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Full text of "Almanach der Psychoanalyse 1934"

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Wissen Sie, was Ingwer ist? 

Ingwer ist der Wurzefstodt der tropisdien Ingwer- 
staude, die in China, Japan, Jamaika und Brasilien 
heimisch ist. Ingwer enthält ein ätherisdies Öl von 
pndelnd aromatisdiem Gesdimadt, übt dadurch 
einen güdstigcn Einfluß auf die Magenschleimhaut 
aus und wirkt appetitsteigernd, verdaüungsfördernd 
undnervenberuhigendDieseköstlicheFrucht 
findet ideale Verarbeitung in unserer 

es3ct Ingwer-Schokolade 



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ALMANACH DER 
PSYCHOANALYSE 



1934 



1 AliLftitacb 1964 



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Almanach 

der 

Psychoanalyse 



1934 



r*. V 



Internationaler 

Psychoanalytischer Verlag 

Wien 



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Alle Rechte, 
icsbeeonäero das der Übersetzung, vorbehalten 



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Druck: Emil M. Kngel, Wien 1. In «er Döria 




INHALTSVERZEICHNIS 

Seite 

7 

Kalendarium • 

SIGM. FREUD ^ 

Zum Problem der Telepathie 

SIGM. FREUD ' 35 

Die psychischen Instanzen 

ERNEST JONES 59 

Have Dreams a Meaning? 

* MARIE BON AP ARTE ^j 

De la mort et des fleurs 

THEODOR REIK ^g 

Der Tod und die Liebe 

EDWARD GLOVER 35 

Psychologisches über Krieg und Pazifismus 

RENfi LAFORGUE - 

Masochismus und Selbstbestrafungstendenzen bei ^^ 

Charles Baudelaire 

WALTER MUSCHG jj7 

Dichtung als archaisches Erbe 

HEINRICH MENG .«a 

KranUheit. Schönheit und seelische Behandlung ... - 139 

♦EDUARD HITSCHMANN ^^^ 

Der narzißtische Gatte 



*VlKTOK TAUSK f j 

Zur Paychopalliologie des AUtagHlebens: ^ 

Ibsen, der Apotheker 161 

EDOARDO WKISS 

Das Über-Ich 167 

AUGUST AICHHORN 

KraiehuDgBboratung ]88 

, 1 

■-.■■■ -. ■ . ) 

AHIULDUNGEN j 

Dr. A. Ä. Brill n^^.^ Seite 64 

J. H. W. van Ophuijsen ^ • • . . nach Seite 32 

Prof. Dr. Hermann Nunberg . ^^^^^ g^.^^ ^^ 

Dr. Philipp Saraain ^^^^ g^.^^ ^^8 

Plakat zur Aufführung von Sophokles' „Koni« Oedimm" ^ 

in Tokio nach Seite * «uipus , 

186 



4 



K A L E N D A R ! r M FÜR DAS JAHR 

1934 



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Ostersonntag i. April 
Pfingstsonntag 20. Mai 



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Zum Problem der Telepathie 

Von Sigin. Freud 

Die folgenden Abschnitte sind der ^^Neuen Folge 
der Vorlesungen zur Einßihrung in die Psychoanalyse^ 
entnom/neUj einem fVerke, das in diesem Jahre im 
Internationalen Psychoanalytischen Verlag erschienen ist. 
Diese neue Folge schließt an die in den IVinter Semestern 
i<fldl6 und iffiSjlj gehaltenen klassischen „Vor- 
lesungen zur Einßihrung in die Psychoanalyse'" an, 
mit einer XXIX. Vorlesung beginnend, da jene mit der 
XXVIII. geschlossen hatten, und bringt, diesmal vor ge- 
dachter Zuhörer Schaf tj in sieben Vorlesungen die Fort- 
schritte der Psychoanalyse in den letzten eineinhalb 
Jahrzehnten zur Darstellung. Wir finden in diesem 
Werke die Theorien, die sich in dieser Zeit entwickelt 
hahen^ — die neue Trieblehre, die Ich-Psychologie, die 
umfassende Theorie der Angst, - - finden die neuen Er- 
kenntnisse über die seelische Entwicklung des weiblichen 
Kindes, ferner Ergänzungen zu vielen Teilgebieten, 
Modifikationen und Ausblicke auf Grenzgebiete. Die 
letzte Vorlesung ist der Auseinandersetzung mit den 
IV ehan schaumigen gewidmet. Die folgenden Abschnitte 
sind der zweiten Vorlesung des Bandes, der XXX. in 
Fortführung der alten Zählung, entnommen : sie ist 
„Traum und Okkultismus^ überschrieben. 



Meine Damen und Herren! Wir werden heute einen 
schmalen Weg gehen, aber der kann uns zu einer 
weiten Aussicht führen. 

Die Ankündigung, daß ich über die Beziehung des 
Traums zum Okkultismus sprechen werde, kann Sie 
kaum überraschen. Der Traum ist ja oft als die 
Pforte zur AVeit der Mystik betrachtet worden, gilt 
heute noch vielen selbst als ein okkultes Phänomen. 
Auch wir, die ihn zum Objekt wissenschaftlicher 
Untersuchung gemacht haben, bestreiten nicht, daß 
ihn ein oder mehrere Fäden mit jenen dunklen Din- 
gen verknüpfen. Mystik, Okkultismus, was ist mit 

9 



- 1^ 



diesen Namen gemeint? Erwarten Sie keinen Ver- 
such von mir, diese schlecht umgrenzten Gebiete 
mtrch Definitionen zu nmfas-sen. In einei- allgemeinen 
und mibestimmten Weise M^issen wir alle, woran wir 
dabei zn denken haben. Es ist eine Art von Jenseits 
oer hellen, von unerbittlichen Gesetzen beherrschten 
Weat, welche die Wissenschaft für ans aufgebaut hat. 
_ Oer Okkultismus behauptet die reale Existenz 
jener „Dmge zwischen Himmel und Erde, von denen 
unsere Schulweisheit sich nichts träumen läßt" Nun 
wir wollen nicht an der Engherzigkeit der Schule 
festhalten; wnr sind bereit zu glauben, was man uns 
glaubwürdig macht. 

Wir gedenken mit diesen Dingen zu verfahren wie 
mit allem anderen Material der Wissenschaft zu 
nächst festzustellen, ob solche Vorgänge wirklich 
naehweisbai- sind und dann, aber erst dann, wenn sich 
ihre Tafsächlichkeil nicht bezweifeln läßt uns um 
ihre Erklärung zu bemühen. Abej- es ist 'nicht zu 
leugnen, daß sciion dieser Entschluß uns schwer Ge- 
macht wird durch intellektuelle, psychologische mid 
historische JMomente. Es ist nicht derselbe Fall wie 
wenn wir an andej-e Untersuchungen herangehen 

Die intellektuelle Scliwierigkeit zuerst! Gestalten 
Sie mir grobe, handgreifliche Verdeutlichungen Neh- 

Iht?^' t des Erdinnern. Bekanntlich wissen wir 
nichts Sicheres darüber. Wir vermuten, daß es aus 
schweren Metallen im glühenden Zustand besteht 
Nun stelle einer die Behauptung auf, das Ei-dinnere 
sei mit Kohlensäure gesättigtes W^asser, also eine Art 
öOdaH^asser. Wir werden gewiß sagen, das ist sehr 
unwahrscheinlich, widerspricht allen unseren Erwar- 
tungen, nimmt keine Rücksicht auf jene Anhalte- 

10 



punkte unseres Wissens, die uns zur AufsieUuug 
der Metallhypolhese geführt haben. Aber undenkbar 
ist es immerhin nicht; wenn uns jemand einen Weg 
zur Prüfung der Sodawasserhypothese zeigt, werden 
wir ihn ohne Widerstand gehen. Aber nun kommt ein 
anderer mit der ernsthaften Behauptung, der Erdkern 
besiehe aus Marmelade! Dagegen werden wir uns 
ganz anders verhalten. Wir werden uns sagen, Mar- 
melade kommt in der Natur nicht vor, es ist ein Pro- 
dukt der menschliehen Küche, die Existenz dieses 
Stoffes setzt außerdem das Vorhandensein von Obst- 
bäumen und von deren Früchten voraus, und wir 
wüßten nicht, wie wir Vegetation und menschliche 
KocWtunst ins Erdinnere verlegen könnten; das Er- 
gebnis dieser intellektuellen Einwendungen wird eine 
Schwenkung unseres Interesses sein; anstatt auf die 
Untersuchung einzugehen, ob wirklich der Erdkern 
aus Marmelade besteht, werden wir uns fragen, was 
es für ein Mensch sein muß, der auf eine solche Idee 
kommen kann und höchstens noch ihn fragen, woher 
er das weiß. Der unglückliche Urheber der Marme- 
ladetheorie wird schwer gekränkt sein und uns an- 
klagen, daß wir ihm aus angeblich wissenschaft- 
lichem Vorurteil die objektive Würdigung seiner Be- 
hauptung versagen. Aber es wird ihm nichts nützen. 
Wir verspüren, daß Vorurteile nicht immer verwerf- 
lich sind, daß sie manchmal berechtigt sind, zweck- 
mäßig, um uns unnützen Aufwand zu ersparen. Sie 
sind ja nichts anderes als Analogieschlüsse nach an- 
deren, gut begründeten Urteilen. 

Eine ganze Anzahl der okkultistischen Behaup- 
tungen wirkt auf uns ähnlich wie die Marmelade- 
hypothese, so daß wir uns berechtigt glauben, sie 
ohne Nachprüfung von vornherein abzuweisen. Aber 

11 



es ist docli nicht so einfach. Kin Vergleich wie der 
von mir gewählte beweist nichts, beweist so wonig 
wie überhaupt A^ergloichc. Es bleibt ja fra'^-licli ob 
er paßt, nnd man verstellt, daß die Einstt^lhme der 
vorächtliclien Verwerfung bereits seine Auswahl be- 
stimmt bat. Vorurteile sind manchmal zweckmäßig 
und bereclitjgt, andere Male aber irrtijmlicli und 
schädlich, nnd man weiß nie, wann sie das eine, wann 
sie das andere sind. Die Geschichte der Wissenschaf- 
ten selbst ist überreich an Vorfallen, die vor einer 
voreiligen Verdammung warnen können. Lange Zeit 
galt es auch als eine unsinnige Annahme, daß die 
Steine, die wir heule Meteoriten heißen, ans dem 
Himmelsraum auf die Erde gelangt sein sollten,- oder 
daß das Grostein der Berge, das Muschelreste ein- 
schließt, einst den Meeresgrund gebildet hätte. Übri- 
gens ist es auch unserer Psychoanalyse nicht viel 
anders ergangen, als sie mit der Erschließung des 
Unbewußten hervortrat. Also haben wir Analytiker 
besonderen Grund, mit der Verwendung des intellek- 
tnellen Motivs zur Ablehnung neuer Anfstellun-en 
vorsichtig zu sein, und müssen zugestehen daß'' es 
uns nicht über Abneigung, Zweifel und Unsicherheit 
hinaus fördert. 

Das zweite Moment habe ich das psychologische 
genannt. Ich meine damit die allgemeine Neieun/rW 
Menschen zur Leichtgläubigkeit und Wundein-i- i 

keit. Von allem Anfang an, wenn da«? r ^i ^^^*''^'^' 

ry -I t • . 'jLoen uiifi in 

seine strenge Zucht nimmt, regt sicli in 

Widerstand gegen die Unerbittlicbkeit n^H m ""^ ^!" 
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der Denkgesetze und gegen die Anforderun-on der 
Uealitätsprüfung. Die Vernunft wird zur Fe' V 
uns so viel Lustmöglichkeit vorenthält. Man^^ u' t*^ 

welche Lust es bereitet, sich ihr weni.r./" 

"enigstens zeit- 



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weilig zu entziehen und aicii den Verlockungen des 
Unsinns hinzugeben. I3er Schulknabe ergötzt sich an 
Wortverdrehungen, der Fachgelehrte verulkt seine 
Tätigkeit nach einem wissenschaftliehen Kongreß, 
selbst der ernsthafte Mann genießt die Spiele des 
Witzes. Ernsthaftere Feindseligkeit gegen „Vernunft 
und Wissenschaft, des Menschen allerbeste Kraft*' 
wartet ihre Gelegenheit ab, sie beeilt sich dem Wun- 
derdoktor oder Naturheilkünstler den Vorzug zu 
geben vor dem „studierten" Arzt, sie kommt den Be- 
hauptungen des Okkultismus entgegen, solange des- 
sen angebliche Tatsachen als Durchbrechungen von 
Gesetz und Kegel genommen werden, sie schläfert die 
Kritik ein, verfälscht die Wahrnehmungen, erzwingt 
Bestätigungen und Zustimmungen, die nicht zu recht- 
fertigen sind. Wer diese Neigung der Menschen in 
Betracht zieht, hat allen Grund, viele Mitteilungen 
der okkultistischen Literatur zu entwerten. 

Das dritte Bedenken nannte ich das historische 
und will damit aufmerksam machen, daß in der Welt 
des Okkultismus eigentlich nichts Neues vorgeht, daß. 
aber in ihr alle die Zeichen, Wunder, Prophezei- 
ungen und Geistererscheinungen neuerdings auftre- 
ten, die uns aus alten Zeiten und in alten Büchern 
berichtet werden und die wir längst als Ausgeburten 
ungezügelter Phantasie oder tendenziösen Trugs er- 
ledigt zu haben glaubten, als Produkte einer Zeit, in 
der die Unwissenheit der Menschheit sehr groß war 
und der wissenschaftliche Geist noch in seinen Kin- 
derschuhen stak. Wenn wir als wahr annehmen, was 
sich nach den Mitteilungen der Okkultisten noch 
heute ereignet, so müssen wir auch jene Nachrichten 
aus dem Altertum als glaubwürdig anerkennen. Und 
nun besinnen wir uns, daß die Traditionen ihren An- 

13 



\ 



Spruch auf Glaubwürdigkeit gerade auf solche auUci- 
ordentliche und wundorbare Begebenheiten stützen 
und in ihnen die Beweise für das Wirkon über- 
menschlicher Mächte finden. Dann wird es uns schwor 
den Verdacht zu vermeiden, daß das okkultistische 
Interesse eigentlich ein religiöses ist, daß es zu den 
geheimen Motiven der okktiUistischen Bewegung ge- 
hört der durch den Fortschritt des wissenschaftlichen 
Denkens bedrohten Religion zu Hilfe zu konunen 
Und mit der Erkenntnis eines solchen Motivs muß 
unser Mißtrauen wachsen und unsere Abneigung, uns 
in die Untersuchung der angeblichen okkuKru Phäuo- 
mene einzulassen. 

Aber endlich muß diese Abneigung doch über- 
wunden werden. Ks handelt sich um eine Frage der 
Tatsächlichkeit, ob das, was die Okkultisten erzählen, 
wahr ist oder nicht. Das muß doch durch Beobachtung 
entschieden werden können. Im Grunde müssen wir 
den Okkultisten dankbar sein. J^io Wunderberichte 
aus alten Zeiten sind unserer Nachprüfung entzogen. 
Wenn wir lueinon, sie sind nicht zu beweisen so 
inüssen wir doch zugeben, sie sind nicht mit aller 
Strenge zu widerlegen. Aber was in der Gegenwart 
vor sich geht, wobei wir zugegen sein können dar 
über müssen wir doch ein sicheres Urteil gewinnen 
können. Kommen wir zur tTberzeugung, daß solche 
Wunder heute nicht vorkommen, so fürchten wir den 
Einwand nicht, sie könnten sich docii in alten 7el 
ereignet haben. Andere Erklärungen liegen dann viel 
näher. Wir haben also unsere Bedenken abgelegt und 
sind bereit aß rjyj j^mClmM Ü^^V okkulten Phäno- 
mene teilzunehmen. 

Zum Unglück treffen wir dann auf Verhältnisse, 
die unserer redlichen Absicht äußerst ungünstig sind. 

14 



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Die Beobachtungen, von denen unser Urteil abhän- 
gen soll, werden unter Bedingungen angestellt, die 
unsere Sinneswahrnehmungen unsicher machen, un- 
sere Aufmerksamkeit abstumpfen, in der Dunkelheit 
oder in spärlichem roten Licht, nach langen Zeiten 
leerer Erwartung. Es wird uns gesagt, daß schon 
unsere ungläiibige, also kritische Einstellung das 
Zustandekommen der erwarteten Phänomene zu hin- 
dern vermag. Die so hergestellte Situation ist ein 
wahres Zerrbild der Umstände, unter denen wir sonst 
wissenschaftliche Untersuchungen durchzuführen 
pflegen. Die Beobachtungen werden an sogenannten 
Medien gemacht, Personen, denen man besondere 
„sensitive" Fähigkeiten zuschreibt, die sieh aber 
keinesM^egs durch hervorragende Eigenschaften des 
Geistes oder des Charakters auszeichnen, nicht von 
einer großen Idee oder einer ernsthaften Absicht ge- 
tragen werden wie die alten Wundertäter. Im Gegen- 
teil, sie gelten selbst bei denen, die an ihre geheimen 
Kräfte glauben, als besonders unzuverlässig; die 
meisten von ihnen sind bereits als Betrüger entlarvt 
worden, es liegt uns nahe zu erwarten, daß den übri- 
gen dasselbe bevorsteht. Was sie leisten, macht den 
Eindruck von mutwilligen Kinderstreichen oder Ta- 
schenspielerkunststücken. Noch niemals ist in den 
Sitzungen mit diesen Medien etwas Brauchbares her- 
ausgekommen, etwa eine neue Kraftquelle zugänglich 
gemacht worden. Freilich erwartet man auch keine 
Förderung der Taubenzucht von dem Kunststück des 
Taschenspielers, der Tauben aus seinem leeren Zylin- 
derhut zaubert. Ich kann mich leicht in die Lage 
eines Menschen versetzen, der die Anforderung der 
Objektivität erfüllen will und darum an den okkul- 
tistischen Sitzungen teilnimmt, aber nach einer Weile 

15 



II 






ermüdet und von den an ihn gestellten Zumntungeö 
abgestoßen, sich abwendet und unbelehrt zu seinen 
früheren Vorurteilen zurückkehrt. Man kann einem 
solchen vorhalten, das sei aucli nicht das richtige Be- 
nehmen, Phänomenen, die man studieren wolle, dürfe 
man nicht vorschreiben, wie sie sein und unter wel- 
chen Bedingungen sie auftreten sollen. Es sei viel- 
mehr geboten auszuharren und die Vorsichts- und 
Kontrollmaßregeln zu würdigen, durch die man sieb 
neuerdinge gegen die TJnzuverlässigkeit der Medien 
zu schützen bemüht ist. Leider macht diese moderne 
Sicherungstechnik der leichten Zugängliehkeit ok- 
kultisUscher Beobachtungen ein Ende. Das Studium 
des Okkultismus wird ein besonderer, schwieriger 
Beruf, eine Tätigkeit, die man nicht neben seinen 
sonstigen Interessen betreiben kann. Und bis die da- 
mit beschäftigten Forscher zu Entscheidungen ge- 
kommen sind, bleibt man dem Zweifel und seinen 
eigenen Vermutungen überlassen. 

Unter diesen Vermutungen die wahrscheinlichste 
ist wohl die, daß es sich beim Okkultismus um einen 
realen Kern von noch nicht erkannten Tatsachen 
handelt, den Trug und Phantasiewirkung mit einer 
schwer durchdringbaren Hülle umsponnen haben. 
Aber wie können wir uns diesem Kern auch nur an- 
nähern, an welcher Stelle das Problem angreifen? 
Hier meine ich, kommt uns der Traum zu Hilfe in- 
dem er uns den Wink gibt, aus all dem Wust das 
Thema der Telepathie herauszugreifen. 

^ Sie wissen, Telepathie nennen wir dlo angebliche 

Tatsache, daß ein Ereignis, welches zu einer bestimm- 
ten Zeit vorfällt, etwa gleichzeitig einer räumlich 
entfernten Person zum Bewußtsein kommt, ohne daß 
die uns bekannten Wege der Mitteilung dabei in Be- 



16 



tracht kämen. Stillschweigende Voraussetzung ist, 
daß dies Ereignis eine Person betrifft, an welcher die 
andere, der Empfänger der Nachricht, ein starkes 
emotionelles Interesse hat. Also z. B. die Pereon A 
erleidet einen Unfall, oder sie stirbt und die Person 
B, eine ihr nahe verbundene, die Mutter, Tochter 
oder Greliebte, erfährt es ungefähr zur gleichen Zeit 
durch eine Gesichts- oder Gehörswahrnehmung; im 
letzteren Falle also so, als ob sie telephoniseh Ver- 
ständigt worden wäre, was aber nicht der Fall ge- 
wesen ist, gewissermaßen ein psychisches Gegen- 
stück zur drahtlosen Telegraphie. Ich brauche vor 
Ihnen nicht zu betonen, wie unwahrscheinlich solche 
Vorgänge sind. Auch darf uiau die meisten dieser Be- 
richte mit guten Gründen ablehnen; einige bleiben 
übrig, bei denen dies nicht so leicht ist. Gestatten Sie 
mir nun, daß ich, für den Zweck meiner beabsich- 
tigten Mitteilung, das vorsicJitige Wörtchen „angeb- 
lich" weglasse und so fortsetze, als glaubte ich an 
die Objekte Healität des telepathischen Phänomens. 
Aber halten Sie daran fest, daß dies nicht der Fall ist, 
daß ich mich auf keine Überzeugung festgelegt habe. 
Ich habe Ihnen eigentlich wenig mitzuteilen, nur 
eine unscheinbare Tatsache. Ich will Ihre Erwartung 
auch gleich weiter einschränken, indem ich Ihnen 
sage, daß der Traum im Grunde wenig mit der Tele- 
pathie zu tun hat. Weder wirft die Telepathie ein 
neues I.icht auf das Wesen des Traums, noch legt der 
Traum ein direktes Zeugnis für die Realität der 
Telepathie ab. Das telepathische Phänomen ist auch 
gar nicht an den Traum gebunden, es kann sich auch 
während des Wachzustandes ereignen. Der einzige 
Grund, die Beziehung zwischen Traum und Tele- 
pathie zu erörtern, Hegt darin, daß der Schlafzustand 



2 AlmaoacU 1984 



n 



zur Aufnahme der telepathiBchen Botschaft besonders 
geeignet erscheint. Man erhält dann einen sogenannt 
telepathischen Traum und überzeugt sieh bei dessen 
Analyse, daß die tolepailiische Nachricht dieselbe 
Ifolle gespielt hat wie ein anderer Tagesrest und wie 
ein solcher von der Traumarbeit verändert und ihrer 
Tendenz dienstbar gemacht worden ist. 

In der Analyse eines solchen telepathischen Traums 
ereignet sich nun das, was mir interessant genug 
schien, um es trotz seiner Geringfügigkeit zum Aus- 
gangspunkt für dies© Vorlesung zu wählen. Als ich 
im Jahre 1922 die erste Mitteilung über diesen Gegen- 
stand machte, stand mir erst nur eine Beobachtung 
zur Verfügung. Seither habe ich manche ähnliclio ge- 
macht, aber ich bleibe beim ersten Beispiel, well es 
sich am leichtesten darstellen läßt, und werde Sie 
ftogleich in medias res einführen. 

Ein offenbar iniclligenior, nach seiner Behauptung 
keineswegs „okkultistisch angehauciiter" Mann, 
schreibt mir über einen Traum, der ihm merkwürdig 
erscheint. Er schickt voraus, seine verheiratete, ent- 
fernt von ihm lebende Tochter erwarte Mitte Dezem- 
ber ihre erste Niederkunft. JJiese Tochter steht ihm 
sehr nahe, er weiß auch, daß sie sehr innig an ihm 
hängt Nun träumt er in der Nacht vom 16. auf den 
17. November, daß seine Frau Zwillinge geboren hat. 
Es folgen mancherlei Einzelheiten, die ich hier über- 
gehen kann, die auch nicht alle Aufklärung gefunden 
haben. Die Frau, die im Traum Mutter der Zwillinge 
geworden ist, ist seine zweite Frau, die Stiefmutter 
der Tochter. Er wfinRcIlt HJcll koino Kinder von diesei' 
Frau, der er die Eignung zur verständigen Kinder- 
erziehung abspricht, hatte auch zur Zeit des Traums 
den Geschlechtsverkehr mit ihr lange ausgesetzt. 



I 



I 



18 



T-TT"»» 



Was ihn veranlaßt mir zu sclireiben, ist nicht ein 
Zweifel an der Traumlehre, zu dem ihn der manifeste 
Trauminhalt berechtigt hätte, denn warum läßt der 
Traum im vollen Gegensatz zu seinen Wünschen 
diese Frau Kinder gebären? Auch zu einer Befürch- 
tung, daß dies unerwünschte Ereignis eintreffen 
könnte, lag nach seiner Auskunft kein Anlaß vor. 
Was ihn bewog, mir von diesem Traum zu berichten, 
war der Umstand, daß er am 18. November früh die 
telegraphische Nachricht erhielt, die Tochter sei mit 
Zwillingen niedergekommen. Das Telegramm war 
tags vorher aufgegeben worden, die Geburt in der 
Nacht vom Ifi. auf den 17. erfolgt, ungefähr zur glei- 
chen Stunde, als er von der Zwillingsgeburt seiner 
Frau träumte. Der Träumer fragt mich, ob ich das 
Zusammentreffen von Traum und Ereignis für zu- 
fällig halte. Er getraut sich nicht, den Tjaum einen 
telepathischen zu nennen, denn der Unterschied zwi- 
schen Trauminhalt und Ereignis betrifft gerade das, 
was ihm das Wesentliche scheint, die Person der Ge- 
bärenden. Aber aus einer seiner Bemerkungen geht 
hervor, daß er sich über einen richtigen telepathi- 
schen Traum nicht verwundert hätte. Die Tochter, 
meint er, habe in ihrer schweren Stunde sicher „be- 
sonders an ihn gedacht". 

Meine Damen und Herren! Ich bin sicher, Sie kön- 
nen sich diesen Traum bereits erklären und verstehen 
auch, warum ich ihn Ihnen erzählt habe. Da ist ein 
Mann, mit seiner zweiten Frau unzufrieden, er möchte 
lieber eine Frau haben wie seine Tochter aus erster 
Ehe. Fürs Unbewußte entfällt natürlich dieses Wie. 
Nun trifft ihn nächtlicher Weile die telepathische 
Botschaft, die Tochter hat Zwillinge geboren. Die 
Traumarbeit bemächtigt sich dieser Nachricht, läßt 



2* 



19 



Jen unbewußten Wunsch auf sie eiuMirken, der di« 
Tochter an die Stelle der zweiten Frau setzen möchte, 
und KO entsteht der befremdende manifeste Traum, 
der den Wunsch verhüllt und die IJolnchaft entstellt- 
Wir müssen sagen, erst die Traumdeutung hat uns 
^'ezeigt, daß es ein telepathischer Traum ist, die 
Psychoanalyse hat einen telepafhisclien Tatbestand 
aufgedeckt, den wir sonst nicht erkannt hätten. 

Aber lassen Sie sich ja nicht iri-of (ihren! Trotzdem 
hat die Traumdeutung nichts über die objekte Wahr- 
heit des telepathischen Tnfhowtandes ausgesagt. Kö 
kann auch ein Anschein sein, der sich iui[ aiuiore Weise 
aufklären läßt. Ks ist möglich, daß di<; latenten Traum- 
gedankeu des Mannes gelautet haben: Honte ist ja der 
Tag, an dem die Entbindung erfolgen müßte, wenn 
., ^'iß Tochter, wie ich eigentlicli glaube, sich um einen 

Ijl: ^''^^^ verrechnet hat. Und ihr Aussehen war schon 

" ' damals, als ich sie zuletzt sah, so, als ob sie Zwil- 

linge haben würde. Und inoine verstorbene Frau wai' 
so kinderlieb, wie würde die sich über Zwillinge ge- 

i freut haben! (Letzteros Moment setze ich nach noch 

, nicht erwähnten Assoziationen dos TräuMiers ein.) 

j , In diesem Fall wären gut begründete VernmhHigen 

des Träumers, nicht eine telepathische Bolschaft der 
Anreiz zum Traiun gewesen, der Krfolg bliebe der 
namhche Sie sehen, auch diese ^rraunulouiung h.'it 
nichts über die Frage ausgesagt, ob man der Tele- 
paUue objektive KeaUtät zugestehen darf Das ließe 
sich nur durch eingehende Erkundigung nach allen 
Verhaltnissen des Vorfalles entscheiden, was leider 
bei diesem Beispiel ebenso wenig möglich war wie 

bei den anderen meiner Erihhnmtr v , iwi 

1. . . ^^J^ttunifig. Zugegeben, dal» 

üiG Annahme der Telepathie die bei weitem einfachste 

ü^rklarung gibt, aber damit ist nicht viel gewonnen. 



20 



I>ie einfachste Erklärung ist nicht immer die riclitige 
öie Wahrheit ist sehr oft nicht einfach, u„a ehe maii 
sich zu einer so weittragenden Annahme entschließt 
Will man alle Vorsichten eingehalten hahen- 

Das Thema: Traum und Telepathie können wir 
3etzt verlassen, ich habe Ihnen nichts mehr darüber 
zu sagen. Aber beachten Sie wohl, nicht der Traura 
schien uns etwas über die Telepathie zu lehren, son- 
dern die Deulxing des Traumes, die psychoanalytische 
Bearbeitung. Somit können wir im Folgenden vom 
Iraum ganz absehen und wollen der Erwartung nach- 
gehen, daß die Anwendung der Psychoanaivse einiges 
l.icht auf andere, okkult geheißene Tatbestände wer- 
fen kann. Da ist z. B. das Phänomen der Induktion 
oder Gedankenübertragung, das der Telepathie sehr 
nahe steht, eigentlich ohne viel Zwang mit ihr ver- 
einigt werden kann. Es besagt, daß seelische Vor- 

^K-T 'V'''^'' ^^^^'•"' ^'Erstellungen, Erregungs.u- 
stande, Willensimpulse sich durch den freien Kaum 
auf eine Person übertragen können, ohne die bekann- 
ten Wege der Mitteilung durch Worte und Zeichen zu 
gebrauchen. Sie verstehen, wie merkwürdig, viel- 
leicht auch pralctisch bedeutsam es wäre, wenn der- 
gleichen wirklich vorkäme. Nebenbei gesagt, ist es 
verwunderlich, daß gerade von diesem Phänomen in 
den alten Wunderberichten am wenigsten die Rede ist. 
Während der psychoanalytischen Behandlung von 
Patienten habe ich den Eindruck bekommen, daß das 
Treiben der berufsmäßigen Wahrsager eine günstige 
Gelegenheit verbirgt, um besonders einwandfreie 
Beobachtungen über Gedankenübertragung anzustel- 
len. Das sind unbedeutende oder selbst minderwertige 
Personen, die sich irgendeiner Hantierung hingeben, 

Karten aufschlagen, Schriften und Handlinien studle- 



21 



X 



ren, astrologisclie Bereclimingen anstellen und dabei 
ihren Besucliern die Zukunft vorhersagen, nachdem 
sie sich mit Stücken von deren vergangenen nder 
gegenwärtigen Schicksalen vertraut gezeigt liaben. 
Ihre Klienten zeigen sicii nieiR(ons recht befriedigt 
durch diese T^eistungen und sind ihnen auch nicht 
gram, wenn die Prophezeiungen späterhin nicht ein- 
treffen. Ich bin mehrerer solcher Fälle habhaft ge- 
worden, konnte sie analytisch studieren und werde 
Ihnen gleich das merkwürdige dieser Beispiele er- 
zählen. Leider wird die Beweiskraft dieser Mitteilun- 
gen durch die zahlreichen Verschweigungen beein- 
trächtigt, zu denen mich die Pflicht der ärztlichen 
Diskretion nötigt. Entstellungen habe ich aber mit 
strengem Vorsatz vermieden. Hören Sie also die Ge- 
schichte einer meiner Patienliiineu, die ein solches 
Erlebnis mit einem Wahrsager gehabt hat. 

Sie war die älteste einer IJeihe von Geschwistern 
gewesen, in einer auüerordentlicb starken Vater- 
bindung aufgewachsen, hatte jung geheiratet, in der 
Ehe volle Befriedigung gefunden. Zu ihrem Glück 
fehlte nur eines, daß sie kinderlos geblieben war, 
ihren geliebten Mann also nicht völlig an die Stelle 
des Vaters rücken konnte. Als sie nach langen Jah- 
ren der Enttäuschung sich zu einer gynäkologischen 
Operation entschließen wollte, machte ihr der Mann 
die Eröffnung, daß die Schuld an ihm liege, er sei 
durch eine Erkrankung vor der Ehe unfähig zur 
Kinderzeugung geworden. Diese Enttäuschung ver- 
trug sie schlecht, wurde neurotisch, litt offenbar an 
Versuchsängaten. Uj]) ^jf /lllfzillioitern, nahm sie der 
Mann auf eine Geschäftsreise nach Paris mit. Dort 
eaßen sie eines Tages in der Halle des Hotels, als ihr 
eine gewisse Geschäftigkeit unter den Angestellten 



22 



auffiel. Sie fragte, was es gäbe tind erfuhr, Uonsieur 
le professeur sei gekommen und erteilte Konsultatio- 
nen in jenem Kabinett. Sie äußerte ihren Wunsch, 
auch einen Versuch zu machen. Der Mann schlug es 
ab, aber in einem unbewachten Moment war sie in 
den Konsnltationsraum geschlüpft und stand vor dem 
AVahrsager. Sie war 27 Jahre alt, sah viel jünger aus, 
hatte den Ehering abgelegt. Monsieur le professeur 
ließ sie die Hand auf eine Tasse legen, die mit Asclie 
gefüllt war, studierte sorgfältig den Abdruck, erzählte 
ihr dann allerlei von schweren Kämpfen, die ihr be- 
vorstünden, und schloß mit der tröstlichen Versiche- 
rung, sie werde doch noch heiraten und mit 82 Jahren 
zwei Kinder haben. Als sie mir diese Geschichte er- 
zählte, war sie 43 Jahre alt, scliwer krank und ohne 
jede Aussicht jemals ein Kind zu bekommen. Die 
Prophezeiung war also nicht eingetroffen, doch vSprach 
sie von ihr keineswegs mit Bitterkeit, sondern mit 
dem unverkennbaren Ausdruck der Befriedigung, als 
ob sie ein erfreuliches Erlebnis erinnern würde. Es 
war leicht festzustellen, daß sie nicht die leiseste 
Ahnung hatte, was die beiden Zahlen der Propliozei- 
ung bedeuten könnten und ob sie überhaupt etwas 
bedeuten. 

Sie werden sagen, das ist eine dumme und unver- 
ständliche Geschichte, und fragen, wozu ich sie Ihnen 
erzählt habe. Nun ich wäre ganz Ihrer Meinung, wenn 
nicht — und das ist jetzt der springende Punkt — die 
Analyse uns eine Deutung jener Prophezeiung ermög- 
lichte, die gerade durch die Aufklärung der Details 
zwingend wirkt. Die beiden Zahlen finden nämlich 
ihren Platz im Leben der Mutter meiner Patientin. 
Diese hatte spät geheiratet, nach dreißig, und man 
halte in der Familie oft dabei verweilt, daß sie sich 

BS 






so erfolgreicli beeilt Imtto, das V'ersäiinUe nachzu- 
liolen. Die beiden ersten Kinder, unsere Patientin 
voran, wurden mit dem kleinsten möglielien Inler- 
[ j vall in dem gleichen Kalenderjahr Reborcn und mit 

32 Jahren hatte sie wirklich schon zwei Kinder Was 
Monsieur le profexseur meiner l'ationtin gesagt halte, 
hieß also: Trösten Sie sich, Sie sind noch so jung Sie 
werden noch dasselbe Schicksal haben wie Ihre Mut- 
ter, die aucli lange aut Kinder warten mußte, werden 
wei Kinder haben mit 32 Jahren. Aber, dasselbe 
Schicksal zu haben wie die Mutter, sieh an ihre Stelle 
zu setzen, ihren Platz beim Vater einzunehmen, das 
war ja der stärkste Wunsch ihrer Jugend gewesen, 
der Wunsch, an dessen Nichterfüllung sie jetzt zu er- 
kranken begann. Die Prophezeiung versprach ihr, daß 
er doch noch zur Erfüllung kommen werde; wie sollte 
sie gegen den Propheten anders als freundlicli fiililcn 
können? Aber hallen Sie es für möglich, daß Man- 

hengeschichte seiner zufälligen Klientin vertraut 
war. Unmogludi; woher kam ihn, also die Kenntnis, 
die ihn befähigte, den stärksten und geheimsten 
Wunsch der Pafentin durch die Aufnahn.e der beiden 
Zahlen m seine Prophezeiung au.szudrticken? Ich 
sehe nur zwei Möglichkeiten der Krklärung. Knt- 
I , l^'^Y '«^ '^^ Geschichte, so wie sie „ur erzählt 

wurde, nicht wahr, hat sich anders zugetragen oder 
GS ist anzuerkennen, daß eine Gedankenübertragung 
als reales Phänomen besteht. Man kann freilich die 
Annahme machen, daß die Patientin nach einem In- 
tervall von 16 Jahren diO beidon Zahlen, auf die es 
ankommt, aus ihrem Unbewußten in jene Erinnerung 
eingesetzt hat. Ich habe keinen Anhaltspunkt für 
diese Vermutung, aber ich kann sie nicht ausschlie- 




ßen und ich stelle mir vor, daß Sie eher bereit sein 
Werden, an eine solche Auskunft zu glauben als an 
die Kealität der Gedankenübertragung. Wenn Sie sich 
zu letzterem entschließen, vergessen Sie nicht daran, 
daß erst die Analyse den okkulten Tatbestand ge- 
schaffen, ihn aufgedeckt hat, wo er bis zur Unkennt- 
lichkeit entstellt war. 

Handelte es sich nur um einen solchen Fall wie 
den meiner Patientin, so würde man achselzuckend 
über ihn hinweggehen. Niemand fällt es ein, einen 
Glauben, der eine so entscheidende Wendung bedeu- 
tet, auf einer vereinzelten Beobachtung aufzubauen. 
Aber glauben Sie meiner Versicherung, es ist nicht 
der einzige Fall in meiner Erfahrung. Ich habe eine 
ganze Reihe von solchen Prophezeiungen gesammelt 
und von allen den Eindruck gewonnen, daß der Wahr- 
sager nur die Gedanken der ihn befragenden Per- 
sonen und ganz besonders ihre geheimen Wünsche 
zum Ausdruck gebracht hatte, daß man also berech- 
tigt war, solche Prophezeiungen zu analysieren, als 
wären es subjektive Produktionen, Phantasien oder 
Träume der Betreffenden. Natürlich sind nicht alle 
Fälle gleich beweiskräftig und nicht in allen Ist es 
gleich möglich, rationellere Erklärungen auszu- 
schließen, aber es bleibt doch vom Ganzen ein starker 
Überschuß von Wahrscheinlichkeit zu Gunsten einer 
tatsächlichen Gedankenübertragung übrig. Die Wich- 
tigkeit des Gegenstandes würde es rechtfertigen, daß 
ich Ihnen alle meine Fälle vorführe, aber das kann 
ich nicht, wegen der Weitläufigkeit der dazu nötigen 
Darstellung und der dabei unvermeidlichen Verlet- 
zung der schuldigen Diskretion. Ich versuche es, mein 
Gewissen möglichst zu beschwichtigen, wenn ich 
Ihnen noch einige Beispiele gebe. 

25 



Eines Tages sucht mich ein hochintelligenter jun- 
ger Mann auf, ein Student vor Meinen letzten Doktor- 
prüfungen, aber nicht im Stande sie abzulegen, denn 
wie er klagt, hat er alle Iniereseen, Konzentrations- 
fähigkeit, seibat die Möglichkeit geordneter Erinne- 
rung verloren. Die Vorgeschichte dieses lähmungs- 
artigen Zustandes int bald aufgedeckt, er ist nach 
eim^r J.eistung großer Selbstüberwindung erkrankt. 
Er hat eine Schwester, an der er mit intensiver, aber 
stets verhaltend- Liebe hing, wie sie an ihm. Wii 
schade, daß wir beide uns nicht heiraten ktinnen, hiei. 
es oft genug unter ihnen. Kln würdiger Mann ver- 
liebte sich in diese Schwester, sie erwiderte die Nei- 
gung, aber die Eltern gaben die Verbindung nicht zu. 
In dieser Notlage wandte sicii das Paar an den Bru- 
der, der ilinen auch seine Hilfe nicht versagte Ki 
vermittelte die Korrespondenz zwischen ihnen, seinem' 
Ü^mtluß gelang es auch, die Eltern ondlicli zur Zu-j 
Stimmung zu bewegen. In der Verlobungszeit ereigJ, 
nete sich allerdings ein Zufall, dessen Bedeutung! 
leicht zu erraten ist. Er unternahm eine schwierige 
Bergpartie mit dem zukünftigen Schwager führerlos, 
die beiden verloren den Weg \ind gerieten in die Ge- 
falir, nicht mehr heil zurückzukontmen. Kurz nach 
der Heirat der Schwester geriet er in jenen Zustand 
seelischer Erschöpfung. 

Durch den Kinfluß der Psychoanalyse arboitsfähior 
geworden, verließ er minli, nm mno Prüfungen zu 
machen, kam aber nach deren glücklichen Erledigung 
im Herbst desselben Jahres für kurze Zeit zu mir 
zurück. Er berichtete mir dann über ein merkwür- 
diges Erlebnis, das er vor dem Sommer gehabt hatte. 
In seiner Universitätsstadt gab es eine Wahrsagerin, 
die sich eines großen Zulaufs eifreute. Audi die Prin- 



zen des Henscherhauees pflegten sie vor wichtigen 
Unternehmungen regelmäßig zu konsultieren. Die 
Art, wie sie arbeitete, war sehr einfach. Sie ließ sieh 
die Geburtsdaten einer bestimmten Person geben, 
verlangte nichts anderes von ihr zu wissen, auch 
nicht den Namen, dann schlug sie in astrologischen 
Büchern nach, machte lange Berechnungen und am 
Ende gab sie eine Prophezeiung über die betreffende 
Person von sich. Mein Patient beschloß, ihre Geheim- 
kunet für seinen Schwager in Anspruch zu nehmen. 
Er besuchte sie und nannte ihr die verlangten Daten 
von seinem Schwager. Nachdem sie ihre Rechnungen 
angestellt hatte, tat sie die Prophezeiung: Diese Per- 
son wird im Juli oder August dieses Jahres an einer 
Krebs- oder Austernvergiftung sterben. Mein Patient 
schloß dann seine Erzählung mit den Worten: „Und 
das war ganz großartig!" 

Ich hatte von Anfang an unwillig zugehört, ^ach 
diesem Ausruf gestattete ich mir die Frage: Was fin- 
den Sie an dieser Prophezeiung so großartig? Wir 
sind jetzt im Spätherbst, Ihr Schwager ist nicht ge- 
storben, das hätten Sie mir längst erzählt. Also ist 
die Prophezeiung nicht eingetroffen. Das allerdings 
nicht, meinte er, aber das Merkwürdige ist folgen- 
des. Mein Schwager ist ein leidenschaftlicher Lieb- 
haber von Krebsen und Austern und hat sich im vori- 
gen Sommer — also vor dem Besuch bei der Wahr- 
sagerin — eine Austernvergiftung zugezogen, an der 
er fast gestorben wäre. Was sollte ich darauf sagen? 
Ich konnte mich nur ärgern, daß der hochgebildete 

Mann, der überdies eine erfolgreiche Analyse hinter 

sich hatte, den Zusammenhang nicht besser durch- 
schaute. Ich für meinen Teil, eiie ich daran glaube, 
daß man aus astrologischen Tafeln den Eintritt einer 

27 



Kiebs- oder Austernvergiftung bcrechnon kann, will 
lieber annehmen, daß mein Patienl, den Haß gegen 
den Kivalen nocl» immer nicht überwunden halte, an 
dessen Verdrängung er seinerzeit erkrankt war, und 
daß die Astrologin einfach seine eigene Erwartung 
aussprach: solche Liebhabereien gibt man nicht auf 
und eines Tages wird er doch daran zu Ginnd gehen. 
Ich gestehe, daß icli für diesen Fall keine andere l-^r- 
kliirung weiß außer vielleicht, daß mein Patient sich 
einen Scherz mit mir erlaubt hnt. A))er er gab mir 
weder daiimls noch spater Grund zu diesem Verdacht 
und schien, was er sagte, ernsthaft zu meinen. 

Ein anderer Fall. Ein junger Mann in angesehener 
Stellung tiiiterlmlt ein Verhältnis mit einer Lebo- 
daine, in dorn sich ein merkwürdiger Zwang durch- 
setzt. Von Zeit zu Zeit muß er die Geliebte durch 
spottende und höhnende Reden kränken, bis sie in 
helle Verzweiflung gerät. Hat er sie so weit gebracht, 
so ist er erleichtert, er versöhnt sich mit ilir und be- 
schenkt sie. Aber er möchte jetzt frei von ihr werden, 
der Zwang ist ihm unheimlich, er merkt, daß sein 
eigener Ruf unter diesem Verhältnis leidet, er will 
eine eigene Frau haben, eine Familie gründen. Nur, 
daß er mit eigener Kraft nicht von der l^ebedame 
loskommt, er nimmt dazu die Hilfe der Analyse in 
Anspruch. Nach einer solchen Beschimpfungsszene, 
schon während der Analyse, läßt er sich von ihr ein 
Kärtchen schreiben, das er einem Schriftkundigen 
vorlegt. Die Auskunft, die er von ihm erhält, lautet: 
Das ist die Schrift eines Meneehen in äußerster Ver- 
zweiflung, die Person wird sich gewiß in den aller- 
nächsten Tagen umbringen. Das geschieht zwar nicht, 
die Dame bleibt am Leben, aber der Analyse gelingt 
es, seine Fesseln zu lockern; er verläßt dio Dame und 

28 



wendet sich einem iungen Mädchen zu, von dem er 
erwartet, daß es eine brave Frau für ihn werden 
kann. Bald nachher erscheint ein Traum, der nur auf 
einen heginnenden Zweifel an dem Wert dieses Mäd- 
chens gedeutet werden kann. Er nimmt auch von ilir 
eine Schriftprobe, die er derselben Autorität vorlegt, 
und hört ein Urteil über ihre Schrift, das seine Be- 
sorgnisse bestätigt. Er gibt also die Absicht, sie zu 
seiner Frau zu machen, auf. 

Um die Gutachten des Schriftkundigen, zumal das 
erste zu würdigen, muß man etwas von der Geheim- 
geschichte unseres Mannes wissen. Im frühen Jüng- 
lingsalter hatte er sich, seiner leidenschaftlichen 
Natur entsprechend, bis zur Raserei in eine jwngö 
Frau verliebt, die immerhin älter war als er. Von ihr 
abgewiesen, machte er einen Selbstmordversuch, an 
dessen ernster Absieht man nicht zweifeln kann, hur 
durch ein Ungefähr entging er dem Tode und erst 
nach langer Pflege war er hergestellt. Aber diese 
wilde Tat machte auf die geliebte Frau einen tiefen 
Eindruck, sie schenkte ihm ihre Gunst, er wurde ihr 
Liebhaber, blieb ihr von da an heimlich verbunden 
und diente ihr in echt ritterlicher Weise. Nach mehr 
als zwei Dezennien, als sie beide gealtert waren, die 
Frau natürlich mehr als er, erwachte in ihm das Be- 
dürfnis, sich von ihr abzulösen, frei zu werden, ein 
eigenes Leben zu führen, selbst ein Haus und eine 
Familie zu gründen. Und gleichzeitig mit diesem 
Überdruß stellte sich bei ihm das lange unterdrückte 
Bedürfnis nach Eache an der Geliebten ein. Hatte er 
sich einst umbringen wollen, weil sie ihn verscbnmlit 
hatte, so wollte er jetzt die Genugtuung haben, daß 
sie den Tod suchte, weil er sie verließ. Aber seine 
Liebe war noch immer zu stark, als daß dieser Wunsch 

29 



ihm bewußt werden konnte; auch war or nichl im- 
stande, ihr genug Böses anzutun, um aio in den Tod 
zu treiben. In dieser Geinütalage nahm er die Lebe- 
dame gewissermaßen als X^rügelknaben auf, um in 
corpore vili seinen Racheduröt zu befriedigen und 
gestattete sich an ihr alle Quälereien, von denen er 
erwarten konnte, sie würden bei ilir- den lOrfolg 
haben, den er bei der geliebten Frau wiinschte. Daß 
die Rache eigentlich dieser letzteren galt, verriet sich 
nur durch den Umstand, daß er die Frau zur Mit- 
wisserin und Kalgeberin in «einem Liebesverhältnis 
machte, anstatt ihr seinen Abfall zu verbergen. Die 
Arme, die längst von der Geberin zur Empfängerin 
herabgesunken war, litt unter seiner Vertraulichkeit 
wahrscheinlich mehr als die Lebedame unter seiner 
Brutalität. Der Zwang, über den er sich bei der Kr- 
satzperson beklagte, und der ihn in die Analyse trieb, 
war natürlich von der alten Geliebten her auf sie 
libertragen; diese letztere war es, von der er sich frei 
machen wollte und nicht konnte. Ich bin kein Schrif- 
tenkenuer und halle nicht viel von der Kunst, aus der 
Schrift den Charakter zu erraten, noch weniger 
glaube ich an die Möglichkeit, auf diesem Wege die 
Zukunft des Schreibers vorherzusagen. Sie sehen 
aber, wie immer mau über den Wert der Grapholo-io 
denken mag, es ist unverkennbar, daß der Sachver 
ständige, wenn er versprach, daß der Schreiber der 
ihm vorgelegten Probe sich in den nächsten Tagen 
umbringen werde, wiederum nur einen starken ge- 
heimen Wunsch der ihn befragenden Person ans 
Licht gezogen hatte. Etwas ähnliches geschah dann 
auch beim zweiten Gutachten, nur daß hier nicht ein 
unbewußter Wunsch in Betracht kam, sondern daß 
die keimenden Zweifel und Bosojgnisse des Befragen- 

30 



den durch den Mund des Schriftkuntligen einen klaren 
Ausdruck fanden. Meinem Patienten gelang es übri- 
gens mit Hilfe der Analyse eine Liebeswahl zu tref- 
fen außerhalb des Zauberkreises, in den er gebannt 
gewesen war. 



Ich bin überzeugt, Sie werden mit meiner Ein- 
stellung zu diesem Problem: nicht völlig überzeugt 
und doch zur Überzeugung bereit, nicht sehr zufrie- 
den sein. Vielleicht sagen Sie sich: Das ist wieder 
so ein Fall, daß ein Mensch, der sein Leben lang 
rechtschaffen als Naturforscher gearbeitet hat, im 
Alter schwachsinnig, fromm und leichtgläubig wird. 
Ich weiß, einige große Namen gehören in diese Reihe, 
aber mich sollen Sie nicht dazu rechnen. Fromm 
wenigstens bin ich nicht geworden, ich hoffe, auch 
nicht leichtgläubig. Nur, wenn man sich sein Leben 
lang gebückt gehalten hat, um einem schmerzhaften 
Zusammenstoß mit den Tatsachen auszuweichen, so 
behält man auch im Alter den krummen Kücken, der 
sich vor neuen Tatsächlichkeilen beugt. Ihnen wäre 
es gewiß lieber, ich hielte an einem gemäßigten Theis- 
mus fest und zeigte mich unerbittlich in der Ableh- 
nung alles Okkulten. Aber ich bin unfähig um Gunst 
zu werben, ich muß Ihnen nahe legen, über die objek- 
tive Möglichkeit der Gedankenübertragung und damit 
auch der Telepathie freundlicher zu denken. 

Sie vergessen nicht, daß ich diese Probleme hier 
uur insoweit behandelt habe, als man sich ihnen von 
der Psychoanalyse her annähern kann. Als sie vor 
länger als zehn Jahren zuerst in meinen Gesichts- 
kreis traten, verspürte auch ich die Angst vor einer 
Bedrohung unserer wissenschaftlichen Weltanschau- 
ung, die im Falle, als sich Stücke des Okkultismus 

31 




bewahrheiten, dem Spiriti^a.us oder der Mv«h-t , 
Piatz räumen müßte. Ich denke heut! *"'" 

"lerne, es zeugt von keiner Tlfi l ''*"'*'= '<"h 

Wissenschaft, wenn „an X f." Zuversicht ^,„. 

auch aufnehmen und trarbeeT ""™"'' '""* '^i« 
M den okkulten BehaliDtunl , "' """' ''«'' «'^val 
Und wa« besonderslLSS'^i^f"- "--'-'<'»U 
so seheint sie die Ausdehnu,,! , ■'^''"^'^"''•'"'•' 

- Gegner sagen. n.eet„i !e :7'"D"t"'''"''-l 
• das so schwer faßbare p ' "^''"^" ~ Denkweise auf 

stigen. Der telep,.t Usehe V '^"^ '""'''''' "' ^«'^«n- 
«'ehen, daß ein seelise t, XhZ' '"" '" '""•'" '^o- 
nän.Iichen seelischen AI .1 ' """" '''"■^°" '•^a' 

Psychische umsetzt. Die Cl o^e t V'n f' ''T'"' 
Atzungen wie bein. Sp.eei.nl h:!::^:'!;: y^ 
wäre dann unvericennbar. Und de^i^erSi^ V^^n ^^'^- 
d^eses phyBikalischen Äquivalents des 1 yc 2^^^^^^ 
Akts i.abhaft werden könnte! Fei, möcl.te sagen ^:] 
die Exnschiebung des Unbewußten zwischen ^H 
-kahsci.e und das bis dahin l^sychisch-GeL 1 [j 
uns die Psychoanalyse für die Annahme eoleh., V 
gänge wie die Telepatl.io vorbereitet. Gewöhnt m'\ 
sw.il erst an die Vorstellung der Telepathie so ka! ' 
man mit ihr viel ausrichten, allerdings vorläiifi.. n. 
m der Phantasie. Man weiß bekanntlich nioht" w 
der Gesamtwille in den großen Insektenstaafen z,f 
Stande kommt. Möglieherweise gesciiieht es auf de " 
Wege 8oIch direkter psychischer Übertragung. M^ ' 
wird auf die Verjnutunsr geführt, dnß dio« ,i«. .. ^ 




'^^^ i-iiic.ii tiiJt^Kitir psycniscner Übertragung. Uh 
wird auf die Vei-nmtung gefülu-t. daß dies der u^ 
^rüngliche, archaisclie Weir der Vfii-ft(iiT..n,r...,„ .. '^ 



liu am uie vcM-umuing geiulirl. daß dies der ut^ 
rüngliche, archaisclie Weg der Verständigung un' 



I 




J. H. "W. van Ophuijsen 



ter den Einzelwesen ist, der im Lauf der phylogene- 
tischen Entwicklung durcli die bessere Methode der 
Mitteilung mit Hilfe von Zeichen zurückgedrängt wird, 
die man mit den Sinnesorganen aufnimmt. Aber die 
ältere Methode konnte im Hintergrund erhalten blei- 
ben und sich unter gewissen Bedingungen noch durch- 
setzen, z. B. auch in leidenschaftlieh erregten Massen. 
Das ist alles noch unsicher und voll von ungelösten 
Rätseln, aber es ist kein Grund zum Erschrecken. 

Wenn es eine Telepathie als realen Vorgang gibt, 
so kann man trotz ihrer schweren Erweisbarkeit ver- 
muten, daß sie ein recht häufiges Phänomen ist. Es 
wurde unseren Erwartungen entsprechen, wenn wir 
sie gerade im Seelenleben des Kindes aufzeigen könn- 
ten. Man wird da an die häufige Angstvorstellung der 
Kinder erinnert, daß die Eltern alle ihre Gedanken 
kennen, ohne daß sie sie ihnen mitgeteilt hätten, das 
volle Gegenstück und vielleicht die Quelle des Glau- 
bens Erwachsener an die Allwissenheit Gottes. Vor 
kurzem hat eine vertrauenswürdige Frau, Dorothy 
B u r 1 i n g ii a m, in einem Aufsatz „Kinderanalyse 
und Mutter" Beobachtungen mitgeteilt, die, wenn sie 
sich bestätigen lassen, dem restlichen Zweifel an der 
Realität der Gedankenübertragung eine Ende machen 
müssen. Sie machte sicli die nicht mehr seltene Si- 
tuation zu Nutze, daß sich Mutter und Kind gleich- 
zeitig in Analyse befinden, und berichtet aus der- 
selben merkwürdige Vorfälle wie den folgenden: 
Eines Tages erzählte die Mutter in ihrer Analysen- 
stunde von einem Goldstück, das in einer ihrer Kin- 
derszenen eine bestimmte Rolle spielt. Gleich darauf, 
nachdem sie nach Hause gekommen ist, kommt ihr 
kleiner, etwa zehnjähriger Junge zu ihr ins Zimmer 
und bringt ihr ein Goldstück, das sie für ihn aufbe- 

3 AlmanatU 1934 33 



wahren soll. Sie frag! ihn prslaunf, woher er es hat. 
Er hat es zu seinem GeburUinp bekomruen, aber der 
Geburtstag des Kindes liegt niobrere Monate zurück 
nnd es ist kein Anlaß, warum sich das Kind gerade 
Jetzt an das GoUistück erinnert haben sollte. Die Mutter 
verständigt die Analytikerin des Kindes von dem Zu- 
sammentreffen und bittet sie, beim Kind nach dor 
Begründung jener Handlung zu forsclien. Aber die 
Analyse des Kindes bringt keinen Aufschluß, die 
Handlung hatte sich wie ein Fremdkörper in das 
lieben des Kindes an jenem Tage eingedrängt. Einige 
Wochen später sitzt die Muttor am Schreibtisch, um 
sich, wozu man sie gemahnt hatte, eine Notiz über 
das geschilderte Erlebnis zu machen. Da kommt dor 
Knabe herein und vovlangt das Goldstück zurück, er 
möchte es in seine analytisclie Stunde mitnehmen, um 
es zu zeigen. Wiederum kann die Analyse des Kindes 
keinen Zugang zu diesem Wunsch auffinden. 

Und damit wären wir zur Psychoanalyse zurück- 
gekommen, von der wir ausgegangen sind. 



34 



L 



Die psychischen Instanzen 

Von S i g m. Fr e u d 

Die hier wiedergegebenen Abschnitte sind 
der ,,Die Zerlegung der psychischen Person' 
lichkeit^ überschriebenen XXXI. Verlesung der 
y^Neuen Folge der Vorlesungen zur Einfüh~ 
rung in die Psychoanalyse"" entnommen. 

Wir wollen das Ich zum Gegenstand dieser Unter- 
suchung machen, unser eigenstes Ich. Aber kann man 
das? Das Ich ist ja doch das eigentlichste Subjekt, 
wie soll es zum Objekt werden? Nun, es ist kein 
Zweifel, daß man dies kann. Das Ich kann sich selbst 
zum Objekt nehmen, sich behandeln wie andere Ob- 
jekte, sich beobachten, kritisieren, Gott weiß was 
noch alles mit sich selbst anstellen. Dabei stellt sich 
ein Teil des Ichs dem übrigen gegenüber. Das Ich 
ist also spaltbar, es spaltet sich während mancher, 
seiner Funktionen, wenigstens vorübergehend. Die 
Teilstücke können sich nachher wieder vereinigen. 
Das ist gerade keine Neuigkeit, vielleicht eine unge- 
wohnte Betonung allgemein bekannter Dinge. Ander- 
seits sind wir mit der Auffassung vertraut, daß die 
Pathologie uns durch ihre Vergrößerungen und Ver- 
gröberungen auf normale Verhältnisse aufmerksam 
machen kann, die uns sonst entgangen wären. Wo sie 
uns einen Bruch oder Riß zeigt, kann normalerweise 
eine Gliederung vorhanden sein. Wenn wir einen 
Kristall zu Boden werfen, zerbricht er, aber nicht 
willkürlich, er zerfällt dabei nach seinen Spaltrich- 
tungen in Stücke, deren Abgrenzung, obwohl unsicht- 
bar, doch durch die Struktur des Kristalls vorher be- 
stimmt war. Solche rissige und gesprungene Struk- 
turen sind auch die Geisteskranken. Etwas von der 
ehrfürchtigen Scheu, die alte Völker den W^ahnsinni- 



3* 



35 



gen bezeugten, können auch wir ihnen nicht ver- 
eagen. Sie haben sich von der äußeren Realität ab- 
gewendet, aber eben darum wissen sie mehr von der 
inneren psychischen Realität und köinion uns man- 
ches verraten, was uns sonst unziigänglicli wäre. 
Von einer Gruppe dieser Kranken sagen wir, sie 
leiden am Beobachtnngswalm. Sie klagen uns, daß sie 
unausgesetzt und bis in ihr intimstes Tun von der 
Beobachtung unbekannter Mächte, wahrscheinlich 
doch Personen, belästigt werden, und hören halluzi- 
natorisch, wie diese Personen die lOrgehnisse ihrer 
Beobachtung verkünden: Jetzt will er das sagen, jetzt 
kleidet er sich an, um auszugehen usw. DieRe Beob- 
achtung ist noch nicht dasselbe wie eine Verfolgung, 
aber sie ist nicht weit davon, sie setzt voraus, daß 
man ihnen mißtrant, daß man erwartet, sie bei ver- 
botenen Handlungen zu ertappen, für die sie gestraft 
werden sollen. Wie wäre es, wenn diese "Wahnsinni- 
gen Recht hätten, wenn bei uns allen eine solch© 
beobachtende und strafandrohonde Instanz im Ich 
vorhanden wäre, die sich bei ihnen nur scharf vom 
Ich gesondert hätte und irrtümlicherweise in die 
äußere Realität verschoben worden wäre? 

Ich weiß nicht, ob es Ihnen ebenso ergehen wird 
wie mir. Seitdem ich unter dem starken Eindruck 
dieses Krankheitsbildes die Idee gefaßt hatte, daß die 
Sonderung einer beobachlondon Instanz vom übrigen 
Ich ein regelmäßiger Zug in der Struktur des Ichs 
sein könnte, hat sie mich nicht mehr verlassen, und 
ich war getrieben, nach den weiteren Charakteren 
und Beziehungen dieser so abgesonderten Instanz zu 
forschen. Der nächste Schritt ist bald getan. Schon der 
Inhalt des Beobachtungswahns legt es nahe, daß das 
Beobachten nur eine Vorbereitung ist für das Rich- 

36 



teu und Strafen, und somit erraten wir, daß eine 
andere Funktion dieser Instanz das sein muß, was 
wir unser Gewissen nennen. Es gibt kaum etwas 
anderes in uns, was wir so regelmäßig von unserem 
Ich somlern und so leiclit ihm entgegenstellen wie 
gerade das Gewissen. Ich verspüre die Neigung etwas 
zu tun, wovon ich mir Lust verspreche, aber ich 
unterlasse es mit der Begründung: mein Gewissen 
erlaubt es nicht. Oder ich habe mich von der über- 
großen Lusterwartung bewegen lassen, etwas zu tun, 
wogegen die Stimme des Gewissens Einspruch erhob, 
und nach der Tat straft mich mein Gewissen mit pein- 
lichen Vorwürfen, läßt mich die Reue ob der Tat 
empfinden. Ich könnte einfach sagen, die besondere 
Instanz, die ich im Ich zu unterscheiden beginne, ist 
das Gewissen, aber es ist vorsichtiger, diese Instanz 
selbständig zu halten und anzunehmen, das Gewissen 
sei eine ihrer Funktionen, und die Selbstbeobachtung, 
die als Voraussetzung für die richterliche Tätigkeit 
des Gewissens unentbehrlich ist, sei eine andere. Und 
da es zur Anerkennung einer gesonderten Existenz 
gehört, daß man dem Ding einen eigenen Namen gibt, 
will ich diese Instanz im Ich von nun an als das 
„U b e r - 1 c h*' bezeichnen. 

Jetzt bin ich darauf gefaßt, daß Sie mich höhnisch 
fragen, ob unsere Ichpsychologie überhaupt darauf 
hinausläuft, gebräuchliche Abstraktionen wörtlich zu 

nehmen und zu vergrößern, sie aus Begriffen in 
Dinge zu verwandeln, womit nicht viel gewonnen 
wäre. Ich antworte, es wird schwer halten, in der Ich- 
psychologie dem Allbekannten auszuweichen, es wird 
mehr auf neue Auffassungen und Anordnungen an- 
kommen als auf Neuentdeckungen. Bleiben Sie also 
vorläufig bei ihrer herabsetzenden Kritik und warten 

37 



Sie die weiteren Ausfiilmingen ab. Die Tatsachen dei* 
Pathologie geben unseren Bemühungen einen Hinter- 
grund, den Sie für die PopulärpRychologie vergebens 
suchen würden. Ich setze fort. Kaum daß wir uns mit 
der Idee eines solchen Über-lchs befreundet haben, 
das eine gewisse Selbständigkeit genießt, seine eige- 
nen Absichten verfolgt und in seinem Energiebesitz 
vom Ich unabhängig ist, drängt sich uns ein Krank- 
heitsbild auf, das die Strenge, ja die Grausamkeit 
dieser Instanz und die Wandlungen in ilirer Bezie- 
hung zum Ich auffällig verdeutlicht. Ich meine den 
Zustand der Melancholie, genauer des melancholi- 
schen Anfalls, von dorn ja auch Sie genug gehört 
haben, auch wenn Sie nicht Psychiater sind. An die- 
sem Leiden, von dessen Verursachung und Mechanis- 
mus wir viel zu wenig wissen, ißt der auffiilligste 
Zug die Art, wie das t)ber-Ich — sagen Sie nur im 
Stillen: das Gewissen — das Ich behandelt. Während 
der Melancholiker in gesunden Zeiten mehr oder 
weniger streng gegen sich sein kann wie ein anderer, 
wird im melancholischen Anfall das Über-Ich übei'- 
etreng, beschimpft, erniedrigt, mißhandelt das arme 
Ich, läßt es die schwersten Strafen erwarten, macht 
ihm Vorwürfe wegen längst vergangener Handhin- 
gen, die zu ihrer Zeit leicht genommen wurden, als 
hätte es das ganze Intervall über Anklagen gesaui- 
raelt und nur fleine gegenwärtige Erstarkung abge- 
wartet, um mit ihnen hervorzutreten und auf (Irund 
dieser Anklagen zu verurteilen. Das Über-Jcli legt 
den strengsten moralischen Maßstab an das ihm hilf- 
los preisgegebene Ich an, es vertritt ja überhaupt 
den Anspruch der Moralität und wir erfassen mit 
einem Blick, daß unser moralisches Schuldgefühl der 
Ausdruck der Spannung zwischen Ich und Über-Ich 



38 



ißt. Es ist eine sehr merkwürdige Erfahrung, die 
Moralität, die uns angeblich von Gott verliehen und 
so tief eingepflanzt wurde, als periodisches Phäno- 
men zu sehen. Denn nach einer gewissen Anzahl von 
Monaten ist der ganze moraUsche Spuk vorüher, die 
Kritik des Über-lchs schweigt, das Ich ist rehabili- 
tiert und genießt wieder alle Menschenrechte bis zum 
nächsten Anfall. Ja bei manchen Formen der Erkran- 
kung findet in den Zwischenzeiten etwas Gegenteili- 
ges statt; das Ich befindet sich in einem seligen 
RausciizTistand, es triumphiert, als hätte das über-lch 
alle Kraft verloren oder wäre mit dem Ich zusammen- 
geflossen, und dieses freigewordene, manische Ich 
gestattet sich wirklich hemmungslos die Befriedigung 
aller seiner Gelüste. Vorgänge, reich an ungelösten 
Hätsehi ! 

Sie werden gewiß mehr als eine bloße Illustration 
erwarten, wenn ich Ihnen ankündige, daß wir über 
die Bildung des Cber-Tchs, also über die Entstehung 
des Gewissens mancherlei gelernt haben. Der Philo- 
soph Kant hat bekanntlich den Ausspruch getan, daß 
nichts ihm die Größe Gottes so überzeugend beweise 
als der gestirnte Himmel und das sittliche Gewissen in 
uns. Die Gestirne sind gewiß großartig, aber was das 
Gewissen betrifft, so hat Gott hierin ungleichmäßige 
Und nachlässige Arbeit geleistet, denn eine große 
Überzahl von Menschen hat davon nur ein beschei- 
denes Maß oder kaum so viel, als noch der Eede wert 

ist, mitbekommen. Wir verkennen das Stück psycho- 
logischer Wahrheit keineswegs, das in der Behaup- 
tung, das Gewissen sei göttlicher Herkunft, enthalten 
ist, aber der Satz bedarf der Deutung. "Wenn das Ge- 
wissen auch etwas in uns ist, so ist es doch nicht von 
Anfang an. Es ist so recht ein Gegensatz zum Sexual- 

39 



leben, das wirklich vom Anfang des Lebens an da ist 
und nicht erst später hinzukommt. Aber das kleine 
Kind ist bekanntlich amoraliseh, es besitzt keine inne- 
ren Hemmungen gegen seine nach Lust strebenden 
Impulse. Die Rolle, die späterhin das Über-Ich über- 
nimmt, wird zuerst von einer äußeren Macht, von der 
elterlichen Autorität, gespielt. Der Elterneinfluß 
regiert das Kind durch Gewährung von Liebesbewei- 
sen und durch Androhung von Strafen, die dem Kind 
den Tvicbesverlust beweisen und an sich gefürchtet 
werden müssen. Diese Realangst ist dei" Vorläufer 
der späteren Gewissensangst; solange sie herrscht, 
braucht man von über-lch und von Gewissen nicht 
zu reden. Pirst in weiterer Folge bildet sich die 
sekundäre Situation aus, die wir allzu bereitwillig 
für die normale halten, daß die äußere Abhallung 
verinnerlich t wird, daß an die Stelle der Eltern- 
instaiiz das Über-lch tritt, welches nun das Ich genau 
Bo beobachtet, lenkt und bedroht wie früher die Eltern 
das Kind. 

Das Über-lch, das solcher Art die Macht, die Lei- 
stung und selbst die Methoden der Eltorninstanz über- 
nimmt, ist aber nicht nur der Hechtsnachfolger, son- 
dern wirklich der legitime Loibeserbc derselben. Es 
geht direkt aus ihr hervor, wir werden l)nld erfal\ron, 
durch welchen Vorgang. Zunächst müssen wir jedoch 
bei einer Unstimmigkeit zwischen beiden verweilen. 
Das Über-Ich scheint in einseitiger Auswahl nur die 
Härte und Strenge der Litern, ihre verbietende und 
strafende Funktion aufgegriffen zu haben, während 
deren liebevolle Fürsorge keine Aufnahme und Fort- 
setzung findet. Haben die Litern wirklich ein strenges 
Regiment geführt, so glauben wir es leicht begreif- 
lich zu finden, wenn sich auch beim Kind ein strenges 



5 



40 



Über-Ich entwickelt, aber die Erfahrung zeigt, gegen 
unsere Erwartung, daß das Über-Ich denselben Cha- 
rakt unerbittlicher Härte erwerben kann, auch wenn 
die Erziehung milde und gütig war, Drohungen und 
Strafen möglichst vermieden hat. Wir werden auf die- 
sen Widerspruch später zurückkommen, wenn wir 
die Trieburasetzungen bei der Bildung des Uber-Ichs 

behandeln. 

Von der Umwandlung der Elternbeziehung in das 

Über-Ich kann ich Ihnen nicht soviel sagen, wie ich 
gerne möchte, zum Teil weil dieser Vorgang so ver- 
wickelt ist, daß seine Darstellung sich nicht in den 
Rahmen einer Einführung fügt, wie ich sie Ihnen 
geben will, zum anderen Teil, weil wir selbst nicht 
glauben, ihn voll durchschaut zu haben. Begnügen 
Sie sich also mit den folgenden Andeutungen. Die 
Grundlage dieses Vorganges ist eine sogenannte 
Identifizierung, d. h. eine Angleichung eines Ichs an 
ein fremdes, in deren Folge dies erste Ich sich in be- 
stimmten Hinsichten so benimmt wie das andere, es 
nachahmt, gewissermaßen in sich aufnimmt. Man hat 
die Identifizierung nicht unpassend mit der oralen, 
kannibalistischen Einverleibung der fremden Person 
verglichen. Die Identifizierung ist eine sehr wichtige 
Form der Bindung an die andere Person, wahrschein- 
lich die ursprünglichste, nicht dasselbe wie eine 
Objektwahl. Man kann den Unterschied etwa so aus- 
drücken: Wenn der Knabe sich mit dem Vater iden- 
tifiziert, so will er sein wie der Vater; wenn er 
ihn zum Objekt seiner Wahl macht, so will er ihn 
haben, besitzen; im ersten Fall wird sein Ich nach 
dem Vorbild des Vaters verändert, im zweiten Falle 
ist dies nicht notwendig. Identifizierung und Objekt- 
wahl sind in weitem Ausmaß unabhängig voneinan- 

41 



der; man kann sicli aber auch mit der nämlichen Per- 
son identifizieren, sein Ich nach ihr verändern, die 
man z. B. zum Sexualobjekt genommen liat. Mau sagt, 
daß diese Beeinflussung des Jchs durch das Öexual- 
objekt besonders häufig bei Frauen vorkommt und 
für die Weiblichkeit charakteristisch ist. Von der bei 
weitem lehrreichsten Beziehung zwiKcheu Identifi- 
zierung und Objektwahl muß ich Jlmen schon einmal 
in den früheren Vorlesungen gesprochen haben. Sie 
ist so leicht an Kindern wie an Erwachsenen, nor- 
malen und kranken Menschen zu beobachten. Wenn 
man ein Objekt verloren hat oder es aufgeben mußte, 
so entschädigt man sich oft genug dadurcli, daß man 
sich mit ihm identifiziert, es in seinem Ich wieder 
aufrichtet, so daß hier die Objektwahl gleichsam zur 
Identifizierung regrediert. 

Ich bin von diesen Ausfiihnnigen über die Identi- 
fizierung selbst durchaus nicht befriedigt, aber ge- 
nug, wenn Sie mir zugeben können, daß die Ein- 
setzung des über-Tchs als ein gehingener Fall von 
Identifizierung mit der lOlteruinstanz beschrieben 
werden kann. Die für diese Auffassung entsclieidende 
Tatsache ist nun, daß diese Neuschöpfung einer über- 
legenen Instanz im Ich aufs Innigste mit dem Schick- 
sal des Ödipuskomplexes verknüpft ist, so daß das 
Über-Ich als der Erbe dieser für die Kindheit so be- 
deutungsvollen Gefühlsbildung erscheint. Wir ver- 
stehen, mit dem Auflassen des Odipuskou»plexes 
mußte das Kind auf die intensiven Objeklbesetzungen 
verzichten, die es bei den Eltern untergebracht hatte 
und zur Entschädigung für diesen Objektverlust wer- 
den die wahrscheinlich längst vorhandenen Identi- 
iiziorungen mit den Eltern in seinem Ich so sehr ver- 
stärkt. Solche Identifizierungen als Niederschläge 



42 



aufgegebener Objektbesetzungen werden sich später 
im Leben des Kindes oft genug wiedei'holen, aber es 
entspricht durchaus dem Gefühlswert dieses ersten 
Falles einer solchen Umsetzung, daß deren Ergebnis 
eine Sonderstellung im Ich eingeräumt wird. Ein- 
gehende Untersuchung belehrt uns auch, daß das 
Über-Ich in seiner Stärke und Ausbildung verküm- 
mert, wenn die Überwindung des Ödipuskomplexes 
nnv unvollkommen gelingt. Im Laufe der Entwick- 
lung nimmt das Über-Ich auch die Einflüsse jener 
Personen an, die an die Stelle der Eltern getreten 
sind, also von Erziehei-n, Lehrern, idealen Vorbil- 
dern. Es entfernt sich normalerweise immer mehr 
von den ursprünglichen Elternindividiien, es wird 
sozusagen unpersönlicher. Wir wollen auch nicht 
daran vergessen, daß das Kind seine Eltern in ver- 
schiedenen Lebenszeiten verschieden einschätzt. Zur 
Zeit, da der Ödipuskomplex dem Über-Ich den Platz 
räumt, sind sie etwas ganz Großartiges, später büßen 
sie sehr viel ein. Es kommen dann auch Identifizie- 
rungen mit diesen späteren Eltern zustande, sie 
liefern sogar regelmäßig wichtige Beiträge zur Cha- 
rakterbildung, aber sie betreffen dann nur das Ich, 
beeinflussen nicht mehr das Über-Ich, das durch die 
frühesten Elternimagines bestimmt worden ist- 

Ich hoffe, Sie haben bereits den Eindruck empfan- 
gen, daß die Aufstellung des Über-Ichs wirklich ein 
Struktiirverhältnis beschreibt und nicht einfach eine 
Abstraktion wie die des Gewissens personifiziert. 
Wir haben noch eine wichtige Funktion zu erwähnen, 
die wir diesem über-Ich zuteilen. Es ist auch der 
Träger des Ich-Ideals, an dem das Ich sich mißt, dem 
es nachstrebt, dessen Anspruch auf immer weiter- 
gehende Vervollkommnung es zu erfüllen bemüht ist. 

43 



rl 



/: 



Kein Zweifel, dieses Ich-Ideal i.^l der Niederschlag 
der alten Elternvorstelliing, der Ausdruck der Be- 
wunderung jener VoUkonnnonhoil. die das Kind ihnen 
damals zuschrieb. Ich weiß, .Sie haben viel v<ni dem 
Gefühl der Minderwertigkeit gehört, das gerade die 
Neurotiker auszeichnen soll. Ks spukt besonders in 
der sogenannt schönen Literatur. Ein Schriffsteller- 
der das Wort MinderM^ertigkeitskoniplex gebraucht, 
glaubt damit allen Anforderungen der Psychoanalyse 
Genüge getan und seine Darstellung auf ein höheres 
psychologisches Niveau geluthen zu haben. In Wirk- 
lichkeit wird das Kunsfworl Mindcrwerligkoilskoin- 
plex in der Psychoanalyse kaum verwendet. Ks be- 
deutet uns nichts Einfaches, geschweige denn etwa» 
Elementares. Es auf die Selbstwahrnehnmng etwaiger 

Organverkümniorungon '/uriickzufüiiren, wie die 
Schule der sogemunilen Idividualpsychologen zu tun 
beliebt, orscheiul uns ein kurzsichtiger Irrtum. 1^*^^ 
GofiUil dor Mindeiwottigkeit lint slarke erotische 
Wurzeln. Das Kind fühlt eich minderwertig, wenn 
es merkt, daß es nicht geliebt wird, und ebenso der 
Erwachsene. Das einzige Orgnn. das wirklich als 
minderwertig betrachtet wird, ist der verküiimierte 
Penis, die Klitoris des Mädchens. Aber der Ilniipt' 
anteil des Minderwertigkeitsgefühls stanunt aus der 
Beziehung des Ichs zu seinem ()bcr-lch, ist ebenso 
wie das Schuldgefühl ein Ausdruck der Spannung 
zwischen beiden, Minderwortigkoitsgefuhl und Schuhl- 
gefühl sind überhaupt schwer auseinander zu halten. 
Vielleicht täte man gut daran, im orsteren erotische 
Ergänzung zum moralischen MinderM^ertigkeitsgcfil^i^ . 
zu sehen. Wir haben dieser Frage der begrifflichen I 
Abgrenzung in der Psychoanalyse wenig Aufmerk- 1 
samkeit geschenkt. 

44 



Gerade weil der Minderwertigkeitskomplex so po- 
pulär geworden ist, gestatte ich mir, Sie hier mit 
einer kleinen Abschweifung zu unterhalteu. Eine 
historische Persönlichkeit unserer Zeit, die noch lebt, 
aber gegenwärtig in den Hintergrund gerückt ist, hat 
von einer Schädigung während der Geburt eine ge- 
wisse Verkümmerung eines Gliedes behalten. Kin 
sehr bekannter Schriftsteller unserer Tage, der am 
liebsten Biographien hervorragender Personen be- 
arbeitet, hat auch das Leben dieses von mir bezeich- 
neten Mannes behandelt. Nun mag es ja schwer sein, 
das Bedürfnis nacli psychologischer Vertiefung zu 
unterdrücken, wenn man eine Biographie schreibt. 
Unser Autor hat darum den Versuch gewagt, die 
ganze Charakterentwicklung des Helden über dem 
Minderwertigkeitsgefühl, das jener körperliche De- 
fekt wachrufen mußte, aufzubauen. Er hat dabei eine 
kleine, aber nicht unwichtige Tatsache übersehen. Es 
ist gewöhnlich, daß Mütter, denen das Schicksal ein 
krankes oder sonst benachteiligtes Kind geschenkt 
hat, es für diese ungerechte Zurücksetzung durch ein 
Übermaß von Liebe zu entschädigen suchen. In dem 
zur Rede stehenden Falle benahm sich die stolze Mut- 
ter anders, sie entzog dem Kind ihre Liebe wegen 
seines Gebrechens. Als aus dem Kinde ein groß- 
mächtiger Mann geworden war, bewies dieser durch 
seine Handlungen unzweideutig, daß er der Mutter 
nie verziehen hatte. Wenn Sie sich an die Bedeutung 
der Mutterliebe für das kindliche Seelenleben besin- 
nen, werden Sie die Minderwertigkeitstheorie des 
Biograpiien wohl in Ihren Gedanken korrigieren. 

Kehren wir zum Über-Ieh zurück! Wir haben ihm 
die Seibstbeobaclitung, das Gewissen und die Ideal- 
fupktion zugeteilt. Aus unseren Ausführungen über 

45 



seine Entstehung geht hervor, daß es eine unsäglich 
wichtige biologische wie eine sclücksalsvoile psycho- 
logische Tatsache zu Voraussetzungen hat, immlich 
die lange Abhängigkeit des Monsclienkindes von sei- 
nen Eltern und den Ödipuskomplex, die beide wieder 
innig miteinander verknüpft sind. Das t)her-Icli ist 
für uns die Vertretung aller nioj-alischen Beschrän- 
kungen» der Anwalt des Strebens nach Vervollkomm- 
nung, kurz das, was uns von dem sogenannt Höheren 
im Menschenleben psycliologisch greifbar geworden 
ist. Da es selbst auf den Einfluß der Eltern, Erzieher 
u. dgl. zurückgeht, erfahren wir noch mehr vou sei- 
ner Bedeutung, wenn wir uns zu diesen seineu Quel- 
len wenden. In der Ix'egel folgen die Eltern und die 
ihnen analogen Autoritäten in der Erziehung des 
Kindes den Vorschriften des eigenen Über-Ichs. Wie 
immer sich ilir Ich mit ihrem t"lber-lch auseinander- 
gesetzt haben mag, in der Erziehung des Kindes sind 
sie streng und anspruchsvoll. Sie haben die Schwie- 
rigkeiten ihrer eigenen Kindheit vergessen, sind zu- 
frieden, sich nun voll mit den eigenen Eltern iden- 
tifizieren zu können, die iiinen seinerzeit die schwe- 
ren Einschränkungen auferlegt haben. So wird das 
Uber-Ich des Kindes eigentlich nicht nach dem Vor- 
bild der Eltern, sondern des elterlichen Über-Ichs 
aufgebaut; es erfüllt sich mit dem gleichen Inhalt, es 
wird zum Träger der Tradition, all der zeitbeständi- 
gen Wertungen, die sich auf diesem Wege über Gene- 
rationen fortgepflanzt haben. Sie erraten leicht, welch 
wichtige Hilfen für das Verständnis des sozialen Ver- 
haltens der Menschen, z. B. für das der Verwahr- 
losung, vielleicht auch welch praktische Winke für 
die Erziehung sich aus der Berücksichtigung des 
Über-Ichs ergeben. Wahrscheinlich sündigen die so- 

46 



genannt materialistischen Geschichtsauffassungen 
darin, daß sie diesen Faktor unterschätzen. Sie tun 
ihn mit der Bemerkung ab, daß die „Ideologien" der 
Menschen nichts anderes sind als Ergebnis und Über- 
bau ihrer aktuellen ökonomischen Verhältnisse. Das 
ist die Wahrheit, aber sehr wahrscheinlich nicht die 
ganze Wahrheit. Die Menschheit lebt nie ganz in der 
Gegenwart, in den Ideologien des Über-Ichs lebt die 
Vergangenheit, die Tradition der Rasse und des Vol- 
kes fort, die den Einflüssen der Gegenwart, neuen 
Veränderungen, nur langsam weicht, und solange sie 
durch das Über-Ich wirkt, eine mächtige, von den 
ökonomischen Verhältnissen unabhängige Rolle im 
Menschenleben spielt. 

Im Jahre 1921 habe ich versucht, die Differenzie- 
rung von Ich und Über-Ich beim Studium der Massen- 
psychologie zu verwenden. Ich gelangte zu einer 
Formel wie: Eine psychologische Masse ist eine Ver- 
einigung von Einzelnen, die die nämliche Person in 
ihr Über-Ich eingeführt und sich auf Grund dieser 
Gemeinsamkeit in ihrem Ich miteinander identifiziert 
haben. Sie gilt natürlich nur für Massen, die einen 
Führer haben. Besäßen wir mehr Anwendungen die- 
ser Art, so würde die Annahme des Über-Ichs das 
letzte Stück Befremden für uns verlieren und wir 
würden von jener Befangenheit gänzlich frei werden, 
die uns doch noch befällt, wenn wir uns, an die Unter- 
weltatmosphäre gewöhnt, in den oberflächlicheren, 
höheren Schichten des seelischen Apparats bewegen. 
Wir glauben selbstverständlich nicht, daß wir mit 
der Sonderung des Über-Ichs das letzte Wort zur Ich- 
Psychologie gesprochen haben. Es ist eher ein erster 
Anfang, aber in diesem Falle ist nicht nur der Anfang 
schwer. 



47 



Wir heißen jenes UnbeMußte, das nur latent ist 
und so leicht bewußt wird, das Vorbewnßte, ]>oliaUen 
die Bezeichnung „Unbewußt" dem anderen vor. Wir 
haben nun drei Termini: bewußt, vorbewiißt, unbe- 
wußt, mit denen wir in der liewhieibung der seeli- 
schen Phänomene unser Anekonuuen 1'indeu. Noch- 
mals, rein deskriptiv ist auch das Vorbewiißle unbe- 
wußt, aber wir bezeiclinen es nicht so, äußer in 
lockerer DarsteHung oder wenn wir die Kxistenz un- 
bewußter Vorgänge überliaupt im Seelenleben zn 
verteidigen hal)en. 

Sie werden mir hoffentlich zugeben, das sei so weit 
nicht gar arg und erlaube eine bequeme Handhabung. 
Ja, aber leider hat die psychoanalytische Arbeit sich 
gedrängt gefunden, das Wort unbewußt noch in einem 
anderen, dritten, Sinn zu verwenden, uml das mag 
allerdings Verwirrung gestiftet haben. Unter dem 
neuen und starken Kindruck, daß ein weites und 
wichtiges Gebiet des Seelenlebens der Kenntnis des 
Ichs normalerweise entzogen ist, so daß die Vorgänge 
darin als unbewußte im richtigen dynamischen Sinn 
anerkannt werden müssen, haben wir den Terminus 
„unbewußt" auch in einem topipchen oder systeuiati- 
fichen Sinn verstanden, von einem System des Vor- 
bewußten und des Unbewußten gesprochen, von einem 
Konflikt des Ichs mit dem System Ubw, das Wort 
immer mehr eher eine seelische Provinz bedeuten 
lassen als eine Qualität des Seelischen. Die eigentlich 
unbequeme Entdeckung, daß auch Anteile des Iclis 
und Cber-Ichs im dynamischen Sinne unbewußt sind, 
wirkt liier wie eine Erleichterung, gestattet uns, eine 
Komplikation wegzuräumen. Wir sehen, wir haben 
kein Recht, das ich-fremde Seelengebiet das System 
Ubw zu nennen, da die Unbewußtheit nicht sein aus- 

48 




schließender Charakter ist. Gut, so wollen wir unbe- 
wußt nicht mehr im systematischen Sinn gebrauchen 
und dem bisher so Bezeichneten einen besseren, nicht 
mehr mißverständlichen Namen geben. In Anlehnung 
an den Sprachgebrauch bei N i e t z s c h e und infolge 
einer Anregung von G. G roddeck heißen wir es 
fortan das E s. Dies unpersönliche Fürwort scheint 
besonders geeignet, den Hauptcharakter dieser Seelen- 
provinz, ihre Ich-Fremdheit, auszudrücken. Über-Ich, 
Ich und Es sind nun drei h'eiche, Gebiete, Provinzen, 
in die wir den Seelenapparat der Person zerlegen, 
mit deren gegenseitigen Beziehungen wir uns im 
Weiteren beschäftigen wollen. 

Vorher nur eine kurze Einschaltung. Ich vermute, 
Sie sind unzufrieden damit, daß die drei Qualitäten 
der Bewußtheit und die drei Provinzen des seelischen 
Apparats sich nicht zu drei friedlichen Paaren zu- 
sammengefunden liaben, und sehen darin etwas wie 
eine Trübung unserer Kesultate. Ich meine aber, wir 
sollten es nicht bedauern und sollten uns sagen, daß 
wir kein Pecht hatten, eine so glatte Anordnung zu 
erwarten, fassen Sie mich eine Vergleichung brin- 
gen; Vergleiche entscheiden nichts, das ist wahr, aber 
sie können machen, daß man sich heimischer fühlt. 
Ich imaginiere ein Land mit mannigfaltiger Bodenge- 
staltung, Hügelland, Ebene und Seenketten, mit ge- 
mischter Bevölkerung — es wohnen darin Deutsche, 
Magyaren und Slovaken, die auch verschiedene Tätig- 
keiten betreiben. Nun könnte die Verteilung so sein, 

daß im Hügelland die Deutschen wohnen, die Vieh- 
züchter sind, im Flachland die Magyaren, die Getreide 
und Wein bauen, an den Seen die Slowaken, die 
Fische fangen und Schilf flechten. Wenn diese Ver- 
teilung glatt und reinlich wäre, würde ein Wilson 

4 AlmaDäch 1934 49 



8oine Freude an ihr liaben; es wäre aucli bequem für 
den Vortrag in der Geographiestimde. Ee ist aber 
wahrscheinlich, daß Sie weniger Ordnung und mehr 
Vermen^ung finden, wenn »Sie die Gegend bereisen. 
Deutsche, Magyaren und Slowaken leben überall 
durcheinander, im Hügelland gibt es auch Äcker, in 
der Ebene wird auch Vieh gehalten. Einiges ist natür- 
lich, so wie Sic es erwartet haben, denn auf Bergen 
kann man keine Fische fangen, im Wasser wächst 
kein Wein. Ja, das Bild der Gegend, das Sie mitge- 
bracht haben, mag im großen und ganzen zutreffend 
sein; im einzelnen werden Sie sich Abweichungen ge- 
fallen lassen. 

Sie erwarten nicht, daß ich Ihneu vom Es anßer 
dem neuen Namen viel Neues mitzuteilen habe. Es ist 
der dunkle, unzugängliche Teil unserer Persönlich- 
keit; das wenige, was wir von ihm wissen, haben wir 
durch das Studium der Traumarhoit und der neuroti- 
schen Symptombildung erfahren und das meiste davon 
hat negativen Charakter, hißt sich nur als Gegensatz 
zum Ich beschreiben. Wir nahern uns dem Es mit 
Vergleichen, nennen es ein CiTaos, einen Kessel voll 
brodelnder Erregungen. Wir stellen uns vor, es sei 
am Ende gegen das Somatische offen, nehme da die 
Triebbedürfnisse in sich auf, die in ihm ihren psychi- 
schen Ausdruck finden, wir können aber nicht sagen, 
in welchem Substrat. Von den Trieben her erfüllt es 
sich mit Energie, aber es hat keine Organisation, 
bringt keinen Gesanitwillen auf, nur das Bestreben, 
den Triebbedürfnisson unter Einhaltung des Lust- 
prinzips Befriedigung zu schaffen. Für die Vorgänge 
im Es gelten die logischen Denkgesotze nicht, vor 
allem nicht der Satz des Widerspruchs. Gegensätz- 
liche Kegungen bestehen nebeneinander, ohne ein- 

50 



ander aufzuheben oder sich voneinander abzuziehen, 
höchstens daß sie unter dem herrschenden ökono- 
mischen Zwang zur Abfuhr der Energie zu Kompro- 
jnißbildungen zusammentreten. Es gibt im Es nichts» 
was man der Negation gleichstellen könnte, auch 
nimmt man mit Überraschung die Ausnahme von dem 
Satz der Philosophen wahr, daß Raum und Zeit not- 
wendige Formen unserer seelischen Akte seien. Im 
Es findet sich nichts, was der Zeitvorstellung ent- 
spricht, keine Anerkennung eines zeitlichen Ablaufs 
und, was höchst merkwürdig ist und seiner Würdi- 
gung im philosophischen Denken wartet, keine Ver- 
änderung des seelischen Vorgangs durch den Zeit- 
ablauf. Wunschregungen, die das Es nie überschrit- 
ten haben, aber auch Eindrücke, die durch Verdrän- 
gung ins Es versenkt worden sind, sind virtuell un- 
sterblich, verhalten sieh nach Dezennien, als ob sie 
neu vorgefallen wären. Als Vergangenheit erkannt, 
entwertet und ihrer Energiebesetzung beraubt kön- 
nen sie erst werden, wenn sie durch die analytische 
Arbeit bewußt geworden sind, und darauf beruht 
nicht zum kleinsten Teil die therapeutische Wirkung 
der analytischen Behandlung. 

Ich habe immer wieder den Eindruck, daß wir aus 
dieser über jeden Zweifel feststehenden Tatsache der 
Unveränderlichkeit des Verdrängten durch die Zeit 
viel zu wenig für unsere Theorie gemacht haben. Da 
scheint sich doch ein Zugang zu den tiefsten Ein- 
sichten zu eröffnen. Leider bin auch ich da nicht 
wei tergekom men. 

Selbstverständlich kennt das Es keine Wertungen, 
kein Gut und Böse, keine Moral. Das ökonomische 
oder, wenn Sie wollen, quantitative Moment, mit dem 
Lustprinzip innig verknüpft, beherrscht alle Vor- 



51 



Tf^ 



gange. Triebbesetzungon, die nach Abfulir verlangen, 
das, meinen wir, sei alles im Rs. Ks scheint sogar, 
daß sich die Energie dieser Triebregiingen in einem 
andern Zustand befindet als in den andern seelischen 
Bezirken, weit leichter beweglich und abfuhrfähig 
ist, denn sonst würden nicht jene Verschiebungen 
nnd Verdichtungen vorfallen, die für das Ks charak- 
teristisch sind und die so vollkomiuen von der Qua- 
lität des Besetzten — im IcJi würden wir es eine 
Vorstellung nennen — abseilen. Man f<übo was darum, 
wenn man von diesen Dingen niolir vorstehen könnte! 
jl|iJ Sie sehen übrigens, daß wir in der Lage sind, vom 

«»'■ ba noch andere Eigensohafton an/i.gobon, als daß es 

\\ unbewußt ist, und Sie erkennen die Möglichkeit, daß 

Teile vom Ich und Über-lch unbewußt Heien, ohne 
che nainhchen primitiven und irrationellen Charak- 
ere zu besitzen. Zu einer Charakteristik des eigent- 
ichen Ichs, insofern es sich vom Es und vom r)ber- 
Ich sondern laßt, gelangen wir am ehesten, wenn wir 
seine Beziehung znm äußersten oberflächlichen Stück 
des seelischen Apparats ins Auge fassen, das wir als 
I das System W-ß>, bezeichnen. Dieses System ist der 

Außenwelt zugewendet, es vermittelt die Wnhrneh- 
mungen von ihr, in ihm entsteht während seiner 
Funktion das Phänomen des Bewußtsein«. Es ist das 
Sinnesorgan des ganzen Apparats, empfänglich übri- 
gens nicht nur für Erregungen, die von außen, son- 
dern auch für solche, die aus dem Innern des Seelen- 
lebens herankommen. Die Auffassung bedarf kau.u 
einer iieditfertlgung, daß das Ich jener Teil des lOs 
18t, der durch die Nähe und den lOiniluß der Außen- 
welt modifiziert wurde, zur Keizaufnahme und /uin 
Reizschutz eingerichtet, vergleichbar der Ilinden- 
schicht, mit der sich ein Klümpchen lebender Siib- 



52 



stanz umgibt. Die Beziehung zur Außenwelt ist für 
das Ich entscheidend geworden, es hat die Aufgabe 
übernommen, sie bei dem Es zu vertreten, zum Heil 
des Es, das ohne Rücksicht auf diese übergewaltige 
Außenmacht im blinden Streben nach Triebbefriedi- 
gung der Vernichtung nicht entgehen würde. In der 
Erfüllung dieser Funktion muß das Ich die Außen- 
welt beobachten, eine getreue Abbildung von ihr in 
den Erinnerungsspuren seiner Wahrnehmungen nie- 
derlegen, durch die Tätigkeit der Realitätsprüfung 
fern halten, was an diesem Bild der Außenwelt Zutat 
aus inneren Erregungsquellen ist. Im Auftrag des Es 
beherrscht das Ich die Zugänge zur Motilität, aber 
es hat zwischen Bedürfnis und Handlung den Auf- 
schub der Denkarbeit eingeschaltet, während dessen 
es die Erinnerungsreste der Erfahrung verwertet. 
Auf solche Weise hat es das Lustprinzip entthront, 
das uneingeschränkt den Ablauf der Vorgänge im Es 
beherrscht und es durch das Realitätsprinzip ersetzt, 
das mehr Sicherheit und größeren Erfolg verspricht. 



- . V4._ 



Wir haben uns bisher durch die Aufzählung der 
Vorzüge und Fähigkeiten des Ichs imponieren lassen; 
es ist jetzt Zeit auch der Kehrseite zu gedenken. Das 
Icli ist doch nur ein Stück vom Es, ein durch die 
Nähe der gefahrdrohenden Außenwelt zweckmäßig 
verändertes Stück. In dynamischer Hinsicht ist es 
schwach, seine Energien hat es dem Es entlehnt, und 
wir sind nicht ganz ohne Einsicht in die Methoden, 
man könnte sagen: in die Schliche, durch die es dem 
Es weitere Energiebeträge entzieht. Ein solcher Weg 
ist zum Beispiel auch die Identifizierung mit beibe- 
haltenen oder aufgegebenen Objekten. Die Objekt- 



besetziingen gehen von den Triebansprüchen des Es 
aus. Das Ich hat sie zunächst zu registrieren. Aber 
indem es sicli mit dem Objekt identifiziert, empfiehlt 
es sich bei dorn Es an Steile des Obiel<ts, will es die 
Libido des Es auf sich lenken. Wir haben schon ge- 
hört, daß das Ich im l.nuf des Lebens eine große 
Anzahl von solchen Niederscliliigen ehemaliger Ob- 
jektbesetzungen in sich aufninunt. Im ganzen muß 
das Ich die Absichten des Es durchführen, es erfüllt 
seine Aufgabe, wenn es die Umstünde ausfindig 
macht, unter denen diese Absichten am besten er- 
reicht werden können. Man könnte das Verhältnis des 
Ichs zum Es mit dem des I^eilers zu seinem Pferd 
vergleichen. Das Pferd gibt die Energie für die 
Lokomotion her, der Heiter hat das Vorrecht, das Ziel 
zu bestimmen, die Bewegung des starken Tieren zu 
leiten. Aber zwischen Ich und Es ereignet sich allzu 
häufig der nicht ideale Fall, daß der Heiter das lloU 
dahin führen muß, wohin es selbst gehen will. 

Von einem Teil des Es hat sich das Ich durch Ver- 
drängungawiderstände geschieden. Aber die Verdrän- 
gung setzt sich nicht in das Es fort. Das Verdrängte 
fließt mit dem übrigen Es zusanunen. 

Ein Sprichwort warnt davor, gleichzeitig zwei 
Herren zu dienen. Das anno Ich hat es noch scliwerer» 
es dient drei gestrengen Herreu, ist bemüht, deren 
Ansprüche und FviikniUgeu in Eiliklnng miteinander 
zu bringen. Diese Ansprüche gehen inunor ausein- 
der, scheinen oft unvereinbar zu sein; kein Wuiuler, 
wenn das Ich so oft an seiner Aufgabe scheitert. Die 
drei Zwingherren sind die Außenwelt, das Übei'-Ich 
und das Es. Wenn man die Anstrengungen dos Ichs 
verfolgt, ihnen gleichzeitig zu gehorchen, kann man 
nicht bereuen, dieses ich personifizierl, es als ein be- 



54 



T 



sonderes Wesen hingestellt zu haben. Es fühlt sich 
von drei Seiten her eingeengt, von dreierlei Gefahren 
bedroht, auf die es im Falle der Bedrängnis mit 
Angstentwicklung reagiert. Durch seine Herkunft 
aus den Erfahrungen des Wahrnehmungssystems ist 
es dazu bestimmt, die Anforderungen der Außenwelt 
zu vertreten, aber es will auch der getreue Diener 
des Es sein, im Einvernehmen mit ihm bleiben, sich 
ihm als Objekt empfehlen, seine Libido auf sich zie- 
hen. In seinem Vermittlungsbestreben zwischen Es 
und Kealität ist es oft genötigt, die ubw. Gebote 
des Es mit seinen vbw. Rationalisierungen zu beklei- 
den, die Konflikte des Es mit der Realität zu ver- 
tuschen, mit diplomatischer Unaufrichtigkeit eine 
Rücksichtnahme auf die Realität vorzuspiegeln, auch 
wenn das Es starr und unnachgiebig geblieben ist. 
Anderseits wird es auf Schritt und Tritt von dem ge- 
Btrengen Über-Ich beobachtet, das ihm bestimmte 
Normen seines Verhaltens vorhält, ohne Rücksicht 
auf die Schwierigkeiten von Seiten des Es und der 
Außenwelt zu nehmen, und es im Falle der Nichtein- 
haltung mit den Spannungsgefühlen der Minderwer- 
tigkeit und des Schuldbewußtseins bestraft. So vom 
Es getrieben, vom Über-Ich eingeengt, von der Reali- 
tät zurückgestoßen, ringt das Ich um die Bewältigung 
seiner ökonomischen Aufgabe, die Harmonie unter 
den Kräften und Einflüssen herzustellen, die in ihm 
und auf es wirken, und wir verstehen, warum wir so 
oft den Ausruf nicht unterdrücken können: Das 
Leben ist nicht leicht! Wenn das Ich seine Schwäche 
einbekennen muß, bricht es in Angst aus, l^eakngst 
vor der Außenwelt, Gewissensangst vor dem Über- 
Ich, ne\irotische Angst vor der Stärke der Leiden- 
schaften im Es. 

65 



Die Strukturverhältnisse der HeeÜBchen Persön- 
lichJkeit, die ich vor Ihnen entwickelt habe, möchte 
ich in einer anspruchslosen Zeichnung darstellen, die 
ich Ihnen hier vorlege. ., . . , . _ 



W-Bw 




Sie sehen hier, das Über-lch taucht in das lOs ein; 
als Erbe des Ödipuskomplexes Imi es Ja intime Zu- 
sammenhänge mit ihm; es liegt weiter ab vom Wahr- 
nehmungssystem als das Ich. Das Es verkehrt mit der 
Außenwelt nur über das Ich, wenigstens in diesem 
Schema. Es ist gewiß heute schwer zu 8agen, inwie- 
weit die Zeichnung richtig ist; in einem Punkt ist 
sie es gewiß nicht. Der Raum, den das unbewußte Es 
einnimmt, nMt& l/flvorp:lGicIilich größer sein als der 
des Ichs oder des Vorbewußten, Ich bitte, verbessern 
Sie das in Ihren Gedanken. 

56 



.^- 



Und nun zum Abschluß dieser gewiß anstrengen- 
den und vielleicht nicht einleuchtenden Ausführungen 
noch eine Mahnung! Sie denken bei dieser Sonderung 
der Persönlichkeit in Ich, Über- Ich und Es gewiß nicht 
an scharfe Grenzen, wie sie künstlich in der politi- 
schen Geographie gezogen worden sind. Der Eigenart 
des Psychischen können wir nicht durch lineare Kon- 
turen gerecht werden wie in der Zeichnung oder in 
der primitiven Malerei, eher durch verschwimmende 
Farbenfelder wie bei den modernen Malern. Nach- 
dem wir gesondert haben, müssen wir das Gesonderte 
wieder zusammenfließen lassen. Urteilen Sie nicht zu 
hart über einen ersten A^ersuch, das so schwer erfaß- 
bare Psychische anschaulich zu machen. Es ist sehr 
wahrscheinlich, daß die Ausbildung dieser Sonderun- 
gen bei verschiedenen Personen großen Variationen 
unterliegt, möglich, daß sie bei der Funktion selbst 
verändert und zeitweilig rückgebildet werden. Beson- 
ders für die phylogenetisch letzte und heikelste, die 
Differenzierung von Ich und Über-Ich, scheint der- 
gleichen zuzutreffen. Es ist unzweifelhaft, daß das 
Gleiche durch pyschische Erkrankung hervorgerufen 
wird. Man kann sich auch gut vorstellen, daß es ge- 
wissen mystischen Praktiken gelingen mag, die nor- 
malen Beziehungen zwischen den einzelnen seelischen 
Bezirken umzuwerfen, so daß z. B. die Wahrnehmung 
Verhältnisse im tiefen Ich und im Es erfassen kann, 
die ihr sonst unzugänglich waren. Ob man auf diesem 
Weg der letzten Weisheiten habhaft werden wird, 
von denen man alles Heil erwartet, darf man getrost 

bezweifeln. Immerhin wollen wir zugebeu, daß dvö 

therapeutischen Bemühungen der Psychoanalyse sich 
einen ähnlichen Angriffspunkt gewählt haben. Ihre 
Absicht ist ja, das Ich zu stärken, es vom Über-Ich 

57 



unabhängiger zu machen, eein WahrnehmungHfeld zu 
erweitern und seine OrganiHfition aiiHZiibauoii, so daß 
es sich neue Stücke des lOs (lueigneu kann. Wo Ks 
war, soll Ich werden. 

Ks ist Kulturarbeit etwa wie die Trockenlegung 
der Z u y U e r ö e e. 



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7 ■ '■■ -. 



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•-i) I . ■ 



58 



Have Dreams a Meaning? 

By Ernest Jones, London 

Dr. Ernest JoneSj der Gründer der British 
Psychoanalj-tical Society und derzeit Präsident 
der Internationalen Psychoanalyii sehen Vereini- 
gung hnt im britischen Kundfunk einige Vor- 
träge über GrundprobUme der Psychoanalyse ge- 
halten; es hat auch eine Rundjiinkdiskussion 
zwischen Jones und dein Professor der Psycho- 
logie Dr. Cyril Burt stattgefunden (in deutscher 
Übersetzung wiedergegeben in der Zeitschrift 
^Psychoanalytische Bewegung^ ^ Jahrg. F, rt?jj_J. 
Diese Vorträge erscheinen in einem vom Verlage 
■ - George Allen & Unwin, London^ gegenwärtig vor- 

bereiteten Buche „How the mind works^. Mit 
Zustimmung dieses Verlages gelangt hier einer 
der Vorträge in englischer Sprache zum Abdruck. 

Those people who are interested only in material 
things are not likely to have much patience for the 
study of the very opposite. And what conld be less 
material, less tangibie, than dreams? So much so that 
one may well ask whellier it is worth Ihe trouble to 
study them at all. Would it not be better to dismies 
them altogether, just as many practically minded 
people disraiss all kinds of what they would call 
spook-hunting? 

Here at the start we strike the first point of in- 
terest in connection with dreams. It is, I think, easy 
to observe that they produce two opposite responses 
in people. Some people have what they feel is a 
healthy contempt for dream-life; they never give it 
a thought, and, if asked their opinion, woiild declare 
dreams to be mere nonsense, the disordered product 

of a tired brain, as obviously meaningless as the 

wildest ravings of a lunalic. Perhaps this last analogy 



iß worth piirsuing. An eminent London physician 
once vsaid to his colleagues, some fifty ycars ago, 
'Find out all about dreams, and yon will then iinder- 
stand about insanity\ The colleagueß in question 
scornfuUy ignored the remark. They doubtless 
thought it ridicolous to ialk about understanding 
such meaningless things as dreams or the raviiigs 
of the insane. Such people are probably in tbe 
majority. Others, however, experience a half-ropelled 
fascination for dreams. They are at times haiinted by 
the thought of thein, Iheir niood can be affeeied 
throughout the day by a parliciilarly vivid or 
emotional one, and they are movod by a vague sense 
of aignificance about them. They feel that droams 
have some meaning, that they come f rem s o in e- 
where, that they could not be there at all wilhout 
some reason, possibly even a piirpoee. With niany 
people of this class their inipressions degenerate into 
pure superstition. They attach quite arbitraiy iiiter- 
pretations to various types of dreams: they believe 
that they can foretell the future and they allow their 
daily conduct to be guided or influenced by hints 
they derive from their dreams. You must all know 
people who will bet or gamble from numbers or other 
hints from dreams, who will postpone journeys be- 
cause of a certain dream, and so on. 

One cannot help wondering what is the essential 
difference between these two types of people, and 
perhaps also what it is about dreams that they should 
evoke opposite responses. At the present day 1 should 
iraagine that most people have the former attitude. 
the Bcornful one, and it is noteworthy that this should 
be particularly true of scientiets, including those 
who profess special knowledge of either the brain or 

60 



Ihe mind, The other type — certainly the more super- 
stitious members — are apt to belong to the less edu- 
cated section of the Community. It was not always 
so. Three hundred years ago the vast majority of the 
Population took llie second view, namely, that dreams 
are eignificant and if we go still further back we 
reach a time when every single person took this view, 
and when, moreover, it could be said that the inore 
highly educated someone was, the greater was the 
attention he paid to dreams: in other words, the Po- 
sition in this matter was once the exact opposite of 
what now prevails. It certainly looks as if we were 
wasting oiir time on such a topic when, the better 
educated people are the more do they disdain it as 
worthless. And yet the matter is not so simple as this. 
Indeed, an interesting possibility opens up here. It 
is not unthinkable that the attitude of scientists 
towards dreams may proceed not from their science, 
biit from more human sources. Let us keep our uiinds 
open if we can. It would not be the first time that 
science had gone astray in ignoring populär wisdom, 
and that is specially true in psyehology. 

Whish Fulfilment 

In one sense dreams must, of course, have a mean- 
ing, that is, be capable of rational explanation, when 
we know enough about them. In this sense a shower 
of rain has a meaning. But the far more interesting 
question is whether dreams have a meaning in a 
narro^ver sense. One occasionaly comes aeross 
dreams where a nieaning is unmistakable. For in- 
stance, it has often been observed in Polar expedi- 
tions that men undergoing extreme privation are very 
apt to dream they are enjoying savoury meals in 

et 



L 



their favoiuUo röslaiirant. And with children is not 
rare to find thal on Iho iiiKliI ftfler a disappoinl- 
ment they dreain thoy are onjoying the vory treat, 
circus or what not, of whicli thoy Imve been deprived. 
Freud teils an amuning sttiry of a littlc boy who 
had to carry a basket of stiawborrios aa a birthday 
present to an old grand-fatlier. Tbat night Ihe 
child was heard to inuttcr out of a dream, 'oaten all 
the strawberries!' His dream had put malters right. 
In both these cases it is hard to avoid inferring 
a connection between the day and the night experi- 
ences and to say, 'Oh, yes, the poor things were 
making up in thoir iniaginatiou what was deniod 
thera in reality'. If we coino to this simple con- 
clusion, however, we are ventiiring a big sLep. For, 
just think, we ai'o attributing to Ihe mind during 
sleep an intelligent action with a definite aim, 
that of iising the Imagination for tho piirpose of 
allaying the pangs of disappointment, and we are 
attributing to dreams a definite function, that of 
soothing the pains encountered in real life. We are 
assuming that clisturbing thoughts pereist, from the 
waking state into sleep, and that then during sleep 
some part of the mind remains active enough to deal 
with these thoughts by imagining the very opposite 
of them. According to this, the dream would be 
whlspering to the sleeping child, like a fairy god- 
mother, 'Sleep on and be happy. It is not true that 
you have been told you can't go to the circus. No, no, 
you are actualiy there, and just see how gay and 

delightful it all is'. 

But softly! Surely we are building very far- 
reaching and almost fantastic conclusions on a very 
elender basis. After all, dreams of this kind are very 

62 




■i 



exceptional. Just think of the far commoner mass of 
nonsense we dreara, füll of impossible, contradictory 
Ol- meaningless ideas of which we simply cannot 
make head or tail. Or think of nights broken by wor- 
rying and disturbing dreams, of the dreams of horror, 
disgust or terror which most of us have experienced 
one time or another. What was our fairy godmother 
<3oing then? We feit more like being hag-ridden, as 
it used to be called. In the face of thera our pretty 
little theory diesolves like mist. And yet, in spite of 
this, psycho-analysis holds that this pretty little 
theory is true — not only for the rare dreams by 
which I illustrate it, but for every Single dream that 
is ever dreamt. This must sound like midsummer 
madness. Surely it is the turn of psycho-analysts to 
be asked if their theories have any intelligible mean- 
ing, not whether dreams have. But perhaps there is 
method in their madness. 

'The Guardian of Sleep' 

To begin with, 1 think we should all agree that 

<lreamless sleep is the most refreshing, the most 

healthy, so that dreams must have something to do 

with whatever is disturbing one's sleep. Sleep caii, 

of course, be disturbed by bodily causes, such as pain 

■or noise, or by thoughts, worrying anxieties pereist- 

ing from the day before. A very good sleeper ean 

sleep through a good deal of dieturbance without 

-dreaming. A poor sleeper is apt to be half aware of 

the trouble even during his sleep. But why is it 

that sometimes he is aware of the trouble itself and 

at other times he dreams instead? That shows that 

the dream is not the same thing as the disturbing 

irouble itself: more likely it is some sort of reaction 

63 




to It. And in simple cases it is easy lo see that it 
wards off the disturbance. I remember in the War 
that my patients often failed to waken to the alarin- 
ing barrage of our guna diiring an air raid, and 
would instead dream that they were listening to 
some harmless noise, the roaring of a train or 
what not, so that they could go on sleeping. 1 have 
had several exaniples of tireü sieepers who slept 
throngh tlie buzzing of an alarm elock and dreamt 
they were already in their office or leclure-room, a 
convenient arrangement whereby they spared them- 
eelves the eflort of getting i.p and the tronble 
of transporting Ihemsetves to M'ork. Behind tliis ini- 
aginary picture of being Ii^rd at A\'ork in the office 
there evidently lies ihe wish that they were there 
already without liaving the bother to get np and 
actually go there. It is a recourse to fancy in which 
the wish ia fulfilled. 

The modern theory of dreams,as of the unconscious 
altogether, we owe to Professor Freud of Vienna. 1 
have already implied the essonco of it in what I have 
just been saying. His theory is that dreams have a 
purpose or function: namely, to ward off anything 
that would disturb sleep. In faet, he ealls the dream 
the guardian of sleep'. It is true that we often have 
dietnrbmg dreams, but, strictly speaking, what ia 
distnrbmg us is not the dream itself. but ihoughts 
and anxicties which the sleeping mind is trying to 
ward off by Converting them into a harraleas and 
pleasant dream. Often it is not able to do thig and 
eometimes we even wake up with nnpleasant or ter- 
rifying emotions. This means that the disturbing 
thoughts have got the upper band: the mind has not 
been able to turn them into a pleasanl dream. There 
64 



4 




Dr. A. A. Brili 
New York 



^ 



i 



is no doubt that when we are awake we have far 
more power of keeping under eontrol any unpleasant 
thoughts, and we can often even banish them out of 
sight; that is to say, keep them in the unconscious 
by 'repression'. 

Freud holds that the way in which the part of the 
sleeping niind which builds np dreams keeps disturb- 
ing thoughts at bay is a very simple one. It simply 
wishes that things were otherwise and then iraagines 
that this wish is being fulfilled. He says that every 
dream represents a wish-fufilment and nothing eise. 
This is certainly the siinplest way to deal with an 
unpleasant thought: the only pity is that it does not 
often work in real life. When one is harassed by un- 
employment one simply indulges in the fancy that 
one has a cushy and well-paid Job, one füll of promi- 
sing prospects. A young man has no luck in love. But 
in his Imagination he woos a charnüng damsel who 
is happy to respond. How delightful! There is an old 
saying, 'If wishes were horses, beggars would ride', 
and that is the pith of the whole matter. 

Thousrhts in Dissruise 



You will say, I am sure, 'Yes, that's all very well, 
I can see the idea with a certain type of dream: for 
instance, when an Arctie explorer troubled by hunger 
dreams he is at the Ritz, er when a disappointed child 
dreams he is at the circus, and also perhaps in the 
warding-off dreams when disturbing noises are tur- 
ned into something eise. But this applies only to a 
very small niimber of dreams. What about the maes 
of dreams where all sorts of unpleasant things are 
luxppening and where we may even wake up with 



5 Aliuanaeh 1934 



65 



discomfort or terror? Nothing could be more abaurd 
than to apply this Üieory to euch dreams, for both 
halves of it break down: our sleep is not being pre- 
served, nor do the dreanis bear any resomblance to 
any sort of wish-fulfilment'. 

Tn saying tbis, howevor, yoii Imve paased by one 
little Word in the deHCviption I gave of Freud's 
theory. He does not say Ihai dreams are evidently 
wieh-fulfilments. Tf this wero evident 1 sbould not 
waste your time by talking to you aboiit it. Wbat he 
Kays is that they represent wiHb-fulfiliiients, and 
by that he impiies thai droaiiiK, apart from Iho few 
simple ones 1 niontioned parlier, are not what they 
scem. Tliey are disguises for other thouglits. A 
young woman dreamt thai a giraffe was dancing in 
a circle: a cat came in tbe way but he kicked it over. 
What ntter nonsense! Why tako notice of such an 
Idiotie dream? I askod her, however, what Ihousts 
the idea of a giraffe broiight to her mind. Slie an- 
swered: 'It has a long neck. That reminds me of 
someone very nice who bas a long neck, but he is 
married and to such a cattish woman'. You observe 
the 'but'. Were it not for that the gentleman 
would be free to offer the dreamer a circle — that ie, 
a ring. The dream begins to have sense bohind its 
nonsense (and it is sense that the young woman 
was rathor loath to adinit to berself, especially 
as it was connected with still furlher thoughts which 
slie was decidedly unwilling to face). T^et me give 
you another example. A lady dreamt she was driving 
in a trap with a certain man. The horse was a bay. 
They came to level crossing and saw a warning notice 
with only tbe word *near' on it. A train came dashing 
along. The man tried to cross, but the horse refused 

66 



and turned round just in time, thus saving them. The 
man recalled to her a cousin who had once proposed 
lo her when they were out driving. The word 'near' 
made her think of a 'near relative'. She thought it 
wrong to inarry a near relative, on account of the 
risk to the children, and for this reason had refused 
her cousin's offer, although she was very fond of him. 
Her own naiue before marriage was Bay. The bay 
horse In the dream, who saves them from disaster, 
evidently Stands for the dreamer herseif, and the 
dream becomes füll of meaning as soon as one re- 
cognises that little disguise. 

So one thought, or Image, may be the disguise for 
another one that is buried or kept out of the mind, 
as one says. Why should this simple notion arouse so 
much Opposition? After all, we often use language 
for this purpose when we talk to other people: it hap- 
pens every day in Parliament and at international 
Conferences — to cite the most harmless of occasions. 
In fact, a cynic once said that the purpose of language 
was to conceal thought. We do this not only intention- 
ally, but also unintentionally. Anyone psychologically 
minded often finds it easy to read between the lines 
of a letter, to infer from what is written thoughts 
that are not written but which are concealed behind 
the actual words. But what we find surprising is the 
idea that at times, for example during sleep, our own 
minds conture up thougths and images to disguise 
from ourselves other thougths which are pushing 
forward but which some part of the mind does not 
want to know about. It certainly does sound uncanny, 
and yet there is really nothing easier to prove about 
dreams than that they are made up of thoughts that 
have been altered or disguised. 



67 



Tracing a Dreaiii to its Soiircc 

A flood of quefitions presses forward at this point, 
What are the differeni ways in which IIh! underlying 
thoughts get altered? Are ihcre aiiy regulär riiles 
about the alterations? What can be the reason for 
this complicated process, and what can the thoughts 
be that have to be so thorouglily disguisedy Above 
all, why ever should one disgnise such a pleasant idea 
as the iinaginary fulfiliuerU of a wish? 1 will try to 
give you, however briefly, soine answer to these 
questions, but first you will like to know a littie more 
about Iiow one investigates dreams lo get to tlieae 
underlying thoughts. That ia not very difficuli, and 
you can try it yourselves. You divido a dreani up 
into its various parts and apply to each part separa- 
tely Freud's niethod of free association about which 
I told you something in my first talk. I'hat is to say, 
you concentrate on each part of the dream in its turn 
without doing any thinking aud noiice what ideas or 
memories eome into your mind. l'erhaps it is better 
to write them down. You tlien put your total results 
together and review them in the light of wliat you 
know about yourself. 

There are well-defined ways in which tho under- 
lying thoughts get disguised. One is by siniply fusing 
two ideas together into one. H^liis sonietimes happens 
with words or even naines. I^hus the name MOastgate' 
in a dreain proved to be connecied with two incidents, 
one of which took place at Easibourne, the other at 
Margate, and the concealed thouglh referred to some- 
thing that the two incidents had in coniiiiou. At other 
times the main accent or emotion is shifted froni the 
idea to whicli it really belongs on to a subordinate 
one, so that, for instance, the dreanier is terrified, not 



68 



at the real source of danger, biit at some unimportant 
detail. There are many other inechanisms, as they 
are called; for instance, the use of symbolism, or 
stock disguises, which makes the task of the Inter- 
preter easier when he knows how to recognise a 

Symbol. 

The underlying thoughts radiate from a central 
core which is always repressed: that is to say, it 
belongs to the unconscious region of the mind, This 
is, of course, not necessarily true of the disturbing 
thought that originally gave rise to the dream. But 
the great peculiarity of dream constriiction which 
Freud discovered — and it was a very remarkable dis- 
^jovery— is that the mind deals with thoughts that 
tend to disturb sleep by a very roundabout niethod. It 
first forges associations to bring these thoughts into 
connectlon with a repressed unconscious wish daiing 
from childhood: it then imagines this wish as being 
fulfiiled: and it then transforms the wish-fulfllment 
by the disguises of which I have just been speaking. 
This is an extraordinary procedure, but it has the 
fortunate advanlage for the psychologist of affording 
him aceess into the deepest layers of the mind and 
the most intiraate wishes of the personality. Nothing 
can give so profound an insight into the foundation 
of a person's character as to know what he dreams 
about. As Freud says, dream iuterpretation is the 
royal road to the unconscious. No wonder that this 
most intimate part of the mind has to be concealed and 
disguised, even during sleep. 

Drearas are thus infantile wish-fulfilments. They 
are made up from the wishes that have unconsciously 
guided and influenced us most from our earliest child- 
hood throughout life. They do not foretell the future, 

69 



as used to be believed: thougli often enough they 
come tnie because our deepest winbes aro always 
trying to come true, and they sometinies Huccoed. Then 
tbe old saying comes true, that Coming evenls cast 
their sbadow before. But dreanis teach us much more 
than things about tbe individual dreamer. For the 
deep wishes frora whicb they spring are a most cha- 
racteristic endowment of tlio whole liumaii race, and 
contain broad hinis aboui. the early liistory and de- 
velopment of the human niind. Myths, legonds, super- 
stitions and olber products of the Imagination are con- 
structed on the sam© patiern and are easy to read 
when one is familiär witli Ihe Interpretation of 
dreams. 

You will find, if you try to study dreams serioiisly, 
that they open up unexpectedly vast problems. But 
the gist of what I have told you here can be put in 
a very short sentence. AVhat Freud discovered about 
dreams was that they mean just the same as our day 
dreams. Whether we dream by day or by night all 
we are really doing is wishing. llow simple it all 
seems! But to discover what this wishing really is 
in its most deeply-buried sources — that is a very dif- 
ferent matter. And the study of dreams led Freud to 
build up a whole new psychology, one that is revo- 
lutionising all we previously believed about our- 
selves. So we may well say of dreams that 'the stone 
the builders rejected, the same is become the head 
of the Corner'. 



70 



De la mort et des fleurs 

par Marie Bon aparte, Paris 

Des qu'un moribond a renilu le dernier soupir, des 
gens qui, de son vivant, n'auraient pas songe ä lui 
offrir une päquerette, s'appretent ä lui envoyer des 
gerbes et des couronnes. 

Cependant qu'entve des eierges oii des bougies il 
va se cadaverisant d'heuie en heure davanlage, son lit 
se recouvre, s'entoure de fleurs varices, plus ou moins 
abondantes seulement suivant les classes sociales. 

Mais si les fleurs qui saluent le dopart des grands 
de ce monde sont prolusion, le pauvre lui-meme, ce 
jour-lä, recevra de ses amis ce que leurs derniers 
eous leur permettent d'acquerir des raarehandes des 
rues en humbles violettes. Et lorsque le corbillard, 
des pauvres ou des riehes, sera venu empörter le 
mort, les fleurs sulvront. Sur le drap noir recouvrant 
le cercueil du pauvre se detachera le bouquet de 
violettes; aux fiinerailles des grands, des chars 
entiers, pröcodant le corbillard, n'ont pour mission 
que le transport des fleurs. 

Au cimetiere, quand le corps aura ete descendu 
dans la lerre pour y pourrir, par-dessus s'entasseront 
toutes le fleurs. Puis, dans le cimetiere bientot d6- 
serte des vivants, vainement splendides, elles se 
fl6triront sous la pluie, le soleil, le vent. 

De loin en loin, aux jours prescrits par le calen- 
drier ou aux anniversaires, de pieuses mains re- 
viendront üeurir le iombeau. Et cette association 
entre les morts et les fleurs est si sacree, si profonde, 
que quiconque, comnie nioi ecrivant ces lignes, a tant 
soit peu l'air de contester sa necessitc, semble 
sacril^ge, ^ . 



Cepentlant, de rinetant oü il ferme les yeiix pour 

ne le& ph.fi rotivrir, le niort ne peut plus voir les 

fleure. Et paa pi.^y ^^^^Q g^g y^^^^ onfoncös, son nez 

pinco ne les peut percevoir: en vain, pour lui, roseset 

lys doverseiU dan« l'air Icnrn pnvUmm. Sa chair 

^»lenue ne sai(, p|u8 quo Juror siniytreinont avec la 

tyaicheur de« rosee et des lys, et que lueler ses relents 

d avanl-tombe k leur parfum de chanip oi. de jardin. 

iJii pomt de vue de la raison, n.ieux vaudrait offrir 

une paqi.orette k un vivani, qu'une couiouno de roses 

a un mort. Mieux vaudrait surfotit consacrer tant 

d argent gaspiUÖ en flenrs aux grandes funörailles 

a doter un diepensaire ou un hospice. Mais tous, tant 

que nous soinmes, croyants ou incroyants, k l'ex- 

oeption des rares rationalistes qui döcreMent et ob- 

servent vraiment, ce qni n'est pas aise, le „Ni fleurs 

ni couronnes , nous continuons h fleurir les morts. 

lourquoi? Quelle force impörieuse nous y pouese, 
et maintient, rnalp:n'« tont, la tradition? 

On croit comprendre du nioins les croyants. Le 
defunt ne fait pour eux que partir en voyage, et 
souvent 1 on apporte au train, au bateau, k ceux qui 
partent, des fleurs. II y aurait \k comme un dernier 
salut de la lerre, par ce quelle peut porter de plus 
poetlquement beau, k ceux qui s'en vont k destination 
du ciel. 

Mais les incroyants continuent la tradition. II n'y 
a souvent pas moins de fleurs aux obseques civiles 
qu'aux funeraillea religieuses, et bien rares sont les 
gens, quelle que soit leur conviction d'athoisme, qui 
deliberömenl, par principe, auraient le courage de 
ne jamaiB plus envoyer ä un mort une fleur. 11s 

72 



1 






\ 



rationalisent leur sentiment en s'expliquant qiie c'est 
„pour la famille". La famille du defunt, certes, tient 
de son cote k la tradition. Mais ce raisonnement n'ex- 
plique pas pourquoi, de part et d'autre, on y tient 
si fermenient. ^ 

II est d'axitres circonstances oü Ton offre, cette 
fois aux vivants, des fleurs. Ce sont les fetes, les 
mariages, ou la cour que Ton fait aiix femmes. 

La don des fleurs est en effet un cadeau hauteinent 
symboliqiie: la psychanalyse nous a appris k recon- 
naitre dans la fleur un Symbole des organes genitaux 
humains, symbole qui ne fait d'ailleurs, ici, que 
s'edifier sur la realite qu'est la fleur. 

Mais la fleur, organe de la reproduction vogetale, 
est le plus souvent bisexuee et, de meme est bisexuö 
son symbolisme. Tantot eile figure les organes de la 
femme, gräce aux creux entre ses petales: la rose 
aux multiples replis est ainsi le symbole par ex- 
cellence de l'organe feminin, et doit ä ce profond 
symbolisme inconscient les chants magnifiques dedies 
ä eile par Eonsard, ce grand amoureux de la femme. 

Tantot la fleur, qui porte donc aussi les etamines 
et se dresse si souvent, fiere, sur sa tige, figure 
Torgane male, et c'est cette signification phallique 
qui est la sienne, principalement, lorsqu'un amoureux 
offre des fleurs a sa dame — s'offrant par ce truche- 
ment, lui-meme, avec son phallus, ä eile. 

Ce dernier sens symbolique du don de la fleur va 
le mieux nous aider ä comprendre pourquoi Ton 
fleurit les morts. ^ 

Dans rOiseau bleu, quand les enfants, k la 
recherche de l'oiseau, detenteur du secret des choses 
et du bonheur, arrivent au cimetiere, leur guide, la 

73 



Lumiere, ies laisse dans les tenöbres, pour attendre, 
minuit ayant sonne, que s'ouvrent les tombes dans 
Tune desquelles Toiseau miraculeux pourrait etre 
recele. Minuit sonne, Tyltyl tourne k son doigt le 
dianiant magique, qui les doit faire se desceller. „Une 
terrifiante minute de silence et d'immobilite; aprös 
quoi, lentement, les croix chancellent, les tertres 
s'entr'ouvrent, les dalles se soulevent." Et Mytyl, 
öpeuree, se blottissant contre Tyltyl, s'ccrie: „Ils 
sortent!... Ils sont la!..." Mais „alors, de toutes 
les tombes beantes monte graduellenient une floraison 
d'abord grele et timide comme une vapeur d'eau, 
puis blanche et virginale et de plus en plus touffue, 
de plus en plus haute, surabondante et merveilleuse, 
qui peu k peu, irresistiblement, envahissant toutes 
choses, transforme le cimeti^re en une sorle de jardin 
feerique et nuptial, sur lequel ne tardent pas k se lever 
les Premiers rayons de l'aube. La rosoe scintille, les 
fleurs s'epanouissent, le vent murmure dans les feuil- 
les, les abeilles bourdonnent, les oiseaux s'eveillent 
et inondent Tespace des premieres ivresses de leurs 
hymnes au soleil et k la vie. Stupefaits, eblouis, 
Tyltyl et Mytyl. se tenant par la main, fönt quelques 
pas parmi les fleurs en cherchant la trace des tom- 
bes." Alors Mytyl, cherchant dans le gazon, demande: 
„Oü sont-ils, les morts? . . ." Et Tyltyl, cherchant de 
meme, repond: „II n'y a pas de morts . . ." ~ Le 
rideau tombe. 

J'ai rapporte toute la derniere page de cette belle 
seene parce que je le pense: avec ce sens profond de 
Tinconscient qui est celui des grands artistes, et de 
Maeterlinck en particulier, celui-ci a, dans cette page, 
figure l'essentiel du syinbolisme des fleurs par rap- 
port k la mort. 



% 



74 



La fleur, en effet, que Ion envoie aux defunts 
et aux fuiierailles, a toujours pour mission de dire, 
■dans son muet langage, ce que proclame, en toutes 
lettres, Tyltyl dans l'O i s e a u bleu, La fleur sur 
le lit mortuaire, sur le cercueil ou sur la tombe, a 
pour fonction de nier la luort. 

Tout Symbole phallique est Symbole de vie, et 
oeci par essence, par appui au real: n'est ce pas le 
phallus qui perpetue la vie, qui la fait, de generation 
en generation, tel le phenix, renaitre de ses cendres? 
La fleur, eile aussi, renait chaque printemps, tel le 
phenix, des cendres de la terre. Aussi mettre une 
fleur sur le lit, le cercueil, la tombe d'un mort, 6qui- 
,:vaut ä transposer symboliquement, au domaine 
psychique du deuil individuel, ce que est vrai au 
domaine reel de la vie de l'espece, qu' „il n'y a pas 
de morts . . ." 

Or l'inconscient de chacun de nous se sent im- 
mortel. II trouve dans le synibolisme d'üternelle re- 
surrection de la fleur une expression exquise de ce 
profond sentiment, et c'est pourquoi les humains ne 
renoncent qu'avec tant de peine ä recouvrir de fleurs 
leurs morts. 

Ce n'est pas, en effet, que le seul espoir de re- 
trouver le disparu qui est ainsi celobre, que la mort 
d'un etre aime qui est par lä niee: c'est, au fond, 
jusqu'ä notre propre mort. La negation, comme cliez 
Maeterlinck, est au pluriel. 

La negation de la mort „par la fleur" n'est d'ail- 
leurs pas la seule. Par d'autres symboles phalliques 
la mort peut etre niee. En particulier, par la flamme, 
Tel est le sens des flammes allumees, ä de certains 
jours, dans certains cimetieres, sur toutes le tombes, 
k Vienne notamment, oü, au soir des Morts, l'immense 

75 



cimetiöre municipal semble une ville vivante oü 
chaque defunt, dans sa maisontorabe, veillerait. Tel 
«oit aiissi etre le sens du cierge ou de Thumble bougcie 
«uprös des lits mortuaires. 

Et notre Soldat inconnu, sous VArc de Triomphe, 

^o'fc» si I'on peut parier ainsi, la mort de tous les 

neros disparus, qu'il figure, nioe sous la double forme 

e Ja flamme perp61uelle qui brüle sur sa tombe et les 

eurs, Sans cesse renouvelöes par rhommage uni- 

''^rsel, qui l'environnent. 

ment^^""^'^"^^^' "^^^^''*' ^^^' ^"*^ ,1'<^cris, puls difficile- 
morts j,^"^P^*^^^^ de porter quelques fleurs aux 
^ me ^^ -^ ^^ ^^^^ ^"^ ^^*^ ^'^^* P^^ conforme 
«1 en em^^^^h^^^*'^^ intellectuelles: je puis rarement 

aux^rTV*'"*^'^ de cette faiblesse, de eet attardement 
qii'en t ^^ ^^*'^'^^i"Q^»es du sentinient, en me disant 
TirA„«j , "^Pf>saTit un peu son sens, ce geste peut 
^"if^r' 'i««'que peu se justifier. 

tar^jjf ^^^' ^n effet, qu'un simple acte de rachat 

Sences d ^ ^^'^^ ^^^*' sembler parfois — des negli- 
*antB riß v^ Coeur envers les vivants... Les en- 
^vant de h ^^^^'^ bleu, l'avaient dejä appris 
^isparu cont^ ^^ ^^ ciraeti^re: poiir qui a aime, le 
Pa-rents de tT^ ^" ^^^^^ ^ vivre, tels les granda 
c'est au souv^ ■ ^ ^^ ^^^'^ ^^^ Souvenir. Et par \k, 
^^ nous pers* '^^'^ ^^^^ ^^"''^ gardons d'eux, ^ leur vie 
*^ffrons des fi ^^*'^' ^^'^st au dedans de nous que nous 

Mais ce se^^^-^^ ^'^^ morts. 
^^Ue bornee h^}^ ^^ ^'"^^ ^^^^ fälble immortalitc que 
^vrons auss" u^- ^^^^^ ^^ notre souvenir, ä nous qui 
*ombe a drou f^^^* disparaltre. Et la fleur sur la 
76 ^ proclamer une immortalit6 plus 



V 



1 



reelle; eile dlt qu'ä la fleur fletrle une autre fleur 
succ^dera, qu'au p^re l'enfant survivra. 

Elle pose meme, ä qui sait l'entendre, la grande 
question de l'eternite de la vie aupres de l'eternite 
de la mort. non pas au sens theologique, mais au 
sens biologique, astrophysique. 

Car on peut se le demander, si, dans l'Univers, la 
Vie, la matiere animee, n'a pas meme äge eternel que 
la mauere inanimee, la Mort. 



■ j 



■'v' 



77 



Der Tod und die Liebe 

(In memoriaiii Arthur Sthnitzler) 
Von Theodor Ueik ' 

Aus dem Buche „NnchdenkUcbe Heiter- 
keit^, Internationaler Psychoanalytischer Ver- 
lag, Wien, 19;^. In diesem Werke Jindm 
t'. . ''y, :■ sich u.a. Beiträge über ,^Der Glaube an die 

.Allmacht der Gedanken' im fVitz", „Psf^^^'*' 
logie wider Willen", „Hunwr und Gnade^. 
Andere Abschnitte sind in der Zeitschrift 
»Psychoanalytische Bewegung'^, Jahrg. V,i9J^' 
erschienen. 

I. 

Kann auch er, der ernsteste Feind der Menschen 
und Ihr letzter Freund, Gegenstand heiterer Betrach- 
tung werden? Ist das Luststreben so groß, daß es 
noch mit Entsetzen Scherz treibt? Ja, auch das ewige 
Antlitz kann selig befreit lächeln wie das jener 
incomue de la Seine, die den Frieden gesucht und 
gefunden hat und kann hohnvoll griraaesieren wie 
die steinerne Maske jenes Kriegers. 

Dem Dichter erscheint das Bild eines großen 
Marionettentheaters, das die Aufschrift „Zum großen 
Wurstel" trägt. Es steht im Wiener Prater. Bürger, 
boldaten, Mädchen harren der Vorstellung. Nicht nur 
die Figuren auf der Marionettenbtihne haben etwas 
kasperlhaft Stereotypes; auch die im Zuschauerraum. 
Ein Wohlwollender, ein Bissiger, ein Naiver tauschen 
Ihre Meinungen über das Theater und seinen Direk- 
tor aus. Dieser fungiert in gezwungenem Hochdeutsch 
als Prologus und Ausrufer zugleich. Der Vorhang 
hebt eich. An sichtbaren Fäden erscheinen die Mario- 
netten und deklamieren ihre Rollen, der Held, das 
süße Mädel, der Herzog und die Herzogin, der Raison- 



78 



neur, von den Zwiechenreden der Zuschauer lebhaft, 
witzig oder behaglich unterbrochen. Der Marionetten- 
held, der aus einer neuen grünlackierten Schachtel 
stammt, erhält den Besuch zweier Freunde, die ihn 
in einem Duell vertreten sollen. Der Herzog von 
Lawin hat ihn, den er für den Geliebten der Herzogin 
hält, gefordert. Unser Held gehörte gerade zu den 
wenigen, die es nicht waren, ist ihr ein gänzlich 
Fremder. Nun aber, da sich sein Schicksal vollenden 
will, erseheint die Herzogin, die sich ihm, dem Tod- 
geweihten, vom nahen Ende Gezeichneten geben will. 
Auch der blutgierige Herzog erscheint durch die Aus- 
sicht auf den nahen Tod des Rivalen versöhnlicher 
gestimmt. Auch Liesel kommt, süßes Mädel und Ge- 
liebte des Helden und nicht nur dieses Helden. 

Ein heiteres Spiel, von Schmerzlichem umrandet, 
bringt Verwirrungen des Herzens und der Sinne auf 
eine armselige Marionettenbühne, die nur ein fernes 
Abbild des Lebens darstellt. Das süße Mädel, der ge- 
dankenvolle Held, dem sich der Zeitbegriff vor dem 
Ende seltsam verwandelt und den so spät Zweifel an 
den Begriffen Schuldig und Unschuldig überkommen. 
Man merkt, der Dichter macht sich über die Probleme, 
die ihn sonst umdrängen und bedrängen, lustig. Ein 
düsterer Kanzlist, Vater des süßen Mädels, tritt dro- 
hend an den Heiden und Verführer heran, milde ver- 
zeihend erscheint Dieses Bräutigam. Am Ende steht 
der Held, betrogener Betrüger, von keinem geliebt, 
nicht einmal von einem gehaßt, allein, ein Mario- 
netten-Herr von Sala, und sehnt sich nach der letzten 
Ruhe. Dunkel verhüllt erscheint der Tod. 

Die Zuschauer des Kasperltheaters sind in steigen- 
dem Maße unruhig geworden. Ein paar Skandal- 
macher pfeifen. Der Dichter ist verzweifelt; der Di- 

79 



rektor bittet die Herrschaften konsterniert um Ruhe. 
Der wohlwollende und der bissige Zuschauer zanken; 
es konnnt zu einem wüsten Marionettentheaterskan- 
dal. Die Figuren selbst halten keine Disziplin mehr 
und eine von ihnen, eben jene, die den Tod spielt, 
schreit in den Trubel: 

„Ljiclif sich heut' im eig'nen Haus 
Publikum und Dichter aus. 
Mag sich zum Beschluß im Kcigeii 
^ Ehrlich aucli der Tod erzeigen." 

Mit einem Male steht er als Wui'slel da. 

An dieser Stelle läßt man das Buch sinken. Hier 
glaubt man die Stimme des Dichters persönlicher zu 
hören als sonsf. Hat er die schwere Todesangst, unter 
der Ol- aiB kräftiger lind gesunder Mann litt, hier 
HeibRt parodiert? Es ist dieselbe Angst, in dieser 
Kasperlverkleidnng noch unheimlicher als dort, wo 
sie sich offen, unabweisbar und bedrückend in den 
hellen Tag drängte. Man glaubt wieder in ernste 
stahlblaue Augen zu sehen und den ruhigen Klanff 
einer Stimme zu hören, die man geliebt hat. Wir 

trafen einander zum letztenmal am Sommer ing 

wenige Wochen vor seinem Tod. Immer wieder gin- 
gen wir die Spiralenwege rings um das Südbahnhotel. 
Das Gespräch war auf dem Umwege über persönliche 
und allgemein psychologische Themen wieder beim 
Problem des Sterbens angelangt wie manchmal vor- 
her. „Nein, Sie irren sich", sagte er stehenbleibend, 
„der eigene Tod ist doch vorstellbar. AVenn wir ver- 
suchen, lins selbst tot vorzustellen, sehen wir frei- 
lich nicht uns selbst, sondern eine Puppe vor uns 
liegen." 

Die Erinnerung belichtet mir den verborgenen 
Sinn dieses Kasperlspieles besser und eindringlicher 



80 



als eine Reihe literarischei" Essays. Sie wirkt wie ein 
lebensvoller Kommentar, zu dem Spiel au! dem Mario- 
nettentheater, das die Holländer so hübsch „Poppen- 
kast'* nennen. Der Tod ist die Puppe aus der letzten 
Schachtel. 

Die Vorstellung des Todes als des großen Wurstels 
ist kein heiterer Gegensatz zu der gewohnten Vor- 
stellung des beweglichen Skelettes. Wir ahnen, daß 
die Entstehung dieser besonderen dichterischen Vor- 
stellung jener anderen ähnlich ist. Der Tod hat sich 
den Griechen einer bestimmten Kulturperiode als ein 
schöner Jüngling dargestellt, als Bruder des Schlafes. 
Uns ist er selbst zu einem Toten, zu einer Menschen- 
gestalt im Verwesnngszustande geworden. Der Ein- 
fluß der christlichen Anschauung in dieser Vorstel- 
lungswandlung ist unverkennbar. Die Todesvorstel- 
lung einer Zeit ist sehr bezeichnend dafür, wie sie 
das Leben sieht. Für das späte Christentum war der 
lebendige aktive Mensch ein Wesen, das beständig 
und in jeder Minute das letzte Gericht erwartet. Wenn 
in Schnitzlers Marionettenspiel der Tod als Wurstel 
auftritt, so kann dies nur bedeuten, daß der Mensch 
in seiner Lust und seinem Leid als eine komisehe 
Figur erscheint, wenn man sein Glück und Elend, die 
er so wichtig nimmt, unter dem Gesichtspunkt der 
Todesnähe sieht. „Qualis artifex pereo", soll Nero bei 
seinem Untergang gerufen haben. „Was für ein Wur- 
stel stirbt mit mir", könnte jeder Sterbliche sagen, 
wäre er fähig, im letzten Augenblick sein Leben mit 
einem Blick zu übersehen und zu beurteilen. Wäre 
er fähig zu erkennen, wie lächerlich es war, das Trei- 
ben ernst zu nehmen, könnte er verstehen, wie wenig 
von dem abhing, was er im Größenwahn des Gesun- 
den seinen Willen nannte und daß er tat, was er tnn 

6 Almauach 1^ gl 



i 



i 



iriußte, wenn er glaubte, es lun zu wollen. Es ist 
möglich, daß das Leben unter dem Gesichtspunkt der 
Ewigkeit anders erscheinl. Hier auf der Marionetten- 
bühne erscheint es „sub specie mortis". Man spielt mit 
uns noch dann, wenn wir selbst zu agieren glauben. 
Eine solche Ansicht ist ebenso traurig wie heiter: 
ihr Charakter wechselt mit dem Standpunkt des Be- 
trachters. Wir werden alle an unsichtbaren Drähten 
gezogen. Der Optimist versichert fröhlich, es gehe 
alles wie am Schnürchen. 

80 gesehen, erscheint der Tod als Demaskierung, 
Auch die letzten Masken fallen. Was sich sonst in 
düsterer und tragischer Gestalt dem Dichter gezeigt 
hat, wird gelegentlich schon früh von der heiteren 
Seite gesehen- Früh schon erkennt er, der den Ruhm 
ersehnt, daß es Nachwelt auch nur für den Lebenden 
gibt. Der Schatten, der von Anfang an auf Schnitzlers 
Dichtung fiel, konnte gelegentlich groteske Sprünge 
machen. 

IL 

In Schuberts „Unvollendeter", die Schnitzler ge- 
liebt hat, erklingt inmitten blühender Anmut und 
Innigkeit, inmitten jener unvergänglichen Melodie, 
die aus ein paar Akkorden und ein paar Tntervalien 
aufsteigt, die Mahnung an das Schreckliche, an das 
drohende Ende. So verbinden sich Stimmungen zärt- 
licher und sinnlicher Liebe bei Schnitzler organisch 
mit Gedanken an das Sterben. Lebendige Stunden sind 
ihm nicht solche, welche von der Liebe beherrscht 
werden, sondern die, in welchen der Tod milder 
erscheint, der Gedanke an das Sterben nicht mehr 
jede Liebesregung auszulöschen vermag. Dann kann 
er in Dramen und Erzählungen darstellen, wie der 

82 



Kuf des Lebens über Gräber klingt. Media motte in 
vita sumus. 

Noch in der heitersten Betrachtung ist es unver- 
kennbar, wie Liebe und Tod sich diesem Dichter im- 
mer als ein einziges Problem darstellen, wie sich, 
traurig oder spöttisch, der Tod über jedes Liebes- 
paar beugt. Auch dies ist dem Dichter nicht verbor- 
gen, wie noch der stumme und allgegenwärtige Todes- 
trieb den Absichten des Eros dienstbar gemacht wird. 
Noch in komisch gestalteten Szenen erscheint flüchtig 
an der Schlafzimmertür der Tod, der die Menschen 
zu Paaren treibt. Jene Junggesellenwohnung in 
der Schwindgasse, die im „Keigen" eine vorüber- 
rauschende Szene zwischen einer Frau und einem 
Mann sieht, hört folgendes Dialogfragment: 

Die junge Frau (faßt die Hände des jungen 
Herrn, die sich zu verirren drohen). 

Der junge Herr: „Das Leben ist so kurz." 

Die junge Frau: „Aber das ist ja kein 
Grund . . ." 

Der junge Herr (mechanisch) : „0 ja . . ." 

Das so mechanisch Gesagte gibt den Blick in die 
Werkstätte jener großartigen Triebmechanik frei, 
der die beiden kleinen Menschen folgen. Noch aus 
dem milden Stumpfsinn dieses jungen Herren aus der 
Wiener Jeunesse doree spricht die elementare Natur- 
kraft, die aus der Todesnähe Kapital für die Sexua- 
lität sehlägt. In diesem Liebesspiel, in dem die Part- 
ner in ihrem triebhaften Automatismus etwas seltsam 
Marionettenhaftes haben wie in jenem Puppenspiel, 
beugt sich der strenge Thanatos der Herrschaft des 
Eros. 

Auch über diesen komischen Danse macabre wölbt 
sich erkennbar der große Bogen zwischen dem Lie- 

'' 83 



!! 



i^ 'I 



ben und dem Sterben. Das Miteinander und Gegen- 
einander von Sexual- und Aggressionslendenzen, ihre 
Miscluingen oder Legierungen hat Schnitzler immer 
wieder dichterisch zu gestalten versucht. Dieses Pro- 
blem durchdringt sein Werk von der entscheidenden 
Szene seiner Dramen an bis zu einem gelegentlichen 
und flüchtigen Wort in einer Skizze. In der „Liebe- 
lei" sind zwei verliebte Paare fröhlich beisammen; 
es klingelt draußen und herein tritt der Tod. Es ver- 
schlägt wenig, daß er hier in Gestalt eines betroge- 
nen, bürgerlichen Ehemannes erscheint. In diesem 
Frühwerk spielt er noch eine JOpisodenrolle; er trägt 
. keinen Eigennamen; „ein Herr" kommt zu Besuch. 
In späteren Dramen wird er die Hauptrolle über- 
nehmen. Auch dort kommt er anonym, doch er könnte 
„der Herr" heißen. In immer reicheren und bedeut- 
sameren Variationen werden nun die beiden Themen 
einander gegenübergestellt und nebeneinander ge- 
stellt. „Warum", fragt Johanna den Herrn von Sal» 
im „Einsamen Weg", „warum reden Sie denn vom 
Sterben?" „Gibt es denn einen anständigen Menschen, 
der in irgend einer guten Stunde in tiefster Seele an 
etwas anderes denkt?" Es ist dieselbe Frage und fast 
dieselbe Antwort, nur ins Scherzhafte gewendet, die 
eine der Gestalten des Pomanes „Der Weg ins Freie" 
einem Freunde hinwirft: „Sagen Sie, Nürnberger, 
glauben Sie noch an den Tod? Wegen der Liebe frag' 
ich schon gar nicht mehr." 

Der Dichter, der so scherzen konnte, wenn es den 
letzten Ernst galt, wußte wie wenige andere in un- 
serer Zeit, daß alles Denken und Tun der Menschen 
von jenen zwei mächtigen Urregungen bestimmt ist: 
von der Sehnsucht, geliebt zu Werden, nnd von der 
Angst, zu sterben. 

84 



Psydiologisdies über Krieg 
und Pazifismus 

Von Edward Glover, London 

Edward Glover, M. ü., Director of Scientific 
Research am Londoner Psychoanalytischen Institut, hat 
im Sommer Ip^2 in Genf an einer SommerschuU der 
Völkerbundsligen in einem Kurs Gesichtspunkte ent- 
wickelt, die der Psychoanalytiker zum Problem von 
Krieg und Frieden beizutragen hat. Die Vorträge sind 
nunmehr gesammelt unter dem Titel: War, Sadism and 
Pacißsm im Verlag George Allen & Unwin, London er- 
schienen, mr bringen im folgenden mit Genehmigung 
des Verlages Auszüge aus dem ersten Kapitel; die 
Übersetzung besorgte Halter Schmideberg, London, 

Wer einen Psychotherapeuten auf dem Gebiete der 
i'riedensorganisation antrifft, mag ihn mit Fug und 
Kecht fragen, warum er denn die Grenzen seines 
eigenen Wissensgebietes tiberschritten habe und ob 
er seine Ansprüche auf ernstliches Gehör auch ge- 
bührend rechtfertigen könne. Der Psychologe seiner- 
seits ist bereit, sein Beglaubigungsschreiben vorzu- 
legen. Er hat tatsächlich zwei gute Gründe hona fide 
vorzugehen. Erstens ist Friedenspropaganda ja ein 
Teil der angewandten Soziologie, und der Psychologe, 
wenn auch vertrauter mit der Bezeichnung „Massen- 
Psychologie", kann die Erscheinung des Krieges so- 
wohl als auch die Reaktionserscheinung des Friedens 
füglich als zu seinem Wissensgebiete gehörig betrach- 
ten. Zweitens darf er begründete Neugierde auf dem 
Gebiete einer, man möchte fast sagen, ärztlichen 
Diagnose zeigen. In den Reden einiger hochstehender 
Persönlichkelten des Völkerbundes wird dessen Tä- 
tigkeit mit einem Kreuzzug verglichen und ein ehe- 
maliger Ministerpräsident Großbritanniens sagte, sein 

85 



KunUumeiit müsse der Glaiibo sein. Nun müßte man 
doch meinen, daß das Ziel der Friedenspropaganda, 
die Besoitignng des Krieges, von der Mehrzahl der 
denkenden MenHchen fraglos angeiioniiuen würde. 
Und doch ist es nötig, dali eine Schar von Enthusia- 
sten andaiiornd Friedenspropaganda beireiben muß, 
deren Frf(j]g zur Zeit nocJi äußerst zweifelhaft ist. 
Vie Initiative der MenRchon zur Verhüluug des näch- 
sten Krieges wird durch die Krinnerung an den letz- 
ten großen Krieg, der „die Kriege aus der Welt 
schaffen sollte", getrübt und sie verliert dadurch an 
Energie und Stetigkeit. 

Ks wäre für uns am einfachsten, die Kriegsimpuise 
der Menschheit dafür verantwortlich zu machen, aber 
es hieße Verrat an aller Tradition wissenschafl lieher 
i^orschung begehen, wolhrn wir uns mit dieser Be- 
trachtung begnügen. Wenn ein Organ erkrankt ist, 
SO ist doch die Hauptaufgabe des Arztes, nicht bloß 
d.e Erkrankung festzustellen, sondern viplmoln- zu 
^rgriiüilon, warum die übrigen noch gesunden Teile 

des Or^ttne« die Störung nicht erfolgreich, z B durch 
Mohrleistung ausgleichen konnten In Ho^ „i* ■ i 

Fnede„sk,.e,..,ges nicht an einj;.' v -bt'™ r 1 m 
oder einer inneren Schwäche krankt 

Bevor wir dieses Problem systenialisch „nter- 
suchen, mochte ich Ihnen, ähnlich wie der Vertreter 
einer pharmazeutischen Fabrik, eine rrobefolgerung: 
zusammen mit einem Musterbeispiel für die Arbeits- 
weise des Psychologen vorlegen. Eine typische Fol- 
gerung lautet: Ein großer Teil der Frie- 
densbemühungen läßt sich genau auf 

£6 



die gleichen Triebquellen zurückfüh- 
ren, wie die Kräfte, die den Krieg ent- 
fesseln. Mehr technisch ausgedrückt, heißt es, daß 
die aggressiven Regungen, die zuerst gegen Perso- 
nen der Außenwelt gerichtet waren, kurzschlußartig 
gegen das eigene Selbst gewendet werden und dann 
zur Niederhaltung dieser gleichen Aggression dienen. 
Die tiefe Übereinstimmung zwischen 
den friedensfördernden und den krieg- 
auslösenden Impulsen beeinträchtigt 
die Wirkungsweise pazifistischer 
Maßnahmen. Unter kritischen Umständen können 
die letzteren sogar ihren aggressiven Charakter 
offen äußern. Hieraus ergibt sich eine therapeutische 
Folgerung: Der schwankende Charakter der pazi- 
fistischen Bemühungen kann am schnellsten und 
sichersten ausgeglichen werden, indem man die Auf- 
merksamkeit auf die Übereinstimmung zwischen den 
kriegerischen und pazifistischen Instinkten lenkt. 

Die Untersuchungsmethoden, mittels deren wir zu 
diesen Ergebnissen kommen, setzen zum Teil eine 
spezialisierte Technik voraus, teils beruhen sie auf 
der einfachsten Beobachtung. Es wurde z. B. fest- 
gestellt, als nmn die psychischen Reaktionen von Sol- 
daten auf Kriegserlebnisse studierte, daß in Gegen- 
satz zu solchen Situationen, die Grauen und Abscheu 
hervorrufen, es auch solche gab, die — vorausgesetzt, 
daß der Beobachter sich in Sicherheit befand — , eine 
Art Faszination bewirkten. Viele Soldaten heben die 
eigentümliche Genugtuung hervor, die sie empfan- 
den, wenn ein Volltreffer in ein alleinstehendes Haus 
einschlug und sie das ganze Gebäude in Rauch und 
Staub aufgehen sahen. Jeder objektive Betrachter 
kann ein Gegenstück zu dieser Beobachtung liefern: 

87 



Wenn oin Kind mit großem Kifer oin Hans ans Bau- 
steinen errichtet hat, so wird os recht häufig dieses 
wiedor mit oinom Faiistsching zerstören. Auf Grund 
dioHes \'ergloiehcs nimmt der Psychologe an, daß bei- 
den J\*eaktionon der gleiche psychische Vorgang zu- 
gnindo liegt. fOr mag sogar so pessimistisch sein und 
«agon, eine erfolgreiche Friedenspropaganda müsse 
— ähnlich wie Mildtätigkeit zu Hause — in der Kin- 
derstuhe beginnen. Ob treff(Mid oder nicht, diese An- 
sicht ist keineswegs neu. Die ScJilacht von Waterloo, 
so heißt es in Kngland, wurde auf den Spielplätzen 
von Kton gewonnen. Psychologisch folgerichtig ist 
nur zu sagen, daß sie in einer Kinderstube Korsikas 
ausgeheckt wurde. 



Um die Beziehungen zwischen Krieg und Frieden 
systematisch zu untersuchen, müssen wir die beiden 
Phänomenen zugrundeliegenden Triebregungen be- 
schreiben. Hiebei stoßen wir auf zwei Schwierig- 
keiten: erstens bestehen Meimingsvei'schiedenheiten 
über die Klassifizierung der menschlichen Triebe und 
zweitens ist die Sammlung erreichbaren iMaterials 
soweit überhaupt ausgeführt, sehr oberflächlich' 
Welche Klassifizierung Sie auch immer annehmen 
ob Sie an der gewöhnlichen Dreiteilung in Sexual-' 
SelbsterhaKungs- und soziale Triebe festhalten oder 
ob Sie die korapJizieitere dej- deskriptiven Psycho- 
logie mit einem Dutzend oder mehr spezifischen Trie- 
ben vorziehen, so gibt es jedenfalls einen praktischen 
Prüfstein, an dem alle Klassifizierungen gemessen 
Werden können. Die Annahme erscheint zweckmäßig, 
daß jeder Trieb, dessen Störung zu einem Konflikt im 
psychischen Haushalt oder zu einer Erkrankung 
führt, von besonderer Bedeutung für das Individuum 



sei. Die von Psychoanalytikern an >^«^ "^.^^ ""^J" 
schiedenen Formen der Geisteskrankhe.ten ausge 
führten Untersuchungen haben ergeben daß diesen 
EZnkungen tiefgehende Störungen des Sexua - 
triebe« (im weitesten Sinn), sowie schwere Schädi- 
gungen der Mechanismen, die zur Abwehr der aggres- 
siven und destruktiven Tendenzen dienen zugrunde- 
liegen Diese Beobachtungen entsprechen der Eintei- 
lung der Instinkte In zwei Haupttypen, nämlich trieb- 
hafte und reaktive. Grob gesagt, das seelische Ge- 
bäude eines Menschen beginnt zu schwanken, wenn 
er ir-endwie nicht imstande ist, seine destruktiven 
Tendenzen, seine Sexualtriebe oder eine belangvolle 
Verschmelzung dieser beiden zu beherrschen. 

Auf Grund dieser Einteilung ist der erste bchritt 
zur Forschung verhältnismäßig einfach ■. Es ist klar, 
daß die Kriegsimpulse den Zerstörungstrieben gleich- 
gesetzt werden können. Diese Auffassung erweist 
sich jedoch als zu einfach. Das Studium der Kriegs- 
geschichte nötigt uns zu einer umfassenderen Grup- 
pierung: Wir finden, daß die Triebe im Kriege sich 
in Zerstörung (belebter und unbelebter Objekte), in 
Bemächtigung (meist aber nicht ausschließlich imbe^ 
lebter Objekte), in sexueller Aggression, Mord Rat^b 
und Schändung äußern. Aber auch dies ist noch nicht 
::riständig. /and in Hand mit der Lock--|^PX 
tiver Triebregungen geht eine Verstärkung gewisser 
Reaktionsbildungen, gewöhnlich als "tterliche T 
genden gepriesen, Hingebung an Ideale, mutige Selbst- 
aufopferung und Kameradschaft, heldenhafte Leistun- 
gen moralischer und psychischer Tapferkeit, Ausdauer 
usw Diese Feststellung, wenn auch schon voUstan- 
dicrer wird den Tatsachen noch immer nicht gerecht 
e's wurde bis jetzt tatsächlich noch 



89 



kein Versuch gemacht, die psychi- 
schen Phänomene des Krieges zu sam- 
meln ,. n d z „ si e h t e n. Begabte Literaten haben 
es versucht, doch beginnen sie ilire Kriegsei-zählun- 
gen und Autobiographien mit starker persönlicher 
Voreingenommenheit und nie mit einer vollliommen 
psychologischen Objektivität. Wenn auch praktische 
MaJ^nahmen erst später erörtert werden sollen so 
fühlt man sich doch schon hier versucht eine Frage 
zu stellen, die einen Prüfstein bildet: Wieviele Mil- 
lionen werden vom Völkerbund selbst oder auf dessen 
• Anregung hin von anderen für die Erforschung der 
psychologischen Probleme und Triebphänomene des 

fellsfhrfr ^'"f"'''; '^*'''"'^ psychologische Ge- 
Er e Taf Tk T f " verschiedenen Ländern der 
liclt K^ l'^l^^^^^^ be-^ülH. das Kätsel der mensch- 
lichen Konflikte, sei es der persönlichen oder der Ge- 
sellschaft zu lösen? (Ich habe seither mit Hilfe von 
Oaptain b mall die interessanlo Feststellung «e- 
maeht, j^ß nicht ein Penny für die unmittelbare Er- 
forschung der Kriegsphanomene ausgegeben wird 
wahrend auf der anderen Seite hunderttausende von 
Pfnnden für die Erforschung des Krebses, der Lepra 
der Masern, der Mund- und Fußkrankheit;« usw ',; 
Verfugung stehen. Ein merkwürdiges BeisoieT; 
gelhaften menschlichen Selbsterhaln^ig^t;:«^!,' ' 
In Ermangelung eines ausgiebigeren statistischen 
For chungsmatenals ist man auf die verstreuten Be 
richte d. h. auf Einzeluntersuchnng von Solda en und 
schließlich auf die Beobachtung def Triebil^^t ungen 

sS.^r. "k"'".""" P"'"'"ver Völker angewiesen 
treibst die oberflächlichste Untersucliung der Erleb 
nisse von Soldaten, zeigt, daß es neben der a ge- 
meinen Entfesselung des Destruktionstriebes fm 
90 



Kriege noch zu e i « em w e 1 1 er e n Du r ch- 
brueh bizarrer T r i eb r e gun ge u kommt. 
Wie könnte man z. B. sonst den Impuls eines Kor 
porals erklären, der - im Frieden ein braver Kanz- 
LTschreiber - jede erdenkliche Gelegenheit benutzte, 
um über den Grabenrand zu klettern, um den feind- 
Then Geiallenen im „Niemandsland" die Zähne zu 
ziehen? Wenn dies auch ein etwas ungewöhnhoher 
Fall ist, so zeigt er doch klar, daß in diesem Men- 
schen Kräfte am Werk waren, die ihn zu Gewalt- 
tätigkeit, Verstümmelung und Trophäenjagd trieben. 
Es besteht tatsächlich eine Übereinstimmung zwi- 
schen seinen atavistischen Impulsen und den Knegs- 
»ewohnheiten der Kopfjäger auf Borneo, ganz zu 
schweigen von dem einstmaligen Skalpierungszere- 
moniell der Indianer. In weiterer Verfolgung dieser 
psychischen Übereinstimmung kommt man zu dem 
Schluß, daß das Andenkensammeln auf Schlacht- 
feldern z B. von Pickelhauben in den gleichen Trie- 
bt "i'rzelt; den gleichen Quellen dttrf.e wohl auch 
der Trieb alter Jungfern entstammen, auf ilien 
Ferienreisen Veilchen samt der Wurzel auszugraben 
!rp daheim vor ihrem Fenster zu pflanzen. Sei 
um sie daheim xoi ' ^3,. erreichbaren 

dem wie immer, die Ivlassuiziciuufe 
TaTsachen zeigt, daß im Kriegsfalle neben den von 
Lr mensch iche; Gesellschaft ständig sanktionierten 
mpuTsen und den für die Kriegszeit gutgeheißenen 
Tötungs- und Zerstörungstrieben, man noch auf eine 
ianze Reihe von Impulsen stößt, die selbst das Kriegs- 
Snisterium nicht gut heißen würde. Die erste Gruppe 
bezieht sich nun auf Tätigkeiten oder Impulse, die 
nicht so sehr auf die Vernichtung des Feindes ab- 
zielen, sondern einen dunklen Zerstörungstneb be- 
sonderer Art darstellen (z. B. Verstümmelung), die 



91 



zweite enthält diese Zerntörungstriebe tnit einer 
manifesten Beigabe sexuellen Ciiarakters (Verstüm- 
melung der Geechleclitsteile) und die dritte endlieh 
manifeste Sexualtriebe, aber ungewöhnlicher Art (die 
sogenannten sexuellen Perversionen). Diese Grup, 
pierung wird für uns um so bedeutungsvoller, wenn^ 
■wir uns vergegenwärtigen, daß ein großer Teil der 
psychischen Energien im frühen Kindesalter zur Be- 
wältigung fast genau derselben l^riebe aufgewandt 
wird. An der Entwicklung des primitiven Destruk- 
lionstriebes ist folgendos hemorkenswerl. Während 
unter bestinimten Umständen Triebe von Aggression 
Zerstörung und Bemächtigung der Selbsterhaltnng 
dienen können (z. B. beim Saugen an der Brust) und 
bei anderen wieder zur Intensivierung des Liebes- 
lebens verwandt werden (wie bei leidenschaftlichen 
Zärtlichkeiten), durchläuft jedes Individuum ein Ent- 
wick lungsstadium in dem das Zufügen von Schmerz 
Selbstzweck wird. In dieser Beziehung 
steht der Mensch in der Naturge 
schichte wohl einzig da. Beim Studium der 
sadistischen Perversionen Erwachsener kann man 
sich von dieser Tatsache gründlichst überzeugen wo 
die sexuelle Befriedigung vornehmlich in den d^m 
Liebesobjekt zugefügten Schmerzen besteht r>,^ 
.lack the mpper'.Verbrecher, von de^en in tl 
letzten Zeit so viel die Rede war, sind nur ein über- 
triebener Ausdruck dieses Sadismus. Kurz der 
Krieg ist vielleicht der dramati- 
scheste Beweis dafür, daß die De- 
struktionstriebe vollkommen von 
biologischen Zielen abgelöst sein 
können und rein persönliche Regun- 
gen befriedigen. 



I 



92 



Es ist nun an der Zeit, diesen Gedankengang mit 
mehr praktischen Überlegungen zu verknüpfen. Das 
Kriegs- und Friedensproblem ist kein in sich abge- 
schlossenes. Die Hauptaufgabe der Pazifisten ist nicht 
nur die Vermeidung von Kriegsgefahren; er hat sich 
nicht allein mit einer Anzahl manifester Destruktions- 
triebe, sondern mit einem ganzen Komplex gemischter 
Triebe archaischer Herkunft auseinanderzusetzen. 
Die Mehrzahl dieser archaischen Triebe sind im Le- 
ben des Erwachsenen nicht mehr manifest, sie sind, 
wie wir sagen, unbewußt. Und diese unbewußten 
Triebe sind im Seelenleben jedes Individuums 
dauernd wirksam. Wir wollen von nun an die wich- 
tigsten Triebmischungen, die der destruktiven und 
Liebesimpulse. Sadismus nennen, wenn sie gegen 
die Außenwelt und M a s o c h i s m u s, wenn sie gegen 
das eigene Selbst gerichtet sind. Ein gewisser Grad 
von Sadismus kann sowohl im Liebesleben, wie in den 
sonstigen menschlichen Beziehungen bewußtseins- 
fähig bleiben, der größere und mächtigere Anteil aber 
bleibt im normalen Leben unter der Schwelle des Be- 
wußtseins. Wir können daher die Erscheinungen im 
Krieo-e nicht eher beschreiben, bevor wir nicht das 
genaue Ausmaß dieser unbewußten sadistischen 
Kräfte genau erkannt haben, als auch die ebenfalls 
unbewußten Methoden ihrer Beherrschung, Unter- 
drückung und Verschiebung, Maskierung oder Ver- 
leugnung. 

Um nun einen Augenblick zur Friedenspropaganda 
zurückzukehren: Wenn der brave Kanzleischreiber, 
den ich Ihnen als eine Art Trophäenjäger geschildert 
habe, mm Sekretär einer Friedensorganisation wäre, 
würden Sie seiner Zuverlässigkeit oder Tüchtigkeit 
ganz trauen? Oder wären Sie einverstanden, einen 

9» 



solchen Monschon in einer verantwortlichen Stellung 
zu sehen, etwa als Slaalssekroliir im Auswärtigen 
Amt oder als Gesandter bei einer fremden Macht? Be- 
denken Sie, daß seine sadistischen Neigungen aller 
Wahrscheinlichkeit nach vollkommen unbewußt ge- 
blieben waren, wenn sie nicht dnrcii das Erlebnis des 
Krieges Mufgepeitscht worden wären. Ja, es ist durch- 
aus möglich, daß er, wenn er noch am Leben ist, alle 
seine Kriegsabenteuer vergessen hat und nun ein 
eifriger Vorkämpfer der Friedensidee geworden ist 
Aber würden Sie ihm selbst unter diesen Umständen 
Vertrauen schenken, wenn bei einer plötzlichen inter- 
nationalen Krise das Zünglein an der Waage zwi- 
schen Krieg und Frieden schwankt? 

« 

Hier koHHuen wir nun zur zweiten i>hase unserer 
Untersuchung. Auf die Frage, wie es möglich ist, daß 
ein Mensch vom Vorhandensein solch mächtiger Trieb- 
Strömungen nichts weiß, muß ich Ihnen antworten, 
daß die Ursache davon in eben noch mächligeren Ab 
Wehrmechanismen liegt. Verdrängung, „m einen tech- 
nischen Ausdruck zu gebrauclien, ist die mächtigste 
und in einem gewissen Sinne sicherste Art 
Trieb niederzuhalten. Das Resultat erfolfireinl 1 T^" 

V 

fmdens wahrnehmen. Anf eine genaue Besch7e b?,!" 
dei komplizierten Wirkungsweise dieses Mechanis 
muses kann ich mich hier nicht, einlassen, ich möcht 
nur so viel sagen, daß sie eine Znriickmehling pev- 
chischer Energien von einem psychisch überbelaste- 
94 



ten Gebiet bedingt, um eine Stärkung der Energie- 
besetzung auf jenen Gebieten vorzunehmen, die ge- 
eignet sind, die Gefahrenzone zu isolieren. Ich möchte 
nur hinzufügen, daß die Verdrängung, ihrem Wesen 
nach ein Fluchtmechanismus, sich biologisch ebenso, 
wenn nicht mehr, bewährt hat, als jede andere Art 
von Flucht. Durch ihre Hilf e können primitive Triebe 
derart abgeschwächt werden, daß der Rest auf, wie 
wir es genannt haben, bewußtseinsfähige Reaktions- 
bildungen verwandt werden kann. Verdrängung ist 
eine gigantische Selbsttäuschung, von der das Ich 
nichts erfährt. Sie ist, biologisch gesprochen, wie ein 
Analytiker sich einst ausdrückte, der Vater der Lüge, 
3^bej* — wie alle Mechanismen — durch die Nützlichkeit 
gerechtfertigt. Die Gefahren der Verdrän- 
gung aber liegen in den Gefahren der un- 
vollständigen Verdrängung. Sollte ein 
Gedanke als Repräsentant des verdrängten Triebes 
sich drohend dem Bewußtsein nähern, sind die Folgen 
nicht abzusehen. Das Bewußtsein kann sich wie ein 
scheuendes Pferd benehmen, das die Wagendeichsel 
zerschlägt. Selbst wenn eine Vorstellung noch so 
sicher abgeschlossen zu sein scheint, so kann, wenn 
die Spannung einer unbekannten aber unerfüllten 
Regung sich bemerkbar macht, leicht eine Kata- 
strophe eintreten und eine ganz und gar unbeteiligte 
Person als Blitzableiter verwendet werden. Wenn 
aber die verdrängte Vorstellung bewußt gemacht 
werden kann und es gelingt, die affektive Spannung 
gleichzeitig auf ihre Quellen zurückzuführen, sind 
sowohl der einzelne, wie die Gesellschaft geschützt. 
Zumindestens wird eine Atempause gewonnen, in der 
bewußte Überlegung und Urteil Zeit haben, sich zu 

betätigen. 



Die Erscheinung des „Säbelraseelns" ist ein gutes 
Beispiel für die Gefahren und Unsicherheiten man- 
gelhafter Verdrängung. In seiner offiziellen Form 
stellt es bloß die aggressive Seite diplomatischer Ver- 
wicklungen dar, doch wird es natürlich weitgehend 
von der manifest pazifistischen diplomatischen Tätig- 
keit verdeckt. Der Mann aus dem Volke braucht nicht 
aus dem gleichen Grund seine kriegerischen Phanta- 
sien geheim zu halten. Gewöhnlich stellt für ihn das 
Politisieren über internationales Recht und Unrecht 
eine nützliche Ersatzhand hing, ein Ventil für die 
Affektspannung dar, dessen tiefste Quelle infantiler 
Sadismus ist. In Krisenzeiten aber mag diese Affekt- 
entladung dazu beitragen, das Verhalten einer Per- 
son zu Krieg oder Frieden zu bestimmen. Sie werden 
beobachtet haben, daß man nicht sofort voraussagen 
kann, in welcher Richtung die Waage ausschlagen 
Wird. Für eine solche Voraussage ist die Kenntnis 
der verschiedensten Faktoren nötig. Die Tatsache 
bleibt jedoch bestehen, daß das Individuum hiebei 
mehr von seinen unbewußten Nöten als von rationel- 
len Überlegungen sozialer Notwendigkeit beeinflußt 
"Wird. 



Die Gefahr mangelhafter Verdrängung liegt nicht 
einfach darin, daß der primitive Sadismus sich in un- 
geeigneter Richtung entladen könnte. Die mangel- 
hafte Verdrängung selbst kann wieder irrationalen 
llaß erzeugen. Dieses Faktum kann durch die Ana- 
lyse neurotischer Patienten bewiesen werden. Große 
Quantitäten von Angst und Schuldgefühl müssen ent- 
laden werden, bevor ein Symptom verschwindet. Man 
Erkennt bald, daß das Symptom einen spontanen Ver- 
buch darstellt, die Angst zu bewältigen, — meistens 



allerdings einen erfolglosen A'ersiich. Viele neuro- 
tische Symptome werden schlechthin Angstzustände 
genannt, andere wiederum heißen Phobien. Bei den 
letzteren wurde eine intensive Angst vor etwas Un- 
bekanntem auf eine schon bekannte Vorstellung oder 
Situation verschoben (Angst vor Haustieren, Messern, 
Lebendig-begraben-werden, Angst vor geschlossenen 
Käumen, Gewitter usw.). In diesen Fällen war die Ver- 
drängung mangelhaft; die ursprüngliche Vorstellung 
waxrde zwar verdrängt, aber der mit ihr verknüpfte 
Affekt ist ins Bewußtsein gedrungen. Am auffallend- 
sten aber ist die Beobachtung, daß vor Entladung der 
Angst — deren Ursprung unbekannt ist — ein sonst 
liebenswürdiger Patient nicht nur plötzlich Wider- 
willen und intensive Feindseligkeit entwickelt, son- 
dern sich beeilt, diese Feindseligkeit 
gegen die nächste erreichbare Person 
zu richten. Dies ist gewöhnlich der Analytiker, 
der, welche Mängel er auch immer haben mag, doch 
nichts dazu getan hat, was diese plötzliche Verände- 
rung der Gefühle des Patienten erklären könnte. Haß 
erzeugt Angst, Angst wiederum weckt Haß; Angst 
und Haß zusammen tragen den Zerstörungskeim 

in sich. 

Es ist nicht schwierig hiefür Bestätigungen zu fin- 
den. Beginnen wir mit der vergleichenden Psycho- 
logie: Es ist bekannt, daß auch ein sonst zahmes Tier 
angreifen wird, wenn es hilflos in die Enge getrieben 
wird. Nun ein Beispiel aus der Kinderpsychologie. 
Ein Kind, das sich fürchtet, bekommt leicht Wut- 
anfälle. Ein schlimmes Kind ist ein verängstigtes und 
von Schuldgefühl gequältes Kind. Ein aggressives 
und zerstörungslustiges Kind ist durch Sch\ildge!ühl 
und Angst gelähmt. Dies wirft ein Licht auf das 



7 Almanach 1934 



97 



ganze Problem der Feindseligkeit. Haß ist nicht 
Ji u r ein A ii s d i- n c k aggressiver Regun- 
gen, sondern kann auch als Schutz 
gegen innere Ängste dienen. Das Kind 
wird von einem unversölinlielien Feind, nämlich der 
unerträglichen Spannung seiner primitiven Regun- 
gen bedrängt. Diese können nicht nur nicht befrie- 
digt werden, sondern ihr Drang steigert sich durch 
die Versagung; Versagnng führt zur Angst und 
Angst ist der Feind des Seelenfriedens. Wenn so der 
kritische Punkt erreicht ist, benimmt sich das Kind 
wie ein geängstigtes Tier und beißt. 

Man ist versucht hier halt zu machen und eine 
Parallele aus dem A^ölkerleben zu ziehen: So könnte 
man z. B. sagen, daß eine kriegslustige Nation in 
Wirklichkeit eine ängstliche ist und daß es die Auf- 
gabe der dieser kriegslustigen Nation zugeteilten Ge- 
sandten sei, die Ursachen dieser Angst in dem Lande 
aufzudecken und diese zu beruhigen. Solange wir 
aber die Beziehungen zwischen der Psychologie des 
Einzelnen und der Masse nicht erörtert haben, dürfen 
wir dieser Versuchung nicht nachgeben. Um auf 
unser Kind zurückzukommen, das, wie ich sagte, von 
der Unversöhnlicbkeit seiner eigenen Triebregungen 
in die Enge getrieben, sich umdrelien und beißen 
wollte. So lange es sich aber auch drehen mag, es 
findet keinen Feind. Der triebhafte Feind 
ist ja in seinem Inneren und \inbe- 
kannt. Was nun peschielit, beruht auf einer ge- 
wissen Logik. Die Erfahrung hat es gelehrt, daß die 
Außenwelt ihm das Leben schwer macht, ihm Ent- 
behrungen auferlegt, es seiner Freiheit beraubt, es 
bestraft, ihm — allgemein gesprochen — seelische 
und körperliche Schmerzen bereitet. Kurzum, die 



98 



Außenwelt benimmt sich oft wie ein Feind. Durch 
diese Erfahrungen beeinflußt, kommt es nun aus sei- 
ner Ecke heraus und macht sich auf die Suche nach 
einem Feind. Das nächste belebte oder unbelebte Ob- 
jekt nimmt es sich zum Angriffsziel und greift an, 
wie ein Büffel. Das Geheul dieser von Angst gepei- 
nigten Geschöpfe kann man in allen Parkanlagen 
Europas hören und zweifellos sind auch in diesem 
Augenblick viele Eltern und Kinderpflegerinnen da- 
mit beschäftigt, sich nach der Hitze des Gefechtes die 
blauen Flecken zu reiben und die zerbrochenen Spiel- 
sachen aufzulesen. Hier sehen wir den Höhepunkt 
des von uns Projektion genannten Mechanismus. 
Projektion bedeutet eine psychische Verschiebung; 
den Versuch, einen inneren (psychi- 
schen) Reiz in die Außenwelt (Reali- 
tät) zu verlegen, einen inneren Feind 
durch einen äußeren zu ersetzen. Die- 
ser Mechanismus ist einer der frühesten Mechanis- 
men, der im Notfall eine nützliche Funktion erfüllt, 
dessen Beibehaltung im Erwachsenenalter aber eine 
der größten Gefahren für unsere Zivilisation bedeutet. 
Und gerade in Massenbeziehungen wirkt er mit ganz 
besonderer Intensität. Wenn eine Vorstellung eine von 
der Gesellschaft anerkannte Regel beeinträchtigt, so 
wird sie gewöhnlich in Form eines herabsetzenden Ver- 
gleichs nach außen gewendet. Für den Durchschnitts- 
engländer ist Paris die „fröhliche" Stadt, nicht Lon- 
don, weil er natürlich selbst nicht fröhlich ist. Wäh- 
rend des Krieges war dieser Mechanismus noch mehr 
im Schwung. Immer war es der „Feind", der das rote 
Kreuz beschoß, im besetzten Gebiet raubte, Verwun- 
dete kastrierte und kreuzigte und der die Leichen 
seiner eigenen Leute zu Kerzen verarbeitete. 



7* 



99 



Hiei* helfen uns etlinologisclie Spekulationen, un- 
seren Gesichtspunkt zu erweitern. Irgendwo in der 
Mitte zwischen den Kämpfen der Kinderstube und den 
Kriegen Erwachsener stehen die Kämpfe primitiver 
Stämme. Das Sludiuui dieser Phänomene zeigt, daß 
die Projektion lüebei einen wichtigen Antrieb ihrer 
Kriegsunternehmungen bildet. Wir kenneu den ani- 
mistischen Glauben der Wilden und wissen, daß er die 
Welt mit bösen Geistern bevölkert hat; sie stel- 
len eine Projektion seiner eigenen 
primitiven Triebe dar, die zu bewäl- 
tigen, er sol'che Mühe hat. Darum glaubt 
er, daß er sicli in einer ständigen Gefahr von Seiten 
dieser gefährlichen und bösartigen Wesen befindet. 
Das kleine Kind verhält sich sehr äbnlicli. Wir wis- 
sen, daß die Kopfjagden der Primitiven weitgehend 
Zeremoniellen dienen, die mit der animistischen Auf- 
fassung der Welt eng verknüpft sind. So ist es 
naheliegend, daß die Kämpfe der verschiedenen 
Stämme nicht bloß einer Ökonomischen Notwendig- 
keit und dem Selbsterhaliiingstrieb entspringen. Diese 
Kämpfe dienen znr Ablenkung von Trieben nach 
außen, die, wenn nicht befriedigt, zur Auflösung der 
Familie oder des Stammes führen könnten. W i r 
können mit einiger Wahrscheinlich- 
keit annehmen, daß diese Verlegung 
der Konflikte in die Außenwelt einer 
bestimmten Phase der biologischen 
Entwicklung entspricht. Sie könnten ein- 
wenden, das sei eine pessimistische Auffassung, aber 
ich glaube das nicht. Wenn auch schließlich der Chi- 
nese sein Haus niederbrannte, um ein Schwein zu 
braten, so haben Erfahrung und Überlegung schließ- 
lich doch zu geeigneteren Koohmelhoden geführt. 



100 



Allein über diese eine Seite des Krieges könnten 
Bände geschrieben werden. Abgesehen von der primi- 
tiven Projektion des Sadismus, die ich besehrieben 
habe, kann dieser Mechanismus durch die verschieden- 
sten Stadien seiner Entwicklung verfolgt werden'). 

Der Ausbruch eines Krieges, der ja eine (sozial ge- 
rechtfertigte) Ableitung der Feindseligkeit gegen den 
Mann (den Feind, Eroberer) gewährt, verstärkt auf 
der anderen Seite das Freundschaftsbündnis zwischen 
den Männern des eigenen Landes in hohem Grade. 
Nichts kann Männer inniger binden, als ein „gerech- 
ter" Krieg. Pazifisten, die den Nationalismus als 
Kriegsursache beschuldigen, sollten dabei diese un- 
gemein wichtigen sexuellen Faktoren, die im Na- 
tionalgefühl gebunden sind, nicht übersehen"). 

Ich sagte, daß die Projektion ein archaischer Me- 
chanismus sei, der sich in den Angelegenheiten Er- 
wachsener als gefährlich erweisen könne; damit ist 
aber noch nicht alles gesagt. Wie die meisten 



^) Die Stabilität der männlichen Gesellschaft beruht 
weitgehend auf zwei Faktoren: a) auf der sublimierten 
Homosexualität (Freundscliaft, sozialen Bindungen usw.), 
b) auf der Fälligkeit, die Feindseligkeit auf weniger be- 
langvolle Mitglieder der männliclien Gesellschaft zu proji- 
zieren. Die Mischung dieser Kegungen ist aber weitgehend 
unsicher und unzuverlässig. 

^) Übrigens ist es bemerkenswert, wie sehr diese wich- 
tigen sexuellen Faktoren vernachlässigt werden. Wenn man 
einen Mann aus dem Volke fragt: „Wer ist der Feind, den 
ihr bekämpfen wollt?", so wird er gewöhnlich antworten: 
die mÜnnliclie Bevülkeruug einer Nation, wie die Englands, 
Frankreichs oder Deutschlands, oder die Afghanen, Basu* 
tos und Chinesen anführen. Er ist überzeugt, daß er nicht 
gegen die afghanischen, clünesischen oder Basuto-Frauen 
kämpfen wird. Wahrscheinlich wäre er tief empört, wenn 
man ihm zeigen wollte, daß die Wahl seines Feindes von 
Anfang an offensichtlich durch sexuelle Faktoren bestimmt 
wird. 

101 



Mechanismen, die eine Notlösung d a r- 
8 teilen, ist auch die Projektion unge- 
eignet, den dauernden Drang der 
Triebe zu bewältigen. Kin Hnngriger kann 
seine Tiscligenossen versichern, daß Bio lumgrig 
öeien, aber wenn der Beginn der Mahlzeit sich unge- 
bührlich lange verzögert, kann er nicht umhin zuzu- 
geben, daß er selbst hungrig sei. Sollle er übrigens 
versuchen, seinen Hunger durch Kauen des Tisch- 
tuclies zu beruhigen, so wird er bald uiorken, daü 
diese Art der Befriedigung doch einen wesentlichen 
Nachteil hat. Es ist riclitig, daß aiulere Triebe (z. B. 
gewisse Formen der Öexuallriebe) lungere Zeit lün- 
durch unbefriedigt bleiben köinien, schließlich aber 
doch durch küustliclie Hilfe oder 'rüu.sclinng be- 
herrscht werden müsHen. Verdrängung ist, wie wir 
gesehen haben, ein gün^sligereJ■ Mechanisnuis als die 
Projektion, aber sie hat aucii den ornstlieheu Nach- 
teil, nicht immer erfolgroicli zu sein. Wenn nun diese 
und andere primitiven Mechanismen versagen, kommt 
es zu einer Krise unseres Trieblebons. 

* 

Ich habe mich bemüht, in gruben Zügen die wich- 
tigsten pri mären Abwehrinaßnahmon, die für die 
Unbeständigkeit der Friedensbelätigiingpu veranl- 
wortlich 7Ai machen sind, aufzuzeigen, und nuiß mich 
im folgenden lliil oinom einzigen Beispiel eines 
sekundären Abwelirmechanisnms begnügen, der 
jedoch als dauerndes Hindernis auf dem Wege ob- 
jektiver Forschung liegt. 

Die Menschheit hat die Denkprozesso in einem 
solchen .Ausmaße rationalisieri, daß die Annahme, 
sie auch für irrationelle Zwecke dienstbar /m machen, 
kaum glauhlmft erscheint. Und doch wird ein großer 



102 



Teil rationellen Denkens gerade darauf verwandt. In 
zahllosen Gelegenlieiten diskutieren, formulieren und 
begründen Mir unsere Motive nur zu dein einzigen 
Zweck, einen dunklen Antrieb zu verdecken, der 
durch bloß autoiuatisclie Ahwehrmechanismen nur 
unvollkommen verborgen geblieben wäre. Diesen 
Verschleierungsprozeß sind wir gewohnt als Ratio- 
nalisierung zu bezeichnen. Das bemerkenswerteste 
Beispiel einer Kationalisierung war im zwanzigsten 
Jahrhundert vielleicht die im Herbst 1914 aufge- 
tauchte Version, der Weltkrieg diene „der Abschaf- 
fung von Kriegen". 

Wenn M^r uns also an die große Aufgabe machen, 
die Äußerungen des menschlichen Sadismus zu er- 
forschen, müssen wir allen Versuchungen wider- 
stehen, uns durch Einwände welcher Art auch immer 
ablenken zu lassen. Wenn wir also das Soldatenspiel 
der Kinder, Jagd- und Rennsport Erwachsener, das 
Schach- und Bridgespiel der Klubs, die ewigen Feh- 
den der verschiedenen Schulen der Ästhetik und die 
Diskussionen der Debaltierklubs miteinbeziehen, dür- 
fen wir uns nicht durch die Proteste der Liebhaber 
dieser Wettkämpfe ablenken lassen. Wenn wir die 
Geschichte der menschlichen Strafe von den ersten 
bösen Blicken, Worten oder Selilägen im Kinder- 
zimmer, zur Prügelstrafe und dem Pranger in engli- 
schen Schulen und Gefängnissen, oder zu den gesetz- 
lich sanktionierten Foltern in China und dem gehei- ' 
ligten Kannibalismus mancher Primitiver verfolgen, 
müssen wir allen soziologischen Argumenten wider- 
stehen, die diese Phänomene von denen des Krieges 
trennen wollten. Und wenn wir die Geschichte des 
Masochismus erforschen, die asketischen Übungen 
religiöser Sekten in allen Ländern, den Geist, der 

loa 



I.'eformbowegungen aller Art boflügolt, 8ludi<>reu, 
dürfen wir uns nicht vnn don empörton Protesten der- 
jenigen einschiiciit(Mn lassen, die erklären, all das 
habe ja mit dem Kriege nichts /u tun. Nur wenn die 
Ergebnisse dieser psychologischen roststoUinigoi» uns 
so vertraut geworden sind, wie unser eigener Schat- 
ten, worden wir errolgroich an die schwierige Auf- 
gabe gehen können, unseren eigenen Sadismus rich- 
tig einzuschätzen. Xhid nur, wenn wir in der Lage 
sind, unsere eigenen Aggrossions- und llaßrogungen, 
die der Bewftltit;nng von Konflikten dienen, richtig 
zu erkennen, können wir hoffen, das Troblem des 
Krieges oinnml zu einem rein akademisch-wissen- 
schaftlichen auszugestalten. 

Kurzum, man kann sich kaum der l'\)lgorung ver- 
schließen, daß die Friedenspropaganda an 
einem f n n d a ju o n t a I o n Fehler krankt, 
oder daß i !i r e B e m ü liu n g e n zutiefst 
jedenfalls auf ein falsches Ziel ge- 
richtet sind. 

Vom praktischen Standpunkt können die i*azifiston 
in zwei Klassen eingeteilt werden. In diejenigen, die, 
so sehr ihnen auch ökonomisoho Argumente zusagen, 
doch von ethischen Motiven geleitet werden. Letzten 
Lndes konnte man sagen, kehren sie zu dem katego- 

kannT'- ^"'^*^'^'^^*^' ^'^^ ""^ ans den zehn Geboten be- 
ißt, zuiüek. Andere wiederum werden, so sehr 
• sie auch ethische Momente vorschützen, zutiefst doch 
von der Empörung über die sinnlose Zerstörung und 

Stell T^""*^""^ im Kriege geleitet. Für sie ist an 

f ^ '^^« ethischen Gebotes ein nalionalökonomi- 

scner Aphorisnius getreten: es lohnt nicht zu töten. 

,-. . .° ^^"®" *^t *ler Krieg etwas fluchwürdiges, für 



die anderen ist 
104 



^^ eine empörende Vornichtungsorgie. 



Ein dritter und hievon völlig verschiedener Stand- 
punkt ist der des Psychotherapeuten: Der Krieg ist 
der Ausdruck von Konflikten zwischen menschlichen 
Triebregungen, ein Versuch, Schwierigkeiten und 
innere Probleme zu lösen. Man kann ihn auch als 
Massenwahn auffassen, darf aber dann nicht ver- 
gessen, daß der Wahnsinn einen dramatischen \ er- 
such darstellt, einen individuellen Konflikt zu be- 
wältigen, einen S e 1 b s t h e i 1 u n g s v e r s u c h der 

in der Hoffnung unternommen wurde, einer drohen- 
den Explosion zu entgehen, der aber in ver- 
zweifelter Auflösung endet. 

Nach der Ansicht des Psychotherapeuten ist jeder 
Versuch, die Aufmerksamkeit auf ethische und oko- 
nomisclie Überlegungen zu richten und dabei die 
tieferliegenden psychologischen Faktoren zu ver- 
nachlässigen, nicht nur ein Hindernis des wahren 
Fortschrittes, sondern auch ein völlig überflüssiger 
Kraftaufwand. Sollte ein Psychologe genügend falsch 
horaten sein, eine Philosophie in Sprichwörtern her- 
an^zuseben, so würde er zweifellos versucht sein, 
Formulierungen folgender Art vorzuschlagen: Willst 
Du den Krieg vermeiden, rüste für den Frieden; die 
Anstrengungen des FriedenB Silld mcllt geringer als 
die des Krieges; bewältige Deine eigene Aggression 
und die Aggression der Nationen wird sich von selbst 
erledigen. Und wenn der Psychologe gezwungen wäre, 
die Erfahrungen der angewandten Psychologie des 
Einzelnen in eine Formel zu konzentrieren und das All- 
heilmittel, das die Psychologie einem kriegsbesesae- 
nen Menschengeschlechte zu bieten hat, in einem Satz 
zusammenzufassen, so würde dieser die Form eines 
neuen sechsten Gebotes annehmen: ErkenneDei- 
nen eigenen (unbewußten) Sadismus! 



105 



Masodiismus und Selbstbestrafuiigsw 
tendenzen bei Charles Baudelaire 

Von Hcnv Laforj^ue. Paris 

ylus dem fVerke „Der gefesselte 
Jiauiielairr'\ hitrinetlionaUr Psy^ch^- 
amlphchtr Verlag^ Wim 1955. 

CheiHchuut iiiuu das Leben und das "Werk Baude- 
laires, so fällt es nicht schwer. jonoSoIbstbostnifimgs- 
mechaniHinon zn entdecken, von donen wir «eHprochen 
iuiben. jeiios Bedürfnis, auf irK'.M.d welche Artgeschla- 
«en zu worden. Wir vor8(eheu. wm,um. er sich öffent- 
lich vom Genoral Anpick ohrfoison iioli'), warun. er es 
^''^•"'^^'^^' ^' ^^ *»'"» *>'<' ''^'-nv ^a>wioHon wurde, warum 

häu.lr";l?m^/^^^^^^^^^ iT ^"""*" ««« BaiHlelairo <h> Kaffee- 

»all iisss lif^Ä 

ücKe die Stirn, Curolino zil H Mi " ^'l!'""'' ""»■ 

einigen Mon.to,; war eiTnoues'o'.'.wia;!,. ;;;rr;,., ).'"'' '"'* 

Im Laufe eiiiee fostliclio]i ])iMer8 bnich ... ....' a" , • 

General einen scharfen V'erweis ! n .^,w,T''' '''■''. ^'^»^ 
Scinveiscn. liaudolairo, gedomütiKt. . ru c b ' 'V''''"' ^V*;^^« 
auf und übwol.l er außer sieb war na« c o, ' ■' 7"'' ^"t 

nem Stiefvater: ,Monsieur, Sie h.d.^n nfir geJ^a i;!'; "'! ■"«*■ 
Kefebll. Dies verdient eine Zureclitweisnnff i. «' ''''!''\':^ 
Khrc JutbüH. 8iü .u erwürgen.' ^' '^' ''"^■•^" ^'« 

Der ruhige Ton, in (Icni diese Drohung uusgeKuroehen 
wurde, g;il) der ganzen Szene noch .dniMi Sclieinvon Über 
iegung und Wahnninn zugleieii, der die (iäsie und den Ge 

Sf-r '■'./" ^V"^i'/''""^' vernetzen nnilite. Aber s<-hon 
ohrfnu^/ 1 AUs<..ule Miene, sieh auf Aupiek zu *5tiir/.en. Da 
ffewn .? i '^'^'f " ""'' f^'""><'"aire Jiatte im Tun.uile um- 

bt,woiUiiur öes«el einen Nervenanlall." (S. 44.) 



106 



_ .1 



er nnt den Wucherern ständig Verdrießlichkeiten 
hatte, mit seinem Vormund, mit der Mulattin Jeanne, 
warum er die Beute der Geschlechtskrankheit, des 
Opiums, des Alkohols wurde. Viele, oft sehr ernste 
Vergehen haben bei derarligen Kranken meistens 
keinen andern Zweck als den, sich für die Auflehnung 
gegen die väterliche Autorität eine Strafe zu sichern, 
für die Auflehnung gegen den Vater, den man einer- 
seits haßt und verachtet, dem man anderseits aber, 
ohne es sich eingestehen zu wollen, seine Bewunde- 
rung zollt. So lagen die Verhältnisse sicher auch für 
Baudelaire, was seinen Stiefvater, ja vielleicht sogar, 
was Ancelle anbetriffl. Man fordert diesen Vater her- 
aus, um ihn zu bekämpfen, dann aber auch, nm diesen 
Haß, den man braucht, wenn man Baudelaire ist, 

Wir geben hier eine weitere Stelle wieder, in der die 

l^oUc der Schlagephantasien deutlich zum Ausdruck kommt: 

Aber das Folgende war noch unvorliergesehener: Von 

(ler" Keifte, iiii dio Herr Aupick als erster gedacht hatte und 

Vo von (ien vorsichtigsten Bekannten allgemein gebilligt 

lurde l>ringt Baudelaire eine einzige Erinnerung zurück 

He einziKO wenigstens, welche ihn augenblicklich verfolgt 

die e'"'^S*^ J S Negerin, welche auf der Insel 

Sau^L'^s^ep^ts!^. lvde.^ie S.ene hatte ihr. wenig- 




Pflanzer für einen geringiugigt^n i. ..■..-...■.. y ^^ 

wurde Die Sklaverei war auf der I"/^\^'>'^'- ^^^^.['^'"^^'^en 
7834 abgeschafft worden und die früheren Sitten lebten 
J.nnh an-e fort. Nun aber tauchWn alle Euizelheiten dieses 
Hilden m Geiste des Reisenden wieder auf. Das Groteske 
nlt sieb mit der Grausamkeit und diese mit der Unan- 
?t1fndiekeit. Aus dieser Zusammensetzung wachs eine 
.Se vorgebliche Begierde, luirtnäck.g wie ein Nerven- 

^"^ v^^^L't auf der llaiul. daß Baudelaire nicht auf die 
Reife naÄ Jer liSäOl mÜim pWArlet hatte, um diese 
Schhigephautasie zu züchten. Schon langet hatte er es er- 
reicht, „geschlagen zu werden". 



107 



wenigstonft scheinbar zn rochlfpiMirron, diesen Haß, 
der zum Lebfinszwork wird, in Wirkliolikoit aber nur 
eine Fiktion ist. Man nUiv/A sich anf ihn, otwedor uiu 
dem EingosliindniH oinor schnvkllchon Mimlorworlig. 
koit zu entgehen, dorn Kinhekonnon Hrincr Schwäche 
die man sich nieht verzeiht, oder itni in einoni künst- 
lichen Kampf, (\or .las Leben zorsclzj, stark zn schei- 
nen, oder um eine AnRHl, ein Hngltirk, deren man sicli 
scliäiiit, abhMignen zu könnoii. 

Eine tray:ische K<Mii(i(lio! Die Auflohmingen Baude- 
laires maskieren im Grunde genonnnen ein tiberfeines 
Empfinih.ngsvormÖKcn, das schniuvoj] sich zn iinßorn 
zögert, aus Angst vor dem Liclile und dem Liicher- 
hchsein Hich nicht zu behani-ten wagt und das anstatt 
mit Kindoraugen zu läclioln. HJrh oft in Oberspannt- 
heiten, ja zuM'oileu sogar ins Verbrecl.on flüchtet. Da« 

is( viGlleioht bei mam-honKxhibilionisten derFall. Ihre 
neurotische Ilölh^ bostehl darin, oino strafbare Hand- 
lung begehen zu mÜHsen: 8 i c h z u e x h i b i e r e n. 
Mo exh.bieren .sieh, um entdeckt, godemütigt. gestraft 
zu werden und dazu verdammt zn sein, ewig Miß- 
or olg ZV. haben. Oor Fall Baudelaire« weist ebeu- 
solcbe, wenn auch nur latente, Exhibitionstendenzen 
aur Se.uo Gewohnheit, cIo„ Gegno,- ,ru paradoxen 
Aif^Minenten zu en/waffnon. r.nd soin Zynismus l,e 
zwecken wohl unbewußt nichts anderes, als den Schlag 
lind Gegeiischlag iiorau^szu fordern. Denselben Zielen 
dient seine Tendenz zur Unordnung mid zur I>iiee 
Und ebenso liat der Dichter aus seiner Sprache ein 
Allmächtiges Organ genwudit, um die Monsclien bis ins 
Herz zu treffen. Dieses Organ ersetzt Tür ihn ge- 
wissermaßen ein „wundcnschlagendos, seufzerlösen- 
des Schwert" ... Er erreicht durch .sein Wort, daß das ' 
Herz von Millionen von Menschen rascher schlägt, 

108 



was sein großes Minderwertigkeitsgefühl Icompen- 
siert. Aber aucli auf diesem übertragenen Gebiete 
benimmt er sich so, daß ei^ zum Prozesse kommen 
muß, d. h. zur üffenllichen Verurteilung seiner Werke. 
Alles was er unternimmt, führt zu einer Art unfrucht- 
barer Unrafet. 

Betrachten wir in diesem Zusanuuenhange, wie 
Porche den Aufrüiirer Baudelaire darstellt: 

Die ersten Schüsse der Februartage fielen auf dem 
Boulevard des Capucines; schon werden die Barrikaden 
aufgestellt. Was für ein Hasten und Jagen in der Nacht 
vom 23. auf den 24. im Herzen der alten Faubourgs. Bei 
Tagesanbruch steht ganz Paris in Waffen. Schon schlägt 
man sich in der rue de Valois, in der rue Saint-Honor6. 
Bugeaud wird tiberrannt. Der König, Louis Philipp, dankt, 
angsterfüllt, in seniler Nachgiebigkeit ab und flieht in einer 
Kutsche auf der Avenue de Neuilly, während die Revo- 
lutionäre die Tuilerien besetzen. 

Wo ist indessen Baudelaire? Er steht auf der Seite des 
Aufstandes. Erinnerungen an Gelesenes, Erinnerungen an 
selbst erlebte Geschelmisse, Erinnerungen aus dem Jahre 
1830 in Paris, aus dem Jahre 1834 in Lyon, stiegen ihm in 
den Kopf mit der unbedeutenderen an ein kleines Schar- 
mützel lokaler und ökonomischer Natur, dem er 1844 auf 
der He Saint-Louis beigewohnt hatte, als das Pariser Volk 
eich gegen die Gesellschaft, welche an den Brückeneingän- 
gen eine Gebühr erhob, auflehnte und deren Büroräume 

plünderte. 

Heute aber greift der Tumult weiter um sich. An der 
Ecke der Rue Buci plündert die Menge einen Waffenladen. 
Baudelaire gehört zur Rotte. Seine blutrote Krawatte zeigt 
seine politische Überzeugung. Er bemächtigt sich eines Ge- 
wehres und einer gelbledernen Patronentasche. „Ich habe 
mitgekämpft", bemerkt er einen Augenblick später zu sei- 
nem Freunde Buisson, der sich zufällig dort befindet. Die 
Waffe und das Lederzeug sind sichtlich neu. Baudelaire 
übertreibt. Vielleicht hat er ein wenig zu viel Weißwein 
zu sich genommen. Auf jeden Fall haben die Kneipen in 
diesen Tagen der Gewalttätigkeit nicht gestreikt. 

10^ 



l)or Dicinor ist (iuUorst erregt. ..Man muß ficn General 
Anpirk rrsohiollon". wiodcrholt or wio einen Rofrain. Es 
lumdoU sich jolzt um iiii-lils weniKt'r nls um pnlltiseht! Ideen. 
Was kcIktou ihn, sclbsl jcl/.l in ilips<M- Minute, wo er in 
ihren Keihei» Htcht. die Kepuhlil<;uier? Aueh die lUirger. 
liehen interoKsieron ilm kiium. Beim bloßen (iedaiiicen «n 
dag (ieMicht. das Aneelle in diesem AuKeiililiek sdineiden 
muß, schüllolt er sieh vor Lnehon. Elwas ander« noch be- 
sicluiftiprt ihn. In erKter Linie sucht er in diesem Handge- 
menge Sen8jtlionen. Isl er nicht ein Künfitlor, ein Künstler, 
der in sein Noti/.hiicii dienen fürelderlichen kleinen Satz ge- 
schrieben h,il; „leb vcrKlelie. daß niini eine Siu-lu- jiufsebon 
kann, einzig' um /.u wiKsen, was man eniplindel, wenn mu« 
einer luuieren dieul." Und anderswo: „In jedem Weclisol 
liegt otwuK Niedorträclitigos und AnKenelimes zugleich, dem 
etwas von der Untreue und dem Flilehten aidiaftct. Dies 
genüRt. um die französische Kov(dution zu erkliiron.** Dioe 
könnte man wenigstens hin/.ufligen, dürfte genügen nm die 
Ueteiligung liaudebiires an der iiev.dution des Jahres 1848 
zu erklären, gibt er uns in (lies<>m Ausspruche doch ire 
wissermaßen sein eigenes Gefiibj preis. 

Und wenn von den Straßen iener lieißo lliiucb webt datt 
mnn <lio winterliche I^rise nicht mehr spürt, wie- könnte man 
mit einem so roi/hiiren. von den Helänbnngsmitteln zorrtU 
teten Nervensystem einem soJchen 8lnrme widerslohonP 
Außerdem macht das Opium alles unwirklieii. oder tlbor- 
treibt das (leschaute. Kinige Schüsse werden zu einem un- 
unterbrochenen üoweluTeuer. Die Barrikade ist riesengroß' 
Ein im Rauclie erspähter roter Fetzen an einem Stockende 
wird zum gewaltigen Symbol. In den tiefsten Schichten der 
Seolen weben und erwachen Dinge, von deren Dasein man 
keine Ahnung h;Utc: das J3edUrfnis, Uaclio zu üben persön 
liehe Kache zuerst, gewiß (man muß Ilorrn Au'nick 
schießen), dann aber aucli anonyme, allgomoine Rache )"' 
touflischü Lust der Zerstörung, (S. 121 — 123.) *^ 

Wir möchten hier mich Jio Schildern np jener 
Zeit wiedergeben, in der Baudelaire sich nls Kan- 
didat der franzö.-^iRchcn Akademie nnfMioUen läßt. 
(Es ist ihm natürlich nur gelungen, „geschlagen** 
zu werden.) 

110 



Baudelaire war also der Meinun?;, wenn os ihm gelänge, 
die Schwelle der Akademie zu überschreilcu. würde das 
gegen iliii gehegte Mißtrauen auf der Stelle aufhören. Seine 
Überlegung war gewiß richtig, enthielt aber einen Zirkel- 
schluß, denn dieses Mißtrauen war es gerade, welches jede 
Erfolgsmögliclikeit ausschloß. 

Wie zu erwarten war. wurde anderseits die Kunde von 
der Kandidatur des Verfassers der „Rluracn des I^ösen" für 
den Fauteuil Scribe in den literarischen Kreisen und Kaf- 
fees, sowie von der kleinen Presse mit Zetergeschrei und 
Witzen aufgenomraen. Baudelaire wurde als ein Abtrün- 
niger, der aus dem Lager der Unabhängigen in das der 
Offiziellen überging, beschimpft und verhöhnt. Baudelaire 
antwortete Flaubert, der aus seiner Abgeschiedenheit in 
Croisset diesen unüberlegten Streich mißbilligt hatte: 
„Wie, haben Sie nicht erraten, daß Baudelaire bedeutete: 
Auguste Barbier, Thcopile Gautier. Flaubert. Leconle de 
Lisic, das heißt: reine Literatur?*' 

Kurzum, im Monat Dezember begann der Dichter seine 
Besuche zu machen, und zwar zu Fuß. wie er sagt, und 
,. zerlumpt". Aber hüten wir uns, diesen letzten Ausdruck 
wörtlich zu nehmen. Baudelaire war immer sehr sorgfältig, 
ia gewählt gekleidet. Erst zwei, drei Jahre später begeg- 
nete man ihm manchmal in schäbigen Kleidern. Aber auch 
dann noch, ja selbst im äußersten Elend, ließ er vom Luxus 
der weißen, makoilosen Wäsche nicht ab. 

Mehrere Akademiker wichen ihm aus. So war es ihm un- 
möglich, Ponsard anzutreffen, für den ihm Asselineau 
einen Einfuhrungsbrief mitgegeben hatte. Ebenso wenig 
Glück hatte er mit Legouve, de Sacy. mit Saint-Marc 
Girardin, er traf nicht einmal Prosper Merimee, obwohl er 
ihn persönlich kannte. 

Villemain, der ständige Sekretär der Akademie, empfing 
ihn von oben herab. „Ich habe nie irgendwelche Origina- 
lität besessen, mein Herr", soll er zum Kandidaten gesagt 
haben. Worauf der andere, nicht ohne Heimtücke erwidert 

haben soll: „Mein Herr, was wissen SlG dlWOll?" Vom BC' 
suche bei Viennet brachte er folgende berühmt gewordene 
Definition mit: „Es gibt nur fünf Gattungen der Poesie, 
mein Herr, die Tragödie, die Komödie, die epische Poesie, 
die Satire und die leichte Dichtungsart, zu der die Fabel 

111 



zählt, in der ich Meister bin." Aber ist dloö alles 
autho7itiPch? 

Henri Patin, der Latinifit, wiir sehr Ii»5b<'ii8wiir(IiK. Eben- 
so SaiHJcau, für don ihm Khuibert eine Enipfolilung mit- 
gegeben liatte. In den vcin Siindeau an tlon Dieliter gerich- 
teten Worten lio^t indcsHen nit-lit wi-nig {wolil unfrei- 
willigß) Ironie: „Vielleicht, vielleicht gelingt ob Ihnen, in 
der Wahl für den Fauteuil Lacordaire die Stimmen einiger 
Protet^tanten zu ergattern." 

Baudelaire hatte in der Tat die ßeltsamo l.h-o gehabt, 
auf <lie Kandidatur für den Fauteuil Scribo yai verzichten* 
um .sich um den Fauteuil Liicordairo y.u bewerben. Für 
d^iese zum mindesten unorwarlole Wahl gab er folgenden 
Grund an: ..Lacordaire ist ein Priester der IJoninnlik und 
ich liebe ihn." DicRor (irund war aber nelhst denen unan- 
nehmbar, die dem Dichter duR grölite Wohlwollen bekun- 
deten (ich meine nallirllcli seiner Person, denn seine Kan- 
didatur nahm nienmnd ernst). Man sah darin nur eine neue 
Exzentrizität. 

Sninte-Iieuve, ein schwankender Charakter, d.-r nhvT 
über eine glänzende Intelligenz verfügte, war diesmal 
eprachlcp: Wie koniil.' ein Miinn wie Haudehiire, doRRen 
Überlegenheit keinem Zweifel unterlag, mit II) Jjifiren noch 
solche Eseleien begeben? Diesem durehtrieheiK-n Kritiker. 
der vor der Autorität, der llienirchie nine holu^ Achtung 
besaß, und der in der Kunst, die Ein/lüsse abzuwägen, sehr 
erfahren war, mußte ein solohes Verkennen der sozialen 
Beziehungen, ihrer Kegeln, ihres Spiels und ihrer Ilauü- 
hahuiig unverständlich sein. 

Für soviel Einfalt gibt es in der Tat nur viuo Krklä 
rung: Baudelaire kannte von der aosollsebiifl nur einen 
kleinen Zipfel: die Poh^'tne. 

Als Sohn bürgeHicher Eltern hatte er schon in Reinem 
frühesten Alter mit der Gesellschaft gehrochen Fr war 
ein Dandy, aber nicht ein Dandy dor Salons wie MuPsct. 
sondern eher ein Dandy der Kaffees, der Restnuruuls, der 
-Vtelier.s. der Kasinos und der verrufenen Häuser. ' 

.,OnkeI Heuve" hatte am Anfang, freilieh ohne sich zu 
kompromittieren, seinem „teuren Kinde", dns in dieses tolle 
aka<lemigche Unternehmen \ crwickelt wur, einen Heweis 
seiner zärtlichen Besorgnis geben wollen. Bei dieser Ge- 

112 



Icgenlieit hatte er in einer Art von Übersicht der vorschic- 
(ienen Kandidaturen, die am 20 Januar 1862 im ..Constitu- 
tionnel" erscliieii, Baudelaire jenen bekannten Paragraphen 
gewidmet, in welcliem voa Kiosk und Kamtschatka die 
■Rede ist. Aber jetzt beging der Kandidat, dem er die Ehre 
erwiesen hatte. Beine Ansprüche öffentlich zu verteidigen, 
eine große Ungeschickliclikeit, indem er sich. er. der Ver- 
fasser „der Blumen des BÜeen". für den Fauteuil Lacor- 
daires bewarb! Man mußte es bei diesem Phantasten durch- 
setzen, daß er sofort dorn ständigen Sekretär der Akademie 
seine Verzichtleistung anmeldete. Am 9. Februar schrieb 
Sainte-Beuvo an Baudelaire: ..Lassen Sie die Akademie 
eo, wie sie ist, viel mehr erstaunt als chockiert. und ver- 
letzen Sie sie nicht, indem Sie Ihren Versuch anläßlich 
eines Toten wie Lacordaire erneuern." Dieser Ton seitens 
dos weibischen Sainte-Beuve war der einer Drohung. Der 
Dichter täuschte sich nicht darüber. Ohne weiter darauf zu 
beharren, sog er sich vom Kampfplatze zurück. 

Einer ersten Regung folgend, die ihm eigentümlich ist. 
und um sicli zu rächen, beabsichtigte er dann, über den 
Geist und den Stil des Herrn Villemain, „diese seelenlose 
Mandragora" einen Artikel zu schreiben, von dem man 
nach seinem Tode einen Entwurf in seinen Papieren ge- 
funden hat. Dieser Plan eines Artikels ist sogar so weit 
ausgeführt, daß man sich fragte, was Baudelaire zurück- 
halten konnte, ihn zur Veröffentlichung zu vollenden. In 
einer Stunde wäre die Sache erledigt gewesen. Wollte er 
sich nachdem er sich die Sache überlegt hatte, doch die 
Zukunft offenhalten? 

Aber der unheilbarste Schaden im bittern Schicksal 
Baudelaires bestand darin, daß selbst sein Denken, 
der schöpferische Geist, auf den er so stolz war und 
der ihn unsterblich machen sollte, gezüchtigt worden 
war. Sein Gehirn war der Gehirnsyphilis verfallen, 
der klaffenden Wunde einer physischen und seeli- 
schen Kastration. Aber schon vor diesem letzten 
Untergang war sein Denken gezeichnet. Wir haben 
uns bereits weiter oben über die Hemmung Baude- 
laires geäußert, wir haben aber dabei nicht Zeit ge- 

8 AliDftnach 1934 ll3 




fiindoii, auf oino anderft RolbBlbostrafunp. auf ein Ver- 
8agen oinzugehon, die sein Geistpslobon troffoii: auf 
die T^Üge im lieben Baudolairos.') 

Wir können bef^roifen, von welch absoluter Leiden- 
schaft, einer Leidenflchaft, die zur Qual werden 
konnte, und die selbst vor (Wv Soll)staMf Opferung 
nicht zurückBcbrockte, seine Walirboilwliebo beseelt 
war. Er hat bewiesen, welch heroischer Selbstver- 
leugnung er fähig gewesen, wenn es galt, für das, 
was ihm wahr und recht erschien, einzustehen. Und 
trotzdem wird er nie dazu koinnien, diese Wahrheit 
— die auch ein Ideal, auch eine M n t te r ist — je zn 
erfassen. Er muß lügen, ob er will oder nicht, aber 
diesiM- Drang zur Küpe, der ihn soj^ar dazu treibt, 
gegen sich selbst unwahr zu sein, zeigt sich nach 
dem vorher Gesagten in einem völlig undrren laichte. 
Die Wahrheit Hiionfnn und direkt zu äußern wird für 
dieses subtile uml geijuälte Gewissen zum Äquivalent 
einer TnzosterfüUung, und gerade da. wo er es mit 
seinem ,Mn sens*" hätte tun können. Ich glaube auch 
nicht, daß man in dieser Beziehung zufällig von „hon 
aens" spricht. In den Fällen, in denen die normale 
Sexualität verdrängt wird, ist der „gesunde Men- 
schenverstand" dazu verurteilt, sein Ziel mehr oder 
weniger sichtbar zu verfehlen, und zwar je nachdem 
es dem Individuum gelingt, diese schreckliche Min- 
derwertigkeit zu maskieren. Das Denken drückt sich 
nur in gewundener Form aus und darf sein wahres 
Gesicht nur durch oine mehr oder minder poetische 
tSymbolik hindurch zeigen. Dio wahre, wirkliche Ge- 
dankenwelt, gleichsam eine im Fouerkreiso gefan- 

') Siehe K. Laforgue: „Uhnaginalion et ses troubles;' in 
„Le Tempß" v. 27. XL 1930 und E. Dupr6: „Pathologia de 
rimaginaHon ei de V^motivitr, PariH. Payot, 1925. 

114 




gene AValküre, offenbart sich nur, wenn man durch 
dieses Produkt der Zensur hindurch zu lesen ver- 
steht. . . ■ 

Meistens tritt die Lüge bei dieser Art von Kranken 
offen zutage. Sie zeichnen sich durch eine Ausdrucks- 
Aveise aus. welche um der von ihr ausgehenden star- 
ken Jmagiriation willen wirkt, durch eine Sprache, 
die aber in bezug auf die Tatsachen an den Proble- 
men vorbeigeht. Der Autor verbietet es sich selbst, 
das Problem zu lösen und bemüht sich vergebens, 
zum wirklichen Verständnis der Dinge vorzuschrei- 
ten. Der ganze Wirbelwind von Ideen läuft auf ein 
unfnichtbaros Sichqiiälen hinaus, es irrlichtert in der 
i'hantasie eines Mythomanen. Wir berühren hier eine 
besonders tragische Seite gewisser Existenzen, deren 
Penken nicht über den „Saum" der Erkenntnis hin- 
auskommt, obwohl es .«tändig um die ihm unzugäng- 
liche Wahrheit kreist. In diesem Zusammenhange 
muß daran erinnert werden, daß die „Fleitrs du Mal" 
zuerst „Les Limhes"' (der Saum) heißen sollten. 

Es ist bekannt, daß Baudelaire oft bei offener 
Lüge ertappt wurde, daß er sich häufig in offen- 
sichtliche Widersprüche verstrickte. 

Um aber zu verstehen, welcher Grad des Ver- 
falles durch diese Bestrafung des „bon sens" erreicht 
■werden kann, muß man sich das Verhalten der Schi- 
zophrenen in Erinnerung rufen. Man findet unter 
ihnen Kranke, die jede Möglichkeit verloren haben, 
sich in einer normalen Sprache auszudrücken. Die 
Inkohärenz ihrer Pede, das Gansersche Symptom, ge- 
winnt nun von unserem Gesichtswinkel aus gesehen 
eine ganz besondere Bedeutung; das gleiche gilt auch 
von dem Faktum, daß sie unmöglich aus eigenen Kräf- 
ten dem Abgrund, von dem ihr Denken verschlungen 

8* 115 



wird, entrinnen können. Es lioßt aber nicht in un- 
Berer Absicht, hier auf (his ]*robIern der Beziehungen 
zwischen Genie und Irrsinn niiher einzugehen, wir 
kehren zu den Symptomen Baudelaires zurück. 



116 



Dichtung als archaisches Erbe 

Von Walter M\isAg 

Aus „IinagOj Zeitschrift fiir psycho- 
analytische Psychologie^ ihre Grenz- 
gebiete und Anwendungen*^^ herausge- 
geben von Sigm. Freud, Jahrgang 

Ein Kind wächst auf in dieser Welt, den Eltern 
vertrauend, Nahrung und Spiele genießend, der Men- 
schen und des Lichtes froh. Eines Tages zum ersten- 
mal, dann immer öfter und unzweifelhafter wird es 
die schwankende Fragwürdigkeit des Menschendaseins 
schmecken: die Nähe von Schmerz und Tod, die hlutig 
brutalen Zwecke hinter dem freundlichen Anschein 
der Welt. Es stehen seit alters die Tore offen, in die 
der zur Reife erwachende Mensch sich vor dem 
Orauen der Erkenntnis retten kann. Das offenste und 
einladendste von allen ist in Europa seit dem Zerfall 
der Kirche die Kunst. 

Ein Mensch hat sich, dieser breiten Straße folgend, 
dem liebhaberischen Genuß, der wissenschaftlichen 
Erforschung der Literatur, vielleicht sogar der 
Schriftstellerei ergeben (von den Schöpfern im 
strengsten Sinn ist hier nicht die Rede). Was wird 
er darin suchen und willkommen heißen? Eben die 
keusche Reinheit und Gefahrlosigkeit des Lebens- 
aspekts, deren Fehlen in der Realität ihn so tief zu- 
rückschreckte und in das Reich der Phantasie hinein- 
trieb. Kunst und Dichtung, so verstanden, sind herr- 
liche Zufluchtsorte vor der grausam handelnden 
Welt, die schönste Entschädigung für das verlorene 
Paradies. Kein Wunder, daß sie so fanatisch als das 
Reich des Schönen, des Maßes, der sichtbaren Har- 
monie gepriesen werden; immer wieder haben ganze 

117 



Epochen in dieöem unschuldigen Glanz dae einzige 
Recht der Dichtung gesehen. Aber er ist nur das Idol 
einer neuen Unwissenheit, die Kulisse einer höheren 
Unreife. Auch hier wird einnuil das Erwachen unab- 
wendbar seiu. Nur y\xx^ sic\v tWeser Bruch soMen im 
Kahmen des Einzellobens, — luan denke an Tolstoi, 
meist im größeren Zusainuienlmug der allgemeinen 
Entwicklung vollzieht, als Kevolution eines Zeitetils, 
die, wenn sie tief greift, aus einer solchen Umdeu- 
tung der Kunst selber liervorgeht. Dann bricht die 
tröstliche bessere Welt, das Elysium der blut- und 
schreckenlosen Beseligungon, das eine ganze Epoche 
in der Dichtung besaß, als eine bloiie Wunschgewiß- 
heit unvoraeheus so gänzlich znHanimen, daß die 
Neuerer gar nicht begreifen, was nül ihr verloren 
gehen soll, während die Alten den Sinn ihres ganzen 
Daseins angegriffen sehen und den Künstlern wie 
politischen Rebellen, mit GewehrJäufen drohen. So 
stehen heute die Dinge — teilweise schon im Bewußt- 
sein des Publikums, dem die sichere Freude an Thea- 
tern. Konzertsälen, Galerien vergällt ist. und aus- |H 
nahmslos im Geist jo^er wenigen, auf denen das H 
Schicksal der Kunst zu jeder Zeit geruht hat Die ^^ 
meisten von ihnen haben schon bezeugt, daß sie den 
Glauben an jene unverbindliche Idealität der Kunst 
nicht teilen, daß ihn nach ihrer Meinung stets nur die 
abgeleiteten Talente vertreten haben. Es ist der 
Standpunkt, von dem wir hoffen, daß ihm die Zu- 
kunft gehöre. 

Blickt man unvoreingenommen, nicht durch die 
Brille des naohklassisch-bürgerlichen Ilislorikors auf 
die Geschichte der Literatur zurück, dann befällt 
einen zunächst ein Staunen über die VorHchieden- 
artigkeit der Phänomene, die in den kursierenden 



118 



Handbüchern unter dem gleichen Titel verarbeitet 
werden. Es ist da ein biederes Neben- und Nachein- 
ander von Lebensläufen und Leistungen, eine ßilder- 
bnchlandschaft für erwachsene Leute, die wahrhaftig 
verdient, eine Welt für sich zu heißen. Das Lebens- 
geräusch dringt nicht in den abgesclilosseneu Raum 
dieses Pantheons, dieser stil- oder geistesgeschicht- 
lichen Wandelgänge, in denen ein kultivierter Mann 
nach getanem Lebenswerk, eine geistvolle Dauie der 
Gesellschaft sich heimisch fühlen können wie nir- 
gends sonst. Jmu wirkliclier Dichter, die Geburt eines 
echten Kunstwerkes sehen freilicli so völlig anders 
aus, daß die Verfasser dieser Lehrbücher und ihre 
Leser ahnungslos an ihnen vorübergehen, sofern sie 
ilmen je begegnen. Zieht man einen Faden aus dem 
malerisch komponierten Teppich der geschriebenen 
Historie, gehl man einem iiirer Fakten, dann einem 
zweiten, dann vielen in die realen Voraussetzungen 
nach, so verändert sich das Bild unabsehbar. Ks wird 
ZW einem Konglomerat von ungelösten, weil unlös- 
baren Problemen, ja von finster erregenden Kata- 
strophen, denen mir die geschichtliche Einreihung 
das Entsetzliche, Aufwühlende, Moral und Gesell- 
schaft Aufhebende nelunen kann. Wo liängt in der 
Wirklichkeit dei' furchtbare Kriminalfall von Kleists 
Selbstmord am Wannsee mit Hebbels Untreue an 
Elise Lensing, mit der Pathologie von Flauberts Ein- 
samkeit oder Dostojewskis Martergram zusammen? 
Nocli rätselhafter ist, welche wechsehiden Funktionen 
die Dichtung in der Geschichte erfüllt hat: Dionysos- 
feier und Ahnenkult der attischen Tragödie , — WÖV 

wagt zu sagen, daß er dies versteht, — VagauteU- 
gesang der mittelallerlichen Volksepik, proven^a- 

Hsche Minnelyrik, die luxuriösen Spiele in Rokoko- 



119 



'r: 



i! l 



- *'\ 




^chlosHorn: wie läßl nich dies ailes in einem Atem 
nennen? Inf der Name Dichtnng Band genug dnfür? 
Muß er nicht reißen, wenn man ihn über solche Berge 
und Abgründe der Kremdartigiteit spannt? Am merk- 
würdigsten aber kontrastiert der GehaU. die Substanz 
der Dichlnng mit der geltenden Meinung von ihr. Es 
wäre niciil möglicli. daß ,lie Extravaganz jeder neu 
auftretenden Dichtergeneration als abscheuliche 
Jempelveruni-einigung ahgolohn( würde, wenn nicht 
ein so einseitiges Vorurteil über die Dichtung in 
Ivraft stünde. leb meine, jeder vollsinnige Mensch, 
den man mit den großen Werken der Weltliteratur 
ohne viele Phrasen bekannt mach!;, müßte umgekehrt 
^ke und Aberwillen vor so viel Bhit, Verbrechen, 
Wollust und Perversität empfinden. Vergewaltigung. 
Blutschande, Flucht vor dem Doppelgänger, Aufiuhr 
gegen Gesetz und Sitte, ein grelles Überschreiten 
aller Grenzen, dessen geringste Anzeichen in der 
Kealitat mit allen Machtmitteln der Justiz, des Staa- 
tes, der sittlichen und geistigen Autorität unterdrückt 
werden, sind das (ägiicho Brot und Handwerkszeug 
der Dichtung. Wer diese nächtige Seife an ihr einmal 
gewahrt bat. fragt sich im Ernst, wie es möglich ist, 
daß ehrliche Männer seit langem mit Vorliebe solchen 
Greuel und Wahnsinn registrieren, ohne ihn gan=5 
abnorm zu finden. M^er näher zusieht, bemerkt aller- 
dings rasch, daß dieses Dunkel von der Geschichts- 
schreibung mit absichtlicher oder unbewußter Kon- 
sequenz an die Peripherie geräumt, in ästliotischen 
oder mornlischen Rann getan oder verschwiegen 
wird. Der Psychologe erkennt überdies, daß sich in 
der beliebten Herabsetzung des einen Dichters gegen 
den andern — etwa Kleists gegen Goetlie, Goethes 
gegen vSchiller — viel unbewußter Haß gegen den 

120 



J 



Oiohter schlechthin verrät. Es gibt kaum einen 
großen Scliöpfer, der in der Literaturgeschichte nicht 
schon geschmäht oder von einem andern Stilideal her 
verkleinert worden wäre. In der ganzen Kleist-Lite- 
ratur spielt Goethe die Rolle des verständnislosen 
olympischen Bonzen, den Aposteln Weimars sind die 
Romantiker ein Literatengelichter geblieben, für die 
Hölderlin-Forschung ist Schiller der Widersacher des 
lyrischen Genies. Wir verstehen nur schwer, welche 
glückliche Norm öffentlicher Übereinkunft die Histo- 
riker gehindert hat, eine so unsaubere Materie fahren 
zu lassen, ja sie vielmehr in Stand setzt, sie volks- 
bildend und erhebend zu finden. Wir verstehen es des- 
halb nicht, weil wir in diesen Hintergründen nicht 
mehr bloß peinliche Begleitumstände, sondern das 
Wesen der Sache sehen. 

Ein großes Beispiel für die befremdliche Natur 
des Dichters ist Österreichs Klassiker: Franz Grill- 
parzer Wenige haben sie so sorgfältig und erfolg- 
reich verhüllt wie er, bei wenigen widerspricht die 
fvfpre Erkenntnis ihrer Gestalt so deutlich der Le- 
lo rlie von ihnen umgeht. Das biographische Mär- 
gonae, ui ^^^ ^^^ ängstlichen Untertan Metter- 

T dlm verbitterten Archivdirektor zu erzählen, 
^ 7 ..„u Zeit der unerträglichen inneren Span- 

ier von /^^ . äßigkeiten gegen Vorgesetzte und 
nitng in »^^ i^^fft: wer schloße jedoch daraus 

Obrigkeit LuttJ ^^^^^^^^ Riesenträume", die in 

auf der "I'^^''*^^ , ,... sind? Dies Werk selbst zer- 
seinem Werk ^^^^''I^^hären die den Zwiespalt des 
fällt wieder in zwei op ' ^ymderlioleii-. in 

Lebens in der dichterischen ™^\' '^^^^ , . _^,. 

einen Tra.im von unendlicher Schönheit ^^^^^^ Schuiev^ 

Vorklärung, - „Sappho", „Des Meeres und der L.ebe 
Wellen", - der Grillparzer berühmt gemacht hat. 

m 



uikI eine Vieiou öinmiiubendün GraueuB uiul lähmen- 
der Gftfahr, — „Ahnftau", „Das goldene VlieJi", „Ein 
treuer J)iener rioiiies Ilorrn**, — vor der man erst be- 
greifen lernt, aus welchen Quollen jene kristallische 
Flut von Wohllaut und Sci»onheit entsprang. Es ist 
kein Zufall, daß Grillparzerfi größtes, mythisches 
Werk, „Das goldono Vließ", in der öffentliclien Schät- 
zung so weit hinter seinen lichteren Traumen zurück- 
steht. 8eine Modea läßt sieh als erotische Wunsch- 
und Schreckgestalt mir mit Kleists Konzeptionen ver- 
gleichen, der Name l.iebe reicht nicht zu für die Ge- 
fälle, die um sie (uitfesselt nind. Ihre llciaiat Kolchis: 
ein Kirtigor /^anherhoden, ein Acheron, wo unter 
einer Falllur in der Krdo duH von der Schlange be- 
waclite Vließ mit Verdorben drt>lit. Dieses Vließ* bei 
allein Glanz eine ganz irreale Scheußlichkeit, Hände 
verbrennend, mit Blut besudelnd. Medea zeigt dem 
Geliebten den Weg zu ihm. 

iMedea (wii.i liidifiul). 
bebst ilu? Scliauert dir iIüb Cobein? 
Hast*8 ja gewollt, warum gehet du nicht? 
Stnrkor, Kühner, Gcnvalti^or! 
Nur gegen midi hast tju Mut? 
Bcltst vor der Scldaii^cV Sclilaiige! 
Die Jiiioh umwunden, djo mich iimstrlokt 
Die mich verderbt, die niioii getötet' 
Bhck hin, hlick'8 an, das Scheusal 
Und geh und stirb! 

■Jason. 

Haltet aus. meine Sinne, haltet .'lusl 

Was beböt du, llerzV Was ist's mehr, als sterben? 

M e il ea. 
Sterben? Sterben! Ks ^mU den Tod! 
(!eh hin. mein Büilor Bräutigam, 
Wie zUngelt deine Hraut! 

Kein Göttorau{<e eeh es 
Dunkel hülle die Nacht 
Uneer Tun und uns! 

122 




Jason erholt sich nicht von dieser Tat, das Erbeben 
darüber bleibt in ihm, ohne daß er Worte dafür 
fände; er beschwört nur die Zauberin, von den wil- 
den Bräuchen ihrer Heimat abzulassen, und zieht sie 
mit sich in sein helles Griechenland. Sie folgt ihm 
widerstrebend, sie gräbt bei der Ankunft ihr „Blut- 
gerät", die Requisiten ihrer Macht in die Erde — 
dorthin, wo auch das Vließ hätte bleiben sollen, da 
es offenbar mit scliwarzem Stab und rotem Schleier 
eines Sinnes ist: ein Attribut des Weibes als Dämon. 
Dennoch ist das Unheil unvermeidlich. Die zaubernde 
Geliebte, die in ihrer Heimat dem Käuber als ein 
Lichtstrahl im Finstern erschien, steht in der helle- 
nischen Tageshelle ganz dunkel da. Sie ist in Nacht 
und Graus gewonnen, die Menschen Korinths begeg- 
nen ihr mit Abscheu — aber nur ihr; den Jason 
nähmen alle auf, wenn er sie von sich täte. Und die- 
f^QY sucht sie loszuwerden, verleugnet sich iu ihr, 
aqy Geschwächten, Betrogenen — welcher Alptraum 
on Schuld, welche Mystik der Liebe. Der Mann ein 
Opfer der Verführung: dies ist Grillparzers beson- 
j e Wendung des Mythus. Sein Jason wendet sich 
von Medea, die nicht die Leier spielen, mir jagen, 
S ieße werfen und Tränke mischen kann, der Jugend- 
'eeliebten Kreusa zu: der Unberührten, Nie Befleck- 
ten Reinen ... Ist nicht dies alles erregender, viel- 
sagender als Medeas rächender Kindermord? Wie 
wird diese Sphinx über die Grenze zwischen Nacht- 
und Tagwelt hin- und hergezogen, wie schon unü 
furchtbar zugleich verkörpert sie die Unterwelt, mit 
der man nicht in Frieden leben kann. Der Wuvm ITI 
der Höhe blinkt Jason aus ihrem Auge entgegen. 
„Und nur mit Schaudern nenn ich sie mein Weib." 
Wer sieht nicht die Ähnliclikeit dieses drachenhafteu 



123 



Urweibes mit Brüiihilde vor und nach dei Bändi- 
gung? Wer nicht den Zusammenhang solchor Bilder 
mit den Entscheidungen, die Grillparzerfi Leben be- 
stimmten: dem Gram über den Selbstmord dor Mutter. 
mit der er zusamnienwohnte, dem unorhörlen Ver- 
zicht auf die schöne Kathi Fröhlich, die er als seine 
ewige Braut neben sich vorMoIkon ließ? 
. Die Wahrheit ist: fast niemand sieht diese, nie- 
mand will es sehen oder mag es gelten lassen. Die 
unheimlichen Mysterien des Argonauten-Zyklus — 
um nur von ihm zu reden — sind ans dem Antlitz 
Grillparzers, das der Gebildete kennt, wie fortge- 
wischt. Sie haben keinen wesentlichen Anteil an sei- 
nem Buhm und seiner Gestalt. Dies rührt von jener 
tTbereinknnfl her, auf Grund deren die Knnst in der 
Zivilisation als ein Hort der Beruhigung, des Schön- 
heitsgenussea gilt. Sie ist der zauberhafte Ersatz für 
die amorphe, bedrückend mit Häßlichkeit vermischte 
Heahtat. Was heißt das aber anders, als daß die Kate- 
gorien einer als unerträglich empfundenen Wirklich- 
keit, wenn auch gegensätzlich, auf sie übertragen 
werden? Ihr ganzes Anderssein soll in der Abwesen- 
heit jener Kategorion bestehen. vSie wird also in- 
direkt, unbewußt durch die Bewertung der außer 
künstlerischen Wirklichkeit bestimmt. Sie wird nicht 
dem Namen nach, aber faktisch an dem Realitäts- 
begriff gemessen, den man in ihr außer Kraft sehen 
will. Das ist eine rein negative, unschöpferische Be- 
stimmung der Kunst. Man darf sie nicht einfach ver- 
logen nennen, da ihr die Tragödie einer Epoche zu- 
grunde liegt. Sie hat aber, wegen ihrer Unreife und 
Blindheit, zur Folge, daß auf den Bahnen der Ver- 
drängung jener selbe Realitätsbegriff gleichwohl alle 
Urteile über die Dichtung trägt. Sie ist mit ihrer 

124 



I . 



Leere auch schuld daran, daß die lebendige Bezie- 
hung zwischen Kunst und Gesellschaft seit langem 
so heillos zerfällt Denn dieser Begriff von Wirk- 
lichkeit ist seinerseits falsch. Es ist der platt ratio- 
nale, utilitarische Naturalismus, der die moderne 
Welt verseucht und ihr zum vornherein den Zutritt 
in die Sphäre der großen Dichtung verwehrt. Nur 
die konventionelle Schätzung der Kunst, die wieder 
ihre besondere Geschichte hat, verhindert die Wahr- 
nehmung dieser Tatsache und versucht statt dessen, 
an den künstlerischen Leistungen für sieh zu retten» 
was zu retten ist. Was die Größe von Kunst und 
Dichtung ausmacht, läßt sich vom Standpunkt des 
neuzeitlichen Naturalismus nicht erkennen, ge- 
schweige denn rechtfertigen. Ihm muß, was den 
Dichter am tiefsten bewegt, absurd oder monströs er- 
scheinen. Die Aufnahme fast aller ursprünglichen 
Gestaltungen durch das Publikum und seine Kritiker, 
Jas äußere Los der Dichter zeigt es kraß genug. Eine 
Zeit des triumphierenden Materialismus, der morali- 
schen Sekurität sichtet den Dichter notwendig aus 
^•ner falschen, feindlichen Perspektive. Sie schätzt 
deinen Wert am Maßstab des Intellekts, der politi- 
^ hen Vernunft und Humanität, der bestenfalls sei- 
Wirkungen angemessen ist. Goethes Bild hat 
darunter bis zur grotesken Verzerrung gelitten. 

Dichtung bat mit dem modernen Begriff von Rea- 
lität nichts zu schaffen. Ihr Gehalt ist in einer ganz 
andern Weise konkret, als der Mensch von heute und 
gestern glaubt. Der Vernunftmensch nimmt die Hand- 
lung eines klassischen Dramas für ein zwar eriabel- 
tes oder phantasievoll verfärbtes, im Gtuivd aber In 
seinem Sinn reales Geschehen. Die preußischen Offi- 
ziere der Louisen-Zeit sabotieren die Aufführung 



125 



dos „Prinzen von Hoiiihiiiv?". woil in dem SUlck ihre 
Standesohn» diircJi die Todesun^'sl des Helden ange- 
tastet Hoi; die Scliwpizer boReistern sich an „Wilhelm 
'\\^\V\ deesen Sentenzen Bio für die Wnlilpiopuganda 
bcnützon; dor ÖHtorroichiHciie Kaiser voihiioIiI (iriil- 
parxer den „Treuen Diener Keines Herrn" abzn- 
kanfen und aJH Mannskript ans dor Well /,ii schaffen, 
weil er das Werk als poIitiHch gefährlich taxiert. 
Dies alle« sind KpisiKlni ans der Wirkung von Kunst- 
werken auf die Anli<Miwelt: sie beriiliren sich nir- 
gends mit dem Wesentlichsten der Werke, mit den» 
Geheimnis ihrer Kntfilehting. (Tnd doch zeigt sclion 
der forninlo Anblick etwa oines klnnsi-sciim J^iamas 
die Irrealität seines Gehalts. Seine Jamben, seine 
Monologe, seiu Beiseitosprochou. die rorsonen, die 
nicht sehen und Iiören, wie zwei Schritte abeeits'ilire 
Ermordung ausgoinncht wird: dies nJies ist nicht real, 
.sondern Spiel, es ist einer .Mozartsolien Spioloper ver-' 
■wan<l(er als unserer Wirklichkeit. Dennocli benimmt 
sich im gegeboncn Augenblick der Tlieaterbesucher 
oder Ästhetikei- ganz so, wie wenn hier Ixealitäten zu 
würdigen wären, weil ihm jedes ITntoiscbeidnngs- 
vermögen in dieser Kiehlung verloren gegangen ist. 
Kr weiß nicht mein- mit dem Blut, was das lieißt: 
Verwandlung, Spiel, und trägt einen trostlos ver- 
kehrten Ernst in das Ereignis hinein, der teils zu 
schwer, teile noch viel zu sorglos ist. Selbst wenn die 
Aufführung von Grillparzors Bancban-Tragödie einen 
österreichisch-nngaiischen Krieg veranlaßt hätte, 
wäre dadurch nicht das Geringste über die Eni- 
stehungsmöglichkeit des Stückes ausgesagt gewesen. 
Der Krieg wäre irrelevant gewesen im Vergleich zu 
der verborgenen Talsache, daß Grillparzer in der 
Bancban-IIandlnng ein weiteres ungeheuerliches 

126 



Gleichnis seiner eigenen Existenz geschaffen hat. 
Auch sie ist einer der verworrnen Riesenträume, in 
denen er Schuld und Sühne seiner Seele in geister- 
hafter Vergrößerung durchlebte. Die ganze Reihe 
seiner geschichtlichen Tragödien, zum Stolz und 
Rückhalt eines staatlichen Systems geworden, steht, 
wie das Werk jedes anerkannten Dichters, in diesem 
Doppellicht: sie ist die welthistorische Projektion 
von Konflikten in des Schöpfers Brust. Wer dieses 
gewaltige Schauspiel wahrhaft verstehen will, wird 
seine öffentliche Seite den klatschenden oder pfeifen- 
den Theaterbesuchern überlassen. Er wird die uner- 
meßlich ragenden Strahlenbündel der Dichterphan- 
tasie an ihren Brennpunkt zurückverfolgen und ihr 
geheimes Urbild in der Seelenkammer des Schöpfers 
euchen. Was dort draußen Wirkung war, ist hier 
Ursache, was dort Stoff, hier Erregung, was dort der 
Soziologie, der Weltgeschichte angehört, fordert hier, 
im Innern, Psychologie. 

Die herrschende Meinung wehrt sich aufs äußerste 
gegen eine solche Urakehrung der Dinge, die den 
schöpferischen Menschen und sein Tun als das Erst- 

gebene nimmt. Tatsächlich muß sie die populäre 
Auffassung über den Dichter zerstören. Denn sein 
Wee durch die Geschichte, die Summe seiner sitt- 
lichen Wirkungen auf den Einzelnen und auf die 
Nation, also eben jene Brauchbarkeit, die man ihm 
zuschreibt stellt sich, soweit sie nicht rückstrahlend 

Bein Schaffen beeinflußt hat, als eine Erscheinung 

zweiten Ranges dar. Es entspricht dieser Überzeu- 
gung, daß sich in der Betrachtung der Kunst heute 
ein soziologischer Gesichtspunkt von einem psycho- 
logischen abspaltet — die Sauberkeit der Forschung 
kann von dieser Trennnnc nur gewinnen und setzt 

127 








kill 



] 



daa primäre IMuiiionien für den Öehenden iMio k n 
ins I.irht. Diese primäre ErscheinunK üegt m .^ 
iJervorbringun^ de« Werks durch den Dichter: ^^ 
einem Geschehen, oinom nie finm zn durchschaue»^ 
den iVozeß. während für den, der nur die Wirkmige^ 
betrachtet, das Vorliandonsein des WorkH die sel»^^ 
verständlich*» VoraiissotznnR ist. Tatsächlich f?tj'"" 
also aiicli (hT I^oKriff dos Werkes für uns in ^v""^®^' 
bare liewoßiiny;. Nicht das Werk allein oder der P'*;*' 
ter allein, sondern das ZnsannnenboHtehen beider » 
das Urphänornon: die Bewe^nin« dos Dichters selber. 
Das Schöpferiscln', nicht (li<> öffentliche Mei»'»"^ 
über Heine NOrzii^'e und Srlnvüclien steht uBö l" 
Frage. Ks gihi kein wichtiKeres ^^eiKtises Trohlem ft^^ 
dieses, aber aiicIi kein gefährlicheres. Zu vieh* Int^'"' 
eösen, die mit dem T 'ipluinomen Dichtung nichts z" , 
schaffen haben, aber sich auf seine Wirkun^'cn be- 
ziehen, worden durch die Unterscheidung beiroffefl 
— man denke allein an die Schule, die Staatsraition- 
Ob die neue Auffassung sich durchzusetzen vermag, 
ob dieses oder das kommende Jahrhundert ihre Vor- 
stellung von der I^roblenmlik des Dichter« bis K" 
jener Ursprünglichkeit revidieren werden, die wir in 
frülieren Zeiten ganz offensichtlich und erscliiitternd 
in Kraft sehen, ist nicht vorauszusagen. Die konven- 
tionelle Übereinkunft über das Wesen der Kunst 
wurzelt so tief, die tTberzeugung von der vernün^' 
ligen Grundlage des Daseins und also auch deJ* 
künstlerischen Gestaltung gibt sich so unantastbar, 
daß wir alle — die Gegenwart beweist es — weit eher 
in Klagen über die unaufhaltsame Nationalisierung 
und Entzauberung der Erde ausbrechen, als daß ^»^ 
uns zur Erkenntnis vom Vorhandensein des Wunder- 
baren bekehren ließen. Jeder schärft seinen Bl"^*^ 



128 




Pr. riiiiipP ^avasn\ 



s 



I 



4 



i 



1 



bereitwilliger für das rettungslose Verschwinden 
alles altertümlichen Menschheitserbes als für die Un- 
begreiflichkeit der Dichtung, obschon, wenn die 
Technik wirklich den Sieg erringt, den alle fürchtend 
oder hoffend kommen sehen, die Zukunft mit dem- 
selben Kopfschütleln die Existenz von Dichtern im 
zwanzigsten Jahrhundert feststellen wird, mit dem 
wir heute von Menschen lesen, die Götterbesuch emp- 
fingen oder vor Sauriern fliehen mußten. Niemand 
M'undert sich darüber, daß es heute noch Dichter gibt, 
keiner weiß, was das in Wahrheil bedeulet. 

Die Kunst steht in einer uralten Tradition. Nichts, 
was wir in der Buntheit der "Welt erblicken können, 
ist mit einem Maler oder Bildhauer so verwandt wie 
ein afrikanisclier Wilder, der ein Bild von seinem 
Vorfahren oder seinem Jagdtier verfertigt, um seiner 
Herr zu werden. Was immer für Strecken der Ent- 
wicklung dazwischen liegen mögen: diese Ahnen- 
schaft des Künstlers ist die offenkundigste, und sie 
ist unmittelbar gegeben, da in der Kindheit des ein- 
zelnen Menschen jene frühe Stufe noch immer wirk- 
sam ist. Auch der Dichter macht sich ein Bild von der 
■^^elt — diese Übereinstimmung überschattet alle 
Unterschiede im Gebrauch der Mittel. Nur unter die- 
sem Vorzeichen ist heute noch eine Grundlegung der 
Kunst- und Literaturwissenschaft möglich. Die Hin- 
gabe des Schöpfers an sein Werk, seine Art des Um- 
gangs mit der Welt und ihrer Verwendung für seine 
Absichten sind zu lächerlich oder unheimlich von den 
Gebräuchen des fiufgeklärten Bürgers verschieden, 
hängen zu durchsichtig mit jener Vergangenheit zu- 
sammen, als daß dieser Satz sich widerlegen ließe. 
Wir wissen durch Freud, wo die wichtigste Brücke 
liegt, die uns mit der archaischen Welt verbindet: im 

9 Alinanacb 19Si ' 129 



Traum. Freud hat auch die Fingerzeige für den 
'IVanrncharnklor der Dic^htung goKrhon. Tcli Iialto des- 
halb seine „TraumdoutunK", über alles Speziolle ihrer 
Molhoilo hinniirt, für die vornolimste tJrkiiiulo einer 
neuen Botrnclitung der Literalur. Am Traum ist mehr 
über (las Woson der Dicbiung, über das Verfahren 
der (iichlorisclKMi Intuition abzulesen als aus irgend- 
f^inor andern lOrnchoinung, die sich uns innorhalb der 
Kultur weit zeigl. Der J'rofoösoreuslreit über die 
KiinKt jils Nnrlialnnung der Natur, der noch heute in 
etwaR ?;eHclinieidigeron Begriffen geführt wird, er- 
ledigt sich im Hinblick auf die Gesetze der Traum- 
hindung, selbst wenn sie uns nur oh(M'flüchlirli zu- 
gänglich wären. Die Dichtung nis Urphänomen hat 
am ehesten die Koalität des Traums, sie ist durch und 
durch symbolisch wie er, naturnlistisch wie er, ge- 
ordnet und genau innorhalb riUsollrnffer Voraus- 
ßetzimgon \vw er. Ihre Vorliebe für geschichtliche 
und mythologische Käuine z. B. ist nicht würdiger zu 
erklären nls mit den Besonderheiten der Traum- 
szenerie, ihr GruiidgOHolz der Metamorphose nicht 
(iefer als mit den A^erwandlungon der l'raumgestal- 
ten, ihre Tiefe nicht schöner zu deuten als durch jene, 
die der Traum im schlafenden Menschen noch er- 
schließt. Es gibt keine große Dichtung ohne die über- 
wältigende Beziehung zum archaischen Grund, aus 
dem auch der Traum sich nährt. Dies ist das Furcht- 
bare und Berückende an ihr. dies die Unwirklichkeil, 
die man an ihren Gebilden wahrnimmt. Sie ist ein 
Bückfall in diesen Grund, ein Bolikt aus ihm. Des- 
halb paßt der Dichler nicht in seine Zeit, erweist er 
sich in seiner sozialen Verwendbarkeit, jedem Buch- 
halter unterlegen. Er ist minderwertig, M'eil er gänz- 
lich andersartig ist; er geht unter, weil er so un- 

130 



I 






sinnig ist, das Gebilde von seiner Hand vollkommen 
ernst zu nehmen, ernster als irgend etwas um ihn 
her. Er zieht aus dieser wahnsinnigen Anlage jede 
Konsequenz: er mißhandelt :Sfenschen, läßt sich selber 
mißhandeln, steigt auf Barrikaden, läuft wie ein 
Tropf herum, schlägt Vorteile aus, zieht sich in Wäl- 
der zurück, tötet andere oder sich selber. Seine Ver- 
wandtschaft mit dem Verbrecher, dem Geisteskranken 
ist unverkennbar, was ja nur seine archaische Rich- 
tung in anderer Weise bestätigt. Das Ziel, um dessen- 
willen er sich so verhält, — natürlich ist mit alldem 
nicht der Literatentyp, sondern der seltene schöpfe- 
rische Gestalter gemeint, — ist ein fast verschollenes 
Ziel. Dinge, die niemand mehr kennt und glaubt. 
stehen dahinter und sind seine ehrwürdigste Legiti- 
mation — man muß nur bereit sein, die Linien seines 
Tuns weit genug nach der Seite zu verlängern, nach 
der sie zeigen. Hinter jedem Theaterstück spukt vor- 
zeitliche Frühlingsfeier, Opferhandlung, perverser 
Maskentaumel alter Naturreligionen. Hinter einem 
Roman: der Gesang heidnischer fahrender Rhapsoden. 
Hinter einem Gedicht: der orgiastische Taumel exoti- 
scher Tänzer, die in tagelanger Orgie ihre Rhythmen 
schreien, bis sie sich schäumend am Boden wälzen. 
Nur wenige Dichter wissen um diese Vergangenheit 
und wecken sie in sich auf, aber diese wenigen sind 
die großen und ketten die gezähmten Kräfte wieder 
los. Ein Zacharias Werner ist nicht wegen seiner 
Hymnen auf Ausschweifung und Verwesung weniger 
mächtig als Kleist, — nur der Spießer glaubt dies, 
und selbst darin übertrifft die „Penthesilea" "Werners 
Dramen, — sondern weil er diese Gesichte aus gerin- 
gerer Tiefe heraufholt. Wer die erotische Zügellosig- 
keit Rabelais' oder der orientalischen Märchen, die 

«• 131 



Unflätigkeit spätmittelai teil icher Fabulierer ver- 
achtet, sagt sich von hreiten Epochen der Dichtung 
los. Dasselbe gilt von der zeitgenössiHcheii Kunst: 
nur wer Grillparzers Boliaiidliitig des StolTes blind 
gelesen hat, verwirft Haus Henny Jalinns atridenhafle 
„Medea" wegen ihrer steinernen Grouelhafügkeit. 
Kr mißt Dichtung au der kiiiiuiierlieli-'/Airiilligen 
i{ealität, in der er zu Hause ist, uiclit an ihrer eige- 
nen. Kr fürchtet sich vor einer Abgrüudigkeit, die 
vor ihm war, ohne die es kein fruciilbares Schaffen 
gibt, die das Sein (irhält. Da diese Furcht allmächtig 
ist, kann man verimiten, daß sie auch die offene An- 
erkennung der dichterisclien Dämonie verhindern 
wird. Ohne Zweifel liegt hier, jenseits der sachliclion 
Auseinandersetzung, der Widerstand, der die Auf- 
nahme der modernen Forsclumgspriu/.ipieu erschwort. 
Das Verständnis für die 'rit^feudimoiisiouen der 
[.obenevorgänge, das nicht aus reinem Registrieren 
oder bloß denkerisc^her Roschiifliguiig resultierl, ist 
die seltenste, im Grund eben diclitorische Begabung, 
weil sie selber Tiefe und Deidenschaft erfordert. Ein 
Mensch des ordnenden Intellekts wird immer nur kon- 
krete Tatsachen, niemals dämonische Bewegung kon- 
statieren. Man seile sich die Stoffhuberei der meisten 
Kunst- und Literaturgeschichten daraufhin an. Nicht 
nur die Darstellung der schöpferischen Persönlich- 
keit, auch die Erfassung der ästheiischen Teilpro- 
bleme verrät fast durchwegs die unbewußte Vernei- 
nung des Dichterischen. Ich greife irgendein Beispiel 
heraus — sei es die vieldiskutierte Frage der histo- 
rischen Treue in der Kunst. Es ist Tatsache, daß kein 
großer Dichter die e;efichichtliche Überlieferung, 
wenn er sie aufgreift, ohne willkürliche Veränderung 
behandelt. Man neniU dies seine poetische Freiheit 

132 



^ 



und streitet über ihre Berechtigung — schon aus 
(lern Namen spricht die bloß negative Wertung. Vom 
Standpunkt der geschichtlichen und politischen Ver- 
nunft ist sie auch das einzig Mögliche und Erlaubte, 
was daraus hervorgeht, dafs wir dem Dichter bei einer 
Gestalt der aktuellen Geschichte — nennen wir Hin- 
denburg oder Stalin — unter keinen Umständen die 
Souveränität zubilligen würden, mit der Goethe den 
Egmont, Kleist den Prinzen von Homburg, Schiller 
die Elisabeth umgebildet haben. Der Dichter selbst 
wird schaffend diese Unterscheidung nie anerkennen, 
da sie sein Hoheitsrecht beleidigt, das der wissen- 
schaftlich-rationalen Haltung unversönhlich entgegen- 
steht. Was uns an ihm als poetische Lizenz auffällt, 
ist nur ein aus dem Dunkel ins Tageslicht ragendes 
kleines Stück Kontur seiner wahren Geistigkeit. 
Wischen wir den Sand dav(m, so ahnen wir bald, wel- 
chem Ganzen es angehört: dem Mythus, der da ver- 
schüttet, riesengroß im Boden ruht. Dichterische Frei- 
heit gegenüber den Geschehnissen ist ein liest der 
mytliischen, geschichtslosen Geistesverfassung. Ge- 
schichtliche Dichtung kann in ihrer Gesamtheit nur 
als das Fortleben dieses offiziell geächteten Ver- 
gangenheitsbildes voll gewürdigt werden. Der spät- 
bürgerliche Novellist vom Schlag G. F. Meyers, der 
Archive durchsieht, sich aber trotzdem im Einzelnen 
kleine Abweichungen von den Quellen gestattet, steht 
in sehr lockerer Beziehung zn diesem vorwissenschaft- 
lichen Prinzip, aber in Kleists ,Penthesilea" oder in 
Gotthelfs „Schwarzer Spinne" triumphiert es noch 
ungebrochen und kann nicht mehr kritisch abgeurteilt 
werden, ohne daß die Werke selbst verworfen werden. 
Und was vom Verhalten des Dichters gegenüber der 
Geschichte gilt, haftet der dichterischen Welterfas- 



133 



8ung als solcher an. Sie httngt aufn eiigöte mit jenem 
zugleich Primitivsten und Größten zusammen, das 
wir kennen: der Mythenhildun^, deren GelialL eine 
visionäre Wahrheit, nicht rationale KiclUigkeil, deren 
Mittel das Symbol» niciil die logische Verbindung ist. 
Auch dafür gibt es keine in Form und Bedeutung 
reichere Parallele ala den Traum. 

Die Abwehr, die diese Behauptungen zu gewärti- 
gen haben, erklärt sich daraus, daÜ sie dem dichteri- 
schen Werk die Wirklichkeit, d. h. die bisher an ihm 
geschätzte und gepflegte Wirksamkeit rauben. Sie 
befreien es tatsächlich von jenem falschen Anspruch 
auf Realität, der ihm in unserer Zeit unterschoben 
wird. Die reine Iniagiuation, das spielende Strahlungs- 
wunder, als welches es nach Abzug der handgreif- 
lichen Konkrethoit übrig bleibt, ist keine Lebenslust 
für den heutigen JJurchschnitlsuionschen mehr. Nun, 
diesem revolticreuden Tjiobhaber wäre ein Trost ent- 
gegenzuhalten, der ihn rreilich kaum versöhnen wird: 
Die dichterischen I^hanlasien fallen allerdings mit 
einer Wirklichkeit zusammen, aber niclit mit der neu- 
zeitllclien, sondern mit einer archaischen. In sehr 
alter Zeit ist wahrscbeinlioh der Held einer Tragödie 
wirklich gemordet, ist jeder gesungene Exzeß wirk- 
lich begangen worden. Das sind die frühesten, ver- 
lorenen Ilintei'gründe jedes künstlerischen Spiels. 
Nur daß sie einst bestanden, kann die Dauer der 
Kunst erklären. Noch trifft man ja im Osten und 
Süden die kultischen Institutionen an, in denen sie 
weiterleben. I'is regt sich nichts auf Erden, was nicht 
einmal die Autorität des Realen besessen hätte. Kein 
Kinderspiel, das nicht einmal blutig ernst, kein Zeil- 
vertreib, der nicht einmal tödlich schwer gewesen 
wäre. Die Inspirationen der Dichter sind Erinnerun- 



134 



gen daran, je älter desto bezaubernder, je ernster 
desto größer. Ihre Werke haben seither diesen Cha- 
rakter preisgegeben. Aber die Dichter selber ver- 
fallen ihm zuweilen noch, — auf katastrophalen 
Höhepunkten der Literaturgeschichte, die diese nach 
Möglichkeit zu verwischen sucht, — indem sie jenen 
alten Weg in traumhaftem Zwang zu Ende gehen. 

Diese Einschränkung ist die einzige Erleichte- 
rung, die die große Dichtung in historischer Zeit 
durchgeführt hat. Die Katharsis, auf die sie abzielt, 
bedeutet noch immer die Bedrohung unseres gewohn- 
ten Lebensgefühls. Man sieht, diese These vom 
Wesen der Kunst führt nicht zu ihrer Verflüchtigung 
ins bloß Geträumte, sondern zu einer Steigerung 
ihres Charakters bis zur Furchtbarkeit. Das rfpiel, 
das sie treibt, ist noch immer gefährlicher als der 
meiste Ernst des Lebens, dem wir uns widmen. Seine 
Tragweite ist so ungeheuer, daß wir allen Wider- 
spruch und Spott, den es hervorruft, auf sich beruhen 
lassen können: den Widerspruch jener, die es nie 
fassen werden, daß in der Dichtung die Tiefe des 
Seins selber widerhallt, und das Lachen jener, die 
zwar Hölderlin in den Literaturgeschichten einen 
großen Dichter nennen, aber in der Wirklichkeit die 
Partei des Bankiers Gontard ergreifen, der den Sän- 
ger Diotinias aus seinem Hause wies. Es handelt sieh 
darum, ob man die Dichtung ernst nimmt und bis 
wohin man ihr im Ernst zu folgen vermag. Sie ist 
entweder ein Organon des Lebens oder ein Ärgernis 
und eine Torheit. 

Der archaische Charakter der Dichtung ist ihre 
höchste Würde und die wahre, echte Magie, die ihr 
innewohnt. Sie entschleiert das Alter der Welt, die 
meerhafte Tiefe, die das Heute trügt und die Zukunft 



verbürgt. Vorlogen wir don Sinn ihrer Gebilde nicht 
weiter dorthin, wo er nicht «ein kann: in dio klare 
Vernünftif^koit, in die Hirnhioiide KignuiiR für die 
rustloee Zweckhnfligkeil. des TagoB. In oinem nach 
koTiHoquenton Vcrnnnftprinzipion j^otirdneten Leben 
Iiabon dio Diofiter kiMiien J^anui. l'hUo vorbamito sie 
aus seinem Ötaal. in NictzHchoK wissoiidon Angen 
logen Hie zu viel. Beide vertraten <Jen Standpunkt der 
Utopie, der wahren Antithese zur dicliLorischen Schau. 
Der heutige ZuHtand der europäischen Ivultur, deren 
Basis sich nicht so bald vorscliiebea wird, orlordert 
eine ganz andere Einordnung der Kunst. Pieaer Zu- 
stand ist 80 geartet, daß künHÜeriHche Schöpfung in 
ihm noch immer flen oborwtcn Hang alles Schaffens 
behauptet: deshalb nämlich, weil diese Kultur ihrer- 
seits archaiscli gebunden ist und ihr tiefster Aus- 
druck umgewälzt wiiidc, wäre der Gi uudcbarakter 
der Dichtung selhsl in Frage gestellt — die Lage 
der Dichtung im heutigen Ifußlatul rüiirt an dieses 
Problem. Mit der Aufhebung der archaischen Hin- 
dungen fällt wahrscheinlich die Kunst seihsl daliin; 
es ist kauui möglich, sie in ein vorp:nngouhei(aloses 
Leben zu vorpflanzen. Damit müsson wir uns be- 
gnügen. Wir können auf die Frage nach dem Sinn 
der künstlerischen Schöpfung nur diese Antwort 
geben: 

Es gibt Lebewesen in der Natur, die in Koaktion 
auf einen Defekt, einen schmerzhaften Eingriff in 
Ihren Oi'ganiwnnift Perlen produzieren. Der Zauber 
flieser Gohildc iiogt nicht nur in ihrer Form und in 
ihrem Material, sondern in dem unbewußten Grauen 
des Menschen über ihre Herkunft, über die Geschichte 
ihrer Entstehung. Dies ist dio Schönheit, die der 
Mensch seiner Vernunft zum Trotz am höchsten 

136 



schätzt und am liebsten sammelt — im Grund gibt es 
keine, die nicht so beschaffen wäre. In der Menschen- 
weit leben ähnlich rätselhafte Geschöpfe, die eine 
gramvolle Störung ihrer Existenz mit der Bildung 
von Schönheit erwidern: einem Wert, der ursprung- 
haft verbunden ist mit Krankheit und Bedrohung des 
Lebens. Nur die verborgene Schicksalsverwandtschaft 
kann es erklären, daß diese Frucht des Leides und 
der Todesnähe so hohe Würdigung erfährt. Wer dies 
verneint, leugnet die großartige Legitimität der 
Kunst: ihre lebenstiefe Unergründlichkeit. Etwas 
anderes ist es, ob man den Marktwert ihrer Gestal- 
tungen für nebensächlich hält; er hat mit dem myste- 
riösen Sinn ihres Wachstums nichts zu tun. Ihr gan- 
zes Geheimnis liegt in jener anfänglichen Doppel- 
wirkung: der Versehrung eines Menschen und der 
llervorbringung des heilenden Werks. Nur das Gesetz 
dieser Urerscheinung kann eine auf das Wesentliche 
blickende Kunstforschung interessieren. Sie lehnt 
schon die Kinderfrage nach dem Wert der beteiligten 
Schicksalsträger ab: ob dem Dicliter oder seinem 
Werk mehr Ehre gebühre. Grillparzer, der seiner 
irdischen Braut daf^ Glück vorenthält und sie statt 
dessen in so mancher Königin seiner Dichtung er- 
höht ist über eine so befangene Alternative erhaben. 
Es ist nicht damit getan, daß man die verklärte Ge- 
stalt mit dem privaten Urbild identUmerl; Sie läßt 

sich 3a nicht „wirklich** auf dieses reduzieren, und 
selbst wenn es möglich wäre, hätte man nur einen 
Lebensvorgang rückgängig zu machen versucht und 
ihn überdies nur zur Hälfte nachgezeichnet. Das 
Neben- und Ineinander beider Größen ist das letzt- 
lich Sichtbare. Es spottet jeder vernünftigen Ab- 
leitung der einen aus der andern, weil der archaische 



137 



i' 



Lebensgrund dazwischen liegt und beide recht- 
fertigt, indem er sie trägt. Wir sehen nur diese: eioj 
Mensc'henschioksal — die Schale, und die Perle — f 
das Werk. 



■. . f 



288 



Krankheit, Sdiönheit und seelische 

Behandlung 

Von Heinrich Meng, Basel 

.■lus einer utiter dem Titel ,^Umstimmung 
des mmschlichm Orgatusrnus durch seelischen 
Eingriff und Arznei"" in der ..Ärztlichen 
Rundschau'' München 19^1 veröffentlichten 
Arbeit. 

Beim Versuch, kranke Menschen umzustimmen 
oder umzustellen, so daß sie wieder gesund werden 
und möglichst Widerstandskraft gewinnen, um ge- 
sund zu bleiben, müssen wir uns vorläufig hauptsäch- 
lich auf die Erfahrung verlassen. Weshalb im Ver- 
such und am Krankenbett nach einer Arzneiverord- 
ming, einem chirurgischen Eingriff, einer psycho- 
analytischen Kur, einem Ortswechsel der Mensch in 
seiner Faser sich geändert hat und seine Anpassung 
an seine In- und Umwelt besser wird, dafür bestehen 
zahlreiche Vermutungen, aber noch wenig exakte 
Grundlagen. Über das post hoc und propter hoc wurde 
viel gestritten, der Streit soll hier nicht erörtert 

werden. 

Der entstellte Mensch setzt den nichtentstellten 
voraus. Der entstellte Mensch hat durch eine Störung 
in seinem psycho-physischen Betrieb so gelitten, daß 
er die Norm oder richtiger die seiner Individualität 
unter günstigen Bedingungen erreichbare Norm nicht 
verwirklicht. Die für jeden also „ideell" bestehende 
Norm bezieht sich auf Struktur und Leistung, auf 
Wesen und Aussehen. Struktur und Leistung smd, 
wie die gesamte Biologie lehrt, in Wechselbeziehung, 
wenngleich die Leistung bei gleicher Struktur, wenig- 
stens soweit wir sie erkennen, wechseln kann. Und 

139 



^1 



ebenso entspricht das nornmio Ausgehen einem nor- 
malen Sein und Wesen mit normaler Struktur und 
^oifitiuif?. Die Kniötollun- knim nuu von nußon ein 
bisher normal auHsohemies hulividnnm. das denient- 
epmrhcnd auch m.rnmles Wesen, .Struktur und T.ei- 
stungsverniöt'oM zu eigen hat, troffen. Solcbo exogene 
Entstellung kommt für die umHlollemien Methoden 
erst dann in Betracht, wonn sich durch die exogene 
•: Entstellung auch eine innere Änderung entwickelt 

Üt *'»'•■• Heute konuiKM» innnor mehr Menschen direkt 

wegen der Entstellung durch das Kranksein zum 
Arzt. Das „schlechte Aussehen" ist der geringslo, all- 
tägliche Grad der Entstellung... 

Die jetzt lebende Arzlegeneration iihor7..Migt sich 
immer mehr davon, wie intensiv die Psyche über 
Empfänglichkeit für Kmnkbeil und Widerstands- 
fähigkeit, über Siechtum oder Heilbarkeit oulscbeidet, 
"Md weiter, wie tief der Knu.kluutsprozeß oft auf 
sooli.schem Wege IVrson und Schicksal beeinflußt. 
Bei längerer Zu.^ammenarbeit von Arzt und Patient 
spürt der Arzt immer wieder, daß sein wichtigster 
Lehrmeister der I>alient selbst ist, und daß er jede 
libornommene T.ehrmeinung über den gesunden und 
kranken Menschen dauernd selbst erprohen muß. Per 
Arzt, der sein Relbstgefälliges (autistischen) Denken 
korrigiert, wird an seine wissenschaftlichen Anscli;iu- 
ungen und an sein praktisches IFiiudelii noch lange 
den gleiclien Maßstab anlegen wie Freud an seine 
Psychoanalyse. Er meint von ihr: „Sie tastet sich in 
der Erfahrung weiter, ist immer unfortig, immer be- 
reit, ihre Lehre zu rückzuziehen odor al)zuiindorn." 
Die Resonanz des Menschen auf Schädlichkeiten 
ist verschieden, bei seiner Antwort oder Reaktion 
spielen sehr viele Faktoren eine Rolle, wir kennen 

140 



davon nur einen kleinen Teil. Sehr viele Reaktionen 
laufen ab, ohne daß der Patient oder der Arzt es 
merken: Abwehrvorgänge ohne eigentliche Krank- 
heit. Eine schwere Vergiftung, eine massenhafte In- 
fektion oder eine Explosion setzen katastrophale 
Schädigungen, die in ihrer Auswirkung wenig oder 
nichts mit Veranlagung und Stabilität der psycho- 
physischen Einheit zu tun haben. Die Entstel- 
lung erfolgt iu diesen Fällen vorwiegend unter 
der Brutalität des Eindringenden. Die meisten 
Entstellungen geschehen aber nicht katastrophal, son- 
dern langsam, die Störungserreger stimmen zu- 
nächst nur um — sie verstimmen — nnd ent- 
stellen erst allmählich, wenn sie nicht in den Pro- 
zessen der Selbstregulierung vernichtet oder gebän- 
digt werden. Das gilt für die Rachitis ebenso wie für 
den Diabetiker oder die Neurose. Jede Angina, jeder 
Hheuniatlsmus, jede Ernährungsänderung und Schwan- 
crerschaft, jede Alterstnfe stimmt um und gibt Anlaß 
zu einer eventuellen Entstellung. 

Wenn ein Träger von 25 Warzen auf Suggestion 
oder durch Abtragung einer einzigen Warze alle 
übrigen verliert, so hängt das mit der seelischen 
Umstimmung zusammen, die eine Entstellung provo- 
ziert oder wieder aufgeben läßt. Dasselbe gilt aber 
auch für die Auslösung einer Fazialislähmung durch 
Zugluft und sogar für eine Fazialislähmung bei Al- 
koholismus oder Tuberkulose, wenngleich hier der 
Zusammenhang gar nicht offenbar ist und besonders 
die Behauptung überrascht, es sei die unbewußte 
seelische Umstimmung mit einer solchen Krankheits- 
tendenz oft der Hauptgrund für das Auftreten einer 
solchen, anscheinend so rein somatisch bedingten Ent- 
stelhjng Aber die psvchoanalytischen Ergebnisse 



141 



über die Vorpango. welrlioflas Anflreton und die Hei- 
lung bediiiKon. bei .son.st, ßloiclihloibendor Tliörapie. 
laHHen solrlio /CuHMMinuMihünjfp .sehr plausibel er- 
scheinen. 

Wie jede Krankheit umstiiniiien und ont stellen 
kann, kann jeder Kiiigriff auch umstiniuirn oder ent- 
stellen. Wenn der Arzt UnistiruniunKsverfahren an- 
wendet, niitli )M- Klarheil lial)on. wie man das tut und 
weshalb man es tut, denn für jede Therapie gilt auch 
das Wort dos chinosisclion Woiwen: ,»Wenn ein ver- 
kehrter Mann die rochion Mittel gebraucht, so wirkt 
das rechte Mittel verkehrt." Als Vorform der Kntstei- 
hing tritt nioiat eine Verstimnning auf, in ihr kommt 
die I'hase des noch nicht etilscliiPiItMUMi Kampfes der 
Selbstregulioiung im KncrKiowrchsoIsyHlem zum Aus- 
druck. Von dieser Komplikation hoohachlen wir viele 
Einzelerscheinungen, z. H. Mnksverschiehung im 
Blutbild, l-euko/.ytensturz. Fieber, Angst und Angst- 
äquivalent, I »igmenf ändern ng, Blasenbildung, Sclimerz, 
aber wir wissen wenig Sicheres von dem eigentlichen 
Motor und Wesen dieser Verstimmung. Auch wenn 
wir künstlich eine heilsame Versümnuing setzen 
durch Arznei, Hormon, Wort, ist es sehr unsicher, wie 
daraus eine Uosserung oder Heilung sich entwickelt 
Unter der W a g n e r-J a u r e g g Bchen U.nstimnmng 
des Paralytikers beginnt im Fieber dauernde und 
nicht selten weitergehende Besserung. Unter dem Ein- 
griff der Psychoanalyse erscheinen „passagere Sym- 
ptome'*, z. B. ein Ekzem ähnlich wie bei den P a w- 
1 o w sehen Versuchen, bei denen ein Hund — unter 
einem künstlich gesetzten unlösbaren und darum 
dauernden Konflikt stehend — einen Hautausschlag 
produziert. Mit kleinen Tuberkulingaben werden 
beim Tuberkulösen Temperaturerhöhung und Husten 

142 



ausgelöst; passagere Symptome und Herdreaktionen 
liegen meist auf dem Heilweg. Zur Klärung der hier 
ablaufenden Vorgänge hat die Medizin der letzten 
Jahrzehnte ein gutes Stück beigetragen. Das Unbe- 
wußte im medizinischen Sinn wurde entdeckt. Es ist 
kein Zufall, daß man dem Sympathikus den Namen 
„Lebensnerv" gab, als man das vegetativ-endokrin- 
hormonale System in den Mittelpunkt der Forschung 
stellte. Es ist gelungen, bei einer Gruppe von Ent- 
stellten den Motor zu beeinflussen, von dem Verstim- 
mung und Entstellung ausgehen. 

Der Menschenarzt hat es schwerer als der Tier- 
arzt. Im Laufe der hochdifferenzierten gehirnlichen 
und seelischen Entwicklung des Menschen wurden 
zahlreiche automatische Vorgänge für Gesunderhal- 
tung und Abwehr gestört und durch bewußte Vor- 
gänge erst beeinflußbar oder beeinflußt, später er- 
setzt. Die Unterschicht der für archaisch-psychisches 
Geschehen nötigen körperlichen Apparate ist über- 
baut von später erworbenen; entsprechend hat die 
Großhirnrinde sich immer mehr differenziert und den 
Hirnstamm überlagert; aus dem biologischen Unter- 
bau psychischer Elemente hat sich die „Tiefenperson" 
und die „Kortikal person" heraus entwickelt. Die see- 
lischen Funktionen sind an Großhirnrinde und Hirn- 
stamm gekoppelt; in letzteren wurzelt die verfeinerte 
intellektuelle und die „gemütliche" Entwicklung. Die 
Bereitschaft zu typischen und spezifischen Reaktio- 
nen auf körperliche und seelische Reize ist eine Gabe 
der Erregbarkeit, diese ist sowohl seelische Erreg- 
barkeit als auch Erregbarkeit der Funktionen des 

vegetativen Nervensystems und des hormonalen Ap- 
parates. Jedeijfalls regulieren die vegetativen Zen- 
tren, die man als vegetatives Gehirn bezeichnet, die 

liS 



wichtigston Lebensvorgänge und Abwelirfunklionen. 
Da« LoberiHgcfillil, die Stiimnung, dn» Triol)lol)on, die 
Affpkiivitiil. 'rtMiiporaiiHMil iitnl C'lmraktor, aber auch 
die Anriilligkeil für lnn'kti<in. Noigiing zu lUkus und 
Rarziuorn, Wnudbeilmig und NatlxMibildung ent- 
ßclu'idet das von der Psyche - nur vom Unbewußten 
— rogiorte vegetative Nervcnsysteui. Die zellulären 
StoffwecIiselvorgUnge nind abliängig von dem „vege- 
tativen Gefiirn" und seinen Nerven — alte auto- 
matische Abläufe sind in lockerem oder engerem Zu- 
sanimenliaug mit \'nrgiingen im Oroßhirn, mit be- 
wußten Funkli(irnMi. Das vegrliitive System iibermit- 
tell. dem Großhirn fortlaufend die „Stimnuing'* der 
Zellen, der Oi'gHue und des Orgiuiisnuis, die lustvoUen 
und die unlnslvollen LeheusgrfiilHc. Die menschliche 
Persönlichkeit wurzelt im \('^elativen'). 

Das gesamte Souia stellt unter der Herrschaft der 
Psyche, vor allem der Leistung des gesamten Nerven- 
Byslems. Primär erkranken mehr Menschen seelisch 
als organisch, und die Art, wie ein Mensch eine Er- 
krankung anfninuiit und erlebt, ob er eich gegen sie 
wehrt, öitli ilirer schämt oder aus ihr Gewinn zieht 
oder iiir mit nachträglichem Gehorsam begegnet, sind 

wicIliifXO /'rob/emo (fer Diagnostik und llicrnpie dos 
iiintHtolltoii. 

So ist die Psychoanalyse ein Weg für die umstel- 
lende 'i'iierapie auch vom Seelischen aus. Alle psycho- 
therapeutischen Methoden, die das Unbewußte berück- 
sichtigen und fherapentiscli benutzen, nicht nur die 
Psychoanalyse, vorsuchen die Tütigkeit des seeli- 



M Groddeck hat anschlit^ßciul a» SclMvoninger 
ie Geennitheit alles Lebendigen „Es" gemumt. Prt-ud 
ennt alles Psycliisohe, wqs nicht „Ich" (und t'bcr-Ich) 



die 

nenn 
ist, „Ek". 

144 



sehen Motors zu regulieren, weil von ihm der Haupt- 
antrieb zum Gesundbleiben, Krankwerden, Krank- 
bleiben und Wiedergesundwerden im allgemeinen 
ausgeht. Alle Suggestionstherapie, auch die Hypnose, 
wirken, soweit sie körperliche Krankheiten ändern, 
auf diesem Wege. Alle seelischen Heilmethoden, die 
in den letzten 30 Jahren wissenschaftlich ausgebaut 
wurden, hängen mit der Freu d sehen Forscliung 
zusammen. Seine Ergebnisse und eine Keihe von For- 
schungen, die sich an F r e u d anschlössen, lassen die 
Tragweite seiner Ideen für alle Zweige der Medizin 
erkennen, manches erst ahnen. Früher war Psycho- 
therapie und seelischer Einfluß des Arztes identisch; 
die heutige Psychotherapie ist ein konsequentes Auf- 
suchen und Beheben von Krankheitsursachen oder 
Krankheitsbedingungen; die Person des Arztes ist 
nur der Mittler zwischen den einander richtig be- 
gegnenden Energien des Kranken selbst. Jeder Arzt, 
der mit Kranken umgeht, muß sich um die Grund- 
lagen der seelischen Hygiene und der seelischen 
Therapie kümmern, des Kranken wegen und seiner 
selbst wegen: er wird gut tun, aus der Quelle, aus 
Freuds "Werken, zu lernen. 

Das Arbeitsgebiet der Psychoanalyse und der übri- 
gen psychotherapeutischen Therapie sind vorwiegend 
Neurosen, Hysterie, Zwangsneurose, Phobien, Cha- 
rakterverbildungen, sexuelle Perversionen, Schwie- 
rigkeiten des Liebeslebens. Noch immer unterschätzt 
man die Zahl der Mensehen, welche durch diese 
Gründe ihre Arbeits- und Genußfähigkeit verlieren; 
sie sind verstört und seelisch entstellt. Wir sehen 
aber auch körperliche Entstellungen verschiedenster 
Art durch sie hervorgehen. Die Ursache zahlreieher 
organischer Leiden ist nicht selten in Konflikten im 

10 Alujaoach J934 Ijc 



Seelenleben dos Patienten zu suchen, nndorseils ist 
auch der psychische flberhau zahlreicher organischer 
Leiden und organischer Syniptonio vorhanden. Das 
Problem der Angst ist ein Zenlralprobleni des kran- 
ken Menschen. Aber nicht nur die Angst, auch das 
Schuldgefühl und das Strafbedürfnis, der Krankheits- 
gewinn als Ausdruck innerer Konflikte werden an 
der Zelle, am Zellverband, am Organsystem und am 
ganzen Menschen zum Austrae gebracht. Der Arzt 
muß bemüht sein, allmählich die „Orgiinsprnche*' zn 
verstehen, zu übersetzen und auszunüt/^en. Was je- 
mand aus seinem Diabetes, aus seiner Tuberkulose, 
aus seinem Unfall und aus dem, was man Konstitution 
nennt, macht, hängt in hohem Maße ab von seiner 
seelischen Keife oder Unreife und von der I'^iihigkeit 
seiner Ärzte. Und das all kommt in iiußoror Gestal- 
tung und Entstellung zum Ausdruck. Die Sprache hat 
nicht instinktlos „Haß" und „häßlich" aus einem 
Stamm gebildet. Auch außerhalb der Psychoanalyse 
versteht man houto, wenn Analytiker darauf hin- 
weisen, daß Menschen sich unter der seelischen Be- 
handlung hormonal ändern und schöuer werden, wenn 
Verkrampfungen, Hemmungen, destruktive Aggres- 
eionstendenzen gelöst worden, wenn der Patient lernt, 
einem ich-gerechten Ziel nachzustreben, die Fähig- 
keit zur Aufmerksamkeit und Knnzen(rnli(m wieder 
auszunützen, psychoanalytisch gesprochen, ein Stück 
Narzißmus in Objektlibido verwandelt, nm ihn so in 
Schaffen und sozial brauchbnre lieistnng zu ver- 
werten. 

Diese kosmetische Wirkung der Psychotherapie 
ist oft bemerkt worden. Ob man ihr einen großen 
Wirkungswert in dieser Richtung zuschreibt, hängt 
hauptsächlich von der Meinung ab, wieweit man tief- 

146 



gehende Änderungen in Bezug auf Charakter und 
Persönlichkeit von der seelischen Behandlung er- 
wartet. Das steht aber in enger Beziehung dazu, ob 
man eine korrekte Psychoanalyse vornimmt oder eine 
bloß suggerierende und rationale Therapie, oder ob 
man als Führer den zu Heilenden dauernd an sich 
bindet und dadurch festigt, oder sich nur mit Über- 
tragungserfolgen unter Anwendung mehr oder min- 
der guter psychoanalytischer Kenntnisse begnügt. Mit 
all diesen Methoden kann man die durch die psychi- 
sche Störung gesetzte äußere Entstellung bessern 
oder beheben, soweit eben ein therapeutischer Erfolg 
erreicht wurde. Die Verschönerung wird mit den 
nächsten Rezidiven wieder weichen. 

Der Psychoanalyse gebührt in ihrer kosmetischen 
Wirkung ein anderer Rang. Schwere Neurosen, und 
gerade diese zeigen typische Entstellungsformen, wei- 
chen überhaupt nur der Psychoanalyse, wenn man 
vorübergehende Übertragungserfolge außer acht läßt. 
Wir unterscheiden doch mit großer Sicherheit die 
schweren Zwangsneurosen und Hysterien, auch oft 
die Angsthysteriker oder Phobiker sofort beim ersten 
Sehen an ihrem Ausdrucke, der habituell geworden 
ist. Alle erfahrenen Psychoanalytiker haben als frü- 
her unerwarteten, später als vorausgesehenen Neben- 
erfolg für den Kranken wahrgenommen, daß Haltung, 
Bewegung, Blick und Ausdruck bei jüngeren Perso- 
nen, auch die Züge selber freier, mutiger, ruhiger 
und direkt schöner werden. Das zeigt sich besonders 
bei Personen von eigentlich unschöner Gesichtsbil- 
dung; diese verlieren das Gequälte und Abstoßende, 
sie werden gewinnend, und, wie für die anderen Sym- 
ptome, wirkt dann der bessere Erfolg in Leben, Ar- 
beit und Liebe weiter verschönend, als ein richtiger 



Oirculus virtuoöua, wenn man tlieseö Wort hier an- 
lÄöndon darf. 

*Dio tiefgeliondc l'Hy<.'lumnaly*3e verändert imnier 
auch (las Trieblebeii dos Krnnkon, es macht verdrängte 
TriebregnnRon bewußt und Ix'liorrsplibar. Theoretisch 
könnte nian nun inoiMon, wenn liaÜrt^^unffon, per- 
verse Triobkomponenten, die vordriinKl waren, be- 
wußt werden, 00 niüßfo dies erst reelit als luililicher 
AiiHiIruck im Anllilzodes Monsolien sich zeigen. Tat- 
sächlich verraten sich auch solche verdriiugtc Ke- 
gungen, wenn sie aktuell ins Hewußtsein treten. Sie 
koiniuen aber nur zum Ausdruck, wenn sie gerade 
versiärkt das Hewußtscin crfüllcu. iiiui verändern 
dann vorühergchond die /Uge. l)»\u'rndon Kinlluli ge- 
winnen die bewußt gemachteu Kcgungon weniger als 
die verdrängten» denn sie werden abreagiert oder ver- 
neint. Man kann das dahin ausdrücken, daß diese Art 
Kutstollting das allgemeinste Konvorsionssymplom 
durcli hulilichuiachonde l\e;;ungen sei. 

iJas wiohligate Moment ist aber, daß die Ge- 
echlechtlichkeil im engeren Sinne, also das genitale 
Ltifllverlangen, bei den Neurotikern moistons, immer 
bei den Hysterikern, nur unvcdlkommen befriedigbar 
ist. Die Frigidität ist für die wciblii-he llysterio, die 
Potenzstörung für die männlic^he charakteristisch. 
Wenn die Psychoanalyse den Kranken von der dauern- 

^^«" Gevei'rtheU boivint» hu wird di\d\\vcU eben die 

Schönheit des Menschen mit befreit; dei\n so wie 
l'äßlich von Haß kommt, so lieblieh von Liebe; jede 
'J'herapie, die den lOros von Verkrampfung und Ver- 
Q»>ältheit erlöst, wirkt im holicn Grade kosmetisch, 
'^'ese Krörterungen ließen sich in analoger Art 
^^^ ^'^ Körperbewegungen, auch bis in Kinzelunler- 
scbiede bei verschiedenen Neurosen f*>ilfict/.en. Wir 

148 



wollen aber nur auf die allgemeine Wirkung hin- 
weisen, welche das Normalwerden des Sexuallebens, 
auch wenn keine sexuelle Befriedigung möglich ist, 
noph mehr, wenn normaler Geschlechtsverkehr aus- 
geübt wird, für den gesamten Stoffwechsel ausübt: 
Zirkulation, Ernährung und Stoffwechsel werden ge- 
hoben und erhalten ihren normalen Ansporn und 
Rhythmus und, Mas überhaupt für die verschönernde 
Wirkung der Psychotherapie so wichtig ist, Angst- 
freiheit und die normale Schlafpause werden her- 
gestellt. 

Die Gesundung von der Seele aus bewirkt eine 
Entgiftung des Organismus und erspart Medikamente. 
Seelische Gesundung ist auch deswegen Verschöne- 
rung von Seele und Körper. Wie das psychobiolo- 
gisch zustande kommt, wissen wir im einzelnen nicht. 
Wir vermuten, daß der Inkretapparat durch den see- 
lischen Einfluß umgestellt wird, daß die „Tiefen- 
person" das vegetative Nervensystem und das vege- 
tative Betriebsstück der Zelle umstimmt. Mit dieser 
Annahme kann man z. B. verständlich machen, daß 
auch Rhythmus, Dauer und Stärke der Menses so 
stark von der Psyche abhängen, daß Triebkonflikte, 
Infantilismen und Nachwirkung früherer Gescheh- 
nisse so entscheidend die männliche Potenz beein- 
flussen und umgekehrt, daß die Psychotherapie hier 
helfend eingreifen kann. Man versteht auch leichter, 
warum die Blutzuckerzahl, die unter Angst und Kum- 
mer sich geändert hat, unter Psychotherapie normal 
wird, weshalb die Hypertonie, der Basedow und der 
Ikterus in engem Zusammenhang mit seelischen 
Schwankungen, Allgemeingefühlen und Triebkonstel- 
lationen stehen. Anderseits gibt es auch eine patho- 
logische Schönheit, die z. B. bestimmte Formen der 



149 



Tuberkulose und der Uyslerie aufllöst. Die inneren 
Gesetze, nach denen die typische Mehmcholie häßlich 
macht, manche Melancholie und die normale Trauer 
eher schon machen, nmsöen ernstlich Gegenstand 
wissenschaftlicher Forschung sein, einer Forschung, 
die vor allem von Beobachtungen während der 
Psychoanalyse ausgehen kann. 



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■M . i! -\. 



löO 



Der narzißtische Gatte 

Von Eduard Hitschmann, Wien 

In einem hübschen Aufsatz über die durch dauernde 
Gefühle gefestigte Eheverbindung hat Andr6 Maurois 
abgeraten, bei der Wahl die Schönheit zu verachten und 
nur an den Charakter zu denken. „Häufig verkündet 
ein schönes Gesieht eine schöne Seele, ein dummes 
oder schlechtes Geschöpf kann niemals wahrhaft reiz- 
voll sein. Suchen Sie daher die Schönheit oder die ver- 
borgene, versteckte Form der Schönheit, den Charme!" 

Meine Vorsichtsmahnung vor gewissen schönen 
Männern knüpfe ich an diese gutgemeinten Worte an. 

Ich meine nicht alle schönen Männer, sondern be- 
sonders die, welche wissend ihre Schönheit zur Schau 
tragen, wohlgepflegt und besonders gut gekleidet 
dahergehen. Sie brauchen viel Zeit zum Rasieren 
und Baden am Morgen, manchmal mehr als eine Frau. 
Egozentrisch, wie sie schon einmal sind — Ich will 
nicht gleich sagen: egoistisch, aber doch von sich 
allzu sehr eingenommen — , nehmen sie das Bade- 
zimmer für Stunden in Beschlag, ehe sie den Fami- 
lienmitgliedern weichen. ' ■ " 

Dort ist ja auch ein großer Spiegel, in dem sie sich 
gerne bewundernd betrachten, ihre Muskeln, ihre 
Manneskraft immer wieder befriedigt feststellen. Aus 
ihrer überreichen Garderobe wählen sie dann mit 
Sorgfalt jedesmal das heute Zusagende. 

Sie sind nicht ohne Hypochondrie: Wenn man sein 
Ich liebt, muß man auch um es besorgt sein, sich 
pflegen, sich jung und gefällig erhalten. Wenn sich 
etwa ein Lichten des Kopfhaares andeutet, leidet die 
Laune; aber der Kosmetiker wird schon das richtige 
Haarwasser empfehlen. 



X51 



Man lijilt im alif^oinoiiion niclit viel von den Ärzten, 
überhaupt von der Wlnsonsrliaft. wenigstens nicht 
von dor rognliiron. AI>or don IlaiiKarzt aufzusuchen, 
leistet sich der Herr don linusoM Öfters, so ungern er 
auch Hioht, daß die FainilionniitKlieder sein Geld zu 
Ärzten (ragen, hiebor noch berät er — für ihn ist 
daK Hoste gerade put genug! — Professoren und tut 
herablassend niil ihnen. 

Won aber so!) riinn frngen, wie ninn nicht zu dick 
wird? Denn ein wc^iig beloibt ist man geworden hei 
der Ptlego und Schiniung. welche man von der Um- 
gebung erwartet und die man sich schuldig ist. Man 
hat geturnt, ist geschwommen usw., um den lieben 
Körper uusAuhiUleu und .\ung zu erhnHen, vor allem 
aber, um don Frauen zu gefallen und von den Män- 
nern anerkannt zu worden. 

Mit den Frauen, es luuidelt sich nicht nur um die 
eigene, ist es eine eigene Saclie: Man will bewundert, 
geliobl sein, recht viele erobern, mit den schönsten 
erfolgreich gellirtot haben — aI)or die Frauen kosten 
Geld (Hier sie sind angrcifond. Also nur nicht Opfer 
bringen an Kraft und .Jugond! 

So hat man ja mit vielen schon zu tun gehabt, auch 
schon vor der lOhe und dann in der Ehe — wenn die 
Gattin das wüßte, so nachsichtig sie nuch immer 
war — ; aber atisgogeben hat man sich wohlweislich 
nicht. Keine Überanstrengung! 

Immer wieder wurde der Spiegel befragt; war 
nichts zti sehen von Selbstvergendung!? Mochten lie- 
ber dio FrailPH YM kiirz kommen, wenn sie erst ver- 
liebt waren. Selbst die eigene, die reiche Krbin. die 
man zur Kho gewählt halte, war nie von ihm verwöhnt 
worden. Offen gesagt, hier ist ein dunkler Punkt den 
man nicht jedem verrät: er ist ein Don Juan, polyga- 



153 



misch, immer auf neue Eroberung aus gewesen, aber 
selbst die eigene Frau ist immer enttäuscht aus sei- 
nen Armen gegangen. Die Arme, sie ist kalt geblie- 
ben; ein anderer Mann, der sich nicht selbst immer 
geschont hätte, hätte sie vielleicht geheilt. 

Aber der schöne Mann selbst tat das nicht. Vor der 
Ehe waren es meist geübte Liebeskünstlerinnen ge- 
wesen, die man nicht zu belehren brauchte. nein, 
s i e waren die Lehrerinnen gewesen. 

Man sah dann wohl die Erregung der Gattin, genoß 
ihre Hingebung, aber wollte nicht verstehen, daß 
sie unbefriedigt blieb, blaß und nervös wurde. Man 
durfte sich auf diesem Gebiet keine Schwäche nach- 
sagen lassen. 

So ließ man sie darben, schwieg darüber; deutete 
an, ihre prüde Erziehung sei schuld. Andere würden 
durch die Geburt eines Kindes geheilt. Auch das hat 
hier versagt; und mehr als ein Kind zu haben, ge- 
stattet man der Gattin nicht, so sehr sie es wünscht. 

Noch mehr Kinder!? Nein, die Unruhe nochmals, 
die Ausgaben und Bindung erhöhen? Man sucht der 
Frau klar zu machen: sie müsse sich schonen, sie 
müsse eine gute Figur machen in der Öffentlichkeit 
neben ihrem schönen allbekannten Mann. Wenigstens 
von außen soll die Ehe glücklich aussehen. 

Freilich, eine neue Flamme umschwärmend, wird 
er die Gattin nur zu leicht an diese verraten. Sie sei 
kalt, habe enttäuscht; man brauche Liebe von außen, 
sehne sich immer, verdiene schon aus Mitleid Gehör. 

Zugegeben, das luxuriöse Heim, ausgestattet mit 
der Freigebigkeit der reichen Schwiegereltern, ist 
ein wenig ein Potemkinschess Heim. Es sieht mehr 

nach Glück aus, als es der Gattin gebracht hat. Es 
sind auch schon harte Worte gefallen, in Stunden der 

153 



Gereiztheit, z. B. am Morgen, wenn die Frau schlaf- 
Io8 gewesen war. 

Wenn die in iliicm Tiefsten glltige und duldende 
Frau einiiiiil klu^'cn /u dürfen glaiihle; daß er sich be- 
dienen Iass(\statt zu ihr Kiilniit zu sein;datier sie allein 
lasse, ohne nirh darüber (icdtinken zu maelien; daß er 
uianchesnuil unaufrichtig sei, renouuuistisch und eitel, 
was ihr so ganz feruliogt. Da hat er in seinem ganz 
rohen Ton gesagt: „Warum hantDu niiidilJir gekauft?'* 

Und er weiß ganz gut, daß er vor allein ihr Geld 
geheiratet liat; sie selbst ihm zu unscheinbar, zu un- 
schuldig und passiv gewesen war. Aber es war ihm 
mehr oder weniger bewußt gewesen, daß seine Per- 
sönlichkeit Über viel Geld verfügen müsse, um das 
Leben genießen zu können. 

Er ist frisch und aufrecht und schön geblieben, der 
narzißtische Gatte, denn er altert sehr langsam; 
immer neue Jolmniiis-Triebe sclilagen aus. Längst 
schon läßt er sich nur lieben und liebt selbst nur 
mehr das Geliebtwerdcu. 

Aber die Frau neben ihm isl früh verblüht. Was 
hat sie vom Leben gehabt!'? Nun nützt es nichts mehr, 
sich zu sagen, wie hnffärlig es gewesen ist, den auf- 
fallend schönen Mann sich auszuwählen. 

Wie hat sie ihm ihre Mütterlichkeit zugewendet, 
sich gefreut, wenn er so blühend, strahlend und wer- 
bend, 80 beliebt neben ihr einherlebte. 

Ihn getröstet, wenn er niedergeschlagen schien, 
wenn er sich — wie so oft — selbst bedauerte, Angst 
um seine Gesundheit hatte. 

Sie hat nie gefragt, ob er tüchtig sei, ob arbeitsam, 
ob ganz ehrlich, ein Ehrenmann wie der Vater. 

Und jetzt, tla die Erziehung des Sohnes doch ganz 
ihr überlassen bleibt, jetzt wird ihr erst klar, daß ihr 

154 



Mann in seiner Eitelkeit kein Vorbild für den Sohn 
sei: er hat nie recht gearbeitet, es womöglich den 
anderen überlassen. , . ■ 

Er war schön, ist es noch immer. . , • 
Aber er ist eitel, hohl, unehrlich, ungut, egoistisch, 
verständnislos gegen das Kind. 

Ein narzißtischer Mensch, der gar nicht lieben 
kann; außer sich selbst! . .. • 



Wir haben zunächst einen nur schönen Mann als 
narzißtischen Typus beschrieben, denn es besteht ein 
Zusammenhang zwischen schönem Äußeren und • 
Selbstverliebtheit. Das schöne Kind schon wird zum 
narzißtischen verzogen, Schönheit macht narzißtisch, 
aber der Narzißmus macht wohl auch ein wenig 
schön. Wer überzeugt ist, schön zu sein, sich liebt, 
der tut auch viel dazu, zu gefallen; eine unbewußte 
Tendenz in ihm macht ihn so, daß er auch den anderen 
gefällt. Wie wenn das Unbewußte seine Züge um- 
bauen könnte. Daß er sich selbstbewußt und kokett 
aufrecht hält, daß er sich gefällig kleidet, er, der 
sein Spiegelbild immer vor Augen hat, — ist nur 
natürlich. 

Aber Schönheit ist kein notwendiger Bestandteil 
des Narzißtischen. Der Dichter Franz Werfel hat 
z. B. ganz meisterhaft einen narzißtischen Vater 
lebendig dargestellt, und zwar in seinem Roman „Die 
Geschwister von Neapel". In dieser Figur ist ein 
keineswegs schöner Narzißt mit starker Aggression 

geschildert. 

Neben seiner Selbstgefälligkeit, seinem eitlen Sin- 
gen, seiner Rechthaberei, seiner Isolierung in dei' 

Welt, sind es die Härte und der Geiz, die ihn charak- 



155 



terisieren. Die Unfähigkeit zum Erzielion, bei gänz- 
lichem Fehlen jeder Kinfühlungsfähigkeit, ist beson- 
ders klar und wird zum tragischen Schicksal der 
sechs Kinder. 

Er ist Witwer und der l'lmntasie dos Lesers ist es 
tiberlassen, das Unglück zu ermessen, das seine Frau 
neben ihm erduldet haben muß. Es darzustellen, da- 
vor ist sogar der Dichter zurückgeschreckt und läßt 
den Helden als Witwer auftreten. 

Stolz, nur stolz ist der verarmende Gutsherr in 
Hamsuns Roman „Kinder ihrer Zeil". Kr „vergibt 
sich nichts" von seinem Siolz, dieser Leutnant mit 
dem Araberkopf, und er vorgibt auch seiner Gattin 
nichts, die ihn tiefst gekränkt hat. Sie hat sich ihm 
einige Male verweigert, ihr Schlafzimmer abgesperrt, 
ihn „mitten in der Ehe zum .lunggesellen" gemacht. 
Lind da sie einlenkt, und plötzlich die Arme nm 
ihren Mann sciilägt und sagt: „0, weshalb sind Sie 
nur so? Ich bitte Sie um Verzeihung!" heißt es von 
ihm: „Zu seinem eignen höchsten Erstatinen erwi- 
derte er ihre Zärtlichkeit nicht mehr, er stand steif 
da und wandle den Kopf ab." Er entschädigt sich an 
hübschen Mägden, die er vorlesen läßt, voyiert, kaum 
betastet, or stöhnt vor Erregung, — aber staut die 
T^ibido in sich, nährt mit ihr seinen Stolz und Haß, 



Nicht nur der narzißtische Gatte ist manchmal ein 
Ungeheuer, auch der Liebhaber kann es sein, und er 
braucht es gar nicht zu wissen. 

Ich entnehme tlio fnlgonden vorwurfsvollen Worte 
aus der Stunde der tragischen Desillusionieriing dem 
Koman „f// never he young again'* von Daphne du 
Maurier. Dort sagt das verlassene Mädchon zum Ver- 

156 



führer und erkalteten Liebhaber: „You didnH hotker/ 
you've never thougt of anyihing or anyone hut your- 
seif. H was you, you all the Urne. Nothing mattered 
except what affected you. Loving, living, going away, 
ü was you who came first. You did not think of me, 
and how I feit. It did not count . . ." Er aber glaubte 
sich berechtigt zu seinem Vorgehen, denn er schrieb 
ein Buch: aber es erweist sieh als unbrauchbar. 



Dieser Fall führt uns zum Narzißmus des Sehaf- 
fenden. Dieses Zurückkehren des Produktiven, von 
der Frau weg zum Werk, vollzieht sich nicht immer 
kultiviert. Die Frau des Produktiven macht oft seine 
Schaffenskrisen mit ihm mit und leidet dadurch; aber 
wenn das Werk wertvoll ist, mag sie manchmal gerne 
geduldet haben. Die Witwe eines berühmten Mannes 
wurde einmal vom König empfangen, der sich teil- 
nehmend nach seinem Wesen erkundigte. Aber die 
Witwe sagte offen: „0, er war unausstehlich!" 

"Wir kennen die Hintergründe namentlich der 
künstlerischen Produktion nur zu gut, um die Ehe 
mit einem Künstler nicht durch seinen Narzißmus be- 
einträchtigt zu erwarten. 

Nicht nur wenn der Mann allzu scliön ist, auch 
wenn er Schönes schafft, ist es nicht immer leicht, in 
der Ehe mit ihm Kirschen zu essen. 



Die tiefere Enttäuschung im Verlauf der Ehe 

bietet natürlich der nichtige mv/A&Usclie Mann, die 

aufgeblasene Null, umso mehr, wenn die erotische 

Überschätzung aus der Zeit der Verliebung von einst 
den starken Gegensatz dazu bedeutet. Enttäuschung 

157 



\ 



m 






Itbtf •tbhMftßl. den Irrtum dor eigenon Wahl, komm 
U\r die Hrmo Krnu w-hnicrzhafl dazu. 

Oa heißt oin cn^'lisch Koschriebener Koman: ,,^h 
mnrtal enermr: er ist von einer PVau geschrieben 
Der Todfeind ist ihr eigener Mann, in dem sie sich 
«o bitter getäusclit liui. Kr ist ein UurcIiHohnitts- 
menech. nicht einmal wesentlich narzißtinch; sie i»«j 
eich in ihn verliebt, auf einen liebenden lOrbonkol 
leichtsinnig verziohlond. „Oh, if youth hui kneivV 
Geistig höherstehend, wird sie nie mit ihm wahrhaft 
glücklich. Seine Verarnning, ein allzu dürftige*' 
Leben und ihre unheilbare Kninkheit — es if** 7.« 
viel! Und ao empfindet sie ihn als ihren Todfeind, 
ihren Mörder und geht sterben. — 

Wer sehr narzißtisch veranlngt ist, sich selbst, sei" 
Spiegelbild liebt, liebt bereite oin Individuum von» 
gleichen Geschlecht. So hat der narzißtische Mann 
viel Interesse für die Personen seines GeschlechtB. 
«r vergleicht sich, mißt «ie an sich und sich an ihnen 
und identifiziert Hieb mit ihnen. I':r mag zu Freund- 
schaften, mann-männlicher Geselligkeit. Klubs u. dgl- 
besonders neigen. In Vereinen zu sprechen, eine HoH*' 
zu spielen, reizt ihn mehr als andere, i^r hat weniger 
Zeit für seine Familie. 

Auch die Töchter können unter ihm zu leiden 
haben: denn oft bevoizirgt er die Söhne. In ihnen fin- 
det er sich wieder, in ihnen will er neu erstehen, bes- 
ser wo möglich, glücklicher, höher kommen. Die frü- 
her geborene Tochter wird oft beim Vater vom Sohn 
ganz ausgestochen; er wird der Liebling. 

Endlich gibt es Ausnahnisfälle, wo der schöne Mann 
seine Frau mit Individuen — seines Geschlechtes be- 
trügt; aber diese Frau war nie verwöhnt gewesen. 
Immer war es wie eine Schranke zwischen ihnen; er 



158 



hat sich schon immer für diesen oder jenen Mann 
auffallend interessiert; im Sommer verlangte er, die 
Ferien nicht mit Frau und Kindern zu verbringen. 
Familienmüde sind andere auch einmal. Daß es aber 
so etwas gibt, mit einem Mann betrogen zu werden, 
hätte die Gattin nie geglaubt; ach! sie war ja so un- 
wissend in die Ehe gegangen. 

Ja, der schöne Mann — er kann eine zitternde 

Freude sein. ^ 

Der narzißtische Gatte hat sein Hauptinteresse auf 
seine Selbsterhaltung gerichtet: er ist unabhängig 
tind wenig eingeschüchtert. Wenn ihm das Schuld- 
gefühl, die stärkere ethische Einstellung fehlt, steht 
die Frau oft seiner Unaufrichtigkeit zum Zwecke der 
Selbstwerterhöhung — staunend und enttäuscht ge- 
genüber. 

Aber ein narzißtischer Mensch ist doch wieder als 
Persönlichkeit oft imponierend, dient anderen als An- 
halt, kann zum Führer werden. 

Darum sei zum Schlüsse des mit Edelmut und Cha- 
r«kter ausgestatteten narzißtischen Mannes gedacht, 
<ier unabhängig und kraftvoll sich betätigt, dessen 
starkes Ich andere überflügelt. 

"Wo Narzißmus sich mit Begabung und ethischen 
H mmungen verbindet, kann eine sehr wertvolle und 
starke Persönlichkeit entstehen. 

* 
der narzißtische Analytiker zuweilen glau- 
bt durch eine seiner Charakterschilderun- 
^"'^ r,Mern ein Modell zu bieten, so überzeugt er 
^^" A bald daß die echten Menschenschilderer 
nltr ihnen mehr ahnen und unbewußt wissen, als 
^Analytiker beschreiben kann. 



■ 



m 



Unsere Sache mag es Immerhin bleiben, Typen aiif-i 
Austeilen und ihren Aufbau auf bestimmte Anlagen 
und frühe Erlebnisse zurückziiführon. I 

So konnten wir hier in mancher Hinsicht aul| 
Freuds Darstellung») des „narzißtischen Typus" zu- 
rückgreifen. 



193? "^**^^ libidinÖHü Typen", Int. Ztecbr. f. Psa.. XVIIr 






■ 1 



I«' 



160 




Photo Cr.TfkM-, Philaiielphia 



Prof. Dr.tiin-mnnuNunbor- 



Zur Psydiopathologie des 
Alltagslebens 

Jbsen der Apotheker 
Von Viktor Tauskf 

Dieser bisher unbekannte Auf- 
satz stammt aus dem Nachlaß des 
im Jahre 1^19 verstorbenen Autors. 

In einem mit vielen Kunstwerken ausgestatteten 
Arbeitszimmer eines Freundes traf ich an einem 
Nachmittag mit dem Dichter und Schriftsteller Herrn 
B. zusammen. Dieses Zusammentreffen hatten wir am 
Abend vorher im Kaffeehaus verabredet, in der Ab- 
sicht, eine begonnene Unterhaltung über die drama- 
tische Kunst fortzusetzen. 

Ich hatte die Debatte glücklicli auf die psycho- 
analytische Basis gedrängt und Herr B. begann im 
Zimmer auf und ab zu gehen. Plötzlich blieb er vor 
einer lebensgroßen Ibsenbüste stehen. Sein Gesicht 
nahm den Ausdruck angestrengten Denkens an, seine 
Stirn legte sich in Falten. Ich konnte mir das Ver- 
halten B.a nicht erklären und wartete auf eine Äuße- 
rung, die seine und meine Spannung lösen sollte. Nach 
einer Weile unruhigen Nachsinnens sagte Herr B., 
nach der Büste weisend: 

„Wer iöt dieser Herr? Er konnnt mir so bekannt 

vor." 

Nun mußte ich herzlich lachen. 

„Dieser Herr ist der Apotheker", sagte ich. 

Herrn B.s Gesicht wurde in diesem Augenblick 
vollkommen glatt, aber seine Augen schauten nicht 
sehr glücklich drein, als er gleichsam echote: 

„Ibsen." 



IX Almauacb 19^ 



161 



Herr JJ. wnr also vor Ihgcns I^ortrÄthüsle Htehen 
geblieben und hatto RofragJ, wer dieser „Herr" sei. 
Wer Herrn B. kennt, wird diese Gnsrhichto kaum 
glaubwürdig findon. ilorr IV ist historisch und bio- 
Rraphisch in allen IvUnHien weitläufig bewandert und 
hat sich mit Ibsen oindrinKliob befaßt. Die Ähnlich- 
keit der Skulptur mit ihrem Vorbild steht über jedem 
Zweifel. tTberdies lintte Herr B. die Büste sclion oft 
in douiselhnn b'aiime auf dcmselbon Sockel gesehen 
und manclunal ü!)or sie gesprochen. 

Wir haben eine schwere Gedächtnisstörung vor 
uns. Sie kommt jener gleich, welche sich bei einer 
Jungverheirateten Frau zutrug, die («inige Wochen 
nach der Hochzeit nuf dem gegeniiberliogendou Trot- 
toir einen „Herrn" bemerkte, der ihr „sehr bekannt" 
vorkam, trotzdem der Herr ihr junger Gatte war^. 

Das ICxperimeul, beweist, daß ich die Vorstellung, 
die die Agnoszierung Ibsens durch Herrn B. sperrte, 
richtig erraten hatte. Ans meiner Kenntnis der Vor- 
gefichichte der Störung konnte ich die Hemmung so- 
zusagen durch eine Kurzschlußanalyee lösen und der 
ausgesperrten Vorstellung don unverzüglichen Ein- 
tritt ins Bewußtsein verschaffen, indem ich die sie 
aussperrende Vorstellung beim Namen nannte, wor- 
auf sie gleich dem Gespenst im Mfircben. hilflos wei- 
chen mußte. 

Diese Vorgeschichte ist folgende: 

Ich hatto, wio ich schon nugodeutet habe, am 
Abend vorher mit Herrn B. über dramatische Kunst 
diskutiert und bei der Erörterung der Geiatesgaben, 
die den dramatischen Schriftsteller bestiuu?u»n, mit 
Kecht oder Unrecht behauptet, ein guter Dramatiker 



M Freud. Pftychopitlbnlogir Avh AlUagslebens. 



162 



müsse ein naturwissenschaftlicher Kopf sein. Herr 
B. berief sich dagegen auf Ibsen, der gewiß ein guter 
Dramatiker gewesen sei und dennoch nichts mit 
Naturwissenschaft zu schaffen gehabt habe. 

„Ibsen ist ein schlechtes Beispiel", erwiderte ich; 
„Ibsen hat die Naturwissenschaft sogar praktisch ge- 
trieben, denn er war Apotheker von Beruf." 

Während ich dies sagte, besann ich mich, daß Herr 
B. dies eigentlich wissen müßte, und im nächsten 
Augenblick sagte Herr B. spontan, daß er dies 
„eigentlich" sehr gut gewußt habe und daß er sich 
wundere, daß es ihm nicht eingefallen war und daß 
er darum solch ein ungeeignetes Beispiel gegen 
meine Behauptung geführt habe. 

Nun dämmerte mir, daß ich „eigentlich" wisse, es 
bestehe zwischen Herrn B. und der Vorstellung Apo- 
theker eine nähere Beziehung, die Schuld haben 
könnte, daß es Herrn B. nicht eingefallen war, daß 
Ibsen ein Apotheker gewesen sei. Aber unsere Unter- 
haltung setzte rasch über dieses Intermezzo hinweg, 
ich spann meine Vermutungen nicht weiter und be- 
gnügte mich mit der Feststellung, daß diesmal ich 
es war, der etwas vergessen hatte, was er „eigent- 
lich" weiß. Als aber tagsdarauf Herr B. Ibsen nicht 
wiedererkannte, da kam mir die Einsicht in den ge- 
suchten Zusammenhang plötzlich. 

Gestern hatte Herr B. vergessen, daß Ibsen ein 
Apotheker ist. Heute erkennt er Ibsens Porträt nicht. 
Wahrscheinlich darum, weil Ibsen ein Apotheker ist, 
was er heute nicht mehr vergessen könnte, da ich 
es ihm gestern ins Gedächtnis gerufen habe. Er 
könnte dies umso weniger vergessen, als ihn die 
peinliche Verwunderung, mit der er gestern seinen 
Fehler konstatieren mußte, sehr wahrscheinlich vor 



einem neuerlichen Vergessen, und gar nach einem so 
kurzen Zeitraum, bewahren müßte. Dazu kommt noch 
meine Gegenwart, die ihm dieses Vergessen sehr er- 
schweren und die ihm vielmehr die Verbindung Ibsen- 
Apotheker automatisch ins Bewußtsein zwingen 
müßte. 

Nun ist Herr B. im Angesicht der Ibsenbliste der 
Assoziation Ibsen-Apotheker wehrlos preisgegeben. 
Um der Vorstellung zu entrinnen, bleibt ihm nichts 
anderes übrig, als die mit ihr fest verknüpfte Vor- 
stellung von Ibsen aus dem Gedächtnisse zu schaffen. 
Freilich, er hat allen Grund zu diesem Gedächtnis- 
mord. Die Geschichte, deren Existenz mir füglich 
schon gestern hätte einfallen sollen (da sie mir 
„eigentlich" bekannt war), und für dej-en Ausbleiben 
aus meinem Bewußtsein ich mir die Rechenschaft 
nicht vorenthalten habe, die ich jetzt meinen Lesern 
verschweige, ist diese: 

Herr B. hatte mit der Gattin eines Apothekers ein 
Liebesverhältnis unterhalten. Der Gatte Mar dahin- 
ter gekommen und hatte Herrn B. mit Schlügen be- 
droht, wenn er das Verhältnis nicht aufgeben sollte. 
Es war eine wenig saubere Geschichte. Der betro- 
gene Gatte droht, weil er zu feig ist, zu liaadeln. Herr 
B. aber nimmt die Drohung, deren Ungefährlichkeit 
er wohl zu beurteilen weiß, zum Vorwand, das Ver- 
hältnis, dessen er ohnehin überdrüssig ist, wirklich 
zu lösen. Er ist also nicht weniger feig, als er sich 
stellt, um dem feigen Gatten das Feld räumen zu 
dürfen. Er weiß dies und schämt sich. Da er aus dem 
abscheulichen Konflikt keinen schonen Abgang fin- 
det, will er die ganze Affäre vergessen. 
. ., Zunächst ist es die Vorstellung „Apotheker", deren 
Ausfall den beginnenden Verdiüngungsprozeß an- 



164 



zeigt. Es ist klar, daß diese Vorstellung der Verdrän- 
gungsabsicht am stärksten entgegensteht. Wenn es 
keinen Apotheker im Gedächtnis gibt, dann kann es 
auch keine Erinnerung an eine Liebesgeschichte mit 
einer Äpothekersgattin geben. Darum vergißt Herr 
B., daß Ibsen ein Apotheker war. Nachdem sich durch 
meine Korrektur eine feste assoziative Bindung zwi- 
schen „Ibsen" und „Apotheker" herstellt, vergißt 
Herr B., daß es einen Ibsen gibt. Denn durch die 
Vorstellung Ibsen kann die Vorstellung Apotheker. 
und mit dieser die Erinnerung an die unangenehme 
Angelegenheit mobilisiert werden. 

Indem ich, diesen Zusammenhang erratend, Herrn 
B. das Wort „Apotheker" zuwarf, machte ich die ver- 
suchte Verdrängung zunichte. 

Daß Verdrängungen, die sozial so wichtige Vor- 
stellungen wie „Apotheker" und „Ibsen" (die letztere 
hat ihren großen Wert von der Berufstätigkeit des 
Verdrängers) mitreißen, bei einem sonst normalen 
Menschen keinen sicheren Bestand haben können, 
wird uns natürlich erscheinen. Vorstellungen ver- 
lieren, deren Verfügbarkeit zum täglichen Leben ge- 
hört, heißt seiner geistigen Existenz verlustig wer- 
den. Der Konflikt des Herrn B. war also, da Herr B... 
in der bürgerlichen Gesellschaft den Vorstellungen 
„Ibsen" und „Apotheker" nicht ausweichen konnte 
ohne geistig schwer zu erkranken, vor dem Bewußt- 
werden schlecht geschützt. Der Wiederkehr des Ver- 
drängten sind in einem solchen Falle viel zu viele 

Wege geebnet. 

Wie stark der ungelöste Konflikt zum Bewußtsein 
drängte, sieht man übrigens zunächst daran, daß 
Herrn B. bei der abendlichen Diskussion gerade 
Ibsen einfiel, als er einen nichtnaturwissenschaft- 

165 



liehen Dramatiker nennen wollte. Der Apotheker 
kam als Ibsen verkleidet und forderte Herrn B. zu 
einer Erledigung der moralischen Geschäfte atif. Um 
diese Maske für die Zukunft unbrauchhar zu machen, 
schickt Herr B. auch Ibsen in die Verdrängung. Und 
tagsdarauf erscheint Ibsen als „fremder Herr" und 
präsentiert dieselbe Rechnung. 

Warum aber nuißte Herr B. denn auch gerade vor 
der Ibsenbüste stehenbleiben, da sich an ihr nichts 
Auffälliges verändert hatte, was die Aufmerksamkeit 
auf sich hätte lenken können? Nun, es hatte sich mit 
dieser Büste tatsächlich etwas Auffälliges zugetra- 
gen. Sie war Herrn B. fremd geworden, und so 
mußte sie ihm in diesem Raum, in dem ihm alles 
längst gut bekannt und vertraut war, auffallen. In 
dieser Forui kehrte der verdrängte Ibsen wieder, als 
Bote des verdrängten Apothekers. 

Ein Stück von der paranoischen Mecha- 
nik wird hier durchsichtig. Die Personen, von denen 
der Kranke die Libido abzieht, erscheinen als 
„fremde" wieder^). 



')Das Verhältnis des Herrn b. zu Ibsen, das Vcrliültnis 
eines produktiven Mannes zu einem für ilin vorbildlichen 
Meister, ist dem Vaterkomplex nachgebildet und mit grofion 
Massen Libido besetzt. Ohne diese starke Libidobesetzung 
kann ein so schweres Symptom, wie es Herr B. produziert 
hat, gar nicht Zustandekommen. J)ie starke GegenbeRetzimg 
durch den assoziativ auf Ibsen verschobenen Haß gegen den 
Apotheker ist natürlich mitborüeksiehtigt. Im gewöhn- 
lichen Leben der mit ihren Meistern rivalisierenden Pro- 
duktiven wirf] ikr (lio Gogonbesetzung bewirkende Haß 
aus der Sohneseinstelliüig j^eliefert. JJaher stehen <lie Kon- 
flikte zwischen Meistern und Sciiülern, die nach Selbstän- 
digkeit streben, den schlimmsten Konflikten zwischen 
Vätern und Söhnen gar nicht nach. 



166 



Das Über-ldi 

Von Edoardo Weiss, Rom 

"' Aus „Rivista Italiana di Psicuatialisi^, 

Anno IL, t^Ji- Aus dem Italienischen 

übertragen von Dr. Rickard Sterha. 

In vielen Einzelheiten hat die Analyse das Über- 
ich, das einen so wichtigen Anteil unserer seelischen 
Persönlichkeit bildet, bereits deutlich erkannt und 
sie bemüht sich weiterhin, seine Genese, seine beson- 
dere Art als seelische Instanz, seine Wirkungs- 
weise und seine topische Stellung klarzulegen. Vieles 
ist im Zuge dieser Forsehungsbemühungen bereits 
klar geworden; aber einige Einzelheiten im Pro- 
blemenkomplex des Über-Ichs sind noch im Dunkeln, 
andere verlangen nach Vertiefung der Einsicht» 
manche unserer Vorstellungen sind vielleicht auch 
einer Korrektur bedürftig. 

Wenn wir von allen philosophischen Spekulationen 
über moralisches Empfinden und ethisches Gefühl, 
die bis in die klassische Antike und früher zurück- 
reichen, absehen, müssen wir sagen, daß F r e u d als 
erster den Problemenkreis des Gewissens von rein 
wissenschaftlichen Erkenntnieprinzipien aus einer 
Untersuchung unterzogen hat. Freud unternahm diese 
Untersuchung nicht etwa nur, weil die Tatsache des 
moralischen Empfindens an sich einen sehr wichtigen 
und interessanten Gegenstand der psychologischen 
Forschung darstellt, sondern weil die vertiefte Er- 
kenntnis der seelischen Konflikte ihn notwendiger- 
weise auf die Psychologie des moralischen Gewissens 
stoßen ließ. Und je tiefer er allmählich in der Er- 
kenntnis der neurotischen und psychotischen Bil- 
dungen vordi-ang, umso deutlicher stellte sich ibm das 



Schuldgefühl luit seinen mannigfachen Wirkungen 
und Folgen als wichtigster Faktor dar; das Schuldge- 
fühl setzt aber die Existenz eines Gewissens voraus. 

In dem vorliegenden kurzen Abriß ist es mir un- 
möglich, alle Erscheinungsweisen und Auswirkungen 
dos moralischen Gewissens zu behandeln; weder auf 
seine Bedeutung in den verschiedenen psychischen 
Leidenszuständon, nocli auf seine Umwandlung bei 
der Massenbildung und in der Keligion, noch auf seine 
Funktion beim künstlerischen SchöpfuuKsakt und der- 
gleichen mehr kann ich hier eingelien. Ich werde viel- 
mehr meine Ausführungen auf die historische Dar- 
stellung des Erkenntnisweges und auf die Klarstel- 
lung des heutigen Standes unserer Erkenntnis vom 
Über-lch beschränken. 

Die erste systematische Darlegung über das Ge- 
wissen, das Freud einen Anteil des Ichs nennt, fin- 
den wir in seiner Arbeit „Zur Einführung des Nar- 
zißmus"*), erschienen 1914, in welcher der Autor die 
Ansicht ausspricht, daß die Verdrängung aus der 
Selbsteinschätzung des oigenen Ichs hervorgeht. Heute 
wissen wir durch Freud, daß die Vordrängung aus 
der Angst des Kindes vor einer Gefahr, und zwar ur- 
sprünglich einer äußeren Gefahr, voranlaßt wird 
{Drohungen von Seiten der Erzieher, Angst vor Lie- 
besverlust und vor allem Angst vor der Kastration). 
Diese äußere Gefahr findet in der Folge ihre innere 
Fortsetzung im Zusammenhange mit jener psychischen 
Institution, die eben das Gewissen darstellt. In der ge- 
nannten Arbeit min erläutert Froud auf Grund seiner 
LibidoUiGorie den Unterschied im physiologischen 
Verhalten zwischen einem, der eine Triebregung, 



*) Gesammelte Schriften, Bd. VI, S. 163 ff 



168 



eine Erinnerung, einen Eindruck in sich zurückweist 
oder unterdrückt, und einem anderen, der dieselbe Re- 
gung, dieselbe Erinnerung usf. in sich gewähren läßt 
oder wenigstens bewußt verarbeitet, wie folgt :0 

„Wir können sagen, der eine habe ein Ideal in 
sich aufgerichtet, an welchem er sein aktuelles Ich 
mißt, während dem anderen eine solche Idealbildung 
abgehe. Die Idealbildung wäre von Seiten des Ichs 
die Bedingung der Verdrängung/' 

Diesem Ideal-Ich gilt nun die Selbstliebe, welche in 
der Kindheit das wirkliche Ich genoß- Der Narziß- 
mus erscheint auf dieses neue ideale Ich verschoben, 
welches sich wie das infantile im Besitze aller wert- 
vollen Vollkommenheiten befindet. „Der Mensch hat 
sich hier, wie jedesmal auf dem Gebiete der Libido, 
unfähig erwiesen, auf die einmal genossene Befriedi- 
gung zu verzichten. Er will die narzißtische Voll- 
kommenheit seiner Kindheit nicht entbehren, und 
wenn er diese nicht festhalten kann, durch die Mah- 
nungen während seiner Entwicklungszeit gestört und 
in seinem Urteil geweckt, sucht er sie in der neuen 
Eorm des Ich-Ideals wieder zu gewinnen. Was er als 
sein Ideal vor sich hinprojiziert, ist der Ersatz für 
den verlorenen Narzißmus seiner Kindheit, m der er 
sein eigenes Ideal war." 

Im folgenden spricht Freud von einer besonderen 
psychischen Instanz, deren Aufgabe es sei, darüber 
zu wachen, daß die narzißtische Befriedigung aus 
dem Ideal gesichert sei, und daß diese Instanz zu die- 
sem Zweck unausgesetzt das aktuelle Ich am Ich- 
Ideal messe. „Wenn eine solche Instanz existiert, so 
kann es uns unmöglich zustoßen, sie zu entdecken; 

») L. c. S. 178. 

169 



wir küiiiien sie mir als solciie agnoszieren uiui dürfen 
uns sagen, daß das, was wir unser Gewissen 
heißen, diese Charakteristik erfüllt. Die Anerkennung 
dieser Instanz ermöglicht uns das Verständnis des so- 
genannten Beachtungö- oder richtiger Beobach- 
tu ngs Wahnes, welcher in der Symptomatologie der 
paranoiden Krkrankungen so doutlich hervortritt, 
vielleicht aiicli als isolierte Erkrankung, oder in einer 
Übertragungsneurose eingesprengt vorkonunen kann. 
Die Kranken klagen dann darübei', dali man alle ihre 
Gedanken kennt, ihre Handlungen beobachtet und be- 
aufsichtigt; sie werden von dem Ualten dieser Instanz 
durch Stimmen informiert, welche charakteristischer- 
weise in der dritten Person zu ihnen sprechen. (Jetzt 
denkt sie wieder daran; Jetzt geht er fort.') Diese 
Klage hat Recht, sie beschreibt die Wahrheit; eine 
solche Macht, die alle unsere Absichten beobachtet 
erfährt und kritisiert, besteht wirklich, tind zwar bei 
uns allen im normalen Leben. Der Beobachtungs- 
Wahn stellt sie in regressiver Form dar, enthüllt da- 
bei ihre Genese und den Grund, weshalb sich der Er- 
krankte gegen sie auflehnt.*' 

Im Zuge seiner Ausführungen erklärt Freud die 
Genese des Ich-Ideals, indem er es auf den kritischen 
Einfluß der Eltern, der lOrzieher, der Lehrer und der 
ganzen übrigen Reihe der Personen zurückführt die 
in der Umgebung des Einzelnen und als öffeutl'iche 
Meinung auf dem Wege über die Stimme das Kind 
im Laufe der Entwicklung beeinflussen. 

Fj'GuJ identifiziert dabei Ich-Ideal und Gewissen 
noch nicht, sondern beschreibt vielmehr dieses als 
Wäciiter des Ich-Ideals. 

Ich kann an dieser Stelle nicht dabei verweilen, auf 
einige bedeutende Bemerkungen des Autors, z. B. auf 

170 



jene über die Verwendung und Befriedigung der 
homosexuellen Libido beim narzißtischen Aufbau des 
Ich-Ideals, oder auf die weiteren Gedankenfolgen, die 
sieh daran anschließen, einzugehen. 

Freud betrachtete von Anfang an die Einrichtung 
des Gewissens als eine verinnerlichte Fortsetzung 
der Kritik, ursprünglich der Eltern, später der Ge- 
sellschaft: Verbote oder Hemmungen, von der Außen- 
welt ausgehend, erhalten sich auf diese Weise im 
Innern der Persönlichkeit wirksam. In der Tat wie- 
derholen die Stimmen beim Beobachtungswahn in 
regressiver Richtung die Entstehungsgeschichte des 
moralischen Gewissens und die Selbstkritik des Ge- 
wissens fällt letzten Endes mit der Selbstbeobachtung 
zusammen, auf der sie aufgebaut ist. Nach Freud hat 
dieselbe psychische Tätigkeit, Avelche die Funktion 
des Gewissens übernommen hat, sich auch in den 
Dienst der Innenforschung gestellt, welche der Philo- 
sophie das Material für ihre Gedankenoperationen 
liefert. Dies ist, wie Freud meint, auch für den An- 
trieb zur spekulativen Systerabildung, welcher die 
Paranoia auszeichnet, nicht gleichgültig.*) 

Im Ich-Ideal und in den dynamischen Auswirkun- 
gen des Gewissens erkennt Freud in der gleichen 
Arbeit den Ursprung der Traumzensur, wie ja im 
allgemeinen die Leistung der Verdrängung von ihm 

ausgeht. 

Fassen wir zusammen: In „Zur Einführung des 
Narzißmus" unterscheidet Freud zwischen Ich-Ideal 
und dem eigentlichen Gewissen; dieses sei eine 
seelische Tätigkeit der Selbstbeobachtung und Selbst- 
kritik, welche darüber wacht, daß das Ich dem Ich- 



') op. cit. S. 181. 



171 



Ideal entsprechend sich verhalte. Die Überwachung 
dieser Übereinstimmung zwischen Feh und Ich-Ideal 
wäre demnach die Hauptaufgabe des Gewissens. Und 
derselben psychischen Tätip^keil, welche diese Anf- 
gabe erfüllt, obliegt auch die Aufgabe der Seibat- 
beobachtung im allgemeinen. In dieser Arbeit also 
macht Freud die Selbstbeobachtung noch nicht vom 
Ich-Ideal abhängig. 



Die Arbeit über „Totem und Tabu" stellt einen 
entscheidenden Schritt dar zum größeren Verständnis 
des Ich-Ideals. Dieses leitet sich danach vor allem 
vom Vater her, so wie er dem Kinde in der ersten 
Lebenszeit erscheint. Es handelt sich hier um psycho- 
logische Mechanismen, die im wesentlichen auf der 
prähistorischen Vorzeit der Menschen beruhen und 
tleren Sicherung und Kraftverhältnisse somit phylo- 
genetischen Ursprungs sind! Halten wir uns gegen- 
"ürlig, daß. wie Freud uns lehrt, die Identifizierung 
Qes Kindes mit einem anderen Wesen der erste Aus- 
druck einer Gefühlsbildung an dieses Wesen ist: 
^^^enn das Kind jemandem wohl will/will ee so sein 
^ie er. Aber zu gleicher Zeit drückt es in dieser 
I<Ientifizierung die Tendenz aus, sich an seine «teile 
zu setzen und ihn so zu beseitigen, 

Wir können daher sagen, daß die Identifizierung 
^nch eine Ambivalenzeinstelhing gegen jene Person, 
^'^ fler man sieh identifiziert, gefördert wird. Dieser 
^■ozeß gewinnt seine größte Bedeutung in der Vor- 
geschichte des Ödipuskomplexes. Während der Knabe 
'is Liebe zur Mutter nach ihrem Besitz strebt, ver- 
^'^'aßt ihn seine Beziehung zum Vater anderseits da- 
^> ihn als Vorbild zu nehmen und sich mit ihm zu 
172 



identifizieren. Der kleine Knabe möchte also in allem 
den Platz des Vaters einnehmen, mit ihm identisch 
sein und dementsprechend will das kleine Mädchen 
sich an Stelle der Mutter setzen. Nur nebenbei wollen 
wir erwähnen, daß sich beim kleinen Mädchen 
dieser psychologische Prozeß durch die präödipale 
Mutterbindung und durch den Männlichkeitskomplex 
verwickelt. Erinnern wir uns noch daran, daß sich 
auch das männliche Kind in wechselndem Maße mit 
der Mutter identifiziert und daß im allgemeinen der 
Ödipuskomplex mannigfache Komplikationen und Ab- 
kömmlinge aufweist. 

Ich setze voraus, daß der Zusammenhang zwischen 
Identifizierung und Oralität bekannt ist. Der oralen 
Phase haftet sowohl die Libido als auch der Aggres- 
sionstrieb an; die Triebregungen dieser Phase sind 
also ambivalent Eine unbewußte Identifizierung mit 
jemandem bedeutet somit die orale Introjektion die- 
ses Objekts. In seiner Arbeit über den Totemismus 
hat Freud diese Zusammenhänge erschöpfend dar- 

fele*''t. - 

" In "„Massenpsychologie und Ich-Analyse'") setzt 
Freud seine Ausführungen über die Identifizierung 
iort, indem er sieh dabei auf seine Studie über die 
Melancholie') beruft: Die Selbstanklagen des Melan- 
cholikers seien in Wahrheit Anklagen gegen eine 
andere Person, die vom Melancholiker introjiziert 
worden ist, der Melancholiker gleiche sich in einem 
Anteile seines Ichs damit dem Objekte an. Die affek- 
tive Bindung an das Objekt ist dabei eine ausgespro- 
chen ambivalente. Sich selbst anklagend, klagt also 
der Melancholiker sein Objekt an. In seinen Ausfuh- 

" ') Ges. Sehr. Bd. VI, S. 259 ff. 

I =) Ges. Sehr., Bd. V, S. 535 ff. Trauer und Melancholie. 

173 



ruugen fortfahrend, erläutert Freud, daß jenem An- 
teil des Ichs, der sich mit der Person, gegen die sich 
die Anklagen ursprünglich richten, identifiziert hat, 
ein anderer Teil der PerHönlichkeit sich gegenübex-I 
stellt, und zwar eine kritische Instanz, was also 
zeigt, daß nicht alle Identifizierungen mit einem an- 
deren Objekt zu solciien Bildungen lühren müssen^ 
wie sie das tTber-lch darstellt. 

An dieser Stelle beruft sich Freud auf seine Arbeit 
über den Narzißmus, in der er sagt: „Wir nannten 
sie (diese kritische Instanz) das ,Icli-Idear und 
schrieben ihr an Funktionen die Selbstbeobachtung, 
das moralische Gewissen, die Traumzensur und den 
Haupteinflnß bei der Verdrängung zu...** Während 
er also in seiner Arbeit über den Narzißmus eine 
eigene psychische Tätigkeit unterscheidet, deren Auf- 
gabe es sei, unausgesetzt das aktuelle Ich zu beob- 
achten und am idealen Ich zu messen, damit die nar- 
zißtische Befriedigung am Ich-Ideal garantiert sei, 
und während er als diese Tätigkeit das moralisch© 
Gewissen erkennt, spricht er in „Maseenpsychologio 
und Ich-Analyse" so, als hätte er Gewissen und Ich- 
Ideal ohne weiteres zusammenfallen lassen. 

Wir müssen annehmen, daß es eich dabei um einen 
Fortschritt in der Erkenntnis des Über-Ichs handelt 
der vom Autor nicht ausdrücklich hervorgehoben* 
sondern unbemerkt eingeführt worden ist 

Wiederholen wir: In der ersten der beiden genann- 
ten Arbeiten strebt das Gewissen nach der Identi- 
fizierung des Ichs mit dem Ich-Ideal, in der zweiten 
betrachtet Freud das Gewissen alR die bereite er- 
rf^lchte Jdontifimrung eines Teiles des Ichs mit sei- 
nem Ideal. Dieser Teil würde sich dabei von der 
übrigen Persönlichkeit absondern, und das Ergebnis 

174 



der Introjektion des Ich-Ideals darstellen. Nach der 
zweiten Auffassung ist es eben dieser differenzierte 
Anteil der Persönlichkeit, der eine kritische, und wie 
wir in der Folge sehen werden, auch strafende Funk- 
tion ausübt für Triebregungen, die im Es wurzeln 
und von ihm verurteilt werden. 

Ich habe bereits hervorgehoben, daß wir uns mit 
verwickelten Verhältnissen zurechtzufinden haben 
und daß wir, soweit unsere Forschung das Über-Ich 
betrifft, noch nicht zu klaren und eindeutigen Auf- 
fassungen gelangt sind; daß wir uns daher in vielen 
Teilen mit dunklen und schattenhaften Vorstellungen 

begnügen müssen. 

Unsere Frage richtet sich zunächst nach dem An- 
trieb, der die Identifizierung selbst bewegt. Jene 
psychische Instanz, welche nach der oben aufgezeig- 
ten Auffassung Freuds die Identifizierung mit dem 
geliebten Objekt (Ideal) sicherte, ist jetzt verschwun- 
den, denn diese Funktion der Selbstbeobachtung und 
Selbstkritik ist vom bereits introjizierten Ich-Ideal 
übernommen worden. Nehmen wir da zur Kenntnis, 
daß Freud^) in „Das Ich und das Es" sagt: „Wenn 
das Ich die Züge des Objektes annimmt, drangt es 
sich sozusagen selbst dem Es als Liebesobjekt auf, 
sucht ihm seinen Verlust zu ersetzen, indem es sagt: 
,Sieh, du kannst auch mich lieben, ich bin dem Ob- 
jekt so ähnlich'." Und dieser Anteil der Libido, der 
infolge der Identifizierung des Ichs mit dem gelieb- 
ten Objekt ins Ich zurückkehrt, bildet den „sekun- 
dären Narzißmus". 

Falls sich in einem Individuum Identifizierungen 
mit mehreren Personen bilden, führen sie zur söge- 



*) Ges. Schrf., Bd. VI, S. 374. 



175 



nannten multiplen Persönlichkeit; es kön- 
nen auch zwischen den einzelnen identifizierten Ich- 
Anteilen Konflikte entstehen. Wir wollen noch er- 
wähnen, daß Freud in „Das Ich und das Es" das erste 
Mal für Ich-Ideal die Bezeichnung Uber-Tch ge- 
braucht, mit welcher er die erste und bedeutsamste 
Identifizierung des Individuums, die mit dem Vater 
der persönlichen Vorzeit, bezeichnen will. Das intro- 
jizierte Ich-Ideal kann gegebenenfalls wieder aus dem 
Ich hinausgestellt werden, wie es z. B. beim Führer 
in der Massenbildung der Fall ist, der das Ideal jedes 
einzelnen Mitgliedes der Masse repräsentiert/) Auch 
beim Phänomen der Hypnose übernimmt der Hypno- 
tiseur dem Hypnotisierten gegenüber in einem ge- 
wissen Ausmaß jene Macht, die ansonsten das Ich- 
Ideal über die Person hat.^) ■ ■ 

Eine Bemerkung Freuds, die die Beziehung des 
Ich-Ideals zur Kealltätsprüfung betrifft, war der Aus- 
gangspunkt für einiges Mißverständnis. Ich will kurz 
darstellen, worum es sieh handelt: In seiner Arbeit 
„Metapsyehologische Ergänzungen zur 1'raumlehre"*) 
spricht Freud von den großen Institutionen des Ichs 
und unterscheidet dabei die Realitätsprüfung und die 
Zensuren zwischen den psychischen Systemen. In 
„Massenpsychologie und Ich-Analyse" sagt Freud, in- 
dem er diese Ausführungen ergänzt: „Daß das Ich 
traumhaft erlebt, w^as er (der Hypnotiseur) fordert 
und behauptet, mahnt uns daran, daß wir verabsäumt 
haben, unter den Funktionen des Ich-Ideals auch die 
Ausübung der Realitätsprüfung zu erwähnen Kein 
Wunder, daß das IcJ) em Walirnehuuing für real 



*) Massenpsyehologie und Ich-Analyse, Bd. VI, S. 314. 

^) op. cit. 

*) Ges. Sehr. Bd. V, S. 632. 

176 



hält, wenn die sonst mit der Aufgabe der Realitäts- 
prüfung betraute psychische Instanz sieh für diese 
Realität einsetzt."^) In einer Fußnote allerdings äußert 
Freud Zweifel, ob die Zuteilung dieser Funktion an 
das Ich-Ideal berechtigt sei. In „Das Ich und das Es" 
bezeichnet er in einer Fußnote^ die Zuweisung der 
Funktion der Realitätsprüfung an das Über-Ich als 
irrig und korrekturbedürftig und meint, es würde 
durchaus den Beziehungen des Ichs zur Wahrneh- 
mungswelt entsprechen, wenn die Realitätsprüfung 
seine eigene Aufgabe bliebe — d. h. also die Aufgabe 
des Ichs und nicht des Über-Ichs. 

Die Kritik aber und die Beurteilung der Handlun- 
gen haben nichts mit der Realitätsprüfung zu tun, sie 
sind vielmehr Funktionen des Über-Ichs. Um in die- 
sem Punkte klarer zu sein, will ich zu einem Ver- 
gleich greifen. Nehmen wir an, ein Reisender käme 
auf seiner Reise in ein ihm völlig unbekanntes Land. 
Er weiß nicht, wie er die Besonderheiten des Landes 
deuten nnd einsehätzen soll, die er beobachtet, und 
was er vom Benehmen der Bevölkerung, mit der er 
nicht vertraut ist, halten soll. Um sich in dem Lande 
orientieren und zweckmäßig handeln zu können, und 
die eventuellen Gefahren vermeiden zu können, wird 
er sich einen erfahrenen Führer wählen und sich ihm 
anvertrauen. Ebenso wäre das kleine Kind völlig ver- 
loren und desorientiert in der Welt, wenn es nicht 
in seinen Eltern und anderen Erwachsenen Führer 
und Stützen hätten, denen es sich blind anvertrauen 
kann. Das Über-Ich mm ist nichts anderes als die 
innerseelische Fortsetzung dieser Autorität in der 
Kindheit. Auch der Erwachsene emanzipiert sich 



*) Ge8. Sehr., Bd. VI. S. 314. 
=») Ges. Sehr., Bd. VI, S. 372. 

12 Alinanauti I9ä4 177 



nicht völlig vom eigenen tTber-Icli, sondern beurteilt 
und kritisiert mehr oder weniger die Handlungen, 
die er beobachtet, und die verschiedenen Lebene- 
situationen mit dem Auge des tTber-Ichs. Meist macht 
er sich die Urteile des Über-Icha zu eigen, welche er 
sekundär durch Gründe und Scheingründe zu recht- 
fertigen sucht. Es ist eine Tatsache, daß die An- 
sprüche des Über-Ichs unsere Urteilsfähigkeit we- 
sentlich beeinträchtigen. Daraus kann man ersehen, 
welche große Bedeutung für die Bildung des Über- 
Ichs das Beispiel der Erwachsenen in seinem Ein- 
fluß auf die kindliche Psyche hat. 

Soweit wir es also bisher erläutert liaben, bildet 
sich das Ober-Ich aus einem differenzierten Anteil 
des Ichs, in Angleichung an den Vater oder an die 
Eltern (oder wer immer sie vertritt), wie sie dem 
Kind in den Anfängen seiner Entwicklung erschei- 
nen. Der Teil des Ichs, der die Selbstbeobachtung 
und die Selbstkritik übernimmt, stellt sich dem übri- 
gen Ich, an das auch dio Triebregnngen des Es an- 
langen, gegenüber. Das V.\)§T-lch ist also entstanden 
rfurcfi den Vorgang der Identifizierung, oder der 
oralen Intro^ektion, als ein Niederschlag des Ödipus- 
komplexes. Dieser Komplex geht an der Angst des 
Kindes vor dem verbietenden und strafenden Vater 
(oder vor den Eltern) in der realen Außenwelt zu- 
grunde und wird in der Folge vom Über-Ich, das ja 
die innerseelische Fortsetzung der Existenz des 
A'aters darstellt, an seiner Wiederkehr gehindert 
Der übrige Teil des Ms, äcv beobachtete und kriti- 
ß/er^e Anteil desselben, kann sich nicht in allem dem 
Vater gleichsetzen, denn einige der Vorrechte des 
Vaters sind dem Ich nicht gestattet (z. B. die Be- 
ziehung zur Mutter). Der ödipTiskoinplex also wird 



178 



radikal zertriimniert und das Über-Ich tritt sein 

Erbe an. 

Einen beträchtlichen Fortschritt für das Verständ- 
nis der Dynamik des Über-Ichs bedeutet das Stadium 
des Schuldgefühls. Dieses Gefühl drückt die Span- 
nung aus zwischen den Forderungen des Über-Ichs 
und dem, was das Ich unter dem Einfluß der Strebun- 
gen des Es tut oder tun möchte. Man könnte das 
Über-Ich und das Es als die beiden Gegner betrach- 
ten. Freud macht besonders das unbewußte 
Schuldgefühl zum Gegenstand einer genauen Unter- 
suchung, da sich gerade dieses in mannigfachen For- 
men äußert. Das unbewußte Schuldgefühl erzeugt 
ein Strafbedürfnis und dieses Strafbedürfnis wurde 
-als eine der Hauptursachen des neurotischen Leidens 
und als Ursache des heftigsten "Widerslandes gegen 
die Heilung erkannt. Das Leiden der neurotischen 
Erkrankungen entspricht dem strengen Anspruch des 
Über-Ichs, vor allem seiner Straftendenz. 

Die Strenge, man könnte vielfach sagen die Grau- 
samkeit und Unerbittlichkeit des Über-Ichs, die sich 
in der Strafe absättigt, bedarf zu ihrer Erklärung 
weiterer Erkenntnisse. Erst durch sein Studium der 
psychologischen Triebgrundlagen konnte Freud die 
Erkenntnisse erlangen, die für das Verständnis der 
Strenge des Über-Ichs unerläßlich sind.*) 

ICs ist die Lehre vom Todestrieb, respektive vom 
Aggressionstrieb, mit der wir ja bereits vertraut sind, 
die\ier zur Förderang des Verständnisses einsetzt. 
Aus den diesbezüglichen Forschungsergebnissen und 

1) Vgl. Freud: „Jenseits des Lustprinzips", Ges. Sehr., 

BU. VI, ä 189 ff. T .., , ■ » 

Siehe auch Edoardo Weiß: „Libido cd aggressioiie . 
„Rivieta Italiaiia dl Psicoanalisi", vol. T-. fasc. 1. 1932. 

12* 179 



aus ihren Bestätigungen in* der Tlierapie zeigte es 
sich als gesichert, daß das Über-lch in seiner Straf- 
tendenz (Selbstbestrafungstendenz, wenn man es vom 
Standpunicte der GesamtpersÖnlichkeit aus betrach- 
tet) jene aggressiven Energien zur Abfuhr bringt, 
die seinerzeit das Individuum nicht gegen die Außen- 
welt (gegen den Vater) wenden konnte; diese Ener- 
gien haben sich, von der Auswirkung in der Außen- 
welt abgehalten, auf dem Wege über das Uber-lch 
gegen das Individuum gekehrt. Zur Auffassung 
Freuds, daß sich das Über-Ich durch einen Prozeß der 
Introjektion des Vaters, bezw. der Eltern, der auto- 
ritativen Persönlichkeiten, wie sie dem Einzelnen in 
der Kindheit erscheinen, bildet, tritt also die Er- 
kenntnis dazu, daß dieser differenzierte Anteil des 
Ichs, den das Über-Ich darstellt, in seinen Funktionen 
der Hemmung und Bestrafung jene destruktiven 
Triebenergien zum Ausdruck bringt, die dem Todes- 
trieb entstammen und aus dem Es kommen. Der Todes- 
trieb ist bekanntlich ein biologisch primär gegebenes 
Streben. Von dem oft bedeutenden Widerstand gegen 
die Heilung, der von der Überstrenge des Über-Ichs 
ausgeht und sich der Genesimg widersetzt, weil das 
neurotiscbeLeiden alsStrafedenTodestrieb befriedigt, 
spricht Freud ausführlich in „Das Ich und das Es".') 
Welche Bedeutung die negative Übertragung auf 
den Arzt in der Therapie hat, ist bekannt. In dieser 
Übertragung schafft sich der Aggressionsti-ieb gegen 
die Außenwelt (gegen den Vater) Abfuhr, dor in der 

JiinäMt iS/l&nmi wurde und die Strenge des Über- 
ichs verursacht hat. Alexander^) weist mit Ilechl dar- 



') Ges. Schrf., Bd. VI, S. 394/395. 

^) Psychoanalyse der Gesamtperaijnlichkeit. Int. Psa. 

Verl. Wien 1927, S. 167/168. 

180 



auf hin, daß bisweilen ein allzu milder Vater, der 
dem Kind keine Veranlassung gibt, auch seine feind- 
seligen Gefühle gegen ihn zu wenden, zum Anlaß für 
die Bildung eines allzu strengen Über-Ichs im Kinde 
wird. Mit diesen dynamischen Grundlagen der Über- 
Ich-Bildung haben sich zahlreiche analytische Auto- 
ren, vor allem Alexander^) und Reik=*) befaßt. Mit 
dem Geständniszwang in der Kriminologie beschäf- 
tigte sich im besonderen Alexander,*) indem er an 
Gedankengänge anschloß, die Freud*) Jahre vorher 
<^egangen war. Die Bedeutung dieser Forschungs- 
ergebnisse in der Pädagogik verdienten eine eigene 
Behandlung.'*) 

Ich will an der Art, wie ein Mädchen triebhaft Ihr 
Schuldgefühl verringerte, erläutern, welchen Anteil 
die Aggression an diesem Schuldgefühl hatte. Ein 
Mädchen von bürgerlicher Erziehung unterhielt, na- 
türlich ohne Wissen der Eltern, eine Liebesbezie- 
hung. Sie tat dies mit nicht ganz reinem Gewissen, 
ihr Über-Ich, das -hauptsächlich nach der Mutter ge- 
bildet war, deren Liebe sie um nichts verlieren wollte, 
hemmte ihre erotischen Wünsche in hohem Maße, sie 
fühlte sich nicht frei. Es ist zu bemerken, daß das 
Mädchen, bevor sie die Beziehung einging, ein wenig 
frech war und sich nicht leicht etwas sagen ließ. Von 
dem Moment der Beziehung an wurde sie gehorsam 



■^j u!'a.*in: „Geständniszwang und Strafbedürfnis*'. Int. 

Psa. Verl. Wien 1925. , ^ ,. ^ , , • 

3) Alexander und Staub: „Der \ erbrecher und seme 

Richter'*. Int. Psa. Verl. Wien 1929. 

*) Freud- „Der Verbrecher aus Schuldgefühl , Ues. 

Sehr., Bd. X. S. 312 ff. . 

=) E. Weiß: „II delitto. conseguenza psicologica del bi- 
sogno di confessione", „Rivista Italiana di Psicoanahsi . 
vol. I-, fasc. 2/3, 1932. 

181 



mi 



und ilireii Eltern gefügig, die darüber sehr befriedigt 
waren, daß die Tochter sich so zum Guten verändert 
habe; sie beantworteten ihrerseits diese günstige Ver- 
änderung mit einer erhöhten Zuneigung. Eines Tages 
erfuhr die Mutter von der Beziehung und machte, ent- 
rüstet und empört wie sie war, der Toeliter die bit- 
tersten Vorwürfe. Dies bedeutete für die Tochter 
einen heftigen Schock und erhölite das Schuldgefüiil, 
das schon vorhanden war, beträchtlich. Interessant 
ist nun die Haltung, die sie gegenüber dem Geliebten 
daraufhin einnahm. Nicht nur ihre erotischen Ge- 
fühle, die schon bisher durch die Hemmung des Über- 
Tchs abgeschwächt gewesen waren, wurden nun aus 
ihrem Bewußtsein völlig herausgedrängt, sondern sie 
benahm sich auch gegen ihren Geliebten äußerst 
aggressiv und grausam. Gleichzeitig aber minderte 
sich ihr Schuldgefühl und versehwand allmählich 
gänzlich. AVie sollen wir metapsychologisch den Zu- , 

sammenhang zwischen dem Auftauchen der Aggres- 
sion und dem Verschwinden des Schuldgefühls ver- 
stehen? Die Erklärung ist folgende: Im Schuldgefühl 
war ein Stück Autoaggression vorhanden, das sich in 
Verzichten, in einer übertriebenen Gehorsamkeit 
gegen die übrigen Forderungen der Eltern, in Selbst- , 

bestrafungsakten und in Gewissensbissen äußerte. Es ! 

bestand daher in ihr ein Bestreben, die Aggression 
und Grausamkeit des Über-Ichs loszuwerden. Diese 
Befreiung konnte nur dann geschehen, — wir sehen 
hier von psychoanalytisch-therapeu tischen Eingriffen ^M 
ab, — wenn die Energien der Aggression gegen ^B 
eine Person der Außenwelt abgelenkt werden und^so 
dem eigenen Ich diese Aggression erspart blieb. Die 
nächste Person, gegen die sie die Aggression wen- 
den konnte, war — abgesehen von den Eltern, die den 

182 



1: 



Verzicht forderten^ — gerade ihr Geliebter, der die 
eigentliclie Ursache für ihr Schuldgefühl war. Wenn 
8ie nun durch ihre Aggression gegen den Gehebten 
die Beziehung, derentwegen sie sich schuldig fühlte, 
zerstörte, wirkte ihr Verhalten, das ihr außerdem ver- 
nünftig und folgerichtig schien, ihrem Schuldgefühl 
entgegen. Je mehr Aggression sie gegen den Geheb- 
ten wendete, umso mehr nahm die Strenge des Über- 
Ichs gegen sie ab, als ob das Über-Ich den Geliebten 
als den Schuldigen betrachtete und nun gegen ihn 
wütete. Wie sehr dem Mädchen auch ihr Verhalten 
vernunftbedingt schien, es war doch bedingt durch 
den Anspruch des Über-lchs. 

* 

Mit dem fortschreitenden Studium der verschie- 
denen Neurosen- und Psychosenformen wuchs die Be- 
deutung des Über-lchs außerordentlich. Das Über-Ich 
müssen wir für verschiedene Erkrankungsformen ver- 
antwortlich machen, deren Studium in das Gebiet 
der Neurosenlehre gehört. Beim manisch-depressiven 
Irresein z. B. gewinnt bald das Über-Ich eine Über- 
macht und stürzt sich mit aller seiner Grausamkeit 
und Rücksichtslosigkeit auf das Ich, bald triumphiert 
das Ich, das vom Es überrumpelt worden ist, in der 
manischen Phase über das Über-Ich, ans dessen Macht 
es sich befreit hat. 

Ich habe vor einigen Jahren den Anteil des Über- 
Ichs an der Vei'ursachung der melancholischen, mani- 
schen und paranoischen Erkrankung untersucht.^) 

'■ 1) Die i^ßlose Sehnsucht nach der Mutterliebe hielt die- 
sen Weg der Abfuhr der Aggressiou versperrt. 

,-;i%e\&- Der Vergiftungswahn im Lichte der Intro- 
jektLs- m^d Proloktionlvorgfnge". Int. Ztschr. f. Psa.. 

XII, 192G, S. 4CGff. . -. 

183 



Einige Boobacl,t„„ge„. die ich an memen Anstalt« ' 
pat.enten ,„aol.te, ließen ,nich klar untejeid ^ "w!" 

ekt" ,e7:,'°'t'," '"^'■"^'"'' ""^ verfolgende^ I,Z" 
jekt lie, der Afelanelu.üe bleiben beide In(roiek(e 1 

SS:^:;:, St \'"' ''^"'"^'•' ■•'"■'^«•^ ^''- ^^« 

fe^.OHRion beim Kranken gegen ihn «elhst Bei der 

?ntrikt7;i^^ r r"" ''^"^•""-" •'- -•^"'« - 

Ott A !n ,' '^"'^^"'^«": »n'l i" der Tat greifen 

n d r wi: '"'T" '"'■ ^^""- >"'■" ''"Verschied 
foll h • T'""' •"" '>"'• ■''»■•anoiker ausübt er- 

IZ s"p;r.rd':r wi;- '-'-"■'T "'^•^' --^ ^-^'^ 

werden Bei de!- ^.-^''"Vorstellung, verfolg! .„ 

welt pro zilr „n f ^''"' ''"^ '" '»'<' '^"ß^"- 

daher de t-a . r '"'" ^''^'"«<"- "■'■■'^- ""d -«"" 

teidigung GegenaggreHsion oder zur ^■or. 

faß't"Froüd'«^"'V'°''' Unbehagen in der Kultur"-) 

chs Han " ^^""""" "*'«'• •"" G"'"'«'' -l"« Über- 

ICHS klar zusan^men, indoiu er eventuelle IrrtUnier 

in d,e manche seiner Le«er geraten sein mögen zu 

ber,cht,gen sucht. Die Genese des Übor-Ic ,° isi i^ 

den Vater, d,e phylogenetisch abgelaufene T»?^ 
Vatern,ordo8 aus HafSrognng gn/en hf ^^ 

Einverleibung. Die Liebe Ju ihm kön S' J'kh """'^ 
Geltung, nachdem der Haß sie L/Zt.Tf ^ """ 
^eugt ein Gefühl der JJeue über de Tat l i T "" 
dieser Liebesbeziebung zum Vater erlteHte" ^""T 
..n über-lch (in der Projektion H.up?,:';; ^ ^^ 



184 



') I»l. Pea. Verl.. 2. Aufl.. Wien. 1932, S. loOff. 



OIA!iTOY< TYPAKNCi 




S^:'; K'h.n.n .inov V.u. .u Siju. Kreml. .-. üeburts- 
"' lag in Tokio stnttgefuniUMi bat. 



und jeglicher Art von Autorität) und das Ich unter- 
wirft sich ihm. Diese Phasen wiederholen sich 
psychologisch auch in der Ontogenese. Die Strenge 
des Über-Ichs kommt aus dem eigenen Todestrieb, 
soweit er nicht gegen die Außenwelt gewendet wer- 
den konnte. Das Schuldgefühl drückt letzten Endes 
die Spannung zwischen Über-Tch und Es aus. 

Man darf aber nicht annehmen, das Über-Ich sei nur 
aergressiv; es kann auch bisweilen die Rolle eines 
Trösters nehmen, wie Freud in seiner Studie über 
den Humor*) gezeigt hat. 

- * ■ 

Aus dem Studium zahlreicher Fälle, welche ein be- 
wußtes Schuldgefühl aufweisen, muß ich sagen, daß 
das Über-Ich, das in seiner Projektion mit dem 
Schicksal zusammenfällt, mit Gott, mit der behörd- 
lichen Autorität usw. durch den psychologischen 
Prozeß der Introjektion allein nicht erklärt werden 

Das Über-Ich ersteht auch meiner Ansicht nach-") 
in jenen Personen, gegen die man sich schuldig fühlt; 
sie sind jeweilige Vertreter der Imago, der das Über- 
Ich entspricht. Da diese Imago dem Es entstammt, in 
dem es keinen Unterschied zwischen real und irreal 
gibt nimmt das Individuum dieser psychischen Imago 
gegenüber eine Einstellung an, als ob es sich in Ihr 
um eine real anwesende Person handelte. Im übrigen 
wird die Tatsache, daß sich der Schuldige von der 
lebhaften Vorstellung seines Opfers gequält fühlt. 



»^ fips Sehr.. Bd. XI, S. 429 u. , . . yvi t«u" 

= E Weiß: „Regression und Projektion im Über-Ich , 

T . ^»7* 1 f Pc.. \VTTT iqS'' S 21. Vgl. auch Int. Journ. 
Int. Ztschr. f. Psa. A\ Hl. ii«-' ^- f*VvTTT q iiQ ff 
of Psychoanalysis. London 1932. Bd. XVIII. S. 449 ff. 



185 



von SchriflsteUeni und Dichtern als häufiges Motiv 
verwendet. Der Schuldige wird bei Tag und Nacht 
von der lebendigen Iniago seines Opfers wie von 
einem Gespenst verfolgt und wenn die Schuld eine 
Mordtat ist, kann der Getötete dem Mörder auch als 
eidetische oder halluzinatorische Erscheinung Angst 
und Schrecken einjagen. Die Erinnyen symbolisieren 
m großartiger Weise diese Form der Gewissensbisse. 
Es sind Fälle bekannt, in denen ein Mörder sich nach 
vielen Jahren dem Gerichte stellt, weil er sich vom 
„Geist" des Ermordeten verfolgt fühlt. 

Ich vermag nicht zu entscheiden, ob diese Tmaginea 
nur Projektionen vorher introjizierter Objekte sind 
ob sie etwa Phasen entsprechen, die der Introjektion 
vorausgehen oder ob am Aufbau des Über-lchs selbst 
nicht außer der Identifizierung noch Vorstellungs- 
elemente beteiligt sind. Das aber «ind Spezialfragen, 
üie der Klärung noch Iiarren, und besonderer Studien 
bedürfen. In seinem letzten Buch') sagt Freud, nach- 
dem er das Über-lch erläutert hat: „Ich bin von die- 
sen Ausführungen über die Idenlifizierung selbst 
durchaus nicht befriedigt, aber genug, wenn sie mir 
^geben können, daß die l-^insetzung des über-lciis 
als ein gelungener Fall von Identifi.ieruug mit der 
Elterninstanz beschrieben werden kann - Ein ein 
zzges neues Moment fügt Freud in diesen. w"k der 
Lehre vom Über-lch hinzu uimlinK • ^^^'^ «ö^ 

Stellung. Bisher reichte da 'meü T"' ''^^'''** 
differenzierten Teil des Ichs .^ ' *""' ^*"^'" 

standhch angenommen, daß es im Vi... «^^"»i-vei- 
186 



ins Es reichen, da es aus dem Ödipuskomplex seinen 
Ursprung nimmt, der durch die Verdrängung ms Es 

verbannt ist. ... , 

Hier bin ich mit meinen Ausführungen über das 
Über-Ich zu Ende; ich habe mich auf die hauptsäch- 
lichsten Punkte beschränkt, vor allem auf die histo- 
rische Entwicklung der Lehre und auf den gegen- 
wärtigen Stand unseres Wissens, indem ich auch dabei 
von mannigfachen Einzelheiten absah. Wer genauere 
Kenntnisse über diesen wichtigen Teil unserer psy- 
chischen Persönlichkeit erlangen will, mag sich an 
die Arbeiten der hier wiederholt zitierten Autoren 



wenden. 



187 



liJ-ziehungsberatuny 

Von Augusf Aidihorn, Wien. 

.«..,,.,„,„«, »„„rc;: fr* ":/r 

• ßemrer«), ßrfiVAa <;,,;, / " W^'^ ("^'^'^ ärztliche 

besonderer Sorge um" dTe"nT n"^"' "^"" ^'« >»"« 
ängstlich nach RichUintn '^"'^'«'^'™g ^es Kindes 
«sehe Bedeutung dp7p, ''^"- ^'^ P'-oP^iak- 
«ehr wenig e,Znt ^"'^'"'"^«''--'-«" -ird noch 

Der Name Erziehungsberatung deckt den Anf 
gabenkreis dieser Einrichtung nicht oltL. 

sSnSe^i;:rur -"- - - 



bedingen, mannigfache andere Unlerslützung geboten 

Eine' „psychoanalytische Erziehungsberatung 

könnte sick gewiß auf besondere .f '^^''-f-f ^^^^ 
nur jene Erziehungsschwierigkeiten behandeln, die 
in abnormen psychischen Situationen und Kons Di- 
lationen von Kind und Erziehungspersonen Eltein) 
begründet sind .md nur eingreifen, wenn der Erzie- 
hungsnotstand durch eine psychoanalytische Behand- 
lung zu beheben ist. Sie könnte dann allerdings ^ 
wenn genügend Analytiker ^ur Mitarbeit bereit stun- 
den - für sich allein bestehen, würde aber m diesem 
Falle nur einen ganz geringen Bruchteil des Erfor- 
dernisses decken. Soll eine psychoanalytische Erzie- 
hungsberatung aber auch all den Ansprüchen genü- 
gen, die an die Erziehungsberatung überhaupt ge- 
stellt werden, dann kann sie nicht für sich isoliert 
bleiben, sondern wird sich in eine umfassende Orga- 
ni,sation der privaten oder öffentlichen .Tugendfür- 
sorge organisch einbauen müssen. 

Im ersten Fall bedarf der Psychoanalytiker als Er- 
ziehungsberater keiner wesentlichen pädagogischen 
Schulung; andernfalls aber kommt er ohne gründliche 
Kenntnisse und Erfahrung als Erzieher, Jugendfür- 
sorger und ausgebildeter Wohlfahrtspfleger nicht aus. 
Ohne auf Anforderungen, die sonst an den Erzie- 
hungsberater zu stellen wären, näher einzugehen, 
erscheinen noch zwei Feststellungen grundsätzlich 
wicht!« Die Eigenart der Erziehungsberatung er- 
JovLt rasches Erfassen, rasches und zutreffendes 
Beurteilen von Menschen und Situationen und siche- 
res Entscheiden. Von allen Erziehungsarbeiten ist die 
Eizfehungsberatung die schwierigste Erlerntes Wis- 
sen reichf allein nicht aus, es muß ein Können dazu 



189 



f' 



kommen, das nur durch Erleben in der Erziehungs- 
arbeit selbst erworben werden kann. 

Der Vermicli, die Fälle der Erziehungsberatimg zu 
klassifizieren und zu typisieren, wäre ja sehr ver- 
lockend, bleibt aber ergebnislos, solange eine Sympto- 
matologie der Verwahrlosung (Dissozialität) fehlt. 
Jede Typisierung verleitet nur, auf Grund eines her- 
vorstechenden Symptoms zu schematisieren und Aveni- 
ger auffällige, aber vielleicht wiclitigere Sympiome 
zu übersehen. Das Endergebnis ist dann eine falsche 
Beurteilung des Erziehungsnotstandes und die vorge- 
schlagenen Maßnahmen können ihn nicht beheben. 
Die von uns ausgearbeiteten Tabellen dürfen nicht als 
Versuch einer Klassifizierung von Dissozialen ge- 
wertet werden. Sie sollen dem Anfänger in der Erzie- 
hungsberatung nur als allererster Behelf dienen, daß 
er sich in der Vielgestaltigkeit der Erzieliungsschwie- 
rigkeiten und den zu deren Bchel)ung vorhandenenEin- 
richtungen ohne besondereSchwierigkeiJen orientieren 
kann. Der erfahrene JOrziehungsberater stellt sich nicht 
nur seine Behelfe selbst zusammen, sorgt nicht nur für 
geeignete Mitarbeiter, sondern findet auch Anschluß 
an die notwendigen Einrichtungen der Jugendfür- 
sorge, ohne dazu einer Anleitung zu bedürfen. 

Vor einer relativ leichten Aufgabe steht der Ana- 
lytiker als Erziehungsberater, wenn der Erziehungs- 
notstand nur auf neurotischer Basis erwachsen ist 
weil ihm zur Erkennung und Entscheidung über die 
zutreffenden Maßnahmen seine Erfahrung aus der 
Neurosenbehandlung den Weg weist. Die analytische 
Erfahrung allein reicht nicht aus, wenn einer Dis- 
sozialität eine Verwahrlosung, eine Mischforni aus 
Verwahrlosung und Neurose zugrunde liegt oder 
auch noch eine psychotische Komponente den Zu- 



190 



stand mitbedingt. Wegen der Verschwommenheit dea 
Syraptombildes wird ein sicheres sofortiges Erfassen 
schwierig, ja nicht selten unmöglich. Besonders auf- 
merksam zu machen ist noch auf zwar seltener aber 
immerhin noch häufig genug vorgestellte Kinder und 
Jugendliche, bei denen, mehr oder weniger sichtbar, 
Perversionen der Erreichung des Erziehungszieles 
entgegenstehen. 

Die Vielgestaltigkeit der zum Erziehungsberater 
gebrachten Erziehungsnotstände entwirrt sich zum 
Teil, wenn die verschiedenen Enlwicklungsphasen 
der 'dissozialen Zustände gesehen werden. Was dar- 
initer zu verstehen ist, wird folgende Überlegung 
klären: Je weniger das Kind vom Erwachsenen be- 
einflußt wird, desto mehr lebt es, geltende Normen 
nicht beachtend, der unmittelbaren Befriedigung sei- 
Tier Triebwünsche. Dieses Verhalten ist ganz allge- 
mein, für alle Kinder gleich und durchaus nicht auf- 
fällig. Der Zustand, dem es entspringt, gilt als nor- 
mal Dasselbe Benehmen des Erwachsenen wird an- 
ders beurteilt. Hält er sich nicht nach den Vorschrif- 
ten, die das Zusammenleben regeln, sondern lebt er 
nach seinen eigenen Wertungen, dann ist er dis- 
sozial. Ich schlage vor, die Auffassung, die für 
den Erwachsenen gilt, auch für das Kind anzuwen- 
den: Das Kind ist von Natur aus mani- 
fest dissozial. Unerzogenheit und manifeste 
Dissozialität fallen dann zusammen. Und der Erzie- 
hung wäre die Aufgabe gestellt, die Kinder vom Zu- 
stand der manifesten Dissozialität m den 
der S o z i a 1 i t ä t überzuführen. 

Erfahrungsgemäß kann dieses Bemühen (das Er- 
ziehen) aber nur dann erfolgreich sein, wenn parallel 
dazu die T.ibido-Entwickhmg normal verläuft. Er- 



19t 



geben sieh in deren Organisation bestimmte Stönm- 
gen, auf deren Art hier nicht näher eingegangen 
wird, so bleibt das Kind entweder m a n i f e s t d i s- 
sozial, oder es benimmt sich wie der sozial Gewor- 
dene, ohne aber innerlicli die Dlssozialität anfgegeben 
7A\ haben : es ist latent d i s s o z i a I geworden 
Durch einen geeigneten Anlaß — der immer eintreten 
kann - wird dann die latente Dissozialitäi wieder 
manifest, wie in der ersten Kindlieit, wenn auch oft 
mit anderen Außerungsformen. Dieser Phasenwechsel 
— von der latenten zur manifesten Dissozialität — 
erfolgt nur ganz ausnahmsweise plötzlich, gewohn- 
hch braucht es dazu längere Zeit, so daß sich zwi- 
sehen diesen beiden Phasen eine dritte Phase ein- 
schiebt, die wir die B e r 6 1 1 s c h a f t nennen wollen. 
Sie 18t dadurch charakterisiert, daß zwar noch nicht 
festgefügte Sympton.e in Erscheinung treten, wohl 
aber im Benehmen des Kindes ganz deutlicli dis- 
soziale Äußerungen merkbar sind. 

Die Erziehungsftirsorge spricht in dieser Zu- 
standsphase von einem „gefährdeten" Kind und er- 
wartet von einem Eingreifen des Erziehungsheraters 
in diesem Zeitpunkt den besten Erfolg der auch tat 
sächlich sehr oft eintritt. Das Kind ist aber nicht 
inuner sozial also ausgeheilt worden, sondern der 
symptomlose Zustand bedeutet weit Imnfio-.. L. ! 
r,i..ozialit.t. Die .l^r.i3hnn,.rür ^'S, ^S 
da ganz ahnhch w.e das Strafgericht, das sich durch 
/lie Avi des Strafvollzuges auch begnügt, die mani- 
feste Gesetzesübertretung in (im latente Dissozialität 
umzuwandeln. 

Zusammenfassend: Die ursprünglich manifeste 
Dissozialität des Kindes wird durch die Er- 
ziehung nicht immer in die Sozialität umgewandelt; 

192 



M 



bei gewissen Störungen in der Libidoentwicklung 
wird die manifeste Dissozialität latent; durch den 
Eintritt bestimmter Erlebnisse kommt sie in den Zu- 
stand der Bereitschaft, von der aus sie wieder 
manifest werden kann. 

Diese Einsicht ist weniger für die Beurteilung des 
Erziehungsnolstandes (Diagnose), mehr für die The- 
rapie und die anzuordnenden Maßnahmen wichtig. 
Die Art der Unterbringung — Hort, Tagesheim, Fa- 
milienwechsei, kurz- oder langfristige Anstaltserzie- 
hung, Fürsorgeerziehungsanstau — hängt nicht nur 
davon ab, ob das vorgestellte Kind in günstigem oder 
ungünstigem Milieu lebt, sondern auch, welche Zu- 
standsphase vorliegt: Bereitschaft, latente, leichte 
oder schwere manifeste Dissozialität. 

Der Erziehungsberater ist nicht immer in der 
Dage festzustellen, wieweit das Milieu die Dissoziali- 
tät mitverursacht hat. Er muß aber auf jeden Fall 
beurteilen, ob das gegenwärtige Aufenthaltsmilieu 
zur Mitarbeit an der Ausheilung der Dissozialität ge- 
eignet ist, da er davon auch seine Entscheidungen 
abhängig machen muß. In diesem Sinn sind die Be- 
zeichnungen „günstiges und ungünstiges Milieu*' in 
der Tabelle zu verstehen. Ohne genaue Milieukennt- 
nis wird der Erzieluingsberater unsiclier und wird oft 
Unzutreffendes veranlassen. Deswegen wird er sich 
darüber hinaus — besonders in den Zeiten allgemei- 
ner Wirtschaflsnot t- bemühen, über die Verände- 
rungen in der Auffassung und im Betriebe der Wohl- 
fahrtseinrichfungen im Bilde zu bleiben. So erfahren 
wir gerade jetzt, daß der Maßstab, den wir als Er- 
zieher an das Milieu legen, nicht mehr als Maßstab 
ftlr den Wohlfahrtspfleger gilt. Weiß der Erziehungs- 
berater nicht, daß beispielsweise gegenwärtig jede 

13 Aliüitnach 19^ 193 



Unterbringung von Kindern aus prophylaktischen 
Gründen — sosehr die Notwendigkeit jedermann ein- 
sieht — ans Mangel an Mitteln nicht durchzuführen 
ist, sn kann er darauf nicht RückRicht nehmen, isoliert 
seine Arbeit und macht sie in vielen Fallen nahezu 
w^ertlos; denn seine vorgeRchlngeuen Maßnahmen sind 
nicht mehr durchzuführen. 

Zur "Frage dos Milieus überhaupt muß bemerkt 
werden, daß der Erziehungsberater ohne weiteres ein 
Milieu als schädlich erkennen wird, in dem zufolge 
großer Avirtschaftlicher Not die primitivsten Lebens- 
bedürfnisse nicht mehr erfüllt werden können, wo 
durch Trunksucht des einen oder anderen Elternteils, 
durch deren psychische Abnormität, durch manifestes 
Verbrechertum innerhalb der Familie, durch ärgsten 
Streit, Raufszenen der Kitern untereinander, durch 
bewußten Haß und Wut gegen das Kind von einer 
geordneten Familie oder einer gerogelten Erziehung 
innerhalb der Familie nicht mehr die Kedo sein kann. 
Leicht kann er die Schädlichkeit des Milieus auch dort 
feststellen, wo das Kind bei einem geschiedenen Eltern- 
teil wohnt, beide Teile um das Kind kämpfen, es durch 
ein tTbermaß an Liehcsheweisen für sich gewinnen, 
durch abfällige Äußerungen gegen den anderen Eltern- 
teil es beeinflussen wollen. Tn diesen krassen Fällen, 
•in denen auch der Laie das Milieu als ungeeignet er- 
kennt, ist die Entscheidung nicht schwierig. 

Der Erziehungsberater wird aber auch Fälle eines 
nach außen liin völlig intakten Familienlehens, in 
denen Kinder schwersten Schädigungen ausgesetzt 
sind, finden. Hier ist die notwendige Voraussetzung 
für die richtige Erfassung der Situation und die An- 
ordnung geeigneter Maßnahmen wieder eine gründ- 
liche Ausbildung des Erziehungsberators. 

194 



Solche schwierige Milieuverhältnisse liegen vor. 
wenn zum Beispiel Eltern niclit mehr miteinander, son- 
dern ohne Affektausbrüche nur mehr nebeneinander 
leben, wenn die Eltern, unmerklich für die Außen- 
M^elt, keine gemeinsamen Interessen mehr haben, ein- 
ander nichts mehr zu sagen wissen und dadurch um 
das Kind eine kühle, lieblose Atmosphäre entsteht, 
in der es sich kaum noch zurechtfindet; wenn Eltern 
infolge ihrer Unfähigkeit zur Erziehung unwissent-. 
lieh die größten Fehler machen; Avenn Eltern über- 
mäßige Sorge auf die Bereitstellung der Lebena- 
erfordernisse verwenden und daher nie Zeit für ihr 
Kind haben; wenn den Eltern das Ausleben der eige- 
nen Triebe über das Wohl des Kindes geht. 

Aber ebenso schädlich wie die Vernachlässigung 
des Kindes ist sowohl ein Übermaß an Bemühen, — 
die ängstliche Sorge um das körperliche Wohl, den 
Gesundheitszustand und die sonstige Entwicklung 
des Kindes, — als auch die Unfähigkeit, den Trieb- 
ansprüchen des Kindes, wenn notwendig, einen festen 
Willen entgegenzusetzen, triebeinschränkende Forde- 
rungen aufrecht zu halten und ein Übermaß an in- 
zestuösen Bindungen zu verhindern. 

Gerade diese, sehr oft schwierig zu durchschauen- 
den Milieuschädigungen, bewirken eine Störung in 
der Libidoentwicklung, die zum Entstehen mannig- 
facher dissozialer Formen beiträgt. 

Zu beachten sind auch Erziehungsnotstände, die 
darauf zurückgehen, daß die Elternteile über die an- 
zuwendenden Erziehungsmittel entgegengesetzter 

Meinung sind. 

Eine besondere Rolle spielt ferner jene Eifersucht, 
die äußerlich als solche nicht erkennbar, aber doch 
da ist und verheerend wirkt. Obenan stehen Väter, 

13* 195 



1 i 



die, ohne es zw wissen, auf das eigene Kind eifer- 
süchtig sind, MiiUer und Kind quälen, weil sie sieh 
immer dem Kind gegenüber zurückgesetzt fühlen; 
dann Mütter, die eine Tochter mit in die Ehe bringen 
und eifersüchtig auf das eigene Kind werden, weil 
der Stiefvater es ihrer Meinung nach zu sehr bevor- 
zugt; ferner Stiefmütter, die auf die Tochter aus 
erster Ehe oder die verstorbene erste Gattin eifer- 
süchtig sind, weil der Vater die Tochter angeblich 
bevorzugt oder nicht alles, was an die erste Gattin 
erinnert, aus der Wohnung weggeschafft hat, oder 
öfters von ihr spricht. 

■ Alle diese erwähnten Eif ersuch tssituationen sind 
den Beteiligten fast nie bewußt und verraten sich nur 
in deren Verhalten. 

Ebenso wirken sich manche Ehekonflikte den Kin- 
dern gegenüber unbewußt aus. 

Das geschwängerte Mädchen, das nur aus morali- 
schen Gründen den Kindesvater heiratete und für die 
unglückliche Ehe dieses Kind verantwortlich macht. 

Die Frau, die ein außereheliches Kind in die Ehe 
mitbringt, die ihre Bindung an densen Vater nicht 
lösen konnte und dadurch die eigene Ehe zerstört. 

Dl6 sic/i deklassieA fühlende Frau, die nach dem 
Abbau der Sexual-Überschätzung den Mann als unter 
ihr stehend empfindet. 

Elternteile, die ihr eigenes nicht genug realisiertes 
Ich-Ideal im Kinde realisieren wollen und in diesem 
Bestreben auf ein Kind stoJJon, dessen Fähigkeiten 
nicht ausreichen. Besonders hervorzuheben ist die 
Stiefmutter, die mit Rücksicht auf Verwandte, Be- 
kannte und Nachbarn keine „Stiefmutter" sein will, 
sondern ihre besonderen mütterlichen Fähigkeiten 
durch ein tadelloses Verhalten der Kinder und deren 

19*> 



hervorragende intellektuelle Erziehung beweisen 

will. 

Endlich die Stiefmutter, die bewußt aus ähnlichen 
Gründen auf ein eigenes Kind verzichtet und für 
dieses Opfer durch eine tadellose Entwicklung der 
Stiefkinder belohnt werden will. 

Zu beachten ist noch, daß Erziehungsnotstände bei 
körperlich Kranken erst nach der Ausheilung in 
psychische Behandlung zu nehmen sind. Der Erzie- 
hungsbei-ater wird daher auf eine ärztliche körper- 
liche Behandlung dringen und eine spätere Vorstel- 
lung verlangen. Bei krüppelhaften und nicht voll- 
sinnigen Dissozialen reichen die Mittel der Erzie- 
hungsberatung nicht aus. Erfolgreiche Arbeit wird 
erst in Verbindung mit der Krüppel-, Blinden- und 
Taubstummenfürsorge möglich. Liegt Verdacht auf 
Psychose vor oder besieht eine Psychose, so wird der (jj 

Erziehungsberater immer auf psychiatrischer Unter- 
suchung bestehen. Über die Fälle der Erziehungs- 
beratung, die in der Erfassung und Erledigung keine 
besonderen Anforderungen an den Erziehungsberater 
stellen, wollen wir nicht berichten. 
.. Es ist selbstverständlich, daß in einer psychoanaly- 
tischen ErziehungsberaUing vorgestellte Neurosen 
einer psychoanalytischen Behandlung zugeführt wer- 
den. Ebenso selbstverständlich ist, daß mit der 
Diagnose und Zuweisung zur Analyse die Erzie- 
hungsberatung in diesen Fällen ihre Aufgabe er- 
ledigt hat, es sei denn, daß der Analytiker sie 
bei Milieuschwierigkeiten wieder zur Mitarbeit her- 
anzieht. 

Was mit einer Schwererziehbarkeit, die auf neu- 
rotischer Basis erwächst, zu geschehen hat, weiß der 
psychoanalytische Erziehungsberater auch aus seiner* 

197 



analytischen Erfahrung' in der IJoliandlung von Neu- 
rotikern. Und dali eine tiefer wurzelnde Verwahr- 
losung eine Heilung nur in der Verwahrlostenanalyse, 
in der Fürsorgeerziehungsanstalt finden kann, muü 
auch nicht besonders besprochen werden. 

Wir beabsichtigen, nur die außerordentliche Man- 
nigfaltigkeit und Fülle dissozialer Formen aufzu- 
zeigen, auf die Besonderheiten, aus denen Erziehungs- 
notstände erwaeiisen, anfiiieiksam zu machen, und auf 
schwierige Situationen, vor die der Erziehungsbera- 
ter sehr oft gestellt wird, wenn er ein Urteil fällen 
und Anordnungen treffen muß, hinzuweisen. 

Und nun in die Erziehungsberatung selbst! 

Wir empfangen die Hilfesuchenden, lassen Väter 
und Mütter dann die Schwierigkeiten mit ihrem Kind 
zusammenhängend oder unzusammenhängend schil- 
dern und werfen Fragen nur dazwischen, wenn der 
Redelluß stockt, oder wenn wir merken, daß sie sich 
überhaupt nicht ausdrücken können. Sonst lassen wir 
sie reden, was und wie sie wollen, versuchen nicht 
die Mitteilungen nach einem bestimmten Schema, 
Fragebogen oder auf Grund einer auszufüllenden 
Drucksorte zu lenken, drängen auch nicht darauf, daß 
der Konflikt und das anamnestische Material in einer 
von uns bestimmten Reihenfolge gebracht werden. 
Die Leitlinie für die Mitteilungen von Eltern und 
Kindern haben nicht wir zu bestimmen, sie muß sich 
aus der Affektsituation der uns Gegenübersitzenden 
ergeben. Können wir „gut" zuhören, das heißt, be- 
nehmen wir uns ohne zu sprechen so, daß Kinder' und 
Eltern den Anreiz bekommen, immer mehr aus sich 
herauszugehen, so schaffen wir einen Ersatz für die 
Methode des freien Einfalles, mit all den Vorteilen, 
die der freie Einfall dem Analytiker bringt. Wir 

198 



.'T 



küimen daun aus der Reiheuiolge der Einfälle (des 
Mitgeteilten), der Affektbesetzung, aus dem Wechsel 
im Redetempo (Verzögerung und Beschleunigung), 
der Änderung im Benehmen schon bei einer ersten 
Besprechung wichtige Schlüsse ziehen, wenn wir 
dazu noch die all gemeine affektive Situation von 
Eltern und Kindern beim ersten Zusammentreffen 
mit dem Erziehungsberater ins Kalkül ziehen. 

Bei leichteren Schädigungen, die mit geringem 
Aufwand zu beheben wären, werden Kinder und 
Jugendliche, wie schon angedeutet, in der Kegel nicht 
gebracht. Eltern erscheinen mit ihnen erst, wenn sie 
sich garnicht mehr zu helfen wissen, wenn es in der 
Familie, in der Schule, auf dem Arbeitsplatz bereits 
zu den ärgsten Ausschreitungen gekommen ist, und 
wenn trotz mehrmaligem Wechsels von „Lohn und 
Strafe" — oft bis zur schwersten körperlichen Züch- 
ti^-ung — kein Erfolg eingetreten ist. 

Durch das fortgesetzte, vergebliche Bemühen sind 
die Eltern nach und nach in einen dauernden Er- 
regungszustand gekommen, der zu aggressiven Ten- 
denzen gegen das Kind oder verschieden abgestufter 
Resignation geführt hat, je nachdem sie sich ver- 
ärgert, gekränkt oder gestört fühlen. Die Kinder und 
Jugendlichen sind in der gesteigerten Abwehr- 
situation zu einem wirklich unhaltbaren Benehmen 

gekommen. 

Bei der ersten Begegnung in der Erziehungsbe- 
ratung wirken sich diese Affektsituationen von 
Eltern und Minderjährigen ganz verschieden aus. 

Den Eltern kommt es überhaupt nicht in den Sinn, 

daß ihr eigenes Verhalten den Erziehungsnotstand 
mitbedingt. Sie sind die Geschädigten und treten als 
Ankläger auf. Sie wissen genau, was sie mit ihrer 



ä 



Vorsprache in der Erziehungsberatung wollen. Das 
geht aus der Art, wie sie die Schwierigkeiten schil- 
dern, ganz deutlich hervor. Ihre Mitteihingen sind 
letzten Endes nichts anderes, als eine eindringliche 
Aufforderung an den Erziehungsbern ler, die Minder- 
jährigen gefügig zu machen. 

Die Kinder und Jugendlichen sind bei diesem 
ersten Zusammentreffen mit dem Erziehungsberater 
in viel ungünstigerer Situation. Vielfach wissen sie 
überhaupt nicht, wo sie sind und warum sie in die 
i'jrziehungsberalung gebracht wurden. Oder, sie sind 
eingeschüchtert und unsicher gemacht worden. Sie 
verfügen auch nicht über eine Redegewandtheit wie 
^ie Erwachsenen oder sind durch Angst, Trotz usw. 
gehemmt. Vielfach wollen sie sich auch gar nicht 
verteidigen. Ihre Mitteihmgen sind daher unsicher, 
wenig überzeugend und gehen zumeist nicht auf das 
Wesentliche der Sache ein. Das Übergewicht der 
Eltern gleicht sich nur dann etwas aus, wenn der Er- 
ziehungsberater von Haus aus bewußt dem „Ange^ 
klagten" seine Sympathie entgegenbringt. 

In der Erziehungsberatung haben wir die Ursache 
^ör vorges^eI/{en Dissozialilät zu suchen und nicht 
^en „Beschwichtigungshofrat" zu spielen, das heißt, 
flicht den Versuch zu machen, bestehende Konflikte 
durch Zureden zu beheben. 

In dem wohlgemeinten Streben, ja nicht in diesen 
Fehler zu verfallen, liegt die Gefahr, daß sich durch 
Unser Verhalten in der Erziehungsberading, die Kon- 
fliktsituation zu Hause sehr verschärft und dadurch 
*^ie Aufdeckung der Ursachen unmöglich wird. 

Wie das zu verstehen ist: Eine Mutter beklagt sich. 
^^^ ihre dreizeLnjalirige Tochter es ablehne, im Haus- 
^^^t mitzuhelfen, daß sie sich ausschließlich mit dem 

200 " ' 



i. 

Lesen von Romanen beschäftige und statt aufzuräumen 
und Geschirr abzuwaschen mit dem Buch in der Hand 
auf dem Sofa liege, wenn sie ihr Vorlialtungen mache, 
frech werde, statt sich zu schämen, die Mutter be- 
schimpfe, und wenn diese ihr das Buch wegnehme, 
davonlaufe und stundenlang nicht nach Hause komme. 

Vom Mädchen hören wir, daß sich die Mutter 
immer aufrege, wenn es ein Buch in der Hand habe, 
ganz gleichgiltig, ob es ein Koman sei oder ein Lehr- 
buch Sie lerne gern, beschäftige sich lieber mit den 
Schuibüehern als mit Hausarbeiten; Reisebeschrei- 
bun-en und moderne Autoren interessieren sie auclK 

Aus den Darstellungen beider entnehmen wir, daß 
das kluge, bildungsbedürftige Mädchen sich vergeb- 
lich gegen den Unverstand einer primitiven Mutter 
Avehre und daß seine aggressiven Ausbrüche eine 
selbstverständliche Abwehraktion gegen die Brutah- 

täten der Mutter seien. 

Wir sagen nun dem Mäck-hen. daß wir e. verstehen. 
.venn sie lieber studiere, statt Hausarbeiten zu ver- 
":hL, daß wir uns über sein Bild«ngjest.-eben 
freuen und mit der Mutter sprechen werden, ihr das 
Lesen zu erlauben. Der Mutter erklären wir - wie 
wir meinen, sehr verstandlich und überzeuge^nd mit 
freundlichen Worten - ihre Pflichten der Tochter 

^^sTidrsehen nach Haus und die Konfliktsituation 
wird katastrophal; denn die von uns innerlich nicht 
überzeugte Mutter hatte uns nur äußerlich Recht ge- 
geben und bleibt bei ihren Forderungen. Das Mad- 
chen durch unsere Beurteilung unterstützt, lehnt 
nun jede Mithilfe im Haushalt, die sie bisher, wenn 
auch widerwillig, so doch zum Teil geleistet hatte, 
schroff ab. 



201 



Mutter und Tochter erscheinen nicht mehr in dei- 
Erziehungöberatung. Von dritter Seite hören wir ab- 
fälligste Äußerungen der Mutter über unsere Arbeit. 
Wir sind überzeugt, alles getan zu haben, was mög- 
lich war, ärgern uns natürlicli nicht, sondern er- 
ledigen die Angelegenheit mit dem Bewußtsein, wie- 
der einmal auf eine Mutier gestoßen zu sein, der 
nicht zu helleu ist. Das wäre möglich, weil es wirk- 
lich viele Mütter gibt, die aus ihrem eigenen Erleben 
der gegebenen ungünstigen allgemeinen Situation 
und ihrer unbewußten Kinstelhiug zum Kinde unzu- 
gänglich bleiben. Die Berechtigung, diesen Konflikt 
für den Krzieiuingsberater als unlösbar aufzufassen, 
erhalten wir aber erst nach strengster Selbstkritik' 
Eine solche Selbstkritik hätte uns in diesem Falle 
zur Einsicht geführt, daß wir etwas versäumten. 

Unser allgemeines Veihalten dem Mädchen gegen- 
über war teilweise richtig, aber wir unterließen: 

1. dem Kind deutlich zu machen, daß trotz Berech- 
tigung seiner Ansprüche ein Zusammenleben mit der 
Mutter unmöglich werde, wenn es restlos auf der Er- 
füllung seiner eigenen Wünsche bestehe und nicht 
gewillt sei, den Bedürfnissen der Mutter, wenigstens 
zum Teil, freiwillig und gern entgegenzukommen. 
Obwohl wir wissen, daß logische Überlegungen das 
Mädchen nicht zum Abbau seiner affektiven Situation 
führen können, scheuen wir uns dennoch nicht so 
mit ihm zu sprechen, weil wir durch ein solches Ver- 
halten verhindern, daß durch unser Zutun die affek- 
tive Situation zur Katastrophe führt. 

2. uns die Mutler zum Bundesgenossen zu machen, 
indem wir ihr mit Wissen des Kindes und mit seiner 
Einwilligung möglichst genau aller erzählen, was wir 
mit dem Mädchen besprachen, und daß wir vermuten, 



202 



es werde in der nächsten Zeit noch mehr Widerstand 
gegen die Anforderungen der Mutter leisten. 

3. daß wir beide gemeinsam vornehmen und sie 
erst nach völliger Klarstellung entlassen. ^ ■ ■ 

Noch vorsichtiger müssen wir sein, wenn zu un- 
günstigen häuslichen Verhältnissen eine widerstre- 
bende Schule kommt. Zur Illustrierung: Ein fast 
vierzehnjähriger Junge wird in der Schule durch sein 
rücksichtsloses, den Schulbetrieb störendes Benehmen 
unangenehm auffällig. Wir erkennen in der Erzie- 
hungsberatung, daß er nicht dem hinterhältigen 
feigen, stets in Abwehrstellung befindlichen Typus 
angehört, sondern daß er der derbe, immer zu rohen 
Öpässen geneigte, aber dabei gutmütige Junge sei. 
Er müßte, um in Ordnung zu kommen, weiter erzogen 
werden. Um die dazu geeignete Situation herzu- 
stellen, ihn rasch in eine Gefühlsbeziehung zu uns 
zu bringen, damit durch uns diese Ersatzerziehung 
geleistet werden könne, gehen wir schon in der 
ersten Besprechung ganz besonders auf seinen Inter- 
essenkreis ein. Wir erfahren von ihm, daß er fanati- 
scher Fußballspieler sei, eine eigene Fußballmann- 
schaft zusammengestellt habe, diese aber nicht in 
Aktion treten könne, weil der Fußball fehle. AVir 
haben in der Erziehungsberatung geringe Mittel zur 
Verfügung und kündigen ihm an, daß er in den 
nächsten Tagen einen Fußball bekommen werde. Die 
Mutter, der wir diese Eröffnung auch machen, ist 
entsetzt; „Der Lausbub wird nun noch mehr Schuhe 
zerreißen.''' Wir gewinnen sie dadurch, daß wir ihr 
auch den Ankauf eines Paars Schuhe zusagen. Mutter 

und Sohn sind sehr befriedigt, denn die Mutter ist ja 
innerlich gar nicht gegen den Fußball, sie fürchtete 
nur die erhöhten Ausgaben. 



203 



In der Schule erzählt der Junge begeistert von der 
Erziehungsberatung; daß er nun endlich einen Fuß- 
ball und ein Paar neuer 8chuhe bekomme. Darüber 
wird er gehänselt und zu einem Wutanfall durch di© 
ironische Frage gereizt, ob die Erziehungsberatung 
allen Gaunern einen Fußball kaufe. Es kommt zu 
einer argen Rauferei mit blutigen Nasen und die 
ohnehin schwache Stellung des Jungen in der Schule 
ist damit endgiltig erschüttert. Alles weitere Be- 
mühen des Erziehungsberaters ist vergeblich, ein 
halbes Jahr später muß der Junge der Fürsorge- 
erziehungsanstalt übergeben werden. 

Das psychoanalytische Wissen spielt dem Anfän- 
ger leicht einen bösen Streich, von dem aber auch 
der erfahrene Erziehungsberater nur gefeit bleibt 
wenn er bei der ersten Begegnung mit den Eltern 
sehr vorsichtig ist: Wir hören die Mitteilungen der 
Eltern imä JngmdUehm aufmerksam an, dabei formt 
sich in uns ein bestimmtes Bild über den Erziehungs- 
notstand, dementsprechend wir unsere Maßnahmen 
treffen. Was wir anordnen, geschieht und zu unserer 
Überraschung bleibt der Erfolg aus. Wieder haben 
wir eine Situation, in der wir für den Mißerfolg den 
andern verantwortlich machen können und über un- 
seren eigenen Anteil daran nicht nachdenken müssen 
! Beim Zuhören hat sich unbemerkt schon zu früh 

I eine endgiltige Überlegung gebildet, das heißt, zu 

I einer Zeit, in der das Mitgeteilte noch auf verschie- 

I dene Typen paßt, haben wir uns schon für einen be- 

[ stimmten Typus entschieden. Von da an hören wir 

nicht me/ir, was unser Urteil erschüttern könnte, 
i denn auch wir geben eine einmal gewonnene Sicher- 

! heit nicht gerne auf. Nicht wissend und daher unge- 

wollt haben wir den „Fall" in unsere Konstruktion 

204 



hineingepreßt, statt unsere Überlegungen dem Fall 
anzupassen. So sind wir für den Mißerfolg verant- 
wortlich. "Wir haben gelernt umso vorsichtiger zu 
werden, je früher wir in der Erziehungsberatung 
das Gefühl haben, einen Fall genau zu durchschauen. 
Seither sind die Mißerfolge geringer geworden. 

Am zweckmäßigsten scheint es, nicht in jedem vor- 
gestellten Kind oder Jugendlichen den „interessan- 
ten" psychoanalytischen Fall zu vermuten, sondern 
zu versuchen, mit den einfachsten pädagogischen 
Mitteln das Auslangen zu finden. Reichen diese nicht 
aus, so führt uns die nicht schwindende Dissozialität 
von selbst immer weiter ins Unbewußte, das aufzu- 
hellen dann unserer psychoanalytischen Einsicht vor- 
behalten bleibt. 

Viele Kinder bleiben von der Schule weg, machen 
ihre Aufgaben nicht, arbeiten in der Schule nicht mit 
und sturen den Unterricht, weil niemand da ist, der 
sich für ihre Leistungen und das Benehmen in der 
Schule interessiert, der gute Schulleistungen lobt und 
schlechte tadelt, der wirkliche Zurücksetzung aus- 
bleicht und bei vermeintlicher durch seine Person 
den Ausgleich schafft. 

Wir haben in hunderten Fällen ohne Anwendung 
psychologischer Kunststücke ausreichende Hilfe da- 
durch geboten, daß wir das Vertrauen der vorgestell- 
ten Minderjährigen gewannen. Wir verstanden ihre 
Beschwernisse und Kümmernisse und gaben ihnen 
die Möglichkeit, ihr unbefriedigtes Zärtlichkeits- 
bedürfnis bei uns unterzubringen. 

Die Praxis der Erziehungsberatung hat uns für 
solche Kinder ein bestimmtes YeThalten gelehrt. Bei 
der ersten Begegnung lassen wir uns auf eine Be- 
sprechung der vorliegenden Beschuldigungen nicht 

205 



ein, sondern veranlassen es, von zu Haus und von dftr 
Schule zu erzählen, geben ihm die Möglichkeit zu 
kritisieren, seine Wut zu entladen und machen nur 
Bemerkungen solcher Art, daß das Kind in uns sei- 
nen Freund sieht, der nicht daran denkt, die Beschul- 
digungen bestünden weiter zu Recht, der überzeugt 
ist, daß es die Schule nicht mehr schwänzen, seine 
Aufgaben machen, sich die größte Mühe geben werde, 
zwischen sich, dem Lehrer und den Schulkameraden 
Konflikte zu vermeiden. Wir bestellen das Kind für 
sehr bald wieder und entlassen es mit einem freund- 
lichen Gruß. Es geht mit dem Impuls zum Wollen 
weg. Verstehen wir bei der zweiten Begegnung den 
Impuls zu würdigen und verlangen wir nicht seine 
restlose Umsetzung in die Tat, verstehen wir, mit 
dem Kind auf dessen gute Absichten einzugehen, uns 
bis in die kleinsten Einzelheiten für sein Schul- 
erlebnis zu interessieren, so schaffen wir die Basis, 
auf der bei weiteren Begegnungen vom Kind aus Be- 
ziehungen zu uns entstehen, die für das Kind die 
zwingende Notwendigkeit uns Freude zu machen, 
enthalten. Sehr bald werden dann Schulbücher und 
Hefte mitgebracht, nicht nur die Schulaufgaben ge- 
lernt und geschrieben, sondern auch Fleißaufgaben 
angefertigt und vom Schulschwänzen ist in kürzester 
Zeit keine Rede mehr. Wiederliolt sind so behandelte 
Kinder unsere Gehilfen geworden, wenn ein zweites 
Kind aus deren Klasse mit ähnlichen Schwierigkeiten 
geschickt wurde. Der Abbau der Beziehungen zu uns 
ist unschwer dadurch in die Wege zu leiten, daß wir 
das Kind in wachsenden Zwischenräuräen bestellen. 
Er erfolgt endgültig dadurch, daß wir die Aufmerk- 
samkeit auf Mitschüler und Lehrer lenken. Diese 
sind in diesem Zeitpunkt nicht mehr ablehnend und 

206 



nun geneigt, das „brave" Kind als voihverliges Mit- 
glied aufzunehmen. Häufig gelingt es auch, die 
Schule zur Mitarbeit zu gewinnen; wiederholte Aus- 
sprachen mit dem Lehrer unterstützen dann wesent- 
lich unsere Arbeit. Manchmal schafft auch die Um- 
schulung des Kindes eine wesentliche Erleichterung. 
Eine besondere Art dieser Fälle sind jene, in denen 
das Kind auch noch einen Hort oder eine Tages- 
heimstättc besucht und das Benehmen in Schule und 
Hort M^esentlich voneinander abweicht, oft ganz ent- 
gegengesetzt ist. Da ist dann das Zusammenarbeiten 
zwischen Schule und Hort unter unserer Führung 

wichtig. 

Erwachsen die geschilderten Äußerungen auf neu- 
rotischer Basis, dann bedürfen sie einer anderen Be- 
handlung, auf die noch in einzelnen Beispielen ein- 
gegangen werden wird. 

Es gibt relativ viele Kinder, deren dissoziale 
Äußerungen so aussehen, als ob sie von schwer ver- 
w^ahrlosten oder schwer neurotischen Kindern kämen. 
Dabei sind diese psychisch vollständig in Ordnung. 
Ilir Benehmen ist nur die Folge einer gesunden Ab- 
wehrtendenz von Schädigungen aus einem wirtschaft- 
lichen Notstand, zerrütteten Familienverhältnissen 
oder dem ganz abnormen Verlmlten des einen oder 
anderen Elternteiles. In der Erziehungsberatung kön- 
nen wir verhältnismäßig rasch feststellen, ob uns ein 
wirklich verwahrlostes oder neurotisches Kind vor- 
bestellt wird, oder eines aus der eben geschilderten 
Gruppe, wenn wir uns sehr eingehend für die Fa- 
milienkonstellation, die wirtschaftliche Situation und 
den Alltag seiner Familie interessieren. 



207 



Ein ganz extremer Fall eines „neurotischen*' 
Kindes: Es wird ein eechsiiihriger Knabe vor- 
gestellt, dessen Schlimmheit die Mutter so schil- 
dert, daß wir in ihm ohne besondere Schwierigkeit 
den typischen Fall eines Kindes mit „psychopathi- 
scher" Reaktion erkennen. Die Erziehung eines 
solchen Kindes ist äußerst schwierig, in der Fa- 
milie nicht durchzuführen, weil es eines besonderen 
heilpädagogischen Eingreifens bedarf. Allem An- 
schein nach hätte der Junge einer Erziehungsanstalt 
mit besonders geschultem Personal übergeben wer- 
den müssen. 

Wir begnügen uns aber mit den Mitteihmgen der 
Mutter nicht, sondern fordern sie auf, uns über einen 
der ganz argen Schlimmheitsanfälle genau zu berich- 
ten. Wir hören von einem Wutanfall am selben Tage 
als Antwort auf die Aufforderung der Mutter, sieh 
nach dein Essen die Hände zu waschen. Uns fällt 
dieses Verlangen der Mutter auf; in dem Milieu, aus 
dem die Mutter kommt, ist es nicht üblich, sich nach 
dem Essen die Hände zu waschen. 

Wir fragen: „Warum wollten Sie, daß der Junge 
sich nach dem Essen und nicht vor dem Essen 
wäscht?" 

„Vor dem Essen hat er sich auch waschen müssen." 

Das ist noch auffälliger und wir fragen weiter: 
„Lieben Sie die Reinlichkeit so sehr?" 

„Freilich, ich bade ihn ja auch jeden Tag und setze 
dem Badewasser Lysol zu?" 

„Warum Lysol?" 

„Es gibt Ja viele krankhafte Bakterien in der Luft 
und das Kind könnte leicht krank werden." 

„Ängstigen Sie sich nur um das Kind oder haben 
Sie auch Angst für Ihre eigene Person?" 

208 



„Ich bin Bedienerin in einem Büro; da verkehren 
viele Leute und man kann sich leicht anstecken." 

„Was machen Sie dagegen?" . , . 

„Ich wasche mir die Hände." ' . 

„Wie oft ungefähr im Tag?" 

„Dreißig- bis vierzigmal." - , ^ 

So stellt sich heraus, daß die Mutter an einem 
schweren Waschzwang leidet und ihren Jungen da- 
mit quält. Die Schwer-Erziehbarkeit des Jungen ist 
die Abwehr-Eeaktiüu eines gesunden Kindes auf die 
Neurose der Muttei*. . _ . . 

In diesem Fall hat uns das eingehende Ausfragen 
die Neurose der Mutter erkennen lassen. Ein ander- 
mal können wir leicht durch so genaues Erkundigen 
irregeführt werden, wenn wir nicht merken, daß uns 
Eltern aus ihrer eigenen neurotischen Situation, oder 
weil sie das Kind los werden wollen, eine übertrie- 
bene Darstellung geben. In solchen Fällen wird oft 
normale Vorsicht als neurotische Angst des Kindes 
cresehen, Ordnungsliebe als Zwangssymptom geschil- 
dert, von hysterischem Erbrechen gesprochen, wenn 
sich das Kind den Magen verdorben hat, und gewöhn- 
liche Ungezogenheit als Verwahrlosung so schweren 
Grades beschrieben, daß sie in der Familie nicht mehr 
behoben werden kann. 



Vor noch größere Schwierigkeiten in der richtigen 
Erfassung der Situation als neurotische und lieblose 
Eltern den Erziehimgsberater stellen, stellen ihn 
Eltern mit ungeordnetem psychologischen Wissen. Sie 
beziehen ihre psychologische Halbbildung aus Vor- 
trägen über Kindererziehnng und Kinderpsychologie 
und aus der Lektüre psychologischer und peycho- 



14 Almanacli 19^1 



aü9 



analytischer Literatur. Unverdautes psychologisches 
Wissen hat ihnen die Fähigkeit, kindliclie Äußerun- 
gen unbefangen zu beobachten, genommen; an ihre 
Stelle sind Gedankengänge getreten, die einem Chaoß 
unverstandener psychologischer Ideen entspringen. 

Eine Mutter dieses Typus stellt ihren noch nicht 
SGchsjährigen Jungen in der Erziehungsberatung mit 
dem Ersuchen vor, ihr zu raten, wie sie dem Kinde 
helfen könne, den „ödipus" zu bewältigen. Sie spricht 
von seiner großen Anhänglichkeit an sie, der Ab- 
neigung und dem Haß gegen den Vater und seiner 
nächtlichen Angst, die sie als Bemühen, von ihr ins 
Bett genommen zu werden, deutet. Das Kind wird um 
sieben Uhr zu Bett gebracht — es schlaft auf einer 
Ottomane im elterlichen Schlafzimmer — aber schon 
um neun, zehn Uhr, spätestens vor Mitternacht wird 
der Junge wach, weint und schreit, daß er sich fürchte. 
Er beruhigt sich erst, bis er bei ihr im Bett liegt. Das 
äußerliche Ziehen acbildert sie als voJJkommen g-e- 
regelt und geordnet, wie es in bürgerJichen Familien, 
die im Haushalt und in der Pflege der Ivinder auf 
Ordnung sehen, Brauch ist. 

Der Junge macht den Eindruck eines durchaus 
normalen Kindes, zeigt äußerlich keinerlei Auffällig- 
keiten, von Angst ist nichts zu merken. Die Unter- 
redung mit ihm zeitigt ein nicht zu erwartendes Er- 
gebnis: Als die Sprache auf die Ottomane kommt, sagt 
Gl*: „Auf der Ottomane kann ich nicht schlafen, ich 
'v\'erde immer wach. Zuerst spüre ich nichts, aber 
dann kommen immer Wanzen und vor ihnen fürchte 
ich mich so, daß mich die Mutter zu sich ins Bett 
nimmt." Ob die Mutter wisse, wovor er sich fürchte? 
Sie wolle ihm immer ansreden, daß es die Wanzen 
seien. 

210 



r 



Die MiiUer muß, so unangenehm es ihr ist, zur 
Kenntnis nehmen, daß nun auch wir diese Tatsache 
wissen. Durch Erhebungen erfahren wir, daß in der 
Familie das Gegenteil einer geordneten Wirtschaft 
herrscht und gerade die Pflege und Behandlung des 
Kindes sehr viel zu wünschen übrig lassen. Wir ver- 
suchen das Interesse dieser Mutter vom psychologi- 
schen auf den realen Teil der Kindererziehung und 

-pflege zu richten. 

* - 

Im Gegensatz zu den Fällen, in denen dem Erzie- 
hungsberater die Verwahrlosungs- und neurotischen 
Symptome übertrieben geschildert werden, stehen 
jene, in denen Eltern die häuslichen Verhältnisse und 
den Zustand des Kindes verschleiern. Häufig werden 
wichtige Einzelheiten, weil die Eltern sich ihrer 
schämen, absichtlich verkleinert oder verschwiegen: 
Über ZAvistigkeiten in der Ehe, deren Kenntnis zur 
richtigen Erfassung der Situation unerläßlich ist, 
wird nicht gesprochen oder sie werden nur nebenbei 
erwähnt, körperliche und moralische Defekte ver- 
heimlicht. Bei den Mitteilungen über die Kinder tritt 
zur Scham noch die Befürchtung, ihnen zu schaden. 
Diese Eltern sind von Haus aus mißtrauisch oder in 
ßine Reihe mit jenen anderen gestellt, die vertrau- 
liche Mitteilungen über das Kind gegen das ICind ver- 
wenden. 

Von Jugendlichen verschweigen die Eltprn häufig 

strafbare Handlungen und geben sie über Befragen 
zögernd zu. 

Wenn sich der Erziehungsberater grundsätzlich 
darauf einstellt, zuerst das Vertrauen zu gewinnen, 
so wird er am ehesten Scham, Furcht und Mißtrauen 
der Eltern überwinden. 



e 



14* 



211 



Wir haben nun auf übertriebene und verschleierte 
Darstellung der Eltern aufmerksam gemacht und er- 
wähnen noch jene unrichtigen Mitteihmgen, die dar- 
auf zurückgehen, daß ein wirklich neurotisches Ver- 
halten der Kinder von den Eltern als Verwahrlosung 
gedeutet, oder eine tatsächliche Verwahrlosung als 
Neurose angegeben wird. 

Manchmal hat der Erziehungsberater es schwer, 
Eltern davon zu überzeugen, daß sie Krankhaftes als 
Verwahrlosung sehen. Bei dem Großvater, von dem 
wir jetzt berichten, liegt die Sache anders. Er, ein 
ehemaliger Tischlergehilfe, stellt sein siebenjähriges 
Enkelkind, das in seinem Haushalt lebt, in der Er- 
ziehungsberatung vor. Der Großvater bringt auch 
seine eigene Diagnose mit: „Kleptomanie und schwere 

Nervosität." 

Das Kind ist das außereheliclie Kind der ältesten 
Tochter der Familie, die seit zwei Jahren unbe- 
kannten Aufenthaltes ist. Als sie sechzehn Jahre alt 
war, wurde sie vom Vater zum ersten Male aus dem 
Haus gewiesen, obwohl sie damals, wie die Groß- 
mutter sagt, nicht leichtsinniger gewesen sei, als 
Mädchen dieses Alters es zu sein pflegen. Aber der 
Vater war mit seinen Kindern sehr streng, besonders 
streng abei- mit der Ältesten. Ganz gegenteilig ist 
sein Verhalten dem Enkelkind gegenüber. Die Groß- 
mutter erzählt Einzelheiten aus dem Aufwachsen des 
Kindes, aus denen hervorgeht, daß der Großvater 
eine Zurechtweisung des Minderjährigen durch sie 
nie duldet. Als beweisend führte sie ganz besonders 
an- Die Gewöhnung des Kindes an Reinlichkeit 
machte übermäßige Schwierigkeiten. Dex Junge 
zeigte wenig Lust, den Topf zu benützen. Hatte ihn 
die Großmutter dazu gebracht und der Großvater 

212 



kam zufällig zur Tür herein, so sprang der Junge 
wieder auf, da er wußte, jetzt würde er nicht mehr 
dazu angehalten werden. Auch die jüngeren Ge- 
schwister seiner Mutter — von denen das Jüngste 
nur wenig älter war als er selbst — , mit denen er 
gemeinsam aufwuchs, waren ihm gegenüber macht- 
los. Der Großvater stand immer schützend hinter 
ihm. Bei Streitszenen der Kinder fragte der Groß- 
vater nicht, er züchtigte nur die anderen. Keines der 
Kinder durfte sich wehren, wenn ihnen der Kleine 
etwas wegnahm. 

So wuchs der Junge nahezu ohne Triebeinschrän- 
kungen heran. Als das Kind auch bei Fremden Dinge 
und Geld zu nehmen begann, sah der Großvater darin 
nicht ein Verwahrlosungssymptom, sondern eine ner- 
vöse Störung, die er ärztlich behandelt wissen wollte. 

Es war aussichtslos, den alten Mann zu einer bes- 
seren Einsicht zu bringen. Um eine weitergehende 
Fehlentwicklung des Kindes zu vermeiden, blieb nur 
die Loslösung von diesem Milieu. 



Mißhandelte Kinder kommen sehr häufig aus 
dem Trinkermilieu. In der Erziehungsberatung kann 
das Problem der Trunksucht natürlich nicht in seiner 
Gänze erfaßt werden. Da aber immer wieder Fälle 
aus Trinkerfamilien in der Erziehungsberatung zur 
Behandlung kommen, muß der Erziehungsberater 

auch dazu Stellung nehmen. 

Seltener sind Mütter, häufiger Väter der Trunk- 
sucht verfallen. Der Erziehungsberater wird bei 
rechtzeitiger Inanspruchnahme ohne Analyse und ohne 
Fürsorgeerziehungsanstalt auskommen, Verwahr- 
losungsbereitschaft und manifeste Verwahrlosung 

213 



durch Faniilienwechsel beheben können. Ein Fami- 
lienwechsel erübrigt sich, wenn der dem Trünke er- 
gebene Elternleil einer Trinkerheilstätte übergeben 
werden kann. 

In Fällen, in denen Trunkenheit des Mannes zu 
wüsten Exzessen führt, in deren Verlauf Frau und 
Kinder verprügelt und so behandelt werden, daß sie 
die Wohnung verlassen müssen und der betrunkene 
Mann dann die Wohnungseinrichtung zertrümmert, 
sind wir geneigt, den besonders brutalen Mann zu 
sehen. Das kann, muß aber nicht zutieffen. AVir ken- 
nen Fälle, die bei genauer Untersuchung erkennen 
ließen, daß der Mann nicht der rohe, gewalttätige, 
sondern im Gegenteil, der weibliche, schwächliche, 
im nüchternen Zustand gehemmte Mann ist. Auf- 
fällig ist, wie diese Männer von ihren Frauen ge- 
schildert werden: im nüchternen Zustand sehr ver- 
tiäglich, anständig, brav, gefällig, hilfsbereit bei den 
liäuslichen Arbeiten. 

Der Eindruck, den weibisclien Mann beschrieben 
zu bekommen, ist nicht abzuwehren. Nocii auffälliger 
ist, daß die Frau, die ihn beschreibt, der aktive, ener- 
gische, maskuline Typus ist. 

Wir konnten in einigen dieser Fälle feststellen, 
daß die Affektausbrüche in der Trunkenheit nur der 
mit ungeeigneten Mitteln unternommene Abwehrver- 
such des zu schwachen Mannes gegen die Unter- 
drückung durch die Gattin bedeutet. 

Er ist in einer Art höriger Abhängigkeit von sei- 
ner energischen Frau. Eine Zeitlang lebt er im Sinne 
der angedeuteten Triebeinstellung, bis er durch die 
gewiß nicht beabsichtigten, aber aus der Ich-Struktur 
dieser Frau bedingten Quälereien schwer gekränkt, 
wahrsclieinlich auch in Angst versetzt ist und durch 

214 



den Anspruch seines Über-Iehs getrieben wird, 
„Mann" zu sein. 

Aus dem Gefühl seiner Ohnmacht und der Unmög- 
lichkeit, die eigene Passivität überwinden zu können, 
vorsetzt er sich durch Alkohol in den Zustand einer 
künstlichen Hemmungslosigkeit. 

Wahrscheinlich ist er in dem Augenblick ganz 
Mann", in dem Gattin und Kinder die Wohnung 
fluchtartig verlassen und er die Wohnungseinrich- 
tung zertrümmert. 

Der Erziehungsberater muß diese Zusammenhänge 
l-ennen weil er in solchen Fällen nicht darauf be- 
stehen wird, die Heilung des Trinkers In der Trinker- 
heilstätte zu suchen. Er dient der Fürsorge um das 
Kind am besten, wenn er versucht, ruhigere Milieu- 
verhältnisse herzustellen. 

Ob dies durch Analyse von Vater und Mutter zu 
erreichen wäre, konnten wir nicht feststellen, da uns 
die Mögliclikeit, diese zu veranlassen, fehlte. ^ 

Eine erträgliche Situation schufen wir in einigen 
Fällen dadurch, daß wir in oftmaligen Besprechun- 
o'en in der Erziehungsberatung starke Beziehungen 
von Vater und Mutter zu uns herstellten, dabei der 
Frau die Möglichkeit einer passiven Einstellung 
ffaben und außerdem dem Mann die Gelegenheit 
schufen, seine aggressiven Tendenzen in sozialer 
Form zu äußern. EvfahrungSg6mä& M m S\ftbUtV 
Erfolg aber immer nur dann zu erreichen, wenn die 

Beziehungen zu uns längere Zeit aufrecWevhftlten 

und nur nach und nach abgebaut werden. 

Eine Änderung in den FamiUenverhäUnisseiv des 
Trinkers herzustellen, scheint in der Regel gansi aus- 
sichtslos zu sein und doch ist sie oft erfolgreich 
durchzuführen. Tm Gegensatz dazu gibt es Familien- 



215 



Hituationon, die mir oiiior geringon Änderung be- 
dürften, um zur Mitarbeit bei l^ehobung der Verwahr- 
losung herangezogen worden zu können. Scheinbar 
müßte diese Änderung leicht zu erreichen sein und 
doch bleibt alles Bemühen des Krziehnngsberaters 
darum erfolglos. Zu diesen Familienkonstellationen 
gehören unter anderen jene, in denen Väter den 
Schwerpunkt ihrer Interessen außerhalb ihrer Fa- 
milie verlegen. Es sind nicht sclilecfite Väter, die die 
Familie bewulsi vernachlässigen, aber geschäftliche, 
öffentliche, politische Betätigungen nehmen sie 
immer wieder in Anspruch. Ruft der Erziehungs- 
berater solche Väter zur Mitarbeit heran, so sagen 
sie gerne zu, leisten aber in Wirklichkeit nichts. Die 
Mütter fühlen sich vernachlässigt, können aber nur 
die Verhältnisse und nicht die Person des Vaters 
dafür verantwortlich machen, werden dem Kind 
gegenüber ungerecht und die Verwahrlosung vertieft 

sich immer mehr. 

Die Schwierigkeit des Erziehungsberaters liegt 
darin daß <ier Vater verstandesgemäß, aber nicht 
affektiv allem beipflichtet, was der Erziehungs- 
herater von ihm verlangt, es daher nicht durchführt. 
Wir haben wiederholt erfahren, daß der Vater Unter- 
lassungen, die wir von ihm forderten, soweit sie nicht 
seinen oben angedeuteten Tnteressenki-eis berülrren, 
durchführt. Er ist bereit sich passiver zu verhalten, 
vom Kinde weniger zu fordern als bisher, denn akti- 
vere Betätigungen bringt er nicht zustande. 



Unter den auf die Erziehuugsbcratung gebrachten 
Kindern befinden sich häufig solche, deren Schul- 
Schwierigkeiten, die den Anlnß ihres Kommens bie- 

216 



I 



ten, durch Lernhemmungen verursacht werden. Die 
meisten von ihnen werden von der Schale ganz 
typisch mit zwei Sätzen charakterisiert: 

Das Kind kann sich nicht konzen- 
trieren. 

Es könnte viel mehr leisten, wenn 

^gwollte. -.■Dl 

Die 80 beschriebenen Kinder sind m der Regel 
starke Tagträumer, die den Großteil ihrer Energien 
in Phantasien verbrauchen. Sie könnten ihrer Be- 
Labung nach wirklich mehr leisten, aber nicht wenn 
^fe woU^en'N sondern wenn sie „wollen konnten . 
tie sind keineswegs unfähig sich zu konzentrieren, 
a"er Biekonzentrieren sieh auf den Inhalt ihrer Tag- 
tx» und nicht auf die von ihnen verlangte sach- 
hP Arbeit in der Schule. Dem Analytiker müssen 
wohl nicht sagen, was hinter den Tagträumen 
\t\ und wie er ihnen beikommen kann, vielleicht 
Trher ein Hinweis auf die Diagnose dieses Typus 
- Ir Erziehungsberatung wichtig. Diese Kinder 
^^ H während der Erziehungsberatung relativ leicht 
7nm phantasieren zu bringen. Kichtiges Verhalten 
ae" Erziehungsberaters wird Assoziationen auslosen 
Er kann durcli Anknüpfung an das kindliche Spie 
zunächst jene Phantasien, die hinter dem t>piel 
stecken, erzählen lassen. 

Es gibt aber oft gerade unter diesen Kindern solche, 
die den Koniakt mit der Realität soweit unterbunden 
haben daß sie ihre Phantasien nicht in ein Spiel ein- 
bauten, das Spiel sogar als Störung ihrer lustvollen 
Phantasietätigkeit empfinden, sondern vor sich hin- 
träumen, was auch immer um sie herum geschieht. Bei 
diesen Knaben wird ein Anknüpfen an kindliches 
Spiel dahinter steckende Phantasien nicht zutage 



s 
is 



217 



fördern. Dieses Kind, naeh woinen Phantasien ge- 
fragt, wird dieselben infolge des an die l^hantasie- 
tätigkeit geknüpften Sclnililgofiilils nicht erzählen» 
aucli wenn die l*hantiirtien bewußt sind. Bei vielen 
Kindern hat der Verdriinguiigsniechanisinurt bereits 
die Leistung der Umwandlung bewußter Phantasie- 
tätigkeit in unbewußte vollbiaclil. Man kann von 
ihnen nicht mehr sagen, sie träuiutMi voi' sich hin, 
sondern sie schauen bloß vor sich liin. Gefragt könn- 
ten sie nur — volle Aufriciitigkeit vorausgesetzt — 
aussagen, an nichts gedacht zu haben. Wir wissen 
aber, daß in diesen Augenblicken scheinbarer Ruhe^ 
verdrängte Phantasien ablaufen. 

Es ist oft von Vorteil, es dem Kind in der Erzie- 
hungsberatung zu ermöglichen, Phantasien so zu er- 
zählen, daß es das Erzählte nicht als eigene Phan- 
tasie erlebt und daher von Schuldgefühl freibleibt 
oder bei starken Verdrängungen es zu zwingen, seine 

Phantasien teilweise in das Bewußtsein dringen zu 
lassen. 

Zu diesem Zweck lassen wir das Kind eine be- 
queme Stellung einnehmen, die Augen schließen und 
versuchen, seine Aufmerksamkeit auf eine bewußte 
Vorstellungswelt zu konzentrieren: es jiiöge sich 
einen Kinobesuch, eine Eisenbahufahrt, bei der es 
zum Fenster hinausschaut, oder das Blättern in einem 
Bilderbuch, in dem verschiedene Bilder zu sehen 
sind, vorstellen und uns sagen, was es sieht. 

Geht das Kind darauf ein und beginnt zu assozi- 
ieren, dann ist weiter keine Schwierigkeit, die Asso- 
ziationskette zu verfolgen. • ■ 

Nicht nur unter den Kindern, auch unter den 
Jugendliehen finden wir solche Tagträumer, die, ganz 

218 



in ihre Phantasien versunken, realitälsuntuchtig 
sind, die Beziehungen zu der Umwelt mehr oder min- 
der verlieren, so richtig als Phantasten bezeichnet 

worden. ■ ' ■ j ■ 

Als Beispiel: Von einer Fürsorgerin wird ein 
niähriger Junge wegen „Hochstapelei' in die Er- 
Jehungsberatung gebracht. Seine Kltern «md simple 
aber sehr brave ältere Leute, Der Junge selbst ha 
fach mehrfachem Wechsel seiner Lehrstelle jetzt 
em Anstellung als Praktikant und arbeitet dort an- 
Ibiieh zur Zufriedenheit seines Chefs; es ist aber 
f trcluen, daB er bald wieder -i- ^«^ U 
verlieren wird. Da der Junge mit lo J'^'"'«"^^" ^' 
I^tLhme des Schmuckes seiner Mutter von - H^use 
durchgebrannt war, wurde er nach bedingter ve 

"eüung unter Schutzautsicht gestellt. Die Fui- 
"' S ^n die besorgt ist, daß der Junge bei einem 
riiohon Delikt nunmehr unbedingt verurteilt 
"^'.'n würde, berichtet, daß er gegenwärtig nachte- • 
'^'' nn zu Hause wegbleibt, von einer reichen 
'*°^ Tkannlschaft mit der Frau eines hohen Otfi- 
Damenbekannlsc^ ih,n viel Geld eingetragen habe, 
^iers erzaii "^^^^^^j^g.jjj^^ndel, den er betreibt. 
"^'Ffne Unterredung mit dem Jungen ergab aber ein 
fivh anderem Bild. Wir sprachen über den 
K^uscSfth^^del. Attf unsere Frage nach seinem 
!,n Geschäft, widersprach er seiner zuerst ge- 
:: Ten B^hanpiung und er.HhUo, daß er jetzt nicht 
mehr mit Rau.9chgiften handle, da es zu riskant sei, 
sondern mit Hasardspiel Geld 711 VOrdieneil SllChC, 

Frülier in Deutschland allerdings liabe er viel Geld 
mit Pau.schgiften verdient. Nach einem genauen Be- 
richt eines derartigen Erlebnisses gefragt, ist deut- 
licli zu ersehen, daß es sich nicht um Kealerlebnisse 

219 



handelt, sondern Wunschphantasien erzählt werden. 
Ähnlich ist es bei dem Hasardspielen. Aus den großen 
Hasardspielen wurde Kopf- und Adlorspiele In einer 
kleinen Konditorei am Sonntag-Nachmittag. 

Hinter der Damenbekanntschaft, auf die wir nicht 
mehr eingingen, vermuteten wir eine Beziehung mit 
einem Dienstmädchen. Durch Zufall erfuhren wir, — 
er war kurze Zeit in Beobachtung, — daß seinen Auf- 
schneidereien tatsächlich ein harmloses Verhältnis 
mit einem Dienstmädchen zugrunde lag. 

Der „Hochstapler" entpuppte sich als ein gut- 
mütiger, beschränkter Phantast, der — wenn die 
Möglichkeit einer Analyse nicht gegeben ist — auch 
mit einem positiven fTbertragungeverhältnis, das 
durch häufige Vorsprachen in der Erziehungsbera- 
tung fortgesetzt werden muß, ohne Konflikte mit der 
Realität in eine stabile psychische Situation gebracht 
werden kann. 

Seine Beschränktheit läßt außerdem eine psycho- 
analytische Behandlung heute als unökonomisch er- 
scheinen. Wichtig ist es bei solchen Fällen, es nicht 
zu Affektstauungen kommen zu lassen, da dieser 
Typus dann zu explosionsartigen Unüberlegtheiten 
neigt, wie es beim Diebstahl der Fall war, deren 
nähere Ursachen infolge der Kürze der Beobachtungs- 
zeit, die aus äußeren Gründen abgebrochen werden 
mußte, nicht eruiert werden konnten. 

* 
Wenn Kinder in die Erziehungsberatung gebracht 
werden, bei denen wir vermuten können, daß sie in 
ihrem Heranwachsen subjektiv eine weitgehende Ein- 
schränkung ihrer persönlichen Freiheit erlebt haben» 
so werden wir zunächst versuchen, durch die Gewin- 
nung der Erziehungspereonen (Mütter, Väter) dio 

220 



# 



Umgebung so zu gestalten, daß das Kind seine bis- 
herige Reaktion aufgeben muß. Erst wenn dieser 
Versuch zu keinem Ergebnis führt, werden wir auf 
tiefere Ursachen der vorliegenden Schwererziehbar- 
keit schließen und Beobachtung durch analytisch ge- 
schulte Pädagogen veranlassen, oder gleich auf eine 
Psychoanalyse dringen. 

Eine Mutter kommt mit ihrem siebenjährigen Jun- 
gen der ihr die größten Führnngsschwierigkeiten 
macht. Aus ihrer Schilderung das Wesentliche: Das 
Kind ist über alle Maßen unfolgsam, ungebärdig, wild 
und trotzig. Aus Bosheit zerbricht es Küchengeschirr 
und Gläser, beschädigt Möbel und andere Einnch- 
tungsgegenstände. Wenn die Mutter will, daß der 
Junge etwas Bestimmtes tue, muß sie gerade das 
Ge'^enteil verlangen. Tn der Schule ist er der Schrek- 
ken des Lehrers. Er ist völlig undiszipliniert, unver- 
träglich, rechthaberisch, streitsüchtig, drängt sich 
{fällig vor, ruft während des Unterrichts ganz un- 
motiviert dazwischen, verschmiert oder zerreißt 
Schulhefte und Bücher seiner Mitschüler, nimmt 
ihnen Bleistifte und Federstiele weg und zerbricht 
•e Die Klassengenossen lehnen ihn ausnahmslos ab, 
auch er mag sie nicht. Bemerkt muß werden, daß er 
der begabteste Schüler der Klasse ist. 

Die Mutter macht durchaus niclil den 1LIT\ÜY\1Gk, 
daß sie ihr einziges, von ihr sehr geliebtes Kind, be- 
sonders verwöhne. Sie ist eine einfache Frau, die zum 
Haushalt durch Heimarbeit beiträgt. Sie steht fest 
und aufrecht in der Pealität, trotzdem sie augen- 
scheinlich nicht sehr glücklich ist, was sie aber im Be- 
nehmen und Reden zu verbergen sucht. Sie beschuldigt 
eich, daß sie durch ihre Tagesarbeit zu sehr in An- 
spruch genommen werde, um sich dem Kind genügend 



221 



viel widmen zu können. Vom Gallen spricht sie gut. Er 
ist der brave fleißige Arbeiter, weder Spieler noch 
Trinker, gibt seinen vollen Arbeitslohn für die Fa- 
milie her, bekommt nur Taschengeld, veibringt seine 
ganze freie Zeit zu Hause und ist doch nicht der rioli- 
tige Mann und Vater. Das Kadio ist ihm das Wich- 
tigste. So willenlos und so schwach er sonst ist, so 
brutal kann er werden, wenn ihn das Kind beim 
„Radiohören" stört. In seinem Zorn züchtigt er den 
Buben oft maßlos und die Frau kann ihn daran nicht 
hindern. Hei der Schilderung der häuslichen A^erhält- 
nisse findet die Mutter viele den Galten loboudo und 
anerkennende Worte. Über seine W^utantäJlo und die 
Züchtigungen des Kindes geht sie entscliiildigend 
hinweg, sie strmft sie kaum. Vnd doch schwingt in 
ihren Worten ein Ton mit, der veriini len läßt, daß sie 
in der i'Jhe unbefriedigt bleibt. Letzten lindes genügt 
sich dieser Mann doch selbst, ein wirkliches, riclitiges 
Verständnis für die Bedürfnisse von Weib und liind 
hat er nicht. 

An den Erfahrungen der Krziehungsberatung ge- 
raessen, ist dieses Milieu relativ nicht schlecht. Zu- 
mindest liegt keine unbedingte Nötigung vor, das 
Kind anderwärts unterzubringen. Es bleibt nur die 
Möglichkeit einer Behandlung des Kindes in der Fa- 
milie. Die Mutter zeigt sich sehr verständig und es 
kann der Versuch gewagt werden, ihr die Behandlung 
anzuvertrauen, wenn einmal festgestollt ist, worin 
diese zu bestehen hat. 

. Wüßten wir nur, welche Ursachen das Verhalten 
■des Kindes bedingen, so ließen sich die nötigen An- 
leitungen geben, aber weder eine körperliche Unter- 
suchung, noch eine ein- oder mehrmalige Ausspraclie 
mit dem Kind wird sie finden lassen. Wir können 

222 



nur vermuten, aus welchen Ursachen das dissoziale 
Verhalten des Kindes zu Hause und in der Schule ent- 
springt und müssen dieser Vermutung entsprechend 
die Behandlung des Kindes beginnen. 

Aus der Unterredung mit Mutter und Kind drängt 
eich die Annahme auf, daß das Kind in seinem Be- 
streben sich durchzusetzen, fortwährend auf Hinder- 
nisse gestoßen sei. Sein Zustand ließe sich daher 
vielleicht als eine Reaktion auf fortgesetzte Unter- 
drückung seines Geltungsbedürfnisses, wie Indiyi- 
aualpsychologen dies nennen — wir werden es ein- 
fach als Einschränkung der persönlichen Freiheit be- 
zeichnen — zurückführen. Darauf stellen wir nun 
den ersten Behandlungsversuch ein. Zunächst raten 
wir der Mutter, das Kind während einer Woche 
machen zu lassen, was es wolle und dann wieder zu 
konunen. Die Mutter, die volles Vertrauen zum Er- 
:Eiehungsberater gewonnen hat, erklärt sich bereit, 
die möglicherweise sehr schwierige Aufgabe zu über- 
nehmen. Nach einer Woche berichtet sie wie folgt: 

Am ersten Tag schwenkt der Junge ein halbvolles 
Tintenfläschchen absichtlich so stark herum, daß 
Wände und Möbel mit Tinte bespritzt sind. 

Verhalten der Mutter: sie reinigt stillschweigend, 
ohne dem Kind den leisesten Vorwurf zu machen, die 

Möbel und kratzt die Tintenflecke von to AY&M^ ^ia- 

mit der heimkehrende Gatte nichts merkt. 

Am zweiten Tag wirft der Junge einen halbvollen 
Kohlensack um und leert ihn aus. Der herumwir- 
belnde Kohlenstaub beschmutzt die weiß lackierten 
Küchenmöbel. . • 

Die Mutter reinigt stillschweigend, wieder ohne 
dem Kind den leisesten Vorwurf zu machen, die 
Küchenmöbel. 



223 



Am dritten Tag kommt der Junge, während die 
Mutter das Mittagessen am Gasherd kocht, in die 
Küche. Er scliließt den Gashalm, die Mutter entzündet 
die Flamme, er schließt den Unhu neuerlich, die Mut- 
ter zündet wieder an. - in ; 

Nachdem das Spiel vom AuHloschen und Anzünden 
ungefähr eine halbe Stunde stattgefunden hat, be- 
merkt sie ruhig: „Wir können das so fortmachen, 
aber dann bekommen wir kein Mittagessen." Der 
Junge verläßt hierauf die Küche. 

Am vierten Tag stellt sich der Junge zum Wasch- 
becken und wäscht sich so lange die Hände, bis ein 
ganzes Stück Seife verbraucht ist. 

Die Mutter läßt ihn stillschweigend gewähren. 

Am fünften Tag wiederholt sicli das Spiel am 
Gasherd. . . ., . ,. ., 

Am sechsten Tag nimmt der Junge seine Eisen- 
bahnlokomotive und läßt sie auf dem Fensterbrett 
laufen, wobei er sie so niederdrückt, daß ihre Räder 
tiefe Killen in das Holz einschneiden. 

Die Mutter verkittet die Killen und streicht die 
Fensterbretter der beiden Zinnnerfenster neu an, da- 
mit der Vater nichts merkt, ohne aus der lUihe zu 
kommen. 

Am siebenten Tag ist Zeugnisverteilung in der 
Schule. Er hat den besten Lernerfolg aufzuweisen 
keiner seiner Mitschüler reicht an ihn heran. Er 
kommt sehr stolz nach Hause und stellt an diesem 
Tag nichts an. 

Bemerkenswert ist, daß an jedem Tag nur eine 
„große Untat" vorkommt, er sich sonst aber vollkom- 
men normal benimmt. 

Die zweite Woche verläuft bis auf eine „Untat" 
sehr ruhig. Die Mutter geht Milch holen. Als diese in 

224 



die Kanne gegossen wird, entdeckt sie, daß der Boden 
durchlöchert ist. In der Erziehungsberatung stellt sich 
heraus, daß Vater und Sohn am Sonntag vorher das 
schadhafte Küchenblechgeschirr gelötet haben. Es 
war keine Arbeit für den nächsten Sonntag mehr da 
und deshalb hat der Junge mit einer abgebrochenen 
scharfkantigen Feile die Löcher in den Boden der 
Kanne gebohrt, um wieder Material zu bekommen. 

In die dritte Woche fällt der Faschingsonntag. Die 
Mutter bäckt Faschingskrapfen und stellt sie zum 
Auskühlen auf das Fensterbrett. Der Junge bleibt 
allein in der Küche, ißt sechs Stück der heißen schwer 
verdaulichen Mehlspeise, dazu noch ein Viertelkilo- 
gramm vom Kochen übrig gebliebenen Staubzucker. 
Es wird ihm nicht einmal übel; er bleibt gesund. Dies 
war, nach den Berichten der Mutter» das letzte „vStück- 
chen", das er sich leistete. Seither benimmt er sich 
nicht anders als andere Kinder in seinem Alter, auch 
die Schwierigkeiten in der Schule haben nach und 
nach aufgehört. 

In diesem Fall war die Vermutung, die zu dieser 
Behandlung führte, richtig. Der Erfolg ist lediglich 
dem ungemein tapferen Ausharren dieser einfachen, 
pädagogisch vollständig ungeschulten Frau zuzu- 
schreiben. Hätte sich das Benehmen des Knaben bei 
weiterem Gewährenlassen durch die Mutter nicht ge- 
ändert und wäre auch die Mithilfe des Erziehungs- 
beraters (wiederholte Aussprachen mit dem Kind) 
erfolglos geblieben, so könnten nur tiefere Ursachen 
diesen Zustand begründen. Als solche kämen bei- 
spielsweise in Frage: Haßeinstellung gegen den 
Vater, eine Verschiebung des Hasses zunächst auf 

Gregenstände, die dem Vater gehören, später auf 
Gegenstände überhaupt und auch auf andere Per- 



Ib AlmanacU 19S4 



225 



sonen; TodeswUiiechft gegen den Vater, verdrängte 
Schuldgefühle dem Vater gegenüber, Schuldgefühle 
infolge Masturbation usw. Eine Beseitigung dieser, 
im Unbewußten des Kindes verankerten Ursachen 
gelingt nur durch deren Aufdeckung, die einer 
psyclioanalytisch.en Behandlung vorhohalten bleiben 

muß. 

• 

Nicht selten sind die Fälle, in denen die Erzie- 
hungfiberatung zu sexuellen Äußerungen von Kin- 
dern und Jugendlichen Stellung nehmen muß und 
von Eltern, die wissen wollen, wie ilire Kinder 
sexuell aufzuklären sind, in Anspruch genommen 
wird. Neurotische Eltern, die nicht merken, daß sie 
dem Kinde förmlich nachspüren und harmloseste 
Äußerungen kindlichen Sexuallebens weit übertrei- 
ben, verlangen vom Erziehungsborater oft sofortige 
Abhilfe. Sie sind entsetzt, wenn der Erziehungebera- 
ter ihren Abscheu nicht berechtigt findet und ihre 
Angst um die Zuktuift des „so verdorbenen Kindes'* 
nicht teilt. 

Der Erziehungsberater wird sich bemühen, diesen 
Eltern das Unsinnige ihres Verhaltens, ihrer Be- 
fürchtungen und ihres Verlangens auseinanderzu- 
setzen. Erfahrungsgemäß gelingt dies erst durch 
mehrere Aussprachen. Sehr viel ist schon erreicht 
wenn er bei den ersten Vorsprachen die Eltern da- 
hin bringt, die sexuellen Äußerungen ihres Kindes 
harmloser aufzufassen. Erst später wird er ver- 
suchen, das Interesse der Eltern vom Sexualleben des 
Kindes mehr und mohr abzuziolion. Tu allen diesen 
Fällen M'ird er sich vorerst mit den Eltern beschäf- 
tigen, deren Angst und Abscheu vor der kindlichen 
Sexualität beheben, und so dem Kinde die Freiheit 

226 



für seine normale, ungehinderte sexuelle Entwick- 
lung verschaffen. 

Wenn es nicht gelingt — was häufiger bei Müt- 
tern, seltener bei Vätern der Fall ist — eine natür- 
liche Einstellung zum Sexualleben des Kindes zu er- 
reichen, wird der Erziehungsberater eine Entfernung 
des Kindes aus dem Milieu erst dann verlangen, wenn 
auch der Versuch, den neurotischen Elternteil in 
Analyse zu bringen, mißlungen ist. 

Wir dürfen aber nicht annehmen, daß nur neuro- 
tische Eltern im Sexualleben ihrer Kinder Auffälli- 
ges finden. Teilen uns anscheinend normale Eltern sie 
beunruhigende Beobachtungen aus dem Sexualleben 
ihrer Kinder mit, so werden wir sie nicht mit dem 
Hinweis auf das Naturgemäße kindlicher Sexualität 
beruhigön» sondern in solchen Italien den Sachver- 
halt genau prüfen, um nicht krankhafte Äußerungen 
des Kindes zu übersehen. 

Unter den sexuellen Betätigungen der Kinder, über 
die sich die Eltern am meisten beunruhigen, empören 
und besonderen Rat haben wollen, sind am häufigsten 
Onanie, gegenseitige Onanie und Verleitung zur 
Onanie' zu nennen. Obwohl die Inanspruchnahme der 
Erziehungsberatung dieser Fälle wegen jetzt relativ 
seltener geworden ist, gibt es immerhin noch genug 
Eltern, die nicht erkennen, daß viele Erziehungs- 
schwierigkeiten auf die, aus falscher Auffassung 

über die kindliche Onanie hervovgeheuüf, uuvichtige 

Behandlung des Kindes zurückgehen. 

Der Erziehungsberater wird, ohne seine Einstel- 
lung zur Onanie des Minderiäliriffen zn ändern, die 
jeweilige psychische Situation der Eltern berück- 
sichtigen, um nicht durch deren Widerstand für das 
Kind eine noch ungünstigere Situation zu schaffen. 






Er wird sich auch an die Erfahrungstatsache halteur 
daß normale Eltern im allgemeinen auf die Onanie 
ihres Kindes nicht reagieren, weil sie sie in der Regel 
gar nicht sehen. Wenn uns daher beispielsweise nicht 
neurotische Mütter über die Onanie ihres Kindes 
Auffälliges zu berichten haben, dann ist fast nn 
Sicherheit anzunehmen, daß der Erzieliungsberater 
Anlaß zum Einsehreiten finden wird. Wir wissen, daß 
mancherlei Schulschwierigkeiten auf die Onanie zu- 
rückzuführen sind. Möglicherweise sind sie die Fol- 
gen längst verdrängter, nur mehr in der Analyse aui- 
deckbarer Schuldgefühle aus der Übertretung des 
Onanieverbotes. Sie können aber auch aus akuten, W^'' 
der Onanie zusammenhängenden Konflikten entstan- 
den sein. Diese sind dann in der Erziehungsberatnng 
feststellbar, wie z. B. die beiden folgenden FäU® 
zeigen: 

Eine Mutter bringt ihren zehnjährigen Jungen lO 
die Erziehungsberatung, weil er im letzten Halbjahie 
vom besten Schüler der Klasse zum nahezu schlech- 
testen in den Lernerfolgen wurde. Sie stellt sicü 
schützend vor das Kind und macht den Lehrer ver- 
antwortlich, der angeblich ihren Jungen schlecht be- 
handelt, seit sie ihm „ihre Meinung*' gesagt hat. Daß 
.das Kind sich aber auch sonst auffällig benimmt, ver- 
spielt und verträumt ist und sich schwer in eine Oe- 
meinschaft einordnet, merkt sie in ihrer Zärtlichkeit 
nicht. Ganz besonders besorgt ist sie um die sexuelle 
Entwicklung ihres Sohnes, seit sie einen schwach- 
sinnigen Jugendlichen onanieren gesehen und über- 
zeugt ist, daß er davon schwachsinnig geworden ist. 
Ihrem Jungen verbietet sie die Onanie aufs schM- 
ste mit dem Hinweis, daß er sonst auch so werde \vi0 



228 



dieser Jugendliche. Jedes andere Gespräch sexuellen 
Inhaltes wird vor dem Kinde ängstlich vermieden 
und jede seiner Fragen über sexuelle Angelegen- 
heiten wird brüsk abgelehnt. Obwohl ihr die Er- 
regung des Knaben, wenn sie mit ihm körperlich 
zärtlich ist und ihn badet, also „sexuelle Erregung 
ganz deutlich ist, setzt sie beides fort und denkt nicht 
daran, wie sehr sie durch ihr Tun das sexuelle früh- 
zeitig geweckte Kind schädigt. 

Vom Kinde erfahren wir, daß es in der Klasse 
einige „schlechte" Kinder gibt, die immer gemeinsam 
im llö^elt Sind und dort mit ihrem -R'^^'' ^;-- 
spielen. Er wurde auch mitgenommen, hat - gesehen 
aber habe, aufgefordert mitzuspielen, abgelehnt^ Ei 
ist sehr froh, daß er es nicht mache, denn sonst werde 
er so wie der Junge im Hause. Trotzdem müsse er 
viel daran denken und könne in der Schule nur 

"T u'nnen'uns leicht denken, daß das Interesse 

Wir können ""^ . j^ ^j^^ Schule durch seine 

des Kindes m und außerhalb d ^^^^^^^^ ^._.^_ 

Triebanspruche anders -^^^^P^ wäre. Das Versagen 
als es für das Leinen ^^^^^^ ^^^^ ^.^ ^^,. 

des Kindes m der ^''^ ""L enhang zu bringen, 

nen Schuldgefühlen m M. ^^^^^ p^yehoanalytischeu 
Dieses Kind muß, ene ^^^^^^ zugeführt wer- 

Bohandlung mit -'""^^'^ Milieu entfernt werden, 

den kann, aus dem hf?'«'' . ^„ einer anderen Auf- 

da jedes B^"'«''.®"' ^^liehe Onanie zu bringen. Ver- 
fassung über die K-" ^^ ^^^j^ unmöglich erscheint 
geblich sein wird un schädigende 

sie dahin zu bringen die das Kin 
Verzärtelung aufzugeben. . . 



229 



-■ Ein siebzehnjähriger Jnnge, dtn* bisher in der 
Schule sehr gut entsprochen hat, bleibt plötzlich im 
Lernen so zurück, daß seine Lehrer den Vater rufen, 
um ihm das Unerklärliche dieser Erscheinung mit- 
zuteilon. 

Die Erziehungeboratung wird um Hilfe gebeten 
und wir raten dem Vater zunächst, den Sohn psychia- 
trisch untersuchen zu lassen, weil wir sicher gehen 
wollen, daß nicht eine beginnende Geisteskrankheit 
diesen Zustand bedinge. Erst als uns der Vater den 
negativen Befund bringt, beschäftigen wir uns näher 
mit dieser Angelegenheit. 

Die Angaben, die der Vater macht, geben uns nicht 
die Möglichkeit, jene Dichtung zu finden, in der wir 
die Ursachen für das Versagen des Minderjährigen 
in der Schule hätten suchen können. Deswegen stel- 
len wir Fragen und kommen schließlich auch auf das 
Sexualleben des jungen Menschen zu sprechen. Der 
Vater teilt mit, daß er vor einiger Zeit seinen Sohn 
am frühen Morgen beim Onanieren überrascht habe. 
Der Junge liegt im Bett, er reißt ihm die Decke weg 
und überführt ihn in beschämender Weise dieser 
„strafbaren'* Tat. Ganz außer sich übei- diese Ver- 
worfenheit schildert er ihm die schrecklichen Folgen, 
wenn er die Onanie nicht lasse, obenan, daß er ver- 
blöden und geisteskrank werden müsse. Um seinen 
"Worten mehr Nachdruck zu verleihen und damit der 
Junge nicht meine, nur er habe solche Ansiciileu, gab 
er ihm ein Buch zum lesen, in dem auch die durch 
die Onanie verursachten Krankheiten geschildert 
werden. 

Da der Beginn der schlechten Lernerfolge unge- 
fähr mit dem Zeitpunkt der Onanie-Überführung zu- 
sammenfällt, vermuten wir einen Zusammenhang 

230 



zwischen beiden und wollen den Versuch, ihn aufzu- 
decken, wagen. Uem \r\ov erklären wir, daß wir ver- 
suchen werden, seinem Sohn zu helfen, dabei aber 
ihm wahrscheinlich die Onanie werden erlauben 
müssen, und mit der Arbeit nur beginnen, wenn er 
(der Vater) damit einverstanden sei. 

Diese Bedingung entsetzt den Vater übermäßig 
und empört verläßt er uns mit der Bemerkung, daß 
er unter dieser Bedingung seinen Sohn niemals 
werde behandeln lassen. Seine Entrüstung geht so 
weit, daß er uns noch zuruft, er finde unser Ansinnen 
unerhört, eine Institution, die die Onanie unterstütze, 
sei zum Verderben der Jugend und müsse behördlich 

gesperrt werden. 

Nach einiger Zeit kommt der Vater wieder — der 
Junge war in der Schule noch weiter zurückgegan- 
«ren — und ersucht, den Jungen, ohne ihm die Onanie 
"n gestatten, doch zu behandeln. Er ist von der Rich- 
tigkeit seiner Auffassung so überzeugt, daß er sich 
ernstlich bemüht, uns über die unausbleiblichen Fol- 
gen der Onanie aufzuklären. Er hat auch das seiner- 
zeit dem Solme übergebene Buch mitgebracht. Wir 
hören seinen Ausführungen zu, lassen uns eines Bes- 
seren nicht belehren, versuchen aber auch nicht ihn 
zu einer anderen Meinung zu bringen - es wäre 
aussichtslos - halten aber an unserer Bedingung 

fest 

Nach einigen Wochen war die Situation des Jun- 
gen in der Schule so bedrohlich geworden, daß kaum 
noch eine Aussicht des „Durchkoramens" bestand. Da 
der Vater sehr ehrgeizig war und ein Mißerfolg sei- 
nes Sohnes in der Schule ihn noch mehr beschämt 
hätte, als die Tatsache, daß er onaniert, kommt zum 
drittenmal in die Erziehungsberatung. Er hat sich 

231 



« 



nun docli entschloeson, uns sein Kind „auezuliefern 

So unbedingt wir uns vom Vater volle Freiheit in 
der Behandlung seines Sohnes zusichern lassen, so 
vorsichtig sind wir mit dem Erlauben der Onanie 
dem Minderjährigen gegenüber. Es darf nicht über- 
sehen werden, daß wir mit der Onanie-Erlaubnis 
nicht nur gegen das Verbot des Vaters und gegen das 
Buch ankämpfen, sondern daß wir damit auch den 
viel schwierigeren Kampf mit dem Über-Ich des Jun- 
gen aufnehmen würden. 

Schon nach vier Wochen besserten sich durcli 
unser Eingreifen die Schulleistungen wesentlich und 
in drei Monaten war er ohne tiefgehende Analyse 
wieder der fleißige, erfolgreiche Schüler. Das kon- 
sequente Festhalten an unserer Forderung dem Vater 
gegenüber hat uns zum Erfolg geführt. Wir lehnen 
immer anfängliche Kompromisse, die im Laufe der 
Behandlung durchbrochen worden müssen, ab. 



Ein Vater teilte uns mit, daß sein Sohn zu Hause 
das Benehmen eines seiner Lehrer kritisiere. Ohne 
es zu wissen, habe das Kind damit homosexuelle An- 
griffe dieses Lehrers auf ihn und andere Mitschüler 
enthüllt. Der Vater wollte wissen, was er, um die 
Kinder zu schützen, zu tun habe. 

Wir brachten ihn dazu, selbst nichts zu unterneh- 
men, sondern die Austragung der Angelegenheit uns 
zu überlassen. 

Es gelang, den Lehrer zu Auesprachen unter vier 
Augen zu bringen. In diesen ließen wir durchblicken, 
daß wir von seinen homosexuellen Angriffen wissen, 
aber auch ihm helfen wollen. Die Unterredungen, die 
uns vollen Einblick in den schweren Kampf dieses 

232 



Mannes mit den Ansprüchen seines Trieblebens und 
der beschworenen Pflicht als Lehrer gewährte, führ- 
ten zu seiner psychoanalytischen Behandlung. — Die 
Behandlung liegt jahrelang zurück, sie hatte vollen 

Erfolg gebracht. 

Zu welchen Konsequenzen eine strafgerichtliche 
Anzeige hier geführt hätte, zeigt der Ausspruch des 
Lehrers am Schluß der Unterredungen: „Ich wußte 
seit jeher, ohne mir helfen zu können, daß einmal die 
Bombe auffliegen wird. Aber was hätte mir gesche- 
hen können? Ich hätte mich erschossen!" 

Wir stehen heute auf dem Standpunkt, weder der 
Schule noch irgend einer öffentlichen Institution Mit- 
teilung über sexuelle Vorgänge bei Jugendlichen zu 
machen, da nicht immer vorauszusehen ist, ob die 
Verfolgung nicht gerade ihn, den wir schützen wol- 
len, trifft, wodurch der Versuch einer zweckmäßigen 
Behandlung zunichte gemacht wird. 

* 

Eine Dame der Gesellschaft aus dem Ausland, 
nimmt unsere Hilfe für ihre achtzehnjährige Tochter, 
die wie sie sagt, an einer schweren Melancholie er- 
krankt sei, in Anspruch. Sie schildert den Zustand 
des Mädchens so, daß an eine wirklich schwere Er- 
krankung gedacht werden muß. In der Regel über- 
nimmt die Erziehungsberatung die Behandlung von 
Melancholien nicht, wir wollen uns aber, bevor wir 
der Mutter raten einen Psychoanalytiker aufzu- 
suchen, doch noch llähev iufovmieren und nehmen da- 
her ihre Tochter vor. 

Schweigend kommt sie bei der Tür herein, schwei- 
gend setzt sie sich dem Erziehungsberater gegenüber 
und es vergehen Minuten, ohne daß das Schweigen 
von einem der beiden unterbrochen worden wäre. 

233 



Dann beginnt der Erzieluiugsberater zu sprechen: 

'„Es wird recht langweilig werden, wenn wir ohne 

zu reden, einander gegenübersitzen. Ich kann mir gut 

denken, daß Sie einem fremden Menschen nicht gleich 

etwas zu erzählen wissen." 

Das Mädchen bleibt schweigsam, scheinbar ganz, 
unbeteiligt, 

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag", sagt der Er- 
ziehungsberater, „lassen Sie sich etwas einfallen, das 
einige Zeit zurückliegt. Sie brauchen mir den Einfall 
nicht einmal zu sagen. Das ist gewiß ungefährlich. 
Wollen Sie?" 

„Ja." 

„Haben Sie einen Einfall?" 

„Ja." 

„Lassen Sie sieb jetzt etwas einfallen, das unge- 
fähr zwei Jahre zurückliegt. Haben Sie einen Ein- 
fall?" 

„Ja. 

„Sie brauclien mir ihn wieder nicht zu sagen. Aber 
zwischen diesen beiden Einfällen müssen Beziehun- 
gen bestehen. Sie konnten sich nicht einfallen lassen, 
was sie wollten. Finden Sie solche Beziehungen?" 

„Nein." 
. „Doch." 

„Aber nein, sage ich." 

„Ich möchte gern wissen, wer recht hat, Sie oder 
ich. Wollen Sie vielleicht doch mir Ihre Einfälle 
sagen?" (Dem Erzieliungsberater ist es darum zu 
tun, das Mädchen zum Sprechen zu bringen.) 

„Ja. 

„Welches sind Ihre beiden Einfälle?" 

234 



„Vor sechs Wochen hat die Prokuristin meines 
Onkels mir erzählt, daß ihre Tochter ein sehr ge- 
echlechtskühles Mädchen sei. — Und vor zwei Jahren 
wollte mich ein junger Mann küssen und ich habe 
abgewehrt." 

„Zwischen diesen beiden Einfällen besteht ja doch 

ein Zusammenhang." 

„Welcher?" 

„Die geschlechtskühle Tochter der Prokuristin und 
Sie, das Mädchen, das sich nicht küssen läßt." 

„Mir ist ja die Frokuristin nicht wegen ihrer Toch- 
ter eingefallen, sondern weil ich mit ihr verrechnen 
muß." 

„Sind Sie bei Ihrem Onkel angestellt?" 

„Nein. Ich trage nur Erlagscheine zur Post und 
nachher verrechne ich mit der Prokuristin." 

„Werden Sie dafür bezahlt?" 

„Nein." 

„Bekommen Sie vom Onkel Taschengeld?" 

„Nein." 
Bekommen Sie von der Mutter Taschengeld?" 
Nein, ich habe überhaupt kein Geld. Ich habe 

Schulden." 

„Wem sind Sie Geld schuldig?" • 

„Meiner Freundin." 

„Wieviel sind Sie ihr schuldig?" 

„Dreihundert Schilling." 

,Wofür hat sie Ihnen das Geld geborgt?" ■ ■ 

„Für eine Arztrechnung." 

,^ Warum haben Sie den Kindesvater nicht heran- 
gezogen, die Kosten des Operateurs zu bezahlen?" 

Über diese Frage ist das Mädchen entsetzt und 
fragt ganz verwirrt: • -' -■■ 

235 



L.. 



„Woher wissen Sie das?" 

„Sie haben es mir doch gerade selbst gesagt." 

„Ich habe doch kein Wort davon gesprochen." 

„Doch. Ein Mädchen aus Ihrer Gesellscbafts- 
schichte, die von der Freundin dreihundert Schilling 
für eine Arztrechnung borgt, kann von dem Besuch 
beim Arzt zu Hause nichts erzählen. Sie Avaren ge- 
zwungen, einen Gynäkologen aufzusuchen." 

Unter heftigem Schluchzen erfolgt nun ein volles 
Geständnis. Dabei stellt sich heraus, daß Schwänge- 
rung und Operation ohne besonderen Aufhebens ziem- 
lich ruhig erledigt worden waren. Jetzt aber, einige 
Monate später, drängt nun die Freundin auf baldigste 
Rückzahlung der Schuld. Das Mädchen weiß sich das 
Geld nicht aufzutreiben und überlegt, die dreihun- 
dert Schilling von den Beträgen zu nehmen, die sie 
auf dem Postamt einzuzahlen hat, und einen Verlust 
zu fingieren. Dem Onkel gegenüber wäre die Lüge 
möglich, doch der Prokuristin gegenüber wäre sie 
nicht aufrecht zu erhalten. 

Die Notwendigkeit, die Schuld zurückzuzahlen, die 
Unmöglichkeil, sich das Geld auf redliche Art ver- 
schaffen zu können, die Überlegung, das Geld zu ent- 
wenden oder eB nicht zu tun, das Hin und Her im 
Für und Wider brachten das Mädchen in einen Ge- 
mütszustand, den die Mutter fälschlicher Weise als 
Melancholie deutete, da sie den wirklichen Sachver- 
halt nicht kannte. 

Wir brachten die Angelegenheit zu einem guten 
Abschluß. Nicht die Ausheilung der „Melancholie" 
gibt uns Anlaß, den Fall mitzuteilen. Wir wollen da- 
mit auch kein allgemeines „Kezept", größte Ver- 
schlossenheit Minderjähriger zu überwinden angeben. 
Wir wollen uns nicht bemühen, schon jetzt eine Norm 

236 



aufzustellen, wie man in der Erziehungsberatung 
Minderjährige zum Sprechen bringt. Erfassen wir 
jeden einzelnen Fall nach seiner Besonderheit, dann 
wird sich mit der Zeit eine Technik herausbilden, mit 
der es gelingen muß. auch schwierigste Widerstände 
zu überwinden. I 



■ i 



237 



SIGMUND niEUDS 

N E U K FOLGT. D V, K V O K I, !•: S U N G E N 
ZUR EINFÜHRUNG IN DHC PSYCHOANALYSE 
IN LEINEN M. 7.— 



Vo r l 



XXIX 

REVISION DKR 
TRAUHLEIIKR 

x\x 

TRAUM UND 

OKKULTISMUS 



XXXI 

DIE ZERLEOUNO 

DKR PSYCHI- 
SCHEN PER^irtN- 
LICHKKIT 

XXXII 

ANGST UND 

TRIEBLEBEN 



e s u n ff Dati Buch oiitliiiU sitihen Vorlesuitgtin. Rio sind 
ni(.-)it iiiiiulc^r klur und fosselnd i^uscIiriobüQ als 
lue borüUmtü Worie, der sio an liodculung nitlit 
nachstehen. Sie Kind nicht in orstor Linie für Aon 
l'syclmanalytiker und Psychiater von Fai;h Ro- 
schrioboii, ubzwar sio aiicli diesen virih>s bit-toii. Die 
erste Vorlesung boachtlftigt sich mit dmi derzeiti- 
gen Stund dor Traunilohro, die sieh als ein unor- 
KchUttorllchiM- Bostandt»!! der paychunnalytiHchon 
Wiyqnnöchaft orwicH. {Wiener med'. Wuclieiirti^lirift) 
Krentl fiilit dt'r VorniutiinK Ausdruck, daß es sich 
Iteini Okkultismus um einen roalen Kern von niclit 
orkannton Tatsaehen hiindle. Einer nanzen For- 
scherscJiar, die dieses bcliwioriRo Gebiet lienlo Im- 
roits boaekort. sichert or nnf diese Wei«*- Mut und 
ruhijies (iewisson, nininit don alleenicinen Fluch 
dor Läeherlichkoit von ilir. (Dor Tag, Wien) 

DioVortrüRo libor die ..Zorlogung der psyiliiwchon 
Pei-sßnlirhkiMt" und ..AufklftiunRon. AuM-endun- 
Ki'ii. UrHiiticrung.u" .■ntlmltcii dio kifirondston Dar- 
Icgunson hber das Wesen der Freudschen Lebren 
und seiner Botraclitunpweiöo. (Berliner Tageblatt) 

Rührend und bowmidornsworl ist es, wie einfach 
und zurückhaltend nun Freud in soinou neuen 
VortrÜRcn otwa die lotÄton ErpclinisKn der »naly- 
tischcn Erklürung dor An^Ht, der Oowissonsnot. 
der i^elltstberttrafung v^usanimenfaßt — uniu wöre 
versucht zu snRon: als ob er nicht M'ilßle, daß 
darauf sich eine nouo PJtdaKogie und Slraflehre 
zu gründen haben . . . (Fester Lloyd) 

Der iiiifhste Abschnitt brinfit wohl die freudigste 
üborni,>j('liung; eine sehr klare Djirstcdliinf,' der 
Kntwic'klungsgoschiebtG der Weiblichkeit, bui der 
Freud viele Ergünzungpu anbringt. 

(Zeitschrilt fUr Sexualtorachung) 
Mit der vorletzten Vorlesung (34) bietet Freud ein 
recht wahrhafteH u„d mituntor humorietifiches Oe- 
malde über die Aufnahme dpr PBychoanalyse in den 
Schriften vielor Leute, dio vorgeben sio stu.iiert 
zu haben und über das, was man in den Salon« von 
Ihr spric^^U. La fo gt eine PrilfnuR. die ntreng." 
als jo und nicht allzu optiraiFtist'h ist Über die An- 
wondungsinoghchkeit der Psychoanalyse auf vor- 
schiedeno Wissensgebiete. (L'ltali» Loitcraria) 

,yn^"''"rf anderen wird das Kapitel ..Weltanschau- 
ung mit .lonora LSkeptizismus behandelt, der die 
letzte Phase des ungeheuren Werkes charaktori- 
aiort, das sein Genius in vierzig Jahren seines 
Lt>hnns und soineH RinRons geßchafron hat. 

(Arcliivio (Jenorale di NiMindogla) 



XXXUI 
DIE 

WEIBLICHKEIT 



XXXIV 
AUF- 
KLÄRUNGEN 
ANWENDUNGEN 
ORIEN- 
TIERUNGEN 



XXXV 

ÜBER EINE 
WELT- 
ANSCHAUUNG 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTIHCHER VERLAG IN WIEN 



SIGMUND 


FREUD 


SCHRIFTEN 




IN KLEINOKTAV-AÜSGABE 


JEDER BAND IN LEINEN M. 9.- 



> Vorlesungen zur Einführung in 
die Psychoanalyse 

Zur Psychopathologie 
des Alltagslebens 

Über X'ergessen, Verspredien. X'ergreifen. 
Abei^laube und Irrtum 

Theoretische Schriften 

Sdiriften zur . : , 

Neurosenlehre 

und zur Psydioanalytisdien 

Technik 



Kleine Sdiriften zur 

Sexualtheorie 

und zur 

Traumlehre 



Vier Psydioanalytisdie 
Krankenges diiditen 



Ausführlidie Prospekte auf \ erlangen 
Rem kostenlos 



INTERNATIONALER mCHOANALYTlsrRER VERLAS lü WuT] 



THEODOR REIK: 

NACHDENKLICHE HEITERKEIT 

KARTONIERT M. 5 5© 

Daß die tiefe Angst des Menschen vor der Welt 
auch hinter seiner Heiterkeit lauert und dall der 
Witz nur eines der Mittel für Ihn Ist, sieh zeit- 
weilig aus dieser SpanniinK ?u lösen, gehOrt, 
wenigBtena für den Laien, zu den iiberraschond- 
■ ' " sten ErkenntniBsen dieses Buches. Zwiechen 
Schrecken und Gelftcliter werden geheime Regun- 
' gen erkennbar, hinter dem Witz liegen unbewußt 

alt die großen Probleme der Menschheit. 
Über den stofflichen Reiz der zalilreichen Bei- 
spiele liinaus liegt ein besonderer Reiz des Bncbes 
in seiner ständigen Antithese von Tragischem 
und Heiterem, in aulnor an Musik gemahnenden 
Thematik. 



INHAL! 



Orenzlund des Wittes 

Psychulopische Einsfclit des Wit7.ee 
Der witzige und der zwanganourotieche Holm 
Das kindliche und das kindische in der Komik 
Der Witz im Verapreehen 

.\uH Si^lterz wird Ernst 

Lachen, dessen man sich sclittmt 

Der Glaiibo an die , .Allmacht der Gedanken" 

im Witz 
l'BVoliologio wider Willen 
t^berrasehung und AuBlasBung 
Die Intimitat im .Tudenwitz 

Zwisehen Hchrockou aud Ocl&chtfr 

Das Unliftwußte In der Zote 
Die Zote in Goethes ,, Faust" 
In momoriam Arthur Schnitzler 
Humor und Gnade 



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I 



RENE LAFORGÜE: 

DER 

GEFESSELTE BAUDELAIRE 

JN LEINEN M. 6-, GEHEFTET M. 5- 

Da das Beispiel dieses Gefesselten ganz 
audgezeichnct wesentliche Tatsachen illu- 
striert, die über den Fall Baudelaires 
■.._ „ hinaus auch die Tragödie anderer Men- 
schen verstehen helfen, sollte das Buch 
L;iforgues sowohl von Ärzten als auch 
von Pädagogen und Eltern gelesen 
werden. ^^^^^ ^^^^^ Presse, Wien) 

Gewiß, auch wir bewundern die Treff- 
sicherheit der psychologischen Analyse, 
auch wir anerkennen das Gewicht der 
Beweisführung und die Originalität des 

Ganzen, .j .. ,^ ' 

(.L,uzerner Neueste Nachrichten) 

Dr. Fritz Lehner hat die schwere Auf- 
gabe, Ren6 Laforgues interessante Ar- 

V)tVit ge'wisaenbaÜ und dabei doch gut 

lesbar und gut zu übersetzen, einwand- 
frei gelöst, ^ . , ^^^^ ^.^^ ^-^^^ 



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Jm Januar J9^4 beginnt der XX. Jahrgang 



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August Aicbhorn» Paul Federn, Anna Freud, 
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Sigmund Freud 

Zur (Gewinnung des I''etieiB 
Lou Aiidrpaü-Satom^- 

Dor Kranko hat iimoi^r recht 
Arimlü Zvi-eig 

Odyssciifl Freud 
M. D. Fder 

Der >fylhos vom Foitschrilt 
Ijudwifc Ji'keiH 

Das Hi-hulii^f-fühl 
llerninnit Nunberp; 

Mfipio und Allmacht 
I»ftul Federn 

Dan Ich-dofilhl im Traiuiie 
Krilz Wittel« 

find fjhor-lch in der Gesehlechts- 

Melaiii*' Klein 

Die Sexualhotütiffung doa Kindes 
Robert Wälder 

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di'S Sph'ls 
Dorothy Biirüiisham 

Ein Kind beim Spiel 
Anna Freud 

reychoannlysG des Kindes 
Marie Bonaparte 

n.n- Tod i:dfifir Poes 

Stefun Zwpi;: ^, , . , w 

Daa olieliclio Miligfisehick Miine 

AntoinettPS 
Kdunrd HitnehraanQ 

Wi'rfol iilj' Ery.icWci" 
Krnewt Jonen \ 

IMo Wortwnrzpl MR 
Oukitr IM'ister 

PßychoannlyBO iinlur den Navahg- 

Indinnorn 
Theodor Keik 

n.>r ScUii^tvurnil df^(^ MürdeW 
Alfred Frh. v. Berber 

Die Dichter hnt sie für sieh 
K. BnmRettc 

l'ir ."^ohd Ah'xandors dea Reichen 



198« 

Thomas Mann 

ßitter zwischen Tod und Tenfel 
Theodore Dreiser 

Zum 6. Mai 1931 

Kurt Tucholsky 

Elf Bände, die die Welt 
erschütterten 

Paul Federn - 

Der neurotische Stil 

F. Schottlaeoder 

Zerstört die Tsychoanalyse die 
XaivitHt? 

Hanne ^chs 
Baudelaire, der Verfluchte 

Pritz Witteis 

Ede!narzi£mu3 

liUdwiK Jekels 

Zur Psychologie des Mitleid.-:" 

Julius Epstein 

An;;ust Aichhorn 

Franz Alexander 
Kin besessener Autofahrer 

Maxim Steiner 

* 

Kasuistik der nifinnlichen 
Impotenz 

Karl Landauer 

Da3 MenstruationspvlebniB des 
Knaben 

Arthur Kielholz 

Giftmord UDd Vergiftung=-wahn 
Otto Feuichel 

tber Eshibitiontsmus 

Zwanpaneuro tische .,\soV\ev\lTlg^ 
E. nitscbnianii 

Vom Jung gesell eil, dom WTibe- 
kannten N'eurotiker 

S. Fermezi 

Kiuüeiaiialysen mit Erwachs^eneu 
Emil I^renz 
Hünsel und Gretel 



rx LEINEN JE i MARK 



IG- 



A L M A N A C H O P. R 



1031 

Stefan Zweig 

Bildnis Rigmund Freuds 

FritE Witteis 

Der Antiphilosoph Frpml 
Heinrirh Mcnc 
f^i'>ftlie und Kroud 

Theodor Reik 

Zu Freuds Kulturlit^trachtutig 

I'aul Federn 

Difi Wirklichkeit dos TodcntriHlis 
Vom Nationalgcfiili! 

<'. Uüllcr-BraunBchweig; 
Psychoaualyso u. WeltansrhauiinK 

Leo Sf^heHtow 

Alexander und üiogenos 

Erich Fromm 

Der Staat als Erzii'hm- . . 

EruHt Simmel 

Zur (ieschichte dos BGrliner 
Psychoanalyt lachen InetitutR 

Helene Dentsch 

Kin Fall von Katzfiiphobio 
Der fominiue MasocliiemuB und 
saiiie Beziehung zur Frigiditflt 

Karl Landnacr 

EiiiQ ,, Dirne" " "' 

K. Sohjelderup 

Träurao und IInllu/.inationRn Jpr 
A&ketcn 

Osk-nr l'listor 

Donjuanismufl und Dirnentum 

Felix Boehm 

Der Wfiibliclikoitskonjplcx des 
Maiiueä 

P. Alexander 

Zur Genesn des Kash^tione- 
kompleies 

Rene Laforgiin 

Übßr di« F>roti8ierung dnr AnRst 

Siegfried Bernfeld 

Ein mißglficklofl Tfi^nliin-Ii 

tlans Ealischcr 

Die EntwioklunK eines 
Vagabunden 



1080 

Hipniunil Frend 

Dostojewski nnd die Vatortötung 

Theodor Reik 

FroudK Ptudit) über PoHlnjowgki 
Fricdrii-Ii KrksteJn 

Ua« Untorl)ewuflt3eiii, die Vor- 
erhung nnd das G«dKchlnlei im 
Lirhto il<M- in atbcmatf Rohen Wis- 
senBchalt 

Hnunt« Sachw 

Kunst nnd rersönlichkeit 
Allirnnht !<<-Iinrftcr 

Getiohiclito oinPH Traumwi 

Kditha fltorbn 

Dur Sclnllersi'-lbtitmord in 
Aiidrö Gides lloman 
,.Der Falschraiiiizor" 

\iidr^ Oiilc 

Der Snlbylin.ird dce Knaben Boris 

* ♦ 

..Kindur können furehtbar 

Hchwrigfin , , ." 

Aus der Kindheil nines Trote- 

tariormüdchons 

liejurii-h Uen«; 

fiosualpHdagfigik und Psycho- 
analyse 

Fritz Wittpl» 

Kindwcib, »iit! große Mods 

Karl liHndauer 

Zur psychoi^pxiii'nrtn flnnpso der 
Dnumihflil 

Krnriit Jones 

Die englischo ..S(-lu«kIifhknit" 
Joan Riviere 

Wftililichkeit als Maßko 
Tluodor llrik 

VjhPY litHi zynis<di™ Wit^ 

Franz Alexander und Hugo Staub 

Ein Fall von Kleptomanie aus 
HcbuldKolUhl 

Wilhelm Reich 

Diu Dinloktik im Soidisrhon 



I\ LEINKN JF 4 MARK 



I' S ^ C H O A N A l- Y S E 



1»«9 

f^i&rmnnd Frrnd 

Kill religiöBCö Erlebnis 
Theodor Kolk 

IJfiiK^rkunpeii zu FreudR ..Zu- 
kunft eiiioi- Illiision" 
Siegfried BernTeld 

Ist rsychnaniilyse eine Welt- 

aiiwchuunn;;? 
Oskar Pfister 

l'gychüiinalyso und Metaphysik 

Der Schrei nach Loben und die 

pBVclipanahse 
R. Wälder 

Die I's\ ,h(mnalv8e im Lebens- 
H. KaAA [gefühl 

Dio Natui-forschunp im Lichte 

dor VHyclioaiialyBo 
IiUd^^iK Hopf 

iOxakif^ NalurwisweiiBchalt und 

l'K>^■lnlanalyöe . 

W. KliAsberg' 

Ü\ter Hozialen Zwang und ab- 

hnngiffe Arbeit 
M. Wulff 

i'sychiatrlsch-nourüJdsiache 

Untoreuchnng von Chauffeuren 
R. Ferenczi 

f.nlliveriihnntasien 

Anatole France als Analytiker 
Eduard Ilitschmann 

Zur PsychoKipio der Miean- 

llirfijK'n" yot\ Äloli^re 
Helene Deutsch 

Ein Fi-HUcnPchit-ksal ~ George 

Hand 
(iodet und Laforffue 

Her ^^ifiviu dos Georges 

IKihainol 
K. Lehncr 

Dio Psychoanalyse in der Iran- 

zösiechon Literatur 
H. Sti-rbu . , , j 

y.nm diL'htorischen Auedruck des 

KaturfTofühlB 
Fritz Wittcis 

iiaclio und Richter 
H. Viutti 

Identirizieninp eines zehnjäbri- 

con Knalten mit dor &t'hTangc- 

ron Mutter 
ü, Feni(-hel 

ByifiiiiclL' y.iir TrHiundeutung 
Heiurirh Mi'hk 

Hns Problem dor Onanie von 

Kant lijs Wpud 



^i Km und Prend 

Der Humor 
Fetiscbiemus 

liOu Andreas-Salome 
Was daraus folgt, dali ea nicht 
die Frau gewesen iet, die den 
Vater totgeschlagen hat 

Fritz Wittcls 

Diis Sakrament der Ehe 

Karen Horuey 

Die monogame Forderung 

W. Reich 

Die Spaltung der Geachlechtlich- 
keit und ihre Folgen fUr Ehe 
und CVsells'jhaft 

Theodor Reik 

Das Schweigen 

Zweifel und Lohn in der 

Dogmenbildnng 

6. Alexander 

Spinoza und die Psychoanalyse 

E. V. Sydow 

I'rimitivo Kunst und Seiualitiit 

Yrjä Knlovesi 

Der Raumfaktor in der Traum- 
denliing 

Ki-nest Jone.s 

Der Mantel als Symbol 
a. Ferenczj 
fber obszöne "Worte 
Sonntagöueurosen 
Analysen von Gleichnissen 

P. Bnehm 

Bemerkungen zu BalzKcs Liebes- 
leben 

Franz Alexander 

Ein Fall von masoch iet is ehern 
Transvestitismus 

Siegfried Bernteld 

Der Irrtum des Pestalozzi 

Oskar Pfistcr 

Anna Fread 

Die Kinleituug der Kinderanalyse 

Karl Landauer 

Das StrafvoUzugsgesetz 






IN rj:i NEN JE 4 MARK 



A L M A N A C H DER 
PSYCHOANALYSE 



19Ä7 

Loii Audrciis-Salüuiü 

Xum 70. Getiurtetac Sisiu. Froutln 
Priit. E. Bleuler 

Zum 70. Greburtöta^ Sigm. Freudu 
Stefan Zweig 

ZuTu 70. Geburti^tag Signi, Freuds 
Altred Döbliii 

Zum 70. Geburtstag Sigm. Freuds 
Siirinund Freud 

Vci-gänglichkeit 

Zur Psychologie d. Gymnasiasten 

Psychoan.ilyHO u. Kurpfusi'liorei 
Oskar Pfister 

Die niensrhüehfin Einigungs- 

bestrebungnn im Lichto der 

Psvchoanaivso 
M. D. Eder 

Kanu das Vnbewußte erzogpu 
Theodor Reik fworriim? 

Godonkrede auf Karl Abraham 
Knr] Abraham 
- Pi6 <Te8ihicht() eines KtX'lit'taplers 

Über Coues Heilformpl 
I. Ijevint 

Psvrhuaiialv.se und Moral 
G. WvQeken" 

•Slayphos nder: Die Gronzoii tlor 

Erziehung 
L. Biiisnangei- 

Erfahren. Verstßhou, Donken in 

der Psyohoaiinh so 
Erwin Kohn 

Das Liebosschißksal Lassalles 
H. Qomperz 

Sokrates und die Handwerks- 
O. Rank [ludisler 

Hon Juan nnd Leporallo 
E. V. Sydow 

Die Wiedererwerknng der primi- 
tiven Kunst 
Lndwig Jekelfl 

Zur I'pv<liolosie der Komödie 
Theodor Reik 

Zur Technik des Witzefl 
Franz Alexander 

Zu Ferenczis ftenitaltheorie 
Karen Horney 

Flucht aus der WeiWirlikeit 
Ernst Simmel 

Doktorspiel, Kranksein und 

Arzt beruf 
Georg Orodilek 

Nicht wahr, zwei Dameu . . .? 



HJKiDund Frrud 

l-)ioWide]Htilndo gegen die i'dycliu- 

..Dio An.snnhinon" [aual\'8e 

Hie okkulte Hedeutung d. Traumes 
Tliomas Mann 

Mein Vorh/iltnia KurPsychoanalyse 
Kerinann UesHo 

Klinstlcr und Paychoanalyso 
Ijonurmand 

Das Unbewußte im Drama 
F. van Erden 

tTber Psyi-hdanalyse 
Hanns Haehn 

GeniHinBainor Tai^lraum und Dich- 

l'iirl y^itteler f ['■ung 

Altred Policar 

Der liMScIensuchor 
Georfc Groddeck 

Wie ich Arzt wnide und wie ieh 

zur AbiKtigung gegou ilns Wissen 

gekommen hin 
Tjieodfu' Iteik 

i'yyciioanalytische Stralrechts- 
A, Stäroke [theorio 

Goisti'.'ikrarikheit u. Qesellsehaft 
Oskar IHiBter 

Ellernrebliu- In der Eizieliung 
\Vra R(:hniidt [/-ur Sf>xuaIitiU 

Das l'flyhofuialyliHclie Kinder- 
heim in Afoskau 
August AiehUnrn 

Die Psycliiiaualyw in diir Für- 

norfioprzielinng 

i'gEr 

H«r.. 

richtMuiininter grwordfu 
Htefan Zwei«; 

]^iiA Tü*c'ihucU eines halhwüchei- 
* ^ " [Rfri MHdehen^ 

Aus d .Tiigoluicii pinoB Imlh- 

wilehslgiMi Miidnhims' 
S. Ferenezi 

Begattnni;; und Befruchtung 
Eriicst Jones 

^KiUlc. Kranklifit und Geburt 
Karl Altrahnm 

Ülior Charaklorannlyso 
Otto Rank 

Drei Stunden einer Analvso 
P. Srhilder 

8olhHtbphfrr«cliurig und Hypo- 
A. Kiclholz rnhiir.drio 

Über Errinderwahn 



Siegfried BeruJeld 

■fXc.v Maeehiavell ist UnttM-- 



IN LEINEN .IE 4 MARK 



SONDERHEFTE 

DER ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYT. PÄDAGOGIK 



Er/Icluinfj^sberatun-ir VT. Jp.Hcfti i 12 



M.2. 



Ans dem Inhalt: Aichliorn: Erziehungsberatung — Zulliger: Der 
Rorschachnche Tastversuch ~ Hoffer: Der ärztliche Berater — 
Sterba: Ein unerzogenes Kind — Schikola: Die narzißtische Krän- 
kune der Eltern ~ Redl: Erziehungsberatunp, Erziehungshilfe, Er- 
zieh iingsbehnndlunf;. 



Strafen 



^V. JfT.. Heft 8/9:. 



M.2.— 



Aus dem Inhalt: Aichhorn ; Loiin oder Strafe als Erziehungsmittel — 
Bernfeld: Über die allgemeinste Wirkung der Strafe — Böhm: Strafe 
als Triebbefriedigung — Yates : Lehrer, SL-hiildisziplin. Strafen — usw. 



Menstruation 



(V. Jg., Heft g;6^ 



M.2 — 



Aus dem Inhalt: Horncy: Die pr,iminstruL-Ucn Verstimmungen — 
Meng: Pubertät und Pubertätsaufklärung — Landauer: Menstriia- 
tionserlcbnis der Knaben — Chadwick: Menstruationsangst ~ usw. 



Selbstmord 



(ni. Jg., Heft 11 - 15- 



M.3~ 



Aus dem Inhalt; Meng: Gespräch mit einer Mutter ~ Kalischer: 

Selbstmord eines Zwangdiebes — Federn; SelbstmordpropHvlaxe in der 

Analyse — Lorand; Der Selbstmord der Miß X — Leuthold: Eine 

Schülerin denkt an Selbstmord — usw. 



Nacktheit 



'TN. Jg.. Heft 2/5 



M.2- 



Aus dem Inhalt: Reich: Wohin führt die Nackterziehung? — Sterba 
Narktlieit und Scham — Pipal: Schaiüust — Zu lliger: „Nackte' 

Tatsächlichkeiten — usv.-. 



S( Ottern 



(U.Jg., Heft ll/l2^ 



M.2 — 



Alis dem Inhalt: Schneider : Über den Sinn des Stotterns — Graber : 
Redehenimung und Analerotik — Coriat; Die Verhütung des 
I Stotterns — usw. 



Onanie 



(II. Jg., Heft 4.-6^ 



M.2-50 



Aus dem Inhiili: Men<;: Das Probkm der Onanie von Kant bis Freud — 
Chadwick: Die allgemeine Verschwörung zur Verleugnung — 
Landauer; Die Formen der Selbstbefriedigung ~ Zulliger: Schult 
und Onanie — Schneider: Die Abwehr der Selbstbefriectigune. 

Sexuel le Aufklänin^^ CL Jg.. Heft 7-9) M.2'50 

Aus dem Inhalt: Bernfeld: Über sexuelle Aufitlarung ~ Schneider: 
Sejiuniforschung des Kindes ~ Meng: Sexuelles Wissen und sexuelle 
Aufklärung — Wolffheim: Vom Gesetz der Generationen — usw. 



_inti:rnationalkr psycho AN AI A'TliiCU^^ \m\i\Q IS ^AYJ^ 



\ 



SONDERHEFTE 

DER ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYT. PÄDAGOGIK 



Psydioanalytisdie Hcilpüda^o^ik im Kindergarten 

Von Herta Fuchs (VI. Jg., Heft 9) M.!' — 

Inhalt: Organisation tlrr Sondcjtii iippc — Kinciertypcn — SiliHiiini- 

heit und ilire Deutung - Triebentiehung — Familie und Kiiidrigiirten - 

Drei nt-urotischf Kk-inkinder Angst, Wut und Schlinimheit. 



Spielen und Spiele (VI. J^;.. Heft 5/6) 



M.2' 



Aus dem Inhalt: Wälder: Die psychoanalytische Theorie des Spieles — 
Searl: Spiel. Realität und Aggression — BurHngham: Ein Kind 
beim Spiel - Roubiczck; Die wichligsten Thforicn d(;s Spit-les. 

Die Psydioanaiyse des Kinder/immers. Von Alice BAlint 
(Vr. J^., Heft 2/=s) M.2 — 

Inhalt; Das Kinderziiiimei und die Kiwachsenen — Die Erziehung di-r 
Triebe — Der Ödipuskomplex — Der Kaslralionskomplex — Die Identi- 
fizierung - Die Eroberung der Außenwelt — Das Kind und sein»^ 
Erzieher — Die Befreiung des Kindes. 

Die Sexualität des Kindes. Von Marie Bonaparte 

{V. J^'.^Heftiol M.1-— 

Inhalt: Die Verbreitung der Neurosen — Die infantile Sexualität und 
ihre Verdrängung — Die Sexualität der Erwaclisanen und ihre Schädi- 
gungen — Einige Vorschläge zu einer Reform der IVziehung. 

Einführung in die psychoanulytisrhe iJbidolehre. 

Von Richard Sterba (^V. Jg., Heft 2/5) M.2-— 

Inhalt: I. Trieblehre — II. Sexualtlieorie, A) Entwicklungsgeschichte 

der kindlichen Sexualität. B) Der NarziOmus. — III. Triebschieksale — 

IV. Wiederholuneszwane u. Todestrieb. 

Intellektuelle Hemmun'jen (IV. Jg., Heft 11/12) M.2'" 

Aus dem Inhalt: Federn: Auffassung der intellRktuellen llenmiuiiK 
Hermann: Begabtheit und Unb(-g!ibtheit — ZuVliger: Versager in 
der Schule — B o rn s l e 1 n : Sexual- und Intellekthemmung — S ch m i d e- 
berg: Hemmung und Aggression - Stern: Episodische Dumniheiten 

einer i6-jährigen ~ usw. 

Aus der Kindheit eines Proleturiermäddicns 

(IILJg.,Htfft:5/6\ M.2'^ 

Aufzeichnungen einer neunzehnjährigen Selbstmörderin über ihre 

ersten zehn Lebensjahre. 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERIAO IN WIEN 



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isycnoanalyse 



1934