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Full text of "Almanach der Psychoanalyse 1927"

Almanach der 
Psychoanalyse 

19£7 



• 









. 



; 



ALMANACH 
1927 

INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER 

VERLAG / WIEN 







INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Almanach 



für das Jahr 



1927 












Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag 

Wien 



- 



wm 



Dieser zweite Almanach des Internationalen 
Psychoanalytischen Verlags in Wien für 
das Jahr 1927, herausgegeben von A. J. Storfer, 
wurde in einer Auflage von 90 00 Exemplaren 
gedruckt in den Buchdruckereien Christoph 
Reissers Söhne, Wien V (Textteil S. 1 — 256) 
und Elbemühl-A. G., Wien in (Anzeigenteil) 

* 

180 numerierte Exemplare wurden breitrandig auf 

Dokumentenpapier nach Japanart abgezogen und 

in Ganzleder gebunden 



Alle Rechte, 
insbesondere die der Übersetzung, vorbehalten 



Die Reproduktion 
der Photographie von Karl Abraham (f) erfolgt mit 
Genehmigung der Firma Becher & Maass, Berlin TV 9 

* 

Das diesem Almanach beigegebene Freud-Bildnis ist nach 
einer Radierung von Prof. Ferdinand Schmutzer re- 
produziert. (Die Radierung kann durch den Internatio- 
nalen Psychoanalytischen Verlag bezogen werden. Preis 
M.20-—, für die ersten fünfzig numerierten 
Exemplare M. $o-—J 

1 






; 



INHALTSVERZEICHNIS 

Seite 

7 
Kaien darhim 

Lou Andreas-Salome: Zum 6. Mai 1926 9 

Prof. E. Bleuler: Zum siebzigsten Geburtstag Sigm. Freuds 1 ' 

Stefan Zweig: Zum siebzigsten Geburtstag Sigm. Freuds. 22 

Alfred Döblin: Zum siebzigsten Geburtstag Sigm. Freuds 28 

Sigm. Freud: Vergänglichkeit ' 

Sigm. Freud: Zur Psychologie des Gymnasiasten , 45 

Sigm. Freud: Psychoanalyse und Kurpfuscherei ....... 47 

Pfarrer Dr. Oskar Pfister: Die menschlichen Einigungs- 
bestrebungen im Lichte der Psychoanalyse ^ 

M. D. Eder: Kann das Unbewußte erzogen werden? .... 65 

Theodor Reik: Gedenkrede über Karl Abraham 7 6 

Karl Abraham: Die Geschichte eines Hochstaplers im 

Lichte psychoanalytischer Erkenntnis 3 

Karl Abraham: Über Coues Heilformel 99 

Israel Levine: Psychoanalyse und Moral 

Gustav Wyneken: Sisyphos, oder: Die Grenzen der Er- 

110 

ziehung 

Ludwig Binswanger: Erfahren, Verstehen, Deuten m der 

ö 119 

Psychoanalyse 

Prof. Hans Kelsen: Der Staatsbegriff in der Psychoanalyse ,55 
Erwin Kohn: Das Liebesschicksal Ferdinand Lassalles . . . >£ 
Prof. Heinr. Gomper*: Sokrates und die Handwerksmeister tfg 

Otto Rank: Don Juan und Leporello '''.'.'.' 

Eckart von Sydow: Die Wiedererweckung der prunken ^ 

Kunst . . 

L. Jekels: Zur Psychologie der Komödxe . . . . » 

Theodor Reik: Zur Technik des Witzes ■ • 

Franz Alexander : Einige unkritische Gedanken zu Ferenczxs _ 

Genitaltheorie 






Seite 
Karen Horney: Flucht aus der Weiblichkeit 220 

Ernst Simmel: Doktorspiel, Kranksein und Arztberuf ... 236 

Georg Groddeck: Nicht wahr, zwei Damen? Und der 

Schlag aufs Paradiesäpflein 250 



PSYCHOANALYTISCHES LESEBUCH 

Vorläufer der Lehre von der Verdrängung: Schopenhauer, Nietzsche, 

Flaubert 1 . 

Zeitgenossen über die psychoanalytische Bewegung: H. G. Wells, 

Thomas Mann -g 

Aussprüche von G. Ch. Lichtenberg q 

Lichtenberg über „Kopf" und „Unterleib" n g 

Nietzsche über Geschlechtlichkeit 134 

Psychopathologie des Alltagslebens im 18. Jahrhundert: Jean Jacques 
Rousseau deutet sich eine Fehlleistung / Lawrence Sternes Tristram 

Shandy weiß von Symptomhandlungen 170 

Freud: „Fabrikation von Weltanschauungen" l8q 

Pestalozzi: Der Schneidertraum iq8 

Maurus Jökai über den Traum 108 

Ödipuskomplex: Stendhal, Baudelaire, Nietzsche . 249 

VERLAG SAN ZEIGEN 

* 



Der „ALMANACH 1926" hatte folgenden Inhalt: Freud: Die Widerstände 
gegen die Psychoanalyse / „Die Ausnahmen" /Die okkulte Bedeutung des 
Traumes — Thomas Mann: Mein Verhältnis zur Psychoanalyse — Hermann 
Hesse: Künstler und Psychoanalyse — H. R. Lenormand: Das Unbewußte 
im Drama — Frederik van Eeden über Psychoanalyse — Hanns Sachs: 
Gemeinsamer Tagtraum und Dichtung / Carl Spitteler f — Alfred Polgar: 
Der Seelensucher — Georg Groddeck: Wie ich Arzt wurde und wie ich zur 
Abneigung gegen das Wissen gekommen bin — Th. Reik: Psychoanalytische 
Strafrechtstheorie — August Stärcke: Geisteskrankheit und Gesellschaft — 
Oskar P fister: Elternfehler in der Erziehung zur Sexualität und Liebe — 
Vera Schmidt: Das psychoanalytische Kinderheim in Moskau — August 
Aichhorn: Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung — Siegfried Bern- 
feld: Bürger Machiavell ist Unterrichtsminister geworden und hält den Hof- 
räten seines Ministeriums folgende Programmrede — Stefan Zweig: Das 
Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens — Aus dem „Tagebuch eines halb- 
wüchsigen Mädchens" — S. Ferenczi: Begattung und Befruchtung — Ernest 
Jones: Kälte, Krankheit und Geburt — Karl Abraham: Über Charakter- 
analyse — Otto Rank: Drei Stunden einer Analyse — Paul Schilder: Selbst- 
beobachtung und Hypochondrie — August Kielholz: Über Erfinderwahn. 






KALENDARIUM FÜR DAS JAHR 

1927 





JANUAR 


FEBRUAR 


MÄRZ 


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Ostersonntag iy. April 
Pßngstsonntag f. Juni 






Zuhi 6. Mai 1926 



von 



Lou Andreas-Salome 

Im Rückerinnern will mir scheinen, als ob mein Leben 
der Psychoanalyse entgegengewartet hätte, seitdem ich aus 
den Kinderschuhen heraus war. Denn im darauffolgenden 
Jahrzehnt ereignete sich ein Dreierlei nacheinander, was die 
Zeitläufte dann entscheidend zusammengriffen. Erstlich das 
Zurücktreten der gealterten metaphysischen Methodik unter 
dem Vordrang des Darwinismus und kritischen Posi- 
tivismus, sodann der Eintritt Nietzsches in das Mannes- 
alter seines Schaffens, nach der vorangegangenen Schopen- 
hauer-Wagner-Periode; endlich, allmählich, den Zeitgenossen 
noch verborgen, die Geburtsstunde der Psychoanalyse in 
Wien, der ich erst gegen mein fünfzigstes Lebensjahr nahetrat. 
Die erste dieser drei Wendungen ist nicht als eine zu 
betrachten, die bloß philosophisch Interessierte anging; die 
großen metaphysischen Systeme — letztlich noch Hegel, nach 
rechts wie nach links — umfaßten, nicht nur theoretisch, 
alles ethische, soziale, ästhetische, religiöse Lebens verhalten, 
sondern bestimmten es; ihren Abbruch mitmachen konnte 

W^ ^ Jugend nicht ' ohne sich zu den neuen entgötternden 
W ^ ltG « gleichsam heroisch einzustellen, weil es eben die 
«Wahrheit galt; in einer Seelenhaltung, die überging vom 
angenehm Begeisterten zum Opferbereiten. Diese, an sich 
recht wertvolle, aber den empirischen Zweckwissenschaften 
gegenüber etwas unproportionierte Anstrengung der Seele, 
entspannte sich in dem Maße, als die Forschungsmethoden 
mer noch an Anspruch und Strenge zunahmen; denn ge- 
rade dadurch ergab sich ihnen auch zunehmend eine um so 
reinlichere, sachlichere Zweckbegrenzung, — die Einsicht 
nämlich, von der Wirklichkeit Fülle nur eine" flachgezeichnete 
uhouette bieten zu können, die nach allen Seiten lebendiger 
^rgan Zung bedürftig blieb. Bis durchgehends das befreiende 

chlagwort geprägt war: „Auch der Denktrieb ein Lebens- 
trieb. 






9 



Hiemit setzte Nietzsches mittlere Schaffensperiode ein: 
er war es, der für „Menschliches, Allzumenschliches" so- 
genannter „Wahrheit" in seinen Aphorismen jenen gewaltigen 
Ausdruck fand, der über den resignierten Seelen der Opfer- 
bereiten wie eine erste „Morgenröte" aufstieg, und alles 
Denken, ungeachtet dessen erworbener Nüchternheit, wieder 
zu einer „Fröhlichen Wissenschaft" werden ließ. Jedesmal 
hat dies als die eigentliche Gewalt seines Genius sich er- 
wiesen, dem jeweils Theoretischen zu dessen Erlebnis zu 
verhelfen, es, an der inbrünstig durchlebten Formung zum 
Wort, zu überwältigen. Diese lebenszugewendete Tendenz in 
Nietzsche Heß sich nicht allzu lange von der sachlichen Zu- 
rückhaltung der Theoreme, denen sie sich begleitend ange- 
schlossen hatte, bändigen ; aus dem überbetonten individuellen 
Lebensrecht überschlug sie sich in die grelle Grandiosität 
eines Gedankenrausches, der sich ins Übermenschentum ver- 
flog: wobei sich ihm als Basis die Evolutionstheorie unter- 
schob, — sie, die allen Übersteigerungen stets so hilflos 
willige. 

Nietzsches ganze Wegstrecke und hinein in diese letzte 
Aufgipfelung, führte ihn durch Gebiete psychischer Ent- 
deckungen offenbarendster Art, — oft möchte man davon 
sagen: psychoanalytischer Art. Die Sterilität der Schulpsycho- 
logie wurde darin überstürzt vom Reichtum eines Materials 
woran die menschliche Seele, aller Vorurteile entfesselt un- 
erhört tief, unerhört kühn, sich auszuschöpfen begann. Wer 
es miterlebte, konnte wohl spüren: hier — hier, an dieser 
Stelle gilt es, sich geistig anzusiedeln: wagemutig und ge- 
duldig; hier gilt es, statt eiligen Umldpps in erneute Theo- 
retilt, langes Verweilen zu üben unter Anleitschaft inzwischen 
errungener forscherischer Strenge. Wobei freilich sofort auch 
das Problem sich auftun mußte: wie diesem lebendigsten 
Material beikommen mit wissenschaftlich sichernden Hebeln 
und Schrauben, ohne es eben an seiner Lebendigkeit zu ver- 
letzen? Dieses Rätsel ist es, dessen Lösung Freud uns brachte. 
Was sich keinem Philosophen gelöst hätte, verriet sich dem 
Arzt, als die Durchforschung psychischer Krankheitsherde 

10 



ihm die Wünschelrute in die Hand gab, welche anzuzeigen 
versteht, was sich im Unterirdischen des Menschen verdrängt 
hält, oder was sein Widerstand nur in vieldeutigsten Ent- 
stellungen an die Oberfläche kommen läßt. Indem am Patho- 
logischen die ungreifbare Lebendigkeit gleichsam halb ent- 
seelt erscheint, mechanisiert, typisiert, gestattet sie eine Exakt- 
heit^ des Eingehens, Eindringens, in sich, die erstens thera- 
peutisch wirksam wurde, zweitens aber Erfahrungen und 
Rückschlüsse zuließ hinsichtlich der sogenannten Normalität, 
d. h. desjenigen, worin die allgemein menschlichen Analogien 
dazu sich ebenfalls eingegraben finden, nur nicht in Lapidar- 
schrift, sondern in unentzifferbarem Lettern. Insofern darf 
man sagen: Freuds Entdeckung glich dem Ei des Kolumbus 
wörtlich darin, daß er es auf die zerbrochene Spitze stellte. 
So ergab sich im Grunde von vornherein — - ob auch 
noch so unbeabsichtigt vom Schöpfer der Psychoanalyse, ja 
ihm zunächst unerwartet genug — an seiner Psychoanalyse 
eine interne Doppelrichtung, die sonst in feindlichen Strö- 
mungen gegeneinander zu verfließen pflegt: einmal die Weg- 
richtung auf Exaktheit speziellster Untersuchungen, auf Zer- 
legung noch des Zusammengehörigsten, auf Genese, Historie 
Anekdote; sodann die Zielrichtung auf das dem Bewußtsein 
nur indirekt Erfaßbare, Zugrundeliegende, Gleichartige, Wesen- 
hafte im Smne der eigentlichen psychischen Wirklichkeit In 
dieser unzerreißlichen Doppelung wurden Leben und Denken 
- trotz Unterstreichung von beider Sonderart und gerade 
durch diese — wieder geeint; weder reduziert aneinander, 
noch auch sich gegenseitig zum Größenwahn der Alleingel- 
tung steigernd. Mit anderen Worten: alles war damit auf 
praktische Analyse gestellt ; auf den Kampf des Menschen 
mit den ihm innewohnenden Verdrängtheiten und Wider- 
ständen. Mit immer wiederholtem Staunen — als erlerne 
und erführe man daran die Psychoanalyse jedesmal erstmalig 
von neuem — sieht man von einem Fall zum andern, wie 
unter dem Hochdruck der nüchternsten aller Methoden 
dieser lebendige Springquell vom Wesensgrund her zum Auf- 
trieb gelangt. Deshalb bedeutet es zweifellos eine der schwersten 



11 



Beeinträchtigungen psychoanalytischer Wirksamkeit, wenn 
Halbgegner oder Halbanhänger für eine „Beigabe von Syn- 
thetik zur Analyse glauben sorgen zu müssen durch Unter- 
mischungen mit allerhand Ethik, Religion oder Philosophie; 
sie entziehen eben damit die „synthetisch" wirksamsten Ele- 
mente derjenigen Betätigung, die im natürlichen Genesungs- 
vorgang sich neu organisiert. Gilt dieser Vorgang doch nicht, 
wie irgendeine Wunderkur, nur für den sogenannten „Kran- 
ken , d. h. den, dessen stockende oder aber hemmungslose 
Funktionierung ihn an den Realitätsansprüchen scheitern ließ, 
sondern für jeden, der sich, aus Berufs- oder anderen Gründen, 
einer Analyse unterzog, und nicht zum wenigsten für den 
Analytiker selbst, den Freud von jeher daran mahnte, daß 
man mit niemandem weiter gelange, als man mit sich ge- 
kommen sei. 

Dieses gleiche Schicksal der Seele ergibt für die zwei, 
an einer Analyse Beteiligten, eine Gemeinsamkeit einziger 
Art, die weder mit individuellen Bezogenheiten zu verwechseln 
ist, noch mit irgendwelcher Weichheit, wie sie etwa beim 
Helfer der Teilnahme, beim Analysanden dem Hilfsverlangen 
entspräche. Sie reicht also über jene „Übertragungsphänomene" 
noch hinaus, die außeranalytisch sich ebenso ereignen können 
oder aber an denen die Affektvergangenheit des Analysanden 
sich am Analytiker zu wiederholen und zu lösen hat. Ich 
meine hier die Gemeinsamkeit des Erlebnisses selber auf dem 
sonst unbetretbaren Boden des Unbewußten; nicht die bloße 
Tatsache der gleichen psychischen Wesenhaftigkeit, sondern 
daß sie einem Menschen dort als gemeinschaftliches Erlebnis 
aufgeht ( — etwa wie wenn einem Körper die chemische 
Chiffre der Körpergleichheit zu einem erfühlten Ereignis 
würde — ). Das beiderseitige Niedersteigen in vielfaches 
Grauen, das beiderseitige Innewerden vom Einssein noch des 
Entwertetsten mit dem Wertvollsten in uns, das Abfallen von 
Kleinmut wie von Hochmut, vor einer letzten Unschuld und 
Verbundenheit des Seins Aller: das ist hier und nur hier 
erlebbar. Und wird zu etwas gleich einer Einkehr — nur 
anders gewendeter und verwendeter — in die fernst ent- 



12 



sunkene Kindheitsregion: die therapeutisch ja zur Lösung 
infantiler Fixierungen aufgespürt werden mußte. Nur daß 
damit „Kindheit" neu kenntlich wird als der dauernde Ur- 
grund auch des Auf baus unserer Vollendung. Ist das Kindes- 
wesen durch seine Unreife noch von nichts klar abgehoben, 
sich ein wenig noch für alles nehmend, und alles für sich,' 
so kehren wir reif erst heim zu uns selbst, wo an den voll- 
zogenen Erfahrungen eines Lebens, solche Ganzheit uns 
wieder aufnimmt. Ich möchte davon beileibe nicht in Trak- 
tätchenton reden und möchte doch an dieser Stelle den Mut 
finden dürfen zu Goethes stammelnd umschreibendem Wort: 
„Wir heißen's fromm sein." 

Damit komme ich auf die Veranlassung zu diesen Aus- 
führungen. Hier war jeder geladen, mitzuteilen, ob und worin 
Freuds Psychoanalyse wichtig geworden sei seinem Lebens- 
werk. Ich möchte hier ergänzend von dem Anonymen ge- 
redet haben, was nicht bloß Spezialwerken wichtig wurde 
Solche Werke, also vorwiegend künstlerischer oder wissen- 
schaftlicher Produktion, stellen selber schon Spezialabfuhren 
und Ermöglichungen der Lebensbewältigung dar, - trotz 
aller sich gerade an ihnen ergebender Komplikationen, die 
so zahlreiche Geistesarbeiter neurotisch erscheinen lassen; es 
bleiben dennoch Daseinsentlastungen, Daseinsentzückungen 
intensivster Art, die dem nicht so gerichteten Menschen ab- 
gehen. Im Grunde hat nur er, der Mensch der Anonymität, 
das Dasein m nacktester Tatsächlichkeit auszuhalten, nur er 
hat ganz standzuhalten der Gefahr, sich zu verflachen, zu 
banalisieren, um sich das zu erleichtern. Die Psychoanalyse - 
und sollte nicht eben dies ihr Kostbarstes sein? - reicht 
allem bis dorthin: bis in die Not und Wichtigkeit eines 
jeden. Bis dorthin, wohin sonst nur wahnhaft religiöser oder 
mystischer Hilfstraum sich erstreckte. Dem Schöpfer der 
Psychoanalyse hat zwar wahrlich keine Konkurrenz damit 
vorgeschwebt! Was er schuf, war das voraussetzungslose Er- 
gebnis des Genius äußersten Mutes, letzter Ehrlichkeit • was 
wir heute feiern, ist diese Großtat. Wir feiern damit 'diese 
unbeeinflußbare Nüchternheit der Einstellung, die dafür 



ts 



keinerlei Kampf scheute. Und wünschen ihr und uns jeden 
Kampf auch in Zukunft: Kampf mit Widersachern und Wider- 
ständen, Kampf auch mit jedem Widersacher in uns selbst, 
daß er nicht irgendeine vorbehaltliche Besonderheit dagegen 
ausspiele! Aber im Wesen der Psychoanalyse Hegt es, daß 
sie eines Zweierlei bedarf: tiefster, intimster Einfühlung, und 
kältester Anwendung des Verstandes, — darin gleichsam 
beiden Geschlechtern im Menschen gerecht werdend. So 
betont sich vielleicht mir, als Frau, das Positive am mensch- 
lichen Ergebnis (noch jenseits des rein Therapeutischen dran), 
besonders dankesstark — . Sei immerhin Kampf die Losung; 
Kampf für und für, — heißer noch macht es, sich zu 
versenken, zu versetzen in das durch ihn Errungene von 
Mensch zu Mensch. Und somit verteilt sich unser Verhalten 
dazu ganz unwillkürlich nach den Geschlechtern. Denn Männer 
raufen. Frauen danken. 



PSYCHOANALYTISCHES LESEBUCH 

Vorläufer der Lehre von der Verdrängung 

Schopenhauer: 

. . . Wenn man sich erinnert, wie ungern wir an Dinge denken, welche 
unser Interesse, unsern Stolz oder unsere Wünsche stark verletzen, wie 
schwer wir uns entschließen, dergleichen dem eigenen Intellekt zu genauer 
und ernster Untersuchung vorzulegen, wie leicht wir dagegen unbewußt 
davon wieder abspringen oder abschleichen . . . In jenem Widerstreben des 
Willens, das ihm Widrige in die Beleuchtung der Intellektes kommen zu lassen, 
liegt die Stelle, an welcher der Wahnsinn auf den Geist einbrechen kann. 

. . . Werden dem Intellekt gewisse Vorfälle oder Umschläge völlig 
unterschlagen, weil der Wille ihren Anblick nicht ertragen kann; wird 
aldann, des notwendigen Zusammenhangs wegen, die dadurch entstandene 
Lücke beliebig ausgefüllt; — so ist der Wahnsinn da. 

. . . Dem Wahnsinnigen ist in seinem Leben etwas aufgestoßen, das 
ihm unerträglich fallt und das vergessen werden muß, wenn er bestehen 
soll. Etwas absolut aus dem Bewußtsein fortzuschaffen ist aber nur dadurch 



14 



möglich, daß etwas anderes an seine Stelle tritt und dies ist der Wahn, 
sei er bleibend, sei er wechselnd. Die beobachtenden Ärzte scheinen aber 
immer nur bei dem sich vorfindenden Wahn stehn geblieben zu sein und 
nicht bemerkt zu haben, daß dieser Wahn nur da ist, um etwas anderes 
zu verdrängen und nicht aufkommen zu lassen. 

Nietzsche: 

Vergeßlichkeit ist keine bloße vis inertiae, wie die Oberflächlichen glauben, 
sie ist vielmehr ein aktives, im strengsten Sinne positives Hemmungsver- 
mögen, dem es zuzuschreiben ist, daß was nur von uns erlebt, erfahren, 
in uns hineingenommen wird, uns im Zustande der Verdauung (man dürfte 
ihn „Einverseelung" nennen) ebensowenig ins Bewußtsein tritt, als der 
ganze tausendfältige Prozeß, mit dem sich unsere leibliche Ernährung, 
die sogenannte „Einverleibung" abspielt. Die Türen und Fenster des Be- 
wußtseins zeitweilig schließen; von dem Lärm und Kampf, mit dem unsre 
Unterwelt von dienstbaren Organen für und gegen einander arbeitet, un- 
behelligt bleiben; ein wenig Stille, ein wenig tabula rasa des Bewußtseins, 
damit wieder Platz wird für Neues, vor allem für die vornehmeren Funk- 
tionen und Funktionäre, für Regieren, Voraussehen, Vorausbestimmen 
(denn unser Organismus ist oligarchisch eingerichtet) — das ist der Nutzen, 
der, wie gesagt, aktiven Vergeßlichkeit einer Türwärterin, gleichsam einer 
Aufrechterhalterin der seelischen Ordnung, der Ruhe, der Etikette; womit 
sofort abzusehen ist, inwiefern es kein Glück, keine Heiterkeit, keine Hoffnung, 
keinen Stolz, keine Gegenwart geben könnte ohne Vergeßlichkeit. Der Mensch, 
in dem dieser Hemmungsapparat beschädigt wird und aussetzt, ist einem 
Dyspeptiker zu vergleichen (und nicht nur zu vergleichen) — er wird mit 
Nichts ,Jertig". (Aus der „Genealogie der Moral".) 

* 

Das habe ich getan, sagt mein „Gedächtnis". Das kann ich nicht 
getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich — gibt das 
Gedächtnis nach. (Aus „Jenseits von Gut und Böse".) 



Flaubert: 
. . . Vergißt man übrigens etwas? Geht irgend etwas vorüber, was 
es auch sei? Selbst die leichtesten Naturen wären, wenn sie einen Moment 
nachdenken könnten, erstaunt, wieviel sie aus ihrer Vergangenheit bewahrt 
haben; es gibt überall unterirdische Konstruktionen; es ist nur eine Frage 
der Oberfläche und der Tiefe. Sondiere und du wirst finden. 

(Aus einem Briefe vom Juli 1850.) 






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Zum siebzigsten Geburtstag 
Sigmund Freuds 

Von den Äußerungen zum jo. Geburtstage Sigmund Freuds geben wir 
drei hier wieder, den Artikel von Prof. Dr. Ernst Bleuler (veröffentlicht 
in der „Neuen Zürcher Zeitung" vom 6. Mai 1926), den von Stefan Zweig 
(in der „Neuen Freien Presse", Wien, vom selben Tage) und die Rede von 
Alfred Döblin in der am gleichen Tage stattgefundenen Feier der 
„Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft" zu Berlin. 



„Nach innen geht der geheimnisvolle Weg." Ein Jahr- 
hundert ist's, seitdem die Romantiker zum erstenmal mit 
diesen Worten verkündeten, was alle großen Dichter von je 
erfühlt haben. Etwa ein Menschenalter später, am 6. Mai 1856, 
kam der Mann zur Welt, der nicht als Dichter, sondern als 
Wissenschaftler, aber doch mit Intuition und künstlerischer 
Gestaltungskraft begabt, jenen Weg nicht bloß ahnend streifte, 
sondern ihn stet und zäh, spähenden Blickes verfolgte und 
endlich erschloß. Und zwar war er dazu auch mit wissen- 
schaftlichen Hilfsmitteln ausgerüstet, die er sich, was vielleicht 
zu wenig betont wird, zuerst in ernsten Forschungen langer 
Jahre erarbeitet hatte. So tief war der mittellose junge Mann 
in physiologische und anatomische Studien versunken, daß 
sein Lehrer Brücke, wohl ungern genug, ihn erst zu der 
Erkenntnis wecken mußte, daß dieser Weg ihn zwar zu 
Einsichten, aber kaum je zu Aussichten auf Broterwerb führen 
dürfte. Da verzichtete Freud darauf, die Opfer, die sein Vater 
dem begabten Sohne bis dahin großherzig gewährt hatte, 
noch weiter anzunehmen. 

Der Name Sigmund Freud hei mir zum erstenmal auf 
im Jahre^i8oi, als er eine Broschüre „Zur Auffassung der 
Aphasien" (d. h. der durch Herderkrankungen im Gehirn ver- 
ursachten Sprachstörungen) herausgab. Die Aphasielehre war 
damals in einem Schema verknöchert, das den neuern Be- 
obachtungen nicht entsprach. Die eigenartige Auffassung des 
Autors schien mir ein genialer Wurf, und ich fand mich 

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w 






veranlaßt, eine Ausrede zu benutzen, um in dem gelesensten 
Referatenblatt auf diesen Fund hinweisen zu können — aller- 
dings nicht mit großem Erfolg. Eilte doch Freud mit seinen 
Ideen den Fachgenossen um zehn Jahre voraus; ungefähr 
solange brauchten sie nämlich, um einzusehen, daß er recht 
hatte. Dann sah ich Arbeiten über anatomische Erkrankungen 
des Zentralnervensystems, die von einer seltenen Beherrschung 
des Stoffes zeugten. Die Gelegenheit, gleich nach dem Staats- 
examen schon berühmt zu werden, hatte Freud unbenutzt 
gelassen: mit einer aussichtsreichen Arbeit über Kokain be- 
schäftigt, zeigte sich ihm die Möglichkeit, seine weitentfernte 
Braut zu besuchen, und da reiste er zu der Langentbehrten, 
seinem Kollegen den Einfall überlassend, die Koka in der 
Augenheilkunde zu benutzen, eine Idee, die bald zu der Ein- 
führung der lokalen Schmerzlosigkeit bei chirurgischen Ope- 
rationen überhaupt führte. Wir dürfen aber in diesem Fall 
dem Eingreifen Gott Amors dankbar sein, wäre doch der 
Entdecker einer so wichtigen Sache nachher kaum noch ins 
Gebiet der Nervenkrankheiten hinübergeraten. Unter Nerven- 
krankheiten aber verstand Freud damals die greifbaren Zer- 
störungen im Zentralnervensystem, worin er sich so gut aus- 
kannte, daß er eine Zeitlang besondere Kurse improvisieren 
mußte für Ärzte, die aus Amerika extra nach Wien kamen, 
um sich von ihm instruieren zu lassen. Da zeigte sich, daß 
er nicht Phantast war, wie man ihm nachmals vorzuwerfen 
beliebte, einer, der willkürlich ins Blaue hinein konstruiert, 
sondern ein ganz exakter Wissenschaftler, der von bestimmten 
äußeren Anzeichen unerbittlich zu den inneren Ursachen 
vorzudringen und einen Krankheitsherd im verlängerten 
Marke auf ein paar Millimeter genau zu lokalisieren wußte. 
Erst beim Altmeister der Neurologie in Paris, Charcot, sah 
er die Hysterie, die Hypnose und Suggestion, wenn auch in 
einer etwas eigentümlichen Beleuchtung. Seine neuen Kenntnisse 
wollte Freud nach der Rückkehr von Paris der Wiener 
Gesellschaft der Ärzte übermitteln, stieß aber nur auf Ab- 
weisung. Damals zum erstenmal sagte man ihm ins Gesicht, 
e r schwatze Unsinn. Er erzählte nämlich davon, Hysterien 



1 7 



bei Männern gesehen zu haben, und weil das Wort Hysterie 
im Griechischen mit der Gebärmutter zu tun hat, durfte es 
für die Kollegen keine männliche Hysterie geben. 

So wurde der junge Privatdozent gezwungen, seine eigenen 
Wege zu gehen, und das tat er mit der Sicherheit des zu- 
künftigen Bahnbrechers. Als Bernheim in Nancy endlich die 
zwanzig Jahre früher von Liebault genauer erforschte Hypnose 
in seiner Praxis benutzte und die Macht der Suggestion 
demonstrierte, ging Freud die Sache an der Quelle studieren. 
Und darauf begann er eine Praxis „für Nervöse". Da ver- 
nahm er durch den angesehenen Arzt Breuer von einer 
merkwürdigen Kur bei einer hysterisch schwer Kranken, die 
in der Hypnose von Erlebnissen erzählen konnte, die mit 
dem Ursprung ihrer schweren Leiden zusammenhingen, von 
denen sie aber im Wachen nichts wußte, und die dann da- 
durch nach und nach von den verschiedenen Krankheits- 
erscheinungen befreit wurde. Nun versuchte Freud die nämliche 
Methode mit unerwartetem Erfolg bei andern Kranken und 
stieß dabei in allen Fällen auf einen Zusammenhang der 
Krankheit mit sexuellen Schwierigkeiten der Patienten. Da 
nicht jeder Patient gleich zu hypnotisieren war, ließ Freud 
die Hypnose fallen und suchte andere Wege, dem Unbewußten 
nahe zu kommen. So bildete er nach und nach seine bekannte 
psychanalytische Technik aus. 

Erst in letzter Stunde auf die Bedeutung des Tages auf- 
merksam gemacht, kann ich hier der Größe der Freudschen 
Leistung unmöglich gerecht werden; ich kann nur einiges 
vom Wesentlichen hervorheben, so die Herausarbeitung der 
unbewußten Mechanismen, aus denen die Nervenkrank- 
heiten hervorgehen und die bei vielen Geisteskranken das 
äußere Bild gestalten, Mechanismen, die aber auch im Geistes- 
leben des Gesunden unendlich wirksamer und zielbestimmender 
sind, als man geahnt hatte. In seiner „Psychopathologie des 
Alltagslebens" bringt Freud dafür eine Fülle unterhaltender Bei- 
spiele, in denen er beim Gesunden die tiefer liegenden Ursachen 
des Versehens, Versprechens und anderer oft so geringfügig 
scheinender Abweichungen vom Gewohnten aufzeigt. Wer 

18 






^ 



das Unbewußte verwirft oder nicht versteht, ist unfähig zum 
Verständnis der Neurosen, es sei denn, daß er die unbewußten 
Vorgänge doch in Rechnung zieht, aber als „bewußt" be- 
zeichnet, wie es Einzelnen beliebt. 

Am meisten griff man Freud an wegen seiner Stellung 
zur Sexualität, denn diese fand er nicht nur an der Wurzel 
seiner Nervenkrankheiten, sondern er wies sie in voller 
Wirksamkeit nach schon beim kleinen Kinde, dessen erotische 
Einstellung bestimmend sei für die Nervenkrankheiten und 
das allgemeine Verhalten des späteren Erwachsenen. Die 
heiligsten Gefühle, hieß es, ziehe er in den Kot, taste sogar 
die beliebte „Reinheit und Unschuld" der Kinder an. Letztere 
scheint mir eine der dümmsten Vorstellungen, die es in der 
Psychologie gibt. Wissen denn diese Leute nicht, wie lebendig 
einst ihre sexuelle Neugierde und viele andere sexuellen 
Strebungen und Gefühle sich bemerkbar machten, wenigstens 
zu der Zeit, die sie in die Elementarschule gingen? Und 
blieben sie weiter so blind, da sie ihre eigenen Kinder er- 
zogen? Und daß man hinter den gewöhnlichen Neurosen 
regelmäßig Zusammenhänge mit der Sexualität findet, ist eben 
eine Tatsache, gerade so gut, wie diese bei vielen Geistes- 
krankheiten das äußere Krankheitsbild gestaltet, wenn auch 
meines Erachtens nicht die Ursache derselben liefert. Und 
was für entartete Nichtsnutze müßten dann die Dichter sein, 
die uns immer wieder den Primat der Liebe, gerade auch 
der schon im Kindesalter auftauchenden, über alle andern 
Triebe vor Augen stellen? Und wie dumm wären erst noch 
die Leser, die diese durch Jahrtausende wiederholte Fiktion 
noch immer nicht ablehnen! 

Besonderes Entsetzen hat Freuds Entdeckung einer unserer 
bewußten Erkenntnis bisher gänzlich fremden Tatsache erregt : 
des sogenannten „Ödipus- Komplexes", d. h. einer Art bereits 
sexuell gefärbter Liebe des Kleinkindes zum andersgeschlech- 
tigen Elter und entsprechender eifersüchtiger Regungen dem 
gleichgeschlechtigen Elter gegenüber. Wer aber Augen hat 
zu sehen und Ohren zu hören, kann diese Erscheinung in 
Gesundheit und Krankheit an kleinen Kindern wie Er- 



*9 






wachsenen beliebig oft konstatieren, ganz abgesehen von den 
sehr deutlichen Fingerzeigen in unzähligen Märchen und 
Sagen. Wir haben uns nur vor den Tatsachen zu beugen. 

Es kann ferner bei jedem Gesunden festgestellt werden, 
wie leicht gerade Vorstellungen und Strebungen sexueUer 
Natur in Konflikt geraten mit andern Tendenzen, z. B. denen 
der Moral und Konvention. Häufig ist es dann das sexuelle 
Streben, das zurücktreten muß. Es ist aber zu tief in der 
Natur verwurzelt, als daß es ganz unterdrückt werden könnte. 
So wird es nur „ins Unbewußte verdrängt", und setzt sich 
von da aus oft in Krankheitssymptome um, ein Vorgang, den 
wir nicht nur bei den Neurosen, sondern ganz besonders 
klar auch bei vielen Formen von Geisteskrankheiten sehen. 
Dadurch, daß er den so wichtigen Begriff der Verdrängung 
herausarbeitete, hat Freud die Psychopathologie wesentlich 
bereichert. 

Die „Traumdeutung" ist zu bekannt, als daß hier viele 
Worte darüber zu verlieren wären. Es sei nur bemerkt, daß 
sie durchaus nicht das willkürlich phantastische Gebilde ist, 
als das sie auch jetzt noch oft bezeichnet wird. Viele der 
„Deutungen" lassen sich objektiv ganz sicher erhärten; man 
kann höchstens fragen, ob alle Traumerscheinungen bloß auf 
den Freudschen Mechanismen entstehen, oder ob noch andere 
Wege zu unseren Schlafvorstellungen führen, wie ich zu 
glauben geneigt bin, obschon ich es nicht beweisen kann, 
während gerade das Vorkommen Freudscher Mechanismen 
bewiesen ist. Immerhin habe ich erlebt, daß ein Psychanalytiker 
(nicht aber Freud selbst) aus meinen Träumen seine eigenen 
Komplexe statt der meinigen heraus las. 

Freuds Bedeutung ist für den schwer zu ermessen der 
es nicht vor Freud versucht hat, Psychologie, d. h. Wissen- 
schaft von der ganzen Psyche zu treiben. Die 'Unmöglichkeit, 
in die Tiefe der Seele zu dringen, war so groß, daß die 
Meisten gar nicht bemerkten, wie unter der Oberfläche, die 
sie studierten, erst die wichtigsten Triebkräfte verborgen lagen. 
Die Erforschung des Unbewußten in seiner ganzen Bedeutung, 
der Begriff der Verdrängung mit allen ihren Folgen in Gesundheit 



20 






und Krankheit, die Art des Denkens im Unbewußten und 
im Traum mit seiner Symbolik, seiner Ersetzung logischer 
Konsequenzen durch affektive Bedürfnisse, die Herausstellung 
des elementaren "Wirkens der Sexualität auf die übrige Psyche : 
all das sind Errungenschaften, welche die wissenschaftliche 
Psychologie, soweit sie nicht psychologische Physiologie ist, 
auf neue Grundlagen stellen. Wir verstehen nun auf einmal 
eine Menge vorher dunkler Reaktionen des Gesunden in ihrem 
Wechsel, wie in ihrem Beharren, in ihren scheinbaren Wider- 
sprüchen, ihren kleinen und großen Verfehlungen; wir haben 
einen tiefen Einblick in die Entstehung der Nervenkrankheiten, 
in die Symptome der Geisteskrankheiten gewonnen, können 
auf beiden Gebieten viel leichter heilend und bessernd ein- 
greifen; auch die Pädagogik fängt an, psychanalytische Er- 
kenntnisse in der Erziehung zu verwerten; auf einmal ver- 
stehen wir ganz große Abschnitte der Mythologien, der Denkart 
früherer Zeiten, des Aberglaubens und noch vieles andere. 

Freud hat in sein Lehrgebäude eine Menge geistreicher 
Konstruktionen eingeführt, die hier nicht erwähnt werden 
können und mir auch nicht so wichtig erscheinen. Der 
Meister selber aber legt auf alles Gewicht, ja er betrachtet 
auch solche Einzelheiten als notwendige Bestandteile im Funda- 
ment seines Gebäudes, und er kann diejenigen, die ihm, wie 
ich, nicht überall hin folgen, gar nicht als seine Schüler 
ansehen. So drückt sich das Künstlerische seiner Anlage nicht 
bloß darin aus, daß eben die Psychanalyse eine wirkliche 
Kunst ist, sondern auch darin, daß er den Wert seines Werkes 
gefährdet sieht, wenn auch nur ein Steinchen davon heraus- 
genommen wird, gerade wie einem Maler ein für uns un- 
bedeutender Pinselstrich für den Gesamteindruck unerläßlich 
erscheint. Aus all dem Angeführten, das ja nur das leichtest 
Faßbare in Freuds Schöpfungen herausgriff, sollte doch sichtbar 
werden, daß auch ich ihm so gut wie alle andern, denen 
die Kenntnis des Menschen und seiner Seele am Herzen 
Hegt, den höchsten Dank schulde. 

Vor einem Vierteljahrhundert stand der Forscher noch 
allein der ganzen gebildeten Welt gegenüber, und auch jetzt 



21 



noch gibt es Leute, die ihn bekämpfen, herabsetzen und 
verhöhnen. Ihre Zahl wird aber von Jahr zu Jahr kleiner, 
und nicht nur die schöne Literatur hat Freuds Ideen auf- 
gegriffen, ihrem Einfluß kann sich kein Gebildeter mehr 
entziehen. In jener Wissenschaft zumal, deren Literatur ich 
überschaue, der Psychiatrie und Neurologie, macht sich sein 
Wirken auf Schritt und Tritt bemerkbar. Es ist geradezu 
amüsant zu sehen, wie auch jene, die immer noch sich den 
Anschein geben, von Freud nichts wissen zu wollen, dennoch, 
offenbar ohne sich dessen bewußt zu sein, auf seine Gedanken 
bauen. Immer wieder müssen die Werke Freuds, auch die, 
welche nach seinem eigenen Urteil überholt sind, neu auf- 
gelegt werden. Ein Teil von ihnen ist in sieben Sprachen 
übersetzt. Als ein besonders deutliches Zeichen der Festigkeit 
des Freudschen Gebäudes betrachte ich es, daß ihm nicht 
einmal die Scharen seiner Nachbeter etwas anzuhaben ver- 
mochten, der allzuvielen, die kritiklos seine Worte nachsprechen, 
aber gar nicht fähig sind, die Größe des Ganzen zu über- 
sehen, und deren Eifer nur dazu dient, die Freudschen Ideen 
ins Absurde zu führen — wenn das eben möglich wäre. 

Eine Zeit wird kommen, da man von einer Psychologie 
vor Freud und einer solchen nach Freud wird sprechen müssen. 
Das Wort „Seele", abgeleitet von „See", erinnert uns immer 
noch an das Spiel auf- und abgehenden Wassers. Vor Freud 
segelten die Schiffe der Psychologen fröhlich darüber hinweg; 
er aber, der „Tief seelforscher" tauchte hinab und begehrte 
zu schauen, was sich da unten verhehle, dem Grauen trotzend, 
womit es bisher zugedeckt worden war. 

E. Bleuler 
II 

Der Mann, dessen festlichen Tag wir heute ehrfürchtig 
begehen, er ist einer der seltenen unserer unzulänglichen Zeit, 
dem die Gnade des schöpferischen Gedankens gegeben war. 
Gedanken sind überall, doch fast immer ohne Fruchtbarkeit: 
eine große Stadt, ein Land, schüttet es nicht millionenfach 
in jeder Stunde Ideen, Meinungen, Ansichten wahllos aus 



22 



IT 



seinen labyrinthisch gedrängten Gehirnen, die Bücher, die 
Broschüren, reden sie nicht Myriaden Worte allstündlich zu 
uns? Aber alles dies schwemmt die nächste Stunde, die 
Sekunde meist schon, in die Gosse der Vergessenheit. Zwischen 
diesen unzählbaren Atomen jedoch, diesen totgeborenen Worten 
und Meinungen entstehen manchmal — selten freilich, so 
selten wie das Geniale auf Erden erscheint — in einer ein- 
zelnen geistigen Gehirnzelle ein paar Gedanken, die dauerhaft 
sind, und durch diese Dauer keimkräftig geistige Gebilde, an 
die sich andere unselbständigere Ideen anranken, wie Efeu 
an den tiefgeschichteten Stamm, Ideen, die selbst wieder 
Ideen zeugen, Ahnherren neuer, geistiger Geschlechter, die 
hinausreichen über unseren eigenen Atemzug. Solche Ideen 
und nur solche verändern heimlich (erst die nächste wird 
es dankbar gewahr) die Mentalität einer Epoche, sie geben 
ihr Stempel und Zeugnis aufsteigender Verwandlung. Und 
dieser Stempel ist allemal in eines Einzigen oder in der 

Wenigen Hand. 

Solche schöpferische, keimwirkende Gedanken entgehen 
dem Falsch und dem Richtig, die Diskussion kann sie nicht 
erreichen, denn das Schöpferische ist immerdar richtig. Sie 
wirken ebenso, indem sie Begeisterung, wie dadurch, daD 
sie Widerspruch erzeugen. Sie hemmen den Stillstand des 
Denkens, sie durchbrechen den erstickenden Kreis, in den 
sonst jede Generation unweigerlich geriete, indem sie über 
sich selbst hinausdeuten, Tangente zur Unendlichkeit. Nur 
wer geistige Bewegung schafft, dient im Letzten der Mission 
der Menschheit; weithin über Wahrheit und Irrtum, diesen 
unsicheren, nie völlig faßbaren Phantomen, dient er ihrem 
höchsten Sinn. 

So sind auch die Gedanken, die kühnen und oftmals 
genialen Deutungen, mit denen Sigmund Freud unsere Gegen- 
wart beschenkt und herausgefordert hat, als Tat nicht mehr 
^ bestreiten und zu widerlegen. Sie sind lebendig und 
haben Leben gezeugt. Weit über Deutschland, über Europa, 
über unseren Kontinent hinaus gibt es kein psychologisches 
Denken mehr ohne oder gegen sie. Sie sind wie Bazillen 



23 



eingedrungen in alle Organismen der geistigen Welt: all- 
überall, in Dichtung, in Philosophie, in der Ethik, ja selbst 
in der Form gewöhnlichen Umganges und der Beziehung 
der Geschlechter ist ihre Spur deutlich zu erkennen. Der 
Sprache haben sie Jonen zeugenden Trieb eingesenkt, Worte, 
wie „Hemmungen", „Verdrängungen", „Vorlust", von ihm 
aus dem selbstgehobenen Metall der Begriffe herausgehämmert, 
gehen heute lässig und selbstverständlich, ihres Schöpfers längst 
unkund, von Mund zu Mund. Seine Analysen haben nicht 
seine Wissenschaft, die Medizin, allein, sondern ebenso die 
nachbarlichen, Psychologie, Pädagogik, Philosophie, also alle 
Materien des Geistes, mächtig beeinflußt, Seelenkunde darum 
im eigentlichsten Sinn, aber weit darüber hinaus haben sie 
auch die Methoden der Forschung und Erziehung geheimnis- 
voll mitverwandelt. Und sogar die ihn befeinden, stehen ihm 
gegenüber auf einem von ihm selbst gerodeten Terrain, in 
einem Reiche, das seine heroische Energie erst urbar und 
geistig wohnbar gemacht; sie werden darum seinen Namen 
tragen, diese Kämpfe, und nicht die seiner Gegner im Ge- 
dächtnis der Menschheit. Nur der neue Gedanke, nicht seine 
Widerlegung geht über die Zeit. 

Diese neuartigen Ideen, die Sigmund Freud zu Begriffen 
gestaltet, waren keine Zufallseinfälle, nicht plötzlich auf- 
geblitzte Erhellungen ohne ursächliche Gebundenheit: organisch, 
kristallinisch sind sie aneinander-, auseinandergewachsen und 
bilden heute, kausal und logisch geordnet, eine eigene Lehre 
eine Methode, ja eine Wissenschaft für sich, deren Wachs- 
tum noch lange nicht erschöpft ist. In ihrem Zentrum steht 
die beherrschende Erkenntnis des Unbewußten als einer tätigen 
Kraft — der Königsgedanke Freuds, unverlierbar nun für 
alle Psychologie. Vor ihm hatte sich die Seelenkunde auf 
das Faßbare, das Sichtbare, das bewußt oder vom Experiment 
(Hypnose) hevorgelockte Sinnenfällige beschränkt, den nicht 
greifbaren Rückstand aber einfach schwarz, dunkel, rätselhaft 
gelassen — das Nichts, das Unbekannte, Unerkennbare, die 
Terra incognita der alten Landkarten. Was im Bewußtsein 
nicht deutlich war, galt ihr einfach als nicht vorhanden. Freud 



24 



nun hat die wirkende Gegenwart der unbewußten Seelen- 
kräfte auf unser Handeln und Denken zum erstenmal postuliert: 
in uns wogen und drängen Begierden und Verlangen, Ideen 
und Süchte, die wir aus sozialen, aus konventionellen Gründen 
nicht ins wache Bewußtsein lassen wollen, die wir vorsichtig 
abdrängen oder gewaltsam abreagieren. Aber mit diesem 
Wegstoßen haben wir sie nicht abgetan, nicht erledigt, sie 
drängt diese triebhafte, zügellose, diese dionysische Rotte 
immer gegen unser zivilisiertes Dasein vor. Unfaßbar ver- 
wandelt sie sich heimtückisch in fremde Formen, spielt von 
hinterrücks vorgreifend verantwortungsloses Spiel, sie drückt 
mit ihren gespenstischen Schatten auf unsere selbst uns über- 
raschenden Entschließungen und ihre Enthüllung erst klärt 
auf über unsere eigentlichste Wesenheit. Diese Enträtselung 
hat Freud zunächst durch die Traumdeutung angestrebt — 
der Traum, die „via regia' zum Unbewußten unterliegt nicht 
dermaßen der sittlichen Zensur, er schwätzt verräterisch aus, 
was die Lippen verbeißen, was selbst die Gedanken ver- 
schreckt nicht zu denken wagen. Andere Deutsamkeiten geben 
das Versprechen und Verschreiben, das durchaus nicht zu- 
fällige, sondern wo plötzlich wie ein Blitz durch das Gewölk 
der Triebwille die vorgeschobenen Worte durchstößt. Oder 
die Urerlebnisse der Kindheit, ganz überwachsen von den 
Jahren, rühren sich manchmal wie vulkanischer Grund; wer 
sich erinnert, weiß sein eigenstes Sein — auf hundert Wegen 
drängt die Freudsche Methode (ich wähle nur ein paar Bei- 
spiele) durch Deutung des Verhüllten und Symbolischen an 
das Unbewußte heran, scheinbar um es zu entgeheimnissen, 
in Wahrheit aber, um unser Seelenleben erst in seiner ganzen 
dämonischen Mystik uns zu offenbaren. Denn nun erst fühlen 
wir, daß all das, was wir Kultur, Erziehung, Zivilisation 
nennen und mit dem wir eins zu sein meinen, nur so dünn 
um uns hängt wie unsere Kleider um unsere Nacktheit, daß 
hinter diesem wachen bewußten Wollen aber ein tiefgewaltigeres 
Wollen unseres Ur-Ichs, unseres instinkthaften wahrsten Wesens 
waltet, vulkanisch manchmal ausbrechend in den kritischen 
Entscheidungen unseres Lebens. Eben dadurch, daß Freu 



25 






den oberen Rand unseres seelischen Abgrundes erhellte, hat 
er uns seine ganze Tiefe erst ahnen lassen, und der als 
Mediziner ausging, die Gebreste der Seele zu heilen, die 
Mechanik der Triebe zu zerlegen, er hat, ohne es zu wollen 
eigentlich, als wahrer Mystagog die ungeheure schicksalshafte 
Gebundenheit unseres Ichs an alle Mächte des Blutes und 
des Schisksals gezeigt. 

Wie neu diese uns heute selbstverständliche Erkenntnis 
vom tätigen Unterbewußtsein, wie scharf dieser Scheidestrich 
gegen alles Vergangene der Seelenkunde war, wir können 
(ich sagte es schon) kaum mehr ausmessen, denn zuviel 
dieser Lehre ist schon als selbstverständlich in die Adern 
unserer Zeit eingeflossen. Aber man versuche doch einmal, 
ein Lehrbuch der Psychologie von damals, ein zwanzig Jahre 
altes, eines vor Freuds Entdeckungen, zu lesen — es wirkt 
so lächerlich veraltet wie ein Physikbuch vor der Kenntnis der 
Elektrizität. Und das beste Zeugnis, der tragischerweise noch 
immer gültigste Beweis für die Neuheit eines Gedankens 
ist ja der Widerstand, dem er zunächst in seiner Epoche 
begegnet. Alle Mächte hat Freud mit seinen Lehren geg en 
sich herausgefordert — die Medizin, indem er die Seelen- 
heilung nicht auf das klinische Diplom beschränkte und in 
die geheiligte Wissenschaft so dubiose Elemente wie den 
Traum gleichsam aus dem Altweiberhaus brachte — die 
Pädagogik, indem er kühn die Sexualität, die unbewußte 
bis in das früheste Kindesalter zurückschob — die Künstler 

indem er logisch unbarmherzig in ihre Sphäre griff 

die Gesellschaft, indem er zeigte, daß selbst im gehüteten 

Schoß der kultivierten Großstadtfamffie die Instinkte, die 

blutmächtigen der Urmenschen, immer wieder hervor- 
brechen aus der sorgsam ummauerten Hürde — die ganze 
Sittlichkeit, indem er mit einer noch nie dagewesenen Freiheit 
die Urmacht der Triebe bloßstellte. Zwanzig, dreißig Jahre 
lang hat man diesen großen Mann (und am meisten in seiner 
Heimat) verlacht, verhöhnt, verspottet, ja noch heute erkennt 
die Universität seine Wissenschaft nicht an, noch heute ist 
der Psychoanalyse ein Lehrstuhl, selbst eine Dozentur ver- 

26 



weigert. Tempora non mutantur, die Zeiten ändern sich 
nicht und die Schulmeister sich nicht mit ihnen. So wie 
vor fünfzig Jahren die Fachmännischen Schopenhauer, so wie 
sie vor fünfundzwanzig Jahren Nietzsche nicht als Philosophen 
anzuerkennen beliebten, so bestreiten sie jetzt auch diesem 
Neuerer das Recht auf „Wissenschaftlichkeit". Noch heute 
hat die Fakultät Sigmund Freud, dem weltberühmtesten Mann 
der Stadt und des Reiches, nicht einmal den Rang des ordent- 
lichen Professors bewilligt. Nun: habeant! Denn sie merken 
ja nicht, welch einen fatalen Nebensinn an ihm der Titel 
des „außerordentlichen" Professors gewonnen hat: denn wahr- 
haft, neben all den ordentlichen, den fachtüchtigen und braven, 
ehrt ihn die Menschheit als den einzig Außerordentlichen 
den wahren Rektor des Geistes, als den Genius. 

Nichts aber konnte diesen starken Geist, diesen unbeug- 
samen, bis zur Orthodoxie fanatischen Forscher jemals von 
dem selbstgebahnten Wege abdrängen. Gleichgültig gegen die 
Gleichgültigkeit, ehern gegen das Unverständnis der Zeit, 
hat er, Zug um Zug langsam fortschreitend, das Gebäude 
der Gedanken aus sich erhoben, in kleinem Kreise sokratisch 
wirkend und mitleidlos, ein anderer Robespierre, diesen selbst- 
gewählten Konvent mit unbeugsamer Autorität beherrscht. 
Dreißig, ja vierzig Jahre übt und vertieft Sigmund Freud seine 
Methode und hätte er die tausend und aber tausend Beichten 
der ihm anvertrauten Seelen in der Schrift festgehalten, es 
gäbe kein Buch der Weltliteratur, das ihm dokumentarisch 
gleichkäme. Nie ermüdend, neben seiner Wissenschaft in groß- 
artiger Neugier alle Manifestationen des Geistes, der Kunst 
und der Kunstgeschichte verfolgend, um in allen Beispiel 
und Beziehung zu seinen Ideen zu finden, herrlich vielfältig 
bei geradester Stoßkraft seiner zu Leben gewordenen Idee, 
bietet er noch einmal unserer verarmten und verspielten 
Zeit das Beispiel heroischer Aufopferung an die Idee und 
der Hingabe des Lebens an die selbstgeschaffene Lehre — 
verehrungswürdige Erscheinung für alle, die dem Geistigen 
verschworen sind, höchster Ruhm dieser Stadt, dieses Landes 
und der neuzeitlichen Wissenschaft. Denn nur an solchen Ge- 



27 



stalten gewinnt die Forschung wieder ihren majestätischen Sinn: 
daß der Geist, was er dem Lebendigen entrungen, zurückgibt 
an das lebendige Leben und der Gedanke, der einsam gc 
staltete, Eigentum und Erbe werde eines ganzen Geschlechtes. 

Salzburg, 4. Mai 1926. Stefan Zweig 

III 

In einem alten indischen Buch wird erzählt, wie ein 
Königssohn zu einer unglückverheißenden Stunde geboren 
wird und deshalb verstoßen und von Waldbewohnern auf- 
gezogen wird. Er wächst heran in dem Wahn, Waldmensch 
zu sein. Bis ihn eines Tages Minister des Königs, der ge- 
storben ist, aufsuchen und über seine Herkunft belehren. In 
diesem Augenblick hört die Wahnvorstellung auf, und er 
weiß, daß er ein König ist. 

In solchem Wald hatten jahrzehntelang, bis in unser Jahr- 
hundert hinein, die Gedanken der europäischen Menschen 
gehaust. Und ein Minister 7 der verkündete, daß der König 
gestorben sei, heißt Freud. 

Die Macht, die die Gedanken der Menschen solange ein- 
seitig führte und auch drückte, waren der Naturalismus und 
der Materialismus. Das war eine kraftvolle Bewegung, man 
wird ihren Kern nicht verleumden. Es war mehr als eine 
vorübergehende Bewegung. Sie ist jetzt zurückgedrängt, und 
ihre Exzesse sind überwunden, aber sie wird wieder auf- 
tauchen und ihre Fruchtbarkeit zeigen. Da war der Kopf 
von Heimholte, ein Entdecker und Fortführer. Da war die 
skeptische Klarheit und unerbittliche Nüchternheit von Rudolf 
Virchow, da konzipierte Ehrlich seine mächtigen Ideen. 
Wirklich Ungeheures hat die Naturwissenschaft dieser Periode 
unter solcher geistigen Führung geleistet, und die Technik, 
die jetzt die Wirtschaft beherrscht, fußt auf den Ergebnissen 
und Leistungen dieser Periode. Es ist kein Grund, diese 
Zeit zu verleumden. 

Aber es gibt Dinge, an die diese Epoche nicht herankam. 
Da gibt es in der Welt etwas, es ist kurios zu sagen, was 

28 



sich nicht wägen lassen will, nicht messen lassen will, dem 
Seziermesser und dem Mikroskop entgleitet und doch die 
fabelhaftesten Wirkungen übt. Die ganze Weltgeschichte ist 
eine Leistung dieses nicht wägbaren, nicht meßbaren, unsicht- 
baren und schlüpfrigen Dinges. Es ist eigentümlich und 
geradezu herausfordernd, daß gerade die Sachen, auf die der 
Mensch am stolzesten ist, die ihn charakterisieren, Leistungen 
dieses unwägbaren, unmeßbaren Dinges sind. Es ist die 

Seele. 

Da hatte eine freche Behauptung gelautet: Man kann die 
schärfsten astronomischen Fernrohre in den Raum richten, 
und man wird keinen Gott entdecken. Und eine andere: 
Man kann die Großhirnrinde und alle menschlichen Organe 
mikroskopieren; man wird nur Zellen und Fasern entdecken. 
Es war eine Lücke in diesem Denken. Welches Instrument 
sollte man gebrauchen in dieser instrumentwütigen Zeit? 
Keins. Nur den einfachen ruhigen und undogmatischen Blick. 

Freud wuchs in der älteren Periode auf. Er trieb Gehirn- 
anatomie, bediente sich des Mikroskops. Er war Neurologe 
wie viele andere. Versuchte sich zu komplettieren, in Paris 
und Nancy. Da lehrten Charcot und Bernheim. Was nun 
dieser Charcot war, hat Freud selbst geschildert: ein voller 
Mensch, kein Grübler, durchaus kein Denker, aber ein Seher. 
Charcot sah, das war sein Instrument, und gegen die deutschen 
Theoretiker hatte er unablässig die Rechte des Sehens zu 
verteidigen. Sie vertraten die Young-Helmholtzsche Theorie; 
er sagte: „Die Theorie ist gut, aber das hindert doch nicht, 
zu existieren." 

Und was nun Freud hier auf einem kleinen Spezialterrain 
lernte, wurde entscheidend. Er gewöhnte sich zunächst ab, 
über die Hysterie zu lachen. Ich möchte feststellen, es geht 
die Fabel: In der Charite stand an einer großen Klinik 
vor zwanzig Jahren bei gewissen Fällen das geheimnisvolle 
Zeichen T. M. an der Tafel. T. M. hieß „total meschugge 
und bezeichnete - den Hysterischen. Die Objektivität und 
Echtheit der hysterischen Erscheinungen stand in Paris lest, 
und allgemein, das war etwas Großartiges und weit Aus- 



29 



greifendes, stand fest: die Bedeutung seelischer Vorgänge auf 
die Bildung, die Erzeugung hysterischer Symptome. Wenn 
da noch irgend etwas unklar war, so mußte die Hypnose, 
die man hei Charcot übte, allen Zweifel beheben: grobe 
körperliche Erscheinungen, wie Lähmungen, ließen sich da 
als Erfolge von Vorstellungen nachweisen. 

Jetzt saß der Wurm in Freud. Er war in die große 
Lücke der Zeit getreten. Er hat dann nicht mehr nach dem 
Mikroskop gegriffen. Vielleicht hätte ein anderer nun philo- 
sophiert und über die Zusammenhänge von Leib und Seele 
gegrübelt. Bekanntlich hängen in diesem Stacheldraht schon 
viele Denkerleichen. Es hätte sich dann nichts ergeben, und 
daß da vieles dunkel ist, wissen wir auch nach Freud. Er 
ist aber wie ein wackerer Mediziner seinen Weg fürbaß 
gezogen. Er war damals, nach Wien zurückgekehrt, noch 
kleiner Privatdozent. Später ist er Professor geworden, aber 
Professor nicht der Philosophie oder Theologie, sondern 
Professor der Medizin. Er hat es verdient. 

Er hat es darum verdient, weil er Tausenden Kranken 
zu ihrem Recht verhalf, als Kranke zu gelten. Es gab viele 
genau beschriebene Krankheiten mit sogenanntem Organbefund. 
Und wer das Glück hat, solche Krankheit zu besitzen, wurde 
ernsthaft behandelt. Nichts hebt einen Kranken mehr in der 
Achtung des Arztes, als wenn er einen gut greifbaren Ge- 
schwulstknoten vorzeigt. Was tut man aber ohne Geschwulst- 
knoten? Etwa bloß mit Kopfschmerzen? Oder wenn einer 

weinen muß und er gesteht selbst, er hat gar keinen Grund 
zu weinen, es geht ihm eigentlich ganz gut, auch zu Hause 
tut ihm keiner was. Da blieb nichts weiter übrig, ich meine 
früher, als ihm die Diagnose T. M. zu geben, ein Wort von 
erblicher Belastung zu murmeln, ihn mit Bromkali auf einem 
Zettel zu verjagen und sich im Geheimen zu denken: es ist 
doch eigentlich ein starkes Stück, womit einen die Leute 
belästigen; das sollte er eigentlich seiner Schwiegermutter 
erzählen, nicht mir. Aber die Kranken sind weiter unablässig 
zu den Ärzten gelaufen. Und schließlich haben die Ärzte 
nachgegeben: Sie haben die Augen aufgemacht. 



5° 



Es muß festgestellt werden, daß Freud nicht Schüler 
Charcots blieb. Charcot zimmerte sein abgeschlossenes Hysterie- 
gebäude nach gutem alten Muster und dabei blieb er stehen. 
Freud sah Fragen, sah Neuland, wuchs weg von Charcot 
und stand in dem Moment auf seinem Boden, wo er mit 
Breuer zusammen die Beobachtung machte: der Hysterische 
leidet größtenteils an Erinnerungen. Das war eine saubere 
und einfache psychologische Beobachtung. Jeder Menschen- 
kenner hätte sie machen können. Aber die Menschenkenner 
kamen nicht an die Hysterie heran, und die Ärzte waren 
zu vornehm, um Menschenkenner zu sein. Denn es paßt 
sich nicht für einen Mediziner, zu erkennen, ohne vorher 
ein paar Karnickel zu schlachten. Das sind gewissermaßen 
Opfer für den Gott der Erkenntnis. Aber der Gott hört nicht 
immer. Es konnte nach dem Auftauchen Freuds ein großes 
Aufatmen unter den Meerschweinchen und Karnickeln be- 
ginnen. Ich habe gehört: es sind Deputationen dieser Tier- 
geschlechter nach Wien gegangen, zu Freuds Geburtstag, um 
ihrem großen Retter zu danken. 

Der Hysterische leidet an Erinnerungen: damit geht es 
mit voller Fahrt ins Psychische hinein. Was gab es denn 
vorher für eine Psychologie, gab es keine? Oh, reichlich. 
Schon lange vor Freud gab es sogar Lehrstühle für Psycho- 
logie; ich glaube aber, er würde sich noch heute vergeb- 
lich um solchen Lehrstuhl bewerben. Die Psychologie da 
und seine würden sich nicht erkennen und voreinander er- 
schrecken. Es werden da richtige und wichtige Dinge ab- 
gehandelt, aber es ist im ganzen nur wenig und nicht das 
Wesentliche von der Seele, was diese psychologischen Kollegs 

beschäftigt. 

Die menschliche Seele war schon vor Jahrhunderten, da 
sie von den Psychologen und den Ärzten verstoßen war, 
auf eine große Wanderschaft gegangen. Sie war zu den 
Dichtern geflohen und auch zu den Pfarrern. Die waren 
recht lieblich mit ihr umgegangen. Der Pfarrer hatte sie an 
das Gebetbuch geführt. Der Dichter reichte ihr den Arm und 
ging mit ihr im Grünen spazieren. Freud ließ sie in sein Sprech- 



31 



zimmer eintreten, machte die Tür hinter ihr zu und sagte: 
„Legen Sie ab, gnädige Frau. Ja, bitte: ziehen Sie sich aus." 
Ich möchte bemerken, daß die Seele bis zum heutigen Tag 
über diesen Anruf erschrocken an der Tür stehengeblieben 
ist und noch nicht mehr als den Hut abgelegt hat. 

Von 1892 bis jetzt 1926, also vierunddreißig Jahre hat 
Freud sich um die Seele bemüht, praktiziert und gelehrt. Es 
hat sich um ihn ein wachsend großer Kreis von Schülern ge- 
bildet. Das Ganze ist eine Seefahrt: sie fahren auf dem Meer 
der menschlichen Seele; sie loten, prüfen Wind und Wellen 
Eigenart des Wassers in seinen Tiefen. Das Meer ist groß, 
größer als irgendein Ozean, und ich möchte nicht verhehlen,' 
daß ich manchmal den Eindruck habe, nicht alle Schüler 
wissen, welch beispiellos riesengroßes Wesen sie da befahren. 
Es kommen sich manche schon sehr wissend vor. Man wird 
leicht übermütig, wenn man dauernd ein und dieselbe Route 
befährt. Von Freud selbst liegen zehn starke Bände vor die 
noch nicht alles umfassen. Das ist eine vorläufige Rekognos- 
zierung des neu betretenen Terrains, jener Lücke von der 
ich sprach. Was er da vorträgt, ist für die Medizin etwas 
ganz Ungewöhnliches; man hat sich aber jetzt schon daran 
gewohnt. Seine Krankengeschichten, wie sehen sie aus? Er 
sagt selbst: „Ich bin nicht immer Psychotherapeut gewesen, 
sondern bin bei Lokaldiagnosen und Elektrodiagnostik er- 
zogen worden, und es berührt mich selbst eigentümlich daß 
die Krankengeschichten, die ich schreibe, w\e tu zu 

SSL * für dies Ergebnis die N > ; * ?Ä3 

offenbar eher verantwortlich zu machen ist als meine Vor- 
liebe. Lokaldiagnostik und elektrische Reaktion kommen bei 
dem Studium der Hysterie eben nicht zur Geltung, während 
eine eingehende Darstellung der seelischen Vorgänge, wie 
man sie vom Dichter zu erhalten gewohnt ist, mir gestattet, 
doch eine Art von Einsicht in den Hergang des Leidens zu 
gewinnen. Solche Krankengeschichten haben vor psychiatrischen 
eines voraus, nämlich die innige Beziehung zwischen Leidens- 



32 






geschichte und Krankheitssymptom, nach welchen wir m den 
Biographien der Psychosen noch vergebens suchen. Man 
beachte den einfachen klaren Stil, es ist gar kein Stil; er 
sagt ungekünstelt und phrasenlos, was er meint; so spricht 

einer, der etwas weiß. 

Freud in das Seelengebiet einrückend, stellte zunächst das 
Allergröbste fest, und das war, daß es etwas Unbewußtes 
gibt. Es ist ihm eigentümlich gegangen: links hat er an die 
Dichter gestoßen, rechts die Philosophen verärgert, vorne den 
Ärzten auf die Hacken getreten. Es waren gar kerne Worte da 
für das, was Freud meinte und was er auch sah im Seelischen. 
Sagen mußte er es. Woher nehmen und nicht stehlen? Da 
stahl er. Von den Philosophen das Unbewußte. Die meinten 
damit Mancherlei, Unsicheres, worüber sie disputierten treud 
meinte nur einen ganz gewöhnlichen seelischen Tatbestand, 
der täglich vor seine Augen trat. Die nähere Bestimmung 
und Aufklärung des beobachteten Tatbestandes, sagte er, wird 
sich schon beim Arbeiten mit dem Begriff ergeben. Das ist 
so: erst nimmt man einem das Geld und gebraucht es; nach- 
her wird sich schon herausstellendem es gehört. Aber die 
Methode hat sich bewährt, ich meine in der Wissenschalt. 

Es lichtete sich vieles von den Zwangsneurosen, Angst- 
neurosen, paranoischen Zuständen. Es wurde vor allem deut- 
lich, daß unterirdisch in uns eine Art Gedächtnis verlauft, 
ein aktives Gedächtnis, das uns mit Instinkten belädt und 
bis auf Urväterzeiten zurückgeht. Er findet: Ebenso wenig 
wie der Körper von heute auf morgen gemacht ist, von jeder 
Mutter selbständig neu geboren wird, sondern eine ungeheure 
Tiergeschichte hinter ihm steht, so wird die Seele nicht in 
jedem Fall neu aufgebaut. Die Seele hat ebenso eine ungeheure 
Vergangenheit, sie hat ja schließlich diesen Körper beseelt, 
undV in die Tierzeit hinein senkt sie ihre Wurzeln So 
hat Freud ein Stück Historie der Seele bloßgelegt. Er ist 
ins Traumreich vorgestoßen, hat da ^«^ t ^\ a ^£ 
Denken erkannt, das Denken in Symbolen, die H^g*» 
Verdichtungen, die Zeitverschiebungem Freud als Histoi^ker 
der Seele: hier vornehmlich hat er Dinge geleistet, - man 

33 






kann im einzelnen sagen, was man will, — die sich sehen 
lassen können und die sich im Kern mit jeder Sicherheit 
behaupten werden. Er hat da bei seinen Kranken, nur sich 
der Augen und des ruhigen Nachdenkens bedienend, die 
wunderbare Entdeckung gemacht, die später von anderer Seite 
her gestützt wurde, von der Übereinstimmung zwischen dem 
Seelenleben wilder Völker und mancher Neurotiker. Hier ist 
überall von ihm der erste Spatenstoß getan; kleine Schür- 
fungen, ja schneidige Kavallerieritte in dies Gebiet hinein 
haben schon andere getan; der Name Nietzsches, des Genea- 
logen der Moral, ist nicht zu vergessen. 

Zuletzt ist Freud auf seine Weise auf Exkursionen gegangen, 
ins Biologische hinein. Denn nun steht die Sache schon so, 
daß nicht mehr wie vor dreißig Jahren die Anatomie und 
Physiologie Seelenvorgänge „erklärt", sondern daß biologische 
Daten, Lebensbewegungen elementarer Art begreifbar werden 
durch Daten, die man aus unserem eigenen Seelenleben 
her ausgeholt. 

All diese Erkenntnisse hat Freud ständig aus der Praxis, 
aus der Beobachtung lebender Menschen geschöpft. Er hat 
die Erkenntnis ständig zurück in die Praxis fließen lassen. 
Das ist die psychoanalytische Behandlung Freuds Es ist eine 
ganz originelle Methode. Es soll da der Mensch, also der 
Kranke, aus dem Nigger und Kannibalen in eine zivilisierte 
Person umgewandelt werden. Man wird n u \ , , j „ 

eine ganz besondere Aufgabe ist und dlßl ^ h *\^ « 
IT.,/. . , xigouc isi, und daü dazu ganz besondere 

Hilfsmittel notwendig sind. Mit Beichte ist es nicht getan. 

MeT,h \ T ^ 3Upt ^ Kannitale nicht zivilisierter 
Mensch. Schwere Widerstände sind zu brechen; es kommt 

zu starken Erschütterungen des Seelenlebens. Dabei wird nicht 
hypnotisiert, nicht grob suggeriert, sondern nur geführt, auf- 
gedeckt und unermüdlich gedrängt. Ich bin, nebenbei bemerkt, 
der Meinung, daß es einer besonderen Analyse bedürfte, um 
festzustellen, was eigentlich diese ausgeübte Analyse ist. Aber 
dati sie, in dieser oder jener Form, orthodox oder liberal 
geübt, starke und fördernde Wirkung hat in einem bestimmten 
K.reis von Fällen, ist sicher. 



34 



Wie anders übrigens ist diese Methode als die der früheren 
oder der übrigen Ärzte. Früher hatte ein Patient Husten, 
das war aber gar kein Husten, das war eine Bronchitis acuta 
oder chronica, oder gar ein Emphysem, und damit war der 
Husten der Kenntnis des Mannes entzogen. Er war ihm 
gewissermaßen geraubt. Der Mann war um seinen Husten 
gekommen. Und dann die Zauberformeln der Rezepte und 
die Untersuchungen: das sind ja beinah hierarchische und 
liturgische Prozeduren. Ein Rezept, selbst wenn nur Brusttee 
in lateinischer Sprache darauf steht, hat etwas Geheimnisvolles 
und aristokratisch Abweisendes an sich. Das Vertrauen, das 
der Patient dem Arzt schenken soll, kann nur Vertrauen in 
die geheimnisvolle Macht des Arztes und der Wissenschaft hinter 
dem Arzte sein. Also es Hegt eine Art Unterwerfung und 
magischer Gläubigkeit vor. Bei jeder Seelenarbeit aber von 
Arzt und Patient heißt es, mit offenen Karten spielen. Man 
spricht deutsch, nicht einseitig lateinisch, und in jedem Sinne 
hat man deutsch miteinander zu sprechen. Das ist etwas 
Demokratisches. Ich finde, das hat etwas Wohltuendes, und 
schon diese Art des Umgangs von Arzt und Patient ist be- 
freiend und ein Gewinn. 

Wie soll ich nun zum Schluß Freud loben. Er hat große 
Anfeindungen Zeit seines Lebens erfahren, manche seiner 
Schüler haben aus seinen Lehren eine Art Konfession gemacht, 
er selbst aber hat sich durch kein Dogma binden lassen und 
weiß, daß die geistigen Dinge im Fluß bleiben müssen. 
Freud ist, wie man sagte, ein großer Beieber, Beweger, Her- 
aufführer der neuen Zeit. Ich nannte ihn den Minister, der 
dem Waldmenschen anzeigte, daß er ein Konig sei. J^r De 
seitigte den Irrtum; der Waldmensch mußte aber schon seUrt 
König sein. Es gibt, recht gesehen, überhaupt kerne Beieber 
und Beweger. DaT Leben und was wahrhaft lebendig i t, ist 
immer massenhaft da und bedarf nur eines Hervorrufes .So 
sind alle guten und wahrhaft wichtigen Dinge : sie sind massen 
haft verbreitet, das Neue muß immer in dieser We^ 
bereitet sein, einen Boden finden, sonst nutzt - es ist trafen 
aber nicht zu bestreiten, - sonst nützt der genialste Gedanke 



3* 



35 



nichts und das stärkste Führertalent zerbricht. Da hat Freud 
ein großes Glück gehabt. Vor ihm und Zeit seines Lebens 
um ihn herum sind ähnliche Gedanken gewachsen, sind 
Bewegungen aufgetaucht, die man mit ihm in Zusammenhang 
gebracht hat. Es sind Triebe aus derselben Wurzel. Er 
war einer der frühsten und kräftigsten Triebe. Man wider- 
strebe dieser Auffassung nicht. Man sehe sich die be- 
rühmtesten Namen an, etwa Napoleon, oder von heute Lenin. 
So gewaltig die Männer waren, so weit sie durchschlagend 
wirkten, sind sie nur mächtige Anfacher gewesen. Erfüller 
ihrer Zeit. 

Es ist da der Unterschied zwischen dem Blasebalg und 
dem Feuer. Das Feuer muß brennen, damit der Blasebalg 
wirkt. Große Männer sind die, die ein wirkliches echtes 
Feuer zu einem weiten und allgemeinen anfachen. Solch 
.Blasebalg ist Freud. 

Ich will da eine Meinung besonders erwähnen, die mir 
am Plerzen liegt, die Meinung: Freud habe die Dichtung 
beeinflußt oder werde sie beeinflussen. Man hat gesagt: 
die Freudsche Tiefenpsychologie wird eine Tiefendichtung 
zur Folge haben. Ein kompletter Unsinn. Noch immer 
hat Dostojewski vor Freud gelebt, haben Ibsen und Strind- 
berg vor Freud geschrieben. Und wir wissen ja, Freud 
hat selbst an ihnen gelernt und an ihnen demonstriert. Die 
Unterschiede sind nicht: Tiefendichter und Flächendichter, 
sondern: gute Dichter und schlechte Dichter. Die guten haben 
ihre Intuition, die macht alle Anleihen überflüssig: und den 
schlechten ist so und so nicht zu helfen. 

Wie aber sogar die Grundwahrheit Freuds selbst, die von 
der Seele, den Dichtern, wenn auch nicht den Wissenschaftlern, 
bekannt war, wie diese solide Wahrheit und Dinge darüber 
hinaus sich sogar in der strengsten naturalistischen Zeit bei den 
Dichtern lebendig erhielten, zeigt Walt Whitman. Einmal 
singt er: 

„Verlangte jemand die Seele zu sehen? / So sieh deine eigene 
Gestalt und dein Antlitz, Menschen, Stoffe, Tiere, die Bäume, die 
fließenden Strome, die Felsen, den Sand am Meer / Sie alle ent- 

36 



halten geistige Freuden und geben sie ****&"***. £J /j?!^ 
wahrer Leib und jeglichen Mannes und Weibes wahrer Le b. / 
Sc * treu wie die Typen, die der Setzer setzt, ihren Abdruck prägen 
die Bedeutung, der wesentliche Sinn / Genau so treu prägt eines 
Manne. Weȣ nnd Leben oder eine, Weibes Wesen und Leben 
sich in Leib und Seele aus / Einerlei, ob vor oder nach dem 
Tode / Siehe, der Leib enthält und ist die Bedeutung, der wesent- 
liche Sinn, und enthält und ist die Seele." 

Das greift über die Wissenschaft hinaus und ist noch lange 
nicht für eine heutige Wissenschaft erfaßbar. Die Dichtung 
ist aber allgemein und überhaupt ein sehr mißachtetes, groß- 
artiges Wissensreservoir der Menschen. Eine Quelle, kein 

Nebenfluß. n * . „ 

Man hat Freud verargt, daß er, der im Seelischen die 
enorme Wirksamkeit einer gesellschaftlichen Zensur fand, daß 
er nicht den Schritt aus dem Sprechzimmer heraus machte 
und auf den Plan trat, um im Sozialen, Pädagogischen oder 
wie sonst die Gesellschaft zu verändern. Warum hat er dies 
alles gesehen und hat nicht verändert und zerstört? Man 
braucht nur die Bilder, die Photographien Freuds in ver- 
schiedenen Lebensaltern zu sehen, um sich die Frage zu 
beantworten. Immer erkennt man den Beobachter, einen 
deutlich mißtrauischen und skeptischen Menschen, einen Pessi- 
misten. Er teilt nicht den Aberglauben an den großen Wert 
menschlicher Einrichtungen, an den Wert für die wirkliche 
Veränderung der Seele. Er wäre kein Kenner der mensch- 
lichen Seele, wenn er glaubte, mit irgendwelchen raschen 
Änderungen im Sozialen ließe sich Entscheidendes an der 
menschlichen Seele ändern. Er ist in dieser Skepsis und 
Zurückhaltung völlig identisch etwa mit Tolstoi. 

Glaube man nun aber nicht, daß nach Abklingen des 
materialistischen Zeitalters auf die materialistische uae 
Schätzung der Tatsachen und Einrichtungen ein U uie ?J m ' 
ein wonniges Planschen in Seele und Lyrik folge. % 
Dunkelmänner nicht glauben, die angenehme Dam mer g 
für sie sei gekommen Mögen diejenigen ^»W* 
wittern, die in der vergangenen Periode niedergekämpft sind 
und denken, sich jetzt wieder zu erheben- Im Gegented, 

37 



menschliche Kraft, Verantwortung und Entschlossenheit, auf 
ihren Boden zurückgeführt, wird sich jetzt heftiger als je 
fühlen. Jetzt heißt es wie nnr je: wir haben unsere Sache 
auf uns gestellt. Wahrhaftig, die Zeit der Flauheit und des 
Defaitismus ist gründlich vorbei. 

In zwiefacher Hinsicht lobe ich Freud _ und ein Stück 
ist da so gut wie das andere. AU einen Wohltäter der Mensch- 
heit der breit die Türe zu dem Krankheitsherd vieler Leiden 
geöffnet hat. Und dann als Geistesführer, als einen, der in 
Luropa am frühesten wieder in der Wissenschaft das Köniss- 
gebiet der Seele betrat. 8 

Da muß es mir fern sein, einer kalten Bewunderung Aus- 
druck zu geben, von großen Leistungen zu sprechen, Farben 
zu beschnüffeln und Details zu bekritteln. Mit Zustimmung 
Und He . rzUc , i hkei . t - mit Li <** trete, wir vor Sigmund Freud* 
Glück ""* ZU SeÜ,era siebzi S st en Geburtstag 

Alfred Dublin 
"""" , """"'"""" 1 '«' mmmMmmmmmmmmm ....n..<>.....ir.i l r ll u.<...,m.i....„ J „„„„ 

PSYCHOANALYTISCHES LESEBUCH 

Zeitgenossen über die psychoanalytische Bewegung 

Hauptelement jener allgemeinen Revolution, die im rTZZ-',™ 1 em 
NM und LelensgefM* des europäischen %%£ fff £ %"*■ 
**™ ■ ■ •" (Thomas Mann in einem Briefe an dt nT T 

P^choanalytitsche Gesellschaft in terif„<"r Che 

,,»;• - Di ' kommenden hundert Jahre werden in der Hauptsache das 
äSSÄ ?y»r*«» ***«**, sein. Das größte y^pTchen tr 

Choan^Tf/' "' d « ri Erf ° rSChun e der Glichen MotiVeX 
dZpTrfcll "T ^*^f "%&> *>rch die Entdeckungen 

der fsychoanalysc von Grund aus geändert. 

(H. G. Wells in „The American Magacine«.) 



38 









Vergänglichkeit 

von 

Sigm. Freud 






Aus dem im Druck befindlichen XL Band der -„Ge- 
sammelten Schriften". (Diese Skizze wurde im November 
I 9 I S geschrieben auf Aufforderung des Berliner Goethe- 
bundes für das von ihm — mit Bestimmung des Rein- 
ertrages für die Errichtung von Volksbüchereien in 
Ostpreußen — herausgegebene Gedenkbuch „Das Land 
Goethes", das 1916 bei der Deutschen Verlagsmistalt 
in Stuttgart erschien.) 

Vor einiger Zeit machte ich in Gesellschaft eines schweig- 
samen Freundes und eines jungen, bereits rühmlich bekannten 
Dichters einen Spaziergang durch eine blühende Sommer- 
landschaft. Der Dichter bewunderte die Schönheit der Natur 
um uns, aber ohne sich ihrer zu erfreuen. Ihn störte der 
Gedanke, daß all diese Schönheit dem Vergehen geweiht 
war, daß sie im Winter dahingeschwunden sein werde, aber 
ebenso jede menschliche Schönheit und alles Schöne und Edle, 
was Menschen geschaffen haben und schaffen könnten. Alles, 
■was er sonst geliebt und bewundert hätte, schien ihm ent- 
wertet durch das Schicksal der Vergänglichkeit, zu dem es 
bestimmt war. 

Wir wissen, daß von solcher Versenkung in die Hinfälligkeit 
alles Schönen und Vollkommenen zwei verschiedene seelische 
Regungen ausgehen können. Die eine führt zu dem schmerz- 
lichen Weltüberdruß des jungen Dichters, die andere zur 
Auflehnung gegen die behauptete Tatsächlichkeit. Nein, es ist 
unmöglich, daß all diese Herrlichkeiten der Natur und der 
Kunst, unserer Empfindungswelt und der Welt draußen, wirk- 
lich in Nichts zergehen sollten. Es wäre zu unsinnig und zu 
frevelhaft, daran zu glauben. Sie müssen in irgendeiner Weise 
fortbestehen können, allen zerstörenden Einflüssen entrückt. 

Allein diese Ewigkeitsforderung ist zu deutlich ein Erfolg 
unseres Wunschlebens, als daß sie auf einen Realitäts-wert 



59 



Anspruch erheben könnte. Auch das Schmerzliche kann wahr 
sein. Ich konnte mich weder entschließen, die allgemeine 
Vergänglichkeit zu bestreiten, noch für das Schöne und Voll- 
kommene eine Ausnahme zu erzwingen. Aber ich bestritt 
dem pessimistischen Dichter, daß die Vergänglichkeit des 
Schonen eine Entwertung desselben mit sich bringe. 

Im Gegenteil, eine Wertsteigerung! Der Vergänglichkeits- 
wert ist ein Seltenheitswert in der Zeit. Die Beschränkung 
m der Möglichkeit des Genusses erhöht dessen Kostbarkeit 
Ich erklärte es für unverständlich, wie der Gedanke an die 
Vergänglichkeit des Schönen uns die Freude an demselben 
trüben sollte. Was die Schönheit der Natur betrifft, so kommt 
sie nach jeder Zerstörung durch den Winter im nächsten 
Jahre wieder, und diese Wiederkehr darf im Verhältnis zu 
unserer Lebensdauer als eine ewige bezeichnet werden. Die 
Schönheit des menschlichen Körpers und Angesichts sehen 
wir innerhalb unseres eigenen Lebens für immer schwinden 
aber diese Kurzlebigkeit fügt zu ihren Reizen einen neuen 
hinzu. Wenn es eine Blume gibt, welche nur eine einzige 
Nacht blüht, so erscheint uns ihre Blüte darum nicht minder 
prächtig. Wie die Schönheit und Vollkommenheit des Kunst- 
werks und der intellektuellen Leistung durch deren zeitliche 
Beschränkung entwertet werden sollte, vermochte ich eben- 
sowenig einzusehen. Mag eine Zeit kommen, wenn die Bilder 
und Statuen, die wir heute bewundern, zerfallen sind oder 
ein Menschengeschlecht nach uns, welches die Werke unser 
Dichter und Denker nicht mehr versteht, oder selbst eine 
geologische Epoche, in der alles Lebende auf der Erde ver- 
stummt ist, der Wert all dieses Schönen und Vollkommenen 
wird nur durch seine Bedeutung für unser Emphndungsleben 
bestimmt, braucht dieses selbst nicht zu überdauern und ist 
darum von der absoluten Zeitdauer unabhängig. 

Ich hielt diese Erwägungen für unanfechtbar, bemerkte 
aber, daß ich dem Dichter und dem Freunde keinen Eindruck 
gemacht hatte. Ich schloß aus diesem Mißerfolg auf die 
Einmengung eines starken affektiven Moments, welches ihr 
Urteil trübte, und glaubte dies auch später gefunden zu haben. 



40 




Es muß die seelische Auflehnung gegen die Trauer gewesen 
sein, welche ihnen den Genuß des Schönen entwertete. Die 
Vorstellung, daß dieses Schöne vergänglich sei, gab den beiden 
Empfindsamen einen Vorgeschmack der Trauer um seinen 
Untergang, und da die Seele von allem Schmerzlichen instinktiv 
zurückweicht, fühlten sie ihren Genuß am Schönen durch 
den Gedanken an dessen Vergänglichkeit beeinträchtigt. 

Die Trauer über den Verlust von etwas, das wir geliebt 
oder bewundert haben, erscheint dem Laien so natürlich, 
daß er sie für selbstverständlich erklärt. Dem Psychologen 
aber ist die Trauer ein großes Rätsel, eines jener Phänomene, 
die man selbst nicht klärt, auf die man aber anderes Dunkle 
zurückführt. Wir stellen uns vor, daß wir ein gewisses Maß 
von Liebesfähigkeit, genannt Libido, besitzen, welches sich 
in den Anfängen der Entwicklung dem eigenen Ich zugewendet 
hatte. Später, aber eigentlich von sehr frühe an, wendet es 
sich vom Ich ab und den Objekten zu, die wir solcher Art 
gewissermaßen in unser Ich hineinnehmen. Werden die Objekte 
zerstört oder gehen sie uns verloren, so wird unsere Liebes- 
fähigkeit (Libido) wieder frei. Sie kann sich andere Objekte 
zum Ersatz nehmen oder zeitweise zum Ich zurückkehren. 
Warum aber diese Ablösung der Libido von ihren Objekten 
ein so schmerzhafter Vorgang sein sollte, das verstehen wir 
nicht und können es derzeit aus keiner Annahme ableiten. Wir 
sehen nur, daß sich die Libido an ihre Objekte klammert 
und die verlorenen auch dann nicht aufgeben will, wenn 
der Ersatz bereit liegt. Das also ist die Trauer. 

Die Unterhaltung mit dem Dichter fand im Sommer vor 
dem Kriege statt. Ein Jahr später brach der Krieg herein 
und raubte der Welt ihre Schönheiten. Er zerstörte nicht 
nur die Schönheit der Landschaften, die er durchzog, und 
die Kunstwerke, an die er auf seinem AVege streifte, er brach 
auch unseren Stolz auf die Errungenschaften unserer Kultur, 
unseren Respekt vor so vielen Denkern und Künstlern, unsere 
Hoffnungen auf eine endliche Überwindung der Verschieden- 
heiten unter Völkern und Rassen. Er beschmutzte die er- 
habene Unparteilichkeit unserer Wissenschaft, stellte unser 



41 



Triebleben in seiner Nacktheit bloß, entfesselte die bösen 
Geister in uns, die wir durch die Jahrhunderte währende 
Erziehung von Seiten unserer Edelsten dauernd gebändigt 
glaubten. Er machte unser Vaterland wieder klein und die 
andere Erde wieder fern und weit. Er raubte uns so vieles, 
was wir geliebt hatten, und zeigte uns die Hinfälligkeit von 
manchem, was wir für beständig gehalten hatten. 

Es ist nicht zu verwundern, daß unsere an Objekten so 
verarmte Libido mit um so größerer Intensität besetzt hat, 
was uns verblieben ist, daß die Liebe zum Vaterland, die 
Zärtlichkeit für unsere Nächsten und der Stolz auf unsere 
Gemeinsamkeiten jäh verstärkt worden sind. Aber jene anderen, 
jetzt verlorenen Güter, sind sie uns wirklich entwertet worden, 
weil sie sich als so hinfällig und widerstandsunfähig erwiesen 
haben? Vielen unter uns scheint es so, aber ich meine 
wiederum, mit Unrecht. Ich glaube, die so denken und zu 
einem dauernden Verzicht bereit scheinen, weil das Kostbare 
sich nicht als haltbar bewährt hat, befinden sich nur in der 
Trauer über den Verlust. Wir wissen, die Trauer, so schmerz- 
haft sie sein mag, läuft spontan ab. Wenn sie auf alles Ver- 
lorene verzichtet hat, hat sie sich auch selbst aufgezehrt und 
dann wird unsere Libido wiederum frei, um sich, insofern 
wir noch jung und lebenskräftig sind, die verlorenen Objekte 
durch möglichst gleich kostbare oder kostbarere neue zu er- 
setzen. Es steht zu hoffen, daß es mit den Verlusten dieses 
Krieges nicht anders gehen wird. Wenn erst die Trauer 
überwunden ist, wird es sich zeigen, daß unsere Hochschätzung 
der Kulturgüter unter der Erfahrung von ihrer Gebrechlich^ 
keit nicht gelitten hat. Wir werden alles wieder aufbauen 
was der Krieg zerstört hat, vielleicht auf festerem Grund 
und dauerhafter als vorher. 






42 



Zur Psychologie des Gymnasiasten 



von 



Sigm. Freud 

Aus dem im Druck befindlichen XL Band der „Ge- 
sammelten Schriften". (Diese Skizze erschien im Oktober 
1914 in der Festschrift, die das „K. k. Erzherzog- 
Rainer-Realgymnasiwn" in Wien — ehemals „Leopold- 
städter Kommunalreal- und Obergymnasium 11 , heute 
„Bundesrealgymnasium im IL Bezirk^ — anläßlich 
der Vollendung des fünfzigsten Jahres seines Bestehens 
veröffentlichte. Der Verfasser war Schüler der genannten 
Anstalt gewesen.) 

Man hat ein sonderbares Gefühl, wenn man in so vorgerückten 
Jahren noch einmal den Auftrag erhält, einen „deutschen Aufsatz" 
für das Gymnasium zu schreiben. Man gehorcht aber automatisch 
wie jener ausgediente Soldat, der auf das Kommando „Habt Acht« 
die Hände an die Hosennaht anlegen und seine Päckchen zu Boden 
fallen lassen muß. Es ist merkwürdig, wie bereitwillig man zu- 
gesagt hat, als ob sich in dem letzten Halbjahrhundert nichts 
Besonderes geändert hätte. Man ist doch alt geworden seither, 
steht knapp vor dem sechzigsten Lebensjahr, und Körpergefühl 
wie Spiegel zeigen unzweideutig an, wieviel man von seinem 
Lebenslicht bereits heruntergebrannt hat. 

Noch vor zehn Jahren etwa konnte man Momente haben, in 
denen man sich plötzlich wieder ganz jung fühlte. Wenn man, 
bereits graubärtig und mit allen Lasten einer bürgerlichen Exi- 
stenz beladen, durch die Straßen der Heimatstadt ging, begegnete 
man unversehens dem einen oder anderen wohlerhaltenen älteren 
Herrn, den man fast demütig begrüßte, weil man einen seiner 
Gymnasiallehrer in ihm erkannt hatte. Dann aber blieb man 
stehen und sah ihm versonnen nach: Ist er das wirklich oder 
nur jemand, der ihm so täuschend ähnlich ist? Wie jugendlich 
sieht er doch aus und du bist selbst so alt geworden! Wie alt 
mag er heute wohl sein? Ist es möglich, daß diese Männer, die 
uns damals die Erwachsenen repräsentierten, um so weniges älter 
waren als wir? 

Die Gegenwart war dann wie verdunkelt und die Lebensjahre 
von zehn bis achtzehn stiegen aus den Winkeln des Gedächtnisses 



43 



empor mit ihren Ahnungen und Irrungen, ihren schmerzhaften 
Umbildungen und beseligenden Erfolgen, die ersten Einblicke in 
eine untergegangene Kulturwelt, die wenigstens mir später ein 
unübertroffener Trost in den Kämpfen des Lebens werden sollte, 
die ersten Berührungen mit den Wissenschaften, unter denen man 
glaubte wählen zu können, welcher man seine — sicherlich un- 
schätzbaren — Dienste weihen würde. Und ich glaubte mich zu 
erinnern, daß die ganze Zeit von der Ahnung einer Aufgabe 
durchzogen war, die sich zuerst nur leise andeutete, bis ich sie 
in dem Maturitätsaufsatze in die lauten Worte kleiden konnte, 
ich wollte in meinem Leben zu unserem menschlichen Wissen 
einen Beitrag leisten. 

Ich bin dann Arzt geworden, aber eigentlich doch eher Psycho- 
loge, und konnte eine neue psychologische Disziplin schaffen, die 
sogenannte „Psychoanalyse", welche gegenwärtig Ärzte und Forscher 
in nahen wie in fernen fremdsprachigen Ländern in Atem hält und 
zu Lob und Tadel aufregt, die des eigenen Vaterlandes natürlich 
am geringsten. 

Als Psychoanalytiker muß ich mich mehr für affektive als für 
intellektuelle Vorgänge, mehr für das unbewußte als für das be- 
wußte Seelenleben interessieren. Meine Ergriffenheit bei der Be- 
gegnung mit meinem früheren Gymnasialprofessor mahnt mich 
ein erstes Bekenntnis abzulegen: Ich weiß nicht, was uns stärke' 
in Anspruch nahm und bedeutsamer für uns wurde, die Beschäfti- 
gung mit den uns vorgetragenen Wissenschaften oder die mit den 
Persönlichkeiten unserer Lehrer. Jedenfalls galt den letzteren be" 
uns allen eine niemals aussetzende Unterströmung, und bei vielen 
führte der Weg zu den Wissenschaften nur über die Personen der 
Lehrer; manche blieben auf diesem Weg stecken und einigen 
ward er auf solche Weise — warum sollen wir es nicht ein- 
gestehen? — dauernd verlegt 

Wir warben um sie oder wandten uns von ihnen ab, imagi- 
nierten bei ihnen Sympathien oder Antipathien, die wahrscheinlich 
nicht bestanden, studierten ihre Charaktere und bildeten oder 
verbildeten an ihnen unsere eigenen. Sie riefen unsere stärksten 
Auflehnungen hervor und zwangen uns zur vollständigen Unter- 
werfung; wir spähten nach ihren kleinen Schwächen und waren 
stolz auf ihre großen Vorzüge, ihr Wissen und ihre Gerechtigkeit. 
Im Grunde liebten wir sie sehr, wenn sie uns irgendeine Be- 
gründung dazu gaben; ich weiß nicht, ob alle unsere Lehrer dies 
bemerkt haben. Aber es ist nicht zu leugnen, wir waren in einer 



44 









ganz besonderen Weise gegen sie eingestellt, in einer Weise, die 
ihre Unbequemlichkeiten für die Betroffenen haben mochte. Wir 
waren von vornherein gleich geneigt zur Liebe wie zum Haß, zur 
Kritik wie zur Verehrung gegen sie. Die Psychoanalyse nennt eine 
solche Bereitschaft zu gegensätzlichem Verhalten eine ambivalente; 
sie ist auch nicht verlegen, die Quelle einer solchen Gefühls- 
ambivalenz nachzuweisen. 

Sie hat uns nämlich gelehrt, daß die für das spätere Verhalten 
des Individuums so überaus wichtigen Affekteinstellungen gegen 
andere Personen in ungeahnt früher Zeit fertig gemacht werden. 
Schon in den ersten sechs Jahren der Kindheit hat der kleine 
Mensch die Art und den Affektton seiner Beziehungen zu Personen 
des nämlichen und des anderen Geschlechts festgelegt, er kann 
sie von da an entwickeln und nach bestimmten Richtungen um- 
wandeln, aber nicht mehr aufheben. Die Personen, an welche er 
sich in solcher Weise fixiert, sind seine Eltern und Geschwister. 
Alle Menschen, die er später kennen lernt, werden ihm zu Ersatz- 
personen dieser ersten Gefühls ob jekte (etwa noch der Pflege- 
personen neben den Eltern,) und ordnen sich für ihn in Reihen 
an, die von den „Imagines", wie wir sagen, des Vaters, der 
Mutter, der Geschwister usw. ausgehen. Diese späteren Bekannt- 
schaften haben also eine Art von Gefühlserbschaft zu übernehmen, 
sie stoßen auf Sympathien und Antipathien, zu deren Erwerbung 
sie selbst nur wenig beigetragen haben; alle spätere Freundschafts- 
und Liebeswahl erfolgt auf Grund von Erinnerungsspuren, welche 
jene ersten Vorbilder hinterlassen haben. 

Von den Imagines einer gewöhnlich nicht mehr im Gedächtnis 
bewahrten Kindheit ist aber keine für den Jüngling und Mann 
bedeutungsvoller als die seines Vaters. Organische Notwendigkeit 
hat in dies Verhältnis eine Gefühlsambivalenz eingeführt, als deren 
ergreifendsten Ausdruck wir den griechischen Mythus vom König 
Ödipus erfassen können. Der kleine Knabe muß seinen Vater lieben 
und bewundern, er scheint ihm das stärkste, gütigste und weiseste 
aller Geschöpfe; ist doch Gott selbst nur eine Erhöhung dieses 
Vaterbildes, wie es sich dem frühkindlichen Seelenleben darstellt. 
Aber sehr bald tritt die andere Seite dieser Gefühlsrelation hervor. 
Der Vater wird auch als der übermächtige Störer des eigenen 
Trieblebens erkannt, er wird zum Vorbild, das man nicht nur 
nachahmen, sondern auch beseitigen will, um seine Stelle selbst 
einzunehmen. Die zärtliche und die feindselige Regung gegen den 
Vater bestehen nun nebeneinander fort, oft durch das ganze Leben 



45 



hmdurch ohne daß die eine die andere aufheben könnte. In einem 
solchen Nebeneinander der Gegensätze liegt der Charakter dessen 
was wir eine Gefühls ambivalenz heißen. ' 

In der zweiten Hälfte der Kindheit bereitet sich eine Ver- 
änderung dieses Verhältnisses zum Vater vor, deren Bedeuten* 
man sich nicht großartig genug vorstellen kann. Der Knabe beginnt 
aus seiner Kinderstube in die reale Welt draußen zu schauen und 
nun muß er die Entdeckungen machen, welche seine ursprüngliche 
Hochschatzung des Vaters untergraben und seine Ablösung von 
mTV FEäl ^fördern. Er findet, daß der Vater nicht 

^ntf 7 M r htlS l te > Weiseste ' *«* m er wird mit ihm 

ihn d" Cn ' ^^ kritiSieren Und S ° 2ial ordnen und läßt 
hn dann gewöhnlich schwer für die Enttäuschung büßen, die 

euer mm bereitet hat. Alles Hoffnungsvolle, aber auch alles An- 
stößige, was die neue Generation auszeichnet, hat diese Ablösung 
vom Vater zur Bedingung. S 

In diese Phase der Entwicklung des jungen Menschen fällt 
sein ^Zusammentreffen mit den Lehrern. Wir verstehen jetzt unser 
licht T „ UnS Tu n G y mnasia lprofessoren. Diese Männer, die 

Darum k "**" ^ **** ™*™ ™ ™ m Vaterersatz 

Darum kamen sie uns, auch wenn sie noch sehr jung waren So 

gerexft, so unerreichbar erwachsen vor. Wir übertrug auf sie 
den Respekt und die Erwartungen von dem allwissenden Vater 
unserer Kindheitsjahre und dann begannen wir, sie zu behandeln 
wie unsere Väter zu Hause. Wir brachten ihnen die Ambivalenz 
entgegen, die wir in der Familie erworben hatten, und mit Hilf* 
dxeser Emstellung rangen wir mit ihnen, wie wir mit unseren 
leiblichen Vätern zu ringen gewohnt waren. Ohne Rücksicht a „f 
die Kinderstube und das Familienhaus wäre unser Benehme 
unsere Lehrer nicht zu verstehen, aber auch nicht zu entsch^l^n 
JNoch andere und kaum weniger wichtige Erlebnisse hatten wir 
als Gymnasiasten mit den Nachfahren unserer Geschwister mit 
unseren Kameraden, aber diese sollen auf einem anderen Blatt 
beschrieben werden. Das Jubiläum der Schule hält unsere Ge- 
danken bei den Lehrern fest. 






46 



Psychoanalyse und Kurpfuscherei 

von 

Sigm. Freud 

Die folgenden Bruchstücke sind der anfangs September 1926 
im „Internationalen Psychoanalytischen Verlag" erscheinenden 
neuesten Schrift Sigm.Freuds, „Die Frage der Laienanalyse, 
Unterredungen mit einem Unparteiischen" , entnommen. Das Buch 
enthält mehr, als der Titel verrät. Der Begründer der Psycho- 
analyse nimmt nicht nur Stellung zu der jetzt aktuell gewordenen 
Frage, ob die Handhabung der von ihm geschaffenen Therapie 
den Medizinern vorbehalten bleiben soll, sondern gibt wieder 
in knappen Zügen eine Darstellung seiner Lehre, sowohl der 
tiefenpsychologischen Ergebnisse, als ihrer praktischen Anwen- 
dung bei der analytischen Bekämpfung von Neurosen und 
Charakterstörungen. Diesmal wendet sich die Darstellung der 
Psychoanalyse nicht an ein gelehrtes Publikum, sondern — in 
Dialogform, lehrend, Vorurteile auflösend und diskutierend — 
gleichsam an einen als einflußreich angenommenen Mitbürger, 
in dessen Gesichtskreis die Psychoanalyse jetzt als Objekt der 
Gesetzgebung und der Gesetzesanwendung gerückt ist. Insbesondere 
die konkreten Vorgänge während der analytischen Kur werden 
eingehender verdeutlicht, als es in sonstigen gemeinverständlichen 
Darstellungen bisher geschah. — Die hier wiedergegebenen 
Bruchstücke sind dem letzten Teile des Buches entnommen, der 
die im Titel angeführte „Laienfrage" selbst behandelt. 

Ein historisches Anrecht auf den Alleinbesitz der Analyse 
haben die Arzte nicht, vielmehr haben sie bis vor kurzem 
alles aufgeboten, von der seichtesten Spötterei bis zur schwer- 
wiegendsten Verleumdung, um ihr zu schaden. Sie werden 
mit Recht antworten, das gehört der Vergangenheit an und 
braucht die Zukunft nicht zu beeinflussen. Ich bin einver- 
standen, aber ich fürchte, die Zukunft wird anders sein, als 
Sie sie vorhergesagt haben. 

Erlauben Sie, daß ich dem Wort „Kurpfuscher" den Sinn 
gebe, auf den es Anspruch hat an Stelle der legalen Bedeutung. 
Für das Gesetz ist der ein Kurpfuscher, der Kranke behandelt, 



47 



ohne sich durch den Besitz eines staatlichen Diploms als Arzt 
ausweisen zu können. Ich würde eine andere Definition be- 
vorzugen : Kurpfuscher ist, wer eine Behandlung unternimmt, 
ohne die dazu erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten zu 
besitzen. Auf dieser Definition fußend, wage ich die Behaup- 
tung, daß — nicht nur in den europäischen Ländern — die 
Arzte zu den Kurpfuschern in der Analyse ein überwiegendes 
Kontingent stellen. Sie üben sehr häufig die analytische Be- 
handlung aus, ohne sie gelernt zu haben und ohne sie zu 
verstehen. 

Es ist vergeblich, daß Sie mir einwenden wollen, das sei 
gewissenlos, das möchten Sie den Ärzten nicht zutrauen. Ein 
Arzt wisse doch, daß ein ärztliches Diplom kein Kaperbrief 
ist und ein Kranker nicht vogelfrei. Dem Arzt dürfe man 
immer zubilligen, daß er im guten Glauben handle, auch wenn 
er sich dabei vielleicht im Irrtum befinde. 

Die Tatsachen bestehen; wir wollen hoffen, daß sie sich 
so aufklären lassen, wie Sie es meinen. Ich will versuchen 
Ihnen auseinanderzusetzen, wie es möglich wird, daß ein Arzt 
sich in den Dingen der Psychoanalyse so benimmt, wie er es 
auf jedem anderen Gebiet sorgfältig vermeiden würde. 

Hier kommt in erster Linie in Betracht, daß der Arzt in 
der medizinischen Schule eine Ausbildung erfahren hat die 
ungefähr das Gegenteil von dem ist, was er als Vorbereitung 
zur Psychoanalyse brauchen würde. Seine Aufmerksamkeit ist 

auf objektiv feststellbare anatomische, physikalische, chemische 

Tatbestände hingelenkt worden, von deren richtiger Erfassung 
und geeigneter Beeinflussung der Erfolg des ärztlichen Handelns 
abhängt. In seinen Gesichtskreis wird das Problem des Lebens 
gerückt, soweit es sich uns bisher aus dem Spiel der Kräfte 
erklärt hat, die auch in der anorganischen Natur nachweisbar 
sind. Für die seelischen Seiten der Lebensphänomene wird 
das Interesse nicht geweckt, das Studium der höheren geistigen 
Leistungen geht die Medizin nichts an, es ist das Bereich einer 
anderen Fakultät. Die Psychiatrie allein sollte sich mit den 
Störungen der seelischen Funktionen beschäftigen, aber man 
weiß, in welcher Weise und mit welchen Absichten sie es tut. 

4 8 



Sie sucht die körperlichen Bedingungen der Seelenstörungen 
auf und behandelt sie wie andere Krankheitsanlässe. 

Die Psychiatrie hat darin recht und die medizinische Aus- 
bildung ist offenbar ausgezeichnet. Wenn man von ihr aus- 
sagt, sie sei einseitig, so muß man erst den Standpunkt aus- 
findig machen, von dem aus diese Charakteristik zum Vorwurf 
wird. An sich ist ja jede Wissenschaft einseitig, sie muß es 
sein, indem sie sich auf bestimmte Inhalte, Gesichtspunkte, 
Methoden einschränkt. Es ist ein Widersinn, an dem ich 
keinen Anteil haben möchte, daß man eine Wissenschaft gegen 
eine andere ausspielt. Die Physik entwertet doch nicht die 
Chemie, sie kann sie nicht ersetzen, aber auch von ihr nicht 
vertreten werden. Die Psychoanalyse ist gewiß ganz besonders 
einseitig, als die Wissenschaft vom seelisch Unbewußten. Das 
Recht auf Einseitigkeit soll also den medizinischen Wissen- 
schaften nicht bestritten werden. 

Der gesuchte Standpunkt findet sich erst, wenn man von 
der wissenschaftlichen Medizin auf die praktische Heilkunde ab- 
lenkt. Der kranke Mensch ist ein kompliziertes Wesen, er kann 
uns daran mahnen, daß auch die so schwer faßbaren seeli- 
schen Phänomene nicht aus dem Bild des Lebens gelöscht 
werden dürfen. Der Neurotiker gar ist eine unerwünschte 
Komplikation, eine Verlegenheit für die Heilkunde nicht minder 
als für die Rechtspflege und den Armeedienst. Aber er existiert 
und geht die Medizin besonders nahe an. Und für seine 
Würdigung wie für seine Behandlung leistet die medizinische 
Schulung nichts, aber auch gar nichts. Bei dem innigen Zu- 
sammenhang zwischen den Dingen, die wir als körperlich 
und als seelisch scheiden, darf man vorhersehen, daß der Tag 
kommen wird, an dem sich Wege der Erkenntnis und hoffent- 
lich auch der Beeinflussung von der Biologie der Organe und 
von der Chemie zu dem Erscheinungsgebiet der Neurosen 
eröffnen werden. Dieser Tag scheint noch ferne, gegenwärtig 
sind uns diese Krankheitszustände von der medizinischen Seite 
her unzugänglich. 

Es wäre zu ertragen, wenn die medizinische Schulung den 
Ärzten bloß die Orientierung auf dem Gebiete der Neurosen 



49 



versagte. Sie tut mehr; sie gibt ihnen eine falsche und schäd- 
liche Einstellung mit. Die Ärzte, deren Interesse für die 
psychischen Faktoren des Lebens nicht geweckt worden ist, 
sind nun allzu bereit, dieselben gering zu schätzen und als 
unwissenschaftlich zu bespötteln. Deshalb können sie nichts 
recht ernst nehmen, was mit ihnen zu tun hat, und fühlen 
die Verpflichtungen nicht, die sich von ihnen ableiten. Darum 
verfallen sie der laienhaften Respektlosigkeit vor der psycho- 
logischen Forschung und machen sich ihre Aufgabe leicht 
Man muß ja die Neurotiker behandeln, weil sie Kranke sind 
und sich an den Arzt wenden, muß auch immer Neues ver- 
suchen. Aber wozu sich die Mühe einer langwierigen Vor- 
bereitung auferlegen? Es wird auch so gehen; wer weiß, was 
das wert ist, was in den analytischen Instituten gelehrt wird. 
Je weniger sie vom Gegenstand verstehen, desto unternehmen- 
der werden sie. Nur der wirklich Wissende wird bescheiden 
denn er weiß, wie unzulänglich dies Wissen ist. 

Der Vergleich der analytischen Spezialität mit anderen 
medizinischen Fächern, den Sie zu meiner Beschwichtigung 
herangezogen haben, ist also nicht anwendbar. Für Chirurgie 
Augenheilkunde usw. bietet die Schule selbst die Möglichkeit 
zur weiteren Ausbildung. Die analytischen Lehrinstitute sind 
gering an Zahl, jung an Jahren und ohne Autorität. Die medi- 
zinische Schule hat sie nicht anerkannt und kümmert sich 
nicht um sie. Der junge Arzt, der seinen Lehrern so vieles 
hat glauben müssen, daß ihm zur Erziehung seines Urteils 
wenig Anlaß geworden ist, wird gerne die Gelegenheit er- 
greifen, auf einem Gebiet, wo es noch keine anerkannte 
Autorität gibt, endlich auch einmal den Kritiker zu spielen. 
Es gibt noch andere Verhältnisse, die sein Auftreten als analyti- 
scher Kurpfuscher begünstigen. Wenn er ohne ausreichende 
Vorbereitung Augenoperationen unternehmen wollte, so würde 
der Mißerfolg seiner Starextraktionen und Iridektomien und 
das Wegbleiben der Patienten seinem Wagestück bald ein Ende 
bereiten. Die Ausübung der Analyse ist für ihn vergleichs- 
weise ungefährlich. Das Publikum ist durch die durchschnitt- 
lich günstigen Ausgänge der Augenoperationen verwöhnt und 



50 



n^ssm 



„ 



erwartet sich Heilung vom Operateur. Wenn aber der „Nerven- 
arzt seine Kranken nicht herstellt, so verwundert sich niemand 
darüber. Man ist durch die Erfolge der Therapie bei den Ner- 
vösen nicht verwöhnt worden, der Nervenarzt hat sich wenigstens 
„viel mit ihnen abgegeben . Da läßt sich eben nicht viel machen, 
die Natur muß helfen oder die Zeit. Also beim Weib zuerst die 
Menstruation, dann die Heirat, später die Menopause. Am Ende 
hilft wirklich der Tod. Auch ist das, was der ärztliche Analytiker 
mit dem Nervösen vorgenommen hat, so unauffällig, daß sich 
daran kein Vorwurf klammern kann. Er hat ja keine Instru- 
mente oder Medikamente verwendet, nur mit ihm geredet, ver- 
sucht, ihm etwas ein- oder auszureden. Das kann doch nicht 
schaden, besonders wenn dabei vermieden wurde, peinliche oder 
aufregende Dinge zu berühren. Der ärztliche Analytiker, der sich 
von der strengen Unterweisung frei gemacht hat, wird gewiß 
den Versuch nicht unterlassen haben, die Analyse zu verbessern 
ihr die Giftzähne auszubrechen und sie den Kranken ange- 
nehm zu machen. Und wie gut, wenn er bei diesem Versuch 
stehen geblieben, denn wenn er wirklich gewagt hat, Wider- 
stände wachzurufen, und dann nicht wußte, wie ihnen zu 
begegnen ist, ja, dann kann er sich wirklich unbeliebt ge- 
macht haben. 

Die Gerechtigkeit erfordert das Zugeständnis, daß die Tätig- 
keit des ungeschulten Analytikers auch für den Kranken harm- 
loser ist als die des ungeschickten Operateurs. Der mögliche 
Schaden beschränkt sich darauf, daß der Kranke zu einem 
nutzlosen Aufwand veranlaßt wurde und seine Heilungschancen 
eingebüßt oder verschlechtert hat. Ferner, daß der Ruf der 
analytischen Therapie herabgesetzt wird. Das ist ja alles recht 
unerwünscht, aber es hält doch keinen Vergleich mit den 
Gefahren aus, die vom Messer des chirurgischen Kurpfuschers 
drohen. Schwere, dauernde Verschlimmerungen des Krank- 
heitszustandes sind nach meinem Urteil auch bei ungeschickter 
Anwendung der Analyse nicht zu befürchten. Die unerfreu- 
lichen Reaktionen klingen nach einer Weile wieder ab. Neben 
den Traumen des Lebens, welche die Krankheit hervorgerufen 
haben, kommt das bißchen Mißhandlung durch den Arzt nicht 

4* 51 



in Betracht. Nur daß eben der ungeeignete therapeutische Ver- 
such nichts Gutes für den Kranken geleistet hat. 

* 

... Ist die Ausübung der Psychoanalyse überhaupt ein Gegen- 
stand, der behördlichem Eingreifen unterworfen werden soll, 
oder ist es zweckmäßiger, ihn der natürlichen Entwicklung 
zu überlassen? Ich werde gewiß hier keine Entscheidung 
treffen, aber ich nehme mir die Freiheit, Ihnen dieses Problem 
zur Überlegung vorzulegen. In unserem Vaterlande herrscht 
von alters her ein wahrer furor prohibendi, eine Neigung 
zum Bevormunden, Eingreifen und Verbieten, die, wie wir 
alle wissen, nicht gerade gute Früchte getragen hat. Es scheint 
daß es im neuen, republikanischen Österreich noch nicht viel 
anders geworden ist. Ich vermute, daß Sie bei der Entscheidung 
über den Fall der Psychoanalyse, der uns jetzt beschäftigt, 
ein gewichtiges Wort mitzureden haben; ich weiß nicht, ob 
Sie die Lust oder den Einfluß haben werden, sich den bureau- 
kratischen Neigungen zu widersetzen. Meine unmaßgeblichen 
Gedanken zu unserer Frage will ich Ihnen jedenfalls nicht 
ersparen. Ich meine, daß ein Überfluß an Verordnungen und 
Verboten der Autorität des Gesetzes schadet. Man kann be- 
obachten: wo nur wenige Verbote bestehen, da werden sie 
sorgfältig eingehalten, wo man auf Schritt und Tritt von Ver- 
boten begleitet wird, da fühlt man förmlich die Versuchung 
sich über sie hinwegzusetzen. Ferner, man ist noch kein 
Anarchist, wenn man bereit ist, einzusehen, daß Gesetze und 
Verordnungen nach ihrer Herkunft nicht auf den Charakter 
der Heiligkeit und Unverletzlichkeit Anspruch haben können, 
daß sie oft inhaltlich unzulänglich und für unser Rechts- 
gefühl verletzend sind oder nach einiger Zeit so werden, 
und daß es bei der Schwerfälligkeit der die Gesellschaft 
leitenden Personen oft kein anderes Mittel zur Korrektur 
solch unzweckmäßiger Gesetze gibt, als sie herzhaft zu über- 
treten. Auch ist es ratsam, wenn man den Respekt vor Ge- 
setzen und Verordnungen erhalten will, keine zu erlassen, 
deren Einhaltung und Übertretung schwer zu überwachen 



ist. Manches, •was wir über die Ausübung der Analyse durch 
Ärzte gesagt haben, wäre hier für die eigentliche Laienanalyse, 
die das Gesetz unterdrücken will, zu wiederholen. Der Her- 
gang der Analyse ist ein recht unscheinbarer, sie wendet weder 
Medikamente noch Instrumente an, besteht nur in Gesprächen 
und Austausch von Mitteilungen; es wird nicht leicht sein, 
einer Laienperson nachzuweisen, sie übe „Analyse" aus, wenn 
sie behauptet, sie gebe nur Zuspruch, teile Aufklärungen aus 
und suche einen heilsamen menschlichen Einfluß auf seelisch 
Hilfsbedürftige zu gewinnen; das könne man ihr doch nicht 
verbieten, bloß darum, weil auch der Arzt es manchmal 
tue. In den englisch sprechenden Ländern haben die Prak- 
tiken der Christian Science eine große Verbreitung, eine 
Art von dialektischer Verleugnung der Übel im Leben durch 
Berufung auf die Lehren der christlichen Religion. Ich stehe 
nicht an zu behaupten, daß dies Verfahren eine bedauerliche 
Verirrung des menschlichen Geistes darstellt, aber wer würde 
in Amerika oder England daran denken, es zu verbieten und 
unter Strafe zu setzen? Fühlt sich denn die hohe Obrigkeit 
bei uns des rechten Weges zur Seligkeit so sicher, daß sie 
es wagen darf zu verhindern, daß jeder versuche, „nach seiner 
Facon selig zu werden?" Und zugegeben, daß viele sich selbst 
überlassen in Gefahren geraten und zu Schaden kommen, tut 
die Obrigkeit nicht besser daran, die Gebiete, die als un- 
betretbar gelten sollen, sorgfältig abzugrenzen und im übrigen, 
soweit es nur angeht, die Menschenkinder ihrer Erziehung 
durch Erfahrung und gegenseitige Beeinflussung zu überlassen? 
Die Psychoanalyse ist etwas so Neues in der Welt, die große 
Menge ist so wenig über sie orientiert, die Stellung der offi- 
ziellen Wissenschaft zu ihr noch so schwankend, daß es mir 
voreilig erscheint, jetzt schon mit gesetzlichen Vorschriften in 
die Entwicklung einzugreifen. Lassen wir die Kranken selbst 
die Entdeckung machen, daß es schädlich für sie ist, seelische 
Hilfe bei Personen zu suchen, die nicht gelernt haben, wie 
man sie leistet. Klären wir sie darüber auf und warnen sie 
davor, dann werden wir uns erspart haben, es ihnen zu ver- 
bieten. Auf italienischen Landstraßen zeigen die Leitungsträger 



53 



die knappe und eindrucksvolle Aufschrift: Chi tocca, muore. 
Das reicht vollkommen hin, um das Benehmen der Passanten 
gegen herabhängende Drähte zu regeln. Die entsprechenden 
deutschen Warnungen sind von einer überflüssigen und be- 
leidigenden Weitschweifigkeit: Das Berühren der Leitungs- 
drähte ist, weil lebensgefährlich, strengstens verboten. Wozu 
das Verbot? Wem sein Leben lieb ist, der erteilt es sich 
selbst, und wer sich auf diesem Wege umbringen will, der 
fragt nicht nach Erlaubnis. 

„Es gibt aber Fälle, die man als Präjudiz für die Frage 
der Laienanalyse anführen kann. Ich meine das Verbot der 
Versetzung in Hypnose durch Laien und das kürzlich erlassene 
Verbot der Abhaltung okkultistischer Sitzungen und Gründung 
solcher Gesellschaften." 

Ich kann nicht sagen, daß ich ein Bewunderer dieser 
Maßnahmen bin. Die letztere ist ein ganz unzweifelhafter 
Übergriff der polizeilichen Bevormundung zum Schaden der 
intellektuellen Freiheit. Ich bin außer dem Verdacht, den 
sogenannt okkulten Phänomenen viel Glauben entgegenzu- 
bringen oder gar Sehnsucht nach ihrer Anerkennung zu 
verspüren; aber durch solche Verbote wird man das Interesse 
der Menschen für diese angebliche Geheimwelt nicht ersticken. 
Vielleicht hat man im Gegenteil etwas sehr Schädliches 
getan, der unparteiischen Wißbegierde den Weg verschlossen 
zu einem befreienden Urteil über diese bedrückenden Mög- 
lichkeiten zu kommen. Aber dies auch nur wieder für 
Osterreich. In anderen Ländern stößt auch die „parapsychische" 
Forschung auf keine gesetzlichen Hindernisse. Der Fall der 
Hypnose liegt etwas anders als der der Analyse. Die Hyp- 
nose ist die Hervorrufung eines abnormen Seelen zustandes 
und dient den Laien heute nur als Mittel zur Schaustellung. 
Hätte sich die anfänglich so hoffnungsvolle hypnotische Therapie 
gehalten, so wären ähnliche Verhältnisse wie die {ier Analyse 
entstanden. Übrigens erbringt die Geschichte der Hypnose ein 
Präzedens zum Schicksal der Analyse nach anderer Richtung. 
Als ich ein junger Dozent der Neuropathologie war, eiferten 
die Arzte in der leidenschaftlichsten Weise gegen die Hyp- 

54 



nose, erklärten sie für einen Schwindel, ein Blendwerk des 
Teufels und einen höchst gefährlichen Eingriff. Heute haben 
sie dieselbe Hypnose monopolisiert, bedienen sich ihrer un- 
gescheut als Untersuchungsmethode und für manche Nerven- 
ärzte ist sie noch immer das Hauptmittel ihrer Therapie. 
Ich habe Ihnen bereits gesagt, ich denke nicht daran, Vor- 
schläge zu machen, die auf der Entscheidung beruhen, ob 
gesetzliche Regelung oder Gewährenlassen in Sachen der Analyse 
das Richtigere ist. Ich weiß, das ist eine prinzipielle Frage, 
auf deren Lösung die Neigungen der maßgebenden Personen 
wahrscheinlich mehr Einfluß nehmen werden als Argumente. 
Was mir für eine Politik des laissez faire zu sprechen scheint, 
habe ich bereits zusammengestellt. Wenn man sich anders 
entschließt, zu einer Politik des aktiven Eingreifens, dann 
allerdings scheint mir die eine lahme und ungerechte Maß- 
regel des rücksichtslosen Verbots der Analyse durch Nicht- 
ärzte, keine genügende Leistung zu sein. Man muß sich dann 
um mehr bekümmern, die Bedingungen, unter denen die 
Ausübung der analytischen Praxis gestattet ist, für alle, die 
sie ausüben wollen, feststellen, irgendeine Autorität aufrichten, 
bei der man sich Auskunft holen kann, was Analyse ist und 
was für Vorbereitung man für sie fordern darf, und die 
Möglichkeiten der Unterweisung in der Analyse fördern. 
Also entweder in Ruhe lassen oder Ordnung und Klarheit 
schaffen, nicht aber in eine verwickelte Situation mit einem 
vereinzelten Verbot dreinfahren, das mechanisch aus einer 
inadäquat gewordenen Vorschrift abgeleitet wird. 

. . . Die analytische Ausbildung überschneidet zwar den Kreis 
der ärztlichen Vorbereitung, schließt diesen aber nicht ein 
und wird nicht von ihm eingeschlossen. Wenn man, was 
heute noch phantastisch klingen mag, eine psychoanalytische 
Hochschule zu gründen hätte, so müßte an dieser vieles ge- 
lehrt werden, was auch die medizinische Fakultät lehrt: neben 
der Tiefenpsychologie, die immer das Hauptstück bleiben 
würde, eine Einführung in die Biologie, in möglichst großem 

55 



Umfang die Kunde vom Sexualleben, eine Bekanntheit mit 
den Krankheitsbildern der Psychiatrie. Anderseits würde der 
analytische Unterricht auch Fächer umfassen, die dem Arzt 
ferne hegen und mit denen er in seiner Tätigkeit nicht 
zusammenkommt: Kulturgeschichte, Mythologie, Religions- 
psychologie und Literaturwissenschaft. Ohne eine gute Orien- 
tierung auf diesen Gebieten steht der Analytiker einem großen 
leü seines Materials verständnislos gegenüber. Dafür kann 
er die Hauptmasse dessen, was die medizinische Schule lehrt 
für seine Zwecke nicht gebrauchen. Sowohl die Kenntnis der 
Fußwurzelknochen, als auch die der Konstitution der Kohlen 
Wasserstoffe, des Verlaufs der Hirnnervenfassem, alles, was 
die Medizin über bazilläre Krankheitserreger und deren Be- 
kämpfung, über Serumreaktionen und Gewebsneubildun ff en 
an den Tag gebracht hat: alles gewiß an sich höchst schätzens- 
wert ist für ihn doch völlig belanglos, geht ihn nichts an 
hilft ihm weder direkt dazu, eine Neurose zu verstehen und 
zuheilen, noch tragt dieses Wissen zur Schärfung jener intellek 
tue len Fähigkeiten bei, an welche seine T ä t£d j2£ 
Anforderungen «teilt Man wende nicht ein, der Fall W 
so ahnlich, wenn sich der Arzt einer anderen medizinisch™ 
Spezialität, z. B. der Zahnheilkunde, zuwendet 1"^ 
kann er manches nicht brauchen, worüber er Prüfung ab 
legen mußte, und muß vieles dazulernen, worauf iZ dt 
Schule nicht vorbereitet hatte. Die beiden Fäll • j j , 
nicht gleichzusetzen. Auch für die' Ä^"Ü 1 J£ 
die großen Gesxchtspunkte der Pathologie, die Lehren von" 
der Entzündung, Eiterung, Nekrose, von der Wechselwirkung 
der Korperorgane ihre Bedeutung; den Analytiker führt seine 
Erfahrung aber in eine andere Welt mit anderen Phänomenen 
und anderen Gesetzen. Wie immer sich die Philosophie über 
die Kluft zwischen Leiblichem und Seelischem hinwegsetzen 
mag, für unsere Erfahrung besteht sie zunächst und gar für 
unsere praktischen Bemühungen. 

Es ist ungerecht und unzweckmäßig, einen Menschen, 
der den andern von der Pein einer Phobie oder einer Zwangs- 
vorstellung befreien will, zum Umweg über das medizinische 



56 



Studium zu zwingen. Es wird auch keinen Erfolg haben, 
wenn es nicht gelingt, die Analyse überhaupt zu unterdrücken. 
Stellen Sie sich eine Landschaft vor, in der zu einem ge- 
wissen Aussichtspunkt zwei Wege führen, der eine kurz und 
geradlinig, der andere lang, gewunden und umwegig. Den 
kurzen Weg versuchen Sie durch eine Verbottafel zu sperren, 
vielleicht, weil er an einigen Blumenbeeten vorbeiführt, die 
Sie geschont wissen wollen. Sie haben nur dann Aussicht, 
daß Ihr Verbot respektiert wird, wenn der kurze Weg steil 
und mühselig ist, während der längere sanft aufwärts führt. 
Verhält es sich aber anders und ist im Gegenteil der Um- 
weg der beschwerlichere, so können Sie leicht den Nutzen 
Ihres Verbots und das Schicksal Ihrer Blumenbeete erraten. 
Ich besorge, Sie werden die Laien ebensowenig zwingen 
können Medizin zu studieren, wie es mir gelingen wird, die 
Ärzte zu bewegen, daß sie Analyse lernen. Sie kennen ja 
auch die menschliche Natur. 



. . . Wir halten es nämlich gar nicht für wünschenswert, daß 
die Psychoanalyse von der Medizin verschluckt werde und 
dann ihre endgiltige Ablagerung im Lehrbuch der Psychiatrie 
finde, im Kapitel Therapie, neben Verfahren wie hypnotische 
Suggestion, Autosuggestion, Persuasion, die aus unserer Un- 
wissenheit geschöpft, ihre kurzlebigen Wirkungen der Träg- 
heit und Feigheit der Menschenmassen danken. Sie verdient 
ein besseres Schicksal und wird es hoffentlich haben. Als 
„Tiefenpsychologie", Lehre vom seelisch Unbewußten, kann 
sie all den Wissenschaften unentbehrlich werden, die sich 
mit der Entstehungsgeschichte der menschlichen Kultur und 
ihrer großen Institutionen, wie Kunst, Religion und Gesell- 
schaftsordnung beschäftigen. Ich meine, sie hat diesen Wissen- 
schaften schon bis jetzt ansehnliche Hilfe zur Lösung ihrer 
Probleme geleistet, aber dies sind nur kleine Beiträge im 
Vergleich zu dem, was sich erreichen ließe, wenn Kultur- 
historiker, Religionspsychologen, Sprachforscher usw. sich dazu 
verstehen werden, das ihnen zur Verfügung gestellte neue 



57 



Forschungsmittel selbst zu handhaben. Der Gebrauch der 
Analyse zur Therapie der Neurosen ist nur eine ihrer An- 
wendungen | vielleicht wird die Zukunft zeigen, daß sie nicht 
die w.cht.gste ist Jedenfalls wäre es unbillig, der einen An- 
wendung alle anderen zu opfern, bloß weil dies Anwendungs- 
gebiet sich mit dem Kreis ärztlicher Interessen berührt 

Denn hier entrollt sich ein zweiter Zusammenhang in 
den man nicht ohne Schaden eingreifen kann. Wenn die 
Vertreter der verschiedenen Geisteswissenschaften die Psycho- 
analyse erlernen sollen, um deren Methoden und Gesichts- 
punkte auf ihr Material anzuwenden, so reicht es nS tau S 
daß sie sich an die Ergebnisse halten, die in der analytischen 
Literatur niedergelegt sind. Sie werden die Analyse S 
ernen müssen auf dem einzigen Weg, der dazl offen steh" 
ndem sie sich selbst einer Analyse unterziehen. Zu den Neuro- 
tikern, die der Analyse bedürfen, käme so eine zweite Klasse 
von Personen hinzu, die die Analyse aus intellektuellen Mo- 
tiven annehmen, die nebenbei erzielte Erhöhung ihrer Leistungs- 
fähigkeit aber gewiß gerne begrüßen werden. Zur Durch 
fuhrung dieser Analysen bedarf es einer Anzahl von Analytikern 
für die etwaige Kenntnisse in der Medizin besonders gering 
Bedeutung haben werden. Aber diese — T .1» geringe 
wollen wir Reißen müssen t^ bes J^^Z 

Ausbildung erfahren haben. Will ma „ ihnen diese nicht 35 
kümmern, so muß man ihnen Gelegenheit geben, Erfahrungen 
an lehrreiche» und beweisenden Fällen zu sammeln, und 
da gesunde Menschen, denen auch das Motiv der Wiß- 
begierde abgeht, sich nicht einer Analyse unterziehen, können 
es wiederum nur Nenrotiker sein, an denen - unter sorg 
sanier KontroUe - die Lehranalytiker für ihre spätere, nicht- 
amtliche Tätigkeit erzogen werden. Das Ganze erfordert aber 
ein gewisses Maß von Bewegungsfreiheit und verträgt keine 
kleinlichen Beschränkungen. 

Vielleicht glauben Sie nicht an diese rein theoretischen 
Interessen der Psychoanalyse oder wollen ihnen keinen Ein- 
fluß auf die praktische Frage der Laienanalyse einräumen. 
Dann lassen Sie sich mahnen, daß es noch ein anderes An- 



58 



wendungsgebiet der Psychoanalyse gibt, das dem Bereich des 
Kurpfuschergesetzes entzogen ist und auf das die Ärzte kaum 
Anspruch erheben werden. Ich meine ihre Verwendung in 
der Pädagogik. Wenn ein Kind anfängt, die Zeichen einer 
unerwünschten Entwicklung zu äußern, verstimmt, störrisch 
und unaufmerksam wird, so wird der Kinderarzt und selbst 
der Schularzt nichts für dasselbe tun können, selbst dann nicht, 
wenn das Kind deutliche nervöse Erscheinungen, wie Ängst- 
lichkeiten, Eßunlust, Erbrechen, Schlafstörung produziert. Eine 
Behandlung, die analytische Beeinflussung mit erzieherischen 
Maßnahmen vereinigt, von Personen ausgeführt, die es nicht 
verschmähen, sich um die Verhältnisse des kindlichen Milieus 
zu bekümmern, und die es verstehen, sich den Zugang zum 
Seelenleben des Kindes zu bahnen, bringt in einem beides 
zustande, die nervösen Symptome aufzuheben und die be- 
ginnende Charakterveränderung rückgängig zu machen. Unsere 
Einsicht in die Bedeutung der oft unscheinbaren Kinderneurosen 
als Disposition für schwere Erkrankungen des späteren Lebens 
weist uns auf diese Kinderanalysen als einen ausgezeichneten 
Weg der Prophylaxis hin. Es gibt unleugbar noch Feinde der 
Analyse; ich weiß nicht, welche Mittel ihnen zu Gebote stehen, 
um auch der Tätigkeit dieser pädagogischen Analytiker oder 
analytischen Pädagogen in den Arm zu fallen, halte es auch 
für nicht leicht möglich. Aber freilich, man soll sich nie zu 
sicher fühlen. 

Übrigens, um zu unserer Frage der analytischen Behandlung 
erwachsener Nervöser zurückzukehren, auch hier haben wir 
noch nicht alle Gesichtspunkte erschöpft. Unsere Kultur übt 
einen fast unerträglichen Druck auf uns aus, sie verlangt nach 
einem Korrektiv. Ist es zu phantastisch zu erwarten, daß die 
Psychoanalyse trotz ihrer Schwierigkeiten zur Leistung be- 
rufen sein könnte, die Menschen für ein solches Korrektiv 
vorzubereiten? . . . Die inneren Entwicklungsmöglichkeiten 
der Psychoanalyse sind doch durch Verordnungen und Ver- 
bote nicht zu treffen. 



59 



Die menschlichen Einigungsbestrebungen 
im Lichte der Psychoanalyse 



Von 

Pfarrer Dr. Oskar Pfister 

Zürich 



Die nachfolgenden Ausführungen 
sind ein Tai des Aufsatzes „Die 
menschlichen Einigungsbestrebungen 
im Lichte der Psychoanalyse (Von Kant 
zu FreudJ«, der in dem am 6. Mai 
1926 zum yo. Geburtstage Freuds 
erschienenen Sonderheft der „Imago, 
Zeitschrift für Anwendung der Psyl 
choanalyse auf die Natur- und Geistes- 
wissenschaften 1 ' (Band XII, Heft 2h) 
veröffentlicht wurde. 

Freuds Beiträge zur Psychologie der Zerklüftung 

: . F l eU ^ ****** Metaphysiker, noch Ethiker, noch Prophet 
Sem Reich sind die gegebenen Tatsachen und ihre wissenschaftliche 
Bearbeitung soweit sie zur Erfüllung seiner ärztlichen Aufgab! 
5£j?E A ^ U !™? Semer em Pi™chen Begriffs weit erforderlich 
ist. Mehr als Positivist will er als Psychoanalytiker und Gelehrter 
nicht sein. Wer ihm menschlich nähertreten durfte, weiß, daß 
ihm Kants Einigungsbestrebungen aus der Seele gesprochen' sind 
Daß er während des ganzen Weltkrieges in der von ihm heraus- 
gegebenen „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse« Ange- 
hörige der Zentralmächte und ihrer politischen Feinde als Redak- 
teure und ständige Mitarbeiter zeichnen ließ, läßt tief in seine 
Denkweise schauen. Die von ihm vertretene wissenschaftliche Rich- 
tung bewahrte dank seiner Führung jene über allen Chauvinismus 
hoch erhabene Haltung, die allein dem Wesen wahrer Wissen- 
schaft entspricht, und braucht sich nicht zu schämen, daß un- 
wissenschaftliches Organ in dieser Hinsicht eine Ausnahmestellung 
innerhalb der Weltliteratur einnahm. Ganz im Geiste Kants klagt 
Freud über den Krieg: „Es will uns scheinen, als hätte noch nie- 
mals em Ereignis soviel kostbares Gemeingut der Menschheit 
zerstört, so viele der klarsten Intelligenzen verwirrt, so gründlich 

60 



das Hohe erniedrigt." ' Der Sehnsucht nach Aufhören des Krieges 
gibt er beredten Ausdruck. Er erinnert daran, daß in jeder füh- 
renden Nation „hohe sittliche Normen für den Einzelnen aufge- 
stellt worden waren, nach denen er seine Lebensführung einzu- 
richten habe, wenn er an der Kulturgemeinschaft teilnehmen 
wollte", daß aber die Kulturstaaten untereinander diese Normen 
nicht respektierten. Er bespricht die Enttäuschung über die Miß- 
achtung des Völkerrechtes im großen Kriege, über die gesteigerte 
Verlogenheit und Machtgier, „die Lockerung aller sittlichen Be- 
ziehungen zwischen den Großindividuen der Menschheit". 

Allein nun tritt Freud durchaus nur als Psychologe an das 
Problem des Krieges heran. Genauer könnte man sagen: Er legt 
das Fundament zu einer Psychopathologie der S ozietät. 
Ihm ist der Krieg Atavismus und Regression (Rückbildung). 
Dem unzulänglichen Rationalismus Kants, der alles Heil von der 
Aufklärung erwartet, stellt er den Voluntarismus entgegen, der 
den Intellekt nur als Instrument des Willens gelten läßt, so daß 
auch der Scharfsinnigste sich plötzlich einsichtslos wie ein Schwach- 
sinniger benimmt, sobald die verlangte Einsicht bei ihm auf einen 
Gefühls widerstand stoßt. Die Großindividuen (Staaten und Volker) 
schieben Interessen vor, indem sie Krieg erklären; in Wirklich- 
keit gehen sie darauf aus, ihre Leidenschaften auszuwirken. In 
jedem Einzelnen steckt ebenso wie im Menschen der Urzeit ein 
Stück Feindseligkeit oder sogar Mordlust, das selbst in den innig- 
sten Liebesbeziehungen nachwirkt. 

Die knappen Andeutungen enthalten Ideen, deren Tragweite 
noch nicht abzusehen ist. Die Psychoanalyse dringt in den Bereich 
des Großindividuums ein. Erst damit wird eine biologische Psy- 
chologie der verschiedenen menschlichen Gemeinschaften (Völker, 
Klassen, Kirchen, wissenschaftlichen Schulen usw.) möglich. 

Freud als Hygieniker der menschlichen Einigungs- 
bestrebungen 

Die verdientesten Förderer der Menschheit wollen niemals 
Ziel sein. Sie führen über sich selbst hinaus. Sie entdecken wie 
Moses ein gelobtes Land und blicken leuchtenden Auges hinein; 
aber wenn sie es auch nicht selbst betreten, so rechnen sie zu 

i) Freud: Zeitgemäßes über Krieg und Tod. Imago I V (1915), S. 1. (Ges 
Schriften, Bd. X.) 

6l 



den preiswürdigsten Entschädigungen für ausgestandene Mühsal 
die Gewißheit, daß andere jenes Kanaan einnehmen werden. 

Auch für das erhabene Problem der Menschheitseinigung will 
Freud nur einen Anfang psychoanalytischer Untersuchung dar- 

"K i»n St6Ckt Cin Paar We ^P fähle auf ; s «nen Nachfolgern 

überlaßt er es, den von ihm begonnenen Weg auszubauen. Dem 
Einzelnen ist kaum vergönnt, mehr als ein Stück dieser Völker- 
straße zu verwirklichen. Vollends in der vorliegenden Skizze sind 
nur ein paar dürftige Andeutungen möglich. 

Die Psychoanalyse, auf die Großindividuen angewandt ver- 
mittelt uns in erster Linie eine tiefere Wesensschau in die 
Tatsachen menschlicher Zerklüftung und Gemeinschaft. Wir haben 

l7Jt OZ £° gi % S SfCh ^^ dGn materiellen Erscheinungen 
befaßt aber allerdings auch die psychologischen Determinanten 
mitberucksichtigt.« Was wir aber mindestens ebenso notwe^d " 
hatten, wäre eine Biologie des Zusammenlebens, eine Sozial 
biologie und Kulturbiologie, wobei der Nachdruck auf die *ei,ti 
gen Ursächlichkeiten zu liegen kommen müßte. Ohne Tieft«" 
Psychologie war ein solches Unternehmen undurchführbar Pr^Ä 
hat freie Bahn gebrochen. «unröar. Freud 

Die Analyse verschafft uns den erforderlichen Einblick iw *Li 
Struktur der menschlichen Zerwürfnisse und sJaTtui 
gen Sie lehrt uns im Gegensatz zur Oberflächenpsychologie das" 
Irrationale und Alogische dieser Prozesse verstehen und 
überwindet damit den seichten Rationalismus, an dem die hi« 
herigen Versuche zerschellen mußten. Aber diese irraHn^i 1 

alogischen Machtfakoren stellen sich nicht als e w as M tTsch 
und Mirakulöses heraus, wie es naive theologische ÄSSS 
so gerne haben möchten, um ihren WiinatL», • aLur diisten 

Feld zu erschließen: vielmehr erkennt SÄT ""^^ 
scharf *u formulieren, das Rationale im £Ä™ «möglichst 
len, das Irrationale im vermeintlich £Är , 5*""- 
drangungs- und Manifestationstheorie Tost d Rat, *"' 
wmimon Haren und durchsichtigen Weil * ^ 



in einer 



m i m uiu v-iioi^iiiigcxi weise. 
ELenso gewährt Freuds Forschung Einblicke in den Zwangs- 
charakter so vieler menschlicher Spannungen, die sich der Eini- 
gung widersetzen. Das Wort „Zwang" gilt dabei nicht im übli- 
chen Sinne, nach welchem dem Subjekte eine unwiderstehliche 

1) Siehe meine Schrift „Der seelische Aufbau des klassischen Kapitalismus 
und des Geldgeistes." Bircher, Bern. 

62 



innere Macht gegenübersteht. Von solchen „Obsessionen" unter- 
scheide ich die „Insessionen", die nach genau denselben Gesetzen 
zustande kommen, nur daß der Widerstand des Subjektes gänzlich 
überwunden ist, so daß der Schein der freien Willens entschei düng 
entsteht. Solche Insessionen, die die Menschen auseinanderreißen, 
wirken oft nach Art einer posthypnotischen Suggestion, in welcher 
der Fremdursprung der abgenötigten Handlung vergessen ist. 

Damit ist bereits der unterschwellige Regierungsbezirk 
angedeutet, als dessen Vollzug die menschlichen Absperrungen 
und Feindseligkeiten sich für die tiefenbiologische Betrachtung 
ergeben. Um ihn wissenschaftlich erfassen zu können, muß eine 
kausale Untersuchung einsetzen, die wiederum erst seit Freud 
möglich ist. 

Bei dieser entwicklungsgeschichtlichen Arbeit erkun- 
digt sich der Analytiker nach den Wurzeln der menschlichen 
Zersplitterung und gelangt dabei zu einem ungeheuer verwickelten 
Netz. Als besonders wichtig findet er immer und immer wieder 
die Ödipus-Bindüng, den Narzißmus, Sadismus und Masochismus, 
ferner eine Unmasse von sekundären Determinanten, wie Kastra- 
tionsdrohung und andere sexuelle Traumen, lieblose Behandlung, 
Kränkungen des Selbstgefühls hinsichtlich des körperlichen, geisti- 
gen oder sozialen Wertes, Beeinträchtigungen des Strebens nach 
freien Entwicklungen usw. 

Eine analytisch belehrte Biologie der Großindividuen hätte 
sodann die genetischen Prozesse mit ihren Kausalver- 
hältnissen ausfindig zu machen. Sie müßte zu diesem Zwecke 
gleichzeitig geistes- und naturwissenschaftlich orientiert sein. Sie 
hätte die Entwicklung der menschlichen Sozietätsformen aufzu- 
decken, und da ihr an der Feststellung der Ursächlichkeiten be- 
sonders viel hegt, müßte sie den Gesetzen des menschlichen 
Zusammen- und Auseinandergehens sorgfältigste Aufmerksamkeit 
schenken. Außer den spezifischen allgemeinen Formen, die bei 
diesen Prozessen hervortreten, müßte sie den im gesamten übri- 
gen Geistesleben zutage tretenden Gesetzen nachgehen, der Ver- 
drängung, Fixation, Introversion, Regression (der ontogenetischen 
und phylogenetischen) usw. Sie hätte s-ich zu befassen mit den 
Gesetzen der Symbolisation, der Affektverpflanzung, der Reaktions- 
bildung u. dgl. Sie hätte Umschau zu halten nach dem latenten 
Sinn der Zerklüftung, nach der Bekämpfung des Vaters und der 
Gleichsetzung mit ihm und unzähligen anderen konstanten For- 
men, in denen die menschliche Dissoziation sich vollzieht. 



63 



Auf Grund dieser Wesensschau wird es erst möglich, die 
Heilung von Haß, Feindseligkeit, kalter Ablehnung, verständnis- 
loser Einstellung unter den verschiedensten politischen, sozialen, 
religiösen und anderen Großindividuen planmäßig ins Auge zu fassen. 
Eine Sozialhygiene betritt den Plan. Es ist im höchsten Maße 
bemerkenswert, wie dilettantisch und naiv bis auf den heutigen 
Tag die Völkerbeziehungen behandelt wurden. Mit unvernünftigen, 
jabeinahe verbrecherischen Methoden betrieb man die Völkerlenkung 
schleppte die Blüte der Männerwelt vor die Schlachtbank, vernichtete 
die kräftigsten Stützen des Volkswohles, unterband die wichtigsten 
Blutadern eines gesunden Menschheitslebens, also auch Gemein- 
schaftslebens und beging Verrat an den zentralen Interessen, indem 
man mit jämmerlichem Krämergeist die oberflächlichen Kleininter- 
essen förderte. Im Leben der Einzelnen gewährt man dem Arzt ein ge- 
wichtiges Wort : Der Sportsmann, der Fabriksdirektor, der Lohnarbei- 
ter lassen sich von ihm beraten, wenn das Leben auf dem Spiele 
steht. Für die Beurteilung der groß individuellen Lebensinteressen 
aber fehlte der Arzt. Jeder Staatsmann ließ sich'von seinen Kal- 
kulationen leiten, und die völkerhygienischen Rücksichten blieben 
außer acht. Angesichts solchen Wahnsinns darf man sich über 
die Greuel des Weltkrieges und die Torheiten des sogenannten 
Weltfriedens nicht wundern. 

Freud zeigt uns die hygienischen Grundsätze der Völkergemein- 
schaft. Er lehrt Uns die allein wirksame Behandlung jener dissozia- 
tiven Störungen des menschlichen Gemeinschaftslebens, die schon 
Kant als krankhaft erkannte. Er lehrt uns, daß wir allen Ernstes 
auch die groß individuellen Neurosen, als welche wir Krieg, fana- 
tischen Haß, Unterdrückung u. dgl. sehr oft (nicht immer) betrach- 
ten müssen, nach psychoanalytischen Prinzipien behandeln müssen. 
Er hilft so zur Überwindung der pathogenen Tiefenmächte und 
zur Reintegration der Liebe. Was Aufklärung und überlieferte 
Diplomatenkunst aus leicht verständlichen Gründen nicht erzielen 
konnten, das rückt nun dank der analytisch vertieften Sozial- 
hygiene im weitesten Sinne in den Bereich des Ausführbaren. 

Und so entfacht Freud die zündende Fackel, die den erhabenen 
Geistern des Friedens und der Liebe ihren segensreichen Einzug 
in die Großindividuen der Menschheit erleichtern wird. 



64 



Kann das Unbewußte erzogen werden? 

Vortrag, gehalten in der „Montessori Society' in London 



von 



M. D. Eder 

Aus dem am 6. Mai 1926 zum 
JO. Geburtstage Sigm. Freuds er- 
schienenen Sonderheft der „Imago, 
Zeitschrift für Anwendung der Psycho- 
analyse auf die Natur- und Geistes- 
wissenschaften 11 (Bd. XII, Heft 2'ß). 

An euch, ihr Lehrer, ergeht der Ruf, die Menschheit zu retten. 
Der gegliederte Teil der Menschen fühlt sich gerade in der heu- 
tigen Zeit besonders elend und traurig und wendet sich, nachdem 
er sein Heil auf verschiedene Weise gesucht hat, an euch, in der 
Hoffnung, daß ihr einen Weg aus dem Sumpf finden werdet. Das 
erscheint auf den ersten Blick als eine vernünftige Hoffnung, denn 
selbst wenn ihr mit Le Play darin übereinstimmt, daß mit jeder 
neuen Generation eine Horde von kleinen Wilden in die Welt 
einbricht, fällt ja euch Lehrern die Aufgabe zu, diese Wilden zu 
zivilisieren; und da der Ruf nach mehr und immer mehr Erzie- 
hung allgemein ist, muß man wohl annehmen, daß wir recht 
zufrieden mit der Art sind, wie ihr eure Aufgabe erfüllt - 
nur würden wir wünschen, daß ihr eine noch höhere Stufe 
erreicht. 

„Was taugt ein Mensch ohne Unterweisung?« fragt Mr Hiob 
Huß in The Undying Fire« von H. G. Wells. „Er wird geboren 
wie das Vieh, unersättliche Selbstsucht, Gier, die nicht locker 
laßt, ein Etwas, bestehend aus Gelüst und Angst. Er sieht alles 
nur in Beziehung zu sich selbst. Sogar seine Liebe ist ein Ge- 
schäft; und seine äußerste Anstrengung ist nichtig, denn er muß 
ja doch sterben. Und wir Lehrer allein sind es, die ihn aus dieser 
Selbstbefangenheit emporheben können — wir Lehrer. Und so 
entgeht er durch uns und nur durch uns dem Tode und der 
Nichtigkeit. Em ungelehrter Mensch ist ein vereinsamtes Wesen, 
so verlassen in seinem Zielen und seinem Schicksal wie nur irgend- 
ein Tier. Der unterrichtete Mensch aber ist dem engen Gefängnis 
seines Selbst entronnen zur Teilnahme an einem nichtsterblichen 
Leben, das begann, wir wissen nicht wann, und das sich aus- 
breitet bis über die Weite der Gestirne." 



65 






Aber da Erziehung doch nicht ausschließlich eine Errungen- 
schaft des zwanzigsten Jahrhunderts ist, mag wohl die Frage am 
Platze sein: Gibt es eine Rechtfertigung und welche dafür, daß 
wir die Erfüllung so ausschweifender Hoffnungen von der Er- 
ziehung erwarten. Dabei wollen wir für einen Augenblick an- 
nehmen, daß das vollendetste System, das man sich nur wünschen 
kann, sagen wir das der Montessori, allgemeine Anwendung fände. 

Wenn der unterrichtete Mensch sich wirklich so unendlich 
hoch über das ausschließliche Interesse am eigenen Selbst empor- 
heben würde, wenn er wirklich ein um so viel edleres, so viel 
lebendigeres Leben führt, dann brauchte ich keine Fragen zu 
stellen, keiner Angst für die Zukunft Ausdruck zu geben. Denn 
sicherlich besitzt auch die dümmste und unwissendste Person in 
diesem Raum, ich selbst, mehr Wissen, als der Wissendste des 
Altertums hatte, ebenso wie unsere Urenkel einen größeren Vorrat 
an Wissen haben werden, als irgendeiner von uns hier bean- 
spruchen kann. Aber so angenehm und erfreulich es auch sein 
mag, über die wachsenden Quellen des Wissens nachzudenken, 
die heute überall sprudeln, obgleich ich mich rühmen kann, mehr 
zu wissen, als Piaton wußte, so lehren uns doch die Weltgeschichte 
und Weltliteratur, daß größeres Wissen nicht gleichbedeutend ist 
mit größerer Weisheit. Wir bleiben noch immer, wie Shaw sagt 
die kecken, launenhaften Affen, die wir in der Dämmerzeit der 
Geschichte waren; betroffen sehen wir, wie bei den Helden und 
in den Heldenzeiten der Vergangenheit ebenso wie heute, Kämpfe 
Zweifel, Streben nach einem besseren Zustand auf dieser Erde' 
nach Frieden unter den Menschen, nach dem Ende des Hasses 
und der Erhittertheit ebenso zwischen den Individuen wie zwischen 
den Völkern hart neben Unterdrückung, Gier und Grausamkeit 
erscheinen, und zwar nicht nur in ein und derselben Geschichts- 
epoche, nicht nur in verschiedenen Lebensperioden desselben Indi- 
viduums, sendern fast in ein und demselben Augenblick. Ja, noch 
mehr, jene Anthropologen, die sich in den letzten Jahren der 
Erforschung der Psyche solcher Völker widmeten, die eine Kultur 
haben, aber eine von der unsern verschiedene, eine Erziehung, 
aber kein solches System des Unterrichts, wie Hiob Huß es er- 
träumt, finden die genauesten Parallelen zwischen den grund- 
legenden Ideen und Affekten der Wilden und unseren eigenen. 
Das Unbewußte ist überall gleich und ich glaube, wir können die 
Hypothese aufstellen, daß es gleich geblieben ist, seitdem die 
Menschen Menschen sind. 



66 



Nur als Stütze unseres Gedächtnisses will ich im Umriß Freuds 
Ansicht üher die Eigenart des Unbewußten wiedergeben: Das Un- 
bewußte besteht aus Triebvertretungen, die Wunschimpulse sind. 
Im Unbewußten gibt es kein Nein, keine Unsicherheit; entgegen- 
gesetzte Wünsche existieren nebeneinander, ohne einander auszu- 
löschen; es herrscht die äußerste Beweglichkeit, so daß durch 
Verschiebung und Verdichtung eine Vorstellung vollkommen ver- 
deckt werden kann; das Unbewußte ist zeitlos, d. h. seine Prozesse 
unterliegen keinerlei Veränderungen durch die Zeit; die Prozesse 
des Unbewußten haben nichts mit der Wirklichkeit zu tun, sie 
sind dem Lustprinzip unterworfen, d. h. sie ersetzen äußere Wirk- 
lichkeit durch psychische. 

Ich habe bei meinem heutigen Vortrag diese Auffassung als 
gebilligt angenommen, da ich weiß, daß Ihre Vereinigung schon 
andere Vorträge über das Unbewußte angehört hat; es wäre zu 
lästig, wenn "wir bei jeder Auseinandersetzung erst einen gemein- 
samen Ausgangspunkt suchen müßten. Ich bemühe mich, von einem 
streng wissenschaftlichen Standpunkt aus zu sprechen, d. h. in die 
Kette von Geschehnissen kein äußeres Moment sich einschieben 
zu lassen. Es ist der Standpunkt, den der gewöhnliche Mensch im 
täglichen Leben einnimmt. Wenn Sie den Wasserhalm drehen und 
kein Wasser herauskommt, so werden Sie nach dem Installateur 
senden; Sie werden nicht bei Sekten Hilfe suchen und nicht so 
handeln, als glaubten Sie an die Einwirkung eines bösen Geistes. 

Nehmen wir als bewiesen an, daß das Unbewußte durch die 
ganze Menschheitsgeschichte unverändert blieb, wie können wir 
dann die Veränderungen in den menschlichen Verhältnissen er- 
klären, Veränderungen, die ich gerne als Fortschritt ansehen will. 
Wir müssen auch daran denken, daß die meisten dieser bedeut- 
samen Wandlungen relativ jung sind; ist doch die wunderbarste 
aller Kulturänderungen, der Ackerbau, keine siebentausend Jahre, 
zählt also vielleicht weniger Generationen als dieser Raum 
Menschen. 

Vor allem ist die Annahme unrichtig, daß eine Moral — ich 
spreche vom menschlichen Standpunkt aus — den Tieren unbe- 
kannt ist. Sonderbarer erscheint es, daß gewisse menschliche 
Charakterzüge, z. B. Grausamkeit ohne Nutzen als Zweck, nicht 
zum Wesen der anderen Tiere gehören, während das, was uns 
als ein Beispiel von Liebe und Güte erscheint, sich durch das 
ganze Tierreich findet. Auf den großen Steppen von Südamerika 
war ich oft Zeuge folgender Szene: Dutzende von Geiern schweben 



5* 6 7 



über einem sterbenden Kalb, das die Mutter, bereit zu einem 
Verteidigungskampf, bewachte; sie verscheucht jeden Vogel, der 
scheinbar herankommen will; keiner wagt es, ihrem sterbenden 
Jungen zu nahe zu kommen. Damit Sie Ihre Sympathie bei diesem 
Beispiel von Elterninstinkt nicht übermannt, will ich hinzufügen, 
daß sich dte Geier in dem Moment, in dem das Kalb tot ist, auf 
die Leiche stürzen, während die Mutter ruhig wieder zu grasen 
beginnt. In Wahrheit ist das Verhalten der Kuh so vernünftig, 
wie es das einer menschlichen Mutter unter ähnlichen Umständen 
wäre; für die Betätigung des Mutterinstinktes besteht hier kein 
Anlaß, da die Geier nichts Lebendes anrühren; sie fressen nur 
Aas und töten ihre Beute nicht. 

Die Kuh zeigt sich hier ebenso unvernünftig wie die Mutter 
aus Steiermark, die ihr Kind vor den Gefahren des Zahnens da- 
durch schützt, daß sie einer lebendigen Maus den Kopf abbeißt 
und ihn an einem Seidenfaden um den Hals des Kindes hängt. 
Wenn wir nun die Antwort auf die Frage finden können 
warum die Mutter in London diesen Brauch nicht üben dann 
dürften wir auf dem Wege sein, auch die Frage zu beantworten 
die den Titel dieses Vortrages bildet. 

Wir können ruhig annehmen, daß die steirischen Mütter mit 
ihren Schutzmitteln dieselben Resultate erzielt haben, wie andere 
ohne diese. Zweifellos hat sich das Zahnen des Kindes unter Be- 
gleitung des Mauskopfes recht häufig ohne jede Schwierigkeit 
vollzogen, während das Kind in anderen Fällen, ungeachtet der 
Opferung der armen Maus, ziemlich viel zu leiden hatte Ich 
erinnere mich noch aus der Zeit des Beginnes meiner medizini- 
schen Laufbahn, daß der Arzt damals oft Einschnitte in das Zahn- 
fleisch des Kindes machte. In Südamerika wieder wurde wie ich 
erfuhr, das Zahnfleisch mit dem Manna eingerieben. Heute wissen 
alle die beruflich mit zahnenden Kindern zu tun haben, daß keine 
große Gefahr damit verbunden ist und daß weder eine Maus noch 
das Zahnfleisch des Kindes dabei geopfert werden muß. 

Der lächerliche und vielleicht auch abstoßende Brauch in 
Steiermark hat aber doch eine Bedeutung. Eine vollständige Er- 
klärung kann ich Ihnen nicht geben, weil ich keine weiß; ich 
kenne die Geschichte dieses Ritus nicht und auf alle Fälle würde 
uns das zu weit von unserem Thema abführen. Aber zugrunde 
liegt, wie bei vielen ähnlichen Zeremonien, eine gewisse feindliche 
Einstellung gegen das Kind. Die steirische Mutter empfindet wie 
andere Mütter große Freude und großen Stolz darüber, ein Kind 



68 



zu haben, es ist der Gegenstand unendlicher Liebe, Hingebung, 
Sorgfalt. Aber es ist auch eine Hemmung für die Befriedigung 
der egoistischen mütterlichen Neigungen; das Kind stört die Nacht- 
ruhe usw. In anderen Gemeinschaften fanden solche feindliche 
Gefühle ihren Ausdruck in der Tötung des Kindes; in Steiermark 
in der Opferung einer Maus und in unserem duldsamen London 
vielleicht einfach in dem Ausruf der Bonne: „Hol' der Kuckuck 
das Kind!" 

Wir entdecken also, daß das unbewußte Feindschaftsgefühl 
gegen das Kind geblieben ist; nur seine Äußerungen sind einer 
unaufhörlichen Wandlung unterworfen — von der Tötung des 
Kindes bis zu einem Ausruf der Ungeduld; — alles vollzieht sich 
in den meisten Fällen unbewußt und findet unter Umständen keinen 
direkteren Ausdruck als den der Unzufriedenheit der Mutter mit 
der Art, wie die Bonne dem Kind das Häubchen aufgesetzt hat 
— also in einer Verschiebung des ursprünglichen Affektes. 

Man könnte die Frage aufwerfen, ob der Affekt in unserem 
zivilisierten Gemeinschaftsleben eben so stark ist wie unter Wilden 
oder wie er bei den Menschen der Urzeit war. Ich bin außer- 
stande, diese Frage zu beantworten, denn wir haben unglücklicher- 
weise keinen verläßlichen Maßstab für Gefühle. Aber meine Be- 
obachtungen legen mir die Vermutung nahe, daß im ganzen die 
mütterlichen Gefühle, zärtliche wie feindliche, unter den Wilden 
ebenso ausgeprägt sind wie unter hochkultivierten Völkern. In 
einem Kannibalenstamm in Südamerika, bei dem ich mich eine 
Zeitlang aufhielt, entsprach die liebevolle Hingabe dieser menschen- 
fressenden Mutter und Väter für ihre Kinder durchaus den Forde- 
rungen irgendeines englischen belehrenden Buches über Mutter- 
schaft. 

Im übrigen können wir von der Frage der Stärke, die aller- 
dings für das einzelne Individuum wie für jede besondere Rasse 
ungeheuere Wichtigkeit besitzt, die nach der Art dieses Gefühls 
trennen. Nachdem ich die ursprüngliche Einheit dieser primitiven 
Impulse durch die ganze Geschichte vertreten habe, muß ich zu- 
nächst ihr weiteres Schicksal skizzieren, soweit mit den Wand- 
lungen, denen sie unterworfen waren, die Erziehung etwas zu 
tun hat. Unter normalen Umständen besteht der erzieherisch 
wichtigste Prozeß in dem Ersatz des ursprünglichen Objekts durch 
ein anderes, das dem sozialen Leben des Individuums besser an- 
gepaßt ist. In vielen Fällen ist die Umwandlung des Objekts be- 
gleitet von einer Einschränkimg oder Aufhebung des Ursprung- 



69 



liehen Zieles. Ist die Umwandlung in zufriedenstellender Weise 
durchgeführt, dann muß das ursprüngliche Ziel die Fähigkeit ver- 
lieren, den Impuls in Tätigkeit zu setzen. Auf solchen erfolg- 
reichen Umwandlungen beruht die Zivilisation; die Erziehung 
kann unmittelbar verhältnismäßig wenig dazu tun, die Wandlun- 
gen selbst hervorzubringen, aber sie kann sie auf verschiedenste 
Art beeinflussen. 

Die erste ist zwar negativ, aber von grundlegender Bedeutung 
für das Wachstum des Individuums. Sie hat zur Voraussetzung 
die Erkenntnis, daß die Erziehung zur Kultur bei der Geburt 
beginnt und daß die ersten sechs Lebensjahre ausschlaggebend 
sind; sie wird daher alle psychologischen Hemmungen für die 
geistige Entwicklung beseitigen und Bedingungen für die freie 
Entwicklung des Kindes zu sichern trachten. Solche Bedingungen 
anerkennt ja auch die Montessori- Gesellschaft als wünschenswert 
wenn auch erst in einem späteren Stadium. 

Neue Erkenntnisse in der Psychologie des Unbewußten er- 
möglichen uns ein besseres Verständnis der Rolle, die der Lehrer 
bei diesem Prozeß spielen kann. Neben dem Ich, das aus trieb- 
haften Wünschen besteht, wächst im Kinde ein anderes Ich, das 
sich zunächst nach jenen Menschen formt, die in unmittelbare 
gefühlsbetonte Berührung mit dem Kind kommen, im Normalfall 
also nach den Eltern. In diesem Identifizierungsprozeß nimmt 
das Kind die Eigenheiten des einen oder anderen Elternteiles an; 
unter gewöhnlichen Verhältnissen identifiziert sich der Knabe mit 
dem Vater, das Mädchen mit der Mutter. Es handelt sich dabei 
nicht, daran müssen wir festhalten, um eine bewußte Nachahmimg, 
sondern um ein Streben, die erwachsene Person zu sein, ein 
Streben, von dem das Kind selbst nichts weiß. Diesem zweiten 
Ich, diesem Über-Ich, wie Freud es genannt hat, verdanken wir 
das Erwachen des Gewissens. Nun kann aber, wie ich es schon 
gesagt habe, das Objekt eines instinktiven Impulses wechseln. 
Wenn das Kind in das schulpflichtige Alter kommt, wird statt 
der Eltern der Lehrer zum Objekt der Identifizierungsbestrebungen. 
Solch eine Identifizierung kann vollständig oder nur teilweise 
stattfinden, aber von diesem Prozeß hauptsächlich wird der Erfolg 
des Lehrers abhängen, d. h. ob er seine Schüler instand setzen 
kann, ihre primitiven Impulse in Einklang mit der Kultur ihrer 
Generation zu bringen. 

Wenn meine Skizzierung der Methoden zur Zähmung der 
unbewußten Impulse richtig ist, so werden Sie wohl zu der An- 



70 



sieht kommen, daß die Erziehung zwar die ganze schwere Auf- 
gabe auf sich nehmen muß, jede Generation aus „kleinen Wilden" 
— vom Standpunkt des Erwachsenen aus, denn vom psychologi- 
schen aus muß man sagen, daß das Kind amoralisch ist und nur 
zu bald ein Gewissen und sogar eine Supermoralität entwickelt — 
zu Menschen mit den hohen ethischen Forderungen meiner Zu- 
hörer zu machen, daß aber ihre Aussichten recht ungünstig sind. 
Tatsächlich gibt ein österreichischer Pädagoge (Dr. Bernfeld) 
seinem letzten Buch über Erziehung den Titel „Sisyphos", weil 
der Erziehungsprozeß für jede Generation von Anfang an wieder- 
holt werden muß. Nun gut, wenn das der Fall ist, brauchen wir 
darüber nicht mehr Tränen zu vergießen als über die Tatsache, 
daß jedes Individuum sein Leben als Parasit beginnt, daß es erst 
nach einer Reihe von mißglückten Versuchen aufrecht stehen 
lernt, daß es seine Milchzähne nur bekommt, um sie wieder zu 
verlieren, wenn die zweiten durchbrechen. Ohne den Satz vom 
Sündenfall zu unterschreiben, kann man doch an der Voraus- 
setzung festhalten, daß vom Standpunkte der Erwachsenen aus 
die Natur des Menschen böse ist oder doch ihre engen Grenzen 
hat und daß er seine bemerkenswerten Leistungen nur kraft hero- 
ischer Zucht vollbringen konnte; und jede Erziehung trägt diesen 
Charakter. 

Bevor ich mich mit anderen Möglichkeiten befasse, muß ich 
kurz die Verhältnisse ins Auge fassen, die die Möglichkeit einer 
Erziehung in menschlichen Angelegenheiten gebracht haben mögen 
Die Instrumente, durch welche der Mensch instand gesetzt wurde, 
sein Wissen von Generation zu Generation zu erweitern, sind die 
Sprache und ihre Tochter, die Schrift. Prof. Elliot Smith bemerkt: 
„Im Augenblick, wo man es mit menschlichen Wesen zu tun 
hatte, die dank der Erwerbung der Sprache einander Mitteilungen 
zukommen lassen und die Früchte ihrer Erkenntnis kommenden 
Generationen übermitteln können, hat sich ein neuer Zustand 
der Dinge herausgebildet, für den wir nirgends anders eine genaue 
Parallele finden." Die in mündlicher und schriftlicher Tradition 
übermittelten Früchte der Erfahrung sind, wie Sie aus der Natur 
der Sachlage erkennen, nur von einem gewissen Alter an für das 
Kind verwertbar. Sie können keineswegs die Neigungen ändern, 
die es bei der Geburt auf die Welt mitbringt. 

Nun, da wir das Instrument kennen, gibt es irgendeine wissen- 
schaftliche Erklärung dafür, wie es zur Kulturentwicklung kam? 
Soweit ich die Dinge überblicke, läßt es sich nicht bestreiten, 



71 



daß die Menschheit insgesamt eine Tendenz zur Änderung zeigt 
(nennen wir es Fortschritt); dieselbe Erscheinung sehen wir auch 
täglich rings um uns im organischen Leben und die Physiker 
haben uns gelehrt, sie auch in der anorganischen Welt zu finden. 
Soweit es uns Menschen betrifft, können wir uns wohl vor- 
stellen, daß unter dem Druck des Daseinskampfes das Gebäude 
der Zivilisation durch Opfer in bezug auf die Art der Befriedi- 
gung primitiver Impulse errichtet wurde und daß er immer von 
neuem geschaffen werden muß, denn der Reihe nach wird jedes 
einzelne Individuum, wenn es am Gemeinschaftsleben Anteil ge- 
winnt, gezwungen, um des Gemeinwohles willen das Opfer seiner 
instinktiven Wünsche zu wiederholen. Diese Auffassung macht 
die Annahme von ererbten Dispositionen, und von der Übermitt- 
lung von erworbenen Eigenschaften überflüssig. Das Ineinander- 
wirken von Geistigem und Physischem, das hiehergehören würde, 
ist ein zu weitläufiges Thema, um es hier zu berühren. Ich will 
nur betonen, daß „geistig" und „physisch" nicht als Ausdrücke 
für verschiedene Wirkungskreise gebraucht werden dürfen. Es 
sind nur zwei verschiedene Arten, die „an sich" nicht bekannten 
Vorgänge zu erfassen. 

Meine bisherige Antwort auf die Frage, ob irgendein Erzie- 
hungsprozeß eine Wandlung des innersten Wesens hervorbringen 
kann, war also so weit negativ, wurde aber modifiziert durch 
meinen Versuch, zu zeigen, daß Änderungen in den Objekten und 
Zielen unserer primitiven Impulse erreicht werden können um 
sie mit den Erfordernissen unserer Kultur besser in Einklang zu 
bringen. Das ist keine wirkliche Änderung, zeigt aber die äußeren 
Merkmale einer solchen. Der Unterschied ist nur, daß wir immer 
wachsam sein müssen. Es besteht für uns immer die Möglichkeit 
des Zurückgleitens - manche werden es wünschenswert nennen - 
in eine leichtere und weniger anstrengende Art von Gemein- 
schaftsleben. 

Gibt es irgendwelche Verhältnisse, die die Erziehungsaufgabe 
weniger schwierig machen könnten? Ein Resultat der Psycho- 
analyse, das man wohl nicht voraussehen konnte, ist der Nachweis, 
daß Neigungen, Charakterzüge, die bisher der Erbanlage zuge- 
schrieben wurden, in Wirklichkeit auf die Einwirkungen des 
Milieus zurückzuführen sind; genauer gesagt, daß die ersten 
Lebensjahre den Charakter und das Schicksal des Individuums 
bestimmen können; daß viele Züge, die man als ererbt ansah, 
in Wirklichkeit durch den psychologischen Prozeß der Identifi- 



r 



kation erworben wurden. Damit soll natürlich die Erblichkeit 
nicht bestritten werden, aber wir sehen, daß die Bedeutung der 
Milieus stark unterschätzt wurde, sowohl von den Sozialreformern, 
die alles Gewicht auf die Naturanlage legten, als auch von denen, 
die die Ernährungsfunktionen als das einzig Wichtige erklärten. 
Im ganzen und großen können wir sagen, daß jedes Kind in 
Europa erzogen wird, um dem herrschenden religiösen, sozialen 
und ökonomischen Regime angepaßt zu werden. Es macht sehr 
wenig aus, ob man es mit den Kindern der Armen oder der 
Reichen zu tun hat, ob mit dem Sohn der Rebellen oder der 
Konservativen, des Prinzen, Aristokraten oder Bauern. Es ist ein 
Freihandelssystem, wo man auf dem Markt für den letzten Preis 
alle seine Güter verkaufen kann: Muskelkraft oder Frechheit, Bier 
oder Gehirn. Ich will nicht andere Systeme in Betracht ziehen, ich will 
nur versichern, daß sie möglich wären und daß die Wirkung einer 
solchen Veränderung der Umwelt auf das Kind unermeßlich wäre. 
Einige unserer Schriftsteller, z. B. Morris in „News from Nowhere" 
und Hudson in „The Crystal Age" haben es gewagt, die möglichen 
Veränderungen auszumalen. Keine dieser Utopien braucht wahr 
zu sein; wahr aber ist, daß die psychologische Veränderung un- 
geheuer und die Sisyphusarbeit des Lebens vielleicht wesentlich 
leichter wäre. 

Wandlungen dieser Art hängen mit größeren und geringeren 
Veränderungen in der Umgebung des Individuums zusammen. 
Vom sozialen Standpunkt aus beruht jede Verbesserung für Indi- 
viduum und Gesellschaft auf der Erziehung, selbst wenn wir, als 
Hypothese, annehmen wollten, daß mit dem Verschwinden der 
Hindernisse, Verbote und Hemmungen, Wachstum und Anpassung 
leichter vor sich gingen. Letztere ergibt sich im allgemeinen aus 
der Möglichkeit, das Über-Ich und das Ich in besseren Einklang 
miteinander zu bringen und so die intra-psychischen Konflikte 
zu verringern. 

Wir müssen nun noch die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß 
das Unbewußte selbst sich ändert. Die Grenzen meines Themas 
verbieten es mir glücklicherweise, mich lange bei Methoden auf- 
zuhalten, die heute gleichsam in der Luft liegen, wie Zuchtwahl 
oder angewandte Eugenik. Ich will mich auf das psychologische 
Gebiet beschränken und untersuchen, ob die Änderungen, die 
sich unter dem Druck der äußeren Verhältnisse vollziehen, jemals 
eine so untrennbare Verbindung mit unserem geistigen Wesen 
eingehen, daß sie zu einem festen Bestandteil unserer Psyche 



75 



werden; und ob die Schwierigkeiten der Anpassung; an einen vor- 
geschrittenen sozialen Zustand von innen überwunden werden, so 
wie der Säugling die Abhängigkeit von der ' Mutter dadurch über- 
windet, daß er Zähne bekommt, oder wie Hand, Auge und Mund 
des Kindes sich zu gegenseitiger Übereinstimmung entwickeln. 

Wenn wir einen Rückblick auf die wirre Menschheitsgeschichte 
werfen, so müssen wir, da uns nur dürftige Reste erhalten sind, 
einen großen Teil der frühen Geschichte uns von unserer Phan- 
tasie ausmalen lassen. Wir begreifen, daß gewisse Entdeckungen 
— und über die größten haben wir keine Nachrichten — den 
Gesichtskreis des Menschen von Grund aus verändert haben 
müssen. Zu den wichtigsten dieser Errungenschaften müssen wir 
den Ackerbau und die Zähmung der Tiere rechnen. Die Sprache, 
aus der ich die ganze Beziehungsmöglichkeit als etwas dem 
Menschen Eigentümliches herzuleiten wagte, stellt ein wesent- 
liches Charakteristikum dar und eine Gattung von Lebewesen, 
die diese Möglichkeit, sich untereinander zu verständigen, nicht 
besitzt, wäre, auch wenn sie in jeder anderen Hinsicht den Men- 
schen gliche, ihnen nicht zuzurechnen. Ackerbau bedeutet, daß 
der Mensch, um sein Leben zu fristen, nicht länger auf das 
Sammeln der zufällig wachsenden Früchte oder Beeren angewiesen 
ist, sondern die Zauberkraft besitzt, aus einem vieles zu machen: 
es kann also von nun ab mit ein paar Samen, die den Hunger 
eines Menschen für ein paar Tage stillen würden, der Unterhalt 
eines ganzen Stammes beschafft werden. Diese Tiere, die der 
Mensch in einer Zeit zähmte, aus der keine Nachrichten stammen, 
sind die einzigen, deren Zähmung ihm je gelungen ist. 

Diese grundlegenden Errungenschaften müssen, sollte mau 
glauben, die aggressiven Impulse des Ich verändert und die ersten 
erfolgreichen Versuche zu einer höheren Organisation als der der 
Horde begründet haben. 

Wenn Sie mir nun gestatten wollen, meine Phantasie spielen 
zu lassen, so möchte ich nur für einen Moment die Möglich- 
keiten ausmalen, die sich infolge der Entdeckung des Unbewußten 
eröffnen. Ich beschäftige mich hier nicht mit den metaphysischen 
Spekulationen so vieler großer Philosophen von Spinoza bis 
E. v. Hartmann, sondern mit der genauen Kenntnis der Wirkung 
des Unbewußten in uns allen, die wir der Psychoanalyse ver- 
danken. Ihr Resultat wird ganz verschieden sein von dem Wissen, 
welches über die äußere Welt gesammelt wird, gleichgültig ob 
von der Physik oder von der Physiologie; Wissenschaften, die 



74 



sich täglich leicht beherrschbare Vorstelhmgskreise unterwerfen. 
Diese Art der Psychologie handelt von den treibenden Kräften 
unseres geistigen Seins; sie entdeckt die geheimen Quellen un- 
seres Strebens, unseres Tims und unseres Versagens. Sie erforscht 
ein Geheimnis, dessen Enthüllung der Mensch tatsächlich mit all 
seinen Kräften zu verhüten trachtete. Wir finden, nicht daß wir 
alle Sünder sind, aber ganz genau, in welcher Art wir sündigen; 
wir finden, daß wir Zeitgenossen der nackten Wilden vergangener 
Jahrtausende sind. Wie bei so vielen schlimmen Nachrichten, die 
wir uns mitzuteilen furchten, finden wir, daß wir diese Eröffnungen 
leichter ertragen können als wir dachten. Nun ist es, denke ich, 
offenbar, daß nur wenige Menschen — wenige der geistig kranken — 
die Psychoanalyse brauchen werden, um ganz zu gesunden; daß 
vielleicht nur wenige, die Wißbegierde und Mut in hohem Grad 
besitzen, sich entschließen werden, diese Wissenschaft gründlich 
zu studieren, auf die einzige Art, in der heute Wissenschaften 
studiert werden müssen, nicht aus Büchern, sondern im Labora- 
torium. Trotzdem bin ich so kühn zu glauben, daß das Verständnis 
des Unbewußten sich verbreiten und einen Teil des geistigen 
Rüstzeugs der Menschen überhaupt bilden wird. Das Unbewußte 
ist zeitlos und ich will ihm folgen, indem ich für meine Prophe- 
zeiung keine zeitliche Grenze angebe. Wenn einmal einige der 
dynamischen Faktoren des Unbewußten, die der libidinösen Strö- 
mungen, des unbewußten Egoismus, des unbewußten Schuldgefühls 
— denn der Mensch, verbirgt sonderbarerweise auch vieles von 
seiner Moral vor sich selbst — nicht mehr eine Sache des er- 
lernten Wissens, sondern des Wirklichkeitserfassens sind, dann 
wird, denke ich, das Unbewußte über die Erziehbarkeit hinaus- 
gewachsen sein, wenigstens teilweise, aber es wird dann von 
selbst in die Kanäle strömen, die die Männer und Frauen der 
Zukunft für die wünschenswertesten halten. Durch Wissenschaft 
Meister der Außenwelt, Meister ihrer selbst, wenn in ihnen für 
die mächtigen Kräfte der Liebe das Verständnis erwacht ist, ge- 
wachsen dem Hasse auf seinen uns verkrüppelnden Wegen und 
seiner Schwester, der Angst, die bisher verkleidet sich einschleicht, 
dann wird des Sehers Gesicht sich erfüllen, wir werden unsere 
Schwerter in Pflugscharen verwandeln, ohne solch ein künstliches 
Gebilde wie es z. B. der Völkerbund ist, aber nie, ohne die Hilfe 
eines Werkes, wie es das Montessorische ist. 



75 



Gedenkrede über Karl Abraham 

(In der Trauerfeier der „Wiener Psychoanalytischen Vereinigung«, 6. Januar 1926) 



von 



Theodor Reik 



■ 



■ 

Aus dem Abraham-Gedenkheft (Bd. XII 
Heft 2) der „Internationalen Zeitschrift 
für Psychoanalyse", das außer einer nach- 
gelassenen Arbeit von Abraham („Psycho- 
analytische Bemerkungen zu Coues Ver- 
fahren der Selbstbemeisterung u ) eine aus- 
führliche Biographie und wissenschaftliche 
Würdigung Abrahams aus der Feder von 
Ernest Jones (London) einhält und auch 
die in den Trauerfeiern in Berlin, Wien 
und Moskau gehaltenen Reden wiedergibt. 

Es sind kaum einige Tage, seit uns die Nachricht vom Tode 

X. J . ™ *• ? mS erreichte ' ™ d es erscheint verfrüht, eine ein- 

gehende Würdigung seiner einzelnen wissenschaftlichen Arbeiten 

dW G T w geb V U 7 Uen - W " he *»**°* ™ vielmehr 

damit, den Weg unseres Freundes in großen Zügen zu verfolgen, 

und müssen es einer späteren Zeit vorbehalten, auf die Bedeutung 
seiner einzelnen Leistungen einzugehen. 

Abraham hatte als Assistent Bleulers bereits wissenschaft- 
liche Belage zur klinischen Deskription der Geistes- und 
Gehxmkrankheiten veröffentlicht, als er mit den Freudschen 
Lehren bekannt wurde. Damals, ,004, waren erst einige der 
grundlegenden Werke Freuds erschienen. Es galt, größtenteils 
durch eigene Forschung, vieles, was im Dunkel geblieben war, 
aulzuhellen, sich befremdende Widersprüche zu erklären, Verbin- 
dungen zwischen einzelnen Tatsachengruppen herzustellen, ein 
großes Stück des abnormen Seelenlebens unter den Gesichtspunkten 
der Psychoanalyse verständlich zu machen. Das lebendige Interesse, 
die Arbeitslust und der Forschungsdrang des siebenundzwanzig- 
jahngen Arztes wandten sich der neuen Wissenschaft zu. Die noch 
wenig untersuchte Psychologie geistiger Störungen zog ihn am 
stärksten an; mit ihr beschäftigten sich seine ersten analytischen 
Arbeiten. Nachdem er die Anstaltstätigkeit mit der freien psycho- 
therapeutischen Praxis vertauscht hatte, erweiterte sich der Um- 
kreis seiner Aufgaben und mit ihm der der Probleme, die seine 
wissenschaftliche Neugierde erregten. Schon die ersten Beiträge, 

76 



die Abraham lieferte, zeigten, daß es ihm nicht genug war, die 
analytischen Theorien zu überprüfen, sondern daß er die neuen 
Einsichten selbständig verarbeitete und durch sorgfältige und 
modifizierende Beobachtungen bereicherte. Bereits 1907 hatte er 
eine wichtige Ergänzung der Neurosentheorie geliefert, indem 
er das Erleiden sexueller Traumen als Form infantiler Sexual- 
betätigung erkannte und die Richtigkeit dieser Anschauung durch 
gute Beispiele nachwies. Jeder seiner folgenden kleinen Beiträge 
bedeutete einen Zuwachs neuer Einsichten; schon in diesen frühen 
Arbeiten trat einer seiner Vorzüge entschieden ans Licht, die 
Gabe der Differenzierung, welche die eigentlich wichtigste Fähig- 
keit des Forschers, der klinisch arbeitet, ausmacht. Der größte 
Teil seiner Schriften ist klinischen Untersuchungen gewidmet. 
Vertiefte Studien, die sich auf reiche Erfahrungen gründeten, 
ließen ihn den geglückten Versuch machen, eine Entwicklungs- 
geschichte der Libido auf Grund der Analyse seelischer Störungen 
zu geben. Ich brauche Ihnen nicht in Erinnerung zu rufen, welche 
Bedeutung dieser Arbeit zukommt. Sie knüpft an einen zehn 
Jahre zurückliegenden Versuch an, die manisch-depressiven Krank- 
heitszustände auf psychoanalytischem Wege zu erklären, und stellt 
das Verhältnis der verschiedenen Formen psychoneurotischer Er- 
krankung zu den Stufen der Libidoentwicklung dar. Hier werden 
den Spuren Freuds folgend, die Krankheitszustände der Melan- 
cnohe und der manisch-depressiven Erscheinungen auf ihre tief- 
liegende psychosexuelle Wurzel zurückgeführt, ihre Entwicklung 
aus analytischen Voraussetzungen verständlich gemacht. Die künf- 
tige psychiatrische und neurologische Forschung wird an diese 
Arbeiten Abrahams, welche uns die bisher besten analytischen 
Einsichten m die Genese und Struktur dieser Krankheiten geben, 
anknüpfen müssen. Immer auf dem Boden der induktiven For- 
schung beharrend, hat er seine Studien den primitivsten Phasen 
der Libidoentwicklung zugewendet und hier die beste Fortführung 
und Ergänzung der Freudschen „Drei Abhandlungen zur Sexual- 
theorie gegeben. Erst die Zukunft wird lehren, von welcher Be- 
deutimg seine Untersuchungen der prägenitalen Libidoentwicklung 
und deren Auswirkungen auf den Charakter sind. Daneben floß 
ununterbrochen in bedächtiger Schnelle jener Strom kleinerer 
Arbeiten, deren jede, ein Muster analytischer Beobachtungsgabe 
und analytischen Scharfsinns, Erweiterungen unseres Wissens um 
Genese und Sinn der Neurosensymptomatologie brachte, kompli- 
zierte Erscheinungen aufklärte, auf bisher Unbeachtetes hinwies. 



77 



auf neue Quellen der Charakter- und Symptombildung aus Partial- 
trieben und erogenen Zonen aufmerksam machte, die ersten Ein- 
sichten in analytisch so schwer zu erfassende psychosexuelle Phä- 
nomene, wie es die Ejaculatio praecox ist, lieferte und entschei- 
dende technische Fragen aufwarf und der Losung näherführte. 
Berücksichtigt man, daß er daneben wertvolle Arbeiten zur Kunst- 
geschichte, Religionswissenschaft und Mythologie veröffentlicht 
hat, daß er sich — wovon seine vorletzte schöne Arbeit zeugt — 
anschickte, die analytischen Gesichtspunkte auch auf dem Gebiete 
der Kriminalistik zu verwerten, so wird man eine Ahnung — und 
kaum mehr als eine Ahnung — bekommen, wie weit er den Umkreis 
seiner Forschungsinteressen ausdehnte, ohne der Schärfe des Blickes 
und der Eindringlichkeit des Erkennens verlustig zu gehen. 

Will man die Arbeitsweise Abrahams charakterisieren, so 
muß man davon ausgehen, daß er in erster Linie Kliniker war 
und blieb; ja, man muß sagen, daß mit ihm der beste klinische 
Beobachter aus der Schülergruppe Freuds ausgeschieden ist. Als 
er später seine Aufsätze sammelte, konnte er auch seine früheren 
Arbeiten unverändert publizieren, obwohl in der Zwischenzeit 
manche Korrekturen und Ergänzungen hinzuzufügen waren, wie 
er selbst hervorhob. Die wesentlichen Ergebnisse seiner Unter- 
suchungen konnten bestehen bleiben; keine war als prinzipiell 
irrig zu verwerfen, weil sie sich auf lange dauernde, sorgfältige 
Beobachtungen gründeten. Die rein empirische Gewinnung der 
Resultate seiner Untersuchungen muß besonders betont werden* 
es handelte sich immer um konsequente und geduldige analytische 
Arbeit, die dazu gefuhrt hatte. „Ich glaube," schreibt er einmal, 
„jeder spekulativen Überschreitung des empirischen Bodens ent- 
sagt zu haben." Niemals hat er versucht, eine abgerundete Theorie 
ZU geben, er hat im Gegenteil immer wieder auf Lücken und 
Mängel des Gebotenen selbst aufmerksam gemacht. Mit seiner 
Beobachtungsgabe aber verband sich Scharfsinn und eine seltene 
Fähigkeit zur Einfühlung. Man sah seinen Arbeiten an, wie sorg- 
fältig sie vorbereitet waren, wie sich ihre Resultate langsam aus 
der Erfahrung destilliert hatten. Fast alle gehen auf eine größere 
Anzahl durchgeführter Analysen zurück. Was er dort gefunden 
hatte, brachte er in eine knappe, durchsichtige Form, die fast zu 
nüchtern, fast zu wortarm anmutete. Man wird vergebens über- 
raschende Schönheiten der Diktion, vergebens tiefsinnig Klingendes 
in seinen Schriften suchen, aber es findet sich auch nichts Ver- 
wirrendes und Verworrenes. Hier herrscht eine Klarheit, die ge- 



78 






«de d vielfältigen und komplizierten Sachverhalten des Seeli- 
M.Si.W M *'™^>ff und Sprödigkeit des beobachteten 
Materials gegenüber ,n hohem Maße erstaunlich ist. Es werden 
Verbindungsfäden durch den vielgestaltigsten Stoff verfolgt £ 
m die feinsten Auswirkungen, bis in die verborgensten Palten 
Die Art der Problemdarstellung, die Auseinandersetzung der 
Schwierigkeiten, die ersten Ansätze znr Lösung, die Berücksich- 
tigung der Vielartigkeit der Erscheinungen, das Fortschreiten von 
ersten Eindrucken zu erneuter Erfahrung „nd schließlich zu 
Iheorien, die dem Beobachtungsmaterial immer nahe bleiben und 
Tbrlr Ve , rifi2ier ; t ™ dm - «* habe» diese Züge oft bei 

Wt /"^ ^ GeWlß ' Sei " e a «alytische Begabung hatte 

bestimmte Grenzen, aber er kannte sie, hat sie gelegentlich in 
privatem Gespräch selbst hervorgehoben und ist nie über , Te 
hinausgegangen. Er hat es nie vermocht, in einem gewaltigen 
AbFresco-Entwurf, unbekümmert um einzelne Widersprüche der 
W.rkhchkeit, ein großes Problem zu umfassen. Er Jm e immer 
von einem engbegrenzten, speziellen Thema aus, aber es bleibt 
unvergessen uud unvergeßbar, wie er dies ausführte und wie sich 

SSäXESSä er *. Ton eüier ™ ! 

man von dort aus gl„gf„ k fnn Es "^ Vo ^run ge n 
wenn die Wände eines el« "" "" Ende immer - wie 

Immer hat er nns SS ?T allmählich zurücktreten. 

und unser KÄ^^^ T ««* 
was er sagte, nur ein B™ 1, ® eb ,° tene Tertleft "«««« »nd daß, 
können und ' w ™ auszusle'he v" 6 "^ -s er hätte sagen 
Zurückhaltung ihL noTve™ l\ i ' Und »»«««haftüd» 
Tapferkeit besser« Tel waT^ ? X ^^ * ** te 

Tei^T t' me hlnreiße »d, aber immer überzeugend 

Seme Tapferkeit hatte den Charakter des Unbeirrbaren die 
weh auf das Ganze des eigenen wissenschaftlichen Stehens bezol 
und doch b«ch«d«n die Möglichkeit des einzelnen Irrtums ei^ 
räumte. Er horte aufmerksam, was ihm andere zu sagen taS 



79 



immer willig, fremdes Verdienst anzuerkennen; aber er fand die 
strengsten Maße für die eigene Leistung in sich selbst. 

Abraham war auch als Arzt von ungewöhnlicher Gleich- 
mäßigkeit. Er gehörte nicht zu jenen Ärzten, welche über die 
Unzulänglichkeit ihrer Wissenschaft durch allzu selbstsicheres 
Auftreten hinwegtäuschen; zu sehr hatte er erkannt, wie weit die 
Medizin noch von einer idealen Therapie entfernt ist. Aber das 
Gefühl ruhiger Sicherheit, das er zeigte, teilte sich allmählich 
seinen Kranken mit. Gleich weit von Überschätzung wie Unter- 
schätzung der Wirksamkeit der analytischen Therapie entfernt, 
konnte er in ihnen die Überzeugung erwecken, daß sie in bester 
Obhut seien und daß sie seiner unbedingten Ehrlichkeit vertrauen 
durften. Er sprach selten, aber sein Schweigen war beredt und 
in besonderer Art drängend und aufmunternd; seine Stimme klang 
in ihrem dunklen Timbre ruhig und beruhigend. Kühl und auf 
Distanz bedacht, wenn es galt, doch menschlich nahe, war er des 
Vertrauens seiner Schüler und Patienten sicher. Es war nicht 
Zufall, daß er den Begriff der Postambivalenz geprägt hat; er 
schien in der Analyse selbst wie eine Verkörperung postambiva- 
lenten Interesses. Ein Patient, der bis spät in die Krankheitszeit 
Abrahams in seiner Analyse blieb und ein oder das andere Mal 
Zeuge der Hustenanfälle und der Atemnot seines Arztes war, gab 
unlängst die treffendste Charakteristik: Dr. Abraham sei ihm 
wie Horatio erschienen, als „ein Mann, der Stoß» und Gaben vom 
Geschick mit gleichem Dank genommen". 

In der Analyse sowie im privaten Gespräch brach bei ihm 
gelegentlich ein Stück eigenartig trockenen Humors durch, das 
seinen Schriften ferngeblieben war. Ein einziges Mal konnte ich 
darin eine pessimistische Note hören: als ich ihn in diesem Sommer 
nach der ersten schweren Erkrankung in der von ihm so geliebten 
Schweiz besuchte, bemerkte er, daß er am Gehen bergauf noch 
durch Atemnot gehindert sei. Lächelnd und mit seltsamer Selbst- 
ironie fügte er hinzu: „Aber bergab geht's gut mit mir." 

Beruf wie Neigung drängte ihn gleichermaßen dazu, auch Lehrer 
der jungen Generation der Analytiker zu werden: auch in dieser 
Eigenschaft war er ruhig, geduldig und gleichmäßig. Seine Er- 
klärungen, sparsam und sachlich gegeben, klärten den Schüler wirk- 
lich auf; sie waren von grauer Theorie möglichst entfernt und suchten 
das Erklärungsbedürftige möglichst ans dem Leben des Schülers 
selbst, aus gesammelten Beobachtungen von dessen Charakter- 
zügen, Gewohnheiten und Eigenschaften verständlich zu machen- 



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Warum es leugnen? Manche Analytiker meinten, ihre frühe 
Unabhängigkeit von ihrem Lehrer sowie ihre Selbständigkeit zu 
beweisen, indem sie sich rasch von seinen Einwirkungen eman- 
zipierten und in betontem Gegensatz zu ihm traten. Man hat 
sich gelegentlich auf das Wort Nietzsches berufen: „Man vergilt 
seinem Lehrer schlecht, wenn man immer nur sein Schüler bleibt." 
Allein, was in jenem Ausspruch berechtigt ist, hat nichts mit der 
— wir können es nicht anders nennen — unanständigen Eile zu 
tun, mit der heute die sogenannte „Überwindung" des Lehrers 
vor sich geht. Wir hoffen, daß die Schüler Abrahams gerade 
durch die analytische Einsicht, die sie durch ihn gewonnen haben, 
davor geschützt sind, die seelischen Relationen zwischen Lehrer 
und Schüler in ihrer tiefen und dauernden Wirksamkeit zu unter- 
schätzen, daß sie, auch wenn sie längst eigene Wege zu gehen 
gewohnt sind, sich dessen bewußt sind: was ihnen ihr Lehrer 
war, bleibt er ihnen doch. 

Unbeirrbarkeit und Verläßlichkeit, denen sich Züge nord- 
deutscher Reserve und Nüchternheit beimengten, bewies er auch 
in der Gründung und Führung der Berliner Psychoanalytischen 
Vereinigung, sowie in der Arbeit für die Poliklinik, die er in 
Gemeinschaft mit Dr. Eitingon leistete. Man muß sich gegen- 
wartig halten, was es einmal bedeutete, auf dem spröden Boden 
Berlin, im Deutschen Reiche Wilhelms IL für die Psychoanalyse 
um die ernste Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Kreise zu 
werben was es m einer Zeit des flachsten gesunden Menschen- 
verstandes, in dessen Namen die größten Dummheiten behauptet 
wurden, bedeutete, für die Theorien des Unbewußten als geach- 
teter Arzt einzutreten und die analytische Bewegung trotz dem 
dumpfen Widerstand der Umwelt zu jener Bedeutung zu führen 
die sie heute auf deutschem Boden besitzt. Als Führer einer sich 
steigernden Anzahl mutiger Pioniere, nicht durch äußere Zeichen 
aber durch alle inneren, eroberte er mühsam jeden Fußbreit 
Boden, blieb gefestigt und gefaßt allen Wechselfällen draußen 
und im eigenen Lager gegenüber, blieb bedachtsam, ohne im 
kleinlichen Sinne Bedenken zu haben. Hilfsbereit jedem gegen- 
über, der es ehrlich meinte, war er bei aller Liebenswürdigkeit 
doch meistens zurückhaltend und beobachtend, als bliebe er des 
Rates des Polonius „Give every man ihy ear, but few ihy voice« ein- 
gedenk. 

Es kann schwer vermieden werden, daß uns jedes ernste und 
wichtige Ereignis, das in unser Leben tritt, nach einiger Zeit 



8l 



langsam wieder zu analytischen Gedankenzügen zurückführt; Die 
Psychoanalyse hat uns gezeigt, daß alle Trauer mit unbewußten 
Selbstvorwurfen verbunden ist, die sich auf bestimmte Gefühls- 
Einstellungen dem Verstorbenen gegenüber zurückführen lassen. 
Diese Selbstvorwürfe, so typisch sie auch sind, erscheinen doch 
je nach den Beziehungen des Einzelnen zu dem Verstorbenen 
individuell verschieden; einer ist indessen, wie ich glaube all- 
gemeiner Natur. Er wurde mir unlängst durch den Ausspruch 
eines kleinen Jungen, den ich hörte, wieder zum Bewußtsein ge- 
bracht. Der vierjährige Sohn einer Patientin sah auf der Straße 
einen Leichenzug und fragte, was das sei. Die Mutter erklärte 
ihm, was der Tod und das Begräbnis bedeuten; das Kind hörte 
aufmerksam zu und fragte dann mit großen Augen: „Aber wozu 
ist denn die Musik? Er ist ja tot und hört es nicht mehr.« Es 
liegt ein ernster und tiefer Sinn in der Einfalt dieses kindlichen 
Ausspruches. Er läßt uns beschämt die Unzulänglichkeit, ja Ohn- 
macht unserer Worte gegenüber dem großen Schweigen erkennen; 
er führt uns aber auch zu der beschämenderen Frage: Müssen 
solche Ereignisse eintreten, daß wir sagen, ausdrücken können 
wie wir unsere Freunde schätzen und lieben? 

Dennoch heißt uns, bevor wir die uns allen vorgezeichnete 
Straße weiterziehen, inneres Bedürfnis gebieterischer als Ziem- 
lichkeit, Karl Abraham zum letzten Male grüßen als einen der 
wertvollsten und erfolgreichsten Pioniere unserer jungen Wissen- 
schaft. Seine Lebensarbeit, unvollkommen wie jede wissenschaft- 
liche Bemühung, war doch vollkommen in ihrer Art; Stückwerk 
wie jede Forschung, war sie doch ein Ganzes. In der Fruchtbar- 
keit seiner wissenschaftlichen Leistung sowie in der Nachwirkung 
im Leben und in der Arbeit seiner Schüler wird das Werk den 
Meister loben, der allzufrüh unsere Reihen verlassen hat. 
iiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuin,,,,,,,,,,,,! n Hniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!iiiimiiiiiii,,iiiiiiiii,iiiiiiiiiniiiii!iiiiimimiiii!ii » 

PSYCHOANALYTISCHES LESEBUCH 
Aussprüche von G. Ch. Lichtenberg 

Wenn Leute ihre Träume aufrichtig erzählen wollten, da ließe sich 
der Charakter eher daraus erraten, als aus dem Gesicht. 

Seitdem er eine Ohrfeige bekommen hatte, dachte er immer, wenn er 
ein Wort mit einem sah, als Obrigkeit, es heiße Ohrfeige. 

Ich kann nicht sagen, daß ich ihm feind gewesen wäre, aber auch 
nicht gut, es hat mir nie von ihm geträumt. 



82 



Die Geschichte eines Hochstaplers 

im Lichte psychoanalytischer Erkenntnis 



von 



Karl Abraham 

Das an dem Tage, da Abraham starb, 
zu Weihnachten ip2f erschienene Heft 
der „Imago« (Bd. XI, Heft 4) enthielt 
diese Arbeit, die letzte, die Abraham selbst 
noch in den Druck gab. Das einige 
Monate darauf erscheinende Abraham- 
Gedenkheft der „Internationalen Zeit- 
schrift für Psychoanalyse" konnte dann 
noch aus dem Nachlasse die „Psycho- 
analytischen Bemerkungen zu Coue's Ver- 
fahren der Selbstmeisterung 11 veröffent- 
lichen. 

Die klinische Beobachtung, an welche der nachfolgende kriminal- 
psychologische Versuch sich anlehnt, entstammt nicht der psycho- 
analytwchen Praxis im strengen Sinne des Wortes. Es handelt sich 
um die Schicksale eines Mannes, den ich im Jahre iq,8 als Militär- 
arz psycWisch zu begutachten hatte, und den ich fünf Jahre 
spater unter e.gentumhchen Umständen wiedersah. Die gemessene 
Zeit einer gerichthch angeordneten Beobachtung, ebenso wie d"e 
Arbeitsverhältnisse auf einer Untersuchungsstarton ließen efnc 
regelrechte Psychoanalyse nicht zu 

Nun bietet aber das Leben jenes Mannes - den ich fortan 
,,N.« n nnen werde - i„ psychologischer Hinsicht ganz Außer" 
gewöhnliches dar; ein in neuerer Zeit eingetretener Umschwung 
semes sozialen Verhaltens steht in einem grellen Widerspruch zuf 
psychiatrischen Erfahrung. Eben dieses Außergewöhnliche und mit 
der Erfahrung Kontrastierende erfährt aber eine befriedigende 
Aufklarung wenn wir ganz geläufige, empirisch fest begründete 
Ergebmsse der Psychoanalyse zu Rate ziehen. Anderseits erscheinen 
aber d,e Tatsachen des Falles N. wohl geeignet, die Psychoana- 
lyse auf eines ihrer künftigen Anwendungsgebiete - die Krimi- 
nalistik - m besonderer Weise hinzulenken. Ich hege darum die 
Hoffnung, daß die Eigentümlichkeiten des Falles seine Publikation 
m dieser psychoanalytischen Zeitschrift vor den Augen der Leser 
rechtfertigen werden. 



83 






N. war 22 Jahre alt, als er in den Militärdienst eintrat. Er 
hatte schon damals eine Reihe von Freiheitsstrafen durch bürger- 
liche Gerichte in verschiedenen Ländern erlitten. Unmittelbar aus 
der letzten Strafhaft wurde er der Truppe überwiesen, bei welcher 
er seine soldatische Ausbildung empfing. Seine Vorgesetzten waren 
über seine bisherige Lebensführung genau unterrichtet. Dennoch 
wiederholte sich, was sich in N.'s Vorleben bereits viele Male 
abgespielt hatte. In kürzester Zeit hatte er sich die allgemeinen 
Sympathien erworben, genoß das besondere Vertrauen seiner 
Kameraden und nahm beim Führer der Kompanie eine Vorzugs- 
stellung ein. Zu gleicher Zeit aber begann er auch das Vertrauen 
der anderen zu mißbrauchen. Doch in dem Augenblick, da seine 
Betrügereien ans Licht zu kommen schienen, erhielt er, zugleich 
mit einer Anzahl seiner Kameraden, einen Marschbefehl, der ihn 
an die Balkanfront versetzte. 

Da man beim Feldregiment über N.'s Vorleben nichts wußte, 
so wurde es ihm hier noch leichter gemacht, durch gewandtes 
Auftreten das Vertrauen der maßgebenden Personen zu gewinnen 
Als Zeichner von Beruf fand er bald eine entsprechende Verwen- 
dung. Sein Auftreten ließ ihn aber auch besonders geeignet er- 
scheinen, geschäftliche Angelegenheiten zu erledigen. Und so ver- 
traute man ihm alsbald Gelder an und ließ ihn in den Städten 
des Etappengebietes Einkäufe für die Truppe machen. In der 
Stadt „X" lernte er ein paar Soldaten kennen, die dort auf großem 
Fuße lebten. Da ergriff ihn sofort seine alte Neigung, von der 
später die Rede sein wird. Er trat ebenfalls als großer Herr auf 
und hatte in vier Tagen von dem ihm anvertrauten Gelde 160 Mark 
verbraucht. Auf einer zweiten solchen Reise erfuhr er, daß man 
seine Unterschlagungen bereits bemerkt hatte. Nun kehrte er nicht 
mehr zum Regiment zurück, sondern fuhr nach einer größeren 
Stadt. Hier versah er seine Uniform mit Tressen, um fortan als 
Unteroffizier aufzutreten. Außerdem hatte er sich bei seiner Truppe 
Eisenbahnfahrscheine angeeignet und sie mit Stempeln versehen, 
so daß er nunmehr ganz nach Belieben nach allen Richtungen 
der Windrose reisen konnte. So kam er auch wieder nach Deutsch- 
land. Aber die scharfe Kontrolle und die Begegnung mit früheren 
Bekannten machten ihm, besonders in Berlin, einen längeren Auf- 
enthalt unmöglich. So wandte N. sich eines Tages nach Budapest, 
nachdem er sich vorher noch die Abzeichen als Vizefeldwebe] 
zugelegt hatte. Von dort zog er, stets die Ausweise fälschend, 
nach Bukarest weiter. Hier war die militärische Kontrolle so 



84 



wachsam, daß N. nach Budapest zurückkehrte. Er wußte sich 
dort Zutritt zu angesehenen Familien zu verschaffen, erbot sich 
in gewinnender Form zur Besorgung von Lebensmitteln, erhielt 
beträchtliche Vorschüsse von seinen Auftraggebern, verbrauchte 
das Geld aber für seine eigenen Zwecke und lieferte die ver- 
sprochenen Lebensmittel nicht. Als ihm in Budapest der Boden 
unter den Füßen zu heiß wurde, wandte er sich nach Wien, wurde 
hier aber bald ergriffen und dann in die heimatliche Garnison- 
stadt überführt. Schon an dieser Stelle sei darauf aufmerksam 
gemacht, daß N. mit größter Leichtigkeit Menschen jeden Alters, 
Standes und Geschlechts für sich einzunehmen wußte, um sie 
dann zu betrügen, daß er dagegen niemals besondere Geschick- 
lichkeit zeigte, dem Arm der Gerechtigkeit zu entgehen. Erst 
wenn er gefangen saß, erwachte seine Agilität wieder; es kam 
dann vor, daß er in kurzer Zeit seine Wächter sorglos gemacht 
hatte und den Weg zur Freiheit fand, ohne im geringsten Gewalt 
anzuwenden. 

Als N. sich zweieinhalb Monate in Untersuchungshaft befand, 
war sein Einfluß auf die im übrigen gewissenhaften und erfahrenen 
Aufseher soweit gediehen, daß die Tore sozusagen von selbst vor 
ihm aufsprangen Einer der Aufseher wurde während eine, Ge- 
spräches m lt N abgerufen und ließ, völlig sorglos geworden, seine 
Schlüssel m der Zelle des Gefangenen zurück. Der nahm sie 
öffnete , die verschlossenen Ausgänge und war in Freiheit. Er waL 
derte b ls zu exner kleinen Eisenbahnstation, bestieg dort einen 
Zug und verheß lhn bei der Ankunft in der nächste! Großstadt" 
uberaU gelang es ihm, die kontrollierenden Beamten zu täuschen. 
Drei Wochen arbeitete er als Dekorateur in einem Warenhaus. 
Die Gefahr des Entdecktwerdens nötigte ihn dann, die Stadt zu 
verlassen Mit gefälschten Ausweisen gelang es ihm, Deutschland 
zu durchqueren. In einer Großstadt trat er wieder als großer 
Herrauf führte sich als Kunsthistoriker ein, erhielt auf seine 
schwindelhaften Angaben von seinen neu gewonnenen Gönnern 
Geld und gab es mit vollen Händen aus . . . Nach einiger Zeit 
solchen „Zivillebens« mußte er den Schauplatz seines Wirkens 
verlegen. Nach kurzem Aufenthalt in Berlin fuhr er abermals 
nach Budapest. Hier war es, wo er zum ersten Male die Uniform 
eines Offiziers anlegte. Als „Leutnant« kehrte er nach Deutsch- 
land zurück und lebte monatelang auf großem Fuße in einer 
Reihe von Badeorten, doch nur in den elegantesten. Überall fand 
er als junger Offizier Zutritt zur Badegesellschaft. Sein sicheres 



«5 



und liebenswürdiges Auftreten ließ ihn stets nach kürzester Zeit 
zum Mittelpunkt eines großen Kreises werden. Wurde in einem 
Seebad die Gefahr der Entdeckung seiner zahllosen Schwindeleien 
zu groß, so verschwand er und suchte einen großen Kurort in 
Oberbayern auf, um nach einiger Zeit wieder in einem Seebad 
aufzutreten. Mittlerweile ließ er sich zum Oberleutnant avancieren, 
a. n bis zu dem höchsten Rang, den er, seinen Jahren entspre- 
chend, erreicht haben konnte. Niemand ahnte, welche Bewandtnis 
es in Wirklichkeit mit dem jungen Offizier hatte, der mit Kriegs- 
dekorationen geschmückt war und in ebenso interessanter wie 
bescheidener Form von seinen Erlebnissen zu erzählen wußte. 
Schließlich aber wurde er doch verhaftet und wiederum in seine 
Cjarnisonstadt überfuhrt. 

Das Strafverfahren gegen ihn nahm einen gewaltigen Umfang 
an; hatte er sich doch der Fahnenflucht schuldig gemacht, sich 
eigenmächtig einen militärischen Rang beigelegt und eine außer- 
ordentliche Zahl von Unterschlagungen, Fälschungen und betrü- 
gerischen Handlungen begangen. 

Der mit der Untersuchung betraute Kriegsgerichtsrat zeigte 
volles Verständnis und Interesse für N.s psychologische Eigenart, 
und da er irgendeine Art krankhaften Zwanges als treibende Kraft 
in N.s Verhalten vermutete, so wurde die psychiatrische Beob- 
achtung des Beschuldigten angeordnet. 

Ich besuchte N. zunächst ein einzelnes Mal in der Unter- 
suchungshaft, mußte aber sofort erkennen, daß die Kompliziertheit 
des Falles eine längere Beobachtung auf meiner Station erfordern 
würde. Diese letztere aber besaß keine genügenden Einrichtungen 
um das Entweichen eines Untersuchungsgefangenen — und eines 
so gewandten - zu verhüten. Auf meinen entsprechenden Hinweis 
Verfugte das Gericht, daß N. in einem Zimmer des Dachstocks 
untergebracht werde. Um seine Flucht zu verhindern, wurde eine 
besondere Bewachung eingerichtet. Es sollten ständig drei beson- 
ders zuverlässige und intelligente „Gefreite" vor N.s Zimmer 
Wache halten. Um eine Beeinflussung durch N. zu verhüten 
wurden die Wachen streng angewiesen, sein Zimmer nicht zu 
betreten und sich auf kein Gespräch mit ihm einzulassen. 

So wurde N. eines Tages von seinen drei Wächtern in das 
Lazarett überführt, und dieser Akt vollzog sich ohne Schwierig- 
keit. Zehn Minuten nach der Aufnahme wollte ich mich davon 
überzeugen, ob N. den Vorschriften gemäß untergebracht und 
beaufsichtigt sei. Zu meinem Erstaunen fand ich vor dem Zimmer 

86 



keine Wache, sondern nur ein paar Stühle. Beim Eintritt in das 
Zimmer aber bot sich mir ein unerwartetes Bild. N. saß zeichnend 
an einem Tisch. Einer seiner Wächter saß ihm Modell zu einer 
Zeichnung, und die beiden anderen schauten zu. Es ergab sich, 
daß N. seine Wächter bereits auf dem Wege zum Lazarett für 
sich gewonnen hatte, indem er von seiner Zeichenkunst erzählte 
und sie zu porträtieren versprach. Übrigens verlief N.s mehr- 
wöchiger Aufenthalt auf der Station ohne irgendwelche Flucht- 
versuche oder sonstige Unregelmäßigkeiten. 

Um zu einem Urteil über N.s geistigen Zustand zu gelangen, 
mußte ich vor allem die Geschichte seiner Jugend kennen lernen. 
Da er ein Virtuose auf dem Gebiet der phantastischen Erzähluugen 
zu sein schien, so waren seine eigenen Berichte mit Vorsicht auf- 
zunehmen und durch Erkundigungen an informierten Stellen nach- 
zuprüfen. Ich kann aber sogleich hinzufügen, daß N.s Angaben 
über seine gesamte Vergangenheit in keinem Widerspruch zu den 
amtlichen Nachweisen standen. Ich konnte niemals feststellen, 
daß er in den vielen Gesprächen mit mir jemals etwas unter- 
drückt, fälschlich hinzugesetzt oder zu seinen Gunsten verändert 
hätte. Im Gegenteil sprach er von allen seinen Verfehlungen mit 
größter Offenheit, so wie sich das auch später bei der gericht- 
lichen Verhandlung wiederholte; nur intimere Einblicke in sein 
Seelenleben zu geben war er nicht geneigt. 

Ich erfuhr bald, daß N.s unerlaubte Handlungen auf sehr frühe 
Lebensjahre zurückgingen, und die Akten einer Besserungsanstalt, 
in welcher sich N. während mehrerer Jahre als „FürsorgezögW" 
aufgehalten hatte, bestätigten diese Angaben vollauf. 

N. war das jüngste aus der langen Kinderreihe einer kärglich 
lebenden Beamtenfamilie. Hinsichtlich erblicher Belastung durch 
geistige Erkrankungen in der Familie war nichts von Bedeutung 
festzustellen. Was bei dem Knaben aber — ganz im Gegensatz 
zu seinen älteren Geschwistern — schon in frühester Zeit hervor- 
trat, das war eine unbändige Großmannssucht. Als er in seinem 
fünften Lebensjahr die Vormittage in einem Kindergarten zubrachte, 
wandte er sich von den weniger gut gekleideten Kindern ab und 
spielte nur mit denjenigen, die den wohlhabenderen Familien an- 
gehörten. Kaum war er in die Schule eingetreten, so sah er mit 
Neid, daß manche Knaben diesen und jenen Gegenstand in schö- 
nerer Ausstattung besaßen als er; sie hatten etwa eine bunt lackierte 
Federschachtel oder einen Bleistift von besonderer Farbe. Da ging 
der Sechsjährige eines Tages in einen Schreib warenladen nahe 



dem Schulhaus und gab sich als Sohn eines in der Nachbarschaft 
wohnenden Generals aus. Sofort lieferte man ihm die Gegenstände 
semer Sehnsucht auf Kredit. Nun konnte er sich stolz neben den 
Söhnen der wohlhabenden Familien zeigen. Bald freilich wurde 
sein erster Betrug entdeckt und bestraft, aber der Wunsch es 
mit den glücklicheren Kameraden aufnehmen zu können, blieb 
unbezähmbar und fand in weiteren unrechtmäßigen Handlungen 
seinen Ausdruck. Einer der Schulkameraden besaß eine große 
Armee von Bleisoldaten, während N. nur wenige sein eigen nannte 
Die Sehnsucht, dem Mitschüler nicht nachzustehen, ließ ihn nicht 
ruhen. Endlich entwendete er seiner Mutter einen Betrag von 
6 bis 7 Mark, legte ihn sofort in Bleisoldaten an und zeigte dem 
Kameraden, daß er ebensoviel und schöne Soldaten besaß wie 
jener. 

Von Anfang an trat in der Schule N.s gute Begabung hervor 
Allem Anschein nach waren seine Leistungen aber nur dann seinen 
Anlagen entsprechend, wenn er sich vom Lehrer irgendwie be- 
sonders beachtet oder bevorzugt fühlte. Wiederholt trug er sich 
mit abenteuerlichen Fluchtplänen. Einmal erlangte er von seinem 
Lehrer durch schwindelhafte Angaben Geld. Andere Male lieh er 
von Mitschülern Bücher und verkaufte sie. Der Versuch, ihn eine 
höhere Schule durchmachen zu lassen, scheiterte an dem Mangel 
an Ausdauer. Stets trat der phantastische Zug in N.s Wesen 
hervor; einer seiner Lehrer äußerte von ihm, er scheine an Größen- 
wahn zu leiden. So wurde der Schulbesuch unterbrochen, und N 
trat eine kaufmännische Lehrstelle an. 

Bis dahin hatten sich N.s unerlaubte Handlungen zumeist 
innerhalb der Familie und Schule abgespielt. Als Lehrling V er 
untreute er alsbald Geldbeträge aus der „Portokasse* und verlor 
seine Stellung nach etlichen Monaten. Eine zweite Stellung sagte 
ihm nicht zu, und er blieb nach wenigen Tagen eigenmächtig 
lort. In einer Gärtnerei untergebracht, lief er auch dort bald 
davon, geriet in schlechte Gesellschaft, trieb sich umher und 
wurde schließlich der „Fürsorge-Erziehung« unterstellt. 

1 E^fungsanstalt ^elte sich nun ab, was sich später 

so oft wiederholen sollte. Der Direktor erkannte N.s künstlerische 
Begabung, ebenso wie sein Begehren nach gesellschaftlichem Auf- 
stieg, und versuchte N.s Leben in beiden Hinsichten in geordnete 
Bahnen zu lenken. N. fühlte sich als Vorzugsschüler verhältnis- 
maßjg wohl, und eine Zeitlang gab es anscheinend keine Klagen 
über ihn. Durch Vermittlung des Direktors wurde N., obwohl 

88 



noch Fürsorgezögling, zum Besuch der Kunstgewerbeschule in 
einer anderen Stadt zugelassen. Hier fehlte ihm der Halt an seinem 
väterlichen Gönner, und nach kurzer Zeit bereits war N. in ein 
gerichtliches Strafverfahren verwickelt und mußte die Schule ver- 
lassen. In die Erziehungsanstalt zurückgekehrt, zeigte er ein ähn- 
liches Verhalten wie so viele junge Menschen in gleicher Lage. 
Irgendeine wirkliche oder vermeintliche Zurücksetzung gab ihm 
den Anlaß zum Fortlaufen, und die kurze Zeit, welche er alsdann 
in Freiheit zubrachte, war mit mancherlei unerlaubten Hand- 
lungen ausgefüllt. 

Mit neunzehn Jahren tauchte N. in Berlin auf, fand Stellung, 
arbeitete aber kaum, spielte den großen Herrn und machte be- 
trügerische Schulden. Es gelang ihm, zu den gesellschaftlichen 
Kreisen Zutritt zu finden, die immer das Ziel seiner Sehnsucht 
gewesen waren. Der Fürsorgezögling wurde ein beliebter Gast in 
sehr exklusiven studentischen Verbindungen. In Kleidung, Lebens- 
weise und Auftreten hatte er sich ganz den „oberen Zehntausend« 
angeglichen. Nur die Mittel dazu stammten aus dunklen Quellen 
und schließlich mußte N. sich der drohenden Verhaftung durch 
die Flucht entziehen. Nun begann eine abenteuerliche Wanderung 
durch Suddeutschland, Tirol und die Schweiz. Überall machte 
N. sich .tra bar, indem er Zechprellereien und sonstige b^g- 
rische Handlungen beging, und wurde von den verschiedenen 
Gerichten verfolgt In der Schweiz verbüßte er eine Gefängn" 
strafe von einem Monat, mußte dann das Land verlassen ^nd 

das Wohlwollen des Gefängnis direktors und wurde mit der Füh- 
rung der Bibliothek betraut. Als er alle Strafen verbüßt haUe 
trat er, wie eingangs erwähnt, in den Kriegsdienst (1915). 

Indem ich alle psychologischen Bemerkungen zum Fall N 
auf einen späteren Zusammenhang verschiebe, will ich hier nur 
den Tenor des Gutachtens im Auszug wiedergeben. Eine geistige 
Störung im gewöhnlichen Sinne des Wortes war bei N. in keiner 
Weise feststellbar. Von einem intellektuellen Defektzustand konnte 
nicht die Rede sein; im Gegenteil hatte ich mit einem Mann zu 
tun, dessen Intelligenz über dem Durchschnitt stand, und der 
außerdem beträchtliche künstlerische Gaben aufwies Die Ab 
weichung von der Norm lag ausschließlich im sozialen Verhalten 
des Untersuchten. Ich nahm eine tiefgreifende Störung des Gefühls- 



8« 



lebens an, aus welcher sich gesellschaftsfeindliche Antriebe her- 
leiteten. Derartige Impulse waren bei ihm selbst unter den gün- 
stigsten Verhältnissen .jeweils nur für kurze Zeit ausgeblieben; 
bald waren sie mit offenbar zwingender Gewalt wieder zum Durch- 
bruch gelangt. 

Die klinische Deskription spricht in derartigen Fällen von 
ethischen Defekt zuständen. Das herrschende Strafgesetz aber er- 
kennt einen Einfluß solcher Abweichungen des Gefühlslebens auf 
die Zurechnungsfähigkeit des Menschen nicht an. Das Militär- 
gericht, welches dem Angeklagten mit rühmenswertem mensch- 
lichem Verständnis gegenübertrat, konnte die Zurechnungsfähig- 
keit N.s nicht verneinen und mußte ihn nach dem Wortlaut des 
Gesetzes zu einer längeren Freiheitsstrafe verurteilen. 

Hervorzuheben bleibt noch, daß ich im Gutachten den Zu- 
stand N.s auf Grund allgemeiner psychiatrischer Erfahrung als 
bleibend und unbeeinflußbar bezeichnete. 

Wenige Monate nach N.s Verurteilung (im August 1918) ging der 
Krieg zu Ende, und weder vorher noch während der folgenden vier 
bis fünf Jahre vernahm ich etwas von ihm. Eines Tages aber wurde 
ich unter merkwürdigen Umständen von einem bürgerlichen Ge- 
richt um ein neues Gutachten über N. angegangen. Er hatte bis 
zum Frühjahr 1919 eine Reihe von Delikten begangen, die den 
früheren durchaus ähnlich waren. In dem Strafverfahren, das sich 
durch mancherlei Umstände jahrelang verzögert hatte, behauptete 
nun N., die inkriminierten Handlungen bis zum Frühjahr igig unter 
dem alten krankhaften Zwange begangen zu haben. Kurz danach 
aber seien jene seit seiner Kindheit bestehenden kriminellen Nei- 
gungen verschwunden. Er sei in den letzten vier Jahren seßhaft 
und arbeitsam gewesen und habe sich nie mehr etwas zuschulden 

kommen lassen. 

Waren diese Angaben N.s richtig, so hatte ich mich in der 
Beurteilung seines Zustandes erheblich geirrt, namentlich hinsicht- 
lich der Prognose. Zunächst bedurfte es jedenfalls authentischer 
Feststellungen über sein Verhalten seit der Verurteilung vor fünf 
Jahren. Aus Angaben, welche N. mir persönlich machte, als er 
sich mir zur erneuten Untersuchung vorstellte, imd aus den amt- 
lichen Belegen ergab sich nun folgendes Bild. 

N. war bei Kriegsschluß gemäß der weitgehenden Amnestie 
in Freiheit gelangt. Rasch folgten nun neue Delikte, die in ihrer 
Art den früheren ähnelten. Von den Umwälzungen, wie sie sich 
zu jener Zeit auf allen Gebieten abspielten, konnte ein schnell 



90 



erfassender Kopf wie N. leicht profitieren. Er, der eine lange 
Untersuchungs- und Strafhaft hinter sich hatte, gewann auch jetzt 
überall das Vertrauen der maßgebenden Personen, um es freilich 
bald zu mißbrauchen. So hebt mit der wiedergewonnenen Frei- 
heit für N auch eine Kette neuer Delikte an. Zu jener Zeit 
bildeten sich sogenannte Freikorps und andere militärische Organi- 
sationen. N. gehörte im Laufe einiger Monate mehreren solchen 
an. Überall war er gern gesehen; seine Beliebtheit fand ihren 
Ausdruck darin, daß man ihm stets die Kasse anvertraute. N. be- 
ging darauf Unterschlagungen, mußte fortgehen und begann 
anderswo das Spiel von neuem. Bei einer Organisation glaubte 
man ihm auf sein Wort, daß er während des Krieges Offizier 
gewesen sei, und N. tat nun wirklich Offiziersdienst. 

Doch die Gelegenheit zu solchem Spiel hörte bald auf, und 
N. kehrte ins Zivilleben zurück. Vom März bis zum Juni io 1Q 
beging er in alter Weise eine Reihe von Unterschlagungen, Zech- 
prellereien usw und wurde von mehreren Gerichten gesucht. 

Und dann folgt die große Veränderung. Daß N. sich seit dem 
Juni i 91Q nichts mehr hat zuschulden kommen lassen, dafür liegen 
Z l^Tl »TV"' Selt JCner Zeithat keine Poli-iliche oder 
w^dt et' l l S Verfahren ^ en N ' e -ff-t. Vertrauens- 

™tL ZTntl T en ' daß er seither seßhaft und ■**■«» 

^ufleute, d eK ^ nThr^ BeT^H T^ "Ä* ^^ 
seine Pflichttreue und seit ^^^^ ,iaben ' bek ™ den 
sondere in allen SL eilen T "^ Zu ™^^eit, insbe- 
Jahre erprobt sei. S Z.! ^Ä ^ ^^ mehrere 
unterrichtet und hattet daher ?" T ** ^ ^^^ *° W 

aber niemals «in« JS^ 2ur KlaTe N™** "T-™* ^ ^^ 
j„„ t , . T™" lur Klage. N. ist verheiratet und führt 

da Leben emes gutbürgerlichen Ehemanne,; im gesellschaftlichen 

InZ 7"V W0l r rtes - eiDer ^ r0ßen Stad *. ! " - belieb und 
geachtet, ohne jedoch in seiner ans früherer Zeit bekannten A« 
die Menschen zu „blenden". 

An der Tatsache dieses vollkommenen Umschwunges in N s 
soz.alem Verhalten konnte kein Zweifel bestehen. Entsprachen die 
Berichte aber der Wirklichkeit, so lief eine derartige Veränderung 
aller psychiatrischen Erfahrung zuwider. Wenn sich bei einem 
Individuum die dissoziale Einstellung so früh gezeigt, und wenn 
d.eses Individuum bis zu sechsundzwanzig Jahref sich dem sozialen 

^itr^.Tf **'• S ° nder " ei " geprägtes Hochstapler- 
leben gefuhrt hat, so not.gt uns alle Erfahrung, die Aussicht auf 



91 



eine spontane Besserung zu verneinen. Wir wüßten auch keine 
Einflüsse namhaft zu machen, denen wir solche außerhalb unserer 
Erfahrung liegenden Wirkungen zutrauen könnten. Es müßten 
schon außerordentliche Umstände sein, mit deren Eintreten man 
eben praktisch nicht rechnen kann. 

Die Lösung des Rätsels liegt auf psychologischem Gebiet. Wir 
werden uns daher jetzt gewissen Tatsachen in N.s Leben und 
seiner seelischen Reaktion auf solches Erleben zuwenden müssen. 
Erwähnt sei an dieser Stelle, daß N. zur Zeit der Beobachtung 
im Jahre 1918 weniger geneigt war, mit mir auf diese Fragen 
einzugehen. Damals befand er sich, wie wir nun bald verstehen 
werden, noch zu sehr in einer trotzig-aufrührerischen Einstellung 
zu jedem Repräsentanten der väterlichen Gewalt, und damals war 
ich sein militärischer Vorgesetzter. Im Jahre 1925 dagegen machte 
er den Eindruck eines Menschen, der es sich in den gegebenen 
Verhältnissen wohl sein läßt. Er fühlte sich mir bürgerlich gleich- 
stehend und konnte sich mir ohne das frühere Mißtrauen offen- 
baren. So ergab erst unsere weit kürzere zweite Begegnung 
manche wichtige, ja grundlegende Erklärungen für das soziale 
Verhalten N.s in früherer Zeit und erklärte den neuerdings er- 
folgten Umschwung. 

Wie erinnerlich, war N. das jüngste unter den vielen Kindern 
einer in dürftigen Verhältnissen lebenden Familie. Es muß hinzu- 
gefügt werden, daß ihn ein weiter Altersabstand von seinen Ge- 
schwistern trennte, die zur Zeit seiner Geburt schon halb oder 
ganz erwachsen waren. Als ganz kleiner Knabe, aber auch später, 
hörte er seine Mutter wieder und wieder sagen, wie unwillkommen 
er ihr als Spätling gewesen sei. Während die älteren Geschwister 
schon selbst etwas verdienen konnten, war N. der unnütze Esser 
in der Familie und erfuhr aus lieblosen Bemerkungen, daß er nur 
als eine Belastung des Familienbudgets angesehen wurde. Jeden- 
falls fühlte er sich von beiden Eltern und sämtlichen Geschwistern 
ungeliebt, ja befeindet, ganz im Gegensatz zu der sonst häufigen 
Verwöhnung spät- oder letztgeborener Kinder. Sein späteres 
soziales Verhalten stellt in letzter Linie seine psychische Reaktion 
auf diese Eindrücke seiner früheren Kindheit dar. 

Es braucht hier nur an die gesicherte psychoanalytische Er- 
fahrung erinnert zu werden, nach welcher ein Kind an den Per- 
sonen seiner frühesten Umgebung die ersten Liebeserfahrungen 
sammelt und selbst lieben lernt. Unter Umständen wie den soeben 
geschilderten kann eine vollwertige Objektliebe sich nicht ent- 



92 



=~ 



wickeln. Die ersten Versuche des Kindes, die ihm nächsten mensch- 
lichen Objekte mit seiner Libido zu besetzen, werden notwendig 
scheitern, und eine rückläufige, narzißtische Besetzung des Ich 
wird nicht ausbleiben, während sich den Objekten zu gleicher 
Zeit eine große Haßbereitschaft zuwenden wird. 

Unter diesen Gesichtspunkten wird N.s Verhalten in der Kinder- 
garten- und Schulperiode verständlich. Er verschmäht seine Eltern, 
so wie sie ihn verschmäht haben. Er wünscht sich reiche Eltern' 
die ihn nicht als ökonomisch belastenden Faktor ansehen würden.' 
Er zeigt sich schon früh jedem Menschen, der ihm Vater, Mutter^ 
Bruder oder Schwester bedeuten kann, von der gewinnendsten 
Seite; jeder Lehrer, jeder Mitschüler muß ihn gern haben — eine 
ständig fließende Quelle der Befriedigung für seinen Narzißmus. 
Aber die Identifizierung der ihn jeweils umgebenden Personen mit 
seinen Eltern und Geschwistern geht weiter: er muß die, welche 
ihn lieb gewonnen haben, enttäuschen, um Rache an ihnen zu 
nehmen. Daß alle, aber ausnahmslos alle, sich von ihm düpieren 
lassen, gibt seinem Narzißmus weitere intensive Befriedigung 
Unter ^Anlehnung an eine geläufige Wortbildung verschiedener 

ÖTfrEt T sagen: N " der sich in seiner Kindhei * — 

geliebt : fald e, mußte unter einer inneren Nötigung sich allen 
Menschen liebenswürdig«,d.h. ihrer Liebe würdig zeigen 
^fnwtrdfglt U ^- d - ^weisen, daß er ^Ä 

^CTÜl an die ST 1 «"* 

MiSS^Ä^ N.s brennender Wunsch, der 
klärte mir selbst da ß " T Menschen 2U sei "- Er er- 

sich alles um kn drehte«" 1 gfV** 1 »* ™, »-nn 
Dasein in dor V a^ ' Em S ° lcher Zustand war »einem 

rasches P„H. • . t IbSt alleS ' Um der Herrlichkeit ein 

noSte £ ^ S reiten ' ^ Übermächti ^r Wiederholungszwang 
notigte ihn, sich immer wieder zum Ausgestoßenen zu machen 
wenn er gerade zum Liebling aller aufgestiegen Z _ S 

Tng ZT ^ V ° n * "° Ch ^^ Ä«&. ^ße Änd^ 

Im Juni i 9 i 9 zog N. unstet und flüchtig von Stadt zu Stadt 

fXten'd fT - !! HÜfe r Zech P relle - ien Wanderen Betrügereien 
fristend In diesem Zeitpunkt trat ein glückliches Ereignis ein 

dessen besondere Bedeutung für N. dem psychoanalytisch Ge- 
schulten sich förmlich aufdrängen muß. 



93 



N. machte damals die Bekanntschaft einer Frau, die sich schon 
im ersten Gespräch für ihn zu interessieren begann. Sie war nicht 
unerheblich älter als er und war Teilhaberin eines industriellen 
Unternehmens. Kaum hatte sie von N.s Stellenlosigkeit und Not- 
lage gehört, als sie auch schon für ihn zu sorgen versprach. Er 
fand in dem Unternehmen, an welchem sie beteiligt war, eine 
seinen künstlerischen Gaben entsprechende Tätigkeit, hatte mit den 
sozial angesehensten Personen umzugehen und wurde auskömm- 
lich bezahlt. Zwischen ihm und seiner Gönnerin entwickelten sich 
engere Beziehungen. Sie war Witwe und Mutter mehrerer bereits 
halbwüchsiger Kinder. Es kam zur Eheschließung, während N. 
gleichzeitig in dem geschäftlichen Betrieb zu einem Posten mit 
voller Verantwortlichkeit aufstieg, der ihm überdies eine aus- 
gezeichnete gesellschaftliche Stellung sicherte. Es gab in diesem 
Tdealzustand bürgerlicher Zufriedenheit nur eine Beunruhigung; 
diese ging von den noch unerledigten Strafverfahren aus. 

Als ich N. im Jahre 1925 wiedersah, hatte sich dieser Zustand 

des äußeren Glückes und — wie wir hinzufügen dürfen — der 
inneren Ruhe bereits durch einige Jahre stabil gehalten. Früher 
hatte N. jede ihm günstige Situation aus zwingenden, unbewußten 
Antrieben zerstören müssen. Warum blieb jetzt ein solcher Zu- 
sammenbruch aus, und warum konnte N. die günstige Wendung 
seines Schicksals in voller Eintracht mit einem anderen Menschen 
genießen? 

Wir können die Antwort in eine kurze psychoanalytische Formel 
bringen. Alle früheren Zustände einer vorübergehenden Prosperität 
in N.s Leben stellten nichts anderes dar als eine augenblickliche 
Befriedigung seines Narzißmus. Ein derartiger Zustand aber trug 
den Keim raschen Verfalls in sich; die Ambivalenz der Antriebe 
war in N. viel zu stark, als daß er irgendeine Art des seelischen 
Gleichgewichts hätte erreichen können. Vermutungsweise dürfen 
wir hinzufügen, daß sich an N.s vorübergehende „Erfolge" starke 
unbewußte Schuldgefühle knüpften, die ein baldiges Ende des 
Glücks als Akt der Selbstbestrafung herbeiführen mußten. 

Wir haben bereits versucht, das Verharren der Libido im Zu- 
stande des Narzißmus aus einem regressiven Vorgang zu erklären, 
der sich an tief enttäuschende Eindrücke der frühen Kindheits- 
jahre anschloß. Anders ausgedrückt: N. hatte als kleiner Knabe 
aus der Ödipus-Einstellung zu seinen Eltern dasjenige Quantum 
an Lust nicht entnehmen können, das anderen Kindern — wenn 
auch in sehr verschiedenem Maße — gestattet wird. Es fehlte die 



94 






mütterliche Zärtlichkeit. Es fehlte die Möglichkeit, den Vater 
zur Idealgestalt zu erheben ; im Gegenteil sehen wir von früh auf 
den Wunsch nach einem anderen Vater dominieren. Es fehlte 
auch die Möglichkeit, sich im Ödipus-Kampf gegen den Vater mit 
Geschwistern zu identifizieren: diese bildeten ja in unserem Falle 
zusammen mit den Eltern eine Welt von Feinden. So unter- 
blieb die regelrechte Entwicklung des Ödipus-Kom- 
plexes. Naturgemäß konnten sich dann auch jene Sublimierun^s- 
vorgänge nicht vollziehen, die von einer geglückten Bewältigung 
des Ödipus-Komplexes zeugen und die Vorbedingung für eine 
erfolgreiche Einordnung des Individuums in den sozialen Orga- 
nismus bilden. 1 

Der Umschwung, der sich im Jahre 1919 in N.s Leben vollzog, 
bedeutet nun nichts mehr und nichts weniger, als das vollkommene 
Gegenteil der häuslichen Konstellation in seiner frühen Kindheit. 
Eine Frau, an Jahren ihm überlegen, findet auf den ersten Blick 
Gefallen an ihm und überhäuft ihn mit Beweisen mütterlicher 
Fürsorge. Beweise der Liebe gesellen sich hinzu. Niemand 
steht dieser Liebe zwischen Mutter und Sohn hindernd im Wege, 
denn der Ehemann jener Frau ist längst verstorben. Da sind aber 
ein paar Söhne, die doch schon lange vor N. ein Recht auf die 
Liebe der Mutter hatten. Doch sie bevorzugt ihn, der so spät in ihr 
Leben eintritt, vor den anderen Söhnen, heiratet ihn und bietet damit 
^SÄ" ^f « Söhnen, den Platz des verstorbenen Gatten! 
«*™J £ - Ä ♦ Ch diGSe *** U neben der Plötzlichen Ver- 

e EffülhfnT if G S °" ale "^ finan " elle ™Lsse eine rest- 
*LhJu * ? f mCr dGm Ödipus-Komplex entstammenden 
Kindheitswunsche. Als ich ihm einen Hinweis auf die offenbare 
Mut erbedeutung semer Frau gab, erwiderte N.: „Sie haben sicher 
recht. Ich habe sehr bald nach dem Beginn unserer Bekanntschaft 
zu meiner jetzigen Frau ,Mütterchen' gesagt und bringe es heute 



«rf. J7 ♦ 5 übrigens nicht vergessen, daß die Ödipus-Einstellung, die 

£S y l P1 ! m 5 6Cht alS Quelle ernSter und ^clxhaltiger Konflikte im 
Seelenleben des Kindes und des Herangewachsenen betrachten, zunächst 
eine Quelle wirklicher und phantasierter Lust darstellt. Das Kind lernt aber 
aut den größten und wichtigsten Teil seiner bezüglichen Wünsche, d. h. auf 
die sozial verpönten, allmählich verzichten, wenn ihm ein gewisses, ein- 
g«chranktes Maß von Lust gegönnt wird. Dies scheint eine dem Kinde unent- 
behrliche Hilfe zur erfolgreichen Überwindung der Ambivalenz gegenüber den 
Eltern zu sein. Ist aber dem Kinde alle solche Lust gänzlich versagt, so wird 
eine gunstige Verarbeitung des Ödipus-Komplexes ausbleiben, und alle Libido 
wird wieder dem Ich zuströmen. 



M 



noch nicht fertig, sie anders zu nennen." Bei dieser Gelegenheit 
zeigte sich besonders eine lebhafte Gefiihlsreaktion im Sinne von 
Sympathie und Dankbarkeit. Sie ließ erkennen, daß bei N. jetzt 
mehr vorlag als eine bloße Befriedigung des narzißtischen Be- 
gehrens nach Liebesbeweisen. Ich gewann den Eindruck, daß N. 
an einer Ersatzperson spät geglückt war, was in der Kindheit 
nicht stattfinden konnte: Die Libido-Übertragung auf die Mutter. 
Damit soll natürlich nicht eine voll ausgebildete Objektliebe, eine 
volle Überwindung des Narzißmus behauptet werden, sondern 
lediglich irgendein nicht näher zu bestimmender Grad der Pro- 
gression seiner Libido von der narzißtischen Gebundenheit in 
der Richtung zur Objektliebe. Genaueres ließe sich nur auf Grund 
einer durchgeführten Psychoanalyse aussagen. 

Weiter muß hervorgehoben werden, daß die Gesamtheit der 
erwähnten Wunscherfüllungen nicht von Schuldgefühlen be- 
gleitet ist. Da ist kein Vater zu beseitigen — er ist schon vor 
langem gestorben. Da ist kein Angriff auf die Mutter nötig; sie 
kommt ja dem Sohne sowohl im mütterlich-zärtlichen wie im 
erotischen Sinne entgegen, und dies aus eigenem Antrieb. Da sind 
keine Geschwister zu bekämpfen; seine besondere Stellung in der 
neuen Familie wird in vollem Maße anerkannt. So genießt N. 
zum ersten Male in seinem Leben eine Situation ausschließlicher 
und — wie wir hinzusetzen müssen — vorwurfsfreier Lust. 

Die vollkommene Gewährung aller mütterlich-fürsorglichen 
wie erotischen Gefühle von Seiten einer Mutter- Vertreterin hat 
den in der Kindheit unbefriedigt gebliebenen Ödipus-Wünschen 
eine späte Erfüllung gebracht, hat aber zugleich N.s Libido aus 
ihrer narzißtischen Gebundenheit hervorgelockt. Und so gelang 
ihm zum ersten Male ein gewisses Maß von Übertragung seiner 
Libido auf ein Objekt. 

Die im psychologischen Sinne vollkommene Erfüllung einer 
infantilen Wunschsituation, wie wir sie im vorliegenden Falle 
geschehen sahen, dürfen wir als ein exzeptionelles Vorkommnis 
bezeichnen. Niemand konnte mit dem Eintritt dessen rechnen, was 
hier einmal, wie durch ein Wunder, zum Ereignis wurde. Die 
pessimistische Voraussage des Gutachtens behält ihre allgemeine 
Berechtigung, wenngleich sie sich in diesem Einzelfall als irrig 
erwiesen hat. Und noch in einem anderen Sinne behält sie ihre 
Berechtigung. 

Als N. mich zum letzten Male besuchte, hob er selbst hervor, 
wie gut es ihm in jeder Hinsicht ergehe. Aber gemäß seiner 



96 



scharfen Intelligenz sprach er ein Bedenken aus. Er fühla, und 
er gestehe es sich und mir zu, daß die Dauer des gegenwärtigen 
Zustandes abhängig sei von seinem (N.s) Verhältnis zu seiner 
Frau. Würde dieses jemals erschüttert werden, so würden sicher 
die alten Neigungen wieder aus ihm hervorbrechen, denn zutiefst 
fühle er, daß die alte triebhafte Unruhe noch in ihm sei.* 

Es läge nahe, mit Bezug auf den geschilderten Fall von einer 
„Heilung durch Liebe" zu sprechen — wenn wir nur sicher 
sein dürften, daß eine wirkliche Heilung, eine dauernde Ver- 
änderung zum Guten vorliegt. Wie dem aber auch sei, der Um- 
schwung im sozialen Verhalten eines Menschen mit einem Vor- 
leben, wie es geschildert wurde, bleibt ein merkwürdiges Phä- 
nomen, das nur von der psychoanalytischen Libido-Theorie zu 
erfassen ist, das im übrigen aber auch aus praktischen Gründen 
unsere volle Aufmerksamkeit verdient. 

In eindrucksvollster Weise zeigt der vorliegende Fall, daß wir 
die hereditäre Belastung, die „Degeneration" in ihrer Bedeutung 
für das Entstehen dissozialer und krimineller Antriebe nicht über- 
schätzen sollen. Was die Schulmeinung noch immer mit einseitiger 
Vorliebe als mit dem Menschen geboren und daher unabänderlich 
betrachtet, das müssen wir zu einem guten Teil als früh erworben 
erkennen, d. h auf die Wirkung frühester psychosexueller Ein- 
drucke zurückfuhren. Dies aber bedeutet nicht nur die Korrektur 

SSSiSkS Mei H* SOndern S ibt ™ ^ue Handhaben, neue 
M °fw " n .A-Äriff-punkte für die Behandlung der Dis- 

TSStoSEu ^Vr^ 11 " 0116 " Alter ' Ich 3 -it Genug- 
tuung feststellen, daß ,ch mich in dieser Hinsicht mit einem fo 

vortrefflichen Kenner dieser TVT «c^„ • * . , , 

n in. • .- a, eser Menschengruppe wie Aichhorn in 

voller Übereinstimmung befinde. 

Aichhorns* Mitteilungen lassen uns erkennen, welche Be- 
deutung der positiven Übertragung des Zöglings auf den Er- 
zieher gerade m den Besserungsanstalten zukommt. Er hat mit 
vollem Recht die Herstellung der Übertragung und ihre Erhaltung 
zum Angelpunkt der Fürsorgeerziehung gemacht. 

Erinnern wir uns der zauberhaften Wirkung der ersten ge- 
glückten Übertragung im Falle N.. d. h. bei einem bereit s er- 

i) Hier sei das Ergebnis des zweiten Gutachtens (1923) erwähnt. Die letzten 
unerlaubten Handlungen fielen zeitlich unmittelbar vor den großen Umschwung 
waren also in gleicher Weise wie alle früheren zu bewerten, d. h. als Äuße- 
rungen eines aus unbewußten Quellen stammenden unwiderstehlichen Dranges 

2) „Verwahrloste Jugend. Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung ■ 
Internationale Psychoanalytische Bibliothek, Bd. XIX, 1925. 



97 



waehsenen Manne, so vermögen wir zu ahnen, welche Ergebnisse 
eine erfolgreich hergestellte und in richtige Bahnen gelenkte Über- 
tragung bei jugendlichen Individuen erzielen kann. N. hatte freilich 
das Gluck, als Fürsorgezögling einen humanen und Verständnis- 
vollen Erzieher zu finden. Was aber diesem Manne trotz ernster 
Ante l]nahme an N s Schicksal nicht ffela ^ dag w ^ d . e ^^^ 

Stellung einer nachhaltigen Übertragung; das Felden einer festen 
Bindung des Gefühls ließ N. immer wieder rückfällig werden und 
dauerhafte Trieb-Sublimierungen nicht zustande kommen. Solche 
vo zogen sich erst, als N.s Libido sich zum ersten Male nach- 
naltig auf eine Person übertragen hatte 

Gerade wir Praktiker der Psychoanalyse haben oft beklagt 
daß unser therapeutisches Wirken sich stets nur auf einen ver- 
hältnismäßig kleinen Kreis von Personen erstrecke, daß es wohl 
« die Tiefe des Einzelfalles, aber nicht genügend in die Breit 
der menschlichen Gesellschaft dringe. Wenn Aichhorns Auf! 
fassung zutrifft, daß im allgemeinen durch die Herstellung der 
IWagung eme ausreichende Grundlage für die BeeinfluLnl 
der distalen Jugendlichen gegeben sei, während nur oM e mk 
neurotischen Störungen komplizierten Fälle eine regelrechte psycho 
analytische Behandlung erfordern, so läge hier ein Gebiet vo^ "uns' 
auf welchem die an Neurotikern gewonnenen Ergebnisse "22 
psychoanalytischen Forschung und Praxis zu umfaLnder Aus 
Wirkung gelangen könnten. Was Aichhorn uns vorführt i st 
vielversprechender pädagogischer Vorstoß, zu welchem FreuTu 
Psychologie ihm das Rüstzeug geliefert hat. Der warmherzig 

fucn r ; m V el + d ; em er / ies ; s E"iehungswerk auszugestalten v er . 
sucht, verdient bewundernde Anerkennung 

Werfen wir noch einen Rückblick auf' die Schicksale unseres 
Hochstaplers! In den Psychoanalysen Neurotischer stoßen wir oft 
auf die Folgen früher Verzärtelung, durch welche die Liebes- 
ansprüche des Kindes in unzweckmäßiger Weise hochgezüchtet 
wurden. Unter den „Dissozialen" wird uns vielleicht häufiger ein 
anderes Schicksal der Libido im frühen Alter begegnen. Es ist 
die Entbehrung an Liebe, welche, einer seelischen Unterernährung 
vergleichbar, die erste Vorbedingung für die Entstehung dissozialer 
Züge schafft. Es bildet sich ein Übermaß von Haß und Wut, das 
ursprünglich gegen einen engen Personenkreis gerichtet, später 
der sozialen Gesamtheit gilt. Wo solche Vorbedingungen gegeben 
sind, da wird eine der sozialen Anpassung günstige Entwicklung 
des Charakters spontan nicht zustande kommen können. Der nar- 



98 






zißtischen Regression der Libido, wie wir sie im Falle N. an- 
nehmen mußten, wird auch eine Hemmung der Charakterbildung, 
ein Stehenbleiben auf niederer Stufe entsprechen. 

Es wird nicht aiisbleiben können, daß diesen Ergebnissen der 
Psychoanalyse allmählich auch von kriminalistischer Seite die ihnen 
gebührende Beachtung zuteil werden wird. In neuester Zeit hat 
Reik in seinem Buch über „Geständniszwang und Strafbedürfnis" 
umfassende Untersuchungen über das Schuldgefühl angestellt und 
damit eine wichtige Verbindung zwischen der psychoanalytischen 
Neurosenforschung und der Kriminalistik angebahnt. Nach zwei 
Richtungen hin kann die Wissenschaft vom Verbrecher und Ver- 
brechen aus den psychoanalytischen Lehren Nutzen ziehen. Die 
Psychoanalyse liefert der Kriminalistik neue psychologische Ge- 
sichtspunke für das Verständnis der sie beschäftigenden Personen. 
Außerdem aber erscheint die Behandlung jugendlicher Dissozialer 
mit Hilfe der Psychoanalyse oder im Geiste der Psychoanalyse al& 
ein aussichtsvoller Weg zur Verhütung krimineller Handlungen. 

Zur Herstellung dieser Brücke zwischen Psychoanalyse und 
Kriminalistik möchte auch die vorliegende Mitteilung einen Bau- 
stein beigetragen haben. 



Über Cou6s Heilformel 

von 

Karl Abraham 

Auf Grund eines Manuskriptes, das im Nachlaß von 
Abraham vorgefunden wurde, konnte das Abraham- 
Gedenkheft der „Internationalen Zeitschrift für Psycho- 
analye" (Bd. XII, 1926, Heft 2) die „Psychoanalytischen 
Bemerkungen zu Coue's Verfahren der Selbstbemeisterung u 
veröffentlichen. Dieser Arbeit sind die folgenden Absätze 
entnommen. 

Die Formel lautet in deutscher Fassung bekanntlich: „Jeden 
Tag geht es mir in jeder Beziehung immer besser und besser." 
Sie ist so allgemein gehalten, daß jeder einzelne Mensch ihr den 
seinen Leiden entsprechenden Sinn ohne weiters unterlegen 
kann. Die Worte „in jeder Beziehung" entbinden den Leidenden 
davon, beim Aussprechen der Formel an seine verschiedenen 



99 



Klagen zu denken. Die Formel ist dreimal am Tage je zwanzigmal 
aufzusagen Coue rät, daß der Kranke sich zuvor gedanklich in 
die Nahe des Meisters versetzen und dann die Formel sprechen 
soll; daß der Leidende sich mit ihm identifiziert, wird hier noch 
einmal besonders deutlich. Die Sprechweise und besonders das 
lempo sollen nicht etwa feierlich, getragen, sondern rasch sein. 
Hs kommt nicht auf eindringliche, sinnvolle Betonung an, sondern 
es handelt sich um ein gleichförmiges Herunterbeten des ein- 
fachen Textes. Unerläßlich ist ein Stück Bindfaden mit zwanzig 
Knoten darin; während der autosuggestiven Verrichtung greift 
dieHand von einem Knoten zum andern, bis die vorgeschriebene 
Zahl abgebetet ist. 

Wir werden uns allein an diese Formel halten, obwohl sie 
nicht die einzige ist. Eine zweite, kurze, existiert für besondere 
Vorkommnisse, wie z. B. anfallsweise auftretende Beschwerden 
aller Art, besonders auch für Schmerzen. Hier lautet die Vorschrift, 
der Leidende soll im schnellsten ihm möglichen Tempo und 
ohne zu zählen die Worte sprechen: „Es geht vorüber, es geht 
vorüber« usw. Er hat dies fortzusetzen, bis — angeblich nach 
ein bis zwei Minuten — die Wirkung eintritt. 

Die Hauptformel ähnelt vollkommen den magischen Wort- 
folgen, wie wir sie bei primitiven wie bei zivilisierten Völkern 
in Anwendung finden. Auch bei uns gehört das „Besprechen" von 
Wunden und Krankheiten noch keineswegs ganz der Vergangen- 
heit an. Die dreimal tägliche Ausübung der Autosuggestion er- 
innert uns an die kultischen Einrichtungen vieler Völker, daneben 
auch an den Gebrauch von Medikamenten. Daß in dem Bind- 
faden der Rosenkranz der katholischen Kirche eine moderne 
Neuauflage gefunden hat, ist leicht zu ersehen. Wir wissen, wie 
sehr derartige Vorrichtungen dazu führen, daß das Gebet nur 
noch einer automatisch gewordenen Formel gleicht. Einrich- 
tungen ähnlicher Art sind bei den verschiedensten Völkern zu 
finden; es sei nur an die „Gebetsmühlen" der Tibetaner erinnert. 
Warum Coue gerade die Zahl 20 gewählt hat, vermag ich nicht 
zu erklären. Ich vermute, daß er den Grund auch selbst nicht 
würde angeben können. Derartige zahlenmäßige Festsetzungen 
finden wir häufig bei Zwangsneurotikern, die aber in der Regel 
die Motive zur Wahl einer Zwangszahl nicht spontan angeben 
können; es bedarf hier der psychoanalytischen Untersuchung. Die 
Vermutung aber, daß die ganze Methode das Werk eines Mannes 
mit einer latent gewordenen Zwangsneurose sei, wird uns her- 



100 






nach beschäftigen. Hier sei erwähnt, daß Zwangskranke nicht 
nur dazu neigen, vielerlei Dinge gemäß einer obsedierenden Zahl 
zu wiederholen, sondern daß sie auch häufig Formeln bilden, 
die oft den Charakter der Selbsthilfe gegenüber einer Obsession 
tragen. Die von Coue vorgeschriebene Art, in welcher die Formel 
in rascher Wiederholung auszusprechen ist, muß uns an die 
„Verbigeration" der Geisteskranken erinnern. 

Die übliche Kritik bemängelt dieses automatisierte Plappern 
einer eingelernten Formel und findet es unbegreiflich, daß heut- 
zutage jemand ein Heilverfahren auf ein so kümmerliches geistiges 
Niveau stellen kann. Unsere Vermutung bewegt sich in gerade 
entgegengesetzter Richtung. 

Die allgemeine Wirkung des Coue sehen Verfahrens war uns 
daraus verständlich geworden, daß das Individuum zum Massen- 
bestandteil wird. Es geht seiner Kritik verlustig, der psychische 
Überbau löst sich mehr oder weniger auf, und die unbewußten 
seelischen Prozesse von impulsivem Charakter gewinnen die Ober- 
hand. Auch die Neigung, sich die autosuggestive Formel zu eigen 
zu machen, setzt eine Herabminderung der Kritik und eine ent- 
sprechende Steigerung der Gläubigkeit voraus. Das Schwinden 
der Kritik aber ist es, das den Zugang zum Unbewußten eröffnet. 
Ich brauche nur daran zu erinnern, daß wir in der Psychoanalyse 
dem Patienten zu Anfang erklären, er möge beim freien Asso- 
ziieren, das uns doch den Zugang zu seinem Unbewußten er- 
schließen soll, die Kritik ausschalten. 

Die Formel ist ohne Zweifel dazu bestimmt, auf das Unbe- 
wußte des Kranken zu wirken; Coue selbst sagt wörtlich so, 
wenngleich seine Vorstellungen vom Unbewußten zu manchem 
Bedenken Anlaß geben. Nach unserer Anschauung hat sich das 
Unbewußte in der Krankheit — ich habe hier speziell die Neu- 
rosen im Auge — ein Ausdrucksmittel für bestimmte verdrängte 
Tendenzen gebildet. Es ist also am Fortbestand der Krankheit 
interessiert; ihre Auflösung würde für das Unbewußte einen 
Verlust bedeuten, und wir Analytiker kennen das Sträuben gegen 
eine solche Veränderung gut genug. Soll nun auf suggestivem 
Wege erreicht werden, daß das Unbewußte — sagen wir — sich 
bereden läßt, so wird der Erfolg von der zweckmäßigen Wahl 
der Mittel abhängen. Im Falle der Fremdsuggestion ist das wich- 
tigste Agens eine libidinöse Bindung, die Übertragung auf den 
Hypnotiseur. Dazu kommen die besonderen Mittel, welche einen 
bestimmten suggestiven Effekt erzielen sollen. Im Falle der Auto- 



lOl 



Suggestion bedarf es, wie wir sahen, eines guten Einvernehmens 
zwischen Über-Ich und Ich, und daneben eines bestimmten Ve- 
hikels der Suggestion. 

Wollen wir verstehen, warum Gou es Formel, beziehungsweise 
überhaupt eine magische Formel, in dieser Hinsicht "anwendbar 
und in gewissen Grenzen erfolgreich ist, so werden wir am 
besten wieder an eine Feststellung Freuds anknüpfen und 
weiterhin gewisse Parallelerscheinungen aus benachbarten Ge- 
bieten ins Auge fassen. 

In seiner kritischen Übersicht über Le Bons „Psychologie 
der Massen« sagt Freud: „Wer auf sie (die Masse) wirken will, 
bedarf keiner logischen Abmessung seiner Argumente, er muß in 
den kräftigsten Bildern malen, übertreiben und immer das 
gleiche wiederholen.« Die Wiederholung des Gleichen, zumal 
m formelhaftem Ausdruck — so dürfen wir ergänzen — bahnt 
sich offenbar in besonderer Weise den Weg ins Unbewußte. Es 
muß sozusagen eine Sprache sein, auf die das Unbewußte reagiert. 
Nun versteht man doch am besten die Sprache, welche man 
selber spricht. Und da dürfen wir sogleich hinzufügen: Die 
Wiederholung ist eine häufige und uns bekannte Aus drucksform 
unbewußter Impulse. Auf das, was Freud unter dem Namen 
des „Wiederholungszwanges« beschrieben hat, soll hier nicht ein- 
gegangen werden. Von diesem mächtigen Zwang, der das In- 
dividuum nötigt, in gewissen Zeitabständen die gleiche Handlung 
wiederum zu begehen, führen fließende Übergänge zu den Er- 
scheinungen, welche uns hier interessieren. 

Die Völkerpsychologie bietet uns bemerkenswerte Erschei- 
nungen, die wir zum Vergleich heranziehen dürfen. Ich las vor 
langer Zeit eine Schilderung des Afrikaforschers Stanley wie 
er mit seiner Expedition einen Kampf gegen feindselige Einge- 
borene aufnehmen mußte. Er teilte nun seine Leute in ein paar 
Trupps und gab jedem einen Anführer. Als es zum Kampfe ging, 
produzierte jeder Trupp eine Art von Schlachtgesang oder Feld- 
geschrei. Der Trupp, beispielsweise, welcher einem Manne namens 
Uledi unterstellt war, sang in endloser Wiederholung: Uledi-ledi- 
ledi . . . Der Sinn dieses Gebrauches ist klar. Er betont die 
Bindung jedes Mannes an den Führer, die zugleich die Kampf- 
genossen auch untereinander verbindet. 

Bei einer Gruppe von Geistesstörungen, die mit tiefreichender 
Regression der Libido zu ihren frühesten Entwicklungsstufen 
einhergehen, den katatonischen Zuständen, gelegentlich aber auch 



103 



bei anderen Psychosen, finden wir das Symptom der Verbigera- 
tion. Ein oder mehrere Worte werden in triebhafter Weise viele 
Male nacheinander hervorgestoßen. Die Psychoanalyse erkennt in 
diesen Wortfolgen den oft nur wenig entstellten Ersatz be- 
stimmter, von Unbewußten angestrebter Handlungen. Frühere 
Mordimpulse sind etwa zu einem stereotypen Abbeten einer 
Formel geworden, in der Hinweise auf den Tod enthalten sind. 
Sexuelle Antriebe fanden ihren abgeschwächten Ausdruck in 
stereotyp wiederholten obszönen Reden. Die gleichen Personen 
pflegen übrigens auch „Bewegungs-Stereotypen" darzubieten, in 
welchen eine Intention von ursprünglich hohem Affektwert zu 
einer bizarren Ausdrucksbewegung erstarrt ist. Unter den chro- 
nisch Geisteskranken kann man derartiges vielfach beobachten. 
Für diejenigen Leser, denen es an eigener psychiatrischer Er- 
fahrung fehlt, will ich ein paar Beispiele anfügen. 

Zu meiner Schulzeit begegnete man in den Straßen meiner 
Heimatstadt einem Manne mit närrischem Benehmen, in welchem 
jeder Irrenarzt ohneweiters die Residuen einer kataton-hebephre- 
nischen Geistesstörung zu erkennen vermochte. Wenn er durch 
die Straßen hinkte, war stets ein Schwärm von Schuljugend 
hinter ihm. Er lief dann weiter, so schnell er konnte. In dieser 
Situation, aber auch sonst, sprach er laut vor sich hin, immer 
die gleichen Worte im gleichen Tonfall wiederholend. Eine dieser 
Formeln lautete: „Zehntausend Särge, zehntausend Särge" usw. 
Eine andere: „Der Tod ist nah, die Zeit ist um, die Zeit ist 
um, der Tod ist nah." usw. in inßnitum. Die feindseligen Impulse 
fanden in diesen Worten des hilflosen Narren einen letzten er- 
starrten Ausdruck. Wir erkennen in ihnen eine Art von Bann- 
formeln gegen die Verfolger. Zu erwähnen ist, daß nach dem 
Ergebnis der Psychoanalysen derartige Formeln, auch unter der 
Decke aggressiver Regungen, stets sexuelle Impulse zum Aus- 
druck bringen, und daß dies nicht bloß durch ihren Wortlaut 
und Inhalt, sondern wesentlich auch durch ihren Rhythmus 
geschieht. Besonders leicht überzeugt man sich davon bei den 
Bewegungsstereotypien, deren erotische Bedeutung oftmals ganz 
unverkennbar ist. 

Zur Bildung von Wortformeln kommt es sodann sehr oft in 
der Zwangsneurose. Freilich sind sie von den Formeln der Kata- 
toniker schon äußerlich recht verschieden. Sie dienen ganz be- 
wußt zur Bannung eigener Antriebe des Kranken; ihre Form ist 
zwar oft verschroben, jedoch immer leicht als sinnvoll zu er- 



103 



drPo n ; m ^ ne n.T i T t Pati , enten banme *•"*-«* In, puls e mit 
set daT die's'e * F* "^ ™' Fußtritt ' "^«Bemerkt 
sei, daß diese gegen einen gefürchteten Zwang angewandten 
Formeln stets bald selbst obsedierend werden, wi uns Ter 1 2 

2 fZZ 7 ea mUß> iSt "-Ambivalenter Triebregungen 

f'l S ; ^ Cn kleinSten P^^he» Produktionen ^ 

h Z ,"f ™ ,k ™ ™ ta f ««. 1» dem, was ein Zwangskranker 
tu toder sprich,, äußern sich zugleich Trieb und Verbot, eine 
Lnsttendenz und eine Straftendenz. Ein sehr instruktives B ismel 

fcho„ damaU d T "" **" Kindheit - Sei " T «Ht«n w« 
etbs" da t„ dU1 ' ChSet2t c ! 0n fcindlich-qnalerischen Antrieben 
selbst da, wo er von Schuldgefühl und Reue erfüllt ™ . • 

Mal^batt G ^,^Ä msgehet^nders £ $ £ 
Masturbation, wahrend sie sich äußerlich meist an die sonstigen 
kleinen Untaten der Kinderstube anschlössen. War derer igeTfe 

Knete V° *"* *t hemach >° d °™* "as gleiche ,f£ 
Knabe klammerte sich an seine Mutter und sagte in unendlicher 
Wiederholung: ^rgive m , „^ forgive J^ Diese V er 
fahren brachte zwar reuige Zerknirschung weit stärk- u 
zw« andere Tendenzen zum Ausdruck. Einmal setz e er L ft" 
die Quaierei gegenüber seiner Mutter fort, während er lv 
tat. Sodann aber erwies sich bei ihm damals, wie in r r 
Jahren, daß er, anstatt sich zu bessern, es stets vorzog ,iT 
Verfehlungen verzeihen zu lassen, was sich auch wahren! """ 
psychoanalytischen Behandlung störend äußerte Wir se J ner 

aber noch weiter, daß das schnelle Herunterh»^„i f rmitte "en 
formel dem Rhythmus der Onanie nach-b Idet P S"" Buß " 
sich die verbotene sexuelle Tendenz auch „ l^ £l 7°* 
hell durchzusetzen. Ich berichte W^« m heim " 

wieder gut machen und brauchte sich keiner sonstigen Willens- 
anstrengung zu unterziehen! 

Wir beginnen zu verstehen, daß es für manche Personen eine 
bequeme und billige Art der Selbstbestrafung bedeutet, der sie 
sich unterziehen, wenn sie das C o u e - Verfahren einschlagen, weit 
bequemer als wenn sie ihre bisherigen Fehler vermeiden würden. 
Ja, das Verfahren kommt ihnen darin noch entgegen! Für alle 
Menschen ist die Vorstellung der Strafe eng verknüpft mit Zahlen- 
Vorstellungen. Man erhält fünfundzwanzig Stockschläge, sechs 



104 



Monate Gefängnis, hundert Mark Geldstrafe. Und erinnern wir 
uns nun wieder der Verwandtschaft der Methode mit dem An- 
beten des Rosenkranzes, so können wir hervorheben, daß dem 
gläubigen Katholiken oftmals vom Geistlichen befohlen wird, eine 
bestimmte Zahl von Rosenkränzen abzubeten, als Sühne für seine 
Verfehlungen. Und gleich wie der Rosenkranz, so eignet sich auch 
Coues Methode dazu, dem allgemein menschlichen Schuldgefühl 
und Strafbedürfnis Ausdruck zu verleihen. Zwischen Sünde und 
Krankheit bestehen uralte, feste Assoziationen. Die verbreitetste 
menschliche „Verfehlung", die Onanie, zieht Schuldgefühle nach 
sich, zugleich aber mit großer Häufigkeit die Furcht vor Erkran- 
kungen. In dieser Furcht prägt sich die Erwartung der Strafe 
aus, und diese bezieht sich auf alle „bösen", unerlaubten Wünsche 
der Krankheit, die in der Onanie ihren kollektiven, handelnden 
Ausdruck finden. 

Wir vermögen nun zu präzisieren, in welcher Weise die Methode 
Coues auf das Individuum wirkt, wenn sie erfolgreich ist. Indem 
der Patient ein Gehaben annimmt, das uns an jenes der Zwangs- 
kranken erinnert, vertauscht er seine bisherige Krankheit gegen 
eine milde Form von Zwangsneurose, ohne sich dessen bewußt zu 
werden. Das Gefühl der Allmacht, das mit der „Selbstbemeisterung" 
verbunden ist, ist lustvoll genug, um seinen Blick für etwaige 
Nachteile der Methode zu trüben. Man hat früher gesagt, die 
Hypnose rufe eine künstliche Hysterie hervor. Neuerdings ist von 
Rado eine ähnliche Anschauung bezüglich des kathartischen Ver- 

t.- * , uemnacn an eine stärkere Regression gebunden 

Diese Annahme steht in k^«, fn, • .. ö . 6 , en ' 

fetfkwn • er Uberei nstimmung mit dem, was 

wir über Regressionserscheinungen in der Richtung zum Narzißmus 
bereits festgestellt haben. Wir dürfen hinzufügen, daß die Vor! 
Stellungen von der eigenen „Allmacht" am stärksten in der Zwangs- 
neurose hervortreten; der erste Krankheitsfall, an welchem Freud 
diese Erscheinung beschrieb, war eine Zwangsneurose. Wir kennen 
auch gut den Kampf des Zwangskranken gegen sein Leiden, den 
er zu einem Teil, wie erwähnt, mit Hilfe von Formeln führt. 

Da sich nun ganz Entsprechendes in dem Vorgang der „Selbst- 
bemeisterung" abspielt, so spricht Vieles für die Vermutung, daß 
ihr Erfinder mit einer Zwangsneurose behaftet sei, die sich viel- 
leicht nicht mehr im Stadium der Symptombildung befindet, ihn 
aber offenbar nötigt, an der Menge der Hilfesuchenden immer 
wieder die Allmacht der Gedanken zu erproben. Ganz auffällig 



105 



ist die Scheu vor jedem Wissen um den Ursprung einer Krankheit; 
wir werden hier unmittelbar an die Verbote des Fragens und 
Wissens erinnert, denen wir in den Analysen Zwangskranker be- 
gegnen. 

Die Ökonomische Bedeutung der Coue-Formel im Bewußtsein 
und im Unbewußten des Patienten erweist sich uns somit als eben- 
so vielfaltig wie die Bedeutung eines Zwangssymptoms für den 
Neurotiker. Da ist zunächst die manifeste Bedeutung der Formel 
als Trost und Selbstaufmunterung, die in der Wiederholung noch 
besonders bekräftigt wird. Das Nachsprechen der vom Meister 
empfangenen Formel ermöglicht es dem Jünger, sich in besonders 
betonter Weise mit jenem gleichzusetzen. Des weiteren dient die 
Formel der Selbstbestrafung: Litt das Individuum an einer Krankheit, 
die seinem Unbewußten Strafe bedeutete, so würde hier eine Sühne 
durch eine andere, dem Ich weit genehmere, ersetzt. Endlich kehrt 
in der Formel das Verdrängte wieder, das Verbotene, dessen Genuß 
die Strafe galt; Rhythmus und Tempo sind an dieser unbewußten 
Darstellung des Verbotenen besonders beteiligt, die mit Zustimmung 
des „Vaters" geschieht. B 

In tiefster unbewußter Schicht bedeutet der Gebrauch der Formel 
also einen larvierten, vom Vater approbierten Onanie-Ersatz. Die 
vorgeschriebene Schnur gibt uns auch zu denken. Man konnte 
ja auch an den Fingern abzählen, aber Goue macht den Gebrauch 
der Schnur obligatorisch. Das Hantieren mit ihr ist wie das Wieder- 
erscheinen der verpönten Manipulation der in Gestalt einer 
Handlung, die dem Augenschein nach der Verdrängung dient. Und 

so vereinigen sich unerlaubte sexuelle Tendenz, Strafe, Besserungs- 

streben und Trost in dieser einen Formel 

Im Laufe unserer Untersuchung ist uns verständlich geworden, 
aus welchen psychologischen Ursachen sich ungezählte Menschen 
in allen Ländern so bereitwillig dem Cou eschen Verfahren in 
die Arme geworfen haben, und wie alle diese Menschen willig 
und ohne Kritik zu Sprechmaschinen wurden, welche die Heils- 
formel in der vorgeschriebenen Weise reproduzieren. Nebenbei 
gelanges uns, das psy chologi sehe Verhältnis der „Selbstbemeisterung" 
zu anderen Wegen der Psychotherapie zu erfassen. Wir dürfen 
eine Stufung der therapeutischen Verfahren annehmen, ähnlich 
wie sie sich uns für hauptsächlichsten Objekte dieser Heilmethoden, 
die Neurosen, ergeben hat. 

Bezeichnen wir Co lies Methode als ein Heilverfahren auf 
der zwangsneurotischen Stufe, so bedeutet das nicht nur, daß es 



106 



sich der nämlichen archaischen Denkakte bedient, wie wir sie aus 
der Psychologie der Zwangsneurose kennen. Es bedeutet auch, 
daß Coues Methode im psychologischen Sinne die Antipodin der 
Psychoanalyse darstellt. Zwar findet in Coues Schriften das Un- 
bewußte Berücksichtigung, aber das psychologische Fundament 
ist überaus schwach und an inneren Widersprüchen reich. Der 
volle Gegensatz der beiden Richtungen wird deutlich, wenn wir 
vergleichen, wie sie sich zu einer entscheidenden Frage stellen, 
nämlich zum Wissen des Kranken um Herkunft und Aufbau des 
Leidens. Für den Psychoanalytiker ist die Bewußtmachung des 
Verdrängten, welche den eben erwähnten Vorgang zum guten Teile 
in sich begreift, ein unentbehrliches Mittel zur Erreichung des 
Heilzwecks. 

iiiiifiiif iriiiiiiiiif iiiiiiiiiiiiiTiiiiriiiiiiiiiiiiiifiiriiiiiirtiiiiiiiiiiifif tiriirif iirEiiiiiiiiiifiiniiiiiiiiii iimiiiiiimiiiiiiiiiimiiiiiimi 

PSYCHOANALYTISCHES LESEBUCH 
G. Ch. Lichtenberg über „Kopf" und „Unterleib" 

„Hätte die Natur nicht gewollt, daß der Kopf den Forderungen des 
Unterleibes Gehör geben sollte, was hätte sie nötig gehabt, den Kopf an 
den Unterleib anzuschließen. Dieser hätte sich, ohne eigentlich dasjenige 
zu tun was man Sünde nennt, satt essen und sich satt paaren, und jener 
ohne diese Systeme schmieden, abstrahieren und ohne Wein und Liebe von 
platonischen Räuschen und platonischen Entzückungen reden und sinken 
und schwatzen können. Küsse vergiften ist noch weit ärger von der Natur 
gehandelt, als das Vergiften der Pfeile der Feinde im Krieg. 

Die Scheidewand zwischen Vergnügen und Sünde ist dünne, daß sie 
der Strom des langsamsten Blutes im siebzigsten in Stücke drückt. Was? 
Will denn die Natur, was sie nicht will? oder denkt die Vernunft, was 
sie nicht denken kann? Du Narr! Weg mit dieser verfluchten Demokratie, 
wo alles das Wort führen will. Wenn ich will, soll eine uneinheimische, 
eingeführte, nichtswürdige Sentenz aufsteigen und Fleisch und Blut Trotz 
bieten? Eine Sentenz, Herr, von diesem festen steten Hang eines ganzen 
Systems zur Wollust? Ja, werfe einem hungrigen Volk einen Zwieback zu 
und befriedige es oder halte die Flut mit einem Fächer auf. Sünde, was 
Sünde — dreitausend Stimmen gegen eine, es ist nichts. Eine Schuldinstink- 
tion oder Priesterbetrug. So — hier stehe ich fest, und dieses bin ich. 
Seid, was Ihr wollt, wohlan." 



107 



Psychoanalyse und Moral 

von 

Israel Levine M. A., D. Litt. 

Aus der Monographie: „Das Unbewußte" 
von Israel Levine (Internationale Psychoanalytische 
Bibliothek, Nr. XX), autorisierte Übersetzung aus 

dem Englischen von Anna Freud (Geheftet M. 8- 

Ganzleinen M. 10' — ). Levines Werk behandelt im 
ersten Teil die Geschichte des Begriffs des Unbe- 
wußten vor Freud (besonders bei Leibniz, Schopen- 
hauer, Maine de Biran, Hartmann, Fechner, Nietzsche 
Samuel Butler), im zweiten Teil wird Freuds Lehre 
dargestellt, der dritte setzt sich eingehend mit dm 
Einwanden gegen die Lehre vom Unbewußt aus- 
einander, im vierten Teil wird h, f W" 115 
graphen die Theorie deTuTe^ulell^ ? 
letzte vereinigt unter dem TiTl r? *"?'''&> d ' r 
Unbewußten* Zleih, J'%\ " D . 1 ' ß'^^g des 

Mter md ^Ä&Ä *r 

Spaltung der Persönlichkeit« ' '£ airm e un B ™d 
wußte,*, „ ae Vernunft Z Ä, - C ™<- 
fSfchoaneürse und bL*J£d£%*V*«P', 
Kttpttel sind dienenden M :iZ7enZ e „Z? m 

Psychoanalyse und Hedonismu, 

Der Hedonismus in der Moral bedeutPt , • i • 
den Gesetzen der menschlichen Natur all W ■« ' Z) daß nach 
eines Luststrebens sind; 2) daß die Herst U^ 11 Aus( Wk 
Vermeidung von Unlust die einzig er^T^ V ° n LuSt Vmd *™ 
Nach der oben ausgeführten Auffassun^T* 611 Ziele si »*- 
Ethik und Psychologie kann eine AnweL , lation tischen 

nur auf die erste der beiden Bedeutun^^fii ^ cho ^^ 

Die Ansicht Freuds ist wi P «»•„ V± age kom ™en. 

reu« ISt, Wie erinnerlich, daß der seelische 

arbefct n 01 " aUf Lusterwer ^ wnd Unlustvermeidung hin- 

beherr * A fP arat ™igt die Tendenz, sich vom „Lustprinzip« 
errscnen zu lassen. Auch das „Realitätsprinzip" will im Grunde 
„Lust erzielen, aber durch die Rücksicht auf die Realität ge- 
sicherte . . . Lust«. (Vorlesungen, Ges. Schriften, Bd. VII, S. 370.) 
Ls ist also klar, daß Freud in seiner Beschreibung des Prinzips, 
von welchem die menschliche, oder besser gesagt die seelische, 
Tätigkeit beherrscht wird, die psychologischen Grundlagen des 



108 



Hedonismus bestätigt. Es ist aber wichtig, sich darüber klar zu 
werden, wie viel oder wie wenig diese Bestätigung der Ethik 
bedeutet. Meiner Ansicht nach ist sie auf keinen Fall eine Stütze 
für die Folgerungen, die sich aus der oben angeführten zweiten 
Bedeutung des Hedonismus ergeben. 

Nach Freud dient der psychische Apparat der Reizbewältigung. 
Wir haben Grund anzunehmen, daß die erfolgreiche Durchführung 
dieser Aufgabe für die Erhaltung des Organismus unerläßlich ist. 
Sie ist tatsächlich das wichtigste aller Probleme und die Entwick- 
lung des Nervensystems der äußere Rahmen, innerhalb dessen 
seine Lösung sich abspielt. 

Die Reizbewältigung ist mit den Qualitäten verbunden, die 
wir als Lust und Unlust bezeichnen. Welches die Bedingungen 
der Entstehung von Lust und Unlust sind und worin diese Quali- 
täten eigentlich bestehen, läßt sich nicht mit Sicherheit angeben. 
Freud versucht die Behauptung, „daß die Lust irgendwie an 
die Verringerung, Herabsetzung oder das Erlöschen der im Seelen- 
apparat waltenden Reizmenge gebunden ist, die Unlust aber an 
eine Erhöhung derselben". (Ges. Schriften, Bd. VII, S. 369). Alles, 
was wir behaupten können, ist also nur, daß die geglückte Be- 
wältigung der Reize (letzten Endes der Sinn aller Seelentätigkeit) 
lustbringend ist, oder wie Aristoteles es ausdrückte: Lust ist 
eine „Begleiterscheinung" erfolgreichen Funktionierens. 

Eine sehr klare Darstellung irgendeiner derartigen biologischen 
Bedeutung der Lust-Unlustgefühle findet sich bei Spencer in 
den ersten Kapiteln seiner „Data of Ethics" und in seinen „Prin- 
ciples of Psychology« (Sektion 124). Er schreibt: „Es besteht ein 
ursprunglicher Zusammenhang zwischen lustbringenden Hand- 
lungen und der Erhaltung oder Steigerung des Lebens und, in 
logischer Folge, zwischen unlustbringenden Handlungen und dem 
Abbau oder Verlust des Lebens . . . Jedes Individuum und jede 
Spezies wird durch ihr Streben nach dem Angenehmen und die 
Vermeidung des Unangenehmen von Tag zu Tag am Leben er- 
halten. Mit Empfindung verbundenes Leben kann sich nur unter 
der Bedingung entwickeln, daß die lustbringenden Handlungen 
gleichzeitig lebenserhaltende Handlungen sind. („Data of Ethics«.) 

Das Lustprinzip wird also durch allgemeine Überlegungen dieser 
Art bestätigt. Es wird auch durch Beobachtungen bestätigt, die 
aus einem anderen Gebiet, dem .der physiologischen Psychologie, 
stammen. Das Individuum, das etwas durch Erfahrung lernt, scheint 
einen bestimmten Zusammenhang oder eine Assoziation zwischen 



109 



einer sensorischen Bahn, z. B. einem Gesichtseindruck und einem 
bestimmten motorischen Mechanismus, herzustellen. Die Fixierung 
dieses Zusammenhanges unter Ausschluß anderer möglicher Asso- 
ziationen ist es, die den wesentlichen Charakter dieses ganzen 
Vorganges ausmacht. Was ist es aber, das diese Fixierung einer 
bestimmten Assoziation hervorruft? 

Das bestimmende Moment ist hier, wie Thorndike und 
McDougall zeigen, einfach die aus ihr resultierende Lust. Die 
Assoziation, die Lust bringt, prägt sich ein; die anderen werden 
ausgelöscht. McDougall bezeichnet den Vorgang als das Gesetz 
der subjektiven oder hedonistischen Auslese, als einen Spezialfall 
des allgemeinen Gesetzes von St out, nach dem „Handlungsweisen 
diskontinuierlich oder variabel bleiben, insoweit sie erfolglos sind, 
erfolgreiche Handlungen aber beibehalten werden". (McDougall, 
„Primer of Physiological Psychology", p. 148.) 

Das scheinen mir wertvolle Illustrationen zur grundlegenden 
Bedeutung des Lustprinzips für die Seelentätigkeit. Die psycho- 
logische Wahrheit, die im Hedonismus steckt, wird so durch die 
Psychoanalyse in helles Licht gerückt. Diese Bestätigung wirkt 
auch nicht überraschend. Die lange Entwicklungsgeschichte des 
Hedonismus, sein ständiges Wiederauftauchen in der ethischen und 
philosophischen Literatur vieler Zeiten und Völker, ja gerade die 
Heftigkeit des Widerstandes, dem seine Formulierungen jederzeit 
begegnet sind, legen die Vermutung nahe, daß ein fundamentales 
Element der menschlichen Natur in ihm zur Äußerung kommt. 

Psychoanalyse und Verantwortlichkeit 
Eine andere fast in die Augen springende Beziehung der Psycho- 
analyse zur Ethik ergibt sich aus dem Anschein, daß sie den 
Glauben an eine moralische Verantwortlichkeit erschüttern will. 
Moralische Verantwortlichkeit besteht nach der üblichen Auf- 
fassung für Handlungen, die sich nicht unserer Herrschaft ent- 
ziehen, die also einer bewußten Willensentscheidung entspringen. 
Die Psychoanalyse lehrt nun, daß unser Handeln häufig Trieb- 
regungen entstammt, die „unbewußt" und daher unserer Herr- 
schaft entzogen sind. Die bewußte Willensentscheidung spielt 
nach ihrer Ansicht eine fast verschwindende Rolle in der Be- 
stimmung unseres Verhaltens. Die wirklichen Triebcjuellen des 
Handelns sind unbewußt. Und was noch schlimmer ist: die be- 
wußte Vernunft scheint nicht viel mehr zu sein, als ein Werk- 
zeug der unbewußten Kräfte. Sie „rationalisiert", d. h. sie er- 



1 10 



findet glaubhafte Vorvvande, hinter denen sich unsere irrationellen 
Wunschregungen verbergen können. Wenn das aber so ist und 
wenn die wirklichen Motive des Verhaltens unbewußt, sind, wie 
kann dann dem Individuum eine Verantwortlichkeit zu- 
geschrieben werden? 

Ich glaube nicht, daß die Ergebnisse der Psychoanalyse die 
Berechtigung des Begriffes der Verantwortlichkeit in irgendeiner 
Weise antasten. Es ist nicht schwer, das in erster Linie für die 
Verantwortlichkeit im Sinne des Gesetzes nachzuweisen. Die Ver- 
antwortlichkeit im gesetzlichen Sinne betrifft Handlungen, inso- 
weit sie praktische Folgen für das Leben der Gemeinschaft haben. 
Freud selber verweist darauf, „daß für das praktische Bedürfnis 
der Charakterbeurteilung des Menschen zumeist die Tat und die 
bewußt sich äußernde Gesinnung genügt". (Ges. Schriften, II, S. 337.) 
Man muß sich vor Augen halten, daß das Recht als soziale 
Institution das Verhalten der Menschen untereinander zu regeln, 
aber nicht den Verschlungenheiten ihrer unbewußten Motivierungen 
zu folgen hat. Es können natürlich spezielle Fälle vorkommen, 
in denen eine solche Scheidung schwer zu treffen ist. Aber die 
Funktion und die soziale Absicht des Rechtes verlangt gebieterisch 
daß die Verantwortlichkeit vor dem Gesetz an bestimmte äußere 
Normen geknüpft und in den ihnen entsprechenden Termini, aus- 
gedruckt werde, wenn nicht die Existenz der Gesellschaft un- 
möglich werden soll. Die feinen Unterscheidungen der psycho- 
logischen Forschung sind sicher für eine möglichst gerechte 
Handhabung der Strafgesetze von Weit. Man hat aber nicht den 
leisesten Grund anzunehmen, daß die Psychoanalyse, wenn sie 
sich bewahrheitet die Abschaffung der Verantwortlichkeit vor dem 
Gesetz zur Folge haben müßte. 

Wie steht es aber mit der moralischen Verantwortlichkeit? 
Hier scheint die erste Wirkung der psychoanalytischen Ergeb- 
nisse nach einer Bemerkung in einer neueren Arbeit Lairds eine 
„energische Einschränkung der Sphäre wirklicher Verantwortlich- 
keit" zu sein. (Hibbert Journal, July 1922, p. 753.) 

Die moralische Verantwortlichkeit betrifft aber letzten Endes 
den Charakter als Ganzes und einzelne Handlungen nur, insofern 
in ihnen festgefügte Dispositionen zur Äußerung kommen. Das 
ethische Problem, das durch die psychoanalytischen Ergebnisse 
aufgeworfen wird, scheint mir deshalb in einer Erweiterung der 
klassischen Diskussion des Aristoteles über Verantwortlichkeit 
und Gewohnheit zu bestehen. 



111 



Aristoteles schränkt bekanntlich die moralischen Kategorien 
auf Handlungen ein, die „willkürlich" in seinem Sinn des Wortes 
sind, d. h. auf Handlungen, welche der willkürlichen Wahl eines 
Mittels zur Erreichung eines Zweckes entspringen. Die häufige 
Wiederholung einer zu einem bestimmten Zweck geeigneten Hand- 
lung führt aber, wie er zeigt, zur Bildung einer Gewohnheit oder 
Disposition, die sich wiederum in einer Ausführung der Handlung 
äußert. Von einem bestimmten Zeitpunkt an wird die Gewohnheit 
zu einem so tief eingewurzelten wesentlichen Bestandteil des 
Charakters der betreffenden Person, daß es nicht mehr möglich 
ist, den Charakter zu verändern oder die Handlung, in welcher 
sich die Gewohnheit äußert, zu unterlassen. 

Heißt das also, daß solche Handlungen frei von moralischer 
Schuld sind? Aristoteles' Antwort lautet, daß ja das Individuum 
selber die Gewohnheit und den Charakter durch seine häufige 
Wiederholung der Handlung erworben hat. Die einzelne Handlung 
ist vielleicht nicht „willkürlich« im gleichen Sinne wie die Bildung 
der Gewohnheit, die sich in ihr äußert. Das bedeutet aber nur, 
daß die wirkliche Sphäre der moralischen Verantwortlichkeit der 
Gesamtcharakter ist. Es bedeutet nicht, daß der Begriff einer morali- 
schen Verantwortlichkeit nicht aufrecht erhalten werden kann. 

Ich meine, die Leistung der Psychoanalyse besteht gerade in 
der Aufhellung der komplizierten Verhältnisse, welche der Cha- 
rakterbildung zugrunde liegen. Die Lehre von der moralischen 
Verantwortlichkeit wird durch sie keineswegs angegriffen oder 
widerlegt. Sie zeigt nur, daß die Charakterbildung in Feinheiten 
und Verschlungenheiten des Seelenlebens wurzelt, die man bisher 
nicht richtig eingeschätzt hat. Aber sie läßt das fundamentale 
Prinzip der moralischen Verantwortlichkeit unberührt. Denn die 
Basis, auf welcher dieses Prinzip beruht, liegt, meiner Ansicht 
nach, überhaupt außerhalb des Bereiches der Psychologie. 

Psychoanalyse und Willensfreiheit 
Man könnte aber meinen, daß die Folgerungen, die sich aus 
den psychoanalytischen Gesichtspunkten ergeben, in der vorstehen- 
den Erörterung nicht herzhaft genug ins Auge gefaßt worden 
sind, und daß die Freudsche Psychologie in Wirklichkeit der 
Lehre von der Willensfreiheit direkt widerspricht. Die Psycho- 
analyse postuliert ja, wie wir gehört haben, den strengen Deter- 
minismus innerhalb des Seelenlebens. Alles Psychische soll sich 
in einen kausalen Zusammenhang einordnen lassen. Nichts ist 



1 12 



rein „zufällig" oder spontan. Die einfachste seelische Äußerung 
ist sinn- und zweckvoll. 

Tatsächlich ist es eine der bedeutsamen Taten Freuds, diese 
Forderung- auf das Gebiet des Seelenlebens ausgedehnt zu haben, 
auf dem sie gewissermaßen als eine Neuheit erscheint und wirklich 
zuerst eine Art Unbehagen in uns erweckt. In jedem von uns 
steckt, wie Freud sagt, „ein tief wurzelnder Glaube an psychische 
Freiheit und Willkürlichkeit", mit dem der Begriff einer das 
ganze Seelenleben beherrschenden strengen Determinierung in 
vollem Widerspruch zu stehen scheint. 

Hier tritt aber der Unterschied zwischen Psychologie und Ethik 
wieder in den Vordergrund. Als Postulat der wissenschaftlichen 
Psychologie scheint mir der psychische Determinismus gerecht- 
fertigt. Er ist, streng genommen, ebenso gerechtfertigt wie das 
Postulat des physischen Determinismus, da beide auf einer ähnlich 
empirischen Grundlage ruhen. Wenn jemand die Kausalverknüpfung 
der Dinge an einer einzigen Stelle, gleichgültig an welcher, durch- 
bricht, hat er nach Freud „die ganze wissenschaftliche Welt- 
anschauung über den Haufen geworfen". (Vorlesungen, Ges. 
Schriften, Bd. VII, S. 21.) Ohne das Postulat des psychischen 
Determinismus kann man sich eine wissenschaftliche Auffassung 
des Seelenlebens kaum vorstellen. Über die Berechtigung dieses 
Postulats entscheidet einzig und allein das Maß seiner Unentbehr- 
lichkeit für' das Verständnis des Seelenlebens. Die Tatsachen der 
Psychoanalyse müssen letzten Endes, — was sie, wie ioh meine, 
auch tun, — selber die Aufstellung dieser Forderung rechtfertigen! 

Man kann das aber im Interesse jener Auffassung des Ver- 
haltens, die wir Psychologie nennen, zugeben und trotzdem den 
Begriff einer moralischen Freiheit sinnvoll finden. Vielleicht machen 
die Tatsachen des moralischen Lebens und des moralischen Ge- 
wissens es unerläßlich, im Interesse der Philosophie oder Meta- 
physik die moralische Freiheit zu postulieren. Der Unterschied 
zwischen Psychologie und Ethik, den wir hier betonen, ist durch- 
wegs von einschneidender Bedeutung. Der äußere Rahmen, die 
Verhältnisse des menschlichen Lebens, innerhalb dessen der mora- 
lische Konflikt statthat, muß im Dienste eines endgültigen Ver- 
ständnisses der Erfahrung von der Bedeutung dieses Konflikts 
selbst unterschieden werden. 

Ich meine, das Unbehagen, das die Aufstellung eines psychi- 
schen Determinismus erweckt, wird leicht verständlich, wenn wir 
das Gefühl der Willensfreiheit im Individuum nach seiner psycho- 



«5 



logischen Herkunft betrachten. Der menschliche Organismus ist 
so gestaltet, daß er auf einen Reiz als Gesamtheit reagiert Alle 
vergangenen Erfahrungen bleiben in ihm verkörpert, so daß seine 
Reaktionsfähigkeit im Laufe der Zeit immer mannigfacher wird 
Aber die Gesamtheit dieser vergangenen Erlebnisse ist als latente 
oder potentielle Reaktion auch ein Element in der ständig wech- 
selnden Situation, auf die der Organismus reagieren soll. Aus 
neu en Reizkombinationen gebildete Situationen rufen auf diese 
Weise immer neue und andersartige Reaktionen hervor. Auf diese 

ESä* m TV^ ^ Slch der ürS P rUn £ des im ^dividuum 
vorhandenen Gefühles von Willensfreiheit zurückführen. 

Es geht so zu, daß der den künftigen Situationen angehörige 

unbekannte objektive Paktor sozusagen introjiziert wird und dL 

Gefühl des Unbestimmten, nicht Vorherzusehenden erzeugt, des 

freien Willens also. Eine derartige Introjektion wurde vorhin in 

ihrem Zusammenhang mit den frühen Entwicklungsstufen des 

von Lu S t enS A ^r' ^ hab6n gCZei&t ' daß °^ ektive Q uel len 

leilnn L ZI Chtg6fÜhlen SicK aUf GrUnd dieses ***** 
leicht in Ichanteile verwandeln. Die Behauptung, die ich aufstellen 

mochte, lautet also, daß die Würdigung der Introjektion 2 ^ die 

Anerkennung der Verwechslung zwischen psychischer und mate- 

neüer Realität, wie sie der unmittelbare Glaube zeigt, den Ur 

Sprung des Gefühles der Willensfreiheit im Individuum klarmachen" 

* 

Die Anwendung der Psychoanalyse auf die Ethik hat bisher 
hauptsächlich negative Ergebnisse gebracht. Diese sind aber wie 
ich meine deshalb nicht weniger wertvoll. Positive Resulu e 
können ja b der Ethik nur durch gedankliche Analyse des SelLst- 
Dewufltsems und der moralischen Werte, nicht durch die Erwä- 
gung psychologischer Triebquellen erreicht werden. Es gibt aber 
ein oder zwei andere Stellen, an denen die Psychoanalyse positive 
Beitrage, Anhaltspunkte und Einsichten, geliefert hat. 

4) Allgemein gesprochen kann man sagen, daß die Ethik sich 
mit den Grundlagen der Gesellschaftsordnimg befaßt. Die Gesell- 
schaftsordnung verlangt von den Individuen die Verdrängung be- 
stimmter infantiler Triebregungen, z. B. der Grausamkeit und des 
Machtstrebens. Es ist also das erste Erfordernis einer sozialen 
Ethik, die Entwicklung dieser Triebregungen zu verfolgen und 
den Vorgang zu begreifen, den McDougall treffend beschreibt 
als „moralische Umwandlung des Individuums unter dem Einfluß 



114 



der Gemeinschaft, in die es als ein Geschöpf geboren wird, in 
dem die moralischen und rein egoistischen Regungen so viel stärker 
sind als alle altruistischen Strebungen". Gerade hier sind aber die 
Ergebnisse der Psychoanalyse von besonderem Interesse gewesen. 

Die Psychoanalyse verfolgt im Einzelindividuum den Weg, auf 
dem infantile Triebregungen, wie die eben erwähnten, zur Grund- 
lage von „Reaktionsbildungen" werden. Sie zeigt, mit anderen 
Worten, wie Mitleid und Wohlwollen oft nichts anderes sind als 
die bewußten Äquivalente der ihnen zugrunde liegenden verdrängten 
grausamen und egoistischen Triebregungen, aus deren Umwand- 
lung sie hervorgegangen sind, die sie verdecken und deren Re- 
präsentanten sie unter dem Drucke der Gesellschaft geworden 
sind. In den Systemen der großen Ethiker tritt uns die Bedeutung 
dieser Verhältnisse entgegen. Rank und Sachs geben als Beispiel 
die „von Zeit zu Zeit hervortretenden ethischen Revolutionäre, 
welche die verweichlichende Mitleidsmoral verspotten . . ., wie 
Stirner und Nietzsche", und verweisen auf Schopenhauer, 
der sich nicht genug tun kann „in der detaillierten Schilderung 
der boshaften, grausamen und eigensüchtigen Triebregungen" 
(1. c. S. 101). Die subjektiven Vorstufen eines bestimmten ethischen 
Systems werden so durch eine „Psychographie" dieser Art in lehr- 
reicher Weise beleuchtet. 

B) Freud selber erörtert in seinem bereits erwähnten Buche 
„Totem und Tabu" die Beziehungen zwischen Tabu und „Ge- 
wissen« und findet, daß die Unmittelbarkeit und Sicherheit des 
Schuldbewußtseins in beiden Fällen die gleichen sind. Er schreibt: 
„Das Tabu ist ein Gewissensgebot, seine Verletzung läßt ein ent- 
setzliches Schuldgefühl entstehen, welches ebenso selbstverständlich 
wie nach seiner Herkunft unbekannt ist." Und weiter: „Also ent- 
steht wahrscheinlich auch das Gewissen auf dem Boden einer Ge- 
fühlsambivalenz aus ganz bestimmten menschlichen Relationen, an 
denen diese Ambivalenz haftet." 

Die Relationen, die Freud meint, sind die des Ödipus-Kom- 
plexes. Freud knüpft seine jTheorie an die neueren Forschungen 
über die Urzustände der menschlichen Gesellschaft an. Von un- 
serem Gesichtspunkt hier ist aber die Analogie zwischen der 
Sicherheit, Unmittelbarkeit und Unfehlbarkeit des Tabuzwanges 
und ähnlichen Zügen des Gewissens oder des „kategorischen Im- 
perativs" von größtem Interesse. 



8* 11 5 



Sisyphos, 
oder: Die Grenzen der Erziehung 



von 



Dr. Gustav Wyneken 

Aus dem „Berliner Tageblatt" vom 
28. Dezember IQ2J. 

D / r « e! " treicl » te U "* er den Schami d « großen, genialen Sis- 
ansät ^T' ° r - Sie ^iei Bernfeld ,seft kurze! in Ber in 
ansass g) hat da den Pädagogen ein Büchlein gewidmet, das . e 

t m t • T "o d t 0baW " icht Ver « eSSe " w « den (schienen 
im Internationalen Psychoanalytischen Verlag in Wien). Ich meiner- 

*£JL T V" 1 langem im fra ^ ür d>gen Bereich der Päd- 

Scnrift üb* Ä*^^**""«« » verzeichnen war, als diese 
Schrift, übr gens auch kerne bei allem bitteren Ernst witzigere 
und vergnugl.chere. Ja, es handelt sich schon „m eine ernsTe Prfl» 
naml.ch um die Vorfrage aller Erziehung Zh T r l 8 ' 
überhaupt möglich sei, und wie weftt^W^^Ä 
ist die Frage um die sich die Pädagogik bekanntlich mÜ EWan 
herumzudrücken pflegt. Aber schon die Biologie die v^ * 
lehre, könnte einen recht bedenklichen B sd»» n • u Y > ererbun S»- 
mus und also Pessimismus begründen W !nn 11 S? he, \ Dete ™™- 
mit seinem Keimplasma geilen ^To ÖrS f 1 ? 8 *««" 
zwischen seiner Beei„f,„ ßb a rk ei, „nd ^Ü^ 
(jrundstrilktur? Was an, von und in ihm kann man allenfalls ver- 
ändern, und was nicht? Diese Frage ist noch gar nicht exakt ge- 
stellt worden, geschweige denn beantwortet, und wer weiß ob sie 
je beantwortet werden kann. Die biologische Einschränkung der 
Erziehbarkeit ist es nun aber nicht, was Bernfeld untersucht, sondern 
die psychologische und die soziologische. Er will eine Kritik der 
Erziehung liefern etwa in dem Sinne, wie Kant eine Kritik des 
Denkens geliefert hat. Er bestreitet, daß die Wissenschaft von der 
Erziehung, die Pädagogik, bisher überhaupt eine Wissenschaft 
gewesen ist. Er zeigt, wie alle die berühmten pädagogischen Systeme 
nichts mit Wissenschaft zu tun haben, sondern im Grunde Dichtung 
sind, und es braucht nicht gesagt zu werden, daß er, der Psycho- 
analytiker, auch von der modernen, angeblich psychologischen 
Grundlegung der Pädagogik nichts hält, da sie sich nur mit der 

1 16 



I 



Seelenoberfläche beschäftigt, aber die tiefen und unbewußten Trieb- 
federn, die letzten Endes die Gestalt und Bewegung der Ober- 
fläche bestimmen, unaufgedeckt läßt. 

Bernfelds zentrale These wird für manchen etwas Erschreckendes 
haben. Er stellt fest, daß es in der Erziehung variable Elemente 
gibt, aber auch konstante, d. h. solche, die mit der erzieherischen 
Situation ein für allemal gegeben sind. Zu diesen gehört z. B. das 
physische Übergewicht des Erwachsenen über das Kind, das trotz 
aller Selbstkontrolle nie ganz von Macht- und Herrschaftsausübung, 
von Aggression und Unterdrückung freizuhalten sein wird. Diese 
Ursituation läßt sich aber noch konkreter fassen. Die erste Periode 
im Leben des Kindes wird immer der mütterlichen Erziehung 
anheim gegeben sein, während deren sich eine starke Liebesbindung 
des Kindes an die Mutter herstellt. Dann aber, wenn der Knabe 
der Pubertät entgegenreift, greift der Mann, oder vielmehr die 
männliche Gesellschaft ein, und was dann erfolgt, das muß man 
nun freilich, sei es auch nur einmal versuchsweise, zu verstehen 
suchen unter den bekannten psychoanalytischen Voraussetzungen 
vom sogenannten Ödipus-Komplex. Freud hat in seiner hiefür 
grundlegenden Schrift „Totem und Tabu", die einen ganz neuen 
Typ des wissenschaftlichen Gedankens repräsentiert, nämlich so- 
zusagen den wissenschaftlichen Mythos, wahrscheinlich zu machen 
gesucht, daß alle die unzähligen gesellschaftlichen Organisationen, 
Formen, Riten, Vorschriften und Verbote primitiver Völker letzten 
Endes auf das eine Bestreben zurückzuführen sind, den Inzest 
zunächst zwischen Mutter und Sohn, dann auch zwischen Bruder 
und Schwester zu verhüten ; woraus hervorgeht, wie stark im Ur- 
menschen die Neigung zu diesem Inzest gewesen sein muß, die 
bei uns tief ins Unbewußte zurückgedrängt wird. Und nun sagt 
Bernfeld, daß alle Erziehung (die ja — bis auf den heutigen Tag — 
zunächst stets als Knabenerziehung gedacht ist) ursprünglich nur 
den einen Sinn hatte, den Knaben von der Mutter zu trennen. 
Das geschah auf primitiven Stufen durch die Knabenweihe mit 
den dazugehörigen Vorbereitungsgebräuchen, die immer wieder 
eine Tötung der Knaben symbolisieren. (Wird doch sogar noch 
die Taufe, die ja ursprünglich nicht Säuglingstaufe war, von der 
Kirche erklärt als Ersäufung des alten und Auferweckung des neuen 
Menschen!) Die Knabentötung entspricht der tief im Unbewußt- 
sein verborgenen Abwehr- und Rachetendenz des Mannes gegen 
seinen jugendlichen Nebenbuhler. Und so würde die systematische, 
d.h. die gesellschaftliche Erziehung, insonderheit also die Institution 



117 



der Schule, der Abwehr und Haßeinstellung gegen den Knaben im 
Unbewußten des Mannes entsprungen sein. 

Aber ich will diese Gedankengänge, die ich hier nur andeute, 
nicht weiter verfolgen, denn ich möchte Bernfelds ausgezeichnetem 
Buch Leser zuführen, und nicht den Glauben erwecken, als konnte 
man nach meinem Referat das Buch selbst schon ad acta psycho- 
analytica legen. Ich will nur noch verraten, daß Bernfeld die 
psychoanalytische Theorie, vielleicht ein bißchen gewagt, verbindet 
mit einer soziologischen, und zwar der marxistischen, nämlich durch 
die Frage, ob nicht vielleicht sogar die Wirtschaft in ihren Anfängen 
gleichsam Sexualsymbol gewesen sei. Wer will das ohneweiters 
von der Hand weisen? Glauben doch z.B. manche Forscher, daß 
der Ackerbau ursprünglich eine religiöse Befruchtungszeremonie 
gewesen sei; und wenn wir heute erleben, daß das russische Volk 
Väterchen Zar erschlägt, um von Mütterchen Rußland, von der 
Mutter Erde, wieder Besitz zu ergreifen — ist das nur eine zu- 
fällige Ödipus-Situation oder eine tief begründete? 

Bernfeld führt nun aus, daß die Erziehung nicht bloß im 
primären Sexualsinne ursprünglich Machtmittel der herrschenden 
Altersschicht war (und bleibt), sondern auch im sekundären Sinne 
Machtmittel der herrschenden Gesellschaftsschicht, und daß dieses 
auch eine der Konstanten der Erziehung ist, an der alle wohl- 
gesinnte Reformerei nicht rütteln kann. Wie er dann aber im 
dritten Teil seines Buches doch noch zu „Mitteln, Wegen, Mög- 
lichkeiten" der Erziehung gelangt, das will ich nun schon gar 
nicht verraten, so sehr ich Grund habe, mich über seine Lösung 
des Problems zu freuen. Aber ob wir die Gedankengänge dieses 
merkwürdigen Büchleins nun als unverhoffte Bestätigung eigener 
Ansichten oder als unbequeme Störung des pädagogischen Burg- 
friedens empfinden: wir werden nicht an ihm vorbei können, nicht 
an ihm vorbei dürfen. So sei es denn, selbst als unerbetene Gabe, 
für den Weihnachtstisch aller Erziehungsbeflissenen hiemit nach- 
drücklichst empfohlen — allen, denen Erziehung nicht nur Reflex- 
bewegung, sondern auch eine immer neue Angelegenheit ihres 
Nachdenkens ist. 






Il8 






Erfahren, Verstehen, Deuten 
in der Psychoanalyse 

Von 

Ludwig Binswanger 

Kreuzungen 

Jus der „Imago, Zeitschrift für 
Anwendung der Psychoanalyse auf die 
Natur- und Geisteswissenschaften", 
Bd. XII, Heft 2/f (erschienen am 
6. Mai 1926, zum 70. Geburtstage 
Sigm. Freuds). 

Goethe spricht einmal aus, daß dem Einzelnen zwar die Frei- 
heit bleiben solle, sich mit dem zu beschäftigen, was ihn anzieht, 
was ihm Freude macht, was ihm nützlich deucht, daß aber das 
eigentliche Studium der Menschheit der Mensch sei. Suchen wir 
nach einer näheren Bestimmung dieses Studiums, so bietet sich 
uns dafür ein Ausdruck dar, der gerade seit Goethe, wenn auch 
nicht durch ihn, in der deutschen Geistesgeschichte heimisch ge- 
worden ist. Philosophen wie Schlei er m ac h e r, Dilthey, Simmel, 
Rickert, Philologen wie Böckh, Historiker wieDroysen, Sozio- 
logen wie Max Weber haben das mit diesem Ausdruck Gemeinte 
von den verschiedensten Seiten, zu den verschiedensten Zwecken 
und mit den verschiedensten Methoden untersucht. Sie alle sprechen 
vom „Verstehen" als einem Grundproblem des Studiums des 
Menschen und seiner Werke. Erst spät ist dieser Ausdruck und 
sein Problemgehalt in diejenige Wissenschaft eingedrungen, die, 
so sollte man meinen, sich seiner zuerst hätte bemächtigen müssen, 
in die Psychologie. Auch heute noch untersuchen die Wenigsten 
das Verstehen rein im Hinblick auf die empirische Psychologie; 
jedoch haben nach dem ersten epochemachenden Anstoß von 
Dilthey Forscher wie Spranger, Jaspers, Scheler, Edith 
Stein, Häb erlin und ich selbst sich darum bemüht, die Rolle 
des Verstehens in der Psychologie näher zu bestimmen, ohne 
jedoch zu übereinstimmenden Meinungen und Resultaten zu ge- 
langen. 

Es ist nicht nur das „Medium" der Wissenschaft, in welchem 
der Mensch" verstanden werden kann, ja es ist noch eine offene 



119 



Frage, ob sich auf dem Verstehen Wissenschaft, zumal Erfahnm«- 
wissenschaft, überhaupt aufbauen kann oder ob das Verstehen 
letztlich immer nur Sache des Einzelnen bleibt, der es jeweils 

das M* Er "P ir r h . e . WiSSenSCKaft ^P*«» hätte dann nur 
das „Material« herbeizuschaffen und zu bearbeiten (Heuristik, 

i)roysen), das die psychologischen (wir reden nur noch von 

diesen) Grundlagen des Verstehens zu erweitem, vertiefen und 

2272IJ 2 \° rdnen erlaUbt Ps y ch ologie als Erfahrungs Wissen- 
schaft hatte es dann nur mit den realen Bedingungen des Ver- 
s ehens zu tun Jedenfalls war es bisher nicht die wissenschaft- 
che Geisteshaltung, auf deren Boden das psychologische Ver- 
stehen Triumphe gefeiert hat, sondern eine Reihe ganz anderer 
geistiger „Medien«: Ich erinnere nur an Augusti/s und Kier- 
kegaards leidenschaftlich-religiöses Pathos, an Shakespeares 
geniale „dichterische Einbildungskraft«, an Nietzsches philo! 

l7l 1S t eS ? Wp i eteBtam ' aber aUch an die Septische, nüchtern 
beobachtende und erzählende „Seelenstimmung« eines Mo^taig n W 

vieler seiner antiken Vorbilderund seiner Nachfolger. Kein Zweifel' 
rehgioses Ringen mit Gott, philosophische Wertung und Um 
wertung künstlerischer Gestaltungswille und einfache Beobachte^- 
und Erzahlerfreude hatten die Menschheit in ihrem „eigentlichen 
Studium« bis vor kurzem mehr gefördert als die WiLmcW? 
Aber als vor- und außerwissenschaftlichen Geisteshaltungen fehlte 
ihnen doch noch gerade das, was Wissenschaft allein zu leisten 
vermag: die Ausarbeitung, Vermittlung und Verbreitung der wissen- 
schaftlichen Methode, die Gliederung und Ordnung der gewon- 
nenen Erkenntnisse in einem theoretischen Bedeutungszusam- 
menhang und, damit verbunden, die Reflexion auf das Erkennt- 
nisverfahren. 

Bestimmte soziale, individuelle und geistesgeschichtliche Fak- 
toren mußten zusammenwirken, um das Studium des Menschen 
im Sinne des Verstehens in die Bahn der empirischen Wissen- 
schaft zu leiten. Zu den ersten gehört das soziale Verhältnis 
zwischen Arzt und Patient, wie es sich mit der Entstehung der 
medizinischen Psychotherapie überhaupt herausgebildet hat, zu 
den zweiten die Persönlichkeit Freuds, zu den dritten der n'ach- 
hegelianische Naturalismus, Evolutionismus und Positivismus. Allen 
drei so verschiedenartigen Faktoren zusammen ist es zu verdanken 
daß jenes Studium des Menschen auf den Boden der wissen- 
schaftlichen Erfahrung gestellt werden konnte. Demgemäß 
haften ihm jetzt auch ganz spezifische soziale, individuelle und 



120 









geistesgeschichtliche Einschränkungen und Eigenarten an, die in 
einer „allgemeinen" Lehre vom „Studium des Menschen" noch 
zu überwinden wären; aber das ändert nichts an dem historischen 
Faktum, daß die Psychoanalyse Freuds das „eigentliche Studium 
der Menschheit" erstmals systematisch auf Erfahrung gegründet 

hat. 

Diese Tatsache wird auch von ernsten „Kritikern" der Psycho- 
logie Freuds in der Regel übersehen oder nicht ins richtige Licht 
gestellt. Entsprechend der Neuheit seines Verfahrens innerhalb 
der medizinischen Wissenschaft blickte man vor allem auf das, 
was Freud Deuten nannte, nicht ahnend oder vergessend, daß 
sich dieses Deuten, eben als „Deuten", schon in den verschiedensten 
Wissenschaften einen Namen verschafft und ein Heimatsrecht er- 
worben hatte. Unter dem Namen der Hermeneutik oder des 
hermeneutischen Verfahrens im Sinne einer „Kunst der Auslegung" 
und der Auf Weisung der Regeln dieser Kunst finden wir das 
Deuten in der Rhetorik und Philologie von den Griechen bis a\\i 
die neueste Zeit, in der Theologie der Kirchenväter (Augustin, 
Origines) und der Nachreformation (Flaccius), in der ganzen 
neueren Geschichte, zum mindesten seit Schleiermacher 
aber auch im Hinblick auf die Psychologie näher untersucht und 
zum wissenschaftlichen Bewußtsein gebracht. Insofern als der 
spezielle Inhalt und der spezielle Zweck eines wissenschaftlichen 
Verfahrens nichts mit diesem Verfahren als solchem zu tun haben, 
gelänge es leicht, Freuds Deutungsverfahren als einen Spezialfall 
der Hermeneutik der Geisteswissenschaften (Philologie, Theologie; 
Geschichte in allen ihren Zweigen) aufzuweisen, und zwar im 
Sinne einer speziellen empirischen Ausgestaltung und Vertiefung 
derselben nach ihrer psychologischen oder individuellen (Bö ckh) 
Seite hin. Und so gilt auch hier wie beim Verstehen der Satz, 
daß Freud die Hermeneutik erstmals auf Erfahrung (im Sinne 
der Erfahrungs Wissenschaft) gegründet hat. 

So drängt denn alles darauf hin, näher zu bestimmen, in 
welchem Verhältnis bei Freud gerade die Erfahrung zum Ver- 
stehen sowohl als zum Deuten steht. 

Es handelt sich hier also um ein Stück „Reflexion auf das 
Erkenntnisverfahren" der Psychoanalyse, das auf dem zu Gebote 
stehenden Raum aber nur äußerst skizzenhaft umrissen werden 
kann, da seine gründliche, viele Beispiele erfordernde Behandlung 
ein ganzes Buch beanspruchen würde. Da ferner die in Betracht 
kommenden Termini mit vielfachen und sehr gefährlichen Äcnii- 



131 



vokationen behaftet sind, die nur höchst unvollständig zur Sprache 
gebracht werden können, mögen die folgenden Ausführungen mehr 
als em Programm, denn als eine Abhandlung betrachtet werden. 

I 

Wie auf naturwissenschaftlichem Gebiet, so baut sich auch aut 
psychologischem die Erfahrung zunächst auf auf Akten der Wahr- 
nehmung Infolge einer verhängnisvollen theoretischen Über- 

E tf«X g 1 T *",. Fremd ™"rnehmung (Analogieschluß, 

Emfuhlungstheor.e) herrschte hier aber lange Zeit eine allzu 

und nI 'remd em h t " de T ™ S -'-«en Akten der Selbst" 
und Fremdwahrnehmung. Dank genauer phänomenologischer 
Untersuchungen (Scheler u. a.) wissen wir heute, daß es zum 
mmdesten eme der psychologischen Selbst- „nd FremdwahrnehunT 
gememsame Aktrichtung gibt, die sich wesensmäßig von den 
Akten äußerer Wahrnehmung unterscheidet und in der wir nicht 
7 6 T f eneS ' S ° ndCTn ™* f«mdes Seelenleben (d. h. nicht aut 
dem Umweg über die körperliche Wahrnehmung als soTc£) er 
fassen- Und zwar erfassen wir das letztere am .fou«, an der Z 
schauHchen psychophysisch-neutralen Einheit der fremden Person 
an .hrem gesamten Verhalten oder Benehmen, sofern es sich 
ras als !hre Ausdruckssphäre darbietet, an ihrer Gestalt und 
M.m.k, an mren Gesten und Gebärden und an ihren sprachlichen 
„Ausdrucken« Die letzteren führe» »vm aber m ^ ^ 

Art psycholog.scher Erfahrung hinüber. Zwar können wir auch 
auf Grund des sprachhchen Gesamtausdrucks Seelisches unmittel 

|| Gru „d des sprachlichen j£££ £$££ »2 
vom Seelenleben der fremden Person, nämlich auf dem Umweg 
über die (rationalen) Wort- und Satzbedeutungen, d. h. über das, 
was die Person uns in ihren sprachlichen Äußerungen über sich 
kundgibt. Auch hier sprechen wir von einem Verstehen, aber das 
Verstehen der sprachlichen Ausdrücke als solches hat mit dem 
psychologischen Verstehen noch nichts zu tun, da wir hier zu- 
nächst nur verstehen, was gesprochen wird, aber keineswegs auch 

i) Ob man von Stufen der Fremdwahrnehmung reden kann, von denen 
die eine einer Art „Einfühlung" gleichkommt, wie Edith Stein es will, und 
inwiefern es sich hier um „originär gebende" Akte im Sinne Huss er ls handeln 
kann (vgl. auch Buitendijk und PI essner), bleibe hier offen. 



122 



den Sprecher als Person ins Auge fassen müssen, worauf schon 
Simmel aufmerksam gemacht hat. Auf dem Umweg über das 
Gesprochene können wir dann zwar auch sehr viel von der Person 
erfahren, aber keineswegs handelt es sich hier noch um wahr- 
nehmende, präsentierende oder unmittelbar erfassende Akte, viel- 
mehr um ein aus der Kundnahme erwachsendes rationales Wissen. 
Dieses Wissen steht hinter dem Wahrnehmen insofern zurück, als 
es niemals ein direktes Erfassen von fremden Erlebnissen darstellt, 
indem es entweder ein bloßes unanschauliches Wissen von ihrem 
Vorhandensein bleibt oder sich zwar sekundär in Anschauung 
umsetzt, dabei aber nur repräsentierende, vergegenwärtigende 
oder imaginierende Akte ermöglicht. Hingegen ragt dieses Wissen 
über die direkte Wahrnehmung insofern wiederum hinaus, als es 
uns nicht nur von dem Vorhandensein von Erlebnissen, ihrem 
Hier und Jetzt und eventuell der Art ihres Erlebtwerdens 
Kunde gibt, sondern auch von ihrem Sinn oder Gehalt, der 
prinzipiell nicht wahrnehmbar, sondern nur sprachlich ausdrückbar 
oder sonstwie bekundbar ist. Daß beide Erfahrungs arten verschieden 
sind, geht auch daraus hervor, daß auf dem Gebiet der psycho- 
logischen Wahrnehmung, sowohl der Selbst- als der Fremdwahr- 
nehmung, eigentliche Täuschungen vorkommen können, auf dem 
der Feststellung vermittels der Kundgabe oder Mitteilung aber 
Irrtümer. 

Während nun sonst die wissenschaftliche Psychologie, ins- 
besondere aber die experimentelle, sich auf die zweite Art der 
psychologischen Erfahrung stützt, abzielend auf eine möglichst 
genaue und eindeutige sprachliche Fixierung des Erlebten und 
seines Gehalts vonseiten der Versuchsperson, zeigt die psycho- 
analytische Verfahrungsweise schon hier sehr deutlich ihre Eigenart 
insofern, als sie entschieden die erstere Art bevorzugt. Nicht als 
ob sie die sprachliche Verständigung gering achtete, — man denke 
nur an die sprachliche Wiedergabe der Träume und der Lebens- 
geschichte, — jedoch nimmt die direkte Wahrnehmung in der 
Rangordnung beider Erfahrungs arten insofern den ersten Platz 
ein, als sie die sprachlich-rationale Verständigung stets begleitet 
und, was das Wichtigste ist, bei einer Inkongruenz der beider- 
seitigen Erfahrungsresultate den Ausschlag gibt. 

Auch bei der Kenntnisnahme vom Inhalt eines Traumes oder 
eines Stückes Lebensgeschichte achten wir in der Psychoanalyse 
ja nicht nur auf den rationalen Bedeutungsgehalt des Gesprochenen, 
sondern immer auch auf den psychologischen Ausdrucksgehalt des 



123 



Sprechenden Und wenn wir dann Traum- und Leidensgeschichte 

hermeneutisch auslegen, leitet uns das, was wir au der Person 

wahrend des Benchtes direkt wahrnehmen, in erster und letzter 

L me; denn nur d,e direkte Wahrnehmung ermöglicht uns Z 

erkennen, welche von den hermeneutisch mfglichen Aus Lgüngen 
un vorl le?enden PaIIe wirH;ch iutreffen Sc ? on £*£*£ 

wir von emer, weiter unten näher auszuführenden hermeneutischen 

Traulr U oZ T*? T ™ mdeut ™S ledigüch auf Grund etes 
Traumprotokolles oder semes rein rationale» Bedeutungsgehaltes 
bleibt immer nur Mutmaßung, so virtuosenhaft sie auch geüb 

Schäften ^ ^"^l Iur Anlegung in den Geisteswissen- 
schaften, d,e zwar ein ungeheures Wissen voraussetzt, aber nicht 

Unter d PlriS fr- SlMe "^ ^'^ "»* >•****« kann - 
Unter den Arbeiten Freuds gibt es eine, an der die Bedentun* 

der du-ekten Wahrnehmung direkt demonstriert werden kaun da 
Kunst V er r/t* AUÜeSang eineS i ederm -" -gän^chen 

ss?„ ■ nämiich die Arbeit über den m ° l "" 

ni^' 6 d f ir ? tC ^ ah ™ ehmun « seelischen Erlebens bleibt nun aber 
v eilt r gle ' ChSam rUhend6n Erf^nisbestand beschränkt 

vielmehr nehmen wir auch das Hinübergehen eines Erlebnisses i' 
das andere auf Grund vielfacher Nuancen der Ausdruckst ten 
wahr Und mdem Freud die Wahrnehmung der Erlebnis! üt 
Wegstrecken hinaus methodisch geübt, in stundenlang annagend ™ 
op„schem oder akustischem „Hinstarren« auf die Z„ ™ 
den Ablauf und die Verflechtung der Ausdruckst?, Nu , anc ' e ""'g- 
hat er die Erfahrungsgrundlage ^eThaffen f '" " PerS ° n ' 
theoretischer ÜberzeugL|en, das mas es »l\ " m S y stem 
Erfahrung hinausgehen: niemals LlSSl* *£* 

™*yP*fW verlebet. Wenn es JRKKS; 
ist etwa von der Ausdrucksgestalt des „Stockeus der Rede« bis 
zur Theorie des Widerstandes, so liegt doch dieser We C offen 
vor uns, für jeden gangbar und prüfbar. g " 

Auf Grund der „Ausdrucksgrammatik« (Scheler) gewinnen 
wir so einen fefeu Einblick in das Seelenleben der fremden Person 

hres Fri f mem<! t rt ' Ht Temp °' d6n ■***■■* *e Intensität' 
ihres Erlebens, m ,hre Beherrschtheit oder Unbeherrschtheit, ihre 

mehr zentral-geistige oder exzentrisch-triebhafte Stellung im und 

Einstellung zum Leben (Häberlin), in ihre mehr naive oder . 

mehr „bewußte«, in ihre echte oder unechte Erlebnisweise, dann 

134 



aber auch in ihre Gesinnungen, Gefühle, Leidenschaften usw. Man 
hat auch diese Wahrnehmung von Seelischem Verstehen genannt, 
verstehendes Wahrnehmen (H ab er 1 in), einfühlendes oder nach- 
erlebendes Verstehen (Dilthey, Jaspers u. v. a.), Ausdrucksver- 
stehen u. ä., jedoch darf man nicht deswegen, weil Wahrnehmung 
und Nacherleben von Seelischem und Verstehen sehr häufig zu- 
sammen vorkommen, beide Akte miteinander verquicken oder gar 
verwechseln. 

II 

Man kann nämlich sehr viel an einer Person wahrgenommen 
und auf Grund sprachlicher Kundgabe „nacherlebend" oder „ver- 
gegenwärtigend" über sie festgestellt haben, man kann also mit 
anderen Worten ein großes Erfahrungsmaterial von ihr besitzen 
und braucht prinzipiell doch noch nichts an ihr psychologisch 
verstanden zuhaben. Umgekehrt bereichert unser psychologisches 
Verständnis keineswegs unsere Erfahrung von der Person, sie läßt 
uns vielmehr das Erfahrungsmaterial in einem besonderen Licht 
erscheinen, hebt es in eine besondere Sphäre, nämlich in die 
geistige Sphäre der „psychologischen" Verständlichkeit. Oder an- 
ders ausgedrückt: Der Akt des (psychologischen) Verstehens hat 
zum Gegenstand nicht ein reales Sein, wenn er auch auf Erfassens- 
akte von solchem fundiert sein kann (und, soweit empirische 
Psychologie in Frage kommt, fundiert sein muß), sondern sein 
Korrelat ist ein Sinn oder Sinnzusammenhang, und zwar in Gestalt 
eines „verständlichen" Motivationszusammenhanges. 
Denn nicht jeder Motivationszusammenhang ist, wenn auch prin- 
zipiell verstehbar, so tatsächlich mit seiner Erfassung oder Fest- 
stellung zugleich auch verstanden. Verstanden ist er erst dann, 
wenn mir seine „Verständnisqualität" aufblitzt, seine a priori ein- 
sichtige Evidenz oder Bündigkeit. Eine solche apriorische Evidenz 
gibt es natürlich innerhalb der Erfahrung nicht, sie kann daher 
auch nicht induktiv gewonnen werden; sie gibt es nur auf dem 
Boden einer gewissen Sinn- oder Vernunftgesetzlichkeit. Auch die 
Motivationszusammenhänge sind von einer solchen Sinngesetzlich- 
keit „beherrscht", insofern, als der Gehalt der Erlebnisse von 
sich aus apriori-gültige oder evidente Anweisung gibt auf ihr 
Verbundensein mit anderen Erlebnisgehalten (Si mm el). Man sieht 
also, daß es sich hier nicht um einen realen Zusammenhang 
seelisch-realer Erlebnisse, also überhaupt nicht um das Erlebt- 
werden oder die Verwirklichung von Erlebnissen handelt, son- 
dern nur um den Sinnzusammenhang, in welchem die (inten- 



125 



onalen) Erlebnisse auf Grund ihres (intentionalen) Gehaltes 
stehen Auf dieser Trennung baut sich die ganze moderne Person- 
psycholog.e auf und sie ist auch grundlegend für die Darstellung 

x" der a k W1 l SenSCiaftliChe Verständnis des Erkenntnisverfahren! 
W P ^ ch °^ al y se - Jed °<* darf man, wie aus dem Gesagten 

VeZl* ' T f ° rUnd der ST ° ßen ****** und intentionalen 

AI tl ^ ^ Glt ' 1 WGlche 2wi8chen den kat ^orial-anschaulichen 
Akte« des Verstehens und den „sinnlich«-anschaulichen des un- 
mittelbaren Erfassens oder Vergegenwärtigen seelischer Erleb- 
m..e besteht, nicht schließen, daß das psychologische Verstehen 
nun nicht an die Erfahrung heranreiche, nur Typen (Spranger) 
infl y r n (Ja fP er T ^ ZUm Gegenstand haben könne, und^aß 
infolgedessen alles Verstehen wirklicher Vorgänge ein mehr oder 

die Möglichkeit des Verstehens von Typen und dessen große theo- 
retische und praktische Rolle zu bestreiten, muß doch°entsch'eden 
betont werden, daß es ein Verstehen «-ifct ,1 • i l , eaen 
wirklichen Erlebnissen wirkTich er ind' * n «™*** 
vollzieht, und dies ohne^S e^em 4^ A" 11 " Pe "° nen 

und ohne ein solches «S^w;^ 
machen. (Ich beziehe mich hier auf ST^SSSSZ^ 
erscheinende, bedeutsame Arbeit über das Verstehen von Heinz 
Graumann, dem ich auch für sonstige mündliche und schriftliche 
Anregungen zu Dank verpflichtet bin.) ^uuicHe 

Qt , HieraU ? f e ^ SCh ° n ^T' V* Über das Ve rhältnis von Ver- 

logie; denn es handelt sich hie, ja ^^Z^^^ 
die, wo immer Verstehen und Erfahrung zueinander treten o^ 
wo das erstere sich auf das letztere „aufbaut«, in Erscheinung 

tSL T Sen '- W Tr Wlr daHer die ««WW« hegen, daß 
i-reud das „eigentliche Studium der Menschheit« im Sinne des 
Verstehens des Menschen gewaltig gefördert hat, so heißt das 
mcJit, daß er „eine neue Art des Verstehens« oder irgend etwas 
Neues am Verstehen selbst eingeführt hätte, denn dieses bleibt 
immer dasselbe, ob ein Shakespeare oder Montaigne oder 
Freud versteht. Achten wir aber darauf, daß wir dort von einem 
„genialen", „intuitiven" oder „dilatorischen" (Schleiermacher), 
und von einem unsystematischen oder zufälligen Verstehen zu 
sprechen gewohnt sind, dem wir Freuds wissenschaftlich-syste- 
matisches oder -empirisches Verstehen gegenüberstellen, so brauchen 



126 



wir nur die Lässigkeit des Sprachgebrauches zu durchschauen, 
um zu wissen, daß nicht das Verstehen als solches mehr oder 
weniger genial oder intuitiv oder divinatorisch ist, — geniale Ver- 
steher sind alle die Genannten, und was das heißt, das wäre noch 
besonders zu untersuchen, — sondern daß die erfahrungsmäßi gen 
Grundlagen des Verstehens mehr oder weniger systematisch 
oder wissenschaftlich angelegt sind. Das kann also niemals heißen, 
daß Freud das Verstehen auf Erfahrung „zurückgeführt" hätte, 
was, wie wir sahen, unmöglich ist, da aus purer, noch so sehr 
gehäufter Erfahrung nicht ein Verstehen wird; es kann nur heißen, 
daß Freud die Erfahrungsgrundlagen des Verstehens statt durch 
sporadische durch systematische Beobachtung in ungeahnter 
Weise erweitert und geordnet hat, so daß uns heute ein Ver- 
stehen des Menschen noch möglich ist „in Tiefen", in die früher 
keine Erfahrung, zum mindesten keine wissenschaftliche Erfah- 
rung, geleuchtet hat. 

Inwieweit diese Erfahrung wieder gefördert worden ist durch 
seine theoretischen Überzeugungen, die ihm gestattet haben, das 
Erfahrungsmaterial zu ordnen, zu ergänzen und einem theoretischen 
Bedeutungszusammenhang unterzuordnen, steht hier, wo es sich 
nicht um die Sphäre des wissenschaftlich-theoretischen Erklärens 
handelt, nicht zur Diskussion. Infolge der innigen Beziehungen 
jedoch, die zwischen der sinnhaften Gegenstandswelt des psycho- 
logischen Verstehens und der realen des psychologischen Erklärens 
herrschen, hat Freud aber auch durch seine Theorienwelt indirekt 
das Verstehen gefördert. Denn da seine Psychologie keinen zu- 
fälligen Zusammenhang „geistreicher Apercus", keine zufällige 
Häufung besonders interessanter oder abnormer Einzelheiten dar- 
stellt, sondern einen theoretischen Bedeutungszusammenhang, der 
die Totalität der Person in Vergangenheit und Gegenwart zu um- 
fassen beansprucht, ist hier auch das Erfahrungsmaterial schon so 
geformt und geordnet, daß das Verstehen nun bereits ein System 
von Stützpunkten vorfindet, wie es vordem nicht bestand. — Wir 
kommen darauf zurück. 

III 

Was man vonBuffon sagt, daß er nämlich aus den zerstreuten 
Elementen einer bisher esoterischen Wissenschaft ein System der 
Erde, eine Theorie der Natur, ein Kunstwerk der Epoche zu ge- 
stalten vermochte, daß er den Wert und die Überlegenheit des 
schöpferischen Genies auch in den Wissenschaften bewies, seine 
große Beredsamkeit auf einen Gegenstand übertrug, dem sie bis- 



127 



her ganz fremd geblieben war, das Talent besaß, anderen seinen 
Enthusiasmus einzuflößen, und daß er die Naturgeschichte zur 
populärsten Wissenschaft von ganz Europa machte (Cuvier, 
C o n d o r c e t, J u s t i), das kann man mutatis mulandis auch von P r e u d 
und semer Lehre sagen. Das Instrument aber, mit dem er diese 
Lehre schuf, und das er selbst erst erschaffen mußte, ist sein Deu- 
tungsverfahren, dem wir uns nun zum Schlüsse zuwenden. 

Während die Geschichtswissenschaft schon längst eine beson- 
dere Methodik des historischen Forschens besitzt, die man etwa 
mit Droysen in Heuristik, Kritik und Interpretation (Auslegin^ 
einteilen kann, und ebenso die Philologie ihre Methodik des philo- 
logischen Forschens (vgl. etwa Böckhs Theorie der Hermeneutik 
in semer Enzyklopädie und Methodologie), so wartet die Person- 
psychologie noch auf eine derartige Besinnung auf ihre Methode 
ja noch auf deren Ausarbeitung im einzelnen. Was wir davon 
besitzen, verdanken wir größtenteils Freud. Und zwar ist es die 
psychologische Heuristik und Interpretation oder Hermeneutik im 
engeren Sinne die er, gerade mit seinem Deutungs verfahren, am 
meisten gefordert hat, jedoch besitzen wir von ihm auch Ansätze 
zur Kritik. Die Heuristik schafft die Materialien herbei sie ist 
die „Arbeit unter der Erde« (Niebuhr), die „Bergmannskunst 
zu Anden und ans Licht zu holen« (Droysen), die HerbeischaffunJ 
des um Traum oder Krankheitssymptom gruppierten Erlebnis 
matenals (Tagesreste, Lebensgeschichte, Phantasien, Traumen 
Freud). Die Interpretation oder hermeneutische Auslegung ist 
auch in der Psychologie nicht lediglich eine psychologische Aus 
legung, ein Deuten der „Motive und Absichten«, vielmehr gibt 
es auch hier eine sachliche und pragmatische (Droysen), gram- 
matische und generische (Böckh) Seite der Hermeneutik; man 
denke nur etwa an das Studium der Traumsprache als solcher 
an das Aufzeigen der physiologischen und psychologisch-kausalen 
normalen und pathologischen Bedingungen und Grundlagen des 
Erlebens, an die Untersuchung der geistigen Strömungen der 
Nation und Familie, in der die Person steht, um zu erkennen, 
wieviel Nichtpersonpsychologisches auch hier zu berücksichtigen 
ist, wenn die Deutung wissenschaftlichen Ansprüchen genügen soll. 
Was Freud nun Deuten nennt, enthält Bestandteile sowohl aus 
Erfahrungsakten, als aus Akten rationalen Schließens, 
als auch endlich aus eigentlichen Akten des psycho- 
logischen Verstehen s. Zu den ersteren gehört alles, was wir 
durch Erfahrung im bisher geschilderten Sinn, also durch direkte 



128 



Wahrnehmung und sprachliche Kundnahme und deren Kritik Über 
das Erleben der Person feststellen oder wissen. Hieran schließt 
sich nun aber eine bisher noch nicht erwähnte Art der Erfahrung 
an, die man als die psychoanalytische Heuristik bezeichnen kann, 
und die zwar auch auf sprachlicher Kundgabe und Kundnahme 
beruht, sich jedoch wesentlich von der sonstigen psychologischen 
Erfahrung unterscheidet. Es handelt sich jetzt um die „Einfälle" 
der Person, in denen dieselbe wohl etwas ausdrückt, nämlich den 
(rationalen) Sinn oder die Bedeutung von Worten oder auch 
Sätzen, mit deren Bedeutung sie aber nichts über sich selbst, über 
ihr eigenes Erleben, kundgibt oder, wenn ja, so doch außer sinn- 
vollem Zusammenhang mit dem Ausgangserlebnis, im Anschluß an 
welches der Einfall erfolgt ist. Wir meinen die sogenannten „freien 
Assoziationen", von deren praktischer Bedeutung jedoch der Nicht- 
analytiker sich in der Regel eine übertriebene Vorstellung macht, 
da sie fast immer von eigentlichen sprachlichen Kundgaben durch- 
brochen und abgelöst werden. 

So gehen also bei der psychoanalytischen Heuristik im weiteren 
Sinn „gewöhnliche" psychologische Erfahrungsakte mit solchen 
der spezifischen psychoanalytischen Heuristik Hand in Hand. Alle 
zusammen aber liefern uns das noch „gleichsam unparteiische" 
(Freud) Material, das zwar schon Hinweise für die Deutung 
enthält, und in das sich schon Akte des Deutens eingeschlichen 
haben mögen (weswegen es noch einer besonderen Kritik zu 
unterwerfen ist), das aber doch erst die Grundlage für die 

psychologisch-hermeneutische Deutung, Auslegung oder Inter- 
pretation abgibt. 

Selbstverständlich bauen sich nun auch bei dem psychoana- 
lytischen Vorgehen schon auf den gewöhnlichen Erfahrungsakten 
Akte des psychologischen Verstehens auf, und wird unter Um- 
ständen auch auf Grund der spezifisch-psychoanalytischen Erfah- 
rung und im Zusammenhang mit der gewöhnlichen einmal ein 
neues Verstehen aufblitzen, die Regel aber ist, daß jenes gesamte 
Erfahrungsmaterial erst gedeutet werden muß, um verstanden 
werden zu können. 

Damit gelangen wir zu den zweiten Bestandteilen (vgl. oben 
S. 128) des Freudschen Deutungsverfahrens, nämlich zu den 
„rationalen" oder „theoretischen" Akten des Deutens oder Aus- 
legens. 

Das Deuten oder Auslegen beginnt bereits mit der wissen- 
schaftlich-systematischen Ordnung und Gruppierung des Erfah- 



129 



rungsmaterials nach rationalen Themen oder Sinnzusammen- 
hangen (nach Traumthemen, Symptomgehalten, objektiven Bedeu- 
tungsgehalten einer Handlung usw.), einer Ordnung, welche die 
Person zum Teil schon selbst begonnen hat, zum Teil aber dem 
Ausleger überlassen muß; das letztere gilt insbesondere hinsichtlich 
a p ?*"? scll -P s y choanttl y tisc h-heuristi8chen Materials, nämlich 
den Einfallen. Diese Vorstufe der Deutung ist noch keine eigentlich 
psychologische Betätigung oder muß wenigstens keine sein, da sie 
vorwiegend) mit rationalen Sinn- oder Bedeutungszusammenhängen 
zu tun hat. Die psychologische Auslegung beginnt erst da, wo wir 
m das so geordnete Material (seelisches) Leben hineinbringen 

mÜHM / SChen (d h " Mer S ° Viel Wie »^erlebbln)' 
Ä k ! leB ^ppieren. Zu dieser Gruppierung genügt 
aber das Erfahrungsmaterial allein nicht, wir bedürfen jetzt einer 
„Ergänzung der Erfahrung" (aber immer unter weiterer Port- 
setzung der Erfahrung mittels direkter Beobachtung der Person) 
durch Schlüsse, auf Grund von Analogien, Vergleichen, hypo- 
thetischen Vermutungen und eigentlichen Theorien, auf Grund 
also eines durch andere Erfahrungen gewonnenen Wissens und 
von Theorien über dieses Wissen. So entsteht der Freud zu 
Unrecht vorgeworfene, weil jeder Auslegung als solcher inne 
wohnende „hermeneutische Zirkel", d.h. wir deuten 
allgemein gesprochen, das einzelne auf Grund eines schon vorauT 
gesetzten Ganzen, welch letzteres wir wieder aus einzeln 
gewinnen. (Daher die Wechselbeziehungen zwischen AnalyTe und 
Synthese und zwischen Induktion und Deduktion bei ieder 1W 
oder Auslegung.) Doch hievon sei jetzt nicht die Rede "* £3 
des vorliegenden Erfahnmgsmaterials und all jenes Wissens ver- 
muten oder schließen wir nun, was etwa „zwischen« oder „hinter« 
jenem Erfahrungsmaterial vorgegangen sein mag, wie es „zustande 
kam , was alles noch einer näheren Darlegung bedürfte. Wir be- 
finden uns hier in der Phase des „sekundären Deutens« im Sinne 
Haberhns, d. h, der sekundären wissenschaftlichen Bearbeitung 
psychologischen Forschungsmaterials. I An das festgestellte nach- 

i) Den (früheren) Sprachgebrauch Häher lins von einer primären Deu- 
tung (im Sinne der psychologischen Erfahrung) und desgleichen den Sprach- 
gebrauch von Elsenhans und Spranger (Erkennung und Wiedergabe eines 
Geistigen aus sinnlich gegebenen Zeichen), welche dabei an Dilthey an- 
knüpfen (Erkennung eines Inneren aus Zeichen, die von außen gegeben sind), 
diesen ganzen Sprachgebrauch lehnen wir aus sachlichen und terminologischen 
Gründen ab. 






130 



erlebbare und zum Teil auch schon verstandene Erfahrungsmaterial 
reihen wir so schließend oder deutend neues Wissensmaterial, das 
wir in Akten imaginierender oder phantasierender Vergegenwärti- 
gung wiederum in „konkretes" seelisches Erleben einer konkreten 
Person „umsetzen". So tritt z. B. ein Stück des manifesten Traum- 
inhalts in Relation zu Themen des wachen Erlebens, der Gehalt 
einer Symptomgruppe zu Inhalten der Lebensgeschichte, und 
zwischen beide Pole der Relation wird so ein Drittes eingeschoben, 
ein möglicher „unbewußter" Gedankengang. So erschließen oder 
deuten wir zwischen dem manifesten Inhalt von Freuds Traum 
von Irmas Injektion einerseits, dem darum gruppierten Material 
der Tagesreste anderseits einen „unbewußten Gedankengang", 
etwa im Sinne eines „Plädoyers", erschließen oder deuten wir 
zwischen den Personen des Traums, ihren Reden und Situationen 
und denjenigen der sachlich „zugehörigen" Tagesreste seelische 
Regungen im Sinne von Racheimpulsen, Selbstverteidigungen, 
Sorgen und Wünschen, erschließen oder deuten wir zwischen der 
Angst meiner Patientin Gerda (Jahrbuch III) vor dem Abreißen 
des Absatzes einerseits und den zeitlich und sachlich damit zu- 
sammenhängenden Stücken ihrer Lebensgeschichte anderseits auf 
das Fortbestehen einer (unbewußten) Angst, von der Mutter los- 
gerissen zu werden, auf eine Angst vor dem Geborenwerden, 
Gebären usw. Nun mögen auch hier schon Akte des Verstehend 
mitgespielt haben — es handelt sich für uns ja nicht um Fragen 
des psychologischen Prius oder Posterius realer Erlebnisse des 
Auslegers, sondern um Fragen des phänomenologischen 
Wesenszusammenhanges intentionaler Akte, — das eigentliche 
psychologische Verständnis aber, das dem ganzen hermeneutischen 
Verfahren oder der hermeneutischen Operation (Schleiermacher) 
die Krone aufsetzt, und um dessentwillen der ganze Apparat in 
Bewegung gesetzt worden ist, tritt erst da auf, wo ein „sinn- 
voller' Motivationszusammenhang« hergestellt ist, wo das 

i) Was Freud sinnvoll („Sinn", „Bedeutung") nennt, bezieht sich zunächst 
nur auf nacherlebbare Motivationszusammenhänge. Ein psychisches Erlebnis 
ist für ihn eo ipso, d. h. ex deßnüwne, sinnvoll; sein Sinn ist erfaßt, wenn sein 
Motivationszusammenhang nacherlebbar erfahren oder gedeutet ist. Den Unter- 
schied zwischen Nacherleben und Verstehen und den damit zusammenhängenden 
zwischen realem Erlebniszusammenhang und ideellem Sinnzusammenhang 
kennt Freud nicht. Was wir hier Sinn nennen, muß streng geschieden werden 
von jedem teleologischen oder finalen Sinn, d. h. von jedem, sei es von der 
Person selbst, sei es von dem Ausleger „eingelegten" Zweck, und somit von 
jeder „prospektiven Tendenz", „Leitlinie" usw.! 



9* 1 3 1 



eine Glied der Relation, der Gehalt des Traumstückes oder Symptoms 
nach einer apriorischen Vernunftgesetzlichkeit, d. h. 
eben sinnvoll, als hervorgehend aus dem Gehalt des anderen 
Gliedes, also etwa eines Racheimpulses, Wunsches, angstvollen 
Erlebens o. dgl. erfaßt wird. Dabei dürfen wir aber nie vergessen, 
daß es sich hier keineswegs um gleichsam isolierte oder für sich 
bestehende „verständliche Zusammenhänge" im Sinne von Jaspers 
handelt, die ja nur Hilfskonstruktionen darstellen, sondern wesens- 
mäßig immer auch um die Intention auf ein Ich, das, um mit 
Pfänder zu reden, die von dem motivierenden Erlebnisgehalt aus- 
gehende „Forderung" vernimmt oder „sich einverleibt", sich auf 
diese Forderung stützt und den geforderten Akt in Übereinstimmung 
mit der ideellen Forderung tatsächlich vollzieht. Wir sehen, das 
Verstehen als Verstehen ist durchaus kein anderes, ob es sich' nur 
auf reine Erfahrungsakte oder auf ein „Gemisch" von Erfahrungs- 
und Deutungsakten oder eventuell auch auf reine Deutungsakte 
(was^ praktisch aber kaum vorkommt) aufbaut oder von ihnen 
fundiert ist. Graumann, der einzige, der das Verstehen phäno- 
menologisch genau untersucht hat, hat meines Erachtens einwand- 
frei nachgewiesen, was ja auch bei streng phänomenologischer 
Einstellung a priori einsichtig ist, daß sich am Akt des Verstehens 
nichts ändert, von welchen Akten es auch immer fundiert sein 
mag. Das psychologische Verstehen kann sich also, muß sich aber 
nicht an tatsächlich erfahrenem, „realem", seelischem Material 
vollziehen, es sagt aber auch dann nichts aus über die Wirklich- 
keit seelischen Geschehens oder Erlebens, sondern, wie wir sahen 
über den ideellen Sinn, in welchem die Gehalte der von einer 
Person vollzogenen seelischen Erlebnisse zueinander stehen. Ist 
das Material, auf dem sich das Verstehen aufbaut, nicht erfahren, 
sondern nur gedeutet, ja auch nur phantasiert, so bleibt auch hier 
das Verstehen immer ein Verstehen in dem eben erwähnten streng 
präzisierten Sinne. 

Damit ist das Verhältnis zwischen Erfahren, Deuten und Ver- 
stehen in der Psychoanalyse klargeworden. Es zeigt sich dabei, 
daß es, streng genommen, nicht richtig ist, das ganze hermeneu- 
tische Verfahren als Deutung zu bezeichnen, da es Akte des Er- 
fahrens, Deutens und Verstehens enthält; aber noch weniger richtig 
scheint es uns zu sein, das hermeneutische Verfahren als solches 
ein Verstehen zu nennen, wie es Schleiermacher, Böckh, 
Dilthey getan haben (die hier aber auch oft von einem Deuten 
sprechen), und wie es heute noch Spranger tut, dessen „Ver- 



132 



stehen" einzelne Denkakte und Schlüsse „enthält"! 1 Wir sehen 
ferner, daß es nach unserer Auffassung nicht richtig ist, das 
Deuten als unvollständiges Verstehen zu bezeichnen (Jaspers") 
und verstehen vollends nicht, wenn wir neuerdings hören, Deuten 
heiße, „die im Akte des Verstehens erfaßten Zusammenhänge in 
die Sprache des Begriffes kleiden" (All er s). Gerade dieses Bei- 
spiel zeigt, wie wichtig, ja unerläßlich, es heute ist, bei solchen 
Untersuchungen stets den phänomenologischen Tatbestand im Auge 
zu behalten. 8 

Zum Schlüsse müssen wir uns nur noch einige Beziehungen 
klarmachen, wie sie zwischen den Gegenstandswelten des Er- 
fahrens, Deutens und Verstehens bestehen. Die Krönung des ganzen 
Verfahrens ist, so sahen wir, das Auftreten des psychologischen 
Verstehens, also die Erfassung der ideellen Sinnbeziehungen zwi- 
schen den Gehalten realer psychischer Erlebnisse einer diese Er- 
lebnisse vollziehenden realen Person. Dieses Verstehen kann, ebenso- 
wenig wie durch Erfahrung begründet, in Erfahrung umgesetzt 
werden oder sich durch Erfahrung bestätigen; denn ideelle Sinn- 
zusammenhänge „existieren" im Reiche des Geistes und sonst 
nirgends. Hingegen kann das Resultat der Deutung in Erfahrung 
umgesetzt werden und wird es in jeder praktischen psychoana- 
lytischen Operation mehr oder weniger umgesetzt (vgl. auch jenes 
„Das habe ich immer gewußt" unserer Kranken). Jedoch existieren 
auch hier Grenzen. Während aber zwischen der Welt des Ver- 
stehens und derjenigen der Erfahrung (im Sinne der Erfahrungs- 
wissenschaft) prinzipielle, im Wesen der betreffenden Akte grün- 
dende Grenzen herrschen, sind die Grenzen zwischen den Gegen- 
ständen der Deutung und denjenigen der Erfahrung verschieblich. 
Das „psychologische" Deuten, im Gegensatz zum naturmytholo- 
gischen, religiösen usw., meint ja einen faktisch möglichen Er- 
fahrungsinhalt, richtet sich ja auf etwas als Inhalt einer mög- 
lichen Erfahrung, es hat also eine positive Beziehung zum mög- 

1) Nur bei Droysen finde ich die Trennung zwischen einem Verstehen 
als „logischem Mechanismus", womit er die hermeneutische Operation als 
Ganzes meint, und einem Verstehen als Verständnisakt: „Dieser erfolgt unter 
den dargelegten Bedingungen als unmittelbare Intuition, als tauche sich Seele 
in Seele, schöpferisch wie das Empfängnis in der Begattung." (Historik, Para- 
graph 11.) 

2) Es ist aber zugegeben, daß dieser Tatbestand, gerade so weit er den Akt 
des Deutens überhaupt und des Deutens der Personpsychologie im Speziellen 
betrifft, noch wenig aufgehellt ist. Die besten Hinweise finden sich wiederum 
bei Graumann. 



133 



liehen Erfahren. Die Grenzen liegen hier nicht im apriorischen 
Gebiete der Aktgesetze, sondern in dem empirischen der realen 
Sachwelt, die in den Akten aufgefaßt werden soll. Der reale 

keitt 27 ^ Ch ; erha c lt ' " reale " Psychologische Gesetzmäßig- 
ke^en sind es, die hier Schranken setzen. Diese Schranken sind 
vom Den en zum Erfahren hin verschieblich und es hängt von 
der jeweiligen wissenschaftlichen Persönlichkeit des Forschers ab 

Z/v' ^ diC ? r T Cn der DeUtUn * ** die mögliche Erfah- 
rung hinaus versieben will. „Aber gerade auf diesem Gebiete 

gilt um mit Schieiermacher zureden, „das sonst ziemlich 
paradoxe Wort . . ., daß Behaupten weit mehr ist als Beweisen« 
womit gesagt sein soll, daß das „divinatorische« Verfahren hier 
nicht zu sehr zugunsten des „demonstrativen« eingeschränkt werden 
darf. Jedenfalls begreifen wir jetzt sehr gut, wie man das Deuten 
m der Psychoanalyse als ein „Als-ob-Erfahren« (Graumann) be- 
zeichnen kann, vielleicht auch als ein „Noch-zu-Erfahren", wir 

nfc e htt er ftÄ daß ^ " aUf GrUnd UnSerer Auffassung 
nicht bezeichnen kann als ein „Als-ob-Verstehen" (Jaspers). 

* 

Bedenken wir daß Erfahren, Deuten, Verstehen nur die person 
psychologische Seite der Forschungen Freuds betreffen T 
dasjenige Studium des Menschen* dessen Endziel Ä Z™ 
verstehen, und dessen Methode, die Wege zu diesem VerltT, ^ 
aufzuweisen, und bedenken wir, daß wir alles auSffeschWm, l t 
was Sich auf das naturwissenschaftliche also SEEFi****** 
logisch-genetische, physiologische, fcSÄ^SKÄ '£?** 
geschichtliche Erklären in seinem LeLnswer 1\Za^T' 
wundern wir den Mut, der so Großes gewollt den r !' -. 
gedacht, die Kraft des Willens, die es ausgeführt ^ 



IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIUIII 

PSYCHOANALYTISCHES LESEBUCH 
Nietzsche über Geschlechtlichkeit 

Grad und Art der Geschlechtlichkeit eines Menschen reicht bis in den 
letzten Gipfel seines Geistes hinauf. (Aus „Jenseits von Gut und Böse".) 



134 



Der Staatsbegriff und die Psychoanalyse 



von 



Prof. Dr. Hans Reisen (Wien) 

Die folgenden Ausführungen bilden den 
Abschluß der Studie „Der Begriff des 
Staates und die Sozialp sycholo gie u , ver- 
öffentlicht in „Imago, Zeitschrift für An- 
wendung der Psychoanalyse auf die Natur- 
und Geisteswissenschaften" , Bd. VIII. 

Von den Ergebnissen der auf die psychischen Grundlagen 
der sozialen, wie der religiösen Ideologie gerichteten Forschung 
Freuds möchte ich hier noch das Folgende festhalten: Bei 
seinem Versuche, die Anfänge der Gesellschafts- und Religions- 
bildung aufzuhellen, knüpft Freud an die Untersuchungen 
des englischen Forschers Robertson Smith (The religion of 
the Semits, Second Edition, London 1907) an. Dieser nimmt 
an, daß eine eigentümliche Zeremonie, die sogenannte Totem- 
Mahlzeit, das Töten und gemeinsame Verzehren eines Tieres 
von besonderer Bedeutung, des Totem-Tieres, von allem 
Anfang an einen integrierenden Bestandteil des totemistischen 
Systems gebildet habe. Später, als „Opfer" eine Darbringung 
an die dadurch zu versöhnende Gottheit, bedeutet es ursprüng- 
lich einen „Akt der Geselligkeit, eine Kommunion der Gläubigen 
mit ihrem Gott" („an act of social fellowship betiveen the 
deity and his worshippers"). Durch das Essen eines und 
desselben Opfertieres wird die Stammesgemeinschaft, die soziale 
Einheit — nach der Vorstellung der Primitiven — hergestellt. 
Wer mitißt, der gilt als zugehörig. „Warum wird aber dem 
gemeinsamen Essen und Trinken diese bindende Kraft zu- 
geschrieben? In den primitivsten Gesellschaften gibt es nur 
ein Band, welches unbedingt und ausnahmslos einigt, das 
der Stammesgemeinschaft (kinskip). Die Mitglieder dieser 
Gemeinschaft treten solidarisch füreinander ein, ein Kin ist 
eine Gruppe von Personen, deren Leben solcherart zu einer 
physischen Einheit verbunden sind, daß man sie wie 

135 






Stücke eines gemeinsamen Lebens betrachten kann 
Kinship bedeutet also: einen Anteil haben an einer gemein- 
samen Substanz . . ." „Wir haben gehört, daß in späteren 
Zeiten jedes gemeinsame Essen die Teilnahme an der 
nämlichen Substanz, welche in ihre Körper eindringt, 
em heiliges Band zwischen den Kommensalen herstellt; in 
ältesten Zeiten scheint diese Bedeutung nur der Teilnahme 
an der Substanz eines heiligen Opfers zuzukommen. Das 
heilige Mysterium des Opfertodes rechtfertigt sich, indem 
nur auf diesem Wege das heilige Band hergestellt 
werden kann, welches die Teilnehmer untereinander 
und mit ihrem Gotte einigt." „Die durchaus realistische 
Auffassung der Blutgemeinschaft als Identität der Substanz 
läßt die Notwendigkeit verstehen, sie von Zeit zu Zeit durch 
den physischen Prozeß der Opfermahlzeit zu erneuern." 
Dieses Opfer hat eben „die heilige Substanz zu liefern, 
durch deren Genuß die Clangenossen sich ihrer stofflichen 
Identität untereinander und mit der Gottheit versichern". 1 
Die hier angeführten Stellen sind in diesem Zusammenhange 
für mich in zweifacher Hinsicht von Bedeutung. Erstlich 
daß dem primitiven Denken die soziale Einheit, die Ver- 
bindung einer Vielheit von Individuen zur Einheit in der 
sieht- und greifbaren Substanz des gemeinsam verzehrten 
Opfer- (Totem-) Tieres zum Ausdruck kommt. Dann aber 
daß die soziale Einheit — wie auch Durkheim erkannt 
hat — von vornherein religiösen Charakter hat, daß die 
soziale Verbindung gleichsam vermittels der Verbindung mit 
der Gottheit zustande kommt, ja daß beide Verbindungen - 
als seelische Bindungen — im Grunde von allem Anfang 
an identisch sind, was sich darin zeigt, daß das geopferte 
Totem-Tier, dessen gemeinsame Verzehrung die soziale Ver- 
bindung herstellt, die Gottheit selbst ist. Von einer ganz 
anderen als der von Freud eingenommenen Position psycho- 
logischer Erklärung, von dem von mir eingangs charakterisierten 
Standpunkte einer der kausal-erklärenden, naturwissenschaftlich- 

1) Totem und Tabu. (Ges. Schriften Bd. X, S. 163 ff.). 
136 



psychologischen Soziologie entgegengesetzten Rechtstheorie, 
die den Staat als einen spezifischen Sinngehalt und nicht als 
einen irgendwie regelhaften Ablauf tatsächlichen Verhaltens der 
Menschen, als eine Ideologie in ihrer spezifischen Eigengesetz- 
lichkeit, als ein System von Normen, und zwar von Rechts- 
normen, als Rechtsordnung begreift, bin ich zu Ergebnissen 
gekommen, die in auffallender Parallele zu diesen Resultaten 
der sozialpsychologischen Forschung stehen und das Problem 
gleichsam von einer anderen Seite zu beleuchten vermögen. 
Das Kernproblem der auf den Staat gerichteten Rechts- 
theorie, aber nicht nur dieser sogenannten Staats-Rechtsl ehre, 
sondern der allgemeinen Staatslehre überhaupt, von der 
die Staatsrechtslehre herkömmlicherweise nur einen, wenn 
auch den bedeutsamsten und gehaltvollsten Bestandteil bildet, 
ist das Problem des Verhältnisses von Staat und Recht. 
Trotzdem nun gerade die Staatslehre eine der ältesten Dis- 
ziplinen, vielleicht überhaupt die älteste Wissenschaft ist, — 
muß doch schon der ersten mythologisch-religiösen Natur- 
erkenntnis ein Nachdenken über den Staat vorangegangen 
sein, da ja der die Menschen durch Gesetzesbefehl leitende 
König (Vater) offenbar das Vorbild für die die Natur lenkende 
Gottheit, das Rechtsgesetz das Vorbild für das Naturgesetz 
war, — so ist doch der Stand ihres Grundproblems in der 
wissenschaftlichen Literatur ein mehr als desolater. Nicht 
nur, daß von den verschiedenen Autoren völlig widersprechende 
und miteinander gänzlich unvereinbare Anschauungen über 
das Verhältnis von Staat und Recht vorgetragen werden, 
indem die einen das Recht als eine logische oder zeitliche 
Voraussetzung des Staates, die andern den Staat als die 
Voraussetzung, ja als den Schöpfer des Rechtes erklären, 
auch bei ein und demselben Autor finden sich in der Regel 
beide Anschauungen, zu den bedenklichsten Widersprüchen 
verdichtet, nebeneinander. Dies ist um so merkwürdiger, als 
es sich doch bei Staat und Recht um durchaus alltägliche, 
jedermann geläufige Phänomene zu handeln scheint. Eine 
kritische Analyse der bisherigen wissenschaftlichen Darstellungen 
ergibt denn auch, daß in dem schier unlösbaren Problem 



l 57 



der Staats- und Rechtstheorie - wie dies in der Geschichte 
der Wissenschaften ja so häufig der Fall ist - J* 
Scheinproblem vorliegt. Wo die Theorie zwei voneinander 
verschone Wesenheiten und deren Verhältnis zu bestimme» 

Detst'a itt "l öl 1 " 11611 *** * *** «"W""* S 
Der Staat ist als Ordnung menschlichen Verhaltens mit eben 

Süüi Z T nSSOr t nmS , idenÜSch > die ™« <* Recht oder 
Rechtsordnung begreift. Sofern man aber den Staat nicht 

Sv tem T N g ° rie *" ^^ ** * ein ^straktes 
K^w w ° rmen «"schlichen Verhaltens, sondern in 

bUdh rfterW ls h delndej tät . ge Personl ' ichke ^ vo - 

RÜlenT, »-.r :°1 " e d3S W ° rt " Staat " in den eisten 
hohen 1P T c , bedeutet dieser Begriff nur die veranschau- 

ütrenrf P Tl lflk ^° n d6r die S ° ZiaIe Gemeinschaft konsti- 
tuierenden die Einheit einer Vielheit menschlicher Verhaltungen 
begründenden Rechtsordnung. Durch die Hypostasierung dieser 
Per omfikatum - einem typischen, speziell durch Vaihfnge" 
Philosophie des Als-Ob jüngst aufgedeckten Denkfehler _ 
wird der einheitliche Gegenstand der Erkenntnis, die Zwan«- 
ordnung menschlichen Verhaltens, verdoppelt nnd das un- 
lösbare Scheinproblem eines Verhältnisses zweier Gegenstände 
erzeugt, wo nur die Identität eines und desselben abstrakten 
Objekts vorhegt, dem seine irrtümlich real gesetzte, lediglich 
als Denkbehelf auftretende, dem Zweck der Veranschaulich^ 
und Vereinfachung (Ahbreviatur) dienende Personifikation 
gegenübergestellt wird. Die Technik dieser Hypostasie™ T 
mit ihrer Verdoppelung des Erkenntnis-Gegenstände T^ 
ihrem Gefolge von Scheinproblemen ist durchist 5*2 
che schon in der mythologischen Naturanschauung sich 
betätigte, die hinter jedem Baum eine Dryas, hinter jeder 
Quelle einen Quellgott, hinter dem Mond Luna und hinter 
der Sonne Apollo vorstellte. Vom Standpunkt der Erkenntnis- 
kritik stellt sich diese mythologische Methode, die schon kraft 
unserer substantivischen Sprache — wie sie Fritz Mauthner 
erkannt und genannt hat — noch tief in alle Wissenschaften 
insbesondere aber in die Geisteswissenschaften hineinragt als 
die zu überwindende, weil fehlerhafte Tendenz dar, die' von 

138 



der Erkenntnis allein zu bestimmenden, durch Erkenntnis 
allein bestimmbaren Relationen in feste Dinge, die Funktion 
in Substanz umzudeuten. Wenn festgestellt werden kann, 
daß der von der Staatstheorie dem Recht gegenüber unter- 
schiedene, „hinter' dem Recht, als „Träger" des Rechts 
gedachte Staat ebenso eine verdoppelnde, Scheinprobleme 
erzeugende „Substanz" ist, wie die „Seele" in der Psychologie, 
die „Kraft" in der Physik, dann wird es ebenso eine Staats- 
lehre ohne Staat geben, wie es schon heute eine Psychologie 
ohne eine „Seele" und ohne all die Scheinprobleme gibt, 
mit denen sich die rationale Psychologie geplagt hat (Unsterb- 
lichkeit z. B. ein spezifisches Substanzproblem) und schon 
heute eine Physik ohne „Kräfte" gibt. Psychologisch 
allerdings — und nur psychologisch — läßt sich dieser Hang 
zur Personifikation und Hypostasierung, diese Tendenz zur 
Substanzialisierung, begreifen. Und gerade von diesem Stand- 
punkt erscheint es nur als eine graduelle Differenz, ob die 
Naturwissenschaft hinter den Erscheinungen „Kräfte" ver- 
mutet, wo sich die Primitiven noch Götter vorstellen. Und 
darum ist es im Prinzipe dasselbe, wenn dem primitiv tote- 
mistisch orientierten Denken die soziale Einheit, die Verbindung 
einer Vielheit von Individuen zur Einheit nur in der sicht- 
und greifbaren Substanz des gemeinsam verzehrten Opfer- 
(Totem-) Tieres zum Ausdruck kommen kann, und wenn die 
moderne Staats- und Rechtstheorie sich die abstrakte soziale 
Ordnung, dieses System von Rechts- und Zwangsnormen d. h. 
aber die Einheit der maßgebenden sozialen Gemeinschaft 
(und nur in dieser Ordnung besteht die Gemeinschaft) nur 
als ein substanzartiges Ding, als eine „reale" durchaus anthro- 
pomorph gebildete „Person" veranschaulichen muß, ohne 
sich des eigentlichen Charakters dieser Vorstellung als eines 
bloßen Denkbehelfs bewußt zu werden; zumal wenn man 
bemerkt, wie stark die Tendenz ist, diese „Person" zu einem 
womöglich sieht- und greifbaren Etwas, zu einem überbiolo- 
gischen Lebewesen zu fingieren. Ist in diesem Punkte die 
moderne Staatstheorie primitiv, so ist eben das totemistische 
System die Staatstheorie der Primitiven. 



*39 



Als ein Substanzbegriff wie „Kraft" und „Seele", als eine 
personinkative Fiktion tritt der Staatsbegriff in eine Parallele 
zum Begriff Gottes. Die Übereinstimmung in der logischen 
Struktur beider Begriffe ist tatsächlich verblüffend, zumal 
wenn man die weitgehende Analogie betrachtet, die zwischen 
den Problemstellungen wie Problemlösungen der Theologie 
und der Staatslehre besteht. Diese Analogie ist mir besonders 
an den Vorstellungen aufgefallen, die in der neueren Literatur 
von dem Verhältnis zwischen Staat und Recht gegeben werden. 
Der dem Rechte transzendente, meta-rechtliche Staat, der 
in Wahrheit nichts anderes ist als die hypostasierte Personi- 
fikation, die realgesetzte Einheit des Rechts, entspricht haar- 
genau dem der Natur transzendenten, supranaturalen Gott, 
der nichts anderes ist als die grandios-anthropomorphe Per- 
sonifikation der Einheit dieser Natur. Ebenso wie die Theologie 
diesen von ihr selbst geschaffenen Dualismus schließlich zu 
überwinden sucht, indem sie das — nach ihren eigenen Vor- 
aussetzungen unlösbare — Problem der Einheitsbeziehung 
des metaphysischen Gottes auf die Natur, der außergöttlichen 
Natur auf Gott stellt, so ist auch die Staats- und Rechtstheorie 
gezwungen, den meta-rechtlichen Staat auf das Recht und 
das außerstaatliche Recht auf den Staat zu beziehen. Die 
Theologie — nicht nur die christliche — versucht die 
Lösung ihres Problems auf mystischem Wege: durch die 
Menschwerdung Gottes wird der überweltliche Gott zur Welt, 
beziehungsweise zu deren Repräsentanten zum Menschen. 
Die Lösung, die die Staats- und Rechtslehre versucht, ist die 
gleiche. Es ist die Lehre von der sogenannten Selbstverpflichtung 
oder Selbstbeschränkung des Staates, derzufolge der über- 
rechtliche Staat, zur Person geworden, sich selbst freiwillig 
seiner eigenen, d. h. von ihm selbst geschaffenen Rechts- 
ordnung unterwirft, und aus einer außerrechtlichen Macht 
zu einem Rechtswesen, zum Recht schlechthin wird. Man 
hat dieser Theorie, weil sie sich zu den selbst geschaffenen 
Voraussetzungen der Staats- und Rechtslehre in Widerspruch 
setzt und das Unbegreifliche, daß zwei verschiedene Wesen 
eins sind, begreiflich machen will, von jeher vorgeworfen, 



140 



daß sie nicht eines gewissen „mystischen" Charakters ent- 
behre. Aber man hat bisher noch nicht bemerkt, daß das 
Mysterium der Menschwerdung Gottes von der Theologie 
geradezu unter dem Gesichtspunkt der „Selbstbeschränkung" 
Gottes vorgetragen wird. Indes geht die Übereinstimmung 
zwischen Theologie und Staatslehre noch viel weiter: Dem 
Problem der Theodizee entspricht genau das Problem des 
sogenannten „Staats-Unrechts". Über das Verhältnis von 
Gott und Individuum — Universalseele und Einzelseele — 
hat die religiöse Spekulation speziell der Mystiker im Grunde 
genommen nichts anderes beigebracht als die politische Theorie 
des Universalismus und Individualismus über das Verhältnis 
Staat (Gemeinschaft) und Individuum. Ja sogar die theologische 
Lehre von den Wundern findet in der Staatsrechtslehre ihr 
Analogon, wie ich im einzelnen nachgewiesen habe. 

So findet die von der Sozialpsychologie aufgezeigte Be- 
ziehung zwischen dem Religiösen und Sozialen von der er- 
kenntniskritischen Seite her ihre Bestätigung. Von deren 
Standpunkt aus gesehen, stellt sich der Staat darum als ein 
Gottes-Begriff dar, weil er auf dem für die theologische 
Methode charakteristischen System-Dualismus beruht, d. h. 
weil er als Hypostasierung der Einheit der Rechtsordnung 
als ein dieser gegenüber transzendentes Wesen ebenso erzeugt 
wurde, wie Gott als eine Personifikation der Natur zu einem 
dieser letzteren transzendenten Gebilde fingiert wurde. Von 
einem erkenntniskritischen Standpunkte kommt es vor allem 
darauf an, die theologische Methode in den Geisteswissen- 
schaften und speziell in den Sozialwissenschaften zu über- 
winden, den System-Dualismus zu beseitigen. Gerade in dieser 
Richtung aber leistet eine unschätzbare Vorarbeit die psycho- 
logische Analyse Freuds, indem sie aufs wirksamste die 
mit der ganzen Magie jahrhundertalter Worte aus- 
gerüsteten Hypostasierungen Gottes, der Gesellschaft 
und des Staates in ihre individualpsychologischen 
Elemente auflöst. 



141 



Das Liebesschicksal 
Ferdinand Lassalles 

Von 

Dr. Erwin Kohn 

Büch2« SeP T ber T 6 ***** ah Band IX *» ,Mago- 

Kohn : Tr} ^ aSSalU r *f «*** von Dr. *E r Jin 

l' l n J Ser P^otmafytischen Studie wird das bio- 

Rückhalt gkett bietet, zur Herausarbeitung einer seiner 
^Seiten, der stärksten und hervorragendsten, verwZZ 
An diesen, in vieler Beziehung typischen und klaren BeZiel 

71 fä ™ ch i ^t &, ", W ** * Wirkungsweise 
de fuhrenschen Persönlichkeit aufgewiesen^. Das 
Fuhrerproblem ist heule zur aktuellsten Frage der verseht 
densten Gesellschaftsgruppen geworden und'die Frei uSSk 
Forschungsergebnisse hohen den Verfasser in den Stand Zu- 
setzt, Wesentliches zur Auf hellung dieser Probleme beizutrafen 
sowohl zur Durchleuchtung der Beziehung „Führer-Gru^pfi 
als a UC h zur Aufdeckung der psychologischen Struktur der 
fuhrenschen Persönlichkeit selbst. Die objektlibidinösen Be 
Ziehungen des Führers und sein Narzißmus werden unter- 
sucht Organisierung und Bewegung der Masse psychologisch 
gedeutet. Die Dynamik des Führerschicksals wird av ?T 
Darstellung des Einzelfalles verständlich gemacht toL 1* 
»Werbung um Gefolgschaft- bietet die frühfjZndln" n* 
bereits Selbstzeugnisse. DU Beziehungen 53ffi 'f? 
Büchner, Hervegh H eim und JW fÄÄ 
?erf asser plastisch (besonders aus dem Gegensatz Führer™ 
Wissenschafter) herausgearbeitete Beziehung zu Marx sind 
außerordentlich aufschlußreich. Der Einstellung des , Volks- 
tnbuns« zu den Massen, insbesondere als Redner, wird be- 
sondere Aufmerksamkeit gewidmet. Wir drucken hier ein 
Kapitel ab, das die Liebesobjektwahl Lassalles entwickelt 
(mit einigen Kürzungen insbesondere unter Weglassung der 
Anmerkungen). 

Unsere Aufgabe, die Eigenart der Beziehung Führer — Gefolg- 
schaft an der Person Lassalles zu exemplifizieren, scheint, soweit es 
sich um äußere Beschreibung handelt, mit der Wiedergabe und Deu- 
tung dieser Dokumente (der Briefe und Äußerungen an Männer) 
erschöpft. Das psychologische Interesse wendet sich aber über 
solche Feststellungen hinaus der Frage zu, wie es genetisch zur 

142 



Entstehung eines Führers von der Art Lassalles kommt, in welcher 
Weise die eigenartige Entwicklung und das tragische, wenn nicht 
groteske Ende Lassalles aus seinem Libidoschicksale verständlich 
wird und wie seine Persönlichkeit die von ihm gebildete Gruppe 
beeinflußt. Damit ist zugleich Gelegenheit geboten, das Typische 
und das Singulare an dem von uns gewählten Beispiel zu trennen. 
Wenn es trotz der vielen wertvollen Aufschlüsse, die eine 
psychoanalytische Durchleuchtung von Biographien schon gegeben 
hat, noch eines Beweises dafür bedurft hätte, wie notwendig zum 
Verständnis der Öffentlichen Wirksamkeit einer historischen Per- 
sönlichkeit die Bekanntschaft mit ihrem „Privatleben" und im be- 
sonderen mit ihrer Sexualentwicklung ist : das Beispiel Lassalle müßte 
ihn erbringen. In Lassalles Leben haben Liebesbeziehungen eine 
schon äußerlich höchst auffallende Rolle gespielt, und wenn die 
einzelnen Erlebnisse auch einer rein chronologischen Betrachtung 
zusammenhanglos und darum bizarr erscheinen mögen, so bedarf 
es nur der Anwendung weniger gesicherter Ergebnisse der Psycho- 
analyse, um sie als kausal verknüpft, folgerichtig und sein Führer- 
tum determinierend erkennen zu lassen. Die auffallendste und 
folgenschwerste Erscheinung in diesem Ensemble, nach dem Urteil 
der Zeitgenossen wie der Biographen, ist das Zusammentreffen 
des Einundzwanzigjährigen mit der damals eimmdvierzigjähri<ren 
Gräfin Hatzfeldt; eine Begegnung, die ihn für volle zehn Jahre 
seinen Studien und seinen gewohnten Tätigkeiten entzieht, durch 
die er sich und seine Freunde vor Gericht und zum Teil ins Ge- 
fängnis bringt; eine Begegnung, infolge der er sich in einen Wust 
von Prozessen verwickelt, die seine ganze Energie in Anspruch 
nehmen, ihn im nebenher Jurisprudenz praktisch erlernen lassen 
und zum meisterhaften Advokaten bilden; eine Begegnung, durch 
deren Folgen er mit seiner Familie in Streit gerät, wobei er es 
entschlossen auf einen Bruch ankommen lassen will; eine Begeg- 
nung, die nach zehn Kampf jähren mit der Befreiung der Gräfin 
von ihrem Gatten, mit der vollkommenen Sicherung ihrer und 
Lassalles wirtschaftlichen Existenz und mit einem weit über das 
Grab Lassalles reichenden Freundschaftsbund endigt. Lassalle lernt 
die durch ihren einflußreichen und gefürchteten Gatten grausam 
gequälte Frau zufällig kennen, erwirbt nach kurzer Bekanntschaft 
ihr Vertrauen, wird ihr und ihres unmündigen Sohnes „General- 
bevollmächtigter" im Kampfe mit dem Grafen, führt den Prozeß 
gegen diesen auf ebensowenig einwandfreie Weise wie die Gegen- 
seite, aber mit erstaunlicher Energie und bringt ihn zu einem 



H5 












leidlichen Ende. Wir wollen schon an dieser Stelle bemerken 
daß Lassalles Vorgehen an vielen, auch befreundeten Stellen An- 
stoß erregte, und Marxens prägnantes Urteil über diesen in jeder 
Beziehung wichtigen Lebensabschnitt ist nur der Ausdruck einer 
sehr verbreiteten Meinung gewesen: „Er hält sich für weltbezwin- 
gend, weil er rücksichtslos in einer Privatintrige, als ob ein 
wirklich bedeutender Mensch zehn Jahre einer solchen Bagatelle 
opfern würde." 

Der Charakter von Lassalles Beziehung zur Gräfin Hatzfeldt 
war lange Jahre hindurch ein Crux der Lassalleforscher. Und man 
muß sagen, daß erst die vor kurzem erfolgte Veröffentlichung des 
wesentlichsten Teiles des erhaltenen Briefwechsels zwischen den 
beiden Lassalles Verhältnis zur Gräfin im richtigen Lichte sehen 
laut und dem Psychoanalytiker die Beweismittel für Vermutungen 
liefert, die sich ihm aus dem äußeren Ablauf der Ereignisse auch vor- 
dem schon aufdrängten. Für die Auffassung, die Lassalle selbst 
von seiner Beziehung zur Gräfin hatte, bleiben nach wie vor in 
erster Linie die Darstellungen maßgeblich, die er in zwei Ver- 
suchen, Frauen zu werben, gegeben hat; maßgeblich vor allem 
auch darum, weil sie erkennen lassen, wie er diese Beziehung in 
seinen Mannesjahren sah und zu gestalten wünschte. 

Das eine, wichtigere, Dokument ist der „Manuskriptbrief« 
den Lassalle im Jahre 1860 an eine junge Russin, Sofie Sontzeff' 
richtete, die er während seines Aachener Kuraufenthaltes ken ' 
gelernt hatte und um die er mit diesem Brief anhielt In rl 
drängten Autobiographie, als welche dieser Brief gedacht ist de^" 
Aufrichtigkeit aber natürlich mit dem Maßstab eines um " T* 
Preis unversehrt zu erhaltenden Narzißmus zu messen ist fi^ 6 " 
sich unter anderem folgende, Lassalles Verhältnis m.' r^ ^ 
charakterisierende Stellen: w ^ rafln 

Verkörperung aller Mißbräuche der Macht, der Gewalt und des Reichtums 
gerichtet gegen den Schwachen, allen Druck unserer sozialen Ordnung . . \ 
Als wir [die Gräfin und Lassalle] in Düsseldorf ankamen, betäubten mich die 
Einwohner der Stadt fast mit ihren Zurufen. Sie spannten die Pferde der 
Equipage, in der ich mit der Gräfin saß, aus und zogen uns selbst Obzwar 
der Prozeß kein eigentlich politischer war, hatte das Volk wohl begriffen, daß 
es doch im tiefsten Sinne des Wortes ein solcher war, da er die Auflehnung 
gegen die Unterdrückung war." 

Ein zweitesmal sind Lassalles Ansichten über diesen Punkt in 
den Memoiren der nächst der Gräfin für ihn bedeutungsvollsten 
Frau, Helene v. Doenniges, wiedergegeben: 

144 



„Von der Gräfin sagte er selbst, sie sei so viel älter als er, daß sogar in 
allererster Zeit er immer nur in ihr die über ihm stehende ältere Frau, die 
,maitresse femme' gesehen habe. In seinen vielen anderen Verhältnissen und 
Liebeleien waren die handelnden Damen entweder verheiratete Frauen 
gewesen, dann fiel der feine, ungenierte, durch nichts gestörte Ton, den wir 
einschlagen durften, ohnehin fort, oder es waren Wesen, die geistig wie 
gesellschaftlich tief unter ihm standen und an die ihn nur seine Leiden- 
schaft fesselte. 44 ... Weiter [angeblich wörtlich von Lassalle]: „Ich bin 
durch ein heiliges Etwas an die Gräfin gefesselt, durch ein Band, welches 
ich, ohne schwerste Veranlassung und selbst dann kaum, niemals zer- 
brechen kann: durch Dankbarkeit! Ich war noch ein Knabe, als diese Frau in 
härtester Bedrängnis mich mit ihrem Vertrauen beehrte, als sie ihr Schick- 
sal voll und ganz in diese Knabenhand legte. Ich habe ihr bewiesen, dail es 
die Hand eines Mannes war. Aber dieser Beweis brauchte Zeit, sie konnte 
es zuerst nicht wissen, wie's enden würde, und hat mir doch vertraut, — 
dafür muß ich ihr dankbar sein mein ganzes Leben! Wenn's auch manchmal 
unbequem ist." 

Der Briefwechsel zwischen Lassalle und der Gräfin bestätigt 
im wesentlichen die Auffassung, die in Lassalles Mitteilungen an 
Sofie Sontzeff und Helene von Doenniges zutage tritt, aber er ver- 
tieft und erweitert sie bis zu einem Grade, der die Analyse der 
Bindung Lassalles an die Gräfin und an die Frau überhaupt er- 
möglicht. Daß Lassalle in der zwanzig Jahre älteren Gräfin zu- 
nächst die Mutter erblickt, liegt auf der Hand. Die Brieftitel: 
„Meine gnädigste Frau" auf der einen, „Mein liebes, gutes Kind" 
auf der anderen Seite sind ein besonders drastischer Beweis dafür. 
Wenn man bedenkt, daß Lassalle zwei Tage jünger als der älteste 
Sohn der Gräfin war, wird die Einstellung der Gräfin ohneweiters 
verständlich. Lassalle zeigt aber nicht nur eine ungewöhnliche 
Fixierung an die Quasi-Mutter und einen ungewöhnlichen Haß 
gegen ihren Gatten, sondern, zur Vervollständigung des Ensembles, 
auch maßlose Eifersucht gegen den jüngsten Sohn der Gräfin', 
Paul, der ihr während und nach der Scheidung verblieben war! 
Zunächst, hei Beginn seines Eintretens für die Gräfin, spielt er 
den Berater und väterlichen Freund des um wenige Jahre Jüngeren. 
Den zum Mann gewordenen Aristokraten, der ihm die Mutter 
entfremdet, haßt er und führt wiederholt Konflikte herbei, in 
denen die Gräfin zwischen dem angenommenen und dem wirk- 
lichen Sohne zu wählen hat: 

„Schon als Sie voriges Jahr nach Berlin kommen sollten, ging es nicht, 
Pauls wegen. Nach Wildbad zu Ihnen konnte ich nicht, Pauls wegen. Nach 
Berlin wieder können Sie jetzt nicht, Pauls wegen. Es wird mir endlich zuviel 
Paul. Ich quäle mich hier ab, üsiere und abüsiere fast Personen, die es nicht 
verdienen, Ihretwegen, bin in allem, was ich tue, auf Sie bezogen. Und Sie 
können nichts von dem, was mir lieb ist, und wiederum nur Ihretwegen lieb 



10 



H5 



ist, tun, Pauls wegen Ich kann nicht einmal mehr etwas für Sie tun, Pauls 

SSr^ST! i' 5 - fÜr Sle tU "' haben Sie fÜr mich keine Zeit mehr 

übrig, Pauls wegen, so können wir uns auch nichts mehr sein.« 

Wie die Gräfin darunter leidet, zeigt eine Briefstelle aus einem 
früheren Jahr. 

hu*iSbJ!Z tT ££ d - ä u 6en SiC mlCh " icht StetS to eine so fürchterliche 
l.age drangen Sie mich nicht immer zu einer Wahl zwischen Ihnen und Paul- 

wie diese auch ausfallen möchte, ich wäre rettungslos unglückhch mid ver-' 
loren, und was hätten Sie von einem solchen Sieg?" 

Man geht nicht fehl, unter den wichtigsten Gründen, die in 
spateren Jahren eine gewisse Erkaltung der Beziehungen Lassalles 
zu der Gräfin herbeiführten, die Tatsache, daß Lassalle sich gegen- 
über dem Sohn der Gräfin zurückgesetzt und durch ihn aus der 
Rolle der Hauptperson in ihrem Leben verdrängt sali, zu erwähnen 
Daß es aber trotz wiederholter schärfster Zusammenstöße zu 
keinem Bruch Lassalles mit der Gräfin kommt, daß die Ambi- 
valenz seiner Gefühle unausgetragen, seine Bindung an sie bis zu 
semer Todesstunde unlöslich blieb, das gerade kann als sicherster 
Beweis dafür gelten, daß Lassalles Verhältnis zur Gräfin eine echte 
^und übernormale!) Mutterfixierung war. Ein Brief Lassalles 
an sie, ein Jahr vor seinem Tode geschrieben, weist mit beson 
derer Schärfe darauf hin. 

„Auch dies, mir ein Weib zu suchen, haben Sie mir sehr er- 
schxvert, wenn nicht unmöglich gemacht. Denn freilich haben Sie 
mich durch Ihre großen Vorzüge verdorben für andere Weiber 
Wo soll ich ein Weib finden, das Sie mir ersetzt!" 

Was befähigte die Gräfin, in Lassalles Leben diese Mutterrolle 
ZU Spielen; was veranlaßte den Achtzehnjährigen, dessen Eltern 
noch lebten, sich ihr mit solcher Leidenschaft anzuschließen und 
seine Zukunft für sie aufs Spiel zu setzen; was hielt ihn bis an 
sein Lebensende an diese Frau gebunden und „verdarb" ihn für 
„andere Weiber«? Diese Frage rührt an den psychologischen 
Grundzug von Lassalles Verhältnis zur Gräfin. Und ihre Beant- 
wortung macht zugleich auch offenbar, aus welchen innersten 
Quellen sein Lebenswerk, seine wissenschaftliche und politische 
Tätigkeit schöpfte. Vom Standpunkt der psychoanalytischen Theorie 
aus, den Freud in seinen „Beiträgen zur Psychologie des Liebes- 
lebens" klassisch formuliert hat, läßt sich Lassalles ganzes Ver- 
hältnis zur Gräfin, von der frühesten Zeit seiner Bekanntschaft 
und seines Eintretens für sie an, unter den Begriff der „Rettungs- 
phantasie" bringen. Es ist eine Rettungsphantasie grandiosen 

146 



Umfanges, es sind die im Gefolge der unvollkommen überwun- 
denen infantilen Ödipus-Situation gesetzmäßig auftretenden Wün- 
sche, deren Befriedigung der junge Lassalle erstrebt. Der eigen- 
artigen Fügung der äußeren Umstände ist die weitgehende Re- 
alisierung der allmännlichen Rettungsphantasie im Falle Lassalle- 
Hatzfeldt zu danken, die günstige Wirkung, die sie auf die Ent- 
wicklung und Sublimierung seiner narzißtischen Triebkomponenten 
ausübt, aber auch sein jähes und tragisches Ende. 

Mit solcher Intensität denkt sich der junge Lassalle in die 
„Rettung" der Einund vierzig] ährigen, die sich ihm anvertraut, 
hinein, so zentral scheint ihm diese Aufgabe, daß er, seit frühester 
Jugend beflissen, sein Handeln nach großen Gesichtspunkten aus- 
zurichten, das Geschick der Gräfin und die Rolle, die er zehn 
Jahre darin zu spielen hat, als Manifestation des weltgeschicht- 
lichen Wendepunktes in der Entwicklung der Frau ansieht. Darin 
liegt keineswegs ein Rechtfertigungsversuch des aus der Bahn 
Gestoßenen: Lassalle glaubte an die allgemeine Bedeutung 
des Falles Hatzfeldt und an die Mission, die er durch seine voll- 
ständige Identifizierung mit der Gräfin erfüllte. Wenn er ihr in 
einem umfangreichen Lehrbrief, der einen Abriß der Geschichte 
der Frau zu geben versucht, schreibt: „Sie übersehen manchmal 
daß . ein welthistorischer Gedanke sich Ihren Leib geliehen hat' 
ES ^ ^r™ erS ' enmal 2um Ausdruck und zur Darstellung in der 
Wirklichkeit zu bringen, daß somit Ihre Geschicke, ob gut ob 
schlimm, nichts anderes sind als die praktisch (als Ereignis) 
gesetzten Konsequenzen jenes Gedankens und seines gegensätz- 
lichen Verhaltens zu der bisherigen Welt«, wenn er glaubt, daß 
durch diesen welthistorischen Gedanken alles, was bisher Frau 
hieß, „den Todesstoß empfangen soll« und naiv darauf die Iso- 
lierung der Gräfin in weiblicher Gesellschaft zurückführt, ist er 
für seine Person ebenso ehrlich, wie in jener wahrhaft rührenden 
Stelle seiner „Kassettenrede« vor den Kölner Geschworenen in 
der er sein Eintreten für die Gräfin rechtfertigt und die mit den 
Worten schließt: 

„Auch mein Blick war seit je vorzugsweise auf allgemeine Fragen und 
Angelegenheiten gerichtet und ich hätte vielleicht angestanden, zur Besserung 
eines bloß individuellen Mißgeschickes meine ganze Fähigkeit zu verwenden 
meine ganze Laufbahn wenigstens auf Jahre zu miterbrechen, obschon es herz- 
zerreißend ist für einen Menschen von Herz, einen anderen Menschen, den 
er für gut und edel hält, hilflos untergehen zu sehen, mitten in der Zivili- 
sation der Gewalt gegenüber. Aber ich sah in dieser Angelegenheit auch all- 
gemeine Standpunkte und Prinzipien verkörpert." 



10* 



H7 



Auf den Psychologen, der gewöhnt ist, die Wesenszüge des 
Mannes im Knaben angedeutet zu finden, und der daher im Falle 
Lassalle solche Andeutungen in den Briefen und Tagebüchern 
aus der Jugendzeit sucht, mußte die Tatsache, daß irgendwelche 

W« !i en rr CineS frÜhen Auftretens der „Rettungseinstel- 
n i t! 6 naC , m Zusammentr «ffen mit der Gräfin plötzlich zum 
alles-beherrscheuden Faktor im Leben Lassalles wird, fehlen, zu- 
nächst merkwürdig wirken. (Das folgende Exempel verdient zum 
Beweis dessen angekreidet zu werden, in welch fataler Abhängig, 
keit von den Sentiments diskreter Biographen der unabhängige 
Forscher gehalten wird.} Durch den Einfall eines zufälligerweife 
psychologisch etwas verständnisvolleren Historikers ist vor kurzer 
Zeit eme Stellendes bereits oben zitierten Tagebuches bekannt 
geworden, die in allen gedruckten Ausgaben dieses Buches ein- 
lach fortgelassen worden war und die beweist, daß auch im 
Knaben Lassalle die Rettungsphantasie schon übermächtig war 
Mayer berichtet: s 

„TJ widere ihn an (schreibt der Leipziger Handelsschüler) wie ein r„- 
(sein Pensionsvater!) alle Mittel gemeiner plumper List gegen^ein^^ 6 
anwende, die schwach genug sei, in die Falle zu gehen, wie er 2SÄ*? 
raffiniertester Schlechtheit ihr eben daraus ein Verbrechen macH. ^ mit 

Eüss^rsfr *■* auch n ° ch den «»ssÄ&sas 

hL« r c g uf iC u Kinder VOF dem Be "ektabe schützen sollte. Ihn Sere Ä 
bloß die Schlechtigkeit und ausgesuchte Heuchelei' des Mannes sondern k 
sosehr die .Schwäche und übermäßig große Leichtgläubigkeit«' uer Su n** 
machte auf den Fünfzehnjährigen einen so starken Eindruck daß ~ ^ 
wochenlange Krankheit, in die er verfiel wesentlirV, T^t a . daD _?* ei *e 
zurückführte: ,Ich war von solchem iLl er^m d^ ln" S L QUe n le 
wie mir zu helfen." 4 ^ dafl lch mcnt wuß te, 

Diese Stelle spricht für sich selbst mit aller Deutlichkeit und 
es verdient nur mit besonderem Interesse vermerkt zu werden, 
daß der fünfzehnjährige Lassalle seine organische Erkrankung 
völlig aus sich heraus als neurotisches Konversionssymptom auf- 
faßt. Wir haben nach den Erfahrungen der Psychoanalyse Grund, 
ihm hierin — wenigstens bis zu einem gewissen Grade — Glauben 
zu schenken. 

In den Tagebüchern findet sich aber auch bereits eine typische 
Ausbildung und Sublimierung dieser Rettungsphantasie: einmal 
in Breslau, nach der Lektüre von Bulwers „Leila", ein glühendes 
Bekenntnis zur Rettung des Judentums und die Phantasie, 
„an der Spitze der Juden, mit den Waffen in der Hand, sie selb- 
ständig zu machen". Nach den Judenverfolgungen von Damaskus 
schreibt der Leipziger Handelsschüler (fünfzehnjährig): 

*4 8 



* — ' 



„Gab es je eine Revolution, welche gerechter wäre als die, 
wenn die Juden in jener Stadt aufständen, sie an allen Ecken an- 
zündeten, den Pulverturm in die Luft sprengten und sich mit 
ihren Peinigern töteten?" 

In derselben Periode bereits der Übergang von der Juden- zur 
Menschheitsrettung : 

„Ich will den Völkern die Freiheit künden und sollt' ich im 
Versuche untergehen. Ich schwöre es bei dem Gott unter den 
Sternen und Fluch mir, wenn ich je meinem Schwur untreu werde... 
Es ist mir jetzt klar geworden, daß ich Schriftsteller werden will; 
ja, ich will hintreten vor das deutsche Volk und vor alle Völker 
und mit glühenden Worten zum Kampf für die Freiheit auffordern." 

Der Zusammenhang der ursprünglichen, infantilen Rettungs- 
phantasie, an deren Unrealisierbarkeit der Knabe Lassalle in 
Leipzig erkrankt, mit der abgeleiteten und universalen, die sich 
Judenemanzipation, Völkerbefreiung und später soziale Revolution 
zum Ziel setzt, leuchtet hier besonders ein und gestattet vielleicht 
die allgemeine Annahme, daß in der Rettungseinstellung eine der 
spezifischen Wurzeln des „Revolutionismus« zu erblicken ist. 

Das Schicksal des Mannes Lassalle entscheidet sich im Augen- 
™S * a . dlC übermäßi g e Rettungsphantasie eine Realisierumjs- 
moglichkeit ungewöhnlichen Ausmaßes erhält. Was ist die Folge 
des Zusammentreffens Lassalles mit der Gräfin Hatzfeldt? Er findet 
in dieser Dame der „großen Gesellschaft" eine in jeder Beziehung 
— sexuell, materiell, intellektuell — begehrenswerte mütterliche 
Freundin, die seinen Schutz anfleht und sich und ihr Kind dem 
Zwanzigjährigen als „Generalbevollmächtigten« anvertraut. Seiner 
Energie gelingt es, den zu dieser — sozusagen verbesserten — 
Neuauflage der Mutter gehörigen Vater: den Grafen, der ihr 
offenbar feindselig gegenübersteht, zu verdrängen, die Mutter 
von ihm zu befreien und seine Stelle einzunehmen: er lebt mit 
der Gräfin erst in Düsseldorf, dann in Berlin, berät sie in allen 
wichtigen Fragen, betreut den Sohn usw. Diese Realisierung der 
aus der Ödipus-Situation hervorgehenden Wünsche würde allein 
schon die große innere Abhängigkeit von der Gräfin erklären, in 
die Lassalle gerät. Sie wird aber durch den Bezug einer regel- 
mäßigen Jahresrevenue aus den Einkünften der Gräfin vollendet. 
Mochte diese ökonomische Existenzsicherung, die Lassalle zeit- 
lebens unabhängig von Brotarbeit machte, der gerechte Preis für 
die Riesenanstrengung sein, die mit der Gewinnung auch nur 
eines Teiles des der Gräfin zustehenden Vermögens verbunden war: 



»49 



psychologisch wurde Lassalle dadurch notwendig in die Lage des 
von der Mutter ernährten Kindes versetzt, das auf die wirtschaft- 
liche Realitätsbewältigung verzichten darf. Die Gräfin war liebende 
und nährende Mutter, die den Vater zugunsten des Sohnes auf- 
gibt, in einem: der Ödipus -Wunsch war erfüllt. 

Es ist von Interesse festzustellen, daß diese Verwirklichung des 
Odipus-Wunsches gegenüber Quasi-Eltern eine entsprechend ver- 
änderte Beziehung Lassalles zu den wirklichen Eltern zur Folge hat. 
Sie bietet ein Beispiel für den „vollständigen" Ödipus -Komplex! 
Die Gräfin bindet die infantile Mutterfixierung Lassalles, die nach 
allem Gesagten ungewöhnlich heftig gewesen sein muß und in- 
folge des Verdrängungsschubes der Pubertät damals bereits in das 
Gegenteil: nörgelnde Kritik, umgeschlagen war, so vollkommen, 
daß seither Gleichgültigkeit und Kühle das Verhältnis Lassalles 
zu seiner Mutter charakterisieren. Anderseits reaktiviert der Graf 
die infantile, gleichfalls unbewußt gewordene Haßeinstellung 
gegen den Vater und führt diese im Verlaufe des zehnjährigen, 
mit allen, oft unlauteren und gewaltsamen Mitteln geführten Pro- 
zesses so vollständig ab, daß der wirkliche Vater dadurch gleich- 
sam entladen wird, sich zwischen Sohn und Vater ein beinahe 
Ungetrübt zärtliches Verhältnis herstellt, Lassalle sogar eine An- 
näherung seines Vaters an die Gräfin — trotz des großen Milieu- 

unterschiedes ■— herbeizuführen versucht und sie erreicht. Dem- 
entsprechend verhält sich aber Lassalles Mutter feindselig 21 J 
Gräfin und noch an seiner Bahre entsteht ein unerquicklicher 
Kampf der beiden Mütter um die Leiche des Sohnes, der sich 
dann in heftigen Nachlaßstreitigkeiten fortsetzt. 

Aber auch Lassalles Verhältnis zur Gräfin blieb keineswegs un- 
getrübt und die beiden haben einander viele bittere Worte gesagt 
viele anklagende Briefe geschrieben, haben sich mehrmals vorüber- 
gehend getrennt und waren dem endgültigen Bruche nahe. Was die 
Schuld der Gräfin an diesen Vorfällen betrifft, so bot sie allerdings 
m einem Falle, als sie in enge Beziehungen zu Lassalles Parteige- 
nossen und Freund, dem Obersten Rüstow, trat, Anlaß zu Verstim- 
mungen. Die Begegnung mit Rüstow fand 1861 in der Schweiz, 
während einer Reise Lassalles und der Gräfin, statt. Kurze Zeit darauf 
kehrte Lassalle, der sich von der Gräfin „unverantwortlich" behandelt 
fühlte, „einsam in die Vereinsamung zurück, brechend mit einer 
sechzehnjährigen Vergangenheit, mit einem Wesen, dem ich meinen 
ganzen inneren Menschen hingegeben, mit dem ich mich in der 
absolutesten und innigsten Weise total identifiziert hatte." 

15° 






Aber hat denn zwischen Lassalle und der Gräfin etwas von 
einem „Treueverhältnis" im engsten sexuellen Sinne bestanden 
und befand sich Lassalle jemals in monogamer Abhängigkeit von 
der Gräfin? Und was bedeuteten überhaupt andere Frauen für 
ihn? Mustert man unter diesem Gesichtspunkt Lassalles Beziehun- 
gen zu Frauen, von der ersten Zeit, da sich Dokumente hierüber 
finden, bis zu seinem Tode, dann ergibt sich sofort ein mit der 
psychoanalytischen Theorie in vollem Einklang stehender gesetz- 
mäßiger und gleichförmiger Verlauf aller dieser Begebenheiten. 
Nach psychoanalytischer Auffassung trifft übermäßige Mutter- 
fixierung regelmäßig mit heterosexueller Objekt wähl nach dem 
„Dirnen typ" zusammen: von der Mutter, als der berührten Frau 
katexochen, führt ein direkter Weg zum Dirnentyp, der entweder 
durch verheiratete Frauen oder geradwegs durch Prostituierte 
repräsentiert wird. Allen jungfräulichen Typen gegenüber besteht 
Impotenz oder eingeschränkte Potenz. Lassalle bestätigt diese Er- 
fahrung in vollem Umfang und ist sich über seine „Virginitäts- 
scheu" auch selbst im klaren, versucht sie aber natürlich zu 
rationalisieren. In seinem, umfangreichen, bereits oben erwähnten 
Brautwerbungsbrief an Sofie Sontzeff schreibt er: 

„Ich kenne kein Weib, -welches, auch nur einen Augenblick überzeugt, daß 
der Gedanke an eine Verbindung mir erträglich sein könnte, nicht eiligst mich 
zu fesseln bemuht sein würde. Ich sagte Ihnen, daß ich deshalb [sie!] junge 
Madchen immer vermieden habe. Zweimal nur sprach ich von Liebe mit 
jungen Madchen, die mich leidenschaftlich liebten, und die in mir den Wunsch 
erweckt hatten, sie zu besitzen - und in beiden Fällen fing ich mit dem Geständ- 
nis an, daß ich sie nie heiraten würde! Außer diesen zwei Ausnahmen hielt ich 
mich nur an verheiratete Frauen, deren verzogenes Kind ich war 
wie Sie es einmal nannten, und von denen mich einige wirklich liebten." 

Von diesen Begegnungen mit verheirateten Frauen verdienen 
zwei, die mit Agnes Denis-Street und Lina Duncker durch 
die Typik ihres Verlaufes besondere Aufmerksamkeit. Beide Part- 
nerinnen, die eine zur Düsseldorfer, die andere zur Berliner Zeit 
Lassalles auftretend, sind ungewöhnliche, den Durchschnitt der 
damaligen Bürgerinnen überragende Frauen; bei beiden ist ein 
„geschädigter Dritter", ein Gatte da; bei Agnes Denis-Street 
zwar hinter den Kulissen, bei Lina Duncker aber sehr im Vorder- 
grunde stehend und mit Lassalle befreundet. Beide Beziehungen 
sind intensiv und tiefgehend; der mit Agnes Denis-Street entstammt 
ein Kind. Beide werden wesentlich durch die Gräfin, in deren 
Schatten auf die Dauer keine andere Frau zu existieren vermochte, 
gedrückt und zerrissen. Der mit ihrem Vater ein wenig abenteu- 



1*1 



emden Agnes werden von der Gräfin egoistische Motive unter- 
geben Lina Duncker gegenüber, die denn doch zu sehr Ge- 
sellschaftsdame war verhält sie sich so ablehnend und mißtrauisch 
daß Lassalle sich schließlich selbst, nach vergeblichen Auseinander-' 

Ä ££ T er Gr f\ vor die WaU zwiscW den beid » »-S 

steUt und mit Lina bricht, einen sachlichen Konflikt mit ihrem 

m nd"'^^ d r ^ »^r"^" war, zum Vorwand „eh 
r»Ü t ™d manchen anderen (verheirateten) Prauen 

Dafc istnlh !' "r^ 08 * 11 ""' 6 * I"«H.. Lab« eine Rolle. 
Dafar ist neben der Andeutung in Helene v. Doenniges' Erinnerun- 

und d eme f TT KrMkheit ". *» "« - schon 1*847 laborime 

Daß Lassafl" ^ *"" ™ m V0U ~ AUsWhe ka ™ ™ "S2 

°™ude„ haber g r s f a r- diesem g™*»«"« »^ ^o^ 

vermieden habe« darf keineswegs gefolgert werden. Mayer be- 
merkt sehr richtig, daß die Krankheit im tertiären Stadium nicht 

Td S V-r teCkend / alt ' die M ^«*^* ™» paralytischen Folgen 
und Schädigungen der Nachkommenschaft „och unbekannt war 
"£k He .'". ts P r °> ek ' e »«* einer Kur, wie sie Lassalle in Aachen 
1860 mitmachte als durchaus zulässig galten. Anders wäre ja seine 
Werbung um Sofie Sontzeff, die er während dieser Kur ke^en 
lernte, auch ganz unerklärlich. Kennen 

Lassalle ist also ein reiner Vertreter im»« I ;„1 . 

Freud in seiner Abhandiung über die SSSSSSÄ 
des Liebeslebens" geschildert hat. Aber _ un d darin 1' g 

mit gelinder Übertreibung als Lassalles SchicksaWii^l T* 
zeichnet werden könnte - er liegt im Kampfe mit sich selbst 
er strebt nach endgültiger Ablösung von der Mutter, er wirbt um 
die virgo die ihn von der übermäßig lang und übermäßig heftig 
festgehaltenen Mutter-Imago befreien soll, er will den Infantilis- 
mus, der im Verharren in der nahezu reinen Ödipus-Situation 
hegt, überwinden — und scheitert. Und dieses Scheitern ist zu- 
gleich die einzige Todesursache Lassalles, die ins Gewicht fällt 
aus diesem Versagen allein folgt mit innerer Notwendigkeit sein 
jähes und gewaltsames Ende. 

Von seiner Studentenzeit bis zu seinem Tode zieht sich eine 
Kette ernster Bemühungen um junge Mädchen, bis auf eine Aus- 
nahme mit der ausdrücklichen Absicht, sie zu heiraten. Jedesmal 
wird er abgewiesen. Das letzte Mal, als das Mädchen, um das 
er wirbt, mit der Familie, die sich der Verbindung widersetzt 
brechen und mit ihm fliehen will, versagt er und geht an den 
Folgen dieser „größten Dummheit" seines Lebens zugrunde. 



152 



' — 



Die Reihe beginnt mit seinem Berliner Studienaufenthalt: 
Einige leidenschaftliche (aber dennoch vorher sorgfältig konzi- 
pierte!) Liebesepisteln unterrichten über die vergeblichen An- 
strengungen, seine damalige Freundin, die nota bene vordem in 
engen Beziehungen zu seinem Freund und Werkzeug Arnold 
Mendelsohn gestanden hatte (abermals Liebesbedingung des ge- 
schädigten Dritten!), zur vollen Hingabe zu veranlassen. Die 
zweite, weit ernstere Abweisung holt er sich bei der scheuen 
und fremdartigen Russin Sofie Sontzeff, die er in Aachen in 
Begleitung ihres Vaters kennen lernte und an die kurz darauf 
der bereits mehrfach erwähnte „Manuskriptbrief" gerichtet wird. 
Sofies Antwort ist das Angebot „schwesterlicher Freundschaft". 
Die dritte Ablehnung erfährt er 1863/64 bei der siebzehnjährigen 
Bankierstochter Minna Lilienthal. Die letzte dieser Begegnungen 
ist die mit Helene v. Doenniges im Sommer 1864. 

Lassalles Beziehungen zu Helene v. Doenniges weisen alle 
Kennzeichen des „Romanhaften" auf und sind auch ZU eiller 
ganzen Zahl von Romanen verwertet worden. Zur Klarlegung des 
wirklichen psychologischen Tatbestandes haben die Bearbeiter 
obwohl Romanciers vom Range George Meredith' darunter waren' 
nichts beigetragen, sie haben im Gegenteil nur die widerspruchs- 
vollen Urteile der Biographen über Lassalles Ende noch mehr 
verwirrt. Und doch wird der scheinbare Widerspruch im Leben 
Lassalles, das Versagen des Mannes, der nicht müde wurde, zu ver- 
sichern: „ich hasse jede Niederlage wie den Tod", auf der Höhe 
seines Lebens verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß 
ähnliche Situationen ihm auch schon in früheren Jahren eine 
Reihe von „Niederlagen« bereitet hatten. Was den Fall der Helene 
v. Doenniges kompliziert, ist die Tatsache, daß Lassalle von dieser 
virgo (die nach heutigen Begriffen allerdings durchaus als „demi- 
vierge« zu bezeichnen wäre) nicht von vornherein abgewiesen wird, 
daß sie sich ihm anfangs an den Hals wirft, mit ihm fliehen will.' 
Aber wenn in dieser Situation in dem revolutionären Juden, der 
in der „Gesellschaft" wegen der Kassettenangelegenheit als halber 
Dieb gilt und durch den Hatzfeldt-Prozeß aufs schwerste kom- 
promittiert ist, der sich daher ohne jede Denkanstrengung sagen 
müßte, daß die erzreaktionäre, katholische Aristokratenfamilie 
ihm die Tochter, die noch dazu aus eigener Wahl mit einem 
rumänischen Bojaren verlobt ist, niemals freiwillig zur Frau geben 
wird; wenn also anläßlich der Entscheidung, die Lassalle in diesem 
Augenblick zu treffen hat, der Philister in ihm erwacht, wenn 



l $5 



er Helene, die das Schlimmste voraussagt und sein Verhalten un- 
begreifhch findet, trotz heftigen Sträubens zu ihren Eltern zurück- 

d^vZn T ^l 611 '' Sie » in Ehren " und mit Zustimmung 
der Familie heimzuführen _ dann hat Lassalle eben die Funk! 

° n des Abg«wiesenwerden8 selbst übernommen, er hat aus 
semer unlöslichen Mutterfixierung heraus neurotisch versagt. Folge- 
richtig ist dann auch der Ausgang : zunächst die Abwehr der Neurose, 
der brennende Wunsch, die „Dummheit« ungeschehen zu machen, 
sich vor sich selbst zu rehabilitieren. Die unglaublichsten und ge- 
ZwTT Z AnStre « en wer *en gemacht: durch die Gräfin 
r^ilo er w amZer / r ? iSCh ° f ' KeUeler ' ™bilisiert, durch Hans 

rium (Z vT" ^T b - ynSChe KÖn ^ tmd daS **■«■*■ Ministe " 
Sft Vate / H , 6 r lenenS war lyrischer Hofmann). Alles ver- 

E*Ä T . e - ^^etzung: Helenens Bindung an Lassalle, 
war inzwischen hinfällig geworden. Wunderbar hatte die Gräfin 
noch zu Anfang der Verwicklungen und aus der Entfernung das 

YZ™ \ ! et ;° ff r' ah SiC SChHeb: " Stehen Sie für Helene, 
dann stehe ich für den Erfolg.« 

lener^^r * eScheiteTt > nun ^hr unter Mitwirkung He- 
lenens gescheitert ist, ergibt sich ebenso folgerichtig das Ende: 
Hache oder Untergang. Lassalle fordert den Vater vor die Pistole 
Es versteht sich nach der Lage der Dinge und mußte auch von 
ihm erwartet werden, daß der Bräutigam einspringt. Der ge- 
schädigte Dritte" meldet sich: zum ersten Male. Darf man sich 
wirklich darüber wundern oder als „Zufall" deuten, daß im Duell 
zwischen dem geübten Pistolenschützen Lassalle und Janko v. Raco- 
witz, der nach Helenens Aussage am Tage vorher zum ersten 
Male eine Pistole in die Hand bekam, Lassalle fällt? Hier ver- 
wischen sich die Grenzen zwischen dem strengen psychischen 
Determinismus, der in der Theorie der Fehlhandlungen eine er- 
schöpfende Erklärung solcher Vorgänge gegeben hat, und den 
äußeren Ereignissen, deren Einwirkungsgrad auf dem Wege histori- 
scher Betrachtung nicht mehr gemessen werden kann. Aber gleich- 
viel, ob Lassalles Duell als Zweikampf oder als unbewußter Selbst- 
mord gewertet wird, fest steht, daß die Vorgeschichte des Duells eine 
einzige große neurotische Versagung darstellt. Und damit ist bewiesen, 
daß es die Unlösbarkeit der Ödipus-Formel, der psycho- 
sexuelle Infantilismus war, der Lassalles Anpassung an 
das reale Leben verhinderte, der ihn in den Tod trieb. 



154 






Sokrates und die Handwerksmeister 



von 



Prof. Dr. Heinrich Gomperz (Wien) 

In seiner Schrift „Psychologische Beobachtungen an griechischen 
Philosophen" (Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien 1924) 
versucht Prof. Gomperz Fragen, die sich auf den eigentümlichen 
philosophischen Lehrgehalt des Parmenides und des Sokrates beziehen, 
im Wege der psychologischen Ausdeutung gewisser Beobachtungen über 
die geistig-leibliche Veranlagung und Entwicklung der beiden Philo- 
sophen zu beantworten. In der Studie über Parmenides wird besonders 
die Theorie seines Lehrgedichtes über die Geschlechtsbestimmung ana- 
lysiert. Die Liebe für das „weibliche Weib", die Schilderung kleiner 
Hände und Füße, zarten Teints, niedergeschlagene Augen usw. als Kenn- 
zeichen des wahren, also des begehrenswerten Weibes, die Darstellung 
des weiblichen Geschlechtes als des geistig begabteren, und auf der 
anderen Seite die Ablehnung dieser von der Geschlechtsliebe beherrschten 
Welt als einer bloßen Ausgeburt menschlichen Wahns, fordern tatsäch- 
lich zur näheren psychologischen Betrachtung des Philosophen heraus. 
In der Studie über Sokrates wird zunächst seine Anlage, unbewußt Ge- 
dachtes wie Fremdes von außen zu vernehmen, untersucht, dann die 
Eigenarten seines Liebeslebens, die Beziehung zur Gattin, zu den 
öffentlichen Dirnen und insbesondere zu mädchenhaften Knaben 
(damit zusammenhängend auch zum Lehramte) und dann im be- 
sonderen die für die Entwicklung des leidenschaftlichen Erkenntnis- 
durstes, des Idealismus und des Unabhängigkeitsdranges bei Sokrates 
entscheidende psychisclie Einstellung zu den athenischen Handwerks- 
meistern, welche Einstellung - wie Gomperz darlegt - schließlich 
zum Untergang Sokrates' führte. Wir geben hier aus dem Buche von 
Gomperz die Stellen wieder, die die Analyse der Beziehung zu den 
Handwerksmeistern enthalten. 

Im Gedankenkreise des Sokrates nimmt der Begriff des Hand- 
werksmeisters eine eigentümlich beherrschende Stellung ein: die 
Erkenntnis des Handwerksmeisters gilt ihm als die vorbildliche 
Erkenntnis; wie dieser die Fragen seines Fachs, so sollte jeder 
Tüchtige die Fragen des Lebens, der wahre Herrscher die der 
Staatskunst überblicken; ja selbst das Verhältnis Gottes zur Welt 
weiß sich Sokrates nur an dem des Handwerksmeisters zu seinem 
Erzeugnis zu erläutern. Nun war aber Sokrates der Sohn eines 
Steinmetzen, war also selbst im Haus eines Handwerksmeisters 
aufgewachsen: daraus dürfen wir schließen, daß sich in seinem 
Erkenntnisbegriff seine Jugendeindrücke niedergeschlagen haben, 
daß ihm das Fachwissen des Handwerksmeisters darum als das 
Musterbild alles Wissens überhaupt galt, weil für die Menschen, 
die ihn in seiner Jugend umgaben, tüchtige Handwerksmeister die 



'55 



maßgebenden Autoritäten waren und weil deshalb auch er selbst 
als Kind zu solchen Handwerksmeistern voll Achtung und Ehr- 
erbietung aufgeblickt hatte. 

Allein Sokrates' Urteil über die Handwerksmeister erschöpft 
sich nicht in jener Anerkennung ihres Fachwissens. Es schließt 
auch die ebenso entschiedene Feststellung ein, daß die Handwerks- 
meister, wie sie in Athen wirklich zu finden sind, zulängliches 
Wissen nur in ihrem Fache besitzen, dagegen auf die wichtigsten 
Fragen der Lebensführung, der Staatsleitung und natürlich erst 
recht der Welteinrichtung die Antwort ebenso schuldig bleiben 
wie die übrigen Bürger und Fremden.» Das Fachwissen des Hand- 
werksmeisters ist demnach zwar für Sokrates seiner Art nach die 
vorbildliche Erkenntnis, allein ihrem vollen Umfang nach be- 
sitzen diese vorbildliche Erkenntnis seiner Meinung nach nicht 
etwa irgendwelche wirkliche Handwerksmeister, vielmehr stellt 
er diesen einen als vollkommen gedachten, kürzer: einen idealen 
Handwerksmeister entgegen, und erst dieser gilt ihm als der einzig 
wahrhaft Tüchtige, der einzig wahre Herrscher, ja in gewissem 
Sinne sogar als die einzig wahre Gottheit. An die Annahme, Sokrates 
habe als Kind zu den athenischen Handwerksmeistern ehrfürchtig 
aufgeblickt, ist daher die weitere zu fügen, er habe sich gegen den 
Druck ihrer Autorität irgendeinmal aufgebäumt, ja sich von deren 
Anerkennung endlich völlig befreit. Sokrates verhielt sich demnach 
gegen die Handwerksmeister so, wie wir alle uns oft gegen Typen 
verhalten, zu denen wir einmal aufgeblickt haben, die aber dann 
die Erwartungen, die wir auf sie gesetzt hatten, enttäuschten: wir 
„spalten" nämlich diese Typen, setzen etwa den „wahren Richter" 
den „wahren Gelehrten" den unzulänglich befundenen „wirklichen" 
Richtern und Gelehrten entgegen; jener erweist sich nun als ein 
durchaus geeigneter Gegenstand fortdauernder, von keinem Ein- 
wand mehr angefochtener Verehrung, diese dagegen werden jetzt 
durch unsere Wertschätzung des Typus gegen die Geringachtung, 
die uns dessen wirkliche Vertreter eingeflößt haben, nicht mehr 
geschützt. Und daß auch Sokrates von den wirklichen Handwerks- 
meistern, sofern er sie als Vorbilder zulänglicher Erkenntnis be- 
trachtet hatte, irgendeinmal schwer enttäuscht worden ist, darf 
aus der Art, wie er ihnen einen „idealen Handwerksmeister" ent- 
gegenstellte, mit Zuversicht geschlossen werden. Ja, da wir aus 
seiner Lebensgeschichte wissen, daß Sokrates etwa im achtzehnten 



1) PL Apol. 22 d. 
156 



Lebensjahr mit dem Naturphilosophen Archelaos umzugehen begann, 
dessen Fragestellungen über den Wissenskreis der athenischen Hand- 
werksmeister, mögen wir ihn noch so groß annehmen, ohne Zweifel 
weit hinausführen mußten, so dürfen wir sogar hinzusetzen daß 
jene Enttäuschung kaum später als eben damals eingetreten sein 
kann. 

Wir können einer Autorität entweder still und unvermerkt ent- 
wachsen oder aber sie kann sich unseren Ansprüchen gegenüber 
ein Mal über das andere als unzulänglich erweisen und so vor 
unseren Augen Stück für Stück zerbröckeln. Eine Vermutung 
darüber zu wagen, ob Sokrates in früher Jugend mit der Autorität 
der Handwerksmeister diese oder jene Erfahrung gemacht habe, 
scheint zunächst höchst vermessen : nur ein ganz besonders glück- 
licher Umstand erlaubt es uns, diese Frage nicht bloß aufzuwerfen, 
nein, sie sogar mit einer an Gewißheit grenzenden Wahrscheinlichkeit 
zu beantworten. Treffen wir nämlich bei einem Erwachsenen ein 
sonst für Kinder bezeichnendes Verhalten an, so dürfen wir doch 
mit großer Zuversicht annehmen, er werde dies Verhalten auch 
schon als Kind beobachtet und es eben seit damals beibehalten 
haben. Sokrates nun hat sein Leben damit zugebracht, mit immer 
gleichem, nie ermattendem Eifer all denen, mit denen er umging, 
Fragen vorzulegen: wer diese Fragen nicht — oder doch nicht 
ohne sich in Widersprüche zu verwickeln — beantworten konnte, 
der galt ihm als „widerlegt", seiner Unwissenheit überführt, seines' 
Anspruchs auf Autorität beraubt. Die Erwachsenen mit Fragen zu 
bestürmen, ist aber ausgesprochene Kinderart. Ich folgere, es werde 
um so mehr auch die Art des Sokrates, als er noch ein Kind war 
gewesen sein. Und da nun diesem auch noch in seinen reifen 
Jahren eme Autorität dann als entwertet galt, wenn der, dem sie 
beigelegt worden war, seine Fragen nicht zu seiner Zufriedenheit 
zu beantworten wußte, so glaube ich weiter folgern zu dürfen, 
auch schon dem jugendlichen Sokrates werde die Autorität der 
Handwerksmeister auf dieselbe Art entwertet worden sein. Mit 
anderen Worten, solange sich seine Fragen auf das Handwerk des 
einzelnen Meisters, seine Gegenstände und. Verrichtungen bezogen, 
werden dessen Antworten den jugendlichen Frager höchlich be- 
friedigt haben: eben daher wird denn auch die hohe Achtung 
rühren, die Sokrates sein Leben lang für das Fachwissen der 
Handwerksmeister erfüllt hat. Allein dies mußte sich von Grund 
aus ändern, sowie sich der Kreis der von Sokrates gestellten Fragen 
erweiterte. Piaton läßt diesen einmal selbst davon reden, Fragen 



157 



welcher Art ihn in seiner Jugend beschäftigten: 1 Wie entstehen 
die Tiere?« Mit welchem Bestandteil des Leibes denken wir? Ist 
die Erde flach oder rund? Und, wenn flach oder rund, wozu ist 
sie flach oder rund?. . . Solche Fragen konnten die Handwerks- 
meister, die Sokrates in seiner Jugend umgaben — der Steinmetz 
Sophroniskos, seine Verwandten und Freunde — unmöglich be- 
antworten; noch weniger freilich die Fragen, die Sokrates später 
mit Vorliebe aufwarf, vielleicht aber doch auch schon früh gestellt 
hat: Was ist das gemeinsame Wesen alles Guten, Anständigen, 
Gerechten . . .? Und eben ihr Unvermögen, diese Fragen zu lösen, 
wird ihre Autorität in den Augen des jugendlichen Sokrates ent- 
wertet und diesen veranlaßt haben, ihnen als den wirklichen, 
jedoch unzulänglichen Handwerksmeistern einen als vollkommen 
gedachten, idealen Handwerksmeister entgegenzusetzen. 

Wirklich hat sich ja Sokrates mit siebzehn Jahren dem Natur- 
philosophen Archelaos angeschlossen und ohne Zweifel zunächst 
in diesem zulängliches Wissen verkörpert zu finden, den wahren 
„Meister" zu sehen geglaubt. Vermochte ihn doch Archelaos nicht 
nur über die Entstehung der Tiere, das Denkorgan, die Gestalt 
der Erde und noch vieles andere dergleichen, vielmehr auch über 
den Ursprung von Recht und Staat zu belehren. Beider Verhältnis 
war denn auch ein langdauerndes und inniges.» Endlich aber scheint 
Sokrates doch auch den Archelaos „überfragt" zu haben, und zwar 
vermutlich um so unverkennbarer, je entschiedener die Fragen 
nach dem gemeinsamen Wesen alles Guten, Anständigen, Gerechten 
sein Denken beherrschten: hätte Archelaos diese Fragen selbst zu 
beantworten gewußt, so wäre ja er der Begründer der wissenschaft- 
lichen Sittenlehre geworden! Auch er also konnte dem Sokrates 
nicht dauernd die wahre Autorität, den wahren „Meister" be- 
deuten. Und die Erfahrung, die Sokrates an den Handwerksmeistern 

1) Phaedo 96 äff. 

2) Gemeint ist die Frage der Urzeugung. Piatons Worte lauten in Apelts 
Übertragung: ... . . ob, wenn das Warme und Kalte in Fäulnis gerät, wirklich 
Lebewesen entstehen, wie Einige behaupten . . . ? u . 

3) Auf Seiten des älteren Freundes wird ihm eine gewisse leidenschaftliche 
Färbung wohl nicht gemangelt haben. Wirkte indes wirklich, wie wir ver- 
muten, in Sokrates eine anerzogene Mißachtung körperlicher Knabenliebe 
dauernd nach, so wird er solcher Leidenschaft wohl von Anfang an gewisse 
Schranken gesetzt haben: manche Eigentümlichkeit seiner Lebensweise, die 
weder als Mittel zur Übung im Entbehren noch als solches der Willensstählung 
unbedingt gefordert scheint, wie etwa das seltene Baden und Haar schneiden, 
sieht ganz so aus, als stammte sie aus einer Zeit, da es Sokrates willkommen 
war, reiferen Männern nicht allzu anziehend zu erscheinen. 

158 






und nun auch an Archelaos gemacht hatte, sie wiederholt sich 
ihm nun noch unzählige Male im Umgang mit all den Männern, 
die auf irgendeinem Gebiet für hervorragend galten; denn auch er 
selbst wiederholte ihnen allen gegenüber das Verfahren, das ihm 
seit seiner Kindheit geläufig war: er legte ihnen Fragen vor und 
beurteilte ihr Wissen, ihren Geltungsanspruch, ihre „Meisterschalt" 
nach den Antworten, die sie auf diese Frage erteilten; da aber fand 
sich's regelmäßig, daß sie zwar auf einem Sondergebiet zulängliches 
Wissen besaßen, andere Fragen dagegen, besonders die dem Sokrates 
vor allem am Herzen liegenden nach dem Wesen des Guten, An- 
ständigen und Rechten nicht widerspruchslos und befriedigend zu 
beantworten vermochten. Alle blieben sie vielmehr dem Sokrates die 
erbetene Belehrung schuldig: wie hätte er ihnen da wahre Autorität 
zubilligen, sie als wahre „Meister" anerkennen können? 1 

Als der einzig wahre Meister galt ihm vielmehr jetzt Gott; 
die das All zweckgemäß einrichtende und leitende Vernunft. Die 
Vorstellung solch einer göttlichen Vernunft mag ihm Archelaos 
vermittelt haben; daß sie in seinem Bewußtsein etwa die Stelle 
einnahm, die dereinst die Autoritäten seiner Jugend, die Männer, 
die in seinem Elternhause für weise galten, innegehabt hatten, daß 
also der Mann Sokrates der Gottheit innerlich etwa so gegen- 
überstand, wie einst der Knabe Sokrates den weisen Handwerks- 
meistern gegenübergestanden hatte — dies dürfen wir mit ziem- 
licher Sicherheit aus zwei Umständen schließen. Er selbst ver- 
gleicht diese Gottheit einem „weisen und liebevollen Handwerks- 
meister" und die kurzen Verbote, die er von Zeit zu Zeit hörte 
und auf Gott zurückfühlte, scheinen durchwegs von der Art ge- 
wesen zu sein, wie sie ältere Leute einem kleinen Buben zuzurufen 
pflegen; nach Piatons Andeutungen mögen sie etwa gelautet haben: 
„Bleib' stehen! Sitzen bleiben! Halt's Maul!"; auch das einzige 
göttliche Gebot, das Sokrates, soviel wir wissen, (im Traum) ver- 
nahm, ist von ganz derselben Art: „Sokrates, mach' Musik und 
sei fleißig!" Wo Sokrates seinem Gott gegenübersteht, fühlt er 
sich durchaus als Kind. 2 



1) Daß Sokrates ein solches Gespräch belehrungsdurstig wie ein Kind be- 
ginnt, um in seinem Verlauf immer unverkennbarer den Meister des Wider- 
spruchs, der Widerlegung hervorzukehren, ward seinen Zeitgenossen einer der 
wichtigsten Anlässe, mit einem gewissen, freilich nur teilweisen Recht von 
„sokratischer Ironie" zu sprechen. 

2) Hier darf auch daran erinnert werden, daß Sokrates beim Lesen und 
Schreiben wie ein Kind gestammelt haben soll. 



159 



Die entscheidende Bedeutung seines Gottesglaubens für Sokrates' 
Lebensgestaltung ist indes erst darin zu erblicken, daß dieser 
Glaube es ihm gestattete, sein Verlangen nach Unterordnung unter 
eine Autorität mit seinem Unabhängigkeitsdrang zu versöhnen. 
Der Widerstreit dieser beiden Bedürfnisse kehrt ja wohl in irgend- 
einem Grad bei jedem Menschen wieder. Ein großer Teil des 
Reizes, den die Erinnerung an die Kinderzeit auf die meisten von 
uns ausübt, beruht darauf, daß dies eine Zeit war, da noch andere 
für uns dachten, sorgten und handelten, auf die wir uns verlassen, 
in deren Hut wir uns geborgen fühlen durften. So oft es in 
unserem späteren Leben scheint, dieses Verhältnis könnte sich, 
wenn auch in abgeänderten Formen, wiederherstellen, es biete sich 
uns ein Erzieher oder Lehrer, ein Vorgesetzter, ein Parteiführer 
oder ein Herrscher, ein Genius, ein Prophet oder eine Gottheit dar, 
denen wir nur zu folgen brauchten, auf die wir uns bedingungslos 
verlassen dürften, begrüßen wir, sofern sich keine Gegenwirkung 
fühlbar macht, diese Aussicht mit inniger Befriedigung. Und daß 
auch Sokrates so empfand, geht daraus hervor, daß sich ja sein 
ganzes Leben als ein Suchen nach dem „wahrhaft Wissenden", 
dem „wahren Meister" begreifen und darstellen läßt. Allein wenn 
die Erwachsenen dem Kind Sorge und Verantwortung für seine 
Entscheidungen abnehmen, so treten sie dafür doch auch der Er- 
füllung seiner Wünsche, der Befriedigung seiner Neigungen vielfach 
hemmend in den Weg. Daher es denn natürlich, ja notwendig ist, 
daß in dem Kinde die Sehnsucht nach ungehemmter Selbstbetätigung, 
völliger Selbständigkeit, schrankenloser Unabhängigkeit erwacht. 
Und daß dies Streben nach voller, bedingungsloser Unabhängigkeit 
auch in Sokrates, und zwar in ungemeinem Maße lebendig war, 
erhellt unzweideutig aus seiner unermüdlich wiederholten Forderung, 
die Jugend zu freien Herrennaturen zu erziehen, gewöhnt, lieber 
alle Entbehrungen auf sich zu nehmen als sich in irgendwelche 
Unfreiheit, irgendwelche Abhängigkeit von Menschen oder Ver- 
hältnissen zu fügen, eher auf jeden Genuß zu verzichten als auch 
nur ein Teilchen der eigenen Unabhängigkeit, der eigenen Selbst- 
bestimmungpreiszugeben —und erhellt vielleicht noch entschiedener 
daraus, daß auch Sokrates selbst dieser Forderung nachgelebt, sie 
in Leben und Sterben beispielgebend erfüllt hat. Diese beiden Ur- 
neigungen des menschlichen Herzens geraten nun aber, sobald sie 
über einen gewissen Stärkegrad hinaus anwachsen, notwendig in 
Streit: wer zu voller Unabhängigkeit durchdringen will, muß 
darauf verzichten, sich einer höheren Autorität anzuvertrauen und 



160 



I 



■ • 

i 



sich im Vertrauen auf sie vor jeder Fährlichkeit behütet zu fühlen ; 
wer hierauf nicht verzichten kann, muß irgendeine Autorität über 
sich stellen, gegen die gehalten er dann selbst als ein unselbständiges 
Wesen von beschränkter Wirkungsmöglichkeit erscheint. Sokrates 
nun gehörte zu jenen Menschen, die diesen Streit so schlichten, 
daß sie eine übernatürliche Autorität unbedingt anerkennen, 
sich ihr völlig unterwerfen, eben hiedurch aber in den Stand ge- 
setzt werden, allen natürlichen Widerständen Trotz zu bieten, 
im Vertrauen auf den Schutz der Gottheit sich von allen irdischen 
Mächten unabhängig zu fühlen. Dies haben in den verschiedensten 
Zeiten viele mit sehr ungleichem Ergebnis versucht; Sokrates ist 
es mit ganz besonderem Erfolge gelungen; er war fest davon 
überzeugt, daß Gott über ihm wache, ihn weise und fürsorglich 
leite, und diese Überzeugung hat ihm jene furchtlose Ruhe ver- 
liehen, die ihn allen äußeren Gefahren gegenüber beseelte, hat ihm 
das Gefühl völliger Unabhängigkeit vom Schicksal geschenkt. 

Voraussetzung war dabei für Sokrates freilich auch eine eigen- 
tümliche Geisteshaltung, die ihm mit vielen anderen Größen 
der Geistes- und besonders der Religionsgeschichte gemein ist. 
Schwerlich hätte die Gottheit für ihn diese lebensbestimmende, 
diese Wirklichkeitsbedeutung gewinnen und behaupten können, 
wäre sie für ihn Gegenstand bloßen Glaubens geblieben, ihm 
nicht in voller Sinnfälligkeit entgegengetreten: er war überzeugt, 
ihre Stimme selbst zu hören, die Äußerungen ihrer Fürsorge für 
ihn und seine Freunde unmittelbar zu vernehmen. Das heißt 
aber: er trug das Idealbild des „wahren Meisters", einer höchsten 
Weisheit, unbewußt in sich und da es nun in sein Bewußtsein 
eindrang, erschien es ihm als ein wirklich außer ihm Befind- 
liches, an das er sich halten konnte mit der vollen Kraft des 
wirklichen Lebens. Daß nun mit dieser vollsten Lebendigkeit nur 
solche Erzeugnisse unseres Geistes auf uns wirken, die wir nicht 
als Erzeugnisse unseres eigenen Geistes erkennen, die wir viel- 
mehr außer uns setzen als ein von uns unabhängiges Wirkliches, 
um nicht zu sagen Leibhaftiges, dies ist eine Grunderscheinung der 
Religionsgeschichte; diese so eigentümlich-folgenreiche Geistes- 
haltung aber einigermaßen aufzuklären, vor allem ihr Verhältnis 
zu den Wahngebilden zu bestimmen, die ja der Geisteskranke 
nicht minder „außer sich" setzt, dies wäre wohl eine der drin- 
gendsten Forderungen an eine nervenärztliche Seelenkunde. 

Fassen wir das in einer zweiten Gruppe von Beobachtungen 
bisher Festgestellte zusammen, so hat sich ergeben: Sokrates hat 

" 161 



in früher Jugend zu tüchtigen Handwerksmeistern als höchsten 
Autoritäten aufgeblickt, ist aber dann, da sie seine über ihr 
Fachgebiet hinausgreifenden Fragen nicht zu seiner Zufriedenheit 
beantworten konnten, an ihrer Autorität irre geworden und hat 
ihnen das Ideal eines wahren, d. h. wahrhaft weisen Handwerks- 
meisters entgegengesetzt; dieses aber fand er nicht unter Men- 
schen verwirklicht, vielmehr einzig in der die Welt weise ein- 
richtenden und leitenden Gottheit verkörpert, und indem er diese 
als höchste Autorität anerkannte, fand er in ihr zugleich den 
Stützpunkt, der ihn in den Stand setzte, allem Irdischen gegen- 
über seinen mächtigen Unabhängigkeitsdrang zur Geltung zu 
bringen. Und blicken wir mm von hier aus auf das zurück, was 
wir in einer ersten Gruppe von Beobachtungen über Sokrates' 
Stellung zu seinem gleichgeschlechtlichen Triebe festgestellt 
hatten, so werden wir einer engen Wechselbeziehung des dort 
und des nun hier Beobachteten gewahr. Sokrates selbst hatte ja 
als den Hauptgrund, aus dem er für sich wie seine Jünger die 
sinnliche Knabenliebe grundsätzlich ablehnte, die Unfreiheit 
bezeichnet, in die durch sie der Liebhaber dem Geliebten gegen- 
über gerate. Da sich der Trieb nach Unabhängigkeit von allem 
Äußeren als einer der Grundtriebe des Sokrates erwiesen hat, so 
bestätigt sich nun, was wir schon damals mutmaßen konnten: 
daß jene von Sokrates selbst gegebene Begründung durchaus ernst 
zu nehmen ist und, können wir sie auch nicht als ausreichenden 
psychologischen Erklärungsgrund für Sokrates' Herrwerden über 
die sinnliche Knabenliebe gelten lassen, doch zu diesem Ergebnis 
ohne Zweifel wesentlich beigetragen haben wird. Anderseits aber 
ist auch innere Unabhängigkeit vom Schicksal dort undenkbar, 
wo ein Mensch von einem Drange beherrscht wird, über dessen 
Befriedigung oder Nichtbefriedigung eben dies Schicksal ent- 
scheidet. Folglich hätte Sokrates seinem Drang nach Unabhängig- 
keit von allem Äußeren überhaupt nicht zum Durchbruch ver- 
helfen können, hätte er nicht die sinnliche Knabenliebe in sich 
unterdrückt, sie zu einem rein seelischen Erziehungseif er empor- 
geläutert. Er selbst hat es ausgesprochen: Freiheit ist unmöglich 
ohne Selbstbeherrschung. 1 Sokrates war also durchaus folgerecht, 
wenn er in seiner Lehre die Forderung nach Selbstbeherrschung 
mit der nach innerer Freiheit verknüpfte, und auch in seinem 
eigenen Leben vermochte er dieser zweiten Forderung nur darum 

i) Xen. Erinn. IV 5, 2 bis 5. 
162 






* 



Genüge zu tun, weil er auch jene erste erfüllte. War es, wie wir 
vermuteten, zuletzt wirklich die Abhängigkeit von der Empfin- 
dungsweise seines Elternhauses, die ihm die Bezwingung des 
heftigsten seiner körperlichen Triebe ermöglichte, dann hat ihm 
diese Abhängigkeit eben damit zugleich auch zur Erringung 
eines Höchstmaßes innerer Unabhängigkeit verholfen! 

Ich habe bisher Sokrates' Drang nach Unabhängigkeit und 
seine Auflehnung gegen die Autorität der Handwerksmeister, 
überhaupt der nicht wahrhaft Sachverständigen als zwei vonein- 
ander unabhängige Erscheinungen besprochen. Und das sind sie 
ja auch wirklich, sofern wir nämlich voraussetzen dürfen, Sokrates 
habe seine Fragen zu allen Zeiten seines Lebens aus bloßer Wiß- 
begierde gestellt; daß ihm die Autorität der Befragten, wenn sie, 
wie gewöhnlich, die gestellten Fragen nicht zufriedenstellend be- 
antworten konnten, in Nichts zusammenbrach, ist dann ein voll- 
kommen unbeabsichtigter Nebenerfolg gewesen. Daneben wäre 
indes doch auch eine andere Auffassung denkbar. Es könnte sein, 
daß Sokrates' Unabhängigkeitsdrang von früh auf der dauernden 
Anerkennung jeder menschlichen Autorität widerstrebt, und daß 
er mit seinen beständigen Fragen auch die Absicht verfolgt 
hätte, die Befragten in Verlegenheit zu bringen, in seinen eigenen 
Augen wie auch in denen etwaiger Zuhörer ihre Autorität zu 
untergraben, zu entwerten. Jedenfalls wäre eine derartige Ab- 
sicht auch schon bei einem Kind durchaus nichts Unerhörtes 
oder auch nur Ungewöhnliches. So wie die Erwachsenen vielfach 
der Erfüllung der Wünsche des Kindes im Wege stehen, so vor 
allem auch seinem angeborenen Streben nach Ansehen und Gel- 
tung, seinem Verlangen, sich vor allen andern hervorzutun, neben 
ihnen als der Überlegene, der Erste zu erscheinen; denn dieses 
Verlangen ist wohl jedem vernünftigen, zum Leben unter Ge- 
nossen bestimmten Wesen von Natur aus eigen. Ist nun anzu- 
nehmen, daß diese Neigung zur Auflehnung gegen die Autorität 
als solche auch in Sokrates besonders entwickelt war, daß er den 
wirklichen Handwerksmeistern den idealen Handwerksmeister 
nicht nur darum entgegenstellte, weil sie seinen Wissensdrang 
enttäuschten, vielmehr auch darum, weil sie seinem Selbständig- 
keitsdrang im Wege waren, ja hat er vielleicht bald auch die 
Fragen, die er ihnen vorlegte, so gewählt, daß jene Enttäuschung 
nicht wohl ausbleiben konnte? Auf die frühe Jugend des Sokrates 
bezogen, überschreitet diese Frage natürlich den Umkreis dessen, 
was wir noch heute durch Beobachtungen an überlieferten Nach- 

163 



richten mit einer gewissen Zuversicht feststellen dürfen. Allein 
an den uns erhaltenen Fragestellungen des Sokrates in den Jahren 
seiner Reife ist das Streben nach geistiger Niederringung des 
Mitunterredners, nach Vernichtung seines Geltungsanspruchs un- 
verkennbar, die Fassung und Aneinanderreihung der Fragen dient 
noch mehr der Widerlegung des Befragten als der Belehrung des 
Fragenden, die Fragekunst des Sokrates ist hier vorwiegend 
Widerlegungskunst, ja sie nähert sich oft genug der Streitkunst. 
Und hiezu tritt nun noch die Scharfe, mit der Sokrates jede an- 
gemaßte Geltung kekämpft, zur Nichtachtung aller Väter, Lehrer, 
Herrscher, Gesetzgeber, die sich nicht über zulängliches Wissen 
ausweisen können, aufreizt. All das nun schließt sich mir zu 
einer so einheitlichen und geschlossenen Eigenart zusammen und 
stimmt so gut zu dem doch offenbar tief im Wesen des Sokrates 
wurzelnden Freiheits- und Unabhängigkeitsdrang, daß ich die 
Vermutung nicht abweisen kann, die vorhin aufgeworfene Frage 
sei zu bejahen: wenn Sokrates weder den Handwerksmeistern 
noch irgendwelchen andern hervorragenden Männern eine wahr- 
haft zulängliche Erkenntnis zubilligte, so wird das wahrscheinlich 
nicht nur darum geschehen sein, weil sie seine Wißbegierde 
nicht endgültig zu befriedigen vermochten, vielmehr vor allem 
auch darum, weil sein Freiheits- und Unabhängigkeitsdurst sich 
bei der Anerkennung einer höchsten menschlichen Autorität nicht 
dauernd beruhigen konnte! 

Endlich drängt sich mir hier noch eine letzte Frage auf. Be- 
müht, dem halbwegs Sichern oder doch überwiegend Wahrschein- 
lichen vor dem bloß Möglichen und nicht Unwahrscheinlichen 
den Vortritt zu lassen, habe ich von jenen Handwerksmeistern, 
deren Autorität Sokrates in früher Jugend irgendeinmal feststand, 
gegen die er sich aber dann, wie wir vermuteten, später aufge- 
lehnt hat, bisher nur ganz allgemein und unbestimmt gesprochen. 
Es hegt aber außerordentlich nahe, bei diesen ganz vorzugs- 
weise an einen bestimmten Handwerksmeister, den Steinmetzen 
Sophroniskos, Sokrates' Vater, zu denken. Dürfte doch Sokrates 
die entscheidenden Erfahrungen von dem Betrieb eines Hand- 
werks, dem Wissen des Meisters um die Regeln und Bedin- 
gungen seiner Kunst, seiner Eignung zur Beantwortung der ihm 
hierüber gestellten Fragen, seiner geringeren Eignung zur Be- 
antwortung anderer Fragen vermutlich früher und Öfter in der 
väterlichen Werkstatt als in der irgendeines Verwandten oder 
Freundes seines Vaters gemacht haben. Auch berichtet uns ein 



164 



• 



nicht unglaubwürdiger Zeuge, 1 Sokrates habe „unablässig das 
Steinmetzhandwerk seines Vaters und den Hebammenberuf seiner 
Mutter im Mund geführt", woraus sich immerhin schließen ließe, 
gerade sein Vater sei ihm als typischer Vertreter des Handwerker- 
berufes erschienen. Wir dürften uns dann vorstellen, Sokrates 
habe als Kind nicht zu irgendwelchen beliebigen Handwerkern 
aufgeblickt, später aber ihre Autorität bestritten, vielmehr er 
habe zuerst unbedingt an seinen eigenen Vater geglaubt, dann 
aber sich gegen ihn aufgelehnt, 2 und er habe diesem wirklichen 
Vater das Idealbild nicht nur des „wahren Handwerksmeisters", 
vielmehr auch des „wahren Vaters" entgegengesetzt, dieses aber 
auf die Dauer in keinem anderen Menschen, vielmehr einzig in 

r) Menedcm aus Pyrrha bei Porphyr, Gesch. d. Philos. Frg. 71 Nauck. 
Auch wenn dieser bei seiner Bemerkung nur die Gewohnheiten des Sokrates 
in den (uns zum größten Teil verlorenen) Gesprächen der ältesten Sokratiker 
im Auge hatte, kommt seinem Zeugnis für uns doch ein gewisser Wert zu. 

2) Nehmen wir an, auch schon die Fragen, die Sokrates seinem Vater 
stellte, seien ihm (wenigstens teilweise und von einem gewissen Zeitpunkt an) 
von einer Neigung, sich gegen diesen aufzulehnen, eingegeben worden, so 
kann gefragt werden: woher mag ein solcher Wille zur Auflehnung gegen 
den Vater zuletzt entsprungen sein? Der Psychoanalytiker denkt in einem 
Falle dieser Art zuerst an eine Nebenbuhlerschaft um die Gunst der Mutter. 
Daß diese die notwendige Bedingung solchen Auflehnungswillens sei, kann 
ich nicht glauben. Denn es scheint mir: wenn es natürlich ist, daß der Sohn 
zum Vater aufblickt, der so viel größer und mächtiger ist als er, ihm Befehle 
erteilt, ihn belohnt und bestraft, so ist es nicht minder natürlich, daß er sich 
gegen diesen selben Vater doch auch wieder aufbäumt, der seine Wünsche so 
vielfach durchkreuzt, seinem Ehrgeiz, als der Erste und Wichtigste zu gelten, 
jeden Augenblick im "Weg steht. Oft mag es sich dann auch ganz besonders 
um ein Gelten in den Augen der Mutter handeln. Und dafür, daß es sich so 
auch bei Sokrates verhalten habe, läßt sich wirklich einiges wenige, jedoch 
gewiß nichts Entscheidendes anführen. Sokrates bezeichnet bei Piaton seine 
Mutter als „sehr tüchtige und ansehnliche" Geburtshelferin (n&Xa vewalag xe 
xal ßXoa-UQäc,, Theaet. 149 a) — mit einem Ausdruck, den er anderswo auf 
Krieger anwendet (Staat VII, 535b): es wäre denkbar, daß darin ein Hinweis 
auf ihre etwas männliche Veranlagung läge, die wieder auf seine Vorliebe 
für männlich veranlagte und erzogene Frauen von Einfluß gewesen .«ein 
könnte. Er setzt sich ebendort mit Phainarete insofern eins, als er seine Ge- 
wohnheit, durch Fragen die Gedanken junger Leute ans Licht zu bringen, 
mit ihrer geburtshilflichen und seine Neigung, sie mit geeigneten Lehrern in 
Verbindung zu setzen, mit ihrer ehestiftenden Tätigkeit vergleicht. Er gibt 
endlich, wie wir hörten, für das Verbot der Blutschande zwischen Eltern und 
Kindern eine Begründung, die allein auf die Beziehung von Mutter und Sohn, 
dagegen gar nicht auf die von Vater und Tochter paßt — woraus man viel- 
leicht immerhin schließen dürfte, der Gedanke an einen Inzest der ersteren 
Art habe seinem Vorstellungskreis näher gelegen als der an einen solchen der 
zweiten. 



165 






• 



Gott verwirklicht gefunden. 1 Und so dürften wir weiterhin in 
dem Streit zwischen dem Auf blick zum Vater und der Aufleh- 
nung gegen ihn gleichsam den Urkeim zu all den seelischen 
Kämpfen in Sokrates' Innerem erkennen, durch die er ein großer 
Mensch und überdies ein großer Ethiker geworden ist: von hier 
aus wäre sein lebenslanges Fahnden nach dem wahrhaft Wissen- 
den wie seine schroffe Nichtachtung aller bloß überlieferten und 
angemaßten Autorität zu verstehen (er hätte eben nie aufgehört, den 
wahren Vater zu suchen, aber auch nie, sich gegen jede wirkliche 
Verkörperung dieses Idealbildes aufzulehnen), sein unbedingtes Ver- 
trauen auf die Stimme Gottes neben seinem schrankenlosen Freiheits- 
drang, endlich die §elbstbezwingung, die ihn zum Herrn über die, 
wie wir annehmen dürfen, vom Vater verpönte sinnliche Knaben- 
liebe gemacht hat! Und für diese Auffassung läßt sich anführen, 
daß ja solch eine gegensätzliche Einstellung zu den"„Vätern" sich 
auch in seiner Lehre wirklich findet. Stellt es doch diese einer- 
seits als ungeschriebenes, göttliches Gesetz hin, die Eltern zu ehren, 
verpflichtet aber anderseits die jungen Leute zum Gehorsam gegen 
ihre Väter nur dann, wenn diese auch durch richtige Einsicht zum 
Befehlen befähigt sind, da andernfalls der Gehorsam nicht ihnen, 
vielmehr ausschließlich dem Einsichtigen, dem „wahren" Erzieher 
und Vater gebühre! . . . Alles das bietet nun aber dem Historiker 
doch keinen vollen Ersatz dafür, daß uns über Sokrates' Ver- 
hältnis zu seinem Vater keine einzige glaubwürdige Nachricht 
unterrichtet, und so wird er den eben umrissenen Sachverhalt 
doch wohl mehr nur als eine anziehende Möglichkeit, denn als 
gesichertes Forschungsergebnis hinzustellen wagen. 

Übrigens bleibt mit der Frage des persönlichen Verhältnisses 
des Sokrates zu seinem Vater Sophroniskos doch nicht das zum 
Verständnis seiner Lehre und Wirksamkeit eigentlich Wichtige 
in der Schwebe. Denn unzweifelhaft ist, daß in Sokrates ein Ver- 
langen nach Unterordnung unter eine Autorität mit dem Drang 
zu völliger Unabhängigkeit zusammenbestand; daß er jene Unter- 
ordnung dem als vollkommen gedachten „wahren Meister" gegen- 
über zu vollziehen bereit war und sie dem göttlichen „Meister" 
gegenüber wirklich vollzogen hat, diese Unabhängigkeit dagegen 
allen nicht auf Einsicht beruhenden, bloß überlieferten, ange- 



l) Die Vorstellung eines göttlichen Vaters hätte auch im Altertum durch- 
aus nichts Erstaunliches; heißt doch Zeus schon bei Homer der „Vater der 
Götter und Menschen". 



166 






maßten Autoritäten gegenüber schroff zur Geltung brachte, die 
Jugend zu ihrer aller Nichtachtung aufrief. Unzweifelhaft ist aber 
auch, daß zu diesen von Sokrates nur unter der Bedingung ihrer 
Einsichtigkeit anerkannten Autoritäten wie die des Herrschers 
und Gesetzgebers, so auch die des Vaters und Erziehers zählte, 
und daß er die Jünglinge dazu ermunterte, in Fragen der Er- 
ziehung statt ihren uneinsichtigen Vätern lieber ihm selbst als 
dem „wahren" Erzieher zu gehorchen, 1 und seine Jünger bezeug- 
ten's uns mit ihren eigenen Worten, daß sie den Sokrates geradezu 
als ihren „Vater" empfanden! Unzweifelhaft ist aber endlich auch 
dies, daß Sokrates' rücksichtslose Nichtachtung aller bloß über- 
lieferten Autorität in Familie, Staat und Religion, insbesondere 
aber der väterlichen, sich endlich gegen ihn gekehrt, ihm den 
Untergang bereitet hat. Die athenischen Jünglinge, die sich dem 
Sokrates wie seine Söhne anschlössen, wurden hiedurch zugleich 
ihrem angestammten Vaterhaus entfremdet, und ihre Väter emp- 
fanden's ganz mit Recht, daß der Angriff, der da gegen sie geschah, 
ebensowohl jede andere Art überlieferten Geltungsanspruchs traf. 
Der Rache dieser Väter aber, von denen sich so ihre Söhne ab- 
wandten, ist Sokrates zum Opfer gefallen: 2 sie waren keineswegs 



1) Vgl. H. v. Arnim, Xenophons Memorabilien und Apologie des Sokrates 
(Kgl. dän. Ges. d. Wiss., Historisch-philolog. Mitteilungen VIII, i, 1923), S. 92. 

2) Piaton beruft sich zur Verteidigung des Sokrates darauf, daß die Väter 
und Brüder seiner hauptsächlichen Jünger vor Gericht nicht gegen ihn Zeugnis 
abgelegt hätten (Apol. 33 d bis 34b); doch zeugten sie selbst nach seiner Dar- 
stellung auch nicht für ihnf: er will damit den Eindruck erwecken, als hätten 
die Verwandten der Sokrates-Jünger dessen Einfluß auf diese allesamt oder 
doch in ihrer Mehrheit als einen günstigen beurteilt Daß auch eine solche 
Beurteilung stattfand, sei nicht bezweifelt; wäre sie die Regel gewesen, so war' 
es ein Wunder zu nennen, wenn anders Xenophon — und daran ist nicht zu 
zweifeln — Sokrates» Äußerungen über das Verhältnis von Vätern und Söhnen 
richtig wiedergibt (Erinn. I 2, 49 bis 55; Apol. 20 bis 21; vgl. oben Anm. i). 
Übrigens kennen wir einen Fall, in dem sich ein Vater über des Sokrates 
Verhalten höchlich entrüstete, und gerade dieser Fall soll seinen Untergang 
mitverursacht haben. Xenophon nämlich erzählt (Apol. 29 bis 31 und auch 
Piaton scheint Meno 95 a auf dieselben Vorgänge anzuspielen), Anytos sei gegen 
Sokrates besonders dadurch aufgebracht worden, daß dieser sich in die Erzie- 
hung zu mischen suchte, die Anytos seinem Sohne angedeihen ließ: Sokrates 
habe den jungen Mann der väterlichen Gerberei abwendig machen und ihn 
für Fragen höherer Art einnehmen wollen, der Alte aber sei dem entgegen- 
getreten und habe auch seinen Willen durchgesetzt; hievon sei ihm indes eine 
lebhafte Gereiztheit gegen Sokrates zurückgeblieben, und von dieser beherrscht, 
habe er später die Anklage gegen den Philosophen angezettelt. — Der Sohn 
des Anytos war übrigens besonderer Bemühungen kaum würdig: nach Xeno- 
phons Bericht hat er bald nach dem Tode des Sokrates als Säufer geendet. 

167 



im Unrecht, wenn sie ihm schuld gaben, er lehre die jungen 
Athener die überlieferten Götter mißachten und eine neue Gott- 
heit verehren, er reize sie gegen die bestehende Staatsordnung 
auf, indem er an Stelle der erlosten und erwählten Beamten allein 
den „Meister der Politik" als „wahren Herrscher" gelten lasse, 
und er untergrabe die Autorität aller Eltern, indem er die Jüng- 
linge dazu bewege, in Fragen der Erziehung zuletzt nicht diesen 
zu gehorchen, vielmehr ihm selbst als dem „wahren", weil allein 
sachkundigen „Meister der Erziehung"! 

Ich versuche nun, das hier über die seelischen Kräfte, die 
Sokrates bewegten, Ermittelte, ergänzt durch einige Vermutungen 
über denselben Gegenstand, zusammenzustellen. Eigentümlich zu- 
nächst war ihm danach eine leiblich-geistige Anlage, die ihn 
erstens von ihm selbst unbewußt Gedachtes wie Fremdes von 
außen vernehmen und zweitens seine Liebesfähigkeit noch mehr 
als knabenhaften Frauen mädchenhaften Knaben zuwenden ließ 
(ob diese beiden Anlagen im strengen Sinne angeboren oder selbst 
schon erworben, und ob sie voneinander durchaus unabhängig 
waren, kann dabei unbestimmt bleiben). In früher Jugend müssen 
ihm dann die athenischen Handwerksmeister, die Berufsgenossen 
seines Vaters, vielleicht vor allem dieser Vater selbst, als hohe 
Vorbilder zulänglichen Wissens vor Augen gestanden haben. Allein 
da er sie nun mit immer weiter ausgreifenden Fragen bestürmte 
— vermutlich sehr bald schon nicht mehr aus bloßer Wißbegierde, 
vielmehr weil sich sein Selbständigkeitsdrang schon damals gegen 
die vorbehaltslose Anerkennung ihrer Überlegenheit aufgelehnt 
hat, - mußten sie ihm immer häufiger die Antwort schuldig 
bleiben. Damit aber hörten sie nun auf, ihm die höchsten Auto- 
ritäten zu sein, und er erkannte als solche an Stelle der wirk- 
lichen Handwerksmeister ideale Handwerksmeister an, die er mit 
wahrhaft zulänglichem Wissen begabt dachte; vielleicht galt ihm 
dann auch sein Vater seines unzulänglichen Wissens wegen bald 
nicht mehr als „wahrer" Vater, indem für ihn der ideale Hand- 
werksmeister auch die Stelle eines idealen Vaters einzunehmen 
begann. Als ein solcher wahrer, weil mit zulänglichem Wissen 
ausgestatteter Meister und vielleicht auch Vater mag ihm eine 
Zeitlang Archelaos gegolten haben. Im ganzen aber läßt sich das 
Leben des Sokrates als ein vergebliches Suchen räch diesem 
wahren Meister verstehen: jedem Manne, der irgendwie hervor- 
ragte, mit einem gewissen Geltungsanspruch auftrat, legte er seine 
Fragen vor und sobald dieser sie nicht zufriedenstellend beant- 

168 



5 



wortete, war damit in den Augen des Sokrates sein Geltungs- 
anspruch vernichtet, bewiesen, daß auch dieser Mitunterredner 
kein wahrer Meister sei. Wir glaubten mutmaßen zu dürfen, daß 
solche Erlebnisse für Sokrates nicht bloß eine Enttäuschung be- 
deuteten, daß es seinem Unabhängigkeitsdrang schwer gefallen 
wäre, einen anderen Menschen als wahren Meister anzuerkennen 
und daß er daher — zumindest in seinen reiferen Jahren — seint 
Fragen von vornherein darauf anlegte, mit ihnen den Geltungs- 
anspruch des Befragten zu vernichten. Im Gegensatz zu dieser 
allgemeinen Unzulänglichkeit aller menschlichen Meister erschien 
Sokrates als der eine wahre Meister der Verfertiger der Welt: 
die göttliche Vernunft; diesen Wellmeister empfand er als höchste 
Autorität, als seinen höchsten Schutzherrn, vielleicht geradezu als 
seinen wahren Vater, auf ihn führte er auch die kurz verbietenden 
Stimmen zurück, die er von Zeit zu Zeit zu vernehmen glaubte 
und denen er sich bedingungslos unterwarf; in der Hut dieses 
höchsten Schutzherrn geborgen, war er sich jener vollen Unab- 
hängigkeit von allen Menschen, Gefahren, Schicksalswendungen 
bewußt, nach der seine freiheitsdurstige Seele seit jeher gestrebt 
hatte (und wir vermuteten, dieser Unabhängigkeitsdrang werde 
schon zu seiner ersten Auflehnung gegen die Vorbilder seiner 
Kindheit sein Teil beigetragen haben). Dieser Unabhängigkeit vom 
Schicksal aber konnte er sich sicher fühlen, weil er über den 
leidenschaftlichsten seiner Triebe Herr geworden war, das Schick- 
sal ihm also nichts mehr, was ihm lebenswichtig gewesen wäre, 
schenken oder lauben konnte. Dieser Trieb war das gleichge- 
schlechtliche Verlangen nach dem Besitz schöner Knaben. Dieses 
Verlangen empfand er unmittelbar als Antastung seines selbst- 
herrlichen Dranges nach unbedingter Unabhängigkeit, wir ver- 
muteten aber, es möge ihm zu seiner Überwindung auch die 
innere Nachwirkung der in seinem Elternhause über Verhältnisse 
solcher Art aller Wahrscheinlichkeit nach gefällten Mißbilligungs- 
urteile verholfen haben. Gewiß ist jedenfalls, daß Sokrates jenen 
Trieb durch planmäßige Schulung seines Willens zur Beherrschung 
seiner Bedürfnisregungen überwand, genauer, daß er ihn auf diese 
Art zu leidenschaftlicher Fürsorge um die seelische Tüchtigkeit 
der geliebten Knaben verklärte. So erzog er sich selbst zu einem 
Leben der Selbstbeherrschung, und wir mutmaßten, die inneren 
Kämpfe, die er hiebei durchlebte, möchten den wichtigsten Anstoß 
dazu gegeben haben, daß seine Gedanken zeitlebens vor allem 
um die Frage nach dem Wesen des Guten, Richtigen, Sittlichen 



169 



kreisten. Als das richtigste, weil glücklichste Leben beurteilte er 
jedenfalls das der Selbstbeherrschung, seine verklärte Knabenliebe 
aber äußerte sich nun vor allem darin, daß er sich unablässig 
mit Knaben umgab, gerade ihnen das Leben der Selbstbeherrschung 
als das richtige, weil beglückende, anpries. Dadurch nahm er nun 
seinen Jüngern gegenüber selbst die Stellung eines Meisters, ja 
eines Vaters ein und eben hierauf vor allem (darauf nämlich, 
daß die Jünglinge in ihm neben dem väterlichen Erzieher auch 
den Liebhaber empfanden) beruhte die einzigartige Macht seiner 
Einwirkung auf sie. Damit setzte er sich aber freilich in den 
Augen der jungen Leute an die Stelle, die natürlicherweise deren 
Vätern zukam, und diese suchten seiner Wirksamkeit ein Ende 
zu machen. Da sie aber ganz richtig fühlten, daß des Sokrates 
Nichtachtung der bloß tatsächlichen (nicht durch Wissen geadelten) 
Vaterschaft aus einer Quelle floß, aus der auch seine gleich rück- 
sichtslose Nichtanerkennung aller bloß tatsächlichen Gesetzgebung 
und Gottesverehrung strömte (wir vermuteten, daß als diese Quelle 
nicht allein Sokrates' fanatischer Erkenntnisdurst, vielmehr ebenso- 
sehr auch sein ebenso mächtiger Unabhängigkeits drang zu be- 
trachten sei), so bereiteten sie ihm den Untergang durch eine 
Klage, die ihm „Nichtanerkennung der Staatsgötter und unheil- 
vollen Einfluß auf die Jugend" schuld gab. 



PSYCHOANALYTISCHES LESEBUCH 

Psychopathologie des Alltagslebens 
im 18. Jahrhundert 

Jean Jacques Rousseau deutet sich eine 

Fehlleistung: 

„Wir machen wohl niemals eine mechanische Bewegung, deren Ursache 
wir nicht in unserm Innern auffinden könnten, wenn wir sie nur dort 
aufzufinden verstünden. 

Gestern ging ich die neue Straße am Ufer der Bierre entlang, um 
zu botanisieren. Als ich mich der Barriere d'Enfer näherte, bog ich plötz- 
lich rechts in die Felder ab und ging auf die Höhenzüge zu, welche das 



170 



Flüßchen einrahmen. Dies ist nun an und für sich nichts besonderes; 
aber als ich mich erinnerte, daß ich schon mehreremals ganz mechanisch 
diesen Umweg gemacht hatte, da suchte ich die Ursache in mir selber 
und mußte lachen, als ich sie entdeckt hatte. 

Hinter der Barriere d'Enfer postierte sich täglich eine Frau, welche 
Erfrischungen, Früchte und Brötchen verkaufte. Diese Frau hat einen 
armen kleinen Jungen, der an Krücken geht und die Vorübergehenden um 
ein Almosen bittet, ohne aufdringlich zu sein. Ich unterhielt mit dem 
Kleinen eine Art Bekanntschaft. Er versäumte nie, mich zu begrüßen und 
bekam jedesmal von mir eine Kleinigkeit. Anfangs machte es mir Vergnügen, 
ihn zu sehen; ich beschenkte ihn gern und fuhr eine Zeitlang so fort, 
indem ich ihn gewöhnlich noch veranlqßte, mir etwas zu erzählen. Ich 
hörte seinem Geplauder gern zu. Nach und nach war dieses Vergnügen 
Gewohnheit geworden und hatte sich in eine Art Pflicht verwandelt, die 
mir bald lästig ßßt, namentlich wegen des Geschwätzes, das ich nun 
jedesmal anzuhören genötigt war und in welchem er mich immer bei 
meinem Namen nannte, um zu zeigen, daß er mich wohl kenne. Von da 
an ging ich ungern da vorbei und machte schließlich ganz mechanisch 
den Umweg. 

Das also förderte ich zutage, als ich darüber nachdachte; denn nichts 
von alledem war mir bis dahin bewußt gewesen." 

(Aus den „Reveries du promeneur solitaire".) 

Lawrence Sternes Tristram Shandy weiß von 

Symptomhandlungen: 

„. . . und es wundert mich keineswegs, daß Gregorius von Nazianzum, 
als er an Julian die schnellen und unstäten Gebärden wahrnahm, voraus 
sagte, daß er eines Tages abtrünnig werden würde; — oder daß St. Ambrosius 
seinen Amanuensem, wegen einer unanständigen Bewegung mit dem Kopfe, 
der ihm wie ein Dreschflegel hin und her ging, wegjagte. — Oder daß 
Demokritos gleich merkte, daß Protagoras ein Gelehrter wäre, weil er ihn 
ein Bündel Reisholz binden und die dünnsten Reiser in die Mitte legen 
sah. — Es gibt tausend unbemerkte Öffnungen, fuhr mein Vater fort, 
durch welche ein scharfes Auge auf einmal die Seele entdecken kann; und 
ich behaupte, fügte er hinzu, daß ein vernünftiger Mann nicht seinen Hut 
niederlegen kann, wenn er in ein Zimmer kommt, — oder aufnehmen, 
wenn er hinaus geht, oder es entwischt ihm etwas, das ihn verrät." 



1 7 1 



Don Juan und Leporello 



von 



Otto Rank 

Die nachfolgenden Ausführungen sind 
der kleinen Monographie Ranks „Die Don- 
Juan-Gestalt" (Internationaler Psycho- 
analytischer Perlag, Wien 1924, geheftet 
M. 2'So, Pappband 3-40) entnommen. Die 
hier abgedruckten Abschnitte der Don- 
Juan-Studie berühren im besonderen auch 
das Doppelgängermotiv, das Otto Rank 
auch in einer besonderen Arbeit analysiert 
(„Der Doppelgänger", Internationaler Psy- 
choanalytischer Verlag, Wien ip2f, ge- 
heftet M. 4' — , Ganzleinen 5'6o). 

Indem wir, unserer Einstellung folgend, die Aufmerksamkeit 
von der überragenden Figur des Don Juan ablenken, fällt uns an 
seinem nicht minder berühmten Diener Leporello ein Zug auf, 
der auf einem kleinen Umweg doch wieder zum Helden zurück- 
führt. Dieser Diener ist einerseits viel mehr Freund und Ver- 
trauter in allen Liebeshändeln und anderseits doch wieder kein 
freiwilliger Kumpan und Helfer, sondern eine feige, ängstliche, 
nur auf ihren Vorteil bedachte Bedientenseele. In seiner ersten 
Eigenschaft erlaubt er sich kritische Bemerkungen, die durchaus 
unangemessen sind („Das Leben, das Sie führen, ist das eines 
Taugenichts!"), fordert — und erhält vielleicht auch — einen 
Anteil an der Beute seines Herrn in natura; in seiner zweiten 
Eigenschaft sucht er furchtsam jeder Gefahr auszuweichen, ver- 
weigert alle Augenblicke den Dienst, ist nur mit Geld und 
Drohungen festzuhalten und, um das Bild des Bedienten ganz zu 
vervollständigen: er nascht sogar beim Servieren von den guten 
Bissen der Festtafel. 

Man könnte sagen: wie der Diener, so der Herr und darauf 
hinweisen, daß Don Juan selbst ihm diese Freiheiten einräumt, 
weil er ihn braucht. So vor der berühmten „Register"-Arie: als 
Donna Elvira den Helden zur Rede stellt, entzieht er sich dieser 
peinlichen Situation und schiebt Leporello vor. Noch ehe sie 
sich's recht versieht, ist der geschickte Abenteurer verschwunden 
und an seiner Stelle liest ihr Leporello das Register der Ver- 



172 



lassenen mit dem richtigen Bedientenstolz vor, der aus der Iden- 
tifizierung mit der Herrschaft stammt. 

Hier wird ein Motiv angeschlagen, das sich im Verlaufe der 
Handlung immer deutlicher entwickelt, das aber schon in den 
ersten Worten Leporellos am Anfang der Oper dieser wie ein 
Motto vorausgeht: 

„Ich will selbst den Herren machen, 
Will nicht länger Diener sein." 

Die Tragik Leporellos macht es aus, daß er seinen Herrn 
immer nur in den peinlichen und kritischen Situationen vertreten 
darf. So ein zweitesmal beim Versuch der Verführung Zerlines, 
der mißglückt, wobei Don Juan seinen Diener als den Schuldigen 
zum Schein strafen will. 

Ein nächstesmal scheint ihm allerdings ein erfreulicheres Aben- 
teuer zu winken, indem Don Juan Mantel und Hut mit ihm tauscht, 
um das Kammermädchen Donna Elviras zu gewinnen, während 
Leporello die verlassene Herrin auf sich nehmen soll. Aber auch 
dieses anfangs amüsante Abenteuer schlägt nur zu seinem Unheil 
um. Denn inzwischen hat die ständig anwachsende Rächerbande 
(Donna Anna, Octavio, Masetto, Zerline) die Verfolgung Don 
Juans im Hause der Donna Elvira aufgenommen und fällt über 
den vermeintlichen Missetäter her, der sich schließlich als 
Leporello entpuppt und — seine Unschuld beteuernd — um 
Gnade fleht. 

Die Geschicklichkeit, mit der er sich aus dieser gefährlichen 
Situation befreit, indem er plötzlich verschwindet, kann uns auf 
die Spur bringen, daß er mehr als ein gelehriger Schüler seines 
Herrn, daß er vielleicht mit ihm identisch ist. Bevor wir uns 
klar machen, was dies bedeuten soll, wollen wir auf zwei dieser 
Szene vorangehende, beziehungsweise nachfolgende Szenen hin- 
weisen, welche die Identität von Herr und Diener deutlich nahe- 
legen. In ihnen zeigt sich, daß nicht nur Leporello gelegentlich 
die Stelle seines Herrn vertritt, wo diesem das persönliche Auf- 
treten peinlich wäre, sondern daß eben auch Don Juan die Rolle 
des Leporello spielt, wie beim Kammermädchen der Donna Elvira 
und in einer folgenden bloß erzählten Episode, die zum zweiten 
Teil des Don- Juan-Dramas, zum Gastmahl, hinüberleitet. Als sich 
nämlich Herr und Diener nach dem glücklich überstandenen Ver- 
kleidungsabenteuer auf dem Kirchhof wieder treffen, erzählt Don 
Juan ein inzwischen erlebtes Abenteuer, welches er eben der 



73 



Verwechslung mit seinem Diener zu verdanken hatte. Leporello 
vermutet sogleich, daß es nur mit seiner Frau gewesen sein könne 
und hält dies seinem Herrn vor, der die Situation um so amüsanter 
findet. Ja, er macht sogar noch eine Bemerkung, welche ein 
dunkles Rachemotiv seines Handelns verrät und die Wechselseitig- 
keit von Herr und Diener grell beleuchtet: „Ich habe nur wett- 
gemacht, was du an mir verübt." In diesem Moment ertönt die 
Stimme aus dem Standbild des Komturs („Verweg'ner, gönne 
Ruhe den Entschlaf 'nen!") und es beginnt eine zweite, an den 
Don-Juan-Stoff scheinbar bloß angelötete Handlung vom Gast- 
mahl des Toten, deren Besprechung wir noch aufschieben, um 
uns zu fragen, was diese Identität der beiden Figuren, des Don 
Juan und Leporello, bedeuten soll und was sie zum Verständnis 
der Handlung, der Entwicklung der Gestalten und der Psychologie 
des Dichters und Zuschauers beitragen kann. 



Vor allem müssen wir uns darüber klar sein, daß mit dem 
Aussprechen einer solchen Formulierung, wie sie die Identität 
von Don Juan und Leporello beinhaltet, der Boden der üblichen 
literarisch-ästhetischen Betrachtungsweise bereits verlassen ist, zu- 
gunsten einer psychologischen Auffassung, welche von der Real- 
bedeutung der Figuren völlig absieht. So können wir beispielsweise 
auch in der treffenden Charakteristik des Leporello durch Heckel 
weniger das Bild einer geschlossenen Persönlichkeit erblicken, 
als vielmehr eine Ahnung von der engen psychologischen Zu- 
sammengehörigkeit dieser beiden Gestalten: „Wie dieser negative 
Held an den verwegenen Verführer gekettet ist, der sich vor Tod 
und Teufel nicht fürchtet; wie er immer von ihm los möchte 
und sich doch dem Banne der stärkeren Persönlichkeit nicht ent- 
winden kann; wie er einmal Übers andere zum Prügelknaben für 
die Streiche seines Herrn wird, an denen er doch so ganz schuldlos 
ist; das wirkt im tiefsten Grunde fast tragisch." 

Daß wir uns Don Juan nicht vorstellen können, ohne seinen 
Diener und Helfer Leporello, ist also nicht bloß die Folge ihrer 
rationellen Abhängigkeit voneinander, wie sie in der Handlung 
zum Ausdruck kommt, sondern weit mehr ein gefühlsmäßiges 
Ahnen ihrer psychologischen Zusammengehörigkeit als poetisches 
Produkt. Wir meinen damit, daß der Dichter den „negativen 
Helden" weder aus der Wirklichkeit genommen, noch etwa zur 
Belebung oder Kontrastierung der Handlung „erfunden" habe; 



174 



vielmehr daß die Gestalt des Leporello ein notwendiges Stück 
der künstlerischen Darstellung des Helden selbst bedeutet. Es 
wäre eine reizvolle Aufgabe, an einer Reihe von Dichtungen die 
Allgemeingültigkeit dieses Mechanismus der poetischen Produktion 
zu zeigen, wobei sich übrigens herausstellen dürfte, daß die 
schönsten Beispiele dafür gerade bei den größten Dichtern der 
Weltliteratur zu finden sind. Es gereicht uns zur Genugtuung, 
daß auf ein solches Beispiel bereits in der psychoanalytischen 
Literatur hingewiesen ist, und zwar von Freud 1 selbst, der im 
Anschluß an eine Bemerkung von L. Jekels" meint, daß Shake- 
speare häufig einen Charakter in zwei Personen zerlege, von denen 
dann jede begreiflich unvollständig erscheine, solange man sie 
nicht mit der anderen wiederum zur Einheit zusammensetze. Die 
gleiche psychologische Gestaltung einander ergänzender Charak- 
tere finden wir in allen großen Dichtungen; von ihrem elementaren 
Ausdruck bei einem Cervantes, Balzac, Goethe, Dostojewskij bis 
in die moderne psychologisierende Literatur, die sich über dieses 
künstlerische Formproblem mehr oder weniger bewußt Rechen- 
schaft zu geben sucht. 3 Es handelt sich uns aber nicht um die 
bereits zur psychologischen Banalität gewordene Auffassung, daß 
der Dichter in seinen Phantasiengestalten Teile seines Ichs pro- 
jiziert, was beispielsweise erst neuerdings wieder Leon Daudet 
in seinem Buche „L'Heredo" (Essai sur le drame interieur, Paris 
1916) mit der Hereditätslehre der französischen Psychiater zu be- 
gründen sucht, sondern um eine ganz spezielle, sozusagen sekun- 
däre Spaltung einer Gestalt in zwei Figuren, die zusammen einen 
vollwertigen, verständlichen Charakter ergeben, wie beispielsweise 
Tasso und Antonio bei Goethe oder der Shakespearsche Othello, 

1) Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit, 1916. (Ges. 
Schriften, Bd. X.) 

2) Shakespeares Macbeth. Imago V, 1917- 

3) Gelegentlich gelingt dies auch einem echten Dichter, wie beispielsweise 
Alphonse Daudet, der seinen berühmtesten Helden ein köstliches Selbst- 
gespräch zwischen Tartarin-Quijote und Tartarin-Sancho führen läßt. — Auch 
in Balzacs dichterischen Gestalten liegt dieser seelische Mechanismus bloß 
dessen sich der Dichter fast voll bewußt war. So schreibt schon der Drei- 
undzwanzigjährige an seine Schwester: „Laure, Laure, mes deux seuls et 
immenses disirs, itre celebre et itre aime, seront-üs jamais satisfaits r 

In einem kürzlich (1921) erschienenen Künstlerroman „Ti und Tea" von 
Alexander Arndt stellt der Dichter nicht nur bewußt sein Ich in zwei selb- 
ständigen Persönlichkeiten dar, sondern weist selbst mehrfach auf den imma- 
nenten Zusammenhang dieser beiden Kontrastfiguren hin. (Siehe die Besprechung 
von Werner Ewald im Lit. Echo vom 15. März 1922. Sp. 727.) 

*75 



der so naiv und* vertrauensselig sein kann, weil seine eigene Eifer- 
sucht in der Gestalt des Jago abgespalten ist. 

In ähnlicher Weise wäre auch die Schöpfung der Don-Juan- 
Figur, des frivolen, gewissenlosen Ritters, der Tod und Teufel 
nicht fürchtet, unmöglich, wenn nicht in Leporello eben der Teil 
des „Don Juan" abgespalten wäre, der die Kritik, die Angst und 
das Gewissen des Helden repräsentiert. Mit diesem Schlüssel 
verstehen wir zunächst, warum Leporello seinen Herrn gerade 
in allen peinlichen Situationen vertreten muß, warum er sich er- 
lauben darf, ihn zu kritisieren und sozusagen das dem Helden 
fehlende Gewissen zu ersetzen. Auf der anderen Seite verstehen 
wir aber auch die Größe von Don Juans Verruchtheit aus der 
Abspaltung der hemmenden Elemente seiner Persönlichkeit. 

Betrachten wir die Handlung unter diesem Gesichtspunkt, so 
sehen wir, daß Leporello nicht bloß in den bereits erwähnten 
Szenen seinen Herrn deutlich vertritt, sondern daß er überhaupt 
das kritisch und ängstlich eingestellte Gewissen des Helden re- 
präsentiert. Im ersten Teil des Dramas tritt er als kritisierende 
Instanz auf. mißbilligt das Luderleben seines Herrn und fügt 
sich nur widerwillig darein. Von der Szene im Hause der Donna 
Elvira angefangen (II. Aufzug), wo eigentlich Herr und Diener 
gleichzeitig am Leben bedroht werden, tritt das Schuldgefühl 
stärker in den Vordergrund, um sich dann in der Kirchhof- und 
weiterhin in der Gastmahlszene zu grausigster Gespensterangst 
und unerträglichster Gewissensqual zu steigern, die schließlich 
zum Untergang führt. Wir bedienen uns nicht bloß einer Formu- 
lierung von Freud, 1 sondern werden damit auch dem tieferen 
Verständnis des ganzen seelischen Mechanismus näher kommen, 
wenn wir in Leporello eine — allerdings besonders geformte — 
Darstellung von Don Juans „Ichideal" erblicken. 



Unter dem Ichideal versteht Freud eine Zusammenfassung der- 
jenigen kritisierenden und zensurierenden Instanzen im Menschen, 
die normalerweise die Verdrängung gewisser Wunschregungen 
besorgen und in einer Funktion, die wir Gewissen nennen, darüber 
zu wachen haben, daß diese Schranken nicht durchbrochen werden. 
Dieses Kontrollorgan im Seelenleben wird von zwei einander er- 



x) Zur Einführung des Narzißmus, 1914, Massenpsychologie und Ichanalyse, 
1921 (Beide Arbeiten in Bd. VI der Gesammelten Schriften.) 

176 



gänzenden und regulierenden Faktoren gebildet: einem äußeren, 
der die Forderungen der Umwelt vertritt und einem inneren, der 
die Ansprüche an sich selbst repräsentiert. Präziser gesagt, ist 
das Ichideal eigentlich eine Repräsentanz der inneren Ansprüche, 
welche jedoch die äußeren Forderungen der Sozietät bereits zu 
den ihren gemacht hat. Den Kern des Ichideals bildet das Stück 
primitiven Narzißmus, auf das das Kind zugunsten der Anpassung 
verzichten muß, das aber in das Ichideal hinübergerettet wird. 
Die Anregung zur Bildung des Ichideals geht von dem kritisch- 
erzieherischen Einfluß der Eltern aus, „an welche sich im Laufe 
der Zeiten die Erzieher, Lehrer, und als unübersehbarer, unbe- 
stimmbarer Schwärm alle anderen Personen des Milieus ange- 
schlossen hatten (die Mitmenschen, die öffentliche Meinung)". 

Von diesem Punkt der Ichidealbildung führt ein bedeutsamer 
Weg zum Verständnis der Massenpsychologie, den Freud in seinem 
gleichnamigen Buch konsequent weiter verfolgt hat. Von ihren 
Phänomenen aus gelang es ihm, die Wurzeln der Ichidealbildung 
in der Entwicklung der Urhorde aufzuzeigen, in der der mächtige 
Urvater den Wünschen der Söhne als hemmendes Prinzip gegen- 
überstand, das nur durch reale Vernichtung zu überwinden war. 
Ehe dies aber möglich wurde, beherrschte er die Urhorde auf 
Grund der seelischen Einstellung ihrer Mitglieder zu ihm, die 
Freud eben als primitive „Massenbildung" charakterisierte: „Eine 
solche primäre Masse ist eine Anzahl von Individuen, die ein 
und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ichideals gesetzt und sich 
infolgedessen in ihrem Ich miteinander identifiziert haben." Diese 
urgeschichtliche Verknüpfung des Ichideals mit der Vaterfigur 
läßt sich auch in der individuellen Entwicklung aufzeigen, wo 
der Vater zum ersten Ideal des Kindes wird und in einer be- 
stimmten Phase mittels des Mechanismus der Identifizierung zu 
einem inneren Anspruch erwächst, der mit dem aufzugebenden 
Narzißmus zum Ichideal verschmilzt. Den Knoten- und Durch- 
gangspunkt dieser ganzen Entwicklung kennen wir als den infan- 
tilen Ödipus-Komplex, der ja die Identifizierung mit dem Vater 
in seiner besonderen Rolle der Mutter gegenüber zum Inhalt hat. 

An einer Stelle versucht Freud auch den Punkt in der seeli- 
schen Entwicklung der Menschheit aufzuzeigen, wo sich für den 
Einzelnen der Fortschritt von der Massen- zur Individualpsycho- 
logie vollzog: dieser Fortschritt wurde nach der unbefriedigenden 
Urtat — dem Vatermord — vollzogen, die statt Erfüllung Reue 
und statt der ersehnten Freiheit neue kompliziertere innere Ein- 



177 






I 



schränkungen brachte; er erfolgte in der Phantasie und wer ihn 
machte, war der erste epische Dichter. Dieser Dichter log die 
Wirklichkeit im Sinne seiner Sehnsucht um. Er erfand den heroi- 
schen Mythus. Heros war, wer allein den Vater erschlagen hatte, 
während sich gewiß nur die Horde als Ganzes (die „Brüderschar") 
dieser Urtat getraut hatte. Wie der Vater das erste Ideal des 
Knaben gewesen war, so schuf jetzt der Dichter im Heros, der 
den Vater ersetzen will, das erste Ichideal. Dieser Held aber, 
dessen erfundene Taten der Dichter mm der Masse erzählt, ist 
im Grunde kein anderer als er selbst. 

Wenn wir nun auf die männlichen Hauptgestalten der Don- 
Juan - Dichtung zurückblicken, so erkennen wir in Leporellos 
plumpen Mahnungen zur Besserung die kritisch- ironische Seite 
des Ichideals, während in seiner ängstlichen Feigheit Gewissen 
und Schuldgefühl des frivolen Helden abgespalten sind. Aber auf 
dem entscheidenden tragischen Höhepunkt, in der Kirchhofszene, 
die den Zusammenbruch Don Juans einleitet, wird die komische 
Figur des Leporello, welche die Forderungen des Ichideals in 
spöttischer Weise abtun soll, abgelöst von einem weit mächtigeren 
Repräsentanten des Ichideals, nämlich dem Schuldbewußtsein, in 
dessen Darstellung im Standbild des Komturs, wir unschwer eine 
direkte Vater-Imago erkennen. Diese allmähliche Verschärfung 
und Verstärkung der Ichidealforderung, bis zum letzten ent- 
scheidenden Auftreten des „Steinernen Gastes", entspräche aber 
gleichzeitig sozusagen einer Deutung der kritisierenden Gewissens- 
stimme im Sinne der Idealbildung aus dem Vaterkomplex. Diese 
in der Opernhandlung selbst nach Art eines Traumes dargestellte 
psychologische Verdeutlichung läßt sich gleicherweise in der Ent- 
wicklung des Stoffes verfolgen. Die Stimme des Warners und 
Mahners fällt nämlich im Burlador und bei Moliere, ebenso wie 
später bei Zorilla, direkt dem Vater zu, gegen den sich der Held 
regelmäßig verletzend benimmt. Ja, bei den unmittelbaren Vor- 
läufern Molieres, bei Dorimon und de Villiers kommt es zu ab- 
stoßenden Tätlichkeiten Don Juans gegen seinen Vater, die auch 
im Titel der Stücke ihren Ausdruck finden. 1 Bei Moliere selbst 
handelt es sich, wie auch später bei seinem Landsmann Dumas 
pere, um einen Testamentstreit, in dessen Verlauf der Held kein 
Verbrechen, auch nicht das des Brudermordes scheut, um sich in 
den Besitz des väterlichen Erbes zu setzen. Bei Holtei, einem 



1) Dorimon: „Le festin de Pierre ou le Fils criminel." Lyon 1659. 
I78 






nachmozartischen Bearbeiter des Stoffes, kommt es gelegentlich 
eines Wortwechsels zum Vatermord, indem Don Juan seinen un- 
erkannt als Einsiedler lebenden Vater ersticht. „Die Erkenntnis, 
Vatermörder geworden zu sein, bleibt auf ihn so völlig ohne Ein- 
druck, daß er unmittelbar nach der Schreckenstat sich in der 
Hütte des Ermordeten einen burlesken Spaß mit dem Feigling 
Leporello macht. Am Ende prügelt er ihn durch." (Heckel, S. 42.) 
Bemerkenswert ist, daß auch in einigen Puppenspielen der Held 
seinen eigenen Vater ersticht, worauf dieser ihm als Geist er- 
scheint und ihn zur Hölle befördert; so in dem Ulmer und dem 
niederösterreichischen Spiele: „Don Juan der Wilde oder das 
nächtliche Gericht oder Junker Hans vom Stein." 1 

Es zeigt sich hier ein bedeutsamer Gesichtspunkt, der uns im 
Laufe unserer Untersuchung noch beschäftigen und im Schluß- 
abschnitt verständlich werden soll: Daß nämlich einzelne Dichter 
im Laufe der Überlieferung und Ausgestaltung des Stoffes ein 
Stück psychologischer Deutung dazugeben, die folgerichtig der 
analytisch aufgeklärten Genese des Stoffes entspricht. 

Neben dem Vater ist es nicht selten, wie beispielsweise bei 
Lenau, der vom Vater abgesandte Bruder des Helden, der ihn 
zur Abkehr von seinem lasterhaften Lebenswandel bringen soll. 
Während Lenau aber, im Gegensatz zu seinen Vorgängern, den 
Helden beleidigende Ausfälle vermeiden läßt und den Konflikt 
zur Höhe einer philosophischen Diskussion zweier Weltanschau- 
ungen erhebt, kommt es in dem bereits erwähnten Don Juan von 
A. Dumas pere zum Zweikampf zwischen den Brüdern, in dessen 
Verlauf der Bruder fallt. Don Juan selbst stirbt, indem ihm der 
Schatten des gleichfalls von ihm im Zweikampf erschlagenen 
Sandoval — offenbar einer weiteren Bruderdoublette — das Leben 
raubt. Dieser Sandoval ist aber anderseits ein unzweideutiger 
Doppelgänger des Helden selbst, ein „geistesverwandter Kava- 
lier . . . und die beiden bemühen sich, übereinander den Preis 
der Verworfenheit davonzutragen". (Heckel, S. 55.) Die Doppel- 
gängerschaft geht auch hier so weit, daß Sandoval seine Geliebte 
an Don Juan verspielt; sie tötet sich aber, um nicht seine Beute 
zu werden. Ein ähnlicher Doppelgänger findet sich bei Zorilla 
in der Gestalt des Don Luis Mejia, mit dem Don Juan eine 
Wette abgeschlossen hat, „sich in der Anzahl verführter Frauen 
und im Zweikampf erschlagener Männer zu überbieten, wobei 



1) Mitgeteilt bei Kralik und Winter, Deutsche Puppenspiele. Wien 1885. 



12 



♦ 



179 



sie einander mit staunenerregenden Ziffern aufwarten können". 
(Vgl. Leporellos „Tausendunddrei".)Dieses Motiv ist charakteristisch 
für die sogenannten „Lügendichtungen", auf deren Beziehung zum 
Don-Juan-Stoff später von anderer Seite ein Licht fallen wird.* 
Die enge psychologische Beziehung des Doppelgängermotivs 
zum Ichideal erklärt es, daß manchmal Leporello als ausgespro- 
chener Doppelgänger seines Herrn auftritt, besonders wo sie 
einander gegenseitig bei den Frauen vertreten (Amphytrionmotiv: 
Vateridentifizierung). Doch entspricht das Doppelgängermotiv 
scheinbar bereits einer psychologischen Fortspinnung des Don- 
Juan-Problems und wir finden es daher nur in neueren Bear- 
beitungen, am deutlichsten in einer ganz modernen von Stern- 
heim (1909), wo sich dem Helden ein veritabler Doppelgänger 
zugesellt, als Nachfolger des inzwischen verstorbenen treuen 
Dieners, und seinen Herrn bis zum Tode geleitet. Er ist durch 
seine hemmende Funktion im Wollen des Helden, dessen Taten- 
drang er mit seiner unheimlichen Ironie immer wieder zurück- 
hält, als kritisch-ironisierende Ichinstanz gekennzeichnet. Wie in 
zahlreichen Doppelgängergeschichten erscheint diese auch hier 
zur Verkörperung des Wahnsinns selbst gesteigert, was gleichfalls 
m völliger Übereinstimmung mit unseren psychoanalytischen Auf- 
fassungen steht Im Gegensatz zu dieser psychologisierenden Ver- 
wendung des Doppelgängermotivs in der Dichtung steht die 
Verwendung eines verwandten Motivs, welches die ursprüngliche 
Bedeutung des Doppelgängers als Todesverkündiger bewahrt hat: 
nämlich die Teilnahme des lebenden Helden an seinem eigenen 
Leichenzug, ein Motiv, das zuerst Merimee an den Don Juan 
heftete, indem er die ältere Sage von dem Ritter, der sein eigenes 
Begräbnis sah und sich daraufhin bekehrte, aus der Volkstradition 
übernahm. Dieses Motiv führt uns zu dem unheimlichen Ende 
des Helden, das in der gesamten Don-Juan-Überlieferung von 
überragender Bedeutung ist. 






1) Es wäre der Mühe wert, dieses Kapitel analytisch zu behandeln. Die 
Literatur findet man in „Die deutschen Lügendichtungen bis auf Münch- 
hausen", dargestellt von Carl Müller-Fraureuth, Halle 1881. 

l80 







Aus einem im „Internationalen Psychoanalytischen Verlag" als Privatdruck 

erschienenen Karikaturenalbum von Robert Bereny und Olga Siekely-Kovacs 

über die Teilnehmer des Psychoanalytischen Kongresses in Salzburg 



l8l 








Abbildungen aus „Robitsek: Der Kotillon. 
Ein Beitrag zur Sexualsymbolik" 



18a, 






Die Wiedererweckung 
der primitiven Kunst 



von 



Eckart v. Sydow 

Im Frühjahr I$2J erscheint im „Internationalen Psycho- 
analytischen Verlag« unter dem Titel „Primitive Kunst und 
Psychoanalyse« ein neues Werk des bekannten kunstwissen- 
schaftlichen Forschers. Sydow versucht die Nutzanwendung der 
Psychoanalyse auf die Erkenntnis des Formwillcns der bau- 
lichen, plastischen und zeichnerisch-malerischen Kunstgebilde der 
Naturvölker. Ausführlich behandelt er die Grundlage der Bau- 
kunst, ihre Vorstufen (Höhle, Wetter schirm), verfolgt die Ent- 
wicklungsrichtung der naturvölkischen Baukunst und gibt die 
Deutung des räumlichen Urbildes. Die Plastik wird samt ihren 
Forstufen (Stein, Baum, Pfahl), ebenso die Grundlage der zeich- 
nerischen Künste von der Felsgravierung angefangen analysiert. 
Die Bearbeitung des bisher ästhetisch völlig vernachlässigten 
Materials der „Körper -Kunst« (Körpermaßevergrößerung, Um- 
bildung der Gliedmaßen, Bemalung und Tätowierung) wird 
wohl auch einer Erweiterung der kunstpsychologischen Problem- 
stellungen zugute kommen. Die geistige Kunstform als selbstän- 
dige Kulturmacht, die psychoanalytische Kunstphilosophie werden 
in besonderen Exkursen erörtert. Ein Kapitel über den Grund 
des Stillstandes der primitiven Kunst bildet den Abschluß des — 
mit Kunstbeilagen reichlich illustrierten — Werkes. Wir geben 
hier die einleitenden Ausführungen über die allgemeine Bedeu- 
tung der primitiven Kunst für unsere Zeit wieder. 

Die Kunst der Naturvölker steht seit kurzer Zeit erst im 
Blickpunkte der Kunstanschauungen Europas, — ihr Gebiet 
ist die letzte Eroberung der Kunsthistorie. Jugendfrisch ist 
die innere und äußere Anteilnahme, die ihr zuteil wird. Das 
ist ihr Glück, — aber fast ebensosehr ihr Unheil. Die para- 
doxe Lage, die jeder erlebt, der exotisch-primitive Dinge 
studiert, kann man kurz so formulieren: gerade, weil es heute 
leichter wurde, von diesen Dingen zu sprechen, eben darum 
ist es auch um soviel schwieriger geworden. 

183 



Wie war es doch vor etwa zehn bis zwanzig Jahren? 
Fabelhaft und berauschend schwül klang damals alles, was 
mit „Exotik", abstoßend und grauenvoll, was mit „Primi- 
tivität" zusammenhing. Romantischer Reiz umschwebte die 
Fernen: Forschungsreisen — Überfälle — Urwälder ... all 
das klang in jenen Worten fremdartig und anziehend und 
abweisend mit. Auch der Besuch völkerkundlicher Museen 
konnte an diesem starken, doppelseitigen Gefühl nicht viel 
ändern. Ging man durch solch eine Sammlung, so hatte man 
durchaus den Eindruck von etwas Chaotischem, durchaus 
Urwaldhaftem. Denn über- und durcheinander gehäuft lagen 
und liegen die Mitbringsel von gewiß sehr interessanten 
Reisen da, vermengt mit allerhand rätselhaften Etiketten, die 
zum näheren Verständnis der seltsamen und reizvollen Werke 
meist nicht mehr beitrugen, als die Aufschriften auf den 
weißen Apothekertöpfen. Überall spürte man vor diesen 
merkwürdigen Häufungen afrikanischer, amerikanischer, oze- 
anischer . . . Dinge, daß kein von innen her warm anteil- 
nehmender Wille solche Aufstellungen durchdrang, sondern 
daß ein gewiß ganz reger, aber irgendwie ganz kalter Intellekt 
diese Sammlungen äußerlich beherrschte. 

Es konnte ja auch nicht anders sein in einer Zeit, deren 
verhältnismäßig kräftigste Kunstäußerung, der Impressio- 
nismus, ganz anderen Tendenzen zugewandt war, als jener 
Geisteshaltung, aus der das Primitive erwuchs. Die Fahrt 
in exotische Landschaft fehlte nicht durchaus, aber sie trug 
den Charakter einer Studienreise, auf der man fremdartige 
Verhaltnisse der Beleuchtung und atmosphärischen Bewegung 
m dauerndem Bilde festhalten wollte. Hochmütig trug der 
Europäer überall die Widerspiegelungen seiner eigenen Ver- 
äußerlichung hin. 

Nicht ganz und gar war der europäische Sinn verblendet. 
Sobald er sich kritisch gegen sich selbst und seine Werke 
kehrte, entschwand ihm nur zu bald das eitle Selbstvertrauen, 
— eine tiefe Niedergeschlagenheit kam mählich über ihn 
und eine Sehnsucht trieb ihn hin zur Frühzeit der Kultur. 
Seit der Epoche Jean Jacques Rousseaus verhauchte niemals 

184 






völlig der fremdländische Duft. Aber es blieb zumeist bei 
Stimmungen, Wünschen, — der Lyriker trug ein sehn- 
suchtsvoll erwünschtes Bild in sich, versetzte seine Verwirk- 
lichung auf unbekannte Küsten entfernter Erdteile. Hin und 
wieder trat hilfreich die gelegentliche Kenntnis ferner Men- 
schen und Gebiete hinzu. Dann gelang es Charles Baude- 
laire Verse und Strophen zu erbauen, in denen Sehnsucht 
ins Weite und Abwehr der nahen Gegenwart gleichermaßen 
stark zusammenklangen. Aber es bedurfte noch langer Er- 
fahrungen und Leiden, bis endlich solche Sehnsüchte zur 
kraftvolleren Tat drängten. Sie geschah zwei Generationen 
später, als Paul Gauguin nach Martinique sich einschiffte, 
— europasatt suchte er dann neue Frische in der Südsee. In 
seinem „Noa-Noa"-Buch, das sein Leben auf Tahiti ein 
wenig einseitig nur von der positiven Seite her abbildet und 
die unzerreißbare Faszination durch Paris verschweigt, findet 
er schließlich: „Im Umgang mit uns, in unserer Schule sind 
die Tahitier erst wahrhafte , Wilde' in jenem Sinne gewor- 
den, die der lateinische Okzident diesem Worte unterschiebt. 
Sie sind schön geblieben, wie Kunstwerke, aber wir haben 
sie moralisch und auch physisch unfruchtbar gemacht." So 
innig Gauguin von der Natur und Menschheit Ozeaniens 
ergriffen war, so sehr fehlt doch seinen Bildern das, was 
das „Primitive den späteren Menschen wichtig machte und 
was er selbst auf Tahiti nicht gefunden hatte, wie aus jenen 
Sätzen hervorgeht. Seine großen Anspannungen führten zu 
einem neuen Stil dekorativer Eigenart, errichteten innerhalb 
dieses Bezirkes ein bedeutendes Werk: in schönen, vollen 
Akkorden gesellen sich breite Farbflächen zueinander, in 
deren sympathetischem Verhältnis Anmut und Heiterkeit 
wohnen. Die Idylle waltet überall, — die „Ferien von 
Europa" scheinen im Paradies verlebt zu sein. 

Härtere Fühlung, als Gauguin, mit der ursprünglichen, 
mit der wilden Natur nahm ein anderer: Arthur Rimbaud. 
Bohrender von dem Bewußtsein der Entlaugtheit europäischer 
Art durchdrungen, schrieb er im „Trunkenen Schiff" die 
Strophen : 



185 



„Der ich nur leicht geschwankt, wenn von weitem 
Ich Meerungetüme und Wirbel gespürt; 
Der Wanderer in seinen Regungslosigkeiten — 
Mir graut vor der Mauer, die Europa umschnürt. 

Das Wasser Europas, zu dem es mich zieht, ist ein kalter, 
Schwarzer Tümpel, wo traurig mit einem Boot, 
Ganz kleinem Boot, wie ein Frühlingsfalter, 
Ein Kind spielt in duftendem Abendrot." 

Nur ihm, Ribaud, gelang es, Europa wahrhaft zu entfliehen, — 
freilich um welchen Preis, da er — einer der Schöpferi- 
schesten! — unproduktiv ward. 

Immerhin war ein außerordentlicher Schritt geschehen: 
aus der Sphäre des Bücherlesens, Bücherschreibens und traum- 
haften Genießens hatten sich Gauguin und Rimbaud empor- 
gerafft, die exotischen Wirklichkeiten wirklich berührt, mit 
ihr und in ihr wie Eingeborene gelebt, — eine Tat war 
geschehen. Der fremde Geist war nun nicht mehr völlig 
fremd. Und was noch mehr gilt: er ward als seelisch Über- 
legener gewußt. Der Gedanke der Entwicklung als einer 
unablässigen Steigerung des Wertvollen, deren höchste Gipfe- 
lung das jeweilige Europäertum darstelle, dieses ungeheure 
Selbstbewußtsein, das die moderne Expansion nach allen 
Erdteilen hin gestoßen und aus sich selbst heraus immer 
wieder gestärkt hatte, — dieser gigantische Gedanke der 
Selbstvergötterung erlitt seine erste Schwächung. Nicht fühlbar 
noch in den breiten Schichten der Gebildeten, wohl aber 
in jenen Kreisen der helläugigen Beobachter, auf die es ankam. 
Diese Zeit fiel zusammen mit der Friedrich Nietzsches, 
dessen Kulturkritik damals einsetzte. Von innen und außen 
ward das Selbstbewußtsein des Europäertums bedroht. 

Freilich: für die Erkenntnis, ja auch nur Kenntnis der 
Kunst der Primitiven bedeutete jene Bewegung so gut 
wie gar nichts zu ihrer Zeit. Keine Zeile in Gauguins Buch 
berichtet von der Südsee-Kunst. Die Wendung, welche über 
unser ästhetisches Verhältnis zur primitiven Schnitzerei, Ma- 
lerei entschied, geschah an anderer Stelle. Geschah damals, 
als nach dem irrlichternden Gebraue Rimbaudscher Visionen 

186 



der Blitz des Expressionismus in Europa einschlug. Die 
Jugend schöpferischer Künstler spielte sich zum Teil in völker- 
kundlichen Museen, in Berührung mit naturvölkischen Kunst- 
werken ab: Pablo Picasso in Paris, die vielseitigeren Künstler 
der „Brücke" in Dresden suchten frühzeitig nach dem 
Geheimnis der Primitivität aus eigenem Antrieb. Nicht also 
war es so, als ob diese Erneuerer des primitiven Wesens 
am Ende einer langen, Versuchs- und mißerfolgreichen Lauf- 
bahn bei den Primitiven, wie Schiffbrüchige in einem Schutz- 
hafen, gelandet wären. Sondern, getrieben von innen her, 
waren sie gedrängt von ihrem eigenen, ursprünglichen, lebens- 
kräftigen Genius. Da sie nicht gebrochen waren von der 
Krankheit der Großstädte, wie Gauguin, nicht zugleich ent- 
täuscht und fasziniert, so fanden sie lebenskräftigere Kunst 
als er. Sie suchten Ursprünglichkeit, Urwüchsigkeit, spontane 
Kraft. Sie erfanden Gesichter voll zuckenden Lebens, die ur- 
tümlich in die Wirklichkeit blickten. Spannungen und pathe- 
tische Dramatik trat der idyllischen Lyrik Gauguins entgegen. 
Die Feuersbrunst des schöpferischen Gefühls, die plötzlich 
ganz Europa in Flammen aufgehen ließ, schmolz auch mit 
einem Male die gläsernen Schränke, hinter deren Scheiben 
die primitiven Kunstdinge Jahre und Jahrhunderte lang ge- 
standen und gewartet hatten, wie wilde Tiere in zoologischen 
Gärten hinter den Stäben ihrer Vergitterungen verrecken. 
Dies ward ein Aufbruch erster Ordnung, vergleichbar nur 
jener Zeit großartiger Auferstehung, als aus den paläontolo- 
gischen Museen die uralte Vorwelt unserer Vergangenheit 
zu neuem Leben sich erhob. Einmütiger ward freilich jenes 
frühere Ereignis begrüßt, als die neuere Erweckung primitiver 
Werke. Denn jenes bestätigte damals anscheinend den Wert 
Europas und seine unvergleichliche Gipfelung, bewiesen schon 
durch den Scharfsinn, dessen Zauberstab die zerstreuten Glieder 
organisch aneinander fügte. Nun aber, da die Primitiven zu 
Worte kamen, schwieg plötzlich der lobhymnende Chor der 
Weltgeschichte, — Europa vernahm nun aus dem Munde 
seiner eigenen Kinder das Lob der Verachtetsten und die 
jähe Ablehnung mütterlicher Autoritätsansprüche. 



187 



Wie man sich in dieser Frage der Wertung auch immer 
verhalten mag, — fest steht, daß seit Picasso und Schmidt- 
Rottluff das Primitive für uns nichts eigentlich Fremdartiges 
mehr ist. Es ward zu etwas, was zu uns gehört kraft der 
Anverwandlung unseres Genius, — ward zu etwas, das 
wenigstens dem kommenden Geschlecht eingeboren sein wird. 
Ebenso eingeboren wie die impressionistische Weise des Le- 
bens und Schauens dem Zeitgenossentum der Slevogt und 
Liebermann, während sie doch früher von einem älteren und 
begabteren Geschlecht erfunden wurde. Ist es nun nicht 
wundervoll zu schauen, wie in der neuen kosmopolitischen 
Kunst die verschiedenen Elemente zu einer neuen riesigen 
Gemeinschaft zusammenschmelzen: Französisches und Russi- 
sches, Deutsches und Spanisches, Südsee -Insulanisches und 
Amerikanisches und Afrikanisches? In der ungeheuren Inten- 
sität unserer Großstädte erarbeitet sich in zwangsläufiger 
Sicherheit das Antlitz der neuen Kultur. So ist uns und 
unseren Nachkommen das Primitive und die primi- 
tive Kunst zu einer lebendigen Kraft unseres Daseins 
geworden, ob wir dem nun in unserer kritischen Reflexion 
beistimmen mögen oder nicht. 

Von nun an gewinnt unser Verhältnis zu den Ahnenbildern, 
Masken usw. der Naturvölker eine innerliche Tiefe. An die 
Stelle der intellektuellen Interessiertheit tritt eine leidenschaft- 
liche Anteilnahme des Gemütes. 

Aber gerade dadurch, daß alles, was mit den Primitiven 
zusammenhängt, einbezogen wurde in den neuen, wirbelhaft 
kreisenden Bezirk dessen, was wir mit den Worten „Neuer 
Geist , „Expressionismus" bezeichneten, — gerade dadurch 
ist es heute um so viel schwieriger geworden, die Wesenheit 
der primitiven Kunst zu bestimmen. Denn ihr Sinn wurde 
sogleich aus der Gesinnung der Expressionistik gedeutet, so daß 
also gerade dasjenige Leben, dem die Primitivität allererst 
ihre Verlebendigung verdankte, sie nun wiederum vergewal- 
tigte. Denn mit der eigenen Deutung unseres erregten Wesens 
überdeckten wir so sehr das Wesen der in exotischen Ländern 
und Werken gegebenen Primitivität, daß zwar ein starkes 

188 



Echo unserem eigenen Schrei zurückscholl, solcher Schrei 
und Echo doch nur unser eigenes Produkt war. In den Sinn- 
deutungen der Worringer, Einstein mit ihren jeweiligen 
Interpretationen der naturvölkischen Kunst als Ausdruck der 
Verängstigung, des Willens zum Unbedingten, hat sich in 
erster Reihe der schöpferische Geist unserer Gegenwart aus- 
gesprochen ! 

Die paradoxe Lage der Erkenntnis der naturvölkischen 
Kunst liegt also hierin, daß die heiße Sehnsucht nach ihrer 
Formel durch ein Versehen des Schicksals in eine falsche 
Blickrichtung eingestellt worden ist. Um so dringender ist die 
Aufgabe, zum wahrhaften Kern der Primitivität vorzudringen. 
Abseits von jenen voreiligen weltanschaulichen Systemati- 
sierungen ist schon viel Arbeit geleistet worden, auf die wir 
zunächst einen Blick werfen. 



PSYCHOANALYTISCHES LESEBUCH 
Fabrikation von Weltanschauungen? 

„. . . Ich bin überhaupt nicht für die Fabrikation von Weltanschauungen. 
Die überlasse man den Philosophen, die eingestandenermaßen die Lebens- 
reise ohne einen solchen Baedeker, der über alles Auskunft gibt, nicht aus- 
führbar finden. Nehmen wir demütig die Verachtung auf uns, mit der die 
Philosophen vom Standpunkt ihrer höheren Bedürftigkeit auf uns herab- 
schauen. Da auch wir unseren narzißtischen Stolz nicht verleugnen können, 
wollen wir unseren Trost in der Erwägung suchen, daß alle diese „Lebens- 
führer" rasch veralten, daß es gerade unsere kurzsichtig beschränkte Klein- 
arbeit ist, welche deren Neuauflagen notwendig macht, und daß selbst die 
modernsten dieser Baedeker Versuche sind, den alten, so bequemen und so 
vollständigen Katechismus zu ersetzen. Wir wissen genau, wie wenig Licht 
die Wissenschaft bisher über die Rätsel dieser Welt verbreiten konnte; alles 
Poltern der Philosophen kann daran nichts ändern, nur geduldige Fortsetzung 
der Arbeit, die alles der einen Forderung nach Gewißheit unterordnet, kann 
langsam Wandel schaffen. Wenn der Wanderer in der Dunkelheit singt, 
verleugnet er seine Ängstlichkeit, aber er sieht darum um nichts heller . . ." 

(Alis: Sigm. Freud, „Hemmung, Symptom und Angst") 



189 



Zur Psychologie der Komödie 



i 



von 



Ludwig Jekels 

Aus dem am 6. Mai 1926 zum 
70. Geburtstage Sigm. Freuds er- 
schienenen Doppelheft der „Imago, 
Zeitschrift für Anwendung der Psycho- 
analyse auf die Natur- und Geistes- 
wissenschaften" (Bd. XII, Heft 2/)). 

Wir verdanken der Psychoanalyse reiche Einsichten in die 
Psychologie der Tragödie. 

Nicht allein, daß wir durch sie erfahren haben, daß die von 
der Ästhetik postulierte „tragische Schuld" des Helden eigentlich 
von den verdrängten Ödipus- Wünschen des Dichters abzuleiten 
sei, hat sie uns überdies auf die seelische Wechselbeziehung 
zwischen Dichter und Zuhörer, d. h. auf die Gemeinsamkeit der 
Schuld als auf das entscheidende psychologische Moment auf- 
merksam gemacht, welches es dem Dichter überhaupt erst er- 
möglicht, sein Werk zu schaffen und anderseits dem Zuhörer die 
Aristotelische „Reinigung der Leidenschaften" bringt. Vor allem 
hat ja Freud 1 in der antiken Tragödie die psychologischen An- 
klänge an das Urverbrechen festgestellt; an dieser Spur festhaltend, 
hat Winters tein* vor kurzem die Anfänge der Tragödie zum 
Gegenstand eingehenden Studiums gemacht und dieselben gründ- 
lichst durchleuchtet. 

Und all dem gegenüber, wie wenig hat sich die Psychoanalyse 
um die Komödie gekümmert! Ein Aschenbrödel neben ihrer so 
pompös einherschreitenden Schwester war sie bis nun kaum Gegen- 
stand eines nennenswerteren Interesses und wurde höchstens in 
das Souterrain der Forschung, in die „Fußnoten" verwiesen, und 
dort mit wenigen Worten abgetan. 

Und dennoch erscheint mir das komische Drama durchaus einer 
ernsten und eingehenderen Untersuchung würdig. Nicht etwa allein 
deshalb, weil darin auch das Problem des Komischen gelegen ist, 
bekanntlich eines der schwierigsten und verwickeltsten der Psycho- 



1) Freud: Totem und Tabu. (Ges. Schriften, Bd. X.) 

2) Alfred Winterstein: Der Ursprung der Tragödie. Imago-Bücher VIII 



190 



logie, an das sogar ein Freud* „nicht ohne Bangen" herangetreten 
ist, allerdings um dann dasselbe weitestgehend zu beleuchten. Denn 
auch sonst ergibt, wie die vorliegende flüchtige Skizze erweisen 
mag, die psychoanalytische Untersuchung der Komödie mancherlei, 
was unser volles Interesse beanspruchen darf. 

Die von mir vorgenommene Analyse einiger sogenannter höheren 
Komödien ergab nämlich das überraschende Resultat, daß in den- 
selben ein Mechanismus der Umkehrung vorwaltet; d. h. das in 
der Tragödie auf dem Sohn lastende Schuldgefühl er- 
scheint in dem komischen Drama auf den Vater ver- 
schoben, der Vater ist schuldig. 

Dieser Sachverhalt dürfte ja schon Diderot aufgefallen sein, 
zugleich aber, wie es den Anschein hat, auch seinen affektiven 
Widerspruch erweckt haben, denn er meint in seinem „Discours 
sur la poesie dramatique" : s „Terenz scheint mir einmal in diesen 
Fehler gefallen zu sein. Sein Heautontimorwnenos (der Selbstquäler) 
ist ein Vater, der sich über den gewaltsamen Entschluß grämt, 
zu dem er seinen Sohn durch übermäßige Strenge gebracht hat 
und der sich deswegen nun selbst bestraft, indem er sich in 
Kleidung und Speise kümmerlich hält, allen Umgang flieht, sein 
Gesinde abschafft und das Feld mit eigenen Händen baut. Man 
kann gar wohl sagen, daß es so einen Vater nicht gibt. Die größte 
Stadt würde kaum in einem Jahrhundert ein Beispiel einer so 
seltsamen Betrübnis aufzuweisen haben." 

Nun wollen wir es versuchen, die Richtigkeit unserer These 
an anderen Beispielen, wenn auch nur skizzenhaft, nachzuweisen; 
die bunte Durcheinandermischung von Werken ganz verschiedener 
Kulturkreise und oft Jahrtausende auseinanderliegender Epochen 
mag darin ihre Erklärung finden, daß wir, bloß von dem einen 
Gesichtspunkt geleitet und um seinen Erweis bekümmert, alle 
anderen geflissentlich zurückstellen. 

Der „Kaufmann von Venedig" galt der Shakespeare-For- 
schung vor noch nicht langer Zeit wohl als eines der umstrittensten 
Werke des Dichters, nicht allein betreffs der Grundidee, sondern 
auch in bezug auf seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten 
Dramengattung. Auf Grund unserer Auffassung, daß in der Ko- 
mödie die Vatergestalt als schuldbeladen zur Darstellung gelangt, 
müssen auch wir indessen diese Schöpfung für ein komisches 









1) Freud: Der Witz. (Ges. Schriften, Bd. IX.) 

2) Zitiert nach Lessings „Hamburgischer Dramaturgie". 87. Stück. 



!91 



I 



Drama erklären, wo doch hier nahezu expressis verbis auf die Schuld 
des Vaters hingewiesen wird. Denn der von Shylock so arg be- 
drohte Antonio ist zweifellos eine Vatergestalt; diese psycho- 
analytische Annahme ist gut fundiert durch den Umstand, daß er 
ja aus dem Messer Ansaldo der Vorlage (Fiorentinos Pecorone) 
geformt wurde, welcher in dieser Novelle als „väterlicher Freund", 
voll Liebe, unerschöpflicher Geduld und Opferwilligkeit für den 
angenommenen Sohn, figuriert. Antonio läßt aber der Dichter 
schon in der ersten Szene schuldig werden: 

„Geh, sieh zu, 

Was in Venedig mein Kredit vermag: 

Den spann ich an bis auf das Äußerste" 

und alsbald dem Shylock di« Schuldverschreibung geben. 

Es dürfte wohl kaum Befremden erregen, daß wir hiebei die 
Geldschuld als eine bloße Substitution der moralischen Schuld 
auffassen. Die überaus enge Beziehung beider Begriffe, auf die 
meines Wissens unter den Analytikern Müller-Braunschweigi 
bereits hingewiesen hat, hat schon Nietzsche in seiner „Genea- 
logie der Moral«» hervorgehoben. Die enge Zusammengehörigkeit 
dieser beiden Vorstellungskreise, sowie ihr" Ersatzverhältnis, steht 
ja ganz außer Zweifel. Die uralte Institution der Geldbuße im 
Strafrecht ist hiefür ein ebenso beredter Beleg, wie der Umstand, 
daß nicht allein die deutsche, sondern auch viele andere Sprachen 
(z. B. französisch, polnisch usw.) sich des nämlichen Ausdruckes 
für die materielle wie für die moralische Schuld bedienen. Und 
zuletzt, wenn auch nicht an letzter Stelle: Für den Analytiker, 
der dies Ersatz Verhältnis sowohl in den Träumen der Patienten 
als auch im Widerstand recht häufig zu beobachten Gelegenheit 
hat, birgt dies Eintreten der Geldschuldvorstellung für die der 
moralischen kaum etwas Überraschendes in sich. 

Dasselbe Ausdrucksmittel für das nämliche Motiv findet sich 
aber auch im feinsten deutschen Lustspiel, Lessings „Minna 
von Barnhelm" in Anwendung gebracht. 

Der Ausgangspunkt der Verwicklungen des Stückes liegt ja, 
wie erinnerlich, in seiner Vorgeschichte. Major von Teilheim, mit 
Eintreibimg der Kontribution bei den feindlichen Ständen betraut, 



1) Dr. Karl Müller-Braunschweig: Psychoanalytische Gesichtspunkte 
zur Psychogenese der Moral, insbesondere des moralischen Aktes. Imago VII, 1921. 

2) Kap. 4: Daß jener moralische Hauptbegriff „Schuld" seine Herkunft aus 
dem sehr materiellen „Schulden" genommen hat? 



192 



hat, um äußerste Strenge zu vermeiden, den Betrag gegen einen 
Wechsel der Stände dem König aus eigenem vorgeschossen. Seine 
nach Friedensschluß erhobene Forderung nach Begleichung der 
ihm zukommenden Summe wird abgelehnt, er überdies unter dem 
Verdachte, vom Feinde ein Geldgeschenk empfangen zu haben, 
in Untersuchung gezogen. Dies empfindet er nicht bloß als eine 
schwere Ehrenkränkung, sondern auch als unüberwindliches Hinder- 
nis für seine Ehe mit der ihn liebenden und von ihm geliebten 
Minna. 

Wir können kaum anders, als diesen mit so logischer und 
reicher Fassade geschmückten Sachverhalt doch bloß wieder auf 
die dürftige Formel: der Vater (König) ist schuld, zu reduzieren. 
Und dafür spricht nicht nur, daß die Verwicklung durch ein Ein- 
greifen des Königs selbst und Tilgung seiner Schuld gelöst wird, 
auch in seinen episodischen Szenen, wie z. B. mit dem Diener 
Just und mit Werner, ist ja das Lustspiel förmlich durchzogen 
von der Weigerung Teilheims: „Ich will dein Schuldner nicht 
sein." Bei all der vortrefflichen Rationalisierung hören wir in 
dieser beständigen Weigerung doch kaum anderes heraus, als daß 
der Sohn hier die Schuld völlig ablehnt, um sie um so nachdrück- 
licher und ausschließlicher beim Vater zu betonen. 

Wir sind aber bei der Deutung auch unvermittelt auf den 
Inhalt der dem Vater vorgehaltenen Schuld gestoßen: Der König 
hindert ja die Liebe und Ehe Tellheims! 

Daß dies tatsächlich die latente Grundtendenz des Stückes ist, 
erhellt aus nachstehendem Umstand: Ich habe bereits in meiner 
Macbeth-Studie 1 hervorgehoben, daß in den dramatischen Schöp- 
fungen das Grundmotiv derselben in einer doppelten Darstellung, 
nämlich sowohl in einer dem Bewußtsein näheren als auch ferneren, 
sohin in einer direkteren als auch verhüllten Form zum Ausdruck 
gebracht erscheint. Und zwar ist dies Phänomen so regelmäßig 
festzustellen, daß auch die umgekehrte Fassung: alles, was in 
einem Drama doppelt dargestellt erscheint, ist sein Grundmotiv, 
mir heute, nach reichlicher Nachprüfung, ganz verläßlich erscheint. 

Nun ist aber in „Minna von Barnhelm" solch ein zweiter, 
ungleich weniger verhüllter Hinweis auf den Vater als Hindernis 
der Liebe tatsächlich vorhanden. Es ist dies die Stelle, wo Minna 
dem sich ihr verweigernden Teilheim mystifizierend mitteilt, ihr 
Oheim und Vormund Graf Bruchsall verfolge sie und habe sie 



1) Dr. Ludwig Jekels: „Versuch über Macbeth." Imago, Bd. V, 1917/19. 

15 193 



enterbt, weil sie keinen Mann aus seiner Hand annehmen wolle. 
Kaum aber, daß der Graf (V/3) Tellheim kennen gelernt hat, 
wird er schon von diesem mit „mein Vater" angesprochen und 
apostrophiert Tellheim als „Sohn" . . . 

Der Vorwurf: „Vater — Störer der Liebe" als seine Schuld 
statuiert — das ist der latente Inhalt der meisten Komödien der 
erwähnten Gattung. 

Überdeutlich, weil weder die Vater-Sohnes-Beziehung noch auch 
die sexuelle Rivalität beider irgendwie verhüllend, bringt dieses 
Motiv Moli eres „L'Avare" zum Ausdruck — wo Harpagon 
zwischen seinen Sohn und dessen Braut tritt, da er sie selbst 
ehelichen will. 

Dasselbe Motiv aber auch im „Tartuffe", sofern man den 
Scheinheiligen als bloße Abspaltung des Vaters Orgon auffaßt, 
wodurch er zum Rivalen des Sohnes bei der Mutter wird. 

Ähnlich wie hier wird aber auch im „Phormio" des Terenz 
— einem der schönsten Lustspiele der Antike — der sich der 
Liebeswahl des Sohnes widersetzende Vater durch die Entlarvung 
seiner sexuellen Verfehlung dem Willen des Sohnes (Phädria) ge- 
*"&*& gemacht. Mit den Worten des Vaters: „Allein wo ist de? 
Phädria, mein Richter", schließt bezeichnenderweise die Handlung. 

Die nachfolgenden Lustspiele verraten in ihrem manifesten In- 
halt zwar nichts mehr von jenen „familiären" Beziehungen, die in 
den zuletzt besprochenen so überdeutlich zutage traten; nichtsdesto- 
weniger ist in ihnen die psychische Grundsituation die nämliche. 

So in dem mit Recht so berühmten „Miles gloriosus" von 
Plautus. Der bramarbasierende eitle Narr Pyrgopolinikes ist hier 
in doppelte Relation gebracht: als Vater dem jungen Athener 
Pleusikles gegenüber, dessen Geliebte er entführt, und als Sohn 
gegenüber dem jovialen Epheser Periplekomenos, dem er, der 
gesponnenen Intrige zufolge, die vermeintliche Gattin abwendig 
machen will. 

Die Reihe von Beispielen wollen wir nun mit dem Hinweis 
auf den für unsere Behauptung nicht minder illustrativen „Zer- 
brochenen Krug" von Kleist schließen, dessen Inhalt die 
Untersuchung bildet, ob der Vater (Richter Adam) oder der Sohn 
(Ruprecht) die Schuld am nächtlichen Einbruch und am „Zer- 
brechen des Kruges bei Eva" (!) trage. 

Ganz im Sinne unserer These fällt auch hier das „schuldig" 
auf das Haupt des Vaters. 

* 



194 






Die Bedeutsamkeit dieser Feststellung erhellt wohl aus den 
hier folgenden Ausführungen von Bergson. 1 Seine Ansicht geht 
ja dahin, daß das Wesen des Komischen in der Mechanisierung 
des Lebens besteht, welcher Effekt außer durch zwei andere 
(repe'tition, interferencee des series) auch durch den Vorgang der Um- 
kehrung (Vinversion) erzielt werde. Und da meint er nun in wört- 
licher Übersetzung (^S. 96 ff.): „Denken Sie sich gewisse Personen in 
einer gewissen Situation; Sie erhalten eine komische Szene, wenn 
Sie es bewirken, daß sich die Situation umkehrt und die Rollen 
vertauscht werden . . . Aber es ist nicht einmal notwendig, daß die 
beiden symmetrischen Szenen vor unseren Augen gespielt werden; 
man braucht uns bloß eine derselben vorzuführen und mag dabei 
sicher sein, daß wir an die andere denken. Der Verfolger als Opfer 
seiner Verfolgung, der betrogene Betrüger — das ist das Zutiefst- 
liegende bei vielen Lustspielen ebenso wie in den Schwänken aus 
alten Zeiten . . . Die moderne Literatur hat noch viele Variationen 
des Motivs vom bestohlenen Dieb (voleur voli). Letzten Endes 
handelt es sich immer um eine Verkehrung der Rollen und um 
eine Situation, die sich gegen denjenigen kehrt, der sie geschaffen 
hat ... — Es dürfte sich hier ein Gesetz bestätigen, das wir bereits 
öfters angewendet gefunden haben. Wenn eine Szene oft reprodu- 
ziert worden ist, wird sie zur ,Kategorie' oder zum Vorbild. Sie 
wird unterhaltend durch sich selbst, unabhängig von den Ursachen, 
die es bewirken, daß sie uns belustigt. Und derart können neue 
Szenen, die an sich nicht komisch sind, uns tatsächlich unter- 
halten, wenn sie jener ähnlich sind. Sie werden in unserem Geiste 
mehr oder weniger undeutlich ein Bild hervorrufen, welches wir 
als drollig bereits kennen. Sie werden sich in eine Gattung ein- 
ordnen, in der ein offiziell anerkannter komischer Typus figuriert. 
Die Szene vom bestohlenen Dieb ist wohl von dieser Art. Das 
Komische, das ihr innewohnt, strahlt sie aus auf eine Menge 
anderer Szenen. Und dies soweit, daß sie jedes Mißgeschick, das 
man sich durch eigenje Schuld zugezogen hat . . ., ja, was sage 
ich, jede Anspielung auf dieses Mißgeschick, jedes Wort, das an 
dasselbe gemahnt — komisch erscheinen läßt!" 

Es erübrigt sich wohl hervorzuheben, daß wir diese zentrale 
Stellung der Modellszene für das von uns hervorgehobene Element 
in Anspruch nehmen. 



1) Henri Bergson: „Le rire." Paris 1913. 



>3* 195 



Mit diesen seinen Ausführungen hat ja der scharfsinnige Philo- 
soph sich zwar unserer Ansicht außerordentlich genähert, hat auch 
das Geltungsgebiet des von uns aufgefundenen Elementes im 
Reiche der Komödie und ihrer mannigfachen Spielarten über das 
von uns angenommene Ausmaß erweitert; für die Klärung des 
Rätsels, das die Komödie darstellt, ist jedoch dadurch kaum etwas 
gewonnen worden. 

Denn fürwahr, recht rätselhaft muß uns das komische Drama 

erscheinen. 

Es kann ja kaum anders sein, als daß der Komödiendichter 
dieselben Schöpfungsantriebe besitzt und den nämlichen psycho- 
logischen Gesetzen unterworfen ist, wie sie uns als für den 
tragischen Dichter in Geltung stehend schon längst — besonders 
durch die schöne Arbeit van Sachs 1 — bekannt sind; vor allem 
der imperative Drang, seinen verdrängten Komplexen Abfuhr 
zu verschaffen, dem der Dichter gleichsam durch die Verteilung 
seines Schuldgefühles auf all die Vielen Folge zu geben ver- 
mag. 

Anderseits aber lassen die oben mitgeteilten, wenn auch noch 
so flüchtigen Komödienanalysen uns kaum im Zweifel darüber, 
daß das hier zur Verarbeitung gelangende Material gleichfalls 
ganz das nämliche wie beim tragischen Dichter ist, d. h. hier wie 
dort dem Ödipus-Komplex zugehört. 

An dieser Identität des Materials bei den beiden Dramen- 
gattungen mag es ja gelegen sein, daß bei so zahlreichen dra- 
matischen Dichtungen der Charakter derselben recht weit in die 
Verwicklung hinein ein ganz unentschiedener ist, so daß bis dahin 
füglich ebenso eine Komödie wie eine Tragödie resultieren könnte, 
und erst eine späte und jähe Wendung über die Zugehörigkeit 
entscheidet. 

Wieso kommt es aber und wie mag es da zugehen, daß sich 
aus so identischen psychologischen Voraussetzungen so vollends 
verschiedene, ja diametral entgegengesetzte Effekte ergeben, und 
daß aus dem gleichen Boden wir in dem einen Falle die tragische 
Schuld und die Sühne, im anderen aber schäumenden Übermut 
und Triumph entsprossen sehen? 

In dem unseren Analysen entnommenen Element der Schuld- 
verschiebung vermeinen wir den Schlüssel zu besitzen, um das 
Rätsel dieser Sphinx zu lösen. 



i) Hanns Sachs: Gemeinsame Tagträume. Imago-Bücher, V. 



1 9 ' 






Letzten Endes ist ja diese infantile Phantasie vorn Vater als 
Störer der Liebe nichts anderes als eine Projektion des eigenen 
schuldbeladenen Wunsches des Sohnes, die Liebe der Eltern zu 
stören. Durch ihre Verschiebung auf den Vater, seine 
Ausstattung mit einer so spezifischen Sohnesattitüde i 
wird uns kund, daß hier der Vater seiner Vaterattribute 
entkleidet, somit als Vater beseitigt und zum Sohne 
erniedrigt wurde. 

Dieser Verschiebung wohnt demnach die nämliche Psychologie 
inne, wie der im Lustspiele überhaupt und auch unter unseren 
Beispielen so häufig verwendeten Entlarvung (Tartuffe, Zerbrochener 
Krug, Phormio"); diese Psychologie faßt Freud in die Formel: 
„Du bist auch nur ein Mensch wie ich." Genau so wie die Ent- 
larvung wird auch diese Phantasie in der Komödie dazu verwendet, 
um den Vater herabzusetzen, und zwar herabzusetzen zum Sohne, 
auf das dem Sohne sonst zukommende Niveau. — Und dies: Den- 
Vater-zum-Sohne-Machen, diese verkehrte Welt, Je monde renversd", 
wie B ergson meint, das ist der eigentlichste Kern seiner „Inversion", 
die innerste Tendenz der Schuldverschiebung. 

Und nur die Tatsache, daß der Vater bloß als Sohn dimen- 
sioniert wird, macht es uns verständlich, warum im Lustspiel (von 
der antiken bis zur modernen Ehebruchskomödie) meist der Vater 
der im Wettkampfe unterliegende Teil ist Aus demselben Grunde 
muß, um auf unsere Beispiele zurückzukommen, Harpagon die 
Partie und damit das Liebesobjekt verlieren, und der König in 
„Minna von Barnhelm« nicht nur die Hindernisse wegräumen, 
sondern sogar weit über das beanspruchte Maß von Genugtuung 
hinausgehen. 

Lediglich diese Reduktion des Vaters zum Sohne läßt es uns 
verstehen, daß es dem Komödiendichter möglich wird, ein so 
reiches Ausmaß von Aggression (Hohn, Spott usw.) gegen den 
Vater zu entfesseln, und beispielsweise einen Antonio im „Kauf- 
mann" und noch deutlicher den bei seinen Liebeswerbungen über- 
raschten Bramarbas in direkt ausgesprochener Entmannungsgefahr 
schweben zu lassen. Bloß im Sinne dieser Reduktion verstehen 
wir den Zuruf an den Pardonnierten : „Wird's wohl fertig sein 
mit deiner Vaterschaft!" 

Die Amovierung des Vaters, seine Auflösung im Sohne, die 
Einziehung des Über-Ichs, sein Zusammenfließen mit dem Ich, 
welch volle psychologische Übereinstimmung mit der Manie. 



*97 



Wie hier so auch dort das Ich, nachdem es sich vom Tyrannen 
befreit, im Freiheitsrausche, in der Hemmungslosigkeit Humor. 
Witz und allerlei Komik entbindend! 

Wir widerstehen der Versuchimg, die nunmehr uns so nahe- 
gelegte psychologische Verwandtschaft der Tragödie mit der 
melancholischen Depression zu erörtern, welchen Zusammenhang 
übrigens schon die Worte des Byzantiners Suidas verraten: 
»*1 XQ'h TQavtüöeiv mSvcag r\ ufiXavxoXäv", und wollen uns mit 
der Feststellung bescheiden, daß die Komödie ein ästhetisches 
Korrelat der Manie ist. 

1,111111111111 iiiiiiiifiiiiiiiiiiiiifiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiriififiiiiiiiciiJiiiirirriiifTiiiiiiiiiiiTiiiiiiiiiiiiiiiiiiiffiiutiinimni^nimg,,, 

PSYCHOANALYTISCHES LESEBUCH 
Pestalozzi: Der Schneidertraum 

„Wollt Ihr mich heute nicht als Lehrling annehmen?" Also sagte Jakob 
Tiüb zum Schneider Mellhorn. 

Meister Mellhorn antwortete: „Jakob! Was hast du letzte Nacht ge- 
träumt?" — „Mir hat geträumt« erwiderte Jakob, „ich habe in eine 
Lotterie gesetzt und vieles gewonnen." 

Der Meister versetzte: „Jakob, heute nehme ich dich nicht an« 
r . j™ anderen Morgen fragte der Junge wieder das nämliche, und so 
fünf Tage nacheinander. Aber allemal, wenn er seinen Traum erzählt 
hatte, antwortete der Meister: „Ich nehme dich heute nicht an« 

Am sechsten Tage erzählte Jakob: „Heute träumte mir, ich sitze auf 
einem Schneiderstuhl und schwitze den ganzen Tag bei meiner Arbeit, daß 
mir die Tropfen von Stirn und Wange auf meine Kleider herabfallen, 
und am Abend, da ich endlich meine Nadel hingelegt hatte, fand ich sie 
ganz golden." 

„Gut!« sagte der Meister, „das ist der Schneidertraum, wie ihn ein 
Junge träumen muß, ehe man ihn annimmt.« 

Maurus J6kai über den Traum 

„Und erst die Träume! Der Traum ist der Zauberspiegel, in welchem 
der Mensch sich so sieht, wie er wäre, wenn seine Triebe und Wünsche 
allein maßgebend wären. Der Kahle hat im Traum Haare. Die Angebetete, 
die er im wachen Zustand nicht zu erreichen vermag, zwingt der Mensch, 
ihn im Traume zu erscheinen, und so zu erscheinen, wie es ihm beliebt." 



1 9 8 



Zur Technik des Witzes 

(Der latente Sinn der elliptischen Entstellung) 



von 



Theodor Reik 

Eine der „Drei psychoanalytischen 
Notizen", die der Verfasser in der am 6. Mai 
1926 zum 7 O.Geburtstage Sigm.Freuds er- 
schienenen Doppelnummer der „Imago, 
Zeitschrift für Anwendung der Psycho- 
analyse auf die Natur- und Geistes- 
wissenschaften" veröffentlichte. Die beiden 
anderen Notizen heißen „Grußverlegenheit" 
und „Den Gesprächspartner verloren". 

Die Auslassungstechnik der Zwangsgedanken sowie des Witzes 
wurde von Freud zum ersten Male klargelegt und in ihren Zielen 
verständlich gemacht. Die Auslassung will den wirklichen Wort- 
laut der Zwangsidee entstellen und so gegen das Verständnis 
schützen. Als Beispiel sei die Zwangsidee eines Patienten ange- 
führt, der sich mit Aufwand großer psychischer Energie gegen 
blasphemische Gedanken zur Wehr setzte: Wenn ich einen Schuh- 
riemen einschnüre, verfluche ich Gott. Da sich dieser Gedanke 
schließlich auf alle Schuhriemen verschob, sah er sich genötigt, 
mit offenen Schuhriemen auf der Straße zu gehen. Die Einsetzung 
der übersprungenen, in der Analyse erschlossenen gedanklichen 
Zwischenglieder ist zum Verständnis der Zwangsidee notwendig. 
Die Bedeutung des Einschnürens der Schuhriemen in die Ösen 
als Sexualsymbol für den Geschlechtsverkehr sowie der Mechanis- 
mus der Verschiebung auf ein Kleines liefern die erforderliche 
Aufklärung. Der ergänzte Gedankengang lautet: wenn ich einen 
Geschlechtsverkehr ausfuhren will, stört mich der Gedanke an 
den Vater, so daß ich ihn verfluchen will und dieser Fluch konnte 
in Erfüllung gehen. Diese Zwangsidee, auf Gott als den Störer 
der Sexualität verschoben, gibt das Wesentliche der Losung. 1 

Wir stellen dieser Zwangsidee einen Witz zur Seite, dessen 
Technik ebenfalls die der Auslassung ist. Der Wiener Athlet und Ring- 

1) Der Vater hatte zur Pubertätszeit des Sohnes die Onanie energisch und 
unter starken Drohungen verboten. Gleichzeitig hatten andere Personen, die 
ihm nahe standen, die Onanie als Sünde und Verbrechen gegen Gott hingestellt 



*99 



kämpfer Jagendorfer erzählt seinen Freunden beim abendlichen 
Stammtisch folgendes Erlebnis des Tages: „Denkt's euch, wie ich 
heut' in mein Kaffeehaus komm' und meine Billardpartie spielen will 
ist mein Queue nicht da. Ich such' überall und find' es nicht. Da 
seh' ich einen Herrn am anderen Billardtisch spielen und seh', 
daß er mit meinem Queue spielt. Ich geh' also hin und sag' ihm:' 
,Herr, das ist mein Queue.' Sagt er: ,Nein, das ist meines/ Sag 
ich: ,Herr, geben S' das Queue her, wenn ich Ihnen schon sag, 
es ist mein Queue'. Er aber gibt nicht nach und sagt immer 
wieder, daß es seines ist. Wie's ihn dann mit Essig g'wasch'n 
hab'n, seh' ich erst, daß es wirklich nicht mein Queue 
war.« Es ist die Frage berechtigt, ob hier überhaupt ein 
Witz vorliegt. Handelt es sich nicht vielmehr um eine komische 
Geschichte? Sehen wir näher zu: der erste Eindruck könnte ein 
komischer sein; wir lachen über den ungeschlachten Riesen, der 
wegen einer solchen Bagatelle einen — noch dazu unschuldigen — 
Nebenmenschen zu Boden schlägt. Wir würden sicher nicht so 
handeln; es ergibt sich hier jener Fall des Komischen, der ent- 
steht, wenn wir den Aufwand — in unserem Fall den körper- 
lichen und affektiven — anderer Personen mit dem vergleichen, 
den wir m gleicher Situation zeigen würden. Es wäre also der 
allzugroße Aufwand, der uns lachen macht.« Es ist so, wie wenn 
wir uns sagen würden: was für ein Tölpel! konnte er nicht sorg- 
samer überprüfen, wessen Billardcrueue es war? Wir merken aber 
bei dieser Erklärung, wie wenig komisch das eigentlich ist; wir 
mußten eigentlich über diesen Mangel an seelischem Gleichmaß 
und diese Brutalität entrüstet sein. Versuchen wir eine andere 
Fassung der Erzählung etwa: „Wie ich ihm dann einen Faust- 
schlag versetzt habe, so daß er ohnmächtig wurde, sehe ich erst. . .«, 
S ° fff!** Wir ' daß ^elleicht noch immer ein Stück Komik 
übrigbleibt, aber es ist nichts mehr da, was uns berechtigen 
wurde, hier einen Witz zu finden. Wir sehen also: einer der Fälle 
m denen das Komische dem Witz als Fassade dient. Das Witzige 
hangt gerade an dem Moment der Auslassung dieses Satzes und 
an der Ausdrucksweise des folgenden, der eine Anspielung auf 
das Ausgelassene enthält. Diese Fortsetzung zeigt ebenso wie das 
Überspringen, daß das Niederschlagen des Athleten so selbst- 
verständlich erscheint, daß er es gar nicht zu erwähnen braucht; 



1) Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. Ges. Schriften 
TV S iii f 



Bd. IX, 8. 222 f. 



200 



sogar das „Mitessigwaschen" erwähnt er nur so nebenbei, als 
Zeitbestimmung. Wir erkennen jetzt, daß es diese Technik war, 
die auch für das Komische entscheidend war: gerade diese Un- 
bekümmertheit und Selbstverständlichkeit der Aggression, sowie 
ihr selbstverständlicher, in unseren Augen übertriebener Erfolg 
wirken zusammen, um unsere Entrüstung über eine solche Bru- 
talität ersparen zu helfen und uns lachen zu machen. Daß der 
Athlet dann seinen Irrtum einsieht, hat die verstärkende Wirkung, 
daß es uns das Übereilte und Unzweckmäßige seiner Aktion zeigt ; 
wir lachen über ihn, wie wir über die unzweckmäßigen und über- 
mäßigen Bewegungen von Kindern lachen. 1 

Wir haben nicht vergessen, daß das Komische hier den Witz 
verdeckt. Das Komische wirkt sich darin aus, daß wir über den 
Athleten lachen; das Witzige in der Erzählung wird die Wirkung 
haben, daß wir mit ihm lachen. Wir lachen nämlich über seinen 
Bericht auch, weil er, durch die Vorlust verdeckt, tiefere unbe- 
wußte Regungen in uns freigemacht hat. Wir fühlen: eigentlich 
sind diese selben gewaltsamen und gewalttätigen Regungen in 
uns allen; auch wir wären fähig, wenn uns nicht die Kultur- 
hemmungen hinderten und wenn wir über die Körperkräfte eines 
Athleten verfügten, einen niederzuschlagen, wenn wir überzeugt 
sind, er wolle uns unser gutes Recht streitig machen. Unsere aggressi- 
ven und sadistischen Impulse erfahren eine plötzliche Aufhebung 
der Hemmung, wenn wir uns mit dem Athleten identifizieren. 
Wir lachen also aus erspartem Hemmungsaufwand. 

Doch wir wollten uns ja nicht mit der Psychogenese der Witz- 
wirkung, sondern mit der speziellen Technik der Auslassung be- 
schäftigen. Die latente Bedeutung der Auslassung oder der ellipti- 
schen Technik scheint mir nun zu sein, daß mit diesem techni- 
schen Mittel auch ein spezifischer Inhalt verbunden ist, der eben 
auf das Wegschaffen, Aus-dem- Wege-Räumen eines Objektes hin- 
zielt. Es ist also so, als ob durch die Auslassung unbewußt eine 
Tendenz zum Ausdruck käme, welche die Person eliminiert, ver- 
nichtet oder tötet. Die Auslassung als technisches Element ent- 
spricht inhaltlich einer siegreichen seelischen Strebimg zur radi- 
kalen Entfernung eines gehaßten Objektes (oder einer gehaßten 
Institution, die durch eine Person verkörpert wird). Um diese Be- 
ziehung zwischen einer typischen Technik und einein latenten 
Inhalt klarzumachen, müssen wir wohl weiter ausgreifen. Es ist 

1) Freud: Der Witz usw. Ges. Schriften, Bd. IX, S. 221. 



201 



in der analytischen Literatur noch keineswegs gebührend hervor- 
gehoben worden, wie oft und wie erfolgreich die Form eines 
seelischen Phänomens dazu verwendet wird, seinen geheimen 
Inhalt darzustellen. Wie uns Freud gezeigt hat, bedient sich der 
Träumer oft einer ähnlichen Technik, wenn er seinen Traum 
erzählt und ein Stück von dessen latenter Bedeutung in einer 
Glosse, einem Urteil, oder einer Bemerkung darüber unterbringt. 
Oft ist in einem solchen beiläufig bemerkten Formelement gerade 
das Wesentliche des Trauminhaltes enthalten. In derselben Art 
dient die Vorstellungsmimik dazu, den Inhalt des Vorgestellten 
darzustellen, wie es Freud in seinen Ausführungen über den 
r Ausdruck des Vorstellungsinhaltes" geschildert hat. 1 

Wir meinen also, eine unterirdische Beziehung zwischen der 
elliptischen Entstellungstechnik in den Zwangsgedanken und im 
Witz und dem spezifischen Inhalt des Ausgefallenen gefunden zu 
haben: die Auslassung stellte sich als Ausdruck der unterdrückten 
Tendenz zur völligen Vernichtung, Ausrottung des Objektes dar. 
(„Nicht gedacht soll seiner werden.") Wir können nicht sagen, 
ob diese Beziehung eine konstante oder nur in einigen Fällen 
nachweisbare ist. Prüfen wir unsere Hypothese an den uns zu- 
nächst zur Verfügung stehenden Beispielen: in der elliptischen 
Zwangsidee meines Patienten ist diese Annullierungstendenz ohne- 
weiters klar; das Ziel seiner Wünsche ist eben, den Vater völlig 
auszuschalten. Ebensowenig ist die Vernichtungsabsicht in der 
Geschichte von Jagendorfer zu verkennen. Man könnte diesen 
Witz in eine Reihe stellen mit jenen komischen Übertreibungen 
und Renommierereien, in denen die Gassenjungen unserer an- 
geblich von alter Kultur erfüllten Stadt die gewaltige Wirkung 
ihrer Affektäußerungen darstellen. Ich horte einmal, wie ein halb- 
wüchsiger Fleischhauerjunge in einem Wortstreite einem anderen 
zurief: „Wenn ich dich nur anrühr', paßt' ja in kein Sarg mehr 
hinein!" Hier ist also nicht nur eine Beschädigung von der Kraft- 
äußerung zu erwarten, sondern eine so weitgehende Deformation, 
— noch dazu durch bloße Berührung — daß kein Sarg mehr den 
formlos gewordenen Leichnam des Gegners aufnehmen könnte. 
Auch hier ist eine Auslassung konstatierbar, aber entsprechend 
dem ungehemmteren Charakter des Milieu ist der Inhalt des 
Ausgelassenen als gewaltsame Tötung aus dem folgenden Satze 
leicht erratbar. Wir werden durch die Kontrastierung dieses Bei- 

l) Freud: Der Witz. Ges. Schriften, Bd. IX, S. 220. 



202 



Spieles mit anderen darauf aufmerksam, daß, was hier im Nach- 
satz so unzweideutig: hervortritt, anderswo nur angedeutet er- 
scheint, daß sich der Inhalt des Ausgelassenen in der folgenden 
Satzfügung nur als Anspielung oder in abgeschwächter Form 
findet. Wirklich können wir diese Spur in dem der Auslassung 
folgenden Satz unserer Beispiele verfolgen; in der Zwangsidee 
des Patienten lautet dieser: muß ich Gott verfluchen. In der Er- 
zählung des Athleten tritt die Wirkung des Schlages, also der 
aggressiven Tendenzen in dem Nebensatz „wie sie ihn dann mit 
Essig g'wasch'n hab'n" hervor. Es ist so, als ob sich das Ausge- 
fallene gleich im folgenden Satze eine abgemilderte und abge- 
schwächte Vertretung, einen Ersatz gesichert hätte, der freilich 
den ursprünglichen krassen Inhalt des Ausgefallenen nur ahnen 
läßt. Wir sind uns der Unzulänglichkeit unserer Worte bewußt, 
wenn wir die psychologische Sachlage folgendermaßen beschreiben: 
der bewußtseinsfähige (vorbewußte) Inhalt der Auslassung geht 
soweit, als der Vorstellungsumfang der Ersatzbildung (des fol- 
genden Satzes, der folgenden Anspielung) reicht; der unbewußte 
Inhalt wird durch das Ausmaß der Auslassung selbst bestimmt. 
Die Ersatzbildung oder Anspielung dient so nur als Wegweiser, 
nicht als zureichende Auskunft. Wir werden etwa durch den fol- 
genden Satz darauf aufmerksam, daß das Ausgefallene von aggres- 
sivem, feindlichem Charakter war, daß es sich um den Ausdruck 
von Zorn oder Haß handelt, aber die Intensität dieses Hasses, 
das Ausmaß dieser Wut bleibt unbewußt, ebenso das Triebziel, 
eben die Vernichtung oder Tötung des Objektes. Gerade die ana- 
lytische Erforschung der Zwangsneurose bringt hier die beste 
Analogie : wir hören oft von Patienten, sie seien bei einem be- 
stimmten Anlaß oder gegenüber einer bestimmten Person ärgerlich 
oder böse geworden, aber die Tiefe ihrer Affekte, der Charakter sinn- 
loser Wut, der zu stärksten Todeswünschen gegen gehaßte Personen 
fuhrt, blieb ihrem Bewußtsein entzogen. Auch die Unbestimmtheit 
des Nachsatzes der Zwangsidee (als Beispiel das bei Freud an- 
geführte: 1 „Wenn ich die Dame heirate, geschieht dem Vater 



i) Freud: Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose (Ges. Schriften 
Bd. VIII). Gerade die Analyse dieses Falles zeigt, daß der Inhalt der elliptischen 
Entstellung unbewußte Todeswünsche gegen den Vater sind, die sich kraft der 
Allmacht der Gedanken verwirklichen könnten. Der von Freud angeführte 
Witz „Wenn der X. das hört, bekommt er wieder eine Ohrfeige" scheint nicht 
auf solchen Inhalt des Ausgefallenen schließen zu lassen. Die Fortsetzung der 
im Nachsatz angedeuteten Aggressionstendenz ins Unbewußte würde aber die- 



205 






ein Unglück"), die ihr Pendant manchmal in der Anspielung im 
Witz findet („wie's ihn dann mit Essig g'wasch'n hab'n"), zeugt 
von der Bemühung, den wirklichen Inhalt der Zwangsidee, des 
Witzes — nämlich den Tod — der bewußten Vorstellung fern- 
zuhalten. Die Ersatzbildung bringt also das Ausgelassene in außer- 
ordentlich abgeschwächtem, bewußtseinsfähigem Ausmaße wieder. 
In einzelnen Beispielen greift sie, wenn kein Zweifel mehr 
am Inhalt des Ausgefallenen bestehen kann, sogar zu heuchle- 
rischen oder ironischen Verteidigungen wie in jenem furchtbaren 
Worte: „Die einzige Entschuldigung für Gott ist, daß er nicht 
existiert." 

Es steht also so, daß die geheime Bedeutung der elliptischen 
Technik der Ausdruck heftiger Vernichtungstendenzen, unbewußter 
Todeswünsche ist, die man nicht laut sagen kann, ohne auf Ent- 
rüstung und Ablehnung seitens der Umwelt zu stoßen. In jenen 
Beispielen, in denen das sexuell Anstößige ausgelassen wird, 
brauchen so intensive Destruktionstendenzen unbewußter Art 
keineswegs zu fehlen; die Trieb strebungen sind dort konstitu- 
tionell durch sadistische, gegen das Objekt gerichtete Tendenzen 
verstärkt, wie dies manchmal in der Zote zum Ausdruck kommt. 

Wir könnten die Auslassung im Witz und im Zwangsgedanken 
jenen Aus drucks Vermeidungen gleichsetzen, die selbst zum Aus- 
druck des unterdrückten Inhaltes werden. Die Abmilderungen oder 
Anspielungen des folgenden Satzes, die den Charakter der Ersatz- 
bildung haben, wären dann jenen Euphemismen zu vergleichen, die 
wir manchmal anwenden („dahinscheiden", „uns verlassen" usw. 



selben Vernichtungstendenzen gegen die verspottete Person zeigen. Freud 
weist übrigens selbst darauf hin, daß neben den formellen auch inhaltliche 
Übereinstimmungen zwischen der Zwangsidee und diesem Witz bestehen. 

Wie Freud zeigt, ist auch die Auslassung, die er einer Verdichtung ohne 
Ersatzbildung vergleicht, eine Art der A nspielung. „Eigentlich wird bei jeder 
Anspielung etwas ausgelassen, nämlich die zur Anspielung hinführenden Ge- 
dankenwege. Es kommt nur darauf an, ob die Lücke das Augenfälligere ist 
oder der die Lücke teilweise ausfüllende Ersatz in dem Wortlaut der Anspie- 
lung. So kämen wir über eine Reihe von Beispielen von der krassen Auslassung 
zur eigentlichen Anspielung zurück." (Freud, Der Witz. Ges. Schriften, 
Bd. IX, S. 85.) 

Um hier der krassen Auslassung einen Witz mit Anspielung gegenüber- 
zustellen, sei auf eine Szene in einem Lustspiele von Maurice Donna y ver- 
wiesen. Dort flüchtet eine Dame vor den Nachstellungen eines Don Juan in 
die Wohnung eines Freundes ihres Mannes. Der Herr beruhigt die Erschreckte 
mit den Worten: B Si vons ites chez moi, vous n'avez rien ä craindre — des 
autres.* 



204 



für sterben). Der Vergleich geht freilich nicht über eine gewisse 
Grenze hinaus, denn der Ausfall in den Zwangsideen oder im 
Witz drückt wirklich einen unbewußten Todeswunsch aus. Die 
Auslassung ist nur eine verhülltere Form eines Optativs : oh, wäre 
er weg, möge er sterben, verschwinden! 

Vielleicht darf uns das erste Beispiel, das wir gewählt haben, 
jene blasphemische Zwangsidee, den Mut geben, eine Vermutung 
darüber zu äußern, wie es überhaupt zu solcher Auslassungstechnik 
gekommen ist. In den Denkmälern des antiken Orients sowie im 
Sprachgebrauch bestimmter semitischer Völker finden wir Aus- 
drücke wie: X. Y. (Name) mit dem Zusatz: Tanit, Allah usw. ver- 
nichte ihn, möge seinen Namen zerstören! Es sind also Namen, 
die von einem Fluch gefolgt sind. Es wäre aus dem Verdrängungs- 
fortschritt der Jahrhunderte zu verstehen, daß solche Flüche nach 
Erwähnung von Personen unterdrückt worden wären, und sich an 
deren Stelle eine Ersatzbildung eingestellt hätte.» Diese so unter- 
drückte, schließlich verdrängte Regung hätte sich gerade des Aus- 
falles bedient, um zum Ausdruck zu kommen. Es wäre so, wie 
wenn ein Soldat der eigenen Armee zum Feinde überliefe, um 
gegen die früheren Kameraden zu kämpfen. Die Auslassung als 
Mittel der Unterdrückung wäre schließlich Ausdrucksmittel des 
Unterdrückten geworden. Die Verdrängung jener gewalttätigen 
Impulse, die auf Tötung und Vernichtung des gehaßten Objektes 
abzielen, ist also die Vorbedingung der Auslassung, die so zu 
einem psychischen Kompromißausdruck der verdrängten und der 
verdrängenden Regungen würde. Sie ist aber auch dafür verant- 
wortlich, daß es zum Kurzschluß des Witzes und zu dem an- 
scheinenden Widersinn der Zwangsidee kam. Wie in der Psycho- 
logie der Traumvorgänge wird hier die Absurdität zum Zeichen 
des Spottes und Hohnes, des Protestes gegen die verdrängenden 

IVIächte 

Wir wollen nur noch ein Beispiel elliptischer Witztechnik an- 
führen: der geniale Wiener Schauspieler Girardi antwortete ein- 
mal einem Kollegen, der ihn um Geld bat, mit den anscheinend 
ganz unsinnigen Worten: „Wissen S' was, lieber Freund 
Sei'n wir lieber gleich bös'." Das scheint auf den ersten Blick 
Unsinn, auf den zweiten verrät es die besondere Welterfahrung 
des Schauspielers. Das heißt doch: Wenn ich Ihnen ]etzt Geld 

i) Als Übergangsstadium wäre etwa an Formel wiei er, dessen Nam.- 
nicht genannt werden soll, zu denken. 



205 



borge, werde ich es sehr widerwillig tun und Ihnen deshalb alles 
Böse wünschen. Mein Arger wird sich „och steigern, wenn Sie 

Sw7r «M r r" U t hen d " GeH ni€ht *-**** werden. 
D.eses Gefühl kann aber unmöglich nach außenhin spurlos bleiben- 
es wird sich .rgendwie ein Ventil verschaffen und wir werden 
Femde werden. Man könnte diese psychologische Reihe „och nach 
anderer R.chtung hi„ fortführe«: auch der Bittsteller ist durch 
die Demütigung daß er um Geld bitte« muß, bereits unbewußt 
femdich gegen den vom Geschick begünstigtem Kollegen ein- 
gestellt und d.eses Gefühl wird durch das reaktive Schuldgefühl 
wenn er da, Geld nicht zurückgeben kann, noch vertieft werden «' 

tZL ^ Tw 'V?" SeitS "' der Aus ^g der Beziehungen 
nicht zwe.felhaft. Der freundliche Rat, doch gleich böse zu sfin, 
sehe nt so nicht nur die Geldausgabe, sondern aueh eine Reihe 
zu' wöten 3 ZwlSChenbe ? ebenheiten ™* Zwischengefühle ersparen 
Hier ist freilich der unbewußte Todeswunsch nicht zum Aus- 

Eülf T' 7 T die elli P tische *«™ "„gt von seiner 
Ex.stenz - aber der Rat des Schauspielers verrät uns, daß die 
Zumutung, Geld zu borgen, auf dessen Rückzah.ung er nicht 
BittsteTl k0nnte ;.'\ ihm "«*• feindselige Gefühle "gegen den 
B.ttste ler ausgelost hat. Die unbewußte Fortsetzung diese? Affekte 

frbttertn F a r T ^ * Sei "- SageD ** " icht ™ einera 
erbitterten F„„de: „Er ex.stiert nicht mehr für mich« oder „Er 

ist für mich gestorben«? " 

der S 7 JI ird !, n der u , T echnik des Witzes und in der Formulierung 
*e ,3f° klar ' ff 8 Wir UnS " 0ch durch die Auslassung^ 
Glda e .:ke T „ er bfk:„ e r SOlUe ' UnBeWUßt « — ^^erischen 



&& Über . the n Me u cha " lsmen /« unbewußten, reaktiven Schuldgefühls ver- 
gleiche mein Buch „Gestandniszwang und Strafbedürfnis" (Internationale 
Psychoanalytische Bibliothek, Bd. XVIII), ,925. internationale 

2) Ein Witz desselben Schauspielers, der sich ebenfalls der Auslassung be- 
dien um seinen verborgenen Sinn zu verraten: auf die Frage, welches seine 
Lieblingsbeschäftigung sei, antwortete Girardi: „Zweitens: auf dem Meere 

innren. 



<2o6 



Einige unkritische Gedanken zu Ferenczis 

Genitaltheorie 

Von 

Franz Alexander 

Aus dem Band XI (rp2j) der 
„Internationalen Zeitschrift für 
Psychoanalyse" . 

Ferenczis wissenschaftliche Persönlichkeit findet in diesem 
Werk ihren klarsten Ausdruck. Die „Genitaltheorie"! i st ein Werk 
der schöpferischen Intuition, einer Intuition, die der jahrelange 
Durchgang durch den Filter der Empirie, gewissenhafte Beob- 
achtungen, die stummen, doch mühsamen therapeutischen Kämpfe 
der täglichen Behandlungs stunden veredelt haben. Ferenczi ist 
ein Romantiker unserer Wissenschaft und das Schicksal jedes 
Romantikers wird ihm zuteil, er muß interpretiert werden. Was 
in seinem Werk an klassischer Ausgeglichenheit der Gestaltung 
fehlt, schenkt er uns in dem Reichtum seiner weitblickenden Ideen, 
Anregungen und Funde, die er oft noch roh, ungeschliffen vor uns 
wirft, die noch etwas vom mystischen Dunkel des Unbekannten 
an sich haben, ihre Herkunft aus den kaum eroberten Gebieten 
des Kosmos nicht verleugnen können. Man fühlt, daß der, der 
dieses Buch geschrieben hat, kein Handwerker ist, sondern jemand, 
für den Forschung Erl bnis bedeutet, innere Notwendigkeit ist. 
Er ist kein Sohn unserer Separatabdrucke fabrizierenden Zeit er 
hat kein „gelehrtes Buch" geschrieben und so darf diesmal endlich 
auch die „gelehrte" Kritik schweigen. Wenn wir auch nicht mit 
jeder Einzelheit seiner Ausführungen einverstanden sind, begrüßen 
wir den Geist des Buches, der dem Geist der Psychoanalyse ent- 
wachsen ist. Ferenczis kühne Husarenattacke bedeutet zwar noch 
nicht den endgültigen Sieg, doch durch die Bresche die «ein 
Wagnis geschlagen hat, eröffnet sich uns die Aussicht auf die 
Eroberung des Körpers durch die Psyche. 

Hier liegt der gedankliche Kern des Buches. Ferenczi ver- 
sucht nicht nur den Trieb, sondern auch den morphologischen 
Aufbau des Körpers nach seinem Sinn aufz uklären, jene psychischen 

i) Dr S Ferenczi, Versuch einer Genital theorie. Internationale Psycho- 
analytische Bibliothek, Bd. XV, 1Q2+. [Ein Kapitel daraus abgedruckt im vor- 
jährigen Almanach.] 



207 



Tendenzen, Wünsche zu rekonstruieren, aus denen die Triebe als 
Erstarrungsprodukte entstanden sind, die den Körper geformt 
haben. Er beschreibt uns, wie die aus dem Wasser vertriebenen 
Lebewesen in ihrer Beharrungstendenz sich selbst den Mutter- 
boden, das Wasser, im Innern des weiblichen Körpers verschafft 
haben, und enträtselt damit die Hieroglyphenschrift der Zeugung. 
In dem Geschlechtstrieb, der die männlichen Samenzellen in den 
Uterus zu bringen trachtet, kehrt die nie aufgegebene Sehnsucht 
des ehemaligen Wasserbewohners nach seiner Urheimat wieder, 
die im Uterus autoplastisch nachgebildet wurde. Dieser Gedanke 
ist dem Psychoanalytiker sehr einleuchtend und vom Evidenzgefuhl 
begleitet; kennt er doch die symbolische Bedeutung des Wassers 
als Weib und, noch umschriebener, als Mutterleib aus der Traum- 
deutung so gut und weiß, daß diese Symbolik nicht aus der indivi- 
duellen Erfahrung stammen kann. Um so mehr, als in dem Traum- 
leben der sexuelle Wunsch so häufig als eine Rückkehrtendenz in 
den Mutterleib dargestellt wird. So gelingt es Ferenczi, den 
psychischen Inhalt des Geschlechtstriebes aus seiner Urgeschichte 
zu erklären. Diese Erklärung, die man nicht als „nur geistreich" 
bezeichnen darf, hat eine prinzipielle Bedeutung nicht nur fur 
die Biologie, sondern, ich möchte fast sagen, für unsere gesamte 
wissenschaftliche Stellungnahme zur Umwelt. Und diese umfassende 
Bedeutung hat mich zu dieser Mitteilung bewogen. 

Ferenczis Versuch, die Geschichte des Sexualtriebes zu rekon- 
struieren, enthält einen unausgesprochenen Grundsatz, und sein 
Versuch ist mehr als eine bloße Theorie der Genitalität. Dieser 
Grundsatz ist zwar für den Psychoanalytiker keinesfalls, für den 
Biologen aber mehr als umwälzend und könnte etwa in folgender 
Weise formuliert werden: Jede Körperfunktion wie auch der ganze 
anatomische Aufbau des Körpers hat einen psychologischen Sinn 
und ist das Resultat ehemaliger psychischer Tendenzen. Das ganze 
Rätsel der Zweckmäßigkeit der Organismen ist mit dieser ein- 
fachen Behauptung gelöst; es gehört nur darum Mut dazu, sie 
auszusprechen, weil die exakten Wissenschaften des letzten Jahr- 
hunderts es für ihre Pflicht erachtet haben, das Leben mechanistisch 
zu erklären.. Die Zweckmäßigkeit der Körperfunktionen und Ein- 
richtungen konnte nicht geleugnet werden, — wenn auch jede 
entdeckte scheinbare Unzweckmäßigkeit von den Materialisten 
mit besonderer Genugtuung begrüßt wurde — und man versuchte 
sie durch die Ausschaltung der Psyche mit der Hilfe physikalischer 
und chemischer Prinzipien zu lösen. Die nächstliegende Tatsache 



208 






der Selbstbeobachtung, wie sich ein Wunsch in Muskelaktion ver- 
wandelt, wie ein großer Teil der Körperfunktionen, die Bewegungen 
der quergestreiften Muskulatur dem bewußten Willen unterworfen 
sind, wurde dadurch erledigt, daß ein Teil der Großhirnrinde als 
„der Sitz" dieser seelischen Motive entdeckt wurde. Die Aus- 
schaltung der Seele war mit diesen Entdeckungen auf dem besten 
Wege und man hoffte von ihr nicht mehr gestört zu werden. Und 
doch konnte die Medizin der heimtückischen Psyche nicht so leicht 
ihre Türen verschließen. Das hysterische Phänomen zerstörte die 
Seelenruhe der Materialisten, „der Sprung vom Seelischen ins 
Körperliche" war eine unbequeme Tatsache: die Psyche verlangte 
nach Heimatrecht in körperlichen Regionen, die man frei von dem 
unliebsamen und unexakten Eindringling gedacht hat, in denen 
nur die offiziell beglaubigten Gesetze der Physik geherrscht haben. 
Der Hysteriker spielte ein böses Spiel mit dem Mediziner, er 
bewies, daß er den physikalisch-chemischen Apparat in den Dienst 
seiner Wünsche stellen, daß er den ganzen Körper als Ausdrucks- 
mittel benützen kann. Und der Mediziner konnte sich nur derart 
vor dem Problem der Hysterie retten, daß er die Augen schloß 
und seine Existenz ableugnete. Nachdem die Hexenprozesse des 
Mittelalters ihm nicht mehr zur Verfügung standen, mußte er 
sich damit begnügen, den Hysteriker aus der Sprechstunde zu 
jagen, ihm das Recht, sich krank zu nennen, abzusprechen. Es 
ist ein unvergeßliches aktum der Geschichte der Medizin, wie 
die Wiener Ärzte die ptiren Tatsachen der Hysterie abzuleugnen 
versuchten, als der junge, aus Paris zurückkehrende Freud ihre 
Aufmerksamkeit auf diese merkwürdigen Symptome zu lenken ver- 
sucht hatte. Man hat mit Recht gefühlt, daß von dieser Seite der 
tödliche Stoß gegen die materialistische Medizin und von da aus 
gegen die ganze materialistische Weltauffassung des_ neunzehnten 
Jahrhunderts erfolgen wird, man hat es gespürt, ohne im voraus 
wissen zu können, welche Bedeutung dem Verständnis des hysteri- 
schen Phänomens zukommen wird. Seitdem haben sich die Zeiten 
geändert. Die Psychoanalyse erkämpfte zunächst die Zuständig- 
keit der Psyche für die Neurosen und Psychosen und auf diesem 
Gebiet gilt die Verteidigungslinie der Schulwissenschaft als ge- 
brochen. 

Doch das Studium der konversionshysterischen Symptome er- 
laubte es nicht, auf diesem Punkte stehen zu bleiben, es zwang 
den Psychoanalytiker zu Schlußfolgerungen, denen selbst er an- 
fangs nur zögernd nachgeben konnte. Auch er war mit der mate- 



i4 20 9 



L 



rialistischen Erziehung belastet und konnte sich nur schwer aus 
ihrem Bann befreien. Es zeigte sich, daß der Hysteriker in seinen 
Symptomen sich archaischer Mechanismen bedient, indem er solche 
Körperfunktionen psychisch beeinflußt, die bei dem Normalen dem 
Einfluß der Psyche verschlossen sind. Die zwingende Schluß- 
folgerung war die, daß auch diese, heute scheinbar rein körperlich- 
biologischen Funktionen einmal der Psyche unterworfen waren, 
ebenso wie heute unsere bewußten willkürlichen Körperbewegungen. 
Also auch die rein somatischen Vorgänge waren einmal beseelt 
und wurden allmählich automatisch: entseelt. Jeder Lebensvorgang 
hat demnach einen psychologischen Sinn. Er war einmal mit 
psychischer Energie besetzt und bedeutete einen tastenden, mit 
Lust und Unlust begleiteten Anpassungskampf des Organismus mit 
der Außenwelt. Allmählich wurden die Mechanismen, die sich am 
zweckmäßigsten erwiesen oder — besser gesagt — empfunden 
wurden, durch Wiederholung automatisch, sie sind als reine Körper- 
funktionen erstarrt, und so wurde eine Menge psychischer Be- 
setzungsenergie frei, für neue, noch ungelöste Lebensprobleme 
Anpassungskämpfe, verwendbar. Ein Vorgang, den man auch i m ' 
individuellen Leben immer wieder beobachten kann, wie z. B. die 
zuerst willkürlichen Innervationen eines Violinkünstlers durch 
Übung allmählich automatisch werden und es dem Künstler da- 
durch ermöglichen, seine Kräfte für die höheren Aufgaben des 
künstlerischen Ausdrucks zu verwenden. Der Verfasser dieser 
Zeilen hat dieses Prinzip der Körperwerdung der Psyche als das 
Wesentlichste der ganzen psychoanalytischen Lehre zu formulieren 
versucht und nachgewiesen, daß diese Tatsache bereits in den 
ersten Darstellungen von Breuer und Freud enthalten ist.» 

Diese Auffassung der Lebens Vorgänge, welche in ihrem Wesen 
mit der Lamarckschen identisch ist, eröffnet der Biologie neue 
Bahnen. Der sinnvolle Aufbau des Körpers und seiner Funktionen 
kann erst dann ganz verstanden werden, wenn es uns gelingt, 
jene ursprünglichen, seelischen Inhalte anzugeben, welche den 
damals noch beseelten Körpervorgängen in der Urgeschichte zu- 
grunde lagen. Diese Aufgabe ist mit der Rekonstruktion der Ge- 
schichte des Körpers gleichbedeutend. Sie ist das genetische Ver- 
ständnis der Organismen. Die Psyche hat den Körper geformt, 
ihren jeweiligen Bedürfnissen und den Widerständen entsprechend, 
welche die Außenwelt den Befriedigungen dieser Bedürfnisse ent- 

Alexander, Metapsychologische Darstellung des Heilungsvorganges. 
Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. XI. ioa& 



210 



gegenstellte. Von der Psychogenese des Körpers hat der vorwissen- 
schaftliche Mensch intuitiv immer gewußt, der sinnvolle und zweck- 
mäßige Aufbau des Körpers mußte ihm diese Erkenntnis aufdrängen. 
Es bedurfte der künstlichen psychologischen Blindheit des neun- 
zehnten Jahrhunderts, um diese Wahrheit wieder zu vergessen. 
Der symbolische Ausdruck der biblischen Schöpfungsgeschichte, 
daß der Körper von einem verständigen Geist erschaffen wurde, 
erhält so endlich seinen wissenschaftlichen Sinn, gar nicht uner- 
wartet für den Psychoanalytiker, der schon lange gelernt hat, daß 
das Unbewußte in seinen Äußerungen, in der Sage, im Traum, 
in dem neurotischen Symptom nicht selten mehr weiß, wenn auch 
auf eine andere Art, als das Bewußtsein. Die Rekonstruktion jener 
psychischen Vorgänge in der biologischen Urgeschichte, die den 
Körperfunktionen und Einrichtungen ihre heutige Gestalt gegeben 
haben, ist die neue Wissenschaft, die Ferenczi mit der Bezeich- 
nung „Bioanalyse" einführt. Als die erste Tat dieser Wissen- 
schaft bietet er uns die Erklärung der Genitalfunktion und der 
Einrichtungen der weiblichen Sexualorgane höherer Tierklassen.» 
Bei jeder neuen Wissenschaft kommt es in erster Linie auf 
die Prinzipien an, mit denen die neuen Erkenntnisse erworben 
werden. Wir sind überzeugt, daß viele Einzelergebnisse von Fe- 
renczi noch sehr der Revision und der Bestätigung der Biologen 
bedürfen, wenn auch sein Grundgedanke des „thalassalen Regres- 
sionszuges« ungemein einleuchtend ist. Wenn wir auch einige 
seiner Ergebnisse, allerdings nur von der Seite der Psychoanalyse 
weiter unten abweichend von unserem unkritischen Vorhaben doch 
kritisch besprechen werden, die wes entliche Aufgabe für uns bleibt, 

i) Eine gleichgerichtete Entwicklung, die man ebenfalls als die Abend- 
dämmerung des mechanistischen Weltbildes bewerten kann vollzieht sich 

gleichzeitig in der Physik. Den ersten Schlag gegen j^Sl^SÜ'mSSl 
nistischen Erklärungsversuche, die alles der Anschaulichkext opfern J****£ 
führte die elektrodynamische Lichttheorie aus. Ihr gültiger Erfolg ersetzte 
da, bis dahin materialistisch-mechanistische Weltbild der Physik durch ein 
dynamisches. Die moderne Atomtheorie führte die dynamische Anschauung zu 
ihrer konsequentesten Vollendung: als das letzte Urprinzip wird die körper- 
lose pure dynamische Einheit eingeführt. Diese immaterielle dynamische Ein- 
heit der Physik ist der beweglichen psychischen Besetzungsenergie Freuds 
- die ein rein dynamischer Begriff ist - an die Seite zu stellen. So bildet die 
rein dynamische Auffassung der Bioanalyse, die psychogenetische Auffassung 
des lebenden Körpers eine interessante Parallele zu der dynamischen Atom- 
lehre Als die letzten Hochburgen der verschwindenden materialistischen 
Periode bleiben damit die zwischen der Psychologie und Physik eingeklemmte 
Biologie und Medizin, die die grobe, ja sogar optische Anschaulichkeit noch 
immer als das höchste wissenschatfliche Postulat anerkennen möchten. 



211 



die Prinzipien seiner Methode zu würdigen, die, wenn sie richtig 
sind, auch zu richtigen Resultaten fuhren werden. 

Wir erwähnten bereits die vornehme Rolle, die das hysterische 
Phänomen in der psychologischen Erforschung der Körperfunk- 
tionen gespielt hat. Auch Ferenczi - ein Altmeister auf dem 
Gebiet der Hysterieforschung — bekam von hier aus seine ersten 
Anregungen, deren letzte Frucht seine Genitaltheorie bildet. Er 
gelangte schon frühzeitig zur Erkenntnis, daß auch normale Inner- 
vationen, die vom Bewußtsein unabhängig sind, wie z. B die 
Erektion, in ihrem Wesen dem hysterischen Konversionssymptom 
ähnlich sind. Sie haben einen Sinn, sie drücken eine seelische 
Tendenz aus. Er nannte sie Materialisationen eines Wunsches. Der 
Unterschied zwischen dem hysterischen Symptom und solchen 
normalen Innervationen besteht darin, daß das hysterische Symptom 
einen aktuellen Wunsch körperlich ausdrückt, in den physiolo- 
gischen Funktionen hingegen die urgeschichtlichen Tendenzen der 
Ahnen verewigt sind. Auf dieselbe Weise also, wie man den Sinn 
eines hysterischen Syptom. enträtseln kann, ist es auch möglich, 
den Suinder automatischen körperlichen Vorgänge, wie etwa den 
der Begattung, zu erraten. 

h»Zn\r T A demErscheinen vonFerenczis Buch, doch sicherlich 
beeinflußt durch seine Arbeiten über Hysterie, bin ich bei der 
Untersuchung des Kastrationskomplexes zu einer Auffassung des 
Koitus gelangt, die einen Teil der umfassenden Gedanken von 
Ferenczi enthält.» Diese Teilerkenntnis machte mich für seine 
Iheone besonders empfänglich. Ich kam damals zur Einsicht, daß 
der Kastrationserwartung nicht nur, wie Stärcke es annahm, die 
Abgewohnung von der Mutterbrust eine affektive Unterlage schafft, 
sondern auch noch ein früheres unlustvolles Erlebnis: die Geburt, 
die Trennung von dem Mutterleib. Ich schrieb damals, „das 
früheste affektive Nacheinander von Lust und Unlust durch Ver- 
lust eines Körperteiles ist fraglos das Geburtserlebnis und dadurch 
KT das Unbewußte geeignet, in der Sprache der primitivsten 
Organisationsstufe die Kastrationserwartung darzustellen".* Diese 
Erkenntnis führte mich dann zu der Auffassung, daß in dem Koitus 
diese traumatische Trennung vom Mutterleib rückgängig gemacht 

v. -i i le T X 1 a ", der ' Kastrationskomplex und Charakter. Internationale Zeit- 
schrift für Psychoanalyse, Bd. VIII, 1922, S. 150 und 151. 

-Ji 2) Bei ** nk fand dann <Ueser Gedan ke eine geistreiche Entwicklung, doch 
führte sie ihn zu theoretischen und praktischen Konklusionen, die ich nicht 
mehr mitmachen konnte. 



212 



wird. Ich sagte: „Beim Koitus drängt ein Teil des Körpers, der, 
wie wir wissen, im Traum so oft die gesamte Persönlichkeit ver- 
tritt, gegen den Uterus, und durch Zellteilung abgesonderte Teile 
des Körpers, die Keimzellen, die auch biologisch einen Extrakt 
der Persönlichkeit darstellen, — man denke an die Tatsache der 
Vererbung — gelangen auch dorthin. Die Libido ist ja in ihrer 
genitalen Form, biologisch ausgedrückt, ein Drang, die Keimzellen 
in den Uterus zu bringen. Das Vordringen des Penis gegen den 
Uterus kann in dieser Beleuchtung als die symbolische Darstellung 
des Wunsches nach dem Mutterleib aufgefaßt werden. Die Realität 
erzwingt jedoch zwei Verzichte: die Mutter wird durch eine an- 
dere Frau ersetzt und die Rückkehr wird nur einem Teil des 
Organismus, den Keimzellen, gewährt." 

Diese Auffassung hat jedoch nur eine ontogenetische Bedeu- 
tung und ist sicherlich noch nicht geeignet, über die Phylogenese 
des Sexualtriebes etwas auszusagen. Dieser ontogenetische Sinn 
des Koitus beruht auf der Urgeschichte, wie ja die Ontogenese 
überhaupt durch die Phylogenese bestimmt ist. Und hier gab 
Ferenczis Gedanke eine unerwartet einfache Lösung. Der 
Begattungstrieb als Rückkehrtendenz in den Mutterleib ist 
selbst schon der Ausdruck eines noch früheren phylogenetischen 
Traumas : der Eintrocknung, die die ursprünglichen Wasserbewohner 
zum Landleben verurteilte. Diese phylogenetische Tragödie wird 
in der Individualentwicklung mit der Tatsache der Geburt wieder- 
holt, die das Wassertier — Fötus — zu einem neuartigen Dasein 
außerhalb des mütterlichen Körpers zwingt. In dem Begattungs- 
trieb, der im Traum so oft als Rückkehr in den Mutterleib dar- 
gestellt wird, ist die uralte Sehnsucht nach dem Wasserdasein, 
welches im Mutterleib tatsächlich wiederholt wird, enthalten. So 
erhält auch die Erfahrung von der Mutterbedeutung des Wassers 
und der Geburtssymbolik als Rettung aus dem Wasser, die jeder 
Psychoanalytiker ungezähltemal gemacht hat, ihre wirkliche Er- 
klärung. Gleichzeitig bringen diese Gedanken für die bisher nur 
empirisch beobachteten, doch immer rätselhaft gebliebenen Tat- 
sachen der konstanten überindividuellen Traumsymbole eine Lösung, 
und die Annahme von Freud, daß es sich bei diesen Symbolen 
um phylogenetische Reminiszenzen handle, erhält eine frappante 
Bestätigung. Die auffallende und anscheinend zuerst von Ferenczi 
hervorgehobene Tatsache, daß die Amnionbildung und die Ent- 
wicklung der Frucht innerhalb des Mutterleibes erst bei den Land- 
bewohnern vorkommt, wird damit ungezwungen verständlich. Wir 



21 3 



sehen so, daß die Beobachtungen der verschiedensten Wissens- 
gebiete, die Erfahrungen der Biologie, der Traumlehre und der 
Neurosenlehre in diese Theorie einmünden, und sie gibt eine ge- 
meinsame Lösung für diese voneinander unabhängigen empirischen 
Fakta. Diese Entdeckung des Romantikers Ferenczi darf eine 
klass 1S che genannt werden und ist mit Recht dazu berufen die 
Grundlage der neuen Wissenschaft, der Bioanalyse, zu werden. 
Wir haben den Eindruck gewonnen, daß das Gefühl der weit- 
reichenden Bedeutung seines Gedankens Ferenczi verleitet hat 
die bioanalytische Rekonstruktion der Lebensvorgänge auch auf 
physiologische Phänomene auszudehnen, bei denen das empirische 
Material noch unzureichend ist. Wir haben ein prinzipielles Be- 
denken gegen den Versuch, die elementare Tatsache der Fort- 
pflanzung mit einer Theorie des speziellen Vorganges der Befruch- 
tung zu erklären. Die fehlende empirische Grundlage würde noch 
die Richtigkeit des Gedankens nicht ausschließen und nur der Vor- 
wurf der verfrühten Mitteilung könnte erhoben werden. Da aber eine 
empirische Diskussion ausgeschlossen ist, kann dieser intuitiven An- 
nahme auch nur eine intuitive Kritik entgegengehalten werden, und 
zwar daß eine so elementare Tatsache der Biologie, wie die Fort- 
pflanzung, durch einen spezielleren Vorgang erklärt werden soll. 

hiltlTn 1 ^ derAutot °™ietendenz eine allgemeine 
b olog sehe Bedeutung zu. Sie ist nach ihm ein Versuch, eine un- 
Wolle Spannung durch Abstoßen eines Körperteiles aufzuheben. 

fnrth T? ^ ? 'l Art ^ eschichte eine Urkatastrophe ent- 

sprechen welche die lebendige Substanz zerriß (Plato-Freud) 

wllT':V U{ diCSe Urkatastr °P^ ^r Zerreißung wä^ 1 
Wiederherstellungsversuch des früheren Zustandes vof der Zer- 

und'so d w ^ e ef r h r &: die Vereini ^ d - beide « K "»' 

primitivst^ , Tr 4 ennUDg V ° n S ° ma Und Keimsubstanz, die 

K?^ der Autotomie, die Wiederholung der zerre ß en- 
den Urkatastrophe, die mit der Befruchtung wieder gutgemacht 

Zt<2 ^T T Weise ' wie die GeW die WiJSS 

Eintrocknungskatastrophe ist und die Begattung der Wiederher- 
steUungsversuch des Wasserdaseins. Damit verwendet Ferenczi 
den Plato-Freudschen Gedanken der Urzerreißung der lebenden 
Substanz nur für die Erklärung der Befruchtung und muß eine 
noch frühere Katastrophe annehmen, welche die Entstehung des 
Lebens aus der leblosen Substanz bedingt haben sollte. 

Wir haben den Eindruck, daß die elementare biologische Tat- 
sache der Zellteilung geeigneter wäre, dieselbe erklärende Rolle 



214 









für die Fortpflanzimg überhaupt zu übernehmen, die Ferenczi 
der Autotomietendenz für die Befruchtung zuschreibt. Wir würden 
dagegen nichts einzuwenden haben, in der Zellteilung die Äuße- 
rung der allgemeinen Autotomietendenz zu erblicken, als Wieder- 
holung der zerreißenden Urkatastrophe. Aber der Wiederherstel- 
lungsversuch des früheren Zustandes vor der Zerreißung wäre 
dann nicht nur die Befruchtung, sondern in erster Linie das 
Wachstum der Zerreißungsprodukte. Das Wachstum, die indi- 
viduelle Entwicklung der Teilungsprodukte, ist doch der Vorgang, 
der den Zustand vor der Zerreißung — der Zellteilung — wieder- 
herstellt. Zellteilung (Trennung von Soma und Keimplasma) = die 
Wiederholung der Urkatastrophe, Wachstum = die Wiederherstel- 
lung. Diese Erklärung umfaßt auch die Fortpflanzung ohne Be- 
fruchtung und die Befruchtung wäre dann nur eine sekundäre, 
mehr akzidentelle Erscheinung (siehe die akzidentelle Kopulation 
der Protisten), sie würde die Verstärkung der Wachstumsenergie 
bedeuten durch die Vereinigung zweier mit Wachstumstendenz 
geladenen Teilungsprodukte, deren Wachstumstendenzen sich ad- 
dieren. Diese Theorie entspricht der Auffassung, die in der Fort- 
pflanzung ein Wachstum über die Individualgrenze hinaus erblickt. 
Wir möchten mir noch daran erinnern, daß wir diesen Ge- 
danken vor Jahren bereits geäußert haben. Wir nannten damals 
die Zellteilung einen plötzlichen Durchbruch in der Richtung des 
Todestriebes, als den Ausdruck der von Freud supponierten Ur- 
zerreißung der lebenden Substanz und das Wachstum wollten wir 
als den darauffolgenden Wiederherstellungsversuch auffassen.» Am 

i) Dr. Franz Alexander, Metapsychologische Betrachtungen. Internatio- 
nale Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. VII, 1921, S. 28a „Scheinbar hat jedoch 
das Wachstum eine Möglichkeitsgrenze, und wir sehen, wie bei den Protisten, 
daß einer Zeit des Wachstums die Teilung, die Fortpflanzung folgt. Nach der 
Teilung, welche den aufbauenden Vorgängen ein plötzliches Ende bereitet hat, 
entsteht nach dem Freudschen Prinzip eine Spannung, ein Drang, den der 
Teilung vorangehenden Zustand wiederherzustellen und die Teilung ruck- 
gängig zu machen. So würde ich den Sexualtrieb und die Freudsche Zer- 
reißung der lebenden Materie auffassen. Dieser Trieb nach Wiedervereinigung 
drückt sich in der akzidentellen Kopulation der Protisten und in der sexuellen 
Vereinigung der höheren Lebewesen aus. Durch die Teilung, welche einen 
partiellen Tod oder wenigstens einen plötzlichen Ruck in der 1 odesrichtung 
bedeutet, schnellt die organische Materie auf einen früheren Zustand zurück, 
welcher dem leblosen nähersteht, und gibt dadurch den anabolischen Kräften 
eine neue Möglichkeit des Wirkens, welche in dem vollentwickelten Zustand 
▼or der Teilung schon erschöpft war . . . Die Vereinigung zweier mit dieser 
Spannung hochgeladenen Teile verdoppelt die Intensität der Wirkung und es 
entsteht der neue, rapide Aufbau." 



215 



i 






klarsten ist diese Beziehung zwischen Fortpflanzung und Wachstum 
bei den Protisten sichtbar, die durch einfache Teilung sich ver- 
mehren. Der Effekt der Teilung besteht hier wahrscheinlich nur 
m der Verminderung der Masse und des Volumens des Körpers 
Durch das nach der Teilung einsetzende Wachstum der beiden 
Teilungsprodukte wird dieser Effekt der Teilung wieder rück- 
gangig gemacht und der Zustand vor der Teilung wiederhergestellt. 
Die Portpflanzung ist hier also ein reiner Autotomievorgang — im 
binne Ferenczis die Wiederholung der Urkatastrophe der Zer- 
reißung _ und das Wachstum ist der reziproke Vorgang der 
Wiedergutmachung. Teilung (Fortpflanzung) und Wachstum ver- 
halten sich also ähnlich zueinander, wie Geburt und Koitus. Die 
Befruchtung wäre dann eine sekundäre Verstärkung der Wachs- 
tumstendenzen - wie Loebs Versuche es tatsächlich zeigen - 
und man könnte ihre urgeschichtlichen Motive nach dem geist- 
reichen Gedankengang von Ferenczi als ein gegenseitiges Sich- 
Auffressenwollen der Teilungsprodukte auffassen, die in ihrem 
unersättlichen Wachstumsdrang und durch die äußere Not dazu 
getrieben werden. Aus diesen gegenseitigen Zerstörungstendenzen 
entsteht dann das Kompromiß des Zusammenwachsens. In diesem 
seinem letzten Gedanken führt Ferenczi selbst, ohne es zu 
merken, die Befruchtung auf die mehr elementare Tatsache des 
Wachstums zurück (gegenseitiges Auffressen). Wir glauben, daß 
t erenczi diese Zurückführung der Befruchtung auf die der Tei- 
lung folgende Wachstumstendenz - die als der eigentliche Wieder- 
herstellungsversuch anzusehen ist— als eine brauchbare Ergänzung 
seiner Theorie annehmen wird. 

Einen anderen Einwand, aber einen auf die analytischen Er- 
ahrungen gestützten, möchten wir gegen die Amphimixis- 
theone geltend machen. Nicht die Vermischung von prägenitalen 
Triebquahtäten in der Genitalität wollen wir bezweifeln, sondern 
die spezielle Hervorhebung der urethralen und analen Qualitäten. 
Es soll nicht geleugnet werden, daß in dem genitalen Trieb und 
besonders im Ejakulationsakt sowohl anale wie urethrale Quali- 
täten auffindbar sind. Doch diese selbst sind keine ursprünglichen 
elementaren Triebqualitäten und bilden zwar eine Vorstufe der 
Genitalität, aber sie selbst sind von noch elementareren Trieb- 
qualitäten zusammengesetzt. 

Es ist auch nicht verständlich, warum die Oralerotik, die so 
wichtige, zum Teil von Ferenczi selbst beschriebene Beziehungen 
zur Genitalität hat, in der Dynamik der Ejakulation aus der 



2l6 






Amphimixis ausgeschlossen werden soll. Auch Helene Deutsch 
und Rank 1 haben kürzlich gerade hier auf wichtige Beziehungen 
hingewiesen. Es scheint uns vielmehr, daß die Amphimixis-Idee in 
ihrer anspruchsloseren und allgemeineren Form, in der sie von 
Freud ausgesprochen wurde, daß nämlich in der Genitalität alle 
Partialtriebe zusammengefaßt werden, der späteren Forschung 
weniger vorwegnimmt und keiner Korrektur bedürfen wird. Unsere 
psychoanalytische Erfahrung legt uns eine andere, auf die ursprüng- 
liche Konzeption vonFr eu d über die biologische Polarität derSeelen- 
vorgänge gegründete 2 Vermutung nahe, daß die beiden elemen- 
taren Grundqualitäten, die in dem Genitaltrieb, aber auch bereits 
in den oralen, analen und urethralen Trieben, und zwar in ver- 
schiedenem Verhältnis enthalten sind, „Passiv" und „Aktiv" sind. 
In der Analerotik scheint die passive Komponente zu überwiegen, 
während die Urethralerotik einen mehr aktiven Charakter verrät. 
Doch ist mit Sicherheit anzunehmen, daß diese beiden Erotismen 
keine reinen Qualitäten darstellen, sondern selbst Mischungsergeb- 
nisse von Passiv und Aktiv sind. Der doppelte Charakter der 
oralen Erotik ist besonders deutlich. Die Säugesituation bedeutet 
sowohl ein passives Ernährtwerden wie auch ein aktives Auffressen 
und beide Bedeutungen sind dem Analytiker wohlbekannt. 8 Wenn 
also Ferenczi in der genitalen Erotik anale Zurückhaltungs- 
tendenzen und urethrales Hergeben erkennt, so findet er nur die 
ursprünglichen passiven und aktiven Elementarqualitäten wieder, 
die aber bereits sowohl in den analen wie in den urethralen Ero- 
tismen enthalten sind, wenn auch in verschiedenen Verhältnissen 
gemischt. Die Annahme, daß der Ejakulationsakt gerade einer 
urethro-analen Amphimixis entstammt, erscheint uns als eine will- 
kürliche Bevorzugung dieser beiden schon selbst nicht mehr 
elementaren Qualitäten. Nachdem es Ferenczi gelungen ist, in 
der Phylogenese des Genitaltriebes die letzten Wurzeln aufzudecken, 
versucht er in seiner ontogenetischen Theorie Teilerklärungen, 

1) Dr. Helene Deutsch, Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen. 
(Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse, Bd. V, 1925.) Dr. Otto Rank, 
Zur Genese der Genitalität. 

2) Freud, Triebe und Triebschicksale, Gesammelte Schriften, Bd. V. 

3) Ähnlicherweise ist in der Analerotik neben dem passiven Zurückhalten 
auch das aktive Herausdrücken als Lustquelle enthalten. Abraham hat in 
seinen feinen psychologischen Studien über die Analerotik besonders eindrucks- 
voll auf diese entgegengesetzten Lusttendenzen hingewiesen. (Abraham, 
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido. Internationaler Psycho- 
analytischer Verlag, 1924.) 



217 



l 



die das analytische Beobachtungsmaterial nur einseitig berück- 
sichtigen. Wenn eine persönliche Bemerkung erlaubt ist, ist 
Ferenczi ein so ausgesprochen intuitiver Geist, daß er bei der 
Theoriebildung dann am stärksten ist, wenn er nicht von einem 
reichen Tatsachenmaterial, sondern aus einigen Grunderfahrungen 
ausgehend, seine schöpferische Phantasie spielen lassen kann. Wir 
verdanken dieser Phantasie eine der umfassendsten Entdeckungen 
der psychoanalytischen Wissenschaft, die nicht nur nicht phan- 
tastisch ist, sondern nach unseren Erwartungen die baldigste Be- 
stätigung seitens der langsamer nachhinkenden Einzelforschung 
erfahren wird. Wenn aus seinem Werk nichts anderes, als die 
Zurückführung des Genitaltriebes auf den „thalassalen Regressions- 
zug« gültig zurückbleiben wird, so hat er damit eine eminente 
wissenschaftliche Leistung vollbracht und die Grundsteine einer 
neuen wissenschaftlichen Methode, die Bioanalyse, gelegt. 

Es wäre noch die unliebsame und neben der großen Bedeutung 
des Grundgedankens unwichtige Pflicht einer kritischen Würdi- 
gung, auf andere Unebenheiten der Theoriebildung in diesem 
Werke hinzuweisen. Wir erklärten jedoch bereits, keine gelehrte 
Kritik zu geben, und so darf uns diese Aufgabe erspart bleiben. 

Wie weit die von Ferenczi versuchte Ausdehnung der Kata- 
strophentheorie sich bestätigen wird, kann heute erfahrungsgemäß 
nicht beurteilt werden. Wir haben schon früher unserer Empfindung 
Ausdruck gegeben, daß die eminente Bedeutung der eigentlichen 
Genitaltheorie Ferenczi dazu veranlaßt hat, derTiefe seiner Speku- 
lationen eine proportionierte Breite an die Seite zu stellen und den 
so fruchtbaren Gedanken der phylogenetischen Traumata auf die 
Gesamtheit der Lebensersch einungen anzuwenden. Wir fassen diese 
Bestrebung F er enczis eher als eine ästhetische auf und wollen die 
inhaltliche Berechtigung der Annahme zweier der Eintrocknung 
vorangehender geologischer Katastrophen nicht weiter erörtern. 

Wie alle bedeutenden, aus den Tiefen der wissenschaftlichen 
Intuition stammenden Ergebnisse, so hat auch Ferenczis Theorie 
eine kulturgeschichtliche Bedeutung und kann als kulturgeschicht- 
liches Symptom gedeutet werden. Wir versuchten bereits am An- 
fang, sie als einen gewaltigen Vorstoß gegen die materialistische 
Betrachtungsweise der modernen biologischen Wissenschaften dar- 
zustellen. Dabei haben wir den Anschein der Ungerechtigkeit 
gegenüber dieser hochverdienten Periode der Wissenschaften er- 
wecken müssen. Es sei nun statt eines Werturteils eine kurze Analyse 
dieses Abschnittes in der Geschichte der Forschung versucht. 



2l8 






Ferenczis Werk liegt in der Linie unserer letzten Kultur- 
entwicklung, die man als die Wiederentdecknng der Psyche be- 
zeichnen kann. Wir haben nicht nur an dieser Stelle, sondern in 
einer anderen Abhandlung (loc. cit.) auf eine Gesetzmäßigkeit hin- 
gewiesen und diese auch genauer zu formulieren versucht. Diese 
Gesetzmäßigkeit, in der wir eine der Grundtatsachen des Lebens- 
prozesses erblicken möchten, besteht in der Tendenz des Lebens, 
Vorgänge mit seelischer Besetzung zu automatisieren, oder, wie 
Breuer und Freud es ausgedrückt haben, bewegliche psychische 
Energie in tonische zu überführen. Dies ist ein Ökonomisches 
Gesetz und bedeutet für die Organismen eine Kräfteersparnis, er- 
möglicht die durch die Entseelung gewisser Vorgänge gewonnene 
psychische Energie zu neuem Lebenskampf zu verwenden. Die 
Verdrängung ist eine Teilerscheinung dieses allgemeinen Prinzips: 
das Verdrängte ist bereits ein Zwischending zwischen Körper und 
Psyche, das Ziel der Verdrängung, die Entlastung des Bewußt- 
seins. Dieses Prinzip, daß allen Körpervorgängen einmal seelische 
Motive zugrunde lagen, ist auch die unausgesprochene Grundlage 
von Ferenczis Bioanalyse. An einer anderen Stelle haben wir 
auch die anatomische Differenzierung in Gehirn und Rückenmark 
als den Ausdruck dieses Prinzips ausgesprochen. Diesem Prinzip 
ist es auch zuzuschreiben, daß der Bewußtseinsapparat, von der 
Arbeit der internen, automatisch ablaufenden, körperregulierenden 
Funktionen befreit, sich nach außen wenden kann und zur Be- 
herrschung der Realität geeignet wird. Die letzte Periode der 
Kulturgeschichte steht ausgesprochen im Zeichen dieser „Nach- 
außenwendung", die technische Beherrschung der Natur wird mit 
der vollständigen Blindheit nach innen erkauft. Der Techniker 
muß unpsychologisch sein und so war auch die Kulturperiode der 
Technik unpsychologisch. 

Wir wissen aus der psychoanalytischen Erfahrung, daß der 
nach außen gewendete Sadismus sich wieder nach innen wenden 
muß gegen das eigene Selbst, wenn die Realität ihm einen mäch- 
tigeren Widerstand entgegensetzt. Wenn die Grenzen der expan- 
siven, nach außen gerichteten Kultur erreicht sind, erwächst die 
Aufgabe für den Menschen, an sein eigenes Werk sich anpassen 
zu müssen. Die selbstgeschaffene Kultur bedroht wie ein seelen- 
loser Golem seine eigene Existenz. Nach der übermäßigen allo- 
plastischen Expansion folgt zwangsweise eine autoplastische Periode 
der Anpassung: der Selbstveränderung der inneren Vervollkomm- 
nung. Der biologische Apparat muß in dieser autoplastischen Rück- 



219 



wendung vollkommener werden, um den Kampf nach außen mit 
besseren Waffen wieder aufnehmen zu können. Jede solche Wen- 
dung nach innen kann vom Standpunkte des Lebenskampfes aus, 
den das biologische System mit der Außenwelt kämpft, als eine 
Niederlage betrachtet werden. Der Mensch wird erst dann Psycho- 
loge, wenn es ihm schlecht ergeht. Doch durch die Niederlage, 
durch das Leiden wird er tiefer und vollkommener, um aus dem 
nächsten Kampf wieder siegreich hervorzugehen. In dieser Kultur- 
periode, die ein moderner Denker den „Untergang des Abendlandes" 
genannt hat, wurde die Psyche wieder entdeckt. Es ist die Kultur- 
aufgabe dieser Periode, sie möglichst weitgehend zu erforschen, 
bevor sie in der nächsten siegreichen Zeit einer kommenden dio- 
nysischen Kultur wieder in Vergessenheit geraten darf. Für diese 
Forschungsarbeit wird das Werk Ferenczis eine vornehme Rolle 
spielen. 

Flucht aus der Weiblichkeit 

Der Männlichkeitskomplex der Frau im Spiegel männlicher 

und weiblicher Betrachtung 

Von 

• Karen Horney 

Aus der „Internationalen Zeitschrift 
für Psychoanalyse", Bd. XII, Heft 5 
(erschienen am 6. Mai 1926, zum 
70. Geburtstage Sigm. Freuds). 

Freud weist uns in einigen seiner letzten Arbeiten mit wach- 
sender Dringlichkeit auf eine Einseitigkeit in der Richtung der 
analytischen Forschung hin, die darin besteht, daß bis vor nicht 
allzulanger Zeit nur die Psyche des Knaben und des Mannes zum 
Objekt der Untersuchungen gemacht wurde. 

Der Grund hiezu liegt ja auf der Hand: Die Psychoanalyse 
ist die Schöpfung eines männlichen Genies, und auch fast alle, 
die seine Ideen weiterbildeten, waren Männer. Es ist nur recht 
und billig, daß ihnen eine männliche Psychologie näher lag, und 
daß sie von der Entwicklung des Mannes mehr verstanden als 
von der der Frau. 

Einen grundlegenden Schritt zum Verständnis weiblicher Eigen- 
art machte Freud selbst mit der Aufdeckung des Penisneides, 



220 



und bald zeigten die Arbeiten von vanOphuijsen und Abraham, 
welche große Rolle diesem Faktor in der Entwicklung der Frau 
und in der Bildung weiblicher Neurosen zukäme. Die Bedeutung 
des Penisneides ist in jüngster Zeit erweitert worden durch die 
Aufstellung der „phallischen Phase". Ihr Sinn besagt, daß in der 
infantilen Genitalorganisation für beide Geschlechter nur ein 
Genitale, nämlich das männliche, eine Rolle spiele, und daß eben 
hierin der Unterschied von der endgültigen Genitalorganisation 
der Erwachsenen liege. 1 Im Lichte dieser Anschauung wird die 
Klitoris als Phallus aufgefaßt und wird angenommen, daß auch das 
kleine Mädchen die Klitoris zunächst voll und ganz als Penis werte. 3 

Diese Phase wirke sich dann auf die weitere Entwicklung teils 
hemmend, teils fordernd aus. Helene Deutsch hat uns vorwiegend 
die hemmenden Wirkungen gezeigt; sie meint, daß im Beginn 
jeder neuen Sexualfunktion, also zu Beginn der Pubertät, des 
Sexualverkehrs, der Schwangerschaft und des Wochenbettes, diese 
Phase auflebe und jedesmal erst überwunden werden müsse, ehe 
es zu einer weiblichen Einstellung kommen könne. Freud hat ihre 
Auswirkung nach der positiven Seite hin erweitert, indem er meint, 
daß der Penisneid und seine Überwindung erst den Wunsch nach 
einem Kind und von da aus die Liebesbindung an den Vater 
ermögliche. 3 

Es fragt sich nun, ob durch diese Aufstellungen unsere Einsichten 
in die weibliche Entwicklung, die Freud selbst als unbefriedigend 
und lückenhaft bezeichnet, befriedigender und klarer geworden sind. 
Es hat sich in der Wissenschaft oft als fruchtbar erwiesen, 
wenn man altbekannte Tatsachen von einem neuen Gesichtspunkt 
aus betrachtet. Denn es besteht sonst die Gefahr, daß man unwill- 
kürlich alle neuen Beobachtungen immer wieder demselben fest- 
umrissenen Vorstellungskreis einordnet. 

Diesen neuen Gesichtspunkt entnahm ich der Philosophie, und 
zwar einigen Essays von Georg Simmel. 4 Was Simmel dort 
ausführt und was seither vielfach, besonders von weiblicher Seite 5 
her, durchgearbeitet worden ist, ist folgendes: Unsere ganze Kultur 

1) Freud: Die infantile Genitalorganisation. (Ges. Schriften, Bd. V.) 

2) Helene Deutsch: Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen. 
(Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 1925.) 

3) Freud: Einige psychische Folgen des anatomischen Gcschlechtsunter- 
schieds. (Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. XI, 1925.) 

4) Georg Simmel: Philosophische Kultur. 

5) Siehe besonders Vaerting: Männliche Eigenart im Frauenstaat und 
weibliche Eigenart im Männerstaat. 



221 



ist eine männliche Kultur. Staat, Gesetze, Moral, Religion, Wissen- 
schaften sind Schöpfungen des Mannes. Weit entfernt davon, aus 
diesen Tatsachen — wie sonst üblich — auf eine Minderwertig- 
keit der Frau zu schließen, erweitert und vertieft er zunächst 
diesen Begriff der männlichen Kultur um ein Erhebliches: „Die 
künstlerischen Forderungen und der Patriotismus, die allgemeine 
Sittlichkeit und die besonderen sozialen Ideen, die Gerechtigkeit 
des praktischen Urteils und die Objektivität des theoretischen 
Erkennens, die Kraft und die Vertiefung des Lebens — alle diese 
Kategorien sind zwar gleichsam ihrer Form und ihrem Anspruch 
nach allgemein menschlich, aber in ihrer tatsächlichen historischen 
Gestaltung durchaus männlich. Nennen wir solche als absolut 
auftretenden Ideen einmal das Objektive schlechthin, so gilt im 
geschichtlichen Leben unserer Gattung die Gleichung: objektiv = 
männlich." 

Simmel meint nun, daß die Erkenntnis dieser geschichtlichen 
Tatsachen darum so schwierig sei, weil auch die Normen, an 
denen die Werte männlichen und weiblichen Wesens gemessen 
würden, nicht „neutral, dem Gegensatz der Geschlechter enthoben, 
sondern selbst männlichen Wesens« seien. „Daß man an eine nicht 
nach Mann und Weib fragende, rein ,menschliche' Kultur glaubt, 
entstammt demselben Grunde, aus dem sie eben nicht besteht: 
der sozusagen naiven Identifizierung von ,Mensch' und ,Mann 4 , 
die auch in vielen Sprachen für beide Begriffe dasselbe Wort 
setzen läßt. Ich lasse für jetzt dahingestellt, ob dieser maskuline 
Charakter der Sachelemente unserer Kultur aus dem inneren Wesen 
der Geschlechter hervorgegangen ist oder nur einem, mit der 
Kulturfrage eigentlich nicht verbundenen Kraftübergewicht der 
Manner. Jedenfalls ist er die Veranlassung, weshalb unzulängliche 
Leistungen der verschiedensten Gebiete als ,feminin' deklassiert 
und hervorragende Leistungen von Frauen als .ganz männlich 4 
gerühmt werden." 

Wie alle Wissenschaften, wie alle Wertsetzungen, war auch 
die Psychoanalyse der Frau bisher nur vom Manne aus gesehen. 
Es liegt im Wesen dieser männlichen Vormachtstellung, daß die 
subjektiven Gefühlsbeziehungen des Mannes zur Frau objektive 
Gültigkeit erlangten. Tatsächlich war nach Delius 1 die Psycho- 
logie der Frau ein Niederschlag von Wünschen und Enttäuschungen 
des Mannes. 



i) Delius: Vom Erwachen der Frau. 



222 



Hiezu kommt als weiteres sehr verhängnisvolles Moment, daß 
die Frau sich den männlichen Wünschen anpaßte und ihre Anpassung 
als eigenes Wesen empfand, d. h. sich selbst auch so sah oder sieht, 
wie der männliche Wille es von ihr verlangte; also sich unbewußt 
der Suggestion des männlichen Denkens fügte. 

Wenn man sich den Umfang klar macht, in dem unser ganzes 
Sein, Denken und Tun von diesen männlichen Normen durchsetzt 
ist, so wird klar, wie schwer es dem Einzelnen, auch der einzelnen 
Frau ist, sich von dieser Denkart wirklich frei zu machen. 

Und die Frage ist die, inwieweit nicht auch die psychoanalytische 
Psychologie, soweit sie die Frau zum Objekt ihrer Forschung 
hat, unter ihrem Bann steht, und insofern das Stadium, in dem 
man mit unbefangener Selbstverständlichkeit nur die männliche 
Entwicklung sah, noch nicht ganz überwunden hätte. Anders gesagt: 
wie weit nicht die weibliche Entwicklung, wie sie sich uns jetzt 
analytisch darstellt, mit männlichem Maß gemessen ist und also 
dem eigentlichen Wesen der Frau nicht ganz gerecht wird. 

Von hier aus gesehen erhält man zunächst einmal einen über- 
raschenden Eindruck: Unser jetziges analytisches Bild der 
weiblichen Entwicklung — ob richtig oder falsch — 
gleicht auf alle Fälle auf ein Haar den Vorstellungen, 
die sich der Knabe aus seiner typischen Situation her- 
aus vom Mädchen macht. 

Diese Vorstellungen des Knaben sind uns gut bekannt. Ich will 
sie daher nur in wenigen Schlagworten skizzieren und unsere 
Vorstellungen von der weiblichen Entwickluug vergleichsweise 
danebensetzen. 



Vorstellungen des Knaben: 

Naive Annahme, daß auch das Mad- 
chen einen Penis besitze. 
Beobachtung des Penismangels. 

Vorstellung, das Mädchen sei ein 
kastrierter, verstümmelter Knabe. 

Glaubt, daß das Mädchen von einer 
Strafe betroffen sei, die auch ihm 
drohe. 

Hält das Mädchen für minderwertig. 

Kann sich nicht vorstellen, wie das 
Mädchen jemals über diesen Verlust, 
resp. Neid wegkommen könnte. 



Fürchtet ihren Neid. 



Unsere Vorstellungen der weiblichen 

Entwicklung : 

Für beide Geschlechter spielt nur das 
männliche Genitale eine Bolle. 

Traurige Entdeckung der Penislosig- 

keit 
Glaube des Mädchens, sie habe einen 

Penis besessen und sei kastriert. 
Kastration wird als vollzogene Strafe 

aufgefaßt. 

Hält sich für minderwertig. Penisneid. 

Kommt nie über das Gefühl des 
Mangels und der Minderwertigkeit 
hinweg und muß ihre Männlich- 
keitswünsche immer aufs neue 
wieder überwinden. 

Möchte sich dauernd am Mann für 
seinen Mehrbesitz rächen. 



225 



Diese gar zu genaue Übereinstimmung besagt nun sicherlich 
nichts über ihre objektive Richtigkeit: Die infantile Genital- 
organisation des kleinen Mädchens könnte in Wirklichkeit eine so 
frappante Ähnlichkeit mit der des Knaben haben, wie wir das ja 
bisher angenommen haben. 

Aber sie ist doch wohl geeignet, uns nachdenklich zu stimmen 
und andere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Einmal könnte 
man, den Gedankengängen von Georg Simmel folgend, erwägen, 
ob die weibliche Anpassung an die männliche Struktur vielleicht 
schon in einem so frühen Zeitpunkt und in einem so hohen Grade 
einsetze, daß die biologische Eigenheit des kleinen Mädchens 
davon überwältigt würde. Ich komme an einer späteren Stelle 
kurz darauf zurück, daß es mir tatsächlich wahrscheinlich ist, daß 
eine solche Infizierung mit männlichem Denken schon in der 
Kindheit vor sich geht; aber, daß sie so restlos alles von Natur 
Gegebene in sich aufnehmen sollte, ist von vornherein nicht ein- 
leuchtend. Und so müssen wir uns der schon aufgeworfenen Frage 
zuwenden, ob diese merkwürdige Übereinstimmung vielleicht der 
Ausdruck einer Einseitigkeit unserer männlich gerichteten Beob- 
achtungen sein könnte. 

Gegen eine solche Vermutung macht sich zwar sofort ein 
innerer Protest geltend, der auf den sicheren Boden der Erfahrung 
hinweist, auf dem die analytische Forschung sich von jeher auf- 
gebaut hat. Aber gleichzeitig mahnt uns eine erkenntnistheoretische 
Einsicht daran, daß dieser Boden nicht gar so zuverlässig ist, 
sondern daß jede Erfahrung ihrer Natur nach einen subjektiven 
Faktor enthält. So setzt sich auch unsere Erfahrung zusammen 
aus den direkten Beobachtungen an dem Material, das uns die 
Analysanden in Einfallen, Träumen und Symptomen in die Analyse 
bringen und den Deutungen, die wir geben, resp. den Schlüssen, 
die wir aus diesem Material ziehen. Daher ist auch bei gleich 
korrekter Technik die prinzipielle Möglichkeit verschiedener Er- 
fahrungen gegeben. 

Wenn man nun versucht, sich von dieser männlichen Art der 
Betrachtung frei zu machen, gewinnen fast alle Probleme der 
weiblichen Psychologie ein anderes Aussehen. 

Zunächst fällt auf, daß immer nur oder doch vorwiegend der 
genitale Unterschied zwischen den Geschlechtern zum Angelpunkt 
der Betrachtungen gemacht wird und nicht auch der andere große 
biologische Unterschied, der in dem verschiedenen Anteil an der 
Fortpflanzung liegt. 



224 






Der männliche Standpunkt in der Auffassung der Mutterschaft 
tritt am reinsten in der äußerst geistreichen Genitaltheorie von 
Ferenczi 1 zutage. Er meint, daß der wesentliche Antrieb zum 
Koitus, sein eigentlicher letzter Sinn für beide Geschlechter in 
dem Verlangen liege, wieder in den Mutterleib zurückzukehren. 
Der Mann habe in einer Kampfphase sich das Vorrecht geschaffen, 
in Gestalt seines Gliedes wirklich wieder in einen Mutterleib 
einzudringen. Die Frau, als der früher einmal unterlegene Teil, 
habe sich dieser organischen Situation in ihrer Organisation fügen 
müssen und sei mit „Trosteinrichtungen" bedacht worden. Sie 
müsse sich „begnügen", mit phantasiemäßigen Ersatzprodukten 
und insbesondere mit dem Beherbergen des Kindes, dessen Glück 
sie mitgenieße. Höchstens beim Gebärakt stünden ihr vielleicht 
Lustmöglichkeiten offen, die der Mann nicht hätte. 3 

Die psychische Situation für die Frau sähe demnach wirklich 
nicht sehr erfreulich aus. Der eigentliche Urantrieb zum Koitus 
fehlt ihr, resp. es ist ihr jede direkte — wenn auch nur partielle 
— Erfüllung verschlossen. Der Antrieb und der Lustgewinn beim 
Koitus müßte demnach für sie zweifellos geringer sein als für 
den Mann. Denn sie kommt nur auf Umwegen, indirekt, zu einer 
gewissen Erfüllung der Ursehnsucht, also teils auf dem Umwege 
über eine masochistische Umwandlung, teils in der Identifizierung 
mit dem ev. Kind. Es sind das aber nur „Trosteinrichtungen", 
Das einzige, was sie schließlich vor dem Mann voraus hätte, 
wären die doch sehr fraglichen Lustgewinne beim Gebärakt. 

An dieser Stelle muß man als Frau erstaunt fragen: Und die 
Mutterschaft? Und das selige Bewußtsein, ein neues Leben in 
sich zu tragen? Und das unerhörte Glück in der sich steigernden 
Erwartungsspannung auf das Erscheinen dieses neuen Wesens? 
Und das Glück, wenn es endlich da ist? Und wenn man es zuerst 
im Arm hat? Und die tiefe, lustvolle Befriedigung beim Stillen? 
Und das Glück der ganzen Säuglingspflege? 

Nach mündlichen Äußerungen von Ferenczi hätte in jener 
Urkampfzeit, die für das Weibchen so betrüblich ausging, das 
Männchen als Sieger ihm auch die Last der Mutterschaft und 
was damit zusammenhängt, aufgebürdet. 

Gewiß: vom sozialen Kampf aus gesehen, kann die Mutter- 
schaft eine Beeinträchtigung bedeuten. Sicher tut sie das in heu- 

i) Ferenczi, Versuch einer Genitaltheorie. (Intern. PsA. Verla», l9 24.) 
2) S.a. Helene Deutsch: Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunklionen, 
und Groddeck: Das Buch vom Es. (Internationaler Psychoanalytischer Verlag.) 



225 



tiger Zeit, viel weniger sicher in Zeiten, in denen die Menschen 
naturnäher waren. 

Aber wir erklären ja auch den Penisneid aus den biolo- 
gischen Verhältnissen und nicht von den sozialen Momenten 
her, sondern pflegen im Gegenteil das Gefühl der sozialen Be- 
einträchtigung der Frau unbesehen nur als Rationalisierung ihres 
Penisneides aufzufassen. 

Biologisch betrachtet, verschafft aber die Mutterschaft, resp. die 
Fähigkeit zu ihr, der Frau eine ganz unbestreitbare und nicht geringe 
physiologische Überlegenheit. Das spiegelt sich auch aufs deut- 
lichste im Unbewußten der männlichen Psyche wider, in dem 
intensiven Mutterschaftsneid des Knaben. Er ist uns als solcher 
allgemein bekannt, dürfte aber als dynamischer Faktor kaum ge- 
nügend gewürdigt worden sein. Wenn man, wie ich, erst nach 
einer schon ziemlich langen Erfahrung an weiblichen Analysen 
begonnen hat, männliche Analysen zu machen, erhält man einen 
völlig überraschenden Eindruck von der Intensität dieses Neides 
auf Schwangerschaft, Gebären und Mutterschaft sowie auf die 
Brüste und das Stillen. 

v Angesichte dieses analytischen Eindruckes liegt die Frage nahe 
ob nicht m der oben beschriebenen Bewertung der Mutterschaft 
eine unbewußte männliche Entwertungstendenz ihren Weg über 
das Intellektuelle genommen hat? Eine Entwertung, die besagen 

Z" m ZT"?? • Wün , scht sich die Frau ja doch nur einen Ä 

die Mutterschaft ist doch schließlich nur eine Bürde, die den 
Kampf ums Dasein erschwert; und der Mann kann froh sein, daß 
er sie nicht zu tragen braucht. 

nlPv W ,T\ Helene DeUtsch schreibt > daß der Männlichkeitskom- 
plex der Frau eine viel dominierendere Rolle spiele als der Weib- 
hchkeitskomplex des Mannes, so scheint sie dabei zu übersehen, 
daß der männliche Neid offenbar erfolgreicher sublimiert wird 
als der Penisneid des Mädchens und sicher einen, wenn nicht 
den wesentlichen Impuls zur Schaffung kultureller Werte abgibt 
Schon sprachliche Bezeichnungen weisen auf diesen Ursprung 
kultureller Produktivität hin. Sie ist beim Manne in der histori- 
scher. Zeit, die uns bekannt ist, zweifellos ungleich größer als 

be l I .. d f FraU ' S ° llte er nicht darum de " ^geheuren Antrieb zur 
schöpferischen Gestaltung auf jedem Gebiet haben, weil die Empfin- 
dung seiner relativ geringen Rolle bei der Schaffimg lebendigen 
Lebens ihn beständig zu einer überkompensierenden Leistung 
drängt? 6 



22Ö 



Wenn dieser Zusammenhang richtig ist, so drängt sich das 
Problem auf, warum vom Penisneid der Frau kein entsprechen- 
der Antrieb zu einer Ausgleichsleistung ausgeht? Hier ergeben 
sich zwei Möglichkeiten: entweder ist er absolut geringer als 
der männliche Neid oder er wird weniger glücklich verarbeitet. 
Für beide Möglichkeiten ließen sich Begründungen anführen. 

Für die größere Intensität des männlichen Neides könnte man 
die Betrachtung anstellen, daß ja eine faktische anatomische Be- 
nachteiligung der Frau doch nur vom Gesichtspunkt der präge- 
nitalen Organisationsstufen gegeben ist, 1 während sie für die 
Genitalorganisation der Erwachsenen nicht besteht, denn die Frau 
ist doch offenbar nicht weniger, sondern nur anders zum Koitus 
befähigt als der Mann. Wohingegen der Anteil des Mannes an 
der Fortpflanzung endgültig geringer ist als der der Frau. 

Ferner sehen wir, daß der Mann offenbar eine größere Nöti- 
gung dazu empfindet, die Frau zu entwerten als umgekehrt. Daß 
das Dogma der Minderwertigkeit der Frau von einer unbewußten 
männlichen Tendenz geschaffen war, konnte uns als Erkenntnis 
erst aufdämmern, nachdem man angefangen hatte, an der realen 
Berechtigung dieser Anschauimg zu zweifeln. Stehen aber wirk- 
lich hinter diesen Überzeugungen von der weiblichen Minder- 
wertigkeit Entwertungstendenzen des Mannes, so müssen wir von 
da aus auf einen sehr respektablen Antrieb zur Entwertung 
schließen. 

Aber es spricht auch manches für eine in kultureller Hinsicht 
weniger glückliche Verarbeitung des Penisneides. Wir wissen ja, 
daß er im besten Falle im Wunsch nach Mann und Kind auf- 
geht und damit wahrscheinlich auch seinen Hauptantrieb zu einer 
Sublimierungsleistung einbüßt. In ungünstigen Fällen aber ist er, 
wie ich gleich näher ausführen werde, mit mehr Schuldgefühl 
belastet, als einer fruchtbaren Gestaltung dienlich ist; während 
die männliche Unfähigkeit zur Mutterschaft, wahrscheinlich als 
einfache Minderwertigkeit empfunden, ungehemmt ihre antrei- 
bende Kraft entfalten kann. 

In diesen Ausführungen habe ich schon ein Problem gestreift, 
das gerade neuerdings wieder von Freud in den Vordergrund des 
Interesses geschoben worden ist:* die Entstehung und Auswirkung 

x) Siehe Horney : Zur Genese des weiblichen Kastrationskomplexes. (.Inter- 
nationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. IX, 1923.) 

2) Freud: Über einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechts- 
unterschieds. (Ges. Schriften, Bd. XI.) 



15* 22 7 



des Kindwunsches. Unsere Stellung zu diesem Problem hat sich im 
Laufe des letzten Jahrzehnts geändert. Es sei daher gestattet, kurz 
den Ausgangs- und den Endpunkt dieser historischen Entwicklung 
zu bezeichnen. 

Die ursprüngliche Auffassung » ging daliin, daß der Penisneid 
sowohl zum Kindwunsch als zum Wunsch nach dem Mann eine 
narzißtische Verstärkung abgäbe, daß aber der Wunsch nach dem 
Mann unabhängig vom Kindwunsch entstünde. In der weiteren 
Entwicklung verschob sich der Akzent immer mehr auf den Penis- 
neid, bis Freud in seiner jüngsten Arbeit über dieses Problem 
die Vermutung aussprach, daß der Penisneid und die Enttäuschung 
über den Penismangel beim Kinde überhaupt erst den Wunsch 
nach dem Kinde schaffe, und daß die zärtliche Zuwendung zum 
Vater erst auf diesem Umweg über Peniswunsch — Kindwunsch — 
ermöglicht würde. 

Die Entwicklung im Sinne dieser letzteren Hypothese entsprang 
offenbar dem Bedürfnis, das biologische Prinzip der gegengeschlecht- 
lichen Anziehung psychologisch zu erklären — entsprechend dem 
schon von Groddeck aufgestellten Problem: daß der Knabe die 
Mutter zum Liebesobjekt beibehält, ist verständlich; „aber wie 
kommt das Mädchen zum Anschluß an das andere Geschlecht?"* 
Um diesem Problem näher zu kommen, müssen wir uns zu- 
nächst klar machen, daß unser Erfahrungsmaterial über den 
Mannhchkeitskomplex der Frau aus zwei ganz verschiedenwertigen 
Quellen stammt. Die erste wird gebildet von direkten Kindheits- 
beobachtungen. Bei ihnen spielt der subjektive Erfahrungsfaktor 
eine relativ geringe Bolle. Jedes nicht eingeschüchterte Mädchen 
ze.gt ihren Penisneid offen und unbefangen. Wir sehen, daß sein 
Vorkommen typisch ist und verstehen gut, warum er das ist; ver- 
stehen, wie zu der narzißtischen Kränkung des scheinbar Weniger- 
habens sich für das kleine Mädchen eine Reihe von Benachteili- 
gungen aus den verschiedenen prägenitalen Besetzungen ergeben- 
die augenscheinliche Bevorzugung des Knaben hinsichtlich der 
Harnerotik, des Schautriebes, der Onanie. 8 

Ich möchte vorschlagen, diesen Penisneid des kleinen Mäd- 
chens, der sich offenbar rein auf den anatomischen Unterschied 
gründet, den primären zu nennen. 



1) Freud: Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik. 

2) Groddeck: Buch vom Es. (Internationaler Psychoanalytischer Verlag.) 
*) Genauer in meiner früheren Arbeit: Zur Genese des weiblichen Kastra- 
tionskomplexes. 



228 



. 



Die zweite Quelle, die unsere Erfahrungen speist, ist in dem 
Analysenmaterial erwachsener Frauen zu finden. Es liegt in der 
Natur der Sache, daß dieses schwieriger zu beurteilen ist und 
daher dem subjektiven Erfahrungsfaktor großen Spielraum gewährt. 
Wir sehen hier zunächst den Penisneid als einen Faktor von un- 
geheurer dynamischer Stärke wirksam. Wir beobachten, wie 
Patientinnen ihre weiblichen Funktionen ablehnen, mit der unbe- 
wußten Begründung der Männlichkeitswünsche. Wir sehen Phan- 
tasien, die besagen: „ich habe einen Penis besessen, ich bin ein 
kastrierter, verstümmelter Mann" mit ihrem Gefolge von Minder- 
wertigkeitsgefühlen und ihrer Auswirkung in allen möglichen 
hartnäckigen hypochondrischen Vorstellungen. Wir sehen eine 
intensive feindselige Einstellung gegen den Mann, teils im Sinne 
der Entwertung, teils im Sinne des Kastrieren-, Lahmlegen-Wollens. 
Wir sehen, wie ganze Schicksale von hier aus entscheidend beein- 
flußt erscheinen. 

Es lag sicher der Schluß nahe, — und er lag besonders unser 
aller männlich orientiertem Denken nahe — von diesen Ein- 
drücken her eine Brücke zu schlagen zu jenem primären Penis- 
neid und rückläufig zu schließen, daß ihm also eine ungeheure 
Intensität, eine ungeheure dynamische Kraft zu eigen sein müsse, 
da er doch imstande sei, solche Wirkungen zu entfalten. Und man 
übersah dabei, weniger im einzelnen als in der Gesamtbewertung, 
daß diese Männlichkeitswünsche, die wir aus den Ana- 
lysen Erwachsener kennen, nur mehr sehr wenig mit 
jenem früh-infantilen primären Penisneid zu tun haben, 
sondern daß sie eine sekundäre Bildung darstellen, in 
der alles Platz gefunden hat, was in der weiblichen 
Entwicklung mißglückt ist. 

Meine Erfahrungen haben mir nach wie vor in gleichbleibender 
Deutlichkeit gezeigt, daß es vom weiblichen Ödipus-Komplex aus 
nicht nur in Fällen extremen Scheiterns, sondern regelmäßig 
zu einer Regression auf den Penisneid kommt, natürlich in allen 
möglichen Graden und Abstufungen. Der Unterschied zwischen 
dem Ausgang des männlichen und des weiblichen Ödipus-Komplexes 
stellt sich mir für eine durchschnittliche Entwicklung etwa folgender- 
maßen dar: beim Knaben wird infolge der Kastrationsangst nur 
das Sexualobjekt, die Mutter, aufgegeben, aber die männliche Rolle 
als solche wird nicht nur weiter bejaht, sondern als Reaktion auf 
die Kastrationsangst eher überbetont, wie wir das in der männ- 
lichen Latenzzeit und Vorpubertät und meist auch im späteren 



S2 9 



Leben deutlich sehen. Beim Mädchen wird nicht nur der Vater 
als Sexualobjekt aufgegeben, sondern es kommt gleichzeitig zu 
einem Zurückweichen vor der weiblichen Rolle überhaupt. 

Um diese Flucht aus der Weiblichkeit zu verstehen, muß man 
die Verhältnisse der frühkindlichen Onanie berücksichtigen, in der 
ja die Erregungen des Ödipus-Komplexes ihren körperlichen Aus- 
druck finden. 

Auch hier liegen die Verhältnisse für den Knaben viel klarer; 
— oder vielleicht sind sie uns auch nur bekannter? Sind sie uns 
beim Mädchen am Ende nur darum so unverständlich geworden, 
weil wir sie immer nur mit männlichen Augen gesehen haben? 
Es sieht ein wenig danach aus, wenn man dem kleinen Mädchen 
nicht einmal eine eigene Onanie zubilligt, sondern ihre autoero- 
tischen Betätigungen schlechtweg als männlich kennzeichnet! Und 
wenn man den Unterschied, der doch nun einmal da sein muß, 
einfach als den des Negativs zum Positiv ansieht, d. h. im Falle 
der Onanieängste als den der angedrohten zur vollzogenen Kastration. 
Meine analytischen Erfahrungen lassen durchaus Raum für die 
Auffassung, daß das kleine Mädchen ihre eigene, weibliche, neben- 
bei auch technisch von der männlichen verschiedene, Onanie hat, 
selbst wenn diese, was mir nicht gesichert scheint, nur an der 
Klitoris stattfinden sollte. Ich sehe auch nicht ein, warum man 
der Klitoris, trotz ihrer entwicklungsgeschichtlichen Vergangenheit 

i nicht ihre iegitime Zugehörigkeit zum weiblichen Genitalapparat 

zubilligen soll. 

Ob das Mädchen zur Zeit der Frühblüte ihrer genitalen Ent- 
wicklung vaginale Organempfindungen hat, ist aus dem analytischen 
Material Erwachsener ungeheuer schwer zu beurteilen. Ich bin in 
einer ganzen Reihe von Fällen geneigt, darauf zu schließen und 
werde das dazugehörige Material später vorlegen. Ihr Vorkommen 
ist mir aus den folgenden Überlegungen theoretisch sehr wahr- 
scheinlich. Sicher zeigen die bekannten Phantasien, daß ein allzu- 
großer Penis gewaltsam eindringen, Schmerzen und Blutungen 
hervorrufen und etwas zerstören könnte, daß das kleine Mädchen 
ihren Ödipus-Phantasien das reale Mißverhältnis in der Größe 
zwischen Vater und Kind höchst realistisch zugrunde legt, so wie 
es dem plastisch-konkreten Denken des Kindes entspricht Ich 
meine also, daß in diesem Sinne, sowohl der Ödipus-Phantasien, 
als auch der sich konsequenterweise daran knüpfenden Angst vor 
einer inneren — also vaginalen — Beschädigung, doch die Vagina 
neben der Klitoris eine Rolle in der frühinfantilen weiblichen 



230 






Genitalorganisation spielt. 1 Man könnte sogar aus den späteren 
Erscheinungen der Frigidität schließen, daß die Vaginalzone eher 
stärker mit Angst- und Abwehreffekten besetzt ist als die Klitoris, 
und zwar darum, weil die inzestuösen Wünsche mit der vollen 
Treffsicherheit des Unbewußten auf sie bezogen wurden. Im Sinne 
dieser Betrachtung müßte man die Frigidität als einen Ausdruck 
der Abwehr jener für das Ich so bedrohlichen Phantasien auf- 
fassen. Auch auf die von verschiedenen Autoren behaupteten un- 
bewußten Lustgefühle bei der Entbindung, respektive die Angst 
vor ihr, würde von hier aus ein neues Licht fallen. Die Entbin- 
dung wäre nämlich in weit höherem Maße als der spätere Ge- 
schlechtsverkehr geeignet, gerade durch das Mißverhältnis zwischen 
Vagina und Kind und die dadurch entstehenden Schmerzen, für 
das Unbewußte eine - und zwar schuldfreie - Realisierung 
iener frühen Inzestphantasien darzustellen. Wie die Kastrations- 
anffst des Knaben, steht auch die weibliche Genitalangst durchaus 
unter dem Druck der Schuldgefühle und verdankt ihnen ihre nach- 
haltige Wirkung. \ 

Hiezu kommt eine Folgeerscheinung des anatomischen t^e- 
schlechtsunterschiedes, die in derselben Richtimg wirkt. Der Knabe 
kann nämlich sein Genitale daraufhin beobachten, ob die geflüch- 
teten Folgen der Onanie eintreten; das Mädchen tappt hier buch- 
stäblich im Dunkeln und bleibt in völliger Unsicherheit. Diese 
Möglichkeit einer Realitätsprüfung fällt natürlich bei schwererer 
Kastrationsangst für den Knaben nicht ins Gewicht, aber für die 
praktisch wegen ihrer Häufigkeit bedeutsameren Fälle leichterer 
Befürchtungen halte ich diesen Unterschied für recht beachtlich. 
Jedenfalls habe ich aus dem analytischen Material meiner weib- 
lichen Analysen den Schluß gezogen, daß dieser Faktor eine be- 
trächtliche Rolle im weiblichen Seelenleben spielt und zu der 
eigentümlichen inneren Unsicherheit beiträgt, wie wir sie bei 

Frauen so häufig finden. 

Unter dem Druck dieser Angst flüchtet nun das Madchen in 

eine fiktive männliche Rolle. 

Was ist der ökonomische Gewinn dieser Flucht? Ich 
muß hier auf eine Erfahrung hinweisen, die wohl alle gemacht 
haben dürften; daß nämlich d ie Männlichkeitswünsche in der 

i) Seitdem mir die Möglichkeit solcher Zusammenhänge klar wurde, habe 
ich viele Äußerungen, bei denen ich mich früher mit der Deutung einer 
Kastrationsphantasie im männlichen Sinne begnügt hätte, in diesem Sinne 
einer Angst vor der vaginalen Beschädigung aufzufassen gelernt. 



231 



Regel relativ bereitwillig zugegeben werden, aber daß sie — ein- 
mal akzeptiert — hartnäckig festgehalten werden, und zwar aus 
dem Grunde, um nicht die libidinösen Wünsche und Phantasien 
auf den Vater einsehen zu müssen. Sie stehen also im Dienste 
der Verdrängung dieser weiblichen Wünsche respektive 
des Widerstandes gegen ihre Aufdeckung. Diese immer 
wiederkehrende typische Erfahrung zwingt nach analytischen 
Grundsätzen zu dem Schluß, daß die Männlichkeitsphan- 
tasien früher einmal zu eben diesem Zweck der Siche- 
rung g e g en a * e libidinösen Wünsche auf den Vater auf- 
gerichtet waren. Durch die Fiktion der Männlichkeit würde 
also die jetzt schuld- und angstbeladene weibliche Rolle vermieden. 
Zwar hat ein solches Ausweichen auf die männliche Linie not- 
wendig Minderwertigkeitsgefühle im Gefolge, denn das Mädchen 
fängt jetzt an, sich an Ansprüchen und Werten zu messen, die 
ihrem eigenen biologischen Wesen fremd sind, und denen gegen- 
über sie sich also unzulänglich fühlen muß. 

Obgleich nun diese Minderwertigkeitsgefühle sehr quälend 
sind, zeigen unsere analytischen Erfahrungen doch recht nach- 
drücklich, daß sie vom Ich leichter ertragen werden als die Schuld- 
gefühle, mit denen die weibliche Einstellung verknüpft ist, und 
daß es also für das Ich doch zweifellos einen Gewinn bedeutet, 
wenn das Mädchen aus der Scylla der Schuldgefühle in die 
Charybdis der Minderwertigkeitsgefühle flüchtet. 

Ein zweiter Ökonomischer Gewinn erwächst aus der Vater- 
identifizierung, mit der die Regression auf den Penisbesitz- 
wunsch ja in der Regel verknüpft ist: auch dieser Vorgang dient 
offenbar einer Lockerung der Objektbeziehung zum Vater und 
hilft gleichzeitig dazu, den schmerzlichen Objektverlust auf eine 
dem Ich annehmbare Weise zu überwinden. 

In eben diesem Vorgang der Vateridentifizierung liegt ja be- 
kanntlich auch die eine Antwort auf die Frage, warum die Flucht 
vor den weiblichen Wünschen auf den Vater gerade immer zu 
einer Männlichkeitseinstellung führt. Aus einigen Überlegungen, 
die sich an die obigen Betrachtungen anschließen, läßt sich diese 
Frage noch von einem anderen Gesichtspunkte her beleuchten. 

Wir wissen, daß immer, wenn die Libidoentwicklung an eine 
Schranke stoßt, eine frühere Organisationsstufe regressiv belebt 
wird. Nach der letzten Arbeit Freuds würde aber die Vorstufe 
zur eigentlichen Objektliebe zum Vater eben durch den Penisneid 
gebildet. Und so würde gerade dieser Gedankengang Freuds uns 



252 






ein Verständnis für die innere Notwendigkeit geben, daß die 
Lidido gerade auf dieses Vorstadium zurückströmen muß, wenn 
und soweit sie an der Inzestschranke zurückgeworfen wird. 

Ich möchte der Auffassung Freuds, daß die Entwicklung zur 
Objektliebe für das Mädchen über den Penisneid geht, prinzipiell 
beistimmen, nur glaube ich, daß man sich von der Art dieses 
Entwicklungsganges auch ein anderes Bild machen könnte. 

Wenn man nämlich sieht, einen wie starken Anteil seiner Wirk- 
samkeit der primäre Penisneid erst rückläufig vom Ödipus-Komplex 
her empfängt, so muß man der Verlockung entsagen, die Äuße- 
rungen eines so elementaren Naturprinzips, wie es die gegen- 
geschlechtliche Anziehung ist, von diesem Gesichtspunkt zu er- 
fassen. 

Man würde also hinsichtlich der psychologischen Erfassung 
dieses biologischen Urprinzips wieder vor einem Ignoramus stehen. 
Ja, darüber hinaus drängt sich mir immer stärker die Vermutung 
auf, ob nicht der Kausalzusammenhang gerade umgekehrt so sein 
könnte, daß es gerade die schon von früh an wirksame gegen- 
geschlechtliche Anziehung ist, die das libidinöse Interesse des 
kleinen Mädchens auf den Penis hinzieht. Ein Interesse, das sich 
der Entwicklungsstufe entsprechend zunächst in au to erotisch er 
und narzißtischer Weise auswirkt, so wie ich es früher beschrieben 
habe. Aus dieser Betrachtungsweise würden sich folgerichtig auch 
neue Problemstellungen für die Entstehung des männlichen Odipus- 
Komplexes ergeben, die ich jedoch auf eine spätere Arbeit ver- 
schieben möchte. Wäre aber der Penisneid schon der erste Aus- 
druck jener rätselhaften Anziehung, so dürften wir uns auch von 
hier aus gesehen nicht wundern, ihn in Analysen in einer tieferen 
Schicht als den Kindwunsch und die zärtliche Vaterbindung an- 
zutreffen. Der Penisneid würde dann der zärtlichen Einstellung 
zum Vater in einer anderen Weise als nur der der Enttäuschung 
den Weg bereiten. Man müßte dann vielmehr das libidinöse 
Interesse für den Penis im Sinne Abrahams als eine „Partial- 
liebe" auffassen, 1 die, wie er meint, stets ein Vorstadium der 
eigentlichen Objektliebe bildet. Man könnte sich den Vorgang 
auch an einer Analogie aus dem späteren Leben verständlich 
machen, und zwar an der Beobachtung, daß gerade ein bewun- 
dernder Neid leicht zu einer Liebeseinstellung führt. 



1) Abraham: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido (Inter- 
nationaler Psychoanalytischer Verlag, 1924.) 



2 33 



Was die überaus leichte Gangbarkeit dieser Regression betrifft, 
so möchte ich auf die analytische Erfahrung hinweisen, 1 daß in 
den Einfällen der Patientinnen der narzißtische Besitzwunsch nach 
dem Penis und das objektlibidinöse Begehren desselben oft so 
ineinander übergehen, daß man schwanken kann, in welchem Sinne 
ein „Haben-Wollen" gemeint ist. 

Nun noch ein Wort zu den eigentlichen Kastrationsphantasien, 
die als auffallendster Bestandteil dem ganzen Komplex ihren Namen 
gegeben haben. Entsprechend meiner Auffassung der weiblichen 
Entwicklung muß ich auch sie als eine sekundäre Bildung be- 
trachten. Ihre Entstehung denke ich mir so, daß bei der Flucht 
in die fiktive männliche Rolle auch die weibliche Genitalangst 
gewissermaßen in eine männliche Sprache übersetzt wird: aus 
der Angst vor der vaginalen Beschädigung wird eine Kastrations- 
phantasie. Diese Umwandlung bringt gleichzeitig den Gewinn mit 
sich, daß das Mädchen die Unsicherheit ihrer Straferwartung, die 
durch ihren anatomischen Bau bedingt ist, gegen eine konkrete 
Vorstellung eintauscht Auch die Kastrationsphantasie steht unter 
dem Druck der alten Schuldgefühle — und der Penis wird von 
hier aus gewünscht als ein Beweis der Schuldlosigkeit. 

Diese aus dem Ödipus-Komplex stammenden typischen Motive 
in einer Flucht in die männliche Rolle werden nun verstärkt und 
unterhalten durch die tatsächliche Benachteiligung der Frau im 
sozialen Leben. Es ist natürlich gar nicht zu verkennen, daß die 
aus dieser letzten Quelle stammenden Männlichkeitswünsche sehr 
geeignet sind, jene- unbewußten Motive zu rationalisieren. Aber 
wir dürfen nicht vergessen, daß diese Benachteiligung doch eben 
ein Stück Realität ist, und daß sie sogar unendlich viel größer 
ist, als den meisten Frauen bewußt ist. 

Georg Simmel sagt hierüber: „Das kulturelle Übergewicht 
des Mannes sei von seiner Machtstellung getragen" und man könne 
das geschichtliche Verhältnis der Geschlechter kraß als das des 
Herrn zum Sklaven ausdrücken. Wie immer gehöre es auch hier 
„zu den Privilegien des Herrn, daß er nicht immer daran zu 
denken braucht, daß er Herr ist, während die Position des Sklaven 
dafür sorgt, daß er seine Position nie vergißt". 

In diesen Erwägungen dürfte wohl auch die Erklärung dafür 
liegen, warum dieser Faktor in der analytischen Literatur doch 
gar zu gering bewertet ist. Tatsächlich steht das Mädchen von 

i) Schon von Freud in „Tabu der Virdnltät" erwähnt. 



234 



seiner Geburt an unter einer — ob gröberen oder feineren, aber 
unausweichlichen — Suggestion seiner Inferiorität, die den Männ- 
lichkeitskomplex dauernd speisen muß. 

Dazu kommt noch eines: Infolge des bisher rein männlichen 
Charakters unserer Kultur war es für die Frau viel schwerer, zu 
einer ihrem Wesen adäquaten Sublimierung zu gelangen, denn 
alle gangbaren Berufe waren von männlichem Geist erfüllt. Von 
hier aus mußte wieder eine Rückwirkung auf ihre Minderwertig- 
keitsgefühle erfolgen. Denn natürlich konnte sie in diesen männ- 
lichen Berufen nicht dasselbe leisten wie der Mann, und so schien 
ihre Minderwertigkeit real begründet. Es scheint mir unmöglich, 
zu beurteilen, in einem wie hohen Grade die unbewußten Motive 
zu einer Flucht aus der Weiblichkeit von diesem Moment der 
tatsächlichen sozialen Unterlegenheit der Frau eine Verstärkung 
erfahren. Man könnte sich den Zusammenhang auch im Sinne 
einer Wechselwirkung der psychischen und sozialen Faktoren 
denken. Aber ich kann diese Probleme hier nur andeuten, denn 
sie sind so ernst und wichtig, daß sie einer gesonderten Unter- 
suchung bedürfen. 

Dieselben Faktoren müssen auf die Entwicklung des Mannes 
ganz anders einwirken. Sie führen einerseits dazu, daß er seine 
Weiblichkeitswünsche als mit dem Makel der Inferiorität behaftet 
viel intensiver verdrängt; und anderseits dazu, daß er es viel 
leichter hat, sie erfolgreich zu sublimieren. 

In den vorstehenden Betrachtungen bin ich zu einer Auffassung 
über einige Probleme der Psychologie des Weibes gekommen, 
welche in manchen Punkten von den bisherigen Anschauungen 
abweicht. Es ist möglich, sogar wahrscheinlich, daß dieses Bild 
nun von der anderen Seite her einseitig gesehen ist. In dieser 
Arbeit sollte aber vor allem der Versuch gemacht werden, auf 
eine mögliche Fehlerquelle hinzuweisen, die aus dem Geschlecht 
des Beobachters entspringt, und damit einen Schritt dem Ziele 
zu zu machen, das wir alle erstreben: jenseits von der Subjek- 
tivität männlicher oder weiblicher Betrachtung ein Bild von der 
psychischen Entwicklung der Frau zu gewinnen, das der Tatsache 
ihrer Eigenart und ihrem Anderssein in höherem Grade als bisher 
gerecht wird. 






2 35 



Doktorspiel, Kranksein und Arztberuf 



von 



Dr. Ernst Simmel 

Aus dem am 6. Mai zum jo. Ge- 
burtstage Sigm. Freuds erschienenen 
Heft der „Internationalen Zeitschrift 
für Psychoanalyse" (Bd. XII, Heft }). 

Das Doktorspiel der Kinder, das uns aus direkter Beobachtung 
oder eigener Erinnerung gut bekannt ist, gehört oft zu den wenigen 
Erinnerungsresten, die die kindliche Amnesie überdauern. In ihm 
sind nach Freuds Formulierung „die infantilen Meinungen über 
das Wesen der Ehe aufbewahrt«, wodurch ihm neben dem „Papa- 
und Mamaspiel« eine „besondere Bedeutung für die Symptoma- 
tologie der späteren Neurosen" zukommt. 1 Die verpönten, früh- 
mfantilen Koitus- und Schwängerungsphantasien erscheinen dabei 
in. den spielerischen Veranstaltungen zwischen „Arzt« und „Patient« 
wieder verwandelt in dem sittlich einwandfreien Wunsch 
des Heilen-, beziehungsweise Gesundwerdenwollens. Das Instru- 
mentarium des kleinen Arztes, das Penisäquivalente in Form von 
fingierten Hörrohren, Thermometern, Klistierspritzen und Opera- 
tionsmessern enthält, verrät dabei deutlich die sadistische Auf- 
lassung des Aktes. Die zu behandelnde Krankheit selbst bedeutet 
sehr häufig ,n mehr oder weniger verhüllter Form die Schwanger- 
schaft der Mutter. Nicht selten ist das Doktorspiel mit dem 
„rapa- und Mamaspiel« kombiniert, wobei das Leidenserlebnis 
einer Puppe als Kollektivkind zugeschoben wird. Diese geht meist 
m einer Art „negativer therapeutischer Reaktion" an der ihr 
apphzierten „Behandlung" unter Verlust ihrer Gliedmaßen zu- 
grunde. Sie wird ein Opfer des Kastrationskomplexes ihrer Schutz- 
patrone, denen sie das Ausleben aggressiver Tendenzen gestattet, 
die eigentlich den Konkurrenten um die elterliche Liebe, den 
Geschwistern, zugedacht sind. 

Das Doktorspiel bietet also als Symbolhandlung sämtlichen 
im Odipus-Konflikt entstehenden Regungen eine Auswirkung. Es 
ist eine Wiederholung der Urszene, wobei der Darsteller des Arztes 
sich mit dem Vater, der Darsteller des Patienten sich mit der 
Mutter identifiziert. 



1) Freud, Über infantile Serualtheorien. Gesammelte Schriften, Bd. V. 
236 



Die zunächst rätselhaft anmutende Tatsache, daß ein Kind ein 
so peinliches Erlebnis wie einen ärztlichen Eingriff als lustvoll 
immer und immer wiederholt, hat, wie wir wissen, Freud zu 
einem Ausgangspunkt seiner Betrachtungen über den Wieder- 
holungszwang gewählt. 1 Einen Lustanteil des Spieles sieht er in 
der Möglichkeit für das Kind, sich aus der peinlichen Rolle 
infantiler Duldung zur Rolle des aktiven Erwachsenen, des 
Arztes, aufzuschwingen. Die dabei offen gelassene Frage über das 
Interesse des anderen mitspielenden Kindes an der Wiederholung 
des leidvollen Patientenerlebnisses beantwortet sich von selbst, 
wenn wir nach dem Gesagten den Begriff der Aktivität weiter 
fassen. Das Doktorspiel gibt jedem mitspielenden Kinde die 
Möglichkeit, die Urszene insgesamt aktiv zu inszenieren und zu 
genießen, an der es gerade wegen der ihm dabei zufallenden 
Rolle des nichtaktiven, unbeteiligten Dritten litt. 

Vom Spiel ganz allgemein sagt Freud, daß sich bei ihm 
„Wiederholungszwang und direkte Triebbefriedigung zu intimer 
Gemeinsamkeit verschränken".' Der lustvolle, sehr erhebliche 
Beitrag der letzteren ist beim Doktorspiel nach dem Gesagten 
ohneweiters klar. Die Spielleistung erreicht hier, wie die Traum- 
leistung und die neurotische Symptombildung, eine Erfüllung 
bewußtseinsunfähiger Wünsche durch die symbolische Entstellung, 
— nur daß es beim Traum und der Neurose aus der Ver- 
drängung wiederkehrende Inzestwünsche sind, während das 
Doktorspiel, vorfallend noch zu einer Zeit, da das Ödipus-Erlebnis 
ein aktueller Konflikt ist, im Dienste des Versuches zu seiner 
Bewältigung selber steht. Bevor er am Ende, wie wir wissen, unter 
der Auswirkung des Kastrationskomplexes in die verschiedenen 
Möglichkeiten der Identifizierung aufgelöst wird, 3 ist während 
der ganzen Übergangszeit das Kind ständig in die Notwendig- 
keit versetzt, sich der immer wiederkehrenden traumatischen Ein- 
wirkung des Urszenenerlebnisses zu erwehren, beziehungsweise der 
Tatsache, daß die Eltern unerreichbare Sexualobjekte bleiben, 
zu verschließen. Diesem unerträglichen Wissen um die sexuellen 
Beziehungen zwischen den Eltern, beziehungsweise dem Verständ- 
nis dafür, entzieht sich das Kind durch „die Verdrängung", die 
an die Möglichkeit gebunden ist, der unlustbetonten Vorstellung 
einen quantitativ und qualitativ ausreichenden Libidobetrag zu 

1) Freud, Jenseits des Lustprinzips. Gesammelte Schriften, Bd. VI. 

2) 1. c. 

3) Freud, Der Untergang des Ödipus-Komplexes. Gesammelte Schriften, Bd. V. 



a 37 



entziehen. 1 Die dabei vom Objekt ins Ich zurückflutende, hier 
nach dem Dynamometer der infantilen Angst regulierte Libido 
drängt in der Motorik des Spielens der Objektwelt wieder zu.» 
Während also in der spielerischen Ausgestaltung des Symbol- 
inhalts sich das „Lustprinzip" auswirken will, stellt der Hang 
zum Spielen, „der Spieltrieb", das Phänomen des Wiederholungs- 
zwanges dar, des Agierenmüssens, um verdrängen zu können. 
Der mehr oder minder erreichte Effekt einer vollständigen 
Verdrängung ist dabei meines Erachtens ebenso mit dem Vor- 
gang der Introjektion verknüpft wie die Identifizierung 
selbst. Je mehr von dem enttäuschenden Objekt einverleibt ist, 
desto mehr ist von ihm aus der äußeren Wahrnehmung verdrängt, 
desto vollkommener die Identifizierung. Desto höher steigt aber 
auch das Niveau der Ichlibido, das zur Entladung drängt. Man 
kann sagen: das Kind wird desto deutlicher und intensiver Mama 
und Papa spielen, agieren, je weniger es noch von den ehelichen 
Beziehungen seiner Eltern weiß, beziehungsweise versteht. Man 
kann, was aus Raummangel an dieser Stelle nicht weiter belegt 
werden kann, die Formulierung wagen: die Introjektion ist die" 
Regressionsform des Verständnisses, die Aktion die Regressions- 
form der Verständigung. Erinnern wir uns dabei des von Freud 
erwähnten Beispieles des kleinen Jungen, der den Tod der ge- 
liebten Katze in der Form betrauerte, daß er auf allen Vieren 
kroch und miaute. 8 Die auf dieser Stufe noch aus Mangel an 
Wortvorstellungen nicht mögliche Bewältigung der Lust-einbuße, 
des Ver-lustes durch den Denkakt und die sprachliche Wieder- 
gabe wird ermöglicht durch die Introjektion des Objektes unter 
Einbeziehung der ihm zugewandten Libido, die dann als Stauung 
der Ichlibido das Katzespiel in Gang setzt. Erwirbt doch auch 
das Kind in der frühesten Epoche seines Lebens mit seinem 
nur nach dem Primärvorgang arbeitenden Seelenapparat stufen- 
weise seine ersten Fähigkeiten durch stückweise Introjektion der 
liebenswerten Persönlichkeiten seiner Umgebung. Daraus ergibt 
sich nicht nur seine Verständigungsmöglichkeit mit ihnen, sondern 
auch in zunehmendem Maße seine Unabhängigkeit von ihnen, 
wodurch es erst als Subjekt verselbständigt in die Objektwelt des 

1) Freud, Die Verdrängung Gesammelte Schriften, Bd. V. 

2) Diese Auffassung stimmt mit den Erfahrungen von Frau Melanie Klein 
überein, die in ihren Vorträgen betont, daß die Kinder „im Spiel die Ein- 
drücke der Urszene abzureagieren streben". 

3) Freud, Massenpsychologie und Ich- Analyse. Gesammelte Schriften, Bd. VI. 

238 



Ödipus-Konfliktes hineingestellt wird. Bei der jetzt, in der „ersten 
Pubertätszeit", aus genitaler Quelle sich steigernden Libido reicht 
der Primärvorgang zu ihrer Bewältigung nicht mehr aus. Die 
seelischen Bindungsvorgänge werden mobil gemacht, die zur Struk- 
turierung des Ichs führen. Dabei kehren die wieder introjizierten 
Elternobjektvorstellungen aus der Verdrängung, aus dem Es ins 
Ich zurück und werden — analog der Traumzensur — in diesem 
geduldet, soforn sie sich die Angleichung an ein Ichideal der 
Realität, d.h. die Verhüllung durch ein solches gefallen lassen. 
Es ist verständlich, daß zur Zeit, da diese Strukture erungs Vor- 
gänge des infantilen Ich noch im Werden sind, der „Doktor", 
der ja für das Kind auch die Es-Interessen noch ausgiebig ver- 
tritt, ein ganz besonders brauchbares Ichideal abgibt. Der Arzt 
darf ja scheinbar aktiv all die Lustmechanismen betätigen, die 
dem Kinde versagt werden. Er erkennt keine Kleidung an, keine 
Scham. Er darf alles sehen, alles hören, mit Urin und Kot sich 
straflos beschäftigen. Er weiß alle Geheimnisse der Geschlechts- 
unterschiede wie des Kinderkriegens und verfügt allmächtig — 
wie der Vater über die Mutter — über den Körper des Kranken. 
Je nach dem besonderen Anspruch seiner eigenen erogenen Zonen 
und Partialtriebe wird das Kind dann ein anderes Moment des 
Arztseins beim Spiel bevorzugen oder aber seiner aggressiven, 
sadistischen Lust — der „Lust des Messers" — speziell als Opera- 
teur frönen, um durch ein Agieren der Kastrationslust die eigene 
Kastrationsangst zu ersparen. Das Spielen scheint uns speziell am 
Doktorspiel ganz deutlich seine psychobiologische Funktion zu ver- 
raten, die seelischen Mechanismen zu üben, die zur glücklichen 
Erledigung des Ödipus-Konfliktes notwendig sind. Dadurch, daß das 
Über-Ich die überschüssige Ichlibido gewissermaßen als eine sub- 
jektivierte Objektlibido an sich zieht und hier über das reale Ich- 
ideal nach außen leitet, wird auch im Agieren des Spiels bereits 
ein Stück Außenwelt verändert und die Introversion des Konfliktes, 
d. h. die Erkrankung, verhütet. 

Die spielerische Aktion erweist sich somit als Vorstufe der 
Berufsausübung; nur daß letztere sich nach dem Modell des auf- 
gelösten Ödipus-Komplexes vollzieht, während das Spiel noch den 
Spiegel des Auflösungsprozesses selber darstellt. 

Es dürfte in diesem Zusammenhange von einigem Interesse sein, 
das Doktorspiel einmal da zu betrachten, wo wir es gleichsam 
in statu nascendi, nämlich in der psychoanalytischen Kur, beobachten 
können. Das Agieren während derselben, das dem Übertragungs- 



2 39 



spiel zugrunde liegt, stellt ja oft seine Neuauflage, zum mindesten 
eine Art Erstauflage dar. Der Patient steht vor der Konsequenz 
der Wiederkehr des Verdrängten. Der im Symptom gebundene 
Überschuß an Ichlibido, die ursprünglich einmal als Objektlibido 
den Inzestobjekten angeheftet war, wendet sich dem Analytiker 
zu. Dadurch wird die Basis für ein Verständnis der psychoanaly- 
tischen Situation geschaffen, d. h. die Erkenntnis für die Liebes- 
empiindung zum Arzt und die Vorwegnahme ihrer Versagung. Und 
wie seinerzeit der Ödipus-Konflikt aus dem Bewußtsein gedrängt 
wurde, so wird er jetzt auf dieselbe Weise der Rückkehr ins Be- 
wußtsein entzogen. 

Die ersten Angstanzeichen beim Patienten künden das Scheitern 
des Übertragungsversuches, den unter der Wirkung des Intro- 
jektionsvorganges einsetzenden Wiederholungsmechanismus an, d.h. 
das Agieren zum Schutze gegen das bewußte Verständnis. Der 
Patient sucht sich aus der Rolle des passiv Analysierten zur Rolle 
des aktiv Analysierenden aufzuschwingen und zuerst den Analytiker 
selber zu analysieren, indem er ihm alle Geheimnisse seiner Person 
und seiner Familie zu entlocken sucht. Hiebei enttäuscht, sucht 
der Analysand zum Ausgleich der unerträglichen Spannung zwischen 
Ich und Über-Ich, zur Vermeidung des Schuldgfühls, beziehungs- 
weise der Gewissensangst, sein Eltern-Über-Ich dem Analytiker- 
Ichideal immer intensiver anzugleichen und so wie er immer 
mehr Persönlichkeiten direkt und indirekt in den Kreis psycho- 
analytischer Betrachtung und Behandlung zu ziehen. Der Patient 
will „Doktor" spielen, um nicht Kranker sein zu brauchen. 
Er will andere durch die Pychoanalyse retten, um sich selbst vor 
dem Analysiertwerden zu retten. Es wird verständlich, daß die 
Gewissensangst dabei als letzter Reizschutz manchen Analysanden 
treibt, selbst („wilder") Analytiker zu werden, ihn zu agieren, zu 
„spielen", um von der eigenen Psychoanalyse nichts verstehen zu 
brauchen. 

Wir ahnen so, wie im Doktorspiel der ehemalige kleine Patient 
zur Rolle des Arztes kam. 

Ein praktisches Beispiel aus der psychoanalytischen Behandlung 
dürfte das noch anschaulicher machen und dabei das Verständnis 
dafür anbahnen, daß auch ein Arztspieler wieder geneigt, ja ge- 
nötigt sein kann, des Kranken Rolle zu agieren. 

Eine Patientin mit einem Herzleiden (klinische Diagnose: 
„Essentielle Extrasystole") litt an der scheinbar unerfüllbaren 
Sehnsucht nach einem Kinde. Sie entzog sich der Konzeption — 



240 



vor der sie übrigens auch durch einen Vaginismus geschützt war — >- 
aus Angst, infolge ihres Herzleidens bei der Geburt sterben zu 
müssen. Nach einer Phase der Behandlung, in der sie sich ver- 
ständnislos, „affektiv schwachsinnig" für alle Erklärungen erwies, 
die sich auf die psychische Genese ihres Leidens bezogen, 
forderte sie statt dessen ständig, — mich dabei schelmisch-infantil 
als „Onkel Doktor" apostrophierend — ich solle sie körperlich 
untersuchen. In ihrer therapeutischen Schau- und Exhibitionslust 
an mir enttäuscht, versuchte sie nun mein Interesse von sich ab 
und auf ihre ebenfalls herzkranke Mutter hinzulenken. Diese, die 
ihr Leiden sich bei der Geburt der um wenige Jahre jüngeren 
Schwester zugezogen, sei viel kränker als sie. Sie sollte ich 
also behandeln oder wenigstens untersuchen. Auf meine mehrfache 
Verweigerung brachte sie die halluzinatorische Erfüllung ihres 
Doktorspielwunsches in einem Traum: Sie räumt ihrer Mutter eine 
ihrer eigenen Behandlungs stunden bei mir ein. Die Mutter liegt mit ent- 
blößtem Oberkörper auf dem Sofa zur Untersuchung bereit. Die Träumerin 
schaut gespannt zu, in „Befürchtung 11 der eventuell unglücklichen Diagnose. 
Der Analytiker setzt das Hörrohr auf die Brust der Mutter, wobei sich 
herausstellt, daß dieses zwecks tiefgehender Untersuchung in einen 
spitzen Dolch ausläuft, der der Mutter tief in die Herzgegend eindringt. 
Die Träumerin erwacht mit einem Schreck. 

Der Traum verrät deutlich, was die Patientin unbewußt be- 
absichtigt hatte. Der Analytiker sollte an ihr „Doktor" spielen, 
damit sie in der Rolle der Kranken die passive Hingabe an ihn 
als Vater- Imago im Agieren, d. h. ohne intellektuelle Einsicht, 
genießen kann. Da der Arzt sich ihr aber, wie seinerzeit der Vater 
im Papa- und Mamaspiel, versagte, identifiziert sie sich mit ihm 
und will jetzt durch Vermittlung des Analytikers an der Mutter 
Doktor spielen. Indem sie dabei im Interesse ihrer Schaulust die 
Urszene aktiv inszeniert, resigniert sie auf die Tätigkeit des Zu- 
schauens unter der Bedingung, daß der Analytiker durch seine 
Behandlung an ihrer Stelle das Verbrechen des Muttermordes voll- 
zieht und sie dadurch entsühnt. 

Die Mutter als gehaßtes Objekt des Ödipus-Konfliktes ist 
vollständig introjiziert, verdrängt — die Mutter ist restlos im 
Ich aufgegangen. — Der Vater als geliebtes Objekt ist nur un- 
vollkommen verdrängt, d. h. im Über-Ich subjekti viert. — Im 
passiv-femininen Masochismus erleidet das Ich so sein Über-Ich, 1 
wie die Mutter den Vater. — Wir erkennen, die Patientin ist an 
dem Leiden ihrer Mutter erkrankt, weil ihr Über-Ich lediglich 
im Dienste der Es-Interessen stehend, den Ichlibidoüberschuß nicht 
im Dienste der Bearbeitung der Außenwelt (Spiele oder Berufs- 

l) Freud: Das ökonomische Problem des Masochismus. Gesammelte Schriften, 
Bd. V. 



16 



Hl 



ausübung) verwandt nat, sondern dem Ich, „das ja wesentlich ein 
Körper-Ich ist", zurückgegeben hat, zur Abwandlung in der 
Innenwelt, in der inneren Motilität. — Jetzt versucht sie 
mit ihm nach außen zu agieren, Doktor zu spielen, um nicht krank 
sein zu brauchen, d. h. ihr Es-Über-Ich möglichst zu ersetzen durch 
das Real-Ich-Ideal des Arztes als Vertreter des realen Gewissens, der 
sie von der Introversion des Konfliktes erlösen soll. Durch Heilen 
möchte sie gesund werden. — Das in der Krankheit sich repräsen- 
tierende körperliche Agieren, das der Angstvermeidung, dem Span- 
nungsausgleich zwischen Ich und Es dient, wird dabei in ein seelisches 
Agieren überführt aus Flucht vor der Gewissensangst, der Spannungs- 
differenz zwischen Ich und Über-Ich. Durch Verwandlung des 
Schuldgefühls in Mitgefühl sucht sie sich vom Mit-Leiden zum 
M i t-Leid zu erheben, von der Funktion des Kranken zur Funktion 
des Arztes. 

Dieser, wenn auch nur flüchtige, Einblick in die Rollenverteilung 
beim Doktorspiel der Kinder wie beim Doktor-Übertragungsspi el 
des Erwachsenen während der psychoanalytischen Kur berechtigt 
zu der Auffassung, daß das Individuum auf Grund des gleichen 
Triebanspruches Arzt werden kann oder Patient. 

Damit erweist sich die Psychogenese des Arztberufes beim ein- 
zelnen als eine Wiederholung seiner Phylogenese, wie sie uns 
durch die Forschungen Röheims bekannt geworden ist. 

Röheim wies nach, daß der Medizinmann der Primitiven einen 
Kulturfortschritt auf dem Wege der Triebumwandlung gegen den 
schwarzen Zauberer bedeutet. „Beim Zauberer finden wir die 
sadistisch-unsublimierten, beim Medizinmann dieselben Triebe in 
einer durch Identifikation mit dem Opfer gehemmten, d. h. subli- 
mierten Form".i Als schwarzer Zauberer hatte er, wie unsere 
Patientin in der Phantasie, das Urverbrechen, die Einverleibung, die 
Introjektion des Elternsubstituts vollzogen. Von diesem, das sich 
zu einem Exkrementalsymbol gewandelt hat, muß sich der Magier 
zur eigenen Entsühnung wieder befreien oder, in Projektion seiner 
Untat, es anderen einverleiben, um es dann ihnen wieder zu ent- 
ziehen. Das introjizierte Eltern Substitut ist zum Krank- 
heitsstoff geworden, dessen man sich zu Genesungszwecken ent- 
äußern muß. — Die Möglichkeit, ihn als Gesundungsstoff einem 
anderen wieder einzuverleiben, ergibt sich erst aus dem Fortschritt 
vom oral-anal-sadistischen zum genitalen Libidoanspruch. Dadurch 
erst wird das Exkrementalsymbol zu einem Sperma-, Penis- und 

1) Röheim: „Nach dem Tode des Urvaters." Imago, Bd. IX, S. 83 ff. 
242 



Kindsymbol. Unsere Patientin ist imÖdipus-Konflikt an der Synthese 
(Verschränkung) ihrer prägenitalen und genitalen Libidostrebungen 
gescheitert und versucht dieses nachzuholen durch das Doktorspiel 
der psychoanalytischen Kur, indem sie den ins Ich introjizierten 
Krankheitsstoff, das Muttersubstitut, aus der Verdrängung entläßt 
und ins Über-Ich aufnimmt. So wird sie nicht nur zum Vater, 
sondern auch zur Mutter, und zwar auch zur Mutter ihrer Mutter, 
der sie nun die Gesundheit, d. h. das Leben wieder schenken kann, 
das sie von ihr empfangen hat. Sie sucht sich vom Zwang des 
femininrmasochisti sehen Erleidens im Ich zu erlösen, indem sie 
gleichsam die Bisexualität im Über-Ich etabliert. Wir verstehen 
an dieser Stelle, daß ein tieferer, unbewußter Sinn dem aber- 
gläubischen Mißtrauen des Laien gegen die Behandlung durch 
kranke Ärzte zugrunde liegt, weil diese „sich nicht einmal 
selbst gesund machen können". Ihnen gegenüber besteht ja 
gewissermaßen immer noch der Verdacht, daß sie, um ihr masochi- 
stisches Ich vom Leiden zu entlasten, die sadistischen Triebregungen 
ihres Über-Ichs aus der inneren in die äußere Motilität umschalten 
und dem Kranken zuwenden. 

In der Abwehr dieses Vorganges liegt aber auch die Gefahr 
begründet, daß der Arzt zum Kranken regredieren kann. Das wird 
um so eher erfolgen, wenn, wie bereits erwähnt, seine Berufs wähl 
nicht auf Grund einer endgültigen Identifizierung des beendeten 
Ödipuskonfliktes erfolgte, sondern seine Berufsbetätigung immer 
noch als ein Agieren, als ein Doktor-Spielen zur Bestreitung 
des Verdrängungsaufwandes angesehen werden kann. Für solchen 
Therapeuten kehrt ja im Patienten das Inzestobjekt wieder, das auf 
Grund der gleichen Identifizierungsvorgänge Patient geworden ist, 

wie er Arzt. 

In meinen Vorlesungen über „Arztliche Kunst und Psycho- 
analyse" am „Berliner Psychoanalytischen Institut" habe ich, seiner- 
zeit noch unabhängig von den R6heimschen Forschungsergebnissen 
am ethnologischen Material, aus meinen eigenen Analysen und 
den Kenntnissen aus Freuds „Totem und Tabu" das nicht seltene 
Vorkommnis beleuchtet, daß Spezialärzte an ihrem Spezialfach 
erkranken. Ich nannte solche Ärzte Partialärzte, deren Berufs- 
ausübung psychoanalytisch gesehen einer Perversion gleichkommt, 
weil sie auf Grund ihres eigenen, an eine bestimmte erogene 
Zone gebundenen, unbewußten inzestuösen Libidoanspruches das 
betreffende Organ des Kranken oder eine bestimmte fachärztliche 
Betätigung mit einem Maß von Libido überbesetzen, daß der 

16* 243 



ganze übrige Mensch infolge der relativen Libido Verschiebung 
auf das eine Organ ganz dem Bewußtsein oder wenigstens dem 
Verständnis des Therapeuten unzugänglich wird. Es liegt eine 
Art von Organfetischismus vor, der als Gegenbesetzung den Ver- 
drängungsauf wand selber bestreitet. Statt nämlich auf den Patienten 
zu „übertragen", identifiziert sich der Spezialist mit ihm. Statt 
des Kranken Organ neu zu beleben, sucht er, wie unsere Analy- 
sandin dem kranken Herzen ihrer Mutter gegenüber, dieses intro- 
jektiv zu erfassen, zu „verdrängen", und muß so infolge seiner 
Ich- beziehungsweise Organlibidostauung selbst wieder erkranken. 
Er introvertiert wieder die Beziehungen zu seinen Patienten und 
regrediert wieder vom Verständnis zur Introjektion, von der mit- 
teilenden „Äußerung" zur Aktion — vom Mit-Leid zum Mit-Leiden. 

So sah ich Magenärzte magenkrank werden, Psychiater an 
Psychosen, Psychoanalytiker (aus „Gegenidentifizierung" statt aus 
Gegenübertragung) an Neurosen und Depressionen erkranken. 
Von einem Lungenspezialisten weiß ich, daß er an Asthma er- 
krankte, nachdem er während einer neurotischen Konfliktzeit 
nachts häufig zu einem asthmatischen Greise gerufen worden 
war. Dasselbe jedoch gilt nicht nur für den Therapeuten, sondern 
im besonderen auch für den spezialistischen Forscher, dessen aus 
inzestuöser Schaulust gespeister Wissenstrieb tabuiert wird und 
ihn nach dem Gesetz des Talion zwingt, wieder zu introjizieren 
und zu agieren, wo er die Vorgänge an einer bestimmten „ero- 
genen Zone" nicht mehr verstehen und sich nicht mehr verständ- 
lich machen darf. Das bedeutet, er muß an dem Organ erkranken, 
an dem er forschen, alias „sündigen" wollte. 

Mancherlei Schutzmaßnahmen bilden sich dabei häufig als 
Reaktionen heraus, die namentlich der Abwehr der destruktiven 
Triebregungen bei der Berufsbetätigung dienen. Hier seien nur 
zwei Beispiele erwähnt, die zeigen, wie einmal der Arzt seinen 
Patienten vor sich, das andere Mal sich vor sich selber 
schützen kann. So kenne ich einen vielbeschäftigten Therapeuten, 
der, um gut behandeln zu können, sich gestatten muß, seine 
Patienten bewußt zu hassen. Damit ihn diese Affekteinstellung 
aber im beruflichen Verkehr nicht stört, isoliert er sie zeitlich 
von seinem Tagewerk. Morgens, vor Beginn der Sprechstunde, 
pflegt er in seinem leeren Ordinationszimmer auf und ab zu 
laufen und dabei die draußen seiner Hilfe Wartenden aufs haß- 
erfüllteste zu verwünschen und ausgiebig koprolalisch zu be- 
schimpfen. Zum anderen Mal gibt es nicht wenige Ärzte, die 



244 



I 



unbewußt in ihrer beruflichen Einstellung auf das „Exkremental- 
symbol" als introjizierten Krankheitsstoff, als Elternsubstitut, re- 
gredieren. An Stelle dieses Exkrementalsymbols tritt für sie als 
Kotäquivalent das Geld, auf das sich dann die gesamte Inzest- 
bedeutung des Kranken verschiebt. Dadurch wird das Geld des 
Patienten tabuiert, das der Arzt nicht berühren, nicht einnehmen 
(introjizieren) darf, wenn er selbst gesund, beziehungsweise frei 
von Schuldgefühl bleiben will. Er erspart sich eine Arbeitshem- 
mung auf Kosten einer Erwerbshemmung. 

So sehen wir noch in den modernsten Beziehungen zwischen 
Doktor und Kranken — dem Eintausch von Gesundheit gegen Geld — 
die ältesten Archaismen in ihrer prähistorischen gegenseitigen Be- 
dingtheit sich störend bemerkbar machen. Denn jeder Arzt wieder- 
holt in sich nicht nur die psychische Onto-, sondern auch die psy- 
chische Phylogenese seines Berufes. Der Beweis hiefür ergibt 
sich ja aus der Beobachtung der infantilen Doktorspiele, in denen 
wir bereits den Grundriß des späteren Berufes erkannten. 

Es war darum für mich auch nicht überraschend, einmal ein 
solches Spiel in seiner Urform zu beobachten. Man kann es das 
„Urdoktorspiel" nennen, weil es noch unverhüllt auf der Bedeu- 
tung des Kranken als Feind und Vater basiert, und es sei bei 
dieser Gelegenheit hier mitgeteilt. 

Ein zwölfjähriger Patient, der an Zwangsonanie unter sadisti- 
schen Phantasien litt, berichtete mir vom diesem Spiel, das er 
als Sechsjähriger mit anderen gleichaltrigen Knaben zu spielen 
pflegte. Für unsere Betrachtungen bleibt es dabei gleichgültig, 
ob das Spiel sich wirklich in allen Einzelheiten so, wie berichtet, 
zugetragen oder ob es durch nachträgliche Phantasien einige Er- 
gänzungen erfahren hat. 

Die Jungen spielten chirurgische Operation. Die Rollen- 
verteilung war dabei folgende: Ein Knabe, der sich irgendwie 
mißliebig gemacht hatte, war der Kranke, die anderen waren 
Hauptoperateure und Assistenten. Zwei von ihnen war eine be- 
sondere Rolle vorbehalten: als Krankenschwester, die „Narkose 
machte", und als — „die Seele" des zu Operierenden. 

Die Operation spielte sich immer in folgender Weise ab: „Die 
„Chirurgen" und auch die spätere „Seele" stürzten sich auf den 
Knaben und hieben mit Stöcken auf ihn ein, wobei sie nach 
Möglichkeit den Penis zu treffen suchten. Dann suchten sie den 
Patienten aufzufressen, und jeder „Arzt" mühte sich im Kampfe 
gegen den „Kollegen", ein möglichst großes Stück, „am liebsten 
den Popo", zu erwischen. Die Reste der Mahlzeit wurden in 
einem fingierten Freudenfeuer verbrannt, „der noch übrige Rest 

245 



" 



des Kranken", d, h, die Person des Operierten, in einem Erd- 
loch vergraben, was durch Zudecken mit dem Zimmerteppich 
markiert wurde. Hieran schloß sich ein orgastischer Tanz der 
vom Blut des Opfers berauschten Ärzte, die den am Boden Lie- 
genden noch mit Fußtritten traktierten. Die „Seele" aber hatte 
sich inzwischen in der Zimmerecke versteckt, mußte von da aus 
ab und zu in die tanzende Horde hineinspringen und — un- 
sichtbar — den einen oder den anderen zwicken. Die „Kollegen", 
in der Meinung, daß immer „der andere" solchen Schabernack 
triebe, fielen schließlich in allgemeiner gegenseitiger Prügelei 
übereinander her, bis am Ende eine universelle Versöhnung 
durch allgemeines Bonbonlutschen erfolgte. 

Bei diesem Urdoktorspiel sehen wir in der modernen Kinder- 
stube, unter der Auswirkung eines Urwiederholungszwanges, in 
allen Einzelheiten Vorgänge als Spiel zum Vorschein kommen, die 
Freud, rückschließend aus den Übereinstimmungen der Zwangs- 
erscheinungen der Neurotiker mit dem Zeremoniell der Natur- 
völker, als in der Urhorde vorgefallen vermutet hat. 1 Ich muß 
es mir ersparen, auf viele interessante Einzelheiten des Spieles 
in der vorliegenden Form einzugehen — wie zum Beispiel auf 
die Beleuchtung, die in ihr der Begriff „Kollegialität" und proji- 
ziertes Schuldgefühl erfährt — und will nur einiges, für unser 
Thema wesentliches, hervorheben. 

Auf meinen Hinweis an den Jungen, daß Chirurgen ihre 
Kranken nicht umzubringen, sondern gesund zu machen pflegen, 
antwortete er mir, das habe er zurzeit des Spieles noch nicht 
gewußt. Damals hatte er geglaubt, Chirurgen seien Menschen, 
die alle anderen hassen und darum töten wollen. Zweimal hatte er 
sie in ihrer Betätigung kennen gelernt. Das eine Mal wurde 
seine Mutter operiert, ihr ein Gewächs aus dem Leibe entfernt, 
was ihn sehr erschreckte. Das andere Mal wurde ihm von dem- 
selben Chirurgen eine Wucherung aus der Nase herausgeschnitten. 
Dabei hatte er sich aus Angst so gewehrt, daß ihm der Chirurg 
„versehentlich" einen Zahn ausschlug. Es ist ohneweiters klar, 
daß der Knabe den Chirurgen mit seinem äußerst strengen und 
tyrannischen Vater identifizierte, dem er aus Kastration sangst zu 
entweichen suchte. In der Nasenoperation realisiert sich dann 
für ihn die Identifizierung mit der gleichfalls vom Vater-Chir- 
urgen operierten, d. h. koitierten Mutter und damit gleichzeitig 
die Gefahr der passiv-femininen Hingabe an den Vater, die Ka- 
stration, das Zum-Weibe-gemacht- "Werden. Durch die symbolische 

1) Freud: „Totem und Tabu", siehe auch Röheim: „Nach dem Tode 
des Urvaters." 

246 



Auswirkung der operativen Vergewaltigung fühlt sich der Sohn 
vom Vater entmannt und an der Möglichkeit, sich mit ihm zu 
identifizieren, gehindert. Das Chirurgspielen gibt ihm die 
aktive Vaterrolle zurück. Die Erfüllung dieses Wunsches stellt 
das Spiel wie der Traum in derUmkehrung dar; denn eigent- 
lich wird er erst durch das Operieren (Kastrieren) zum Chirurgen. 
Durch die stückweise, kannibalische Einverleibung im allge- 
meinen und die Kastration des Kranken (Operateur-Imago) im 
besonderen erwirbt der Passive (Kranke) erst die Fälligkeiten, 
wie sie der infantilen Phantasie nach der Aktive im siegreichen 
Kampfe der Urszene betätigt. Er wird durch Introjektion des 
Vaters zum Vater, wie der Vater selbst erst dadurch zum Manne 
wird, daß er die Mutter zum Weibe macht, ihren Penis raubt 
(introjiziert). Dieser wird auch als exkrementalsymbolisches 
Elternsubstitut (Popo) einverleibt, wobei die Nates natürlich 
gleichzeitig die Bedeutung der Mammae haben. Letztere dürfen 
dann als ständige Lustquelle in der Außenwelt belassen werden» 
(das „versöhnliche Bonbonlutschen") und ermöglichen die Resi- 
gnation, ein Kind zu bleiben. Die Tatsache, daß unser Patient in 
seinem Doktorspiel oft auch gerade die milde, durch Narkose 
schmerzlindernde Krankenschwester spielte, verrät seinen regres- 
siven Anspruch auf die Funktion der Urmutter, die durch Säugen 
Schlaf und Schmerzlosigkeit verleiht. 

So sehen wir gerade in diesem primitivsten aller Doktorspiele 
das Ich des Kindes im Kampfe um die verschiedenen Identifizie- 
rungen sich bereits abmühen, um aus ihnen sein Über-Ich zu 
bauen. Es strebt dem Postulat zu, sich von der Rolle femininer 
Passivität zu befreien und zur Rolle infantiler Passivität zurück- 
zukehren, in welcher es sein Über-Ich nicht mehr zu erleiden 
braucht, — wie die Mutter den Vater — sondern sich dessen 
Förderung als sein Kind, als sein Werk, erfreuen darf. Der be- 
rufene Arzt speziell muß, wie mir deutlich wurde, in seinem 
Über-Ich die Synthese des in Vater und Mutter differenzierten 
Urmutterbegriffes vollzogen haben, will er nicht unerträgliche 
Spannungen zwischen seinem Über-Ich und seinem Ich (als 
„Mitleid" maskiertes Schuldgefühl) auf seinen Patienten, 
die Projektion seines Ichs, übertragen. 

Die Betrachtungen eines Psychoanalytikers über den Beruf des 
Arztes bleiben aber unvollkommen, wollten wir uns am Schluß 

i) Vgl Karl Abraham: Zwei Stufen der oralen Entwicklungsphase der 
Libido, in: „Entwicklungsgeschichte der Libido auf Grund der Psychoanalyse 
seelischer Störungen". („Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse", Nr. II. 
Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 1924.) 

247 



I 



nicht daran erinnern, daß in ihm, in der gesellschaftlichen Öko- 
nomie der Arbeitsteilung-, die personifizierte Repräsentanz einer 
biologischen, psychophysischen Instanz erscheint, die Freud im 
„Lustprinzip" als „den Wächter des Lebens" entdeckt hat. Die 
destruktive Tendenz des Wiederholungszwanges als Todestrieb 
die zum Abgleich aller Spannungen, besonders zur Beseitigung 
aller objektiven Spannungs quellen drängt, wird durch den An- 
spruch der narzißtischen Libido modifiziert. Diese vertritt den 
Wunsch nach Leben durch Lieben, uranfänglich und später re- 
gressiv sich immer und immer wiederholend, auf dem Wege 
introjektiver Einverleibung (introjektiver Verdrängung). Die 
Steigerung des Ichlibidoniveaus - der „Selbsterhaltungstrieb" » — 
macht dann als psychischen Reizschutz die Angst, als phy- 
sischen Reizschutz ihr Äquivalent, den Schmerz, mobil. In 
beiden kündet sich gleichzeitig drohend der Destruktionstrieb an. 
Denn jeder Krankheitsprozeß ist unter der Steigerung des 
Ichhbidoanspruches ein gesteigerter Lebensvorgang, der 
aus sich selbst heraus die Tendenz zu einer beschleunigten Ent- 
spannung zeigt. Der „Umweg zum Tode«,» den das Leben dar- 
stellt, wird durch die Krankheit in beschleunigtem Tempo zurück- 
gelegt, und jedes kranke Organ ist dabei von den deletären Kon- 
sequenzen des steilen Libidoabfalles, dem Orgasmus, bedroht. 
Seelische Angst und körperlicher Schmerz sind die durchschnitt- 
lichen Alarmsignale, die den Arzt zur Hilfe herbeirufen. Die 
psychoanalytische Erkenntnis des Krankheitsproblems weist diesem 
neue Wege für seinen Heilplan. Die Befreiung des Menschen 
von der Angst und deren Symptomäquivalenten bedarf an dieser 
Stelle keines Wortes. Die Befreiung vom Organschmerz aber, 
der beispielsweise eine krankhafte Entzündung und die Bereit- 
schaft zur bakteriellen Infektion ankündet, verlangt vom Körper- 
arzt nicht in erster Linie ein operatives Eingreifen, sondern den 
Mut zu einer neuen Technik, wie sie der Analytiker aus der 
Freud sehen Methodik gewonnen hat. Der Arzt muß sich in 
jedem Fall um die libidinöse Konstitution seiner Patienten 
kümmern. Er muß die Ursachen des besonderen erogenen An- 
spruches des kranken, d. h. schneller leben wollenden Organs 
erkunden und der Ökonomie der narzißtischen Libido zum Aus- 
gleich verhelfen. Der Arzt, der aus „Mitleid", d. h. zur Vermei- 



j) Vgl. Freud: Zur Einführung des Narzißmus. Ges. Schriften, Bd. VI. 
2) Freud: Jenseits des Lustprinzips. Ges. Schriften, Bd. VI. 



248 



\m 



düng eigenen Schuldgefühls, seine Aufgabe nur darin sieht, den 
Schmerz durch Narkotika zu beseitigen oder zu lindern, läuft 
Gefahr, den „Wächter des Lebens" zu erschlagen und damit 
selbst zum Vollstrecker des Todestriebes zu werden. 

II iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiilillllllllllllllilllllllllllllllllllllillllllliliiii lllllllllllllililllllllllllllllllllllllllll 

PSYCHOANALYTISCHES LESEBUCH 

Ödipuskomplex 

Aus Stendhals Selbstbiographie: 

Meine Mutter war eine reizende Frau, und ich war in sie verliebt. 
Ich setze schleunigst hinzu, daß ich sie mit sieben Jahren verlor. Als ich 
sie mit etwa sechs Jahren (178p) liebte, hatte ich durchaus denselben Cha- 
rakter wie 1828, als ich Alberthe de Rubempre leidenschaftlich liebte. 
Meine Art, auf die Glücksjagd zu gehen, hat sich im Grunde genommen 
gar niclvt geändert . . . Ich wollte meine Mutter mit Küssen bedecken und 
wünschte, daß es keine Kleider gäbe. Sie liebte mich leidenschaftlich und 
küßte mich oft; ich erwiderte ihre Küsse mit solcher Glut, daß sie oft 
hinausgehen mußte. Ich verabscheute meinen Vater, wenn er unsre Lieb- 
kosungen unterbrach. Ich wollte sie stets auf die Brust küssen . . . Sie starb 
in der Blüte der Jugend und Schönheit. Damit begann mein Innenleben. 

Aus einem Brief Baudelaires: 

Was liebt das Kind so leidenschaftlich in seiner Mutter, in seiner 
Wärterin, in seiner Lieblings Schwester? Ist es einfach nur das Wesen, 
das es nährt, kämmt, wäscht und wiegt? Es ist auch die Zärtlichkeit und 
die sinnliche Wollust. Dem Kinde wird diese Zärtlichkeit ohne Massen 
der Frau durch ihre ganze weibliche Anmut offenbar. So liebt es seine 
Mutter, seine Schwester, seine Amme wegen des angenehmen Kitzels der 
Seide und des Pelzwerks, liebt den Duft ihres Halses und ihrer Haare, 
das Klirren des Geschmeides, das Spiel der Bänder usw., . . . diesen ganzen 
mundus muliebris, der beim Hemd anfängt und sich in den Möbeln aus- 
drückt, denen die Frau das Gepräge ihres Geschlechtes verleiht. 

Nietzsche in „Menschliches, Allzumenschliches": 

Jedermann trägt ein Bild des Weibes von der Mutter her in sich, davon 
wird er bestimmt, die Weiber überhaupt zu verehren oder gering zu schätzen 
oder gegen sie im allgemeinen gleichgültig zu sein. 



2 49 



Nicht wahr, zwei Damen? Und der 
Schlag aufs Paradiesäpflein 

Kapitel XXII aus „Der Seelensucher, Ein psychoanalytischer Roman" von 

Georg Groddeck 

Thomas war, sobald er annehmen konnte, daß Agathe den 
Bahnhof geräumt hätte, dorthin geeilt und hatte sich, vereint mit 
dem seiner harrenden Keller- Caprese, in dem Zug nach Berlin 
niedergelassen. Er freute sich wie ein Schulknabe, seinen beiden 
Aufpassern entronnen zu sein, und um dieser Freude Ausdruck 
zu geben, setzte er sich dem Reisegefährten auf den Schoß, was 
ihm eine Mahnung, sich anständig zu betragen, von seiten des 
streng königlich preußisch gerichteten Schaffners eintrug. Er 
wollte sich gerade mit der Behauptung zur Wehr setzen, daß er 
lediglich Mutter und Kind mit seinem Freunde spiele, was bei 
dem riesigen Knebelbart Keller-Capreses, seinen haarigen Händen 
und der dicken Zigarre zwischen seinen Zähnen schwer zu 
glauben war, als vom Gang her eine Dame in das Coupe hin- 
einaugte und mit den Worten: 

„Nein, wie ich mich freue, lieber Meister, Sie hier zu treffen", 
beide Hände zum Gruß vorgestreckt, auf Keller- Caprese zueilte.' 
Thomas sprang sofort auf, und während der Maler mit gut 
gespieltem Erstaunen der Dame die Hand küßte und ihr dabei 
zuflüsterte: „Ich fürchtete schon, Ihr würdet nicht kommen« — 
half Weltlein einem jungen Ding in etwas kurzen Kleidern mit 
einem kindlich rundbackigen Engelsgesicht, das Handgepäck im 
Netz unterzubringen. 

„Es ist reizend, Sie und Ihr Fräulein Tochter nach so langer 
Zeit zu sehen, Frau von Lengsdorf. Hoffentlich führt uns der 
gleiche Weg nach Berlin." 

„Gewiß, gewiß.« Die Dame lächelte den Schaffner, als sie 
ihm das Billett zur Kontrolle zeigte, ebenso bezaubernd an wie 
den Künstler. „Ich will der Kleinen ein wenig die Hauptstadt 
zeigen und sie in die Gesellschaft einführen. Die Fürstin Pleß 
bat schon lange darum, ihr das Kind einmal mitzubringen, und 
Prinz Victor hat uns Karten zum Subskriptionsball besorgt. Da 
soll sie dann Majestät vorgestellt werden. Nicht wahr, Helene?" 



250 



Thomas, der gerade eine Ladung Schirme oben im Netz 
unterzubringen suchte, guckte mit halb gewendetem Kopf an 
seinen ausgestreckten Armen vorbei zu dem jungen Mädchen 
hinab, pustete langsam durch die zugespitzten Lippen und sah 
in seinem erkünstelten Respekt so drollig aus, daß das Fräulein 
erst heftig errötete, ihn dann voll und offen anblickte und zu- 
traulich zulächelte. 

Frau von Lengsdorf, deren große Smaragdohrringe bei jeder 
Bewegung die Menschen zur Bewunderung der reizenden Ohr- 
muscheln aufzufordern schienen, warf einen fragenden Blick auf 
Keller-Caprese und streckte dann nach glücklich verlaufener Vor- 
stellung dem hilfsbereiten Weltlein ihre Hand entgegen, als ob 
sie einen vertrauten Freund nach langer Trennung wiedersähe. 

„Ihr Freund Lachmann hat mir von Ihnen erzählt, nicht 
wahr, Helene? Und in Bauchungen sind Sie zu Hause. Solch ein 
wunderhübsch gelegenes Städtchen, nicht? Du besinnst dich doch, 
Kind. Bauchungen mit der schönen Aussicht oben auf dem Berg, 
wie heißt er doch, nun, du weißt es doch, nicht, Liebling? 

Burg — " 

„Ah, Sie meinen die Lügenburg, nicht?" half Thomas aus 
und begleitete diese Erfindung seiner Phantasie mit einem zu- 
friedenen Lachen, das ihm den Bauch erschütterte. 

„Richtig, richtig", mischte sich jetzt Helene in das Gespräch. 
„Ich besinne mich jetzt ganz gut. Wir waren mit dem Grafen 
Andor oben. Ich sehe ihn noch, wie er auf die Mauerbrüstung 
kletterte, um dort ein Glockenblümchen zu pflücken." Sie sah 
mit den Unschuldsaugen traumverloren in die Vergangenheit. 
„Ich hatte schreckliche Angst, er könnte fallen, und der Abgrund 



war — " 



„Ach ja, der gute Andor," sagte Frau von Lengsdorf, „er 
hätte gewiß sein Leben hingegeben, wenn er dir damit hätte 
Freude machen können, nicht?", und dabei strich sie ihrem 
Töchterchen über die Wange und ließ ein kostbares Armband 
im Lichte spielen. „Sie sollten auch einmal nach Bauchungen 
kommen, lieber Meister", wandte sie sich an Keller-Caprese. 

„Das ist eine köstliche Idee," jubelte das Fräulein, „wir 
wollen uns alle dort treffen und auf der Lügenburg Kaffee 

trinken." 

Frau von Lengsdorf war im Begriff, ihren Schleier hochzu- 
heben, hinter dem sie ein paar Falten verbarg, mitten in der 
Bewegung stutzte sie. 

251 



Thomas nickte ihr freundlich zu und sagte: „Ich muß Ihnen 
mein Kompliment machen, gnädige Frau, das heißt, eigentlich 
muß ich Ihnen eine ganze Menge machen. Sie besitzen ja alles 
was man an Vollkommenheit am Weibe wünschen kann, nicht? 
Schönheit, Grazie, Liebenswürdigkeit, und Ihr Fräulein Tochter 
auch, nicht wahr? Aber vor allem, Sie haben ihr Kind gut er- 
zogen. Haben ihr das mitgegeben, was Sie selbst in so hohem 
Grade besitzen und was sich nun bei der Tochter zur Vollkom- 
menheit entwickelt hat, nicht wahr, Keller-Caprese?" 

Dem Maler war ungemütlich zu Mute, er nickte nur, während 
Frau von Lengsdorf sich verbindlich ihrem Gegenüber zuneigte 
und ihre schönen Zähne zeigend, sagte: „Ja, ich habe mir Mühe 
gegeben mit dem Kinde, aber ich weiß nicht, was bei mir so 
hervorragend und bei meiner Tochter zur Vollkommenheit ent- 
wickelt ist." 

„Die Wahrheitsliebe, gnädige Frau." 

Frau von Lengsdorf streckte ihm die Hand entgegen — „Welch 
ein schönes Wort." Helene errötete kindlich unschuldig und 
Keller-Caprese hätte beinah die Zigarre verschluckt, so tief 
steckte er sie in den Mund, um nicht laut zu lachen. 

Thomas hielt die Hand der Dame, holte sich unbefangen die 
Helenens dazu und sagte: „Sehen Sie, wenn andere Leute lügen, 
dann suchen sie das zu verbergen, aber Sie, gnädige Frau, setzen, 
wenn Sie lugen, Ihren Worten ein „nicht" oder „nicht wahr« 
hinzu, das ist der Gipfel der Ehrlichkeit, nicht wahr?" 

Frau von Lengsdorf wurde zum erstenmal in ihrem Leben 
verlegen und versuchte, ihre Hand zurückzuziehen. 

Thomas aber fuhr unbeirrt fort. „Der Gipfel? Den hat Fräu- 
lein Helene erklommen. Wenn sie etwas sagt, sei es, was es sei, 
selbst wenn sie das nicht wahr hinzufügt, glaubt man ihr. Solch 
kindlich reine Züge können nicht lügen; aber sie errötet und 
sie zwinkert mit den Augen, und man weiß dann, daß sie immer 
lugt." 

„Mein Herr, diese Beleidigung — «, Frau von Lengsdorf war 
im Begriff, den ganzen Plan, den sie mit Keller-Caprese ausge- 
heckt hatte, über den Haufen zu werfen, so wenig fühlte sie 
sich der Situation gewachsen, aber Thomas kam ihr zu Hilfe. 

„Verzeihung, ich wollte Sie nicht kränken, im Gegenteil, ich 
bewundere Sie. Ich halte das Lügen nicht für ein Laster, sondern 
für einen Grundpfeiler alles Schönen, Edlen und Herrlichen. Den 
Menschen lügen zu lehren, sollte das Ziel aller Erziehung sein. 



*5* 



Es wäre viel vernünftiger, ein Kind zu strafen, wenn es einmal 
zufällig die Wahrheit sagt, als es für das Lügen zu schlagen. 
Dem Kinde würde dann der schreckliche, in seinen Folgen 
geradezu verheerend wirkende Konflikt erspart, der daraus ent- 
steht, daß die Eltern immer lügen dürfen und immer lügen, 
während das Kind die Wahrheit sagen soll. Nehmen Sie die 
Lüge aus der Welt und es bleibt nichts übrig. Der Staat, der 
Handel, die Wissenschaft, die Religion — was ist es anderes als 
Lüge? Und nun gar die Kunst. Keller-Caprese wird es mir be- 
zeugen, er erzählt der Welt, daß er malt, aber er weiß, daß er 

lügt." 

Helene wollte sich ausschütten vor Lachen über die Gesichter 
der beiden andern Zuhörer. Sie hatte den Hut abgenommen und 
spielte damit, bis er vom Schoß rutschte und über den Boden 
rollte. Als sie aufsprang und sich bückte, stieg in Thomas, bei 
so gefährlicher Nähe beider Weltenhalbkugeln, eine tolle Idee 

auf. 

Warte du", rief er und klapste ihr munter eines hinten drauf. 

Frau von Lengsdorf fuhr vom Sitz auf. „Was erlauben Sie 

sich", keifte sie Weltlein an. Aber schon hatte der Maler, halb 

erstickt vor Lachen über das dämliche Gesicht des Mädchens, 

das vor Überraschung kein Wort hervorbringen konnte, sie am 

Arm gepackt. 

„Nimm dich doch in acht," rief er ihr ungeniert zu, „du ver- 
dirbst ja alles." 

Thomas hatte die Hand auf den Kopf der vor ihm stehenden 
Helene gelegt. „Ich sehe doch, daß sie es gewöhnt ist, wenn 
auch vielleicht von früheren Jahren her," sagte er, „so wie sie 
legt nur jemand, der es gelernt hat, die Hand auf die bedrohte 
Festung, und auch Sie, Gnädigste, begleiten zu oft Ihre Worte 
mit Armbewegungen, die beweisen, wie gern und oft Ihre Hand 
ausrutschte, wie es die meine tat. Es wäre übrigens eine Be- 
leidigung gewesen, wenn ich dieser appetitlichen Herausforde- 
rung beider Hemisphären nicht gefolgt wäre." Er zog das Mäd- 
chen an sich heran, was sie benutzte, um sich dicht an ihn zu 
drängen und mit der Engelsmiene des Töchterchens ihre linke 
Brust in seine Hand zu schmiegen. Dabei zwinkerte sie dem 
Maler zu der befriedigt erst die rechte, dann die linke Hälfte 
seines Schnurrbarts strich, die Zigarre in den Mund und beide 
Hände in die Hosentaschen steckte, sich zurücklehnte und ver- 
gnügt paffte. 

Ö53 



„Sehen Sie, Lügenmaler, wie sie jetzt zwinkert. Sie brauchen 
es nicht zu glauben, wenn sie sich an mich drückt, aber die Be- 
rührung der Halbkugel, sei sie vorn oder hinten, hat sie doch gern." 

Helene stieß seine Hand fort und setzte sich nieder. Thomas 
fuhr unbeirrt fort. „Das ist die unsterbliche Evanatur. Mit solchem 
Apfel verführte schon die Menschenmutter den Adam. Hoffen wir 
daß ihre Brust so schön und prall war wie die dieses Kindes, für 
das ich gewiß kein richtiger Adam bin. Mit meiner fünfundvierzig- 
jährigen Schlange darf ich das Paradiesgärtlein nicht einmal be- 
treten. Und beachten Sie doch," er wurde immer eifriger, „und 
Sie, glückliche Mutter, die Sie dieses Wunder der Welt neun 
Monate lang trugen, welch ein schönes Beispiel innerer Ansteckung 
sie ist. Die Ohren sind unter der Frisur versteckt und sagen den 
wahren Spruch: Wer nicht hören kann, muß fühlen. Und um 
deutlich zu machen, wo das ersehnte Gefühl sitzt, ist das Haar 
scharf in der Mitte gescheitelt, ich sehe" — er fuhr den Scheitel 
mit dem Finger entlang — „die liebliche Kerbe im Geist und 
fühle den Flaum des rundlichen Pfirsichs." 

„Unverschämter," brauste Frau von Lengsdorf auf und wollte 
seine Hand fortreißen. Aber Thomas holte aus seiner Hosentasche 
eine Hand voll Goldstücke, steckte sie wieder ein und sah die 
Mutter mit einem grausamen Blick an, so daß sich Helene wie 
in Erwartung einer Züchtigung duckte. 

„Umsonst ist der Tod, Gnädigste, und ich habe Narrenfreiheit." 
Sie biß sich auf die Lippen, kniff sich in Keller-Capreses Arm 
em und schwieg. 

„Die Mutter dieses wundervollen Kindes ist schon der Anbetung 
wuraig die reife Schönheit strotzt uns entgegen, aber welcher 
Unterschied der Charaktere, welche Weiterbildung, wie in der 
inneren Wahrhaftigkeit, so in der äußeren Form. Dort eine Brosche 
mit leuchtenden Steinen, die denBlick zur Doppelcnielle der Lust und 
Mütterlichkeit lenkt; hier keine Spur von Schmuck, dafür aber - 
sehen Sie nur das Kinn, wie lieblich es gespalten ist, ein kleiner 
lieber Popo, emladend zum Tätscheln. Glauben Sie mir, die Seele 
bildet den Körper und alle die, die diese Kinnbildung haben, lieben 
das Schlagen. Wollen wir Schule spielen, Helenchen? Unartiges 
Kind spielen? In Wahrheit wieder einmal, wie wir es taten, als 
wir klein waren? Überlege es dir, wie nett es war, vom Spiel- 
genossen übergelegt zu werden." 

Das Mädchen sah starr vor sich hin, sie hatte das Kinn in die 
Hand gestützt, so daß der kleine Finger an den Lippen war, und 



254 



mit der anderen Hand öffnete und schloß sie abwechselnd die 
Druckknöpfe ihrer Handschuhe, die vor ihr auf dem Schöße lagen, 
während Keller- Caprese den Knebel seiner Uhrkette im Knopfloch 
hin und her zog und Frau von Lengsdorf nervös mit dem Sonnen- 
schirm gegen ihre Stiefelspitze klopfte. Thomas hatte die Arme 
über der Brust gekreuzt und sah scharf von einem zum andern. 
„Ansteckung," sagte er plötzlich, „Sie wissen nicht, was Sie 

tun." 

In diesem Augenblick eilte der Pikkolo des Speisewagens vorbei, 
rief sein gewohntes: „Das Diner ist serviert" und stierte dabei 
gierig nach der üppigen Brosche der üppigen Frau. 

„Den unmündigen Adam lockt, was reichlich rund ist. Die 
Säuglingsjahre liegen ihm näher als mir. Man sagt, ich sei lange 
mit der Flasche genährt worden; so etwas bleibt, nur wandelt sich 
mir Milch in Wem, Silber in Gold. Weiser Niedlich«, rief er in 
Erinnerung versunken, „wie gut, daß ich dich auf dem Weg der 
Schmerzen traf und von dir lernte, wie tief der Sinn des Geldes 
ist. Vermögen, Geld und Jugend" — er sah ernsthaft der Frau von 
Lengsdorf in das böse lächelnde Gesicht, „sind selten gepaart, und 
hat das Mädchen die leere Tasche, ist's gut, den Mann zu finden, 
der sie mit seinem Vermögen füllen kann. Nur hurtig muß man 
sein, Gnädigste, die Beine auseinander reißen, um vorwärts zu 
kommen. Auf die langen Beine kommt es an. Und" — er steckte 
wieder die Hände in die Hosentaschen und klimperte mit dem 
Gelde — „Helenchen weiß darauf zu laufen, in ihrer Unschuld 
geschickter als die Läufischsten. Die schlagen, wenn sie zeigen 
wollen, die Beine übereinander und wippen mit dem Fuß das 
Kleid ein wenig hoch, dies Kind," er legte wieder die Hand auf 
Helenens Kopf, die voll Wut danach mit den Zähnen schnappte, 
„wird vom inneren Gott geleitet. Wenn es sich hinsetzt, wir sehen 
es alle, streicht es die Röcke mit der Hand nach unten, d. i. sehn- 
suchtweckend und verheißend, ist das Verlangen nach der Gegen- 
bewegung. Tief ist das Leben, glaubt es nur. Zuerst das Stehen," 
er streckte den Zeigefinger aus, um ihn langsam zu krümmen, 
dann das Zusammensinken beim Hinsetzen und danach ist's wohl 
richtig, das Kleid zu ordnen. Auf Wiedersehen, meine Damen, in 
Berlin, ich gehe speisen." 

Er trat auf den Korridor hinaus und schritt in der Richtung 
des Speisewagens vorwärts. Als er die Gangtür zum nächsten Halb- 
wagen öffnete, stolperte er und fiel nach vorn. Nach einem Halt 
suchend, faßte er eine Coupetür, sie gab nach, schloß sich rollend 



255 



und klemmte ihm, während er auf das eine Knie sank, empfindlich 
die rechte Hand. Unwillkürlich steckte er die schmerzenden Finger 
in den Mund, dann aber streckte er anbetend die Arme empor 
und rief laut und deutlich die Worte : „Heil dir, göttlicher Lenker, 
du läßt mich fallen, aber im Fall schaue ich Abgründe tiefsten 
Geheimnisses." Nachdenklich betrat er den Speisewagen, blickte 
sich einen Augenblick um und setzte sich dann an einen Tisch, 
an dem schon zwei Herren Platz genommen hatten. 

Während dessen hatten die beiden Damen eine heftige Aus- 
einandersetzung mit dem Maler, bei der eine die andere im 
Schimpfen auf Thomas und Keller- Caprese überbot. Dabei stand 
dem jungen Mädchen die größere Fülle und Deutlichkeit der Kraft- 
ausdiücke zu Gebot und, wenn sich die Mutter in Schaf, Esel, 
Ochse erschöpft hatte, fing die Tochter damit an, dem Maler- 
freund einen Wasserkopf anzudichten und schloß damit, ihn einen 
Scheißkerl zu nennen. Und wenn die Mutter von Thomas als 
einem Schmutzfink sprach, brachte Helenchen den Ausdruck: 
dickes Schwein und wollte sich ausschütten vor Lachen über die 
vergeblichen Anstrengungen, mit denen Keller-Caprese ihren lauten 
Redeschwall einzudämmen versuchte. „Warum hast du uns mit 
diesem Kerl zusammengebracht? fragte Mutter Lengsdorf schließlich 
und die Tochter pflichtete ihr bei: „Mit diesem Biest, diesem Aas, 
diesem — « Hier unterbrach das Vorübergehen des Schaffners ihre 
Blutenlese von Schimpfworten und der Maler benützte die Pause, 
um zu rufen: „Aber Kinder, er ist doch ein Narr und hat Geld! 
und er wird es euch lassen, wenn ihr schlau seid. Auf Wieder- 
sehen m Berlin, sagte er. Wartet bis dahin mit Schimpfen.« 

Helene sprang ihm auf den Schoß, zupfte ihn am Schnurrbart 
und wiederholte: „Geld hat er, reichlich viel Geld, wird er mich 
ms Theater führen und mir ein Auto halten, ein richtiges niedliches 
Auto mit frischen Blumen drin alle Tage?" 

Keller-Caprese bejahte es mit tausend Schwüren, und das Ende 
war daß alle drei einen neuen Kriegsplan ausdachten, um den 
reichen Esel zu schröpfen. 



256 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

Wien VII, Andreasgasse 5 



VERLAGSVERZEICHNIS 

(Herbst 1927) 

Preise in Reichsmark 

FREUD. Gesammelte Schriften. 11 Bände geh. 180' — 

Bd. I) Studien über Hysterie / Frühe Ar- Ganzleinen 220'— 
beiten zur Neurosenlehre 1892— 99 (Charcot — Ein Halbleder 280' — 

Fall von hypnot. Heilung nebst Bemerkungen über die Ganzleder 68o" 

Entstehung hyster. Symptome durch den Gegenwillen — 

Quelques considerations pour une etude comparative des paralysies motrices 
organiques et hysteriques - Die Abwehr-Neuropsychosen - Über die Berechtigimg, 
von der Neurasthenie einen bestimmten Symptomenkomplex als „Angstneurose" 
abzutrennen — Obsessions et phobies — Zur Kritik der Angstneurose - Weitere 
Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen — L'heredite et Tetiologie des 
nevroses — Zur Ätiologie der Hysterie — Die Sexualität in der Ätiologie der 
Neurosen — Über Deckerinnerungen) 

Bd. II) Die Traumdeutung 

Bd. III) Ergänzungen und Zusatzkapitel zur Traumdeutung / 
Über den Traum / Beiträge zur Traumlehre (Märchenstoffe in 
Träumen — Ein Traum als Beweismittel — Traum und Telepathie — Be- 
merkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung) / Beitrage zu den 
Wiener Diskussionen (Onaniediskussion — Selbstmorddiskussion) 

Bd. IV) ZurPsychopathologie des Alltagslebens / üas Interesse 
an der Psychoanalyse /Über Psychoanalyse /Zur Geschichte der 
psychoanalytischen Bewegung 

Bd. V) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie / Arbeiten zum 
Sexualleben und zur Neurosenlehre (Meine Ansichten über die Rolle 
der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen — Zur sexuellen Aufklarung der 
Kinder — Die „kulturelle" Sexualmoral und die Nervosität — Über infantile 
Sexualtheorien — Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens: Über einen be- 
sonderen Typus der Objektwahl beim Manne. Über die allgemeinste Erniedri- 
gung des Liebeslebens. Das Tabu der Virginität — Die infantile Genitalorgani- 
sation — Zwei Kinderlügen — Gedankenassoziation eines vierjährigen Kindes — 
Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität — Über den hysteri- 
schen Anfall - Charakter und Analerotik — Über Triebumsetzungen, insbesondere 
der Analerotik - Die Disposition zur Zwangsneurose — Mitteilung eines der 
psychoanalytischen Theorie widersprechenden Falles von Paranoia - Die psycho- 
gene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung - Eine Beziehung zwischen 
einem Symbol und einem Symptom — Über die Psychogenese eines Falles von 
weiblicher Homosexualität - „Ein Kind wird geschlagen" — Das ökonomische 
Problem des Masochismus - Über einige neurotische Mechanismen bei Ver- 
sucht, Paranoia und Homosexualität - Über neurotische Erkrankungstypen — 
Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens — Neurose 
und Psychose — Der Untergang des Ödipuskomplexes) / Metapsy chologie 
(Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse — 
Triebe und Triebschicksale - Die Verdrängung - Das Unbewußte — Meta- 
psychologische Ergänzung zur Traumlehre — Trauer und Melancholie) 

Bd. VI) Zur Technik (Die Freudsche psychoanalytische Methode — Über 
Psychotherapie — Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie — 



17 



2 57 






Über „wilde" Psychoanalyse — Die Handhabung der Traumdeutung in der 
Psychoanalyse — Zur Dynamik der Übertragung — Ratschläge für den Arzt 
bei der psychoanalytischen Behandlung — Über fausse reconnaissance [„deia 
raconte"] während der psychoanalytischen Arbeit — Zur Einleitung der Be- 
handlung — Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten — Bemerkungen über 
die Übertragungsliebe — Wege der psychoanalytischen Therapie — Zur Vor- 
geschichte der analytischen Technik) / Zur Einführung des Narzißmus / 
Jenseits des Lustprinzips/ Massenpsychologie und Ich-Analyse/ 
Das Ich und das Es /Anhang (Der Realitätsverlust bei Neurose und 
Psychose — Notiz über den „Wunderblock") 

Bd. VII) Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Bd. VIII) Krankengeschichten (Bruchstück einer Hysterieanalyse — 
Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben — Über einen Fall von Zwangs- 
neurose — Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch be- 
schriebenen Fall von Paranoia — Aus der Geschichte einer infantilen Neurose) 

Bd. IX) Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten / Der 
Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva" / Eine Kindheits- 
erinnerung des Leonardo daVinci 

Bd. X) Totem und Tabu / Arbeiten zur Anwendung der Psycho- 
analyse (Tatbestandsdiagnostik und Psychoanalyse — Zwangshandlungen und 
Religionsubungen — Über den Gegensinn der Urworte — Der Dichter und das 
Phantasieren -Mythologische Parallele zu einer plastischen Zwangsvorstellung — 
Das Motiv der Kästchenwahl — Der Moses des Michelangelo — Einige Charakter- 
typen aus der psychoanalytischen Arbeit: Die Ausnahmen. Die am Erfolge 
scheitern. Die Verbrecher aus Schuldbewußtsein — Zeitgemäßes über Krieg und 
™ ,T Euie Schwierigkeit der Psychoanalyse — Eine Kindheitserinnerung aus 
-Dichtung und Wahrheit" - Das Unheimliche — Eine Teufelsneurose im 
XVII. Jahrhundert) 

/t^- B ^r' X1 .( be J lnde t sich im Druck) Schriften aus den Jahren 102«— 1026 
««V l r " e i mm f I ~~ Einige Psychische Folgen des anatomischen Geschlechts- 
unterschieds- Hemmung, Symptom und Angst — „Selbstdarstellung" — Kurzer 
Apriü der Psychoanalyse — „Psychoanalyse" und „Libidotheorie" — Die Wider- 
Stande gegen die Psychoanalyse) / Geleitworte zu Büchern anderer 
£„ 1 r . en { Ge denkartikel (Ferenczi - An Romain Rolland - Putnam + - 
/TW pL7v, i v \ F " un £ t - Breuer + - Abraham f) / Vermischte Schriften 
dio tSt ol ,°^ des Gymnasiasten - Vergänglichkeit - Popper-Lynkeus und 
Mut.?i?, w « £ \ U . mes ~ To the °P enin g of the Hebrew Univeisity — Kurze 

Mitteilungen) / Bibliographie 1877-1926 / Register zu Band I-XI 



FREUD. Einzelausgaben: 

— Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Große 

Ausgabe geh 

(Taschenausgabe vergriffen) Ganzleinen 17- — 

■ i , . , Halbleder 18-— 

— Zur Lrescnicnte der psychoanalytischen Bewegung . geh. 

. Pappbd. 

— Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens .... geh. 

Pappbd. 250 

— Aus der Geschichte einer infantilen Neurose . . . geh. 3-50 

Pappbd. 420 
Halbleinen 

— Zur Psychopathologie des Alltagslebens geh. 

Pappbd. 
Halbleinen 11*50 
Ganzleinen 12* — 



2*8 



14-— 



2 50 

5'— 

2" 



5" - 

lO" 

11*- 



FREUD. Zur Einführung des Narzißmus geh. i*6o 

Pappbd. 2* — 

— Zeitgemäßes über Krieg und Tod geh. 160 

Pappbd. 2- — 

— Zur Technik d. Psychoanalyse u. z. Metapsychologie geh. 9- — 

(Enthält die oben im VI. Bd. der „Ges. Schriften" unter Pappbd. 10 — 

„Technik" und im V. Bd. unter „Metapsychologie" an- Halbleinen 10*50 

geführten Abhandlungen; Ganzleinen n* 

— Psychoanalyt. Studien an Werken d. Dichtung u. Kunst geh. 5-50 

(Der Dichter und das Phantasieren — Das Motiv der Pappbd. 6 50 

Kästchenwahl — Der Moses des Michelangelo — Einige Halbleinen j* — 
Charaktertypen aus der psa. Arbeit: Die Ausnahmen. Die Ganzleinen 7*^0 
am Erfolge scheitern. Verbrecher aus Schuldbewußtsein t 9 

— Eine Kindheitserinnerung aus „üiclitung und Wahrheit" — Das Unheimliche) 

— Totem und Tabu geh. 5- — 

Halbleinen 6* — 
Halbleder 9/ — 

— Eine Teufelsneurose im 17. Jahrhundert geh. i'8o 

Pappbd. 2-40 

— Jenseits des Lustprinzips g e h. 3' — 

Pappbd. 3*50 

— Massenpsychologie und Ich -Analyse g e h. 3'5o 

Pappbd. 4" — 

— Das Ich und das Es geh. 3" — 

Pappbd. 3-50 

— „Jenseits des Lustprinzips", „Massenpsychologie" und 

„Ich und Es" in 1 Band Halbleinen n — 

Halbleder 14* — 

— Kleine Beiträge zur Traumlehre geh. 3 — 

Ganzleinen 4-50 

(Märchenstoffe in Träumen — Ein Traum als Beweismittel — Traum und 
Telepathie — Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung — Die 
Grenzen der Deutbarkeit — Die sittliche Verantwortlichkeit für den Inhalt der 
Träume — Die okkulte Bedeutung des Traumes) 

— Studien zur Psychoanalyse der Neurosen 1915 — 1925 geh. 8- — 

Ganzleinen io - — 

(Die Disposition zur Zwangsneurose — Zwei Kinderlügen — Mitteilungeines 
der psychoanalytischen Theorie widersprechenden Falles von Paranoia — über 
Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik — „Ein Kind wird geschlagen" — 
Gedankenassoziation eines vierjährigen Kindes — Über die Psychogenese eines 
Falles von weiblicher Homosexualität — Über einige neurotische Mechanismen 
bei Eifersucht, Paranoia und Homosexualität — Die infantile Genitalorgani- 
sation — Das ökonomische Problem des Masochismus — Neurose und Psychose — 
Der Untergang des Ödipuskomplexes — Der Realitätsverlust bei Neurose und 
Psychose — Die Widerstände gegen die Psychoanalyse — Die Verneinung — 
Einige psychische Folgen des anatomischen Gcschlechtsunterschieds) 

— Hemmung, Symptom und Angst geh. 5* — 

Ganzleinen 6*50 

— Die Frage der Laienanalyse J . geh. 3-20 

Ganzleinen 4'8o 



17* *59 



Imago-Bücher : 

I) RANK. Der Künstler u. a. Beiträge geh. j-~ 

Halbleinen 8-50 

Ganzleinen 0/ — 

Halbleder 11*50 

II) OS SIPO W. Tolstois Kindheitserinnerungen . . geh. 6- 

Halbleinen 7-50 

• Halbleder io* — 

III) REIK. Der eigene und der fremde Gott . . . geh. 8*50 

Halbleinen 10- — 

Ganzleinen 10*50 

Halbleder ik" — 

IV) NEUFELD. Dostojewski geh. 3*— 

Halbleinen 4*50 

Ganzleinen 5- — 

Halbleder 7- — 

V) SACHS. Gemeinsame Tagträume geh. 6' 

Halbleinen 7-50 

Halbleder io* — 

VI) GRAB ER. Ambivalenz des Kindes geh. 3-50 

Halbleinen 5* — 

Halbleder 7*- — 

Vn) HERMANN. Psychoanalyse und Logik .... geh. 3-50 

Halbleinen 5* — 

, rtrTV Halbleder 7* — 

VIII) WINTERSTEIN. Ursprung der Tragödie . . geh. 8-50 

Halbleinen 9*50 

Ganzleinen 10* — 

Halbleder 12*50 

IX) KOHN. Lassalle — der Führer geh. 4-— 

Ganzleinen 6* — 
X) SYDOW. Primitive Kunst und Psychoanalyse 
(erscheint im Frühjahr X92J) 



Internationale Psychoanalytische Bibliothek: 

1) Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen geh. 2* — 

2) FERENGZI. Hysterie und Pathoneurosen . . . geh. 2* — 
4) RANK. Psychoanalyt. Beiträge zur Mythenforschung geh. 6* — 

Halbleinen 7*50 

6) RÖHEIM. Spiegelzauber geh. 2*50 

7) HITSCHMANN. Gottfried Keller geh. 3-50 

8) PFIS T E R. Zum Kampf um die Psychoanalyse Halbleinen 15-— 

260 



9) KÖLN AI. Psychoanalyse und Soziologie .... geh. 3- — 

10) ABRAHAM. Klinische Beiträge zur Psychoanalyse geh. 8- — 

Halbleinen io' — 

11) JONES. Therapie der Neurosen geh. 5-— 

Halbleinen 6*50 

12) VARENDONCK. Über das vorbewußte phantasierende 

Denken geh. 5 — 

Halbleinen 6*50 

13) FERENC ZI. Populäre Vorträge über Psychoanalyse geh. 5-— 

Halbleinen 6*50 

14) RANK. Das Trauma der Geburt , . geh. 8-50 

Halbleinen io* — 

Halbleder 14- — 

15) FERENCZI. Versuch einer Genitaltheorie . . . geh. 4*50 

Halbleinen 5-50 

Halbleder 8 — 

16) AB R AH AM.Psychoanalyt.Stud. z. Charakterbildung geh. 2-50 

Pappbd. 3'20 

Halbleinen 4" — 

17) SCHIL DER. Psychiatrie auf psychoanalyt. Grundlage geh. j'— 

Ganzleinen 9* — 

18) REIK. Geständniszwang und Strafbedürfnis . . . geh. 8 — 

Ganzleinen io* — 

19) AIGHHORN. Verwahrloste Jugend ...... geh. 9"— 

Ganzleinen 11* — 

20) LEVINE. Das Unbewußte gen- 8'— 

Ganzleinen io' — 

21) RANK. Sexualität und Schuldgefühl geh. 550 

Ganzleinen 7 50 



Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse: 

I) FERENCZI-RANK. Entwicklungsziele der Psycho- 
analyse g eb - 2 ' 8 ° 

Pappbd. 3*50 

II) ABRAHAM. Entwicklungsgeschichte der Libido geh. 3-50 

Pappbd. 4* — 

IIT) RANK. Eine Neurosenanalyse in Träumen . . geh. 7-— 

; Pappbd. 8'— 

Halbleder w — 

IV) REICH. Der triebhafte Charakter geh. 4-50 

Ganzleinen 6* — 
V) DEUTSCH. Psychoanalyse der weiblichen Sexual- 
funktionen geh. 5-50 

Ganzleinen 5' — 

ß6i 



Quellenschriften zur seelischen Entwicklung: 

I) Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens 

(Ausgabe auf holzhaltigem Papier) . . geh. 4' 

Pappbd. 5- 

(Ausgabe auf holzfreiem Papier) Ganzleinen q' 

Halbleder 12* 

II) BERNFELD. Vom Gemeinschaftslebend. Jugend geh. io- 

Halbleinen 12* 

III) BERNFELD. Vom dichterisch. Schaffend. Jugend geh. i 2 - 

Halbleinen 14- 

Ganzleinen k- 









I M A G O. (Ztschr. f. Anwendung d. Psychoanalyse auf d. Geistes- 
wissenschaften), Bd. III, IV, VIII— XI pro Bd. . in Heften 18-— 






Halbleinen 21* — 

Halbleder 24- — 

Bd. XII (1926) in Heften 20-— 

Halbleinen 25* — 

_. _ - , Halbleder 26'— 

Einzelhefte der Bände II— V (soweit vorrätig) .... x-ko 

„ „ VI -VII „ „ .... 4 . 50 

Soziologisches Heft (= VIII/2) 
Religionspsychologisches Heft (= IX/ 1) ." . 
Pädagogisch-jugendpsychologisches Heft f=IX/ 2 ) 
Philosophisches Heft (= IX/5) 

Kunstpsychologisch- ästhetisches Heft'(= IX/4) 
Ethnologisches Heft (= X, 2/z) 

Bildende Kunst (=X/ 4 ) 

Psychologisches Heft (= XI, 1/2) 

Sigm.-Freud-Heft (== XII, 2/3) .'...'.'..'.... 15 -_ 

Ganzieder 55* — 



5'— 
5*— 
5'— 
5*— 
5 — 
io* — 

5— 
io* — 



INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYSE, Bd.n_XI pro Bd in Heften 20-- 

Halbleinen 2ä* — 

Halbleder 26 — 

Bd. XII (1926) in Heften 24 — 

Halbleinen 27 — 

Halbleder 29* — 

Einzelhefte der Bände I— IV (soweit vorrätig) . . . 350 

» „ „ V— VI „ „ . . . 5 -_ 

n n 5j VII — XI „ „ ... 5-50 

262 



Ferenczi-Festschrift (= IX/5) geh. 7- — 

Jelgersma-Festschrift (= X/3) geh. 5*50 

In memoriam Karl Abraham (= XII/2) 5-50 

Sigm.-Freud-Heft (= XII/5) 15-— 

Ganzleder 35. — 






EINBANDDECKEN zu „Imago" und „Internationale Zeit- 
schrift für Psychoanalyse" Halbleinen 2*50 

Halbleder 5- — 






Beihefte der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse : ~ 

I) JELGERSMA. Unbewußtes Geistesleben . . . geh. — -8o 

III) Bericht über die Fortschritte der Psychoanalyse 1914 

bis 1919 Halbleinen 18*— 

Halbleder 2 2 - — 

IV) STÄRCKE. Psychoanalyse und Psychiatrie . . . geh. 2'— 
V) HOLLOS-FERENCZI. Psychoanalyse der paralyti- 
schen Geistesstörung geh. 2' — 



Almanach 1926 Ganzleinen 3* — 

Halbleder 7' — 

Ganzleder 25* — 

Almanach 1927 Ganzleinen 4* — 

Halbleder 7* — 

Ganzleder 25* — 

BERNFELD. Sisyphos geh. 5 — 

Ganzleinen 6 m $o 

BRUN. Biologische Parallelen zu Freuds Trieblehre . geh. 170 

Ganzleinen 3* — 
EITINGON. Bericht über die Berliner Psychoanalytische 

Poliklinik geh. — -6o 

— Zweiter Bericht über die Berliner PsA. Poliklinik . geh. — -40 

FERENCZI Zur Psychoanalyse d. Sexualgewohnheiten geh. i'6o 

Ganzleinen 3- — 

GIESE. Psychoanalytische Psychotechnik geh. r8o 

Pappbd. 2-30 

G OMPERZ. Psycholog. Beobacht. an griech. Philosophen geh. 3-50 

Pappbd. 4- — 

GRAB ER. Die schwarze Spinne geh. 3- — 

Ganzleinen 4*60 

263 



GRODDECK. Der Seelensucher Pappbd. io-- 



Ganzleinen 






264 



li*- 



— Das Buch vom Es Ganzleinen 15 — 

HERMANN. Gustav Theodor Fechner geh. 3-— 

Ganzleinen 4*60 
HITSCHMANN. Ein Gespenst aus der Kindheit Knut 

Hamsuns geh. 2.' 

Ganzleinen 5*50 

LORENZ. Der politische Mythus geh. 3«— 

MALINOWSKI. Mutterrechtliche Familie und Ödipus- 
komplex geh. 250 

Ganzleinen 4* — 

RANK. Die Don- Juan- Gestalt geh. 2*80 

Pappbd. 3*40 

— Der Doppelgänger geh. 4- — 

Ganzleinen 5'6o 

ROBITSEK. Der Kotillon geh. 170 

Ganzleinen 3* — 
SCHMIDT. Psychoanalyt. Erziehung in Sowjetrußland geh. r — 
SPERBER. Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlich- 
keit und der Schönheit geh. 1*40 

Ganzleinen 2*60 
Z ULLI GER. Zur Psychologie der Trauer- und Bestattungs- 
gebräuche geh. 



2'- 



Ganzleinen 3'30 



VERZEICHNIS 



D £ U IM 



INTERNATIONALEN 

PSYCHOANALYTISCHEN 

VERLAG IN WIEN 



VON FRÜHJAHR 1925 BIS ZUM 
HERBST 1926 ERSCHIENENEN 



BU E C HER UND 
ZEITSCHRIFTEN 



*. 






SIGM. FREUD 

Kleine Beiträge zur Traumlehre. Geheftet M. 2.50, Ganz- 
leinen 4. — . 

Inhalt: M&rdicnstoffe in Träumen — Ein Traum als Beweismittel — 
Traum und Telepathie — Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traum- 
deutung — Die Grenzen der Deutbarkeit — Die slttlidic Verantwortlich- 
keit für den Inhalt der Träume — Die okkulte Bedeutung des Traumes. 

Studien zur Psychoanalyse der Neurosen aus den 
Jahren 1013-1Q25. Geheftet M. 7.—, Ganzleinen <?.— . 

Inhalt: Die Disposition zur Zwangsneurose — Zwei Kinderlügen — 
Mitteilung eines der psydioanalyUschen Theorie widersprechenden Falles 
von Paranoia — Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik — 
„Ein Kind wird geschlagen" — Gedankenassoziation eines vierjährigen 
Kindes — Über die Psychogcnese eines Falles von weiblicher Homo- 
sexualität — Über einige neurotisdie Mechanismen bei Eifersucht, 
Paranoia und Homosexualität — Die infantile GcnltalorganlsaUon — 
Das ökonomische Problem des Masochismus — Neurose und Psychose — 
Der Untergang des Ödipuskomplexes — Der Realität sverlusl bei Neurose 
und Psychose. — Die Widerstände gegen die Psychoanalyse — Die Ver- 
neinung - Einige psychische Folgen des anatomischen Gcschlechts- 
unterschieds. 

Hemmung, Symptom und Angst. Geheftet M. /.— , Ganz- 
leinen 6.jo. 

Die Frage der Laienanalyse. Unterredungen mit einem 
Unparteiischen. Geheftet M. 5.20, Ganzleinen 4.80. 

III 



AUGUST AICHHORN 

Verwahrloste Jugend. Die Psychoanalyse in der Fürsorge- 
erziehung. Zehn Vorträge zur ersten Einführung. Mit einem 
Geleitwort von Prof. Dr. Sigin. Freud (Internationale Psycho- 
analytische Bibliothek, Bd. 19). Geheftet M. <?.— , Ganzleinen II.—. 

Aus dem Geleitwort von Prof. Freud: „Von allen Anwendungen der Psycho- 
analyse hat keine so viel Interesse gewonnen, so viel Hoffnungen erweckt 
und demzufolge so viele tüchtige Mitarbeiter herangezogen wie die auf die 
Theorie und Praxis der Kindererziehung. Dies ist leicht zu verstehen. Das 
Rind ist das hauptsächliche Objekt der psychoanalytischen Forschung 
geworden; es hat in dieser Bedeutung den Neurotiker abgelöst, an dem sie 
ihre Arbeit begann. Die Analyse hat im Kranken das wenig verändert 
fortlebende Kind aufgezeigt wie im Traumer und im Künstler, sie hat die 
Triebkräfte und Tendenzen beleuchtet, die dem kindlichen Wesen sein ihm 
eigenes Gepräge geben, und die Entwicklungswege verfolgt, die von diesem 
iur Reife des Erwachsenen führen. Kein Wunder also, wenn die Erwartung 
entstand, die psychoanalytische Bemühung um das K 4 nd werde der erziehe- 
rischen Tätigkeit zugute kommen, die das Kind auf seinem Weg zur Reife 
leiten, fördern und gegen Irrungen sichern will. 

Mein persönlicher Anteil an dieser Anwendung der Psychoanalyse ist sehr 
geringfügig gewesen. Ich hatte mir frühzeitig das Scherzwort von den 
drei unmöglichen Berufen — als da sind: Erziehen, Kurieren, Regieren — 
xu eigen gemacht, war auch von der mittleren dieser Aufgaben hinreichend 
in Anspruch genommen. Darum verkenne ich aber nicht den hohen 
sozialen Wert, den die Arbeit meiner pädagogischen Freunde beanspruchen 

darf. 

Das vorliegende Buch des Vorstandes A. Aichhorn beschäftigt sich mit 
einem Teilstück des großen Problems, mit der erzieherischen Beeinflussung 
der jugendlichen Verwahrlosten. Der Verfasser hatte in amtlicher Stellung 
als Leiter städtischer Fürsorgeanstalten lange Jahre gewirkt, ehe er mit der 
Psychoanalyse bekannt wurde. Sein Verhalten gegen die Pflegebefohlenen 



entsprang aus der Quelle einer warmen Anteilnahme an dem Schicksal 
dieser Unglücklichen und wurde durch eine intuitive Einfühlung in deren 
seelische Bedürfnisse richtig geleitet. Die Psychoanalyse konnte ihn praktisch 
wenig Neues lehren, aber sie brachte ihm die klare theoretische Einsicht in 
die Berechtigung seines Handelns und setzte ihn in den Stand, es vor anderen 
zu begründen. 1 * 

Was Aichhorn uns vorführt, ist ein vielversprechender pädagogischer Vorstoß, 
zu welchem Freuds Psychologie ihm das Rüstzeug geliefert hat. Der warm- 
herzige Eifer, mit welchem er dieses Erziehungswerk auszugestalten versucht, 
verdient bewundernde Anerkennung. {Karl Abraham in der Tmago) 

Aichhorns Buch trägt die Bestimmung in sich, an aufklärender Erziehungs- 
arbeit viel beizusteuern. Durch die Bildhafügkeit seiner Ausdrucks weise, 
durch eine geschickte Verbrämung der praktischen Fürsorgeergebnisse mit 
den theoretischen Erklärungen hat er diesen zehn Vorträgen die Spannung 
von der ersten bis zur letzten Seite erhalt™. Man hat wirklich das Gefühl 
einen lebendigen Sprecher zu hören. (Soziale Arbeit) 

Wer sich für die Probleme der Verwahrlosung interessiert, wird an dem 
Buche von Aichhorn nicht vorübergehen können und die dort geschilderten 
Fälle eingehend studieren müssen. (Preussische Lehrerzeitung) 

Dieses Buch ist dazu angetan, alle, die in der Erziehungsarbeit stehen hell- 
hörig und besinnlich zu machen. (Soziale Berufsarbeit) 

Von besonderem Interesse ist die Schilderung der Erziehungsmethoden die 
der Verf. anwendet und die zweifellos eine glückliche pädagogische Treff- 
Sicherheit in der Erfassung des Im gegebenen Moment einer bestimmten 
Individualität gegenüber Angebrachten verraten. 

(Zeitschrift f. Sexualwissenschaft) 

Solche Bücher, solche Männer möchten wir in reichlicher Anzahl unserer. 
Massen zuführen und ihnen sagen können: „Seht Ihr'»? So gtht's auch!" 

{Nipszava, Budapest) 
Jeder, der jemals erzieherisch tätig war, wird Aichhorn für sein Werk 
dankbar sein; und wer hat nicht wenigstens einmal In seinem Leben vor der 
Aufgabe gestanden, erziehen zu müssen: und wäre es nur die eine lebens- 
längliche erzieherische Tat, - sich selbst zu erziehen. (Pester Lloyd) 

Wir begrüßen das Buch in doppelter Hinsicht: einerseits als Lehrbuch und 
andererseits als Führerbuch für diese wichtige Fürsorgefrage . . . Dieses 
Buch ist auch ein persönliches Dokument und zeigt, wie ein Praktiker in 
unermüdlicher und selbstverleugnender Tätigkeit einer wissenschaftlichen 
Theorie, deren Erkenntnisgebiet außerhalb des Greifbaren liegt, Leben geben 
kann - („Blätter *. d. Wohlfahrtswesm <L Gemeinde fFien") 



VI 



Dr. SIEGFRIED BERNFELD 

Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung. Geheftet 

M. f. — , Ganzleinen 6,f0. 

Hier rechnet einer flott und gründlich mit Praxis und Theorie der Erziehung 
ab. Ein unvorhergesehener Überfall auf Verlogenheit, die sich in Sicherheit 
wähnt, muß wohl auch diese aufwühlerisch „unzeitgemäße Betrachtung" eine» 
anbequemen Zeitgenossen zunächst hauptsächlich nur auf Leser rechnen, die 
lie als Pamphlet schmähen werden, allerdings ohne das Buch vor der letzten 
Zeile aus der Hand geben zu können. Vor allem verblüfft hier die psycho- 
analytische Herkunft dieser rhapsodischen Stellungnahme und fesselt das Wie 
und Warum dieses hemmungslosen Bekenntnisses eines Freudianers zum 
radikalen Sozialismus. In der an Jean Paul gemahnenden, anekdotisch 
instrumentierten Melodie eines „enthusiastischen Pessimisten" tritt uns eine 
Entschlossenheit des Gedankens und der Tat entgegen, die mehr als alles 
Schulmeisterische den Erzieher, den Erzieher im nächsten und im fernsten 
Sinne, ausweist. Manchem Leser wird es schwer fallen, den Respekt, den das 
Buch Sisyphos gebietet, das Vergnügen, das sein Raffinement bereitet, mit 
jener beklemmenden Verlegenheit zu versöhnen, in die es das aus her- 
kömmlichen Bahnen gelockte Denken drängt. 

Der geistreichste unter den Schülern des großen, genialen Sigmund Freud 
hat da den Pädagogen ein Büchlein gewidmet, das sie hoffentlich lesen und 
sobald nicht vergessen werden. Ich meinerseits glaube, daß seit langem im 
fragwürdigen Bereich der Pädagogik keine wichtigere Erscheinung XU 
verzeichnen war, als diese Schrift. Übrigens auch keine bei allem bitteren 
Ernst witzigere und vergnüglichere . . . Bernfelds zentrale These wird für 
manchen etwas Erschreckendes haben . . . Aber ob wir die Gedankengänge 
dieses merkwürdigen Büchleins nun als unverhoffte Bestätigung eigener 
Ansichten oder als unbequeme Störung des pädagogischen Burgfriedens 
empfinden: wir werden nicht an ihm vorbei können, nicht an ihm vorbei 
dürfen. {Gustav Wyneken im „Berliner Tageblatt") 

Das ist Tubaton gegen das Treiben befugter und weniger befugter Erziehungs- 
künstler, die sich erschreckend vermehren und auf die Kinder stürzen. Ehedem 
versuchte man es mit strenger Erziehung: Knüppeldick und Hungergurt 
feierten sadistische Orgien. Das ist nun ins Gegenteil umgeschlagen. Bände 
pädagogischer Zeitschriften werden mit dem Schlagwort : lieben und ermutigen 
angefüllt, so daß alle Tanten von Europa zu tun bekommen, um die Kinder- 
chen zu ermutigen, während Mutter die Suppe kocht . . . Ein geistreicher 
Beobachter der jungen Brut hat ein Buch herausgebracht, das er mit kühnem 
Mute „Sisyphos" nennt . . . Bernfeld sieht die Welt von einer Brücke, deren 
Köpfe auf Freud gestützt sind und auf Marx. Die bürgerliche Gesellschaft 
sieht er als einen Ozean der Lüge, auf dem die angeblichen Ziele der Erziehung 
treiben wie verfaulte Schiffstrümmer . . . Vernichtungstrieb und Liebe sind 
Scylla und Charybdis aller Einzelerziehung. Diesen Gedanken führt Bernfeld 

VII 






im Hauptteil seines Buches in einem fast zu großartigen Bogen durch, der 
ihn über Psychoanalyse und prähistorisch-anthropologische Spekulationen bis 
in die Politik und ihren Macchiavellismus führt . . . Bernfeld wird wohl 
recht haben, wenn er sich alles vom Gemeinschaftsleben der Jugend erhofft, 
womöglich ganz ohne Erwachsene. Dahin geht der Zug der Zeit und das ist 
Antipädagogik. Man soll das Kind unter seinesgleichen aufwachsen lassen. 
Die rasende Pädagogik, die in die Herde der Kinder einbricht, um sich da 
auszutoben — gleichgültig ob in Liebe oder in Haß — bleibt immer ver- 
dächtig, auch im Schafspelz . . . Erst wenn wir unsere Kinder in Ruhe 
lassen werden, erst dann ist das Jahrhundert des Kindes gekommen. 

{Fritz Mittels im „Tag") 
Besonders sei auf die glänzende Programmrede des Unterrichtsministers im 
zweiten Kapitel hingewiesen, die an Anatole France heranreicht und in der 
Insel der Pinguine stehen könnte . . . Durch all die Skepsis und den 
pessimistischen Flor leuchten deutlich die Schwärmeraugen des jungen 

Bernfeld. , r». ■.„ 

{„Die Mutter") 

Geistreiche Sachlichkeit und anmutige Ironie . . . Gebildete werden es mit 
Verständnis und Freude lesen. LOstseezeitung«) 

Vielleicht der erste Versuch, mit biologischem Rüstzeug das Erziehungsproblem 
zu klären Während bisher die Erziehung eigentlich als Kunst gewertet 
wxrd, wird hier der Versuch gemacht, sie exakt wissenschaftlich zu begründen. 

(.„Zeitschr. f. Kinderforschung") 
Bernfelds Buch ist natürlich, wesentlich und notwendig . . Vollzieht in 
eigenkräftiger Klarheit die Paarung oder besser: die Durchdringung Freud- 
Marx . . . Sezierarbeit am didaktischen Größenwahn. 

{Paul Oestreich in „Die neue Erziehung") 
Selten sind die scheinbar so sicheren Grundlagen der Pädagogik so gründlich 
unterwühlt worden, wie in dem vorliegenden geistvollen Buche das Er 
ziehern von Beruf und Amt dringend zu empfehlen ist, selbst auf die Gefahr 
hin, daß es energisch abgelehnt wird. ^Zeitschr. f. Sexualwissenschaft") 

Überaus farbige und temperamentvolle Schrift, die auch den v "h 
Argumenten nicht Überzeugten durch den hinter der Oberschicht 
feinen ironischen Plauderei spürbaren sittlichen Ernst des Verf symo tl I h 
berühren wird. {Prof. Storch im „ZW. /. d. ges. Neural U. Psychiarte") 



Dr. R. BRUN 

Biologische Parallelen zu Freuds Trieblehre (Sonder- 
abdruck aus „Imago", Bd. XII). Geh. M. l. 7 o, Ganzleinen 3.—. 

Bringt experimentelle Beiträge zur Dynamik und Ökonomie des Triebkonflikts. 



vnr 






Dr. HELENE DEUTSCH 

Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen. 
(Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse, Nr. V.) 
Geheftet M. }.fo, Ganzleinen /. — . 

Inhalt: L Einleitung. - IL Infantile Sexualität des Weibes. - Hl. Der 
Männlichkeitskomplex des Weibes. - IV. Differenzierung von Mann und 
Weib in der Fortpflanzungsperiode. - V. Psychologie der Pubertät. Die 
erste Menstruation. Typische Menstruationsbeschwerden. Schwierigkeiten 
der Pubertät. Typische Pubertätsphantasien. Triebschicksal in der Pubertät. 
- VI. Der Deflorationsakt. - \1I. Psychologie des Sexualaktes. - VIII. Frigidi- 
tät und Sterilität. - IX. Schwangerschaft und Geburtsakt. - X. Psychologie 
des Wochenbettes. - XL Laktation. - XU. Das Klimakterium. 

Aus der Einleitung: Dieses Beobachtungsmaterial soll eine 

psychologische Orientierung und Ergänzung zu den Kenntnissen jener 
Vorgänge schaffen, die man zusammenfassend ,Sexualleben des Weibes' 
nennt . . - Was bisher zur psychologischen Erkenntnis des Weibes analytisch 
beigetragen worden ist, -wird hier berücksichtigt ... Es liegt im Zweck 
dieser Arbeit, das aufzuklären, was der Bewußtseinspsychologie rätselhaft 
bleiben mußte, weil es ihrer Arbeitsmethode unzugänglich war. Aber auch 
die Tiefenpsychologie ist in der Erkenntnis der Seelenvorgänge beim 
Weibe einen Schritt gegen die beim Manne zurückgeblieben. Besonders 
sind es die generativen Vorgänge, denen — obzwar sie den Mittelpunkt im 
psychischen Leben des geschlechtsreifen Weibes bilden — auch analytisch 
noch wenig Beachtung geschenkt worden ist. Das Kantsche Wort: ,Die 
Frau verrät ihr Geheimnis nicht', behielt auch hier seine Gültig- 
keit. Sichtlich waren dem Manne die verborgenen Seeleninhalte des 
Mannes zugänglicher, weil wesensverwandter ..." 

Eine wertvolle Arbeit, die jeder Frauenarzt, der nicht nur Gynäkologie, 
sondern Frauenkunde treibt, genau kennen müßte. 

(Bericht über die ges. Gynäkologie) 

It is of the greatest value, that an undertaking like the subjeetion of the 
whole ränge of female sexual funetioning to psycho-analytic consideration 
should be attempted at all. We approach this work with double interest: 
first, because here again part of the domain of normal psychology is opened 
up to psycho-analytic investigation, and that not only some one aspect of it, 
but nothing less than the whole sexual life of woman; secondly, because 
here the widely scattered items of knowledge on the subjeet are gathered 
together and a whole is made of them, based on the newest theoretical 
insight; and further this is enriched by new aspects and findings gleaned 
from the clinical experiences of the writer. 

(The International Journ. of Psycho Analysis) 

IX 



] 



GUSTAV HANS GRABER 

Die schwarze Spinne. Mensdiheitsentwicklung nach Jeremias 
Gotthclfs gleichnamiger Novelle dargestellt unter besonderer 
Berücksichtigung der Rolle der Frau. (Sonderabdruck aus 

„Imago", Bd. XI.) Geheftet M. ?.— , Ganzleinen 4.60. 

Inhal«: Das Matriarchat - Die Urvaterhorde - Die Herrschaft des 
Mannweibes - Der Teufelspakt - Die schwarze Spinne - Die Spinne als 
Traumsymbol - Mythe, Aberglaube, Sage, Dichtung - Verdrängung und 
Periode der Vaterrcligion - Wiederkehr des Verdrängten, neue Weiber- 
herrschaft - Periode der Sohncsreligion 

1MRE HERMANN 

Gustav Theodor Fechner. Eine psychoanalytisdie Studie 
über individuelle Bedingtheiten wissenschaftlicher Ideen. 
(Sonderabdruck aus „Imago", Bd. XI.) Geheftet M. 5 ._J 
Ganzleinen 4.60. 

Inhalt: Biographisches - Die schwere Krankheit - Die Idee der Psvcho- 
pliysik - Die „Tagesansicht" - Das Formale Im Denken Fechners 
Die Begabungsgrundlagen - Fechner als Vorläufer psychoanalytischeT 
Erkenntnisse. 

EDUARD HITSCHMANN 

Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns. (Sonder- 
abdruck aus „Imago", Bd. XII.) Geheftet M. 2.—, Ganzleinen 3 .; . 
Inhalt: Eine Kindluilscrimicrung Hamsuns - Psychoanalytische De 
des Gespenstes - Kastration und Kastrationssymbolik in Hamsuns W k ' ' 
- Die Entmannung der Väter (Altern und Verarmen) - Das Motiv' 7" 

Eifeisuchr und des tfcsuViditfen Drimn - Cmusmkdi und LcIdcnschanliuV 
keh, Belauschen und Zuschauen - Hamsuns Ideale. 

ERWIN KOHN 

Las s alle - der Führer. (Imago- Bücher Nr. IX.) Geheftet 

M. 4. — , Ganzleinen 6. — . 

Inhalt: I. Die psychologische Entstehung des Führers - II. Die psycho- 
logische Technik der Führung bei Lassalle - III. Das Liebesschicksal 
Lassaües. - IV. Die psychische Struktur des Führertums bei Lassalle - 
V. Die Nachfolge Lassalles und das Ende der Organisalion. 

X 



' 






ISRAEL LEVINE 

Das Unbewußte. Autorisierte Übersetzung aus dem Englischen 
von Anna F reud (Internationale Psychoanalytische Biblio- 
thek, Bd. 20). Geheftet M. 8.—, Ganzleinen 10.—. 

Inhalt: I. Das Unbewußte vor Freud. Leibniz, Schopenhauer, Hart- 
mann. Maine de Biron. Fechner. Nietzsche. Samuel Butler. - II. Freud 
und das Unbewußte. Die Träume. Die Fehlleistungen. Der Witz. 
Die Neurosen. - III. Die Rechtfertigung des Unbewußten. Zur 
Kritik des Unbewußten. Die Mneme. Psychologie und Physiologie. Das 
Wesen des Bewußtseins. - IV. Die Theorie des Unbewußten. 
Leben und Konflikt. Das Lust- und das Realitätsprinzip. Der Reizbegriff. 
Die seelischen Kategorien. Die Polaritäten. Die Ambivalenz. Zur Definition 
der Metapsychologie. Die Verdrängung und die Affekte. Der logische 
Gesichtspunkt. Die' besonderen Eigenschaften der unbewußten Vorgänge. 
Der Verkehr der beiden Systeme. Die Natur der Triebe. — V. Die Bedeu- 
tungdes Unbewußten. Psychoanalyse und Erziehung. Die Sublimierung. 
Charakter und Unbewußtes. PsA. und Massenpsychologie. PsA. und die 
Persönlichkeit. Verdrängung und Spaltung der Persönlichkeit. Das unter- 
bewußte Ich. Jungs Auffassung der Persönlichkeit. PsA. und Ethik. PsA. 
und Hedonismus. PsA und Verantwortlichkeit. PsA. und Willensfreiheit. 
PsA. und Ästhetik. Phantasie und Kunst. Kunst und Affekt Ivltat. Kunst und 
Verdrängung. PsA. und Philosophie. Das Problem der Bedeutung. Die 
Vernunft und das Realitätsprinzip. 

OTTO RANK 

Sexualität und Schuldgefühl. Psychoanalytische Studien 
(Internationale Psychoanalytische Bibliothek, Nr. 21) (Er- 
scheint im Oktober 1927.) Geheftet M. 5.50, Ganzleinen J.$o. 

Inhalt: SexuaÜtät und Schuldgefühl — Masturbation und Charakter- 
bildung — Ein Beitrag zum Narzißmus (Das Ich im Traume) — Per- 
version und Neurose — Die psychische Potenz — Idealbildung und 
Liebcswahl. 

ALFRED ROB1TSEK 

Der Kotillon. Ein Beitrag zur Sexualsymbolik. Mit 20 Ab- 
bildungen. (Sonderabdruck aus „Imago", Bd. XI.) Geheftet 
M. i.JOy Ganzleinen 5. — . 

XI 



Dr. WILHELM REICH 

Der triebhafte Charakter. Eine psychoanalytische Studie 
zur Pathologie des Ich (Neue Arbeiten z. ärztl. Psycho- 
analyse, Nr. IV). Geheftet M. 4.fo, Ganzleinen 6.—. 

Inhalt: Allgemeines über den neurot. u. den triebhaften Charakter. 
Ambivalcnzkonfllkt u. Über-Ich-Bildung beim triebgehemmten Charakter. 
Der Einflu ß der Partialtriebe auf die Gestaltung des Über-Ich. Geschlecht- 
liche Fehlldentiflxlerung. Ambivalenzkonflikt und Ich-Bildung beim trieb- 
haften Charakter. Einflüsse der Erziehung. Grenzfalle. Die Isolierung des 
Über-Ich. Verdrängung des Ober-Ich. Über den schizophrenen Projektions- 
vorgang und die hyster. Spaltung. Therapeutische Schwierigkeiten. 

„. . . Eine psychoanalytische Charakterlehre setzt die genaue Kenntnis 
der detailliertesten Mechanismen seelischer Entwicklung voraus, eine 
Forderung, von deren Erfüllung wir noch weit entfernt sind. Wenn auch 
die Theorie von der Sexualentwicklung in den wesentlichsten Stücken 
festgefügt erscheint, so reicht sie dennoch iura charakterologischen 
Erfassen einer Persönlichkeit nicht aus. . . . Die Dynamik des Ich ist 
schwerer faßbar als die des Sexuellen. . . . Die Psychoanalyse hat es 
wie Freud immer wieder betont, eifrigst vermieden, mit fertigen, kon- 
struktiven Theorien an die Persönlichkeit des Kranken heranzutreten* im 
Prinzip auf genetisches Begreifen eingestellt, «ozugen als Embryologie 
der Psyche, mußte sie den mühevolleren und längeren Weg der Detail- 
untersuchung gehen. Die ideale Voraussetzung der psychoanalytischen 
Therapie wäre aber das vollkommene genetische Erfassen des 
Charakters des Kranken. . . . Die Psychoanalyse entwickelt sich 
konstant zur Therapie des Charakters. Die Schwierigkeiten sind sehr groß, 
will man der Problematik der Charakterologie an milden Übertragung^ 
neurosen auch nur einigermaßen naher kommen. Dazu eignen sich am besten 
solche Fälle, welche grobe Defekte der Ichstruktur aufweisen. Diese unter 
einem typischen Wiederholungszwang stehenden Neurotiker, die Asozialen 
die zeitweise Kriminellen, die systematisch ihr eigenes Dasein Erschwerenden 
und Vernichtenden, die auch im Ich vollkommen infantil Gebliebenen, 
sind für das Studium der Ichidealbildung in statu nascendi am besten 
geeignet. . . . Daß sie sozusagen noch psychoanalytisches Neuland bilden, 
kann wolü nur darauf zurückzuführen Sein, daß sie sich für ambulatorische 
Behandlung gewöhnlich schlecht eignen, meist keine wirksame Krankheits- 
einsicht haben und, wenn sie in den Analysen Fuß fassen, das feine Instru- 
ment der Analyse schwer gebrauchen lernen. . . . Das mir zur Verfügung 
stehende Krankenmaterial rekrutiert sich zum größten Teile aus schweren 
Charakterneurosen, die ich im Wiener Psychoanalytischen Ambu- 
latorium zur Behandlung vorsätzlich wählte. . . . Unser Versuch bewegt 
sich gleichzeitig in zwei Richtungen, die schließlich konvergieren werden: 
der speziellen Erörterung eines bisher psychoanalytisch wenig gewürdigten 

XII 



Krankheitsbildes, das wir den „triebhaften Charakter" nennen, werden 
Untersuchungen über die Charakterbildung an Hand dieses Materials 
parallel laufen ..." <** *~ Einleitung) 

An Hand eines recht seltenen Materials von triebhaften Psychopathen gelang 
es Reich, in die Entwicklung ihres Ichs, speziell in die genetischen Be- 
ziehungen von Ich und Über-Ich, interessante Einblicke zu gewinnen, durch 
die er in der „Isolierung des Über-Ichs" eine normale Durchgangsphase der 
Ichentwicklung erkannt zu haben glaubt. Die Beschreibung dieser Beobach- 
tungen und der Gedankengang der aus ihnen theoretische Schlußfolgerungen 
zieht, wird durch zahlreiche erläuternde und interessante Exkurse auf 
Nebenthemen unterbrochen, die, wie etwa die Beschreibung der geschlecht- 
lichen „Fehlidentifizierungen-, an Bedeutung hinter dem Hauptinhalt des 
Buches nicht zurückstehen. {Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse) 

Dr. THEODOR REIK 

Geständniszwang und Strafbedürfnis. Probleme der 
Psychoanalyse und der Kriminologie (Internationale Psycho- 
analytische Bibliothek, Bd. 18). Geheftet M.8.— , Ganzleinen 10.—. 

Bestimmte Erfahrungen der psychoanalytischen Praxis haben Reik ver- 
anlaßt, die Existenz einer besonderen psychischen Tendenz, die er als 
unbewußten Geständniszwang bezeichnet, anzunehmen. Das Symptom der 
Neurosen repräsentiert nicht nur die Kraft der verpönten Wünsche, 
sondern wesentlich auch die Macht der verbietenden (moralischen, 
ästhetischen) Instanzen. („Der Selbstverrat dringt dem Menschen aus 
allen Poren", hat Freud gesagt.) Das unbewußte Geständnis bringt ein 
Stück psychischer Entlastung, das von der partiellen Befriedigung 
herrührt, die das Geständnis als eine Art abgeschwächte Wiederholung 
der phantasierten Tat erscheinen läßt. Das Erfassen der unbewußt 
gewünschten Tat sowie der Vergleich des Ichs mit dem Ichideal des 
Menschen im Geständnis hat den Effekt, daß der Einzelne, der Bekennende 
mit sich bekannt zu werden beginnt. Denn wir sind nicht nur weit böser, 
sondern auch weit besser als wir annehmen. Die Befriedigung des 
unbewußten Strafbedürfilisses gehört selbst zu den vornehmsten .Krank- 
heitsgewinnen" der Neurose: dies Leid dient nicht nur zur Befriedigung 
verdrängter Triebregungen, sondern auch zur Selbstbestrafung. An Hand 
psychoanalytischer Krankenberichte zeigt Reik eingehend den Anteil des 
Über-Ichs an der Entstehung und Entwicklung der Neurose, das Ansteigen 
der Triebintensität durch das Strafbedürfnis. Über den Rahmen der 
Heilkunde hinausgreifend, meint Reik in dem vom Über-Ich ausgehenden 
unbewußten Strafbedürfnisse eine der gewaltigsten, schicksalsformenden 
Mächte des Menschenlebens überhaupt zu erkennen. Besonders eingehend 



XIIT 



wird Tom Verfasser die Kriminologie berücksichtigt Die seelischen 
Vorgänge, die zwischen der Tat und dem Geständnisse liegen und die 
der Autor „psychische Geständnisarbeit" nennt, werden durch das Vor- 
bewuDtwerden der Motive und der sozialen Bedeutung de« Verbrechens 
charakterisiert. Die Strafrechtstheorie Reiks geht davon aus, daß das 
Schuldgefühl gerade bei jenen Verbrechern, für welche die Strafgesetz- 
gebung bestimmt ist, der Tat vorangeht. Die Strafe dient der Befriedigung 
des unbewußten Strafbedürfnisses, das zu der verbotenen Tat trieb, und 
befriedigt gleichzeitig auch das unbewußte Strafbedürfnis der Gesellschaft 
durch deren unbewußte Identifizierung mit dem Verbrecher. Relk zeigt des 
ferneren die mannigfaltigen Äußerungen des unbewußten Gestindnis- 
zwanges auf den Gebieten der Religion (Beichte, Sündenbekenntnis!), des 
Mythus, der Sprache und der Kunst. Die Bedeutung dieser Tendenz für 
die Kinderpsychologie und Pädagogik demonstriert er an vielen ausführ- 
lichen Beispielen. W as er uns ober die Enstehung des Gewissem, über 
frühes Schuldgefühl des Kindes, über dessen Liebesbedürftigkeit äuOert 
weist durchaus nach neuen Zielen. Das Schlußkapitel ist dem sozialen 
Geständniszwang gewidmet: Psychoanalyse ist — geistesgeschichtlich 
betrachtet — das erste bewußte Geständnis der Gesellschaft, das die 
triebhaften Grundlagen, auf denen die Gemeinschaft ruht, einer psycho- 
logischen Untersuchung unterwirft. Sie bereitet den Abbau der rohen 
Triebgewalt und des unbewußten Schul dgefühl es vor. Begreiflich Ist der 
Widerstand, den die Psychoanalyse in der Welt gefunden hat: hat sie 
doch an das unbewußte Schuldgefühl (Ödipuskomplex:) gerührt, das sich 
die Entlastung durch das Geständnis noch nicht erlauben will. Im bedeutsamen 
Stück Menschheitsarbeit, das die Psychoanafyse leistet, ist Reiks Werk ein 
Beitrag, dessen Tragweite heute noch nicht abzuschätzen ist. 

Im ganzen muß das vorliegende Werk Reiks als die hochinteressante Arbeit 
eines tiefgründigen Denkers und scharfen Beobachters gewertet werd 
deren große Bedeutung für die Weiterentwicklung der Psychoanalyse dT' 
Zukunft zeigen wird. (.Österreichische Richter zeitung") 

Kein Leser wird sich dem Ernst entziehen können, mit dem R V 
seltsamen Kontrast zwischen äußerer Selbstgerechtigkeit des Mensche ( 
Einzelnen wie als Kollektivum) und dem inneren Selbstgericht aufd W 
der den Leitfaden der sittlichen Entwicklung bildet. LBüchtm Ah 

Vermittelt über die letzten Wurzeln des Geständnis- und Bestrafu «tri 
bei Neurotikern viele überraschende und originelle sicher n h 
fruchtbar werdende Einsichten. („Zentralbl f. d. ges, Neurol. u, PsychiatrU") 

versteht es in glänzender Weise, seine Hypothesen vorzutragen. Ein 
bewundernswerter Glaube an die Bedeutung der Psychoanalyse läßt ihn 
zur höchsten Höhe einer optimistischen Zukunftshoffnung aufsteigen. 

{Prof. Friedländer in der „Umschau") 



XIV 



Pnor. Dr. MS. et Phil. PAUL SCHILDER 

Entwurf zu einer Psychiatrie auf psychoanalytischer 
Grundlage (Internationale Psychoanalytische Bibliothek, 

ttd. 17). Geheftet M. 7.—, Ganzleinen <?.— . 

Inhalt: L Das Ideal-Ich. - II. Die Ichtriebe, - Hl. Die feinere Struktur 
des Ideal-Ichs und das Wahrnehumngs-Ich. - IV. Phänomenologie des Ich- 
erlebens. - V. Die Selbstbeobachtung und die Hypochondrie. - VI. Die 
Depersonalisation. - VII. Verdrängung und Zensur, Symbol und Sphäre, 
Sprachverwirrtheit. - VIII. Narzißmus and Außenwelt. - K. Identifizierung 
in der Schizophrenie. Die Genese der Schizophrenie. - X. Die Symptoma- 
tologie der Schizophrenie. Die Schizophrenie als Krankheit und der 
Krankheitsbegrifl in der Psychiatrie. - XL Schizophrenie. - Paranoia. - 
XII. Amcntla, Aphasie und Agnosie. - XIII. Die Epilepsie, - XIV. Manisch- 
depressives Irresein. - XV. Die Demenz. Die progressive Paralyse - 
XVI. Korsakoff. - XVIL Intoxikationen. - XVÜL Therapie. - Literatur- 
verzeichnis. - Sachregister. 

Die knapper Fassungen sich bedienende bescheidene Form des Entwurfes 
darf darüber nicht hinwegtäuschen, daß hier neben zusammenfassenden Er- 
örterungen vielfach auch aufschlußreiche und nngemein fruchtbare, späteren 
Forschern viel Entscheidendes vorzeichnende Monographieskizzen vorliegen. 
Die Freuasche Lehre von den Ichtrieben und den Sexualtrieben erfährt 
ihre konsequente Anwendung auf das bisher unzugänglichste Gebiet der 
Psychopathologie. 

Verf. gehört zu den (wenigen) wissenschaftlichen Vertretern der klinischen 
Psychiatrie, die weitestgehend auf dem Boden psychoanalytischer Anschau- 
ungen stehen. Er ist daher der gegebene „Verbindungsmann" zwischen den 
vorläufig noch sehr auseinanderstrebenden Forschungswegen (1er Schni- 
ps vchiatrie and der psychoanalytischen Psychiatrie und ist wie kaum ein 
anderer geeignet, der wissenschaftlichen Überführung psychoanalytische! 
Auffassungen in die bisher üblichen Anschauungen von dem Wesen, det 
Entstehung und der Gestaltung der geistigen Störungen zu dienen. 

Zeitschrift f. Sexualwissenschaft) 



Das Buch will eine Übersicht über das geben, was die Psychoanalytiker 
bisher Über das Wesen der Psychose gesagt haben, es soll vor allem auf die 
unerledigten Probleme hinweisen. Daß Schilder in vielen Punkten hier 
Bichtung gewiesen hat, ist ein Hauptverdienst des BuChM. Auch der, dem 
die Grundgedanken der Psychoanalyse nicht Dogma sind, wird das Buch 
mit großem Interesse lesen, weil es zum Nachdenken und Forschen anregt. 

(Klinische Pl'ochcnschrift) 






XV 



ALICE SPERBER 

Über die seelischen Ursachen des AIterns,der Jugend- 
lichkeit und der Schönheit. (Sonderabdruck aus 
„Imago", Bd. XI.) Geheftet M. 1.40, Ganzleinen 2.60. 

Die gedankenreiche kleine Schrift ist sehr lesenswert. 

v . . „ . (Zeitschr. f. Sexualwissenschaft) 

Eine wunderliche Untersuchung, aus der ein neue« it.* a d , . 

Em Sc.mft.hen, da. „ach arte» Seite« aaregen muß . ,i^* 

ALFRED WINTERSTEIN 

Der Ursprung der Tragödie. Ein psychoanalytischer 
Beitrag zur Geschichte des griechischen Theaters, (hnago- 
Bücher, Nr. VIII.) Geheftet M 8 n HM,- ^ ma S° 

„ ,, , , J • Ä - / °' HnIbl "nen 9 . S o, Ganzleinen 

IO. — , Halbleder I2.J0. 

Inhalt: Einleitung. - Der Karneval von Vlza » n A a, t?. 

der Wilden. - Dithyrambus und Totenklaee. Sa Einweihu ngsrlten 

Wiedergeburt als sittliches Werden. " ° CJtSßesan »- " Tod un d 

Im ersten Kapitel wird der Versuch unternommen einen I 
wart von Davvkins im Gebiete des alten Thrakiens be h h Gegen- 

brauch aus einer antiken ländlichen Dionysosfeier 6 h m ^uf* Karnevals - 
Keimzelle des attischen Dionysosdramas gebildet hab a- eite n, die die 
wird das moderne Maskenspiel in die weit verbrat * ,? Urfte - anderseits 
lingsfeste des „Vegetationsdämons" eingereiht und "^ *** FrÜh " 

deren Verwandtschaft mit den Knabenweihen der Vtm*** M «eriale 
Die Untersuchung gelangt zu dem Ergebnisse daß a nacheew iesen. 

brauchen und Südenbockzeremonien die nämlich™ ? Ve e eta «on S - 

wußten Mechanismen wirksam sind wie bei den M. F******** ««be- 

Pubertätsweihen stthT auch ^ r^" 1 Z-mmenhan* mit den 
der Entlehn a T m ** ^^ deS Toten - mi Heroenkultes an 

^Äw^ 8 ^ gCWÜrdigt U " d -in Niederschlag im 

BedLung L Wortes TrJl " »T*^ *»"*»**«* ^ ^ 

scheinlich der oh « ^ ragoäle " Bocksgesang erläutert. Es ist wahr- 

langen R [ " . ^^ *» die nach ihrer Kulturfunktion be- 
nannten „Bocke" über den getöteten Gott anstimmten. Den dramatischen 



XVI 






Vorgang in dieser ländlichen Frühlingsfeier, aus der die attische Tragödie 
hervorgegangen ist, müssen wir uns so ähnlich wie den thrakischen Kar- 
nevalsbrauch vorstellen. Dieser zeigt wieder Übereinstimmung mit dem 
liturgischen Drama von Tod und Wiedergeburt des Jahresdämons Dionysos. 
Auch der Einfluß des Kultes der eleusinischen Muttergöttin Demeter und 
der orphischen Lehre auf das werdende Drama wird dargetan. Die hi- 
storische Entwicklung der attischen Tragödie und die Entstehung des 
mittelalterlichen Dramas aus der kirchlichen Liturgie bilden den Gegen- 
stand der späteren durch Betrachtungen über den tragischen Helden, den 
Chor, den Schauspieler und den Zuschauer ergänzten Ausführungen. An 
einem Beispiel aus einem völlig entlegenen Kulturkreise — an einem 
Tanzschauspiel der Indianer in Guatemala in vorkolumbischer Zeit — 
wird schließlich gezeigt, daß auch hier der ewige Konflikt zwischen Vater 
und Sohn das tiefste Motiv für die Schöpfung des Dramas darstellt. Im 
letzten Kapitel werden die Vorstellungen sittlicher Entwicklung, die fortan 
das Drama beherrschen, auf die uralte kultische Bilderreihe von Tod und 
Wiedergeburt aus dem Dionysosspiel zurückgeführt. 

Dieses Buch, das aus gründlichen Studien hervorgegangen ist, stellt sich die 
Aufgabe, eine der höchsten Schöpfungen der Menschenseele in ihren frühesten 
Keimlingen zu finden und den Weg zu verfolgen, wie alles gedeiht und 
späte Frucht bringt ... Das Neue und Eigentümliche an der Darstellung 
Wintersteins besteht darin, daß überall nicht nur die primitiven Kulte, 
sondern auch die Bräuche und Mythen, die endlich zur griechischen Tragödie 
gefuhrt haben, in eine innige Verquickung mit den Theorien der Psycho- 
analyse gebracht werden. (Emü Lucka in der „Neuen Freien Presse«) 

ALMANACH 1926 

Ganzleinen M. 5.—, Halbleder 7.-, numerierte Vorzugsausgabe auf 
Japan-Dokumentenpapier, in Ganzleder 2j\ . 

ALMANACH 1927 

Ganzleinen M. ,.-, Halbleder 7 .-, numerierte Vorzugsausgabe auf 
Japan-Dokumentenpapier, in Ganzleder 2/.—. 



XVII 



INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT 
FÜR PSYCHOANALYSE 

Offizielles Organ der Internationalen Psychoanalytischen Ver- 
einigung. Herausgegeben von Sigm. Freud. — Unter Mitwirkung 
von Girindrashekhar Boaa (Kalkutta), A. A. Rrill (New York), 
Jan van Emden (Haag), Paul Federn (Wien), Ernest Jones (London)i 
Emil Oberholzer ( Zürich), Ernst Simmel (Berlin), M. Wulff 
(Moskau) redigiert von M. Eitingon (Berlin), S. Ferenczi 
(Budapest), Sandor Rad6 (Berlin). 

Band XI, I925 (in Heften M. 20.—, Halbleinen 27.—, Halbleder 26.—) 

Heft 1 'einzeln M. 5 50) 

Inhalt: Freud. Über den „Wunderblock" - Ferenczi, Zur Psychoanalvse 
von Sexnalgewohnheiten - Deutsch, Psychologie des Weibes in den Funk- 
tlonen der Fortpflanzung — Chadwick, Die Wurzel der Wißbegierde — 
Kempner, Beitrag zur Oralerotik — Simmel, Rine Deckerinnerung in 
sta'u nascendi — Alexander, Über Traumpaare und Traumreihen — 
Abraham, Eine unbeachtete kindliche Sexualtheorie — Strachey, Eine 
Zengungstheorie — Benedek, Ein Fall von Erythrophoble — Fenichel, 
Infantile Vorstufe eines . affektlosen * Trotzes — Referate — Bewegung 
(.Schule der Weisheit" — Psa, Gutachren vor Gericht — Eine rassen- 
biologisch-sexualethlsche Stellungnahme usw.) — Korrespondenzblatt. 

Heft 2 (einzeln M. s-S<>) 

Jones, Theorie und Praxis in der Psychoanalyse — Sachs, Metapsycho- 
logische Gesichtspunkte zur Wechs. lbezifhung zwischen Theorie und Technik 
tn der Psychoanalyse — Alexander, Met-'psychologische Darstellung des 
Heilungsvorganges — Nunberg, Über den Genesungswunsch — Landauer, 



xvnr 









Äquivalente der Trauer — Hnppel, Aus der Analyse eines Falles von 
Päderastie — Reich, Eine hysterische Psychose in itntu nascendl — 
Abraham, Koinzidierende Phantasien bei Mutter und Sohn — Deutsch, 
Beitrag zur Psychologie des Sportes — Feniche], Bewußtseinfremdes 
Erinnerungsmaterial im Traume — Wulff, Eine Symptom h and lung — 
Referate — Bewegung (Religion psych ologie — Pädagogische Zeitschriften 
— Thomas Mann usw.) — Korrespondenzblntt — Freud: Josif Breuer f. 

Heft 3 'einzeln M. 5.50) 

Ferenczi, Charcot — Fenichel, Tntrojektlon und Kastrationskomplex — 
Reich, Weitere Bemerkungen über die therapeutische Bedeutung der 
Genitallibido — Koväcs, Analyse eines Falles von „tic convulsif — 
Deutsch, Zur Psychogenese eines Ticfalles — Klein, Zur Genese des 
Tics — Bychowski, Psychoanalytisches aus der psychiatrischen Ab- 
teilung — Landauer, Gedanken bei der Analyse einer folie du doute — 
Referate — Bewegung (Die Psychoanalyse in Rußland) — Korre<pondenz- 
blatt — Mitteilungen des Ver'ages. 

Heft 4 (einzeln M. SS<>) 

Freud, Einige psychi sehe Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds — 
Rank, Zur Genese der Genitalitat — Weiß, Über eine noch nicht be- 
schriebene Phase der Entwicklung zur heterosexuellen Liebe — Alexander, 
Einige unkritische Gr danken zu Ferenczis Genitaltheorie — Lampl, 
Ein Fall von entlehntem Schuldgefühl — Fenichel, Zur Klinik des Straft 
bedürfnisses — Müller, Früher Atheismus und Charalcterfehlentwicklun K — 
Referate — Bewegung (Die PsA. auf dem XVII. it allen. Psychiaterkongreß — 
Ein katholisches Urteil — u«w.) — Korrespondenzblatt. 



Bd. XII, 1926 (ftl Heften M. 24.—, Halbleinen 2J.—, Halbleder 29.—) 

Heft 1 (einzeln M. 6.50) 

Freud, Karl Abraham f — Ferenczi, Kontraindikationen der aktiven 
psychoanalytischen Technik — Rad6, Das ökonomische Primsip der 
Technik — Reich, Über die chronische hypochondrische Neurasthenie mit 
genitaler Asthenie — Luria, Die moderne russische Physiologie und die 
Psychoanalyse — Laforgue, Verdrängung und Skotomisation — Boehm 
Homosexualität und Ödipuskomplex — Pickworth Farrow, Eine Kindheits- 
erinnerung aus dem 6. Lebensmonat — Fenichel, Zur unbewußten Ver- 
ständigung — Sugar, Die Rolle des „Zahnreiz"-Motiv» bei Psychosen — 
Bornsztajn, Schizophrene Symptome im Lichte der Psychoanalyse — 
Referate — Bewegung — Korrespondenzblatt. 

Heft 2 (einzeln M. s-S<» 
IN MEMORIAM KAHL ABRAHAM f 
Abraham, Psychoanalytische Bemerkungen zu Coues Verfahren der 
Selbstbemeisterung — Jones, Karl Abraham — Verzeichnis der wissen- 
schaftlichen Arbeiten von Karl Abraham — • Eitingon, Sachs, Radd 
Reik, Wulff, Gedenkreden über Karl Abraham — Korrespondenzblatt — 
Kunstbeilage (Abraham-Bildnis). 



XIX 






Heft 3 {einzeln M. i$s— , in GanzUder JS-~") 
SIGM. FREUD ZUM 7a GEBURTSTAG 

L e r r r e jnh,Vt^T "• Geburtsta « Si S m - F"ud, - Ferenczi, Das Problem 
der Unlustbejahung - Jone», Der Ursprung und Aufbau de, Über-Ichs - 
federn. Einige Variationen des Ichgefühls - Odier, Vom Über-Ich - 

W?id7r er < ;>, Der ». Begriff t* ICh ' ~ J«U«r.m^ Die Projektion - 
walder, Schizophrenes und schöpferisches Denken — Fenichel Identifi- 
zierung — E. Glover, Probleme der Charakterologie — Alexander 

b!drfn e i, Und T5 e5amtPe "^ ll u hkeIt 7 Nunb "* Schuldgefühl und Stra^ 
bedurfms - Horney, Flucht aus der Weiblichkeit - Müller-Braun 
schweig, Genese des weiblichen Über-Ichs - Landauer kS. 
Bewegungsunruhe Hoffer, Die »anriic*. i-Ä^flä *Ä*e 

Erkrankung - Blum, Zur Paychologie von Studium und ExTmcrf - 
Sadger Zum Verständnis des Sadomasochismus - Reich Sn dar 
neurotischen Angst - Coriat, Ein Typus von analerotischem Wider^nd- 
MohllM Wide " tan l *• J f -«cals und Realanpassung - JoiT Die 
Mobilisierung des Schuldgefühls - Laforgue, Skotomisation in der 
Schizophrenie - Clark, Die Phantasiemethode bei der Analyse narzlflöJ! 
Neuroaen .. Weiß, Der Vergiftungswahn - Kielhol^ An^SSS 
GrJd^ T ? emenS ~ P - Dcut "*. ^r gesunde und der 'krankeVörp^ 
man £ f ' ^T^^ U " d S ^Pt°marbeit des Organischen - R k . 

ssuSl TOä ™;:& t -r ***** - p**- «ä 

Störung, Myopie als Paradi™ c ' f*^ 08 ™ 1 *« und organische 

Ai-bA A7dö?ü£Ä«hifte Slmi,,e1 ' Dokt °^ iel . Kranksein und 

Heft 4 

(im Druck, erscheint im Herbst 1926) 



XX 



IM A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHOANALYSE 
AUF DIE NATUR- UND GEISTESWISSENSCHAFTEN 

Herausgegeben von Sigm. Freud, 
redigiert von O. Rank, H. Sachs, A. J. S t o r f e r. 

Bd. XI, 1925 (in Heften M. 18.—, in Halbleinen 21.—, Halbleder 24.—). 

Heft 1/2 (einzeln M. 10.—) 
PSYCHOLOGISCHES HEFT 

Inhalt: Müller-Braunschweig, Verhältnis der Psychoanalyse zur 
Philosophie — Weiß, Psychologische Ergebnisse der Psychoanalyse — 
Harnik, Die triebhaft-affektiven Momente im Zeitgefühl — Furrer, 
Die Bedeutung der „B" im Rorschachschen Versuch — Sperber, Die 
seelischen Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit und der Schönheit — 
Wulff, Die Koketterie in psychoanalytischer Betrachtung — Kolnai, 
Max Schelers Kritik und Würdigung der Freudschen Libidolehre — 
Hermann, Der Mensch und seine Welt, (Karl Böhm) — Fortschritte der 
PsA. 1920 — 1923: Normalpsychologische Grenzfragen — Kritiken und Referate 

Heft 3 (einzeln M. 5.—) 

Inhalt: Freud, Die Verneinung — Freud, Die Widerstände gegen die 
Psychoanalyse — Freud, Die okkulte Bedeutung des Traumes — Newton, 
Die Anwendung der Psychoanalyse auf die soziale Fürsorge — Graber, 
Die schwarze Spinne — Teller, Libidotheorie und Artumwandlung — 
Hermann, Zwei Überlieferungen aus Pascals Kinderjahren — Robitsek, 
Bemerkungen zu einem Gedicht Liliencrons. 



XXI 









Heft 4 (einzeln M. $ — ; 

Inhalt: A brah am Die Geschichte eines Hochstaplers im Lichte psycho- 
analytischer Retrachumg - Hermann, Gustav Theodor Fechner - 
Robitsek, D,r Kotillon, Beitrag zur Sexualsymbolik- Kritiken u. Referate. 

Bd. XII, I926, (in Heften M. 20.—, Halbleinen 23.—, Halbleder 26.-). 

Heft 1 (einzeln M. 5.50) 

Inhalt: Müller- Braunschweig, Beiträge zur Metapsychologie: Desexuali- 
sierung und Identifizierung; Verliebtheit, Hypnose und Schlaf: Begriff 
der Richtung - Van der Chijs, Über das Unisono in der Komposition - 
J u er und Mar b ach, Eine südslawische Märchenparallele zum Urtvpus der 
Rolandsage -Hermann, Modelle zu den Ödipus- und Kastrationskomplexen 

Wntff? 7 V tZ o y * ?? 6 okk " ltistisch " Bestätigung der Psychoanalyse - 
Wolffheim, Zur Psychologie des modernen Erziehers — Friediune 
Der Ödipuskomplex im Fieberdelirium eines neunjährigen Mädchen - 



Heft 2/3 (einzeln M. i S .~, in Ganzleder 35.—) 
SIGM. FREUD ZUM 70. GEBURTSTAG 
Inhalt: Sachs Zum 70. Geburtstage Sigm. Freuds - Schilder, Zur Natur- 
philosophie - Pfister, Die menschlichen Eini g un g ,bestr,bungen im LchtV 
der Psychoanaiyse (Von Kant zu Freud) - Eder, Kann das UnSewuS e 
erzo,en werden? - Brun, Experimentelle Beiträge zur Dynamik w 
Ökonomie des Triebkonflikts (Biologische Parallele/ zu Freud^Tnebiehret 
- Pfeifer, Umr.fJ einer Bioanalyse der organischen Pathologe - 

sJeT.nann m p" £*"«*■*•* der Energielehre in der Psychologie - 
MM 1? Dle P ^hogenese organischer Erkrankungen u, d da, Welt- 

hJ T nn,Da c SyStenißW ' - Burrow ' Die Gruppenmethode in 

P ychoan'w "" l a n i r Waa *J r ' "tT« V ««*«. Deute» in dS 
i-sjcoanalyse - Saussure Zur psychoanalytischen Auffassung der 
Intelligenz - Schneider, Über Identifikation - Mulle 7 Gefühls 
Schien K" aUf ^' C ^> -her Grundlage - gtSrCke üte^ 

Völker - Rün«t n w ' •!■ Volke n)sychologie und die Psychologie der 
Kovaes \t V^V^^^ ~ Ch "^offel, Farbensymbolik - 

FriediuiiP 1 ' ]" Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns - 

und des VmZrlnUrU f- ~ ,?chmidi, Die Bedeutung des Brustsaugens 

Pötzl 7,,r mT u , S fUr dle P s >' chis che Entwicklung des Kinde, - 

Heft 4 
(im Druck, erscheint im Herbst 1926) 



XXII 



s 


C H R I F T E 

VON 

KARL 


N 


A 

PS 


B R A H A 

t 

IM 

INTERNAT10NALE^ 


M 

f 


;ychoanalytischen 




VERLAG / WIEN 





D«. KARL ABRAHAM 



Klinische Beiträge zur Psychoanalyse aus den 
Jahren 1007-1920 (Internationale Psychoanalytische Bibliothek, 
Bd. 10). Geheftet M. 8.—, Halbleinen 10.—. 

Aus dem Inhalt: Über die Bedeutung sexueller Jugend« räumen für die 
Symptomatologie der Dementia praecox. — Die psychosexueUen Differenzen 
der Hysterie und der Dementia praecox. — Die psychologischen Beziehungen 
zwischen Sexualität und Alkoholismus. - Die Stellung der Verwandtenehe 
in der Psychologie der Neurosen. — Über hysterische Traumzustande. — 
Bemerkungen zur Psychoanalyse eines Falles von Fuß- und Korscttfetlsdils- 
mus. — Ansätze zur psychoanalytischen Erforschung und Behandlung des 
manisch-depressiven Irreseins und verwandter Zustande. — Über die deter- 
minierende Kraft des Namens. — Über ein kompliziertes Zeremoniell 
neurotischer Frauen. — Ohrmuschel und Gehörgang als erogene Zone. — 
Zur Psychogencse der Straßenangst im Kindesalter. - Sollen wir die Patienten 
Ihre Träume aufschreiben lassen? — Einige Bemerkungen über die Rolle der 
Großeltern In der Psychologie der Neurosen. — Eine Dedterlnnerung, 
betreffend ein Kindheitserlebnis von scheinbar äUologischer Bedeutung. — 
Psychische Nachwirkungen der Beobaditung des elterlichen Geschledits- 
verkehrs bei einem neunjährigen Kinde. — Kritik zu G. G. Jung: Versuch 
einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie. — Ober Elnsdiränkungen 
und Umwandlungen der Schaulust bei den Psychoneurotikern. — über 
neurotische Exogamie. — Über elaculatio praecox. — Einige Belege zur 
GefühlseinsteUung weiblicher Khider gegenüber den Eltern. — Das Geld- 
ausgeben Im Angstzustund. — Über eine besondere Form des neuroUschen 
Widerstandes gegen die psychoanalytische Methodik. — Bemerkungen zu 
Ferenczls Mitteilungen über Sonntagsneurosen. — Zur Prognose psydio- 
analytischer Behandlung im vorgeschrittenen Lebensalter. — usw. 

Ein Werk, das die interessante Entwicklung der klinischen Psych o- 
analyse gut widerspiegelt und die ansehnlichen Leistungen des um diese 
Entwicklung sehr mitverdienten Autors eindrucksvoll vorführt. Unter den 



XXV 






rJWarcr«. in der Zeitschrift für Sexualwissenschaft) 

Jeder, der in das psychoanalytische Denken schon eingeführt ist wird 
dieses Buch mit Dank und Vorteil zur Hand nehmen. ' 

(Archiv für Frauenkunde) 
Eine Art klinischer Einführung in Einzelbildern, die durch die oft 
.«ringenden ke.ni.ti.eh.n B ei träge auch dem Fem erstehen- 
den erneu ausgezeichneten Einblick in die psychoanalytische Pra" Ver- 
schafft. (L . a . Grote im ^ ntralblau f l ^ -- ™ 

Reiches und vielseitiges Material. Jedem, der sich für psychoana- 
lytische Fragen interessiert, kann das Buch sehr empfohlen werden! 

(Jahrbücher f. die gesamte Medizin) 

A!r fi L aill !r r0 1 ent !! Ch , B0Temü S* «»* eindringliche Bemühung um den 
Ausbau der Freudschen Gedankengänge. Sympathisch berührt wie er 
nachhalte und gründlich weiterforscht, klärt und sichtet wo iL 
einen Weg gewiesen ha, Dabei hat man'den Eindruck, diu hier wieVe^ 
aus der Fülle der Erfahrung geschöpft ist. f?*" 

(W. Mayer-Groß im Zentralbl. f. d.ges. Neurologie 
u. Psychiatrie) 6 

Theorie der Psychoanalyse nichi „nrrh R ^ « ' " ** JUneSCh ° 

bloß verwässert, -JSS^Ä^^I^^*^^ ein, " al 
Tendenzen zuliebe für eine landlauf Z °t *" ü Y W18 / 6n8ChafUiChen 
Widerspruchsvoll und XÄ2 5"^ £ **"* 

rÄ"Z Ä77*W* in Midizin^Tsehn. Miaeüung^ 

3ÄÄiT hab - «-Gewährt, 

dLer Arbe ten 8 , 7^' *"" ^»analytiker geworden. Manche 
^SfSÄT^Ä"* Leistungen, zu denen den Autor 
mögLh sich vom R T ^ Gei8te8Schär "> befähigten. Es ist nicht 
Tch eilm R 7 f C1 Um DeUer Erkennt ™> die diese Aufsätze bieten, 
nach einem Referate auch nur entfernt einen Begriff zu bilden. 

(Ferenczi in der Int, Zschr. f. Psychoanalyse) 



XXVI 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 
auf Grund der Psydioanalyse seelischer Störungen. (Neue 
Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse, Nr. II.) Geheftet M. 5./0, 
Pappbd. 4, — . 

Inhalt: 1. Die manisdi-deprcssiven Zustande und die prägenitalcn Organi- 
sationsstufen der Libido (Melancholie und Zwangsneurose. Zwei Stufen der 
sadistisch-analen Entwicklungsphase. Objektverlust und Introjektlon in der 
normalen Trauer und in abnormen psychischen Zuständen. Zwei Stufen der 
oralen Phase. Das infantile Vorbild der melancholischen Depression. Die 
Manie. Die psychoanalytische Therapie). - H. Anfänge und Entwicklung der 
Objektliebe. 

Der Autor gibt uns als Ziel seiner Abhandlung an, bestimmte, bei manisch- 
depressiven Kranken erhobene Befunde für die Sexualtheorie nutzbar zu 
machen. Wir meinen, daß sein Buch nicht nur diese Aufgabe glänzend 
gelöst, sondern weit mehr geleistet hat als dies. Er wirft zunächst neues 
Licht auf die normalen und pathologischen Verhältnisse der psychosexuellen 
Entwicklung . . . Die von Freud begründete psychologische Erkenntnis der 
Melancholie und Manie findet hier eingehende Ergänzung . . . Jeder Satz 
der in prägnantem Stil geschriebenen Abhandlung trägt die Zeichen lang- 
jähriger und mühsamer praktischer Arbeit an sich; die eingestreuten 
Bruchstücke aus Krankengeschichten überzeugen nicht nur völlig von der 
empirisch-klinischen Natur aller Behauptungen, sondern sind in ihrer 
Kürze und Prägnanz auch Meisterstücke psychoanalytischer Darstellungs- 
kunst. (Internat. T.schr.J. Psychoanalyse) 

Tbis monograph is a very intriguing one, and at the same time a work of 
much practica! as well as of theoretical iinportance. 

(The Psychoanalytic Review) 

Psychoanalytische Studien zur Charakterbildung. 

Geheftet M. 2.fo, Pappbd. $.20, Halbleinen 4. — . 

Inhalt: Ergänzungen zur Lehre vom Analcharakter. Beiträge der Oralcrotlk 
zur Charakterbildung. Die Charakterbildung auf der „genitalen" Entwick- 
lungsstufe. 

Dieses kleine Meisterwerk kann sowohl dem wertvollen Inhalte als der 
klaren Darstellung nach als Vorbild für die psychoanalytische Literatur 
gelten. (Jones in The Internat. Journ. of Psycho- Analysis) 

Mit diesen Forschungen wird die Psychoanalyse zur Charakteranalyse, die 
zu den schwierigsten, vielfach aber auch dankbarsten Leistungen des 
Psychoanalytikers gehört. (Archiv für Frauenkunde) 



XXVII 



SIGM. FREUD 

GESAMMELTE SCHRIFTEN 

11 Bände in Lexikonformat 

unter Mitwirkung des Verfassers herausgegeben 
von Anna Freud und A. J. Stoi fer 

In Ganzleinen M. 220.—, Halbleder M. 280.— 
Ganzleder (handgebunden in Saffian) M. 6 So. 

Hermann Hesse in der „Neuen Rundschau": 

Eine große, schöne Gesamtausgabe, ein würdiges und verdienstvolles 
Werk wird da unter Dach gebracht. Es sei diese Ausgabe des 
Gesamtwerkes herzlich begrüßt. 

Prof. Raymund Schmidt in den „ Annalen der Philosophie" : 

Druck und Ausstattung sind geradezu aufregend schön. 

Dr. Max Marcuse in der „Zeitschrift für Sexual- 
wissenschaft" : 

Nur mit tiefer Bewegung wird man sich klar, daß es hier galt, das 
Lebenswerk Fi euds, das fortan nicht nur der Geschichte der Medizin, 
sondern schlechthin der Wissenschaftsgeschichte angehört, abzuschließen 
und in der endgültigen Fassung der Nachwelt zu vermachen. 

Prof. Isserlin im „Zentralblatt für die gesamte Neurologie 
und Psychiatrie": 

Es ist ein ungewöhnlicher und außerordentlicher Eindruck, den man 
erhält ... Die Ausstattung der Bände ist vorzüglich. 



Verlangeii Sie ausführliche Prospekte von: 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
Wien, VII., Andreasgasse 3 



XXIX 



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SIGM. FREUD 

VORLESUNGEN 

ZUR EINFÜHRUNG IN DIE 

PSYCHOANALYSE 



Taschenausgabe auf dünnem Papier (]. Aufl. 8 bis 

if. Tausend, jot Seiten) in biegsamem 

Ganzleder einband M. y.fo 



INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

Wien, VII, Andreasgassc 3 



XXX 






ALMANACH 

1926 

Ganzleinen M. 3. — , Halbleder M. 7. — 

Numerierte Vorzug saus gäbe auf Japan-Dokumentenpapier, in 

Ganzleder M. 2f. — 

Fünfundzwanzig Beiträge, darunter: 
Sigm. Freud: 

Die okkulte Bedeutung des Traumes 

Thomas Mann: 

Mein Verhältnis zur Psychoanalyse 

Hermann Hesse: 

Künstler und Psychoanalyse 

H. R. Lenormand: 

Das Unbewußte im Drama 

Theodor Reik: 

Ps5'choanalytische Strafrechtstheorie 

Vera Schmidt: 

Das psychoanalytische Kinderheim in Moskau 

Siegfried Bernfeld: 

Bürger Machiavell ist Unterrichts minister geworden 

Stefan Zweig: 

Das Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens 

Paul Schilder: 

Selbstbeobachtung und Hypochondrie 

S. Ferenczi: 

Begattung und Befruchtung 

August Kielholz: 

Genese des Erfinde rwaluis 

Alfred Polgar: 

Der Seelensucher 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien, VII., Andreasgasse 5 



XXXI 



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ALMA. 
NACH 



Almanacn der 
FsycKoanalyse 



192; 



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