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Full text of "Almanach der Psychoanalyse 1938"




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ALMANACH DER 
PSYCHOANALYSE 

1938 



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^ Almanach 1938 



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4' . -' ' 



Berlin, Ägyptisches Museum 

Werkstatt des Bildhauers Thutmn.«. a 

Aus Breasted ..Geschid^te AgypTenl" Ph. H ' v"! ^'^"'"' 

'^gypTens Phaidon -Verlag, Wien. 1936 



■^SS«FmiiliiJWW4JLü_^5 



Almanach 

der 

Psychoanalyse 
1938 



Internationaler 

Psychoanalytischer Verlag 

Wien 



insbesondere die dir ^k"^'^' 

aie der Obersetzung, vorbehalten 



1 



i 

r 



Printed in Austria 
Druck: A, Ketterl, Wien XVIII 



INHALTSVERZEICHNIS 

. . Seite 

Kalendarium 7 

SIGM. FREUD ' " .^\ 

Moses ein Ägypter 9 

SIGM. FREUD 

Wenn Moses ein Ägypter war 23 

SIGM. FREUD 

Die endliche und die unendliche Analyse 44 

KARL A. MENNINGER 

Psychiatrie und Medizin 51 

FRANZ ALEXANDER 

Psychoanalyse und soziale Frage 64 

PAUL SCHILDER 

Die Beziehung zwischen sozialer und persönhcher 
Desorganisation 84 

SÄNDOR FERENCI f 

Psychoanalyse und Kriminologie 96 

ROBERT WÄLDER 

Kampfmolive und Friedensmotive 103 

HEINRICH MENG 

Über Wesen und Aufgabe der seehschen Hygiene . . 116 

EDWARD GLOVER 

Die unbewußte Funktion der Erziehung 126 

fiDOUARD PICHON 

Psychoanalytische Untersuchungsniethoden .... 136 

STEFF BORNSTEIN-WINDHOLZ 
Mißverständnisse in der psychoanalytischen Päd- 
agogik 141 

AUGUST AICHHORN 

Zur Erziehmig Unsozialer 154 



FRITZ WITTELS 

Die libidinöse Struktur des kriminellen Psychopathen 159 

ERWIN STENGEL 

Prüfungsangst und Prufungsneurosc . -' ■-^'' . 164 

HELENE DEUTSCH 

Über versäumte Trauerarbeit 194 

RENfi LAFORGUE 

Zur Relativität der WirkUchkei, " ' ' 2O8 

LAWRENCE S. KUBIE 

-r„tjr* «»-■■■■■■.■■ - 

Henry Maudslevs An^nh. 

"°d den Trieben ^""^™ """^ Unbewußten 

2 BILDBEILAGEN ^^^ 



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■1.. 



KALENDARIUM FÜR DAS JAHR 



1938 



Mo 

Di 

Mi 

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Mo 

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DEZEMBER 



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Mo 

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Mi 

Do 

Fr 

Sa 

So 



Osiersonntag 17. April 
Pfingsfsonntag 5. funi 



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Moses ein Ägypter 

Von Sigm. Freud 

Erschienen in Jmago'\ Band XKIfl, Heft 1, 

Einem Volkstum den Mann abzusprechen, den es als 
den größten unter seinen Söhnen rühmt, ist nichts, was 
maai gern oder leichthin unternehmen wird, zumal 
wenn man selbst diesem Volke angehört. Aber man wird 
sich durch kein Beispiel bewegen lassen, die Wahrheit 
zugunsten vermeintlicher nationaler Interessen zurück- 
zusetzen, imd man darf ja auch von der Klärung eines 
Sachverhalts einen Gewinn für unsere Einsicht erwarten. 

Der Mann Moses, der dem jüdischen Volke Befreier, 
Gesetzgeber und Religionsstifter war, gehört so entlege- 
nen Zeiten an, daß man die Vorfrage nicht umgehen 
kann, ob er eine historische Persönhchkeit oder eine 
Schöpfung der Sage ist. Wenn er gelebt hat, so war es 
im 13., vielleicht aber im 14. Jahrhundert vor unserer 
Zeitrechnung; wir haben keine andere Kunde von ihm 
als aus den heiUgen Büchern und den schriftlich nieder- 
gelegten Traditionen der Juden. Wenn darum auch die 
Entscheidimg der letzten Sicherheit entbehrt, so hat sich 
doch die überwiegende Mehrheit der Historiker dafür 
ausgesprochen, daß Moses wirkhch gelebt und der an 
ihn geknüpfte Auszug aus Ägypten in der Tat stattgefun- 
den hat. Man behauptet mit gutem Recht, daß die spä- 
tere Geschichte des Volkes Israel unverständlich wäre, 
wenn man diese Voraussetzung nicht zugeben würde. 
Die heutige Wissenschaft ist ja überhaupt vorsichtiger 



geworden und verfährt weit schonuiigsvollcr mit Über- 
lieferungen als in den Anfangszeilen der historischen 
Kritik. 

Das erste, das an der Person Moses' unser Interesse 

anzieht ist der Name, der im Hebräischen Mo sehe 

laute Man darf tragen, woher stammt er? was bedeutet 

erj Bekanntlieh bringt schon der Bericht in Exodus, 

I1,?h. p'"" ^""^'"'' ^°''' ^^'^ <="ählt, daß die ägyp- 

eret et T"f' '" """^ ™ ^'^ -^g-'^^^"^ Knäblein 

hen Re f"" ''^"'=" «'=^«'^- -'t der etymologi- 

ezoL Tr "'^ ''^"" '* ^^«^ '^^ -^ -^-Wasser 

«kon"i) i,f " , ' """=^'^ '^'n Autor im „Jüdischen Le- 

hebrMsel't::X~t"f '" ^'^•^°" "'^ ^""" 
lieber' heißen) nicht taEinuT" *'"'"' ''"^'' "'^'■^"" 
kann diese Ablehnung mit . "^ '"^ •"■'"«'" '^'•" ^''" 
--.en, erstens. daß^run;i;:r"r "^'^•^'^^" ""'"' 
Prinzessin eine Ableitung des N ' ^'"'"" »S^P"^'^'^''" 
ischen zuzuschreiben und "^"^ »us dem Hcbrä- 

aus dem das Kind ge;oge„ CdTh' ^^ *"'' ^'''"■' 
nicht das Wasser des Nils "'"=nstwahrschcinlich 

Ättttl"' '"^^'" """-" --'^•^'^^-en Seiten 
Mose! aXd ' '"'^^^P''^'^'^- -«^den, daß der Name 
^tau ir^ -^^,^P--Hatz herranrt. An- 

geäußert haben, will ich d' ' ^*^ *^ diesem Sinn 

einem neueren Buch von 7 ^"^"^"'^^^^"^^ Stelle aus 

"TTTTT. , -^ßi-easted übersetzt 

V Judisches Lexilmn k 
Kirschner, Br]^: if^^^J von Herlitz und 

"' Judischer Verlag, Berlin. 



einschalten 2), einem Autor, dessen „History of Egypt" 
(1906) als maßgebend geschätzt wird. „Es ist bemer- 
kenswert, daß sein (dieses Führers) Name, Moses, ägyp- 
tisch war. Es ist einfach das ägyptische Wort ,Mose', 
das ,Kind' bedeutet, und ist die Abkürzung von volleren 
Namensformen, wie zum Beispiel Amen-mose, das heißt, 
Amon-Kind oder Ptah-mose, Ptah-Kind, welche Namen 
selbst wieder Abkürzungen der längeren Sätze sind: 
Amon (hat geschenkt ein) Kind oder Ptah (hat ge- 
schenkt ein) Kind. Der Name ,Kind' wurde bald ein 
bequemer Ersatz für den weitläufigen vollen Namen und 
die Namensform ,Mose' findet sich auf ägyptischen 
Denkmälern nicht selten vor. Der Vater des Moses hatte 
seinem Sohn sicherUch einen mit Ptah oder Amon zu- 
sammengesetzten Namen gegeben und der Gottesname 
fiel im täglichen Leben nach und nach aus, bis der 
Knabe einfach .Mose' gerufen wurde. (Das ,s' am Ende 
des Namens Moses stammt aus der griechischen Über- 
setzung des allen Testaments. Es gehört auch nicht dem 
Hebräischen an, wo der Name ,Mosche' lautet)." Ich 
habe die Stelle wörtlich wiedergegeben und bin keines- 
wegs bereit, die Verantwortung für ihre Einzelheilen zu 
teilen. Ich verwundere mich auch ein wenig, daß B r e a- 
s t e d in seiner Aufzählung grade die analogen theo- 
phoren Namen übergangen hat, die sich in der Liste der 
ägyptischen Könige vorfinden, wie Äh-mose, Thul- 
mose (Tholmes) und Ra-mose (Ramses). 

Nun sollte man erwarten, daß irgendeiner der Vielen, 
die den Namen Moses als ägyptisch erkannt haben, 



*) The Dawn of Conscience, London 1934, p. 350. 



V» 



auch den Schluß gezogen oder wenigstens die Möglich- 
keit erwogen hätte, daß der Träger des ägyptischen 
Namens selbst ein Ägypter gewesen sei. Für moderne 
Zeiten gestatten wir uns solche Schlüsse ohne Beden- 
ken obwohl gegenwärtig eine Person nicht einen Na- 

chungen unlr nCen ^d "^"''"'"'" ""' '"'•"' 
sen Sind. Wir si^^Zn 1 "'""^^" "'*="' ausgeschlos- 
- finden, daß l^^'^'T'^'^ '"'^"^^'^^^ ^-'-^"«t 
kunft kt M.^ 1 ^icnter Ghamisso französischer Ab- 

un/dS' B^: :r iSrir :-- "^•'-^-^-' 

Jude ist, wie sem n7 '^"'^""^ ^'^ italienischer 

und frühe Zeitersoü e """"'" '''' ^"^ ^^»^ ''"^ 
Schluß vom Namen JZ '"f '"' """"^'^ ^'° ^°"='^'' 
weit zuverlässioer sein !f Volkszugehörigkeit noch 
scheinen. Dennoch hat meines \?v zwingend er- 

kem Historiker diesen Schluß ^^^^^^ ^"^ Falle Moses 
denen, die wie gerade wieder ß°^^"' ^^^^ deiner von 
anzunehmen, daß Moses „mit alJr^^^!*^^ ^^^®^^ ^^^^ 
ter" vertraut war 3). ' "^ ^^^^^i*- der Ägyp- 

Was da im Wege stand, ist nicht sich 
VieUeicht war der Respekt vor der bibr ^" erraten, 
unüberwindlich. Vielleicht erschien d' ^^^^^^ Tradition 
ungeheuerlich, daß der Mann Moses et ^^''^^^^^^^ ^" 
ein Hebräer gewesen sein sollte. Jede T^ ^^^^^^^ ^^^ 
heraus, daß die Anerkennung des ägyV^^^ ^^^^" ^^^^ 
nicht als entscheidend für die RpmwT ^'^^^"^ Namens 

Moses' betrachtet, daß nichts wefe a""' t ^''"" 
weiter aus ihr gefolgert 

') l c., p. 334. 



1« 



wird. Hält maii die Frage nach der Nationalität dieses 
großen Mannes für bedeutsam, so wäre es wohl wün- 
schenswert, neues Material zu deren Beantwortung vor- 
zubringen. . ■ . . 

Dies unternimmt meine kleine Äbhandlimg. Ihr An- 
spruch auf einen Platz m der Zeitschrift „Imago" 
gründet sich darauf, daß ihr Beitrag eine Anwendung 
der Psychoanalyse zum Inhalt hat. Das so gewonnene 
Argument wird gewiß nur auf jene Minderheit von 
Lesern Eindruck machen, die mit analytischem Den- 
ken vertraut ist und dessen Ergebnisse zu schätzen 
weiß. Ihnen aber wird es hoffentlich bedeutsam schei- 
nen. 

Im Jahre 1909 hat O. Rank, damals noch imter mei- 
nem Einfluß, auf meine Anregung eine Schrift veröf- 
fentücht, die betitelt ist „Der Mythus von der Geburt 
des Helden"*). Sie behandelt die Tatsache, daß „fast 
alle bedeutenden Kulturvölker . . . frühzeitig ihre Hel- 
den, sagenhafte Könige und Fürsten, RcUgionsstifter, 
Dynastie-, Reichs- und Städtegründer, kurz ihre Natio- 
nalheroen in Dichtimgen und Sagen verherrlicht" ha- 
ben. „Besonders haben sie die Geburts- und Jugendge- 
schichte dieser Personen mit phantastischen Zügen aus- 
gestattet, deren verblüffende Ähnlichkeit, ja teilweise 
wörtliche Übereinstimmung bei verschiedenen, mitim- 
ter weit geti'ennten und völlig unabhängigen Völkern 
längst bekannt und vielen Forschern aufgefallen ist." 



<*) Fünftes Heft der „Schriften zur angewandten See- 
lenkunde", Fr. Deuticke, Wien. Es liegt mu- ferne, den 
Wert der selbständigen Beiträge Ranks zu dieser Ar- 
beit zu verkleinern. 



13 



I 



Konstruiert man nach dem Vorgang von Rank, etwa 
in Dal tonscher Technilj, eine „Diuxhschnittssage", 
welche die wesentlichen Züge all dieser Geschichten 
heraushebt, so erhält man folgendes Bild: 

„üer Held ist das Kind vornehmster Eltern, 
meist ein Königssohn. 

Seiner Entstehung gehen Schwierigkeiten voraus, wie 
Enthaltsamkeit oder lange Unfruchtbarkeit oder heim- 
icher Verkehr der Eltern infolge äußerer Verbote oder 
Hmdermsse. Während der Schwangerschaft oder schon 
S!r °'^' '^' ^°' '''^» Geburt warnende Verkün- 
irdroh?""' °"''^^^' ''' -'^' '•^ Vater Ge- 

VelitstTr vlf^^ ""'T'-'- ""'-' -''-' "^ 
tendPn P Vaters oder der ihn vertre- 

bestimm, L^;:;L;Twl^s^n"^.^^"-"^^n 

dem Wasser Übergeber '™" Kästchen 

Es wird dann von Tieren ^a 

ten (Hirten) gerettuLt?^'"'"''"":;' 
chen Tiere oder einem ge^tuT T""^ "'' ' 
Herangewachsen, findet es ' f " ^''^' «''^'"^ 
voUen Wege die vornehmen 4«^" "'''' ""'"'': 
sieh am Vater einerseits, wi d" ^"'"' "' 
derseits und gelangt zu Größe und Ruhm' '"' 

,Z TZ "l '""'"'^" ^-«. an weiche 
ofL?J" f^^ ^^^™Vt ^v.rde. ist Sargon 
c") E ; ^'"'*''- ^°" ß^l^ylon (um 2800 v. 
Ihm selbV "■? '"■ ""^ "''^^^ °h„e Interesse, den 
Ihm selbst zugeschriebenen Bericht hier wiederzugeben: 

H 



»Sargon, der mächtige König, König von Ägade 
bm ich. Meine Mutter war eine Vestalin, meinen Vater 
kannte ich nicht, während der Bruder meines Vaters 
das Gebirge bewohnte. In meiner Stadt Azupirani, wel- 
che am Ufer des Euphrats gelegen ist, wurde mit mir 
schwanger die Mutter, die Vestalin. Im Verborge- 
nen gebar sie mich. Sie legte mich in ein 
Gefäß von Schilfrohr, verschloß mit Erdpech 
meme Türe und ließ mich nieder in den 
Strom, welcher mich nicht ertränkte. Der Strom 
führte mich zu Akki, dem Wasser schöpf er. Akki, der 
Wasserschöpfer, in der Güte seines Herzens hob er mich 
heraus. Akki, der Wasserschöpfer, als sei- 
nen eigenen Sohn zog er mich auf. Akki, der 
Wasserschöpfer, zu seinem Gärtner machte er mich. In 
meinem Gärtneramt gewann Istar mich lieb, ich wurde 
König und 45 Jahre übte ich die Königsherrschaft aus." 

Die uns vertrautesten Namen in der mit Sargen 
von Agade beginnenden Reihe sind Moses, Kyros imd 
Romulus. Außerdem aber hat Rank eine große Anzahl 
von der Dichtung oder der Sage angehörigen Helden- 
gestalten zusammengestellt, denen dieselbe Jugendge- 
schichte, entweder In ihrer Gänze oder in gut kenntU- 
chen Teilstücken nachgesagt wird, als: ödipus, Karna, 
Paris, Telephos, Perseus, Herakles, Gilgamesch, Am- 
phion und Zethos u. a. 

Quelle xmd Tendenz dieses Mythus sind uns durch 
die Untersuchungen von Rank bekannt gemacht wor- 
den. Ich brauche mich nur mit knappen Andeutungen 
darauf zu beziehen. Ein Held ist, wer sich mutig gegen 
seüien Vater erhoben und ihn am Ende siegreich über- 

i5 



wunden hat. Unser Mythus verfolgt diesen Kampf bis 
iu die Urzeit des Individuums, indem er das Kind gegen 
den Willen des Vaters geboren und gegen seine böse 
Absicht gereitet werden läßt. Die Aussetzung im Käst- 
chen ist eine unverkennbare symbolische Darstellung 
der Geburt, das Kästchen der Mutlerleib, das Wasser 
das Geburtswasser. In ungezählleu Träumen wird das 
Eltern - Kmd - Verhältnis durch aus dem Wasser Zie- 
hen oder aus dem Wasser Retten dargeslelU. Wenn die 
Volksphantasie an eine hervorragende Persönlichkeit 
den hier behandelten Geburtsmythus heftet, so will sie 
den Beireffenden hiedurch als Melden anerkennen, ver- 
künden, daß er das Schema eines Heldenlebcns erfüllt 
I^ie Quelle der ganzen Dichtung ist aber der so- 
genannte „Familienroman" des Kindes, m dem der 
onn auf die Veränderung seiner Gefühlsbezichnng zu 

Kind T' ^^'^"^^^*i^-- ^um Vater, reagiert. Die ersten 
Wer^ahre werden von einer großartigen Oberschät- 

Eltern hpl / ™'l 'Härchen immer nur die 

Sn »r ; ""^''»'^ ^P"'- ^"t- d-> Einfluß 
von Rptat und realer EnUäusehung die Ablösung von 

" ' ^"«rn und die kritische Einstellung gegen den Va- 
er emsetzt. Die beiden Familien des Mythus, die vor- 
nehme wie die niedrige, sind demnacli beide Spiegelun- 
gen der eigenen FamiHe, wie sie dem Kind in aufeinan- 
derfolgenden Lebenszeilen erseheinen. ^ 

Man darf behaupten, daß dm-ch diese Aufklärungen 
^owohl die Verbreitung wie die Gleichartigkeit des 
Mythus von der Geburt des Helden voll versländllcü 
werden. Umsomehr verdient es unser Interesse, daß 



die Geburts- und Aussetzungssage von Moses eine Son- 
derstellung einnimmt, ja in einem wesentlichen Punkt 
den anderen widerspricht. 

Wir gehen von den zwei Familien aus, zwischen denen 
die Sage das Schicksal des Kindes spielen läßt. Wir wis- 
sen, daß sie In der analytischen Deutung zusammen- 
fallen, sich nur zeitlich voneinander sondern. In der 
typischen Form der Sage ist die erste Familie, in die 
das Kind geboren wird, die vornehme, meist ein könig- 
liches Milieu; die zweite, in der das Kind aufwächst, 
die geringe oder erniedrigte, wie es übrigens den Ver- 
hältnissen, auf welche die Deutung zurückgeht, ent- 
spricht. Nur in der Odipussage ist dieser Unterschied 
verwischt. Das aus der einen Königsfaraiüe ausgesetzte 
Kind wird von einem anderen Königspaar aufgenom- 
men. Man sagt sich, es ist kaum ein Zufall, wenn ge- 
rade in diesem Beispiel die ursprüngliche Identität der 
beiden Familien auch in der Sage durchschimmert. Der 
soziale Konü*asl der beiden Familien eröffnet dem My- 
thus, der, wie wir wissen, die Heldennatur des großen 
Mannes betonen soll, eine zweite Funktion, die beson- 
ders für historische Persönlichkeiten bedeutungsvoll 
wird. Er kami auch dazu verwendet werden, dem Hel- 
den einen Adelsbrief zu schaffen, ihn sozial zu erhöhen. 
So ist Kyros für die Meder ein fremder Eroberer, auf 
dem Wege der Aussetzmigssage wird er zum Enkel des 
Mederkönigs. Ähnlich bei Romulus; wenn eine ihm ent- 
sprechende Person gelebt hat, so war es ein hergelaufe- 
ner Abenteurer, ein Emporkömmling; durch die Sage 
wird er Abkomme und Erbe des Königshauses von 
Alba Longa. 



2 Almanach 1938 



17 



(■ 



Er i r"''""' ''""^^ '"'' voniehme, bescheiden genug' 
niedrio p ^""^ Jüdischer Leviten, Die zweite aber, die 
durch d T'^""' '" '^"'^ ""*'' ^'^'' "«''• aufwächst, ist 
«n zieht"'}!"' ^"" ^'^yP'"' '''■''='^'' '^''^ ''"'"^'' 

Ed. Meve ''"^ "^"^^ ^"^ "'''''^ befremdend gewirkt, 
die Sace Tk""'^ '^'''"■'' "^"^^ i^"- haben angenommen, 
rao sei du^eh "''P'"^'«"'^'» ^»^ers gelautet: Der Pha- 
worden daß ''""'" P''°Phelischen Traum ^) gewarnt 
Reiche Gefahr T- ^°^" "''"'''" '^^chter ihm und dem 
nach semer Gebun''" Z""""- ^^ ''"^ '^^"™ "'*' '''"'* 

jüdischen Leuten JlT '"''"''"• ^'''"" "' ^'''' '"" 
Zufolge von *''=™'let und als ihr Kind aufgezogen. 

drückte), habrirf" ^°"^"'"' '''"' Ra"" es aus- 
belcannte Form Jrfah "^^"'^ ^'marbeilung in die uns 

ursprüngliche MosLsasr^d^™^ ^^^^' '^''^ *'""' ^°'** 
deren abweicht nicht h ' "'^^^^ ™^^ '*'°" '^®" ^"' 

Sage ist entweder äBvnf''t''"'^''" ^'"''^" '''^■''^- °''"" '^"' 
I^W erste Fall sehr T' °''"" J^'^'^^'^«" Ursprungs. 

Motiv, Moses „, T '""^ ''"'■ ^«yP^"' 'lalten kein 

«ie. Also riL ;:t;T"d'^r^^ ''^'" "^" ^" 

d. h in ihrpr K ^ judischen Volk geschaffen, 

ungeelnet H ""' ^"^'" ^^^ -• - ^^^ 

'en e s ' "''^ ^»"'^ ^em Volke eine Sage fruch- 

ma;hS ''■°''" '^'^'^'^ - «-- Volksfremden 

^) 1^ Wo!'SLruSg'^'^^'- J^-P«^- erwähnt. 
i8 



In der Form, in der die Mosessage uns heute vorliegt, 
bleibt sie in bemerkenswerter Weise hinter ihren ge- 
heimen Absichten zurück. Wenn Moses kein Königs- 
sprosse ist, so kann ihn die Sage nicht zum Helden 
stempeln; wenn er ein Judenkind bleibt, hat sie nichts 
zu seiner Erhöhung getan. Nur ein Stückchen des gan- 
zen Mythus bleibt wirksam, die Versicherung, daß das 
Kind starken äußeren Gewalten zum Trotz sich erhal- 
ten hat, und diesen Zug hat denn auch die Kindheitsge- 
schichte Jesu wiederholt, in der König Herodes die 
Rolle des Pharao übernimmt. Es steht uns dann wirk- 
lich frei, anzunehmen, daß irgendein später, ungeschick- 
ler Bearbeiter des Sagenstoffes sich veranlaßt fand, 
etwas der klassischen, den Helden auszeichnenden, Aus- 
setzungssage Ähnliches bei seinem Helden Moses unter- 
zubringen, was wegen der besonderen Verhältnisse des 
Falles zu ihm nicht passen konnte. 

Mit diesem unbefriedigenden und iiberdies unsicheren 
Ergebnis müßte sich unsere Untersuchung begnügen 
und hätte auch nichts zur Beantwortxmg der Frage ge- 
leistet, ob Moses ein Ägypter war. Aber es gibt zur Wür- 
digimg der Aussetzungssage noch einen anderen, viel- 
leicht hoffnungsvolleren Zugang. 

Wir kehren zu den zwei Familien des Mythus zurück. 
WU- wissen, auf dem Niveau der analytischen Deutung 
sind sie identisch, auf mythischem Niveau unterschei- 
den sie sich als die vornehme und die niedrige. Wenn es 
sich aber um eine historische Person handelt, an die 
der Mythus geknüpft ist, dann gibt es ein drittes Niveau, 
das der Realität. Die eine Familie ist die reale, in der 
die Person, der große Mann, wirklich geboren wurde 



2* 



19 



2t '"*^^^""='^^«» -'; die andere isL fiküv, vom My 
der r"" rT '^®''^°'8"ng seiner Absichten erdichtet. In 
erdi.ht^r '^'^ '■•^^''^ Pamilie nüt der niedrigen, die 

führt vielll-ch,"'?"'"'"''^ '"'^"'■^ ^" '"^«'^"- ^"' ""° 
daß die erspr "'"" Gesichtspunkt zur Klärung, 

^ird, in aL Tn"' ''"' ^"^ "''■• ^^^ ^'"'^ ^"^«^""' 
erfundene ilr , ' ^'^ ^'"^ verwerten lassen, die 

^i^d und aufwäl ?"'""' '''""■' '" '^'^^ ^' autgenommen 
diesen Satz als "^"^ '^''""''='"^- "^ben wir den Mut, 

wir auch die" M "'"" ^"8'=™cinheit anzuerkennen, der 
mit einem Maie^kr''^'' «Verwerfen, so erkennen wir 
vornehmer - ä ""^ ^"^"^ '^' "'" ~ wahrscheinlich 

gemacht werden^ii it "^r/"* "''" ^^^'^ ^"" •"""" 
Aussetzung im w '"^'"'^ ""'"^^ Resultat! Die 

-- -ch L „eren'T. T' '" '''"'' "'^•^'■^en Stelle; 
^icht, nicht ohne r ?"' '" '"«'^"' '""«"^ i'^'"'' ^^' 
aus einer Preise»», '''''^'^^'^^«keit, umgebogen werden; 

Die Abw. . '""■'^' ''"^ ^"'» Mittel der Rettung, 

ihrer Art r'^™' "'' '"'"'''^S'^ -» ''"«" anderen 
geschieh e' ,'''"■ ''"' '^'"^ liesonderheit der Moses- 
Held st T''^'''"^ "'='•''-• Während sonst ein 

Anfänge erLt l '''"'' '^'=''^"' "''^^ ^"^'"«^ '"''^"«''" 
Moses dali' 1, '^'"" '^^'^ Heldenleben des Mannes 

'^-blieB zu' den K^ trels"'"^ '''"'"'''' "'" 

Wr die Verm,.. " "'''="<'"■ "<^"<^^ Argument 

^ar. Wir h^l l" '^'^'""•=»' ^^« ^oses ein Ägypter 
- ^^^':^'.t'J- -- Argument, das 



20 



dem N ^'^"''' ^^^ ^"^ ^^^^^ Ar,a.mo„l, das 

amen, auf viele keinen entscheidenden Ein- 



^ 



; 



di'uck gemacht hat'). Man muß darauf vorbereitet sein, 
daß das neue Argument, aus der Analyse der Ausset- 
zungssage, kein besseres Glück haben wird. Die Ein- 
wendungen werden wohl lauten, daß die Verhältnisse 
der Bildung und Umgestaltung von Sagen doch zu un- 
durchsichtig sind, um einen Schluß wie den unsrigen 
zu rechtfertigen, und daß die Traditionen über die Hel- 
dengestalt Moses in ihrer Verworrenheit, ihren Wider- 
sprüchen, mit den unverkennbaren Anzeichen von Jahr- 
hunderte lang fortgesetzter tendenziöser Umarbeitung 
und Überlagerung alle Bemühungen vereiteln müssen, 
den Kern von historischer Wahrheit dahinter ans Licht 
zu bringen. Ich selbst teile diese ablehnende Einstel- 
lung nicht, aber ich bin auch nicht imstande, sie zu- 
rückzuweisen. 

Wenn nicht mehr Sicherheit zu erreichen war, war- 
um habe ich diese Untersuchung überhaupt zur Kennt- 
nis der öffenlliclikeit gebracht? Ich bedauere es, daß 
auch meine Rechtfertigung nicht über Andeutungen hin- 
ausgehen kann. Läßt man sich nämlich von den beiden 
hier angeführten Argumenten fortreißen und versucht, 
Ernst zu machen mit der Annahme, daß Moses ein vor- 
nehmer Ägypter war, so ergeben sich sehr interessante 
und weilreichende Perspektiven. Mit Hilfe gewisser, 
nicht weit abliegender Annahmen glaubt man die Mo- 

') So sagt z. B. Ed. Meyer: Die Mosessagen und die 
Leviten, Berliner Sitzber." 1905: „Der Name Mose ist 
wahrscheinlich, der Name Pinchas in dem Pnester- 
geschlecht von Silo . . . zweifellos ägyptisch. Das beweist 
natürlich nicht, daß diese Geschlechter ägyptischen Ur- 
sprungs waren, wohl aber, daß sie Beziehungen zu Ägyp- 
ten hatten" (p. 651). Man kann freiUch fragen, an wei- 
che Art von Beziehungen man dabei denken soU. 



I 



üvc zu verstehen, die Moses bei seinem ungcwöhtiUcJien 

dam-t" ^"''"" ''*''""• ""'' "' «"«•''" Zusammenhang 
."? "'■^'"^'^ '""» die mögUche liegründung von zaW- 1 
' " Charakleren und Besonderheiten der Gesetz-! 

IZT T ''"" ^'"'S'""' '!"' -r dem Volke der Juden | 
ten T """* '^"■'' ''^"^^' ™ bedeutsamen Ansich- 

gionen"^'' ''"' '^"''"'''""8 der monotheistischen BeU" 
-ichti.erAH'r""'" '*"«'"■''«'■ ^"'"" Aufschlüsse so 
sehe w ,, . " ""»" "'cht allein auf psychologi" 
Cert:rrr — ■ We-n ma„ das 
gelten läßt, so bedarf^, ""'" historischen Anhalt 

zweiten festen Pu„kTe T ,"" '"'""'^"^" "°'^" "" 
Möglichkeile,, ' " ''"^ *'""" '*«'• auftauchenden 

keit emf rn l T" ™' "' "«'" ™" "^ ^^'■•'"''^'" 
das LehPn M °''J''''«™r Nachweis, in welche Zeit 

i .": etn Hed'T" "'• ^"^-« "- ^-'^'^ 

'and Sieh nicht „^,1^"" '"""'^'- '''"'' '^*" ^'■"=''' 
weiteren .5 ^,- "™ '°" «i'« Mitteilung aller 

rgypter w r" '"^ ""■ '^'--ht, daß Moses ein 
Ägypter war, besser unterbleiben. 



Wenn Moses ein Ägypter war . . • 

Von Sigm. Freud 

Wir geben im folgenden die ersten drei 

■ Kapitel eines größeren Aufsatzes wieder, der 

. " in Fortsetzung des in der vo ränge fienden 

' '=' '- Arbeit aufgenommenen Themas in Jmago", 

■•. .;..; Jahrg. 1937, Heft 4, abgedruckt ist. 

In einem früheren Beitrag zu dieser Zeitschrift habe 
ich die Vermutung, daß der Mann Moses, der Be- 
freier und Gesetzgeber des jüdischen Volkes, kein Jude, 
sondern ein Ägypter war, durch ein neues Argument 
zu bekräftigen versucht. Daß sein Name aus dem ägyp- 
tischen Sprachschatz stammt, war längst bemerkt, wenn 
auch nicht entsprechend gewürdigt worden; ich habe 
hinzugefügt, daß die Deutung des an Moses geknüpften 
Äusselzungsmythus zum Schluß nötige, er sei ein Ägyp- 
ter gewesen, den das Bedürfnis eines Volkes zum Juden 
machen wollte. Am Ende meines Aufsatzes habe ich 
gesagt, daß sich wichüge und weittragende Folgerungen 
aus der Annahme ableiten, daß Moses ein Ägypter ge- 
wesen sei; ich sei aber nicht bereit, öffentlich für diese 
einzutreten, denn sie ruhen nur auf psychologischen 
Wahi-scheinlichkeiten und entbehren emes objektiven 
Beweises. Je bedeutsamer die so gewonnenen Einsichten 
sind, desto stärker verspüre man die Warnung, sie nicht 
ohne sichere Begründung dem kritischen Angriff der 
Umwelt auszusetzen, gleichsam wie ein ehernes Bild 
auf tönernen Füßen. Keine noch so verführerische 



^) Imago, Bd. XXni, 1937, Heft 1, „Moses ein Ägyp- 
ter". Vgl. diesen Almanach S. 9. 



35 



i! Wahrscheinlichkeil schütze vor Irrtum; selbst wenn 

; ''"'' '^""'^ "^i"«« Problems sich einzuordnen scheinen 

wie die Stücke eines Zusammcnlegspielcs, müßte man 
daran denken, daß das Wahrscheinliche nicht notwen- 
dig das Wahre sei und die Wahrheit nicht immer wahr- 
scliemlich. Und endlieh sei es nicht verlockend, den 
^cholaslikern und Talmudisten angereiht zu werden, 
die es befriedigt, ihren Scharfsinn spielen zu lassen, 
gleichgültig dagegen, wie fremd der Wirklichkeit ihre 
Behauptung sein mag 

I wieref"""'/'"" '''"'^'"'-' -J- >>™te so schwer 

' Motive T' .^"'^'' ''' ^"^ -^^'^ Widerstreit meiner 

Mul^unTdittr ^^--^«^-gen, auf Jene erste 

Sie Stück des Ganze ^^^^ ^"^ "'^^* ^^^ wichtig- 



Wenn also Moses ein Aa^rr., 
Gewiun aus dieser Annahme !'' ""'' ~' '" "' ^^'^ *^''*' 
wortende Rätselfrage Wenn "^"^^^' «^1^^^«^ ^^ ^<^^^^- 
sich zu einer ^oLn^Ter"!'^' ^ 
nichts anderes zu erwartet ^"^^ ^^^chiM, so ist 

Volksgenossen sich zum Füh "^^^ ''''''''' '''''' '^^'^ 

Rolle durch Wahl hp.fim . ^'' ^"^^^^^t oder zu dieser 

■L/cöiimmt wird Au 

nehmen Ägypter _ vielleiet,» "" ^^^ "'""" "*"" 

Beamter - hpwnrwn >,. "''' Priester, hoher 

Haufens von ''' '''^ «" <>- Spitze eines 

FremdlL. '''»«''-«"^-^en, kulturell rückständiflcn 
^:^ge„ zu stelleti u„d „it itacn das Land ." 

Zahlelf'es ^fch"bel1"^ V°"lellung davon, um welche 

DMm Auszug aus Ägypten handelt. 



II 






verlassen, das ist nicht leicht zu erraten. Die bekannte 
Verachtung des Ägypters für ein ihm fremdes Volkstum 
macht einen solchen Vorgang besonders unwahrschein- 
lich. Ja ich möchte glauben, gerade darum haben selbst 
Historiker, die den Namen als ägyptisch erkannten und 
dem Mann alle Weisheit Ägyptens zuschrieben, die 
naheliegende Möglichkeit nicht aufnehmen wollen, daß 
Moses ein Ägypter war. 

Zu dieser ersten Schwierigkeit kommt bald eine 
zweite hinzu. Wir dürfen nicht vergessen, daß Moses 
nicht niu* der poUtische Führer der in Ägypten ansässi- 
gen Juden war, er war auch ihr Gesetzgeber, Erzieher, 
und zwang sie in den Dienst einer neuen Religion, die 
noch heute nach ihm die mosaische genannt wird. 
Aber kommt ein einzelner Mensch so leicht dazu, eine 
neue Religion zu schaffen ? Und wenn jemand die 
ReUgion eines anderen beeinflussen will, ist es nicht 
das natürlichste, daß er ihn zu seiner eigenen Religion 
bekehi't? Das Judenvollt in Ägypten war sicherlich nicht 
ohne irgendeine Form von Religion, und wenn Moses, 

der ihm eine neue gegeben, ein Ägypter war, so ist 
die Vermutung nicht abzuweisen, daß die andere, neue 
Religion die ägyptische war. 

Dieser Möglichkeit steht etwas im Wege: die Tatsache 
des schärfsten Gegensatzes zwischen der auf Moses 
zurückgeführten jüdischen ReUgion und der ägyptischen. 
Die erstere ein großartig starrer Monotheismus; es gibt 
nur einen Gott, er ist einzig, allmächtig, unnahbar; 
man verträgt seinen Anblick nicht, darf sich kein bucJ 
von ihm machen, nicht einmal seinen Namen ausspre- 
chen. In der ägyptischen Religion eine kaum überseh- 

25 



h '■ 



iii! 



! !i' 




und Herk^rr"*" ^oUhüiton vorschiedeiifT Wiinligkeit 
tn^-mächlen wio'T' ^^«'•^onifikalio.uM, von ,roß.n Na- 

auch einma'l eine 1^.'"'! '"' '''■'^'' '"""^' ""' '*'"'' 
Gerechligkcii) od ^^'^'^''**" ^^^^ ^^e Maat (Wahrheit, 

die meisten aber ! t"' ^'*''*''''' ^'^ '*^'' ^^^'^i-f^'^^f'^ "^^' 
in zahlreiche Ga ^° ^'^''"^'' ""''^ ^«'^ Zeit, da das Land 

t^n sie die EntwlckluT/''"''' ''^'' ^'^'^'ß*'^*^^*'«' ^»^ ^^"*'' 
nicht überwunden ^^^ ^^" ^*^^" Totemtieren noch 

kaum daß einzeln "'^^^^^''^ voneinander unterschieden, 
sind. Die Hymnen^zu^'^^''"'*'''^'' Funktionen zugewiesen 
fähr von jedem das"""" ^^^■'^^" ^^^^^^ Göller sagen unge- 
einander ohne Bedenk^^^^^^ '^"^' identifizieren sie niit- 

nimgslos vcrwirrpn ^" '"^ ^'''^'' ^^*=*C' die uns hoff- 
'All CXI würHp p " ii 

einander kombinieri h "''""™*"n werden mil- 

des anderen herabsint'! '"'"" '''"'' '"'' ^""^ Beiwort 

„Neuen Reiches" der R '° ^"'"^^ '"" "^"^ «'"1«^«" '^^' 
^"on.Re, in we h "Tf" '" '""" ^"*='''=" 
Teil den widderköpfigen StadTT""''""« '''■"' •^"'' 

On ist. Magische und 7pr» Sonnengottes von 

Sprüche und Amulette beh! T'"'""'"'^^'^"' ^«"''«^- 
Götter Wie das tägUehe LebeTdes^A'" """"^^ ''*-'"■■ 

Manche dieser Versehiedenhi /^ 
Iheismn-i ,„ • '^«'gcnsalz eines sIrengen Mono- 

leitrind re"Z™7r^'^""^'^" '"'''''^'''- ^•^- 
i- geistige ; 1 "' r; •':"«- ^- ^"-schieds 

PW. .:^. nahe rt'ehf . ""' '''''«'"" •"■"""'^"" 
sublimer Abstraktion auf™ T'"" ""^ '" "'" ""•'" 
beiden Momente n>ag 'f °""'*'^';^^"«'^" ^at. Auf diese 

S es zunickgehen, wenn man ge- 

o.fi 



^egentUch den Eindruck empfängt, der Gegensatz zwi- 
^cien der mosaischen und der ägyptischen Religion sei 
^n gewollter und absichtlich verschärfter; z. K weim 
»e eine jede Art von Magie und Zauborwesen aufs 
strengste verdammt, die doch in der anderen aufs 
üppigste wuchern. Oder wenn der unersättüchen Lust 
der Ägypter, ihre Götter in Ton, Stein und Erz zu ver- 
körpern, der heute unsere Museen so viel verdanken 
das rauhe Verbot entgegengestellt wird, irgendein leben- 
des oder gedachtes Wesen in einem Hildnis darzustel- 
len. Aber es gibt noch einen anderen Gegensatz zwi- 
sehen beiden ReUgionen, der durch die von uns ver- 
suchten Erklärungen nicht getroffen wird. Kein anderes 
Volk des Altertums hat soviel getan, um den Tod zu 
verleugnen, hat so peinüch vorgesorgt, eine Existenz 
im Jenseits zu ermöglichen, und dem entsprechend 
war der Totengott Osiris, der Beherrscher dieser an- 
deren Welt, der populärste und unbestrittenste aller 
ägyptischen Götter. Die jüdische Religion hingegen hat 
auf die Unsterblichkeit voll verzichtet; der Möglich- 
keit einer Fortsetzung der Existenz nach dem Tode wird 
nirgends und niemals Erwähnung getan. Und dies ist 
umso merkwürdiger, als ja spätere Erfahrungen ge- 
zeigt haben, daß der Glaube an ein jenseitiges Dasein 
mit einer monotheistischen Religion sehr gut verein- 
bart werden kann. 

Wir hatten gehofft, die Annahme, Moses sei ein Ägyp- 
ter gewesen, werde sich nach verschiedenen Bichiungr.^ 
als fruchtbar und aufklärend erweisen. Aber unsere 
^rsle Folgerung aus dieser Annahme, die neue Religion, 
die er den Juden gegeben, sei seine eigene, die ägyp- 



07 



. 



I- 



üsche gewesen, ist an der Einsicht in die Verschieden- 
heil, ja GegensälzUchkeit der beiden Religionen ge- 
scheitert. 

II. 

Eine merkwürdige Tatsache der ägyptischen Religions- 
geschichle, die erst spät erkannt und gewürdigt worden 
ist, eröffnet uns noch eine Aussicht. Es bleibt möglich, 
daß die ReUgion, die Moses seinem Jndenvolkc gab, 
doch seine eigene war, eine ägyptisclie ReUgion, wenn 
auch nicht die ägyptische. 1 

In der glorreichen achtzehnten DynasÜe, unter der 
Ägypten zuerst ein Weltreich wurde, kam um das Jahr 
1375 V. Chr. ein junger Pharao auf den Thron, der zu- 
erst Amenholcp (IV) hieß wie sein Vater, später 
aber seinen Namen änderte, und nicht bloß seinen Na- 
men. Dieser König unternahm es, seinen Ägyptern eine 
neue Religion aufzudrängen, die ihren Jahrtausende 
aUen Traditionen ^.nd aU Uu.^ ,,,VVVXVVV.U V^A^e^^s^ 
^oVWen zuwiderlief. Es war ein strenger Mono- 
theismus, der erste Versuch dieser Art in der W^^^" 
geschichte, soweit unsere Kenntnis reicht, und mü dei« 
Wauben an einen einzigen Gott wurde wie unvermeid' 
lieh die reUgiöse Intoleranz geboren, die dem AUertuni 

ir . ' """"^ """'^^ ^^'^«^ '^^^^»^l^*^^- - f^^^»"^» gebliehC^- 
Aber die Regierung Amcnhoteps dauerte nur sieb- 
zehn Jahre; sehr bald nach seinem 1358 erfol^t^'^ 
Tode wai' die neue Religion hinweggefegt, das AndenKc" 
des ketzerischen Königs geächtet worden. Aus dem Trn'|\- 
merfeld der neuen Residenz, die er erbaut und seine«^ 
Cxolt geweiht halte, und aus den Inschriften in den ^^ 

28 



ilir gehörigen Felsgräbera rührt das wenige her, was 
wir über ihn wissen. Alles, was wir über diese merk- 
wüi'dige, ja einzigartige Persönlichkeit erfahren kön- 
nen, ist des höchsten Interesses würdigt). 

Alles Neue muß seine Vorbereitungen und Vorbedin- 
gungen in Früherem haben. Die Ursprünge des ägypti- 
schen Monotheismus lassen sich mit einiger Sicherheit 
em Stück weit zurückverfolgen ^). In der Priester schule 
des Sonnentempels zu On (Heliopolis) waren seit län- 
gerer Zeit Tendenzen tätig, um die VorsteUung eines 
universellen Gottes zu entwickeln und die ethische 
Seite seines Wesens zu betonen. Maat, die Göttin der 
Wahrheit, Ordnung, Gerechügkeit, war eine Tochter 
des Sonnengottes R e. Schon unter Amenhotep III, 
dem Vater und Vorgänger des Reformators, nahm die 
Verehrung des Sonnengottes emen neuen Aufschwung, 
wahrscheinlich in Gegnerschaft zum übermächtig ge- 
wordenen Amon von Theben. Ein uralter Name 
des Sonnengottes Aton oder Atum wurde neu her- 
vorgeholt und in dieser Atonreligion fand der 
junge König eine Bewegung vor, die er nicht erst zu 
erwecken brauchte, der er sich anschüeßen konnte. 

Die politischen Verhältnisse Ägyptens hatten um diese 
Zeit begonnen, die ägypüsche Reügion nachhaltig zu 
beeinflussen. Durch die Waffentaten des großen Erobe- 



8) „The first individual in human history" nennt ihn 

^)^ Das Nachfolgende hauptsächlich nach den Darstel- 
lungen von J rf. Rreasted m semer .«is ?ry oi 
Eg/pt", Imö, sowie in „The Dawn of Conscience , m4, 
und den entsprechenden AbschmtLen m „The t.am 
bridge Ancient History", Vol. II. 

39 




Syrifn H " '"""■ '^"•'''^"' '■" Norden PaläsUna,j 

hin,„„ ,"' ^"^ ^^^"^ ™" Mesopolamie.i zum Reich] 
in d^Reu™'"- ^"''^'' "«P^rialis-nus spie,eUc sich nun 
Da die Für^'°" ''^^ Universalisraus und Monolheisinus. 
Nuhien umr^^"- ""' ^''"■^° J^'^' ""ß'^'' '^Sypten auch 

ihre nal^^al T ""'"""' ™"""^ ''»'^'^ '"'^ ''"'""" 
Pharao der »ii, '"'""""''""g "ufgcbon, und wie der 
dem Aevmer h u^'' """^ """mschränkle Herrscher der 

die neSGotlheu"d ''"/'" ""'"' ^° '""'^''= -°'^' ^'"=' 
natürlich, daß mit rpf"^*''' '"^''^'"'- ^'"^^"' ^^^ *' 
Ägypten für ausländische V"^!""""^ ^''" R'="=»^«'-«"^'" 
manche der Icöniglichen p "'" "'^«'««"<=her wurde; 

Hessinnen und mL> t ™ '^ ^''^''" asiatische Prin- 

Amenhoten h«. . • ^'■"'° eingedrungen. 

kuU von n niemat T^ ''"''''''*'' =» 'l«" «onnen- 
an den Aton dTe J"!'"""*^'' ^° '"=« ^-«1 Hymnen 
Felsgräbern erhalten clhlT'' '^'^ '»^'='^""eu in den 
Uch von ihm selbst gediehet Tl ""' -^'^''-hein. 
Sonne als Schöpfer und vTu "' ^""'''' "^^ «^'^ 

außerhalb Ägyptens mit eL??!'^^ ^^'^-''- ^" -'^ 
viele Jahi-hunderle später in d """''' "^'"^ ^i« e"t 
jüdischen Gottes Jahve wied^J^^E; T ''''"" 'l' 
aber nicht mit dieser erstaunlichen v! '""''' '" 
wissenschaftüchen Erkenntnis von deTTf "' '" 
Sonnenstrahlung. Es ist kein Zweifel d «"" ' ""' 

schi-itt weiter gino daß er h' c " *^"'^'' 

«luj,, aail er die Sonne nicht als mate- 

lin ^/o' fltu t e!"*" A m e n h o t e p s geliebte Gemah- 



30 



~"J 



rielles Objekt verelirte, sondern als Symbol eines gött- 
lichen Wesens, dessen Energie sich in ihren Strahlen 
kund gab 6). 

Wir werden dem König aber nicht gerecht, wenn wir 
ihn nur als den Anhänger und Förderer einer schon 
vor ihm bestehenden Atonrcligion betrachten. Seine 
Tätigkeit war weit emgreifender. Er brachte etwas 
Neues hinzu, wodm-ch die Lehre vom universellen 
Gott erst zum Monotheismus wurde, das Moment der 
AusschUeßlichkeit. In einer seiner Hymnen wird es 
direkt ausgesagt: „Oh, Du einziger Gott, neben dem 
kein anderer ist." 7) Und wu- wollen nicht vergessen, 
daß für die Würdigung der neuen Lehre die Kenntnis 
ihres positiven Inhalts allein nicht genügt; beinahe 
ebenso wichüg ist ihre negative Seite, die Kenntnis 
dessen, was sie verwirft. Es wäre auch irrfüinlich, 
anzunehmen, daß die neue Religion mit einem Schlage 
fertig und voll gerüstet ins Leben gerufen wurde wie 
Athene aus dem Haupte des Zeus. Vielmehr spricht 
alles dafür, daß sie während der Regierung Amenho- 
teps allmählich erstarkte zu immer größerer Klarheit, 

fi) Breasled, History of Egypt, p. 360: „But how- 
cver^ evident the HeliopoUtan origin of the new state 
rehgion might be, it was not merely sun-worship; the 
Word Aton was employed in the place of the old word 
lor god (nuter) and the god is clearly distinguished 
?'',!? i.^t «laterial sun." „It is evident that whal the 

.£Yftoif ffr''^ ^^^ *^e ^^''ce, by which the Sun 

""^^l vi H^^^ ?t" ''•^^*^'' fö^^^'i «f Conscience, p. 279) 
_ ähnlich das Urteil über eine Formel zu Ehren des 

Gottes bei A. Er man (Die Ägyptische Religion, 1905): 

"^n aW rZ '• ^^ möglichst abstrakt ausdrücken 
sollen, daß man mcht das Gesürn selbst verehrt, son- 
dern das Wesen, das sich in ihm offenbart " 
') 1. c. History of Egypl, p. 374. 



31 



Konsequenz, Schroffheil und TJnduldsamkeil. W^'l»- 
scheinUch vollzog sich diese linlvvickh.nH unler J^m 
i-influß der heftigen Gegnerschafl, die sich uiiler den 
^riestern des Amo„ gege„ die Keforn, ,les Königs er- 
l^ob.lm sechslen Jahre der Regierung An.enlu.leps war 
e Verfemdung soweit gediehen, daß der König seinen 
^amen änderte, von dem der nun verpönte Goltesname 

nem nI '■'l^n^iton«). Aber nicht nur aus sei- 

Lndefn " "'"' '' "''' "'^^ ^-''-ßl- Gottes aus, 

ich ■" T '"'" ^"^'^'^'-"'-^ -d selbst dort, wo er 

BaW TachTT" "''^^''^ Amenholep III fand. 

von Amon beherrs^ThT™' '"''''' '"""'" '" 
abwärts «• Theben und erbaule sich slrom- 

(Horizont drAr:/""""^' ''"^ - -''--'- 

heute Ten , !^ "''"°''- "^^"^ Trüminerstätte helW 
1 Hl- et- A mar na"). -i 

abe'IhrSr^Jl''!;;^^ l:^^ '^"-" -" härtesten, 

Pelgüter beschlagnahmt ^"'"'''""'^^ ""'-^agt, die Tem- 
weit, daß er dral n '''''^^'''^'''"'^^*^'"^" 
«■n das Wort Got " ^' ""'"" ""'^^^"'=^*'^ '^^'' 

in dB,, n, ,- '. ''""'" auszumerzen, wenn es 

verw! d '' '*^^"^'^' -■•'">• E^ -"-ht zu 

Z!l!:^ern, daß diese Maßnahmen I khn at ons eine 

art^ Dw niue Nai^'ff" '^i'^™" ^er englischen Schrcib- 
selbe wie seüi fr^h..„ ^"""^^ bedeulSt ungefälir das- 
unser Gotthold GoltfriM "'" ^"^' '^t zufrieden. Vergl- 

^) Oort wurde 18S7 !f- j.- 
wichtige KorresnnnH , ^^'^ Geschichtskenntnis so 

den Freunden m?dvS^.'it '^'"'- "FP^schen Könige ffl» I 

") 1. e. Kuv!^',^ „Y^^ll;^(^ "^ As^ien gefunden. j 

32 



Stimmung fanatischer Rachsucht bei der unterdrückten 
Priesterschaft und beim unbefriedigten Volk hervor- 
riefen, die sich nach des Königs Tode frei betätigen 
konnte. Die AtonreÜgion war nicht populär geworden, 
war wahrscheinlich auf einen kleinen Kreis um seine 
Person beschränkt geblieben. Der Ausgang I k h n a- 
1 n s bleibt für nus in Dunkel gehüllt. Wir hören von 
einigen kurzlebigen, schaltenhaften Nachfolgern aus sei- 
ner Familie. Schon sein Schwiegersohn Tutankh- 
alon wurde genötigt, nach Theben zui~ückzukehren und 
in seinem Namen den Gott Aton durch Amon zu 
ersetzen. Dann folgte eine Zeit der Anarchie, bis es dem 
Feldherrn Haremhab 1350 gelang, die Ordnmig wie- 
derherzustellen. Die glorreiche achtzehnte Dynastie war 
erloschen, gleichzeitig deren Eroberungen in Nubien und 
Asien verloren gegangen. In dieser trüben Zwisclicnzeit 

waren die alten Religionen Ägyptens wieder eingesetzt 
worden. Die Alonreligion war abgetan, die Residenz 
Ikhnalons zerstört und geplündert, sein Andenken 
als das eines Verbrechers geächtet. 

Es dient einer bestimmten Absicht, wenn wir niu* 
einige Punkte aus der negativen Charakteristik der 
AtonreÜgion herausheben. Zunächst, daß alles Mythi- 
sche, Magische und Zauberische von ihr ausgeschlos- 
sen ist^i). 

Sodaim die Art der Darstellung des Sonnengottes, 

^0 Weigall (The life and times of Ikhnaton, 1923, 
p. 121) sagt, Ikhnaton wollte nichts von einer llöHe 
wissen, gegen deren Schrecken man sich durch unge- 
zählte Zauberformeln schützen sollte. „Aklinalon flung 
all these formulae into the fire. Djins, bogies, spirits, 
monsters, demigods and Osiris himself with all his 
court, were swepl into the blaze and reduced to asües. 



3 Almaaach 1938 



33 



nicht mehr wie in früherer Zeit durch eine kleine 
Pyramide und einen Falken, sondern, was beinahe 
nüchtern zu nemien ist, durch eüie rmide Scheibe, vonj 
der Strahlen ausgehen, die i„ menschlichen Händen, 
endigen. Trotz aller Kunsltrcudigkeit der Amarnapcri-I 

und man darf est/ V' ""'' **''"""'" " v.t 
gefunden werden'.)"^'^'^'^ '''''"' «^^ """'^ "'* ^ 
Endlich das völliop s u • >tk 

Osiris und das T , ^'''^'^'8''" über den Totengottj 

die Grabinschrifen "'"''■ ^"^'^ "'" "y™"'^" ""''' 
Herzen des /; p^rsT,? .^^"^^ ^^ ''-"' -^ ''^'" 
Gegensatz zur'vok el^ , ' ^" "''^"^^''" ">«• ^'''i 
anschaulieht werden u) ""'^^ '^'=""''^^"'- ^'^' 

III. 

Wir möchten jetzt dpn s 1,1 « ' 

ein Ägypter war^un^ wTnn e'lT?^ ^^"" ''"''' 
Religion übermittelte, so war n l "^'""^ "^""' 

die A t o n religion. '' "^'^ des I k h n a t o n, 

Wir haben vorhin die iüHic k 1 

ägyptischen VolksreHgion ve gul; ^f\ ""'' "^ ' 

Uchkeit zwischen heiden fesU:.! tt^r s^rtJ; 

eine^ergleich der Jüdischen mit der T 1 1 .1 rlg'n 

12) A. W e i ß a H n \ 
any graven image to hp^ ,no'J^^'^^^^^" «^id nol pcrmit 
God, Said Ihe K?ns had n. f ^^ '^^^ Aton. The Irue 

opinion throughout' his I fe "Y^'in?? ^'^ *^^^^ '^ ""' 
_^ 1«) Er man 1. c. n 70." \r ^^^O 



) Er man 1. c. n 70. xP" ^"^-^ 
-:;h sollte man nichts mnh;' i?"^ ^^^""'^ "'^^ ^*^'"^? , 
■• Ol C, p. 291: Osir^T ^'*''^"- ~- Breasted, 
never mentioned in anv ro^ complelcly ignored. He is d 
f the tombs at Arnarna." ""^ Hdinatou or in any ■ 



I 



] 



anstellen, in der Erwartung, die ursprüngliche Iden- 
tität der beiden zu erweisen. Wir wissen, daß uns keine 
leichte Aufgabe gestellt ist. Von der Atonreligion wis- 
sen wir dank der Rachsucht der Amonpriester vielleicht 
zu wenig. Die mosaische Religion kennen wir nur in 
einer Endgestaltung, wie sie etwa 800 Jahre später in 
nachexilischer Zeit von der jüdischen Priesterschaft 
fixiert wurde. Sollten wir trotz dieser Ungunst des 
Materials einzelne Anzeichen finden, die unserer An- 
nahme günstig sind, so werden wir sie hoch einschätzen 
dürfen. 

Es gäbe einen kurzen Weg zum Erweis unserer These, 
daß die mosaische Religion nichts anderes ist als die 
des Aton, nämlich über ein Geständnis, eine Prokla- 
mation. Aber ich fürchte, man wird luis sagen, daß 
dieser Weg nicht gangbar ist. Das jüdische Glaubens- 
bekenntnis lautet bekanntlich: Schema Jisroel Adonai 
Elohenu Adonai Echod. Wenn der Name des ägypti- 
schen Aton (oder Alum) nicht nur zufällig an das 
hebräische Wort Adonai und den syrischen Gottes- 
namen A d o n i s anklingt, sondern infolge urzeitUcher 
Sprach- und Sinn gemein schaft, so könnte man jene 
jüdische Formel übersetzen: Höre Israel, unser Gott 
Aton (Adonai) ist ein einziger Gott. Ich bin leider völlig 
inkompetent, um diese Frage zu beantworten, konnte 
auch nur wenig darüber in der Literatur fmden i*), aber 

") Nur eüiige Stellen bei WeigaH (1. c): „Der Gott 
Atum, der Re als die untergehende Sonne bezeichnete, 
war vielleicht gleichen Ursprungs wie der in Nordsynen 
allgemem verehrte Aton und eine auslandische Rom- 
gm sowie ihr Gefolge mag sich darum eher zu Heuo 
polis hingezogen gefühlt haben als zu Theben (p. 
und p. 19). 



3* 



35 



ii 



walu-schei„,ich darf ,nan es sich nicht so leicht machen] 

uameT' ^T" "^ ^"f 'l- P-blcme des Gottes 
namens noch einmal zurücUUcnmen „ulssen. J 

den Re,t '" ^'^ <*"= Verschiedenheiten der bei 

gen Monoth L ri '''''' '''' '^™' '^'"^^ ■^'"r 
neigt sein, waTl 1 '"^ .^"•'' -°" vornherein ge^^ 



neigt sein, was an" h """^ ^'"^ ^°" vornherein 
diesen Grundcharakter l!l,. ?_''"!"" '""'"""« ."','.,,he| 



diesen Gr^ndcharaL " Obereinslimnnmg ist, aufl 
Monotheismus bem ""'"'^''^führen. Der jüdische 

schroffer als dp """' ^"^'^ '" manchen Pimktcn noch] 

Darstellungen überr^''''*"'' '' "' ^'="" " '^"''"*'' 
Unterschied zeigt sicr''-l ^'^'^'^^'^^- D<^'" wcsentUchste, 
— darin, daß die ■ ~ ^°'" ^"^'"^^namen abgesehen; 
Sonnenverehrung ab^"h"'''^^ Religion völlig von der 
noch angelehnt hattf ^ R • ^ '^'^ ^'"^ ""^ ägyptisch« 

«chen Voltereligion hatt^wu-'H'''''' '"" '"■ *^^'"'' 

gen, daß außer Hp™ • " Emdruck erapfan- 

-nt von abJcKtuIm' wlr;^'^^" '^''~ ^'" ^''- 
denhelt der beiden p ..^"''^'■^P'-"'^^ an der Verschie- 

Eindruck erscheint n!^ Tt ''T''' ^^-^ I^-^' 
vergleich die jüdische du ch T ''' ""'" """ "" 
setzen, die Ikhnaton wi! ^ ' ° " '-'^'igion er- 

licher FeindseUgkeit ' ^"" ^'^^''"' "' a^sicht- 

kelt hat Wir h.H ^*'^''" '^'^ ^°>ksreUgion entvvik- 
dert daß , ! " ""' "^^ ««^^ht darüber verv^un- 
Lein naef d^ "'° ''''"*^'°" -- J--"« """ -» 

sc^ä: rre''::re :: r^ ^"^^" ""' ^-" '='-'' 

vereinbar Diese v '^'"^"''" Monolheisn:us 

von der i J l ^'''"^""'''^'•"ng schwindet, wenn wir 

und teCrard'^^ '*°"^"^"^'''" ^•-"^^^'^" 

«"men, daß diese Ablehnimg von dort her 
36 



übernommen worden ist, denn für I k h n a t o n war 
sie eine Notwendigkeit bei der Bekämpfung der Volks- 
religion, in der der Totengolt Osiris eine vielleicht 
größere Rolle spielte als irgendein Gott der Oberwelt. 
Die Übereinstimmung der jüdischen mit der Äton- 
religion in diesem wichtigen Punkte ist das erste starke 
Argument zugunsten unserer These. Wir werden hören, 
daß es nicht das einzige ist 

Moses hat den Juden nicht nur eine neue Reügion 
gegeben ; man kann auch mit gleicher Bestimmtheit 
behaupten, daß er die Sitte der Beschneidung bei ihnen 
eingeführt hat. Diese Tatsache hat eine entscheidende 
Bedeutung für unser Problem und ist kaum je gewür- 
digt worden. Der biblische Bericht widerspricht ihr 
zwar mehrfach, er führt einerseits die Beschneidung 
in die Urväterzeit zurück als Zeichen des Bundes zwi- 
schen Gott und Abraham, anderseits erzählt er in emer 
ganz besonders dunkchi Stelle, daß Gott Moses zürnte, 
weü er den geheiügten Gebrauch vernachlässigt hatte, 
daß er ihn darum töten wollte, und daß Moses' Ehe- 
frau, eine Midianiterin, den bedrohten Maim durch 
rasche Ausführung der Operation vor Gottes Zorn ret- 
tete. Aber dies sind Entstellungen, die uns nicht irre 
machen dürfen, wir werden später Einsicht in ihre 
Motive gewinnen. Es bleibt bestehen, daß es auf die 
Frage, woher die Sitte der Beschneidung zu den Juden 
kam, nur eine Antwort gibt: aus Ägypten. Herodot, 
der „Vater der Geschichte" teilt uns mit, daß die Sitte 
der Beschneidung in Ägypten seit langen Zeiten hei- 
misch war, und seine Angaben sind durch die Befunde 

an Mumien, ja durch Darstellungen an den Wanden 

37 



von Gräbern best-iti^Tf » ^ 

ösüichen mnZZ :T"- ""'" """""'' '"'' '" 

Si«e geübt; von a.l\^"-\ """" ""■ "'■•'^''"' '^'"^ 
ist es sicher anzunch '"' "«'^y'""''-™. Sumerern 

Von den EinwohnenT'K/"' "' ™*^''-''^'"""«" ^'«^^"■ 
Geschichte selbst- o',^' ''^' '' '"^ "'""■^'■''' 
gang des Abenteuers ^ T 'l':'"""'''^""'"' f'"" "-' ^"''- 

-oilendcn Juden die s ,! f '""' '"" ""^ '" ^«^P''" 
rem Wege an™, " «^^«^hneidung auf ande- 

mit der LZ "" '^^'^^" «'^ - Zusauunenhange 

hau.orabS:^^'r\r^"' '•^^^^ -^ ^'^ -•""" 

schneidung als al.^om i„e v"„ """ '"'' ''''" ""■' ''" 
-■"•de, und nehme, r" '"^ '" '''""'" ^"'"'" 

'-he Annahme hin.u laT '""""' '" ^''"■'""'" 

Volksgenossen vom äa", f' '" '""^ "'"■' ""' "'"' 
Sic zur Entwicklu ^^^'"'^^'" Frondienst befreien, 
^vußlen nationalen"p -T'' '""''''^""isen und selbslbe- 

- Wie es r w n r "' '"""' '""^'-^ f"'""«" -""'« 

*-s ja wirklich eeschnli ■ , 

es haben daR -i "'^"an ~, welclien Sinn konnte 

_ _■ er Ihnen zu.- gi^iehen Zeit eine beschwer- 

|!^::'-"?J"Hi''winkM'i'ch v;.p'/T"*=" ''"'•'«1'""" so selbsl- 
heranziehen, wo s ie un '^^'""'r"- «!<■ zur liesläligun« 

wfil?'" '^n- wo sie uns V ll, r"^': ,""" ^'"- "nbedenidich 
wohl daß wir uns dadurr '"''?'"' ^" wissen wir sehr 
ab nh"'", "'«' die Beweisl-,^7,'""'' '"elhodischer Kritik 
abschwachen. Aber es kf hV„ '• "■"''^™'" Ausführungen 
hei ^f „'^'^'^ndeln kann vn?. "i"'''«'' '^'•'' wie man ein 
en LT,"'*', ^^ß seine zJcAT'i^f"^ "V" >"" Heslinunt- 
enlsteiienaer Tenden/inS,''^''*"'' '''""<■•'' ^<^" Einfluß 
werbet''''" «^chlfm „u ''''^': Sf'"'*''^'«' worden ist. 
Sn,,^ ?' '^''"" man jenen „.=7° ff l '"^n später zu cr- 
re^eLn°''''".'- SicherhS ",( f-^T^"'} "^"'iven auf die 
ren A^l ""«^ ' brigens dürfen^ w,"''^"P' "^^ht ^" '=■- 
ren Autoren ebenso verfahren siml"*^""' ''''"'* '■""'' '"'"''''" 

38 



liehe Sitle autdrängte, die sie gewissermaßen selbst 
zu Ägyptern machte, die ihre Erinnerung an Ägypten 
immer wach halten mußte, während sein Streben doch 
nur aufs Gegenteil gerichtet sein konnte, daß sem Volk 
sich dem Lande der Knechtschalt entfremden und 
die Sehnsucht nach den „Fleischtöpfen Ägyptens über- 
winden sollte? Nein, die Tatsache, von der wir aus- 
gingen, und die Amiahme, die wir an sie anfügten 
sind so unvereinbar miteinander, daß man den Mut zu 
einer Schlußfolge findet: Wenn Moses den Jud«» J^f ' 
nur eine neue Reügion, sondern auch des Gebot der 
Beschneidung gab, so war er kein Jude, sondern em 
Ägypter, und dami war die mosaische Rehgion wahr- 
scrmU^h eine ägyptische, und zwar wegen des Gegen- 
satzes zur Volksreligion die Religion des A t o n, m t der 
die spätere jüdische Religion auch in emigen bemer- 
kenswerten Punkten übereinsUmmt. 

Wir haben bemerkt, daß unsere Annahme, Moses sei 
kein Jude, sondern ein Ägypter, ein neues Bätsei schalt 
Die Handlungsweise, die beim Juden leicht verstandt^h 

sehien, wird --^^^^^^ ^ f t^r^^^^^^^^^ 
aber Moses in die Zeit des Iknna 

in Beziehung zu die.m ^^^^^^.^^^ 
det dieses Rätsel uiid es en^ ^^ ^ J^^^^^^ 
einer Motivierung, die alle unsere „ 
Gehen wir von der Voraussetzung aus, daß Mo- 
vornehmer und hochstehender Mann --' f ^'^.^ 
wirkUch ein MitgUed - -nighc en Ha ses,^^^^ 
die Sage von ihm behauptet Er war g j^y^äfug; 
großen Fähigkeiten bewußt, ehrgeizig imd tatl g 
Llleicht schwebte ihm selbst das Ziel voi, 

39 



neuen Reliaion ,, ^ " "berzcugler Anhänger der, 

gedacht tTeMin: ^T'""'"'"' "' '"'' '" ''''"^ 
setzen der Realul, ™ ^"" '^"'^ »^^"'«^ """ '^-" '^'"- 
Aussichfen zerstörf *"" "" '"'"" H«"»"»««" ""'' 

Zeugungen nirh, . T""" *"" '^'"'^ "'"^ l""-"' '''"'■" 
nichts mehr zth^ ;""'"" """'^- '-"" ''"" '^«V^'^" 
In dieser Notlage fL"" "'"."' '''" ^'^'^'""" ^*'-"""''"- 
weg. Der Träumer 1 1 i '"'"'" ""Kcwölmlichen Aus- 

entfremdet und h ..^ "'"°" '•'»"e sich seinem Volke 

sen. Moses' euergircher't.ur'"?"' "'""""'•"'" '"" 
neues Reich zu „r,-,n,io entsprach der Plan, ein 

er die von ÄsvoL """ "'""' ^°"' ^^^ «"den, dem 

Ägypten verschmihio n ,i •• 
schenken wollte E "i'l'S'on zur Verehrung 

"after Versuch/das ^^^T^'f'^'' "" '"""" 
zwei Richtungen zu en( J , bestreiten, sich nach 

^H« die Katafu-ophe '.t: t f" '"' '"= ^'"•'"^'•'' '^^^ 
leicht war er zm- Zeit slm, n' ' "'' "'""'■ ^'^'- 
(Gosen), in Cer sich „o fzur . 'r' «--"-'- 
gewisse semiUsche Stämme „leM ? "" "y^^"''') 
wähile er aus. daß sie sein .t^r: '""^"- °'^^^ 
Emiweltgesclnchtliche Entscheidulu« "'" "'"'"■ 




Er setzte sich mit ihnen ins Einvernehmen, stellte 
sich an ihre Spitze, besorgte ihre Abwanderung „mit 
starker Hand". In vollem Gegensatz zur biblischen Tra- 
dition sollte man annehmen, daß sich dieser Auszug 
friedlich und ohne Verfolgung vollzog. Die Autorität 
Moses' ermöglichte ihn, und eine Zenlralgcwalt, . die 
ihn hätte verhindern wollen, war damals nicht vor- 
handen. 

Zufolge dieser imserer Konstruktion würde der Aus- 
zug aus Ägypten in die Zeit zwischen 1338 und 1350 
fallen, d. h. nach dem Tode I k h n a t o n s und vor 
der Herstellung der staatlichen Autorität durch H a - 
remhabi^). Das Ziel der Wanderung konnte nur das 
Land Kanaan sein. Dort waren nach dem Zusammen- 
bruch der ägyptischen Herrschaft Scharen von kriege- 
rischen Äramäern eingebrochen, erobernd und plün- 
dernd, und hatten so gezeigt, wo ein tüchtiges Volk 
sich neuen Landbesitz holen konnte. Wir kennen diese 
Krieger aus den Briefen, die 1887 im Archiv der Ruinen- 
stadt A mar na gefunden wurden. Sie werden dort 
Habiru genannt und der Name ist, man weiß nicht 
wie, auf die später kommenden jüdischen Eindring- 
linge — Hebräer — übergegangen, die in den Ämar- 
nabriefen nicht gemeint sein können. Südüch von Palä- 
stina - in Kanaan - wohnten auch jene Stämme, 
die die nächsten Verwandten der jetzt aus Ägypten 
ausziehenden Juden waren. 
") Das wäre etwa ein Jahrhundert f^-üher als die 

meisten Historiker annehmen, die ihn IS -ttcht etwis 
naslie unter M e r n e pt a h verlegen^ V^^^^^^ 
später, denn die offizielle Geschichtsschreibung sc 
das lAterregnum in die Regicnmgszeit Harem na 
eingerechnet zu haben. 

41 



■ !i 



!t 



Die Molivierung, tlie wir für das Ganze <U'S Auszugs 
erraten haben, deckt auch die Einsetzung der n*^' 
schneidung. Man weiß, in welcher Weise sich die Men- 
schen, Völker wie Einzelne, zu diesem uralten, kaum 
mehr verstandenen Gebrauch verhallen. Denjenigen, die 
ihn «ichl üben, erscheint er sehr l>ofrenitnich und sie 
grausen sich ein wenig davor - die anderen aber, die 
die ßeschneidung angenommen haben, sind stolz dar- 
auf. Sie fühlen sich durch sie erhöht, wie geadelt, 
und schauen verächtlich auf die anderen herab, die 
Ihnen als unrein gellen. Noch heute beschinii^n der 
Türke den Christen als „unbcsclniittencn Hund". Es 
ist glaublich, daß Moses, der als Ägypter selbst beschnil- 
len war, diese Schätzung teilte. Die Juden, mit denen 
er das Vaterland verheß, sollten ihm ein besserer Er- 
satz für die Ägypter sein, die er im Lande zurückließ- 
Auf keinen Fall durften sie liinter diesen zurücksteheil. 
Em „geheihgtes Volk" wollte er aus ilmen machen, 
und r 7 "f ^^"^^^'^^'^ "- ^^''^Hschen Text gesagt wird, 

lllte A . ." "' '"^ ^''^''^'^ -'"^-^ens gleich- 
wlnsi^tc^"^^ "^'" ^^"^ willkonnnen sein, 

aervcTmitr ;in^^^^^ ^^t '-'-^ -^ ^^" 

h nuL aen Fremdvölkern 'ihrTPh-ilten 
wurden, zu denen ihre Wandom« abgUialien 

-ihnlich wiP Hip j . ^vandermig sie führen sollte, 
annüch wie die Ägypter selbst sich vnn >. ,. ^ ^ 
abgesondert hatte« i«) ''"'" Fremden 

gib? S"" Wm ' 'u'- ¥y\'^^'' ^"" ^r)0 v. Chr. besuchte, 
igypli chen Von-i^"'5^''*'''^^ ^''"^^ Charakteristik des 
mit bekaSten Z^^^ *^'"^ erstaunliche Ähnlichkeit 

»Sie sind ShanfS in''^,^ Judentums aufzeigt: 

uDcruaupt in allen Pnnklen frömmer als die 



Die jüdische Tradition aber bonahm sich später, als 
wäre sie durch die Schlußfolge bedrückt, die wir vor- 
hin entwickelt haben. Wenji man zugestand, daß die 
Beschneidung eine ägyptische Sitte war, die Moses ein- 
geführt halle, so war das beinahe so viel wie eine An- 
erkennung, daß die ReUgion, die Moses ihnen iibor- 
liefert, auch eine ägyptische gewesen war. Aber man 
hatte gute Gründe, diese Tatsache zu verleugnen; folg- 
lich mußte man auch dem Sachverhalt in betreff der 
lieschncidung widersprechen. 

übrigen Menschen, von denen sie sich auch schon 
durch manche ihrer Sitten trennen. So durch die lie- 
sclineidung, die sie zuerst, imd zwar aus Reinlichkeils- 
gründen, eingeführt haben; des weiteren durch ihren 
Abscheu vor den Schweinen, der gewiß damit zusam- 
menhängt, daß Set als ein schwarzes Schwein den 
H o r u s verwundet hatte, und endlich und am meisten 
durch ihre Ehrfurcht vor den Kühen, die sie nie essen 
oder opfern würden, weil sie damit die kuhhörnige Isis 
beleidigen würden. Deshalb würde kein Ägypter und 
keine Ägypterin je einen Griechen küssen oder sem 
Messer, seinen HritsnicB oder seinen .^esse ffebrauchen 
oder von dem Fleisch eines (sonst) remen Ochsen essen, 

das mit einem griechischen Messer 8^^*^.^^ f" -'J''^^^." 
sie sahen in hochmütiger R^^schranklheit auf die ande- 

'^^Ä^Äiä lä^lel^^iezu aus c^ I .bej. 
des indischen Volkes nicht vergessen, ^\ei hat es üb 
rigens dem jüdischen Dichter H. Heine m 19 , Jah>^ 
himdert n Chr eingesehen, seine Religion zu beklagen 
als ,me aus dem ffilFal mitgeschleppte Plage, der alt- 
ägypiisch ungesmide Glauben'? 



Die endliche u„d die unendliche Analyse 

^«n Sigoi. Freud 

f"^'^^ ^mfef'^dfeVn! ^J? Z'"'*'^'' Absciwitt aus 
(^« Zeitschrift fVr / ""^ '" '^''^ Internaiiona- 
^/f 3, JahrU^^^ na. XXIII, 

Therapie behandelL PV/cIioaiialylischen 

Hält man sich das Bii,i • 
dem sich die Erschein '" '^'"'"" ^'^■''''""">^" ^o"-. ^" 
chismus so vieler p^'"""^*^" '^«'^ '"iiiiiincnlcn Maso- 

lischen Reaktion und^d""'"' ''*"" '"'ß""^''" (licrapeu- 
rotiker zusammensetzen "' ''''"''""^^^•'"Iscins der Neu- 
(^'«uben anhängen kö^' '" """■" "'"" "''^'»' '"'''"• ''«'" 
»»«n ausschließlich von,''?' "^'"^ "'*' seelische Gesche- 
I^i<=^« I'hänomone si„d 1 ^T"'"'"'" ^^'^''^'n-scht wird. 
Vorhandensein ein rMaehT "'"" "^"^-- -'' ^- 
"-" i'-en Zielen Ag,!^::' „r ^"="'^'"^"' ''^ -■• 
he'ßen und von dem ursnZ" " ^ " '^«^"•ukHonslrieb 
'eMen Materie ableiten rr"" '"""'''^-'^' der bc- 

-'-n .u einer pessimistisehS^'l'r '^""'- "'^""-''- 
nicht in Frage; nur das Zusln ^""^"»«o'-ie konnnt 
derwirken beider Urtriebe Eros T ""'" «^''«'^noinan- 
die Buntheit der Lebenserschei, '^•'^''^1"«^ erklärt 
von ihnen allein. ^'^'^^'^'^'^'"•"'gen, „j,^^,^ ^._^^^ 

Wie Anteile der beiden Tfjph.rt 
der einzahlen Lebensfunkii ^"'' '^»'•d'^eUung 

Iretcn, unter welchen Be l""^" ""'^'"'*"der zusammen- 
sich lockern oder zerr Tl '"^''"'^'^" '^'''^'' Veroinig.nigen 
Veränderungen enlsnrel '""' '"'"'''"' S'^rungen diesen 

P"^<='»en und mit xvelchen E.npfin- 



"ngen die Wahrnehmungsskala des Lustprinzips auf 
sie antworlel, das klarzustellen wäre die lohnendste 
Aufgabe der psychologischen Forschung. Vorläufig beu- 
gen wir uns vor der Obermacht der Gewalten, an der 
wu- unsere Bemühungen scheitern sehen. Schon die 
psychische Beeinflussung des einfachen Masocliismus 
stellt unser Können auf eine harte Probe. 

l^eim Studium der Phänomene, die die Betätigung des 
Destruktionstriebs erweisen, sind wir nicht auf Beob- 
achtungen an pathologischem Material eingeschränkt. 
Zahlreiche Tatsachen des normalen Seelenlebens drän- 
gen nach einer solchen Erklärung, und je mehr unser 
Blick sich schärft, desto reichlicher werden sie uns 
auffallen. Es ist ein Thema, zu neu und zu wichtig, 
um es in dieser Erörterung wie beiläufig zu behandeln ] 
ich werde mich damit bescheiden, einige wenige Pro- 
ben herauszuheben. Die folgende als Beispiel: 

Es ist bekannt, daß es zu allen Zeiten Menschen gege- 
ben hat und noch gibt, die Personen des gleichen wie 
des anderen Geschlechts zu ihren Sexualobjeklen neh- 
men können, ohne daß die eine Richtung die andere 
beeinträchtigt. Wir heißen diese Leute Bisexuelle, neh- 
men ihre Existenz hin, ohne ims viel darüber zu ver- 
wundern. Wir haben aber gelernt, daß alle Menschen 
in diesem Sinn bisexuell sind, ihre Libido entweder in 
manifester oder In latenter Weise auf Objekte beider 
Geschlechter verteilen. Nur fällt Ulis folgendes dabei auf. 
Wätu*end im ersten Falle die beiden Richtungen sich 
ohne Anstoß miteinander vertragen haben, befinden 
sie sich im anderen und häufigeren Falle im Zustand 
eines unversöhnlichen Konflikts. Die lieterosexualität 

45 



eines Mannes duldet keine Ilomosexualitäl, und ebenso 
ist es umgckelirt. Ist die erslere die stärkere, so gelingt 
es ihr, die letztere latent zu erhallen und von der 
Realbel'riedigung abzudrängen; andererseits gibt es keine 
größere Gefahr für die heterosexuelle Funktion eines 
Mannes als die Störung durch die latente Homosexuali- 
tät. Man könnte die Erklärung versuchen, daß oben nur 
ein bestimmter Betrag von Libido verfügbar ist, uro. 
den die beiden miteinander rivalisierenden Richtungen 
ringen müssen. Allein man sieht nicht ein, warum die 
Rivalen nicht regelmäßig den verfügbaren Ret rag der 
Libido je nach ihrer relativen Stärke miler sich auf- 
teilen, wenn sie es doch in manchen l-^ällcn tun können- 
Man bekommt durchaus den Eindruck, als sei die Nei- 
gung zum Konflikt etwas Besonderes, was neu zur 
Situation hinzukommt, unabhängig von der Quantität 
der Libido: Eine solche unabhängig auftretende Kon- 
fliklneigmig wird man kaum auf anderes zurückführen 
können als auf das Eingreifen eines Stückes von freier 
Aggression. 

Wenn maii den Wer erörterten Fall als Äußerung des 
Desli-uktions- oder Aggressionstriebs anerkennt so cr- 
liebt sich sofort die Frage, ob man „icht dieselbe Auf- 
fassung auf andere Beispiele von Ko„nj;^; ,,(,«i(.„„,n, j« 
ob man nicht überhaupt all unser Wissen vona psychi- 
schen Konflikt unter diesem neuen Gesichtspunkt revi- 
dieren soll. Wir nehmen doch an, daß auf dem Weg 
der Entwicklung vom Primitiven zum KuUunnonschen 
eine sehr erhebliche Vcrinnerlichung, Einwärtswendung 
der Aggression stattfindet, und für die Außenkämpfe, 
die dann unterbleiben, wären die inneren KonfUkte 

46 



sicherlich das richtige Äquivalent. Es ist mir wohl he- 
kannt, daß die dualistische Theorie, die einen Todes-, 
Deslruklions- oder Aggressionstrieb als gleichberech- 
tigten Partner neben den in der Libido sich kundgeben- 
den Eros hinstellen will, im allgemeinen wenig Anklang 
gefunden und sich auch unter Psychoanalytikern nichl 
eigentlich durchgesetzt hat. Umsomehr mußte es mich 
erfreuen, als ich unlängst luisere Theorie bei einem der 
großen Denker der griechischen Frühzeit wiederfand. 
Ich opfere dieser Bestätigung gern das Prestige der 
Originalität, zumal da ich bei dem Umfang meiner Lek- 
türe in früheren Jahren doch nie sicher werden kann, 
ob meine angebliche Neuschöpfung nicht eine Leistung 
der Kryptomnesie war. 

Empedokles aus Akragas (Girgenti) i), etwa 
495 a. Clu'. geboren, erscheint als eine der großartig- 
sten und merkwürdigsten Gestalten der griechiscben 
Kulturgeschichte. Seine vielseitige Persönlichkeit betä- 
tigte sich in den verschiedensten Richtungen; er war 
Forscher und Denker, Prophet und Magier, Politiker, 
Menschenfreund und naturkundiger Arzt; er soll die 
Stadt Selinunt von der Malai-ia befreit haben, von sei- 
nen Zeitgenossen wurde er wie ein Gott verehrt. Sein 
Geist scheint die schärfsten Gegensätze m sich vereinigt 

zu haben; e.itakt und nüclitcrn in seinen physikalischen 

und physiologischen Forschungen, scheut er doch vor 
dunkler Mystik nichl zurück, baut kosmische Speku- 
lation auf von erstaunlich phantastischer Kühnheil. 
Capelle vergleicht ihn dem Dr. Faust, „dem gar 

1) Das Folgende nach Wilhelp Gap eile: Die Vor- 
sokratiker, Alfred Kröner, Leipzig, iyJi>. 

m 



schon vorher bestanden hui, und nalürUch nicht be- 
haupten, daß ein solcher Trieb erst mit dem Erscheinen 
des Lebens entstanden ist. Und niemand kann vor- 
hersehen, in welcher Einkleidung der Wahrheitskern 
in der Lehre des Empedokles sich späterer Ein- 
sicht zeigen wird. 



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Psychiatrie und Medizin 

Von Karl A. Menninger, Topeka (Kansas) 

Dieser Aufsatz ist dem Buche Jlan Against 
Himselj" entnommen, das bei Harcourt, i^^f^e 
and Con-ipamj, New York, im Januar Wd!s 
herauskommen wird. Die Arbeit, die von 
E. Bibring ins Deutsche übertragen wurde, 
ist hier mit geringfügigen Kürzungen wieder- 
gegeben. -. 

Um eine richtige Auffassung über das Verhällnis 
der Psychiatrie zur praktischen Medizin zu gewinnen, 
muß man ihre historische Entwicklung betrachten. Für 
unsere Absicht ist es nicht nötig, weiter als bis zum 
Mittelalter zurückzugehen, weil die Psychiatrie in ihrer 
gegenwärtigen Form in dieser Zeit ihren Ursprung ge- 
nommen hat. Die Medizin ihrerseits war schon eine 
alte Disziplin und ihre Entwicklung im Mittelalter ging 
im Zusammenhang und parallel mit der Kirche und dem 
Handwerk vor sich. Ich wähle aus den Gebieten mensch- 
licher Tätigkeit diese drei, weil aus ihnen das hervor- 
gegangen ist, was wir jetzt Psychiatrie heißen. 

Die Medizin war zu dieser Zeit in großem Ausmaße 
eine chemische Disziplin, in Theorie und Praxis abhän- 
gig von der Ernälirungstherapie. Das war ein Erbteil 
der Antike. Aber von den praktisch gesinnten Gilden 
und Handwerksständen wurden verschiedene physikali- 
sche und mechanische Erfindmigen gemacht, die für 
die medizinische Praxis verwendbar waren und von der 
Mutter Medizin allmählich assimiliert wurden. Aus der 
Geburtshilfe (ein Handwerk) entwickelte sich die Ge- 
bärkunde; aus dem Zähneziehen die Zahnheilkunde; 
von den Barbieren stammt die Chirurgie. Was wir jetzt 
Neurologie heißen, war immer ein integrierender He- 
slandteil der Medizin, ein ausgearbeiteter, mteressanter, 
aber unproduiaiver Teil. Der Ehe zwischen der prak- 

4» Öl 



i 



tischen Chirurgie und der angesehenen Neurologie ent- 
sprang ein sehr rühriges Kind — die Neurochirui'gie, 
die die Neurologie wiederbcleble und sie ebenso nütz- 
lich wie achtenswert machte. 

Inzwischen entwickelte sich aus der unbestimmten 
Masse von Ideen, die durch Religion, Philosophie, Al- 
chimie und Astrologie repräsentiert waren, ein um- 
schriebenes Interesse für gewisse unklassifizierbare, un- 
voraussagbare, irreguläre seelische Tatsachen, die haupt- 
sächlich durch ihre soziale Untragbarkeit charakteri- 
siert wai-en. Die Personen, die dieses Verhalten an den 
Tag legten, wurden Kriminelle, Hexen, Heliexle oder 
Wahnsinnige genannt und diese Namen bürgerten sich 
allmählich als legitime Bezeichnungen ein. Unter ihnen 
wurden die am meisten unberechenbaren, imvcrständ- 
lichen, paradox sich verhaltenden Individuen von Staats 
wegen abgesondert und in Haft genommen und gerieten 
allmählich in die Hände von Wissenschaftern, die ihr 
Benehmen studierten und es weniger unverständlich 
fanden, als gemeinhin angenommen worden war, ja im 
Grunde völlig versländlich, wenn man nur einmal alle 
Tatsachen kennengelernt hatte. Diese Wissenschafter 
wurden, wiewohl sie mit Personen arbeiteten die als 
krank bekannt waren, von der Mutter Medizin zuerst nur 
zögernd anerkannt; aber mit den unerwarteten Ansprü- 
chen des Weltkriegs gelangte das Aschenbrödel Psych- 
iatrie zu hoher Gunst. Das wichtigste Resultat davon war, 
daß neben den chemischen, mechanischen und physi- 
kalischen Faktoren nun auch die psychischen ICompo- 
nenten in der menschlichen Persönlichkeit erkannt 
wurden. 

Die plölzUche große Popularität der Psychiatrie schä- 
digte sie beinahe, denn das große Versprechen, das die 
Erkenntnis dieses früher unbeachteten Krankheitsele- 
mentes zu gewähren schien, wurde nicht erfüllt. Es 
wurden an die neue Wissenschaft zu hohe Ansprüche 
gestellt und ihr gegenüber zu große Erwartungen ge- 

52 



hegt. Was man so oft von der Nem*ologie gesagt hatte, 
daß sie Diagnosen, aber keine Heilungen anzuliieten 
habe, galt nun auch von der Psychiatrie. Das war voll- 
auf richtig für jene Fälle, die als psychopathische 
Persönlichkeiten, Psychoneurosen oder SchizophrenicMi 
diagnostiziert wurden. 

Glücklicherweise ging die Psychiatrie (ähnlich wie 
die Neurologie) gerade zur richtigen Zeit eine frucht- 
bare Verbindung ein, und diese Ehe mit der Psycho- 
analyse hatte für jene dieselbe verjüngende und befruch- 
tende Wirkung wie für die Neurologie die Berührung 
mit der Chirurgie. Das will natürlich nicht besagen, 
daß jede psychiatrische Therapie eine psychoanalytische 
ist, ebensowenig wie alle neurologischen Behandlungs- 
methoden chirurgische sind. Aber das Auftauchen der 
Psychoanalyse bereitete der Aera des therapeutischen 
Nihilismus in der Psychiatrie ein Ende. 

Ursprünglich ausschließlich auf die Patienten mit 
offensichtlichen und extremen Seelenstörungen einge- 
stellt, dehnte die Psychiatrie ihr Anwendungsgebiet all- 
mählich auch auf andere Felder aus — auf die Krimino- 
logie, Soziologie, Pädagogik und in jüngster Zeit, mit 
steigender Intensität, auch auf ihren eigentlichen Mutter- 
boden, die allgemeine Medizin. Ihr brachte die Psych- 
iatrie gewisse Methoden der Erfassung des Patienten, 
der Persönlichkeitsbestimmimg und der Behandlung, 
mit denen die allgemeine Medizin — gerade zufolge 
ihrer VervoUkommung in Laboratoriumsmethoden und 
klinischen Messungsverfahren — nur sehr vage ver- 
traut war. Hie und da hatte ein alter Praktiker der allge- 
meinen Medizin in intuitiver Weise (bei gleichzeitiger 
Auffassung der Medizin als Kunst) für sich selbst ent- 
deckt, wie wichtig es sei, sich mit den gefühlsmäßigen 
Einstellungen des Patienten zu befassen und die Ge- 
nesung dadurch zu beeinflussen, daß man diesen Im- 
ponderabilien Recluiung trug. Die Psychiatrie jedoch 
vollzog mit Hilfe der Psychoanalyse insofern einen 

53 



■■■ 



v i 



Anwoiiduug nicht ml ' ""'-'P"-" ersclzlo, deren 

bunden war. "^ " an die Hcfialjuiif,' einzelner ge- 

Schließlich durchdri,,™. i- „ 
Faktoren in Krankh .' , """'""""S der psychischen 

zinischo Praxis Nichl n," i I''^"""« '"" 8'^«'""' ""''''■ 
mische Gnmdansiehl ,fl «!'• " ''"' ausschlielJlich che- 
her, nichl mehl dl h' "'"'^''^"'■■■'< ""'1 ^ier Zeit vor- 
fassung des 19 (ahrhu 1"^'''''''''^'*''''*''^'''''' Gruiidauf- 
stellung von ineinander" ^^1 '^''"""R' sondern die Vor- 
mischen und psychisclir^"^r "''''" Physikalischen, che- 
Theorie und Praxis dpr '«?'''*""''" beginnt nun die 
wurde es für lächcrlieV, '^"'^''"'^ zu bcslimmen. Kiiist 
■"««««^n; später wm-de J'l^''"'}"'"' ^"« 'lempcratur zu 
Harnprobe zu machen- und'" ./"'"''' «ehalten, eine 
allgemein anerkannt w'n.T '^"'"^ Methoden schon 

lächerlich, die Details eff"' ^^'^ "' ""'=*' ""■"f'- f""" 
fu untcrsuclien. Jcizt' wi = ** ^''""'"es des Palicnten 
H^n und TempcrlTur™ T "'^'^ träume und 
aussen, wenn w^ d "n pTi "^"^^' ^'"'-n sollen n„d 
•g verstehen wollen. Kefn '„te " ^ '^'^"^ig „nd rich- 
eter Arzt hält etwa hemzuü'e ^"' °'*"='- "nterrich- 
fm- absurd, auch wenn er n' de?n "'"'"'• ^^^Ihoden 
die eme oder die andere von L "''^ «'^legentlich 
sollte. Denn jeder denkende rztw.« "''■"»''chlä-igen 
Faktoren ebenso real und wirk L ' h'"'' ■"y'^W^che 
che oder chemische. Nichtsdesmi.""* ^" P'^^-''--"!- 
zufolge der von ihm SenossenenTch" h., ^''"''""•' >hm - 
düng der alten, traditionellen Formen H^ "~ "^'«^ ^nwen- 
chemischen Betrachtung das Gefühl" rfinT P^y^'l^^'ü^eh- 
und Sclbslsicherheit, und so scheu t T ^^übthelt 
sich in psychologische Forschuncen ." ' °" g=nug. 
..ch Wasen und Not des Patie"! 'r"'«««"'- ^m 
warligen. ' atienten voll zu vergegen- 

Das Resultat ist daß i„ a 

Methoden der meisten Medizi„er"a.?f'"t''^'P""'^'''" """ 

^ auf der einen und der 



i 



Psycluater auf der anderen Seite gewisse ziemlich 
schai'fe Unterschiede vorhanden sind. Die Psychiater 
nahen bisweilen das Gefühl, daß sie allein den Men- 
schen als ein Ganzes helrachten und nicht als ein Ge- 
schöpf mit gewissen äußcrUchcn pathologischen Nei- 
gungen oder Anfällen. Der Allgemein - Mediziner ande- 
i-erseils verdächtigt den Psychiater, die physikalischen 
Oder chemischen Gegebenheiten zu ignorieren und zu 
unterschätzen und die psychischen Faktoren über den 
Ihnen zukommenden Grad von Wichtigkeit hinaus zu 
übertreiben. Er meint außerdem, daß die Psychiater 
geneigt seien, die ganze Welt ein wenig schief zu sehen, 
als seien alle Leute „mehr oder weniger närrisch", und 
er stoßt sich daran, weil ihm das unbegründet und ver- 
zerrt zu sein scheint. 

Aber davon abgesehen, besteht zwischen dem Zeit- 
begnff m der Psychiatrie und dem in den meisten ande- 
ren Spezialgebieten (die Tuberkulosekunde und die 
Orthopädie ausgenommen) ein ziemlich beträchtlicher 
Unterschied. Die Psychiatrie denkt, analog diesen bei- 
den eben erwähnten Disziplinen, in langen Zeiträumen; 
die behandlung erstreckt sich über eine lange Periode, 
die Prognose nimmt auf ein langes Intervall Rücksichti 
es wird mehr das ganze Leben des Patienten in Betracht 
gezogen als irgendeine kurze Episode oder eine relativ 
kurz dauernde Krankheit. 

Auf der anderen Seite stehen die Patienten, mit denen 
der Psychiater es zu tun hat, oft unter einem gewissen 
sozialen Tabu, was von den Kranken der anderen 
medizimschen Spezialgebiete (das der Venerologie aus- 
genommen) nicht gilt. 

SchUeßlich wenden sich die psychiatrischen Metho- 
den — wenn man so sagen darf — mehr ans Ohr als 
an den Muntl. Dem Patienten werden viel mehr Worte, 
d. h. Ideen eingeflößt als Medikamente, wenn auch mit 
nicht weniger handgreiflichen — oft identischen — 
Effekten. Das ist ein Unterschied, den der Internist 

55 



nur mit schweren Hof ^ 

gegen alles mißtrau; h'^'""Sen '"""iramt, weil er 

entfernt, an die neinr >. '^'' '''^^' '^^nn auch noch so 
der Glaubensheilun«^ Prozeduren der Quäl<er und 

lieferen Mechanisme, *"■'""<=■•'• Nicht vertraut mit den 
die therapeutischen R ''''!'''^'='^er Reaktionen, kann er 
die klugen KuUführpr ,? J*'*' "'°^' verstehen, welche 
kes Gefühl von Veranhl" ^''^'^tellen, hat aber ein slar- 
senschaftlichen und o/t J'^' ^"'' ^'"^ ^'^gen ihrer unwis- 
Weil nun die Psychialp; ''''""«='> unehrlichen Methoden, 
»cnal arbeiten „„d auf '^""^ Mielchen spröden Ma- 

Werkzeuge benützen h;„ ''''"''^'"'f"'ehe Art einige der 
skrupelloser und un^uvl.r" ^'"'®''" f"ä"en in die Hände 
wurde ungerechterwele r'"^"'" ^'^''^'^'^^ gefallen sind, 
gen erhobene Vorwurf «ü ^"^^ '^''' Glaubensheilun- 

Aber die wesentli T, ^"^''" "''= «'^'^«^^t. 

*!-'^ von der allgen^^i'" uT''^'^"''' "'"^ die Psychia- 
^«^f«- als alles dieTes c^, ^^-^^'^'n »»^'^ kennen, gehen 
^erden durch Auf3eLen '' T'" ^"^ ^'^^'e.a illustriert 
^^her Un.ersuchungsmethod/ ""^"""^''^'- P^y^hia.ri- 

agiert und reagier? ^-^ v'"'', ^°™'^"' ^'« der Pa.ient 
Gegebenheiten, Für d „ or'^'"'' ""d fühlt), wichUge 
'^'Pi'- Für den Patienten m^'''^""'^^'-^' ^'»d sie es 
sem, müssen es aber nicht '" ''" ^"'^ Wichtigkeit 

Ein Herzkranker zum n • • 
ven Reaktionen wä^e^d ern'"' ''"" ^«^-^ ''"bjek"- 
wahrend eines Herz^fäue;'"^-- /"«Vorführung oder 
bezden Fällen wird der d^ ™ ?''"" beschreiben; in 
haupt, so „u,- aus HöflichkeU :^-'"^'"-^'' ^«^"^ ^^^er- 
fber wird seinerseits in d '"^"'"'^n- D« Psychiater 
;ge Grundlage fi„de„ 0,^ ^^ r '"'''^'»'^'^<^" «'"« -'*" 



s^r.,!^ '^'''''^'' Untersuchung reagiert, als an den He- 
so inf ""'""'' '^'''^^" Untersuchung selbst Er ist irenau 
aktinn^^^^T^^' ^" beobachten, welche emotionalen Re- 
selbst "^ ^^''^"^"^ ^^"^ Pflegepersonal oder ihm 

hoch /^^^""^^^ produziert, wie etwa festzustellen, wie 
die v-f T ^^"^^^"^k oder die Zahl der Leukozyten oder 
vitate Kapazität des Patienten sein- mögen. 

def^I Psychiater betrachtet es als die erste Aufgabe 
zu b ^ ^^^^^ allgemein vernachlässigten Tatsachen 

einen^Q- ^*^"' ^^^ ^" erkennen, zu würdigen, daß sie 
zu hp ~u ^^^^^^ ^^^s^n Sinn zu finden und sich dann 
nur ' ^^^ ^^ verwerten. Er ist überzeugt, daß er 

was ^^f"'*- ^^ *^^^^ ^^^^^ ^^^^" ^^*' entscheiden kann, 

Gpn "^, ^^Sendeinem Anspruch auf wissenschaftliche 

^nauigkeit als nächstes zu geschehen hat. Dieses 

» achste" kann eine chemische Manipulation sein, eine 

ecnanxsche Behandlung oder eine Psychotherapie. 

H^ J^* "^^ö^^ich nicht möglich, Diagnose, Prognose 

." Therapie voneinander zu trennen; und der Psych- 

'ater weiß nicht nur, daß die Zuwendung der Aufmerk- 

amkeit zu den Aktionen und Reaktionen der Kranken 

licht allein für die Diagnose und für die Wahl der Be- 

nand ung wichtig ist (wobei die zuerst angezeigte Be- 

daß dPr^""':^ ""^'"'^^^ ^^^ P^^^^^t^" '^'"'^^ ^^ lassen, 
ist) sondern ^".^^^^^" Tatsachen wirklich interessiert 
SoW n.r H ' ^""'^ Überzeugt, daß auch die Pro- 

jene Momente mit m Rechnung stellt. 

«Itittr^!!- ""r.^'- '^'"''^^^ ^^^ Psychiater anfs 
S mft Ir P "^"„^^^1^^^" Daten in Verbindung so- 
wom mit der Personhchkeitsentwickluns als auch mit 
der gegenwärtigen Erkrankung. Dabei veU^hlTssigt er 
Keineswegs, wie man ihm oft unterschiebt, eine er- 
schöpfende organische Untersuchung, die unter Um- 
standen nicht allein etwa die vorgeschriebenen Labo- 
i*atoriums- und Röntgen-Untersuchungen, sondern eben- 



57 



if 



! 



»^chUeßTch lnTsehr"""™i?,f '^'•'= Untersuchung und 
logische Prüfung einschließl 'y^'<^"'a«s'=he psycho- 



uei diesen Unler<;iif.h, 
essicrl zu sehen win h "^'^" '^' '''' ''"sonders inter- 
agiert, auf welche Wp- '^"■'"'''*' ^"^ Situationen re- 

passen, bezw wieso -7 ''''''^"'='^'. sich an sie anzu- 

Arzt zieht alle diese n mißlang. Der allgemeine 

■« der Regel, ohne systenTr'" ."""" '" «^"•^'='^'' ''^^'' 
versuchen, die nachpin ,'"='' ""^ konsequent zu 
Mißerfolge eines solche 'pV'"'""*"""'»'^" Erfolge oder 
Ziehung zu bringen. Patienten miteinander in Be- 

ialers aus'efae''^oJj'"':f; ^«m Standpunkt des Psych- 
auch eine Analyse en ^^ Untersuchung des Patienten 
emschließen, die der T """"''"nalen Reakliousweisen 
J-cbenssituationen auf«,» f" • '" ä""" grundlegenden 
Beruf nna Ehe^ und t '/" ^^™''''= ""^ Schule, in 
f- h- seiner Art desP^f , ^lesellschafl überhaupt, 

^ehr mit den Personen ^' °'*'"" Mißerfolgs im Ver- 
Gruppen jeweils zusamnf"' "?'"'" ''"^ 'J'ese sozialen 
systematische wissenscTnr'f '". ^"''"'^^ darf eine 
«alentwicklung des Kr.n, ^'"''" Erforschung der Se- 
'^s^sei denn auf Heuchelei „"h ""v ""^"•'assen werden, 
, Mit all diesen (physikah-f f '"'^'^^'ä^^igkeit. 
logischen und sozia^enf R '"' «^'^^i^chen, psycho- 

^-h der PsychiateTKer ir " '" '''" "änden sieht 
und einen ßehandlunesn^.„ ' ^'"^ ^'agnose zu stellen 
rung, Bekämpfung, SeH„ ™/'""'^ «'"'''• Erleiehte- 
verfen. Diese Behandlung," ""'' Ablenkung zu ent- 
l'alischer, chemischer "„d "". '''^ «'^l^' "-• P^y^'" 
nen, sondern ebensogut Jsyc^^"•''"''''■ ^^'^l«^' "-^die- 
Daran kann man erken mm^ °^'''^'''''' ^^nd sozialer. 
Standpunkt der PsvchhM '''•\'^'' Methoden und der 
medizin unterscheiden p? ■'. ^°" '^^'' AUgcmein- 
eme Angelegenheit des' wpU ' '''"' Hauptsache nach 
ten und seine Krankheir *"" '"'" ''"^ den Patien- 



58 



fier/h"fV'*^^ erhebt sich nun die Frage, ob der Versuch 
gern '^^ werden kann, die Gesichlspunkle der All- 

es ^^^"'"^'^**^"^ ^»"d der Psychiatrie zu vereinigen. Ist 
em 1-^*^ ^^^^^^ ^^^^ "^^*^^' ^^^^^ Iriebhaflen, tendenziösen, 
Redi^^"^^^" Faktoren in der Allftemeinmedizin mit in 
um "r^"^ ^" stellen? Dem allgemeinen Arzt scheint es 
Psv 1 -^^ ""d beschwerlich, sie herauszuarbeiten. Dem 
Wis ^^^*^^ scheint es mit seinem wissenschaftlichen Ge- 
^ sen unvereinbar, sie zu vernachlässigen. Beide, Allge- 
^ inarzte und Psychiater haben die Neigung, auf die 
Klärung zurückzugreifen, daß sie nach all dem mit 
>> erschiedenen" Arten von Paüenteii zu tun haben. 
^öer verhält es sich wirklich so? 

Jch will nicht so weit gehen, zu behaupten, daß m 
j ^^ '-^'^tei'scheidung zwischen Patienten, die den Psych- 
^ er aufsuchen, und jenen, die sich an den allgemeinen 
Taktiker wenden, nicht eine pragmatische Walirheit 
enthalten sei; aber ich bin sicher, daß diese Gruppen 
icnt so weit auseinandcrfallen, wie man im allgemeinen 
annimmt. Tatsache ist, daß die psychiatrische Methode 
niemals auf irgendeine systematische oder umfassende 
Art auf die Probleme angewendet wurde, denen sich der 
praktische Arzt gegenübergestellt sieht. Vor kurzem sind 
Untersuchungen in dieser Richtung vom Institut für Psy- 
choanalyse in Chikago und dem Presbyterianischen IIo- 
spilal m New York mit großem wissenschaftlichem und 
therapeutischem Erfolg angestellt worden. Von den af- 
fektiven Faktoren, welche eine Gelenksentzündung be- 
schleunigen, von der Psychologie des Dickdarmkatarrhs 
oder einer psychotherapeutischen liehandlung des Ma- 
genkrebses zu sprechen, wäre vor einigen Jahrzehnten 
als ein untrügliches Zeichen von Geisteskrankheit oder 
als Haarspalterei angesehen worden. Jetzt ist das alles 
""Cgenstand ernster wissenschaftlicher Forschungen 
durch her\orragende Ärzte (und nicht gerade durch 
Psychiater) geworden. 

Ich möchte einen theoretischen Gesichtspunkt vor- 



59 



bringen, der vielleicht diese Meinungsdiffereiizen zwi- 
schen Allgemeinmedizin und Psychiatric zu überbrüU- 
Iten vermag. Das erfordert eine ziemlich radikale Re- 
vision der allgemein anerkannten Begriffe vom Wesen 
der Krankheit und des ärzilichen Tuns. Es handelt 
sich immerhin um eine Hypothese, die auf der Basis 
ursprünglich empirischer Beobachtungen in jüngster 
Zeit allmählich entwickelt wurde. 

Es wird, glaube ich, allgemein angenommen, daß der 
kranke Mensch zu einem Arzt kommt weil er von Miß- 
geschick, Krankheit, Bakterien oder irgendwelchen an- 
deren Schädlingen befallen wurde - und die Krankheit 
wu-d als etwas betrachtet, was der Patient haßt, be- 
kämpft und loswerden möchte. Er wendet sich des- 
halb an den Arzt, der die Verantwortung übernimmt 
und seine Energien auf die Bekämpfung dieses Gegners 
konzentriert. Doch es gibt viele Beweise, daß eine solche 
Annahme unrichtig ist und ein sehr wichtiges Prinzip 
vernachlässigt. Es gehört nicht viel Intuition dazu, um 
kLnf '"''; "^""^ ^''* ^"8^^^' "^it dem viele Patienten 

einLTar [rl ' ^f"^^^ ^^' ''^ ausfechten zu lassen; 
einige gar tragen viel dazu bei, den Anstrengun^ren des 
Arztes entgegenzuarbeiten, und e. ist offg^nuru sehen, 
daß, wicw^ohl es Bakterien, schlechte Nal^ung und 
scharfe Ecken gibt, die Schäden zufügen solche Schä- 
den dennoch provoziert worden sind 

Wenn wir uns in Eroänyiirirt a . i 

üax>kheU klammern, auf welche zwanghatle Arl Kra.>ke 
so ftaulig die Chirurgen drängen, sie immer wieder zu 
operieren, an das autfällige Wiederauftauchen von Lei- 
den, denen gewisse Kranke zum Opfer fallen - all dies 
zusammen mit klinischen Syndromen, wie Alkoholis- 
mus und Morphinismus, neurotische Lebensunfähigkeit, 
freiwillige Askese aus anderen als religiös-ethischen 



60 



I I 



Gründen, Simulation und schüeßUch die dramalisclieste 
der menschlichen Handlmigen, der Selbstmord, - wenn 
wir an alle diese Erscheinungen denken, dann müssen 
wir beginnen, mit Freud den Verdacht zu schoplen 
daß die SelbsterhalLung nicht der einzige Trieb ist der 
das Menschengeschlecht beherrscht. Im Gegenteil, es 
will scheinen, als führe ein Selbstzerstörungstrieb ewig 
Krieg mit dem Willen zum Leben und als benutze er 
jede Gelegenheit, um seme Absichten an seinem tra- 
ger auszulassen. . , . ^^^ 
Im allgemeinen befinden sich die Selbstvernichtungs- 
impulse vermutlich in einer Art von Schwebezustand. 
Kranke Leute kann man andererseits als Personen aut- 
fassen, in denen der Kampf ausgebrochen ist und die 
daher sich selbst zu zerstören versuchen, aber gieicn- 
zeiüg dagegen ankämpfen und dazu die Hilfe des Arz- 
tes Tn Anspruch nehmen. Eine solche Af «-^^^^"^g "^f 
etwa für eine so unmittelbare und Pl»'^ J'^'^^^^^!; 
Vernichtung gelten, wie sie dm-ch den Selbstmord re- 
präsentiert ist, oder für eine mehr abgestufte wid di - 
fuse Selbstzerslörung, wie etwa die neurotische Lebens- 
unlähigkelt. Vielleicht gehört auch die Tuberkulose hier- 
her, bei der das Individuum sich einem bereits eilen- 
den Angreifer oft nur allzu wiUig hingibt, und vielleicht 
können sogar mehr lokaüsierte und abgegrenzte Ror- 
perkrankheiten als weitere Illustrationen herangezogen 
werden. Eine solche Ausdehnung der Theorie auf die 
organischen Krankheiten hat Freud nicht ausdrück- 
lich vollzogen, und wir sind auch jetzt nicht in der 
Lage, sie mit bezwuigender Evidenz vorzunehmen; doch 
ist es immerhin eine logische Folgerung aus der Theo- 
rie, daß, wenn ein Selbstzerstörungstrieb im strengen 
Sinne, wie Freud ihn postuliert hat und wie er durch 
die klinische Erfahrung nahegelegt wird ««f^f ' / 
dann nicht überrascht sein sollten zu finden, daß er an 
der Entstehung der körperlichen Erkrankmigen eben^ 
sogut emen aktiven Anteil hat wie an der Verursachung 



61 



--TTp=- 



Jr 



m 

I7- li I 



der seelischen. Wir Psychiater, die wir diese Wirkung 
bei den letzteren (d. li. den „Gemüts"-Krankheiten) he- 
obachten, zweifeln nicht weiter daran. Bezüglich seiner 
Wu-kungen in den ersteren müssen wir jedoch noch die 
Resultate der entsprechenden Forschungen abwarten- 
Dieser unserer Hypothese zufolge ist die therapeuti- 
sche Indikation regelmäßig die gleiche in der Psychia- 
ü-ie, Orthopädie, Kriminologie oder Kardiologie. Der 
Arzt muß mit dem Gewicht seines Wissens, seiner Ge- 
scluckhchkeit, seiner Erfahrung, mit seinen chemischen, 
mechanischen und psychologischen Behelfen dem be- 
drohten Lebensinstmkt zu Hilfe kommen und den de- 
struktiven Tendenzen entgegentreten. Gerade das ist es, 
was gegenwärtig auf den beiden Gebieten der Allgemein- 
mcdizm und der Psychiatrie geschieht, und wir wissen, 
daß es bisweilen für den Patienten das Leben bedeutet- 
uieser Erfolg rettet andererseits das Leben des Arztes 
mi wahrhaftig wörtUchen Sinne. Es lenkt seine eigenen 
Hnnl? r''"^^"'^^""^'' ^^^ ^'^ Bekämpfung der Destruk- 
Leben nn?"'' ^'" ^^^^^^ ^^' "-^ indL wir unser 
^eZoit^'^k T""" ^'' '^- ^^^ l*«gt vermutlich dem 
zl^^Siet " d^pr^'""^ '"^'""^^' '"'^ die Ärzte aus- 

diP TTr^^nh^r. • ~ Macht haben. Was immer 

unserruefen r ri.?'*^'^ ^'^ ^''^^ '"^'^^^^^ wohl, daß 

und Tod untätig daLsTeh ,. ^ser^f^^^^^^^ T'^'^T 
steht in der Anteilnahme an unzähl 2n m'' • .'^?'' 
fen zwischen Leben und Tod,Td'u?st''s;"rB^^^^^^ 
ben ist unsere Scharfsichtigkeit, Geschicklichkeif Ein- 
sicht und, vor allem, unsere wirksame Krafp ^, 
für den Kampf gegen die Selbstdest"ukttn 

Und wiewohl das Phänomen des Krieges das jetzt 

am Horizont dämmert dn<= ,?^« .- , ^^^^^' "^^ ^^^^ 

c^ir. cnhni.f »_ ™^^^' ^as dramatischeste Beispiel zu 

sein scneint für den Triph h«« ut , ,, i 

ui uea inet) der Menschen, sich selbst 

(zusammen mit dem NachhaT-n^ ^, .- 

ucm i^dcnoarn) zu zerstören, so sehen 



wir doch gleichzeilig die scliwache, aber wachsende 
Opposition gegen ihn, die durch die Zu^ammena. beU 
der Minoritäten der Geister errichtet ist; sie kämpfen 
gegen die Krankheiten der Mensclüieit ebenso wie 
Ärzte mit den Krankheiten der Einzelnen ringen 

Dies ist meine Auffassung von der I^sycliiatne und der 
allgemeinen Medizin, und ich bin sicher daß "»;«' f^»"^; 
meiner medizinischen oder psychiatrischen Kol egen 
leugnen wird, daß wü- - zumindest von d'^sem S and- 
punkt aus - mehi- Gemeinsames als K«"'™^'''-^''^,,^^ 
ben. Welche Methoden immer wir entwickeln, um diese 
Selbslzerstörung zu entdecken, zu erschließen »dei inr 
entgegenzuwirken, sie werden wahrschemhch je nacn 
unserer Begabung und unserer Ausbildung große Unter- 
schiede aufzeigen. Aber mit dieser Auffassung von der 
Krankheit und der medizinischen Wissenschaft laufen 
wir weniger Gefahr, irregeleitet zu '^^''f." f ^.Xlf 
Annahmen, falschen Optimismus und leichte Entmu > 
gung, wie sie die früheren Einstellmigen der Men ch n 
zu Ihrer Umwelt unvermeidlich nach sich gezogen 
haben. - '- ' 



. . '_» ' j i ' 



■ 



Psychoanalyse und soziale Frage 

Von Franz Alexander, Chicago 

Wiedergabe des letzten Abschnittes einer 
. größeren Arbeit, die unter dem Titel „Psycho- 
analgsis and Social Disorqanisation" in „The 
American Journal of Soc'iologir, Band XLII, 
jy-i/, erschienen ist. Deutsche Übertragung 
von S. Feitelberg. 

Die Psychoanalyse hat, sofern sie eine Therapie ist, 
auch praktische Ziele - der Psychoanalyüker versucht 
psychische Vorgänge nicht nur zu verstehen, sondern 
auch zu beeüiflussen. Kann diese therapeuüsche Funk- 

beitra en? ^^''^''^''^^^^*' '''''' ^^"'"''^ sozialer Probleme 
Offensichtlich könnte die Heilung von Neurosen von 
großer Bedeutung sein, wenn sie in großem Maßstabe 
durchgeführt werden könnte. Die Heilung eines neuro- 
U chen Individuums besteht darin, daß man ihm hilft, 
w derstreuende subjektive Bedürfnisse miteinander und 
mit gesellschaftlich anerkannten sozialen Forderungen 
m Einklang zu bringen. 

nei^fP^H^^' ^'r^'''' ^^^^' zahlreichere Psychothera- 
Finm-l,nl ^''''^f^'''^^ Schwierigkeit der individuellen 
fnZtT/^V rT^ ^ '^^^^ ^^^^ ^^ ^ich der ideo- 
pTI ' f ^ ^'' kultm-ellen Milieus rasch ändert. 

duen bei diesem Anpassungsprozeß versagen und mehr 
oder mmder neurotisch würde. Die Gruppenideale selbst 
andern sich rasch und das Individuum siebt sich ver- 
sehY^toavligeTl und Ofl widersprechenden Idealen mid 
Normen gegenüber. Vielleicht könnte man daher den 
Versuch eher die Umwelt als das Individuum zu ändern, 
für angebracht halten. Solange Neurosen eine relativ 
seltene Erscheinung waren, bestand der adäquate Zngang 
zum Problem der seelischen Hygiene in der Behand- 

64 



äa 



i- 



l^g jener Ausnahmsindividuen , die versagt hatten. 
Wenn nur solche Individuen eine Neurose entwickehi, 
tiie in ihren frühen Entwicklungsstadien besonders un- 
günstigen Einflüssen ausgesetzt waren oder die eine be- 
sonders schwache Konstitution aufweisen, so ist indi- 
viduelle Therapie das angezeigte Verfahren. Sobald aber 
Neurose zu einer Allgemeinerscheinung wird, bekommt 
es emen Smn, von der Gesellschaft als dem Patienten 
zusprechen. L. K. Frank gibt in einer kürzlich er- 
schienenen Arbeit 1) dieser Ansicht in klarer, überzeu- 
gender Weise Ausdruck. Er sieht die universellste Ur- 
sache gegenwärtiger seelischer Zerrüttung, Kriminalität 
und Korruption in dem Mangel allgemein anerkannter 
Werturteile und Ideale. Unsere im Gleiten begriffene 
Kultur bietet dem Individuum keine positive Führung, 
keine bestimmte Stellung oder Rolle und keinen be- 
stimmten Lebenszweck; und deshalb versagt das Indi- 
viduum. Franks praktische Schlußfolgerung aus diesen 
Voraussetzungen ist der Versuch, neue Massenideale zu 
entwickehi, die dem Individuum die Einordnung er- 
leichtern sollen. 

Die Schwierigkeit, diesen Rat zu befolgen, besteht in 
der Entscheidimg, welche Art von Gruppenidealen ent- 
wickelt werden soll. Wir haben gesehen, daß die Mas- 
senideale durch die soziale und ökonomische Struktur 
der Gesellschaft und durch die kulturellen Probleme, 
mit denen sich eine soziale Einheit auseinanderzusetzen 
hat, bestimmt sind. 

In den Tagen des amerikanischen Pioniers waren 
unerschütterUcher Individualismus, Abenteurergeist, per- 
sönliche Initiative, Mut und Erfolg die am meisten ge- 
eigneten Ideale für die ökonomische Eroberung emes 
neuen Kontinents. Diese Ideologie entspricht aber nicht 
mehr einer hochorganisierten und standardisierten indu- 

^) „Society as the Patient", American Journal of Socio- 
iogy, November 1936, pp. 335—345. 



5 Almanach 1938 



65 



sti-ieUen Zivilisation, die über das Stadium der ökonomi- 
schen Expansion hinaus ist. In einer solchen Gesell- 
schaft kann die Mehrheil des Volkes nicht mehr nach 
dem Ideal persönlicher Initiative und des durch Mut 
und Unternehmungsgeist gewonnenen Erfolges leben. 
Diese neue soziale Struktur verlangt im Gegenteil äußer- 
ste Unterordnung unter machtvolle industrielle Einhei- 
ten, wo die Stellung des Individuums sti'cng vorgeschrie- 
ben und eng umgrenzt ist. Das Studium der Laufbalm 
, von Verbrechern hat gezeigt, daß unter dem Druck der 

j , stark individualistischen Traditionen der Pionierzeit 

viele auf der Suche nach Ansehen und Erfolg zum Ver- 
brechen getrieben werden, als der einzig übriggeblie- 
benen Möglichkeit, Tapferkeit, Ausdauer und Abenleurer- 
geist zu zeigen. Der relativ rasche Übergang von ökono- 
mischer Expansion zu ökonomischer Oberorganisation 
hat keine Zeit zur Entwicklung einer neuen geeigneten 
Ideologie gelassen. Die Tradiüon hinkt den harten Tat- 
sachen der sozialen Entwicklung nach. 

Der entgegengesetzte Übergang, von intellektueller Un- 
terordnung in der Zeit des streng organisierten Feudalsy- 
stems zur geistigen Freiheit des sich ausbreitenden Han- 
dels, kann während der Renaissance beobachtet werden. 
Das Individuum der Renaissance - in vieler Beziehung 
dem amerikanischen Pionier ähnlich - war auch der 
Träger einer sich ausbreitenden und ändernden Zivili- 
sation. Eine neu aufsteigende Klasse von Kaufleuten, 
Handwerkern und Intellektuellen, die in dem streng ge- 
schichteten Feudalsystem keinen Platz fand und deren 
Tätigkeit — Warenlausch und Reisen ~ persönliche 
Initiative und Selbstbewußtsein erforderte, — diese 
Klasse forderte die Revision der feudalen Ideale intel- 
lektueller Unterordnung, strikter Koordination und abso- 
tuten Gehorsams. 

Änderungen der sozialen Normen entsprechen Änderun- 
gen in der fundamentalen sozialen Struktur und können 
nicht willkürlich ad hoc erfunden werden. Trotz der 



66 



Leichtigkeit, die öffentliche Meinung dui'ch die moder- 
nen technischen Mittel der Propaganda zu beeinflussen, 
werden sich nur solche Ideale verbreiten und aul die 
Dauer Aufnahme finden, die den affektiven Bedurfnissen 
der Menschen entsprechen, wie sie durch ihre soziale 
Stellung bestimmt sind. ' . 

Es Ist sehr gut möglich, daß die wachsende Verbrei- 
tung von Neurose und Verbrechen eine allgememe Be- 
gleiterscheinung rascher Änderungen im sozialen Gefuge 
ist, Folge der Inkongruenz von subjektiven Bedürfnissen 
und veralteten Massenidealen, die sich den neuen sozi- 
alen Situationen noch nicht angepaßt haben. In der 
Vergangenheit fanden diese Neuanpassungen der sozi- 
alen Haltungen automatisch, wenn auch immer mit 
Verzögerung statt. Die ferne Intuition geistiger Fuhrer 
- dieser Seismographen sozialer Änderungen - war 
immer von Bedeutung, Indem sie dem Bedürfnis nach 
Revision veralteter Traditionen Ausdruck verlieh, wah- 
rend die Mehrheit der Menschen ihnen noch anhmg 
wegen ihrer geistigen Trägheit und ihrer Unfähigkeit, 
sich neuen sozialen Notwendigkeiten anzupassen. Es er- 
hebt sich die verführerische Frage, ob nicht die Wis- 
senschaft, die Kenntnis der affeküven und biologischen 
Bedürfnisse des Menschen im Verein mit der begriff- 
Uchen Erfassung der sozialen Struktur dazu beitragen 
könnte, diesen ständigen Prozeß der Anpassung der 
Masseneinstellungen mid Normen an die Wandlungen 
der gesellschaftlichen Struktur zu erleichtern und aus- 
zugleichen? Die Grundlagen fi'ir eine solche Sozial- 
psychologie sind zweifellos in unserem Besitz. Die Psy- 
choanalyse bietet die Kenntnis der psychischen Mecha- 
nismen, der affektiven Prozesse, mit denen die Menschen 
auf ihre sozialen Situationen reagieren, und die Sozio- 
logie müßte die adäquate Analyse der sozialen Struktur 
liefern, der die menschliche Psyche ausgesetzt ist. 

Der psychoanalytische Therapeut hat eine unver- 
gleichliche Gelegenheit, die Spannung zwischen der sozi- 

5» 67 



i-H 



aleu Struktur und den Ideologien zu beobachten, wie 
sie sich in der Seele eines jeden individuellen Patienten 
spiegelt. Diese Spannungen entsprechen immer bestimm- 
ten allgemeinen affeküven Mechanismen. Durch die 
Beobachtung der besonderen Anpassungsschwierigkeiten 
bei einer großen Mannigfalligkeit verschiedener Typen 
von Individuen, die in verschiedenen sozialen Situatio- 
nen aufwachsen, ist er auch imstande, gewisse alige- 
; memc affektive Schwierigkeiten zu erkennen, die dem 

]\'] sozialen Leben innewohnen mid die nicht diu-ch eine 

besondere soziale Struktur, sondern allgemeiji durch 
das Leben in einer Gemeinschaft bedingt sind. 

Jede Form von Gemeinschaftsleben, unabhängig von 
den verschiedenen Formen ökonomischer und poüti- 
scher Organisation, fordert vom Individuum eine Reihe 
von Emschränkungen seiner ursprüngUchen, asozialen 
lendenzen. Das Hauptproblem des Gesellschaftslebens 
besteht m der Kontrolle der aggressiven, destruktiven 
Impulse, die zu den grundlegenden Kennzeichen allen 
animalen Lebens gehören. Kollektives Leben, dessen 
Smn die gegenseitige Hilfe durch Arbeitsteilung ist, ist 
nur möglich, wenn die konstituierenden Teile der Ge- 
sellschaft es aufgeben, einander zu vernichten. Die Enl- 
wicklnng hemmender Kräfte, die wir „Gewissen" oder 
„Über-Ieh nennen, ist also bei menschlichen Lebe- 
wesen die Voraussetzung des sozialen Lebens, weil es 
eben die Aufgabe des Gewissens ist, die Individuen der 
gleichen Gruppe an der gegenseitigen Vernichtmig zu 
hmdern. Soziale Ordnung wird keinesfalls nur durch 
äußere Gesetze - das heißt, nicht allein durch Anest 
vor Strafe - erzwungen. Vielmehr entwickelt sich in 
frühen Jahren im Individuum selbst eine hemmende 
Kraft, die im Laufe der Entwicklung mehr oder weni«er 
von äußeren Verstärkungen Unabhängig wird, wie 'sie 
zum Beispiel Ermahnungen und Strafandrohungen dar- 
bieten. *=■ 

Die grundlegenden Auffassungen über die Bildung des 
68 



Ober-Ichs, die in früher Kindheit vor sich geht, ge- 
hören zu den am besten begründeten Elementen der 
Psychoanalyse. Bei der Geburt ist das Kind nicht im ge- 
nngsten an die Anforderungen des sozialen Lebens 
angepaßt; es ist nicht ein antisoziales, sondern em 
asoziales Wesen, weil der soziale Aspekt ganz jenseits 
des Bereiches seiner rein vegetativen Existenz ist. Alles, 
was die unmittelbare Befriedigung seiner Wünsche hin- 
dert, erweckt in ihm heftige Reaktionen, die es glück- 
licherweise nicht anders als durch Schreien und un- 
koordinierte Muskelkontraktionen realisieren kann. Diese 
Wahrheit wurde von Diderot vorweggenommen in 
seiner Behauptung, daß das ganz kleine Kind der zer- 
störungswütigste Verbrecher wäre, wenn es nm- die Kraft 
hätte, seine Aggressionen auszuführen. Es ist aber nur 
em kleines hilfloses Wesen, biologisch und psycho- 
logisch gänzüch in Anspruch genommen durch den 
Prozeß des Wachstums, durch die Befriedigung semer 
Bedürfnisse, völlig beherrscht von den einfachen Prm- 
zipien des Lustgewinnes und der Unlustvermeidung, 
ohne auf h-gcnd jemand außer auf sich selbst Rücksicht 
zu nehmen. Nur allmählich lernt es das Kind, bestimmte 
Verhaltensregeln zu befolgen. Zunächst ist es die Angst 
vor Vergeltung und Strafe, die es zwingt, auf bestimmte 
Befriedigungen und die Ausführung seiner feindseligen 
Impulse zu verzichten. Allmählich verwandelt sich 
diese Angst vor dem Außen in die Angst vor etwas in 
ihm selber. Ein Teil seiner Persönlichkeit — und es 
ist äußerst wichtig zu betonen, daß es nur ein Teil 
seiner Persönlichkeit ist — übernimmt allmählich die 
Einstellung der Erwachsenen, und dieser Teil seiner 
Persönlichkeit beginnt nun von dem Kind die gleiche 
Verhaltensweise zu fordern, wie sie die Erwachsenen 
verlangt haben. Um nicht bestraft zu werden und den 
Liebesverlust der Erwachsenen zu riskieren, deren Un- 
terstützung es so dringend bedarf, beginnt es sich sel- 
ber jene Dinge zu verbieten, die die Eltern verurteilen. 

69 



Das weitere Studium dieses komplizierten Prozesses 
der Verinnerlichung äußerer Regeln hat gezeigt, daß 
Angst vor Vergeltung allein keine zuverlässige Form der 
Selbstbeherrschung zuslandebringen kann. Die positive 
Bindung des Kindes an die Ellern ist für die gründ- 
liche Assimilation dieses inneren Verfechters der sozi- 
alen Forderungen unerläßlich. Erziehung, die aus- 
schheßlich auf Einschüchlerung beruht, führt notwendig 
zu krankhafter Ober-Ich-Hildung. Wenn das Kind auf 
seine asozialen Tendenzen nur aus Angst verzichtet, 
wird es die gleiche ängstliche und haßerfüllte Haltung, 
die es seinen Eltern gegenüber hat, auch dem einver- 
leibten Bild der Eltern, seinem Über-Ich gegenüber, 
einnehmen. Das Über-Ich wird dann innerhalb der 
Persönlichkeit ein Fremdkörper bleiben, und das Kind 
wird ihm gegenüber die gleichen Schliche und Kom- 
promisse anwenden, die es gegen seine strengen Lehr- 
meister gebraucht hat. Erziehung, die nur auf Strafe 
und Einschüchterung gegründet ist, führt zu einer selt- 
samen Karikatur der Moral Das Kind lernt daß ein 
bestimmtes Maß von Strafe als Sühne für eine verbotene 
Handlung gut. Nun wird es die gleiche Technik seinem 
eigenen Gewissen gegenüber anwenden — es wird sich 
Strafen auferlegen, die sein Schuldgefühl beschwichtigen 
und die es mit seinem Gewissen auf gleich bringen. 
Es behandelt sein eigenes Gewissen wie etwas Fremdes, 
das außerhalb seiner selbst ist. Es hat gelernt, daß 
es mit einem bestimmten Strafausmaß seine Missetaten 
sühnen kann, und infolgedessen wird es gerne Leiden 
ertragen oder sogar Strafe herausfordern, um sein 
Schuldgefühl loszuwerden. Die Gefahr, die in einer 
solchen Haltung liegt, ist offenbar. Leiden werden nicht 
nur Sühne, sondern liefern auch eine gefühlsmäßige 
Rechtfertigung, um Hemmungen auszuschalten, die vom 
Gewissen gefordert werden. Heute wissen wir daß dieser 
merkwürdige Weg, sich mit dem eigenen Gewissen aus- 
einanderzusetzen, emcr der wichtigsten Mechanismen 

70 



seelischer Störungen, wie Neurosen ""^ Psychosen ist )^ 
Nur wenn der soziale Anteil der P^rsonhchto^ d^^ 
Ober-Ich, als ein organischer Teil der Per on chke^t. 
als ihre zweite Natur, gründlieh ass.mihert ist kon 
nen wir von wirklicher sozialer Anpassung sprechen 
Nur wenn das soziale Selbst mit dem Rest der Person 
lichkeil zu einer Einheit verschmilzt, kann dieser para 
doxe intrapsvchische Mißbrauch von Leid und Straie 
der die N\^rkung des Gewissens untergrabt vermieden 
werden. Und wir wissen heute, daß f^^^';'^''''^ 
organische Aufnahme der ^ozi^'^^ J^'^'^Z^Zs^tnl 
PersönUehkeit einzig dann staltfindet, ^^nn d^a//^"^ 
diejenigen, die von ihm die «"len Emschrankmigen und 
Modifikationen seiner ursprünglichen Triebe forderten 
nicht nur zu fürchten, sondern auch ^" »^^^^ f ^™ 
hat. lu anderen Worten: Erziehung ^^J'"^^ 
ausschließUch auf Fm-cht aufbauen sondern s.e muß 
auch auf Liebe gegründet sein. Erziehung de nur au 
Strafe gestellt ist und nur -"^ ^ngst bau , verdient 
nicht den Namen Erziehung, sie ist "''^^'tl'hter der 
Offensichtlich ist solch ein innerer Ver echter der 
so"fnforderungen innerhalb des Individuums .. 
die Erhaltung jeder sozialen Ordnung '^-^'''aßhch ob 
gleich die Struktur der sozialen Forderungen, de nner- 
lich angenommen werden, in verschiedenen kulturel- 
len Milieus verschieden sein kann. Die vitalen Interessen 
der Gesellschaft, die entsprechend ihrem ökonomischen 
und sozialen Gefüge verschieden sind, bestimmen so- 
wohl den äußeren Gesetzeskodex als auch den inneren 
Kodex des Ober-Ichs. Ohne irgendeine Art von selbst- 
regulierender oder selbsthemmender Kraft innerhalb 
des Individuums könnte eine soziale Ordnung nur auf- 
rechterhalten werden, wenn jedem Bürger ein Polizist 
beigegeben würde, der darüber zu wachen hätte, daß 

2) Franz Alexander: Psychoanalyse der Gesamt- 
persönUchkeit. Wien, Int. Psychoanalytischer Verlag, 



71 



t!aü,'%""r"'?- ^°^°''' ^"g'=l'e"> daß in unserer gegenwär- 
tigen Zxvü,saüon das Ober-Ieh diese Funktion nur bis 

hnnnf.- ,,^"^ '^'^^'^'^'-änkten Grad erfüllen kann. Seine 
Me?.^t , » '^''''™« '^'^^'^''' l-"'^ daß sich die 
^erwec"hJ "",•''''' ^"'""'"'''^ ">">' zu' vernichten, mit 
kann^l n l'" ^'" Ausbeutung begnügen, und man 
kann die Behauptung wagen, daß sie trotz ihrem Ober- 
ii i Ve,JZ "'"' . ''"•"falsten Formen der gegenseiügen 

I' ■'' sehn n ""^m'T' '''^'^'' '"' ^'«^<=n ""■• - -nem be- 

sehrardden Maße, geschützt sind. Freud, der hinsicht- 

nTcht ^,^ ^^'äl«n. Fähigkeilen der menschlichen Natur 
verLH ^t TT''"'' '''' S^'^'^'^'' daß infolge der Uni- 
Svsetl'H "''■"'"'"''" Tendenzen sieh ein soziales 
Bhede?n T df"" ,<="'^i=keln kami, wenn es den Mit- 
nülse von.'' "'T'''"''^'' ^-=""81, ihre destruktiven Im- 
samen FeinT " '"^™'«"ken und irgendeinem gemein- 

lichen Nati^ 'L^^^-^'^'^hen Gi-undlagen der menseh- 
d^n in eteer "^^^ "°" ^dividuen kann nur 

wTnn dL :^CrZ:'Z^^ ^memeben, 

s;e!rÄ----'=o;::Snr^- 

Impulse durch ^^^"VcSf'f "*;!''''■ '" ^*^«'--^-- 
relativ klein ist. dL soztle G,-unn h-^'k""'''" ^'"d' 
Reichweite der sehütz:°det Ä'^es 'ober/V",'" 
geht kaum über die Grenzen der Fnn, r "^^'"^'^'^^ l^^gt. 

mord und Brudermord sind in der TafseHr^F ^'''•" 
nungen, gewöhnlicher Mord viel weniger '^' U t^*^^*^'" 
^""'"'"^P Bedingungen, wie im Verteidigungskrieg, ist" 

^^3) Freud: Das Unbehagen in der Kultur, Ges. Sehr., 



1 



72 



das Töten von Individuen einer anderen Nation mit 
dem Gewissen vereinbar, was auch notwendig Ist, so- 
lange es nationale Gruppen gibt, die aggressive Kriege 
führen, um ihre Interessen durchzusetzen. So können 
^ir sagen, daß auf der gegenwärtigen Entwicklungs- 
stufe durch das Über-Ich gesichert wird: ein relativ 
hoher Grad von Familiensolidarität, eine etwas schwä- 
chere Solidarität innerhalb der Klasse, ein noch gerin- 
geres Maß von Solidarität zwischen den Klassen und 
ein sehr niedriger Grad von Solidarität zwischen den 
Völkern, die verschiedenen nationalea Emheiten an- 
gehören. Das erklärt die scheinbar unüberwindlichen 
Schwierigkeilen der Einrichtung eines Völkerhundes. 
Es versteht sich, daß die Schwierigkeit, Solidarität zwi- 
schen Individuen und Gruppen herzustellen, mit der 
Divergenz individueller Interessen wächst. In diesem 
Zusammenhang muß man sich daran erinnern, daß das 
Kind nur deshalb ein Gewissen entwickeln, d. h. inner- 
lich die ihm auferlegten einschränkenden Regeln aner- 
erkennen kann, weil es lernt, daß es durch die Annahme 
dieser Einschränkungen unter Umständen gleichwertige 
Entschädigungen gewinnt. Mit anderen Worten, es fühlt, 
daß die Eltern es lieben und um sein Wohlergehen be- 
sorgt sind. Ohne diese Überzeugung wäre es für das 
Kind unmöglich, die auferlegten Einschränkungen und 
Verzichte innerUch zu akzeptieren. Wenn es fühlte, daß 
die Eltern seine Feinde sind, so könnte es vorüberge- 
hend ihren Drohungen und Strafen nachgeben, aber 
niemals könnte es ihre Gebote ehrUch annehmen und 
sie zu seiner zweiten Natur machen. 

Genau das gleiche gilt für das Massenverhalten. Nur 
solche MitgUeder einer Gruppe können mit dem Rest 
derselben soUdarisch fühlen, die das Gefühl haben, 
daß die Gruppe — gleichgültig, ob der Führer der 
Gruppe oder eine bestimmte Institution — sich ihrer In- 
teressen annimmt. Man kann kaum wirküche Solidarität 
von solchen MitgUedern einer sozialen Gruppe erwar- 

» 

73 



len, die keinerlei Kompensalioiien für <lie sozial gefor- 
derten Einschrfmkungen erhalteu. Je f^rößor die Ein- 
schränkungen, die von einem Individuum, das in einer 
sozialen Gruppe lebt, gefordert werden, imd je geringer 
die Kompensation, deslo geringer wird seine innere 
Solidarität mit der Gruppe selber sein. Da die Befrie- 
digung primärer biologischer IJedürfnisse die Grund- 
lage jeder sozialen Einheil ist, werden unbefriedigte 
ökonomische Bedürfnisse der Massen den inneren Zu- 
sammenhalt einer jeden sozialen Einheit herabsetzen- 
Unter dem Druck ökonomischer Not werden die de- 
struktiven Tendenzen der Mitglieder notwendig gegen- 
emander gerichlet und der einzige Weg, das innere Aus- 
einanderfallen zu vermeiden, bleibt der Krieg, der die 
inneren Feindseligkeiten, die die Gruppe zu sprengen 
^ drohen, nach außen, gegen einen äußeren Feind, wen- 

Tl'-un T''''^ '^'*" '^'''' Führern verarmter Nationen 
getuh t und erklärt die Aggressivität ihrer auswärtigen 
^olilik^ wenn sie von innerem Zerfall bedroht werden. 
Eiserne Faust in den auswärügen und inneren Ange- 
legenheiten ist Ihre einzige Hoffnung. Indessen ist eine 
soziale Ordnung auf der Grundlage von Angst und Ein- 
schüchterung ebensowenig stabil wie eine neurotische 
Personhchkeit, in der das Ober-Ich ein Fremdkörper 
und em gefürchteler Teil der GesamlpersönUchkeit ge- 
blieben ist. Eine Gesellschaft, in der das soziale Ver- 
halten auf Einschüchterung und Angst beruht, ist ein 
vulkanisches, hochexplosives Gebilde, in dem die wert- 
vollsten Energien auf die Beherrschung der Aggressio- 
nen der Individuen gegeneinander gewendet werden 
müssen. 

Mit diesem AusbUck auf die dynamische Struktur der 
Gesellschaft wenden wir uns nun unserer letzten Frage 
zu: Kann die Psychoanalyse zur Lösung der sozialen 
Frage etwas beitragen, indem sie das soziale Gewissen 
des Individuums stärkt? Richtige Erziehung ist offenbar 
der einzig mögliche Weg. 



74 



Wir haben begriffen, daß besüramlc äußere Kesü - 
scliaftUche Bedingungen für die Herstellung der Idenu- 
fizierung eines Individuums rail der Gruppe unerUmc 
sind. Keiner Gesellschaft kann es gelingen, d"rch Mz " 
hung in jenen ihrer MilgUeder eine soziale Ha tun 
zu entwickeln, denen sie nicht zumindest emen mm 
malen Betrag an Existenzsicherheit zu bieten verma 
Natürlich ist keine Gesellschaftsform bekannt, in dei 
soziale Einschränkungen und Entschädigungen glech 
verteilt wären, aber Gleichheit der Verte.ung is nicht 
eine primäre Forderung, weil es sehr slrithg is . o 
eine solche Gleichheit möglich oder gar ^7^^^'^; ''!'■ 
Ein gewisser Betrag an Sicherheit aber ist ""«" ^e r 
lieh - die Überzeugung jedes Individuunis, daß die 
Gemeinschaft um sein Wohlergehen bemüh sl^ De 
Gefühl der Sicherheit entspricht dem GefuW des Km 
des, daß die Eltern sich für sein Wohlergehen iiüer 
ess eren und nicht seine Feinde sind Wir haben ver 
standen, daß ohne dieses Gefühl im lund das fe™ 
(die innere Vertretung der Eltern) not^y«"'»;f ^^^^^ ^ 
nur ein Angst einflößender Fremdkörper inncrhato de. 
Gesamlpersönliehkeil bleiben müßte. Die Idenhlizierting 
mit den Eltern im positiven Sinn ist nur unter der Be- 
dingung möglich, daß es zwischen den Eltern und dem 
Kind eine positive Bindung gibt, .ähnlich kann soziales 
Gewissen sich nur dann entwickehi, wenn die Indi- 
viduen einer Gruppe ein Gefühl der Sicherheit und des 
Vertrauens zu der Gemeinschaft und ihren Einrichtun- 
gen haben. 

Die besten Beweise dafür sehen wir in der Gegen- 
wart So<iar unter schwerstem ökonomischem Druck 
können Regierungen ihre Untertanen zu immer größeren 
Selbsteinschränkungen bringen, wenn es gelingt sie 
davon zu überzeugen, daß der Führer väterliches Inter- 
esse an ihrem Wohlergehen hat. Ich w.ll mit dieser 
Behauptung nicht gesagt haben, daß Machthaber die 
diesen suggestiven Einfluß auf ihre Untertanen besitzen, 



75 



auch unbedingt die Erwartunj^en erfüllen und dieses 
Vertrauen verdienen. Die Schlußfolgerung ist allerdings 
deutlich: Ein soziales Gewissen kann sich nur entwik- 
keln, wenn in den Gruppenmitgliedern solch ein Ver- 
trauen herrscht. 

In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, daß 
der schwache Punkt der existierenden Demokratien ge- 
rade Im Mißlingen ihrer Absicht liegt, ihren Bürgern 
dieses Gefühl der Geborgenheit zu geben, obgleich man 
ihnen nicht vorwerfen kann, daß sie je vorgegeben oder 
versprochen haben, eine derartige Geborgenheit zu geben, 
wie sie die totalitären Gemeinschaften zu sichern vor- 
geben. Aber soziale Geborgenheit brauchte nicht das 
ausschließliche Monopol totalitärer Staaten, weder der 
kommunistischen noch der faschistischen, zu sein, da sie 
ganz und gar nicht im Widerspruch mit den demo- 
kratischen Grundsätzen steht. Demokratien wären viel 
besser gegen Experimente geschützt, wenn sie die Ver- 
antwortung für eine wenigstens minimale Sicherung 
ihrer Bürger übernehmen würden ~ eine minimale. 
Sicherung, die von der Tüchtigkeit und Leistungsfähig- 
keit unabhängig wäre. Und nicht mehr als ein mini- 
maler Betrag von Sicherung wird sogar von den am 
meisten utopischen und totalitären Staaten gewährleistet. 

Indessen habe ich mich hier nicht mit der Frage zu 
beiassen welches die Wünschenswerteste soziale Organi- 

IPr tl' ""h"' T^ ''' '^ """"''^^^^ '^'- Wissenschaft- 
^«'^^^^ derzeit kaum etwas für die Verbesserung der 

Sr nt^r^^ Organisaüon tun, und zwar, wie' ich 
glaube, nicht nur deshalb, weil sie nicht gefragt wer- 

Wa"; uns V '">?' r"" ""' '^ --^g bieL k'önnl 
Was uns hier beschäftigt, ist das Problem wie die 
Erziehung dazu beitragen kann, die innere SolMarität 
der Grnppenmügheder untereinander zu steigern und 
so die Hoffnung auf friedliche Entwicklung zu vergrö- 
ßern. Wir können diese Frage nur unter der Annahme 
behandeln, daß die Erziehung in einer Gesellschaft vor 

76 



j£y 



sieh geht, in der die Individuen das Gefühl 'laben^J J^ 
ihre ^talen Interessen wenigstens annähernd ges» 
sind. Diese Annahme muß gemacht werden, ^'^'^'^J^ 
äußerst ungünstigen Bedingungen d^f E^'eliuns, 
sozialen Gewissen überhaupt keine Erfolgchancen hat. 
Es muß daher betont werden, daß f ^ B-^'^^^J^f";^! 
chologen und Erziehers zu diesem Problem geg^"™ 
von nur theoretischem Wert ist und P/akt'sche Bedeu 
tung erst dann gewinnen wird, wenn die ^«^'^ f ^^J^^. 
tur annähernd die minimalen Bedurfmsse aller Mit 
glieder nach Sicherung befriedigt. 

Die psychoanalytische Praxis zeigt ^'^''^^fJ'lJZ 
hen Krndheitserlebnisse in den meisten Fällen -lohe 
Gefühlsspannungen erzeugen, daß die n\«;^'^^/^^^.;"t,''" 
in ihrem späteren Gesellschafts eben f ^^f f ^„^^ 
den, mehr Ressentiments und Aggressionen zu entw^k_ 
kein, als durch ihre aktuelle Leb-ssiUiaion gerecht 
fertigt ist Wenn das zuü-ifft, so bedeutet es, daß jege 
der tlhogenen affektiven Kindheitserlebms e^.^ 
tung der Menschen weniger sozial i^'; '''l^^^ T^^^ ^a- 
her?schenden Gesellschaftsordnung sein konnte^ W^^^; 
ben gelernt, wie sich das individueUe gewissen dur 
die Identifizierung des Kindes mit den Eton sowoh 
unter dem Druck der Angst als auch inter dem Em 
fluß der Liebe entwickelt. Während das mfanüle Ge 
wissen oder Ober-Ich das Ergebnis der IdeiMlXierung 
des Kindes mit den Eltern ist, bedeutet das soziale 
Gewissen Identifizierung mit dem Führer und durch 
ihn mit den anderen Mitgliedern der Gruppe; in fortge- 
schritteneren Gesellschaften findet die Identifizierung 
nicht so sehr mit einem Lebewesen, als vielmehi- mit 
Gruppeninstitutionen und Idealen statt, die von allen 
Mitgliedern der Gruppe übernommen werden. So ist 
dasjenige, was wir soziales Gewissen nennen, nichts 
anderes, als die Ausbreitung der Einflußsphäre des 
Ober-Ichs auf eine größere Masse von Individuen. Die 
Gesetze seiner Entwicklung sind die gleichen wie die 



77 



Entwicklungsgesetze der ersten sozialen Haltung «es 
Kindes in der Famiiie. Das infantile Über-Ich ist der 
Kristallisalionspunkt für alle späteren sozialen Haitiui' 
gen und somit das Vorbild für alles spätere soziale 
Verhalten. Eine Gruppe von neurotischen Individuen 
mit neurotischem Über-Tch wird auch unter den gün- 
stigsten ökonomischen Hedingungen nie zu einer sozi- 
alen Anpassung fähig sein. Wenn das Gewissen em 
Fremdkörper in der Persönlichkeit bleibt, weil es wäh- 
rend der Kindheilsentwicklung nicht assimiliert wurde, 
so wird CS auf die sozialen lieziehungen des Er- 
wachsenen einen pathologischen Hinfluß haben. Ein« 
Menge aus der psychoanalytischen Praxis wohlbekann- 
ter Mechanismen stehen dem Individuum zur Verfü- 
gung, um sich dem Einfluß seines Gewissens zu entzie- 
hen. Einer der verbreite tslen Mechanismen, wie man sie 
in Neurosen xmd Psychosen sieht, wurde oben be- 
schrieben: Ausnutzung der selbst auferlegten Strafe; 
Leiden, um das Gewissen zu versöhnen und sich an die 
asozialen infantilen Befriedigungen anzuklammern, wie 
sie in den neurotischen und psychotischen Symptomen 
ihren Ausdruck finden. Während die Hauptbedeutung 
dieses Mißhrauches der Selbstbestrafung und der sich 
selbst zugefügten Leiden in der Ätiologie der Neurosen 
liegt, ist ein anderer Mechanismus von überragender 
soziologischer Wichtigkeit, nämlich die Projektion der 
Schuld und der eigenen feindseligen Aggressivität auf 
andere. Um innerlich die eigenen feindseligen Aggressio- 
nen zu rechtfertigen, besteht die Tendenz, diese Agres- 
sionen anderen zuzuschreiben : nicht Ich hasse I h n, 
nicht, daß Ich Ihn angreifen möchte, sondern E r 
haßt Mich und Er will Mir schaden. Diese Projek- 
tion führt notwendig zu Angst und Mißtrauen vor ande- 
ren und schließlich zu Haß und Aggressionen aus an- 
geblicher Notwehr. Wenn zwei solche Individuen mit- 
einander zu tun haben, so wird jedes von ihnen er- 
warten, vom andern angegriffen zu werden, weil jedes 



78 



im andern einen Widerschein semer «'g<="«" ^J^^'' 
sionen enldeclct. In der pathologischen Cbe''™"8 
ist diese psychische Hallung als Paranoia, ""«J^^^. 
seeUsche Störung, bekannt. Ein gewisser Betrag para 
noider Haltung ist jedoch ein fast ""'verseller Cha 
ralderzug unseres Zeitalters. Sie äußert sich im allgeme.^ 
nen Mißtrauen und in der Angst vor «■\dcren^ r e r e n 
czi, einer der fähigsten Schüler ? '"^'l^^- f "f ' „fnT 
mir' gegenüber einst aus indem - sagte daß d. Qmn^ 
essenz seiner Lebenserfahrung als Arzt ^ «^ i 8 
der Menschen sei, die einander so sehr ™ ''^^f"'^ 
gehren und dazu nicht imstande -d^ S^e 1 onn ^^ 
einander nicht lieben, weil sie - zu l^ecnt 
recht - Angst und Mißtrauen ^"'^""Zt e^l^r - 
steht außer Z^.el daß ^^^^^Z^^^- 
wXen? IhÄeitse'-nt.icUlung smd sie ge^ 

e^^r.ri£^hJ^Sfir^:^'bt! 

siid, sich einzureden, daß andere sie angreife» und -, 
nichten wollen. Wenn sie das glauben k— jo kon 
nen sie ihre eigenen Aggressionen f N°]«^^; ''l^^ 
lerügen. Die Allgemeinheit dieser Hallung hegt dann 
begründet, daß in der frühen Kindheit em strenges Ge- 
wissen und starke Feindseligkeit gepaart sind mit denen 
das kindliche Ich nicht fertig wird. Diese beiden Kratte, 
das Gewissen und die feindseligen Gefühle, müssen 
einen Ausweg finden. Er besteht darin, daß den Aggres- 
sionen unter dem Vorwand der Notwehr freier Laut ge- 
währt Wird, und dieser Vorwand dient als Enlschuldi- 
Buns gegenüber dem eigenen Gewissen. 

Was für die Beziehungen zwischen Individuen gilt, 
gilt auch von den Wechselbeziehungen feindUcher Grup- 
pen, deren MitgUeder in der frühen Kmdheit .d'e Ten- 
denz erworben haben, ihre eigenen Aggressionen zu 






79 



projizieren und anderen zuzuschreiben. Das führt zur 
Vertiefung der Gegensätze und gestaltet sie schärfer, 
als es objektiv geboten ist. 

Dieser affektive Mechanismus hat in seiner unentrinn- 
baren Zwangsläufigkeit etwas Bedrückendes. Er ist ein 
circulus vitiosus, in dem jedes psychologische Glied 
dem andern mit der harten Zwangsläufigkeit der Logik 
der Gefühle folgt. Der Syllogismus der Affekte ist etwa 
folgender: Nicht ich bin schuldig, weil ich ihn an- 
greifen will, sondern er will mich angreifen; weil er 
mich angreifen will, muß ich ihm mißtrauen und ihn 
fürchten. Nachdem eine solche mißtrauische und ängst- 
liche Einstellung hergestellt ist, wird unter dem uner- 
träglichen Druck von Besorgnis und Angriffserwar- 
timg jede, auch die harmloseste Handlung des Gegners 
als Angriff gedeutet und dazu verwendet, die Richtig- 
keit der eigenen Ahnungen zu bestätigen. Die Antwort 
wird wahrscheinlich ein defensiver Angriff von ver- 
zweifelter Bösartigkeit sein. Man glaubt, daß man hl 
Notwehr handelt, und die destruktiven Kräfte haben 
daher keine Hemmungen mehr. 

Diese seelische Einstellung ist die unvermeidliche 
Folge fehlerhafter Entwicklung in frühen Jahren — 
eines Gewissens, das nicht von dem Rest der Persön- 
lichkeit assimiliert wurde, sondern ein Fremdkörper 
blieb, vor dem das Individuum seine eigenen feind- 
seligen Aggressionen zu rechtfertigen hat. Und die 
Aggressionen werden deshalb so stark und un- 
kontrollierbar, weil die ersten Triebeinschränkungen 
dem Kind durch Strafen und Einschüchterungen auf- 
gezwungen wurden, statt daß man das Kind durch 
Liebe gewonnen imd ihm das Gefühl vermittelt hätte, 
es stünde dafür, Verzichte zu leisten, weil es dadurch 
die Liebe und Achtung seiner Eltern gewinne. Nur wenn 
das Kind sich auf Grund von Zuneigung mit den Eltern 
identifizieren kann, wird der Prozeß der sozialen An- 



80 



Passung nicht zu einer Aufstauung unkontrollierbarer 

Feindseliglieit führen. ^ . . „,.„„ [•„. 

Wir verstehen nun, warum exzessiv *<:'"''^'^3__. 
fühle zusammen mit einem strengen Gewissen notwen 
dig zu solchen Erscheinungen wie P'^''""«^'*? ,7^. 
jelUionsformen oder zu anderen, sozial weniger beüeu 
Samen neurotischen Mechanismen führen mussen^l<re 

lieh will ich nicht die unter den B'^"'f °g7,,Xuen 
Kultur gegebene reale Grundlage von Femdsehgl eüen 
zwischen den Individuen leugnen. Was ich betonen 
möchte, ist, daß die Erlebnisse der f™hen Kmdheü 
häufig zm- Verschärfung dieser F^i"dsehgkeiten durch 
irrationale und unbegründete Angst und Mißtrauen fuh 
reu, die sich aus der Notwendigkeit ergeben, ^^^^^^ 
nen Aggressionen anderen zuzuschreiben, -™ ^a. mgene 
Gewissen zu beruhigen. Niemand, der d'^«'" Srund^en 

den psychodynamischen Prozeß ''«""''.Ji^f^.f ^er 
paranoiden Zug unseres sozialen Lebens übersehen, der 

sich in den Beziehungen ^^-'««^l^f Jf '",''"'k;,nd tut 
streitenden sozialen Gruppen und Naüonen kund Uit 
Die objektiv vorhandene Divergenz zwischen den Son 
derinteressen von Individuen, Gruppen und Vo kem 
macht es hinreichend schwer, wenn nicht UoUnungs- 
los, zu freundschaftlichen Lösungen auf Grund gegen- 
seitiger Zugeständnisse zu gelangen. Das Erbe der at- 
fektiven Kindheilserlebnisse steigert diese Schwierig- 
keiten in den meisten Individuen zu einem Maß, das 
nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Unter der 
doppelten Last realer und eingebildeter Ängste bereiten 
Individuen, soziale Gruppen und Völker zunächst un- 
durchdringUclie Verteidigungslinien, um sich voneinan- 
der abzugrenzen, und dann immer tödhcherc Waffen, 
um einander auszurotten. Die erste Bewegung des Geg- 
ners, die als Aggression ausgelegt werden kann, muß 
notwendig alle die destruktiven Kräfte auslösen, die 
während der Qual angstvoller Erwartung aufs äußer- 
ste angespannt worden waren. 

6 Almanach 1938 8l 



Es ist ofi'ensichllich, daß die psychologische Seite die- 
ses Problems nur durch die Kiniührung {gesunder 
Grundsätze für die Lenkung der afrckliven Entwicklung 
des Kindes auf breiter Basis gelöst werden kann. 

Dieser Erziehungsaspekt ist allerdings nur eine Seite 
des Problems. Wir leben in einer Periode, in der die 
Zukunft von dem Ergebnis eines aufregenden Wettren- 
nens abhängt. Die Frage ist, ob die wachsende soziale 
Spannung zu einem Ausbruch führt, bevor gesunde Er- 
ziehungsmethoden imstande sein werden, jene psychi- 
schen Faktoren zu bekämpfen, die die Massen einander 
viel mehr entfremden, als es durch ihre objektive 
Situation bedingt ist. Wenn es der Gesellschaft in die- 
ser Zeit nicht gehngt, die widerstreitenden Interessen 
von Gruppen, die nach ihrer objektiven Situation zu- 
sammengehören, auszugleichen, dann ist die Chance 
für den psychologischen Versuch, das Rennen zu ge- 
winnen, äußerst gering. Unnötig zu sagen, daß die fried- 
liche Lösung des objektiven Problems ~ nämlich die 
Ausgleichung der ökonomischen Interessen — selbst 
eine psychologische Voraussetzung enthält; sie hängt 
von der Bereitschaft der streitenden Gruppen, ein Kom- 
promiß zu schließen, mid damit vom sozialen Gewis- 
sen ab. 

Die Wissenschaft hat in unvergleichlicher Weise die 
Mögüchkeiten erhöht, die Existenz großer Massen zu 
sichern, sie hat aber auch die Werkzeuge der Zerstö- 
rung verbessert. Mit Hilfe dieser Waffen können Aus- 
beutung und soziale Ungerechtigkeit bis zum äußersten 
getrieben werden. Die destruktiven Kräfte des Menschen 
werden, wenn sie einmal entfesselt sind, heute mehr 
Gelegenheit für einen solchen brutalen Ausbruch haben 
als je zuvor. Die Erziehungsforderungen des Augenblicks 
sind daher dringend. Nur die Erstarkung des sozialen 
Gewissens kann den konstruktiven Gebrauch der wis- 
senschaftlichen Kenntnisse sichern, die ohne diese so- 
ziale Hemmung notwendig zm" Destruktion ausgenützt 



62 



werden. Der Beitrag der Psychoanalyse besteht nicht 
in der tatsächlichen Beteiligung am Erz.ehungsprozeis, 
sondern m der FormuUerung jener Grundsatze die aer 
Praxis der Auferziehung der Kinder zugrunde S^fg^^^^" 
den müssen. Die Verwirklichung dieser Grundsatze Ue t 
in den Händen jener, denen die tätige Erziehung der 
Kinder anvertraut ist. 



8* 



1 



■ Hl 






Die Beziehung zwischen sozialer und 
persönlicher Desorganisation 

Von Paul Schilder, New York 

Erschienen in ,,The American Journal of 
Sociology", Jg. XLII, Nr. 6, Mai 1937. 

Das Kind hefindel sich in den ersten Monalen, ja sO" 
gar Jaliren seines Daseins in einer bedrängten Lage. 
ist gänzlicli von Mächten abhängig, die es nicht ^"^/^ * 
Die Nahrung wird ihm in zeillichen Absländen gereicht, 
ohne daß es den Grund dafür zu verstehen vermag. E^ 
empfindet Hunger, ohne daß es im Besitz einer u^" 
stimmten Methode wäre, dem abzuhelfen. Überdies is 
es den unheimlichen Einflüssen der Schwerkraft aus- 
gesetzt, die früher oder später zu peinvollcn Emptin- 
dungen führen. Es ist nicht nur abhängig und hilflos, 
sondern auch ständig bedroht. In einem Prozeß fortwäh- 
renden Experimenlierens muß das Kind entdecken, was 
es in dieser gefahrvollen Welt tun kann, die unaufhör- 
lich mit Verlust von Nahrung und Liebe und Eingriffen 
in die Unversehrtheit seines Körpers droht. Es bedarf 
ständiger Führung und Hilfe seitens derjenigen, die es 
umgeben. Außer der Hilfe, deren das Kind für seine 
Nahrung und sein Gleichgewicht bedarf, hat es das Be- 
dürfnis nach erotischer Befriedigung durch Slreichehi, 
Küssen und Säubenmg oder, mit einem Wort, nach 
Liebe. Es muß auch herausfmden, durch welche Me- 
thode es diese Befriedigungen erlangen kann. 

Das Kind ist ständig im Zustand des Experimenlie- 
rens. Es muß seine Erfahrungen über die Eigenschaften 
sowohl der Gegenstände als auch seines eigenen Kör- 
pers und des Körpers der andern machen. L. Bender 
und ichi) haben beobachtet, daß Kinder im Alter von 



of 
84 



i) Principles of Form in the Play of Children. Journal 
Genelic Psychology, XLIX, 1936, S. 254. 



drei und vier Jahren Gegeiislände an die Wand legten 
und erwarteten, daß sie dort haften bleiben wurden. 
Sie experimentieren ferner niit Gestalten und ^it ^ym 
melrie, sie stellen Spielzeugsoldaten in Reihen und w up 
Pen auf, stellen die Gruppen um und stoßen die Solda- 
ten nieder, lassen eine Gruppe mit der andern k^'^PJ^"" 
Sie experimentieren mit Löchern und Öffnungen^ We- 
viel kann man in eine Schachtel hinemtun ? W e lel 
kann man aus ihr herausnehmen? Wie viele Soldaten 
^vie viele kleine Fahrzeuge und Tiere kann rn^i i" 
einem größeren Wagen anhäufen? Welches ist die Be- 
deutung einer Kante? Wie nahe einer Kaute kann m^ 

Dinge aufstellen, ohne daß sie ^-^^-^^f .f ^"^ ^ante 
Kraft ist notwendig, um den Gegenstand über die Kante 
zu stoßen? Versuche dieser Art finden standig statt 
Solche Versuche sind auch notwendig, wenn das Kind 
zur Kenntnis seines eigenen Körpers g^tog*^^ ^;'" 
des Körperschemas, wie ich es an anderer Stelle »e 

zeigt habe^). Durch Versuch und ^f l^^l.^^^^^/Xer 
ständiges Experimentieren gelangt das ^^^^ fu einer 
Emschätzung der Formen in der Außenwelt. L macht 
so Erfahrungen über Konsistenz, Gewicht und Uroße 
von Gegenständen. Auf dem gleichen Wege muß es Er- 
fahrungen über Festigkeit und Größe, Gewicht und Ge- 
füge semes eigenen Körpers und des Körpers anderer 
machen. Kinder sind keine theoretischen Wissenschaft- 
ler. Für das Kind bedeutet das Anstellen von Versuchen 
die Gewinnung von Sicherheit gegenüber Gefahren und 
darüber hinaus Erlangung der Herrschaft über das 
Objekt. Das Kind versucht, eine Befriedigung seiner 
Bedürfnisse nach Nahrung und Liebe zu erreichen. Es 
ist klar, daß es, um die Befriedigung zu erreiclien, 
seine Versuche auf einem sozialen Wege anstellen muß. 
Befriedigung und Sicherheit erhält das Kind hauptsäch- 

~) Das Körperschema. Wien, Julius Springer 1923; 
englisch: The Image and Appearance of the wumau 
ßody. London, Paul Kegan, 193o. 

85 



Uch von Seiten seiner erwachsenen Pflegepersonen. Sein 
dirckler Kontakt mit Gej^cnsländen ist im Beginn seines 
Lebens verhältnisnifißif^ beschränkt. Aber auch m sol- 
chen Berührungen ist der soziale Faktor vorherr- 
schend. 

Individuelle und soziale Experimente werden zwa 
besonders energisch in den ersten Lebensjahren ange- 
slelU, doch setzt sich dieser Prozeß das ganze Leben 
hindurch fort. Er ist eines der Hauptmerkmale mensch- 
lichen Daseins. 

Solange der bedmgte Reflex in den Experimenten 
Pawlows erst in lUldung begriffen ist, kommt die 
Speichelabsonderung bei fast jedem Klang zustande. 
Sobald durch ein bestimmtes Agens ein bedingter Reiz 
hergestellt ist, haben auch alle älinlichen und verwand- 
ten Reize irgendwie die gleiche Wirkung. Ist aber das 
gewählte Stimulans vielfach wiederholt worden, dann 
werden diese fremden Reize allmählich unwirksam. In 
dem Prozeß der sogenannten „Differenlialhemmung 
treten ganz spezifische und besonders feine Differenzie- 
rungen auf. 

Die Differentialhemmung erhält man am besten, wenn 
man einem Klang von ausgewählter Wellenlänge Nah- 
rung folgen läßt, während auf andere Laute mit abwei- 
chenden Wellenlängen der ihnen nicht zugeordnete 
Reiz nicht folgt. Die Differentialhemmung ist ein Pro- 
zeß von Versuch und Irrtum, der zu einer besseren 
Einsicht in die Eigenschaft des Objekts fuhrt; im 
gegebenen Fall ist es die Wellenlänge des Tones. Der 
Differenzierungsprozeß führt auch zu einem besse- 
ren Ansprechen des Organismus auf die jeweils ge- 
gebene Situation, und zwar sowohl in motorischer 
als auch in vegetaüver Beziehung. Die Differenzierung 
erfolgt unter der Einwirkung der Erfahrung. Erfahrung 
ist Aufbau imd Wiedcraufliau unter der Führung bio- 
logischer Bedürfnisse oder auf Grund individueller Ziele 
und Zwecke. Man könnte sagen, daß das Kind zuerst 



86 



.1^ ' 



allgemeine Einstellungen ausbildet, aber "'^'^'^g'^^ '' p^n 
Auffassung, daß es Einstellungen, die m '^^"^J'^T. ^^a 
erfolgreich gewesen sind, auf andere "bertragt, und da« 

es nur durch Versuch und Irrtum l"™'- "''.«'"f^j'^^der 
Übertragung von Einstellungen gerechtfertigt ist od 
nicht. Der Hund hat keinen Grund, zwischen Tonen ver 

schiedener Wellenlänge zu """^''^'^h"^''''"' .^ verabrei- 
austindet, daß nur spezifischen Lauten d'« ™[% 
ehung von Futter folgt. Kinder gebrauchen Be r^^^ 
(Bezeichnungen) und Wörter zunächst in <f; §' , 
Weise. Ein Kind sagte einmal: „Die Menschen « 
an Lungenentzandung." ^) Es hatte oJ^^^^^.J^^ ^^ 
wachscne von einem speziellen Fall Senori 
dies ereignet hatte, und hatte ^e- Ursacl^ * ^de ^ 
Tod anders vo"us,eUen ehe es n ue Erfahr^.^^^^^^^^^ 
den Gegenstand gemacht hatte, uies ^^ . -^ 

die Entziehung jeder aUgemeinen Be^.h ung d. ^^^^ 
endgültige Bedeutung nur durch stanai^ 

mit der WirkUchlvcit erhält. deshalb he- 

Unsere psychologische U°tersuchmig leg d sh«^^ ^^^ 

sonderes Gewicht auf die alta^'hliche GesUm g 
fahrung unter dem Einfluß von Hand ung und von 
such und Irrtum. Gestaltung isl das Ergebnis em 
digen gegenseitigen Wirkung von Handlunund^^^^^ 
druck; Konstiuktionen werden Ott zu uuns 
Konstniktionen aufgegeben. Die objektive Welt gibt für 
die psychische Konstruktion die Orientierung. Dieser 
ganze Prozeß erhält von den vitalen Trieben seme 
Richtung, diese Triebe wieder erreichen ihr Endziel 
nur in 5er ständigen Berührung mit anderen Menschen. 
Sozialwerden ist daher die fundamentale Form men ch- 
licher Erfahrung, Die Einstellung der Erwachsenenjurd 
für das Kmd entscheidend sein, sei es, daß d'e Erwach 
senen seine Angst und Unsicherheit verstarken, sei es, 
^TITS c h i 1 d e r und D^ W e c h s 1 e r : Jhe ^tU- 
tudes of Children towards Death Journal 
Psychology, Jg. XLV, 1934, S. 406. 

87 



^ 



daß sie dem Kind ein grölieres Maß von Sicherheit 
geben. Nur das ermuliglc Kind wird jenes ständig 
Experimentieren wagen, das der Außenwelt gegenüber 
erforderlich ist. Nur diese fortwährenden Versuche kön- 
nen dem Kind dazu verhelfen, semen Weg zu dauernden 
Befriedigungen zu finden. Jede Entmutigung wird den 
Mechanismus lahmlegen, der Versuch und Irrtum zu"^ 
Gegenstand hat. Die Einstellungen und Auffassungen 
werden dann das Zufallsergebnis einer Situation sem 
und das Kind wird eine Fehlanpassmig erwerben. Man 
kann auch sagen, daß in einem solchen Falle die Be- 
griffe und Worte keine klare Bedeutung ühermittchi 
werden. Entmutigung führt also zu falschen Einstellun- 
gen. Man ist gegenwärtig geneigt, die Bedeutung <ie*' 
inlellektuellcn Momente gering anzuschlagen. Begrifie 
und Worte, die man gebraucht, Ideen und Ideologien, 
die man hat, sind aber nur eine Seite der Gesamt- 
haltung, die natürlich auch Gefühlseinstellungen um- 
faßl. Ängste, Hemmungen und Komplexe eines Menschen 
drücken sich auch in der falschen Art des Denkens 
aus, mag es im psychoanalytischen Sinne bewußt oder 
unbewußt sein. 

Die Psychoanalyse hat gezeigt, daß auf sexuellem 
Gebiet frühe Versagungen, Einschüchterungen und Stra- 
fen zu schweren Störungen in der persönUchen Ent- 
wicklung führen. Man kann sagen, daß diese frühe Kom- 
plikation im Leben des Kindes in ihm jenen Prozeß 
des Experimentierens unterbricht und so zu Einstellmi- 
gen führt, die grundlegend falsch sind. Wie Freud 
gezeigt hat, kann ein solcher Bruch in der Entwicklung 
eines Individuums ohne sichtbare Folgen bleiben, bis 
eine aktuelle Situation, die eine Versagung oder eine 
Strafe in sich schließt, die Abwegigkeit des Individuums 
in seiner Anpassung an die Welt aufdeckt. Die Neurose 
kann somit als eine falsche Einstellung auf Grund einer 
Unterbrechung des Prüfungs- und Sondicrungsprozes- 
ses definiert werden. Ich habe mit Nachdruck betont, 



88 



daß dieser Prozeß von frühester Kindheit an durch de 
Beziehungen zu anderen Menschen bestimmt J'^^'^^^' 
Einstellungen der Mutler sind von grundlegender Wich 
tigkeit für die gan^e Entwicklung des K"ides Wir haben 
Versagungen (von Nahi-ung und Liebe) ""d E ngrfle 
in die körperliche Unversehrtheit (Zwang, KastraUon 
Verstümmelung, Schmerzen) als die zwei g;-"n<llegcnden 
Gefahren für das Kind charakterisiert Beide können 
bestimmte falsche Einstellungen des Kmdes hervor ufen 
- die Neigmig, sich zurückzuziehen ^"d alles autru 
geben, verbmiden mit einer mangelhaften Behen:schmig 
der Situation, oder eine Tendenz zu b inder Aggre^ °- 
Die Einstellmig der Eltern legt somit den Grundslem 
für die soziale Anpassung. Das Kind, das m sozia er Be 
Ziehung eine Fehlanpassung zeigt, wn-d standig em des 
organisierendes Element der Gesellschaft sem, die ja 
letzten Endes aus Individuen besteht. „^„„.^^he 

. Man könnte die Frage aufwerfen, ^.'^'^J"^"^^^™ 
Aggressivität der Eltern gegenüber den Kmdern - Vcr 
wihnung und Verstärkung von Parüallendenzen der 
KMer durch die Eltern - nicht als Quelle soziale 
Fehlanpassung des Kindes erwähnt worden is^. Sokhe 
Einslellmigen der Eltern bringen das Kmd nm- m eine 
passive Lage, zwingen es zu frühreifen midcmseiligen 
Einstellungen und behindern wiederum den freien Pro- 
zeß von Versuch und Irrtum, den das Kind untcrmmm , 
wenn es nicht unter besonderem eroüschem Druck 

steht. „... 

Es ist erwähnt worden, daß ein freier Differenzie- 
rungsprozeß des Urteilens unterbrochen, gehemmt und 
verhindert werden kann, und zwar in jeder Lebensphase 
eines Menschen, in welcher Versagung und Drohung 
überwiegen. Versagung und Drohung gegen das emzelne 
Individuum sind die Kennzeichen einer m sich gespalte- 
nen und desorganisierten Gesellschaft. Wenn wir die 
Entwicklung des Kmdes studieren, so sehen wir sehr 
oft, daß Versagung und Drohung nur deshalb angst 

89 



i*-^ 



.; t, 



erregend sind, weil die Einsicht in die wahre Natur 
der Gefahr noch fehlt. Das mocierne von J a n e t, 
Breuer und Freud hegründctc psychotlierapeutische 
Verfahren zwingt das Individuum, die Strulctur einer 
Gefahrsituation einzusehen, macht diese dadurch weni- 
ger schreclienerregend und heseiligt so ihre lähmende 
Wirkung. Individuen, die durch wahre oder eingebil- 
dete Gefahren zu sehr geschreckt werden, können ein 
verwickeltes und gefährliches Verteidigungssystem als 
Abwehrreaktion ausbilden. Dieses Verleidigungssystem 
kann dann zu Grausamkeit gegen andere Menschen füh- 
ren. Diese Grausamkeit kann Verstümmelungsaktc und 
physische Gewalttätigkeit zur Folge haben oder zu 
Handlungen führen, welche dem andern Nahrung und 
Liebe entziehen. Auch die Mißachtung der berechtigten 
Ansprüche anderer Menschen, in befriedigendem Grade 
mit Nahrung (und wh-l schaftlichen Werten im allge- 
meinen) versehen und mit Liebe bedacht zu werden, 
kann ein solches Individuum zu einer Gefahr für die 
Gesellschaft machen. 

Eine desorganisierte Gesellschaft ist eine Gesellschaft, 
die die gerechtfertigten Ansprüche des Individuums 
auf eine freie Entwicklung seiner Einstelhmgen miß- 
achtet. Es wird nicht in der Lage sein, Befriedigung 
in der Sphäre von Nahrung, Liebe und Sicherheit, so- 
wohl ökonomisch als auch emotional, zu erlangen. Eine 
solche desorganisierte Gesellschaft wird in dem ein- 
zelnen Individuum Persönlichkeilsstörungen hervorru- 
fen, sei es, daß das Individuum die Drohung nicht ver- 
steht und mit einer verstärkten Aggression anlworlet, 
sei es, daß es durch die Drohung in seiner eigenen 
Entwickhing beeinträchtigt wird. Derartige falsche Ein- 
stellungen werden dann von den Erwachsenen den Kin- 
dern übermittelt und wirken auf deren sexuelle und 
soziale Entwicklung nachteilig. Diese gestörten Kinder 
werden ihrerseits zu der Desorganisation der künftigen 
Gesellschaft beilragen. 



90 



Von einer solchen psychologischen ^"^^^"'l^''''t_ 
hend, müßte es nicht allzu schwer sein, zu «"i^^™ J 
such incüvidueller und sozialer Therapie der De org 
nisation zu kommen. Das Individuum muß bis zu jenem 
Punkt zurückgeführt werden, wo «s bedroh durch 
Unsicherheit, Versagung und Vernichtung, de trei 
Entwicklung der Gefühle und des ^'^eilens eingebuß 
hat. Sehr oft ist dieser Zeitpunkt durch f^'^^^e Ideo 
logien über Sexualität, Moral und andere P^^»" =^. 
kennzeichnet. Er ist überdies ausgezeichnet durch ma^ 
gelhaftes Verständnis für die Wortbedeutungen und die 
Ersetzung der I^eachtung von Situationen und Tatsacheii 

durch unbestimmte allgemeine B'=^'='*""°f " ^tischen 
sen. Dies ist der tiefste Sinn des P^ychoanaly eben 
und ähnlicher Verfahren, die ihren Ursprung in 
Psychoanalyse haben. ., p r Oaden und Kor- 

. - .irr r?.r ,^ «Ä. -£- 

Ideologien, seine Lebensweise, seme ^"^^/"f^^™^ ,. 
und deren historische Entwicldung sow e hre Bezie^ 
hung zu den Problemen der Gesellschaft und zu an 
dere°i Menschen verstehen muß. Dieser P™^<=ß ^es Ver 
Stehens ist nicht nur ein intellektueller, er hat auch 
eine emotionale Grundlage. Er ist letz en Endes in 
der Gesamtpersönliehkeit des Menschen '«'8™'«';;?^ 
Einzelfalle wird die Psychoanalytische Teclunk oder eme 
Technik die der psvchoanalytischcn ähnlich ist, unent 
L™ sein für 'diesen Prozeß der Erforschung der 
dem Individuum helfen wird, Eiustellungen aufzi^eben^ 

die unter Drohung und Versagung <=."'^->?^f ..l^^^^tT- 
sind. Vom sozialen Standpunkt aus "'rd sich die all e 
meine Aufgabe ergeben, die Individuen d|>l-n ^" bnn.en 
daß sie ihre Ideologien verstehen und erkennen, wo 
diese in die Sicherheit anderer ^'"■'»d/'^Sre fe" ^d 
so zu der allgemeinen Desorganisation der Gesellschalt 

91 



beitragen. (Die Analyse der Ideologie der Aggression 
und der Beraubung auf der Grundlage des durch die 
Analyse des Individuums erlanglcn Wissens ist eine der 
obersten Aufgaben der Sozialpsycliologie.) Die Einsicht, 
wiewohl die seelische Einstellung nur eines Individu- 
ums, hat unmittelbare Rückwirkungen auf andere Indi- 
viduen und muß so nicht eine nur theoretische Ein- 
sicht bleiben. Wer in dieser Hinsicht versagt, sollte 
ohne Rücksicht gezwungen wei'den, Einsicht in die Ent- 
stehung seiner Ideologien zu gewinnen. Dieses Verfah- 
ren würde, nach dem optimistischen Glauben der Ana- 
lyse, die Heilung des Individuums zur Folge haben, das 
zur Desorganisation der Gesellschaft Ijcigetragen hat. 

Einige Beispiele mögen die oben erörlerten Grundsätze 
veranschaulichen: Es gibt einen Typus des jugendli- 
chen Verbrechers, der durch Körperschwäche oder 
durch strenge Erziehung in eine passive und abhängige 
Lage gedrängt worden ist (aggressive Zärtlichkeit kann 
eine ähnliche Wirkung hervorrufen). In der Vorstellung 
des Kindes ist Passivität mit der Gefahi' des Angegrif- 
fenwerdens eng verloiüpft. Diese Situation spiegelt sich 
im ganzen Körper wieder. Die Öffnungen des Körpers, 
besonders der Anus, reagieren mit Empfindungen, da 
sich hl der Vorstellung die überlegene Kraft des An- 
greifers mit etwas im Körper veremigt oder sogar 
die Einheit des Körpers zerstören kann. Eine andere 
Reaktionsweise sind Ängste in Zusammenhang mit dem 
Körperteil, der das Individuum selbst zur Aggres- 
sion treibt, — dem Penis. Passivität, Schwäche und 
Homosexualität werden auf diese Weise miteinander 
verknüpft. Die Bitdung eines solchen Komplexes wird 
durch die allgemeine Einstellung unserer Gesellschaft, 
Stärke mit Männüchkeit und Schwäche mit Weiblich- 
keit gleichzusetzen, begünstigt. Solche Einstellungen 
durchdringen das Familienleben. Gegen diese erzwun- 
gene Passivität setzt eine Reaktion ein. Die Verteidi- 
gungsmaßnahmen werden umso stärker sein, je mehr 



92 



dem Individuum vernünftige Befriedigungen m der sexu 
eUen und wirtschaftlichen Sphäre versagt s'nd..^\^J 
mehr das Wirtschaftssystem den Druck begunstgen 
wird, der von der Familie auf das Individuum m semer 
Kindheit ausgeübt wird. Die Einschränkung des nan 
delns mag beim Kind als eine mehr oder wemger 
schwierige Frage des Benehmens in Erschemimg tre 
ten, beim Jüngling oder Erwachsenen dagegen als eme 
Hallung von betontem Mut und Stärke Aixgriff od r 
Widerstand), wobei die Angriffswaffe Messer oder 
Schußwaffe) nicht nur den Zuwachs an Starke, sondern 
auch an MännUchkeit (Penis) symbolisiert. 

Asoziale Handlungen dieser Art haben ^^re ^rund 
läge in der Geschichte eines Individuums vom be 

schriebenen Typus, aber sie ^ '"^^^^^ /"/^Xum ähn- 
len sozialen KonstellaUon statt, wo ^^as Individuum ah 
Uche Ideologien vorfindet und der BUhgung der asozi 
abn Handlung seitens der Gesellschaft oder wemgstens 
einer kleinen Gruppe sicher ist. Es g^^^g^J^^f ^.^^s 
der Handemde sich die Existenz ^^^n^^^^^^."/?^. ^^ 
Typus vorstellt. In derarügen Fällen sind ^^e olge"^^^^^ 
sozialen und individuellen Faktoren von Bedeutung 

1. die fälschUche Wertschätzung der physischen Kral, 

2. die mirichtige Schwärmerei für die MaskuUnitat; 

3. eine falsche Beurteilung der gesellschaftlichen Kräfte 
und der Bedeutung der eigenen sozialen Schichte des 
Individuums; 4. ein Mangel an Einsicht in die Faktoren, 
die den Aufruhr gegen die Eltern hervorgerufen haben, 
der dann auf die Gesellschaft übertragen wird; 5. jene 
Einstellungen des Individuums, die aus aggressiven und 
erotischen Tendenzen der Eltern den Kindern gegen- 
über resultieren; 6. der Druck seitens der Famihe der 
die Passivität verstärkte; 7. schlechte wirtschaftliche 
Lage der Familie, die sich auf das Kind auswu-kt , und 
8. die Ideologien der Eltern und ihrer sozialen Sctucnte 
und die Ideologien der Schichte, in der das Individuum 
lebt. Dies ist keine systematische Erörterung aller in Bc- 

93 



■T-r^ 



tracht kommenden Faklorcn und kann es auch nich 
sein, könnte aber den Weg zu einer Theorie erört'n*-''^' 
die auch soziale Faktoren in Erwäguiif^ zieht. 

Im Fall einer Neurose kann die Struktur die fol- 
gende sein (wir werden jetzt einen Fall von schwere 
Angstneurose betrachten). Die Eltern waren dem G^' 
setze ergebene Bürger, in guter gesellschaflUcher Posi- 
tion, beschränkt in ihren Ansichten, negativ in ihrer 
Einstellung zum Sexuellen, streng in ilirer Haltung 
und nicht geneigt, ihi'en Kindern die Liebesbeweise ^.m 
gewähren, deren sie bedurften. Das Ergebnis war, da» 
die Patientin sehr bald in ihrem Gefülilsleben sehr 
unsicher wurde, was sich in unerträglicher Weise durch 
die Grausamkeit der Mutter gegen Tiere sowie durch 
ein Dienstmädchen, das grausame Geschichten erzählte, 
verstärkte. Die Eifersucht der Mutter auf die Patientin 
wegen ihrer IJeziehung zum Vater war ein weilerer 
Faktor, der eine freie sexuelle Entwicklung unmögHch 
machte. Das Erlebnis der Unsicherheil bei den ersten 
Gehversuchen des Kindes wurde durch den Mangel 
an seelischer Hilfe vergrößert, Die verborgene Panik der 
frühen Kindheit kristallisierle sich um die Masturbation, 
die außerordentlich starke Schuldgefühle hervorrief so- 
wie das Gefühl, von außen her zerslückelt zu werden 
oder innerlich zu explodieren. Diese Bedrohung bekam 
nach dem Tode des Vaters einen realeren Inhalt. Sie 
wurde in voller Stärke erlebt, als die Patientin eine 
Freundin über die Gonorrhöe einer Bekannten sprechen 
hörte. Nur die beruhigende Anwesenheit eines Liebes- 
objckles, iii erster Linie des Galten, konnte ihr die Si- 
cherheit geben, die sie in der Kindheit so wenig erfah' 
ren halte. Die wirtschaftÜche Sicherheit der Patienliß 
und ihrer Familie konnte die liefe sexuelle Unsicherheu 
nicht verhindern, die sie leiden machte und nicht nur 
das gesellschaftliche Leben der Patientin sondern auch 
das ihres Gatten lähmte. Dies ist um nichts weniger eine 
soziale Katastrophe als die asozialen Handlungen des 



94 



jugendlichen Verbrechers. Ein Faktor fällt besonders 
auf: Die Eltern der Patientin lebten in einer Lreseii- 
schaft, die sie nicht zu einem klaren Verständnis der 
Probleme der Sexualität zwang und die sie liinaerie, 
die Liebe zu ihren Kindern in einer Weise auszudruk- 
ken, die diesen das notwendige Gefülil der Sichciheit 
gegeben hätte. Gefühle der Unsicherheit und des ße- 
drohtseins haben nunmehr die PatienÜn m euien zu- 
stand äußerster Hilflosigkeit getrieben. 

Zusammenfassung: 

Erfahrungen werden allmählich unter der Einwir- 
kung von Handlmig und von Versuch und Irrtum 
gebildet Die Objektwelt lenkt die seelische Gestaltung, 
Len Grundlage^ die vitalen Triebe bilden. Diese er h^" 
ten ihr Endziel durch die ständige Berührung mit an- 
deren menschlichen Wesen. Frühe Versagungen und 
Einschüchterungen stören den Versuch- und rrtum- 
Prozeß und fühi-en zu Fehlanpassungen und zu Neu- 
rosen. Versagungen und Drohungen, die von einer m 
sich gespaltenen und desorganisierten Gesellscbatt aus- 
gehen, beeinträchtigen das Individuum in seiner An- 
passung und freien Entwicklung. Uiu-ichtige Emstellun- 
gen werden von dem fehlangepaßten Elternteil auf die 
Kinder übertragen. Das Individuum muß zu dem Punkt 
zurückgeführt werden, wo es, von Unsicherheit, Ver- 
sagungen und Vernichtung bedroht, die freie Entwick- 
lung des Gefühls und die Realitätsprüfung aufgegeben 
hat. Es muß ihm die Möglichkeit gegeben werden, seine 
emotionale Entwicklung fortzusetzen und Einsicht m 
die Struktur menschhcher Beziehungen und der Ge- 
sellschaft zu gewinnen. Dann wird es fähig sein, ein 
aufbauendes Element der Gesellschaft zu bilden. 



I 



Psychoanalyse und Kriminologie 

Von Sandor Ferencai 

Im Infcrnaiionalen PsijchoanaUj tischen V^|J' 
lag erscheinen demnächst der ///- ^^a J ' 
Band der „Hausteine zur Psychoanalyse ''" 
S. Ferenczi. Wir geben hier einen ^y 
schnitt aus einem Vortrag S. Ferenczis i^*^' 
der der im „Verein für anqewandtc Psijcn ' 
Pathologie" in Wien i928 gehallen «'"'■'^^, " /n 
im III. Band erstmalig (aus dem NachiapJ 
veröffentlicht wird. 



! 



Verehrte Kollegen! 

Die freundliche Einladung, an Ihrer Diskussion ä\^ 
Vertreler der psychoanalytischen Richtung teilzunehmen, 
empfinde ich nicht als persönliche Ehrung, sondern al^ 
Zeichen der beginnenden Anerkennung unserer For- 
schungsmelhode. Das Thema, das zur Diskussion steht, 
ist ein Problem der angewandten Psychologie und als 
solches von psychoanalytischer Seite her noch nicht 
eingehend genug studiert, so daß es mir viel lieber ge- 
wesen wäre, die Leistungsfälligkeit unserer Arbeitsweise 
an irgendeinem Problem der Neurosenpsychologie Ihnen 
vor Augen führen zu dürfen; doch auch zum vorliegen- 
den Gegenstande dürften sich von der Psychoanalyse 
her Anregungen zu künftiger Arbeit und zur kritischen 
Revision bisheriger Anschauungen €TgCbew, d\e wnscre 
Teilnahme an dieser Beratung einigermaßen rechtfer- 
tigen. 

Bekanntlich beginnen die meisten Vorträge mit ciii^^ 
Entschuldigung; mein heutiger Vortrag muß sogar mi 
mehreren eingeleitet werden. Die Stadt Wien ist da 
Athen der Psychoanalyse; wozu eine psychoanalytisch 
Eule aus dem Nachbarlandc importieren? Zur Erklä- 
rung dieses Problems müssen wir wahrscheinlich da 
lateinische Sprichwort vom Propheten im eigenen L»"" 

96 



heranziehen. Ich beruhige also mein Gewissen, indem 
ich mich gleichsam nur als Austauschpropheten be- 
trachte. 

Vor mehr als Jahresfrist wurde ich bereits zu emer 
ähnlichen kriminologischen Beratung herangezogen, üs 
war in New York, wo die hervorragendsten Psychiater 
und Juristen - erschüttert über cmen neuerUchen An- 
süeg der sogenannten „Crirae-wave" - unter der Lei- 
tung eines unserer berühmten Kollegen eine müme 
Zusammenkunft zur mögUchst raschen Entscheidung 
m dieser wichtigen Frage zusammenriefen. Die i^ani 
der Anwesenden belief sich auf etwa 25 und jeder hatte 
etwas Wichtiges zu sagen. Der Psychiater, der den ein- 
leitenden Vortrag hielt, gab ein düsteres, aber in seiner 
Klarheil emleuchlendes Hild über die herrschenden Zu- 
stände und über die Beziehmigen des Verbrechertums 
zu den Geisteskrankheiten. Em Pohüker fand die Ur- 
sache allen Übels im herrschenden System das verscte- 
denen Mißbräuchen Tür und Tor öffne. Em Vertreter 
der „Mental Hygiene-Bewegung" teilte uns mit daß die 
Versuche, auf die Kriminaütät durch entsprechende Er- 
ziehung der Eltern, Lehrer und der Führer der oftent- 
Uchen Meinung emdämmend zu wirken, bereits von eim- 
gem Erfolg gekrönt seien. Ein begabter Universitäts- 
professor, der das Glück hatte, über die Summen aus 
einer der bekannten amerikanischen MiUionen-Founda- 
Uons zu verfügen, erzählte uns, daß sem Fonds bereits 
ein kleines Heer von Ärzten mobilisiert hat, um genaue, 
medizinisch-staüsüsche und psychologische Daten über 
die Insassen einiger großer Strafanstalten zu sammeln- 
auch dieser Kollege äußerte sich ziemUch optimistisch 
über die Zukunft seines Werkes. 

Schüeßüch wurde auch ich als Gast und als Vertreter 
der Psychoanalyse aufgefordert, mitzureden. Ich er- 
klärte mich unfähig, zur raschen Lösung dieses schwie- 
rigen Problems auch nur das mindeste beizutragen. LS 
handle sich um ein wissenschaftUches Problem, das sich 



7 Almanach 1938 



97 



nolgeclrun^'cn ülicrhaupl nicht lösen ließe. Es sei Sach 
der Legislative und der Gerichte, im Falle akuter No 
abzuhelfen, die Wissenschaft aber müsse ruhig, wenn 
auch mil erneutem Fleiß, ihi*e Forschungen fortsetzen- 
In Sachen der Krimiiialpsychologie müsse, so sagte icn» 
die Forschungsarbeit eigentlich neu beginnen, seitde 
uns die Psychoanalyse Mittel an die Hand gegeben hat, 
das banale Schlagwort von der Determiniertheit jeder 
menschUchen Handlung durch exal^te Bestimmung d^^ 
seelischen Determinanten zu ersetzen. Es müsse als 
vorerst eine auch die unbewußten seeUschen Regungen 
berücksichtigende Kriminalpsychologie geschaffen wer- 
den, bevor wir als Ratgeher in diesen für das Indivi- 
duum wie für die Gesellschaft so wichtigen Angelegen- 
heiten überhaupt in Frage kommen. 

Ich gestehe, daß mir auch seit Jahresfrist nichts be- 
kannt wurde, was mich zur Änderung meiner damaligen 
Ansicht hätte zwingen können. Ich glaube zwar, daw 
die Psychoanalyse auch schon früher, besonders aber 
in den letzten Jahi-en wichlige Bausleine zu einer künf- 
tigen Psychologie des Verbrechertums geliefert hat, doch 
sind diese Beiträge vorerst fast ausnahmslos rein theo- 
retischer Natur und weit entfernt, dem Gesetzgeber oder 
dem ausübenden Juristen mit praktischen Ratschlägen 
an die Hand gehen zu können. 

Die wenigen praktischen Vorschläge, die von psycho- 
analytischer Seite ausgingen, sind rasch hergezählt. Sie 
erinnern sich wohl alle jener Versuche, die auf Grund 
des Bleuler-Jung sehen Assoziationsexperiments in 
der Schweiz und in Deutschland gemacht wurden, um 
mit Hilfe der sich ergehenden sogenannten Komplex- 

merkmalc, das hcißl, der aulf'älligon Länge der Keak- 

üouszeit oder der Sonderbarkeil des Reaktionswortes, 
die Schuld oder die Schuldlosigkeit des Inkulpaten fest- 
zustellen. Es dürfte Ihnen auch nicht unbekannt sein> 
daß die theoretische Kritik dieser Versuche seitens 
Freuds die praktische Anwendbarkeit dieses Verfah- 



98 



rens sehr in Frage stellte. Das Assoziaüonsexperiraent, 
das man mit der Fünftelsekundenuhr in der Hand aus- 
führt, üefert nichts mehr zur Feststellung des Seelen- 
zuslandes des Beschuldigten als die gewöhnliche ana- 
lytische Beobachtung. Das Moment der Überrumpelung 
aber, die im Experiment enthalten ist, mag zu brgen- 
nissen führen, die die Quelle von Justizirrtümern werden 
könnten; zum Beispiel kann jemand, der von der la 
etwas weiß und vielleicht nur als Zeuge m Betracm 
kommt, wenn überrumpelt, den Verdacht der later- 
schaft auf sich lenken. Es ist wohl nur eme Stei- 
gerung der Scheinexaktheit, wenn man das Kesultai 
der Assoziaüonsexperimente mit der gleichzeiügen h.m- 
Schaltung eines Apparates kontrolUeren will, der die so- 
genannten psychogalvanischen Reflexkurven notiert 

In neuester Zeit ist es allerdings ^'%'\Y!'^^e 
Alexander gelungen, Im Falle emes Kapitalverbre- 
chens die Gerichte über die unbewußten Moüve der 
begangenen Tat aufzuklären und hiedurch die Ent- 
lastung des Täters herbeizuführen. Alexander neigt 
bezügüch dieser Art Anwendung der Psychoanalyse 
in noch schwebenden Strafsachen einem gewissen Op- 
timismus zu. Ich, für meine Person, kann dieser An- 
schauung einstweilen nicht beipfüchten. Im Gegenteil, 
ich muß meine früher geäußerte Memung wiederho- 
len, daß unsere Methode in Fällen, die noch sub judice 
sind, unanwendbar ist. In der neurologischen^ Praxis 
bekommen wir nur Patienten zu sehen, die ein star- 
kes Interesse daran haben, ims die Wahrheit zu sa- 
gen, wissen sie doch, daß sie nur bei unem geschränk- 
ter Aufrichtigkeit in der Mitteilung ihrer Einfälle imd 
ihrer Lebensgeschichte auf die von ihnen heiß ersehnte 

Gesundung Aussicht haben. Ähnliches können wir von 

jenen voraussetzen, die nicht als Kranke, sondern als 
Lernende zu uns m die Analyse kommen. Auch diese 
^vissen, daß die Übertretung des Aufrichtigkeitsgebotes 
ihren ganzen Aufwand an Zeit, Mühe und Geld nutzlos 



7* 



99 



ii 



machen würde. Wie aber könnten wir von dem verm^_ 

Uchen Täter einer verbrecherischen IlandUmg ci^ 

ten, daß er uns seine Eiumile ohne Entstellung pi*^ ^^ 

gibt, wo doch das Bekennen der Schuld sicher ^^ ^^j^ 

urleilung fülu-en würde. Unser ganzes heuüges Str 

rechtsverfahren achtet das Recht des Angeklagten, ai 

zu tun und zu sagen, womit er sich verleidigen kan , 

wohl auch alles zu verheimUchen, was ihm ^cha 

könnte. Eine Methode also, die die Aussagen im gut 

Glauben an ihre Wahrhaftigkeit ihren Schlußfolgei^ _ 

gen zu Grunde legt, kommt wfdirend der Untersuchung 

oder der Strafverhandlung kaum in Betracht. In fcrne^ 

Zukunft winkt uns allerdings die einstweilen noch ulj^ 

pische Möglichkeit, daß im Verhandlungssaale, wo 

auch in der menschlichen Gesellschaft überhaupt, ein 

wohlwollende, man könnte auch sagen liebevolle Atmp 

' A in 
Sphäre auch Verbrechern gegenüber herrschen wn*a, ^ 

der der Täler in ländlicher Zerknirschimg vor der 
gerechten Autorität selber alles gestehen und die ihm 
auferlegten, man möchte sagen kriminaMherapeuüschen 
Maßnahmen mit freudiger Hoffnung auf Genesung nna 
im Gefühle der ihm zulei Ige wordenen Verzeihung ^uT 
Kenntnis nehmen imd ausführen wird. Ich brauche 
Ihnen wohl nicht erst zu sagen, wie weit wir von die 
sem Ziele entfernt sind, aber gerade in Ihrer Sladt ist 
es einem ausgezeichneten Kenner der Kinderseele, dem 
auch analytisch geschulten August Aichhorn ge- 
lungen, allerdings nur im engeren Kreise der seiner 
Obhut anvertrauten verwahrlosten Kinder der Gemeinde, 
diese Atmosphäre zu schaffen imd einerseits durch aiia- 
lyüsche Behandlung der kriminell Veranlagten oder so 
Gewordenen, andererseits durch Enibeziehung der El- 
tern und Lelirer der YerNvaUrloalen eine großzügige und 
bereits erfolgreiche Kriminaltherapie in Gang zu setzen. 
Solche Beispiele gestatten es, daß man bezüglich der 
Zukunft etwas weniger pessimistisch wird. Im großen 
und ganzen aber muß sich die praktische Hilfe, die wn" 



lOO 



der KriminaUstik leisten können, darauf beschranken, 
daß wir uns bereit erklären, unser theoreUsches Kust 
zeug allen Faktoren der Kriminalistik zur Verfugung zu 

''und da ist der Ort, wo wir eine große Schwierigkeit 
des psychoanalyüschen Unterrichts nochmals betonen 
müssen Man kann allerdings durch Anhören von Vor 
trägen und durch eifrige Lektüre emen Begrift davon 
bekommen, was wir Analyüker über Inhalt und W 
kmigsweise des unbewußten Anteils der Seele wiss^"' 
Doch von der wirküchen Existenz dieses Unl^ewoßten 
von seiner Bedeutsamkeit im Seelenleben und von der 
Art, wie die Persönlichkeit durch die CberwmdUBg de 
Widerstände gegen seine Zurkenntmsnahme verander^ 
Wird, kann m'an' sich nm- überzeugen, werm man sich 
selbst vorher emer Psychoanalyse unterzieht^ Auch d^^ 
diese Vorarbeit kerne Selbstanalyse sein, ^^^ ^"^ ™^ 
einem bereits Geschulten dm-chgefuhrt ;y;'-d;°. ^^^ 
der Erfolg lohnt die Mühe, denn erst die Aufhellung 
t Sk— im eigenen Seelenleben, von dene^ ™ 
von uns frei ist, setzt uns in den Stand, d^^ U'^;;'"f '^ 
unserer Mitmenschen lückenlos zu durchschauen und 
die so gewonnenen Erkenntnisse richtig zu verwerten 
Eine sofche Zumutung erscheint nur darum ungeheuer 
lieh, weil Wh- uns in Sachen der Psychologie fm- ge- 
borene Gelehrte hielten. Seit Freuds Entdeckungen 
mußten wir es lernen, uns mit der narzißtischen Krän- 
kung zu versöhnen, daß wir auch bezügUch des eigen- 
sten Innern einer Belehrung von außen bedürftig sind, 
und wenn dies die Bedingung des Wissens um das Un- 
bewußte ist, wird sich dieser Forderung des Analysiert- 
seins niemand entziehen können, der als Arzt, Lehrer 
oder Richter praktischen Einfluß auf das Schicksal 
von Menschenseelen zu nehmen wagt und vor dem 
Vorwurf der Oberflächlichkeit gefeit sein will. 

Die nächste Aufgabe der Psychoanalyse wäre also, 
die Fachkreise auch analytisch auszubilden. Als Gegen- 

101 



leislung würden wir von den Behörden fordern, daß 
sie uns das Material der Gefangenenanstalten für die 
Zwecke der Untersuchung der bereits verurteilten, ge- 
ständigen Verbrecher überlassen. Wir haben allen 
Grund zu glauben, daß diese unter mögüchst methodi- 
scher und einheitlicher Leitung anzustellenden psycho- 
analytischen Untersuchungen nicht nur ein reiches Ar- 
chiv für eine zukünfüge wirkliche Krimi nalpsychologie 
liefern, sondern auch den Untersuchten zum Heile 
gereichen dürften. 






I lil 




Kampfmotive und Friedensmotive 

Von Robert Wälder, Wien 

Ziehungen'^ 
Wir wollen nun, um eine erste Orientierung über die 
Probleme zu gewinnen, etwa prüfen, -"'^'^^1^°'^ ^l 
für den Einzelnen gibt, Gewalt gegen <^'"'=" f "^^^ f ^i 
znwenden, und welche Motive ilfdavon abhält™ «.d 
zwar praktisch sehr wiricsam abhaUen. Dann n^ag^ge_ 

prüft werden, wie sich «^«f J^^jf^^^f :„f [hr abhal- 
anwendung drängen, mxd d- f^-*^<='^ \^^ Individuen, 
ten, modifizieren, wenn es sich nicni ^j 

sondern um Massen handelt, um f^^^f '^^^^^'^'^^i,^^ 
Modifikaüonen zu prüfen, '"^.'="'^'!^™; JrtrEinheT- 
Massengebilde Staaten oder ähnhch °>^f.^;.7['^^7^ht 
ten sind Diese Untersuchung soll vorläufig noch mcW 
Z dem Rüstzeug einer wissenschaflUchen Psychologe 
geführt werden, wird aber darum mcht «''ider psy- 
chologisch sein. Es wird uns später nicht ^ehwer fallen, 
sie so zu ergänzen, daß sie den Anforderungen wissen- 
schaftUcher Genauigkeit genüge. 

Motive zur Gewaltanwendung für den Einzelnen. 
Es gibt eine ganze Reihe von Impulsen, die dem Indi- 
viduum die Anwendung von Gewalt gegen «"^"«J; 
ren nahelegen mögen. Das Nächstliegende '^t gewiß an 

ein Interesse zu denken. Dai-um f^^g'/"*.f;^^^"X 
nalist, wenn Gewaltakte begangen wurden die gegen d^ 
Geset;e verstoßen, mid er nach dem Ta"=^ sucW^- 
bono? Wer hatte ein Interesse daran? Es g"^^^§ 
fache solche Interessen, welchen durch Gewaltanwendung 
gedient werden kann. Sie sind zu bekamit, als daß man 

103 



y 



sie aulüählen müßte; es sei nur beispielsweise an das 
Motiv des Raubes oder an die Beseitigung eines Kon- 
kurrenten oder Nebenbuhlers erinnert. Ein solches In- 
teresse mag natürlicli nicht nur für jene Gewaltanwen- 
dunften wirken, die das Sittengesetz und das Gesetz des 
Staates schwer venu-teilen; auch andere, leichtere Akte 
der Gewalt, die durch das Gesetz nur müßig geahndet 
werden, wie etwa die willkürliche Verletzung eines Spie- 
lers der gegnerischen Mannschaft bei einem FußbalJ- 
wettkampf oder solche, die im Gesetz überhaupt keine 
Ahndung finden, können dem Interesse entsprechen. Es 
gibt schließUch auch Fälle, wo nicht eigene Interessen 
es sind, die die Gewaltanwendung nahelegen, sondern 
die Interessen anderer, dem Täter nahestehender Per- 
sonen, etwa seiner Familie oder seiner Freunde. 

Ein zweites Motiv, das manchmal zur Gewaltanwen- j 

düng drängt, gehört in einen anderen Bereich: es sind \ 

die menschlichen Leidenschaften. Es mag sich dabei 
um vorübergehenden Zorn oder um dauerhaften Haß 
handehi. Hierher gehören viele affektive Impulse, wie 
zum Beispiel der der Rachsucht. Auch dies ist allge- 
mein bekannt. 

In einigen sehr seltenen Fällen entstammt ein Motiv 
ziu* Gewalttat einer ethischen Sphäre. Das mag etwa 
der Fall seui, weim jemand durch emen plötzlichen ge- 
waltsamen Eingriff ein Unrecht verhindern will und 
dies wirklich oder vermeintlich nm- durch Anwendung 
von Gewalt erreichen kann. Und es gehören manche 
Verbrechen hierher, die unter ethischen Impulsen oder 

doch unter Mitwirliung elhisrhcr Impulse zustande ge- 
kommen sind, wie etwa die Tat des Teil. Es ist aber 
eine Frage für sich, wie wn diese Motive beurteilen; 
wenn wir sie als ethische Motive bezeichnen, liegt darin 
an sich naturgemäß keine Billigung, sondern nur die 
Feststellung, daß subjektiv als sittliches Gebot auftre- 
tende Forderungen ein Motiv zur Gewalttat gewesen 
sind. 

104 



In allen diesen Fällen handelt es sich um Motive, um 
durch die Gewalltat einen bestimmten erwünschten Zu- 
stand zu erreichen oder einen unerwünschten Zustand 
zu vermeiden, ob das Motiv nun das Interesse, die Lei- 
denschaft oder ein Gebot des Gewissens ist. Es mag 
aher auch sein, daß Kampflust zu gewaltsamem Han- 
deln drängt, daß man Freude am Kampfe selbst hat. 
Dergleichen gilt für manche, meist harmlosere Fälle des 
Raufhandels. 

Seltsamerweise findet man unter den Motiven zum 
Kampfe manchmal auch die Angst. Das ist etwa dann 
der Fall, wenn jemand einem Angriff emes anderen 
zuvorzukommen wünscht. Es mag dann sein, daß seine 
Überlegung berechtigt ist, daß er wirklich so einen An- 
griff zu erwarten hat, oder daß diese Drohung des an- 
dern nur in seiner Einbildung existiert und daß er ihm 
Absichten zuschreibt, die jener gar nicht hat. Und im 
ersten Falle, wenn er wirklich guten Grund hat, einen 
Gewaltakt des andern zu erwarten, kann es sein, daß es 
klug ist, ihm zuvorzukommen — in diesem Falle wäre 
das Motiv der Gewaltanwendung im Grunde schon wie- 
der das eigene Interesse — , es kann auch sein, daß der 
präventive Angriff nicht notwendig ist, daß der Mensch 
nur von seiner Angst zu ihm verleitet wird und der 
Mutigere es darauf ankommen üeße. Die Angst spielt 
eine Rolle auch bei einem anderen Kampf motiv. Es 
gibt Menschen, die das unabweisbare innere Bedürfnis 
haben, immer zu siegen, nicht nur dort, wo es auf die 
Erreichung eines Zieles ankommt, sondern um des Sie- 
ges selber willen. In manchen Fällen handelt es sich 
da um eine geheime Angst, der Unterlegene zu sein, die 

immer erneut durch kleine Triumphe beschwichtigt 
werden muß. 

Wir können keinen Anspruch darauf erheben, in der 
Aufzählung der Motive, die den Menschen zum Kampf 
mit einem andern, unter Umständen auch zur Gewalt- 
anwendung drängen, vollständig zu sein, doch scheint 

105 



'mv 



ein gewisser erster Oberblick viclleichl erreicht Wir 
bTz'rhnen" "^ "''"^'' ^"^ OewaUanwen.lung 

ö(e Gegenkräfte. ' 
Allen diesen Motiven «f«^«» ■ i . 

gegenüber, eimge davon Mnf ""''",«' Gegenkräfte 
Gemeinschaften wirksam 1h '" ''™ zivilisierten 

Umständen. ' '^'*'^" «'i^'<en unter allen 

Es mag etwa sein tlnl\ ,i„- /^ 
fen möchte, stärker' ist alf ^'^"'"■' "*=" """' '"^'''■ 
Würde daim kaum zu dem „ ™'" '"^"'■^'- "«'• Angriff 

Oas eigene Interesse empne,r":"''":r ^""^ """"■""■ 
Oder der Gegner ist vielleich „• T ''""^ a'^zustehen. 
gleich stark oder lunUnS star "'"''"''' ''"'' '""'' 
des Kampfes fraglich zu" machen 'nn" ''"' '""^'"'^ 
selbst nicht stark, aber andere i,,,, - "'" '"' '^'' 
Hilfe kommen und so das K.-r, """^en ihm zu 

sten des Angreifers verschiebe ''fn''"'' '" ""S""' 
auch sein, daß die Kräfte des (i ^<='"'«ßlich mag es 
schätzt werden und man darum "'^'^'* "b«rtrieben einge- 
gehalten wird. ^'"" Kampfe zurück- 

In der zivilisierten Gcmeinichift „ ■ 

daß bei versuchten oder au' 'f^ih '"'-'" "' '™"''"' 
gen andere außer dem AngStd^S,,^--''^'<ten ge- 
regelmäßig noch ein Akteur LTu ", angegriffenen 
die Staatsgewalt, b, Form des PoUzti'm'''' "'•'''='''=''"•■ 
Gewaltakt verhindert, wenn L zÜre ht f'' '" "'" 
andernfalls den Täter, wenn er entdeck ^°T'' "'"' 
richten überstellen wb-d. Das ist ein i ' '^^" ^''' 
Motiv, das den MoUvcn zum Karnnf/"" '^'"'^^'"^^^ 
A>uk,-e Gogenkfäfl. btn.non uT er' f ^'-"^'f r 

Affekte. So mag man etwa ür d.e P '■ " 

we:ir.oi=L^f^,:rs-„t;-r 

Impulsen, die aus dem Interesse oder de^ , eidenschaf" 

106 



er von anderen Quellen her zur Gewalttätigkeit drän- 
gen, doch auch das Bedürfnis empfinden, Rücksicht 
^\ den andern zu nehmen, ihm nicht weh zu tun, 
\\eil irgendein Stück Zuneigung oder Mitleid oder ähn- 
liches mehr wirksam ist. 

Wieder andere, sehr allgemeine und sehr starke Mo- 
ive gegen die Gewalttätigkeit kommen aus dem mensch- 
ichen Gewissen, das ja die Gewalttätigkeit in der Regel 
verpönt. Der Fall ist alltäglich, daß jemand durch den 
i^mspruch des eigenen Gewissens von der Ausführung 
einer feindseügen Handlung zurückgehallen wird. Diese 
Gewissensverbote sind so allgemein und im Kultur- 
menschen so entscheidend wirksam, daß viele Krimi- 
nalisten meinen, daß sie allein in der Kulturgemein- 
schafl schon ausreichen, um die schwersten Verbrechen 
zu verhindern, und daß sich etwa die Zahl der Morde 
nicht sehr wesentlich vermehren würde, wenn es kehie 
Strafsanktion für den Mord gäbe und die Verhinderung 
dieser schlimmsten Untaten im wesentlichen nur dem 
menschlichen Gewissen überlassen bliebe. 

Wenn die Angst, wie wir gesehen haben, dazu ver- 
leiten kann, einem mit Recht oder Unrecht gefürch- 
leten Angriff zuvorzukommen, so mag in solchen Fällen 
der Mut ein Moüv des Friedens sein. Schheßlich mag 
auch nicht unerwähnt bleiben, daß es für viele Men- 
schen eine Neigung zur Unterwerfung gibt und daß 
auch diese Tendenz eine Quelle der Verträglichkeit oder 
ein Motiv für das Abstehen von aggressiven Handlun- 
gen sein kann. Die hier aufgezählten Motive, die wie- 
derum nicht den Anspruch auf Vollzähligkeit erheben 
mögen Motive des Friedens heißen. Man kommt so 
leicht zu der Formel, daß eine Gewalttat zwischen Ein- 
zelnen zustande kommt, wenn die Motive zur Gewalt- 
anwendung stärker sind als die Motive des Friedens, 
^nd daß sie unterbleibt, wenn das Kräfteverhältnis 
zwischen diesen beiden Motivgruppen das umgekehrte 
isl, Die Erfahrung zeigt, daß zwischen den Individuen 



' 



107 



-r^^ 



einer zivilisierten Gemeinschaft zumindest gröbere Ak c 
der Gewall recht selten sind und dalJ also in der Mehr- 
zahl der Fälle die Motive zum lYieden viel stärker 
sind als die Motive zum Kriege. 

Es mag übrigens ein merkwürdiger Zug an den S" 
gezählten Motiven unser Interesse in Anspruch nehme"- 
Wir sehen, daß wir auf beiden Seilen ähnliche seeh- 
sche Kräfte finden. Das Interesse ist es, das manchmal 
zum Kampfe drängt und doch auch wieder zum Frie- 
den mahnt. Die menschlichen Affekle <lrängen zunj 
Kampfe, wenn es sich um Zorn oder Maß handelt, und 
zur Friedüchkeit, wenn es Liebe ist, doch drängt Liebe 
zu einem Menschen manchmal zum Kampf mit dem 
Widcrsaclier der geliebten Person und die Abneigung 
gegen einen Bedrohten zur Verlräglichkeit mit seinem 
IJedroher. Angst ist ein Kampfmotiv, wenn man einem 
gefürchteten Angriff zuvorkommen will oder durch 
Kampf und Sieg eine innere Angst beschwichtigen wiUi 
sie ist ein Friedensmotiv, wenn man zur Verhütung der 
I'olgcn vom Kampfe abzustehen veranlaßt wird. Mut 
ist ein Kampfmotiv und in anderen Fällen, wie wir 
gesehen haben, ein Motiv des Friedens. Und schlicßlicb 
finden wir auch die sittlichen Gebote auf beiden Seiten 
der Reihe vertreten. Man kann so wahrscheinlich von 
keuier der seelischeu Regungen sagen, daß sie eüi- 
deutig nur zur Gewaltsamkeit oder nur zur Friedlich- 
keit wirke. 

Man könnte hier eine Reihe von Problemen aufwer- 
fen. Man könnte etwa fragen, ob die Interessen in allen 
jenen Fällen, in denen sie eine Gewaltanwendung nahe- 
legen, immer unversöhnlich sind und ob es nicht viel- 
fach auch Wege gäbe, diesen Interessen ohne Anwen- 
dung von Gewalt zu dienen. Man kann ferner fragen, 
wie die menschlichen Leidenschaf len beschaffen sind, 
woher die gewaltige Haßbereitschaft der Menschen 
kommt oder ob sich diese Leidenschaften im Verlauf 
der Kultm-entwicklung zu modifizieren scheinen; oder 



108 



Wie die Kampflust zu erklären ist wie d'^J^^^^^^ 
zur Ängstlichkeit oder der Mut, und die bestimme 
Techniken, um die Angst zu bewältigen; ob das » 
lutionelle oder erworbene EigentumUchkeaen d ^ M ^^ 
sehen sind; ob die Pädagogik Mittel hat, hier et^ 
ändern. Oder man mag fragen, woher <^^ J^^^^^'^ "^^j, 

das Gewissen Einspruch gegen f^«^;'''"'^'^" '^'^Xnen, 
doch der menschlichen Natur nahezuUegen scheine , 
und ob dieses Gewissen eine E^l^^^'^'^l'^^^ "« Kultu 
Prozeß durchzumachen scheint. Ferner .«^l'beßhch^w 

es geschieht, daß die Menschen «-l^'^nTer Gewalt 

Schäften leben, welclie gewisse «f Ölungen ae 

mit Straf sanküonen bedrohen, und v'fles andere me 

All dies wären Probleme zum Verstandnxs^der Mo 

zu Gewaltakten und der Motive zur Versohnhchkei 

einzelnen. 

Die KamptmoUve unä Frieäensmotioe bei Massen. 

dabei vorläufig noch nicht an jene m.«. b . 

organisierte Staaten oder damit --g'«"^"?^'^^^^'^;^ 
sationssysteme bilden, sondern -^ jf^^'^^^^^^ 
Massen, von denen diese nur einen Fall büden. Un ere 
Überlegung soll also auch Parteien, ^el anschau ehe 
Bewegungen und Gruppen aller Art, auch Iransitorische 
Massen, die sich nm- vorübergehend zusammenfinden, 

"Interessengegensätze, die nach der Anwendung von 
Gewllt zu Verlangen scheinen gibt es auch hie. Es 

rc^^^r^S^Älfo^iau. 
^^l^fLl^i^M^SSTdl^^r luder 



109 







li 
M 

V 






i i 

1 

i 

1 





Masse die HaupUasl der Entscheidung zumeist bei 
einem oder wenigen Personen ~ bei einer führend 
Schichte liegt. 

Leidenschaften mögen auch Massen zui* Gewalt dra 
gen und man liat im ganzen den Eindruck, daß diese 
Falitor bei Massen eine gröfJerc liolle spiele als bei 
Individuum, da sie, worauf alte Beobachter bisher hi" 
gewiesen haben, in höherem Maße von Leidenschaiic 
gelenkt werden. Der größere Einfluß der Affekte a^* 
das Massenhandeln ist die Ergänzung zu der zuvor c^' 
wähnten Eigentümlichkeit, daß eine Abwägung von 
Interessen bei Massen in geringerem Maße stattzuhaben 
scheint als bei Individuen. 

Die etlnsche Forderung, zu kämpfen, scheint bei Mas- 
sen eine größere Rolle zu spielen als bei Individuen, 
bei denen wir ihr nur als einem seltenen Ausnahms- 
fall zu begegnen meinten. Kampflust finden wir aber- 
mals als Motiv zur Gewall und auch die Angst, die 
dazu verführt, einem erwarteten Angriff zuvorzukom- 
men, oder die durch das ständige Verlangen nach 
Kampf und Sieg beschwichtigt wird, finden wir auch bei 
Massen wieder. 

Unter den Motiven zum Frieden begegnet uns wieder- 
um die Rücksicht auf die Stärke der Gegner, die den 
Kampferfolg in Frage sleUt. Doch scheint es, daß durch 
die geringere Fähigkeit der Massen zu nüchterner Be- 
rechnung dieser Faktor manchmal ausgeschaltet ist; ihn 
können offenbar nur die Führer der Masse zu einem 
Faktor iln*er Entscheidungen machen und er ist nur so 
weit wirksam, als er diese Führer beeinflußt. 

Das wichtige Motiv der Intervention der Staatsgewalt, 
das dem Einzelnen die Gewaltanwendung widerrät, fällt 
bei Massen häufig weg. Bei jenen Massengebilden, wel- 
che Staaten oder ihnen vergleichbare, praktisch sou- 
veräne Organisationen sind, fäUt er völlig weg, da es 
eine Zenü*algewalt, der sie unterworfen wären, nicht 
gibt. Aber auch andere Massen haben die Intervention 



110 



der Staatsgewalt oft nicht .u fürchten, we 1 s e zu 

mächtig sind oder aus anderen ^runden. Ja seÄst bei 

den transitorischen Massen, die sich vorübergehend bU 

den und etwa eine Ly-hjusüz vornehmen, aUd-e 

Gegenmotiv praktisch weg, obwohl de Staats 

vorhanden und zum Einschreiten gewdlt ' ' ^-^^^^j | 

zelne fühlt sich in der Masse straflos "n^jr behai || 

auch häufig recht damit, da sich die ''n°">^; ;^j 

dem Zugriff der ahndenden Staatsgewal oft enUieht 

und diese fast immer nur einige wenige aus der Masse 



'^-^Motiv der freundlichen Gefühle ^^^ 
nähme auf den andern dürfte hei ^*^.f *=" ^"!;£""eLr 
Rolle spielen als bei I'^<i'-''X"'dirLiebeTderdie Ge- 
Massenbildungen, welche gerade ^'^ Liebe oq 

waltlosigkeit auf ihre Fahne 8««^^ ^"j/^^o'ewalt 
etwa die Quäker. Die siUUchen Gebote, die di ,^ ^^^_ 

verpönen, treten ^''^'•'■'''^^'X \nchX^, Art Mut, der 

gleich zu Individueu ^>^"'=!;- f "f^ ^^^' es darauf 

bei einem befürchteten Angriff von wgne 

ankommen läßt, ist wahrscheinhch ^^^"^ ^['^ ^^,,„ 

Massen. Wo dergleichen als l^^'^^'^'^T ^^ ^Zer, 

auftritt ist es wahrscheinlich ein Motiv der i-unrer 

n^ht der ganzen Masse. SchUeßlich scheint es mir, daß . \\ 

auch die Neigung zur Unterwerfung seltener bei Massen 

begegnet als bei Individuen. ^ 

Man sieht so, daß die Motive zum Kriege und die 
Motive zum Frieden durch die seelische t.ge"U.mUeh- 
keit der Massen manche Veränderung erfahren^ Eme 
weitere Komplikation tritt hei Masseu dadur h au^, 
daß, wie erwähnt, die Handlungen ""^^^l"*". f "f '^"^ 
die der führenden Schichte angehören «der -uf sk. 
Einfluß besitzen, gleichfalls zu ^^^'^ksichtigen s.n<l 
So mag es zum Beispiel sdn. daß -e fuhre^nden 
Individuen sich nur von den j""^'^'^''''", " , 
nach ihrem besten Wissen mid Gewissen 1«^° ' fX 
In diesem Falle ist, soweit die Entschlüsse dieser Fuh 



111 



rer in Frage kommen, die Sachlage ähnlich wie bei de 
Inlcressen einzelner. Es kann aber aneh sein, daÖ o^^ 
Imlividuen von IMvalinteressen j»elcitet sind. Ebenso 
können auch alle anderen MoUve als private Motive de 
Individuen auftreten, die die Masse beherrschen; so l^ 
zum Heispiel außer der Leidenschaft der Masse aUcH 
die Leidenschaft einer führenden Persönlichkeit zu ^^' 
i-ücksichligen, die vielleicht eine pcrsönUchc Hache ver- 
folgt. So sind alle Motive zum Kampf wie zum Frieden 
noch einmal für die cinfiuIJreichcu Individuen zu stu- 
dieren. 

Im ganzen gewinnt man den Kimh-uck, daß die Rei^^ 
der Motive zur Gewalt bei Massen im IJurchschnill stär- 
ker, die Reihe der Motive zum Frieden im Durchschnitt 
schwächer ist als bei Individuen und daß Massen dahe^ 
im Durchschnitt häufiger zur Gewaltanwendung u^^' 
gen als einzelne. 

Für unsere Untersuchung erwächst die Aufgabe, sich 
mit der Psychologie der Masse zu beschäftigen und das 
Problem der Herrschaftsverhältnisse in Massen wenig- 
stens zu streifen. 

Die Modifikation der Kampf motive 
und Friedensmotive bei Staaten. 

Wir gehen nun auf jene organisierten Massengebilde. 
die man Staaten nennt, über. Wir müssen uns dabei 
zunächst nicht mit der schwierigen Frage der Defini- 
tion des Staates befassen und dürfen uns damit be- 
scheiden, daß der etwas schwankende Gebrauch dieses 
Wortes in der Alltagssprache für unsere Bedürfnisse 
genügt. 

Für die Interessen gilt etwas Ähnliches wie das zu- 
vor für Massen Gesagte. Auch hier Uegt die Handhabung 
dieses Pimktes in der Hand der Fülirer, die aber zu- 
folge der KontmuitäL des Staates, seiner U-aditionelleu 
und mancher anderer Merkmale, die den Staat unter 



112 



1-1 



anderen Massenbilduugen auszeichnen, z.ur Veilrelun 
der Interessen des Staates im allgemeinen besser ge- 
schult sind als die Führer mancher anderer Massen- 
gebilde. ^ ■ ,• i, 
Leidenschaft alsMoUv zum Kampfe i^t ^^hrschemUch 
ähnlich zu würdigen wie bei anderen Massengeb.lden 
doch auch hier zu erwähnen, daß an d.e Fuhrer des 
Staates die Forderung zur Leidenschaftslosigkeit zum 
wenigsten gestellt wu-d. Sitthche Gebole «P'^1™ J-'^ 
Motive zur Gewaltanwendung eine ungeheuere Rolle. 

Es sei nur auf einen Unterschied zwischen der Gel^ 
lendmachimg der Interessen durch den I;''^^^'^en und 
durch den Staat verwiesen. Der Einzelne hande t gewiß 
oft, wahrseheinUch zumeist, zu Gunsten seiner n er 
essen; doch erscheint ihm die Verfolgmig seiner Mer 
essen in der Regel nicht als etwas -"'^^/t'f J^"^^^. 
wertiges. Sie erscheint sittlich «■"'^-"■^^^f; .''"^r t^ 
lieh geboten. Anders bei Staaten; ^as Emü;eten fur^ie 
Interessen des Staates ist Pfücht und hat für das Emp 
finden der Menschen eine hohe ethische Wurde. Han 
delt es sich doch dabei nicht eigentlich -«^'l^e «igen^. 
Interessen des Staatsbürgers, sondern um die der Ge- 
samtheit. Diese Zustimmung des Gewissens verleiht 
den Interessen eine mächtige Stoßkraft. Mit den anderen 
Kampfmotiven dürfte es sich kaum wesenthch anders 
verhallen als bei Massen überhaupt. 

Unter den Motiven zum Frieden begegnet wieder die 
Stärke des Gegners. Wenn hier ebenso wie bei Massen 
gesagt werden muß, daß die Völker zumeist kaum in 
der Lage sind, diesen Faktor nüchtern «^'n^^^f^a^^ff' 
so muß doch andererseits erwähnt werden, daß den 
• Führern des Staates zumeist eine sorgfaltigere Beruck- 
sichügung zugemutet werden darf als den Fuhrern 
mancher anderen Massengebilde. 

Die Intervention der Pohzei fällt gänzlich weg^ Es gibt 
keine wellumfassende Gemeinschaft, die die Exekution 



8 Almanacli 1938 



113 



vornehmen könnic. Dies isl bckannllich der Punkt, an 
dem die pazifistischen Bestrebungen des letzten Men- 
schenalters eingesetzt haben und die Versuche, für 
Staaten etwas zu scliaffcn, was dem Eingriff der Staats- 
gewalt für den Einzelnen entspricht. Wir werden uns 
mit der Möglichkeil solcher Unternehmungen später 
zu beschäfligcn haben. Für jetzt genügt die Fcstslel- 
lung, daß bisher keine solche wirksame Instanz be- 
standen hat. 

Das Motiv der Rücksichtnahme auf den andern, der 
durch die Gewaltanwendung betroffen wird wird bei 
Staaten kaum angeti-ofien werden. Der Staat und die 
Staatsbürger fühlen sich nicht verpflichtet, sich um das 
Wohlergehen der andern zu kümmern, zumindest nicht, 
soweit es mchl aucli im eigenen Interesse gelegen ist. 
Wir begegnen hier wieder der Tatsache, daß es keine 
allumfassende Gemeinschaft gibt oder daß doch die 
Ansätze dazu, die etwa das Christentum und die Hu- 
mamtatsidee geschaffen haben, nicht sehi- wirksam 
sind. 

Das sitliidie Gebot, das der Gewaltanwendung ent- 
gegcnslelien würde, wird man bei Staaten selten als 
Gegenmotiv des Krieges begegnen. Erscheint docli zu- 
meist gerade als sittliclies Gebot, dem eigenen Gon.ein- 
wesen zu dienen. In jüngster Zeit gibt es in einigen 
Landern Ansätze zu solchen Gewissensforderungen, wel- 
che den Krieg verpönen. Doch handelt es sich auch 
hier zumeist um eine moralische Forderung, welche die 
Leiden des eigenen Volkes im Itriegsfalle verurteilt, 
und nur viel seltener um eine sittliche Forderung, wel- 
clie^^eme Gewaltanwendung gegen einen andern ver- 

Mut als Element des Friedens wird man bei Staaten 
ebenso wie bei Massen häufiger als Eigenschaften 
eilender Incividuen als der Volksmassen finden. Die ^ 
I-reude an der Unterwerfung als Motiv zum Frieden ■ 

114 



si^^*^ ^^^ ^^^ solchen Staaten anzutreffen sein, die 
fmcle"^ ^^"^™ Zustande der Auflösung als Staat be- 

Ind"^^ ^^^"^ Staate sind ebenso wie bei der Masse die 
be - i ^^" otJer Schiebten, die ihn beherrschen, zu 
rucksichligen. Auch hier kann es ebenso wie bei der 
asse sein, daß sie nicht nur die Interessen der Ge- 
•amtheit vortreten, sondern daß sie ihren eigenen In- 
teressen dienen oder aus eigenen Leidenschaften han- 
dln. So ist auch hier wiederum das Spiel der Motive 
nd Gegenmolive für die einzelneu zu verfolgen. Dazu 
vommt, daß die Traditionen eines Gemeinwesens diesem 
eine bestimmte Art von Handeln nahelegen und das 
JJiag einmal zum Kriege und in anderen Fällen zum 
^neden drängen. Es ist ferner zu berücksichtigen, daß 
^|e Stabilität des staatlichen Gemeinwesens dahin ten- 
diert, der Slaatslenkung ein Mehr an rationalem Han- 
dehi aufzuerlegen, als dies bei Führern transitorischer 
Massen der Fall ist. 

Aus allen diesen Umständen ergibt sich eine Fülle 
von Problemen. Die Psychologie des Staates muß unser 
Interesse erwecken. Wir werden uns mit der Frage be- 
schäftigen müssen, warum die eigenen Interessen, die 
heim Individuum zumeist nicht als besonders sittlich 
erachtet werden, eine ethische Würde bekommen, wenn 
es sich um die Interessen einer staathchen Gemem- 
scüaft handelt. Wir werden uns der Frage der Tradi- 
tionen und Ideen zuwenden müssen, die das Handeln 
eines Staates beeinflussen,- und schließlich wird die 
Frage auftreten, warum es keine ökumenische Gemem- 
schaft gibt und welches ihre Möglichkeiten sind. 



l\' 



8» 



über Wesen und Aulgabe der seeliscbeo 

Hygiene 

Von Heinrich Meng, Basel 

Teilweise Wiedergabe der Aidriltsvorlesunj 
ron Heinrich M c inj, für den ein ^/\fa- 
für Psijchohijqivne an der mcdizimscnen 

kuUäl^der Universität Bauet ''^'•"■^''''' "j meis- 
Vollständig erschienen in der „Praxis, ^^{^!f 
Rundschau für Medizin", Hern, Juli lif'>'- 

Seelische Hygiene ist ein vom Leben selbst in Zusa 
menhang gebrachtes Anwendungsgebiet vieler Eria 
rungskreise. Ihre wisseuschafüichen Quellgebiete si" 
Medizin, Biologie, Soziologie, Psychologie, Pädagogi ' 
Ethik, Hechlskunde, Kriminalislik, Rassenkunde und 1^^ 
(Tcnik.' Mit den Ergehnissen dieser Wissenschaften soU^^ 
die Erfahrungen des praktischen Lebens in VergleiclJ 
gesetzt und in Übereinstimmung gebracht werden. Erst 
dann können Schlüsse für das wcilausgedelinlc Anwen- 
dmigsgcbiet gezogen werden. Es erstreckt sich auf die 
Erfahrungen der Bedingungen, unter denen der MenscU 
als Einzelner und als Teil des Ganzen sich seeliscli 
ßünslig entwickelt, und auf die Ausnutzung dieser Funde 
für das Ziel der seelischen Hygiene: der 
gesunde Mensch und die gesunde Gemein- 
schaft Das Arbeitsgebiet der seelischen Hygiene um- 
faßt das Individuum und die Gruppe in jedem Umfang- 
nip Gruppe als Menschenpaar, das seelisch gegenseitigen 
^lörmiaen ausgesetzt ist, die Gruppe als Famiüe und 
als Gemeinschaft, als erweitertes Ich, aber auch als 
Organisation, die der vergesellschaftete Mensch immer 
wieder schafft, auch die Masse als vorhergehende oder 
langer dauernde Anhäufung von Menschen. Die seelische 
Hygiene hat den einzelnen und die Gemeinschaft psy' 
cho-hygienisch zu beraten. Weit darüber liinaus strebt 
sie als Schicksals-, Volks- und Menschheitshygione da- 

116 



nach, Menschengruppen gegen «''^f ^-'« rdfpide- 
sich in Süchten, seelischen Seuchen, Selhsimu 
mien und Kriegspsychosen äußert zu leie . ^.^ 

Zum Erreichen dieses Ziel <= ^ ^ ^^^ 

seelische Hygiene die Mithilfe der Wissen chaftu.^ 
Empirie. Im'prinzip besieht -— ^^ t« des 
gensatz; ein solcher besteht nur '"■; ' ^usammen- 

Fortsehrittes. Die Empirie verfugt nicht übe. ^^^ 
fassende Lehren, auch vereinfacht "^^^^^ \l,ä, 
nisse mit Hilfe von Theorien und yP°*f ^j, wis- 
greifen immer wieder zu neuen ^^l'"'^^''^^- ^^^s^ibe- 
senschaft tut es nach ^"=- ^^^-^-^^rEindrücUen und 
Ziehungen, die Empirie auf ^rMd von ^^_ 

unbewußt erfaßten 2"^--"«=f ^^^^^„d "och iehi Hy- 
pirie und prüfende Verwendung sind noc^^^^^ ^.^^^, 

giene, aber sie stellen der Hygiene B Erf.hrungs- 

zur Verfügung. Die W-seu^cha^^" -^^^^^ ^^^^.^^^ ^.„, 
gebiete, aus denen die ^eeliscbe riyfe . ^^er 

ihrerseits auch N"'™-«^- fp^^a ^„en Ärzten, Krimi- 
Hygiene .ill nicht ""■• den Pada,Oo .^.^^^^ ^^^^_ 

nalisten, Gesetzgebern, ^taatsmannc Auskünfte 

sorgern und Schriftstellern --<=^^f ^^ fzur Verteidi- 
geben und Vorschlage machen^ Sie st ^ ,„ 
gung der seelischen Gesundheit aueh ^.^^^^ 
sie, damit sie nicht über anderen Aufgaben ^^^^^ 
die Notwendigkeiten eines gesunden seehscue 
zurückstellen oder übersehen. Forderungen 

In ihrem Streben, ein MaKimura an i or b 

durchzusetzen, um die seelische .G-^dung de emzel 
nen und der Masse zu gewährleisten, hat die seeliscn 
Hygiene vieles zu fordern und zu fördern "manche zu 
verbieten und zu verhindern. Ihre Maßnahmen sollten 
bessere Bedingungen der seelischen Gesundheit scM- 
fen, als sie früheren Generationen ^"'•Verfügung si^ 
den. Sie will den Bestand an Fähigkeiten sichern und 
dabei eine möglichst große Anpassung crre^hen bei 
des mit Erhaltung der inneren überemstimmung 



tai 



sehen den einzelnen Fähigkeilen sowohl im l^^en^U 
Verteidigung wie der Angriffskraft in F"o^tschriU 
Anpassung. Dcshall) vorlangt sie eine Erziehung, die^ 
Kindheit gerecht wird und in ihrer Fernwirkiuig a 
bei dem später Erwachsenen dessen Arbeitsfreude 
Liebesfähigkeit sicherstellt. 

Unsere Hygiene muß daher gleichzeilig Elemem ^ 
hyglene und Kulturhygiene sein. Unter Elemenia^^ 
hygienc verstehen wir die allen Menschen als L. 
wesen nötige individuelle Gesundheitspflege, unlcr K" 
turhygiene die durch die geistige KuUur e"^^^^^ 
dene Hygiene der spezifischen Anpassungsformen. 1^^ 
Kultur vergrößert und vermehrt die möghchen Lebens- 
kreise, sie schränkt aber auch den Lebenskreis ein, 
in den sie den einzehien hineinzwingt. Die Unsicherhei 
des Schicksals des Kulturmenschen erfordert jedocbr 
daß das Individuum die Fähigkeit erwirbt und behalt. 
vielen Umwelten, von den natürlichen einfachen his 
zu den kompliziert kullivierlen, gewachsen zu sein und 
zu bleiben. Es ist nötig, die verscliiedenen Ansprüche 
zu vereinen. In der Theorie ist das leichter mögUcli 
als in der Praxis, in welcher die Arbeit des einzelnen 
und der durch sie erworbene Lohn, die Leistung für 
den Staat und dessen Gedeihen dem hygienischen Ideal 
vorauszugehen haben. So kommt es, daß oft die Le- 
bensführung zu einer einseiügen Entwicklung der Fä- 
hißkeiten führt und auch auf die nötige Prophvlaxe 
verzichtet wird, so daß es zur tatsächUchcn Schädi- 
ßung fülu-t und unsere Aufgabe nur mehr sein kann, alle 
Vorkehrungen zu treffen, damit die Schädigung nicht 
zur Unbehebbarkeit hcranwäclisl. Gerade die Frage 
der Organisation dieses Emgreifens in Formen des 
individuellen Selbstschutzes, der Fürsorge, der Versiche- 
rung, des staatlichen Zwanges beschäfügt heute mehr 
denn je Sozialpolitik und Verwallimgskunde . . . 

Im allgemeinen wird leider die seelische HygieO^ 
nicht von Anfang gepflegt, und so muß sie immer ^vie- 




der die Folgen früherer Vc-tö.e ^U^;|nae>. ^-' j;; 
*>rgen, daß der wieder gesunde Organi« ^.^^^^ 

menden Ansprüchen gefestigt gegenuberste. ^ 

Arbeitsgebiet wird die F-;^;™"„^ J„,'bUcU die Krank- 
mühen gestellt, nicht "«"• *"5^'''=" p^ler gutzumachen, 
heiten oder die ^o^^^^J^^^J^t^Ze! Organismus 
sondern im wahren Sinne des d h so zu be- 

und die Seele wieder „heil" zu »^^^«^ ; ^^kuntt bleibt, 
eintlussen, daß keine Schwächung lur a ^^^^^ ^^^ ^^^ 
Also Heilung möglichst ohne ^J^<'^. j^, diesen De- 
Defekt mivermeidbar war, ist "•'^ "/^ ji^mungen über 
fekt vorzuschreiben, wozu oll ''"'■' ..adius gehören, 
das Ausmaß des übriggebUe^nen AUK-n^ad^^^g^^^^^^ 

Die Defektwirkung geht "'^^^ „ hinaus. Hinzu 

oder den Verlust -"-^^, /^^'"ersönlichkeit, den 
kommt der Schaden -■ " ^ J^~ d der Schwäche 
wir nicht als einen stahschen j^i^^hr Abwehr- 

auftassen dürfen. Der Df " "^ F^,„uüonen beein- 
erscheinungen hervor, die ^"^ „Sensationen für die 
trächtigen. Anderseits koimen Kompens^ ^^ ^^^^ 

Defeklfolgen eintreten, «f,\'=.f'l?m weitesten Sinne 
die Aktivität der Perso^nhdikea ^^ ^^^^^^_. ^ejekt- 

des Wortes - steigern. Die ^i' ^ später - 

bewegung hat Nietzsch erka^^"^ Adler in 

wohl unter Nietzsches Einfl«« ^ ^^_ 

seiner Lehi-e von der Organminderwerügke 
ren psychischem überbau beschrieben. Sigm.. 

gelang es, in seinen "/f^^^'^^f i",,^tue S r"k'- 
zißmus (SelbstUebe) und über die P'*y=^'^^^<= verschie- 
der Persönlichkeit die Erscheinungen " f '^ ;^;7„^,„. 
denen Bereiche getrennter P^^'^^^^^'^^'n'^'.'f^r je nach 
ordnen und auch die Quellen *■•«'• ^Jf^^f,,; Ver- 
den zugrundeliegenden T"^\'"'"'P°"!"' ^vlak sehe Em- 
ständnis zu erschließen. /^-'^^f/J^.S Verbessert, 
greifen w-urde d«'|-; ^fpfe u d rAbwehrmechanis- 

Vor kurzem hat Anna ireuu 
men des Ichs monographisch dargesiellt ui.d 

119 



Schichten, Instanzen und Hi<-,hlun^eu der Abwehr be- 
Scnicnu-i ....^^.i.iandori^ehLitlen. Vom Standpunkt der 

Z^. w ^n^ch w.chti., den Unterschied .wiscU^ 
Sem und krankhaften. Narzißmus klarzulegen, vv.e 
rTin einer kürzlich erschienenen Abhandlung von Fe 
dern geschehen ist. Mir selbst fiel bei Untersuchmigen 
die mich zur Aufstellung des Krankheilsbegnffes der 
OrfianpsYchose" führten, auf, daß oft zwischen der Art 
der Ich-Slörung in der Kindheil und den späteren U-r 
krankungen von Organen und Organsystemen enge \er- 
bindungen bestehen. 

Die psychische Hygiene findet, ebenso wie die p^:f 
chischc Therapie, die größten Widerstände bei Men- 
schen mit krankhaftem Narzißmus. Unsere Aufgabe ist 
CS die seelischen Energien vom Ich abzulenken 1»^^ 
das Individuum zu veranlassen, seine Interessen der 
Umwelt und ihren Objekten zuzuwenden, auch an den 
Interessen der Umwelt teilzunehmen. Hierzu müssen 
wir aber Wege zur Befriedigung des normalen Narziß- 
mus zeigen und freigeben. Auch die Heohachlunge» 
Wallhards über den anatomischen Defekt und seine 
sceUsche Auswirkung, seine vielen Erfahrungen mit 
PcrsönUchkeilen, die von Nalur, durch Krankheit oder 
Unfall körperlich behindert oder beschädigt wurden, 
zeigen, was eiTcicht werden kann und mit welchen 
Mitteln es erreicht wird. Unsere Untersuchungen und 
Beobachtungen an emer großen Anzahl körperlich 
Bcliinderter, die wir vor emigen Jahren in Frank- 
furt durchgeführt haben, bestaUgen die Ergebnisse 
WaUhards. 

Alle Erfalirungcn darüber, wie ein Organismus durch 
einen Defekt geschädigt wird, lassen uns auch die Be- 
deutung des psychischen Traumas richtig verstehen. Je- 
des psychische Trauma bedeutet zunächst eine plötz- 
liche Üherbclaslung, die sofort zur Ich-Störung imd 
zum vorübergehenden Einstellen von Funktionen führen 
kann (v. Monakows Diaschisis). Darüber hmaus 



120 



bleibt eine dauernde Verlel.theit '-urückO^;lf„^!j",^\';^;, 

Erseheinungen, zum Teil die «'"f^ .^;^^„'^" '^ ^ e di« 
zur Folge hat. Die allgemeinen K^h-Storungen 
Überreiztheil und Reizbarkeit, die früher viel zu 

als konstitutionell bedingt erklar -^^^f ''";/'r4u,h ein- 
der Abwehrkraft, die Angslbereitscha t und Huc 
Stellung können zur dauernden Abnormität ^^^ 

wenn die Hygiene nieht emgreift. D.e TciUolg 
traumatisehen Einwirkung "est.mme^ d^ emz^_^^^ 

Symptome und rufen -^-''--^^^f ^ ^^ „ die Sym- 
hervor. Die letzteren gehen zum Teil «'^«« p ^o- 

ptombildung ein. Jede Neurose auch em'-e^n« J 
sen, sind traumatogene Umbildungen der Psycl^,^ 
durch, daß die Psychoanalyse "™„ stö„„gen 
gen der Frühkindheit und ,hre '^^»Tf L^ehischen Hy- 
kennengelernt^hat bat ^;^ auch Jc^^ ^.„.....ktische 
giene neue und Desouut-i^s 

Mittel in die Hand gegeben. Trauma werden 

Bei jedem nicht zu ^^^^^^^^P^f.^T^" Bedingungen 
durch Seelische Beeinflussung -^J^^^^^^ 
vorübergehender Schonung d^^™\^^ Behand- 
Jedes übergroße Trauma verlangt eine lang 
luna unter besonderen Bedmgungen. Das ^^^^^^^'^ 
k^l sogar durch Überwindung des Traumas seeUsch 
gewinnen, wenn das Trauma als Erfahrung verarbeitet 
wird und aufhört, gefährlich zu sein. Die Uraslellung 
der Persönlichkeit von der Flucht zur Kampfemstel- 
lung, die Adler der populären Lebensweisheit ent- 
nommen und zur systematischen Ermutigung ausgebildet 
hat ist eine wichtige hygienische Maßnahme. Die Ana- 
logien zur or^ischen Feims: Desinfektion, Immuni- 
sierung Gift- und Bakterienfestigkeit, aber auch Ana- 
phylaxie und Immunilälserschöpfung, können zum Ver- 
ständnis herangezogen werden. 

Besonders wichtig ist das frühe, oft sofortige hygie- 
nische Vorgehen zur Vermeidung von späterer psycm- 
scher Unzulängüchkeit oder von neurotischen Uaucr- 



11 



131 



( 



zuständen dann, wenn ein größerer Dcfekl dem Trauma 
entgegenkam und so die Mehi*helaslung einer an und 
für sich schwächeren, partiellen Funktionsfahigkeit auf- 
erlegt wurde. Auch die Eni Wicklungskrisen führen Re- 
guUerungsschwierigkeilen herbei, welche einem chro- 
nischen Defektzustand gleichkommen. Das Maß der 
Überbelastung, bei der die traumatische Wirkung ein- 
tritt, ist dadurch herabgesetzt. Besonders an diesen peri- 
odischen Defektzuständen lernte die seelische Hygiene 
die Hilfe der körperlichen, besonders der endokrinen 
Therapie kennen und rechtzeitig in Anspruch nehmen. 
Überhaupt ist die körperliche Heilung ebenso oft Vor- 
aussetzung für die seelische Hygiene, wie diese die kör- 
perliche Heilung und Behandlung oft erst ermöglicht 
Damit sind wir zur ge wo hn l i c h en Praxis der 
seelischen Hygiene gekommen. So sehr wir die 
Ganzheit als Ziel der Hygiene hervorgehoben haben im 
Leben hat sie immer wieder einzelne Schäden zu heilen 
einzelne Gefährdungen abzuwehren. Das wechselvolle 
Leben stellt immer neue und andere Teilaufgaben. Wir 
dürfen darübev nie unsere ganze große Pflicht verges- 
sen. Die Einzelaufgabe verlangt gewöhnlich viel speziel- 
les Wissen. Der Praktiker der seelischen Hygiene stellt 
daher oft mit seinem Rat nur die spezielle Richtung 
fest und muß den Inhalt des Rates vom Fachmami 
empfangen. 

Nicht nur in diesem Falle, immer ist das Instrument 
der s^tliSChen Hypilß der Mensch selbst, die helfenden 
Menschen einerseits, die, denen geholfen wird, ander- 
seits. Das unterscheidet ihre Handhabung rein äußerlich 
von der körperUchen Hygiene. 

Die Ausbildung der helfenden Hygieniker und 
beihelfenden Fachleute ist ein wichtiger Teil der 
seelischen Hygiene. Daß die, welche die hygie- 
nischen Ratschläge geben, auch selbst mittun, sie be- 
folgen, an sich arbeiten, guten Willens dazu werden, 
das ist eine Zwischenaufgabe der seelischen Hygiene, 



122 



welche besondere Kunst, aber auch besondere Methodik 
verlangt. Für die seelische Hygiene ist die Beeinflus- 
sung und Erziehung Einzelner und ganzer Gruppen 
noch schwerer als für die körperliche. Die Psychoana- 
lyse hat dazu durch ihre Erforschung der Übertragung 
und der seelischen Widerstände heuristisch und metho- 
disch viel Vorarbeit geleistet. Trotz dieser methodischen 
Arbeit blieb die praktische Ausübung auf Improvisa- 
tion angewiesen, denn ein richtig gewähltes Wort in 
der Antwort und dem Rate kann zündend wirken, em 
falsch gewähltes, eine unrichtige Geste, ja ein unbe- 
herrschter Gesichlsausdruck kann neue Schwierigkeiten 
setzen, immer muß das Tun und Lassen des Belehren- 
den nach dem Individuum und seiner Umwelt sich 
richten und doch ihm nicht gefügig sein. Es ist bekannt, 
daß manche Umwelt überhaupt keine hygienische Bes- 
serung gestattet xmd der Schützling aus ihr entfernt 
werden muß- Dabei ist zu bedenken, daß die Heilung 
in günstigerem Milieu oft nur für dessen gimstigere 
Bedingungen ausreicht. Wenn sie miseren aufgestellten 
Bedingungen entsprechen sollen, haben die Maßnahmen 
auch die Fähigkeit zu verschaffen, in dem Milieu, in 
welches der Schützling ziu-ückkehren oder in welches 
er statt des früheren kommen soll, gesund zu bleiben. 
Die Zukunft mit ihrem größer werdenden oder sich ein- 
engenden Lebenskreise, mit Versuchungen, Belastungen, 
Aufgaben und Enttäuschungen muß vorbedacht werden. 
S(ets muß offen die Vorbereifuilg dafilr besprochen wer- 
den. Der SchützUng darf nicht einfach m das alte oder 
neue Milieu entlassen werden; es muß vielmehr der Zu- 
sammenhalt mit der Fürsorgeinstanz noch andauern und 
nur allmählich gelockert werden. 

So hat schon diese allgemeine Erörterung dazu ge- 
führt, daß die vorbeugende Hygiene in die 
Zeit der Aufzucht, der Pflege und Erzie- 
hung fällt. Die seelische Hygiene nicht weniger Men- 
schen ruhte lange Zeit vorwiegend in der Hand des 

123 



Seelsorgers. Das dürfte auch künftighin für viele Grup- 
pen der Fall sein. Die Scelsorge des modernen Men- 
schen wird in dem Maße gelingen, als der Seelsorger 
mit Instinkt und mit psychologischem Wissen vom 
gesunden und kranken Menschen ausgestattet ist. Er 
wird dann rechtzeitig erkennen, ob ein bedrängter 
Mensch in seinen Bereich gehört oder in den des Fach- 
psychologen oder Arztes; er wird noch besser den gei- 
stigen Rapport von Mensch zu Mensch verstehen und 
handhaben. Er gewinnt auch leichter, unbeschadet der 
asketischen Forderung, ein Urteil über das Triebleben. 
Die Frage taucht immer wieder auf, ob nur der reli- 
giöse Arzt einen religiösen Menschen zu behandeln ver- 
mag. In Wirklichkeit sind viele Ärzte einer echten 
Religiosität näher, als das vor zwanzig oder dreißig Jah- 
ren der Fall war. Auch der nicht an eine konfessionelle 
Gemeinschaft Gebundene kann reUgiös sein, der Un- 
gläubige fi'omm, der Unfromme, wie Goethe sagt, 
kann heilig sein. Es ist hier geraeint, daß die Religion 
Hygiene sein soll und bereits Hygiene ist. Tatsächlich 
wirkt sie bereits positiv in seelcnhygienischer Richtung. 
In ihrem Ritual und in ihren strengen Geboten zur täg- 
lichen Lebensführung, besonders Speise-, Kleiduntrs- 
aber auch Gebetvorschriften machte sie in der Ver- 
gangenheit oft Zwangsneurosen überflüssig. Sie setzt den 
gemeinsamen Zwang und den gemeinschaftsgerechten 
Zwang statt des individuellen und vereint dort, wo das 
persönlich Zwanghafte sondern würde; sie erspart Son- 
derlinge". Durch die, Bezeugung von WunscherfüUung 
in Wundern, Heiligenglauben und mystischer Vereini- 
gung macht sie Hysterie überflüssig, d. h. sie fängt 
individuelle Phantasieschöpfungen in gemeinschaftsge- 
rechte auf. Der moderne Mensch hat vielfach seine 
Stellung zur Religion geändert. Allgemein kann gesagt 
werden: die Religion, soweit sie sich als Gewissens- 
zwang äußert und soweit sie die Triebe an und für sich 
zur Sünde macht, wirkt ungünstig. Wo sie Sicherheit 

124 



der Weltanschauung, das Gefühl der Verbundenheit und 
Sicherheit gibt, wirkt sie günstig. Soweit sie Angst 
bannt, von iln- befreit, wirkt sie cbenfalts positiv; weiin 
sie aber krankhafte Angst schafft, krankhafte Gewis- 
sensangst, Angst vor Hölle, Verdammnis ewiger Strafe 
und jüngstem Gericht, wh-d die Reifung und seeüsche 
Verein heitUchung geschädigt. Die Religion setzt die 
Häufigkeit des Selbstmordes herab (Masaryk), ver- 
stärkt aber die Gefahr der Entstehung von Neurosen. 
Sie entmündigt die Menschen, gibt ihnen aber dafür 
größere Sicherheit . . . 

Heute sind die durch Sigm. Freud und v. Mona- 
kow gegebenen Impulse überall spürbar. In dem Maße, 
wie der Staat die seelische Hygiene als eines der wich- 
tigsten Instrumente anerkennt, wird sich auch die Vor- 
bildung und Unterweisung des Arztes vertiefen. So wer- 
den manche Kranke einer individuellen seelischen Be- 
handlung teilhaftig werden. Was das „Burghölzli" in 
Zürich begonnen hat, was die Arbeitstherapie bei rich- 
tiöer seelischer Einstellung leisten kann, haben die 
letzten Dezennien bewiesen. Hierher gehört auch die 
Forderung der Prophylaxe, die Fürsorge für jeden ein- 
zelnen Kranken. Der Staat wird wohl auch bei einer 
weiteren Entwicklung der seelischen Hygiene Sonder- 
anstalten für geisteskranke Verbrecher schaffen müssen 
und das Volk darüber aufklären, welchen Nutzen Kli- 
niken für geistig und sceüsch Kranke haben, wenn 
sie nicht nur den Gesunden schützen, sondern den 
Kranken und Gefährdeten einer geeigneten Fürsorge 
und Behandlung zuführen. 



Die unbewußte Funktion der Erziehung 

Von Edward Glover, London 

Einführung in ein Symposion über ^^Psycho- 
analysc und Erziehung" der ßritish Psycbo- 
Analyiical Society, S. Mai 1935. Veröffentlicht 
im Jnlernaliona! Journal of Psycho-Ana- 
lysis", Jahrg. XVJII, Heft 2/3. Ins Deutsche 
übertragen von Valerie Reich, Wien. 

Es ist guter wissenschaftlicher Brauch, ein Sym- 
posion mit einer einfachen Definition der Begriffe 
einzuleiten. Leider läßt sich im Falle der Erziehung 
eine solche einfache Defmition nicht geben. Sie wird 
je nach der psychologischen Auffassung des betreffen- 
den Teilnehmers am Symposion verschieden ausfallen. 
Die Definmonen zum Beispiel, die von den meisten 
akademischen Schulen angenommen wurden, sind teils 
deskriptiver, teils psychologischer Art. Aber diese Psy- 
chologien sind Bewußtseins-, fast könnte man sagen, 
akademische Psychologien. Wenn wir Psychoanalytiker 
daran gehen, uns mit dem Problem der Erziehimg zu 
befassen, sind diese Begriffsbestimmungen ganz unzu- 
länglich. Ehe wir diesen Terminus definieren, müssen 
wir ihn zerlegen (mit anderen Worten: analysieren), 
und zuletzt müssen wir ihn auch deuten können. 
Wir müssen die verschiedenen Komponenten des Ge- 
samtprozesses deuten und auf Grund dieser Deutungen 
versuchen, die Gesamttätigkeit zu charakterisieren. 

Dies ist nur eine andere Art zu sagen: soweit die 
Psychoanalyse berechtigt ist, den Terminus „Erziehung" 
zu übernehmen (und das muß sie), ist sie verpflichtet, 
ihm einen tieferen Sinn beizulegen. Dieser Vertiefungs- 
prozeß ist in der Geschichte der psychoanalytischen 
Terminologie durchwegs reichlich belegt. Nehmen wir 
etwa den Begriff „Verdrängung". Ursprünglich der ge- 
wöhnlichen Umgangssprache entlehnt, wurde dem 




Wort wegen seiner bewußten (topischen und dynami- 
schen) Bedeutimg ein wissenschaftlicher Sinn imter- 
legt, wodurch es zin- Darstellung eines unbewußten 
psychischen Mechanismus verwendet werden konnte. 
Das Gleiche trifft zu auf Begriffe wie „Projektion", 
„Verschiebung" usw. Aber in allen diesen Fällen sind 
sich die Psychoanalytiker und — wenn auch in gerin- 
gerem Maße — die Nicht-Analytiker dieses besonderen 
Sprachgebrauchs bewußt. BezügÜch des Begriffs „Er- 
ziehung" aber sind sich sogar die Analytiker nicht 
vollkommen klar darüber, daß dieser Terminus, obwohl 
auf einen bewußten Willensvorgang anwendbar, ohne 
weiteres geeignet ist, als Bezeichniuig für einen unbe- 
wußten seeUschcn Mechanismus oder für eine Kombina- 
tion unbewußt-seelischer Mechanismen zu dienen. Aus 
diesem speziellen Sprachgebrauch muß sich unvermeid- 
lich eine gewisse Verwirrung ergeben, wie es bei dem 
Terminus „Sublimierung" der Fall war. Aber dem ist 
nicht abzuhelfen. Der Vergleich mit der Bezeichnung 
,Sublimicrung" trifft auch insoferne zu, als die Subli- 
mierung gleichfalls eine Reihe unbewußter Teilvorgänge 
umfaßt, die, miteinander verschmolzen, den Eindruck 
einer einheitlichen Funktion ergeben. 

Es ist nun oftmals, besonders von Analytikern, be- 
merkt worden, daß Erziehung in vielen Fällen eine 
Form offenkundiger Hemmung zu sein scheint. Die 
Beweise, die für diese Ansicht sprechen, sind tatsäch- 
lich überwältigend. Das „Du sollst nicht" der Erzie- 
hung hat durchgängig den gleichen Nachdruck wie das 
„Du sollst". Und dennoch wird — wie ich schon sagte 
— sogar von Analytikern die Ansicht, Erziehung sei 
ein unbewußter Mechanismus (oder Mechanismen), 
welcher unter anderem auch dem Zwecke unbewuß- 
ter Triebhemmung dient, selten hervorgehoben. 
Dies beruht — wie ich glaube — darauf, daß die Ana- 
lytiker die mannigfaltigen Beziehungen der endopsy- 
cliischen (zentralen) Milieueinflüsse in der seelischen 



127 



Entwicklung noch nicht genügend einscliäfzen. Nach- 
dem sie die ungeheure Hcdeulung unbewußler Fakto- 
ren zum Beispiel bei der Symplonibildung nachgewie- 
sen haben, fürchten sie begreiflicherweise, daß der 
traumatischen Wirkung einer ungünstigen Irühldnd- 
lichen Umwelt oder der prophylaktischen Wirkung 
einer liebevollen Umgebung übermäßiges Gewicht bei- 
gelegt werden könnte. Das Ergebnis ist, daß sie dazu 
neigen, Umwellseinflüsse abgesondert zu betrachten, das 
heißt, sie von endopsychischen Einflüssen scharf zu 
unterscheiden. Da die Erziehung augenscheinUch eine 
Sache der Umwelt ist, lehnen sie den Gedanken ab, sie 
könne irgend etwas anderes sein. Aber sogar wenn sie 
eine reine Umweltsangelegenheit wäre, könnte sie doch 
durch unbewußte Mechanismen gehandhabt (ausgenützt) 
werden. Dies wurde bei Projeklionsmcchanismen zur 
Genüge aufgezeigt. Bei der Projektion bedient sich das 
Kind realer Umweltsbedingungen und übertreibt sie in 
irgendeiner Weise, um sie seinen eigenen unbewußten 
Zwecken anzupassen. Man könnte tatsächlich sagen, daß 
— da die Konflikte des Erziehers und jene des Kindes 
teils identisch sind, teils einander erganzen — die erzie- 
herischen Maßnahmen des ersteren eine ständige Ver- 
suchung für das Kind sein müssen. Sie schreien gerade- 
zu nach einer Behandlung. 

Es entsteht so die merkwürdige Situation, daß Ana- 
lytiker in ihrem eifrigen Bemühen um Umweltsfaktoren 
mitunter eine ihrer wichügen Entdeckungen vernach- 
lässigen, daß nämlich gleichlaufend mit der Einwirkung 
von Umweltseinflüssen in der Erziehung das Individu- 
um — um es ganz einfach zu sagen — sich selbst er- 
zieht. Erziehung von außen her kann als eine Verschie- 
bung oder Projektion der imbewußten SelbsLerziehung 
wirken und schließlich ein Schutz für diese werden. 
Das Mißtrauen, das der Erzieher gegen eine bewußte 
Selbsterziehung zeigt, ist ein Maßstab für diese Abwehr- 
funktion. Man kann mit gutem Grund annehmen, daß 

128 



die meisten Proljlemc im Verhalten des Kleinkindes 
zu lösen sind, wenn man von entschiedenen Erziehungs- 
versuclien Abstand nimmt, d. h. die Erziehmig dem 
Kinde selbst überläßt. Das beste Beispiel hiefür ist 
zweifellos das unnötige System der Reinlichkeitserzie- 
himg. 

Um dem Problem der Erziehung systematischer nä- 
herzukommen, muß man fragen, was es eigentlich be- 
deutet, erzogen zu werden. Hier machen sich zunächst 
individuelle Einstellungen geltend. Manche huldigen der 
Ansicht, die Erziehung beziehe sich auf das Ich (das 
für den momentanen Zweck einschUeßlicli des Über-Ichs 
aufgefaßt wird). Andere ziehen die Annahme vor, die 
Erziehung sei ein auf die Triebe gerichtetes Verfahren. 
Genau genommen, liegt ein befriedigender Zugang zu 
diesem Problem nur in einer Verbindmig dieser ver- 
schiedenen Gesichtspunkte. Doch mag es praktischer 
sein, sie einzeln zu behandehi. 

Wenn wir die Erziehung vom Standpunkt der Triebe 
betrachten, dann müssen wir selbstverständlich zwi- 
schen den verschiedenen Methoden unterscheiden, die 
in bezug auf die einzelnen Triebe angewendet werden. 
Wenn wir uns an die herkömmliche Unterteilung in 
Selbslerhaltungs-, Geschlechts- und Aggressionstriebe 
halten, so scheint es auf den ersten Blick klar, daß die 
Erziehung den Selbsterhaltungstrieb erfolgreich fördert. 
Zu diesem Behufe bedient sie sich des Verschiebungs- 
mechanismus, um eüic möglichst rasche und wirksame 
Anpassung zu erzielen. Lesen, Schreiben und Rechnen 
dienen dem nützlichen Zwecke, die Rechnung des Le- 
bensmittelhändlers überprüfen zu können imd damit 
den Bereich der einfacheren Ernährungstriebe zu er- 
weitern. Der Aggressions trieb setzt die Mechanismen 
der Verschiebung und Ersetzung ebenfalls in Bewegimg, 
aber sie werden von allem Anfang an durch andere 
Mechanismen verstärkt. Jede erdenkliche Art von Unter- 
sagung, Hemmung oder jeder Niederschlag von Schuld- 

9 Almanach 1938 

129 



gefühlcn wird vom Erzieher benützt, um aggressiv^ 
Regungen zu bekämpfen. Das gleiclie liann von den er- 
sten Regungen des Gcsclilechlstriebes gesagt werden. 
Der Erzielier gibt sich die größte Mühe, ihre Verschie- 
bung zu bewirlien, bewirkt aber gleichzeitig in äußer- 
stem Maße ihre Hemmung. Man muß aber hervorheben, 
daß die Absicht, eine Verschiebung des Geschlechtstrie- 
bes im Sinne der Förderung seiner Sublimierung zu 
erreichen, nicht so zielbewußt und offen ist wie im 
Falle des Aggressionslriebes. Es ist wiederholt von Päd- 
agogen zugegeben worden, daß sie körperliche und gei- 
stige Betätigung nicht nur um der Anpassung willen 
fördern, sondern auch, um das, was man „animaUsches 
Temperament" nennen könnte, aufzubrauchen. Aber sie 
werden — die Erziehung im Pubcrtätsalter ausgenom- 
men — selten zugeben, daß die Sexualität Gegenstand 
ihrer Verfolgung ist. Und mit Ausnahme der Puber- 
tätszeit sind sie sich tatsächlich selten über das Ziel 
ihres erzieherischen Angriffes im klaren. An dieser 
Stelle ist leicht zu erkennen, was eigentlich die unbe- 
wußte Funktion der Erziehung ist Wie aus Praxis und 
Theorie hervorgeht, ist sie in weitestem Ausmaß ein 
Hemmungsprozeß, der mit Hilfe eines Systems von Ra- 
tionalisierungen verschleiert wird. Wie alle Rationalisie- 
rungssysteme bietet sie einen Teil der Wahrheit, um 
die volle Wahrheit zu verbergen. Sie betont den Wert 
ihres Verfahrens für die Anpassung, um den unbewußt 
hemmenden Zweck zu verhüllen i). Von Anbeginn wurde 
jeglicher Aggressions- oder Geschlechtstrieb durch eine 
Reihe unbewußter Mechanismen — wie Projektion, 
Introjektion, Verdrängung, Verschiebung, Reaktionsbil- 

1) In dieser Hinsicht weist die Erziehung eine Ver- 
wandtschaft mit der Verdrängung auf. Die Wirksamkeit 
der Verdrängung beruht auf Gegenbesetzung, d. h. dies 
beschäftigt dich und nicht jener (verdrängte) Gedanke. 
Der Erzieher sagt; „Wir lehren dich, dies zu tun", 
wobei er es aber unterläßt, hinzuzufügen: „Wir wollen 
nicht, daß du jenes (Verdrängte) tust." 

130 



düng, Sublimierung — modifiziert. Das macht die Selbst- 
erziehung aus. Vom Anfang an bietet die Erziehung 
reichliche Möglichkeiten, um diese Abwehr zu „decken", 
der sie zugleich Hilfsdienste leistet. Im Schulalter tritt 
sie kühn in den Vordergrund und bezieht ihre Ratio- 
nalisierung nicht mehr aus dem Verhalten der Eltern, 
sondern außerhalb der Familie. 

Nachdem wir in großen Zügen den Unterschied im 
erzieherischen Verfahren bei verschiedenen Trieben auf- 
gezeigt haben, müssen wir feststellen, daß die bewußte 
erzieherische Beeinflussung eines Triebes zur unbe- 
wußten Heherrschung eines anderen Triebes beitragen 
kann. Beispielsweise wirken die zur Entwicklimg des 
Selbsterhaltungstriebes notwendigen Verschiebungen bis 
zu einem gewissen Grade als Gegengewicht gegen die 
Angst, die durch die Projektion des eigenen Aggressions- 
triebs auf die Außenwelt hervorgerufen wird, und ge- 
statten in gleicher Welse ein gewisses Maß von Projek- 
tion die tatsächlich frei von Angst ist. Diese Wirkung 
der Verschiebungen ist darauf zurückzuführen, daß sie 
unsere Erfahrung von der wahren Gestalt der Außen- 
welt vermehren. Je mehr wir von praktischer Botanik 
und Bakteriologie wissen, desto besser wird die Qualität 
unserer Salate sein und desto weniger werden wir Ge- 
fahr laufen, uns durch iliren Genuß einen Typhus zu 
holen. Je sicherer wir uns aber in dieser Hinsicht füh- 
len, desto eher können wir uns leichten „Vergiftungs- 
phantasien" hingeben, die der Projektion eigener unbe- 
wußter aggressiver Impulse entstammen. In ähnUcher 
Weise bewirken die Yerschiehungen, die durch die Subli- 
mierung des Geschlechtstriebs zustande kommen imd 
durch die Erziehungsmaßnahmen gefördert und be- 
günstigt werden, eine Stärkung des Selbsterhaltungs- 
triebs, indem sie den Umfang unseres Wissens vergrö- 
ßern. Unser infantiles Sexualmteresse etwa an der „Ur- 
szene" kann teilweise in ein Interesse am Wachstum 
von Pflanzen oder Bakterien sublimiert werden. Und 

9*. 

151 



diese Beschäftigung mit praktischer Botanik und Bak- 
teriologie wird zweifellos zur Verbesserung der Qualität 
und Erhöhung der Bekömmlichkeit unserer Salate bei- 
tragen. Noch interessanter smd die Situationen, in denen 
zufolge der Verschiedenheit der betreffenden Trieb- 
regungen die unbewußten Ziele der Erziehung die 
bewußten Ziele zunichte machen. Die Regungen der 
sexuellen Neugierde bieten vielleicht das beste Beispiel 
dafür. Hier wäre man beinahe versucht, das imbewußte 
Ziel des Erziehungsprozesses als heuchlerisch zu be- 
zeichnen, da er zum Beispiel die Neugierde eindämmen 
hilft, indem er Ersatzaufklärung bietet. Wir wissen, daß 
dieses Manöver in manchen Fällen die Wirkung hat, daß 
nicht nur die direkten Äusdrucksformen sexueller Neu- 
gierde gehemmt, sondern auch die Ersatzformen ziel- 
loser Fragerei so weitgehend hintangehalten werden, 
daß das Individuum nicht imstande ist, aus den ge- 
wöhnliehen, der Selbsterhaltung dienenden Zielen der 
Neugierde Nutzen zu ziehen. 

Die Auffassung, daß Erziehung ein unbewußter see- 
lischer Vorgang ist, bringt eine gewisse Verantworthch- 
keit mit sich. Erziehung ist ein leichtes Spiel für den 
Kritiker. Jede Generation pflegt ihre Unzulänglichkeiten 
anzuprangern, und die Kritiker lassen sich selten durch 
die moralischen und biologischen Rationalisierungen der 
Pädagogen beschwichtigen. In WirkÜchkeit aber ist im 
Sinne der seeUschen Abwehr eine wirksame Erziehung 
nicht mehr zu kritisieren als eine wirksame Verdrän- 
gung. Erfolglose Verdrängung und erfolglose Erziehung 
bedürfen nicht so sehr einer moralischen Kritik als 
sachgemäßer Aufmerksamkeit. 

Ich glaube, wir sind hier zu einem Ergebnis gelangt, 
das einer Erörtermig wert ist, nämUch ob der Analytiker 
in der Lage ist zu sagen, worin eine erfolglose, bezie- 
hungsweise erfolgreiche Erziehung besteht, oder ob er 
gezwungen ist, auf eine rein empirische (fachmännische) 
Abschätzung zurückzugreifen. Andere verwandle Fragen 



152 



sind: wenn die Analytiker dieses Wissen besitzen, sind 
sie auch imstande, es den Erziehern in wirksamer 
Weise zu übermitteln? Weiters: wenn diese beiden Mo- 
mente zutreffen, würde dies für das Endergebnis der 
Erziehung des Individuums einen wesentlichen Unter- 
schied bedeuten? Um diese Fragen beantworten zu 
können, brauchen wir einen ziemlich genauen Maßstab 
für unser Vermögen, die Triebrichtung zu beeinflussen, 
eine Befriedigungsform durch eine andere zu ersetzen, 
und ebenso für die Wirkung derartiger Bemühungen, sei 
sie nun günstig oder nicht. Meines Erachtens müßten 
wir weit größere Kenntnisse haben als die, welche wir 
schon besitzen, um diese Punkte zu entscheiden. 

Die zweite, die Ich-Seite der Erziehung verdiente eine 
ebenso ausfülrrliche Besprechung; da jedoch dieser mehr 
Aufmerksamkeit gewidmet wurde als dem Triebaspekt, 
will ich mich hier damit begnügen, auf einige Haupt- 
punkte zu verweisen. Vor allem müssen wir die grund- 
legenden Identifizierungen und Introjektionen in Erwä- 
gung ziehen, welche das Ich für erzieherische Maßnah- 
men welcher Art immer zugänglich machen. Eine zu- 
längliche Diskussion dieses Punktes müßte die gesamte 
neuere Forschung der Ich-Struktur umfassen, insbe- 
sondere jene Differenzierungen des Ichs, die im zweiten 
oder dritten Lebensjahr auftreten. Aber selbst dann 
wäre sie kaum vollständig ohne gleichzeitige Feststel- 
lung der erzieherischen Funktion der Projektionsvor- 
gänge im Ich. Der nächste Schritt bewegt sich schon 
mehr außerhalb des gegenwärtigen Gebiets: jene Art der 
Energie in Betracht zu ziehen, welche die Bildung von 
der Erziehung dienenden Identifizierungen am besten 
fördert. Es scheint, wir können mit gutem Recht anneh- 
men, daß den libidinösen Energien in dieser Hinsicht 
eine überragende Eignung zukommt. Dies ist nur eine 
andere Art zu sagen, daß Erziehung durch Liebe (ent- 
weder zufolge ihrer unmittelbaren Wirkung oder auf 
dem Weg der Angstverringerung) die geeignetste Me- 



133 



thode ist. Wir haben schon seit langem erkannt, daß der 
Prozeß der „Libidinisierung" ungebundenen Angstgefüh- 
len entgegenzuwirken vermag. Aber wir brauchten viel 
länger, um festzustellen, wie ausgezeichnet und unauf- 
fällig sie das Räderwerk des Daseins ölt. Wir können 
uns der Schlußfolgerung nicht entziehen, daß der tat- 
sächliche Aufwand an (nichlambivalenter) Liebe, die 
dem Individuum besonders in der frühesten Kindheit 
von Seiten der Eltern oder deren Vertreter zuteil wird, 
in emem hohen Ausmaße die Zugänglichkeit des Kin- 
des für die schmerzlichen, aber unvermeidlichen Sei- 
ten der Erziehung (d. h. die Triebverwandlung) be- 
stimmt. 

SchUeßUch müssen wir uns mit der Einteilung der 
Identifizierungen je nach ihrer Realität, beziehungsweise 
nach ihren moralischen Aspekten befassen. Dies führt 
uns zum Kernproblem des Ober-Ichs. Um dieses Haupt- 
problem gruppieren sich alle jene Auffassungen über 
Psychoanalyse und Erziehung, mit denen wir uns be- 
reits früher vertraut gemacht haben, nämlich inwie- 
weit morahsche Beweggründe jeweils in der Psycho- 
therapie und in der Pädagogik bestehen bleiben. Ich 
möchte hier nur eine allgemeine Betrachtung anfügen. 
Die alte Auffassung, in der Über-Ich-Bildung die endo- 
psychischen Faktoren den Umweltfaktoren entgegenzu- 
stellen, ist keineswegs feststehend. Es ist allerdings 
wahr, daß hierzulande die Anhänger der Umweltsbe- 
deutung sich für einige Zeit zurückziehen mußten. Aber 
wie ich bereits bemerkte, dies ist nur der Pendclaus- 
schlag nach der einen Seite. Weitere Forschungen dürf- 
ten das Pendel bestimmt nach der anderen Seite aus- 
schwingen lassen, doch werden sich diese Studien auf 
eine viel frühere Altersstufe beziehen als bisher. Meiner 
persönlichen Ansicht nach stecken unsere Forschungen 
auf dem Gebiet der Entwicklmig des Kindes noch in den 
Kinderschuhen und der Grad der Verschmelzung von 
rein endopsychisehen und Umwelts-Einflüssen im Ober- 

154 



Ich isl noch nicht festgestellt worden. Mannigfache 
Gründe lassen vermuten, daß sich diese Verschmelzung 
als sehr weitreichend erweisen wird. Ich glaube nicht, 
daß wir in bezug auf die Beziehungen zwischen Psycho- 
analyse und Erziehung einen sehr dogmatischen Stand- 
punkt einnehmen können, ehe diese Üb ergang spliase 
einer gründlichen Prüfung unterzogen wurde und ilu-e 
realen und nichtrealen Komponenten gesondert darge- 
stellt wurden. Ich kann mir selir gut vorstellen, daß 
es uns gelingen kann, eine frühe Phase der Entwicklung 
zu finden, deren besondere Merkmale geeignet sind, 
die scharfe Unterscheidung, die wir zwischen dem 
Verfahren der Psychoanalyse und jenem der Pädagogik 
zu machen pflegen, zu mildern. Es wird uns helfen, die 
Sache mit einiger Aussicht zu betreiben, wenn wir des- 
sen eingedenk bleiben, daß die Erziehung {mag sie 
noch so sehr rationalisiert sein) selbst den unbewußten 
seelischen Mechanismen entstammt. 



Psychoanalytische Untersuchungs- 
methoden 

Von £douard Picfaon, Paris 




chologur von Edouard Pichon (Le Deve- 
loppement Psijchk/uc de lEnfaiü et de lAdo- 
lescent), Masson & Cic, Editeurs, Paris. Ins 
Deutsche übertragen von E. K r i s. 

§ 48. — Die drei Unlcrsuchungsmelhodcii, von denen 
im Folgenden die Rede sein wird, sind in die psycho- 
logische Technik durch die PsychoanalyÜkcr einge- 
führt worden. Freud ist der Erfinder der Technik der 
freien Assoziation und der Traumdeutung. Er hat uns so 
mit zwei wunderbaren Werkzeugen für die i)SYcho- 
logische Diagnose ausgestattet. Wir werden sehen wie 
weit sich diese Verfahren, die für die Exploration des 
Erwachsenen erdacht worden sind, für die des Kindes 
anwenden lassen. Was das freie Spiel betrifft, so ist es 
vor allem eine Londoner Psychoanalylikerin, Frau Mela- 
nie Klein, die daraus eine besondere Untersuchungs- 
technik hat entwickeln wollen. Bei der Erörlerun«T der 
drei Untersuchungsmelhoden werde ich mich vor allem 
auf Anna Freud stützen i), deren bcmcrkenswerlo 
Arbeit klinische Erfahrung und reifen kritischen Sinn 
ausstrahlt... 

§ 49. ~ Die Technik der freien Assoziation, die bei 
Pubertierenden eine sinngemäße Anwendung findet, be- 
steht darin, daß der Patient in eine Ruhelage ge- 
bracht und zum Sprechen veranlaßt wird, wobei man 
ihn bittet, sich frei und nach bestem Vermögen um 
die Einhaltung der Grundregel der Freudschen 
Technik zu bemühen. Diese Regel bezieht sich dar- 

1) Einführung in die Technik der Kinderanalyse. Int. 
Psychoanalytischer Verlag, Wien, 1929. 

156 



auf, daß nichts xmterdrückt wird: Der Patient wird 
alles zu sagen haben, was ihm durch den Kopf geht, 
wirklich alles. Nichts soll bewußtermaßen unterdrückt 
werden, nichts, was unangenehm einzugestehen ist, 
nichts, was etwa den Arzt treffeu könnte, aber auch 
nichts, was unbedeutend scheint. So sieht man zahl- 
reiche psychische Elemente, die in das virtuelle Bewußt- 
sein (das Unbewußte Freuds) verdrängt worden sind, 
ins wirkliche Bewußtsein wieder auftauchen. 

In Wirklichkeit wird der Patient freilich diese schöne 
Regel nicht dui'chaus befolgen können; kaum ein Gesun- 
der wäre dazu imstande. Ein Heranwachsender, der mit 
Hemmungen und krankhaften Komplikationen belastet 
ist kann es gewiß noch weniger. Und doch hat diese 
Befiel eine fundamentale Bedeutung. Zuerst noch erör- 
ternd und vernünftlerisch, wobei er sich selbst wie in 
einem Zustand von Spannung empfindet, kommt doch 
der Patient allmählich zu einer größeren Leichtigkeit. 
Er gibt sich lün, wobei er freilich die schmerzlichsten 
Punkte und die wichtigsten, die wie zufällig sich nie- 
mals auf dem Weg des spontanen Gedankens finden, 
noch verschweigt. Der Arzt bemüht sich, diese vor- 
geblichen Eückcn des Kranken in seiner Selbslbeur- 
teilung zu demaskieren. Von Stufe zu Stufe gelangt die- 
ser endlich zur wirklichen freien Äußerung. Er entblößt 
vor dem Arzt sein ganzes psychisches Leben, und da- 
mit nähert man sich auch dem Ziel der Kur, denn 
Erforschen und Heilen gehen hier Hand in Hand. 

Beim Kind vor der Pubertät ist die Technik der freien 
Assoziation nicht anzuwenden. Ganz allgemein gesagt, 
ist es, wie Anna Freud gezeigt hat, der Natur des 
Kindes entgegengesetzt, sich in eme völlige Ruhelage zu 
hegeben und bewußtcrniaßen imd mit Absicht jede Kri- 
tik und jede Zielgerichlelheit der Gedanken auszuschal- 
ten. Und doch weist Anna Freud darauf hin, daß das 
Kind aus seiner Bewunderung und Liebe für den Ana- 
lytiker, der es fest in der Hand hält, zuweilen bereit sein 



^37 



wird, seine inneren Bilder ins Auge zu fassen, d. h. sich 
der freien Assoziation zu überlassen. Aber diese Hilfe, 
die man zu nützen verstehen muß, wird nie mehr als 
einen sporadischen Charakter haben. Sporadisch auch 
werden die unwillkürlichen und unvorhergesehenen As- 
soziationen sein, die gelegentlich ein affektiver Schock 
dem Kinde wird entreißen liönncn. Im Ganzen aber 
versagt die Technik der freien Assoziation beim Kinde. 
§ 50. — Um diese Lücke zu füllen, verwendet Frau 
Klein die Technik des freien Spieles. Ihr Ausgangs- 
punkt ist der Gedanke, daß beim Kinde die Handlung 
der Persönlichkeit adäquater ist als das Wort. So hat 
denn der Arzt in seinem Behandlungszimmer eine Aus- 
wahl von Spielzeug, die alles in der Welt des Kindes 
Erdenkliche darstellt, und das Kind, das man in dieses 
Handlungsunivcrsum versetzt, bedient sich seiner, um 
damit auf seine Weise zu spielen. Der Arzt beobachtet 
So postulierte, wie Anna Freud richtig hervorhebt, 
Frau Klein für jeden zufälligen Vorgang im kindlichen 
Spiel den gleichen Wert, den im Falle des Erwachsenen 
der freie Einfall hat. Und nun versieht sie sogleich jede 
der Gesten des Kindes mit einer symbolischen Deutung. 
Es wirft eine Spielzeug-Straßenlaterne weit weg. Das ist 
der Ausdruck einer aggressiven Regung gegen den Vater. 
Es läßt zwei Wagen zusammenstoßen. Das ist das, was 
es an einem Koitus beobachtet hat oder sich unter 
einem Koitus vorstellt. 

Anna Freud hat diese Art der Deutung nicht an- 
genommen. Nach ihrer Meinung sind die freien Einfälle 
des Erwachsenen und des Pubertierenden frei, aber sie 
sind in erster Linie doch orientiert an der Vorstellung 
von einem Ziel der psychoanalytischen Kur, und die- 
ses Ziel ist die Heilung. Bei den kleinen Kindern von 
Frau Klein, denen sie nicht versucht hat den Sinn der 
Behandlung klarzumachen, ist diese tiefe Vorstellung 
von einem therapeutischen Ziel in keiner Weise vor- 
handen. Sind wir also noch, so fragt Anna Freud, 

138 



• 



berechtigt, allen Gesten des kindlichen Spieles einen 
symbolischen Wert zuzuschreiben? Kann es nicht die 
kleine Straßenlaterne von sich werfen, einfach weil es 
sich gestern an einer Laterne angestoßen hat, als es 
spazieren ging? Kann der Zusammenstoß der Wagen 
nicht einfach die Wiedei'holung eines Straßenunfalls 
sein, den es gesehen hat? 

Freilich, so erwidert Frau Klein hier, aber warum 
stellt es gerade diesen Unfall, diese Zufälle seines Le- 
bens eher dar als andere? Nicht gerade wegen des sym- 
bolischen Sinnes, den auszudrücken sie besonders ge- 
eignet sind? Mache ich denn, wenn ich diese Idee 
propagiere, etwas anderes als wiederholen, was Freud 
selbst und Sie — hier ist Anna Freud gememt — 
für den Traum durchaus annehmen, da Sie doch glau- 
ben, daß der bewußte Inhalt, der häufig dem täglichen 
Leben der letzten Tage entlelmt ist, nur insoweit er- 
scheint, als er imstande ist, symbolisch einem latenten 
Inhalt zum Ausdruck zu verhelfen? Im übrigen aber, 
ist nicht die Vorstellung von einem therapeutischen 
Zweck, die in der Tat füi' den Erwachsenen unerläßlich 
ist und dem Kinde fehlt, dem Wesen nach für das 
Kind überflüssig; für das Kind, das kcmerlei bewußter 
Spannung des Willens bedarf, um auf die Leitung seines 
Gedankenablaufs zu verzichten, weil es immer, wenn es 
spielt, der Herrschaft seines Unbewußten ausgeliefert ist? 

Diese beiden Argumente, die Frau Klein gegen 
Anna Freud ins Feld führt, sind von ungleichem 
Wert. Das erste läßt sich sehr erfolgreich vertreten, 
aber das zweite scheint die Erfahrung nicht zu be- 
stätigen. Sicherlich ist die Herrschaft des Kindes über 
seine Denkfiiiiküon weniger stark als die des Erwach- 
senen. Aber gerade dadurch ist auch das Kind, wenn 
ich so sagen darf, in seinen Funktionen automatischer 
und weniger durch seine eigene Aktivität zu lenken, 
weil das Kind die Gerichtetheit der Gedanken nur 
schwer ausschalten kann, und darum läßt sich die freie 

139 



Assoziation beim Kmd schwer erzielen. Die Ziclgerich- 
Iclheit unlcrdrücken, das ist in der Tat ein Zeichen 
von intellektueller Stärke. 

Neben das Spiel darf man die Zeichnung stellen. Die 
Deutung der spontanen Zeichnungen der Kinder kann 
für das Verständnis Ihres affektiven Zustands von gro- 
ßer Bedeutung sein. Anna Freud bcrichlel uns, daß 
bei drei ihrer kindlichen Patienten die Zeichnungen zu 
einer bestimmten Zeit die vornehmste Quelle waren, der 
sie ihr Material verdankte. Sophie Morgenslern 2) 
hat vor einigen Jahren die französische Psychiatrie 
durch die Darstellung eines psychogenen Mutismus ent- 
scheidend interessiert, den sie in der Klinik von Heu- 
yer bei einem kleinen Buben von neun Jahren beob- 
achtet hat. Dies war ein Fall, in dem durch die Deutung 
der Zeichnungen des Kindes die Psychoanalylikerin 
einen Heilerfolg erzielte. 

2) Revue Frangaise de Psychanalyse, Bd. I, Nr. 3. 



Mißverständnisse in der psycho- 
analytischen Pädagogili 

Von Stcff BornBtein- Windholz, Prag 

Ans der „Zeitschrift für psychoanalytische 
Pädagogik'', Jahrg. XI, 1937, Heft 2, 

Die psychoanalytisch gebildeten Erzieher verfolgen 
ein bestimmtes Erziehungsziel: sie wollen dem Kind ein 
optimal gesmides Ich vermitteln. Ein Ich, das die For- 
dermigen der Triebwünsche, der Außen v/elt und des 
Über-Ichs meistern kann, ein Ich, das in Konflikt- 
fällen nicht mit Fluchtreaktionen mid Ausfallserschei- 
nungen antwortet, nicht trieb feindlich und nicht für 
die Lebensleistung eingeschränkt wird. Konkrete Auf- 
gaben, die sich aus diesem Erziehmigsziel ergeben, 
scheinen eindeutig: der Erzieher soll analysiert imd 
gesund sein, um zu vermeiden, daß seine eigene Angst 
vor dem Trieb, der Außenwelt, dem Über-Ich dem Kind 
durch Beispiel und auf dem Wege der Identifizierung 
übermittelt werde. Der Erzieher soll sich triebfreundlich 
zeigen: „Habe ich keine Angst vor deinen Triebäußerun- 
gen, so brauchst du auch keine Angst vor ihnen zu ha- 
ben." Der Erzieher soll die Erziehungsmittel mild ge- 
stalten: „Tu' ich dir nichts Böses an, so wirst du auch 
vor der anderen Außenwell keine Angst haben und 
wirst ein mildes Über-Ich entwickeln." 

Es soll nun im Folgenden auf Grund von Beobach- 
tungen der landläufigen psychoanalytischen Pädagogik 
aufgezeigt werden, ob sie die Ich-Entwicklung des Kin- 
des im Sinne ihres Erziehungsziels beeinflußt. 

Wh- können folgendes beachten: wo die analytische 
Pädagogik von pädagogisch begabten Menschen gehand- 
habt wh-d, kann sie mit ihren Erfolgen ganz zufrieden 
sem. Pädagogisch begable Lehrer, Kindergärtnerinnen, 
Erziehungsberater erreichen, nachdem sie analytisch ge- 

141 



schult sind, mehr, als sie vorher erreichten. Aber wäh- 
rend Musik von Musiklehrcrn, Mathematik von Mathe- 
maliklehrern gelehrt wird, wird analytisch-pädagogisch 
auch von Nicht-Pädagogen erzogen, von Analytikern, 
von analysierten Eltern, von allen, die als analytisch 
Gebildete mit Kindern in Berührung kommen. Das läßt 
sich natürlich nicht ausschalten. Aber hier, wo Erwach- 
sene, denen das Kind eigentlich fremd ist, analytische 
Pädagogik betreiben, sind die typischen Fehler zu be- 
obachten, die ich erörtern will. 

Diese typischen Fehler stammen zumeist aus der 
Angst, die der durchschnittliche Erwachsene vor dem 
Kind hat. Das Kind ist ja dem Erwachsenen nicht 
nur ein interessantes fremdes Wesen, das wie ein Haus- 
tier Spaß macht, es ist außerdem ein Ruhestörer, es 
stellt Ansprüche und ist überdies geeignet, die Konflikte 
der eigenen überwundenen Kindheit zu reaktivieren. Er- 
wachsene, die pädagogisch begabt sind, ersparen sich 
mit Hilfe dieser Sublimierung die Angst vor dem Kinde 
Der analytische Erzieher aber, der nicht auf Grund 
pädagogischer Begabung und Erfahrung, sondern auf- 
Grund seiner in der Analyse erworbenen Erkenntnisse 
erzieht, erlebt eine Spezialform der Angst vor dem 
Kind: Angst vor der Angst des Kindes, Angst vor der 
Traurigkeit, den Schuldgefühlen, den Konflikten des 
Kindes. 

Der Wunsch, dem Kinde Angst zu ersparen, verführt 
den Erwachsenen oft, das Phänomen, daß es Angst imd 
Aggressionen im Leben gibt, ad usum Delphini zu leug- 
nen. Aus der selbstverständUchen Forderung, die Ka- 
strationsangst des Kindes nicht mit Kaslralionsdrohun- 
gen zu provozieren, entwickelt sich das Bemühen, dem 
Kinde alle Gelegenheiten zur Angst zu ersparen. 

Ein noch nicht vierjähriger Junge wünscht, mich zu 
besuchen, um mit mir über den Krieg zu sprechen. Die 
analytisch gebildeten Eltern gaben ihm auf seine Fragen 
ausweichende Antworten. Die Eltern debattierten: „Muß 



143 



^^=. 



der Junge nicht Angst bekommen, wenn er unsere Angst 
fühlt ? Wie kann ein Kind mit Tatsachen fertig werden, 
die auch für uns so grauenhaft sind?" Inzwischen spielte 
der Sohn mit seinem Freund Soldaten und sprach viel 
vom Totschießen. „Ich schieße das ganze Land tot, alle 
Häuser, ich schieße Prag tot, weil es nicht schön ist. 
Da sind so wenig Sandkisten, in Berlin gibt es so viele 
Sandkisten." Wähi-end also das Kind für eine Bagatelle, 
für die Sandkisten, eine Stadt zerstören wollte, wollten 
die Eltern vor ihm bagatellisieren, daß Menschen ein- 
ander im Kampf um Interessen, um Ideen umbringen. 

Erwachsene, die so die Angst des Kindes fürchten, 
haben oft Schwierigkeiten, die Fragen des Kindes nach 
dem Tode zu beantworten. Aber das Phänomen „Men- 
schen sterben" wird nicht leichter bewältigbar, wenn 
man es mit umschreibenden Worten verundeutUcht. 

Ich ging mit einer analysierten Mutter und ihrem 
drei Jahre alten Sohn auf der Straße, als wir an einem 
einbeinigen Bettler vorbeikamen. Das Kind schaute ge- 
bannt hin, fragte „warum sieht der Mann so aus?" und 
drehte sich um, ihn besser zu sehen. Die Gebärde, mit 
der die Mutter das Kind fortzog, die Unruhe, mit der 
sie sagte, der Mann habe ein krankes Bein, beunruhigten 
das Kind sichtlich mehr als der Anblick des einbeinigen 
Mannes, der seine Neugier erregt hatte. Als ich nun 
sagte: „Der arme Mann hat bloß ein Bein. Gut, daß wir 
alle beide Beine haben", legte der Bub vertrauensvoll 
seine Hand in meine. Daß eine traurige Unordnung 
unter den Lebenden herrscht wie unter dem Spielzeug, 
wo auch nicht alles ganz ist, damit kann sich ein Drei- 
jähriger besser auseinandersetzen als mit der dunklen 
Angst, die er in der Mutter spürt, die seiner Angst gilt 
und die sie dabei provoziert. 

Ahce B a 1 i n 1 1) spricht von einem Triebtraining, 
von einer systematischen Erziehung des Kmdes zum 

1) Versagen und Gewähi'en in der Erziehung. Ztschr. 
f. psa. Päd., Bd. X, 1936. 

H3 



Erlragen von Spannungen, damil es den Weg vom Lust- 
zum Healitätsprinzip gehen lei-ne. Man könnlc ähnlich 
von einem Angstiraining spreciien. Dieses machen Kin- 
dei', indem sie leben luid Erfahrungen sammeln, spon- 
tan durch, aber Kindern in analysiertem Milieu wird 
dieses Training oft zu ersparen versuclil. Es besteht 
die Neigung, Kindern Schwieriglteitcn aus dem Wege 
zu räumen, Hemmungen, die sie haben, besonders scho- 
nend zu behandehi. Das Erziehungsziel, Stärkung des 
Ichs durch Herabsetzung der Angsterlebnisse, führt aber 
auf diesem Wege zum Gegenteil: die verwöhnten Kin- 
der zeigen der Realität gegenüber ein besonders schwa- 
ches Ich. Sie sind ängstlich neuen Situationen gegen- 
über, oft leugnen sie die Angst, wie die Eltern es für 
sie getan halten. Eine uns häufig l^egegnende Form sol- 
cher Leugnung der Angst ist betonte Frechheit. Eni 
sechsjähriger Sohn analysierter Eltern erklärte von An- 
fang au dem Schullehrer, der sich wunderte, daß das 
intelligente lünd, die Schulsitnation nicht erfassend, 
immerfort redete. „Ha, Sie bilden sich vielleicht ein, ich 
hab Angst vor Ihnen? Mich dürfen Sie nicht schlagen! 
Meine Eltern sind nämlich gegen das Schlagen von Kin- 
dern!" Der Wunsch der Eltern, das Kind gegen trauma- 
tische Schulerlebnisse zu sichern, hat sich dem Kind als 
eine Ängstbereitschaft mitgeteilt, die es mit Schein-Mut 
zu verdecken suchte. Das ungewöhnlich ängstliche Kind 
exhibierte in der Schule mit Frechheit, wurde Vasall 
aggressivster und stärkster Kinder, bis ihm die Analyse 
Mut zu seiner Angst machte und dann diese langsam 
herabsetzte. 

Der analytische Pädagoge versucht oft im Zusammen- 
leben mit dem Kinde die Haltung des Nicht-Wertenden, 
gleichmäßig Interessierten zu verwenden, die der Ana- 
lytiker in einer analytischen Behandlung dem Analysan- 
den gegenüber einnimmt. Aber den wenigsten Erwach- 
senen gelingt es, in allen Situationen dem Kinde gegen- 
über echt wohlwollend zu sein. Kind imd Erwachsene 

144 ^ 



haben verschiedene Interessen, und auch der analytisch 
gebildete Erzieher, der die Triebansprüche des Kindes 
respektiert, wünscht, daß das Kind still sei, wenn er 
arbeitet oder schläft. So spielten in der Analyse eines 
Jungen, dessen analysierte Muller ängstlich darüber 
wachte, daß das Kind nicht zu hart angepackt werde, 
die Griffe am Handgelenk, mit denen sie das Kind 
packle, um dem Ungehorsamen ihre Wünsche zu erklä- 
ren, eine besondere Rolle. Die Diskrepanz zwischen 
den guten Worten des geduldigen Zuredens und dem 
harten Handgriff war für das Kind beängstigender als 
wenn die Mutler gesagt hätte: „Ich bin dir böse." 



Ein Gegenbeispiel für die richtige pädagogische 
Anwendung einer analytischen Theorie soll uns die 
nicht analysierte (und ungebildete) Frau geben, die bei 
mir Hausdienste tut. Sie ist selir UebevoU der noch nicht 
vierjährigen Tochter gegenüber, hat Verständnis für 
ihre kindlichen Wünsche, wenn aber die Kleine sie zu 
sehr in der Arbeit stört und nicht gehorcht, sagt die 
Mutier im echten Affekt: ,,Du ärgerst mich, ich bin jetzt 
deine Mutter nicht." Die Kleine beantwortet die Ki'iegs- 
erklärung mit trotzisen Worten: „Und du ärgerst mich 
auch", aber nach einer Weile beginnt sie, die vorher 
an diesem Tage sehr unruhig war, in großer Ruhe für 
sich zu spielen. Nach einer Stimde, in der Mutter und 
Tochler sich nicht um einander kümmerten, wendet 
sich die Kleine in Gegenwart der Mutter an mich: „Weil 
meine Mutter mich ärgert, erzähle ich ihr niciit, was 
ich Schönes gebaut liabc. Wenn meine Mutter mich 
nicht ärgerte, würde ich ihr alles zeigen." Als begriffe 
die Mutter, . daß mit dieser Umwandlung vom passiv 
Erlebten zum aktiven Tun die Kleine den Groll bewältigt 
hatte, versöhnt sie sich nun mit ihr: „Wenn du etwas 
so Schönes gebaut hast, dann kann ich mich ja gar 
nicht mehi' über dich ärgern." 

10 Almanach 1938 

H5 



Das Kmd hal von der Mutter eine Versagung bekom- 
men: „Ich bin jclzi deine Mutter nicht", ist jetzt von 
der Mutter verlassen und auf sein eigenes Ich ange- 
wiesen. Dieses Ich, das eben noch an der Schürze der 
Mutter hing, wird stärker, indem es sich selbst die 
Hilfe geben muß, die es von der Mutler nicht bekommen 
konnte. Die Kleine identifiziert sich mit der Mutler, 
ist sich selbst die helfende Mutter und schafft nun in 
ihrer Welt des Spiels wie die Mutter in ihrer Welt der 
Arbeil. Damit bewältigt sie gut ihre Aggressionen gegen 
die Mutter. „Du denkst, ich kann nicht ohne dich sein? 
Sieh, wie ich dich nicht brauche T' Und bewältigt zu- 
gleich ihr Liebesbedürfnis nach der Mutter: denn sie 
weiß, mit dem Erfolg ihrer Identifizierung wird die 
Mutler versöhnt sein. Wenn analytisch gebildete Erzie- 
her solche Versagungen zu setzen sich scheuen, so über- 
sehen sie dabei: Ein Liebesobjekt, um dessen Liebe man 
nie werben muß, ist kein genügender Motor für Identi- 
fizierungen. Während man also als Gewährender die 
Triebwünsche ermutigt, unterläßt man es, zugleich das 
Ich des Kindes zu stärken, damit es den Triebwünschen 
nicht ausweiche. 

In einer Arbeitsgemeinschaft analysierter Kindergärt- 
nerinnen wurde die Tatsache besprochen, daß bei der 
einen Kindergärtnerin die Kinder gemeinschaftsfähig 
waren und subhmierten, zum Beispiel viel malten und 
bauten und kollektiv organisierte Spiele hatten; wäh- 
rend bei der anderen die Gemeinschaft auseinander- 
fiel und nur einzelne Kinder etwas leisteten. Entschei- 
dend schien uns: Die eine Gruppcnleiterin, die auf 
Grund ihrer eigenen Analyse überzeugt war, daß Ge- 
währenlassen die Triebentwicklung am wenigsten störe, 
zog die Übcrtragungsgefühle der Kinder auf sich; da sie 
aber nicht auch die geheimen Wünsche der Kinder 
befriedigen konnte, bekam sie neben den positiven 
auch negative Einstellungen zu spüren. Neid der Kinder 
aufemander zersprengte die Gemeinschaft. Die andere 

146 



-A. 



Gruppen leiterin verstand es, Ansprüche zu stellen, Ver- 
sagungen zu setzen. Und da die Kinder wußten, was sie 
freut und was sie ablehnt, konnten sie sich mit ihr 
identifizieren. 

Die pädagogisch arbeilenden Analytiker kennen aus 
Beobachtung die Tatsache, daß Versagung, Distanzie- 
rung einen Motor zur Identifizierung abgibt und daß das 
Kind sich dann mit den vom Erzieher gewünschten 
Zügen identifiziert, wenn es sich vom Erzieher bejaht 
fühlt, ihm also auch bei einer Versagung nicht allzu- 
sehr grollen muß. Aber die pädagogisch unerfahrenen 
unter den analysierten Eltern fürchten, in die alte, 
ü-iebunter drückende Erziehimg zu verfallen, wenn sie 
mit dem Kinde kämpfen oder gar dem Kind Liebesver- 
lust bis auf weiteres ankündigen. •'■' 

Eine sechsjährige Patientin, ein ungewöhnhch ver- 
wölintes Kind, will in der zweiten Analysenstunde eine 
Puppe von mir nach Hause mitnehmen. Ich erkläre ihr, 
wieso ich gerade an dieser Puppe so hänge und daß 
ich sie deshalb nicht gerne verleihe. Beim Abschied- 
nehmen versuchte die Kleine, mir die Puppe mit Gewalt 
zu entreißen. Ich blieb im Kampf die Stärkere. Den 
Kampf zu gewinnen, war bei diesem Kind wichtig, das 
von einer Mutter erzogen wurde, die im Namen der 
Analyse dem Kinde nichts versagte. Sie war auch em- 
pört, als sie vom Kind erfuhr, daß ich ihr die Puppe 
nicht gegönnt hatte. So hat sie sich eine Kinderanalyti- 
kerm nicht vorgestellt. Ich habe dann während der 
Analyse des Kindes noch häufig die Rolle der versagen- 
den Mutter übernehmen müssen, und die Reaktionen 
des Kindes auf diese realen Versagungen führten zu 
seinen verdrängten Leiden wegen der tieferen Versa- 
gungen, die das Kind von der Mutter erlitt und die die 
Mutter mit übersteigerten Gewährungen des Alltags zu 
verdecken suchte. Aber hier soll nicht das Unbewußte 
des Erziehers behandelt, sondern das Typische emes sol- 
chen Verhaltens als ein häufiges Phänomen der miß- 



10* 



147 



I 



verstandenen analytischen Pädagogik hervorgehoben 

werden. 

Wir wissen, daß manifeste Wünsche des Kindes häu- 
fig in einer symbolischen DarsLclIung die lieferen imbe- 
wußten Wünsche des Kindes milleilcn. Wir kennen die 
tröstende Magic der symbolischen Ausdrucksformen. Be- 
handeln wir aber das Troslmitlel so, als wäre es genau 
dasselbe wie das eigen llich Gewünschte, so gewöhnen 
wir das Kind, mit Hilfe von Ersatzmitlein Spannungen 
zu verlieren, erziehen damit das Ich zur Trägheit und 
zur Intoleranz gegenüber höheren Spannungen. 

Die kleine Patientin, die meine Puppe nicht bekam, 
begriff, daß es Interessengegensätze zwischen Mutter 
und Kind gibt. Die Mutter, die alle Wünsche so behan- 
delte, als sei alles mit ihrer Hilfe erfüllbar, hatte im 
Kinde die Hoffnung genährt, daß sie ihr eines Tages 
auch ihren Mann, ihren Penis abtrelen würde und daß 
sie ihr das Kind abgeben würde, wenn sie noch eines 
bekäme. Die Auseinandersetzung mit diesen tiefen Wün- 
schen wurde dem Kinde erst dann notwendig, als man 
sich mit ihr in einen Kampf wegen ihrer oberflächlichen 
Wünsche des Alltags einließ. Wenn man mit Kindern 
aus analytischem Milieu zu tun hat, gewinnt man häu- 
fig den Eindruck, mißverstandene Analyse verführe zu 
der Meinung, daß man den Kindern tiefere Konflikte 
ersparen könne, wenn man ihnen die oberflächlichen 
aus dem Wege räume. 

Besonders hilflos benimmt man sich da, wo man die 
Analyse mißverständlich anwendet, den Aggressionen 
der Kinder gegenüber. 

Unser Erziehungsziel: gesundes Ich, also mildes 
und sicher funktionierendes Über-Ich, damit keine zu 
großen Spannungen zwischen Ich und Über-Ich entste- 
hen scheint eine gewisse Milde kindlichen Aggressionen 
gegenüber anzuraten. Wie sieht das in der Praxis aus? 
De" gleiche Junge, der die Stadt Prag wegen mangelnder 
Sandkisten totschießen wollte, geht durch emc Phase, 

148 



..^^ 



in der er offenbar sich mit seinen Kleinheitsgefühlen 
dadurch restauriert, daß er bei jeder Gelegenheit auf 
den Vater lustvoll schlägt. Der Vater erwiderte die 
kräftigen Angriffe mit einem kaum angedeuteten spiele- 
rischen Gegenschlag, statt dem Kleinen spielend aber 
nicht spielerisch die Kraft entgegenzusetzen, die der 
Kraft des Kleinen entsprochen hätte. 

Mit viereinhalb Jahren, auf der Höhe seines Ödipus- 
komplexes, wurde der Junge sehr aggressiv gegen den 
Vater, wollte ihm bei Tisch alles wegessen und be- 
drohte ihn einige Male in der Woche mit Kastrations- 
angeboten: „Vati, ich schneide dir den Zipfel ab." Wir 
können uns denken, wie der analytisch gebildete Vater 
reagierte. Er versicherte dem Sohn, daß er ihm das 
Glied nicht abschneiden würde. Er fragte das Kind: 
„So bös bist du auf mich?" Oder deutete: „Weil du 
einen so großen haben möchtest wie ich." Eine Deu- 
tung, die der Junge vergnügt bejahend aufnahm. Aber 
die Wirkung dieser Maßnahmen, die dem Kind Angst 
als Folge seiner Kastrationswünsche ersparen sollten, 
war: Das Kind übersteigerte sich in seinen aggressiven 
Phantasien und Ansprüchen und hatte zu gleicher Zeit 
Einschlafschwierigkeiten aus Angst vor wilden Tieren 
im Traume, genau so wie ein Kind, das mit Kastrations- 
drohungen gefüttert wird. Offenbar kann das Kind nicht 
glauben, daß der Vater so ganz anders fühlt als es 
selbst, auch wenn der Vater sich noch so milde zeigt. 
Malen wir uns die gleiche Situation etwas anders aus. 
Der mit Kastration bedrohte Vater soll sagen: „Wieso? 
Denkst du, ich ließe mir das gefallen? Ich würde dir 
die Hände festhallen. Es geht auch nicht so einfach, 
Menschen ein Stück Fleisch wegzuschneiden. Auch er- 
laubt es die Polizei nicht, daß ein Mensch dem anderen 
den Körper beschädigt." 

So etwa zu reagieren, heißt die Aggression genau so 
ernst nehmen, wie das Kind sie meint. Die Gegenaggres- 
sion des Vaters zeigt dem Kind, daß der Vater sich auf 

149 



einen Kampf einstellt. Er ist dabei nicht so bedrohlich, 
daß das Kind nicht wagen dürfte, seine ödipusgedanken 
weiter zu äußern, sie verdrängen müßte. Aber in der 
Entgegnung des Vaters begegnet dem Kind eine Wirk- 
lichkeit, in der ein Angriff eine Abwehr findet, eine 
Welt, in der Menschen über sich ein Gesetz (die Poli- 
zei) gestellt haben, die Körperbeschädigungen allen, 
Söhnen und Vätern verbietet. 



Wie beurteilen die Kinder selbst die Milde des ana- 
lytischen Pädagogen? 

Von einem dreijährigen Jungen erzählt die Kinder- 
analytikerin Ada Müllcr-Braunschweig in ilirer 
Arbeit „Ein Fall von Schaltenangst und Fragezwang** 2) ; 
Heini denke sich verbotene Sachen aus luid frage, 
was die Leute dazu sagen. Antwortet man ihm auf die 
Frage: „Was sagen die Leute, wenn Heini die Milch 
ausgießt?" „Die Leute sagen, das kann mal passieren, 
das ist nicht so schlimm", so ist Heini unbefriedigt. Er 
will eine genau im Wortlaut festgelegte, klar verurtei- 
lende Antwort haben. Er will hören: „Die Leute sagen, 
das soll aber Heini nicht tun !" oder „die Leute sagen, 
das ist aber schlimm von Heini!" Wir verstehen, 
daß Heini mit einer milden Abwehr nicht zufrieden ist, 
wenn wir hören, daß auch er nicht bloß ein so mildes 
Vergehen wie Ausschütten von Milch phantasiert. Er 
will auch wissen; „Was sagen die Leute, wenn Hemi alles 
in der Wohnung kaputt macht?, wenn Heini das Haus 

umwirft?" 

Mit fünfeinhalb Jahren behauptete jener Junge, der 
ein Jahr zuvor seinen Vater mit Kastration bedrohte, 
er habe drei Paar Eltern, ein Paar richtige und zwei 
Paar Gedankeneltern. Von diesen Gedankeneltern, mit 
denen er sich vor dem Einschlafen zu xmterhalten 
pflegte — er war jetzt angstfrei — , behauptete er, ein 

2) Ztschr. f. psa. Päd., Bd. IV, 1930. 
150 



i^. 



Paar sei miUelsclilimm, das andere Paar ganz schlimm 
und ganz streng. Die Gedankeneltern schimpfen viel, 
nehmen dem Kind alles übel, schicken ihm böse Träu- 
me, gönnen ihm keine Lust. Die ganz schlimmen tan- 
zen sogar froh umher, wenn sie böse sind. 

Als ich danach forschte, warum sich seine Gedanken 
so unfreundliche Eltern ausgedacht hätten und warum 
er überhaupt an seinen wirklichen Eltern nicht genug 
hätte, erfahi'e ich: „Ich brauche die schlimmen Gedan- 
keneltern. Die Mama ist manchmal böse, wenn ich 
böse bin, und dann verträgt sie sich wieder mit mir, 
aber meine schlimmen Gedankenellern sind immer 
böse und wollen nicht gut sein, und sie müssen 
auch böse sein und müssen auf mich aufpassen, daß 
ich nichts Böses tue." Aufpassen müssen sie aber, weil 
er solche Wünsche hat: „Ich möchte in die Mama rein- 
gucken, aber ich habe Angst, wenn ich in die Mama 
reiiigucke, da hält mich das Kind drinnen fest und 
ich kann nicht heraus." 

Wenn nun der dreijährige Heini Worte verurtei- 
lender Leute bildet, wenn er ein Haus umwerfen will, 
wenn der fünfjährige Autor der schlimmen Gedanken- 
ellern diese als Aufpasser darüber braucht, daß er sei- 
nen Vater nicht wieder kastrieren wolle und nicht in 
das Innere seiner Mutter eindringe, wenn diese Kinder 
solche Repräsentanten ihres Ober-Ichs trotz der milden 
Außenwelt bilden, so sind das eindrucksvolle Bestäti- 
gungen für die Annahme Freuds in „Das Unbehagen 
in der Kultur", daß die Strenge des Über-Ichs nicht nur 
von der Strenge abhängt, die man von einem äußeren 
und inlrojizierten Objekt erfahren hat, sondern eben- 
sosehr von den aggressiven Antrieben, die gegen das 
Objekt empfunden werden. 

Sind unsere analytischen Pädagogen darauf ausgegan- 
gen, dem Kinde zum Schutze seines Ichs, zum Schutze 
seiner Gesundheit ein Ober-Ich zu vermitteln, das nicht 
allzu streng waltet, in nicht zu große Spannungen mit 

151 



dem Ich gerät, so müssen sie also nach zwei Fron- 
ten arbeilen: sie dürfen nicht zu streng sein und sie 
müssen Sorge dafür tragen, dali die aggressiven Im- 
pulse des Kindes nicht zu groß werden. Das erste ist 
leicht erreichbar. Die analytischen Pädagogen arbeiten 
ja mit Milde. Das zweite stößt zum Teil, aber nur zum 
Teil, an die Grenzen der Pädagogik. 

Wir glauben, daß viele Kinder infolge früher Versa- 
gungen einen starken Sadismus ausbilden, wir sprechen 
von der oralen Wut des hungernden Säuglings, und 
wir wissen, daß hier soziale Umstände, Säuglingspflege, 
Hygiene und oft genug unbeeinflußbare Zufälle eine 
Rolle spielen, daß hier also die Pädagogik wenig zu 
suchen hat. (Anderseits lehrt manchmal die Beobach- 
tung, daß manche Kinder, die im SäugUngsalter und 
in den ersten Jahren viel entbehrten, keine auffälligen 
Aggressionen zeigen, sondern im Gegenteil ein Fast-zu- 
wenig an Aggressionen ausgebildet haben, still, unaktiv 
sind, nachgiebig dulden, sanft wie Menschen In der Re- 
konvaleszenz. Ändere Reobachtungen wieder zeigen, daß 
es Kinder gibt, die recht harmonisch, heiler ihre Säug- 
lirtgszeit verbringen und erst später, zwisciien dem 
zweiten und dritten Jahr aggressive Phantasien imd 
Tendenzen zeigen.) 

Manchmal kann man erkennen, daß eine besondere 
Aggi^essivität eine Antwort auf besondere individuelle Ent- 
täuschungen und Konflikte darstellt; erst die Erledigung 
dieser Konflikte kann zum Ausgleich führen. Starke 
imd frühzeitige Hemmungen der Analcrotik und der 
Aktivitätsslrebungen scheinen oft eine trotzige Aggres- 
sivilät der Drei- bis Vierjährigen hcrvorzvunifen. Dieser 
Zusammenhang ist der analytischen Pädagogik gut ver- 
traut und Schwierigkeiten, die aus dieser Quelle stam- 
men, werden von ihr im allgemeinen gut bewältigt. 

Aber manchmal gewinnt man den Eindruck, daß eine 
zunächst normale, den Jahren und der gesunden Trieb- 
slärke enlsprecliende Aggressionslust infolge eines mige- 

152 



a»i 



schickten Verhaltens der Umgebung übermächtig wird. 
Das ist die Stelle, an der unsere Kritik der analytischen 

Pädagogik einsetzt. 

Wenn die Aggressionen des Kindes auf eine Außen- 
welt stoßen, die verzeiht, irgendwie „versteht" und vor 
lauter Verstehenmüssen alles natürliche Benehmen ver- 
loren hat, lernt das Kind nicht, seine Aggressionen 
dem Widerstand anzupassen. Es hat dann auch keinen 
Motor, sie in der Außenwelt zu verwenden, die ganz^ gut 
Aggressionslusl verwerten kann, zum Beispiel für einen 
Kampf mit wirklichen Gegnern oder mit einer schwer 
bewälligbaren Materie. Anderseits wirkt die Erfahrung, 
daß die Erzieher nie selbst aggressiv werden, im Sinne 
von AggrcssionsverboLen. Das Kind fühlt, daß etwas an 
seinen Aggressionen verurleilenswert ist, wenn die be- 
wunderten Erwachsenen nie aggressiv werden. Es ahnt 
auch daß sie aggressiv werden müßten, wenn man in 
ihre sexuelle Eigen lumssphäre eingriffe. Da die Abfuhr 
nach außen auf diese Weise schuldbeladen wird, ver- 
sucht das Kind, seine Aggressionsquantiläten intrapsy- 
chisch zu bewältigen. Es wendet die Aggressionen nach 

innen. 

Seine aggressiven Kräfte, die die analytische Um- 
gebung nicht auffangen kann, bringt dann das Kind in 
seinem Über-Ich unter. Sein Über-Ich wird nicht weni- 
ger streng werden als das Über-Ich der allzu streng 
behandelten Kinder. 

Der von den schlimmen Gedaiikenellern bewachte 
Junge erklärte: „Wenn mein Sohn zu mir so reden wird, 
wie ich früher zum Vater geredel habe, dann werde ich 
ihm eine tüchtige Ohrfeige geben." 

Lassen wir uns nicht mit diesem Zitat ein Zurück 
zur Ohrfeigenpädagogik anempfehlen. Das Zitat soll 
nur zeigen, wie das mit mißverstandener analytischer 
Pädagogik erzogene Kind offenbar eine äußere Aggres- 
sionsabwehr der realen Ellern dem strengen inneren 
Gericht seiner Gedankeneltern vorzieht. 



^ 

Zur Erziehung Unsozialer ' 

Von August Aichhorn, Wien 

Der einleitende Aiyschnitt eines „Psycho- 
anahjdschef; Verständnis Unsozialer'^ betitel- 
ten Aufsatzes. Ans dem in stark erweiterter 
Auf löge erscheinenden „Psijchoanaliftischen 
Volksbuch", herausgcgcljen von Paul F e- 
der n und Heinrich M e n g, Verlag Hans 
Huber, Bern. 

Das theoretische Endziel der Erziehung ist das soziale > 

Ideal, das ist, eine Gemeinschaft von Individuen zu er- 
zielen, welche bei Erfüllung der Nolwcndif^keiteu, die 
aus dem Zusammenleben in der sozialen Gemeinschaft 
entspringen, sich gleichzeitig möglichst ungestört indi- 
viduell ausleben können. 

Der soziale Mensch steht nicht nur als Ich der Ge- 
samtheit gegenüber, er gehört als Ich auch der Gesamt- 
heit an und hat daher Bedingungen in zweifacher Rich- 
tung zu entsprechen: in einer auf die Gesellschaft be- 
züglichen und einer auf sich seihst bezogenen. Die Er- 
ziehung hat immer den Menschen so sich enlwickehi 
zu lassen, daß er in seinem Erleben und iix seinem Aus- 
leben weder die Gesellschaft noch sich selbst schädigt. 
(Das anzusirebende, im günstigsten Fall auch erreich- 
bare Ziel ist durch die der Erziehung gestellte Auf- 
gabe umschrieben.) Wenn auch das soziale Ideal wan- 
delbai' ist, so ändert das nichts am grundsätzlichen 
Endziel der Erziehung. Die Psychoanalyse hat als Er- 
ziehungsziel angegeben: Jeder richtig erzogene Mensch 
muß fähig sein, die Konflikte, die sich aus dem Zusam- 
menleben, aus der Erfüllung oder Nicht-Erfüllung der 
entstehenden Notwendigkeiten ergeben, Ich-gerecht und 
realiLätsangepaßt zu erledigen. 

Unsozial ist das Individuum nicht nur, wenn es die 
Forderungen der Gemeinschaft gegenüber nicht erfüllt, 

154 





sondern auch, wenn es die gegen sich selbst vernachläs- 
sigt. Unsozial ist die Gemeinschaft auch, wenn sie zwar 
diese vor dem Individuum, jenes aber nicht vor der 
Gesellschaft schützt. 

Wir sind gewohnt, ein unsoziales, gegen die Gesell- 
schaft gerichtetes Tun als Verwahrlosung zu bezeich- 
nen "und die Neurose ihr gegenüber zu stellen. Beide 
sind aber Formen, in denen das „Unsoziale" sich äußert. 
Sie sind doch nur Wirkungen einer und derselben Ab- 
wchrlcndenz. Im Kinde entsteht ein Widerstreit zwi- 
schen den eigenen Tendenzen und den gesellschaft- 
lichen, das Kind wehrt sich gegen diese Konfliktsitu- 
ation auf zwei entgegengesetzten Wegen: in der Ver- 
wahrlosung wird der Konflikt nach außen durchge- 
kämpft; wird dieser Kampf infolge des Kräfteverhält- 
nisses unmöglich, so wird er im Innern als Neurose 
weitergefülirt — mit andern Vorzeichen und in entge- 
gengesetzter Richtung — hier nach innen, dort nach 
aufien, hier ein Minus an Triebäußerung, dort ein Plus. 

Die unsozialen Äußerungen sind so vielgestaltig, daß 
sich der Versuch schon jetzt lohnt, zu Begriffsbestim- 
mungen zu kommen, die nach und nach eine systemati- 
sche Erfassung des Problems ermöglichen werden. 

Die Erziehung lenkt die Entwicklung des Kindes nach 
bestimmten Wertungen. Ehe die Erziehvmg einsetzt, steht 
das kleine Kind noch diesseits derselben: es ist 
asozial. Die Erziehungspersonen wissen, daß dieser 
Zustand bis zu einem bestimmten kindlichen Lebens- 
alter naturgemäß ist. Erst wenn mit fortschreitendem 
Alter die Erziehungseinflüsse unwirksam bleiben, ändert 
sich die Auffassung. Was früher normal war, gilt nun 
für abnorm. Das unerziehbare Kind bleibt demnach 
asozial- das erziehbare gibt diesen Zustand nach und 
nach auf: Das eine ist ah so lut asozial, das andere 
nur relativ asozial. Die Untersuchung der Ur- 
sachen der Uncrziehbarkeit führt zu einer weiteren 
Einteilung der absolut Asozialen; es kommt zum Beispiel 

155 






'f 







m 




darauf an, ob in den intellektuellen Funktionen (Ver- 
stand, Aufmerksamkeit, Gedächtnis u. a.), oder in der 
Affektivität, oder in einer organischen Krankheit, oder 
in psychischen Traumen die Ilauplursache gelegen ist. 
Die relativ Asozialen können bei ungestörtem seeli- 
schem Aufbau, namenthch in bezug auf die Verteilung 
ihrer Libido und bei entsprechend sozial gesrnnleB 
Erziehungspersonen eine normale Entwickhmg im Sinne 
des sozialen Ideals nehmen. Wächst das Kind in nur 
unsozial orientierter Umgebung auf, beispielsweise in 
einer Verbrecher-Familie, so kann es bei vollkommen 
normaler Entwicklung - durcli die selbstverständliche 
Identifizierung mit den Erziehungspersonen - doch 
asozial bleiben. Es muß aber unter die relativ Asozialen 
eingereiht werden, wenn es an und für sich nach seiner 
konstituüonellen Anlage wohl erziehbar gewesen wäre: 
wir wollen diese Gruppe die der „Pseudo-Asozialen'' 
nennen. Fehlt eine Idcnüfizierungsperson überhaupt - 
Tarzan — oder hat das Kind infolge fortwahrenden 
Wechsels der Erziehungsumgebung — Fürsorgekinder 
— nicht die erforderliche Zeit, um Objektbesetzun- 
gen (die Liebe zu jemandem) und Identifizierungen 
(Beispielnahmen) in sich entstehen zu lassen, so wird 
das Relativ-Asozial-Sein mehr oder weniger bestehen 
bleiben. Aus diesen wenigen Ausführungen ergibt sich 
bereits auch für die Gruppe der Relativ-Asozialen eine 
Einteilung. 

Die Gefühlsbindungen der Familienmitglieder unter- 
einander schaffen die Atmosphäre, in der das Kind 
heranwächst. Führen die Beziehungen innerhalb der Fa- 
miUe zu einem natürlichen libidinösen Gleichgewichts- 
zustand, so sind die Gefahren, die sonst aus den Affeki- 
ausbrüchcn der Erwachsenen für das Kind entstehen, 
vermieden. Wird dieser Gleichgewichtszustand nur 
künstlich dadurch aufrechterhalten, daß ein Eltcrnteil 
das Kind übermäßig für sich in Anspruch nimmt, oder 
unierbrochen, weil für das Kind zu wenig Libido vor- 

156 



liaiidcn isl, dann kann es zu schwerwiegenden Enl- 
wicklimgsstöi-ungen kommen. 

Das Kind wird von einem Elternleil unbewußt immer 
libidinos überlastet, wenn dessen libidinöse Bedürfnisse 
in der Richtung zum andern Elternteil unbefriedigt 
bleiben. In kurzer Ausdrucksweise ließe sich sagen: Der 
libidinöse Gleichgewichtszustand innerhalb der Familie 
— inlrafamiUäre Libido- Konstellation — wü*d auf Ko- 
sten des lündes aufrechterhalten, wenn ein Elternted 
die eigene Neurose symptomlos zu halten 
versucht. 

Dadurch wird das Kind in den affekÜven Bindungen 
zur Umwelt zuerst unsicher gemacht, dann immer mehr 
irritiert, bis schließlich in seinem Libido-Haushalt eine 
derartige Unordnung herrscht, daß abnorme Beziehun- 
gen entstehen. Von da an mißlingt auch die Erziehung. 
Das Ergebnis ist wieder ein unsoziales Kind. Je früher 
diese Phase einsetzt, desto mehr infantil, also desto un- 
erzogener bleibt es — infolge einer Entwicklungshem- 
mung; je später sie beginnt, desto weiter ist das Kind 
schon erzogen, es bleibt dann aber nicht auf dieser 
Stufe stehen, sondern sinkt erfahrungsgemäß infolge 
einer Regression in eine frühere infantile Situation 
zurück. 

In beiden Fällen können die unsozialen Äußerungen 
dieser Kinder, sowohl im Inhalt als auch in der Form 
mit jenen scheinbar übereinstimmen, die bei asozialen 
Kindern auftreten. Sie sind aber anders motiviert und 
vom genauen Beobachter auch unschwer als „anders" 
zu erkennen. Dort entsprechen sie einem Noch-Nicht- 
Verslehen der Normen, hier einem die Normen Nicht- 
Mehr-Yerstehen-Können. Dort haben sie mit den hbidi- 
nosen Beziehungen zu den Erziehungspersonen (Eltern) 
nichts zu tun; hier mit gestörten libidinösen Beziehim- 
gen. Die Beobachtung der unsozialen .Äußerungen tlieser 
Kinder führt zum Eindruck, daß sie einem bestimmten 
unbewußten Zweck dienen: unbewußte Ubidinöse Ansprü- 



157 



che der verschiedenslen Art zu befriedigen, daß sie 
aber ein Versuch mit untauglichen Mitteln sind. Alle 
diese unsozialen Kinder lassen sich zur Unterscheidung 
von den asozialen als dissozialc zusammenfassen. Zu 
diesen gehören dann die vielen Formen verwahrloster 
und neurotischer Kinder. 

Gegenwärtig besteht wenig Interesse, die Motive asozi- 
alen und dissozialen Verhaltens aufzudecken. Man be- 
gnügt sich vielfach, Tatbestände zu sehen, und versucht 
mit längst bekannten, aber nicht ausreichenden Erzie- 
hungsmitteln der Verwalirlosung und Schwererziehbar- 
keit Herr zu werden. 



1 



II 



Die libidinöse Struktur des kriminellen 

Psychopathen 

Von Fritz Witteis, New York 

Erster Abschnitt eines unter dem gleichen 
Tiiel in der „Internationalen Zeitschrift für 
Psychoanaigse", Band XXIII, 1937, Heft 3, 
erschienenen Aufsatzes. 

Wenn wir an dem altbewährten und grundlegenden 
psychoanalytischen Prinzip festhalten, daß die Sexuali- 
tät (und deren Struktur) der Neurose (auch der Psycho- 
pathie) ihre Form aufzwingt: Wo finden wir das sexu- 
elle Urbild des Psychopathen? Der klassische Don Juan 
soll uns Aufklärung bringen. Die „Don Juan-Gestalt" 
wurde psychoanalytisch erklärt, als ob sie ohne Ende 
ihre Mutter suchte, eine Art „Ewiger Jude" des Ödipus- 
komplexes, der immer wieder die Mutter erobern fund den 
Vater töten müsse; so besonders in einer Arbeit von Otto 
Ran kl), die auf Bemerkungen Freuds zurückgeht. 
S t e k e 1 2) hat als erster gezeigt, daß der Don Juan 
homosexuelle Tendenzen abwehren muß, die ihn im- 
bewußt bedrängen. Auch diese Entdeckimg geht auf 
Freuds Auffassung der Erotomanie ^) zurück. Diese 
Erklärungen ruhen beide auf klinischer Beobachtung, 
gelten jedoch nur für den neurotischen, den mittelalter- 
lich-christlichen Don Juan. Der klassische Don Juan 
der Renaissance, wie er uns in Mozarts Oper entgegen- 
tritt, kennt keine Fin:cht und keine Abwehr innerer 
Gefahren. (Ranks Abhandlung steht in diesem Punkte 
zu den Tatsachen im Widerspruch.) Er tötet den Gou- 
verneur nichl aus Ödipusmotiven, sondern so wie er 
jeden töten würde, der ihm mit der Waffe in der Hand 

1) Die Don Juan-Gestalt, Int. Psa. Verlag, Wien, 1924. 

2) Störungen des Trieb- und Affektlebens, Bd. II, 1921 
und vorher. 

3) Ges. Sehr., Bd. VIII, S. 415, oft ziüert. 

159 



entgegentritt. Das ist Ja gerade das Schreckliche an 
ihm, daß er einen Valcr nicht kennl; er ist präödipal. 
Den steinernen Gasl lädt er ohne jede Reue und Furcht 
zum Gastmahl ein und lalirt schließlich zur Hölle unter 
großartiger Ablchmnig jedes Schuldgefühles und jeder 
Buße. Er kennt auch keine Mutter, hält Elvira, die ihm 
mütterlich entgegenkommt, auf die grausamste Weise 
zum Besten — grausam ohne Bosheit, wie ein Tier oder 
em kleines Kind. Er ist offenbar potent wie der Teufel, 
genießt das Leben auch sonst in vollen Zügen — Weiber 
sowohl wie Essen und Trinken, Musik und Tanz. 

Mozarts Don Juan singt Haß und spielt den animali- 
schen Manu nicht nur: er ist es. Ich weiß nicht, war- 
um Rank behauptet, daß Mozarts Don Juan von sei- 
nen Frauen nicht geliebt wird. Freilich gewinnt er sie 
oft mit List, aber sie sind doch — in der Oper wie im 
Leben — jederzeit bereit, ihm zu verzeihen, auch nach- 
dem sie erkannt haben, wer und wie er ist. Das gilt 
besonders von Elvira und Zerlinc, jedoch bis zu einem 
gewissen Grade auch von Donna Anna, deren getreuer 
hoch kultivierter Oktavio keinen leichten Stand hat. Die 
Arien „Reich mir die Hand, mein Leben" und „Hör auf 
den Klang der Zither" sind allerdings von einem Dämon 
gesungen, aber von einem unbeschwerten Dämon der 
Lust und keineswegs von einem gequälten Neurotiker 
und Besessenen. Die Heihenbildung der verlassenen 
Frauen, die sich zu einem — merkwürdig wirkungs- 
losen — Chor der Rache zusammentun, sie lieben ihn 
nämlich alle noch immer, diese Reihenbildung schafft 
nicht Don Juan aus elwelchen masochistischen Grün- 
den, sondern sie ist eine unvermeidliche Folge der 
juanesken Tausendunddrei und trägt zum Charakter- 
bild des klassischen, das ist des genuin narzißtisch- 
phallischen Mannes, nichts bei; sie belästigen ihn wie 
Fliegen. 

Angst wird von Mozart allerdings erzeugt; aber nicht 
in seiner klassischen Figur, sondern in uns, den kul- 

160 



turellen Zuschauern, deren lief verdrängter Wunsch 
nach allmächliger Lust gewaltig angeschlagen wird. 
Was wir fühlen, ist: Zwar holt ihn schließlich und end- 
hch der Teufel; es geht ihm aber verdammt gut, solange 
er lebt. Wir hören, daß Mozart die Ouvertüre semes 
Meisterwerkes erst knapp vor der Uraufführung in 
einer einzigen Nacht, angeblich in Gegenwart zechender 
Kumpane komponiert hat. Vorher wollte sie nicht ge- 
lingen. Hier galt es, den Übergang zu schaffen vom 
schreckhaften, der Strafe gewärtigen Kulturmenschen 
zu dem Renaissancehelden, der alle Bande der Kultur 
sprengt. Dieser Übergang ist dem Genie Mozarts in 
einem übermenschlichen Meisterstück gelungen. Mozarts 
und seines Textdichters Daponte Don Juan ist der Höl- 
lenfürst. Nicht der neurotische Luzifer, auch nicht der 
zynische und sarkastische Mephisto, sondern Satan, die 
lachende Überbestie. 

Nur eine Eigentümlichkeit vermissen wir in der Ge- 
stalt Mozarts und Dapontes: die weibliche Komponente, 
die dem Don Juan, sowohl dem neurotischen wie dem 
psychopathischen, niemals fehlt. Es lag offenbar nicht 
im Genie Mozarts, der diese Komponente in scherzhaft 
entzückender Weise oft dargestellt hat (Cherubin), sie 
in der Gestalt seines Höllenfürsten glaubhaft heraus- 
zuarbeiten. Der Text Dapontes gibt hiefür auch keine 
Gelegenheit. Immerhin mag man sie aus der Musik hier 
und da heraushören. Der Don Juan, dem wir im Leben 
begegnen, zeigt die feminine Komponente — wie ich 
schon an anderer Stelle ausgeführt habe — ganz deut- 
lich. Sie ist von seiner Männlichkeit abgespalten. Die 
beiden Komponenten sind desintegriert 
und liegen nebeneinander. Im Gegensatz zum 
neurotischen Don Juan fürchtet er sich nicht vor seiner 
WeibUchkeit, sondern freut sich ihrer und der Wirkrni- 
gen, die von ihi' ausgehen. Er ist putzsüchtig und ele- 
gant, niedüch imd zierlich, versteht sich mit Frauen 
in allen ihren weiblichen Interessen, wie Kleidern, Fri- 



11 Almanach 1Q38 



161 



sur, Kochen und häuslicher Handarbeil. Er besitzt 
weibUche Fcinfiihligkeil, kann mit Frauen lachen und 
weinen, sich ihnen unterwerfen und ihnen dienen. Er 
tanzt mit weiblicher Grazie und erobert die Frau unter 
Einsetzung aller seiner Weiblichkeit. Man darf sagen, 
daß er die Frau auf Grund ihrer lesbisch-mülterlichen 
Komponente gewinnt, darin nicht unähnlich dem Gheru- 
bin aus Mozarts Figaro. Frauen, die eine solche Art 
der Annäherung nicht schätzen, und besonders Män- 
nern, die diesem Gaukelspiel zusehen, ist er zuwider und 
sogar ekelhaft. 

Er ist aber zuzeiten auch brutal wie ein Gorilla, 
sucht Händel, fürchtet sich vor niemandem und nichts 
und befriedigt die Frau mit ungebrochener Potenz. Von 
ihm gilt Freuds herausforderndes Wort, daß nur 
der die volle Potenz des Maimes erreicht, der jede 
Angst vor Inzest, vor Vater und Mutter überwunden 
hat*) — oder, wie ich liinzufügen möchte, nicht kennt. 
Im Smne der Libidolheorie kann man sagen, seine 
Libido sei bewegücher als die des normalen Kultur- 
mannes und besetzt einmal die eigene männliche und 
dann wieder die eigene weibliche Komponente. Er hat 
Einschränkung und Fixierung an ein einziges Geschlecht 
nicht gelernt, weil er nicht durch die Nöte der Kastra- 
tionsangst gegangen ist. Wenn man fragt, warum er 
dann nicht auch aktiv homosexuell ist, so ist die Ant- 
wort: häufig ist er das und fast immer macht er den 
Eindruck, als ob er homosexuell wäre. Der ganze 
Mann sieht aus wie ein Penis und zieht nicht nur 
Frauen an, sondern auch gewisse Männer. Er wird 
solchen Männern ebenso untreu wie seinen Frauen und 
beide Geschlechter tragen ihm wenig nach. Sie vergessen 
seine Aggression, daß er sie auffressen und zerstören 
will, weil sie das Kind in ihm fühlen und lieben. 
Seine Opfer gehen zwai' zugrunde, wenn sie nicht seines- ^ 

*) Ges. Sehr., Bd. V, S. 206. 
l6a 



.«£i4^ 



gleichen sind, oder müssen wenigstens schwer leiden, 
aber er meint es nicht böse und die Opfer wissen das. 
Für gewöhnlich ist dieser Typ nicht aktiv homosexuell, 
sondern zieht das weibliche Geschlecht vor, weil der 
Tisch da reichlicher gedeckt ist. Er lebt seine Kom- 
ponenten beide am Weibe aus. 

Wir sehen den klassischen Don Juan nicht im Ordi- 
nationszimmer. Er ist mit sich und seinem Leben zu- 
frieden und kommt nicht zur Behandlung. Das ist ver- 
mutlich der Grund, warum der rein narzißtische Don 
Juan nicht schon längst beschrieben wm-de. Wie jeder 
Psychopath Ist er der Gefahr der Neurose (Psychose) 
ausgesetzt und selbst die wenigen reinen Formen, die 
man beobachtet, haben nur kiu-ze Blütezeit. Lange be- 
vor sie der steinerne Gast holt, holt sie die Kastrations- 
angst, die vermutlich phylogenetisch — man sollte viel- 
leicht lieber sagen: biologisch — in ihnen steckt, auch 
wenn man nur wenig oder nifchts davon in ihrer indi- 
viduellen Lebensgeschichte nachweisen kann. 

Der klassische (rein psychopathische) Don Juan geht 
zugrunde, wenn ihn der steinerne Gast von außen packt. 
Der neurotische Don Juan tut nur so, als besäße er 
keine Kastrationsangst; der steinerne Gast steckt doch in 
ihm. Er ist psychopathisch und neurotisch. Man kann 
die folgende provisorische Unterscheidung versuchen: 
der neurotische Psychopath hat vor seiner Bisexualität 
Angst bekommen — während der reine Psychopath sich 
seiner phallisch-narzißtischen Genußfähigkeit ohne Ein- 
schränkung erfreut: der zitternde imd der triumphie- 
rende Phalliker. 



11* 



Prüfungsangst und Prüfungsneurose 

Von Erwin Stengel, Wien 

Wir geben hier einen Vortrag wieder, der 
vom Autor im Akademischen Verein für medi- 
zinische Psi/chologie in Wien im Juni 1936 
gehalten wurde. 

M. D. u. H.! In dem reiclilialligen Programm dieses 
Vereins, der es sich zur Aufgabe gemachl hat, alle 
psychologischen Probleme, die für den Studierenden der 
Medizin von Interesse sind, ziu- Besprechung zu bringen, 
fehlte bisher merkwürdigerweise ein Vortrag über das 
psychologische Problem der Prüfung. Das ist sein* auf- 
fallend, wenn man weiß, wie sehr sich die studentischen 
Leiter dieses Vereins immer bemühen, gerade Themen, 
die den Studenten angehen, zm- Sprache zu bringen.' 
Sollte etwa für die Kollegen, die an der Programmbil- 
dung aktiv beteiligt sind, die Prüfmig nie auch ein see- 
lisches Problem gewesen sein? Sollte diese Lücke im 
Programm des Vereins darauf zurückzuführen sein daß 
unsere heutige Studentengeneration keine Prüfungssor- 
gen kennt? Das ist bestimmt nicht der Fall. Es muß also 
tiefere Gründe haben, wenn hier über Prüfungsangst 
und Prüfimgsneurose bisher nicht gesprochen wurde. 
Einer der Gründe wird wohl der folgende sein: Wenn 
die Studenten zu den Vorträgen dieses Vereins kommen 
tun sie es, um sich zu bilden, um von Dingen zu hören' 
deren Kenntnis von ihnen nicht verlangt wird. Das ist 
ja das Schöne, das diese Vorträge hier miteinander ge- 
meinsam haben: der Student hört auf akademischem 
Boden von Dingen, die nicht geprüft werden. Warum 
sollte man sich also hier einen Vortrag über Prüfung 
anhören, wo man doch hergekommen ist, um sich von 
der Not der Prüfmigen zu erholen? Und dann — die 
Studenten haben offenbar das Gefühl, daß sie keine 

164 



i^tV 



Vorträge über Prüfungen brauchen, weil sie ja selbst 
den ganzen Tag genug darüber reden. Die Mehrzahl von 
Ihnen ist ja auf die Prüflingen nicht gut zu sprechen. 
Verbittert gegen die Prüferei des Gymnasiums, die in 
der Prüfungsorgie der Matura ihren Höhepunkt er- 
reicht hatte, sind Sie auf die Universität gekommen, m 
der Hoffnung, endlich einmal Studenten zu sein. Viele 
von Ihnen sind bitter enttäuscht darüber, daß sie auch 
hier Prüfungsobjekte gebheben sind. „Wie schön wäre 
das Studium ohne Prüfungen, wieviel mehr würde man 
da lernen r' Statt dessen sitzt die Prüfung als ständiger 
Schatten neben dem Studenten im Hörsaal oder im 
Kaffeehaus. Man muß ständig an sie denken, ständig 
von ihr sprechen. Und da soll man sich noch Vorträge 
über sie anhören? Die Studenten glauben, über die 
Prüfung besser Bescheid zu wissen als irgend jemand, 
der die Prüfungen schon hinter sich hat. Und wen 
sollte man denn über Prüfungen sprechen lassen? „Einen 
Professor, vielleicht gar einen Prüfer, der beweisen 
wh-d, daß man nicht durchfallen kann, wenn man gut 
vorbereitet ist, daß man also keine Angst haben muß, 
wenn man ein reines Gewissen hat, — wo man doch 
weiß, daß es oft genug anders ist?" Solcher Art mögen 
die Ursachen dafür sein, daß bisher hier über Prüfungs- 
neurose noch nicht gesprochen wurde. 

Wenn ich nun, als die Kollegen mich aufforderten, 
einen Vortrag zu halten, es auf mich genommen habe, 
dieses ungeschriebene Tabu zu durchbrechen, so habe 
ich das deshalb getan, weil ich glaube, daß gerade die 
Lücke in Ihrem Programm dafür spricht, daß dieses 
Thema Ihnen besonders am Herzen hegt. Ich glaube, 
dazu legitimiert zu sein, über dieses Problem zu spre- 
chen, denn erstens ist es noch nicht gar so lange her, 
daß ich selbst ein Prüfling war, und zweitens bin ich 
dadurch, daß ich seit einiger Zeit Studenten zur Prü- 
fung vorbereite, ihr natürlicher Bundesgenosse gewor- 
den. Psychoanalytische Behandlung einiger Studenten, 

165 



die neurotische Priiliintjsscliwierifikeilen hatten, hat 
mich mit der Prüfmigsncurose vortraut Ht'inacht. 

Und nun, naclulem ich niicli in Ihr Vertrauen einge- 
schlichen habe, werden Sie erwarten, von mir Greifbares 
zu hören. Irgend etwas, was man praktisch verwerten 
kann, vielleicht den einen oder den anderen Tip, mit 
Hilfe dessen man seine Prüfuiifisan^sl l)ekümpfen kann, 
wie man den Prüfer richlij^ behandelt u. d^I. Ich muß 
Sie aber darauf vorbereiten, daß ich Sic diesbezüglich 
enttäuschen werde. Ich gestehe Ihnen, daß ich mir, 
als ich den Vortrag übernahm, die Sache viel leichter 
vorgestellt habe, als sie wirklich ist. Ich bin bald darauf 
gekommen, daß mein Vortrag oberflächlich bleiben 
müßte, wenn ich mich darauf beschranken würde, Ihnen 
bloß einige Typen des normalen und des iiem-otischen 
Verhaltens bei Prüfungen aufzuzählen und da und dort 
eine Analyse zu versuchen. Ich hätte Ihnen gar nicht 
viel mehr bieten können, als jeder gute Beobachter 
unter Ihnen selbst schon weiß. Wenn wir wirklich dem 
Ernste des Problems gerecht werden wollen, dann müs- 
sen wir uns erst gemeinsam über einige prinzipielle 
Fragen klar werden. Sic werden dann sehen, daß der 
liedeutungsgehalt der Prüfung weit hinausreicht über 
den Inleressenkreis des Studenten und daß die Prüfun« 
eines der wichtigsten psychologischen und biologischen 
Probleme darstellt. 

Wir beginnen mit der psychologischen Problematik 
der Prüfung. Die Größe des Problems bringt es mit sich 
daß eine gewisse Einseitigkeit der Hehandhmg nicht 
vermeidl)ar ist. Jedem von Ihnen wird sicherlich vie- 
les einfallen, was ich unerwähnt gelassen habe. Aber es 
ist ja schließlich der Zweck eines Vortrages, zu solchen 
Einfällen anzuregen. Eine gewisse Einseiligkeit wird 
sich auch darin zeigen, daß wir, wenn wir hier von 
Prüfung sprechen, uns meist Prüfungen vom Typus der 
Matura mid der medizinischcji Examina vorstellen wer- 
den. Diese Besclu-änkung wird uns bei der Behandlung 

166 



1 



.^^ 



unseres Themas nicht stören, denn es handelt sich ja 
bei diesen Prüfungen um recht typische und ausgewach- 
sene Exemplare. 

Wenn wir zum Verständnis von Prüfungsangst und 
Prüfungsneurose vordringen wollen, müssen wir ims 
vorerst fragen: Was ist überhaupt eine Prüfung? Wel- 
che Elemente gehören zu diesem Begriff, was ist der 
psychologische Gehalt der Prüfungssituation? 

Unter Prüfung verstehen wir einen bestimmten Vor- 
gang, dem eine Reihe von Merkmalen zukommt. Zur 
Prüfung gehört der Prüfimg, der Prüfer, die Prüfungs- 
handlung, der Prüfgegenstand, ein Prüfungszweck, 
schließhch gehören zum Begriff der Prüfung noch eine 
Prämie im Falle des Erfolges, eme Strafe im Falle 
des Mißerfolges. Wir können sagen, daß jeder Vorgang, 
der durch diese Unterscheidungsmerkmale charakteri- 
siert ist eine Prüfung zu nennen ist. Die Feststellung 
dieser Unterscheidungsmerkmale einer Prüfung ist vor- 
erst natürUch nicht ausreichend, um eine Definition 
zu ergeben, da ja das zu Definierende in der Benennung 
der Elemente enthalten ist, wenn wir etwa sagen: zur 
Prüfung gehört der Prüfling und der Prüfer. Welche 
Vorstellungen verbinden wir mit der Person des Prüf- 
lings imd des Prüfers? Wir sind gewohnt, uns den Prüf- 
ling junger vorzustellen als den Prüfer. Dieser Alters- 
unterschied ist nicht obligat — der Prüfer muß sich 
vom Prüfling nur durch die verschiedene Beziehung 
zum Prüfungsgegenstand imterscheiden — , aber wenn 
das Ällersverhältnis umgekehrt ist, haben wir das Emp- 
finden, daß das irgendwie wider die Natur ist. 

Ein wichtiges Kriterium des Prüfers ist, daß er ein 
legitimierter Vertreter eines bestimmten Teiles der 
menschlichen Gesellschaft ist. Er vertritt eine bestimmte 
Forderung der Gesellschaft und muß darauf achten, 
daß der Prüfling sie erfüllt. Er ist mit der Zuteilung 
der Prüfungsprämie imd der Strafe betraut. Bei den, 
Prüfungen, die uns interessieren, ist die Gesellschaft, 

167 



deren Forderung der Prüfer vcrlritt, identisch mit jener 
Schichte, die die herrschende Kultur repräsentiert und 
zu verteidigen hat. Es muli das natürlich nicht der 
Fall sein, denn wir können uns vorstellen, daß zum 
Beispiel die Aufnahme in eine Gemeinschaft von Ver- 
brechern an eine l*rozedur gebundiMi ist, der gleichfallä l 
die Charakteristika einer Prüfung zukommen. 

Die Frage, warum es überhaupt Prüfungen gibt, 
scheint besonders leicht zu beantworten durch Anfüh- 
rung des Prüfungszweckes. Es muß also eine Matura 
geben, damit man sich überzeuge, daß der Gymnasiast . 

wirklich einen wesentlichen Teil dessen, was er zu 1er- ^ 

neu hatte, verarbeitet hat. Es muß mcdizinisclie lUgo- 
rosen geben, sonst würde die menschliche Gesellschaft 
keine Gewähr dafür haben, daß die künnigon Ärzte 
über ein Minimum an notwendigem Wissen verfügen. 
Es scheint also, daß die Existenz von Prüfungen aus 
ihrer rational begründbaren Notwendigkeit genügend 
verstanden werden kann. Wenn man aber eine größere 
Anzahl von Prüfungen an sich vorbeiziehen läßt, ihren 
Ablauf, die Art des Prüfungsgegenstandes, ihre Stellung 
in der Lebensentwicklung des Prüflings genauer be- 
trachtet, wenn man an die Prüfungen denkt, die es J 
nicht gibt und die es, wenn es nur nach Vernunft I 
gehen würde, eigentlich geben müßte, dajin kommt 
man zur Erkenntnis, daß es mit den Prüfungen ebenso 
sein wird, wie mit anderen Vorgängen, die wir uns aus 
dem Leben des zivilisierten Menschen nicht wegdenken 
können und deren Existenz rein verstandesgemäli er- 
faßbar scheint: die lieferen Beweggründe für das Beste- 
hen und das Bestehenbleiben dieser Vorgänge sind nicht 
allein von der Batio her zu verstehen, sondern von 
tieferen Schichten menschlicher Strebungen. Wenn wir 
den Verdacht einmal laut werden ließen, daß es viel- 
leicht auch tiefere Ursachen, jenseits des rein Verstan- 
desmäßigen, gibt, denen die Prüfung ihre Existenz ver- 
dankt, dann wird uns bald eine Menge von Irrationalem, 

168 



^ 



_J«V 



d. h. scheinbar Unverständlichem, manchmal Unsinni- 
gem an der Prüfmig auffallen. Dann können wir uns 
etwa fragen: Wieso kommt es, daß so viel geprüft 
wird, was man nicht braucht, was also mit dem 
Prüfungszweck nichts zu tun hat? Das geht ja so weit, 
daß es fast zum Kriterium mancher Prüfungen gehört, 
daß die Studenten über Dinge befragt werden, die für 
ihi-e künftige Berufstätigkeit weder direkt noch in- 
direkt von Bedeutung smd. Hier kann der Prüfungs- 
zweck nicht allein ausschlaggebend sein. Wenn man 
einen solchen Prüfer befragt, dann wird er mitunter 
verlegen, meint aber gleich darauf, daß es nicht nur 
auf den praktischen Wert dessen ankomme, was ge- 
prüft werde, sondern darauf, daß man von dem Prüf- 
ling überhaupt eine Leistung verlange. Man kann sich 
mit dieser Antwort schwer zufrieden geben, da ander- 
seits mitunter gerade bei solchen Prüfungen große 
Gebiete des Faches, deren Kenntnis unerläßlich wäre, 
regelmäßig nicht geprüft werden. Aber es gibt noch 
einen anderen Beweis dafür, daß die Existenz der Prü- 
fung nicht allein von der Vernunft diktiert sein kann. 
Wäre dies nämlich der Fall, dann müßte es viel mehr 
Prüfungen geben. Nehmen wir das Beispiel des Arztes. 
Er wird, wenn alles gut geht, im Alter von fünfund- 
zwanzig Jahren von der Universität entlassen ins prü- 
fungsfreie Leben. Nehmen Sie an, daß er fünfundsiebzig 
Jahre alt wird. Er übt also durch fünfzig Jahre seinen 
Beruf aus, ohne daß sich jemand überzeugt, ob er sein 
Wissen behalten hat, ob er die während eines halben 
Jahrhunderts erzielten Fortschritte seines Faches zuge- 
lernt hat. Stellen Sie sich einen Arzt vor, der 1890 
promoviert hat. Er hat seither keine Prüfung absol- 
vieren müssen. Niemand weiß, niemand darf danach 
fragen, ob er von den Entdeckimgen Wassermanns 
und Ehrlichs Kenntnis genommen hat, niemand hat 
die Gewähr dafür, daß er von der Heilbarkeit der Para- 
lyse etwas erfahren hat. Man gibt ihm wohl Gelegenheit 

169 



zur ForlbiUIiuig, denkt aber nicht daran, einen Zwang 
auf ihn auszuüben. Man könnle sagen: der reife Mann 
wird schon so viel Pflichtgefühl haben, sein Wissen zu 
vervollstaiuUgen. Man dürfte sich aber darauf nicht 
verlassen, denn die Erfahrung lehrt, um wieviel schwe- 
rer man mit zunehmendem Aller lernt und wie stark 
die Neigimg ist, sich mit dem in der Jugend Erworbenen 
zu begnügen. Es ist vom Standpunkt der Vernunft 
eigentlich unverantwortlich, daß dieser Mann nicht zu- 
mindest alle zehn Jahre geprüft wird. Und doch ge- 
schieht dies nicht — ein Beweis dafiu-, daß die Setzmig 
und die Nichtsclzung von Prüfungen keinesfalls durch 
die Vernunft allein bestimmt wird. Wir sind uns also 
darüber einig, daß es nicht der Versland allein gewesen 
sein konnte, der die Prüfungen geschaffen hat imd der 
uns im reifen Alter die Prüfungen vom Leibe hält. Wir 
können vermuten, daß die Prüfungen vielleicht erst 
sekundär in den Dienst höherer geistiger Ziele getreten 
sind und wohl noch manches von ihrem ursprünglich 
irralionalen Charakter behalten haben. Gerade Ix;i der 
Erörterung imseres Themas, das sich ja mit Reaktionen 
im Psychischen beschäftigt, die uns sinnlos scheinen 
wird es also notwendig sein, dem irrationalen Gehalt 
der Prüfung nachzugehen. 

Wenn wir einen Vorgang, der so weitgehend rationali- 
siert ist wie die Prüfung, auf seine irrationalen Quel- 
len zurückverfolgen wollen, um neurotische Verhaltens- 
weisen zu verstehen, dann müssen wir uns die Frage 
vorlegen, ob es nicht primitive Formen gibt, bei denen 
die verslandesmaßigc Verarbeitung noch nicht allzu- 
weil vorgeschritten ist, also Prüfungen, bei denen wir 
hoffen können, jene irralionalen Elemente weniger ver- 
deckt und reiner zu finden als bei den Prüfungen im 
Bereiche der Zivilisation. Freud hat uns gelelu*t, daß 
wir durch das Studium des Lebens der Primitiven 
oft überraschende Aufklärungen über die Ursprünge 
komplizierter neurotischer Verhaltensweisen des Kui- 



170 






lurinenschen finden. Wir haben uns also die Frage vor- 
gelegt, ob es auch bei den Primitiven Prüfungen gibt, 
in der Hoffniuig, etwas über den Ursprung des irratio- 
nalen Gehalts des Prüfungs Vorganges zu erfahren. 

Es gibt nun tatsächlich bei den Wilden Vorgänge, die 
alle Unterscheidungsmerkmale einer Prüfung aufwei- 
sen. Es handelt sich um bestimmte Pubertätsriten, also 
Vorgänge, die der Jüngling über sich ergehen lassen 
mu[5, bevor er unter die erwachsenen Stammesgenossen 
aufgenommen wird. Erst nach Überstehen dieser Riten 
hat der junge Mann die legale Erlaubnis zum Ge- 
schlechtsverkehr und zur Kinderzeugung. Frobenius 
berichtet zum Beispiel über eine Reihe derartiger Prü- 
fungen, denen die Jünglinge in Afrika unterzogen wer- 
den. In dem Werke von R e i k „Das Ritual*' findet sich 
ein Kapitel über die Pubertätsriten der Wilden, in dem 
diese interessanten Vorgänge vom psychoanalytischen 
Gesichtspunkt aus besprochen werden. R e i k wendet 
sein Interesse der Deutung der verschiedenen Zeremo- 
nien zu, die zu den Pubertätsriten gehören. Viele von 
ihnen zeigen deutlich Prüfungscharakter i). Von den 
Prüflingen haben wir schon gesprochen. Es sind die 
Jünglinge am Ende der Pubertät. Wer sind die Prü- 
fer? Sie werden repräsentiert von der ganzen Väter- 
generation des Stammes, die die Jünglinge, die unter die 
Männer aufgenommen, also selbst Väter werden wol- 
len, einer Reihe von schreckenerregenden Zeremonien 
und mitunter recht qualvollen Prüfungen unterziehen. 
Das Verhalten der Väter zu den Jünglingen ist charakte- 
risiert durch eine merkwürdige Mischung von Feind- 
seligkeils- und Freundschaftsbeweisen. Die jimgen Män- 
ner werden von einer Gruppe von Vätern geschlagen, 



^) Wir sehen hier bewußt von den anderen, sehr be- 
deutungsvollen Teilen der Pubertätsriten (Beschneidung 
usw.) sowie von der Erörterung dieser Teile im Rah- 
men des Prufungsproblems ab. Sie zeigen den Kastra- 
tionscharakter der Pubertätsriten in unverhüllter Weise. 



171 



sie müssen Spieliruleii laulVii usw., j^It'ich/.eilif^ aber 
werdon sie von einer anderen Gruj)[)e der Väter gegen 
die Scliläge gescIiülzL Als Zweck dieser Grausamkeiten 
wird von den Prüfern und von der vergleichenden 
Völkerkunde angegeben, daß es sich um Mut- und 
Standhalligkeitsprüfungen handle. Bei einzelnen Stäm- 
men wird aber von den Prüfern offen zugegeben, daß 
es die Angst vor der heranwachsenden Generation ist, 
die die erwachsenen Männer zu den Grausamkeiten 
veranlaßt. Es soll auch vorkommen, daß der eine oder 
andere Jünglinj,» diese Prüfungen nicht übersteht und 
sich dadurch, daß er an den Folgen der Grausamkeiten 
stirbt, als durchgefallen erweist. Hesondcrs heftig sind 
die Grausamkeiten der Välcrgeneralion gegen die Puber- 
lätskandidateu bei manchen Indiancrslämmen. Wir wer- 
den nicht fehlgehen, den angegebenen Prüfungszweck 
— Erprobung des kriegerischen Geistes — als sekmidär 
zu betrachten. Ich zitiere nun Reik; „Wir dürfen uns 
nicht scheuen, diese raffinierten Quälereien als das an- 
zusehen, was sie wirklich sind: als grausame und feind- 
selige Handlungen der Männer gegen die jungen Leute." 
Hierher gehören die Peitscliungen der Epheben in 
Sparta. Als Reste dieser Bräuche sind der Ritterschlag 
und die Olirfcige bei der Ernennung zum Gesellen zu 
betrachten. 

Überblicken wir das, was für unsere Fragestellung 
an den Pubertätsriten der Wilden von Interesse ist. 
Die Prüflmge sind die Jünglinge, die sich um die Auf- 
nahme hl die Gemeinschaft der Männer bewerben. Als 
Prüfer tritt die Männergeneration auf, die die Jimg- 
linge verschiedenen Quälereien unterzieht, gleiclizeitig 
aber Zeichen von Zärtlichkeit und Freundschaft gibt. 
Als Prüfungsgegenstand wird angegeben: Mut, Fähigkeit 
zum Erdulden von Schmerzen. Die Prüfungsprämie ist 
die Aufnahme unter die Männer des Stammes. Auf 
diese Prüfungen folgt meistens das feierliche Ritual der 
Männerweihe. , , , 



172 



Die Studenten unter Ihnen werden fragen, was das 
alles mit unseren Prüfungen zu tun haben soll. Erstens 
sind wir keine Wilden, zweitens sind die meisten von 
ims doch schon aus der Pubertät heraus, und drittens 
haben unsere Prüfungen trotz aller ihrer Unannehm- 
lichkeiten doch eine sachliche Berechtigung. Diesen Be- 
denken gegenüber möchte ich erwidern, daß wir den 
Weg zu den Primitiven ja nicht angetreten haben, um 
die sachliche Existenzberechtigung der Prüfungen in 
Frage zu stellen, sondern um dem Verständnis der 
Prüfungsangst und der Prüfungsneurose, also irrationa- 
ler Erscheinungen, die den vernunftmäßigen Ablauf 
des Prüfungsvorganges stören, näherzukommen. Wir 
können uns also, ohne in den Verdacht zu kommen, 
den ernsten Zweck der Prüfung und ihre derzeitige Un- 
entbehi-lichkeit im Leben des Kulturmenschen zu be- 
zweifeln, die Frage vorlegen: Welche Übereinstimmung 
besteht zwischen unseren Prüfungen und den bespro- 
chenen Pubertätsriten der Primitiven? ■■ • :-t't ir. 

Vor allem müssen wir eines sagen : Wirkliche 
Prüfungen mit ihrem ganzen psychologischen Gehalt 
gibt es eigentlich auch beim Kulturmenschen nur in 
der Jugend. Weder in der frühen Kindheit noch im rei- 
fen Alter gibt es richtige Prüfungen im engeren Sinne. 
(Wir wollen hier von der Frage absehen, welche Be- 
ziehimg die Leistungen des Künstlers, der bis ins hohe 
Alter vor seiner Produktion eine Art Prüfungsangst, das 
Lampenfieber, empfindet, zur Leistung des Prüflings 
haben.) Im ahgemeinen kann man sagen, daß die Zeit 
des mit der Pubertät beginnenden Jahrzehnts das Prü- 
fungsalter ist. Das, was vorher ist, mag wohl auch die 
Unterscheidungsmerkmale der Prüfung haben, aber es 
gehört eher dem Spiel an, dessen Beziehung zur Prü- 
fimg eui besonderes Problem darstellt. Oft allerdings 
antizipiert das Kind schon vor der Pubertät die Prü- 
fungsangst. Das spricht nicht gegen unsere Auffassung 
über das Prüfungsalter, ebensowenig wie die Tatsache, 

175 



(laß der Knabe sich mil soklalisclu'ii Diiij^eii beschäftigt, 
(laj»<'j^t'n spricht, tla(A das SoldatenaHor tTsl mil dem be- 
ginn des (h'itleii .lahrzelinis beginnt. Das, was nach der 
Pubertät sich Prüfung nennt, enthelirl gleichfalls ir- 
gendwie des Ernstes, saften wir, des Kampfcharakters 
der Prüfnnß. Man liann saj^en: Je aller der Priifungs- 
kandidal isl, umso mehr näliert sieh der Charakter 
seiner Prüfung wieder dem des Spiels. Zu einer richtigen W 

Prüfung gehört, daß der Prüfer der Välergeneration, der 
Prüfhng der Jünglingsgeneratiun angeliört. Nur dann 
hat die Prüfung für alle lieteiliglen, auch für das Audi- 
torium, jenen gewissen Kitzel, der sofort verschwindet, 
wenn zum lieispiel ein älterer Herr sich auf den Sessel 
des Kandidaten verirrt. Der Zuhörer hat dann in der 
Regel das Gefühl, daß die Prüfung etwas, was zu ihrem 
eigentlichen Gehall gehört, verloren hat und daß es sich 
mehr um eine Verständigung zwischen zwei älteren 
Herren handcll. Auch das, was im älteren Prüfling und 
im Prüfer in dieser Situation vor sich geht, ujitcrschei- 
det sich wohl nicht unwesentlich von den Gefühlen 
der beiden Beteiligten bei einer richtigen Prüfung. Ich 
habe schon eingangs erwälinl, wie merkwürdig und un- 
begründet es eigentlich ist, daß die menschliche Gesell- 
schaft auf Prüfungen der älteren Menschen, jetzt können 
wir sagen: der reifen Männer, der Vätergeneration, ver- 
zichtet, auch wenn solche Prüfungen vom Gesichts- 
punkt der Vernunft dringend notwendig wären. 

Von dem allen Praktiker haben wir schon gespro- 
chen. Ein hübsches Beispiel dafür, wie mit zunehmender 
männlicher Reife die Prüfungsmodalilälen immer mil- 
der werden oder, besser gesagt, den Prüfungscharakter 
verlieren, ein Beweis dafür, daß es also möglich ist, zu 
quahfizieren auch ohne die eigentliche Prüfungshand- 
Iting, ist die akademische Karriere. Während der Stu- 
dent, wie er behauptet, vor der Promotion noch tüch- ^^ 
tig „geschunden" wird — Sie sehen, daß diese studen- "^ 
tische Bezeichnung der Prüfung direkt auf die geschil- ' 

174 ! 



derten Pubertätsriten der Wilden hinweist, bei denen 
das Schinden, das Herunterreißen der Haut, eine Rolle 
spielt — , haben die Zeremonien, die zur Dozentm* füh- 
ren, von ihrem eigentlichen Prüfungscharakler vieles 
verloren. Die Qualifikation zum Professor erfolgt aber 
in der Regel ganz ohne Prüfung. Wir können also sagen, 
daß das Prüfungsalter beim zivilisierten Menschen mit 
dem des Primitiven recht gut übereinstimmt, denn 
auch der Primitive erlebt weder vorher noch nachher 
ähnliche Prüfungen. Auch bei den zivilisierten Men- 
schen gehört der Prüfer der Vätergeneration an, der 
Prüfling der Generation jener, die vor dem Eintritt 
ins Mannesalter stehen. Übereinstimmend ist auch die 
ambivalente Einstellung der Prüfer zu den Prüfungs- 
kandidaten. Wenn wir das Verhalten einer größeren 
Anzahl von Prüfern überschauen, dann finden wir 
darunter solche, die mehr den grausamen, andere, 
die mehr den zärthchen Gehalt der Pubertätsriten re- 
produzieren. 

Die Verwandtschaft unserer Prüfungen mit den Puber- 
tätsriten zeigt sich auch dadurch, daß hier wie dort 
nach der eigentlichen Prüfungshandlung das Ritual der 
Einweihung folgt. Die Matura schließt mit einer Feier, 
die Promotion ist eine Art Weihe, bei der die bisherigen 
Prüfer m feierlicher Weise den jungen Männern die- 
selben Rechte erteilen, die sie selbst besitzen und die 
sie ihnen bisher vorenthalten haben. 

Die Pubertätsriten, sind der Ausdruck des ewigen 
Kampfes zwischen den Generationen der Söhne und der 
Väter. Feindseligkeit und Freundschaft smd in ihnen 
vertreten, also Ausdruck des Zusammenwirkens des 
Hasses der Väter gegen die Söhne, die gekommen smd, 
sie zu verdrängen und zu ersetzen, und der werbenden 
Liebe der Väter zu den Söhnen, mit denen sich die Vä- 
ter identifizieren und in denen sie sich fortzusetzen 
hoffen. 



175 



Die Feststellung der Heziehung unserer Prüfungen zu 
den Puberlätsritcn eröffnet einen Zugang zum Verständ- 
nis mancher neurotischer Mcchunisnicn in der Prü- 
fungssitualion, entsprechend dem von Freud entdeck- 
ten Gesetz der Verwandtschaft zwischen i)rimillvem 
und neurotischem Verhalten. Je höher die Zivilisation, 
je gesünder die beiden Menschen sind, die den Prüfungs- 
vorgang gcslalten, umso geringer werden die Spuren 
sein, die der uralte Kampf der Generationen im Prü- 
fungsgeschehen hinterläßt. Je neurolisclier sie sind, um- 
so mehi' Irrationales, Primitives wird im Prüfmigsvor- 
gang aufscheinen. 

Damit ist nicht gesagt, daß wir gerade diesen Weg 
brauchen, um das irrationale und neurotische Verhalten 
bei der Prüfung zu verstehen. Im Gegenteil, dieser Weg 
ist bisher kaum beschritten worden. Unsere Kenntnisse 
über die psychischen Mechanismen der Prüfungsneurose 
entstammen der Psychoanalyse von Einzelfällen, die xm- 
abhängig von der hier vorgetragenen Lletrachtungsweise 
zu den gleichen Resultaten gekommen ist. 

Aus der Talsache, daß die Välergcneration es ist, die 
in der Regel die Prüfungen bestimmt, wird versländlich, 
daß überall dort, wo durch eine Veränderung der Struk- 
tur der Gesellschaft nicht mehr die Väler regieren, 
sondern eine jüngere Schicht der Männer an die Herr- 
schaft kommt, wir immer wieder die Erscheinung be- 
obachten kömicn, daß die Prüfungen gemildert werden. 
Kommen dann wieder die Väler ans Ruder, dann er- 
folgt meist recht bald wieder eine Verschärfung der 
Prüfung. 

Zu einer Erschwerung der Prüfungen kommt es auch 
dann, wenn es den Vätern schlecht geht, wenn die Gene- 
ration der Väler fürchtet, daß die Söhne ihnen das lirot 
wegnehmen. Daher kommt es in Zeiten der Krise, 
scheinbar paradoxer Weise, zu einer Erschwerung der 
Prüfungen. Wenn aber die Väter die Söhne brauchen 
zur Verteidigung ihres Staates, dann werden die Prü- 

176 



fungen schleunigst erleichtert. So war es bei uns und 
anderwärts im Kriege. 

Es gibt auch seit alters her mancherlei andere Bedm- 
gungen, unter denen es zu einer Erleichterung der 
Prüfungen kommt. Die wichtigste Methode besteht dar- 
in daß der Prüfling sich um ein Stück väterlicher Ge- 
walt bewirbt. Hier liegt die Psychologie der Protek- 
tion. Protektion heißt also: Schutz durch väterhche 
Macht, Schutz durch Identifizierung mit den Vätern. 
Ohne über exaktes Material zu verfügen, nehme ich an, 
daß der Sohn des HäupÜmgs bei den Pubertätsnten 
besser davonkommen dürfte als die Söhne der Gemei- 
nen, besonders dann, wenn schon ein Teil der vater- 
lichen Macht in seinem Besitz ist. Hier wird dann wohl 
bei den Pubertätsriten das Schwergewicht nicht auf 
die Prüfungshandlung, sondern auf das Ritual gelegt 
werden. Für die Prüfungen, die uns hier interessieren, 
ist diese Art der Milderung nicht von besonderer Bedeu- 
tun«^ Daß es aber heute außerhalb des Interessenkrei- 
ses^der Studenten Prüfungen gibt, bei denen der Besitz 
der väterhchen Macht den Prüfungsvorgang entschei- 
det, möchte ich Ihnen an einem Beispiel zeigen, das 
aus einem Lande stammt, in dem Primitives sich inmit- 
ten hochgezüchteter Kultur erhalten hat, ich meme Eng- 
land. Sie haben seinerzeit gehört, daß der angehende 
englische König vor seinem Regierungsantritt eine Zere- 
monie absolvieren muß, die wir eigentlich als Prüfmig 
bezeichnen müssen. Vor dem Eintritt in die City, der ihm 
durch eine Schnur verwehrt wird, treten ihm Vertreter 
der Bürgerschaft entgegen und stellen an ihn gewisse 
Fragen, deren richtige Beantwortung die Bedingung 
für den Emlaß in die Stadt ist. Sie sehen, hier handelt 
es sich um einen richtigen Prüfungsvorgang, es gibt 
einen Prüfling, es gibt eine Prüfungskommission, eine 
Prüfmigsaufgabe, einen Prüfungszweck und eine Prü- 
fungsprämie. Und doch können wir ims nicht vor- 
stellen, daß der Kandidat abgelehnt werden könnte. 

12 Almanach 1938 177 



sieht er doch unter dem Schulz der übernommenen 
väterhchen Macht, er hal Protektion. Nun aber Icehren 
wir zurück zu den Prüfungen der Gemeinen. 

Wenn wir die Prüfung numnehr als einen von seinen 
hislorlschen Anfangen durch libidinösc Regungen durch- 
setzten Vorgang verstehen gelernt haben, der an be- 
deutungsvolle menschliche Gefühlsspharen, Komplexe, 
rührt, dann wird es uns nicJil wundern, allen jenen 
psychischen Erscheinungen zu begegnen, die sich beim 
neurotischen Menschen aus libidinösen Vorgängen ent- 
wickehi. Die Prüfung wird, wie viele Analysen zeigen, 
vom Neurotiker vielfach als Auseinandersetzung mit 
dem Vater erlebt. Sie kennen die große IJedeulung der 
Sohn-Vater-Beziehung, die im Rahmen des Ödipuskom- 
plexes erlebt wird. Damit gewinnt die Prüfungssi luation 
Anschluß an jenen Komplex, der so vielfach die Quelle 
neurotischen Verhaltens ist. Auch in der Sage spielt 
das Motiv der Prüfung eine große Rolle. Vor allem dort, 
wo es sich um die Eroberung der ersehnten Frau 
handelt. Denken Sie an Siegfried, besonders aber an die 
Odipussage, in der die Absolvierung der Prüfung dem 
Sohne Rechte und Macht des Vaters bringt. Es ist kein 
Zufall, daß in dieser für das Verständnis der Ge- 
schichte des Einzelindividuums und der Menschheit so 
bedeutsamen Sage eine Prüfung das Schicksal des Hel- 
den entscheidet. In der Odipussage hat der Sohn auf 
dem Wege zur Prüfung den Vater erschlagen. In der 
Realität haben sich die Väter behauptet und sich das 
Amt der Prüfer bewahrt. 

Damit sind wir vorbereitet, um auf das engere Thema 
unseres Vortrages einzugchen. Es wird Ihnen aufgefallen 
sein, daß im Titel zwischen Prüfungsangst und Prü- 
fungsneurose unterschieden wird. Aus dieser Nebenein- 
anderslellung geht hervor, daß Prüfungsangst nicht un- 
bedingt pathologisch sein muß. Angst ist nach Freud 
das Signal einer Gefahr, also ein biologisch wichtiger, 
unentbehrlicher Vorgang. Wir werden jene Angst, die 



178 



das Signal einer realen Gefahr ist, nicht als neurotisch 
gellen lassen. Da wir nicht ohneweilers ausschließen 
können, daß die Prüfung auch eine reale Gefahr Situation 
für den Prüfling bedeutet, müssen wir daran festhalten, 
daß es auch eine physiologische Prüfungsangst geben 
kann. Wir werden auf sie später noch einmal zurück- 
kommen, wenn wir einiges über die neurotische Prü- 
fungsangst gesagt haben. 

Wann werden wir überhaupt von einer Prüfmigsneu- 
rose sprechen oder, besser gesagt, vom neurotischen 
Verhalten in der Prüfungssituation? Wohl immer dann, 
wenn irrationale, affektive, wir können auch sagen, libi- 
dinöse Momente in den Prüfungsvorgang störend ein- 
greifen. Bei Berücksichtigung der psychoanalytischen 
Lehre von der Struktur der menschlichen Persönlich- 
keit müssen wir feststellen: eigentlich ist es nur das 
der Außenwelt zugewendete Ich, das geprüft wird und 
den Ausgang der Prüfung zu entscheiden hat. Wenn 
sich das Es, also jene Instanz, die das Unbewußte, die 
Triebe umfaßt, oder das Cber-Ich, also die moralische 
Instanz, eindrängen und das Ich bei der Bewältigung 
der Prüfungsaufgabe stören, dann müssen wir von einem 
neurotischen Verhallen in der Prüfnngssituation spre- 
chen. Es ist eine Reihe von Störungsquellen denkbar. 
Ich möchte bemerken, daß es natürlich eine Prüfungs- 
neurose als Krankheitseinheit nicht gibt. Jeder Prü- 
fung sneurotik er ist auch sonst neurotisch, er ist also 
ein Hysteriker, ein Zwangsneurotiker, ein Perverser 
usw. Wenn wir hier von Prüfungsneurosen sprechen, 
meinen wir eigentlich neurotisches Verhalten in der 
Prüfungssituation. 

• Da ist es vor allem notwendig, daß wir das Ganze 
der Prüfungssitualion überblicken, für deren Gestaltimg 
nicht nur das Verhalten des Prüflings, sondern auch 
das des Prüfers entscheidend ist. Wenn wir neurotisches 
Verhalten nicht nur nach dem Schaden beurteilen, den 
es seinem Träger anrichtet, sondern nach psychologi- 



12* 



179 



iLu 



sehen Gesichtspunklen, dnnn ergibt sich ein Postulat: 
Wir müssen nicht nur vom neurotischen Verhalten des 
PrüfUngs, sondern auch von dem des Prüfers spre- 
chen. Wir haben also folgende Fragen zu erörtern: 
1. Wie äußert sich das neurotische Verhalten des Prüf- 
lings? 2. Wie äußert sich das neurotische Verlialten 
des l^rüfers? 3. Wie wirkt sich das Zusammentreffen 
neurotischer Reaktionen beider Hcleiligter aus? 

Uns interessiert vorerst der Prüfling. Sein neurotisches 
Verhallen m der Prüfungssiluation ist wiederholt Gegen- 
stand psychoanalytischer Untersuchungen gewesen. Ich 
greife nur die Namen Stekel, Sadger, liergler 
heraus. Diese Untersuchungen haben gezeigt, daß über- 
all dort neurotisches Verhalten auftritt, wo die Prü- 
fungssiluation zur akuten Mobilisierung unerledigter 
Komplexe führt. Alte, im Unbewußten schlummernde 
triebhafte Regungen drängen sich vor, vor allem jene, 
die mit der Stellung zum Vater verbunden sind, können 
zur Angslentvvicklung fuhren und das Ich entweder an 
der Abiegung der Prüfung überhaupt verhindern oder 
während der Prüfung slören. Vor allem ist es der Vater- 
charakler des Prüfers, der hier eine wesentliche Rolle 
spielt. Wie bei jeder neurotischen Reaktion entscheidet 
die persönliche Entwicklung, ob die Prüfmigssituation 
der Schauplatz werden muß, auf dem die Erledigung 
eines noch unerledigten Komplexes versucht wird. Pur 
den Knaben, der immer vergeblich um die Anerkennmig 
des Vaters gerungen hat, wird es nicht ohne Gefahr 
sein, wenn ihm die Prüfungssiluation ein Abbild der 
Kind-Vater-SituaÜon wird. Sic wird damit gefährlich 
komplexbeladen, die Leistung des Ichs wird, wenn sie 
überhaupt gewagt wird, an Sicherheit verlieren. Hier- 
können libidinöse Regungen zu gefährlicher Angslent- 
wicklung führen. 

Ein anderer Fall: Für den verprügelten Knaben, den 
Sohn eines überstrengen Vaters, kann die Prüfungs- 
situation bedeuten, daß er nun dem gefürchteten Vater 

i8o 



ausgeliefert ist. Hier wird heftige Angst entstehen, die 
das Ich beherrscht und zur Flucht veranlaßt. Sie sehen, 
auch bei diesem Fall ist es eine aus dem Unbewußten 
stammende Angst (Kastrationsangst), die sicherlich im 
Mißverhältnis steht zur realen Gefalir der Situation. 
Hier mag das Ausmaß der neurotischen Angst dem 
Ausmaß der bereclitigten Realangst eines Primitiven 
vor den Pubertätsriten entsprechen. 

Es gibt neben den genannten noch eine Reihe anderer 
neurotischer Mechanismen, die das Ich an dem Versuch 
der Prüfung hindern oder es bei diesem Versuche 
scheitern lassen. Bei manchen Fällen hat die Analyse 
ergeben, daß Haß gegen die Eltern, die an dem Gelin- 
gen der Prüfmig besonders interessiert sind, die unbe- 
wußte Ursache des Mißlingens war. Hier bedeutete 
also das Versagen, ohne daß der Prüfling es wußte, 
einen Kacheakt an den Eltern. Sie erkennen hier, wie 
verhängnisvoll unbewußte Triebregungen das Schicksal 
des Menschen gestalten können. 

Aber es muß nicht immer eine aus der Stelhmg zum 
Vater resultierende unbewußte Regung sein, die den 
Prüfling an der Bewältigung seiner Aufgabe behindert. 
Es gibt noch eine Reihe anderer Mechanismen. Es gibt 
Menschen, bei denen die unbewußte Tendenz besieht, 
das Gelingen einer eigenen Leistung zu verhindern. 
Viele sogenannte Pechvögel gehören in diese Gruppe. 
Wenn man genauer nachforscht, erkennt man, daß 
diese Menschen es sich irgendwie so einrichten, daß 
ihnen alles mißlingt. Sie verstehen es, den ruhigsten 
Prüfer ungeduldig zu machen, ihn gerade dorthin zu 
führen, wo ihre wunden Punkte sind, und dadurch 
die Prüfmig gegen sich zu entscheiden. Es sind Men- 
schen, bei denen auch sonst im Leben eine Tendenz 
zu wallen scheint, die ihnen alles verdirbt. Eine tiefere 
Analyse kann ergeben, daß ein aus der Kindheit stam- 
mendes mächtiges Schuldgefühl ein unbewußtes Be- 
düi'fnis zur Selbstbestrafung geschaffen hat, das über- 

181 



all dort sich auswirkt, wo das Tch daran ist. für das 
Individuum einen Krrolg zu errinijrn. Erst die gründ- 
liche Analyse solcher l'^ällo, das Aufdeclicn und Abrea- 
gieren dieser Selbslheslrafunßstendcnz in der Behand- 
lung, kann diese Neurose, die man als Schicksalsneurose 
bezeichnet hat, heilen. 

Auch eine unbewußte perverse Neigung /u masochisti- 
schcm Verhallen, das Lustempfinden an Schmerz und 
Erniedrigimg kann sich der l'rüfungssilualion bemäch- 
tigen und gegen den Willen des Ichs zum Schicksals- 
schlag des Mißerfolges führen, Auch diesen Ursprung 
manchen hartnäckigen Prüfungsunglücks enthüllt erst 
eine sorgfällige Psychoanalyse. Daß die Prüfung als 
Reprise der Kind-Vater-Siluation zum masochistischen 
Erleben besonders geeignet ist, braucht nicht betont zu 
werden. Noch andere Triebregungen gibt es, die beim 
neurotischen Menschen die Arbeit des Ichs stören. 
Zu einer richtigen Prüfung gehört seit alters her das Mo- 
ment der Öffentlichkeit. Es gibt Menschen, bei denen 
der Trieb, Gegenstand des Interesses zu sein, störend, 
oft angsterzeugend in den Prüfungsvorgang eingreift. Es 
ist hier, wie auch sonst, die unbewußte Angst vor dem 
Hervorbrechen abnormer Triebregungen, die sich oft 
hinter der Prüfungsangst verbirgt. Gerade bei den weib- 
lichen Prüflingen lassen sich neurotische Mechanismen 
dieser exhibilionislischen Herkunft oft als bedeutungs- 
voll nachweisen. 

Hier seien einige Worte über die Prüfungsneurose 
der Frau angefügt. Manche von Ihnen werden gegen 
die von mir durchgeführte Beziehungssolzung zwischen 
Prüfung und Puberlätsrilcn eingewendet haben, daß 
diese Beziehung für die Prüfnngsneurosen imserer Kol- 
leginnen nicht zutrifft. i:)azu ist folgendes zu sagen: Im 
Leben der Frau, die einfach den biologisch vorgezeich- 
neten Weg zur Mutlerschaft geht, spielen Prüfungen 
eigentlich keine sehr große Bolle. Die Frau wird erst 
richtig Prüfungsobjekl, wenn sie niänniicln- Interessen- 

• 
182 



kreise belrilt, wenn sie sich mit den Männern identi- 
fiziert. Es. scheint, daß es weniger Prüfungsneurosen bei 
weibUchen Prüflingen gibt als bei männlichen. Der psy- 
chologische Gehalt der Prüfungssituation scheint hier 
im Durchschnilt weniger pathogen. Es ist irgendwie 
anders, wenn ein weiblicher Prüfling dem männlichen 
Prüfer gegenübersitzt. Oft sehen wir, daß die Einmi- 
schung triebhafter Regungen, die beim Manne die Ar- 
beit des Ichs in der Prüfungssituation empfindUch stö- 
ren kann, bei der Frau sich als hilfreich erweist. Hier 
spielt die Vater-Tochler-Beziehung eine Rolle. Je stär- 
ker die Identifizierung mit den männlichen Kollegen, 
desto größer ist anscheinend bei den weiblichen Prüflin- 
gen die Gefahr neurotischen Versagens. Die erwähnten 
masochistischen und exhibitionistischen Regungen kön- 
nen sich bei der Frau ebenso wie beim Mann als ge- 
fährlich erweisen. Schließlich wird bei beiden Ge- 
schlechtern oft ein abnorm gesteigerter Narzißmus, also 
eine übertriebene Liebe zur eigenen Person und die 
Angst vor Erschütterung dieser narzißtischen Position, 
störend einwirken. Bei diesen Menschen spielt die unbe- 
wußte Befürchtung eine Rolle: „Wie werde ich vor mir 
dastehen, wenn ich versagt habe?" 

Damit habe Ich Ihnen einige Beispiele für die Ur- 
sachen neurotischer Reaktionsweisen des Prüflings an- 
geführt. Die Reaktionsweisen selbst sind typische: Angst, 
die zum Verstummen oder zu unbegreiflichen Fehl- 
leistungen führt, Hemmungen ohne manifesten Angst- 
affekt, Provokation des Prüfers usw. Sie wissen, daß die 
Prüfungsangst nicht immer, man kann sogar sagen 
nur selten, sich als Angst bei der Prüfung manifestiert; 
meistens ist es eine Angst vor der Prüfung. Oft handelt 
es sich — besonders bei masochistischen Personen — 
um eine Vorwegnahme der angsterregenden Situation 
m der Phantasie, die die Vorbereitung zur Prüfung stört. 
Bei der Prüfung selbst schwindet oft die Angst in über- 
raschender Weise. Es ist, als ob die masochistische 

. 183 






Triebregiinfi sich mehr in (Ut Phantasie absättigen 
würde, wie manchmal die Libido im onanislischen Akt. 
Es ist ein Glück, daß in vielen Fällen von Prüfungs- 
angst die Prüfungssilualion scll)sl angstfrei bleibt. Es 
^t auch Fälle, in denen die Angst dem Ich besondere 
Ki-äfte zu verleihen scheint und es zu besonderen Lei- 
stungen bringt. Solche Menschen erfüllt das Ausblei- 
ben der Angst vor der Prüfung mit großer Besorgnis. 
Eme eigene Besprechung würden jene Fälle verdie- 
nen, bei denen sich die Neurose schon In mangelhaften 
Vorbereitungen des Ichs auswirkt. Diese Fälle wollen 
wir aber in die Gruppe der Arbeilshemmungen verwei- 
sen imd hier unbesprochen lassen. 

Die Ablegung von Prüiungon ist nur eine, wenn auch 
recht markante Leistung des Individuums. Wer bei der 
Prüfung versagt, wird oft auch bei anderen Leistungen 
versagen und umgekehrt. Es ist daher begreiflich, daß 
die Zahl der Impolcnten, die bei der Prüfung versagen 
relativ hoch ist. Hier liegen der Angst vor dem Ver- 
sagen bei der Prüfung und bei der sexuellen Leistung 
die gleichen Mechanismen zugrunde. Es ist verstand 
Heil daß die sexuelle Leistung häufiger als Prüfung 
erlebt wird als umgekehrt, wie es, wenn nicht Ver 
drangung und Verschiebung am Werke wären sein 
müßte. Die große Bedentmig der Prüfungssituation zeigt 
sich in der Häufigkeit der Prüfuugsträume, die meistens 
einen schlechten Prüfungsausgang enthalten. Diesen 
Träumen liegt oft die unbewußte Tendenz zur Selbst- 
bestrafung zugrunde. Freud teilt die Erfahrung mit 
daß besonders jene Menschen von Prüfmigcn träumen 
die nicht durchgefallen sind. Der Traum vom Durchfall 
trete besonders dann auf, wenn man verantwortungs- 
volle Leistungen mit der Möglichkeit einer Blamage 
vor sich habe. Es scheint, als sollte durch diesen Traum 
gerade bei demjenigen, der bisher nicht durchgefallen 
war, die reale Angst beruhigt werden. Freud führt 
zum Beispiel an, daß er selbst nie von einem Durchfall 

184 . 



in der gerichtlichen Medizin, in der er tatsächlich 
durchfiel, träumte, wohl aber vom Durchfall bei Prü- 
fungen in jenen Gegenständen, in denen er sehr gut 
bestanden hatte. Von Stekel stammt die Deutung 
des Maturatraums als Darstellung einer Erprobung der 
sexuellen Reife. 

Eine Abart der Prüfungsangst, das Lampenfieber, 
würde eine gesonderte Besprechung verdienen. Wir müs- 
sen aber auf die Erörterung dieser Angst, deren Bezie- 
hung zur Prüfungsangst Kollege Spitz untersucht hat, 
hier verzichten. 

Noch auf ein Moment müssen wir hinweisen, dessen 
genauere Besprechung wir uns versagen müssen, obzwar 
es zu den interessantesten Erscheinungen bei Prüfungs- 
neurosen gehört. Ich meine das Hervortreten des magi- 
schen Denkens beim Prüfungsneuroliker. Sie wissen, daß 
die Magie bei den Primitiven eine besondere Rolle 
spielt, aber auch bei den Kindern. Durch das Hervor- 
treten magischen Donkens erweist die Prüfungssitu- 
ation neuerlich ihre Beziehung zu Erlebnisweisen der 
Primitiven. Ein Ausdruck magischen Denkens ist es, 
wenn es als gefährlich erscheint, einem Kollegen vor 
der Prüfung viel Glück zu wünschen, statt „Hals- und 
Beinbruch", oder wenn ein Student es für notwendig 
hält, die Krawatte, die er bei seiner ersten erfolgrei- 
chen Prüfung getragen hat, bei sämtlichen weiteren 
Prüfungen zu tragen. Oder wenn eine Kollegin, die 
sonst die Friseure zu wechsehi pflegt, vor jeder Prü- 
fung zu dem gleichen Friseur geht usw. 

Ich könnte diese Beispiele noch um ein Vielfaches 
vermehren, aber wir wollen uns dabei nicht aufhalten 
und wollen nim daran gehen, die neurotischen Verhal- 
tensweisen des Prüfers kurz zu besprechen. Sie 
wurden bisher im allgemeinen nicht beachtet, da ihre 
Träger von ihrem neurotischen Verhalten in dieser 
Situation keinen sicheren Schaden zu erleiden pflegen 
und sich daher nicht in Behandlung begeben müssen, 

, 1S5 



falls sie iiiclU durcli andere neurotische Symptome 
dazu gezwuiij^en werden. Umso firößor ist der Schaden, 
den der neurotische Prüfer anrichten kann. Der neuro- 
üsche Pruflin« ist bedauernswert, der neurotische Prü- 
fer ist ßel'ährlich. Er schadet nicht nur dem Prüfling, 
sondern auch der Sache, die er zu vertreten hat. Ich 
habe gesafit, daß wir von neurotischem Verhalten in 
der Prüfunj^ssitnulion dann sprechen, wenn das Ich 
in seiner Trai<rkeil Restört wird durch Iriehhafte Re- 
gunf^en. Es ist eine Gefahr für die liewälligunfi der Prü- 
fimgsaufKal)e, wenn der Prüfer unbewußt allzu stark 
durch die Valerposilion beeinflußt wird, die er dem 
Prüfung Hcsenuber einnimmt. Eine unbewußte Identi- 
fizK-runff mit einem allzu streuf^en Vater nach dem Prin- 
zip: „Wie er mir, so ich dir" kann eine Gefahr für 
den Prulungsablauf werden. Mangelhaft unterdrückte 
sadistische Regungen farl,en nicht selten die Prüfungs- 
siluation Aber auch allzugroßc Wärme der väterlichen 
?. ^ -, "" ^'^^ Prüfungshandlung verfälschen. Es 
gibt Prüfer, die in erschütternder Weise zu klagen be 
gmnen, wenn ein Kandidat bei einer Frage versagt 
Grundsätzliche Verachtung des Prüflings kann das Re* 
sultat einer unbewußten neurotischen Vatereinstelluns 
sein. Das sind die beliebten Prüfer, bei denen man auf 
jeden Fall durchkommt, weil sie es nicht wahr haben 
wollen, daß der Prüfling auch etwas verstehen könnte 
und ihn eher ungeprüft passieren lassen, bevor sie' 
sich mit ihm ernsthaft einlassen. Hier erfüllt der Prü- 
fer zweifellos seine Aufgabe aus neurotischen Ursachen 
m mangelhafter Weise. Es wäre vorlockend, die inter- 
essanten libidinösen Beziehungen, die sich zwischen 
Prüfer und Prüfung nachweisen lassen, noch eingehen- 
der zu besprechen und ihre nedculung für den Prü- 
fuugsvorgang zu erörtern. Die Psychoanalvse hat be- 
stimmte Typen der Wahl des Liebesobjektes beschrie- 
ben. Man könnte in analoger Weise bestimmte Typen 
von neurotischen Prüfern nach der Hehandlung des 



186 



Prüfungsobjekles abgrenzen. Da gibt es zum Beispiel 
einen narzißtischen Typus, der den Prüfling um jeden 
Preis so haben möchte, wie er selbst ist. Das äußert 
sich darin, daß er gerade jene Teile des Prüfungsgegen- 
standes in den Vordergrund stellt, mit deren Erforschung 
er sich selbst befaßt hat oder die er selbst am liebsten 
oder am widerwilligsten gelernt hat, während von an- 
deren, praktisch wichügeren, kaum die Rede ist. Diese 
Prüfer sind deshalb nicht ungefährlich, weil sie schuld- 
tragend sein können an verhängnisvollen Kenntnismän- 
geln ganzer Studentengenerationen. 

Ein besonders interessantes Verhalten von neuroti- 
schen Prüfern kommt zustande, wenn aus unbewußter 
Hemmung die Übernahme der Vaterrolle bei der Prü- 
fung nicht gelingt und der Prüfer sich mit dem Prüf- 
ung identifiziert, also unbewußt selbst zum Prüfling 
wird. Das sind die Prüfer, die vor dem Studenten Angst 
zeigen, für die eigentlich der Student der Prüfer ist. 
Manche von ihnen haben das Bedürfnis, ununterbro- 
chen zu sprechen, um auf diese Weise selbst Prüfung 
abzulegen. Sie leiden an ständigem Schuldgefühl dar- 
über daß sie die Vaterrolle übernommen haben, imd 
wollen das dem Prüfling gegenüber dadurch gutmachen, 
daß sie recht viel erzählen, teils um ihre Befähigung 
zur Übernahme der Vaterrolle nachzuweisen, teils \\m 
den Studenten dafür, daß er auf das Spiel eingeht, zu 
belohnen. Bei solchen Prüfern wird der Prüfling gut 
dai'an tun, zu schweigen, um den Ablauf der Prüfungs- 
handlung nicht zu stören. Diesen Reaktionstypus kann 
man besonders rein bei manchen Prüfern beobachten, 
die im Anfange ihrer Prüfungstätigkeit stehen. Diese 
Prüfer betrachten es oft als eine persönUche Niederlage, 
wenn sie einen Kandidaten durchfallen lassen mußten. 
Die Identifizierung mit dem Prüfling führt dazu, daß sie 
sich selbst als durchgefallen betrachten. 

Sie sehen: je neurotischer ein Mensch ist, umso in- 
fantiler ist er, umsomehr wird er sich auch als Prüfer 

187 



hingezogen fühlen zur Holle des Prüflings, die ja der 
infantilen Rolle entsprichf. Die Neigung znr Identifizie- 
rung mit dem Prüfiinii zeigt sich hei inaiiclien, die die 
äußere Haltung des Prüfers noch zu bewahren vermö- 
gen, wenn sie dem Prütlin-,' allein gegeuübersilzen, die 
aber rettungslos selbst zum Prüfling werden, wenn ein 
kontrollierendes Organ (Inspektor, Regierungsverlreter) 
den Haurn bclrill. Hier ergibt sich eine komplizierte Silu- 
aüon, da der Prüfer, der mit einem Mal sich selbst be- 
wußt als I>rüfling fühlt, nach zwei Fronten in verschie- 
dener l-unklion arbeilen muß. Dieses neurotische Ver- 
halten ist so bekannt, daß der Volkswitz sich dieser 
Situation zu dritt seil langem bemächtigt lial. 

Es wäre verlockend, sich noch weiter mit der Prü- 
fnngsneurose des Prüfers zu beschäftigen. Die Studenten 
unter Ihnen würden da sicher noch gerne zuhören. Wir 
wollen uns aber mit den angeführlen Beispielen be 
gnügen. 

Die Prüfungsneurose des Prüfers ist eine ernsthafte 
Angelegenheit und ihre IJesprcchung durfte in einem 
Vortrag, der den neurotischen Mechanismen in der 
Prüfungssitualion gewidmet ist, nicht fehlen. Die Prü- 
fung ist ein Vorgang zwischen zwei Menschen, sie ist 
ein soziales Ereignis und daher wäre es ein Mangel 
nur den einen Teil der Ausführenden zu untersuchen. ' 

Neurotisches Vorhalten des Prüfers kann krankhafte 
Reaktionen beim Prüfling ])rovoziorcn, die bei richligem 
Verhalten des Prüfers vielleicht nie manifest geworden 
wären. Der neurotische Prüfer bildet vielfach die Quelle 
einer bcrechligten Angst auch des nichlncurotischen 
Prüflmgs, also einer Rcalangsl. Angst vor einer Prüfung 
bei eüiem neurotischen Prüfer ist keine Prüfungsneu- 
rose. Natürlich gibt es auch andere Ursachen, die für 
den Gesunden die Prüfung zur realen Gefahr werden 
lassen, weshalb ein gewisses Maß von Prüfungsangst im 
Rahmen der psychischen Norm vorkommen kann. Ob 

i88 



eine Prüfungsangst eine neurotische ist oder eine sozu- 
sagen physiologische, wird aber immer nur Im Einzel- 
fall durch genauere Untersuchung entschieden werden. 

Wir haben nun einiges über das neurotische Ver- 
halten in der Prüfungssituation gehört. Sie sehen, daß 
die psychoanalytische Betrachtung uns vieles psycho- 
logisch verstehen gelehrt hat. Dieses Wissen ist von Be- 
deutung für die Prophylaxe, die hier die beste Therapie 
ist. Aber diejenigen unter Ihnen, die ihr Verhalten bei 
der Prüfung oder vor der Prüfung als neurotisch emp- 
finden, sollen sich über die Gefahren dieser ReaUtions- 
weise für den Prüfmigsausgang nicht allzugroße Sorgen 
machen. Die Zahl der Studenten, die an Prüfungsiieu- 
rose leiden, ist sehr groß, die Zahl derer, die durch die 
Prüfungsneurose dauernd aus ihrer Bahn geworfen wer- 
den, relativ gering. Meist gelingt es dem Ich schließlich 
doch, wenn auch unter Kämpfen, die Forderungen des 
Lebens durchzusetzen. Auch vor der Neurose des Prü- 
fers sollen Sie keine zu große Angst haben. Ich habe 
Ihnen ja gezeigt, daß das neurotische Verhalten des 
Prüfers recht oft dem Prüfling seine Aufgabe erleichtert. 

Wir woUen nun zum Schluß darangehen, die Prü- 
fungssituation einer Betrachtungsweise zu unterziehen, 
die nicht eine psychologische, sondern eine biologi- 
sche zu nennen ist. Diese Betrachtmigs weise des Prü- 
fungsgeschehens hat sich mir aufgedrängt bei der Un- 
tersuchung Hirnkranker, deren Verhalten mancherlei 
Beziehungen zu dem der Neurotiker aufweist (Pötzl). 
Es gibt eine Grundslörung der Hirnkranken, auf die zu- 
erst Hughlings Jackson hingewiesen hat und um 
deren Erforschung sich besonders Kurt Goldstein 
bemüht hat. Diese Grundstörimg äußert sich darin, daß 
die Kranken in ihrer Gesamteinstellung zur Umwelt 
primitiver geworden sind. Sie können in konkreten Situ- 
ationen Gutes leisten, sonst aber versagen sie. Was ist 
das: eine konkrete Situation? Der Aphasische, der beim 
übüchen Examen versagt, wird im Augenblick der Ge- 

189 



II 



I 



fahr Woric finden und um Iliirc rufen. Der Afrnostischc, 
der einen vorgczeigk'ii (ieifcnstand uichl crktmiit. wird 
ihn erkennen, wenn er ihm im Rahmen einer IcheiHhgcu 
Ilandhmg cnlgegcnh-itl. Die Dinge der Außenwelt haben 
für den Ilirnkranken einen anderen Wirklichkcitswerl, 
wenn sie sich im Hahmen eines lebendigen Vorgangs 
darbieten. Die meisten dieser Kranken versagen daher 
in der Situation des üblichen Examens, die ja keinen 
unmittelbaren biologischen Sinn lud, sondern eine ge- 
stellte Situation darstellt, die nictit um ihrer selbst 
willen, sondern nur unter Herücksichtigung emcr für 
den Kranken nicht lebensnotwendigen Aufgabe einen 
Sinn erhält. Auf dem primitiven Niveau des Hirnkran- 
ken hat sich eine Sonderung vollzogen zwischen den 
konkreten Situationen, die den wirklichen Lebensvor- 
gängen direkt zugohören, und den anderen, die nicht 
unmittelbar dem Leben dienen. Die Kranken reagieren 
sehr empfindlich auf diesen Unterschied. Ich will Ihnen 
das an einem IJeispiel zeigen. Eine epileptische Kranke 
zeigte nach einer Anfallsscrie eine Sprachstörun«, die 
besonders die Benennung betraf. Diese Kranke reagierte 
während des Abklingens der Störung folgendermaßen- 
Man zeigt ihr eine Uhr, sie sagt; „Das ist eine Uhr 
aber keine wirkUche." Man zeigt ihr eine Banknote. Sie 
sagt: „Das ist eine Banknote, aber keine wirkliche, denn 
Sie werden doch nicht eine wirkliche Banknote hier 
zeigen." Werden die gleichen Gegenstände aber in emer 
konkreten Situation benülzt, dann werden sie mit dem 
Adjektiv wirklich versehen. Die Uhr wurde spontan 
als wirklich bezeichnet, als der Untersucher vor der 
Patienlm auf die Uhr schaut imd ausruft: „Um Gotles- 
willen, es ist schon so spät!" Die Patienün sagt: „Sehen 
Sie, das war jetzt die wirkliche Uhr." Die Dinge der 
Umwelt haben also für diese Kranke - und ich könnte 
ihnen noch mehrere gleichsmnige Beispiele bringen 
— nur in der konkreten Situation ihren Wirklichkoils- 
wert. In der gestellten Situation des Examens ha- 

190 * 



ben sie an Wirklichkeitswert verloren, können nur viel 
schwerer bewältigt werden. Daher das Versagen der 
Hirnkrallken bei den üblichen Leistungsprüfuiigen, die 
auf das biologisch Sinnvolle wenig Rücksicht nehmen. 
Das Examen muß, wenn man ein wirkliches Bild über 
die Leislungsmöglichkeilcn eihalten will, den Prüfungs- 
charakter, also den gestellten Charakter, verlieren 
und den Kranken vor biologisch sinnvolle Aufgaben 
stellen. Dieser Charakter des Gestellten, biologisch ir- 
gendwie Sinnlosen, kommt der I^rüfung überhaupt zu, 
nicht nur der Leislungsprüfung des Hirnkranken. 

Damit sind wir auf dem Umwege über das Verhalten 
Hirnkranker zu einem Problem gelangt, das jeder von 
uns schon irgendeinmal berührt hat: Es ist das Pro- 
blem der Beziehung zwischen Prüfung und 
Leben. So wie jene Hirnkranke haben wir alle schon 
einmal den Unterschied bemerkt zwischen der Prüfung 
und dem wirklichen Leben. Dieses Problem bildet ja 
einen Gesprächsstoff vor uiid nach der Prüfung. Der 
Durchgefallene sagt von sich: „Es kommt nicht auf die 
Prüfung an, sondern auf das, was man im Leben lei- 
stet." Von manchen Musterstudenten sagt man gering- 
schätzig: „Na ja, bei der Prüfung geht es tadellos, aber 
ob es im Leben draußen gehen wird, wird sich erst 
zeigen." Achten Sie auf den charakteristischen Aus- 
durck; „Im Leben draußen." Wenn ein oftmals 
Durchgefallener im Leben draußen erfolgreich ist, dann 
redet er gerne und oft davon, wie sehr sich bei ihm die 
Prüfung blamiert hat. Und man zeigt mit Fingern auf 
die ehemaligen Studenten, die jede Prüfung bestanden, 
aber im Leben versagt haben. Der biologische Wirk- 
lichkeitswert der Prüfung ist tatsächlich ein geringer. 
Die Geringschätzung, die ihr als Maßstab für die wirk- 
lich vorhandenen Lebensenergien zuteil wird, ist be- 
rechtigt. Es fehlt ilu* eben der konkrete Charakter 
der wirkhchen Lebensvorgänge, sie ist eben nur Men- 
schenwerk. Versucht man, ihr diesen Charakter zu 



191 



nehmen, dann zeij^l es sich, <laß aus dem Prüf ungsvor- . 
f^ai-iü etwas völlig anderes wird. 

Die biologische lictrachtung ergibt also, daß die Prü- 
fung sich irgendwie dem Slroin des Lebens entgegen- 
slclU. Man konnte die Prütungen vergleichen mit Hür- 
den, die von menschlichen Händen anfgestellt sind 
und Terrainsehvvierigkeilcn markieren sollen. Kann die 
biologische lietrachlinig des Pcülungsvorgangcs für das 
Verständnis neurolischer Verhaltensweisen bei der Prü- 
fung von Wert sein? Ich glaube: jal Die natiu-liche 
Kunst des Prüfungmachens wird darin bestehen, diese 
Hindernisse so zu nehmen, als ob sie natürliche Ter- 
rainschwierigkeilen wären. Dieses Als- Ob spielt im 
biologischen Sinn der Prüfung und ihrer Bewältigung 
überhaupt eine wesentliche Holle. Der Neurotikcr ist 
da stark im Nachteil. Ihm wird die Prüfungssitualion 
überladen mit konkretem Gefählsgehall. Er ist trieb- 
hafter, pi'imilivcr als der Gesunde, ihm mangelt es an 
der Fähigkeit, auf den gestellten Charakter einzu- 
gehen. Die Prüfungssituation wird ihm ein elemen- 
tares Stück Leben. In den „inkonkreten" Prüfungs- 
vorgang strömt ein Übermaß an affektiver Konkretheit 
und daran scheitert das Ich. Der Neurotikcr hat also 
mit dem Ilirnkranken gemeinsam, daß das LTngebundene 
Biologische ~- jetzt können wir wieder sagen: das Ir- 
rationale — allzusehr in den Vordergrund tritt und da- 
durch die Leistung des Ichs stört. Für ihn wird die 
Prüfungssitualion, die den Charakter des Gestellten, In- 
konkreten nie ganz verlieren darf, zum Schauplatz 
allzu konkreten Lebenskampfes. Ein Beispiel für das 
lief verwurzelte Mißverstehen des Lebens, das Grund- 
leiden des neurotischen Menschen. 

Jetzt können wir versuchen, es uns zu erklären, was 
eigentlich gemeint ist, wenn man sagt: „Das Leben ist 
eine Prüfung." In diesem Worte liegt ein Wissen um den 
Gegensalz zwischen Prüfung und Leben. Dieses Wort: 
„Das Leben ist eine Prüfung", wird von allen Weltan- 

192 




schaumigen gelehrt, die den ethischen Wert des Leidens 
in den Mittelpunkt ihres Glaubens stellen. Hier ist es 
der Leidenscharakler, der die Prüfung adelt. Der Ge- 
danke, daß das Leben eine Prüfung sei, daß also das 
Inkonkrete, Unbiologische den Charakter des Lebens 
bestimmen soll, wird nur erträglich durch den Glau- 
ben, daß auf jenes Leben, das eine Prüfung war, also 
eigentlich kein wahres Leben, ein anderes Leben folgt, 
das erst das wahre, das eigentliche Leben ist, zu 
dem das irdische Leben nur eine Vorbereitung war, 
nämlich das Leben im Jenseits. Und tatsächlich sind 
die Vorstellungen aller Glaubensbekenntnisse über das 
Leben im Jenseits, so verschieden sie auch sein mögen, 
über das eine einig: Es ist ein Leben ohne Prüfungen. 
Demjenigen also, der daran glaubt, daß das wahre 
Leben erst im Jenseits beginnt, wird es nichts anhaben, 
daß das irdische Leben eine Prüfung ist, also eigentlich 
noch nicht das wahre Leben. Und es hat einen biologi- 
schen Sinn, daJä die Menschen, die nicht an jenes wahre 
Leben im Jenseits glauben, für die also das Leben im 
Diesseits das wahre Leben ist, immer wieder dafür ein- 
treten, die Prüfungen zu mildern oder gar abzuschaffen, 
offenbar um das Leben, das ihnen das wahre ist, von 
seinem — biologisch betrachtet — lebensfremden Ge- 
halt zu befreien. Diese Menschen entbehren ja der 
Kraft- und Trostquelle des Glaubens, daß das wahre 
Leben ihnen erst bevorstehe. Für sie darf das Leben 
keine Prüfung sem, sonst haben sie nie gelebt. 

Damit süid wir am Ende. Die letzte Frage, die nach 
dem Wert und Unwert der Prüfung im Rahmen unserer 
Existenz, Uegt jenseits der Wissenschaft. . . 



13 Almanach 1938 



über versäumte Trauerarbeit 

Von Uelcue Deutsch, Boston 

Erschienen in der „Wissenschaftlichen Fest- 
schrift zum 1)0. Gcl)nvtsla(f des Herrn Dr. Jo- 
sef B e i n ho l d, (inlfenluTg, 19S6. 

Die erste Anre^'iin«^ zu den hier erörlerlcn Problemen 
gab mir eine zulälli^o üeobachtung. Ein Mann mittle- 
ren Alters, dessen Leben und Scliicksalc mir sehr gut 
bekannt waren, erlitt durch den Tod einer von ihm 
heißgeUcbteii Person einen schweren Schicksalsschlag. 
Es war zu einer Zeil, da er, mitten drin in sehr akti- 
vem und erfolgreichem Leben, eben im Begriffe stand, 
auf einer hohen sozialen Stellung in seinem Wirkungs- 
kreise ein berühmter Mann zu werden. Seine Leistungen 
standen im Dienste politischer Ideologien imd nahmen 
schon seit Jahren den größten Teil seiner Energien in 
Anspruch. 

Wir alle, die ihn und seine überaus zärtliche und 
intensive Bindung an die verstorbene Person kamilen, 
erwarteten einen sehr schweren Trauerausbruch. Wuß- 
ten wir doch, wie stark bei allen Anlässen die Gefühls- 
reaktionen des Betreffenden zu sem pflegten. Es war 
uns allen etwas miheimlich zu Mute, als überraschender- 
weise an Stelle der erwarteten Gefühlsreaktion eine 
sonderbare Kälte und Gleichgültigkeit bemerkbar wurde. 
Man hielt das Gehaben für Beherrschung, konnte sich 
aber doch nicht eines ungcmülVichen Gefühles erweh- 
ren. Aus dem persönlichen Bekcimtnis des Betreffenden 
habe icli erfahren, daß er selbst über die Tatsache der 
absoluten Gefühllosigkeit an Stelle der Verzweiflung 
erschrocken war. Er meinte dabei: „Es ist mir so, daß 
ich entweder im Schmerz vullkommeii zusammenbre- 
chen müßte, oder gar nichts fühlen ~ ich habe mich 
sichtlich innerlich zu dem Zweiten entschlossen, weil 
ich zu üroße Pflichten im Leben iibernommen habe." 



194 



Spätcrc Ei'fahrimgen und Beobachtungen haben mich 
die seelische Situation des Mannes verstehen gelehrt: 
der seelische Schmerz erfordert Raum im Ich-Gefüge. 
Je größer seine Energien, desto stärker seine Ansprü- 
che. Wie der organische Schmerz eine gesteigerte Be- 
setzung des Körpers hervorruft und vom Ich große 
Mengen innerer Energien abzieht, genau so zieht eine 
seelische Gefühlsreaktion ein Quantum narzißtischer Li- 
bido an sich und erfaßt anspruchsvoll das innere 
Leben. Ist das Ich-Interesse anderswo stark in Anspruch 
genommen, sind die narzißtischen Befriedigungsmöglich- 
keiten absorbiert, so bleibt weniger Raum für neue, 
in unserem Fall schmerzhafte Sensationen. Außer- 
dem scheint mir, daß eine bereits bestehende, starke 
narzißtische Besetzung für das Ich einen Schutzwall 
gegen die drohenden Gefahren bildet, bezw. ihn ver- 
stärkt. Ist doch das Rest-Ich um die bereits abgezoge- 
nen Energien schwächer und könnte nun die durch das 
schmerzhafte Ereignis inaugurierte Trauerarbeit nicht 
bewältigen. Wir nehmen also an, daß eine besondere 
Konstellation im Ich-Gefüge den Ausfall der Trauer- 
reaktion hervorgerufen hatte: auf der einen Seite die 
relative Schwäche des zur freien Verfügung stehenden 
Ich-Anteils, auf der anderen eine beschützende Abwehr, 
von den narzißtischen Besetzungen dieses Ichs aus- 
gehend. 

Die weiteren Schicksale, den günsügen oder ungünsti- 
gen Ausgang einer solchen Reaktionsweise, konnte ich 
im Leben des Betreffenden leider nicht mehr verfolgen. 
Die Nachrichten aus der Ferne erwecken manchmal 
den Eindruck, daß die ganze — übrigens weiterhin er- 
folgreiche — Lebensführung einen hypomanischen Cha- 
rakter besitzt. Entsprechend meinen Anschauungen über 
die Hypomaniei) hege ich die Vermutung, daß auch in 

^) Helene Deutsch: Zur Psychologie der manisch- 
depressiven Zustände, insbesondere der chronischen 
Hypomanie. Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, Bd. XIX, 1933. 

13* 

195 



diesem VulW die das LeitU'ii verleugnende Reaktions- 
weise weiter ihre Inmklion ausübl. 



Der zweite Fall, der mein Interesse in derselben Rich- 
tung» erweckte, betraf eine Mutter, die vollkommen iin- 
verliot'ft ciurcli einen Unfall ihr geliebtes einziges Kind, 
verloren halle. Ich kannte gut die große inüllerUche 
Uindung an das Kind, eine durch keinerlei Ambivalenz 
getrübte glückliche und stolze Mutterliebe. Die GefüMs- 
reaktiou glich ganz der oben beschriebenen: absolute 
Ruhe und Gefaßlheit ohne den Eindruck einer patho- 
logischen Reaktion für den Uneingeweihten, einfach. 
so, als ob nichts Schreckliches gesciu'hen wäre. 

Hier konnten wir nicht „narzißtische Inanspruch- 
nahme" für die mangelnde Gefühlsreaklion verantwort- 
lich machen. Der Vorgang scheint weniger kompliziert. 
Es müssen unter bestimmten Hedingimgen, deren We- 
sen noch zu erforschen wäre, dort, wo das Quantum 
tier .schmerzlichen Jiclastung eine Grenze überschreitet, 
Abwehrkräftc zum Schutze des lebensbedrohten Ichs 
in Funktion treten. Deren Einmischung ergibt sich aus 
der Gegcjiübcrstellung zweier Mächte: des anslürmeu- 
den Affektes und der Stärke des empfangenden Ichs. 
Rei zu großer Intensität des Affektes, bezw. bei relativer 
Ich-Schwäche werden anscheinend solche abwehrende 
und absperrende Mechanismen in Funktion gesetzt. Wir 
werden noch im folgenden die Natur iiies<T Abwehr- 
kräftc erwägen. 

Ein ähnliches Verhalfen können wir bei Kindern in 
besliinnilen Altersgrenzen als typisch ansehen. Das so- 
genannte „herzlose*' Gehaben von Kindern nach dem 
Tode heißgeliebter Personen ist eine häufig l)cobach- 
tele Tatsache. Man versucht hier, zwei Momente für 
dieses Verhallen verantwortlich yai machen: Die man- 
gelhafte Wahrnehmung, bezw. die intellektuelle Unfähig- 
keit, die Realität des Todes zu erfassen, und eine noch 



196 



mangelhafte Stärke der Objektbeziehung. Ich glaube, 
keiner dieser Erklärungsversuche trifft die Wahrheit. 
Wenn auch die intellektueUe Auffassung fehlt, Ist das 
intulUve Wissen stark genug, um den Trennungsschmerz 
und die Notwendigkeit einer Trauerarheit zu mobilisie- 
ren. Ich nehme an, daß beim Kinde die aus der Ich- 
Schwäche resultierende Unfähigkeit, ein großes Quantum 
schmerzhafter Erlebnisse zu bewältigen, normalerweise 
Äbwehrkräfte in Bewegung setzt, die den affektiven An- 
teil des Erlebnisses dämpfen und abhalten. Es wird hier 
der narzißüschen, selbsterhaitenden Kraft im Ich ein 
Regulator zugesprochen, dessen Wesen nicht näher defi- 
niert werden kann. Er ist vielleicht ein Nachkomme 
jener frühinfantilen Angst, die wir als Trennungsreak- 
tion des kleinen Kindes kennen. Wir wissen, daß sie ein 
Gefahrsignal bei gesteigerter Bedürfnisspannung ist, die 
noch mit wirklicher Objektbeziehung nichts zu tun 
hat. Das kindliche Alter, von dem wir sprechen, ist 
schon so weil fortgeschritten, daß an Stelle der Angst 
auf die Gefahr des Objektverlustes bereits Schmerz 
und Trauer erwartet wird. Dort, wo aus narzißtischen 
Schutzmotiven — wie ich sie oben angenommen habe 
— die Trauer abgewehrt wird, können wir vielleicht ein 
Signal annehmen, dem z\^ar die Angslqualitäten fehlen, 
dessen Auswirkung aber einem Angstsignal ähnUch ist: 
die Mobilmachung der Äbwehrkräfte, die sich ebenso 

sagen wir — diskret und slill verhalten wie die 

nicht zum Vorschein kommende Angst: sie beschränken 
sich auf passives „Nichtzulassen". 

Bei der Beobachlung neurotisch Erkrankter sehen wir 
häufig, daß nach dem Tode eines geUeblen Objektes 
an Stelle normaler Trauerarbeit schwerste Angstzu- 
stände emtreten. In einer psychoanalytischen Behand- 
lung pflegt man dann zu sehen, daß durch einen regres- 
siven Vorgang an Stelle der dem späteren Alter eigenen 
Trauer die früh-infantile Reaktion — die Angst — ein- 
getreten ist. - ; 

^97 



Der von mir poslulitirte affcklabwehrcnde Faktor 
sciu'iiil also iiaoh Ijcidcii liicliUnigcn Sichcninj^cn zu 
licftTii: ^fgrti (Ion Iraucrsclinu-iv. uik! ae^vn die früh- 
nifanlilo TiTniiunfisroaklion, d. h. ^^cßcn <\W Angst. 

/um l'i\)lil('in <k's Wosens dt-r uuj^enonnnenen Abwclir- 
krafl koninil nocii vh\ /weili's (d)rnso \viclUij,^es dazu: 
Welches sind dii' wt-ilortMi Schicksale der ahHewolir- 
Ion Trauer? Wir thirfen nielit ver{»essen. dafJ die Re- 
aklion aul den realen VerlusI dos Objektes keine ein- 
malige isl, daß die Realiläl immer neue Erinnerungen 
an den Verlust waehrnit und neue SchmcrzsensaÜonen 
I>rov()Zierl. Das Wesen (h'r Trauerarl)eit l)esleht eben 
dann, in emem lanf,^\vierigen Prozeli <]io sclimerzhaflen 
linrmernn^H.,1 und llilIdun^v„ abzulösen. Meine Meinung 
Mebl auch dahin, daß die Abwehr, die mit der Lei- 
stungsschwäclic des Ichs zusammenhängt, sicli nicht 
nur aui (he Unlähigkcil der ScluiicrzbuwältigunM son- 
dern auch vor allem aul die folgende Trauerarbeil be- 
zieht. 

Bleibt aber wirklich der seelische Apparal andauernd 
frei von jenen scinncrzharien und schweren Trauer- 
äiißcriJii^a']!? Viel/eicht kami uns hier wie so oft bei 
psychologischen Problemen die Psychopathologie Wert- 
volles zur Klärung leisten. 



Ein neunzehnjnbrif^cr Mann halle in seinem fünften 
Lebensjahr die Müller durcli den Tod verloren. Er war 
bis zu dieser Zeil ein von der Müller besonders ver- 
UAVscheUev Junge ol\uc IicsvuaUvvv' IH'VVroUsclH* Schwie- 
ri^keilcn, mil zärllichcr, ungestörter Hindung an sie. 
Als sie starb, zeigte er keine Spur von Trauer. In der 
Familienlradition wurde das scheinbar „herzlose" Be- 
nehmen des kleinen Jungen als Erinnerung aufbewahrt. 

Nach dem Tode der Mutter übersiedelte er zur Groß- 
muKer und blieb in der neuen llnigebun;^ ein gut gedei- 
hendes gesundes Kind. 

198 



Die Psychoanalyse ergab keine besonderen Konflikte 
in der ersten Kindheit, aus denen sich das affektive 
Verhalten hätte erklären lassen. Das Bösesein mit der 
Mutter, weil sie ihn verlassen hatte, nahm in den Er- 
innerungen an diese Zeit wohl einen Platz ein, über- 
schritt aber nicht jene normale ambivalente Regung, 
die besonders bei Kindern in solchen Fällen aufzutreten 
pflegt. Auch sonst brachte der junge Mann kein Mate- 
rial zur weiteren Aufklärung des affektlosen Verhaltens 
in der Kindheit. Er wies aber in semem späteren Le- 
ben gewisse Züge auf, die uns über das Schicksal des 
abgewehrten Affektes ein wenig orientieren. In seinem 
Verhalten waren zwei Züge besonders auffällig. Er 
klagte über Depressionszuständc, die ohne äußeren An- 
laß in der Pubertät aufgetreten waren und sich auch 
ohne sichtUche Moüve zu wiederholen pflegten. Außer- 
dem war ihm aufgefallen, daß er mit besonderer Leich- 
tigkeit Liebesbeziehungen, Freundschaften usw. aufgeben 
konnte, ohne die geringste Schmerz- und Sehnsuchts- 
reaklion zu verspüren. Während der Dauer dieser Be- 
ziehungen jedoch fühlte er sich in semem Affektleben 
ungestört. 

Durch diese Angaben wurde uns das Schicksal der 
uns interessierenden Kindheitssituation auf einmal ver- 
vständlich. Die Affektlosigkeit wiederholte sich in ver- 
wandten Situationen, der abgewehrte Affekt konservierte 
sich, um nachträglich in „unmotivierten" Depressio- 
nen hervorzukommen. Die Dienstleistung des postu- 
lierten Schutzmechanismus galt nur dem kleinen unbe- 
holfenen Ich und beschränkte sich auf eine zeitliche 
VerschietlUng und dynamische VerteUung der Trauer- 
reaktion. 



Eine andere Beobachtung: Ein dreißigjähriger Mann 
kommt in die analytische Behandlung wegen schwerer 

199 



Organ -neurotischer Symplonie«); neben rein hysteri- 
schen Syniploinen ein Zwaiif-sweinen, das von Zeit zu 
Zeit sponlan auftriU, oJnic die «erinuste adiujuale Provo- 
kation. Hereits als erwachsener Mann hatte er die zärt- 
heh «eliehto Mutter, zu der er in besonders liebevoller 
Hczieliun« Keslandeu ist, verloren. Die Nacliricht über 
den Tod erreichte ihn in einer fernen Universitäts^ 
slmlt, die er sofort verlicli, um am ne^räbnis teilzu- 
nehmen. \Ve<lcr auf der Heise noch beim Hegräbnis 
konnte er den gerinj^sten Affekt aufbringen, Eine qual- 
volle GleichgüHioiuMi hiiob die ganze Zeit bestehen, 
trotz allen IJemüluingen, einen Affekt herauszuliolen. Er 
rief sich oft willkürlieh die schönsten Erinnerungen au 
die Mutter ins Gedächtnis, an ihre Güte und Zärtlich- 
keit, ohne die .Schmerzsensation, die er empfinden 
wollte, im geringsten provozieren zu können. 

Der Sclbsivorwurf, nicht getrauert zu haben, beglei- 
tete Ihn (iiudend im Leben. Häufig versuchte er Er- 
innerungen an die geliebte Mutter wachzurufen, um 
nachträglich weinen zu können. Der Versuch mililane 
aber stets. ° 

Der Tod der Mutier fiel in eine Lehensperiode des 
Patienten, in der er bereits schwere nenroti.sche Schwie- 
rigkeiten halle, Er litt damals an Potenzstörungen" 
Lernschwierigkeiten und Mangel an Aktivität in aUen 
Lebenssitualionen. Die Analyse ergab, daß er schon 
damals in schweren iinieren Konflikten mit seiner Mut- 
ter stand, da(.\ seine starke infantile liindung au die 
Mutter zu einer Idcntifixierung mit ihr geführt und das 
MoUv zu seiner passiven Lcbenshallung abgegeben halle 
Die sonderbare affektlose Reaktion auf den Tod der 
Mutter hatte mehrere Motive. Es gab in seinen Kinder- 
jahrcn ei ne Periode des größten Hasses gegen die Mut- 

2) Dieser Fall wurde in meinem Hucli „Psychoanalyse 
der Neurosen" (Int. Psychoanalytisctuu* Verlag, Wien 
1930) als Heispiel für konversiönshysterie bereits an- 
geführt. 

200 



ler, die dann in der Pubertät ihre Wiederholung fand. 
Die bewußte, zu starke zärtliche Bindung an die Mutter, 
die Abhängigkeit von ihr und die Identifizierung mit ihr 
in der femininen Haltung bildeten dann den neuroü- 
schen Ausgang dieser Beziehung. 

Gerade bei diesem Patienten konnte man besonders 
klar beobachten, wie der reale Tod die infantile Reak- 
tion sie hat mich verlassen" mit dem dazugehörigen 
Wutaffekt mobilisiert hatte. Die Haßtendenzen, deren 
Quellen m einer solchen schon in der Kmdheil ent- 
standenen Enttäuschungssitualion wurzelten, wurden 
wieder wach und anstatt einer inneren Wahrnehmung 
des Trauerschmerzes ergab sich aus der Interferenz 
mit der aggressiven Regung das Gefühl der Kälte und 

Gleichgültigkeit. 

Was uns jedoch in der analytischen Geschichte die- 
ses Patienten hauptsächlich interessiert, ist das Schick- 
sal der augenblickhchen Trauer. Das Schuldgefühl der 
Mutter gegenüber, das sich sogar in bewußten Selbst- 
vorwürfen verriet, fand reichliche Befriedigung m 
schweren organischen Leidenssymptomen, m denen der 
Patient jahrelang die Krankheit der Mutter, sich mit 
ihr identifizierend, wiederholte 3). Das oben erwähnte 
Zwangsweinen war der Ausdruck des vom Vorstellungs- 
inhalt „Tod der Mutter" isoUerten Affektes, der in dieser 
Form sich zwanghaft nachträglich durchgesetzt hatte. 

In Freuds „Aus der Geschichte einer infantilen 
Neurose'**) finden wir ein älniliches Schicksal des ge- 
hemmten Trauerausdruckes beschrieben. Der Patient 
berichtet dort, daß er auf die Nachricht vom Tode der 
Schwester keinen Schmerz empfand. Der Ersatz für 



3^ Fenichel spricht von der „Verdrängung" bei 
stai-ker Trauer, „wobei vielleicht der Mechanismus der 
Identifizierung mit dem verlorenen (toten) Objekt eine 
Rolle spielt". Siehe „Hvsterien und Zwangsneurosen , 
Int. Psychoanalytischer Verlag. Wien, 1931. 

*) Freud: Ges. Sehr., Bd, VIII. 



201 



den unlerbliebencn Schmerz fan.l sich da..., i.> ci.ier an- 
de.-cn dem Palienlc, selbst ....verständlich gebliebenen 
Gef,ddsnußer,.„g. Wcigc Monale nach dem Tode der 
Schwester .nachte er eine «eise i.. die Gegend, wo 
sie gestorben war, suchte <lort das Grab eines großen 
Uichters auf der damals sein Ideal war, und vergoß heiße 
Tranen an d.csem Grabe. Dies war eine ilui befrem- 
de..de Reaktion ... Er verstand sie erst, als er sich e^- 
mnerle daß der Vater die Gedichte der verstorbenen 

Die Situation, in der beim Patienten JM-euds der 
Affekt ,„,„ Durchbruch kam, war d,.reh liefe.-e assozT 

linde,? «"■ """ '"" "-"••'■■"«'-'^ unte.-drück,en "r- 
bundcn. Bei meinem Patienten war der zwanghaft 
auftretende Affekt bereits aus dem Zusammenha.tg voll 
kommen gelöst. ** ' 

Die im libidinöse.. lla.ishalle unseres Patienten maß- 
gebende Identifizierung war vielleichl das wichtigste 
Motiv warum das Ich die Tranerarbeil ablehne 
brachte sie doch die eminente Gefah.-, in eine melaH: 
ehohsche Verzerrung überzugehen und durch Selb^ 
mord die volle Identität mit der toten M,.lter herzu 
stellen. Sobald es durch die Analvse gelun-en war 1 
Patienten in die unterlassene affektive" Sit..?uLru ver" 
setzen, tanehtc diese Suici.igcfahr sehr oi.ulriiSich Z 

Wir sehen also, wie bei diesem neurotisch erkrankten 
Menschen neben dem be.-eits pathologischen Gefühls- 
konf hkt, der hemmend auf die Trauei-reaklion wirkte 
ein Abwehrvorgang zum Schutze des schwerbedrohten 
Ichs in Funktion trat. 

• 

Ein anderer, über d.-eißigjähriger Mann, scheinbar 
ohne neurotische Schwierigkeiten, kommt aus nicht- 
thcrapculischen Moliven in a.ialylisehe Beha.idhnig. 
Vollkommene Affektspe.-re ohne die geringste Krank- 

202 



heiiseinskht. Die Affekllosigkeit betrachtet er in sei- 
nem maßlosen Narzißmus als „wunderbare Beherr- 
schung". Keine Liebesbeziehungen, keine Freundschaf- 
ten, keine wie immer gearteten Lebensinteressen. Für 
alle Erlebnistiualitälen dieselbe Stumpfheit und Leb- 
losigkcil. Kein Streben und keine Enttäuschungen. Für 
die geringen Lebenserfolge hat er immer wohl funk- 
tionierende Troslmechanismcn. aus denen er paradoxer- 
weise noch immer narzißtische Befriedigungen schöpft. 
Keinerlei Trauerreaktionen bei Verlust nahestehender 
Personen, keine Feindseligkeiten, keine aggressiven Nei- 
gungen. 

Im fünften Lebensjahr hatte Patient die Mutter ver- 
loren. Auf den Tod reagierte er vollkommen affektlos; 
im späteren Leben verdrängte er nicht nur die Erinne- 
rung an die Mutter, sondern auch an die ganze Lebens- 
periode vor ihrem Tode. 

Aus dem spärlichen, in langwieriger und mühevoller 
Arbeit hervorgeholten Kindheilsmaterial konnte man 
— vor allem aus der amnesierten Lebensphase — nur 
negative und aggressive Einstellungen zur Muller ent- 
decken, die sichtlich mit der Geburt eines jüngeren Bru- 
ders zusammenfielen. Die einzige Sehnsuchtsreaktion auf 
den Tod der Mutter verriet sich in einer Phantasie, die 
durch mehrere Jahre seiner Kindheil anhielt: Er ließ am 
Abend die Tür seines Schlafzimmers offen in der Erwar- 
tung, daß ein schöner großer Hund kommen werde, der 
ihn sehr lieben und alle seine Wünsche erfüllen würde 
usw. Mit dieser Phantasie war eine intensive Kindheits- 
erinncrung assoziiert, vom Tode einer Hündin, die ihre 
Jungen allein und unbeholfen gelassen hatte, da sie 
gleich nach der Geburt verendet war. 

Außer diesem einen verräterischen Phantasiegebilde 
war im ganzen Leben des Patienten nichts von Sehn- 
sucht und Trauer nach der Mutler zu finden. In diesem 
Falle war sichtlich das Abwehrstreben des Ichs zu 
intensiv ausgefallen und hatte das ganze Gefühlsleben 



203 



1 



ergriffen. Der ökonoinisclie Vorleil der Abwehr halle 
sich nachleilis ausHcwirkl. Mil der Tondeiix. schwer 
erlrägUchc Affekte abzusperren, ist sozusagen das Kind 
mit dem Bade ausgeschüttet worden, denn auch die 
positiven, freudigen Erlebnisse sind der vollen ErlaU^ 
mung zum Opfer gefallen. Die Notwendigkeil der stän- 
digen Niederdrückung einer Affeklgruppe führte zum 
Tod des ganzen Gefühlslebens. 

• 

Eine Frau mittleren Alters, symplomfrei, aber mit 
sonderbar geslörtem Affektleben. Zu zärtlichsten Lie- 
bes- und Freundschaftsbeziehungen fähig, aber nur in 
unrealisierbaren Situationen, mit positiven und nega- 
liven Gefühlsmöglichkeiten ausgestaltet, aber nur unter 
Bednigungen, die ihr und ihren Objekten Enttäuschun- 
gen bringen usw. Um unsere ProblomstelUnig nicht 
zu komplizieren, sei nur auf die dazugehörigen Erschein 
nungen hingewiesen. Patientin fängt jede analytische 
Stunde mit bitterlichem Weinen an, wobei nie ein ad- 
äquates Motiv eruierbar ist. Dieses Weinen hat keinen 
Zwangscharakter, ist aber vollkommen inhaltslos. Hei 
realen Erlebnissen, die einen traurigen Affekt auslösen 
sollten, ein auffallend „beherrschtes", im Grunde affekt- 
loses Verhallen. In der analytischen Heobachtung wird 
der Mechanismus der Aflekterlebnisse allmählich klar 
Die direkte Gcfühlsreaküon isl unmöglich, alles wird 
nur durch komplizierte Vorgänge im Wege von Ver- 
schiebungen, Identifizierungen und l'iujektionen nach 
der Art des „Primärvorganges" ^i) erlebt. Um ein Bei- 
spiel zu geben: Patientin berichtet etwa gelegentlich 
über lieobachlungen an anderen Menschen. Durch 
Nachforschen kann man fcslslcllcn, daß das von iiir 
„bcobachlelc" Erlebnis des anderen um* eine Projektion 
ihrer eigenen unbe wußten Phantasien und Ueaktionen 

6) Freud: Traumdenlimg. Ges. Sehr., Hd. II. 
ao4 



in den anderen darstellt. Es wird nicht auf seine Zu- 
gehörigkeit agnosziert, weil ihm die affektive bewußte 
Reaktion entzogen wurde. . . 

Ein anderer Erlebnismechanismus betrifft vor allem 
traurige Erlebnisse der anderen. Patientin ist imstande, 
in eine schwere Depression zu verfallen, weil dem ande- 
ren etwas Unangenehmes zugestoßen ist. Besonders auf 
Krankheits- und Todesfälle in ihrem Bekanntenkreise 
reagiert sie mit intensiver Trauer vom Charakter des 
Mitgefühls und Mitleids. Wir konnten hier die Ver- 
schiebung der eigenen abgewehrten Affekte in diese Er- 
lebnisform feststellen. 

Ich habe den Eindruck, daß das eine nicht seltene 
Reaktionsweise ist, die in ihrer milderen Form weniger 
auffällig zu sein pflegt. In der Analyse unserer Patien- 
tin konnte man in den verschobenen Affektentladungen 
die Zugehörigkeit zu alten unerledigten Erlebnissen ent- 
decken. Das ursprüngliche Trauererlebnis war zwar 
nicht der Tod, aber eine durch die Scheidung der Eltern 
bewirkte Verlustsituation. 

Man konnte bei ihr allmählich feststellen, daß sie 
jene Beziehungen, in denen sie Gelegenheit hatte, an 
dem Unglück der anderen teilzunehmen, krampfhaft 
suchte, und daß sie sogar einen gewissen Neid ent- 
wickelte, daß nicht ihr, sondern dem andern das Un- 
glück zugestoßen sei. Man hat die Neigung, bei einem 
solchen Verhalten an „masochistische Tendenzen" zu 
denken und ihnen dasselbe zuzuschreiben. Sicher dürfte 
die Befriedigung des Masochismus dabei auch eine 
Rolle spielen. Die Beobachtungen an dieser Patientin ha- 
ben jedoch meine Aufmerksamkeit noch in eine andere 
Richtung gedrängt. 



Ich glaube, daß jeder unerledigten Trauerarbeit ein 
Drang anhaftet, in irgendeiner Form realisiert zu wer- 
den. Ich beschränkte mich vorderhand, diesem Reali- 



205 



sicrun i^sd i-H iiK mir Ini der Tmiu-nirbt-ii iiachzu- ■! 

gehen, und habt- die OI)i'izcu^iiii^ ginvonnen. daI3 eine in 
dem von Freude) boschncbfiicn Sinne riichlorlcdigte 
^Trauerarbcil** in irf^oiidoiru'r I-'orni bis zn ihrer vollen 
AuswiriumK ßclcislel werdni mu(.V Dieser Dranß zum 
Affeklerlcbnis kann so stark sein, dali er in manchen 
Fallen in Analoj^ie zu jenem Meehanismus sieht, den 
wir im „Verbrecher aus Sebnld^elidir' ") kennengelernt 
haben. Dort drängt das unbewulMe Sehnld^ofiihl nach- 
Irafilich zu einer das (iefühl rationalisierenden Schuld- 
handlung, hier i)rov<)zierl die al)gevvehrtc Trauer ein j 
adäquates Schmer/erlehnis. leb habe den Verdacht, daß | 
manche Schicksale, (Ue bei uns den lün.buck einer j 
masochislischen I.ebenshallun« erweekon, einlach einem 
so clicn Heahsiernngsdranue der unerledigten Affekte I 
entsprecl^en. Unsere lelzlgenanntc Paticnlin gab uns 

em besonders einleuciUendcs Beispiel für <liese An- 
nähme. 

Die Trauerarbeit als Hcaklion auf den realen Verlust fl 
emes geliebten Objektes mu ß ge 1 eis t e t wer d e n ■ 
Solange die alten Bindungen libidinöser oder aggressiver 
Natur mit dem Objekte verknüpfl sind, so lange wuchert 
der schmerzhafte Affekt und vice versa; die Hinduncen 
sind ungelöst, solange die affektive Trauerarbeit nicht 
geleistet wurde. Welches auch das Motiv der Affektab- 
wehr war: die UnertragUehkeit des Affekts infolge der 
vorhandenen Ich-Schwäche, anderweitiger Inanspruch- 
nahme des Ichs, insbesondere durch narzißtische Be- 
setzungen oder einen vorher schon bestehenden Konflikt 
mit dem verloreneu Objekte in aufdringlich-pathologi- 
scher oder versteckter Form, verschoben, verwandelt" 
hysleriibrm, zwaiighafi oder schizoid, - in jedem Falle 

8) Freud. Trauer und Melancholie, Ges. Sehr., 
Bd. V. 

') Freud: Das Ich und das Es, Ges. Sehr., IJd. VI, 

S. 398. ■ 

2o6 



muß jenes Quanluni der schmerzhaften Reaktionen 
bewältigt werden, welclies der vernachlässigten unmit- 
telbaren Traucrarbeit zugedacht war. 

In den vorangegangenen Überlegungen habe ich einen 
Regulator angenommen, dessen Wesen mir nicht klar 
geworden ist und dem ich die Abkunft von den ur- 
sprünglichen Angstreaklionen des kleinen Kindes auf 
die Trennung von Objekten zugeschrieben habe. Ich 
meinte, daß die innere Wahrnehmung der Unfähigkeit 
zur Affektbewältigung, also der Ich-Schwäche, den Mo- 
tor zur Affektabwehr, bezw. zu seiner Verschiebung in 
Betrieb setze. Es ist möglich, sogar wahrscheinhch, daß 
dieser Motor immer am schon bestehenden Konflikt 
mit dem Objekte ansetzt, und daß letzten Endes dieser 
KonfUkt die verantwortliche Ursache des Affektman- 
gels darstellt. Wir haben aber an Beispielen gesehen 
(wie etwa in dem der Mutter, die ihr Kind verloren 
hat) daß nicht immer der Konflikt das Maßgebende ist. 

Jedenfalls erweist sich die Zweckmäßigkeit der 
Flucht vor dem Trauerschmerz als ganz vorübergehend, 
denn die Beobachtung zeigt, daß die Forderung nach 
ihm im psychischen Apparat bestehen zu bleiben pflegt. 
Das Gesetz der „Erhaltung der Energie" hat sichtlich 
seine Parallelen im psychischen Gescheken. JoÜPS Indivi- 
duum verfügt über das ihm eigene Quantum von Ge- 
fühlserregungen ; die Art und Weise, in welcher ihre Ver- 
arbeitung, ihre Abfuhr zustande kommt, bildet seine 
individuelle Eigenheit und hat auch ihren Anteil an der 
Bildung der Persönlichkeit. 

Wahrscheinlich ist die innere Abwehr schmerzhafter 
Erlebnisse in ständiger Funktion, besonders in der 
Kindheit. Man könnte vermuten, daß die aligemein 
menschliche Neigung zu „grundlosen" Verstimmungen 
ein Nachholen dieser einst ersparten Affektreaktionen 
darstellt, mit ihrer ständigen latenten Bereitschaft zur 
nachträglichen Erledigung. - :, : 



Zur Relativität der Wirklichkeit 

Von Rene Lnforguc, Pari« 

Wir vernffcntHchrn ans dem bei „Lcs Edi- 
tions Denorl", f*nns, HhV, er.srhienenrn Buch 
von lU'iid I.af Off/ II e Jiefatii'itt; de la R^- 
(tlil*\ lU'fh'xions sur !es IJinitcs de la Pensde 
et la Gendsr du lirsoin de Causaliii'" Teile 
ans dem driUcn Kapifel. Ins Deiitsrhe über- 
tragen uon E. K r i s. 

Wir haben uns eben gorrnf?!, wie das Individuum 
seine kindlichen An^jsle helicrrsclien, wie es arfeklive 
Regressionen und Fixierun-^eii an ein priinilivcs Sladiuni 
der Libidoentwickhiii^r vermeiden könnte. Mit anderen 
Worten: Wir liabeii uaeh den Milleln iWv Jiormalen 
Abwehr gegen diese Ängste geCragl und diese mit den 
pathologischen Molhodni verglichen, die wir im ersten 
Kapitel vorgeführt haben. 

Wir kennen die bedeutende Hülle, die das Ich in der 
Verteidigung des Menschen gegen die dm bedrohenden 
Gefahren spielt. Die Funktionen, duicli die es seine 
Aufgabe löst, sind komplex. Wir werden diese Funktio- 
nen näher studieren müssen und wollen vor allem von 
der synthetischen Funktion des Ichs sprechen, von 
seiner Holle in seiner eigenen Fntwicklnng, wie auch 
in der der Persönliclikeit ebensowohl wie in der einer 
Gemeinschaft; auch von der Art seiner normalen Ab- 
wehr gegen neurotische Ängste. 

Wir nennen Ich jene Aklivilät des psychischen Appa- 
rates, durch die die Synthese aller unserer Wahrneh- 
mungen sich vollzieht, sowohl der auf innere als auch 
der auf äußere Heize gcrichlclcn. Diese Synthese er- 
laubt uns, uns in Zeit und Raum mit Hcwußlsem zu 
versetzen, lehrt uns willentlich handeln, im /usammen- 
hang mit der Wirklichkeit und mit unseren licdürfnis- 

ao8 



sen. Anders gesagt: Wir verwenden den Terminus Ich 
da, wo man allgemein von Intellekt spricht. Das Be- 
wußtsein ist danach eijie Fmiktion des Ichs, das je 
nach Individuum, Familie, iMilieu, Klasse, Gemein- 
schaft, NalionaUtät, Zivilisationsstufe, der das Individu- 
um angehört, verschieden reagiert. Das Bewußtsein vari- 
iert nach Intensität und Qualität, wenn man jedes ein- 
zehi betrachtet, und verrät sich durch verschiedene Zu- 
stande, je nach dem Aller, der Ermüdbarkeit, der Kul- 
tur, und auch je nachdem, ob es sich um den Zustand 
des Wachseins oder des Schlafes handelt Im Schlaf 
scheint das Bewußtsein beinahe verschwunden zu sein. 
In WirkÜchkeit aber funktioniert es verlangsamt xmd in 
anderer Weise: man darf hier das Bewußtsein mit einem 
Nachtlicht vergleichen. Jetzt vollendet das Ich nicht 
mehr die Synthese der Wahrnehmungen nach den 
Gesetzen die die Verarbeitung des bew^ußten Gedankens 
beherrschen; es leistet diese Arbeit nach anderen Ge- 
setzen, nach denen, welche die Bearbeitung der Traum- 
gedanken bestimmen. Meistens sind diese Gedanken im- 
verständlich, wenn man sie nicht durch die Methode 
der psychoanalytischen Interpretation der Träume um- 
formt, aus ilmen bewußte Gedanken gewmnt und sie 
so verständlich macht. Besser gesagt: Um den Gedanken 
des Traumes in einen bewußten GedanliGll ZU verwan- 
deln, muß man eine erhebliche Arbeit leisten, die sich 
das Ich während des Schlafes erspart hat. Die Ver- 
wirkUchung des Bewußtseins setzt eine erhebliche Aus- 
gabe an libidinöser Energie voraus, die dem Ich wäh- 
rend des Schlafes nicht mehr zur Verfügung steht. 
Auch kann sich die Synthese der W^ahrnehmungen in 
diesem Zustande nur unter der Bedingung der Erspa- 
rung an Libido, die das Ich vornehmen muß, voll- 
ziehen . . , 

Es gibt übrigens zwischen dem Zustand des Wach- 
seins und dem des Schlafens eme Menge von Zwischen- 
sladien, in denen die Funktion des Bewußtseins in einer 

14 Almanach 1938 „oq 



melir oder weniger inlonsivcn Weise nus^cübl wird, 
wobei gleichzeiliß die HiHlculunß der unhcwuliton psy- 
chischen Akliviläl »nid des Tranindcnkcns variabel 
bleibt. Das letztere scheint zuweilen in der lorm der 
Träumerei in das Wachilenkcn einzudrinf^eii. Das cha- 
rakteristische Zwischensta<iiuni zwischen tieii Zuständen 
des Wachseins und (h;s Sclilafes ist die SchlätVigkeil, 
in der das IJcwußtsoin noch nicht völlig geschwunden 
ist und über die Wahrnehmung von Zeit und Haum 
noch - oder wenigstens bcinalie - verfügt, sich aber 
Ihrem Verlust schon nfdiert, wobei im Menschen der 
Lnidruek enlslelu, als lebte er in einer anderen Welt. 

In allen Zuständen, in denen diese Funktion des 
Ichs, die wir das Itewußtscin nennen, rege ist, be- 
wahrt das Ich die I-ähigkcit, den Zustand zu wechseln 
unter dem Erlebnis, tlall es dies willentlich macht, und 
das äußert sich im Cdühl, daß man seine Aufmerk- 
samkeit je nach Erlordernissen oder Impuls des Augen- 
blicks ansj)annt oder «entspannt. Wir haben allen Grund 
anzunehmen, daß <lie psychische Aktivität, durch die 
das Ich das Ilcwußtsein zuslandebringl, sehr kompli 
ziert ist und eine bedeutende Summe von Arbeit erfor 
dert, ungeachtet dessen, daß wir selbst das Erlebnis der 
Selbstverständlichkeit des unmittelbar Gegebenen dabo' 
haben können. Diese Arbeit besteht, wie wir wissen^ 
nicht nur in der Verarbeitung gegenwärtiger Eindrücke- 
auch die Eindrücke der Vergangenheit nehuuni daran 
sowohl als Inhalte unseres Wissens als auch unserer 
Erfahrung teil. Diese Vergangenheit ist vom Individuum 
selbst durch die Familie, die Gemeinschafl und alle 
Generationen, die die Zivilisation gegründet haben, kapi- 
talisiert worden. Die Zivilisation stellt eine Summe von 
Erinnerungen und von Individuen imd Gemeinschaften 
angesammelten lu-tahrniigen dar, wobei die Vergangen- 
heil eine längere oder kürzere Zeil umfassen kann; die 
Vergangenheil gewinnl durch die Vermillhmg der psy- 
chischen Mechanismen, welche den Einfluß der Ge- 



310 



meinschafl auf das Individuum bestimmen, auf die Hal- 
fun^ seines Ichs fjcgenüber den Gegebenheiten des 
].ebcns dcterminierendeu Einfluß. 

Danat'li wäre das Ich nichl nur ein Produkt des 
Individuums, sondern gleichzeUiLi ein Produkt der Ge- 
meinschaft, und zwar in dem Maße, in dem es diese Ge- 
meinschaft spiegelt nud ihre Art, die Dinge zu erfas- 
sen, und damit die Mentalität dieser Gemeinschaft zum 
Ausdruck bringt. Es würde sich im Ganzen also aus dem 
gemeinschaftlichen und dem individuellen Anteil zu- 
sammensetzen . . . 

Das Bewußtsein in diesem Sinne wäre nichts ande- 
res als der Ausdruck der Kompromisse, die anf den 
Zwiespalt oder das Zusammenklingen verschiedener 
Triebregungen folgen, und wäre endlich der Fahnen- 
träger jener Tendenz, die sich als die stärkere bewiesen 
und den Sieg davongetragen hat. Und durch das Indi- 
viduum öffnet sich neuerlich der Blick auf die Ge- 
schichte und die Zivilisation. Aber diese Arbeit des 
Ichs und das Bewußtsein der Dinge, das so erwächst, 
hängt nicht nur von der Entwicklung des kollektiven 
Bewußtseins ab. Die Entwicklung des individuellen 
Ichs hat daran ihren entscheidenden Anteil. Freilich 
kann dieses Ich in einer gegebenen Gesellschaft bei den 
verschiedenen Individuen ungleich entwickelt sein. Wei- 
ters kann seine Entwicklung durch eine Fülle von 
Prozessen, die dem Gebiet des Pathologischen angehö- 
ren, entstellt sein, das Ich kann infantil geblieben 
sein, wenn auch in einer differenzierten Gemein- 
schaft. Von einer gewissen Toleranzstufe an, die sehr 
variabel ist, je nach der Art der Gemeinschaft und 
dem Milieu, in dem das Individuum heranwächst, ver- 
rät sich dies durch Mängel in der Aktivität des Ichs. 

Die Psychopathologie hat uns mit den charakteristi- 
schesten Seiten dieser Defekte bekannt gemacht. Sie 
stammen aus verschiedenen Quellen. Die einen hängen 
mit der Vex-erbung zusammen, die anderen mit organi- 

14* 

211 



sehen Verlel Zungen, andere wieder mil Tntoxikationen, 
mit Hiiusehgiftcn, und wieder andere mil psychischen 
Traumen. Unter diesen Deleklen des psychischen Appa- 
rates verdient einer unsere l)esondcre Aufnierksanikcil. 
Ihm verdanken wir es zum Teil, daß wir die Komple- 
xität der psychischen LeistuiiK des Ichs und des He- 
wulilseins, wie wir es besehrieben haben, erforscht 
haben. Wir sprechen von der Schizophrenie, dieser 
fremdartigen Krankheil, die beweist, dali die Synthese 
der Wahrnehmungen sich in anderer Hiehlun-; voll- 
ziehen kann als die unsere und zu einer von der unse- 
ren verschiedenen VorsIeilunK von der Wirklichkeit 
fuhren kann. Die Schizophrenen sehen die Well an- 
ders als wir. Unsere Wirklichkeit ist nicht die ihrige. 
Wir nennen sie vernickt, weil sie Dinge sehen und er- 
fassen, die wir nicht sehen und die uns absurd er- 
schemen. Sie überlassen sich Tälißkeilen, die unserer 
Aulhissung nach sinnlos sind und die sich für unser 
CTCluhl auf die Ilalluzinalionen bezielien und auf diese 
reagieren, und zwai- nicht anders, als wir auf die 
Wirklichkeit. 

In diesen Fällen erschüttert die Störung die syntheti- 
sche Funktion des Ichs, die sich jetzt nur unvoll- 
kommen vollzieht. Der Kranke kann sich nicht auf nor- 
male Weise in Raum und Zeit einfühlen. Er paßt sich 
nicht mehr an die Notwendigkeiten des Lebens an, sein 
Bewußtsein scheint dissoziiert. Ks wird zum S|)raehrohr 
der widersprechendsten 'IViebregungcn, zwischen denen 
das Individuum hin und her geschleudert wu-d, ohne 
sie in seiner Persönlichkell sinnvoll inlcgriercn zu kön- 
nen. 

Die Synthese der Wahrnehmungen vollzieht sich auch 
im Zustande des Wachseins nach den Gesetzen, die die 
Traumarl)oil l)eherrschen. Diese letztere bricht in das 
Hereich des bewußten Denkens so ein, daß das Subjekt 
nicht mehr zwischen Traum und Wirklichkeit zu unler- 
scbeiden vermag. 



212 



Aber um das Wesen der Störungen, die die Aktivität 
des Ichs dieser Kranken einschränken, zu verstehen, 
müssen wir uns eine klare Vorstellung von der Art zu 
verschaffen suchen, in der sich diese Synthese, von 
der wir sprechen, vollzieht, und da wieder ist es das 
Studium der Schizophrenie, das uns dazu verhilft, sie 
zu verstehen; es verhUft uns vielleicht noch besser 
dazu als das Studium der Neurosen, und zwar deshalb, 
weil die Schizophrenie gewisse Reaktionen vergrößert 
und steigert und uns so erlaubt, das Wesen und die 
Folgen von verschiedenen Defekten deutlich zu erfassen. 

Studieren wir also einen Fall von Schizophrenie, der 
sich als besonders lehrreich erwies, etwas näher. Es 
handelt sich um ein junges Mädchen, das man mir 
vorstellte, als es 25 Jalire alt war. Ich nenne sie Odile. 
Sie war nach ihrem 17. Lebensjahr erkrankt. An- 
fänglich trat ein Zwangszustand auf, der von der 
Angst vor Bakterien begleitet war, sich in dem Be- 
dürfnis verriet, sich ständig zu waschen, und zu einem 
außerordentlichen Reinlichkeitszwang führte. Mit der 
Zeit wurde es Odile immer schwerer, zu sprechen. 
Einmal beschuldigte sie sich, eine Unanständigkeit da- 
durch begangen zu haben, daß sie sich in ein Gespräch 
mit einem jungen Mann einließ. Dann gab es einen 
ersten Selbstmordversuch. Man schaffte sie in ein Sana- 
torium, wo sie mehrere Monate verblieb, und dann in 
ein zweites, wo sie etwa sechs Monate zubrachte. Der 
Zustand von Odile verschlechterte sich weiter. Sic wird 
nun unzugänglich, spricht weniger und weniger und 
versucht immer wieder Selbstmord zu verüben. Endlich 
erklärt der Direktor des Sanatoriums der Familie, daß 
es sich um einen ernsten Fall handelt, um eine De- 
mentia praecox oder Schizophrenie. Man entschließt 
sich, Odile zu Hause zu pflegen, man mietet ein Haus 
mit einem Garten, und hier wird nim Odile mit außer- 
ordentlicher Hingebung von ihrem Bruder und ilu*er 
älteren Schwester gepflegt. Zu dieser Zeit gelingt es ihr, 

215 



skli mehrere Kuiiv\n in den Kopl" zu schießen, aber die 
Kui^ehi veriirsaeheii nur oherflächlirhe Verletzuii{*en, 
der Selbstmordversuch miliüngl. Trotz allen Opfermutes 
der Familie geht es der Kranken immer schlechter. 
Sie spricht gar nicht mehr, sie üM nur mit Schwierig- 
keiten; dabei spielt sie noch ein l)iiichen Klavier mit 
der Schwester und läßt sieh manclimal vorlesen. 
SchheliUch entschließt sich die Ivirnilie, einen Psycho- 
analytiker zuzuziehen. So lerne ich Odile kennen, eine 
Kranke, die nicht spricht und die einen ausgeprägten 
Negativismus zeigt. Statt dem Arzt entgegenzukommen 
weicht sie zurück. Ihre Glieder sind steif, wie aus 
Wachs... Von Zeil zu Zeit brich! sie in Wutanfälle 
aus, wahrend deren sie unzusammenhfmgende Worte 
hiuaiisschreit: ein klassisches liitd. Es besteht volle Un- 
möglichkeit, sie sich scl!>sl zu ia)erlassen. Sofort ver- 
sucht sie, sich zum Fenster hinunterzustürzen oder 
mancherlei Gegenstände, wie Gläser oder Nadeln zu 
verschlucken. Von Zeit zu Zeit wird sie von kindlichen 
Lachiuifällen geschüttelt, wie wenn sie Gehörshallu- 
zinationen hätte, obwohl sich eine Bestätigung dafür 
nicht gewinnen läßt. Nach einigen Wochen der IJehand- 
limg scheint es dann wieder, daß sie flüchtige visuelle 
Halluzinationen hat. So zeigt sie der Schwester ihren 
Rock: man habe auf ihn Flecken gemacht. Endlich ae- 
lingt es ihr, sich darüber Rechenschaft zu geben, d'aß 
die Flecken niclil existieren, und zwar dann, als sie 
die erstaunten Gesichter um sich herum sieht. Sie ce- 
sleht dann ein, daß sie die Flecken, die sie eben zu 
sehen glaubte, nicht mehr wahrnimmt. 

Ich möchte mich nicht darauf einlassen, die Einzel- 
heiten der Hehandhini^ dieser Kranken mitzuteilen. Man 
winl nicht zweifeln, daß es schwer war, mit ihr einen 
Kontakt zu finden 

Als eine der Methoden, mit der wir uns mit der Kran- 
ken in Verbindimg setzten, dürfen wir anführen, daß 
wir sie dazu !)rachten, ticdichte zu lesen, in denen von 

214 



Blumen, Liebe und Frühling die Rede war. Man mußte 
mit äußerster Vorsicht vorgehen und die Worte behan- 
deln, als ob sie explosiv wären. Ich schließe daraus, 
daß Odile genötigt war. dieselbe Zurückhaltung in ihren 
Gedanken walten zu lassen. Man denkt in Worten und 
in Bildern, und gerade Worte und Bilder erschütterten 
sie. Es war ihr vermutlich gelungen, beinahe jedes Den- 
ken zu unterdrücken, jedenfalls war es ihr in der Tat 
unmöglich, einen selbständigen Gedanken zu fassen; 
höchstens schien sie einen Gedanken anzunehmen, wenn 
er ihr durch eine Frage nahegelegt war. Es schien, daß 
sie sich nicht für verpflichtet hielt, eine an sie gerich- 
tete Frage zu beantworten. Sie sprach also offenbar die 
Wahrheil, wenn sie angab, daß sie an nichts bewußt zu 
denken vermochte. Allmählich mit dem Fortschreiten 
der Behandlung verschwinden auch psychogene Körper- 
symptome (Obsüpation), und die Kranke entschließt sich 
mehr und mehr, jene Gebiete zu berühren, die bisher 
für sie tabu waren. Sie beginnt, von der Sexualität zu 
sprechen und Fragen zu stelleUj die damit zusammen- 
hängen. 

Mit diesem Fortschritt ändert sich auch ihr Verhal- 
ten. Ihre Glieder werden weniger steif, ihre Be^Yegun- 
gen werden freier und weicher. Auf dem Gebiet der Mo- 
torik werden die Fortschritte deutlicher als auf psychi- 
schem Gebiete. Bald geht sie normal und hat immer 
weniger Schwierigkeilen, ihre Bewegungen zu koordi- 
nieren. Einen Brief zu schreiben, macht ihr noch Mühe. 
Es gelingt ihr nur, einzelne Ereignisse des Tages aufzu- 
zählen. Nie spricht sie von sich, wie wenn sie sich 
nicht als Individuum und als Mensch mit Bewußtsein 
vom eigenen Dasein erfassen könnte; nie, nie von ihren 
Empfindungen und vor allem nie von ihrem Körper. 
Wie wenn sie sich darum Jböse wäre^ daß sie nicht 

reiner Geist sei. 

Empfinden I Es ist das ganze Gebiet der Sensibilität, 
das bei Odile unter dem Bann steht, „zum Tode ver- 

215 



uricilt". Später wird sie vcrslehen, warum es so ist, und 
sie wird es uns selbst erklären: Kmpfinden ist Sünde 
und darum iiiulä man uncmiilindlich svcrtlon. Jedes 
Empfinden, so uiisoUuldiß es ist, slainml für sie, für 
die Kranke, aus dein Sinnlichen und ist daher mit 
Schuld besetzt. Man sielil, wie weit dieses Schuldgefühl 
in solchen Källeii gehen un<l wie alles, was auch nur 
von weitem an Kmpfindunj» erinnert, zum Verbrechen 
geslcmpell werden kann. Mil dem Verluste der Fähig- 
keit zu empfinden hatte Odile die I-Yihif^keil verloren, 
ihre Persönlichkeit zu koordinieren, wie wenn diese 
Koordination unserer Siiiiu^seiiKh-ücke, unserer Wahr- 
nehmungen und unserer Hewogungou von den Sinnen 
selbst im eigentlichen Verstände ausginge und gerade 
darum sündig und verholeu wäre. Ihr bewußtes Denken 
war nichts als Gedächtnis, ungeordnete Ablagerungs- 
Stätte für Fakten, die nicht mileiiumder in liiv.iehung 
standen. Es wäre für Odile unmöglich gewesen, zwi- 
schen ihnen eine Verbindung herzusteilen, eine syn- 
tlietische Arbeit zu leisten. Erst dann wurde die Syn- 
these möglich, als Odile ihre Empfindungen anerkannte 
vornehmlich ihre Sexualität anerkaimte, und zwar dar- 
um, weil das Gebiet dieser Sinnesempfhidmigen für die 
Rekonstruktion der Einheit ihres Ichs, d. h. dazu 
nötig war, um eine rechte Vorstellung von der Reahtät 
und von der Welt zu gewinnen. 

Es ist die Beobachtung ähnUcher Fälle, die den 
PsychoanaWUUer lehrl, im Rahmen unseres psychi- 
schen Lebens die spezielle Funktion zu verstehen di 
das Ich ausübt. Das Ich benimmt sich, wie wenn 
selbst mit Empfindmigen begabt wäre, besser, mit Li_ 
hido, Durch diese Libido tritt es in Kontakt mit der 
Außen- und mit der Innenwelt, deren Mittler es ist. 



Psychoanalyse praktisch gesehen 

Von Lawrence S. Kubie, New York 

Die folgenden Abschnitte sind das VIL und 
VIll. Kapitel des Buches „Practical Aspecis 
of Psychoanalifsis" von Lawrence S. Kubie, 
das im Verlag W. W. Norton & Company, 
Inc., New York, 1936 erschienen ist. Die deut- 
sche Ausgabe wird demnächst im Internatio- 
nalen Psychoanalytischen Verlag herauskom- 
men. 

VII. Kapitell Der Gegensatz zwischen der Psychoanalyse und 
der Heilung durch den Glauben oder durch Suggestion 

Psychoanalyse keine Heilung durch den Glauben. 

Der Psychoanalytiker erwartet von seinen Patienten 
einen freimütigen und offenen Skeptizismus. Nichts 
ruft in ihm ernstere Besorgnis hervor als die sanfte 
Vertrauensseligkeit mid naive Gläubigkeit, die manche 
eifrige Patienten festzuhalten bemüht sind. Er weiß aus 
Erfahrung, daß eine solche Haltung — wenn es ihm 
nicht geUngt, sie aufzulösen — niemals dauerhafte 
therapeutische Ergebnisse zustande kommen läßt. Er 
vollbringt keine „Wunderheilungen". 

Heilung durch den Glauben ohne Differentialdiagnose. 

Alle Methoden der Heilung durch den Glauben glei- 
chen einander im Wesen. Aus ihrer Grundannahme, 
daß die Genesung von übernatürlichen Kräften abhänge, 
die alle Zustände in gleicher Weise beeinflussen, re- 
sultiert, daß Differentialdiagnosen überflüssig sind. Da- 
her ist für diese Methoden keine detaiUierte Unter- 
suchung der natürlichen Krankheitserscheinungen nötig, 
sie brauchen keine Krankengeschichte aufzunehmen, 
keine sorgfälligen diagnostischen Studien anzustellen. 



217 



Im Gegemal/. hw/.u forden die Psychoanalyse die ge- 
naue UnlorsueluuiH »"ines jeden Falles und seine Be- 
laiidluuK als individuelles Problem, das eines monate- 
lanKen Studiums bedarf, ein; eine aufs Ganze zielende 
Hierapic in Angriff Renommen werden kann. Schon 
aus diesem Grund allein l:ilM sich schwerlich ein grö- 
ßerer Gegensatz vorstellen als der zwischen der Analyse 
und n-gendeiner Art von Heilung durch den Glauben. 

Das Verhältnis zu Zu.-ipnirh riml Snggrstion. 
Alle magischen Heilmelhoden beruhen auf irgend- 

\^Zut T-'^'^'''^^'''^''' I^rmalmung, auf einer Mobi- 

isierung rehgu>scr oder persönlielier liogeislerung Das 

1 t es, was der Laie unter „Suggestion'' v' steht: iFrstens 

eme emotionale Inspiration, die den Patienten aus sX 

und TJT^ r'"' ""^ '"' ^^"^ ^"^"^■^^' '^'»^i» fu>^rt 
u k n .""^y^}'^ ^*^^'^»-^t^ für den Augenblick ver- 

dorn d .^T T""^''^ ""'* ^"^'"*'"^ *'^" '^i'>f»^»i^ von 
Ideen. d,e dem Patienten vom Therapeuten eingegeben 

werden. Diese Ideen wirken auf <Ien Patienten weitce 
hend durch den affektiven Einfluß der Persöulichkei! 
die sie ihm vermittelt hat, und ganz unabhängig von 
ihrer objektiven Richtigkeit. Die Wirksamkeit aller sol 
eben Suggestionen ist von der menschlichen HeziehunJ 
abhängig, die hinter ihnen steht. Wenn diese Hczielum 
in die Hrüchc geht, so schlägt der Patient gewöhuUch 
auch diese Ideen sogleich wieder in den Wind Dies i t 
emer der Gründe, warum es immer wieder mißlunao'L 
ist, durch Hypnose dauerhafte Heilerfolge zu erzielen 
Das ist alles weit entfernt von der Tlicoric \md Pra' 
xis korrekter Psychoanalyse, wenn sich auch manche 
inkurreUle pscudo-analylische Arlicii vielfach solcher 
Verfahren bodicnl. Alinlich .scheint ein Teil der Tätig- 
keit der Jungsehen Schule eine intelleklualisierte Form 
von Glaubensheilung darzustellen, eine Mischung von 
Ermahnung, Mystik und Suggestion. 

fliß 



JS 



Der Unterschied zwischen der Verwertung der persön- 
lichen Bindnnq bei den Glaubensheilungen und bei 

der Analyse. 

Es könnte der Einwand erhoben werden, daß auch 
die Psychoanalyse durch menschlichen Kontakt wirke. 
Das ist richtig; aber diese Bindung wird anders ge- 
handhabt. In der Analyse wird die Beziehung zwi- 
schen dem Patienten und dem Arzt nicht zur direkten 
Beeinflussung des Paüenten benützt, sondern nur dazu, 
das Auflauchen verschütteten Materials, das sonst un- 
zugänglich bliebe, zu erleichtern. Wie schon bei der Be- 
sprechung der Analyse der Übertragung ausgeführt, 
wird jede Anstrengung gemacht, den Paüenten nicht an 
den Analytiker und an seine Phantasien über den Ana- 
lytiker zu binden, sondern diese Phantasien dem Patien- 
ten klarzumachen, damit er eine immer größere Freiheit 

von ihnen erlange. u n u 

In allen .Grundsätzlichen Punkten sind sonach Psycho- 
analyse und Glaubensheilung oder Heilung durch Sug- 
gesüon diametral verschieden. 

VIII. Kapitel : Die verscbiedenen Zugänge zur Psychoanalyse 

1. DerWeg zur Psychoanalyse. 

Es gibt verschiedene Gründe, eine psychoanalytische 
Behandlung aufzusuchen: um Hilfe gegen eine voll- 
ausgebildete Neurose zu suchen oder um ihrem Aus- 
bruch vorzubeugen; um dem Fortschreiten oder der 
Rezidive zu steuern; oder um die Ursachen verhängnis- 
voller Fehlanpassungen im täglichen Leben aufzuspüren 
und zu beseitigen. Mit anderen Worten, die Psychoana- 
lyse kann zur Untersuchung, zur Heilung und zur Pro- 
phylaxe Anwendung finden. 

Die Psychoanalyse als letzter Ausweg. 

Im allgemeinen wird die Psychoanalyse jedoch noch 
immer als ultima ratio betrachtet. In gewisser Hin- 

219 



sichi liißi sich (lies iiirhl vonneiden. Hs ist nur natür- 
üch, daß man «laubl, ]>r()l)I,Mnc mi( Hilfe rascher und 
einfacher Auskunltsniitiel lösen zu können, solange sich 
diese nirhl als unwirksam erwiesen haben. aiK'rdies ist 
für das Aulsuchen der Analyse ein für den Patienten 
penilK-lu's Kin^n'shinduis seiner I-rkrankun^' und seiner 
'l'-niMenden Ilillshedrirlli.keil Voraussetzung. Die mei- 
Men Menselieu von selbständigem f:harakter sind dazu 
nicm imstande, solange sie nicht jedes andeix ilinen 
zngan-liche Miltel versucht liahen 

Die Patienten sind daher so lange «em>liMl, mit primi- 
m, Hei verfahren Kxperin.ente zu n.achen, Jls 2 
e. A„„yid.er mchl davon überzeuKen kann, daß er 
"i *1^'>- La^e ist, Indle, in denen diese einfacheren Mittel 
versagen müssen, von solchen zu unh'rseheiden in de- 
nen .e Er olg haben können. Es ist nun für ihn zwar 
oft mof-hrh, eme derartige, seine eigene Ober/euguna 
K^fned.gende Unterscheidung vorzunehmen; die PaUen' 
te/1 Uml Ihre Fjimilicn bestehen alnr in den frfdien 
Enlwickhiiigsstadien einer Nem-ose gewöhnlich darauf 
ihre eigenen Versuclie zu machen, ungeaelUct der Rat- 
schlage des Analytikers. 

Der Versuch, Innere Probleme durch thißerliche 
Maßnahmen zu bewältigen. 

Daher geben die Krankengeschichten neurotischer Pa- 
tienten, die schließlich doch in die Analyse kommen 
in stereotyper Weise Zeugnis von den wiederliolten Be- 
mühungen, innere Schwierigkeiten durch äußerliche Ver- 
änderungen zu lösen. Schwierigkeiten bei Kindern greift 
man mit Änderungen des Krziehungsregimes an Ho' 
Schulschwierigkeiten versucht man es mit einem Wech 
sei der Lehranstalt; oder man liegt <iie lloffnim"», es 
werde sich mit dem Übcrlrill von der Grundschule in 
die Ilauptschule, von der Volksschule in die Mittel- 
schule oder von der Mittelschule in die Hochschule 



220 



r 



alles von selbst geben. Vom Hochschüler erwartet man 
dann wieder, daß sich seine Schwierigkeiten nach Be- 
endigung der Studien bessern. Dann glaubt man die 
Lösung in der Berufswahl zu finden, man versucht 
es weiter mit einem Berufswechsel oder hofft auf die 
Verheiratung. Dann heißt es: „Wenn nur einmal ein 
Kind da ist!", dami wartet man, bis es mehrere sein 
würden, und zuletzt erbUckt man das Heil in der Schei- 
dung und womöglich in neuerlichen Eheschließungen. 
Solche äußerliche Veränderungen haben wohl manch- 
mal Erfolg; aber solange sie nicht mit grundlegenden 
psychischen Umstellungen verbunden sind, übertragen 
sie sehr oft nur die alten Probleme in die neue Situa- 
tion. Am Ende findet sich jeder Erwachsene einem 
Leben «cgenüber. in dem sich alle nur denkbaren 
wichtigeren Veränderungen ereignet haben und in dem 
keine wichtigeren Veränderungen der äußeren Lebens- 
umstände noch auszuprobieren übrig bleiben. Erst dann 
hört der Leidende schließlich auf, weitere Versuche 
mit sich anzustellen. Er hätte sich und semer Umge- 
bung viel Leid und fruchtlos vertane Zeit ersparen 
können, wenn er sich schon ein paar Jahre früher zur 
Krankheit seinsicht bereit gefunden hätte, ohne die keine 
Psychotherapie, sei sie welcher Art immer, in Angriff 
cfcnommen werden kann. 

Nutzlosigkeit von Zwang, Zureden oder Versprechungen 
gegenüber dem widerstrebenden Patienten. 

Es ist deshalb zwecklos, durch Zwang, Bitten oder 
Versprechungen jemanden veranlassen zu wollen, sich 
der Behandlung zu unterziehen. Wenn sich ein Neuro- 
tiker nicht behandeln lassen will, hat man nur wenige 
Möglichkeiten: man kann ihm einen Spiegel semes 
Verhaltens vorhalten, so daß er es als gestört erkennen 
muß; man kann ihm sagen, daß er von ehrlicher, aber 
mühsamer analytischer Arbeit begründeter Weise Hilfe 

221 



erhoffen darf; man kumi allrnralls der Faiiiilit* ralcn, 
alle SehulznialJnahnu'M lallrn zu lassen, diirrli die der 
Patient davor (jesehnlzl wird, unter den Folgen seines 
Krankseins zu leiden. Ks isl tlies die einzi^je wirksame 
VorbcreilunK' zur Analyse, bezw. in diesem Falle zu 
jeder psyeliotlierapeutischeii IJemüliunj,'. Der Patient 
muli dazu ^frln-achl werden, seine Ililfshedürt'tigkeit 
als (lufdend zu empfinden, eiie ein AuIi<Mistehender ihm 
helfen kann. 

Der Patient, der einem anderen zuliebe in die 
UelmmUnnij kommt. 

Der Palienl, der nur einer anderen Person zuliebe 
in die Behandlung kommt, bringt i\i^}\ Analytiker in 
einen schwer zu hewfdtigenden Zwiespalt. Es kann sein, 
daß er beim Patienten eine ernstiuirie Nem-ose findet, 
von der der Patient selbst nichts weili. Wenn <ler Ana- 
lytiker nun dem Patienten wahrbeilsgelreu ein lUld 
von all der Zeil, Mühe und pckuniiirm Fklastimg 'Ubl 
die die Behandlung ihn kosten wird, so wird er für 
immer, wie sciivvei- seine Neurose auch sein mag, von 
dem Unternehmen wieder zurücktreten. Dies ist in 
gewissem Sinn nalürlieh ein thorapeulischer Mililerfolg 
wenn auch ein solcher angehender Patient bisweilen 
wiederkommen wird, wenn seine Krankheil fortfährt 
ihren Tribut von seinem Leben zu fordern. 

Wenn der Analytiker anderseits die Schwierigkeiten 
leichthin übergeht und sie bagatellisiert, um einen guten 
und freundlichen Kontakt herzustellen, so kiuui er seinen 
Patienten oft dazu bestimmen, die Analyse zu beginnen. 
Der Kranke wird gewöhnUch eine Zeillang im Hanne 
seiner ersten gefühlsmäßigen Einstellung zum Analyti- 
ker eine Besserung vei'spiiren; in dem Malic aber, als 
sich die Grundprobleme wieder meiden und die un- 
vermeidlichen Schwierigkeiten aulzutrelen beginnen, 
wird das Fehlen eines klaren persönlichen Motives, das 



323 



den Palienten zur Analyse hätte führen müssen, fühl- 
bar werden. Ein solcher Patient wird sich enttäuscht 
aus einer unvollendeten IJehandlung zurückziehen, in 
der OberzL'ujtuii^, die Analyse versucht und unzuläng- 
lich befunden zu haben. Es ist daher im allgemeinen 
klüger, solche Patienten — mag es auch hart klingen — 
fortzuschicken und zu warten, bis ihre zunehmenden 
Beschwerden sie schließlich zwingen, aus eigener In- 
itiative wiederzukommen. 

2. Psychoanalyse als Vorbeugungs- 
maßnahme. 

Die allgemeine Tendenz zur Prophylaxe. 

Das Anwachsen des Einflusses der Psychoanalyse 
fiel mit der Entwicklung der Bewegung für seelische 
Hygiene (Mental Hygiene) und mit dem steigenden 
Interesse für prophylaktische Medizin überhaupt zusam- 
men. Vor der Einführung der Psychoanalyse bemühte 
sich die Therapie des Psychiaters vor allem um Beruhi- 
gung. Die Seelenärzte verwarfen die Brulalität des Mit- 
telalters und es gelang ihnen durch Rückkehr zu Metho- 
den, die im antiken Griechenland üblich gewesen waren, 
im modernen Spitalsbetrieb ihren Patienten das Leben 
angenehmer zu gestalten. Bisweilen Ueßen sich durch 
Hypnose und andere Verfahren bestimmte Symptome 
beseitigen. Doch erst der Ausbau der psychoanalytischen 
Technik brachte die MögÜchkeit, die verschlungenen 
psychischen Wurzeln der Neurosen zu erforschen und 
zu beeinflussen. ■ ■- > 

Von der Therapie zur Prophylaxe. 
■Ö/e psychoanalytische Erkenntnis der Frühstadien. 

Diese therapeutischen Erfolge zeitigten Bestrebungen, 
tlie Psychoanalyse als Vorbeugungsverfalu-en zu ver- 
wenden, — Bemühungen, deren Intensivierung in wei- 



225 



lerer IoIkc auch durch die Tatsneho nahcRcleßl mirde, 
daü viele Gtüsteskrauklicile» heiuilfickisrh beginnen und 
m periodischen Schül)cn von zunrhni.Mulfr Scluvore lort- 
sclireilen. Es war vernünfliM /.„ ijoflVn. dali tnaji dem 
Ans urm der Krankheil durch Anwcnchn.ß des neuen 
Verfaln-ens noch vor der vollen AushiJduuM einer 
Nciu'oso würde l-inliail ßel)ielen können. Ol.erdios ist es 
aem analytisch Koschullen Arzt bisweilen niöalieh, Früh- 
sladien einer Erki-ankunfi zu erkennen, ehe noch der 

Lfm hatn. "'" '^"^"'^ ""'' '''''-'''' '^^^'^^ ^- 
I>ie zwiespältige Position <les Psychoanalytikers. 

yLrn ein •''''" "''^"^ vorauszusehen, den Ana- 
p. , f'"^ zwiespältige Posilioi». ült muß er einen 
Patienten davon zu überzeugen suchen, daß er poten leU 
kranker se. als seine manifesten IJeschwercIerä zu- 
zeiten sclienien; und er muß ferner einer zweitehidea 
Famihe und ihrem Hausarzt die Richtigkeit der so un 
willkommenen Diagnose glaubhaft niacheu. 

In dieser Hinsicht hatte ja der Psychiater der -Uten 
Schule, der sich nur mil ausgesi)rochenen Geisteskrank 
heilen befaßte, keinen schwereren Stand als alle an' 
deren ärztlichen SpeziaUslen. Die Erkrankung des Pa' 
üenten war auch für den bluügsten Laien deullich" 
Wenn der Arzl zur FamiUc sagte: „Das ist ein kranker 
Mensch, der behandelt werden muß", konnte ilui nie- 
mand einen Schwarzscher nennen oder ihm vorwerfen 
er konstruiere eine Krankheit, um seine Praxis zu ver- 
größern. 

Die psychoanalytische Seelenheilkunde hingegen be- 
faßt sich in dem IJestreben, die Entwicklung schworer 
psychotischer und psychoneurotischer Ausbrüclu- zu ver- 
hindern, mit Störungen der Persönlichkeit, die sub- 
tilerer Natur sind. Oftmals nmß der Anaivlikrr zur 



F 



224 



Familie sagen: „Ich weiß, daß Ihnen diese Person 
normal zu sein scheinl; aber ich kann boi ihr die ersten 
Anzeichen einer späteren Krankheit fcststelk^n. Sie tä- 
ten doslialb besser daran, ihn viele Monate \an^ täglich 
zum Analytiker zu schicken — mag es auch ein großes 
0])fer an ^Icit, Kraft und Geld bedeuten — , damit der 
Analytiker den Versuch unternehmen kann, die Aus- 
bildung der Kranklieil zu verhhidera. Wenn er Erfolg 
hat, wird diese Krankheit nie zum Ausbruch kommen 
und Sie können jederzeit annehmen, sie hätte sich auch 
sonst nie entwickelt." Er befindet sich somit in der 
wenig beneidenswerten Lage, wenn er Erfolg hat, nie 
beweisen zu liönnen, daß sich seine alarmierenden 
Prophezeiungen ohjie die Behandlung verwh-kUcht hät- 
ten. Wenn er anderseits versagt und die Krankheit akut 
wird, wird ilir Ausbruch entweder seüiem Emgreifen 
zugeschi-ieben werden oder man wird ihn zumindest 
anklagen, Honorar bezogen zu haben, ohne etwas gelei- 
stet zu haben. Was immer geschehen mag, es wird sich 
stets mehr als ein Freund oder Verwandter des Patien- 
ten zur Annahme bereit finden, der Kranke sei zu einer 
unnötigen, extravaganten und nicht ratsamen Behand- 
lung verleitet worden. 

Unter diesen Umständen gibt es nur eine einzige Hal- 
tung, die der Analytiker eiunclimeii kann: die Freunde 
und Verwandten des Patienten zu ehrlichem und offe- 
nem Skcpüzismus aufzufordern. Mehr als dies von ihnen 
zu erwarten, hieße hoffen, sie würden ihn für allwis- 
send hallen. Diese Skepsis sollte aber offen sem; das 
heißt, die verantwortlichen Freunde und Verwandten 
müssen wissen, daß es ihnen freisteht, bei begründetem 
Anlaß ihi-en Zweifehl dem Analytiker gegenüber offen 
Ausdruck zu geben, und er selbst muß sich mit ihren 

Bedenken vertraut machen, ehe er die Behandlung 
beginnt. 

Auch dann ist der Analytiker aber noch in schwieri- 
ger Lage, da ja häufig die Symptome, die der Patient 

13 Almanach 1938 

225 



vor ihm enlhülll, der ITnnvoU verl)()rß(Mi sind; die 
Diskretion ist dann selbstvorst-iiidlirlir I'fUcht des Ana- 
lytikers und er wird sich darauf beschräniten müssen 
zu sagen, es gäbe ernsthafte Probleme, die er mit nie- 
mandem außiT mit dem Patienten besprechen könne. 
Wenn die Angeliori^cn in einem solchen Fall an der 
Indikation zur Analyse zweifehi und wenn sie für die 
Uehandtunff des Patienten verantworllicli sind, so tun 
sie gut daran, den Patienten lieber aus der Analyse zu 
nehmen. Der Psychoanalytiker anderseits ist von einer 
undankbaren Verantwortung frei geworden, da die Ein- 
mischungen und Störungen der Angehörigen seine Be- 
mühungen schlieiilich doch vereitelt liällcn. 

In solchen Situationen und im Verliehr mit einer 
neurotischen oder argwöhnischen l''aniihc mag es bis- 
weilen möglich sein, die Skepsis dieser Personen da- 
durch zu verringern, daß man von Anfang an ablehnt 
den Palienleri selbst zu übernehmen, und darauf besteht 
nur als Horaler zu fungieren, und emj)tiehU, einen ande- 
ren geeigneten Analytilier aufzusuchen. Dies vermindert 
den Verdacht, daß das Urteil des Analytikers durch 
materielle Erwägungen beeinflußt sei. Die wirkliche I,ö- 
sung dieses ganzen Problems liegt natürlich niclit in 
solchen Maßnahmen, sondern im ständig wachsenden 
Vertrauen in das Urteil des wirklich ausgebildeten und 
quahfizierten Analytikers, 

Die „leichte" Neurose als Gefahrensignal. 

Es gibt noch eine andere Form, in der der Analytiker 
oft auf die Frage der prophylaktischen Hehandlung 
Irifft. Es kann zu ihm ratsuclK-nd ein Patient konuncn 
der an irgendeiner leichten neurotischen Störung leidet 
die sich offenbar rasch durch fast jede oberflächliche 
Psycholhera[>ie beheben ließe. Hinter iliesem spezifi- 
schen Sympl<nn können sich jedoch Anzeichen einer 
lieferen Störung nachweisen lassen. Nun heilil es zu 

aaö 



entscheiden, ob es ratsamer ist, das spezifische Sym- 
plom, das den Patienten veranlaßt hat, den Arzt auf- 
zusuchen, zu beseitigen oder es als Ausgangspunkt zu 
benülzen, um von hier aus zu tiefer liegenden Schwie- 
rigkeiten vorzudringen. 

Der erste Weg läßt sich leicht beschreiten. Der Pa- 
tient verläßt glücklich und dankerfüllt die Behandlung. 
Aber die eigentUche Krankheit nimmt ihren Fortgang 
und bei der nächsten ernsthaften Beanspruchung tre- 
ten die Symptome nur umso hartnäckiger und auf- 
fälliger zutage. Man hat ein Symptom geheilt und 
eine Krankheit verhüllt. Es läßt sich dies mit der Ge- 
fahr einer Verdeckung der diagnostischen Symptome 
vergleichen, wie sie im Falle der akuten Notwendigkeit 
eines chirurgischen Eingriffes durch allzu freigebige 
Verwendung von Morphium eintreten kann; der Oppor- 
tunist unter den Psyctiiatern wird allerdings immer 
diesen Weg wählen. 

Die andere Möglichkeit besteht darin, die direkte 
Behandlung des Symptoms abzulehnen und sich statt 

dessen tai bemühen, die Aufmerksamkeit des Patienten 
auf die tieferliegenden Probleme hinzulenken. Der 
Kranke wird sich dann bald statt besser noch kränker 
fühlen. Die Familie wird unwillig werden. Aber jeder 
Schritt auf diesem Weg bedeutet einen Fortschritt zu 
jener klaren Ivrankheitseinsiclit, ohne die eine dau- 
ernde Heilung nicht eintreten kann. Nach richtiger 
Vorbereitung und genauer Abschätzung der Fähigkeit 
des Patienten, den Anforderungen dieser Behandlung 
standzuhalten, werden schließlich die Resultate die Un- 
annehmlichkeiten rechtfertigen. 

Mit Gleichmut und unerschütterlichem Vertrauen eine 
Vermehrung des Leidens hinzmiehmen, von dem man 
Erleichterung sucht, erfordert ein nahezu bhndes Ver- 
trauen. Auch hier wiederum ist der einzige Schutz, der 
dem Laien geboten werden kann, die Gründlichkeit der 
Ausbildung des Psychoanalytikers. 

15* 

227 



Pstjchoanali/se und div Mvthudc von „Versuch und 
Irrtum" (trial and error). 

Alle Formen der Erzirluni« sh-llen Versuche diir, die 
Vergeudung von niensehlirhrr /.eil. Mühe und Energie 
zu vermeiden, wie sie dis llirnin|>rohit'ren und Lernen 
aus Erfahrung niil sich hriiigen wurde. Nieht daß es 
moghch oder uueli mir winisclicnswcrl w;ire, das ex- 
perimenteUe AnpackiMi des I.i'Ixmis mit seinen unver- 
meidlichen Irrlünu-rn aus/.useliallen; aber es wäre naiv 
zu glauhen, dali Aus|)n)l)i(>ren (trial and error) in allen 
Fällen dt-ni Lernen fönlerlieh ist. Olhnids führt es 
nur zu einem zwecklosen und zwanghalleii Wieder- 
holen früherer Miiigriffe. Uns isl der (irund, weshalb 
man so häufig die Klage hört, jemand sei „nicht im- 
stande, aus der lu-fahrung zu lernen". Für neurotische 
Palienlen, bei denen die Neigung zur zwanghaflcn Wie- 
derholung von Irrlümerii slark ausgeprägt isl ist da- 
her die Psychoanalyse eine unerläßliehe M e i h od e 
der Ökonomie. Sie mag aber bei allen Menschen 
die Zahl zweckloser und vergeudeter Versuche und Irr- 
tümer im Leben vermindern; beim ncurolisehen Patien- 
ten al>er kann nur sie der gehäuften Wiederkehr tra- 
gischer l-'ehler v{)rl)eugen. Es erhebt sicli daher die 
Frage: Wie früh in der langsamen Kidwicklung einer 
neurotischen Persönlichkeit soll eine Analyse imler- 
nommcn werden? 

Wann soll man eine AnaJijse versuchen? — Versäumnis 
und Gefahren durch alhulan</es Znuutrten. 

Belrachten wir zum Ueispiel ein häufiges Problem: 
das der jungen, unvcrhciratelen Frau im Anfang der 
Dreißiger jähre. Sic ist in ihren sozialen Pe/.iebungcn 
niemals wirklich glücklich gewesen; sie hat nie eine 
cntspreduMidc Vorbereitung für irgon<leine IJerufstätig- 
keil erhallen; sie hal jahrelang au versteckten psychi- 
schen und iieurolisclien Slörnngcn gelillen, ist ihnen 

228 



^.. 



aber stets ausgewichen. Sie hat auswärts und daheim 
Ablenkung gesucht. Sie hat versucht, ihr gesellschaft- 
liches Milieu zu ändern. Sie hat es mit sozialer Betä- 
tigung, mit Theosophic oder mit Kunst versucht. Aber 
im Verlauf der Jahre hat sich aus Gründen, die sie sich 
nicht erklären kann, Enttäuschung auf Enttäuschung 
gehäuft, bis sie plötzlich dem Gespenst gegenübersteht, 
das ihr stets schrecklich erschienen war — der Angst, 
eine alte Jungfer zu werden. Nun wird aber diese Angst 
durch einen realen Umstand verschärft; denn sie hat 
jene Altersstufe erreicht, in der die meisten heirats- 
fähigen Männer bereits verheiratet sind. Sie sucht nun 
unausgesetzt Kontakt mit begehrenswerten, aber nicht 
verfügbaren Männern (den Gatten ihrer Freundinnen) 
oder mit solchen, die gleich ihr aus neurotischen Grün- 
den miverheiratet geblieben sind. Sie erleidet dann im- 
mer wieder Schiffbruch und klammert sich trotz der 
Au.ssichtslosigkcit und Unmöglichkeit ihres Beginnens 
verzweifelt an jeden Strohhahn. Schließlich wirft irgend- 
eine enttäuschende Episode alles über den Haufen und 
bewirkt einen ernsten \md anhallcndeu „Nervenzusam- 
menbruch", d. h. mit anderen Worten: eine voUcnt- 
wickelle Form einer emotionalen oder geistigen Stö- 
rung. 

Wenn wir den Weg einer solchen Patientin ein we- 
nig weiter verfolgen, begegnen wir einem anderen cha- 
rakteristischen Sachverhalt — nämlich dem, daß der 
ICampf nicht etwa gewonnen ist, wenn sich die Patien- 
tin von dieser Erlu*ankung erholt hat. Sie erhebt sich 
aus dem aktuellen Zusammenbruch nur, um sich den- 
selben äußeren Problemen und denselben inneren neu- 
rotischen Mechanismen von neuem zuzuwenden; und 
selbst dann, wenn die Analyse oder irgendeine andere 
Behandhuigsart sie von ihrer Neurose befreit, bleibt die 
schwierige Situation bestehen. Die Patientin, die in der 
Mitte oder Ende der Dreißiger- oder in den Vierziger- 
jahren von einer schweren Neiu'ose geheilt wird^ gleicht 



229 




talsAchlioh einer Slrafßt'fnnrtem'ii, dit? aus dem Kerker 
cnllüssori wird Niemand kann ihr die vorloroncu Jahre 
rurnckzaiibirn, niemand kann ilir den Weg leicht 
machon, der vor ilir liegt. 

Die praklisclu-ti mrnsrhlirhcn Gründe, weshalb sich 
fri'thvre analu lischt- Ililfr empfiehlt. 

Wann hillte nun eine solelie I»alirnlin analysiert wer- 
den sotten? Ks wäre dazu in der Kindheit (iele^enlieit 
gewesen, als sicti erstmals I.aunni, nrichlliches Er- 
schi-ecUcti und ül)ermälilge AldiänKigkeil von Erwach- 
senen Kezei^t lialten. I':s wäre dazu in <U-r l'ubortüt 
Geletjentieil gewesen, ats die I^alieiilin l>eim Weggehen 
von <Iaheim ziu- Soluile einen kurzen. at)er ernsten 
psychischen Anfall «eliabi lialle. Es wäre Anfang Zwan- 
zig dazu Celegeiiiieil gewesen, als die gesellschaFtliche 
Scliwerfälli«keil der l»alientin, ihre Ilalllosigkeit in 
der Well, ilirc psychische Lahiliiät ein wenig deutlicher 
wurden. Manchmal werdcji diese Gelegenheiten ver- 
säumt, weil es die I'"amilie in ihrem Dünkel ablohnt 
das Vorhandensein einer Neurose !)ei einem ihrer An- 
gcliörigen zuzugeben; manchmal wieder deshalb, weil 
die Patientin selbst hochmütig und abweisend ist oder 
verscliämt schweigt und die von den besten Absichten 
geleiteten Remühungen der Familie, ihr Hilfe zu brin- 
gen, sabotiert. Heide Arten des Aufschubes sind in iliren 
Folgen tragisch für das Leben <ler Patientin. 

Einem solchen Falle mag auch das Schicksal man- 
ches Junggesellen vergleichbar sein, der in einem ähn- 
lichen Aller zum Analytiker Itomml. Er ist nicht nur 
in seinem Gefühlslebou, sondern auch in seinem Be- 
rufsleben gescheitert. Seine Niederlage ist durch innere 
neurotische lienuiumgen vcrursachl, die sich zwischen 
ihn und den Erfolg gestellt haben. Auch hier kommt 
der Patient, selbst nach erfolgreicher analytischer He- 
haiidhmg, wie aus einem Kerker in eine Welt, in der 

230 



seine l-ern- und Arbeilsmöslichkeitcn aufs «»^"'^^e- 
schränkt sind. Sein mangelhafter Fortgang m Schule 
oder Hochschule oder während der ersten J^hre de^ 
Berufslebens hat ihm einen Ruf verschaf t. der durch 
seine Neurose geprägt ist und semen 1^ «" ''^ P''^, 
keilen nicht gerecht wird. Mitunter ^^^^P^^'J^ ^^^ 
solche Vergangenheit alle künfügen «"g''*"^ °^ . 
l,üh sieht er, selbst wenn seine Gesundhc t Nviederher 
e elU und oV von seiner Neurose befreit ist vor emer 
Men Aufgabe. Bisweilen muß er -.t -ruck- 
greifen und mit Leuten in Wettbewerb treten d.ezwaB 
7is lahre iünger sind als er. Manchmal muß er das 
zig Jähre junt, Gunsten eines anderen aufge- 

rin ^atc'd:- Neurose sind, Hat die Analyse .e. 

magisches y^^f^TTo^^^ vor der Frage: wann hätte 

Wieder «^^*; "^^^^^j^^^^ ^en ersten Jahren, in denen 

man ^"^1^^^^^.^^'^^ "eurotischen Ausbrüche der Kind- 

die voruhe^g-nd^^^^ Schwierigkeiten gewarnt 

ZieZoZtlr Pubertät oder hein. Wiederaunreten 
der Schwierigkeiten in den Zwanziger jähren'? SlcherUch 
wären dem Paüenten, halte er früher zur Behandlung 
veranlaßt werden können, viele Jahre tragischer Ver- 
schUmmerung und Erfolglosigkeit erspart gebUeben. 
Dies sind einige der Erwägungen, die es empfehlens- 
wert erscheinen lassen, die Behandlung zu jenem Zeit- 
punkt zu beginnen, zu dem der Paüent frühestens zur 
Einsicht in seine Hilfsbedüi'tigkeit gebracht werden 
kann. Das heißt: Es ist gewiß nicht in allen Fällen klug, 
zu warten und zu sehen, ob ein Paüent es nicht „aus- 
wachsen" wird; und es ist nie klug, einen Patienten so 
zu behüten, daß es ihm leichter fällt, mit seiner Neu- 
rose zu leben als den Härten der Behandlung stand- 
zuhalten. 



I 



Bemerkungen über drei Filmdareteller 

Van Hichurd Slcrba, Wien 

niese Bemerkungen siii.i vom Chiu-akicr einer anho- 
""7.^«*'*»^»''-" »>i^'s hän«. vor uIUmu mit der 
f iuchlij^kiMt ,Ies Materials /usain.nen. .las der Gegen- 
stand d,es,T lUMraehlun« i.sl. Drr Hin.Irnek. den Filme 
machen, ,st der leelinisrhen NaU..- .[.-s Films nach 

^ucks'inln '''"'"''•'*'' ""'' Wiederholun« <ies Ein- 
drucks im aII;.enuM,u-n nirhl erlanj-bar, wie dies .hu'eh 
das «esehnehene Wort der DiehUu?,. < „.-eh ^^^^Z 
Form der bildenden Runs, wohl nnr^lieh isl; an I Vnn 
sieh iMime nieht hehein, für Sln<iienzweeke rc^'o 
duzjeren lassen. Die I-Inchli^keit des Uar,eI>o,enen' ge- 
hört wesenlhch zum Iwlm. Sie ist eines ch-r leelndschen 
MiKel, unbewußte Inh:d(e, <Iie darin aufseheinen dem 
Bewußtsein rasch wieder zu enlziehen; manches darf 
daher im Fihn shirker aufgefra-en mid unlcrslri 
chen werden, als es in dauerlixiertcr Form möyüch 



wäre. 



Was aber bei lielracblnng einzelner l-ümpersönHch 
keilen diesen Mangel an Material ersetzt, ist die <^er'idc 
durch die Flüchtigkeit des Ein(h-ueks nin^lidie" R o i 
henbildung der durch sie Reslallelen ' Charnklcre' 
an denen dann typische Verhallonsweiscn mit f-xst 
minutiöser Genauigkeit sieh wioderliolen Fs steht * 
erwarten, daL^ diese Heilienbildungen an den" großen 
typischen infantilen Komplexen, an ilirem l-rlet>en unr 
au ihrer Cberwindvmg oder Mmelir hangen, Und der 
typischen solchen (Jestalinng infantiler Koniplexeinstel- t 

hingen bei drei Grolk'ii des Films gellen diese "an- 
spnichslosen IJeiiu-rkiinifeit. Diese drei sind Charlie 
Chaj)lin. lOniil .lannings und I.on Chaney. t 

IJci diesen dreien ist es sehr aurfallig, daß sieh in 
ihren bedeulenden Filmen typische Situationen und typi- 
sche Objeklbezielunigrii mit beinahe pholograiiliischer 



Treuo wiederholen; man fühlt sich durchaus berech- 
tig!, ihre Filme als Reihenbildungen anzusprechen. Das 
Kilmpublikum, also das breiteste, das es gibt, nimmt an 
diesem gestallelen Erleben vermöge der inneren Kom- 
plexgcmeinschafl teU und will seine Fümlieblinge wohl 
so haben. 

Bei Charlie Chaplin, dem luslerregendsten imter 
ihnen, läßt sich leicht ermitteln, woran in zahlreichen 
Fällen diese Lust geknüpft ist. Ein ständiges lund — 
sein erster grolier Film hieß geradezu „The Kid"; man 
konnte zweifeln, ob der Titel ihm galt oder dem klemen 
Jackie Coogan, der mit ihm spielte - em standiges 
Kind also, hineingesetzt in die rauhe Außenwelt, ist er 
von Schritt zu Schritt verurteilt, in eine von den Zu- 
schauern spannend miterlebte riesengroße Angst zu 
'■' verfallen. Die Ängstlichkeit und Sorgfalt, die er dabei 

seinem Stock und seinem Hut zuwendet, wobei er sie 
wie sich selbst schUeßUch aus allen Gefahren rettet, 
lassen uns die klare Deutung zu, daß diese Angst vor 
der Kastration miwiekflt wird. Das Angsterregende ist 
selten eine bedrohliche Konslellation äußerer Umstände, 
wie oft bei anderen Komikern. Die Gefahr geht fast im- 
mer von einem Mann aus, häufig von einem Neben- 
buhler. Dieser Mann ist meist riesengroß, oft mit einem 
imheimlichen Bart begabt und leicht als Vater zu er- 
kennen. 

Das Glückbringende und Erlösende aber ist, wie Chap- 
lin aus dieser Angst herauskommt. Nicht etwa durch 
genitale Überwindung. Was Um diese Angst einfach ver- 
gessen macht, ist regelmäßig, daß er etwas zu essen 
findet. Milien in der Fhicht vor dem Verfolger hält er 
inne, um, plötzlich sorglos, einem Kind, das jemand 
auf dem Arm trägt, sein Butterbrot zu nehmen und 
es seelenruhig zu verzehren. Von einem Gerüstarbeiter 
in schwindelnder Höhe bedroht, jeden Moment in ent- 
setzlicher Gefahr, in die Tiefe gestürzt zu werden, endigt 

235 



er damit, daß er des Verfolgers MillaKsschüssol tiiulet 
i"ni. plötzlich anfislfrci, zu csscii l)o^ri„ni. OtWr er ist in 
euu'ii faluviulcn \ViirsU>lwa«t'n i^i-ralrii. von dessen 
schreoknierregeiulem liesil/.er niaii /itU'rnd meint, er 
werde dm im Zorn zermalmen. (:iiai)lin iihvi\ (Mddeckt 
tut so, als wäre er reelilrnf.ßi^i in einem IVainbaliii- 
wagen. epf^reift eim- lian«ende Wnrst, als wäre sie eine 
der r-cderschlaufeM zum Anhalten, und steißt dem Ver- 
blufften entkommend seelenrnluH aus, indem er die 
Wurst mitnimmt und zu verspeisen bef^innt. Häufig ist 
es (Ue Verblüffung des Verfol^^ers, die Chaplin zur 
Flucht verhilfi. Der unerhorle Optimismus, der ihn und 
uns mit Ihm durch alle Kastralionsgefahr !>e^Ieitet, ist 
also deutlich ein oraler, der Darsteller ein ewiger Säufj- 
hng. So ist es aber auch kein Zufall, daß er niemals 
oder nur für ein „happy end" ohne organischen Zusam- 
menhang mit dem VorherKe«anflencn eine 1-Vau gewinnt 
Ea- überschreitet ja die Schwelle der Kastrationsangst 
.cht, er reitet s.ch nur vor ihr .hnrh die orale Re- 
gression W.e stark muß <li.se Angst in uns allen sein 

wenn wn- diese Hegression so lustvoli und erlöl^nd 
miterleben I *-iiuM.na 

Der letzte ^roße erlolgn-ichc Chaplin-Kilm, „City 
Llghts , zei^t dm sehon am Heginn als Säugling B^i 
der Enthüllung einer weiblichen Monunienlaistatue liegt 
er -selig schlafend in dvn Armen der liiesin. Dieser 
lyi>ischen Situation cntkoniml er niemals vüllig, da die 
für ihn unüberwindban- Sehranke der Kaslrationsangst 
ihn ständig in die sorglos glückliclie SäuglinKszeil und 
auf das Essen zurücktreibt. So viel über den ersten 
unserer Helden i). ' 

1) Die Mitteilung ist vor dem Hrscheinen des Films 
„Modern Times" aeschncben, in dem Chiu-lie GhiDlin 
eine etwas veränderte Hnltmig zei^t. Aber die oi-den 
Züge sind aucli in (iiescnn i'ilni deullieh. so an \ler 
I'utlennaselnne, an i\cv oralen filüekseiigkeil des er- 
träumten Heimes, im Huftet des Warenhauses u. a. 

234 



Der zweite ist tragischer und ernster. Al)er seine Ge- 
stalten folRon noch strens-er und exakter, enifornuger 
dem ilim innerlich vorgeschriebenen Klischee zur Re - 
henhildung. Was er fast als einziges Thema gestallet, 
ist die Entthronung des Vaters, ^^elche semer bedeuten 
den filme immer wir miter die analyüsche Lupe neh 
men, vom „Letzten Mann" über Zar Paul, Ludwig XV 

Th wav öf all flesh" und wie sie noch he.ßen b.s zum 
"maucn Engel": immer eine imposante, ansehnhche^ 
hochgeachtete Vaterp^-rsönlichkeit, die «Uer großartig n 
AlU-ibute mid ihi-er Stellung tragisch beraubt xMrd. B^s 
weilen setzt dieser Abstieg in dem Moment em, so 
Tese Vaterpersönlichkeil „vom rechten Wege abweicht 
3as Abweg gc aber ist dann regelmäßig die Beziehung 
zu eh e dirnenhaften Frau. Die Entthronung aber ist 
Hpp Kastration gleichzusetzen, der Gleichsetzung von 
?f H ,,d Dirne entsprechend erfolgt sie also für die 

T, eziehun" des Vaters zur Mutler. Im „Weg allen 
sexuel^ IJe lehun ^^^^^.^^ ^^^^ schrecklichen Ver- 

Heisehes ist der ^^^^^^^^^^^ ^^^^^ ^^^ Helden fällt, 
Wandlung, daß d ^ ^^.^ ^^^^.^^ ^^^ ^^^ p^^^^^ 

"° derD'reKMor der Truppe bei der Hochzeit mit Lola- 
, hm die Eier aus der Nase zieht, ihn also zur 
Lola "^" ^ ,t Der erniedrigendsle Tort aber wird ihm 
"''"''utauen Engel" angetan, da ihm, der ehemals 
"" ' ;mp Schüler schreckenerregenden Vatertigur, iiun- 
für seme äcnuic riu-fklnr vor ihnen 

mehr dem armen Clown, dcrseiuCS UUVWV)' 
eine Taube unter dem Hut hervorzaubert und ihr Fort- 
fliegen mit den höhnend-zweidculigeu Worten begleitet; 
So° nun hat unser Aujust keinen Vogel mehr", was 
mit' drölmendem Gelächter der Schüler beantwortet 
wird. - Es ist kein Zufall, daß eine der Gestalten, die 
er jüngst auf der Bühne großartig verkörperte, die 
Hauptgcstalt in Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenunter- 
gang", wieder ein entthronter Vater war. Die Reihenbil- 
dllilg ist bei Jannings so exakt, daß man f^ft alle 
seine Figuren zur Deckung bringen kann, ohne daß an 



235 



t'wu-r wesctliclion Stelle eiur O.iscI.ärlV da.Iurcli ..jit- 
slmide. Jede „nie (U-stalluii« legt nur dcuUichcre 
>^uge zu. 

Bei dem letzten von den dreien, bei Lon Chane y, 
ist es leichl, das lypisch lUMhcnmälÄiKc seiner Gcslalten 
zu erkennen. Aber die analytische Deutnn« dieser Ge- 
stalten gelingt nicht auf so einfachem Wcr ^vie bei den 
beiden anderen. Die typische Konstellation ist bei ihm 
de Vater-Toehter-Beziehung. Lcn Chaney als Vater oder 
als leicht erkennbarer Valerersal/. liebt seine Tocliter oder 
2-S^ llu" anvertrautes Mädchen oder Mündel aufs 
zartlchste mit einem nicht zu verkenne.iden Unterion 

M^ne "'T^'""'- ^^ ^"'^^ <iiesesMü<l<.hen vor allen 
?U> 1 '"\ ^*^'" «'"''^" Eifersucht des Liebenden. Die 

d^nM *^ T "^Z*^'''"^' ^" ""^^ '-^^ regehnäßig eine 
dankbar-verehrende, wiewohl er durch einen Defekt 

vcrhaI31icht und entstellt ist, durch den Mangel eines 
Auges, dnrdi eine körperliche Verkrüppehing durch 
scheußliche Narben. In einem Film wird deullich d-iß 
sie ihn wegen des Defekts liebt, und zwar dort wcL<en 
der fehlenden Arme, da das Mädchen eine wahnsinnige 
Angst vor jeder Umarmung hat, zu der er unfähig er 
scheint. An semen Defekten nun tritt bisweiten ein auf 
fälliges Moment zu Tage. Sie sind oft gespielt vorge' 
täuscht zur Unkonnllichmachung, also Scheindefekte" 
So spielt er den Armlosen zunächst, um, als Verbrecher 
von der Polizei gesucht, sicher zu sein, und läßt siel 
die Arme durch ein Mieder an den Körper schnüren* 
Otto Rank hat über das Motiv des gespielten üerel-t<i 
die für unseren Fall treffende Hcmerkung genncM 
der vorgetäuschte Defekt solle anzeigen, daß sich hinter 
einer zärtlichen Regung eine sinnliche verberge^) Diese 
sinnliche Regung wird bei f.on Chaney nun scblii-ßlich 
durch eine tatsächUche Defekisetzung bestraft. Fr ver- 

Wicn^me"''' ^^^ '"^f^stmotiv in Dielitung und Sage, 
236 



liorl wirklich das Auge, wo er den Einäugigen spielte, 
erleidet eine schwere Verletzung, wo er Narben vor- 
täuschte u. dgl. m. So läßt er in dem Film, wo er seiner 
angeblichen Arralosigkeit wegen vom Mädchen geliebt 
wird, um das Mädchen für alle Dauer zu gewinnen, sich 
schließlich die Arme amputieren, als er merkt, daß 
sie für einen andern Interesse hat. Es nützt ihm aber 
nichts; beim anderen, dem er noch eine Falle zu stel- 
len sucht, aus der dieser vermöge der übermenschlichen 
Kraft seiner Arme sich rettet, überwindet das Mädchen 
die Scheu vor der IJmarmmig; Lon Chaney wird von 
den Pferden, die den andern liätten in das Verderben 
bringen sollen, zu Tode getrampelt. Immer enden seme 
Filme mit Verlust imd Entsagung zu Gunsten eines Jünge- 
ren, Gesunden, während er selbst als Vater wegen seiner 
sinnlichen Slrebung zur Tochter die Kastration erleidet. 

Hier enden meuie Ausführungen. Man wird leicht 
merken, welcher Ergänzung sie bedürften: der Analyse 
der Persönlichkeit, die die Reihenbildung schafft, vor 
allem der Analyse der KindheiLsgeschichte dieser Per- 
sönlichkeit. 

Es bleibt die I^ragö oHetl, von wem die Gestalten 
kreiert werden, die diese drei verkörpern. Von Chaplin 
weiß man, daß er seine Filme selbst schreibt. Für die 
anderen werden die Filme von den Filmschreibem 
wohl nach der besten Wii'kung des Stars geschaffen; 
als die geschilderten Typen mit der eulsprectienden 
Wirkung sind sie wohl auch dem Publikum bekannt 
und von ihm so gewollt. Ihre Filmautoren dürften 
ihnen mit anderen Rollen wohl gar nicht kommen. 
Wir können also mit Recht sagen, daß ihre Gestaltun- 
gen aus den Komplexen der Gestalter stammen. 

Meine Bemerkmigcn scheinen mir wohl geeignet, als 
richtig zu erweisen, was Hanns Sachs in seiner klei- 
nen Schrift „Zur Psychologie des Films'' 3) ausgesprochen 

3) In: Die psychoanalytische Bewegung, Bd. I, 1929. 

237 



umi so formuli.M-t hat: „Die Übereinstimmung aller 
Kuns er und Dichter aller Zeiten mit den Grundsätzen 
der 1 syclioanalyse ist uns sciion lange hokannt Es 
braucht uns nicht zu wundern, daß der I-üm diese 
große Iradition auf seine Weise ühernimmt und fort- 
setzt. 



* 



m 



• 




Henry Maudsleys Anschauungen vom 
Unbewußten und den Trieben (1867) 

Von Hans Chrietoffel, Basel 

Von Dichtern uiid Philosophen allerhand Funde und 
Aufstellungen der Psychoanalyse vorausgenommen zu 
sehen, sind wir gewohnt. Eine kleine Sammlung sol- 
cher Zilale hat der Almanach der Psychoanalyse un- 
ter dem Titel „Psychoanalytisches Lesebuch" ab 1927 
begonnen. 

Ungewöhnlicher ist es, bei ärztlichen Autoren Auf- 
fassungen psychischen Geschehens zu finden, die den 
analytischen oder wenigstens denjenigen, die sich in 
den verschiedenen Enlwicklungsstadien der Psychoana- 
lyse ergeben haben, nahestehen. Da ist vor allem auf 
die bekannte Hippokratesstudie von G. Baissette zu 
verweisen. Eine Beschreibung des kindUchen Lustprin- 

. /jjiis dem Jahre 1887) kam mir kürzlich zu Gesicht. 
Sie stammt vom Verfasser eines kinderpsychiatrischen 
Handbuches, Hermann E m m i n g h a u s — nicht zu 
verwechseln mit Hermann Ebbinghaus — und lautet: 

Pas Handeln oder Unterlassen der Kinder" sei „nur 
auf Gewinnung, Erhallung subjektiver Lustzustände, auf 
Vermeidmig subjeküver Unlust gerichtet." Das leiden- 
schaftliche ländliche Luststreben stellt E. in Gegensatz 
zum „Willen'' des Reifen, wobei die nähere Beschreibung 
dieses „Willens" weitgehend eine Vorformulierung so- 
wohl des Realitätsprinzips als auch gleichzeitig einer 
ideal-moralisch gezügelten Ich-Funktion isH). 

Heule möchte ich kurz auf einen englischen Psych- 
iater hinweisen. Sein Buch ist zwanzig Jahre älter als 
dasjenige des eben genannten deutschen Autors, frap- 

1) H. Emminghaus: Die psychischen Störungen 
des Kindesalters. Gerhard t'sches Handb. d. Kinder- 
krankh., Tübin^jen» Laupp, 1887. 

239 



pior atuT (liuTli besondere Gogenwarlsnähe. Es ist ein 
Werk, ebenso faszinierend durch Tiefe und Weite sei- 
ner PsyetioloRio wie dnrrb Krall und Sehönbeil der 
Npraehe. 18Ü7 ist Ik-.a-y M a u d s I c y s (drH Jahre 
spater von Hndoif H o e h m ins Deutsche übertragene) 
.^t nysiologie und Pathologie der Seele" 
tysehicnen. Aus welcher Verlassung diese Arbeit ent- 
banden, sagt M im Vorwort zur ersten Auflage - ich 
ziUere luicli der deutselien Übersel/mig^)* 
„Als ic-h vor zehn Jahren, nachdem ich mir einen 

verschaff! hat e, dem praiaischen Studium der Irren- 
hedkunde mich widmete, war ich nicht wenig erstan t 
u>Hl ^ugleich enlmuligl, da ich fand, daß .mcrse"ts 
<he heoreUsduM, Kennlnisse, die ich mir a.löoS 
nch. m d.c geringste Heziehung zu der, Tatsac ea ^ u 
bringen waren, die ich nun hVlirh .„ , V . 
Oeiegenhei. ludle, und andererl^Us 'b.^ . '"Sm' 
sriler über <ias Irresein... diesen Gegenstand £ ~ 
.eh,, als ob er einer Wissenschaft angehöre die rn 
der gesunden Seele iiberhaui>l gar nichts zu tun h-d ' 
Maudsleys Trieblebve IfUM sich folgender 
niaßcu zusam.ncnsetzcn - er selbsl gibt keine eii/cnl 
hche Übersicht -: „Es ist in der Tat, wie Spinn/." 
benierkl, kein anderer Unlerschied zwischen Verlin« 
und Trieb, als daß crstcres mit Uewußtscin vcrbmi.T 
ist. Verlangen ist selbstbewußter Trieb. Wir hall 
was für gut, weil wir einen Trieb otier ein Vn,.i^'* ^^" 
darnach haben, sicherlich aber hal>en wir -^ J^''^"^'^ 
Verlangen nach etwas nicht deshalb weil ^J. T^^ 
gut halten." (136) - „Welches sind die dem ^ ''- 
angeborenen Instinkte? Der Inslinkl der SHi. . ."f"'^''" 
^!::i::_WahrheU citi Gosel. für die Si^^tr llS 

jpicnrv Maudsley: Die Physiologie und !>atho- 
Zu . *' 'V*' ^^"^''* '^''^ Originals zweiU-r Auflage 
bei- 1887'^''' ''"^ von Hudolf boelnu. Würzburg, A, Stu- 



040 



den Materie als solcher ist, und der Instinkt der Fort- 
pflanzung, der . . . gewissermaßen die sekundäre Äuße- 
rung des Selbsterhaltungstriebes ist... Kinder müssen 
notwendig im höchsten Grade egoistisch sein... Mit 
dem Instinkt der Appropriation, vermöge dessen assimi- 
liert wird, was dem Ich zuträglich ist, ist als notwen- 
dige Kehrseite ein desü'uktiven abstoßender Instinkt 
oder Trieb verbunden, der alles, was dem Ich nicht an- 
genehm ist, zurückweist, ausstößt oder vernichtet. Das 
Kind weist die Mutterbrust zurück, wenn aus irgendwel- 
chen inneren oder äußeren Ursachen ihm die Milch 
nicht zuträghch ist. Mit Sclu-eien und Sträuben sucht 
es einem schmerzüchen Eindruck zu entgehen, der es 
treffen könnte, wie sich eine Gregor ine (Anmerkung 
Chr.: wohl Gregarine, eine Amöbe) vor einem Reiz ver- 
schUeßl oder eine Schnecke ihre Fühlhörner einzieht, 
wenn sie plolzhch berührt werden; sobald das Kmd 
etwas älter geworden, zerstört es oder versucht wenig- 
stens zu zerstören, was ihm nicht angenehm ist. Von 
der Reinheil mid Unschuld der kindlichen Seele zu 
sprechen, ist . . . IdeaUsmus und . . . Heuchelei." Die Im- 
pulse, die das Kind „wirklich leiten, sind die selbsti- 
schen Triebe der Leidenschaft . . . Die Geschichte der 
Entwicklung der Seele beginnt mit den niedersten Lei- 
denschaften, die wie im imteru-dischen Strom durch 
jedes Leben fließen und bei vielen häufig in sehr 
stürmischer Weise an die Oberfläche treten." Sowohl 
der „Zerstörungstrieb" als auch der „Trieb zur Fort- 
pflanzung" werden mit kurzer Kasuistik von Kmder- 
bcobachtungen illustriert. „Zunächst müssen wir uns 
gegen den etwaigen Einwurf verwahren, daß dieser In- 
stinkt" (i. e. zui' Fortpflanzung) „überhaupt vor der Pu- 
bertät nicht zum Vorschein komme", vielmehr sei das 
schön „im frühesten Lebensalter der Fall... Zur Zeit 
der Pubertät tritt der Geschlechtstrieb im menschlichen 
IJewußlsein hervor'*, während für vorgängige Zeiten 
mehr von „blindem Trieb" zu sprechen sei. „Wenn sich 

16 Almanach 1938 

241 



mm aber dieser Uimie Triol, schon beim gesunden 
Kmde aiiüert, «, ist es ganz natr.rlirh. daß wir bei irr- 

doTir T^T' "''^''^''^' "*'*''* ^'"^Kcm-lete Äußerungen 
deselbei, t.nden werden/' - „Was immer einer von 
J.aMern, lolUidten und Verbnudien begangen haben 
mag - jeder Mensch besitzt die Kähigkeil, dieselben zu 
verüben; wäre dem nicht so, wozu bedürfte es dann 
rortwahrond dür Erneuerung des Dokalogs?" 

Leider gibi uns Maudsicy wenig (lelegenheit, die 
Verwendung sHner Anschauungen im einzelnen zu se- 
hen, /war winnnell sein Werk von interessanten Heob- 
achluugen mui kurzen, ilhisfrierenden Schilderungen- 
aber die eigentlichen KrankrngeseliicIUen smd - an 
heuligem Maßslai) ^cnu-ssen - dürftig. 

Vielk'ielU sind folgende Worte Maudsieys auch auf 
ih» selber zu beziehen, daß nämlicli „die Anschauung 
die ein Genie mit lUlfc seines hohen und feinen Ver- 
standes von einem geschlossenen Kreise von Werken 
der Natur gewinnt, implicite noch viel mehr in sich 
faßt, als exphcile daraus sich entfalten kann. So kommt 
es zuweilen, daß, wenn sich ein soiclier Verstand an 
die Krforsclnmg einer neuen Heihe von Kreignissen 
macht, die Gi^selzniäßigki^il derselben sich plötzhch wie 
durch einen lUitz von Intuition dem Geiste erschließt 
ühschon nin- vcrliallnisniäßig wenige iJeobachfungeji 
vorausgegangen sind; die Phantasie greift mit glück 
lichem I-rfolg den langsamen Resultaten beharrlicher" 
systematischer Forschung vor..." - Man vcrrrleiche zu 
diesen Äußerungen S. Freuds einleitende liemerknn 
gen in Triebe und Triebschicks.le" ») : „Schon bei Z 
1 eschi-edning kann man es nicht vermeiden, gewi sl 
abstrakte Ideen auf das Material anzuwenden, die ma^ 
n-gendwoher, gewiß nicht aus der neuen Erfahrung 
allem, herbeiholt." Solche Ideen „haben... den Gharak 
ter von Konventionen, wobei aber alles darauf an- 

«) Ges. Sehr., Bd. V. 



342 



kommt, daß sie doch nicht willkürlich gewählt werden, 
sondern durch bedeutsame Beziehungen zum empiri- 
schen Sloffe bestimmt sind, die man zu erraten ver- 
meint, noch ehe man sie erkennen und nachweisen 
kann." 

Ferner scheint M a u d s 1 e y „kein Gedächtnis für 
einzelne, isolierte Tatsachen" zu haben, außer sie stün- 
den „in irgendwelchen Beziehungen zu den schon vor- 
handenen Vorstellungen", wobei „die Verarbeitung der 
Residua sehr leicht vonstatten" geht und „ein großes 
Talent zur Generalisierung" ohne Verflachung besteht. 
Denn M. kennt sehr wohl die Gefahr „voreiliger Gene- 
ralisaüon" durch Abweisung unwillkommener Ein- 
drücke und würdigt das Verstoßene expressis verbis als 
„Paria der Seele". — Im übrigen findet er kräftige 
Worte „für die privilegierte Schwachheit einer fleißi- 
gen Mittelmäßigkeit", die sich an den Verallgemeinerun- 
gen stößt: „Viele, die so heftig gegen die" — bei M. 
alles andere als graue — „Theorie ankämpfen, be- 
finden sich in demselben Falle wie Eunuchen, die gegen 
die Unkeuschheit losziehen; dies ist die Keuschheit der 
Impotenz." — Der Skepsis dem bewußten Gedächtnis 
gegenüber gibt M. mit folgendem ironischem Satze Aus- 
druck: „Der, welcher die meisten Plagiate macht, ist 
sich ihrer gewöhnlich am wenigsten bewußt." 

Diese Auffassung führt uns aber unmittelbar zu 
Maudsleys Lehre vom Unbewußten: „Man 
muß dem Selbstbewußtsein zur Last legen, nicht nur, 
daß es in seinen Aussagen nicht zuverlässig ist, sondern 
daß es auch von einem großen und wichtigen Teil der 
Seelentätigkeit gftt \W^T^ Bericht erstattet. Sein Licht 
beleuchtet nur die Zustände cles Bewußtseins, nicht 
aber die Zustände der Seele." Wer sich unterfinge, „die 
ganze Reihe der verschiedenen seelischen Vorgänge mit 
dem Lichte seines eigenen Bewußtseins beleuchten zu 
wollen", gliche „einem Menschen, der das Universum 
mit einem TalgUcht beleuchten woUte." 

Itt* 

243 



„Das Bewußtsein ist kriiic Fakulläl, . . . sondern . . . eine 
Qualität... Es kann in den verschiedensten Graden 
vorhanden sein, eijensognl als es ganz und gar feh- 
len kann..." „Es gibt eine Assimilation äußerer Kin- 
drücke..., welche ^n-wöhnlid] olme jede («U'r doch mit 
einer nur sehr dunlvcln Erregung des liewußtseins zu- 
stande kommt.. Die so erhaltenen und feslgehaUenen 
Eindrücke produzieren keine besliminlen Vorstellun- 
gen und Gefühle, l)eeinnus.sen alw-r iiiehlsdi'sloweniger 
fortwährend das Wesen der Seele. Wie ein Mensch he- 
wufJt sich mit Naiu-ung versielit uiui die Verdauung 
derselben der unbewulilen Tätigkeit des Organismus 
überlaßt, ebenso bestimmt er mit Hcwußlsein die Ver- 
I hältnisse, in denen er leben will, aber kann dann nicht 
die unbewußte Assimilation ihrer Einflüsse und die 
entsprechende Modifikation seines Charakters vcrliin- 
dern... Gewohnheiten, wie Denlven und I-ühlen ent- 
stehen mibewußt auf diese Weise, so daß einer zuletzt 
von einer so erworbenen Natur beherrscht wird, der 
sieh ganz und gar uni)ewnßt ist, daß er sich verändert 
hat." — „Jeder, der sorgfältig auf seine Träume acht- 
gibt, wird finden, daß viele von den scheinbar unbe- 
kannten Dingen, mit denen seine Seele im Traum be- 
schäftigt ist und welche ihm als neue unbekannte Vor- 
stellungen erscheinen, sich auf solche unbewußte Assi- 
milation während des Tages zurückführen hissen... Es 
ist eine Wahrheit, die man nicht naclidrücklicli genug 
hervorheben kann, daß Bewußtsein uiid Seele nicht 
Begriffe von gleicher Ausdehnung sind. Von dem ersten 
Augenblick semer selbständigen Existenz an beginnt das 
Gehirn Eindrücke von außen zu assimilieren und als Bc- 
aktion hierauf eine entsj)recliejide organische An])assung 
zu entfallen. Dies tut es zuerst ohne Bewußtsein und 
fährt fort, es unbewußt mehr oder weniger durch das 
ganze Ecben zu tun." „Alles, was mit irgend einiger 
Vollständigkeit einmal im Bewußtsein vorliandcn war, 
wird, wenn es aus diesem verschwunden ist, in der 

344 



Seele oder dem Gehirn aufbewahrt und kann irgend- 
einmal in der Zukunft wieder im Bewußtsein auftau- 
chen .. . Komplizierte Tätigkeiten, die zuerst mit Be- 
wußtsein und durch Aufwand größten Fleißes erlernt 
werden mußten, werden durch Wiederholung auto- 
matisch . . . Vorstellungen, die anfangs bewußt assoziiert 
wurden, rufen sich schließlich ohne alles Bewußtsem 
hervor, wie wir es in der schneUen Perzeption oder 
Intuiüon des Mannes von großer Welt- und Lebens- 
erfahrung sehen, und einmal vorhanden gewesene Ge- 
fühle hinterlassen ihre unbewußten Residua, indem sie 
die Gesamtheit des Charakters modifizieren, so daß 
celrennt von der ursprüngüchen, angeborenen Natur, 
Zufriedenheit, MolauchoUe. Feigheit, Tapferkeit, selbst 
das sittliche Gefühl sich als Resultate einzelner Lebens- 
erfalirungen ausbilden/' „Kein Mensch kann in irgend- 
einem Moment auch nur den tausendsten Teil seines 
Wissens sich ins Bewußtsein rufen... Wenn wir uns 
an etwas erüinern wollen, das uns für den Augenblick 
entfallen ist, so ist es bekanntlich der beste Weg, zum 
Ziel zu gelangen, wenn wir die Seele ohne Einmischung 
des Bewußtseins arbeiten lassen . . ." „Wh- wissen nicht, 
auf welche Weise sich unsere allgemeinen und abstrak- 
ten Vorstellungen bilden. Das hiezu gehörige Material 
wird bewußt geUefert und dann unbewußt verarbeitet." 
Der wichtigste Teil der Seelentätigkeit, der wesent- 
liche Prozeß, von dem das Denken abhängt", besteht 
„in einer unbewußten Tätigkeit der Seele." Das Gehirn 
„reagiert . . . auf die inneren Stimuli, die es von anderen 
Organen des Körpers unbewußt erhält." M. nennt das 
die „OVgai^schen Sympathien". „Im Ganzen ist diese 
. Tätigkeit" (d. h. die organische Sympathie) „von grö- 
ßerm Einfluß auf die Art unserer Gefühle und die Fär- 
bung unserer Stimmung als die, welche auf Eindrücke 
von der Außenwelt erfolgt." „Den deutlichsten Beweis 
von diesem Hergang üefert uns der Einfluß der Sexual- 
organe auf das Gehirnleben ... Was man... immer von 



245 




B i c h a l s Theorie di-nkcn mag, der <len Silz der Lei- 
denschaften in die Organe verlegte, man muß zugeben, 
daß er hiedurch die richtige Würdigung jener unbe- 
wußten Himlätigkeit bekundete, wotcUe den Ausdruck 
der Heziehungcn darstellt, in denen das Gehirn zu den 
Organen steht." • ... ., 

In unmiKcIbarcr ForLsrtzuiif; dieser Außi-rungen kom- 
men wir zu einer deutlichen Trennungsslelle 
der Forschung Maudsleys von derjenigen 
Breuer- Freuds; Bei M. konsequentes Zuwenden 
zum körperlichen Substrat und damit, wie tier Titel soi- 
nes Buches sagt, zu einer „Pliysiolo;,'!.-" der Soolc. iW-i 
Breuer-Freud anderthalb Jahrzeluite später vor- 
läufige Abwendung vom Somatischen und konsequente 
Psychologie. — So heißt es bei M.: „Wenn der bedeu- 
tende Einfluß des Gehirns auf das Seelenleben betrach- 
tet werden soll, sind keine Ausdrücke zulässig, die die 
Erscheinungen nach der Sprache der herf^ebraclUen 
Psychologie bezeichnen." Dagegen bei Breuer: „Psy- 
chische Vorgänge sollen in der Sprache der Psychologie 
behandelt werden." *) 

Allerdings ist für M. (Vorwort z. 1. Aufl.) „herkömm- 
liche" Psychologie „nur die psychotogi.sche Methode der 
Befragung des Selbstbewußtseins", während er sich be- 
strebt, die Oberschätzung des Bewußtseins auf ein rich- 
tiges Maß zurückzuführen, die Holle des UnlM'wulMeii 
zu zeigen. Der Begriff unbewußt aber direkt sich iiei ilim 
weitgehend mit demjenigen von pliysiologiseh Offen- 
bar aber begegnete diese Glcichselzung sofort der Kri 
lik, so daß M. im Vorwort r.wv zweiten Auflage sich 
verteidigt, es halx' ihm ferne gelegen, „die psychologi- 
sche Methode der Untersuchung des Seelenlebens voll- 
ständig zu verwerfen." Merkwürdigerweis*' verzichtet 
er, auf S. 26 hinzuweisen, wo es von der „physiologi- 

*) Breuer-Freud; Studien über Hysterie. Ges. 
Sehr., Bd. I. 

246 



sehen Mclhode" heißt, daß sie sich „nur mit einem 
Teil des Stoffes beschäfügt; immerhüi wird sie an 
erster Stelle angeführt. (!.)" „Die andern nicht minder 
wichtigen Teile sind II. Das Studium des Entwicklungs- 
gangs der Seele, wie wir ihn am Tier, am Wilden, am 
Kind verfolgen können... III. Das Studium der Ent- 
artung der Seele . . . Wären nicht die Enthüllungen des 
lU'wußlsoins im Traum und im Delirium konstant von 
den angeblich induktiven Psychologen vernachlässigt 
worden, so hätten notwendigerweise früher wahrere 
Schlüsse gezogen werden müssen ... IV. Das Studium 
der Biograpliie ... V. Das Studium der Fortschritte und 
Rückschritte der menschüchen Seele, die uns die Ge- 
schichte lehrt", der „rückgängigen Metamorphose'*, wie 
die Regression anderorts benannt und beschrieben ist. 



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Hl. J 1 K 



DIE WERKE SIGM. FREUDS 

(LIEFERBARE AUSGABEN) 

CEi:SAMMELTE SCHHltTKN 

(Zwölf Bande in Lexikonformat) 

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K ^^^P l' *?^ ^■- 8'»«""" Ober HyateH« (Vorwort - über Hph navrhi 

;;;nmt^.Ln ^^^'■^'''"'/""fi• ^°" fler Neurasthenie einen be.stinKn Svrn- 
^ 7urKrZ^^r a" -Atigstneurose« abzutrennen ~ Obsessio ns e tp .obie« 
NAurnncJ L ''^ Anc.^lneurose Weitere nemcrkuiiKen über die Alm ei r- 
Neuropsychosen - L'lierödite et l'<*lioloKie des n^vroses ~ Zur Ae( olo^ e 

DeckSyrunge?," ''' '" "'' ^''"'''^" "'^ Neurogen -"Ä 

Tra^;:?:t^!:„^i-b^-;;:;-:r';,(^^^ 

Traummusters - Der Traum ht eine Wun«cl.erf(iilunk I)iö7,au,nent- 
7Mr%J^.i;^f T^,'""'""'»*'^'-'»' ""d tl'e Tmumquellen - Die Traumarbeit 

- Zur Psychologie der TraumvorKange Literaturverzeichnis) 

BAM) III. 340 S.: Er«Jln«imK"B"n<IZ»-«Uk«|,hrl.urTr«uiii,lruliiiiH/Upber 
Tr^nl^T ^ »-"■■*»<• /V' ''''*^""''''''-" (Mnrrhcnstoffc in Traumen Kin 
Iraum als Beweismittel - Traum und Telepathie - Bemerkiinir,Mi r..,r 
Theorie und Praxis der Traun.d.M.,un«J / nXrC d.a W 'Z^üL'«" 
■ioneu (Onaniediskussion - Selbstmorddiskuasion) 

BAND IV, 481 S.1 Zur P.y.ho,,.ihoI„„i« de, Aiu.«-!,-!...«. (Vercessen von 
Eigennamen - von fremdsprachiiren Worten v„„ ?^„.;.« ** i ,., . 
folgen - Ueber Kindheits- und ßeckSie'un.en l Vr'inr^?'^" 

- Verlesen und Verschreiben Vergessen voi l^m rlkki, n.,^ v ^ 'L'^'*^" 
_ r\oo i;ae„r«i*a., _ t:«mnf«™_ ..„.i ^ , .. " ''"'"'"tKeii und Vorsfllzen 



orsaizen 
Irrtümer - 



_ Das Vergreifen - Symptom- und z («i' .^'X, «en 
Kombinierte Fchlleistnu«en - Determinismus Zufu'^M^^^ a. . ■-.• 
Gesichtspunkte) / Da- int.r«.. „„ ,,cr P-Aö-„„," ;' 'i, "'" J.berKlnubcn. 

/ Zur Cchlcbt« der p.yrf.o.a.lyti.oli,,« Bt,w..g„Dg ^ ' "' ''?"*« 



'■naiyiio 



BAND V. 556 S.: Drei AbhamllunMu .»r S«,..»i.i . ,r., 

Abirrungen - Die infantile Sexualität - Die\lm.?n . u ^^^*^ sexuellen 
tat) /Arbeite« .„„, Snunllrbni m.l ...r N.u^lÄ^^ 
Iber die Rolle der Sexualit.'ll in der Aelioiogie der Neurogen -"Vursixuel- 
M- ^"*V.:Y"'Yi 1^' *^'?''^' '^''^ „kulturelle" Sexualmoral und die moderne 
Ne.vosHat Uebernifantilc Sexualtheorien- Beitrage zurPsycholoyK^ 
Liebes ebens - Die infantile flenitalorganisalion Zwei Kl^iderlUgen " 
üedankeriassoziation eines vierjährigen Kindes - Hysterische Phantasien 
und ihre Bezichunn zur BLsexuiiliiai Allgemeines iiber den hysterischen 
Anfall — Charakter und Analerotik - Ueber Triebumsetzungen Insbe- 



ri 




Photo: Robert Burlinghatn, Wien 



WERKE UND ZEITSCHRIFTEN AUS DEM 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VERLAG, WIEN 



[ 

i 



J 



sondere der Analerotik — Die Disposition zur Zwangsneurose — Mittei- 
lunR eines der psychoanalytischen Theorie widersprechenden Falles von 
Paranoia - Die psychogene Sehstöruns in psychoanalytischer Auffassung 

— Eine Beziehung zwischen einem Symbol und einem Symptom — Ueber 
die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität — „Ein 
Kind wird geschlaRen" — Das Ökonomische Problem des Masochismus 

— Ueber einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und 
Homosexualität — Ueber neurotische Erkrankungstypen — Formulierun- 
gen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens — Neurose 
und Psychose — Der Untergang des Oedipuskomplexes) / Hetapayehologie 
(Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psycho- 
analyse —Triebe und Triebschicksale — Die Verdrängung — Das Unbe- 
wußte - Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre — Trauer und 
Melancholie) 



BAND VI, 422 S.: Zar Technik (Die Freudsche psychoanalytische Me- 
thode — Ueber Psychotherapie — Die zukünftigen Chancen der psycho- 
analytischen Therapie — Ueber , wilde" Psychoanalyse — Die Handhabung 
der Traumdeutung in der Psychoanalyse — Zur Dynamik der Uebertra- 
gung — Ratschlage für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung 

— Ueber fausse reconnaissance [„dejä raconte"! wahrend der psycho- 
analytischen Arbeit — Zur Einleitung der Behandlung — Erinnern, Wie- 
derholen und Durcharbeiten — Bemerkungen über die Uebertragungs- 
liebe — Wege der psychoanalytischen Therapie — Zur Vorgeschichte der 
analytischen Technik) / Zar Einfahmog des NanifiinuB / Jenseits des Luet- 
prinrip« / Muaenpajchoiogie and icfa-An&iyee (Einleitung — Le Bon's Schil- 
derung der Massenseele — Andere Würdigungen des kollektiven Seelen- 
lebens — Suggestion und Libido ~ Zwei künstliche Massen; Kirche und 
Heer — Weitere Aufgaben und Arbeifsrichtungen — Die Identifizierung 

— Verliebtheit und Hypnose — Der Herdentrieb — Die Masse und die 
Urhorde ~ Eine Stute im Ich) / Dm i<* und dss Es (Bewußtsein und Un- 
bewußtes — Das Ich und das Es — Das Ich und das Ueber-Ich — Die 
beiden Triebarten — Die Abhängigkeiten des Ichs) / Anhang (Der Reali- 
tatsverlust bei Neurose und Psychose — Notiz über den „Wunderblock") 



BAND Vll, 483 S.: Vorlesungen rar Einführung in die Psychoanalyse, 

Inhalt: 1. Teil: Die Fehlleistungen. U. Teil: Der Traum (Schwierigkeiten und 
erste Annäherungen — Voraussetzungen und Technik der Deutung — 
Manifester Trauminhalt und latente Traumgedanken — Kinderträume — 
Die Traumienzur — Die Symbolik im Traum — Die Traumarbeit — Ana- 
lysen von Traumbeispielen — Archaische Züge und Infantilismus des 
Traumes — Die Wunscherfüllung — Unsicherheiten und Kritiken). 111. Teil: 
AUgcQiciue Neuroaeniehre (Psychoanalysc uud Psychiatrie — Der Sinn der 
Symptome — Die Fixierung an das Trauma. Das Unbewußte ~ Wider- 
stand und Verdrängung — Das menschliche Sexualleben — Libidoentwick- 
lung und Sexualorganisation — Gesichtspunkte der Entwicklung und Re- 
gression. Aetiologie — Die Wege der Symptombildung — Die gemeine 
Nervosität — Die Angst — Die Libidotheorie und der Narzißmus — Die 
Ucbertragung — Die analytische Therapie) 



ucscnicnte einer infantilen Neurose) 






Gedanken - Die infa, uf Ä.rkn' o^^^^^ und Allmacht der 

im I>. Jahrhundert) ~ UnheimUche - Eine Teufelsneurose 



BAND XI, 472 S.r !*chrirt«*n «u« dm Jahrn» lU»» itton. /r»i ir 

/'h ,^„K"^""'J''"'' - P'«'»'!"»''"'» - Der Humor - Nach" »nS; 



BANU XII, 422 S.: SdirlflaD aiu d«n J«hr«n 109lfl_1 a«li> /rt . ■ 

und die V.tertötunR - I>«« UnbehaKc^ h. ^eT Ku"ur Ueb?^^^^ 
Typen - Ueber die weihllrhe Si-xi.;iliiat ~ /ur Qnwlnnnn» h«L d"'"**^* 
/ Hmum Folge der Vorlr.un^eo .ur Einführu,.- i„ dl« P.v«21" 1? '^«« f^Uers) 
derTraumIchre - Traun, und OkkulUHmü? - D^e zSeJnnr. ^'^^^^'«'«n 
sehen Persönlichkeit - Angst und Tricbleben - 1)0*^^5,1 r'.^;"*'*^'^'- 

AufklarunRen.AnwendunKen.OrientieruMKen i Uebe^LlnÄ.'*''''*^!* - 
ung / W«™» Krieg / Aelier„ Hrtrlft« (Der Familienroman h^,m*^"^*=''«"- 

Ausgabe der .VorlcnunKeii zur KinfuhrnnR in diVpLlVh« , nebralschen 



AusgaDo aer .voricuunKeii zur hintuiirnnR in die pBvrh^«« i "•^"'^"'«ciien 
rede zur liebrHisclien AusRahü von „Totem und TaW« ^J'?'^^^ ^ ^or- 

von Hermann Nunber« VorwoVt zi FdL^Vn^^^^ Neuroaenlehre- 

par Marie Bonapartc) / CrZult^kVÄst jöneB^'uÄ 

Paauet. Ansprache Im FrankturlcT O^ct v "aL D«h^K^^^ 



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PSYCHOANALVTI5CHER VERLAG 

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BERCGASSE 7 



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BAUSTEINE ZUR 
PSYCHOANALYSE 

BAND in UND IV 

2 Bände in Oktav, zusammen etwa 900 Seiten 

Preis für beide Bände: 

geheftet RM 15.-, in Leinen RM 18.50 

BAND III umfaßt bisher unveröffentlichte und 

teilweise vergrifTene Arbeiten aus den Jahren 1908- 

1933 sowie Arbeiten aus dem Nachlaö. 

BAND IV enthält Gedenkartikel, Kritiken und 
Referate, Fragmente aus dem Nachlaß, eine umfas- 
sende Bibliographie aller Arbeiten Sändor Ferenczis 
und ihrer Publikationen in verschiedenen Sprachen 
ein ausfuhrliches Sachregister der Ferenczischen 

Arbeiten. 



INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN IX, BERGGASSE 7 



Im März 1938 erscheint als Band II der „Bücher de« 
Werdenden" in der 3. umgearbeiteten und erweiterten 

Auflage 

DAS PSYCHOANALYTISCHE 
VOLKSBUCH 

,4 Teüe: 
Seelenkunde, Seelische Hygiene, Krankheitskunde, 

Kulturkunde 

Heraasgeber t 
Dr. Paul Federn» Wien, und Dr. Heinrich Meng, Basel 

Mitarbeiter s 

Vorstand August Aichhorji, Wien; Dr. Franz Alexander, Chicago; 
Dozent Dr. Felix Deutsch, Boston ; Dr. Paul Federn, Wien ; Dr. Sändor 
Fereiiczi f, Budapest ; Dr. Istvän Hollos, Budapest ; Dr. Ludwig Jekels, 
Stockholm; Professor Ernest Jones, London; Dr. Karl Landauer, 
Amsterdam; Thomas Mann, Küsnacht-Zürich; Dr Heinrich Meng, 
Basel; Dr. Hermann Nunberg, New York; Pfarrer Dr. Oskar Pfister, 
Zürich: Dr. Hanns Sachs, Boston; Professor Dr. Ernst Schneider, 
Stuttgart; Rechtsanwalt Hugo Staub, Paris; Dr. Edoardo Weiss, Rom. 

Für die neue Ausgabe wurde etwa die Hälfte der Aufsätze der 2. Auf- 
lage neu bearbeitet oder ergänzt, fünf neue Aufsätze sind eingefügt: 
In der „Seelenkunde" „Intelligenz" (Landauer), „Erziehung und Kinder- 
analyse" (Meng) und „Fortschritte der psychoanalytischen Forschung" 
(Weiss) In der „Kulturkunde" eine „Einleitung" (Thomas Mann) und 
ein Schlußkapitel „Ausblicke" (Federn). 

Das psychoanalytische Volksbuch hat seit seinem Erscheinen so viel 
wertvolle Aufklärungen gegebßll Ulld neußll AnSCtiauungeu den Weg 
gebahnt, daß man seine dritte Auflage mit uneingeschränkter Befriedi- 
gung begrüßen kann. Möge es auch fernerhin Belehrung und Anre- 
gung in weite Kreise tragen." 

Aus einem Brief Sigm. Freuds an die Herausgeber 

„National-Zeitung", Basel, zur 2. Auflage: „Man muß diesem Buch 
tatsächlich weiteste Verbreitung wünschen; ist es doch ein bedeut- 
samer Baustein zu künftiger seelischer Gesundung, trotz der Blitze, 
die noch immer, selbst von gewichtigen Händen gegen die Psycho- 
analyse geschmettert werden," 

Umfang voraussichtlich 600 Seiten und 11 Tafeln 

Preis etwa 14 schw. Frs. Subskribenten erhalten eine 
Preisermäßigung bei Vorbestellung im 

Internationfllen Psychoanalytischea Verlag 

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BÜCHER DES WERDENDEN 

Herausgeber: Paul Federn, Wien, „nd Heinrich Meng, Basel 



Band 1 und 2 vergriffen 

Band 3: FRITZ WITTELS 
DIE BEFREIUNG 

DES KINDES 
Aus dem Inhalt: Schuld und Stmfe. 

— Ein Stück Rouaeeau. Kinderachule 
und Lebensweg. Waisen und StiefkiD- 
dar. Geachiedene filtern. Die alle and 
die neue Schnle. 

Band 4: ISTVAN HOLLÖS, 
HINTER DER GELBEN 

MAUER 
Aus dem Inhalt; Gespenatenpuk, 

Leben und Tod, StHdte, Mütter, Be- 
freiung der Geaunden, das Urtier in 
uua — nusere Not und Notwendigkeit. 

Band 5: FRITZ WITTELS, 
DIE WELT OHNE 

ZUCHTHAUS 

Aus dem Inhalt: Raclie und Richter. 
Der Verbrecher aus Schuldgemhl. Der 
politische Verbrecher. Xagträume, 
Blntverbrecher. Hochatapler. 

Band 6: PAUL PASCHEN, 
DIE BEFREIUNG DER 

MENSCHLICHEN STIMME 
Aus dem Inhalt: Kultur, Ziviiiaation 

und Innere Sicherheit. Die Wieder- 
herstellung der Sprechetimme. Das 
Stottern. 



Band 7: RENfi ALLENDY, 
WILLE ODER BESTIMMUNG 

Aus dem Inhalt: Geschick, Vorbe- 
Stimmung, Charakter und Tempera- 
ment. Prophezeihungen und Vorzei- 
chen, Koamos und Menacb. 

EM'o*i^/?^"^^.3-7: In Ganzleinen 
RM 3.85, brosch. RM 2.85 

Band 8: ANNA FREUD, 
EINFÜHRUNG IN DIE 
PSYCHOANALYSE FÜR 
PÄDAGOGEN 
2. Auflage. Aus dem Inhalt: Da« 

Vergessen Ton Kindheitserlebniflsen, 
Triebleben, Vorpubertät uud Reifung, 
Psychoanalyse und Pädagogik. 
In Ganzleinen RM 3.70. 

Band 9: HEINRICH MENG 
STRAFEN UND ERZIEHEN 

Aus dem Inhalt: Zur Psychologie der 
Strafe nnd des Strafens. Richten, Stra- 
fen und Errieben als pädagogisches 
Problem. 

In Ganzleinen RM 4.80 

Band 10: HANS ZULLIGER 
DER SCHWIERIGE 

SCHÜLER 

Adit Kapitel zur Theorie und Praxis 
der tiefenpeycholofui Beben Erziehungs- 
beratung und Erzieh ungshilfe. 

In Ganzleinen RM 7,80 



Zu beziehen durch den 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VERLAG 

IN WIEN 



DIE ZEITSCHRIFTEN 
DER PSYCHOANALYSE 



INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT 
FÜR PSYCHOANALYSE 

Offizielles Organ der 

Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Herausgegeben von 
SIGM. FREUD 

Redigiert von Edward Bibring und Heinz Hartmann 

Jährlich 4 Hefte Lexikonoktav im Gesamtumfang von 

etwa 600 Seiten. Abonnement jährlich RM 28.— 

2m Januar 1938 beginnt der XXIV. Jahrgang 



IMAGO 

Zeitschrift für psychoanalytische Psychologie, ihre 
Grenzgebiete und Anwendungen 

Herausgegeben von 

SIGM. FREUD 

Redigiert von Ernst Kris und Robert Wälder 

Jährlich 4 Hefte Großoktav im Gesamtumfang von 
etwa 520 Seiten. Abonnement jährUch RM 22 — 

Im Januar 1938 beginnt der XXIV. Jahrgang 



ZEITSCHRIFT FÜR 
PSYCHOANALYTISCHE PÄDAGOGIK 

HerausgegeDen von 

August Aichhorn, Paul Federn, Anna Freud, 

Heinrich Meng, Hans Zulliger 

Redigiert von Wilhelm Hoffer - 

6 Hefte jährlich im Gesaratumfang von etwa 
450 Seiten. Abonnement jährlich RM 10.— 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 



ALMANACH DER 
PSYCHOANALYSE 



1037 

Sigm. Freud 

Eine Erinnerungsstörung auf der 
Akropolis 
Tfaomas Mann 

Freud und die Zukunft 

Eduard üitschinanil 

Zur Entstehung des Kinderbuches 
V. Selma Lageriöf „Wunderbare 
Reise des kleinen Nils Holgersson 
mit den Wildgänsen" 

Edward Glover 

„Utopien" 
Theodor Retk 

Vom Wesen des jüdischen Witzes 
Anna Freud 

Die Ich-Einschränkung 
Anna Freud 

Triebangst in der Pubertät 
Hanns Sachs 

Über Menschenkenntnis 

Richard Sterba 

Aus einem Handwörterbuch der 
Psychoanalyse 

Robert Wälder 

Die Bedeutung des Werkes Sigm. 
Freudsfür die Sozial-und Rechts- 
wissenschaften 

Ernst Kris 

Zur Psychologie älterer Biogra- 
phik (dargestellt an der des bil- 
denden Künstlers) 

August Aichhorn 

Die narzißtische Übertragung des 
„jugendlichen Hochstaplers 

John Rickman 

Über Kindererziehung 

PanI Federn 

Ichgrenzen, Ichstärke und Iden- 
tifizierung 

Edward Bibring 

Zur Entwicklung und Problematik 
der Triebtheorie 

Heinrieb Meng 

Die Stellung der Wissenschaft zu 
Freuds 80. Geburtstag 



1936 

Sigm. Freud 

Nachschrift 1935. Nachtrag zur 
Selbstdarstellung 

Sigm. Freud 

Die Feinheit einer Fehlhandlung 

Sigm. Freud 

Thomas Mann zum 60. Geburtstag 

Edoardo WeieB 

Einführung in die Psychoanalyse 

Theodor Reik 

Ueber wechselseitige Erhellung 

Sandor Rado 

Eine ängstliche Mutter 
Harold D. Lassivell 

Das Prinzip des dreifachen 
Appells. 

Ivea llcndrick 

Stärke und Tragfähigkeit des Ichs 

Heinz Harlmann 

Psychoanalyse und Weltan- 
schauung 
Gregory Zilborg 

Zum Selbstmordproblem 
Karl Menninger 

Provozierte Unfälle 

UalTnele Conturella 

Psychoanalytische Elemente in 
der griechischen Tragödie 

Richard Stcrbn 

Ueber zwei Verse von Schiller 

Karin Michaelis 

Edgar Poe— im Lichte der Psycho- 
analyse 

Franz Alexander 

Diesseits und jenseits der 
Gefängnismauern 
F. Lowtzky 

Wiederholung bei Kierkegaard 

Edmund Bergler 

Das Rätsel der Bewußtheit des 
Oedipuskomplexes 
Heinrich Meng 

Zwang und Strafe 

Jenny Wälder 

Aus der Analyse eines Falles von 
nächtlichem Aufschrecken 

Hans ZuUiger 

Milieuwechsel als heilerziehe- 
risches Mittel 

Friedrich EJ^k8tein - * ' 

Aeltere Theorien des Unbewußten 



IN LEINEN JE 4 MARK — Inhaltsverzeichnis der früheren Jahrgänge 
gerne kostenlos durch den Verlag 



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