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Full text of "Aus dem Liebesleben Nicolaus Lenaus"

SCHRIFTEN ZUR ANGEWANDTEN SEELENKUNDE 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 
SECHSTES HEFT 



AUS 



DEM LIEBESLEBEN 
NICOLAUS LENAUS 



VON 



DR. J. SADGER 

NERVENARZT IN WIEN 



LEIPZIG UND WIEN 

FRANZ DEUTICKE 

1909 



Verlags-Nr. 1605. 



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^^^^^^^^^^^^^H 



Verlag von Franz Deutieke in Leipzig und Wien. 



Schriften 
zur angewandten Seelenkunde 

herausgegeben von 

Prof. Dr. Sigm. Freud 

in Wien. 

I. Heft: 

Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva". Von Prof. 
Dr. Sigm. Freud in Wien. Preis M 2.50 = K 3.—. 

II. Heft: 

Wunsclierfüllung und Symbolik im Märchen. Eine Studie von 

Dr. Franz Kiklin. Sekundararzt in Kheinau (Schweiz). 

Preis M 3.— = K 3.60. 

m. Heft: 

Der Inhalt der Psychose. Von Dr. C. G. Jung, Privatdozent der 

Psychiatrie in Zürich. Preis M 1.25 = K 1.50. 

IV. Heft: 

Traum und Mythus. Eine Studie zur Völkerpsychologie. Von Dr. 
Karl Abraham, Arzt in Berlin. Preis M 2.50 = K 3. — . 

V. Heft: 

Der Mythus von der Geburt des Helden. Versuch einer psycho- 
logischen Mythendeutung von Otto Rank. Preis M 3. — = K 3.60. 

Die „Schriften zur angewandten Seelenkuude" wenden sich an jenen 
weiteren Kreis von Gebildeten, die, ohne gerade Philosophen oder Medi- 
ziner zu sein, doch die Wissenschaft vom Seelischen des Menschen nach 
ihrer Bedeutung für das Verständnis und die Vertiefung unseres Lebens 
zu würdigen wissen. Die Hefte werden in zwangloser Folge erscheinen 
und zumeist eine einzige Arbeit bringen, welche die Anwendung psycho- 
logischer Erkenntnisse auf Themata der Kunst und Literatur, Kultur- 
und Religionsgeschichte und analoger Gebiete unternimmt. 



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SCHRIFTEN ZUR ANGEWANDTEN SEELENKUNDE 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. Dr. SIGM. FREUD 
SECHSTES HEFT 



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AUS DEM LIEBESLEBEN 

NICOLAUS LENAUS 



VON 



Dr. J. SADGER 

NERVENARZT IN WIEN 



LEIPZIG UND WIEN 

FRANZ DEUTICKE 

1909 



< 







INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Wer zweier Menschen Liebesleben zum Gegenstande 
seiner Untersuchungen macht, wird zuallererst und vor jeder 
Prüfung ein inneres Bedenken zerstreuen müssen : Besitzt man 
das Recht, sich in das Intimste zweier Personen kühl kriti- 
sierend einzudrängen, auch wenn sie längst schon die Erde deckt ? 
Da, glaube ich, läßt sich allgemein nur sagen, daß, wo dies 
zu wissenschaftlichen Zwecken, aus einem Erkenntnisdrange 
geschieht, nicht etwa aus Neugier oder niedriger Klatsch- 
sucht, sich dagegen kaum etwas einwenden läßt. Bedenkt 
man, mit welchem Gewebe von Lüge und ärgster Entstellung 
das normale Liebesleben der Menschen gemeinhin umhüllt wird, 
so bleibt dem Forscher einfach nichts übrig, als sich dorthin 
zu wenden, wo von einer Berühmtheit genügend aufklären- 
des und unentstelltes Material vorhanden. Im Falle Lenau- 
Löwenthal vollends kommt noch dazu, daß die weibliche 
Hauptperson schon vor Jahrzehnten selber die entscheidenden 
Liebesblätter publizieren ließ, sich also der Öffentlichkeit 
freiwillig preisgab. Darum ist es nur unser gutes Recht, der 
Wahrheit hier unbarmherzig nachzugehen. 

Das Verhältnis des Dichters zu Sophie Löwenthal scheint 
mir nach drei Richtungen nähere Beleuchtung herauszufor- 
dern. Zunächst: wie stellte es sich in Wirklichkeit dar, 
was ist zwischen beiden tatsächlich geschehen? Zum zweiten: 
hat es Lenaus Krankheit und Ende befördert und in welcher 
Weise? Und endlich dünkt mich noch von Belang, welchen 
Einfluß es auf des Dichters Schaffen, Charakter und Geistes- 
entwicklung übte. 

Wenn von dem Verhältnis Lenaus zur Frau seines 
Freundes die Rede, dann können sich die meisten Lebensbe- 
schreiber des Rühmens nicht genug tun über die Reinheit und 
Lauterkeit dieses Bundes. Es ist noch das mindeste, wenn 
z. B. E. Castle, der jüngste Biograph, sich in der vornehmen 

S a d g e r, Aus dem Liebesleben Nicolaus Lenaus. 1 



AUS DEM LIEBESLEBEN 



Wendung gefällt : »Max vertraute der keuschen Tugend seiner 
Gattin und dem ehrenhaften Sinne des Freundes.« Bestand 
dieses Vertrauen nun völlig zu Recht? Mich dünkt da nur 
eines ganz unumstößlich festzustehen, daß es zwischen beiden 
im Liebesverkehre zum Äußersten nicht gekommen ist. Dafür 
besitzen wir in den »Liebesklängen« untrügliches Zeugnis, be- 
sitzen wir weiters die dezidierte, feierliche Erklärung des Dich- 
ters gegen Martensen. Aber Kuß und Umarmung fehlten ihrem 
Zusammensein nicht, ja scheinen tägliche Übung gewesen. 
Sophie saß oft auf dem Schöße Lenaus, ward von ihm, wie aus 
einem Zettel hervorgeht, auch auf den Armen getragen und 
es bleibt eines jeden Phantasie überlassen, sich Stellen zu 
deuten, wie: >Hatte ich auch nicht alles, so hatte ich doch 
mehr, als ich je auf dieser Erde zu erringen gehofft«, oder 
ganz ähnlich ein halb Jahr darauf: »Wenn ich Dich auch 
nicht ganz haben durfte, so hatte ich doch mehr, als meine 
schönsten Träume für möglich hielten. Wie reich bist Du ! 
Wieviel kannst Du geben, wenn Du noch so viel zurück- 
behältst!« Zu verschiedenen Zeiten hat Lenau endlich im Tag- 
und Nachttraum die Wonnen der Liebe voll ausgekostet, in 
allem geschwelgt und auch vor dem Äußersten und stets 
Verwehrten, vor »der eisernen Schranke« nicht Halt mehr ge- 
macht. Immerhin ward in Wirklichkeit die letzte Gunst ihm 
nicht gewährt, die Ehe also, anatomisch genommen, noch 
nicht gebrochen. Nur dünken die üblichen großen Worte in 
solchen allzu menschlichen Dingen mich recht deplaciert. 

Zumal wenn ich auf die Gründe eingehe, die in jenem 
Verhältnis das Äußerste hemmten. Am unkompliziertesten 
scheint mir das Verhalten des Gatten zu sein. Max Löwen- 
thal war in jeder Beziehung eine hochanständige Mittelmä- 
ßigkeit, gar nirgends hervorragend, doch überall ehrenwert. 
Wohlhabend und feingebildet, unbefriedigt von seinem Amte, 
behaftet mit schöngeistigen Allüren, hatte er zeitlebens mit 
der unglücklichen Liebe zur Dichtkunst zu kämpfen. Aber 
blieb ihm auch selber der Lorbeer des Dichters ewig ver- 
sagt, suchte er doch wenigstens Anschluß zu finden bei 
Poeten und Literaten, buhlte um ihre Freundschaft und zog 



NICOLAUS LENAÜS. 



sie in sein gastfreundlich Haus, wo ihm eine geistvolle, hoch- 
geliebte und von allen bewunderte Hausfrau waltete. So auch 
bei Lenau, der sich aber längere Zeit bitten ließ, das erste- 
mal direkt refüsierte und erst ein Jahr nach geschlossener 
Bekanntschaft, als die Hypochondrie ihn gar zu sehr platte, 
sich endlich zu dem Besuche verstand. Das ist ein Punkt, 
den der Dichter stets wieder zur Rechtfertigung seines 
Verhaltens herausstrich: Freund Max sei eigentlich selber 
schuld an seinem Verhältnis zu dessen Gattin, jener habe ihn 
selber ihr zugeführt. Max dachte wohl lange Zeit kaum 
daran, daß zwischen seiner Frau und dem bewunderten und 
verehrten Poeten sich mehr als Freundschaft entwickeln 
könnte. Als diese jedoch sich immer deutlicher zur Liebe 
emporwuchs, war er, wie ich einmal sehr wohlklingend las, 
»wieder Dichter genug, über gewisse Bedenklichkeiten hin- 
wegzugehen«. Verborgen konnte dem klugen Kopf das auf 
die Länge freilich nicht bleiben und wäre er selbst verblendet 
gewesen, der just im österreichischen Vormärz so blühende 
Klatsch hätte früher oder später ihm die Augen geöffnet. Gleich- 
wohl hat Max zwar gelegentlich noch seinem Unmut deut- 
lichen Ausdruck gegeben, sehr zum Verdrusse des liebenden 
Dichters, im ganzen jedoch nicht nur dem Paare nichts in den 
Weg gelegt, sondern obendrein erlaubt, daß Lenau unter 
seinem Dache wohne. Wie konnte dies geschehen bei allem 
Vertrauen zu Gattin und Hausfreund, da unedle Motive doch 
ausgeschlossen waren? Die Lösung wollen wir später ver- 
suchen. 

Bei einem jeden dreieckigen Verhältnis liegt die Ent- 
scheidung in der Hand der Frau. Es pflegt genau so viel zu 
geschehen, als diese will, sie weiß stets just so viel durchzu- 
setzen und zu versagen, als ihr selber genehm ist. Die wich- 
tigsten Quellen zum Seelenverständnis dieser intelligentesten 
deutschen Frau, ihre Briefe an Lenau, sind leider unwider- 
bringlich dahin. Nur einzelne Züge, von Castle neuerdings 
stark gemehrt, verstatten gelegentlich größeren Tiefblick. 
Vom 15. bis zum 17. Jahre hatte sie eine unglücklich 
endende Liebe. Zwei Jahre nach Abbruch besagter Liebschaft 



AUS DEM LIEBESLEBEN 



erfolgte die Eheschließung mit Max. Es war durchaus keine 
Neigungsheirat, ja Sophie hatte jenen sogar schon einmal 
abgewiesen und erst, als er wieder kam, ihn erhört, dem Rat 
und Drängen der Eltern nachgebend. Dem Tagebuch aber ver- 
traut sie an: »Das ist eben der Jammer des Lebens, daß so 
manche edle Menschen ihr Herz verschenken müssen an 
Mittelmäßige, weil gerade kein anderer da ist.« Trotz aller 
großen Vorzüge des Gatten ist sie in der Ehe ganz unbe- 
friedigt. »Bei der Ehe, wie sie unter uns ist, finde ich vieles 
herb und roh. Fürs Leben ! So etwas auf immer Festgestelltes 
für ein menschliches Verhältnis bei dem wandelbaren 
Wesen der menschlichen Natur und der Dinge ! Dann das ge- 
meinschaftliche Existieren in denselben Räumen — die Ver- 
pflichtung, Kinder zu erzeugen. Ich begreife nicht, wie 
die Mädchen nicht viel mehr Widerwillen gegen die Ehe 
haben, als die Männer.« Trotzdem nun Sophie, selbst einer 
kinderreichen Ehe entstammend, den Satz Jakobis unter- 
schrieb : »Die Natur hat das Weib nur zu einer Leidenschaft, 
der für die Kinder, angewiesen ; Mutterherz ist sein eigent- 
liches, wahres Wesen«, trotzdem sie weiters in sechsjähriger 
Ehe dem Gatten drei herrliche Kinder geboren, setzte sie es 
nach dem letzten doch durch, daß der Mann fortab auf jeden 
weiteren Verkehr verzichtete. Das ist ein Punkt, der zu den- 
ken gibt. Die Sorge vor allzuviel Kindersegen kam bei ihrer 
Wohlhabenheit und dem Beispiel, das sie zu Hause gehabt, 
kaum in Betracht. Verzichtet jedoch ein junges Weib von 
26 Jahren freiwillig auf allen legitimen Genuß, dann ist nur 
eine Erklärung möglich : es war für diesen, zumal beim 
wenig geliebten Mann, ganz unempfindlich. Und erwiesen wird 
dies durch eine Briefäußerung Sophiens zu Schurz, als Lenau 
eben wahnsinnig geworden : »Ein gesunder und starker Mann 
scheint ein Bedürfnis zuhaben, welches einem Weibe un- 
bekannt bleibt als solches.« Was aus der üblichen Verallgemeine- 
rung in das Spezielle übertragen heißt : welches mir, der Sophie 
Löwenthal, ganz unbekannt geblieben ist. Und sie hat dem 
Geliebten das Äußerste gewehrt, nicht weil sie besonders 
tugendhaft war, sondern weil ihr dies kein Vergnügen machte. 



NICOLAUS LENAUS. 



Sonst aber mag sie dem Heißgeliebten alles erlaubt haben, 
was ihr nur selber Lustempfindung schuf. Einen Ehebruch 
jedoch um etwas zu begehen, das ihr selber gleichgültig, den 
vertrauenden Gatten zu betrügen, sich allem Klatsch, allen 
Folgen aussetzen ohne irgend einen Genuß für sich selbst, 
dafür war sie doch zu praktisch und klug. Und damit scheint 
mir auch eine befriedigende Aufklärung gegeben für Maxens 
unverbrüchliches Vertrauen. Er wußte einfach aus eigener 
Erfahrung, wie wenig Sophie beim Verkehre empfand, und 
daß er darum auch von seinem Freunde nichts zu fürchten 
habe. Auf ein zweites, nicht minder bedeutsames Motiv 
werde ich im späteren zurückzukommen haben. 

Hier sei eine Zwischenbemerkung verstattet. Ich setze 
das Verhältnis nicht deshalb in all seinen Einzelheiten so 
unbarmherzig auseinander, um etwa einen Stein auf die 
Frau zu werfen. Nur wer sich von jeder Schuld frei fühlt, 
mag solches versuchen. Mich aber bedünkt, kein Weib kann 
mit absoluter Gewißheit sagen, ob es sich in gleichem 
Fall besser betrüge, zumal dem zehnjährigen Liebeswerben 
eines Lenau genüber. Man soll jedoch auf der anderen 
Seite auch nicht verheimlichen oder preisend entstellen, 
wo nur allzumenschliche Triebfedern wirkten. Es mag ge- 
nügen, die Wahrheit zu suchen, wie immer sie ausfalle, ohne 
Rücksicht, ob jemandem Leid geschieht. 

Sophie war also anästhetisch für den Geschlechtsakt, 
nicht aber für andere Sexualempfindungen. Die Unempfindlich- 
keit für den ersteren ist, wie wir jetzt wissen, bei Frauen, die 
schon einmal geboren haben, ein typisches Stigma der 
Hysterie. Für diese Krankheit fehlt es bei Sophie auch nicht 
an anderen markanten Symptomen. So schreibt sie mit 
17 Jahren in ihr Tagebuch : »Mein physisches Leiden, ein 
beständiges Herzzittern, auch manchmal ein bedeutender 
Schmerz an dem Herzen, macht mich vollends zu jedem Ge- 
nuß untauglich.« Auch später litt sie vielfach an Herz- 
klopfen, ohne herzkrank zu sein, und klagte nach jeder Auf- 
regung, zumal um des Geliebten willen, über verschiedene 
Beschwerden und ewige Kränklichkeit, was sie aber nicht 



AUS DEM LIEBESLEBEX 



hinderte, ein Alter von beinahe 80 Jahren zu erreichen. Auch 
die unnennbare Scheu, ja Todesfurcht, welche sie ihr ganzes 
Leben hindurch vor dem Scheiden hatte, vermag ich nur als 
Hysterie zu deuten, wenn ich auch gern zugeben will, daß 
alle angeführten Beweise nur den Fachmann überzeugen. 
Man muß aber bedenken, daß wir von dem Seelenleben 
Sophiens und ihren verschiedenen Krankheitsäußerungen fast 
nichts anderes wissen, als was in den Briefen Lenaus reflek- 
tiert wird, und neuestens auch, was in ihrem Mädchentage- 
buch zu lesen. 

Auch die Erziehung, welche sie im väterlichen Hause 
genoß, war ganz eigenartig und manches in ihrer späteren Ent- 
wicklung erst aufklärend. Von der Mutter hatte sie den 
praktischen, hausfraulichen Sinn und eine gewisse Herbheit 
und Strenge. Sehr bedeutend war der Einfluß des Vaters. 
Im Hause Kleyle ging es immer streng patriarchalisch zu 
und die Tochter gehorchte »dem mildesten, weisesten, billig- 
sten Vater«, wie sie ihn einmal nennt, auch um so lieber, 
weil sie dem geistig hochstehenden Manne noch etwas mehr 
als bloße Kindesliebe verband. Der Hofrat hatte seine Kin- 
der besonders sorgfältig erzogen. Zwei-, dreimal die Woche 
versammelte er sie, was damals in Wien als etwas Absonder- 
liches besprochen wurde, um ihnen Vorträge aus Naturkunde 
und Geschichte zu halten, wobei Sophie stets seine auf- 
merksamste Zuhörerin war. Auf diese väterlichen Vorträge 
geht wohl deren spätere Sehnsucht nach Verkehr mit 
bedeutenden Männern zurück, welche schon die Siebzehn- 
jährige ausspricht. 

»Bewundern ist und Liebe eins beim Weib!« heißt's in 
»Uriel Acosta«. Wen aber bewundert das kleine Kind wohl 
mehr als seinen Vater oder höchstens noch die Mutter? Tat- 
sächlich hat uns die psychologische Erfahrung gelehrt, daß 
die in Wirklichkeit erste Liebe, welche schon ganz deutlich 
die Züge sinnlicher Beteiligung trägt, den ersten Kinder- 
jahren angehört und daß ihre Objekte keine anderen sind, 
als die eigenen Eltern, in zweiter Linie die eignen Geschwi- 
ster. Jede spätere sogenannte erste Liebe ist nur Wieder- 



NICOLAUS LENAUS. 



holung, nur Neuauflagerung jener erstempfundenen. Auch 
bei Sophie ist trotz aller Dürftigkeit unserer Quellen dies gut 
nachweisbar. Wie Hofrat Kleyle, sind beide Männer, welche 
sie liebte, Ludwig Köchel und Nikolaus Lenau, bedeutende 
Persönlichkeiten, die beide vielfach ihre Lehrer waren, und 
ihr Vorträge hielten ähnlich dem Vater. Auch Sophiens Vor- 
liebe für Blumenzeichnen, mit welcher sie später Lenau ent- 
zückte, ist zwar nicht vom Vater abzuleiten, wohl aber von 
Köchel, der ein bedeutender Botaniker war und dem zuliebe 
sie es getrieben. 

Ich will jenen Satz von den Erstgeliebten, der manchen 
vorerst vielleicht überrascht, noch ein wenig beleuchten. Wer 
unbefangen beobachten kann, wird die polare Anziehung der 
Geschlechter, des Mannes für das Weib, des Weibes für den 
Mann auch in dem Verhältnis der Eltern zu den Kindern 
unschwer erschauen. »Ein natürlicher Zug«, sagt Freud in 
seiner »Traumdeutung«, »sorgt dafür, daß der Mann die klei- 
nen Töchter verzärtelt, die Frau den Söhnen die Stange hält, 
während beide, wo der Zauber des Geschlechtes ihr Urteil nicht 
verstört, mit Strenge für die Erziehung der Kleinen wirken. Das 
Kind bemerkt die Bevorzugung sehr wohl und lehnt sich gegen 
den Teil des Elternpaares auf, der sich ihr widersetzt. Liebe bei 
den Erwachsenen zu finden, ist ihm nicht nur die Befriedi- 
gung eines besonderen Bedürfnisses, sondern bedeutet auch, 
daß in allen anderen Stücken seinem Willen nachgegeben wird. 
So folgt es dem eigenen sexuellen Triebe und erneuert gleich- 
zeitig die von den Eltern ausgehende Anregung, wenn es 
Wahl zwischen den Eltern im gleichen Sinne wie diese trifft.« 

Die keimende Neigung jeglichen Kindes, hinter der sich 
weit mehr Sexualität verbirgt, als die meisten nur ahnen, geht 
also immer auf den andersgeschlechtlichen Elternteil. Die erste 
Liebe des kleinen Mädchens gehört dem Vater, die frühesten 
infantilen Begierden eines jeden Knaben der eigenen Mutter, 
wobei noch ausdrücklich anzumerken ist, daß diese gegen- 
seitige Erotik beiden Befallenen stets unbewußt bleibt und 
hinter der harmlosen Eltern- sowie Kindesliebe gut versteckt 
wird. Man hat sich oft darüber verwundert, daß, wenn eine 



AUS DEM LIEBESLEBEN 



Ehe aus reiner Neigung geschlossen wurde, ohne äußere 
Rücksichten, die beiden Gatten einander von vornherein ähn- 
lich sehen, nicht etwa erst nach langjähriger Ehe. Nach 
dem Vorstehenden ist dies wohl begreiflich. Denn wählt der 
Jüngling tatsächlich aus Liebe, so sucht er eine Braut nach 
dem Vorbilde der erstgeliebten Mutter, mit der er naturgemäß 
Ähnlichkeit besitzt, und das Nämliche gilt natürlich vom 
Mädchen. 

Man muß sich hüten, wenn ich von Liebe des Kindes 
zu seinem Vater spreche, dabei an bewußte Sexualität im 
Sinne späterer Jahre zu denken. Zwischen Hofrat Kleyle und 
Sophie z. B. lag sicherlich gar nichts anderes vor als die gewöhn- 
lichen Zärtlichkeiten, so die meisten Väter ihren Kindern wid- 
men, ohne jegliches Arg. Er küßte und umarmte sie, nahm die 
Kleine auf den Schoß, trug sie auf den Armen und ähnliche 
Dinge — genau wie es später ihr Lenau auch tat. In dem Kinde 
jedoch, das man noch heute unglaublicherweise für asexuell 
hält, dieweil ihm Fortpflanzung unmöglich ist, erwachen 
da stets erotische Gefühle, welche für sein späteres Liebes- 
leben entscheidend werden. Denn lieben lernt der Jüngling 
von seiner Mutter, das Mädchen vom Vater. Das ist die Er- 
klärung für das Verhältnis Lenaus zu Sophie. Sie gewährte 
ihm alles, was ihr in der Kindheit der Vater gewährte, und 
versagte das letzte aus gleichem Grunde, zumal sie dafür 
unempfindlich blieb. »Freudig kämpfen und entsagen« hieß 
ihre Devise, der sich Lenau, wenn auch nicht gern, unter- 
warf. Sophiens Natur aber war jenes Wort ein durchaus ge- 
mäßes. Denn physische Entsagung galt dieser anästhetischen 
Frau durchaus nicht als Opfer, und Freude erfüllte sie bei 
jenem Kampfe, weil sie auch dem neuen Liebhaber nicht mehr 
gewährte als ihrem erstgeliebten Vater. Zurückgestoßen aber 
hat sie auch den heftigst Verlangenden nie, obwohl es in 
ihrer Macht gestanden. Denn fast ebenfo stark wie die 
Furcht, sie durch den Tod zu verlieren, war in Lenau die 
Angst, an ihrer Achtung einzubüßen. Stak doch dahinter der 
Respekt vor seiner eigenen Mutter mit aller späteren Über 
tragung auf Sophie. Aber wenn er auch noch so ungestüm 



NICOLAUS LENAUS. 



begehrte, entzog sich ihm die letztere wohl, doch ohne 
durch eine Silbe zu verraten, daß sie ernstlich verletzt sei 
oder ihn gar darum geringer achte. Wie sollte sie denn 
auch, da Lenau eigentlich bloß erfüllte, was sie zumindest 
in der Pubertät vom Vater ersehnte. Nur hatte sie, da die 
Dämme der Moral schon errichtet waren, diese stark ver- 
pönten, unheiligen Wünsche sofort unterdrückt, in ihren 
tiefsten Herzensschrein geborgen. Aus meinen psychoanalyti- 
schen Erfahrungen bei sexuell anästhetischen Frauen kann 
ich ergänzen, daß sich da ausnahmslos als Grund der ge- 
schlechtlichen Fühllosigkeit inzestuöse Gedanken auf den 
Vater herausstellten, die zumal in der Pubertät erwachten 
und dann sofort die schärfste Unterdrückung erfuhren, d. h. 
vollständig vergessen wurden. Diese Frauen bleiben ein 
ganzes Leben lang anästhetisch, weil der Erst- und immer 
noch Heißgeliebte körperlich nicht begehrt werden durfte. 
Für das Verhältnis Lenaus zu Sophie jedoch gilt, wie ich 
nochmals wiederholen will: sie hat es genau so weit geführt 
und sich just so viel abringen lassen, als ihr selber er- 
wünscht war. 

Zweimal ließ sie den Vater in ihr Leben eingreifen und 
beide Male bezeichnenderweise um eines ungetreuen Lieb- 
habers willen. So als sie, Kleyles Aufforderung folgend, sich 
von Köchel lossagte. Die nötige Kraft ward ihr dazu, weil 
sie eigentlich damit nur den zweiten Liebhaber jenem 
ersten opferte, ein Grund, der ihre von manchem bewun- 
derte Starkmütigkeit vollauf erklärt. Der andere Fall lag 
schon viel ernster. Im Jahre 1839 hatte Lenau sich nämlich 
kopfüber in die Liebe zur Unger gestürzt, so daß er Sophie 
zu entgleiten drohte. Da wird sie nach ihres Mannes Schilde- 
rung »von physischen Leiden ergriffen, welche speziell auf 
die Psyche deprimierend wirken und von dieser gegenseitig 
wieder empfindlich influenziert werden«. Wir dürfen wohl 
ruhig darin hysterische Symptome erblicken. In einer ihrer 
krankhaften Stimmungen nun schrieb sie der Familie einen 
Brief, »in dem mit aller ihr eigenen Genialität der Dar- 
stellung eine tiefe Melancholie ausgeprägt war«. Der besorgte 



10 AUS DEM LIEBESLEBEN 

Vater, schon längst gleich Max von dem schädlichen Ein- 
flüsse überzeugt, den Lenaus finstere Lebensanschauung auf 
die Tochter übe, schrieb dieser einen Brief zurück mit deut- 
lichen Anspielungen auf den Dichter, ja verschiedenen Kraft- 
ausdrücken über diesen. Und was tat nun Sophie? Sie war 
nach den Worten ihres Gatten »unklug, aber ehrlich genug, 
den Brief an seine indirekte Adresse gelangen zu lassen«, 
was natürlich zum Bruch zwischen Vater und Liebhaber 
führen mußte. Vom Standpunkte ihres hysterischen Empfin- 
dens war dies aber durchaus logisch gehandelt. Sie ruft zu- 
nächst im Vater den ersten Liebhaber zu Hilfe und weiß 
durch die Schilderung ihres tiefen Leidens seine alte väter- 
liche Sorge und Liebe neu anzufachen. Dann aber zeigt sie 
dem ungetreuen Zweiten, wie schwer sie um seinetwillen 
leide. Und da habe er vollends gar das Herz, sie wegen 
einer anderen zu verlassen. Wenn sie endlich dem Vater 
noch einen geliebten Freund entzieht, so erfüllt sie oben- 
drein alte kindliche Rachepläne, die auch der heißesten 
Liebe nicht fehlen, worüber ich später noch handeln werde. 
In dieser Liebe zum Vater wurzelte dann endlich auch 
noch ihre Frömmigkeit, wie ja der religiöse Zusammenhang 
von Religion und Liebe darin ganz allgemein seinen Grund 
hat. Dem Kinde wird ja sehr früh schon gelehrt, daß Gott 
im Himmel der Vater aller Menschen sei, daher, wie das 
Kind natürlich fortsetzt, dann auch der seine. Es wird also 
direkt darauf geführt, den leiblichen Vater mit dem über- 
irdischen zu identifizieren. Mit 15 Jahren, wie selbstver- 
ständlich auch schon in der Kindheit, wirft Sophie nach dem 
Tagebuche all ihre Sorgen und Schmerzen auf den Herrn, 
der für alle seine Geschöpfe sorgt — wie Hofrat Kleyle für 
seine Kinder. Auf der Höhe ihres Liebesempfindens, da sie 
alles sich liebend zugeneigt wähnt, bricht sie zum Schluß in 
die Worte aus : »Die ganze Natur lächelte mich verklärt an, 
jeder Grashalm, jedes Sandkorn rief mir zu: Gott ist die 
Liebe, Gott ist die Gnade und die höchste Weisheit, er ist 
dein Vater!« Und ähnlich dann drei Wochen später am 
Schluß einer längeren Schwärmerei : »Er ruft mir durch den 



NICOLAUS LENAUS. 11 



Stern, durch die Blume, durch den Sturm, durch den Tau- 
tropfen zu: Ich bin dein Vater, du bist mein Kind!« Den 
verlangenden Dichter hat sie stets wieder auf ein Jenseits 
vertröstet. Auch dieses Vorgehen findet im kindlichen Den- 
ken Erklärung. Denn im Himmel gibt es keine Sünde, ist 
jede Erotik unbeschränkt gestattet, die hier auf Erden ver- 
pönt gewesen. Und als die 17jährige Sophie den Bruch mit 
Köchel herankommen sieht, entlädt sich der Kummer und 
die Qual ihrer Seele in einer Tagebuchschwärmerei : »0 Gott! 
Das Leben ist ja nicht das einzige, was wir haben, 
wir haben ja noch eine Zukunft nach dem Tode, noch eine. 
Dort, wo jedes unedle Gefühl schweigt, dort, wo reine 
Liebe für alle Erschaffenen unser Herz durchdringt, dort 
werden wir uns gewiß begegnen, frei von der irdischen Hülle, 
frei von den irdischen Gebrechen und gereinigt, beglückt, 
beseligt an deinem Thron knien, du Alliebender, vereinigt 
auf ewig!« 

Fassen wir noch einmal kurz zusammen, was Sophiens 
Verhalten entscheidend bestimmt. Sie war infolge ihrer 
Hysterie für den Geschlechtsakt anästhetisch, nicht aber für 
andere Sexualempfindungen. Darum hat sie dem Geliebten 
alles gewährt, was ihr selber genüßlich, sich aber dauernd 
dort versagt, wo für sie selber keine Lust zu holen. In der 
Liebe zu Köchel wie zu Lenau lebt die Liebe zum Vater 
wieder auf, genau wie bei ihrer Gottfrömmigkeit. Des Dich- 
ters Vertröstung auf ein Jenseits endlich ist gleichfalls dem 
kindlichen Fühlen entsprungen und hat in der Liebschaft 
mit Köchel ihr Vorbild. 

IL 
Wie Sophie zeitlebens unter dem Einflüsse stand, den 
der Vater auf sie als Kind ausübte, so Lenau ähnlich unter 
jenem der Mutter. Drum sei vorerst hier zusammengestellt, 
was wir von dieser letzteren wissen. Selbst ihrem im Fühlen 
gewiß nicht allzu maßhaltenden Sohne erschien die Mutter 
als »eine überaus leidenschaftliche Frau«. Da sie zum ersten- 
mal gesegneten Leibes war, ohne noch den Trauring am Finger 



12 AUS DEM LIEBESLESEN 

zu haben, drohte sie wiederholt, sich das Leben zu nehmen 
samt ihrem noch ungeborenen Kinde, wenn sie Mutter würde, 
eh' sie Gattin geworden. Und es duldet nach allem, was wir 
von ihr wissen, kaum einen Zweifel und ward offenbar vom 
ewig schwankenden Vater unseres Dichters sowie dessen 
Angehörigen auch gar nicht bezweifelt, daß sie nötigenfalls 
Ernst machen würde. Als später sodann ihr Gatte verstarb, 
da stellte sie sich vor den Augen ihres fünfjährigen Knaben 
auf eine in den Keller führende Falltür, zerraufte ihr Haar 
und stampfte mit den Füßen, damit die Tür einbreche und 
sie sich zu Tode stürze. In beiden Zügen tritt somit die 
Idee des gemeinsamen Sterbens mit dem Meistgeliebten uns 
deutlich entgegen, wie später in dem Leben des Dichters. 
Auch in der Liebe zu diesem war sie höchst leidenschaftlich. 
»Ich könnte mich für dich schinden lassen«, erklärte sie 
einmal ihrem Sohne. »Es gibt keine Marter, die ich um 
deinetwillen nicht ertrüge.« Offenbar hat sie in ihrem Sohne 
alle Vorzüge seines Vaters geliebt ohne dessen Schwächen 
und diese Liebe verstärken lassen durch jene Erotik, die 
der Mutterliebe stets eigen ist. Auch daß seine Geburt ihr 
bald das Leben gekostet hätte, trug sicher dazu bei, ihn vom 
ersten Augenblicke seines Daseins ihr zum Allerliebsten auf 
Erden zu machen. 

Was sie mit ihrem Sohne trieb, das war schon die 
reinste Abgötterei. Wie eine Zwangsidee lastete der Gedanke 
auf ihr, der Sohn könnte ihr plötzlich genommen werden, 
oder, wenn er eine kurze Zeit nicht schrieb, ihm wäre ein 
Unglück zugestoßen. Auch hier wieder deutlich direkte Über- 
tragung vom geliebten Vater, den dessen Familie ihr noch 
vor der Ehe in wiederholten Versuchen entreißen wollte, 
welchem obendrein stets von seinem Zehrfieber Lebensgefahr 
drohte, auf den ebenso heiß geliebten Sohn. Mehr als einmal 
ließ sie den zweiten Mann, ja selbst ihre Kinder ohne weiteres 
im Stiche, nur um dem Nesthäkchen nachzureisen. So maß- 
los war sie in dieses verliebt. Und wie verwöhnte sie es erst 
zu Hause ! Mochte Schmalhans noch so sehr Küchenmeister 
sein, der verzogene Liebling mußte sein besonderes Essen 



NICOLAUS LENAÜS. 13 



haben, das die Mutter ihm obendrein früh ans Bett brachte, wie 
später auch seine Schwester Therese. Dem Söhnchen genüber 
war die Mutter stets blanke Nachgiebigkeit. »Wie du willst, 
lieber Nik,« hieß es da immer, »wie du willst.« Sein Un- 
glück war, bemerkt ganz richtig sein späterer Schwager 
Schurz, daß er keinen Vater hatte, nur eine zu liebevolle, 
zu schwache Mutter, die ihn sichtbar vor allen Geschwistern 
bevorzugte. 

Mit dieser augenfälligen Bevorzugung aber hat sie den 
Keim des Größenwahns in den Knaben gelegt, ja, indem sie 
erzählte, er stamme durch sie vom Ungarkönig Bela ab, von 
dem sie sogar eine Pistole bewahrte, jene kindlich-physio- 
logische Megalomanie noch erheblich gesteigert. Im späteren 
Wahnsinn, doch auch schon in seinen gesunden Tagen traten 
Größenideen ganz unverkennbar und deutlich zu Tage, 
die kindlichen Wünsche und Phantasien verratend. So be- 
merkte er einmal zu Schwester Therese, er verdiente in 
Samt und Seide zu gehen, das wäre ihm nichts als gebühr- 
lich, wogegen aber gerade mancher erbärmliche Lump alles 
in Überfluß genieße. Es ginge vielleicht noch als begreifliche, 
fast physiologische Eitelkeit hin, daß er, der einfache »Edle 
von«, sich in Stuttgart nicht bloß den »Herrn Baron« ge- 
fallen ließ, sondern ihn nachgerade direkt verlangte. Auch 
verließ ihn das Bewußtsein nie, ein ungarischer Edelmann 
zu sein, dem vornehme, ja verschwenderische Lebensführung 
geradezu Gebot sei, was freilich mit seinen kärglichen Mitteln 
grell kontrastierte und nur willkommene Ausflucht bot, sich 
unangenehme Forderungen seiner Umgebung vom Leibe zu 
halten. Schon fast ans Pathologische streifend ist eine von 
Frankl erzählte Episode, die freilich wieder auf infantile 
Phantasien zurückgeht. Er sträubte sich nämlich, für eine 
Fahrt nach Lainz den allgemeinen Omnibus zu benützen. 
»Mich freut es nicht mit so vielen zusammen,« begründete 
er seine Weigerung. »Es ist doch ein schöner Genuß, mit 
vier prächtigen Hengsten vorgespannt durchs Leben fahren 
zu können.« Nun fing er mit einem Fiaker zu unterhandeln 
an, ob er nicht von seinem Kollegen ein Paar Pferde borgen 



U AUS DEM LIEBESLEBEN 

und zu den seinen spannen wolle. Der Fiaker meinte: »Euer 
Gnaden, da fangeten ja d'Schusterbuben a Rebellion an!« 
— »Er hat recht!« sagte Niembsch und zog Frankl herzlich 
lachend fort; »aber im Omnibus fahre ich nicht. Man muß 
dem Volke zeigen, daß man lieber zu Fuß alleingeht!« End- 
lich wird der Kindertraum noch im Wahnsinn lebendig, wenn 
er als König von Ungarn ein feuriges, in einer Reihe dahin- 
brausendes Viergespann lenkt, wie Apollo die Sonnenrosse, 
und eine halbe Stunde in der Zelle um sein Bett herumjagt, 
nur stets darauf bedacht, daß alle 16 schallenden Hufe ganz 
gleichzeitig niederfallen und dröhnen. 

Nichts vertrug er so schlecht als eine auch nur nur ver- 
meintliche Geringachtung und Verletzung seines Stolzes. Selbst 
Männer, die er bewundern oder gar lieben mußte, wie Uhland, 
Graf Württemberg und Anastasius Grün, hatten dies wieder- 
holt zu erfahren Gelegenheit. Ja, sogar Sophie Löwenthal 
schrieb er einmal: »Es erweckt mir immer eine peinliche 
Empfindung, wenn ich auch nur im Scherz meinen Charakter 
gegen Dich verteidigen soll. Demütige mich nicht, auch nicht 
scherzend ! Das ist eine Verletzung, die immer Blut gibt, 
wenn man sie noch so leise ritzt.« Launen und Grillen dul- 
dete er einzig nur an sich selbst, bei jedem anderen machten 
sie seiner Liebe unweigerlich ein Ende. Nie verzieh er ein 
einziges rauhes Wort, auch wenn es einer zornigen Aufwallung 
entsprungen, nie gar einen Vorwurf, auch wenn man sofort 
um Entschuldigung bat. Denn die Mutter hatte ihm niemals 
im Leben Vorwürfe gemacht, ihm nie ein Rauhwort zu hören 
gegeben, ja selbst als sie sich in Todesschmerzen wand, jede 
Leidensäußerung alsbald unterdrückt, sowie der Sohn in ihr 
Zimmer trat. Und sie hat mit ihrer unendlich opferfähigen 
Liebe nur eins erzielt, daß nach Schultzens Wort ihr ver- 
zogenes Hätschelkind »ich- und herrschsüchtig, eigen- und 
eisenwillig wurde und blieb und griesgrämig ward, wenn 
ihm einmal das launenhafte Schicksal nicht immer sogleich, 
wie die gefügige Mutter, nach vollem Wunsch und Willen tat«. 

Die Behandlung im Elternhause hatte ihn außerordentlich 
bequem gemacht. War er doch gewohnt, daß ihm schon als 



NICOLAUS LENAUS. 15 



Kind alles förmlich entgegengetragen wurde, für seine leib- 
lichen und geistigen Bedürfnisse immer gesorgt ward, ohne 
daß er je zu verlangen brauchte. Nie hat er sich darum im 
späteren Leben viel bemühen mögen, selbst nicht, wo besondere 
Ziele winkten. Und doch war der Stolz des Edelmannes, welcher 
seine Unabhängigkeit nicht aufgeben könne, bestenfalls Mit- 
grund, wenn er z. B. um die Professur der Ästhetik im 
Theresianum nicht kompetierte. Wie Schwager Schurz ganz 
richtig erkannte, hätte er die Stelle gern akzeptiert, nur 
hätte man sie ihm anbieten sollen, statt daß er sich selber 
um sie bewerben mußte. Er hätte aus Gnade annehmen 
können, zu Bitten und Wegen verstand er sich nicht. Das 
hatte er bei Muttern nie nötig gehabt. 

Auch wenn er eine Frau recht innig lieben, ja, selbst 
nur, wenn er sich behaglich und wohl in ihrem Kreise fühlen 
sollte, mußte er es haben wie im Elternhause. Vor allem 
unbestrittene Zentralsonne sein, um die sich jegliches drehte, 
der sich alles unterwarf, welche etwa Trabanten und Neben- 
gestirne noch haben durfte, doch beileibe nie eine zweite 
Sonne. Am liebsten sollte es Wettstreit geben um seine Liebe 
oder blanke Eifersucht. Es mußte zum zweiten die ganze 
Umgebung nur auf sein physisches und geistiges Wohl- 
befinden ewig bedacht sein, ihm alle Wünsche vom Auge ab- 
lesen. Und er mußte endlich dieselbe Bequemlichkeit und Be- 
haglichkeit haben wie als Knabe und Jüngling, gehen und 
kommen, reden und schweigen, Geige spielen und dahinbrüten 
können, ganz wie er es wollte. Wenn man dann obendrein 
Opfer zu bringen gern bereit war oder dies durch die Tat 
schon bewiesen hatte, konnte er sich wirklich wie »zu Hause« 
fühlen. 

Man kann dies deutlich an jenen drei Familien nach- 
weisen, wo Lenau in Wahrheit sich heimisch fühlte. Da war 
vor allem Schwester Therese, die an ihrem Bruder weit 
inniger hing als an dem Gatten und all ihren Kindern, genau 
wie sie es bei ihrer eigenen Mutter gesehen. Kam sie doch ein- 
mal dem Manne geradezu mit dem Ansinnen, seine Stellung 
aufzugeben, alles zu Geld zu machen und mit Kind und Kegel 






16 AUS DEM LIEBESLEBEN 



dem Bruder nachzureisen in den amerikanischen Urwald, 
wieder ähnlich, wie es die Mutter getan. Auch sonst in ihrer 
ewigen Bekümmerlichkeit um des Bruders Wohl, in der 
Sorge um seine Zukunft, in der Furcht, ihn nicht wiederzu- 
sehen, wenn er verreiste, war sie durchaus das Ebenbild dieser 
letzteren. 1 ) Fast Mutterliebe und sorgsamste Beachtung seiner 
kleinsten Wünsche und Eigenheiten fand Lenau sodann bei 
Emilie Reinbeck. »Sie ist nebst meiner Therese mir das 
liebste Weib !« schrieb er kurz vor seiner Amerikareise. 
Und als er sie nach seiner Rückkehr besucht hatte: »Meine 
liebe Emilie hat mich gepflegt, als wäre sie meine Resi.c 
Endlich tritt, als sie schwer krank danieder liegt, ihre 
Identifikation nicht bloß mit der Schwester, sondern auch 
mit der Mutter ganz deutlich zu Tage. An Schurz schrieb er 
nämlich: »Ich liebe die Frau unaussprechlich, mir ist sehr 
weh ums Herz. Man besorgt die Wassersucht. O Bruder, 
kenntest Du dieses göttliche Weib, Du würdest weinen wie 
ein Kind bei dieser Nachricht ... Die Natur ist furchtbar. 
Was Abgründe, was Meerestoben ! Das ist nichts ; aber Toten- 
betten Heißgeliebter sind etwas, sind das Furchtbarste. Wenn 
ich nur an keins mehr treten müßte ; ich möchte ja lieber gleich 
selber sterben.« Endlich fand er, was später im Detail noch aus- 
geführt werden soll, eine grenzenlose Verehrung und Liebe 
bei Sophie Löwenthal. »Die ganze Familie«, erzählt uns 
Bauernfeld, »war gewohnt, den Dichter als den eigentlichen 
Mittelpunkt ihres geselligen und gemütlichen .Seins zu be- 
trachten und danach zu behandeln, ihm auch alle äußere 
Behaglichkeit und Bequemlichkeit zu verschaffen, jede seiner 
Launen nicht nur zu befriedigen, sondern sie zu erraten und 
ihnen zuvorzukommen.« 

Im Gegensatze zu dieser aufopfernden, mutterähnlichen 
Liebe sah er beim Weibe Gustav Schwabs und in 



') Es ist recht häufig, daß, wenn ein Kind von Vater oder Mutter be- 
sondere geliebt und bevorzugt wird, dies dessen Geschwister ganz ebenso 
übernehmen und fortsetzen. Die Erklärung an dieser Stelle zu geben, führte 
zu weit. Ursache ist in letzter Linie die Liebe der verziehenden Geschwister 
zu dem verziehenden Elternteil, die dann übertragen wird auf dessen Liebling. 



NICOLAUS LENAUS. 17 



Kerners Haus sein Ideal nie ganz erfüllt. Im Anfang schien's 
freilich, als könnte auch die Schwabin ihm die langersehnte 
zweite Mutter werden, und da er einst schied, erfaßte ihn 
eine »unendliche Traurigkeit, als wäre er aus dem Paradiese 
— dem durch seine Schuld verwirkten — gestoßen auf 
ewig«. Doch als jene später beinahe gewaltsam seine Ehe mit 
ihrer Nichte betrieb, war der Riß gleich fertig. Seine Mutter 
hätte ihn niemals im Leben zu heiraten gedrängt. Auch bei 
Justinus Kerner ward er trotz anfänglich heißer Liebe kein 
dauernder Gast. Denn abgesehen davon, daß Rikele stets 
für ihre Tischtücher bangte, die Lenau mit der Gabel zer- 
stach — der Sinn dieses Tuns soll später seine Erklärung 
finden — wurde Kerner selbst trotz seines Freundschafts- 
genies ihm mählich herzfremder. Denn dessen »Allerwelts- 
kerlerei« und seinen »Hunger nach Notabilitäten« vertrug 
unser Dichter schlechterdings nicht. Wer einen Lenau bei sich 
beherbergte, durfte keine anderen, Götter haben oder vollends 
gar suchen. 

Ehe ich die feineren erotischen Beziehungen und 
andere Kindheitseindrücke berühre, seien noch ein paar Einzel- 
züge erwähnt, die klar und durchsichtig auf die Mutter hin- 
weisen. Wir wissen, diese kannte kein höheres Glück, als 
wenn sie selbst in ihrer Bettelarmut dem Sohn etwas Gutes 
vorsetzen konnte, und wär's auch nur ein Milchreis gewesen. 
Ein gutes Essen hat darum Lenau allzeit von jeder Haus- 
frau verlangt, bei der er sich heimisch und wohl fühlen 
sollte, ja, in seinem »Faust« ist der Satz zu lesen: 

»Der Frauen Herz, voll rätselhaften Zügen, 
Erprobt sich stets am Wohlschmack ihrer Speisen.« 

Wenn Lenau nicht gern das Licht vor dem Einschlafen 
auslöschen mochte, vielmehr es liebte, sich bei noch brennen- 
der Kerze vom Schlummer allmählich beschleichen zu 
lassen, so wirkte die liebende Sorgsamkeit der Mutter da 
ebenso nach, als wenn er auf seinen Reisen weit mehr an 
Büchern, an Schirmen, Stöcken und zahllosen Kleinigkeiten 
mitnahm, als er je nötig haben konnte. 

Sa dg er, Aus dem Liebesleben Nicolaus Le:iaus. g 



18 AUS DEM LIEBESLEBEN 



Von der Mutter wissen wir, daß sie das Kunststück zu- 
wege brachte, in einem elenden ungarischen Dorf im Hoch- 
sommer drei Wochen nicht an die Luft zu gehen, trotzdem 
sie selbst fühlte, dadurch ihre Gesundheit einzubüßen. Die 
damals mit dem ersten Kinde schwanger Gehende schreibt 
dem fernen Geliebten am 3. Juli: >Das Zimmer ist klein, 
wo ich samt der ganzen Bauernfamilie wohne, kein Fenster 
zu eröffnen, und noch dabei ist heute schon das dritte Mal, 
daß man einheizt, um Brot zu backen; ich muß halb ver- 
schmachten im Zimmer, oder ich muß mich vor der Tür 
in der Sonne braten.« Und später dem 18jährigen Sohn, der 
bei den Großeltern weilt : »Wie geht es Dir mit der schreck- 
lichen Bewegung, die Du täglich zu machen hast. Ich 
sehe jede üble Witterung mit Wehmut.« Durch ihr Beispiel 
und ängstliche Behutsamkeit brachte sie es dahin, daß Lenau 
später in Wien wie in Stuttgart ein weiches Stubenleben 
führte, sich bei Reinbecks z. B. nur gelegentlich abends ein 
wenig im Schatten des Hausgartens erging. »Im Tal, in der 
Ebene ist ihm jeder Schritt zuviel,« sagte jemand von ihm. 
»Nicht auf den kleinsten Hügel mag er steigen. In den Alpen 
aber ist er rüstig und aufgelegt zum Klettern wie ein Gemsen- 
jäger,« aus Gründen, die ich später erklären werde. Und mit 
Recht nennt Sophie unter den begünstigenden Ursachen des 
Wahnsinns: »Er hat seinen Körper jahrelang mißhandelt, 
ist nie spazieren gegangen, hat nie gebadet, ja sogar im 
Winter streng verboten, seine vom Tabakqualm verpesteten 
Zimmer zu lüften.« Mit zunehmendem Alter ward er stets 
bequemer und gehunlustiger, so daß er z. B. einmal bloß des- 
halb in die Stadt hineinzog, um sein geliebtes »Silbernes Kaffee- 
haus« ganz nahe zu haben. 

In jedem Kinderleben gibt's Wünsche und Forderungen, 
die selbst die zärtlichste Mutterliebe nicht erfüllen kann oder 
gewähren darf, worauf bei unserem Knaben alsdann maß- 
losester Zorn sich als schweres Belastungsstigma regte. Auch 
später geriet der Dichter oft und selbst bei unbegreiflich 
kleinen Anlässen in Berserkerwut. Gustav Schwab nannte 
dies »die wilde Husarenlaune in ihm«. Dahinter steckt offen- 



NICOLAUS LENAUS. 19 



bar der Zorn des Kindes, dem die Mutter Unmögliches wei- 
gern mußte. Auch als Kertbeny den Dichter im Jahre 
1842 sah, fiel ihm der trotzige Kindskopf auf, der gegen 
die braunen, sehr freundlichen Augen sehr kontrastierte. 
Endlich war der Widerstand, welchen Lenau des Lebens 
Widerwärtigkeiten entgegensetzte, nach seinem eigenem Wort 
nicht der eines ruhigen Weisen, sondern hatte im Gegenteil 
viel Trotziges an sich, was einmal in seinem Temperament 
gelegen. Ganz unverkennbar kindliches Gepräge mit gut ver- 
steckten erotischen Wünschen zeigt schließlich auch noch 
eine Episode an Nikis 20. Geburtstag. Als da der Jubilar 
nach wohl zu reichlichen geistigen Genüssen die Stiege zu 
seiner Wohnung emporklomm, setzte er sich plötzlich auf dem 
Treppenabsatz nieder und wollte durchaus nicht weiter. Alles 
Bitten, Flehen und Beschwören der Verwandten fruchtete 
nichts. Es mußte wenigstens ein halbes Dutzend meist baum- 
starker Jünglinge kräftigst zugreifen, um mit äußerster An- 
strengung den wie wütend um sich Schlagenden hinauf- und 
in sein Bett zu schleppen, worauf dieser noch am nächsten 
Tage ganz heiser war und mehrere Tage mit einer »nicht 
unbedenklichen« Halsentzündung das Bett hüten mußte. Hier 
lag wohl der Kinderwunsch zu Grunde, von der Mutter auf 
den Armen hinaufgetragen zu werden, die das durch die 
Alkohollibationen freigemachte Unbewußte zu erzwingen ver- 
* suchte und das Mißglücken mit Heiserkeit strafte und einer 
»gefährhchen« Halsentzündung, wohl zweifellos nach dem 
Muster der Kindheit. Ein ähnlicher Versuch erfolgte dann 
22 Jahre später, als das Unbewußte im ausbrechenden Wahn- 
sinn sich abermals durchzusetzen vermochte, der unglückliche 
Dichter sich auf offener Straße hinstrecken wollte und schwer, 
nur durch Freundeszuspruch, zum Weitergehen bewogen 
werden konnte. 

Aus allem Vorstehenden erhellt ganz deutlich, daß der 
Mutter Er- oder besser Verziehung Lenau überaus mächtig 
beeinflußte, im großen wie im kleinen, in der Jugend wie 
noch mehr im zunehmenden Alter, in Charakterentwicklung 
wie in leiblicher Gesundheit, und daß jene endlich sogar 

2« 



20 AUS DEM LIEBESLEBEN 

seinem Wahnsinn oft Richtung gab. Drum konnte der 19jährige 
Lenau ihr mit vollem Recht schreiben: »Ich erinnere mich 
eben, daß Du in mehreren Briefen klagtest, Deine Mutter- 
rechte verloren zu haben. Nun frage ich aber, ob es der 
Mütter viele gibt, die das Leben des Sohnes in ihren Händen 
haben wie Du? Oder ob es eine höhere Muttergewalt gibt als 
diese? Sei zufrieden, Du hast mehr als viele, sehr viele an- 
dere Mütter!» 

Und noch eins will ich gleich hier berühren, das später aus- 
nahmslos nachzuweisen ist; EinjedesWeib, dasderDich- 
ter lieben und begehren sollte, mußte ihn an seine 
Mutter erinnern. Sie ist das ewig unsterbliche 
Vorbild für eine jede folgende Geliebte. Nur 
welche es traf, ihr ähnlich zu sein oder ähnlich 
zu werden, vermochte den Dichter dauernd zu 
fesseln. Liebte er in allen Verkleidungen doch 
bloß eine einzige, seine Mutter! 

ni. 

Bisher war nur von dem mächtigen Einfluß der Mutter 
die Rede. Wo aber bbeb denn der Vater des Dichters und 
war dessen Einwirkung vollkommen nichtig? Es ist bezeich- 
nend, daß Lenau von diesem, den er doch mehr als fünf Jahre 
kannte — die wichtigsten bedeutsamsten Kinder jähre — nur 
eine einzige Erinnerung bewahrte, u. zw. an eine kräftige 
— Maulschelle. Eine solche hatte der lebhafte Knabe näm- 
lich erhalten, als er es wieder einmal gar zu arg trieb und 
der totkranke Vater wiederholt vergebens Ruhe geheischt 
hatte. »Noch als Mann sah Lenau die hohe, hagere, weiße Ge- 
stalt dieses furchtbaren Augenblickes mit erhobener Hand 
vor sich stehen, fast so oft, als er seines Vaters gedachte,« 
erzählt uns Schurz. Und er bewahrte jenem eigentlich stets 
eine böse Erinnerung, sprach auch zur Schwabin einige Male 
mit Entrüstung von ihm in Beziehung auf seine Mutter. Diese 
zähe Rachsucht gibt zu denken. Hat doch wohl jeder, der 
in seiner Kindheit einen Vater gehabt, von diesem gelegent- 
lich für allzu ungezogenes Betragen eine Maulschelle er- 



NICOLAUS LENAUS. 21 



halten. Drum wird ihm doch keiner zeitlebens ein böses 
Andenken wahren. Wo dies aber geschieht, wie im Falle 
Lenau, muß etwas anderes dahinter sich bergen, das eine 
ewige Verstärkung setzt. 

Was aber soll dies gewesen sein ? Hier muß ich noch 
einmal auf die Mutter rekurrieren und ihr Verhältnis zum 
vergötterten Sohn. Sind beider Beziehungen mit den Worten 
»Mutter- und Kindesliebe« vollständig erschöpft? Ich glaube 
mit nichten. Es soll hier gar nicht die Frage angeschnitten 
werden, welcher Anteil an der Mutterliebe ganz direkt auf 
Rechnung sinnlicher Regungen zu setzen ist. In Lenau 
jedoch war die Mutter zweifellos direkt verliebt. Denn 
wo man um eines Kindes willen alle anderen zu opfern 
allzeit bereit ist, samt dem eigenen Manne, wo man für 
jenes ohne weiteres die Existenz aufs Spiel setzt, nicht 
bloß die eigene, sondern die der ganzen übrigen Fa- 
milie, den Gatten und Arzt zum Aufgeben seiner Praxis 
zwingt, nur um dem Sohne näher zu sein, da reicht die 
landläufige Mutterliebe zur Erklärung nicht aus. Eine solche 
empfand sie tatsächlich für die anderen Kinder, die dies 
auch dankbar anerkannten. Ihr Verhalten gegen ihren Nik 
jedoch diktiert die Verliebtheit. Nur die große, vielbesungene 
Liebe ist solcher Dinge fähig. Doch auch umgekehrt fühlte 
der Dichter ohne Frage weit mehr als Kindesliebe, was später 
an einer Reihe von Zügen bis zur Evidenz erhärtet werden 
soll. Hier will ich nur sagen, daß dieser Zug keineswegs 
ungewöhnlich ist. In seiner »Traumdeutung« erzählt Professor 
Freud nachfolgende Beobachtungen : »Ein achtjähriges Mäd- 
chen meiner Bekanntschaft benützt die Gelegenheit, wenn die 
Mutter vom Tische abberufen wird, um sich als Nachfolgerin 
zu proklamieren. ,Jetzt will ich die Mama sein. Karl, willst 
du noch Gemüse? Nimm doch, ich bitte dich u. s. w.' Ein 
besonders begabtes und lebhaftes Mädchen von nicht vier 
Jahren äußert direkt: , Jetzt kann das Muatterl einmal fort- 
gehen, dann muß das Vaterl mich heiraten, und ich will 
seine Frau sein.' Im Kinderleben schließt dieser Wunsch 
durchaus nicht aus, daß das Kind auch seine Mutter zärtlich 



22 AUS DEM LIEBESLEBEN 



liebe. Wenn der kleine Knabe neben der Mutter schlafen 
darf, sobald der Vater verreist ist, und nach dessen Rück- 
kehr ins Kinderzimmer zurück muß zu einer Person, die ihm 
weit weniger gefällt, so mag sich leicht der Wunsch bei ihm 
gestalten, daß der Vater immer abwesend sein möge, damit 
er seinen Platz bei der lieben schönen Mama behalten kann, 
und ein Mittel zur Erreichung dieses Wunsches ist es offen- 
bar, wenn der Vater tot ist. Denn das eine hat ihm die Er- 
fahrung gelehrt: ,Tote Leute', wie der Großpapa z. B., sind 
immer abwesend, kommen nie wieder.« 

Wenn der Knabe Lenau in seine Mutter verliebt war, 
wie dies jetzt keinen Zweifel mehr leidet, wird der Vater 
notwendig zum begünstigten Rivalen, und wie wenig für das 
Kind dann dazu gehört, damit diese Empfindung zum Todes- 
wunsch führe — Sterben zunächst gleichbedeutend mit 
dauerndem Wegsein — hat Freud uns am obigen Beispiel 
gezeigt. Nun bietet uns Lenau noch einen zwingenden Indi- 
zienbeweis. Max Löwenthal erzählt in seinem Tagebuche, als 
sechsjähriger Knabe habe Lenau halbe Tage darüber geweint, 
daß er sterben müsse. Wie kommt nun in aller Welt ein> so 
junges Kind zu solch einer Zwangsfurcht? Hier gibt uns die 
psychoanalytische Auflösung ähnlicher Fälle sicheren Be- 
scheid. Eine solche Todesfurcht kann sich nur entwickeln im 
Anschlüsse an ein wirkliches Sterben eines sehr Nahestehenden, 
dem der Betreffende den Tod auch gewünscht. Tatsächlich 
war in des Dichters sechstem Lebensjahre, also kurz vorher, 
der Vater verschieden. Der wahre Grund nun, weshalb unser 
Knabe dem Vater so grimmig den Tod gewünscht hatte, war 
einfach Eifersucht, der vorgeschützte die schlechte Behandlung, 
so dieser Mutter und Sohn angetan. Des letzteren unsterb- 
liches Rachegefühl also gegen seinen Erzeuger ward von 
einer anderen Seite genährt, die er weislich unterdrückte, 
weil sie anstößig war, und dann zu dem nunmehr motivlos 
dastehenden Empfinden eine scheinbar logische Berechtigung 
gesucht. Und Lenau mußte diese Scheingründe allezeit wach- 
erhalten, ja stets wieder betonen, um sich vor der Welt recht- 
fertigen zu könnnen. Darum bewahrte er einzig die Erinne- 



NICOLAUS LENAÜS. 23 



rung bloß an den schlagenden Vater, an jenen, der die Mutter 
so arg gequält. 

Eifersucht hat ihn auch später bei seinem Stiefvater 
gepeinigt. Zwar stand er zu diesem um vieles besser als zum 
eigenen Vater, ja einmal schrieb er als 18j ähriger sogar an 
die Mutter : »Der Grundpfeiler des Ideals meines Lebens, das 
ich mir manchmal ausmale, sind Sie und Ihr Mann und Ihre 
Kinder«. Aber gleichwohl war er auch jenem gegenüber von 
kindlicher Eifersucht durchaus nicht frei, ob sie auch wegen 
der geringeren Liebe der Mutter zu ihrem zweiten Gatten 
nie derart ausartete wie beim eigenen Vater. Wir können 
nun freilich Lenaus Eifersucht bloß indirekt erschließen aus 
einem fast nicht mehr zweideutigen Zug, den Kertbeny be- 
richtet: »Lange vor Ausbruch seines Wahnsinns vesperte 
Lenau in größerer Gesellschaft. Da erhebt er sich plötzlich, 
nimmt ganz ruhig ein Brotmesser, geht auf einen Tisch zu, 
an dem eine hochgesegnete Frau gemächlich Kaffee trank, 
und zückte plötzlich auf diese Dame das Messer unter solchen 
Grimassen, daß diese entsetzt laut aufschreit, während Lenan 
hell lachend über den falschen Schreck an seinen Platz zu- 
rückkehrt. Die Gesellschaft sah starr diesem Experimente zu 
und fand vor Staunen im ersten Moment platterdings keine 
Worte, aber die Frau beklagte sich heftig gegen den Wirt 
und dritte Personen, und als nun die Freunde Lenau über 
sein mehr als absonderliches Benehmen zur Rede stellten, 
war dieser bereis völlig nüchtern und konnte durchaus nicht 
begreifen, wie man einen solch durchaus harmlosen Witz 
übelnehmen mag.« 

Was sollte nun dieses seltsame Gebaren im Grunde be- 
deuten? Die gewöhnliche Laienmeinung, er wäre momentan 
verrückt geworden, ist wissenschaftlich kaum zu brauchen, 
weil solche Zustände höchstens als epileptische Absenzen be- 
kannt sind, die hier wohl unbedingt auszuschließen. War 
Lenau sich seines Tuns doch bewußt und suchte das Ganze 
nur hinterdrein »durchaus harmlos« zu färben. Wenn aber 
keine vorübergehende Sinnesverwirrung schuldtragend war, 
dann kann es sich einzig um einen Durchbruch des sonst 



24 AUS DEM LIEBESLEBEN 

gezähmten Unbewußten handeln, der natürlich eine ganz 
andere anging als jene Kaffeeschwester. Gegen welche Frau 
hatte nun Lenau in Wahrheit Grund gehabt, ein Messer zu 
zücken, bloß weil sie gerade hochschwanger war? Da bleibt 
unter allen Frauen seines Lebens, die da in Betracht kämen, 
bloß eine übrig, der daraus zumindest vom Standpunkt des 
Kindes ein Vorwurf zu machen: seine eigene Mutter. Wir 
wissen ganz allgemein, daß Kinder, deren Sexualität erwacht 
ist, sich von dem geliebten Elternteile, Vater oder Mutter — 
ein Kind wünschen, oft ehe sie noch wissen, woher Kinder 
kommen. Von erwachsenen Mädchen hört man nicht selten, 
sie möchten gern ein Baby haben, nur sollten sie dazu keines 
Mannes bedürfen. Der Mann, den sie nicht benötigen wollen 
(in Wahrheit bedeutet dies natürlich das Gegenteil), ist — 
der eigene Vater, der ja verpönt ist. Auch Lenau wird wie 
fast alle Knaben den Wunsch gehabt haben, von seiner 
Mutter ein Kind zu bekommen, und als nun diese vom zweiten 
Gatten schwanger ging, in seiner Phantasie mit dem Messer auf 
sie losgegangen sein, die ihn so schmählieh betrogen hatte. 1 ) 
Hier möchte ich ein Symptom anreihen, welches ich schön 
oben in einem anderen Zusammenhange besprach. »Niembsch 
hatte die Gewohnheit,« erzählt uns Kerner, »am Tische mit 
der Gabel zu spielen, was meine Frau oft mit Jammer für ihr 
Tischzeug sah und ihm wehrte. Darauf sagte er: , Warten 
Sie nur ! Ich werde Sie mit Ihrem Tischzeug in meinen Faust 
bringen.' Am anderen Tage las er uns die Szene vor, wo 
Faust bei der Schmiedsfrau mit der Gabel ins Tischtuch stach 
und dann — Blut herausfloß.« Wer in der Geschlechtssym- 
bolik bewandert ist, wird den Zusammenhang sofort durch- 
schauen. Die Gabel ist gleich jedem länglich-spitzen Gegen- 
stand Ersatzsymbol für das Membrum virile, das weiße Tisch- 
tuch der weiße Frauenleib, und um Lenaus Symptomhandlung 
ganz klar zu machen, die geheime Absicht seines Unbewußten 

! ) Als Überdetenninieruug erwähne ich, daß nach den Auskünften der 
Psychoanalyse, das Messer wie jedes spitze und längliche Objekt ein be- 
kanntes Phallus-Symbol darstellt. Durchbohrt werden von einem Messer oder 
Dolch bedeutet nichts anderes als den — Geschlechtsakt. 



NICOLAUS LENAUS. 25 



aufzudecken, muß in der poetischen Bearbeitung des Motivs noch 
Blut herausfließen — ex hymine laeso. Und abermals wirft sich 
die Frage auf: Was liegt diesem Tun, das in seinem Sinn 
schon gar nicht mehr zu verkennen ist, tatsächlich zu Grunde? 
Da wissen wir nun ganz allgemein aus der Analyse von 
Psychoneurotikern wie aus der Beobachtung ganz Gesunder, 
daß solche symptomatische Sexualität in letzter Wurzel und 
Bedeutung bis in die frühe Kindheit reicht. Welche Frau 
aber sollte der Knabe Lenau also begehrt haben? Es bleibt 
auch hier wie in all solchen Fällen keine andere übrig als 
die eigene Mutter. Und jene ganze Symptomhandlung stellt 
nichts anderes dar als einen später von der Moral unter- 
drückten incestuösen Kinderwunsch. 

Man entsetze und entrüste sich nicht, daß ich von so 
schrecklichen Sachen wie Blutschande, Mordideen gegen die 
eigenen Eltern, Eifersucht auf den Vater und ähnlichen Din- 
gen so kühl und objektiv hier spreche, als handle es sich um 
etwas Alltägliches. So sehr es dem Mehrheitsempfinden wider- 
spricht, jener ganze entsetzliche Ideenkomplex ist wirklich 
alltäglich und keinem von uns im Grunde ganz fremd, zu- 
mindest im Traum, der zensurfrei ist. Nur ward jener 
ganze Ideenkomplex sorgfältig unterdrückt, in den Hades des 
Unbewußten geschleudert und, weil verpönt, auch mit Ent- 
setzen und Abscheu belegt. Die Griechen jedoch, die in 
natürlichen Dingen weit menschlicher dachten als das sexual- 
unfrohe Urchristentum, erfanden für die menschlichen Ur- 
instinkte die Sage vom Ödipus, der den Vater erschlägt 
und, sich an seine Stelle setzend, die Mutter heiratet. So- 
phokles' »König Ödipus« wirkt heute noch so stark wie bei 
den zeitgenössischen Griechen, weil eine Stimme in unserem 
Innern die zwingende Gewalt just seines Schicksals aner- 
kennt im Gegensatz zu späteren Schicksalstragödien. Und zwar 
ergreift uns, wie Freud in seiner Traumdeutung ausführt, 
sein Schicksal nur darum so unwiderstehlich, weil's auch das 
unsere hätte werden können. »Uns allen vielleicht war es 
beschieden, die erste sexuelle Regung auf die Mutter, den 
ersten Haß und gewalttätigen Wunsch gegen den Vater zu 



26 AUS DEM LIEBESLEBEN 

richten; unsere Träume überzeugen uns davon. König Odi- 
pus, der seinen Vater Laios erschlagen und seine Mutter 
lokaste geheiratet hat, ist nur die Wunscherfüllung unserer 
Kindheit. Aber glücklicher als er, ist es uns seitdem, inso- 
fern wir nicht Psychoneurotiker geworden sind, gelungen, 
unsere sexuellen Regungen von unseren Müttern abzulösen, 
unsere Eifersucht gegen unsere Väter zu vergessen. Doch 
der Traum, mit der Mutter sexuell zu verkehren, wird ebenso 
wie damals auch heute vielen Menschen zu teil, die ihn em- 
pört und verwundert erzählen.« Jahrhunderte nach »König 
Ödipus« schuf ein Seelenkünder wie William Shakespeare 
im »Hamlet« ein ähnliches, unsterbliches Menschheitsproblem, 
das Genießer und Deuter stets wieder zu neuer, doch bisher ver- 
geblicher Erklärung reizte. Vergeblich darum, weil man das 
Menschlichste nicht sehen mochte, die in dem Innern eines 
jeden Mannes schlummernde Verliebtheit in die eigene Mutter. 
»Hamlet kann alles«, erklärt uns Freud, »nur nicht die Rache 
an dem Manne vollziehen, der seinen Vater beseitigt und bei 
seiner Mutter dessen Stelle eingenommen hat, an dem Manne, 
der ihm die Realisierung seiner verdrängten Kinderwünsehe 
zeigt. Der Abscheu, der ihn zur Rache drängen sollte, er- 
setzt sich so bei ihm durch Selbstvorwürfe, durch Gewissens- 
skrupel, die ihm vorhalten, daß er, wörtlich verstanden, 
selbst nicht besser sei als der von ihm zu strafende Sünder. 
Ich habe dabei ins Bewußte übersetzt, was in der Seele des 
Helden unbewußt bleiben muß.« 

Neben diesen nur allzu menschlichen Inzestgedanken ist 
auch von der übrigen Psychopathia sexualis das meiste in 
jedem von uns vorhanden, zumindest in der Kindheit und 
ansatzweise. Bei Lenau speziell sind zwei dieser Richtungen 
stärker vortretend: die sadistische Komponente und die 
Homosexualität, welch letztere ganz deutlich und unverkenn- 
bar neben der Neigung zum Weibe einherläuft. »Es gehörte 
zu den besonderen Ergötzlichkeiten des Knaben Niembsch, 
Truthühnern mit eigenen Händen den Kopf abzuschlagen,« 
notierte Max Löwenthal aus Gesprächen mit dem Dichter. 
Und Seidl beschreibt einen Messerkampf des Studenten Lenau 



NICOLAUS LENAUS. 27 



mit zwei Kollegen, von dem er, obwohl selbst heftig blutend, 
nicht eher abließ, als bis seine ebenfalls blutenden Gegner 
die Waffen gestreckt hatten. Auch sonst sind viele Gewaltsam- 
keiten, ja zeitweise direkt grausame Züge vonLenau vermeldet. 
Die Homosexualität des Dichters ist ein längeres Kapitel, das 
wohl am ehesten durchsichtig wird, wenn ich mit dem Ende, 
dem Wahnsinn, beginne. Denn erfahrungsgemäß tritt eine 
latente Gleichgeschlechtlichkeit am leichtesten in Erscheinung, 
wenn der Ausbruch einer Geisteskrankheit das Unbewußte 
freimacht durch Fortfall der zerebralen Hemmung. Mit Medi- 
zinalrat Schelling hatte Lenau, wie Schurz berichtet, »in 
der letzten Zeit eine Liebschaft angefangen«. Noch be- 
zeichnender und für den Fachmann durchsichtig ist sein Ver- 
halten zur Dienerschaft. »Schill, des Nachbars Gartenknecht, 
half heute auch aus,« erzählt uns Schurz. »Er mußte an 
Lenaus Bett sitzen und dieser sagte von ihm, er sei ein an- 
genehmer, gebildeter Mensch und redete ihm fortwährend 
vom Goethedenkmal vor, sie wollten zusammen hinreisen. 
Der gebildete Mensch fragte dann die Leute im Hause, wer 
denn der Goethe sei. Überhaupt sind unserem Freunde alle 
Menschen recht — ihm, der in Gesellschaft so wählerisch war ! 
— und alle kann er leiden. Das Frische, Volkstümliche in 
den Soldaten und anderen Wärtern scheint bei ihm anzu- 
klingen. Sie sitzen um ihn, er erzählt ihnen von seiner Ju- 
gend. Durchaus will er immer vorlesen — er, Lenau ! ! — 
und weil eben kein Buch da ist, nimmt er seinen Paß; den 
hat er ihnen gewiß schon zehnmal vorgelesen. Den Leo er- 
kannte er sofort wieder. ,Das ist ja der starke, hübsche Junge 
von gestern! Wie heißt du?' — ,Leo.' — ,Leo, der starke 
Leo, ich mache ein Gedicht auf dich, wenn ich wieder ge- 
sund bin' . . . Der englische Kammerdiener, ein schwäbischer 
Bauernsohn, war ganz in einen routinierten Franzosen 
metamorphosiert. Seine Gewandtheit gefiel unserem Freunde 
und er äußerte, er wolle denselben auf die Reise mitnehmen 
und sich mit ihm im Französischen üben, das er lange nicht 
mehr gesprochen.« Als Lenau später von dem ihm so sympathi- 
schen Wärter Sachsenheimer öfters in die Zwangsjacke ge- 



AUS DEM LIEBESLEBEN 



schnürt werden mußte, versicherte er Schurz einmal, es sei 
für den Aufgeregten ein gar nicht unangenehmes Gefühl, 
sich von eines gewandten Starken überwiegender Kraft wie 
ein Kind gelähmt zu sehen; es sei wie eine Art unbe- 
dingter Ergebung unter die unbeugsame Gewalt des Schick- 
sals. Ich vermute, dahinter steckt die Erinnerung, daß ihn 
als kleinen Knaben der Vater mit überlegener Stärke be- 
zwang, wenn er gar zu sehr tollte, beziehungweise ein heim- 
licher masochistischer Kinderwunsch darnach auf gleichfalls 
homosexueller Basis. 

Man verwundere sich nicht, daß ich nun plötzlich die 
Behauptung aufstelle, Lenau sei in jenen Mann verliebt ge- 
wesen, den er nach meinen früheren Darlegungen als Neben- 
buhler zeitlebens haßte. Ganz abgesehen davon, daß Haß und 
Liebe nur die beiden Seiten einer und derselben Medaille 
sind, der Haß oft nur zurückgewiesener Liebe entspringt, so 
haben sie, selbst wenn sie verschiedenen Wurzeln entstammen, 
doch sehr gut nebeneinander Platz in der Kinderseele. Ein Kind 
vermag, wie Psychoanalysen unzweifelhaft dartun, den Vater, 
den es homosexuell liebt, daneben, ja zu gleicher Zeit, aus 
heterosexuellen Motiven auch wütend zu hassen und diese bei- 
den scheinbar inkompatiblen Empfindungen sehr gut zu verei- 
nen. Es wäre auch keineswegs ausgeschlossen, daß primär homo- 
sexuelle Verliebtheit bestand und erst sekundär die zurück- 
gewiesene Liebe sich auf heterosexuelle Haßgründe warf. 
Man muß sich auch hüten, bei der Bezeichnung Homosexua- 
lität an allerlei perverse Dinge zu denken, wie Päderastie 
oder sonstige grobsinnliche sexuelle Akte. Solche Dinge lagen 
Lenau ganz fern bei allen homosexuellen Neigungen. Hin- 
gegen äußerten sich diese gern in Umarmungen, Küssen 
und Zärtlichkeiten, die selbst Unbefangenen, vor allen aber 
in Liebesdingen feinfühlenden Frauen schon nicht mehr als 
Freundschaft, sondern direkt als blanke Verliebtheit er- 
schienen. 

So schrieb z. B. Sophie Löwenthal an den schon wahn- 
sinnig gewordenen Dichter über sein Verhältnis zu Anastasius 
Grün : »Sie haben für ihn immer eine Art Verliebtheit emp- 



NICOLAUS LENAUS. 29 



funden. Seine persönliche Liebenswürdigkeit hat Sie über- 
wältigt, seine Gegenwart Sie hingerissen, Sie lieben ihn nicht 
seines Talentes, nicht seines Ckarakters wegen, sondern blind, 
wie man selten einen Mann, meistens aberWeiber 
und Kinder liebt. Sie lieben ihn nicht parce que, sondern 
malgre, und das ist vielleicht die dauerhafteste Neigung; 
weil sie, wie jeder Naturtrieb, in der Seele wurzelt, wächst 
und stirbt sie auch nur mit ihr.« Und von dem also Heißge- 
liebten schreibt wieder Schurz: »Auersperg ist ordentlich ver- 
liebt in Niembsch. Niembsch dürfte ein Mädchen sein, so 
könnte es nicht ärger zugehen. Sie sind den größten Teil des 
Tages beisammen.« Ganz ähnlich ging's Lenau mit Alexander 
Graf Württemberg. Als er 1844 den schwerkranken Grafen 
ganz unvermutet überraschte, schien dieser von des Freundes 
Erscheinung genesen. »Da saßen sie beide auf dem Divan,« 
erzählt Emma Niendorf, »Arm in Arm, Hand zu Hand ge- 
neigt, alles um sich vergessend, hielten sie sich umschlungen, 
miteinander flüsternd fast wie Spielgenossen, die sich wieder- 
finden. Alexander hat kein Auge, kein Wort mehr für mich.« 
Neben diesen beiden Heißestgeliebten seiner Mannesjahre gab 
es dann noch eine Reihe anderer, für welche Lenaus gleich- 
geschlechtliche Liebe doch wenigstens zu Zeiten lichterloh 
aufschlug. Z. B. für Kerner, von dem ich oben sagte, in 
seinem Hause sei Lenau nie dauexmd heimisch geworden, teils 
Rikeles wegen, teils, u. zw. hauptsächlich, weil der Hausherr 
selber ihn nicht einzig bevorzugte. Und doch erzählt uns 
Emma Niendorf von einem Zusammensein mit Kerner und 
Lenau aus dem Jahre 1842: »Die beiden waren so treu und 
zärtlich zusammen, daß es einem wohl tat, wie eine schöne 
und tiefe Melodie. Niembsch lehnte sein Haupt an Kerner. 
,Wer weiß,' sprach jener, ,was es für ein Schicksalstraum 
ist, daß ich noch einmal habe zu dir müssen. Ich kann nicht 
los von dir. Es hat mich verhext'« Zeitweilige Übelnehmerei 
bis zu scheinbarer Abkehrung fand sich übrigens auch beim 
Grafen Württemberg und Anastasius Grün, sobald sich Lenau 
in seinem Stolze zurückgesetzt fühlte oder auch nur in ge- 
wissen Herzensbedürfnissen, die von der Mutter gezüchtet 
worden waren. 



30 AUS DEM LIEBESLEBEN 



Schon mehr den mütterlichen Einfluß verrät nebst frei- 
lich deutlich homosexuellen Zügen sein Verhältnis zum Dichter 
Karl Mayer. Von diesem »zärtlichsten seiner Freunde-/ 
schreibt er an Schurz : »Das ist ein wunderbarer Mensch. 
Gleich bei unserem ersten Zusammentreffen hat er eine wahr- 
haft leidenschaftliche Liebe zu mir gefaßt, welche von meiner 
Seite getreulich erwidert wird.« Und an den also Geliebten 
dann selber: »Wie sorgst Du so freundlich für mein Herz! 
Ja, nicht nur für mein Herz, sogar auf meinen kranken 
Daumen erstreckt sich Deine freundliche Sorge. Der Zug 
hat mich tief gerührt, denn ich glaube, außer meiner seligen 
Mutter würde sich niemand soweit um mich bekümmert haben. 
Deine Freundschaft zu mir hat auch noch andere Züge ge- 
mein mit der zärtlichen Liebe, die meine Mutter für mich 
trug. Hingegen spür' auch ich etwas in meinem Herzen für 
Dich, was ich nur für meine Mutter gefühlt. 0, Du mein 
lieber Freund!« Von anderen homosexuellen Neigungen, die 
ich im Detail hier nicht ausführen mag, seien etwa genannt 
die zu Boloz, Schurz, Schleifer und Karl Evers. 

Noch bedeutsamer als in den Mannesjahren waren Lenaus 
gleichgeschlechtliche Neigungen als Knabe und Jüngling, die 
freilich häufig mehr zu erraten und zu erschließen als haar- 
scharf zu beweisen sind. Bedeutsamer darum, weil sie nicht 
bloß öfters gewisse Vorlieben und manche Äußerung seines 
Wahnsinns erklären, sondern auch in ihren Wirkungen 
bisweilen sehr bestimmend eingriffen in Lenaus Entwicklung 
und Werdegang. Wir wissen z. B., daß in seinem 10. bis 
13. Jahre ihm der liebste Kamerad ein gewisser Klauzal 
Nikolaus war, mit dem er oft kleine Spaziergänge machte, ja, 
einmal sogar eine heimliche Lustfahrt im Mondenschein auf 
der Donau wagte, und der vielleicht mit Ursache war, daßLenau 
auf Reisen zu größeren Ausflügen sich entschloß. Des Dichters 
Vorliebe für Husaren wieder geht mindestens großenteils auf 
Onkel Mihitsch, den Husar, zurück, bei dem er in Alt-Ofen 
häufig schlief und der auch die ersten religiösen Zweifel in seiner 
Seele weckte. In der nämlichen Richtung wh'kte später auf 
den 14jährigen der Pope Rudy, ein Freigeist und Verächter 



NICOLAUS LENAUS. 31 



aller positiven Religionen, der sich sehr viel mit dem Knaben 
abgab, häufig mit ihm spazieren ging und viel über Gott 
und religiöse Dinge mit ihm disputierte. Von Einfluß scheint 
auch dessen leidenschaftliches Geigenspiel gewesen zu sein, 
und zwar aus den nämlichen homosexuellen Gründen, wie bei 
verschiedenen Lehrern Lenaus im Violin- und Gitarrespiel. 
Am entscheidendsten und tief einschneidendsten jedoch wirkte 
endlich Kövesdy, der Verlobte seiner Schwester Therese, dessen 
mächtiger Einfluß später ausführlich besprochen werden soll. 

Hier aber sei noch auf einen wichtigen Faktor verwiesen, 
dem sicher sexuelle Bedeutung zukommt: das Geigen- und 
Gitarrespiel des Dichters. Alte und neuere Karikaturenzeichner, 
die von der modernsten Psychologie naturgemäß nichts wissen 
konnten, stellten seit jeher Geige wie Guitarre mit besonderer 
Vorliebe als Frauenleib dar, wozu die Ausbauchungen, über- 
haupt die ganze Formation verführt. Die so dargestellte 
Sexualsymbolik muß also dem Volke geläufig sein, ganz eben- 
so wie der Fiedelbogen als Membrum virile. Beim obzitierten 
Popen Rudy ist dies recht eindrucksvoll. »Obwohl ein ganz 
armer Teufel,« erzählte Lenau, »pflegte dieser sich doch 
soviel vom Munde abzusparen, daß er in der ganzen Umgegend 
alle Geigen aufkaufen konnte. Diese zerlegte er und setzte 
die einzelnen Bestandteile nach seiner eigenen Eingebung zu- 
sammen, bis sie ein ihm zusagendes Instrument bildeten, das 
gewöhnlich einen besonders weichen und klagenden Ton hatte. 
Er zog die Stiefel aus, schritt in den Fußsocken im Zimmer 
auf und nieder und strich seine wehmütige Geige, dabei 
liefen ihm die hellen Tränen über die Wangen herab.« Das 
heißt, aus dem Symbolischen übersetzt: Der Pope kauft alle 
Frauen der Umgegend zusammen und bildet aus ihnen eine 
Frau nach seinem Herzen ; eine Frau mit weicher, klagender 
Stimme, die er streicheln und benützen kann nach Herzens- 
belieben und welche er auf dem Arme trägt, wie dereinst 
wohl seine Mutter ihn als kleinen Knaben. Dabei aber rinnen 
ihm vor lauter wehmütig-freudigem Erinnern die hellen 
Zähren über die Backen. 

Auch Lenau selber war solche Deutung und solches 



Empfinden keineswegs fremd. Stets galt ihm die Geige als 
etwas Besonderes, waren alte Violinen mit ihrem Wohlklang 
sein Steckenpferd. »Einer, der eine solche alte Geige hat, 
muß sie immer als etwas Lebendiges betrachten, nicht wie 
ein Stück Holz,« war einer seiner Aussprüche. Und selbst im 
Wahnsinn duldete er nicht, daß jemand seiner Violine nahe 
komme. »Nur meine Violine nicht berühren!« rief er gleich, 
die war ihm stets das Höchste und heilig wie eine Geliebte, 
erzählt uns Schurz. Und von der anschließenden Nacht: »Es 
war gar rührend zu sehen, daß er die Violine auf einen 
Stuhl neben sich gebettet hatte, wie die Mutter ihr Kind. 
,Die wollen wir jetzt ruhig lassen', sagten die Freunde und 
lehnten sie mit dem Kasten unten an die Lagerstätte. Als 
sie aber weg waren, muß er die Geige doch wieder zu sich 
geholt haben, denn die Diener fanden es morgens gerade 
wieder so, indem sie bei ihm eintraten, und er erklärte ihnen 
ganz schön, wie seine Geige zu ihm gehöre.« 

Es ist interessant, wie horno- und heterosexuelle Motive 
sich beim Geigen- und Gitarrespiel Lenaus innig verweben. 
So schreibt er z. B. als Achtzehnjähriger an seine Mutter: 
»Meine liebste Unterhaltung bleibt mir doch noch immer 
meine treue Gitarre, und ich danke Ihnen und dem guten 
Godesberg stets, daß Sie den Sinn für dieses Instrument in 
mir weckten. Dieses Instrument ist Mittel meiner Schwär- 
mereien.« Der junge, hübsche, dabei auch so freundliche 
Godesberg, in welchen Lenau offenbar verliebt war, wie später 
in Karl Groß und Karl Evers, lehrte ihn aber nicht bloß die 
Gitarre, sondern auch den Lippenpfiff, in dem es der Dichter 
zu einer wahren Meisterschaft brachte, so wie die tausend 
Lockpfiffe für den Vogelfang, der eine Hauptleidenschaft des 
Knaben wurde und auch später im Wahnsinn des Dichters 
wieder anklingt. Lippen und Mund sind bekanntlich erogene 
Zonen, die zumal in der Homosexualität eine überaus wich- 
tige Rolle spielen. 

Wenn Lenau noch in der Knabenzeit die Violine gegen 
die Gitarre zurücksetzt, so trug daran sein erster Geigen- 
lehrer Cserny Schuld, der oft barsch und ungeduldig seine 



NICOLAUS LENAUS. 33 



irrenden Finger sehr unsanft zurückwies. Hier wie so häufig 
entsprang das Interesse für eine Kunst oder Fertigkeit nicht 
der besonderen Anlage für diese, sondern vorerst der Liebe zum 
Lehrer, der sie vortrug. Den Sinn für Gitarre erweckten nach 
Lenaus eigenem Wort die Mutter und Godesbex*g, von der Geige 
stieß ihn der schroffe, unfreundliche Cserny zurück, in den man 
sich nun einmal nicht verlieben konnte. Erst als er später in 
Blumenthal einen Lehrer gefunden, der für seine Neigung 
mehr Anhaltspunkte bot, entdeckte er plötzlich, daß die Gi- 
tarre doch zu viel Holz sei. »Sie gibt mir nicht, was ich will, 
in der Geige aber ist Menschenlaut.« Doch nicht bloß Men- 
schenlaut schenkte ihm diese, sie ward ihm auch völlig zu 
seinem Mädchen. Ja, er tanzte mit ihr, zumal wenn er steiri- 
sche oder ungarische Weisen geigte. Auch war er schüchtern 
und spielte fast nie mit einem Fremden, wie um sein Mäd- 
chen nicht zu entweihen. Hingegen vergalt er nach Evers' 
Bericht anhängliche Freundschaft mit gleicher Münze, in- 
dem er die Geige vor seinem Freunde produzierte. »Als er 
mit Marie Behrends glücklicher Bräutigam war,« erzählt uns 
Auerbach, »pflegte er zur Verwunderung aller, die unter 
seinem Fenster lauschten, zauberhaft auf der Violine zu spielen ; 
oft so schaurig schön, daß es einem das Herz durchbebte; 
ja, er durchgeigte ganze Nächte trotz seines Versprechens, es 
nicht mehr zu tun, weil es ihn aufs höchste exaltieren und 
ihm sicher schaden müsse, je aufgeregter er überhaupt sei.« Ge- 
wöhnlich konnte er beim Violinspiel im Takte bleiben, war 
aber ein Satz besonders feurig oder spielte er Beethoven, 
dann verlor er nach der Schilderung Evers' alle Besinnung, 
ging seine Phantasie mit ihm durch. »Er hörte dann nicht 
mehr auf mich am Fortepiano, überstürzte sich, beachtete gar 
keine Pausen mehr, arbeitete zugleich mit den Füßen immer- 
foi't, kaum daß ich ihm im Tempo folgen konnte, bis er, im An- 
gesicht die hellen Schweißtropfen, erschöpft innehielt. Er sah 
wohl seinen Fehler ein, aber umsonst; er war nicht zu bän- 
digen, wenn er ins Feuer kam.' Macht solches Vorgehen nicht 
den Eindruck aufflammender Sexualerregung, gesteigert bis zu 
vollem Orgasmus ? Da der Mann im Augenblick höchsten Ge- 

S ü d g e r, Aus dem Liebesleben Nicolaus Lenaus. 3 



34 AUS DEM LIEBESLEBEN 



nießens blind mit dem ganzen Körper arbeitet, bis er end- 
lich im Schweiß und erschöpft zurücksinkt? 1 ) Daß aber just 
Beethoven ihn derart erschütterte, »der göttliche Beethoven, 
der auf mich wirkt wie kein Geist auf Erden, selbst den 
großen Briten nicht ausgenommen«, rührt wohl daher, daß 
jener für Niembsch der erotischeste aller Tonsetzer war. 2 ) 



IV. 
Vielleicht wird es manchen verwundert haben, daß ich 
dem Knaben und Jüngling Niembsch so unbedenklich die 
ärgsten sexuellen Gelüste zusprach, ohne doch das Häufigste 
und Allergewöhnlichste, die »Erbsünde« förmlich der ganzen 
Menschheit auch nur mit einer Silbe zu berühren. Spielt 
die Masturbation in dem Leben dieses so stark erotisch 
veranlagten Dichters denn gar keine Rolle? Ich kann hier 
wenig Bestimmtes vorbringen, ohne darum irgend die große 
Bedeutsamkeit leugnen zu wollen, die jener in Lenaus wie 
überhaupt in jedes Belasteten Dasein unzweifelhaft zu- 
kommt. Nur möchte ich andererseits davor warnen, — wie 
dies so überaus häufig geschieht, weil da sich fast jeder 
schuldbewußt fühlt, — allüberall Masturbation zu wittern und 
alles Perverse ihr anzukerben. Ob Niembsch noch als Mann 
Onanie getrieben, zumal in dem jahrelangen, vergeblichen 
Liebeswerben um Sophie Löwenthal, entzieht sich einer 
exakten Antwort. Es gibt dafür manche Indizienbeweise, auch 
solche für die Furcht vor Impotenz ex masturbatione, doch 
auch wieder andres, was dagegen spricht. Wenn es Wahrheit 
ist, was Sophie über Lenau nach Ausbruch seines Wahn- 

1 ) Auch Frankl spricht von dein swohllüstigen Bad der Musik, in dem 
er stunden-, nächtelang unterzutauchen liebte. Sie versetzte ihn in Ekstase«. 

2 ) Vgl. hiezu folgende Briefnotiz über Beethovens »Teufelsquartett« : 
»Es hat Stellen, bei denen mir fast das Herz gesprungen wäre. Kennen Sie 
nicht jene süße Verzweiflung, in die uns Beethoven reißt ? Mit jedem solchen 
Tonstück geht mir ein Stück Leben davon. Ich fühl' es ganz deutlich. O, es 
ist ein köstlich Gefühl, wie einen so das Leben verklingt.« Ferner eine Äu- 
ßerung Leuaus zu Max : »So hat niemand den Schmerz verstanden wie Bee- 
thoven. Was der Laokoon für den physischen Schmerz, das ist er für den 
der Seele.« 



NICOLAÜS LENAUS. 35 



sinns schrieb: »Niembsch lebte als Asket, seit wir uns 
liebten, und doch forderte seine Sinnlichkeit Befriedigung. 
Er ist einer der reinsten und sittlichsten Menschen,« wenn 
wir weiters damit zusammenhalten, daß sämtlichen Freunden 
und Bekannten seine besonders bleiche Gesichtsfarbe auffiel, 
so wäre auch die Onanie des Mannes nicht unwahrscheinlich, 
ob auch bei weitem noch nicht erwiesen. Hingegen steht 
eines zweifellos fest, daß der Knabe Lenau länger oder 
kürzer dem landesüblichen Laster fröhnte. Denn Ludwig 
August Frankl, dem der Dichter vermutlich als Arzt dies 
gestand, sagte klar und deutlich von der Jugendzeit Lenaus : 
»Jene Triebe in der physischen Sphäre erwachen, denen 
die Knaben verderblich zu huldigen pflegen.« Und man darf 
auch in Lenaus steter Furcht vor dem kommenden Wahn- 
sinn die typische Angst des Masturbanten erblicken. Des- 
gleichen scheint mir die Scheu vor der Ehe zum Teil zurück- 
zugehen auf Furcht vor Impotenz als Folge langjähriger 
Masturbation. 

Auch Lenaus äußerste Saubex-keit im Reden, die nicht 
nur selbst jedes zynische Wort auf das strengste verpönt, 
sondern auch von niemandem anderen duldet, ist weniger 
Ausfluß sittlicher Reinheit als unbewußte Um- und Abkehr 
des Dichters von seiner unsauberen Kinderonanie und seinen 
sexuellen Gelüsten, ja direkt Überkompensation. Der gesunde 
Kulturmensch wird an zynischen Reden kein Gefallen 
finden, ohne dies doch mit solchem Nachdruck zu betonen. 
Wer seine Reinheit so dick unterstreicht, hat frühere Unrein- 
heit wegzubeweisen. Drum kehrt auch dies Thema in 
Briefen und Äußerungen des Jünglings so häufig wieder. Er 
schreibt z. B. mit 16 Jahren an seine Mutter: »Ihre guten 
Lehren und Warnungen verspreche ich Ihnen heüig, nicht 
ohne Erfolg geschehen sein zu lassen. Stets will ich den 
himmlische Wonne zum Nachgefühl bringenden, aber auch 
steilen Pfad der Tugend gehen und mit meinem Willen 
keinen Fingerbreit von Gottes Wegen ablenken.« Dann mit 
18 Jahren : »Meine Abendbeschäftigung ist nun das Arbeiten an 
meinen Grundsätzen.« Endlich noch mit 19 Jahren : «Düsteres 

3* 



36 AUS DEM LIEBESLEBEN 



Nachgrübeln verstümmelt in mir einen launigen Gesellschafter, 
der ich meiner Geistesanlage nach sein dürfte. Daraus soll 
sich aber die bekümmerte Mutter nicht die Meinung ziehen, 
als ob nagender Gram meine Kraft verzehrte; nein! Das Be- 
wußtsein der erhaltenen Reinheit und der Liebe meiner Mutter 
lassen der finsteren Laune keinen ganz freien Spielraum.« 
Zwei Jahre zuvor hatte er die Mutter voll Bangigkeit ange- 
fragt, ob sich das Gerücht von Kövesdys Tode bestätigt 
habe. »O, es wäre das eine schreckliche Wahrheit, meinen 
Freund, dem ich zu danken habe, was ich bin, einen Freund, 
der die Grundsätze der Tugend mit unausgleichbaren Furchen 
in mein Herz gegraben, dem ich es allein Dank weiß, daß 
ich mein ganzes Sein unbefleckt erhalten — den teuren 
Kövesdy verloren zu haben!« 

Zwei Menschen sind es also, die der Tugend Grundsätze 
in seine Seele pflanzten: die Mutter und Kövesdy, hetero- 
und homosexuelle Liebe des Knaben. Die erstere hatte ihre 
Frauenehre einst gegen einen berüchtigten Wüstling mit 
dem Messer in der Hand verteidigt, der letztere hinwieder, 
nur einige Jahre älter als Lenau, ist nicht nur sein 
Korrepetitor gewesen, sondern auch sein Freund und Herz- 
geliebter, dem gleich zu werden des Knaben heißestes Sehnen 
war. Das tritt besonders in einem späteren Zuge, der sonst 
so unbegreiflichen Amerikareise des Dichters, zu Tage. Als 
13j ähriger Junge bereits hatte Kövesdy nämlich mit einem 
Kollegen, doch ohne Pfennig im Sack, nach Amerika auszu- 
wandern versucht, welches ihnen als Paradies der Freiheit 
erschien und des wohlfeilen Glückes, wie Jahre darnach 
unserem Dichter selber. Zwar wurden die beiden kühnen Wan- 
derer bald aufgegriffen und in die Heimat zurückbefördert, 
allein sie waren drum keineswegs mutlos, sondern trugen 
vielmehr fortab das stolze Bewußtsein in sich, eine kühne 
Tat doch versucht zu haben. Jahrzehnte später trieb's unseren 
Dichter, das Ideal seines Jugendfreundes wahr zu machen. 
Und schon als 18j ähriger Jüngling fühlt er die Besonder- 
heit in seinem Charakter, die er dem unvergeßlichen Kövesdy 
danke, als Mittel, sich über das Gewöhnliche zu erheben. 



NICOLAUS LEU AUS. 37 



Nur erhielt sein stolzes Reinheitsbewußtsein einen argen, 
nie wieder heilenden Riß durch die Berta-Episode. Eine 
flüchtige Bekanntschaft mit 19 Jahren hatte Lenau nämlich 
zwei Jahre später in ein festes Verhältnis umgewandelt. Leider 
war das Mädchen, an das er sein großes Herz gehängt, 
eine durchaus Unwürdige, die ihn wahrscheinlich auch physisch 
betrog. Gar bald begannen sich furchtbar nagende Zweifel 
zu regen an der früheren Reinheit und späteren Treue seiner 
Geliebten. Nach fünfjähriger Dauer endete das sehr locker 
gewordene Verhältnis damit, daß Berta sich einem reicheren, 
mehr bietenden Bewerber zuwandte. Man sollte nun glauben, 
diese einfache, schließlich nicht allzulange Episode, die, wohl- 
gemerkt, ohne äußeren Schaden für Lenau verlief, ohne 
irgend welche Rekriminationen der eigenen Angehörigen wie 
jener des Mädchens, sei von dem Dichter über kurz oder lang 
überwunden worden, nachdem nur einmal die Nichtswürdigkeit 
seines Liebchens durchschaut war. Doch weit gefehlt ! Sie 
hinterließ nach Schurzens Wort dem Dichter »eine tiefe, 
nie ganz verharschte Wunde, die von Zeit zu Zeit frisch 
wieder aufbrach und heftig blutete«. Ja, im September 1834 
klagte er dem Schwager sehr bitterlich, »wie ihm die Er- 
innerung an jene herbe Geschichte in alle Freuden Wermut 
mische«, besonders aber schilderte er ihm die oben erwähnten 
Zweifel als höchst furchtbar. 

Zumal nach seiner Mutter Tod, also etwa ein Jahr 
nach dem völligen Abbruch dieser Beziehung, beginnt jene 
Wunde erst leise, dann immer stärker zu bluten, seine an- 
geborene Schwermut, das wichtigste Stigma des Schwer- 
belasteten, immer mächtiger steigernd. Sie hat ihn zunächst 
nach Amerika getrieben, was späterhin ausgeführt werden 
soll. Als er von dort zurückgekommen, fand er sich als be- 
rühmten Dichter. Doch jene Wunde blutete fort, ja immer 
stärker, je mehr ihm Freundes- und Frauenliebe ward. So 
schreibt er am 15. November 1831 an Justinus Kerner : »Helfen 
Sie mir von dieser Schwermut, die sich nicht wegscherzen, 
nicht wegpredigen, nicht wegfluchen läßt. Mir wird oft so 
schwer, als ob ich einen Toten in mir herumtrüge. 



38 AUS DEM LIEBESLEBEN 

Helfen Sie mir, mein Freund! Die Seele hat auch ihre 
Sehnen, die, einmal zerschnitten, nie wieder ganz werden. Mir 
ist, als wäre etwas in mir zerrissen, zerschnitten. Hilf, 
Kerner!« Vierzehn Tage später zitiert er sich selbst: »Was 
einmal tief und wahrhaft dich gekränkt, das bleibt auf ewig' 
Dir ins Mark gesenkt.« Am 17. Februar 1832 entgegnet er 
Klemm, der ihm zugeredet, Schilflottchen zu heiraten: 
»Eine gewisse Freudigkeit des Herzens gehört dazu, um zu 
heiraten. Mein Innerstes ist durch eine Geschichte, die Du 
wohl kennst, tief verletzt und scheint mir darin eine Sehne 
gerissen zu sein, die wohl nimmermehr ganz wird. Der Dich- 
ter Stoll sagt: .Zweimal ist kein Traum zu träumen noch 
Gebrochenes ganz zu leimen.' Ich habe nicht den Mut, diese 
himmlische Rose an mein nächtliches Herz zu heften.« Ja, 
sogar nachdem er Sophie Löwenthal schon kennen gelernt, 
die ihn später endlich erlösen sollte, schrieb er nach einer 
Mondscheinfahrt auf der Donau, mit jener unternommen: 
»Das war nicht übel. Aber, lieber Bruder, die Hypochondrie 
schlägt bei mir immer tiefere Wurzeln. Es hilft alles nichts. 
Der gewisse innere Riß wird immer tiefer und weiter. "Es 
hilft alles nichts. Ich weiß, es liegt im Körper; aber — aber—.« 
Warum nun diese maßlose Reaktion, welche, weit über 
den unmittelbaren Anlaß hinausgehend, jeder Freundeshilfe, 
jedes wärmsten Zuspruchs, jeder Frauenliebe spottete. Ich 
anerkenne ja gerne und willig die angeborene Schwermut des 
Dichters als Anheftungspunkt ; auch daß er die Zweifelsucht 
und das Mißtrauen der Mutter teils direkt geerbt, teils als 
liebender Sohn übeimommen hatte; endlich, was gewiß noch in 
Anschlag zu bringen ist, seine Maßlosigkeit als typisches Sym- 
ptom der schweren Belastung. Aber all dies genügt zur Er- 
klärung noch nicht. Weil man als Jüngling ein ganz un- 
würdiges Mädchen geliebt hat, bleibt man doch nicht sein Lebe- 
lang tief unglücklich. Hier muß noch ein anderes entscheidend 
mitgeholfen haben. Was aber war dies in aller Welt? 
Ich habe oben bei Lenaus Rachsucht gegen den Vater schon 
ausführen können, daß solche maßlose Reaktion nur ver- 
ständlich wird, wenn hinter derselben etwas sich birgt, was 



NICOLAUS LENAUS. 39 



man zu hehlen Ursache hat, auch vor sich selber, das aber 
als unterirdisches Feuer den Affekt stets wieder von Neuem 
heizt. Wer aber stand in unserem Falle denn hinter Berta, 
so daß ihre Untreue, ihr Mangel an Reinheit dem Dichter das 
ganze Leben vergällte? 

Vielleicht wird uns Aufklärung, wenn wir dem zeitlichen 
Verlauf nachgehen. Die Lebenswunde nämlich begann nicht 
sofort derart zu schmerzen, nachdem er Bertas Nichtwürdig- 
keit durchschaut, vielmehr erst dann unstillbar zu bluten, 
nachdem auch — seine Mutter gestorben. Hätte wirklich 
nur jene ihn so gekränkt, Avarum mußte erst der letz- 
teren Tod entscheidend hinzukommen, um seine Krän- 
kung unsterblich zu machen ? Nun könnte man wähnen, daß 
die Trauer um den neuen Verlust die alte Wunde aufgerissen 
hätte. Aber auch den Schmerz um die geliebteste Mutter heilt 
schließlich die beste Allhelferin Zeit. Den Kummer um Berta 
Avollte sie nicht heilen. Warum nur den nicht ? Wie wenn sich 
hinter dem Schmerz um sie der um die eigene Mutter bärge? 
Wie aber konnte er jene Dirne mit seiner Gebärerin in einen 
Topf werfen? Er hätte denn gar auch letztere der Untreue 
zeihen müssen und mangelnder Reinheit. Das aber war tat- 
sächlich der Fall, zum wenigsten für das kindliche Empfinden. 
Hatte sie doch trotz alle- und alledem ganz unverbrüchlich 
am Vater gehangen und obendrein ihrem zweiten Gatten noch 
Kinder geboren, war also weder ihm selber treu noch rein ge- 
blieben. Doch am wichtigsten dünkt mich, ja direkt entscheidend, 
daß hinter den unsterblichen Vorwürfen gegen Berta sich 
genau so unsterbliche Selbstvorwürfe zu bergen vermochten, 
die aus der Kindererotik stammen. Das Bedauern, ein Ver- 
hältnis gehabt zu haben, das den Dichter fortab zeitlebens 
begleitet und peinvoll mai'tert, ist im letzten Endgrund ein- 
fach Bedauern, der Mutter untreu gewesen zu sein, d. h. 
seiner allerersten Geliebten. Daher das nicht zu bannende 
Gefühl, welches später dann auch Sophie gegenüber im Wahn- 
sinn hervortritt, die Sittlichkeit verletzt zu haben. Die Mutter 
ist auch zweifellos jene Tote gewesen, die er nach dem 
Briefe an Justinus Kerner mit sich herumtrug, in der 



40 AUS DEM LIEBESLEBEN 

so häufigen, durchsichtigen Verschiebung vom weiblichen auf 
das männliche Geschlecht. 

Im ihrer letzten Todeskrankheit — sie fällt nicht lange 
nach jener Zeit, da Berta dem Dichter durchgegangen — 
pflegte er die Mutter als zärtlicher Sohn. Als aber auch sie 
nun gestorben war, ihm zweimal die Geliebte genommen 
worden, da suchte er neue Zuflucht zunächst in der Liebe 
zum Manne, in wechselnder homosexueller Neigung 1 ). Boloz, 
Schurz, Klemm, Schleifer sind die nächsten Etappen. Dann 
trachtet er wieder in maßlosem Lernen sich zu betäuben, durch 
Worte und Gedanken seiner Lehrer also (larvierte Homo- 
sexualität), bis endlich ein psychischer Ekel ihn erfaßt, der 
sich in Brechen manifestiert und ihn unfähig macht zu 
weiterem Studieren. Der plötzliche Tod der greisen Groß- 
mutter spielt ihm ein Erbteil in die Hand, das ihm eine Zeit- 
lang volle Bewegungsfreiheit verbürgt. Sofort packt ihn 
wieder das typische Verlangen jedes Schwerbelasteten, seine 
Umgebung zu ändern, jetzt damit motiviert, er wolle im 
schwäbischen Dichterkreise Anregung suchen und für seine 
Gedichte einen Verleger finden. Auf dem "Wege wird noch 
ein Abstecher bei Schleifer in Gmunden gemacht und der 
Traunstein bestiegen. 2 ) Drei Monate hält es Lenau im schwä- 

') Natürlich blieben die sexuellen Regungen auch hier ganz unbewußt. 

3 ) Die Bergbesteigung ist so bezeichnend, daß ich ihre Beschreibung 
aus einem Briefe Lenaus an Schurz hierhersetzen will : «Meine Begleiter waren 
Hansgirgl und seine Schwester Nani; er ein rüstiger Genisenjäger, sie eine 
hübsche, blauäugige Dirne. Wir stiegen aus und die steilen Stufen hinan. 
Schon am Fuße des Berges hat mich eine Art Freudenrausch 
ergriffen, denn ich ging voraus und kletterte die Stiege mit solcher Eil- 
fertigkeit herauf, daß mir der Jäger oben sagte: ,Das ist recht! Weil Sie da 
herauf so gut kommen sind, so werden Sie auf den Traunstein wie ein Hund 
hinauflaufen.' Und es ging trefflich ; in drei Stunden waren wir oben. Welche 
Aussicht! Ungeheure Abgründe in der Nähe, eine Riesenkette von Bergen 
in der Ferne und endlose Flächen. Das war einer der schönsten Tage 
meines Lebens; mit jedem Schritte bergan wuchs mir Freude und Mut. 
Ich war begeistert. Wenn mir mein Führer sagte: .Jetzt kommt eine gefähr- 
liche Stelle!' so lachte ich und hinüber ging es mit einer Leichtigkeit, die 
ich bei kaltem Blute nimmer zusammenbrächte und die mir jetzt am Schreib- 
tisch unbegreiflich vorkommt. Meine Zuversicht stieg mit jedem Schritte; 



NICOLAUS LENAUS. 41 



bischen Dichterkreise aus, dann treibt ihn die Liebe zu 
Schilflottchen fort, da er sich unfähig fühlt, sein Glück zu 
erfassen. »0, daß ich ihr nicht entsagen müßte!« stöhnt der 
Dichter auf. »Sie ist anbetungswürdig. Ich werde sie ewig 
lieben, wenn ich anders ewig lebe.« Doch sein Innerstes sei durch 
die Geschichte mit Berta tief verletzt, eine Sehne sei gerissen, 
die nimmer ganz werde. »Ich habe nicht den Mut, diese 
himmlische Rose an mein nächtliches Herz zu heften.« Be- 
zeichnenderweise hält er es anfangs für seine Pflicht, diese 
Liebe niederzukämpfen. Dann kommt er davon aber bald zu- 
rück. »Das war nur eine eingebildete Pflicht der Melancholie, 
gleich als würde die Ruhe des Mädchens schon durch eine 
stille Liebe gestört. Nein, ich will diese Liebe bewahren, sie 
soll mir mein Leben verschönern für alle Zeit.« Karl Mayer 
aber, der sinn- und liebreiche Beobachter und Vertraute, fügt 
bei ; »Mich umfaßte damals ein unendliches Mitleid mit seiner 
weichgeschaffenen Seele. Ich wußte nicht, welcher Wellen- 
schlag sie auch jetzt, in einem so entscheidenden Augenblick, 
hindere, sich einem für Glück erkannten Ziele zuzuwenden, 
aber ich sah, die inneren Schwankungen konnten mit dem 
Hindernisse nicht fertig werden; die Kluft zwischen seinem 
Herzen und dem Glück trat mir, ohne daß ich um das Warum 



ganz oben trat ich hinaus auf den äußersten Rand eines senkrechten Ab- 
grundes, daß die Nani aufschrie, mein Jäger aber frohlockte: ,Das ist 
Kuraschi, da ist noch keiner von den Stadtherrn außitreten.' Bruder, die 
Minute, die ich auf jenem Rande stand, war die allerschönste 
meines Lebens, eine solche mußt du auch genießen. Das ist eine Freude! 
Trotzig hinabzuschauen in die Schrecken eines bodenlosen Abgrundes und 
den Tod heraufgreifen sehen bis an meine Zehen, und stehen bleiben und 
so lange der furchtbar erhabenen Natur ins Antlitz sehen, bis es sich er- 
heitert, gleichsam erfreut über die Unbezwinglichkeit des Menschengeistes, bis 
es mir schön wird, das Schreckliche: Bruder, das ist das Höchste, was 
ich bis jetzt genossen, das ist ein süßer Vorgeschmack von 
den Freuden des Schlachtfeldes. Ich jauchze, wenn ich daran 
zurückdenke. Wenn Du nach Gmunden kommst, geh' zum Jagerhiesl 
hinterm Traunstein : sein Sohn Hansgirgl soll Dich auf den Traunstein führen 
und Dir jene Stelle zeigen; da tritt hinaus und denke dann in der selig- 
sten Minute Deines Lebens an mich. Du wirst mich dann noch mehr 
lieben. Ich brachte dann den größten Teil des Tages auf der Spitze des 



42 AUS DEM LIEBESLEBEN 



gefragt hätte, in überwältigender Macht vor die Seele.« 
Warum der Dichter sich unfähig fühlte, sein Lottchen zu 
freien, ist durchaus klar. Ein zweites Mal konnte er der 
Mutter nicht mehr untreu werden, zumal so kurz nach ihrem 
Tode, da die erste Untreue noch so heftig brannte. 

Von Stuttgart stürmt er nach Heidelberg fort, angeb- 
lich um dort seinen Doktor zu machen, und vergräbt sich in 
allerlei Studien und Forschungen. Aber trotz des Verkehrs 
mit den Heidelberger Burschen und gelegentlichen Ausflügen 
zu den neugewonnenen schwäbischen Freunden zählen jene 
Tage in Heidelberg, über die wir nur leider viel zu wenig 
unterrichtet sind, zu den trübsten und schwermütigsten seines 
Lebens. Aus Briefen und gelegentlichen Äußerungen des 
Dichters läßt sich schließen, daß er damals dem Wahnsinn 
nicht allzu fern stand. Da taucht in seiner verzweifelten 
Stimmung, nachdem er in hetei-o- wie homosexueller Neigung 
Schiffbruch gelitten, die erotischen Sünden der Vergangenheit 
ihm riesengroß vor das Auge getreten, die langverschollene 
Liebe empor zum Lehrer und Jugendfreund Kövesdy, der 
ihm Reinheit gelehrt wie seine Mutter. Und hatte nicht dieser 
auf dem freien Boden Amerikas zu verwirklichen getrachtet, 

Berges zu. Ha, wie schmeckte das Pfeifchen Ungartabaks ! Wie schmeckte der 
treffliche Wein und der Blick aus dem blauen Auge des Mägdleins!« 
Wer diese Schilderung aufmerksam liest, wird den Zusammenhang bald be- 
greifen. Zunächst verrät sich die Mitwirkung des Unbewußten an der Art, 
wie er alle Gefahren überwindet, mit freudigen Mut und bezeichnenderweise 
mit einer Leichtigkeit, die er bei kaltem Blute nimmer aufbrächte. Woher 
aber die Art »Freudenrausch«, welche ihn ergriff? Warum ist der Tag jener 
Bergbesteigung »einer der schönsten seines Lebens«, die Minute, welche er 
am Rande eines Abgrundes stand, »die allerschönste«, »die seligste seines 
Lebens«, die auch Schurz bei seiner eventuellen Besteigung als seligste emp- 
finden müßte? Doch einfach darum, weil man sich unbewußt vor jemandem 
produziert, dem zu gefallen das höchste Lebens- und Liebesglück ist. Hinter 
Hansgirgl und seiner blauäugigen Schwester stecken bei Lenau in letzter 
Linie Vater und Mutter, später ersetzt durch Schwager Schurz, den er be- 
zeichnend stets »Bruder« nennt (Wunscherfüllung?), sowie die Lieblings- 
schwester Therese, die ihn beide bewundern sollen ob seiner Tollkühnheit 
und in der Verkleidung auch tatsächlich bewundern. (Wie schmeckt ihm der 
Blick aus dem blauen Auge des Mägdleins!) Man kann es täglich an Kindern 
beobachten, wie sie sich gerne vor den Eltern mit kleineu Kunststückchen 



NICOLAUS LENAUS. 43 



was er in Europa nicht durchsetzen konnte? Dort ließ sich 
ein neues, voraussetzungsloses Leben beginnen, ein Leben in 
Reinheit, ohne Selbstvorwürfe ob vergangener Dinge, in Frei- 
heit und Unabhängigkeit von alter wie von neuer Liebe. »Ich 
will mir dort eine bessere Existenz schaffen [< schrieb Lenau 
in jenen Tagen. »Will man einem stürmischen, haltlosen Leben 
entrinnen und festeren Wandel gewinnen auf Erden, so muß 
man vor allem hinaus in die Wüste, d. i. in eine wahre Ein- 
samkeit.« Das Verlangen, es Kövesdy gleichzutun, die ur- 
alten Träume des Knaben Niembsch, die seit der Kindheit im 
Unbewußten schliefen, sie werden mit einem Schlage jetzt 
lebendig. Er muß darum nach Amerika hin, weil der Knabe 
sich einst in Kövesdy verliebt hatte und der Mann und 
Dichter seinen Grünjungentraum ausführen will, sich mit 
dem Geliebten identifizierend. Und er muß es genau so kin- 
disch anstellen, wie Kövesdy selber es einmal getan und der 
Knabe Niembsch in glühender Seele nachempfunden hatte. 
Überdenke ich das ganze amerikanische Reiseabenteuer 
Lenaus, so muß ich sagen : Ein 12jähriger Schulknabe, dessen 
Einbildungskraft durch grollkolorierte Indianergeschichten 
bis zur Siedehitze entflammt ist, hätte kaum unvorsichtiger, 

produzieren, sc. B. Stufen h munterspringen und ähnliche Leistungen. Sie 
wollen damit Bewunderung erwecken und, was die. wenigsten freilich ahnen, 
auch — Liebe finden für ihre Vortrefflichkeit. Bezeichnend ist auch des 
Dichters Aufforderung an Schwager Schurz, sich auf den Traunstein führen 
zu lassen und hinauszutreten an die Stelle des Abgrundes. »Du wirst mich 
dann noch mehr lieben,» heißt Lenaus selbstverständliche Folgerung, die 
eigentlich sonst ganz unverständlich wäre. Man wird jetzt auch unschwer 
begreifen, warum der Dichter in den Alpen ein so rüstiger Bergsteiger war, 
in der Ebene aber nicht den kleinsten Hügel hinaufklettern mochte. Mit der 
Besteigung kleiner Erhebungen war dem Unbewußten nimmer gedient, da 
war nichts zu bewundern. Durch Trägheit hingegen erfüllte Lenau das Ge- 
bot der Mutter, seine Gesundheit immer in acht zu nehmen. Die Überwin- 
dung der Natur ist ihm ein süßer Vorgeschmack der Freuden des Schlacht- 
feldes, einer zweiten landläufigen Knabenphantasie und Quelle des Ruhmes 
wie auch der Liebe. Hier war nur noch mehr Bewunderung und Triumph zu 
holen, weshalb sie dann später im Wahnsinn mit seiner Freimachung des 
Kindlichen und Unbewußten so grell hervortreten. Der Dichter hatte als 
Jüngling ja auch Husar werden wollen und dies nur darum aufgegeben, weil 
der lange Friede keine Möglichkeit bot zu kriegerischen Heldentaten. 



44 AUS DEM LIEBESLEBEN 

phantastischer, blauer und unvernünftiger handeln können 
als der doch sonst so scharf sehende Dichter. Das richtigste 
Wort hat Justinus Kerner hierüber gesprochen : »Unser 
Niembsch ist von Amerika ganz besessen!« Auf Grund eines 
Prospektes und der Lektüre eines alten Schmökers, der die 
in Amerika zu erwartenden Herrlichkeiten mit grellen Tinten 
hervorgehoben, hatte seine Phantasie die Vorstellung ausge- 
arbeitet von einem leidentrückten Paradiese, das man nicht 
schleunig genug aufsuchen konnte. Seine überhitzte Einbil- 
dungskraft ließ keinen anderen Gedanken mehr aufkommen. 
Erzählt doch Kerner, wie Lenau ihm damals bis zum Kopf- 
zerspringen Tag und Nacht von den Herrlichkeiten in den 
Urwäldern Amerikas gesprochen hatte, von den großen Jagd- 
freuden, die ihn da erwarteten, den riesengroßen Leucht- 
käfern und schwarzen Affen mit den ellenlangen Wickel- 
schwänzen. Vor allem aber freute er sich kindisch darauf, 
einmal Opossums jagen zu können, von welchen Tieren er 
gelesen hatte, daß sie sich tot stellen, wenn man ihnen auf die 
Kappe rücke. Nimmt man dazu, daß er sich Massen über- 
flüssiger Vorräte anschaffte, darunter eine Unzahl von Zünd- 
hütchen, so ist's wohl klar, daß hier ein unwiderstehlicher 
Kindertraum Verwirklichung heischte. 

Seiner Abreise türmten sich Hindernisse und Gründe 
entgegen, daß jeder andere seine Absicht dauernd aufgegeben 
hätte. Seine geliebteste Schwester, die mit tausend Herzens- 
fasern an ihm hing, beschwor ihn flehentlich, von derselben 
abzustehen, der bloße Gedanke schon mache sie trostlos. Der 
berechnende Schurz mahnte in ebenso dringender Weise ab. 
Die württembergische Regierung ließ nach eingehender Prü- 
fung der Pläne unserer Auswanderergesellschaft eine öffent- 
liche Warnung gegen sie ergehen. Von allen Seiten wird 
Lenau die Hölle heiß gemacht, ja, er meint selber: »Mit 
der Aktiengesellschaft stinkt es, ist allerlei Gesindel dabei.« 
Er fühlt sich einen Augenblick in seinem Vorhaben heillos 
erschüttert. Zum Schluß aber siegt doch unwiderstehlich der 
Traum des Knaben. »Wüßt' ich auch ganz gewiß, daß ich 
umkommen werde, ich glaub', ich reiste doch! Mich regiert 
eine Art Gravitation nach dem Unglück.« 



NICOLAUS LENAÜS. 45 



Was der Dichter an Gründen selber vorbringt, er 
müsse seine Phantasie in die Urwälder Amerikas schicken, 
wo ein ungeheurer Vorrat von Bildern auf ihn warte, oder 
gelegentlich auch, er hoffe durch Land- und Waldkauf drüben 
sich ein müheloses Einkommen zu sichern, ist bloß sekundär, 
ausschließlich Vorwand, sein seltsames Tun den anderen und 
sich selbst plausibel zu machen. War er sich seiner letzten 
zwangsmäßigen Gründe ja selbst nicht bewußt und schrieb 
einmal direkt: »Ich weiß nicht, warum ich eine solche 
Sehnsucht nach Amerika hatte.« Wenn er aber dann ein 
andermal erklärte: »Nie hat mich etwas so freudig beschäf- 
tigt als diese Reise!« so führt uns der richtig bezeichnete 
Affekt zu den tieferen Gründen. Desgleichen die Bemerkung 
zu seiner Schwester: »Sie (die Reise) ist wirklich höchst not- 
wendig, glaub' es mir auch Du, liebe Resi ! Ich fühle wirk- 
lich etwas in mir schlummern, ganz verschieden von dem, 
was ich bis jetzt gewesen ; vielleicht wird dieses Unbekannte 
aufgeweckt werden vom donnernden Ruf des Niagara.« 

Ein solcher Zwangstrieb — anders ist ja »die amerikani- 
sche fixe Idee«, wie Kerner sie nennt, nicht gut zu heißen 
— fußt regelmäßig, wie Freud uns lehrte, auf ins Unbewußte 
verdrängten erotischen Wünschen. Was Lenau zuletzt nach 
Amerika trieb, war einmal die Identifikation mit Kövesdy, 
sein Trachten, herrlich auszuführen, was sogar dem Jugend- 
freund nicht gelungen, und andererseits wieder, auf fremdem 
Boden, in stiller Einkehr mit sich selbst die verlorene Reinheit 
wiederzugewinnen und dadurch der Mutter würdig zu werden. 
Bezeichnend ist eine Äußerung Lenaus : »Ich habe von meiner 
Reise nach Amerika bis zu meiner Rückkehr kein Weib ge- 
küßt, bis mich in Bremen ,der alte Adam' wieder faßte.« 1 ) 
Das heißt, er hat mit der Reinigung begonnen, als er in das 
Land seiner Sehnsucht zog, und verfiel augenblicklich in die alte 
Sünde, als er mit seinen Erwartungen dort Bankerott gemacht. 
Ich kann mich übrigens auch der Vermutung nicht erwehren, 

') Das einzige Detail, das Schurz vom Bremer Aufenthalt kennt, ist, 
daß Lenau — >die wohlgebildeten, runden Arme der Bremerinnen besonders 
gefielen c. 



46 AUS DEM LIEBESLEBEN 

daß er in Bremens verrufenen Vierteln die Syphilis erwarb, 
welche seine spätere Gehirnerweichung erst möglich machte. 
Lenau selber aber kommt zum Schlüsse: »Meine Reise 
ist nicht umsonst getan. Vieles habe ich erreicht, man- 
ches eingesehen, daß es nicht für mich zu erreichen ist. Meine 
kühnsten Hoffnungen der Dichterehre hab' ich übertroffen ge- 
funden ; meine bescheidensten Wünsche des Menschenglücks, 
seh' ich wohl, sind unerreichbar. Ich fühle manchmal sehr 
deutlich, daß man doch Weibund Kindhaben müsse, 
um glücklich zu sein; das ist für mich verloren. Aber 
glaube nicht, daß mich dies drückt. Ich wäre der geringsten 
Gunst der unsterblichen Muse nicht wert, wenn ich nicht 
imstande wäre, ihrem Dienste all mein Glück mit Freuden 
zu opfern. Hat doch mancher Ritter seiner irdischen, ver- 
weslichen Dame alles geopfert, sollte die Göttin weniger ver- 
dienen?« 

V. 
Fand Lenau auch in der ersten Zeit nach seiner Rück- 
kehr, er habe »viel mehr Gleichmut und Heiterkeit als ^or- 
dern«, so währte die Besserung seiner Stimmung jedenfalls 
nicht lange. »Ausgelassenes Lustigsein wechselte bei ihm sehr 
oft mit tiefer Melancholie,« berichtet uns Kerner bald darauf 
und ebenso, daß er oft ganze Nächte seiner Violine »die herz- 
zerreißendsten, klagevollsten Töne entlockte«. Auch die ver- 
schiedensten Ausflüge und Reisen halfen nur höchstens für 
kurze Wochen und zu Schwager Schurz beklagte er sich ein- 
mal ȟber die noch immer brennende Wunde, die ihm Berta 
geschlagen«. Er war also trotz Amerikareise und aller Ein- 
kehr in sich selbst über jene und die anschließenden Selbst- 
vorwürfe noch immer nicht hinweggekommen. Selbst seine 
Besuche bei Löwenthal, die jetzt anheben, 1 ) vermögen ihn 

') Castle hebt mit Recht hervor, daß, wenn auch Schurz den Beginn 
der Bekanntschaft mit Sophie auf Dezember 1833 verlegt, der Brief des 
Dichters an Emilie Reinbeck vom 20. September 18 3 4: »Auf nächsten 
Mittwoch bin ich nach Penzing geladen, wo ich jene gepriesene Unwider- 
stehliche in hellem Tageslicht werde zu sehen bekommen. Neulich war mir 
dies Glück nur im Dämmerlichte des Abends zu teil geworden,« ganz unwider- 



NICOLAUS LENAUS. 47 



anfangs nur ganz vorübergehend aufzuheitern. Er macht 
z. B. in ihrer Gesellschaft eine Mondfahrt auf der Donau: »Das 
war nicht übel«, berichtet er an Schurz. »Aber, lieber Bruder, 
die Hypochondrie schlägt bei mir immer tiefere "Wurzeln. 
Es hilft alles nichts. Der gewisse innere Riß wird immer tiefer 
und weiter. Es hilft alles nichts! «Und bald darauf an Emilie 
Reinbeck : »Wenn ich nur gesund wäre an Leib und Seele ! Es 
muß etwas in mir gebrochen und gerissen sein, das nicht 
mehr heilen kann.« Erst im Oktober 1834, also Jahr und 
Tag nach seiner Rückkehr, macht ihn die Liebe zu Sophie 
wieder fröhlichen Herzens, so daß er an Max aus Stuttgart 
schreibt: »Man wundert sich hier über mein aufgeheitertes 
Wesen und, wie man sagt, mein gutes Aussehen. Das erstere 
und darum mittelbar auch das letztere dank' ich Euch, 
Ihr lieben Freunde ! Bar habt mir, wie einem eingeschlagenen 
Bilde, das lange an einer melancholischen, verlassenen Kloster- 
wand gehangen, einen frischen, heiteren Firnis gegeben, so 
daß jetzt wieder alte Farben an mir hervortreten, die ich 
längst für immer erloschen wähnte.« 

Versuchen wir einmal, das Werden dieser Liebe uns 
klar zu machen, und bleiben wir zunächst bei den äußeren, 
nachweisbaren Tatsachen. Schon im Herbste 1833 war Löwen- 
thal bestrebt gewesen, den berühmten Dichter in sein Haus 
zu ziehen. Nur ließ er es sehr an Geschicklichkeit fehlen, indem 
er gar zuviel Rühmens machte von der »Unwiderstehlichkeit« 
seiner Frau. Ein arger faux pas ! Denn unwiderstehlich durfte 
Lenau höchstens selber sein, nie aber eine andere Sonne. 
Drum lehnte dieser die Einladung damals rundweg ab. 
Erst das Jahr darauf, etwa im September 1834, als eine tiefe 
Depression ihn gefügiger machte, gelang die Einführung, 
freilich nicht gleich zu Lenaus Entzücken. Da war ihm die 

leglich dagegen spricht. Ich vermute, daß Schurz über das erste Zusammen- 
treffen der Liebenden nacli späteren Mitteilungen Sophiens berichtet, zumal 
er über das, was Ende 1833 zwischen ihnen vorgefallen sein soll, im Gegen- 
satze zu seiner sonstigen Genauigkeit fast gar nichts Positives vorbringt. Es 
ist eine häufige Erscheinung, daß Liebende sich gern in der Vorstellung 
wiegen, einander schon längst gekannt zu haben, ehe sie in Wirklichkeit zu- 
sammengetroffen. 



T 



48 AUS DEM LIEBESLEBEN 



Mutter gar zu lärmend, der Ton der ganzen Familie zu sehr 
»auf leichteren geselligen Genuß gestellt", noch am inter- 
essantesten Löwenthals Frau. »Ich glaube, ich werde bald weg- 
bleiben,« schreibt er nach Stuttgart, »es sind halt keine Hart- 
manns !« Aber dennoch nimmt er die Einladung an, am 
Mittwoch bei Max in Penzing zu speisen. Dies zweite Mal fühlt 
er sich schon behaglicher. »Er und sie sind mir sehr zugetan. 
Recht gute, feine Menschen«. Am Sonntag darauf macht er 
sogar die Donaufahrt mit, nach welcher ihn freilich die Berta- 
Erinnerungen desto heftiger martern. Nachdem er in der 
Steiermark vergeblich zu vergessen gesucht, folgen im Ok- 
tober noch einige vergnügte Abende in Penzing, bei welchen 
ein Bekannter »Beethovensche Sachen mit ungemeiner Tiefe 
und Energie spielte. Ich bin in dem Hause gern gesehen«, 
schrieb er an Emilie, »und die Glieder dieser zahlreichen 
Familie zeigen sich bei näherer Bekanntschaft immer 
liebenswürdiger. Doch mit der Unwiderstehlichkeit ist's nicht 
so arg.« Immerhin kamen Lenau und Sophie sich allmählich 
näher. Sie erbittet sich Gedichte von ihm zum Abschreiben, 
seine Vorlesung des »Faust« packt allgemein stark und am 
8. November erfolgte dann endlich der entscheidende Schritt. 
Er gibt Sophie die ersten an sie gerichteten Gedichte, die 
seine Verliebtheit deutlich verraten, und diese werden mit Wohl- 
gefallen aufgenommen. Am 19. November verläßt er in plötz- 
lichem Entschlüsse Wien, um nach Stuttgart zu fahren, wo 
der Druck des »Faust« vorgeblich seine Anwesenheit notwendig 
machte. Man geht wohl nicht fehl, wenn man andere Motive 
als treibend ansieht, zumal jener Druck noch in weitem Feld 
stand. Die Stuttgarter Freunde aber fanden ihn wunderbar 
aufgeheitert und blühenden Aussehens. 

Hier wollen wir einen Augenblick Halt machen und die 
Fakten auch psychologisch prüfen. Man sieht zunächst, daß 
die Berta- Erinnerung in seinem Gehirn noch unerlöst spukt 
und alle Bemühungen männlicher sowie weiblicher Freunde, 
ihn loszureißen, da nutzlos verpuffen. Nicht einmal Sophie ist 
zu Anfang glücklicher, trotzdem sie sehr bald in Lenau sich 
zu schicken wußte. Mit der ihr eigenen weiblichen Klugheit 



NICOLADS LENAÜS. 49 



verstand sie sofort, ihre »Unwiderstehlichkeit«, die den Dichter 
von vornherein abgestoßen hatte, gar wohl zu verstecken, 
dafür aber deutlich durchblicken zu lassen, wie sehr sein 
Genius ihr imponiere. Hiedurch kamen beide sich erheblich 
näher. Denn »unwiderstehlich« war der Dichter immer selber 
gewesen, in eigener Schätzung wie in der seiner Mutter. 
Die Eigenschaft konnte er darum Sophie noch lang nicht 
verzeihen. Die Bewundernde aber, die ihm samt dem Gatten 
stets zugetaner wird, eine keimende Neigung erraten läßt und 
auch die seine wohlgefällig aufnimmt, rückt immer mehr an 
Mutters Stelle. Viel früher als mit seinem Verstände hatLenau 
dies unbewußt schon empfunden. Und nach jener freundschaft- 
licheren Mondscheinpartie beginnt ihn der Gedanke an — 
Berta zu martern, d. h. die unsterblichen Selbstvorwüx-fe, die 
geliebte Mutter mit einer anderen betrogen zu haben, was 
er zu wiederholen sich eben anschickte. Es folgt eine längere 
Depression, die nicht zu bannen. Erst Beethoven half ihm 
allmählich drüber und Sophiens steigende Bewunderung und 
Liebe, die jener der Mutter stets ähnlicher wurde. Was Löwen- 
thals Gattin die Möglichkeit bot, sich über sämtliche Frauen 
zu erheben, war, daß sie nicht nur mütterliche Freundin 
blieb, wie beispielsweise Emilie Reinbeck, sondern auch die 
mütterlich Liebende und Geliebte wurde. E. Castle, der unter 
allen Biographen just das Verhältnis der beiden Lieben- 
den am besten erfaßte, auch durch Artur Löwenthals münd- 
liche Ergänzungen am meisten weiß, zitiert ganz richtig eine 
Stelle aus dem Lenauschen »Faust«. 

»Der wahren Frauenschönheit holder Macht 
Kann widerstehen keine Macht auf Erden. 
Das ist dein Schönstes: daß in deiner Nähe 
Auch wilde Sünderherzen weicher schlagen, 
Daß ein Gefühl sie faßt mit dunklem Wehen 
Aus ihrer Unschuld längst verlornen Tagen.« 
Sophie war das einzige Weib auf Erden, so den Sünder in 
ihm zu entsühnen vermochte, wenn dem Dichter nur die Mög- 
lichkeit ward, sie mit der Mutter zu identifizieren. Daß sie 
dieser von Tag zu Tag mehr glich, der wirklichen, wie der ge- 
wünscht-phantasierten, war Sophie Löwenthals Frauenklugkeit. 

S a d g e r, Aus dem Liebesleben Nieolaus Lenaus. 4 



50 AUS DEM LIEBESLEBEN 



Nicht willenlos hat sich Lenau diesem Weibe ergeben. 
Bald nach Überreichung der Liebesgedichte entschließt er 
sich plötzlich, nach Stuttgart zu fliehen. Da spielt, wie mich 
dünkt, neben seinem pathologischen Reisedrang noch ein un- 
bewußtes Empfinden mit, daß er soeben im Begriffe stehe, 
Verrat zu üben an den schwäbischen Freunden und— an der 
Mutter. Gleichwohl ist er geistig wie somatisch ein Genesen- 
der worden, so daß »alte, frische, heitere Farben an ihm 
hervortreten, die er längst und für immer erloschen wähnte«. 
Was er an dem Gatten gesündigt hatte, das trachtet er nun an 
dem Dichter Löwenthal gut zu machen. Sophie gegenüber jedoch 
versucht er, den Freund und ästhetischen Berater zu spielen, 
was diese begreiflich sehr unwirsch aufnimmt. Nur verschiebt 
sie natürlich ihrenVerdruß auf angeblich künstlerische Meinungs- 
differenzen. Dem Ungetreuen aber enthält sie die versprochenen 
Blumenmalereien die längste Zeit vor. Trotzdem bleibt Lenau 
stets innerlich vergnügt, obwohl er just damals schweren 
Redaktionsärger litt, ja sogar nach Neujahr 1835 eine ernste 
Herzerkrankung durchmachte. Die ausgesuchtesten Artigkeiten 
aber, mit denen er Sophie zu begütigen trachtete, hatten Er- 
folg. Im März des Jahres 1835 lud Max den Dichter in seinem 
Hause zu wohnen ein, gewiß nicht ohne Zustimmung der 
Gattin. Doch Lenau kann sich dazu noch nicht haben. »Ich wäre 
Euch zur Last. Ihr ahnet noch gar nicht, wie unerträglich 

ich sein kann.« 

Am 2. April 1835 kehrt der Dichter wieder nach Wien 
zurück und findet Sophie — gesegneten Leibes. Urplötzlich 
wird jetzt das Bild der Mutter in ihm lebendig, die dereinst 
dem Knaben untreu geworden, indem sie vom Stiefvater 
Kinder bekam. Der Dichter braucht lange, verwinden zu 
können, daß die Geliebte in seiner Abwesenheit von einem 
anderen empfangen hatte — wie um ihn zu strafen. Freilich, 
er durfte sich nicht beschweren. Hatte er doch selber die 
ganze Zeit über den Freund und Berater hervorgekehrt, 
niemals den Liebenden. Erst jetzt erkennt er mit klarem Be- 
wußtsein, wie stark ihm Sophie ans Herz gewachsen. Je häufiger 
er die Geliebte erblickt — und er sieht sie jetzt mindestens 



NICOLAUS LENAUS. 51 



wöchentlich einmal, da er ihr steter Sonntagsgast worden — 
desto heißer wird seine Liebe zur Mutter aufgeregt, das Vor- 
bild jedweder rechten Liebe. Geschüttelt zwischen Neigung 
und Pflicht, jener Urempfindung aus prähistorischer Kinder- 
zeit, und der Erkenntnis, die Geliebte nunmehr an einen 
anderen verloren zu haben, wird er zu jeglichem Schaffen un- 
fähig. Nicht einmal »die Wallfahrt zur Madonna Einsamkeit, 
dieser wahren Mutter Gottes im Menschen«, vermag ihm Ruhe 
des Herzens zu geben. »Alle Geistestätigkeit ist auf dieser 
Reise eine mehr empfangende als gestaltende,« schreibt er dem 
Schwager und auf halbem Wege kehrt er gar um. »Meine 
Gesundheit ist vortrefflich ; mit dem Dichten geht es aber 
mit nichten. Eine Menge Entwürfe fahren mir auf und doch 
kommt es zu keiner Ausführung; die Gedanken rollen mir 
gleich wieder ab, wie das Steingerölle unter meinen Füßen. — 
So groß auch meine Genüsse sind auf dieser Reise, manches 
vermisse ich. Penzing ! Beethoven ! Der Himmel will noch 
immer kein rechtes Gewitter aufspielen, um mir Beethoven 
zu ersetzen; und Penzing kann mir selbst der Himmel nicht 
ersetzen !« 

Am 13. September genas Sophie eines kräftigen Knaben. 
Was Lenau einen Monat zuvor und die unmittelbar folgende 
Zeit getrieben, wo er sich aufhielt und was er geschaffen, 
das ist auffallend wenig bekannt. Nur einmal verlautet, und 
zwar im Brief vom 9. Dezember, daß die junge Mutter dem 
nach Stuttgart Gereisten ihren Trübsinn klagt. Der Dichter 
aber mahnt sie an »ihre hohe sittliche Würde«, deren Be- 
wußtsein nicht bloß ihr selber ein ewiger Quell sein müsse 
von stillen Freuden, sondern ebenso auch ihrer ganzen Um- 
gebung und vor allem ihm, dem Tröster, persönlich. Nur 
muß er leider in ebendemselben Brief klagen, daß sein »Hypo- 
chonder sich wiederum rege«, zum ersten Male seit Jahr 
und Tag, seit Mitte November verflossenen Jahres. In Wien, 
wohin er am 4. Februar 1836 zurückkehrt, erwartet ihn 
doppeltes schweres Herzleid : der Tod eines heißgeliebten 
Jugendfreundes und die gefängliche Einziehung seiner Stief- 
schwester als einer Verbrecherin. Er aber schlägt >einen 

4* 



52 AUS DEM LIEBESLEBEN 



eisernen Panzer um sein Herz« und »die Erschütterungen 
seiner Stimmung beruhigen sich im Dichten«. Leider nicht 
auf lange. Denn bald wird er neuerdings ausnehmend reizbar 
und straft ein einziges rauhes Wort, das der Freund noch 
obendrein alsbald entschuldigt, mit dauernder Entfremdung. 
Wenn Castle vermutet, diese leicht zu verletzende Liebe und 
Reizsamkeit habe ihren Grund in Vorwürfen gehabt, die 
Sophie ihm ob seines langen Stillschweigens damals machte, 
so fehlt uns dafür jeder Beweis. Hingegen entsteht just in 
jenen Tagen ein Gedicht an die Mutter, »Der Seelenkranke«, 
das unzweifelhaft dartut, wie die Berta-Qual und die Selbst- 
vorwürfe von neuem Wurzeln zu schlagen anheben. 

».Ich trag' im Herzen eine tiefe Wunde 

Und will sie stumm bis an mein Ende tragen ; 

Ich fühl' ihr rastlos immer tief'res Nagen 

Und wie das Leben bricht von Stund' zu Stunde. 

Nur eine weiß ich, der ich meine Kunde 
Vertrauen möchte und ihr alles sagen; 
Könnt' ich an ihrem Halse schluchzend klagen ! 
Die eine aber liegt verscharrt im Grunde. 

O Mutter, komm, laß dich mein Fleh'n bewegen ! 

Wenn deine Liebe noch im Tode wacht 

Und wenn du darfst, wie einst, dein Kind noch pflegen ; 

So laß mich bald aus diesem Leben scheiden, 

Ich sehne mich nach einer stillen Nacht; 

O, hilf dem Sehmerz, Dein müdes Kind entkleiden.« 

In dieser kritischen Zeit seines Lebens, da es ihn heiß 
nach der Mutter verlangt, er sich heimlich verzehrt in »trostlos 
nächtlichen Grübeleien«, bringt das Liebesgenie einer seltenen 
Frau ihm Heil und Entsühnung. Was Sophie just jetzt ihre 
Scheu und Zurückhaltung abwerfen hieß, ist nur zu vermuten. 
War sie nach Geburt ihres letzten Knaben inne geworden, sie 
dürfe von dem ungeliebten Manne kein Kind mehr empfangen, 
wolle sie den einzig und wahrhaft Geliebten nicht unheilbar 
treffen ? War's die Leere ihres Herzens, die sie trübsinnig 
machte, die Furcht, den Geliebten ganz zu verlieren, oder 
endlich der jedwedem echten Weibe stets inhärente Mutter- 



NICOLAUS LENAUS. 53 



instinkt? Kurz, sie spielte jetzt Lenau ein selbstgefertigt 
Gedicht in die Hand, das »tiefen Kummer über den Grund 
seiner unseligen Verstimmung« aussprach und, was ent- 
scheidend, den Wunsch, ihn zu heilen. Damit aber hatte 
sie genau erraten, was Lenau damals am meisten not tat, 
und war mit eins an die Stelle der ersehnten Mutter gerückt, 
der ersten Helferin in allen Nöten. 

Vier Jahre zuvor hatte unseren Dichter an dem vielleicht 
zärtlichst geliebten Freunde, an Karl Mayer, dessen Sorgfalt 
um seinen — kranken Daumen besonders gerührt, weil er eine 
solche Bekümmerlichkeit bislang nur einzig bei seiner Mutter 
gefunden hatte. Darum spürte er für Mayer auch etwas im 
Herzen, was er bis nun bloß für diese gefühlt. Ganz ähnlich 
traf es Sophie jetzt auch. Teilnahme, Mitgefühl, ja sogar 
nicht selten materielle ( Aushilfe hatten ihm andere auch schon 
gewährt. Doch aus freien Stücken seinen Kummer zu heilen 
durch eine große, gewährende Liebe, hatte bis zu Sophie 
noch niemand versucht — außer seiner Mutter. Darum durfte 
Lenau von jener rühmen, sie habe »versöhnend und wahrhaft 
rettend auf ihn gewirkt«. »Meine Schuld an Dich ist un- 
ermeßlich wie die Welt, die einst verlorene, die Du meinem 
Herzen wiedergeschenkt.« »Wer weiß, ob und wie spät mir 
das Licht gekommen wäre ohne Dich.« 

Doch die Geliebte wuchs jetzt noch höher, noch mehr 
in die Rolle der Mutter hinein, nicht bloß der wirklichen, 
auch der gewünschten, phantasiert-erträumten. Wenn Lenau 
etwas bisher abgehalten hatte, die Augen zum Weibe seines 
Freundes zu erheben, so war es »die Furcht, an ihrer Achtung 
zu verlieren, eine Furcht, nicht viel kleiner, als die vor 
ihrem Tode«. 1 ) »Ich achte kein menschliches Wesen so hoch 
wie Dich und ohne Deine Gegenachtung müßte mein Herz 
verkümmern,« heißt es sogleich im allerersten Liebeszettel. 
Sophie jedoch weist, der Mutter wieder ähnlich, den Liebe- 
heischenden nicht schroff zurück, sondern richtet ihn auf, 



') Man achte auch hier auf die nahe Beziehung von Eros und Thanatos 
und die gelungene Übertragung von der ob ihrer Sittlichkeit so hoch über 
alle gestellten Mutter auf die Frau seines Freundes. 



64 AUS DEM LIEBESLEBEN 

indem sie ihm wehrte. »Freudig kämpfen und entsagen!« ist 
ihr erstes Wort, nachdem sie zu festem Entschlüsse gekommen. 
Das soll fortab ihre Losung sein, dazu will sie auch den Ge- 
liebten bestimmen. Und es ist wahrscheinlich, daß sie zu 
Anfang nicht einmal so weit zu gehen gedachte, als 
sie später doch tat im Sturm des Gefühles. Damals hin- 
gegen verlangte sie noch ein völliges Entsagen von sich wie 
von Lenau. Und sie will auch selber hinter dem Geliebten 
nimmer zurückstehen. Muß dieser um der Sittlickeit willen 
auf ihren vollen Besitz verzichten, wie einst bei der Mutter, 
soll f ürder auch sie kein anderer mehr berühren dürfen, nicht ein- 
mal Max, der dazu Befugte. Um jene Zeit, glaube ich, setzte 
Sophie bei dem Gatten durch, daß fortab eheliche Intimi- 
täten ausgeschlossen büeben, was sie dann Lenau zum Tröste 
gab. Damit aber hatte sie mehr geleistet als selbst seine 
Mutter, einen unsterblichen Wunsch des Knaben erfüllt, die 
Geliebte solle um seinetwillen sich jedem versagen, sogar 
dem legitimen Gatten. Daß er zur Entsagung verurteilt sei 
und bleiben müsse, war ihm von der Mutter her wohlver- 
traut. Was aber Sophie aus freien Stücken ihm nunmehr ge- 
währte, das Selbstverzichten bei vollem Liebesausströmen auf 
ihn, hat Lenau für immer an sie gefesselt. Als neue Erkennt- 
nis möchte ich aussprechen : unlöslicher war der Dichter ge- 
kettet an die stets Lockende und sich Versagende, als hätte 
sie jemals ihn wirklich erhört. Wo ein volles Besitzen wie 
bei Schilflottchen noch möglich war, verzichtete er am Ende 
stets selber. Nur was unerreichar wie seine Sophie, vermochte 
an Stelle der Mutter zu treten. 

Und noch eins deckt diese Wechselbeziehung unzweifel- 
haft auf: den Zusammenhang zwischen Liebe und Glauben 
bei unserem Dichter. Als Kind war Lenau überaus fromm 
und betete täglich zu Morgen und Abend mit tiefster In- 
brunst, wie seine Mutter ihn gelehrt. »Unter einen blühenden 
Apfelbaum in unserem Hof pflegte ich oft hinzuknien und 
inbrünstig zu beten,« erzählte er Max in späteren Jahren. 
Ein Hauptvergnügen war es für den Knaben, vor einem zum 
Altar hergerichteten Stuhle die Messe zu lesen, und manch- 



mal predigte er so ergreifend, daß seiner Mutter und noch 
mehr seiner alten Wärterin Walburga die hellen Tränen über 
die Wangen liefen, wiederum also ein Produzieren vor den 
Meistgeliebten mit tiefer, ersichtlicher Wirkung auf diese. 
Selbst noch als Mann sprach Lenau mit Entzücken von der 
wahrhaft himmlischen Seligkeit, welche ihn durchströmte als 
er das erste Mal rein wie ein Engel von der Beichte ge- 
gangen. Erst Onkel Mihitsch, der Husar, ein von Lenau 
Geliebter, hat später den Zweifel in die Seele des Fünfzehn- 
jährigen gesenkt, wie ein Jahr zuvor schon Pope Rudy. 
Fortab schwankt Lenau zwischen Gottesglauben und tief- 
stem Skeptizismus je nach der Befriedigung seines Herzens. 
Der liebende Dichter ist stets auch fromm, der an Liebe 
verzweifelnde, auch wenn er homosexuell empfindet — Vor- 
bild Mihitsch — wird immer ungläubig. Der erstere schreibt 
den »Savonarola«, der andere den »Faust« und »Die Albi- 
genser«, deren »Held der Zweifel«. Bezeichnend ist da ein 
kleiner Zug, den Frankl uns mitteilt. Als Lenau den »Faust« 
zuerst im Hause Löwenthal vorlas, schien dieser noch ganz 
pantheistisch zu sein. Der bald darauf gedruckte aber hatte 
durch einen neuen Epilog »einen unerwartet christlichen Ein- 
schlag erhalten«. Dazwischen aber lag die frühere intime Aus- 
sprache der Liebenden. Sophiens erstem Liebesgedicht endlich, 
in welchem sie den Wunsch, ihn zu heilen, kundgab, ver- 
danken wir nach Lenaus eigenem Wort seinen »Savonarola«. 
Immer enger weben in des Dichters Seele sich Herzens- 
neigung und Frömmigkeit zu einer ganz unauflösbaren Ein- 
heit. »Ich kann nicht an Gott denken, ohne an Dich zu 
denken!« heißt es in einem der allerfrühesten Liebeszettel. 
»Gerade in den seligsten Momenten hatte ich gar nichts ge- 
dacht, sondern war untergegangen in meiner Liebe wie in 
Gott zur Zeit des Gebetes.« Nach Jahr und Tag noch schreibt 
er in den »Liebesklängen« : »Meine Liebe hängt durchaus mit 
meiner Religion zusammen. Ich kann die eine nicht aufgeben 
ohne die andere.« Und ein andermal wieder: »Überall, wo 
ich Gottes starke Hand fühle, spüre ich auch deine liebe Hand, 
und ich kann oft beide nicht von einander unterscheiden.« 



5g AUS DEM LIEBESLEBEN 



Die Geliebte wird ihm förmlich zur Inkarnation der Gott- 
heit. »Du bist ein Lieblingsgeschöpf eines persönlichen, lie- 
benden Gottes; das drang mir tief und fest ins Herz in 
mancher schönen Stunde, die ich mit Dir leben durfte. Wenn 
ich Dich liebe, steh' ich bei Gott, denn er ist in Dir.« 
Und als er nachts »mit schönen, seligen Gedanken« an sie 
erwacht, da »war es mir auf einmal sonnenklar, was Gott 
mit unserer Liebe will. Sie ist ein Teil seiner eigenen Liebe.« 
»Gott erhalte mir Ihr Herz,« heißt es fast drohend in einem 
der offiziellen Briefe, »wenn er will, daß ich ihm dienen soll.« 
Es ist interessant, wie diese beiden unglücklichen Men- 
schen aus unbefriedigter Erotik heraus gleichmäßig den 
Glauben ans Jenseits finden, wo »einzig unsere Liebe gilt in 
ihrem ewigen Rechte«. Wenn schon die 17jährige Sophie nach 
dem Bruche mit Köchel sich damit getröstet, nach dem Tode 
werde sie mit dem Geliebten zusammentreffen am Throne 
Gottes und frei von jedweder irdischen Hemmung, so fühlt 
sie jetzt bei Lenau nicht anders. Wiederholt will dieser 
die »eiserne Schranke« übersetzen. Sie aber weist ihn ab 
mit mahnender Tröstung auf das Leben dort und vermag 
dem Verlangenden stets noch zu wehren. Ja, sogar mit ihrem 
eigenen Glauben versteht sie den Geliebten allmählich zu 
füllen, wobei ihr dieser freilich mit seinem infantilen Em- 
pfinden auf halbem Wege entgegenkam. »Ich habe in früheren 
Zeiten an der Unsterblichkeit gezweifelt ; jetzt lehrt mich die 
Not, mich an diesen Glauben klammern. Ich muß Vergeltung 
hoffen, wenn ich nicht verzweifeln und alles zerbrechen und 
hinwerfen soll . . . Wenn zwei Menschen so zusammenge- 
hören wie wir, so können sie auch hoffen, daß sie einmal 
zusammenkommen. Unser Glück darf uns nicht vorenthalten 
werden. Wir werden es dort finden. Das wäre ein Riß durch 
unsere ganze Ewigkeit, wenn's nicht so käme. Es muß!« 
Und den Himmel selber vermag er sich nicht anders zu 
denken, »als daß dort sicher und bleibend sein wird, was 
hier unsicher und flüchtig. Ich male mir's gern aus, wie es 
wäre : Meine Luft Dein Atem, mein Licht Dein Auge, mein 
Trank Dein Wort, meine Speise Dein Kuß, mein Lager Dein 



NICOLAUS LENAUS. 57 



Herz, mein Wandel das Reich Gottes mit Dir, mit Dir ! 
Liebe Sophie!« 

Es kann nicht meine Aufgabe sein, der Liebe jener 
beiden großen Herzen mit doch immer dürftigen Woi'ten zu 
folgen. Weit besser, als es ein Unbeteiligter je vermöchte, 
besorgen ein solches die Liebeszettel, welche auch dem Dichter 
das Liebste waren, was er geschrieben, die lesen müsse, wer 
ihn kennen wolle. Nur ärztlich und seelisch darf man die Linien 
ein wenig nachziehen, hier abzuschatten, dort wieder aufzu- 
hellen versuchen und vor allem tiefer zu motivieren aus dem 
Infantilen und Krankhaften heraus. Zunächst bedünkt mich, 
man wird die Liebe jener beiden Menschen nie ganz ge- 
recht und wahrhaft beurteilen ohne Kenntnis der modernen 
Neurologie. Im Eingang dieser Zeilen führte ich schon aus, 
warum sich Sophie trotz aller Leidenschaft so spröde ver- 
hielt und verhalten konnte. Was für den Naiven wie Tugend aus- 
sieht, war nach meiner Klarlegung nur Unempfindlichkeit für 
das Letzte, nur Sophiens hysterische Anästhesie. Sie brauchte 
keinen Gatten, sondern höchstens, um paradox zu reden, 
einen Kußliebhaber. In Eroticis nämlich verzichtet man nie 
auf das, was am genüßlichsten ist, zumal nicht mit 26 Jahren. 
Man kann es vielleicht aus äußeren Gründen sich noch ab- 
ringen, die Sitte niemals gröblieh zu verletzen, doch man 
ringt es sich ab unter schwerstem Kampf und mächtigster 
Erschütterung, welche die Gesundheit bedenklich schädigen. 
Aber freiwillig, schmerz- und eigentlich folgenlos darauf zu ver- 
zichten, vermag kein Heiliger, nur Anästhetische. So lagen 
die Dinge bei Sophie Löwenthal. Und wenn auch Lenau weit 
mindere Folgen von der steten frustranen Erregung davon- 
trug als etwa ein Gesunder an seiner Stelle, so dankte er 
dies einzig seiner Belastung. Ein jeder Normalmensch wäre 
unter den gleichen Bedingungen wie jene beiden an schwerer 
Angstneurose erkrankt. Sie aber wurden vor diesem Übel 
durch ein noch größeres behütet, indem, wie so häufig, die 
schwerere Neurose die leichtere erschlug, bei Sophie die 
Hysterie, beim Dichter seine schwere Belastung. 

Nur einiges durchaus Bezeichnende war auf psychischem 



58 AUS DEM LIEBESLEBEN 

Gebiete doch übrig geblieben. Sophie ist nämlich nicht angst- 
neurotisch, wohl aber eifersüchtig geworden, wie mehr oder 
weniger jegliche Frau, die geschlechtlich nicht volle Befrie- 
digung findet. Bloß das erschöpfend genießende Weib kommt 
schwer auf den Einfall, der Geliebte könne ihr untreu werden ; 
ein nicht oder mindest zu wenig befriedigtes fürchtet da 
immer, der Partner halte sich anderswo schadlos. Auch 
Sophie wird das ganze Verhältnis hindurch die Sorge nicht 
los, eine Rivalin könne sie einmal ausstechen, zumal wenn 
Lenau in der Ferne weilte. Stets will sie hören, wo und mit 
wem er gesellschaftlich umgeht, und besonders, welche Ge- 
schlechtsgenossinnen ihm ihre Bewunderung zu Füßen legten. 
Liest man das mehr als verzückte Buch der Emma Niendorf 
mit Stellen darin, wie : »So kommt keiner wieder, der so ge- 
liebt ward und beweint!«, »Man erwartete ihn, wie das Glück, 
wie den Frühling«, »Es war stets Lenaus Los, Eifersucht 
unter seinen Freunden zu entzünden« — wäre man versucht, 
ihr fast recht zu geben, wenn man dieses Phänomen nicht so 
allgemein fände, auch an keineswegs so begehrenswerten 
Männern. Bei Sophie aber spielten noch andere unbewußte 
Motive mit. »Der Zweifel findet bei Dir gleich alle Türen 
offen und Du lockst ihn gerne selbst herbei. Wenn Du mein 
Herz nicht hämmern hörst, daß es zu zerspringen droht, 
so glaubst du gleich, es stehe still,« wirft ihr mit Recht 
unser Dichter vor. Und auf der Höhe der ersten Seligkeit : 
»Hinter Deinem Glück lauscht immer der Zweifel und bei 
der geringsten Veranlassung springt er hervor und will Dil' 
alles zerstören. Schon schwindet mir die Hoffnung, daß ich 
Dich je werde heilen können.« Nur ist es ein Irrtum, wenn 
Lenau meint, dies wurzle in ihrer unmäßigen Bescheidenheit. 
Mich dünkt, sie wollte im- Grunde gar nicht glauben müssen, 
sie hat ihre Zweifel direkt gehätschelt. Wenn es sie nämlich 
stets wieder verlangt, von Lenau Versicherungen ewiger 
Liebe und Treue zn hören, so geschah dies aus dem Bewußt- 
sein heraus, dem Geliebten nie alles werden zu können, weil 
sie ihm die letzte natürliche Befriedigung doch immer vor- 
enthalten mußte. Das ist die tiefste Wurzel ihrer Furcht, 



NICOLAUS LENAUS. 59 



ihm nicht zu genügen. Denn sie genügte ihm tatsächlich 
nicht, wenn auch in etwas anderer Weise, als sie stets vorgab. 1 ) 

Ob dies der Dichter nicht ebenso fühlte, da er sie ein- 
mal sein höchstes Glück und seine tiefste Wunde nannte? 
In einzelnen Momenten, wenn sie besonders liebreich gewesen, 
auch seinem Verlangen weit mehr entgegengekommen war, 
als sie zu Anfang beabsichtigt hatte, konnte er sich trösten 
über sein Glück, das, ob auch nicht vollständig, doch »als 
Bruchstück eines Himmels voll Freuden mehr Wert besitze 
als das Glück von Tausenden in seiner kümmerlichen Voll- 
ständigkeit«;. Ja, er möchte sich einreden, es wäre bei- 
nahe »Versündigung an ihrer Seele, wenn ihr körperlicher 
Besitz ihm unentbehrlich wäre«. Natürlich hinderte dies nicht, 
daß er in Bälde wider die »eiserne Schranke« anstürmte in 
Wort und Tat. Nur wenn er gar zu ungebärdig worden, 
vielleicht auch harte Worte gesprochen, dann ward sie recht 
traurig. Hinterdrein erschien ihm sein Vorgehen selber ganz 
unbegreiflich, so »wie ein wunderlich böser Traum, der seine 
Seele gar nichts angehe,« und sein fürderes Leben just gut 
genug, jene argen Worte wieder gutzumachen. »Meine Liebe 
ist so groß, daß mein Herz manchmal verwirrt wird und sie 
nicht fassen kann und dann zu Bewegungen getrieben wird, 
die an Wahnsinn streifen und Dir wehtun. Darum glaube 
ich fest, daß dieser Liebe eine Ewigkeit vorenthalten ist, wo 
sie sich frei und ganz wird ausbreiten können.« 

Das ewig ungestillte Verlangen der beiden Liebenden 
trieb aber noch andere, fast möchte ich sagen : physio- 
logische Blüten. Nicht bloß, daß Sophie sich Vorwürfe machte, 
beunruhigend eingedrungen zu sein in Lenaus Leben, ein 
andermal wieder, an ihrem Adel zu verlieren, weil sie sich 
häuslich betätigen müsse; viel ärger, dieweil im Grunde be- 
rechtigt, waren die häufigen Selbstanklagen, keine tugendhafte 
Frau mehr zu sein, ihre sittliche Würde verloren zu haben, 
was Lenau stets heftig und ehrlich bestritt, und ein ängst- 
liches Grübeln über ihren Wert. Es ist psychologisch hoch- 



') Eine weitere, äußerst wichtige Wurzel werde ich später zu berühren 
haben. 



60 AUS DEM LIEBESLEBEN 

interessant, daß die Frau, welche wirklich gesündigt hat wider 
den gesellschaftlichen Sittenkodex, etwa als gebundene Ehe- 
gattin sich dem Geliebten hingegeben hat oder aber mit dem 
Mann einer anderen ein Verhältnis begann, daß solche Frauen 
sich eigentlich gar nicht recht schuldig fühlen. Und wenn 
sie es tun, doch höchstens mit dem Kopfe, nicht mit dem Her- 
zen. Also etwa, zur Rede gestellt, mit dem Verstand ihren Fehl 
bekennen, doch ohne jede Affektbetonung, d. h. ohne pein- 
liches Schuldgefühl und Bedrücktheit der Seele. Im Innersten 
nämlich wird die fehlende, weil genießende Frau nie recht 
unglücklich, empfindet vielmehr, nicht anders zu können, 
und ist kraft ihrer tiefsten Natur noch rein und darum schuld- 
los glücklich, ob sie auch soziale Satzung übertrat. Ganz 
anders ein Weib, welches einzig in Phantasien gesündigt, 
sich über die Schranken hinwegsetzen wollte, ohne doch 
den Mut zur Tat je zu finden. Sie hat sich äußerlich nicht 
verfehlt, blieb also gesellschaftlich rein und keusch und fühlt 
sich doch allezeit recht unglücklich, damit erweisend, wie 
sehr sie durch äußere Sauberkeit das Gesetz der Natur miß- 
achtet hat. Und sie rechnet sich selber das bloße Wollen uml 
Gedankensünden weit ärger an und verdammenswerter als 
jene Mutige, nur gesetzlich Schuldige, ihr wirkliches Tun. 
Dies war der Fall bei Lenaus Geliebter. 

Aus diesem nur schlummernden Schuldgefühl heraus ist 
ihre oft traurige Stimmung zu erklären, wie aus der Ver- 
schiebung auf scheinbar Berechtigtes die häufigsten Redens- 
arten von »Höherstehen, Herabziehen und dgl.« Lenau gen- 
über. Es war nicht Demut vor seinem Genie, wie der Dichter 
vermeint, sondern einzig die voll zutreffende Erkenntnis, daß 
der auf das Letzte losstürmende Geliebte in sittlicher Hinsicht 
höherstünde als die sieh kox'rekt-unehrlich Versagende. Mich 
dünkt es bezeichnend, daß Lenau gar nichts so heftig be- 
kämpft als ihre Selbstpein ob mangelnder Sittlichkeit, an 
der er sich freilich mitschuldig fühlte. Tat doch Sophie im 
Grunde nichts anderes, als was er von der Mutter, weim auch 
vergebens, in der Jugend ersehnt. Bei jener umfängt ihn »das 
Gefühl der Sicherheit, Aufgehobenheit und innersten Versorgt- 



NICOLAUS LENAUS. 61 



heit«, wie man es einzig als hilfloses Kind bei der Mutter 
empfindet. Immer wieder entdeckt er Ähnlichkeit mit dieser 
an seiner Geliebten. In der »liebevollen Nachgiebigkeit«, die 
gerade ihren »hohen Reiz« und ihre »Unwiderstehlich- 
keit« 1 ) ausmachten, in der »demütigen Hoheit«, durchweiche 
sie jegliche Nebenbuhlerin »tausend- und tausendmal über- 
strahle«, in der steten Furcht, ihn verlieren zu können, und 
endlich in zahllosen anderen Zügen, die einzig nur ein 
Liebender schaut. Wie immer Sophie sich anstellen mochte, 
sie konnte gar nicht anders als seiner Mutter nachgeraten, 
die ihr, wie unser Dichter glaubt, ihn als »vorbestimmtes 
Erbe zurückgelassen« habe. Darum »huldige ich Dir, wie ich 
keinem erschaffenen Wesen sonst huldigen könnte. Ich ver- 
letze aber auch Rücksichten gegen Dich, die ich bei niemand 
anderem außer acht ließe,« ausgenommen einzig — bei seiner 
Mutter, dürfen wir ergänzen. Wie diese dereinst dem un- 
gebärdigen und in seiner Liebe doch gefügigen Knaben, so 
darf jetzt Sophie als einziges Weib dem reifen Dichter Vor- 
würfe machen, sogar mit Unrecht über seine Falschheit, ohne 
ihn doch auf immer zurückzustoßen. Wenn sich auch öfters 
der Gedanke meldet : »Entschlage Dich dieser Abhängigkeit, 
gestatte diesem Weibe keinen so mächtigen Einfluß auf Deine 
Stimmungen, kein Mensch auf Erden soll Dich so behersehen*, 
so »stieß er diesen Gedanken doch bald wieder zurück als 
einen Verräter an seiner Liebe und bot sein reizbares Herz 
wieder gern ihren zärtlichen Mißhandlungen dar«. Und ganz 
wie einst der klagenden Mutter, schreibt er auch ihr : »Du 
bist die höchste Gewalt für mich. Du bist nicht rechtlos ; Du 
hast als meine Königin mein Leben in der Hand.« »Du un- 
begreiflich liebes Weib!« 

Ja, ich zweifle sogar, daß die beiden Liebenden trotz 
aller Klagen ihr Verhältnis gar so entsetzlich empfanden. 
Mich dünkt es für sie, wie sie eben geschaffen, die einzig 



J ) Man beachte, wie Lenau ihr jetzt spontan das {nämliche Epitheton- 
ornans beilegt, an dem er sich zu Anfang ihrer Bekanntschaft so arg ge- 
stossen. Freilich, es floß jetzt aus ihrer Demut wie früher aus ihren steten 
Erfolgen den Männern gegenüber. 



62 . AUS DEM LIEBESLEBEN 

mögliche Form ihrer Liebe, die einzige mindest, die Dauer 
verhieß und jenes unlösliche Zusammenhangen durch viele 
Jahre. Die sexuell anästhetische Sophie wie unser schwer- 
belasteter Dichter mit dem Stigma des Assoziationswiderwillens, 
d. h. der Unfähigkeit, sein Ich auf die Länge oder gar für 
immer mit irgend etwas zu verknüpfen, und sei es auch das 
geliebteste Weib, sie wären gar bald ernüchtert worden in 
einer ruhigen, erlaubten Ehe. Nur wenn sie sich immer von 
neuem wieder erobern mußten, allzeit in Sorge vor möglicher 
Trennung, wenn sie gegen eine ganze Welt sich durchzusetzen 
hatten, dann fühlten sie sich wahrhaft unlösbar verbunden. 
Ein ruhiges Glück ist weder dem Schwerbelasteten beschieden 
noch einer unempfindlichen Frau. 1 ) 

Wie wenig unglücklich der vielbejammerte Kampf sie 
machte, beweisen uns Stellen der »Liebesklänge«. So quälte 
Lenau einst die Besorgnis, was sie sich wohl dächte von 
seiner beständigen Inkonsequenz, »diesen ewig zerscheiternden 
Vorsätzen, einmal ruhig zu sein«. Da kommt nun ein sehr 
bezeichnendes Geständnis: »Recht ehrlich und fest hab' ich 
mir's doch eigentlich nie vorgenommen. Es war nur imnfer 
ein halber Wille. Kann ich es nicht wollen ? Will ich's nicht 
wollen? Sie hat mir nie mit einem Winke gezeigt, daß sie 
mich wegen meines Ungestüms weniger achte. Das wäre das 
kräftigste Mittel. Niemand kennt mich wie sie, darum wäre 
mir ein Fallen in ihrer Achtung der schmerzlichste Verlust. 
Darum bitte ich sie aber auch dringend um unbedingte Offen- 
herzigkeit in diesem Punkte. Jede Täuschung wäre hier ge- 
fährlich, weil sie später gewiß zu einem tragischen Ende 
führen müßte.« 

Wie betrug sich nun Sophie, der weibliche Partner ? Hat 
sie ihm irgendwann in all den Jahren Mißachtung gezeigt, 

') Einer von Lenaus geliebtesten Freunden und genauer Kenner seiner 
Psyche, Anastasius Grün, schreibt in seiner biographischen Einleitung zu des 
Dichters Werken: »Die von A. X. Schurz geäußerte Bemerkung, daß diese 
Frau, ,wäre sie noch ein Mädchen gewesen, ihm vielleicht sein Himmel auf 
Erden geworden sein würde', können wir nur mit nachdrücklicher Betonung 
des Wörtchens .vielleicht' wiederholen ; die Hinweisung auf Lenaus Begegnung 
mit Lotte wird unsere schmerzlichen Zweifel rechtfertigen.« 



NICOLAUS LENAUS. 63 



oder daß sie in vollem Ernste grolle? Des nahm sie sich 
gar wohl in acht. Sie konnte dem Geliebten zuweilen zürnen, 
ihn mit einem traurigen Blick verlassen, ja selbst zurück- 
stoßen, doch im Grunde mochte sie ihn gar nicht anders, 
denn ewig anbetend, rastlos vorstürmend und nie genießend. 
In lichten Momenten hat Lenau mitunter dies klar gefühlt: 
*Du bist eine Närrin und ich bin ein Narr,« schreibt er im 
Jahre 1837. »Ein Anlauf, ein rasender, um hinüberzuspringen, 
und am tiefen, schwarzen Graben wieder umkehren, und 
und wieder ein Anlauf, und wieder umkehren. Wenn das 
nicht eine von den Höllenqualen ist!« Und dennoch war just 
diese Hölle die äußerste Seligkeit, so ihm noch möglich. 
»Hätf ich dich nicht gefunden, so hätt' ich auch nie erfahren, 
was es heißt, von einem Weibe geliebt zu werden, die es wert 
ist, daß mir mein Unglück das Liebste, ist was ich 
habe. Ich habe mir nie ein Glück geträumt, wo- 
gegen ich dieses Unglück vertauschen möchte.« 
Sophie aber war's, welche stets die entscheidenden Stichworte 
gab: »Es ist ein Bund auf ewig!«, »Du bist mir verfallen!«, 
»Eins von uns beiden muß wahnsinnig werden!« Sie konnte 
gelegentlich mit der Idee eines unvermerkten Selbstmordes 
spielen, auf ihre Gesundheit geflissentlich anstürmen, sei's, 
weil sie ihre Lage in einzelnen Momenten unerträglich fand, 
sei's, um den Geliebten und die Angehörigen tief zu er- 
schrecken und gefügig zu machen. Im großen und ganzen aber 
blieb das Verhältnis, just wie es sich entwickelt hatte, ihr 
am erwünschtesten. Darum auch ward es, wie es geworden. 
Nochmals aber sei darauf hingewiesen, was ich schon 
ganz zu Anfang betonte: Es hat gar niemand irgendein Recht, 
jener hochgemuten Frau über ihr Empfinden und daraus 
notwendig geborenes Handeln Vorwürfe zu schmieden, nicht 
einmal dann, wenn sie in leidenschaftlicher Glut sich hin- 
gegeben, die Ehe auch physisch gebrochen hätte. Sie stünde 
selbst dann, will mich bedünken, sittlich nicht tiefer. Wie 
so häufig im Leben, hat hier die Hysterie eine Frau vor dem 
Alleräußersten bewahrt. Von einer höheren Warte gesehen, 
wenn auch nicht von der des Strafgesetzbuches, das für die 



6-1 AUS DEM LIEBESLEBEN 

Alltäglichkeit zugeschnitten ist, besteht zwischen einem Wollen 
und Tun kein Unterschied mehr, zumal wenn sich jenes so- 
weit in Entgegenkommen umsetzt. Nur wird man von eben- 
derselben Höhe sogar ein ehebrecherisches Handeln entschuldigt 
finden durch seine innerste Notwendigkeit. Man hat weder 
ein Recht, hier zu verdammen, noch, wenn das Äußerste 
vermieden wird, Lobhymnen zu singen. Wie einer in solcher 
Lage vorgeht, das ist sein Fatum, dem selbst die Gottheit 
sich nicht entzieht. Er handelt einfach, wie er handeln muß, 
ohne Rücksicht auf Preis oder Tadel der Welt, ja des eigenen 
Gewissens. Und führte man etwa den ethischen Standpunkt 
da noch ins Treffen, Rücksichten auf Emporentwicklung des 
Menschengeschlechtes, möchte ich doch fragen, wenn einem 
Verhältnis eine Dichtung entsprießt, wie die »Liebesklänge«, 
das Herrlichste wohl, was Lenau je schuf, ob solch ein Produkt 
nicht reichlich die Unsterblichkeit einer bürgerlich ehrbaren 
Familie aufwiegt samt aller legitimen Nachkommenschaft. 
Dem Ungläubigen aber und nicht zu Bekehrenden sei zugerufen, 
was wohl der moralischeste aller großen Dichter, Friedrich 
von Schiller, seiner Schwester einst sagte: »Ein Mensch,^er 
liebt, tritt sozusagen aus allen übrigen Gerichtsbarkeiten 
heraus und steht bloß unter den Gesetzen der Liebe. Es ist 
ein erhöhteres Sein, in welchem viele andere Pflichten, viele 
andere moralische Maßstäbe nicht mehr auf ihn anzuwenden 
sind.« 

VI. 

Kehren wir nach diesem allgemeinen und psychologischen 
Ausblick zur Chronologie der Ereignisse zurück. Zweimal 
bestand für Sophie Löwenthal hohe Gefahr, den Geliebten 
zu verlieren. Einmal im Jahre 1839 an Karoline Unger, dann 
noch eminenter im Jahre 1844 an Marie Behrends. Das erste 
Mal wurde sie davor bewahrt durch die Minderwertigkeit 
jener anderen nebst ihrer klugen Frauentaktik, das zweite 
Mal war der Konflikt nur lösbar, indem der Dichter wahn- 
sinnig wurde. Ich will versuchen, hier beide Episoden zu 
analysieren. 



_-— 



NICOLAUS LENAUS. 65 



Vom April des Jahres 1836, da die »Liebesklänge« ihren 
Anfang nehmen, bis zum Juni 1839, dem ersten Zusammen- 
treffen mit der Unger zeigt Lenaus Liebe Aufstieg und Fall 
in einer beinahe dramatischen Form. Die erste Periode, bis 
etwa Mai 1835, ist nach Sophiens zutreffendem Wort »vielleicht 
die glücklichste seines Lebens« zu heißen. »Es war seine 
Weihnachtszeit. Selten wurde seine heitere Ruhe durch Mahnun- 
gen der Vergangenheit gestört.« Seine Liebe wuchs in alle 
Himmel der Seligkeit. Zwei Höhepunkte sind zu verzeichnen : 
der 20. November 1837 und der 4. Januar des folgenden 
Jahres. Das erste Mal jubelt der Liebeszettel: »Mir geht es 
wie Dir. Was kann ich schreiben ? Nach einem solchen Sturm 
von Freude mit schwachen Worten herumfächeln, was heißt 
das?. . . Mein Herz zittert noch. Ich liebe Dich unaussprechlich. 
Vergiß diese Stunde nicht. Sie wiegt alles tausendfach auf, 
was wir gelitten. Wenn ich Dich auch nicht ganz haben durfte, 
so hatte ich doch mehr, als meine schönsten Träume jemals 
für möglich hielten. Wie reich bist Du! Wieviel kannst Du 
geben, wenn Du noch so viel zurückbehältst!« Und das andere 
Mal wieder : »O, welch ein Abend ! Heute hat sich mein Herz 
ganz geöffnet. Bis jetzt unbekannte Wonnen haben mich über- 
strömt. Ich bin in diesem Augenblick selig. Ich habe keinen 
Wunsch, als Dir Freude zu machen. Ich möchte noch heute 
nach Penzing laufen und Dir Deinen Hund holen, weil Du 
ihn so gerne hast, Herzerl ! Wie warst Du diesen Abend! 
O, nur ein paar solche Abende jenseits, so hat es mit dem 
Himmel seine Richtigkeit. Worin könnte denn auch die Freude 
dort bestehen, als daß wir noch inniger lieben werden als 

hier Ich bin heute wirklich auch viel besser als gestern. 

In solchen Stunden wachsen wir dem ewigen Leben zu. Ich 
bin sehr glücklich«. Allerdings, es fehlt auch nicht an Mo- 
menten finsteren Unmuts, zumal wenn seine Sinnlichkeit 
aufbäumte, wie im Februar, März und Mai des Jahres 1837. 
So schreibt er einmal, als er sich an der »eisernen Schranke« 
wieder blutig gestoßen und Sophie obendrein arg verletzt 
hatte : »Der heutige Tag war einer der traurigsten, ja er war 
der traurigste meines Lebens.« Allein das waren doch immer 

Sa dg er, Aus dem Liebesleben Nicolaus Lenaus. 5 



66 AUS DEM LIEBESLEBEN 

nur einzelne trübe Momente, für welche er sich in seligen 
Nachtträumen schadlos hielt — ohne jegliche Schranke. 

Hingegen begann vom Mai des Jahres 1838 seine Liebe 
wirklich leise und allmählich abzuflauen, wenn auch die zeit- 
weilige Sommertrennung oder Furcht für Leben und Gesund- 
heit der Geliebten sie scheinbar zu alter Höhe trieb, ja sogar 
im Oktober 1838 ihm noch das feurige Bekenntnis ent- 
schlüpfte : »Du bist unermeßlich reich, denn Du hast die Mittel, 
mir glückliche Stunden zu schaffen, und das hat die ganze 
übrige Welt nicht.« Am ehesten hat dies wie immer der 
weibliche Partner erfühlt, der nun mit gewohnten hysteri- 
schen Mätzchen, vorgeschützter und natürlich stark übertrie- 
bener Kränklichkeit, provozierter Leib- und Lebensgefahr den 
Ungetreuen zu fesseln versucht und damit wirklich vorüber- 
gehend stachelt. Bald aber drängte Sophie sich die Erkennt- 
nis auf, daß Lenau sich wohl in acht nehmen würde, sie je 
zu heiraten, schon um seine Freiheit nicht einzubüßen. Und 
auch ihm selber kommt es oft vor, als schlummere eine 
Kraft in seinem Innern, die er bloß heraufzulassen brauche, 
um aller Fesseln ledig zu werden. Ja, er braut eine gfflize 
Philosophie sich zurecht, daß Sophie ihn verlassen möchte, 
es aber nicht könne, er wieder könne, ohne je zu mögen. 
Einzig im Falle einer ungeheuren, erwiesenen Kränkung 
würde er diese Fähigkeit nützen. Allein so sehr sich Lenau 
sträubt, das Nachlassen seiner Gefühle zu merken, es verrät 
sich in allerlei kleinen Zügen. Sein Herz wird jetzt häufig 
von dem Wechsel geplagt zwischen äußerster Wonne und 
eisigem Krampf. Auch Maxens 1 ) Gegenwart wird ihm nun 



') Ich will hier ein neues Motiv ergänzen, das diesen über verschiedene 
Bedenklichkeiten ^hinwegsehen ließ im Verhältnis Lenaus zu seiner Gattin. 
Man findet recht häufig eine ganz merkwürdige Sympathie des betrogenen 
Ehemannes"für den Freund seiner Frau, der ihm Hörner aufsetzt. Die Er- 
fahrung bei unseren Nervenkranken hat uns belehrt, daß dies regelmäßig 
herrührt von einer — homosexuellen Neigung des Ehemannes zum Verführer 
seiner Gattin. Er benützt dann seine homosexuelle Neigung, um nichts zu 
merken. Das Nämlichefgilt mutatis mutandis von Max Löwenthal. Von der 
ersten Stunde, da er alles aufbietet, den berühmten und heißbewunderten 
Dichterin sein Haus zu'ziehen, bis zu dessen Tode ist er in jenen völlig 



NICOLAUS LENAÜS. 67 



bis zur Unleidlichkeit störend. Am bezeichnendsten aber be- 
dünkt mich eins : der Zweifel an der eigenen Glut wird nach 
außen projiziert und setzt sich in Zweifel an der Neigung 
der Geliebten um. »Ich muß, wenn uns der Frühling unserer 
Liebe dahin ist, doppelt um ihn trauern, weil uns die Frucht 
des Sommers versagt geblieben,« schreibt er im Oktober 
1838. »Wer weiß, ob der alte Zug der Sehnsucht in Deinem 
Herzen wieder erwachte, wenn uns das Zusammensein er- 
schwert würde. Waren wir ja doch getrennt im letzten 
Sommer und ich glaubte, Dein Herz hat damals viel ruhiger 
gepocht, als einst, wenn Du meiner gedachtest. Hat sich 
Deine Sehnsucht überwacht ? Ist sie des Weges müde geworden, 
wo kein Ziel erreicht werden kann ! Hab' ich in Deinen Augen 
verloren und findest Du mich geringer, als Du mich einst 
glaubtest? Hat Deine Liebe wirklich eine Meinung und einen 
Verlauf? Solche Fragen kommen mir oft und machen mich 
dann sehr finster.« Und als er am nächsten Tage die Zeilen 
überliest, findet er sie »ganz recht. Ist es nicht mehr wie 
einst, so ist es gar nichts. Wenn die Liebe nicht mehr Dein 
ganzes Wesen erfüllt, so ist sie fort.« Dann folgt eine lange, 
mehrmonatliche Pause in den Liebeszetteln bis zum April des 
nächsten Jahres. Aber selbst, was 1839 an Liebeszetteln über- 
haupt bringt, ist äußerst spärlich. 

Auch sonst ist sehr wenig über jene Monate des Schwei- 
gens bekannt. Nur das eine erfahren wir aus Maxens Tage- 
buch, daß vielerlei körperliche Gebreste den Dichter in 
diesem Winter heimsuchten, ja ihm sogar die Aussprüche 
erpreßten: »Es ist nichts mit dem Leben!«, >Das Leben ist 

verliebt, was manches sonst Unbegreifliche erklärt. Auch in Maxens Tage- 
buch, das Castle wenigstens zum Teil publizierte, finden sich Belege, die 
mindest den Fachmann überzeugen dürften. Eine Stelle will ich zitieren: 
»Wie an poetischer Schöpferkraft und Tiefsinn, steht auch an Adel der Seele 
an unbeugsamer Selbständigkeit des Charakters Niembsch unter unseren 
Dichtern einzig da. Sie sind ein klagliches Völkchen, diese Dichter.« Und 
dann nochmals an der nämlichen Stelle: »Es ist ein klägliches Völkchen 
und der Umgang mit ihnen in gar keiner Beziehung förderlich oder auch 
nur erquicklich. Und so gehe ich denn auch allein oder nur von Niembsch 
begleitet meinen Weg.« 

5* 



63 AUS DEM LIEBESLEBEN 



eine Infamie !« Auch für das allmähliche Abflauen seiner Liebe 
bringt jener Winter des Mißvergnügens zwei wichtige In- 
dizienbeweise. Zunächst rücken jetzt »Die Albigenser« vor, 
deren Held der Zweifel, und dann wird die Geige wieder her- 
vorgeholt und fleißiger als je gestrichen. Am 11. September 
1839 schreibt er an Emilie : »Meine Albingenser beschäftigen 
mich aufs lebhafteste. Das wird ein tüchtiges Gedicht werden 
mit Gottes Hilfe. Der Stoff spielt mir in alle Regionen meines 
Herzens hinein.« Was aber das Geigenspiel anbelangt, so 
habe ich dessen sexualsymbolische Bedeutung bereits im 
Früheren abgehandelt. Entscheidend und die Bedeutung erwei- 
send ist, daß er es stets beiseite stellt, sobald er ein großes Liebes- 
glück gefunden, wie zu Anfang etwa bei seiner Sophie, und 
immer von neuem wieder hervorholt und feurig übt, wenn 
ihn das Verlangen nach einer großen Liebe erfaßt. So auch 
in diesem liebearmen Winter, der seiner Entflammtheit für 
Karoline Unger vorausging. 

Ehe ich auf diese zu sprechen 1 komme, sei noch der 
Wandel in Lenaus Liebe schärfer begründet. Ich habe immer 
nachdrücklich betont, daß weitaus die allermeisten Mäiftier 
— so auch unser Dichter — das Weib ihres Herzens nach 
dem Vorbild der eigenen Mutter wählen, weil diese die wirk- 
lich Erstgeliebte war. Die Höherentwicklung des Menschen- 
geschlechtes macht es notwendig, daß einmal die Liebe von 
dieser abgezogen wird und übertragen auf eine andere, wenn 
ihr auch ähnliche. Nicht selten gelingt die Übertragung 
schlecht oder überhaupt nicht, so daß der Mensch zeitlebens 
an seiner Mutter hängt und von ihr nicht loskommt, nie 
sich ein Weib zu nehmen vermag, das Mädchen hinwieder, 
welches analog seinen Vater liebte, auch in einer etwa voll- 
zogenen Ehe doch sexuell anästhetisch bleibt. Auf unseren 
Dichter angewendet, können wir sagen: er liebte in Sophie 
einmal die längstverstorbene Mutter, deren Potenzierung sie 
eigentlich war, aber auch die sinnlich Begehrenswerte, welche 
seine Mutter ihm nur in unterdrückten Phantasien gewesen. 
Von dieser sinnlichen Komponente aus gelingt bei Normalen 
die Übertragung meist gut. Bei Lenau jedoch war dies nicht 



NICOLAUS LENAUS. 69 



möglich, zumal sich Sophie ihm physisch versagte. Was in 
diesem Winter hauptsächlich an seiner Liebe sich änderte, 
war nicht das Vorbild jener Urgeliebten, das im Gegenteil 
fortab stets leuchtender hervortritt, sondern einzig die sinn- 
liche Komponente, die auf die Länge ohne völlige körperliche 
Befriedigung nicht zu leben vermag. Sophie entsprach jetzt 
ganz und rein der. Mutter, wie sie wirklich gewesen, doch 
nicht mehr jener phantasiert-erträumten,';die alles gewährte 
auch Liebeswonnen. 

Die letzteren hatte er einst bei jener zu finden gehofft, 
welchen Traum dieser Winter endgültig einsargte. Nun wissen 
wir aus der Psychologie, daß solch ein Verlangen nicht spur- 
los unterdrückt werden kann. Es geht ja keinerlei Energie 
im Weltall verloren, auch keine psychische, sie kann nur 
umgewandelt werden in eine andere Form von Kraft. Und 
da lehrt die Erfahrung, daß eine unterdrückte Empfindung 
am liebsten benützt wird zur Verstärkung des Gegenteils. 
Wenn Lenau z. B. seine Sinnlichkeit dauernd niederjochen 
muß, so braucht er sie dazu, die hohe Wertschätzung weib- 
licher Sittlichkeit, welche schon der Knabe an der geliebten 
Mutter, 1 ) der Gereifte bereits am Beginn seiner Neigung zu 
Sophie Löwenthal empfunden hatte, maßlos zu steigern. 
Immer mehr wird Sophie, wie dereinst die andere, ihm Ver- 
körperung der höchsten Sittlichkeit. Auch wenn ihn die Sehn- 
sucht nach Weib und Kind zeitweise zu anderen Sternen 
treibt, bleibt jene doch stets die oberste Instanz, ohne deren 
Zustimmung die Übertragung einfach unmöglich wäre, so wie 
es einst bei der Mutter gewesen. 

Am 24. Juni 1839 sah Lenau zum ersten Male Karoline 

') Zwei Züge von ihr waren Lenau unzweifelhaft ebenso bekannt, wie 
seiner Schwester, die es ihrem Manne Schurz überlieferte. Therese Maigraber 
hatte ihrem künftigen Gatten geschworen, wenn sie eher Mutter würde als 
sein Weib, diese Schmach nicht überleben zu wollen. Als Ehefrau erwehrte 
sie sich eines berüchtigten Raufboldes und Wüstlings, trotzdem sie dieser mit 
drei Fanghunden im Bett überraschte. Weder Drohungen noch Verheißungen 
machten sie gefügig, ja zum Schlüsse ergriff sie sogar ein Messer und »schwor, 
ihn zu erstechen, wenn er sie nicht augenblicklich verließe, was er, so kühner 
Entschlossenheit gegenüber, denn flugs auch tat.« 



70 AUS DEM LIEBESLEBEN 

Unger in einer Gesellschaft, wo sie »ein singendes Gewitter 
von Leidenschaft« auf ihn losließ. Trotz alles Ankämpf ens 
war er derart erschüttert, daß er »es nicht verhalten 
konnte«. »Da faßte mich«, schrieb er an Sophie, »als sie aus- 
gesungen, ein Zorn gegen das sieghafte Weib und ich trat 
ans Fenster zurück ; sie aber folgte mir nach und zeigte mir 
bescheiden ihre zitternde Hand und wie sie selbst im Sturm 
gebebt; das versöhnte mich, denn ich sah, was ich gleich 
hätte denken sollen, daß es ein Stärkerer war als sie und 
ich, der durch ihr Herz gegangen und meines, und vor dem 
wir beide gleich gebeugt dastanden, als es wieder still war.« 
Diese Stelle dünkt mich äußerst bezeichnend. Von einem 
Weibe besiegt zu werden, und sei es auch nur durch die 
Macht der Töne, erschien dem einstigen Muttersöhnchen 
völlig unleidlich. Erst als sich jene demütig erwiesen und 
ebenso wie er durch eine höhere Gewalt bezwungen, ist der 
Weg zu seinem Herzen frei. 

Sophie merkt augenblicklich die große Gefahr, ja sie 
tritt sogar aus der Roserve heraus, die sie allzeit gewohnt 
war. Unverhohlen spricht sie in ihrer Antwort die Sehnstfcht 
nach dem Geliebten aus und den Wunsch, er möchte nach 
Ischl kommen, dort seine »Albigenser« vollenden. Unterdes 
aber blieb auch die Sängerin nicht müßig. Während ihr Spiel 
und Gesang >die höchste tragische Wirkung« auf ihn übten, 
bestrickte sie ihn obendrein durch ganz besonderes Entgegen- 
kommen. >Von allem Anfange an packte sie ihn bei seiner 
schwachen Seite, der Eitelkeit,« berichtet uns Max in seinem 
Tagebuche. »Schon in den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft 
brachte er ihr gesellschaftliche Opfer, welche er jedem an- 
deren Menschen, sogar seiner nächsten und innigsten Freundin, 
meiner Frau, bis dahin verweigert hatte. Er verschmähte es 
nicht, sich fast täglich einem Schwärme von Anbetern zuzu- 
gesellen, welcher die gefeierte Sängerin umgab. Aber sie 
wußte ihn auch auszeichnend hervorzuziehen aus diesem 
Schwärme. So gestaltete sich das Verhältnis gleich in den 
ersten Tagen zu einem vertraulichen. Der Dichter besuchte 
die Schauspielerin hinter den Kulissen und ließ sich von ihr 



NICOLAUS LENAUS. 71 



den Eichenkranz darbringen, den sie als Norma getragen.« 
Nach Ischl aber schrieb er ; »Karoline Unger ist ein wunder- 
bares Weib. Nur am Sarge meiner Mutter habe ich so ge- 
schluchzt wie jenen Abend, als ich die herrliche Künstlerin 
in Belisario gehört hatte.« 

Immer trauriger werden Sophiens Antworten. Sie wünscht, 
daß ihre Gesundheit eine entscheidende Wendung nehme, so 
oder so, also wieder das bekannte Spiel mit dem Sterben. 
Damals vermutlich rief sie auch ihren Vater zu Hilfe und 
sandte dessen absprechendes Urteil über Lenau an seine 
eigentliche Adresse, wie ich im ersten Kapitel erzählte. Dem 
Geliebten aber schrieb sie, er werde bald fühlen, wie sehr 
sein Leben ein gelungenes sei, was dieser geflissentlich nicht 
versteht. Nun wird sie noch deutlicher, so daß ihr der 
Dichter schmerzvoll zuruft: »Sie haben mir mit Ihren paar 
Zeilen das Herz zerschmettert,« dann aber vollends mit dem 
Bekenntnis herausrückt : »Karoline liebt mich und will 
mein werden. Sie sieht es als ihre Sendung an, mein Lebeu 
zu versöhnen und zu beglücken.« Also ganz wie Sophie es 
selbst einst getan, und beide unbewußt nach der Mutter Vor- 
bild. Die kluge Frau merkt, daß sie jetzt anders vorgehen 
müsse. Hatte ihr der Geliebte doch geschrieben : »Mein Ge- 
fühl für Sie bleibt ewig und unerschüttert, aber Karolinens 
Hingebung hat mich tief ergriffen. Es ist an Ihnen, Mensch- 
lichkeit zu üben an meinem zenüssenen Herzen«. Noch ist 
sie seine »höchste, entscheidende Rücksicht,« was er auch 
Karolinen nicht hehlt. Nur Zeit gewonnen, auf daß er wieder 
zur Besinnung komme. Dann konnte sie hoffen, allmählich aus 
der Rolle der Mutter in die der Geliebten hineinzuwachsen, 
wenn jene Leidenschaft sich gelegt. 

Als Lenau endlich nach Ischl kam, da zeigte sich bald, 
daß »Sophiens Gesundheit gar nicht übel sei«. Die Kluge 
aber hütete sich wohl, ihm direkt die Heirat verleiden zu 
wollen. Nur könne sie doch nicht eher stattfinden, als bis 
Karoline nicht mehr der Öffentlichkeit angehöre — wie Sophie 
voraussah, eine fast unmögliche oder mindest schwer erfüll- 
bare Bedingung — und Lenau selber, der nicht selten ge- 



72 AUS DEM LIEBESLEBEN 



radezu darben mußte, genügend Vermögen erworben hätte, 
»einen gesicherten und nicht verächtlichen Beitrag zum Haus- 
halt zu liefern«. Der Appell an den Stolz und die Eitelkeit 
des Dichters erwies sich als wirksam. Zwar ging Karoline 
bereitwilligst auf die Bedingungen ein. Doch auf einer Ge- 
birgstour, die sie mit dem Dichter gemeinsam unternahm, erfolgte 
allmählig dessen Ernüchterung. Bezeichnenderweise zunächst 
durch fast kleinlich zu nennende Gründe. Sie »pflegte näm- 
lich in einem gewissen Tone amikaler Befehlshaberschaft laut 
manche kleine Dienste von ihm zu fordern, z. B. Umhängen 
des Mantels, Rufen des Kellners u. dgl., was unseren reiz- 
baren und den Frauen gegenüber an das gerade entgegen- 
gesetzte "Verhältnis gewohnten Dichter verletzte, ja bisweilen 
sogar innerlich empörte. Er hatte es bisher nur erlebt, daß 
Frauen und Mädchen seinen Wünschen in allen Kleinigkeiten 
und Bedürfnissen des alltäglichen Lebens zuvorzukommen 
eilten, und sah sich nun zum Diener der Signora entwürdigt. 
Da ergriff ihn der Gedanke, daß seine Ehe mit einem so von 
jeher selbständigen und des Herrschens gewohnten Weibe 
ein unpassendes und sehr unbequemes Verhältnis sein müÄte. 
Und dieser Gedanke«, schreibt Max am 24. November 1839 
in sein Tagebuch, »wirkte seitdem fort in ihm und wird, wie 
kaum zweifelhaft ist, zur Tat werden.« Was Max hier mit 
richtigem Takte voraussah, erfüllte sich bald, zumal der Dich- 
ter die Primadonna dabei ertappte, daß sie sich um drei Jahre 
jünger ausgab, und endlich von ihr ruchbar wurde, sie hätte 
mit verschiedenen Männern schon gelebt, ja wäre von einem 
selbst Mutter geworden. Und er, der vor kurzem Karoline 
noch »eine große Frau« genannt, »entblödete sich jetzt nicht, 
über sie die Reimrede ,sie ist eine Sau' laut werden zu 
lassen.« 

Verlauf und Ende dieser kurzen Liebschaft sind hoch- 
charakteristisch. Womit hatte Karoline Unger das Herz 
des Liebedürftigen erobert? Dadurch, daß sie ganz wie die 
Mutter sich einführte, ihm demutsvolle Hingebung zeigte und 
den festen Willen, sein Leben zu versöhnen und glücklich 
zu machen. Und wodurch verliert sie den erobert Ge- 



NICOLAUS LENAUS. 73 



glaubten? Weil sie der Mutter stets unähnlicher wird, statt 
ihm zu dienen, nun selber kleine Dienste verlangt, ihn später 
belügt und endlieh auch noch seinem hohen Ideal von weib- 
licher Sittlichkeit schmählich ins Gesicht schlägt. 

Die Unger-Episode war weit ominöser, als sie nach dieser 
kurzen Darstellung erscheinen möchte. Schwager Schurz, der 
getreueste aller Chronisten, berichtet darüber : »Wahrlich die 
Gefahr war in diesem Jahr sehr groß, größer noch als im 
Winter 1831/32 nach der Entsagung auf Lotte. Ohne die 
Reise nach Ischl und ohne Sophiens sowohl als Karolinens 
beschwichtigende Gegenwart und edel verzichtendes Benehmen 
wäre das Unheil von 1844 wohl schon damals ausgebrochen. 
Und wenn man die Briefe Lenaus liest auf der Höhe der 
Krise und obendrein seine Klage vernimmt: »Mein treuer 
Jugendfreund, der Schlaf, der beste Arzt meiner früheren 
Leiden, ist hin. Kaum drei, vier Stunden leichten Schlummers, 
und der Schmerz nimmt wieder seinen Hammer zur Hand 
und arbeitet fort den ganzen langen Tag«, so wird man 
zugeben, daß Lenaus Schwestermann nicht zu schwarz gemalt 
hat. Selbst nach der völligen Ablösung von der Unger schreibt 
er noch nach Stuttgart: »Meine Gesundheit ist leidlich bis 
auf gewisse Anfälle von Hypochondrie, die nun häufiger 
wiederkehren und oft einen gräßlichen Grad erreichen. Dann 
ist mir zuweilen, als hielte der Teufel seine Jagd in dem 
Ganglien-Nervenwalde meines Unterleibes ; ich höre ein deut- 
liches Hundegebell daselbst und ein dumpfes .Halloh' des 
Schwarzen; ohne Scherz, es ist oft zum Verzweifeln.« 

Die Unger-Episode zog aber trotz ihres »guten« Endes 
noch tiefere Furchen. Beim Dichter grub sich eine ähnliche 
Schuldbewußtheit ein, wie dereinst, da er seine Mutter an 
Berta verraten hatte. Und wenn es diesmal nicht derart heftig 
und lang nachwirkte, war's, weil er mit Karoline Unger nicht 
gelebt und diese doch nicht so ganz Dirne gewesen wie jenes 
seiner so unwürdige Mädchen. »Der Wiederaufbau Deines 
Vertrauens ist zunächst meine wichtigste Angelegenheit,« 
schrieb Lenau an Sophie, sobald er sich frei gemacht. »Der 
Tag, an dem Du mir sagst: .Ich glaube wieder an Dich!' 



74 AUS DEM LIEBESLEBEN 



ist der schönste, den ich noch auf Erden zu hoffen habe.« 
Sein Herz gehöre nun doppelt ihr seit jenen Tagen und er 
erscheine sich direkt verrückt, da er einmal den Gedanken 
nähren konnte, ein Glück zu finden außer mit ihr. 

Noch tiefer als er war Sophie getroffen, so tief, daß sie 
fortab ihr Mißtrauen nie wiederum ganz verlor. Zu Anfang 
fürchtete sie sogar, wenn er zu den schwäbischen Freunden 
reiste, er würde ihr nimmer nach Wien zurückkehren. Und 
stets von neuem verlangt sie in ihren Briefen zu hören, 
welch interessante Damenbekanntschaften er jeweils gemacht. 
Es gab Augenblicke, wie, als er auch äußerlich mit der Diva 
gebrochen, wo sie zeitweilig Ruhe fand und ihn selig machte 
wie in glücklicheren Tagen. Bald aber kehrten ihre »Schnöd- 
heiten« immer häufiger wieder, da sie herb und verletzend 
gegen ihn war und behauptete, nicht mehr an ihn glauben 
zu können. Sogar ein >Erkalten und Abscheiden seines Herzens« 
erscheine ihr denkbar, ja sie schleudert ihm einmal vordem 
Gatten entgegen : »Öfters schon ist Ihnen selbst der Zweifel 
aufgestiegen, ob Sie denn irgend jemanden auf der Welt so 
eigentlich lieb haben.« »* 

Am freudigsten spielte sie noch mit dem Gedanken: 
»Ich muß ja doch sterben !« und auch der Dichter, wenn ihm 
seine Hypochondrie zusetzte, sprach oft die Überzeugung von 
seinem baldigen Tode aus. Auch noch in einem anderen 
Zuge erweist sich die innerliche Entfremdung. Der Dichter 
nämlich warf sich vehement auf das Geigenspiel, welches 
er in Zeiten heißester Liebe fast ungebührlich vernachlässigt 
hatte. Daß er im Herbst des Jahres 1840 eine echte Guarnerius 
kaufen konnte, war nur ein Entgegenkommen des Schicksals. 
Li Wirklichkeit war ihm die köstliche Geige nur das ideale 
erträumte Weib. Er findet an ihr nicht allein tagtäglich neue 
Wunder, sondern küßt sie manchmal vor Entzücken und 
streicht sie derart im Übermaß, daß > seine Passion schon 
berüchtigt ist«. Ja, Sophie, die mit richtigem Frauenblick 
den Sinn seiner neuen Leidenschaft durchschaut, schmält 
eifersüchtig mit seiner Violine. 

Zweimal noch lodert die alte Liebe zu Sophie empor, 



—i 



NICOLAUS LENAUS. 75 



so gewaltig wie nur je in den allerleidenschaftlichsten Tagen. 
Auch der Anlaß dünkt mich hochbezeichnend. Krankheit des 
Dichters, bei der er die Pflege Sophiens genießt oder, wie 
das zweite Mal, mindest ersehnt. Zuerst geschah's im Winter 
auf 1841, da eine Grippe ihn niedergeworfen. Wenn Sophie 
an seinem Bette saß, gleich der urgeliebten Mutter, da »war 
ihm so wohl, daß er an die störende Genesung gar nicht 
denken mochte«. Noch höher aber stieg die Sehnsucht nach 
jener im folgenden Lenz während seiner vielwöchentlichen 
Scharlachzeit. »Ach, säßest Du an meinem Bette, wie gern 
möchte ich die vier oder fünf Wochen meiner Krankenhaft 
ausdauern. Es ist peinlich, daß Du mich nicht pflegen kannst.« 
Soviel auch schwäbische Treue tat, die traurige Betthaft 
ihm zu entleiden, sie konnte Lenaus Mißmut nicht bannen 
über seine Trennung von der Geliebten. Nur Tagwunschträume 
und Wonnephantasien hielten ihn aufrecht nebst Sophiens 
Episteln, den »immer mit Sehnsucht erwarteten, mit größter 
Freude empfangenen«. Während Emilie Reinbeck ihn »mit 
Muttertreue pflegte, behauptete er immer, nur von den kleinen 
Brief chen genesen zu sein, die man ihm aus Wien schrieb«, 
erzählt die Niendorf. Und wahrlich, wer die Liebeszettel 
jener Tage liest, wird nicht anders können, als dem Dichter 
beipflichten. 

Er hatte in jenen Krankheitstagen gar sinnberückende 
Halluzinationen. »Das war eine schlimme Nacht,« schreibt 
er am Morgen des 12. Mai. »Das Verlangen nach Dir stürmt 
mir in Leib und Seele. Ich bin heute liegen geblieben. Schon 
lieg' ich ein paar Stunden wach und mit geschlossenen Augen 
und halte Dich beständig umklammert. Ich zittere vor Sehn- 
sucht. So war es noch nie, wenn ich von Dir getrennt war. 
Ich schließe die Augen wieder. Komm, komm ! — « Und am 
Nachmittag desselben Mai: »Heiliger, wonniger, verschmachten- 
der Jammer, daß Du nicht mein bist, da bist, mein bist, 
mein, mein, ganz, ganz tief mein — und mich doch so liebst!« 
»Du bist nicht mein erster und letzter Gedanke früh und 
spät, sondern mein beständiger.« »Ich liege an deinem Herzen, 
ich brenne auf Deinen Lippen, mein Atem fliegt, es zittert 



76 AUS DEM LIEBESLEBEN 



mein ganzes Mark vor wollüstiger Sehnsucht, o Du mein 

Weib! Mein Weib! Ich bin in einem furchtbaren Aufruhr; 

es kracht das Pult, an dem ich Dir schreibe, Sophie, es ist 

wahnsinnige Liebe, die mich treibt. Weh mir ! War' ich lieber 

tot, als das Du nicht mein bist!« Und eine Botschaft, die 

Geliebte sei krank, das Bangen, sie könne vielleicht sogar 

vor ihm noch wegsterben, erpreßt in einem offiziellen Briefe 

ihm noch die Worte: »O, werden Sie nicht krank, sorgen 

Sie dafür, werden Sie nicht krank! Lieber würde ich meine 

Muse tot daliegen sehen, als Sie in Lebensgefahr ! . . . Sie, 

teure Freundin, haben, was an meinem Talente das Beste 

ist, Sie haben mein Herz gebildet. Ich stehe und wachse in 

Ihrer Freundschaft. Einst scheide ich von dieser Welt mit 

dem freudigen Bekenntnisse, daß Sie, teure Frau, es waren, 

die mir ein Vaterland gegeben, die mir den Wurm des Zweifels 

geknickt und den Sturm des Hasses gestillt, die, an Geist 

und Herz mächtig wie wenige ihres Geschlechtes, in einem 

höheren Lebenskreise, das für mich getan, was 

jene längst modernde andere teure Frau so gern 

getan hat te.« -V 

Mit diesen letzten entscheidenden Worten hat Lenaü 
enthüllt, was ihn an Sophie zeitlebens fesselte, und anderer- 
seits auch das Verständnis gemehrt für das letzte Aufflackern 
seiner Liebe und Sinnlichkeit in jenen krankheitsschweren 
Tagen. Wenn er einst als Knabe unpäßlich gewesen, dann 
saß die Mutter an seinem Bette in aufopfernder Pflege, ja, 
es bedünkt mich höchst wahrscheinlich, das diese so leiden- 
schaftliche Frau nicht klüger vorging wie so viele Mütter, 
die entweder selbst zum kranken Kinde sich in das Bett 
legen oder jenes zu sich ins eigene Lager nehmen. Vielleicht 
determiniert diese Erinnerung auch den Ausruf des Dichters 
in jenen Tagen : »Was ist denn über mich gekommen, daß ich 
Dich gar so lieben muß?« Und zwei Jahre später: »Ich habe 
ein wollüstiges Heimweh, in Deinen Armen zu sterben.« 

Auffällig bleibt, wie rasch der Sturm der Sinnlichkeit 
verfliegt, nachdem der Dichter Ischl erreicht und dort das 
alte entsagende Verhältnis wieder begonnen. Schon am 



NICOLAUS LENAÜS. 77 



7. Juli meldet er Emilien: »Meine Stimmung ist auch nicht 
die beste!« Am 27. August als größtes Nachübel seines 
Scharlachs »eine totale Verstimmung, ein Unmut, vor dem 
Gott jeden Christen und Heiden bewahre,« am 24. September 
gar: »Ich finde in meinem Leben zu viel Verlorenes, Ver- 
säumtes und Verfehltes, als daß ich bei meinem angeborenen 
Hange zum Mißmut nicht immer tiefer hineingeraten sollte. 
Mir ist, ich glaube, von meiner Krankheit eine ganz fatale 
Nervenreizbarkeit zurückgeblieben. Schon eine Spazierfahrt 
macht mir eine schlaflose Nacht.« Und ebenso an Evers: 
»Auf die unbedeutendste Aufregung hin bin ich kaput ; mein 
Schlaf ist ein scheues Reh ; mein Appetit launisch wie meine 
Seele.« »Kurz, diesmal bin ich mit Ischl nicht zufrieden.« 
Gleichwohl verbleibt er weit über die Zeit an diesem Orte, 
trotzdem auch Sophie mit den Ihrigen längst schon nach 
Wien übersiedelt war. Und was die Abkühlung noch mehr 
erweist, nach seiner Rückkehr zieht er dauernd von der Ge- 
liebten weg, bei der er jetzt volle vier Jahre gehaust, obschon 
er »gewohnt war, in Wien wie in Stuttgart bei lieben Freunden 
zu wohnen und physisch wie moralisch in einer warmen 
Temperatur zu leben«. Die Ruhe freilich fand er darum nicht 
und hat z. B. im folgenden Winter nicht minder als dreimal 
in kurzen Pausen die Wohnung gewechselt. »Ich finde mich 
nirgends recht behaglich,« schreibt er nach Stuttgart. »Die 
liebste Wohnung ist mir noch diejenige, wo meine Geige am 
besten klingt.« 

Ich kann mich über die folgende Zeit weit kürzer fassen. 
Sie ist im wesentlichen von den Erscheinungen des Alterns 
beherrscht, das Lenau wie so viele schwerbelastete Menschen 
vorzeitig ereilte, und andererseits noch von den Vorboten der 
späteren Paralyse, die im Jahre 1844 zur manifesten Ka- 
tastrophe führte. Es war, wie Lenau sich selber ausdrückte, 
ein allmähliches »trauriges Absterben« in ihm, das den Dichter 
immer menschenscheuer und mürrischer machte. Er besuchte 
fast niemanden und erlebte kaum etwas. »Mir kommt es vor,« 
schrieb er zu Weihnachten 1843, »als ob das Organ der 
Freude in mir vor allen übrigen absterbe.« Bemerkenswert 



78 AUS DEM LIEBESLEBEN 



dünken mich einige seiner Äußerungen, welche Max und die 
Niendorf uns überlieferten : »Ehe und Kinder, das ist die 
einzige Realität auf Erden. Max mit seinen drei lieben Kin- 
dern ist einer der glücklichsten Menschen. So ein Produkt 
wie Artur ist mehr als jedes Trauerspiel und jedes Epos.« 
»Einen konkreten Buben, wie Artur ist, muß man haben, 
Alles andere ist nur glänzendes Elend.« Endlich noch ein 
Wort im Hause Reinbeck : »Ich sehe eine Braut so gern. Das 
ist eine Zukunft. Ein ganzes Menschenleben in der Knospe, 
zum Aufbrechen bereit.« Und nach einer Weile setzt er hinzu. 
»Ich könnte auch Kinder haben; aber die, die ich geliebt, 
hab' ich nicht heiraten können.« 

Im Verhältnis zu dieser Geliebten aber wiederholt sich 
so ziemlich das alte Spiel: Ewige Zweifel von ihrer Seite, 
nur für Momente von einem Strahle voller, überzeugter Liebe 
unterbrochen, und Gegenversicherungen von der seinen: 
»Mein letztes Grün gehört Dir, wenn schon sonst alles welkt 
und schwindet.« Daneben zergrübelt er sein Gehirn, ob ein 
Jenseits zu hoffen : »Ach, könntest Du mich doch überzeugen 
vom Wiederfinden, es wäre alles gut und leicht zu tragen. 
Aber da steht's. Wir zehren mit jeder Stunde vom einzigen 
Kapital unseres Erdenlebens; wären es doch nur Zinsen der 
Ewigkeit! Aber ich fürchte, wir geben alles aus und haben 
doch nichts davon.« Dem gleichen Grübeln entspringt noch 
kurz vor der Katastrophe, da schon die Paralyse ihn um- 
nachtet hält, ein bedeutsamer Ausspruch: »Je weniger ich 
auf ein Leben nach dem Tode halte, desto gewisser muß ich 
fordern, daß man in diesem Leben den höchstmöglichen Grad 
von Vollkommenheit erreicht. Die Heilighaltung der Natur- 
gesetze, der Respekt vor ihnen ist die wahre Religion.« Auch 
ihn tritt öfters der Zweifel an, ob wirklich sie beide sich 
niemals völlig verlieren könnten, und er heischt von Sophie, 
ihn zu überzeugen, daß dies unmöglich. Erst am 7. August 
des Jahres 1843, nach einem »heiligen Tag, der tief in sein 
Leben eingeschnitten«, fühlt er »sein Herz und Schicksal ge- 
wendet. Ich bin wie neugeboren. Sollte ich auch mit den 
Menschen zerfallen, so fühle ich mich doch mit den himm- 



NICOLAUS LENAUS. 79 



lischen Mächten versöhnt. Mein Herz geht ruhiger, fester, tiefer 
und freudiger. Seine Schläge sind Dein bis auf den letzten. 
Ich habe fortan keinen Wunsch, als für Dich und zu Deiner 
Freude zu leben; ich hab' keine Sorge, als daß Gott Dich 
mir erhalte. Der Kreis meines Lebens hat sich geschlossen. 
Ich habe alles gefunden in Deiner Liebe und gebe alles hin 
für Deine Liebe. Gott segne uns !« Und dann zum Schlüsse, 
rechteckig eingerahmt: »Ewige Treue, den 7. August 1843.« 

Es war der letzte in Prosa geschriebene Liebeszettel, 
die letzte Hinwendung zu der Geliebten. Denn trotz jener 
schönen, ja trunkenen Worte fand um die Wende 1844 eine 
Loslösung des Dichters statt, allerdings unter Mithilfe der 
Paralyse. Eine Reihe unterirdischer Mächte, die ich vor- 
stehend nur andeuten konnte, war da am Werke, auf daß er 
gegen Ende des März vor der Geliebten förmlich die Flucht er- 
griff. Und als er am 1. April 1844 in Stuttgart eintrifft, erzählt 
er Emilie, er habe diesmal auf 3 Jahre Urlaub genommen 
und große Reisepläne, zumal ein besonders starkes Verlangen, 
das Meer wiederzusehen. Da er sich im Juli schon unter dem 
Einflüsse der Paralyse spornstreichs mit Marie Behrends ver- 
lobt, erklärt er der Freundin, nach der Hochzeit könne und 
wolle er auf keinen Fall nach Wien zurück, ja er mochte nicht 
einmal dorthin von seiner Verlobung berichten. »Sie müssen 
sich's schon gefallen lassen!« entgegnete er der mahnenden 
Emilie unwirsch. »Er zeigte deutlich in seiner großen Hast 
und Eile, die Verbindung mit Marie abzuschließen, daß er 
jeder Einwendung und Störung seines Planes damit begegnen 
wolle.« 

Forschen wir nach den Gründen dieses Vorgehens, so 
müssen wir ein wenig weiter ausholen. Den Winter 1843/44, 
den letzten, da er vielleicht noch gesund war, doch keine 
Liebeszettel mehr schrieb, verbrachte er leutescheuer und 
einsamer als je. Sogar das gewohnte Sonntagsessen bei 
Sophiens Eltern gab er jetzt auf. Für seine damalige Seelen- 
stimmung weiß er in einem Brief an Emilie Reinbeck keine 
bessere Bezeichnung als das homerische »äjxcptiisXa?«, »das 
heißt ringsum schwarz. Ja, liebe Emilie ! Um und um schwarz 



80 AUS DEM LIEBESLEBEN 

ist meine Seele, wenn mich der Hypochonder packt, und der 
packt mich diesen Winter öfter und fester als je. Ein Dichter 
kann heuzutage nicht glücklich sein, denn die Zeit will nichts 
von ihm. Ein Dichter aber, der überdies kein Familienleben, 
ja, nicht einmal eine gesicherte Existenz hat und körper- 
lich zur Melancholie in hohem Grade disponiert ist wie ich 
— ein solcher hat Stunden, wo jenes homerische Beiwort auf 
seine Seele paßt.« 

Mindest im April des Jahres 1844, wahrscheinlich weit 
früher, hebt auch seine Paralyse an, deren uninteressante 
klinische Symptome ich in der Anmerkung 1 ) kurz berühre, 
hier oben aber nur insoweit anführe, als sie psychologisches 
Interesse erwecken. Nur eine allgemeine Betrachtung will ich 
vorausschicken. Man muß sich hüten, die Äußerungen des 
werdenden und manifesten Wahnsinns gering zu schätzen, sie 
etwa wegwerfend abzutun als Ausgeburten eines kranken Ge- 
hirns. Denn was leistet der Irrsinn? Er schafft nichts Neues 
in einem Menschen, nichts, was in dessen Fühlen und Denken 
nicht schon dagewesen. Nur die zahlreichen Hemmungen 
schiebt er beiseite, die der offenen Aussprache entgftgen- 



') Außer den im Texte genannten Symptomen nenne ich hier folgende: 
andauernden, nicht zu bekämpfenden Kopfschmerz und Schlaflosigkeit nebst 
nächtlichen Schweißen, körperliches und geistiges Darniederliegen, Charakter- 
veränderung ad pejus und Wegfall yon Hemmungen, Änderung seines Be- 
tragens gegen Menschen; die alten Freunde werden nicht selten direkt vor 
den Kopf gestoßen, neuen überschwänglich begegnet; nach jeder Richtung 
hin krankhaft überreizte Stimmung; oft unnatürlich heiter, ja ausgelassen 
lustig, kann er gleich wieder in tiefe Depression verfallen; Anfälle von ab- 
normer Rührseligkeit und unwillkürlichem Weinen. Am 29. September nach 
einem »ungeheuer heftigen Affekt von Zorn, Kummer und Verzweiflung': ein 
paralytischer Anfall mit reohtseitiger Fazialislähmung und allerlei Sprach- 
störungen. Dann eine Periode tiefer Verstimmung. »In der Nacht auf den 
13. Oktober erstes Delirium.»: Am Abend des nächstenMorgen erzählte Lenau selber, 
»er sei in einem furchtbaren Zustand der Verzweiflung gewesen, mit Selbst- 
mordgedanken umgegangen und habe endlich eine Menge Papiere zerrissen 
und verbrannt.« Am 13. Oktober ausgesprochen hypomanischer Zustand. 
»Diesen Abend war Niembsch zum ersten Male wieder im Kreise der Freunde 
so gesprächig, so mitteilend«, erzählt uns die Niendorf. »Aber man konnte 
sich darüber nicht freuen. Es war Gewitterschwüle, die Ruhe vor Ausbruch 
des Sturmes. Er verriet viel innere Aufregung. So hastig, solche Sprünge ! 



I 



NICOLAUS LENAUS. 81 



standen, und ermöglicht dem unterdrückten Ich, ohne die 
sonst den Weg versperrende Zensur ans Tageslicht zu treten. 
Er leistet demnach eine ausgezeichnete Aufklärungsarbeit, 
verrät die innerste Meinung des Menschen, welche sonst nur 
mühsam, mit Aufgebot alles erdenklichen Scharfsinns erraten 
werden mußte, und gibt der richtigen Vermutung Gewißheit. 

Nicht erst im ausgesprochenen Wahnsinn, sondern schon 
weit fi'üher treten Lenaus homosexuelle Neigungen stark in 
den Vordergrund, begünstigt natürlich durch den steigenden 
Mangel an Urteilskraft. An Auerbach, Lewald und einen 
Charlatan von Magnetiseur schließt der in seinen gesunden 
Tagen so wählige Dichter sich jetzt innig an, ja, macht ganz 
gegen seine sonstige Art mit dem letztgenannten allein eine 
kleine Reise durch den Schwarzwald, von welcher er sehr 
befriedigt zurückkehrt. Trotzdem er sich ferner in früheren 
Briefen über Auerbach abfällig geäußert hatte, heischt er 
jetzt von ihm, er solle als sein »Gespiele« nach Frankfurt mit 
auf Freiwerbung ziehen, und als dieser wegen dringender 
Arbeiten ablehnen muß, »da rannen ihm die Tränen unauf- 
haltsam die Wangen herunter und er klagte schwer, daß er 



Wie im Fieber. Verhältnismäßig kindisch manches, fast als sage er es noch 
mehr sich vor als den anderen. Ordentlich plauderhaft. In vielen Momenten 
brach freilich der alte Geist durch. Er las viel vor, z. B. den größten Un- 
sinn. Alle lachten.« Am 14. hatte er einige Stunden lang am Tage und nachts 
lauter freundliche Bilder. »Am 15. abends war er heiterer, gesprächiger denn 
je.« In der darauffolgenden Nacht ein Tobsuchtsanfall. Er beschuldigt Rein- 
beeks, sie hätten ihn bei Gericht als Mörder verklagt. Am 16. Oktober Selbst- 
mordversuch, der am 18. und 19. Oktober wiederholt wird. In all diesen 
Tagen bis 22., da er in die Irrenanstalt transportiert werden muß, Wechsel 
von manischen und depressiven Zuständen. Noch bis 1846 keine ausge- 
sprochene Abnahme der Geisteskraft, was den Psychiater die längste Zeit 
an eine gutartige Manie glauben ließ. Erst da beginnt die unverkennbare 
Verblödung. Vom Jahre 1847 ab fortschreitende Lähmung erst der Blase und 
des Mastdarmes, dann der Extremitäten, endlich Schlingstörungen, Decubitus 
und das Ende. Das ganze Krankheitsbild ist klinisch als progressive Paralyse 
mit aufgesetztem manisch-depressiven Irresein zu bezeichnen, was sehr gut 
einerseits zur angenommenen Infektion in Bremen (1833), andererseits zur 
schweren Belastung paßt, bei welch letzterer einzig das zirkuläre Irresein vor- 
kommt. Auffallend ist das späte Auftreten ausgesprochener Demenz. 
S o tl g e r, Aus dem Liebesleben Nicolaus Lenaus. 6 



AUS DEM LIEBESLEBEN 



nun ohne Bruder und Genossen so ganz allein den bedeut- 
samsten Weg seines Lebens ziehe«. 

Am verblüffendsten jedoch wirkt der Mangel an hem- 
mender Urteilskraft in seiner urplötzlichen Werbung um 
Marie. Man vergegenwärtige sich einmal Lenaus Lage. Ein 
42j ähriger Poet, weithin berühmt in deutschen Landen, auch 
in Liebessachen kein Neuling mehr, erblickt an einer Gast- 
haustafel zum ersten Male ein älteres Mädchen. Es ist 
nach dem noch erhaltenen Bilde nicht gerade berückend, 
spricht auch am ganzen Abend kein Wort, ja der Dichter 
weiß nicht einmal, wer es ist. Und gleichwohl steht, wie 
Lenau später seiner Braut erzählte, der Entschluß, sie zu 
heiraten, augenblicklich in ihm fest, ja, auf sein Zimmer zu- 
rückgekehz't, tritt er vor den Spiegel und richtet die Hals- 
binde, da gleichsam zu sich selber sagend : »Nun, du kannst's 
ja versuchen, du darfst sie ja zur Frau begehren.« Ein sol- 
ches schier unbegreifliches Gebaren bei einem reifen und 
geistig so hochstehenden Manne wäre ohne paralytische 
Aufhebung der Hemmungen kaum zu verstehen. Allein nur 
die letztere vermag der Gehirnschwund aufzuklären, dochnifcht 
was Lenau an Marie so außerordentlich fesselte. Hier müssen 
wir neuerdings an Jugenderinnerungen appellieren. 

»Es hat bis jetzt meinem Leben immer an 
einer Versöhnung gefehlt«, heißt die entscheidende 
Äußerung Lenaus : »Sie sind mir eine so liebe Erscheinung. 
Sie haben im ersten Augenblick durch ihre bis jetzt noch 
nicht gesehene Weiblichkeit einen so wohltätigen Eindruck 
auf mich gemacht.« Da haben wir die unmittelbare Übertra- 
gung von der Mutter auf Marie. Der Dichter hat »stets solche 
wahre, reine Weiblichkeit tief empfunden«, berichtet die Nien- 
dorf. Nur eine solche, wie sie ja ursprünglich die Mutter 
verkörperte, konnte Verzeihung und Versöhnung gewähren 
für den Berta-Abfall. Darum sieht er auch in dem Bekannt- 
werden mit ihr eine »Fügung«, den deutlichen »Finger 
Gottes«, »den letzten Versuch, die letzte Anfrage des Schick- 
sals oder vielmehr Gottes an mich, ob ich noch vor meinem 
Tode zur Versöhnung und zum Heile gelangen wolle.« Darum 



NICOLAUS LENAÜS. 83 



auch die Wendung: 'Wenn jemand imstande wäre, mich 
ganz glücklich zu machen, so sind Sie es«, die man keines- 
wegs als leere Worte eines Liebenden mit verstehendem 
Lächeln abtun soll. Wenn er die Braut wiederholt versichert, 
»sie sei zu seinem Glücke notwendig, er könne sie nicht mehr 
verlieren, wenn ihm dies mißlänge, so sei sein ganzes Leben 
zerstört, er sei dann geknickt für immer; auf sie habe er 
seine Hoffnung, seine Zukunft gebaut, vom ersten Moment 
an habe dies klar vor seiner Seele gestanden«, so wäre 
dies alles zutreffend gewesen ohne Dazwischentreten der 
Paralyse. 

Auch das Verhalten von Marie Behrends war ganz, wie 
er es von seinem Ideal stets erhofft und ersehnt und wie's auch 
Sophie ihm dereinst erfüllt hatte. Gleich anfangs, da sie seine 
Blicke beständig auf sich gerichtet sieht, und wie trübe 
Schatten von Zeit zu Zeit über seine Stirne huschen, versinkt 
sie in Nachsinnen. »Wie des fremden Mannes Kummer heilen ? 
wie seine düstere Stimmung erheitern ? war schon an diesem 
Abend der Gedanke, der mich unablässig beschäftigte, der 
sich meiner immer mehr und mehr bemächtigte,« erzählt 
uns die Braut. »Auf diesem Gedanken beruht mein ganzes 
Verhältnis zu ihm; er ist das unsichtbare Band, das mich 
zu ihm hinzog, mich an ihn kettete, mich mit ihm so innig 
und unauflöslich verband«. Auch daß sie Wohlgefallen an ihm 
fand, ohne noch zu wissen, wer er sei, an ihm ganz allein, 
ohne Zutat der Stellung und des Talents, war etwas, das 
Lenau schon lang sich ersehnt und was er ewig verloren 
glaubte. Gerade auf dieser Gewährung seiner innersten 
Wünsche beruht das enorme Glücksgefühl, welches Lenau jetzt 
füllt und durch die bekannte Euphorie des Paralytikers höch- 
stens unterstützt wird. »Was hast Du an mir für Wunder getan !« 
schreibt er der Braut nach der letzten Trennung, ähnlich 
wie seinerzeit an Sophie: »Ein längst begrabener Friede, eine 
innige Freude am Leben und der heiterste Mut, ihm recht leben- 
dig und kräftig anzugehören, alle diese guten Genien hast 
Du mir aus ihren Gräbern heraufbeschworen und nichts 
Schmerzliches ist in meinem Herzen geblieben, als die Not- 



84 AUS DEM LIEBESLEBEN 

wendigkeit, mich jetzt von Dir zu entfernen.« »Über mein 
ganzes Leben ist ein freudiger Friede gekommen, wie ich 
ihn diesseits nicht mehr zu gewinnen hoffte,« schreibt er an 
Emilie. »Ich fühle mich von Gott geführt und gesegnet in 
dieser großen und schönen Wendung meines Lebens.« »Er 
war wiedergeboren,« berichtet endlich auch Berthold Auer- 
bach, »alles vergangene Leben hinter ihm eingesunken. Es 
läßt sich nicht beschreiben, wie leichtbeschwingt und morgen- 
frisch die Psyche des Dichters sich erhob.« 

Nur etwas trübte das Glück seiner Seele in einzelnen 
Momenten. Wie würde Sophie, wie würden Schwester und 
Schwestermann die Botschaft seiner Verlobung aufnehmen? 
Hatte er doch damals, wie Schwager Schurz ganz richtig 
bemerkt, »gleichsam aus Angst und Furcht vor sich selber 
die Brücken hinter sich sämtlich verbrannt, um jedweden 
Gedanken eines Rückzuges durchaus abzuschneiden. Er fühlte 
wohl selbst, welch ein gewagtes Spiel er da spiele, und scheute 
sich, auch nur einen Hauch darüber nach Wien gelangen zu 
lassen, am allerwenigsten an Sophie.« Selbst Reinbecks hatten 
von seiner Verlobung erst erfahren, als diese schon allge- 
meines Badegespräch war. Ja, Lenau war in einer derart gereiz- 
ten Stimmung, daß die Stuttgarter Freunde keine Einwendung 
wagten, nur einige wenige bescheidene Fragen. Er aber wies 
ein jedes Bedenken unwirsch zurück. Er sei seines bisherigen, 
unsteten, zwecklosen Lebens längst überdrüssig nnd seine 
Sehnsucht nach Weib und Kind sei oft über alle Beschrei- 
bung groß und dringend. Vielmehr als um Reinbecks sorgte 
er jedoch um Sophiens Einwände. »Mein ganzes Unglück«, 
erklärte er später, »ist ein verfehltes Rechenexempel. Ich 
habe mich verrechnet. Ich wollte noch glücklich sein und, 
als ich das Glück erkannt, es mir schnell sichern ; ich glaubte, 
man würde sich in eine vollendete, erheischte Tatsache leichter 
ergeben, nichts könne mehr hindern, alles versöhnt werden, 
alles sich von selbst klären — aber die alten Bande lassen 
mich nicht los.« Als er im März von Wien abreiste, hatte er 
einen Paß für drei Jahre genommen und der Braut gleich 
nach der Werbung erklärt, er wolle bei ihr in Frankfurt 



NICOLAUS LENAÜS. 85 



bleiben — später entschied er sich wieder für Stuttgart — auf 
keinen Fall aber nach Wien zurück. So bangte ihm vor dem 
Zusammentreffen mit Sophie, daß er Berthold Auerbach zu 
überreden suchte, an seiner Stelle dorthin zu ziehen. Doch 
endlich blieb ihm nichts anderes übrig, als diese Fahrt selber 
anzutreten. 

Als er am 14. August bei Sophie eintrifft, nachdem er 
auf der Fahrt noch viel und bitterlich geweint, ist ihre erste 
Frage : »Niembsch, ist es wahr, was die Zeitungen von Ihnen 
melden ?« — »Ja ! Doch wenn Sie's wünschen, verheirate ich 
mich nicht; ich erschieße mich dann aber auch.« Das war nun 
freilich ihre Meinung nicht, vielmehr versuchte sie, sich den 
Geliebten auf eine schmerzlosere Art zu erhalten. Da schlechter- 
dings an der Person der Braut nichts auszusetzen war, so 
mußte die Verschiedenheit des Glaubensbekenntnisses sowie 
die mangelnde finanzielle Sicherung ihren Widerspruch be- 
gründen, sowie es schon einmal im Falle Unger sich wirk- 
sam erwiesen. Auch Schurz bemühte sich aus Leibeskräften, 
dem Dichter zu beweisen, wie ungünstig der Kontrakt mit 
Cotta für ihn sei, auf den er sein künftiges Leben baute, 
welche Änderungen er erstreben müsse, ja er machte ihm 
eine ausführliche Berechnung, die Lenau später nach Stutt- 
gart mitnahm, wo sie ihm viel Kopfzerbrechens erzeugte. 

Ich will hier einige Bemerkungen einschalten über das 
Verhalten dieser beiden Nächsten, das nachher so vielfache 
Anfeindung fand. Im allgemeinen sind die Menschen weder 
so schlecht und arg, als ihre grimmigsten Feinde sie schauen, 
noch derart edel, als sie sich selber gern vorgaukeln möchten. 
Zweifellos ließ sich Schwager Schurz nicht einzig von der 
Erwägung leiten, daß der Erbonkel seinen zahlreichen Kin- 
dern durch eine Heirat verloren ginge, so wenig als Sophie 
auch wieder einzig von der Sorge zum Handeln getrieben 
wurde, sich ihren Liebhaber zu erhalten. Es glaubten beide 
ganz sicher an die Richtigkeit ihrer Argumente, die frag- 
los auch durchaus zutreffend waren. Und doch, sie hätten 
sich gegen die projektierte Eheschließung kaum derart er- 
hitzt, hätten ihren Eifer nicht jene um vieles unedleren 



86 AUS DEM LIEBESLEBEN 

Motive kräftigst geheizt. Natürlich bargen sie die selbstische 
Regung hinter wohlbegründeten Freundschaftsgefühlen, und 
je zutreffender die Gegenargumente, desto leichter ward es 
beiden Opponenten, an die unbedingte Ehrlichkeit ihrer Ab- 
sichten selber zu glauben. So kamen sie schließlich auf den 
Punkt, sich selber zur Überzeugung durchzuempfinden und mit 
aufrichtiger, nicht gespielter Entrüstung jene selbstischeren 
Triebfedern zurückzuweisen. Im Kerne jedoch bestimmten die 
letzteren beider Vorgehen. Gewiß, sowohl der Schwager als 
Sophie erkannten ganz richtig, daß Lenau zur Ehe überhaupt 
nicht tauge (was ja auch fernstehende Freunde bestätigten), am 
wenigsten unter drückenden materiellen Sorgen. Doch wenn 
Sophie des weiteren erklärt, »nachdem sie den Gedanken, die 
Beglückung des teuersten Menschen einer anderen überlassen 
zu müssen, einmal ertragen gelernt hatte, sei sie mit seinem 
Entschluß sogar in vielen Beziehungen einverstanden gewesen,« 
so ist dies eben nur halbe Wahrheit. Sie hat sich einverstanden 
gegeben, genau so wie Schurz, doch leider erst nach dem 
ausgebrochenen Wahnsinn. Und sie möchte sich, wie die Hysteri- 
schen so oft, nach geschehenem Unglück gern bereden, sie habe 
auch vordem nichts andres gewollt. In Wahrheit hat sie un- 
ablässig gegen die Braut geschürt, in der stillen, wenn auch 
nicht eingestand nen Hoffnung, die Ehe, für welche Niembsch 
ja nicht tauge, verhindern zu können. 

Das läßt sich deutlich an den Briefen und Emiliens Tage- 
buch verfolgen, wie ich des späteren ausführen werde. Doch 
soll man auch wieder nicht ungerecht sein und Dinge von 
einer Liebenden verlangen, die über menschliche Kraft hin- 
ausgehen. Daß Sophie nach einem zehnjährigen Bunde den 
ihr teuersten Menschen einer anderen kampflos überlassen 
sollte, zumal dies Glück recht zweifelhaft schien, war billiger- 
weise von ihr nicht zu heischen. Man könnte höchstens 
den Vorwurf erheben, sie habe den schon Zusammengebro- 
chenen vielleicht ein wenig zu hart bedrückt, ihm allzureich- 
lich zugesetzt, ohne freilich zu wissen, daß ihr Geliebter 
schon geisteskrank sei. Soweit sind der Stuttgarter Freunde 
Vorwürfe gewiß berechtigt. Nur darf man nicht fordern, daß 



NICOLAUS LEKAUS. 87 



Sophie, die Geliebte, sich ebenso musterhaft-mütterlich' be- 
trage wie die nie so begehrte Emilie Reinbeck. Inwieweit 
Sophie ein immerhin nicht großes Verschulden trifft, soll uns 
im folgenden Kapitel beschäftigen. 

Hier will ich wiederzubeleben versuchen, was Lenau 
damals in Lainz durchwogte, im letzten Zusammensein mit 
der Geliebten vor der Katastrophe. Zunächst hat er bald er- 
kennen müssen, daß die alten Bande nicht locker ließen, 
nicht einmal bei ihm, geschweige bei ihr. Und da er Marie 
nicht aufgeben mochte, suchte er Sophie, wenn auch vergeb- 
lich, zu überreden, sie »brauchten ihre Entsagung nur eine 
Stufe höher zu stellen«, so könnten sie zu dritt noch ein 
schönes, glückseliges Leben führen. Sophie hat bis zum Zu- 
sammenbrach der Gedanke gemartert, sie könnte dem Ge- 
liebten entbehrlich werden. Aus diesem verzweifelten Bangen 
heraus werden einige ihrer Aussprüche verständlich. Wenn 
auch nicht als Versprechen, wie der Dichter annahm, als 
Äußerung scheint doch gefallen zu sein, wenn Lenau stürbe, 
nähme sie Gift, das sie allzeit bereit hätte, um ihm rasch 
zu folgen. »Wenn zwei Menschen sich so nahe stehen wie 
Niembsch und ich, so ist der Wunsch, sich nicht zu über- 
leben, wohl sehr natürlich, auch hätte der tiefe Gram über 
einen solchen Verlust wahrscheinlich ein baldiges Nachsterben 
wenigstens von meiner Seite zur Folge gehabt; ein Verspre- 
chen in dem Sinne wurde nie gegeben, die Möglichkeit und 
große Wahrscheinlichkeit wohl öfter besprochen,« gesteht sie 
selber in einem Briefe an Anton Schurz. »Wir waren so ge- 
wöhnt, unser Glück jenseits des Grabes zu suchen, daß der 
Tod uns immer als der schöne Genius der Griechen erschien 
und wir seiner stets mit sehnsüchtiger Liebe gedachten. 
Erst die Heiratsgedanken müssen Niembsch den 
Tod zum Schrecken gemacht haben, denn in früheren 
Zeiten sprach er oft ganz ruhig, wie auch bei meiner Kränk- 
lichkeit die Vorstellung nahe lag, von meinem Tode. Noch 
in Lainz sagte ich zu ihm: .Niembsch, das wäre wohl jetzt 
das beste für vier Personen,' und er schien kein großes Ge- 
wicht auf diese Äußerung zu legen.« 



88 AUS DEM LIEBESLEBEN 

' Nachträglich scheint jedoch diese letztere Bemerkung 
in Lenau etwas ausgelöst zu haben, das von jeher schon in 
seiner Seele ruhte. Erinnern wir uns, welche große Rolle die 
stete Todesfurcht bereits beim sechsjährigen Knaben spielte, 
und daß wir als Grund aufdecken konnten, wie Niembsch 
seinem Vater den Tod gewünscht als Rivalen bei der Mutter, 
und weil er ihn grundlos geschlagen hatte. Ähnlich dünkt 
mich eine Episode zu deuten, die Sophie berichtet. In Lainz 
saß der Dichter mit zwei Freunden bei Tisch, als sie aus 
dem Garten sich zu ihnen gesellte, »ruhig und sogar sehr er- 
freut, ihn schon zu finden. Er aber brach mit dem Aus- 
ruf: ,Wie blaß Sie sind!' in Tränen aus und konnte sich den 
ganzen Abend nicht wieder fassen.« Woher dies sonderbare 
Verhalten, die Bemerkung über ihr fahles Aussehen und die 
nicht zu stillende Weinseligkeit? Ich glaube, dahinter steckt 
der auftauchende, sofort aber unterdrückte Wunsch, Sophie 
solle sterben und ihn dadurch von der Sorge frei machen 
um seine Ehe. Es wird uns im ausgebrochenen Irrsinn der 
Wahn fortwährend entgegentreten, er müsse sterben, er sei 
schon tot, dann endlich, auf die Stuttgarter projiziert, er-sei 
ein Giftmischer, den Reinbecks bei Gericht denunzierten. Da"& 
ist ganz einfach als Wahrheit und reale Tatsache genommen, 
die der Tod nur entsühnt, was bloß in seinem Fühlen und 
Denken geblieben. 

Noch zwei andere Züge, die ärztlich als Zwangs- 
befürchtungen zu betiteln wären, lassen sich in ähnlicher 
Weise erklären. »Ich hatte immer einen spezifischen Schreck 
vor dem Schlage,« schreibt Lenau an die Braut. Wie wir 
aus Analysen an Neurotikern wissen, ist die weitverbreitete 
Furcht vor dem Schlagtreffen nichts anderes als die psy- 
chisch festgehaltene Angst vor einem wirklichen Schlage, der 
uns in der Kindheit von einer geliebten Person gedroht hat 
oder tatsächlich traf. Fixiert wird diese wie im Falle Lenau 
als Sühne für böse Rachegedanken, weil er dem Vater und 
Rivalen bei der Mutter den Tod gewünscht. Bezeichnend ist 
auch, daß jener paralytische Anfall zu Anfang so wenig Wir- 
kung übte. Der Dichter sträubte sich sogar entschieden 



NICOLAUS LENAU S. 



gegen einen Arzt, den man rufen lassen wollte, scherzte dann 
noch beim Mittagessen über sein Mißgeschick, ja las selbst 
am Abend »etwas Komisches vor, wobei er viel und herzlich 
lachte«. Erst am folgenden Tage hub der Gedanke ihn zu 
quälen an, es habe ihn der Schlag getroffen, trotz aller Be- 
ruhigung von Seiten des Arztes und sämtlicher Freunde. Von 
da ab stand »der Schlag unabweisbar wie ein schreckender 
Dämon an seiner Seite«, bis ersieh entschloß, die Verlobung 
um seinetwillen rückgehen zu lassen. 

Auch die Furcht vor Briefen, die gewaltige Aufregung, 
die Lenau in jenen Stuttgarter Tagen jedesmal zeigte, wenn 
er von Sophie ein Schreiben erwartete, trotzdem er ihre 
Briefe stets heiß ersehnte, oft mit Küssen bedeckte und sie 
ihm »eine himmlische Erquickung« boten, hat deutlich 
den Charakter der Zwangsphobien. Wir können sie freilich 
aus Mangel an Daten nicht völlig lösen, doch gibt uns eine 
Äußerung des Dichters aus gesunden Tagen, die Halm auf- 
bewahrte, einigen Aufschluß: »Stets weck' Dir eines 
Briefes Anblick Grauen, Gleich einem Tropfen 
Blutes schein' das Siegel, Gleich einem Vorhang überm 
Zauberspiegel Gespenstisch Dich der Umschlag anzuschauen. 
Du zagtest, sprachst Du, welchen Trunk Dir brauen das 
Schicksal mög' in zugedecktem Tiegel ; Du zagtest, ob, klirr' 
auf der Pforte Riegel, Vor Dir die Wüste lieg', ob Edens 
Auen?« 

Eins noch erheischt aufklärende Deutung, zumal es den 
Kern der Psychose berührt: das sonderbar kontrastierende 
Verhalten Lenaus in Lainz und den folgenden Briefen und 
kurz darauf im ausgebrochnen Wahnsinn. Mochte Lenau 
dort wider alle seine sonstige Gewohnheit mitunter gegen 
die besten Freunde jählings rauh gewesen sein, wie Schurz 
berichtet, im allgemeinen war er doch wieder der Alte. Als 
Sophie beim Abschied in die prophetischen Worte ausbrach: 
»Mir ist, als sollt' ich Sie nie wiedersehen!« hieß seine Ent- 
gegnung : »Fest und ewig !« eine Antwort, die sie dermaßen 
entzückte, daß sie sich's noch einmal brieflich wiederholen 
ließ. Er hatte ferner in Lainz den Gedanken an Flucht vor 



90 AUS DEM LIEBESLEBEN 

Sophie endgültig begraben. Sie ließ ihn nicht los und im 
Grunde mochte er selber auch nicht trotz jenes Versuches im 
März des Jahres 1844. Er wollte jetzt weder dauernd fern von 
der Geliebten wohnen noch ihre Beziehungen irgendwie lösen. 
Und vier Tage nach der Abreise schreibt er der Geliebten: 
»In Ihnen, teure Sophie, habe ich die Höhe der Menschheit 
erkannt und erfaßt, in Ihrem Umgange atme ich den reinsten, 
lebendigsten Äther des Geistes und ich stehe an Ihrer großen 
Seele als an einem tiefen Meere und lausche dem Rauschen 
seines Wellenschlages und er weckt in mir das Tiefste und 
Schönste, dessen ich fähig bin. Es ist keine Redensart, wenn 
ich Ihnen sage, daß Sie meine Muse sind. Sie sollen es auch 
bleiben.« Und wiederum vier Tage später: »Meine Gesinnung 
ist gegen Sie, teure Sophie, unwandelbar und durch die 
tiefsten Leiden verbürgt und geweiht.« Endlich kurz nach 
dem paralytischen Anfall. »In mir steht es klar und für immer 
fest. Sie können durch meine Heirat, wenn sie überhaupt 
noch zustande kommt, nichts verlieren.« Trotzdem ließ Sophie 
mit Quälen nicht locker, er solle auf pekuniäre Sicherung 
dringen, wo nicht, die Verlobung rückgehen lassen, Tftid 
stürzte ihn damit oft in Verzweiflung. Wiederholt be- 
gehrte er von Emilie Reinbeck, sie solle ihm alle ihre Aus- 
gaben vorrechnen, die Summe nennen, mit der er noch aus- 
kömmlich leben könnte, und nach seiner Überführung in die 
Irrenanstalt fand man seinen Tisch mit Bogen von Zahlen 
überdeckt, in denen er sein Auskommen berechnet hatte. 
Und als ihn am 29. September der »Schlag« getroffen, fleht 
er die ferne Geliebte an : »Mir ist vom Arzte die äußerste 
Ruhe des Gemütes vor allem anbefohlen. Die ist schwer zu 
finden. Schreiben Sie mir ruhigere Briefe, ich bitte Sie drin- 
gend, bebe Sophie!« 

Es ist beides wahr, die Briefe aus Wien »wurden mit 
höchster Ungeduld erwartet, dem Postboten, der sie brachte, 
ein Geldgeschenk dafür gegeben«, und andererseits wirkten sie 
auch immer aufregend. Nur muß man sich hüten, die Be- 
deutung dieser Briefe zu überschätzen bei der schon fraglos 
ausgebrochnen Paralyse. Was jene Schreiben etwa verdarben, 



NICOLAUS LENAUS. 91 



das machten sie andererseits wiederum gut. Auch läßt sich 
Sophie das Zeugnis nicht versagen, daß, als sie durch den 
vermeldeten Anfall den Ernst der Situation begriff, sie auf 
der Stelle beruhigend eingriff und Lenau »heiter, ja freudig« 
antwortete, den Wahnsinn freilich damit nur beschleunigend. 
Noch am Tage, der dem ersten Delirium vorausging, schrieb 
er Sophie: »Mitten in den ärgsten Erschütterungen meines 
gequälten Gemütes hat mein fester und inniger Zusammen- 
hang mit Ihnen, unausprechlich teure Freundin, nie aufge- 
hört, einer der festen, der wenigen festen Punkte zu bleiben, 
an welchen sich meine schmerzlich gerüttelte Seele noch 
halten konnte.« Am Tage darauf: »Ich habe jetzt wieder eine 
wahre Passion, an Sie zu schreiben, und zwar eine noch weit 
größere als zur Scharlachzeit. . . In dieser Nacht hab' ich 
in einer schauerlichen Beleuchtung des Schicksals bis auf den 
Grund meines Herzens gesehen und habe gesehen, daß meine 
ganze Seele Ihnen gehört, auf ewig!« Und abermals am näch- 
sten Tage: »Morgen und bis zu meiner Abreise täglich schreib' 
ich wieder. Es ist mein liebstes, ja mein einziges Geschäft, 
außer etwas Lektüre.« Man erinnere sich, wie er in seiner 
Scharlachzeit stets behauptete, Genesung hätten ihm einzig 
die Briefe aus Wien gebracht, und man wird hier deutlich 
die Überkompensation erkennen zu seinem neurotischen 
»Grauen« vor Briefen, beides aus einer freilich nicht ganz 
durchsichtigen Wurzel. 

Als aber der Wahnsinn völlig Herr seiner Seele ge- 
worden, da traten mit eins alle finsteren, bisher unterdrückten 
Gedanken wider die ferne Geliebte zu Tage. Ja, er kann, wie 
immer in solchen Fällen, sich nicht genug tun, das zu be- 
schimpfen, was er vor kurzem noch angebetet. Wie Emilie 
berichtet, die in ihrer eifersüchtigen Liebe solche Worte mit 
lechzender Seele aufnahm, trug er ihr auf, »jener Frau zu 
schreiben, daß sie ihn mit ihren Zuschriften verschonen möge, 
solange er noch krank sei. Er habe eine wunderbare Angst 
vor all ihren Briefen und so starken Widerwillen vor ihren 
leidenschaftlichen Äußerungen, daß er sie (Emilie) bitte und 
beschwöre, alle, die von nun an für ihn einlaufen, in Em- 



92 AUS DEM LIEBESLEBEN 

pfang zu nehmen und ihm aufzubewahren; Sophie sei durch 
das viele Lesen französischer Romane, die ihre Phantasie 
verdorben, auf Abwege geraten, wolle ihn ganz allein be- 
sitzen, niemand anderem einen Anteil an seinem Herzen gönnen 
und habe auch an allen seinen Freunden zu mäkeln und zu 
tadeln; Emilie möchte ihr doch zureden, daß sie sich fassen 
und ihre Liebe ihren Kindern zuwenden sollen. Und ein an- 
dermal wieder : »Meine ganze Krankheit ist nur ein verfehltes 
Rechenexempel. Ich wollte noch glücklich werden, glaubte 
in Marie mein Glück gefunden zu haben, und eilte, mir's 
zu sichern. Ich hoffte, durch diese Eile jedem Einwurf zu 
begegnen, alles zu einem versöhnenden Ende zu bringen; 
aber ich hatte mich verrechnet. Ich soll und darf nicht 
glücklich sein ! — Man läßt mich nicht los und ich werde 
nun das Opfer der ungezählten Leidenschaften dieser Frau.« 
All diese Anklagen sind bis zu einem gewissen Grade richtig, 
wenn auch von Haß übertrieben und entstellt. Schlug doch 
der letztere im Wahnsinn einmal so mächtig empor, daß 
Lenau zwei Daguerreotypen der Geliebten Emilien mit der 
Weisung übergab, sie allsogleich in den Abtritt zu werlan. 
Doch im nämlichen Wahnsinn, nur in lichteren Momenten 
flehte er wieder: »Schont sie; sie hat zwölf Jahre mein 
Lebensglück gemacht!« Und bald darauf wieder: »Sie ist mein 
Glück und meine Wunde ! Sie ist voll Geist. Nichts, worin sie 
mir nicht ebenbürtig, worüber ich nicht mit ihr sprechen 
kann. Wie versteht sie mich, eilt mir nicht selten voraus ! 
Sie ist mehr als die Sand.« 

Wen solche Widersprüche erstaunen, dem ist zu ent- 
gegnen, daß mächtige Gefühle von Liebe und Haß isoliert 
beim Menschen nicht vorzukommen scheinen. Ein leichtes 
Wohlwollen, eine oberflächliche Sympathie, die das Herz 
kühl lassen, mögen ohne Zusatz von Haß bestehen. Da ist 
auch Objektivität noch denkbar. Man kann z. B. von einem 
Vorgesetzten zutreffend erzählen, er verfüge über ein enormes 
Wissen, doch wie der die Leute kujoniere, das sei nicht 
mehr schön. Bei starken Empfindungen wird diese Sonderung 
einfach unmöglich, man kann nur entweder gewaltig lieben 



NICOLAUS LENAUS. 93 



oder mächtig hassen, doch jederzeit immer nur eines von 
beiden. Was einem ruhigen Beobachter auffällt, ist der je- 
weilige Exzeß von Leidenschaft. Hier wirkt gar nie die 
ruhige Macht einer echten Überzeugung, vielmehr ein sehr 
verdächtiges Plus, ein Übermaß immer von Liebe und Haß. 
Nun wissen wir aus unseren Analysen an Neurotikern, daß 
hinter solch einem Überempfinden sich stets noch etwas 
anderes birgt. Wenn ein Affekt um vieles zu stark ist, dann 
finden wir ausnahmslos das unterdrückte Gegenteil auch. Es 
wird z. B. kein Mensch ein Heiliger, der nicht vordem sehr 
unheilig lebte. Und was er in schweren Kämpfen unterdrückte, 
nützt er nun dazu, die entgegenstehende Leidenschaft maß- 
los zu vergrößern. Nur wer ein besonderer Frevler gewesen, 
wird später ein Heiliger xax' SSojpjv. Das ist auch bei Liebe 
und Haß nicht anders, den stärksten Affekten, die uns be- 
stürmen. Wo exzessive Liebe besteht, ist mit Sicherheit immer 
auch unterdrückter Haß zu entdecken. So findet er sich im 
Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern und vice versa, der 
Geschwister zu einander und ganz besonders zwischen Mann 
und Weib, Das erklärt durchsichtig die nicht seltene Er- 
fahrung, daß einer, der jahrelang nichts gesehen in scheinbar 
blind anbetender Liebe, dann mit eins als grimmigster Hasser 
dasteht, um so ärger, je unauflöslicher die Bande. Wie er 
ehevor nämlich seinen Haß unterjochte, so jetzt seine Liebe. 
Kann jeweils in einer gegebenen Zeit doch immer nur eine 
Empfindung bestehen, welche den opprimierten Gegenaffekt 
zu ganz maßloser Verstäi-kung benützt. 

In Lenaus Verhältnis zu Sophie Löwenthal bestand von 
Anfang an neben einer urgewaltigen Liebe noch eine mäch- 
tige Gegenregung, die der weibliche, immer scharfsichtigere 
Partner sehr wohl durchschaute und dann durch Schnödig- 
keit dem anderen deutlich zu fühlen gab. Selbst in seiner 
glutvollsten Leidenschaft vergewissert sich Lenau doch immer 
wieder, daß er abbrechen könne, wenn er nur wolle, und die 
Episoden Karoline Unger und Marie Behrends sind eigent- 
lich Proben auf das Exempel. Am allerstärksten tritt die 
Widerspruchsregung, bis zum Haß gesteigert, im Wahnsinn 



94 AUS DEM LIEBESLEBEN 



hervor, da jegliche Hemmung aufgehoben wird und sich das 
Unbewußte nackt und unverstellt präsentiert. Hier wechseln 
zu Anfang Liebe und Haß oft in wenigen Tagen, ja wenigen 
Stunden, und beide natürlich ins Übermaß verzerrt. Am 
interessantesten dünkt mich jedoch, daß man diese Regungen 
bis auf Lenaus Eltern zurück verfolgen kann und bis in die frühe- 
ste Kindheit unseres Dichters. Selbst der Mutter gegenüber war 
Lenau nicht jener Mustersohn, den er wiederholt mit Nach- 
druck hervorkehrt, fast möchte ich sagen, mit allzugroßem 
Nachdruck. Wenn der Dichter immer von neuem betont, 
seine Mutter niemals beleidigt zu haben, so schmeckt dies 
stark nach unterdrückten Gegenimpulsen. Wer würde sich 
sonst des Selbstverständlichen noch extra berühmen? Auch 
jene Episode, da er mit dem Messer auf eine ruhig ihren 
Kaffee schlürfende Hochschwangere losging, hat uns die Wut 
des Knaben enthüllt gegen seine Mutter, die nach ihm noch 
zu empfangen wagte von einem anderen. Noch mehr als 
wider die allzeit liebevoll-nachgiebige Mutter hat aber Lenau 
gegen seinen Vater zu unterdrücken gehabt. Hatte dieser 
schwer lungenkranke Mann, wie wir eingangs vernahmen, sich 
doch der Lebhaftigkeit seines Söhnchens einmal direkt durch 
Schläge erwehrt. Hier mußte Niembsch tatsächlich sich ducken, 
was er zweifellos nur mit Ingrimm ertrug und nach Vaters 
Tod überhaupt nicht mehr, bis zu seinem Wahnsinn. Die 
»unwiderstehliche« Sophie stieß ihn ebenso ab wie Karoline 
Unger, die sein Herz durch die Macht ihrer Töne unterjochte. 
Der Irrsinn jedoch bringt eine merkwürdige Wiederholung 
sowohl der infantilen Widerstandsregung als der notgedrun- 
genen schließlichen Unterwerfung. Sophie hatte nämlich in 
die Anstalt einen Trostbrief geschrieben und darin ein altes 
Sprüchlein zitiert: 

»Duck Dich und laß vorübergahn, 
Das Wetter will seinen Willen han!« 

Diese Zeilen durchstrich Niembsch kreuzweise mit Blei- 
stift und schrieb ans Ende: »Ich ducke mich nicht!!!«, das 
»nicht« dreimal unterstrichen und dreimal durch Ausrufungs- 



NICOLAUS LENAUS. 95 



zeichen hervorgehoben. Gleichwohl schrieb er später in ein 
Anmerkbüchlein: »Ich ducke mich doch! Versteht ihr mich : 
doch? 1 )« Als ein Wärter einmal die Frage an ihn richtetete: 
»Wissen Sie, daß Sie der Herr von Niembsch sind, der 
Große?« entgegnete Lenau: »O, Niems ist jetzt klein ge- 
worden!« So wird im Wahnsinn immer wieder das Kind 
lebendig in jeglichem Menschen. 

vn. 

Ich komme nunmehr zu der eingangs aufgeworfenen 
Frage : Inwieweit trifft Sophie Löwenthal ein Verschulden an 
der Krankheit unseres Dichters? Da ist als wesentlich fest- 
zuhalten, daß Lenau an sicherer Paralyse litt und ebenso 
sicher schon geisteskrank war, als er Ende März 1844 von 
Wien abreiste. Die Werbung in Baden-Baden samt allem 
Folgenden hat nicht mehr ein gesundes Gehirn geleistet, son- 
dern ein schon dem Wahnsinn unrettbar verfallnes. Nun ist 
es heute so gut wie erwiesen, daß die Paralyse eine Folge- 
krankheit der Syphilis darstellt, an welcher die Geliebte 
zweifellos völlig unschuldig war, um so mehr, als Lenau jene 
vermutlich in Bremen akquirierte, da er Sophie überhaupt 
noch nicht kannte. Nur wer sich einmal mit Lustseuche in- 
fizierte, kann später jener Psychose verfallen. Hier schließt 
sich also ein Verschulden der Geliebten mit Sicherheit aus. 
Hätte unser Dichter ihr niemals begegnet, er wäre fraglos 
ganz ebenso Paralytiker geworden. 

Bleiben nunmehr zwei andere Fragen offen : Wenn Sophie 
auch nicht schuld an der Krankheit trägt, hat sie diese nicht 



') Wir erinnern uns, daß der Jüngling Niembsch seine Mutter wie 
Kövesdy wiederholt bedankt, weil sie »die Grundsätze der Tugend mit un- 
ausgleichbaren Furchen in sein Herz gegraben« hätten. An das knüpft eine 
Äußerung Lenaus im Irrsinn : »Gott ist sehr gut, daß er mich durch die 
Natur bestrafen läßt und nicht durch das Gesetz ; denn ich habe gegen beides 
gefehlt; ich habe das Talent noch über das Sittengesetz gestellt 
und das ist doch das Höchste — sagen Sie das auch ihr. Sie hat das 
Sittengesetz auch nicht genug erhoben.« Das Gesetz oder richtiger der Ver- 
treter desselben in der ersten Kindheit i6t ja der Vater, die Identifikation 
und die Verkörperung Gottes auf Erden. 



96 



AUS DEM LIEBESLEBEN 



etwa beschleunigen geholfen oder unmittelbar doch den An- 
stoß gegeben zu ihrem manifesten Ausbruch? Da muß ich 
neuerdings unterstreichen, daß Lenau schon vor den letzten 
Konflikten geisteskrank war, wahrscheinlich schon lange vor 
April des Jahres 1844, doch in diesem Monat bereits ganz 
sicher. Und gerade in den letztvergangnen Jahren hatte 
Sophie auch nicht das Allergeringste getan, die schlafende 
Paralyse zn wecken. Der Dichter war einfach um diese Zeit 
zum Irrsinn schon reif, wie ja überhaupt ein Ausbruch der 
Paralyse zwölf Jahre etwa nach der Infektion durchaus mit 
aller Erfahrung übereinstimmt. Man erinnere sich nur, daß 
selbst die fortwährende frustrane sexuelle Erregung Lenau 
nichts schadete, um wieviel minder das durchaus friedlich- 
ruhige Leben in den letzten Jahren, die unmittelbar der Pa- 
ralyse vorausgehen. Wir können demnach auch die zweite 
Frage, ob Sophie die schlafende Psychose weckte, rundweg 
verneinen. 

Doch vielleicht gab sie den Anstoß zum Ausbruch durch 
ihr just da nicht liebreiches Verhalten. Hier wäre zweierlei 
zu beachten. Zunächst ein Punkt, wo Sophie mich tatsächlich 
nicht unschuldig dünkt. Sie setzte unserem Dichter nämlich, 
sagen wir selbst aus guter Meinung, in Briefen sicherlich 
schärfer zu, als unbedingt nötig, und drängte heftiger auf 
pekuniäre Garantien, als unerläßlich war. Durch ihr unablässi- 
ges Bohren aber schuf sie dem ohnehin ganz Haltlosen manch 
schwere Stunde und gewaltige Aufregung, wie aus Lenaus 
Briefen und Emiliens Aufzeichnungen fraglos hervorgeht, ja, 
trug vielleicht dadurch sogar noch bei, daß an jenem ominösen 
29. September der erste paralytische Anfall ausbrach. Nur 
hüte man sich, ihren Schuldanteil hoch anzuschlagen. Denn 
zweifellos wäre diese Attacke nicht ausgeblieben und gewiß 
schon in jenen Tagen erfolgt auch ohne Drängen von Sophiens 
Seite. Wenn ihr Verhalten überhaupt beschleunigte, so 
höchstens um Tage, wobei das »wenn« nur mit großer Vor- 
sicht auszusprechen. Noch mehr gilt solches von der zweiten 
Schuld, die man vielleicht konstruieren könnte. »Im Scheiden 
sollen teure Lippen zu Lenau fieberhaft gesprochen haben: 









NICOLAUS LENAÜS. „ 



,Eins von uns muß wahnsinnig werden."« Dann hatte Sophie 
eingestandenermaßen tatsächlich die Äußerung hingeworfen 
wenn sie einmal einen ganz heiteren Brief schriebe, so werde 
sie dem Tode nahe sein. Doch ist ihre Entschuldigung voll 
zutreffend: »Daß Niembsch meine Äußerung so hoch auf- 
nahm, war ein Zeichen von Krankheit.« Sein Unbewußtes 
nützte dann jenes hingeworfene Wort, einen Tobsuchtsanfall 
damit zu begründen, er sei an Sophiens Tode nun schuld. 
In Wahi'heit brach der Wahnsinn augenblicklich bei ihm aus, 
als er die Geliebte verstorben wähnte, einfach darum, weil 
er ihr tatsächlich, mindest in Lainz, den Tod gewünscht hatte. 
Hier läßt sich von einem Verschulden Sophiens überhaupt 
nicht sprechen. Von allen Vorwürfen, die besonders Rein- 
becks auf Sophie gehäuft haben aus bewußter und unbe- 
wußter Eifersucht heraus — von späteren Klatschern und 
übler Nachrede ganz zu geschweigen — bleibt also nur das 
Einzige bestehen, daß Sophie den Dichter in kritischer Zeit 
allzusehr mit sorgenden Briefen bedrängte. 

Diesem wirklich recht geringen Schuldkonto steht aber 
ein großes Haben gegenüber, als wichtigstes vielleicht, daß 
Sophie fünf Jahre vor seinem endgültigen Zusammenbruch 
nach der Episode Karoline Unger Lenau vor dem Wahnsinn 
bewahrte. Kaum minder groß ist ihr Verdienst, daß sie den 
von Amerika Wiedergekehrten und scheinbar trostlosen 
Hypochonder, welchen weder Verwandte noch irgendwelche 
Freunde aufheitern konnten, dem Leben und Dichten wieder- 
gab und dem für ihn noch möglichen Glücke. Er hat sie 
nicht eitel »die geistig Höchste in Deutschland« genannt. Sie 
schenkte ihm bis auf den physischen Teil so ziemlich sämt- 
liche Seligkeit, die für Lenau auf Erden zu erringen stand. 
»Du bist meine Zuflucht, mein Trost, meine Stärkung,« schrieb 
er auf dem Höhepunkt seines Glückes. »Du bringst bei mir 
das Leben wieder zu Ehren, wenn es mir andere entstellt 
und versudelt haben. Ich trachte auf die Menschheit zu wirken, 
nachdem mich Deine Liebe dazu ermuntert hat.« Sie hat 
ihn ferner auch noch zu den »Liebesklängen« begeistert, 
nach meinem Empfinden weitaus dem Schönsten, das der 

S a d g e r, Aus dem Liebesleben Nicolaus Lenaus. 7 



98 AUS DEM LIEBESLEBEN NICOLAUS LENAUS. 

Dichter geschaffen. Eine Tat, die an und für sich genügte, 
sie im deutschen Schrifttum unsterblich zu machen. Und 
endlich litt sie für ihre Liebe noch Blutzeugenschaft, jahr- 
zehntelang stumm den ungerecht schwersten Unglimpf er- 
tragend. Sie hat den Geliebten um 39 Jahre überleben 
müssen, Jahre mit wenig ausfüllendem Inhalt nach einem 
Dezennium unsagbarer Liebe. Wenn etwas die Monotonie 
durchbrach, so war's ein neu aufwühlender Schmerz um den 
Verlust der nächsten Verwandten. So wurde zur Wahrheit, 
was der pietätvolle zweite Sohn als Grabinschrift ihr setzen 
ließ : 

»Du warst an Liebe reich und Geistesgaben, 

Viel Herzeleid ist hier mit Dir begraben.« 






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Zur Kenntnis der cerebralen Diplegien des Kindesalters (im 

Anschluß an die Littlesche Krankheit). Von Dr. Sigm. Freud, Privat- 
dozent an der UniversitUt in Wien. — 1893. Preis M 6. — = K 7.20. 




Studien über Hysterie. Von Dr. Josef Breuer und Prof. Dr. Sigm. 
Freud in Wien. — Zweite Auflage. 1909. Preis M 7. — = K 8.40. 




Die Traumdeutung. Von Dr. Sigm. Freud. — 1909. Zweite Auflage. 
Preis M 9.— = K 10.80. 




Der Witz und seine Beziehung' zum Unbewußten. Von Prof. 
Dr. Sigm. Freud. — 1905. Preis K 6.— = M 5.—. 


Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Von Prof. Dr. Sigm. Freud. 

— 1905. Preis Mi- = K 2.40. 


Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre aus den Jahren 
1893—1906. Von Prof. Dr. Sigm. Freud. — I. Folge 1906. 
Preis M 5.— = K 6.—. II. Folge 1908. Preis M 5.— : ,= K 6. — . 


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Professor an der Facnlte de mödecine in Nancy. Autorisierte deutsche 
Ausgabe von Dr. Sigm. Freud, Dozent für Nervenkrankheiten an der 
Universität in Wien. Zweite umgearbeitete Auflage, besorgt von 
Dr. Max Kahane. — 1896. Preis M 5.— = K 6.—. 


Neue Studien über Hypnotisnius, Suggestion und Psychotherapie. 

Von Dr. H. Bcrnhcim, Professor an der Faculte de mddecine in 
Nancy. Übersetzt von Dr. Sigm. Freud, Privatdozent an der Uni- 
versität in Wien. — 1892. Preis M 8. — = K 9.60. 




Neue Vorlesungen über die Krankheiten des Nervensystems 

insbesondere Über Hysterie. Von J. M. Charcot. Autorisierte 
deutsche Ausgabe von Dr. Sigm. Freud, Dozent für Nervenkrankhei- 
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