(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Almanach der Psychoanalyse 1928"

^ 



A.LMANACH 

1928 

INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER 

VERLAG / WIEN 



)'S 



Almanach 



für das Jahr 



1928 



Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag 

Wien 



f , 



f * tTiT 



Dieser dritte Alnianach des Internatio- 
nalen Psychoanalytisclien Verlages in 
Wien für das Jahr 1928, herausgegeben von 
A. J. Storfer, wurde in einer Auflage von 
8000 Exemplaren gedruckt in der Buch- 
diuckerei Christoph Reisser's Söhne, 

Wien V 



Alle Rechte, 
insbesondere die der Übersetzung, vorbehalten 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



•--*-" •*-*"-ifc «•«»-. 



IWtf fc l l K JJW W>agop^ift«\>tfii 



* 



INHALTSVERZEICHNIS 

Seite 

Kiileiidariiim _ 

*Sigm. Freud: Der Humor g 

*Sigm. Freud: Fetischismus i^ 

*Lou Andreas-Salom^: Was daraus folgt, daß es nicht die 

Frau gewesen ist, die den Vater totgeschlagen hat 25 

Fritz Witteis: Das Sakrament der Ehe 31 

Karen Horney: Die monogame Forderung 58 

Wilhelm Reich: Die Spaltimg der Geschlechtlichkeit und 

ihre Folgen für Ehe und Gesellschaft 55 

Theodor Reik: Das Schweigen ^^ 

Theodor Reik: Zweifel und Hohn in der Dogmenbildnng 85 

Prof. Bernhard Alexander: Spinoza und die Psychoanalyse 94 

Eckart von Sydow: Primitive Kunst und Sexnalitüt 104 

YrjÖ Kulovesi: Der Raumfaktor in der Traumdeutimg. ... 117 

Ernest Jones: Der Mantel als Symbol iio 

S. Ferenczi: Über obszöne Worte 122 

S. Ferenczi: Sonntagsneurosen i-g 

S. Ferenczi: Analyse von Gleichnissen j . , 

Felix Boehm: Bemerkungen zu Balzacs Liebesleben 154 

Franz Alexander: Ein Fall von masoch istischem Trans- 

vestitismus als Selbstheilimgsversuch igx, 

Siegfried Beriifeld: Der Irrtum des Pestalozzi 1-72 

Oskar Pfister: Der Schülerberater 182 

Anna Freud: Die Einleitung der Kinderanalysc 187 

Karl Landauer: Das Strafvollzugsgesetz iqq 

Die mit einem Sternchen (*) bezeichneten Beiträge werden hier zum erstenmal 
veröffentlicht; hei jedem der anderen Beiträge ist die Stelle der ersten Veröffent- 
lichung jeweils angegeben 

PSYCHOANALYTISCHES LESEBUCH 

NarziDmus und Dii;hter (W- Schlegt-l, Wilde, Thomas Mann) 24 

Aufgabe des Narzißmus in der Liebe (Hebbel, Strindberg) 24 

Novalis über Religion, Wollust und Grausamkeit 71 

Hebbel über Träume lO^ 



In Lenaus „Fausf* schildert Mcphistopheles das Nachlassen der Zen.ur 1 16 

_ Schopenhauer über das Unbewußte 

yC, Über Sublimierung (Goethe, Schopenhauer. Carpenter). 16^ 

Multatuli über Geschlechtstrieb und Hysterie \ 

Multatuli über sexuelle Aufklärung g 

K U N STB E I LA G E N 

Porträt von Theodor Reik . , ' "^ . ^ . a 

nach Seite ob 

Verkleinerte Illustrationsproben aus Sydow: „Primitive 

Kunst und Psychoanalyse" 

Porträt von S. Ferenczi ... ..? ., " - 

Fortrat von Siegfried Bernfeld ... ,^c 

« w 170 

■>■•■- 



*V; Ti*.! T": 



t IS .- 



KALENDARIUM FÜR DAS JAHR 



1928 



Mo 


JANUAR 


FEBRUAR 


MÄRZ 


APRIL 


Mo 


i 


l e 


)\t 


»23 


130 




6 


13 


20 


27 




5 


12 


19 


26 


2 9 


16 


23 


30 


Di 


s 


nc 


)\1 


2A 


131 




7 


14 


21 


28 




6 


13 


20 


27 


3 10 


17 


24 




Di 


Mi 


i 


ni 


\i 


125 




I 


8 


15 


22 


29 




7 


14 


21 


28 


4 11 


18 


25 




Mi 


Do 


t 


) u 


MS 


)2t 




2 


9 


16 


23 




1 


8 


15 


22 


29 


5 12 


19 


26 




Do 


Fr 


i 


) 13 


t2C 


)2-t 




3 


10 


17 


24 




2 


9 


16 


23 


30 


6 13 


20 


27 




Fi- 


Sa 


« 


1 H 


121 


2J 




4 


11 


18 


25 




3 


10 


17 


24 


31 


7 14 


21 


28 




Sa 


So 


1 i 


J 15 


i22 


•29 




5 


12 


19 


26 




4 


11 


18 


25 


I 


8 15 


22 


29 




So 


Mo 


MAI 


JUNI 


JULI 


AUGUST 


Mo 




7 


14 


21 


28 




4 


11 


18 


25 


£ 


> 9 


16 


23 


30 


6 


13 


20 


27 


Di 


1 


8 


15 


22 


29 




5 


12 


19 


26 


c 


no 


17 


24 


31 


7 


14 


21 


28 


Di 


Mi 


2 


9 


16 


23 


30 




6 


13 


20 


27 


^ 


Hl 


18 


25 




1 8 


15 


22 


29 


Mi 


Do 


3 


10 


17 


24 


31 




7 


14 


21 


28 


F 


)12 


19 


26 




2 9 


16 


23 


30 


Do 


Fr 


4 


11 


18 


25 




1 


8 


15 


22 


29 


t 


>13 


20 


27 




3 10 


17 


24 


31 


Fr 


Sa 


5 


12 


19 


26 




2 


9 


16 


23 


30 


'i 


' 14 


21 


28 




411 


18 


25 




Sa 


So 


6 


13 


20 


27 




3 


10 


17 


24 




1 i 


US 


22 


29 




5 12 


19 


26 




So 


Mo 


SEPTEMBER 


OKTOBER 


NOVEMBER E 


»EZEMBER 


Mo 




3 


10 


17 


24 


I 


8 


15 


22 


29 




5 


12 


19 


26 


3 10 


17 


24 


31 


Di 




4 


11 


18 


25 


2 


9 


16 


23 


30 




6 


13 


20 


27 


411 


18 


25 




Di 


Mi 




5 


12 


19 


26 


3 


10 


17 


24 


31 




7 


14 


21 


28 


5 12 


19 


26 




Mi 


Do 




6 


13 


20 


27 


4 


U 


18 


25 




I 


8 


15 


22 


29 


6 13 


20 


27 




Do 


Fr 




7 


14 


2! 


28 


5 


12 


19 


26 




2 


9 


16 


23 


30 


7 14 


21 


28 




Fr 


Sa 


1 


8 


15 


22 


29 


6 


13 


20 


27 




3 


10 


17 


24 


1 


8 15 


22 


29 




Sa 


So 


2 


9 


16 


23 


30 


7 


14 


21 


28 




4 


11 


18 


25 


2 


9 16 


23 


30 




So 



Ostersonntag 8. April 
Pfingstsonntag 27. Mai 



tu. iri 






Der Humor 

Von 

Sigm. Freud 

In meiner Schrift über den „Witz und seine Beziehung 
zum Unbewußten" (1905) habe ich den Humor eigentlich 
nur vom ökonomischen Gesichtspunkt behandelt. Es lag 
mir daran, die Quelle der Lust am Humor zu finden, und 
ich meine, ich habe gezeigt, daß der humoristische Lust- 
gewinn aus erspartem Gefühlsaufwand hervorgeht. 

Der humoristische Vorgang kann sich in zweierlei Weisen 
vollziehen, entweder an einer einzigen Person, die selbst 
die Immoristische Einstellung einnimmt, während der 
zweiten Person die Kolle des Zuschauers und Nutznießers 
zufällt, oder zwischen zwei Personen, von denen die 
eine am humoristischen Vorgang gar keinen Anteil hat, 
die zweite aber diese Person zum Objekt ihrer humoristi- 
schen Betrachtung macht. Wenn, um beim gröbsten Bei- 
spiel zu verweilen, der Delinquent, der am Montag zum 
Galgen geführt wird, die Äußerung tut: „Na, die Woche 
fängt gut an , so entwickelt er selbst den Humor, der 
humoristische Vorgang vollendet sich an seiner Person und 
trägt ihm offenbar eine gewisse Genugtuung ein. Mich, 
den unbeteiligten Zuhörer, trifft gewissermaßen eine Fem- 
wirkung der humoristischen Leistung des Verbrechers; ich 
verspüre, vielleicht ähnlich wie er, den humoristischen 
Lustgewinn. 

Der zweite Fall liegt vor, wenn z. B. ein Dichter oder 
Schilderer das Gehaben von realen oder erfundenen Per- 
sonen in humoristischer Weise beschreibt. Diese Personen 



brauchen selbst keinen Humor zu zeigen, die humoristi- 
sche Emstellung ist allein Sache dessen, der sie zum Objekt 
nimmt und der Leser oder Zuhörer wird wiederum wie 
im vorigen Falle des Genusses am Humor teilhaftig. Zu- 
sammenfassend kann man also sagen, man kann die humo- 
ristische Einstellung — worin immer diese bestehen mag — 
gegen die eigene oder gegen fremde Personen wenden- 
es ist anzunehmen, daß sie dem, der es tut, einen Lust- 
gewinn bringt; ein ahnlicher Lustgewinn fällt dem — un- 
beteiligten — Zuhörer zu. 

Die Genese des humoristischen Lustgewinns erfassen 
wir am besten, wenn wir uns dem Vorgang beim Zuhörer 
zuwenden, vor dem ein anderer Humor entwickelt. Er sieht 
diesen anderen in einer Situation, die es erwarten läi3t 
daß er die Anzeichen eines Affekts produzieren wird; er 
wird sich ärgern, klagen, Schmerz äußern, sich schrecken, 
grausen, vielleicht selbst verzweifeln, und der Zuschauer- 
Zuhörer ist bereit, ihm darin zu folgen, die gleichen Ge- 
fühlsregungen bei sich entstehen zu lassen. Aber diese Ge- 
fühlsbereitschaft wird enttäuscht, der andere äußert keinen 
Affekt, sondern macht einen Scherz; aus dem ersparten 
Gefühlsaufwand wird nun beim Zuhörer die humoristische 

IjUST, ff !•'■> rt 1- I ' . . r» . . L 

So weit kommt man leicht, aber man sagt sich auch 
bald, daß es der Vorgang beim anderen, beim „Humoristen" 
ist, der die größere Aufmerksamkeit verdient. Kein Zweifel 
das Wesen des Humors besteht darin, daß man sich die 
Affekte erspart, zu denen die Situation Anlaß gäbe und 
sich mit einem Scherz über die Möglichkeit solcher Ge- 
fühlsäußerungen hinaussetzt. Insoferne muß der Vorgang 
beim Humoristen mit dem beim Zuhörer übereinstimmen, 



lO 



■T .■",■ 



richtiger gesagt, der Vorgang beim Zuhörer muß den beim 
Humoristen kopiert haben. Aber wie bringt der Humorist 
jene psychische Einstellung zustande, die ihm die Affekt- 
entbindung überflüssig macht, was geht bei „der humoristi- 
schen Einstellung" dynamisch in ihm vor? Offenbar ist 
die Lösung des Problems beim Humoristen zu such en , 
beim Zuhörer ist nur ein Nachklang, eine Kopie dieses 
unbekannten Prozesses anzunehmen. 

Es ist Zeit, daß wir uns mit einigen Charakteren des 
Humors vertraut machen. Der Humor hat nicht nur etwas 
Befreiendes, wie der Witz und die Komik, sondern auch 
etwas Großartiges und Erhebendes, welche Züge an den 
beiden anderen Arten des Lustgewinns aus intellektueller 
Tätigkeit nicht gefunden werden. Das Großartige Hegt offen- 
bar im Triumph des Narzißmus, in der siegreich behaup- 
teten Unverletzlichkeit des Ichs. Das Ich verweigert es, 
sich durch die Veranlassungen aus der Realität kränken, 
zum Leiden nötigen zu lassen, es beharrt dabei, daß ihm 
die Traumen der Außenwelt nicht nahe gehen können, 
ja es zeigt, daß sie ihm nur Anlässe zu Lustgewinn sind. 
Dieser letzte Zug ist für den Humor durchaus wesentlich. 
Nehmen wir au, der am Montag zur Hinrichtung geführte 
Verbrecher hätte gesagt: Ich mach' mir nichts daraus, was 
liegt denn daran, wenn ein Kerl wie ich aufgehängt wird, die 
Welt wird darum nicht zugrunde gehen, — so müßten wir 
urteilen, diese Rede enthält zwar diese großartige Überlegen- 
heit über die reale Situation, sie ist weise und berechtigt, 
aber sie verrät auch nicht die Spur von Humor, ja sie ruht 
auf einer Einschätzung der Realität, die der des Humors 
direkt zuwiderläuft. Der Humor ist nicht resigniert, er ist 
trotzig, er bedeutet nicht nur den Triumph des Ichs, sondern 



V 11 

1 1 1 



auch den des Lustprinzips, das sich hier gegen die Ungunst 
der realen Verhältnisse zu behaupten vermag 
• Durch diese beiden letzten Züge, die Abweisung des 
Anspruchs der Realität und die Durchsetzung des Lust- 
pnnzips nähert sich der Humor den regressiven oder reaktio- 
nären Prozessen, die uns in der Psychopathologie so aus- 
giebig beschäftigen. Mit seiner Abwehr der Leidensmüglich- 
keit nimmt er einen Platz ein in der großen Reihe jener 
Methoden, die das menschliche Seelenleben ausgebildet hat 
um sich dem Zwang des Leidens zu entziehen, einer Reihe' 
die mit der Neurose und dem Wahnsinn anhebt, und in 
die der Rausch, die Selbstversenkung, die Ekstase einbezogen 
sind. Der Humor dankt diesem Zusammenhange eine Würde 
die z. B. dem Witze völlig abgeht, denn dieser dient ent- 
weder nur dem Lustgewinn oder er stellt den Lustgewinn 
in den Dienst der Aggression. Worin besteht nun die humo- 
ristische Einstellung, durch die man sich dem Leiden ver- 
weigert, die Unüberwindlichkeit des Ichs durch die reale 
Welt betont, das Lustprinzip siegreich behauptet, all dies 
aber, ohne wie andere Verfahren gleicher Absicht den Boden 
seelischer Gesundheit aufzugeben? Die beiden Leistungen 
Schemen doch unvereinbar miteinander. 

Wenn wir uns an die Situation wenden, daß sich jemand 
gegen andere humoristisch einstellt, so liegt die Auffassung 
nahe die ich auch bereits im Buch über den Witz zaghaft 
angedeutet habe, er benehme sich gegen sie wie der Er- 
wachsene gegen das Kind, indem er die Interessen und 
Leiden, die diesem groß erscheinen, in ihrer Nichtigkeit 
erkenne und belächle. Der Humorist gewinne also seine 
Überlegenheit daher, daß er sich in die Rolle des Erwach- 
senen, gewissermaßen in die Vateridentifizierung begebe 



13 



und die anderen zu Kindern herabdrücke. Diese Annahme 
deckt wohl den Sachverhalt, aber sie erscheint kaum zwin- 
gend. Man fragt sich, wie kommt der Humorist dazu, sich 
diese Rolle anzumaßen. 

Aber man erinnert sich an die andere, w^ahrscheinlich 
ursprünglichere und bedeutsamere Situation des Humors, 
daß jemand die humoristische Einstellung gegen seine 
eigene Person richtet, um sich solcherart seiner Leidens- 
möglichkeiten zu erwehren. Hat es einen Sinn zu sagen, 
jemand behandle sich selbst wie ein Kind und spiele gleich- 
zeitig gegen dies Kind die Rolle des überlegenen Erwach- 
senen ? 

Ich meine, wir geben dieser wenig plausiblen Vorstellung 
einen starken Rückhalt, wenn wir in Betracht ziehen, was 
wir aus pathologischen Erfahrungen über die Struktur unseres 
Ichs gelernt haben. Dieses Ich ist nichts einfaches, sondern 
beherbergt als seinen Kern eine besondere Instanz, das Über- 
ich, mit dem es manchmal zusammenfließt, so daß wir 
die beiden nicht zu unterscheiden vermögen, während es 
sich in anderen Verhältnissen scharf von ihm sondert. Das 
Über-Ich ist genetisch Erbe der Elterninstanz, es hält das 
Ich oft in strenger Abhängigkeit, behandelt es wirklich 
noch wie einst in frühen Jahren die Eltern — oder der 
Vater — das Kind behandelt haben. Wir erhalten also 
eine dynamische Aufklärung der humoristischen Einstellung, 
wenn wir annehmen, sie bestehe darin, daß die Person des 
Humoristen den psychischen Akzent von ihrem Ich ab- 
gezogen und auf ihr Uber-Ich verlegt habe. Diesem so 
geschwellten Über-Ich kann nun das Ich winzig klein er- 
scheinen, alle seine Interessen geringfügig, und es mag 
dem Über-Ich bei dieser neuen Energieverteilung leicht 



f3 



werden, die Reaktionsmöglichkeiten des Ichs zu unter- 
drücken. 

Unserer gewohnten Ausdrucfcsweise treu, werden wir 
anstatt Verlegung des psychischen Akzents zu sagen haben: 
Verschiebung großer Besetzungsmengen. Es fragt sich dann, 
ob wir uns solche ausgiebige Verschiebungen von einer 
Instanz des seelischen Apparats auf eine andere vorstellen 
dürfen. Es sieht wie eine neue ad hoc gemachte Annahme 
aus, doch dürfen wir uns erinnern, daß wir wiederholt, 
wenn auch nicht oft genug, bei unseren Versuchen einer 
metapsychologischen Vorstellung des seelischen Geschehens 
mit einem solchen Faktor gerechnet haben. So nahmen 
wir zum Beispiel an, der Unterschied zwischen einer ge- 
wöhnlichen erotischen Objektbesetzung und dem Zustand 
einer Verliebtheit bestehe darin, daß in letzterem Falle 
ungleich mehr Besetzung auf das Objekt übergeht, das 
Ich sich gleichsam nach dem Objekt entleert. Beim Studium 
einiger Fälle von Paranoia konnte ich feststellen, daß die 
Verfolgungsideen frühzeitig gebildet werden und lange Zeit 
bestehen, ohne eine merkliche Wirkung zu äußern, bis sie 
dann auf einen bestimmten Anlaß hin die Besetzungsgrößen 
erhalten, die sie dominant werden lassen. Auch die Heilung 
solcher paranoischer Anfälle dürfte weniger in einer Auf- 
lösung und Korrektur der Wahnideen als in der Entziehung 
der ihnen verliehenen Besetzung bestehen. Die Abwechslung 
von Melancholie und Manie, von grausamer Unterdrückung 
des Ichs durch das Über-Ich und von Befreiung des Ichs 
nach solchem Druck hat uns den Eindruck eines solchen 
ßesetzungswandels gemacht, den man übrigens auch zur 
Erklärung einer ganzen Reihe von Erscheinungen des nor- 
malen Seelenlebens heranziehen müßte. Wenn dies bisher 



*4 



in so geringem Ausmaß geschehen ist, so liegt der Grund 
dafür in der von uns geübten, eher lobenswerten Zurück- 
haltung. Das Gebiet, auf dem wir uns sicher fühlen, ist 
das der Pathologie des Seelenlebens ; hier machen wir unsere 
Beobachtungen, erwerben wir unsere Überzeugungen. Eines 
Urteils über das Normale getrauen wir uns vorläufig nur 
insoweit, als wir in den Isolierungen und Verzerrungen 
des Krankhaften das Normale erraten. Wenn diese Scheu 
einmal überwunden ist, werden wir erkennen, eine wie 
große Rolle für das Verständnis der seelischen Vorgänge 
den statischen Verhältnissen wie dem dynamischen Wechsel 
in der Quantität der Energiebesetzung zukommt. 

Ich meine also, die hier vorgeschlagene Möglichkeit, 
daß die Person in einer bestimmten Lage plötzlich ihr Über- 
ich überbesetzt und nun von diesem aus die Reaktionen 
des Ichs abändert, verdient es festgehalten zu werden. Was 
ich für den Humor vermute, findet auch'eine bemerkenswerte 
Analogie auf dem verwandten Gebiet des Witzes. Als die 
Entstehung des Witzes mußte ich annehmen, daß ein vor- 
bewußter Gedanke für einen Moment der unbewußten Be- 
arbeitung überlassen wird, der Witz sei also der Beitrag 
zur Komik, den das Unbewußte leiste. Ganz ähnlich wäre 
der Humor der Beitrag zur Komik durch die Ver- 
mittlung des Über-Ichs. 

Wir kennen das Über-Ich sonst als einen gestrengen 
Herrn. Man wird sagen, es stimmt schlecht zu diesem 
Charakter, daß es sich herbeiläßt, dem Ich einen kleinen 
Lustgewinn zu ermöglichen. Es ist richtig, daß die humo- 
ristische Lust nie die Intensität der Lust am Komischen 
oder am Witz erreicht, sich niemals im herzhaften Lachen 
ausgibt; es ist auch wahr, daß das Über-Ich, wenn es die 



15 



humoristische EinstelUing herbeifuhrt, eigentlich die Realität 
abweist und einer Illusion dient. Aber dieser wenig inten- 
siven Lust schreiben wir — olnie recht zu wissen warum — 
einen hochwertigen Charakter zu, wir empfinden sie als 
besonders befreiend und erhebend. Der Scherz, den der 
Humor macht, ist ja auch nicht das Wesentliche, er hat 
nur den Wert einer Probe; die Hauptsache ist die Ab 
sieht, welche der Humor ausführt, ob er sich nun an der 
eigenen oder an fremden Personen betätigt. Er will sagen: 
Sieh' her, das ist nun die Welt, die so gefährlich aussieht. 
Ein Kinderspiel, gerade gut, einen Scherz darüber zu machen! 
Wenn es wirklich das Über-Ich ist, das im Humor so 
liebevoll tröstlich zum eingeschüchterten Ich spricht, so 
wollen wir daran gemahnt sein, daß wir über das Wesen 
des Über-Ichs noch allerlei zu lernen haben. Übrigens sind 
nicht alle Menschen der humoristischen Einstellung fähig, 
es ist eine köstliche und seltene Begabung und vielen fehlt 
selbst die Fähigkeit, die ihnen vermittelte humoristische 
Lust zu genießen. Und endlich, wenn das Über-lch durch 
den Humor das Ich zu trösten und vor Leiden zu bewahren 
strebt, hat es damit seiner Abkunft von der Elterninstanz 
nicht widersprochen. 



'.'1 f r 



i .,;h H, 



1 
I 



%6 



r 



Fetischismus '■' ■ ^ ■ • = 

Von 

Sigm. Freud 

In den letzten Jahren hatte ich Gelegenheit, eine An- 
zahl von Männern, deren Objektwahl von einem Fetisch 
beherrscht war, analytisch zu studieren. Man braucht nicht 
zu erwarten, daß diese Personen des Fetisch wegen die Analyse 
aufgesucht hatten, denn der Fetisch wird wohl von seinen An- 
hängern als eine Abnormität erkannt, aber nur selten als ein 
Leidenssymptom empfunden; meist sind sie mit ihm recht 
zufrieden oder loben sogar die Erleichterungen, die er ihrem 
Liebesleben bietet. Der Fetisch spielte also in der Regel 
die Rolle eines Nebenbefundes. 

Die Einzelheiten dieser Fälle entziehen sich aus nahe- 
liegenden Gründen der Veröffentlichung. Ich kann darum 
auch nicht zeigen, in welcher Weise zufällige Qmstände 
zur Auswahl des Fetisch beigetragen haben. Am merk- 
würdigsten erschien ein Fall, in dem ein junger Mann 
einen gewissen „Glanz auf der Nase" zur fetischistischen 
Bedingung erhoben hatte. Das fand seine überraschende 
Aufklärung durch die Tatsache, daß der Patient eine eng- 
lische Kinderstube gehabt hatte, dann aber nach Deutsch- 
land gekommen war, wo er seine Muttersprache fast voll- 
kommen vergaß. Der aus den ersten Kinderzeiten stammende 
Fetisch war nicht deutsch, sondern englisch zu lesen der 
„Glanz auf der Nase" war eigentlich ein „Blick auf die 
Nase" (g-Za«ce = Blick), die Nase war also der Fetisch, dem 
er übrigens nach seinem Belieben jenes besondere Glanz- 
licht verlieh, das andere nicht wahrnehmen konnten. 

Die Auskunft, welche die Analyse über Sinn und Ab- 
sicht des Fetisch gab, war in allen Fällen die nämliche. 
Sie ergab sich so ungezwungen und erschien mir so zwingend, 



17 






dali ich bereit bin, dieselbe Lösung allgemein für alle Fälle 
von Fetischismus zu erwarten. Wenn ich nun mitteile, der 
Fetisch ist ein Penisersatz, so werde ich gewiß Enttäuschung 
hervorrufen. Ich beeile mich darum hinzuzufügen, nicht 
der Ersatz eines beliebigen, sondern eines bestimmten, ganz 
besonderen Penis, der in frühen Kinderjahren eine große 
Bedeutung hat, aber später verloren geht. Das heißt: er 
sollte normalerweise aufgegeben werden, aber gerade der 
Fetisch ist dazu bestimmt, ihn vor dem Untergang zu be- 
hüten. Um es klarer zu sagen, der Fetisch ist der Ersatz 
für den Phallus des Weibes (der Mutter), an den das Knäblein 
geglaubt hat und auf den es — wir wissen warum — nicht 
verzichten will.^ _ _ 

Der Hergang war al^Ö'derTäaß der Knabe sich geweigert 
hat, die Tatsache seiner Wahrnehmung, daß das Weib keinen 
Penis besitzt, zur Kenntnis zu nehmen. Nein, das kann nicht 
wahr sein, denn wenn das Weib kastriert ist, ist sein eigener 
Penisbesitz bedroht, und dagegen sträubt sich ein Stück 
Narzißmus, mit dem die Natur vorsorglich gerade dieses 
Organ ausgestattet hat. Eine ähnliche Panik wird vielleicht 
der Erwachsene später erleben, wenn der Schrei ausgegeben j| 
wird, Thron und Altar sind in Gefahr, und sie wird zu 
ähnlich unlogischen Konsequenzen führen. Wenn ich nicht 
irre, würde Laforgue in diesem Falle sagen, der Knabe 
, skotomisiert" die Wahrnehmung des Penismangels beim 
Weibe.* Ein neuer Terminus ist dann "berechtigt, wenn 
er einen neuen Tatbestand beschreibt oder heraushebt. Das ^ 



i) Diese Deutung ist bereits igio in meiner Schi-ift„EineKindheitserinnernnß 
es Leonardo da Vinci" ohne Begründung mitgeteilt worden. 

2) Ich berichtige mich aber selbst, indem ich hinzufüge, dali ich die ^^**^^" 
Gründe habe anzunehmen, Laforgue würde dies überhaupt nicht sagen. Nac i 
seinen eigenen Ausführungen ist „Skotomisation" ein Terminus, der aus 
Deskription der Dementia praecox stammt, nicht durch die U^^'^/f""^ P^Lfic 
analytischer Auffassung auf die Psychosen entstanden ist und ^"J/^^ ^^^^i^^g 
der Entwicklung und Neurosenbildung keine Anwendung hat. Die uarsLcj 
im Text bemüht sich, diese Unverträglichkeit deutlich zu machen. 

18 



Hegt hier nicht vor; das cälteste Stück unserer psycho- 
analytischen Terminologie, das Wort „Verdrängung" bezieht 
sich bereits auf diesen pathologischen Vorgang. Will man 
in ihm das Schicksal der Vorstellung von dem des Affekts 
schärfer trennen, den Ausdruck „Verdrängung" für den 
Affekt reservieren, so wäre für das Schicksal der Vor- 
stellung „Verleugnung" die richtige deutsche Bezeichnung. 
„Skotomisation" scheint mir besonders ungeeignet, denn 
es weckt die Idee, als wäre die Wahrnehmung glatt weg- 
gewischt worden, so daß das Ergebnis dasselbe wäre, wie 
wenn ein Gesichtseindruck auf den blinden Fleck der 
Netzhaut fiele. Aber unsere Situation zeigt im Gegenteil, 
daß die Wahrnehmung geblieben ist und daß eine sehr 
energische Aktion unternommen wurde, ihre Verleugnung 
aufrecht zu halten. Es ist nicht richtig, daß das Kind sich 
nach seiner Beobachtung am Weibe den Glauben an den 
Phallus des Weibes unverändert gerettet hat. Es hat ihn 
bewahrt, aber auch aufgegeben; im Konflikt zwischen dem 
Gewicht der unerwünschten Wahrnehmung und der Stärke 
des Gegenwunsches ist es zu einem Kompromiß gekommen, 
wie es nur unter der Herrschaft der unbewußten Denk- 
gesetze — der Primärvorgänge — möglich ist. Ja, das Weib 
hat im Psychischen dennoch einen Penis, aber dieser Penis 
ist nicht mehr dasselbe, das er früher war. Etwas anderes 
ist an seine Stelle getreten, ist sozusagen zu seinem Ersatz 
ernannt worden und ist nun der Erbe des Interesses, das 
sich dem früheren zugewendet hatte. Dies Interesse erfährt 
aber noch eine außerordentliche Steigerung, weil der Ab- 
scheu vor der Kastration sich in der Schaffung dieses Er- 
satzes ein Denkmal gesetzt hat. Als Stigma indelihile der 
stattgehabten Verdrängung bleibt auch die Entfremdung 
gegen das wirkliche weibliche Genitale, die man bei keinem 
Fetischisten vermißt. Man überblickt jetzt, was der Fetisch 
leistet und wodurch er gehalten wird. Er bleibt das Zeichen 



19 



des Triumphes über die Kastrationsdrohung und der Schutz 
gegen sie, er erspart es dem Fetischisten auch, ein Homo- 
sexueller zu werden, indem er dem Weib jenen Charakter 
verleiht, durch den es als Sexualobjekt erträglich wird. Im 
späteren Leben glaubt der Fetischist noch einen anderen 
Vorteil seines Genital ersatzes zu genießen. Der Fetisch wird 
von anderen nicht in seiner Bedeutung erkannt, darum 
auch nicht verweigert, er ist leicht zugänglich, die an 
ihn gebundene sexuelle Befriedigung ist bequem zu haben. 
Um was andere Männer werben und sich mühen müssen, 
das macht dem Fetischisten keine Beschwerde. 

Der Kastrationsschreck beim Anblick des weiblichen 
Genitales bleibt wahrscheinlich keinem männlichen Wesen 
erspart. Warum die einen infolge dieses Eindruckes homo- 
sexuell werden, die anderen ihn durch die Schöpfung eines 
Fetisch abwehren und die übergroße Mehrzahl ihn über- 
windet, das wissen wir freilich nicht zu erklären. Möglich, 
daß wir unter der Anzahl der zusammenwirkenden Be- 
dingungen diejenigen noch nicht kennen, welche für die 
seltenen pathologischen Ausgänge maßgebend sind; im 
übrigen müssen wir zufrieden sein, wenn wir erklären 
können, was geschehen ist, und dürfen die Aufgabe, zu 
erklären, warum etwas nicht geschehen ist, vorläufig von 
uns weisen. 1 

Es liegt nahe zu erwarten, daß zum Ersatz des ver- 
mißten weiblichen Phallus solche Organe oder Objekte 
gewählt werden, die auch sonst als Symbole den Penis 
vertreten. Das mag gelegentlich stattfinden, ist aber gewiß 
nicht entscheidend. Bei der Einsetzung des Fetisch scheint 
vielmehr ein Vorgang eingehalten zu werden, der an das 
Haltmachen der Erinnerung bei traumatischer Amnesie 
gemahnt. Auch hier bleibt das Interesse wie unterwegs 
stehen, wird etwa der letzte Eindruck vor dem unheim- 
lichen, traumatischen, als Fetisch festgehalten. So verdankt 



i 



I 



20 



der Fuß oder Schuh seine Bevorzugung als Fetisch — oder 
ein Stück derselben — dem Umstand, daß die Neugierde 
des Knaben von unten, von den Beinen her nach dem/ 
weiblichen Genitale gespäht hat; Pelz und Samt fixieren -^ 
vvie längst vermutet wurde — den Anblick der Genital- 
behaarung, auf den der ersehnte des vireiblichen Gliedes 
hätte folgen sollen; die so häufig zum Fetisch erkorenen 
Wäschestücke halten den Moment der Entkleidung fest, 
den letzten, in dem man das Weib noch für phallisch 
halten durfte. Ich will aber nicht behaupten, daß man 
die Determinierung des Fetisch jedesmal mit Sicherheit 
durchschaut. Die Untersuchung des Fetischismus ist all 
denen dringend zu empfehlen, die noch an der Existenz 
des Kastrationskomplexes zweifeln oder die meinen können, 
der Schreck vor dem weiblichen Genitale habe einen 
anderen Grund, leite sich z. B. von der supponierten Er- 
innerung an das Trauma der Geburt ab. Für mich hatte 
die Aufklärung des Fetisch noch ein anderes theoretisches 
Interesse. 

Ich habe kürzlich auf rein spekulativem Wege den Satz 
gefunden, der wesentliche Unterschied zwischen Neurose 
und Psychose liege darin, daß bei ersterer das Ich im 
Dienste der Realität ein Stück des Es unterdrücke, wäh- 
rend es sich bei der Psychose vom Es fortreißen lasse sich 
von einem Stück der Realität zu lösen, bin auch später 
noch emmal auf dasselbe Thema zurückgekommen.^ Aber 
bald darauf bekam ich Anlaß zu bedauern, daß ich mich 
so weit vorgewagt hatte. Aus der Analyse zweier junger 
Männer erfuhr ich, daß sie beide den Tod des geliebten 
Vaters im zweiten und im zehnten Jahr nicht zur Kenntnis 
genommen, „skotomisiert" hatten — und doch hatte keiner 

1) „Neurose und Psychose'" und der „Realitätsverlust bei Neurose und 
Psychose', beides in der „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" X (losil 
[In Ges. Schriften, Bd. V, bezw. VI.] - ^ ^^-W- 

Sl. 



von beiden eine Psychose entwickelt. Da war also ein 
gewiß bedeutsames Stück der Realität vom Ich verleugnet 
worden, ähnlich wie beim Fetischisten die unliebsame 
Tatsache der Kastration des Weibes. Ich begann auch zu 
ahnen, daß analoge Vorkommnisse im Kinderleben keines- 
wegs selten sind, und konnte mich des Irrtums in der 
Charakteristik von Neurose und Psychose für überführt 
halten. Es blieb zwar eine Auskunft offen; meine Formel 
brauchte sich erst bei einem höheren Grad von Differen- 
zierung im psychischen Apparat zu bewähren; dem Kind 
konnte gestattet sein, was sich beim Erwachsenen durch 
schwere Schädigung strafen mußte. Aber weitere Unter- 
suchungen führten zu einer anderen Lösung des Wider- 
spruchs. 

Es stellte sich nämlich heraus, daß die beiden jungen 
Männer den Tod des Vaters ebensowenig „skotomisiert" 
hatten wie die Fetischisten die Kastration des Weibes. Es 
war nur eine Strömung in ihrem Seelenleben, welche den 
Tod des Vaters nicht anerkannt hatte; es gab auch eine 
andere, die dieser Tatsache vollkommen Rechnung trug; 
die wunschgerechte wie die realitätsgerechte Einstellung 
bestanden nebeneinander. Bei dem einen meiner beiden 
Fälle war diese Spaltung die Grundlage einer mittelschweren 
Zwangsneurose geworden ; in allen Lebenslagen schwankte 
er zwischen zwei Voraussetzungen, der einen, daß der 
Vater noch am Leben sei und seine Tätigkeit behindere, 
und der entgegengesetzten, daß er das Recht habe, sich 
als den Nachfolger des verstorbenen Vaters zu betrachten. 
Ich kann also die Erwartung festhalten, daß im Fall der 
Psychose die eine, die realitätsgerechte Strömung, wirklich 
vermißt werden würde. ^. 

Wenn ich zur Beschreibung des Fetischismus zurück- 
kehre, habe ich anzuführen, daß es noch zahlreiche und 
gewichtige Beweise für die zwiespältige Einstellung des 

2 2 



I 



Fetischisten zur Frage der Kastration des Weibes gibt. In 
ganz raffinierten Fällen ist es der Fetisch selbst, in dessen 
Aufbau sowohl die Verleugnung wie die Behauptung der 
Kastration Eingang gefunden hat. So war es bei einem 
Manne, dessen Fetisch in einem Schamgürtel bestand, wie 
er auch cds Schwimmhose getragen werden kann. Dieses 
Gewandstück verdeckte überhaupt die Genitalien und den 
Unterschied der Genitalien. Nach dem Ausweis der Ana- 
lyse bedeutete es sowohl, daß, das Weib kastriert sei, als 
auch, daß es nicht kastriert sei, und ließ überdies die 
Annahme der Kastration des Mannes zu, denn alle diese 
Möglichkeiten konnten sich hinter dem Gürtel, dessen 
erster Ansatz in der Kindheit das Feigenblatt einer Statue 
gewesen war, gleich gut verbergen. Ein solcher Fetisch, 
aus Gegensätzen doppelt geknüpft, hält natürlich be- 
sonders gut. In anderen zeigt sich die Zwiespältigkeit 
an dem, was der Fetischist ~ in der Wirklichkeit 
oder in der Phantasie — an seinem Fetisch vornimmt. 
Es ist nicht erschöpfend, wenn man hervorhebt, daß er 
den Fetisch verehrt, in vielen Fällen behandelt er ihn in 
einer Weise, die offenbar einer Darstellung der Kastration 
gleichkommt. Dies geschieht besonders dann, wenn sich 
eine starke Vateridentifizierung entwickelt hat, in der Rolle 
des Vaters, denn diesem hatte das Kind die Kastration des 
Weibes zugeschrieben. Die Zärüichkeit und die Feindselig- 
keit in der Behandlung des Fetisch, die der Verleugnung 
und der Anerkennung der Kastration gleichlaufen, ver- 
mengen sich bei verschiedenen Fällen in ungleichem Maße, 
so daß das eine oder das andere deutlicher kenntlich wird. 
Von hier aus glaubt man, wenn auch aus der Ferne, das 
Benehmen des Zopfabschneiders zu verstehen, bei dem 
sich das Bedürfnis, die geleugnete Kastration auszuführen, 
vorgedrängt hat. Seine Handlung vereinigt in sich die 
beiden miteinander unverträglichen Behauptungen: das 

25 



Weib hat seinen Penis behalten und der Vater hat das 
Weib kastriert. Eine andere Variante, aber auch eine 
völkerpsychologische Parallele zum Fetischismus möchte 
man in der Sitte der Chinesen erblicken, den weiblichen 
Fui3 zuerst zu verstümmeln und den verstümmelten dann 
wie einen Fetisch zu verehren. Man könnte meinen, der 
chinesische Mann will es dem Weibe danken, daß es' sich 
der Kastration unterworfen hat. 

Schließlich darf man es aussprechen, das Normalvor- 
bild des Fetisch ist der Penis des Mannes, wie das des 
minderwertigen Organs der reale kleine Penis des Weibes, 
die Klitoris. 



lü«7 



PSYCHOANALYTISCHES LESEBUCH 

Narzißmus und Dichter 

Wilhelm Schlegel: „Dichter sind doch imtner Narzisse.'^ 
Oscar Wilde: „Selbstliebe ist der Anfang zu einem lebenslänglichen 

Thomas Mann: „Liehe zu sich selbst ist immer der Anfang eines 
romanhaften Lebens . . . denn nur wo das Ich eine Aufgabe wt, hat es 
einen Sinn zu sckreibenJ^ 



Aufgabe des Narzißmus in der Liebe 

Hebbel; ^Lieben heißty in dem Anderen sich seihst erobern." 

Strindberg: „Wir beginnen ein Weih zu lieben, indem wir hei ihr 
Stück für Stück unserer Seele niederlegen. Wir verdoppeln unsere Persön- 
lichkeit und die Geliebte, die bisher gleichgültig, neutral war, beginnt sich 
in unser anderes Ich zu kldden und sie sind unser Doppelgänger." 



it« ^ 1 • v 



2.J. 



i 



■j 
1 



Was daraus folgt, daß es nicht die Frau 
gewesen ist, die den Vater totgeschlagen hat 

Von 

Lüu Andreas-Salome 

Unser Titel bezieht sich auf Freuds Voraussetzung, wonach 
das menschliche Urverbrechen im Totschlag am Vater be- 
standen habe : und zwar nicht nur irgendwann in grauer 
Urhordenvorzeit, sondern jederzeit noch fortgesetzt durch 
infantile Gedankenwiederholung im Sohn, dessen Mutter- 
bindung sich am Vater stößt. 

Ist es so, dann kann es nicht ohne Folge gebheben sein, 
daß von der Urschuld der Söhne die Töchter freiblieben. 
Denn mochte ihnen die umgekehrte Saclüage, die Mutter- 
konkurrenz, zu noch so ähnlichen Antrieben Gelegenheit 
geben, so ergibt sich daraus doch nicht dasselbe, weil die 
Mutter nicht dieselbe Bedeutsamkeit hat: für beide Ge- 
schlechter der Schoß, dem sie entstiegen, doch darum noch 
nicht das Gesetz, das ihr weiteres Leben regelt. Schon die 
Urhorde erschlägt im Stammesvater den Herrn ihrer Welt, 
den regelnden Maßstab, das zukunftbestimmende VorbÜd für 
die Stammeseinzelnen, — weshalb denn auch Er es ist, der 
posthum wieder aufgerichtet wird, in reuevoUem Rückschlag 
zu um so unbedingterem Gehorsam. 

Was hat es nun auf sich, mit solcher Reue und Unter- 
werfung, wodurch der Vater zum Richter, zum Gnadenherrn, 
zum mehr und mehr Vergöttlichten sich erhebt, und der 
Gehorsam mehr und mehr zur Anbetung? Wir kennen den 
Vorgang des Vergöttlichens unmittelbar allein vom Erotischen 
her; das Erotische ist em Rausch der Überschätzung. Bekannt- 
lich beschrieb Freud schon früh gerade den männhchen 
Liebestypus, also gerade den der Aggression, als einen der 
„Anlehnung", der sich an Überschätzung des Liebesobjekts 
kaum genug tun kann, und erst mittels der Gegenliebe seines 
Selbstwertes wieder gewiß wird. Ursprünglich befähigt uns 



H 



^ 



nichts zu dergleichen: zunächst ruhen wh*, gewissermaßen 
wie vormals im Mutterschoß, fast unabgehoben von unserer 
Umgebung, — sie einbegreifend in uns, und hinwiederum 
ihr einverleibt. Freud hat diesen Gefühlshintergrund Narziß- 
mus genannt, den erst wachsende Bewußtheit und dadurch 
bedingte Selbst- und Weltunterscheidung dazu bringt, nach 
außen Anschlüsse zu gewinnen : sich zu zerteilen in bewußte 
Eigenliebe und in Liebesüberbrückungen zu den Einzelobjekten 
draußen. Das gelingt am frühesten am leiblichen Erleben; 
besitzen wir an unserer Leiblichkeit doch dasjenige Stück 
Außenwelt zu eigen, das wir einerseits nur so indirekt kennen 
lernen können, wie sonstige Fremdstücke der Welt, und das 
anderseits unverbrüchlich uns selbst, unser Selbst, bedeutet; 
infolgedessen vereint das Leibliche dauernd in sich sowohl 
den unheimUchen Grenzstrich für unsern Narzißmus, als 
auch den Bindestrich, der uns lebenslang an einen letzten 
Punkt narzißtisch berechtigt erhält, — Welt und Selbst in- 
einandergeschachtelt hält, trotzdem unser Bewußtsein beide 
in ein Gegenüber auseinander tat. In der leiblich unter- 
gründeten Liebe nun, in deren Überbrückung zum fremden 
Einzelobjekt, wird die alte Urverwandtschaft uns zur neu 
erlebten Tatsache, und, wie zum Dank dafür, überschüttet 
unsere, daran verschwenderisch gewordene Eigenhebe das ver- 
anlassende Objekt mit imgeheurer Überschätzung, es momentan 
zum Träger und Inbegriff von allem machend, wie vdr es 
uranfänglich innerhalb unserer zu sein glaubten. Freilich sinkt 
diese Urteilsverfälschung deshalb mit ihrem Grund, dem 
erotischen Blutrausch, zurück, um sich, ebenso sporadisch, 
mit und an ihm erneut herzustellen. ■'■*■■!<'.' ' : ^ '■ 
t" Damit, über den Rausch des Leiblichen hinaus, eine solche 
Überwertung stattfinden könne, die uns den Vorgang des 
Vergöttlichens erklärt, scheint es ohne das Geschehnis der 
Schuld nicht abzugehen. Erst die Schuld schlägt in den 
Narzißmus die nötige weitere Gefühlsbresche, die der sach- 
lichen Bewußtseinsentwicklung entspricht. Was sich narziß- 
tisch erst recht Raum schaffen wollte, als es den Vater aus 
der Welt hinausdachte, hat gerade sich damit tödlich ge- 

»6 



^ 



troffen, hat das Ihm-selbst~ Gleichste, sein eigenes Zukunfts- 
bild damit hinweggelöscht, sich mit sich in Zwiespalt gesetzt. 
Gefühlsmäßig ist erst die Schuld ein Innewerden dessen, daß 
man nicht „Alles" ist; an ihr erst wird man etwas zunichte, 
um etwas zu werden: dies zu Werdende steigt unermeßlich 
hoch auf, um von oben her mit dem zu locken, was man 
zu sein schon wähnte. Ein wenig abstrakt läßt es sich auch 
so ausdrücken: die Breite des Allesseins steilt sich darin 
auf in die senkrechte Linie der Wertung, des über alles 
Schätzenswerten. Gew^ertet wird erst, w^o schon verglichen 
wird, wo das quantitativ Ausschließliche, Unteilbare, das man 
vor sich selbst darstellte, qualitativ ersetzt zu werden strebt. 
Der Anspruch, alles zu sein, wandelt sich in die Aufforderung, 
sich anzustrengen; das infantil Gewünschte w^ird zur männ- 
lichen Aktion am Leben. j 
V Man darf beinahe sagen, — sofern sich über dergleichen 
ja nur schem,atisch versinnbildlichend reden läßt, — von 
diesem Verzicht auf die narzißtische Breitenlagerung als 
stärkstem Ansporn zum wertverpflichteten Aufstieg, wird das 
weibUche Geschlecht nur wenig berührt. Es fällt gleichsam 
nicht ganz heraus aus der Vaterliebe, der das männliche 
Geschlecht sich erst wieder anpassen muß ; in Freuds Termino- 
logie hieße das: im Weibe muß der Inzestwunsch nicht ganz 
so total überwunden sein wie im Manne, wie ja auch die 
Rastrationsdrohimg am Weibe sionlos wird. Wohl überschätzt 
auch das Weib seine Vater-Imago, ja restloser noch als der 
Mann, aber es geschieht zwiespaltloser; der das Objekt ver- 
göttlichende Blutrausch verfeinert sich nur bis ins Geistigste 
hinauf; verliert nie gänzlich den letzten zarten Schwips ge- 
wissermaßen, der immer noch aus der leiblichen Urverwandt- 
schaft gespeist ist, aus der sich darin verwirklichenden Vater- 
{= Gottes =) Kindschaft. Durch diesen inneren Umstand 
rundet auch alle übrige Entfaltung des Wesens sich innerhalb 
des UrsprüngMchen eher ab, harmonisiert und bannt sich 
gleichzeitig darin; auch da noch, wo sie in ihren Dimen- 
sionen zunehmen mag, wie allseitig es auch geschehe, muß 
dies Kreishafte dazu nicht gesprengt sein. Nur daß, je geringer 



27 



die Dimensionen ausfallen, der Kreis sich entsprechend ver- 
engt; das Leibliche, gering aufgearbeitet in alles menschliche 
Erlebnis, sich um so benommener um sich selbst dreht als 
um seine alleinige Einzelheit. Mag aber der Umfang des 
Weiblichen größer oder kleiner sein, in jedem Fall behauptet 
man nicht ganz zu Unrecht, dem gesamten Geschlecht gehe 
das eigentliche Gefühlsverständnis ab für letzte Gewissens- 
strenge und Gesetzesordnung, für das von außenher Bestim- 
mende, Imperativische, als habe es da eine Art von Nüchtern- 
heit vor dem empfindlicher reagierenden Manne voraus: es 
hat eben seine Gesetzlichkeit und Ordnung anderswo. 

Im Vergleich dazu steht der Mann zwischen Schuld und 
Begehren, zwischen einem natürUchen Rebellentum, das sich 
alles Störenden, wie eines Feindes, entschlagen mächte, und 
dem Antrieb, sich am strafenden Gegenüber seiner eigenen 
Wertgebungen von einer Stufe zur andern hochzuringen. Daher 
bewahren seine Wertmaßstäbe jene Überstrenge, die sich nur 
Imperativisch und kategorisch äußern kann, will sie nicht den 
spornenden Sinn verlieren. Ganz auf Aktion gestellt, ist er des- 
halb im entscheidenden Punkt seiner Initiative dennoch am 
schönsten dadurch gekennzeichnet, daß er der sich Neigende, 
sich Darbringende und Drangehende zu sein vermag. Ja, daß 
er darin fast an die Haltung des Weibes rührt, — und es 
ist interessant, wie beider Charakteristik sich von hier aus 
fast umstülpen läßt, ohne die Tiefe der Wesens Verschiedenheit 
zu vermindern. Dies ist aber um deswillen so, weil, wo jedes 
Geschlecht sich voll auswirkt, es an die Grenzen des andern 
gelangt: es schaift sich zurande, indem es über sich hinaus- 
schafft in das menschlich Wesentliche, das, in treibender 
Sonderung, doch allem einheithch zugrunde hegt. 

Welches ist nun für das WeU) der so fruchtbare Punkt, 
wo es sich so über sich selbst hinaus öffnet? Wiederum ge- 
schieht es innerhalb des Leiblichen und erst von dorther 
aufgenommen in alle weitern Bezogenheiten. Die Mutterschaft 
ist es, die das Weib in seinem weibUchsten Umkreis so zu- 
rande lehen läßt, daß es, einen neuen Lebenskreis aus sich 
schaffend, einer männUchen Wesensleistung nahe z^n kommen 

2Ö 



scheint: zeugend, nährend, schützend, führend. Von jeher 
weckte es damit des Mannes Neid, als vergriffe es sich damit 
an Mannesähnlichem, und entwiche ihm damit zugleich am 
unerreichlichsten in des Leibes Mysterium, wie ihm die eigene 
Mutter das Unerreichllche des Schönsten war. Es gestaltet 
sich ihm dadurch allerdings mehr zu einem Symbolbild als 
zu einer realen Einzelperson, zu einem letzten Bilde bewußt 
unausdrückbarer Zusammengehörigkeit über alle menschlichen 
Unterscheidungen hinaus. Aber das haftet ja überhaupt, wohl 
unauslöschlich, an der Auffassung des "Weiblichen, daß es in 
die genaue Mitte gerät zwischen Kreaturlichem und Über- 
personellem, wodurch man argwöhnen darf, ob es nicht an 
der Persönlichkeit fragwürdig bleibe. Zwar gehört ja diese 
Auffassungsweise zu den ältesten Gemeinplätzen, die je davon 
ausgesagt wurden, aber das Rennzeichen der urtümlich alten 
Geraeinplätze pflegt dies zu sein, daß sie stimmen. 

Nun ist auch in der Tat erst sehr allmählich für die Frau 
was Kränkendes dabei herausgekommen; es war nicht der Fall, 
solange es neben ihrer Kreaturlichkeit auch noch den gemein- 
plätzigen uralten (= Vater =) Gott voll erhalten gab, dem sie 

in erster Stelle — d. h. unabtrennbar auch durch den Mann 

zugehörte. Erst als der Gottesdienst sich in Menschendienst 
aufhob, das schimmernde Mittelding zwischen Dirne und 
Madonna sich in die würdige Gattin wandelte, wurde sie 
kränkbar. Etwas in ihr besann sich da vielleicht darauf, daß 
in Vorzeiten die Einehe wie eine persönliche Frechheit zu 
sühnen und zu bezahlen war, bevor sie Eheinstitution werden 
konnte (wovon ja noch lange genug die reservierten Vorrechte 
der Deflorationsnacht für den gottvertretenden Priester, Könicr, 
Grundherrn usw. zeugen). Mit der MögUchkeit derVersklavuiTg 
durch den Menschen mußte eine Gleichheitssucht entstehen (der 
„Penisneid"), "Wettkampf um Rechte; was die Frau ja auch 
wählen kann, bleibt sie sich nur klar bewußt, daß, unver- 
meidlich, ihre ureigensten Quellengebiete dabei eintrocknen; daß 
sie damit die Grenze übertritt zur Dürre und Drangsal von 
Zwiespalten, die sie, in Rebellenehrgeiz und Schuld, sich selbst 
entfremden; kurz: daß sie den Vater totzuschlagen beginnt. 



29 



. Fragt man, was aus alledem zu folgern wäre für die 
Bindungen der Geschlechter untereinander, so allem voran wohl 
dies: wie wichtig es sei, deren Zweierlei nicht verloren zu 
geben aneinander, — nach der sanktionierten Methode des 
gegenseitigen Sichabschleifens und Abflachens, — sondern es 
in größtmöglichstem Spielraum sich ausweiten und vertiefen 
zu lassen bis an den Wesensrand des Andern und gerade von 
dorther das einfühlende Verständnis für ihn zu gewinnen. 
Anstatt des üblichen und üblen Eheideals fast gewaltsamer 
Ausschließlichkeit würde das für den Mann zum Beispiel zu 
bedeuten haben, daß er dem vollen, anspruchsvollen Anschluß 
an Seinesgleichen dadurch nicht entrückt wird; wie die Kinder 
unmittelbar der Frau zufallen, als die soziale Tat, w^omit sie 
begnadet ist und an der sie „männliche' Tugenden des Führens 
und Schützens und Schaffens hinzuübt, so bedarf des Mannes 
Wirken — über das FamiHäre hinaus, das sich von selbst 
versteht — des Schaffens mit und für Seinesgleichen; und 
dies so sehr, daß die daran geübte Tätigkeit und Tüchtigkeit 
heranreicht an „weibliche" Drangabe in aufopfernder Freude. 
Was aber die Frau betrifft: soll Ehe ihr mehr heißen als 
bürgerliches Vorurteil oder zufällig andauerndes Konkubinat, 
so muß sie noch im Manne des Vaters Kind lieben, das 
Kind dessen, worein sie beruhen bleibt als im Urgrund beider 
letzter Gemeinsamkeit, die allein auch wahrhaft verschwistert, 
nicht nur vermählt. Womit denn freilich zum allseitig voll- 
zogenen „Inzest" nichts mehr fehlte! Und womit Beide die 
eigentliche Sanktion und Bindung im Dritten, im Vater, er- 
fahren: denn auch des Mannes echteste Verehrung, ja Ver- 
göttlichung, des Weiblichen ist ja eine übertragene, — sie 
geht über die Vaterwitwe. 



i}tlil U> 






ntr/ 



1 



30 



.rN.,f. Mt. J3as Sakrament der Ehe ' f«'-* 

Von ' '■; ■; 

Fritz Witteis 

Daß wir alle doppelgeschlechtlich seien, ist heute den 
Gebildeten geläufig. Eine der Psychoanalyse wohlbekannte 
Befangenheit hindert uns aber, diesen für die Psychologie 
grundlegenden Gedanken zu verfolgen, bis er alles hergibt^ 
was an Aufklärung in ihm steckt. Die Einheit des Bewußt- 
seins, oder was man so nennt, zwingt uns immer wieder, 
den andersgeschlechtigen Anteil zu verdrängen und im Spiegel 
unseres Ideal-Ichs eingeschlechtig zu erscheinen. Manchmal 
zeigt uns dieser Spiegel gar nicht unser von der Anatomie 
beglaubigtes Geschlecht, wir wollen eher dem anderen Ge- 
schlechte gleichen und das Leben wird dann um so zwie- 
spältiger. 

Zwischen dem von der Anatomie legitimierten Anteil der 
Persönlichkeit und dem anderen herrscht zeitlebens eine 
Spannung, die uns in Form von Ambivalenzen aller Art zu 
Bewußtsein, oder wenigstens zu Trieb und Gegentrieb wird. 
Der Ödipuskomplex ist einer der ersten Versuche zur Lösung 
solcher Spannung. Der Kastrationskomplex ein zweiter, die 
Latenzperiode ein dritter und die Wandlung der Pubertät 
ein endgültiger. Das Rindesalter ist glücklicher im Ertragen 
der Doppelgeschlechtigkeit. Man darf sagen, die Spannung 
sei geringer und die beiden Pole vertragen sich besser mit- 
einander. Schon der körperliche Ausdruck zeigt das. Man 
kann verkleideten Kleinkindern, etwa Bübchen mit Kopftuch 
oder Mädchen in Hoserln das Geschlecht kaum ansehen. Die 
sekundären Merkmale der Behaarung, Fettverteilung, des 
Busens, Knochenbaus sind noch nicht da. Auch im Greisen- 
alter fließen diese Unterschiede ineinander und wie sehr man 
berechtigt ist, von Spannung, von willkürlich erhaltener 
Spannung zu sprechen, zeigt sich an Totenmasken. Hier hat 
die Muskelspannung der Züge aufgehört und wer die Maske 
unbefangen ansieht (Goethe, Beethoven, der Schauspieler Kainz), 



m 



1 



der -wird das andere Geschlecht in der irdischen Hülle deutlich 
erkennen. Mit der Seele ist auch die Fiktion der Eingeschlechtig- j 

keit entflohen. | 

Zwischen den Altem des Kindes und der Greisenhaftigkeit 
müht uns das Doppelgeschlecht und ■wir unternehmen viel 
um diese Spannung los zu werden oder wenigstens herab- 
zusetzen. Der Tod ist eine heroische Lösung; der Schlaf eine 
triviale. Von pathologischen Rauschzuständen abgesehen — 
zu ihnen gehören die akuten der Rauschgifte und die 
chronischen der Neurose und Psychose — können wir nur 
durch die Liebe glücklich werden. Vorübergehend glücklich 
bis zur Wunschlosigkeit. Liebe ist ein Überfließen des anderen 
Geschlechtes aus uns in den Partner. Wir entledigen uns der 
seelischen Spannung ebenso, wie wir uns der körperlichen 
entledigen. Ein Stück wohnt dann außerhalb der Schranken 
unseres Körpers, ist objektiviert, grüßt uns aus den Zügen 
der geliebten Person, die wir „erkennen", als wäre sie ein 
Stück von uns. Was ihr gut scheint, erscheint uns selber ^ 

gut. Wir überschätzen sie in einem für den kalten Dritten 
lächerlichen Grade, weil wir ja gewohnt sind, uns selber, 
unsere Wichtigkeit, unsere Einzigkeit zu überschätzen. Das 
Du ist zum Ich geworden. Immer wieder hören wir, daß 
Liebende einander so unerhört bekannt, befreundet, vereint 
erscheinen. Unfaßbar der Gedanke, daß man sich jemals nicht 
gekannt hätte. Vielleicht vor Äonen, auf einem anderen Stern, 
in einer anderen Gestalt, schon für einander bestimmt gewesen. 
Vom süßen Wörtchen „Und" singen Tristan und Isolde. Aber 
auch „Einander" ist ein schönes Wort, das den Kern der 
Liebe trifft. Der Destruktionstrieb scheint ausgerottet. Zwar 
wetterleuchtet er in Form von Eifersucht, von allerlei sadistischer 
Vorlust durch die Liebe auch des Normalen, wird aber von 
der strahlenden Oberstimme überbraust. > 

Die Anlage des Menschen gestattet nicht die dauernde 
Unterdrückung des zerstörenden Prinzipes. Mit der geliebten 
Person vereint, hat der Liebende allerdings den Tod über- 
wunden, weil er ja mit ihr zusammen das Neue schafft, die 
Unsterblichkeit seines Keimplasmas bewährt. Wenn Dichter 



33 



■I 
i 



immer wieder davon sagen, daß gleichwohl der Tod dicht 
hinter großer Liebe steht, so liegt diese Nähe des zerstörenden 
Prinzipes an der Spaltung des Ichs. Die Liebe macht aus zweien 
eins. Aber sie macht auch in dem beschriebenen Sinne aus 
einem zwei, aus einem in sich abgschlossenen, vollständigen 
Menschen einen, dessen Flanke aufgerissen ist imd der ohne 
die Ergänzung draußen nicht mehr leben kann oder will. 
Dies unter der Annahme einer Leidenschaft, welche wirklich 
die Kraft der Liebe, das ist des geistigen Orgasmus, hat. In 
diesem Zustande ist der Mensch leichter verwundbar, besonders 
von der geliebten Person her, der er sich ausgeliefert hat. 
So kommt es, daß der Destruktionstrieb dem strahlenden 
Eros nachkriecht und sein Pfand erst zaghaft, dann immer 
entschlossener wieder zurückverlangt. Erlösung von der 
Spannung der Zweigeschlechtigkeit ist gut. Seine Doppel- 
geschlechtigkeit sicher in sich selbst zu tragen, ist aber ein 
Bedürfnis des Principium individuationisf das nur in Aus- 
nahmefällen und nur vorübergehend überwunden werden 
kann. 

So also ist der Rhythmus unseres Lebens: die Spannung 
steigt, bis wir sie los werden wollen um den Preis der 
Sprengung unserer Individuation. Diese Sprengung an sich 
ist ein Akt des Destruktionstriebes im Inneren der Persönlich- 
keit. Er wird am Eingang unseres Liebesglückes vollzogen. 
Wir bleiben dann glücklich, bis wir uns besinnen — und 
die Liebe abbauen. Solange wir liebten, haben wir unserem 
Narzißmus den Verzicht auf Individuation abgewonnen. Dieser 
Verzicht ist gleichzeitig sein Triumph. Man könnte die Liebe 
einen verzweiten Narzißmus nennen, wenn das Wort Narziß- 
mus dadurch nicht seinen Sinn verlöre. Wenn das ausgeliehene 
Gut, der ausgewanderte TeU des Ichs wieder zurückgenommen 
ist, dann wird das eben noch vergötterte Du wie grau. Wir 
kennen es nicht mehr, es ist nicht mehr unser zweites Ich 
wir können ganz und gar nicht begreifen, wie wir es so 
sehr überschätzten, und da wir uns immerhin an eine Be- 
ziehung erinnern, die uns nunmehr magisch scheint, wird 
die ehemals geliebte Person unheimlich und wir vermeiden 



kk 



] 



sie. Der Sprachgebrauch verwendet auch hier das Wort 
Spannung. Die beiden ehemals Verliebten stehen gespannt 
zueinander. Das ist die nämliche Spannung, wie sie bei 
Menschen, die durch die Liebe nicht erlöst sind, zwischen 
den doppelgeschlechtigen Polen im Inneren des Ichs besteht. 
Der Kreis der ewigen Wiederkehr des Gleichen ist ge- 
schlossen. Spannung im Ich — Entspannung durch Über- 
tragung auf das Du — Abspannung und Rücknahme der Über- 
tragung — Spannung zwischen Ich und Du — w^iederum 
Spannung im Ich. 

In dieser Not erinnert sich die Seele einer Zeit, da der 
schmerzhafte und gefährliche Rhythmus der Doppelgeschlechtig- 
keit noch nicht bestand. Dem Kinde tritt die Doppelge- 
schlechtigkeit in Form von leiblichen Eltern: Vater und 
Mutter gegenüber, sie ist außerhalb, und es ist sehr wahr- 
scheinlich, daß unser Ichbewußtsein durch Vernämlichung 
(Identifizierung) mit den überragenden Figuren erfolgt, die 
sich über die Wiege neigen. Im Verhältnis zu Eltern liegen 
Momente, die der Geschlechtsliebe fehlen. Ihrer sind vor- 
nehmlich drei: Ewigkeit, Verläßlichkeit und Gehorsam. 
Mit anderen Worten: Beständigkeit, Treue und Zwang. 
Die Eltern waren immer da, sie werden immer da sein und 
die Eltern bleiben bis zu ihrem Tode, von dem das Kind 
überdies nichts weiß. Das Kleinkind wäre verloren, wenn 
es sich auf Liebe und treue Wartung der Eltern oder des 
Eltemersatzes nicht verlassen könnte. Es braucht nicht zu 
befürchten, die Eltern könnten das Stück Ich zurücknehmen, 
das dem Kinde ein für allemal übergeben ist. Was aber den 
Zwang anbelangt, ohne den es in der Erziehung nicht ab- 
geht, so wird er in der normalen Kinderstube als unab- 
änderlich hingenommen und spater in der Erinnerung sogar 
als lustvoll empfunden und vermißt. 

Als der Mensch diese drei Momente aus der Kind-Eltem- 
Beziehung in den Kampf der Geschlechter hineintrug, die 
Liebe mit ihnen legierte und legitimierte, da hatte er die 
Ehe und ihr Sakrament erfunden. Wir müssen außerpsycho- 
logische Wissenschaften heranziehen, um den Zeitpunkt dieser 



34 



Erfindung festzustellen. Ackerbau, Seßhaftigkeit, Eigentum, 
Leibeserbschaft werden wir namhaft machen, um die neue 
soziale Einrichtung der Ehe zu begründen. Die neue Ein- 
richtung war eine uralte, schon im Tierreiche biologisch fest- 
gelegt, jedoch vom primitiven Menschen verlassen und vom 
Kulturmenschen wieder gefunden. Der Mann, der Vater und 
Mutter verläßt, um sich mit fremden Weibern zu vermischen, 
nimmt aus dem Elternhaus die stärkste Erinnerung mit, an 
die besondere Form der elterlichen Zärtlichkeit. Im Eltem- 
hause fehlten die Schauer der Entladung. Sie wurden nicht 
vermißt, weil sie dem Kinde noch unbekannt waren. In den 
Armen der Geliebten wiederum fehlt die Sicherheit des Be- 
sitzes, die Bürgschaft der Treue. Die Frage bleibt unbeantwortet, 
ob man an ihrer Brust selig sorglos einschlafen dürfe. So kindisch 
ist man, daß man diese Antwort wünscht. Die Geliebte soll 
wie die Mutter sein. 

Da die Geschlechtsliebe an sich mit den sakramentalen 
Eigenschaften der Ehe nichts zu tun hat, ist die Ehe auf 
einem Irrtum aufgebaut; zwar auf einem glorreichen Irrtum, 
der aber immerhin nur durch den Druck der Sitte aufrecht 
erhalten wurde. Die Schwierigkeiten des ehelichen Zusammen- 
lebens stammen letzten Endes allesamt von da. Wenn der 
Druck der Sitte, Religion, des Gesetzes, der Armut nach- 
läßt, dann klopft die Erkenntnis des eigenartigen Bruches im 
Aufbau der Ehe an die Türe unseres Bewußtseins und wir 
rebellieren. Wenn Kinder erzeugt werden, dann erhalten die 
sakramentalen Eigenschaften der Ehe Verstärkung aus dem 
erneuerten, wenn auch umgekehrten Kind-Eltem-Verhältnis 
Dann nennen sich Eheleute auch untereinander gern Vater 
und Mutter und glauben, daß sie es nach dem Beispiel ihrer 
Kinder tun. Sie tun es aber aus Erinnerunff. 

Die Einrichtung der Ehe soll verbürgen, daß wir von 
der Spannung der Doppelgeschlechtigkeit dauernd befreit seien, 
indem wir das Andere in uns feierlich und für ewig nach 
außen verlegen. Zeitlebens sollen wir bleiben, was wir sonst 
nur in Augenblicken der Verzückung sind und in den kurz- 
lebigen Fristen, die auf Verzückung zielen — ein ganzer Mann, 

* 55 



ein ganzes Weib. Niemandem kann der Unterschied des 
Gesichtsaus druckes und der ganzen Haltung entgehen, der 
sogar noch heute inmitten der Ehekrise zwischen verheirateten 
und ledigen Frauen besteht. Selbst die deklarierte Hetäre, 
die grande amoureuse^ bleibt immer ein Fräulein, weil sie 
niemanden hat, bei dem sie ihr „Anderes" dauernd unter- 
biingen könnte. Im Schatten des Ewigkeitsgedankens verändert 
die Frau ihren Ausdruck, weil sie auf ihre Brunhildennatur 
verzichtet und ein Stück ihres Ichs prinzipiell für immer dem 
Gatten übergeben hat. Ihr Wesen erhält ein neues Gleich- 
gewicht, nach dem sie benannt wird und nach dem sie aus- 
schaut. 

Wie die Dinge zu laufen scheinen, wird man solche Fest- 
stellungen binnen kurzem vielleicht als abgetan betrachten. 
Bei Männern kann man ja schon heute den Unterschied 
zwischen junggeselläg und vollmännlich fast nicht bemerken. 
Die Ehe muß man aber dort studieren, wo ihre Folgerichtig- 
keit und ihr gesellschaftlicher Zwang in voller Blüte und 
Kraft standen. Der Staat war eine Erfindung von seßhaften 
Männern und Kriegern und da er Männer brauchte, dauernd 
hundertprozentige Männer, brauchte er auch die Ehe. Tacitus 
berichtet, daß der Ehebruch bei den Germanen unbekannt 
gewesen sei. Näher stehen uns der Meister aus der guten, 
alten Zeit und seine Meisterin. Er, würdig, vollbärtig, mit 
den Sitten, das ist mit dem Zwange seiner Zeit einverstanden, 
nach seinen Vätern hin orientiert. Sie, eingehüllt von Kopf 
bis Fuß, rundlich, die Hausfrau am Herd. Wir lachen über 
solche Romantik. Immerhin, Meister und Meisterin hatten 
für sich und ihre Zeit die Frage der Doppelgeschlechtigkeit ge- 
löst. Sie benützten zur dauernden Abstoßung ihres „Anderen" 
die Einrichtung der Ehe und fügten sich — vermutlich ohne 
viel davon zu merken — dem Zwange der Treuheit und 
Ewigkeit. 

Wagners Meistersinger enthalten den Widerspruch zwischen 
Liebe und Ehe und lösen ihn so, daß man die symbolische 
Zusammengehörigkeit von Liebe und Kvmst, auf der anderen 
Seite von Ehe und Zwangsregel erkennt. 

36 



Walter: Ein schönes Lied, ein Meisterlied: 

Wie faß ich da den Unterschied? 
Sachs: Mein Freund, in holder Jugendzeit, 

wenn uns von mächt'gen Trieben 

zum sel'gen ersten Lieben 

Die Brust sich schwellet hoch und weit, 

ein schönes Lied zu singen, 

mag vielen da gelingen: 

der Lenz, der sang für sie. 

Kam Sommer, Herbst und Winterzeit, 

Viel Not und Sorg' im Leben, 

manch' eh'lich Glück daneben, 

Kindtaur, Geschäfte, Zwist imd Streit: 

denen's dann noch will gelingen, 

Ein schönes Lied zu singen, 

seht: Meister nennt man die! 
Walter (zart und begeistert): 

Ich lieb ein Weib und will es frein, 

mein dauernd Ehgemahl zu sein ... 
Walter: Wer war es, der die Kegeln schuf? 
Sachs: Das waren hochbedürft'ge Meister, 

Von Lebensmüh' bedrängte Geister: 

in ihrer Noten Wildnis 

sie schufen sich ein Bildnis, 

daß ihnen bliebe, 

der Jugendliebe 

ein Angedenken klar und fest, 

dran sich der Lenz erkennen läßt. 

Und als Walter fragt, warum die z-weite Strophe nach 
den Regeln der Zunft der ersten völlig gleich sein müsse, 
erwidert Sachs bedeutungsvoll: 

Damit man seh' 

Ihr wähltet euch gleich ein Weib zur Eh! 



Obgleich man diese Verse nicht ohne Rührung zitieren 
kann, leben wir in einer Zeit, die der uralten, und sogar 
biologisch begründbaren Lösung der Bisexualität durch die 
Ehe nicht günstig ist. Andere Wege werden gesucht und 



57 



angeblich gefunden, um die Spannung der Doppelgeschleditig- 
keit auszugleichen. Verzwitterung in sich selber, larvierte 
Homosexualität, die immer mehr zum Kennzeichen unserer 
Zeit wird, einhäusige Narzißten, die nur ihr Spiegelbild lieben 
können, private Religionen, private Zwänge aller Art erscheinen 
der Psychoanalyse bedenkliche Lösungen. Indessen hat diese 
Wissenschaft keine Vorschläge zu erstatten. In die Zukunft zu 
schauen, ist nicht ihre Sache. Man hat sie um dieser Be- 
schränkung willen pessimistisch genannt. Sie ist aber weder 
pessimistisch noch optimistisch. Wir sehen die Krise der Ehe 
und versuchen, deren psychologischen Anteil zu erklären. 
Andere, die sich zu Reformen berufen fühlen, mögen sich 
unserer analytischen Arbeit bedienen. 



Die monogame Forderung 



von 



Karen Horney 

Aus „Internationale Zeitschrift für 
Psychoanalyse", XIII (1927), Heft 4. 

Ich habe mich seit einiger Zeit mit wachsender Verwun- 
derung gefragt, warum denn eigentlich Eheprobleme noch 
keine grundsätzliche analytische Darstellung gefunden haben/ 
obgleich sicher jeder einzelne Analytiker eine Menge darüber 
zu sagen w^üßte, und obgleich es sowohl von der Seite der 
Praxis als von der der Theorie dazu drängt, sie endlich in 
Angriff zu nehmen. Von seilen der Praxis, weil wir tag- 

1) Das will nicht heißen, daß diese Fragen nicht schon von den verschie- 
densten Seiten in der psychoanalytischen Literatur berührt wären, so von Freud : 
Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität; Freud: Beitrag zur 
Psychologie des Liebeslebens; Ferenczi: Zur Psychoanalyse von Sexualgewohn- 
heiten; Reich: Oie Funktion des Orgasmus; Schultz-Henke: Einführung in die 
Psychoanalyse; Flügtl ; The psycho-analytic study of ihe family. Weiter im 
„Ehebuch" (von Max Marcuse herausgegeben) die Arbeiten von Rdheim: Ur- 
formen und Wandlungen der Ehe; Horney: Psychische Eignung und Nicht- 
eignung zur Ehe; Über die psychischen Bedingungen zur Gattenwahl; Über 
die psychischen Wurzeln einiger typischer Ehekonflikte. 



58 



täglich mit Ehekonflikten zu tun haben — von der Theorie 
her, -weil es kaum eine Situation im Leben gibt, die eine so 
nahe und so offensichtliche Verwandtschaft mit der Ödipus- 
Situation hat wie die Ehe. 

Vielleicht — habe ich mir gedacht — liegen die Zusammen- 
hänge, die sich hier darbieten, zu nahe, als daß sie wissen- 
schaftHcher Neugier und wissenschaftlichem Ehrgeiz ein ver- 
lockendes Ziel bieten könnten. Es könnte aber auch so sein, 
daß es nicht die Probleme, sondern die Konflikte sind, die 
zu nahe liegen, zu nahe an wichtigen Verankerungen von 
unser aller persönlichstem Erleben. Eine weitere Schwierig- 
keit liegt darin, daß die Ehe ja eine soziale Institution ist 
und daß ihre Problematik vom Psychologischen her überhaupt 
nur beschränkt zugänglich ist. Indessen zwingt schon die prakti- 
sche Bedeutsamkeit der Eheprobleme, zum mindesten einen 
Versuch zu machen, sie als solche aus ihren psychologischen 
Wurzeln heraus zu begreifen. 

Wenn ich nun für den heutigen Vortrag ein bestimmtes 
Problem herausgegriffen habe, so müssen vrir uns zunächst — 
wenn auch nur in einigen großen Linien — die psychische 
Grundsituation vergegenwärtigen, die in der Ehe gegeben ist. 
Keyserling hat jüngst in seinem Ehebuch die ebenso merk- 
würdige wie naheliegende Frage aufgeworfen, was denn eigent- 
lich die Menschen, trotz des häufigen Eheunglücks aller Zeiten, 
immer wieder in die Ehe gedrängt habe. Wir sind dieser 
Frage gegenüber in der glücklichen Lage, uns weder auf den 
„natürlichen" Wunsch nach Mann und Kind, noch — mit 
Keyserling — auf metaphysische Deutungen berufen zu 
müssen, sondern präziser aussagen zu können: das, was uns 
in die Ehe hineintreibt, ist offenbar nicht mehr und nicht 
weniger als die Erwartung auf die Erfüllung aller alten Wünsche 
aus der kindlichen Ödipussituation: selbst die Frau eines Vaters 
sein, ihn für sich allein besitzen und von ihm Kinder haben. 
Nebenbei gesagt eine Einsicht, die geeignet ist, uns gegen- 
über Prophezeiungen vom baldigen Ende dieser Institution 
Ehe äußerst skeptisch zu machen, wenn auch zuzugeben 
ist, daß auch diese unsterblichen Wünsche in ihrer Form 



39 



von der jeweiligen Struktur der Gesellschaft beeinflußbar 
sein werden. ^ "- ■-.' ^ 

So ist gleich die Anfangssituation der Ehe mit einem ge- 
fährlich großen Ballast unbewußter Wünsche belastet — und 
zwar mehr oder weniger unvermeidlich, denn wir wissen ja, 
daß gegen die Zähigkeit dieser Wünsche kein Kraut gewachsen 
ist, daß weder bewußte Einsichten in die Schwierigkeiten, 
noch Erfahrungen an anderen ihnen viel anhaben können. 
Gefährlich aber ist diese Belastung aus einem doppelten Grunde, 
Von Seiten desEs droht eine Enttäuschung, nicht nur, weil 
das Selbst-Vater-und-Mutter-Sein dem Bild gar nicht ent- 
sprechen kann, das die kindlichen Sehnsüchte in uns zurück- 
gelassen haben, sondern weil — mit Freud zu sprechen — 
der Ehemann immer nur ein Ersatzmann ist, die Ehefrau eine 
Ersatzfrau ist. Die Größe der Enttäuschung hängt ab einer- 
seits vom Grad der Fixierung, anderseits davon, wie weit 
das real gefundene Objekt von den Imagines, die real ge- 
wahrte Befriedigung von den speziellen unbewußten Sexual- 
wünschen abweichen. 

Auf der andern Seite droht von selten des Über-Ich — 
und zwar um so mehr, je größer die tmbewußte Erfüllung 
ist — die Wiederbelebimg des alten Inzestverbots dem Ehe- 
partner gegenüber. Diese anscheinend sehr typische Wieder- 
belebung des Inzestverbots in der Ehe führt mutatis mutandis 
zu derselben Entwicklung wie in der Kind-Eltembeziehung, 
nämlich zu einem Zurücktreten der direkten Sexualstrebungen 
hinter den zielgehemmten, zärtlichen Strömungen. Ich kenne 
persönlich nur einen Fall, in dem diese Entwicklung nicht 
stattfand, in dem der Ehemann dauernd ein Objekt sexuellen 
Verliebtseins blieb — und in diesem Fall hatte die Frau im 
Alter von zwölf Jahren eine reale Sexuallust vom Vater er- 
fahren. 

Natürlich spielt bei dieser Entwicklung der Sexualität in 
der Ehe auch der Faktor eine Rolle, daß die Sexualspannung 
infolge der Erfüllung und vor allem der steten leichten Erfüll- 
barkeit dem einen Objekt gegenüber nachläßt; aber die tiefere 
Begründung dieser typischen Erscheinung, zum mindesten ihr 

40 



1.. 



Tempo und vor allem ihr Grad, finden offenbar ihre Begründung 
in einer solchen Wiederholung der Odipusentwicklung.' Art 
und Größe dieser Auswirkungen w^erden, abgesehen von 
akzidentellen Momenten, davon abhängen, welche lebendige 
Kraft das Inzestverbot noch im einzelnen zu entfalten vermag. 
Die stärkeren Auswirkungen lassen sich, so verschieden sie 
im Einzelfall aussehen, unter einem gemeinsamen formalen 
Gesichtspunkt beschreiben : sie führen zu gewissen Einschrän- 
kungen oder Bedingungen, unter denen das Erleben einer 
solchen Beziehung dennoch möglich ist. 

Solche einschränkenden Bedingungen können bekanntlich 
schon in der Art der Gattenwahl zum Ausdruck kommen. 
Etwa in der Form, daß die Frau, die zur Gattin gewählt 
wird, in keiner Weise an die Mutter erinnern darf, in Kasse 
oder Herkunft, geistigem Niveau oder Aussehen einen ge- 
wissen Gegensatz zur Mutter repräsentieren muß. Wir ver- 
stehen in diesem Zusammenhang, warum sogenannte Vemunft- 
ehen oder von Dritten vermittelte Ehen relativ besser aus- 
zulaufen pflegen als eigentliche Liebesheiraten. Wenn schon 
die Ähnlichkeit der Ehesituation mit den Wünschen aus dem 
Ödipuskomplex eine Wiederholung der alten Einstellung und 
Entwicklung automatisch erzwingt, so wird diese doch ge- 
mildert, wenn nicht schon von vornherein die ganzen un- 
bewußten Erwartungen sich an die Person des Partners ge- 
knüpft haben. Wir verstehen auch ein wenig davon, daß in 
der Institution der Ehevermittlung bei den Ostjuden, die einer- 
seits besonders inzestgebunden, anderseits durch ihre Isoliert- 



' 'l) Freud hat in seiner Arbeit „Über die allgemeinste Erniedrigung des 
Liebeslebens" dieses Problem In einer verwandten Form bereits angeschnitten. 
Er sagt dort: „Aber trifft es auch zu, daß mit einer Befriedigung des Triebes sein 
psychischer Wert allgemein so sehr herabsinkt ?" Und erinnert an das Verhältnis 
des Trinkers zum Wein, bei dem gerade die Zeit das Band zwischen ihm und 
seiner Sorte Wein immer enger knüpft. Seine Antwort deckt sich zum Teil 
mit der hier gegebenen, insofern er daran erinnert, daß im Liebesleben das 
ursprüngliche Objekt durch eine unendliche Reihe von Ersatzobjekten vertreten 
werden kann, „deren doch keines voll genügt". Ich habe diese Erklärung nur 
in dem Punkt ergänzt, daß zu diesem Suchen nach dem „eigentlichen" Objekt 
das Abgestoflensein von dem jew^eils gefundenen Objekt durch das Verbot, das 
der Erfüllung so leicht anhaftet, hinzukommt. 



4^ 



heit auf eine feste Struktur der Familie besonders angewiesen ^ 
waren, eine gewisse psychologische Weisheit lag, w'enn wir ■ 
die unbewußte Tendenz zugrunde legen, der Ehe heftigere ^ 
Erschütterungen fernzuhalten. i 

Innerhalb der Ehe selbst sehen wir, wie von allen Instanzen j 

in uns solche Bedingungen geschaffen werden können. Da sind 
von Seiten des Es genitale Hemmungen aller Art von einer 
bloßen sexuellen Reserve dem Ehepartner gegenüber, die ; 

Variationen der Vorlust oder des Verkehrs nicht gestattet, bis 
zur völligen Impotenz, respektive Frigidität. Weiter sehen vdr 
von Seiten des Ich Beschwichtigungen oder Rechtfertigungen 
ausgehen, die sehr verschieden aussehen können. Die eine 
kommt einer Art Verleugnung der Ehe gleich, zeigt sich bei i 

Frauen häufig darin, daß sie gewissermaßen die Tatsache 
ihrer Verheiratung nur äußerlich zur Kenntnis nehmen, aber 
nicht innerlich erleben, daher immer wieder darüber erstaunt 
sind, sich leicht mit ihrem Mädchennamen unterschreiben, 
emen mädchenhaften Eindruck machen usw. 

Unter demselben Druck einer inneren Nötigung, die Ehe 
vor dem eigenen Gewissen zu rechtfertigen, nimmt das Ich 
aber nicht selten auch eine entgegengesetzte Haltung der Ehe 
gegenüber ein: die der Uberbetonung der Ehe, genauer der 
Überbetonung der Liebe zum Ehepartner. Man könnte sie 
mit einem Schlagwort „die Rechtfertigung durch die Liebe" 
nennen, etwa wie auch vor dem Strafrecht der Verbrecher aus 
Liebe eine mildere Beurteilung erfährt. Freud hat in einer 
Arbeit über emen Fall weiblicher Homosexualität gesagt, daß 
man sich über nichts so unklar zu sein pflege, wie über Grade 
der Zuneigung oder Abneigung, die man für einen Menschen 
empfinde. Dies trifft für die Ehe in ganz ausgesprochenem 
-Maß g ZU; "tid zwar häufig in dem Sinne, daß der Grad der 
yebe überschätzt wird. Ich habe mich lange gefragt, wie" 
das zu verstehen sei. Daß man in flüchtigen Beziehungen 
einer solchen Täuschung leicht unterliegt, ist am Ende noch 
nicht so verwunderlich, aber in der Ehe — soUte man 
meinen, — daß nicht nur die Dauer, sondern auch die häufigere 
sexuelle Erfüllung geeignet sei, die Sexualüberschätzimg und 



43 



die damit zusammenhängenden Illusionen abzubauen. Die 
nächstliegende Antwort war die, daß man das begreifliche 
Bestreben habe, die großen psychischen Kosten einer Ehe 
durch ein großes Gefühl vor sich selbst zu begründen und 
darum an diesem Gefühl auch über dessen lebendige Dauer 
hinaus festzuhalten. Diese Erklärung reicht indessen nicht selir 
tief; sie entspräche etwa dem Bedürfnis zur Synthese, das 
wir von selten des Ich kennen, und dem wir schon eine 
Fälschung zugunsten einer einheitlichen Gefühlseinstellung in 
einer so lebenswichtigen Beziehung zutrauen dürfen. 

Sehr viel tiefer reicht auch hier die Relation zum Ödipus- 
komplex. Wir sehen nämlich, daß mit dem Gebot und Ge- 
lübde der Liebe und Treue zum Gatten, das am Anfang der 
Ehe steht, für das Unbewußte das vierte Gebot erneuert wird. 
Den Ehepartner nicht zu lieben w^ird damit auch für das Un- 
bewußte eine ebenso große Sünde, w^ie die Nichterfüllung des 
vierten Gebotes den Eltern gegenüber, und auch in dieser Be- 
ziehung: der Unterdrückung des Hasses und der Überbetonung 
der Liebe wiederholt sich bis auf Einzelheiten genau zwang- 
haft das früher Erlebte. Ich glaube jetzt, daß man — jeden- 
falls in vielen Fällen — dieser Erscheinung erst ganz gerecht 
wird, wenn man annimmt, daß auch die Liebe zu den 
Bedingungen gehören kann, unter denen eine vom 
Über-Ich verbotene Beziehung gerechtfertigt er- 
scheint. Das Festhalten an dieser Liebe respektive ihrer 
Illusion, hat dann natürlich eine wichtige ökonomische Funk- 
tion und wird darum so hartnäckig verteidigt. 

Endlich werden wir uns nicht wundem, unter den Be- 
dingungen, unter denen sicli die Ehe gegen ein stärkeres 
Inzestverbot durchsetzen kann — wie bei einem neurotischen 
Symptom — auch die Bedingung des Leidens zu finden. Die 
Wege, auf denen sich ein solches Leiden durchsetzen kann, 
sind so mannigfaltig, daß man nicht hoffen darf, ihnen in 
einer kurzen Skizzierung gerecht zu werden. Darum nur einige 
Hinweise: da sind einmal wirtschaftliche und berufliche Be- 
gebenheiten, die entweder im Sinne eines unbewußten Arrange- 
ments zu einem Übermaß von Arbeit und Entbehrungen, das 



43 



für die Familie geleistet werden muß, gestaltet werden, oder 
doch als eine solche Belastung empfunden werden. Man 
denkt weiter an die so häufige Beobachtung, daß wesentliche 
Teile der Entwicklung eines Menschen in beruflicher, charakte- 
rischer oder geistiger Hinsicht der Ehe gewissermaßen zum 
Opfer fallen. Endlich fallen hierunter die zahlreichen Fälle, 
in denen sich der eine Partner zum Sklaven der Ansprüche 
des andern macht und das Leiden unter dem andern etwa 
unter der bewußten Überzeugung eines bei ihm gesteigerten 
Verantwortlichkeitsgefühis willig trägt. 

Angesichts solcher Ehen fragt man sich oft verwundert, 
warum sie eigentlich nicht auseinandergehen, sondern im 
Gegenteil oft so fest halten, und findet in diesem Zusammen- 
hang die Antwort, daß eben die Erfüllung der Leidens- 
bedingung den Bestand dieser Ehen garantiert. 

Es ist leicht ersichtlich, daß von hier aus nur eine un- 
scharfe Grenze ist gegenüber den Fällen, in denen eine Ehe 
mit einer Neurose erkauft wird, aber ich möchte auf diese 
Fälle nicht eingehen, weil hier vor allem die Verhältnisse 
innerhalb der Breite des Normalen zur Diskussion stehen. 

Es erscheint fast überflüssig zu erwähnen, daß eine solche 
Darstellung den wirklichen Verhältnissen Zwang antut, nicht 
nur insofern, als jede einzelne dieser Bedingungen auch eine 
andere Determinierung zuließe, sondern auch insofern, als 
sie hier zugunsten der Darstellbarkeit isoliert hingestellt sind, 
während sie sich in Wirklichkeit zu überschneiden pflegen. So 
findet sich z. B. ein wenig von diesen gesamten Bedingungen 
in der gerade bei wertvollen Frauen nicht seUenen Grund- 
einstellung der MütterUchkeit, unter der allein ihnen die Ehe 
möglich zu sein scheint; eine Einstellung, die etwa besagt: 
ich darf auch dem Manne gegenüber nicht die Rolle der Frau, 
der Geliebten spielen, sondern nur die der Mutter mit aller 
Fürsorglichkeit und Verantworthchkeit, die mit dieser RoUe 
verknüpft sind — eine Einstellung, die in einer Weise eine 
gute Gewähr für die Ehe bietet, aber dennoch durch die 
zugrunde liegende Liebeseinschränkung eine Ehe innerlich ver- 
öden lassen kann. 



44 



Wie auch immer im einzelnen die Auswirkungen jenes 
Dilemmas eines Zuviel und eines Zuwenig an Erfüllung sein 
mögen, überall da, wo es im größeren Ausmaße lebendig wird, 
wird beides: Enttäuschung und Inzestverbot mit allen seinen 
Folgen von geheimer Feindseligkeit gegen den Partner von 
ihm forttreiben und ihn unwillkürlich neue Objekte suchen 
lassen. Dies ist die Grundsituation, aus der heraus 
die Monogamie zum Problem wird. 

Die andern Wege, die der freiwerdenden Libido offen stehen : 
die der Sublimierung, der Verdrängung, der regressiven Be- 
setzung alter Objekte und der Weg zu den Kindern sollen 
uns heute nicht interessieren. 

Die Möglichkeit, daß andere Menschen für uns zu Liebes- 
objekten werden, ist wohl stets als gegeben anzusehen. Sind 
doch unsere Kindheitseindrücke und deren sekundäre Be- 
arbeitungen von einer solchen Mannigfaltigkeit, daß sie uns 
in der Regel sogar die Wahl von ganz verschiedenen Objekten 
gestatten. 

Dieses Suchen nach neuen Objekten kann nun — auch 
in der Breite des Normalen — mächtige Verstärkungen aus un- 
bewußten Antrieben erfahren. So sehr nämlich der Sinn der 
Ehe eine Erfüllung infantiler Wünsche darstellt, so geht die 
Möglichkeit solcher Erfüllung doch nur so weit, als die Ent- 
wicklung eines Menschen ihm gestattet, sich wirklich mit der 
Rolle von Vater oder Mutter zu identifizieren. Alle Ausgänge 
des Ödipuskomplexes, die von dieser fiktiven Norm abweichen, 
haben das Gemeinsame, daß man in irgendwelchen wesent- 
lichen Punkten an der Rolle des Kindes in dieser Trias: 
Mutter, Vater, Kind festhält. Die Wünsche nun, die sich aus 
solcher Trieb einstellung ergeben, finden m der Ehe keine 
direkte Befriedigung. 

Diese aus der Kindheit festgehaltenen Liebesbedingungen 
sind uns aus den Arbeiten Freuds gut bekannt. Darum ge- 
nügt es, nur mit Stichworten darauf hinzuweisen, um zu 
zeigen, wie die Ehe ihrem Sinn nach diese Bedingungen 
nicht erfüllen kann. Für das Kind ist das Liebesobjekt un- 
lösbar mit der Bedingung des Verbotenen verknüpft — und 



45 



die Liebe zum Ehepartner ist nicht nur erlaubt, sondern es 
besteht sogar die ominöse eheliche Pflicht. Die Rivalität, 
also die Bedingung des geschädigten Dritten, ist dem Sinn 
der monogamen Ehe nach ausgeschaltet, ja der alleinige An- 
spruch gesetzlich privilegiert. Weiter — genetisch nicht auf 
einer Stufe, da die eben genannten Bedingungen aus der 
Ödipussituation selbst stammen, während die weiteren aus 
der Fixierung gewisser Ausgangs Situationen herrühren — die 
Nötigung, sich im Falle einer zurückgebliebenen genitalen 
Unsicherheit und einer entsprechenden ßrüchigkeit im nar- 
zißtischen Gefüge immer wieder Beweise für Potenz oder 
erotische Anziehungskraft holen zu müssen. Oder im Falle 
der unbewußten Wendung zur Homosexualität die Nötigung, 
das gleichgeschlechtliche Objekt zu suchen, sei es — von der 
Frau aus gesehen — auf dem Umweg über den Ehemann, 
den man in Beziehungen zu anderen Frauen hineintreibt; 
sei es, daß die Ehefrau selbst solche Beziehungen sucht, in 
denen eine andere Frau eine Rolle spielt. Vor allem — als 
wahrscheinlich praktisch Wichtigstes — im Falle einer ver- 
bliebenen Spaltung im Liebesleben die Nötigung, zärtliche 
und sinnliche Liebeswünsche auf verschiedene Objekt zu ver- 
teilen. 

Es ist leicht ersichtlich, daß alle diese festgehaltenen in- 
fantilen Bedingungen dem monogamen Prinzip ungünstig sind, 
daß sie vielmehr zu anderen Objekten treiben müssen. 

Diese polygamen Wünsche stoßen nun auf die monogame 
Forderung des Partners und auf das in uns selbst ausgebil- 
dete Treueideal. 

Sehen wir uns zunächst das erstere an, weil ein Ver- 
langen, das von dem anderen einen Verzicht fordert, gegen- 
über einem Verzicht, den wir uns selbst auferlegen, ja offenbar 
das Primitivere darstellt. Die Herkunft dieser Forderuns 
liegt — jedenfalls in ihren großen Zügen — klar zutage: sie 
ist deutlich eine Wiederbelebung des infantilen Wunsches, 
Vater oder Mutter ganz für sich allein zu besitzen. Nun ist 
das Verlangen nach Ausschließlichkeit — entsprechend der 
Ubicjuität seines Ursprungs — ja keineswegs charakteristisch 

46 



für die Ehe, sie liegt vielmehr im Wesen jeder vollen Liebes- 
beziehung. Sie kann natürlich auch in der Ehe eine reine 
Liebesforderung bleiben, aber sie ist ihrer ganzen Entstehungs- 
geschichte nach so unlösbar eng mit destruktiven, objekt- 
feindlichen Tendenzen verknüpft, daß von der Liebesforderung 
oft nicht mehr bleibt als die Fassade, hinter der sich diese 
feindlichen Tendenzen durchsetzen. 

Zunächst zeigt sich dieser Wunsch nach Ausschließlichkeit 
in Analysen deutlich als ein Abkömmling der oralen Phase 
und heißt als solcher, daß man den andern sich einverleiben 
möchte, um ihn ganz zu besitzen. Er verrät häufig schon 
auch bei gewöhnlicher Beobachtung diese seine Herkunft in 
der Besitzgier, die dem andern nicht nur ein anderes eroti- 
sches Erleben mißgönnt, sondern die Eifersucht auch auf 
Freunde, Arbeit, Interessen erstreckt. Diese Äußerungsformen 
bestätigen die theoretische Erwartung, daß er wie alle oral 
bedingten Einstellungen die Ambivalenz in sich trägt. Wenn 
man gelegentlich den Eindruck hat, als ob der Mann die 
naive und ungebrochene monogame Forderung nicht nur 
tatsächlich nachdrücklicher durchzusetzen verstanden hat als 
die Frau, sondern als sei sie auch triebhaft stärker bei ihm 
vorhanden, so könnte man sich denken, daß neben gewich- 
tigen bewußten Gründen — die Sicherung der Vaterschaft — 
auch gerade aus dieser Quelle für ihn ein stärkerer Impuls 
strömt, hat er doch beim Stillen der Mutter eine mindestens 
partielle Einverleibung erlebt, während das Mädchen auf 
keine entsprechenden Erfahrungen beim Vater zurückgreifen 
kann. 

Weitere destruktive Elemente sind mit diesem Wunsch 
dadurch eng verlötet, daß das Verlangen nach der alleinigen 
Liebe von Vater oder Mutter früher auf Versagung und 
Enttäuschung gestoßen war und eine Reaktion von Haß und 
Eifersucht ausgelöst hatte. Daher liegt gewissermaßen hinter 
der Forderung immer ein Haß auf der Lauer, ein Haß, der 
ja auch in der Art, wie die Forderung durchgesetzt wird, 
meist deutlich zu spüren ist und bei Wiederholung der alten 
Enttäuschung oft genug durchbricht. 



47 



i 



Die alte Versagung traf ja aber nicht nur unsere Liebes- 
wünsche, sondern auch unser Selbstgefühl an empfindlichster 
Stelle; und wir wissen, daß eben an dieser Stelle jeder 
Mensch eine narzißtische Narbe davongetragen hat. Daher 
wird die monogame Forderung zu einem wesentlichen Teil 
späterhin vom Selbstgefühl aus getragen, und zwar um so 
gebieterischer, je empfindlicher die Narbe noch ist, die aus 
jener Kränkung zurückgeblieben ist. In der patriarchalischen 
Gesellschaft, in der die Forderung vor allem vom Mann 
getragen wird, kommt eben dieses narzißtische Moment ja 
auch in dem Odium der Lächerlichkeit, das dem „Hahnrei" 
anhaftet, deutlich genug zum Ausdruck. Sie ist — auch von 
hier aus gesehen — keine Liebesforderung mehr, sondern 
eine Prestigefrage. Sie mußte auch gerade in einer männ- 
lichen Gesellschaft immer mehr zu einer Prestigefrage werden, 
da ja in der Regel für den Mann Fragen der sozialen Gel- 
tung einen breiteren Raum einnehmen als Liebesfragen. 

Die monogame Forderung ist endhch eng verknüpft mit 
anal-sadistischen Trieb elementen, und diese sind es, die neben 
den narzißtischen Elementen der Forderung in der Ehe ihren 
besonderen Charakter verleihen. Denn im Gegensatz zu freien 
Liebesbeziehungen sind Fragen des Besitzes in doppelter Weise 
eng mit dem historisch gegebenen Sinn der Ehe verbunden. 
Daß die Ehe als solche eine Wirtschaftsgemeinschaft darstellt, 
spielt hierbei weniger eine RoUe, als die Anschauung, nach 
der die Frau als Besitz des Mannes galt. Diese Elemente 
treten daher auch ohne besondere individuelle Betonung analer 
Züge in der Ehe in Kraft und lassen die Liebesforderung 
zu einer anal-sadistischen Besitzforderung werden. Elemente 
dieser Herkunft treten in krassester Form aus alten Straf- 
bestimraungen gegen die Ehebrecherin zutage, verraten sich 
aber in heutigen Ehen noch offen genug in den Mitteln, mit 
denen dieser Forderung Nachdruck verliehen wu-d: ein mehr 
oder weniger liebevoller Zwang und ein immer wacher 
Zweifel, beide geeignet den Partner zu quälen — Mittel, 
deren Herkunft wir ja aus der Psychoanalyse der Zwangs- 
neurose kennen. 



48 



Primitiv genug sehen also die Quellen aus, aus denen die 
monogame Forderung gespeist wird. Daß sie trotz dieser so- 
zusagen bescheidenen Herkunft zu einem anspruchsvollen Ideal 
wurde, diesen Werdegang teilt sie — wie wir wissen — mit 
anderen Idealen, in denen sich ja bekanntlich auch elementare 
und vom Bewußtsein verurteilte Triebregungen durchsetzen; 
und zwar dankt sie es dem Umstand, daß hier die Erfüllung 
stärkster, verdrängter Wünsche zugleich eine Reihe sozialer 
und kultureller Werte darstellt. Diese Idealbildung ermöglicht 
es, w^ie Radö in seiner Arbeit „Eine ängstliche Mutter"^ 
ausgeführt hat, daß das Ich seine kritische Urteilsfunktion 
einschränkt, die ihm sagen würde, daß dieses Verlangen nach 
dauernder Ausschließlichkeit zwar als Wunsch verständlich, 
aber als Forderung nicht nur schwer erfüllbar, sondern auch 
unberechtigt sei oder etwa, daß sich in dieser Forderung viel 
mehr narzißtische und sadistische Antriebe durchsetzen als 
eben gerade Liebes wünsche. Die Idealbildung schafft nach 
dem Ausdruck Kados dem Ich die „narzißtische Sicherung", 
unter deren Schutz es alle diese sonst verurteilten Triebe 
ausleben und sich gleichzeitig dabei im Gefühl, etwas Rechtes 
und Ideales zu vertreten, gehoben fühlen darf. 

Natürlich ist es verhängnisvoll, daß auch das Gesetz diese 
Forderungen sanktioniert; und Reformvorschläge, die von der 
Einsicht in die Gefahren ausgehen, die der Ehe gerade aus 
diesem Zwang erwachsen, pflegen an diesem letzteren Punkt 
besonderen Anstoß zu nehmen. Indessen ist diese gesetzliche 
Sanktionierung doch wohl nicht mehr als der äußerhch sicht- 
bare Ausdruck für den psychischen Wert, den die Forderung 
für den Menschen hat. Und wenn wir uns klar sind auf 
wie festverankerten Triebgrundlagen sich das Verlangen nach 
Ausschließlichkeit aufbaut, gehen wir wohl nicht fehl in der 
Annahme, daß die Menschheit sich auf alle Fälle in dieser 
oder jener Weise eine ideale Rechtfertigung für sie wieder- 
schaffen wird, wenn ihr die jetzige genommen würde. Außerdem 
hat die Gesellschaft, solange ihr an den Werten der mono- 



Radö: Eine ängstliche Mutter, Internat. Zeitschr. f. PsA. XIII, 1927. 

♦ 49 



gamen Ehe gelegen ist, aus Gründen psychischer Ökonomie, 
ein Interesse daran, zum Ausgleich für die dadurch gegebene 
Triebeinschränkung die Befriedigung derjenigen elementaren 
Triebe, die sich hinter der Forderung verstecken, freizugeben. 

Die so im allgemeinen begründete monogame Forderung 
kann im Einzelfall an den verschiedensten Punkten Ver- 
stärkungen erfahren, einmal wenn eines der sie konstituierenden 
Elemente eine übermäßig große Rolle im Triebhaushalt spielt, 
femer aus all den Faktoren, die wir auch sonst als treibende 
Kräfte bei der Eifersucht kennen. Wie wir ja überhaupt die 
monogame Forderung als eine Sicherung gegen die Qualen 
der Eifersucht beschreiben können. 

Genau wie wir es von der Eifersucht kennen, kann sie 
auf der andern Seite auch verdrängt sein unter dem Druck 
von Schuldgefühlen, welche besagen, daß man den Vater 
nicht für sich allein besitzen dürfe, oder dann, wenn andere 
Triebziele sie überlagert haben, wie wir es von den Äuße- 
rungsformen der latenten Homosexualität kennen. 
^ Die polygamen Wünsche stoßen, wie ich sagte, weiter 
auf das eigene Treueideal. Im Gegensatz zu der monogamen 
Forderung an den andern finden wir für die eigene Treue- 
einstellung im infantilen Erleben kein direktes Vorbild; sie 
besagt ja auch inhaltlich eine Trieb einschränkung, ist also 
offenbar nichts Elementares, sondern entspricht bereits einer 
Triebumwandlung . 

Wir haben in der Regel mehr Gelegenheit, sie an der 
Frau zu studieren und stehen hier vor der Frage nach dem 
Warum. Es ist für uns nicht die Frage nach der vielbehaup- 
teten größeren polygamen Veranlagung des Mannes; nicht 
nur, weil wir uns klar sind, daß wir gerade über Fragen 
der Veranlagung so wenig Sicheres wissen, sondern auch, 
weil der Behauptung in dieser Form durchsichtigerweise 
doch nur der Wert einer tendenziösen Bearbeitung zugunsten 
des Mannes zukommt. Inmierhin erscheint die Frage gerecht- 
fertigt, welchen psychologischen Momenten es zuzuschreiben 
ist, daß die tatsächliche Treue des Mannes soviel seltener 
ist als die der Frau. 



50 



Diese Frage ist darum nicht eindeutig zu beantworten, 
"weil sie von historisch- sozialen Momenten nicht zu isolieren 
ist, d. h. inwieweit die größere Treue der Frau nur sekundär 
bedingt sein könnte, dadurch, daß der Mann in jeder Weise 
seine monogame Forderung starker durchgesetzt hat. Ich denke 
hier nicht nur an die wirtschaftliche Abhängigkeit der Frau, 
nicht nur an die drakonischen Bestrafungen der weiblichen 
Ehebrecher, sondern auch an viel diffizilere Zusammenhänge, 
wie Freud sie in seinem „ Tabu der Virginität " deutlich 
ausgesprochen hat, daß nämlich die männliche Forderung, 
die Frau habe als Virgo in die Ehe zu treten, dem Manne 
ein gewisses Maß von Hörigkeit von selten der Frau sichere. 

Vom analytischen Denken her lassen sich zu diesem Pro- 
blem zwei Fragen aufwerfen. Die erste: Sollte nicht doch 
der Umstand, daß der Koitus für die Frau durch die Mög- 
lichkeit der Konzeption eine größere physiologische Tragweite 
hat, irgendeine psychische Repräsentanz bei ihr gefunden 
haben? Mich persönlich sollte es wundem, wenn es nicht 
so wäre. Wir wissen hierüber so w^enig, w^eil wir bisher 
einen Trieb zur Fortpflanzung niemals isoliert, sondern immer 
nur in seinen psychischen Überlagerungen erfassen konnten. 
Aber sollte nicht z, B. die Tatsache, daß die Spaltung in 
seelische tmd sinnliche Strömungen, die für die Möglichkeit 
von Treue so besonders verhängnisvoll ist, eine vorwiegend, 
ja fast spezifisch männliche Einstellung ist, vielleicht das 
gesuchte psychische Korrelat zu den biologischen Unter- 
schieden darstellen können!? 

Die zweite Frage gründet sich auf folgende Überlegung: 
die Verschiedenheit im Ausgang des weiblichen und männ- 
lichen Ödipuskomplexes ließe sich etwa auf die Formel 
bringen, daß der Knabe radikaler sein Urobjekt aufgibt zu- 
gunsten seines Geni talstolzes, während das Mädchen stärker 
an die Person des Vaters fixiert bleibt, dies aber offenbar 
nur unter der Bedingung kann, daß sie weiter von ihrer 
Geschlechtsrolle abruckt. Die Frage wurde heißen, ob nicht 
dieser Unterschied sich im weiteren Leben in einer grund- 
sätzhch größeren genitalen Hemmung der Frau dokumentierej 

4* 51 



und eben diese ihr die Treue erleichtere — eine größere 
Hemmung, wie sie in der ungleich stärkeren Verbreitung 
der Frigidität, als der Impotenz zum Ausdruck kommt? 

Wir sind damit schon zu einem der Faktoren gekommen 
die man geneigt sein könnte, ganz generell als Vorbedingung 
für die Möglichkeit zur Treue anzusehen : die genitale Hem- 
mung. Indessen zeigt uns ein BUck auf die Neigung frigider 
Frauen oder schwachpotenter Männer zur Untreue, daß in 
dieser Form die Bedingung vielleicht nicht falsch, aber sicher 
zu -weit gefaßt ist. 

Etwas weiter führt die Beobachtung, daß sich bei den 
Menschen mit zwanghafter Treue die sexuellen Schuldgefühle 
oft hinter den konventionellen Verboten verstecken.^ Alles 
konventionell Verbotene, also damit auch jedes außereheliche 
Erleben wird dann mit der ganzen Schwere der unbewußten 
Verbote belastet und wird durch diese Belastung so gewichtig. 
Wie zu erwarten, treffen wh- diese Schwierigkeit bei den- 
selben Menschen, denen auch die Ehe selbst nur unter Be- 
dingungen gestattet ist. 

Diese Schuldgefühle werden aber speziell auch dem Ehe- 
partner gegenüber empfunden. Denn dieser übernimmt für 
das Unbewußte nicht nur die Rolle des begehrten und ge- 
liebten Eltemteils, sondern es können sich ihm gegenüber 
auch die alte Angst vor Verboten und Strafen wiederholen. 
Insbesondere werden dann die alten Schuldgefühle wegen 
Onanie reaktiviert und schaffen so, unter dem Druck des 
vierten Gebots, dieselbe schuldbeladene Atmosphäre von über- 
mäßigen Verpflichtungsgefühlen, respektive einer reaktiven 
Gereiztheit — oder von Unoffenheit, respektive der reaktiven 
Angst, ja nichts vor dem anderen zu verheimlichen. Ich 
möchte vermuten, daß die Beziehung Untreue— Onanie eine 
noch engere ist als nur die über die Brücke der Schuld- 
gefühle. In der Onanie finden zwar ursprünglich die sexuellen 
Wünsche auf die Eltern ihren körperlichen Ausdruck; aber inso- 



i) Dieser Zusammenhang: sehr deutlich gestaltet von Sigrid Undset in 
.Kristin Lavranstochter". 



5« 



fem gewöhnlich schon sehr früh in den Onaniephantasien die 
Eltern durch andere Objekte ersetzt werden, stellen die Onanie- 
phantasien gleichzeitig auch die erste Untreue gegenüber den 
Eltern dar. Dasselbe gilt für die frühen erotischen Erlebnisse 
mit Geschwistern, Kameraden, Dienstboten usw. Wie die 
Onanie die erste Untreue in der Phantasie, stellen diese Er- 
lebnisse die erste Untreue in der Realität dar; und man 
macht in Analysen die Erfahrung, daß für Menschen, bei 
denen ein besonders empfindliches Schuldgefühl wegen dieser 
frühen phantasierten oder realen Erlebnisse zurückgeblieben 
ist, eine Untreue in der Ehe darum besonders ängstlich ge- 
mieden wird, weil sie eine Wiederholung dieser alten Schuld 
darstellen würde. 

Dieses Stück der alten Bindung ist es häufig, das sich bei 
Menschen, die trotz heftiger polygamer Wünsche wie zwang- 
haft treu sind, wiederholt. 

Die Treue kann aber auch eine ganz andere psychologische 
Begründung haben, die sich entweder bei denselben Men- 
schen zu jener hinzufügen kann, oder sich auch völlig un- 
abhängig von ihr findet. Es handelt sich hier um Menschen, 
die aus irgendeinem der angeführten Gründe mit beson- 
derer Empfindlichkeit ihre Forderung nach AusschUeßUch- 
keit dem andern gegenüber vertreten und sie dann auch in 
der Rückwirkung auf sich selbst anwenden. Mag sich das 
nun bewußt als Gerechtigkeit geben, die Ansprüche an den 
andern auch für die eigene Person gelten läßt — die tiefere 
Wurzel dürfte in diesen Fällen in Allmachtsphantasien liegen, 
aus denen heraus man im Sinne einer magischen Geste mit 
dem eigenen Verzicht auf andere Beziehungen auch den 
andern dazu zvringen will. 

-TvWir haben nun gesehen, aus welchen Antrieben die mono- 
game Forderung entsteht und gegen welche Kräfte sie zu kämpfen 
hat. Wenn wir sie mit einem physikalischen Gleichnis als die 
zentrifugalen und die zentripetalen Kräfte in der Ehe be- 
zeichnen, so müssen wir uns sagen, daß hier ein Kräftespiel 
vor sich geht, bei denen die Gegner einander gewachsen 
sind. Beziehen doch beide ihre Impulse aus denselben ele- 



55 



mentarsten und direktesten Wünschen des Ödipuskomplexes. 
Beide Rräftegruppen werden unvermeidlich — wenn auch 
in allen Abstufungen — in der Ehe aktiviert. Wir glauben 
daraus besser verstehen zu können, warum es nicht möglich 
war und warum es nicht möglich sein wird, irgendeine 
grundsätzliche Lösung für diese Ehekonilikte zu finden. Wir 
können da ja nicht einmal im einzelnen Fall, obgleich wir 
doch da die treibenden Kräfte leidlich übersehen, sondern 
können nur nachträglich aus unseren Erfahrungen sagen, zu 
welchen Folgeerscheinungen das eine oder das andere Ver- 
halten tatsächlich geführt hat. ^; ..,.«-t^'t ..„;. 

Kurz gesagt beobachten wir, wie sowohl beim Innehalten 
als beim Durchbrechen der monogamen Forderung Haß- 
elemente frei werden können, und zwar auf den verschie- 
densten Wegen, wie sie sich dann in dieser oder jener Form 
gegen den Partner wenden, und wie so von beiden Seiten 
her das Fundament untergraben werden kann, das bestimmt 
ist, die Ehe zu tragen: die zärtliche Bindung. Wir müssen 
es schon dem Ethiker überlassen, den einen oder den an- 
deren Weg als den richtigen anzupreisen. 

Immerhm besagt eine solche Einsicht keine völlige Macht- 
losigkeit gegenüber Ehekonflikten dieser Art. Durch Auf- 
decken ihrer unbewußten Verstärkungen kann sowohl den 
polygamen Wünschen, wie der monogamen Forderung soviel 
an Boden entzogen werden, daß ein Auskämpfen der Kon- 
flikte überhaupt möglich wird. Und noch eins geben uns 
diese Einsichten: Wir sind oft geneigt, bei Einblick in die 
Konflikte einer Ehe uns unwUlkürlich in dem Sinne beein- 
drucken zu lassen, daß es hier nur den einen Ausweg der 
Trennung gäbe. Je tiefer wir begreifen, wie unvenneidhch 
diese und andere Konflikte in jeder Ehe sind, desto inner- 
hcher müssen wir zur Überzeugung kommen, wie notwendig 
gegenüber diesen unkontrollierten Eindrücken eine völW 
Reserve ist, und desto mehr werden wir auch fähig sein, 
sie wirklich innezuhalten. 



f 



54 



: 



"Die Spaltung der Geschlechtlichkeit 

und ihre Folgen für Ehe und Gesellschaft 
«»i- von 

Wilhelm Reich 

Das neue Buch von Reich „Die Funktion des Orgas- 
mus" („Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse^^, Bd. Vi, 
geh, 10 M, Ganzleinen 12 M) ist ein Beitrag sowohl zur 
allgemeinen Psychopathologie als zur Soziologie, In seinen, 
acht Kapiteln behandelt es den neurotischen Konflikt, den 
Begriff und die Problematik der orgastischen Potenz, die 
psychischen Störungen des Orgasmus (insbesondere den 
.-iio;« :ii! onanistischen Koitus und die Zersplitterung des Orgasmus 
• ' ; ■ bei akuter Neurasthenie^ bei Nymphomanie usw.), den Zu- 

sammenhang von körperlicher Libidostauung und Angst- 
affekt, die psychoneurotischen Schicksale der Genitallibido, 
die Abhängigkeit des Destruktionstriebes von der Libido- 
stauung und — im letzten Kapitel — die soziale Be- 
deutung der genitalen Strebungen, Diesem letzten 
Kapitel entnehmen wir — mit einigen Kürzungen — die 
folgenden Abschnitte. 

Beim Tiere kommt der Destruktionstrieb nur als oraler Ver- 
nichtungstrieb im Dienste der Selbsterhaltung xum Vorschein oder 
er dient der Verteidigung des Lebens. Das fleischfressende Raub- 
tier vernichtet geeignete Objekte, wenn der Hunger es fordert. 
In der Menagerie lebende Raubtiere sind ungefährlich, wenn sie 
TÖUig satt sind. Ihre Aggressivität Fremden gegenüber enUpricbt 
einer instinktiv geahnten Gefahr; das beweist ihr gegenteilig^es 
Verhalten gegen den Dompteur. Etwas dem phallischen und analen 
Sadismus des Menschen (Erstechen, Erschießen, Durchbohren ; 
Schlagen, Zerquetschen, Zertreten) Ähnliches kommt nicht vor. 

Der Destruktionstrieb des Menschen zeichnet sich vor allem 
dadurch aus, daß seine Ziele nicht biologisch notwendig sind, 
imd er gleicht in dieser Hinsicht ganz der Wildheit mancher 
Tiere die nicht zur Sexualbefriedigung gelangen können. Insofern 
ist er das Gegenstück (und die Folge) der menschlichen Zivilisation 
und Kultur die sich ihrerseits auf der Unterdrückung und Sub- 
limiemns der Sexualität aufbauen. Seine weiteren Schicksale werden 
von der sozialen Umgebung und von der Anpassungsfähigkeit des 
Individuums entscheidend bestimmt. Faßt man die Extreme in 



55 



Auge, so wird er entweder als dissoiialer, gransamer Charakter 
(Lustmorder!) oder als zwangsneurotische Hypermoral xum Vor- 
schem kommen, die in ihrer Unduldsamkeit und Härte ihre Her- 
kunft selbst deutlich verrät. Man denke etwa an die Härte des 
katholischen Dogmas, insbesondere an die Grausamkeit der In- 
qumt,ons«it, die die religiöse Hypermoral begleitete und zu 
verte.d.gen vorgab. Die religiöse Forderung und Durchführung 
der Askese selbst war der Erfolg eines tiefen Schuldgefühls- die 
Erbsunde .m Mythos von Adam und Eva war ein genitaler Akt, 
. der von Gott -Vater verboten war. Die äußere Versagung wurde 

Zd'lZrCT !""•■"" '" T ""' •"'' Zwangsneurose; Freud 
und Reik haben femer nachgewiesen, daß die religiösen Zere- 
monien ganz den gleichen Gesetzen folgen wie die zwangs- 
neurot,schen^ Es .st aber meines Wissens der Gesichtspunkt noch 

TrieL^^ft^ ^^ T^7- ^f " ''"^ Unterdrückung der genitalen 
Tnebkrafte war die die Brutalität hervortrieb. Es entstand ein 
Sadisnius, der in religiösen Masochismus verkehrt wurde De 
masochistischen Orgien des Mittelalters und die maßlose Bruial" t 
der In^„.t,on waren so im Grunde Abfuhrerscheinungen libidl 
noser Energien. De Cos.er, der geistvolle Schildere^r der In- 
und Tn?m ' ^'* ■*'"' Tatbestände in den Gestalten Philipps 11. 
das PriL r^'^f "'^'''- "^'"Ullenspiegel, der Protes.an' der 
Tl. ,^ T , "■ ^'^''' ""^'"''^ ""'' ^«^höhnt, dabei oder gerade 
deshalb als Vorbild des grundgütigen Menschen (im Gegensatz 

biW deT" h^^";'"' ^='"''""^" ^'-■■'PP) --"-"*• »tef Sinn- 
bild des wohltuenden Einflusses, den die Aufhebung des Prinzips 

zuLfnts? ■" B " ^°'«'-*"™- ?-bt hat: er Jterschfed slh 
ToTeranz "" ^^""" """" Katholizismus durch seine Güte und 

h„l'^^" ""'"■ """. "''" '" B"''«=''t™g i" Sexualmoral von 
Jieute, die vom traditionellen und vom kapitalistischen Bürgertum 
vertreten wird. Dabei fallen Elemente auf, die völlig analog sin" 
der zwangsneurotischen Ideologie: 

I) Der außereheliche Geschlechtsverkehr wird ganz allgemein 
Rücks"Ht ^'"/■l"",»'^ ^' schmutzig (anal) hingestellt. .^Ohne 
Rucksicht auf physiologische und biologische Tatsachen wird 
nicht am wenigsten von Ärzten, die vor- mid außereheliche Askese 
propagiert, jj Die Onanie wird, obgleich an der Tatsache nicht z« 

rutteb, ist daß sie ein bestimmtes Entwicklungsstadiumnormaler" 
weise beherrscht, als das Übel aller Übel angesehen, au"h von 
Ärzten. ,) Die Liebesstrebungen sind gespaltenf Dem junge», un" 

56 



1 



verheirateten Manne wird der Geschlechtsverkehr zugestanden und 
da man das Mädchen derselben Klasse schützen will, duldet man 
die Prostitution, die als „schmutziges", aber notwendiges Übel 
gilt. Die Auffassung des Geschlechtsaktes als einer tierischen und 
schmutzigen Angelegenheit bringt es mit sich, daß er nicht als 
ein biologisch, physiologisch und seelisch notwendiger Vorgang, 
sondern als ein Entleerungsvorgang gleich der Defakation bewertet 
wird. Die sinnliche Komponente der Genitalität wird von der 
zärtlichen abgespalten; der junge Mann befriedigt seine Sinnlich- 
keit in einem „Verhältnis" mit einem Mädchen, die er als Gattin 
nie akzeptieren würde, eben weil sie sich ihm ohne Trauschein 
hingegeben hat, oder bei Prostituierten, und „verehrt" daneben 
ein Mädchen seiner Klasse; je größer die Verehrung ist, desto 
entrüsteter wird er den Gedanken an ein intimes Verhältnis mit 
ihr zurückweisen, oder er würde die zärtliche Strebung verlieren, 
wenn sie seinen sinnlichen Ansprüchen nachgäbe. 

Die Aufteilung der Lieb es strebung und die Abspaltung der 
Sinnlichkeit begründen ihre anale Auffassung. Beide sind phylo- 
genetisch aus der Summation individueller Verdrängungsleistimgen 
hervorgegangen; diese können wir in der Analyse neurotischer 
Menschen genau studieren. Die hehre Frau repräsentiert die 
Mutter, der vom Kinde keine Sexualität zugemutet werden kann; 
war sie es doch, die die lustvollen autoerotischen Betätigungen 
als schmutzig verbot. Viele Neurotiker zeigen daneben eine tiefe 
Verachtung für die Frau; eines der Motive ist eine bittere Ent- 
täuschung, die das Kind erfahren mußte: Es konnte sich über- 
zeugen, daß die Eltern, speziell die Mutter, ähnliches tun wie 
das, was ihm verboten wurde. Das Ganze wird verdrängt und es 
bleiben nur Zweifel an der Gerechtigkeit Gottes und der Men- 
schen im allgemeinen, extreme Über- oder Unterschätzung der 
Frau, zwangsneurotische Keligiosität oder forcierter Atheismus 
und last not hast die Unfähigkeit, die zärtliche und die sinnliche 
Strebung zu vereinigen, übrig. An den Sexualerlebnissen kann 
nur mehr die Hälfte der Persönlichkeit teilhaben; das bringt stets 
eine Schwächung der psychogenitalen Befriedigung mit sich samt 
allen ihren Folgen. Die sozial bedeutsamste ist unstreitig das 
Anschwellen der sadistisch-aggressiven Strebungenv 

Außer den irrationalen Motiven, die die doppelte Geschlechts- 
moral begründen, spielen bei der verschiedenen Auffassung des 
weiblichen und des männlichen außerehelichen Geschlechtsverkehrs 
(einschließlich des „Ehebruches") auch rationale Motive eine wich- 



57 



tige Rolle: Es sind Gefühle, die auf der tatsächlichen Unkultur 
und Widematiirlichkeit in den sexuellen Beziehungen der Ge- 
schlechter beruhen. Die herrschende Geschlechtsmoral erniedrigt 
zuerst das seimelle Empfindungslehen, im speziellen den Ge- 
schlechtsakt, und heruft sich dann auf die Niedrigkeit der von 
ihr erniedrigten Sexualgefühle, wenn man ihre Forderungen 
für unnatürlich imd gesundheitsschädlich erklärt. 

So wird etwa die außereheliche Hingabe des Weibes gefühls- 
gemäß auch von Vorurteilsfreieren anders gewertet als die des 
Mannes. Schon im Sprachgebrauch drückt sich der Unterschied 
aus: Die Frau hat sich „weggeworfen«, der Mann hat „die Frau 
besessen«. Niemals „besitzt« die Frau den Mann. Niemals „wirft" 
ein Mann „sich weg«. Das kommt daher, daß für das Gros der 
Männer der „Besitz« einer Frau eine Eroberung und der Besitz 
einer Verheirateten überdies einen Triumph über den „betrogenen« 
Gatten bedeutet. Es handelt sich also in erster Linie nicht um 
em Sexualerlebnis, sondern um „Besitz«, „Verlust", „Betrug«, 
„Triumph", „Rache«. Dem bürgerlich Fühlenden ist es daher 
unvorstellbar, daß etwa der Gatte, der sich vorübergehend ander- 
weitig gebunden fühlt, es dem andern vertrauensvoll mitteilt. 

Es ist klar, daß unter solchen Bedingungen das orgastische 
Erleben zurücktreten muß hinter der Freude am Erobern, Be- 
trügen, Heimlichtun und „Stehenlassen«. Sowie die bürgerliche 
Moral die orgastische Potenz schwächt, so fuhrt dies wieder xur 
Verhildung der genitalen Objektliebe und festigt die doppelte 
Geschlechtsmoral. — Dem orgastisch potenten Menschen ist der 
Akt weder ein Potenzbeweis, noch ein Akt der Eroberung, noch 
em Racheakt gegen einen Dritten, sondern ein tendenzloses und 
notwendiges lustvolles Erleben. Hier „nimmt« das Weib ebenso 
wie es „gibt«, in gleicher Weise wie der Mann, und die nicht 
frigide Frau hat aufgehört, lediglich Sexual Werkzeug zu sein. Es 
ist ohneweiters klar, daß eine Bejahung der Genitalität die Er- 
niedrigimg des Sexuallebens aufhebt. 

* Was den bürgerlich Fühlenden in seinen Auffassungen der 
Sexualität, deren rationale Grundlagen — das wollen wir nicht 
aus den Augen lassen — er selbst geschaffen hat, mit Recht be- 
stärkt, ist die sexuelle Lüsternheit des bürgerlichen Durchschnitts- 
mannes und der in unehrlichen Prinzipien erzogenen, sexual- 
gehemmten bürgerlichen Frau. Diese Lüsternheit ist ja selbst 
eine Folge der bürgerlichen Sexualmoral, weil diese in die natür- 
lichen Geschlechtsbeziehungen jenen verderblichen Hauch von 

58 



Niedrigkeit hineinträgt durch die Erklärung, der Geschlechtsakt 
sei etwas Schmutziges und Tierisches, was, gemischt mit dem 
starken, natürlichen Sexualverlangen, eben Lüsternheit ergibt. 

Diese sozialpsychologischen Tatbestände werden durch eine 
merkwürdige Tatsache kompliziert, die uns in der biologischen 
Unterschiedlichkeit der Geschlechter begründet erscheint: Das 
Weib wird dem Manne, der sie zum Orgasmus gebracht hat, 
hörig, sie mag vorher noch so männlich und emanzipiert gewesen 
sein; nach dem befriedigenden Sexualerlebnis wünscht sie den 
starken, fuhrenden Mann; ja, bei weniger intelligenten Frauen taucht 
ein eigenartiger Wille zur Unselbständigkeit und Subordination 
auf. Beim gesunden Manne ist es anders; der p hall isch- aggressive 
Charakter seiner Geschlechtlichkeit bewahrt ihn vor Hörigkeit. 
(Nur der unbefriedigte oder der feminine Mann kann einer Frau 
hörig werden und wird von ihr dafür im geheimen verachtet.) 

Aus diesem biologischen Wechselspiel hat die herrschende 
Moral sexuelle Herrschsucht beim Manne, als Reaktion darauf 
Vermännlichuiig der Frau und orgastische Impotenz bei beiden 
Geschlechtern gemacht. Es steht außer Frage, daß die natürliche 
Keaktion des Weibes &ui ihre Penislos igkeit ganz bedeutend, viel- 
leicht sogar ausschlaggebend verstärkt wird durch die in der 
doppelten Geschlechtsmoral begründete Geringschätzung der Frau. 
Das kleine Mädchen bekommt fortwährend zu hören, daß sie 
nicht so viel könne und dürfe wie der Bub. So entsteht ein Zirkel 
von Wirkungen: Der unsublimierte Penisstolz des bürgerlichen 
Durchschnittsmannes führt zur Geringschätzung der Frau; diese 
wieder macht die Frau männlich, sexualscheu und &igid; durch 
ihre Frigidität verliert sie als Sexualobjekt an Wert, denn gerade 
die gefühllose Frau erweckt im Manne während des Aktes das 
Empfinden, bloß ein Werkzeug der Be&iedigung vor sich zu 
haben; dieses Empfinden stärkt seine männliche Überhebiuig und 
die Geringschätzung der Frau. 

Die Anschauung, daß die Frau den Akt „erleide", daß er für 
sie etwas Erniedrigendes habe, laßt sich mit der „sadistischen 
Auffassung vom Koitus" allein nicht erklären, denn erstens geht 
diese auch dahin, daß die Frau dem Manne beim Akte etwas 
antut, zweitens findet man jene Anschauung auch bei solchen, 
die keine sadistische Auffassung des Geschlechtsaktes haben. Sie 
dürfte vielmehr in der allgemeinen Erniedrigung des Liebeslebens 
und in der sadistisch-herabsetzenden Art des Mannes der Frau 
gegenüber begründet sein. 



59 



Die Folgen der Spaltung der G eschlechtli^hkeit 

für die Ehe 

Ein wichtiger Umstand im vorehelichen Geschlechtsleben des 
Mannes spielt in der Ehe eine verhängnisvolle Rolle. Es ist be- 
kannt, daß Prostituierte entweder total frigid oder nur bei ihren 
Geliebten, den sogenannten Zuhältern, orgastisch potent sind. 
Jüngere Prostituierte pflegen gelegentlich den Orgasmus vorzu- 
täuschen; auf den erfahreneren Mann macht das aber bald keinen 
Eindruck mehr, ja es kann sogar ekelerregend wirken. Er versinkt 
sehr bald in Apathie gegen die Frau und der Geschlechtsakt sinkt 
zu einem autoerotischen, onanistischen Akt herab, der nicht mehr 
durch das Weib, sondern nur mehr durch Phantasien angeregt 
wird. 

Sehr bezeichnend ist die Tatsache, daO viele Männer und 
Frauen gar nicht wissen, daß es einen Orgasmus bei der Frau 
gibt, ja, viele halten ihn für schimpflich. Die Geringschätzung der 
Frau und die Apathie, die am „analen" und onanistischen Verkehr 
mit bezahlten Frauen erworben wurde, bringen es mit sich, daß 
solche Männer nach dem Akte, sehr oft auch schon während der 
Ejakulation, Ekel empfinden. Diese Reaktion wird dann in der 
Ehe nur schwer überwunden. Die genitale Sinnlichkeit ist derart 
anal belastet, daß sie den Anschluß an die zärtliche Strebung 
nicht finden kann. Der Verkehr mit der lartlich geliebten Frau, 
vorausgesetzt, daß die zärtliche Liebe noch aufgebracht werden 
kann, wird bewußt oder unbewußt als ein Beschmutzen der Frau 
aufgefaßt. Erlischt die zärtliche Strebung, so wird der Akt zu 
einer lästigen Pflicht und bleibt nur mehr ein Entleerungsvorgang. 
Erlischt sie nicht, so besteht für den Mann die Gefahr, an fakul- 
tativer oder totaler Impotenz zu erkranken. Danmter leidet natür- 
lich die Genitalität der Frau, die sie bis zur Verheiratung unter- 
drücken mußte, und es bedarf gerade in der ersten Zeit der ge- 
schlechtlichen Beziehungen großen Taktes und Verständnisses von 
Seiten des Mannes, damit ihre Sexualscheu weiche. Solche Inter- 
essen an der Befriedigung der Frau hat er aber nicht erworben, 
oder er würde an die Vorspiegelung sexueller Erregung durch die 
Prostituierte erinnert, wenn seine Gattin ihrer Erregung freien 
Lauf ließe. So muß die soziale Spaltung der Geschlechtlichkeit, 
die «ich im Kontrast: Ehe — Prostitution, ausdrückt, als eine 
der wesentlichsten Ursachen der bleibenden Frigidität von Frauen 



60 



4 



angesehen werden, die nicht besonders neurotisch disponiert sind. 
Das mangelnde Interesse an der Befriedigung der Frau hat früh- 
zeitige Ejakulation und Erschlaffung des Gliedes zur Folge: Der 
Mann strebt der Endbefriedigung lu, ohne sich der Frau anzu- 
passen, die besonders im Beginne der Ehe nur schwer oder gar 
nicht zum Orgasmus kommt. Das gibt dann für die Frau den 
Anlaß ab, regressiv alte Phantasien neu zu beleben, und legt so 
den Grund zur psychoneurotischen Erkrankung. Bei der Heilung 
frigider Frauen begegnet man dieser sozial bedingten Form der 
frühzeitigen Ejakulation des Mannes als letztem, aber unüber- 
windlichem Hindernis. Die Genitalität der Frau wurde durch die 
Analyse frei, kann sich aber nicht entfalten, weil der Gatte nicht 
genügend potent ist, d. h. die Spaltung seiner Sexualstrebung nicht 
überwunden hat; er verhält sich weiter egoistisch wie früher bei 
der Prostituierten oder beim bezahlten Verhältnis. 
,t In anderen Fällen fehlt dem Manne in der Ehe die Möglich- 
keit, die früher geübten Vaiiationen des Aktes auszuführen oder 
extragenitale Befriedigungen zu erzielen, weil er seiner Gattin 
„derartigen Dimenbrauch" nicht zumutet und sie viel zu gehemmt 
ist, um selbst aktiv zu sein; jede extragenitale Geschlechtlichkeit 
ist mit der Idee „verkommene Dirne" assoziiert. Nun zeigt aber 
die Analyse verheirateter Frauen, — und die Kenntnis der Sexual- 
entwicklung überhaupt läßt eine andere Annahme nicht zu, — 
daß die prägenitalen Triebkräfte, soweit sie nicht sublimiert 
wurden, individuell verschieden ausgeprägt Befriedigung in den 
Vorlustakten beanspruchen. Die Zurückweisung jeder nicht- 
genitalen Befriedigung beruht somit auf Verdrängung. Auch dem 
Manne, der seine unsublimierlen prägenitalen Bedürfnisse unter- 
drückt, droht neurotische Erkrankung; immer aber führen solche 
Einschränkungen zu einer Gereiztheit in der Ehe, deren eigent- 
liche Motive gewöhnlich unbewußt bleiben oder verdrängt werden. 
Befriedigt der Mann, indem er seine Sexualität wieder spaltet, 
seine Genitalität in dem von der Gesellschaft gebilligten ehelichen 
Akt und seine prägenitalen Bedürfnisse außerhalb der Ehe, so 
können die Folgen für die Ehe nicht minder nachteilig sein. 

Die Hemmungen oder Aufteilungen der Bedürfnisse bedingen 
eine zunehmende Abstumpfung der geschlechtlichen Anziehung, 
die orgastische Entladung büßt immer mehr an Intensität ein; 
Phantasien, die den unerledigten Antrieben entstammen, drangen 
sich während des Aktes störend vor und schließlich schwillt die 
Aggressivität an, die sich vor allem gegen den vermeintlich 



61 



schuldigen Ehegatten richtet. Die polygamen Wünsche, die sich 
demzufolge ebenfalls einzustellen pflegen, bedingen überdies bei 
moralisch gehemmten Gatten ein Schuldgefühl, das den Haß nur 
noch verstärkt. Wenn sich dem Manne in seinem Berufe keine 
Möglichkeit bietet, das Unterdrückte lu sublimieren, oder ist seine 
Sublimierungsfähigkeit eine geringe, so holt er seine Homosexuali- 
tät hervor und wird Spieler oder Trinker. >.-v.- 

i-u-?^"" ^"'^ '*^^* ""' ^^'' ^^^ ^"^ Neurose offen, wenn sie 
hbidostark und triebgehemmt ist. Die Enttäuschung, die sie am 
Manne erfahren hat, braucht nicht immer bewußt 7u werden- ie 
starker die Verdrängung ist, desto sicherer wird die Befriedigiinff 
in Phantasien gesucht werden; es muß zu Regressionen und zur 
Libidoslauung kommen. Oder die Sehnsucht nach der Befriedigunff 
kommt als Verbittenmg und Streitsucht zum Vorschein. Dariib^ 
wird die Stärke der moralischen Hemmung entscheiden. Manche 
schlechte Ehe beruht darauf, daß sich die Gatten genital (im 
engeren und weiteren Sinne) nicht finden konnten, und der ehe- 
Jiche Kampf ist dann nichts anderes als eine verkappte Neurose. 
Der frigiden Frau ist der Akt immer lästig und erscheint ihr 
biTital. Er wird für sie und den Gatten, der ihren Abscheu - 
mit Recht - auf sich bezieht, zu einer lästigen Pflicht. In solchem 
Falle kann auch keine Sublimiemng helfen, weil die Zerrissenheit 
des Geschlechtslebens auch die schon bestehenden Sublim ierungen 
zersetzend angreift. Manche Arbeitsunfähigkeit ist so zustande 
gekommen Es bleibt dann nur mehr die Wahl zwischen Neurose 
und ehelicher Untreue. 

^ifstumpfung in der monogamen Ehe 

Jahrelange Monogamie bringt eine Abstumpfung der genitalen 
Anziehung mit sich, die nur selten in stille Resignation ausläuft- 
viel häufiger führt sie lu schweren Konflikten in der Ehe. Diese 
Kernfrage der ehelichen Geschlechtlichkeit war von jeher eben- 
sowohl Gegenstand des Witzes und der Zote, wie sie Geister von 
der Bedeutmig eines Balzac oder Strindberg dauernd beschäftigt 
hat Nur die Wissenschaft versteht es, sich diesen Fragen zu ent- 
ziehen. ° 

Die Gatten entdecken Fehler aneinander, die sie früher nicht 
sahen oder nicht beachteten, sie „verstehen« einander nicht mehr 
gleichgültig ob die Persönlichkeit sich verändf -t hat oder nicht' 
Sie kennen in den seltensten Fällen die eigentlichen Gründe oder 



(ä 



sie erblicken in der sexuellen Abstumpfung eine Folge der Dis- 
harmonie. Das Gegenteil trifft zu: Die Herabsetzung der ge- 
schlechtlichen Anziehung steigert Eigenschaften, die zur Zeit der 
genitalen Harmonie zurücktraten. 

Nehmen wir den günstigsten Fall vor: Die Ehegatten sind 
körperlich und seelisch annähernd gesund, die Anforderungen der 
wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind nicht an sie herangetreten, 
der Gatte war imstande, die wirtschaftlich und sozial bedingte 
Spaltung der Liebe rückgängig zu machen. Für die unberührte 
Frau bedeutet nun die Defloration immer einen Schock (neuer- 
liche Kastration),' den sie nur unter günstigen Bedingungen über- ' 
winden kann. Verliert sie ihre Frigidität nicht sehr bald, so ent- 
wickelt sich Haß gegen den Gatten, Eine begreifliche, aber vom 
ärztlichen Standpunkt nicht zu rechtfertigende Scheu, sowie die 
Furcht, in den Ruf eines Pomographen lu kommen, haben es 
verhindert, daß an die Psychologie der Hochzeitsnacht herange- 
treten wurde. Ernste Schriftsteller haben behauptet und die Psycho- 
analyse Verheirateter beweist, daß sich das spätere eheliche Glück 
oder das Eheunglück letzten Endes auf die Erlebnisse beim ersten 
geschlechtlichen Beisammensein zurückfuhren lassen. Daß es die 
Bezeichnung „Flitterwochen" für die ersten Wochen der Ehe 
gibt, sagt bereits, daß die, die ihn geschaffen haben oder gern 
verwenden, die Abstumpfung erfahren haben und das Scheinhafte 
an den ersten Eheerlehnissen hervorheben wollen, die nur vom 
Standpunkt der späteren Stumpfheit schon erscheinen, In Wirk- 
lichkeit wirken sie schockartig und werden entweder bewußt mit 
Enttäuschung erlebt oder verdrängt und durch übertriebene, kTirz- 
lebige Illusionen dem Bewußtsein femgehalten. Die Frau steht 
einem neuen Erlebnis, das seit der Kindheit. tabu war, angstvoll 
gegenüber. Wo Angst herrscht, gibt es kein lustvolles Erleben. 
Auch der Mann steht vor einer neuen Tatsache, wenn er vorher 
seine Liebesstrebimgcn hatte spalten müssen, und muß viel Takt 
und Feingefühl aufbringen, um seine Sinnlichkeit der Situation 
anzupassen und keine Unvorsichtigkeit zu begehen. Ein lustvoU- 
harmonisches Erleben kann also nicht zustande kommen. Was 
vielen Männern die Erlebnisse der ersten Zeit schön erscheinen 
läßt, ist die Neuheit des Erlebnisses, der Umstand, zum ersten 
Male eine Frau der eigenen Klasse zu „besitzen", die bisher ver- 
boten war. 



Vgl. hiexu Freud: „Tabu der Virgimtät,** Ges. Schriften, Bd. V. 

63 



Hat sich „ach Lberwmdung aller Schwierigkeiten die genitale 

mTZZn'T^'' " '''"''" "^"^ ^''^^•'«"- Die Leichtigkeit 
mit der d,e Befned.gung zu erlaiigen ist, der Portfall der Not 

^end,gke,t, das Objekt .„ erobern, beide führen ™ alh , häufigem 
Geschlechtsverkehr, der in doppelter Hinsicht nachteilig ist 1^ 
kommt nie zu größeren Spannungen der Libido; schon dt 
geringsten Stauungen werden abgeführt. Perenc.i ■ hat die Ge! 
meTimTahm '"*'" „Se,ualgewohnheit" meines Wissens ab 
KoituVwird d """ """'"-"»"ftl-hen Arbeit behandelt. Der 

Ko. US wird dann wie zwangsartig ausgeführt und es stellen sich 
Ekelempfindungen ein. Im Geschlechtsakt wird auch ein Stück 
aggressiver Erohen.ngslust erledigt. Bei manchen Manne™, deret 
Hauptziel vor der Ehe das Erobern vieler Frauen war, schwindet 

welfluf ^""^ v^'l ^" *'^"'"' '^™" "- Erobemmüssen gat 

me£n E^e t f '™ •''"^'^"* ''°'"'"'- '''ff' -»hl in^den 

meisten Ehen mehr oder weniger zu. Das hat seine tiefen Gründe 

m der Eigenart der kindlichen Sexualentwicklung. Das SexüeUe 

war immer verboten und behält im Unbewußten diese Asso!iat7on 

begehrt. So bekommt das Verbotene auch auf nichtsexuellem Ge- 
biet emen verborgenen sexuellen Sinn. z. B. das Stehlen b^i der 
Kleptomanie. Bei manchen Menschen festigt sich nun der Sexual! 
N^chtK "'■°'™'" P''*°'°S"'=''^'""- -derart, daß sie das 
Nichtverbotene nicht begehren können. Je meh; der iwlnn im 
vorehelichen Sexualleben „erobern" und „besitzen" woCe dest^ 
rascher wird er in der Ehe abstumpfen. Der narzißTi cL und 
der sadistische Anteil der Genitalität bleiben il der 
monogamen Ehe unbefriedigt. 

Wie weit der Mann seine polygamen Tendenzen in der Ehe 
Deheirschen kann, hängt auch davon ab, in welchem Ausmaße er 
«ch von den Liebesbedingungen der Ödipus-Einstellung frei- 

MutteTwrr "^i '""'"""' ^^ ''^■" «"'^"S' '-^ "'"- Gattin die 

Es "i 2f"7^T °""""' S'^' '"•'""•' "'"'•""'" für die Frau. 
Es gilt auch für beide Geschlechter, daß die polygamen Wünsche 

um so weniger hervortreten, je besser es die Gatten versTehen 

Jhresinnhchen Ansprüche gegenseitig zu erkennen und u be-' 

fr.ed.gen und ,e verständnisvoller sie den polygamen Neigungen 

alWm" "° ^^r'"- °" S"'^"'" befriedigte Frau pflfgtt" 
allgememen mir sehr wenig p oly gam zu sein, wahrend die vaginal- 

.ch^T v7rl^l,Tm-" """ ^'""'»'Se^'ol'nl'eiten, I.ternationaler Psychoanalyti- 



64 



I 



anästhetisch en Frauen mit starker Klitoris erotik gewöhnlich un- 
stet sind. 

Jede unsublimierbare Tendenz, die im ehelichen Geschlechts- 
verkehr unbefriedigt bleibt, hat genitale Abstumpfung und teil- 
weise Abkehr vom Gatten zur Folge, so vor allem auch die Homo- 
sexualität. Es ist hier nicht die neurotische Form der Homo- 
sexualität gemeint, sondern die physiologische homosexuelle Kom- 
ponente in der Bisexualität. Wenn die polygamen Tendenzen in 
der Ehe zwanghaft werden» kann man. auf Grund der analytischen 
Erfahrungen voraussetzen, daß die homosexuellen Strebungen in 
der Ehe nicht untergebracht werden konnten. Davon kann man 
sich leicht überzeugen: Solche Männer pflegen nicht eine andere 
monogame, sondern polygame oder homosexuelle Frauen zu be- 
gehren; sie stellen dem Dimentyp Weiningers nach. Bei Frauen 
tritt das gelegentlich noch deutlicher hervor in Form einer Zu- 
wendung zu homosexuellen Frauen. 

Wird an der „normalen" Art der Kohabitation dauernd fest- 
gehalten, ist jede Abwechslung tabu oder finden die Partialtriebe 
in den Vorlustaiten keine Befriedigung, so stumpft die genitale 
Strebung selir bald ab; korrekter ausgedrückt: sie gerät in Kon- 
kurrenz mit den unbefriedigten Ansprüchen. In solchen Fällen 
liegen immer neurotische Hemmungen und Verdrängimgen der 
prägenitalen Triebansprüche imd der Homosexualität vor. Bei 
einer gewissen, individuell verschieden weitgehenden Freiheit des 
Kohabitationsmodus wird diese verhängnisvolle Rivalität vermieden 
imd viele Quellen der Abstumpfung werden unschädlich gemacht. 

In der Analyse frigider Frauen erfährt man, daß ihre Phantasie 
oder Vorliebe, beim Akte oben zu liegen, dem Wunsche Mann 
zu sein entspricht. Ebenso phantasieren Männer, die einen stärkeren 
femininen Einschlag haben, unter der Frau zu liegen, wehren aber, 
wenn sie neurotisch sind, solche Wünsche als unpassend und weib- 
lich ah. Das führt unter bestimmten Bedingungen zu pathologi- 
schen Ergebnissen, ist aber normalerweise beim männlichsten 
Mann und bei der weiblichsten Frau gegeben. Die Vertauschungen 
der Lage (Coitus inversus) sind also sehr gut imstande, solche 
Wünsche wenigstens zum Teil zu befriedigen imd dadurch un- 
schädlich zu machen. Die aktive Homosexualität des Mannes wird 
am ehesten durch den Koitus a tergo befriedigt. Bei der Frau 
dient er eher der Befriedigung uralter Wünsche, die entweder 
der analen Auffassung des Aktes entsprechen oder frühinfantilen 
Beobachtungen an Tieren entstammen. 



65 



Für viele Menschen, die in der Kindheit an sexuellen Spielen 
an den Genitalien Gefallen fanden, ist die Betastung des Genitales 
vor dem Akte ein Bedürfiiis. Manche Frauen mit protrahiertem 
Orgasmus können nur zur Befriedigung gelangen, wenn sie vorher 
manuell gereizt wurden. 

Man darf, will man den Tatsachen Rechnung tragen, nicht 
aui3er acht lassen, daß sämtliche prägenitalen Organisationen, 
individuell verschieden stark, das genitale Primat ständig be- 
gleiten (Freud). Sie greifen störend ein und drängen zur aus- 
schließlichen Befriedigung im Sinne der Perversion, wenn sie 
nicht befriedigt werden. Ein starker betonter oraler Antrieb wird 
daher in Form einer Fellatio oder eines Cunnilingus befriedigt 
werden müssen. 

- Der Geschlechtsakt selbst ist geeignet, den verschiedenen 
psychosexuellen Ansprüchen zu genügen, wenn die drängende 
mfantile Sexualität von Verdrängungen wenig beeinflußt ist und 
sich, soweit sie nicht charakterologisch oder in Sublimierungen 
verarbeitet wurde, in den Strom des aktuellen Sexualerlebens er- 
gießen darf. Das Verhalten des Mannes und der Frau vor und 
nach dem befriedigenden Akte legt Zeugnis ab für die erfolgte 
Erfüllung sämtlicher Wünsche. Der Mann verhält sich vor dem 
Akte gleichzeitig zärtlich und phallisch aggressiv, die Frau er- 
wartet gewöhnlich passiv die genitale Aggression. Während des 
Aktes ändert sich ihr Verhalten, sie wird ebenfalls aktiv, bis ihr 
Orgasmus mit dem des Mannes zusammentrifft. Der Mann kommt 
nicht ziur vollen Befriedigung, wenn die Frau frigid oder anästhetisch 
ist. Selbst diejenigen, die mit Prostituierten verkehren, fordern, 
daß die Partnerin wenigstens zum Scheine „mitkomme«. Es handelt 
sich zweifellos um ein intensives Miterleben des Orgasmus des 
Partners, um eine volle Identifikation, die sich zum eigenen Er- 
leben hinzuaddiert. Diese Identifikation ist geeignet, die weiblichen 
Tendenzen im Manne und die männlichen in der Frau zur Befrie- 
digung zu bringen. 

Nach dem befriedigenden Akte kehrt sich das Verhalten gewöhn- 
lich um: Die Frau kehrt ihre ganze zärtliche Mütterlichkeit hervor 
und der Mann wird zum Kinde. Das Bewußtsein der Möglichkeit, 
gerade ein Kind konzipiert zu haben, bewirkt, daß die Frau ini 
Manne das Kind vorwegnimmt und so seiner infantilen Haltung 
entgegenkommt. Verhält sie sich vorher kindlich-passiv, nachher 
mütterlich- aktiv, so ^r umgekehrt: vorher väterlich-aggressiv, nach- 
her kindlich-passiv. 



Die genannten ScKwierigkeiten und Motive der Abstumpfung 
in der monogamen GescJilechtsbeziehung sind iwar derzeit nicht 
zu beseitigen, können aber prinzipiell vermieden werden, sofern 
es die Beteiligten vorziehen, die Durchführung ihrer moralischen 
Prinzipien nicht mit einer Neurose oder ihrem Ä<juivalent, der 
unglücklichen Ehe zu erkaufen. Ein weiterer Grund der Abstump- 
fung dürfte sich jedoch nicht beseitigen lassen. Die Libido ist 
ebenso labil wie klebrig (Freud). In der Befriedigung selbst ist. 
von allem anderen abgesehen, die Abstumpfung gegeben. Sie kann 
durch Variationen des Befriedignngsmodus nur hinausgeschoben, 
nicht aber aufgehoben werden. Aber diese physiologisch gegebene 
Abstumpfung unterscheidet sich von der durch neurotische Hem- 
mungen bedingten vor allem dadurch, daß sie weniger qualvoll 
empfunden wird, weil sie nicht auf Unterdrückung von Trieb- 
ansprüchen sondern auf Absättigung beruht. Und je später sie 
auftritt, desto mehr steht sie auch mit der Abnahme der Leistungs- 
fähigkeit des somatischen Sexualapparats in Zusammenhang; die 
gefährlichen somatischen Libidostauungen fallen weg. Es gehört 
volle Bewußtheit der Gefahren, die mit allzu häufigem Geschlechts- 
verkehr verknüpft sind, dazu, um auch in der Ehe zeitweise 
freiwillig Abstinenz zu üben. Darauf hat Ferenczi (1. c) mit 
Nachdruck hingewiesen. Die intime körperliche Nähe, die die 
eheliche Gemeinschaft mit sich bringt (gemeinsames Schlafzimmer 
u. ä.), erschwert die Durchführung der so notwendigen Abstinenz. 
Wird sie nicht beachtet, so stehen die Ehegatten, selbst wenn 
weitgehende sexuelle Harmonie bestand, eines Tages erschreckt vor 
der Tatsache der Libido abnähme. Sie fühlen sich schuldig \md ver- 
suchen es, sie zu verschleiern oder durch ein übertriebenes Maß 
an Zärtlichkeit zu kompensieren. In weiterer Folge treten polygame 
Neigungen auf, denen sie mit Fassungslosigkeit begegnen; sie wird 
um so stärker ausfallen, je intensiver die Bindung an den Gatten 
war, und kann dann zu zwanghaften polygamen Phantasien oder 
Akten treiben. Zufolge der Tradition, daß die Untreue in der 
Ehe unmoralisch sündhaft und verbrecherisch sei, entstehen schwere 
Schuldgefühle. Bleibt die Tendenz zum Ehebruch als „verbreche- 
risches" Geheimnis unausgesprochen, wird sie verdrängt oder wird 
dem Gatten das Gegenteil vorgespiegelt, so droht gerade dem 
Gewissenhaften die neurotische Erkrankung. Weniger Skrupulöse 
begehen den Ehebruch und halten ihn geheim. Nur Wenige haben 
den Mut, sich dem Gatten zu eröffnen, was an sich befreiend wirkt, 
wenn es auch nicht immer die Schwierigkeit selbst beseitigt. Eine 



67 



vorüberg:ehende „Untreue« kann für eine gute Ehe gelegentlich sogar 
von Nutzen sein. Das gehört aber zu den günstigen Ausnahmsfällen 
und setzt volle Bewußtheit der Gefahren voraus, die in solchem 
Falle den Bestand der Ehe bedrohen. Ob aber eine Treue, die 
nicht auf Befriedigtsein, sondern auf Zwang oder Hemmung beruht, 
der Ehe förderlich ist, muß sehr bezweifelt werden. Daß sie der 
seelischen Gesundheit unzuträglich ist, steht außer Frage. 

Man staunt angesichts dieser Schwierigkeiten nicht mehr über 
die Fülle von Eheunglück, mag es sich nun als Galtenmord, als 
Verbitterung und stille Resignation oder als Neurose äußern. Auch 
die weitgehendste ökonomische Regelung der sozialen Verhältnisse 
wird allem nur den äußerlich bedingten Anteil der Not mildem. 
Individuelle Bedürfiiisse lassen sich nur bis zu einem gewissen 
Grade abändern, aber gewiß durch kein Ehebruchsgesetz und auch 
nicht durch soziale Ächtung aus der Welt schaffen. Am aller- 
wemgsten wird die ärztliche Hilfe von Erfolg sein, wenn man 
die Beurteilung der Tatsachen mit subjektiv begründeten oder 
übernommenen moralischen Wertungen vermengen wird, mögen 
sie anarchisch oder konservativ sein. 

Schwierigkeiten der Neurosentherapie 

Die Psychoanalyse erstrebt eine Neuordnung der Triebe 
im Sinne der normalen Grundstruktur. Dabei stellt sie sich 
am Emverständnis mit dem bewußten Willen des Kranken auf den 
Boden des Realitätsprinzips und beurteilt seine Haltungen nicKt 
danach, ob sie gut oder böse sind, sondern sie hat nur die Frage 
zu beantworten, welche seiner Haltungen seiner Realitätsfähig- 
keit entsprechen und welche sie stSren. Durch die analytische 
Aufklärung und durch das Wiedererleben uralter Konflikte ordnen 
sich die Triebe neu, automatisch, ohne unser Dazutun, und lassen 
dabei die latente realitätsgerechte Grundsiruktur, die ja bloß ver- 
schüttet war, in Erscheinung treten. Die Analyse ist also, wie 
Freud seinerzeit nachgewiesen hat,i gleichzeitig eine Synthese, 
nur daß sie sich dem Wesen des Patienten gemäßer vollzieht als 
die Erziehung („Psych agogik«) ohne Analyse, weil jede Über- 
redung oder Idealsetzung wegfällt. 

EsgibtalsozweifelloseinZielinderanalytischenTherapie, 
das ohne erzieherische Mittel erreicht werden kann: Herstellung 

1) Wege der pyschoanalytischen Therapie. (Ges. Schriften, Bd. VI.) 






der Arbeits- und der Liebesfähig-keit; um es nocb deutlicher 
lu sagen: der Fähigkeit zur sexuellen Befriedigung. 

Wenn man nach vieljähriger Ausübimg der psychoanalytischen 
Praxis sagen kann, daß sich in keinem Falle, bei noch so weit- 
gehender Behebung der Verdrängungen, Hemmungslosigkeit gezeigt, 
noch bestehende Triebhaftigkeit dauernd verschärft hat, so bedeutet 
das, daß die Freudsche Methode die „explosiblen Stoffe", mit 
denen sie operiert, zu beherrschen vermag, sofern sie von Kundigen 
ausgeübt wird, und daß der Eros jedes Menschen die soziale 
Anpassung gewährleistet. Der psychoanalytisch Geheilte erlangt 
mit der Bewußtheit auch die Herrschaft über die Triebe. Die 
Beherrschung ist freilich keine neurotisch-lähmende mehr, sondern 
eine bewußt-zielvoUe. 

Es kann nicht länger verhehlt werden, daß der Sublimierung 
als Ausweg aus der Neurose hei der Mehrzahl unserer Patienten 
nicht die Bedeutung zukommt, die ihr im allgemeinen zugeschrieben 
wird. Das Abreagieren ist nur eine momentane und keine um- 
fassende Konfliktlösung:; es kommt femer nur hei der geringen 
Anzahl traumatischer Hysterien als Heilungsfaktor in Betracht. 
Auch das Bewußtwerden der unbewußten Konflikte ist nur eine 
Vorbedingung der Konfliktlösimg und die intellektuelle Entschei- 
dung, mag sie noch so vollständig sein, reicht nicht aus, um die 
endgültige Umordnung der Triebe zu erzielen, d. h. die 
charakterologische Reaktionsbasis, auf der sich die 
Neurose aufbaut, zu beseitigen. Ein, vielleicht das wesent- 
lichste (weil aktuellste), Stück dieser Reaktionsbasis ist die Aktual- 
neurose. 

Dazu kommt die durch systematische Erhebung- von Katamnesen 
gesicherte Erfahrung-, daß diejenigen Fälle, die schon während 
oder bald nach der Behandlung zu einem geordneten Sexualleben 
kamen, eine weit größere Stabilität ihres durch die Analyse ge- 
besserten Zustandes aufweisen als die, die wegen noch ungelöster 
genitaler Konflikte oder wegen äußerer Schwierigkeiten (Milieu, 
Alter, körperliche Defekte usw.) ihre Libidostauung nicht völlig 
verloren haben. Die Fälle von Symptom- und Charaktemeurosen, 
die rückfällig wurden, rekrutieren sich aus solchen, deren Impotenz 
nicht behoben wurde oder die, zumeist aus ungelösten neurotischen 
Motiven, fortfuhren, abstinent zu leben. i^ 

Obgleich das Problem der neurotischen Reaktionsbasis in der 
Hauptsache noch ungelöst ist, kann bereits als sicher angenommen 
werden, daß die somatische Libidostauung und die Angstbereitschaft 



69 



dabei die wichtigsten Stücke sind. Fraglos ist die Befreiung von 
der Angst vor der Triebbefriedigung eines der unerläßlichen Mittel 
zur Erreichung des therapeutischen Zieles. Und da die Angst vor 
den vermeintlichen Gefahren der Triebbefriedigiing die Lihido- 
stauung und diese die Stauungsangst und die Symptome schuf, ist, 
ungeachtet aller individuellen Variationen des neurotischen Pro- 
xesses, der Verlauf des Heilungsprozesses bei der kausalen Therapie 
vorgexeichnet: Die Beseitigung der Angst vor der Trieb- 
befriedigung befreit die Triebe aus der Verdrängung 
die teils sublimiert werden, teils zur Befriedigung drängen. 

In dieser Hinsicht begegnet die analytische Therapie manchen 
unüberwindbaren äußeren Schwierigkeiten, die im günstigsten Falle 
an die Stelle der Neurose reales Unglück setzen, im ungünstigen 
eine Rezidive bewirken, der man machtlos gegenübersteht, weil 
sich die äußeren Bedingungen nicht ändern lassen. Hat z. B. eine 
Frau, getrieben von ihren Männlichkeitstendenzen, einen femininen, 
womöglich mit einer leichten ejaculatio praecox behafteten Mann 
zum Gatten gewählt, den sie beherrschen und quälen konnte, hat 
dann die Analyse Erfolg gehabt, indem sie die Umstellmig von 
der Männlichkeit zur Weiblichkeit bewirkte und die vaginale 
Bereitschaft die Klitoriserotik ablöste, so findet sich die analytisch 
Geheilte mit dem jetzt inadäquaten Gatten nicht mehr zurecht, 
denn sie begehrt entsprechend ihrer neuen Einsteilimg einen 
starken führenden, in jeder Hinsicht über ihr stehenden Mann. 
Uder die Fähigkeit zum Orgasmus zu gelangen ist freigelegt 
worden und harrt der Aktivierung durch den Gatten; der bringt 
aber entweder nicht das nötige erotische Verständnis auf oder er 
ist nur wenig potent. Es kann vorkommen, daß eine Ehe unter 
den ungunstigsten Bedingungen, aus neurotischen Gründen ge- 
schlossenwurde und durch materielle Umstände unlösbar geworden 
ist. Aus diesem Grunde haben Unverheiratete oder kinderlose 
Ehegatten eine bessere Prognose. 

Die Auswege aus diesen äußeren Schwierigkeiten sind unsicher 
genug. Einzelne Patienten, die speziell begabt sind, retten sich in 
irgendeine Arbeit, ihr Zustand bleibt jedoch labil und sie sind den 
Anforderungen der Außenwelt nie voll gewachsen. Sexuelle Resi- 
gnation birgt stets die Gefahr der Rezidive in sich, denn völlige 
Abstinenz ist auch einem von Anbeginn Gesunden nicht zuzumuten, 
geschweige denn einem Menschen, der neurotisch war und gerade 
an seiner starken Libido erkrankte. Onanistische Befriedigung 
kann Rezidivien aufhalten, birgt aber, auf die Dauer als einziger 



70 



I 



Befriedigiingsmodus betrieben, wegen der Phantasien und der 
unvollständigen seelischen Befriedigung auch bei völligem Mangel 
von Angst und Schuldgefühl die Gefahr der Rezidive in sich. Es 
bleibt noch die eheliche Untreue; hier hört der Einfluß der Ana- 
lyse auf, die Entscheidung hat das Ichidea des Patienten, das ja 
durch die Analyse auch triebbejahende Elemente aufgenommen 
hat und infolgedessen imstande ist, zwischen der von der herr- 
schenden Moral diktierten Pflicht zur Treue und dem nicht un- 
moralischen Recht zur Sexualbefriedigung zu wählen. 

Rückblickend müssen wir eingestehen, daß die praktisch wich- 
tigen Ergebnisse relativ geringfügig sind in Anbetracht des sexuellen 
und sozial-Ökonomischen Elends unserer Zeit. Da die Sexualbefrie- 
digung und die Subllmierung, die zwei allein vollwertigen Auswege 
aus der Neurose und ihren Äijuivalenten, auch vom sozial-ökono- 
mischen Milieu abhängen, ist das Gebiet der therapeutischen 
Arbeit von vornherein beträchtlich eingeschränkt. Die Fähigkeit, 
bei Konflikten ohne Rezidive auszuhalten, deren Herstellung der 
zweite Teil der analytischen Aufgabe und das ideale Ziel der 
kausalen psychoanalytischen Therapie ist, wird durch die analytische 
Beseitigung der genitalen Hemmungen und durch die Befreiung 
der zu sublimierenden Triebe bloß angebahnt; eine bessere Wider- 
standsfähigkeit gegen die Enttäuschungen des Lebens ist bei 
sachkundiger analytischer Behandlung in den allermeisten Fällen 
zu erzielen. Den Rest der Immunisierungsarbeit haben die reale 
Sexualbefriedigung und das Milieu zu leisten, das der von seinen 
infantilen Wünschen und masochistischen Regungen befreite Mensch 
allerdings auch zielbewußter zu gestalten vermag. 



iiiiiiiimiiiiii[iiiii]iiiiiiiiiiiiiiiiiiiii]imiiimiiiiiiiiiiiiii[ii[iimi[iiiiiMiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiii[iiiiiiii[iiiiiiiiim 



PSYCHOANALYTISCHES LESEBUCH 
Novalis über Religion, Wollust und Grausamkeit ^_ 

Es ist wunäerhar genug, daß nicht längst die Assoziation von Wollust, 
Religion und Grausamkeit die Menschen aufmerksam auf ihre innige Ver- 
wandtschaft und ihre gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat. 



71 



' Das Schweigen 

- * von 

Theodor Reik 

Von den Abhandlungen Reiksy die in 
dem Bändelten ,JVie man Psychologe wird» 
vereinigt sind, handelt eine von der „psy- 
chologischen Bedeutung des Schweigens". 
f^ir gehen hier einige Bruchstücke aus 
dieser Studie wieder. 

Der Wert schweigender Aufmerksamkeit ist gewiß von der 
klassischen Psychiatrie sowie von der angewandten Psychologie 
immer geschätzt worden. Aber man muß nur an die Fragen- 
methoden dieser Wissenschaften denken, um den Unterschied 
zwischen dieser und der Methode der Psychoanalyse zu wür- 

virF . r""" ™'' ^''^' hervorhebt, hat man niemals 
vor Freud den unzusammenhängenden Monolog einerseits 
und das fast absolute Schweigen des Arztes anderseits als 
methodisches Prinzip aufgestellt 

Gehen wir von der Wirkung, welche das Schweigen des 
Analytikers auf den Patienten ausübt, aus, so meinen wir' seinen 
latenten Sinn am besten erraten zu können. Wir haben hier 
sogleich eme Gelegenheit zur Selbstkorrektur, wir würden 
besser sagen: von den Wirkungen. Denn es sind verschieden 
artige, mcht nur in bezug auf die Mehrheit der Individuen 
die sich der Analyse unterziehen, sondern diese Wirkungen 
smd im Laufe einer und derselben Analyse selbst verschieden 
Im psychischen Leben desselben Patienten hat das Schweigen 
des Analytikers in dieser und jener Situation einen verschie- 
denen Charakter, bekommt eine differente Bedeutung 

Es ist vor allem bemerkenswert, daß der Patient diesem 
Schweigen überhaupt eine bestimmte gefühlsmäßige Bedeutung 
zuschreibt: er würde sich nicht dazu verstehen, zuzugeben, 
daß es einfach das natürliche und notwendige Verhalten des 
Analytikers sei, der schweigen muß, um aufmerksam zuzuhören. 
In der überwiegenden Mehrza^ der FäUe hat das Schweigen 
des Analytikers besonders am Anfang eine wohltuende, be- 

72 



- 



nihigende Wirkung. Gewiß, der Patient deutet es vorbewußt 
als Zeichen einer ruhigen Aufmerksamkeit, aber diese selbst 
scheintihm ein Beweis der Sympathie. Wir sagen ja: „jemandem 
eine Aufmerksamkeit erweisen' und meinen damit: ein Zeichen 
unseres Wohlgefallens, unserer Schätzung. Es ist nicht zu 
verkennen, daß dieses Schweigen als solches dem Patienten 
Vertrauen einflößt und ihn aufzufordern scheint, sich einmal 
frei auszusprechen. Die analytische Situation ist ja dadurch 
gekennzeichnet, daß sie das konventionelle Element in den 
menschlichen Beziehungen für die Analysestunde in einem 
weitgehenden Ausmaße suspendiert. Dieses einführende Schwei- 
gen des Analytikers ist aber nicht nur die notwendige Bedingung 
dafür, daß er aufnehmen kann, was der Patient sagt. Der 
Analytiker hört ja doppelt, was jener spricht, hört die unbe- 
wußten Stimmen mitklingen, die ihm durch die eigenen 
Einfälle vermittelt werden. Es ist kaum noch bemerkt worden, 
daß sich dieser Wirkung für den Patienten eine andere ver- 
bindet, welche in der partiellen Abhaltung von der Außen- 
welt besteht. Sie ist jener Wirkung vergleichbar, die ein 
Lampenschirm durch Abschattung eines allzugrellen Lichtes 
ausübt. Die drängende Nähe der Realität tritt zurück. Dieses 
Schweigen des Analytikers gewährleistet bereits den Beginn 
einer ruhigeren, objektivierenden Betrachtungsweise. Nun wäre 
es natürlich verfehlt, wollte man annehmen, daß mit dem 
Beginn der Analyse das bisherige Leben des Patienten ver- 
sinkt und ein anderes einsetzt. Er kommt aus einer Sphäre 
bestimmter Begriffe und Wertungen, festgesetzter Auffassungen 
und starrer Konventionen und hält diese noch lange und zähe 
fest. Der Patient kommt in die in unserer Kulturwelt einzig- 
artige Situation des freien Aussprechens über seine intimsten 
Angelegenheiten aus dem Schweigen. Er hat über bestimmte 
Erlebnisse und Gefühle geschwiegen — noch wenn er der 
Gesprächigste, ja Geschwätzigste gewesen wäre. Das will nicht 
sagen, daß er über sich und seine Angelegenheiten nicht 
gesprochen hätte, aber er hat nicht über jenes Stück Ich 
gesprochen, das in der Analyse auftaucht. Man wäre auch 
über eine solche unzeitgemäße Aufrichtigkeit erstaunt, ja 



73 



entrüstet gewesen; er hätte auf Abweisung und Unterbrechung 
gefaßt sein müssen. Aus einer Welt, in der nur Kinder und 
Narren die Wahrheit sagen und sogar diese daran gehindert 
werden, kommt er in eine völlig anders geartete Welt, in der 
Aufrichtigkeit der einzige Wert ist. So gewährt das Schweigen 
dem Analytiker die beste MögKchkeit zur Herstellung der 
Übertragung Die Situation erinnert an die erste Kinderzeit, 
da das Kind seine Gefühle und Regungen noch ungehindert 
ausdrucken konnte, gleichgültig welcher Art sie waren. Kein 
Sprüchlein m der Art „ChiUren should be seen and not heard" 
hat damals den elementaren Äußerungsdrang des kleinen 
Wesens gestört. Freilich hätte die Weisheit solcher Anstands- 
regel damals auch nicht das gebührende Verständnis des 
Emehungsob,ektes gefunden. Das Schweigen wird in dieser 

Phase unbewußt als Sympathiekundgebung gewertet und der 
Patient reagiert darauf, indem er seinerseits spricht. Schon 

th- T '' rT'^™^''"' -^^ '^''"'' Schweigen, das passiv 
scheint, u, Wahrheit einen aktiven Charakter hat und wir 
werden Saussure recht geben, wenn er von einer „.aleur 
therapeutique" des Schweigens spricht. 

Dl. ^° ''-''^ "'"* Schweigen und Zögern des Patienten in dieser 
Phase zeigen, wird es sich gewöhnlich - es gibt gewiß Aus- 
nahmen - um ein Zeichen der oberflächlichsten Widerstände 
handeln, die dadurch gegeben sind, daß sich der Patient in 
die ungewohnhche und befremdende Situation einfinden muß. 
Aber diese Widerstände .ind wichtig genug; sie sind dem 
lernen Donner zu vergleichen, welcher das Herannahen eines 
l^ewitters anzeigt. Jene ersten Widerstände, welche die der 
OeseUschaft gleichsam im Individuum inkorporiert zeigen, 
smd gewohnlich rasch überwunden und bald zeigen sich die 
darunter lagernden, wichtigeren Schichten. 

Langsam ändert das Schweigen des Analytikers für den 
Patienten seine Bedeutung. Dem Kranken ist etwas eingefallen 
das er nicht sagen wUl oder das zu sagen ihm schwer fällt' 
Er spricht weiter über andere Dinge, aber jenes Unterdrückte 
drangt sich vor, läßt ihn nur schwer über Anderes reden- 
nun schweigt er wie der Analytiker. Es ist so, als hätte das' 






74 



Schweigen des Analytikers auf ihn übergegriffen, als wäre er 
davon infiziert worden. Die Situation hat aber zum erstenmal 
ihre UngemütUchkeit gezeigt. Das Schweigen dauert an. Der 
Patient, der gewöhnt ist, Gesprächspausen als peinlich zu 
vermeiden, beginnt wieder zu sprechen, er bemüht sich, Anderes 
zu reden, Belangloses, Ungefährliches. Aber jenes unterdrückte 
Stück, jener beiseite geschobene Gedanke kehrt wieder. Es 
ist so, als wolle er ausgedrückt werden oder überhaupt Schweigen 
erzwingen, da es sich in jeden abweichenden oder anders- 
gearteten Gedankengang störend einmengt. Es würde ja das 
Nächstliegendste sein, beim Analytiker Hilfe zu suchen, aber 
der schweigt, als wäre dies in einer solchen Situation das 
einzig Natürliche und als ginge ihn die große Welt da draußen, 
die solches Verlegenheitsproduzierendes Schweigen verpönt, 
wenig an. Die geniale "Wiener Schauspielerin Josefine Gall- 
meyer soll einmal einem Tischherm, der mehr als eine halbe 
Stunde völlig stumm neben ihr gesessen hatte, gesagt haben: 
„Reden wir einmal über etwas Anderes!" Man könnte die 
analytische Situation in diesem Augenblick jener vergleichen, 
in welcher diese witzige Bemerkung fiel. Der Patient möchte 
gerne über etwas Anderes reden, wenn ihm etwas Anderes 
einfiele; er möchte sogar über etwas Anderes schweigen, 
wenn er nur könnte. Eine Patientin, welche in der zweiten 
Analysestunde etwa zehn Minuten geschwiegen hatte, sagte 
plötzlich halb vorsieh hin: „Sprechen wir nicht mehr darüber! 
So hatte sie selbst verraten, daß sie etwas so gedacht hatte, 
als w^äre es ausgesprochen w^orden und mußte jetzt w^ohl 
oder übel wirklich sagen, w^as ihr eingefallen war. Es ist 
nicht nur der spezielle eigene Gedanke und die Widerstände, 
die sich gegen dessen Aussprechen erheben, es ist auch das 
Schweigen des Analytikers, das in dem seelischen Rräftespiel 
jetzt wirkt. Dieses Schweigen ist es, welches das Vorbeireden 
zu verbieten scheint, das Bemerken über das schöne Wetter, 
den Bücherschrank und die Uhr im Zimmer bald verstimimen 
läßt. Der Patient begreift durch dieses Schweigen, daß die 
analytische Situation für jene Art von Gesprächen, welche 
die Engländer so bezeichnend „small taW nennen, sehr wenig 



75 



geeignet ist. Hier nun zeigt sich die aktive Macht des Schweigens 
zum zweiten Male. Sie hat eine weiterziehende Kraft t^eiht 
den Patienten vorwärts, drängt ihn in einen tieferen Bereich 
als er ursprünglich beabsichtigt hatte. Es ist eine erstaunliche 
und kaum bemerkte Tatsache, daß das eigene Wort das 
ausgesprochen wird, psychisch anders gewertet wird als jenes 
das wir in Wort Vorstellungen denken. Das ausgesprochene 
Wort hat eme reaktive Wirkung; der Patient ist oft überrasch! 
über das, was er sagt, und sagt manchmal Dinge, die er sich 
einzugestehen nicht gewagt hat. Das Schweigen des Analytikers 
verstärkt diese reaktive Wirkung des Worte!; es dient ts2 
Resonanzboden Hier wh-kt also das Schweigen stärker als es 
Worte vermöchten. Der Unterschied des Schweigens, das der 
Analytiker früher zeigte und jenes, das sich jetzt dem Patienten 

ie"t^T^' "t "'T «-^-"»^b-- Der Patient wird sich erst 
jetzt dessen bewußt, daß der Analytiker schweigt. Ich hoffe, 
daß diese Aussage nicht mißverstanden wird: gewiß hat de^ 
Paüent es bereits früher bemerkt, aber er nimmt es jetzt 
erst zur Kenntnis, schreibt ihm jetzt erst bewußt eine Bedeutung 
zu. Mit anderen Worten: er wh-d sich des Schweigens des 
Analytikers als eines seelischen Ausdruckes erst bewußt wenn 
der erste ernsthafte Widerstand in ihm selbst aufgetaucht ist. 
Die Bedeutung, welche das Schweigen des Analytikers in der 
Auffassung des Patienten gewinnt, stellt so deuthch genug 
das Resultat emes Projektionsvorganges dar, der die psychische 
Situation des Patienten widerspiegelt. Dieses Schweigen ist 
Ihm jetzt nicht mehr das Stillesein des ruhig Zuhörenden, es 
heUJt nun Stummbleiben. Anders ausgedrückt: das Schweigen 
iruher bekundete dem Eindruck nach den WiUen zum Zuhören 
jetzt den WiBen zum Nichtsprechen. War das Schweigen 
des Analytikers in der ersten Phase wie etwas selbstverständich 
Entgegengenommenes, so wirkt das Schweigen der zweiten 
Art beunruhigend. Der psychische Akzent erscheint verlegt- es 
bedeutet Stummsein eines Menschen, dem Stimme gegeben ist 
und der, obwohl man etwas von ihm hören will, nicht spricht' 
Bedeutete das Sprechen des Patienten früher ein mehr 
oder minder leichtes Eingehen auf die Situation, so muß es 

76 



jetzt unbewußt die Nebenbedeutung des Werbens bekommen. 
Denn das Schweigen des Analytikers scheint zu sagen: willst 
du, daß ich spreche, so mußt du dich überwinden und mußt 
der analytischen Grundregel auch hier folgen, wo es dir schwer 
wird, wo es gilt, schwer Sagbarem Ausdruck zu geben. Der 
Kranke, der erstaunt ist, daß das Zutrauen, das er durch 
seine Berichte, durch die Klagen über seine Leiden gezeigt 
hat, den Anal^liker zu keiner Gegenäußerung, keinen Sym- 
pathiebeweis, keinem Zeichen der Anteilnahme gebracht hat, 
spürt eine leise Regung der Ungeduld gegen den Arzt. Diese 
Ungeduld treibt ihn vorwärts, heißt ihn mehr über sein 
Leiden, seine Symptome und Eigenheiten, seine Geschichte, 
sagen; neue Erinnerungen fallen ihm ein. Doch der Analytiker 
schweigt weiter und die Ungeduld, der Ärger des Patienten 
steigern sich. Er weiß, daß von ihm Aufrichtigkeit erwartet 
wurde; aber w^ar er nicht aufrichtig, hat er nicht alles gesagt? 
Wenn das Schweigen anhält, wird der Patient sich erinnern, 
daß er einiges vergessen hat, daß er manche Einzelheiten 
entstellt oder unvollständig berichtet hat, er korrigiert und 
ergänzt seine Darstellung. Die Zensurschranke in ihm verschiebt 
sich: er sagt jetzt angesichts des hartnäckigen Schweigens des 
Analytikers bisher vorbewußt Zurückgehaltenes, wagt es, bisher 
als anstößig oder unmoralisch Betrachtetes zu berichten. Doch 
das Schweigen dauert an und es w^irkt jetzt im Sinne einer 
Versagung, da es gegenüber so vielen Geständnissen nicht 
weichen will. 

Es kann so bei fortgesetztem Schweigen des Analytikers 
zu einer starken Steigerung der Gereiztheit des Patienten 
kommen. Das Schweigen wird zum Anzeichen des drohenden 
oder bereits eingetretenen Lieb es Verlustes und löst eine Wirkung 
aus, die wir nur als Gewissens- oder Kastrationsangst erfassen 
können. Es wäre richtiger zu sagen: im Patienten ist eine 
dunkle Angst, die ihn dieses Schweigen so auffassen läßt. 
Das Schweigen des Arztes bekommt unbewußt den Charakter 
der Bestrafung. In bestimmten Situationen kann es, wenn 
sich dieser Eindruck verstärkt, wie drängende Frage, wie 
eine dunkle Drohung wirken, ja bis zum Eindrucke unheimlicher 



77 



Anklage wachsen. Es ist so, als werde dadurch an das stumme 
Schuldgefühl in dem Patienten appelliert und dies in einer 
Form, die stärker und unmittelbarer wirkt als es alle Menschen- 
sprache sonst vermöchte. Wir verstehen, wieso es zu solchen 
Gefühlen kommen kann. Die Gereiztheit des Patienten hat 
sich durch Erinnerungen an frühere Versagungen verstärkt, 
gesteigert; seine Gefühle der Rebellion und Entrüstung über 
den Mangel an Gefühl auf selten des Analytikers sind bis 
zu Regungen starker Feindseligkeiten gewachsen. Die un- 
bewußte Fortsetzung dieser aggressiven und erbitterten Tendenzen 
aber hat zu Todeswünschen gegen den stummen Partner 
geführt. Die zwischen materieller und psychischer Realität 
schwebende analytische Situation begünstigt hier in manchen 
Fällen das Auftauchen eines Eindruckes, der sich dem ver- 
nünftigen Einsprüche des Ichs vddersetzen kann: des Gedankens, 
der Analytiker könne tot sein. Ein Patient drückte dies gewöhn- 
lich so aus, daß er in solchen Situationen den Analytiker 
als in weiter Feme befindlich fühhe. Das Schweigen ist ja, 
wie aus der Traumanalyse, der Deutung von Mythen und 
Märchen bekannt wurde, eines der charakteristischen Kenn- 
zeichen des Totseins für das unbewußte Seelenleben. Auch 
hier ist die unbewußte Wirkung des Projektionsmechanismus 
deutlich, da sieh diese Angst in den beschriebenen Fällen als 
Reaktion auf starke unbewußte Todeswünsche gegen den 
Analytiker gebUdet hat. In einigen Fällen kann der Eindruck 
dieses Schweigens so stark werden, daß der Patient den 
Analytiker ersucht: „Bitte, sagen Sie doch etwas!" oder „Bitte, 
sprechen Sie zu mir". Wir haben hier nur über den Eindruck 
des Schweigens auf den Patienten zu berichten, nicht darüber, 
welche technische Maßregel der Analytiker in diesen Situationen 
anwenden wird. Als repräsentatives Beispiel für die psychische 
Wirkung dieses Schweigens will ich folgendes anfüliren : ein etwa 
dreißigjähriger Patient, dessen Seelenleben vorwiegend von maso- 
chistischen und femininen PhanUsien beherrscht wird, lebte 
seit der Pubertät in einem erbitterten Konflikt mit dem Vater. 
Er war nun bereits zwei Jahre von Zuhause weggewesen 
und hatte nur spärlich Nachrichten über den Vater erhalten, 

78 



dem er voll Haß gegenüberstand. Der Patient gehörte jenem 
englischen Typus an, dem *die Tendenz eignet, so wenig als 
möglich Gefühle zu zeigen; er trieb die „Antidemonstrativness" 
bis zu den äußersten Konsequenzen. Eine bestimmte Analyse 
stunde verlief nun folgendermaßen: er schwieg etwa sechs 
Minuten, sagte dann, er habe einen Brief von der Mutter 
erhalten. Neues Schweigen. Dann: die Mutter schreibt, des 
Vaters Arteriosklerose sei sehr weit vorgeschritten, ein Schlag- 
anfall werde von den Ärzten dahin gedeutet, daß das Ende 
bald zu erwarten sei. Neues langes Schweigen. Es folgt eine 
sehr abfällige Bemerkung über die Analyse, kurz, wie abgehackt, 
vorgebracht. Er erwartet sichtlich eine Reaktion von meiner 
Seite. Sie bleibt natürlich aus. Er fragt: „Ist es oft so, daß 
Ihre Patienten gar nichts sagen können?" Keine Antwort. 
Nach einigen Minuten sagt er einen kurzen Satz über das 
Problem der Willensfreiheit, an die er nicht glaube. Seine 
Hände sind geballt, er schiebt den Kopf auf die andere Seite 
des Polsters. Nach längerer Pause setzt er hinzu: „1 could 
not help heing so/' Die Stimme klingt gepreßt, die Hände 
lösen sich, zupfen wiederholt am Kragen, kehren in die Ruhe- 
lage zurück, bedecken die Stime, dann die Augen. Das Atmen 
geht rasch. Neues langes Schweigen. Plötzhch wirft er sich 
herum, daß ich sein Gesicht nicht sehen kann und bricht 
in fassungsloses Schluchzen aus. Gegen Ende der Stunde 
beruhigt er sich und sagt überrascht: „I don^t know, what 
the hell I cried ahout" Von meiner Seite war ein Wort 
weder notw^endig noch wünschenswert; es hatte die lange 
vorausgesehene Reaktion des Patienten, die sich auf sein 
Verhältnis zum Vater bezog, nur gehemmt. Die Stunde hatte 
nur einige kurze Sätze gebracht und bedeutete doch einen 
der Wendepunkte dieser Analyse. 

Die Reaktionen des Patienten auf das fortgesetzte Schweigen 
des Analytikers sind verschiedenartige; wir heben die zwei 
wichtigsten hervor. Der gewöhnliche Fall ist es, daß sich der 
Patient gegen die in diesem Schweigen angeblich zutage tretende 
Gefühllosigkeit des Analytikers auflehnt und gegen diesen 
oder gegen die Analyse aggressiv wird. Sehr selten wird der 



79 



Patient in diesem Stadium die Reserviertheit des Analytikers 
als Grund seiner Feindseligkeit ferkennen, er wird andere 
Gründe suchen und finden. Diese Reaktion, die bis zum Wut- 
ausbruch oder zum Gedanken, die Analyse zu verlassen, gehen 
kann, wird sich meistens in gehässigen Bemerkungen gegen 
den Analytiker oder die Analyse wenden. Der andere Fall 
ist der, daß der Patient auf das dunkle Schuldgefühl, welches 
das Schweigen in ihm erregt, durch ein neues Bekenntnis 
einer Triebregung reagiert; ein bisher ihm unbewußtes Stück 
seiner psychischen Strebungen tritt an die Oberfläche. 

Verfolgen wir die Reaktionen des Analysierten auf das 
Schweigen des Analytikers von Anfang an, so läßt sich deutlich 
erkennen, daß sich in ihrem Ablauf eine abgekürzte Wieder- 
holung eines alten Erlebens spiegelt. Es ist so, wie wenn hier 
Gefühle wiederkelirten, die in seinen Beziehungen zu einem 
alten Liebesobjekt eine wichtige Rolle spielten: von der ur- 
sprünglichen Zärtlichkeit bis zur Erbitterung über eine phan- 
tasierte oder wirkliche Versagung. Der Übergang von der 
einen Bedeutung des Schweigens zur anderen ist keineswegs so 
einschneidend, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Er 
ist aufs innigste mit der unbewußten Ambivalenzeinstellung 
des Patienten verknüpft. 

Wir wollen hervorheben, daß hier keineswegs eine sche- 
matische Schilderung des Anfangs der Analyse gegeben werden 
soll, der je nach dem individuellen Fall verschieden verläuft. 
Es soll auch nicht auf alle jene Fälle eingegangen werden, 
die von Beginn an abweichend reagieren, wie z. B. auf jenen, 
der dem Schweigen des Analytikers das eigene Schweigen 
entgegensetzt. Auch die technischen Fragen, welche das Ver- 
halten des Analytikers den verschiedenen Reaktionen des 
Patienten gegenüber betreffen, sind hier noch zu erörtern. 
Wir wollen ja etwas über den latenten Sinn des Schweigens 
überhaupt erfahren; die technischen Probleme stehen nicht 
im Mittelpunkte unseres Interesses. Die Aufklärung, welche 
uns die Technik der Psychoanalyse liefert, wollen wir be- 
nützen, wie eine Leiter, welche in die Tiefe führt und die 
wir beiseite stellen, wenn wir dort angelangt sind. 

80 



ji Man möchte meineiij das Schweigen könne nur Schweigen 
bedeuten, Stummsein, sonst nichts. Allein die analytische Beob- 
achtung w^iderspricht dieser Vereinfachung aufs entschiedenste. 
Sie scheint uns darüber belehren zu w^oUen, daß es verschiedene 
Arten des Schweigens gibt. Ja man könnte sogar von Inten- 
sitätsgraden des Schweigens sprechen, Nuancen unterscheiden, 
wenn man sich nur getrauen wollte, psychologisch so schwer 
faßbare Erscheinungen in Bezeichnungen aus unserer schwer- 
fälligen und stumpfen Begriffssprache festzuhalten. Sogar das 
unzulängliche Ausdrucksmittel der menschlichen Sprache, die 
sich nur unwesentlich von der der Gorillas entfernt hat, 
versucht verscliiedene Arten des Schweigens zu unterscheiden. 
Wir sprechen von einem eisigen, lastenden, bedrückenden 
und beruhigenden, trotzigen und demütigen, mißbilligenden und 
zustimmenden, verurteilenden und entschuldigenden Schweigen. 
In dieser Aufzählung von Adjektiven, die auf Vollständigkeit 
keinen Anspruch macht, tritt uns ein Zug auffällig hervor: 
die gegensätzlichen Bedeutungen, welche der Begriff des Schwei- 
gens zu vereinen scheint. So mag uns auffallen, daß Schweigen 
von uns sowohl als Zeichen der Mißbilligung als der Zustimmung 
gedeutet werden kann. Es ist, als könne es beide Bedeutungen 
annehmen, sozusagen mit positivem und negativem Vorzeichen 
auftreten. Man vergleiche etwa den Inhalt des lateinischen 
Sprich w^ortes „Qui tacet consentire videtur" mit dem abwei- 
senden Schweigen, das eine Dame dem zudringlichen Benehmen ' 
eines Herrn entgegensetzt. Die kontradiktorische Bedeutung 
des Schweigens führt uns indessen im Leben fast niemals irre.^ 
Wir wissen trotz seinem immanenten Doppelsinn immer, was 
der Andere damit meint, damit „sagen will". Dieses Janus- 
gesicht des Schweigens trat uns bereits in der Psychologie 
entgegen. So viele differente Bedeutungen das Schweigen des 
Analytikers auch erlangen kann, es weist im wesentlichen 
zwei Bedeutungen auf, deren eine den kontradiktorischen 
Gegensatz der anderen bildet; es wird als Zeichen ruhiger 
Sympathie oder als Ausdruck intensiver FeindseHgkeit gedeutet. 

i) Vergleiche dagegen; „Brechen Sie dies rätselhafte Schweigen!" S chilier: 
Don Carlos, I, i. 

6 8l 



Nicht anders im Leben : wir können mit jemandem schweigen, 
wenn w^ir uns besonders gut mit ihm verstehen oder wenn 
jedes Verständnis ausgeschlossen ist. Mit jemandem schweigen 
können kann als Zeichen -weitgehender psychischer Über- 
einstimmung oder als Zeichen völliger Fremdheit gelten. Diese 
Doppelbedeutung will uns, wie es scheint, darauf hinw^eisen 
daß das Schweigen selbst nicht unabhängig von seinem Gegen- 
sätze, dem Reden, betrachtet werden kann.^ Tatsächlich haben 
wir das Schweigen behandelt, wie wenn es ein Ausdrucks- 
mittel wie die Rede wäre — obwohl es doch gerade das 
Gegenteil des Sprechens ist. Aber ist denn das Sprechen so 
eindeutig? Wenn eine Person etwas spricht, sagt sie auch 
immer etwas? Dient nicht die Sprache ebensosehr dem Zweck 
Gedanken zu verhüllen als dem anderen, sie auszudrücken? 
In der Analyse lernen wir Patienten genug kennen, deren 
unaufhörliches Sprechen den Sinn hat, gerade die wichtigsten 
Dinge nicht zu sagen. Ihr Sprechen gleicht den Netzen, durch 
deren grobe Maschen gerade das Wertvollste entweicht. Wenn 
dies so ist, dann wird es uns nicht verwundem, wenn auf 
der anderen Seite das Schweigen die Ausdrucksfunktion über- 
nehmen kann. Wir werden dazu geführt, ein eigenartiges 
antinomisches Verhältnis zwischen Sprechen und Schweigen 
anzuerkennen. Die Sprache drückt dies mannigfach aus: es 
gibt ein nichtssagendes Gerede und ein vielsagendes Schweigen. 
Wir kennen durch die Untersuchungen Karl Abels viele 
Begriffe, welche solche antithetische Doppelbedeutung besitzen, 
und Freud hat uns darauf hingewiesen, daß die Eigentüm- 
lichkeit alter Sprachen, Worte mit antithetischem Bedeutungs- 
inhalt zu bilden, mit dem Verhalten des Traumes und anderer 

i) Es mag hier darauf hingewiesen sein, daß Gesprächigkeit und Schweig- 
samkeit auch in ihrer Bedeutung als Züge bestimmter Frauentypen hervortreten. 
In Freuds Aufsatz „Das Motiv der Kästchenwahl" (Ges. Schriften X) erscheint 
dies nur angedeutet. Der Mann verspürt die Anziehung, die im Plaudern der 
Frau liegt, ebenso wie den Reiz ihrer mädchenhaften «Unredensartigkeit" 
(Fontane, Irrungen, Wirrungen). Sowohl die allzugroDe Redseligkeit wie die 
Verschlossenheit der Frau werden oft beklagt. I.ear verstöDt CordeJia, die „liebt 
und schweigt", aber der zurückkehrende Coriolanus weiß für sein Weib kein 
zärtlicheres Wort als „M^ gracious silence" (II. i). Es ist klar, dafl das Sprechen 
in diesem Zusammenhang ursprünglich die freie Rede über Liebesgefühle bedeutet. 

8» : 



Produktionen des Unbewußten, Gegensätze zu einer Einheit 
zusammenzufassen, parallel läuft. Wortformen, -welche durch 
phonetische Abänderung eine Sonderung der Gegensätze be- 
wirken, -wie clamare schreien, cla?n heimlich, Stimme — 
stumm, weisen in eine Richtung, die uns beweist, daß der 
Gegensatz von Sprechen und Schweigen ursprünglich keines-- 
wegs so scharf war, wie er uns jetzt scheint. Die Fragwürdigkeit 
des Begriffes Schw^eigen scheint sich zu vertiefen: wir meinen 
zu erkennen, daß das Schweigen nichts Negatives ist, sondern 
etwas Positives, Es gibt wirklich kein absolutes Schweigen, 
es gibt nur ein Verstummen der hauptsächlich in Erscheinung 
tretenden Töne. Es gibt ebensowenig ein unbewußtes Schweigen 
als es eine unbewußte Verneinung gibt. Das kleine Kind 
kennt eigentlich kein Schweigen; ebensowenig das Märchen: 
auch der Tisch und die Spielsachen sprechen, die Pflanzen 
ebenso wie die anorganische Natur. 

- * . :i 

Wir sind nicht von der Grundbedeutung des Redens und' 
Schweigens ausgegangen, sondern von den Erscheinungen, die 
sich als Mischbildungen erkennen lassen, von ihrer Doppel- 
sinnigkeit. Die analytische Praxis zeigt, daß hinter der Angst 
vor dem Schweigen die unbewußte Angst vor dem Liebes- 
verlust steht. Wir wissen, daß im Schweigen die destruktiven 
Tendenzen, die uns als Todestriebe bekannt sind, im Sprechen 
die Liebestriebe ihren Ausdruck gefunden haben. Allen Misch- 
bildungen entgegen bleibt bestehen, daß das Sprechen ver- 
einigende, das Schweigen trennende Kraft hat. Mit jemandem 
sprechen bedeutet im Tiefsten eine Liebesbezeigung, mit 
jemandem schweigen einen Ausdruck der Abneigung. Sagen 
wir nicht, wenn wir jemandem sehr zürnen: „wir wollen 
nicht mehr mit ihm sprechen? Der Ausdruck Totschweigen 
ist eigentlich ein Pleonasmus. Wenn in einer Gesellschaft 
eine jener längeren unbehaglichen Pausen eintritt, sagen wir 
euphemistisch : ein Engel geht durchs Zimmer. Es ist der 
mildeste Engel Gottes. Die Angst vor dem Schweigen ist im 
Tiefsten Todes- (Kastrations-) angst. Scheinen uns so Sprechen 

6- 83 



und Schweigen spracliliche Aus drucksformen von Lebens- 
und Todestrieben, so wird uns klar, daß das Schweigen 
ursprünglicher ist als das Reden, daß die Rede dem Schweigen 
entstammt wie das Leben dem Tod. Im Anfang war das 
Wort, aber vorher war die große Stille/ Sind wir alle hier 
nur „Tote auf Urlaub", so ist auch alles Sprechen nur eine 
flüchtige Unterbrechung des ewigen Schweigens. 

, f •*- ■ - ■ . 

Im Stillen Ozean, bei den Race-Roclis, im Gebiet der 
Vancouverinsel, gibt es eine merkwürdige Stelle, die man die 
„Zone des Schweigens" nennt. Viele Schiffer sind hier an 
den Felsen zerschmettert und liegen am Grunde des Meeres. 
Kein Nebelhorn ist laut genug, die Schiffe zu warnen: dies 
ist der Grund der so häufigen Katastrophen. Die Kapitäne, 
welche die Straße von Juan de Fuca hinunterfuhren, gaben 
an, daß sie die mächtigen Shrenen von dem Leuchtturm der 
Race-Rocks nicht vernehmen konnten. Sachverständige haben 
festgestellt, daß die Verhältnisse von Ebbe und Flut sowie 
bestimmte Windrichtungen zu manchen Zeiten bei Race-Rocks 
eine „Zone des Schweigens" schaffen, in der nicht der geringste 
Ton von außen gehört wird. Ein Schiff, das sich in dieser 
viele KUometer weiten Zone befindet, ist von den Geräuschen 
der Außenweh vollkommen abgeschlossen. Wir glauben, daß 
das unbewußt Verdrängte eine solche „Zone des Schweigens" 
im Seelenleben bildet. In der Neurose hat sie sich erweitert, 
vertieft. Jenes Schweigen, das wir hier meinen, ist nicht 
Stummheit schlechthin, es ist vielmehr schwer von ungesagten 
Worten. Es ist der korrelate Ausdruck der Verdrängung und 
zeigt alle jene Züge des Kompromisses zwischen Flucht und 
VerurteUung, die der Verdrängung eigen smd. Die Psycho- 
analyse bedeutet einen ersten Durchbruch In diese Zone des 
Schweigens beim Einzelnen. 

Hier ist nun der Platz, einer psychoanalytischen Theorie 
zu gedenken, die eine bisher nicht gewürdigte Tendenz im 
unbewußten Seelenleben zu beleuchten versuchte, der Theorie 

O „Speech is of Time, ftZcnc« is o/£i£mzj!^." (Carlyle, Oii lleroes. Lect. IV.) 
84 



^ 



des Geständniszwanges. ^ Diese unbe^wrußte Tendenz hatte sich 
unter dem Zwange bestimmter Kulturfaktoren aus dem Äuße- 
rungsdrange der unbewußten Triebregungen entwickelt und 
zeigt alle Anzeichen ihres Ursprunges und der sie beeinflussenden 
psychischen Instanzen. Als ein Mittelding zwischen Verschwei- 
gen und Aussprechen dient sie doch einer seelischen Strömung, 
welche die Mitteilung der unbewußten Vorgänge anstrebt. 
Unsere Erörterungen über die latente Bedeutung des Schw^ei- 
gens als Zeichen der Wirksamkeit der Todestriebe und des 
Sprechens als eines Versuches, diese mit Hilfe der erotischen 
Triebe zu über^vinden, fügen den psychologischen Begründungen 
des Geständniszw^anges eine w^eitere, biologische hinzu. 

Beethoven bemerkte einmal: „Das Wichtigste der Musik 
steht nicht in den Noten." Auch in der Analyse ist das 
Gesprochene als solches nicht das Wichtigste. Wesentlicher 
scheint uns, zu erkennen, was das Sprechen verschweigt und 
das Schw^eigen spricht. 



Zweifel und Hohn in der Dogmenbildung 

Von 

i'.. V Theodor Reik 

j4us der im Herbst 192^ erscheinenden 
Arbeit „Dogma und 7.wangsidee. Eine psycho- 
<* analytische Studie zur Entwicklung der Re- 

ligion" von Theodor Reik. (Geheftet M. s" 50, 
Ganzleinen M.y—). 

In den Mechanismen der Verschiebung, wie wir sie eben 
in der Dogmenentwicklung dargestellt haben, hat sich nicht 
nur die Verallgemeinerung des andauernden Zweifels, seine 
Ausdehnung über alles imd jedes ausgewirkt. Neben diesen 
und anderen unbewußten Zielen wie denen der Isolierung, 



1) Reik: Geständniszwajig; und Strafbedürfnis. 1926. (Internationale Psycho- 



analytische BibUothek Nr. XVIII.) ..,^;».:.*.^ ...«,. w 



85 



der Loslösung vom Ursprünglichen und der Unkenntlich- 
machung gegenüber dem Bewußtsein ist auch der große 
Anteil des unbewußten Hohnes in den Verschiebungs- 
vorgängen erkennbar. 

Die Bedeutung der unbevirußten Verhöhnung tritt in dem 
intellektuell ausgearbeiteten Zweifel nicht auffällig hervor 
aber die analytische Auflösimg der Zwangsideen, welche den 
dogmatischen Meinungen so nahestehen, eröffnen uns den 
Zugang zu ihrer psychologischen Erfassung. Es wird zu zeigen 
sein, daß noch in der Formulierung des Dogmas unbewußte 
Hohntendenzen nachweisbar sind. Wir wollen hier von den 
zwangsneurotischen Zweifehl ausgehen. Das Bedürfnis nach 
Zweifel im Seelenleben der Zwangskranken findet seine Er- 
füllung in der Unsicherheit, welche am Ende jede Sache 
und jede Aktion ergreift. Die unbewußte Tendenz, jede 
Sicherheit zu vermeiden, ringt unaufhörlich mit den 
gegnerischen Strebungen, die größtmögliche und genaueste 
Sicherheit zu gewinnen. Dem Bedürfnis nach Unsicherheit 
und Zweifel dient es auch, wenn die Zwangskranken sich 
mit Vorliebe mit Themen beschäftigen, in deren Natur es 
liegt, daß wir nichts von ihnen wissen können, mit der 
Abstammung vom Vater, mit der Lebensdauer von Verwandten 
und Freunden, mit der Frage der Unsterbhchkeit, Die Ana- 
logien mit den religiösen Erscheinungen gehen hier bis in 
die Einzelheiten:' wir haben gehört, wie es bedeutsame 
Fragen für die Kirche geworden sind, in welcher Art Christus 
vom Vater abstamme, ob er aus dem Nichts geschaffen sei, 
ob er immer beim Vater war usw. Man kann wie über die 

i) Freud bemerkt, daß das Bedürfnis nach Unsicherheit so weit geht daß 
die Zwangskranken manchmal eine Abneigung gegen die Uhren zeißen, welche 
wenigstens die Zeitbestimmung sichern, und In ihren unbewußt ausgeführten 
Kunststuckchen jedes solches, den Zweifel ausschließendes Instrument un- 
schädlich zu machen wissen. (Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, 
Ges. Schriften, Bd. VIII, S. 357.) Es gibt manche hübsche Analogie zu diesem 
Verhalten auf dogmen geschichtlichem Gebiete: so hatte z. B. eine der halb- 
arianischen Synoden ihre Beschlüsse, welche die Beziehungen von Golt-Vater 
und -Sohn klarstellen sollten, mit dem Datum versehen. Der heilige Athanasius 
schüttet die Lauge seines Spottes über jene aus, welche glauben, daß die von 
Ewigkeit her besUmmten Glaubenswahrheiten von einem genauen Datum an 
gerechnet werden könnten. 

I 



4 



zwangsneurotischen Zweifel, die für den Außenstehenden 
oft läppisch und absurd erscheinen, auch über die meisten 
theologischen Gedankengänge sagen, daß der Zweifel auch 
den unbewußten Spott und Hohn vertritt. Die Fragestellung 
selbst entspricht oft diesem Zuge; ihre Möglichkeit verrät 
die unbewußte Tendenz. Tatsächlich setzen die Ketzer und 
Häretiker der Kirche an diesen schwachen Punkten ein und 
verwandeln den unbewußten Hohn in offene und aggressive 
Verhöhnimg- Wenn die Arianer sagen, Christus müsse ge- 
zeugt haben wie sein Vater, falls er mit ihm wesenseins 
sei, zeigen sie bewußt, wie unsinnig der Wesens einheitsglaube 
sei. Aber der unbewußte Hohn liegt bereits in der Behaup- 
tung, daß Gott und Christus wesenseins und doch verschiedene 
Personen seien. 

Die Parallele zwischen jenen Zwangszweifeln der Neu- 
rotiker, die sich mit den Fragen der Unsterblichkeit und 
mit so vielen subtilen ethischen Problemen beschäftigen, und 
den religiösen Fragestellungen und deren Beantwortungen 
ist unmittelbar gegeben, da es ja dieselben Themen sind, 
die hier wie dort diskutiert, bezweifelt und beantwortet 
werden. Immerhin läßt sich einwenden, es seien in der 
Theologie die großen Fragen, welche die Menschheit be- 
schäftigen, -während es in der Zwangsneurose nichtige Probleme 
und Problemchen sind, welche die Kranken beunruhigen. 
Aber schon der Hinweis auf die einzelnen Fragestellungen 
der arianischen Kontroverse zeigt, daß dieser Unterschied 
nicht von einschneidender und tiefgehender Art ist. Wenn 
es als unbedingtes Erfordernis für die ewige Seligkeit erscheint, 
über Gott-Ähnlichkeit oder Gott- Gleichheit Christi zu ent- 
scheiden, rückt die Übereinstimmung mit dem Denken der 
Zwangskranken schon naher. Es gibt indessen in der Ent- 
wicklung jeder vollausgebildeten Religion ganze Perioden, da 
sie auf bestimmter Stufe Fragen in den Mittelpunkt der Dis- 
kussion stellt, welche denjenigen der Zwangskranken nach 
Inhalt und Struktur ganz ähnlich sind. Die Hochblüte der 
Scholastik bezeichnet z. B. für die katholische Religion ein 
solches Zeitalter. Einer der schärfsten Denker der Scholastik, 



Petrus Lombardus (1164), stellte folgende theologische Fragen 
auf und bemühte sich, sie zu beantworten: Ob ein Vorhersehen 
oder Vorherbestimmen Gottes möglich gewesen wäre, wenn 
es keine Geschöpfe gegeben hätte? Wo Gott vor der Schöp- 
fung war? Ob Gott mehr wissen kann als er weiß? Ob Gott 
etwas Besseres, oder etwas auf bessere Weise machen könne, 
als er es macht? Ob Gott allezeit alles könne, was er gekonnt 
hat? Ferner fragt Petrus, wo die Engel nach ihrer Schöpfung 
gewesen seien? Ob die guten Engel sündigen, die bösen recht- 
schaffen leben können? Ob aUe Engel körperlich sind? Ob 
die Rangordnung der Engel seit dem Anfang der Schöpfung 
bestimmt worden sei? In welchem Alter wurde der Mensch 
erschaffen? Warum Eva gerade aus der Rippe und nicht aus 
einem anderen Körperteil des Mannes gemacht worden sei^ 
Warum Adam dabei schlief, nachdem die Wichtigkeit der 
Sache schon sein Wachen erfordert haben dürfte? Könnte 
der Mensch ewig leben, wenn er nicht vom Baume der 
Erkenntms gegessen hätte? Wie hätten sich die Menschen 
lortgepflanzt, wenn sie nicht gesündigt hätten? 

Femer interessiert den großen Scholastiker und seine Zeit- 
genossen die Frage, warum der Sohn und nicht der Vater 
oder der Heilige Geist Mensch geworden sei? Ob Gott das 
durch Christus dargebrachte Opfer auch hätte annehmen 
können, wenn der Erlöser ein Weib gewesen sei? Diese 
Frage nef den lebhaftesten Gedankenaustausch der ersten 
Autoritäten hervor. Große Scholastiker, wie Scotus, Lom- 
bardus, Thomas von Aquino, Occam, Bonaventura, Albertus 
Magnus prüfen die Frage, ob Gottes Sohn sich auch in einen 
Ochsen, Esel, Kürbis oder gar Teufel verwandeln könnet 
Noch im vierzehnten Jahrhundert konnte man in Konstanti- 
nopel in der Geistlichkeit und sogar bei Hofe darüber streiten, 
ob das Licht auf Tabor ein erschaffenes oder ein unerschaffenes 
Licht gewesen sei. Besonders fein sind die Fragen über die 
Sakramente, besonders über die Taufe: Ist ihr Wesen das 
Wort oder das Wasser? Ersteres, sonst könnten ja Fische in 
der Taufe leben und ein Esel, der Taufwasser saufe, ein 
getaufter Christ sein wollen. Ob sich auch das mit dem Wein 



^ 



' 88 



im Kelch vermischte Wasser in Wein oder Blut verwandle? 
Sogar Augustinus wirft die Frage auf, ob jeder Irrtum Sünde 
sei, z. B. wenn man Zwillinge verwechsle oder etwas Süßes 
für bitter halte. Ein Problem zeugt hunderte, wie man es 
z. B. in der Diskussion der Frage, ob Gott Geschehenes 
ungeschehen machen könne (z. B. die Gründung Roms), sieht 
(Petrus Damlani). Anselms Sorge gilt z. ß. der Frage, ob 
Christi Tod auch seinen Feinden, die ihn gekreuzigt haben, 
zugute komme. (Cur deus homo. II, 15.) 

-. Ähnliche Fragen erscheinen in den „Summis" der scholasti- 
schen Theologen durch etw^a drei Jahrhunderte und erhitzen 
die Gehirne und Gemüter der besten Gottesgelehrten und 
fesseln das Interesse der Kleriker. Die Fragen, ob Gott- Vater 
stehe oder liege, ob er einen Berg ohne Tal schaffen könne, 
ein Kind ohne Vater, ob er eine gefallene Frau wieder zur 
Jungfrau machen könne, beschäftigen die theologische For- 
schung der Zeit. Die Spitzfindigkeit der Fragestellung, der 
große Aufwand an Scharfsinn in der Beantw^ortung, die er- 
neuten Zweifel, die sich an jeden Lösungs versuch schließen, 
ihn wieder unsicher erscheinen lassen oder neue Fragen aus 
ihm ableiten, alles dies sind Züge, die wir aus der Sympto- 
matologie der Zwangsneurose gut kennen.^ Es ist leicht er- 
kennbar, daß Fragen wie die, ob Gott allzeit alles könne, 
was er gekonnt habe, oder, ob er einen Berg ohne Tal 
schaffen könne, Fragen, deren Antworten natürlich positiv 
ausfallen müssen, dem unterirdischen Zweifel an der Allmacht 

1) Natürlich treten diese Züge in der Scholastik nur scharf hervor, sie 
iijiden sich aber in der theologischen Literatur der späteren Zeiten immer 
wieder. Noch 1705 wurde in Leipzig das Thema „Ob die Kleider der Juden 
in der Wüste durch ein Wunder alle Strapazen ausgehalten hatten oder gar 
nachgewachsen seien" als Doktordissertation behandelt. 1793 erscheint eine 
Abhandlung von Salomon Ranisch: „Der Dienst der Engel bei den Ehever- 
biiidungen der Frommen." Der Konsistorialassessor Christoph Haymann hielt 
den Gegenstand für bedeutsam genug, um in eine gelehrte Polemik mit dem 
Autor zu treten. Aus der Unzahl von Schriften ähnlicher Art heben w^ir nur 
noch die gründliche Untersuchung des Johann Georg Walch: „Vom Glauben 
der Kinder im Mutterleib" (um 1750) hervor, welche den theologisch bedeut- 
samen Gegenstand mit dem heiligen Ernst, der ihm gebührt, behandelt. Jeder, 
der die apologetische und kasuistische Literatur der gegenwärtigen Kirche gut 
kennt, wird bezeugen, daß es an ähnlichen Untersuchungen nicht fehlen kann, 
solange es christliche Frömmigkeit gibt. ■*■- '-^- -- — - ■' - -' - 

89 



Gottes dienen. Die FragesteUung, ob der Mensch ewig leben 
könnte, wenn er nicht vom Baume der Erkenntnis gegessen 
hätte, zieht die Voraussicht oder Güte Gottes in Zweifel. 
>.. Nur dem theologisch befangenen Geiste kann es entgehen^ 
daß Fragen, welche die Eigenschaften der Taufe und anderer 
Sakramente klarzustellen streben, gleichzeitig dem unbewußten 
Zweifel an den Sakramenten Ausdruck gehen. Wenn etwa 
die Scholastik mit großem Ernste die Frage aufwirft und 
erörtert, ob Gottes Sohn die Welt auch in Eselsgestalt hätte 
erlösen können, wird es deutlich, daß in dieser Diskussion 
unbewußt Christus in ungebührliche Nähe eines wenig ge- 
achteten Tieres gerückt wurde. Die unbewußte Wirksamkeit 
des Hohnes in der Erörterung des sublimen Problems, wieviel 
Engel auf einer Nadelspitze tanzen können, ist nicht abzu- 
weisen; ebensowenig der unterirdische Zweifel an der Existenz 
der Engel Wir werden sofort verfolgen, in welcher Art die 
Kirche solche Zweifel bewältigte. In einzelnen Fällen kehrt 
sie sich gegen das Aufwerfen solcher Fragen, als spüre sie 
wieviel verborgener Hohn in ihnen stecke. Der heüige Epi- 
phanms bezeichnet die heiklen Fragen über bestimmte Details 
der Jungfräulichkeit Marias als ruchlos. Aber diese Fragen 
verstummten in der theologischen Diskussion nicht. Scotus 
hält es für wahrscheinlich, daß Maria sündlos empfangen 
wurde, also fleischliche Begierde nicht gekannt habe.^ Wenn 
um 1462 zwischen Dominikanern und Franziskanern ein 
heftiger theologischer Kampf über die Frage ausbrach, ob 
auch das von Christus am Kreuz vergossene Blut mit seiner 
Gottheit verbunden gewesen sei,=^ oder wenn Lombardus und 
Bonaventura sich mit dem Problem beschäftigen, ob Maria 
bei Schließung ihrer Ehe mit Josef nicht bedingt in eine 
mogUche Geltendmachung des Eherechtes habe einwUIigen 
müssen 5 so spottet die Kirche ihrer selbst und weiß nicht wie. 

1) Sent. VII. Dist. 3. o, 1. 

2) Pius IL bestimmte in der Bulle vom 1. August 1454, der Streit aolle 
beiderseits ruhen und keine der beiden Parteien dürfe die andere als häretisch 
erklaren bis eine Entscheidung des ApostoUschen Stuhles erfolat sei Diese 
Stent seither noch aus. 

5) Sent. IV. Dist. 50 B. 

90 



^ 



Wie bereits erwähnt, spielen subtile Fragestellungen und 
Zweifel dieser Art, welche den zwangsneurotischen so ver- 
wandt sind, in jeder hoch organisierten Religion notwendiger- 
weise eine große Rolle. Es sei an die berühmten Zweifel 
des Talmuds erinnert, an die vielen spitzfindigen Probleme, 
die dort ihre Erörterung finden. Der Anfang des Traktats 
Bezah, welcher „das fatale Eile, das ein Huhn gelegt am 
Samstag" (Heinrich Heine) behandelt, ist keineswegs ein 
singuläres Beispiel. Über alle religiösen Unterschiede hinweg 
erinnern die Fragen der Halachoth, etwa die Spekulationen 
darüber, welche Dinge man am Sabbat tragen dürfe, was 
als Last und was als Zierde gelten darf, ob man einen falschen 
Zahn tragen dürfe, ob bei einem Tier eine Schelle als Last 
oder Zierde zu betrachten sei usw., an die Haarspaltereien 
der Scholastiker. Der Islam hat in seinem hochkompUzierten 
Kalam, in dem ähnliche Fragen erscheinen (ob der Mensch 
völlig Herr seines Handelns sei oder von Gottes Allmacht 
gezwungen v/^erde, ob Allah sich selbst vernichten könne us"w^.), 
dieselben Erscheinungen. Man spürt dieselbe Atmosphäre wie 
in der Dogmenbildung der Kirche, wenn die Mutaliziten 
die Lehre des Islams von den sieben Attributen Gottes 
(Allwissender, Allmächtiger usw.) bestritten und sich dabei 
darauf berufen konnten, daß ein ewiger Gott und ewige 
Attribute neben ihm mehrere ewige Wesen, folglich Poly- 
theismus postulierten. Wer denkt nicht an die minutiösen 
Fragen über die mögliche Sündhaftigkeit Christi, wenn der 
große Dogmatiker Al-Ashari (f 941) lehrt: der Prophet habe 
zwar die Möglichkeit des Sündigen gehabt, sei aber von 
ihrer Wirklichkeit durch die göttliche Bewährung beschützt 
worden? Man vergleiche etwa die Vorschriften des Talmuds 
über das Ausmaß des Wassers für das Tauchbad oder die 
Erörterung der Efage, wie weit man sich am Sabbat be- 
wegen dürfe, mit den Vorschriften, welche die Kirche für 
die Konsekration der Priestergewänder gibt (nach Gihr, 
Das heilige Meßopfer, 4. Aufl. 1887. S. 255). „Durch Aus- 
besserung verlieren die Kultkleider ihre Benediktion nur, 
wenn der neu an- oder eingesetzte Teil, der noch keine 



9V 




Weihe hat, größer ist als der geweiJite, nicht aber, wenn 
er kleiner ist" usw. Mit Unrecht nennt Harn ack (Dogmen- 
geschichte. III. 710) solche Abschnitte „entsetzlich" und sagt, 
die Kirche habe in solchen „Sakramentalien" „den Rabbi- 
nismus und die Theorie und Praxis der Pharisäer und Tal- 
mudisten im Christentum legitimiert". Diese Praxis und Theorie 
ist in Wahrheit nichts Spezifisches und entspricht durchaus 
einer bestimmten Entwicklungsstufe einer jeden Religion. 
s- Die unbewußte Aufleimung und der latente Spott in der 
Aufwerfung spitzfindiger Fragen ist wie in den Zwangsideen 
auch in den religiösen Spekulationen aller großen Religionen 
aufzeigbar. Die Rabbis mußten sich gegen diese unterirdischen 
Strömungen sogar innerhalb des Judentums zur Wehre setzen. 
So schloß Rabbi Jehuda eine ganze Generation von seinem 
Lehrhause aus, weU er behauptete, die Schüler von Rabbi ^ 
Meier seien Chikanöre. „Sie kommen nicht (ins Lehrhaus), ^ 
um Thora zu lernen, sondern sie wollen mich mit Halachoth ' 

erschlagen." (Kidduschim 52 b, Nasir 99b.) Daß sich die 
revolutionären Tendenzen, die sich in der Aufwerfung sub- 
tiler Fragen auswirken, eigentlich gegen den überstrengen 
Gott richten, wird an vielen Beispielen klar. Dafür will ich 
nur ein Beispiel aus der theologischen Diskussion des Juden- 
tums geben. Im dritten Buch Moses 11, 55 heißt es: „Und 
alles, worauf ein solches Aas fällt, wird unrein. Ist es ein 
Ofen oder Kessel, so soll er zerbrochen werden." Es wurde 
nun im Synhedrion die Frage aufgeworfen, wie es denn 
wäre, wenn man den Ofen in zwei Teile zerlege und da- 
zwischen Sand schichte. Wird er dann durch die Berührung 
mit einem Aas unrein? Das Synhedrion bejahte, B. Elieser 
verneinte diese Frage. Der Verlauf, den die Debatte ge- 
nommen hat, wird nun folgendermaßen geschildert: „An 
jenem Tage führte Rabbi EUeser zahlreich Beweise an, aber 
er drang nicht durch. Da sagte er: ,Mag dieser Johannis- 
brotbaum entscheiden!' Sofort entfernte sich der Baum hundert, 
manche sagen vierhundert Ellen von seiner Wurzel. Sie aber 
erwiderten: ,Das beweist nichts.' Hierauf rief Elieser den 
Fluß zum Schiedsrichter. Sofort strömte der Fluß nach rück- 

»912 



I 



Avärts. Als man auch diesen Beweis nicht gelten ließ, rief 
Elieser: ,So mögen die Wände unseres Lehrhauses ent 
scheiden!* Sie neigten sich und drohten auf die Versamm- 
lung zu fallen. Da stand der Vizepräsident Rabbi Josua ben 
Chananja auf und rief den Wänden zu: ,Wenn die Weisen 
untereinander streiten, habt ihr euch nicht hineinzumischen!* 
Nun blieben die Wände in geneigter Stellung. Sie fielen nicht 
um aus Respekt vor Rabbi Josua und richteten sich nicht 
auf aus Respekt vor Rabbi Elieser. Endlich sagte dieser: ,So 
mag man vom Himmel entscheiden!' Da kam eine Stimme 
vom Himmel: ,Elieser hat recht!* Wieder stand Josua auf 
und rief: ,Du hast uns, o Gott, gesagt: ,Nicht im Himmel 
ist sie, die Thora.' Femer hast du uns befohlen; ,Man soll 
sich nach der Mehrheit richten.* jHierauf, so schließt der 
Bericht, ,traten die Weisen zusammen und verhängten über 
Rabbi Elieser den großen Bann'" (Baba Mezia 59h). Man 
sieht, hier wird Gott mit den eigenen Waffen geschlagen. 
Der Talmud schließt übrigens anderen Bericht eine charak- 
teristische Bemerkung. Es wird da erzählt, daß der Prophet 
Elias von Zeit zu Zeit einem Rabbi erschien und über 
mancherlei, was im Himmel vorging, berichtete. Bei einer 
solchen Gelegenheit fragte ihn einst der Rabbi, wie Gott 
die Zurechtweisung Josuas aufgenommen habe. „Er hat ge- 
lacht," erwiderte Elias, „und gesagt: meine Kinder haben 
mich besiegt." Der Tosafotkommentar bemüht sich natürlich, 
einen hier auftauchenden Einwand sogleich aus dem Wege 
zu räumen. Man könnte doch hier die Frage aufwerfen: 
„Es heißt doch, daß Gott seit der Zerstörung des Tempels 
nicht mehr lacht." Aber, meint der Kommentar beschwich- 
tigend: es war kein richtiges Lachen, sondern nur ein 
Schmunzeln. Man sieht, die Gläubigen lassen keine Wider- 
sprüche zu und beschränken Gottes Freiheit noch bei den 
seltenen Gelegenheiten, da er in Versuchung gerät, über 
dieses Tal der Tränen, das er geschaffen hat und in dem 
es so wenig Anlaß zur Heiterkeit gibt, zu lachen. 



93 



--«(IM 



■'f 



Spinoza und die Psychoanalyse/- *ni-. 

Prof. Bernhard Alexander (Budapest) 

Aus dem im Februar l^2y zum 
3 SO- Todestage Spinozas im Haag 
erschienenen K Band des „Cbro- 
'*' ' • nicon Spinoznnum^; -i -;..^ 

,„,,Es führt kein direkter Weg von Spinoza zur Psycho- 
analyse, ja selbst kein indirekter, wenn dieser Begriff nicht 
ui^ebührlich erweitert werden soll. Es ist nicht entscheidend, 
daß fast dntthalb Jahrhunderte zwischen dem Entstehen der 
beiden Lehren liegen, aber sie sind hn Ausgange und Zielpunkt, 
auch im Gesamtwesen grundverschieden. Freud will nichts 
mit der Philosophie zu tun haben; als er gewahr wird, daß 
er m emigen Begriffen mit Schopenhauer zusammentrifft ver- 
sagt er sich die Lektüre Nietzsches, um seine Unbefangenheit 
und Unabhängigkeit zu wahren; bei Spinoza mündet all sein 
Wissen, auch das Konkrete, in den Ozean der PhUosophie. 
treuds Anschauungen entstehen bei medizmischem Anlaß; er 
will Kranke heUen; Theorie baut er auf, um die Mittel dazu 
w Tu ^^"' ^^ Spinoza ist die Lehre, die Ergründung der 
Wahrheit das Höchste, wonach wh- streben können; die 
Wahrheit selber das absolute Ziel, der Sinn alles menschlichen 
Lebens. Freilich hat sich schheßüch bei Freud das Schwer- 
gewicht seines Interesses bedeutend verschoben. In seinen 
letzten Schriften schwiUt in ihm eme bis dahin unmerkUche 
spekulative Ader mächtig an, er fühlt das Bedürfnis, den 
theoretischen Unterbau seiner therapeutischen Lehre syste- 
matisch zu gestalten, d. h. eine ganze Psychologie zu erbauen, 
ja er erklärt in einem Artikel der „Encyclopaedia Britannica" 
(1926), das Wort Psychoanalyse habe im Laufe der Zeit 
zwei Bedeutungen erhalten, 1) eine eigene Methode, nervöse 
Störungen zu behandeln; 2) die Wissenschaft unbewußter 
geistiger Prozesse, die man auch angemessen Tiefenpsychologie 
genannt hat (ni, 253). Er erklärt dann, die Zukunft wer'de 



94 



„■wahrscheinlich der Psychoanalyse als der Wissenschaft des 
Unbewußten weit größere Wichtigkeit beimessen als dem 
Psychoanalyse genannten therapeutischen Verfahren". Damit 
ist er nun eigentlich halbwegs In das Lager der Philosophen 
übergegangen, wo er reichlich Gelegenheit hat, trotz aller 
methodischen und weltanschaulichen Differenzen mit Spinoza 
zusammenzutreffen. 

Das rein Metaphysische in Spinoza hätte Freud gewiß 
abgestoßen, aber es giht in Spinozas „Ethik" das Buch über 
die Affekte, das bei den Medizinern seit Johannes Müllers 
„Physiologie (1855 — 1840) in hohem Ansehen steht, da 
Müller die Definitionen Spinozas gleichsam als endgühig ent- 
scheidende einfach übernimmt. Trotzdem Freud sich nirgends 
von der Psychologie Spinozas beeinflußt zeigt, hat sich uns 
doch der Eindruck einer schwer formulierbaren, gleichsam 
formellen Verwandtschaft aufgedrängt. Wir möchten sagen, 
beide sind synthetische Psychologen. Sie suchen nicht die 
Elemente des Seelenlebens auf, um diese einzeln zu erforschen, 
sie suchen ein Gesamtbild der Psyche zu erfassen. Bei Spinoza 
ist der Grund dafür leicht ersichtlich; es gab damals keine 
eigentliche analytische Psychologie und was er im modernen 
Denken vorfand, war die Lehre von den Leidenschaften des 
Descartes, an die er sich ja auch anfangs streng anschloß, 
w^as besonders aus der „Kurzen Abhandlung" hervorgeht. 
Freud wiederum kam auf dem Wege der Medizin zur Psycho- 
logie, studierte, durch Breuer angeregt und anfangs mit ihm 
vereint, Phänomene der Hysterie, erkannte deren psychische 
Natur, und suchte sich nun ein Bild der Psyche zu gestalten, 
das die Möglichkeit dieser Phänomene und deren psychische 
Behandlung erklärlich machen sollte. Für Freud war sicherlich 
dieser praktische Zweck die ursprüngliche Triebfeder seiner 
psychologischen Studien und ist es bis auf den heutigen Tag 
geblieben, wenn auch gerade dieser praktische Zweck es 
gebieterisch fordert, die Psychologie als theoretische Grund- 
lage immer vollkommener zu gestalten. Aber zu analytischer 
Psychologie führt dieser Weg nicht, er geht vom konkreten 
Menschen aus, um ihn zu beeinflussen und zu formen. Auch 



95 



-■'-/. 



bei Spinoza fehlt die praktische Einstellung nicht. Das dritte 
Buch der „Ethik" von den Affekten ist das umfangreichste 
und ausführlichste der ganzen „Ethik" und setzt sich zum 
Teil noch im vierten fort. Beide bereiten den großartigen 
Schlußakkord des Werkes vor, seinen Höhepimkt und seinen 
Endsinn. Die Affekte bedeuten die menschliche Knechtschaft, 
die Unfreiheit, aus der wir in die Welt der Freiheit, der 
Glückseligkeit, des wahren Wissens, der Gotterkenntnis geführt 
werden sollen. Wir müssen die Affekte kennen, um sie dann 
mittels der wahren Erkenntnis überwinden zu können. Wie 
merkwürdig die beiden Gedankenketten sich zueinander 
neigen, ist ersichtlich. Setzt man an die Stelle der Spinozaischen 
Glückseligkeit, Freiheit, Tugend den Freudschen Begriff der 
Gesundheit, der ja doch irgendwie verwandt mit jenen ist, 
dann ist die Verwandtschaft der beiden ersichtlich. Es soU 
nun gezeigt werden, daß nicht nur die Endziele, sondern 
auch die zu ihnen führenden Wege wenigstens in gewissem 
Sinne verwandt sind, so daß hier nicht künstliche Deutelei, 
Konstruktionsspiel und ähnliches den Leser erbittern, sondern 
sachliches Zusammentreffen der beiden Gedankenreihen auf- 
gezeigt werden soll. Die Verwunderung über dies Zusammen- 
treffen möge durch die Überlegung gemildert werden, daß 
es sich ja um dasselbe Objekt, die menschUche Seele handelt, 
und wenn auch der eine von medizinischen, der andere von 
allgememen empirischen psychologischen Erfahrungen ausgeht, 
der eine die kranke Seele heilen, der andere die unvoll- 
kommene zur Vollkommenheit führen will, so können sie 
zwar ohne voneinander Kenntnis zu nehmen iliren Weg 
gehen, aber sie müssen sich doch im Wesen der Sache an 
manchen Punkten treffen. Wenn uns etwas hier wunder- 
nehmen kann, so ist es, daß Freud von der an kranken 
Seelen gemachten Erfahrungen m solche Tiefen der Erkenntnis 
eindringen konnte. Bemerken müssen wir aber, daß wir uns 
nicht als kompetent erachten, Freuds medizinische Gedanken 
fachhch zu würdigen. Wir wollen hier nur die Punkte er- 
kennen, in denen die beiden bedeutenden Geister überein- 
stunmen. Wo Freud Wege geht, die von denen Spinozas 



96 




Dr. Tlieodor Reilt 



i 



I 



"~~^ 



abweichen, müssen wir im allgemeinen das Urteil über Freud 
medizinischen Fachleuten überlassen. Wir haben von Freuds 
Psychoanalyse nur literarische Kenntnis, w^as von den Psycho- 
analytikern gewiß mit Recht als ungenügend zu vollkommener 
Erkenntnis der Sache angesehen w^ird. Wir getrauen uns über 
Spinoza zu sprechen, aber an Freud nur Fragen zu stellen. 
Es ist ein Genuß, Freuds Schriften, die auch in der Dar- 
stellung hervorragend sind, zu lesen; es ist aber bei man- 
gelnder Kenntnis der psychoanalytischen Praxis schwer, ihnen 
durchwegs zu folgen. Unser Hauptzweck ist hier nicht, die 
Psychoanalyse zu beurteilen, sondern nur, wie die Psycho- 
analyse für die ungeheure Lebenskraft der Spinozaschen Ge- 
danken zeugt. Angedeutet haben wir dies schon in einem 
Buche, das wir über Spinoza veröffentlichten („Spinoza , bei 
Reinhardt in München, 1923). Diese Andeutungen sollen hier 
ein w^enig ausgeführt werden. 

Bevor wir aber den Nachweis versuchen, daß Spinozas 
Endabsichten sich mit denen der Psychoanalyse in gewisser 
Weise berühren, seien vorerst einige Punkte von geringerer 
Wichtigkeit berührt. Es ist, um auch den Unterschied der 
beiden Auffassungen in einem grundlegenden Punkt festzu- 
stellen, wichtig zu erwähnen, daß in den Werken Spinozas 
nie die Rede vom unbewußten Leben der Seele ist. Er be- 
handelt wohl das Problem der Erinnerung (T. 11, Lehr- 
satz 18), und da könnte er sich ja die Frage stellen, in 
welchem Zustande die erinnerte, also bewußt gewordene Vor- 
stellung vorher gewesen ist und so auf das Unbewußte in 
seiner primitivsten und zugänglichsten Form stoßen. Nach- 
dem aber für ihn geistig und körperlich gänzlich identisch 
sind („die Ordnung und Verknüpfung der Ideen ist dieselbe 
wie die Ordnung und Verknüpfung der Dinge" H. 7), ist 
für ihn hier kein Problem vorhanden. Die Erinnerung ge- 
schieht im Geiste nach der Ordnung und Verkettung der 
Affektionen des menschlichen Körpers. Was geistig ist, ist 
selbstverständlich bewußt, ja sogar mit dem Bewußtsein dieses 
Bewußtseins verknüpft. Wenn jemand etwas weiß, weiß er 
auch damit, daß er weiß, und zugleich weiß er, er wisse, 



9? 



daß er weiß und so ins Unendliche (Eth. II, 21). Das scheint 
nun die psychoanalytische Auffassung, zu deren Hauptpfeilem 1 

die Lehre vom unbewußten Geistesleben gehört, von der 
Spinozaschen grundsätzlich und für immer zu scheiden. Wir 1 

wollen nun durchaus nicht die Lehre vom Unbewußten an 
dieser Stelle diskutieren. Ob nun aber die Psyclioanalytiker 
ihren Begriff vom Unbewußten nicht doch vertiefen und 
revidieren werden, ist eine Frage der Zukunft. Die Schwierig- 
keiten dieses Begriffs sind am wenigsten dem umsichtigen ■ 
Forschergeist Freuds entgangen. Dabei scheint uns bisher 
nicht bedacht worden zu sein, daß ja schließlich die meisten 
Vorstellungen von Eindrücken der äußeren Sinnesorgane her- 
stammen, die doch beim Entstehen bewußt gewesen sein 
mußten, denn sollte es auch unbewußte Sinneswahmeh- 
mungen geben? Also Farben, die nicht gesehen, Töne, die 
nicht gehört usw. werden? Was aber einmal im Bewußtsein 
gewesen, kann wieder dahin zurückkehren, also nicht absolut 
unbewußt sein, nur vorbewußt. 

•I Aber wir wollen diese Frage, wie gesagt, hier nicht dis- 
kutieren, trotzdem wir zu denen gehören, die sich nicht gut 
vorstellen können, was es heißen soll, unbewußt zu denken. 
Statt dessen weisen wir auf eine merkwürdige, natürlich 
völlig unbewußte Annäherung Freuds an Spinoza hin, die 
sich in „Das Ich und das Es'' (1923) findet, einer Schrift, 
die von den Psychologen mehr beachtet werden sollte, als 
bisher geschehen. Er geht hier auch auf die DeutlichkeiU- 
skala des Bewußtseins ein, aus der ja von vielen gefolgert 
wird, daß das Unbewußte eigentlich nur das unmerklich 
Bewußte ist, was doch näherer Prüfung wert ist, als Freud 
zugesteht, und die Idee Leibnizens von den petites perceptions 
war, die sich so merkwürdig seiner ganzen Lehre vom un- 
endlich Kleinen einfügt. Hier wirft nun Freud die Frage auf: 
Wie wird etwas bewußt, oder wie wird etwas vorbewußt? 
Die Antwort lautet: „Durch Verbindung mit den entsprechenden 
Wortvorstellungen" (S. 20). Diese stammen wesentlich von 
akustischen Wahrnehmungen ab, so daß hierdurch gleichsam 
ein besonderer Sinn es Ursprung für das Unbewußte gegeben 

« 

98 



ist. Geht man diesen Gedanken von einer anderen Seite als 
der Freudschen nach, so fällt ein neues Licht auf das seelische 
Leben. Wie ist der Gedanke, bevor er mit dem Wort ver- 
bunden ist? Wenn ihn diese Verbindung bewußt macht, 
dann ist er vorher sicherlich vorhanden, aber unbewußt, 
d. h. in statu nascendi, halbbewußt, fast unmerklich. Was 
wir Einfälle aus dem Unbewußten nennen, sind Gedanken, 
die Bewußtheit anstreben, aber sich erst durch die Verbin- 
dung mit dem Wort dazu durchringen. Wie aber Gedanke 
und Wort sich finden, dies zu erklären wäre eine der groß- 
artigen Intuition Freuds würdige Aufgabe. Dazu müßte aber 
das ganze Problem des noch nicht an die Sprache fixierten 
Denkens geprüft werden. Mit dem Hüfsbegriff der Assoziation 
kommt man gewiß nicht aus, denn das sprachlose Denken 
ist das schöpferische, das mit den Krücken der Assoziation 
sicherlich nicht vorwärts kommt. Das Problem nun des sprach- 
hchen Denkens hat sich auch vor Spinoza hingesteUt, und 
zwar in seiner ersten Schrift, die auf uns gekommen, in der 
„Kurzen Abhandlung von Gott, dem Menschen und seinem 
Glück , über deren interessante und wichtige Geschichte die 
neue Ausgabe Gebhardts (Spinoza, „Opera") und die deutsche 
Übersetzung von Gebhardt (1922) genau orientieren. Dort 
heißt es (I. S. 85 der Gesamtausgabe und S. 94 der Über- 
setzung), nachdem Spinoza festgestellt hat, daß das Verstehen' 
ein bloßes Leiden ist, so daß es nicht unser Wille ist, der 
etwas von einem Dinge bejaht oder verneint, — daß dies 
vieUeicht diejenigen nicht zugeben werden, die meinen, man 
könnte ja doch trotz besseren Wissens mit Worten etwas 
von einem Dinge behaupten. „Das kommt jedoch nur daher, 
weU sie keine Vorstellung von dem Begriffe haben, den die 
Seele von dem Dmge hat, ohne die Worte oder außer 
den Worten" (S. 94). Wie nun aber die Gedanken ohne 
die Worte oder außer den Worten sind, darüber hat 
Spinoza nichts gesagt, wenngleich sein Begriff der Intuition 
gebieterisch danach gefragt hätte. Denn die intuitive Er- 
kenntnis, die dritte, die höchste Erkenntnis, ist sicherlich 
auch nach seiner Meinung eine Erkenntnis ohne Worte 



^-9 



außer den Worten, uiiä wie wir hinzufügen können vor 
den Worten. 

Hingegen ist der wichtige Begriff der Verdrängung bei 
Freud, eine der Hauptsäulen seines ganzen Gedankenbaues, 
sehr bestimmt bei Spinoza, wenn auch natürlich nicht unter 
diesem Namen, zu finden. Im Lehrsatz 12 (Teil 5) heißt es, 
daß der Geist danach strebt, sich vorzustellen, was das Hand- 
lungsvermögen des Körpers mehrt oder fördert; stellt er sich 
aber vor, was das Handlungs vermögen des Körpers mindert 
oder hemmt, dann strebt er, sich an Dinge zu erinnern, die 
die Existenz von jenen ausschließen; diese etwas wunderlich 
scheinende Aus drucks weise, die in der Schulsprache seiner 
Philosophie gehalten ist, wird dann so verdeutlicht: Der Geist 
verabscheut sich vorzustellen, was sein und des Körpers Ver- 
mögen mindert oder hemmt. Dieser Abscheu ist die Trieb- 
feder seiner Haltung. Wirksam aber wird dieser Abscheu, 
wenn er sich etwas vorstellt, was die Vernichtung des ver- 
abscheuten Gegenstandes bedeutet 



Die „Ethik Spinozas führt dem Anschein nach einen 
nicht entsprechenden Titel; es sind ja in ihr alle Teile der 
Philosophie und nicht nur die ethischen Gedanken enthalten; 
aber in der Tat sind alle Teile der Philosophie in der „Ethik" 
zu finden, aber alle in den Dienst der Ethik eingestellt. 
Das ganze System Spinozas ist Ethik, alle Teile dienen 
dazu, den ethischen Grundgedanken das System plastisch 
herauszuarbeiten. Man hat viele Einwendungen gegen die 
Form des Systems, die mathematische Beweisführung der ein- 
zelnen Sätze erhoben, und wir geben sie gerne preis, wenn 
jemand alle Werte der Form in eine andere hinüberzuretten 
weiß, aber geleugnet kann nicht werden, daß es das in seiner 
jetzigen Form systematischeste Buch der Weltliteratur ist. 
Alles hängt aufs engste zusammen. Es sind fünf Bücher. Im 
ersten Buch finden sich die Hauptpfeiler des Spinozanischen 
Denkens, die Begriffe der Substanz, der Attribute und der 
Modi. Dann folgt im zweiten Buch gleichsam ein neuer An- 



100 



satz: Vom Geiste. Um vom Geiste zu reden, m.üssen -wir das 
Reich des reinen Denkens verlassen und die innere Erfahrung, 
die wir über den Geist haben, zu Rate ziehen. Das also ist 
notwendige Fortsetzung der Grundbegriffe, worauf es sich 
ergibt, daß diese gesuchten Begriffe Weltkategorien alles 
menschlichen Denkens sind. Ist dieses nicht erkannt, dann 
ist im Spinoza kein Schritt nach vorwärts möglich. Die not- 
wendige Fortsetzung ist aber die Lehre von den Affekten. 
Aber in der speziellen Ethik ist auch der Begriff des Affekts 
soeben an die Reihe gekommen. Affekte sind Naturerschei- 
nungen, die ihre natürlichen und allgemeinen Ursachen und 
Folgen haben, man muß sie behandeln sine ira et studio, 
als ob es sich um Linien, Ebenen oder Körper handelte. Das 
dritte und vierte Buch enthält die Lehre von den Affekten, 
ein Stück reinster vollendetster Psychologie, das verdient, mit 
den Ausführungen des Aristoteles in der nikomachischen Ethik 
In eine Reihe gestellt zu werden. Warum sich die Psycho- 
analytiker diese Lehre entgehen ließen, ist schwer zu be- 
greifen. Was diese Ambivalenz nennen, findet hier muster- 
gültige Begründung. Es ist eine Dynamik der Affekte und 
Leidenschaften, für die ja die Psychoanalytiker uns die Augen 
geöffnet haben. Auch der Begriff des Unbewußten wird hier 
bei Spinoza stark gestreift. Der fünfte Teil der Ethik handelt 
von der Macht des Verstehens oder der menschlichen Frei- 
heit, dem Schlußpunkt des ganzen Systems. Der Grundpfeiler 
des Systems ist die Lehre von der Selbsterhaltung, zu der 
sich Freud den Zugang durch die Lehre vom Todestrieb ver- 
sperrt hat. Wir versagen uns natürlich jede Polemik, aber 
sehr selbstbewußt klingt hier die Sprache Freuds nicht; jeden- 
falls ist es mit dem Denken Spinozas und dem größten Teil 
der modernen Philosophie unvereinbar. Spinoza lehrt, daß 
das Streben nach Selbsterhaltung die erste und einzige Grund- 
lage der Tugend, Selbsterhaltung aber dasselbe ist wie nach 
der Leitung der Vernunft handeln, also Streben nach Ein- 
sicht ist die erste und einzige Grundlage der Tugend. Sofern 
nun die Menschen von den Affekten bedrängt werden, weichen 
sie voneinander ab. Aber sofern sie nach der Leitunf^ der 



lüi 



Vernunft leben, stimmen sie der Natur nach notwendig immer 
überein. Doch wir wollen hier abbrechen, die Schlußsätze 
der Spinozanischen Lehre sind allbekannt. Die volle Durch- 
leuchtung der Seele durch die klare Erkenntnis bedeutet die 
Freiheit des Geistes, die Überwindung der knechtenden Ge- 
walt der Affekte. Dasselbe bedeutet der Begriff Gottes in 
Spinozas Lehre. Es ist ihr Ausgangs- und ihr Schlußpunkt. 

Ist hier wirklich trotz der mystisch-theologischen Aus- 
drucksweise ein so großer Abstand zwischen den beiden Lehren ? 
SchließHch heilt Freud seine Kranken durch klare Intellektuali- 
sierung des Denkens. Das Unbewußte, das eine so entschei- 
dende Rolle im Denken Freuds spielt, wird zuletzt bei glück- 
lichem Beschluß der Kur um seine Vorherrschaft gebracht. 
Im dem schon erwähnten klassischen kurzen Artikel in der 
„Encyclopaedia Britannica" sagt Freud: „The therapeutic results 
of psychoanalysis depend upon the replacement of inconscious 
mental acts hy conscious ones and are operativ in so far as 
that process kas significance in relation to the disorder under 
treatment. The replacement is effected hy overcoming internal 
resistances in the patients mind (III, 253). (Und hier setzt 
dann der erwähnte Satz ein, daß die Zukunft wahrscheinlich 
der psychologischen Seite der Psychoanalyse gehört.) Die 
therapeutischen Folgen der Psychoanalyse hängen davon ab, 
daß an die Stelle von unbewußten geistigen Akten bewußte 
gesetzt werden und sind wirksam, insofern als dieser Prozeß 
in bezug auf die behandelte Krankheit Bedeutung besitzt. 
Dieser Ersatz vollzieht sich durch die Überwindung innerer 
Widerstände in der Seele des Kranken. 

Daß dieses Verhältnis der Psychoanalyse zur spinozanischen 
Philosophie so lange unbemerkt blieb, beweist, daß unter den 
Anhängern Freuds so überzeugte Gegner aller Philosophie 
sich finden, dann aber auch, daß die Kräfte der Schule viel- 
fach anderweits in Anspruch genommen waren. Seit Freud 
auf die Hypnose in der Behandlung verzichtete, mußte ander- 
w^eitig Ersatz geschaffen werden, um auf die Frage Bescheid 
zu geben: wie kommen wir zum Unbewußten. Hier setzte 
dann Freuds Gedanke ein: die Traumanalyse, das Spiel der 



102 



freien Assoziationen , die psychologischen Verfehlungen im 
Alltagsleben bauen uns die Brücke zum Unbewußten. Dann 
mußte eine neue Ich-Analyse einsetzen, zu denen auch Meister 
Freud den Anstoß gab, „Das Ich und das Es", „Jenseits des 
Lustprinzips " , „ Massenpsychologie * (eine der bedeutendsten 
Schriften), „Totem und Tabu" — man muß immer aufs 
neue den Geist und die Erfindungskraft des Stifters der 
Schule bewundern. Merkwürdigerweise aber ließen die Prin- 
zipien der Therapeutik eigentlich auf sich warten. Überall 
in der Medizin muß man sich oft mit Empirie begnügen und 
auf den wissenschaftlichen Unterbau verzichten, aber in der 
Psychoanalyse ist das schwer möglich. Es gibt eigentlich doch 
keine Schrift, in der die medizinische Matei'ie systematisch 
aufgebaut wäre. So konnte ich in der weitläufig und täglich 
mehr ansch%v eil enden Literatur der Psychoanalyse nur sch"wer 
die Hauptfragen studieren. Über die Trieblehre bei Spinoza, 
über seine Theorie der Affekte und Leidenschaften bei der 
Psychoanalyse kaum ein Wort. Man sollte doch glauben, daß 
Spinoza bei den Psychoanalytikern Anklang finden müßte. 
Es ist ja möglich, daß die Schuld an mir liegt. Aber ich 
habe redlich gesucht und mich vielfach erkundigt. Für Mangel 
in dieser Beziehung kann ich mich kaum für verantwortlich 
halten. 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiNiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiii^ 



PSYCHOANALYTISCHES LESEBUCH 
i! Hebbel über Träume 

Wenn sich ein Mensch entschließen könnte^ all seine TVcume, ohne 
Unterschied^ ohne Rücksicht, mit Treue und Umständlichkeit und unter 
Hinzufügung eines Kommentars, der dasjenige umfaßte, was er etwa 
selbst an Erinnerungen aus seinem Leben und seiner Lektüre aus seinen 
Träumen erklären könnte, niederzuschreiben, so würde er der Menschheit 
ein großes Geschenk machen. . s.iiij 



105 



Primitive Kunst und Sexualität 

Von 

Dr. Eckart von Sydow 

Dem im Frühjahr 1^2^ erschienenen Werke 
von Eckart von Sydow „Primitive Kunst und 
'' Psychoanalyse. Eine Studie über die sexuelle 

■ ' ' Grundlage der bildenden Künste der Natur- 

völker'^ (Imago-Bücher Nr. X, Geh. M. 5-—, 
Ganzleinen M. ic — ) entnehmen wir die drei 
folgenden Abschnitte. 

Psychoanalytische Deutung des räumlichen Urbildes 

Die bisherigen Erörterungen haben ergeben, daß die im 
Grundgefühl der Höhle wurzelnde Haltung der primitiven 
Bauweise unter den verschiedensten Klimaten, wirtschaftlichen 
Verhältnissen und Kunststilen in grundsätzlicher Gleichartig- 
keit sich erhält. Es erhebt sich nun die Frage nach dem 
inneren Grunde dieser merkwürdigen Beharrlich- 
keit. Dieser Grund muß sehr stark und in einer tiefen Schicht 
der naturvölkischen Mentalität verankert sein. Läge er nahe 
dem Bewußtsein, vielleicht sogar in der Sphäre des Bewußt- 
seins, so hätte er jenen vielfachen Eindrücken der Außen- 
welt gegenüber nicht standhalten können. 

Im Sinne neuerer Historik möchte man an den geschicht- 
lichen Ausgangspunkt denken und meinen, daß eben der 
Ursprung in der Felshöhle auf das nachhaltigste die weitere 
Entwicklung beeinflußt habe. Das ist gewiß richtig. Aber 
diese Begründung reicht keineswegs aus. Sie übersähe die 
Neben- und Zwischenstufe der höhlenartigen Bauten: den 
Wetterschirm. Sie erklärt auch keineswegs die Übergewalt 
des HÖhlengefühlSj selbst unter der Voraussetzung, daß die 
Höhle die ursprünglichste und einzige Wohnung des Ur- 
menschen gewesen wäre. Denn der historische Ausgangspunkt 
bedeutet als solcher durchaus keine innere Zwangsläufigkeit 
der Entwicklung innerhalb bestimmter Grenzen. Gerade die 
Baukunst legt dafür ein lautsprechendes Zeugnis ab, da spätere 



104 



• 



hochkultivierte Baustile nur bei historischer Analyse allmäh- 
lich auf ihren Ausgang in primitiverer Bauweise zurückzu- 
führen sind. Die Möglichkeit solcher Spannungen beweist 
vielmehr, daß in dem einheitlicheren Gebiet der primitiven 
Baukunst ein inneres Prinzip von einer Mächtigkeit gewaltet 
haben muß, das allen inneren und äußeren Einflüssen sieg- 
reich Widerstand leistete. Kein rein historisches Moment kann 
solche Allgewalt ausüben, sondern nur eine unbewußte, orga- 
nisch gegebene und bluthaft wirksame Tendenz des mensch- 
lichen Daseins. 

Wir befragen zunächst einmal die psychoanalytische 
Literatur, ob sich in ihr ein Wegweiser für die Lösung 
unserer Problematik findet. Besteht unsere Annahme einer 
tiefwurzelnden Veranlagung zu Recht, so können wir darauf 
rechnen, in der Deutung der mythologischen Sprach- 
bilder und Vergleiche einen wichtigen Fingerzeig zu finden. 
C. G. Jung („Wandlungen und Symbole der Libido", S. 200) 
formuliert den Sinn solchen Vergleiches zunächst im allge- 
meinen für das Bild einer ganzen Stadt: „Die Stadt ist 
ein mütterliches Symbol, ein Weib, das die Bewohner wie 
Kinder in sich hegt." Und er erläutert diesen Satz durch 
eine Reihe von Beispielen, wie diese: „Es ist daher ver- 
ständlich, daß die beiden Muttergöttinnen Rhea und Kybele 
die Mauerkrone tragen. Das Alte Testament behandelt die 
Städte Jerusalem, Babel usw. wie Weiber . . ." Otto Rank 
unterstützt solche Deutung, indem er („Um Städte werben 
in „Internat. Zeitschr. für ärztl. Psychoanalyse", II [1914], 
S. 50 ff.^) die Vergleiche heranzieht, welche den Liebesakt 
durch die Eroberung einer standhaften Festung verdeuthchen, 
und indem er die bewältigte Stadt als Muttersymbol nachweist. 

■ Weiterhin bezeichnet Jung auch die Kiste oder Lade 
als weibliches Symbol, — sie bedeutet den „Mutterleib, was 

den älteren Mythologen eine ganz bekannte Auffassung war" 
(1. c, S. 202). 

__ — . - 

1) Wieder abgedruckt in der 4. Auflage von Rank: ,,Uer Künstler" (Irnago 
Bücher Nr, I), Wien 1925. 



105 



Zwischen Kiste und Stadt steht das Haus als solches in 
seiner Isoliertheit. Muß man beide Extreme als Weib-Sym- 
hole und speziell als Mutter- Symbole deuten, so wird man 
nicht fehlgehen, auch in der vermittelnden Vorstellung die 
gleiche Tendenz wirksam zu finden. Th. Reik (in Internat 
Zeitschr. für ärztl. Psychoanalyse", II [1914], S. 59 ff.) weist 
darauf hm, daß unter den „Symbohsierungen des Frauen- 
leibes neben der Festung, dem Garten usw. auch das Ge- 
bäude als Symbol des Frauenleibes auftritt/ Der wesentHche 
Zug liegt wiederum darin, daß Insassen wie Kinder beher- 
bergt werden. So sagt denn auch H. Zulliger („Beiträge 
zur Psychologie der Trauer- und Bestattungsgebräuche in 
„Imago , X. Bd., 1924, S. 225): „Der Herd ist als Symbol 
iur das Genitale genügsam bekannt, das Haus als solches für 
die Mutter. * — 

Speziell für die Traumsymbolik hat Freud selbst in 
semer Auffuhrung von Beispielen typischer Symbole („Traum- 
deutung , Ges. Sehr, III. Bd., S. 70 f.) dargetan, daß Zimmer 
zumeist Frauenzimmer bedeuten. 

Nach der Bedeutung des Bauwerkes und des Zimmer- 
raumes als mythologischen und Traumsymbols des Frauen- 
leibes, und zwar besonders des Mutterleibes, zeigt sich weiter- 
hin ein analoger Sinn im Bild der Höhle. Auch hier kann 
uns die Untersuchung der mythologischen SymboUk durch 
C. G. Jung nützlich sein. Denn er hat gefunden, daß ver- 
wandte Vorstellungen, wie z. B. Golf, Abgrund, tiefes Tal 
zwischen hohen Bergen die Vagina, speziell den Mutterschoß 
bedeuten (Jung, 1. c, S. 264) und femer, was sinngemäß hie- 
her gehört, daß der Höhlendrache die „furchtbare Mutter" 
bedeutet (Jung, 1. c, S. 540 A2), - wie das Haus, so gilt 
also auch die Höhle als Repräsentanz des Mutterleibes 

Alb. Dietrich („Mutter Erde", 2. Aufl., S. 101) unter- 
stutzt solche Deutung durch den Hinweis darauf, daß gemäß 

i) Man vergleiche auch über Symbole des FrauenleJbes die Kanitel Erd<> 
Paradies", „Stadt, Festung", „Verschlossen" und „Tor, Tür, Fenster" bei S to^rf er 
„Manas jungfräuliche Mutterschaft. Ein völkerpsychologisches Fragment zur 
Sexualsymbolik", Berlin 1914. 

106 



der „ältesten, echten Volksreligion" die Erdgrube mit dem 
weiblichen Schoß für Identisch erklärt wurde (vgl. O. Rank: 
„Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforschung , 2. Aufl., 
1922, S. 28 ff.). 

So führt denn auch Freud („Traumdeutung", Ges. Sehr., 
IIL Bd., S. 70) an, daß neben Dosen, Schachteln, Kästen usw. 
auch Höhlen den Frauenleib bedeuten können. 

Die nahe Verbundenheit des naturvölkischen Hauses mit 
der Erde, wie sie sich zumal in den mehr oder minder 
versenkten Häusern und in dem Material des Schnees usw. 
nicht minder als in der genealogischen Verbindung zw^ischen 
Erdhöhle und Haus ausspricht, legt die Frage nach dem 
Verhältnis der Erde zum menschlichen Geschlecht 
innerhalb der mythologisierendsymbolisierenden Vorstellungs- 
welt nahe. Auch hier zeigt sich das gleiche Ergebnis wie 
bei der Untersuchung der beiden vorangehenden Probleme: 
die Erde wird regelmäßig als ein vsreibliches Wesen, und 
zwar als die Mutter aufgefaßt. „Mutter Erde" ist ein all- 
gemein gebräuchlicher Ausdruck der naturvölkischen Reli- 
gionen, — einige der ergreifendsten Masken "Westafrikas ver- 
danken dieser Konzeption ihren Ursprung. (Vgl. E. v. Sydow: 
„Kunst und Religion der Naturvölker", S. 51 und Abb. in 
E. V. Sydow: „Kunst der Naturvölker...", S. 108 f.) Bei 
Nord- und Südamerikanem, Afrikanern, Eskimos usw^. w^ird 
die Mutter Erde als Gottheit verehrt. Diese Grundvorstellung 
ist es, welche alle Kinder aus der Erde quellen und wachsen 
läßt. Alb. Dietrich („Mutter Erde", S. 20) fügt dieser Fest- 
stellung hinzu: „Ich wüßte nicht, daß es wirklich echten 
Volksglauben gäbe, der die Herkunft der Kinder in einer 
Weise auffaßte, die nicht mit dieser Grundvorstellung zu- 
sammenginge." Die Fülle der Beispiele, die Dietrich aufführt 
und aus denen die Erhöhung der Erde zu einer mächtigen 
Gottheit im Bereiche der alten ägyptischen, griechischen usw. 
Religion hervorgeht, beweist die breite Basis für die mytho- 
logische Formulierung im organischen Bewußtsein, — gerade 
für die letzten Jahrhunderte der antiken Religionen prägt er 
den Satz, daß die Isis-Religion als Dienst der mütterlichen 



107 



Weltgottheit „ihre innerste, eigenüiche Reügion" bedeutet 
habend, c, S. 85, vgl. O. Rank, I. c, S. 46). 

Wir haben nunmehr eine dreifache Schichtreihe vor uns: 
Erde, Erdhöhle, Behausung, — eine genealogische Reihe, die 
durchwahet ist von der gleichen urbildhaften Einfühlung der 
menschlichen, primitiven Auffassung, die in den drei Dingen 
Symbole des weiblichen Körpers, besonders des Mutterleibes 
sieht. Das Primäre bei solcher Interpretation durch die Natur- 
völker, den Volksglauben antiker Kulturen, und die Traum- 
arbeit unserer Zeitgenossen ist das sexuelle Gefühl der An- 
ziehung durch das weibliche, besonders das mütterliche Wesen 
In ihm muß also auch der Impuls Hegen, der die Behausung 
der Naturvölker in ihrer Form hervortreibt und beherrscht. Am 
durchgreifendsten offenbart er semen innersten Instinkt in jenen 
Bauformen, die durch Einräumigkeit, Geschlossenheit sich aus- 
zeichnen. Es müßte demnach die Kuppelhütte, beziehungsweise 
das^ Kuppelzelt in seiner einfachsten Form die primitive Bau- 
gesinnung am reinsten ausdrücken. In der Tat steht sie am 
Anfang aller eigentUchen Baukunst, die erst nach dem Gebrauch 
und der Überwindung des Wetterschirmes einsetzt. 

Wie aber erklären sich die anderen Formen der natur- 
volkischen Bauten: zylindrische Kegeldachhütten Viereck- 
bau mit Giebeldach usw.? Wir haben früher gesehen daß 
die größte Wahrscheinlichkeit dafür spricht, daß die Rund- 
bauten allerorts die frühere und die Viereckbauten die spätere 
Muie der Entwicklung bilden. In jenen beiden Fällen ist ein 
Element sichtbar, das dem ursprünglichen Antrieb fremd ist, 
es drückt sich besonders in der Differenzierung von Dach 
und Wand aus, abgesehen vom eckigen Grundriß. Es macht 
sich in diesen Veränderungen, Verfremdungen ein deutlicher 
Emschlag zivUisatorischer, rechnerischer Überiegung geltend 
der dem Beginn nicht wesensgleich ist, dessen Art lediglich 
in der Reproduktion der Mutterleibshöhlung besteht. — Nahe 
liegt hier der Gedanke, in solchen Abweichungen den Aus- 
druck des spezifisch männUchen Geistes zu sehen. Die Dis- 
kussion eines Einwandes jedoch wird zeigen, daß diese An- 
nahme falsch ist. 



108 



'■ Dieser Einwand könnte nämlich darauf Bezug nehmen, 
daß das Innere des Frauenleibes keine erogene Zone an sich 
sei, — das sexuelle Moment fehle also. Dies ist gewiß richtig, 
insofern die Erotik von seilen des Weibes her aufgefaßt wird.. 
Tatsächlich aber ist die Libido „regelmäßig und gesetzmäßig 
männlicher Natur, ob sie nun beim Manne oder beim Weibe 
vorkomme und abgesehen von ihrem Objekte, mag dies der 
Mann oder das Weib sein" (Freud: „Drei Abhandlungen zur 
Sexualtheorie", Ges. Sehr., Bd. V, S. 94; vgl. Ferenczi: 
„Versuch einer Genitaltheorie", 1924, S. 42). Nun aber ist 
für den Mann das Leibinnere der Frau durchaus ein Gebiet, 
das erotische Bedeutung hat. Denn Ferenczi hat darauf hin- 
gewiesen, daß „die zentrale Tendenz der Wiederkehr in den 
Mutterleib beide Geschlechter gleicherweise beherrscht" und 
daß sowohl Schlaf, wie auch Genitalakt eine Rückkehr zum 
Intrauterinleben bedeuten (1. c, S. 41, 49). Zu dieser letzteren 
Rückwendung ist praktisch jedoch nur der Mann in der Lage. 
So hat er die eigentliche Vollzugskraft des rückwärts gerich- 
teten Triebes. Das architektonische Gebilde ist demnach, 
seiner Struktur als Nachahmung der Mutterleibshöhle zum 
Trotz, ein Ausdruck der männlichen Erotik. Die weiter- 
gehende Fortbildung der ursprünglichen Rundanlage des ge- 
schlossenen Einraumes kann daher nicht dem männlichen 
Sinn zu verdanken sein, sondern muß, insofern die ästhetische 
Funktion in Frage kommt, die Angelegenheit einer über- 
biologischen, zum mindesten außerbiologischen subli- 
mierenden Geistigkeit sein. 

Diese Hypothese Hegt nahe. Aber wir könnten uns auch 
zunächst mit der in psychoanalytischen Kreisen geläufigeren 
Auffassung begnügen, daß in jenen Weiterentwicklungen eine 
komplizierte Verdrängung in die Erscheinung träte. Ab- 
gesehen von allen zivilisatorischen Überlegungen würde es 
sich dann nur um negative Baumethoden, wenn wir so sagen 
dürfen, handeln, beziehungsweise um Baumethoden mit nega- 
tivem Sexualsinn. ' 



109 



Kunst- und Wirtschaftsformen bei den Naturvölkern 

Zu unserer These der grundsätzlichen Unabhängigkeit des 
Ausdrucks des Lustprinzips vom Zweckmäßigkeitsgedanken hat 
sich die allgemeine Erörterung des Verhältnisses von Kunstform 
und Wirtschaftsartung im Bereiche der ausschließlich oder über- 
wiegend ethnologischen Kunstwissenschaft in scharfen Gegensatz 
gestellt. In der Bejahung der Frage, oh eine Abhängigkeit 
künstlerischer Stilformen von den jeweiligen Wirt- 
schaftsformen ihres Ursprungsgebietes vorhanden sei, 
besteht eme weitgehende Übereinstimmung bei den verschiede- 
nen Forschem, die sich mit der Kunst der Naturvölker be- 
schäftigt haben. Ernst Grosse begann in seinen „Anfängen 
der Kunst (1894) die Ableitung der primitiven Kunstformen 
aus den Wirtschaftsformen, — Herbert Kühn hielt in seiner 
„Kunst der Primitiven" (1923) seine mannigfachen Analysen 
primitiver Kunstwerke durch den allgemeinen und aUseitig 
durchgeführten Gedanken der Abhängigkeit der Kunstsprache 
von der Wirtschaftsart zusammen, — K. Weule, K. Woer- 
mann, L. Frobenius, Fr. Graebner machten von dem 
gleichen Gedanken einen mehr oder minder ausgedehnten Ge- 
brauch. Wie schroff die Vertreter dieser Auffassung sich für 
ihren Gedanken einsetzen, zeigen Zitate aus H. Kuhns „Kunst 
der Primitiven" (S. 9, 174): „Niemals ist die Kunst zufällig, 
immer ist sie verbunden mit dem gleichzeitigen Leben iii 
ReUgion, Mystik, Wissenschaft, PhUosophie, Recht und Staat 
Der letzte Grund aber, der auch ihr Wesen entscheidend 
gestaltet, ist die Wirtschaft. Das Ökonomische ist der Unter- 
grund, es büdet das Anders-Sein, es bedingt den Wandel. — 
Diese ökonomische Geschichtsauffassung ist ein neuer Gesichts- 
punkt in der Kunstgeschichte, ein neuer, ein anderer Weg, 

der einzige Weg aber, der in der Kunst der Primitiven einen 
Pfad zu zeigen vermag." — „Die Gebiete fallen zusammen. 
Wirtschaftlich konsumtiv gerichtete Zeiten haben konsum- 
tive, haben sensorische Kunst, und wirtschaftlich produktiv 
gerichtete Zeiten . . . haben produktive, haben imaginative 
Kunst . . . Unabhängig von Zeit, unabhängig von Raum schafft 




n 




i 10 



I 



dieselbe Wirtschaftsform immer wieder denselben geistigen 
Gesamtkomplex, immer wieder die stilistisch gleichgerichtete 
Kunst. " 

Die materialistische Wendung von der Abhängigkeit künst- 
lerischer Bildungsart vom wirtschaftlichen Impuls knüpft für 
unser Gebiet an die Tatsache an, daß zwei wohlbekannte 
gegensätzlich« Stilbildungen, die man als ab strakte und 
naturalistische Formprägung bezeichnet, wie sonst so 
auch in der naturvölkischen Kunst vorliegen. Der erste Über- 
blick schien es nun E. Grosse evident zu machen, daß das 
Gebiet der Jägernomaden mit dem der naturahstischen Kunst, 
das der Ackerbauer und Viehzüchter mit dem der abstrakten 
Kunstformung identisch sei. Er begründete diesen „Befmid 
mit den Sätzen (1. c, S. 190): „Beobachtungsgabe und Hand- 
fertigkeit sind die Erfordernisse für die primitive naturalisti- 
sche Bildnerei, und Beobachtungsgabe und Handfertigkeit sind 
zugleich die beiden unentbehrlichsten Erfordernisse für das 
primitive Jägerleben und fernerhin: „Weder die Ackerbauer 
noch die Viehzüchter bedürfen zu ihrer Erhaltung einer so 
hohen Ausbildung der Beobachtungsgabe xmd der Handfertig- 
keit." Diese Begründung ist recht fragwürdig, da jeder, der 
nüt Viehzüchtern zu tun gehabt hat, weiß, wie genau sie 
jedes einzelne ihrer Tiere kennen. Gleichwohl könnte der 
Befund selbst richtig sein, wenn auch die erklärende Be- 
gründung Grosses abgelehnt werden müßte. Denn ohne sie 
sich zu eigen zu machen, hat H. Kühn die Nachweisungen 
Grosses aufgenommen und seinerseits erweitert, indem er die 
gesamte primitive Kunst unter dem Gesichtspunkt der Ent- 
sprechung von wirtschaftlicher und künstlerischer Konsumtion 
und Produktion untersuchte. Konsumtion in wirtschaftlicher 
Hinsicht entspricht nämlich nach ihm dem sensorischen 
Stil der Buschmänner, Polarvölker, Australier, — Produktion 
dem imaginativen Stil der afrikanischen Neger, Indianer, 
Ozeanier, wobei grundsätzlich jene oben schon zitierte These 
die dogmatische Grundlage bildet: „Das Ökonomische ist der 1 

Untergrund. " (S. 9.) Eine klare Definition der neuen Termini 
sensorisch und imaginativ sucht man bei Kühn vergebens, — f \ 



LI 1 



er erläutert sie an anderer Stelle durch eine Gleichsetzung 
mit anderen, metaphysischen, aber nicht ohne weiteres eviden- 
teren Ausdrücken, indem er imaginativ mit transzendent, 
sensorisch mit immanent gleich setzt (S. 1 3). Im großen und 
ganzen darf man wohl beiden Ausdruckspaaren: Abstrakt- 
Naturalistisch und Imaginativ-Sensorisch die annähernd gleiche 
Bedeutung zuerteilen, ~ nur daß im Imaginativen das Ab- 
strakte unter dem Exponenten der Phantastik zu stehen 
scheint. 

Untersuchen wir das Tatsachenmaterial, das die all- 
gemeinen und besonderen Thesen Grosses und Kuhns von 
der Abhängigkeit naturalistisch-sensorischer und abstrakt- 
imaginativer Kunstweise von den gleichartigen Wirtschafts- 
formen dokumentieren soll, so ergeben sich alsbald bedeutende 
Schwierigkeiten, in welche sich diese Dogmatik verfängt. 
Für einzelne Gebiete ist die These zutreffend. So anscheinend 
für Südamerika und große Teile von Nordamerika und der 
Südsee. Ob hiemit aber eine durchgehende Gesetzhchkeit 
aufgewiesen ist, muß zweifelhaft werden angesichts der Ein- 
wände, die auf anderen Gebieten der primitiven Kunstwelt 
sich erheben. 

Die Kunst der Buschmänner ist ein beliebtes Parade- 
stück der angeblichen reinen Naturalistik der Jägervölker. 
Wie wenig diese Behauptung zutrifft, haben wir schon früher 
gesehen. Wohl ist der Umriß naturalistisch, aber die Farb- 
gebung ist rein imaginativ. — Die Eskimos müßten als 
Jäger und Fischer eine rein naturalistische Kunst haben. 
Ihre Ritzzeichnungen und in geringerem Maße ihre Schnitze- 
reien stimmen hiemit überein. Aber sie haben neben diesen 
sensorischeu Arbeiten auch Masken von ganz abstrakter, ganz 
imaginativer Formung (E. v. Sydow: „Kunst der Naturvölker", 
S. 278ff.; Vatter: „Religiöse Plastik der Naturvölker", S. 51, 
115). — Ähnliches gilt von den Australiern: auch sie 
haben eine Fülle naturaHstischer Werke, aber von höherem 
Interesse sind ihre ganz und gar abstrakt beritzten Tjurungas, 
— flache Steine oder Hölzer, deren Punkte, Striche, Linien- 
komplexe einen durchaus naturhaften Inhalt andeuten sollen 



1 12 




VerhUburte Illustrationsproben 
aus „Sfdow, Primitive Kunst und Psychoanalyse'-^ 



(Strehlow: „Aranda und Loritja", I. Bd., z. B. i., 5. Taf.). — 
Die auf Viehzucht, Jagd und Fischfang eingestellten Jenis- 
sejer Sibiriens haben ganz abstrakt geschnitzte Ahnenbilder 
(Buschan: „Hl. Völkerkunde", II, 1, S. 525, Fig. 217). — 
Die Giljaken Sibiriens, deren Wirtschaftsform die gleiche 
ist, haben Hausschutzgeisterfiguren imaginativer Formung 
(Buschan, I. c, S. 505, Fig. 202, Nr. 6), • — daneben übrigens 
auch recht naturalistische Arbeiten (Buschan, 1. c, S. 315, 
Fig. 209, Eßnapf). — Die Golde, ebenfalls ein sibirischer 
Stamm von Viehzüchtern und Fischern, führen ganz abstrakte 
phantastische Idole mit sich (Buschan: „Sitten der Völker". 
11, S. 258, Abb. 1; V. Reitzenstein : „Das Weib . . .", 1923, 
Taf. VI, 1, 2, 4). — Da überhaupt die ursprüngliche Religion 
der Altsibirer im Schamanismus besteht (Buschan: „Hl. Völker- 
kunde", II, i, S. 317), so ist es nicht verwunderlich, daß 
unrealistische Arbeiten in diesem Gebiet erwachsen.' 

Auf der einen Seite ist also die Gleichzeitigkeit von Sen- 
sorismus-Naturalismus der Kunst und Wirtschaft keineswegs 
nachzuweisen. Auf der anderen Seite erheben sich aber auch 
durchgreifende Einwände gegen die Theorie vom Zu- 
sammenfallen künstlerischer und wirtschaftlicher 
Abstraktion und Imagination. Die Ackerbauer des Ka- 
meruns, die rein abstrakt arbeiten müßten, beugen sich 
nicht diesem Dogma, sondern haben vielfach Werke mit 
intensiver Naturalistik (E. v. Sydow, 1. c, S. 112, 108 f., 120; 
Führer durch das Leipziger Völkerkunde-Museum, 1919, Taf. 9 
unten; Vatter: „Rehgiöse Plastik der Naturvölker", S. 105, 
65, 1 08, 12 1). — Das gleiche gilt von hervorragenden 
Arbeiten der Bakuba und Warua im Kongogebiet (E. v. 
Sydow, I.e., S. 131, 141 f., 145 ff)- — Ebenso zeigen die 
Ahnenbilder aus Nias eine durchaus naturalistische Artung 
(E. v. Sydow, 1. c, S. 272). 

i) Es illustriert die kaltblütige Beweismethode der materialistischen Ästhe- 
tiker nichts schärfer, als die Feststellung; der Tatsache, daß H. Kühn in seiner 
„Kunst der Primitiven" weder die expressionistischen Masken der Eskimos, 
noch die naturalistischen Arbeiten aus den Gebieten "West- und Mittelafrikas 
abbildet oder erwähnt, wiewohl die deutschen Museen an beiden Kategorien 
Überfluß haben. 



8 



113 



Es soll gewiß nicht bestritten werden, daß bei all diesen 
Völkern imaginative Werke in großer Anzahl vorhanden 
sind. Das Wesentliche aber ist die Feststellung, daß die Wirt- 
schaftsform keineswegs mit Ausschließlichkeit den maßgeben- 
den Faktor bildet, sondern daß also andere Momente den 
Ausschlag geben müssen. Ob man hiebei an das religiöse 
Element oder einfach an die künstlerische Formkraft als 
solche denkt, ist dabei eine Frage zweiten Ranges. In beiden 
Fällen würde man auf das Innere, Seelische des Menschen 
zu^ückver^yiesen. .j|j,| .in*^''' ' tn.- 

.V>({o7 -.^ " -■".-- '-n •'■' - • 



ir 



(1 f 



Primitive und kultivierte Kunst 



Die formalen Bestimmungen der kidtivierten Eigenart der 
Kunst lassen w^ir zum Schlixß im Unterschied und Gegensatz 
zu der Formbildung der natur völkischen Kunst sichtbar werden. 
Wir greifen dafür auf j ene Kennzeichnung der primitiven 
eigenthchen Künste zurück. Wir sahen dort überall das Prinzip 
der möglichsten Einfachheit herrschen, das nur geringe Er- 
weiterung duldet. Dort, wo es sich um eine Gruppe handelt 
werden die Nebenfiguren so verkleinert, daß sie nicht ins 
Gewicht fallen, oder aber es werden gleichgroße Figuren, 
Räume, Farbflächen gleichberechtigt nebeneinandergestellt. Die 
Bewegtheit der Komposition vollzieht sich also im wesent- 
lichen durch Wiederholung oder völlige Unterordnung. Auf 
beiden Wegen erwächst die gleiche innere Haltung der Statik. 

Die kultivierte Form der Kunst hat dieser Einfachheit 
gegenüber ein unvergleichlich reicheres Register von Wirkungs- 
möglichkeiten. Zunächst setzt sie sich über die Armut der 1 
Grundformen hinweg, an denen die primitive Kunst haftet. 
Sie ist schöpferisch und erfinderisch zugleich. Eine Fülle von 
Einzelformen steht ihr zu Gebote. Während die Komposition 
der Primitivität gern mit den Methoden der Aneinander- 
oder Übereinander-Reihung arbeitet, so daß das Einzelelement 
die primäre Grundform, also das sichtbare Übergewicht über 
alle Beziehungen als solche behält, die zwischen den Einzel- 
elementen gestiftet werden können, zeichnet sich die Kultur- 



114 



Kunst dadurch aus, daß bei ihr das System der Beziehungen 
zu primärer Bedeutung heranwächst, — der geistige Zu- 
sammenhang der Organisation ist das Wesentliche, nicht das 
Individuum. 

So verwandelt sich die hintergrundhafte Sexualhedeutung 
der Symbole in einen immer abgeblaßteren Eigenwert. Diese 
Verwandlung hatte schon in der primitiven Kunst begonnen, 
wenn wir die Entwicklung vom eindeutigen Symbol des Phallus 
im heiligen Pfahl zu der malerischen Plastik der südseeinsula- 
nischen Schnitzereien verfolgen. Später ersetzt die Kultur- 
kunst die noch immer etwas phallushafte Form der Plastik 
durch mehr oder minder bewegte Figuren, deren bloße Hal- 
timg und Einstellung in der Schrägansicht des Blockes auf 
einfache, radikale Weise einen Strich durch die Rechnung 
des sexuellen Spürsinns macht. Zugleich schiebt sich die in- 
haltliche Bedeutung so stark in den Vordergrund, daß auch 
alle geistigen Interessen abseits vom sensuellen Moment an- 
gefacht werden; die szenische Darstellung einer Handlung usw. 
führt über die einfach statuarische Symbolisierung von Ge- 
schehnissen hinaus. Indem so der Inhalt und die Formgebung 
beiderseits einen mannigfaltigen Zusammenhang in sich schließen, 
pulsiert in ihnen ein dynamisches Leben, — im Unter- 
schiede zur naturvölkischen Statik. 

Diesen allgemeinen Gegensatz zwischen der kulturellen 
Dynamik und der primitiven Statik mag man auch auf den 
Gebieten der Baukunst und der zeichnerischen Künste ver- 
folgen. Man sieht dann, w^ie die geistigere Kunst die ge- 
schlossene Einräumigkeit überwindet, sie in verschiedene ab- 
geschlossene Einzelräume zerlegt und sie dann wiederum 
so gruppiert, daß eine größere Einheit in dieser Mannig- 
faltigkeit sich wieder ergibt. 

Das gleiche Wunder der Verwandlung vollzieht sich auf 
dem Gebiete der zeichnerischen Künste. Der frappante Unter- 
schied, den die geistige Artung der Darstellung durch die 
Perspektive zwischen sich und die primitive Einstellung setzt, 
ist genau der gleiche Ausdruck für die analoge Differenz, 
die wir in der Plastik und Baukunst sahen. Auch hier ist 

8" f,l5 



. ^ . H' ^ 



es ein dynamisches Verhältnis der Be^wegung von einer Fläche 
der Farbe und einem Orte der Darstellung zu einer weiter 
zurückliegenden Stelle und Raumschicht, das durch die Per- 
spektive ermöglicht und verwirklicht wird. Innerhalb einer 
weitfassenden Einheit strömt eine reiche Mannigfaltigkeit hin 
und her. 

Wann und wo dieser Umschwung eingesetzt hat, läßt 
sich nur in historischer Untersuchung ausmachen. Wir sahen 
früher, daß schon innerhalb der naturvölkischen Kunst die 
Tendenz sich auf dieses Ziel richtete. Freihch wurde sie 
mitten im Werden aufgehalten. Nicht zu ihrem Nachteil, — 
denn nur die Werke mit dem altertümlich-archaischen Wesen 
-haben den Vollklang der inneren Kraft, während die moder- 
nisierten, europäisierten, wie die Beninbronzen usw., wesent- 
lich schwächer anmuten. Die sogenannten Kulturvölker haben 
erst ihrerseits den entschiedenen Schritt über den Primitivis- 
mus der Kunstübung, d. h. über die despotisch waltende 
Einheit, hinaus getan. Denn sie sind beflügelt von der Dynamik, 
die dem Geiste innewohnt und die sein innerstes Wesen ist. 



PSYCHOANALYTISCHES LESEBUCH 

In Lenaus „Faust" schildert Mephistopheles das 
Nachlassen der Zensur: 

Am Menschen ist's ein mir beliebter Zug, 

Daß, wenn's Geschick ihm eine Wunde scUug, 

Wenn ein Verdruß die Seele ihm erweicht. 

Der Sinnenreiz viel freier ihn beschleicht^ 

Als wären alsdann seiner Sinne Wächter, 

Die doch am Ende nur gedungene Fechter — 

Fom Sehnen berauscht, verschlafen an der Pforte, 



116 



I 



•1 

t I 

i 



Der Raumfaktor in der Traumdeutung 

Von 

Yrjö Kulovesi 

Tampere (Finnland) 

j4us der „Internationalen Xeitsehrift 
— für Psychoanalyse" , Bd. XIII (z^2^). 

In einigen Traumanalysen, von denen ich unten zwei Beispiele 
darstellen werde, habe ich die Tatsache bemerkt, daß im Unbe- 
wußten mit den erlebten Ereignissen auch deren räumliche Ver- 
hältnisse treu aufbewahrt werden, und daß die Traiunarbeit diese 
Raum Verhältnisse unverändert wiederholen kann. Mit anderen 
W^orten: der manifeste Traum und der latente Traum liegen auf 
derselben topographischen Basis. Die Traumarbeit verdichtet große, 
bisweilen sehr große räumliche Verhältnisse in die kleineren Maße 
der Traumszene. Jedoch werden auch in dieser kleineren Szene 
die räumlichen Richtungen und das Verhältnis der Abstände zu- 
einander aufbewahrt. 

Auf Grund des Materials, das mir vorlag, um diese seelische 
Gesetzmäßigkeit lu untersuchen, wäre es verfrüht zu sagen, daß 
dies Phänomen allgemein und Lei allen Leuten anzutreffen wäre. 
Vielleicht ist es möglich, daß diese Erscheinung nur für solche 
Träumer wesentlich ist, denen ein Denken in Raumverhältnissen 
eigen ist. Wo aber diese Tatsache ganz offenbar ist, wie in den 
unten dargestellten Beispielen, spürt es der Patient selbst lebhaft 
und kann sich seine Traumszene in anderen räumlichen Verhältnissen 
überhaupt nicht vorstellen. Abgesehen von ihrer theoretischen 
Bedeutung für unsere Kenntnis von einer besonderen Bedingung 
der unbewußten Traumarbeit, ist dieser Befund auch von praktischer 
Bedeutung für die Psychoanalyse. Er gibt erstens ein Hilfsmittel 
in die Hand, welches die Richtigkeit eines aufgedeckten Zusammen- 
hanges bestätigt, und zweitens gewinnt niEui durch die Genauigkeit 
der räumlichen Verhältnisse neue Ausgangspunkte für in die Tiefe 
führende Assoziationen des Patienten. 

Das Phänomen wird am besten durch Beispiele beleuchtet: ; 

I. Beispiel: 

Der Patient träumtj daß er mit seiner Frau von der Seite aus zuschautj 
wie ein fremder Mann sein (des Fat.) Pferd, das sich aus den Seilen los- 
gerissen hatte^ wieder an den Wagen spannt. .■ : ', 



117 



Raximverhältnisse des Traumes kennzeichnet der Patient auf 
folgende Weise: 

X Der Wagen 

Der fremde Mann 



1^ 






>: 



X- 



Das Pferd des 
Patienten 



■-•-. 



X- 
X- 



Der Patient 



Die Frau 



"^ Die Analyse des Traumes ergibt, daO derselbe sich mit der 
Analyse beschäftigt. Der Patient hatte in der Stadt einen kleinen 
Streit mit seiner Frau gehabt. Als Folge davon setzten sich gewisse 
Störungen in seiner Stimmung fort; diese Störungen wurden in 
der Analyse wieder ins Gleichgewicht gebracht. Wenn der Patient 
sich jetzt der räumlichen Verhältnisse in der Stadt erinnert, zeichnet 
er den Grundriß der Ereignisse wie folgt: 



S'l 



X 



X 



iSr, 



T»1/ IiöT i-.S.' 

Die Wohnung: 
— des Arztes in 
der Stadt 



X- 



Die Stelle, wo 

der Streit 
gewesen -war 



n J. 



X- 



Die Wohnung 
- des Patienten 
in der Stadt 



Der Ant Der Pktient 
tf 

^ . II. Beispiel. 

Der Patient träumt^ daß er in einer Höhle ist, in die ein aher Prophet 
hineingetragen wird. Einige junge Leute bringen ihn dorthin. Der PatUnt 
steht neben einem bekannten Freund. Der Prophet steht dann vor ihnen und 
richtet Über sie. Der Freund wird begnadigt, und dem Patienten sagt der 
Prophet^ daß es noch Hoffnung für ihn gibt. Etwas entfernt von ihnen steht 
ein lachender Knabe. Der Prophet zeigt mit seiner Handy und der Knabe 
fällt tot zur Erde. 

Die Analyse des Traumes sagt uns, daß sich im Traume ein 
Ereignis seines vierten Lebensjahres wiederholt. Damals stand er 
vor seinem Vater und bekam Vorwürfe für etwas, dessen er sich 
mit einem alteren Mädchen schuldig gemacht hatte. Die Mutter 
stand bei dem Knaben und erhielt auch Vorwürfe, weil sie ihren 



118 



Sohn nicht besser im Auge behalten hatte. Zudem Freund assoziiert 
der Patient, daß dieser im Aussehen seiner Mutter sehr ähnlich 
ist. — Die räximlichen Verhältnisse der Traumszene zeichnet der 
Patient: 

V* Der Prophet 



I 



X X— °-P»''-' X— ""Knabr- 

1,. ■', Der Freund 

, Die Raunnverhältnisse des latenten Traumes zeichnet er: 

ri /<( Der Vater 

■tt V y X / s ,' ^^^ Stelle, ^vo er 



CV.' 



V Der Sohn V, mit dem Mädchen 

gewesen war 



Die Mutter 
^ Die Übereinstimmung ist offenbar. 



Der Mantel als Symbol 



• r'jc. 
si 

*'■' Ernest Jones 

London 



Von 



I 



/ius der „Internationalen Zeitschrift 
für Psychoanalyse', Bd. XIII (192-;). 

Bei den meisten Symbolen gelingt es, wenn man die Symbolik 
in ihrem häufigen Vorkommen einmal als feststehend anerkannt 
hat, ziemlich leicht, das tertium comparationis der assoziativen Ver- 
knüpfung zu bestimmen. Bei manchen jedoch gelingt dies sehr 
schwer und der Psychoanalytiker muß hier einmal der Ansicht 
seiner Gegner beipflichten, indem er das betreffende Symbol für 
„weithergeholt" erklärt. Eines der dunkelsten Symbole, auf das 
Freud als erster hingewiesen hat, ist der Mantel. In seiner ersten 
Mitteilung» begnügte er sich mit der Bemerkung, der Mantel 
symbolisiere einen Mann, und nahm an, daß der lautliche Gleich- 

1) Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 1913, Bd. I, S. 579. 

119 



klang der beiden Wörter dies erklären könnte. Später i stellte er 
fest, der Mantel sei ein männliches Sexualsymbol, an einer anderen 
Stelle: „Der Mantel bedeutet einen Mann, vielleicht nicht immer 
mit Genitalbeziehung." 

Die Ähnlichkeit zwischen einem Mantel und einem Penis mag 
man in der Tat als sehr wenig einleuchtend bezeichnen. Trotzdem 
kann es gar keinen Zweifel darüber geben, daß eine solche Symbol- 
beziehung besteht. Ich selbst bin dem Symbol viele Male in ganz 
eindeutigem Zusammenhange begegnet. Es scheint bei Männern 
viel verbreiteter zu sein als bei Frauen. Ein besonders klares Beispiel 
davon zeigte sich mir vor kurzem; es handelte sich um einen Fall, 
wo eine Angst vor Ansteckimg, die vor allem auf Hüte und Regen- 
mäntel gerichtet war, gemeinsam mit Assoziationen auftrat, durch 
die sich der Weg bezeichnen ließ, auf dem die Ideenverbindung 
wahrscheinlich zustande gekommen war; da diesem sehr wohl eine 
allgemeine Bedeutung zukommen mag, will ich ihn hier anführen. 

Der erste und einleuchtendere Beziehungspunkt betriflt die Vor- 
stellimg: „Mantel als ein Teil der Person, den man leicht loslösen 
kann." Diese Eigenschaft stellt, wie ich vor Jahren gezeigt habe,» 
auch beim Kot eine Verbindung mit der Kastrationsangst her; sie 
trägt auch bei zur Entstehung der Sexualsymbole Hut oder Spazier- 
stock. Der Mantel ist neben dem Hut das am leichtesten lösbare 
Kleidungsstück, ja, der einzige Teil, den man in Gesellschaft aus- 
ziehen kann. Als zweiter Vergleichspunkt, auf den ich gar nicht 
vorbereitet war, zeigte sich die Leichtigkeit, mit der mau durch 
die Arme eines Mantels schlüpfen kann. Dazu assoziierte mein 
Patient die Beweglichkeit der den Penis bedeckenden Haut 
besonders der Vorhaut, also — Masturbationsphantasien. 

Hieher gehört vielleicht auch ein merkwürdiges Erlebnis, das 
ich im Anschluß an einen Vortrag hatte, den ich kürzlich am 
University College über die Traumpsychologie hielt. Nach dem 
Vortrag kam ein etwa zwanzigjähriges Mädchen zu mir herauf 
und bat mich, ihr folgenden Fall von Schlafwandeln aufzuklären: 
als sie zwölf Jahre alt war, — sie teilte das Schlafzimmer mit 
den Eltern, — stand sie mitten in der Nacht auf. Ihr Vater, der 
anscheinend wach war, stand ebenfalls auf, ging ihr nach und 
fragte sie, viras sie zu tun beabsichtige. Die merkwürdige Antwort 
die sie ihm in ihrem somnambulen Zustand gab, lautete: Einen 

i) Freud; Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Ges. Schriften 

Bd. VIT, S. 157. 159. 

2) Jahrbuch der Psychoanalyse, Bd. IV, S. 548- 



130 



Schal holen, um ilm zu zerbrechen.« In der Meinung, nicht recht 
gehört zu haben, da die Zusammenstellung der beiden Wörter so 
unwahrschemlich klang, fragte ich sie, was sie \mter „zerbrechen« 
(„to crack") verstehe. Sie erklärte, bedeutungsvoll genug „wie mit 
einem Nußknacker«. Ich denke, die Bemerkung, die sie damals 
zu ihrem Vater machte, war nichts anderes als der Ausdruck des 
unbewußten Wunsches, einen erotischen und aggressiven Angriff 
auf das Organ zu unternehmen, das ihren Schlaf gestört hatte, 
aber weiteres Material über die näheren Umstände war nicht zu 
bekommen. Ein Schal ist als Penissymbol gewiß „weithergeholt« 
und unwalirscheinlich, aber durch das nächste Beispiel mag auch 
diese Symbolwahl ein wenig verständlicher werden. 

In einer vor einigen Jahren erschienenen kurzen Mitteilung 
wendete sich Stekel gegen Freuds Deutung des Mantels als 
männliches Symbol und behauptete, er symbolisiere in den meisten 
Fällen die Liebe. Da „Liebe" ein allgemeiner abstrakter Begriff 
ist, ist klar, daß Stekel hier den Terminus „Symbolik« mehr in 
anagogischem als in analytischem Sinne verwendet. Hätte er nicht 
zu jener Zeit begonnen diese Begriffe in Verwirrung zu bringen, 
so wäre es ihm bei seinem Scharfsinn in der Deutungsgabe sicher 
gelungen, die tiefere Bedeutung der in diesem Zusammenhang 
angeführten Träume zu erfassen. Sie lauten wie folgt: Eine jimge 
Frau träumte: „Ich saß auf einer Bank im Freien und friere. Da kommt 
mein Vater und hüllt mich in seinen Mantel. Alfred aber (ihr Bräutigam!) 
zieht mir sanft diesen Mantel aus und legt mir seinen warmen^ weichen 
Mantel um, der mich durch und durch erwärmt.^ Dies dürfte eine 
einfache Umkehrung sein: Ein weicher Gegenstand, der sie ein- 
hüllt, durchdringt sie mit Wärme, statt daß sie dieselbe Empfindung 
hätte, wenn sie selbst einen harten Gegenstand einhüllt, d. h. 
empfängt und einschließt. Der zweite Traum einer jungen Frau, 
den Stekel erzählt, bestätigt diese Deutung, denn dort heißt es: 
Mäne Mutter will mir ihren Mantel umlegen. Er ist zu kurz und wärmt 
mich nicht.^ Dies ist ein deutlich homosexueller Traum, der die 
Unzufriedenheit mit der Größe und LustmÖglichkeit der Klitoris 
zum Ausdruck bringt. 

Aus diesem letzten Material gewinnen wir vielleicht den Hinweis 
auf einen dritten Berührungspunkt zwischen Mantel und Penis, 
eine Gegensatzassoziation zwischen einem einhüllenden und einem 
durchdringenden Gegenstand. 

Die Vorstellung von einem Zaubermantel, der von der Erde 
aufsteigen kann (Erektion), ist uns aus dem I. Teil Faust bekannt. 



121 



Sie geht zweifellos auf eine alte Volkssage zurück; Goethe scheint 
sie dem Faust -Volksbuch entnommen zu haben. 



*t 



*' «Wir breiten nur den Mantel aus, 
w ^* Der soll uns durch die Lüfte tragen. 



f"i. 



Ein bißchen Feuerluft, die ich bereiten werde. 
Hebt bebend uns von dieser Erde." 



Schließlich erinnert uns der Gegenstand an die gebräuchlichen 
Sprachwendungen: den Mantel an seinen Nachfolger abtreten, der 
Mantel des Propheten und ähnliches. W^ahrscheinlich hängen solche 
Ausdrücke mit der hier besprochenen Symbolik zusammen, indem 
der Mantel als Äquivalent für Zepter, Schwert und andere Embleme 
auftritt. 

"■"■■"■'■'■■iii""i)» iiiiMiiiiiiiiiiiiimMmtiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiimii iiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiij imnmimii 

PSYCHOANALYTISCHES LESEBUCH 
Schopenhauer über das Unbewußte 

Fergleichen wir unser Bewußtsein mit einem Wasser von einiger Tiefe^ 
so sind die deutlich bewußten Gedanken bloß die Oberfläche^ die Masse 
hingegen ist das Undeutliche, die Gefühle, die Nachempßndungen der An- 
schauungen und des Erfahrenen überhaupt^ versetzt mit der eigenen Stimmung 
unseres Willens, welcher der Kern unseres Wesens ist. Die Masse des ganzen 
Bewußtseins ist nun mehr oder weniger nach Maßgabe der intellektuellen 
Lebendigkeit in steter Bewegung und was infolge dieser auf die Oberfläche 
steigt, sind die klaren Bilder der Phantasie oder die deutlich bewußten, in 
Worten ausgedrückten Gedanken und die Beschlüsse des Willens. Selten 
liegt der ganze Prozeß unseres Denkens und Beschließens auf der Ober- 
fläche, d. h. besteht in einer Verkettung deutlich gedachter Urteile, obwohl 
wir dies anstreben, wn uns und anderen Rechenschaft geben zu können; 
gewöhnlich aber geschieht in der dunklen Tiefe die Rumination des von 
außen erhaltenen Stoffes, durch welche er zu Gedanken umgearbeitet wird 
und sie geht beinahe so unbewußt vor sich, wie die Umwandlung der 
Nahrung in die Säfte und Substanz des Leibes. Daher kommt es, daß 
wir oft vom Entstehen unserer tiefsten Gedanken keine Rechenschaft geben 
können; sie sind die Ausgeburt unseres geheimnisvollen Innern. Urteile, 
Einfälle, Beschlüsse steigen unerwartet und zu unserer eigenen Verwun- 
derung aus jener Tiefe auf . . . Das Bewußtsein ist die bloße Oberfläche 
unseres Geistes, von welchem wie vom Erdkörper wir nicht das Innere, 
sondern nur die Schale kennen. 



1 1 _ 



123 



über obszöne Worte 

Beitrag zur Psychologie der Latenzzeit 



von 



I: 



S. Ferenczi 

Aus dem im Frühjahr 192-/ erschienenen 
Sammelwerk „Bausteine zur Psjrchoanalyse" 
von S. Ferenczi, das in 2 Bänden (I, Band: 
Theorie, IL Band: Praxis) größere Studien 
und kleinere Aufsätze des Verfassers aus den 
Jahren ipoy — ip26 vereinigt. (Preis jedes 
Bandes geh. 12 M, in Ganzleinen 14 M.) 
* ■ 

■ Bei allen Analysen wird man früher oder später vor die 
Frage gestellt, ob man die geschlechtlichen oder exkremen- 
teilen Organe, Tätigkeiten und Stoffe mit ihren volkstüm- 
lichen (obszönen) Bezeichnungen vor dem Kranken erwähnen 
(aussprechen) und ihn zum ungeschminkten, unveränderten 
Aussprechen der obszönen Worte, Redensarten, Flüche ustv., 
die ihm einfallen, verhalten soll, oder sich mit Anspielungen 
darauf oder den wissenschaftlichen Benennungen dieser Dinge 
begnügen kann. """ •- ^'. i^ ...»-.:. 

In einer seiner frühen Arbeiten macht uns Freud darauf 
aufmerksam, daß man Mittel und Wege findet, auch die 
verpöntesten geschlechtlichen Betätigungen (die Perversionen) 
mit den Kranken durchzusprechen, ohne ihr Schamgefühl 
zu verletzen, und rät dabei zur Benützung der ärztlichen 
Fachausdrücke. 

Nun vermeidet man es am Anfang der psychoanalytischen 
Behandlung, den "Widerstand der Kranken unnötig zu reizen 
und hiedurch der Forlsetzung der Analyse vielleicht unüber- 
windliche Hindemisse zu bereiten. Man begnügt sich daher 
zunächst mit den erwähnten „Anspielungen durch ein Kleinstes" 
oder mit ernsten wissenschaftlichen Kunstausdrücken und kann 
sich recht bald mit seinem Kranken über die „heikelsten" 
Dinge und Vorkommnisse des geschlechtlichen, wie überhaupt 
des Trieblebens, aussprechen, ohne eine Spur von Scham- 



125 



reaktion zu erregen. In einer Reihe von Fällen kommt man 
aber damit nicht aus. Die Analyse gerät ins Stocken, die 
Einfälle werden selten, das Benehmen des Kranken gehemmt, 
Zeichen gesteigerten Widerstandes machen sicli bemerkbar 
und dieser Widerstand hört nicht eher auf, als bis es dem 
Arzte gelingt, dessen Grund darin zu entdecken, daß dem 
Patienten verpönte Worte und Redensarten eingefallen sind, 
die er ohne besondere „Erlaubnis" des analysierenden Arztes 
nicht auszusprechen wagte. 

Eine dreiundzwanzigj ährige Hysterische z. B., die sich bewußt 
der größten Ehrlichkeit befleißigte und meine in wissenschaft- 
liche Ausdrücke gefaßten Erklärungen über ihre Geschlecht- 
lichkeit ohne viele Ziererei anhörte, behauptete steif und fest, 
über geschlechtliche Dinge nie etwas gehört oder bemerkt zu 
haben; sie huldigte noch immer der übrigens stets sekundären 
„Kußtheorie" der Propagation. Um ihren Fleiß zu zeigen, 
kaufte sie ein großes Werk über Embryologie und erzählte 
mir mit naiver Anteilnahme und ganz ohne Hemmung ihre 
neugewonnenen Kenntnisse über Samenfäden und Eizellen, 
über männliche und weibliche Geschlechtsorgane und deren 
Vereinigung. Einmal erzählte sie mir so nebenbei, daß sie, 
wenn sie den Stuhl absetzt, seit der Kindheit die Gewohn- 
heit hat, die Augen zu schließen. Den Grund dieser Sonder- 
barkeit konnte sie nicht angeben. EndUch kam ich ihrer 
Erinnerung zu Hilfe und fragte sie, ob sie nicht den in 
Aborten so häufigen obszönen Inschriften und Zeichnungen 
durch Augenschluß entgehen wollte. Ich sah mich dann 
veranlaßt, auf die bekannten obszönen Inschriften hinzuweisen, 
was bei der bis dahin so überlegen ruhigen Person eine starke 
Schamreaktion hervorrief, die mir den Zugang zu den tiefsten 
Schichten ihres bis dahin latenten Erinnerungsschatzes er- 
öffnete. Die Verdrängung haftete also offenbar am Wort- 
laut der geschlechtlichen Gedankenkomplexe imd ließ sich 
nur durch Aussprechen jener „Bannworte" rückgängig machen. 

Ein junger Homosexueller, der sogar die volkstümlichen 
Bezeichnungen der Geschlechtsteile und ihrer Funktionen ohne 
viele Umstände gebrauchte, hat sich zwei Stunden lang ge- 



124 



weigert, den ihm eingefallenen gemeineren Ausdruck für das 
Wort „Flatus" laut auszusprechen. Er versuchte, dem durch 
alle möglichen Umschreibungen, Fremdwörter, Abschwächun- 
gen usw. auszuweichen. Und doch vermochte er, nachdem 
der "Widerstand gegen das Wort überwunden war, viel tiefer 
in die vordem wenig ergiebige Analyse seiner Analerotik 
einzudringen. 

Oft agiert der Patient beim Hören eines obszönen Wortes 
vor dem Arzte die erschütternde Wirkung, die früher einmal 
ein zufällig den Eltern abgelauschtes Gespräch auf ihn machte, 
in dem irgendein unfeiner, meist geschlechtlicher Ausdruck 
mit unterlaufen ist. Diese „Erschütterung", die die Achtung 
des Kinders vor den Eltern für einen Augenblick ernstlich 
bedrohen und bei dem Neurotiker — wenn auch unbewußt 
— fürs Leben fixiert bleiben kann, fällt gewöhnlich in die 
Pubertätsjahre und ist auch schon eine „Neuauflage der 
Eindrücke der infantilen Belauschung wirklicher geschlecht- 
licher Handlungen. 

Doch gehört die beabsichtigte und aus Ehrfurcht unter- 
bliebene Konfidenz Eltern und Höhergestellten gegenüber zu 
den bedeutsamsten Komplexen des unterdrückten psychischen 
Materials und man gelangt, wenn man sich davor nicht 
scheut, ja darauf besteht, den Wortlaut jener Einfälle vom 
Kranken unverändert hersagen zu lassen und nötigenfalls diese 
selber auszusprechen, oft zu unerwarteten Aufschlüssen und 
erfreulichem Fortschreiten der bislang vielleicht stockenden 
Seelenzergliederung. 

Neben dieser übrigens nicht zu unterschätzenden prak- 
tischen Bedeutung ist aber dieses Verhalten der Behandelten 
auch von allgemeinerem Interesse. Es verhilft uns zu einem 
psychologischen Problem. 

Wie kommt es, daß es einem um soviel mehr Schwierig- 
keiten macht, dasselbe Ding mit der einen oder der anderen 
Bezeichnung zu benennen? Und daß dem so ist, das kann 
man nicht nur an den Behandelten, sondern auch an sich 
selbst beobachten. Ja, gerade die nicht geringe Hemmung, 
die Ich zu Anfang beim Aussprechen solcher Worte ver- 



las 



spürte, und mit der ich manchmal auch jetzt zu kämpfen 
habe, veranlaßte mich, dieser Frage eine größere Aufmerk- 
samkeit zu schenken und ihr durch eingehende Prüfung 
meiner selbst sowie meiner Kranken nachzuforschen. 
^ Ich kam auf beiden Wegen zu dem Ergebnis, daß die dem 
Kinde einzig bekannt gewesenen volkstümlichen (obszönen) 
Benennungen der Geschlechtlichkeit und der Entleerung mit 
dem tief verdrängten Kemkomplex des nervenkranken wie des 
gesunden Menschen aufs innigste zusammenhängen. („Kem- 
komplex nenne ich nach Freud den Ödipus-Komplex.) 

Die Gedanken des Kindes über die geschlechtlichen Be- 
ziehungen der Eltern, über die Geburtsvorgänge und die 
animalen Funktionen, mit einem Worte die infantilen Sexual- 
theorien, werden bei ihrem Entstehen in die dem Kinde 
einzig zugänglichen volkstümlichen Ausdrücke gekleidet; die 
moralische Zensur und die Inzestschranke, die diese Theorien 
später überlagert, trifft also gerade diese Fassung der Theorien 
am strengsten. 

Dies würde uns genügen, um uns den Widerstand, der 
sich gegen das Aussprechen und Anhören solcher Worte 
äußert, teilweise verständlich zu machen. 

Da mich aber diese Erklärung nicht voll befriedigte, suchte 
ich nach weiteren Ursachen der besonderen Art dieser Wort- 
vorstellungen und kam zu einem Gesichtspunkte, den ich nicht 
für unzweifelhaft halte, aber schon um andere zu einer besseren 
Erklärung anzuregen, hier mitteilen möchte. 

Dem obszönen Wort wohnt eine eigentümliche Macht inne, 
die den Hörer gleichsam dazu zwingt, sich den darin be- 
nannten Gegenstand, das geschlechtliche Organ oder die ge- 
schlechtliche Tätigkeit in dinglicher Wirklichkeit vor- 
zustellen. Und daß dem so ist, hat Freud in seinen Betrach- 
tungen über die Beweggründe und die Bedingungen der „Zote" 
klar erkannt und ausgesprochen. „Durch das Aussprechen der 
obszönen Worte", sagt Freud,' „zwingt sie (die Zote) die 
angegriffene Person zur Vorstellimg des betreffenden Körper- 

i) Freud, Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. fGes Sehr 
Bd. IX, S. 106.) 



teils oder der Verrichtung." Ich möchte dies nur insofeme 
ergänzen, als ich besonders hervorhebe, daß die feinen An- 
spielungen auf sexuelle Vorgänge oder die wissenschaftlichen 
Bezeichnungen derselben und die fremdsprachigen Ausdrücke 
diese Wirkung nicht, oder nicht in dem Maße haben, wie 
die Worte aus dem ursprünglichen, volkstümlichen erotischen 
Lexikon der Muttersprache. ■: 

Man könnte also annehmen, daß diesen Worten als solchen 
die Fähigkeit innewohnt, den Hörer zur regressiv-haUuzina- 
torischen Belebung der Erinnerungsbilder zu zwingen. Die 
Angaben einer größeren Zahl von normalen wie neurotischen 
Individuen bestätigen diese auf Selbstbeobachtung gestützte 
Annahme. Die Ursachen dieser Erscheinung müßten im Hörer 
seihst gesucht werden und wir müßten annehmen, daß er 
in seinem Erinnerungsschatze eine Anzahl Wortklangbilder 
und Schriftbilder erotischen Inhalts beherbergt, die von an- 
deren Wortbildem durch gesteigerte Regressionsneigung unter- 
schieden sind. Beim Hören oder Sehen eines obszönen Wortes 
käme dann diese Fähigkeit jener Erinnenmgsspuren zur 
Wirkung. 

Schließen wir uns aber der Freudschen Auffassung von 
der ontogenen Entwicklung des psychischen Apparates aus 
einem motorisch - halluzinatorischen Reaktionszentrum zum 
Denkorgan an (und seine Auffassung ist die einzige, die den 
Ergebnissen der Psychoanalyse und unserer Ansicht vom Un- 
bewußten gerecht wird), so kommen wir zu dem Schluß, 
daß den obszönen Worten Eigenschaften anhaften, die in 
einem gewissen früheren Stadium der psychischen Entwick- 
lung alle Worte besessen haben müssen. 

Als Grundursache jedes Vorstellens betrachten wir seit 
Freud^ den Wunsch, einer durch die Entbehrung geschaf- 
fenen Unlust durch Wiederholung des einmal genossenen 
Befriedigungserlebnisses ein Ende zu machen. Wird dieses 
Bedürfnis in Wirklichkeit nicht befriedigt, so wird — im 
ersten primitiven Entwicklungsstadium der Seele — beini 






«) Freud, Traumileulung 1900. (Ges. Sehr., Bd. II und III.) . t»"7f ji'"!- 



13^ 



Auftauchen des Wunsches die Wahrnehmung der einmal 
erlebten Befriedigung regressiv besetzt und halluzinatorisch 
festgehalten. Die Vorstellung wird also mit der Wirkhchkeit 
gleichgestellt; „Wahmehmungsidentität" nach Freud. Erst 
allmählich, durch die bittere Lebenserfahrung gewitzigt, lernt 
das Kind die Wunsch Vorstellung von der w^irklichen Be- 
friedigung unterscheiden und seine Motilität erst dann zu 
gebrauchen, wenn es sich überzeugt hat, daß es nicht 
Trugbilder seiner Phantasie, sondern wirkliche Dinge vor 
sich sieht. ^•:.:^hit tjK - 

Den Höhepunkt dieser Entwicklung stellt das abstrakte 
Denken, das Denken in Worten dar. Hier werden, wie 
Freud w^elter ausführt, zur Ermöglichung feinerer Leistungen 
die Erinnerungsbilder nur noch durch gewisse QuaHtätsreste 
dieser Bilder, die Sprachzeichen, vertreten. 

Man könnte dem hinzufügen, daß die Fähigkeit, die Wünsche 
durch die quaÜtätsschwachen Sprachzeichen darzustellen, nicht 
auf einmal gewonnen wird. Abgesehen davon, daß die Er- 
lernung des Sprechens längere Zeit in Anspruch nimmt, scheint 
es, daß den die Vorstellungen ersetzenden Sprachzeichen, den 
Worten, lange Zeit hindurch eine gewisse Regressionsneigung 
innewohnt, die wir uns allmählich oder scliubweise abneh- 
mend Torstellen können, bis die Fähigkeit des von halluzi- 
natorischen Wahmehmungs dementen fast ganz freien „ab- 
strakten" Vorstellens und Denkens erreicht ist. 

Auf dieser Entwicklungslinie mag es psychische Stufen 
geben, die dadurch gekennzeichnet sind, daß die schon aus- 
gebildete Fähigkeit zum wirtschaftlicheren Denken mittels 
Sprachzeichen sich mit der noch vorhandenen starken Nei- 
gung zur rückschreitenden Wiederbelebung des Vorgestellten 
verges ells chaf tet. 

Die Annahme solcher Stadien findet eine Stütze in dem 
Verhalten der Kinder zur Zeit der geistigen Entwicklung. 
Es ist w^ieder Freud, der bei dem Suchen nach der Psycho- 
genese der Witzeslust die Bedeutsamkeit des kindischen Spieles 
mit Worten erkannte. „Die Kinder", sagt er dort, „behan- 
deln Worte wie Gegenstände." 



lad 



,'^£a 




Dr. S. Ferencsi 



Die noch nicht durchgeführte strenge Unterscheidung des 
nur Vorgestellten vom Realen, also die Neigung der Psyche 
zum Rückfall in die primäre halluzinatorische Arbeitsweise, 
könnte auch den besonderen Charakter der obszönen Worte 
verständlich machen und zur Vermutmig berechtigen, daß 
auf einer gewissen Entwicklungsstufe diese DingUchkeit und 
damit wahrscheinhch eine starke Regressionstendenz noch 
allen Worten zukommt. Darauf beruht ja auch die Freud- 
sehe Erklärung der Traumbilder; im Schlaf fallen wir auf 
die ursprüngliche Arbeitsweise der Seele zurück und beleben 
wieder, wie ehedem, regressiv das Wahmehmungssystem des 
Bewußtseins. Im Traum denken wir nicht mehr in Worten, 
sondern halluzinieren. 

Nehmen wir nun an, daß diese Entwicklung von den 
noch mit vielen konkreten Bestandteilen gemengten Sprach- 
zeichen in der Richtung zmn Abstrakten bei gewissen Worten 
eine Störung, eine Unterbrechung, und dies ein Zurückbleiben 
der Wortvorstellung auf einer niedrigeren Stufe zur Folge 
haben kann, so haben wir Aussicht, uns über die so starke 
Reeresdonsneigung der gehörten obszönen Worte eine Vor- 
stellung machen zu können. 

Doch nicht nur das Hören, sondern auch das Aus- 
sprechen der obszönen Worte ist mit Qualitäten ausge- 
stattet, die anderen Worten, wenigstens in diesem Maße, 
nicht eigen sind. 

Freud hebt mit Recht hervor, daß derjenige, der eine 
Zote sagt, damit einen Angriff, eine sexuelle Handlung 
auf den Gegenstand der Aggression begeht und da die näm- 
lichen Reaktionsersch einungen, die die Handlung zur Folge 
hatte hervorruft. Innerlich hat man beim Aussprechen der 
obszönen Worte die Empfindung, daß dies einer sexuellen 
Aggression: „der Entblößung der sexuell differenten Per;-. 
son" ^ fast gleichkommt. Das Aussprechen der Zote zeigt also 
in erhöhtem Maße, was bei den meisten Worten kaum an- 
gedeutet wird, nämlich die ursprüngliche Herkmift jeder 



i) S. Freud, Der Witz. (Ges. Sehr. IX, S. 106.) 



129 



Rede aus einer unterlassenen Handlung. Während aber die 
sonstigen Worte das motorische Element der Wortvorstellung 
nur in Form abgeschwächter Innervationsimpulse, der so- 
genannten „Yorstellungsmimik" enthalten,' haben wir beim 
Aussprechen einer Zote noch die deutliche Empfindung, als 
begingen wir eine Handlung. 

Diese starke Mengung der Sprachvorstellung obszöner 
Worte mit motorischen Elementen könnte gleichwie der 
sensorisch-halluzinatorische Charakter der gehörten Zote die 
Folge einer Entwicklungsstörung sein. Jene Sprachvorstellungen 
könnten auf einer Stufe der Sprachentwicklung, wo die Worte 
noch viel stärker mit motorischen Elementen vermengt sind, 
zurückgeblieben sein. 

Man muß sich da fragen, ob diese Spekulation, die ja 
nur eine der vielen Möglichkeiten darstellt, durch die Er- 
fahrung irgendwie gestützt wird, und wenn ja: was die Ur- 
sache dieser unter den Kulturmenschen allgemein verbreiteten, 
eine kleine Gruppe von Worten betreffenden Entwicklungs- 
störung sein könnte. . « 

^ Die Psychoanalyse Geistesgesunder und Neurotiker und 
die Beobachtung der Kinder, wenn sie sich nicht davor scheut 
nachzuforschen, welche Schicksale die Bezeichnungen für ge- 
schlechtliche und Entleerungsorgane und Tätigkeiten Im Laufe 
der psychischen Entwicklung erfahren, bringt manche Be- 
stätigung der hier dargelegten Annahme. Zunächst bestätigt 
sich überall die fast selbstverständliche Voraussetzung, daß 
die besonders starke Abneigung zur Wiedergabe gewisser 
obszöner Worte starken Unlustgefühlen zuzuschreiben ist, die 
sich gerade jenen Worten im Laufe der kindlichen Ent- 
wicklung durch Affektverkehrung angeheftet haben. 

Ein im großen und ganzen normaler junger Mann z. B., 
der sich allerdings durch eine etwas übertriebene Sittenstrenge 
auszeichnet und obszönen Worten gegenüber ungemein un- 
duldsam ist, erinnerte sich im Laufe einer Traumanalyse, 
daß ihn die Mutter im Alter von sechseinhalb Jahren dabei 



l) S. Freud, Der Witz (ebenda S. 106). 
150 



ertappte, daß er sich auf einem Blatt Papier gleichsam ein 
AVörterbuch aller ihm bekannten obszönen Ausdrücke zu- 
sammenschrieb. Diese beschämende Entlarvung gerade durch 
die Mutter sowie die darauffolgende harte Strafe hatten zur 
Folge, daß er sich von da an für Erotisches viele Jahre hin- 
durch nicht interessierte und dem Inventar des erotischen 
Lexikons auch später feindselig gegenüberstand. 

Der junge Homosexuelle, der dem Aussprechen des ob- 
szönen Wortes für „Flatus" so starken Widerstand entgegen- 
stellte, entwickelte in der ersten Kindheit eme außerordent- 
hche Riechlust und Koprophihe und der überzärtliche Vater 
verwehrte es ihm nicht, diesen seinen Neigungen auch an 
seinem Körper (am Körper des Vaters) zu frönen. Die nun- 
mehr unzertrennliche Verknüpfung der Idee der Beschmutzung 
mit der der Eltern hatte eine ungemein starke Verdrängung 
der Schmutz- und Biechlust und damit auch die große Un- 
lust beim Sprechen über diese Dinge zur Folge. Daß er aber 
die obszöne Bezeichnung gerade der Darmgase um soviel 
weniger duldete als eine der Umschreibungen, hatte in ähn- 
lichen kindlichen Erlebnissen seinen Grund wie beim eben 
erwähnten „Wörterbuchschreiber". Die innige Verknüpfung 
des Obszönen mit den Eltemkomplexen war also bei beiden 
die stärkste verdrängende Macht.' 

Bei der Hysterischen, die auf dem Abort die Augen schließt, 
konnte diese Gewohnheit bis zur Zeit einer Beichte zurück- 
verfolgt werden, bei der sie wegen des naiven Aussprechens 
der obszönen Bezeichnung der Vagina vom, Geistlichen hart 
zurechtgewiesen wurde. 

Solche oder ähnliche Zurechtweisungen bleiben aber fast 
keinem Kinde, die untersten Gesellschaftsschichten vielleicht 
ausgenommen, erspart. Im vierten bis fünften Lebensjahr, bei 
Frühreifen schon erheblich früher, zur Zeit also, wo die 
Kinder ihre „polymorph- perversen" Triebe einschränken, 
schiebt sich zwischen das Aufgeben der infantilen 
Befriedigungsarten und den Beginn der eigentlichen 

i) Das infantile Interesse für die die DarmgasenÜeenmg begleitenden Töne 
war nicht ohne Einfluß auf seine Berufswahl. Er wurde Musiker. 



^ 151 



Latenzzeit eine Periode, die durch den Drang zum 
Aussprechen, Aufschreiben und Anhören obszöner 
Worte gekennzeichnet ist. 

Diese Tatsache würde durch eine Rundfrage an die Familien- 
mütter und Lehrer, noch sicherer aber durcli eine solche an 
die Dienstleute, die eigentlichen Vertrauten der Kinder, zweifel- 
los bestätigt werden. Und daß es die Kbader nicht nur in 
Europa, sondern auch in dem so prüden Amerika nicht anders 
tun, habe ich mit Prof. Freud bei einem Spaziergange im 
New Yorker „Central-Park" aus einer Kreidezeichnung und 
einer Inschrift auf einer schönen Marmortreppe ersehen. 

Diesen Drang zum Aussprechen, Aufzeichnen, Aufschreiben, 
Hören und Lesen von Obsxönitäten können wir als eine Vor- 
stufe der Hemmung der infantilen Entblößung und sexuellen 
Sehbegierde auffassen. Erst die Unterdrückung auch dieser 
zur Rede abgeschwächten geschlechtlichen Phantasien und 
Handlungen bezeichnet den Beginn der eigentlichen Latenz- 
zeit, jenes Zeitabschnittes, in dem „die seelischen Gegenkräfte 
gegen die infantile Sexualität: Ekel, Scham und Moral, auf- 
gebaut werden"* und das Interesse des Kindes sich kulturellen 
Leistungen zuwendet (Wißbegierde). 

Man dürfte kaum mit der Annahme fehlgehen, daß diese 
Unterdrückung der obszönen Wortbilder zu einer Zt-it statt- 
findet, wo die Sprache, besonders aber der so stark affekt- 
betonte sexuelle Sprachschatz, noch durch einen hohen Grad 
von Regressionstendenz und durch lebhafte Vorstelliuigsmimik 
ausgezeichnet ist. Es ist also nicht mehr so unwahrscheinlich 
daß das unterdrückte Wortmaterial infolge der Latenzzeit 
das heißt der Abwendung der Aufmerksamkeit, auf dieser 
ursprunglicheren Entwicklungsstufe stehen bleiben muß 
während der übrige Teil des Sprachschatzes durch die fort' 
währende Übung und Schulung alhnählich semes halluzina- 
torischen und motorischen Charakters zum größeren Teile 
entkleidet und hiedurch zu höheren Denkleistungen öko- 
nomisch geeigneter gemacht wird. 



i) Freud, Infantile Sexualtheorien. (Ges. Sehr., Bd. V.) 

L3a 



Daß aber das unterdrückte oder verdrängte psychische 
Material durch die Assoziatioussperre tatsächlich zu einem 
„Fremdkörper" im Seelenleben wird, welcher keines orga- 
nischen Wachstums und keiner Entwicklung fähig ist, und 
daß der Inhalt dieser „Komplexe" die sonstige Entwicklung 
und Bildung des Individuums nicht mitmacht, weiß ich schon 
aus der Psychoanalyse der Neurosen. 

Einige überraschende Beispiele möchte ich hier an- 

füliren. 

Die Angst vor der Kleinheit und hiedurch bedingten Un- 
tauglichkeit des Begattungsorganes, oder wie es wir Psyclio- 
anal>tiker zu bezeichnen pflegen: „der Komplex des kleinen 
Penis" ist unter den Neurotikem besonders häufig, aber auch 
bei sonst Gesunden nicht sehen. In allen Fällen, in denen ich 
dieses Symptom analysierte, ergab sich dafür folgende Erklä- 
rung: In der ersten Kindheit befaßten sich alle, die später 
darunter leiden, überaus lebhaft mit der Phantasie des coitus 
cum matre (oder mit einer adäquaten älteren Person) ; natürUch 
ängstigte sie dabei die Idee der Unzulänglichkeit ihres Penis zu 
diesem Vorhaben.^ Die Latenzzeit unterbrach und unterdrückte 
diese Gedankengruppen; als aber der Sexualtrieb in der Puber- 
tät neuerlich durchbrach und das Interesse sich wieder dem 
Kopulationsorgan zuwendete, tauchte die alte Sorge wieder 
auf, auch wenn die tatsächlichen Größen Verhältnisse jenes 
Organes normal waren oder sogar über das Mittelmaß hinaus- 
gingen. Während sich also der Penis normal entwickelte, ist 
die Idee des Penis auf der infantilen Stufe stehen gebUeben. 
Die Abwendung der Aufmerksamkeit vom Genitale bewirkte 
es daß das Individuum von seinen Veränderungen keine 

Notiz nahm. 

Ähnlich konnte ich bei weiblichen Patientinnen einen 
„Komplex der zu kleinen Vagma" (Angst vor Zerreißung 
des Organs beim Geschlechtsverkehr) feststellen und durch 
die als Kind erworbene und während der Latenzzeit unter- 

i) Die Unkenntnis der Dehnbarkeit der Vagina ist die Bedingung dieser 
ängstlichen Phantasie; die Kinder wissen nur, dafi der Koitus durch eine Off- 
iiuiiB erfolgt, die sie einmal bei der Geburt in toto passiert haben. 



133 



drückte Idee von der relativen Größe des väterlichen Kopu- 
lationsorgans erklären. Solche Frauen sind . dann infolge der 
gar nicht vorhandenen Kleinheit des Penis bei ihren Männern 
im geschlechtlichen Verkehre anästhetisch. 

Als drittes Beispiel für die isoliert entwicklungshemmende 
Wirkung der Latenzzeit führe ich den in manchen Fällen 
pathologisch werdenden „Komplex der großen Mamma" an: 
die Unzufriedenheit vieler Männer mit den Dimensionen der 
meisten weibhchen Brüste. Bei einem Patienten, dessen Libido 
nur ganz kolossal entwickehe weibliche Brüste reizen konnten, 
stellte die Analyse fest, daß er sich in der ersten Kindheit 
außerordenthch für das Säugen der Brustkinder interessierte 
und den heimlichen Wunsch hegte, selber mitsaugen zu dürfen. 
In der Latenzzeit verschwanden diese Phantasien des Bewußt- 
seins, aber als er sich wieder für das Weibliche zu interessieren 
begann, waren seine Wünsche vom Komplex der großen 
Mamma konstelliert. Die Idee von der Mamma hat sich bei 
ihm in der Zwischenzeit nicht entwickelt, sondern es fixierte 
sich jener Eindruck von ihren Dimensionen, den sie auf das 
damals noch so kleine Kind machen mußte. Darum wünscht 
er sich nur Frauen, deren Brüste der alten Relation seiner 
eigenen Kleinheit zur Größe des Weibes entsprechen. Die 
Frauenbrüste sind eben in der Zwischenzeit relativ kleiner 
geworden, die fixierte Idee von der Frauenbrust behielt aber 
die alte Größe bei. 

Diese Beispiele, die man leicht vermehren könnte, stützen 
die Annahme, daß die Latenzzeit tatsächlich eine isolierte 
Entwicklungshemmung einzelner verdrängter Komplexe ver- 
ursacht, und dies läßt den gleichen Vorgang in der Entwick- 
lung von latent werdenden Wortvorstellungen einigermaßen 
wahrscheinlich erscheinen. Ich möchte aber nebst diesem 
Analogieschluß auch die von experimentell -psychologischer 
Seite schon oft erwiesene Tatsache erwähnen, daß kleine 
Kinder von ausgesprochen „visuellem" und von „motori- 
schem Reaktionstypus sind. Ich vermute nun, daß der 
Verlust dieses visuellen und motorischen Charakters nicht 
allmählich, sondern schubweise vor sich geht, und daß der 



134 



I 



Eintritt der Latenzzeit einen, vielleicht den wichtigsten dieser 

Schübe bedeutet.^ 

Über das Schicksal der verdrängten obszönen Wortvor- 
stellungen während der Latenzzeit läßt sich einstweilen wenig 
sagen. Nach dem, was ich bei der Selbstanalyse und aus der 
Analyse von Nichtneurotischen darüber erfuhr, glaube ich 
annehmen zu können, daß die Latenz dieser Vorstellungen, 
namentlich beim Manne, normalerweise keine absolute ist. 
Die vor sich gegangene Affektverkehrung sorgt zwar dafür, 
daß die Aufmerksamkeit von diesen unlustbetonten "Wort- 
bildem mögHchst abgelenkt ist, aber ein totales Vergessen, 
ein Unbewußtwerden derselben kommt beim Gesunden kaum 
vor. Das Alltagsleben, der Verkehr mit dem niederen Volke 
und mit Dienstboten, obszöne Inschriften auf Bänken und in 
Aborten sorgen dafür, daß diese Latenz recht häufig „durch- 
brochen" und die Erinnerung an das Abseitsgedrängte, wenn 



i) Für die P.ichtigkeit meiner Vermutung über den Einfluß der Latenz- 
zeit kann ich zwei weitere Eeobachtungsrelhen anführen. In mehreren Fällen 
war ich In der Lage, die Ursache der Unfäliigkeit zur visuellen Repräsentation 
und der dadurch bedingten Untauglichkeit zu gewissen Schulgegenständen, die 
räumliche Darstellungsfähigkeit erfordern (Geometrie, Naturgescliichte), ana- 
lytisch zu erforschen. Es stellte sich heraus, daß diese, der sonstigen Auffassimgs- 
kraft nicht entsprechende Unfähigkeit nicht etwa durch eine angeborene par- 
tielle Schwäche bedingt war, sondern erst seit der Verdrängung der seinerzeit 
allzu üppig wuchernden, meist inzestuösen Phantasien bestand. Zur Sicherung 
(Adler) der Verdrängung gewisser Phantasiebilder wurde das bewußte Phan- 
tasieren überhaupt, ja sogar das bildliche Vorstellen von e^"^ indifferenten 
Gegenständen instinktiv gemieden. (Vorstellungsangst.) 

Ein anderes, bei Neurotikern noch viel häufiger zu beobachten des Symptom 
ist die übertriebene Ruhe und Gemessenheit bei der Ausführung jeder Hand- 
lung, jeder Bewegiuig, sow^ie der ganzen Haltung und die Furcht vor jeder 
Übereilung, Überhastung. Sie ist meist mit ausgesprochener Antipathie gegen 
solche Individuen vergesellschaftet, die sich leicht „geh*n lassen", die über- 
trieben, hastig, lebhaft, unbedacht und leichtfertig sind. Man könnte da von 
Bewegungsangst sprechen. Dieses Symptom ist die Reaktionsbildung auf 
eine starke, aber unterdrückte motorische Aggressionsneigung. 

Sowohl die Vorstellung«- als auch die Bewegungsangst scheinen mir Über- 
treibimgen der Phantasieunterdrückung und Motilitatshemraimg zu sein, die 
die Latenzzeit für jeden Menschen mit sich bringt, imd die auch die bewuQt- 
selnsfähigen Vorstellungen von motorischen und hallazinatorischen Elementen 
zu reinigen hilft. Die bewußtseinsunfähigen, verdrängten oder unterdrückten 
Vorstellungen aber, darunter in erster Linie die obszönen Wortvorstellungen, 
dürften, wie das Verdrängte überhaupt, mit den Chaiakteren einer primitiveren 
Vorstellungsart ausgestattet bleiben. 



135 



auch mit verändertem Vorzeichen, erneuert werde. Immer- 
hin bleiben diese Erinnerungen einige Jahre hindurch z-iem- 
lich unbeachtet, und wenn sie dann mit der Pubertät wieder 
erscheinen, sind sie schon mit dem Charakter des Scham- 
vollen, vielleicht auch des ob ihrer Plastizität und Naturfrische 
Fremdartigen behaftet, der ihnen zeitlebens erhalten bleibt. 

Anders ist die Entwicklungsgeschichte dieser Wortvor- 
stellungen beim Perversen und beim Neurotiker, 

Der durch Sexualkonstitution und Erlebnisse pervers Ge- 
wordene wird sich, wie wir es nach der Sexuallehre Freuds 
nicht anders erwarten konnten, auch dieser Lustquelle be- 
mächtigen und auch in seinen Heden zynisch werden, oder 
sich etwa mit der Lektüre von rüden Obszönitäten besnüeen. 
Ja, es gibt eine eigene Perversität, die im lauten Aussprechen 
von obszönen Worten besteht; ich weiß es aus der Analyse 
von mehreren Frauen, daß sie auf der Straße von gut- 
angezogenen Männern belästigt werden, die ihnen im Vor- 
beigehen obszöne Worte zuilüstern, ohne daß sie sonstige 
Anstalten zum sexuellen Angriff (Begleiten wollen usw.) träfen. 
Es sind das offenbar gemilderte Exhibitionisten und 
Voyeurs, die statt wirklicher Entblößung sich mit der zur 
Rede gemilderten Aktion begnügen, dabei aber jene Worte 
vorz-iehen, die durch ihr Verbotensein wie durch ihre mo- 
torische und plastische Eigenart zur Hervorrufung der Scham- 
reaktion besonders geeignet sind. „Koprophemie"^ könnte der 
Name dieser Perversität sein. 

Der echte Neurotiker wendet seine Aufmerksamkeit von 
den obszönen Worten vollständig oder fast vollständig ab. 
Er geht an ihnen womöglich achtlos vorüber, und wenn 
er ihnen nicht ausweichen kann, antwortet er auf sie mit 
übertriebener Scham- und Ekelreaktion. Selten ist der Fall, 
wie der oben erwähnte, wo die Worte total vergessen 
werden. Nur Frauen bringen eine solche Verdrängungsleistung 
zustande. 

i) „Koprolalie" dagegen ist das unwillkürliche, KwangsmÜßige Aus- 
stoßen obszöner Worte, wie es z, B. bei hochgradigem Tic convulsif vor- 
kommen kann. 



136 



Eine sehr starke Gemütserschütterung kann aber diese 
halbverschütteten Worte bei Normalen sowohl als beim 
Neurotiker zum Vorschein bringen. Doch wie die olympi- 
schen Götter und Göttinnen nach dem großen Verdrängungs- 
schube des Christentums zu Hexen und Teufeln erniedrigt 
wurden, so kehren die Worte, die einst die höchstgeschätzten 
Objekte infantUer Lust bezeichneten, als Flüche und Ver- 
wünschungen wieder, charakterisüs eher weise sehr oft mit 
der Idee der Eltern oder der ihnen adäquaten Heüigen und 
Gottes assoziiert (Blasphemien). Diese bei heftigem Ärger laut- 
werdenden, aber oft auch zu Scherzen gemüderten Interjek- 
tionen gehören — wie Kleinpaul mit Recht hervorhebt — 
gar nicht zur „Begriffssprache", sie dienen nicht der bewußten 
Mitteilung, sondern stellen den Gebärden naliestehende Re- 
aktionen auf Reize dar. Bemerkenswert bleibt aber auf alle 
Fälle, daß, wo ein heftiger Affekt sich nur mit Mühe der 
motorischen Entladung erwehrt und zum Fluche wird: dieser 
sich unwillkürhch der obszönen Worte bedient, die ob ihrer 
Affektfülle und motorischen Kraft dazu am besten taugen. 

Recht tragisch sind die Fälle, in denen obszöne Worte 
urplötzlich im tugendreinen Bewußtsein eines Neurotikers 
auftauchen. Natürlich kann er es nur in Form von Zwangs- 
vorstellungen, denn sie sind dem bewußten Gemülsleben des 
Psychoneurotikers so vollkommen fremd, daß er sie nur als 
absurde, unsinnige, krankhafte Ideen, als „Fremdkörper" 
empfinden, keinesfalls aber als gleichberechtigten Inhalt seines 
Wortschatzes anerkennen kann. Wäre man durch das hier 
Mitgeteilte nicht darauf vorbereitet, so stünde man wie vor 
einem imlösbaren Rätsel vor der Tatsache, daß häufig Zwangs- 
vorstellungen von obszönen Worten, besonders aber von sol- 
chen, die die meist verachteten Exkremente und Exkretions- 
organe in „ gemeiner" Weise bezeichnen, bei Männern 
nach dem Tode des Vaters auftreten. Und zwar bei 
Männern, die ihren Vater abgöttisch liebten und verehrten. 
Die Analyse ergibt dann, daß beim Todesfall nebst dem 
schrecklichen Schmerz über den Verlust auch der unbewußte 
Triumph über die endliche Befreiung von allem Zwang laut 



137 



wird und die Verachtung des nunmehr unschädUchen Ty- 
rannen sich in Worte kleidet, die seinerzeit dem Kinde am 
strengsten verboten wurden. Einen ähnlichen Fall erlebte ich 
bei einem Mädchen, dessen älteste Schwester eefährHch pr 



Worte mfolse gehemmter Entwicklung „infantil" geblieben 
™d darum abnorm motorischen und regressiven Charakters 
smd wäre d.e ethnographische Bestätigung. Leider fehh mC 

ten tr' . f '^"7"^- ''''' -^ ™" L«"^- -le^ »^ 
is sprSt dar ^Tf''\^''' ^^^^""''^ '^^-"''- ''"kannt 

Spraehschat. .cht so wese^hnt ehtln ^d, wilth 
es bei den Kulturmenschen annehmen mußte 

Mag nun die weitere Beobachtune die Anr,»l,„» 
spe.ifisch infantilen Charakter und vL V i^te ITr 
Entwicklungsstorung „primitiven" Eigenschaften der obszönen 
VVortvorsteUungen unterstützen oder als irrig erweisen, soviel 
glaube ich nach dem Gesagten jedenfalls behaupten zu können 
daß diesen affekterfüllten Vorstellungen eine bislang nicht ent- 
sprechend gewürdigte Bedeutung im Seelenleben zukommt. 

Sonntagsneurosen 

von 

S. Ferenczi 

Jus dem im Frühjahr 1^27 erschienenen 
zweibändigen Sammelwerk ^,Bausieim zw 
Psychoanalyse^^ von S. Ferenczi. 

Wir kennen aus der Psychiatrie Krankheitszustände, deren 
Verlauf ausgesprochene Periodizität zeigt; es genügt wohl, 
wenn ich an die periodische Manie und Melancholie erinnere. 
Auch wissen wir es seit Freuds psychoanalytischer Fest- 
stellung, daß die Psychoneurotiker ~ von denen bekannüich 

138 



so viele an verdrängten Erinnerungen leiden — gerne den 
Jahrestag oder die Jahreszeit gewisser für sie kritischer oder 
bedeutsamer Eriebnisse mit der Steigerung ihrer Symptome 
feiern. Aber von Neurosen, deren Symptomschwankungen 
vom jeweiligen Wochentage abhängig wären, hat meines 
Wissens noch niemand etwas erwähnt. 

Und doch glaube ich, die Existenz dieser eigenartigen 
Periodizität behaupten zu können. Ich behandelte mehrere 
Neurotiker, deren spontan erzählte oder während der Analyse 
reproduzierte Krankheitsgeschichte die Angabe enthielt, ge- 
wisse nervöse Zustände hätten sich bei ihnen — zumeist m 
der Jugendzeit — an einem bestimmten Wochentage, dann 
aber regelmäßig eingestellt. 

Die Mehrzahl verspürte die periodische Wiederkehr der 
Störungen an Sonntagen. Zumeist handelte es sich um 
Kopfschmerzen oder Magen-Darmstörungen, die sich 
ohne besondere Ursache an diesem Tage einzustellen pflegten 
und den jungen Leuten den einzigen freien Tag der Woche 
oft gründlicli verdarben. Ich brauche wohl nicht zu versichern, 
daß ich dabei die Möglichkeit rationeller Ursachen nicht außer 
acht ließ. Auch die Patienten selbst bemühten sich — scheinbar 
mit Erfolg — um eine sinngemäße Erklärung dieser sonder- 
baren zeitlichen Bestimmtheit ihrer Zustände und wollten sie 
mit der diätetischen Sonderstellung des Sonntags in Zusammen- 
hang bringen. Am Sonntag schläft man länger als sonst, darum 
hat man Kopfschmerzen, sagten die einen; Sonntags ißt man 
so viel und so gut, darum verdirbt man sich so leicht den 
Magen, sagten die anderen. Ich will auch die Wirksamkeit 
dieser rein somatischen Momente in der Hervorrufung der 
sonntäglichen Periodizität nicht in Abrede stellen. 

Manches spricht aber dafür, daß diese physiologischen 
Momente den Tatbestand nicht erschöpfen. Der Kopfschmerz 
z. B. kommt auch, wenn die Schlafdauer am Sonntag von 
der der übrigen Tage der Woche nicht verschieden war, 
und die Magenbeschwerden melden sich auch, wenn die 
Umgebung und der Patient selbst schon gewarnt waren und 
die Diät an diesem Tage prophylaktisch einschränkten. 

139 



T 



In einem der Fälle, die mir bekannt wurden, bekam der 
kleine Junge jeden Freitag abend Schüttelfrost und Erbrechen. 
(Es war ein Judenknabe, für den am Freitag abend die „Sonn- 
tagsruhe" begann.) Er und die ganze Familie führten den 
Zustand auf den Fischgenuß zurück; es gab nämlich fast 
keinen Freitagabend ohne ein Fischgericht. Es nützte aber 
nicht, daß er sich den Genuß dieser Speise versagte; die 
Störungen meldeten sich nach wie vor; diesmal wurden sie 
vielleicht auf die Idiosynkrasie gegen den Anblick der gefähr- 
Hchen Speise zurückgeführt. 

Das psychologische Moment, das ich nun zur Erklärung 
dieser Bestimmtheit in der zeitlichen Wiederkehr der Sym- 
ptome als Hilfsfaktor oder manclimal auch als alleinige Ur- 
sache heranziehen möchte, ist in den Verhältnissen gegeben, 
die den Sonntag, auch abgesehen vom längeren Schlaf und 
dem besseren Essen, kennzeichnen. 

Der Sonntag ist der Festtag der heutigen Kulturmensch- 
heit. Man täuscht sich aber, wenn man glaubt, daß der 
Festtag nur die Bedeutung eines körperlichen und seelischen 
Ruhetages hat; zur Erholung, die er uns gewöhnlich ver- 
schaift, tragen Gemütsmomente eminent bei. Nicht nur, daß 
wir an diesem Tage unsere eigenen Herren sind und uns 
von allen Fesseln, die uns die Pflichten und der Zwang von 
außen auferlegen, befreit fühlen; es geht in uns — damit 
parallel — auch eine Art innerliche Befreiung vor sich. Wir 
hörten von Freud, daß die inneren Mächte, die unser Denken 
und Handeln in logisch, ethisch und ästhetisch einwandfreie 
Bahnen lenken, nur triebhaft reproduzieren, was einst den 
Menschen äußere Not aufgezwungen hatte. Was Wunder, 
wenn beim Nachlaß des aktuellen äußeren Druckes auch ein 
Teil der sonst schon dauernd unterdrückten Triebe frei wird. 
Der Nachlaß der äußeren Zensur zieht eben auch die innere 
in Mitleidenschaft. 

Für den Fernstehenden ist es immer merkwürdig ku be- 
obachten, wie sich das Niveau einer Menschengruppe bei fest- 
lichen Anlässen verändert. „Auf der Alm, da gibt's ka' Sund'," 
sagt der Steirer und meint damit, daß auf einem Sonntags- 

140 



ausflug auf die Alm eben alles erlaubt ist. Erwachsene be- 
nelimen sich wie Kinder, die Rinder aber geraten außer Rand 
und Band, und nicht selten lassen sie sich zu Streichen hin- 
reißen, die dann die Strafe der autoritativen Personen provo- 
zieren und der überguten Laune ein jähes und trauriges Ende 
bereiten. Nicht immer ist es so, denn die Erwachsenen smd 
bei solchen Anlässen von merkwürdiger Langmut, als fühlten 
sie sich von einer geheimen und unausgesprochenen Kon- 
vention gebunden, die den Schuldigen eine temporäre Straf- 
freiheit zusichert. 

Aber es ist nicht jedem gegeben, seinen festlichen Über- 
mut so frei und natürlich auszutoben. Der neurotisch Ver- 
anlagte wird gerade bei solchen Anlässen zur Affekt verkehrung 
geneigt sein, entweder weil er allzu gefährliche Triebe zu 
bändigen hat, die er besonders dann scharf behüten muß, 
wenn Ihn das böse Beispiel der anderen lockt, oder weil 
sein überempfindliches Gewissen auch kleine Verfehlungen 
nicht passieren läßt. Außer der zur Unzeit sich einstellenden, 
Depression dieser „ Spielverderber" können sich aber ihre 
durch das Fest aktivierten unterdrückten Regungen samt den 
dagegen mobiUsierten Selbstbestrafungsphantasien in kleinen 
hysterischen Symptomen manifestieren. Und als solche muß 
ich auch die eingangs erwähnten sonntäglichen Kopfschmerzen 
vaid Magenerscheinungen, qualifizieren; der „lange Schlaf , 
das „viele Essen" usw. sind nur Anlässe, deren sich diese 
kleine Neurose bedient imd mit denen sie ihre wahren Be- 
weggründe rationell verhüllt. 

Ein Indizienbeweis für die Richtigkeit dieser Auffassung ist, 
daß es außer der periodischen, aber rasch vorübergehenden 
Sonntagsneurose" auch protrahiertere „Ferialneurosen" gibt. 
Die damit Behafteten sind während ihrer Schul- oder Amts- 
ferien stets von mehr-minder lästigen psychischen Zuständen 
geplagt. Abgesehen von den oben erwähnten „kleinen Hy- 
sterien", ist hier eine eigenartige Stimmungsveränderung recht 
häufig. Ich meine eine gewisse spannungsvolle Lange- 
b weile, die die Betreffenden mit keinerlei Zerstreuung hindern 

können, gepaart mit einer für sie selbst qualvollen Arbeits- 



^ 



1141 



Unfähigkeit. „Faulheit mit Gewissensbissen", „eine Faulheit, 
deren man sich nicht erfreuen kann", mit diesen Ausdrücken 
versuchte ein von ihr Betroffener diese Stimmung zu cha- 
rakterisieren. Ein anderer sprach von einer Sehnsucht nach 
etwas Unbestimmtem und erinnerte sich, schon als Kind seine 
Mutter stundenlang mit der sehr allgemein gehaltenen Bitte 
geplagt zu haben: „Mutter, gib' mir etwas!" Was ihm da- 
mals die Mutter auch gab, ließ ihn aber unbefriedigt, er 
raunzte weiter, bis er tüchtig ausgeschimpft oder gar ge- 
prügelt wurde; dann gab er sich zufrieden.' Sollten hinter 
den Sonntagsneurosen auch solche unbefriedigte Wunsch- 
regungen stecken? Und wenn ja, was ist wohl der Inhalt 
dieser Wünsche? Woher das schlechte Gewissen, die Straf- 
tendenz der Symptome und die merkwürdige, übrigens den 
Eltern wohlbekannte therapeutische Wirksamkeit der Strafe? 
Beim zuletzt erwähnten Patienten konnte die Psychoanalyse 
— beim besten Willen, endlich einmal etwas Abwechslung 
in die tiefsten Motive menschlichen Handelns zu bringen — 
wieder nur Komponenten der Ödipus-PhanUsie als versteckten 
Inhalt der unbewußten strafbaren Wünsche detektieren: 
Gewalttätigkeit gegen die Autorität und Bemächtigungsimpulse 
dem gegengeschlechtlichen Elternteil gegenüber. Solange mich 
die Erfahrung nichts Besseres lehrt, muß ich auch für die 
übrigen Festtags neurosen diese Motivierung der Symptome 
gelten lassen. 

Bei dem Knaben mit den Magenstörungen am Freitag 
abend kann man der Determinierung der Symptome weiter 
nachgehen. Es ist bekannt, daß für fromme Juden am Frei- 
tag abend nicht nur das Fische-Essen, sondern — auch die 
eheliche Liebe obligat ist: so wird wenigstens von sehr vielen, 
besonders den ärmeren Juden, die von der Bibel geforderte 

Der ungarische Dichter Vörösmarty erzählt in seinem köstlichen 
humoristischen Geaichte „Petike", wie sich die Mutter umsonst bemüht! 
Ihren von düsterer Traurigkeit befallenen Jungen mit Geschenken, Lecker- 
bissen usw. aufzuheitern; erst bei der Erwähnung der Nachbarstochter Juliska 
nflh / i' tu "^eativimsche Kleine mürrisch: „Sie möchte kommen!" - 
Doch da durchschaut ihn die bisher besorgte Mutter, wäscht ihm ein bißchen 
den Kopf und schickt ihn in die Schule. 



142 



r 



Heiligung des Sabbats ausgelegt. Wenn dann der Junge in- 
folge Unachtsamkeit der Eltern hievon mehr als ihm zusagt 
erfahren oder erlauscht hat, so mag sich in ihm eine stabile 
Assoziation zwischen dem Fruchtbarkeitssymbol Fisch und jenen 
aufregenden Vorgängen gebildet haben. Seine Idiosynkrasie 
wäre so erklärlich; aber auch das Erbrechen wäre dann nur 
die „Materialisation der Vorgänge, deren Zeuge er gewesen 
ist. Die Gestalt des Fisches genügt, um die Assoziationsbrücke 
lüezu abzugeben. 

Die Sehnsucht der Menschen nach Festtagen ist nicht 
geringer als die nach Brot. Panem et circenses ! Freud zeigte 
uns in seinem „Totem und Tabu", warum die Totem-Clans 
an gewissen Tagen den Drang fühlen, ihr sonst mit heiliger 
Scheu angebetetes Totemtier in Stücke zu reißen. Auch die 
Bacchanalien und Saturnalien haben bei allen Völkern, auch 
den heute lebenden, ihre Analoga. Selbst die Kirch weih feste 
und das Purimfest der Juden enthalten Züge davon. Wir 
können annehmen, daß bescheidene Reste dieser atavistischen 
Befreiungstendenz sich auch in die allwöchentliche Feiertags- 
stimmung einschleichen und bei besonders empfindlichen Ge- 
mütern die periodischen „Sonntagsneurosen" verursachen. Den 
den Festtagen auf den Fuß folgenden „Katzenjammer" 
oder „blauen Montag" könnte man als Andeutung eines auch 
hier zutage tretenden zykhschen Ablaufes, d. h. als eine 
passag^re Melancholie auffassen. 

Wenn aber am Festtage beim Nachlassen des äußeren 
Druckes der Lasten und Pflichten, der Mensch den Drang 
fühlt, sich auch sexuell zu entladen, so folgt er vielleicht 
nur der Spur der biologischen Vorgänge, die die Menschheit 
allezeit zu Festveranstaltungen nötigten. 

Die Periodizität der genitalen Vorgänge wäre so das Ur- 
und Vorbild sowohl des normalen Bedürfnisses, die Plagen 
des Alltags zeitweise mit Freiheitsfeiem abwechseln zu lassen, 
als auch der periodischen „Festtagsneurosen", möglicherweise 
auch des zyklisch alternierenden Krankheitsverlaufes beim 
manisch-depressiven Irresein. 



143 



Analyse von Gleichnissen 

Von 

S. Ferenczi 

AuS' dem im Frühjahr ip2y erschienenen 
Sammelwerk „Bausteine zur Psychoanalyse'^ 
von S. Ferenczi, das in zwei Bänden (I. Bd.: 
Theorie^ IL Bd.: Praxis) größere Stitdieji und 
kleinere Aufsätze des Verfassers aus den Jahren 
jQoy bis l{?26 vereinigt. (Preis jedes Bandes 
geh. 12 M, in Ganzleinen 14 M,) 

Viele Patienten haben die Neigung:, ihre Ideen und Einfälle 
durch Gleichnisse zu erläutern. Es sind oft wenig; passende, „bei 
den Haaren herbeigezogene" Analogien zu dem, was der Patient 
zu verdeutlichen sucht, sehr oft sind aber die Gleichnisse wirk- 
lich treffend, geistreich oder witzig. Ich finde, daß diese Produk- 
tionen des Analysierten besondere Aufmerksamkeit verdienen \ui^ 
daß sie oft einen direkten Zugang zum verborgenen psychischen 
Material gestatten. Ich mochte das an einigen Beispielen zeigen 
und wähle dazu die Gleichnisse einiger Patienten, die nicht müde 
wurden, den Eindruck, den sie vom Fortgang der Analysenarbeit 
bekamen, mit Bemerkungen zu begleiten. Es sind also Gleichnisse 
zur Psychoanalyse. 

„Di£ Analyse ist langweilige'^ — sagt ein Patient, — „5(€ gleicht 
der mühseligen Arbeit^ mit der man Mohnkömer von Reishörnern sondert."^ 

Die Wahl dieses Gleichnisses war nicht zufällig, das „KÖrner- 
suchen" führte direkt zu Kinderszenen aus dem Leben des — 
infantil fixierten — Patienten. 

„Die Analysenarheit ist wie das Schälen von HüUenfrikhten" — sagte 
ein anderer Patient. — „Man wirft die Schalen weg und behält die 
BohnenJ^ Die Analyse dieses Einfalles führte tiefer. Patient erinnerte, 
daß er als Kind die kleinen Kotstücke, die seine Schwester aus- 
schied, Bohnen nannte. Von dieser Erinnerung eröffnete sich ein 
Weg zur Analerotik des Patienten. 

„Ich ßnde den Unterschied zwischen Hypnose und Analyse so : die 
Hypnose ist wie der Pracker, der den Staub in die Kltider noch tiefer 
hineinschlägt, die Analyse aber ist wie der Facuum-CUanerj sie saugt die 



144 



r 






I 



Symptomt heraus.*^ Dieser ausgezeichnete Vergleich ist dem be- 
kannten Vergleiche Freuds, der die Hypnose und Analyse mit 
den von Leonardo charakterisierten Arten der Malerei- und Bild- 
hauereitechnik' vergleicht, an die Steite zu stellen. Vom Standpunkte 
des homosexuell-masochistischen Patienten hatte aber sowohl der 
Vergleich mit dem Schlagen als der mit dem Saugen auch eine rein 
persönlich -historische Bedeutung, die dann die Analyse aufdeckte, 

„Die Analyse ist wie eine PFiirmabtreibungskur^" — sagte ein Patient, 
— „man mag noch so viele Wurmgliedtr abtreiben, solange der Kopf 
drin bleibt^ hat man gar nichts davon." Ich glaube nicht, daß die 
Tendenz der psychoanalytischen Therapie je treffender gekenn- 
zeichnet worden wäre. Die Symptome sind wirklich nur entfernte 
„Glieder" einer psychischen Organisation, die ihren Kern, ihren 
„Kopf", aus dem sie ihre Kraft saugt, im Unbewußten hat; solange 
nicht auch der Kopf ans Licht gebracht ist, muß man mit dem 
Wiedererscheinen der — zeitweilig vielleicht besei tigten — Symptom- 
glieder rechnen. Für die Zwecke der Analyse des Patienten mußte 
aber dieser Vergleich zur Klarlegung analer Kleinkindererfahrungen 
verwertet werden. Dieses Gleichnis enthielt übrigens auch die 
richtige Vorahnung, daß seine Kur vor dem Ende abgebrochen 
werden wird, und zwar aus Gel drücksichten. Den analen Kopf 
seines Neurosenwurms ließ sich der Patient nicht nehmen. 
j fyln der Analyse ist mir zumute wie einem eingefangenen wilden THer 
in seinem Käfig.^ 

„Ich fühle mich wie ein Hund, der vergeblich an der Kette zerrt." 

tjDie Deutungen, mit denen Sie meine Einfälle begleiten, bringen mich 
in die Lage eines von Flammen umgebenen Skorpions ; wo immer ich hin 
will, werde ich vom Feuer Ihrer Aussagen gesengt; ich miiß am Ende 
Selbstmord begehen." 

Diese drei Gleichnisse rüliren von einem Patienten her, dem 
ich den besonders aggressiven Hintergnmd seiner manifesten 
Rührseligkeit imd Milde vergeblich nachzuweisen suchte. Daß er 
sich aber in diesen und vielen anderen Vergleichen gerade mit 
wilden, bissigen imd giftigen Tieren verglich, nuißte ich als Be- 
stätigung meiner Annahmen deuten. 

)) Vgl. Freud: Über Psychotherapie. (Ges. Schriften, Bd. VI, S. 15.) 
10 145 



manchmal kann man hinter einer scheinbar aufs Geratewohl 
gewählten Metapher Bedeutsames vermuten, so bei der Patientin, 
die ihren Seelenzustand mit den Worten charakterisierte: „Mir ist, 
als wäre ein Fleck auf meiner Seele.'^ Dieser Fleck konnte nicht 
nietaphorisch, sondern in der ursprünglichen Bedeutung genommen 
werden. Natürlich war der Fleck nicht auf der „Seele". 

„Schwere Geburt!" sagte ein Patient höhnisch, als wir keine 
Fortschritte in der Analyse machten. — Er wußte nicht, daß die 
Wahl dieses Ausdruckes von der schweren Geburt seiner eigenen 
Frau bestim,mt war. Wegen dieser schweren Geburt durfte er 
nicht mehr an Nachkommenschaft denken, obzwar sein Erst- 
geborener inzwischen gestorben war. 

„Sie kommen mir vor wie ein Farmer, der sich auch an den dunkelsten 
Stellen meines Seelenurwaldes auskennt", — sagte ein anderer Patient. 
Das Material lu diesem ziemlich gezwungenen Vergleich lieferten 
natürlich die eigenen juvenilen Robinson-Phantasien. 

Bei der Analyse dieses letzteren Vergleiches muß man nebst der 
lebensgeschichtlichen auch an die Mitwirkung tieferer symbolischer 
Determinanten denken. Wenn wir berücksichtigen, daß der Ver- 
gleich von einem Patienten herrührt, dessen sexuelle Minderleistimg 
auf narzißtisch-homosexuelle Fixierung ziirückzuführen war, darf 
man seinen Ausspruch als Zeichen der Übertragung auf den Arzt, 
und die „dunklen Stellen seines Seelenurwaldes" sexualsymholisch 
auffassen. 

Viel deutlicher spricht die Symbolik aus folgenden Gleichnissen 
anderer Patienten: 

jjDie Analyse ist wie das Gewitter^ das die Algen vom Meeresgründe 
aufpeitscht.^ Csic!) 

In Zusammenhang mit dem schon vorher Bekanntgewordenen 
mußte ich dieses Bild von xmbewußten Geburtsphantasien der 
Patientin ableiten. 

jj/cÄ kann mich mit dieser Kur, wo man den Patienten allein läßt 
und seinen Einfällen nicht nachhilft, nicht befreunden. Die Analyse bohrt 
einfach in die Tiefe und hofft, daß das Verborgene^ wie ein artesischer 
Brunnen^ von selbst in die Höhe springen wird; wo aber der innere 
Druck so gering ist, wie bei mir, müßte man mit einem Pumpwerk nach- 
helfen." 



146 



i 



" Zum Verständnis des Sexiialsymboli sehen in diesem Gleichnisse 
genügt die Angabe, daß es sich um einen Patienten mit ungewöhn- 
lich starker Vateriixienmg handelte, der seine Gefühle auch auf 
den Arzt übertrug. 

Ein Patient erzählt, daß er beim Festmahl nach der Hochieit 
seiner Schwester in einem Trinkspruch an seinen neuen Schwager 
folgende Ansprache richtete: 

„Deine edlen Gedanken, wenn sie erst durch die Retorte dxirur Gauin 
durchgegangen sind, werden noch edler herauskristallisieren." l'' 

Besonders da dieses Gleichnis aus Anlaß einer Hochzeit ge- 
prägt wurde, muß es auf jeden Zuhörer als Anspielung auf sexuelle 
und Gehurtsvorgänge gewirkt haben. Nur der Redner selbst wußte 
von dieser Tendenz nichts. 

jjPTenn es Ihnen gelingt^ zu meinen unbewußten Gedanken durchzu- 
dringen, dann ?ind Sie in meinen Augen wie der Held, der das eherne 
Tor Konstantinopels mit einem Keulenschlag einbrach.'^ 

Zur Erklärung des Gleichnisses möge dienen, daß die Sym- 
ptome und die Träume des Patienten — obzwar er selbst nichts 
davon wissen will — auf eine starke sadistische Komponente der 
Sexualkonstitution schließen lassen. 



Diese Reihe von Beispielen genügt, um sich überhaupt eine 
Vorstellung von den psychischen Verhältnissen bei der Gleichnis- 
bildung 7.U machen. Wenn jemand seine Aufmerksamkeit darauf 
konzentriert, ein Gleichnis zu irgend etwas zu suchen, so ist ihm 
nur an der Gleichheit, der Ähnlichkeit gelegen, dagegen voll- 
kommen gleichgültig, aus welchem Material das Gleichnis ge- 
schöpft wird. Wir merken nun, daß unter diesen Umständen dieses 
gleichgültige" Material fast allemal dem verdrängten Unbewußten 
entstammt. Dies macht es uns zur Pflicht, die Gleichnisse des 
Patienten sorgfältig auf ihren unbewußten Hintergnmd zu unter- 
suchen; die Gleichnisanalyse erweist sich neben der Analyse der 
Träume, der Fehl- und Symptomhandlungen der Patienten als 
eine nicht imwichtige Waffe der analytischen Technik. 

Wir konnten auch konstatieren, daß das in den Gleichnissen 
enthaltene Material — wie Stücke des manifesten Trauminhaltes — 



IG» 147 



sicK bald als Erinnerungsrest aus der LebensgescKiclitG des Patienten 
erwies, also real zu nehmen war, bald wiederum als der symbo- 
lische Ausdruck unbewußter Tendenzen^ natürlich können auch 
beide Gleichnis quellen an einem und demselben Gleichnis be- 
teiligt sein. 

Von prinzipieller Wichtigkeit scheint mir zu sein, daß die 
Konzentration der Aufin erksamkeit (des Interesses, vielleicht auch 
eines Teiles des Libido) auf das Gleichnis suchen eine ähnliche 
Milderung der Zensur zur Folge hat, wie sie uns bei der 
Traumbildung bekannt geworden ist; das bisher Verdrängte kann 
— wenn auch in entstellter oder symbolischer Darstellmig — bei 
der Konzentration auf die Gleichnissuchung in ähnlicher Weise 
zum Bewußtsein durchdringen wie bei der Konzentration des Inter- 
esses auf den Wunsch zu schlafen. Auch dem Schlafenden ist nur 
an der Aufrechterhaltung des Schlafzustandes gelegen, alles andere 
ist ihm zunächst gleichgültig. Natürlich drängt sich aber von 
diesem „gleichgültigen" psychischen Material das infolge des bis 
jetzt darauf lastenden Druckes stärker gespannte Material: d.h. 
das Verdrängte in erster Linie vor. Die Stärke der „Vordrängungs- 
tendenz« muß der Kraft der bisherigen Verdrängung entsprechen. 

Dieses reziproke Verhältnis zwischen Aufmerksamkeit und Zu- 
gänglichkeit des Verdrängten ist uns übrigens von zahlreichen 
anderen Gebieten her geläufig. Die „freie Assoziation«, die 
Hauptwaffe der psychoanalytischen Technik, ist nur durch Ein- 
haltung der Freudschen „Gnmdregel" zugänglich geworden, wo- 
nach der Patient sich bestreben muß, sich gegenüber seinen Ein- 
fällen möglichst „gleichgültig" zu verhalten. Erst bei Einhaltung 
dieser Vorschrift taucht aus dem Verdrängten das zu deutende imd 
einzuordnende Material auf; wenn aber jemand sich anstrengt 
ein Symptom oder einen Einfall mit Bewußter Aufmerksamkeit 
zu ergründen, so spornt er damit die Zensur nur zu erhöhter 
Wachsamkeit auf. Freud hat uns übrigens gelehrt, daß auch der 
Analytiker nicht nur durch logische Anstrengung, sondern oft 
eher durch freies Spielenlassen der Einfälle zu den richtigen 
Deutungen gelangt, wozu eine gewisse Gleichgültigkeit den Ein- 
fällen des Patienten gegenüber nötig ist. Ein ungestümes Wissen- 
und Heilenwollen führt zu niclits oder auf Abwege. 



148 



In der Psychopathologie des Alltags zeigt sich die erwähnte 
Reiiprozität am auffälligsten. Die verräterischen Fehlhandlungen 
des „zerstreuten Professors" sind das Ergebnis der geistigen Kon- 
zentration auf einen Gegenstand und der Gleichgültigkeit allen 
sonstigen Dingen gegenüber. (Siehe das Archimedische: „Noli tur~ 
bare circulos meos.^^) 

Auch ihre „Symptomhandlungen** betätigen die Menschen 
um so ausgiebiger, je mehr sie durch etwas anderes abgelenkt 
sind. Beim Vergessen von Eigennamen pflegt das bewußte 
Suchen nichts zu nützen; beim Nachlaß der Anstrengung fällt 
einem das Vergessene von selbst ein. 

Durch Berücksichtigung des reziproken Verhältnisses zwischen 
Konzentriertheit und Verdrängung wird uns auch die Symptoma- 
tologie der Hypnose imd der Suggestion um etwas verständ- 
licher. Wir konnten behaupten, daß die hypnotische Gefügigkeit 
auf blinden Gehorsam, dieser aber auf die übertragene elterliche 
Fixierung zurückzuführen ist. Es gibt niur zwei Arten von Hyp- 
nose: die Vaterhypnose (die man auch Schreckhypnose nennen 
kann)unddieMutterhypnDseCmitanderen Worten :dieSchm ei chel- 
hypnose).! Die Konzentration auf die Affekte des Schreckens imd 
der Liebe macht die Hypnotisierten für alles andere gleichgültig. 
Der Seelenzustand des vor Selureck Kataleptisierten ließe sich in 
folgenden Sätzen ausdrücken: „Ich fühle, tue und sage alles, was 
du willst, nur sei du mir nicht böse." Der Verliebte könnte saeen- 
„Dir zuliebe glaube, sehe und handle ich, wie du willst. Alles 
außer deiner Liebe ist mir gleichgültig." 

Mag es sich aber um welche Form der Hypnose immer handeln, 
die Erfolge der Breuer-Freudschen kathartischen Methode be- 
weisen uns, daß hier infolge der Faszinierung durch den Hyp- 
notiseur und der Gleichgültigkeit gegen alles andere auch das 
sonst tief verdrängte psychische Material mit Leichtigkeit be- 
^vußt wird. 

Daß übrigens die Konzentration bei der Hypnose eine große 
Kolle spielt, zeigen schon die beim Hypnotisieren oft förderlichen 
Praktiken der optischen und akustischen Konzentration. 



i) Vgl. Introjektion und Übertragung. (Bd. I der „ßausteüie -zur Psycho- 
analyse.") 



49 



In diesem Zusammenhange muß icli aucli auf die Praktiken 
der sogenannten Kristallschauer oder Spiegelschauer (Le- 
kanoskopen, Lekanomanten) hinweisen, die ihre Aufin erksamkeit 
krampfhaft auf einen optischen Punkt fesseln und dabei weissagen. 
Die Untersuchungen Silherersi beweisen, daß bei diesen Weis- 
sagungen eigentlich das eigene Unbewußte zu Worte kommt; wir 
würden hinzufügen: infolge der bei der Konzentration erfolgen- 
den Zensurmilderung fürs gleichgültiger gewordene Verdrängte. 

Bei überstarker Besetzung eines Affekts, z. B. bei Ausbrüchen 
des Hasses, der sich in Flüchen Luft macht, kann man Ähn- 
liches beobachten. In einer psychologischen Untersuchmig „über 
obszöne Worte" * wies ich darauf hin, daß, obzwar — oder gerade 
weil — der Fluchende einzig von dem Wunsche beseelt ist, dem 
Gegenstande seines Hasses einen großen Schimpf, gleichgültig 
welchen, anzutun, im Wortlaute der Flüche nebstbei auch die 
tiefstv er drängten eigenen analen und ödipuswünsche, diesmal ganz 
unentstellt, zum Ausdruck gelangen. (Ich verweise auf die obszönen 
Flüche des niederen Volkes imd auf deren Abschwachimgen beim 
Kultiurmens chen .) 

Auch in der Pathologie der Seele findet man Beweise für 
diese fiHRktionale Beziehung zwischen Verdrängung und Interesse- 
betonung. Beim gedankenüüchtigen Manischen kommt das Ver- 
drängteste mit Leichtigkeit zum Vorschein. Wir können annehmen, 
daO es für ihn — im Gegensatz zum gehemmten Melancholiker — 
gleichgültig geworden ist. Bei der Paraphrenie (Dementia prae- 
cox), deren Wesen im Gleichgültig wer den der Außenwelt imd 
aller Objektbeziehungen besteht, sehen wir, daß die von den Neu- 
rotikem so vorsichtig gehüteten Geheimnisse einfach ausgeplauscht 
werden. Die Paraphreniker sind bekanntlich die besten Symhol- 
deuter; nachdem sie für sie bedeutungslos geworden sind, erklären 
sie uns mühelos die Bedeutung aller Sexualsynibole. 

Aus unseren psychoanalytischen Kuren ersehen wir übrigens, 
daß ein gewisses „Gleicligültigwerden" vielleicht überhaupt die 
Bedingimg ist, unter der Verdrängtes bewußt werden kann. Die 
Patienten gelangen erst dann zur bewußten Einsicht in eine ver- 



i) H. S i 1 b e r c r, Lekano man tische Versuche. Zentralblatt für PsA., 1 1. Jahrg. 
a) In Bd. I der ,.Bausteine zur Psychoanalyse**. 



150 



drängte Regung, wenn diese für sie im Laufe der Kur allmälilicli 
gleichgültiger geworden ist und ihre Libido sich auf andere Gegen- 
stände verschoben hat. 

Um auf ein Gebiet zurückzukehren, das unserem Ausgang:s- 
punkte nälier liegt, verweise ich auf den von Freud beschriebenen 
psychischen Akt des Witzes, bei dem die Aufmerksamkeit von 
der Witztechnik gefesselt wird imd diese Ablenkung der Aufmerk- 
samkeit den verdrängtesten Tendenzen zum Ausdruck verhilft. — 
Schließlich zitiere ich eine mündliche Aussage des Psychoanaly- 
tikers Dr. Hanns Sachs, nach dem die Worte, in die die Dichter 
ihre Ideen kleiden, oft auf die tieferen, unbewußten Quellen jener 
Idee hindeuten. Nach Analogie mit der Gleichnisbildung muß 
man auch hier annehmen, daß auch beim Dichter die Konzen- 
tration auf die Idee den Durchbruch des Verdrängten in dem 
aufs Geratewohl gewählten Wortlaute der Dichtung ermöglicht. 

Pf ist er fand übrigens, daß auch die vollkommen „gedanken- 
los" aufs Papier geworfenen (also sicher gleichgültigen) Kritze- 
leien oft erstaunliche Mitteilungen aus dem. unbewußten Seelen- 
leben enthalten.' 

♦ 

Aus der Tatsache nun, daß in allen hier erwähnten Fällen von 
„Konzentration" die Verdrängungszensur in einem der ander- 
weitigen Inanspruchnahme entsprechenden Maße an Intensität 
abnimmt, muß man darauf schließen, daß bei der Konzentration 
eine sonst als Verdrängungsiensur fimgierende Energiemenge zur 
Verwendung gelangt. (Ob es sich dabei um libidinöse Energie, 
Interesse oder beides handelt, müssen wir beim heutigen Stande 
luiseres psychoanalytischen Wissens dahingestellt sein lassen.) 
Dieses Vikariieren der beiden Funktionen wird uns verständlicher, 
wenn wir bedenken, daß alle Arten von Konzentration eigentlich 
eine Art Zensurarbeit bedeuten: die Abhaltung aller (innerer oder 
äußerer) Eindrücke vom Bewußtsein mit Ausnahme jener, die von 
dem Gegenstande der Aufmerksamkeit herstammen oder die mit 
der psychischen Einstellung, auf die man sich konzentriert, über- 
einstimmen. Alles, was den Schlaf stört, wird von der Zensur des 

i) Kryptolalie, Kryptograpliie und unbewußtes Vexierbild bei Normalen. 
Jahrbuch f. PsA., V. Bd, • ^ 



151 



Schlafenden ebenso „verdrängt" wie im Wachzustand die ob ihrer 
ünmoralität he wußtseinsim fähigen Gedanken. Der auf seinen 
Gegenstand konzentrierte Gelehrte wird taut und blind für alles 
andere, d. h. seine Zensur verdrängt die Eindrücke, die auf sein 
Objekt keinen Bezug haben. Einen ähnlichen — wenn auch nur 
passag&ren — Verdrängungsprozeß müssen wir auch bei allen 
übrigen Fällen der Konzentration, so auch beim Gleichnissuchen 
vermuten. Nach alledem wird es ims verständlicher, daß die 
Energie zu solcher passag^rer Verdrängungs- (Zensur-) Arbeit von 
der zwischen dem Unbewußten und dem Bewußtsein ständig ein- 
gerichteten Instanz und auf deren Kosten beigestellt wird. 

Allenfalls haben wir es in der Zensur mit einem System von 
begrenzter Leistungsfähigkeit zu tun. Steigert man die Ansprüche 
an eine ihrer Leistungen, so kann dies nur auf Kosten der anderen 
geschehen.* Dies entspricht also vollkommen der von Freud vor- 
geschlagenen Anschauungsweise, nach der im psychischen System 
verschiebbare Quantitäten von an sich qiialitätsloser Besetzungs- 
energie am Werke sind. 

Nebst dieser rein „Ökonomischen" Beschreibimg des Prozesses 
kann man sich aber auch über die Dynamik der vermuteten 
Energie Verschiebung bei der Konzentration eine Vorstellung 
machen. Das Mystische und Unerklärliche, das in jedem Willens- 
oder Aufmerksamkeitsakte immer noch drin steckt, schwindet 
zum größten Teil, wenn wir uns zu folgender Annahme ent- 
schließen: Das Primäre beim Aufmerksamkeitsakte ist die Hem- 
mung aller Akte mit Ausnahme der intendierlen. Wenn alle 
Wege, die zum Bewußtsein führen, mit Ausnahme eines einzigen, 
gesperrt werden, so fließt die psychische Energiebesetzung spontan 
und ohne daß hiezu eine eigene „Anstrengung" nötig wäre (was 
überdies auch unvorstellbar wäre), in die einzige offengelassene 
Richtung. Will ich also etwas aufmerksam anschauen, so tue ich 
das, indem ich alle Sinne mit Ausnahme des Gesichtssinnes vom 
Bewußtsein absperre; die gesteigerte Aufmerksamkeit für optische 



i) Dies scheint auch für die Zensurbehörden der Großindividueji (der 
Staaten) zu gelten. Ich finde, äafl, seitdem die Zensur infolge des Krieges in 
politicis so ungemein streng geworden, ihre Strenge gegen die erotische Literatur 
nachgelassen hat. 



152 



Keize kommt dann von selbst lustaräe/gleichwie die Steigerung 
des Flußniveaus von selbst zustande kommt, wenn die mit ibm 
kommunizierenden Kanäle abgesperrt werden. Ungleiche Hem- 
mung ist also das Wesen jeder Aktion; der Wille ist nicht 
wie die Lokomotive, die auf den Schienen dahinbraust, sondern 
er gleicht mehr dem Weichensteller, der vor der an sich qualitats- 
losen Energie - der eigentlichen lokomotorischen Kraft - alle 
Wege mit Ausnahme eines einzigen verschließt, so daß sie den 
einzigen offengebliebenen befahren muß. Ich vermute, daß dies 
für alle Arten von „Aktionen«, also auch für die physiologischen 
gilt, daß also die Innervation einer bestimmten Muskelgruppe 
eigentlich nur aus der Hemmung aller Antagonisten resul- 
tiert - Die psychische Konzentration auf die Gleichnisbildung 
ist also nur möglich durch die und infolge der Hemmung des 
■ Interesses (Gleichgültigkeit) gegen alles andere, unter anderem 
auch gegen das sonst Verdrängte, das dami die Gelegenheit dazu 
benützt, sich lur Geltung zu bringen. 

Gern hätte ich — auf Grund der psychoanalytischen Beob-" 
achtung — über die beim Bilden und beim Anhören treffender 
Gleichnisse empfundene Lust etwas Neues mitgeteilt. Was ich 
aber fand, ist nichts als die Anwendbarkeit der Freudschen 
Theorie vom Witz auch auf diese ästhetische Lustquelle. Dadurch, 
daß sich die Aufmerksamkeit und mit ihr ein Teil der Zensur- 
funktion auf die (schon an sich einigermaßen lustvoUel FeststeUung 
der Gleichheiten in scheinbar weit entfernten Dingen konzentriert, 
werden andere, bisher streng zensurierte Komplexe von dem auf 
ihnen lastenden Drucke befreit, und dieser Ersparnis an Hem- 
mungsaufwand ist die eigentliche Lust („die Endlust") am 
Gleichnis zuzuschreiben. Die Lust an der Ähnlichkeit (Gleichheit) 
wäre also mit der durch die Witztechnik entfesselten Vorlust in 
Analogie zu bringen. Allerdings gibt es eine fortlaufende Reihe 
von den einfachen Gleichnissen, die gar keine unbewußte Lnst- 
quelle entfessehi, bis zu den „tiefsinnigen« und „witzigen« Ver- 
gleichen, bei denen die Hauptlust aus dem Unbewußten stammt. 
Die den Gleichnissen eigentümliche Lust am Wiederfinden 
desselben Dinges in ganz anderem Material ist sicher der Er- 



sparnis an intellektuellem Aufwand an die Seite zu stellen, die 
die Vorlustwirkung der Witztechnik bewirkt. Möglicherweise 
steckt aber nehst dieser Wiederholungslust auch eine besondere 
Wiederfindungslust dahinter. 

Es gibt Menschen, die das Talent haben, auch die leiseste 
Spur der Ähnlichkeit mit ihren Bekannten in fremden Gesichtern 
zu entdecken. Es scheint, daß sie sich mit Hilfe des durch die 
Ähnlichkeit erweckten Bekanntheitsgefühls vor der unangenehmen 
Wirkung ganz neuer Eindrücke (ganz unbekannter Physiognomien) 
schützen. Wir merken auch, mit welchem Vergnügen wir eine 
Stadt, die wir schon kennen, wiedersehen, während es einer ee~ 
wissen Zeit (also auch hier der Wiederholung) bedarf, bis sich 
die Härte ganz neuer Reiseeindrücke verliert. Ich glaube, daß die 
Dinge, die wir einmal „geistig einverleibt", introjiziert haben, 
schon hiedurch gleichsam „geadelt", unserer narzißtischen Libido 
teilhaftig werden. Und in letzter Linie mag das die Ursache des 
Vergnügens sein, das wir empfinden, wenn wir bei der Gleichnis- 
bildung in einem neuen Eindruck das Altbekannte wiederfinden. 
Der überaus befremdende Eindruck, den die Psychoanalyse auf 
die Patienten macht, mag daran schuld gewesen sein, daß manche 
von ihnen — wie die eingangs mitgeteilten Beispiele zeigen — 
gleichsam den Zwang haben, diesen Eindruck durch eine ganze 
Reihe von Gleichnissen zu mildern. Die Tendenz, das Lieb- 
gewonnene in allen Dingen der feindlichen Außenwelt wiederzu- 
finden, ist wahrscheinlich auch die Urquelle der Symbolbildung. 

, Bemerkungen zu Balzacs Liebesleben 

Von 

Felix Boehm 

Im Jahre 1828 schrieb Balzac an die Herzogin von Abrantes :^ 
„Ich habe den seltsamsten Charakter, den ich kenne. Ich studiere 
mich selbst, wie ich einen anderen studieren könnte. In mei- 

i) „Correspondance", Bd. XXIV der sogenannten „Edition definitive" der 
„Oeuvres completes", erschienen bei Calmann-Levy; p. 56 f. 



154 



nen fünf Fuß zwei ZoU vereinige ich aUe Zusammenhang- 
losigkeiten, alle möglichen Gegensätze, und vrer von m^ memt, 
ich wäre eitel, verschwenderisch, eigensinnig, leichtsmnig, 
ohne Stetigkeit im Denken, geckenhaft, nachlässig, M un- 
achtsam, ohne Überlegung, ohne jede Ausdauer geschwatzig, 
taktlos, schlecht erzogen, unhöflich, mürrisch, launenhaft - 
der wird ebenso Recht haben wie jene, die sagen wurden, 
ich sei sparsam, bescheiden, mutig, hartnäckig, ^nergisch . .. 
arbeitsam, ausdauernd, schweigsam, voller Feinheit, hofhch, 
immer heiter . . . Nichts wundert mich mehr an mir seihst. 
In dem Roman „La peau de chagrin", in dem er seine eigenen 
Leiden schüdert, läßt er Raphael sagen: „Obwohl ich weibisch 
die orientalische Trägheit Hebte, verhebt in meme Traume 
und sinnhch war, habe ich immer gearbeitet, nur versagt, 
die Genüsse des Pariser Lebens auszukosten. Ich war eme 
Schlemmernatur und doch nüchtern. Ich liebte die Bewegung 
und Seereisen, wünschte Länder zu sehen, fand Vergnügen 
daran wie ein Kind Kieselsteine aufs Wasser prallen zu lassen, 
und bin unaufhörUch mit der Feder in der Hand sitzen ge- 
bheben ... ich habe auf meinem Lager einsam wie em 
Mönch vom Orden des heiligen Benedikt geschlafen, und da- 
bei war das Weib immer mein einziger Traum . . . kurz, 
mein Leben war eine grausame Antithese und eine immer- 
währende Lüge. .. 

Aus diesen größten, scheinbar unvereinbaren Widersprüchen 
in Balzacs Leben und Charakter möchte ich die in seinem 
Liebesleben etwas näher beleuchten. 

Er ist bestrebt wie ein Mönch zu leben, arbeitet mit Vor- 
Uebe in der Kutte eines Benediktinermönches, seine Phanta- 
sien aber gehen andere Wege, z. B. in der NoveUe „Le 
succube" (aus „Contes drölatiques«); hier beschreibt er unter 
anderem einen phallischen Traum des Großpönitentiars m 
dem die ganze belebte und unbelebte Welt in einer Liebes- 

raserei gezeigt wird. < ■; a 

Von seinem zwanzigsten Lebensjahr an bis zu seinem Tode 
lebte er in der größten seelischen, zum TeU auch materiellen 
Abhängigkeit von zwei, von ihm blind angeheteten, sozial über 

^ 155 



Ihm stehenden Frauen, - Damen der von ihm bewunderten 
großen Welt: - Frau von Berny und Frau von Hanska. 
Von ersterer schreibt er: „Sie weiß, wieviel Spannkraft und 
Adel mir die Gewohnheit verleiht, aUes auf ein Idol zu be- 
ziehen. Mein Gott ist auf Erden. Zu jeder Stunde unterwerfe 
ich mich ihrem Urteil." (Lettres ä l'ötr.) Seine Briefe an Frau 
von Hanska sind vom ersten bis zum letzten auf denselben 
Ion blmdverbehter schwärmerischer Anbetung gestimmt (Wie 
weit sie dieser wert war, Ist eine umstrittene Fräse) Seit 
er sie kennengelernt hat, arbeitet und lebt er nur für sie 
kniet er in Gedanken vor ihr. Anderseits träumt er von 
sklavisch ergebenen Kreaturen: „Große Männer (sagt Raphael 
in ,La peau de chagrin ) brauchen orientalische Weiber die 
an mchts als an die Bedürfnisse des Mannes denken " Aber" 
s^ Hans Heiß (s, u.): „er ist doch zu energisch, "zu ego- 
istisch und vor allem zu flatterhaft, im Grunde polygamisch 
um sich ganz fesseln und in Beschlag nehmen zu lassen Er 
mag Frau Hanska noch so ehrlich lieben, seine Liebe hindert 
Ihn nicht zu gleicher Zeit auf andere Abenteuer auszugehen 
nach rechts und links eifrig den Hof zu machen, gllende 
Briefe auch an andere Adressen als die ihre zu richten ^d 
die Treue die er ihr pathetisch gelobte, so oft zu brechen 
als die Gelegenheit sich bot." Wie überall in seinem Leben' 
kämpfen auch in seiner Erotik ständig zwei entgegengesetzte 
Strömungen miteinander. S«°gesetzte 

Diesen Gegensatz schUdert Balzac in „Le lys dans la vallee" I 

in emem Brief des Helden FeUx (mit dem er sich offen- 1 

kundig stark identifiziert), an die Gräiin NataUe de Maner- '^ 

viUe: während er einerseits für die engelgleiche, vergötterte ' 

und unerreichbare Frau von Mortsauf (Henriette) sein Leben 
ohne Bedenken dahingegeben hätte, sie ihm Lebensinhalt 
geworden war, wurde er anderseits von der sinnlichen, raffi- 
nierten Lady Dudley (ArabeUe) verführt und konnte sich 
diesen nur sexueUen Beziehungen ebenfalls mit ganzer Leiden- 
schalt hingeben. 

In ähnUcher, noch ausführlicherer Weise schildert Balzac 
diesen Gegensatz der zwei Strömungen im Liebesleben in der 

156 • 



Figur des Baron Hector Hulot, in „La cousine Bette": Baron 
Hector Hulot, in glänzender gesellschaftlicher Stellung, ver- 
dient um den Staat, gut angeschrieben hei seinen Vorgesetzten, 
ist verheiratet mit einer sehr schönen, stUlen, engelgleichen 
Gattin, fromm und gütig, der Mutter seines Sohnes und seiner 
Tochter. „Adeline war eine in der Tat vollkommensten, auf- 
fälligen Schönheiten. Sie sind nicht allzu dicht im Garten der 
Menschheit ausgesät. Aber die Natur scheint sie mit einer 
ganz besonderen Sorgfalt gehegt zu haben. Sie hat ihnen ihre 
kostbaren Gaben verliehen, das vornehme Wesen; Anmut, 
Herzensgüte, Zartheit, Eleganz und den wundervollen Fleisch- 
ton des Teints . . . Sie zeigen in ihrem Körperbau, in dem 
Ebenmaß ihrer Gestalt und in dem Charakter ihrer Schön- 
heit eine seltsame Übereinstimmung. Sie können uns glauben 
machen, daß in dem Meer der hintereinander folgenden 
Menschengeschlechter sozusagen ein aphrodisischer Strom fließt, 
aus dem immer und immer wieder eine neue Venus aufsteigt 
und den Himmel erröten macht. Aus diesem Göttergeschlecht 
war Adeline Fischer eine der Schönsten ... Es lag in ihr 
das ungelöste Gift der Verführung, und darum glicli sie so 
sehr jenen königlichen Frauen, die kraft ihrer Schönheit zum 
Herrschen bestimmt sind . . . Klassischer Schnitt des Profils, 
ebenmäßiger und ausbalancierter Wuchs, ländliche Zurück- 
haltung und eine gewisse unfreiwillige Schamhaftigkeit ver- 
einigten sich in ihr zu einem Ausdruck von Hoheit. ^ 

Trotzdem führt Baron Hector Hulot ein sehr unstetes 
Leben, bringt die Abende fast ständig in Gesellschaft seiner 
jeweiligen Geliebten zu. Die Gattin, w^elche von seinen Be- 
ziehungen durch andere erfährt, hält zu Hause und in der 
Gesellschaft unter Aufbietung aller Kräfte den Schein einer 
glücklichen Ehe aufrecht. Sie ist voll Güte und Verzeihens 
für die Seitensprünge ihres Mannes, ist immer wieder be- 
glückt, wenn er für kurze Zeit zu ihr zurückkehrt, sucht 
die Schuld bei sich und Trost in der Kirche, welche ihrer 

i) Ell. I. S. 4.7— 4^. — leb btnutze hier die Übersetzung von Paul Zech in 
der Gesamtausgabe im Verlage Ernst Rowohlt, sonst die von Hanns Heiß in: 
„Balzac, sein Leben und seine Werke." Heidpiberg. 1913. :■'■''• 'An^ 



157 



Ansicht nach allein selig machen kann. Er ist immer seltener 
zu Hause und vernachlässigt das Familienleben; es kommt so 
weit, daß er sein ganzes Vermögen für außereheliche Bezie- 
hungen vergeudet und ehrenrührige Schulden macht, seine 
FamiUe seilest in größte Not bringt. Die Gattin macht ihm 
keinerlei Vorwürfe, schränkt sich auf das Äußerste ein und 
verzeiht ihm immer wieder. Wenn er, von seinen Erlebnissen 
mit andern Frauen schwer enttäuscht, zermürbt und zer- 
knirscht für kurze Zeit zu ihr zurückkehrt, hofft sie immer 
wieder auf seine Umkehr und empfängt ihn immer wieder 
freudig mit offenen Armen. Er ist gerührt von ihrer Güte, klagt 
sich an, gelobt Besserung. Aber diese Reue ist immer von kurzer 
Dauer; nach ganz kurzer Zeit treibt es ihn fort zu neuen 
Abenteuern, welche wir der Reihe nach betrachten wollen: 
■ Eine kleine Schauspielerin, durch seine Protektion bekannt 
geworden, kostet ihn Unsummen; sie wendet sich bald einem 
reicheren Kavalier zu, nachdem sie von Hulot alle Künste 
einer Kurtisane erlernt hat. Dieser folgt eine Sängerin, welche 
sein Freund hatte ausbilden lassen, den sie ohne weiteres 
verläßt, um an der Seite von Hulot ein glänzendes Leben 
zu führen. Später aber, als seine Geldmittel nachlassen, wendet 
sie sich einem reicheren Freunde zu. Diese beiden Mädchen 
waren skrupellose Dirnen, die nur um pekuniärer Vorteile 
willen Beziehungen eingingen. 

Frau Marneffe, die Gattin eines Kanzleisekretärs, eines 
Untergebenen von Hulot, fesselt ihn drei Jahre lang durch 
ihre anfängliche verschämte Jungfräulichkeit und zugleich 
raffinierte Lüsternheit. Sie saugt ihn vollkommen aus, er 
lebt ganz in ihrem Banne und lädt sie sogar zur Hochzeit 
seiner Tochter ein, bis er eines Tages erfährt, daß sie ihn 
schon lange fortgesetzt mit seinem Freunde, dem er früher 
einmal die Geliebte abspenstig gemacht hatte, betrügt. Neben 
seinem Freunde hat sie noch seinen Schwiegersohn eingefangen; 
alle drei genießen bei ihr sämtliche Liebesfreuden. Hulot, 
seelisch und pekuniär vollständig gebrochen, bringt einige Zeit 
zu Hause im Kreise seiner Familie zu. In der äußersten Not 
will Adeline versuchen, sich zu verkaufen, um die Familie zu 

158 



retten j aber der Versuch mißlingt infolge ihrer Schamhaftig- 
keit und ihrer vollkommenen Unfähigkeit zu kokettieren. 

Schon nach kurzer Zeit aber versch^vindet der Baron, um 
sich nunmehr versteckt in Paris aufzuhalten und im Alter 
von z-weiundsiebzig Jahren Beziehungen zu einem sechzehn- 
jährigen Mädchen anzuknüpfen und bei demselben zu leben, 
unterstützt von seiner ersten Geliebten, der Schauspielerin. 
Diesem Mädchen folgt nach zwei Jahren ein fünfzehnjähriges 
Kind, mit welchem er in wilder Ehe zusammen lebt und 
sich dabei durch Schreibarbeiten kümmerlich ernährt. Von 
seiner Frau aufgefunden, kehrt er, äußerlich stark herunter- 
gekommen, achtzigjährig, aufs neue zu seiner Familie zurück; 
gepflegt und gehegt lebt er ruhig mit den Seinen; die Familie 
und die Gesellschaft glauben ihn endgültig von seinen galanten 
Abenteuern geheilt. Seine Frau lebt im Zusammensein wieder 
auf, bis sie aufs neue schm,erzlich enttäuscht w^ird: sie er- 
fährt von seiner Annäherung an das kürzlich eingestellte Küchen- 
mädchen, ein robustes, sinnliches Mädchen vom Lande, welches 
dem Diener zu ordinär ist. Die schwache Gesundheit der 
Baronin überwindet diese letzte schmerzliche Entdeckung nicht 
mehr. Nach ihrem Tode heiratet Hulot diese Küchenmagd 
und lebt in einer Provinz mit ihr zusammen. 
i Balzac schildert uns aber nicht bloß dieses rätselhafte 
Verhalten des Mannes, sondern er gibt uns auch selbst die 
Erklärung in „La cousine Bette mit folgenden Worten: 
„Viele verheiratete Frauen, die ihren Männern und ihren 
Ehepflichten treu Untertan sind, werden hier aufstaunen, 
warum im Grunde herzensgute Männer mit solchen Weibern 
sich wegwerfen, die mit dem abgefeimten Charakter der 
Marneffe behaftet sind. Warum bleiben sie nicht bei den 
eigenen Frauen, zumal wenn sie so ungewöhnlich schön und 
so herzensgütig sind wie Adeline. Können solche Frauen niclit 
alles aufbringen, was das Seelenleben und die Sinne leiden- 
schaftlicher Männer begehren? Die Erklärung für solche Miß- 
geschehnisse liegt tief in den Untergründen der menschlichen 
Natur verankert. Die Liebe, diese seltsame Abirrung von aller 
schwachen Vernunft, dieses fabelhafte Medium stürmischer 



159 



Herzen, und anderseits die feile tierische Brunst der Dutzend- 
menschen biegt in zwei grundverschiedene Extreme ein und 
derselben Erscheinung aus. Der sinnenfrohe Mann — und 
der vollkommene Mann ist immer ein Sinnenmensch — hat 
nicht genug mit einer einzigen von den tausend Spielereien 
zwischen jenen beiden Extremen der Liebe. Die Frau hin- 
gegen, die so verschiedene Gelüste vitaler Männer zu be- 
friedigen fähig ist, die ist ehen so selten, wie unter den 
Männern auf geistigem Gebiet der große Feldherr, der große 
Künstler, der geniale Dichter oder der große Erfinder. Der 
geistig Hochstehende wie die Krämerseele, Huiot wie Crevel, 
empfingen gleicherweise den wilden Drang nach einem 
ihnen allein augehörigen Ideal, wie nach dem bloßen körper- 
lichen Genuß. Sie alle sind ununterbrochen auf der Jagd 
nach dem, ach, so seltenen weiblichen Doppelwesen, nach 
der Heiligen und der Dirne.^ 

Dasselbe Thema behandelt Freud in seiner Arbeit „Über 
die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens ";^ hier gibt 
er eine Erklärung der erotischen Betätigung von Männern, 
die er folgendermaßen charakterisiert: „Es sind hier zwei 
Strömungen nicht zusammengetroffen, deren Vereinigung erst 
ein völlig normales Liebesleben sichert, zwei Strömungen, 
die wir als die zärtliche und die sinnliche voneinander 
unterscheiden können" . . . „Sowie die Bedingung der Er- 
niedrigung (nämlich des Sexualobjektes) erfüllt ist, kann sich 
die Sinnlichkeit frei äußern, bedeutende sexuelle Leistungen 
und hohe Lust entwickeln." Freud gibt uns in dieser Arbeit 
eine erschöpfende psychoanalytische Darstellung der Entwick- 
lung der häufig vorkommenden Unvereinbarkeit der zwei 
Strömungen im Liebesleben des Mannes, der zärtlichen 
und der sinnlichen, welche darin gipfelt, daß der Mann, 
welcher als Knabe seine ganze Liebe der Mutter geschenkt 
hat, die sinnlichen Anteile derselben infolge der Lizest- 
schranke ins Unbewußte hat verdrängen müssen, so daß in 
bezug auf das verbotene Liebesobjekt der Kindheit, die Mutter, 



i) Bd. II, S. 122; von mir gesperrt, 
2) „Ges. Schriften-, Bd. V, S. 198 ff. 



160 



nur noch die zärtlichen Regungen bewußtseinsfähig sind. 
Die sinnhche Strömung sucht nur nach Objekten, die nicht 
an die ihr verpönte inzestuöse Person erinnern; „-wenn von 
einer Person ein Eindruck ausgeht, der zu hoher psychischer 
Wertschätzung führen könnte, so läuft er nicht in Erregung 
der Sinnlichkeit, sondern in erotisch unwirksame Zärtlichkeit 
aus. Das Liebesleben solcher Menschen bleibt in die zwei 
Richtungen gespalten, die von der Kunst als himmlische und 
irdische (oder tierische) Liebe personifiziert w^erden. Wo sie 
lieben, begehren sie nicht, und wo sie begehren, 
können sie nicht lieben.* Sie suchen nach Objekten, die 
sie nicht zu lieben brauchen, um ihre Sinnlichkeit von ihren 
geliebten Objekten fernzuhalten." 

Wir finden also bei Balzac und Freud fast dieselbe An- 
sicht; nur sieht Balzac in seinem obigen Erklärungsversuch 
die Ursache des LiebeskonflUctes des Mannes in der Seltenheit 
der vom Standpunkte des männlichen Trieblebens vollkommenen 
Frau, Freud in der Spaltung des Trieblebens im Manne selber; 
beide betonen das Vorkommen der zwei extremen Triebrichtun- 
gen. An anderer Stelle betont aber auch Balzac die Unverein- 
barkeit derselben in bezug auf ein und dieselbe Frau, indem er 
sich folgendermaßen in „UneFille d'Eve"^ äußert: „Viele heirats- 
lustige Männer nehmen ja lieber ein Mädchen zur Frau, das 
im Kloster erzogen und mit Frömmigkeit übersättigt, als ein 
Mädchen, das in w^eltlichen Lehren aufgewachsen ist. Ein 
Mittelding gibt es nicht.^ Ein Mann muß entweder ein 
sehr erfahrenes Mädchen heiraten, das die Zeitungsannoncen 
gelesen und sich seinen Vers daraus gemacht hat, das mit 
tausend jvmgen Männern Walzer und Galopp getanzt hat, 
in alle Theater gegangen ist, Romane verschlungen hat, der 
ein Tanzmeister die Knie gelenkig gemacht hat, indem er 
sie gegen die seinen drückte, das nicht nach Religion fragt 
und sich seine eigene Moral geschaffen hat, oder ein un- 
wissendes, reines, junges Mädchen." Balzac beschreibt diese 
Spaltung des Liebeslebens nur, Freud sucht auch nach der 

1) Von mir gesperrt. 

2) Verlag Ernst Rowohlt, S. 98, übersetzt von Oppeln-Bronikowski. 

It 161 



Wurzel derselben und findet sie in dem Schicksal der frühen 
Liebesbeziehungen des Sohnes zu seiner Mutter, 

Balzacs Beziehungen zu seiner Mutter erkennen "wir klar 
bei der Lektüre von „Le lys dans la vaU^e ; trotzdem sich 
Felix (Balzac) in dem Brief an die Gräfin Mannerville wieder- 
holt bitter über die Gefühlskälte seiner Mutter, ihren Geiz 
ihm gegenüber beklagt; trotzdem er eingehend schildert, wie 
seine ursprüngliche Liebe sich in Abneigung und Haß ver- 
wandelt hat, fühlen wir doch immer wieder heraus, daß 
Felix nie aufgehört hat, sich nach der Liehe seiner Mutter 
zu sehnen. "Wie groß der aus enttäuschter Liebessehnsucht 
entstandene Haß Balzacs gegen seine Mutter war, können 
w^ir verstehen, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß er in 
dem Verhältnis der unsympathischen, tyrannischen und geizigen 
,, Cousine Bette" zu dem Künstler Steinbock seine eigenen 
Beziehungen zu seiner Mutter zu schildern versucht hat. Nach- 
zuweisen, wie die Verdrängung der Sehnsucht nach mütter- 
licher Liebe das hier beschriebene Phänomen der Spaltung 
der zwei Strömungen im. Liebesleben Balzacs verursacht 
hat, ^vü.rde über den Rahmen dieser Andeutungen w^eit 
hinausgehen. 

Bemerken möchte ich nur kurz: Balzac identifiziert sich 
mit Felix so weit, daß er über „Le lys dans la vallee" be- 
richtet: „Vielleicht täusche ich mich, aber mir scheint, das 
wird sehr viele Tränen fließen lassen; beim Schreiben kommen 
mir selbst die Tränen. " ' FeUx aber war nach Balzacs 
Schilderung in seiner Jugend in weitestgehendem Maße ge- 
zwungen, seine Liebe zu seiner Mutter zu unterdrücken, und 
Felix zeigt, "wie oben gesagt, als junger Mann die liier ge- 
schilderte Spaltung des Liebeslebens in seinen Beziehungen zu 
den zwei grundverschiedenen Frauen Henriette und Arabelle 
in ausgesprochener Weise: beide liebte er glühend, aber keiner 
konnte er sein ganzes Gefühl schenken; stets betrog er in 
Gedanken eine mit der anderen, suchte die Vorzüge der Ab- 
wesenden bei der Gegenwärtigen und quälte diese mit den 
Schilderungen der Besonderheiten der anderen. — Hier hat 

i) Corr. p. 213. 

162 



Balzac die von Freud behauptete "Wirkung der Verdrängung 
der Liebe des Sohnes zur Mutter, die Spaltung der Liebe 
des Mannes in himmUsche und irdische Liebe, aus seiner 
eigenen Entwicklung intuitiv erraten. 



PSYCHOANALYTISCHES LESEBUCH 
Goethe über Sublimierung 

Gesitzt, das Schicksal hätte einen zu einem großen Maler bestimmt^ 
und dem Zufall beliebte «s, seine Jugend in schmutzige Hütten, Ställe und 
Scheunen zu verstoßen — glauben Sie^ daß ein solcher Mann sich jemah 
zur Reinlichkeit, zum Adel, zur Freiheit der Seele erheben werde? Mit je 
lebhafterem Sinn er das Unreine in seiner Jugend aufgefaßt und nach 
seiner Art veredelt hat, desto gewaltsamer wird es sich in der Folge 
seines Lebens an ihm rächen^ indem es sich inzwischen, daß er es zu 
überwinden suchte, mit ihm aufs innigste verbunden hat. 

(Aus „Wilhelm Meisters Lehrjahre".) 

Schopenhauer über Sublimierung 

An den Tagen und Stunden, wo der Trieb zur Wollust am stärksten 
ist, nicht ein mattes Sehnen^ das aus Leerheit und Dumpfheit des Bewußt- 
seins entspringt, sondern eine brennende Gier., eine heftige Brunst : gerade 
dann sind auch die höchsten Kräfte des Geistes, ja das beste Be- 
wußtsein zur größten Tätigkeit bereit, obzivar in dem Augenblicke, wo das 
größte Bewußtsein sich der Begierde hingegeben hat, latent: aber es bedarf 
nur einer gewaltigen Anstrengung zur Umkehr ung der Richtung, und statt 
jener quälenden, verziueifelnden Begierde (dem Reich der Nacht) füllt 
die Tätigkeit der höchsten Geisteskräfte das Bewußtsein (das 
Reich des Lichtes). 

Edward Carpenter über Sublimierung 

Jeder, der einmal erkantit hat, wie herrlich die Liebe in ihrem Wesen 
ist, und wie unzerstörbar sie ist, der wird kaum etwas, das zu ihr führt, 
an Opßr nennen; und der ist in der Tat ein Meister des Lebens, der 
die gröberen Begierden seines Leibes hinnimmt und, ohne sie abzu- 
weisen oder zu verdammen, sie mit vollem Bewußtsein in die seltensten 
und duftendsten Blüten tnenschlicher Gefühle umzuwandeln 
weiß. (Aus „Wenn die Menschen reif zur Liebe werden".) 



ii- 



163 



Ein Fall von masochistischera Trans- 
vestitismus als Selbstheilungsversuch 

Von 

Franz Alexander 

„Dr-um, willst du dich vor Leid bewahren, — So ßehe zu den 
Unsichtharen, — J^nß sie zum Glück den Schmerz verleihn" — ist 
das Motto des iq^y erschienenen. AXexanderschen Werkes „Psycho- 
analyse der Gesamtpersönlichkeit' (Internationale Psychoanalyti- 
sche Bibliothek, Nr. XXII; geheftet 9 M, Ganzleinen 11 M). 
Sigmund Freuds Ichtheorie, in den letzten Jahren aufgerichtet, 
als kühner Oberhau über das Fundament psychoanalytischer 
Tiefenforschung, wird von Alexander auf das ganze Gebiet der 
Neurosenlehre angewendet und darüber hinaus zu einer Seelen- 
lehre von der Gesamtpersönlichkeit entwickelt. Dynamik und 
Ökonomie des ganzen Trieblebens wird untersucht und Entschei- 
dendes zur Psychologie von Gewissen, Leiden, Strafbedürfnis, 
Flucht in die Krankheit, triebhafter Selbstzerstörung, neurotischem 
Auslehen usw. an den Tag gefordert. Mit der Entdeckung des 
IcJis fängt eine neue Periode der psychoanalytischen JVissen- 
schüft an. Während die erste Periode im. Zeichen der Deutungs- 
kunst stand, die die Äußerungen der Triebe zu hegreifen lehrte, 
gehört die Alexandersche Arbeit bereits zu den Bestrebungen, "jene 
in ihre Bestandteile zerlegten Trieb äußerungen in der Gesamt- 
struktur ihres Aufbaues zu betrachten. Die Darstellungsart in 
der Form von (neun) Vorträgen hat den Verfasser gezwungen^ 
bei der Bewältigung des schwierigen Stoffes weitgehend Rücksicht 
auf Klarheit und AUgemeinverständlichkeit zu nehmen. Die 
theoretischen Darstellungen werden durch kleinere Kranken- 
geschichten illustriert. Eine dieser geben wir hier wieder; 

Ein vierzigiä}iriger Transvestit findet seine sexuelle Lustbefriedi- 
gung dann, wenn er als Dienerin verkleidet einer strengen Herrin 
dienen kann. Doch im Gegensatz zu dem Helden von Sacher- 
Masoch, vor dem er in seinen phantastischen Liebesromanen 
kaum zm^cksteht, verlangt er nicht Schläge, sondern vornehmlich 
analer oti sehe Erniedrigungen. Die Herrin muß ihm in erster Linie 
das Sich -Waschen verbieten, bis seine Hände vor Schmutz ganz 
schwarz werden. Die Vorstellung von vor Schmutz schwarzen 
Händen ist ihm schon an sich besonders lustvoll und bildet den 
Kern der masochistischen Phantasien. Ganz besonders lustvoll wirkt 
auch, wenn die Herrin das Aufsuchen der Toilette verbietet und 
den Befehl gibt, die Exkrem.ente solange wie möglich zurückzu- 



164 



jj 



halten, um sie dann auf jeden beliebigen Ort fallen xu lassen, wenn 
das Bedürfnis niclit mehr aufschiehbar ist. 

Von einem sehr aufschlußreichen Erinnerungsmaterial von 
Jugenderlebnissen — das teils während der Analyse auftauchte, 
teils in die Analyse mitgebracht wurde — mochte ich nur die 
wichtigsten Erlebnisse mitteilen, die für die Ausbildung der Per- 
version eine ausschlaggebende Bedeutung gewonnen haben. 

Eine seiner frühesten Erinnerungen ist, wie eine sehr strenge 
Erzieherin ihn wegen einer Missetat in einen Kamin einsperrt. 
In seinem Gefängnis wird sein weißer Anzug schmutzig, und er 
in seiner ohnmächtigen "Wut beschmiert seine Hände, sein Gesicht 
und den weißen Anzug noch mehr mit Ruß und befindet sich, 
als er herausgelassen wird, in einem unglaublich schmierigen Zu- 
stand. Bald danach fangt ein lebhaftes Interesse für Kaminfeger 
an. Dieses Interesse steigert sich später zu einer ausgesprochenen 
Liebe zu einem Kaminfegerburschen, den er Öfters bittet, seine 
Kleidung ihm in überlassen. Dann steigt er in den Kamin und 
kommt so schwarz zurück, daß selbst der Kaminfeger erklärt, es 
sei überflüssig, so schwarz zu werden. Mit sieben, acht Jahren 
beschmiert er sich öfters mit Kot und masturbiert in diesem 

Zustande. 

Sehr interessant ist eine andere viel spätere Erinnerung an sein 
erstes transvestitisches Verlangen. In dieser Zeit lebte in der 
elterlichen Wohnung eine Krankenschwester, die er xmd seine 
Geschwister besonders verehrt hatten. Sie trug eine schwarze 
Schwesterntracht. Er bat sie einmal, ihre Kleider anziehen zu 
dürfen, und geriet in die größte sexuelle Erregimg bei dieser Vor- 
stellung. Erst drei Jahre später führte er die erste Trans vestition 
aus, als er die Kleider der Erzieherin anxog. Die Kleider der 
Mutter anzuziehen, verhinderte ihn ein mit Verlangen gem.ischter 

Abscheu. 

Eine etwas spätere Erinnerung aus den ersten Gymnasial] ahren 

ist ebenfalls von großer Wichtigkeit. In seinem Heimatsort lebte 

ein Dor^unge, ein Altersgenosse von ihm, der starke koprophile 

Tendenzen hatte und sich gerne auf dem Misthaufen herumwähte. 

Seine Mutter verbat ihm den Verkehr mit diesem Jungen. Im 

Gymnasium erzählte er aber seinen Kameraden, daß er eine 



165 



schlimme und strenge Mutter hate, die ihn oft damit bestrafe, 
daß er in dem Misthaufen begraben werde. Diese phantastische 
Lüge war gleichzeitig eine seiner Masturbationsphantasien, viel- 
leicht die erste mit ausgesprochenem masochisti sehen Inhalt. 
Während der Analyse erinnerte er sich an eine noch frühere 
masochistische Erregung, die entstand, als die Erzieherin der 
Mutter erklärte, daß man nur „einmal das Rückgrat eines Kindes 
brechen müsse, um es für immer gefügig zu machen". 

Der Zusamra.enhang zwischen diesen Erinnerungen und Er- 
lebnissen ist im großen und ganzen bereits erkennbar, doch die 
Rekonstruktion der affektiven Verbindimgen wird erst dann mög- 
lich, wenn ich das wichtigste Ereignis seiner frühesten Jugend 
erwähne. Sein Vater starb, als er acht Jahre alt war, durch einen 
Unfall. Er kann sich noch gut an den Gewissenskonflikt erinnern, 
den die Todesnachricht in ihm ausgelöst hat. Seine Traurigkeit 
wurde von Gedanken gestört, wie: „Es ist doch gut, daß er ge- 
storben ist" und durch ähnliche. Darauf folgten Gewissensbisse 
und Verzweiflungsausbrüche. Nach dem, Tode des Vaters folgte 
die traurige Periode einer stark religiösen, strengen, ja asketischen 
Erziehimg, die die Mutter und die Erzieherin mit der größten 
Konsequenz durchsetzen. 

Die Krankengeschichte mid das Traumleben dieses Patienten 
sind die aufschlußreichsten, die ich kenne. Sie sind wohl geeignet, 
zur Genese des Masochismus manche wichtige Aufschlüsse und 
Ergänzimgen beizutragen. Wir wollen sie jedoch heute nax für 
das uns interessierende Problem der Triebmischimgen verwerten. 

Es ist nicht schwer, aus den bereits bekannten Daten die Ent- 
stehung der ersten bewußten masochistischen Masturbations- 
phantasien — „die Mutter steckt ihn als Strafe in den Mist- 
haufen" — zu rekonstruieren. Die Phantasie selbst ist analytisch 
leicht deutbar. Sie ist eine Mutterleibsphantasie, die aber den 
inzestuösen Koitus bedeutet. Diese Koitusphantasie hat eine deut- 
lich masochistische (Strafe) und gleichzeitig analerotische Färbung 
(Misthaufen). Lehrreicher noch und interessanter ist aber ihre 
Entstehungsgeschichte. 

Die real erlebte Strafe, als die Erzieherin ihn in den Kamin 
sperrte, enthielt zwar ohne bewußte Absicht der Erzieherin als 



166 



wichtigstes Merkmal die Beschmutzuiig. Die Besclimutzung war 
hier ein zufälliges Nebenprodukt der aus moralischen Motiven 
verhängten Gefängnisstrafe, sie bedeutete aber die Befriedigung 
der alten, frühinfantil verbotenen und dann verdrängten anal- 
erotischen koprophilen Tendenzen. Dadurch, daß die Beschmutiung 
diesmal zur Strafe gehörte, durch die Mitwirkung der Erzieherin 
erfolgte, war die Möglichkeit für den Durchbruch der verdrängten 
analen Tendenzen gegeben. Die Erzieherin führte die Anforderung 
zur Reinlichkeit durch ihre grausame Strafe ad absurdum. Er 
regredierte in seiner ohnmächtigen Wut auf diese bereits ver- 
lassene Stufe, auf der das Sich-Beschmieren noch lustvoll war. 
Nichts stand dieser Regression mehr im Wege, weil die Be- 
schmutzung zur Strafe gehörte imd die Strafe doch den Standpunkt 
der Moral vertritt. Wir können die Gedankenkette im Unbewußten 
des Knaben etwa in folgender Weise darstellen. „Du sperrst mich 
in einen Kamin, wo ich ganz schmutzig werde, aber sonst schimpfst 
du auf mich, wenn ich mich schmutzig mache ! Was für eine Kon- 
sequenz ist das ? Wenn es mir paßt, darf ich mich nicht schmutzig 
machen, wenn es aber dir paßt, dann kann ich schmutzig werden! 
Dann pfeife ich auf deine Reinlichkeitspredigten und beschmiere 
mich nach Herzenslust!" So wurde durch die Überstrenge und 
Grausamkeit der Erzieherin die Beschm.utzung gleichzeitig ztu* 
Strafe, aber sie behält dabei ihren analerotischen Lustcharakter. 
Und so wurde die Strafe zum ersten Male erotisiert. 

Es entstand das paradoxe Bild, daß etwas zum Inhalt einer 
Strafe wurde, was einmal selbst verboten und strafbar war: das 
Sich-Beschmieren. Die Strafe erlaubte also eine uneingeschränkte 
Zurücker ob erung der mit der Reinlichkeitsdressur aufgegebenen 
analerotischen Freiheiten. Wir sehen hier denselben Mechanismus 
in seiner realen Entstehung, den wir bei den Neurotischen so 
häufig beobachtet haben, daß die Überstrenge des Über-Ichs 
fferade die Befriedigung des Verbotenen begünstigt. Das Geheini- 
bündnis zwischen Über-Ich und Es entsteht immer auf einer älin- 
lichen Grundlage. In unserem Falle wird die Befriedigung dadurch, 
daß eine verbotene Lustqiielle — das Sich-Beschmieren — dem 
Ich als Strafe präsentiert wird, nicht nur hewußtseinsfäliig, sondern 
sogar realisierbar. . . . j^,. 



167 



Wir sehen in den späteren masochisti sehen Praktiken des 
Patienten, daß die Strafen der strengen Herrin gleichzeitig die 
Befriedigung von lauter infantilen koprophilen Tendenzen be- 
deuten; wie Hände schmutzig machen, Kot zurückhalten, ihn dort 
fallen lassen, wo man will usw. Man bekommt also den berech- 
tigten Verdacht, als ob die ganze Strafkomödie nur eine äußere 
unaufrichtige Maske wäre, um die koprophilen, verbotenen Ten- 
denzen befriedigen zu können. In ähnlicher Weise bedeutet die 
phantasierte Strafe der Mutter „in den Misthaufen stecken" eine 
ursprüngliche Wunschbefriedigung, und zwar den analerotisch 
gefärbten Inzest. 

Diese in der frühesten Jugend erlernte Erotisierung der Ge- 
wissensansprüche wurde dann für ihn in seinem ganzen Leben 
zur Lösung von Gewissenskonflikten vorbildlich. Von einer für 
seine ganze spätere Entwicklung entscheidenden Wirkung war 
der Tod des Vaters. Die nach diesem Ereignis auftretenden 
schweren Schuldgefühle boten ihm die erste großartige Gelegen- 
heit dazu, den infantilen Mechanismus der Erotisierung der Ge- 
wissensansprüche anzuwenden. Erst von diesem Zeitpunkt an 
kann man eigentlich den Anfang seines Masochismus rechnen. 
Der Gewissenskonflikt nach dem Tode des Vaters wird nach dem- 
selben Muster gelöst wie der frühinfantile Konflikt bei der Rein- 
lichkeitsdressur. Das Strafbedürfnis, das bei der Realisierung des 
Todeswunsches gegen den Vater, bei dessen Tode, so mächtig 
wurde, fand seine Befriedigung in den masochisti sehen Phan- 
tasien. Die Strenge der Mutter förderte nur diesen Prozeß. Für 
die Todeswünsche gegen den Vater suchte er die Strafe bei der 
Mutter, benützte jedoch diese Strafen gleichzeitig zum passiven 
analerotiseh gefärbten Lustgewinn. So bilden die Strafphantasien, 
daß die Mutter ihn in den Misthaufen steckt, eine neue Belebung 
der realen „Kaminstrafe" der Kindheit und die Grundlage der 
späteren Perversion, in der das Sich-Beschmutzen eine so vor- 
nehme RoUe spielt. 

Es ist deutlich zu sehen, daß in der masochisti sehen Beziehung 
zu der Mutter gleichzeitig die passiv-homosexuellen Wünsche 
zum Vater, die imter dem Drucke des Schuldgefühls nach dem 
Tode des Vaters so mächtig anwachsen, enthalten sind. Eine 

168 



Reihe von Träumen zeigte uns in zweifelloser Klarheit, daß seine 
passiv-homosexxiellen Wünsche, die eine stark masochistische 
Färbung hatten, von dem Manne auf die Frau, auf die strenge 
Herrin — die nichts anderes als ein maskierter Mann ist — 
Übertragen wurden. Doch den trefEHchsten Beweis für die Richtig- 
keit dieser Auffassung liefert seine trän svestiti sehe Neigimg. Er 
ist ja nicht der Sklave, sondern die Sklavin der Frau. Es ist 
daraus klar ersichtlich, daß die masochistische Beziehung zur 
Frau gleichzeitig die feminine Rolle bedeutet. Seine Perversion 
bedeutet also eine gleichzeitige Befriedigung erstens des Straf- 
bedürfnisses, das aus dem Vaterkonflikt stammt, — daher die maso- 
chistische Färbiuig, — zweitens der passiv-homosexuellen Wünsche, 
— daher der Transvestitismus, — drittens der frühinfantilen anal- 
erotischen Tendenzen. Die Genese dieser Perversion im groben 
Durchschnitt ist also etwa die folgende: Eine stark analerotische 
Disposition (— Vorherrschen der passiven Bestrebungen — ), 
welche zu einem überaus stark passiv-homosexuell gefärbten Aus- 
gang des Ödipuskomplexes führt. Der Tod des Vaters erfolgt 
gerade in der Zeit der Bildung des invertierten Ödipuskomplexes, 
in jener Zeit, wo die starken Schuldgefühle gegen den Vater 
die femininen Bestrebungen sowieso begünstigen. Ein noch 
stärkeres Anwachsen der Schuldgefühle ist die Folge des Todes- 
falles und als Reaktion darauf eine weitere Verstärkung der 
passiv-femininen Wünsche. Die strenge Mutter, anscheinend mit 
manifest-sadistischen Charakterzügen, begünstigt die Übertragung 
der passiven und masochistischen Wünsche auf ihre Person. 
Auch die Schuldgefühle gegenüber der Mutter, die in den 
femininen Bestrebungen zum Vater Rivalin geworden ist, fordern 
diese Verschiebung. 

. Doch nicht die gesamte Genese des Masochismus ist die Frage, 
die uns jetzt interessiert. Wir haben in diesem Fall ein glänzendes 
Beispiel für die Triebmischung. Die ursprünglich sadistischen 
Gewissensansprüche mit einer vorwiegend destruktiven Trieb- 
grundlage werden erotisiert oder genauer: passiv sexualisiert. Aus 
der Mischung des Sadismus des Gewissens mit den passiv-femininen 
Bestrebungen des Ichs entsteht als Ergebnis der Masochismus. 
Die transvestitische Neigung verrat die passiv-feminine erotische 

169 



Komponente — das Strafzeremoniell, das Sklavenspielen stammt 
aus dem Sadismus des Gewissens, aus dem Destruktionstrieb. 

Das spätere Schicksal dieses Menschen zeigte mir dann, wie 
wichtig; für seine Existenz die Erotisierung; des grausamen Ge- 
wissens war, wodurch es wenigstens relativ harmlos wurde. lu 
seinem verzweifelten Kampf gegen seine Perversion hatte er vor 
seiner Analyse zwei überaus bezeichnende Versuche gemacht, um 
sein Triebgleichgewicht ohne Ausübung der Perversion herzu- 
stellen. Beide Versuche gefährdeten seine gesamte Existenz. Der 
erste war, daß er in einen Orden eintrat und sich den grausamen 
Selbstzüchtigungen unterwarf, die bei jenem Orden vorgeschrieben 
sind. So gelang es ihm jahrelang, ohne sinnlich masochistische 
Befriedigungen und Phantasien auszukommen. Die Gewissens- 
ansprüche wurden nun fast ohne erotische Beimischung nackt 
sadistisch durch Fasten, durch ständiges Schweigegebot, in blutigen 
Selbstzüchtigungen und in den seelischen Demütigimgen vor den 
Vorgesemen befriedigt. Den einzigen Trost bildete die Möglich- 
keit einer analerotischen Befriedigung der Tendenzen nach Sich- 
Beschmutzen, da die Einschränkung des Waschens, des Wasche- 
wechselns zu den Vorschriften des Ordens gehört. 

Der zweite Versuch war eine phantastische Mission in eine 
der wildesten und unzivilisiertesten Gegenden der Erde. Die 
Lebensgefahren, die Einschränkungen dieser selbst auferlegten 
Exiljahre traten hier an die Stelle der Perversion. 

Es ist deuthch sichtbar, daß in der sexuellen Perversion die 
Grausamkeit der gegen das eigene Selbst gerichteten Tendenzen 
durch die erotische Beimischung bedeutend abgeschwächt ist. 
Wird dem Gewissen diese erotische Beimischung versagt, so tritt 
seine zerstörende Wirkimg nackt hervor imd gefährdet das ge- 
samte Leben des Menschen. Die Perversion ist also ein natür- 
licher Schutz gegen die Grausamkeit des Über-Ichs. Diu-ch die 
Sexualisierung der Gewissenstendenzen wird ihre selbstzerstörende 
Wirkung auf das Gebiet der Sexualität beschränkt, in die Be- 
ziehungen zu der Frau eingekapselt, doch wird die übrige Per- 
sönlichkeit von der Destruktion verschont. In den Zeiten, in denen 
er seinen perversen Neigungen nicht nachgab, mußte die Ab- 
leitung der Selbstzerstörungstendenzen auf anderen Bahnen er- 



170 



folgen. In diesem Falle haben wir eine experimentelle Bestätigung 
für die Annahme von Freud, daß der Masochismus in allen 
seinen Formen als die Erotisierung des gegen die eigene Person 
gewendeten Destruktionstriebes, der sich in den Grausamkeiten 
des Über-Ichs zeigt, aufzufassen ist. Wir haben hier ein selten 
deutliches Beispiel dafür, wie sich die masochistische Perversion 
durch Entliehung von erotischen Quantitäten in moralischen 
Masochismus umwandeln kann und umgekehrt. 

So dürfen wir also in diesem Falle die Erotisierung der Ge- 
wissensansprüche in der Form der masochis tischen Perversion als 
einen Selbstheilungsversuch auffassen, als den Heilungsversuch 
gegen eine Krankheit, die bei dem Tode des Vaters einsetzte. 



PSYCHOANALYTISCHES LESEBUCH 
Multatuli über Geschlechtstrieb und Hysterie 

Wir verkennen andauernd den Wert des stärksten Hebels, der zu allen 
Zeiten Mensch und Menschheit in Bewegung brachte. Diese verhängnis- 
volle Verrenkung der Wahrheit offenbart sich nicht allein in rugativcn 
Folgen, sondern schleppt hestitnmt das Übel nach sich. Der horror vacui, 
der in der sittlichen Welt sowohl wie in der stofflichen besteht, bewirkt 
Erscheinungen, die allergünstigst einwirken auf die Füllung von Kirclun 
Klöstern, Zuchthäusern^ Irrenanstalten und noch anderen Etablissements^ 
öffentlicher Art. Diese Einrichtungen verdanken seit Jahrhunderten ihre 
Blüte nicht dem lieben Geschlechtstrieb, sondern just der abscheulichen 
Schwächung und Verstümmelung des Geschlechtstriebes, nicht der Hysterie, 
sondern verkehrt geleiteter Hysterie . , . gelenkter oder zur Unzeit ge- 
schwächter Geschlechtstrieb leitet zu allem, selbst zum Widerwillen gegen 
Wollust zu etwas also, das dem oberflächlichen Beschauer als Keuschheit 
erscheint. Und niemand ist weniger imstande, als die Schlachtopfer selbst, 
all diese Ungereimtheit zu erklären. Ihr Trübsinn, ihre Freude, ihre Angst, 
ihr Wünschen, ihr Gehen, Kommen, Liegen, Sitzen, — alles ist ihnen 
selbst ein Rätsel. Sie unterliegen dem Einßusse einer unbekannten Macht, 
die keine Rechenschaft gibt von ihrer Willkür. 



171 



Der Irrtum des Pestalozzi' 



Von 



Dr. Siegfried Bernfeld 

Aus dem Pestalozzi-Heft der 
„Zeitschrift für psychoana- 
Ijrtische Pädagogik". 

Wenige Jahre vor seinem Tode — im hohen Greisen- 
alter — nach der Katastrophe von Yverdon, der vierten 
seines pädagogischen Wirkens, erkennt Pestalozzi, dieses über- 
schauend, daß er z^war immer das gleiche große Ziel verfolgt 
aber immer in den Mitteln geirrt habe, mit denen er es zu 
erreichen hoffte. Dieser Irrtum des Pestalozzi ist von be- 
trächtlichem historischen Interesse, ihm allein ist es zu danken 
daß Pestalozzis Name mit der Geschichte der Volksschule' 
als ihrem Gründer, verknüpft wurde. Pestalozzi hat beinahe 
nichts von dem gewollt, was als Methode oder Organisations- 
form seine „Schöpfung" heute (oder gestern) charakterisiert. 
Er war durchaus und sein Leben lang ein leidenschaftlicher 
Gegner und Bekämpfer von bemahe allem, was Volksschule 
heißt, deren Gründer er doch geworden ist. Es handelt sich 
aber nicht etwa darum, daß eine geniale Konzeption von 
Schülern und Nachfolgern verdorben wurde, dies wäre eine 
wenig verwunderHche Erscheinung, sondern es ist ein durch- 
aus anderes, grundsätzUch konträres GebUde, das als Ver- 
wirklichung der Pestalozzischen Ideale hingesteUt wurde. Und 
das psychologische Interesse erweckt der Umstand, daß Pesta- 
lozzi an diesem Wechselbalg nicht unschuldig ist. Er hatte 
sich geirrt. Diesem Irrtum entstammt alles WesentUche der 
Unterrichtslehre, der Didaktik, also der größte TeU heutiger 
Pädagogik. Pestalozzis Irrtum lebt; seine eigentliche Idee ist 
heute noch keineswegs allgemeine anerkannte Forderung, Wir 
können schwer glauben, daß der zufällige Irrtum eines genialen 
Mannes der Pädagogik für loo ja auch mehr Jahre die Prä- 
gung verheh. Es muß etwas Notwendiges, psychologisch 
Gesetzmäßiges hinter ihm stehen — das andeutungsweise zu 
entwickeln, der Zweck der folgenden Seiten sei. 



173 



I 



i 



Dreierlei hat Pestalozzi geschaffen — er gründete mehr- 
mals Erziehungsanstalten eines besonderen, wenn auch nicht 
absolut neuartigen, Typus. Er entwarf zur Förderung der 
Volksbildung Prinzipien der Elementarbildung und Methoden, 
sie zu erreichen, verfaßte, billigte, regte an: Lehrbücher und 
Behelfe, die Bestandteile dieser Methode sind. Er propagierte 
unermüdlich, leidenschaftlich und sehr erfolgreich die Not- 
wendigkeit der Umgestaltung des Erziehungswesens und schuf 
eine lebhafte Bewegung zugunsten dieses Zieles. 

In seinen didaktischen Bemühungen war er objektiv sehr 
erfolgreich. Sie setzen sich heute noch, merklich von ihm 
beeinflußt, fort. Als Agitator und Schriftsteller war er bei- 
spiellos erfolgreich, seine Erfolge kamen nachhaltig den didak- 
tischen Bemühungen zugute. Er scheiterte objektiv als Anstalts- 
gründer. Stans und Burgdorf mußte er aus äußeren Gründen 
verlassen (Revolutions-, Kriegs- und Regierungsfolgen), aus 
Münchenbuchsee wich er einem stärkeren Gründer, Fellen- 
berg, Neuhof, der erste Versuch, und Yverdon, der letzte, 
scheiterten als Katastrophe aus inneren Gründen, aus seinen 
eigenen „Fehlem und Irrtümern , gesteht er freimütig. 

Pestalozzis „Schwanengesang" w^ertet diese seine Bemü- 
hungen und Erfolge eines langen, leidensreichen und tätigen 
Lebens in vollem Widerspruch zu den objektiven, hand- 
greiflichen Erfolgen. Er verwirft seine Didaktik als Irrtum, 
ungenügenden Ausdruck seines eigentlichen WoUens. Er schätzt 
seine agitatorischen Erfolge, aber sie unterstützten den falschen 
Weg. Er beharrt beim Anstaltsgründen. Eben dies war das 
Richtige. Er will es nun zielbewußter, auf den ursprüng- 
lichen Bahnen, mit zulänglicheren Mitteln, neu aufnehmen, 
zum fünften Mal. Er starb über diesem tatsächlich begonnenen 
Versuch, noch einmal eine Armenanstalt zu gründen. 

Die Katastrophe von Neuhof hatte andere Gründe wie 
die von Yverdon. In Neuhof hatte Pestalozzi riesenhafte Pläne 
mit unzulänglichen Mitteln verwirkliclien wollen, eine Auf- 
gabe übernommen, der er innerlich nicht gewachsen war : 
er verstand nichts von Ökonomie, weder landwirtschafthcher 
noch kaufmännischer, noch finanzieller, und war unfähig, sie 



173 



zu lernen, ja, sie nur einzusehen, und wollte doch ein land- 
wirtschaftlich-industrieUes Unternehmen gründen, mit dem 
die Erziehung von ärmsten Kindern verknüpft werden sollte. 
Er war weit entfernt davon, Organisator zu sein, und mußte 
scheitern, als Bankrotteur. Ihm fehlte alle „Regierungs- 
gewalt , wie er selbst sagte. An „Regierungsgewalt" fehlte 
es auch in Yverdon. Aber doch an einer anderen Nu- 
ance davon. Yverdon prosperierte. Und wenn die Schule 
in den letzten Jahren schlechter stand, so war daran nicht 
so sehr die Kluft zwischen Pestalozzis Plänen und seinen 
organisatorischen Fähigkeiten schuld, sondern der Rückgang 
war von den inneren Spaltungen und vom „Unfrieden im 
eigenen Hause" verschuldet. Es gelang Pestalozzi nicht, die 
Lehrer zu einer friedlichen Körperschaft zusammenzubinden- 
es gelang nicht, bei ihnen seine Idee einer Anstalt durch- 
zusetzen. Es fehlte gewiß an Regierungsgewalt, aber über 
die Menschen, die ihm ergehen waren, nicht über Geldleute 
Maurer und Haushaltungsbücher - wie in Keuhof. Und 
diese fehlende Regierungsgewalt rührte daher, daß Pestalozzi 
seihst die didaktisch-pädagogischen Methoden der Schmid 
i\iederer, Krüßi usw. jahrelang anerkannte und förderte, seine 
eigene Konzeption in sich hegte und erwartete, sie werde 
irgendwie aus dem Vorhandenen rein und klar entstehen 
Nicht daß Pestalozzi unfähig war, seine Pläne zu verwirk- 
Hchen, sondern daß er eine fremde VervdrkHchung jahre- 
lang als seine ansah — das ist sein Irrtum, ein für die Ge- 
schichte der Erziehung entscheidender Irrtum gewesen. 

Die Neuhofer Katastrophe, seine erste pädagogische Unter- 
nehmung und Katastrophe, war nicht die erste seines Lebens. 
Es sind ihr zwei Ehrgeizkatastrophen vorausgegangen. I^ 
Zürich, als junger Mann, gehörte Pestalozzi zu den imruhigen 
revolutionären Köpfen. So wenig deutlich er sich über seine 
damaligen Pläne ausspricht, ist doch gewiß, daß er eine 
politische Laufbahn, würden wir heute sagen, in Aussicht 
genommeil hatte: Ruhm, Gewalt, im StaJt- oder Staatsmaß- 
stab menschenfreundliche Reformen durchzuführen. 

Polizei Verfolgungen gegen den Kreis junger Männer, denen 

174 



:^^ 



L 



er angehörte, der Tod seines Freundes Bluntschli, des politi- 
schen Vorbilds Pestalozzis, markieren die Katastrophe. Am 
Sterbebette des Freundes erhielt er als dessen Testament: 

„Pestalozzi! ich sterbe, und du, für dich selbst gelassen, 
. . . suche eine ruhige, stille Laufbahn und lasse dich, ohne 
einen Mann an deiner Seite zu haben, der dir mit ruhiger, 
kaltblütiger Menschen- und Sachkenntnis mit zuverlässiger 
Treue beisteht, auf keine Art in ein weitführendes Unter- 
nehmen ein ..." 

Und Pestalozzi verzichtete auf die Wirksamkeit in der 
großen Welt. Er wird Landwirt, zur Verbesserung der Land- 
wirtschaft in Heimat und Welt beizutragen. Er unternimmt 
sein Studium, mit jenen Absichten und Idealen, die er später 
im Walten der ehrenhaften Amtmänner und edlen Herren 
geschildert hat. Und muß auch hier katastrophal abschließen. 
Aus diesem zweiten Zusammenbruch entsteht die Idee der 
Armenanstalt auf dem Neuhof. In der großen Weit gescheitert, 

als Politiker, als großer Landwirt, — wendet er sich der 

kleinen Welt zu, den Kindern, einen Kinderkanton zu regieren, 
■wenn der Erwachsenenkanton verschlosen, das Herrengut ver- 
nichtet ist. Aber diese Regierung soll vorbildlich für die 
Menschheit werden, soll die Armut in der ganzen Mensch- 
heit aus tiefstem Elend retten. Diese Rettung und der Welt- 
ruhm, der mit ihr verknüpft ist, war ein starkes, freilich 
nicht immer so eingestandenes Motiv, all seines Wirkens. Die 
Kinder waren ihm das letzte, nicht das ursprüngliche Objekt 
der Rettung, dem er sich zuwandte, weil die Rettungs- 
phantasie an anderen Objekten gescheitert war. Und diese 
Rettung sollte der Weg zum Ruhm sein. Durch die Be- 
scheidenheit, ja Demut von Pestalozzis bewußtem tmd wirk- 
lichem Verhalten scheint dieses zurückgedrängte Motiv deutlich 
senus durch, wenn er immer wieder sagt, er habe keine 
besonderen Verdienste, er sei bloß das Werkzeug der Vor- 
sehung. Aber eben dies ist ungeheuer viel: Werkzeug der 
Vorsehung sein, es ist beinahe so viel, als die Vorsehung 
selbst sein. In diesem Element seiner Triebstruktur liegt die 
Gefahr beschlossen, daß Pestalozzi Gedanken und Institutionenj 



175 



die ihm Aufmerksamkeit, Bestäti^ng und Ruhm brachten, 
zu folgen geneigt war, um ihretwillen zurückstellte, vergaß 
und opferte, was ein EigentHches war. Das Jahrzehnt um 
1800 brauchte die Didaktik, in seinen Ideen war auch ein 
Stück Didaktik. Er folgte der Linie der größten Ruhmes- 
chance, beging Fehler und Irrtum und geriet in Konflikt 
mit der Rettungsphantasie. Nun war er berühmt, aber die 
armen Kinder waren nach wie vor in Elend, Dummheit 
und Schmutz. 

Aber diese Verursachixng des Irrtums aus den wider- 
streitenden Ichzielen, aus dem mächtig nach Befriedio-une 
drängenden Ehrgeiz, findet ihre tiefere Begründung in den 
Triebkonflikten, die aus Pestalozzis Leben zu erschheßen sind 
Pestalozzi liebte die Kinder. Und wurde leidenschaftlich von 
ihnen gehebt. Es bedarf hiefür keines Quellennachweises. 
Aber wir haben zu beachten, daß diese Liebe und die Gehren- 
liebe erst in der Zeit zwischen Neuhof und Stans, in^der 
„Lienhard und Gertrud" gedichtet wurde, entsUnd. In Neu- 
hof ist er noch recht ungeduldig, ungleichmäßig mit den 
Kindern, er schlägt sie sogar gelegentHch, und die Kinder 
tun ihm allerhand Bosheit und Schmerz an, folgen keines- 
wegs regelmäßig. Die Beziehungen sind beiderseits ein wenig 
unstet und zuweilen gereizt. In Stans erwacht seine strömende, 
hingebende, opfernde Liebe zu den Kindern, die mütterliche 
Betreuung, die ihren Körper und Geist gleicherweise meint. 
Die Kinder antworten mit zärtlicher Liebe, die Pestalozzi 
zärtlich beantwortet. Es war die glücklichste Zeit seines 
Lebens. Diese Schule in Stans war weit entfernt davon eine 
„Schule" zu sein. Pestalozzi selbst ein Bettler, verwahrlost 
schmutzig, ungebildet, bedürfnislos, lebt in einem engen Haus 
(ohne oder fast ohne Gehilfen) mit einigen Dutzend Bett 1 
kindem, ihre körperlichen Bedürfnisse bewachend lieb rl 
geliebt und auch unterrichtend — eine Mutter mit \h ' 

Kleinen. Und hier entstanden seine ersten Gedanken über 

Elementarbildung, so handfeste für jeden Unterricht gültige 
Gedanken wie: Anschauung, Aufstieg vom Einfachen zum 
Komplizierten, — • sie entstanden unter dem Freudenrausch, 

176 



in ihnen liege Weltbewegendes, mit der deutlichen Tendenz, 
die armen Kinder zu retten (aus Elend und Unwissenheit). 
Aus dieser Zeit stammt seine Milde, Liebe, die er, nicht nur 
gegen Kinder, sondern auch gegen die Erwachsenen zeit- 
lebens geübt zu haben, als Greis bedauert, und die in der 
kleinbürgerlichen Schulmeisterlegende aus Pestalozzi den Heros 
makelloser Menschenliebe gemacht hat. 

Zwischen diesen beiden Entwicklungsstufen der Liebe 
Pestalozzis zu Kindern liegt die furchtbare Elendszeit, Leidens- 
zeit nach dem endgültigen Zusammenbruch der Neuhofer 
Unternehmungen, in der er völlig verarmt, von Allen als 
Narr und Irrenhaus- oder Armenhauskandidat verlacht, von 
seinen Freunden als hoffnungsloser Phantast, als ewiges Kind 
verlassen, lebte, von dem Schuldgefühl niedergedrückt, durch 
seine Unfähigkeit die Gattin — angesehene wohlhabende 
Züricher Bürgerstochter — ökonomisch zugrunde gerichtet 
zu haben, und ihr Leidensquell zu sein. In dieser Verfassung 
schrieb er „Lienhard und Gertrud . Ohne Plan, ohne Be- 
wußtsein, maßlos erstaunt, v^relche Ziele, Ideale, Zustands- 
kenntnisse er in seinem Unbewußten aufbewahrt hatte. Aber 
er erkannte dieses Buch als den klaren Ausdruck dessen, 
was er seit je gewollt und gedacht hatte. Dieses Buch ist 
Pestalozzis Peripetie. Er selbst sind: die armen Kinder, armen 
Bauern. So war er nach der Neuhofer Katastrophe, und 
diesen wird Heil durch Gertrud, die ideale Mutter und durch 
edeldenkende Männer, den idealen Vater. Der Gedanke des 
Buches ist: Rettung, Erlösung der Kindheit, der Menschheit, 
durch die ideale Mutter in der Wohnstube. (Der Vater bleibt 
blaß, doch gefordert.) Nach der Generalversagung, die die 
Wirklichkeit Pestalozzi zufügte, zog sich all sein Denken und 
Wünschen, und die Libido, die beides treibt, von dieser 
harten Versagerin zurück. Eine hoffnungslose Leere, Trauer 
und Niedergeschlagenheit hatte ihn erfaßt. Aber unbewußt 
wurde die Kindheit belebt : Des kleinen Pestalozzi Wohn- 
stube, in der er verwöhnt und verzärtelt von Mutter und 
Kinderfrau doppelt Liebe genossen hatte, dreifach, nachdem 
der, übrigens keineswegs edel denkende Vater, früh aus 



t3 



177 



Pestalozzis Leben geschieden war. Aber natürlich war es 
nicht die Erinnerung an seine Kinderwohnstube, die ihm 
bewußt wurde, denn die Lustsituationen, die sie bot, waren 
der Verdrängung verfallen und Vorwürfe gegen die Eltern 
blockierten die Erinnerungen, die verbotenen Befriedigungen, 
Sondern die unbewußte Wunschphantasie nach der Rückkehr 
in die früheste Kindheit kam unbearbeitet in ein pädagogi- 
sches Programm — so unvermittelt und vollständig, wie nur 
jahrelang unbewußt gesponnene Tagträume bei geeignetem 
Anlaß bew^ußt w^erden — als Dichtung ins Bew^ußtsein : -vri^ 
Eltern sein müßten, damit man schuld- und vorwurfsfrei 
ihren Schutz und ihre Liebe genießen könnte. In „Lienhard 
und Gertrud" gelang die völlige Verarbeitung der kompli- 
zierten Situation, indem er sich in den Kindern und den 
Armen darstellt, Mutter und Vater idealisiert, von Vorwürfen 
befreit. In Stans reahsiert er diese Phantasie. Er wird Gertrud 
und ist nun beides: identifiziert mit dem armen Kind und seiner 
Retterin — so rettet er die Menschheit und gewinnt Ruhm. 
In Stans wird er liebesfahig. W^o sind die feindseligen 
Strebungen, die sich in Revolution, Machtstreben, Ehrgeiz, 
in jener ungleichmäßigen Gereiztheit gegen die Kinder, in 
dem Leiden, das er seiner Gattin bereitete, äußerten? Sie 
haben vor Stans eine gigantische Befriedigung erfahren. Es 
sind Ströme von Tränen des Schmerzes und der Rühruns 
um die Armut (um Pestalozzi heißt das) in ganz Europa ge- 
flossen. Pestalozzis Volksbuch wurde weltberühmt als Quelle 
der Rührung, die das Bürgertum seiner Zeit so sehr liebte. 
Es soll nicht behauptet sein, daß mit dieser Bemerkung das 
psychologisch ästhetische Problem der Rührung erschöpft ist 
daß aber der Autor eines rührenden Buches Menschen weinen 
macht, weinen um ihn, ist ein Stück der Lösung dieses 
Problems. Der Vorwurf gegen die Eltern auf die Menschheit 
verallgemeinert, ist bei Pestalozzi über das Grab hinaus ver- 
ewdgt worden. Als Grabinschrift wünschte er sich: „Auf 
seinem Grab wird eine Rose blühen, deren Anblick Augen 
weinen machen wird, die bei seinem Leiden trocken ge- 
blieben." . >a^., 



178 



Die frühen Konflikte des Kindes Pestalozzi können ohne 
ausführliche Material wiedergäbe nicht glaubhaft dargestellt 
■werden, sie müssen in diesem Aufsatz unterbleiben. Doch 
gerade der für uns wichtigste Punkt gehört in die gesicherten 
Ergebnisse psychoanalytischer Kinderpsychologie. Wir dürfen 
beim Zusammentreffen einer ganzen Reihe bestimmter Sym- 
ptome mit größter Wahrscheinlichkeit über ihre Verursachung 
Konkretes vermuten. Ein Kind, das zwanghaftes Grübeln (bei 
geringer Leichtigkeit des Erwerbes verstandesmäßiger Resultate 
vmd vorwiegend originellen Phantasien) verbindet mit kompli- 
zierten Vorwürfen gegen die Eltern, hat gewiß Schiffbruch 
erlitten bei seiner infantilen Sexualforschung. Es hat allen 
Grund, den Eltern zu grollen, sie haben seine Neugier nicht 
genug befriedigt, es in den w^esentHchen Dingen nicht ge- 
nügend gelehrt, gebildet. Weist ein solches Kind noch Züge 
des Widerspruchs gegen die häusliche früheste Erziehung 
auf, läßt es also z. B. an Reinlichkeit und Ordnung fehlen, 
und widersetzt sich dem Schulunterricht, als Anzeichen dessen 
es bei bester Intelligenz eigenwillige Lücken der Bildung auf- 
weist, z. B. Unfähigkeit zur Orthographie, so wird diese 
Diagnose zur höchsten Wahrscheinlichkeit. Der Pädagoge 
Pestalozzi bot zeitlebens das Bild dieses höchst unschulmeister- 
lichen Ensembles von Charaktereigenschaften. Darum ist die 
Mutter seines pädagogischen Ideals — offenbar das Wunsch- 
bild der wirklichen — so sehr zentral die Unterrichterin. 
Und Pestalozzi- Gertrud in Stans bemüht sich innerhalb der 
Liebesbeziehung der idealen Mutter zu den Kindern diesen 
aufklärend unterrichtlichen Inhalt zentral (in der Ideologie 
wenigstens) zu geben. Hier sind die unbewußten Motive für 
Pestalozzis Schöpfung: die Didaktik. (Vielleicht ist es nicht 
unnötig zu bemerken: daß diese Schöpfung solchen Erfolg 
über ein Jahrhundert hinaus hatte, ist ein soziales Faktum, 
also nicht erklärbar aus den psychologischen Motiven ihres 
Schöpfers, sondern aus der gesellschaftlichen Situation, in der 
sie erfolgte. Es ist die Zeit, in der das Bürgertum in Frankreich 
die Macht ergriff, in Deutschland die Revolution vorbereitete, 
es kämpfte um seine Schule, die „allgemeine Volksschule".) 



la* 



■^79 



Aber Pestalozzi bewertete sie als Irrtum. Der Unterricht 
ist nicht der ganze Inhalt seiner Rettungsbestrebungen gewesen. 
Stans war auch nicht die letzte Form, in der sich seine Liebe 
zu den Kindern äußerte. Yverdon sieht ihn nicht mehr als 
betreuende Mutter, die in innigster, dauernder körpemaher 
Gemeinschaft mit ihren Kindern vereint ist. Hier ist Pesta- 
lozzi von einer organisierten Masse umgeben, er regiert eine 
Kinderrepublik. Er liebt die Kinder mit gelegentlichen zärt- 
lichen Durchbrüchen; aber nicht mehr so direkt wie in Stans, 
Sie sind zu einer stark solidarischen Masse geworden, die 
ihren Führer- Vater Pestalozzi hebt, verehrt, sich nach seinem 
Bilde wandelt und erzieht. So war in den ersten Jahren 
Yverdon eher eine Schulgemeinde modernsten Typs als eine 
Volksschule. Ihre psychologische Struktur mag der Führer- 
gruppe entsprochen haben, die Freud in „Massenpsychologie" 
beschrieb. Ihre Voraussetzung ist Versagung, die von dem 
Führer ausgeht. Und eben das ist es, was fortschreitend von 
Burgdorf (nach Stans) bis zum Höhepunkt Yverdons an Pesta- 
lozzi zu bemerken ist. Er distanziert sich von den Kindern 
und widmet sich fortschreitend intensiver der Didaktik (und 
Propaganda), er zieht sich für lange Zeit, schließlich beinahe 
ganz, von den Kindern, dem wirklichen Schulleben zurück, 
läßt sich von Schmid verdrängen und widmet sich da erst 
recht der Didaktik und seinen philosophisch-grüblerischen 
Tendenzen. Er flieht vor den Kindern, seiner Liebe zu ihnen, 
ihrer Antwort. Er sieht die Umwandlungen in ihnen, die 
er bewirkt, er kann sich aber nicht gestehen, daß er ihre 
Ursache ist, seine Methode, nicht er bringt dies Heil. Die 
Lehrer lieben ihn nicht minder als die Schüler, unterwerfen 
sich ihm völlig, er nimmt diese Liebe an, erwidert sie zärtlich 
und zieht sich fortschreitend von ihnen ziurück. Übermächtig^ 

sind offenbar die verbotenen, verdrängten Liebestriebe der 
Kindheit. In der Muttergruppe mit Kindern vereint, droht 
ihr Durchbruch von beiden Seiten her, vom Kind Pestalozzi, 
das mit seinen Kameraden vereint ist, von der Mutter Gertrud- 
Pestalozzi, die Liebe gibt und also unter dem Gesetz der 
unbewußten Wünsche an den Zöglingen des Pestalozzi wieder- 



180 



holen müßte, was das Kind Pestalozzi von ihr gewünscht 
hatte. Vor diesen Ansprüchen zurückweichend, bietet sich der 
Unterricht als Kompromiß. Er ermöghcht das Festhalten an 
der pädagogischen Vereinigung, der Mutter mit den Kindern, 
Pestalozzis mit seinen Zöglingen, und verhindert jede außer- 
pädagogische Vereinigung, die an verdrängte, direkte Trieb- 
ziele rühren müßte. Sie ermöglicht schUeßlich die Aufrecht- 
erhaltung der unbescheidenen Bescheidenheit: nicht die Per- 
sönlichkeit Pestalozzis ist die Wunderschöpferin der Ver- 
wandlung der Kinder, sondern die Methode, die nun freilich 
von Pestalozzi erfunden wurde, der somit zum Werkzeug der 
Vorsehung erkoren wurde. Aber sie bleibt unbefriedigend. 
Objektiv: die Unterrichtsmethode leistet nicht, was sie ver- 
sprach, sie hat nicht die umwandelnde erzieherische Kraft, 
die Mutter Pestalozzi und Massenführer Pestalozzi ausübten. 
Siibjektiv: sie befriedigte nicht die verdrängten zwar, doch 
treibend lebendigen Kräfte, die nach Vereinigung mit Kindern 
in der pädagogischen Muttergruppe drängten. Sie ist ein 

Irrtum« 

Anläßlich dieser Untersuchung meine eigenen Anschauungen 

Über die „richtige" Erziehung zu entwickeln, ist weder zu- 
lässig noch möglich. Doch hat der Leser ein Recht darauf, 
den Ausweg aus diesem Dilemma zu sehen. Einerseits ist 
der Weg, den Pestalozä suchte, um die Triebwünsche in 
pädagogisch-rationales Tun zu sublimieren, und den die Ent- 
vsricklung unseres Erziehungswesens als den ihren aufgegriffen 
hat, der Unterricht, die Schule nach des Verfassers deutlich 
angespielter Memung nicht der richtige. Anderseite kann doch 
unmöglich das pädagogische Ideal die Herstellung einer infan- 
tuen Liebesgruppe, Erzieherkinder sein. Der Ausweg, den 
Pestalozzi zeitlebens gesucht, und den er oft genug gesehen, 
doch nicht festgehaUen hat, scheint mir in der Organisierung 
der Masse zu liegen, also etwa in dem, was mit dem Begriff 
der freien Schulgemeinde gegeben ist. Hier kann eine psycho- 
logische Situation geschaffen werden, die Umwandlung der 
Kinder ermöglicht, Unterricht nicht ausschließt, Vereinigung 
und Distanz (Triebbefriedigung und Zielablenkung) zugleich 

181 



mA 



erzeugt. Doch, so sehr es psychologische KonsteUationen waren, 
die Pestalozzi verhinderten, diese Schöpfung zu konsolidieren, 
liegt darin nicht seine „Schuld", die sozialen Voraussetzungen 
dieser Konzeption lagen nicht in der Zeit zwischen 1770 
und 1820, am wenigsten in dem Bürgertum, dem Pestalozzi 
angehörte. 



Der Schülerberater 

Von 

Dr. Oskar Pfister 

Pfarrer in Zürich 

Aus der „Zeitschrift für psycho- 
analytische Pädagogik" (jährlich 
12 Hefte, 10 M.). 

Die psychoanalytische Pädagogik lieferte den Nachweis, daß 
Tausenden von Schülern, die an schweren Noten leiden und in 
bedauerlicher Fehlentwicklung begriffen sind, durch geeignete 
Maßregeln geholfen werden kann, während man sie bisher ihrem 
traurigen Los rat- und hilflos überlassen mußte. Nicht nur pein- 
liche Krankheitssymptorae, sondern auch manche Charakterver- 
zerrungen, Mißbildungen des Intellektes, Fehler des Gefühls- und 
Willenslebens im allgemeinen oder in einzelnen Äußerungen wären 
hier zu nennen. Die neuen Rettungsmöglichkeiten werden ims zu 
hoher Freude emporheben. Allein dieses Glücksgefühl wird sofort 
gedämpft dmrch die Erfahrung, daß die ungeheure Mehrzahl der 
hilfsbedürftigen Kinder mit den Segnungen der analytischen Er- 
ziehung, die sie aus ihrem Siunpf zu ziehen imstande wäre, niemals 
in Berührung tritt. 

Wie viel seelisches Elend könnte beseitigt, wie manche drohende 
Fehlentwicklung oder Katastrophe vermieden werden, wenn die 
Schüler wüßten, an wen sie sich in ihrem Unglück wenden konnten 
um sachkundigen Beistand zu finden! Und welch ein gewaltiger 
Fortschritt wäre es, wenn ihnen bekannt wäre, daß man in un 
zähligen Fällen, imter denen sie leiden, erfolgreich zu h If 
vermag ! 



8sz 



I 



Man hat in neuerer Zeit allgemein begriffen, daß den jungen 
Leuten Berater für ernste Lebensentscheidungen zur Verfügung 
gestellt werden müssen. Aber gemäß dem materialistischen Zeit- 
geist dachte man nur an Berufsberatung, während das sehr viel 
Wichtigere, die Hilfe bei seelischen Schwierigkeiten, 
außer acht gelassen wurde. 

Allein, sollten nicht Eltern imd Lehrer ausreichende Berater 
sein? Tatsache ist, daß sie es nicht sind und in den meisten und 
schwierigeren Fällen einfach nicht sein können. Wir wissen, daß 
die psychoanalytische Pädagogik beispringen muß, wo die seeli- 
sche Not und Gefahr auf Verwicklungen im Unbewußten beruht; 
und dies ist zweifelsohne bei einer ungeheuer großen Zahl von 
Hilfsbedürftigen der Fall. ' 

Eine unübersehbare Schar von unglücklichen Schülern, denen 
nur mit Analyse zu helfen war, taucht vor mir auf, während ich 
diese Sätze niederschreibe. Da sind Arbeitsunfähige, innerlich 
durch schwere Hemmungen zerrissen, die für Faulpelze gehalten 
und als solche mißhandelt und schwer geschädigt werden; da sind 
Opfer übler sexueller Gewohnheiten, die mit unzweckmäßigen 
IVlitteln und schlecht beraten kämpfen und in immer tiefere Ver- 
zweiflung gepreßt werden; da sind sich minderwertig Fühlende, 
die als Stölzlinge verfolgt werden und sich in Menschenhaß ver- 
bohren; da sind Schwermütige, die mit sinkenden Kräften die 
hart niitgenommene Festung ihrer Seele gegen Selbstmordimpulse 
verteidigen; da sind Spötter und Zweifler, die das Banner des 
sittlichen Nihilismus über dem Grab ihrer edelsten Regungen 
aufpflanzen; da sind Introvertierte, die sich immer tiefer in die 
Höhle ihrer Wunschphantasien zurückziehen und der Wirklichkeit 
fremd werden, während ihre wertvollsten Kräfte versickern usw. 
Man müßte Bücher schreiben, um eine Beschreibung der häufigsten 
Schülerleiden, die dem Zwiespalt des Bewußten und Unbewußten 
entspringen, zu entwerfen. 

Einen gewaltigen Fortschritt bedeutet es, wenn den Schülern 
Gelegenheit geboten wäre, sich mit ihren Schwierigkeiten an 
einen sachkundigen, analytisch gründlich ausgebildeten Berater 
zu wenden, imd wenn auch die Lehrer, denen so viele schwierige 
Schüler unentwirrbare Rätsel bedeuten, sich bei ihm Rat holen 



183 



L 



könnten. Der Schülerberater, den wir den Schülern, Lehrern 
und Eltern wünschten, hätte große und ungemein segensreiche 
Aufgaben zu erfüllen: Er stellte sich den Schülern zur Verfügung 
m allen seelischen Schwierigkeiten, mit denen die jungen Leute 
nicht selbst fertig werden können, also etwa bei Lebensunlust, 
ätzendem Pessimismus, Haß gegen einzelne Menschen oder die 
ganze Menschheit, Ekel gegenüber dem Beruf, Willens Schwund, 
Bankerott der Ideale, Zwangslaster, sexuellen Nöten, Selbstver- 
achtung usw. usw. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie segens- 
reich man in solchen Fällen oft zu wirken vermag. 

Neben dem Idealfalle, daß der Schüler ganz von sich aus den 
Schülerberater in Anspruch nimmt, werden oft auch Lehrer oder 
Eltern den Zögling auf die Dienste dieses hilfsbereiten Mannes 
(es kann axich, namentlich bei Mädchen, eine Frau sein) auf- 
merksam machen. Niu: darf kein Druck oder gar Zwang aus- 
geübt werden. 

Die Beratung muß aber in der Regel nach analytischen Grund- 
sätzen erteilt werden. Mitunter kommt man ohne Analyse aus. 
Wo aber schwerere Verklemmungen vorliegen, muß eine regel- 
rechte analytische Behandlung, wenn auch oft in der Begrenzung, 
die ich in meiner „Psychanalytischen Methode"! zeigte, vor- 
genommen werden. Niemand leugnet, daß schon Kleinanalysen, 
wie sie Hans ZuUiger so meisterhaft schilderte, 2 überaus segens- 
reich wirken können und oft auf das ganze künftige Leben einen 
höchst wohltätigen Einfluß ausüben. Nur analytisch kann der 
Sitz der Schädigung aufgefunden und die Verwicklung beseitigt 
werden. Es wäre grausam, die zweckmäßige Richtung anzugeben 
wenn die unterschwelligen Bindungen doch nicht gestatten, dieses 
schöne Ziel zu erreichen. Der Berater wird deshalb notgedrungen 
zum Befreier und Seelsorger. Ich habe selbst sehr oft diese Arbeit 
übernommen und rechne sie zu den schönsten Erlebnissen meiner 
gesamten Tätigkeit. 

Daneben sorgte der Schülerberater dafür, daß unzweckmäßige 
Behandlung durch die Schule ausbliebe. Er verhinderte, daß z. B. 

1) 3. Aufl., J. Klinkhardt, Leipzig 1924. 

2) ZuUiger, Psychanalytische Erfahrungen aus der Volksschulpraxis; Aus 
dem unbewußten Seelenleben unserer Schuljugend. Beide bei Bircher, Bern. 

184 



^ i 



der pathologisch Zerstreute wie ein gewöhnlicher Faulenzer, der 
Kleptomane wie ein gemeiner Dieb, der Angstvolle wie ein Dumm- 
kopf behandelt würde. Er machte Lehrer, die durch Drohungen 
mit Durchfallen angstneurotische Schüler furchtbar schädigen, auf 
den Sachverhalt aufmerksam. Er klärte den Lehrer, der vom 
Schüler wegen seines Vaterhasses unmanierlich behandelt wurde, 
über die Ursachen dieses Verhaltens auf, so dai3 neues, durch Haß 
drohendes Unheil verhindert wurde. Bisher wurden fast allgemein 
edel beanlagte junge Leute, die durch ihre Neurose zu schweren 
Disziplinwidrigkeiten gezwungen wurden, wie gemeine Böswillige 
behandelt und oft aus der Schide in groi3es Elend hinausgestoßen. 
Der Schülerberater wird durch die Milde des heilenden Arztes 
retten, wo früher richterliche Strenge Unheil über einen einzelnen 
brachte, und größeres Unheil von der Gesamtheit abwenden. Er 
machte sich dadurch verdient, daß er nicht nur den Schüler, son- 
dern auch dem Lehrer seine Fehler liebevoll zeigte und sie über- 
winden lehrte, und der müßte doch ein armselig-er Wicht sein, 
dem solche Liebesdienste nicht willkommen wären. 

Und wie der Schülerberater zum Lehrerberater aufsteigt, so 
muß er auch ein Elternberater sein, der nicht nur in einmaliger 
Unterredung, sondern in andauernder Hilfeleistimg erzieherische 
Einsichten ausbreitete und an der Erziehimg der Erzieher arbeitete. 

Von nicht geringem Werte wäre die literarische Aufklärung 
diu-ch den Schülerberater. Es wäre überaus wertvoll, wenn das 
eine oder andere von ihm verfaßte Schriftchen oder Flugblatt, 
das in geraeinfaßlicher Weise über die psychologische Struktur 
der häufigsten seelischen Schülemöte aufklärte, allen Zöglingen 
in die Hand gegeben würde. Die Erkenntnis der Seele und die 
ethische Vertiefung konnten dabei kräftige Förderung erfahren. 

Damit der Schülerberater seine Wirksamkeit zweckmäßig aus- 
üben könne, muß seine Stellung zu Schülern und Schule sehr 
sorgfältig ausgebaut werden. Eigentlich wäre es das beste, wenn 
er in keinerlei offizieller Beziehung zur Schule stünde. Manche 
der gefährdetsten Schüler bringen allem, was zur Schule gehört, 
starkes Mißtrauen entgegen. Nichts verhindert denn auch die 
Wirksamkeit freier, von der Schule gänzlich imabhÖngiger Schüler- 
berater. Allein soll ein Helfer jedem, auch dem ärmsten Schüler, 



185 



L 



lur Verfügung: stehen, so wird er eben doch von der Schulbehörde 
bestimmt sein und besoldet werden müssen. Wo er gleichzeitig 
mehrere Schulen bedient, wird das Mißtrauen ihn weniger treffen, 
als wo er nur einer einzelnen Schule hilft. 

Folgende Grundsätze dienen dazu, die Gefabren der offiziellen 
Stellung zur Schule zu mildem: 

1. Der Schülerberater ist verpflichtet, über die Mitteilungen 
seiner Klienten völliges Schweigen zu bewahren. Die ärztliche 
und seelsorgerliche Schweigepflicht ist auch ihm Überbunden. 

Die Schüler müssen volle Gewähr dafür haben, daß ihre Ge- 
ständnisse nicht w ei terg;e tragen werden. Nur im Einverständnis 
mit dem Zögling darf ihr Berater vertrauliche Mitteilungen weiter- 
g;eben oder aus ihnen gezogene Schlüsse, z. B- Diagnosen und 
Prognosen, anderen Personen übermitteln. In dieser Beziehung- 
muß ihm eine noch weitergehende Diskretion ziir Pflicht gemacht 
werden, als dem Arzte. 

2. Die Besprechungen sollen nicht im Schulhause stattfinden. 

3. Der Schülerberater soll womöglich nicht dem Lehrkörper 
angehören. 

Wie weit das hier vorgeschlagene Amt mit anderen Funktionen 
verbunden werden kann, hängt von den besonderen Umständen 
ab. Bei großer Schülerzahl wird ein einzelner Mann nicht die 
ganze Arbeit bewältigen können. Da wird sich von selbst die Not- 
wendigkeit herausstellen, daß dem Erzieher, der in den vorliegenden 
Frkgen entschieden zuerst in Frage kommt, ein analytisch aus- 
gebildeter Arzt zur Seite treten wird, um ihm die krankhaften Fälle 
abzunehmen oder ihn bei solchen zuberaten. Auch die Berufsberatung 
läßt sich mit der pädagogischen Wegleitung verbinden; wissen wir 
doch, wie eng verkehrte Berufswahl und die Unfähigkeit zur Wahl 
eines Berufes, der den vorhandenen Kräften gut entspräche, mit 
Verklemmungen im Unbewußten zusammenhängen. 

Auf Einzelheiten einzugeben, scheint mir zu verfrüht. Allein 
es kann nicht bezweifelt werden, daß das Amt eines Schüler- 
beraters, von einem tüchtigen, analytisch gut ausgebildeten Er- 
zieher ausgeübt, sehr viel Segen stiften würde und vom idealen 
Wie vom materiellen Standpunkt aus zu begrüßen wäre. 



186 



Die Einleitung der Kinderanalyse 



von 



Anna Freud 

Der im Frühjahr 1927 erschienenen 
Schrifi von Anna Freud: „Einführung in 
die Technik der Kinderanalyse^, enthaltend 
vier am „Lehrinstitut der Wiener Psycho- 
analytischen Vereinigung''^ gehaltene Vor- 
träge, entnehmen wir das nachfolgende 
Bruchstück. 

Betrachten wir zuerst die analoge Situation beim erwach- 
senen Patienten. Ein Mensch fühlt sich durch irgendwelche 
Scliw^ierigkeiten in seinem, eigenen Innern in seiner Arbeit oder 
seinem Lebensgenuß gestört, gewinnt aus irgendeinem Grunde 
Zutrauen zur therapeutischen Kraft der Analyse oder zu einem 
bestimmten Analytiker und faßt den Entschluß, auf diesem 
Wege Heilung zu suchen. Ich weiß natürlich, daß die Sache 
auch nicht immer ganz so liegt. Nicht immer sind ausschließ- 
lich innere Schwierigkeiten der Anlaß zur Analyse, häufig 
erst die Zusammenstöße mit der Außenwelt, die sich aus 
ihnen ergeben. Auch der Entschluß wird nicht immer selb- 
ständig gefaßt, das Drängen von Verwandten oder sonst Nahe- 
stehenden spielt oft eine größere Rolle, als für die spätere 
Arbeit günstig ist. Auch das Zutrauen zur Analyse und zum 
Analytiker ist nicht immer bedeutend. Immerhin aber bleibt 
es die für die Behandlung erwünschte und ideale Situation, 
daß der Patient sich aus freiem Willen gegen ein Stück seines 
eigenen Seelenlebens mit dem Analytiker verbündet. 

Diese Lage der Dinge ist natürlich beim K.ind niemals zu 
finden. Der Entschluß zur Analyse geht nie von dem kleinen 
Patienten aus, sondern immer von den Eltern oder der sonstigen 
Umgebung. Das Kind wird nicht um sein Einverständnis ge- 
fragt. Würde man eine solche Frage an es stellen, hätte es 
auch gar keine Möglichkeit, ein Urteil zu fällen und eine 
Antwort zu finden. Der Analytiker ist ein Fremder, die Analyse 

187 



selbst etwas Unbekanntes. Was aber noch schwerer wiegt: 
auch das Leiden ist in vielen Fällen gar nicht das des Kindes, 
dieses spürt oft selbst gar nichts von einer Störung; nur seine 
Umgebung leidet unter seinen Symptomen oder Schlimmheits- 
ausbrüchen. So fehlt uns in der Situation des Kindes alles, 
was in der des Erwachsenen unentbehrlich erscheint: die 
Krankheitseinsicht, der freiwillige Entschluß und der Wille 
zur Heilung. 

Ich nehme nun zum Thema meiner ersten Vorlesung, Ihnen 
an sechs verschiedenen Fällen, im Alter zwischen dem sechsten 
und elften Lebensjahr zu zeigen, wie es mir gelungen ist, den 
kindlichen Patienten „analysierbar" im Sinne des Erwachsenen 
zu machen, d. h. eine Krankheitseinsicht in ihm herzustellen, ihm 
Zutrauen zur Analyse und zum Analytiker beizubringen und den 
Entschluß zur Analyse aus einem äußeren in einen inneren zu 
verw^andeln. Es ergibt sich mit dieser Aufgabe für die Kinder- 
analyse eine Zeit der Einleitung, die wir bei der Analyse des 
Erwachsenen nicht finden. Ich möchte betonen, daß alles, was 
wir in dieser Periode unternehmen, noch nichts mit wirk- 
licher analytischer Arbeit zu tun hat, d. h. von einer Bewußt- 
machung unbewußter Vorgänge oder einer analytischen Be- 
einflussung des Patienten ist hier noch nicht die Rede. Es 
handelt sich einfach um die Überführung eines bestimmten 
unerwünschten Zustandes in einen anderen erwünschten, mit 
allen Mitteln, die dem Erwachsenen einem Kinde gegenüber 
zu Gebote stehen. Diese Zeit der Vorbereitung — der „Dressur" 
zur Analyse könnte man eigentlich sagen — wird um so länger 
dauern, je weiter der ursprüngliche Zustand des Kindes von dem 
vorhin geschilderten des idealen erwachsenen Patienten ent- 
fernt ist. 

Sie dürfen sich eine solche Arbeit aber doch auch wieder 
nicht zu schwierig vorstellen, der Schritt, der getan werden 
soll, ist manchmal gar kein besonders großer. Ich denke hier 
an den Fall eines kleinen sechsjährigen Mädchens, das mir 
im vorigen Jahre zu einer dreiwöchigen Beobachtung über- 
geben wurde. Ich sollte feststellen, ob das schwierige, stille 
und unerfreuliche Wesen des Kindes die Folge mangelhafter 

188 



— - 



Anlagen und einer unbefriedigenden intellektuellen Entwick- 
lung sei oder ob es sich hier um ein besonders gehemmtes 
und verträumtes Kind handle. Ein näheres Zusehen ergab 
dann das Vorhandensein einer für dieses frühe Alter ungewöhn- 
lich schweren und umgrenzten Zwangsneurose bei höchster 
Intelligenz und schärfster Logik. Hier gestaltete sich die ganze 
Einleitung sehr einfach. Die Kleine kannte bereits zwei Kinder, 
die bei mir in Analyse waren, und kam das erstemal gemeinsam 
mit ihrer etwas älteren Freundin zur Stunde. Ich sprach nichts 
Besonderes mit ihr und ließ sie nur mit der fremden Um- 
gebung ein wenig vertraut werden. Das nächstemal, als ich 
sie allein hatte, machte ich den ersten Angriff. Ich sagte, sie 
wisse ja, warum ihre beiden Bekannten zu mir kämen, der 
eine, w^eil er nie die Wahrheit sagen konnte und sich das 
abgewöhnen w^oUte, die andere, w^eil sie so viel w^einte und 
schon selber darüber böse war. Ob man sie auch aus so einem 
Grunde zu mir geschickt hätte. Darauf sagte sie ganz gerade- 
heraus: «Ich habe einen Teufel in mir. Kann man den heraus- 
nehmen?'" Ich war im ersten Augenblick erstaunt über diese 
unerw^artete Antwort. Das könnte man schon, meinte ich dann, 
das sei aber keine leichte Arbeit. Und wenn ich das mit ihr 
versuchen sollte, so würde sie eine Menge Dinge tun müssen, 
die ihr gar nicht angenehm sein würden. (Ich meinte natür- 
lich : mir alles zu sagen.) Sie hatte einen Augenblick des ernst- 
haften Nachdenkens. „Wenn du mir sagst," erwiderte sie 
dann, „daß das die einzige Art ist, es zu machen, und es 
schnell zu machen, so wird es mir recht sein." Damit hatte 
sie sich aus freiem Entschluß auf die analytische Grundregel 
verpflichtet. Mehr verlangen wir ja auch von dem Erwach- 
senen zu Anfang nicht. Sie hatte aber auch für die Frage 
der Zeitdauer das volle Verständnis. Nachdem die drei Probe- 
wochen vorüber waren, waren die Eltern unschlüssig, ob sie 
sie bei mir in Analyse lassen oder auf andere Weise für sie 
sorgen sollten. Sie selbst aber war sehr beunruhigt, wollte 
die b ei mir erweckte Hoffnung auf Herstellimg nicht auf- 
geben und verlangte immer w^ieder dringend, ich sollte sie, 
wenn sie doch fort müßte, in den noch übrigen drei oder 

189 



vier Tagen von ihrem Teufel befreien. Ich versicherte, das 
sei unmöglich, brauche eine lange Zeit des Zusammenbleiben« . 
Mit Zahlen konnte ich ihr nichts begreiflich machen, denn 
sie hatte, obwohl dem Alter nach schon schulfähig, ihrer 
zahlreichen Hemmungen wegen noch keine Rechenkenntnisse. 
Darauf setzte sie sich auf den Boden nieder und zeigte auf 
das Muster meines Teppichs: „Braucht das so viele Tage," sagte 
sie, „vvie hier rote Punkte sind? Oder auch noch so viele 
dazu, wie hier grüne Punkte sind? Ich zeigte ihr die große 
Menge der notwendigen Stunden an der Hand der vielen 
kleinen Medaillons in meinem Teppichmuster. Sie begriff es 
vollkommen und tat bei der jetzt folgenden Entscheidung 
das ihrige dazu, die Eltern von der Notwendigkeit einer 
sehr langen Zusammenarbeit mit mir zu überzeugen. 

Sie werden sagen : hier war es die Schwere der Neurose 
die dem Analytiker die Arbeit so erleichtert hat. Aber ich 
meine, das wäre ein Irrtum. Ich führe Ihnen einen anderen 
Fall als Beispiel an, bei dem die Einleitung ähnlich verlaufen 
ist, obwohl von einer wirkHchen Neurose gar nicht die Rede 
sein konnte. 

Vor imgefähr zweieinhalb Jahren machte ich die analytische 
Bekanntschaft eines fast elfjährigen Mädchens, dessen Erzie- 
hung dem Elternhaus die größten Schwierigkeiten bereitete, 
Sie war aus dem wohlhabenden Wiener Mittelstand, die Ver- 
hältnisse im Hause aber wenig günstig, der Vater schwach 
und uninteressiert, die Mutter seit mehreren Jahren tot, das 
Verhältnis zu der zweiten Frau des Vaters und zu einem 
jüngeren Stiefbruder durch vielerlei Umstände gestört. Eine 
Anzahl von Diebstählen des Kindes und eine unendliche 
Serie von groben Lügen und kleineren und größeren Ver- 
tuschungen und Unaufrichtigkeiten hatten die Stiefmutter be- 
stimmt, sich auf Rat des Hausarztes an die Analyse um Hilfe 
zu wenden. Hier war die analytische Verabredung ebenso 
einfach. „Die Eltern können mit dir nichts anfangen, war 
die Grundlage der Vereinbarung, „mit ihrer Hilfe allein wirst 
du nie aus den ständigen Szenen und Konflikten herauskommen. 
Vielleicht versuchst du es einmal mit einem Fremden. Sie 



190 



nahm mich ohnew^eiters erst einmal als Bundesgenossen gegen 
die Eltern an, so wie die vorhin beschriebene kleine Zwangs- 
neurose als Bundesgenossen gegen ihren Teufel. Die Krank- 
heitseinsicht der Zwangsneurose war hier offenbar durch die 
Konfliktseinsicht ersetzt, der beiden gemeinsame wirksame 
Faktor aber das Maß des Leidens, das hier aus äui3eren, 
dort aus inneren Gründen entstanden war. Meine Handlungs- 
weise in diesem zweiten Fall war durchaus die Aichhorns 
im Verkehr mit seinen verwahrlosten Zöglingen aus der Für- 
sorgeerziehung. Der Fürsorgeerzieher, sagt Aichhorn, muß 
sich zu allererst auf die Seite des Verwahrlosten stellen und 
annehmen, daß dieser mit der Einstellung gegen seine Um- 
gebung recht hat. Nur so wird es ihm gelingen, mit seinem 
Zögling statt gegen ihn zu arbeiten. Ich möchte hier nur 
hervorheben , daß Aichhorns Stellung für diese Art der 
Arbeit vor der des Analytikers vieles voraus hat. Er ist von 
der Stadt oder vom Staate ermächtigt einzugreifen, und hat 
die Autorität des Amtes hinter sich. Der Analytiker dagegen 
ist, wie das Kind weiß, von den Eltern bezahlt und beauf- 
tragt, er gerät immer in eine schiefe Stellung, wenn er sich — 
selbst wenn es in deren Interesse ist — gegen seine Auftrag- 
geber wendet. Ich bin tatsächlich auch den Eltern dieses Rindes 
bei allen notwendigen Unterredungen nie anders als mit 
schlechtem Gewissen gegenübergesessen und die Analyse ist 
schließUch nach einigen W^ochen trotz bester innerer Bedin- 
gungen durch die Schuld dieses ungeklärten Verhältnisses an 
äußeren Dingen gescheitert. 

In diesen beiden Fällen waren jedenfalls die für den Be- 
ginn der wirklichen Analyse notwendigen Vorbedingungen: 
das Leidensgefühl, das Zutrauen und der Entschluß zur Analyse 
mit leichter Mühe zu schaffen. Machen wir jetzt einen Sprung 
zu dem anderen Extrem, einem Fall, bei dem von diesen drei 
Faktoren keiner vorhanden w^ar. 

Es handelte sich dabei um einen zehnjährigen Knaben mit 
einem unklaren Gemenge vieler Ängste, Nervositäten, Uu- 
aufrichtigkeiten und kindlichen perversen Handlungen. Ver- 
schiedene kleinere und ein größerer Diebstahl waren in den 



191 



letzten Jahren vorgefallen. Der Konflikt mit dem Elternhaus 
■war kein offener, bewußter, auch von einer Einsicht in seinen 
ganzen unerfreulichen Zustand oder einem Wimsch, ihn zu 
ändern, war auf der Oberfläche nichts zu finden. Seine Haltung 
gegen mich war durchaus ablehnend und mißtrauisch, sein 
ganzes Bestreben darauf gerichtet, seine sexuellen Geheimnisse 
vor der Entdeckung zu schützen. Hier konnte ich keine der beiden 
Handhaben gebrauchen, die sich in den beiden anderen Fällen 
als so verwendbar erwiesen hatten. Weder konnte ich mich 
mit seinem bewußten Ich gegen einen davon abgespaltenen 
Teil seines Wesens verbünden, denn von einer solchen Ab- 
spaltung war ihm gar nichts fühlbar, noch konnte ich mich 
als Bundesgenossen gegen die Umwelt anbieten, an die er, 
soweit ihm bewußt war, mit sehr starken Gefühlen gebunden 
war. Der Weg, den ich hier gehen mußte, war offenbar ein 
anderer, schwierigerer und weniger direkter, es handelte sich 
darum, sich in ein Vertrauen einzuschleichen, das auf geradem 
Wege nicht zu gewinnen war, und sich einem Menschen aufzu- 
drängen, der der Meinung war, sehr gut ohne mich fertig 
werden zu können. 

Ich versuchte das nun auf verschiedene Arten. Erst einmal 
tat ich durch lange Zeit nichts anderes, als mich seinen Launen 
anzupassen und seinen Stimmungen auf allen ihren Wegen 
und Umwegen zu folgen. Kam er in heiterer Verfassung zur 
Stunde, so war ich auch lustig, war er ernsthaft oder depri- 
miert, so verhielt ich mich in gleicher Weise. Zog er es vor, 
eine Stunde statt im Gehen, Sitzen oder Liegen vmter dem 
Tisch zu verbringen, so tat ich, als wäre das das AUergewöhn- 
lichste, hob das Tischtuch auf und sprach so zu ihm hinunter. 
Kam er mit einem Bindfaden in der Tasche und fing an, 
mir merkwürdige Knoten und Kunststücke vorzuführen, so 
zeigte ich, daß ich imstande war, noch viel kunstvollere Knoten 
und merkwürdigere Kunststücke zu machen. Schnitt er Ge- 
sichter, so konnte ich noch viel bessere schneiden und forderte 
er mich zu Kraftproben heraus, so zeigte ich mich als die 
unvergleichUch Stärkere. Aber ich folgte ihm auch im Ge- 
spräch auf jedes Gebiet, von Seeräubergeschichten und geo- 



193 



graphischen Kenntnissen zu Markensammlungen oder Liebes- 
geschichten. Mir war auch bei diesen Gesprächen kein Thema 
zu erwachsen oder zu bedenklich und eine erzieherische Ab- 
sicht konnte nicht einmal sein Mißtrauen hinter meinen Mit- 
teilungen vermuten. Ich benahm mich ungefähr so, wie ein 
Kinofilm oder ein Unterhaltungsroman, der keine andere Ab- 
sicht hat, als seine Zuschauer oder Leser an sich zu locken 
und der sich zu diesem Zweck auf die Interessen und Be- 
dürfnisse seines Publikums einstellt. Meine erste Absicht war 
tatsächlich auch keine andere, als mich dem Jungen interessant 
zu machen. Daß ich gleichzeitig in dieser ersten Periode sehr 
viel über seine oberflächlicheren Interessen und Neigungen 
erfuhr, war ein kaum mitberechneter, aber sehr willkommener 
Nebengewinn. : ?^"- 

Nach einiger Zeit ließ ich dann einen zweiten Faktor dazu- 
treten. Ich erwies mich ihm in harmloser Weise als nützlich, 
schrieb ihm in der Stunde seine Briefe auf der Schreibmaschine, 
-war bereit, ihm bei der Aufzeichnung seiner Tagträume und 
selbst ausgedachten Geschichten, auf die er stolz war, zu helfen 
und fertigte sogar in der Stunde allerlei kleine Dinge für ihn 
an. Bei einem kleinen Mädchen, das die gleiche Zeit der Vor- 
bereitung durchmachte, häkelte und strickte ich sehr eifrig 
in den Stunden und bekleidete allmählich alle ihre Puppen 
und Teddybären. Ich entwickelte also, könnte man kurz sagen, 
eine zweite angenehme Eigenschaft, ich war nicht nur inter- 
essant, ich war auch brauchbar geworden. Als Nebengewinn 
dieser zweiten Periode wurde ich an Hand des Brief- und 
Geschichtenschreibens alhnählich in seinen Bekanntenkreis und 
seine Phantasietätigkeit eingeführt. j 

Dann kam aber etwas ungleich Wichtigeres hinzu. Ich 
ließ ihn merken, daß das Analysiertwerden sehr große praktische 
Vorteile hat, daß z. B. strafbare Handlungen einen ganz andern, 
ungleich günstigeren Ausgang nehmen, wenn sie zuerst der 
Analytiker und erst durch ihn die Erziehungspersonen erfahren. 
So gewöhnte er sich daran, die Analyse als Schutz vor Strafe 
und meine Hilfe zum Wiedergutmachen unbedachter Taten 
in Anspruch zu nehmen, ließ mich gestohlenes Geld an seiner 



«5 195 






Stelle zurückgeben und übertrug mir alle notwendigen, aber 
unangenehmen Eingeständnisse an seine Eltern. Meine Fähig- 
keiten in dieser Beziehung probierte er unzählige Male immer 
wieder aus, ehe er sich entschloß, wirklich an sie zu glauben. 
Dann aber war kein Zweifel mehr: ich war ihm neben einer 
interessanten und brauchbaren Gesellschaft zu einer sehr mäch- 
tigen Person geworden, ohne deren Unterstützung er mcht 
mehr recht auskommen konnte. Ich hatte mich ihm also in 
diesen drei Eigenschaften unentbehrlich gemacht, wir würden 
sagen, er war in ein vollständiges Abhängigkeits- und Über- 
tragungsverhältnis geraten. Auf diesen Zeitpunkt aber hatte 
ich nur gewartet, um dann sehr ener^sch — nicht mit 
Worten und auch nicht gerade mit einem Schlage — sehr 
ausgiebige Gegenleistungen von ihm zu verlangen: nämlich 
die für die Analyse so notwendige Preisgabe aller seiner bisher 
gehüteten Geheimnisse, die dann die nächsten Wochen und 
Monate in Anspruch nahm und mit der erst die wirkliche 
Analyse einsetzte. 

Sie sehen, um die Herstellung einer Krankheitseinsicht 
habe ich mich in diesem Falle gar nicht gekümmert, die 
kam im breiteren Verlaufe auf ganz anderem Wege von selber 
zustande, die Aufgabe war hier nur die Schaffung einer Bin- 
dung, die stark genug sein mußte, um die spätere Analyse 
tragen zu können. 

T Aber ich furchte, Sie haben nach dieser ausführlichen 
Schilderung den Eindruck, als ob es wirklich auf nichts 
anderes ankäme, als auf diese Bindung. Ich möchte ver- 
suchen, mit Hilfe anderer Beispiele, die zwischen den ange- 
führten Extremen die Mitte halten, diesen Eindruck wieder 
zu verwischen. 

Ich wurde aufgefordert, einen anderen zehnjährigen Jungen 
in Analyse zu nehmen, der in der letzten Zeit ein für die 
Umgebung sehr unangenehmes und beunruhigendes Symptom 
entwickelt hatte, nämlich lärmende Wut- und Schlimmheits- 
ausbrüche, die bei ihm ohne einen verständlichen äußeren 
Anlfiß zustande kamen und bei dem sonst gehemmten und 
ängstlichen Kind um so auffälliger waren. Sein Zutrauen war 



194 



in diesem Fidle leicht zu haben, denn ich war ihm von 
anderer Seite schon bekannt. Auch der Entschluß zur Analyse 
traf ganz mit seinen eigenen Absichten überein, denn seine 
kleinere Schwester war bereits meine Patientin, und die Eifer- 
sucht auf die Vorteile, die sie offenbar für ihre Stellung in 
der Familie daraus bezog, drängte seine Wünsche in die gleiche 
Richtung. Trotzdem fand ich für die Analyse keinen rechten 
Angriffspunkt. Aber die Erklärung dafür war nicht weit zu 
suchen. Er hatte zwar für seine Ängste ein Stück Krankheits- 
einsicht und ein gewisses Bemühen, sie und seine Hemmungen 
loszuwerden. Für sein Hauptsymptom aber, für die Wut- 
ausbrüche, eher das Gegenteil. Auf diese war er unverkennbar 
stolz, betrachtete sie als etwas, was ihn vor anderen aus- 
zeichnete, w^enn auch nicht gerade im günstigen Sinn, und 
genoß die Sorge der Eltern, die er durch sie hervorrief. Er 
fühlte sich also in einem gewissen Sinn einig mit diesem 
Symptom und hätte wahrscheinlich zu dieser Zeit darum 
gekämpft, wenn man den Versuch gemacht hätte, es ihm mit 
analytischer Hilfe zu entreißen. Auch hier griff ich zu einem 
etwas hinterhältigen und nicht sehr ehrlichen Mittel. Ich be* 
schloß, ihn mit diesem Stück seines Wesens zu verfeinden, 
ich ließ mir die Ausbrüche, so oft sie vorkamen, schildern, 
stellte mich besorgt und bedenklich. Ich erkundigte mich, 
wie weit er in solchen Zuständen überhaupt noch Herr seiner 
Handlungen war und verglich sein Wüten mit dem eines Geistes- 
kranken, für den meine Hilfeleistung kaum mehr in Betracht 
käme. Dadurch wurde er stutzig und eingeschüchtert, denn 
als verrückt betrachtet zu w^erden lag natürlich nicht mehr 
in dem Sinne seines Ehrgeizes. Er versuchte nun selber, diese 
Ausbrüche zu beherrschen, fing an, sich gegen sie zu stellen, 
statt sie wie früher zu unterstützen, merkte dabei seine wirk- 
liche Ohnmacht, sie zu unterdrücken und bekam damit eine 
Steigerimg seiner Leidens- und Unlustgefühle. SchUeßlich 
wurde nach einigen vergeblichen Versuchen das Symptom, 
v/'ie ich es gewollt hatte, aus einem geschätzten Besitz zu 
einem störenden Fremdkörper, zu dessen Bekämpfung er nur 
allzu bereitwillig meine Hilfe in Anspruch nahm. 

ir 195 



Es wird Ihnen auffalleiij daß ich in diesem Falle einen 
Zustand herbeigeführt habe, welcher bei der kleinen Zwangs- 
neurose von vornherein vorhanden war : eine Spaltung im 
eigenen Innern des Kindes. Auch in einem anderen Fall, dem 
eines siebenjährigen neurotisch schlimmen Mädchens, ent- 
schloß ich mich am Ende einer langen, der oben geschil- 
derten sehr ähnlichen Vorbereitungszeit zu dem gleichen Kunst- 
griff. Ich trennte plötzlich ihre ganze Schlimmheit personi- 
fiziert von ihr ab, gab. ihr einen eigenen Namen, stellte sie 
ihr gegenüber und erreichte so schließlich, daß sie sich über 
diese so geschaffene neue Person bei mir zu beklagen begann, 
und Einsicht in das Maß bekam, in dem sie unter ihr zu 
leiden hatte. Mit der so hergestellten Krankheitseinsicht geht 
dann die Analysierbarkeit des Kindes Hand in Hand. 

Aber auch hier dürfen wir an eine andere Schranke nicht 
vergessen. Ich hatte ein ungewöhnlich begabtes und gut ver- 
anlagtes achtjähriges Kind, eben jenes oben erwähnte über- 
empfindliche kleine Mä.dchen, das zu viel weinte, in längerer 
Analyse. Sie hatte alle Absichten, anders zu werden imd Fähig- 
keit und Möglichkeiten, die Analyse bei mir auszunutzen. Aber 
die Arbeit mit ihr stockte immer an einem ge-wissen Punkt 
und ich w^ollte ndch schon mit dem w^enigen Erreichten, dem 
Verschwinden des Störendsten zufrieden geben. Da stellte sich 
immer klarer die zärtliche Bindung an eine der Analyse nicht 
gut gesinnte Kinderfrau als die Schranke heraus, an die unsere 
Bemühungen, wo sie wirklich in die Tiefe gehen wollten, 
stießen. Sie glaubte mir zwar, was sich in der Analyse heraus- 
stellte und was ich zu ihr sagte, aber nur bis zu einem ge- 
wissen Punkt, bis zu dem sie es sich erlaubt hatte und an dem 
ihre Treue gegen die Kinderfrau anfing. Was darüber hinaus- 
ging, stieß auf einen zähen und unangreifbaren Widerstand. Sie 
wiederholte zv^-^ar auf diese Weise einen alten Konflikt in der 
Liebesw^ahl zwischen den getrennt lebenden Eltern, der in ihrer 
früh kindlichen Entwicklung eine große Rolle gespielt hatte. Aber 
auch diese Aufdeckung half nicht wirklich, denn die jetzige 
Bindimg an die ErzJehungsperson w^ar eine durchaus reale 
und begründete. Ich begann nun einen zähen und konsequenten 

196 



Kampf mit dieser Kinderfrau um die Zimeigung des Kindes, 
der von beiden Seiten mit allen Mitteln geführt wurde, in dem 
ich ihre Kritik weckte, ihre blinde Anhänglichkeit zu erschüttern 
suchte und nebenbei jeden der kleinen Konflikte, wie sie in 
der Kinderstube täglich vorkommen, zvl meinen Gunsten aus- 
nutzte. Ich merkte, daß ich gesiegt hatte, als das kleine Mädchen 
mir eines Tages wieder einen solchen sie erregenden häus- 
üchen Vorfall berichtete, aber diesmal der Erzählung hinzu- 
fügte: „Glaubst du, daß sie recht hat?" Von da an ging die 
Analyse erst in die Tiefe und führte von all den hier er- 
wähnten Fällen zu dem vielversprechendsten Erfolg. 

Die Entscheidung, ob diese Handlungsweise, der Kampf 
um das Kind, eine erlaubte ist, war in diesem Falle ohne 
Schwierigkeit zu treffen: der Einfluß der betreffenden Er- 
zieherin wäre nicht nur für die Analyse, sondern auch für 
die ganze Entwicklung des Kindes ein ungünstiger gewesen. 
Überlegen Sie aber, wie unhaltbar eine solche Situation wird, 
wenn man als Gegner keinen Fremden, sondern die Eltern 
des Kindes vor sich hat oder vor die Frage gestellt wird, 
ob es lohnt, dem Erfolg der analytischen Arbeit zuliebe das 
Kind dem sonst günstigen und erwünschten Einfluß eines 
Menschen zu entziehen. Wir werden bei der Frage der 
praktischen Durchführbarkeit der Kinderanalyse und dem 
Verhältnis zu der Umgebung des Kindes noch ausführUch 
auf diesen Punkt zurückkommen. 

Ich füge zum Abschluß dieses Themas noch zwei kleine 
Geschichten an, die Ihnen zeigen sollen, wie weit das Kind 
imstande ist, den Sinn der analytischen Bemühung und die 
therapeutische Aufgabe zu erfassen. 

Das beste darin hat wohl die schon mehrmals erwähnte 
kleine Zwangsneurose geleistet. Sie berichtete mir eines Tages 
von einem ungewöhnlich gut besUndenen Kampf mit ihrem 
Teufel und verlangte plötzlich Anerkennung. „Anna Freud, 
sagte sie, „bin ich nicht viel stärker als mein Teufel? Rann 
ich ihn nicht sehr gut alleine beherrschen? Dazu brauche 
ich dich ja eigentlich gar nicht." Das bestätigte ich ihr voll- 
kommen. Sie sei wirklich viel stärker, auch ohne meine Hilfe. 



„Aber ich brauche dich doch", sagte sie dann nach einer 
nachdenklichen Minute. „Du sollst mir helfen, daß ich nicht 
so unglückhch bin, wenn ich stärker sein muß als er." Ich 
glaube, man kann sich auch bei einem erwachsenen Neurotiker 
kein besseres Verständnis für die Veränderung erw^arten, die 
er von der analytischen Kur erhofft. 

Und nun noch eine zweite Geschichte. Mein so ausführ- 
lich geschilderter schUmmer Zehnjähriger kam in einer späteren 
Periode seiner Analyse eines Tages im Wartezimmer mit einem 
erwachsenen Patienten meines Vaters ins Gespräch. Der er- 
zählte ihm von seinem Hund; der Himd hätte ein Huhn 
zerrissen und er, der Besitzer des Hundes, hätte es zahlen 
müssen. „Den Hund müßte man zu Freud schicken," sagte 
mein kleiner Patient, „der braucht Analyse." Der Erwachsene 
erwiderte nichts, äußerte sich aber nachher sehr mißbilligend. 
Was der Junge denn für eine komische Vorstellung von der 
Analyse hätte? Dem Hund fehlte doch nichts. Der will das 
Huhn zerreißen und er zerreißt es. — Ich wußte genau, 
was der Bub darunter verstanden hatte. „Der arme Hund", 
muß er gedacht haben. „Er möchte so gern ein guter Hund 
sein und etwas in ihm zwingt ihn, Hühner zu zerreißen." 

Sie sehen, dem kleinen Neurotisch -Verwahrlosten schiebt 
sich wirklich hier die SchUmmheitseinsicht ohne Schwierig- 
keit an Stelle der Krankheitseinsicht und wird ihm so zum 
vollgültigen Motiv der Analyse. 



;»r 



Uli 
r 



■ • r. i ■ ■ '■■ _ - ' ' . 1 I i .T 



198 



rt-ir" 3K/ 



Das Strafvollzugsgesetz 



von 



Dr. med. Karl Landauer 

Z>er Entwurf zum Strafvollzugsgesetz bringt 
wiederum die Einzelhaft, ja ah „Haus strafe" die 
„Arrestzelle" , eine kahle Gitterzelle und die ,Be- 
ruhigungszelle", einen fensterlosen Raum. Nach- 
folgende Arbeit — die wir der „Zeitschrift für 
psychoanalytische Pädagogik" entnehmen — ist 
ein Gutachten über den ganzen Geist des Straf- 
vollzuges, erstattet für die Tagimg der ^Inter- 
nationalen Kriminalistischen Vereinigung' in 
Karlsruhe, September 1927. In ihm wird der 
„Strafvollzug' als Erziehungsproblem gewertet. 

Die Frage des Strafvollzugs ist im Prinxip nicht xu trennen 
von der ganzen Frage unserer Rechtsauffassung und Recht- 
sprechung. Ja, bei ihr kommen die Triebkräfte besonders klar 
zur Geltung, die die einzelnen Straf rechts schulen bewegen. So 
zeigt es sich deutlich, daß beim Strafvollzug, wie er heute geübt 
wird und wie er, nur wenig in Äußerlichkeiten verändert, in dem 
neuen StrafvoUstreckimgsgesetz beabsichtigt ist, in der Hauptsache 
das Rachegefühl, das man schamhaft Vergeltungs- oder auch 
Abschreckungsprinzip nennt, ausscblaggehend ist. Man wird da- 
her die Grundzüge eines auf modemer Psychologie aufgebauten 
Strafvollzugs ~ schon dieses Wort ist ein Unding — nur in der 
Weise darlegen können, daß man auf die Beweggründe zu Rechts- 
brüchen und der Rechtsbrecher eingeht. Wenn man dies tut, 
fällt von vornherein eine sehr große Anzahl von Rechtabrüchen 
aus dem Bereich des Gesetzes. b 

Denn ein kaum abschätzbar großer Teil von Rechtsbrüchen 
entspringt der Not. Allerdings darf man den Begriff Not nicht 
in anmaßend enger Weise so fassen, daß man nur den Hungernden, 
Frierenden und Obdachlosen in Notstand glaubt. Der Mensch 
braucht mehr zum Leben als eine gewisse Kalorienmenge. Schon 
aus der Physiologie wissen wir, daß allein die Deckung des Ka- 
lorienbedarfs nicht ausreicht, um Krankheiten zu verhüten. Zahl- 
lose, nicht den Motor als Heizstoff speisende Nahrungsmittel sind 
nötig. Femer erweist wieder das physiologische Experiment, daß 



199 



die Zuführung einer eintönigen Kost, die an sich den Heizbedarf 
deckt, nach kurzer Zeit nicht mehr genügt, da die Absonderung 
der Verdauungssäfte infolge Reizlosigkeit bedeutend abnimmt. Der 
Mensch hat also auch Abwechshing, Lust zum Leben nötig. Wenn 
wir dies aus dem chemisch-physiologischen Laboratorium ge- 
wonnene Resultat einigermaßen sinngemäß verwerten, so erkennen 
wir, daß der Mensch des Glückes bedarf, d. h. der Freiheit, 
seinen Triebkräften entsprechend zu leben, vor allem der 
Freiheit über Zeit. Ihr Fehlen ist Notstand und so gesehen ist 
die Zahl der Handlungen, die einem Notstande entspringen, sehr 
groß. Bei diesen Rechtsbrüchen könnte man höchstens die Ge- 
sellschaft als strafwürdig bezeichnen, weil sie den Rechtsbrecher 
in Notstand brachte. 

Eine zweite Gruppe von Rechtshrüchen entsteht aus Affekt. 
Sie sind die starke Antwort auf einen starken Reiz. Bei einer 
sehr großen Anzahl von Rechtsbrüchen ist dies ohne weiteres klar 
da ims — sei es als Richter, sei es als Sachverständiger — der 
Affekt und seine Äußerung adäquat, entsprechend, d. h. nachleb- 
bar erscheint. In allen diesen Fällen handelt es sich um Ereig- 
nisse, die niemals verhindert werden können, so lange der 
Mensch eben Mensch ist Derartige Affekte sind Ausnahme- 
zustände gesunder Menschen, Ausbrüchen von Naturgewalten 
vergleichbar, sozusagen höhere Gewalt. In diesen Fällen können 
wir die Opfer der Rechtsbrüche zu entschädigen suchen und unser 
möglichstes tun, lu verhüten, daß erneut solche Naturgewalten 
losbrechen. Der Verüber eines derartigen Rechtsbruches ist zwar 
nicht selbst krank, wenn auch in einem ungewöhnlichen Zustand, 
da jeden dieser Zustand befallen kann, ja wird; aber er kam in 
eine Situation, die ungewöhnlich — wenn man so will — krank 
ist. Also wiederum kommt für einen einigermaßen einsichtigen 
Menschen das Prinzip der Vergeltimg nicht in Frage, aber auch 
das Verhütimgsprinzip kann nicht bei den Menschen, sondern 
bei den Situationen einsetzen. 

Von diesen Fällen ausgehend, finden wir alle möglichen Über- 
gänge zum Verbrechen aus pathologischem Affekt, also aus 
krankhaften Ausnahmezuständen heraus, und weiter zum „Ver- 
brecher", einem Menschen, der unter allen möglichen uns ge- 



200 



wohnlich erscheinenden Verhältnissen berechtigte Interessen anderer 
schädigt, weil er von Triebkräften getrieben ist, die sich 
in einer gesellschaftsschädlichen Weise auspuffen. Die 
Strafrechtsbewegungen der letzten Jahrzehnte haben versucht, den 
Rahmen der ersten Gruppe, derjenigen, wo man von krankhaften 
Zuständen im eigentlichen Sinn sprechen kann, möglichst zu. er- 
weitem. Aber sie sahen sich auch genötigt, die Zwischenstufe 
des vermindert zurechnungsfähig wenigstens praktisch einzuführen. 
Für unsere kurzen Untersuchungen können wir jedoch die beiden 
Fälle einheitlich setzen, da der pathologische Affektzustand ein 
Aifektzustand ist, der von Triebkräften mitgespeist wird, die nicht 
ausgelöst sind von dem Affektanlaß, sondern zurückgehen auf 
weit hinter dem Anlaß liegende, meist in der Kindheit wurzelnden 
Erlebnisse, die aus dem Unbewußten heraus nachwirken. Diese 
Menschen gleichen einem Pulverfaß, das auf irgendeinen Stoß, 
durch einen kleinen Funken oder gar nur, weil es eben jetzt eine 
bestimmte Zeit gelagert hat, explodiert. Die Verbrecher aber 
werden gleichfalls von Antrieben bestimmt, die ihnen 
zum großen Teil unbewußt sind. Die Beweggründe zur Tat, 
die die gerichtliche Untersuchung aufdeckt, ist nur die Rationa- 
lisierung, die nachträgliche Vemünftigmachung der wahren 
Motive, welche nur tiefenpsychologisches Studium auf- 
decken und ändern könnte. Diese Menschen sind allesamt 
von der Gesellschaft als Kranke zu werten, wenn sie auch nicht 

krank sind. 

Denn ein Mensch ist als gesund zu bezeichnen, wenn der Ab- 
lauf seiner inneren Lebenvorgänge — seelisch gesprochen: seine 
Triebe — und die Reaktionen auf die Reize aus der Außenwelt 
— psychologisch: seine Affekte — einander nicht behindern und 
ihm gestatten, sich entweder der Außenwelt anzupassen oder die 
Außenwelt sich. Diese Definition von Gesundheit aber gilt nur 
für den Menschen als Einzelwesen. In der Tat ist der Mensch 
jedoch als Gemeinschaftswesen geschaffen und kann nur in Ge- 
meinschaft gedeihen. Für diese seine Eigenschaft als Gemeiu- 
schaftswesen müssen wir den Begriff der Gesundheit noch ein- 
engen: Triebe und Affekle dürfen sich nicht nur in Einzelwesen 
nicht behindern, sondern müssen sich auch in ihren Entäußerung 



en 



201 



i' 

} 

- 



so verhalten, daß sie mit den Trieben und Affekten ihrer Umwelt 
in Einklang stehen, da sonst die allen lebensnotwendige Gemein- 
schaft gefährdet wäre. In diesem Sinne sind Rechtsbrecher aus 
ihnen selbst unbeherrschbaren Affekten und Trieben als Kranke 
(zwar nicht als individuell Erkrankte, aber als Gemeinschafts- 
kranke) zu werten. 

Wenn wir diese Betrachtungsweise zur Richtlinie nehmen« so 
ergibt es sich von selbst, daß es sich diesen Rechtsbrechern 
gegenüber einzig darum handeln kann, ihnen die Möglichkeit 
zu geben, zu Gesellschaftsgesunden zu werden, d- h. 
ihre Trieb- und Affektwelt in die Hand zu bekommen, 
damit sie sie in einer Weise ausleben können, die die Gemein- 
schaft nicht gefährdet. Es ist dieselbe Aufgabe, die wir in der 
Jugend an den Kindern zu vollbringen haben, eine Erziehung 
und da es sich um Erwachsene handelt, Produkte einer verfehlten 
Erziehung, um eine Umerziehung, d. i. eine Heilerziehung. 

Da jegliche Erziehung auf die Ausbildung des Gemein- 
schaftsmenschen ausgeht, muß sie innerhalb der Gemein- 
schaft erfolgen. Demgegenüber sehe man sich den heutigen 
Strafvollzug an. Der günstigste Fall seiner Verbüßung ist die so- 
genannte Gemeinschaft, wo eine Herde von Rechtsbrechern isoliert 
von der übrigen Außenwelt ist. Der Leiter der Anstalt steht 
himmelweit entfernt von ihr. Hauptsächlich tritt er bei Ver- 
hängungen von Hausstrafen in Erscheinimg- Die Aufseher aber 
umschwärmen sie wie die Schäferhunde, um jeden zu beißen 
der etwas aus dem Haufen geht. Noch deutlicher wird die Ab- 
sonderung aus der Gesellschaft bei Zellenhaft, in der der Häft- 
1mg nur für wenige Augenblicke ein paar Leidensgefährten spricht, 
weiter bei Einzelhaft, während der er höchstens für Minuten 
den Aufseher sieht. Am allersinnlosesten ist die Arrest- und Be- 
ruhigungszelle, wo ihm selbst die unbelebte Umwelt entzogen 
wird, ja das Licht. Hier liegt eine klare Tötung des Menschen 
Tor, ein Mord auf Zeit. Und diese Gewalttat soll vor Gewalt- 
taten abschrecken! Ein derartig mißhandelter Mensch wird sich 
äußerlich fügen — und warten, bis er der Stärkere ist, um un- 
gestraft Gleiches mit Gleichem zu vergehen. Genau wie in der 
Jugenderziehung, ist die Heilerziehung ein Problem der Führer. 



202 



Sie zu schaffen, mui3 unsere Aufgabe sein. Sie werden dann m 
einer " Familie mit ihren Zöglingen leben (alle wesentlichen 
modernen Schulen sind auf diesem sogenannten Familienprinzip 
aufgebaut). Die Mittler werden Gemeinschaftskranke im Genesungs- 
stadium sein. Das Stufenprinzip, Leute, die sich gut führen, ab- 
zusondem, ist sinnwidrig, züchtet nur „Gefängnis streb er«. 

Demgegenüber muß man nur sehen, was in Wesen vorgeht, 
die durch unseren bisherigen Strafvollzug mißhandelt worden sind. 
Einen anderen Ausdruck vermag ich nicht zu gebrauchen, seitdem 
ich als Einjährig-Freiwilliger-Arzt Häftlinge nach Dunkelarrest 
und während des Krieges über ein Jahr als Arzt eines großen 
Zellengefängnisses dessen Opfer ^u untersuchen Gelegenheit 
hatte. Der bisherige Strafvollzug unterdrückt in brutaler Weise 
jegliche Äußerung der Mensehen, ohne die inneren Vorgänge der 
Menschen zu ändern. Die Affekt- und Triebabfuhr nach außen 
kann in keiner Weise vor sich gehen, innere Stauungen sind die 
I notwendige Folge. Noch die günstigste von ihnen ist, daß offen- 

t- kundige Krankheit entsteht. In weitaus den meisten Fällen aber 

stauen sich diese innerseelischen Kräfte nur während der Zeit 
der Haft an, um sich um so kräftiger nach der Befreiung aus 
der sinnlosen Fessel zu entladen. 

Schon im gewöhnlichen Leben bilden sich im Ablauf der 
L Lebensvorgänge und als Reaktionen auf die Erlebnisse aus der 

" Außenwelt zahllose gewalttätige Antriebe. Es ist unbedingt nötig, 

l daß sie sich in einer Umgestaltung der Außenwelt und der Innen- 

welt entladen könen. Will man Tätlichkeiten vermeiden, 
muß man Möglichkeit zur Betätigung geben, also müssen 
wir für Arbeit sorgen. Schaffen ist nicht nur sozial nötig, um 
sich in der Gesellschaft zu behaupten, sondern auch direkt eine 
hygienische Maßnahme. Um diesen Zweck zu erfüllen, muß die 
Arbeit lustvoll sein, d. h. geeignet, den tiefeingewur- 
zelten Trieben des Menschen Gelegenheit zum Austoben 
zu geben. Nun sind in sehr vielen Menschen die Wege zum freien 
Entsprudeln dieser Kräfte in nutzbringende Arbeit verlegt worden, 
nicht zum letzten durch eine sinnlose Erziehung, die die Arbeit 
zum Fluch machte, analog dem biblischen Worte: Im Schweiße 
deines Angesichtes sollst du dein Brot essen. Strafarbeit ist ja 



203 



, 



ein beliebtes Zuchtmittel. Das Arbeitshaus soll weiterhin die so 
Erzog:enen zur Arbeit erziehen, in Wirklichkeit verekelt sie sie 
noch mehr. Damit Arbeit lustvoUes Sichausleben werde, muß 
sie sinnvoll sein, und das kann man doch vom Tütenkleben 
und ähnlichem nicht behaupten. Dostojewski hat in seinen 
sibirischen Erinnerungen davon gesprochen, daß man einen Sträf- 
ling dadurch in Wahnsinn treibe, daß man ihn zwinge, einen 
Haufen Steine von einer Seite der Straße auf die andere zu 
schaffen und dann wieder zurück und so immer fort, immer 
wieder aufs neue seine Arbeit zerstörend. Die Leistimg in einem 
Bergwerk unter den schwierigsten imd gefährlichsten Bedingimgen 
sei dagegen eine Erholung, da man sehe, was man schaffe. Vor 
allem muß man deshalb dem der Freiheit Beraubten wenigstens 
eine möglichst freie Arbeit und freie Verfügung über sein Arbeits- 
produkt gewähren. Sinnlose Arbeit, die nicht dem Individuum an- 
gepaßt ist, ist Fron, die nur Haß erzeugt, der sich späterhin ent- 
laden muß. 

Das schwierigste Problem für die Heilerziehung des Verbrechers 
ist aber, daß er — wie manche Arten Geisteskranker — in der 
Regel nicht das Gefühl hat, ein Gemeinschafts kranker zu sein. 
Meist aber kann man nur den ändern, der unter seinem derzeitigen 
Zustand leidet. Man glaubt dies dadurch erreichen zu können, daß 
man den Gemeinschaftskranken so lange quält, bis er leidet. Dies 
ist aber kein Ersatz für das Krankheitsgefühl, denn es bandelt sich 
hier um ein Leid von außen, das einzig zur Änderung der Außen- 
welt aufpeitscht, nicht um ein Leid von innen her, das die Ände- 
rung der Innenwelt veranlassen konnte. Mit Dressur — um einen 
von Bernfeld in der Pädagogik benutzten Ausdruck zu gebrau- 
chen — erreicht man nur einmalige „Muskelaktionen", jederzeit 
unter anderen äußeren Gegebenheiten aufhebbare Hemmungen 
oder unter den Dressurbedingungen produzierte Kunststücke. Da- 
her die rückfälligen Verbrecher. Eine andere Einstellung eine 
Umwandlung der Persönlichkeit, erzielt einzig die „Pührunff" 
in der einer Masse eine Führerpersönlichkeit gegenübersteht d 
zu gleichen, deren Fordenmgen, die man sich zu eigen xa& ht 
entsprechen, lustvoll ist. Jegliches Versagen in dieser y\ " u' 

ffilä Eil ieiSölihhgd: icJml^efulil beantwortet. Dieses Schuld- 



QO4 



gefühl hervorzurufen, bzw. in richtige Bahnen zu lenken, ist die 
Aufgabe der Erziehung am Verbrecher. 

Allerdings täuscht man sich, wenn man glaubt, im Verbrecher 
gäbe es kein Schuldgefühl oder es sei weniger stark entwickelt. 
Nicht gemeint ist natürlich das Schuldgefühl, das von vielen ge- 
äußert wird, weil sie den Anschauungen der V erbrecher zunft zu- 
wider gehandelt haben. Nicht gemeint ist auch jene scheinbare 
Reue und Zerknirschung, die von Zahllosen bewußt vorgetäuscht 
werden, gerade am meisten von jenen, die am wenigsten Schuld- 
gefühl empfinden. Derartiges aniudressieren, war bisher die Auf- 
gabe und die Selbsttäuschung des Strafvollzuges. 

Vielmehr hat die genaue Untersuchung von Verbrechern er- 
geben, daß in ihnen die Sozialangst besteht, aber unbewußt, 
wie ja die Kriminellen überhaupt die Strebungen, die auf Ein- 
gliederung in die Gesellschaft abzielen, großenteils verdrängt 
haben. Namentlich an jugendlichen Rechtsbrechern, bei denen 
die psychologischen Fäden noch leichter zu entwirren sind, läßt 
es sich oft ohne Schwierigkeit nachweisen, daß ein Schuldgefühl 
vorhanden ist, aber ein verdrängtes, dem Verbrecher selbst 
unbewußtes, für eine ihm selbst unbewußte Schuld. Aber eben 
dieses Schuldgefühl drängt nach Bestrafung und um diese herbei- 
zuführen, begeht der unbewußt Schuldige bewußte Schuld. Reik 
hat uns in einem sehr lesenswerten Buch diesen Verbrecher 
aus Schuldgefühl und Strafbedürfnis klargelegt.» Es ist 
eine außerordentlich häufige Erscheinung. Hier handelt es sich 
darum, dieses unbewußte SchuldgefülU bewußt zu machen und 
den Verbrecher von seiner Last zu befreien. Sehr häufig ist auch, 
daß eine Strafe verursacht wird, um damit einen Freibrief zum 
Nachgeben gegenüber unerlaubtem, meist unbewußtem Verlangen 
zu erhalten. Denn diese Strafe wird, weil die Tat aus anderen 
Motiven entstanden ist, als vom Urteilenden unterschoben werden^ 
stets als eine ungerechte Strafe empfunden, und man hat nun eine 
Straftat zugute. Vor allem aber wird die Strafe als Gewalttat 
empfunden und Gewalttat rechtfertigt Gewalttat, die Gewalttat 
der Gesellschaft also die eigene — begangene und zukünftige. 
Nicht nur der Henker ist der Lehrer des Mörders. 

]) ^Geständniszwang und Strafbedürfnis." Wien 1925. 

205 



. 



Es ist unmöglich, im Rahmen eines kurzen Aufsatzes das ganze 
Problem der Kriminellen und der Kriminalität auch nur einiger- 
maßen klar aufzuzeigen. Soviel aber wird aus dem wenigen her- 
vorgegangen sein, daß es sinnlos, ja höchst schädlich ist, ein 
Straftrolkugsgesetz zu schaffen, das auf dem Gedanken aufgebaut 
18t, zu vergelten oder abzuschrecken, in der Tat zu rächen. Daß 
dies die Tendenz des Gesetzentwurfes ist, geht namentlich aus 
der Möglichkeit einer Einzelhaft und gar der als Hausstrafe ge- 
lassenen Dunkelhaft, dem Käfig und der Fesselung hervor. Was 
Erziehmigsmaßnahmen zu sein vortäuscht, in Wirklichkeit aber 
dazu dient, auch einen Aktivposten in die pekuniäre Bilanz der 
Gefängnisverwaltmigen einzuführen, die Arbeit entspricht in ihrer 
heutigen Art keinesfalls Erziehungsansprüchen, sondern ist als 
geist- und sinnlose Fron nur Dressur- und Quälmittel. In der 
heutigen Form vermag der Strafvollzug nicht, aus Gesellschafts- 
kranken Gesellschaftsgesunde zu machen. Sie bleiben Gesell- 
schaf t skr anke, d. h. Gesellschaftsfeinde, manche werden auch 
individuell Erkrankte, seelisch Kranke, Geisteskranke. 



PSYCHOANALYTISCHES LESEBUCH 

Multatuli über sexuelle Aufklärung 

Im allgemeinen werden einzelne Dinge nach meinem Geßihl zu sehr 
umschleiert. Man tut rechtj die Phmüasie der Kinder rein zu halten^ aber 
diese Reinheit wird nicht gewährt durch Unwissenheit. Ich glaube eher 
daß das Verdecken von etwas den Knaben und das Mädchen um so mehr 
die Wahrheit argwöhnen läßt. Man spürt aus Neugierde Dingen nach, die 
uns, wenn sie uns ohne viel Umstände mitgeteilt würden, wenig oder kein 
Interesse einflößen würden. Wäre diese Unwissenheit noch zu bewahren, so 
könrae ich mich damit versöhnen, aber das ist nicht möglich; das Kind 
kommt in Berührung mit anderen Kindern, es bekommt Bücher in die Hände, 
A« es zum Nachdenken bringen; gerade die Geheimtuerei, womit das dennoch 
Begriffene von den Eltern behandelt wird, erhöht das Verlangen, mehr zu 
wissen^ Dieses Verlangen, nur zum Teil, nur heimlich befriedigt, erhitzt 
das Herz und verdirbt die Phantasie, das Kind sündigt bereits und die 
Eltern meinen noch, daß es nicht weiß, was Sünde ist. 

806 



AusfükrlicJie Prospekte 

üLer Jie 

Soirilten 

von 

Sigm. xreuo 

und über sonstige 
psyaioanalytisaie Literatur 

versendet: 

Internationaler 

Psydioanalytismer Verlag 

^V^ien VII, Andreasgasse 3 



t:jj/^*i^t:, T ^f4--;;rt-/ f rrr rri Hy^-ft 



f.r 



il 



1 



y.:. 



♦ 1 *• « « «^ «^ < ^- - 



, * • ' ** ^ 



1 






SIGM. FREUD 

GESAMMELTE SCHRIFTEN 

j 11 Bände in Lexikonformat 

Unter Mitwirkung des Verfafisers herausgegeben 
von Anna Freud und A. J. Storfer 

In Ganzleinen M. 220.—, Halbleder M. 280.— 
Ganzleder (handgebunden in Saffian) M, 680.— 

Hermann Hesse in der „Neuen Rundschau'': 

Eine große, schöne Gesamtausgabe, ein wtirdiges und verdienstvoUes 
Werk wird da unter Dach gebracht. Es sei diese Ausgabe des 
Gesamtwerices herzlich begrüßt. 

Prof. Raymond Sdimidt in den ^ Annalen der Philosophie" : 

Druck und Ausstattung sind geradezu aufregend schön. 

Dr. Max Marcuse in der „Zeitsdirift für Sexual- 

wissensdiaft" : 

Nut mit tiefer Bewegung wird man sich klar, daß es hier galt, das 
Lebenswerk Freuds, das fortan nicht nur der Geschichte der Medizin, 
sondern schlechthin der Wissenschaftsgeschichte angehört, abzuschließen 
und in der endgültigen Fassung der Nachwelt zu vermachen. 

Prof. Isserlin im „Zentralblatt für die gesamte Neurologie 
und PsyAiatrie" : 

Es ist ein ungewöhnlicher und außerordentlicher Eindruck, den man 
erhält ... Die Ausstattung der Bände ist vorzüglich. 



Verlangen Sie ausführliche Prospekte von : 

Internationaler Psydioanalytisdier Verlag 
M'ien, Vn., AndreasgasBC 3 



14 



Im Jahre 1^2/ erschienen: . 
.- I 1 ■:? 1 o lANNA FREUD 

EINFÜHRUNG IN 
DIE TECH NI K DER 

KI N DERANALYSE 

Geheftet M. 2.70, Ganzleinen M. 4. — 

Inhalt: I) Die Einleitung der Kinderanalyöe — H) Die Mittel der 

Kinderanalyse — III) Die Rolle der Übertragung in der Kinderanalyse 

— IV) Das Verhältnis der Kinderanalyse znr Erziehung 



.^ . n 



SIEGFRIED BERNFELD 



DIE HEUTIGE PSYCHOLOGIE 
DER PUBERTÄT 

- KRITIK IHRER WISSENSCH AFTLICH K EIT 

GeJieftet M. 2.80, Ganzleinen M. 4.20 

Inhalt: I) Der Menschenverstand — IT) Die Philosophie — ID) Un- 
kenntnis und Kühnheit — IV) Die Pädagogik ~ V) Überwundene 

Belastungen 



IntcrnationaJer Psydioanalytisdier Verlag 

Wien, VIL, Andreasgasae 3 



I 



SIEGFRIED BERxNFELD 

SISYPHOS 






' '_i i- 



ODER 



DIE GRENZEN DERERZIEHUNG 

Geheftet M. y. — , Ganzleinen M. 6.^0 



Seit laiigem im fragwürdigen Bereich der Pädagogik keine wichtigere 
Erschemung, als diese Schrift. Übrigens auch keine bei allem bitteren 
Ernst witzigere und vergnüglichere. 

(Gustav Wyneken im Berliner Tageblatt) 

Die glänzende Programmrede des Unterrichtsministers reicht an Anatolf 
France heran und könnte in der Insel der Pinguine stehen. 

(Die Mutier 



Geistreiclie Sachlichkeit und anmutige Ironie. 



(Os tseezeitu) ig) 



Bernfelds Buch ist natürlich, wesentlich und notwendig . . . Vollzieht in 
eigen kräftiger Klarheit die Paarung oder besser: die Durchdringung 
Freud-Marx . . . Sezieraibeit am didaktischen Größenwahn. 

(Paul Oestreich in Die neue Erziehung) 

Selten sind die scheinbar so sicheren Grundlagen der Pädagogik so gründ- 
lich unterwlilüt worden, wie in dem vorUegonden geistreichen Buche. 

(Zeitschr. f. Sexualwissenschaft) 

Überau.s farbige und temperamentvolle Schrift. Durch den hinter der 
Oberschiclit einer feinen ironischen Plauderei spürbaren sittlichen Ernst 
sympathisch. (Prof. Storch im Zbl.f. d. ges. Neurol. u. Psychiatrie) 



Internationaler Psycboanalytisdier Verlag 

Wien, VIL, Andreasgasse 3 



fl 



14» 



. S. FERENCZI 

BAUSTEINE ZUR 
PSYCHOANALYSE 

2 Bändey geheftet M. 24. — , Ganzleinen M. 28. — 

I. Band: Tbeo rle 

Aus dem Inhalt: Introjektion und Übertragung — Entwicklangs- 
stiifen des ■Wirklichkeitssinnes ~ Das Problem der Unlustbejahung 

— Zur Ontogenie des Geldinteresaes — Ober die Rolle der Homo- 
sexualität in der l'athogenese der Paranoia — Alkohol und Neurosen 

— Über obszöne Worte — Denken und Muskelinnervation — Betrach- 
tungen über den Tic — Kritik der Jungschen Wandlungen und 
Symbole der Libido — Aub der „Psychologie" von Lotze — Zur Onto- 
genese der Symbole — „Großvaterkomplex" — usw. 

n. Band: Praxis 

Aus dem Inhalt; Passagfere Symptomhildungen Tf ährend der 
Analyse — Parästhesien der Genitalgegend — Mißbrauch der 
Assoziationsfreiheit — Ausbau der „aktiven Technik" in der Psycho- 
analyse — Forcierte Phantasien — Lenkbare Träume — Ein Pall 
von d6jä vu — Analyse von Gleichnissen — Sonntaganeurosen — 
Psychische Folgen einer Kastration im Kindesalter — Die Nacktheit 
als Schreckmittel — Psychogene Anomalien der Stimmlage — Die 
Symbolik der Brücke — Ekel vor dem Frühstück — Genitalsymbolik 
— Augensymbolik — Klinische Beobachtungen bei Paranoia und 
Paraphrenie — Wirkung der Potenzverkürzung des Mannes auf das 
Weib — Soziale Gesichtspunkte bei Analysen — Affekt vertauschung 
im Traume — Ein kleiner Hahnemann — Symmetrischer Berührungs- 



zwang — usw. 



f 



Internationaler Psydboanalytisdier Verlag 
Wien, Vn^ Andreasgasse 3 



Im Jahre i$2'] erschienen von 

THEODOR REIK 

WIE MAN 
PSYCHOLOGE WIRD 

Geheftet M.. ^.6o, Ganzleinen M. j. — 

Inhalt: I) Wie man Psychologe wird — H) Psychologie und De- 
personalisation — in) Die psychologische Bedeutung des Schweigens. 

DOGMA UND 
ZWANGSIDEE 

• EINE PSYCHOANALYTISCHE STUDIE 
ZUR ENTWICKLUNG DER RELIGION 

Geheftet M. ^.6o, Ganzleinen M. 7." 

Inhalt: I> Das Dogma — H) Die Entstehung des Dogmas — HI) Dogma 
und Zwangsidee {Das Dogma als Kompromißausdruck von verdrängten 
und verdrängenden Vorstellungen. Die Verschiebung auf ein Kleinstes. 
Zweifel und Hohn in der Dogmenbildnng. Dogma und Anathema, 
Zwangsidee und Abwehrvorgang. Der Widersinn im Dogma und in 
der Zwangsidee. Die sekundäre Bearbeitung in der rationalen Theologie. 
Fides und Ratio; die zwei Überzeugungen. Las Tabu des Dogmas. 

Das Zwaogsmoment im Dogma. Der latente Inhalt des Dogmas Das 

Wunder ist des Glaubens liebstes Kind. Das Wiederkehrend-Verdröngte. 

Die Stellung des Dogmas in der Religion. Einige Unterscheidungen. 

Qlaubensgesetz und Sittengesetz). 



Internationaler Psydioanalytisdier Verlag 

Wien, VII., Andreasgasse 3 



TH EO DOR REI K 

DER EIGENE UND 
DER FREMDE GOTT . 

Geheftet M. 8,jo, Ganzleinen M. lo.jo 

Inhalt: Über kollektives Vergessen -' Jesus und Maria im Talmud / 
Der lil. CpiphanlUK versthrelbt tidi / Die wiederauferstandt:nen Götter / 
Das EvanKellum des Judas Isdiarloth ' PsydioanaI>1isdic Deutung des 
Judas-Problems / Gott und Teufel / Die Unhelmlidikelt fremder Götter 
und Kulte / Das Unhelmlldie aus Infantilen Komplexen / Die Äqui- 
valenz der Triebgegensatzpaare ' über Diflferenzierunjj 

Der tiefblickendste und scharfsinnigste Religionspsychologe unserer 
Zeit. - ,ji. t t _* (Schulreform, Bern) 

Kin geistreiches Buch . . . Einer der hellsten Köpfe unter den Psycho- 
analytikern. (Alfred Döblin in der Vossischen Zeitung) 

Gut ist die Analyse des Faratismus . . . Man wirrt eine Methode, die 
so tiefe Sachverhalte aufdecken kann, nicht a limine ablehnen. 

(Prof. Titüjs in der Theologischen Literatur zeitung) 

Mao muß Reiks wuchtigen Vorstoß .-inerkennen . . . Rllcksichtelos geht 
der Weg, zwar oft durch Dunkel und Schrecken und kaltes Grauen. 
Aber wer den Mut dazu hat, kann sieh getrost der sachkundigen Füh- 
rung Reiks anverlrauen. (Bremer Nachrichten) 

Das Buch ist unmittelbar erschüttL-rnd. Es versäume niemand, dem 
psychologischen Zusammenhang zwischen Christus und Judas Ischarioth 
unter lieiks sachkundi^jer Führung nachzusinnen. Der erste Eindruck 
mag leicht ähnüch erschreckend wirken, wie die Be^iegnung mit dem 
Hüter der Schwelle; allein auch hier wird sich der Schreck, vom 
Richtigen richtig erlebt, als heüsiim erweisen. 

(Graf Hermann Keyserling im fVeg zur Vollendung) 

Manches darin wird starken Anstoß erregen und r^och . . . findet man 
immer wieder etwas in ein neues Licht gertlckt. (Frankfurter 'Leitung) 



Internationaler Psydioanalytisther Verlag 

Mien, Vll., Andreasgasse 3 



THEODOR REIK 

G ES T Ä N D N I S Z W A N G 

UND 

STRAFBEDÜR FN 1 S 

PROBLEME DER PSYCHOANALYSE 
UND DER KRIMINOLOGIE 

Geheftet M. 8.—, Ganzleinen M. lO. — 

Inhalt: Der unbewußte GesfAndniszwang / Wiederkehr des Ver- 
drängten / Tiefendimension der Neurose / Der Geständniszwang in 
der Kriminalistik I Psj'dioanalytlsdie Strafrcditstheorie / Der Gestflndnis- 
zwang In Religion, Myliius, Kunst und Spradic / Entstehung des 
Gewissens I Kindcrpsydiologle und Padagoficik / 
Der soTiali'. Geständniszwang 

Die hochinleressante Arbeit eines tiefgründigen t>eiikers und schürfen 

Beobachters, deren große Bedeutung fttr die Weiterentwicklung der 
psycho iinalyse die Zukunft zeigen wird. (Osttrreich. Hichterieitung) 

Kein Leeer wird sich dem Ernst entziehen kßnnen, mit dem Reik den 
seltEumen Kontrast zwisehen äußerer Selbsigereihtiijkeit des Menschen 
(als Einzelnen wie als Kolleküvura) und dem inueren Selbstgerichl 
aufdeckt, der den Leitfaden der echten sittlichen Entwicklung bildet. 

(Bücherrundschau} 

Vermittelt über die letzten Wurzebi des Geständnis- und Bestrufungs- 
triebes bei Neurotikern viele überraschende und originelle, sicher auch 
einst fruchtbar werdende Einsichten. 

(Zentralblatt f. d. ges. Neurologie u. Psychiatric) 

Reik versteht es iu glänzender Weise, seine Hypothesen vorzutragen. 
Kn bewundernsw erler Glaube an die Bedeutung der Psychoanalyse 
läßt ihn zur höchsten Höhe einer optimistischen Zukunftshoffnuag 
aufsteigen. C^9f Friedländer in der Umschau) 



Internationaler Psythoanalytisdier Verlag 
Wien, VIL, Andrcasgasee 3 



C. D. D A L Y 



r 



HINDU-MYTHOLOGIE UND 
KASTRATIONSKOMPLEX 

Geheftet M. 2.80, Ganzleinen M. 4.20 

Inhalt: I) Psychologie der Hindu. Kurze Analyse gewisser Bestand- 
teile des Hinduismus. Die Rückkehr zu den analen Interessen und die 
Fixierung in ihnen als Resultat der Kastrationaangst. Ambivalente 
Einstellung zu den weiblichen Genitalien — II) Die hinduistische Göttin 
Kali. Ihre Attribute. Lha-Mo, das tibetanische Gegenstück — m) Der 
Kali-Symboliamus — IV) Der Penisneid — V) Die Todesangst der Hindu. 
Kali, die Schlachtenkönigin. Das .Unheimliche" und das „Geheimnis- 
volle". Der Menstruationskomplex. 

g£za röheim 

MONDMYTHOLOGIE UND 
MONDRELIGION 

Geheftet M, }^6o. Ganzleinen M. /. — 

Inhalt ; I) Die Wasserträger im Monde. Die Sage und ihre Wande- 
rungswege. Der Moodbaum, der ewige Faden und die Spinnerin, 

Zusammenhänge zwischen Südostasien und Polynesien. Die Kröte — 
II) Mondmythen und Weckträume. Naturmylhos und Elementargedanke 
oder Psychologische Mythendeutung und Wanderungstheorie. Mond- 
sage, Durstreiztraum, Harnreiztraum. Flutsagen. Feuer und Wasser. 
Urindrang und Mondsucht. SymboUk der Flutsagen — UI) Danaiden- 
arbeit. Deutung der neuseeländischen Varianten. Danaidenarbeit. Das 
Los der alten Jungfern. Die Sonntagsschänder und ihre ewige Arbeit. 
Diebstahl und Mondversetzung — IV) Die Mondmutter und der Mond- 
knlt. Die analytische Deutung der Mondsucht, Mondsucht und Men- 
struation. Der Traumgedanke und die Entstellung. Kiddus lebana. Die 

lunare Sympathie. 



i 

I 



Internationaler Psychoanalytisdier Verlag 

Wien, VIL, Andreasgasse 3 



ECKART VON SYDOW 

PRIMITIVE KUNST UND 
PSYCHOANALYSE ^ 

EINE STUDIE ÜBER DIE SEXUELLE GRUNDLAGE 
DER BILDENDEN KÜNSTE DER NATURVÖLKER 

(Mit Kunstbellagcn) 

Geheftet M. S.~, Ganzleinen M. 10.— 

Inhalt: I) Die Wiedererweckung der primitiven Kunst — H) Oie 
drei Wege zur Erkenntnis der nalurvöUdschen Kunst. Untersuchung 
der Form; Kunstwissenschaft; des Inhaltes; Völkerpsychologie; des 
Gehaltes : Psychoanalyse — III) Die sexuelle Grundlage der Baukunst. 
Vorstufen: Höhle, Weiterschirm. Die Wohnung. Psychoanalytische 
Deutung des räumlichen Urbildes — IV> Die sexueUe Grundlage der 
Plastik. Stein, Baum, Pfahl — V) Die sexueUe Grundlage der zeich- 
nerischen Künste (Felsgravierung, Malerei usw.) — VI) Lust- und 
Unlustprinzip in ihrem Verhältnis zum naturvölkischen Kunstwerk. 
Kunst- und Wirlschaftsformen bei den Naturvölkern — VID „Körper- 
kunst" und deren sexueUe Grundlage. Vergrößerung der Körpermaase. 
Umbildung der Gliedmaßen. Bemalung und Tätowierung — VIII) Die 
eeschichlliche Reihenfolge der KUnste — IX) Kritik der psyclio- 
analytischen Kunstphilosophie. O. Ranks KunstphüosopMe. Die geistige 
Kunstform als selbständige Kulturmacht - X) Der Grund des Still- 
standes der primitiven Kunst — XI) Zusammenfassung 

HERMANN RORSCHACH 

ZWEI SCHWEIZERISCHE 
SEKTENSTIFTER 

Geheftet M. 2.20, Ganzleinen M. ^40 
Inhalt: I) Binggeli — H) Unternährer 



Intemationaier PsyAoanalytisdier Verlag 
Wien, Vli, Andreasgasse 3 



^ . _ 



I 



FRANZ ALEXANDER 

PSYCHOANALYSE DER 
GESAMTPERSÖNLICHKEIT 

Geheftet M. ^.~, Ganzleinen M. Ii.~ 



Inhalt: I) EntwickJungsrichtuDg der Psychoanalyse. Die Entdeckung 
des Ichs. Der ökonomische Vorteil der Verdrängung. Die Schwäche 
des Ichs in der Kindheit. Der Wiederholungszwang als Äußerung des 
Tragheitsprinzips. Verinnerlichung der Realangst zur Gewissenaancst 
Die Strafe begünstigt die Sünde. Mißbrauch des Leidens als MUderun^s- 
grund -- 11) Die Rolle des Ichs in der Neurose. Der hysterische und 
der paranoische Mechanismus. Die Schamreaklion. Der paranoische 
Meclianjsmus bedeutet Leugnen — 111) Rechtfertigung der dramatischen 
Darsttllung der Neurosen. Die dynamsche Struktur der Zwangsneurosen 
und der Phobien. Eifersucht in der Kinderstube. Asketische Züge 
in dar Ehe und in der Mutterschaft. Straßenangst als Folge von Dirnen- 
phantasen — IV) Der zwangsneurotiache Zv/eifel. Die Strafe als 
Befriedigung femininer Bestrebungen. Der Sinn der hypochondrischen 
Befürchtungen — V) Die dynamische Neurosenformel. Erotisieruno des 
Strafbediirfnisses. Die Herkunft des Gewissens. Die RüUe des Leidens in 
Religion und Erziehung. Die psychische Grundlage des Strafsystems in 
der Gesellsehafl. Das unvermeidliche Nacheinander von Lust und Unlust 
Die biologische Wurzel der Unlusterwartungen. Pesthallen an alten 
Befriediguugsarten — \T) Das äUologische Problem der Neurosen. Die 
Sublimierungen. Verwöhnung und Übersfrenge. Die früLzeitigsten 
Triebbeeinlrächtigungen. Kriminalität. Verzicht auf reale Befrirdigung 

— VIT) Triebmischungen. Ein Fall von masochistischem Transvf-stitismus. 
Die sadistische Komponente der Moral. Wirkung der Todesnachricht. 
Die Strafe als Maske für Lusthefriedigungen. Die Perversion als Schutz 
vor Selbstzej-stÖrung — VTH) Triebmischungen und Triebrichtungen. 
Eine allj^emeine Krankheitsthaorie auf Grundlage der Trieblehre von 
Freud. Die Rückwendung des Hasses in der MelanchoUe, Masochismus 
und Homosexualität — IX) Die Triebgrundlagen der Neurosen. Die 
Persönlichkeitsbildung. Die einzelnen Neurosen im Lichte der Trieblehre. 



Internationaler Psydioanalytisdier Verlag 

Wien, VII., Andreasgasse 3 






I 



■KnA'^.^ ^WILHELM REICH : ,ijJ« ^ 

DIE FUNKTION 
DES ORGASMUS 

ZUR PSYCHOPATHOLOGIE 13ND ZUR 
SOZIOLOGIE DES GESCHLECHTSLEBENS 

Geheftet M. JO.—, Ganzleine ji M: J2. 



Inhalt: 1) Der neuroüsche Konflikt - 11) Die orgasUscUe Potenz — 

III) Die psychischen Störungen des Orgasmus, a) Die Herabsetzung 

der orgastischen Potenz (onanisti scher Koitus) ; b) Die Zei-splitterung 

des Orgasmus (akute Neurasthenie); c) Die absolute orgastische 

Impotenz (Hypästhesie, Anästhesie); d) Die Sexualerregung bei der 

Nympiiomanio — IV> Somatische Libidostauung und Angstaffekt. 

ä) Allgemeines über das neurotische Symptom; *; Angst und vaso- 

vegetatives System; c) Sexualerrej;ung und autonomes Nervensystem ; 

d) Die psychische ÄÜologie der Akluahieurose ; e) Aus der Analyse 

einer Hysterie mit hypochondrischer Angst; f) Befürchtung und 

Angslatfekl — V) Psychoneurotischc Schicksale der Genitallibido. 

1) Konvereionssympiom und hysterische Impotenz; 2) Die zwaugs- 

neurolische Impotenz; 3) Die genitale Asthenie der chronischen 

hypochonärischen Neurasthenie; Zwei Formen der ejaculatio praecox - 

VI) Zur psycboanalyüschen Genitaltheorie — VII) Die Abhängigkeit 

des Destruktionstriebes von der Obidostauung — VIU) Über die soziale 

B-deutung der genitalen Strebungen. a) Die Spaltung der genitalen 

Tendenzen in der Gesellschaft; h) Die Folgen für die Elie; c) Zur 

Frage der Abstumpfung der GenitaUtät in der monogamen Ehe; 

d) Der erotische und der soziale Wirklichkeitssinn. 



Internationaler Psydioanalytisdier Verlag 
Wien» Vfl., Andieasgasse 3 



Vater, Mutter, Arzt und Lehrer 

lesen die 

ZEITSCHRIFT FÜR 

PSYCHOANALYTISCHE 
PÄDAGOGIK 



eas- 



Unter Mitwirkung von August Alchhorn (Wien), Lou Andr.^.- 
Salomfi (Göttingen), Siegfried Bernqeld (Berlin), Marie Bona^iWt'*e 
(Paris), Mary Chadwick (London), M. D. Eder (London), ' Paul 
Federn (^'ien), S. Ferenczi (Budapest), Anna Freud (Wien), 
Josef K. Friedjung (Wien), Albert Furrer (Zürich), Wilhelm 
Hoffer (Wien), Karl Landauer (Frankfurt a. M.), Barbara Low 
(London), C. MolIer-BiaunschweiB (Berlin), Oskar Pflster 
(Zürtdi), Jean Piagct (Neudiätel), Vera Schmidt (Moskau), 
A. J. Storfer (Wien), AlfhUd Tamm (Stodcholm), Frttz Witteis 
(Wien), M. Wulff (Moskau), Hans Zulllger (ItUgen-Bcrn) 

herausgegeben von 

Dr. Heinrich Meng und Dr. Ernst Schneider 

Arzt in Stuttgart Unlversltfitsprofessor In Riga 

Erscheint monatlich — Jahresabonnement (tz Hefte) M. lo. 

Der IL Jahrgang beginnt im Oktober 1927 und endet 
im September 1928 

Iheis des kompletten T. Jalirganges (Oktober 1926 bis September 1927} 
in einem Halbledcreinband M. if.6o 



1 



Verlag der Zeitsdirift für psydioanalytisAe Pädagogik 

Wien, VIL, Andreasgasse 3 



f 

1 

t 






Der bereits abgeschlossen vorliegende I. Jahrgang der 

„ZeitsArift für psydioanalytisdie Pädagogik" 

enthielt u. a. folgende Beiträge: 

Aichhorn- Zum Verwahrlosten-Problem. - Baudouin: Von 
Aicnnorn. ^u (r«-hPnbure- Über kindUche Sexual- 

Peslalozzi zu Tolstoi. — Behn-Ksenen Durg. "»^ ,«„i„t«»- ri<.r 

forsohunff - Bernfeld: Zur Psychologie der .Sittenlosigkeit der 
Ju;:nr-Boehm:ünarüge Kinder. - Chadwick: EinExpenmant 
in einem Kindergarten. - Furrer: Trot.neui^se eu.es fünfaehn- 
jahrigen Mfidchens. - Giese: Psychoanalyse .m Fabnkbetnebe. - 
Graber: Zeugung und Geburt in der Vorstellung ^^^J^f^^' 
Gravelsin: Zur sexuellen Aufklärung in der Schule. - H«'"»«-^"; 
Pestalozzi und die PsychoanaljBe. - Jacoby: Muß es Unmusikahsche 
geben? - Landauer; Die Zurückweisung der Aufklärung durch das 
Kind. - Liertz: Über das Traumleben. - Meng: Gespräche mit 
einer Mutter. - Nunberg: Ein Traum eines sechsjährigen Mädchens. 
— Reich: Die SteUung der Eltern zur kindlichen Onanie. - Reik: 
Psychoanalyse und Mythos. - Schneider: Zur Zukunftsbedeutung 
Pestalozzis. - Über sachliche und unsachliche Erziehung. - Ein fall 
von Bettnässen. - Tamm: Die angeborene Wortblindheit und ver- 
wandle Störungen bei Kindern. — Witt eis: Die Triebhaftigkeit ÜeS 
Kindes. - Zulliger: Über das kindliche Gewissen und seine Biidun«. 
— Geständnisangst und Geständniszwai^ bei Kindern. 

Die ersten Hefte des II. Jahrganges werden u. a. folgende Beiträge 

enthalten: 

Boehm; Em verlogenes Kind. - Friedjung: Wa«chefetischismus 
!ine7Einiährigen. - Graber: UnlerwürügkeU. - Meng: Psycho- 
rXse und Volk. - Levy-Suhl: Phobie eines zweijährigen Knaben. 
_ Schneider: Zur Psychologie des Lausbuben. - Tamm: 
Kleptomanie bei Kindern. - H. Zulliger: HeUung eines Prahlhauses. 
— M. Zulliger: Marieanne wiU nicht baden. 

I« Vorbereitung: Sonderhefte Ober „Onanie", über „Stottern", 
!ier„?cTüle?selb«tmord%aber „Nacktheit und Erziehung- 



Verlag der Zeitsdirift für psydioanalytisdie Pädagogik 

Wien, VII., Andreasgasse 3 



^^-'-" ALMANACH 



1926 



■:'■% 



Ganzleinen M. J. — , Halhleder M. 7.— 

Inhalt: Freud: Die Widerstände gegen die Psychoanalyse / 
„Die Ausnahmen" / Die okkulte Bedeutung des Traumes — 
Thomas Mann: Mein Verhältnis zur Psychoanalyse — 
Hermann Hesse: Künstler und Psychoanalyse — ' H. R 
L enorm and: Das Unbewußte im Drama — FredeHk van 
Eeden über Psychoanalyse — Hanns Sachs: Gemein- 
samer Tagtraum und Dichtung / Carl Spitteler f — Alfred 
Polgar: Der Seelensucher — Georg Groddeck: Wie 
ich Arzt wurde und wie ich zur Abneigimg gegen das 
Wissen gekommen bin — Th. Reik: Psychoanalytische 
Strafrechtstheorie — August Stärcke: Geisteskrankheit 
und Gesellschaft — Oskar P fi ster: Eltemfehler in der 
Erziehung zur Sexualität imd Liebe — Vera Schmidt: 
Das psychoanalytische Kinderheim in Moskau — August 
Aichhorn: Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung 
— Siegfried Bernfeld: Bürger MachiaveU ist Unterrichts- 
minister geworden und hält den Hofräten seines Mini- 
steriums folgende Programmrede — Stefan Zweig: Das 
Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens —Aus dem „Tage- 
buch eines halbwüchsigen Mädchens" — S. Ferenczi: 
Begattung und Befruchtung — Emest Jones: Kälte, 
Krankheit und Gebiu-t — Karl Abraham: Über Charakter- 
analyse — Otto Rank: Drei Stunden einer Analyse — 
Paul Schilder: Selbstbeherrschung und Hypochondrie — 
August Kielholz; Über Erfinderwahn. 



Internationaler PsydioanaJytisdier Verlag 
Wien, VU., AndreasRasse 3 



ALMANACH 
,1927 

Ganzleinen M. 4. — , Halbleder M. 8.— 

Inhalt: Lou A n dr e a s-S a 1 o m 6, Prof. E. Bleuler, 
Stefan Zweig, Alfred Döblin, Zum siebzigsten Geburts- 
tag Sigm. Freuds. - Freud: Vergänglichkeit.— Freud: 
Zur Psychologie des Gymnasiasten. — F r e u d : Psycho- 
analyse und Kurpfuscherei. - Pfarrer Dr. Oskar Pf^ster: 
Die mensclilichen Einigungsbestrebungen im Lichte der 
Psychoanalyse. - M. D. Eder: Kann das Unbewußte 
erlogen vverden? - Theodor Reik: Gedenkrede über 
Karl Abraham. — Karl Abraham: Die Geschichte eines 
Hochstaplers im Lichte psychoanalytischer Erkenntnis. — 
Karl Abraham: Über Gou^s Heilformel. — Israel 
Levine: Psychoanalyse und Moral. - Gustav Wyneken: 
Sisyphos, oder: Die Grenzen der Erziehung- — Ludwig 
Binswanger: Erfahren, Verstehen, Deuten m der 
Psychoanalyse. - Prof. Hans K eisen: Der Staatsbegritt 
in der Psychoanalyse. — Erwin Kohn: Das Liebesschick- 
sal Ferdinand LassaUes. — Prof. Heinr. Gomperz: 
Sokrates und die Handwerksmeister. — Otto Rank: Don 
Juan und Leporello. — Eckart von Sydow: Die Wieder- 
erweckung der primitiven I^""St. - L. J e k e 1 s: Zur 
Psychologie der Komödie. - Theodor Reik: Zur lech- 
nik des Witzes. - Franz Alexander: Emige unkritische 
Gedanken zu Ferenczis Genitaltheorie. - Karen H o rn e y. 
Flucht aus der Weiblichkeit. - Ernst S 1 m m e 1: Doktor- 
spiel, Kranksein und Arztberuf. - Georg Gr od deck: 
Nicht wahr, zwei Damen? Und der Schlag aufs Paradies- 
HTiflein — Psychoanalytisches Lesebuch 
f J J Rousseau, Lichtenberg, Pestalozzi, Stendhal, Schopen- 
hauer, Nietzsche, Baudelaire, Thomas Mann usw.) 



Internationaler Psydioanalytischer Verlag 
Wien, VII., Andreasgasse 3 






über die Fortschritte der psychoanaP^ti^chen Theorie 
und Praxis informieren fortlaufend die beiden von 

Prof. Sigm. Freud 

herausgegebenen Zeitschriften : 

INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT 
FÜR PSYCHOANALYSE 

Offizielles Organ der «Internationalen 
Psydioanalyflsdien Vereinigung" 

Redigiert von 

M. Eitingon, S. Ferenczi, Sandor Radö 

T928 erscheint Bd. XIF (4 Hefte Lexikonohav im Gesamtumfang 
von etiva 60c Seiten). Abonnement M. 28.— 

und 

IMAGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER 

PSYCHOANALYSE AUF DIE NATUR- 

UND GEISTESWISSENSCHAFTEN 

Redigiert von 

Sändor Radö» Hanns Sadis, A. J. Storfer 

1^28 erscheint Bd. XIF (4 Hefte Großquan im Gesamtumfang 
von etwa $60 Seiten). Abonnement M. 22. — 



t 

I 
i 



I 



Internationaler Psydioanalytisdier Verlag 
Wien, VD^ Andreasgasse 3 






4 



j;r^-^'w:^w c/1 /^3 



I 




S( 



manac 




IVli 



19£8