ob sie sich gesund bewältigen lassen würden, — das 
ergäbe ein Grundwissen Menschlichem gegenülxn*, das jwlen 
Einzelnen, möge er uns später als noch so trivial \x)r- 
kommen, der bloßen Banalität enthöl>e. 

In der Tat scheint es mir von Analyse ebenso unabtrenn- 
bar, daß sie den Einzelnen zerpflückt und zerfasert, wie 
auch daß sie ilun eine Grundbedeutung, jenseits von 
Scham wie von Stolz, zur Fühlbarkeit brimgt, die auch 
durch Krankheil nicht zweifelhaft, sondern von ilir nur 
bestätigt wird. Ein Zufall wars ja nicht, daß es der 
Arzt gewesen, der ziir Tiefeaforschung den Wog fand. Vor 
Ihnen nahmen Psychologen zum Ausgangspunkt fast nur 
den sogenannten gesunden Menschen, oder das Patholo- 
gische wurde dem Mystischen an^näherl. Es war meisten- 
teils etwa so, als ob. am Rande eines Gewässers, über die 
darin unsichtbar schwinmienden Fische Meinungtm ge- 
lauscht würden, entweder philosophisch über sie fabelnd 
oder aber was davon herausangelnd, um es toter Beutö 
zuzuwerfen, die schon bereitlag zur exakt vor sich gehen- 
den Zerlegung. Erst jetzt wird tler wunde Fisch vom 
Angelhaken genommen, um so — unlersuchbar an seiner 
Verwundung wie ein Totes — dennoch vom Fisch-Wesen zu 
künden, ehe er wieder untergeschlüpft ist in sein Element. 
Das ist, wie mir vorkommen will, bedeutungsvoll geworden 



39 



ur unsere Ar , üburhaupi die b<«rirfc von Gesolzmäßißkeit 
und KausalUat prakUsch a.uuwcndeM. Daß mit der »der- 
rhrekl,^7'. " '^''y<"°--'"^"y.so siehe oder falle, i^t 

«Tlhln 1 P«ter„,inie.x;„ i„ einem Dop.x-Isi.ui: zu- 

' lü zels ü.-k ''h ^"^ """ ^«'■»'"""««««'nälJen Diagnose am 

■ Wesens ^'f; '^'^'■•^'^hlosseu aiis Gcsa.n.e lebendigen 

1™ d^r T "■" f'^'- ^'" f'-^'Pl«"t«^>0'. luuie es sich Ihnen 

u Schich?"'""? «"f<»'-än«en müs^n, wie, von Schicht 

uLen dir' p" n" ■^'''""« ''''' «■'«'«'ndet Lageverhält- 

immer S ;^;, ">^'=™ '.'<^^"-kende.s n„d Bewirkles sich 

D""ua«sarbe.r^ '"" ""^"^h"""''^" -selbst für dU> 

nahS st d. "^ fn™" Menschenlebens. Wa« aber 
elnrach\o;.w4 E ^a 'r ,;"'-'^-«-.-'-""«s"l.<.griff 
schartlirhf^n ptfn . V *^'"' '^^^ seillier im wissen- 

^n^'SZ^lZ^^^:;^:^ :;- ..Kansa..ais.ih^' 
fassung Raum aab ,l„n ^'"^'" ''«'' Auf- 

kommen sei. Denn unse«; IoIh , ß<^'"«'"'g<^" auszu- 

erfahrun«en, sich wS jhn, , \ '" ''*'^ä"'««»<l'^^n AuBen- 
barer von Tag zu TaT m^^ u'"*"™"^' ""<! '""*""'^- 

ins noch Un^rtindiiche, ^f ^s^t f"'""^" ^^^"-■''"' 
und üefer gehen. ^"^"^ Iwienerfahrungen tief 

Für uns Psychoanalytiker folot dar-,,,« „k ^ 
genau dieselbe Notwendigkeit nur m„ ' ^"^ "■■""" ^"'='' 
strengerer Handhabimg unserer T«,. ^ «^etermmations- 

wie für die Naturwilnscha" d^"' "h^ "fj'y^]""'''' 
jeweilig erschlossenen Stück schüt^nT", ^^'^""' /" 

Unzulässigen und Unzuverlässigen subiel V" „^^'° 
opn dip QiVh in H,o w •"""b^n s>ubjekliver Mu maßun- 

gen, de sich in die Wissenschaft nisten wollen mid wieder- 
um s i e hemmend hineinmischen in die v^L 
losigkeit fi.i nutender ErlebniseiLrüc^^ ^ unset^^G^: 
n^r - oder uns bloß „Wohlwollende" _ so gern mU ihi^r 



40 



Synlhetik anrücken, womit sie die Psychoanalyse ergSnzt 
Wissen mochten, begehen sie damit nur derartiftt! Ver- 
unreinijiungen — indem sie sich als Hat^elM-r pädagogi- 
scher, moralischer, religiöser oder sonst welclier Sorte. 
mnzUigeseUen. Anstatt des ülxirliebliclien Vertrauens, das 
sie damit sich selber zollen, sollten sie lieber dem iinbo- 
wußten Besserwissen eines wahrhaft (iesundclen ver- 
trauen, der, wie der seinem Element zurCickj?egebene Fisch 
keinen Wegweiser im Wasser braucht, und den man damit 
nur auf fremdem Boden aufhält. Noch ganz abgesehen 
davon, wie sehr damit wieder angeknüpft würde an die 
Ursachen seiner Erkrankung: an die eben erst abgetragene 
Hörigkeit seiner Infantilität. 

Mit Recht haben Sie darauf hingewiesen, wie normal es 
sei, wenn der Analysand seines Analytikers nicht mehr 
viel gedenke, so wie der Gesunde seiner Medizinllasrhe 
nicht weiter anhänge. Hingegen kann ich es mir nur 
schwer vorstellen, daß dies sich umkelire: schwerlich ver- 
gäße der Analytiker seines gewesenen AnalysajultMi, i*be-n 
wegen des unwiederholbaren Schauspiels, das er ihm bot. 
Denn worin besteht, genauer betrachtet, das jedesmal 
Einzige der seelischen Situation? Darin, daß nur innerhalb 
ihrer dem Forscher in uns sich ein Material bietet, wie es, 
so intim und lebensnahe, seU)st dem nächslstehenden 
Freunde noch entginge, und daß dennoch gerade seiner 
rein forscherischen Zuwendung dazu sich die Tiefe unseres 
Allmenschentums auf tut, als ob sie sich seiner eigenen 
Selbsterkenntnis erschlösse. So handelt es sich um ein 
Doppelcrgcbnis von Geben und Nehmen, indem das For- 
schungsziel nur erreichbar wird auf Grund eines i-: r- 
lebens von Mensch zu Mensch, und dies Erleben seiner- 
seits doch nur als der Erfolg forscherischcr Objektivität. 
Sieht der Analytiker dann, am Ende seiner Arbeit, wenn 
sie wahrhaft erfolgreich war, den Davonschreitenden vor 
dem eröffneten Tor, das ins Leben de^ Tages zurück- 
führt, dann stellt er sich wohl einmal die stille Frage: 
.»würdest auch du das haben überwinden und leisten 



41 



kon-iien? um so nw-hr, als il„„ aulKW.cn inußlc, wie oft 
em Sturz ms Ncurolischc .sein« VorausscIzunÄMi in IViusten 
see^ isr u-a Ehr«ei/.cn uml OlK.-anslix-nHun«n. hui. im loUlen 
G uB bcL der IVeunun« lic^l de.sl.alh .„.«Icidi etwas vom 
en^tcsteuHespekl, den der Mensch ,len. Meuschrn schuldet. 

i„J,-iTr "^ "^'"' "^"""^ '"''-h *»•'«« auf d;.s stärkste er- 
q 2 n *"",'""'^'^ ^"" ""'«■' aus .len, Winler.-^cn.ester 
ein n.r,""; '"'*' ■^'*''' ""'^''d'^'" Si« UMS einen Neuroscfall 
hattef, "" '■"?''^^^'''»' Sdüchl un, .Schiil.l, klnr«elcgt 
einen K, 7.'" ""'"''"• ""' '«''=""^^'- •'^'"<i. fasl ^vie maa 
'n unver^r"; "7. *'""'' '^'«'^"r""" ^^^U'^, "Hl einen. Griff 

WasTt "" ^'^'"'f ™'" ""'' ^"'- Sichtharkeit hoben. 
Was m je,.em AnK..„l,ii,.,i mich - uns - ersrlu.llerle, 
war die unausweichliche vo„ ii, eisrluilicnc, 

sichtißle K,n„(:, 1 ''^ "'"^ "'"«" absolut nicht beab' 

si.K. nicht un:!TKl::^' '^^^'^""-^'y- "-'0; wir 
Aber mir wurde daran voUeiuls kl'ir „ ■ , ■, 

schon Ott aufgedrängt halte: w tn b ' ,1 " . ? 

Gegenübertragung des Analytikers auf üJ^'a *^r'""","'" 
in der Art seines Interesses für ihn etwl -^"'"^■^"""^"; 
Analoges sich findet vom Verhältnis 1. n , ,"^'="-'"'--l»=n<l 
Gestaltungen. Es ist jener Grad von Obtl,, "^ , *"■' ^" ^*='"*'° 
bei ..^slloser Drangabe, die, nnterirdth" ''"'""'"'''="' 
ganz und gar auf letzter menschUcher ru.i "J"*,"**'"!"!'. 
Deshalb uiibcrührl bleibt vom Umstand , . *^'' iM^ruht. 
gestaltet, was, l^ei individueller Wahlfraae ",1,!'^'', *^" ''"''''' 
ob nicht geradezu absloßeiide Züfie cifriar V ''''""'' 
ebigezeichnet, sich daran ku«llun' "^ •»"fS<Hleckt und 
ganz rücksichtslos iu bezug darauf ' hl^iJ"" ""' *""""' 
Verbundenheit, die z, B, macht daß 1 ^'"" """"'"'" 

dem au die Gurgel springen tlu, der vo?'"' '""""" 

ij r o "»wi^iiic, ucr von emer so ge>- 



■'-•*■ 



Schaffellen, beschaffenen Gestalt an^jcwidert. äußern wollte, 
sie sei ihm lediglich verächtlich. Man künnle die xwci 
Arten der Bezogenheil zum Objekt — In-i AiialylikiT und 
Dichter — als unvergleichbar anziehen, trotz diesem gleichen 
Absehen vom „bitte recht freundlicli" des I'hotographen, 
trotz diesem zuversichtlichen Sichhinein versetzen in die 
innere Lage eines Menschen, gleichviel wie sie sei, 
als läge sie in jedem Fall richtig zu einem selber; man 
könnte an der Gegensätzlichkeit der beiden Methoden An- 
stoß nehmen, als einer mögUchst analytisch und einer 
möglichst synthetisch gerichteten. Und dennoch besagt 
deren Gegensätzlichkeit im wesentlichen nur, daß das eine 
Mal ein Gewebe nach seiner Linksseite belrachlet wird, 
auf den Verlauf der einzelnen I-äden, deren Verschlini^un- 
gen und Knotenpunkte — und das andere Mal auf das 
Totalmuster der Rechtsseite und dessen übcrsichtliehen 
Eindruck. 

Nicht nur im Erkraiikungsfall ist es, daß das „Muster 
rechts", der Gesamteindruck, nicht voll sichtbar wird, 
es gibt auch eine Art des GesuiwJseins, die davon abhält, 
indem jemand mit einem zu W'cni^n seiner Wesensjnög- 
lichkeilen vorücb nahm. Nicht ganz selten, z. B. bei „Lehr- 
analysen", im Suchen nach dem i)ersünlichslcn Punkt, 
woran die „Lehre" praktisch aufj»chen kann, kommt 
einem die Frage: „bliebst du nicht zu gesund?" anslult 
der gewohnteren; „woran erkranktest du?" Und da kunn 
man an Stelle der zwei übUchen „Widerstände" in der 
Analyse — dem Festhalten am Verdränj^erischen und dem 
Festhalten an. der Symptomatik des Verdrängten — einen 
dritten Widerstand erfahren, der zunächst sehr l>erechtigt 
erscheint, so sehr, wie die wohlbewahrte Gesundheit des 
Betreffenden selber; gilt sie doch der Unlust, Einbrüche 
in sein wohlgezimmerles untadeliges Häuschen und seine 

Siebensachen Ümi glll2llll(.Mlk>Il - ßewis.ser maßen die 
Einheitlichkeit seiner Person antasten zu lassen, tis Uaa- 
delt sich dabei um die uneingestandene Furcht, die allzu 
früh und fest um uns gebauten vorsichtigen Gewöhnungen 

. . 43 




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bei u,..sorm ,u 7,1Tp, ^"T""" "^""""••i^«=. als wir 
köiwtcn in ein SLw ''^'•''^'!-^"^''"ß'<="- " J'"- ^'« 
riskierl hallen G, .,m,^ T"^'' verbittern, als wir jemals 

unlersche In w .^ "' • '**'"""'" ■^' •^*''^"'"" ^'"" '" 
leisten die ,' n ^'" ""^'" ''<='• Miü'Ici'U.ng Vorschub 

Gesu i^,n .hon T«:;^'""^' ^"'■""•"' -- übersdiä.zt.n das 
die fr„cliba^V,.,!M -,""■'"= «^''"''bartigkeit erschlösse 

den als das In s„h , ,^'"" "^^ '»■'^'^h dcfinierl wcr- 

vor individuell Von-^^^'e^^b T "*="'"" ""'^«' ""^ 

Begriff nichl ,.usan.„Tt a' l', d '^?' ''"' """ '""^'" 

durch Umstände Behinderte k"„ h *"'*^ Kntwicklung 

seinem Urgrund haben als t,, d " ''°""° ^"«''"8 ^" 

lebensschöpferisch in ih,„ "' '^''"' ^'O'» Unbewußten 

der Entwickelteste diesln T'""''^''"'"'' '»"'lerorseits kann 

unvorteilhaft für das "^"«'"'8 mißachtet haben, als 

seinem Schicksal m.'ni. ^^''■^"''nd und Praktik aus 

nulEung und bewuße K ".'""■ '°^'="*^ »^'"'^ ^us- 

Samen, anstatt derskhnb T '"'"'''"■''*^" ^«^ All^emein- 

ibn als um vieW Ä Ten ^ f^-^'^"™ 'nefe- stell. 

der Oberfläche. -""^K-n dar, trotz aller Erfolge auf 

eißene.1 GestallungsmögUchkeit nl R .'^'''"" ""«^ «*^'°^'' 
zieht sicli ihm als zu etwas was J^?^ ^"^ ^" ^^^'^ voll- 
mehr ist als er; das erhebt sich n ^'' '^^' "^*^»' ""^ 
Verg^ssenstem, Urverlraiilestem in i? ^'^^'"^^^1- »'ni aus 
zu werden zu persöulicheru Fi«ln,L "" i*"" ^^^^ Auftrieb 
bloßer Vorsatz fühlbar Jn-^T T^ ^'^'''"' ^"^^^^^^ ^'^ 
Einsicht ins Krankmachende nd Eulschluß, bloße 

lung - nein, befreiter Trieban.hn. i ""^ "^^'^^ Verurtei- 

deln zu erneuter Uebes^^^kS JVZ'f ''-^^'^ "'''"' 
dies starke Wort: Gen^suZ f • ^^^cht wähle ich 
kehr in sich wird or^\ w • . , ^^"^ Liebesaklion. Ein- 

^ ""''' Heimkehr im Gefühl eine. Emp- 



44 



fangciiwerdens, Besdienktwerdcns im Insgesamlen; wird 
erst daran eigener Impuls zur B<itäLiginig, an Stelle des 
alten In-sich-Stecken-Bleibciis imd lus-Leere-Ciehens. Durch 
Psychoanalyse wurde ja nichts — wie ein aus der Kurt 
gegriffenes Äusgedachtes — gescliaffen, es wurde nur 
etwas auf gegraben, ent-deckt, aufgedeckt, bis — wie 
unterirdisches Gewässer, das man wieder raunen hört, wie 
aufgehaltenes Blut, das man wieder pulsen spürl — 
Zusammenhang sich uns lebendig bezeugen kann 
Psychoanalyse ist nichts als das E n t b 1 ö li u n g s m a n ö- 
ver, das, vom noch Kranken als Entlarvmig gemieden, 
vom Gesunden als Befreiung erlebt wird, deshalb sogar 
daim noch, wenn die inzwischen unverändert gebliebene 
Außenrealität ihn mit Schwierigkeiten noch so umdrängt: 
denn zum ersten Male gelangen Wirklichkeil und Wii-k- 
hchkeit damit zueinander, anstatt Gespenst zu (iespcnst. 



ODYSSEVS F R E V D 

Von 
Arnold Zweig 

AuB der „Weltbiihne" vom 19. Januar 1932, mit Ge- 
nehmigung des VerfasBers und des Verlags abgedruckt 
im IV. Jahrgang der „PsychoanalytiBchea Bewegung". 

Die Mythologie der Griechen hat, wie uns alle Pauker 
belehrten, allgemein-menschliche Gültigkeit — wie sehr, 
wie tief und wie durchbohrend freilich, weiß man erst 
seit den wissenschaftlichen Expeditionen in den Hades, die 
der einsame Sigmund Freud angestellt hat. Nur um auf 
seine mächtige Gestalt wieder einmal hinzuweisen, wende 
ich mich für einen Augenblick von meiner Arbeit weg. 
Im Psychoanalytischen Verlag ist eben ein Band „Theo- 
retischer Schriften" erschienen, die Gedankenarbeit jener 



45 



J » 



fünfzehn Jahre zusammenfassend, die zwisclicn den Ar- 
beilen der Mannesjahre und den herrUchen letzten des 
greisen Meisters stehen. Dies »ind, in zwanzif^ JaJircn 
nehme man mich heim Wort, Naturheschreilmngen der 
Mcnschenseele, jener wilden, erhabenen und grausigen 
Unterwelt, die wir alle in uns tragen. Ununtcrbroclien 
gehen von ihr die Taten der Menschen aus, von ihr nicht 
allein bestimmt, aber immer mitbestimmt und über- 
wiegend von ihr bestimmt bei Primitiven, Kindern und 
Neurotikern ... Ks ist unmöghch, auch nur aufzuzählen, 
was die zukünftige Psychologie — für uns die gegen- 
wärtige — diesem Band von 400 Seilen entnehmen wird. 
Die Beschreibung des Narzißmus, der Verdrängung, die 
große Darlegung des Unbewußten — dies nur als Bei- 
spiele; die 70 Seiten „Jenseils des Lustprinzips*', die 
110 Seiten „Massenpsychologie und Ich-Analyse", und jene 
Schrift „Das Ich und das Es", ohne die man nicht weiß, 
wer man ist. Längst ward ja klar, wer heule als mißverf- 
slandenster Denker der Well gelten darf, wer in dieser 
Beziehung, und nicht nur in dieser, den Friedrich 
Nietzsche unsrer Jugendjahre abgelöst hat. Ja, Sigmund 
Freud, hier spricht er als der Denker; aus dem nalur- 
forschcnden Arzte hat er sich zwanghafl, unlustig, fast 
mit Widerwillen dazu entwickeil. Daher er als Schrifl- 
. ■ steiler des Denkens die Schmucklosigkeit selbst ist — und 

ein Meisler. Denn die Wortkargheit, die ihn ül>erall dazu 
treibt, Satz für Salz mit Bedeutung vollzupresscn, einen 
auf den anderen zu mauern, die herrliche DiciUe und 
* • Folgerichtigkeit seiner Theorie aus ihnen erstehen zu 
lassen wie einen Quaderbau aus gewichtigen Steinen; das 
. hat heule nicht seinesgleichen. Die Wahrheit ist das 
Kennzeichen ihrer selbst und des Falschen, prägt Spinoza 
seinen Grundbeitrag zum Problem der Evidenz. Noch nie, 
so lange die Menschheit über sich nachdenkt, hat eine 
* wissenschaftliche Lehre das Innere des Menschen so in 
sich zusammenhängend ausgedeutet wie die Freudsche, 
V im Menschen gleichsam einen organisierten Raum auf- 



4» 



» ^ 



■\ 



.'• 



hellend. Tief ins Irrationale hinein macht sie die Ge- 
setze von Ursache und Folße gellend, hcnennt eine 1*- 
grenzle Anzahl von Prinzipien, eines aus dem anderen 
durch Beobachtung entwickelt, und dies nicht etwa in 
kontemplativer Schau, sondern am lebendigen ühjekt fest- 
gestellt, am realen Menschen, der durch diese Erkennt- 
nisse verändert ward, erleichtert, geheilt. Der Leser dieser 
Studien, Bemerkungen und Aufsätze muß den Eindruck 
haben, daß diese Naturerforschung der menschlichen Seele, 
diese dynamische Kraft, mit der Schicht für Schicht 
ihres Aufbaues abgelastet wird, nicht einen erdachten 
Menschen betrifft, sondern den wirklichen, den von heule 
und immer. Und wenn gar dieser Denker den Widersland 
der Welt gegen seine Lehre als zum System dieser Trie!>e 
gehörig aufdeckt, gilt der Satz des Spinoza wiederum, nur 
einmal umgekehrt: das Falsche besläügt die Wahrheit und 
seine eigene Irrigkeit. So mögen sich also die Geistes- 
wissenschaftler von 1932 angegrault von diesen apollini- 
schen Berichten über die Urgründe des Dionysischen ab- 
wenden; es ist zu lange her, daß sie die Gründe ihrer 
Meinungen erlebten. Dieser Band „Theoretische Schriften'* 
aber heißt nur darum nicht „Philosophische", weil der 
Mann dieses Wort nichl liebt, der heute vor drei Kon- 
tinenten die Herme des europäischen Denkens darstellt. 
Mit 75 Jahren noch herrlich umkämpft, darf er die Ge- 
wißheit hegen, daß die Leistung seines Lebens die Grund- 
lagen unsrer Welt mit emer gesünderen Kanalisation ver- 
sehen wird, einer adäquateren Erkenntnis der Menschen- 
natur, dank jener Reinigung der Leidenschaften, die das 
befreiende Wort der Analyse neben das gestaltende der 
Diclitung reiht. 



47 



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. 1 

( I 



DER MYTHOS VOM FORTSCimiTT 

Von 
M a Eder 

Ansprache des Verfassers an die Medical Section der 
m1 British Psychological Society, anläOlich seiner Wahl zum 

ij(' VoiKitaenden dieser GeBelJBchaft. Abgedruckt aus dem 

British Journal of Medical Psychology, oL XII, Tart I, 

1932. Übersetzt von Walter Eck. 

Als Toren geboren,*) erwerben wir später SilUiehkeit 
und werden endlieb dumm und unglüeklich. Dann sterben 
wir. Dieser Ablauf - die Gesehichle des Menschen in 
. der Zivilisation - isl unserer Eigenliebe so wenifi an- 

] \ , genehm, ist, bei allem Wechsel in den Grundlatren der 

Kullur, bei aller Vicllalt ihrer Formen, in seiner offen- 
kundigen Sfrengc für unsere Eigenliebe so quälend daß 
die Menschheit immer wieder im Mythos Zuflucht in 
ihrer Unsicherheil und Trost in ihrem Leid gefunden hat. 
i ii Die Geschichte der Kultur ist zu einem grofien Teil 

Bericht über diese Mythen, über die der Vergauflcnheit 
und über die unserer Tage. Unter Mythos ist hier eine 
Konstruktion gemeint, die von den Anhängern einer croßen 
sozialen Bewegung - oder wenigstens einer Bcwcßunc 
die sie für groß halten — angenommen wird Diese Bc 
weguiig darf man sich als einen großen Kampf zwischen 
den Anhängern des Mythos und ihren Oegenspiclorn vor- 
stellen, als einen Kampf, in <lcm jene ihr.s endlichen 
Sieges gewiß smd. Ein Mylhos muß nicht falsch und 
niuB durchaus nichi ohn. Wert für die Menschheit sein. 
„Kehgion , sagt Renan, „ist notwendiger Betrug Auch die 
pUnnpste Art, Sand in die Augen zu streuen, darf nicht 
verachtet werden, wenn man es mil so törichten Lebe- 
wesen wie den Menschen zu tun hat, mit Lebewesen, die 
für den Irrtum geboren sind imd die, wenn sie die Wahr- 



1 ■' ) 
t ■ 1 



II 



i 



' 



♦) Im Englischen : we are born mad. 
48 



heit einsehen, sie doch nicht aus den rechten Gründen 
einsehen; man muß ihnen auch da noch falsche geben/'^) 

Doch CS kommt die Zeil, da der Betrug erkannt ward 
und dann wird der Gedanke an diesen groUen Kampf und 
an den Sieg derer, die ihn kämpften, aufgegeben oder er 
geht verloren — ein Mythos verschwindet und ein anderer 
tritt an seine Stelle. Solange der Glaube aber lebendig 
und wirksam ist, so lange treibt auch die schwerste 
Niederlage seine Anhänger nicht zur Verzweiflung oder 
auch nur zur Mutlosigkeit. Georges Sorel, von dem ich 
diese Auffassung vom Mythos übernehme,^) exemplifiziert 
sie an den Ideen des Urchristentums, an denen, die die 
französische Revolution zum Sieg geführt und die Mazzini 
und die Seinen angefeuert haben; man könnte noch auf 
die verweisen, die Marx im 19. und die Lenin im 
20. Jahrhundert vertraten. Aber nicht von diesen Ideen will 
ieh heule sprechen, sondern von jenen, die die Kultur 
unserer Tage beherrschen, von der Idee des Fortschritts. 
„Wir halten", sagt Bury, ,, ständigen Fortschritt für so 
gesichert, sind uns der ständigen Fortschritte in Wissen- 
schaft, Kunst, Organisationswesen und in nützlichen Fin- 
richtungen aller Art so stolz bewußt, daß wir versucht 
sind, den Forlschritl als ein Ziel anzusehen, das wir. 
wie etwa die Freiheit oder einen Weltbund, erreichen 
können, wenn wir nur recht wollen. Aber obwohl aller 
Zuwachs an Macht und Wissen von Menschenkraft ab- 
hängt, ist der Fortschrittsglaube, dem all diese einzelnen 
Errungenschaften erst ihre Bewertung verdanken, mit 
einer Tat Sachen frage verknüpft, die die Wünsche des 
Menschen und seine Bemühungen ebenso wenig beein- 
flussen können, als sie etwa imstande sind, das mensch- 
liche Leben über das Grab hinaus zu verlängern." 3) Es 
handelt sich hier um den Glaubenssatz, daß die mensch- 



h Histoire da peuple d'Israel V. Idö l 
*) Introduction ä I'^coQomie moderne. 
*) The Idea of Progresa p. lt. 



L 



4 Atmanach 1958 



49 



I 

I • 



liehe Kultur sich stets in einer erwünschten Richtung 
entwickelt hat, sich in dii^scr Richtung weiter entwickelt 
und weiter entwickeln wird. 

Es ist wichtig, einzusehen, daß dieser Glaube oder dieser 
Mythos, wie icli Hin nennen will, ein ganz „moderner" 
ist. Bury, der die Gesciiichle des Forlschrittsßedankens 
behandelt, hat gezeigt, wie er mit der Entwicklung mo- 
derner Wissenschaft und dem allmählichen Verlust des 
Glaubens an Himmel und Hölle des Christentums ziisam- ^H ' 
menhiingt. Die griechischen l'liilosoplien sind üIkt den ^^, 4 
Fortschrittsglauben nicht gestolpert; sie hal)en sich das 
AU in zyklischer Bewegung gedacht, alles Seiende nur als 
Wiederholung von allem Gewesenen und als das Vorbild 
alles Künifti^en. Wenn es also den Anschein hat, daß ich fli 
Ihnen in meinen AuslTthrongen nichts sage, was sie nicht 
schon bei zahllosen Gelegenheiten gehört haben, will ich 
mich bei der Annahme zu beruhigen versuchen, daß Sie 
Phythagoraer seien, die diesen Vortrag in einem der 
früheren Zyklen schon vernommen haben mid daß sich 
seine Grundlagen aucli heule nur in getreuer Wiederkelir 
des oft ahgclaul'ciujn Zykhis haben zusammenfinden 
können. 

Als Jcsaias die Völker ihre Schwerler in Pflugschaaro 
umschmietlen hieß und ihre Speere in Sensen, als er ver- 
kündete, daß Volk nicht mehr das Schwert erheben sollte 
gegen Volk, daß man das Kriegshandwerk nicht mehr 
lehren sollte, war das eine Vorausisage von dem was 
kommen wurde, wenn die Völker dem Willen Gollea 
gehorchlen. Für die jüdische Kosmogonie hat die Knt- 
artung der Welt begonnen, als Adam als vollkommenes 
Wesen geschaffen war. Wie Jesaias hat auch das Mittel- 
alter den Gedanken der Entartung dieser Welt mit dem 
Mythos von einer anderen Welt verbunden, die ileneu 
offen steht, die von Gottes Gnade erfüllt sind. Dante 
drückt den Glauben aus, der den Geist der Menschen 
beherrschte: Dank der göttlichen Gnade und auf Grun<l 
im Leben erworbener Verdienste gibt es die Hoffnung 



50 



k 



auf ein Jenseits, gibt es die sichere Erwartung der Selig- 
keil. 

„Die mittelalterliche Lehre", sagt Bury, „versteht die 
Geschichte nicht als einen natürlichen Entwirklungs- , 
ablauf, sondern als eine Reihe von Geschehnissen, die 
durch göttliche Eingriffe und göttliche Olfenbarung ge- 
ordnet werden. Hätte man die Menschen ihren eigenen 
Weg gehen lassen, so würde er sie zu einem liöchst un- 
erfreulichen Ziel hingeführt haben; alle Mcnsclicn hätten 
das Schicksal ewig dauernden Elends ertragen müssen, 
von dem übernatürliche Einwirkung eine Minderzahl be- 
freit hat."*) 

Dies wäre der Platz, den allmählichen Nie<lcrgang dieses 
Glaubens in der westlichen Welt zu schildern. Obgleich 
es keine ausdrückliche Veränderung der theologischen 
Definition von Himmel und Hölle gab, hat sich doch offen- 
bar der geistige Gehalt dieser Vorstellungen in der Auf- 
fassung der Laien entscheidend verändert. Diese Darstel- 
lung aber würde mich, obgleich sie an mein Thema eng 
anschließt, doch von meinem nächsten Ziel zu weit weg- 
führen. 

Der Glaube an den Fortschritt als an etwas Unverlier- 
bares und ständig Wachsendes war namentlich unter Philo- 
sophen, Gelehrten und Politikern bis zum heutigen Tag 
verbreitet; er wird von der großen Mehrzahl aller anderen 
Menschen geteilt, auch wenn sie — als Anhänger einer her- 
kömmlichen Religion — zugleich an entgegengesetzte Vor- 
steiluagea glauben. 

Der Fortschrittsglaube begann im Kreise der französi- 
schen Enzyklopädisten klare Gestalt anzunehmen, und 
obgleich in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts 
unter dem Eindruck der Enttäuschung der Revolution 
eine Reaktion gegen die rosige Ansicht der eben abgelau- 
fenen Zeit um sich griff, ist bald darauf der Glaube zu 
neuem Leben erwacht, daß der Fortschritt völlig gewiß 

*) L c. p. 21. 

5! 






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sei, und man versuchte, die Gcselze des Fortschrittes, die 
Gesetze der Kultur zu entdecken. 

Die Entdeckungen der Physik uiui die von diesen abge- 
leiteten Naturgesetze legten den Gedanken nahe, ähnliche 
grundlegen<Ie Prinzipien im Aiilbau der Gesellschaft nach- 
zuweisen. August Comtes zahlreiclie, in dem „Ixjhrgang 
einer positiven Philosophie" gipfelnde Werke mög<'n heute 
wenig gelesen sein und waren vermutlicJi nie wirklicJi ver- 
breitet; den Gedanken aber, daß es in der GescJiichte der 

MenscJiheit Gesetze zu entdecken gibt, hal>en sie in weite 
Kreise i»ptraorf»n 



Kreise getragen. 



Marx hat seine materialistische Auffassi^ng auf diese 
Idee aafgebaut. „Die aus der kapitalistischea Produktions- 
weise hervorgehende kapitalistische Aneignungsweise, daher 
das kapitaUstische Pr.vateigenthum, ist die erste Negation 
des mdivdnellen auf eigene Arbeit gegründeten Privat- 
eigentums. Aber die kapitalistische Produklionsweise er- 
zeugt n„t der No^endi«keit eines N.U^r^^ZT i"re 
eigene Negation. Es ist die Negation der N<M?ation " ') 
Vor wenigen Tagen habe ich gelesen, daß der Kommu- 
nismus in der Kulturentwicklung nicht zu vmnei^tn sei 
„Er muß die Welt endlich ertussen, nich. T a^bS 
von politischen oder anderen Bestrebungen, die von einer 
Gruppe von Leuten ausgehen, sondern weil n.n, , 

Gesetz der Entwicklung die alte OiMnunTder n u" 
weichen hat." =) Den Kommuni.*n aber ist es ofenbar 
mcht gegärmt, sich dieses Arguments uneingeschränkt zu 
freuen denn auch die kon^rvativc Weltanschauung rech- 
net nicht weniger mit der Siclierhcit des ForlschriUos als 
die sozialistische. „Der Konservatismus", sa«t Lord liufih 
Cecil, „tiat den Fortschritt sitmvotl, wirksam und den 
allgememen Bedingungen angepaßt zu gcslallen. Fort- 
schritte in der Wissenschaft, in der Staatskunst oder im 
sozialen Leben setzen ein e ge^visse Bereitschaft voraus, 

6) Kapital, 4. Aufl. 1890, I, 728. 

«) Etbel Mannin. Wliat I believo. The New Loader, vom 1&. I. 1932. 

52 



Bi. 



über die Erfahrung hinauszugehen und es mit Neuerungen 
zu versuchen." Aber auch dieser Autor zweifelt nicht an 
der Naturnotwendigkeit des Fortschritts.') 

Wie schon gesagt, ist der Fortschritts^^aake um die 
Mitte des vorigen Jahrhunderts den Philosophen, Sozio- 
logen und Dichtern vertraut geworden, aber erst sedt 
Darwins „Abstammung der Arten" ist er allgemein, ge- 
läufig und populär, und obgleich die „Gesetze" des Fort- 
schritts immer noch unentdeckl bleiben, sind doch die 
modernen Vorstellungen von Kultur überhaupt beinahe 
bis in die jüngste Zeit darauj gegründet, daJi diese Ge- 
setze nicht zu umgehen seien. 

Ferriere gelangt 1915 zum Schluß, daß Fortschritt not- 
wendig und orgaiüsch sei. „Der Mangel an Einsicht, der 
Egoismus, die intellektuelle Kurzsichtigkeit des Menschen 
mögen ihn verzögern; sie werden ihn nicht aufhallen."«) 

Mit schönem OpÜmismus stellt Ferriere diese Worte an 
das Ende eines vor dem Krieg be@oniienen, aber erst 1915 
beendeten Buches. Er beschließt es mit dem Aufruf aa 
die Jugend, die Fehler der alten Generation zu verbessern, 
ohne daran zu zweifehi, daß es zu dieser Verbesserung 
kommen werde. 

In einem so großen und bedeutenden Werk wie dem 
— 660 Seiten starken — von Ferri^j^e findet man kau^ 
bessere Argumente für die Notwendigkeit des Forlschritts 
als in unseren alltäglichen Maximen und Aussprüchen. 
Eine Annahme ist es, wie die, auf die die Finanzminister 
ihre Budgets aufbauen; es müsse im nächsten Jahr besser 
werden, da doch die gegenwärtige Lage so unangenehm 
sei. Einst haben die Nationalökonomen — oder doch einige 
von ihnen — schlechte Zeiten mit den schwarzen Flecken 
in der Sonne in Zusammenhang gebracht, heutzutage 
scheinen sie wirtschaftliche Katastrophen mit den schwar- 
zen Flecken im Herzen der Menschen in Zusamraenhaing 

') Lord Hugh Cecil, Conservatißm, p. 13 f. 
^) La loi da progrös. Paria 1915, p. 661 f. 



53 



'] > 



briageti zu wollen, womil sie vielleicht der Wahrheit 
etwas näher kommen ilikI sich etwas weiter von dem 
Glauben an die ünverlierbarkeil des Forlschritts als an 
ein Naturgesetz entfernen. 

Natürlich muß die Medizin den philosophisclien Tagcs- 
anschauun^cn Rechnung tra,gen, muß versichern, daß auch 
Sic eine fortschreitende Wissenschaft sei und daß unver- 
meidlichermaßen „unser alter konstituUonellcr brilischer 
Husten, unser Halsweh und unsere geschwollenen Wan- 
gen" eines Tages verschwinden werden. Auch für den 
Psychoanalytiker hüll es schwer, eine Zukunft ohne Fort- 
schritt auszumalen. So glaubt auch Freud, daß „die Stimme 
der Vernunft zwar leise" ist, „aber sie ruht' nicht, ehe 
sie sich Gehör geschafft hat. Am Fnde, nach unzählig oft 
wiederholten Abweisungen, findet sie es doch Dieser ist 
einer der wenigen Punkte, in denen man für die Zukunft 
der Menschen optimistisch sein darf, aber es bedeutet 
an sich nicht wenig. An ihn kann man noch andere Hoff- 
nungen anknüpfen. Der Primat des Intellekts liegt gewiß 
in weiter, aber doch nicht in unendlicher Ferne." ») 

In einem späteren Werk aber enlschlügt sich Freud 
aller Voraussagen: „Tch habe mich l)emüht, das enthusia- 
stische Vorurteil von mir abzuhaUeai, unsere Kullur sei 
das Kostbarste, was wir besitzen oder erwerben können 
und ihr Weg müsse notwendigerweise zu Höhen nnöe- 
ahnter VoUkommenbeit führen ... ich bem-e m"ch X 
dem Vorwurf, daß ich ihnen (meinen Mitmenschen) keinen 
Trost zu bringen weiß, denn das verlangen sie im Grunde 
alle, die wildesten Revolutionäre mchi wenLger leiden- 
schaftlich als die bravsten Frommgläubigen" »o) Ja das 
ist es, was man vertagt. Der Fortschritlsgcdankc' die 
Suche nach Kulturgesotzen, die Gründe, die Comic in 
zwanzig Bänden, Herbert Spencer in seinen monumentalen 
Werken, und die eine gjga nü&chc, soziologische Literatur 

^) Die Zukunft einer Illusion, S. 87. 
1") Das Unbehagen in der Kultur, S. 135 und f. 



54 



in diesem unserem Jahrhundert vorbringt, sind im letzten 
Verstände doch nur Versuche — oft bemerkenswert 
mutige Versuche — Beweise für eine Illusion zu finden; 
für die Illusion von der Vollkommenheit; Vollkommen- 
heit, wenn nicht für diese, so doch für die nächste oder 
für die beste der kommenden Generationen. 

Auf älteren Kulturslufen hat der Mythos einer über- 
ragenden Gottheit gegolten, die für Gerechtigkeit und 
dafür sorgen sollte, daß die, denen ia dieser Welt Glück 
versajgt blieb, gewiß sein durften, es in einer anderen zu 
finden. Als sich aber diese Hoffnung als trügerisch er- 
wies, das tausendjährige Reich vergeblich auf sich warten 
ließ, fanden die Menschen in den materiellen Vorteilen, 
die ihnen die Wissenschaft vennillelt hat, Tros-t, und 
begamien ihre Zuversicht und ihr Glück auf den ge- 
sicherten Fortschritt der Wissenschaft zu gründen. Glück 
für sich selbst haben sie freilich dabei in der Well von 
heute nicht erlangen können, aber sie konnten den Boden 
vorbereiten für das Wohl von Kind und Enkel. 

Die Herkunft dieses Mythos ist schon oben angedeutet 
worden: Wir werden als Toren geboren, geboren, wie 
Ferenczi das vor vielen Jahren gesagt hat,ii) in der glück- 
lichen Täuschung, allmächtig zu sein, und suchen immer 
von neuem die Bedingungen wieder herzustellen, auf die 
dieser Größenwahn gegründet war. Eingeengt durch die 
äußere Welt, in der wir aufwachsen, unfähig, etwas von 
dem Glück zu verwirkUchen, das wir in der Kindheit 
halluzinierten, haben wir uns im ganzen Lauf der Ge- 
schichte, soweit wir ihn kennen, durch mancherlei Hoff- 
nungen zu entschädigen gesucht. Zum Teil waren sie 
anspruchsvoll, zum Teil sinnvoller, — dann, wenn versucht 
wurde, die Illusionen der Vernunft, den Bedingungen der 
Außenwelt anzupassen. Wir können uns einbilden, daß eines 
Tages all dies Glück unser seüi, daß die Wissenschaft 
uns eines Tages alle ihre G eheimnisse preisgeben wird, 

") EDtwicklungsBtufea des WirklichkeitsBinnes. Bausteine zur Psycho- 
analyae. Int pa. Verlag. 1927, I. 

55 



■anMwvi 



1 daß Lamm und Wolf eines Tages friedlich Ijoisammen 

' liegen werden vnid die Menschlieit aufwachen wird, be- 

freit von ihren aggressiven Instinkten. Es gibt ja Ethno- 
logen und Historiker geniij^, die uns versichern, daß der 
Mensch einst im Paradies geweilt hat, daß die Sjige von 
einem friedlichen vor-kainischcn Menschen ein hislo- 
ff rischcs Faktum sei und nicht ein Mythos pritniliver 

' Völker, die eine Erklärung für ihre Welt suchen. Daß 

diese Forscher organisierten Krieg, ein Produkt der KuUur, 
i '"it dem ursprünglichen Aggressionslrieb zu verwechseln 

I I scJieincn, muß wohl nur beimurig angedeutet werden. Wie 

dem auch sei, die meisten von uns glauben, daß — wenn 
es schon keine gute alte Zeit in der Vergangenheil gibt — 
die Menschheit dafür sorgen wird, daß es eine gute, neue 
in der Zukunft gebe. 

Tel I doubt not thrö Ihc agea on» increasinff purpoae run.i 

And the thoughis of men are miäen'd mith (he process vf ff,e $unB. 

Obgleich die opamisUschc Auffujisun^g seiner Jugend 
Tennyson in seinen späteren Jahren nicht erhalten bUeb, 
ist er doch dem Mythos seiner Zeit treu geblieben. 

Eine echte Kritik des Myllios vom Forlschritle sollte 
die Bediiiigungen aufdecken, die diese Form von Illusion 
ermöglicht und jene alleren religiösen Formen verdr-ingt 
haben, die die Menschlieit seit den er&ten Anfinecji 'der 
Kultur beherrscht zu haben scheinen. Die späteren Reli- 
gionen haben Männern und Frauen nicht nielir Glück 
gebracht als die älteren, an deren Stelle sie traten ' Die 
ersten Ansätze der Naturwissenschaft im 17 jni rh H t 
schienen der Menschheit eine neue Zuversicht zu brhiücn- 
die Geschichten und Träume der Magier scliicnen erfüllt 
und neue Welten waren zu erobern. Schnell sind die Er- 
runigenschaften der Wissenschaft in das tägliclie leben 
eingKxirungen und das halle zur unausweichlichen Fol^, 
daß sich die Menschheit bald an die Wissenschaft und an 
wissenschaftliche Berater wandte, um von ihnen zu dem 
Glück zurückgeführt zu werden, um das die Kultur säe 



56 



liü 



^ 



betrogen und das zu vermitteln sich die Reliigiou als un- 
fähig erwiesen hatte. 

Ich will auch die Annehmlichkellen durchaus nicht 
herabsetzen, die uns die Wissenschaft gebracht hat, die 
materiellen Errun^nschaften, die uns — weniigstens poten- 
tiell — vom halben Hungertod retten und einen großen 
Zuwachs an Bequemlichkeit, auch für die Zukunft, in 
Aussicht stellen. Ich ziehe das elektrische Licht der arm- 
setigen Kerze vor, die mir in rauchiger Hülte geleuchtet 
hat; ich freue mich an der drahtlosen Telegraphie; Fliö- 
gen ist angenehmer als weite Strecken zu fahren. Die 
Geschichte der wissenschaftlichen Entdeckungen muß die 
Phantasie, auch der Trockensten unter uns anregen, aber 
aus den unleugbaren Vorteilen, die die Erfindungen und 
der wissenschaftliche Spürsinn uns gewährt haben, dar- 
auf zu schließen, das Zeitalter der Wissenschaft habe 
uns auch mehr Glück gewährt und werde uns künftig 
noch mehr gewähren — weil es uns mehr Komj'ort ge- 
geben hat — das hieße einem neuen Mythos auf die 
Beine helfen: denn von den Mythen scheint zu gelten, was 
vom Fortschritt nicht gilt: daß sie unvermeidüch sind. 

Unsere Phantasie kann es nicht zugeben, daß nicht alle 
unsere Wünsche erfüllt werden sollen, ganz ebenso, wie 
es zum Beispiel keine Ungerechtigkeit in der Welt geben 
darf; Ich bin allen anderen Kindern gleichhercchtigt, es 
ist nur die harte Mutter, der harte Vater — Gott — der 
mich hindert, alles, was ich will, zu erlangen. Marx und, 
Engels haben die Gewißheit, daß die alte bürgerliche Ge- 
sellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen durch 
eine Vereinigung ersetzt werden muß, in der die freie Ent- 
wicklung des Einzelnen zu emer freien Entwicklung aller 
führen wird. Das narzißtische Ich — das Ich mit seiner 
unvollkommenen Wahrnehmung der Umwelt — ist über- 
zeugt, was es wünscht, erlangen zu können, oder es muß 
ein böswilüges Wesen geben, das die Erfüllung seiner 
Wünsche vereitelt. 



57 



■ > 



Im Epilo« VOM nurys liuch hciß[ es; „In der Revolu- 
tion der JahrlmiKlcrie wird ein Tag koinnuMi, da eine neue 
Idee als LeilHedanke der Me.ischlieit die Stelle des Forl- 
schritts usurpieren wird. Kleinere, heule unbemerkte 
oder unsicIUbare SIer.ie werden a,n Firmament der Vcr- 
nuntt aufsleif.en; die Menschen werden ihre C.efühle dem 
tinllub dieser Gedanken unterwerfen lUKl ihre Pläne diesem 
neuen Führer anvertrauen. Diese Ideen werden den Maß- 
stab abgeben, mit dem dünn der Forlschritt und alle 
anderen Ideen werden beurteilt werden Mit anderen 
Worten: Ugt nicht der Fortseliritl selbst den Gedanken 
nahe, daß der Wert der Fortschrittsideologic nur ein 
relauver ist und nur einer bestimmten, nicht sehr ent- 
wickelten Stufe der KulUn- entspreche; ganz ebenso, wie 
die VorsehunR ui ihren Tagen ein Gedanke von relaüvem 

e^Sra^M-;' """ '''''''' """'^'' '"'"=» '^^''"^^^"'^ 
Burys Buch ist 1920 erschienen. Seilher können wir 
meiner Meinung nach vielleicht schon in schwachen Um- 
rissen die neue Idee erkennen, die am Firmament des 
Verstanries aulzusteigen im Bogriffe Lst, um den Platz des 
Fortschntlsigedankens einzunehmen. 

A-fZ,"^- '^^h'"' '"""'"' ™" <!*" Gelebrlen selbst, 
de seit eimgen Jahren and besonders seit dem Krieg ihre 

S H '"'' t" Ergebnissen eines Jahrhu^dorls^ssen- 
schafthcher Arbeit offen zugegeben haben. Die Wissen- 
schaft, die der Menschheit eine neue Kultur gebracht liattc, 
schien sich anzuschicken, sich selbst und die Kultur die 
sie erzeugt hat, zu zerstören. Man hat eingesehen, ' daß 
Wissenschaft an und für sich die Menschen noch nicht 
irgend gluckhcher machen kann, als die abgedroschene 
VorsteUung von der gütigen Vorseh„,ng. Damit eine wissen- 
schafthch begründete Kultur befriedige.id sei, muß nach 
Berlrand Russeis Forderureg der Zuwachs an Wissen von 
einem Zuwachs an W eisheit begleitet sein. „Ich meine 

") loo. 352. 
58 • , 



I " 



-■f ■ '■• 



unter diesem Zuwachs an Weisheit eine richtiße Vor- 
stellung vom Ende des l-ebens. Das ist etwas, was Wissen- 
schaft selbst nicht vermitteln kann. Zuwachs an Wissen an 
sich bietet daher noch keine Gewähr für eigentlichen Fort- 
schritt, obgleicii er eines der Elemente siclierL, die zu 
allem Fortschritt erforderlich sind." i^) Es wiixl nicht 
klar, was die Weisheit ist, die Rüssel als Konirolle der 
Wissenschaft herbeiwünscht und wie sie von ihr abgeleitet 
werden soll. Wie sollen wir eine richtige Vorstellung 
vom Ende des Lebens erlangen? Ich fürchte, daß die, die 
Rüssel richtig scheint, dem Papst, dem Präsidenten Hoo- 
ver oder Stalin höchst verkehrt vorkommen mag. 

Wie so viele andere, ist Aldous Muxley mit unserer 
Kultur unzufrieden, und wie Rüssel sieht auch er es als 
ein Übel an, daß die wissenschaftlichen Grundsätze im 
Leben nicht durch die richtigen Leute vertreten werden. 
Auch er fordert, daß Weisheit die Anwendung wissen- 
schaftlicher Errungenschaften im Leben leite. Weisheit 
aber besitzt der ,. Humanist", den er folgendermaßen be- 
schreibt: „Man hat viele Definitionen einer idealen mensch- 
lichen Gesellschaft vorgeschlagen. Die, die meiner Meinung 
nach die Mehrzahl moderner Männer und Frauen am 
ehesten anzunehmen geneigt wären, möchte ich — in Er- 
manglung einer besseren Bezeichnung — humanistisch 
nennen. Der Humanist glaubt, daJi unsere menschliche 
Natur als Ganzes harmonäsch entwickelt werden kann 
und soll — daß die Opfer, welche die Menschen immer 
bringen müssen, in ihrem eigenem höchsten Interesse ge- 
bracht werden sollen, und nicht einer außerhalb des 
Menschen gelegenen Macht zuliebe — nicht im Namen 
einer anderen Sache als der menschlichen selbst. Für 
den Humanisten ist daher die ideale Gesellschaft eine, 
in der alle Glieder physisch, intellektuell und moralisch 
auf höchster -Stufe stehen, in der kein Individuum unge- 
recht behandelt oder genötigt wird, seine Talente zu ver- 



") The ScieQtific Outlook. 

t 

59 



L_ 



graben oder zn zerspliltern, eine Gesellschaft, die ihren 
(.hcdern das größte mÖKUche Ausmaß iiuiividuelier Fi^i- 
hejl aiwl zugleich die horliste Vriimie für allriiistische 
Bemühungen gc-währt; nicht eine statische Cesolischaft, 
sondern eine, die bewuIMcnnaßcn nach vorwärts schrei- 
tet und danach strebt, die höchsten menschlichen Ziele 
zu erreichen. Die Wisscnscliaft l<:nm dem Aufbau einer 
solchen tiemeinsehait ein llillsmittrl bedeuten, aber bloß 
unter beslinunten Bedingungen, wenn nämlich die Macht, 
die das Wissen verleiht, von zutiefst humanistisch ge- 
smnten I-ührern ausgeübt wird."") 

Ohne Jiuxleys Lehre vorn IIiuiLimsmus kritisieren zu 
wollen, Itann ich mir nicht vorstellen, daß nicht alle 
unsere religiösen und poUlischen Führer b<.>reit wären, 
seine Gesichtspunkte anzunctnnen uml zu nnk-rschreiboo. 
Alle würden sie behaupten, selbst Humainsten zu sein 
In der Tat ist es das Priiiizip der britischen liegieruuÄ, 
daß die KabineUsmitgliwler Humanisten sind, die die 
Arbeit der wissenschaftlich geschulten Fachleute über- 
wachen. 

Wir müssen daran feslhallen, daß Hmcley, unbefrie<ligt 
von den Ergebnissen eines Jahrhunderts wissenschaftJiclier 
Entwicklung, sich hoffnungsfremii« — hoffnungsfreudiger 
als Hassel — auf den Humamisjnuti slüUt. Er ist divon 
überzeugt, daß die menschUcIie Natur als Ganzes har- 
monisch entwickelt werden kann. Es scheint fast als 
sollle der Fortschritt auf Grund wissenschaftlicher ' Ein 
sieht durch einen Forlschritt uuif Grund Immanislischer 
Emsicht ersetzt werden. Ein wenig schwierig ist es wie 
schon gesagt, festzustellen, wer diese Humanisten seien 
die nua die Rechtgläubigen und die Gelehrten ablösen 
sollen, die seit ein paar tausend Jahren den Weg zum 
richtigen Leben suchen. 

Da die Religion ihre Trostesbotschafl nicht erfüllt hat, 
ist der Glaube an den Fortschritt zuin Mythos geworden, 

") Science the double edgod tool. The Listener. Jan. 20th 1932. 

■ 

60 



L 



zu dem die Menschheit aafbUcken kann; im 19. Jahr- 
hundert gestützt auf die Wissenschaft; da die Wissen- j 
Schaft versagt, soll, wie wir hören, jetzt der Humanismus 
— die Weisheit — als Leitstern der Erkenntnis uns dem 
Glück, das uns bisher versagt blieb, zuführen. ! 

Die Menschheit kann ihre Illusioiien nicht aufKci>cn: 1 

Im Augenblick, da die eine zusammeabricht, tritt eiuie 
andere an ihre Stelle. 

Wir verschließen uns der Einsicht, daß dieser Mythos 
nur die Rückkehr zu kindlichen Phantasien bedeutiet, die 
nun in unserem Ueberich thronen. Einst war es eine lutro- 
jizierte Autorität — jetzt tritt es uns als etwas Uoabhäa- 
giges entgegen — als Gott, als Fortschritt, als unser 
höheres Ich. So zieht sich durch den ganiZen Kreislauf 
der Verwandlungen, die den Moden der Zeit entsprechen, 
nur immer dieselbe blinde Verleugnung der Wurzel, aus 
der unsere Enttäuschung stammt. Solange unsere aggres- 
siven Tendenzen nur niedergehalten, aber nicht aufge- 
geben oder umgewandelt werden, müssen wir einsciien. 
daß aller Wechsel in der Benennung der überwachenden 
Mächte den Kern des Problems in keiner Weise berührt. 
Denn die A^ression muß eine dauernde Bedrohung für 
die Kultur bleiben, da niemand dem Menschen Glück ge- 
geben hat oder auch geben kann. Es ist beinahe eine intel- 
lektuelle Unredlichkeil, zu behaupten, daß sich die Men- 
schen nach Glück sehnen. Was sie suchen, ist Macht, 
Reichtum, Herrschaft, Brocken von Wahrheit; einige 
suchen nach ästhetischer Befriedigung und Schönheit. 
Wenn wir aber nach dem Betragen der Menschen urleilen, 
so müssen wir einsehen lernen, daß sie alles andere 
suchen, nur nicht Glück. 

Mehr als eimnal hat man im Laufe der Geschichte ver- 
sucht, die soziale Organisation der Menschen auf Liebe 
zu gründen, und ich kann den Verdacht nicht unlor- 
drücken, daß man auch hinler Russeis Weislicit und 
Huxleys Humanismus Liebe finden wird. Das Chrislen- 
tum hat sich auf die Liebe als auf einen Grundpfeiler 

61 



gestützt. Paulus tat den berühmten Ausspruch: „Wenn 
ich die Spruciicii der McnscJien ixKlele, und hätte der 
Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eino klin- 
gende Schelle." Aber im selben Brief, eiiii-HO Seiten weiter, 
fällt Paulus harte Urteile über die, die er miübilli^^t. 

Keine Religion war imstande, in der Praxis und ge- 
wöhnlich auch in der Tlieorie auf Feindschaft und Haß 
zu verzichten. 

Aggression und Liebe sind primäre Impulse; es hat 
i)isher keine Kultur und keine Ileligion gcjfdxin, in der 
der Liebe nicht ein Gegengewicht von Hau entsprach, ob- 
gleich man oft annimmt, dali der Hali fehle. „Ist es Dumm- 
heit oder moralische Feigheit" — schrieb Herbert Spencer 
vor beinahe 60 Jahren - „die die Menschen dazu bringen, 
immer wieder einen Glauben zu prt^igen, der die Sotbst- 
aufopferung zur höchsten Forderung erhebt, während sie 
zugleich darauf drängen, daU die, die sich gegen uns ver- 
gehen, hingeopfert werden.'^G) Die Psychologie antwortet 
daß es weder Dummheit ist, noch moralische Feigheit] 
sondern lediglich der unbefriedigende Versuch der Men- 
schen, ihre Aggressivität durch die Aufrichtung einer 
äu/icren Autorität - in psychoanalytischer 'ienninologie 
durch die Aufrichtung eines Ueberich — zu beherrschen 
weil ihr Ich zu schwach ist, um ihre Triebe zu lenke» 
oder, wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe weil sie, 
unfähig, sich neuen Situationen schnell genug anzupassen 
im Ueberich einen festen Halt gegen ihre Triebe gef^den 
haben. 

Es ist den Menschen offenbar beinahe unmöglich 
sich von ihren primäi-en a^ressiven Tendenzen zu be- 
freien. Wir beginnen erst einzusehen, welcher bedeutende 
Anteil diesen Tendenzen bei der Bildung des Ich zukommt 
Kants Gedanke, daß die Welt besser wäre, wenn der 
Mensch als soziales Wesen nicht im Kriege wäre mit dem 
Menschen als natürlichem Wesen, enthält eine wichtige 

^*) The Study of Sociobgy. ig**» edition. p. 201, 
62 



Einsicht. Wenn sie angenommen würde, würde es den 
Wert aller Mythologie über das menschliche Leben auf- 
wiegen. , , 

Der Aufbau der Kultur liegt weitgehend in der Hand 
des Menschen als eines socialen Wesens. Der verstorbene 
Hobhouse behauptete, „daß es keine andere Ursache des 
Fortschritts gebe als den menschliclven Geist tmd den 
menschlichen 'VMllen'*.»^) Er hat Burys Gedanken, dali 
der Fortschritt von den Wünschen und Bemühun^n der 
Menschen unabhängig sei, abgelehnt, doch hat er ein- 
bekannt, daß er fest daran glaube, daß in der Ethik das 
Gute und in der Wissenschaft das Wahre die Oberhand 
behalten werden. Seine intellektuelle Hechtschaff enheit 
zwang ihn zuzugeben, daß das Gute wiederholt mißachtet 
worden sei, aber das Vorhandensein jener imbewußten 
aggressiven Tendenzen, die allen sozialen Ideen, denen 
er anhing, widersprechen, hat er nicht anerkannt l^nd 
nicht berücksichtigt. Eine Kultur, die danach strebt, eine 
echte Kultur zu sein, wird sich auf die wissenschaftliche 
Kenntnis des Menschen selbst ebenso zu stützen haben, 
wie auf die Kenntnis der Umwelt und auf jene Entdeckun- 
gen, denen wir so viel Annehmlichkeiten verdanken. Die 
Versuche, die man bisher mit der Bildung des menschh 
liehen Charakters gemacht hat, erinnern an die Erfahrun- 
gen Thomas Day's. Der Verfasser von „Sandford and 
Merton*' adoptierte eine junge Waise in der Hoffnung, sie 
zu seinem Ideal von Weiblichkeit heranzubilden. Er mußte 
erfahren, daß es unmöglich war, sie einem drohenden 
Schmerze oder einer drohenden Gefahr gegenüber stand- 
hafter zu machen. Er ließ schmelzendes Siegclwachs auf 
ihre Arme tropfen, aber sie konnte es nicht ertragen, ohne 
mit der Wimper zu zucken. Er feuerte blind geladene 
Pistolen auf sie ab, sie schrak zusammen und schrie auf, 
und Day war einsichtig genug, den Plan, Sabinas Charak- 
ter zu ändern und sie zu heiraten, aufzugeben. Viele Er- 

16) Social Devekipment, 1924. p. 338. 

63 



I 

I 



zieher haben noch nicht die gleiche Einsichl erworl)en und 
alle unsere sozialen fiinrichtungon scheinen auf dem 
gleichen Gedanken zu beruhen, wie Thomas Day's Ver- 
such. 

Es wäre niüliig, wollte ich behaupten, daß die Kenntnis 
der Beweggründe des mcnschliciieu Handelns, die wir 
der beharrlichen Erforschung des Unbewußten während 
der letzten 40 Jahixj danken, von den Himuuiisleu oder 
Gelehrten schon angenommen ist oder an^nomnion werden 
könnte. Kants oben angeführter Satz könnte nur wahr 
werden, wenn wir bereit wären, uns diese Einsicht zu 
«Igen zu machen und einzusehen, daß der Mensch als 
speaes naturalis von starken aßgnessiven Tendenzen be- 
herrscht wird, die meiner - wie ich «laube, nicht von 
ajit;n menien psychoanalytischen Kollegen geteilten — 
Meinunf? nach ursprüngliche sind und aus der Verbindung 
mit hbidmösen Tendenzen heraustreten können 

Von der Biologie her gesehen, entspricht der Trieb dem 
i^rmzip der Selbst erhaltimg und in Verbindung mit anderen 
Aeiiirieben drückt er sich in der Herrschaft der Menschen 
Über die Natur aus, in jenen Tendenzen, die ihn zur Her- 

^!.hr '^.?" ^^*'^^" """* ^""'^ Anfertigung von Werkzeugen 

Rt^urdcm haben, vom primitiven Flechtwork zuan Luflsclüff 

fcJU himmlischer Beobachter könnte glauben, daß der 

menschliche Aggressionstrieb sich in diesen gewaltigen 

Wandlungen habe hinreichend ausleben können, auch i 

wenn man annimmt, daß ZAVanzit;- oder gar sechxiglausend 

anre uöUg waren, um sie xu vollenden. Jeder von ums 

onute aber mit eincan Minimum an historischer Kennt- H 

Oiesen himmlischen Beobachter eines besseren be- V 

^ F^\ ^^^ einzelnen Beispielen könnten wir hinzufügen, 

Wir die Eroberung der Lull durch den größlcn Aus- 

f^n und die unilassendste Vernichtung vom Menschen- 

lebcn gefeiert haben, von der die Geschichte zu berichten 

T^\" Und vielleicht schicken wir uns eben an, unsere 

letzte wuiKiepijm^ Eroberung, die Möglichkeit Bild und 

on zu überti-agen und die Luft selbst zur lirleichterung 



64 



der Lebensmiltelproduktion heranzuziehen, durch Unter- 
ernährung und Entbehrungen für viele Millionen von 
Menschen, also durch eine noch furchtbarere und gründ- 
üchere Vernichtung menschlichen Ixibens im nächsten 
Jahrzehnt zu feiern. Derselbe Gott, den im letzten Krieg 
die Alliierten — und ohne Erfolg die Deutschen und 
ihre Verbündelen — angerufen haben, wird jetzt von 
Christen und Juden hier und anderwärts angerufen, daß 
er die anderen Völker entwaffne. Aber es könnte Ix'inaho 
scheinen, als stehe Gott nicht nur auf der Seite der stär- 
keren Truppen, sondern als erzeuge er seihst ihre Waffen. 

Man könnte glauben, daü es nicht sehr schwer sei fest- 
zustellen, wer Waffen erzeuge und wie man sie mache. 
Aber es ist weit leichter, Gott zu bitten, daß er uaser© 
Herzen bessere, als sich selbst an dLe Arbeit zu machen 
und sie selbst zu ändern oder dem Psychoanalytiker Ge- 
hör zu schenken, der geistUchen oder weltlichen Bitt- 
stellern versichert, daß sie selbst die Urheber des Krieges 
seien und nicht der Gott, den sie anrufen. 

Ich weiß nicht, ob das tiefe Venständnis der mensch- 
lichen Seele, die Einsicht, daß Haß uns zur Vernichtung 
des eigenen Lebeas und Li)el>e zur Erhöhung unseres 
Glücks führen können, je imstande sein wird, Früchte zu 
trafen, den Menschen zu einem sozialen Wesen zu machen, 
ihn zum Verzicht auf alle selbsterfundenen Tabus und 
Verdrängungen und zum Aufbau einer ausschließlich auf 
Liebe gegründeten Kultur zu veranlassen, die von allen 
anderen verschieden wäre, auch von denen, die die Auto- 
ren von Utopien bisher haben ausdenken können. Ich 

weiß es nicht. 

Doch ehe ich schließe, möchte ich zu dem neuen Stern 
zurückkehren, der den Fortschrittsgedanken von seinem 
Platz zu verdränget! scheint. Der Standpunkt der Natur- 
wissenschaft ist offenbar im Begriff, sich entscheidend zu 
verändern. Statt an Naturgesetze und die Lehre vom Fort- 
schritt — die Grundgesetze, in denen ich aufgewach-seoi 
bin — suchen uns die Physiker von heute an ein Univer- 

6 Almaaueh 1933 6fi 



r/ 



sum zu gewöhnen, in dem dor Zufall herrscht. Das Prinzip 
vom Iiidonlermiiiisimis scheint im Bcjiriffc zu sein, den 
Mylhos vom Forlschrill zu ersetzen; vielleicht ist es 
noch Zeit, auch dieses Prhizip als Mylhos zu erkennea. 
Man sagt uns, daß das ganze Universum unwiderruflich 
und sicher seinem Untergang enl^iegumgeht. Zum Abschliiß 
seiner Rode über die Aus<iehiiung des Universums suchte 
Eddington das Dal um des kosmisrlien Kalenders fest- 
zustellen, an dem es Sternen, IManctcji und Atomen be- 
stimmt ist, unterzugehen. „Wir wandern auf der Huhne 
des Lebens als Schauspieler eiiues Dramas, das zur Er- 
iiauung des kosmischen Zuschauers Iragicrt wird. Wäh- 
rend des Fortschritts der Handlung bemerkte er, daß die 
Schauspieler kleiner werden und der Ablauf der Handlung 
schneller vor sicli gehl. Wenn am Ueginn des letzten 
Aktes der Vorhang aufgehl, sieht man zwerghafte Scliau- 
Spieler in frenetischer Hast ihre Hollen durchjagen, 
klenier und kleiner, schneller und schneller. liin letzter 
"likroskopischer Nebelfleck in ungeheuerster Erregung 
aaim nichts mehr." it) 

Eine Lehre wie diese ist ein überraschender Rückschlag 

gegen die Idee des Forlschrills, gegen die Idee der Ent- 

wickluug^ die im letzten Teil des abgelaufenen Jahrliun^ 

ae^-ts maßgebend war. Nehmen wir an, daß Kd.linglons 

Auiassung zu Recht besteht, daß die malhcmatischen 

laisachen gut gesichert, die Schlußfolgerungen zwingend 

sind, so wissen wir, daß in einer beslimnUen Zeilperiode 

nicht nur dieses, sondern jedes Universum, jede Welt- 

ordnung aufhören wird zu bestehen- das All, das sicht- 

are wie das unsichtbare, wird in das Nichts zuruck- 

*;**) aus dem es dem Anschein nach slauunt. Diese 

icht hat man einen pessimistischen Glauben genannt, 

em pessimistischer Glaube müßte jene berühren, 

^ Ihn annehmen. Soweit ich urteilen kann, sind 

Weder die Vertreter dieser neuen wissenschaftlichen 

The expanding universe, Presidontial addresB to the Physical Society. 



66 



1 



' Lehre, noch die Tausende von Lesern, die Sir James 
Jeans oder Sir Arthur Eddinglons Schriften gele.ven habün, 
durch diese neue Auffassung des Weltalls erschüttert 
worden. Das zeigt, wie unsere unbewußten Impulse und 
unsere bewußten Oberlegungen voneinander getrennt sind. 
Kein Mensch vermag die Idee des eigenen Todes oder 
die, daß seine Welt zum Untergang besUmnU sei, in 
seinem Unbewußten anzunehmen. Unsere eigenen unlie- 
wußlen Phantasien werden durch diese kosmischen Tra- 
gödien nicht berührt; wir sind besorgt über die Lia- 
kommensteuer, über den Fall oder das Steigen des eng- 
lischen Pfunds, über Eingriffe in die Erziehung, die wir 
unseren Kindern zu geben wünschen; unser Unbewußtes 
gestattet es uns, ohne Rücksicht auf die Lehren der 
Physiker, der Missionäre und Weltverbesserer uns unserer 
eigenen Unsterblichkeit gewiß zu fühlen. Die Vernunft 
sagt nein, aber die Phantasie sagt ja — wir sind all- 
mächtig, wir können die Welt nach unserem Herzens- 
wunsche umgeslallen. 
v' Wie die messianische Hoffnuag auf ein irdisches Him- 
melreich, die die Enzyklopädisten, die Hmnanislcn des 
18. Jahrhunderts, vertraten, in den optimistischen Zielen 
• des wissenschaftlichen Denkens im 19. Jahrhundert fort- 
leuchlen, so spiegelt sich der Zusammenbruch dieser 
Hoffnungen im 20. Jahrhundert mit seinem gesteigcrteai 
Völkerhaß und Klassenkampf, die im Weltkrieg und seinen 
Ausstrahlungen gipfeln, in dem wissenschaftlichen Den- 
ken von heute; wie vor einem Jahrhundert Canuing die 
neue Welt aufrief, um das Gleichgewicht der alten wieder 
herzustellen, so ruft jetzt eine einsichtsvolle Minorität 
nach dem neuen Humanismus, um ein Gegengewicht gegen 
die Mißstände des alten zu gewinnen. Die neue Welt — 
Canning meinte die südamerikanischen Republiken — hat 
zum Ausgleich dieser Schwierigkeiten nichts beigetragen 
und ich teile nicht die Hoffnung derer, die nach einem 
Helfer suchen, der das Übel beseitigen könnte, das uns 
eine wissenschaftliche Epoche gebracht hat. 



6« 



67 



.*^.- 



Mau muß sich völlig khir ninrhcn, daß der Weg des 
Mcnsrlicn zur Krpilieil sohwi^ri« und mühsam ist. Heroi- 
sche Oiszipliii isl uölig, uin (Ücs.mi Wo« zu finden und ilin 
zu Kcheu. Diese licroisrhi- Disziplin erfordcrl zunächst die 
hinsieht — ich witnlorholc es, die wUslümlige und voU,- 
konunene Kinsicht - in unsere unlunvuliten destruktiven 
'lendenzen. Hat man sicli zu dieser Einsiclit entschlossen, 
so niuli man sirli weiter klar mnchcn, dnli Freiheit nicht 
durch VcrdränKiinRcii und nicht duirh die Oherwachung 
mlolge des (ichorsams ^^t^oniil.er einer traditionellen Moral 
erreiclit werden kann. i)i(> lierkönuuliche Norm, ilir Deka- 
jog, ihr Gehet um iM-rellun« von der eif^enen Unwissen- 
heit und TräRJu'il muli verscliwinden. durch die Ver- 
breitung der Hildung. durch iiinverstandnis, nicht durch 
neue (lewalllaten. Ich hahe meine Auslüln-ungen mit der 
liehauptung hesonncn, dali wir als Toren geboren, später 
Siltlidikeit crwerl)cn und dann cinrällig werden. Als Toren 
«Lhorcn - das soll andeuten, dali wir bei der Geburt nur 
nnt der I-äliigkeit zu selir unvollständiger Wahrnehmung 
der Außenwelt ausgeslattet sind. Statt dem Kinde zu er- 
Icioliiorn, seine ersten hnpulse der wach.senden Walir- 
nehmung der Umweh anziijjassen und es dabei zu unter- 
stül/.tn, statt zu geslallcn, dali diese Hegungen durch den 
Kontakt mit der Welt umgoslaltet werden, so dali eine 
starke und feste Persönlichkeit heranwachse, stellen wir 
die Tncbregungen der sich bildenden Persönlichkeit unter 
die Norm der Religion, unter ethische Normen, die aus der 
Frühgeschichte des Menschen stammen, unter Vorschriften 
^ic vermutlich auch der clemenlaren Organisation de^ 
Primitiven kaum angepafit waren; Vorschriften über Ethik 
"nd Theorien über das Weltgeschehen, die nicht nur von 
der kuUivierten Menschheit geglaubt werden, sondern auch 
in einem Widerspruch stehen zu Tun und Gehaben dieser 
Gesellschaft selbst und der Individuen, die sie bilden. 
Ich weiß nicht, ob die Menscliheit imstande ist, die 
heroische Hinsicht aufzul)Hngen, die nötig zu sein scheint; 
öianchmal könnte man glauben, daß sich eben ein 

68 



schmaler Zugang öffnet und daß aus Angst vor einem 
völUgen Zusammenbruch, der die westliche Well bedroht, 
die Erkenntnisse der psychoanalyüschcn Schule — so 
abstoßend sie auch jener kompaJcten Majorität erscheinen 
mögen, die nach Ibsens Ausspruch immer im Unrecht 
ist — da und dort geprüft und als Leitschnur des Han- 
delns angenommen werden könnten. 

Sollte ich auf dieser unzureichenden Grundlage einen 
anderen Mythos aufbauen — einen psychologischen My- 
thos — würde auch er vermutlich nur Ausdruck der- 
selben esQstentiell bedingten Eiiistellung sein, die das Ge- 
wissen in die Welt setzte und all unser Weh! 



• ■ I ^ 






69 



DAS SCUVIIDGEFCHL 

Von 

Ludwig Jckels 

« 

Vortra«, Rolialten am 14. Januar 1932 im Akademischen 
Vorein für mediziiÜBche Paychologio in Wien als Kinleltung 
zum Zyklus übor rlsH Schuldproblem. Krschionen in der 
ZoiLscIirift „rBychuanalytiBcho UoweKunn" VI. Jahrg. 1932. 
Jährlich Bochs Helle im Gcaamtumfango von etwa 
560 Seiten. M. la— . 

Wie sohr der am lu-uli^i-n Tage beginnende Vorlrags- 
zykliis über das Sc]Hikii)rol)l(>in gerade hier, im Akade- 
miselien Verein ITir inedi/.iiiisilie Psychologie, am Platze 
jst, dies mögen Sic aus der nachstehenden, sonst wenig 
beachteten Anmerkung Nietzsches in der „Genealogie 
der Moral" ersehen: „Anderseits ist es freilich ebenso 
^•^''g, die Teilnalune der Mediziner für diese Probleme 
(vom Werte der bisherigen Wertschälzungen) zu ge- 
winnen" und weiter: „Alle Üülertafeln . . . warten auf eine 
Kritik der medizinischen Wissenseliafl." 

Nun ist der providcntielle Mann aus der Heihe der 

^l'zte, den Nietzsche rief, tatsächlich erschienen; er 

J* -- ganz von ihm unbeeinflußt — das Schuldgefühl- 

Protjlem, das seit Nietzsches Zeiten in einen Durnröscheu- 

c 1 af veriiel, zu neuem Leben geweckt und damit in das 

TI orem^^ ""'j^'^f ' ""'' —I philosophischen 

"*-oreme eme gewaltige Lichtung geschlagen 

Fordo^ Schlick m semen „Fragen der Ethik" die 
von d ^ erhebt, daß nur eine empirische Wissenschaft 
sei e- ^*^^^^^*^" ^^s Seelenlebens Ixirufen und im Staude 
der 2*"^ ^^aiisalcrklärung des ethischen Verhaltens - als 
Wenn ^^■^^^^^**^'^ Frage der Ethik - zu liefern. So auch, 
erschi ^"^ ^»'zt, Dr. Kant (Tübingen), in seiner soeben 
Zentr ^^^^^^" „Biologie der Ethik" das Schuldgefühl zum 
rum der Problematik macht. 



70 



I> 



•r 



Und so scheint mir denn, daü trotz aller Abweichungen 
und Abwegigkeilon der Autoren dennoch durch die gene- 
tische und strukturelle Autheilung des Schuldgefühls durch 
Freud für die sogenannte empirische oder natürliche 
Ethik ein kaum mehr verrückbarer Ausgangspunkt ge- 
wonnen wurde. 

Die Psychoanalyse hat ja schon zur Zeit, als sie sich 
bloß auf Libidoforschung eingeschränkt hat, das Problem 
des Schuldgefühls niemals aus den Augen gelassen. Mit 
ihrem Fortschritt aber, mit der AufroUung der Ichpsycho- 
logie, ist diese Frage derart in den Vordergrund gerückt, 
daß von der psychoanalytischen Auffassung der Neurose 
füglich dasselbe gilt, was Ibsen von der Dramaschr)i>- 
fung meint: sie sei nichts als Gerichtstag über sich halten. 
Seelische Phänomene und Sachverhalte lassen sich nicht 

- leicht in die Form einer Definition pressen; es pflegt 
stets ein Rest zu verbleiben, der irgendwie nicht aufgeht. 
Ich halte es daher für ungleich opportuner, anstatt die 
Bestimmung des Begriffes Schuldgefühl nach Arl einer 
These vorauszuschicken, die man dann zu beweisen sucht, 
Ihnen das Phänomen an zwei klinischen Fällen 
zu demonstrieren, um dann seme Wesenheit daraus ab- 
zuleiten. ' . . , 

Ein schwer erkrankter Kollege übergibt mir eine etwa 
39 jährige Frau zur Weiterbehandlung, da er durch seinen 
Gesundheitszustand verhindert ist, die bereits einige Mo- 
nate währende Kur fortzusetzen. Nach der ersten Unter- 
redung mit mir erklärt sich die Patientin damit voll 
einverstanden. In der Behandlung bei mir benimmt sie 

' sich in einer Weise, die mir alsbald sehr auffällt. Sie tut 
nämUch so, als ob ein Arztwechsel gar nicht stattgefunden 
hätte; weiht mich kaum in ihre äußeren Lebensumstände 
ein; wohl aber erzählt sie lauter Träume, überquillt 
förmlich von freien Einfällen und Assoziationen, über- 
bietet sich selbst in Smnfindungcn und anscheinend sinn- 
gemäßen Deutungen. 



71 



sZm "'""■'•""'■^' Vo'-lall V.,„ ,lor für .li. PationU-n bcL 
Miinmlen Slu„,l.. waren orsl ,.|\v« 40 Mi„„|,-n verflossen- 
da s„r,MKl ,|,e Kranke „l„„li,h auf ..„.1 will sich vo„' 
mir verahscl,,..,!..,,. 1.1, zieh,, die Vhv und verweise darauf 

p"ii.'Min si"' ;";'" ';"«'■ "''"' ^" '^"^^- "«■•''"f ij« 

,.h V ". """■" ''"'■'' «•■^"«'' i'^"l i"' es genug" 

l<_h frage, ob sie denn sicher s.i, sieh nicht gelauscht zu 

nauen und sie schlielit eine d.'rartige Möglichkeit aus 
MC erlag also einer lialh.zinalorischen Täuschung, - die 
■■•1. "uch bewogen rfthlle mit ihren, sonstigen Benehmen 
m Z«san.menhang zu bringen. Von Anfang an zweifelte 
ch nan.hch ,neht daran, daß ,iic Pa,i..„,i„ deshalb so 
■c.gcb.g n,.t I,-a,„„e„ nnd dcTcn Deutungen war, weil sie 
so lange a s moglieh der lirzählun« irgendwelcher Pem! 
hehke. en ,hrer Lebe„sgesel,iehte ausweichen wollte. Wie 
Sie bald hören werden, fand ieh di.se u.eine Vermutung 
nach einigen Wochen beslä.ig,. Inzwisehen vermoehtf 
IC aber feiere hn,blieke zu gewhn.en in das bunt durch- 
wirkte Seelenleben dieser iVau. l-:i„e Südläiulerin, deren 
Markes, an Triebbariigkcil gi-enzendes Temperament bis 
in die spate Jugend hin von den, lron,men, in den Ketten 
starrer Konvention .lalünlel.en.lcn .Milien eingeengt wurde 
Ken. Wunde,- nun, ,la,i, als das alternde M'd.-beu raJ 
tele, sie m der lihe frigid war. IFnd sie l,lieb es an' ll 
als ihr der völlig liaKlose, stark perverse Gatte zu einer 
neihe von bacchantischen Erlebnissen geradezu verhalf 
In diese nach erotischer Sensation gierende Lebens 
Periode fiel nun folgendes lireigiiis: Sie ist eines Morgens 
wahrend der zweitägigen Abwesenheit ilires Mannes im 
Parlerrezimmer ihrer Wohnung, i„ dem sie schlief, von 
emem bmbrccher überrascht worden. Sie hewog zwar 
den ubngens gar nicht aggressiv auftretenden Man,, zur 
Ruckgabe des gestohlenen Gutes, schlug aber weder L.irm, 
noch hieß SIC ihn, sich zu entfe,-„en, vielmehr h,cl sie ihn 
in das Woh„z,mmer, ließ ihn dort Platz nehmen neben ^ 
sich und hunUiglc ihm sogar euien Geldbetrag ein. Und^ 

■ # 

72 



all dies angeblich aus der Absicht heraus, ihn zu bessern. 
Wenige Minuten, nachdem er sie dann zur Tür ver- 
lassen, kehrte er zum Fenster zurück und stürzte sich 
auf die auf dem Bett Sitzende. Sic gab sich ihm zweimal 
hin, ohne Spur irgendwelcher Abwehr, anscheinend und 
angeblich aus Angst, von ihm erwürgt zu werden, und 
wiewohl sie reichlich und wiederholt die Möglichkeit 
hatte, Alarm zu schlagen. Nachdem sich der Bursche ent- 
fernt halte, zog sie sich sehr rasch an, eilte zu ihrer 
Schwägerin, erzahlte daselbst den Vorfall in höchster lir- 
regung und brach in einen lang anhallenden Schrei- 
krampf aus. Auch dem rückgekehrlen (ialten — der die 
Sache ruhig und liebevoll aufnahm — erzählte sie die 
Begebenheit, ohne ihm auch nur das Geringste zu ver- 
heimlichen. Auf seinen und der Angehörigen Rat wurde 
die Anzeige an die Behörde und der Bursche stellig ge- 
macht. Zweimal mußte sie als Zeugin aussagen; vorerst 
vor dem Staatsanwalt. Schon der Argwohn und die Frage- 
stellung des gewiegten Menschenkenners rültcilcn mäch- 
tig an den Verschanzungen, hinter denen sich ihre wirk- 
liche Einsicht verbarg, daü sie nämlich das Abenteuer 
gewollt, ja gesucht habe. Und so schloß sie dann die 
Schilderung, die sie mir von dem zweiten Verhör, vor 
dem Untersuchungsrichter, gab, mit den Worten: „Ich 
kann Ihnen gar nicht schildern, welch vernichten- 
den Blick er mir zugeworfen hat, als er das Verhör mit 
den Worten abbrach: „Jetzt ist es genuR." Und noch 
bevor ich den kleinen Vorfall in der Analyse, der Wochen 
vorher stattfand, hervorheben konnte, verwies die Pa- 
tientin auf ihn und daß sie mir die Worte des Richters 
in den Mund gelegt, mich an die Stelle des Richters 

gesetzt habe. 

Noch einige ergänzende Mitteilungen zu diesem Fall. Fast 

bis zum Ende des dritten Dezenniums ihres Lebens be- 
stand ihre ganze Welt aus ihren Eltern und der unver- 
ehelichten Schwester der Mutter; in diesem, für sie äußerst 
einprägsamen, puritanischen Milieu war sie als einziges 



73 






Kind der Mittelpunkt und erfreute sich großer Liebe 
und Fürsorglichkeit aller. Zur genannten Zeit starben kurz 
nacheinander die beiden Frauen. Wenige Monate später 
soll eine Wandlung in der Lebensführung des Witwers 
eingetreten sein. Bis dahin ganz Familienmensch, soll er 
dann viel um Frauengunst geworben und sie auch ge- 
nossen haben — so daß besorgte Freundinnen sogar zur 
Inlernierung des alternden Mannes rieten. 

Nun aber erinnern Sie sich, bitte, daran, wie die Pa- 
tientin nach dem Erlebnis mit dem Einbrecher gar kein 
Bedenken trug, nicht den geringsten Anstoß daran nahm, 
es all den näheren und ferneren Angehörigen mitzuteilen, 
und erinnern Sie sich auch daran, daß die einzige affek- 
tive Reaktion, in der sie sich darnach verausgabte, bloß 
in einem Schreikrampf bestand — gleichsam einem Nach- 
holen dessen, was sie während des Oberfalles eben unter- 
ließ. Kein Zweifel nun, daß sie eifrigst bemüht war, das 
Ereignis als ein rein äußerliches über sie hereingebro- 
chenes Ungemach zu empfinden — zu dem man nichts 
beigetragen und für das man demzufolge nichts vermag. 
Die recht naive und ganz unpsychologische Ansicht ihrer 
Angehörigen, die in derselben Richtung lief, bestärkte sie 
natürlich in dieser Haltung, die also letzten Endes darauf 
hinauslief, sich zur Wahrheit nicht zu bekennen und 
ihre innere Stimme, die Stimme ihres Gewissens ja nicht 
laut werden zu lassen. Sie erstarb förmlich in Angst 
vor diesem moralischen Anteil ihrer Persönlichkeit und 
dessen Verdammungsurteil. Und dies ist es, was uns 
ihr Benehmen in der analytischen Situation weitgehend 
verständlich macht. Denn sie projizierte ja gleich anfangs 
nicht bloß etwa den wirklichen, sondern mit diesem 
oder richtiger in diesem, ihren inneren Richter auf mich. 
Damit zugleich aber auch die große Angst, die sie vor 
ihrem Gewissen hatte. 

Und diese Angst war es, die sie förmUch dazu zwang, 
sich in Träumen und deren Deutungen zu ergehen, um 
imjirassen Gegensatz zu ihrer großen Mitteilsamkeit bald 



74 



-\ 



nach dem Vorfall mir diesen eminent konfUktuösen Vor- 
fall zu verheimlichen. 

;; Nun aber zum zweiten Fall, den ich für ungleich illu- 
strativer halte. 

Da erscheint in meiner Sprechstunde ein etwa 45 jähri- 
ger Mann in hoher amtlicher Stellung in einem der Nach- 
folgestaaten. Etwas über mittelgroß, breitschultrig; in dem 
übrigens gar nicht markant geprägten Gesicht fällt mir 
der unsichere, unstete, flackernde Blick auf; die Stimme, 
mit der er spricht, gedämpft. Alles zusammen der Ein- 
druck nicht nur eines gedrückten, vielmehr eines stark 
verängstigten und mit seiner Angst mühsam ringenden 
Menschen. Stockend erzählt er, was ihn zu mir gcfülirt. 
Er lebe seit Wochen in furchtbarer Angst. Seit vielen 
Monaten unterhalle er eine intime Liaison mit der Frau 
eines seiner Freunde; alles spreche dafür, daß dieser um 
das Verhältnis gewußt und es ohneweilers toleriert habe. 
Vor ein paar Wochen sei der verhältnismäßig noch junge 
und rüstige Mann eines Morgens leblos in seinem I3ette 
auf'^efunden worden. Die Todesursache sei bis heute un- 
geklärt; man wisse nicht, sei es Selbstmord oder natür- 
üche Todesursache gewesen. Seit dieser Zeit sei der 
Patient einfach von Sinnen vor Angst, m die Sache ver- 
wickelt und für schuldig an dem Tode des Mannes, zu- 
mindest aber für mitschuldig befunden zu werden. Denn 
es sei ihm sogar der abstruse und jeglichen Anhalts ent- 
behrende Gedanke gekommen, die Gattin habe den Freund 
umgebracht, wo sie doch ohnehin ihm, dem Patienten, 
mit Erschießen gedroht habe, falls er sie einmal ver assen 
sollte. Nun habe er sich durch den tragischen Voifall 
erst recht von der Frau seelisch sehr entfernt und mochte 
von ihr loskommen; aber außer der ersten Angst hmdcre 
ihn auch die Furcht, von ihr meuchlings gelötet zu wer- 
den, daran — so daß jetzt sein ganzes Dasein von diesen 

Ängsten erfüllt sei. 

Diese seine Gemütsverfassung verlieh aber auch der 
analytischen Situation und seiner Beziehung zum Arzt 



75 



ein plastisches Gepräge. Vorerst in seiner äußeren Hal- 
tung. Er lag da zusammengekrümmt, sich förmlich klein 
machend; die Beine verkrampft, die Hände bezeichnender 
Weise stets auf dem Rücken und dessen Verlängerung, 
all dies, wie wenn er sich vor Schlägen schützen wollte,' 
worauf nicht etwa ich den Patienten, vielmehr dieser 
mich aufmerksam machte. Dabei war er kaum im Stande, 
irgend etwas ohne Störung des Zusammenhangs zu er- 
zählen, stammelte häufig, — offenbar in heilloser Angst, 
daß ja nichts Verräterisches das Gehege seiner Zähne 
verlasse. 

Ich würde mich kaum verwundern, bei der Schilderung 
dieses Falles Ihrem Einwand zu begegnen, der Zusam- 
menhang mit dem Schuldgefühl sei hier weder gegeben 
noch ersichtlich, denn der Patient sei nicht etwa wie die 
vorhin geschilderte Patienün in einem wirklichen Kon- 
flikt mit seinem Gewissen, er fühle sich sogar innerlich 
völlig frei von jedem Verschulden an dem Tode seines 
Freundes, und sohin gehöre der Patient in die Reihe der 
Angstkranken. Nun aber bin ich in der Lage, diesen Ein- 
wand wirksam zu entkräften, und zwar durch die Mit- 
teUung, daß es im Leben unseres Patienten laisächlich 
eme Situation gab, die mit der den Ausbruch der Neurose 
veranlassenden eine weitgehende Ähnlichkeit, wo nicht 
Analogie aufwies. Damals, in seiner späteren Kindheit, 
gab es gleichfalls die Frau eines anderen Mannes, nämlich 
die Mutter, in die der Patient mit der Glut seines uM^ 
gestumen Temperaments verliebt war; es gab aber auch 
den Gatten dieser Frau, an dessen Tode sich Patient 
schuldig fühlte. Denn als 14 jähriger Junge war er Zeuge, 
wie der dem Trünke ergebene lund dabei die Familie^ 
besonders aber den Patienten, aufs Brutalste behandelnde 
Vater, der sozial und wirtschaftlich immer deroulierler 
wurde, Vorbereitungen zum Selbstmord traf, dem er 
auch am nächsten Morgen erlag. Der Junge merkte es, 
wie der Vater nächtlicher Weile an die im ersten Stocke 
im Bette liegende Mutter einen Brief schrieb, las sogar 

76 



dessen Aufschrift: „Liebe Riecke"; er nahm die Mahnun- 
gen des Vaters entgegen, daß er alles dazu tue, um Mutter 
und Schwestern eine Stütze sein äu können; merkte es 
schließlich, daß der Vater irgend iein Getränk braue, das 
er dann zu sich nahm, •— und all dies mit „scheinbarer" 
Verständnislosigkeit. Erst viele Monate nach Beginn der 
Behandlung, unter deren Einfluß eine sehr beachtens- 
werte Entfaltung des Ichs stattgefunden hat, wobei der 
Analytiker von der Stufe eines, man könnte fast sagen, 
materiell erlebten Vaters, ähnlich wie im ersten Falle 
zur Repräsentation des Gewissens erhoben wurde, — trat 
die Verwandlung der primitiv-infantilen Züchligungsangst 
in echtes Schuldgefühl ein, — "das bis dahin sorgsam vom 
Bewußtsein ferngehalten wurde, und dessen Platz bis 
dahin eben jene Angst eingenommen hat. 

Und so ist denn dieser Fall, wie ich es bereits 
eingangs angedeutet habe, besonders Illustrativ für die 
Genese und den Werdegang eines Anteils der mensch- 
lichen Persönlichkeit, den man füglich als den Brenn- 
punkt derselben bezeichnen kann. Er ist der Psycho- 
analyse zufolge nicht allein völlig autonom, sondern dem 
übrigen Ich weitaus übergeordnet, weshalb sie ihm die 
Bezeichnung des Über-lchs verliehen hat. Sein Werdegang, 
in flüchtiger Eile rekapituliert, besteht darin, daß dieser 
„innere" Mensch in uns, um 'mit den Worten des Apostels 
Paulus an die Römer zu sprechen, seine Genese und Ent- 
faltung einem Verinnerlichungsvorgang ver- 
dankt. Diesen, von Freud später ganz selbständig er- 
schlossen, hat schon Nietzsche genial vorausgeahnt. 
Er erblickt m ihm die Folge der Zusammenfassung der 
Individuen in einen Gemeinschaftsverband, sohin die un- 
trennbare Begleiterscheinung der kulturellen EntwicJilung. 
Mit dieser Verinnerlichung verknüpfte er sogar fast den 
Beginn der Seelenbildung, die er als Folge der durch 
die Gemeinschaft behinderten freien Abfuhr der Triebe 

auffaßte. 

Diesem Verinnerlichungsprozeß ist der Mensch tzunächst 

77 



als Kind unterworfen; stellt er doch für dieses den ein- 
zigen Ausweg dar aus der Ödipussituation, jener seelischen 
Belastung mit den widerspruchsvollsten Triebtendenzen, 
die letztlich untragbar wird. Und was da mithin verinner- 
licht wird, nämlich die Eltern, die Beschützer, aber zu- 
gleich auch die ersten Vertreter der Gesellschaft mit 
ihrem „Du sollst" und „Du darfst nicht", — dies stellt 
gleichsam den Keim des Ober-Ichs dar. 

Indem nun von hier aus die Spurweite der Verinner- 
lichung immer größer wird und diese immer weitere 
Kreise einbezieht, führt sie zur allmählichen Entfaltung 
der Persönlichkeit, zugleich aber zu deren unlöslicher 
Milieu- und Umwelt-Gebundenheit. Es wird »uns daher 
kaum verwundern, daß uns dieses Ober-Ich sowohl den 
Niederschlag als auch den Widerhall all derjenigen Nor- 
men bedeutet, welche die Beziehungen der Individuen 
zur Gemeinschaft regeln, und daß wir seine Funktion 
darin erblicken, daß es Sachwaller all der Schöpfungen 
ist, die den Bestand der Gemeinschaft sichern und vei-^ 
bürgen sollen. 

Und da drängt sich mir der Gedanke auf, daß es 
namenllich für die R e li gio n s p sy c ho 1 o gie eine be- 
sonders lockende Aufgabe sein müßte zu untersuchen, 
ob sich denn nicht auch in der Menschheitsgeschichte 
eine ähnUche Zuordnung der Form der Schuldhaftigkeit 
zum jeweiligen Entwicklungssladium der Gottheitsvorstel- 
lung aufzeigen ließe, wie wir sie in Betreff der Beziehung 
zum Ober-Ich aufzufinden vermochten. Ich stelle mir das 
so vor, daß das der Gotlheitsvorstellung anhaftende Aus- 
niaß von Anthropormorphie, über das gemildert Mate- 
rielle bis zu ihrer völligen Loslösung vom Stofflichen 
und Abstraktion zur Idee, irgendwie bestimmend sein 
dürfte für die drei Ausdrucksformen, in denen wü* dem 
religiösen Erlebnis begegnen, nämlich als Angst, Sünd- 
haftigkeit und Schuldgefühl. Man braucht hier 
bloß an die rein auf Furcht basierte Beziehung der Antike 
zu ihren ganz vermenschlichten Gottheiten !zu denken, 



78 



■weiters an die innigste Beziehung, in die bereits die Un- 
tersuchungen Kierkegaards die Sündhaftigkeit zur 
Angst gebracht haben, ferner daran, daß die Sünden 
ursprünglich Verletzungen der materiell gedachten Tabu- 
verbote, demnach Entsühnungen, Reinigungen 
waren, derart, daß die Konzeption der Gedanken- 
sünde imd ihrer Tilgung durch Gebet bereits emen 
normalen Fortschritt bedeutet — und schließlich an die 
rein abstrakte Auffassung der Gottheit durch manche 
Philosophen; denkt man an all dies, so dürfte man die 
Möglichkeit einer derartigen Korrelation kaum als un- 
sinnig von der Hand weisen. Zu ihrem stringenten oder 
auch nur näheren Nachweis fehlt es mir indes nicht 
allein an Zeil; ungleich mehr noch an Kompetenz. 

Bloß das eine sei mir noch gestattet besonder^ her- 
vorzuheben, daß doch den Angaben der Religionspsycho- 
logen zufolge die Götter ursprünglich Dämonen waren, 
die den Menschen Angst und Entsetzen emflößten, — wie* 
dies z. B. Volz für Jahve überzeugend erörtert. („Das 
Dämonische im Jahve.") Aber auch umgekehrt soll, man 
kann es wohl sagen, jede Angst ü-gend einem Dämon 
zugeordnet worden sein. Welche Erwägung uns mitten 
hineinführt in die Betrachtung der Beziehung des Ichs 
zu seinem Ober-Ich, — wie sie uns in den beiden oben- 
erörterten kimischen Füllen deutlich entgegentritt. Bei 
beiden kaum zu verkennen: die Angst. 

Und dies ist wohl kaum verwunderlich: denn genau so 
Wie in der Kindheit der Menschheit die der Gottheit zu- 
geschriebene Aggression es war, die sie zum Dämon 
stempelte, ebenso erlebt auch das kindliche Ich sein 
keimhaftes Ober-Ich, die mtrojizierten Eltern in aggressi- 
ver und schreckeinflößender Gestaltung. Wozu mir nicht 
schlecht der Umstand zu passen scheint, daß die Däjno- 
nen als die wiederkehrenden Seelen der ab- 
geschiedenen Vorfahren aufgefaßt wurden. 

Nun behauptet ja die Analyse, daß es die eigene, als 
Reaktion auf den erzieherisch erzwungenen Triebverzicht 

79 



sich einstellende Aggression des Kindes sei, die, an der 
Abfuhr verhindert, dem Ober-Ich zuströmt und dieses 
dann dem Ich so bedrohlich erscheinen läßt. Und der 
ganz analoge Vorgang, daß die eigene Feindseligkeit gegen- 
über den Abgeschiedenen in diese hineinverlegt und sie 
dadurch eben zu Dämonen gestempelt wurden, ist gewiß 
geeignet, den von der Psychoanalyse beim Über-Ich be*- 
haupteten Hergang kräftig zu stützen. 

Was befürchtet aber das Ich von selten des Übcr-lchs? 
Was ist denn der Inhalt seiner Angst? Erfahrungsgemäß 
wechseln die Angstmhalte je nach dem Stadium der Ich- 
Entwicklung. Aber all diesen spezialisierten Inhalten der 
Angst ist ein übergeordneter Sinn gemeinsam, nämlich 
die drohende Gefahr des Liebesverlustes. Ist 
doch die Keimanlage des Über-Ichs in der Beziehung 
des Kindes zu seinen leibhaften Eltern gegeben; die Verl 
sagung von Liebe wäre hier Vernichtung. Und dieses 
imperative Verlangen nach Liebe erhält sich als Grund- 
zug der Beziehung des Ichs zum Übcr-Ich bis zu dessen 
höchstentwickelten und ganz vergeistigten Geslallungen. 
Daß auf diesen Höhen sich das Liebesverlangcn kaum in 
seinem ursprünglichen, vielmehr in einem korrelaten Aus- 
druck äußern wird, ist wohl ■selbstverständlich. 

Sicher indessen ist, daß eine der sehr häufigen Formen 
unter denen wir letztlich diese Angst vor Liebesverlust 
zu suchen haben, wohl die Angst vor dem Allcin- 
bleiben, vor der Vereinsamung ist. Besonders 
Ott bei kleineren Kindern, wird -sie auch bei größeren 
nicht selten angetroffen und auch bei erwachsenen Neu- 
rotikern nicht vermißt; auch die Agoraphobie, die 
Angst vor Plätzen mit ihrer die Empfindung der Einsam- 
keit weckenden Weite wollen wir hierherrechnen. Man 
kann das Wesen dieser Angst (auch so bestimmen, es 
sei die Angst des Ichs, äie Verbundenheit mit seinem 
Beschützer, dem Über-Ich, zu verlieren, Von diesem ver- 
lassen zu werden. 



80 



Hören Sic, bitte, was mir jene Patientin in der ihrer 
Beichte nachrolgenden Sitzung unter strömenden Tränen 
berichtete: „Ich habe gestern abend das Gefühl ßehabl, 
daß Sie micli verlassen haben*'; wenige Minuten später: 
„Ich halte gestern abend das Gefühl: ich habe Sie gar 
nicht mehr, ich weiß nicht, vco Sie sind, ich bin zu 
schlecht für Sie." 

Womöglich noch plastischer drückt sich dieser Sach- 
verhalt in einer den früher besprochenen männlichen Pa- 
tienten betreffenden Episode aus. Nach mehrtägiger Unter- 
brechung crschemt er bei mir an einem Montag zur ge- 
wohnten Stunde, ohne mich jedoch, wie verabredet, ver- 
ständigt zu haben; wird daher von mir nicht empfangen. 
In der nächsten Behandlungsstunde sagt 'der — übrigens 
verheiratete — Patient, Vater einer heranwachsenden 
Tochter: „Ich habe mich am Montag einsam gefühlt wie 
ein Waisenknabe." 

Dieses Gefühl, von seinem Cber-Ich verlassen, eigent- 
lich verstoßen zu sein, ist es auch, das die schwere Vei> 
stüi'theit ja den oft desolaten Gemütszusland erklärt, in 
den die Patienten über alle rationellen Motive hinweg 
geraten, wenn der Analytiker irgendwie gezwungen ist, 
die Behandlung selbst für kürzere Zeit zu unterbrechen. 
Daß in einem solchen Falle bei psychopalhisch ohnehin 
Verstimmten oder gar Depressiven eine ganz besondere 
Vorsicht geboten ist, — dessen sollte der Analytiker stets 
eingedenk sein. 

Der Ausweg, den die Neuroliker aus der hier darge- 
legten Situation finden, dürfte uns m. A. nach im psycho- 
logischen Verständnis näherbringen. luitsinncn wir uns, 
daß der Phobiker, um seine Gehhemmung zu überwinden, 
sich an eine Begleitperson klammert. Der oben erwähnte 
Patient aber, der mit seiner Gattin seit vielen Jahren 
weder in zärtlichen noch in sexuellen Beziehungen stand, 
sie vollkommen ablehnte, zögerte nicht, sich zu ihr ins 
Bett zu legen, wiewohl er sie an diesem Tage noch frem- 



6 Aliniinach 1938 



81 



der empfand als sonst. Denn er mußte sich einem Men- 
schen nahefühlen, wer imraex- es auch sei. Von mir ab- 
gewiesen, sohin von seinem Über-Ich ■verstoßen, sucht 
er, der Unreife seiner Persönlichkeit fcntspirechcndt, Er- 
satz in einer Liebe, wie er ihrer eben habhaft werden 
kann. 

Beide, sowohl der Agoraphobiker wie auch mein Pa- 
tient versuchen also, wie wir sehen, aus ihrer Seeionnot 
sich zu retten, indem sie sich an ein Du. wenden;, eine 
wenn auch noch so flüchtige, lose und dürftige Gcmein- 
" Schaft herstellen. Halten wir uns 'indessen vor Augen, daß 
die Situation der Analyse, die ^Beziehung zum Arzt nichts 
absolut Andersartiges und vom sonstigen ^Verhalten der 
Menschen zueinander nichts völlig Verschiedenes bein- 
Iialtet; nur, daß die gewollte Entpersönlichung des Ana- 
lytikers die wahre Natur der Beziehungen der Patienten 
zu den Menschen reiner, plastischer »und greller auf 
diesem Auffangsschirm in Erscheinung treten läßt. Dar- 
nach ist sicher die Ansicht vertretbar, der ich bereits öfler 
Ausdruck gegeben habe, un s e r V e r h ä 1 In is zum Du 
sei in hohem Maße der Beziehung des Ichs zum 
Über-Ich nach modelliert. 

Für eine der wichtigsten sozialen Relationen, das M i t- 
leid, vermochte ich in einer eigenen Studie an der Hand 
klinischer Analysen den, wie ich glaube,, slringenten Er- 
weis zu erbringen, habe auch dort hervorgehoben, daß 
dieser mein empirischer Weg mich zum identischen Er- 
gebnis mit den spekulativen Befunden von Nietzsche 
und Eduard von H a r t m a n n geführt hat. Die Ver- 
öffentlichung weiterer einschlägiger Beobachtungen sieht 
bevor. 

F 

Nach all dem Vorhergesagten hätten wir also zahllose 
Ichs, die nicht aus freiem Liebesverlangen sondern aus 
ihrer ängstUchen Spannung heraus bald den ungezählten 
Du's — als dem Über-Ich, wie man es haben möchte — 
liebeheischend nachjagen, bald sich ihnen — als das der- 



82 



>. 



»1. 



artig phantasierte Über-Ich anbieten; das ist re vera und 
zum wesentlichen Teile der libidinöse Aspekt der Ge- 
meinschafl, der Anteil der Libido an der Gemeinschafts- 
bildung, liier ist auch die Triebfeder und zugleich die 
Erklärung des selbst von Freud als rätselhaft befun- 
denen Vorgangs zu suchen, daß Eros so unablässig be- 
muht ist, die Menschheit zu Verbänden zusammenzu- 
fassen. Wie Recht hatte doch der große Metaphysiker 
Schopenhauier mit seinean principium individiiationis, 
wenn er meint, wir sähen die Welt durch den S^^hleier 
der Maja; aber die individuatio, die Vielheit, sei bloß 
scheinbar, nur eine Täuschmig; das Ding an sich aber 
nur Eines und identisches WVsen. 

Und wenn Sie mir noch gestatten, die eben entworfene 
Skizze in einen weiteren Rahmen zu spannen, so ergibt 
sich uns das Bild, wie die Kollektivität als Ersatz für den 
vermißten Einklang mit dem Über-Ich eintreten kann. 
Der Versuch, eine verlorene Bindung durch eine andene 
zu ersetzen. Ein gewiß folgerichtiger Vorgang, das ver- 
loren geglaubte, kollektive Prinzip der Individualseele, das 
Über-Ich, durch die reale Kollektivität zu ersetzen. 

■ Diese kleine Untersuchung hat, wie Sie sehen, zu einem 
recht überraschenden Ergebnis geführt, das m. A. nach 
keineswegs unterschätzt werden sollte. Denn auf einmal 
finden wir in dem Schuldgefühl, das wir bis jetzt bloß als 
Quelle der Pein, höchstens noch als masochistische Be- 
friedigungsart kannten, den Träger einer und noch dazu 
sehr hohen sozialen Funktion. Sie besteht darin, 

• :'die Herstellung der menschlichen Verbundenheit aufs 
Intensivste zu betreiben, die bestehende zu festigen, deren 

. Institutionen zu sichern und zu schirmen. 

Wäre es nicht so tragisch, so müßte er wahrlich als 
beschämend empfunden werden, der Schlcppschritt des 
erkennenden Geistes, dem es verwehrt ist zu schauen, 
was die W^ahrsager der Menschheit, die großen Dichter, 
bereits vor Jahrtausenden wußten. Hat doch das Er- 

ß» 83 



gebnis dieser meiner Kleinarbeit Äescliylos bereits 
in seinen „Eumeniden" klar zum Ausdruck gebracht. 
Der MuUermörder Orestes wird von den Dämonen, 
Erinnyen wütend verfolgt: Pallas Athene entreißt ihn den 
Rächerinnen; um die darob Verzweifelnden zu beschwich- 
tigen erhebt sie sie zu: 

„Erinnyen nicht mehr, heilige Eumeniden", und so 
wird dies „Moiras Nachtgeschlccht" zu . ■. ■■ 

■ * 

„Ordnenden Göttinnen des Rechts, Genossen 
Jedwedem Haus, machtvoll zu jeder Zeit, 
Gerechten Bundes Heiligtum bewahrend, 
Der Götter tief vcrehrtesle Gewalt". .' 

Aber auch das schwere Opfer, das der Einzelne der 
Gemeinschaft bringen muß, nämlich die Mehrung seines 
Schuldgefühls, die Freud aufzeigt, sind ihm nicht minder 
gut bekannt. 

Denn die Erinnyen werden heilig und zu Eumeniden 
bloß für die Gemeinschaft; bloß für sie „lacht aus der 
Unterweltnacht — Sonnenschein." Dem Einzelnen aber 
bleibt „Moiras Nachtgeschlecht" — schwer zu rührende 
Dämonen, das durch die eigene gedrosselte Aggression 
tyrannische grausame Über-Ich, des' Amt ist 

„Aller Schuld der Menschen nachzuspüren." - 

* ■ 

Nach alledem wäre das Ergebnis dieser Untersuchung, 
daß das Schuldgefühl nicht allein Folge, sondern zugleich 
wieder ein Antrieb für neuerhche Erosbestrebungen in 
seinem Kampf mit dem Todestrieb ist, daß er es zustande 
bringt, nicht allein die Aggression zu bändigen, sondern 
sich sogar ihrer daim als Vorspanns für seine Zwecke 
zu bedienen. Dadurch scheint ja der Sieg des Eros und 
damit der Fortbestand der Menschenart gesichert, allere 
dings, wie bereits hervorgehoben, um den sehr hohen 
Preis der stetigen Abnahme individueller Glücksmöglich- 
keit. (Wobei das Seelische genau den Spuren biologischer 



84 



1 



Gesetzmäßigkeit folgt, -wonach das Individuum für die 
Art bedenkenlos geopfert wird.) 

So stünden wir denn vor einem circulus viliosus in 
voller Rat- und Ausweglosigkeit? 

So gewagt es auch scheinen mag, meine ich, das nicht. 
Denn gerade die gegenwärtige Kullurschwingung, die wir 
— die einen ängsllich erschauernd, die anderen fasziniert 

mitmachen, scheint mir zumindest die Möglichkeit eines 

Ausweges zu eröffnen. Das, worauf ich hier verweisen 
will, ist gewiß keine Offenbarung, vielmehr ein von der 
Menschheit seit unvordenklichen Zeiten begangener Weg, 
auf den übrigens von psychoanalytischer Seite m der 
letzten Zeit wiederholt verwiesen wurde. Bloß, daß ich ein 
Avenn auch nur spärliches Streiflicht auf ihn werfen will. 

Ich meine das Problem der A r b e i l, das vielleicht 
■wie kaum früher zum Brenni)unkt der gegenwärtigen 
Kulturperiode wurde. Sowohl durch die Betonung des 
Anspruches auf Arbeit als auch der kategorisch auf- 
erlegten, bis zum Zwang gesteigerten Verpflichtung 
zur Arbeit für jeden Einzelnen innerhalb der Gemeinschaft, 
^ wobei ich gar nicht übersehe, daß das Bewegende hiehei 
der impcralivste aller Triebe, der Nahi*ungslrieb ist. Da 
ich aber meine, daß die Arbeit auch für die hier auf- 
gerollte Frage von hervorragender Bedeutung ist, möchte 
ich diesem Problem die letzten Minuten meines Vortrages 
widmen, ohne den Anspruch zu erheben, es mehr als 
oberflächlich gestreift zu haben, zumal es nicht nur 
triebpsychologisch außerordentlich komplex ist, sondern 
auch eine enorme Mannigfaltigkeit der Erscheüiuugsformen 
aufzeigt. 

Wir müssen vor allem von dem Begriff Arbeit den der 
Beschäftigung abtrennen. Denn es gibt sehr viele 
Beschäftigungen, die kaum noch etwas von Arbeit an 
sich haben; es knüpft sich an diesen Begriff der Be- 
schäftigung die Vorstellung von etwas Episodischem, situ- 
ativ Bedingtem, kaum die Persönlichkeit in vollem Aus- 



85 



maße und intensiv in Anspruch Nolimendem. Triehniaßig 
ist es nun, der Psychoanalyse zufolge, vor allem der Be- | . 
wältigungs- oder Aggressionstrieb, der bei der Arbeit — ' " 
gewiß bei manueller, aber ebenso, bloß aufs Geistige 
verschoben, auch bei intellektueller, zum Teile auch künst- 
lerischer — in Anspruch genommen wird. Den gewiß 
wichtigen, wenn auch sehr variablen Beitrag der Libido 
wollen wir für unser Teilproblem vernachlässigeu. Soliiu 
ist die Arbeit nicht nur die wichtigste sondern überhaupt 
die einzige sozial zulässige Abfuhrmöglich- "> 

keit für die Aggression; sie schützt den Nächsten 
vor ihr, macht die Verdrängung überflüssig und l)eugt 
derart der Verstärkung des Schuldgefühls vor. Ein kleiner 
Beleg aus meiner Praxis: Ein junger Bildhauer befindet 
sich im Zustande besonders gesteigerter Angst vor der 
phantasierten Gefahr, von mir entmannt zu werden. Groß 
ist darob seine Wut, der aber die Angst den Ausweg ver^ 
sperrt. Da bringt er emen Traum: er schneidet Einstein 
das Haar. ,,Ein Stein", so hart wie dieser, bin ich. Am 
nämlichen Tage begann aber der junge Künstler, der bis 
dahin nur in Ton gearbeitet, eine Mannesfigur in S,tein 
zu hauen. Recht bezeichnend, wie ich meine. Zum Über- 
fluß erzählt er am nächsten Tage wieder einen mit dem 
ersten gleichsmnigen Traum, daß er an der Figur eine 
Kante abhaut; d. h. mich en remnche entmannt. 

Den Zusammenhang zwischen Arbeit und Aggressioa 
konnte man schon in einer Episode des kürzlich so 
sensationell aufgenommenen russischen Films „Der Weg 
ins Leben" beobachten, — dessen Wirkung übrigens über 
alle ästhetischen Motivationen hinweg hauptsächlich aus 
der narzißtischen Befriedigung der Zuschauer ob der Be- 
friedigung eines bestimmten Kullurideals zu erklären ist. 
Ich meine die Episode, wo es den in der Kolonie eifrig 
arbeitenden Jungen plötzlich an zu verarbeitendem Ma- 
terial fehlt, weil solches nicht nachgesandt wurde. Da 
beginnen die Jungen bedenkenlos die Maschinen und 
die Einrichtungen des Hauses zu demolieren. 






•> 



V 



überdies aber: die Arbeil kann dem Arbeitenden auch 
narzißtische Befriedigung verschaffen, sei es durch 
die soziale Notwendigkeil des Produktes, sei es durch 
Würdigung der Leistung; dieser Fall ist besonders dori 
gegeben, wo es irgendwie um Gestaltung geht, wobei der 
Arbeitende gleichsam in seiner Allmacht bestätigt wird. 

Außerdem scheint mir die Arbeit auch die Bedeutung 
einer Strafe, einer Enlsühnung zu besitzen. So könnte man 
es vielleicht erklären, warum, wie Freud klagt, sich 
die Menschen zu ihr gar nicht drängen, es sei denn not- 
gedrungen. Dies ist der Eindruck, den ich von einem 
allerdings noch lange nicht weit genug analysierten Falle 
davongetragen habe, \s'eshalb ich ihm keine volle Be- 
weiskraft beimesse. Immerhin aber weisen das „im 
Schweiße deines Angesichtes sollst du arbeiten", sowie 
die Zusammenstellung von Arbeit mit Gebet in dem „ora 
ei labora" entschieden nach der Bichtung der Entsühnung. 

Und noch ein kleines, wenn auch gewiß nicht entschei- 
dendes Detail für die seelisch entlastende Bedeutung der 
Arbeit: Daß sie nämlich so oft von Gesang l)egleitct 
wird. Es isl ^ben das Ich, das sich nicht mehr ducken 
muß, <las laut werden darf und das Lied seiner Be- 
freiung singt. 

Es gibt einen Spruch, ich weiß wirklich nicht von 
wem, der lautet: „Wen die Götter lieben, dem machen 
sie die Arbeit zum Vergnügen.** 

Er hat ja auch so seinen guten Sinn. Aber wenn wir 
ihn, wie wir es oft bei der Deutung von selbst sehr 
logisch aussehenden Träumen machen, umkehren, wird 
uns sein tieferer Sinn kund. Und dieser lautet: 

Wer arbeitet, den lieben die Götter, liebt sein Cber-Ich^ 
— der hat eben kein Schuldgefühl. 



87 



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MAGIE V M D ALLMACHT 

Von 

Hermcsmin Nu nberg 

Aus dem im Verlage Hana Huber in Bern erschienenen 
Werke „Allgemeine Neuroseiilelire auf psychoanalytischer 
Grundlage", das Sigmund Freud in seiner Vorrede zu dieaem 
Buche „die volletändigate und gewisaenhafteste Daratollung 
einer psychoanalytischen Theorie der neurotischen Vor- 
gänge, die wir dorzait besitzen'* nennt. Daa 340 Seiten 
starke IJuch, 1932 erachienen, koatet in Leinen gebunden 
Mark 12.50. 

Magie wird nicht nur von Geisteskranken ausgeübt. 
Im Grunde genommen treiben wir alle nocli Magie. Der 
Übergang von einer magischen zu einer reaUtätsanger>aIMeu 
Handlung ist ja ein fließender. Die Sprache zum Beispiel 
enthält noch viel von maigischen Elemenlen. Wie oft 
kommt es vor, daß wir den Worten eines guten J{c<hierS' 
nicht widerstehen können, obwohl sich unsere ganze I.ogiik 
gegen seine Ausführungen siräubtl Wir sind einfach durch 
seine Worte „bezaubert". Jedes andüchtij^e Gehet, jeder 
gute Volksredner üben „magische" Wirkungen. „Die Welt 
ist durchs Wort, den Logos erschaffen." In Träumen, 
bei Kindern, auch bei Wilden ist das Wort etwas Mate- 
rielles, das wie ein Ding behandelt wird, und besitzt 
magische Eigenschaften. Der Schizopliretie [velbl mit i\cr 
Sprache im posiüven und hn negaUven Sinne Magie. Sein 
Schweigen hat oft zu bedeuten, daß er die Well mit .seinen 
Worten nicht zugrunde richten will Mit dem lieden will er 
ihr einmal schaden, ein andermal wieder zur Erlösung ver- 
helfen. Ich erinnere an den Fluch und den Sc^en des 
Normalen. Bei Geisteskranken und bei Kindern spielt die 
„Zaubermacht" des Wortes eine wichtigere Rollo als beim 
erwachsenen Normalen. 

Die Sprache ist Ausdrucksmitteh ihr Zweck ist Ver- 
ständigung, ihr Ziel der andere Mensch. Si<e ist eine Funk- 



88 



T 



^ 



tioii des Ich im Dienste des Es und ilire Aufgabe ist, auf 
die Objekte einzuwirken. Ein Scliizophrener behauptete, 
daß er nur dann mit mir sprechen könne, wenn er mich 
liebe; wenn er nicht spreche, bedeute es, daß er mich nicht 
liebe, ich möge ihn deshalb in Ruhe lassen. Ein anderes- 
mal meinte er, daß er mit seinem Reden die Welt be- 
fruchte. Es scheint, daß die der Libido des Ich entstam- 
mende Energie auch zur Spraclibildung verwendet wird. 

Sperber nimmt auch an, daß die Sprache sexuellen 
Trieben ihren Ursprung verdankt. Ist dies wh-klich der 
Fall, so können wir jetzt besser verstehen, warum manche 
Menschen ohne Rücksicht auf den Inhalt ihrer Rede jede 
sich bietende Gelegenlieit zum Sprechen ausnützen. Sie 
scheinen sich an den andern mit den Worten zu klammern, 
als ob sie ihn damit festhalten w^oUten. Das sind gewölm- 
lich Menschen mit schwach entwickelter Objektlibido, 
<lie mit dem „Zauber der Worte" den andern zu blenden 
und an sich zu fesseln trachten. Dieser Erscheinung be- 
gegnet man nicht selten bei Schizoplirenen zu Beginn der 
Erkrankung. Das Reden ersetzt ihnen häufig die Liebe. 
Andere Menschen hinwiederum sprechen sehr vorsichtig, 
in laiiigen Pausen, wie abgehackt, lassen viele Bindeglieder 
aus, zerreißen den Zusammenhang der Worte im Satzbau 
und bilden Neologismen. Sie scheinen durch Umstellen 
und Präparieren der Worte ihre geheimen Regungen ver- 
bergen zu wollen, l.'nter dem Einflüsse der Libido wird 
also mit der Sprache unbewußt ebensowohl positive, wie 
negative Magie Ixitricben. 

Die Sprache ist ein Ersatz für Handlungen. Zum Spre- 
chen sind im allgemeinen die gleichen Vollzuigsorgano 
notwendig wie für jede andere Tätigkeit. Das Wort ent- 
steht zwar zentral in der Großhn-m'inde, sein Werkzeug ist 
jedoch die periphere Muskulatur, nämlich die des Kehl- 
kopfes und des Mundapparates. In der Regel wird die 
Sprache wie jede andere Organfunklion durch zielge- 
hemmte Sexualstrebungen, desexuaüsierte Libido, in Gang 



89 



gesetzt. Sie ist also Ausdruck sehr frühzeitig einsetzender 
Sublimierungen. Wird aher das sprachbildende Ich mit 
Libido überschwemmt, mit andenen Worten, wird die 
Großhirnrinde oder der Sprechapparat (Kelilkopf und 
Mund) oder aber beides gleichzeitig erotisiert, so ei'fol^ 
eme Störung der Sprachfunktion. Diese Störung äutiert sich 
dann dariTi, daß das Ich in Bezug auf die Spraciie eine 
Regression mitmacht, nämlich zur magischen Stufe 
seiner Arbeitsweise, was am dcutlichslen bei Schizo- 
phrenen und Zwangsneurotikern zu beobachten ist, bei 
denen die Sprache sexualisiert wird. ; 

Jedoch nicht allein die Sprache, sondern auch das Vor- ' * 
stellen (z. B. Zauberwirkung des Kinos), Denken, Handeln. m 
kurz jede psychische Leistung kann magisch gefärbt sein'. ■ f 

Gorki schildert in seiner Autobiographie, wie er einem 
Bauern Unterricht im Lesen erteilte. Als der Bauer diese 
Kunst erlernt hatte und das Gelesene zu verstehen anfing!, 
■wunderte er sich, wie das möglich wäre, daß etwas, was 
nicht vorhanden sei, dennoch vorhanden ist, denn man 
sehe und höre nichts beim Lesen und doch sehe man die 
Menschen, Wiesen und Wälder, höre reden und die Vögel 
singen, als ob das alles Wirklichkeit wäre. Zuletzt rief 
er begeistert aus, daß dies doch nur Zauber sei, In ähn- 
licher Weise phantasiert der Hyslerikei- etwas und glaubt 
es wirklich zu erleben; der Zwang.^neuroliker meint, mit 
semem Zeremoniell irgendeinem Unglück vorzubeugen, der 
Paranoiker durch irgendwelche komplizierte Handlungen 
die Welt in positivem oder negativem Sinne zu beeüi- 
flussen usw. 

Die Magie ist in der Regel mit A 1 1 m a cht sge f ü h- 
len verbunden. Abgesehen vom Aberglauben des Gesun- 
den, tritt der Glaube an die eigene Allmacht und die Magie 
deutlich in der Zwangsneurose auf, noch ausigedchnter 
und intensiver jedoch in der Schizophrenie. 

Als Beispiel möchte ich eine Kranke erwähnen, die sich fortwährend 
die Haut an der Brust rieb und die abgeschabte Epidermis, die wiie 
Schmutz aussieht, zu kleinen Klümpchen knetete. Auf meine Frage, was 

• . . . .■ 

90 . .* 



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dies zu bedeuten habe, antwortete sie. sie mache Menschen aus Erdft 
wie der liebe Herrgott, sie Bei selbst der liebe Gott. Die Patientin hatte 
ihre Stellang in der Welt verschoben, die Realitätsprüfun« eingebüüt. Sie 
identifizierte «ich mit der Erde und n*t Gott, die Grenze zwischen ihreni 
Ich und der Außenwelt war verschwommen, sie fühlte sich allmächtig 
und glaubte imstande zu sein, die Welt am eigenen Körper autoplastiach 
und magisch zu erschaffen. Diese Patientin litt an Größenwahn, ihr 
Alhnacbtsgefühl nahm die Gestalt des Größenwahnes an. 

Wie wir in einem anderen Zusammenhang hörten, ent- 
spricht der Größenwahn einer Selbslüberschälzung. Die 
eigene Person wird so überschätzt, wie dies nur einem 
geliebten Objekte gegenüber zu geschehen pflegt. Der 
Größenwahn wird dadurch erklärt, daü die Libido von 
den Objekten abgezogen und zum Ich geschlagen wird. Das 
Allmachtsgeiuhl ist also eigentlich Vorläufer des Größen- 
wahnes. Das Allmachlsgclühl steigert das Selbstbewußtsein 
wie eine große, leiden schalt Li che Liebe, die den Menschen 
in den Glauben versetzt, daß er imstande sei, die ganze 
Welt zu bezwingen. Der Unterschied zur Verliebtheit be- 
steht darin, daß das Allmachlsigefühl (und der Größen- 
wahn) auch dann auftritt, wenn reale Objekte fehlen und 
das Ich zum Objekte der Libido wird. Eine Bedingung für 
das Auftreten des AUmachtsigefühles ist also die EroLisie- 
rung des Ich. 

Während sichdasAlImachtsgefühl auf das 
gesamte Ich erstreckt, bezieht sich die 
Magie bloß auf gewisse Funktionen und 
Organe. So wird das Genitale geradezu als magisches 
Instrument empfunden (Phalluskult: Amulette, Zauber- 
stab usw.). Auch jede andere erogenc Zone kann magische 
Wirkungen entfalten. Die Magie der Exkremente spielt 
beispielswei.se noch heute nicht nur in den Riten der 
Wilden und in der Volksmedizin eine große Rolle, sondern 
aucli in Träumen und Phantasien Erwachsener und iu 
Kinderspielen. 

„Der Zauber des Hauches" spielte in der Symptomatokigie eines memer 
Patienten die Hauptrolle. Er glaubte, aus dem Munde einen schlechten 
Gerach zu verbreiten und die ganze Luft zu verpesten. Die Analyse 

91 



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führte zu einem infantilon Spiele, bei dem er und eine Schwester ein- 
ander unter der Bettdecke anhauchten. Er hatte damals gemeint, au£ 
diese Weise ein Kind erzeugen zu können. 

Es scheint, daß die narzißtische Libido 
dem Ich das Allmac iilsgefü hl, denerogenen 
Zonen die Magie verleiht. 

Faßt man jedoch ins Auge, daß es aucli eine Magie gibt, 
durch die Unheil angesiiftet werden kann, wie mit dem 
Fluche und dem „bösen Blick", dali lenier manche Zwangs- 
neurotiker oder Schizoiilu-ene glauben und zugleich boiurch- 
len, mit dem bei der Onanie verspritzten Samen, mit deau 
Hauche, beim Kotabsetzen usw. böse Geister zu erschaffen, 
ja mit einem bloßen Gedanken der Welt zu schaden, daß 
also die Magie nicht nur im Dienste positiver und produkti- 
ver, sondern auch im Dienste negativer und destruktiver 
Triebkräfte stehen kann, so möchte man zweifeln, ob All- 
macht und Magie überhauj)t von der Libido abhängen. Wir 
wollen uns aber daran erinnern, daß dort, wo die negative, 
also verneinende und destrulerende Magie stärker hervortritt, -■ 
wie in der Zwangsneurose, eine Libidorcgression mit Trieb- % 
entmischnuig stattgefunden hat. Wenn sich also dem De- 
struktionslriebe in irgendeiner, uns noch niclit näher be- 
kannten Weise Libido hinzugeseUt, so entfaltet dieser Trieb 
ebenfalls magische Wirkungen, jedoch nicht im positiven, 
sondern im negativen Siime. Die posiUve Magie steht somit 
im Dienste der Sexualtriebe, des Eros, die negative im 
Dienste der sexualisierten Deslruklions- oder Todeslricbe, 
also im Dienste des Sadismus, beide aber im Dienste 
des Es. 

Die beiden Formen der Magie, sowie die AUmachls- 
gefühle und -gedanken treten in der Geschichte der 
Menschheit als Niederschlag der animistisclien Weltauf- 
fassung bei primitiven Völkern auf. Auch bei Kindern und 
bei einer Reihe psychisch Erkrankter sind sie zu finden. 
Auf der animistischen Entwicklungsstufe der Einstellung 
zur Außenwelt wh-d das „innen" noch mit dem „außen" 
verwechselt (die Außenwelt ist ein SplegelbUd der Inncn- 

92 




weit), die „Ichgrciize" ist gewissermaßen, verwischt. Das 
Ich unterscheidet noch nicht scharf zwischen inneren 
Vorgängen und \^rgängen, die sich in der Außenwelt ab- 
spielen, und ist nicht imstande, dem Anstürme des Es ge- 
nügend Widerstände entgegenzusetzen, oder dessen Slre- 
bun^n zu moditizieren, da seine Loslösoing vom Es noch 
nicht ganz vollzogen ist und es immer noch einen wenig 
organisierten imd differenzierten Teil des Es bildet. Die 
AUmach't und Magie sind also an jene Entwicklungsstufe 
der Gesamtpersonlichkeit gebunden, wo das Ich wm Es noch 
wenig differenziert, wo das Es sozusagen noch ..ichnahe" 
ist, und sind ein Grund mehr dafür, daß es oft kaum 
möglich ist, eine Strebung des Es von einer Ichstrebung 
zu unterscheiden. 

Der Antrieb zur Magie stammt zwar vom Es, sie kommt 
aber am Ich znm Vorschein. Jeder NeuroUker greift zu 
einer ihrer beiden Formen zurück, sie ist in jeder Neurose 
vertreten. Die Magie scheint auch die Frage nach dem 
Wozu" des uobewiißteii Sinnes des neurotischen Symp- 
toms mitziibeantworten, das — wie wir wissen — durch 
die Auffindunig des kausalen Zusammenhanges allein 
noch nicht vollständig erklärt ist. 

Ferenczi unterscheidet vier Stufen der Allmacht und 
Magie. _ . 

Die erste ist nach ihm die Phase der bedingungs- 
losen Allmacht, die beim Fötus im Mutterleibe vor- 
handen sein soll. Diese Pliase ist rein hypothetisch, und 
da wir keine Mittel besitzen, ihre Existenz zu überprüfen, 
haben wir keine Veranlassung, auf sie näher einzugehen. 
Die Amiahme T a u s k s, daß der Schizopiirene im kata- 
tonen Stupor in den Mutttsrleib zuxückkehrt, könnte aller- 
dings zur Stütze dieser Hyiwthese herangezogen werden. 

Die zweite Phase, die der magischen Halluzina- 
tionen, ist eher Iieweisbar, sie wird auch von Freud 
angenommen. In ihr soll jede Regung, jeder Wunsch in 
Vorstellungen gleichsam magisch verwirklicht werden. Hat 



93 



etwa der Säugling Huiiger, so verschafft er sich durch die 
Vorstellung des Saugens allein Befriedigung, wenn er nicht 
real befriedigt wird. Wir köiiimen zwar nicht mit Be- 
stimmtheit sagen, ob sich das beim Säugliinig tatsächlich 
genau so abspielt, wir finden aber beim Erwachsenen 
Analogien dazu; wir müssen nur an den Traum denkeai, 
wo der Wunsch sich auch gleiciisam magisch in der Vor- 
stellung erfüllt. Das Phantasiei-en, die Tagträuine sind 
ebenfalls herbeigezauberte Wuaischerl'üllungen, die eine 
Korrektur der Wirklichkeit darstellen. Durch den gleichen 
„Zauber" wird das Gewünschte in den Halluzinationen 
mancher Hysteriker und Schizophrenen durch Erregung 
der Sehsphäre psychisch realisiert. 

Die dritte Phase ist nach Ferenczi die Allmacht 
mit Hilfe magischer Gebärden. Die Reaktion des 
Kindes auf ein körperliches Bedürfnis- ist Zappeln und 
Schreien, also Muskelbewegung. Auf eine solche Unhzst- 
äußerung hin erscheint die Pflegcj^rson, die dem Bedürf- 
nisse abhilft. Auf Grund dieser Erfahrung entwickelt das 
Kind die Magie der Gesten und Gebärden. Auch das hyste- 
rische Symptom, in dem ja die nicht erfüIUen Bedürfnisse 
ebenfalls vermittels magischer Gebärden erfüllt werden 
kann man als unbewußten Zauber a/uffassen. 

In einer höheren, der vierten Stufe, tritt die A 1 t- 
macht der Gedanken auf. Ihre Anfänge gehen auf 
die Entstehung der Sprache zurück. Diese bestand zuerst 
aus unartikulierten Lauten, denen magische Bedoulung 
beigelegt wurde, wovon noch heute bei Kiiulcrn und 
Schizophrenen Reste zu fhiden sind. Die Laute waren 
zunächst an Vorstellungen geheftet, die ebenfalls magi- 
sehe Bedeutung hatten. An diese Trieblaute und -Vor- 
stellungen as.sozierten sich im Laufe der Entwicklimg 
Worte, die durch diese Verbindung gleiclifalls magischen 
Charakter bekamen. Die Worte verschmolzen zunächst, 
wie es scheint, mit den optischen und aku.stischen Vor- 
stellungen, trennten sich später in einem komplizierteu 



94 



L 



Prozesse wieder von ihnen und traten mm in selbständige 

Beziehung zueinander. Die gesetzmäßige Korrelation der 

verselbständigten Wort- und anderer Vorstellungen nennen 

wir Denken. Die Magic und Allmacht des Vorstellens und 

der Laute werden nun aus der vorhergehenden Phase in | 

die nächste übernommen und auf das Denken übertragen. 

Auf diese Entwicklungsstufe des Ich greift unter den 

Neurosen am meisten die Zwangsneurose zurück, in der 

die Allmacht der Gedanken eine große Holle spielt. 

Bei psychischen Krankheilen kann die Entwickluügs- 
hemmung des Ich auf jeder Stufe vorfallen; diese drückt 
dann jeweils der Art der Einstellung zur Realität ihren 
Stempel auf. So kann das Ich auch auf die Stufe der 
Magie und Allmacht zuriickfaUen. — In manchen Krank- 
heitsbildern der Schizophrene (wie im katatonen Stupor) 
scheint z. B, die bedingungslose Allmacht vorzuherrschen, 
in der Paranoia die magische Überschätzung des Ge- 
samtich und der „dämonischen" Außenwelt, in der Hysterie 
die Allmacht des Vorstollens und der Gebärden und in 
der Zwangsneurose die der Gedanken. 



95 



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DAS SCHGEFÜHL IM TRAUME 



Von 

Pami} federn 

Aus dem XVIII. Band (1932) der „Internationalen Zeit- 
schrift für Psychoanalyse". 

I) Dus Idigefühl 

Zur Einleitung will ich die wichtigsten Er^ehnisse 
meiner bisherigen Untersuchungen dos Ichgefühls und die 
aus ihnen sich ergebende Auffassung des Ichs hier wieder- 
holen, weil ich nicht annehmen darf, daß jeder Leser, 
der sich für eme Untersuchung des Traunijihänomens 
interessiert, auch bereit ist, meine Arbeiten in frühei-ien 
Jahrgängen aufzuschlagen und neuerdings vorzunehmen. 

Das Ichgefühl ist die Sensation, die man jedürzeit von 
seiner eigenen Person hat, das Eigengefühl des Ichs von 
sich selbst. Ich begründe damit neuerdings die Auffas- 
sung, welche am stärksten Österreicher vertritt, dali 
das Ich keine bloße Abstraktion sei, um die Ichbezogen- 
heit der Akte und Erlclmisse mit einem Worte mitzu- 
teilen; das Ich ist auch nicht die Summe dieser Ich- 
bezogenheiten allein, es ist auch nicht l)IoJJ die Summe 
der Ichfunktionen (Nunberg), auch nicht bloß die 
„psychische Repräsentanz" dessen, was sich auf die eigene 
Person bezieht (Sterba). Das alles gehört zum Ich, es 
sind Leistungen, die im Ich oder vom Ich aus geschehen. 
Zum Ich gehört aber viel melm, nämlich auch das sub- 
jektive seeUsche Selbsterlebnis dieser Funktionen; diijs^s 
Selbsterlebnis ist eine bleibende, wenn auch nie gleich- 
bleibende Einheit, die nicht abstrakt, sondern wirklich 
ist. Diese Einheit bezieht sich auf die Kontiuuilät der 
Person in zeillicher, räumUchur und kausaler Hinsicht, 
diese Einheit ist objektiv erkejinbar und wird stets sub- 
jektiv wahrgenommen und gefühlt. Das heißt, wir lühlen 



96 



I 



I 



und wissen ständig, daß die Kontinuität unseres Ichs auch 
über eine Unterbrechung durch Schlaf oder Bewußt- 
losigkeit hinweg fortdauert, daß die Vorgänge in uns, 
auch wenn sie durch Vergessen und Unbewußtheit unter- 
brochen werden, eine dauernde Ursache in uns haben, 
daß unser Körper und unsere Psyche dauernd zum Ich 
gehören. All dies haben viele Autoren als „Ich bewußt- 
sein" bezeichnet. Wenn ich das auch schon vorher ge- 
legentlich von Psychologen und auch von Freud ge- 
brauchte, von Laien als selbstverständlich angewendete 
Wort „I c h g e f ü h 1" als integrierenden Teil des Ichs 
hervorhebe und mich nicht mit dem Worte Ich b e w u ß t 
sein oder Ich b e w u ß t hei t begnüge, so ist das nicht 
eine willkürliche Bevorzugung dieser Bezeichnung, sondern 
die Rücksicht auf folgende Beobachtung: Das Selbster- 
lebnis des Ichs erschöpft sich nicht im Wissen und in 
der Bewußtheit von den oben angeführten Einheitsquali- 
tätcn des Ichs, sondern enthält auch ein sinnliches Erleben, 
welchem das Wort „Gefühl" oder Sensation gerecht wird, 
während die Bezeichnung Ichbewußtheit das Gefühls- 
mäßige begrifflich nicht enthält. Die Pathologie, sowohl 
die ärztliche als die Alltagspathologie des Schlafens, der 
Ermüdung, der Zerstreutheit und Träumerei lassen uns 
das Bestehen eines „Ichgefühls" vom „Ichbewußt- 
sein" sehr gut, oft ganz exakt unterscheiden. Erst wenn 
das „I c h g e f ü h I" mangelt, bleibt das bloße, leere Ich- 
bewußtsein allein bestehen; dieses bloße, leere Wissen, 
daß man ein Ich hat, oder daß man ein „Ich" ist, ist 
aber ein pathologischer Zustand, in dem wir schon die 
Entfremdung und Depersonalisation erkennen. Die Be- 
zeichnung „Ichbewußtsein" würde daher nur dann dem 
Erlebnis des Ichs gerecht werden, wenn diese Art „Ent- 
fremdung" der normale Zustand aller Menschen wäre. 
Es ist auch unrichtig zu meinen, daß Bewußtsein und 
Ichgefühl dasselbe seien, weil von vielen Autoren, zuerst 
glaube ich von Jan et, das Bewußtwerden als das „Dem 
Ich-Zugehörig-Werden" beschrieben und definiert wurde. 

7 Älmanach ISaS 07 



Wir wissen heute, daß die Ichzugehörigkeit bewußt oder 
unbewußt werden, sein und bleiben kann; und auch vom 
Ichgefühl lehrt uns die Pathologie, daß es tür vorher 
bewußte Ichgebiete schwinden und wieder hergestellt wer- 
den kann. Für jeden solchen Vorgang kaini diese Be- 
wußtheit von eüiem „Ich g e f ü h l" begleitet seni oder 
nicht. In letzterem Falle weiß man nur, daß das Er- 
lebnis — eine somatische oder äußere Wirklichkeit, eine 
Erinnermig, eine Reaktion auf Wirkliches oder Erinnerung, 
eine bloße Affekterregung — in einem vorgeht oder vor- 
gegangen Ist; aber für dieses Wissen besteht ein Fremd- 
heitsgefühl oder, besser gesagt, es entsteht dafür ein 
Entfremdungsgefühl. Daß das Wesentliche am „Ich e r- 
lebnisse" eine Sensation imd nicht ein Denken oder 
Wissen ist, wurde zuerst bei den pathologischen Störun- 
gen des „Ichgefühls" bemerkt, und seitdem das Symptom 
der Entfremdung bekannt wurde, heißt es immer Ent- 
fremdungsgefühl, nie Enlfremdungs wissen oder Ent- 
fremdungsbewußtheit 

Das „I c h g e f ü h 1" ist also das Gesamlgefühl der 
eigenen lebendigen Person ; es bleibt übrig, wenn alle 
gedanklichen Inhalte fehlen, ein Zustand, der praktisch 
nur für kürzeste Zeitspannen eintritt. Dieses Gesamlge- 
fühl des „Ichs" vereinigt stets teils wechselnde, teils 
gleichbleibende Bewußtseinsinhalte; dadurch bedingt das 
jeweüige „Ichgefühl" auch das subjektive volle Erlebnis 
der Ich-Bezogenheit auf den Akt. Ich halte es für richtiger, 
von der „Ich-Bezogenheit auf einen Akt", als von der 
„Ich-Bezogenheit eines Aktes" zu sprechen, wenigstens so- 
weit es die Untersuchung des „Ichgefühls" betrifft. (Darin 
hegt aber keine Polemik gegen Schilder, der andere 
Ziele bei seiner Darstellung der „Ich-Bezogenheit" des 
Aktes verfolgte.) Wenn wir die stets wechselnde Er- 
streckung des „Ichgefühls" auf verschiedene Inhalte und 
seine trotzdem stets bestehende Verneinung aller Ich-Be- 
zogenheiten und Ich-Anteile zu einem Ganzen uns über- 
legen, so kommen wir zu dem Schlüsse, daß das „Ich*' 



I • 



stets Ganzheits- und Teil-Erlebnis enthält und daß es stets 
analytisch und synthetisch untersucht werden muß. Die 
Existenz des „Ichgefühls" läßt die so verführerische Schei- 
dung in Ganzheits- und Teilbetrachtung als irreführend 
ablehnen. Auch die Psychoanalyse war stets sowohl Teil- 
erfassung als auch Ganzerfassung. Meme Untersuchungen 
über das „Ichgefühl" heben diese doppelte Richtung der 
Psychoanalyse neuerdings hervor. 

Der Theoretiker könnte nochmals die Frage einwenden, 
oh nicht das hier als „Ichgefühl" Bezeichnete doch bloß 
ein intellektuelles Erleben dessen sei, was gleichbleibt, 
während stets wechselnde Erlebnisse, Bezogenheiten und 
Reaktionen das Bewußtsein passieren: also doch nur ein 
Wissen vom Ich, dessen Inhalt der Beachtung entgeht, 
weil es eben das unverändert Gleiche ist. Diese Frage 
wird ausschließlich durch die Beobachtung erledigt, daß 
auch das reinste Wissen von dem eigenen „Ich" als etwas 
Mangelhaftes, Peinliches, Unerfülltes und UnerfüUendes, 
ja der Angst Nahes erlebt wird, daß also auch für das 
reinste „Ich-Erlebnis" zur Herstellung der Normalität et- 
was Gefühlsartiges hiuzugehört. Dieses Problem wird da- 
von nicht tangiert, daß man etwa die Gefühle selbst als 
Wahrnehmung von vegetativen Vorgängen bezeichnet und 
solche Wahrnehmungen denen mit intellektuellem Inhalte 
gleichsetzt (Behaviourismus). Denn wir gehen bei unserer 
Untersuchung von der empirischen Tatsache aus, daß 
zwischen intellektuellen und Gefühl scrlebnlssen ein Unter- 
schied besteht. 

So ist das „Ichgefühl" der einfachste und doch um- 
fassendste Zustand, der vom eigenen Sein in der seienden 
Person ausgelöst wird, auch wenn kein äußerer oder 
innerer Reiz es trifft. FrciUch würde, wie gesagt, ein 
dauernder Zustand von reinem „Ichgefühl" als Bewußt- 
seinsinhalt nur ganz kurz bestehen können, denn der 
Reize sind zu viele stets bereit, in das Bewußtsein zu 
treten. So wollen wir wiederholend formuUeren; Mit dem 



7* 99 



Vam^i 



Eigenbewußtsein ist auch ein Eigengefühl des „Ichs" ver- 
bunden, welches wir kurz als „Ichgefühl" bezeichnen. 
In meinen früheren Aufsätzen i) habe ich das „Ich- 
gefühl" näher untersucht und für pathologische und nor- 
male Fälle gezeigt, daß das somatische und das seelische 
„Ichgefühl" sich sondern können, daß wir einen Kern 
des „Ichgefühls", der dauernd bleibt, innerhalb der wech- 
selnden Ausdehnung des Ichgefühls zu unterscheiden 
haben, und insbesondere, daß wir genau empfinden, ob, 
wie stark und wie weit die geistigen Vorgänge und unser 
Körper von „Ichgefühl" besetzt sind; wir fühlen bei ihrem 
Wechsel die „Grenzen" unseres Ichs. Wann immer ein 
Eindruck uns trifft, sei er somalisch oder psychisch, so 
trifft er in der Norm eine mit Ichgefühl besetzte Grenze 
unseres „Ichs". Wird unser Ichgefühl an dieser 
Grenze nicht hergestellt, so fühlen wir den 
betreffenden Eindruck entfremdet. Wo aber 
die Ichgefühlsgrenze nicht durch einen Eindruck in An- || 
Spruch genommen wird, ignorieren wir den Umfang des 
Ichs. Wir können am „Ichgefühl", und zwar sowohl beim - 
seelischen als auch beim körperlichen, seine Aktivität 
oder seine Passivität angeben. Die Qualität des „Ich- 
gefühls*' ist bei den verschiedenen Menschen auch davon ^ 
abhängig, welche speziellen Triebe ihre Person dauernd J 
beherrschen oder jederzeit bereit sind, sich geltend zu i 
machen. Wir haben ferner die Entdeckung NunbergsiB 
bestätigt, daß alle Neurosen und Psychosen mit einem^ 
kürzer oder länger dauernden Zustand von Entfremdung 
beginnen. Wir fanden auch, daß die Zurückziehung des 
Ichgefühls von einer „Ichgrenze" als Abwehr seitens des * 
Ichs auftreten kann; dieser Abwehrmechanismus kann 
bestehen bleiben oder er kann den Verdrängungsvorgang 
einleiten. Die Entwicklung des „Ichgefühls" — qualitativ 
und quantitativ — begleitet die Entwicklung des Indi- 

1) Variationen des „Ichgefühls". Int. Ztachr. f. PbA. XII, 1926. — 
Narzii3raus im Ichgefüge. Ebd. XIII, 1927. — Das Ich als Subjekt und 
Objekt im Narzißmus. Ebd. XV, 1929. 



100 



viduums, wobei sich die Stadien der Libidoentwicklung 
auch in der Art des Ichgefiihls zeigen; es kann daher das 
Ichgefühl in Qualität und Ausdehnung an frühere Stadien 
fixiert bleiben oder auf frühere Stadien regredieren. 

Die Hypothese nun, welche sich aus alldem für die 
psychoanalytische Auflassung des ,,Ichgerühls" ergibt, ist 
die, daß das „Ichgeführ^ die ursprüngliche narzißtische 
Besetzung des „Ichs'' ist; sie ist als solche anfangs ob- 
jektlos und wurde von mir als medialer Narziß- 
mus bezeichnet. Erst viel später, nachdem objektlibidi- 
nöse Besetzungen die Ichgrenze trafen, beziehungsweise 
von ihr erfaßt und wieder verlassen wurden, entsteht der 
reflexive Narzißmus. - -^ 

Diese Hypothese wird durch viele klinische Beobach- _ 

tungen gestützt. Ist sie richtig, so hat uns die Unter- 4 

suchung des „Ichgefühls" eine Arbeitsmethode gegeben, 
um Näheres über die Besetzungen mit narzißtischer Libido 
und mittelbar auch über das Verhalten der Objeklbe- 
setzungen zu ermitteln. 

Der Traum nun ist ein Untersuchungsmaterial, das } 

wohl bei gesunden Menschen so regelmäßig auftritt, daß j 

man schwer entscheiden kann, ob man es der normalen 1 

Psychologie oder der Psychopathologie zurechnen soll. .; 

In bezug auf das „Ich" im Traume handelt es sich aber j 

jedenfalls um einen gestörten Zustand. Daher reiht sich - 

die vorliegende Untersuchung des „Ichgefühls" im Traume .; 

folgerichtig an die klinische Untersuchung der Entfrem- 
dung an. Ich werde daher zuerst die Beziehungen von ■ 
Entfremdung, Traum und Schlaf, hauptsächlich nach den ? 
Angaben von entfremdeten Personen, besprechen und da- 
ran anschließend erst unser eigentliches Thema, die Qua- •, 
lität und Quantität des „Ichgefühls" während der Träume, ,^ 
darstellen. 

n) Entfremdung und Traumzustand 

Sehr viele Entfremdete sagen, daß sie die Wirklichkeit 
wie im Traume sehen, oder gar, daß sie sich selbst wie 

101 



äe> 



im Traume vorkommen. Diese Mitteilung ist überraschend 
und verlangt eine besondere Erklürmig; sie wäre zu er^ 
warten gewesen, wenn wir träumend unserem Traume 
gegenüber ein ähnliches Gefühl hätten, wie der Ent- 
fremdete der Wirklichkeit gegenüber. Dem ist aber nicht 
so. Der Träumer erlebt seinen Traum als Wirklichkeit; 
das Überraschende, Abstruse, ja Unmögliche manches 
Geträumten hindert nicht, daß in Widerspruch mit aller 
im Traume erhalten gebliebenen Erfahrung, an den Traum 
geglaubt wird, solange er abläuft. Der Entfremdete hin- 
gegen muß sich zur Annahme der Wirkhchkcit seiner 
Eindrücke geradezu zwingen. Verstand und Vernunft, Er- 
innerung und das Schließen aus den Erinnerungen zwin- 
gen ihn zur gedankenhaften Annahme dessen, wofür keine 
Evidenz vorhanden ist. Im Traume hingegen mag die 
verstandesmäßige Erfahrung allem widersprechen, trotx- 
dem ist die Wirklichkeit des Geträumten (von bekannten 
Ausnahmen abgesehen) immer evident. 

Wir verstehen aber die Angabe des Entfremdeten, die 
Welt sei „traumhaft", sobald wir beachten, daß sie nur 
retrospektiv gemacht wird, soweit es sich nicht um schwer 
Depersonalisiertc Iiandelt. Denn in der Erinnerung nach 
dem Erwachen hat auch der Traum für jeden etwas Fremd- 
artiges; dies bezieht sich auf seine Inkohärenz und 
Fluchhgkeit, auf das Unlogische des Inhalts und auch 
auf die Art, wie der Traum vorüberläuft; in der Erinne- 
rung smd auch die Traumgeslallen meist schaltenhaft 
gewichtslos, unwirklich. Die sekundäre Bearbeitung verl 
bessert nicht nur die innere Logik des Traumes, sie ver- 
ändert ihn meistens auch zu einem Vorgang, der eüier 
wachen Erlebnisreihe eher gleicht. Träume ohne sekun- 
dare Bearbeitung sind in der Erinnerung mehr fremd- 
artig. Es kann wohl sein, daß gerade diese Fremdartig- 
keit die sekundäre Bearbeitung herbeiführt. So kommen 
wir 2U dem merkwürdigen Ergebnis, daß während des 
Vor-sich-Gehens Traum und Entfremdung grundverschie- 
den verlaufen und erst im zurückbleibenden Eindruck 



102 



Miri*B^krtdlBli6M 



einander ähnlich werden. Die Träume waren, wenn wir 
von ihrer Bedeutung als Weg zum Unbewußten und als 
Forschungsgcgcnsland absehen und besondere persönlich 
bedeutsame Träume ausnehmen, — ein Nichts, eine Serie 
unwirklicher Bilder, die nun ganz vergangen ist, und von 
der auch die Erinnerung von selber leer wird und ver- 
blaßt. Auch für den Entfremdeten ist aber infolge seiner 
Störung alles, was er entfremdet erlebt hat, gleichgültig; 
es ist eine Vergangenheit, die nicht vergegenwärtigt wer- 
den kann; vergegenwärtigt bleibt niu- die Erinnerungj 
daß er seinen krankhaften Zustand gehabt hat. Schwer 
Entfremdete sagen sogar, daß ihre Wirklichkeit weniger 
lebendig sei als ihr Traum. Und das ist richtig, denn die 
Entfremdeten träumen nicht anders als normale Menschen. 

Eine weitere Analogie des Traumes mit der Entfrem- 
dung besteht darin, daß der Träumer passiv vom Traume 
sozusagen überfallen wird, und daß der Traum sodann 
an dem passiven Träumer oder mit ihm abrollt. Der 
Träumer fühlt sich auch insofern dem Traume gegenüber 
passiv, als er — in der Regel — keines der Traumelemente 
festhalten kann, um sie überlegend zu beurteilen, er kann 
selten auf sie reagieren oder auf etwas zurückkommen; 
denn der Traum bricht in fertigen Gebilden in das Be- 
wußtsein, welches er jeweilig, und zwar nur in sehr ein- 
geengtem Ausmaß, erweckt, um es sofort wieder ein- 
schlafen zu lassen. Im Traume fehlt vor allem der Wille. 
Scherner hat diesen Mangel der Zentralität des „Ichs" 
und die Schwäche des Wülens in besondes plastischen 
Worten in seinem Buche au vielen Stellen geschildert. 

Auch der Entfremdete fühlt sich passiver gegenüber 
dem Erlebten als der Gesunde. Er tut es aber aus ganz 
anderen Gründen als der Träumer. Er wird nämlich 
immer wieder auf das Beachten seines Zustandes abge- 
lenkt, wird unaufmerksam und im Interesse gestört; er ist 
also infolge seines Leidens aller Wirklichkeit gegenüber 
apathisch und passiv. 



103 



■ 



Bis jetzt haben wir von bekannten Eigenheiten der 
zum Vergleiche stehenden Zustände gesprochen. Wenn wir 
nun unser Augenmerk auf das „Ichgefühl" richten, von 
dem freilich die befragten Personen nicht von selber 
sprechen, dann erfahren wir sofort etwas für Ijeidc Zu- 
stände Gemeinsames: in beiden ist das „Ichgeffllil" man- 
gelhaft. Das gilt besonders von dem schwer Depersonali- 
sierfen, dessen „Ich" weder an seinen Grenzen noch 
auch in seinem Kerne mit vollem „Ichgcfühl" besetzt ist. 
Der Mensch fühlt dieses „Ich" nur partiell und mit ver- 
ringerter Intensität und hat daher subjektiv an Gewicht, 
an Wohlgefühl, an Geschlossenheit der Persönlichkeit ein- 
gebüßt. Die Ich-Störungen sind im Traume und in der 
Entfremdung, wie wir sehen werden, prinzipiell nicht die 
gleichen. Wir haben ja schon darauf aufmerksam gemacht, 
daß der Traum als wirklich erlebt wird und das Ent- 
fremdete als unwirklich: im Traume ist daher die Ich- 
grenze für das Geträumte mit Ichgefühl besetzt, in dem 
Entfremdungssymptom die für das Erlebte nicht Gemein- 
sam ist aber beiden, daß weder der wache Verstand den 
Entfremdeten die UnwirkUchkeit des Erlebten, noch der, 
allerdings partiell wache, Verstand den Träumer die Wirk- 
lichkeit des Geträumten als Täuschung erkennen lassen 
kann. Keiner von beiden kommt gegen die abnorme 
Schwäche, resp. gegen die abnorme Stärke der „Ich- 
grenze", das heißt ihrer Besetzung, auf. Auch die Ohn- 
macht infolge des Defektes der Ichbesetzungen ist für beide 
Zustände charakteristisch. 

So haben wir Gründe gefunden, weshalb Entfremdete 
ihre Zustände als „wie im Traume" bezeichnen. Der 
wichtigste ist der letztbesprochene, die Erinnerung daran, 
daß das Ichgefühl mangelhaft war. Diese Ichstörung ist 
keine Bewußtseinsstörung, kein Schwindelgefühl, keine Un- 
klarheit, Verdunklung oder Verschwommenheit, sondern 
eme Unvollständigkeil des „Ichgefühls". Bevor wir ihre 
Bedeutung suchen, wollen wir emige Beziehungen zwischen 
Entfremdung und Schlaf besprechen. 



104 



1 



IT 



ni) Entfremdung — Einschlafen und Erwadien 

Die klinische Beobachliing lehrt, daß die Entfremdungen 
in ihrer Intensität und Ausdehnung bei den gleichen 
Kranken zu verschiedenen Zeiten wechseln. Es gibt selten 
Kranke, welche konstant über Entfremdung in gleichem 
Ausmaße klagen. Meistens bringt auch bereits die Tat- 
sache, daß sie mit dem Arzt sprechen, eine Verbesserung 
ihres Zustandes mit sich; ihr Interesse, ihre Befriedigung 
daran, den Arzt zu interessieren und sein Interesse zu 
fühlen, bringen eine Steigerung der Besetzung der Ich- 
grenzen mit sich, welche bei leichteren Fällen die Ent- 
fremdung anscheinend aufhebt. Meistens berichten solche 
Kranke, wenn sie bereits ihr Entfremdungsgefühl als 
Symptom würdigen gelernt haben, wie seit der letzten 
Untersuchung die Kurve der EntFremdungsgefühle resp. 
der Ichfülle verlaufen sei. Patienten, die zum erstenmal 
kommen — nämlich solche leichteren Grades — , spüren 
in der Aufregung des ersten Besuches überhaupt keine 
Entfremdung, erwähnen eine solche gar nicht spontan, 
sondern müssen erst durch eine direkte Frage darauf auf- 
merksam gemacht werden, daß auch diese Zustände den 
Arzt etwas angehen. Immer wieder bestätigt sich die Er- 
fahrung, daß solche Kranke gerade dadurch, daß der Arzt 
auch von diesen subtilen Zuständen ihres ständigen Be- 
findens etwas wissen will, daß er solche Entfremdungs- 
zustände bei ihnen spontan vermutet, sofort volles Ver- 
trauen zu ihm gewinnen. Die Kenntnis dieser Zustände 
ist schon deswegen von praktischer Bedeutung für jeden 
Arzt, nicht nur für den Psychoanalytiker. 

Obgleich aber solche leichtere Fälle über ihre Ent- 
fremdungszustände nur im Imperfektum oder Perfektum 
berichten, besteht trotzdem eine Entfremdung auch wäh- 
rend der günstigen Bedingungen der Unterredung mit dem 
Arzte; der Patient hat nur bereits vergessen, daß er in 
lang vergangenen gesunden Zeiten einen weit stärkeren 
Kontakt mit der Welt und mit sich selbst gehabt hat, 
einen Kontakt, der mit vollem Wohlgefühl verbunden war, 



105 



t.. 



<a—iMMi^»^^MM— BJpfciM I if ii|M , i 



welches ihm heute nicht eüimal mehr zum Vergleiche 
einfällt. 

Die Stärke der Entfremdung hangt von vielen Bedin- 
gungen ab, welche nicht bei allen Graden und Stadien 
der Krankheitsfälle in derselben Richtung wirken. Es 
gibt Fälle, die entfremdet werden, sol^ald sie allein ge- 
lassen werden, oder wenn sie sich verlassen fühlen, 
während die Gegenwart einer mit Libido besetzten Person 
die Störung des lohgefühls aufhebt oder wenigstens so 
vermindert, daß der Patient sich praktisch nicht entfremdet 
fühlt. Diese Bedingung war es, welche so lange glauben 
ließ, daß die Entfremdung in einer Zurückziehung der 
Objektlibido bestehe. In anderen Fällen tritt Entfremdung 
gerade dann ein, wenn der Kranke unter Menschen kommt 
denen er Objektlibido zuwendet, in anderen Fällen gerade 
dann, wenn er niemanden hat, für den er sich in der Ge- 
sellschaft aktuell interessieren kann. Oft genügt anfangs 
die Zuwendung von Objektlibido auf eine audere Person 
um ihn vor Entfremdung zu schützen, bald aber erschöpft 
sich die Fähigkeit, seine Ichgrenze mit Ichgefühl zu be- 
setzen, und mit einem Schlage überfällt ihn das Gefühl 
der Fremdheit und Unwirklichkeit der äußeren resp. der 
inneren Wahrnehmung. Der Grad der Entfremdung häußt 
in den meisten Füllen auch wesentlich von somatischen 
Zuständen ab; insbesondere sind es Müdigkeit, Erschöj>. 
fung, aber auch Anstrengung und Anspannung, welche 
langsam oder schnell, allmählich oder plötzlich, dauernd 
oder wechselnd, ansteigend oder abnehmend zur Ent- 
fremdung führen oder beitragen. Daß plötzliche affektiv 
betonte Erlebnisse, in welchen aus nur zum Teil bewußten 
hauptsächlich aber unbewußten Gründen eine schwe^.^ 
Enttäuschung an einem Objekte und dadurch ein soge- 
nannter Objektverlust erfolgte, traumatisch die Entfrem^ 
düng einsetzen lassen, hat zuerst Nunberg nachge^ 
wiesen. Theoretisch läßt sich die "Wirkung aller dieser 
Bedingungen dadurch erklären, daß wir in ökonomische^. 
Hinsicht zwei Umstände bei der libidinöscn Besetzung ^i 



106 



unterscheiden haben, nämlich erstens, ob das Ichgefühl 
für die in Anspruch genommene Ichgrenze überhaupt ge- 
nügend hergestellt werden kann, und zweitens, ob die 
Reserve an Libido für die Aufrechterhaltung der Be- 
setzung der Ichgrenze genügend groß ist. Die Schwere 
der Entfremdung hängt daher nicht nur von der jeweilig 
dynamisch wirkenden Hemmung der Besetzung ab, son- 
dern auch von der ökonomisch wirkenden Größe des 
Libidovorrats. Wir können diese für die Pathologie über- 
haupt wichtige Unterscheidung so formulieren, daß wir 
von einem Versiegen der Libido, im Gegensatz zum Zu- 
rückziehen infolge von äußerer oder innerer Versagung, 
sprechen. 

Die Beobachtung lehrt weiter, daß bei chronisch Ent- 
fremdeten die Besserung ihres Zustandes darin besteht, 
daß sich ihr Ichgefühl — ceteris paribus — wieder ein- 
stellt, daß aber die jedesmalige Herstellung einer ge- 
nügenden Besetzung der Ichgrenze nur zögernd und lang- 
sam erfolgen kann. Das ist der Grund, weshalb oft ganz 
subtile Unterschiede der Ichstörung berichtet werden, je 
nachdem, ob die jeweilige Umgebung solche Kranke be- 
obachtet oder sie unbeobachtet läßt, ob sie ihnen mehr 
oder weniger freimdlich gesinnt ist. Gerade von Kranken, 
welche besser werden, werden solche Unterscheidungen 
berichtet. 

Analog lehrt uns die klinische Beobachtung, daß Ent- 
fremdele, deren Zustand sich bereits gebessert hat, regel- 
mäßig des Morgens nach dem Erwachen nicht so wie 
der normale Mensch rasch ihr volles Ichgefühl wieder- 
gewinnen und damit ihre normale Stellung zur Innen- 
und Außenwelt, sojidern sich gerade nach dem Schlafe 
noch entfremdet fühlen. Auch nicht Rekonvaleszenle zeigen 
oft ihr Symptom des Morgens stärker als später am Tage, 
soweit nicht die obenerwähnten Ursachen, z. B. Ermüdung 
und Inanspruchnahme, eine Verschlechterung während 
des Tages bedingen. In ihrer Tageskurve und ebenso in 
der Reaklionskurve auf Ermüdung und Inanspruchnahme 



107 



verhalten sich also die Entfremdelen gleich wie die Me- 
lancholiker. Diese morgendliche Verschlechterung hängt 
nun mit dem Verhalten des Ichgefühls im Schlafe direkt 
zusammen. Die morgendliche Exazerbation war nicht vor- 
auszusehen. Nach unserer Erfahrung beim Gesunden war 
zu erwarten, daß das Ichgefühl des Morgens, nachdem im 
Schlafe die Libidoreserven wieder in Fülle erneuert wur- 
den, wenigstens für einige Zeit Ichkern und Ichgrenzen 
voll besetzen werde; je nach der Schwere des Falles und 
der Inanspruchnahme würde dann im Laufe des Tages 
die Ichstörung wieder auftreten. Die Erkrankung in der 
Ökonomik der Libido sollte unserem Erwarten nach des 
Morgens nach dem Schlafe nur fakultativ bestehen und 
erst durch die Inanspruchnahme im Laufe des Tages 
früher oder später in Aktualität treten. Diese zu erwar- 
tende Kurve ist auch tatsächlich bei allen Entfremdeten, 
deren Störung überhaupt Schwankungen zuläßt, vorhan- 
den. Sie tritt nur des Morgens nicht sogleich in Gel- 
tung, weil der Übergang aus dem Schlafzustand in den 
wachen die einfache Abhängigkeit von der Größe der 
Libidoreserven kompliziert. Beim Entfremdeten ist, wie 
Wh- oben gesagt haben, die Verschieblichkeit oder, besser 
gesagt, die Verschiebung der Libido, insofern sie die 
Ichgrenzen zu besetzen hat, gestört. Die Besetzungen der 
Objektivvorstellungen mit Objektlibido können dabei fast 
störungslos vor sich gehen. Man ersieht das daraus, daß 
trotz der Entfremdung die Patienten mit Interesse und 
Genauigkeit arbeiten können, daß sie die Auswahl in 
ihren Objektbeziehungen nicht aufgeben, allerdings nur 
in gewissen Grenzen, soweit eben nicht auch eine Schwie- 
rigkeit besteht, die Objektbesetzungen aufrechtzuerhalten. 
Diese letztere Schwierigkeit kann sowohl sekundär aut- 
treten als auch, wie Nunberg gefunden hat, den An- 
stoß zum Auftreten der Entfremdung gegeben haben. Auch 
m diesem Falle kann aber die Objeklbesetzung fortbe- 
stehen; ja eben, weil sie fortdauert, während die dazu^ 
gehörige Ichgrenze, das ist die vom Objekte angeregte, be~ 



108 





sondere narzißtische Besetzung des sich dem Objekte zu- 
wendenden Teiles des Ichs, fehlt, erweckt eben dieses 
Objekt ein besonderes Entfremdungsgefühl dem Ich ge- 
genüber. Was man „Objektverlust" nannte, besteht eben in 
dem Verlust der Fähigkeit, ein vorhandenes Objekt, ge- 
nauer die nicht aufgegebene Objektbesetzung, mit vollem 
Ichgefühl, und in diesem Falle die narzißtische Freude, wie 
zuvor zu empfinden. Daß es sich so verhält, davon habe ich 
die volle Überzeugung an einem Falle von pathologi- 
scher Trauer gewonnen: Nach dem Tode der Mutter 
waren alle Beziehungen, Gegenstände, Erinnerungen, die 
irgendwie mit der Mutter zusammenhingen, besonders 
stark mit Objektlibido besetzt. Immer neue, oft kleinste 
Vorkommnisse aus der Vergangenheit fielen der Patientin 
ein, alles zur Mutter Gehörige hatte höchste Bedeutung 
gewonnen. Die Patientin war bei Tag und Nacht schlaflos 
geworden infolge der einströmenden, zum Mutterkomplex 
gehörigen Gedankengänge und Einfälle. Alle diese Objekt- 
vorstellungen waren dem Inhalte nach lebhaft und dem 
Affekte nach tief traurig. Gleichzeitig aber bestand für 
dieses intensive Wiederholen aller vergangenen Objektr 
beziehungen zur Mutter eine völlige Entfremdung, die 
sich sowohl auf die gedanklichen Inhalte als auch auf den 
Affekt der Trauer selbst erstreckt. „Ich habe die Trauer 
und fühle sie nicht." Die Trauer zeigte sich im Gesichts- 
ausdruck und ihren somatischen Folgen, die Patientin 
aber klagte immer wieder darüber, daß sie doch ihre 
Trauer nicht „wirklich" fühle, eine Behauptung, die für 
den unkundigen Beobachter, der ich damals war, ihrem 
ganzen Sein und . Erscheinen ständig widersprach. Erst 
Jahre später ließ mich ein ähnlicher Fall den Sach- 
verhalt verstehen, der darin besteht, daß von den Objekt- 
besetzungen das Leid des Verlustes erweckt wurde, die 
dazugehörige Ichgrenze 2) aber gefühllos, gleichsam abge- 



2) über das Versiegen der Libido bei Melancholie siehe Federn: 
Die Wirklichkeit des Todestriebs. Almanach der Psychoanalyse 1931. 



109 



stürben war. Wir müssen deshalb die „pathologi- 
sche Trauer" und ebenso die Melancholie nicht nur 
ihrer Genese nach, nicht nur ihrem Wesen als unbewußter 
Identifizierung nach, sondern auch nach ihrem libidi- 
nösen Mechanismus als narzißtische Psychose 
bezeichnen. Wenn ich alle Fälle von pathologischer Trauer 
und Melancholie aus der analytischen Erfahrung mir 
zurückrufe, hat bei keinem die paradoxe Klage gefehlt, 
daß der Kranke nur Leid und auch das nicht wirklich 
empfinde. 

Ich habe dieses abseits liegende Gebiet hier genauer 
behandelt, weil es für die Überzeugung des Lesers wichtig 
ist, den Gegensatz zwischen den Objektbesetzungen und 
der narzißtischen Besetzung der dazugehörigen Ichgrenzen 
als einen tatsächlichen zu erkennen. Zwischen dem ge^ 
Sunden und dem erkrankten Mechanismus der narzißr- 
tischen Besetzmig der Ichgrenzen zeigt sich der Untere ^_ 
schied besonders des Morgens in der Wiederherstellung » 
des Ichs nach dem Schlafe. An diesem Mechanismus liegt 
es, daß der Entfremdete und der Melancholische sich 
jeden Morgen neuerdings mehr gestört, mehr krank fühlt. 
Die Erschwerung des Mechanismus der Besetzung der 
Ichgrenze ist sicher ein Grund, weshalb die Erholung 
durch den Schlaf nicht sofort eine Besserung des Ich- 
gefühls eintreten läßt. Beim Melancholiker müssen noch 
andere Momente schädigend hinzutreten, denn bei ihm 
tritt erst am Abend die relative Erleichterung ein. Die 
Untersuchung dieser Momente bei der Melancholie gehört 
nicht hierher. Für die Entfremdung scheint mir vor- 
läufig das physiologische Geschehen im Schlafe als Er- 
klärimg der Morgenexazerbation zu genügen. AUerdhigs 
habe ich noch nicht ein spezielles Interesse der Frage zu- 
gewendet, ob nicht der Schlafvorgang selber bei den 
narzißtischen Psychosen emer besonderen Störung unter- 
liegt- 

Eines ist fraglos richtig: Im vollen Schlafe erlischt das 
Ichgefühl; darüber habe ich in meiner ersten Arbeit ge- 




110 



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I* 






nauer berichtet. Zuerst habe ich die Existenz des Ich- 
gefühls beini Einschlafen erkajuit, also nicht in statu 
nascendi, sondern in statu exeundi Beim raschen Ein- 
schlafen erlischt es plötzlich; auch die Narkolepsie geht 
mit solchem plötzlichen Erlöschen des Ichgefühls einher; 
beim gestörten Einschlafen erlöscht es nur zum Teile 
und allmählich. Ja, es erleichtert sogar das Einschlafen, 
wenn man lernt, das Ichgefühl möglichst vom Körper ab- 
zuziehen und es bei der Atmung allein zu belassen; den 
Jogas ist ein solches absichtliches Abziehen des Ich- 
gefühls wohlbekannt. Es soll aber nur im Einklang mit 
der autonomen Periodizität von Schlaf und Wachen, 
welche an sich schon das Versiegen der Ichbesetzung vor- 
bereitet, angewendet werden. Erzwingt man das Einschla- 
fen entgegen der Periodizität, so wird der Schlaf selbst 
ZU einer Anstrengung und man wacht eher ermüdet und 
nicht neu gestärkt auf. 

Solange ein Schläfer nicht träumt, fühlt er nicht sein 
Ich. Ob ein unbewußtes Ich fortbesteht, ob die „Tiefen- 
person" einem solchen oder dem „Es" entspricht, sind 
derzeit noch müßige Fragen. Daß im Unbewußten auch 
während des traumlosen Schlafes viele seelische, ja geistige, 
vernünftige und verständige Ordnung und Gestaltung ge- 
schieht, ist anzunehmen. Freud hat das Unbewußte mit 
den Heinzelmännchen verglichen, und diese schaffen, wenn 
der Mensch schläft. So viel wir aber wissen, sind all 
diese unbewußten Leistungen des Schlafes zwar biolo- 
gisch durch die Körpereinheit zentriert, aber nicht psy- 
chologisch durch die Einheit des Ichs. Der Satz Freuds, 
daß der Schlaf ein narzißtischer Zustand ist, zielt daher 
auf unbewußte Besetzungen narzißtischer Art, welche, 
wenn überhaupt einer Einheit, gewiß nicht dem im Wa- 
chen bestehenden Ich angehören. Aber vielleicht wollte 
Freud nur in extremer Art ausdrücken, daß die Objekl- 
besetzungen mit dem Verschluß der Sinnespforten un- 
verhältnismäßig mehr als je im Wachen zurückgezogen 
■ werden. Die Zurückziehung der Objektbesetzungen ermög- 



in 



wmt u ^i 



licht es, daß narzißtische Besetzungen zu Objektbesetzunr 
gen werden, wenn im Traume die eigene Person völlig 
in andere Traurapersonen projiziert wird. Hier, wo wir 
im Ichgefühl die manifeste Äußerung des Narzißmus be- 
sprechen, müssen wir vom traumlosen Schlaf feststellen, 
daß diese narzißtische Besetzung des Ichs fehlt. 

Mit dem Verlust des Bewußtseins heim Einschlafen 
hören also die Ichlibido im Ich und alles Ichgefühl auf; 
es ist kaum mehr als Geschmackssache, ob man sagt, die 
Ichlibido versiege, schlafe, sei in das „Es" zurückgezogen 
oder sei auf die Einzelfunklionen verteilt. Aber diese 
narzißtische Besetzung ist stets bereit, wiederzukehren. 
Das zeigt sich darin, daß, von ganz pathologischen Zu- 
ständen abgesehen, jeder Weckreiz das Ichgefühl sofort 
wieder herstellt. Man begreift dies besser, wenn man sich 
erinnert, daß im Ichgefühl die ursprünglichste Sensation 
der lebenden Substanz phylogenetisch und ontogenetiscb 
fortdauert 3) und sein Aufhören wohl als unmittelbarer 
Ausdruck des Zellschlafes aufzufassen ist. Soweit spricht 
die Naturwissenschaft. Die Mystik hingegen läßt im Schlafe 
die Seele den Körper verlassen und beim Erwachen in 
ihn zurückkehren; dabei nimmt die Seele alle ihre Er- 
fahrungen mit sich und soll im Traume nicht im Körper 
weilen, sondern dort, wohin der Traum sie bringt; diese 
Theorie ist der Ausdruck dafür, daß das Ichgefühl -^ 
Traume zumeist ein rein geistiges Ichgefühl ist. fbi 

Beim Erwachen aus dem Sclilafe tritt sofort das l^\ 
gefühl auf, beim Erwachen aus einem Traume nur g^^s- 
nahmsweise in Zusammenhang mit dem Ichgefühl im be- 
treffenden Traume. Beim Gesunden ist das neucrwaehte 
Ichgefühl lebhaft und vollständig und erfüllt Körper xxM 
Geist mit Behagen und Frische. Sofort ist auch die scum 
Ich gehörige Sicherheit des zeillichen Zusammenhangs 
mit Vergangenheit und Zukunft des Ichs wiedergegeben 

3) Federn: Das Ich als Subjekt und Objekt im Naraißmua. i^^ 
Ztschr. f. PbA. ZV, 1929. ^ 



U2 



i 



~^ 



Anders bei vielen Neurolikern. Gerade sie fühlen sich 
morgens unzulänglich; das gilt von den meisten Phobi- 
kern, von den Prämelaiicho tischen (so nenne ich die jahre- 
lang der Melancholie vorausgehenden täglichen Verstim- 
mungen) und, wie oben gesagt, von den Entfremdeten, 
Würde man bei allen jenen, die über den schlechten Be- 
ginn ihres Tages klagen, nach Entfremduugssymptomeu 
fragen, so würde man sie vielleicht sogar regelmäßig 
fmden. Freilich gibt sie der Kranke nicht von selber an 
weil Bett und Schlafzimmer ihm seine Festung sind, von 
der die Anfordermigen des Tages und der Objektbezie- 
hungen ferne bleiben. Die Entfremdung wird ja erst bei 
der Zuwendung zum Objekte voll bemerkbar. Aber all- 
mählich stellt sich das gestörte Ichgefühl voll her; es wäre 
interessant zu untersuchen, wie viele Störungen bei den 
tagtäglichen Gewohnheiten des Anziehens mit solchen 
Ichslörungen zusammenhängen. 

Wie sehr ein schwerer Fall von Entfremdung des Mor- 
gens gestört sein kann, dafür will ich als Beispiel ednen 
Fall anführen, der durch jahrelange Analyse wesentlich 
' gebessert wurde. Seine Schwester ist zur schweren Ka- 
tatonie vorgeschritten. Auch er hatte Symptome, die über 
die Entfremdung hinausgingen, und alle halben Jahrei 
kamen vorübergehende Verschlechlerungen vor, die nur 
wcnige Tage dauerten, mit Unsicherheit der Orientie- 
. rung, mit hypochondrischen Körpersensationen und schwe- 
rer Angst, die einer akuten, wenn auch leichten kala- 
tonen Störung entsprechen. Dieser sehr intelligente Pa- 
tient versteht die Nuancen der Ichbesetzung und das 
Problem der Entfremdung aus eigenen Erfahrungen so 
-* gut, daß er die präzisesten Auskünfte über sein Befinden 
geben kann. Er unterscheidet genau die Entfremdung für 
Sinneswahrnehmung, für Affekt und Denken, imd gibt 
an, daß er heute diese seine ihm und mir wohlbekannten 
Störungen nicht mehr hat, daß aber seme gesamte Ich- 
intensität noch immer herabgesetzt sei, und zwar beson- 
ders nach dem Erwachen. Lange dauere es, bis sich das 

8 Almanach 1988 113 



volle Ichgefühl herstelle - er fühle, daß das mit seiner 
sexuellen Potenz zusammenhänge — manches Mal sei 
es besser, dann habe er wie in gesunden Jahren die mor- 
gendliche sexuelle Erregung und die gesamte Frische. 
Gewöhnlich aber sei dieses normale libidinöse Gefühl er- 
setzt durch eine Mischung von leichter Angst und lüster- 
nem Schauder, das er im ganzen Körper spüre, mid das 
kein normales Körper-Ichgciühl aufkommen lasse. Es ist 
eine Regression des Ichgefülüs auf eine frühere maso- 
chistische Stufe; erst allmählich beruhigt sich dieses son- 
derbare Gefühl und macht dem für ihn normalen Zustand 
emes mäßig herabgesetzten Ichgefühls Platz. Alle schwer 
Entfremdeten geben sonderbare Schilderungen, wie sie 
des Morgens zu ihrem Ich kommen; sie sind und fühlen 
sich seltsam, bis sie soweit sie selber werden, als es 
ihnen eben die Störung der Ökonomie und Verschieblich- 
keit ihrer Ichlibido gestattet. Wir wollen hier noch er- 
wähnen, daß meistens eine solche morgendliche Störung 
des Ichgefühls auch die Wiederherstellung der WUlens- 
funktion des Morgens langsamer erfolgen läßt. 

So haben wir bis jetzt zum Teil besprochen, zum Teil 
nur angedeutet, welche Beziehungen zwischen Entfrem- 
dung, Traum und Schlaf in subjektiver und objektiver 
Hinsicht bestehen. Ich selbst habe mich aber aus einem 
anderen Grunde diesem Probleme zugewandt und mehr 
aus didaktischen Gründen die Besprechung dieser Be- 
ziehungen vorausgesandt; sie sollten mir die Gelegenheit 
geben, den Leser für den Unterschied von narzißtischer 
und Objektbesetzung, für das Phänomen des Ichgefühls, 
für die Wandelbarkeit der Ichgrenze neuerdings zu inter- 
essieren, damit er dem eigentUchen Thema „Das Ichgefühl 
im Traume" freundlicheres Interesse zuwende. Mir wurde 
dieses Thema wichtig, weil es die Unterscheidung des 
seelischen und des körperlichen Ichgefühls auf einem an- 
deren Wege der Selbstbeobachtung nachweisen läßt. 



114 



IV) Das Idigefühl im Traume 

Wenn man Träume erzählen hört, sie liesl oder seine 
eigenen sich zurückruft, so unterliegen sie der sekundären. 
Bearbeitung nicht nur ihrem Inhalte nach, sondern auch 
in Bezug auf die Art des Traumgeschehens. Es ist fast 
unmöglichj sich ihrer ganz exakt zu erinnern. Unwill- 
kürlich neigt man dazu, dem Geschehen im Traume als 
eine wache, geeinte, volle Person gefolgt und es mit 
ganzem Sein erlebt zu haben. Wir glauben das um so 
mehr, je mehr wir im Traume selbst etwas getan oder 
gesehen haben. 

Haben wir angefangen, dem Ichgefühl Beachtung zu 
schenken und fragen wir uns selbst oder einen Träumer 
nach dem Erwachen, wie das Ichgefühl im Traume war, 
so erfahren wir zunächst, daß immer ein Ichbewußtsein 
da war, und zwar das richtige Ichbewußtsein. Stets ist 
der Träumer mit der wachen Person identisch und hat 
auch das sichere Wissen davon. Das ermöglicht ja auch 
dem Traume, Teile des Ichs in andere Personen proji- 
ziert zur Darstellung zu bringen. Das Traum-Ich selbst 
bleibt stets das eigene Ich, auch mit dem Bewußtsein der 
Kontinuität, resp. der wiederherstellbaren Kontinuität der 
eigenen Seeleuvorgänge. 

Dieses Traum-Ich unterscheidet sich aber in der Mehr- 
zahl der Träume und in dem größeren Traumleil aller 
Träume von dem wachen Ich dadurch, daß nur von den 
geistigen Vorgängen ein Eigengefühl besteht, während der 
Körper im Traum-Ich gleichsam ignoriert wird. Im Wa- 
chen sind das geistige Ichgefühl und das körperliche Ich- 
gefühl nicht leicht zu trennen, weil beide so selbstver- 
ständlich dauernd dem Ich zu eigen sind. Für den Traum 
zeigt sich aber der rückblickenden Erinnerung ganz deut- 
lich, daß diese beiden Ichgefühle völlig unterscheidbar 
sind. 

Wemigleich alles Gelräumte als völlig wirklich erlebt 
wird, so fühlen wir ims trotzdem dabei — wie gesagt, in 

«• ■ • 115 



1. 



der großen Mehrzahl aller Träume — nicht auch kör- 
perhch, wir fühlen nicht unseren Körper mit seinem Ge- 
wicht und seiner Gestaltetheit, wir hahen nicht das Kör- 
pergefülü mit seinen Ichgrenzen, wie in der Norm des 
Wachseins. Es besieht aber auch kein Gefühl für den 
Mangel des Körper-Ichs, das im Wachen bei so minimaler 
Ichbesetzung eüitreten würde. Das Körper-Ichgefühl wird 

; nicht entbehrt. Der Grund dafür ist, daß nur das Auf- 
hören einer Besetzung der Ichgrenze, obgleich sie ge- 
braucht wurde, — so beim geistigen Ichgefühl — oder 
wo sie ständig besteht, — so beim körperlichen Ichge- 
fühl — als befremdend empfunden wird. Ich erwähnte ja 
oben, daß selbst der an Entfremdung Kranke schon im 
Schutz seines Bettes von seiner Entfremdung nichts zu 
wissen braucht. Das Träumen aber ist nur ein sehr par- 
tielles Erwachen aus dem Zustand der Ichlosigkeit. Die un- 
bewußten mid vorbewußten seelischen Vorgänge, welche 
zum manifesten Trauniinhalle werden, wecken das Ich 
dort, wo sie seine Ichgrenzen treffen: so kommt es immer, 
zu einer Neubesetzung mit Ichgefühl und es gibt keine 

:- verlassene Ichgrenze, solange ein Traumbild sie braucht. 
Daß der Traum vorübereilt und nicht zurückgeholt und 
nicht überdacht werden kann, kommt davon, daß die 
narzißtische Besetzung der geistigen Ichgrenzen jeweilig 
wieder aufhört, sobald ein Bild der Traumszene ablief 
und ein neues erscheint. 

Davon gibt es Ausnahmen. Es kann eine Szene auch 
längere Dauer bekommen; der Träumer kaini sich auf 
eine frühere Szene sogar besinnen. Es ist ein besonderes" 
Problem, waim diese beiden Ausnahmen eintreten. Wenn 
der ganze Traum in gleichsam erstarrten Bildern und sein: 
langsam abläuft, so ist das ein pathologischer Schlaf- 
zustand schwerer Übermüdung, analog wie einer er- 

•" müdeten Retina die Aufnahmsfähigkeit für ein neues Bild 
langsamer sich hersteUt und das frühere Bild länger be- 
' stehen bleibt. Beim normalen Träumer hat das Traum- 
bewußtsein eine ebenso schnelle Wiederherstellmigskraft 



116 



zur Aufnahme eines neuen Bildes, wie sie die gesunde 
Retina hat. 

Mit diesem wechselnd begrenzten geistigen Ich begnügt 
sich gewöhnlich der Traumzusland. Nur ausnahmsweise in 
bestimmten Fällen existiert auch ein Körper-Ichgefühl. 
Auf die geistige Ichgrenze trifft das Traumgebilde das 
Bewußtsein weckend. Weil es als Objektbeselzung von 
außen die geistige Ichgrenze trifft, wird es als wirklich 
gefühlt, trotz eventuell widersprechender Realitätsprüfung. 
Wir wissen im Traum die Wirklichkeit des Geschehens, 
wir empfinden sie geistig, wir sehen sie ausnahmsweise 
sogar lebhaft und selbst überlebhaft, wir sehen sie als 
wirkUch, es muß daher auch die visuelle Ichgrenze mehr 
oder weniger geweckt sein, — aber wir fühlen uns selbst 
dabei nicht körperlich unter Körpern. Die Körperlosigkeit 
des Träumers ist das, worauf ich in diesem Aufsätze das 
spezielle Augenmerk lenken will. 

Nach dem Erwachen aus solch einem körperlosen Träu- 
men kann die Erinnerung nicht angeben, wo und wie man 
in einer Traumszene sich körperlich gefühlt hat, ob man 
gesessen oder gestanden hat, wohin der Blick gewendet 
war, oder gar welche Haltung man eingenommen hat. 
Dabei kann die Traumszene so gut geordnet sein, daß 
man sie aufzeichnen kann. Andere Träume freilich lassen 
auch die Personen und Bilder der Traumszene nur teil- 
weise erinnern. Und wenn in einem Traume das Ge- 
schehen, z. B. das Aufsuchen eines Gegen.standes in einem 
Geschäftsladen, das Begegnen mit mehreren Personen, die 
Jagd nach einem Menschen direkt erfordert, daß der 
Träumer selbst jeweilig an einer bestimmten Stelle sehi 
mußte, ist er trotzdem nur als schauende« geistiges Ich^j 
auch als bewegtes schauendes geistiges Ich da, — ohne 
körperliches Ichgefühl und ohne Körperbewußtheit. Dieses 
war nicht aus dem Schlafzustand der Uubesetztheit auf- 
gewacht. Der Traum hat sich für den Körper des Träu- 
menden nicht interessiert, der Traum weckt also nicht 
mehr als nötig, und hierin zeigt sich eine Präzision viel- 



117 



leicht der Traumfunktion, vielleicht der Traumarbeit. 
Jedenfalls muß eine Disgregation der Ichfunktionen im 
Schlaf eingetreten sein, die solches partielle Erwachen 
des Ichs gestattet. Daß die Traumarbeit auswählend und 
verdichtend mit dem Traunimalerial arbeitet, wird also 
ergänzt dadurch, daß sie auch selektiv und konzentrierend 
auf die Ichgrenzen wirkt. Wir ruhen im Schlafe nicht nur 
von den Tagesreizen und von den Ichreaktionen aus, wir 
lassen auch das Ich selbst ausruhen. Und wenn unerledigte 
Reaktionen, Wünsche, Reize den Schlaf stören, so schützt 
ihn der Traum auch dadurch, daß er nur ein partielies 
Erwachen der Bewußtseinsfunktionen und der Ichbe- 
setzungen gestattet. 

Der Kern des Ichgefühls, der sich an die Labyrinth- 
funktionen und an die Orientiertheit des Ichs im Räume 
knüpft, muß nur so weit geweckt sein, daß die Traum- 
szenen im Räume richtig (nach der Schwerkraft, d. h. 
nach oben und unten) orientiert erscheinen. Wahrschein- 
lich gibt es überhaupt kein geistiges Ichgefühl ohne diesen 
Kern; denn nie fühlt sich das gesunde Ich im Räume un- 
orientiert. Um aber möglichst wenig vom Ichgofühl des 
Ichkernes zu brauchen, erwacht das Körper-Ichgcfühl so 
wenig und selten als möglich. Auch für den Ichkern gibt 
es merkwürdige Ausnahmen im Traumerleben, z. B. eine 
plötzhche Umkehrung der gesamten Traumumwelt, Aus- 
nahmen, die, wie wir wissen, als Darstellungsmittel für 
besondere typische Erlebnisse verwendet werden. 

Diese Sparsamkeit der Ichbesetzung im Traume ist so 
sehr geregelt, daß es sogar Bewegungsträume gibt^ in 
denen das Körper-Ichgcfühl fehlt. Wir alle würden anneh- 
men, daß ein so stark körperliches Traumerlebnis wie 
das Fliegen und Schweben mit einem starken, vollen 
Körper-Ichgefühl einhergehen muß. Aber auch dies stimmt 
nicht. Ich will an diesem so gut bekannten und wohlver- 
standenen typischen Traume die Unterschiede in der Be- 
setzung mit Ichgefühl deutlich zeigen. 



118 



Daß der Träumer im Fliegen sich selbst als ganzen 
Körper iühlt, kommt oft vor, besonders wenn ein Exhibi- 
lionswunsch, ein Sich-Zeigen-WoUen damit verbunden ist. 
Aber selbst bei exhibitionistischen Fliegeträumen, wie 
auch bei anderen Exhibitionsträumen ist das Körper-Ich 
nur selten ein vollständiges. Das Ichgefühl kann nur für 
den Oberleib oder für die Arme oder für die untere Kör- 
perhäifte deutlich sein, der Rest des Körpers ist ganz 
ohne Besetzung oder nur vage im Bewußtsein und im 
Gefühl. Gerade bei diesen Träumen ist aber mitunter das 
Ichgefühl sogar peinlich als mangelhaft bewußt. So bei 
den Schwebeträumen auf Stiegen, welchen das Gefühl 
für Brust und Arme geradezu unangenehm fehlen kann. 
Wenn aber, wie so oft, das Fliegen so geträumt wird, 
daß man sich in einer Flugmaschlne befindet, so fehlt in 
der Regel jedes Körper-Ichgefühl. Der Träumer erinnert 
sich an die Flugrichtung und an die Flugstrecke, auch an 
den Apparat; aber von diesem Apparat hat er während 
des Fliegens keinen genauen Eindruck bekommen; seiner 
Situation und seines Körpers in dem Apparate war er 
sich nicht bewußt. Noch mehr überrascht, daß nicht nur 
bei dieser so stark verschobenen, symbolisierten Dar- 
stellung des sexuellen Vorganges, sondern sogar bei direk- 
ten sexuellen Träumen das Körpergefühl ganz mangel- 
haft sein kann; oft ist es nur auf die Geschlechtsorgane 
beschränkt, oft ist nur die spezifische Lustempfindung ohne 
jedes Körper-Icbgefühl vorhanden. 

Das geistige Ichgefühl, welches also die im Traume 
regelmäßig vorhandene Ichbesetzung ist, hat unverhält- 
nismäßig häufiger einen passiven Charakter als einen 
aktiven. Bei aktivem geistigen Ichgefühl ist meist auch 
ein körperliches Ichgefühl vorhanden. Eine besondere 
Art von Träumen sind solche mit dem aktiven geistigen 
Ichgefühl des Schauens, welches ein körperliches Ich- 
gefühl für die Augen einschließt, während vom übrigen 
Körper kein Gefühl vorhanden ist. 

In einer Minderzahl von Träumen ist aber auch ein 



119 



körperliches Ichgefühl vorhanden, sei es während des 
ganzen Traumes, sei es nur in einzelnen Teilen des Trau- 
mes. Der Unterschied zwischen den Teilen, in welchen 
das Körper-Ichgefühl auftritt, und denen, in welchen es 
fehlt, ist ein ganz scharfer. Wer einmal darauf aufmerk- 

• sam gemacht wurde, kann meist bestimmt angehen, bei 
welchen Traumszenen er ein Körper-Ichgcl'ühl gehabt hat. 
— - Das Körper-Ichgefühl kann sehr lebhaft und betont sein 
oder nur etwas Selbstverständliches oder aber es wind 
ausdrückUch als vage und undeutlich angegeben. Den ex- 
tremsten Fall eines besonders lebhaften Körper-Ichge- 
fühls eigenartiger Qualität berichtete mir ein Patient, 
der seit seiner Kindheit typische Träume mit Nacht- 
wandeln hat. 

Er erzählt, daß er sich mühsam aus dem Schlafe er- 
hebt, um jemanden oder etwas zu retten. Er muß der 
Gefahr zuvoricommen. Sie besteht immer darin, daß 
etwas herunterfallen und die gefährdete Person oder 
den gefährdeten Gegenstand treffen wird. Der Schläfer 
steht uniter der seelischen Verpfliiclilung auf, helfend 
der Gefahr vorbeugen zu »allen. Es ist also edixe 
vom Über-Ich befohlene Traumhandlung. Das Auf- 
stehen geschieht schwer, der Träumer hat ein Gefühl 
wie Angst oder Bedrückung darüber, dali er aufstehen 
muß; er fühlt diese Bedrücktheit wie bei einem Alptraum. 
Während aber im Alptraum das Schwergefühl aus der 
Brust auf den Alp, der auf der Brust lastet, projizieirt 
wird, bleibt es bei unserem Somnambulen im Köi-per 
fühlbar als Schwierigkeit, ihn zu heben, als Gefühl des 
Gewichtes des Körpers, der erhoben werden soll. Also 

■ als Last und Erschwernis des Aufstehens und dc(S sich 
anschließenden Gehens; es bleibt dem Ich des Träumers 

- zugehörig. Während des ganzen Gehens ist das körper- 
liche Ich-gefühl ungewöhnlich stark. 

Dieser Art von Schlafwandelträumen — ich weiß nicht, 
wie weit sie typisch sind — sind die Hcmmungsträumo 
in einer bestimmten Beziehung entgegengesetzt. Beim Hem- 



120 



mungstraum wird eine Bewegung intendiert, aber im 
letzten Moment aufgehalten. In diesem letzten Momente 
vor dem Erwachen tritt ein starkes körperliches Ich- 
gefühl in dem gehemmten Gliede bezw. in den ge- 
hemmten Gliedern ein. Aber dieses Körper-Ichgefühl im 
gehemmten Gliede unterscheidet sich von dem normalen 
Körper-Ichgefühl nicht nur durch seine Intensität, sondern 
auch dadurch) daß das so mit Ichgefühl besetzte Organ 
außerhalb des Ichs gefühlt wird. So wie im Wachen — _ 
beim Normalen, nicht beim Hypochonder — ein starker 
körperlicher Schmerz als von außen das Ich treffend 
gefühlt wird, obgleich man weiß, daß das schmer- 
zende Organ zum Körper gehört, so wird auch im 
Hemmungslraum die peinliche Unbewegbarkeit und Starre 
des gehemmten Gliedes als von außen das Ich treffend 
gefühlt. Erst nach dem Erwachen kehrt das Gefühl der 
Herrschaft über das Organ und das Gefühl seines Be- 
sitzes dem Ich zurück. 

Im Nachtwandeltraume hingegen gehört das Gefühl der 
Körperschwere dem Ich an. Beiden typischen Träumen 
gemeinsam ist, daß ein Gegensatz zwischen Über-Ich mid 
Ich in ihnen zum Ausdruck kommt. Beim Hemmungstraum 
will das Ich etwas tun, der vom Es ausgehende Wunsch 
wird vom Willen des Ichs ausgeführt und die körper- 
liche Bewegung würde beginnen, wenn nicht auf Geheiß 
des erwachenden Ober-Ichs das Ich die Ausführung des 
Wunsches und des eigenen Wollens hemmen müßte. Zu- 
letzt hemmt der Gegenwille den vorausgegangenen Wil- 
lensakl. Beim somnambulen Traum hingegen wird vom 
Über-Ich aus der Wille des Ichs zu einer positiven Hand- 
lung angeregt, die dem Ich schwer fällt. Der Hemmungs- 
traum drückt also aus: „Ich darf nicht", der som- 
nambule Traum drückt aus: „Ich soll" etwas tun. 

Bei meinem somnambulen Patienten war noch eine 
andere merkwürdige Doppelrichtung im Ich während des 
ganzen Vorganges des Nachtwandeins dem Träumer deul- 



121 



lieh bemerkbar und erinnerlich. Während der ganzen 
Handlung bestand ein Gegenwille, der dem Ausstehen 
widerstrebt mid die Bewegung verlangsamt und erschwert. 
Dieser Gcgenwille entstammt aber nicht wie beim Hem- 
mungstraum dem Über-Ich, sondern einem Teile des 
Ichs. Die schon erwähnte Bedrücktheit durch die Auf- 
gabe wurde während des Träumens auch dauernd ratio- 
nalisiert durch den „vernünftigen" Gedanken: „Du schläfst 
und träumst, warte bis morgen früh, ob nicht die Gefahr 
morgen beseitigt werden kann oder am Ende gar nicht 
besteht." Es ist wie eine Teilung des Ichs. Ein Teil des 
Ichs ist dem wachen Denken ganz nahe, während der an- 
dere Teil so tief schläft, daß es Bewegungen vornimmt, 
ohne zu erwachen. Daß dieser Schlaf sehr tief sein muß, 
damit eine solche Teilung entstehen könne, ergibt sich 
aus dem Gefühl beim Aufwachen, wenn dieses durch 
äußeren Anruf, mitunter auch infolge eigenen Entschlus- 
ses, das Nachtwandeln unterbricht; es erfolgt immer wie 
ein Emporreißen aus tiel'sler Schlaftiefe. Es ist eine un- 
zureichende Erklärung, daß eine solche besondere Schlaf- 
tiefe, also das „Ein-Guler-Schläfer-Sein", die Möglichkeit 
solcher komplizierter Muskeltätigkeit im Schlafe an und 
für sich schon begründet. Wir wissen auch, daß die Tiefe 
des Schlafes hergeslelll werden kann, um eben die gegen- 
sätzlichen Wünsche und Willensrichtungen ausdrücken zu 
können. Jedes Schlafwandeln ist ein Gehen vom Bette und 
eine Rückkehr zum Bette. Der Kompromißcharakter dieses 
Traumes zeigt sich sogar in der Kurve des Gehens. Ich 
•werde aber über den somnambulen Traum an anderer 
Stelle berichten, hierher gehört er nur insoferne, als ich 
bisher in ihm den Traum mit stärkstem Körper-Ichgefühl, 
und zwar mit dem eines lastenden Körper-Ichs, eines 
Widerstandes, der vom Körper-Ich ausgeht, gefunden 
habe. Er zeigt uns auch eine Ausnahme von der Regel, 
daß bei aktivem geistigen ichgefühl auch das Körper-Ich- 
gefühl aktiv ist, denn hier war das geistige Ichgefühl 
aktiv, das Körper-Ichgefühl als Last passiv, während des 



122 



Wandeins wurde es allerdings allmählich oder plötzlich 

aktiv. 

In der Regel ist das Körper-Ichgefühl im Traume, 
wenn es auftritt, viel geringer als in den abnormen 
Träumen, von denen ich jetzt gesprochen habe. Wenn 
das Körper-Ichgefühl nicht den ganzen Körper, sondern 
nur Teile desselben erfaßt, so sind es meistens jene 
Teile, die mit der geträumten Außenwelt bewegend oder 
erleidend zu tun haben, wie ich es früher für den 
Schwebetraum angemerkt habe. Man meine aber nicht, 
daß bei allen gelräumten Bewegungen die bewegten Glieder 
mit Körper-Ichgefühl besetzt sind. Was ich oben über 
den Mangel des Körper-Ichgefühls bei dem geträumten 
Fliegen mittels Flugapparats ausgeführt habe, gilt ebenso 
von vielen anderen Bewegungsträumen, denen jedes, auch 
ein partielles Körper-Ichgefühl abgeht. Wir werden bei 
der nun folgenden Untersuchung, welcher Deutungswert 
den verschiedenen Arten von Besetzung mit Körper-Ich- 
gefühl zukommt, erfahren, daß dieser anscheinend so 
unbedeutende und nie beachtete Unterschied, ob der 
Träumer bei einer Bewegung das bewegte Glied fühle 
oder nicht, bei der Deutung des Traumes von entschei- 
dendem Gewicht ist, allerdings nicht für die Aufdeckung 
der latenten Traumgedanken, sondern dafür, welche Stel- 
lung das Ich zu den latenten Traumgedanken einnimmt. 

V) Bedeutung der Differenzen des Idigefühls im Traume 

Wenn es mir gelungen ist. den Leser von der Weite 
der Variation und von der Exaktheit der Angaben in be- 
treff des Auftretens emes Körper-Ichgefühls im Traume 
zu überzeugen, so hoffe ich, daß er mit mir die Er- 
wartung teilt, daß ein so präzises Symptom nicht be- 
deutungslos sein kann. Seine Bedeutung konnte nur auf 
psychoanalytischem Wege gefunden werden. Die Psycho- 
analyse wird sich auch in der Praxis auf diese Bedeu- 
tung stützen können. Schließlich führt aber unsere neue 
Erkenntnis zu einem allgemeinen Problem der Psycho- 



123 



logie, das so schwierig ist, daß jeder neue Zugang er- 
wüiisciit sein muß, — nämlich zum Problem des Willens. 

Als ich rein beobachtend erkannte, welche große Diffe- 
renzen das Ichgefühl im Traume zeigt, versuchte ich ver- 
schiedene Erklärungen, die mir als möglich einfielen, da- 
durch zu prüfen, daß ich sie zunächst bei eigenen Träu- 
men, für die ich das Auftreten des Körper-Ichgefuhls 
mit Sicherheit angeben konnte, anwendete. Ich glaubte 
zuerst zu finden, daß ein reziprokes Verhältnis zwischen 
der Stärke der Ichbetonung und der Intensität der Traum- 
bilder bestände, weil sich mir ein solches in einzelnen 
Träumen gezeigt hatte. Diese Annahme erwies sich aber 
als falsch, ebenso wie eine andere, daß das Körper-Ich- 
gefühl dann aufträte, wenn der Traum sich mit Ge- 
samtproblemen der eigenen Person, des eigenen Schick- 
sals beschäftigte. Diese beiden irreführenden Beziehungen 
waren durch die Besonderheil einzelner Träume vorge- 
täuscht worden. 

Ich kam dann darauf, daß in vielen Träumen ein par- 
tielles Ichgefühl eine einfache, theoretisch zunächst nicht 
interessierende Erklärung dadurch fand, daß sehr häufig 
ein besonders starker Affekt im Traume mit stärkerem 
Körper-Ichgefühl einhergeht. Das gilt besonders von Angst- 
träumen, aber auch von Träumen, in denen der Träumer 
Mitleid oder Stolz empfindet. 

Analog tritt ein stärkeres Tchgefühl dann auf, wenn 
eine Triebregung im Traume bewußt wird, so bei masochi- 
stischen oder exhibitionistischen Träumen. Die genaue 
Untersuchung solcher durch den Affekt oder den Trieb 
bedingter Körper-Ichfiefühle im Traume wird sich gleich- 
falls lohnen. Meine sichere, auf anderen Gebieten gewon- 
nene Erfahrung, daß wir ein aktives und ein passives Ich- 
gefühl zu unterscheiden haben, wird hier von Nutzen 
sein. Wir haben nämlich ein Ichgefühl für die aktiven 
und ein anderes für die passiven Funktionen des Körpers. 
Bei den Träumen mit stärkerem Scham- oder Angstaffekt, 
bei masochislischen und exhibitionistischen Träumen ist 



124 



nun das Körper-Ichgefühl ein passives. Ich vermute, daß 
l bestimmten Affekten die Besetzung bestimmter Körper- 
. teile mit passivem Ichgefühl entspricht. Wenn sich eine 
solche Relation gesetzmäßig nachweisen läßt, dann dürfen 
wü* vermuten, daß auch bei Träumen ohne Affekt die 
Besetzung eines Körperteiles mit besonderem passivem 
Körper-Ichgefühl auf einen zum Traume gehörigen, aber 
nicht „erweckten" Affekt schließen lassen dürfte. Denn 
Träume smd affektarm, das Schlafen verlangt ja, daß der 
Affekt nicht zustande komme. 

In bezug auf das aktive Körper-Ichgefühl er- 
gab die Beobachtung eigener und fremder Träume, daß 
■ es dann auftritt, wenn der Träumer nicht nur wünscht, 
was der Traum bedeutet, sondern dem Traumwunsche 
oder einem Teile desselben mit seinem Willen bei- 
tritt. Deshalb sind so seilen Träume von aktivem Körper- 
Ichgefühl begleitet; denn es handelt sich ja meistens um 
verbotene Wünsche, die, den Schlaf störend, durch den 
Traum erfüllt werden. Selten nur wagt es das Ich^ das 
Verbotene zu wollen. Aber zum Teile kajin das geschehen, 
und einzelne Teile der Traumhandluug können dem Willen 
des Träumers entsprechen, obgleich sie im Wachen von 
den übi-igen Teilen des Ichs oft widersprochen sein 
mögen. Denn nur in juristischen Werken lese ich von der 
„emheitlichen Gesinnung' \ die sogar die Frage nach der 
Schuld erledigen soll. Wir Psychoanalytiker, und heute 
können wir wohl schon sagen: wir Psychologen wissen, 
wie wenig einheitlich Gesinnung und Wollen der Men- 
schen zu sein pflegt, und wie oft im Laufe des Tages der 
-wache Mensch etwas will und es nicht tut. Was er wollte, 
war auch sein Wunsch gewesen. Aber das Ich gehorchte 
trotz Wünschen und Wollen dem Über-Ich und unter- 
ließ nicht nur die Handlung, sondern verdrängle auch 
den Wimsch und das Wollen. Im Traume erweckt nun 
der Wunsch das geistige Ich durch die manifesten Traum- 
bilder, und nun kaim im Traume das ganze Ich dem 
Wunsche beitreten, weil das Ich im Wachen den Wunsch 



125 



auch wollte; dann erhält nicht nur die entsprechende 
geistige Ichgrenze ihre Besetzung, es erwacht auch das 
ganze Körper-Ich. Solch ein Erwachen laßt aber das 
Schlafen überhaupt nicht lange aufrechterhalten. Und des- 
halb ist es möglich, bei dem Erwachen aus einem solchen 
Traume mit ungewöluiUch starkem und vollstäiidigcra 
aktivem Körper-lchgefühl dieses an sich selber wahrzu- 
nehmen und die volle Überzeugung davon zu gewinnen, 
daß man im Erwachen ein starkes Erlebnis des Wollcns 
hatte, welches sich aus dem abgelaufenen Traume fort- 
setzte. Ich konnte auf diese Art, ebenso wie vor Jahren 
die Bedeutung des Hemmungstraumes, in den letzten 
Jahren die Bedeutung des Traumes mit vollem Körper- 
Ichgefühl als typisch durch Selbstbeobachtung feststellen. 
Die Prüfung an den analysierten Träumen hat meine Deu- 
tung bestätigt. Solch ein Beitreten des Willens zum Traum- 
wunsch ist eine erhöhte Erfüllung des Lustprinzips, und 
tatsächlich sind diese inlensiven Willensträunie besonders 
angenehm. Wir wissen aber, daß der Gegenwille des 
Über-Ichs sie leicht in Hemniungsträume umwandelt. 
Eigentlich war die Erklärung der Träume mil Körper- 
Ichgefühl als Willensträume schon in der Erklärung der 
Hemmungsträume mit enthalten, aber nichl erkannt. Die 
Erklärung, daß gegen Ende des Schlafes eben das Körper- 
Ich schon erwache, erledigl sich durch die Beobachtung, 
daß es häufig keineswegs vor dem Aufwachen erwacht. 
Sehr gut paßt zu unserer Erklärung, daß das aktive 
Körper-Ichgefühl das Wollen des Träumers verrät, die 
Beobachtung, daß ein partielles Körper-Ichgefühl so häufig 
die geträumlen Bewegungen begleitet. Denn diese ent- 
sprechen ja einem zur Handlung gcsteigerlcn Willcns- 
impuls. Merkwürdiger ist, daß ül)erhaupt solche Bewe- 
gungen auch ohne Körper-Ichgefühl geschehen. Die Traum- 
analyse zeigt, daß solcher Mangel des Kör|)er-Ichgefühls 
wohl determiniert ist. Wenn eine Bewegung ausgeführt 
wird, ohne daß das Körper-Ichgefühl das Wollen des 
Patienten verrät, so soll eben diese Bewegung oder liaud- 



126 



lung nicht sein Wollen, sondern nur sein Können her- 
vorheben. Der Traumwunsch bezieht sich dann auf das 
Können; deshalb ist bei dem Impotenten das Fliegen im 
Apparate die typische Abart des Fliegetraumes. Wir er- 
innern uns, daß bei dieser Art zu fliegen das Körper-Ich- 
gefühl meist fehlt. Tatsächlich haben viele Impotente nicht 
den sexuellen Wunsch nach dem Sexualakt oder nach 
Erektion, sondern ihr Wunsch geht nach dem Können, 
nach der Potenz. Das gilt besonders für solche Neurotiker, 
deren Impotenz einen unbewußten Wunsch, welcher der 
männlichen Sexualität zuwiderläuft, erfüllt, oder für solche 
Impotente, welche mit bestimmten Sexualobjekten nicht 
sexuell verkehren wollen. Andrerseits verstehen wir 
ebenso, daß andere Fliegeträume mit vollem Korper-Ich- 
gefühl einhergehen. 

So haben wir durch die Beobachtung des Körper-Ich- 
gefühls die Darstellung des W o 1 1 e n s und des Könnens 
im Traume feststellen können. Nachdem uns das gelungen 
ist, sehen wir, daß dieser Weg der Darstellung ganz dem 
Sinne des Wollens und des Könnens als M o d i s im 
Sinne der Grammatik entspricht. Denn die Modalität drückt 
aus, wie sich das Ich des Menschen zu der im Verbum 
mitgeteilten Handlung oder Erledigung einstellt. Beim 
Wollen tritt das Ich dem Geschehen der Handlung 
bejahend und herbeiführend bei. Beim Können wird 
ausgesagt, daß, soweit das Ich in Frage kommt, die 
Möglichkeit der Handlung besteht. Deshalb ist es sinn- 
voll und folgerichtig, daß im Traume das Wollen durch 
das Hinzutreten eines aktiven Ichgefühls dargestellt wird, 
das Können durch die Handlung ohne Hinzutreten eines 
Ichgcfühls. Nach diesen Ergebnissen wollen wir uns weiter 
nach der Darstellung der ModaUtät im Traume umsehen. 

Bei unserem Traumwandler fanden wir eine besondere 
Steigerung des Körper-Ichgefühls, das er aber nicht aktiv, 
sondern zuerst als Last empfindet, und doch will er 
gleichzeitig das tun, was ihm so schwer fällt. Er hat 
demnach — soweit ich den Eindruck aus seinen Schil- 

■'' 

127 



derungen gewonnen habe — ein körperliches passives Ich- 
gefühl und ein geistiges aktives Ichgefühl. Sein Ober-Ich 
hat ihm die Handlung befohlen. Diese merkwürdige Koin- 
bmalion stellt in charakteristischer Art das Sollen dar. 
Es ist ein Wollen im Dienste der Über-Xchs und ein Nicht- 
wollen des Ichs. Ich füge hinzu, daß im Verlaufe des 
Nachtwandeins die Last des Körpers aufhörle und das 
Körper-Ichgefühl aktiv wurde. Das bedeutet, dali nach 
der Überwindung der Widerstände und auch unter dem 
Gefühl, es sei nur ein Traum, ein aktives Wollen die 
Traumhandlung begleitet. Talsachlich ist auch beim wachen 
„Sollen" gleichzeitig eine Aktivität des wollenden Ichs 
und ein Widerstand seitens eines Teiles des Ichs vor- 
handen. Beides wird im Traume durch die Anteile des 
Ichgefühls dargesteUt. Wenden wir uns nun dem schon 
in der „Traumdeutung" von Freud erklärten Hemmungs- 
traume zu, so weili ich aus meinen eigenen Unlersuchun- 
gen,4) daß er ein Wollen und Nichtdürfen darstellt. 
Dabei ist die Einwirkung des Ober-Ichs unbewußt, be- 
wußt ist nur, daß ein mit starkem Körper-lcligefühl be- 
setzter Körper oder Körperleile nicht bewegt werden kön- 
nen. Ein mit Körper-Ichgeiuhl besetzter Muskelapparal 
ist dem geistigen Ich entzogen. 

Die Berücksichtigung des Ichgefühls im Traume ver- 
langt eine neuerliche genaue Untersuchung dieser typi- 
schen Traumformen. Meine heulige Mitteilung ist daher 
nur eine vorläufige. Sie sagt aber mit Bestimmtheit aus, 
daß durch die verschiedene Art von Besetzung mit Ich- 
gefühl, ob nur geistig oder auch körperlich, ob aktiv oder 
passiv, ob total oder partiell, die verschiedene Modali- 
tät des Geschehens im Traume dargestellt wird. 
Umgekehrt werden wir auch dort, wo die Psychoanalyse 
des Traumes es noch nicht ergibt, aus dem Verhältnis 
des Ichgefühls auf die Modalität des Traumgeschehens 

*) Federn: Über zwei typische Traumseneationen. Jahrbuch der 
Psychoanalyse, Bd. VI. 

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phot. Max HalbeiNiadf, Hamburg 

Dr. Si'iiidor Ratio 






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schließen können und dadurch die psychoanalytische 
Deutung fördern. Wir können sagen, die Beobachtung 
des Ichgefühls im Traume eröffnet uns einen neuen Weg, 
um bei der Traumdeutung die Hilfszeitworte für die 
Traumhandlung richtig zu verwenden, denn diese drücken, 
wie schon oben gezeigt, die Relation des Ichs und des 
Über-Ichs zum Geschehen aus. für welche das Zeitwort 
des Geschehens am Objekte durch ein Organ (Instrument) 
mitteilt. Daß die Ichbesetzung im Traume den Vorgang des 
Wollens, Könnens, Seitens, Nichldürfens usw. (die desMüs- 
sens undDürfens stehen noch aus) anzeigt, entspricht völlig 
den Vorgängen im Wachen. Während aber im Wachen ent- 
sprechend diesen Hilfszeitwörtern das ganze Ich und Über- 
leb in bestimmte Relation zur Handlung treten, z. B. beim 
Wollen das aktive geistige und körperliche Ichgefühl, Den- 
ken, Impuls und Motorik, fehlt im Traume infolge des Ent- 
zuges der Besetzung sowohl die Motorik als auch die Denk- 
lätigkeit. Deshalb stehen dem Traume nur die Unterschiede 
im Ichgefühl als Ausdrucksmittel für die darzustellende 
Modalität zur Verfügung. Die im Wachen so mächtigen Un- 
terschiede zwischen Wollen, Sollen, Müssen, Dürfen und 
Können werden im Traume nur durch die subtilen und 
lange übersehenen Unterschiede im Ichgefühl ausgedrückt, 
also beinahe nur angcdeulcl. Die Geringfügigkeit dieser 
Darstellungsmiltel nimmt uns aber nicht wunder, denn 
wir haben schon lange von Freud gelernt, daß auch 
machtvollste Tricbwünscbe im Traume oft nur durch eine 
entfernte, an sich unkenntliche und lange übersehene 
Symbolik repräsentiert werden. 

Im Wachen ist alle Macht dem Ich zurückgegeben, vor 
allem der Wille ! Der Wille ist die Zuwendung 
der gesamten aktiven Ichbesetzung zu be- 
stimmten Handlungen, seien diese ein blo- 
ßes Denken oder ein Tun. Zu glauben, daß der 
Wille bloß das Vorauswissen eines in jedem Falle ein- 
tretenden Geschehens sei, ist eine intelleklualistische Auf- 
fassung, die völlig falsch ist. K 1 a g e s hat das schon 



9 Alraanach 1938 ' 12Q 



lange nachgewiesen. Dem Ich als Ganzem sieht 
eine bestimmte aktive Libidobesetxun^ zur Vedügung, 
die das Ich zuwenden mid abziclien kann, und dieses ist 
der Wille. Das aktive normale Ichgefühl ist die wesent- 
lich kleinere dauernde Besetzung des Ichs. Im Traume 
repräsentiert sie den Willen. 

Im Traumbuche Freuds konnnl der Wille nicht vor. 
Es lag dies daran, daß der Wille dem Bewußtsein und 
dem Ich zugehören; mein Beitrag soll die Traumlehre vor 
allem dahin ergänzen, daß auch das Wollen im Traume 
erkannt werden kann. W^nni gewollte Hand hingen im 
manifesten Traume vorkommen, so stannneii sie ebenso 
wie Denkaktionen aus dem Traumnialeriale. Ii'h selze 
aber die Traumdeutung folgerichtig auch dahin I'ort, 
daß auch kleine Unterschiede in der Besetzung mit Ich- 
gelühl im Traume nichts GleichgüUiges und Zufälliges 
sind, sondern daß auch sie dclorminicrt sind, determiniert 
wie die Modalität oder die latenten Affekte, die sie an- 
deuten. Die Traumdeutung wird auch diese Delerminie- 
rungen mit der Zeit und auf Grund weiterer I'Oirschung 
benutzen lernen. 



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; , DAS ÜBERICH IN DER 
GESCHLECHTSENTSCHEIDUNG 

Von 
Fritz Witteis 

In mehreren, nahezu unwillig anmutenden Bemerkungen 
hat der Schöpfer und unerschrockenste Denker derPsycho- 

■" analysc festgestellt, daß die Begriffe männlich und weib- 

• ]ich für die Psychologie nur dürftigen Inhalt haben. Sie 
sind kein Problem für den Anatomen, den Biologen und 
den Gesetzgeber. Ebensowenig für den gewöhnlichen 
Sprachgebrauch und für das praktische Leben. Die Psycho- 
analyse aber sieht sich derzeit gezwungen, dafür in grober 
Annäherung die Vorstellungen von plus und minus oder 

' von aktiv und passiv einzusetzen. Alles Stoßende, Vordrin- 
gende sei mäimlich, alles Aufnehmende, Duldende sei 
weiblich. Da das Benehmen wirklich lebender Männer 

■ und Frauen dieser asketischen Definition nicht entspricht, 
berufen wir uns in der Psychoanalyse auf das alles 
Lebendige durchdringende Gesetz der Bisexuahtät imd 
verweisen so unsere eigene Definition aus dem Reiche der 
Wirklichkeit in das der Abstraktionen. Wir nehmen männ- 
liche und weibliche Tendenzen an, die nur in verschie- 
denen Graden der Vermischung vorkommen, wie die Radi- 
kale der organischen Chemie. Die Entmischung und ge- 
sonderte Betrachtung einer männlichen als aktiven und 
einer weiblichen als passiven Tendenz leistet uns gute 
analytische Dienste. Wir laufen aber doch Gefahr, gerade 
dort zu verarmen, wo die Psychoanalyse immer ihr 
Höchstes geleistet hat, nämlich dort, wo wir der er- 
lebenden Erfassung des psychischen Lebens genugtun 
Wollen. 

Schon der „gesunde Menschenverstand" sträubt sich 
gegen eine mathematische Definition von männlich und 

9* '■' • ' . 131 



weiblich iii der Psychologie. Zwar mit der Aulorilät des 
„gesunden Menschenverslandes" wollten wir bald fertig 
werden. Die Psychoanalyse hat ihm oft nachgewiesen, daß 
er weder gesund noch vcrsländij^ war, sondern nur auf 
Unwissenheit und übcrkoinmeurm Irrtum beruhte. Aber 
wir haben gelernt, zu unterscheiden zwischen dem nur 
sogenannten gesunden Mensclienversland, der ein trieb- 
hafter Widerstand gej^en tien Verstand ist, und jenem 
untrüglichen Gefühl, das die Wege weist zu tieferer Er- 
kenntnis. Unser (Icfülil, daiJ die mathematische Defini- 
tion der Gcschlechtlichkeit zu arm ist, köniile möglicher- 
*weise zu Lösungen führen, die sich mit den Fortschritten 
der Philosophie im Ich-Problem vergleichen lassen. Die 
naturalistischen Philosophen (Mach, Nietzsche u. a.) 
hatten das Icli als pliilosophischen Begriff aus der Welt 
geschafft. Es sei nicht zu retten, lehrte Mach, es sei eine 
„Verführung von der Grammatik" her, sagte Nietzsche. 
Ich selbst konnte mich lange Zeit mit der Ich-Psychologie 
nicht befreunden, weil ich von Mach her kam. Ähnlich 
auch wurde von anderen (Wundt, Haeckel) um die näm- 
liche Zeit die Seele als dynamisches Prinzip beseitigt. Die 
zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hat da „ganze Arbeit" 
geleistet. Nichts wollte sie übrig lassen von der Romantik 
früherer Zeit, weder die Fcstungsmauern der Städte noch 
die Seele oder das Ich. Damals sträubte sich wohl eben- 
falls das lebendige Gefühl gegen diese radikale Beseitigung. 
Während man aber die schönen Staditore und Veduten 
der Altstädte nicht mehr wiedcrautbaucn kann, haben wir 
die Wiederaufrichtung des Ichs in der Philosophie sowohl 
als in der P.sychologie mitei'lebl. Der mathematischen Ge- 
schlechtsdefinition wird es vielleicht :ibnlic*h ergehen und 
unser Unbehagen über sie wird uns möglicherweise zu 
einer exislenziellcn Auffassung führen, die ein Männlich- 
keits- und ein Wcnblichkeils-Erlcbnis anerkennt. Nehmen wir 
zunächst aji (posifo sed noii concfs.w), dali di<^se beiden 
Erlebnisse zum biologischen Prinzipci der Hisexualitäl im 
gleichen Verhältnisse stehen wie das Ich-l-lilebnis zum 



132 



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principium indioiduationis. Allein, was ist ein Männlich- 
keits-, was ist ein Weiblichkeits-Erlebnis? 

Man sagt wohl gerne, Asien sei weiblich, verglichen 
mit Europa. Die Nacht sei weiblich und der Tag sei 
männlich. Der Traum männlich im Vergleiche mit dem 
Rausche, den man weiblich nennt. In diesen drei Bei- 
spielen ist es allemal das formende Prinzip, das Deter- 
minierte, das zum Männlichkeitserlebnis wird. Das Unge- 
formte, Endlose, Dunkle wird als weiblich empfunden. 
Aktivität und Passivität sind wohl auch darin. Europa und 
sein wildgewordenes Kind, Amerika, sind ungeheuer aktiv 
und fortschrittlich, verglichen mit dem Weltteil, auf dessen 
Flüssen heute noch Vehikel fahren, wie sie schon der 
Erzvater Abraham benutzt hat, als er den Euphrat hinab- 
fuhr. Aber Aktivität und Passivität sind nicht die Achse 
des Erlebnisses. Wir würden ja gerne sagen, daß Mülter- 
Uchkcit das Wesentliche aller Weiblichkeit und deshalb 
im Weiblichkeits-Erlebnis hauptsächlich enthalten sei, 
ebenso wie Zeugung männlich ist. Es macht sich gut, 
von Mutter Asien zu sprechen, von dem sanften weib- 
Uchen Mond mit dem männlichen Traum, der sich der 
allgemeinen Ruhe widersetzt; dem gransamen Beleuchter 
Helios, dem sich die formlose Trunkenheit widersetzt. 
Alles das sagt sich leicht, es fließt in der Tat wie öl aus 
der Feder. Leider stehen die Befunde der Biologie ebenso 
wie die der Psychoanalyse zu solchen Darstellungen, die 
sich einschmeichehi, in Widerspruch. Es gibt nichts, was 
zeitUch strenger determiniert und unerbittlicher wäre als 
Schwangerschaft und Geburt. Es gibt auch nichts Aktiveres 
als den Uterus, der auf das Zwanzigfache seines Volu- 
mens anwächst und dann mit unvergleichlicher Muskel- 
kraft die Frucht ausstößt. Das höhere Muttertier und 
auch das menschliche Weib werden während der Schwan- 
gerschaft dunkler pigmentiert, ihr Haarwuchs wird vor- 
übergehend männlicher. Die feigsten und scheuesten Tiere 
werden mutig und greifen an, wenn sie Brut zu beschützen 
haben. Diese biologischen und tierpsychologischen Tat- 



133 



Sachen decken sicli mit I^ermulon der Psychoanalyse, auf 
die ich in einer spätorcii Arbeil mit klinischem Malcriale 
zurückzukommen gedenke, von denen ich aber hier nur 
die wohlbekannte Gleichung: Kind = Penis anführen 
möchte. Den Übergang von der Biologie zur Psychologie 
» mag man in der aktiv nährenden Mamma sehen, die dem 
Kinde in einem Hohlraum eingeführt wird. Jones hat 
diesen Vorgang in seinem geistreichen Vortrag am 
12. Psychoanalytischen Kongreß den Maniniilingns genannt. 
Das Kind erlebt, wie die Psychoanalyse mit Sicherheit 
nachgewiesen hat, seine Mutter als männlich und wir 
werden dieses Miuinlichkeils-Erlebnis unserer l'rühesten 
Jahre niemals los. Die Mutter, das weiß die Psycho- 
analyse ebenfalls, bewertet die Gebm-t ihres Kindes als 
Männlichkeits-Erlebnis. Sie überwindet auf Grundlage die- 
ses Erlebnisses ihren Penisneid. Die Mutter ist also — 
warum solllcn wir uns nicht getrauen das auszusprechen? 
— biologisch und in einer verdeckten psychischen Schicht 
nicht weiblich, sondern männlich. 

Wir fühlen, daß wir hier bei einem fast unertnlglichen 
Paradoxon angelangt sind. Ich habe einmal mit diesem 
Gedanken in New York einen weiblichen Reporter in die 
Flucht geschlagen, der von mir etwas Neues über die 
Frau hören wollte. Ich sagte ihr, daß Gebären als männ- 
liche Leistung des Weibes zu gelten habe, worauf die 
Dame erschreckt das Weite suchte. Ist man aber einmal 
so weit, die männliche Komponente in dieser scheinbar 
exquisit weiblichen Funktion zu erkennen, besonders den 
männhchen Erlcbniswert, der darin steckt, dann wird 
man sich nicht wundern, die männliche Komponente in 
der weiblichen Schönheit zu entdecken, ob man diese 
nun sex appeal oder anders nennt. Nach der allgemeinen 
Meinung gehört auch die Schönheil zum Weibe und wirkt 
beim Manne leicht effeminicrl. im l^iglischen sagt man 
von eüieni Mann-e niicht gerne, er seii schini (aiimclive), 
^' sondern nur, er sehe gut aus. Schönheit zieht an, sie 

zwingt, und muß schon aus diesem Grunde für aktiv 



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erklärt werden. Allerdings ist sie ihrem reinen Wesen 
nach nur unwillkürlich aktiv. In der Wirklichkeit kommen 
aber die bewußte, sich selbst unterstreichende Schönheit 
und die sadistische Schönheit häufiger vor als das un- 
bewußte Gnadenbild. In der unbewußten Aktivität, die 
den Mann zur Liebe zwingt, haben wir ein Seitenslück 
zur Aktivität des Gebarens, das ja dem bewußten Willen 
gleichfalls entzogen ist: passive Aktivität in beiden Fällen. 
Aber selbst wenn man nicht geneigt ist, eine passive 
Aktivität als Erlebnis anzuerkennen, muß man die Unter- 
streichung der weiblichen Anziehungskraft durch künst- 
lichen Schmuck, die Exhibition, für männlich, für ur- 
sprünglich männlich erklären, wenn man doch sieht, daß 
beim höheren Tier durchwegs das Männchen die Mälme, 
die Farben, den Hahnenkamm, die Schwanzfedern, allen 
Schmuck trägt und noch beim primitiven Menschen der 
Krieger sich schmückt und bemalt. Schön sein und Sich- 
schön-machen wurde erst in fortgeschrittenen Zeiten auch 
dem Weibe gestaltet und ihm schließlich soweit abge- 
treten, daß ein Mann, der sich mit Schmuck behängt, als 
weibisch empfunden wird. Etwas Ähnliches gilt von Tracht 
und Mode. Im Morgenlandc tragen die Frauen Hosen und 
die Männer lange Röcke. In China trugen die Männer bis 
vor kurzem Zöpfe. Wir leben in einer Zeit, in der, wie es 
scheint, das Rauchen immer mehr zu den Frauen über- 
geht, und ich wollte, wir lebten schon in der Zeit, in der 
die Männer das Rauchen ebenso aufgegeben haben wer- 
den wie Ohrringe, Armbänder und Spitzenjabots. .leden- 
falls habe ich eine Zeit erlebt, in der eine Mutter in 
Tränen ausbrach, weil sie ihre Tochter beim Rauchen er- 
tappte. Sie fürchtete, ein Mannweib herangezogen zu haben. 
Die Verwirrung, In die wir mit unseren Begriffen 
eines Männlichkeits- und eines Weiblichkeits-Erlebnisses 
geraten, scheint mir vom biologischen wie vom psycho- 
analytischen Gesichtspunkte aus so vollkommen, daß Ich 
es gern durch ein Aktivitäts- und Passivitäts-Erlebnis 
ersetzen wollte. Aber wir geraten ja mit diesen Begriffen 



135 



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in Widersprüche, die ganx ebenso schwer zu vereinen sind. 
Ich meine, wir fahren besser mit dem BegrilTc eines 
V o 1 1 k o m m e n h e i l s - !•: r I e b n i s s e s, das sieh bei 
Männern und bei Frauen gleiclimäliifi einstellt, wenn sie 
glauben, daß sie in ihrer Art eine für ihre Zeit und für 
ihren Ort ausreichende VoUkonimenlieil erreicht haben. 
Es gibt biologische Vollkoniincnhciten, z. B. Kinderbokoin- 
men, Gesundsein und sich so fülden, i.iel)en und Sterben. 
Es gibt logische, ästlietischc, moralische Vollkommen- 
heilen, zu welch letzleren auch Schadenfreude, Ver- 
brechen als Negalivum gehören. Das Erleben aller dieser 
Vollkommenheiten als männlich oder wcil)lich, hängt 
weniger vom biologischen Unterbau als vom sozialen Über- 
bau ab, nämlich von dem, was gerade für männlich 
und weiblich gilt. Biologisch ist jeder von uns mäinilich 
und weiblich zugleich wie alles Lol)endige. Triebhaft 
sind wir ebenfalls bisexuell. Aber die Entwicklung der 
Kultur fordert mit fortschreitendor Schärfe und gewisser- 
maßen wider die Natur, daß wir uns für das eine oder 
das andere Geschlecht entscheiden. Wir erfüllen diese 
Forderung, indem wir nach einer langen Beifezeit, die 
von der Psychoanalyse aufgedeclit und ausfü lirlich be- 
schrieben wurde, schlielMich einem Erlebnis zustreben, 
das Ich folgendermaßen definieren möchte: Als männ- 
lich oder weiblich wird erlebt, was in einer 
bestimmten Zeit und an einem bestimmten 
Ort für männlich oder weiblich gilt. Diese 
Entscheidung des Erlebnisses liegt demnach beim Über- 
ich. Sie ist sozial. Hinter dem Männlichkeitserlebnis so- 
wohl als hinler dem der Weiblichkeit steckt die Bisexuali- 
tät, der wir nicht entrinnen können. Das Über-Ich igno- 
riert das. Ebenso wie es sich in die Bcalitätsprüfung ein- 
mischt, so entscheidet es auch über männlich und weib- 
lich. Wenn es der Meiiumg ist, daß die Frau zum Herde 
gehört, dann ist die beste Köchin das vollkommenste 
Weib und fühlt sich als solches. Schönheit gilt dann für 
schamlos und unweibiich. Es gibt andere Zeilen, in denen 



136 



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das Gebären vieler Kinder, Kochen und Stricken keines- 
wegs das Gefühl vollendeter Weibüchkcit erzeugen. Der 
soziale Kodex wechseil in sehr weiten Grenzen. Wenn er 
sich zu weit von den biologischen Leitlinien entfernt, dann 
gibt es hie und da eine Revolution. Das Über-Ich hängt, 
wie Freud uns lehrt, auch mit den tiefsten Schichten des 
Es zusammen, woher es kommen mag, daß endoklrin oder 
sonst organisch pathologische Männer und Frauen zu 
einem ungestörten VoUkommcnheitsgefühl in ihrem Ge- 
schlechte nicht gelangen können. Das Ober-Ich wird ja 
seinerseits von biologischen (konstitutionellen) Faktoren 
gesteuert, die sich in Form von Erlebnissen psychisch 
repräsentieren. 



Der Versuch des Über-Ichs, die Bisexualität zu über- 
winden, führt letzten Endes über die Stufe des Männ- 
licbkeits- und Weiblichkeitserlebnisses hinaus ins Asexuelle. 
Eros, Logos, Thanatos haben kein Geschlecht und weh- 
ren es ab. Deshalb singen Goethes „vollendetere Engel*': 

, Uns ist ein Erdenrest 
Zu tragen peinlich. 
LTnd war' er von Asbest, ' 
Er ist nicht reinlich. 
Wenn starke Geisteskraft 
Die Elemente 
An sich herangeraffl, 
Kein Engel trennte 
Geeinte Zwienatur 
Der innigen beiden. 
Die ewige Liebe nur 
Vermag's zu scheiden. 



137 



DIE SEXHALBETÄTIGIUNG 

DES KINDES 



Von 



lani 



ein 



Der folgendo Aufsatz ist (inm Kndo 1032 im Inter- 
nationalen PsychoanalytiBchun Vorlag erschionenen Werke 
„Die Psychoanalyse dos Kindos" entnommen. Preis in 
Leinen Mark 12.—, aeheftet Mark 10.—, 

Eine der großen Leislungen der Psythoanalysc war die 
Entdeckung, dalJ das Kind eine Sexualität besitzt, die so- 
wohl in direkter Sexualbelätigniig wie auch in sexuellen 
Phantasien zum Ausdruck komml. 

Wir wissen, dafi die Säuglingsmasturbation eine allge- 
meine Erscheinung ist, daß aber auch die Masturbation 
bis zur Latenzzeit, wenn auch in verschiedenem Ausmaß, 
überaus häufig auftritt. Allerdings erwarten wir, ihr auch 
schon heim kleinen Kinde nicht offenkundig zu begegnen. 
In der Vorpubertüt, insbesondere in der Pubertät, ist die 
Masturbation wieder eine sehr häufige ICrscheinuug. Die 
Entwicklungsperiode, in der die Sexualbctäligung des 
Kindes am stärksten nachläßt, ist das Lalenzalter. 
Die Erklärung hielür sehen wir darin, daß mit dem 
Abklingen des Ödipuskomplexes die Triebansprüche ge- 
ringer werden. Dagegen ist noch ungeklärt, weshalb wir 
die Latenzzeit vorwiegend unter dem Drucke des Abge- 
wohnungskampfes gegen die Masturbation linden. Freud 
schreibt: „Während der Latenzzeit scheinl die Abwehr 
der Onanieversuchung als Hauptaufgabe behandelt zu 
werden." Dies spricht dafür, daß das Drängen des Es 
im Latenzalter doeh nicht in dem Maße na<hgelassen hat, 
als angenommen wird, oder <laß der Druck des S(;huld- 
gefühls gegen die Tordcrungen des Es sich verstärkt hat. 



138 






Meiner Auffassung nach gelten die schweren Schuld- 
gefühle, die mit der Masturbation einhergehen, 
den destruktiven, sich in den Masturbationsphan- 
lasien äußernden Trieb reg u n ge n. Diese Schuldgefühle 
sind es, die zur vollständigen Einstellung der Maslur- 
balion drängen und — wenn diese Forderung sich voll 
durchsetzt — häufig zu Berührungsangst führen. Daß diese 
ein ebenso bedeutsames Zeichen gestörter Entwicklung 
darstellt wie die Zwangsonanie, geht deulUch aus Analy- 
sen Erwachsener hervor, in denen wir erfahren, daß die 
übermäßige Angst vor der Masturbation in der Kindheil 
zu schweren Störungen der Sexualität geführt hat. Diese 
Störungen sind freilich beim Kinde nicht zu ül)erprüfen. 
Sie werden erst beim Erwachsenen als Frigidität oder 
Impotenz deutlich. Doch auch beim Kinde sind sie an 
Schwierigkeiten erkennbar, die immer mit der Fehlent- 
wicklung der SexuaUtät einhergehen. 

Analysen von Berührungsangst ergeben, daß der 
allzu erfolgreiche Abwehrkampf gegen die Onanie sich 
nicht nur in Symptomen verschiedener Art (insbesondere 
Tic) äußert, sondern auch die kulturell so wichtige Auf- 
gabe des Latenzalters, die Entwicklung der Subli- 
mierungen, im höchsten Maße beeinträchtigt, 
indem er zur übermäßigen Verdrängung der M a s t u r- 
bations Phantasien führt. In meiner Arbeit i Zur 
Genese des Tic (Int. Ztsclir. f. PsA., Bd. XI, 1923) wies 
ich an Hand eines Falles von Tic nach, daß dieser zu- 
gleich mit der Berührungsangst sich in dem Maße auf- 
lösen ließ, als die so lange verpönte Masturbation wieder 
einsetzte, zugleich damit auch eine Reihe von Sublimie- 
rungen sich entwickelte. Die Masturbationsphantasicn sind 
nach meinen Erfahrungen eine Grundlage der Spiellälig- 
. keit und ein Element aller weiteren Sublimierungen. Beim 
kleinen Kinde sehen wir, wie in der Analyse, wenn die 
verdrängten Masturbationsphantasien frei werden, die Spiel- 
tätigkeit — beim größeren Kinde Lerntätigkeit, Sublimie- 
rungen und Interessen verschiedenster Art einsetzen. 

139 



Zugleich wird aber auch in den Fnilcn, in denen Be- 
rührungsangst vorgelegen hutle, die Masturhidion wieder 
aufgenommen. Eine weilgehend vcrslärkte Subli- 
mierungsfähigkeil crgihl sich - neben anderen 
Veränderungen ~ auch in Fällen von Zwangsonauie 
in dem Maße, als der Zwang zur Masturbation aufge- 
löst wird. In diesen Ffdlen blieb aber die Masturbation 
in geringerem Ausmaße und ohne Zwanghafligkeit beste- 
hen. Analysen von Ueriilirungsangsl führen auch fast regel- 
mäßig XU eüiem vorübergehenden Stadium von Zwangs- 
onanie, Analysen von Zwangsonanie olt xu vorühergehcn- 
<ier ßerührungsangst. Bei der Zwangsonanie erweist sich 
auch die Tendenz, die Masturbation der Umgebung vor- 
zuführen, mitbestimmend; sie geht vom Srhuldgetühl aus 
nieselhen Faktoren sind auch beim VL-rliallcn kleiner oder 
größerer Kinder mit wirksam, die offenkundig — an- 
scheinend „ungehemmr' - onanieren. Die Analysen von 
Zwangsonanie und Berülnningsajigsl führen demnach in 
Hinsicht auf Sublimieruiigslähigkeil und masturl)atorische 
Betätigung zu deji gleichen Eudresultateu. 

Es scheijit also, daß das AbkUngeri <U'.s Ödipus- 
konfliktes normalerweise zwar eine Periode geringereiT, 
aber keineswegs völliger sexueller Bedürlnislosigkeil ein- 
leitet, und eine mäßige — nicht zwanghafle und Be- 
friedigung bietende — MaslurbaUon m allen kind fli 
liehen Altersstufen eine normale Erscheinmig ist. T| 

Die Momente, die für die Zwangsonanie heslimmend 
sind, machen sich auch in einer anderen Form der kind 
hchen Scxualbeläligung geltend. Ich habe wiederholt her- 
vorgehoben, daß nach meinen lüialirungen in der ersten 
Kindheit sexuelle Beziehungen von Kindern 
untereinander die Begel smd. Ich stellte aber auch in 
einer Reihe von Fällen des Latenz- und Puhertätsalters 
fest, daß diese Beziehungen beim Einsetzen des Latenz- 
alters nicht zum Stillstand ge-kommen waren oder in 
anderen Fällen von Zeit zu Zeit plötzlich wieder auf- 



n 



140 



genommen wurden, und daß in all diesen Fällen im 
wesentlichen die gleichen Faktoren wirksam waren. Ich 
will dies an zwei Beispielen illustrieren, und zwar an der 
Beziehung zweier Brüder im Alter von sechs und fünf 
Jahren und zweier Geschwister im Alter von vierzehn 
und zwölf Jahren. Da ich in beiden Fällen beide Partner 
in Analyse hatte, war mir ein voller Einbliok in das In- 
einanderwirkcn aller Faktoren möglich. 

Günther und Franz waren in ärmlichen, aber nicht 
ungünstigen Familienverhältnissen aufgewachsen. Die Eltern 
lebten in gutem Einvernehmen miteinander. Obgleich die 
Mutter die Hausarbeit allein besorgte, befaßte sie sich 
viel und in verständnisvoller Weise mit den Kindern. 
Günther wurde wegen seines ungewöhnlirJi gehemmten 
und ängstlichen Wesens und seiner deutlichen Absperrung 
von der Realität in Analyse gegeben. Er war ein verschlos- 
senes, überaus mißtrauisches Kind, aufrichtiger und wirk- 
licher Liebe anscheinend nicht fähig. Franz war überleb- 
haft, aggressiv und schwer erziehbar. Die Kinder vertrugen 
sich sehr schlecht miteinander, wobei aber Günther der 
Nachgiebigere zu sein schien. 

Der Beginn der von den Kindern mutuell vorgenom- 
menen sexuellen Akte ließ sich in den Analysen bis auf 
das Alter von etwa dreieinhalb beziehungsweise zweiein- 
halb Jahren zurückführen; ich halte es aber für wahr- 
scheinlich, daß sie schon vorher eingesetzt hatten. In der 
« Analyse ergab sich, daß beide Kinder bewußt gar kein 
Schuldgefühl wegen dieser Akte empfanden (die sie aber 
dabei sorgfältig verheimlichten), während das unbewußte 
Schuldgefühl überaus schwer war. — Für den älteren 
Knaben, der den jüngeren verführt und zeitweise genötigt 
hatte, waren die von ihm vorgenommeneu Akte (gegen- 
seitige Fellatio, Masturbation und Berührung des Anus mit 
den Fingern) gleichbedeutend mit Kastration (die Fellatio 
vertrat das Abbeißen des Penis) und mit Zerstörung des 
ganzen Leibes des Bruders (durch Zerschneiden, Zer- 



141 



reißen, Vergiften, Verbrennen usw.). Die Analyse der mit 
diesen Akten verbundenen l*iianlasien ergab, daß sie nicht 
nur der Üborwälligung und /erslörung des liruders gaben, 
sondern daß dieser ihm dabei auch die beiden miteinander 
im Koitus vereinigten rollern bedeutete. — Die Akte waren 
also in gewissem Sinne eine Realisierung der sadi- 
stischen, gegen die Eltern gerichlelen Masturba- 
tion s p h a n t a s i e n in gemilderter Form. Indem 
Günther, und zwar zeitweise in gewaltsamer Weise, diese 
Akte am Bruder vornahm, suchte er sich unter anderem 
den Beweis zu erbringen, daß er auch im gcifährlichen 
K a m p if c mit den E 1 1 e r n der Stärkere sein würde. 
Aus der übcrmrUJigen Angst vor den I*21tern entsprang ein 
verstärkter Antrieb, sie zu beseitigen, wobei die in der 
Phantasie verübten Angrillc auf die lottern diese wiederum 
um so furchterregender machten. Die Angst, der Bru- 
der könne ihn verraten, steigerte wieder den Haß 
gegen diesen und bildete einen verstärkten Antrieb, ihn 
durch diese Akte zu beseitigen. Bei (iünlher, bei dem 
ein ganz abnormer Sadismus vorlag, eulluelt die Sexuali- 
tät fast keinerlei positive Elemente. In seiner Phantasie 
bedeuteten die verschiedenen sexuellen Akte eine in raffi- 
nierter Weise vorgenommene Folterung, die zum Tod 
des Objektes führen sollte. Diese Phantasien ent.spraehen 
in vielen Einzcllieitcn und auch durch den völligen Man- 
gel an Reaktionshildungen gegen diese Antriebe (als Reak- 
tion trat nur Vcrgeltungsangst, nicht aber Bedauern oder 
Schuldgefühl auf) — den Handlungen sadistischer Ver- 
brecher. Die Vergeltungsangst wirkte sieh aber als immer 
wieder erneuter Antrieb zur Wiederholung dt\r sexuellen 
Betätigung aus. In diesem ganz abnormen Falle, in dem 
zufolge der weitgehenden Vorherrschaft der destruktiven 
über die Ubidinosen Triebregungen die Scxualbetätigung 
dem Verbrechen gleichgesetzt wurde und es vertrat (beim 
erwachsenen Verbrecher geht bekanntlich häufig die per- 
verse Scxualbetätigung mit dem Verbrechen einher), wirkte 
sich die Vergeltungsangst als Antrieb zur Beseitigung des 



142 - 



Objektes aus. Indem Günther den Bruder überwältigte, 
erbrachte er sich immer wieder den Beweis, daß er nicht 
überwältigt würde. 

Günthers Beziehung zu seinem Bruder aktivierte aber 
auf diese Weise immer wieder Angst und verstärkte so noch 
seine Schwierigkeiten, die zu einer völUg abnormen 
psycho-sexueUen Entwicklung geführt hatten. 

Der jüngere Knabe, Franz, hatte die unbewußte Bedeu- 
tung der vom Bruder vorgenommenen Akte voll erfaßt, 
und deshalb war seine Angst, von ihm kastriert und ver- 
nichtet zu werden, übermäßig gesteigert worden. Trotzdem 
hatte Franz sich weder beklagt noch auch die Entdeckung 
dieses Verhältnisses ermöglicht. Von den Gründen, die 
bei dem jüngeren Knaben eine überaus starke masochisti- 
sche Fixierung an diese für ihn so beängstigenden Akte 
' und (trotzdem er der Verführte war) ein schweres Schuld- 
gefühl erzeugt hatten, greife ich hier einige heraus: 

Franz identifizierte sich in seinen sadistischen 
Phantasien mit dem ihn vergewaltigenden Bruder, 
schöpfte also aus dieser Situation die Befriedigung für 
seinen Sadismus, die wir als ehie der Wurzeln des Maso- 
chismus kennen. Die Identifizierung mit dem 
Angst Objekt sollte aber auch der Angstbewälti- 
gung dienen. In seiner Phantasie wurde Franz auf diese 
Weise selbst zum Oberwältiger: Der Feind, gegen den sich 
seine Angriffe richteten, war sein Es, sowie der verinner- 
lichte Penis des Bruders, der den Penis des Vaters — das 
gefährliche Ober-Ich — vertrat und den er als Verfolger 
empfand. Dieser sollte durch die auf seinen Körper erfol- 
genden Angriffe in seinem Leibesinnern zerstört werden. 
[MeUtla Schmideberg weist darauf liin, daß hei den 
Primitiven durch die gewaltsamen exorzistischen Maß- 
nahmen, die der Medizinmann vornimmt, die Angst vor 
dem im Kranken befindlichen Dämon (den in ihm voraus- 
gesetzten väterlichen Penis) bewältigt werden soll. (Psycho- 

143 



tic Mechanism in Cultural Dcvelopineul. lut. Journ. of 
Psycho-Analysis Vol. X, 1930).] 

Da aber dieses Bündnis inil einem grausamen äußeren 
Über-Ich gegen die verinnerlichten Objekte und das Ks 
nicht aufrcchtorhallen werden konnte, weil es das Ich 
zu sehr bedrohte, wurde der Ilnli immer wie(ter auf die 
01)jekte abgedrängt, die aueh für das eigene gehabte 
schwache Ich standen, so zum Beispiel auf jüngere, schwä- 
chere Kinder, gegen die Franz nülunler brulal war. Der 
Haß, den Kranz zeilweise gegen mich hi der Analysen- 
stunde bekundete, die Wut, mit der er mich mit einem 
Holzlöffel bedrohte, den er mir in den Mund stoßen 
wollte — wobei er mich als klein, dumm, schwach be- 
schimpJte — , erwiesen sich durcli diese Verscliiebung 
determiniert. Der Holzlöffel stellte symliolisrh den Penis 
des Bruders dar, der ihm gewaltsam in den Mund ge- 
stoßen worden war. Den Haß gegen den Bruder hatte er 
in Idenlilizierung mit <liesem gegen sich selbst gewendet. 
Er wütete gegen sieh wegen seiner Schwäche und Klein- 
heit und drängte dann diesen Haß auf andere, schwächere 
Kinder — in der Oberlragungssiluation auf nnch — ab. 

Abwechselnd mit diesem Mechanismus kehrte hranz in 
der Phantasie die Situation um und empfand die vom 
Bruder ausgeübten Akte gleichzeitig als von ihm selbst 
gegen Günther verübte Angriffe. Da aber für h'ranz in 
diesen sadistischen l^hanlasien —analog wie beidünthcr — 
der Bruder zugleich ein Substitut für die Kitern dar- 
stellte, wurde er selbst in den Phaniasieangriffen auf die 
Eltern der Spießgeselle des Bruders. Deshalb teilte er auch 
das Schuldgefühl und die Angst des anderen v(»r der Ent- 
deckung durch die Kitern, woraus sich ebenfalls ein 
starkes Motiv zur Geheimhaltung der Beziehung ergab. 

Ich kam auf Grund einer Ueihe von analogen Erfah- 
rungen zur Auffassung, daß es der über m ä ß i g e 
Druck des Über -Ichs ist, der (ebenso wie l'ür die 
vollkommene Unterdrückung) für den zwanghaften 
Antrieb zur Sex u a I b c t ä t ig u n g bestimmend ist, daß 



144 



also Schuldgefühl und Angst die libidinösen Fixierungen 
verstärken und die libidinösen Triebansprüche erhöhen. 
Übermäßiges Schuldgefühl und das Übermaß der Angst 
scheinen mir beim Einsetzen des Latenzaiters die Ver- 
minderung der Triebansprüche zu verhindern. Hiezu 
kommt, daß im Latenzalter selbst eine verminderte Scxual- 
betätigung eine übermäßige Schuldreaktion hervorruft. 
Struktur und Ausmaß der Neurose bestimmen das Resultat 
dieses Kampfes im Latenzalter. ßerührungsangst und 
Zwangsonanie stellen die Endpunkte einer Ergänzungs- 
reihe dar, in der wir die verschiedensten Abschattungen 
vertreten sehen. 

Der zwanghafte Antrieb zum Sexualverkehr erwies sich 
mir in diesem Falle und in anderen Fällen durch einen 
Faktor bestimmt, dem auch allgemeine Bedeutung für den 
Wiederholungszwang zuzukommen scheint. Die phanta- 
stische Angst vor einer irrealen, das L e i b e s i n- 
nere betreffenden Gefahr treibt dazu, diese Gefahr in 
eine reale und äußere zu verwandeln. (Im vorlie- 
genden Fall drängte die Angst vor dem verinnerlichten 
Penis des Bruders als Verfolger und den bösen verinner- 
lichten Ellern zur Vergewaltigung durch den Bruder.) 
Diese äußere Gefahrsituation wird dann zwangsweise her- 
beigeführt, da die Angst, die sich aus realen Gefahr- 
situalionen ergibt, immer noch geringer ist als die 
dem Leibesinnern geltende und auch besser er- 
ledigt werden kann. 

Mit äußeren Mittein den Fortbestand dieser sexuellen 
Beziehung zu verhindern, wäre unter den gegebenen Ver- 
hältnissen unmöglich gewesen, da wegen der engen Woh- 
nungsvorhältnisse eine Trennung der Schlafgelegenheiten 
sich nicht hätte durchführen lassen. Eine solche Maßregel 
wäre aber auch nach meinen sonstigen Erfahrungen in 
einem Falle wie diesem, da der Zwang auf beiden Seiten 
ein so starker war, wirkungslos geblieben. Es zeigte sich, 
daß die Kinder, wenn sie auch nur einige Minuten tags- 
über allein blieben, diesen Zeitraum zur Ausführung 

10 Almanach 1983 145 



1! 
I 



irgend einer sexuellen Berührini|4 benul/leii, die für das 
Unbewußte die gleiche Bedeutung halle wie die Ausführung 
der verschiedenen als sadisliseh phantasierten Akte. Erst uii 
Verlauf der lange dauermlen liehandlung, in der ich nie- 
mals die Kinder dahin zu beeinflussen suehle, daß sie dies© 
Sexualbeläligung einstellen sollen, sondern rein analy- .| 

tisch die d e l e r ni i n i c r e n d c n Ursachen die- j 

ser Beziehung auf beiden Seilen aufdeckte, 
kam es langsam und schrittweise zuerst zu einer VerSnde- 
rung der Akte und einer Verringerung ihrer Zwanghaftig- 
keit und schließlich in deren völliger K i n s t e 1 1 u n g. 
Hiehei zeigte sich, daß nun nicht etwa eine (lleichgüUig- 
keit gegen die mutuellen sexuellen Akte einges<^t/t halt(\ 
sondern daß das Schuld^^efiihl, als es weniger vehement 
wurde, zur Einstellung der Beziehung drängle. Während 
also vorher die übermäßige Angst und das einer frühen 
Entwicklungsstufe entstammende Schuldgefühl t\i^\\ Zwang . 

hervorgerufen, also die Fixierung verstärkt halten, so war \ 

die sexuelle Beziehung beiderseits aufgegeben worden, 
als das Schuldgefühl verringert war und sich auf ver- 
änderte Art geltend machte. Zugleich mit der Veränderung 
und schließlieh völligen Einstellung der sexuellen Bezie- 
hung hatte die vorher feindselige und gehässige lünstel- 
lung der Kinder zueinander einer normalen und herz- 
lichen Beziehung Phitz gemacht. Diese von mir in allen 
Fällen geübte Enthaltung fiel mir in diesem Falle, da die 
Schädigung so deutlich war, oft recht schwer. Andrerseits 
hat mir gerade dieser lall wieder die Aussichtslosigkeit 
einer pädagogischen Beeinflussung seitens des Analytikers 
erwiesen. Wäre die Verhhiderung dieser Akte wirklich 
möglich gewesen — was sie aber in diesem Falle nicht 
war — , so wäre damit deinioch nicht die notwendig! Ue- 
hebung der pathologischen Ursachen erfolgt. Auch in 
anderen Fällen, in denen Beziehungen dieser Art ülwr den 
Beginn des Eatenzallers hinaus fortgesetzt wurden, sielltc 
ich fest, daß nur ein Teil der in der Frühzeil ausgeführten 
Akte beibehalten wurde (insbesondere wurden lellalio 



146 



« 



' I 



und Cimnilingus aufgegeben) und die Akte auch seltener 
— in den meisten Fällen nur periodisch — vorgenommen 
wurden, daß sie jedoch für das Unbewußte die ganze ur- 
sprüngliche Beziehung mit allen seinerzeit vorgenommenen 
Handlungen wiederholten. Bei Ilse zum Beispiel trat nach 
einem Koitusversuch mit dem Bruder ein Ausschlag um 
den Mund herum auf, der der Ausdruck des S<:huid- 
gefühls und der Angst wegen der in früher Kindheit mit 
diesem Akt zugleich vorgenommenen Fellatio war, die sie 
aber, wie gesagt, seit früher Kindheit nicht mehr aus- 
geübt hatte. 

Ich kann mich nun i)ei der Besprechung des zweiten 
Falles mit der Anführung der Tatsachen und dem Hin- 
weise begnügen, daß hier — wenn auch in den Einzel- 
heiten verschieden — die gleichen Faktoren bestimmend 
waren wie in dem zuvor besprochenen Falle. 

Zwischen der zwölfjährigen Ilse und ihrem um zwei 
Jahre älteren Bruder Gert kam es von Zeit zu Zeit zu 
koitusähnlichen Akten, die — oft nach langen Pausen — 
ganz plötzlich vorgenommen wurden. Hier lag auf seilen 
des Mädchens gar kein bewußtes Schuldgefühl vor, wäh- 
rend der sehr viel normalere Bruder auch bewußt starke 
Schuldgefühle halte. Die Analyse der beiden Kinder ergab, 
daß eine in der ersten Kindheitsperiode entstandene se- 
xuelle Beziehung zu Beginn des Latenzalters nur zeitweise 
abgebrochen worden war, weil ein aus dem übermäßigen 
• Schuldgefühl herrührender zwanghafter Antrieb auf bei- 
den Seiten von Zeit zu Zeit die Wiederholung herbei- 
führte. Die in der frühen Kindheit ausgeführten Akte 
hatten sich im Latenzalter nicht nur der Häufigkeit nach 
verringert, sondern auch dem Charakter nach einge- 
schränkt. Fellatio und Cunnilingus waren aufgegeben wor- 
den und einige Zeit hindurch kam es nur zu gegenseitigem 
Betasten und Beschauen. In der Vorpuberlät setzten aber 
wieder koitusähnliche Berührungen ein. Diese Akte gingen 
vom Bruder aus und trugen einen zwanghaften Charakter. 
Er folgte dabei einem plötzlichen Impuls; weder vorher 



10. .. , 147 



noch nachher beschältigle er sich mit ihnen in Gedanken. 
Er „vergaß" das Geschehnis aiicli fast völlig von einem 
Mal zum anderen. Diese partielle Amnesie lag ebenfalls 
für eine Reihe anderer mit dem Sexualverkehr assoziativ 
verbundener Dinge vor und bestand in ungewöhnlichem 
Maße für die frühe Kindheil. Die Schwester war in frühe- 
rer Kindheit häufig der aktive Teil gewesen, spielte al)er 
später nur mehr eine passive Uolie. In dem Maße, in dem 
die Analyse bei beiden Kindern die lieferen Ursachen 
des vorliegenden Zwanges aufklärte, loste sich dieser auf 
beiden Seiten auf, und es kam auch zur völligen Ein- 
stellung der sexuellen Beziehung zwischen 
ihnen. Auch in diesem Falle verbesserte sich das 
ursprüngUch sehr schlechte Verhältnis zwischen 
den Geschwistern in auffallender Weise. 

In diesen und auch in anderen Fällen erfolgte die Auf- 
lösung des Zwanges zugleich mit einer Jleihc von ein- 
schneidenden, ineinandergreifenden Veränderungen. Die in 
der Analyse schrittweise sich vollziehende Milderung des 
Schuldgefühls ging mit der Herabsetzung des Sadismus 
und einem stärkeren Hervortreten der genitalen Stufe 
einher. Dies drückte sich in entsprechenden Änderungen 
der Masturbationsphanlasien — beim kleineren Kinde auch 
der Spielphantasien — aus. 

In Analysen des Pubertätsallers läßt sich dann 
auch noch eine Veränderung der Masturbations- 
phanlasien feststellen. S<i halle Gert zum Heispiel 
keine bewußten Masturbationspliantasien; im Verlaufe der 
Analyse setzten Masturbationsphanlasien ein, die ein Mäd- 
chen zum Gegenstand halten, von dem er nur den nackten 
Körper und nicht den Kopf sah. Auf eiiu'r weiteren Stufe 
trat der Kopf immer deutlicher hervor und erwies sich 
als der seiner Schwester. Zu dieser Zeit war al)er der 
Zwang schon aufgelöst, und die sexuelle Beziehung zwi- 
schen den Geschwistern war ganz cingestelll worden. 
Hieraus gehl der Zusammenhang iiervor, der zwischen 
der übermäßigen Verdi'ängung der auf die Schwester ge- 



148 




richteten Wünsche und Phantasien und dem zwanghaften 
Antrieb zum Sexualverkehr mit ihr bestand. 

Noch später veränderten sich die Phantasien dahin- 
gehend, daß er nur andere, fremde Mädchen sah, schließ- 
lich war es ein bestimmtes Mädchen — eine Freundin der 
Schwester — , von der er phantasierte. In diesen stufen- 
weisen Veränderungen do-kumenlierte sich die Ablö- 
sung von der Schwester; sie konnte erst ein- 
setzen, nachdem die aus übermäßigem Schuld- 
gefühl resultierende zwang hafte Fixierung an 
sie analytisch behoben worden war. 

Ich komme, was die sexuellen Beziehungen von Kin- 
dern — insbesondere von Geschwistern — untereinander 
betrifft, auf Grund meiner bisherigen Erfahrungen zum 
Ergebnis, daß solche Beziehungen in der frühen Kindheit 
allgemein sind, dagegen im Latenzalter und in der ersten 
Pubertät nur beibehalten werden, wenn das Schuldgefühl 
übermäßig und seine Verarbeitung nicht geglückt ist. 
Allerdings bin ich nach meinen Beobachtungen über- 
zeugt, daß diese Beziehungen auch in diesen Lebens- 
perioden sehr viel häufiger sind, als im allgemeinen an- 
genommen wird. 

Allem Anschein nach wirkt sich das Schuldgefühl im 
Latenzalter dahin aus, daß, während die Masturbation in 
geringerem Ausmaße bestehen bleibt, sexuelle Betätigun- 
gen von Kindern untereinander — sei es mit Geschwistern 
oder anderen Kindern — als eine zu starke Realisierung 
der inzestuös-sadistischen Wünsche verworfen werden. 
Auch noch im Pubertätsalter wirkt die Zielsetzimg dieser 
Entwicklungsperiode, die die Ablösung von den inzestuö- 
sen Objekten beinhaltet, solchen Beziehungen entgegen. 
Die Aufnahme von sexuellen Beziehungen zu neuen Objek- 
ten aber erfolgt normalerweise in einem späteren Ab- 
schnitt des Pubertätsallers. Sie basiert auf der sich voll- 
ziehenden Ablösung von den alten Objekten und beruht 
dann auf anderen, dem Inzest entgegenwirkenden Stre- 
bungen. 



149 



Nun erhebt sich die Krage, inwieweit es mögUch wäre, 
von vornherein das Z u s l a n d e k o ni m c u solcher 
B e z i e h u n f? e n zu verhindern? Es scheint mir 
sehr zweiieihatt, ol) dies möglicli wäre, ohne anderen 
schweren Schaden anzurichten (zum i^eispiel dadurch, daß 
die Kinder einer zu weit gehenden Beaufsichtigung und 
Freiheitsl)eraubung unterworfen würden)» ja, ob selbst 
bei schärferer Beaufsichtigung solclic Beziehungen über- 
haupt verhindert werden können. Hiezu kommt, daß diese 
frühen Krlelmisse, die so überaus scluidigcnd wirken 
können, in anderen Fällen die Kntwicklung gün- 
stig beeinflussen. Die sexuellen Beziehungen von 
kleinen Kindern untcrciniuuier dienen allem Anschein nach 

— neben der libidinösen Befriedigung und der Befriedi- 
gung des sexuellen WilMriel)es — der Funktion, das über- 
mäßige Schuldgefülil abzuschwächen. Da der Phantasie- 
gehalt dieser Beziehungen auf den sadistischen Mastur- 
balionsphantasien beruht, diese al)er die Quelle schwerster 
Schuldgefühle sind, führt die Tatsache, daß an diesen 
verpönten, gegen die Fitcrn gerichteten Phantasien ein 
Partner teilnimmt, ein Ciefühl der Bundesgenossen- 
schafl herbei, das die Angst vermindert. Hingegen er- 
geben sich aus der Beziehung selbst wieder Angst- und 
Schuldgefühle. Welche Momente überwiegen und 
ob diese Beziehung sich als Hückhalt gegen die Angst 
auswirkt oder diese noch verstärkt, dafür scheint dasJ 
Ausmaß des eigenen Sadismus und insbesondere die Ein-j 
Stellung des Partners entscheidend. Wo der positive, libi-J 
diuöse Faktor überwiegt, kann sie — wie ich in einerj 
Reihe von Fällen feslstcille — die Liebesfähigkeit undj 
Objektbeziehung in grnndlegejider Weise günstig beein- 
flussen. In Fällen, in denen die destruktiven Trieh-j 
regungen (ja sogar Zwang seitens des einen Partners) 
diese Beziehung beherrschen, kann sie die ganz« 
Entwicklung auf das schwerste schädigen. 

Auch in der Frage der Sexuiilbetäliguiig des Kindes 

— wie in einigen anderen — führen uns die psychoanaly- 



150 • 



tischen Ergebnisse zur Erkenntnis der vollen Tragweile 
gewisser Enlwicklungsmomente, ohne uns aber zugleich 
die Möglichkeit zu bieten, zuverlässige Regeln für die 
Prophylaxe aufzustellen. 

Freud schreibt in den „Vorlesungen": „Diese Ver- 
hällnisse haben ein gewisses Interesse für die Pädagogik. 
die sich eine Verhütung der Neurosen durch frühzeitiges 
Eingreifen in die Sexualentwicklung des Kindes zum Vor- 
satz nimmt. Solange man seine Aufmerksamkeit vorwie- 
gend auf die infantilen Sexualcrlebnisse gericlitel hält, 
muß man meinen, man habe alles für die Prophylaxe 
nervöser Erkrankungen getan, wenn man dafür sorgt, 
daß diese Entwicklung verzögert \vird und daß dem 
Kinde derartige Erlebnisse erspart bleiben. AUein wir 
wissen schon, daß die Bedingungen der Verursachung für 
die Neurosen komplizierter sind und durch die Berück- 
sichtigung eines einzigen Faktors nicht allgemein beein- 
flußt werden können. Die strenge Behütung der Kind- 
heit vcrUert an Wert, weil sie gegen den konslilulionellen 
Faktor ohnmächtig ist; sie ist überdies schwerer durch- 
zuführen als die Erzieher sich vorstellen, und sie bringt 
zwei neue Gefahren mit sich, die nicht gering zu schätzen 
suid, daß sie zu viel erreicht, nämlich ein für die Folge 
schädliches Übermaß von Sexualverdrängung begünstigt, 
und daß sie das Kind widerstandslos gegen den in der 
Pubertät zu erwartenden Ansturm der Sexualfordcrun- 
gcn ins Leben schickt. So bleibt es durchaus zweifelhaft, 
wie weit die Kindheitsprophylaxe mit Vorteil gehen kann 
und ob nicht eine veriinderle Einstellung zur Aktualität 
einen besseren Angriffspunkt zur Verhütung der Neu- 
rosen verspricht." 



151 



k. 



DIE PSYCHOANALYTISCHE 
THEORIE DES SPIELES 

Von 
Robert Wälder 

Der Aufsatz erachien ziieret in dem Sonderheft „Spielen 
und Spiele" der „ZeitachrÜt für psychoanalytische Päd- 
' agogik", VI. Jahrgang 1932, und wurde für den Almanach 
vom Autor neu bearbeitet. Das Sonderheft enthält u. a. 
Beitrüge von Ernst Schiiüider (Kinderreigen), 
N. S e a r ! (Spiel, Realität und Adgrossion ). Hans 
Zu] Hg er (Zur Psychülogie des KinderapielsJ, Wilh. 
Hoff er (Das Archaische im Spiel). Preis des Heftes 
M. 2.—. 

Das Kinderspiel hat bei vielen Psychologen verschie- 
dener Richtungen seine wissenschaftliche Behandlung ge- 
funden. Die Kinderpsycliülogie, die an unseren Universi- 
täten gelehrt wird, hat sich mit dem merkwürdigen 
Phänomen beschärtigt, daß ein betriichllicher Teil des 
Tages des heranwachsenden Kindes mit Spiel ausgefüllt 
ist, und es wurden verschiedene Ansätze zu seiner Er- 
klärung imlernommen. Wir wollen nun sehen, was die 
Psychoanalyse zur Frage des Kinderspieles auszusagen 
hat. 

Wer die Literatur der Schulpsychologie zum Spiel- 
problem mit den — mehr gelegentlichen — Publikationen 
der Psychoanalyse über diese 1-rage vergleicht, dem wird 
vor allem auffallen, daß es jedesmal eine andere üruppe 
von Spielen ist, die das Hauptaugenmerk auf sich lenkt. 
In der Scbulpsychologie werden vornehmlich die sozu- 
sagen offiziellen Spiele des Kindes betrachtet, Spiele, die 
typisch sind und von allen Kindern geübt werden. In der 
psychoanalytischen Literatur dagegen erregen andere Spiele 
das erhöhte Interesse, die mehr individuellen, an denen 
das Kind vielfach nur eine gewisse Zeit lang festhält. Es 
soll natürlich nicht gesagt sein, daß sich die Schul- 
psychologie nicht mit den individuellen oder die Psycho- 



r.T 



152 



analysc nicht mit den traditionellen typischen Spielen der 
Kinder befassen würde; aber es ist doch kaum verkenn- 
bar, daß der Hauptakzent einmal hier und einmal dort 

gelegen ist. 

Die psychoanalytische Spieltheorie ist nun nicht so 
beschaffen, daß sie eine einzige Erklärung für das Phäiio«- 
men „Spiel" zur Hand hätte, aus dem alle Spiele und 
alle dabei auftretenden Erscheinungen zu erklären wären. 
Es ist vielmehr hier so wie auch sonst in der Psychoana- 
lyse, daß dasselbe Phänomen verschiedene Bedeutung 
haben kann, verschiedene Funktion erfüllen kann, im 
allgemeinen gar nicht aus einer einzigen erklärbar ist : 
mit einem Worte, wie man in der Psychoanalyse zu sagen 
pflegt, daß das Phänomen verschiedene Determinanten hat. 
Im folgenden soll auf die in der psychoanalytischen 
Spieltheorie wichtigsten eingegangen werden, welche vor 
allem auch die für die Psychoanalyse charakteristischen 

sind. 

Zunächst kann über die Kinderspiele ausgesagt werden, 
daß sie ein vom Kind erlebtes Material verarbeiten. Dieses 
Material mag dann im Spiel vom Kind verschieden ge- 
formt werden, dem Vorgang der erlebten Wirklichkeit 
mag im Spiele eine andere Lösung gegeben werden^ das 
Material ist doch jedenfalls aus dem Erleben geschöpft. 
So sehen wir das Kind z. B. als Mutter mit der Puppe 
spielen oder mit einem anderen Kind Vater und Mutter 
spielerisch darstellen, oder Lehrer und Schüler oder 
Räuber und Gendarm und dgl. mehr. Das zur Verarbei- 
tung gelangte Material ist jeweils ein erlebtes Material, 
also etwa die erlebte Situation zwischen Mutter und 
Kind, zwischen Vater und Mutter, zwischen Lehrer und 
Schüler usw. Nun ist unser erster Führer in der Betrach- 
tung psychischer Phänomene das Lustprinzip. Wir halten 
eine Erschemung für versländlich, wenn wir sehen, daß 
durch sie eine Befriedigung des Luststrebens hergestellt 
wird. Das ist nun zweifellos im Kinderspiel häufig der 
Fall. Im Spiel mit der Puppe etwa wird die Befriedigung 

. 153 



\ 



nicht verkannt werden dürfen, die in dt-r Situation ge- 
legen ist, selbst Mutler /u sein, wie iU)erliau|)t in vielen 
anderen Spielen die Befriedigunf^ des Groß- und Erwach- 
sen-sein-wollens. Und wciui das Kind einmal durch das 
Erlebnis die beglückende Situation eines Auloausfluges 
kennengelernt hat, oder wenn seine Phantasie durch Er- 
zählungen davon angeregt wurde, und es sich jetzt einen 
solchen Auloausriug wünscht und in einem Spiele reali- 
siert, so werden wir das ohne weiteres verstaiullirh linden. 
Gewiß ist auch damit noeh nicht erklärt, warum diese 
Wünsche gerade eine spielerische Verwirkhchung finden, 
aber die Erscheinung wird damit jedenfalls in das uns 
ja auch sonst bekannte Gebiet der Piiantasiebefriedigungen 
eingereiht und wenigstens das Inhalllirhe an dem Phäno- 
men wird versländlich. Mit diesen wenigen Hinweisen 
sollte gesagt wei'den, daß auch im Kinderspiel eine 
Fülle von Befriedigungen des Lustsire hens 
nachweisbar isl, dali es sich sehr oft und vielleicht sogar 
immer in irgend einer Schiebt oder Determinante um die 
Verwirklichung einer luslvollcn Situation handelt, daß also 
sicherlich manches oder vieles im Kinderspiel unter das 
Luslprinzip rällt. 

Nun aber lieginnt hier eine Schwierigkeil. Denn so 
sicher es wohl einerseits isl, daß das Lustprinzip viele 
Situationen des kindlichen Spieles umfaßt, so wenig kann 
man sich der Erfahrung entziehen, daß das Kind außer- 
ordentlich häufig im Spiel Silualionen herstellt oder doeh 
von Situationen ausgehl, die im wirklichen Erleben un- 
lustvoll gewesen sind. Hierfür ein einfaches Beispiel: Das. 
Kind ist etwa zum Zahnarzt gebraeht worden, es hat die 
Behandlung mit großer Angsl erwartet und durch sie 
peinliche Schmerzen erfahren. Nach dem Luslprinzip 
müßten wir am ehesten erwarten, daß die iiöehst unan- 
genehme Situation, nachdem sie nun endlich zum Glück 
vorüber isl, beiseite gelegt wird, und daß sich das Kind 
nicht gerne mit ihr beschäftigt. Nach dem Luslprinzip sind 
wir also kaum darauf gefaßt^ das Wiederkelireu dieser 



154 

• t 



Situation im Spiel zu erw'arten. Tatsäctilich geschielit 
das jedoch sehr häufig- Es mag also nun sein, daß das 
Kind am darauffolgenden Tage zu Hause Zahnarzt spielt 
und sich dazu vielleicht einer Puppe oder eines etwa vor- 
handenen jüngeren Geschwisterchens bedient. So wird 
häufig gerade eine sehr unlustvolle Situation zu einem < 
Material oder doch zum Anknüpfungspunkt eines darauf- 
folgenden Spieles, das dann in der Regel eine gewisse 
Weile andauert, um allmählich abzuklingen. Wenn wir 
uns also vom Lustprinzip führen ließen, zu dem wir aus 
vielen anderen Erscheinungen als dem im Seelenleben 
geltenden Prinzip Vertrauen haben, so sind wir nunmehr 
an einen Punkt gekommen, an dem dieses Prinzip zu ver- 
sagen scheint, und wir haben uns zu frageni, wie! dieses 

Resultat zu verstehen ist. 

Nicht ganz an dieser, aber an einer ähnlichen Stelle 
setzt eine Theorie von K. Bühler ein. Nach Bühler 
ist das Kinderspiel nicht aus einer Lustbefriedigung zu 
erklären. Es ist aber dennoch lustvoll und daher im 
Sinne dieser Bühlerschen Theorie mit einer anderen Art 
von Lust verbunden als der Befriedigungslust. Bühler 
spricht von der Funktionslust, d. h. von der Lust, die in 
der reinen Aktion ohne jede Rücksicht auf den Erfolg • 
dieser Tätigkeit erlebt wird. Die Befriedigungslust stelle 
eine Lust am Erfolge einer Tätigkeit dar, die Funktions- 
lust eine Freude an der Tätigkeit selbst. Das lebendigste 
Beispiel einer Funktionslust sei das Spiel des Kmdes. 
Freude an all den Tätigkeiten und Funktionen, in deren 
Entwicklung das Kind begriffen ist, trete in ihm auf. Die 
spielerischen Tätigkeiten hätten durchgängig den teleolo- 
gischen Sinn einer Vorübung künftiger Funktionen, wie 
das etwa auch schon früher von Philosophen, z. B. von 
Groos behauptet wurde i); die Funktionslust ste lle aber 

1) Ohne die teleologische Funktion der meisten Spiele als Vorübimg in 
Abrede zu stellen, ist doch darauf hinzuweisen, daß es Spiele gibt, in 
denen keineswegs eine Vorübung erblickt werden kann, ja sogar solche, 
die deutlich nach rückwärts gewendet sind. Hieher gehorb z. B. <iaB 

155 



1 



die erlebnismälMge Erklärung? dafür dar, daß eine solche 
Vorübung tatsächlich stattlindeL 

Auf diese Theorie kann in dem Rahmen dieser Arbeit 
nicht erschöpfend eingegangen werden und es seien nur 
einige Hinweise gestattet. Die Tatsache einer vom Erfolg 
unabhängigen Freude am Tun von irgend etwas besteht 
ohne Zweifel. Bei solch einer Lust sind aber nocJi zwei 
Komponenten zu unterscheiden. Eine Komponente, die 
wieder als Befricdigungslust anzusprechen ist, wenn in 
der Tätigkeit selbst eine bestimmte Befriedigung i*) gelegen 
ist (z. B. in der Tätigkeit des Eltcrnspieles die Befriedigung, 
selbst groß und erwachsen und Vater oder Mutter zu 
sein) und eine zweite davon unabhängige Lustkomponente, 
die wohl erst die Funklionslust im eigentlichen Sinne 
darstellen würde. Die Existenz einer solchen Ennklionslust 
mag durchaus eingeräumt werden, es besteht kein Grund, 
an ihr zu zweifeln, und sie mag insbesondere in den 
Perioden des Wachstums des Organismus, also m der 
Kindheit, eine Holle spielen. Nichtsdestoweniger, obwohl 

Babyspiel. Es kommt manchmal vor, daü das Kind — etwa im drittea 
L«benBJahr — spielt, wieder oin kloinea Baby 211 eoin. spielerisch Hilf- 
losigkeit und Sprachunfühiskeit und dal agiert. Dieses Spiel ist gewiß 
nicht regelmäßig, aber doch auch wieder nicht ganz so sotten, daß man 
darüber hinweggehen konnte. Ks tritt z. B. gelegüntüch nach der Geburt 
emes jüngeren GeBchwisterchens auf. In diesem Falle ist der Sinn dos 
Spieles deutlich eine Wunscherfüllung. Das Kind will der Vorteile wieder 
teUhaftig werden, die wirklich oder aeineB Erachtena nach das Neu- 
geborene genießt. Das Spiel ist manchmal mit dorn Auftreten von 
Enuresis verknüpft. Ohne auf das DeUil einer solchen Erscheinung ein- 
»ugehen. ist es für uns nur ein Beispiel dafür, daß nicht jedes Spiel 
notwendig eine Vorübung bedeuten muß. 

_*) Die fatale Aequivokation des Wortes „BefriiidlKung" wirkt hier 
störend. Es bedeutet einerseits „Zum- Krieden- Kommen", „Zur -Ruhe - 
Kommen , andererseits in weiterem Sinne jede lustvoll« Erfüllung iz, B. in 
der Redewendung: Befriedigung in der Arbeit). Die Psychoanalyse gebraucht 
das Wort durchwegs in weitem Sinne. Das hat jedoch mit der metapey- 
chologischen Frage nichts zu tun. ob der Bofriedigung letzten Endes ein 
Spannungsausgleich im psychischen System entsprwht - wie früher 
manchmal angenommen wurde - oder eüi komplSzlerter «eitlicher Ver- 
lauf von Erregungen, ivie seit Freuds „Ökonomischem Prinzip des 
Masochismus" vermutet wird. 



156 



die Existenz einer solchen Lustart einzuräumen ist, seheint 
uns die Funktionslust nicht ausreichend, um die oben 
besprochenen Spiele zu erklären, deren Material unlusl- 
volle Erlebnisse sind. Und zwar aus folgenden Gründen: 
Die Funklionslust ist eine rein formale Lust und ex 
definitione unabhängig vom Inhalt des Geschehens, an 
dem sie erlebt wird. Nun ist aber der Inhalt des Spieles 
doch offenbar nicht gleichgültig. Man sieht immer wieder, 
daß gerade gewisse Spiele plötzlich beim Kind auftreten 
und nach einer gewissen Zeit wieder verlassen werden. 
Es besteht kein Recht zu der Annahme, daß es gleich- 
gültig und keiner weiteren Erklärung bedürftig sei, warum 
das lünd gerade jetzt gerade dieses Spiel spielt, warum 
also etwa, um auf unser Beispiel zurückzukommen, am 
Tage nach dem Erlebnis vom Zahnarzt, welches das Kind 
aus dem Gleichgewicht gebracht hat, nunmehr Zahnarzt 
gespielt wird und dieses Spiel z. B. vierzehn Tage lang 
festgehalten wird, um dann vielleicht nur noch sporadisch 
aufzutauchen und ganz zu verschwinden. Wenn dieses 
Spiel nur durch eine Formallust vollkommen erklärt wäre, 
so daß hier nichts mehr zu erklären übrig bliebe, so 
müßte auch ein Stoff durch den anderen, ein Spielinhalt 
durch den anderen vertauschbar sein. Es müßte also das 
Kind unseres Beispiels ebenso bereit sein, an Stelle des 
Zahnarztspiels irgend ein beliebiges anderes, dem Funk- 
tionsgehalt nach ähnliches zu spielen. Eine solche Ver- 
tauschbarkeit des Inhaltes liegt aber nicht vor, sondern 
es wird zu einem bestimmten Zeitpunkt ein bestimmtes 
Spiel vorgezogen. Der Inhalt ist nicht gleichgültig und er 
ist nicht vertauschbar. Darum genügt uns eine Formallust 
nicht, um die Erscheinungen eines offenbar auch inhaltlich 
bestimmten Phänomens restlos zu verstehen. 

Die Spiele von dem erwähnten Typus haben zudem 
eine charakteristische Ablaufkurve, welche durch die An- 
nahme der Funktionslust ebenfalls nicht erklärt wird. Das 
Kind spielt also etwa — um wieder beim Beispiel zu 
bleiben — einige Tage sehr viel und sehr gerne das Zahn- 



157 



tik_ 



arztspiel, dann komml das Moliv immer seltener, immer 
affektärmcr und versehwiiulel schließlich, komml viel- 
leicht gclcRenllich wieder, aber auch dann im allgemeinen 
dureh beslinimlc Anlässe provoziert. Es macht also der 
Verlauf der Intensität und des AlfeklKehalles des Spieles 
den liindnick, als ob hier ein gewisser AtTekt ablaufen 
würde oder hesser, als oh ein Al'fektrcsiduuin, das vom 
lirlehnis seihst zurückgeblieben ist, langsam assimiUert 
würde. 

Das führt uns mm zur Freud seilen Lehre vom Kinder- 
spiel und dessen bauplsfuhlichster l'unktion im I.ehen 
des Kindes hinüber, t^hc wir diese darstellen können, muß 
uns ein kleiner Exkurs in ein Kapitel der psychoanalyti- 
ichen Tlieorie gestattet • werden, die hier herangezogen 
wird. Es ist die Lehre vom Wiederholungszwang. Nach 
dieser theoretischen Abschweifung werden wir zum ei"ent- 
licheii Thema der psychoanalytischen Lehre vom Kinder- 
spiel zurückkehren. • 
I Es gibt im Menschenleben Wicdcrhohmgcn ganz ver- 
schiedener Art. Es koninil sehr hautig vor, dali ein Mensch 
dasselbe wiederlu>ll tut, dali er dieselbe Situation immer 
wieder erlebt, und dergleichen mehr. Nicht alle Wieder- 
holungen, die es im Menschenleben gibt, fallen unter den 
psychoanalytischen Begriff des Wiederholungszwanges, 
sondern nur eine ganz bestimmte (Irupije unter ihnen. 
Wenn etwa jemand diesellie Siliialion Inuner wieder Y^er- 
stellt, weil er eine Befriedigung sucht, die er niemals 
findet (Don-.Iuan-Typus), so liegen Wiederholungen vor, 
aber sie sind an und für sich nicht durch den Wieder- 
holungszwang zu erklaren, sondern durch das konstante 
Streben nach einem bestimmten Ziel und durch die Ent- 
täuschung hei jedem einzelnen Versuch. Eine andere Art 
von Wiederholungen liegt etwa in dem ständig erneuten 
Ansetzen einer Tätigkeit bei einem schwer Gehemmteji 
vor. Auch hier entsteht der Eindruck der Wiederholung, 
doch ist das Phänomen elienfalls aus seiiu'r psychi.schcn 
Konstellation erklärbar und der Wiedcrliolungszwang ist 



158 



hier nicht heranzuziehen. Wieder ein anderes Beispiel 
wären die Wiederholungen, die durch Erstarrung und 
Verarmung des sceUschen Organismus entstehen und die 
z. B. bei der senilen Demenz auftreten. So könnte man 
wahrscheinlich noch eine ganze Anzahl von Typen von 
Wiederholungen im Psychischen unterscheiden, von denen 
jeder seine Erklärung hat und die doch alle noch nichts 
mit einem ganz bestimmten Wiederholungsvorgang zu tun 
haben, den die Psychoanalyse als durch „Wiederholungs- 
zwang" zu staudegekommen beschreibt. 

"Unter diesem eigentlichen Wiederholungszwang ver- 
stehen wir den nachfolgend beschriebeneu Vorgang: Der 
Mensch hat ein bestimmtes Erlebnis gehabt, das schwie- 
riger und größer gewesen ist, als daß er es sofort assimi- 
lieren könnte. Dieses unassimilierte oder nicht vollständig 
assimilierte Erlebnis lastet nun gleich einem Druck auf 
seiner seelischen Organisation und drängt dahin, neuer- 
lich vorgenommen, neuerlich im Erlebnis reproduziert zu 
werden. Dieses Erlebnis hat zwei Seiten. Vom Es her 
gesehen, d. h. insoferne betrachtet, als der Mensch passiv 
ist und von Kräften in ihm gelebt wird, ist es ein Zwang, 
der auf ihn einwirkt und zur Reproduktion drängt. Zu- 
gleich hat dieser Vorgang aber auch eine aktive Seite; 
vom Ich her gesehen ist es zugleich ein Versuch des Ichs, 
durch die Erneuerung das Erlebnis nunmehr zu assimi- 
lieren und in seine Gewalt zu bekommen. Insoferne hat 
der Wiederholungszwang ein Janusgesicht. Einerseits ein 
Schicksal, dem wir unterworfen sind, und anderenteils ein 
aktiver Versuch, das Schicksal zu meistern. Der ganze 
Vorgang ist am ehesten — ■ wenn so ein Gleichnis ge- 
stattet ist — mit dem W^iederkäuen mancher Tiere zu 
vergleichen. Der Bissen ist zu groß, um auf einmal ver- 
daut zu werden, und die unverdaute Mahhieit lastet jetzt 
im Magen. Sie muß wiedergekäut werden, um nunmehr 
verdaut werden zu können. Auch dieser Vorgang hat ja, 
wenn man es wagen wollte, den Vergleich so weit für Irag- 
fähig zu halten, zwei Seiten: Der Druck der unverdauten 



159 



Mahlzeit ist gleichsam die Es-Koinponente, die Komponente! 
der Passivität, und das Verdauen durch den Akt des 
Wiederkauens die Ich-Komponente bei dem ganzen Vor- 
gang. Der Punkt, an dorn uns unser Vergleich endgültig"' 
verläßt, ist nur der, daß ein Wiederkäuen ein oder We- 
nige Male hier im Organischen ausreichend ist, während 
es im Wiederholungszwange ein sehr oft wiederholtes 
Wiederkäuen gibt, einmal mehr und einmal weniger oft, 
und in manchen Fällen, wie wir sehen werden, kommt es 
trotz ständigen Wiederkauens eigentlich niemals zur vollen . 
Assimilation, 

Die zwei Seiten des Wiederholungszwanges, sein Janus- 
gesicht, lassen sich auch so ausdrücken, daß das; Lebe- 
wesen in der Wiederholung von der Passiviläl zur Akti- 
vität übergeht und auf diesem Wege die zunächst nur 
passiv empfangenen Kebenseindrücke psychisch bewältigt. 
In diesem Sinne hat Freud die Krscheinung des Wieder- 
holungszwanges zu wicderholfen Malen besehrieben. Sq 
heißt es z. B.: „Das Ich, welches das Trauma passiv 
erlebt hat, wiederholt nun aktiv eine abgeschwächte tVe- 
produklion desselben, in der lloniumg, deren Ablauf 
selbsttätig leiten zu können. Wir wissen, das Kind be-, 
nimmt sich ebenso gegen alle ihm peinlichen l^indrucke' 
indem es sie im Spiel reproduziert; durch diese Art, Von 
der Passivität zur Aktivität überzugehen, sucht es seüig 
Lebenseindrücke psychisch zu bewältigen." ») Ganz identisch 
heißt es schon früher mit noch speziellerer Beziehung ^uf 
das Kinderspiel, auf die wir in unseren Ausführungen erst 
zurückkommen werden i „Man sieht, daß die Rmdcr alles 
im Spiel wiederholen, was ihnen im Lehen großen Ein. 
druck gemacht hat, daß sie dabei die Stärke des Ein- 
druckes abreagieren und sich sozusagen zu Herren ^j^j 
Situation machen".*) ,.Uoim Kinderspiel glauben wir es zu 
begreifen, daß das Kind auch das unluslvoUe Brlebj^is 
darum wiederholt, weil es sich durch seine Aktivität eine 

8) „Hemmung. Symptom und AnKst". fins. Sehr. Bd. XI. S. hq, 
*) „Jenaeitö doe LuBtprinaipB". Göö. Scbr. Bd. VI, S. 202 f. 



100 



weit gründlichere Bewältigung des starken EindrucJts er- 
wirbt, als es beim bloüen passiven Erleben möglich war. 
Jede neuerliche Wiederholung scheint diese angestrebte 
Beherrschung zu verbessern ..."') Und schließlich noch ein 
Zitat: „Das Verhältnis der Aktivität zur Passivität verdient 
hier unser besonderes Interesse. Es ist leicht zu 
beobachten, daß auf jedem Gebiet des seelischen Erlebens, 
nicht nur auf dem der Sexualität, ein passiv empfangener 
Eindruck beim Kind die Tendenz zu einer aktiven Reaktion 
hervorruft. Es versucht das selbst zu machen, was vorhm 
an oder mit ihm gemacht worden ist. Es ist das ein Stück 
der Bewältigungsarbeit an der Außenwelt, die ihm aufer- 
legt ist, und kann selbst dazu führen, daß es sich um die 
.Wiederholung solcher Eindrücke bemüht, die es wegen 
ihres pemlichen Inhalts zu vermeiden Anlaß hätte. Auch 
das Kinderspiel wird in den Dienst dieser Absicht gestellt, 
ein passives Erlebnis durch eine aktive Handlung zu er- 
gänzen und es gleichsam auf diese Art aufzuheben. Wenn 
der Doktor dem sich sträubenden Kind den Mund geöffnet 
hat, um ihm in den Hais zu schauen, so wird nach seinem 
Fortgehen das Kind den Doktor spielen und die gewalt- 
tätige Prozedur an einem kleinen Geschwisterchen wieder- 
holen, das ebenso hilflos gegen es ist, wie es selbst gegen 
den Doktor war. Eine Auflehnung gegen die Passivität und 
eine Bevorzugung der aktiven Rolle ist dabei unverkenn-- 
bar. Nicht bei allen Kindern wird diese Schwenkung von 
der Passivität zur Aktivität gleich regelmäßig und energisch 
ausfallen, bei manchen mag sie ausbleiben." ß) 

Die zitierten Stellen nehmen, wie erwähnt, schon aus- 
drückhch Bezug auf die Theorie des Kinderspieles, auf 
die wir erst eingehen werden. Hier handelte es sich bisher 
um die Klarstellung des psychologischen Vorganges bei 
jeneji Erscheinungen, die die Psychoanalyse unter dem 
Begriff des Wiederholungszwanges beschreibt, und um 

*) L. c. S. 224. . '■■■.. - 

^) „tJber die weibliche Sesualdtät". Internat. Zschr. f. PsA, XVII, 
1931, S. 326. 



11 Almanach 19S8 '161 



_ !. .'_"ll" T ' 



die merkwünliye Doppelstellung des WicderhoIun|;jsz\vanges 
zwischen einem Druck u tergo und einem Assimilalions- 
versuch des Ichs. 

Alldem liegt eine Annahnu- über das Verliällnis des 
seelischen Organismus zur AuI3cn\velt zugrunde. Die Psy- 
choanalyse nimmt an, daß der seelische Organismus uur 
imstande ist, die Heize der Aul^enwelt in gewissen geringen 
Dosen aufzunehmen und zu assimilieren, wenn eine solche 
quantitative Ausdrucksweise zum Vergleich gestattet ist 
Treffen die Reize der Außenwelt in zu großen Portionen 
in der Zeiteinheit auf das Lebewesen ein, so versagt diesaj 
Fähigkeit und der Mechanismus des Wiederholungszwaiigesj 
tritt in seine Rechte. Das Unerledigte übt einen Druck aus? 
und muß wiederholt vorgenommen, gleichsam nachlräo- 
lich in kleine Portionen zerlegt werden. 

Der Wiederhoiungszwaiig ist also rein empirisch gefaßt 
gar kein blinder Urtrieb, der da heischt: Wiederhole Dicht 
Er ist der Druck, den das Unerledigte ausübt und da«: 
ständige Bestreben des Ichs zur Assimilation. Die TatJ 
Sache seiner empirischen Plxistenz kann kaum bestritten 
werden, denn im Erleben des Alltag findet man stüntiiji 
Zeugnis für ihn. 

Nach diesem Exkurs über die Theorie des Wieder- 
holungszwanges sind wir auch vorbereitet, die psychoaua^ 
lytischc Lösung des früher besprochenen Problems beim 
Kinderspiel zu erörtern. In all den Fällen, in denen da» 
Kinderspiel von Erlebnissen ausgeht, die nicht lustvoli 
gewesen sind, das Lustprinzip uns also nicht begreit'er! 
läßt, warum das Kind diese peinlichen Dinge nicht lieaei 
läßt, sondern weiter mit ihnen beschäftigt ist, waren 
diese Erlebnisse, die es Im Spiel verarbeitet, jedt'uIaW^i 
relativ zur augenblirklichen Traglähigkcit des Kindes z\ 
schwer. Das Erlebnis beim Zahnarzt in unserem Bcispiej^ 
war eben ein Ansturm von mehr I'lrlebnissen in verhältnis- 
mäßig kurzer Zeit, als der kleine, noch nicht abgchärteie 
und außerordentlich pUistisclie und reagible seelische 
Organismus des Kindes vertragen konnte. Die Assiniila» 



162 



\ 



V\ 



üonsfähigkeit ist natürlich sehr vom Alter ablimißig. Mit 
der Erstarkung des Ichs im Laufe des Lebens wächst die 
Fähigkeit, auch Schweres zu ertragen; schon statlge- 
fundene schwere Erlebnisse wirken zugleich als Vorbe- 
reitung zum Erdulden künftiger (eine Art von Abhärtung). 
Mit zunehmender Erstarrung der Person wü-d die Schutz- 
krusle gegen äußere Reize dichter und undurchlässiger 
(das letztere wird Insbesondere im hohen Alter sehr 
deutlich, ist aber auch im Leben des Erwachsenen schon 
angedeutet) und mit der abnehmenden Plastizität sinkt die 
Empfänglichkeit und Reaktionsbereilschaft. Alle diese Um- 
stände bewirken zusammen mit noch manchen anderen 
daß das Kind ungleich häufiger als der Erwachsene vor 
Erlebnisse gestellt ist, die es nicht sofort assimilieren 
kann. Kur den ins Leben erst hinemwachsenden seelischen 
Organismus, für den alles noch neu ist und manches zwar 
freudvoll anziehend, vieles aber schmerzvoll und bedroh- 
lich, ist der übermäßige Reiz — das Trauma, wie man 
in gewissem Sinne sagen könnte — geradezu ein Normal- 
erlebnis, während es im Leben des Erwachsenen doch 
den Ausnahmsfall bildet. Das ist wohl einer der Gründe, 
weshalb das sjiielerische Abreagieren des traumatischen 
Erlebens gerade in der Kindheit eine so große Rolle spielt 
Daß das Kind das Trauma nicht nur viel häufiger erlebt 
als der Erwachsene, sondern — eben weU es im Wachs- 
tum all seiner Kräfte begriffen ist - auch ungleich leichter 
in der Lage ist, es zu überwinden, ist freilich zum Glück 
auch wahr, gehört aber auf ein anderes Blatt. Es ändert 
nichts an der Tatsache, daß der traumatische Reiz in der 
Kindheit zur Regel gehört. 

Das Spiel bann nun nach den Ergebnissen, zu denen die 
Psychoanalyse gekommen ist, ein solcher Vorgang im Sinne 
des Wiederholungszwanges sein, in dem das übermäßige 
Erlebnis in kleine Portionen zerlegt, wieder vorgenommen 
und spielerisch assimiliert wird. Wenn wir auf die Frage 
zurückgreifen, die der Ausgang dieser Überlegungen ge- 
wesen ist, warum unlustvolle Erlebnisse so oft das Ma- 



il* 



163 



i 



1 



Icrial von Spielen bilden, die nunmehr auftauchen, so 
können wir sagen, diese Erlebnisse seien zwar unluslvoll, 
aber gleichzeilig auch zu schwer gewesen. Das Spiel aber 
mag man nunmehr als eine Methode bezeichnen, ein 
Erlebnis, das zu groß war, um sofort mit einem Schlage 
assimiliert zu werden, immer wieder vorzunehmen und 
gleichsam brockenweise zu assimilieren. 

Buhler kennt die Wiederholung des Unlustvolleu im 
Spiel sehr wohl, meint aber, daß sie erst dann stattfinde-, 
wemi das Leid volle schon überwunden ist. Er sagt da- 
rüber. „Auf Freud machte die Talsache, daß auch un- 1 
luslvolle Ereignisse des Lebens ein Echo im Spiel des' 
Kindes finden, großen Kindruck. Der Tatbestand als \ 
solcher liegt voütconimen klar erkennbar vor uns. Schon 
Groos hat ihn gesehen imd treffend beschrieben : Man 
muß das Leidvolle überwunden haben, um sich an seiner 
gespiellen Wioderhohnig erfreuen zu können. Es ist so 
beim Erwachsenen und nicht anders beim Kinde. Nehmen 
wir an, es sei eiiunal schmerzhaft von einem Hund ge- 
bissen worden oder habe sich an einer Kerze die Finger 
verbrannt. Nichts in der Welt wird es zu einer ertisten 
oder spielenden Wiederholung bringen, bevor die Ange- 
legenheit innerlich erledigt ist und das Kind sich bei 
einer neuen Gelegenheit gesichert und ül)erlegen fühlt!'* t\ 
liier ist nun der eigentliche Unterschied im Tatsäch- 
lichen gegeben. Die Gegenthese der Psychoanalyse lautet 
exakt: Das Leidvolle wird im Spiel wiederholt, nicht nach- 
dem es überwunden und erledigt ist, sondern bevor es 
erledigt ist, weil es unerledigt ist und konmit eben durch' 
die spielerischen Wiedcrholiiiifjeii zur Überwindung. 

Damit rückt das Spiel ein in die Heihe der As.simila_ 
tionsverfahren durch Wiederholung, deren es im Seelen- 
leben noch andere gibt. Es hat damit auch nach der 
psychoanalytischen Lehre eine teleologische Funktion. Das 
ist al)er nicht mehr so sehr die Funktion der Vorübung 

OK. Bühl er. ».Die Krise der Psychologie'*, l. Aufl.. Um 1927. 
S. 189 f. 



164 



^ 
^ 



künftiger Tätigkeilen im erwachsenen Leben, sondern die 
Funktion der Assimilatioa der von der Auüenwelt herun- 
stürmenden Erregungsraengcn, die zu stark oder zu rasch 
auf den Organismus einwirken, als daß dieser sofort mit 
ihnen fertig werden könnte. 

Der Assimilationsprozeß im Spiel kann verschieden vor 
sich gehen und es lassen sich wahrscheinlich verschiedene 
Typen unterscheiden. Zunächst bedeutet schon die bloße 
Tatsache, daß das Kind eine passiv erlebte Situation im 
Spiel herstellt, einen Übergang von der Passivität zur 
Aktivität. In einer Gruppe von Spielen kommt noch dazu 
daß das Kind die Rolle, die es in der Wirklichkeit gehabt 
hat, im Spiel vertauscht; war es m der Wirklichkeit der 
leidende Teil oder ein angstvoller Zuschauer, wird es 
oft im Spiel zum aktiven Teil, zum Helfer oder zum deus 
ex madüna. In dieser Gruppe ist also die Wendung von 
der Passivität zur Aktivität noch durch die Rollenwahl 
betont; das Beispiel vom Zahnarzt gehört hieher. in einer 
ftftdcren Gruppe wieder verändert das Kind im Spiel den 
Ausgang der erlebten Situation und gibt ihr eine andere 
Lösung. Es lassen sich vermutlich noch andere solche 
Typen des Assimilationsprozesses unterscheiden. 

Es gibt, wie früher angedeutet, noch andere Assimila- 
üonsprozesse oder Assimilationsversuche nach dem Me- 
chanismus des Wiederholungszwanges, die im Leben desi 
Erwachsenen eine bedeutende Rolle spielen. Das einfachste 
Beispiel mag sein, wenn ein Erwachsener, der etwas zu 
Schweres erlebt hat, durch einige Zeit hindurch — manch- 
mal auch dauernd — sich immer wieder im Gedanken 
mit dem Erlebnis beschäftigen oder immer wieder davon 
sprechen muß. Auch dieser Vorgang steht unter der Herr- 
schaft des Wiederholungszwanges., so wie wir ihn be- 
schrieben haben. Der nicht assimilierte Einbruch der 
Realität in den seelischen Organismus wirkt störend wie 
ein Fremdkörper, das Unerledigte drängt und drückt, 
wieder vorgenommen zu werden, und das Ich versucht 
zugleich durch erneutes Vornehmen das Erlebnis zu assi- 



165 



milieren. Also auch hier wiederum das Janusgesicht des 
Wiederholungszwanges zwischen Ks und Ich. 

Auch die Trauer gehört zu den Assiniilationsprozessen 
unler der Herrschaft des Wiederholungszwanges. Der Ver- 
lust eines geliebten Wesens ist ein sohn\erzvolles Er- 
lebnis. Im Momente des Verlustes gibt es nur Schmerz,^ 
noch nicht Trauer. Wir wissen von Freud, dali sich 
nunmehr ein allniäliliclicr Lösungsprozeß von dem ge- 
liebten und verlorenen Objekt unserer Sehnsucht voll- 
ziehl, der offenbar unter der ICinwirlunig der Realiläts- 
Prüfung zustande kommt, die uns immer wieder belehrt 
daß das geliebte Objekt uns nicht mehr zur Verfüguu/ 
steht. Trauer ist das Leid dieser Ablösungsarbeit. Diesa' 
vollzieht sich aber unter der Herrschaft des Wieder^! 
hotungszwanges, das verlorene Objekt kehrt im (KHlankeu- 
immer wieder, erneute Anfälle unbefriedigicr Sc-hnsucht 
sind immer erneut schmerzvoll. Und in dieser sich ständig 
wiederholenden Wiederkehr des schmcrzUchen Erlebens 
spielt sich zugleich beim Ablauf der normalen Trauer 
eine allmähliche Assimilation ab. Der Affekt klingt all, 
mählich ab. 

Ein anderes Beispiel für solche Prozesse bieten die 
Träume der Kriegs- und Unfallsneurolikcr. Das furchu 
bare Erlebnis der Granatverschütlung oder des sonsd 
erlebten Traumas, auf das die traumatische Neurose folgte] 
kehrt zu wiederholten Malen im Tra\nnc wieder. Aucbl 
das wäre vom Standpmikt des Lusiprinzips aus nicht 
versUmdUdi und kann aus der WunscherraUunj^slbcori, 
des Traumes nicht erklärt werden. Der Vorgang ist ebei 
derselbe, wie hi den fruJieren Beispielen, ©r unterliegt dei, 
Wiederholungszwang, das Trauma drängt, weil es nicht 
assimiliert wurde, zur Wiederkehr und das Ich versuch! 
zugleich, sich des Erlebens zu bemächtigen. 

Die Nachbarschaft des Kinderspieles zur traumatischen^ 
Neurose ist einem Kritiker suspekt erschienen. Die Deu« 
tung eines schwer pathologischen Phänomens, wie dei 
Träume der Kriegsiieurotikcr, und einer so erfreulich« 



166 



und lebenserfülUen Erscheinung wie des Kinderspieles aus 
einem und demselben Prinzip schien dieses Prinzip ad 
absurdum zu führen. Wir meinen, dali dieser Einwand ni<hl 
zu Recht besteht; gemeinsam ist beiden Fällen, daß es 
sich um Assimilationsversuche eines übermäßijjcn Ge- 
schehens bandelt. Freilich unterscheiden sich beide Fälle 
andererseits außerordentlich, was den Erfolg des Prozes- 
ses anlangt, da in einem Falle die Assimilation mißlingt 
und trotz aller Wiederholungen nicht zustande kommt, 
•während im anderen Falle eine verhältnismäßig befrie- 
digende Assimilation des Geschehens erreicht wird. 

Mit der Erkeimlnis, daß das Spiel zu den unter dem 
Druck des Wiederholungszwanges stufenweise vor sich 
gehenden Assimilationen gehört, ist das Spiel wohl — 
zum wenigsten was diese eine, unseres Erachtens ent- 
scheidende Determinante betrifft — eingeordnet, aber es 
sind noch nicht alle Probleme gelöst. Denn es gibt ja noch 
andere solche Prozesse, wie wir an einigen Beispielen ge- 
sehen haben, und man darf fragen, was das Spiel unter 
ihnen auszeichnet. Auf den ersten Bück möchte man sagen, 
daß das Spiel etwas Glückhaftes und Irreales an sich hat, 
was es von den anderen unterscheidet. Und vielleicht ist 
von hier aus auch die differentia specifica des Spieles in 
dieser ganzen Gruppe zu bestimmen. Das Spiel tritt we- 
sentlich und mit Erfolg nur beim Kind auf, also in einer 
Periode des Wachstums, in der die Traumen des Lebens 
auf den steigenden Ast der Vitalitälskurve treffen. Das ist 
auch die Zeit einer außerordentlichen Plastizität des 
somatischen und psychischen Materials. Es ist gewiß noch 
nicht möglich, diesen Zusammenhang mit wünschenswerter 
Klarstellung zu sehen, aber es scheint doch wohl kein 
Zufall zu sein, daß das spielerische Abreagieren in der 
Kindheit an die hohe Plastizität des Seelischen gebunden 
ist und anscheinend eine noch nicht durchstrukturierte 
seelische Substanz voraussetzt. Wenn diese Plastizität ab- 
genommen hat, und wenn die Möglichkeiten eingeengt 
sind und einer reicher durchgebildeten Wirklichkeit Platz 



167 



I 



gemacht haben, wenn der weitgehend formlose seelische 
Organismus Struktur geworden ist, dann treten, so scheint 
es, andere weniger Erfolg verheißende Verfaliren an die 
Stelle des Spieles. Ein anderes Spccificum des Spieles, 
das sich schon heute präziser fassen läßt, knüpft an den 
Charakter des Irrealen an. Im Kinde sind die Grenzen 
zwischen Realität und Phantasie noch unscharf, die beiden 
Welten greifen gelegentlich ineinander über. Dieses ent- 
scheidende Merkmal der Welt des Kindes ist ja bekanntlich 
auch nicht analytischen psychologischen Beobachtern von 
jeher aufgefallen und in der Psychologie zum Gegenstand 
eingehenden Studiums gemacht worden. Dieses Ver- 
schwimmen von KeaUtät und Phantasie ist aber offenbar 
auch eine Voraussetzung dafür, daß ein spielerisches Ab- 
reagieren der Erlebnisse zustande kommen kann. 

Es erübrigt sich für uns, darauf hinzuweisen, wie aus 
der erzielten Einsicht praktische Anwendungen in der 
Pädagogik gewonnen werden können. Wenn es wahr ist, 
daß durch das Spiel ein Abreagieren traumatischer Er- 
lebnisse zustandekommt, dann ist der Erzieher auch in 
der Lage, dem Kinde zu dieser Art von Abreagieren zu 
verhelfen. Wenn das Kind etwas sehr Unangenehmes, 
Erschütterndes oder Angsterregendes erlebt hat, so ist 
es dem Erzieher möglich, das Erlebnis mit dem Kind 
sofort zum Spiel zu machen, dabei etwa gelegentlich das 
Spiel mit anderem Ausgang oder mit anderer Rolle des 
Kindes ablaufen zu lassen und so dem Kind zur veru 
hällnismäßig raschen Assimilation zu verhelfen. 

Die vorstehenden Erörterungen haben sich nicht die 
Aufgabe gestellt, das Phänomen des Kinderspieles über- 
haupt erschöpfend zu behandeln, auch nicht die Aufgabe, 
erschöpfend alles das darzustellen, was die Psychoanalyse 
zum Verständnis des Spieles beitragen kann. Wir haben 
nur die eine Seite besprochen, welche der Psychoanalyse 
als die für die Bedeutung des Spieles im kindlichen Leben 
wichtigste erscheint. Das enthält nun keineswegs die Be- 
hauptung, daß jedes Spiel ausnahmslos ein solcher Assi- 

168 "^ •.' • 



1 



V 



milationsprozeß sein müßte, oder daß diese Determinante für 
dasVerständnis jedeseinzelnenSpieles die entscheidendewäre. 

Ein einfaches Beispiel für ein Spiel, das nicht unter 
diese Erklärung fällt, ist etwa das spielerische Greifen 
nach allen Gegenständen, das in den letzten Monaten des 
ersten Lebensjahres auftritt. Dieses Benehmen könnte 
vielleicht am ehesten als Äußerung des Bemächtigungs- 
triebes verstanden werden. Das Kind befindet sich gerade 
jetzt in einem Alter, wo es langsam zur Welt erwacht und 
die Objekte der Außenwelt ihren gefahrdrohenden 
Charakter, den sie zu Anfang hatten und von dem die 
ursprünglich überwiegend negativen Reaktionen des Säug- 
lings Zeugnis ablegten, verlieren, und das Kind sich daran 
erfreut, sich ihrer mehr und mehr zu bemächtigen. Die 
Lust, die es dabei spürt, ist vielleicht der mit dem Ter- 
minus der „Funklionslust" gemeinten außerordentlich ähn- 
lich, doch sollte man auch hier an der inhaltlichen Bestimmt- 
heit nicht vorübergehen, die im Charakter der Bemäch- 
tigung gelegen ist. 8) 

Eine weitere Funktion des Spieles wird uns deutlich, 
wenn wir erwägen, daß das Kind im Spiele erlaubter 
Weise manches agieren darf, was ihm in der Wirklich- 
keit von der Erziehung versagt wird mid später, wenn 
das Überich einmal gebildet ist, auch von seinem eigenem 
Gewissen verboten wird. Das Spiel ist damit auch Urlaub 
von der Realität und Urlaub vom Überich»); 
eben damit aber hilft es auch auf eme andere Weise als die 
oben besprochene zur Assimilation der Emgriffe der Er- 
ziehung. 

Die auffäUigste Parallele zum Spiel des Kindes schemt 
uns, wi e emgangs bereits erwähnt, die Phantasie und der 

8) Im empirischen Sinn kann getrost von einem BemächtigungBtrieb 
Besprochen werden, doch ist damit nichts Letztes im Reiche der Trieba 
gemeuit Vom Standpunkt der Trieblehre erscheint der Bemächtigungs- 
trieb — wie auch alles andere — als mne MUchung von Uei)e und 
Destruktion, als Destruktionstrieb, der durch den Bros nach außen ge- 
wendet und harmlos gemacht wird. 

9) Ich danke Herrn E. Kris diese, wie mir scheint, glückliche tormei. 

169 



b^ 



Tagiraum zu sein. Die beiden kardinalen Bedeutungen, die 
wir glaubten im Spiel finden zu können, treffen wir auch 
wieder bei der Phanlasie: Triebbefriedigung und Assimila- 
lation unlustvoller Erlebnisse. Der eine Groliteil der Pliaa- 
tasien sind gewiß deutlich Wunschbefriedigungen; mag 
es nun glückliche Liebe oder Reichtum, befriedigter Ehr- 
geiz oder Macht, oder was immer sein, das uns ein 
Tagtraum als erfüllt vorgaukelt. Für manche Phantasien 
gilt aber auch die andere Rolle; in ihnen kehren schmerz- 
liche unlustvolle Erlebnisse immer erneut wieder, Nicht- 
assimilierles drängt zur erneuten Vornahme und kann 
erst so langsam und in kleinen Dosen assimiliert werden. 
Freilich ist bei der Phantasie die erste Bedeutung, die 
der Wunschbefriedigung, unsäglich viel häufiger und man 
wird nur selten Beispiele für die zweite Funktion der 
Phantasie zeigen können, während beim Spiel die Bedeu- 
tung einer spielerischen Abreaktion gewiß ebenso wichtig 
und häufig ist wie die der realisierten Wunsclibefriedigung, 
Es scheint in dem Umstand begründet zu sein, den wir 
schon diskutiert haben: der Ubiquität des traumatischen 
Erlebens im Kindesalter und relativen Seltenheit im Leben 
des abgehärteten, durch mancherlei Panzer geschützten 
Erwachsenen. 

Von hier aus mag dann die Frage nach dem psycho- 
logischen Unterschied von Spiel mid Phantasie aufge- 
worfen werden. Einige Bemerkungen von Freud geben 
wie uns scheint, eine Antwort auf diese Frage: „Jedes 
spielende Kind benimmt sich wie ein Dichter, indem es 
sich eine eigene Welt schafft oder richtiger gesagt, die 
Dinge seiner Welt in eine neue ihm gefällige Ordnung 
versetzt. Es wäre danji unrecht zu meineu, es nähme 
diese Welt nicht ernst; im Gegenteil, es nimmt sein Spiel 
sehr ernst, es verwendet große Affektbeträge darauf. Der 
Gegensatz zu Spiel ist nicht Ernst, sondern Wirklichkeit 
Das Kind unterscheidet seine Spielwelt sehr wohl, trotz 
aller Affektbesetzung, von der Wirklichkeit und lehnt 
seine imaginierten Objekte und Verhältnisse gerne an 

170 * . ' 



greifbare und sichtbare Dinge der wirklichen Welt an. 
Nichts anderes als diese Anlehnung unterscheidet das 
»Spielen« des Kindes noch vom »Phantasieren«"'*). Die 
Antwort Freuds geht also dahin, daß sich die Phan- 
tasie des Kindes eben noch am realen Objekt betätigt, 
während beim Erwachsenen die Realität von der Welt 
der Phantasie geschieden ist. Das gehört wohl zu jener 
Vermischung von Wirklichkeit und Phantasiewelt, die als 
eine Eigentümlichkeit des kindlichen Weltbildes bekannt 
Ist. Phantasie am realen Objekt ist aber 
nichts anderes als: Spielen. 

Zusammenfassend scheinen uns nun die psychoanaly- 
tischen Beiträge zum Problem des Spieles durch folgende 
Schlagworte zu kennzeichnen: Bemächtigungslrieb ~ 
Wunschbefriedigung — Assimilation übermächtiger Er- 
lebnisse nach dem Prozeß des Wiederholungszwanges — 
Wandlung von der Passivität zur Aktivität -— Urlaub von 
der Realität und Urlaub vom t)berich — Phantasien am 
realen Objekt. 

Wenn wir dies mit Beiträgen vergleichen, die man der 
Schulpsychologie zu verdanken hat und die man etwa in 
die Schlagworte fassen könnte: Phylogenetisches Nach- 
klingen von Ernsthandlungen — Atavismen — Nachah- 
mung — Kraftüberschuß — Vorübung künftiger Funk- 
tionen — Funklionslust, so wird man sich, ohne den 
Wert dieser Gesichtspunkte für eine umfassende 
Theorie des Spieles im geringsten in Frage zu stellen, 
dem Eindruck kaum entziehen können, daß die psycho- 
analytischen Beiträge für das Verständnis des individu- 
ellen Kindes, seiner individuellen Entwicklung mit seinen 
Schwierigkeilen und Lösungsversuchen mehr leisten, daß 
sie uns lehren, das Spiel als Zeichen für die aktuelle 
Situation des Kindes zu benutzen, und daß sie geeignet 
sind, den Weg zu einem zweckmäßigen Eingreifen in 
eine kindliche Konfliktsituation zu weisen. 

10) „Der Dichter und das Phantasieren", Gea. Sehr., Bd. X., S. 23(K 

171 



kdc^ 



„Nimm du die Schwarzen." In Gertis Sprache, die ich 
bei anderen Gelegenheiten verstehen gelernt habe, be- 
deutet schwarz das Totsein. Sie wünscht mir also, daß 
ich oder meine Steine totgemacht werden sollen, erschrickt 
■ aber sofort über diesen Gedanken, nimmt ihn zurück und 
versucht, ihn dadurch gutzumachen, daß sie selbst die 
schwarzen Steine nimmt und sich so für ihre bösen 
Wünsche bestraft. 

Warum muß sie meinen Steinen so vorsichtig aus- 
weichen und kann sie erst nach meiner harmlos ge- 
äußerten Bemerkung treffen? Das ist nicht schwer zu 
verstehen. Ihr Wunsch, zu gewinnen und meine Steine zu 
beseitigen, ist so groß, daß sie Angst vor ihm bekommt 
Sie ruft schnell ihre gute Erziehung zu Hilfe und ist auf 
diese Art imstande, das Gegenteil von dem zu tun was sie 
tun wollte: sie reitet meine Steine. Wie ich aber sa^e 
daß andere Kinder gerne gewinnen, und das gar nicht 
so arg zu fmden scheine, lohnt es ihr plötzlich nicht 
mehr, sich so mit der Überwindung ihrer Wünsche zu 
plagen, die guten Lehren ihrer Erziehung verlieren die 
Macht über sie und sie kann das tun, was sie wirklich 
tun will: sie kann mich besiegen -- und es fehlt ihr 
durchaus nicht an Geschicklichkeit. 

Am nächsten Tag scheint sie den Konflikten des Vor- 
tages ausweichen zu wollen und wähU die gelben und 
grünen Steine. Sie ist lange nicht mehr so wohlerzogen 
und versucht ihre Gefühle nicht mehr so sorgfäUig zu 
verbergen. Sie fängt sogar an zu lutschen. Sie lulseht 
immer, wenn sie in eme Stimmung ängstlicher Erwartung 
geiat und sich vor einer Enttäuschung fürchtet. Sie hat 
die gewohnlichen Enttäuschungen der Kindheit hinler sich 
und hat unter ihnen die Enttäuschungen und Versagun- 
tZ.r ^''f ^'''' Säuglingszeit, den Entzug der Multer- 
Drust und der ausschließlichen Fürsorge der Mutter be- 
sonders schwer genommen. Ihre Wünsche und Gedanken 
kehren immer wieder in den verschiedensten Verkleidun- 

174 




gen in diese glückliche Vorzeit zurück. Sie spielt zuzeiten 
in der Analyse stundenlang, daß sie ein Wickelkind ist, 
das noch nicht gehen und sprechen kann, zu einer ande- 
ren Zeit bringt sie mir eine Photographie, auf der sie als 
lockenköpfiges Baby zu sehen ist, schildert mir, was für 
ein reizendes Kind sie war, ehe ihre Mutter ihr die Haare 
geschnitten hat, und sagt, wie gerne sie wieder so aus- 
sehen würde. Wenn jetzt im Spiel die Versagung wirk- 
lich eintritt, wenn sie verliert und der Gegner gewinnt, 
dann fängt sie an, sich zu beißen. Sie wollte wahrschein- 
lich als kleines Kind in ihrer Enttäuschung die Multer- 
brust beißen, die sich ihr versagt hat; in der Gegenwart 
wendet sich ihre Beißaggression aber gegen die eigene 
Person, nicht gegen den Gegner. 

Trotzdem kann sie sich noch immer nicht über das 
Gewinnen freuen. Sie ist zu sehr gewöhnt, daß man in 
der Weltj in der sie lebt, für die Erfüllung seiner Wünsche 
bestraft wird. Sie braucht Bestätigung von außen her, 
ehe sie sich zu dem nächsten Schritt entschließen kann. 
Aber es genügt ein Mindestmaß an Aufforderung von 
meiner Seite, um einen Sturm von Angriffs- und Ge- 
winnlust in ihr zu entfesseln. Jetzt läßt sie auch das 
unfairste Mittel nicht mehr unversucht, um ihren Zweck 
zu erreichen. Ihre Wohlerzogenheit schmilzt vor der In- 
tensität des Wunsches, den Gegner zu besiegen; sie läßt 
sich selbst nichts mehr geschehen und verteidigt ihre 
Steine mit derselben Zähigkeit, mit der sie meine ver- 
nichtet. Wir fragen uns, warum sie nicht mehr lutscht. 
Das Spiel bietet ihren Triebwünschen viel direktere und 
bessere AusdrucksmögUchkeiten als das Lutschen und 
macht es überflüssig. Das heißt: Sie lutscht, wenn sie 
enttäuscht ist, beißt, wenn sie Rache nehmen möchte, 
und sie hört auf zu lutschen, wenn es ihr gelingt, ihren 
Zorn in anderer Weise zu äußern. 

Die Beobachtung Gertis beim Spiel hat es uns ermög- 
licht, einen Blick hinter den noch sehr schwachen Cber- 



175 



bau ihrer kindlichen Persönlichkeit zu werfen. Wir be- 
kommen einen Eindruck von ihrem stürmischen Wesen, 
ihren Leidenschaften und Konflikten und den Mechanis- 
men, mit denen sie sie zu bewältigen versucht. Diese 
kleine Untersuchung ist nur ein Beispiel dafür, wieviel 
sich für das Verständnis von Kindern im allgemeinen aus 
ihrer Beobachtung beim Spiel gewinnen läßt. Uns allen 
sind typische Reaktionen von Kindern beim Spielen be- 
kannt, deren Ursachen sich leicht erraten lassen. Wir 
kennen die Kinder, die das Verlieren nicht ertragen kön- 
nen, sehr schnell deprimiert werden, alle Anstrengung zu 
gewinnen aufgeben oder überhaupt gekränkt zu spielen 
aufhören. Bei Mädchen bedeutet diese Enttäuscliungs- 
reaktion häufig die Erinnerung an eine andere Ver- 
sagungssituation, die nicht mehr gutzumachen ist: Die 
Versagung des Männlichkeitswunsches. Andere Kinder 
prahlen, wie gut sie spielen können und wie schnell sie 
den Gegner besiegen werden, versagen aber völlig, wenn 
man sie auf die Probe stellt. Die Prahlerei dient hier nur 
dazu, um die Oberzeugung von der eigenen Unfähigkeit 
krampfhaft zu verdecken. 

Für den Erwachsenen bedeutet das Spiel nur einen | 
Zeitvertreib, für das Kind viel mehr. Im Verhalten des | 
Kindes im Spiel spiegelt sich sein Verhällnis zur Realität, " 
es zeigt seine Leidenschaften, seine Befriedigung, seine 
Enttäuschungsreaktionen und alle seine Konflikte im Spiel ; 
nicht anders als in seinen ernsthaften Betätigungen. Ge- | 
winn und Verlust im Spiel bedeuten ihm ebensoviel wie ' 
Sieg und Niederlage in der Realität. Daß es auf das Spiel I 
ebenso reagiert wie auf wirkliche Erlebnisse, macht aus 
der Beobachtung seines Verhaltens beim Spiel einen nicht 
zu unterschätzenden Zugang zum Verständnis des kind- 
lichen Wesens. 



i 



176 






PSYCHOANALYSE DES KINDES 

Von 
Anna Freud 

Dieser Aufsatz wurde auf Aufforderung von Prof. Carl 
Murchison für das von ihm herausgegebene „Handbook of 
Child Psychobgy" (Worcester, Mass., Clark University 
Press, 1931) geschrieben. Auf dieses Handbuch beziehen 
sich auch die Bemerkungen Seite 187 f. der Arbeit- Er- 
schienen im Jahrgang VI (1932) der „Zeitschrift für psycho- 
analytische Pädagogik". 

Die Psychoanalyse hat ihre Laufbahn nicht als Kinder- 
psychologic begonnen. Sie verdankt ihre Beziehung zum 
Verständnis der Kindheit einer Eigentümlichkeit der Neu- 
rosen, auf deren Erforschung ihre Methode im Anfang 
ausschließlich gerichtet war. Jede Hysterie oder Zwangs- 
neurose reicht mit ihrem Ursprung bis in die frühesten 
Kinderzeilen zurück. Das Ziel der Psychoanalyse war nur, 
die Geschichte der einzelnen neurotischen Erkrankung 
möglichst vollständig zusammenzustellen. Aber während 
sie diesen Ursprung in immer tiefere Schichten verfolgte, 
mußte sie sich immer intensiver mit den ersten Erleb- 
nissen des Patienten beschäftigen. So kam sie, ohne daß 
es ihre ursprüngliche Absicht gewesen wäre, zu einer » 
fast lückenlosen Rekonstruktion der Kindheit der von der 
Neurose befallenen Menschen. '^ 

Die weitere Entwicklung der psychoanalytischen Ar- 
beit machte es möglich, auf dem Umweg über die Deu- 
tung der Träume und Fehlleistungen von Gesunden die 
Ergebnisse, die an den neurotisch Erkrankten gewonnen 
worden waren, auch auf das Seelenleben der gesunden 
Menschen auszudehnen. In derselben Weise verwandelten 
sich die ersten Aufstellungen und Vermutungen über die 
infantile Neurose und die merkwürdigen Vorgänge in der 
Kindheit der Neuroliker in eine für normale und ab- 



13 Almanach 193S 177 



V. 



normale Entwicklungen in gleicher Weise gültige psycho- 
analytische Theorie der ersten Lebensjahre des Menschen. 

Es ist bekannt, daß die neue psychoanalytische Psycho- 
logie im Anfang überall mehr Widerspruch als Interesse 
erweckte. Sie beleidigte jeden, der sich ihr nähern wollte, 
vor allem durch zwei Feststellungen. Sie behauptete die 
Existenz eines unbewußten Seelenlebens. Damit 
zerstörte sie die Vorstellung, daß der Mensch wenigstens 
ein kleines Stück Welt, sein eigenes Ich, absolut zu be- 
herrschen imstande ist, und entwarf ein wenig schmei- 
chelhaftes Bild von Ihm, als einem Spiclball zwischen 
den Mächten der Außenwelt und seinen eigenen im Un- 
bewußten verborgenen Trieben. Und sie zog die Sexual- 
triebe aus der Dunkelheit hervor, in der die Menschen 
sie, wenigstens soweit es die Theorie anging, bisher 
verborgen gehalten hatten, rückte sie gerade in den 
Mittelpunkt der Forschung und scheute sich nicht, so 
wie die Ergebnisse dieser Forschung es mit sich brachten, 
ihnen eine zentrale Rolle als Krankheitserreger und Le- 
bensbestimmer zuzuschreiben. 

Wenn aber die Schulpsychologie auf diese Art zwei 
gute Gründe hatte, sich gegen den Einzug der neuen 
psychoanalytischen Erkenntnisse zu wehren, so halte die 
hergebrachte Kinder psychologie noch um zwei Wider- 
stände mehr zu überwinden. Schließlich war die Rolle 
der Sexualität im erwachsenen Leben von der Psychoana- 
lyse nur neu betont und in ein grelleres Licht gerückt 
worden, der ganze Begriff der erwachsenen Sexualität 
hatte eine weitere Ausdehnung erfahren; aber es handelte 
sich dabei mehr um den Verstoß gegen ehi bisher von 
allen gehaltenes stilles Übereinkommen, etwas totzu- 
schweigen, als um eine wirklich neue Entdeckung. Die 
Tatsachen, welche für die neue Auffassung des Sexual- 
lebens sprachen, waren eigentlich niemandem völlig un- 
bekannt, waren nur vernachlässigt worden. Anders war 
es bei der Auffassung der Kmdheit. Nicht nur die Küider- 



178 



mm 



Psychologie und die Pädagogik, sondern auch die ganze 
übrige gebildete und ungebildete Welt war bis zur Zeit 
der Psychoanalyse fest überzeugt gewesen» daß Kindheit 
und Sexualität miteinander unverträgliche Begriffe wären. 
Tatsachen, die dagegen sprachen, waren nicht allgemein 
bekannt, waren jedenfalls weder in den wissenschaft- 
Uchen Lehrbüchern, noch in den populären unter den 
Eltern und Erziehern verbreiteten Meinungen zu finden. 
Wo man an einem einzelnen Kind eine besonders krasse, 
unverkennbar sexuelle Regung doch feststellen mußte, 
wurde sie als Seltenheit, als Anzeichen besorgniserregender 
Frühreife und schwerer Abnormität gewertet. Diese Ab- 
wesenheit aller geschlechtlichen Regungen war direkt das 
Wahi'zeichen und eine der am höchsten geschätzten Eigen- 
heiten dieser Lebenszeit. Unter ,. Sorglosigkeit" der Kinder- 
zeit verstand man vor allem die Freiheit von allen 
drückenden Fragen und KonfUkten des Geschlechtslebens, 
die das erwachsene Leben beschweren; die ersten ge- 
schlechtlichen Regungen des jungen Menschen, die von 
der Umgebung als solche anerkannt wurden, die Zeit 
der Geschlechtsreife, beendete ja auch das Stadium der 
Kindheit. 

Für diese „harmlose" Auffassung der Kindheitsperiode 
bedeutete die neue psychoanalytische Theorie eine schwere 
Erschütterung. Die Psychoanalyse schrieb dem Kind ein 
Sexualleben zu. Aber sie ging noch weiter. Sie behauptete, 
daß es sich bei diesem Sexualleben des Kindes nicht um 
vereinzelte, mehr oder weniger zufällige Regungen handelte, 
sondern um eine Organisation, eine Triebentwicklung von 
hervorragender Bedeutung für das übrige Leben des Kin- 
des. Die Normalität des ganzen späteren Geschlechtslebens, 
die Liebes -und Zeugungsfähigkeit sollten mit dem Schick- 
sal dieser kindlichen Sexualität untrennbar verknüpft sein. 
Die Psychoanalyse förderte reichliches Material zutage, 
genügend bisher übersehene Tatsachen, um die Richtig- 
keit ihrer Behauptungen mit einem Schlag zu beweisen. 
Aber dieses Material selbst verhinderte nur die Anerken- 

12* 179 



_ 



nung der infantilen Sexualität in der außeranalytischen 
Welt, anstatt sie zu beschleunigen. Die Erfahrungen aus 
den Psychoanalysen an Erwachsenen und etwas später die 
direkte Beobachtung am Kinde ergaben, daß das Kind 
zwar auch sexuelle Erregungen und Neigungen nach Art 
des Erwachsenen zeigt, daß seine Sexualität aber vor 
allem einen Charakter trägt, den die öffentliche Meinung, 
wo immer er beim Erwachsenen zutage tritt, als ver- 
werfhchc Abnormität einschätzt und mit dem Namen 
„Per Version" belegt. 

Die Ursache dieser Ähnlichkeit zwischen dem kleinen 
Kind und dem erwachsenen Perversen war nicht schwer 
zu finden. Als pervers bezeichnet man im erwachsenen 
Sexualleben jede Handlung, die nicht am Genitale selbst, 
sondern an irgendeinem anderen Körperteil geschlecht- 
Uche Lust gewinnt und diese Lust m den Mittelpunkt 
seines Scxualstrebens, also an die Stelle des normalen 
genitalen Geschlechtsakts setzt. Das Kind ist aber einer 
erwachsenen genitalen Geschlechtlichkeit noch gar nicht 
fähig, seine Geschlechtsorgane stehen noch nicht im Zen- 
trum der Lustgewinnung. Die Psychoanalyse konnte nach- 
weisen, daß es verschiedene Stufen der Sexualentwicklung 
zu durchlaufen hat, ehe die endgiltige erwachsene Ge- 
staltung erreicht wird. Auf der ersten dieser Organisa- 
tionsstufen ist der Muud der Körperteil, an dem die meiste 
Lust gewonnen wird, auf der nächsten Stufe übernimmt 
der Anus die Rolle des Lustspenders. Erst auf der dritten 
Stufe beginnt der Geschlechtsteil selbst die Stellung ein- 
zunehmen, die für die Vorherrschaft der Genilalzone im 
erwachsenen Geschlechtsleben entscheidend wird. Dj^ 
ersten lustspendenden — wie die Psychoanalyse sie nennt: 
die erogenen — Zonen der Kindheit behalten auch beini 
erwachsenen Geschlechtsakt noch eine allerdings untet^ 
geordnete Bedeutung. Der Erwachsene, der sich aus- 
schließlich an die kindliche Art der Lustgewinnung klain- 
mert, ist ein Kranker, ein Perverser; das Kind hat nach 
der Auffassung der Psychoanalyse normalerweise ein Recht 



. 180 



auf die seiner Entwicklung angemessene „perverse" Form 
der Geschlechllichkcit. 

Die außeranalytische Welt aber lehnte es ab. sich in das 
Material zu vertiefen, das die psychoanalytischen Veröf- 
fentlichungen ihr zur Unterstützung und Erklärung dieser 
Aufstellungen darboten. Für sie blieb der Sachverhalt ein 
zweifach unliebsamer nicht nur daß man dem Kind zu- 
mutete, eine Geschlechtlichkeit zu besitzen, diese Ge- 
schlechtlichkeit wurde auch noch dazu als pervers ge- 
schildert. Mit dieser Festlegung in ihrer Theorie hatte die 
Psychoanalyse die eine schwer übersteigliche Mauer zwi- 
schen sich und den schon bestehenden psychologischen 
Auffassungen der Kindheit aufgerichtet. 

Zu dieser einen anstößigen Behauptung kam dann noch 
eine zweite, nicht weniger befremdende. Man war bisher 
sowohl in der populären wie in der wissenschaftlichen 
Meinung gewöhnt gewesen, die ersten vier oder fünf Le- 
bensjahre des Kindes in ihrer Bedeutung für die Entr 
Wicklung seiner Persönlichkeit germgzuschätzen. Der Wis- 
senschaft war dieser Zeitraum vor allem für die körper- 
liche Entwicklung bedeutsam, in ihn fallen wichtige psy- 
chologische Vorgänge, eine ständige VervoUkommjiung im 
Gebrauch der Sinnesorgane und die Erwerbung der grund- 
legendsten Fähigkeiten wie z. B. der Sprache. Diese Er- 
lebnisse des Wachsens und Erlernens schienen die erste 
Lebenszeit vollständig auszufüllen, eine Pflege, die für 
beide Vorgänge die besten Bedingungen schuf, schien 
allen Ansprüchen, die gestellt werden konnten, völlig zu 
genügen. Für eine Frage nach den eigentlichen seelischen 
Inhalten dieser Zeit bUeb daneben kein Raum. Daß diese 
Auffassung nicht auf die Kinderpsychologie selbst be- 
schränkt blieb, zeigt sich schon daraus, daß die Selbst- 
biographien, die Lebensbeschreibungen und die Entwick- 
lungsromane dieser Zeit vor der Psychoanalyse die erste 
Kindheit fast ganz vernachlässigten. Sie glaubten, allen 
Forderungen der Persönlichkeitsforschung dm-chaus zu 



181 






genügen, wenn sie die Geschichte ihres Helden mit dem 
Schulalter oder mit den JüngUngsjahren beginnen ließen. 

Diese objektive Schilderung der ersten fünf Kinderjahre, 
wie die Wissenschaft sie lieferte, stimmte außerdem mit 
dem subjektiven Gefühl jedes einzelnen Laien vollkommen 
überein. Man glaubte umso bereitwilliger an das Fehlen 
ernsthafter seehscher Inhalte dieser Zeit, als fast niemand, 
seine eigene Kindheit in der Rückerinncrung wirklicli 
durchdringen konnte. Die Kindheitscriebnissc, die der Er- 
wachscne bereitwillig anderen erzählt oder sich selber 
zum Vergleich mit seinem erwachsenen Leben gelegentlich 
vor Augen hält, reichen im Zusammenhang selten weiter 
zurück als bis in das vierte oder fünfte Lebensjahr. Was 
dahinter noch zum Vorschein kommt, sind einzelne zu- 
sammenhanglose Brocken, die aus einem verschwommenen 
Dunkel auftauchen. Sie scheinen nicht besonders wichtirr 
zeigen keine rechte Beziehung zu den äußeren Lebeu^I 
Schicksalen dieser Zeit, und man kann ihnen nicht an- 
sehen, welchem Umstand gerade sie die Erhaltung und 
Aufbewahrung im Gedächtnis verdanken. Man glaubte 
alles Recht zu haben, wenn man diese Einzelheiten vernach- 
lässigle oder bestenfalls gelegentlich in halb scherzhafter 
Weise als Km-iositäten anderen zum Besten gab. 

Die Psychoanalyse war die erste, die sich bei ihrer 
Arbeit an der Neurosenforschung in dieses unbekannte 
Gebiet vorwagte. Es war ihr auffällig, daß der neuroti- 
sche Konflikt, so kompliziert seine Endgeslaltung auch 
aussah, keine rechte Vorgeschichte in der Erinnerung des 
Patienten hatte. An irgendeiner Stelle am Ausgang der 
Kindheit kam er fertig gestaltet an die Oberfläche. Den- 
selben Eindruck bekam die psychoanalytische Beobach- 
tung aber auch von dem Charakter und der Persönlichkeit 
des einzelnen gesunden Menschen. Zuerst kam offenbar 
die frühe Kindheit ohne erkennbare Vorgänge. An ihrem 
Ausgang aber fand sich eine vollentwickelte Miniaturper- 
sönlichkeit mit ausgeprägten Neigungen und individuellen 
Reaktionen, einer fertigen Eigenart also, an der durch 



182 



die erziehliche Beeinflussung nur schwer mehr etwas ab- 
zuändern war. Der Schluß lag nahe, daß diese ersten 
Kinderjahre irgendetwas Bedeutsames enthielten, daß sich 
dort Vorgänge abspielten, von denen die später auftre- 
tende Neurose oder der plötzlich zutage tretende Cha- 
rakter nur der Endausgang waren. Man hatte sich offenbar 
zu Unrecht verleiten lassen, aus dem Fehlen der bewußten 
Erinnerung an diese Periode auf ihren Mangel an Bedeu- 
tung zu schließen. Auch die direkte Beobachtung des 
Kindes sprach durchaus für eine Abänderung der her- 
gebrachten Meinung. Es erschien kaum mehr glaublich, 
daß mau den Widerspruch zwischen der leidenschaftlichen 
Anteilnahme des Kindes an allen Vorgängen seines Lebens 
und dem vollständigem Vergessen dieser selben Vorgänge 
nie schärfer ins Auge gefaßt halte. 

Durch diese Unstimmigkeiten aufmerksam gemacht, ta- 
stete sich die psychoanalytische Methode immer weiter 
in die Kindheit der von ihr studierten Menschen zurück. 
Sie bediente sich zur Aufdeckung des bisher Verborgenen 
aller ihrer Hilfsmittel; des freien Einfalls, der Deutung 
der Träume, der Fehl- und Symptomhandlungen und der 
X)eutuiig der von ihr so genannten „Übertragung", d. h. 
(jes Verhältnisses des Analysierten zum Analytiker, das 
sich während einer analytischen Behandlung herstellt und 
die ältesten Kindheitsbeziehungen in dieser neu-en Em- 
kleidung zum Vorschein bringt. Das Ergebnis war die 
Ausfüllung der großen, allen Menschen gemeinsamen Er- 
innerungslücke und damit die Gewinnung überraschender 
Tatsachen für eine neue Kindheitsgeschichte des Menschen. 

Das Bild, das die Psychoanalyse auf Grund dieser Be- 
mühungen in den Rahmen der Erinnerungslücke einfügen 
konnte, stimmt aUerdings nicht zu den Vorstellungen von 
einer zärtlichen, harmlosen und konfliktfreien Anhänglich- 
keit des kleinen Kmdes an seine Blutsverwandten, an die 
man sich bisher geklammert hatte, gleichgültig ob der 
äußere Anschein im einzelnen Fall dafür oder dagegen 
sprach. Die Auffassungen der Psychoanalyse verstießen 



183 



Schritt für Schritt gegen die bisherige Kenntnis. Hatte man 
bisher nur gesehen, wie der Wunsch nach der Erfüllung 
seiner großen Lebensbedürfnisse das kleine Kind an die 
Mutter bindet und aus seiner Dankbarkeit für ihre Pflege 
und Ernährung neben der körperlichen auch eine rein 
seelische, zärtliche Beziehung zu ihr entsteht, so konnte 
man jetzt, nachdem das Vergessen der Kindheitsperiode 
rückgängig gemacht worden war, erst die Natur dieser 
psychischen Beziehung untersuchen. Man fand sie — wo 
es sich um Knaben handelte — der erwachsenen Liebes- 
beziehung eines Mannes zu der von ihm gewählten Frau 
erstaunlich ähnlich. Sie enthält — - wie man fand — alle 
Elemente, die aus der erwachsenen Beziehung bekannt 
sind: die hohe Einschätzung der geliebten Person, man 
könnte sagen ihre Überschätzung; der Wunsch nach ihrem 
Alleinbesitz; nach irgendeiner Art der körperlichen Be- 
friedigung durch sie; und leidenschaftliche Gefühle von 
Haß und Rivalität für alle jene, die ihm sein Eigentums- 
recht auf sie streitig machen wollen. Dabei handelt es 
sich auch nicht einmal um eine Miniaturliebe, wie der 
Erwachsene sich gerne glauben machen möchte. Die Lei- 
denschaft des Kindes ist ihrem Charakter und ihrer 
Intensität nach durchaus nicht verschieden von dem 
entsprechenden erwachsenen Gefühl, seine Enttäuschung 
und Verzweiflung, wenn es seine Absicht nicht durch- 
setzen kann, gleicht vollständig der erwachsenen Liebes- 
enltäuschung, die Konflikte, die aus seiner Liebe ent- 
stehen, spielen in seinem kindlichen Leben die den er- 
wachsenen Liebeskonflikten entsprechende Rolle. Der ein- 
zige Unterschied besteht darin, daß die körperliche Be- 
friedigung, die er an seinem Liebesobjekt genießen möchte, 
der erwachsenen genitalen Sexualbefriedigung noch un- 
ähnlich ist. Je nachdem, wie weil das Kind eben schon auf 
dem Entwicklungsweg der infantilen Sexualität gekommen 
ist, drehen sich seine Wünsche um eine Reizung der 
erogenen Zonen, des Mundes, des Anus, des Genitales 
oder um die in diesen Entwicklungsweg eingefügte Be- 



^ 



184 



friedigung seiner Schau- und Zeigelust, seines Sadismus 
oder Masochismus, seiner sexuellen Wißbegierde. Auch 
in dem Verhältnis zu seinen Rivalen benimmt das Kind 
sich nur wenig anders als ein Erwachsener. Wo es sich 
um ihm gleichgestellte oder jüngere Personen handelt, 
um die Geschwister also, verleiht es seinen unfreund- 
lichen Gefühlen mehr oder weniger freien Ausdruck in 
feindseligen Handlungen. Hier ist der Ausgangspunkt für 
den in jeder Kinderstube endlosen Geschwisterstreit, die 
Realität hinter der Geschwisterliebe, wie die Religion oder 
die Ethik sie postulieren. Wo aber der Rivale ein über- 
mächtiger ist, der Vater, also der eigentliche und in der 
Wirklichkeit unangreifbare Besitzer der Mutter, da er- 
schöpft sich seine Feindseligkeit in ohnmächtigen Todes- 
wünschen und Vernichtungsphantasien. Die Psychoanalyse 
konnte eigentlich, mit Ausnahme des geänderten Sexual- 
ziels, nur einen einzigen wirklichen Unterschied zwischen 
dieser ersten Liebe des Knaben und seinen späteren Be- 
ziehungen zu Frauen entdecken: ihre größere relative Be- 
deutung. Der Knabe erwirbt sich an diesem ersten Liebes- 
erlebnis ein Voi'bild, an das er im späteren Leben ge- 
bunden bleibt. Sein erwachsenes Liebesleben verhält sich 
zum infantilen gewöhnhch nicht anders als Kopien zu 
ihrem Original. 

Die Psychoanalyse schildert das Geschwister Ver- 
hältnis des Kindes in dieser prähistorischen Zeit als ein 
ursprünglich eindeutiges, feindseliges. Das Kind hätte, wenn 
es nur auf seine eigene Person ankäme, keinen zwingenden 
Grund zu einer Umwandlung dieser Gefühle. Nur die 
Rücksicht auf die Mutter, die auch diese andern Kinder 
liebt und der Gehorsam gegen ihre Wünsche — der 
Druck der Erziehung also — überdeckt die Feindseligkeit 
allmählich mit einem Anschein ihres Gegenteils. Dieses 
Verhältnis zum Konkurrenten — der durch den Zwang der 
Umwelt zur Duldung ermäßigte Haß — wiederholt sich 
später unzählige Male im erwachsenen Leben. 

Das Verhältnis zum Vater, wie die Psychoanalyse 



185 



es für diese Präliislorie aufgedeckt hat, ist komplizierter 
gebaut als die Geschwisterbeziehung. Es enthält mehr als 
nur die eine feindliche Strömung, die der Eifersucht ent- 
springt. Der Vater ist für den kleinen Knaben zu allererst 
eine Idealgeslalt, die er ebenso wie die Mutter liebt und 
überschätzt. Er bewundert seine Macht und Größe, die er 
für uneingeschränkt hält. Hat seine Liebe zur Mutter in 
ihm den Haß gegen den Vater geweckt, den Wunsch, ihn 
zu verdrängen und selber seine Rolle zu spielen, so gibt 
die bewundernde Liebe zum Vater diesem Wunsch, selbst 
Vater zu sein, erst ihren eigentlichen Hintergrund. Man 
könnte sagen, die Identifizierung mit dem Vater, die der 
Knabe anstrebt und die die mächtigste Triebkraft für 
seine männliche Entwicklung beistellt, stützt sich auf zwei 
gleichzeitige, aber einander widersprechende, ambivalente^ 
Einstellungen des kleinen Kindes zum Vater: eine feind- 
sehge und eine zärtliche. 

Die Psychoanalyse hat für diesen Zusammenhang der 
Gefühlserlcbuisse des Kleinkmdes, die Liebe zur Mutter 
mit dem sich daraus ergebenden Ha& gegen den doch 
bewunderten und gefürchleten Vater, in Anlehnung an die 
griechische Sage den Namen Ödipuskomplex ge- 
funden. Aber es wäre unrecht zu glauben, daß dieses 
Schlagwort den ganzen seelischen Inhalt dieser Zeil mit 
allen in ihr gegebenen Konfliktmöglichkeiten bereits er- 
schöpft. Das Studium des Ödipuskomplexes in seiner hier 
geschilderten einfachsten Form bildet nur den Eingang, 
die erste Station auf dem Weg zu einem tieferen Ver- 
ständnis dieser Kindheitsperiode. 

Es war offenbar das Schicksal der Psychoanalyse, daß 
jede ihrer großen Entdeckungen an einer Idealvorstellung 
rütteln mußte, welche die Menschen bisher besonders 
hochgehalten hatten. Ebenso wie das Ideal der unge- 
schlechtlichen Kindheit durch die Funde der Psycho- 
analyse ins Wanken geraten war, bedrohten die Ergebnisse 
ihrer Untersuchungen über die vergessene Kindheitsperiode 
ein zweites Ideal, das zum alten, nicht nur zum wissen- 



186 



schaftlichen, sondern direkt zum religiösen Besitz der 
Menschheit gehörte: die Reinheit der Beziehungen des 
Kindes zu seiner Familie, also die Eltern- und Geschwister- 
liebe i). Die Aufstellung des Ödipuskomplexes wurde zur 
zAveilen Scheidewand zwischen der Psychoanalyse und 
der außeranalytischen wissenschaftlichen und unwissen- 
schaftlichen Außenwelt. Es ist unter diesen Verhältnissen 
sicher nicht verwunderlich, daß es eine Reihe von Jahren 
gedauert hat, ehe die offizielle Kinderpsychologie mit 
der Psychoanalyse in Beziehung treten wollte. Vielleicht 
muß man die Aufnahme eines Artikels über „Die Psycho- 
analyse des Kindes" in ein Handbuch über Kinder- 
psychologie als Anzeichen dafür nehmen, daß die Tren- 
nungsniauern zwischen der Psychoanalyse und der übrigen 
Wissenschaft jetzt anfangen, ihre Widerstandsbedeutung 

zu verlieren. 

Anderseits könnte dieser Versuch aber auch ergeben, 
daß die Handbücher für Kinder psychologie sehr recht 
daran getan haben, sich bisher gegen psychoanalytische 
Artikel zu verwahren. Die Psychoanalyse läßt sich gar 
nicht in den Zusammenhang der anderen Auffassungen 
einreihen, sie widerstrebt der Gleichstellung mit ihnen. 
Es widerspricht der Ällgemeingültigkeit, die sie für ihre 
Theorien postuliert, sich auf irgend ein Spezialgebiet, 
etwa die Auffassung des neurotischen Kindes oder sogar 
die Sexualentwicklung des Kindes zu beschränken. Sie 
greift über diese Gebiete hinaus, für die man ihr vielleicht 
gerne das Recht der Beurteilung zug estehen würde, und 

1) Lange vor der Psychoanalyse machte Diderot in seinem be- 

rühmten Dialog „Le neveu de Rameau" die folgende erstaunliche Äußerung: 

Si le petit sauoage itait abandonnä ä lui-meme, quV conserua (oute son imb^cdUti 

"ei qu'il räunil au peu de raison de Venfant au berceau la oiolence des passions de 

l'komme de trente ans, il iordrait le cou ä son pere et coudterait auec ta mere." 

(In Goethes Übersetzung: „Wäre der kleine Wilde sich selbst über- 
lassen und bewahrte seine ganze Schwäche, vereinigte mit der germgen 
Vernunft des Eindes in der Wüege die Gewalt der Leidenschaften des 
Mannes von dreißig Jahren, so brach' er seinem Vater den Hals und 
entehrte seine Mutter.") 

187 



bricht in Reiche ein, die — wie das Inhaltsverzeichnis 
dieses Buches zeigt — andere Spezialisten sich vorbe- 
halten haben. Sie hat, wie oben erwähnt, ihre eigene 
Auffassung über die Entwicklungsphasen des kindlichen 
Trieb- und Gefühlslebens. Sie beurteilt auf Grund ihrer 
Funde den Einfluß der verschiedensten Umweltsformen 
auf die Gestaltung der kindlichen Persönlichkeit. Sie hat 
eine Trieblehre ausgebildet. Sie macht tastende Versuche, 
auf Grund dieser Trieblehre zum Verständnis der speziellen 
Begabungen zu gelangen und die intellektuellen Hemmun- 
gen, wie auch den Untergang von Begabungen im Zusam- 
menhang mit den Triebschicksalen zu erklären. Die Moral 
des Kindes ergibt sich ihr aus der Geschichte seiner 
sozialen Anpassung im Kampf gegen die andrängenden, 
von der Umwelt des Kindes verpönten Triebregungen. Sie 
besitzt Ansätze zu einer Typenlehre, die zum Teil auf der 
Neurosenforschung basiert ist, zum andern Teil auf der 
Lehre von den Entwicklungsphasen des Sexualtriebes mit 
den Möglichkeilen, die sie zum Steckenbleiben, zur Fi- 
xierung bieten, wie auch zur späteren Rückkehr zu ihnen, 
zur Regression. Sic beschreibt das kriminelle und das 
triebhafte Kind im Vergleich zum neurotischen als das 
extrem andere Ergebnis derselben Kindheitserlebnisse. Die 
Deutung der Kinderzeichnungen, der Kinderspiele und 
Kinderträume sind ihr uuenlbehrUches Hilfsmittel bei der 
psychoanalytischen Arbeit am Kinde. Rückwirkend gewinnt 
sie aus dieser Arbeit dann wieder brauchbares Material 
für die Rolle und Bedeutung dieser Äußerungen für das 
Leben des Kindes. Die Psychoanalyse ist offenbar in der 
Kinderpsychologie ein unbequemer Gast, der die Gebote 
der Bescheidenheit verletzt. Anstatt sich dem Vorhandenen 
anzureihen, maßt sie sich an, das ganze Lehrbuch über 
Kinderpsychologie auf Grund ihrer eigenen Funde selber 
schreiben zu können. 

^ Diese neue psychoanalytische Kinderpsychologie läßt 
sich aber im Rahmen eines kurzen Aufsatzes nicht dar- 
stellen. Es ist hier nicht einmal möglich, die Ergebnisse 



188 



■[ 



I 



I 



der psychoanalytischen Forschung aufzuzählen, die den 
psychoanalytischen Kinderpsychologen zu seiner Unbe- 
scheidenheit berechtigen. Der Kinderpsychologe, der sich 
mit den psychoanalytischen Talsachen auseinandersetzen 
will, muß sich ihre Kenntnis aus irgendeiner der aus- 
führlichen Darstellungen der Psychoanalyse holen. An 
dieser Stelle kann es höchstens gelingen, das Bild der 
Kindheit, wie die Psychoanalyse es sieht, welter zusam- 
menzustellen und dabei aus der Reihe der Grundbegriffe der 
Psychoanalyse diejenigen herauszugreifen, deren Anwen- 
dung auf das Tatsachenmaterial der Kinderpsychologie 
die entscheidendsten Umwälzungen der Auffassung her- 
beiführen mußten. 

Die beiden großen Entdeckungen über die Kindheit, die 
Anerkennung der infantilen Sexualität und des Ödipus- 
komplexes, eignen sich hier noch einmal zum ersten Aus- 
gangspunkt. Der Auffassung der Psychoanalyse nach er- 
füllen diese beiden Abläufe die ersten fünf oder sechs 
Lebensjahre des Menschen. Am Ende dieser frühesten 
Kindheitsperiode ist, wie oben geschildert, das Gefühls- 
und Geschlechtsleben des Kindes dem eines Erwachsenen 
gar nicht sehr unähnlich. Das Kind ist fähig geworden, 
seine Liebe auf eine ganz bestimmte Person zu konzen- 
trieren, zum Unterschied von seinem ersten Lebensjahr, 
in dem es, narzißtisch, sich selbst liebt, und andere 
Menschen nur so weit für sein Gefühl existieren, als sie 
für seine Selbsterhaltung nötig sind. Das erste aus der 
Außenwelt genommene Liebesobjekt ist, durch den Ödipus- 
komplex bedingt, für den Knaben die Mutter und für das 
Mädchen — nach einem längeren, sehr interessanten Ab- 
lüsungsprozeß von der Mutter — der Vater. An diesem 
Liebesobjekt will das Kind die Wünsche befriedigen, die 
sich aus den verschiedenen Anteilen seiner infantilen Se- 
xualorganisation ergeben. Auch bei seinem Bemühen, die 
Befriedigung dieser Partialtriebe durchzusetzen, benimmt 
das Kind sich ganz wie ein Erwachsener, der unter der 
Herrschaft drängender geschlechtlicher Begierden steht. 



189 



Es empfindet seine Triebbedürfnisse als außerordentlich 
heftig und dringend, jeder Aufschub in der Befriedigung , 

erscheint ihm als unerträglich. Die unvermeidlichen stän- / 

digen Versagungen rufen schwere Enttäuschungsreaktionen 1 

bei ihm hervor und haben die nachhaltigsten Folgen für 
seine Charakter- und Neurosenbildung. Bei diesem An- ( 

schein von Erwachsenheil scheint ihm in dieser frühen ■ 

Zeit zur Vollendung der Sexualentwicklung nur mehr ein 
einziger Schritt zu fehlen: die Erreichung der körper- | 
liehen Geschlechtsreife. 

An diesem Punkt wird aber ein Hindernis in die Ent- 
wicklung eingeschoben, dessen Aufdeckung auch erst der 
Psychoanalyse zugehört. Anstatt mit der "Weiterentwicklung 
des Kindes Schritt zu halten, verlieren die sexuellen Re- 
gungen allmählich ihre Energie, die Libido, wie sie die 
Psychoanalyse nennt. Das Streben nach Lustgewinn tritt 
immer mehr in den Hintergrund; die stürmische Liebe zu 
den Elternobjekten ermäßigt sich, um schließlich einer 
bloßen Anhänglichkeit oder Zärtlichkeit Platz zu machen. 
Der Anschein von Erwachsenheit, den das Kind auf dem 
ersten Höhepunkt seines Geschlechtslebens erreicht hatte, 
geht vollständig wieder verloren. 

Zur selben Zeit, in der das Triebleben des Kindes auf 
diese Weise zu einem Stillstand kommt, geht in der Ent- 
wicklung seiner Persönlichkeit etwas wie ein Bruch vor 
sich. Die Eigenschaften, die sein Benehmen in der ersten 
Kindheit am entscheidendsten charakterisiert haben, ver- 
schwinden oder verkehren sich ins Gegenteil 2). Seine 
Begehrlichkeit verringert sich mit dem Nachlassen der 
Triebwünsche. Seine Zerstörungslust, seine Grausamkeit, 
seine Schamlosigkeit und Neugier, die als Ausflüsse der 
infantilen Sexualrcgungen das Bild beherrscht und zu 
ständigen Zusammenstößen mit der erwachsenen Umge- 
bung geführt hatten, verschwinden allmählich. An ihrer 

2) Es gibt auch Kinder, die diesen Bruch in der Entwicklung nicht 
miimadien. Gerade diese Personen charakterisiert man, wenn sie erwachsen 
werden als infantil. 



190 



stelle tauchen Eigenschaften auf, die der Umgebung des 
Kindes weitaus erwünschter erscheinen: das Kind erlernt 
die Schonung der leblosen Dinge und das Mitleid mit den 
verschiedenen Lebewesen; es zügelt seine Neugierde oder 
wendet sie doch wenigstens vom sexuellen Gebiet auf 
intellektuelle Dinge; und es empfindet Scham oder Ekel 
bei allen jenen Gelegenheiten, bei denen den Erwachsenen 
eine solche Reaktion als notwendig und selbstverständlich 
erscheint. Wenn das Kind auf der Höhe der ersten Kind- 
heitsperiode in seinem Sexualleben dem Erwachsenen 
ähnlich gewesen war und sich nur in seinen Eigenschaften 
und Wertungen außerordentlich von ihm unterschieden 
hatte, so liegen die Verhältnisse jetzt umgekehrt. In dieser 
zweiten Periode unterscheidet die Armut an Trieben und 
die untergeordnete Rolle des Sexuallebens das Kind vom 
Erwachsenen: in seinem Benehmen und seinen Wertungen 
aber ist es dem Erwachsenen weitgehend angeglichen. 

Der Bruch zwischen der ersten und zweiten Kindheits- 
heitsperiode ist in der Regel ein sehr vollständiger. Das 
Küid entwickelt sich nicht nur über die Ziele, Vorlieben 
und Betätigimgen seiner ersten Sexualperiode hinaus, es 
entwickelt sich direkt im Gegensatz zu ihr. Nicht 
nur, daß es die Reste jener alten Regungen, wo immer 
sie noch auftauchen, als unerträgliche Störungen emp- 
findet und zu unterdrücken bestrebt ist, es verstößt sogar 
die Erinnerung an die Wünsche und an die Befriedigungen, 
die sie ihm gebracht haben, aus seinem Gedächtnis. Zu 
der normalen Entwicklung des Kindes in diesen Jahren 
gehört das Vergessen der ersten Kindheit, also die Er- 
werbung gerade jener Erinnerungslücke, die seit jeher 
das größte Hindernis für das Studium der Vorzeit des 
Menschen gewesen ist. 

An der Grenze zwischen diesen beiden Perioden bedient 
sich das Kind zum erstenmal der Mechanismen, die für 
sein ganzes späteres Leben bedeutsam bleiben werden. 
Um unerträglich gewordene Regungen zu beseitigen, ver- 
weigert es ihnen den Zugang zu seiner bewußten Per- 



191 



sönlichkeit, drängt sie irgendwohin ins Dunkle und ver- 
gißt sie. Die Wirkung dieses Verhaltens entspricht aller- 
dings nicht ganz den Erwartungen. Die verstoßenen Re- 
gungen oder Gefühle erscheinen zwar nicht mehr auf der 
Oberfläche, existieren aber in der Verborgenheit unver- 
ändert weiter und behalten ihre Stärke. Sie sind aus etwas 
Bewußtem zu etwas Unbewußtem, aus manifesten 
Äußerungen zu latenten Kräften geworden. Die Psychoana- 
lyse hat diesen Mechanismus durch den Namen Ver- 
drängung gekennzeichnet. Das Kind empfindet offen- 
bar schon zu dieser Zeit eine der Gefahren, die eine 
solche Lage mit sich bringt. Um zu verhüten, daß die 
infantilen Triebregungen wieder hervorbrechen, wenn aus 
irgendeinem Grund die Stärke der Verdrängung nachlassen 
sollte, richtet es überall, wo es eüae solche alte Regung 
beseitigt hat, eine Sicherheitsvorkehrung auf. In seinem 
Bewußtsein entsteht an dieser Stelle das Gegenbeil der be^- 
seitigten Neigung oder Eigenschaft, die eine Rückkehr 
des Verdrängten endgillig unmöglich machen soll. Es ist 
nicht schwer zu erkennen, daß z. B. die Scham als Si- 
cherung gegen die alle Zeigelust, der Ekel als Sicherung 
gegen eine untergegangene Vorliebe für Schmutziges die 
Rolle solcher Gegensatz- oder Reaktionsbildungen 
spielen. Aber die Umwandlung der primitiven Strebungen 
ist auch auf einem anderen Wege mit einem geringeren 
Kräfteaufwand möglich, als Verdrängung und Reaktions- 
bildung für sich beanspruchen. Die primitive Triebregung 
kann abgelenkt werden, ihr ursprüngliches sexuelles Ziel 
wird gegen ein harmloseres, sozial höher geschätztes 
, nicht sexuelles eingetauscht. Diesen Vorgang, den die 
Psychoanalyse Sublimierung nennt, hat für die Aus- 
gestaltung der kindlichen Persönlichkeit, für die Aus- 
bddung seiner Begabungen und Interessen die allergrößte 
Bedeutung. Die Ablenkung der sexuellen Neugierde des 
Kleinkindes auf das geistige Gebiet^ die Verwendung dieser 
Kräfte für das Lernen, das Erwerben von intellektuellen 
Kenntnissen in der zweiten Kindheitsperiode ist das deut- 



192 



»- 



lichste Beispiel eines solchen Sublimierungsvorganges. Das 
Kind bewältigt üa diesen Jahren seine ursprünglichen- 
Triebregungen mit Hilfe der beschriebenen Mechanismen, 
der Verdrängung, der Reaktionsbildung und Sublimierung 
so weit, daß nur ein ganz geringer Anteil von ihnen noch 
in der unveränderten Gestalt bestehen bleibt und sich dann 
seine Befriedigung in Form einer im Vergleich zur ersten 
Periode sehr ermäßigten Masturbation erzwingt. Die Psy- 
choanalyse hat dieser Ruheperiode des Kuides, die vor 
allem von der Entwicklung semes Intellekts und seines 
Ichs ausgefüllt wird, den Namen Latenzperiode bei- 
gelegt. 

Der nächste Abschnitt im Leben des Kindes, das Ein- 
setzen der Pubertät, nimmt dann die mfantile Sexual- 
entwicklung gerade an dem Punkt wieder auf, an dem sie 
bei Eintritt der Latenzperiode zum Stillstand gekommen 
war. Die ersten Äußerungen der Pubertät bringen die Be- 
weise, daß es den Verdrängungsanstrengungen des Kindes 
wirklich nur gelungen ist, die infantile Sexuahtät und den 
mit ihr verbundenen seelischen Inhalt, den Ödipuskom- 
plex, stillzulegen, daß aber nichts davon vernichtet oder 
zugrunde gegangen ist. Der Ansturm von Libido, der den 
Heranwachsenden zur Zeit der Geschlechtsreife überflutet, 
belebt noch einmal die unverändert erhaltenen infantilen 
Sexualregungen und drängt zu perversen Befriedigungs- 
handlungen oder Abfuhr in gehäufter genitaler Mastur- 
bation. Ebenso flammt der Ödipuskomplex in der vollen 
Stärke und Leidenschaftlichkeit seiner Konflikte noch 
einmal auf, allerdings dieses Mai nur in stürmischen 
Phantasien, nicht mehr in der realen Beziehimg zu den 
wirklichen Elternpersonen. Soll der Ausgang der Pubertät 
die normale erwachsene Sexualität sein, so muß es dem 
Jugendhchen gelingen, seine perversen Partial- 
triebe unter der Vorherrschaft der geni- 
talen Strebungen zusammenzufassen. Gleich- 
zeitig muß das Phanlasieobjekt des Ödipuskomplexes durch 
ein fremdes nicht mehr der Famiüe angehöriges reales 



■i 

3 



13 Almanach 1933 



193 



Liebesobjekt abgelöst werden. Die zärtlichen Re- 
gungen der Latenzperiode sollen gleichzeitig mit den 
sinnlichen Regungen der frühen Kindheit und der Puber- 
tät an diesem neuen Objekt ihre Befriedigung finden. 

Zu diesen beiden schwierigen Aufgaben, die die Puber- 
tät dem Jugendlichen zu lösen gibt, tritt dann noch eine 
weitere nicht weniger bedeutsame. Die Normalität der 
Entwicklung verlangt nicht nur, daß der Heranwachsende 
sich am Ausgang der Kindheit in seinem Liebesleben von 
den Eltern frei macht und fremden Menschen zuwendet, 
sie fordert auch, daß er sich zur gleichen Zeit zumindest 
innerlich der Führerschaft und Vormund- 
schaft von Vater und Mutter entzieht. Dabei 
handelt es sich hier nicht nur wie im Falle der Unter- 
bringung der Liebesregungen um einen Objektwechsel. 
Der Jugendliche sucht zwar auch unter seinen I-.ehrern 
und unter den Idealgeslalten, die Literatur und Geschiebte 
ihm bieten, nach Vorbildern, deren Wertungen er über^ 
nehmen und deren Eigenschaften er nacheifern kann. 
Aber diese Vorbilder übernehmen doch nur zu einem sehr 
geringen Teil die leitende Stellung der Eltern. Die VolU 
endung der Kindheit ist vor allem dadurch gekennzeich- 
net, daß die Rolle des Mentors aus einer äußeren zu 
einer inneren Angelegenheit des Individuums geworden ist. 

Die Ablösung von den Eltern im Sinne einer wach- 
senden Unabhängigkeit von ihnen, soweit es die eigenen 
Urteile und Handlungen betrifft, gehört nicht einer ein- 
zelnen Periode an. Sie erstreckt sich über die ganze 
Kindheit vom Anfang der Latenzzeit bis zur vollendeten 
Erwachsenheit. In der ersten Kindheitsperiode steht das 
Kind unter der Herrschaft von zwei Mächten, einer 
inneren, die durch das Drängen seiner eigenen Triebe, und 
einer äußeren, die durch die Gebote und Verbote der 
Eltern gegeben ist. Die Absicht des inneren Drängens ist 
auf die Befriedigung der Triebe, die Absicht der äußeren 
Elternmacht auf Triebein^chränkung gerichtet. Die Kennt- 
nis der Lage des Kindes, wie die psychoanalytische Be- 



194 






A . 



I 



leuchtung sie zeigt, erklärt, warum das Kind bereit ist, 
sich der Elternmacht zu beugen. Es befindet sich in einer 
doppelten Abhängigkeit von den Eltern, einer körperlichen ' 
Abhängigkeit, die durch seine lange Unselbständigkeit, 
seine Unfähigkeit, sich selbst am Leben zu erhalten 
gegeben ist; und gleichzeitig in der seelischen Abhängig-^ 
keit,'-die durch die Gefühlskonstellation des Ödipuskom- 
plexes erklärt ist. Die Liebesbedürftigkeit des Kindes 
macht es von seinen Liebesobjekten ebenso abhängig, wie 
das Bedürfnis nach Nahrung und Pflege es seinen Pflege- 
personen ausliefert. Die Macht der Eltern löst daher im 
Kind zwei ganz bestimmte Ängste aus, die es den An- 
forderungen der Erziehung gefügig machen: die Angst 
einerseits vor der Schädigung durch die Eltern, wenn es 
sich ihren Wünschen widersetzt. Im Falle der verbotenen 
Luslgewinnung am Genitale oder einem anderen dazu ge- 
eigneten Körperteil wird daraus die Angst vor dem Ver- 
lust dieses Körperteils, die Kastrationsangst. An- 
dererseits die Angst vor dem Verlust ihrer Liebe. Die 
psychoanalytische Pädagogik erkennt in diesen beiden 
Drohungen, deren sich die Eltern mehr oder weniger 
ausgesprochen bedienen, der Drohung mit Kastration oder 
mit Licbesverlust, die beiden Hauptfaktoren für die Er- 
ziehbarkeit des Kindes. v*'-v- 

Diese äußere Macht der Erziehung wird dann im Laufe 
der Latenzperiode immer mehr von innerlichen Kräften 
übernommen. Das Kind richtet allmähUch eine Instanz 
in sich auf, die fähig ist, nach rationellen, nach ästheti- 
schen, nach moralischeii Gesichtspunkten zu urteilen und 
zu werten. Es schafft auf diese Weise den Triebmächten 
in seinem eigenen Innern einen fast gleichstarken Gegner, 
der im Laufe der Pubertät imstande werden soll, mit 
immer weniger Unterstützung von außen her den Trieben 
die Waage zu halten. Alle Kämpfe, die sich in der ersten 
Kindheitsperiode in der Außenwelt zwischen dem Klein- 
kind und seinen Erziehern abgespielt haben, werden auf 
diese Art schon von der Latenzperiode an in immer 



la* . -k 195 



größerem Maße zu inneren Konflikten. Diese Instanz 
im Innern des Kindes war vor der Psychoanalyse nach 
einer ihrer wichtigsten Funldionen als das Gewissen be- 
kannt. Die Psychoanalyse hat für sie den Namen Über- 
ich gewählt, um ihre herrschende Stellung dem Ich des 
Individuums gegenüber zu kennzeichnen 3). 

Wenn aber das fertig ausgebildete Über-Ich dem Ju- 
gendlichen in der Pubertät die volle innere Unabhängig- 
keit von den Eltern und die selbständige Lösung seiner 
Triebkonflikte ermöglichen soll, so bleibt es doch glcicb- 
zeitig ein dauerndes Zeichen seiner Abhängigkeit von ihnea. 
Das Über-Ich ist talsächlich seiner Herkunft nach ein 
Abkömmling der Elterngebote, es ist das Resultat der 
alten Bemühungen des Kindes, sich den Eltern anzu- 
gleichen, es ihnen gleichzutun, sich mit ihnen zu identi- 
fizieren. Wann immer das Kind im Laufe seiner Ent- 
wicklung Liebesregungen von den Eltern ablöst und auf 
andere Weise verwendet, richtet es das Stück Vater oder 
Mutter, dem es sich in der Außenwelt entzogen hat, in 
seinem Innern als einen Teil seiner eigenen Persönlichkeit 
von neuem auf. Wenn die Liebesablösung von den Eltern 
in der Pubertät vollendet ist, dann ist auch die Identi- 
fizierung mit ihnen schon vollzogen. Die äußere Freiheit, 
die der Jugendliche am Ausgang der Kindheit erreicht, 
ist bei näherem Hinsehen nichts anderes als die voll- 
endete innere Gebundenheit. 



Das hier gezeichnete Bild der drei großen Kindheits- 
perioden zeigt die Anwendung der Psychoanalyse auf 
die Auffassung der Kindheit nur in ihren gröbsten Um- 
rissen. Neben einer Erwähnung einiger wichtiger Grund- 
prinzipien der psychoanalytischen Theorie, der Aufzäh- 
lung einiger charakteristischer Mechanismen, wie der Ver- 
drängung, einer Andeutung der Ti-ieblehre und der Libido- 

^) Jede Abweichung im Aufbau des Über-IchB wird zum Ausgangspunkt 
TOQ Störungeu der Charakterbildung und Gesundheit des Individuums. 



196 



^f^wmm 



theorie, findet in ihm kaum die Schilderung zweier In- 
halte, des Ödipuskomplexes und des Kastrationskomplexes 
Platz. Die Eigenart einer wirklich psychoanalytisch-psy- 
chologischen Denkweise hesteht aber nicht nur in der Ein- 
führung dieser Begriffe in die hergebrachte psychologische 
Anschauung. Die psychoanalytische Psychologie, die auf 
den Ergebnissen der analytischen Forschung aufgebaut 
ist, hat ihre eigene Betrachtungsweise, die sie von jeder 
andern bisherigen psychologischen Auffassung unterschei- 
det. Sie bemüht sich, jeden einzelnen seelischen Vorgang, 
den sie beobachtet, von drei Gesichtspunkten aus zu be- 
schreiben. Sie faßt die seelischen Tatsachen nicht als Zu- 
stände auf, sondern als das Ergebnis von Konflikten, von 
seelischen Kräften, die miteinander im Kampfe liegen. 
Diesen Gesichtspunkt nennt sie den dynamischen. 
Sie bemüht sich, den seelischen Ort festzustellen, an wel- 
chem jeder einzelne Vorgang vor sich geht und unter- 
scheidet dabei drei Systeme: das Bewußte, das Vorbe- 
wußte und das Unbewußte. Diesen Gesichtspunkt nennt 
sie den topischen. Und sie hält es für möglich, die 
relative Energie, die jeder einzelnen Seelenregung zur 
Verfügung steht, abzuschätzen und sich aus diesen Größen- 
verhällnisscn den Ausgang der einzelnen seelischen Kon- 
flikte zu erklären. Diesen Gesichtspunkt bezeichnet sie 
als ökonomischen. Aber es ist leicht einzusehen, daß 
nur eine eingehende Beschäftigung mit den Grundlagen 
der psychoanalytischen Theorie es möglich machen würde, 
diese Betrachtungsweise in alle Einzelheiten zu verfolgen, 
sie auf die oben gegebene Schilderung der Kindheits- 
perioden anzuwenden und auf diese Weise daraus die 
legitime psychoanalytische Psychologie der Kindheit auf- 
zubauen. 



197 



DER TOD EDGAR POES 

Von 

Mdrie ßonaparfe 

.".''. Im folgenden geben wir das Schlußkapitel des ersten 

Teils aus dem im International-en Paychoanalytischen Verlag 
erscheinenden Werk von Marie Bonaparte über „Edgar 
Allan Poe" wieder. Dieser erste Teil der großangelegten 
, .psychoanalytischen Studie" über den amerikanischen 
Dichter behandelt das Leben Poes, während der zweite 
-und dritte vom Standpunkt der Psychoanalyse aus die 
Werke und der vierte das Wesen der literarischen Schöp- 
fung und die soziale Bedeutung dieser Leistung („Poea 
Botschaft an die Menschen") untersucht. Übersetzung 
aus dem Französischen: Dr. Fritz Lehner (Wien). 

Gegen Ende Juni wurde das Landhaus in Fordham zuge- 
sperrt. Edgar Poe, der wieder von. dunklen Vorahnungen 
verfolgt und die Beule eiJier neuerliclien Depression war, 
begab sich mit Muddy^) nach New-York, wo diese von 
der guten „Stella", der Frau Lewis, aufgenommen wuixle. 
Und die dunklen Vorahnungen waren auch der Grund, 
warum er vor seinem Hinscheiden an Griswold schrieb 
und den Reverend bat, seine vollständigen Werke lierausc 
zugebcn, wenn er, Edgar Poe, slerben sollte; Willis» war 
beauftragt, den biographischen Teil zu schreiben. 

Poe nahm von seinen Freunden in New-York Abschied. 
Er kam bei Frau Oakes Smith in dem Augenblick an, in 
dem sie in den Wagen stieg, um zur Bahn zu fahren. Sie 
war entsetzt über „sein sichmerzvoUes Aussehen, über 
seine Augen, die nicht melir von dieser Welt waren, über 
den seltsamen Blick voll Verzweiflung'*. Poe stand ganz 
enttäuscht in der Sonne und murmelte: „Ich hätte . . . 
Ihnen so viel zu saigen." Der Frau Lewis, die er auf- 
suchte, um ebenso wie Muddy bei ihr die Nacht zu ver- 
bringen, sagte er ein Lebewohl auf der Schwelle der Tür; 

^) Seine Tante und Schwiegermutter. 
198 



und er erklärte, während' Frau Smith sich würdig ver- 
hieltj Muddy aber weinte: „Teure Stella, teure Freundia, 
Sie verstehen mich und schätzen mich wirklich — ich 
fühle, daß ich Sie nie mehr wiedersehen werde . . . Wenn 
ich nicht mehr zurückkomme, schreiben Sie die Geschichte 
meines Lebens. Sie werden mir Gerechtigkeit zuteil wer- 
den lassen.*' 

Von Muddy begleitet giujg er zur Bahn. Dort gab er ihr 
einen letzten Kuß und sagte: „Gott segne Sie, meine teure 
Mutter. Haben Sie keine Angst um Ihren Eddy und denken 
Sie immer daran, daß ich anstäiidiig sein werde, wenn ich 
von Iluiien weg bin und daß ich zurückkomme, um Sie zu 
lieben und zu trösten." 2) 

Poe fuhr nun über Philadelphia nach Richniond. Dort 
stieg er, vennutlich gegen Ende des Nachmittags am 1. Juli 
1849 aus dem Zug von PerÜi Amboy aus. 

In seiner geblümlen Reisetasche hatte er zwei Vorträge 
mit, deren einer sicher eine Rede über das Poelische 
Prinzip war, sein Lieblingsthema in dieser Letzten Zeit. 
Seine Börse enthielt ungefähr vierziig Dollars. Infolge des 
letzten kahfornischen Goldrausches gab es nun viele Wirts- 
häuser in Philadelphia; auf das Freigebigste bot sich 
daher Poe nach seiner langen und heißen Reise die Ge- 
legenheit zum Trinkea an. Vor allem aber drängte ihn 
die tiefe Depression, in der er siich damals befand und die 
so leicht bei ihm den Alkohol zu Hilfe rief, dazu, der Ver- 
suchung zu erliegen. 

Man weiß nicht genau, was nun vorgefallen ist. An Ta.t- 
sachen erfährt man, daß John Sartain, der Zeichner und 
alte Freund Poes, mit dem er manchen Absinth getrunken 
hatte, an einem heißen Julitag in den Büros von SartairVs 
Magazine, das jetzt ilim gehörte, einen zitternden, schrei- 
enden Mann mit zerzausten Haaren eintreten sah, der 
ihn um Schutz gegen eingebildete Verfolger anflehte, die 
diesem UnglückUchen angeblich auf den Fersen waren. 

, 2) Hervey Allen, Israfel, S. 814. 

199 






Der Verfolg ungswahia, zu dem die mit dem Aller wach- 
sende Tendenz schon immer in Poe steckte, war aiis- 
gebrochen, Sarlain, sein alter Freund, nahm ihn dann 
zu sich in die Wohnung. Dort verlangte Poe ein Rasier- 
messer, um sich den Sclmurrbart abnehmen zu können 
und dadm'ch für die Verfolger unkenntlich zu werden. 
Natürlich gab man es ihm nicht. Mit Mühe brachte Sar- 
lain den Rasenden zu Bett, dann bewachte er ilm die 
ganze Nacht und wagte es nicht, ihn allein zu lassen; 
Poe selber flehte ihn nm Schutz an. 

Auch am nächsten Tag wurde die freundliche Ergeben- 
heit Sartains auf eine harte Probe gestellt. Als Poe asn 
Abend Uiubedingt ausgehen wollte, folgte der l^reund ihm 
auf dem Fuße. Edgar irrte, ohne stehen zu bleiben,, durch 
die Straßen, sprach vor sich hin, geslikulierle und zitierte 
mit voller und tönender Stimme die Fiebervisionen, die 
in seiner leuchtenden und überreizten Phantasie an ihm 
vorüberzogen. Das Thema dieser Visionen, das ihn ganz 
in Bann hielt, von dem sein Geist vollständig besessen 
wai', bestand aus einer schrecklichen Verschwörung, die 
ihn bedroh>e. Vergeblich versuchte sein Freund, ihn zu 
beruhigen. Unennüdiiich rannte Poe durch die Sti'aßen 
und Sartain bemühte sich ohne Erfolg, ihn nadi Hause 
zu bringen.3) 

Während dieses wahnwitzigen Wettlaufes schleppte Poe 
den Freund bis zum Fairwount Reservoir, wo sie gegen 
Mitternacht ankamen. Dort ließ er ihn die stelle Treppe 
hinaufklettern, die bis zum obersten Rand des Reservoirs 
führte. Aber auch hier hörte Poe nicht zu phantasieren 
auf, er schrie, er werde sich umbringen, die Gefahr siehe 
unmittelbar bevor und flehte auf die rühi-endste Weise 
um Schutz. Schließlich ließ er sich nach Hause bringen. 
Aber noch hatte Sartain nicht alle Prüfungen überstanden. 
Poe täuschte seine Aufsicht und entwischte von neuem, 



3) Nach WilKam F. Gill. The life of Edgar Allan Poe, New YorK,. 
Philadelphia, Boston, 1877, S. 233—237. auf den sich Hervey Allen 
S. 816 bezieht. 



200 



i 



legte sich auf freiiem Felde nieder und schlief ein. Da 
erschien ihm einie in Weiß gekleidete Vision und behütete 
ihn vor dem Selbstmord ... 

Bald danach wurde er betrunken aufgegriffen und in 
das Gefängnis von Moyamensing gebraK^ht. 

Hier soll ihm nun auf den Wällen ein neues, in Weiß 
gekleidetes Weib-Phantom erschieiijen sein und einige Worte 
zugeflüstert haben; „Hätte ich nicht gehört, was sie ge- 
sagt", erklärte er später, „das wäre mein Ende gewesen". 

So war in diesen tristen Tagen die tote Frau, welche 
die Seele Poes bewohnte, wieder aus dem lebenden Grab 
hervorgekommen und, durch die heftige Krise eines 
Alkoholwahns begünstigt, zweimal nach außen „proji- 
ziert'" worden; sie zeigte sich den BÜGken des Menschen, 
der sie in sich trug . . . Die drohende, und zu gleicheir 
Zeit ihn beschützende Gestalt war eine Verdichtung der 
fernen und nahen Vergangenheit, sie war EÜzabeth Ar- 
nold, seine Mutter, und Virginia, seine Frau, die aber als 
Lebende auch nur eine Verkörperung der toten Elizabeth 
gewesen. Das Leichentuch der einen war nun in der 
weißen Figur auch das Leiclientuch der andern; und die 
Gestalt kam wie aus dem Jenseits herbei, um den zu 
fordern, der schon zu lange auf Erden weilte . . . 

Am nächsten Morgen, beim Appell der Gefangenen vor 
dem Major Gilpin, soll Poe erkannt worden sein. Jemand 
soll gesagt haben: „Das ist ja Poe, der Dichter!" und 
man hat ihn freigelassen, ohne von ihm die Geldstrafe zu 
verlangen. Als Sartain Poe fragte, warum er denn ein- 
gesperrt worden sei, soll dieser geantwortet haben, ei- 
habe einen falschen Scheck unterschrieben. Poe wurde 
eben zweifellos in seinem Anfall von Verfolgungswahn 
von den alten Beschuldigungen des English gequält. Und 
um sein Elend noch zu verscliärfen, bekam er eine heftige 
Diarrhöe, die er für Cholera hielt. 

Die „tote Mutter" hörte natürlich nicht auf, im Zen- 
trum seines Wahns zu herrschen. Erst wurde er nun von 
den Gedanken heimgesucht, Muddy (seine Schwieger- 



201 



mutter) sei tot: er hatte Halluzinationen, in denen er sie 
tot vor sich liegen sah und er flehte Sartain an — ver- 
mutlich, um seine einzige und doch in vielen Formen 
auftauchende Mutter schneller im Jenseits zu eri-eichen — , 
ihm Laudanum zu verschaffen, jene Droge, die sclion ein- 
mal beinahe ihre Mission erfüllt hätte. Sartaiin verweigerte 
sie ihm, nun brannte Poe von neuem durch, um durch 
die Straßen zu irren. Hier trafen ihn zwei alte Freunde, 
ehester Chauncey Burr und Georgie Lippard, der über- 
spaninte Romanschriftsteller aus der Monks Hall.*) Sie 
brachten ihn zu sich nach Hause, pflegten iliii und nach- 
dem der Anfall von Alkoholwahn ein wenig abgeflau>t 
war, konnte Poe am 7. Juli an Muddy einen Brief schrei- 
ben. Der Inhalt dieses Briefes verrät uns noch seinen. 
Zustand: 

„Meine teure, teure Mutter — ich bin so krank ge- 
wesen — ich habe Cholera oder ähnliche üble Krämpfe 
gehabt, ich kann kaum die Feder halten. 

Sie müssen sich im Augenblick, in dem Sie diesen 
Brief bekommen, zu mir auf den Weg machen. Die Freude, 
Sie zu sehen, wird meine Schmerzen lindern. Wir können t 
nur gemeinsam sterben. Es wäre vergebliche Mühe, mit 
mir jetzt zu raisonnieren; ich muß sterben. Ich will nicht 
mehr leben, seit ich Heureka geschrieben habe. Ich 
könnte nichts anderes mehr fertigmachen. Für Sie weiter- ^ 

zuleben, wäre vielleicht süß, aber wir müssen geraein- 
sam sterben. Sie sind für mich, teure und immer ge- 
liebte Mutter, alles, — alles gewesen, die teuerste und 1 
verläßlichste Freundin. f 

Ich war nie wirklich wahnsinnig, bloß bei den Ge- 
legenheiten, bei denen mein Herz getroffen worden. 

Man hat mich, seit ich hier bin, einmal wegen Trunken-. 
heit ins Gefängnis gesteckt; aber damals war ich nicht 
betrunken. Das war wegen Virginia." ö) (Sicher eine An- 
spielung auf die weiße Ersc heinung.) 

*) Von ihm ist bereits in einem früheren Teil der Biographie die RetJe, 
*) Poe an Frau Clemm. (H. Allen, S. 8170 



" 202 



So träumte Poe von neuem die Liebesphantasie einer 
Vereinigung mit seiner geliebten Mutter im Tode, jene 
Phantasie, die ihn außer zu andern Erzählungen und Ge- 
dichten zu der Ballade Annabel Lee und zu den Versen 
Für Annie inspiriert hatte; aber diesmal galt seine Sehn- 
sucht nicht der Anmut der sterbenden Virginia, noch 
dem ruhigen Reiz Annies, sondern den weißen Haaren 
und dem Witwenhäubchen der alten „Muddy'M Das war 
eine Belohnung für die arme, alte Frau, welche verärgert 
über die Ratschläge einer reichen Freundin, die ihr zu- 
gemutet hatte, den „Sohn" zu verlassen, nach Fordham 
zurückgekehrt war und dort voller Angst aui Nachrichten 
von ihrem Edgar wartete ... 

Wir können uns Poe leicht vorstellen, wie er in dem 
larmoyanlen, rührseligen Zustand des Alkoholikers die 
heftigsten Schreie nach dem Tod und nach der Mutter zu 
Papier brachte; er schrieb diese Zeilen mit jener furcht- 
baren Schrift, die er stets während seiner Wahnzustände 
hatte und die später ausdrücklich als die Schrift jener 
Tage erwähnt wird. Und wahrscheinlich datierte er diesen 
Brief irrtümlich aus New-York, weil er in seiner Phan- 
tasie glaubte, er sei schon im Tode mit seiner mütter- 
lichen Muddy vereint; er hatte sie ja in New -York zurück- 
gelassen. 

Indessen ließ ihm Graham in Pliila-delphia, der von dem 
Zustand, in dem sich sein ehemaliger Redakteur befand!, 
durch Lippard erfahren hatte, fünf Dollars zukommen. 
Charles Peterson, der ehemalige Hilfsredakteur Poes bei 
Graham, tat das gleiche. Binr kaufte für Poe eine Fahr- 
karte für den Steamer bis Baltimore. Der geblümte Reisen 
sack, den man seit zehn Tagen suchte, wurde wieder- 
gefunden, aber die Vorträge waren gestohlen worden. 
Mit der ausgeplünderten Tasche und den zehn Dollars 
Grahams und Petersons schiffte sich Poe, der von Barr 
bis zur Landungsstelle begleitet wurde, Freitag, den 13. Juli, 
nach Baltimore ein. 



203 



In. Baltimore nahm er einen anderen Steamer nach 
Richmond. Und knapp bevor er hier ankam, schrieb er 
der Muddy die folgenden Zeilen, aus den&n von neuem 
pathetisch die Sehnsucht nadi der Mutter in ihr hervor- 
bricht: 

„Bei Richmond, 
Es ist fürchterlich heiß und außerdem habe icli ein 
derartiges Heimweh nach unserem Home, daß ich nicht 
mehr weiß, was ich machen soll. Ich habe noch niemals 
solche Lust empfunden, irgend einen Menschen zu sehen, 
wie diesmal, wo ich Sie, meine geliebte Mutter, wieder- 
sehen soll. Ich könnte jedes Opfer dafür bringen, nur 
noch ein einziges Mal die Hand zu halten, und zu er- 
reichen, daß sie midi trös'tet: so furchtbar deprimiert 
bin ich. Ich glaube, kein Anlaß kann bedeutend genug 
sein, um mich von neuem von Ilinen zu reißen. Wenn ich 
bei Ihnen bin, kann ich alles ertragen, aber wenni ich 
von Ihnen fern bin, dann bin ich zu unglücklich, um 
weiterleben zu können." ß) 

Poe kam in Richmond am Abend des 14. Juli 1849 an 
und ging dir-ekt nach Duncan Lodge. Die Mackenzies, die 
gastfreundlich wie immer waren, nahmen ihn bei sich 
.auf; er befand sich iu einem fürchlerlichen Zustand, 
seine Kleider waren zerrissen. Noch am Abend seiner 
Ankunft schrieb er an Muddy: „. . . ich bin hier mit 
zwei Dollars angekommen. Ich schicke Ihnen einen davon. 
Oh Golt, Mutler, werden wir mis nie mehi- wiedersehen? 
Wenn es Ihnen irgendwie möglich ist, ach, kommen Sie. 
Meine Kleider sind in einem furchtbaren Zustand und ich 
bin so krank. Könnten Sie doch zu mir kommen, Mutter. 

Schreiben Sie mir sofort — aber bestimmt! Gott segne Sie 

immer. 

Eddy." ? ) 

6) Poe an Fraa Clemm, 14. Juli 1849. (Erster Brief dieses Datums. 
H. Allen, S. 818.) 

7} Poe an Frau Cleram, 14. Juli 1849. (Zweiter Brief dieses Datums. 
Hervey Allen, Israfel, S. 819, wo irrtümlicherweise September für 
Juli steht.) 



204 



1 



Der Dollar blieb die einzige Geldsend mig, die Poe 
während seines ganzen Aufenthaltes in Richraond der 
Frau Clemm zukommen lassen konnte. 

Trotz der guten Behandlung durch die Mackenzies und 
seine Schwester Rosalie behai-rte also die Sehnsucht 
nach seiner „Mutter-Muddy" in dem Herzen des kleinen 
Kindes, das Poe unter dem Zwang seines Wahns und 
seiner Krainkheil wieder geworden war. 

Wir finden ihn nach wenigen Tagen in der Old Swan 
Tavern wieder, einer bescheidenen Pension, in der er ein 
ZimTner gemietet hatte. Dort suchte ihn Rawlings auf, 
jener Arzt, von dem wir erfahren, Poe habe wieder ein- 
mal einen Anfall von Gewalttätigkeit erlitten und ihn sogar 
einmal mit einer Pistole bcdi-oht. Die Krise flaute aber 
schnell ab und bald antwortete Edgar auf den Brief, den 
er von Frau Clemm erhalten hatte: 

„Richmond, Donnerstag den 19. Juli. 

Meine teure und geliebte Mutter! 

Sie weiMlen schon durch die Handschrift dieses Briefes 
erkennen, daß es mir besser geht — viel besser, was 
meine Gesundheit und mein psychisches Befinden angeht. 
Ach, könnten Sic nur wissen, wie sehr mich Hir lieber 
Brief gestärkt hat! Das war Magie, könnte man sagen. 
Der größte Teil meiner Leiden, kam von der schrecklichen 
Idee, die ich nicht los werden konnte: von der Idee, daß 
Sie tot seien. Während mehr als zehn Tagen war ich ganz 
verstört, obwohl ich nicht einen einzigen Tropfen ge- 
trunken hatte; und während dieser ganzen Zeit war ich 
in meiner Einbildung von den grauenhaftesten Unglücks- 
fällen heimgesucht. 

Das alles waren Halluzinationen, die von einem Anfall 
kamen, wie ich noch nie einen gehabt hatte — einem An- 
fall von Mania-ä-potu. Gebe der Himmel, daß dies nur 
eine Warnung für den Rest meines Lebens bleibe . . . 

Noch ist nicht alles verloren und die düsterste Stunde 
kommt knapp vor dem Anbruch des Tages! Verlieren Sie 



205 



Ihren Mut nicht, teure und geliebt© Mutter — alles kann 
noch gut werden. Ich will meine ganze Kraft entfalten . . ." ^) 
So gesteht sich Poe selbst diesen seinen heftigsten An- 
fall von Alkoholwahn ein. Die Krisle, die mit ihrem Auf 
und Nieder ungefähr zwei Wochen gedauert hatte, war 
vorbei und der Dichter konnte, zum letzlenmal in seinem 

Leben, noch einmal auf einen Aufstieg hoffexL. 

- • 
* 

Elmira, die Witwe des Herrn Shelton, eines reichen 
Kaufmanjn-s, der seiner Frau den ganzen Besitz als Lebeais- 
rente tiinter lassen, näherte sich den Vierzigern. Sie war 
eine sehr imponierende Erscheinmig, Herrin ihrer selbst 
und sehr fromm. 

Kurze Zeit nach seinter Ankunft in Richmond begah 
Poe sich zu ihr. Ein Diener ging hinauf^ tun die Herrin 
des Hauses davon zu benachrichtigeiU^ daß ein Herr nach 
ihr frage; sie kam in den Salon herab. Es waT Sonntag^ 
und die fromme Dame wollte gerade zur Kirche gehenj. 
Wie sie eintrat, erhob sich Edgar und rief mit einer 
Stimme, die von der En*eguing zitterte: „Ach, Elmira, sind 
SJe's?" Frau Shelton erkannte ihn sofort, begrüßte ihn 
überaus freundlich, ging aber trotzdem sofort im die Kirche. 
Sie forderte Poe auf, wiederzukommen. 

Er kam wieder. Man sprach von den vergangenen Zeiten 
und Edgar erinnerte Elran-a an das Versprechen, das sie 
ihm vor vier und zwanzig Jahren gegeben halte. Sic glaubte 
zuerst, daß er auf eine romantische Weise scherze, mußte 
sich aber bald davon überzeugen, daß er die Sache ernst 
nahm. Ende Juli waren sie nun, sagt man, zu einem „Eia- 
vernehmen^' gekommen. 

Poe war zu Elmira zurückgekehrt, weil er sie früher 
einmal geliebt und weil die Poesie dieser Jugendhebe in 
einem Herzen wie dem seinen nie mehr ganz verklingen 
hatte könmen. Aber noch ein anderer Grund trieb ihn zu 
ihr: die Elmira seiner Jugend war jetzt zu eituer der 

8) H. Allen. S. 820. 
206 • 



il 



II 






1 



mütterlichen Gestalien geworden^ die wie die geträumten 
Mütter der Kindheit von ihrem Überfluß herschenken 
konnten. Dieses Mütterliche zog Poe an, aber nicht die 
Sorge um das Geld, wie man ihm vorgeworfen hat: das 
Vermögen der Elmira war ebenso wie das der Helen 
Wliitman für ihn nichts anderes als emes der Attribu'te 
der Allmacht imd AUfruchtharkeit einer Mutter. Nach 
dem gleichen Schema herrschte auch die reiche Fraiicea 
Allan über ihn, als sie das Waisenkind adoptiert und mit 
vollen Händen ihre Wohltaten über ihn ausgeschüttet 
halte- Der Wiederholungszwang, der unser Leben lenkt, 
drängle eben selbst den vierzigjährigen Edgar Poe., dieses 
ewig verlassene Kind dazu, sich wieder einmal adoptieren 
zu lassen, diesmal durch dieselbe Elmira, die ihn in 
seiner Jugend zuerst entzückt, dann aber in Verzweiflung 
gebracht hatte. 

Frau Shelton war natürlich von der neuerlichen Wer- 
bung eines ehemaligen Bewunderers entzückt. Man hatte 
damals die Briefe ihres jungen Geliebten unterschlagen,, 
um sie in die Arme des wenig poetischen Herrn Sheifcon 
zu stoßen. Das konjnte sie ihren Eltern nie verzeihen. 
Nun mußte sie erfahi*en. daß noch vierundzwanzig Jahre 
später Edgar an sie dachte! Und trotz ihrer Frömmigkeit 
war Elmira Frau. Ja die Frömmigkeit konnte sogar im 
Dienste ihrer Eitelkeit und ihres Herzeais Vernunftgründe 
finden: es sei vielleicht ihre Aufgabe, diese „verirrte 
Seele" zu retten. Poe, der außer mit Marie-Louise Shew 
niemals in die Kirche gegangen war, wurde dort bald aim 
Sonntag neben Frau Shelton gesehen ... 

Mit der Zeit hatten die Leute von Richmond Edgar Poe 
auch sein Benehmen gegen den Vormund vei'ziehen. Der 
Ruhm machte ihn zu einem Objekt der Neugierde; und 
Kinder aus jener Zeit erinnerten sich später, ihn auf der 
Straße vorübergehen gesehen zu haben: „Ein Dichter, 
nach der Mode in Schwarz gekleidet^ schlank, aufrecht, 
das subtile Antlitz blickte nachdenklich drein . . . Ein 



207 



auffallend schöner Mensch, nur der Mund störte." s) Die 
Salons öffneten sich wieder vor ihm. Seihst Julia Mayo 
Cabell, eine Verwandte der zweiten Frau Allan, lud ihn 
ein. Und zu der sozialen Anerkennung kam noch das 
Gerücht dazu, Edgar Poe hahe sich mit Ehnira Shelton 
versöhnt. 

Poe verhrachte seine Zeit damals hauptsächlich bei den 
Mackenzies und Rosalie in Duncan Lodge, bei den Talleys 
in Talavera und, am entgegengesetzten Ende der SLaidt im 
Haus der Frau Shelton in Church Hill. Er ging zu Fuß 
von einer Wohnung zur andern und kehrüe am Weo- 
häufig in der Broad Street bei einem jungen Doktor John 
Carter, seinem neuen Freund, ein. 

Das späte Verlöbnis Edgars mit seiner Ehnira soUbe 
jedoch nicht ohne Trübung bleiben. Elmira wußte nicht 
nur,, wie berühmt Poe war, sie kannte auch seinen 
schlechten Ruf und fand keinen besondei-en Geschmack 
an der Idee, Patterson über Bord zu werfen und selbst 
das Gründuu^skapital für den Stijlus herzugeben. Das 
wollte aber Poe: in seinen Briefen an Palterson berief 
er sich jetzt mit SelbstgefäUi^keit auf die „Cholera'*, 
das „Calorael", die „Gehirnschwäche", um sein Zögern zxx 
entschuldigen. Das Erscheinen des Stijlus wurde daher auf 
später verschoben.io) . ., . 

Inzwischen aber traf Elmira Verfügungen, um ihretj 
Besitz noch vor der Heirat in Sicherheit zu bringen. Ein 
solches Vorgehen, die Tatsache, daß Elmira selbst an Uie 
Sicherstellung dachte, war für Poe noch viel verletzen^^j. 
als das Verhalten der Helen Whitman, bei der die Mutter 
das Geld ihres Kindes hatte schützen wollen. Er war ubey 
den Mangel an Vertrauen sehr böse. Anfangs August war^n 
die Beziehungen zwischen den beiden Liebenden wieder 

^) H. Allen, S. 822 (nach Basil C. GiWersleeve in Harrison. Biography 

10) Poe an Patterson, 19. Juli und 7. August 1849. (Virginia Edition 
der Werke Poes. XVII. Band, S. 363.) 



208 



gelockert, Elmira verlangte von Edgar ihre Briefe zurück; 
und Edgar mied Elmira. 

Am 7. August hielt Poe einen mit großem Beifall auf- 
genommenen Vortrag über das Poetische Prinzip vor einem 
ausgewählten Publikum. Frau Shelton war ajiwesend der 
Vortragende verließ aber den Saal mit den Talleys. 

Das Reinerträgnis dieses Vortrages und einige Ein- 
nahmen durch Beiträge für den Southern Literary Mes- 
senger ermöglichten es Poe, sich recht imd schlecht durch- 
zuschlagen. Aber er besaß noch immer nicht so viel, um 
sich einen Anzug kaufen zu können oder der armen Muddy, 
die in Fordham in größtem Elend auf ihn wartete, etwas 
Geld zu schicken ... - ! . 

Elmira war jedoch keineswegs im Unrecht, wenn sie 
an Eddy zweifelte! Zweimal war er neuerdings von seinen 
Anfällen heimgesucht worden — ganz wie in Philadelphia. 
Der Wein in diesen südlichen Gegenden war zweifellos 
gar zu verführerisch! Das erstemal hatten ihn die Macken- 
zies in der Old Swan Tavern verpflegt; es gelang ilum, 
seinen üblen Zustand schnell zu überwinden. Aber das 
zweitemal,, im August, war der Anfall derart stark, daß 
Poe nach Diincan Lodge transporü-ert und sein junger 
Freund, der Dr. Carter, geholt werden miißle. 

Als Poe zu sich kam, hielt Carter ihm eine heftige 
Strafpredigt: der Dichter könne keinen Anfall mehr er- 
tragen,, — wenn er leben wolle, dann müsse er von nun an 
jeden Alkohol meiden. Poe war von Gewissensbissen ge- 
peinigt, er schluchzte heftig, jammerte und sagte, daß er 
vergeblich versuche, sich von seinem „Laster" zu be- 
freien. Und er wolle sich in Zukunft beherrschen,, den 
Versuchen Widerstand leisten, ein Versprechen, das er 
feierlich beschwor! Und um sich selbst seinen Entschluß 
zu erleichtern, schrieb er sich kurze Zeit nachher in der 
Division von Shockoe Hill der Sons of Temperance ein 
und leistete vor dem Präsidenten W. J. Glemni den Eid, 
gänzlich abstinent zu bleiben. Die Zeitungen berichteten 
darüber. 



14 Almanach 1933 tv\r, 

209 



i, 



A 



Von dieser Zeit au enthielt sich Poe in Richmond tat- 
sächlich jedes alkoholischen Getränks. Man sah ihn in 
den Büros des Richmond Examiner, bei Daniel, bei dem 
gleichen Daniel, mit dem er sich im vergangenen Jahr im 
Duell schlagen hatte wollen und der jetzt mit ihm be- 
freundet war. Er sah hier von neuem seine Gedichte, 
den Raben oder Traumland durch, ließ sie setzen, korri- 
gierte die Fahnen und blieb so bis an sein Lebensende 
der Dichtkunst treu. 

Anfangs September hatte sich Edgar auch mit Elmira 
wieder versöhnt. Sie verlobten sich. Und am 5. Septetn- 
ber^i) schrieb Poe an Frau GIcinm: 

„ . . . Und dann, meine liebe und teure Muddy, in dem 
Augenblick, in dem ich eine endgültige Antwort auf alle 
diese Fragen haben werde, schreibe ich Ihnen wieder und 
teile Ihnen mit, was Sie machen sollen. Elmira möchte 
gerne Fordham besuchen, aber ich glaube nicht, daß das 
gut ist. Ich halte es für das beste,, Sie erledigen dort 
alles und kommen mit dem Steamer hierher. Schreiben 
Sie sofort und teilen Sie mir mit, was Sie von diesem 
Vorschlag halten, denn Sie wissen am besten, was Sie 
tun sollen." Dann fügte er ohne Übergang hinzu: „Sollten 
wir jedoch in Richmond oder in Lowell glücklicher sein? 
denn ich vermute, daß wir in Fordham niemals glücklich 
sein werden und, Muddy, ich muß dort siein, wo ich 
Annie sehen kann . . .*' Und einige Zeilen später: „Schließ- 
lich glaube ich, teure Muddy, das besite wäre, Sie sagen, 
ich sei krank oder so etwas Ähnliches und verabschieden 
sich in Fordham, um hieher zu kommen. Teilen Sie mir 
sofort mit^ was Sie für das Richtige halten. Sie wissen, 
daß wir leicht bezahlen können, was wir in Fordham 
schulden und Fordham ist ein schöner Ort ~ aber ich 
will in der Nähe Annies leben." Und er schließt: „Schrei- 
ben Sie mir nichts über Annie — ich kann es in diesem 

11) H. Allen. S. 832. Der Brief (Virginia Edition. Bd. XVII, S. 368/69) 
ist mit September 1849, Mittwoch abends, datiert. Dieser Mittwoch 
kann aber nach allem nur der 5. September gewesen sein. 



2i0 



Augenblick nicht ertragen,, von ihr sprechen zu hören, 
so lange Sie mir nicht mitteilen können, Herr R. sei tot 
Ich hahe schon den Ehering gekauft und es wird mir 
hoffentlich nicht schwer fallen, niir einen dunklen Anzug 
zu verschaffen/' '2) 

Aus diesem Brief erfahren wir sehr interessante Dinge: 
erstens, daß die Heirat zwisclien Poe und Frau Sheltoa 
beschlossen war; zweitens, daß Eddy sicli noch nicht 
entschlossen hatte, die Muddy selbst aus Fordham ab- 
zuholen; drittens, daß das hauptsächliche Ergebnis der 
Verlobung mit Elmira die Erweckung der Sehnsucht nach 
Annie war. 

In dem Augenblick, in dem Poe sein Leben an das einer 
andern Frau binden sollte, brach also das Bedauern aus 
ihm hervor, daß diese Frau nicht Annie sei. Wohl war 
Elmira früher einmal die Flamme des jungen Edgar ge- 
wesen; aber in der ernsten und frommen vierzigjährigen 
Dame blieb von dem zierhchen und leichtfüßigien Mäd- 
chen von fünfzehn Jahren zu wenig mehr übrig, als daß 
die Phantasie des Dichters sich an der Berührung mit 
ihr neu hätte entzünden können. Es isst daher kein Zu- 
fall, daß die Zeilen, welche vom Tode des Herrn Rich- 
mond sprechen, und jene andern, in denen vom Ankauf 
des Eheringes die Rede ist, gleich nebeneinander stehen. 
Diese Nebeneinanderstellung hat im Unbewußten den Wert 
eines gedachten Bandes; sie sagt gleichsam: „Warum ist 
Annie nicht Witwe und frei? Ich würde dann diesen Ehe- 
ring an ihren Finger stecken." 

Poe verehrte Annie aber hauptsächlich deshalb, weil 
sie nicht Witwe und frei war. Bei Elmira kam nämüch 
zu den andern Fehlern, die sie in den Augen Edgars 
hatte, hinzu, daß sie erreichbar bUeb; Annie hingegen er- 
füllte weiter eine der Liebesbedingungen, die Edgar schon 
mit zwanzig Jahren besungen hatte: 



^2) Poe an Frau Clernm. (Virginia Edition, Bd. XVIII, S. 368 ff . Nach' 
Griswold.) 



2n 



..;j^. 



„Ich habe nur dort lieben können, wo der Tod 
Seinen Atem mit dem der Schönheit vermengte, 
Oder dort, wo Hymen, die Zeit und das Schicksal 
Zwischen ihr und mir einhergingen." 

Jetzt war dieselbe Elmira, die zum Teil wenigstenÄ 
Edgar damals zu jenen Zeilen inspiriert hatte, nicht mehr 
durch das Schicksal oder Hymen von ihm getrennt! Daher 
sagte Edgar von ihr in seinem näclislen Brief an Muddy: 
„Elmira ist soeben vom Land zurückgekommen. Ich habe 
den geslr^en Abend mit ihr verbracht. Ich glaube, säe 
liebt mich mit mehr Ergebenheit als irgendeine der Frauen, 
die ich bisher gekannt habe, und ich kann nicht umhin, sie 
dafür auch zu lieben." ^^) Die wahre Leidenschaft spricht 
anders. Wir haben gesehen, wie er in einem andern Brief 
an die gleiche Frau Clemm von Annie sprach . . . 

Elmira und Annie waren für ihn zwei Pole gewoi-deu, 
zwei mit tiefer unbewußter Bedeutung besetzte Symbole, 
zwischen denen in diesen letzten Monaten^ seines Lebens 
das Schicksal Edgar Poes hin und her pendeln sollte. 

Auf der einen Seite stand eine Witwe von fast vierzig 
Jahren, seine Gattin von morgen, mit der ein Versuch 
unternommen werden mußte, den zu unternehmen Poe 
zweifellos noch nie gewa^gl hatte. Elmira repräsentiert© 
daher trotz ihres prosaischen Benehmens und ilirer Fröm- 
migkeit die Gefahr, die von den Sinnen ausgeht. 

Auf der anderen Seite stand die noch nicht dreißig- 
jährige, verheiratete ferne Geliebte, die ihn nie in solche 
„Gefahr" brachte, um die er tausend Träume s])innen 
konnte, — besonders den .schönsten Traum, in ihi'en 
Armen zu sterben. 

Die eine war die Frau,, mit der er in Prosa sozusagen 
und „gefährdet" kämpfen und leben mußte. Mit der andern 
hingegen lebte er im Traum und in der Poesie; bei ihr 

13) Poe an Frau Clemm. Riehmond, Dienstag, 18. September 49. (Vir- 
ginia Edition. Bd. XVIII, S. 366.) 



212 



'/'. 



konnte er davon träumen, an der Brust der Mutter zu 
liegen, und in den Schlaf gewiegt zu werden. 

Und die Priorität im Schicksal Poes hatte unzweifelhaft 
jene Frau, die nacli dem Tode der Virginia auf Anjiie 
„übertragen" worden war. Frau Shelbon repräsentierte 
durch ihren beschützenden Reichtum eher die Mutter 
welche das verlassene Kind adoptiert hatte, sie war also 
eine verspätete Franoes Allan. Annie aber repräsentierte 
im Unbewußten Poes die erste Liebe seiner Kindheit; 
durch das Sternenleuchten ihrer Augen, die bis in das 
Herz des Geliebten hineiufuukelten, durch geheimnisvolle 
Zusammenklänge, die uns heute entgehen und an denm 
jene Augen zweifellos gro&en Anteil hatten. Hier fand er 
die wahre Mutter Elizabeth wieder, der er mit seinem 
ganzen kleinen verliebten Kinderherzen hatte folgen wollen, 
als grausame Männer ihn von ihr trennten und ihn daran 
hinderten, noch einmal an ihrer kalt gewordenen Brust 
einzuschlummern. Das Heimweh nach solchem verlorenen 
Glück sollte er ja sein ganzes Leben hindurch nicht über- 
winden. 

Ein Herr St. Leon Loud suchte Poe beim Eo^aminer auf 
und bot iliim hundert Dollar an, wenn er die Veröl" fenthchung 
der Gedichte seiner Frau, einer Dichterin aus Philadelphia"^ 
übernehmen wolUe. Der arme Teufel Poe nahm natürlich 
an; in dem schon zitierten Brief vom 5. September erzählte 
er seiner Muddy von diesem Geschäft und meinte, die 
Sache weixle ihn nur drei Tage lang aufhalten. In dem 
gleichen Brief schlug Poe der Frau Clemm vor, sie möge 
nach Richmond kommen, um ihn dort zu treffen. In 
dem Brief vom 18. September teilte Poe jedoch mit, er 
werde selbst kommen, um Muddy abzuholen, allerdings 
nicht nach Fordbam, „es ist besser, nicht waiir, daß ich 
dort nicht hinkomme", sondern nach New-York. Er werde 
in einer Woche abreisen und sich auf dem Wege in 
Philadelphia aufhallen, um dort die Veröffentlichung der 
Gedichte der Frau Loud, die ihm hundert Dollar einbrin- 



213 



^r fl''^---: r~' -^ - : *i '^ 'i . ■- . „iXt irtJzi k^ 



gen sollte, zu überwachen. Bis dahin allerdings könne er 
auch nicht einen einzigen Dollar schicken. 

So änderte Poe in dreizehn Tagen seinen ursprüng- 
lichen Plan, er beschloß knapp vor der Heirat, zu Muddy 
zu reisen und in den Norden, wo fem der Stern Annies 
leuchtete. Schon einmal hatte er in die gleiche Richtung 
einen „Fluchtversuch" unternommen, damals, als er in 
Providence beinahe mit einer andern Frau verheiratet 
worden war; auch damals stieg er in den Zug nach Boston, 
nach dem Norden, wo bereits Annie herrschte, und in 
der Tasche hatte er zwei Unzen Laudanum. Diesmal trug 
er kein Laudanum mit sich, wohl aber in einem zu allem 
Unheil bereiten Körper eine psychische Erkrankung, die 
sicher ebenso wirksam war wie jenes Gift. 

Die Melancholie Poes oder vielmehr diese plötzlichen 
Verdüsterungen seiner Laune fielen in jenen letzten 
Wochen, die er in Richraond verbrachte, jedem auf, der 
ihn sah. Er hatte große literarische und gesellschafthche 
Erfolge, seine Vorträge über das Poetische Prinzip, sein 
Lieblingsthema, die er in Richmond und Norfolk hielt, 
fanden viel Beifall. Er war mit einer in der Stadt ange- 
sehenen Frau verlobt, er wm^de nun von allen seinen ehe- 
maligen Freunden in Gnaden wieder aufgenommen. Aber 
sogar inmitten der fröhlichsten Gesellschaften, inmitten 
der Veranstaltungen, bei denen er am lautesten gefeiert 
wurde, verdüsterte sich plötzUch, und oft gerade in dem 
Augenblick, in dem man meinte, er sei von der allge- 
meinen Heiterkeit angesteckt, sein Gesicht; eine Melan- 
cholie bemächtigte sich seiner, er setzte sieh irgendwo hin, 
abseits von den andern nieder, oder irrte durch einen 
nahegelegenen Garten und sprach mit irgendeinem Freund 
von der Vergangenheit. Die Vergangenheit scheint Poe in 
dieser Periode seines Lebens mehr als je beschäftigt zu 
haben. Fräulem ToUey (später Frau Weiß) erzählt uns 
von einer Spazierfahrt, die er mit ihr in die Eremitage, in 
das frühere Haus der Mayo, in dem Poe als Kind spielte. 



214 



gemacht hatte; in unsagbarer Melancholie irrte der Dichter 
durch die verlassenen Gärten und das leere Haus. Frau 
Ingram berichtet, er sei mit ihr in Norfolk spazieren 
gegangen, habe das Irisparfum, mit dem ihr Kleid be- 
sprengt war, bemerkt und gemeint, das sei auch das Par- 
füm des Wäschekastens der Frau Allan gewesen es 
führe ihn in die Zeit zurück, in der er ein kleiner Jung© 
war*' und erinnere ihn an seine Adoptivmulter . . M) 

Samstag, den 22. März, verbrachte Poe den Abend mit 
Elmira. Die Hochzeit wurde für den 17. Oktober angesetzt. 
Poe schenkte seiner Braut eine große als Brosche mon- 
tierte Kamee; er schien an diesem Abend glücklich zu 
sein. Elmira versprach ilim, der Muddy zu schreiben, ein 
Versprechen, das sie auch hielt, als er fortgegangen war. 

Sie kenne die Muddy zwar noch nicht, schreibt sie, 
wolle sie aber gerne lieb haben. Sie lobte Eddy, der nun 
nüchtern, mäßig, moralisch und sehr lieb sei. Dann fügt 
die fromme Dame hinzu: „Ich hoffe, die Vorsehung wird 
ihn schützen und auf den Pfad der Wahrheit leiten, damit 
sein Fuß nicht ausgleite." Und sie schließt: „Eben bat es 
Mitternacht geschlagen, Sabbath ist da und ich will daher 
schließen. Gute Nacht, teure Freundin, der Himmel segne 
und beschütze sie und mögen die Tage, die Sie noch auf . 
dieser Erde verbringen werden, friedliche und glückliche 
sein. ^ ■■,■■*.. 

.-•■'- Elmira." 15) 

Achl die glücklichen Tage, welche Maria Clemm er- 
leben durfte, waren vorbei. Aber ebenso vergebUch war 
das Gebet Eimiras, Edgars Fuß möge nicht mehr strau- 
cheln. , 

. Am 24. September hielt Poe seinen letzten Vortrag in 
Richmond, immer über das Poetische Prinzip. Alle Freunde 

1*) Hervey Allen. S- 831, 835. 

1^) Elmira an Frau Clemm. Richmond, 22. September 1849. (Virginia 
Edition, Bd, XVII, S. 396/7.) 



215 



waren anwesend, damit die Einnahmen es ihm möglich 
machten, die Reise nach dem Norden zu unternehmen. 

Am nächsten Tag verbrachte Poe den Nachmittag in 
Talavera bei den Talleys. Er schien gut gelaunt zu sein. 
Nie hatte man ihn so heiter und hoffnungsvoll gesehenj 
wie an diesem Abend. Er erklärte, sein letzter Aufenthall 
in Richniond gehöre zu den glücklichsten Zeiten seines 
Lebens und blieb bis lange in die Nacht hinein auf, 
um mit seinen Freunden zu plaudern. Er bedauerte, wie 
er sagte, die Reise nach New-York unternelimen zu müssen. 
Während er bei der Haustür von den Freunden Abschied 
nahm, lief gerade über seinem Kopf ein Meteor über den 
Himmel; dieses Ereignis machte einen tiefen Eindruck auf 
sie . . . 

Poe kehrte dann nach Duncan Lodge zurück, wo er 
die Nacht verbrachte; er war aber jetzt wiedei* deprimiert 
und von dunklen Ahnungen befallen. Er blieb lange Zeit 
beim Fenster stehen und rauchte. Am nächsten Morgen 
packte er den Koffer, denselben Koffer, den ilim Herr 
Allan 1829 in Baltimore geschickt hatte, nachdem Poe aus 
dem Elternhaus geflohen war. 

Mittwoch, den 26. September, den Tag vor seiner Ab- 
reise, widmete Poe den verschiedenen Freunden in Rich- 
mond. Er besuchte unter anderem Thompson im Messenger j 
der ihm fünf Dollars lieh. Beim Fortgehen sagte Poe: 
„Ja, richtig, Sie sind immer freundlich zu mir gewesen — 
da ist eine Kleinigkeit, die für Sie einigen Wert haben 
kann." Und er überreichte iJim ein Manuskript der Annabel 
Lee. Nachmittags kam Rosalie zu Susanne Talley und 
übergab ihr im Auftrage des Bruders ein Manuskript von 
Für Annie. So sahen die Legate aus, die Poe zu vergeben 
hatte. Nachmittags begab er sich noch einmal nach Church 
Hill, um sich von Frau Sheltoin zu verabschieden. Er war 
sehr traurig, sagte sie, und beklagte sich darüber, kraimk 
zu sein. Sie befühlte seinen Puls, fand, daß er Fieber 
habe und meinte, er könne am nächsten Tag in diesem 
Zustand nicht abreisen. 



216 



-^- -^ <■ -j.- 





„Beim Fortgehen", erfahxea wir von Frau Shelton,i6) 
„erklärte er, er müsse sich noch nach New-York begeben, 
um einige wichtige Angelegenheiten zu erledigen; er werde 
sofort nach ihrer Erlediguiig wieder nach Richmond zu- 
rückkommen, gestand aber zu gleicher Zeit seine Ahnung 
ein, daß er mich nie mehr wiedersehen werde". 

Nach diesem Besuch bei Elmü-a hielt sich Poe bei 
seinem Freuind, dem Dr. John Carter, auf. Er las dort 
die Zeitung, und nahm beim Weggehen den Stock des 
Doktors mit statt des eigenen. Dann ging er in das Hau« 
gegenüber, in. das Restaurant Sadler, essen, traf dort 
Freunde und blieb mit ihnen bis spät in die Nacht hinein 
auf. Blakey und Sadler, die damals iu seiner Gesellschaft 
waren, sagen, der „Son of Temperajice" habe an diesem 
Abend nicht getrunken. Dann begab sich Poe, von einigen 
Gästen begleitet, zur Landungssbelle. Der Steamer. lichtete 
um vier Uhr morgens den Anker, um nach Baltimore zu 
fahren . . . 

Warum hat Poe diese Reise nach dem Norden unternom- 
men? Um das Landhaus in Fordliam zuzusperren, um die 
Muddy abzuholen, um mit Griswold über die Herausgjibe 
seiner gesammelten Werke zu sprechen? Oder gar, um auf 
der Durchreise in Pliiladelphia die Veröffentlichung der Ge- 
dichte der Frau Loud, welche ihm hundert Dollars ein- 
brachten, vorzubereiten? 

In Wahrheit war diese Reise keineswegs unbedingt nötig. 
Und alle die genannten Motive waren für Poe nur Ratio- 
nalisierungen einer viel tiefer im Unbewußten vei*ankei'ten 
Motivierung. Das Landhaus hätte von Muddy allein zuge- 
si)errt werden können; er schlug ihr noch am 5. September 
vor, allein mit dem Steamer aus Fordham zu komraeiiL 
Hat sie ihn mit ihi^em Antworlbrief gerufen? Ich glaube 
eher, er allein hat sich zu dieser Reise entschlossen; 
von diesen beiden Menschen war weniger die Muddy alsi 
er gewohnt, um Hilfe zu rufen, und als sie Ende August 

^ß) Appleton's Journal. XTX. S. 421 (nach Lauvrifere. Edgar Poe. S. 292). 

217 



Hunger litt, da wandte sie sich nicht an Eddy, sondern an 
Griswold und Frau Lewis, um sich ein Stück Brot kaufen 
zu können. ^ 

Auch die gesammelten Werke konnten noch warten 
und die Gedichte der Frau Loud sollten nach den eigenen 
Worten Poes erst gegen Weihnachten veröffentlicht wer- 
den.i') Der Reinertrag aus der letzten Vorlesung, mit dem 
die Kosten der Reise nach dem Norden bestritten wur- 
den, hätte also ganz gut dazu dienen können, Edgar bis 
zur Hochzeit am 17. Oktober, bei der er reich werden 
sollte, über Wasser zu halten. 

„V^enn es möglich ist', schrieb Edgar am 18. Sep- 
tember an Muddy, „werde ich vor der Abreise heiraten, 
aber man weiß es noch nicht genau".i«) Die tieferen 
Determinismen seiner Natur zwangen nun Poe zu seinem 
Unheil dazu, vor der Heirat nach dem Norden zu reisen. 
Der negative psychische „Tropismus", durch den er jede 
Frau in dem Augenblick verlor, in dem er sie besitzen 
konnte, mußte sich bei dem vierzigjährigen Poe in seinem 
Verhalten gegen die Frau Shelton ebenso auswirken wie 
bei dem Dreiundzwanzigjährigen, der einer Mary Devereaux 
gegenüberstand. Wir erinnern uns noch daran, daß er sich 
seiner Freundin Mary nach vielen Monaten der Werbung 
emes Abends derart betrunken genähert hatte, daß sie ihn 
hinausjagen mußte. Eine solche Verlegenheit sollte Elmira 
erspart bleiben, dafür benahm sich Poe umso radikaler, 
um sie zu verUeren. Man darf aber auch nicht den posiü- 
ven psychischen Tropismus vergessen, der Edgar zu Annie, 
oder vielmehr zu dem Wesen, dessen letzte Verkörperung 
sie war, trieb . . . 

Man weiß mcht, wann Edgar Poe, der „Son of Tem- 
perance", seinen Schwin*, nüchtern zu bleiben, gebrochen 
hat. Trank er schon bei Sadler, was allerdings Sadler 
und Blakey ableugnen? Oder auf dem Steamer, auf dem 

17) Poe an Frau Clemm, 5. September. Mittwoch abends. 
18} Virginia Edition, Bd. XVII, S. 367. 



218 



sicher eine Bar war, währenid der achtundvierzig Stun- 
den, die er auf ihm verbrachte, oder in dean Hotel in 
Baltimore? Tatsache ist, er erlag hier oder dort dem 
plötzlichen „kategorischen Imperativ" des Dipsomanen, 
der alle Schwüre brechen hilft und dazu überaus ver- 
nünftige Gründe zur Verfügung stellt. Und wenn auch 
Untergang und Tod am Ende stehen, was liegt darauf Für 
Edigar Poe war der im Glas verborgene Tod nur eine un- 
bewußte Lockung mehr. 

Samstag, den 29. September, an dem Tag, an dem Poe 
in Baltimore aufgekommen war, kam er betrunken zu 
seinem Freund, dem Dr. Nathan C. Brooks. Dann ver- 
lieren wir ihn für fünf Tage aus dem Äuge. 

Es gibt verschiedene Meinungen darüber, wo sich Poe 
in dieser Zeit herumgetrieben und was er in diesen fünf 
Tagen gemacht hat. Die größte Wahrscheinlichkeit hat 
folgende Darstellung für sich:i9) Es war gerade Wahlzeit, 
und die politischen Sitten in Amerika waren überaus kor- 
rumpiert. Es gab keine Wahlkartenj die Wähler erschie- 
nen vor der Kommission, schwuren — und gaben ihre 
Stimme ab. Nun wurden von den Parteien Banden organi- 
siert, die einige Tage vor der Wahl Razzien abhielten^ 
die Unglücklichen, welche ihnen in die Hände fielen, 
einsperrten, betrunken machten und so zu den Urnen 
schleppten. Man nannte die Orte, an denen man die Gefan- 
genen bewachte, „coops** — „Hühnerkäifige". Nun fand 
am 3. Oktober in Baltimore die Wahl der Mitgli-eder des 
Kongresses und der staatlichen (Gesetzgebung statt. Fünf 
Tage vorher hatte die Jagd nach dem Wäliler begonnen. 
Poe fiel vermutlich in die Hände einer der Banden, wurde 
in einem der „Hühnerkäfige" gefangengehalten, wobei der 
Alkohol in Strömen floß. 

In einem solchen „Gefangenenlager" der Tory-Partei, 
es hieß Ryan's Fourth Ward Polls (Ryans vierter Wähler- 

^^) Nach Hervey Allen, Israfel, S. 842 ff., der Woodberry und Harrison 
folgt. 



219 



i J ir.^ r : \r .-^ -^ — I - 



saal) wurden 1849 hundertdreißig bis hundertvierzig Wähler 
hineinigepfercht. Neben diesem Lager befand sich ein Wirts- 
haus, Cooth <Sc Sergeant's Taverne das über eine bedeutejide 
Kundschaft aus den „coops" verfügte. In der nächsten 
Nähe wohnte auch der Dr. Snodgrass. Dieser Doktoii, 
ein alter Freund Poes, bekam Mittwoch, den 3. Oktober, 
folgende mit Bleistift geschriebenen Zeilen: 

■ „Baltimore, am 2. 1849. 

Sehr geehrter Herr! In Byan's ^ th ward polls ist, ein 
Herr in einem fürchterlichen Zustand; er heißt Edgar 
Poe, scheint sich in großer Not zu befinden und behauptet, 
er kenne Sie; ich betone, er braucht Ihre unverzÜÄli<ihe 

Hilfe. 

In höchster Eibö 

-L Jos. W. Walker." 

Dr. Snodgrass erkannte die Schrift. Der Brief kam 
von einem Druckereiarbeiler des Baltimore Sun, den er 
flüchlig kannte. Er begab sich nun bei dem kalten Oktober- 
regen, der an diesem Tage fiel, sofort an den bezeiclmetm 
Ort und fand Poe in Coofh dt Sergmnrs Tavern. 

^ Dort saß der größte Dichter Amerikas, von Leuten 
niedrigsten Standes umgeben, zusammengebrochen auf 
einem Stiihl, „mit verstörtem, aufgK^dunsenem und unget- 
waschenem Gesicht; die Haare waren nicht gekämmt 
und sein ganzes Aussehen abstoßend. Die große Stirn... 
und die weiten, sanften und soelenvoUen Augein, diq für 
ihn so charakteristisch waren, wenn er er selbst war — 
sahen ohne Glanz darein, wie ich bald bemerken konnte 
— und versteckten sich unter einem ganz zerrissenen 
Palmenhut, der beinahe keine Krempe mehr hatte, zer- 
fetzt und ohne Band war. Sein Anzug bestand aus einem 
Paletot von dünnem, glänzendem Alpaca, war an mehreren 
Stellen an den Nähten aufgerissen, verschossen und be- 
schmutzt, und aus einer Hose aus Gassinetle, die ganz ab- 
gewetzt und schön hergerichtet war, wenn man so etwas 
überhaupt sagen kann. Er hatte weder eine Wesle noch 



220 



•aL. 



ein Halstuch, und die Brust seines Hemdes war zer- 
knittert und beschmutzt. . ."20) 

Während Dr. Snodgrass sofort im Wirtshaus selbst ein 
Zimmer herrichten ließ, kam 'Herr Herring, der Cousin 
Poes. Wir wissen nicht, wer ihn benachrichtigt hatte. 
Die beiden beschlossen, Edgar Poe in das Washington 
Hospital transportieren zu lassen. Es wurde ein Wagen 
herbeigeholt, man hob den Unglücklichen, der das Be- 
wußtsein noch nicht wiedergewonnen hatte und trotz- 
dem den Stock des Dr. Carter krampfhaft festhielt, in den 
Wagen und brachte ihn um fünf Uhr nachmittags ins 
Washington Hospital zum Dr. J. J. Moran, dem dienst- 
habenden Arzt. 

Wk zitieren nun den Bericht des Dr. Moran nach dem 
Brief, den er bald nachher an Frau Clemm schrieb: 

„Als er ins Spital gebracht wurde, war er bewußtlos'; 
er wußte weder, wer ihn dorthin gebracht hatte, noch 
mit wem er vorher beisammen gewesen. Er blieb in 
diesem Zustand von fünf Uhr nachmittag, der Stunde 
seiner Aufnahme, an, bis drei Uhr morgens. Das war am 
3. Oktober. 

Auf diesen Zustand folgte ein Zittern in den GUedem 
und ein unaufhörhches Delirieren ohne jede Gewalttätig- 
keit oder Heftigkeit, ein unaufhörliches Reden, bei dem 
er sich an phantastische und eingebildete Wesen wandte, 
die er an den Wänden sah. Das Gesicht war bleich und 
der ganze Körper mit Schweiß bedeckt. Wir wanen außer- 
stande, ihn vor dem zweiten Tag seiner Aufnahme zu be- 
ruhigen. 

Da ich den Krankenwärtern dazu den Auftrag gegeben 
hatte, wurde ich sofort zu ihm geholt, als das Bewußt- 
sein wiederkam; ich fragte ihn nach seiner Familie, nach 
seiner Wohnung, nach seinen Eltern etc. ... Er gab nur 
zusammenhanglose, ungenügende Antworten. Er sagte je- 
doch, er habe eine Frau in Ric hmond (was nicht wahr 

20) Hervey Allen, S. 844, der „The Facts of Poe's Death and Burial 
by J. E. Snodgrass in Beadle's Montlily, S. 288/89, 1857" zitiert. 



221 



ist, wie ich seither erfahren liabe), daß er nicht wisse,, 
wann er jene Stadt verlassen, nocli was aus seinem Koffer 
geworden sei. Ich versiidile, die schnell wieder schwindende 
Hoffnung zu beleben und zu erhalten, daher sagte ich ihm, 
ich hoffe, er werde in wenigen Tagen wieder in der Ga- 
seilschaft seiner Freunde sein können und ich wäre sehr 
glückhch darüber, wenn ich in irgend einer Weise zu 
seinem Wohlbefinden und zu seiner Bequemliclikeit bei- 
tragen könnte. Bei diesen Worten schrie er lau't auf, das; 
Beste, was sein bester Freund für ihn tun köniws, sei, ihm 
eine Kugel durch den Kopf zu jagen, am hebsten möchte 
er unter der Erde verschwinden, damit er seiiie eigene 
Erniedrigung nicht mehr sehe. Bald nach diesen Worten 
schien Poe einzuschlafen und ich verließ ihn für einige 
Augenblicke. Aber wie ich zurückkam, befand er sich 
wieder mitten in einem heftigen Ausbruch und ledstete 
den beiden Wärtern, die ihn im Bett zurückhalten wollten, 
stärksten Widerstand. Dieser Zustand dauerte bis Sams- 
tag abend au (er wurde Mittwoch aufgenommen), er begann 
nun die ganze Nacht hindurch bis Sonntag morgen uim 
drei Uhr nach einem gewissen Reynolds zu rufen. Nach 
drei Uhr ging eine offensichtliche Veränderung in ihm 
vor sich. Er war durch seine Anstrengungen geschwächt, 
beruhigte sich, seinen einige Zeit hindurcli zu schlummern, 
dann wandte er sanft den Kopf zur Seite, sagle: ,Der 
Herr helfe meiner armen Seele' und verschied." 2>) 

2^) Dr. Moran an Frau Clemm. Der Brief ist vom 15. November 1849 
datiert, aus dem Baltimore City Marine Hospital (VirKi,'iiia Edition Bd. I. 
Biographie, S. 335). Man kann in der letzton Zoilö dieses Briefes daa 
Embryo der Legende entdecken, die sich später so herrlich entwickeJm 
sollte. Dr. Moran verschönerte nämlich im Verlauf der Vorlesungen, die 
er während seines langen Lebens über den Tod des Dichters gehalten 
hatte, dieses Ende immer mehr auf Kosten seiner medizinischen Kennt- 
nisse. Zuletzt gar schilderte er das Sterben Edgar Poes in den banalsten, 
aber erbaulichsten Farben und behauptete, der Dichter sei während der 
sechzehn Stunden, die er im Spital verbracht hatte, ganze fiinrzehn 
Stunden bei vollem Bewußtsein und bei Vernunft gewesen, er war auch 
nicht betrunken, als man ihn auEgrlEf, roch nicht im geringsten nach 
Alkohol und beim Sterben habe er nur an Gfott und an das Heil seiner 



222 ' 



Dies war die Krise des Säuferwahns, die da>s Leben 

^ des vierzigjährigen Edgar Poe beendigte. 

> Nachdem einige der bedeutendsten Persönlichkeiten der 

Stadt gekommen waren, um den Leichnam zu sehen, 

beerdigte man ihn Montag, den 8. Oktober, auf I^osten 

, ■ , seiner Vetlern auf dem Friedhof der presbyterianischen 

j^ Kirche, obwohl er zum episkopalen Ritus gehörte. Der 

Reverend W. T. D. Clemm, ein metlaodistischer Pfarrer, 

las die Messe. Anwesend waren Neilson Poe, Herr Herring' 

der Dr. Snodgrass, ein gewisser Edmund Smith und 

J. Collins Lee, ein Schulkollege Poes. 

Die Muddy, mit der er hatte sterben wollen, und Annie, 
die ihm halte versprechen müssen, wo immer er auch sein 
möge, an sein Totenlager zu kommen, waren nicht da. 

Sie erfuhren die tragische Nachricht vermutlich durch 
die Zeitungen. Muddy schrieb hierauf voll Verzweiflung 
an Annie: „Annie, mein Eddy ist tot! Er ist gestern in 
Baltimore gestorben. Annie! beten Sie für mich, für IJire 
verzweifelte Freundin. Mein Verstand verläßt mich. Ich 
werde Ihnen schreiben, sobald ich Einzelheiten erfahren 
habe. Ich habe nach Baltimore geschrieben. Schreiben Sie 
mir, und raten Sie mir, was ich machen soll. 

Ihre Freundin, die den Verstand verliert, 

M. C." 22) 

Annie antwortete: „Ach, meine Mutter, meine teure, 
teure Mutter, was soll ich Ihnen sagen? Wie kann ich 
Sie trösten — ach! Mutter, das ist mehr, als ich ertragen 
kann — und wenn ich an Sie, seine Mutter, denke, die 
alles, was sie besaß, verloren hat, dann fühle ich, daß das 
nicht sein soll, nein, daß es nicht sein kann. — ach, 

Seele gedacht. So sehr kann sich durch dea Dcpck, den die sozial© 
Zensur auf einen unbedeutenden Geist, wie den Dr. Moran, ausübt, dia 
Wahrheit verändern. (Zu diesem Thema: Hervey Alien. S. 895—896. wo 
auch ein Brief des Dr. Moran an Edward Abbott vom 27. Februar 188? 
zitiert wird.) 

22) Clemm an Annie. 8. Oktober 1849. (Virginia Edition, Bd. I. S. 338.) 



* 223 



könnte ich Sie nur sehen, bitte, kommen Sie so schnell 
als möglich zu Ihrer Annie ~- — kommen Sie, teure 
Mutter, ich werde Ihrijen wirklich eine Tochter sein — 
wenn ich nur mein Leben hätte hingeben können für das 
seine, damit er Ihnen erhalten geblieben wäre . . .'' 23) 

I 

Aber Annie hatte nicht einmal das Versprechen halten 
können, den „einzuschläfern", für den sie ein ganzes Jahr ; 

hindurch so ideal die Rolle der wirklichen, immer wieder 
von neuem beweinten Mutter spielen durfte. Der mit 
seinen Gespenstern auf vertrautem Fuß lebende Poe mußte 
sich auch mit seinen Phantomen begnügen, als er in seiner 
Agonie einschlief. Die Gestalten an den Wänden, mit denen & 
er gesprochen hatte, waren Ligeias, Vh-ginias, das heißt, ^ 
sie waren hinter allen Verwandlungen immer wieder nur 
die eine, einzige Mutter. Und der Ruf nach Reynolds in 
der Nacht des Todes, der den Anwesenden so unerklärlich 
war, ersetzte auf seine Art den Ruf nach der MuHor so 
vieler Sterbender. War nicht Reynolds der Mann, dea- wie 
Goixlon Pym den Pol hatte erobern wollen, das weiße 
Symbol des Eismeeres? Poe glaubte nmi, sicli in den Er- 
oberer des Eismeeres verwandelt zu haben, er identi- 
fizierte sich mit ihm in dem Augenblick, in dem er selbst 
in den Abgrund stürzte und von neuem in Ihr versank, 
aus der er hervorgegangen war. 

Er kam treu wieder zu ihr zurück, er hatte alte Ver- 
suchungen überwunden und niemals — dessen kann man 
fast sicher sein — vor Fleischeslust in den Armen einer 
andern Frau gebebt. Und die „Gefahr", die „Krise" waren 
diesmal endgültig vorbei und mit ihnen das „Fieber, ge- 
nannt Leben". 

Die Mutter hatte den Sohn wieder zu sich genommen. 



2 ) Annie an Frau Clemm, Oktober 1849, Mittwoch morgens. (Vir- 
ginia Edition. Bd. XVII, S. 398.) Frau Clemm wurde übrigens erst von 
Annie, dann von Stella (Frau Lewis) in ihrem Haua aufgenommen. Sie 
Btarb am 16. Februar 187], mehr als 80 Jahre alt, im Altereversorgungs- 
heim (Chnrch Home and Infirmary) von Baltimore. 



224 



t.- >■ 




I 



Aufnahme; Boissonnas &. TaponnitT, Paris 



I 



Marie Bonaparte 

Prinzessin Georji' von Giieclienland 



■"■■:/■' 









DAS EHELICHE MISSGESCHICK 
MARIE ANTOINETTES 

Von 
Sfefan Ztoeig 

Ans einem demnächst erscheinenden größeren Werk 
über Marie Antoinette. Der Artikel erschien als Vor- 
abdruck in dem IV. Jahrgang (1932) der „Psychoanaly- 
tischen Bewegung". 

Am 16. Mai 1770 führt Ludwig, Dauphin von Frankreich, 
die Erzherzogin Marie Antoinette als Gattin heim, und 
feierlich geleitet sein Großvater Ludwig XV. die beiden in 
das ehehclie Schlafgeraach. Eigenhändig überreicht er ihm 
das Nachthemd und die ranghöchste Dame der jungen 
Gattin das ihre, würdig tritt der Erzbischof von Reims in 
das SchlaJgemach, besprengt es mit Weihwasser und segnet 
das Bett. Dann bleiben die beiden, Marie Antoinette und 
Ludwig, allein und der Baldachin des Himmelbetts rauscht 
brokaten nieder, Vorhang einer beginnenden Tragödie. 

Denn in diesem Bette geschieht nun zunächst ~ nichts. 
Und es gibt einen fatalen Doppelsinn, wenn der junge 
Ehemann am nächsten Tage in sein Tagebuch einschreibt: 
„Rien'\ Weder die höfischen Zeremonien, noch die erz- 
bischöfliche Segnung des bräutüchen Bettes haben Ge- 
walt gehabt über eine peinliche Hemmung der männlichen 
— oder vielmehr; unmännlichen ~ Natur des Dauphin, 
\m.atrimomum non consumptum est, die Hochzeit ist Im 
fleischlichen Sinne nicht vollzogen, nicht heute, nicht 
morgen und nicht im nächsten Jahre. Marie Antoinette hat 
einen „nonchalant mari" gefunden, wie man ärgerlieh am 
Wiener Hofe vermerkt, und zunächst meint man, es sei 
nur Schüchternheit, Unerfahrenheit oder eine „nature tar- 
dive" (wir würden heute sagen, eine infantile Zurückge- 
bUebenheit), die den Sechzehnj ährigen bei diesem be- 
zaubernden jungen Mädchen hemme. Kommt Zeit, kommt 

lÖ Almanach 1983 225 



Rat, denkt die erfahrenje Mutter, nur nicht drängen und 
den seelisch Gehemmten irritieron 1 So mahnt sie ihre 
Antoinette, die eheliclie Enttäuschung nicht sdiwer zu 
nehmen ~ „point d'Iiumeur lä-dessus" schreibt sie am 
8. Mai 1771 ihrer Tochter und empfiehlt ihr „caresses, 
cajolis", ZärtUchkeiten, Liebkosungen, aber anderseits wie- 
der nicht zuviel davon, „mais trop d*emprcssement gäte- 
roit le foat". Wie aber dieser fatale Zustand schon ein 
Jahr, zwei Jahre andauert, beginint die K^aiserin über diese 
„conduite si 6trange" des jungen Gatten unruhig au werden. 
An seinem guten Willen ist nicht zu zweifeln, denn von 
Monat zu Monat zeigt sich der Dauphin seiner jungen 
Gattin immer zärtlicher zugetan, er erneuert unablässig 
seine nächtlichen Besuche, seine unlauigUchen Versuche, 
aber an der letzten entscheide ndeai Zärtlichkeit hemmt ihn 
irgend ein „maudit charme", eine geheimnisvolle fatale 
Störunig. Marie Antoineite, selbst unerfahren, meint, es 
sei nur „maladresse et jeunesse", nur Ungeschicklichkeit 
und Jugend, die Arme demcnliert sogar selbst die „üblen 
Gerüchte, die hier zu Lande über seine Unfähigkeit um- 
gehen" (18. XII. 1771). Aber die Mutier begimat schließlich 
doch besorgt zu werden. Sie läßt ihren Hofarzt van 
Swieten kommen und berät sich mit ihm über die „froi- 
deur extraordiiiaire du Dauphin' ; der zuckt die Achseln 
und meint, wenn es einem junigen Mädchen von solchem 
Liebreiz nicht geUnge, den Dauphin zu „^chauffer", sei 
jedes medizinische Heilmittel ohne Wirkung. Wieder 
schreibt Maria Theresia Brief auf Brief nach Paris; 
schließlich nimmt Ludwig XV., wolilerfahren und allzu- 
geübt auf diesem Gebiete, seinen Enkel ins Gebet, der 
französische Hofarzt Lasonne wird eingeweiht, der traurige 
Liebesheld untersucht, uaid mun sitelll sich heraus, daß 
diese Impotenz des Dauphins keine psychische sei, son- 
dern auf einem unbedeutsamen organischen Defekt be- 
ruht (einer Phimosis, welche die vollkommene Erektion 
verhindert). „Les uns disent que le frein comprime tel- 
lement le pripuce qu'il ne se reläche pas au moment de 



226 



l Introduktion et lui cause unc douleur vive, qul oblige 
S. M. ä modirer Vimpulsion n€cessaire pour Vaccomplis- 
sement de Vacte. D'autres supposcnt que ledit prepuce 
est st adhirent qu'il ne peat se relächer assez pour per- 
mettre la sortie de Vextr6mit6 p6nienne ce qui empiche 
Virection compldfe de se produire" (Geheimbericht des 
spanischen Gesandten). Jetzt fol^t Consmum auf Consiüum 
ob der Chirurg mit dem Operationsmesser eingreifen 
solle, — „paar lai rendre la voix" wie man in den Vor- 
zimmern zynisch flüstert — und Marie Antoinette, von 
ihren erfahrenen Freundinnen inzwischen aufgeklärt, tut 
das Möglichste, ihn dazu zu veranlassen, (Je tramille 
■ ä le determiner ä la petita Operation, dont on a d6jd parli 
et que je crois necessaire'% 1775 an ihre Mutt^.) Aber 
Ludwig XVI. — aus dem Dauphin ist zwar inzwischen 
schon ein König geworden, doch nach fünf Jahren nocli 
immer kein Ehemann — kann sich, seinem schwankenden 
Charakter gemäß, zu keinem energischen Akt entschlie- 
ßen. Er zaudert und zögert, versucht und versucht, und 
diese gräßliche, widerUche, lächerliche Situation des ewigen 
Versuchens und ewigen Versagens zieht sich zur Schmach 
Marie Antoinettes, zum Hohne des ganzen Hofs, zur Wut 
Maria Theresias, zur Erniedrigung Ludwig XVL, ganze 
sieben Jahre hin, bis schließlich Kaiser Josef eigens 
nach Paris reist, um seinen nicht sehr rautigen Schwager 
an seine Pflicht zu mahnen. Dann erst gelingt es diesem 
traurigen Cäsar der Liebe, den Rubikon glücklich zu 
überschreiten. Aber das seelische Reich, das er endlich 
erobert, ist schon verwüstet durch diese sieben Jahre 
lächerlichen Kampfes, durch diese zweitausend Nächte 
in denen Marie Antoinette die äußerste Emiedrigiuig er- 
litten, die eine Frau erleiden kann. 

Wäre es nicht zu vermeiden gewesen (fragt vielleicht 
manches empfindliche Gemüt), dieses heikle und heiligste 
Geheimnis des Alkovens zu lüften? Hätte es nicht genügt, 



16* • . ■• 



227 



das wirkliche Faktum des königUchca Versageas bis zur 
UnkennlUchkeit zu verschatten, wie es doch alle anstän- 
digen Biographen taten, indem sie zaighaft um die Trai- 
godie des Ehebetts herumschlichen und bestenfalls blüme- 
rant vom „fehlenden Glück der Mütterlichkeit" sprachen? 
Ist wirklich dieses Hervorziehen intimer Details unentbehr- 
lich für eine charakterologische Darstellung? Jawohl, es 
ist unenliiehrUch und jedes Verschweigen Entstellung, 
denn alle die Spannungen, Abhängigkeiten, Hörigkeiten und 
Feindseligkeiten, die sich allmählich zwischen dem König 
und der Königin, den Prälendenten und dem Hof heraus- 
bildeten und weit ins Weltgeschichtliche liinüberreichlen, 
bleiben historisch-psyclio logisch in ihrem letzten Ablauf 
unverständlich, wenn man nicht klar bis an den untersten, 
ihren psychologischen Ursprung herangeht. Mehr welt- 
geschichtliche Folgeerscheinungen als man gemeinhin zu- 
zugeben gewillt ist, haben von je im Alkoven und hinter 
den Baldachinen der Königshetten ihren Anfang genom- 
men; selten aber liegt das Folgespiel zwischen winziger 
Ursache und polilischer Weitwirkung so klarläufig und 
eindeutig wie in diesem exemplarischen Fall. Die ganze 
Entwicklung der Revolutionstragödie des französischen 
Königturas ist im letzten Grunde durch keinen Faktor so 
sehr als durch diese private Schwäche Ludwig XVI. 
determiniert, das Versagen Ludwig XVI. als König nur 
durch das langjährige des Mannes und seiner Männlich- 
keit verständlich, und jede charakterologische Darstellung 
darum unehrlich und unzugänglich, die ein Geschehnis 
als nebensächlich in den Schatten drückt, das Marie An- 
toinette seihst den „article essenliel", den Hauptpunkt 
ihrer Sorgen und Erwartungen genainil hat. 

Und dann: deckt man wirklich ein Gelieimnis auf, wena 
man frei und ehrlich von der langen ehelichen Unfähigkeit 
Ludwig XVI. spricht? Durchaus nicht. Nur das neunzehnte 
Jahrhundert mit seiner krankhaften moralischen Sexuat- 
prüdcrie hat verschwiegen, was im achtzehnten Jahrhun- 
dert noch öffentliches Tagesgespräch war. Ehefähigkeit oder 



228 



Eheunfähigkeit eines Königs, Fruchtbarkeit oder Unfrucht- 
barkeit einer Königin galt damals nicht als private, son^ 
dern als politische und Staatsangelegenheit, weil sie die 
„Erbfolge" und damit das Schicksal des ganzen Landes 
entschied. Noch war jene Scheu von dem Physiologiscli- 
Nalürlichen nicht so unnatürlich übertrieben, das Bett 
gehörte so offenkundig mit zum menschlichen Leben wie 
das Taufbecken oder der Sarg. In dem Briefwechsel Maria 
Theresias und Marie Antoinetles, der immerhin durch die 
Hand des Staatsarchivars und des Kopisten ging, spra- 
chen eine Kaiserin von Österreich und eine Königin von 
Frankreich in vorbildlicher seelischer Freiheit als Mutter 
und Tochter über alle Einzelheiten und Intimitäten dieses 
sonderbaren Ehestands. Beredt schildert Maria Theresia 
der Tochter die Vorteile des gemeinsamen Bettes und gibt 
ihr kleine weibliche Winke, den nachlässigen Gemahl 
zärtlich an sich zu fesseln; die Tochter berichtet wieder; 
das Eintreffen und Nichteintreffen des monatlichen Uu- 
wohlseins, ihre Sorgen und Hoffnungen, den endlichen 
Ehevollzug mit allerhand merkwürdigen Details und 
schließlich triumphierend die Schwangerschaft. Einmal — 
man sieht daraus die vorbildliche Unbefangenheit jener 
Epoche in menschhchen Dingen — wird sogar der Kom- 
ponist der Iphigenic, wird sogar Gluck, weil er dem Kurier 
vorausläuft, mit der Übermittlung solcher intimer Nach- 
richten betraut. Mutter und Tochter haben voreinander 
keine Scheu, und ebenso spricht sich der König zu seinen 
Verwandten über die Fortschritte seiner Ehelichkeit un- 
gezwungen aus. 

Aber wäre es nur die Mutter allein, die um das Geheim- 
nis dieses Versagers weiß! In Wirklichkeit wissen imd 
reden alle Kammerfrauen davon, alle Hofdamen, Kavaliere 
und Offiziere; in den Salons und Hinterstuben wird dar- 
über gelacht, die Diener wissen es und die Wäscherinnen 
am Hofe von Versailles, sogar an seinem eigenen Tisch 
muß der König raanchein derben Scherz erdulden. Außer- 
. dein befassen sich, da die Zeugungsfähigkeit eines Königs 



229 



in Anbetracht der Erbfolge eiaie hochpolitische Ange- 
legenheit ist, alle auswärtigen Höfe auf das eindringlichste 
mit dieser Frage. In den offizieilem Berichten der preußi- 
schen, der sächsischen, der sardinischen Botschafter fin- 
den sich ausführUche Erörterungen der heiklen Angele- 
genheit; der eifrigste unter ihnen, Graf Äranda, der spani- 
sche Botschafter, läßt so-gar die Laken des königlichen 
Bettes durch bestochene Dienstleute uintersuchen, um dem 
physiolO'gischen Verhalten nur mögUchst genau auf die 
Spur zu kommen. Überall in ganz Europa lachen und 
spotten die Fürsiten rnid Könige über ihren ungeschickten 
Slandes-genossen, die Impotenz des Königs ist nicht nur 
in Versailles, sondern in ganz Paris uind Frankreich das 
Geheimnis Polichinells. Sie wird in allen Straßen bespro- 
chen, sie flattert als Libell von Hand zu Hand und bei der 
Ernennung des Ministers Maurepas zirkuliert zur allgemei- 
nen Erheiterung das muntere Couplet: 

„Maurepas etait iwpuissant 

Le Roi Va rendu plus puissant 

Le Ministre reconnaissant 

DU: Pour vous, Sire, 

Ce que je d^sire, 

D'en faire aatant". 

Aber was spaßhaft klingt, hait in Wahrheit schioksaLs- 
hafte und gefährliche Bedeutung. Diese sieben Jahre des 
Versagens bestimmen seelisch den Charakter des Königs 
und der Kö'nigin und führen organisch zu politischen uoid 
charakterologischen Folgerungen, die ohne Kenntnis dieses 
intim wirkenden Details sinnlos und unverständlich sind: 
Weltgeschichte entwickelt sich wie die Lawine aus dem 
Sandkorn, hier aus dem allerintimsten und diskretesten 
Detail eines Ehestandes. 

* 

Unverständlich bUebe vor allem das Verhalten Lud- 
wigs XVI. ohne Kenntnis dieser Episode. Mit geradezu klini- 

230 



J6 



scher Deutlichkeit zeigt sein menschlicher Habitus alle 
typischen Symptome eitles aus männlicher Schwäche stam- 
menden Minderwertigkeitsgefühls. Wie im privaten fehlt 
diesem Gehemmtea auch im öffentlichen Leben jede Stoß- 
kraft zu schöpferischer Tat. Unsicher, unentschlossen, 
feige, entschlußunfähig, einsiedlerisch, fürchtet er, der 
gebieten sollte, jeden Entschluß, jedes VerantwortUch- 
sein. Er versteht nicht aufzutreten, er weiß keinen Willen 
zu zeigen und noch weniger ihn durchzusetzen; linkisch 
und scheu flüchtet er vor jeder höfischen Geselligkeit 
und besonders vor dem Umgang mit Frauen, denn er 
weiß, dieser im Grunde biedere, rechtschaffene Mann, daß 
sein Mißgeschick jedem am Hofe bekannt ist, und das 
ironische Lächeln der Eingeweihten quält und bedrückt 
ihn; darum zieht er sich am liebsten in seine Gemächer 
zurück. Am wohlsten fühlt er sich in einem ganz fremden 
unteren Milieu, in Gesellschaft der Sclilossergeliilfen oder 
Maurermeister, die ihn gutmütig, ohne Spott, ja sogar mii 
ehrlichem Respekt als einen Kameraden aufnehmen; vor 
allen Menschen des Hofes aber und seiner eiigenen Familie 
bleibt er gehemmt, unsicher und verlegen. Manchmal ver- 
sucht er sich gewaltsam eine gewisse Autorität zu geben, 
den Schein einer Kraft. Aber dann greift er immer eine 
Skala zu hoch, wird grob, brüsk und brutal, typische 
Flucht in eine Geste der Kraftmeierei, die ihm niemand 
glaubt. Nie aller gelingt ihm ein freies, natürliches, selbst- 
bewußtes männliches Auftreten und am wenigsten das 
majestätische. Weil er nicht ganz Mann ist, kann er auch 
nicht ganz Kön^ sein. 

Daß dabei seine privaten Vergnügungen die allermänn- 
lichsten sind, die Jagd und körperliche Schwerarbeit, wie 
Schlossern und Handwerken, — er hat sich eine eigene 
Schmiedewerkstätte eingerichtet und die Drehbank ist noch 
heute zu sehen — widerspricht keineswegs dem klinischen 
Bild, sondern bestätigt es niir. Denn gerade, wer nicht 
Mann ist, liebt unbewußt den MännÜchen zu spielen. 
Wenn er auf dampfenden Pferd stundenlang dem Eber 



• r- 



231 



nachjagt und durch die Wälder reitet, wenn er am Amboß 
seine Muskeln bis zur Müdig'keit erschöpft, so kompen- 
siert da ein Kraftbewußtsein der rein physisclien Muskel- 
kraft wohltuend die heimliche Schwäche der genitalen: 
als Hephaistos fühlt sich wohl, wer den Dienst der Venus 
schlecht versieht. Aber kaum er die Galauniform anzieht 
und unter die Höflinge tritt, spürt er, daß diese Kraft nur 
eine der Muskeln ist und nicht eine der Seele, und sofort 
wird er verlegen, mürrisch, mißmutig und scheu, trotz 
seiner angeborenen Gutmütigkeit und naiven Jovialität. 
Selten sieht man ihn lachen, selten wirklich glücklich und 
vergnügt. 

Am gefährlichsten aber wirkt sich dieses geheime 
Schwächegefühl charakterologisch im seelischen Verhältnis 
zu seiner Frau aus. Vieles an ihrem Verhalten widerstrebt 
seinem persönlichen Geschmack. Er mag ihre Gesellschaft 
nicht, ihn ärgert der ständige laute Vergnüglingstrubel, in 
dem sie ihre Unbefriedigtheit betäubt; er ärgert sich im 
geheimen, er, der sparsame und bedach tilge Mann, über 
ihre Verschwendung und ihre frivolen Spiele. Ein wirk- 
licher Mann müßte einer solchen Frau, deren leichter und 
fahriger Charakter so sehr der Zügel bedurfte, ein König 
dieser würde vergessenen Königin kräftig die Meinung 
sagen. Aber wie kann ein Mann von einer Frau, die im 
Dunkel seine geheimen nächtUchen Niederlagen kennt 
die ihn allnächtlich beschämt, hilflos und als lächerlichen 
Versager erlebt, bei Tage den Herren spielen? Nie kann er 
ihr aufrecht, herrisch und gebietend entgegönü-eten, und 
unwillkürlich gerät, je länger sein blamabler Zustand 
dauert, Ludwig XVI. gegenüber Marie Antoinette in völlige 
Abhängigkeit, ja sogar in Hörigkeit. Sie kann von ihm ver- 
langen, was sie will, immer wieder kauft er mit völlig 
schrankenloser Nachgiebigkeit sich von seinem geheimen 
Schuldgefühl los. Obwohl er nicht tanzt, begleitet er sie 
auf Bälle, und wenn er zu müde wird, läßt er sie nächte- 
lang allein. Er zahlt ihre Schulden, er duldet ihre Extra- 
vaganzen und Galanterien, ohne ein einzigesmal energisch 



232 



dfeinzufahren und Einspruch zu versuchen. Manchmal, 
wenn sie gar zu tolle Frisuren sich auf den Kopf türmt 
oder nächtelang wegbleibt, wagt er schüchtern einen 
kleinen vorsicliligen Scherz: aber dann lacht sie mit und 
tut weiter was sie will Wirklich in ihr Leben einzugreifen, 
ihre offensichtlichen Torheiten und unnützen Kompromit- 
lierungen zu behindern, dajzu fehlt ihm die Willenskraft, 
die im letzten ja nichts anderes ist als der psychische 
Ausdruck der körperlichen Potenz; und die gutmütige 
Respektlosigkeit, das kameradschaftliche Von-oben-herab, 
mit dem Marie Antoiuette den „pauvre homme" behandelt, 
wirkt sich gefährlich beispielgebend auf ihre ganze Um- 
gebung aus. Niemand respektiert den König, niemand be- 
müht sich ernstlich um ihn. Wer etwas will und ansticht, 
wendet sich am besten an seine Frau, denn jeder weiß, 
ihr Wille biegt seine Willenlosigkeit. Verzweifelt sehen die 
Minister, sieht die Kaiiserinmutler Maria Thei-esia, siebt 
der ganze Hof diese zunehmende Ohnmacht des Königs, 
und wie alle Macht in die Hände seiner Frau gerät, diei 
sie leichtfertig verzettelt. Aber ein Kräftediagramm, in 
einer Ehe einmal bestimmt, bleibt erfahrungsgemäß als 
seelische Konstellation unabänderlich. Auch wie er schließ- 
lich ihr Gatte und Vater ihrer Kinder wird, bleibt er, der 
Herr Frankreichs sein sollte, der willenlose Knecht seiner 
Frau, einzig weil er nicht rechtzeitijg ihr Mann gewesen ist. 



Nicht minder verhängnisvoll bestimmt das sexuelle Ver- 
sagen Ludwig XVI. die seelische Entwicklung Marie An- 
toinettes. Gemäß der Gegensätzlichkeit der Geschlechter 
produziert ein und dieselbe Störung im männUchen und 
weiblichen Charakter genau gegensätzliche Erscheinungen. 
Wo bei einem Mann die sexuelle Aktivität Störungen 
unterliegt, entsteht Gehemmtheit und Unsicherheit, wo 
der Frau die passive Hingabebereitschaft nichts hilft, 
muß zwanghaft Überreiztheit und Hemmungslosigkeit, eine 
flackrige Über lebe ndigkeit zu Tage treten. Von Natur aus 



233 



ist Marie Äntoinette ei^ntlich vollkommen normal geraten, 
eine wirkliche, eine weibliche, eine zärtliche Frau, zu 
vielfacher Mutterschaft bestimmt. Aber das Verhängnis wUl, 
daß gerade sie, die Empfindungsfähige und Empfindungs- 
wilhge, in eine abnorme Ehe, daß sie an einen Nicht-Mann 
gerät. Allerdings, sie ist erst fünfzehnjährig zur Zeit der 
Eheschließung, an und für sich schiene also die Verzöge- 
rung noch nicht seelisch belastend und verstörend; denn 
man darf es doch keineswegs schon physiologisch un- 
natürlich nennen, wenn ein junges Madchen bis zum 
zweiundzwanzigsten Jahre jungfräulich bleibt. Was aber 
hier die Erschütterung und gefährliche Aufpulverung ihres 
Nervenzuslandes verursacht, ist, daß ein von Staats wegen 
ihr zubeorderter Gatte sie diese sieben pseudoehelichen 
Jahre nicht im Zustande unbefangener und unberührter 
Keuschheit verbringen läßt, sondern daß in zweitausend 
Nächten sich an ihrem jungen Körper, an ihren Sexual- 
organen ein tölpischer und gehemmter Mann unablässig 
herummüht, ihre Nerven nutzlos irritiert und daß über- 
dies der ganze Hof, die ganze Welt voll bösartiger imd 
hämischer Neugierde sich ständig mit diesem Unglück be- 
schäftigen. Ununterbrochen wird ihre Sexualität fruchtlos 
in dieser unbefreienden, beschämenden und erniedrigenden 
Weise ohne eine einzige Erfüllung gereizt und gereizt; eine 
von Natur zarte und sogar zärtlich geartete Frau müßte 
geradezu abnormal stumpf sein, wenn ihre seelische Ver- 
fassung auf diese gräßliche Quälerei nicht schließlich tera- 
peramenthaft reagierte. So bedarf es keines Nervenarztes, 
um festzustellen, daß die extreme Vivazität, diese Über- 
lebendigkeit, dieses ewige Hin und Her und nie Zufrie- 
densein, dieses fahrige Jagen von Vergnügung zu Ver- 
gnügung, die krankhafte Steigerung der Spietlust, die be- 
rüchtigte Unfähigkeit Marie Antoinettes, sich jemals sach- 
lich auf einen Gegenstand zu konzentrieren, daß alle diese 
historisch verhängnisvoll gewordenen Eigenschaften, ob- 
wohl schon charaktermäßig prädisponiert, in ihrer Über- 
treibung geradezu klüiische Folgen jener ständigen sexuel- 



234 



^^Bm 



len Aufreizung und sexuellen Unbefriedigung durch ihren 
Gatten sind. Unbewußt sucht dieses junge Geschöpf außer- 
halb der physiologischen Sphäre Kompensationen, kleine 
äußerliche Temperamentbefriedigungen, ErfüUungs-Surro- 
gate der Entspannung, des Sich-Abmüdens. Sie tanzt ganze 
Nächte durch, sie reitet, flirtet, sie spielt und überspielt 
mit diesen unablässigen nervösen Beschäftigungen eine 
innere Leere, ihre uneingestandene Enttäuschung. Weil 
nicht im tiefsten bewegt und beruhigt, muß sie immer Be- 
wegiuig und Unruhe um sich haben, und allmählich wird 
die ursprüngUche Verspieltheit zu einer krampfigen und 
vom ganzen Hof als skandalös empfundenen Vergnügungs- 
wut, gegen die vergebens Maria Theresia und alle Freunde 
anzukämpfen suchen, aber die einzig ihr Mann oder ein 
wirklicher Mann abstellen könnte. Wie beim König die 
unerlöste Männlichkeit in grobe Schlosserarbeit und Jagd- 
leidenschaft, in dumpfe und ermüdende Muskelarbeit und 
Muskelspannung, so flüchtet bei ihr die falsch eingesetzte 
und unverwertete Gefühlskraft in zärtliche Freundschaft 
zu Frauen, in fortwährende Übersteigerungen der Amüse- 
ments. Nacht für Nacht läßt sie das eheliche Bett, den 
traurigen Ort ihrer weiblichen Erniedrigung und treibt 
sich, während ihr Gatte und Nicht-Gatte seine Jagdmüdig- 
keit breit ausschläft, bis vier Uhr, fünf Uhr morgens auf 
Opernredouten, in Spielsälen, bei Soupers und in zweifel- 
hafter Gesellschaft herum, mit jungen Leuten fUrtend, 
sich wärmend an fremden Feuern, unwürdige Königin, 
weil an einen unwerten Gatten geraten. Daß aber diese 
Frivolität eigentlich freudlos ist, ein bloßes Obertanzen 
und Überamusieren einer inneren Unruhe, das verrät 
mancher Augenblick zorniger Melancholie und am stärk- 
sten einmal ihr Schrei, als ihre Schwägerin zuerst ein 
totes Kind zur Welt bringt. Da schreibt sie an ihre 
Mutter: „So furchbar das auch sein muß, ich wollte, ich 
hielte schon dort." Lieber ein totes Kind, aber nur ein 
Kind und endUch aus diesem zerstörenden, unwürdigen 
Zustand heraus, nur endlich Frau sein und nicht hundert- 



235 



mal mißbraucht und beschmutzt und von allen andern 
verhöhnt und verspottet, immer und immer noch Jung- 
frau nach siebenjähriger Ehe. Wer nicht die weibhche 
Verzweiflung hinter der Vergnügungswut dieser Frau ver- 
steht, kann die merkwürdige Wandlung weder erklären 
noch verstehen, die dann einsetzt, sobald Marie Anloinette 
endlich Frau und Mutter wird. Mit einmal werden die 
Nerven ruhiger, eine andere, zweite Marie Antoinette 
entsteht in ihr, jene beherrschte und willenskräftige, 
kühne, die sie im zweiten Teil ihres Lebens wird. Aber 
diese Wandlung kommt schon zu spät, um die innere 
Zerstörung und die äußeren Folgen dieser sieben Mär- 
tyrerjahre wettzumachen. Wie in jeder Kindheit, süad 
auch in jeder Ehe die ersten Erlebnisse die entscheidend- 
sten, und Jahrzehnte können nicht wettmachen, wenn im 
feinsten und unzerstörbaren Stoff der Seele solche Stö- 
rungen einmal eingerissen sind. Gerade diese innersten, 
die unsichtbaren Verwundungen des Gefühls kennen kein 
volles Gesunden. 



AU dies wäre aber nur private Tragödie, ein Familien- 
mißgeschick, wie es hinter tausend Wänden und Alkoven- 
vorhängen tagtäglich verborgen sich abspielt. In diesem 
einem Fall aber reichen die verhängnisvollen Folgen einer 
ehelichen Impotenz weit über das private Leben hinaus. 
Denn Mann und Frau sind hier König und Königin. Und 
zur intimen Tragödie, die hier eine der Diplomatie auf- 
geopferte Frau erlebt, — man hatte rechtzeitig in Wien 
vor diesem ungeeigneten Gatten gewarnt, — fügt sich 
das grausame Satyrspiel, daß man die Königin, gerade 
weil sie unfreiwillig unschuldig bleibt, öffentlich zur 
Schuldigen macht. Ein so zynisch-neugieriger, mokanter, 
durchaus erotomanischer Hof wie der französische, be- 
gnügt sich nicht mit dem hämischen ironischen Schwatz 
über den ungeschickten Gatten, sondern schnuppert unab- 
lässig um die Frage herum, in welcher Weise sich Marie 



236 



Antoinette für das Versagen erotisch schadlos halte. Sie 
sehen eine reizende junge Frau, selbstbewußt und kokett, 
bei Gott keine kühle Blonde, sondern ein temperament- 
volles Geschöpf, in dem das junge Blut munter moussiert, 
und sind informiert, an welche jämmerliche Schlafhaube 
diese süperbe Liebhaberin geraten ist: nun beschäftigt sie 
nur eine Frage, mit wem sie den impotenten Gatten be- 
trügt (denn Tugend oder auch nur geschlechtliche Zurück- 
haltung wird an diesem Hofe keiner Frau geglaubt). Nun 
beginnt ein frivoles Rätselraten, wen sie sich zum Ersatz 
gewählt, Der Herzog von Artois, der jüngste Bruder des 
Königs, ein munterer Windhund und galanter Schwach- 
kopf, begleitet sie, weil der Ehemann zu faul und zu 
wenig tänzerisch ist, auf die Bälle. Sofort gilt er als ihr 
Liebhaber. Die Herzogin von Lamballe, die Gräfin von 
Polignac werden von der Königin, die sich nicht zu ver- 
stellen weiß, durch besondere Freundschaft ausgezeichnet: 
sofort gilt diese Neigung als sapphische Beziehung und 
man singt öffentlich den Chanson: 

„Poar avoir-postäritS 
II faut a cet amour botU 
Grandir la porte de Cythtre. 
Antoinette qui sait cela ■ ••' 

Fatigue plus d'une ouuriere". 

Ein Ausritt mit irgend einem Kavalier, einem Lauzun 
oder Coigny, und schon haben ihn die müßigen Schwätzer 
zu ihrem Beischläfer ernannt; eine morgendliche Prome- 
nade im Park mit den Hofdamen und Kavalieren, und 
sofort erzählt man von den unglaublichsten Orgien. Ganz 
natürlich führt die fortwährende Beschäftigung mit dem 
Problem, wie sich die Königin schadlos halte, zu einer 
gefährlichen Legende von geheimen und gefährlichen 
Abenteuern; aus dem Geschwätz werden Chansons und 
Libelle und Pamphlete und pornographische Gedichte. 
Erst stecken sie sich, hinter dem Fächer verborgen, die 



237 



Hofdamen zu, dann wandern sie aus dem Haus, werden 
gedruckt und geraten unter das Volk; und so entsteht all- 
mählich, aus dieser einen offenkundigen Ursache der 
jahrelangen Impotenz des Königs, der Mythos einer neuen 
Messalina, einer neuen Fredegonde. Wie dann die revolu- 
tionäre Propaganda beginnt, brauchen die jakobinischen 
Journalisten nicht lange nach Argumenten zu suchen, um | 

Marie Antoinette als den Ausbund aller Ausschweifung, ^ 

als schamlose Verbrecherin hinzustellen, und Fouquier 
TinviUe muß nicht viel nach Beweisen kramen, um das 
schmale Haupt unter die Guillotine zu drücken. Der | 

Schwatz und die Bosheit von Versailles' Höflingen hat ihm 1 

ein ganzes Arsenal ihrer Laster und Ausschweifungen , 

längst gedruckt und versifiziert zur Verfügung gestellt. 
Dem rein physiologischen Verlust ihrer besten Jugend- 
jahre durch die Impotenz ihres Gatten dankt Marie Antoi- 
nette noch den Verlust ihrer Ehre, und während und 
weil sie unfreiwillig sieben Jahre Jungfrau bleibt, hat sie 
zum Spott noch den Schaden und gilt ihrem ganzen Zeit- 
alter als die Unersättlichste aller Unersättlichen, 



Über eigenes Geschick, Ungeschick, Mißgeschick reichen 
also die Folgen jener ehelichen Störung bis in das Welt- 
geschichtliche hinein: die Zerstörung der königlichen Auto- ^ 
rität hat in Wahrheit nicht in den Clubs, sondern im 
königlichen Bett begonnen. Denn daß diese Nachricht von ; 
der Impotenz des Königs und die boshaften Legenden von 
der sexuellen Unersättlichkeit und Pervertiertheit der 
Königin so rasch und so weit aus dem Schlosse von Ver- 
sailles zur Kenntnis der ganzen Nation kamen, hat gleich- 
falls weitmaschig anschließende Verknüpfung an dieses 
Mißgeschick. Es leben in diesem Palast vier oder fünf Per- 
sonen, und zwar die nächsten Verwandten, die an dem 
ehelichen Versagen des Königs leidenschaftliche Freude 
haben und nur ein einziges Interesse, seine Unfähigkeit 
mögUchst laut und geräuschvoll in der Welt bekamit zu 



238 



machen, vor allem die beiden Brüder des Königs, denen 
es außerordentlich zu paß kommt, daß durch diesen win- 
zigen physiologischen Defekt und die Furcht Ludwig XVI. 
vor dem Chirurgen nicht nur das normale Eheleben, son- 
dern auch die normale Erbfolge zerstört wird. Für beide 
scheint das anfängliche Versagen des Königs Garantie der 
Kinderlosigkeit und damit das sichere Anrecht, selbst auf 
den Thron zu gelangen. Der nächstälteste Bruder Lud- 
wigs XVL, der Herzog von Provence und spätere Lud- 
wig XVIII. — er hat sein Ziel erreicht und Gott allein 
weiß auf welchen krummen Wegen — ist bloß um ein 
Jahr junger, aber weltklüger, politischer, raffinierter als 
sein gutmütiger Bruder, und eben weil er sich in seiner 
praktischeren und diplomatischeren Kunst so sehr über- 
legen weiß, hat er es nie überwinden können, als Zweiter 
• neben dem Thron zu stehen, statt selber das Szepter zu 
halten. Mit einer shakespearischen Richard III.-Tücke hat 
dieser dunkle Maulwurf duckmäuserisch und intrigant 
durch zwei Jahrzehnte seine Gänge gewühlt, um ''die 
Machtstellung seines Bruders zu untergraben; da er aber 
gleichfalls kein Bettheld und kinderlos ist, hat auch der 
Herzog von Artois brennendes Interesse an der Zeugungs- 
unfähigkeit seiner älteren Brüder, weil sie seine Söhne 
zu legitimen Thronerben macht. So genießen sie beide 
als Glücksfall, was das Unglück Marie Antoinettes ist, und 
je länger der grauenhafte Zustand dauert, umso sicherer 
fühlen sie sich. Immer selbstverständlicher werden ihre 
Hoffnungen, immer anmaßender ihr Auftreten; schon 1774, 
knapp nach der Thronbesteigung, erscheint zur maßlosen 
Erbitterung Maria Theresias ein aus jenen Kreisen inspi- 
riertes Libell, in dem nicht nur die Impotenz des Königs 
Ludwig XVL als eine unheilbare und dauernde ausposaunt 
wird, sondern auch die Königin gewarnt, nicht etwa durch 
emen Betrug plötzlich Thronerben zur Stelle zu bringen. 
Von vornherein werden also schon alle möglichen Kinder 
Marie Antoinettes als Bastarde gebrandmarkt und das 
Thronrecht den beiden jüngeren Brüdern bereitgestellt. 



^' 



239 



Darum dieser maßlose, dieser hemmungslose Haß und 
Wut, wie im siebenten Jahre Marie Antoinette das Wunder 
endlich zustande bringt, und die eheliche Beziehung zwi- 
schen König und Königin wieder normal wird. Diesen 
furchtbaren Hieb, der alle seine Erwartungen umsäbelt, 
hat der Herzog von Provence niemals Marie Antoinette 
verziehen, und was nicht auf geradem Wege ihm zufallen 
will, hat er versucht auf krummen zu erreichen. Mu 
macchiavellislischer Tücke arbeilend, hat der Herzog nicht 
früher gerastet, als bis er Ludwig XVIH. wurde; und 
daß zu diesem Ziele Ludwig XVI. und Marie Äntomette 
ausgerottet werden mußten und Ludwig XVII. m em 
dunkles, noch heute nicht erhelltes Schicksal getrieben, 
war ihm kein zu hoher Preis. Die Revolution hat gute 
Helfer bei Hof gehabt, prinzliche und fürstliche Hände 
haben ihr die Tür aufgetan und die Waffen in die Hand 
gegeben. Nichts so sehr als die männliche Schwäche des 
Königs hat seine geheimsten Feinde so stark und so kühn 
gemacht. Fast immer ist ein geheimes Schicksal, das das 
äußere sichtbare und öffentliche heranzieht, fast jedes 
Weltgeschehnis Spiegelung inneren persönlichen Konflikts. 
Ständig gehört es zu den großen Kunstgeheimmssen der 
Geschichte, aus mikrobischem Anlaß unabsehbare Folge- 
rungen zu entwickeln und nicht zum letzten Mal die 
Impotenz (Alexander von Serbiens und seiue erotische 
Hörigkeit zur Befreierin Draga Maschin) gerät in der vor- 
übergehenden sexuellen Störung eines einzelnen Mannes 
der ganze Kosmos in Unruhe. 



* 



Sieben Jahre, acht Jahre hat diese eheliche Unfähigkeit 
Ludwig XVL gedauert. Endlich erhalten nach den Politi- 
kern die Ärzte das Wort. Maria Theresia, die das ganz« 
Unheil, das aus der Verlängerung dieses Zustandes ent- 
stehen könnte, mit klaren Blicken voraussieht, verliert 
endlich die Geduld, sie beschließt, energisch einzugreifen 
und schickt ihren Sohn, den Kaiser Josef nach Paris, er 



240 






.L 



solle seinem Schwager die Leviten lesen. Die beiden 
Männer sprechen sich freundschaftlich aus, Ludwig XVL 
entschließt sich zur Operation, und nach irgend einer dunk- 
len Legende soll Josef IL selbst bei der chirurgischen Ange- 
legenheit anwesend gewesen sein. Jedenfalls meldet sich 
bald der Erfolg. Denn während am 19. August 1777 Marie 
Antoinette ihren ehelichen Zustand noch als unverändert 
meldet und nur „un petit mleux" in der königlichen 
Leistung andeutet, kann sie am 30. August strahlend mit- 
teilen, sie sei im Zustand „vollkommen entscheidenden" 
Glücks. „Jetzt ist es schon acht Tage her, daß meine Ehe 
vollkommen vollzogen ist, der Versuch ist wiederholt 
worden und gestern noch vollständiger als das erstemal. 
Ich wollte zuerst sofort den Kurier an meine teure 
Mutter schicken, aber ich fürchtete nur, daß es Aufsehen 
imd Geschwätz verursachte." Gleichzeitig schickt auch der 
spanische Botschafter Nachricht nach Madrid, daß der 
j,itat matrimonial" endlich erreicht sei, und fügt bei, da 
ein solches Ereignis wichtig und öffentlich sei, hätte er 
die Gelegenheit wahrgenommen, sich noch einmal bei den 
Ministern Maurepas und Vergennes zu erkundigen. Beide 
bestätigen ihm den Vollzug der großen Aktion, außerdem 
plaudert der König darüber stolz mit seiner Tante, wobei 
er „mit viel Offenheit" bemerkt, daß ihm dieses Ver- 
gnügen sehr gefalle und er bedauere, es solange nicht 
gekannt zu haben. „Seme Majestät ist jetzt viel heiterer 
als vordem und die Königin hat jetzt die Äugen mehr um- 
rändert, als je vorher bemerkt worden war." Bald wird 
am Hofe feierlich die Schwangerschaft angekündigt, ein 
Tedeum in Notre Dame gelesen, und Marie Antoinette 
bringt im achten Jahre ihrer Ehe endlich eine Tochter 
zur Welt. ' 

Von nun ab ist das eheüche Leben Ludwig XVI. und 
Marie Antoinettes vollkommen geregelt. PfUchtbewußL und 
bürgerlich-mäßig erfüllt von nun ab der brave, endlich 
Mann gewordene König seine Gattenpfücht, ohne ein ein- 
zigesmai seiner Frau untreu zu werden. Sechsmal wird 



16 Almanach 1983 241 



Marie Antoinelte schwanger, vier Kinder zeugt der endlich 
erlöste Mann. Die grauenhaft lächerliche Tragikomödie 
ist zu Ende, und wie physiologisch, so übt auch seelisch 
diese Veränderung auf die Königin den besten Einfluß; sie 
verbringt nicht mehr so häufig ihre Nächte auf Bällen, 
beschränkt die Geselligkeit auf einen engen Kreis und 
widmet sich mit wirklicher Sorgfalt und Güte der Erzie- 
hung ihrer Kinder. Der König wiederum verliert sicht- 
bar seine Menschenscheu, seine Mürrischkeit, wird jovialer, 
zugänglicher, alles scheint m bester Ordnung. Aber in 
"Wahrheit ist es schon zu spät. Bereits sind die Mikroben 
der Verleumdung ins Blut des Volkes übergegangen und 
haben rettungslos die öffentliche Meinung vergiftet. Weil 
man zu lange seiner Unfähigkeit gespottet, nimmt man 
nun seine Zeugefähigkeit nicht mehr ernst, öffentlich 
verhöhnt man Ludwig XVI. als Gehörnten und seine 
Kinder als Bastarde: 

„Belle Antoinelte 
Qu'importe d'öu vienf cet enfant? 
C'esl Sans doule quelque plontte 
Qui nous a fait ce doux präsent, 

Belle Antoinelte''. 

Die Broschüren und Libelle werden nicht still und 
aus Wispern und Schwätzern wächst allmählich der große 
Sturm, der den königlichen Thron in Frankreich uin- 
schleudertj und aus der Tragödie des Bettes wird die der 
Geschichte. ^ 






Lf ," 



242 



FRANZ WERFEL ALS ERZIEHER 

— DER VÄFER 

Von 
Eduard Hitsch mann 

Aus dem IV. Jahrgang der Zeitschrift „Psychoana- 
lytische Bewegung". 

In dem zunehmenden Unbehagen in einer gefahrum- 
drohten Kultur ist die Bekanntschaft mit einem neuen 
und vollendeten Werk der Kunst Genuß und Trost und 
Hoffnung zugleich. 

Die Befriedigung ist umso größer, wenn — wie mit 
seinem letzten Roman „Die Geschwister von Neapel" — 
der Dichter mit seinem Werk über sich selbst hinaus 
wächst. 

"• Werfe! hat selbst erzählt, daß das Werden dieses 
puches ein anderes war, als er es bisher in sich beobach- 
tet hat. „Während ich bei anderen meiner Werke oft 
verstandesmäßig vorausgesehen habe, wohin sich der Keim, 
der im Geiste zu knospen begann, entwickeln kann, so 
war es für mich überraschend, daß diese Entwicklung 
bei den ,Geschwistern von Neapel' anderen Gesetzen zu 
unterliegen schien, als sonst. Ich müßte fast sagei», alle 
Worte, wie etwa Intuition, wären nicht richtig, weil all 
das Geschehen in diesem Roman mit einem Schlag außer- 
halb meiner Person real dastand, so voll eigenen Lebens, 
daß ich gar keine andere Pflicht hatte, denn als teil- 
nehmender Mensch diesem Geschehen aufzeichnend zu 
folgen . . . Von einem gewissen Äugenblick an gewannen 
die Figuren ein diktatorisches Eigenleben und wählten 
ihren Weg, so daß ich in die glückliche Lage kam, sie 
gleichsam nur beobachten zu müssen . . . Ganz anders 
stand es bei meinem Roman ,Barbara', wo ich sozusagen 
erinnertes Leben unbeweglich vor mir hatte, während ich 

16* • 243 






bei den ,Geschwistern von Neapel* fast das okkulte Ge- 
fühl hatte, ein Leben, das irgendeinmal irgendwo in der 
Welt bestand, durch eine merkwürdige Übertragung inner- 
lich eingeflüstert zu erhalten, ohne im geringsten eigener 
Erlebnisse damit zu verflechten." 

Eindringlicher kann ein Dichter das Empfangen aus 
seinem Unbewußten gar nicht schildern; daneben inter- 
essiert die Befriedigung, mit der sein Narzißmus fest- 
stellt, daß er nicht etwa eigene äußere Erlebnisse abge- 
malt habe. 

Es sei aber gleich an dieser Stelle konstatiert, daß der 
Inhalt des Romanes das von Werfel oft behandelte Thema 
vom harten überstrengen Vater in neuer Variation ab- 
handelt, also auch ohne Annahme okkulter Kräfte ein 
Auslangen gefunden werden kann. 

Wenn aber ein Dichlerwerk so ganz vom Unbewußten 
eingegeben, wie automatisch niedergeschrieben wird, so 
kann man mehr als sonst darauf gefaßt sein, daß die ge-< 
schilderten Personen eine innere Maschinerie aufweisen 
werden, die den echten menschlichen Triebkräften ent- 
spricht. Die seelische Dynamik muß auch der entsprechen, 
die wir Psychoanalytiker in unserem geduldigen Brüten 
über dem seelischen Triebwerk unserer gesunden oder 
kranken Analysanden durchschauen gelernt haben. 

Eine solche typische Figur ist nun der Vater Domenico 
Pascarella, die Hauptperson des Romanes; ein Meister- 
werk feinster psychologischer Charakterisierung. Der pol- 
ternde Vater ist eine häufige Figur in Drama und Roman; 
aber mit welcher Lebendigkeit und Wahrheit bis ins 
letzte Detail tritt uns dieser grausam strenge Vater hier 
vor Augen neben seinen sechs erwachsenen Kindern! 
Der Inhalt des Buches ist „die Tragik, die in der Furcht 
und Liebe hegt, die diese sieben Menschen aneinander- 
bindet". Dieser Vater ist ein eitler, selbstsicherer Auto- 
krat in seinem Hause, dem die Mutter längst weggestorben 
ist. Unzärtlich, hart, jähzornig und geizig, ist der meist 



244 



düster-schweigsame Mann geradezu ein Gefängniswärter 
über seine Kinder, denn seine Pedanterie und Sittenstrenge 
verbieten fast jeden Ausgang, seine leicht paranoische 
Einstellung gegen die Umwelt isoliert die ganze Familie.^) 
Alle Initiative des Lebens ist ihm vorbehalten, alles Mo- 
derne, alles Künstlerische oder Denkerische ist den Kin- 
dern versagt, alle persönlichen Triebe wurden frühzeitig 
beschnitten. Denn die Zeit ist voll sündhafter Gefahren, 
die den Eigentümer der Kinder beängstigen. Kein Wunder, 
daß die Kinder, in deren individueller Schilderung der 
Dichter die Folgen der Einschüchterung des gebrochenen 
Willens neben der leidensfreudigen Liebesgefesseltheit an 
den Vater variiert, unserer Teihiahme, unserer Rührung 
und Liebe teilhaftig werden. 

Das Schicksal, das diese Familie im Verlauf des Ro^ 
manes durchmacht, ist nur die Folge des Wirkens dieses^ 
teuflischen Ungetüms von einem Vater, der dem Leben 
scheu und naiv gegenübersteht und ohne Menschenkennt- 
nis dann ein Op'fer von Menschen wird, denen er nie 
Jnteresse entgegenbringen konnte, so egozentrisch, so 
blind lebte er dahin. Erst allmählich läßt der Dichter 
versöhnlich durchscheinen, daß hinter der rauhen Außen- 
seite dieses Nur-Vaters ein nur seinen Kindern lebender 
und — da er sie verlieren soll — nach ihnen brüllender, 
einsamer Mann lebt, der dann durch das Schicksal grau- 
sam zerbrochen und geläutert, seine Schuld einsieht und 
— wenigstens heimlich — weich wird, seit fünfzig Jahren 
zum erstenmal wieder weint! 

Wer das Werk Franz Werfeis kennt, weiß, daß es vom 
KonfUkt zwischen Vater und Sohn nicht loskommt.^) 
Man findet darüber Ausführliches in der Arbeit von 
K. T. W a i s „Das Vater-Sohn-Motiv" und in der auf- 
klärenden Besprechung dieser Arbeit durch Storfer 
in der „Psychoanalytischen Bewegung" (1931, Heft 5), 

^) Jeder Zoll ein anal sadistischer Charakter. 

^) Wer fei schreibt sozusagen immer wieder „Märchen vom Stiefvater", 



245 



PS 



unter dem Titel „Der Ödipuskomplex bei Werfel imd bei 
Wassermann". 

Aber nicht diese ewige Wiederkehr eines Komplexes 
bei einem Dichter oder dessen persönlicher Ursprung soll 
uns hier beschäftigen, sondern ich will darauf hinweisen, 
daß Werfeis Werk eine Tendenz aufzeigt, die man geradezu 
als — Erziehung der Väter bezeichnen könnte. Allerdings 
merkt man den Werken Werfeis und auch diesem neue^ 
sten keine tendenziöse Absicht an, was wieder ihren 
hohen künstlerischen Wert bedeutet. Denn was Goethe . 
einst zu Eckermann gesagt hat, ist immer wahr: „Liegt fll 
^m Gegenstande eine sittliche Wirkung, so wird sie auch ^i 

hervorgehen, und hätte der Dichter weiter nichts im 
Auge als seines Gegenstandes wirksame und kimstgemäße 
Behandlung." 

Diese Tendenz, unbewußte Tendenz, der Werke unseres 
Dichters sehen wir in der Aufdeckung der Schädlichkeit 
solcher harter, liebloser, geiziger und pedantischer Er^ 
zieher. Werfel zeigt nicht, wie man erziehen soll, son- 
dern wie man nicht erziehen soll. Man erinnert sich, der 
übertriebenen und viel gröberen Schilderung eines sol- 
chen Vaters in „Nicht der Mörder, der Ermordete ist 
schuldig", eines entsetzlichen Unmenschen. 

Ist das Gesamtbild hier in „Die Geschwister von 
Neapel" auch ein gemildertes, der Ausgang versöhnlich,, 
so ist doch der Nachweis der unheilvollen Wirkung dieser 
Art Väter an den Kindern tragisch genug. Alle sind von 
vornherein eingeschüchtert; selbst daran wird erinnert^ 
daß in der Kindheit darauf gesehen wurde, daß die 
Kinder nur mit den Händen auf der Decke schliefen. 
Sie zittern vor dem Vater, ihr Wille ist zerbrochen, 
Ewel von ihnen sind bereit, ihr Leben im Kloster zu bet- 
schließen. Annunziata, die Älteste, ist zur frömmlerischen 
Masochislin abgelötet, die schöne Grazia ist nur dadurch 
gerettet, daß sie einen Mann lieben lernt; natürlich ist ^ 

es ein väterlicher mit grauen Haaren. Sie ist die einzige, 
die wenigstens eine Zeitlang den Vater zu hassen wagt; 



246 



um dann umsomehr in Schuldgefühle zu verfallen. Allen 
hat der Alte die Ausbildimg ihrer reichen Talente unter- 
bunden. 

Erschütternd ist, wie der Alteste, der Tiefste, der am 
wenigsten verstanden wurde, doch am Vater leidet, sich 
fügt und zum Schluß bescheiden als Beamter unter- 
Tiriecht. Der schöne Lauro, auf den Tiere immer faszinie- 
rend gewirkt haben, der sie auch in Ton zu bilden ver- 
stünde, — er geht an einem Schlangenbiß in Brasilien 
zugrunde; eine tiefere Symbolik vielleicht, nur dem Psy- 
- choanalyliker verständlich. Nur die beiden Jüngsten, von 
denen der Sohn die Eitelkeit, die Tochter den Trotz 
geerbt haben, scheinen halbwegs heil aus der Abhängig- 
keit von diesem Vater loszukommen. 

Nicht kalte Strenge und eingebildetes Besserwissen, 
nicht Geiz und Pedanterie und Ablehnung alles Neuen, 
nicht Abschließen und Unterdrücken, nicht Gegentrotz 
und Prügel sind die rechten Erziehungsmittel, nicht humor- 
lose Düsterkeit; sondern Liebe, Aussprache und Ver- 
stehenwollen, Güte und Verzeihen. Der Erzieher muß 
einer Art von Demut fähig sein, der Duldung von viel- 
leicht ihm selbst Fremdem. In jedem Kinde kann auch 
etwas Anonymes auftauchen. Talente müssen gepflegt, 
nicht unterdrückt werden. Liebe und Güte sind, wie 
feuchte Wärme, das Prinzip des Lebens, nicht in Kälte 
und Trockenheit gedeiht ein Lebendiges. 
■ Wir freuen uns, hier feststellen zu können, daß die 
Tendenz von Werf eis Werk mit den Erziehungsgrund- 
sätzen der Psychoanalyse ganz übereinstimmt, wie sie vor 
allem aus dem hervorragenden Buch von Aichhorn 
„Verwahrloste Jugend" sich ergeben, und wie sie von 
der „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" pro- 
pagiert werden, in deren Sammekiummer „Strafen" ich 
gegen die übermäßige Härte, den Geiz, die Pedanterie, 
Gewalt und Düsterkeit in der Erziehung aufgetreten bin 
(1931, Heft 8/9). So heißt es auch in dem grundlegenden 
Büchlein von Anna Freud „Einführung in die Psycho- 



247 



\ 



analyse für Pädagogen" an einer Stelle: „Der Analyti- 
ker . . . nimmt sich vor, zumindest für seine Person nicht 
mitzutun, seine Kinder lieber frei, als so erzogen auf-- 
wachsen zu lassen und lieber etwas Ungezügeltheit im End- 
ergebnis zu riskieren, statt ihnen von vornherein eine 
solche Verkrüppelung der Persönlichkeit aufzuzwingen." 

Freilich ist das Ziel der Ärzte imd Pädagogen ein an- 
deres, als das eines Dichters; wir wollen nivellieren, um 
keine Neurotiker, keine Gehemmten und keine Unglück- 
lichen heranzubilden. Am Ende verhindern wir durch 
unser Nivellieren die Entstehung von hervorragenden Pro- 
duzierenden? Sind wir auch über das Wesen der Be- 
gabung im Unklaren, so sagt uns doch ein Ahnen, daß 
intensive Eindrücke der Jugendzeit, und auch unglück- 
liche, verinnerlichen können, jenem Träumen Kräfte zu- 
führen mögen, das dann zur Produktion drängt. Hier ist 
Vielleicht ein Widerspruch zwischen der Gesundheit und 
dem Glück einer möglichst großen Anzahl, — und dem 
Werden eines Starken oder Großen!? 

Ich glaube aber, wir können uns darauf verlassen, daß 
so große „Radioaktivitäten" wie die des Domenico Pasca- 
rella nicht aussterben werden, sei es unter den lebenden 
Vätern, sei es unter den dargestellten Gestalten echter 
Dichter. i 

Große Begabungen werden sich immer durchsetzen, 
auf schwächere verzichten wir gerne. 

Ceterum censeo: Väter, seid nicht wie Werf eis Väter I 



248 



DIE SPRACHW V RZEL MR 

Von 
Ernst Jones 

Das folgende Kapitel haben E. nnd J. Homburger JEür den 
Almanach aus dem Werke „On the Night mare" (Verlag 
der Hogarth Press, London, 1932) übersetzt. „Das Buch 
zeigt gewissermaßen an einem Muaterfall, wie die unbe- 
wußten Seelenvorgänge, auf die die Menschen mit Angst, 
respektive mit dem Angsttraum reagieren, sich in Massen- 
Phantasien und sozialen Institutionen teils Durchsetzung, 
teils Abwehr erzwangen haben". (Hanns Sachs.) 

Was an mythologischem Material in den bisherigen 
Kapiteln vorgebracht wurde, hat die Parallelität der An- 
schauungen über das Pferd und den Nachtteufel gezeigt; 
dank der Psychoanalyse sind wir zu dem gemeinsamen 
Ursprung beider in der kindlichen Sexualität vorgedrungen, 
welche die früheste Quelle der Alp träum er lebnisse ist. In 
diesem Kapitel nun will ich einen Auszug aus dem um- 
fangreichen etymologischen Material zu den beiden Wörtern 
„mare"^) und „mara" bringen, deren psychologischer Zu- 
sammenhang schon als erstaunlich eng dargetan wurde, 
und will ferner zu zeigen versuchen, daß die Psycho- 
analyse den Etymologen gerade zur Lösung ihrer eigensten 
Probleme wertvolle Beiträge liefern kann. 

Um diesen Satz zu illustrieren, wähle ich folgendes 
Problem. Das englische Wort mare (Stute) ist sicherlich 
das angelsächsische mere, die weibliche Form von mearh 
(Pferd). Im Althochdeutschen waren die entsprechenden 
Wörter meriha oder merha, ferner marahj marh odeir 
marcha. Die ältesten sicheren Quellen dieses Wortes sind 
das germanische marhja (weibUche Form von marha) 
und das keltische marka. Das Wort war also mar mit 
einem aspirierten oder gutturalen Gaumenlaut als Endung, 



1) Vergl. „Night mare'. D. Übers. 

249 



der übrigens in einem entsprechenden modernen Wort 
nur noch im Tal der oberen Etsch erhalten ist. Die Ety- 
mologen müssen nun, nach den bekannten Gesetzen, einen 
Ursprung in einem altgermanischen und allgemein euro- 
päischen mark-os annehmen.^) Aber aufgezeigt worden ist 
diese Wurzel weder in den angegebenen Sprachen noch 
im Indogermanischen, sodaß ihre ferneren Zusammenhänge 
nur eine Sache der Vermutung sind. Wir haben schon 
früher zwei oder drei Annahmen darüber von Jahns er- 
wähnt, obwohl die Etymologen sie scheinbar nicht sehr 
ernst genommen haben. Ich denke nun und hoffe zu be- 
weisen, daß seine Annahmen — mit einigen Einschrän- 
kungen — einen gewissen wahren Hintergrund habeu, 
wobei ich eben zu zeigen beabsichtige, daß die Psycho- 
analyse derlei Probleme lösen helfen kann. 

Ich muß mir jedoch für diesen Versuch eine Basis auf 
einem anscheinend ganz anderen Gelände schaffen und 
schlage dazu vor, unsere Aufmerksamkeit der Entstehung 
des anderen Wortes zuzuwenden, das uns hier interessiert: 
mara, Nachtteufel, das den zweiten Teil des „Alptraumes" 
vertritt. Dieses Wort kann bis zu einer außerordentlich 
frühen altgermanischen Quelle verfolgt werden und hat 
sich zweifellos aus einer noch früheren entwickelt. Die von 
den Philologen unter dem Namen Indogermanisch (besser 
wohl Indoeuropäisch) rekonstruierte Ursprache enthält 
eine große Anzahl verwandter Wörter, deren letzte Quelle 
eine Urwurzel MR ist. Das Studium der ihr entwachsenden 
Stammbäume ist außerordentlich fesselnd; ich kann jedoch 
nur einen Ausschnitt geben, der unserem Thema ent- 
spricht. 

Der Konsonant M war mannigfaltig mit fünf anderen, 
lauter Zungengaumenlauten, kombiniert, D, R, L, K, G, 
wodurch neun verschiedene Wurzeln geschaffen wurden. 
Daraus entst and dann eine große Anzahl einzelner Wörter; 

2) VergL etwa W. W. Skeat, Etymologica! Dictionary of the Englieh 
Laßguage, 1910. 



250 



S 



wir werden uns jedoch nur mit den Wurzeln befassen. 
Das nebenstehende Diagramm wird uns dabei das Ver- 
ständnis der verschiedenen Kombinationen erleichtern. 

R 





Die ursprünglichste Kombination war aller Wahrschein- 
lichkeit nach MR, gebräuchhch als MAR, gelegentlich 
MER. Sie hatte drei Hauptgruppen von Bedeutungen, die 
ich hier in der Reihenfolge ihres Alters anführe: dabei 
smd die beiden ersten auf das Indo -Europäische, die dritte 
ausschließlich auf die europäische Abspaltung zurück- 
zuführen. 

1. A. aufreiben, kleinreiben, wundreiben, mahlen, zer-/ 
quetschen, verletzen; B. abnutzen, aussaugen, aufzehren; 
C. schwächen, weichmachen, aufweichen (z. B. Brot in 
eine Flüssigkeit tauchen). 

Von A kommen folgende Wörter. Das mare des 
en,glischeai Wortes Night mare, Alptraum. Es heiüt wört- 
lich „das Quetschende" und ist verwandt mit dem angel- 
sächsischen Verb merran (althochdeutsch marrjan), ver- 
• sperren, hindern, ärgern und weiter die Kraft zersplit- 
tern, erschöpfen, verwüsten; auch das englische to mar 
(verderben) kommt daher. Sein mittel-hoUändisches Ge- 
genstück marren bedeutet gleichzeitig liindern, beein- 
trächtigen und binden, festmachen (daher die eng- 
lischen Wörter to moor, vermooren, vor Anker legen 
und marline, MarUeine), wobei die letztere Bedeutung 
auch die der indogermanischen Wurzel Mu ist. Wer nur 
immer Fälle von Alptraum oder — was fast dasselbe 
ist — von nächtlicher Gespensterfurcht behandelt hat, 
wird zugestehen, daß die erwähnten Bedeutungen ganz 
besonders passend sind. Im Altgermanischen wurden 
sowohl der männliche wie der weibliche Nachtteufel 
mit dem Wort maran bezeichnet. Ferner: das englische 



251 



mortar (welches mahlen bedeutet oder den Gegenstand, 
in dem gemahlen wird), das griechische /ta^va/*«^ 
kämpfen (wörtlich „sich reiben an"), und das lateinische 
martulus (germanisch marta, Hammer), woher der Bei^ 
name Karl Martel kommt — alle diese Wörter stammen 
von unserer MAR 1. A.-Wurzel ab. = - 

Von B kommen, auf dem Weg über das Griechische 
das englische amourofic, blind (von marva, weich), und 
moron, schwachsinnig {maraj dumm). 

Von C kommen fA.a^aiv<o^ schwächen, aufbrauchen; 
das angelsächsische meara, zart, biegsam (auch von 
marva, weich) ; das lateinische mereoy ich verdiene (wört- 
lich: bekomme einen Teil), woher merenda und das 
deutsche Dialektwort Mährte (althochdeutsch meriod) 
stammen, die beide Nachmittagsmahl bedeuten, und das 
englische merit, Verdienst; meritorioasy verdienstlich; 
und meretricioüs, feil, dirnenhaft, usw. 

2. Sterben, ruiniert werden. Hier bekommt die englische 
Sprache auf dem Weg über das Deutsche das Wort 
murder, Mörder; durch das Lateinische morial, sterb- 
lich; mortify, abtöten, usw.; durch das Griechische 
ambrosia (= unsterbüch); und das wallisische maru, tot. 

Eine interessante Sprachgruppe wurzelt hier: haupt- 
sächUch Menschen, welche die Gezeiten nicht erleben, 
nennen alles nichtfließende Wasser „tot". Daher das 
gothische marei, Meer oder See (im Deutschen braucht 
man heute noch ein Wort für beide, eben See), in 
Sanscrit mlra, Ozean, altgermanisch mari, Meer, latei- 
nisch mare, walüsisch mör, und die modernen eng- 
lischen Wörter mere, Teich; marsh (= mere-ish), 
„Marsch"; moor, Moor; marine und maritime, zur See 
gehörig, usw. 

3. Strahlen, mara, rein; lateinisch merus, Mar, daher das 
englische merely, bloß, nur. Die Bedeutung scheint sich 
geteilt zu haben einmal über das baltisch-slavische 
mara, in der Bedeutung von „Neuigkeiten" (daher das 
deutsche „Märchen") und in anderer Richtung zu Vor- 



252 



Stellungen wie „berühmt", daher Waldemar, die Stadt 
Weimar usw. Vielleicht ist der Unterschied nur der von 
„bekannt" und „sehr bekannt". Das deutsche mär, lieb 
teuer (ähnlich wie Mär-chen, vom mittelhochdeutschen 
maere), kommt dann wohl von der Ideen Verbindung von 
„vertraulichem Kennen" und „Liebenswürdigkeit", 
M R wurde gern durch M L ersetzt, oft als MEL, seltener 
MAL. Die Auswechselbarkeit von R und L ist den Philo- 
logen sehr vertraut; Beispiele in unserem Zusammenhang 
sind: marua, rnalva, weich; mard-, mald-, weich werden; 
marg, malg, streiche(l)a. Ein amüsantes Beispiel für den 
umgekehrten Prozeß stellt das Wort „Marmelade" dar; 
sein erster Teil kommt von mar auf dem Weg über med 
und das lateinische mel; während aber das Wort selber 
schon Honigapfel oder Quitte bedeutet, veränderten die 
Portugiesen, die zuerst Quittenmus herstellten, mal wieder 
in m.ar. Man nimmt an, daß der Wechsel zu L eine ge- 
wisse Abschwächung der abgewandelten Bedeutungen be- 
zeichnet, so wie ein Wandel von „mahlen" zu „stoßen" usw., 
aber wenn dieser Schluß auch im Allgemeinen stimmen 
mag, gibt es doch gewisse Ausnahmen. Die Wörter aus 
dieser Wurzel kann man nach ihren hauptsächlichen Be- 
deutungen roh gruppieren. 

1. Stoßen: engl, mallet, Schlägt; (Pall) Mall, der Kolben 
beim sogenannten Mailspiel (lateini'sch malleus). 

2. Mahlen : altirisch moUm, ich mahle. Die englischen 
Wörter mould, Gartenerde (nicht das Verb to mould); 
mole, Mal, Mole, dann Maulwurf; meal, Mahl; millet, 
Hirse; maller, Mahlstein (zum Mahlen von Puder); mill, 
Mühle; molar, Mahlzahn, aus dem Lateinischen. 

3. Auflösen: engl, m^alt, Malz; melt, schmelzen; mill, Milz; 
altnordisch melta, verdauen. 

4. Weichmachen: engl, mild, mild; mauve, malvenfarben; 
mallow, Malve ; mal^chite, Malachit ; mulch, feuchtes 
Stroh. Litaiuisch melas, lieb, teuer. Russisch millüi, lieb. 
Englisch mildew, Mehltau; melliflaous, honigsüß; mo- 
lasses, Zuckerdicksaft, vom lateinischen m.el, Honig — 



253 



vgl. das germanische melithn. und das alt-irische mil, 

Honig. 
5. {PiXsmal:) beschmieren, schwarzmachen: meZano//c (auch 

der christliche Name Melanie) vom Griechischen. Das 

engüsche malice, Bosheit; malign, schädlich usw. vom 

lateinischen malus, scMecht. In Gornwall malan, der 

Teufel. 

Die Zusammensetzung mit D scheint ebenfalls einen ge- 
wissen mildernden Einfluß auszuüben. MAD (in Sanscrit 
madlin) bedeutete süß oder üeblich, und davon kommt 
dann (auf dem Weg über medha, Honig) der engUsch« 
Honigtrank „mead" (das deutsche „Met"). MELD bedeutet 
ganz ähnlich „weichmachen", „auflösen". Das engUsche 
mild aus der Wurzel mel wird wohl davon beein0ußt sein 
und es ergeben sich ferner die -englischein Wörter molliftjf 
besänftigen; moUnsc, Weichtier und to moil, sich abmühen 
aus dem lateinischen mollis, weich. MARD anderseits, das 
wohl auch weichmachen bedeutete, hatte auch die härteren 
Bedeutungen von mahlen, stoßen, beißen, abnützen. Vgl. 
die englischen Wörter mordant^ beißend; mordacity, Bissig- 
keit; und morset j Bissen, vom lateinischea mordere, beißen. 
Diese Wurzel war auch verstärkt durch ein Anlaut-s, 
welches aber das Lateinische verlor. Übrigens war die 
Wurzel mar ähnlich verstärkt; es gab z. B. in Sajiscrili 
smr, erinnern, sich sehnen; das Änlaut-s ist verloren in 
den eiuglischen Wörtern mourn, betrauern, und martyr^ 
Märtyrer, die dorther stammen, ist aber erhalten in smart, 
lebhaft, schmerzhaft, im deutschen „Schmerz" und im 
kaschuibischen Zmora = mam, Nachthexe. Mard iist fast 
sicher eine ursprüngUchere Wurzel als Meld-y das wahr- 
scheinlich durch Veränderung aus ihm entstanden ist. 

Die Grundwurzel war auch durch einen späteren Zungen- 
Gaumenlaut K oder G erweitert. MARK bedeutete stoßen 
und über das Lateinische kam das EngUsche zu lo macerate, 
einweichen. MARK bewies ein besonders fruchtbares Wachs- 
tum. Es hat drei ziemlich gut bestimmbai'e Gruppen von 
Bedeutungen. 



254 






1. Verletz«-!!. Er^gl. Marescent vom lateinischen marcere, 
"Welk machen. 

2. Greifen : dann aber auch streichen, schlagen, strafen. 
Davon kommen verschiedene englische Wörter wie 
wuictf strafen (vgl. das lateinische mulcere, streichen; 
mulcare, durch Prügel strafen); morphia. Morphin; 
morphology, Morphologie; merchant, Kaujfmann; market, 
Markt; mercenaryy käuflich; und das französische merci, 
engl, mercy. 

3. Streichen, weichmachen, aufweichen. Verwandt mit dem 
gothischen marka, Grenze, sind die englischen Wörter 
margin, Rand; mark, Marke; das wallisische Marches 
(vgl. das deutsche „die Marken") und der „Merse" genannte 
Teil von Berwickshire. Die „weichere" Bedeutung ver- 
wandelte die Wurzelform in malg, das wir noch be- 
trachten werden. Die Wurzel MARG, oder merg, ist nah 
verwandt mit dieser Gruppe und bedeutet reiben oder 
streichen; ohne Zweifel beeinflußte sie die Form einiger 
ihrer Abkömmlinge, z. B. margin. 

In Einklang mit meiner erwähnten Vermutung finden 
wir also, daß die Wurzel MELG, streiche(l)n, sanftere 
Bedeutungen hat als die von MARK oder MARG. Auf 
ganz verschiedenen Wegen entstehen so die englischen 
Wörter milk, Milch (vgl. melken) und emulsion, ursprüngl. 
Mandelmilch. 

Dieser gedrängte Auszug zeigt wohl genügend, wie 
außerordentlich fruchtbar sich die M R-Wurzel erwiesen hat, 
eine Eigenheit, die nach Sperbers Ausführungen in hohem 
Grad charakteristisch für Wurzeln mit ursprünglich sexueller 
Bedeutung ist. In unserem Falle wird es wohl kein zu 
großes Wagnis sein, diesen Sinn zu erraten. Wenn man 
die verschiedenen Gruppen von Bedeutungen, die ich 
erwähnt habe, an sich vorbeiziehen läßt, wird es ziem- 
lich klar, daß die ursprünglichsten sich auf zwei Vor- 
stellungen bezogen haben, nämlich auf die einer bestimm- 
ten Handlung und auf die ihrer Folgen. 1. Der Vorgang 



255 



selbst war zunächst reiben an, auf oder gegen etwas, und 
das verbreiterte sich dann zu einer mehr oder weniger 
sadistischen Gruppe. Die erste sei umschrieben durch die 
Wörter stoßen, mahlen, quetschen, beißen, schlagen, wund- 
reiben, bedrücken; die zweite durch die Wörter zusam- 
menbinden, greifen, streichen. 2. Die Folgen der Handlung 
•sfiid durch Wörter bezeichnet wie (einmal aktiv, einmal 
passiv) sterben, zerstören, erschöpfen, schwächen, zart 
oder biegsam machen, weichmachen, beschmieren, (sich) 
auflösen, vergeuden, verbrauchen. Es ist also wohl be- 
rechtigt, als Vertreter dieser beiden Vorstellungen die 
Wörter „fest reiben*' und „weich gemacht werden" auf- 
zustellen, was Ficks Annahme über die Bedeutung der 
ganzen Wurzel nahekommt, nämlich reiben an, erschöp- 
fen, ermüden. Wir haben hier eine unmißverständliche 
Anspielung auf den Masturbationsakl, dessen psycholo- 
gische Bedeutsamkeit durch und durch Identisch mit der 
des Alptraumerlebnisses ist: Schuldgefühl aus Inzestphan- 
tasien, Nächtlichkeit des Erlebnisses, Sadismus, Kastra- 
tions- oder Todesangst usw. 

Dieser Schluß scheint so unumstößlich, daß es einen 
reizen könnte, weiter forschend bis in die wirklichen 
Elemente der in Frage stehenden Wurzeln vorzudringen. 
Ober die psychologische Bedeutung einzelner Laute ist: 
noch wenig gearbeitet worden. Den am besten bekannten 
Anhaltspunkt bieten die lutschenden und auf die Mutter 
bezüglichen Assoziationen des Konsonanten M. Dieser ist( 
die noch am wenigsten schwankende Grundlage, auf die] 
wir uns bei der M R-Wurzel stützen können, weil der] 
einzige Fall, wo er durch einen Lippenlaut ersetzt wirci^j 
durch B, mit einer Auswechslung des Vocals und des 
einhergeht, was den Philologen so viel Schwierigkeited 
macht. Ich kann in diesem Zusammenhang zwei Beispiele] 
erwähnen, einmal die Verwandlung des indogermanische] 
mar, sterben, in das grieclüsche ß^orög, ein SterblicheBl 
(wobei das frühere ju^o^zög noch in Dialektform vorhan- 
den ist) und dann die des indogermanischen marda, weich, 



256 



1 



in das griechische ß^aöög, langsam, lateinisch bardus, 
dumm. 

In der Reihe von Wurzeln, die wir betrachtet haben, 
verbindet sich M dann mit dem einen oder anderen 
Zungengaumenlaut R, L, D, K, G. Von diesen ist wohl 
R der Wichtigste, weil es von seiner An- oder Abwesen- 
heit abzuhängen scheint, ob die entstehende Bedeutung zu 
der mehr oder der weniger sadistischen Gruppe gehört, 
von der oben die Rede war. Daß hier ein psychologisches 
Problem vorliegt, ist von einem neueren Philologen be- 
merkt worden: „Was zunächst den Anlaut betrifft, so 
wäre es interessant und wie es scheint, auch bedeutungsn 
voll, das Verhalten der Sprachen in Bezug auf den 
Liquida-Anlaut zu untersuchen. Eine große Anzahl von 
Sprachen können nämlich entweder kein r oder kein 1, 
oder keines von beiden im Anlaut halten . . . Jedoch 
scheint es fast sicher zu sein, daß derlei Beschränkungen 
des Anlautes nicht primärer, sondern secundärer Natur 
sind, daß die Sprachen der älteren Kulturkreise sowohl 
r als 1 im Anlaut anstandslos gebrauchen." 

Eine der vedischen Strophen, dazu bestimmt, durch 
Vorsagen den Fluß der Sprache beweglicher zu machen, 
hat die ausstoßenden und befruchtenden Kräfte von In- 
di-as Zwillingshengsten zum Thema. Der Buchslabe r 
kommt in jedem Wort der Strophe vor, die zum großen 
Teil aus einem Wortspiel von varsh und vrish besteht; 
beide bedeuten ausstoßen und belruchten. In Piemont 
besieht oder bestand bis jüngst ein Gesellschaftsspiel bei 
Hochzeiten, bei dem jeder Gast die Gabe zu beschreiben 
hatte, die er der Braut darzubieten beabsichtigle, nur 
mußte er dabei alle Wörter vermeiden, die ein r ent- 
hielten, sonst hatte er eine Buße zu zahlen. Mit anderen 
Worten, der r-Laut bezeichnete etwas, was der Gast der 
Braut nicht geben oder antun durfte. 

Diese beiden Beispiele sind geradezu ein Wink mit 
dem Zaunpfahl, wie der Volksgeist den r-Laut unbewußt 
in einem sexuellen Sinn auffaßt, was durch die außer- 

17 Almanach 19S3 257 



\ 



europäische Bedeutung der Wurzel ar nur bestätigt werden 
könnte: ar = Feuer und Ra = Gott. Ich möchte aber 
zu überlegen geben, daß die obigen Betrachtungen eine 
spezifischere Urbedeutung des r-Lautes sichtbar machen, 
nämlich eine sadistische und insbesondere eine oral-sa- 
distische. Diesem Vorschlag kann Jespersons Beobachtung 
eine Stütze leihen, daß der Laut mit der gröberen Seite 
der Männlichkeit zu tun hat und daß er weicher wird, 
wenn er dem verfeinernden Einfluß der Weiblichkeit 
ausgesetzt wird. Er schreibt: „Es gibt in vielen Sprachen 
eine charakteristische Wandlung, bei der allem Anschein 
nach die Frauen eine bedeutende Rolle gespielt haben, 
wenn sie auch nicht allein dafür verantwortlich sind: ich 
meine die Äbschwächung des alten, völlig gerollten 
Zungenspitzen-r's. Ich habe an anderer Stelle (Fonetik, 
p. 417 ff.) zu zeigen versucht, daß diese Äbschwächung, 
aus der sowohl verschiedene andere Laute als auch 
manchmal der völlige Wegfall des Lautes selbst in be- 
stimmten Kombinationen resultiert, im Allgemeinen die 
Folge einer Wandlung im sozialen Leben ist oder wenig- 
stens von ihr begünstigt wird: der alte, stark gerollte 
Spilzenlaut ist natürlich und erlaubt, wenn das Leben 
sich hauptsächlich im Freien abspielt, während das Leben 
im Haus im Ganzen weniger lärmende Sprachgewohn- 
heiten zuläßt, und je mehr dieses häusliche Leben sich 
verfeinert, um so mehr werden alle Arten von Geräuschen 
und von Sprechlauten gedämpft werden. Eine der Folgen 
davon ist dann, daß der ursprüngliche r-Laut, Trommel- 
wirbel im Orchester der Sprache, nicht länger in die 
Ohren dröhnen darf, sondern auf verschiedenerlei Wegen 
abgemildert wird, wie es hauptsächlich in den großen 
Städten und in den gebildeten Schichten zu bemerken 
ist, während die Landbevölkerung mancher Striche mit 
Beharrlichkeit an dem alten Laut festhält. Nun finden wir 
nicht selten die Frauen mit dieser Schwächung des ger 
rollten r in Zusammenhang gebracht; so bestand im 
Frankreich des sechzehnten Jahrhunderts eine Neigung, 



258 



das Rollen wegzulassen und sogar noch das modern-eng- 
lische imgeroUte Spitzen-r zu übertreffen, mdem man 
statt dessen ein z aussprach; einige ältere Grammatiker 
aber erwähnen diese Aussprache als Charakteristikum 
der Frauen und weniger Männer, die ihnen nacheifern 
(Erasmiis, ,mulierculae Parisiiiae'; Sylvius, ,mulierculae . . . 
Parrhisinae, et earum modo qiiidam parum viri'; Pillot, 
yParisinae mulierculae . . . adeo delicatulae sunt, ut pro 
pere dicant pese'. In dea* Umgangssprache gibt ©s einige 
Überbleibsel dieser Tendenz; so, wenn wir jetzt neben 
dem ursprünglichen chaire auch die Form chaise haben, 
und es ist bemerkenswert, daß die letzte Form der all- 
täglichen und deshalb der Frauensprache gemäßeren Be- 
deutung vorbehalten ist (Stuhl, Sessel, engl, c/jö/rj; während 
chaise die speziellere Bedeutung von jKanzel, Lehrstuhl' 
hat. Nun wurde dasselbe Bedürfnis, für r z oder — nach 
einem stimmlosen Laut — s einzusetzen, in unseren 
Tagen bei den Frauen von Christiania vorgefunden, die 
gzaeliff für gruelig und fsygtelig für frggtelig sagen (Brek- 
ke. Bitrag til dansknorskens Igdloere, 1881, p. 17; ich 
habe selbst den Laut öfters gehört). Und sogar im fernen 
Sibirien finden wir, daß die Tschutschkcnfrauen nidzak 
oder nizak für das männhche nirak, zwei, sagen, auch 
zerka für rerka, Walroß usw." 

Es gibt m der englischen Geschichte fast unserer eigenen 
Tage eine Reihe von Beobachtungen, die Jespersons 
Meinung über den Einfluß der Frauen auf den r-Laut 
bekräftigen. Wie kürzUch von Wingfield-Stratford gut dar- 
gelegt worden ist, war die auffallendste kulturelle Tat- 
sache der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts der ver- 
feinernde Einfluß, den die Frauen, darunter in nicht 
unbeträchtUcher Weise die junge Königin, auf den Eng- 
länder ausübten, dessen Grobheit und Brutalität gerade 
unter den vorhergehenden Generationen West-Europas 
sprichwörtlich geworden war. Dieser Einfluß nahm oft 
Formen an, die uns grotesk anmuten müssen, und eine 
davon berührt unser Thema. Mancher von uns ist alt 



17* * • .. • : 259 



genug, sich an Spuren einer sterbenden Sprachmode zu 
erinnern, die auf der Bühne in „The Barretts of Wim- 
pole Street" bewunderungswürdig dargestellt wurde. Ich 
meine das Tabu, mit dem überfeinerte Leute den r-Laut 
belegten, der durch w ersetzt werden mußte.3) Wer Zu- 
schauer bei jenem Stücke war, wird die ultra-feminine 
und tatsächlich effiminierte Natur dieses Tabus nicht be- 
zweifeln; wer aber nicht so glücklich war, sei durch 
folgende Stelle aus der Vorrede zu J. M. Barries Dear 
Brutus überzeugt. „Es bleibt nun noch Lady CarohneLaney 
von der hochmütigen Gestalt übrig, erst kurz zurück aus 
der ungeheuer exklusiven Schule, wo gelehrt wird, r wie 
w auszusprechen; sonst wird scheinbar nichts gelehrt, 
aber für eine gute Heirat ist auch nichts anderes nötig. 
Jede Frau, die r wie w ausspricht, wird einen Gatten 
finden; es appelliert an alles, was ritterlich am ManuQ 
ist." 

Wenn wir weiter nach den physiologischen Beziehungen 
unseres Lautes fragen, so ist nicht sichwcr zu sehen, daß 
sie die für Zorn und Furcht charakteristischen sind. Das 
Rollen stammt wahrscheinlich zunächst von Brummen 
und Knurren; man spürt instinktiv die lautmalerische 
Ähnlichkeit des germanischen tnarren, knurren wie ein 
Hund, und des deutschen „murren". Jcsperson bemerkt 
über die Gaumenlaute, „es ist merkwürdig, daß man 
unter den Säuglingslauten oft solche entdecken kann ~ 
z. B. k, g, h und r — die das Kind später nur mit 
Schwierigkeit wird aussprechen können, wenn sie in einem 
richtigen Wort vorkommen, oder welche in der Sprache, 
die es eines Tages sprechen soll, unbekannt sind", ein 
Phänomen, das man sehr gut dem Einfluß früher Ver- 
drängung zuschreiben kann. Andererseils entstammen die 
schnarchenden und würgenden Laute, die für den tiefen, 
durch Angstträume gestörten Schlaf und besonders für 

^) w ist natürlich der leichteste Ersatz für r und wird z. B. von 
Kindern und von solchen Erwachsenen — meist Frauen — gebraucht, 
die den härteren Laut nie bemeistera lernten. 



260 



Alptraumerlebnisse bei Jung und Alt charakteristisch sind, 
gleicherweise dem Zorn (verdrängtem Sadismus) und der 

Furcht. 

* 

Nach diesem Exkurs bis in die letzte Wurzel sprachr 
liehen Ausdrucks für das Alptraumerlebnis können wir 
nun zu der Frage zurückkehren, die wir zu Beginn auf- 
geworfen haben, nämlich nach der Etymologie jenes ande- 
ren Wortes „mare'\ Seine männliche Form im alten Ger- 
manisch war marha, im keltischen marka, im Alt-Hoch- 
deutschen marh, marclm. Die weibliche war marhja im 
AU-Germanischen, im Alt-Hochdeutschen marhä, wobei der 
dann eintretende Vokalwechsel zum deutschen „Mähre" 
und zum englischen mare wohl als Bezeichnung des weib- 
hchen Geschlechts zu verstehen ist. Ein Synonym der oben 
besprochenen mar- Wurzel war im Alt-Germanischen marja, 
und es fragt sich, ob das Wort mare letzten Endes zu der 
Affli'-Gruppe gehört oder zu einer davon unabhängigen und 
ganz unbekannten Wurzel. 

Das Wort kann tatsächlich nicht über das hinaus zu- 
rückgeführt werden, was ich eben festgestellt habe. Es gibt 
aber verschiedene Wege, auf denen die Philologen in derlei 
Schwierigkeiten Hilfe finden. Ihre Kenntnis der Laut- 
wechselgeselze ~ wie z. B. der Grimmschen Gesetze über 
die Verschicbungen zwischen dem Englischen und Deut- 
schen — erlaubt ihnen Vermutungen darüber, welche 
Form ein bestimmtes Wort in einer anderen Sprache an- 
genommen haben muß, auch wenn es dafür keinen doku- 
mentarischen Beweis gibt. Oft wird auch wiederum ein 
Vergleich mit verwandten oder eingeschobenen Sprachen 
wertvolle Anhaltspunkte liefern. Ein Beispiel dafür mag 
aus unserem Zusammenhang angeführt werden: die Tat- 
sache, daß das litauische melza sowohl streichen wie 
melken bedeutet, zeigt den Zusammenhang des alt-ger- 
manischen malg, melken, mit dem indogermanischen murg, 
streichen. Nun spricht sicher alle Wahrscheinlichkeit für 
die Auffassung, daß das mare-Wort auf irgend einem Weg 



261 



TT" 



verwandt mit der Mar-Gruppe ist, d. h. daß das altgerma- 
nische marhja und nmria iiiclit ganz ohne Zusaimmenhang 
sein können; die Hinzufügmig eines Gaumen- oder Kehl- 
Hauchiautes zum mar-Staimm ist so häufig fuind verbreitet, 
daß man selir geneigt ist, das marcha (männi. Pferd) als 
ein Beispiel mehr anzusehen. 

Können psychoanalytische Betrachtungen weiteres Licht 
auf dieses dunkle Prohlem werfen: indem sie etwa auf 
den unhekannten Punkt hinweisen, an dem sich das 
Pferdewort von der Hauptgruppe abgespalten haben 
könnte? Jahns bezieht sich auf keltische und wallachische 
Analogien, wenn er betont, daß die Vorstellung von Be- 
wegung zum ursprünglichen Sinn des Wortes gehört habe 
und stützt sich ferner auf Max Müllers Studien über den 
gleichen Ideenkreis, wenn er meint, daß die Vorstellung 
des Strahlenden (Sonne = Kopf, Strahlen = Mähne des 
Pferdes) genau so unerläßlich war, wobei der letztere 
Zusammenhang direkt auf mar Nr. 3 = strahlen zurück- 
geht. Gegen den ersteren Schluß könnte die Tatsache an- 
geführt werden, daß man von der riesigen Anzahl von 
Wörtern, die von der niar-Gruppe kommen, schwerlich 
wird sagen können, daß sie viel mit Bewegung im gewöhn- 
lichen Smn zu tun haben — mit wenigen, unbedeutenden 
Ausnahmen (z. B. das griechische pi4yog, auf Wanderung, 
und f^aQhvg, ein Wanderer). Zwar läßt wohl „mahlen" 
und „zerquetschen" an heftige Tätigkeit denken, vne\ es 
das Trampeln der Pferde tut — aber doch nicht in dem 
Sinn, der im Allgemeinen in der Pferdemythologie gemeint 
ist, nämhch das schnelle Durchmessen des Raumes. Und 
was den zweiten Zusammenhang betrifft, so stellt er 
uns vor die noch gar nicht erwähnte Schwierigkeit zu 
verstehen, wHe das mar Nr. 3 („strahlen'*, „scheinen.") 
mit den anderen Bedeutungen der Wurzel zusammenhängt. 
Meint man, es sei. das gleiche Wort wie di^e anderen mare, 
so ist das noch nicht ganz sicher; „strahlen" und „reiben" 
oder „mahlen" scheinen sehr auseinanderliegende Vor- 
stellungen zu sein. 



262 



Hier nun möchte ich an die eingehenden Betrachtungen 
des III. Kapitels erinnern, die den sehr bestimmten Schluß 
nahegelegt haben, die Vorstellung, in der die beiden auf- 
fallendsten Attribute des Pferdes in seiner Mythologie, 
nämlich Bewegen und Strahlen, zusammentreffen, sei das 
primitive Interesse an den Urinierleistungen des Pferdes 
ge^vesen, als an den Anzeichen bewundernswerter Potenz. 
Wenn dieser Schluß einen Wert für das etymologische 
Problem des /nare-Wortes hat, so der, daß die AbspalLoiigsh 
stelle des Wortes von der mar-Gruippe mehr unter den 
Abkömmlingen gesucht werden muß, die, wie wir es oben 
(s. S. 256) nannten, die Folgen der Handlung meinten, als 
unter denen, die sich auf die Handlung selbst beziehen. 
Denn das Urinieren könnte nur die Folge eines vorher- 
gehenden Aktes bedeuten, und zwar das Ergebnis der in- 
fantilen Masturbation, die hmter dem Alptraumerle]>nis 
steht; man muß nur die Vorstellungen des „Weichmachens". 
„AiLflösens" vergleichen. Und es würde folgen, daß mar 
Nr. 3 selbst nur einen speziellen Fall dieser zweiten „Kon- 
sequenzen"-Gruppe der ganzen Urvorstellung bedeutet, wie 
mar Nr. 2 (sterben) es offensichtlich tat. 

Wenn die zukünftige psychologische Forschung die hier 
ausgeführte, notwendig versuchsweise Hypothese bestätigt, 
könnte man einen psychologischen Vorschlag zu den gan- 
zen wichtigen Beziehungen zwischen Pferdemythologie und 
Alptraumvorstellungeu erwägen. Und zwar, daß sie letzten 
Endes eine riesige Kompensation für die Furcht vor dem 
„Weichwerden" und die Vcrlustangst bei den Alptraum- 
Pollutionen darstellen. Denn die Zuordnung außerordent- 
Ucher Potenz ist in der Pferdemythologie nicht zu über- 
sehen. Und daß Vorstellungen von Ruhm, Lob und Be- 
wunderung unter den hauptsächlichen Abkömmlingen von 
mar Nr. 3 sind, ein Zug, den Jahns bei den Pferdevor- 
stellungen sowohl Europas wie Indiens erläutert, würde 
gut zu dieser allgemeinen Tendenz passen. 



263 



INSTINKTIVE PSVCHOANALYSIE 
UNTER DEN NAVAHO^INDIANERN 



Von 
Osk^r Pfisier 



■j- 



Ausschnitt aus einem größeren Aufsätze, der im 
XVIII. Band der „Imago. Zeitschrift für Anwendung der 
Psychoanalyse auf die Natur- und Geisteswissenschaften" 
erschien. (Jährlich vier Hefte im Gesamtumfange von ^ 

etwa 560 Seiten, M. 22.-—.) ^ 

Im Sommer 1930 halte ich die Freude, Mrs. Laura Adams 
Armer in Berkeley bei San Franzisko näher kennen- j 

zulernen. Begeisterung für die Kunst der Indianer hatte 
sie bewogen, in den Jahren 1923—1930 im ganzen 16 Mo- 
nate unter den Navahos zuzubringen. Ilir gütiges Wesen, 
ihr feines Verständnis für die wertvollen Züge der neuen 
Umgebung, ihre Bereitwilligkeit, alle Entbehrungen des 
Lebens in der Wüste zu tragen, um in die Eigenart der 
Indianer einzudringen, erwarben ihr denn auch das volle 
Vertrauen des sie beherbergenden Volkes. Es wurde ihr 
daher gestaltet, nicht nur die Zauberrilen der Navahos 
mitanzusehen und kinemalographisch festzuhalten, sondern 
auch die mit ihnen verbundenen großartigen Bildnereien 
zu kopieren. So gelangte sie in den Besitz von mehr sdä 
hundert hochinteressanten farbigen Zeichnungen, die sie 
dem Museum von Santa Fee zuwies. Von einem zuver- 
lässigen Dolmetscher begleitet, konnte sie auch über die 
Ansichten des beobachteten Volkes, unter dem sie ihr 
Haus gebaut halte, zuverlässiges Quellenmaterial gewinnen. 
Was im folgenden zur Darstellung gelangt, beruht Punkt 
für Punkt auf Augenschein der Frau Armer. 

Die Navahos sind der größte und höchstentwickelte 
lebende Indianerstamm. Ihre Kopfzahl wird auf über 
30.000 geschätzt. Die von ihnen bewohnte, in Arizona und 
Neu-Mexiko gelegene Reservation ist die größte, die in 



264 



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s 



den Vereinigten Staaten einem roten Volke eingeräumt 
worden ist. 

Nach diesen einleitenden Bemerkungen treten wir auf 
den psychoanalytisch zu beleuchtenden Fall einer Zauber- 
heilung von Angst ein. Bekanntlich spielt die Angst unter 
allen Primitiven eine ungeheure Rolle. Wir haben es im 
folgenden mit einem speziell bedingten Fall von Angst- 
depression zu tun, der in der Nähe von Ganado in Arizona 
zum Gegenstand einer magischen Behandlung gemacht 
wurde. 

a) Die Zeremonie 

Eines Tages während Frau Ä r m e r s Anwesenheit im 
Jahre 1928 träumte ein ungefähr fünfzig Jahre alter Navaho 
von seinen toLen Kindern. Leider läßt sich, wie unsere 
Gewährsperson angibt, nicht ausmachen, ob nur die wirk- 
lich verstorbenen oder auch die lebenden Kinder gemeint 
sind; die Auslegung ist möglich, daß alle tot gesehen 
wurden. Über den Traum geriet der bisher gesunde Mann 
in derartige Beunruhigung und Angst, daß er wochenlang 
fast keine Speisen mehr zu sich nehmen wollte, sich von 
der Arbeit zurückzog und mit trübsinnigem Grübeln seine 
Zeit verbrachte. Seine etwa fünfundfünzigjährige Frau 
vermochte ihn so wenig aufzurichten, wie die Kinder. 
Der Traum wiederholte sich oft. Endlich begab sich der 
Leidende zu emem ihm befreundeten Medizinmann, einem 
Sterndeuter (Star-Gazer), vertraute ihm seiu Leöd an imd 
bat ihn um Hilfe. 

Der Sterndeuter stieg auf einen Berggipfel und geriet 
während seines Betens in Trance. In diesem Zustand sah 
er einen Bären am Himmel und vernahm die Weisung: 
„Su.clie den Medizinmann (Clianter), der den Mouniain 
Clmnt (Bergsang) ausfühi'tl" ■..:.■ 

Dem Kranken gab er den Bericht: „Du wirst sicher 
sterben, wenn du nicht den Mann findest, der die richtige 
Zeremonie ausführen kann." 
' Ein solcher vielwissender Medizinmaim wurde wirklich 



265 



vom Kranken und Frau Armer, die mit ihm reiste, in 
fünfzig Meilen Entfernung gefunden. Es war ein Krüppel, 
dem die Füße fehlten, und der durch seine Tätigkeit als 
berühmter Medizinmann seinem elenden Dasein einen er- 
heblichen Inhalt zu verleihen wußte. 

Dieser „crawler'' (Krijecher), wie er genannt wurden 
teilte dem gemütsleidenden Indianer mit: „Als kleiner 
Knabe hast du einen kranken oder toten Bären gesehen^ 
oder deine Mutter sah ihn vor deiner Geburt. Der Bär 
war heilig und muß versöhnt werden. Dazu ist die Zere- 
monie nötig." Darauf schlug der Medizinmann die männ- 
lich >e Form des Mountain Chanf vor. 

Die Vorbereitungen nahmen längere Zeit in Anspruch. 
Zwei Hütten wurden gebaut: Eine große („hoase of song" 
oder „medicine lodge") für den Kranken und einen Teil 
der mit ihm vorzunehmenden Riten, und eine kleinere für 
seine Frau und seine Kinder. Alle Glanbrüder kamen, um 
hiebet zu helfen. Sie sammelten Holz und farbigen Sand. 
Durch Schwitzbäder itn house of song reinigten sie sich» 
zuletzt und am ausgiebigsten der verkrüppelte Medizin- 
mann. 

Neun Tage weilten die Freunde mit dem Melancholiker 
zusammen und wurden mit Speise reichlich bewirtet, indes 
die weiblichen Verwandten und Freunde in der andern 
Hütte seiner Frau zudienten. 

Am sechsten Tage begannen alle Männer nach den 
Weisungen des Medizinmannes im großen „house of sang** 
die etwa fünfzehn Fuß breite erste magische Zeichnung 
zu vollziehen, indem sie farbigen Sand auf den geebneten 
Boden schütteten. Nach den kinematographischen Auf- 
nahmen bekundeten sie dabei eine großartige Geschick- 
lichkeit. Die Art und Weise, wie etwa ein Dutzend Männer 
in strenger Symmetrie die grotesken Formen der kompli- 
zierten Zeichnung zustande brachten, von einem Krüppel 
geleitet, verdient höchste Bewunderung. 

Das im Laufe eines Tages geschaffene Bild hat folgenden 
Inhalt: 



266 



In der Mitte befindet sich ein gezähntes Kreuz, das die 
Wolken der vier Himmelsrichtungen angibt. Als verlän- 
gerte Diagonalen treffen wir die vier wichtigsten Kultur- 
pflanzen: Korn, Bohne, Squash (eine Art Kürbis) und 
Tabak. Auf farbigen Linien, die den Regenbogen andeuten,, 
stehen in jeder Richtung vier Gottheiten, zwei männliche 
und zwei weibliche. Die Götterpaare tragen keine den 
Navahos bekannte Namen, im Gegensatz zu den Göttern, 
die in Washington Matthews' Buch über den Mountain 
Chant angegeben sind. Es handelt sich sicher um Natur- 
gottheiten, vielleicht um Himmclsgötter. Die männlichen 
Numina tragen eine Klapper, als Lärminslrument gedacht, 
die weiblichen einen Korb, der durch ein Hakenkreuz 
angedeutet ist. 

Das Ganze ist von der Gottheit des Regenbogens um- 
geben. Aber während sonst alle anderen Medizinmänner 
sie weiblich malen, gibt ihr unser Medizinmann mäaii- 
liches Geschlecht. 

Nachdem das Kunstwerk geschaffen war, wurde der 
Kranke in seinen Mittelpunkt gesetzt. Der Medizinmann 
vollzog geheimnisvolle symbolische Bewegungen. Der 
Kranke mußte auf alle Riten und gesungenen Hymnen 
scharf aufpassen. ■ ' ' ' - ■ 

Zuletzt schüttete der verki-üppelte Zauberer allen für 
die magische Darstellung verwendeten Sand über den 
Kranken. Der Zauber verlöre seine Kraft, wenn die un- 
tergehende Sonne das Bild erblickte. 

Von den am siebenten und achten Tag gefertigten Sand- 
bildern soll später die Rede sein. 

In der neunten Nacht versammelten sich über zwei- 
tausend Navahos, Männer, Frauen und Kinder, um den 
Abschluß des Mountain Chanis zu sehen. Ein froher reli- 
giöser Tanz, bei dem die trotz des Schneefalls nur mit 
einem Schurz bekleideten Männer sich in raschen, kleinen 
Schritten dem in der Milte befindlichen Feuer näherten 
und sich wieder von ihm zurückzogen, bildete das Ende 
des Rituals. Die Schwermut des Kranken war gewichen. 



267 



b) Das psydioanaly tische Vorgehen .; 

a) Die Deutung. 

Den Ausgangspunkt der Krankheit bildet im vorliegen- 
Falle ein Traum. Ein Indianer fällt in Depression, weil 
er seine geliebten Kinder in einer offenbar peinlichen 
Schlafphantasie tot sah. Wir wundern uns nicht darüber, 
daß er dem Traum eine tiefe Bedeutung beilegte und ihn 
als geheimnisvolle Kundgebung einer rätselhaften, macht- 
vollen geistigen Wirklichkeit ansah. Allen Primitiven ist 
dieser Glauben eigen, und wir wissen, daß ihm weit mehr '^ 

Wahrheit zukommt als dem öden Rationalismus, der bis \ 

auf Freud die Träume als Schäume ansah. 

Unser kranker Indianer fühlt genau, daß die tot ge- 
sehenen Kinder eine zentrale Angelegenheit, und 
zwar eine unheildrohende Wirklichkeit andeu- 
ten, kann sich jedoch über ihr Wesen, ihren wahren Sinn 
keine klare Anschauung bilden. Er verläßt sich auf den 
Gefühlston, von dem sein Traum begleitet ist. Dieses 
Stückchen instinktiver Traumauslegung, das zur Traum- 
funktion selbst gehört, ist ein allgemeines Phänomen, das 
nichts Auffallendes enthält. Es entspringt der ins Wach- 
bewußtsein fortgesetzten Wirksamkeit des unterschwelli- 
gen Konfhktes. 

Unsere Aufmerksamkeit wird erregt durch die den 
Unkundigen befremdende Auslegung, die der Sternseher 
dem Traum von den toten Kindern angedeihen läßt, „D u 
hast als Kind einen heiligen toten Bären 
gesehen." Unsere Analysen haben uns belehrt, daß der 
Bar sehr oft den Vater vertritt. Ein Beispiel dafür gab ich 
in memem Buche „Der psychologische und biologische 
Untergrund des Expressionismus*'.i) Es handelt sich dort 
um emen Ang sttraum, der angeblich im ersten oder 

xr !^ ^^l psychologische und biologische Untergrund des Expressionismua. i- 

Verlag h. Bireher. Bern und Leipzig. 1920, 15 f. Englieche AusgaJje: ' 

Expressionism in Art. Itß Psychological and Biological Basis. Kegan Paul. 
London (Dutten, N. Y, p. 13 ff.). 



268 



zweiten Lebensjahr auftrat und von einem Bären handelte. 
Das Tier trug Kinn und Bart des Vaters. Es erinnerte an 
den Bronzebären, den der Vater auf den Tisch stellte, 
wenn er seinen Nachmittagsschlaf halten wollte. Der 
Träumer fürchtete das Tier; sein Leben war hauptsäch- 
lich vom Haß auf den Vater geleitet. Sollte der Medizin- 
mann unbewußt gleichfalls die typische Auslegung meinen? 
Nahm er, ohne es klar zu erkennen, an, daß sein Patient 
den Vater tot träumte, d. h. tot wünschte? Daß der bloße 
Anblick eines Bären an sich solche Träume und nach- 
folgende Schwermut hervorbringe, kann er unmöglich 
annehmen; ereignet sich doch der Anblick des erlegten 
Pelzträgers im Indianerleben recht häufig. Sowohl der 
für heilig erklärte Bär als auch sein Anblick muß einen 
besonderen, bedeutenden Sinn haben. Das Rätsel löst sich 
mit einem Schlage, wenn wir die Rede des Medizinmannes 
als Symbolsprache fassen, wie sie uns aus Träumen und 
Mythen wohlbekannt ist, und somit den Bären als Ver- 
tretung des Vaters auffassen. Der Zauberer wollte dem- 
gemäß sagen: „Du hast deinen Vater in deiner Phantasie 
tot gewünscht, und darum kamen der Traum von den 
toten Kindern und dein Gemütsleiden über dich!" 
■ Den Navahos sind Inzeshnylhen, in denen der Vater in 
Tiergeslalt auftritt, sehr wichtig. Frau Armer erfuhr, 
daß nach indianischem Glauben eine Cojote mit seiner 
Tochter sexuelle Beziehungen pflegte und seine Gestalt 
so veränderte, daß sie in ihm den Vater nicht erkannte. 
Prof. Alfred K r o e b e r in Berkeley benachrichtigt mich, 
daß manche Indianer diesen Mythus besitzen. Weibliche 
Personen, welche Inzest mit dem Vater treiben, heißen 
Hexen. Einzelheiten konnte Frau Armer nicht er- 
fahren. Besondere Zeremonien wollen die Praxis der Hexen 
unschädlich machen. Es wäre interessant, sie kennen- 
zulernen. 

Daß das aus einem Todeswunsch gegen Verwandte sich 
ergebende Schuldgefühl zur Melancholie führen kann, ist 
uns durch Freuds Forschungen wohlbekannt. Wir hätten 



269 



• ■■ 



270 



( 



nur die Zwischenglieder zwischen dem Traum unseres 
Kranken und der Deutung des Medizinmannes einzusetzen. 
Der letzlere würde demnach, ohne es klar zu erfassen, 
sagen: „Du wünschtest insgeheim deinen Vater tot. Diesen 
Wunsch projiziertest du in deine Kinder, mit denen du 
dich identifiziertest. Du sagtest dir, daß sie dich tot 
wünschen, wie du es mit deinem Vater tatest. Du wünsch- 
test sie tot, weil sie dich tot wünschten. Deine doppelte 
Schuld besteht im Todeswunsch gegen den Vater und, 
auf dem Wege der Introjektiou, auch gegen die Kinder. 
Deine Schuld geht bis in deine frühe Kindheit zurück." 
Daß eine derartige Ätiologie möglich ist, leugnet kein 
Erfahrener. Es müssen nur noch rezente Anlässe, über die 
wir in unserem Falle nicht unterrichtet sind, hinzugetreten 
sein, um die Regression ins Infantile zu bewirken, be- 
ziehungsweise um die alte Ödipusschuld überstark zu be- 
tonen. Daß die Haßeinstellung angeboren ist und zum 
Stammesgut der Menschen gehört, ist auch Freuds 
Ansicht. -■'-.?' 

Man hat sich, wie mir scheint, viel zu einseilig mit dem 
Haß des Sohnes auf den Vater befaßt, den Haß des Vaters 
auf den Sohn jedoch außer acht gelassen. Man vergesse 
doch nicht, daß dem Vatermord des Ödipus die VersLoßung 
des Sohnes durch den Vater vorausging! Des Vaters Haß . 
und des Kindes Haß sind innerlich verknüpft, darum auch 
der Haß auf den Vater und auf die Kinder. 

Aber haben wir den Magier nicht zu hoch enigeschätzt, 
wenn wir ihm latente Einsicht in den verdrängten Vater- 
haß seines melanchoUschen Klienten zutrauten? Ist es ^ 
nicht überhaupt unmöglich, daß Primitive das Unbe- 
wußte so geschickt in ihrem Unbewußten belauschen? Der 
Fortgang der Episode gibt die Antwort. 

ß) Die Behandlung. 

Die Zeremonie des Mountain Chant wird dadurch ein- ■$ 

geleitet, daß der Kranke die intensivste Teilnahme und 
Unterstützung seiner Clanbrüder erfährt. Ein symbol- 



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geschmückter greiser „Läufer" ladet sie dazu ein. Die 
Männer bauen zwei Häuser und bereiten farbigen Sand zu, 
die Frauen und Mädchen backen. Damit helfen sie ge- 
schickt, Übertragung herzustellen. Ihre Teilnahme besagt 
ihm: „Du bist in der Sozietät freundlich aufgehoben." 
Aber sie erwarten auch, daß der Kranke sich beteilige. 
Bleibt die Zeremonie für ihn erfolglos, so ist er als un- 
heilbar preisgegeben und der Isolierung verfallen. Die 
Entscheidung muß gerade jetzt getroffen werden. 

Die Trennung des Kranken von Weib und Kind stellt 
jene Karenz her, die Freud für die Durchführung der 
psychoanalytischen Kur empfiehlt. 

Schwitzbäder zu Heilzwecken sind üblich auch in Me- 
lanesien, Guinea, Polynesien.^) Indem die Freunde und 
der Zauberer sich dem Bad in einer Erdhöhle unter- 
ziehen, fördern sie die Übertragungstendenz im Schwer- 
mütigen. Sie drücken aus: „Wir sind Sünder wie Du und 
bedürfen derselben Reinigung." 

Die nicht unbeträchtlichen Kosten der Bewirtung s) 
bilden zwar kein eigentliches Opfer, verstärken jedoch die 
Tendenz der Ablösung von der Krankheit und dem sie 
hervorbringenden magischen Zwang. 

Unser Interesse konzentriert sich jedoch auf die Zauber- 
zeremonie selbst. Ohne Zweifel liegt ihre Absicht darin, 
daß der Kranke Beruhigung über die üblen Wirkungen 
seines Todeswunsches gegen den Vater erlangen soll. Nach 
dem Glauben an die Allmacht der Gedanken meint der 
Schwermütige vielleicht, des Vaters Tod bewirkt zu haben. 
Jedenfalls befürchtet er die Rache des Toten. 

Diese Vorstellungen werden rückgängig gemacht durch 
die religiöse Handlung. Schon der Sterndeuter und der 
verkrüppelte Chanter, alle beide ältere Leute von hohem 
Ansehen und Vertreter jenes höheren, jenseitigen Reiches, 

^) W. H. Rivers, Medicine, Magic and Religion. London 1924, 102. 

*) Vergl. Washington Matthews, The Night Chant, a Navaho 
Ceremony, (May) 1902, p. 4—5 ..-..-. „, . 



271 



dem auch der Vater angehört, erlangen einigermaßen die 
Bedeutung eines Vaterersatzes und bilden die Brücke aus 
dem Zustand der Schuld in denjenigen der Vergebung 
und Freiheit. Beide Schamanen treten in die Vaterrolle ein. 

Noch wichtiger sind die sechzehn Gottheiten, die das 
Elternpaar achtfach vertreten. Sie setzen sich mit dem 
kranken Sohn, der in ihrer Mitte weilt, in magische Ver- 
bindung. Aber sie tun ihm, der sich völlig in ihre Gewalt 
begab, nichts zuleide. Im Gegenteil verheißen sie ihm die 
wichtigsten Nährpflanzen und Tabak. — Die weiblichen 
Gottheilen vertreten die Mutter. Ihre Verehrung drückt 
aus, daß keinerlei Ödipusbegehren auf sie gerichtet ist, 
somit auch der Vater keinen Grund zum Groll auf den 
Sohn besitzt. 

Der Regenbogen symbolisiert das Band der Gemein- 
schaft, das den sündigen Sohn und seine versöhnten 
Eltern umschlingt, höchst anschaulich. 

Daß der bunte Sand auf den Kranken geworfen wird, 
hat den Sinn eines Berührungszaubers. Die in den dar- 
gestellten Gottheiten und Gaben enthaltenen Kräfte sollen 
auf den Mann, der den Mountain Chant ausführen läßt, 
übergehen. Dann sollen die höheren Geister, die durch 
des Medizinmanns Zauberwalten herbeigerufen wurden, 
wieder in die gewöhnliche Verborgenheit zurücktreten. 
Sie haben ja kundgetan, daß sie versöhnt sind, nachdem 
andrerseits der Sohn durch den magischen Ritus aus- 
drückte, daß er seinen Todeswunsch reumütig zurück- 
nahm und sein möglichstes tat, ihr Wohlwollen wieder^ 
Zugewinnen. 

Aber auch die Magier und die .sechzehn Gottheiten 
genügen noch nicht völlig, um die gewonnene Einheit 
darzustellen. Ein Feuertanz schildert pantomimisch die 
Reinigung. Alles Unreine, das im Kranken gesteckt hattö^ 
soll gleichsam verbrannt werden. Dabei deuten die 
Scharen der Tänzer an, daß auch sie vom selben Frevel 
besudelt waren und der Reinigung bedürfen. Wieder wird 
dem Kranken in ungemein wirksamer Weise vorgehallcn, 



272 




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daß er in die Sozietät gehört und sich nicht abzusondern, 
in die Schwermut zu verkriechen braucht, denn alle zu- 
sammen sind in dieselbe Ödipusschuld verstrickt, alle zu- 
sammen aber treten auch in den Zustand der Sünden- 
reinigung. 

Selbst damit sind die psychotherapeutischen Maßregeln 
des Mountain Chant nicht erschöpft. Hinzu kommt die 
fromme Rücksicht auf die Sonne. Während des Ritus muß 
der Kranke in die Richtung des Sonnenunterganges blicken, 
und die Sandbilder müssen zerstört werden, bevor die 
Sonne untergeht. Auch die Sonne ist Vaterersatz, und zwar 
Symbol des idealisierten Vaters, wie es in so 
vielen Religionen, sogar in der christlichen, der Fall ist. 
Dem idealisierten Vater gebührt die höchste Ver- 
ehrung, und vor ihm muß die Valer-Imago, die nur dem 
tatsächlichen Valerbild entspricht und es ins Trans- 
zendente, ins Geisterhafte fortsetzt, verschwinden. Daß 
der Regenbogen unter den vielen Matthews und Mrs. 
Armer bekannten Darstellungen als einzige Ausnahme 
in unserem Rüde mit männlichen Merkmalen abgebildet 
wird, paßt vorzüglich zum Krankheitsfall, der das Re- 
dürfnis nach Vater liebe in den Vordergrund stellt. 

Das zweite Sandbild unterscheidet sich so wenig vom 
ersten, daß wir es übergehen können. 

Dagegen weist das dritte erhebliche Unterschiede 
auf: Die Götter und Göttinnen, die aus mir unbekannten 
Gründen die in den Händen getragenen symbolischen Ge- 
genstände vertauschten, lassen eine lange Haarsträline her- 
unterhängen. Nach dem großen Mythus, der dem Moun- 
tain Chant zagrunde liegt, besuchte Dsilyi' Neyäni vier 
Götter, die denselben Namen wie er selbst trugen 
(W. Matthews, Mountain Chant, p. 409, § 55) und 
ebenso aussahen wie er, dem das göttliche Schmelterlings- 
wcib eine Haarlocke heruntergelassen hatte, bevor sie 
ihm wundervolle Gestalt verlieh (406). Seine Regleiter 
sagen ihm jetzt: „Dies sind die guten Götter, deren schöne 

18 Almanach 1983 273 



Gestalt die Schm et t erlin gsgöttin Dir verlieh." Die Haar- 
tracht auf dem Sandbild erinnert somit den Kranken an 
Güte und Schönheit, die der Held des Epos von den seinen 
Namen tragenden Elterngottheilen empfing, Auch dies 
drückt geschickt die liehevolle Beziehung zu ihnen aus. 

Der andere große Unterschied^ zwischen dem dritten 
und dem ersten Sandbild besteht darin, daß statt des Re- 
genbogens die Fußstapfen eines fünfzehigen Tieres das Bild 
einrahmen. Nach Erklärung des Medizinmannes stammen 
sie von dem Stachelschwein, das vor einem weißen Kreise 
steht. Das Stachelschwein wird von den Navahos „der 
kleine Bruder des Bären" genannt. Der weiße Kreis be- 
deutet das Gebirge des Nordens. Die Navahos lehren, das 
Stachelschwein komme nur im Norden vor. Bezeichnet 
der Bär den Vater unseres Patienten, so stellt dieser 
seihst das Stachelschwein, den kleinen Bruder des Bären 
dar. Der Sohn ist also bei seiner Heimat angelangt. Der 
Bogen besagt: 

„Du und Deine göttlichen Ahnen sind von einer himm- 
lischen Macht umgeben. Du bist in die Gemeinschaft auf- 
genommen, der Vater zürnt Dir nicht mehr." Die Fuß- 
stapfen, die übrigens der kranke Navaho nach Bericht 
der Frau Armer abschreiten mußte, zeigen die symbo- 
lische Antwort des Sohnes: „Ich will mit meiner Liebe 
Euch umfassen!" Damit ist die Versöhnung eine voll- 
kommene. 

Nachdem die Clangenossen weggezogen waren, ver- 
richteten der Medizinmann und sein Patient in tiefem 
Ernst ihr Schlußgebet. 

Über die Wirkung der Zeremonie weiß Frau Armer ^ 
nur zu berichten, daß der Schwermütige vollkommen ge- 
heilt schien. 



" ■". ' 






274 






DER SELBSTVERKAT DES MÖRDERS 

Von 
Theodor Reik 

Das nachfolgende Kapitel ist dem Buche „Der un- 
bekannte Mörder. Von der Tat zum Täter" entnommen, 
das im Internationalen Psychoanalytischen Verlag Ende 
1932 erschien. Rein stolflich schon bietet dieses Werk 
eine in kürzeste Form gepreßte Sammlung schwieriger 
Kriminalfälle, darüber hinaus aber gewährt es tiefste Ein- 
blicke in das Wesen der Kriminalität überhaupt, Einblicke, 
die auch für die Psychoanalyse neu sind und dem Leser 
- .- alle Reize einer Bolchen Entdeckungsfahrt vermitteln. Der 
Preis des Buches beträgt M. 7.— für das in Leinen 
gebundene, M. 5.50 für das steif broschierte Exemplar. 

Innerhalb der Indizien gibt es eine Gruppe, die auf den 
Beobachter emen bestimmten Eindruck macht: es schei- 
nen Unbedachtheiten oder Unvorsichtigkeiten zu sein, 
die den Verbrecher verraten, während er seine Aufmerk- 
samkeit darauf gerichtet hat, all seine Spuren zu ver- 
■wischen. Solche Indizien, deren Existenz man mit der 
Annahme von „Dummheit" des Verbrechers zu ver- 
knüpfen versucht, Uefern ihn häufig der Strafe aus. Diese 
selbstverratenden Indizien können in der Art des Ver- 
brechens, in den Werkzeugen, in Zeit und Ort der Tat, 
in allen Begleitumständen entdeckt werden. Am 4. De- 
zember 1924 meldeten die Zeitungen, daß eine Räuber- 
bande die Villa des Direktors einer Kalksteingrube bei 
Stegen, Angerstein, überfallen habe. Sämtliche Anwesen- 
den, acht Personen, wurden getötet, mit Ausnahme Anger- 
stcins selbst, der schwer verletzt wurde. Man vermutete, 
daß das Ziel des Überfalls ein Lohngeldraub war; die 
Villa selbst war von der Bande in Brand gesteckt worden. 
Dieser Bericht konnte sich vornehmlich auf die Aus- 
sagen des schwerverletzten Angerstein, der im Kranken- 
haus einvernommen wurde, stützen. Man konstatierte in- 
dessen, daß die Tat wesentlich früher begangen sein 



18* 



275 



mußte, als Angerstein angab; an der Leichenstarre der 
acht Opfer konnte man die Todesstunde ungefähr fest- ' 

stellen. Diese Möglichkeit hatte Angerstein in seinem 
schreckUchen Mordplane nicht berücksichtigt. Ein anderes 
Beispiel: Dr. Erdöly, der Gatte der schönen Budapester 
Schauspielerin Anna Forgäcs, reiste kurz nach der Hoch- 
zeit mit seiner jungen Frau nach Millstatt in Kärnten. 
Bald darauf erfuhr man, daß Frau Erd^ly in eine 17 Meter 
tiefe Schlucht in der Nähe des Kurortes abgestürzt sei. 
Ins Hotel gebracht, starb sie. Der Arzt konstatierte Herz^ 
lähmung und gab die Leiche zur Bestattung frei. Der 
Gatte schien völlig zusammengebrochen zu sein. Immerhin 
telegraphierte er an die Versicherungsgesellschaft, sie möge 
ihm sofort die 20.000 Dollar, mit denen das Leben der 
Frau Erdely versichert war, überweisen. Die Gesellschaft 
war indessen mißtrauisch geworden und drang auf Ob- 
duktion der Leiche. Dr. Erd61y hatte nicht bedacht, daß 
Würgespuren bei durch Absturz Verunglückten nicht vor- 
zukommen pflegen. Wenn der Verbrecher sehr vorsichtig 
sem will, alle Möglichkeiten genau voraussehen und be- ^j 
rücksichtigen will, so kommt es oft vor, daß er zu „vor- ^P 
sichtig" wird, sich gerade durch seine Umständlichkeit 
selbst verrät. Manche Kriminalisten behaupten, eine sichere 
Art, ein Verbrechen zu begehen, sei die, es unter der 
Herrschaft des Impulses zu tun. Wenn der Verbrecher 
dann durch glückliche Umstände begünstigt wird, wird 
er vielleicht niemals entdeckt. Die sorgfältig geplanten und 
bis ins Detail voraus berechneten schweren Verbrechen ,. , 
werden häufig durch einen „dummen" Zufall verraten. y 

Der Verbrecher sorgt z. B. für ein lückenloses Alibi, aber A 
es ist zu sorgsam vorbereitet und gerade dadurch läßt 9 
sich eine verborgen gehaltene Lücke erkennen. Der Artist ^ 
Urban, der den Direktor des Mercedes-Palastes m Neu- 
kölln tötete, gab an, daß er um die Zeit der Tat ein 
Telephongespräch mit seiner Braut in Leipzig geführt 
hatte. Die Angabe war nahezu richtig, aber die genaue 
Zeit des Gespräches konnte durch die Buchung des Fern- 



276 



sprechamles kontrolliert werden: Die Korrektheit und 
Präzision des amilichen Apparates wurde Urban zum Ver- 
hängnis. Ein drittes Beispiel: Der Tankwärter Hoba in 
Wannsee bei Berlin wurde in einer Septembernacht be- 
sinnungslos in seiner Tankstelle aufgefunden. Der Mann 
röchelte schwer; die Schubladen waren durchwühlt das 
Geld geraubt worden; alles deutete auf einen Überfall 
hin. Der Verletzte konnte am nächsten Tag schildern, wie 
zwei Männer auf einem Motorrad vorgefahren wären', die 
ihn niederschlugen und die Kasse raubten. Hoba hatte 
einen Umstand nicht genügend berücksichügt : im Tank 
fehlten 165 Liter Benzin und 165 Liter Benzin konnten 
die Verbrecher nicht auf ihrem Motorrad mitgenommen 
haben. Hoba hatte der Zapfstelle Benzin entnommen und 
die Kassengelder unterschlagen. Der Überfall war fm- 
giert worden. 

Die KriminaUslen beweisen uns, daß solche Indizien, 
die sie als „Sicherung des Beweises durch den Rechts- 
brecher selbst" bezeichnen, gerade bei den schwersten 
Verbrechen nicht selten vorkommen. Man denke nur an 
die Aufzeichnungen der Massenmörder Haarmann und 
Denke. Der Leichtsinn, dem solche verräterische Indizien 
zuzuschreiben sind, kontrastiert seltsam mit der großen 
Vorsicht bei Ausführung der Tat. In einem von Wulff en 
berichteten Falle i) benutzte ein Lackierer, der einen 
Knaben ermordet hatte, eine Scherbe des Emailkruges, 
den das Kmd vor der Tat in der Hand getragen hatte, als 
Farbentopf in der Werkstatt. Er hatte diese Scherbe so 
achtlos auf dem Fensterbrette stehen, daß sie von einem 
vorübergehenden Polizeibeamten dort gesehen wurde. Nie- 
mand findet etwas Sonderbares darin, daß Verbrecher 
nicht ihre Visitenkarte am Tatorte zurücklassen. Es ist 
viel sonderbarer, daß sie es manchmal doch tun. Das 
„Berliner Tageblatt" berichtet z. B. unter der Überschrift 
„Das durfte nicht kommen" (30. Juli 1931), daß der 



^} Kriminalpsychologie, S. 228. 



277 



Schneider Paul Kneisel der Kriminalpolizei nicht viel 
Probleme stellte. Dieser Mann hatte mit zwei Freunden 
in der Nacht zum 7. Juli 1931 einen Einbruch in ein 
Herrenkonfektionsgeschäft in der Berliner Krummen Straße 
verübt. Die drei Freunde hatten den Wunsch, sich neu zu 
bekleiden. Beim Weggehen hatten sie weitere drei neue 
Anzüge mitgenommen, die sie dann verkauften. Kneisel 
allein hatte, als er seine alte Jacke am Tatort zurück- 
ließ, vergessen, seinen polizeilichen Anmeldeschein her- 
auszunehmen. . i.f j- 

Das Material ist hier so überreich, daß man nicht die 
kriminahslische Literatur bemühen muß. Was der Tag 
uns zuträgt, genügt für unsere Zwecke. Besonders auf- 
fällig und aufschlußreich sind Fälle, in denen sich die 
Züge, die man gemeinhin als Nachlässigkeit, Unachtsam- 
keit, Verbrecherdummheit bezeichnet, häufen und dies 
gerade bei Verbrechen, vor deren Ausführung jede Ein- 
zelheit sorgsam bedacht und geprüft wurde. Nehmen wir 
den Fall des Generalkonsuls von Barckhausen, dessen 
rätselhaiter Tod (Juli 1931) viel erörtert wurde. Dr. Barck- 
hausen, der eine glänzende Laufbahn rasch durchmessen 
hatte, führte ein glückliches Familienleben und war in 
weiten Kreisen besonders beliebt und geachtet. Niemand 
ahnte, daß der lebenslustige Mama, der jugoslawischer 
Generalkonsul in Berlin war, mit schweren materiellen 
Sorgen zu kämpfen hatte und sein zur Schau getragener 
Reichtum seinen Ruin auf die Dauer nicht verdecken 
konnte. Barckhausen beschloß in seiner verzweifelten Lage, 
wenigstens die Zukunft seiner Familie sicherzustellen, 
' Der Vertrag seiner Lebensversicherung lautete ^ auf 
200.000 Mark, welche seinen Angehörigen bei seinem Tode 
(außer im Falle des Selbstmordes) ausbezahlt werden 
sollten. Barckhausen arbeitete nun sehr sorglaltig einen 
. Plan aus, der die Untersuchungskommission zu der An- 
nahme führen mußte, daß der Konsul von Einbrechern 
in seiner Villa überfallen und ermordet woi-den war. Als 
man Barckhausen in seinem Arbeitszimmer erschossen 



278 



auffand, sprachen alle Zeichen für emen solchen Überfall. 
Es war alles so inszeniert, daß man eine Ermordung durch 
unbekannte Täter, die durch das Fenster eingedrungen 
waren, glauben mußte. Erst spät entdeckte die krimina- 
listische Untersuchung einige Einzelheiten, welche diesen 
Tatbestand ausschlössen und endlich nur jenen anderen, 
den verschleierten Selbstmord, zuließen. Es waren ein 
paar Kleinigkeiten, winzige Fehler in dem Meisterwerk 
an Berechnung und Überlegung, das der Plan des Ver- 
sicherungsbetruges darstellte. Gerade an diesen kleinen 
Fehlern aber scheiterte der Plan. Es sollte der Eindruck 
erweckt werden, daß Barckhausen Sonntag nachts während 
des Schreibens ein Geräusch von Einbrechern vernommen 
habe, ihnen entgegengeeilt und von ihnen im Kampfe er- 
schossen worden sei. Das war gut berechnet und alle 
Einzelheiten im Zimmer deuteten darauf hin, aber der 
Füllfederhalter, mit dem jener so jäh unterbrochene Brief 
geschrieben war, war geschlossen. Als man die Leiche 
Barckhausens fand, hielt der Tote in der rechten Hand 
krampfhaft einen Totschläger und eine zerrissene Krawatte. 
Der zu rekonstruierende Tatbestand mußte sich dem kri- 
minalistischen Beobachter aufdrängen: Barckhausen war 
offenbar mit den Eindringlingen in ein Handgemenge ge- 
raten und hatte einem im Kampf den Schlips herunter- 
gerissen. Allein auch in dieser Rechnung gab es einen 
kleinen, unauffälUgen Fehler: der Tote hielt die Krawatte 
so, daß ihr Inneres nach außen lag. Hätte er seinen Mörder 
an der Krawatte gepackt, und sie zerrissen, so hätte er 
mit dem Handteller unter die Krawatte greifen müssen und 
der Totschläger wäre ihm entglitten. Wiesen schon diese 
zwei Züge daraufhin, daß ein Überfall der angenommenem 
Art höchst unwahrscheinlich war, so brachte das Ver- 
schwinden und das Auffinden der Brieftasche des Toten 
Klarheit über den Tatbestand. Als die Leiche Barck- 
hausens entdeckt wurde, suchte man vergebens nach 
seinem Portefeuille. Am nächsten Tag meldete sich ein 
Briefträger, der beim Leeren des Briefkastens am Nach- 



279 



... ■-T.^fT?..^^.^^: 



barhause die Tasche gefunden und auf seinem Postamte 
abgegeben hatte. Zur Zeit aber, als der Briefträger Sonn- 
tag nachts den Briefkasten leerte, lebte Barckhausen noch. 
Zu eben dieser Zeit hatte er sich zum letztenmal mit 
seiner Hausangestellten unterhallen. Das Fehlen der Brief- 
tasche sollte auf den Einbrecher hinweisen; der Fund 
am nächsten Tag sollte die Annahme des Einbruches noch 
bestätigen; Der Verbrecher hatte anscheinend das ge- 
leerte Portefeuille in den nächsten Briefkasten geworfen, 
um sich seiner zu entledigen. Barckhausen hatte aber 
vergessen, sich zu vergewissern, wann der Briefkasten zum 
letztenmal entleert werden würde. Er nahm wohl an, daß 
am Sonntag keine Leerung mehr erfolgen würde. Die Zeit 
des Einwurfes erbrachte den Beweis, daß Barckhausen 
selbst die angeblich geraubte Tasche in den Postkasten r- 

geworfen hatte. Hier sowie in einer großen Anzahl von ^ 
Fällen, welche die Kriminalgescliichte berichtet, findet ^J 
sich eine Reihe verräterischer kleiner Fehlgriffe gerade 
in einer Aktion, die bis ins kleinste vorausgedacht undi 
berechnet wurde. Oft ist es nur ein wmziger Lapsus, der 
einen ausgezeichneten Plan, ein mit vollendeter Logik 
aufgebautes, verbrecherisches Schema zum Scheitern 
bringt. Es ist immerhin auffällig, daß sich solche kleme 
selbstverräterische Züge, insbesondere bei schweren Ver^ 
brechen einstellen; wir werden uns zu fragen haben, oh 
dafür besondere Gründe erkennbar sind. 

Der Verbrecher scheint den Neid der Götter zu fürchten 
wie die Werkmeister des Tempels von Nihko. Das Tor 
dieses nordjapanischen Heiligtums war von so vollen^ 
deter Schönheit, seine überreichen, erhabenen Schnitze»- 
reien so vollkommen gearbeitet, daß die Baumeister nach 
seiner Fertigstellung annahmen, es habe den Neid der 
höheren Mächte erweckt. Die Folgen eines solchen Ge- 
fühles wären schreckliche gewesen, wenn die Werkmeister 
nicht absichtlich an einer der Säulen emen ungeschickten 
Fehler angebracht hätten, um die erzürnten Gölter zu 
versöhnen. 



280 

.1 



tem 



Oft begnügt sich ein Verbrecher damit, einen Teil der 
zu erwartenden Spuren künsthch zu erzeugen, aber er 
unterläßt es, sie weiterzuführen. In einer von einem Teich 
umschlossenen Villa war ein Diebstahl verübt worden. 
An der Parkmauer fanden sich Spuren davon, daß man 
dort überklettert war; ebenso waren auf dem sandbe- 
streuten Wege bis zur Villa Fußspuren zu sehen. Eine 
genauere Besichtigung ergab, daß an der Parkmauer 
zwar Spuren vom Herunterrutschen einer Person zu sehen 
waren, daß aber an ihrer Außenseite Spuren vom Ober^ 
klettern fehlten. Der Dieb war sonach unter den Insassen 
des Grundstücks zu suchen 2). Verstand und scharfe 
Überlegung bieten keinen Schutz gegen diese „avenging 
diance", die der krimmaüslischen Untersuchung manchmal 
zu Hilfe kam: Ein mit allem Raffüiement gefälschtes 
Testament datierte vom Jahre 1868. Allein das Wasser- 
zeichen des Papiers, auf dem es fixiert war, wies das 
Wappen des Deutschen Reiches auf; ein großer Aufwand 
von Scharfsinn war vertan. Auch nachträgliche Versuche 
der Spurenverwischung sind oft solchen Tücken des Ob- 
jekts, die vom Subjekt nicht unabhängig sind, ausgesetzt. 
Die Maieria peccans revoltiert hier gegen den Menschenv 
Ein Mann saß wegen Meineides in Untersuchungshaft. 
Er wurde auch einer Reihe von Diebstählen, die weit 
zurücklagen, verdächtigt. Es drohte seine Überführung, 
da man an den Tatorten Fingerabdrücke gefunden und 
festgehalten hatte. Der Verbrecher wollte nun die Be- 
weiskraft der Fingerabdrücke radikal widerlegen. Er pro- 
duzierte im Gefängnis seine Fingerabdrücke auf Glas- 
scheiben; eben zur Entlassung kommende Sträflmge nah- 
men diese Glasscheiben mit Bei einem neuen Einbruch 
deponierten die hilfreichen Kameraden diese Fingerab- 
drücke unauffällig, mdem sie die betreffende Glasscheibe 
unter die zerbrochenen Scheiben eines von ihnen einge- 
schlagenen Fensters mischten. Der Verbrecher, dessen 
Fmgerabdrücke hier erschienen, konn te unmögüch an der 

*) Weingart, Kriminalistik, Leipzig 1904, S. 123. 

281 



Tat beteiligt gewesen sein, da er zur selben Zeit im Ge- 
fängnis saß. Mit der gelungenen List wäre auch das ganze 
System der Daktyloskopie, eines der wichtigsten Hilfs- 
mittel der kriminalistischen Untersuchung, in seiner Un- 
zuverlässigkeil und Unzulänglichkeit erwiesen worden. 
Allein die List des Gefangenen mißlang; die Götter wollten 
sein Verderben. Das Glas mit den Fingerabdrücken war 
unglückseligerweise dünner als die Scheibe, die bei den 
Einbruch eingeschlagen worden war. Es gibt Beispiele 
genug, die zeigen, daß derselbe Mensch, der mit dem 
eindringlichsten Scharfsinn und dem größten Raffinement 
aUe Künste und Arrangements gewiegter Verbrecher durch- 
kreuzte, selbst zum Verbrecher geworden, demselben 
dunklen Verhängnis unterliegt, dieselben Fehler und 
„Dummheiten" begeht, die er bei anderen erkannt hatte. 
Der Generalstabsoberst Redl, der die österreichische Kund- 
schafterstelle leitete, hatte viele Spione mit besonderem 
kriminalistischem Geschick entlarvt 3). Viele Jahre war 
die Aufdeckung der gegen Österreich arbeitenden Spionage 
sein Fachgebiet gewesen. In seinem Bureau gab es prä- .|H| 
parierte Zigarettenschachleln und Bonbonnieren, die dem 
Besucher gereicht wurden, um so auf unverdächtige Art 
Fingerspuren zu erhalten; Besucher wurden ohne ihr 
Wissen p holographiert, ihre Worte insgeheim festgehalten. 
Vielen Spionen wurde auf die raffinierteste Art eine Falle 
gelegt. So wurde der Major Ritter von Wienckovsky in 
Stanislau von Redl der Spionage überluhrt. Eine Offiziers- 
kommission nahm in der Wohnung des Verdächtigten 
eine Hausdurchsuchung vor. Im Kinderzimmer spielte 
das sechsjährige Töchterchen des Majors mit der deut- 
schen Gouvernannte. Das hübsche Kind, das anfangs sehr 
befangen war, starrte die fremden Offiziere an. Redl wußte 
die Kleine zutraulich zu machen, nahm ihr Händchen 
und plauderte polnisch mit ihr. Er fragte sie, wieviel 
zweimal vier sind, stellte sich überrascht über ihre rich- 

3) Der folgende Bericht nach Egon Erwin Kißch, Der Fall des 
General Stabschefs KedL Berlin 1924. 



282 



tige Antwort und lobte sie sehr. „Bist du auch so ge^ 
scheit, daß du weißt, wo Papa seine Briefe versteckt?" — 
„NatürUch", antwortete die Kleine rasch, läuft in das 
Arbeitszimmer des Vaters, kriecht unter den Schreib- 
tisch und deutet unter dessen linke Ecke. Das schwere 
Möbelstück wird umgelegt; ein verborgener Knopf wird 
gefunden und ein Fach mit belastenden Dokumenten 
geöffnet. Derselbe Mann, der so das Vertrauen eines 
Kindes zu erwerben und zu mißbrauchen gewußt hatte, 
benahm sich, als sein Geheimnis in Frage kam, kindisch 
genug. Niemand ahnte, daß der Leiter des Kundschafts- 
bureaus selbst in den Diensten der russischen Spionage 
stand. Angesichts der Kriegsgefahr wurde damals die 
Privatpost überwacht. Im März 1913 kamen zwei Briefe 
mit der Chiffre „Opernball B" aus Eydtkuhnen beim 
Hauptpostamt Wien an. Die Briefadresse war mit Schreib- 
maschine geschrieben, der Inhalt hohe Geldbeträge. Redl 
behob den Brief erst am 24. Mai 1913 und entwischte den 
im Poslamte wachenden Detektiven in einem Auto, das 
er vor dem Amte angekurbelt warten ließ. Der Wagen 
wurde später festgestellt, der Weg, den er genommen hatte, 
konstatiert. Er führte zum Hotel Klomser. Im Fond des 
Taxis fanden die zwei Detektivs das Futteral eines Ta- 
schenmessers, eine Hülle aus hellgrauem Tuch. Ver- 
mutlich hatte der Unbekannte, der die Briefe behoben 
halte, das Taschenmesser zum Aufschneiden benützt. Das 
Futteral wurde dem Portier des Hotels übergeben; er 
sollte die Gäste befragen, wem es gehöre. Eben kommt 
Oberst Redl die Treppe herab, legt den Schlüssel seines 
Zimmers auf den Tisch. Der Portier fragt: „Haben Herr 
Oberst das Futteral Ihres Taschenmessers verloren?" — 
Ja" antwortet der Oberst und steckt das ihm ge- 
reichte hellgraue Tuchsäckchen gedankenlos ein, „wo 
habe ich es denn...?" Er bricht den Satz ab, da er sich 
erinnert; sein Blick fällt auf einen fremden Herrn, der 
am selben Tisch mteressiert Briefe durchsieht. Der Oberst 
ahnt, daß er verloren ist. . .-, 



283 



Wir haben nun genug Beispiele angeführt. Was sind 
das nur für dunkle Kräfte, welche die Absichten so vieler 
Verbrecher durchkreuzen? Es muß doch eine psycholo- 
gische Erklärung für das Zustandekommen solcher typi- 
scher Übersehen und Unvollkomraenheiten, die zu wich- 
tigsten Indizien werden, geben. Die Kriminalpsychologie 
hat dieses Moment als die Lehre „von der einen Dumm- 
heit" zusammengefaßt, die fast bei jedem sehr schweren 
Verbrechen gemacht zu werden pflegt*). Trotz dem Über- 
einstimmen zahlreicher Kriminalisten wollen wir es nicht 
glauben, daß diese typische Dummheit bei fast allen 
großen Verbrechen vorkommt. Die Kriminalgeschichte lie- 
fert uns eine Unzahl schwerer Verbrechen, die ladellos 
ausgeführt wurden und deren Täter die irdische Gerech- 
tigkeit schweren Herzens der himmUschcn überließ. 






•)J-. 




*) Hans Gross, Handbuch für Untersuchung egefangene, I. Teil, S. 21. 
284 



DIE DICHTER HAT SIE FÜR SICH 

Von 
Alfred Freih. o. Berg er 

Als Beitrag zur Geschichte der psychoanalytischen Be- 
wegung reproduzieren wir hier eine frühe Stimme zur 
Freudschen Lehre, sicher die früheste ihrer Art und 
iedenfalls die erste ausführliche Stellungnahme zu 
Freuds Entdeckungen. Bezeichnenderweise ist es nicht die 
Stimme eines Gelehrten, sondern die eines Dichters. 
Der (1912 als Burgtheaterdirektor verstorbene) fein- 
sinnige Wiener Dichter und Kritiker Freiherr von Berg er 
veröffentlichte am 2. Februar 1896 in der Wiener „Morgen- 
presse" ein Feuilleton „Chirurgie der Seele", das 
^'- <^iö Besprechung der Breuer-Freudschen „Studien über 

Hysterie" darstellt. Wir lassen hier den Mittelteil des 
Feuilletons aus. das den Inhalt des Buches referiert, und 
gehen die Einleitung und die abschHeßenden Ausführungen 
wieder. 

Wenn ich mir eine rechte Freude vergönnen will, so 
lese ich Bücher, die mich eigentlich gar nichts angehen, 
deren Gegenstand und Inhalt weit abliegt von meinem' 
eigenen geistigen Arbeitsfeld. Merkwürdigerweise erntet 
man aus solchen Büchern oft die besten und frucht- 
barsten Anregungen gerade für das eigene Fach. So hat 
mir ein freundlicher Zufall vergangenen Sommer ein neu 
erschienenes nervenpathologisches Buch in die Hände 
gespielt, und seither ist selten ein Tag vergangen, an 
welchem ich nicht einen Abschnitt oder wenigstens einige 
Seiten desselben gelesen und wiedergelesen hätte. „Studien 
über Hysterie" ist der Titel des Buches; zwei bekannte, 
allverehrte Wiener Ärzte, Josef Breuer und Sigmund Freud, 
haben es geschrieben. Die Anziehungskraft, die es an- 
dauernd auf mich ausübt, entspringt nicht dem krank- 
haften Anteil, welchen Laien häufig medizinischen Studien 
entgegenbringen, noch einem besonderen Interesse für 
den Gegenstand, sondern meiner künstlerischen Empfäng- 



285 



r i 






»» 



lichkeit, welche sich durch Inhalt und Form dieses 
Buches in mannigfaltiger Weise angeregt und befriedigt 
fühlt. Die gelehrten, streng wissenschaftlich gesinnten 
Verfasser mögen diese Weise, sich ihr Werk anzueignen, 
einen wunderlichen Mißbrauch desselben schelten. Ihnen 
war es augenscheinlich nur darum zu tun, einen ver- 
wickelten, dem kranken Nervenleben angehörigen Sach- 
verhalt und ursächlichen Zusammenhang auf das gründ- 
lichste zu ermitteln und den ärtzlichen Fachgenossen mög- 
lichst deutlich und vollständig mitzuteilen, um diesen ein 
Heilverfahren an die Hand zu geben, durch welches 
gewisse hysterische Krankheitserscheinungen zum Ver- 
schwinden gezwungen werden können. Ein Stück Wahr- 
heit wollten sie geben und Nutzen schaffen, nicht ein 
schönes Buch schreiben. Wenn trotzdem in ihr Buch viel 
unbewußte und ungewollte Schönheit hineingeriet, so ist 
diese gewissermaßen nur ein zufälliges Nebenprodukt, 
dessen rühmende Betonung sie vielleicht mehr verlegen 
macht als erfreut. Sagt doch gelegentlich der eine der 
beiden Forscher : „Es berührt mich selbst nach eigen- 
tümlich, daß die Krankengeschichten, die ich schreibe, 
wie Novellen zu lesen sind, und daß sie sozusagen des 
ernsten Gepräges der Wissenschaftlichkeit entbehren. Ich 
muß mich damit trösten, daß für dieses Ergebnis die 
Natur des Gegenstandes offenbar eher verantwortlich zu 
machen ist, als meine Vorliebe." 

Seltsames Zeichen der Zeit! Während unsere Poesie 
sich geflissentlich mit dem Anschein der wissenschaft- 
lichen Strenge umgibt und sich mit Jodoform parfümiert, 
errötet die Wissenschaft, wenn sie sich darüber ertappt, 
daß sie unwillkürlich der Poesie nahegekommen ist. In 
der Sache trifft jene Entschuldigung das Richtige. Daß 
sich die Krankengeschichten beinahe wie Novellen lesen, 
bewirkt der Gegenstand. Wer Seelisches erforschen und 
beschreiben will, kann den dichterischen Methoden der 
Auffassung und Darstellung auch bei strengstem Willen 
zu kühler, nüchterner Sachlichkeit nicht ganz ausweichen. 



286 



Doch ist es nicht der Gegenstand allein; noch etwas an- 
deres spielt mit. Viel Weisheit, viel Güte und Gemütstiefe 
ist in dem Buche, viel psychologischer Scharfsinn, der in 
der Feinfühligkeit eines allwissenden Herzens wurzelt. Die 
beiden Forscher haben nur den Gegenstand, den sie er- 
gründen wollen, im Sinne, sie denken nicht daran, wie 
es selbst der „objektivste" Dichter tut, auch ihre eigene 
menschliche Persönlichkeit mit hineinzumischen. Doch 
seelische Vorgänge, in welchen der innerste Nerv einer 
fremden Persönlichkeit bloß liegt, locken aus jedem, der 
sich mit ihnen einläßt, er mag es wissen und wollen 
oder nicht, die eigene Persönlichkeit hervor. Sie verrät 
sich darin, wie er jene bemerkt, mitempfindet, versteht 
und auslegt. Darin liegt vielleicht der feinste Reiz des 
Buches. Man kann sich schwer von ihm trennen, so traurig 
und häßlich die Gegenstände bisweilen sind, von denen 
es handelt, weil man beim Lesen immer das Gefühl hat, 
in allerbester Gesellschaft zu sein, und das Wohlsein atmet, 
das ein ganz edler und gebildeter Menschengeist um sich 
her verbreitet. Eine seltene Freude in unseren Tagen, im 
Leben und in der Literatur ... 



* - ... Es grenzt ans Wunderbare, den beiden Ärzten zuzu- 
, sehen, wie sie . . . eine fremde Seele durchsuchen, um 
endlich in ihr die bedeutsamen Affektanlässe zu entdecken, 
deren diese Seele sich selbst aus eigener Kraft nicht zu 
entsinnen vermag. Treffend vergleichen sie Ihr Verfah- 
ren, wie sie eine Erinuerungsgeschichte nach der andern 
bloßlegen, dem systematischen Ausgraben einer verschüt- 
teten Stadt. „Der Mensch ist dem Menschen eine Fin- 
sternis", hat Turgenjew gesagt. Diese Finsternis wird in 
unserem Buch einigermaßen erhellt und durchsichtig ge- 
macht. In den Krankengeschichten sehen wir, wie die 
Lebenseindrücke und Erinnerungen in der Seele eines 
Menschen individuell gelagert sind, und die Ahnung er- 
faßt uns, daß es eines Tages denkbar werden könnte^ 



287 



den Finger in das innerste Geheimnis der individuellen 
Persönlichkeit zu legen. Das Leben eines Menschen drückt 
sich in seiner Seele ab und gibt dieser jenen Inhalt^ den 
wir ihren Charakter nennen. Von dieser Biographie, von 
welcher derjenige, der sie durchlebt hat, so wenig weiß, 
obwohl er sie im Haupte mit sich trägt, und an ihren, 
Nachwirkungen leidet, wickeln die beiden Ärzte wenigstens 
ein Stückchen heraus, wie ein Band, um den Inhalt des- 
selben in umgekehrter Ordnung, als in welcher er er- 
lebt und gebucht wurde, zu entziffern. 

Die ganze Theorie ist eigentlich ein Stück uralter 
Dichterpsychologie. Bei jeder ersten Entdeckung, welche 
die Wissenschaft auf dem Gebiet der Seele macht, wird 
sich zeigen, daß die großen Dichter die Wikinger sind, 
die lange vor Kolumbus in Amerika waren. Don Grund- 
gedanken unseres Buches hat Shakespeare nicht nur in 
mannigfaltigen Wendungen ausgesprochen, er hat sogar 
die seelische Entwicklung und Katastrophe seiner Lady 
Macbeth auf eine ähnliche Auffassung gegründet. Sie 
leidet an einer regelrechten Abwehrneurose, dadurch ent- 
standen, daß sie die Affekte des Grauens und der Angst 
bei Dunans Ermordung und Ranquos Erscheinung ge- 
waltsam aus ihrem wachen Bewußtsein verdrängt hat. 
Darum brechen sie in der anomalen Form des SchlaP- 
wandelns aus. Jedenfalls würde ein moderner Arzt die 
hohnvolle Frage Macbeths, ob er die heftigen Phanta- 
sien, die seiner Frau die Ruhe rauben, nicht forttreiben 
könne, anders beantworten, als der Arzt, den Shakespeare 
die Lady beobachten läßt. Die Heilung des Orestes, wie 
Goethe sie darstellt, ist ein Fall einer gelungenen „Kathar-' 
siskur", und Ferdmand Kümberger hat eine Novelle: „Die 
Last des Schweigens", geschrieben, in welcher ein Mord 
dadurch entdeckt wird, daß der Täter, ohne Reue zu 
fühlen, dem inneren Zwange erliegt, sagen zu müssen, 
was er getan hat. 

Das urwüchsigste und schönste Beispiel, wie sehr Volk 
und volkstümhche Poesie zu allen Zeiten das Ausweinen 



288 



als eine natürliche Notdurft verstanden, deren die schmerz- 
erschütterte Seele bedarf, um gesund zu bleiben, enthält 
vielleicht die Edda im ersten Gudrunenlied. Tränenlos 
saß Gudrun bei der verhüllten Leiche des ermordeten 
Sigurd, „schier zersprimgen war' sie vor Schmerz". Ver- 
gebens bemühten sich die Frauen des Hofes, ihre Tränen 
zu entbinden durch Erzählimg der schmerzlichen Schick- 
sale, die sie selbst schon erduldet hatten. Endlich kam 
auch ihre Schwester. „Wenig wißt ihr, ob weise sonst, 
das Herz einer jungen Frau zu erheitern", sagte sie zu 
den Frauen, hob den Schleier von dem Toten und legte 
sein blutiges Haupt in Gudruns Schoß mit der Auf- 
forderung, ihn zu küssen, wie einst den Lebenden. „Da 
sank aufs Kissen zurück die Königin, ihr Stirnband riß, 
rot war die Wange, ein Regenschauer rann in den 
Schoß . . . und hell aufschrien im Hof die Gänse.*' Wir 
wissen nicht, wie die Wissenschaft die Theorien Breuers 
und Freuds beurteilt. Die Dichter hat sie für sich, und 
das will nicht wenig sagen. Denn bis jetzt waren Dichter 
diejenigen, die von den Geheimnissen der Menschenseele 
das Meiste und Beste gewußt imd ausgesagt haben. 



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19 Almanach 1933 ' ' ' " 289 



DER SOHN ALEXANDERS DES 

REICHEN 

Von - V 

Dr. G. Baissette 

Aus dem im Hippokrates- Verlag in Stuttgart 1932 er- 
schienenen Buche „Leben und Lehre des Hippükratee . 
einer in Sprache und sachlicher Darstellung gleich aus- 
gezeichneten Biographie des großen Hippokrates. in welchem 
die wichtigsten Lehren der hippok ratischen Schule, teils 
•wörtlich wiedergegeben, teils geistig verarbeitet, einge- 
flochtea sind. Preis für das Exemplar in Leinen Mark 5.25, 

für das steif kartonierte Exemplar Mark 4,25. 
•>j> i 1 /- -. . ■ 

Dana kam der Tod des Anaxagoras. Mit ihm halte sich 
zum erstenmal der Menschengeist über die Naturphilo- 
sophie erhoben. Er hatte als erster das Prinzip einer 
ordnenden Gewalt verkündet, deren Einfluß auch die 
geringste Erscheinung sowohl in der Physik wie in der 
Physiologie und in der Astronomie untersteht. Dank ihm 
hatte die Welt aufgehört, ein bloßer Ablauf zu sein., und 
hatte eine Intelligenz erworben. Und ihn hatte man, trotz 
Perikles' Einspruch, wegen Ungehorsams gegen die Gölter 
gefangen gesetzt. Im Jahre 428 starb er in Lampsakus im 
Exil. Hippokrates, der gerade die jonischen Inseln be- 
suchte, begab sich dorthin. Er begegnete all den Schülern 
des verschiedenen Meisters, einigen Schriftstellern und 
Philosophen, unter anderem dem Euripides, der nach 
Mazedonien reiste, und dem alten Hermoünes, dem klaso- 
menischen Gefährten des Anaxagoras. Diese Trauerfeier 
in der Einfachheit des Exils nahm eine symboüsche Grol5e 
an; all die jonischen, abderitischen, sizilischen und elea- 
Üschen Richtungen verbanden sich in der Verehrung dieses 
Geistes, der der Welt eine Intelligenz gegeben hatte. Hier 
erfuhr vielleicht durch die Vermittlung des Eunpidea, 
Hippokrates zuerst die Neuigkeit, daß der Mazedomer- 



290 



könig Perdikkas 11. an einer quälenden Krankheit litt und 
ihn in Kos und in Athen hatte suchen lassen. Hippo- 
krates brannte darauf, Mazedonien kennen zu lernen. „Uns 
verbindet", sagte er, „mit den heraklidischen Königen 
dieses Landes von den Ahnen her eine alte Freundschaft". 
Er zweifelte nicht daran, daß dies unwirtliche Land einer 
überraschenden Zukunft entgegensah. Und in der Tat 
führte sein König eine kühne Politik, hatte die unzugäng- 
lichen Täler des Berglandes in seiner Hand vereinigt, hatte 
der fruchtbaren Ebene einen Weg zum Meer gebahnt und 
schickte sich an, die Wissenschaft und die Künste zu 
schirmen, zur gleichen Zeit, da das ruhmreiche und ge- 
bildete Athen die Philosophen verfolgte und seine Genies 
entmutig^te. ' 

Hippokrates überschritt also den Hellespont und kam 
längs den thrakischen Küsten nach Mazedonien. 40 Sta- 
dien vor Ägä erwartete ihn eine Hoplitentruppe, deren 
Offiziere ihn an den Hof des Königs geleiteten. Er erfuhr, 
daß soeben ein großer Arzt angekommen sei, der ihm um 
wenige Stunden zuvorgekommen war: es war Euriphon 
von Knidos. Der König Perdikkas empfing Hippokrates 
mit aufrichtiger Freude und ließ ihn prächtig unter- 
bringen. Er hatte das Recht, nach Belieben im Palast um- 
herzuschweifen, und ein jeder mußte ihm die größte Ehr- 
erbietung zollen. Seit der ersten Begegnung sah er seinen 
Vetter Euriphon um sich, der ihn sehr höflich anging, und 
ein wenig scherzhaft über die jungen Leute sprach, die 
danach trachteten, die alte ehrwürdige Medizin auf Grund 
vorgeblicher Neuentdeckungen umzustürzen. Hippokrates 
■' verneigte sich mit der achtungsvollen Elirerbietung, die 
seinem geringeren Alter zukam, und entgegnete, daß er 
nichts entdeckt habe, vielmehr bemüht sei, sich auf 
sichere Merkmale zu stützen, um den Ablauf der Krank- 
heiten kennen zu lernen. Er stellte eine baldige Veröffent- 
lichung seiner koischen Vorlesungen und semer Kritik 
der knidischen Schule in Aussicht und sagte, daß er sich 
einer wohlbegründeten Widerlegung von Seiten Euriphons 

19* ' * ' . 291 



versähe. Dann trank man rosigen Wein aus Bechern, saing 
einen Päan und opferte den Göttern. 

Übrigens war inzwischen eine gänzlich umgestaltete 
Neuauflage der „Knidischen Sentenzen" erschienen, denen 
Hippokrales einen etwas höhei'en medizinischen Wert zu- 
gestand. *) 

Euriphon sollte zuerst die Behandlung des Königs über- 
nehmen. Nach ihm sollte, wenn dies noch vorteilhaft er- 
schien, Hippokrates seine Kunst versuchen. So hatte Hippo- 
krates Muße genug, das Wesen des Kranken zu beobachten 
und darüber nachzudenken. 

Gewiß ein sonderbares Leiden. Perdikkas irrte unstet in 
seinem Palaste umher; alle Energie war aus diesem Wil- 
lensstärken Mann gewichen. Ein schleichendes Fieber hatte 
ihn befallen, dessen Ursache völlig unklar war. Er vergaß 
die Entscheidungen, die er eine Stunde zuvor getroffen 
hatte, und hielt oft unvermittelt in seinem Gang inne. 
Zuletzt wurde er sehr schwach und lächelte viel, obwohl 
er traurig war. Was ihn besonders beunruhigte, war der 
Verlust allen Interesses an der äußeren Politik seines Lan- 
des, die er so lebhaft geführt hatte. Er flehte seine Freunde 
und alle die Gelehrten, die er hatte kommen lassen, um 
Rettung an. In der Nacht erwachte er plötzlich mit lauten 
Schreien, und fand nicht anders Ruhe als dui'ch einsames 
Umherwandern. Er versicherte, daß sein Wille zu allen 
diesen Anzeichen nichts beitrage. Er verlor an Kräften, 
und die natürlichen Funktionen schienen ihn zu verlassen, 
ohne daß er die geringsten Schmerzen spürte. Euriphon 
befragte, befühlte, untersuchte ihn und fand nicht die ge- 
ringste organische Veränderung. Er rief sich alle Krank- 
heiten vor Äugen, von denen der menschliche Körper 
heimgesucht werden kann. Alle Harnleiden, Bräunen, Lun- 
genentzündungen, Ruhrerkrankungen und Fieber wurden 
zum Vergleich herangezogen. Jeder neuen Hypothese folgten 
neue Medikamente: Zuckerstoffe, Sauerhonig, Milch und 



n 



^) Hipp., Die Diät bei akuten Krankheiten. 

292 



Buttermilch folgten in täglichem Wechsel, und in diesem 
Meer von Heilflüssigkeiten drehte sich Euriphon wie eine 
Triere, die ihre Ruder verloren hat und den Wogen preis- 
gegeben ist. 

Er selbst verlor seine Zuversicht und seine vornehme 
Haltung; Perdikkas hingegen verlor an Gewicht, während 
sich sein Körper mit den Spuren der knidischen Wirk- 
samkeit bedeckte. Hippokrates' Anteilnahme wuchs, und er 
ließ spöttischerweise an der Tafel ein Exemplar Piatos des 
Komikers herumreichen, in dem die Rede von einem Kran- 
ken war, dessen Körper Euriphon im Laufe einer Behand- 
lung mit Brandwunden übersät hatte. Indessen waren diese 
Stellen nicht ehrenrührig gemeint, und Euriphon war mit 
einer solchen kleinen Bosheit nicht anders geschehen als 
Euripides oder Hippokrates, die beide der spitzen Feder 
des Arislophanes nicht entgingen. 

Nach zweimonatlichen vergeblichen Anstrengungen gab 
Euriphon die Partie auf und murmelte in seinen Bart, daß 
es nicht sein Fehler wäre, wenn die für die Griechen heil- 
samen Mittel einem barbarischen Volke nicht bekämen, 
heiße es doch im atlienischen Sprichwort, daß die Maze- 
donier nicht einmal gute Sklaven abgäben. Dies entsprach 
ganz und gar nicht der Meinung des Hippokrates, der in 
den Anlagen, die von Raum und Zeit bedingt sind, ein 
allgemeines Prinzip suchte. 

Hippokrates bat nun den Perdikkas, seine Behandlung 
anzimehmen und ihm in allem zu vertrauen. Wie bei jeder 
verborgenen Erscheinung müsse man den natürlichen An- 
zeichen nachgehen, wenn man sie aufdecken wolle. Deshalb 
wäre es jetzt angebracht, Salben und Drogen einmal bei- 
seite zu lassen. Hippokrates verweilte laage bei seinem 
Patienten, plauderte mit ihm in zutraulichem Tone, unter- 
nahm mit ihm morgendliclie Spaziergänge und strebte auf 
einen Gemütszustand hin, der es ihm möglich machte, 
seine geheimsten Gedanken ohne Argwohn auszusprechen. 
Im Einklang mit seiner allgemeinen Methode befragte er 
ihn aufs genaueste über die leisesten Anwandlungen, die 



293 



\ 



der König verspürte; er verzeichnete die Fehlleistungen des 
Gedächtnisses, die Veränderungen des Willens und der 
Sinnesrealctionen seit dem Beginn der Krankheit. Er be- 
fragte ihn auch über seine Träume. Schweifende Gestirne 
herrschten darin vor. Sie strichen von Osten nach Westen 
über das Firmament und verschwanden mit großer Flam- 
mengarbc am Horizont. Sie erschienen ihm finster, von 
dichter Masse, deren Schwere gleichsam empfunden wurde; 
in ihrem blendenden Scheine hoben sie sich als unheil- 
verkündende Spuren von den anderen Gestirnen ab. Hip- 
pokrates ordnete diese Erscheinungen seiner Traumsym- 
bolik ein und ersah, daß Perdikkas von einem Üefen 
Seelenschmerz befallen war, den er so beschrieb: 

„Ist das himmlische Firmament finster, und nicht klar 
und durchscheinend, so deutet das auf eine Krankheit, die 
weder vom Überschuß noch vom Verfall rührt, sondern 
durch etwas von außen Hereinbrechendes verursacht wird. 
Den Sternen ist der äußere Kreislauf zuzuschreiben, dem 
Monde der der hohlen Teile, während die Sonne in Zu- 
sammenhang mit den mittleren Teilen steht. Wenn die 
Sterne ziellos und ohne sichtbaren Antrieb umherschwir- 
ren, so bedeutet dies eine Verwirrung der Seele durch 
Sorgen." 

Von Sorgen wußte Perdikkas nichts. Dennoch trug er 
einen innerlichen Kummer mit sich herum, dessen tiefere 
Veranlassung es aufzudecken galt. In diese Scelengründe 
folgte Hippokrates einem Führer, der Erregung. Mit allen 
Mitteln suchte er sie hervorzurufen. Er veranlaßte den 
Leidenden, seine Kindheit oder seine früheren Traum- 
gescMchten zu überdenken und drang mehr und mehr m 
die Tiefenbezirke seines insünküven Lebens. Was konnte 
eine so tief verborgene Störung verursacht haben? Er 
suchte unter den Menschen seiner Umgebung. Welcher 
Art waren die Gefühle des Königs gegenüber seinem Vater 
Alexander gewesen? Er hatte für ihn immer eine sehr 
große Zuneigung gehegt und konnte sich diese Traume 
nicht erklären, in denen er ihn zuweilen sah, umgeben von 




294 



märchenhaftem Gepräge; Tausend Sklaven verneigten sich 
auf den Wink Alexanders des Philhellenen. Und wenn sein 
Sohn ihm nahte, hub eine in der Erde steckende Lanze 
an zu schwingen und trennte ihn so von seinem Vater. 
Es war unmöglich, diese Lanze herauszureißen, und ver- 
gebens streckte sein Vater die Arme aus. Zuweilen war 
dieser allein, zuweilen war seine Konkubine Phila bei ihm. 
Und Phila? Perdikkas brachte ihr die Empfindungen ent- 
gegen, die der Umgang eingibt. Sie war im Palast zur 
Welt gekommen als Tochter einer Mazedonierin aus den 
Bergen und eines Freigelassenen asiatischer Abstammung, 
war in der Umgebung des Königs herangewachsen, frei 
und gerne gesehen von allen wegen ihrer Sijttsamkeit, 
ihrer Zurückhaltung, ihrer großen Anmut und Schönheit. 
Von ihrem vierzehnten Jahre ab war sie Alexanders 
Favoritin geworden. Sie war neunzehn Jahre, als er starb. 
Ein wenig älter als Perdikkas, war sie die Gespielin seiner 
Kindheit gewesen. Jetzt nahm sie eine besondere Stellung 
im Hofstaat ein und leitete mit geschickter Hand die 
Palastangelegenheilen. Seit einigen Jahren war ihr präch- 
tiger Körper gereift und umgab Phila mit einem Strahlenr 
kränz von Sinneslust und heißer Schwermut. Perdikkas 
sprach davon mit ernster Bewegung. Seit wann hatte er 
diese Veränderungen bemerkt? Deutlich seit etwa drei 
Jahren. Drei Jahre 1 Zu gleicher Zeit war sein unerklär- 
Uches Fieber aufgetreten. Hippokrates fragte Perdikkas 
noch, ob er dem geschlechtUchen Verlangen häufig nach- 
gehe. Nein, er lebte enthaltsam und verschmähte Sklavin- 
nen und Hoffrauen. 

Für Hippokrates, der die Geschlechts fragen mit größter 
Natürlichkeit betrachtete und sie in Diät und Therapie 
hereinzog, mußte diese Zurückhaltung schon als patho- 
logisch erscheinen. Er konzentrierte seine Nachforschungen 
auf diesen Punkt. Mehrere Tage überwachte er das Ganze. 
Endlich erklärte er, das Leiden aufgedeckt zu haben: Per- 
dikkas war krank vor Liebe zu Phila, der Konkubine seines 
Vaters. Perdikkas Zorn bei diesen Worten nahm ihm jeden 



•295 






Zweifel an der Wahrheit. Der König zerschmetterte die 
Lanze, die er in der Rechten lüelt, am Felsen, schwor mit 
der Linken, nie solche Empfindung-en verspürt zu haben 
und eilte davon, um sich in seinen Gemächern zu verschlie- 
ßen, wo ihm bis zum Morgen niemand nahen durfte. Hip- 
pokrates ließ sich zur Stunde des gewohnten Spazier- 
ganges bei ihm melden. Er zeigte sich durchaus gnädig. 
In der Nacht war er in sich gegangen und hatte erkannt, 
daß Hippokrates Meinung nicht unmöglich sei. Phila spielte 
mit ihm, als er ein Knabe war. Sobald sie vierzehn ge- 
worden war, hatte sie sich unvermittelt von ihm getrennt 
und sprach seitdem kaum mit ihm. Wenn er sich Phüas 
Schönheit vor Augen rief, erinnerte er sich der quälenden 
Ängste, die er auszustehen hatte. Er berichtete dem Hip- 
pokrates nun den Traum, der ihm diese Nacht gekommen 
war. Die Sterne glänzten darin hell. Sirius und einige 
andere Gestirne traten aus dem Hundsstern deutlich her- 
vor. Sie bewegten sich über den Himmel, aber in ent- 
gegengesetztem Sinne als in den früheren Träumen. Sie 
waren strahlend und durchscheinend wie Kristall. Hip- 
pokrates bemerkte bei diesen Worten, daß er darin die 
Zeichen naher Gesundung erblickte: „Wenn einer der 
Sterne die vor gezeichnete Bahn zu verlassen scheint, wenn 
er zudem hell und glänzend ist und sein Weg nach Osten 
strebt, so verkündet er Gesundheit, denn das Reine im 
Körper entrinnt seiner geschlossenen Bahn in einer natür- 
lichen Bewegung, die von Westen nach Oslen gerichtet 
ist, das, sage ich, ist die Regel." 

In der Tat schien Perdikkas von diesem Augenblick 
an befreit von seinen inneren Konflikten. Er folgte Hippo- 
krates, der ihm aufgab, im Interesse seiner Gesundung 
den Regungen des Instinkts nachzugeben uind nicht die 
Natiu* zu bekämpfen, wie er immer vorschrieb, wenn die 
Umstände es irgend erlaubten. Perdikkas eilte zu Phila 
und begriff bei ihrem Anblick, daß er in heftiger Liebe 
zu ihr erglühte. Er gestand es ihr, Phila vergoß Tränen. 
Und sie ließ ihn nicht lange bitten, da sie gewalir wurdet 



296 



daß Perdikkas' Leben davon abzuhängen drohte; so gaib 
sie zu, daß auch sie ihn hebe. Sie fühlte ihre Jugend zur 
Neige gehen. Bald würde ihre ZärtUchkeit vergebens sein. 
Das stimmte sie schweigsam und traurig. Aber noch 
blühten ihr einige glückliche Jahre. Das Fieber, das Per- 
dikkas zermürbte, wich. Er überhäufte Hippokrates mit 
Ehren und lud ihn ein, an seinem Hofe zu leben, solange 
er daran Gefallen fand. Hippokrates indessen ging nach 
vollendeter Heilung im Herbst 427 wieder nach Athen, wo 
er sich lange aufhalten sollte. 



« - *• 



> 



S/GM. FREUD 

GESAMMEILTE SCHKIETEN 

11 Bände in Lexikonformat 

ÜDler Mitwirkung des Verfassers, berausgegeben 
von Anna Freud und A. ]. S t o r f e r 

In Ganzleinen M220,—, Halbleder M 280.— 



Hermann Hesse in der „Neuen Rundsdiau": 

Eine groBe, sAöne Gesamtausgabe, ein würdiges und verdienstvolles Werk wird 
da unter Dadi gebradit. Es sei diese Ausgabe des Gesamtwerkes herzlidi begrüßt. 

i. 

Prof. Raymund Sdimidt in den „Annalen der Philosophie": 

DruA und Ausstattung sind geradezu aufregend sAÖn. 

Dr. Max Marcuse in der „Zeitschrift für Sexualwissensdiaft" : 

V Nur mit tiefer Bewegung wird man sidi klar, dafl es hier galt das Lebenswerk, 

Freucia, das fortan nidit nur der Gesdiidite der Medizin, sondern sdiledithin der 
Wissenscbaftsgesdiidite angebört. abzusdiüeßen und in der endgülügen Fassung 
der Nadiwelt zu vermacben. ^ _ ^^^ 

Prof. Isserlin im „Zentralblatt für die gesamte Neurologie und 
Psydiiatrie** : 

■ Es ist ein ungewöbulidier und auBerordentUdier Eindruck, den man erhält . . . 
Die Aus!>tattung der Bände ist vorzügUch. ^ 



Verlangen Sie ausführliche Prospekte von: 
/nfernaiiona/er PsychoanalytischeT Verlag 

Wien, L, Börsegasse 11 



SIGM. FKEUD 
EUE FOLGE DER 

V O R IL IE S ü hl G IE hl 

zm EiNFümvNG m die 

PS YC H OANAILYS E 

In Leinen gebunden ca. M 7. — 
erschein/ Ende Nooember t932 



Ein neues Werk Sigm. Freuds, das 
seine grundlegende Arbeit, die in 
den Jahren 1916 und 1917 zuerst 
ersdiieneneu „ Vorlesungen" fort- 
setzt und ausbaut. '^ *■'■'- 



INHALT 

Vorwort. 

XXIX. Revision der Traamlehro. 
XXX. Traam and OkkuUismas. 

XXXI. Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit. 
XXXII. Angst und Triehleben. 

XXXIII. Die Weiblichkeit. 

XXXIV. Aufklärungen, Anwendungen, Orientierungen. 

XXXV. Über eine Weltanschauung. 



\ 



"Tl 



SIGM. FREVD 

VOKLESÜMGEN 



EMFÜHRUNG BN DHE PSYCHOANALYSE 



Ausgabe in Klein-Oktav 
In Ganzleinen M 9. — 



Diese 28 Vorlesungen, die Freud an der Universität 
Wien vor einer aus Ärzten und Laien und aus bei- 
den Gesdileditern gemisditen Zuhörerschaft gehalten 
hatte, sind die klassische Gesamtdarstellung der 
psydioanalytischen Theorie imd Praxis. 

Der I. Teil behandelt die Fehlleistungen, 
der n. den Traum, der 111. die Allgemeine 

Neurosenlehre. 

Auf der Dresdner Papier-Ausstellung veranstaltete 
die Sächsische Landesbibliothek unter dem Titel 
„Berühmte Bücher" eine Sonderschau der in den letz- 
ten 5 Jahren am meisten verlangten 19 Bücher. An 
2. Stelle werden Freuds „Vorlesungen" genannt. 

* 

Freud hat in diesem BuA eine Lehre, eine klassische Formulierung gegeben, die 
zudem aUe. auA später ersi stärker herirorgetrelenen Gedankengänge enthalt ■ • • ^^ 
den Anfänger völlig unenlbehrlidi. ist es audi für den Fortgesdirirtenen immer noA 
der systeraalisdie Grundriß, aus dem heraus die zahllosen Einzelarbeiten zu verstehen 
gj^j « (Lit Jakresberidä des Dürerbundes) 

Ein klassisdies Werk moderner deutscher Prosa, eine kÖstlidie Frudit der 
MpUtersdiaft Er läßt kein Register seiner Darstcllungsgabe unbenutzt, er geudet mit 
toem Glanz.* . . . Sein Vortrag ist gesättigt und dod. voll Ämnut. ernst und doA froh. 
SSerladeD mit Stoff und d.-nnodi fedcrleictt. Er ist ganz und gar sadliA gebunden 
und zugleidi überwältigend persönüch. er kommt mit dem Daumen m der Westen- 
tasche daher und ist ganz Autorität. : - . . , -^ ,. 

Es cibt da Parüen. wo dieser Stil, ohne seine sparsame SchliAtheit zu yerheren. 
leise Von seinem Melos tranken weiterfliefit. wie aus Glück darüber, daß er das ^ J^^rs ^ 
in vollendeter Klarheit zu sagen weiß. ... Ein großer Diditer konn.e dies ge^dineben 
haben. Aber es stammt von einem Verfechter der reinen Vernunft, dem im Adel dieser 
Sprache, im Kontur dieser rein gestalteten Materie der endgültige Ausdruck semer Ver- 
bundenheit mit der Mitwelt zugefallen ist." (Walter Musdig) 



*-■- 



S // G ML F RE V D 



SCPffilFTEN ZUR 

NEÜROSENLEHRE 

UND ZUR PSYCHOANA- 
LYTISCHEN TECHNIK 

Ausgabe in Kiein-Oktav 
In Ganzleinen Mark 9.~- 

INHALT: 

Die Disposition zur Zwangsnenrose 
Zwei Kinderlügea 

Eine Beziehime zwischen einem Symbol 
and einem Symptom 

Mitteilung eines der psydioanaly tischen 
Theorie widersprechenden Falles von 
Paranoia 

Aus der Gesdiichle einer infaQtilen Neurose 

Gedankenassoziation eines vjerjähriffen 
Kindes 

Über einige neurotische Methanismen bei 
tifersudif, Paranoia und Homosexualität 
Neurose und Psychose 
Der Untergang des Ödipuskomplexes 

Der Realitäfsverlusl bei Neurose und 
rsydiose 

Hemmung, Sympton und Angsi 
Der Familienroman des Neurotikera 
Kurze Mitteilungen - Zur Selbstmorddis- 
kussion - Einleitungen und Geleitworte 

Die Handhabung der Traumdeutung in 
der Psychoanalyse 

Zur Dynamik der Übertragung 
Ratschläge für den Arzt bei der psy<io- 
analytischen Behandlung >"J"^" 

tlber fausse recoonaissance („d^ja raconl6"l 
wahrend der paychoanalytiscfaen Arbeit 
Zur Einleitung der Behandlang 
Erinnern, Wiederholen und Durdiarbeiten 
Bemerkungen über die Übertragungsliebe 
Wege der psychoanalytischen Therapie 
Zur Vorgesdiichte der analytischen Technik 



KLEINE SCHRIFTEN ZUR 

SEXUALTHEORIE 

UND ZUR 

TRAUMLEHkE 

In Ganzleinen Mark 9. — 

INHALT: 

Zur sexuellen Aufklärung der Kinder 

Die „kulturelle" Scxualmoral und die 

moderne Nervosität 
Über infantile Sexualtheorien 
Charakter und Analerotik 

ßeiträee zur Psychologie des Liebesleben» : 
1) über einen besondfren Typus der 
Objektwahi beim Manne - II) über die 
allgemeiusie hrnicürigunp des Liebes- 
lebens ~ 111) Das Tabu der Virf;initat 

tlberTriebumseizungen, insbesondere der 
Analerotik 

„Ein Kind wird geschlagen" 

über die Psydiogenese eines Falles von 
weiblicher Homosexualität -^^ 

Die infantile Genila lorganisation 

Das ökonomische Problem des Mitsodiismus 

Einige psychi^the Folgen des anatomischen 

Gesell lethtsunterschiedes 
Fetisdiismus 
Zur Onanie-Diskussion 

Geleitworte zu Bllchem von M. Steiner, 
F. S. Krauss und J. G. ßourke 



über den Traum 

Märthenstoffe in Träumen 

Ein Traum als Beweismittel 

Traum und Telepathie 

Bemerkungen zur Theorie und Praxis der 
Traumdeutung 

Die silrliche Verantwortung für den Inhalt 
der Träume 

Die Grenzen der Deutbarkeit 



■ t 



. •- 



SIGMUND FREUD 

VIER 
PSYCHOANALYTISCHE 

KRAMKENGESCHICHTEN 

Mit der Abbildung der Freud-Büsie 
Don O. Nemon auf dem Sdiuizumsdüag 

In Ganzleinen Mark 9.— 



Inhalt: Bnidisfüdt einer Hysierie- Analyse 
(„Dora") — Analyse der Phobie fines fünf- 
jährigen Knaben („Der kleine Hans") — Be- 
merkungen Über einen Fall von Zwangsneurose 
( Rattenmann-) - Psych oaoalylisdie Bemer- 
kungen über einen autobiographisch be- 
sdiriebentn Fall von Paranoia („Schreber") 



* Es berührt midi selbst eigentümlidi, daß die Kranken- 
lesdiiditen, die idi sdireibe. wie Novellen ^u lesen sind 
und daß sie sozusagen des ernsten Gepräges der Wissen- 
sdiaftUMeH entbehren. Idi muß aber midi damit trösten, 
daß ßr dies Ergebnis die Natur des Gegenstandes offen- 
bar eher verantmortlidi zu madien ist als meine Vor- 
liebe . . . Eine eingehende Darstdlung der seehsdien 
Vorgänge, wie man sie vom Didiier zu erhalten gewohnt 
ist, gestattet mir, dodi eine Art von Einsidit in den 
Hergang des Leidens zu gewinnen. Soldie Kranken- 
gesdiiditen haben vor psydiiatnsdien eines voraus, näm- 
lidi die innige Beziehung zwisdien Leidensgesdiidite und 
Krankheifssymptom ..." 

1 



S // G M. FREU D 



ÜR PSYCHO^ 
PATHOLOGIE 
DES ALLTAGS^ 
LEBENS 

Ausgabe in Klein-Oktav 
In Ganzleinen M 9. — 

Sie ist diejenige Arbeit Freuds, die am 
besten in die Grundprinzipien der Psydio- 
aoalyse einfülirt, und die einzige, die von 
jedem der ein wenig auf das VertiaKen 
seiner Mitmenschen und sein eigenes aiif- 
merJcsam ist. ohne weiteres nadiKeprUfl 
werden Itann. 



(Prof. Bleuler In der 
nodtenschrifi"} 



,Münc/mer Med. 



V '■ 'i , "i^isdiliche Seele war srfion vor 
Jahrhunderlen, da sie von den Psycholoeen 
und den Ärzten verstoßen war. auf eine 
groKe Wandersdiafl gegangen. Sie war zu 
den Didiieru geüohen und audi zu den 
narrern. Die waren retht lieblidi mit ihr 
rnnsegangon. D«r Pfarrer hal sie an das 
Oebi'tbudi gefuhrt. Der Diditcr reidile ihr 
den Arm und ging mit ihr im Grünen 
spazieren. Freud ließ sie in sein Snreti- 
zimmer eintreten, madife die Tür hinter 
Ihr zu und sagte: Legen Sie ab, gnädigste 
iTau; ja, bitte: ziehen die sidi aus. 

(Alfred Dublin) 

In anmutender Sprache erfährt der Leser 
weldi w.nderUAe Idecnverbindungeu und 
&Men r^° im Denken und Vorstellen 
des Mensdien wirksam sind. 

(„Frankfurier Zeitung") 

Wahre Blitze in der Erhellung der Keheim- 
msvollen Motive, die im Dunkel Sr^s 
Seelenlebens so überaus wirksam sind. 

(„Tägliche Rundschau") 

Alle unsere Ansdiauungen werden durdi 
die Eutdedcung der Psydioanalyse von 
Grund aus geändert. 

(B. G. iVelh) , 



JHEOIRETIISCHE 
SCH R S FT E M 



Ausgabe in Klein-Okiao ♦( 

In Ganzleinen M 9,— ! 



IN HA LT: 

Formulierungen über die zwei Prinzipieo 

des paydiisrfien Gesdiehens 

Einige Bemerkungen über den Begriff des 
Unbewuflten in der Psydioanalyse 

Zur Einfühnmg des NarziUmus 

Triebe und Triebsdiidtsale 

Die Verdrängung 

Das UnbewuÜte 

Mefapsydiologisdie Ergänzung zur Traum- 
Ichre 

Trauer und Metandiolte 

Jenseits des Lustprinzips 

Massenpsydiologie und Idi- Analyse 

Le Bons Sdiilderung der Massenaeele — 
Andere Würdigungen des kollektiven 
Seelenlebens — Suggestion und Libido 
— Zwei künstlidie Massen: Kirdie und 
Heer — Weitere Aufgaben und Arbeits- 
ridilungen — Die Identifizierung — 
Verliebtheit und Hypnose — Der Her^ 
deotrieb — Die Masse und die Urhorde 
~ Eine Stufe im Idi 

Das Idi und das Es 

Notiz über den „ Wundeiblodt" 

Die Verneinung 




■ ^ 



S // G M. F K E V B 



DIE ZUKUNFT DAS UNBEHAGEN 
EINER KLUSHON 

In Ganzleinen M 3.60 

. Bpaonend und zu tiefer Selbstbesin- 
nung anregend. 

{Naiionalzeitung Basel) 



Es wird nidit leidit sein, audi nidit für 
den religiösen Menschen, an diesem letzten 
Willen eines groBen Mannes aditungslos 
vorüberzugehen. 

(Der Tag, Wien] 



. interessant gleidierweise für Gegner 
und Zustimmende. 

(Münchner Medizimsdie Wodiensdtriß) 



. . . hat, wie fast alles, was Freud sdiricfa, 
eine lebhafte, gewiß nidit unergiebige 
DiskusBiou gezeitigt. 

(Berliner Tageblatt} 



Es wäre allzu bequem und verhängnis- 
voll, wenn die christliche Apologetik 
glaubte, solche scharis ionigen Darlegungen 
als .Teufelswerk' abtun zu können xind 
zu dürfen, 

(aLUeraT, Jahresber. d. Dürerbundes") 
20 Almanach 1933 



IN DER KULTUR 

In Ganzleinen M 5. — 

Stefan Zweig 
im Berliner Tageblatt: 

„. . . überreich an Anregimgen, gedrängt 
voll mit Deukstoff, merkwürdig in vielen 
Einzelheiten, erweist abermals dieses 
Werk, einen wie ernsten und weiträumi- 
gen Denker wir gleichzeitig mit dem 
genialen Forscher in Sigmund Freud zu 
bewundern haben, und wie sehr diejeni- 
gen ihrer selber spotten, die seine Leistung 
als Psychologe noch immer auf das eiu- 
spm-ige Sexualgeleise abschieben wollen, 
indes seine Wirkung ständig ihre Grenzen 
erweitert und auf allen Gebieten geistiger 
Produktivität schöpferisch anregend zutage 
tritt" 



„Ein begnadeter Schriftsteller, mit allen 
Gaben sprachlidier Meisterschaft und einer 
übet zeugenden Logik. Immer folgt man 
seinen Gedankengiäiigen mit größter An- 
spannung und ist bis zur letzten Seite ge- 
padct von der Souveränität dieses Denkens 
dieser Persönlidikeit." 
{Rudolf Kayser in der Neuen Rundschau) 



„Sigmund Freud, der zu Österreichs Ruhm 
im Ausland mehr beigetragen hat, als alle 
unsere Schlachten und Heldentaten, hat uns 
im achten Jahrzehnt seines Leben sein Buch 
der Altersweislieif gcsdienkt, dns keiner, 
der seiner ganz inne wird, ohne Sciiwermut 
und Dankbarkeit lesen wird." 

(Max Ermers im Wiener Tag) 



DIE ZEIITSCHRIIFTEN 

^jiiimuiimuiiimiimiiiiiiiiimimiiiminiimiiiiiiimiiiuiiiuiiiiiiiiiiimiiimiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiMim 



s 



FÜR PSYCHOANALYSE ' | 

Offizielles Organ der ■ g 

Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung | 

Herausgegeben von S 

Sigm. Freud j 

Redigiert von Paul Federn und Heinz Hartmaun = 

Jährlich 4 Hefte Lexikonoklav im Gesamtumfang | ) 

von etwa 600 beitcn, Abonnement jährlich M 28-— 1 

I Im Januar 19:^3 beginnt der XIX. Jahrgang | 

iHiHiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiHiiiiiiHniiiiiiiiiiiiiiiiiMiiitiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiuii iiiiiitiiitiiiiiiiiiiniirB , 

i 

^niiiuiiiiiiiiiiiiimiumnniiiimiiiiiiiimimiiiniimiiiiiiiiiiimimiiiiiiiiiniitiiiiinimniiiiiH^^ f 

I ZEITSCHRIFT FÜR | i 

I PSVCHOAMJLVnSCHiE PÄDAGOGIK t \ 

£ = 

I Herausgegeben von 1 

I August Aidihorn, Paul Federn, | 

I Anna Freud, Heinrich Meng, EinstSdineider, | 

I Hans Zulliger | 

1 Redigiert von PaulFedern j 

I 12 Hefte jährlich im Gesamtumfang von etwa = 

j 500 Seiten. Abonnement M lO— ^ | 

I ; ^ Im Januar 1933 beginnt der VIL Jahrgang | 

iiiiiiiiiiiiiifiiiiimimiiiiiiiimiimiiiii im i iiiiimmimim ii mn tiiiiiiiMiiiiHiiiiiiiimiiiiii i imiH 



DER PSVCHOANAILYSE 

MjniiimiiiniiiiUMiiiiiiiiNiiiuimiimiiimmiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiimiiiriiimmiiiiiiimiimiMmiiNin 

I IMAGO I 

I Zeitsdirift für psychoanalytisdie Psydiologie, ihre | 

I Grenzgebiete und Anwendungen | 

S Herausgegeben von S 



S 






■7 



Redigiert von Robert Wälder und Ernst Kris i 

1 '" - i 

I Jährlidi 4 Hefte Lexikouoktav im Gesamtumfang von | 

§ etwa 560 Seiten. Abonnement jährlidi M 22.— j 

j Im Januar 1933 beginnt der XIX. Jahrgang | 

iiiiiiiimmiuiiniiiiuituiiiiiiiiiimiuimiintiiiiiiiiimiitiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiim 
^miimiiiiiimniiiiimiimiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiMiiimmiiitnniiiiiiiiMiiiiimiimiiiiiimim 

|. PSYCHOANALYTISCHE | 

" ■ ■ BEWEGUNG I 

Ersdieint zweimonatlidi — Redigiert von | 

frfwarJ tt^scAmaera | 

Jährlidi 6 Hefte im Gesamtumfang von über 600 Seiten. ^ | 

Abonnement jährlidi M 10*— . s 

Im Januar 1933 beginnt der V. Jahrgang | 



wiiiMiiiiiiiiiimiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiuiHuiiiiiMiiMtimiiiiiiiiimiiiiiimiiiiinimiiniimim^ 

20* 



NeuersdieinuDg 

THEODOR REIK 

DER — ' 

ÜMBEKANNTIE MÖRDER 

. VON DER TAT ZVM TÄTER 



Geheftet M 5.50 
In Leinen M 7. — 



Lifolge seiner Problemstellung, seiner 
„spannend" zu nennenden Darstellung 
und, nidit zuletzt, infolge der sdiwer- 
wiegenden Ergehnisse, zu denen die 
Untersudmnggelang-t, darf dieses psyc^o- 
analytisdie Werk eines der interessan- 
testen Büdier genannt werden, die je 
über Dinge der Kriminalität gesdirieben 
wurden. Rein stofflidi sdioii bietet es 
eme in kürzeste Form gepreßte Samm- 
linig sdiwieriger Kriminalfälle, darüber 
hinaus aber gewäkrt es tiefste Einblidte 
iji das Wesen der Kriminalität über- 
haupt. Es zeigt die Ps-ydioanalyse im 
Vordringen auf unentdedites Neuland 
und birgt alle Reize einer soldien Ent- 
dedcungsfahrt in sidi. 



i< 



Neuers ch einung 



MELANIE KLEIN 

DIE PSVCHOANALVSE 

DES KINDES 



Geheftet M 10. 
In Leinen M 12. 



An einer Fülle eindringlidier Beispiele 
legt Frau Klein hier die von ihr aus- 
gearbeitete Technik der Kinderanalyse 
dar und füg;t daran in einem zweiten 
Teil die neuen Einblicke, die sie in 
die Psydiologie der frühen Kindheit 
gewonnen hat. 

INHALT 

I. Teil. Die Technik der Kinderanalyse: 
Die psychologischen Grundlagen der Kinderaua- 
lyse. — Die Technik der Frühanalyse. — Die 
Zwangsneurose eines sechsjährigen Mädchens. 
— Die Technik der Analyse im Latenzalter. — 
Die Technik der Analyse im Pubertätsaltor. — 
Die Neurose des Kindes. — Die Sexualbetätignng 
des Kindes. 

n. Teil. Frühe Angstsituationen und 
ihre Auswirkung auf die_ Gesamtent- 
wicklunif: Frühstadien des Ödipuskonfliktes 
und der Uber-Ich-Bildnng. — Die Beziehung 
zwischen der Zwangsneurose und den Frühstadien 
der Über-Ich-Bildung. — Die Bedeutung früher 
Angst« ituationen für die Ichentwicklung. — Die 
Auswirkungen früher Angstsitnationen auf die 
weibliche Sexualentwicklung. — Die Auswirkungen 
früher Angstsituationen auf die männliche Sexual- 
entwicklung. 

Anhang: Grenzen und Möglichkeiten der Kinder- 
analyse. — Literaturverzeichnis. — Autoren- 
register. — Sachregister. 



VERHANGMIIS ÜBER 

BAUDELAIRE 

In Leinen etwa M 6. — 

. „Ein Budi, das bisherige Meinungen von 
Grund aus umstößt und sich Zug um Zug 
an die erste Stelle vorarbeitet. Idi kami 
die Lektüre den Verehrern Baudelaires, 
die nachgerade unzälilbar geworden gind, 
nicht warm genug empfehlen." (Leon 
Daudet im „Caudide",) 
Erscheint Ende November 1932 



LIBIDO, 

ANGST UND ZIVILISATION 

GeheftetM L80 




Dasselbe Gesetz beherrscht das Ich und 
die Zivilisation, das ist der Leitgedanke 
dieser Broschüre, die sidi um den Nach- 
weis bemüht, dai3 innere Gesetze, die aus 
mehr oder minder unbewußten Trieben 
der Angst, der Libido, abzuleiten sind, 
den einzelnen wie die soziale Organisation 
aufbauen und zerstören. 



IE D G AR P O IE 



Eme psydio<aniaByfisdie Studie 



von 



MARIE BON APARTE 

4 Teile in drei Bänden ca. M 25.— 



Der erste Band, der die Biographie des Diditers enthält und vollständig in sich abge- 
sdilossen ist, wird audi gesondert für ca. M 8.~, in Leinen gebunden, abgegeben. 

Der zweite und der dritte Teil behaadela vom Standpankt der Analyse aus die 

Werke, der vierte uutorsucht das Wesen der literarischen Schöpfung und die soziale 

Bedeutung dieser Leistung (Poes Botschaft an die Menschen). 



INHALTSVERZEICHNIS 
I. TEIL: Leben und Dichtung 

Edgars Eltern / Dar Tod der Mutter / Die Adoptiveltern / Die erste 
„Erziehung" Edgars / Edgar in Großbritannien / Die erste Helen / 
Der Besuch Lafayettes und die Erbschaft William Galta / Elmira / 
Auf der Universität von Virginicn / Brach mit John Allan / Bei der 
Armee / Nach dam Tode der Frances Allan / In West Point. Die 
Morgenröte der großen Dichtungen / In Baltimore bei Frau Clomm. 
Die ersten Erzählungen / In Richmond. Der Kritiker des ^Southern 
Literary Messenger". Die Heirat mit Virginia / In New York und 
Philadelphia. Der Redakteur von Burton's Gentleman'a Magazine. 
Grotesken und Arabesken / In Philadelphia. Der Redakteur von 
Graham's Magazine. Virginiens geängstigter Gatte / In New York. 
„Der Rabe" und der Ruhm / In Fordham vor dem Tod der Virginia. 
„Annahel Lee". In Fordham nach dem Tode der Virginia. „Ulalume" 
und „Heureka** / Providence und Lowell. Helen und Annie / Phila- 
delphia. Richmond und Baltimore. Die letzten Fluchtversuche. 

II. TEIL: Die Gesdiiditen Illustration seines Lebens. Der 
Zyklus Mutter 

1. Der Zyklus der tot-lebenden Mutter 
3. Der Zyklus der Mutter-Landschaft 

3. Eine Impotenzgeschichte: Der verlorene Atem 

4. Der Zyklus der ermordeten Mutter 

III. TEIL: Die Gesdiiditen Illustration seines Lebens. Der 
Zyklus Vater . - 

1. Auflehnung gegen den Vater 

2. Eine Geschichte vom Gewissen: William Wilson 

3. Der Zyklus der Passivität gegenüber dem Vater 

,IV. TEIL: Poe und die mensdilidie Seele 

Über die Arbeit am literarischen Kunstwerk und; über die Funktioa 
der Dichtung / Foea Botschaft an die Menschea 



SONDERHEFTE DER ZEITSCHRIFT 



Onanie (II. Jg., Heft 2—3) M 2.50 

Aus dem Inhalt: Meng; Das Problem dsr Onanie von Kant 
bis Freud — Chadwick: Die allgemeine Verschwörung: zur 
Verleugnung — Landauer: Die Formen der Selbstbefriedigung 
— Zulliger; Schule und Onanie — Sc h n e id er: Die Ab- 
wehr der Selbslbefriedigung. 

Strafen (V. Jg.. Heft 8—9) M 2.— 

Aus dem Inhalt: Aichhorn: Lohn oder Strafe als Erziehungs- 
mittel — Bernfeld: Über die allgemeinHte Wirkung der 
Strafe — Böhm: Strafeais Triebbefriediguiig — Yat es: Lehrer, 
Schaldisziplin, Strafen, usw. 

Stottern (ü., Jg., Heft 11—12) M 2.— 

Aus dem Inhalt: Schneider: Über den Sinn des Stottern — 
Grab er: Redehemniung und Analerotik — Goriat: Die Ver- 
hütung des Stütterns — usw. 

Nadctheit (IJL, Jg., Heft 2— 3) M 2.— 

Aas dem Inhalt: Reich: Wohin führt dio Nackterziehung? — 

Sie r ba: Nacktheit und Scliam — Pi p al: Schaulust — 

Zulliger: „Nackte" Tatsächlichkeiten — usw. 

Selbstmord (III. Jg., Heft 11—13) M 3.- 

Adb dem Inhalt: Meng: Gespräch mit einer Mutter— Kali- 
scher: Seibstmoid eines Zwangsdiebes — Federn: Selbst- 
mordpropiiylaxe in der Analyse — Lorand: Der Selbstmord 
der Miß X — Leuthold; Eine Schülerin denkt an Selbst- 
mord — usw. 

Menstruation (V. Jg., Heft 5—6) M 2.— 

Aus dem Inhalt: Horney: Die prämenstruellen Verstimmun- 
gen — Meng: Paberlät und Puhertätsaufkiärung — Landauer: 
Menstruationscrlebnis der Knaben — Schmideberg: Psycho- 
analvtisches zur Menstruation — Chadwick: Menstruations- 

angst — usw. 

Sexuelle Aufklärung (I. Jg., Heft 7—9) ; M 2.50 

Aus dem Inhalt: Bernfeld: Über sexuelle Aufklärung — 

Schneider: Sexualforschung des Kindes — M eng: Sexuelles 

Wissen und sexuelle Aufklärung — Wolffheim; Vom Gesetz 

der Generationen — usw. 



FÜR PSYCHOANALYTISCHE PÄDAGOGIK 




Aas dem Inhalt: Wälder: Die psychoanalytische Theorie des 
Spielos — S e a r 1 : Spiel. Realität und Aggression — B n r 1 1 n g- 
h am; Ein Kind beim Spiel — Roubiczek; Die wichtigsten 

Theorien des Spieles. 

EinführunK in die psvchoanalytisdieLibidolehre. Von R.Sterba 
(V. Jg.. Heft 2-3) M 2.- 

Inhalt: I. Triebiehre — H. Sexnaltheorie, A) Entwicklungs- 
geschichte der kindlichen Sexualität, B) Der Narzißmus — 
Ili. Triebschicksale — IV. Wiederholungszwang und Todestneb. 

Die Sexualität des Kindes. Von Marie Bonaparte 

(V. Jg., Heft 10) M 1.— 

Inhalt: Die Verbreitung der Neurosen — Die infantile Sexualität 
und ihre Verdrängung ~ Die Sexualität der Erwachsenen und 
ihre Schädigungen — Einijje Vorschläge zu einer Reform der 

Erziehung. 

nie Psvchoanalyse des Kinderzimmers. Von Alice Balint 

(IV. Jg.. Heft 2-5) M 2.— 

Inhalt: Das Kinderzimmer und die Erwachsenen — Die Erziehung 

der Triebe — Der Ödipuskomplex — Der Kastrationskomplex — 

Die Identifizierung -— Die Eroberung der Außenwelt — Das 

Kind und seine Erzieher — Die Befreiung des Kindes. 

Aus der Kindheit eines Proletarieniiäddiens 

(TU. Jg., Heft 5—6) M 2.— 

Aufzeichnungen einer neunzehnjährigen Selbstmörderin über ihre 

ersten zehn Lebensjahre. 

li Intel lektuelle Hemmungen (IV Jg., Heft 11—12) M 2.— 

Aus dem Inhalt: Federn: Psychoanalytische Auffassung der 
intellektuell cn Hemmung — Hermann: Begabtheit und Un- 
begabtheit— Zulliger: Versager in der Schule — Bornstein: 
Sexual- uid IntcUekthemmung — Schmideberg: Hemmung * 
und Aggression — Stern: Episodische Dnmmheiten einer 

Sechzehnjährigen usw. 

Psydioanalytisdie Heüpädagogik im Kindergarten. Von Herta 
Fuchs (VI. Jg., Heft 9) ^ ^-^ 

Inhalt: Organisation der Sondergruppe - Kiudertypen -Schlimm- 
heit und ihre Deutung - Tnebemehung - ^^J'^'i^t^^^^t'^^^'d 
garten - Drei neurotische Kleinkinder - Angst, Wut und 

Schlimmheit. 



ANMA FREUD 

EIINFÜHRVNG 

IM DIE TECHMIK DER 

KINDERANALVSE 

2. vermehrte Auflage. Geh. M 2.70, in Leinen M 4.— 



Aufsdilußreidi, besonders audi durch die ungesdimmkte 
Darstellung der ungelösten Sdiwierigkeiten . . . Undogmaüsdie 
Haltung. .. _ (Die Neue Erziehung) 



Der besondere Wert der Überlegungen Anna Freuds dürfte 
audi darin gesehen werden, daß Bresdie geschlagen ist in die 
Starrheit des Systems aus Gründen, die. riditig gewürdigt, von 
Analytikern wie von Niditanalytikern nidit melir übergangen 
werden können. (Zmtralblait f. d. gas. Neur. u. Psychiatrie) 

Das kleine Budi stützt sidi auf zehn offenbar redit sorgsam 
durdigearbeitete Fälle und illustriert die Hauptf^e danken durdi 
zahlreidie Beispiele. ^ (Zeitsdirift für Kinderforsdiung) 

Nidit nur in jener vorsiditigen, der Wirklichkeit Rechnung 
tragenden Formulierung verrät uns Anna Freud, wes Geistes 
Kind sie ist. ^yVeue Freie Presse) 



•f 



Die Ausführungen sind sehr klar und instruktiv; sie erinnern 
in ihrer Art an die Schriften Sigmund Freuds, des Vaters der 
Verfasserin. (Frankfurter Zeitung) 



LOÜ ANDREAS SAlOAM/£ 

f MEIN DANK AN IFREVD 

Offener Brief an Prof. Sigmund Freud 

Kartoniert M 5.20 in Ganzleinen M 5.- 



Große Worte, romantisdie Gefühle sind nie 
Sadie der Psychoanalyse gewesen — gilt 
dodi Freuds Werk der rationalen Meiste- 
rung des Irrationalsten, der menschlichen 
Triebwelt. Hier aber — in (diesem Be- 
kenntnis einer auserwählten Frau zu 
i,dem sdiönsten der menschlichen Beruie" 
— sinkt die Schranke zwisdien Erkennt- 
nis und Erlebnis. Und es ersteht, aus ver- 
trauten Zwiespradien, aus innerstem Ver- 
stehen, aus reichster Erfahrung, in der 
Spiegelung einer leidenschaftlichen Seele, 
was Freuds Persönlichkeit und Lehre dem 
Menschen zu geben vermag. 

Man hat der Analyse nachgesagt, daß sie 
zerstöre. Werte zersetze — in diesem 
Buche wird man erschüttert gewahr, daß 
sie ein großes Herz ganz zu entflammen 
und zu erfüllen wußte. 



HANNS SACHS 

BUBI CA IL I C, V IL A 

Mit Bildbeilagen und einem nierfurbigen Sdiuiz- 
umsdUag oon K K. Maenner 



PRESSESTIMMEN: 



„Glänzend «riterbauicr AuIriU eines wirren und 

verwirrenden Lebens" /»-.., „ wk-i 

f„ Denhaw Republik") 

„Seine Darstellung ist von einer iieißeji und 
doch sdion belierrsdUen Uniniticlbaikeit." 

(„Luxemburger Zeitung*') 

„Idi wiif?fe nicht, was ich an dergleichen Schriften 
jemals mit gröfierer Freude un<l stiitidig be- 
reiter, ja ständig wadiscnder Spannung gelesen 
hätte als dieses Budi . . . liier lirfit der schöne 
Ausnuhmefall vor, wo sich das unaiifdringlidx 
vorgebradite psydiologisdie Wissen mit einer 
griindlidien Kenntnis des Gegenstandes auf 
meisterliche Art verbindet, die keinen Wunsch 
mehr offenläßi. Die römische Kaiser/eit mit 
jener Geistcsiialtnng des llerrsdiers, die man 
gemeinhin als „Cäsarenwahn" bezeichnet, wird 
hödist lebendig verdeutlicht . . . Der Beridit 
besitzt audi dort, wo er hödist Unanjicnehmcs 
vorzubringen liat, einen liebenswürdigen und 
trotzdem keineswegs leidil fort igen Humor." 

(„ Mannheimer Tügblatt") 

„Die geniale Theorie meistert das Caligula- 
Problem vollkommen." / t j t- «i 



In Ganzleinen 
Mark 2.85 



: 



Wenn ich jeweilcn gefragt werde, wie man sidi über das weite 
Gebiet der Psychoanalyse informieren könne, so pflege idi den 

Alninnadl zu enipfelden, B. C. in den Basler Nachrichten 

A IL M A N A C H D IE R 
PSVC IHI OANAILVSE 

IQ32 

Mit 4 Porträtbeilage 11 — In Ganzleinen RM 4. — 



Thomas Mann . 
Theodore Dreiser 
j^urt Tucholsky . 
Paul Federn . . 
F. Sdiottlaender 
Hanns Sachs - . 
Fritz Witteis . . 
Ludwig Jekels . 
Julius Epstein . 
Franz Alexander 
Maxim Steiner . 
Karl Landauer . 
Arthur KieUiolz 
Otto Fenidiel . . 

E. Hitsdimann . 

S. Ferenczi . . . 
Emil Lorenz . . 



Aus dem Inhalt: 

. Ritter zwisciien Tod xmd Teufel 

, Zum 6. Mai 1931 

. Elf Bände, die die Welt ersdiütterten 

. Der neurotische Stil 

. Zerstört die Psychoanalyse die Naivität? 

. Baudelaire, der Verfluchte 

, EdelnarzUimus 

. Zur Psydiologie des Mitleids 

. August Aichhorn 

. Ein besessener Autofahrer 

. Kasuistik der männlichen Impotenz 

. Das Menstruationserlebnis des Knaben 

. Giftmord und Vergiftungswahn 

. Über Exhibitionismus 
Hysterisdie Identifizierung 
Zwangsneurotische „Isolierung" 

. Vom Junggesellen, dem unbekannten 

Neurotiker 
. Kinderanalysen mit Erwadisenen 
. Hansel und Gretel 



A IL M A M A C IHI D IE R 



1931 

Stefan Zweig 

Bildnis Sigmund Freuds 

Fritz Witteis 

Der Antiphilosoph Freud 

Heinrich Meng _ , . . * • 

Goeihe und Freud 

Theodor Reik ' ' 

Zu Freuds KulturbelrachfuDg 

Paul Federn 

Die Wirklichkeit des Todesiriebs 
Vom NatioQfllgefüli! 

C. Müller-Braunsdiweig 

Psychoanalyse und WeKaosdiauiing 
Leo Sdiestow 

Aleiandep und Diogenes 
Erich Fromm 
, Der Staai als Erzieher 

\ Ernst Simmei 

\ Zur Gesdiichte des Berliner Psydio- 
jL^analyiischen Instiluts 

mlene Deutsch 

tin Fall von Kafzenphobie 

Der feminine Masothismus und seine 

Beziehung zur Frigidität 

Karl Landauer 

Eine «Dirne" 

K. Schjelderup 

Traume und Halluzinationen der 
Asketen 

Oskar Pfister 

Donjuanismus und Dirnentum 
Felix Boehm 

Der Wciblidikeitskomplei des Mannes 
F. Alexander 

Zur Genese des Kastrationskomplcxes 
Ren^ Laforgne 

über die Erotisierung der Angst 
Siegfried Bernfeld 

Ein OHÜglüdctes Tagebudi - 
Hans Kalischer 

Die Entwicklung eines Vagabunden 

In Leinen M4.— 



Sigmimd Freud 

Dostojewski und die Vatertötung 

Theodor Reik 

Freuds Studie über Dostojewski 

Friedrich Eckstein 

Das UnlerbrwuOle, die Vererbung und 
das Gedathmis im Lichte der matfae- 
matischen Wisseu>>ihaft 

Hanns Sachs 

Kunst und Persönlidikeit 

Albredit SdiacfTer 

Geschidile eines Traumes 

Ediths Stcrba 

Der .Sdiülersclbfi+mord iu AndrÄ Gides 
Koman „Der Falsdimüuzer" 

Andre Gide 

Der Selbstmord des Knaben Boris 



* * 



«Kinder können fiirdilbar schweigen. . " 
Aus drr Kindheit eines Frolctarier- 
mädchens 

Heinrich Meng 

Sexualpädagogik und Psychoanalyse 

Fritz Wiltels 

Kindweib die große Mode 

Karl Landauer 

Zur psychosexui'llen Genese der 
Dunniineil 

Ernest Jtincs 

Die englische »Sdiictlifhkeit" 

Jonn Riviere , 

Weiblichkeit als Mauke 

Theodor Reik " " ' " 

Ober den zynisdien Witz 

Franz Alexander und Hugo Staub 

Ein Fall von Klt'ptumanie auä Schuld- 
gt'fühl 

Wilhelm Reidi 

Die Dialektik im Seelischen 

In Leinen M 4. — 






I 



PSYCHOANALYSE 



Sigmund Freud 

Ein religiöses Erlebnis 

Tlieodor Rcik 

Bemerkungen zu Freuds „Zukunft 
einer Illusion" 

Siegfried Bemfeld 

Ist Psydioaualyse eine Weltanschauung? 

Oskar Pfister 

Psychoanalyse und Melhaphysik 

Der Sdirei nach lieben uud oie Psydio- 

analyse 

R. Wälder 

Die Psydioanalyse im Lebensgefühl 
S. Rad6 

Die Natiirforsdmng im Lidite der 
Psychoanalyse 

Ludwig Hopf 

Kxakte Naturwissensdiaft und Psydio- 
analyse 

W. Eliasberg 

über sozialen Zwang und abhängige 

Arbeit 

M. Wulff ^ , ^ n , 

Psythiatrisdi-neurologische Unter- 

BudiuDg von Chauffeuren 

S. Ferenczi , 

Gulliverphaniasien 
Anatole Trance als Analytiker 

Eduard Hitsdimann 

Zur Psythoiiimlyse der Misanthropen 
von Moli?;re 

Helene Deutsdi 

fiin Fiaueiisdüdcsal — George Sand 

Codet und Laforgue 

Der Salavin des Georges Duhamel 

Die Psychoanalyse in der französisdien 
Literatiu: 

ZuDi dichterisdien Ausdruck des 
Maturgefüld 
Fritz Witteis 

Radie und Riditer 

H. Piutü , , 

Identifizierune eines zehnjährigen 
Knaben mit der schwangeren Mutter 

O. Feniciiel 

Beispiele zur Traumdeutung 
Heiuricii Meng 

Das Problem der Onanie von Kant 
bis Freud 

In Leinen M 4, — 



Sigmund Freud 
Der Humor 
Fetischismus 

Lou Andreas-Salome 
Was daraus folgt. 



daß es nicht die 



Frau gewesen ist, die den Vater tot- 
geschlagen hat. 

Fritz Witteis 

Das Sakrament der Ehe 

Karen Homey 

Die monogame Forderung 

W. Reich 

Die Spaltung der Geschlechtlic4)keit und 
ihre Folgen für Ehe und Gesellschaft 

Theodor Reik 
Das Sdiweieeu 
Zweifel und Lohn in derDogmenbüdung 

B. Alexander 

Spinoza uud die Psychoanalyse 

E. V. Sydow 

Primitive Kunst und Sexualität 
Yrjö Kulovesi 

Der Raumfaktor in der Traumdeutung 
Ernest Jones 

Der Manlel als Symbol 
S. Ferenczi 

Über obszöne Worte 
Simiilagsnenrosen 
Analyse von Gleidinissen 

F. Boehrn 

Bemerkungen zu Balzacs Liebesleben 
Franz Alexander 

Ein Fall von masocfaistisdiem Trans- 
vestitisuma 

Siegfried Bernfeld 

Der Irrtum des Pestalozzi 
Oskar Pfister 

Der Schülerberater 

Anna Freud 

Die Einleitung der Kinderanalyse 

Karl Landauer 

Das ShrafvoUzugsgesetz 



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In Leinen M4.- 



ALMANACH DER PSYCHOANALYSE 



Loa Andrcas-Salomc 

Zinn 70. (Jcburlstag Sigmuad Freuds 

Prof. E. Bleuler 

Zum 70. Geburtstag Sigmuad Freuds 

Stefan Zweig 

Zum 70, Geburtstag Sigmund Freuds 

Alfred Döblin 

Zum 70. tJeburtsiag Sigmund Freuds 

Sigmund Freud 

Vergauglittkeit 

Zur l*sytiinli)gie des Gymnasiasten 

Psydioanalyse und Kurpfusdierei 

Oskar Pfistcr 

Die menst'htüJien Einipimgsbesfrebun- 
gen im Lidite der Fsyiiiüaiialysc 

M. D. Kder 

Kann das Unbewußte erzogen werden ? 

Tbeodor Reik 

Gedenkrede auf Karl Abrabain 

Karl Abraham 

Die Gesiiiidite eiues Hodistaplers 
Über Coues Heilfürmel 

I. Levine 

Psydioanalyse und Moral 
G. Wyneken 

Sisyphos öden Die Grenzen der 

Erziehung 

L. Binswanger 

Erf-dircn, Verstehen, Denken in der 
Psydjiianitlyse 

Erwin Kobn 

Das Liebesscbidcsal Lassallcs 
H* Gomperz 

äokraies und die Handwerksnieisler 

O.Rank 

Don Juan und Leporello 

E. V. Sydow 

Die WiedererwedtuDg der primitiven 
Kunst 

Ludwig Jekels 

Zur Psydiologie der Komödie 
Theodur Reik 

Zur Tedinik des Witzes 
Franz Alexander 

Zn Fereiiczis Genitaltheurie 
Karen Horney 

Fludit aus der Weiblidikeit 
Ernst Simmel 

Doktorspiel, Kranksein und Arzlberuf 
Geoi^ Groddeck 

Nidit wahr, zwei Damen . . . ? 

In Leinen M 4.— 



Sigmund Freud 

Die Widerstände gegen die Psydio- 
analyse 

Di(! „Aiisuflhnicn" 
Die okkulte Bedeutung des Traumes 

Thomas Mann 

Mein ViThiiltnis zur Psydioanalyse 

Hermann Hesse 

Künstler uud Psydioanalyse 
I^norniand 

Das Unlicwullle im Drama 
F. van Eeden 

rilier PsycJinnnalyse 
Hanns Sudis 

Gemeiiisniner Tagtrauin und DidiiuQg 

Carl .'5|)itlelt'r f 
Alfred Polgar ; 

Der 5fel('nsu(her 
Georg (irddileik 

wir idi Arzt wurde und wie idi zur 

Abneii^ung gegen das Wisscu gekom- 
men bin 
Theodor Heik 

l'sy<boaiialytisdie Slrafrecbtstheorie , 
A. Sfiirtke 

Geisteskrankheit und GcscUsdiaft 
Oskar Pflster 

Elternfebler in der Erziehung zur Se- 
xualität 
Vera Sdimidt 

Obs psydioanalytisdie Kinderlieim in 

Moskau 
August Aidihorn 

Die PsydioHualyse in der Fürsorge- 

erzieliiing 
Siegfried llernfekl 

liiirgcr Maediiavell ist Unierriditsmi- 

nislcr geworden 
Stefan Zweig 

Das 'laj^cbudi ejnea halbwUdisigen 

Mäddiens 

* » * 

Aus dem .Ta^ebud» eines halbwüdi- 

sigen Mäddiens' 
S. Fen'nezi 

liegattuiig und IJefnidilung 
Ernest Jones 

Kalte, Krankheit und Geburt 
Karl Abraham 

l';!>er C'liaraktcranalysc 
Olto Kank 

Drei Siiniden einer Analyse 
P. SdiiUler , . 

Sclbsibi-herrsdiung und Hypodiondne 
A. Kielhol/. 

Über trfmdciwahn 

In Leinen M 4. — 



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ALMA 
KACH 


Almanacn der 
Psycnoanaly^se 




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