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Full text of "Aus dem Seelenleben des Kindes. Eine psychoanalytische Studie."

n ( O HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 

FÜNFZEHNTES HEFT 




AUS DEM 



SEELENLEBEN DES KINDES 



FJN•^ PSYCHOANALYTISCHE STUDIE. 



VON 



DR. H. VON HUG-HELLMUTH. 



LEIPZIG UND WIEN 
FRANZ DEUTICKE 

1913. 



Verlags-Nr. 2080. 



Original from 
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SCHRIFTEN ZUR ANGEWANDTEN SEELENKUNDE 

HERAUSGEGEBEN VON PrOF. Dr. SIGH FKEUD 
FÜNFZEHNTES HEFT - :' 



AUS DEM 



EELENLEBEN DES KINDES. 



EINE PSYCHOANALYTISCHE STUDIE 



VON 



DR. H. VON HUG-HELLMUTH. 



LEIPZIG UND WIEN 
FRANZ DEUTICKE 

1918. 



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VerlagB-Nr. 2080. 



K. u. K. Hofbuchdruckerei Karl ProchasKa In Tischen. 



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Inhaltsangabe. 



Einleitung V 

Erster Abschnitt. Säuglingszeit. 

I. Die Sinnesfunktionen im Dienste des Gefühlslebens ....... 1 

II. Die ersten Willensäußerungen 22 

III. Die ersten Zeichen der Verstandesentwicklung 26 

IV. Die Anfänge der Sprache 31 

V. Die Keime der ethischen Gefühle 35 

VI. Die Träume 42 

Zweiter Abschnitt: Spielzeit. 

I. Der Körper und seine Funktionen im Dienste des Spieles ... 45 

II. Die Verstandesentwicklung 53 

III. Die Erinnerung 67 

IV. Die Phantasie 74 

V. Die Vernunft 95 

VI. Die Sprache 117 

VII. Das Gemütsleben 127 

VIII. Die Kunst im Leben des Kindes 151 

IX. Die Träume 163 



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Wollt ihr die Kinder treu behüten, 
Laßt eure Sorge Liebe sein. 

A. Traeger. 



Einleitung. 



Es mangelt in der psychologischen Literatur nicht an 
größeren und kleineren Werken über das Seelenleben 
des Kindes. Wenn ich es trotzdem unternehme, die ohne- 
hin beträchtliche Zahl derselben noch zu vermehren, so liegt 
der Grund hiefür darin, daß in fast allen vorliegenden Ar- 
beiten gerade die Seite des menschlichen Lebens unberührt 
bleibt, die in der Kindheit zumindest keine geringere Rolle 
spielt als im Leben der Erwachsenen. Es ist das sexuelle 
Moment, das trotz der Vordringlichkeit, mit der es sich be- 
merkbar macht, von den Autoren übersehen oder mit Still- 
schweigen übergangen wird. Sie behandeln die intellektuelle, 
emotionelle, voluntaristische Entwicklung des Kindes auf 
Grund genauest geführter Tagebücher, wie einzelner besonders 
bemerkenswerter Beobachtungen in erschöpfendem Maße ; 
Statistiken belehren uns über den Gang dieser Entwicklungs- 
richtungen in den verschiedenen Lebensaltern des Kindes, 
zeigen uns die Differenzierung des psychischen Werdeganges 
durch den Einfluß des Geschlechtes, aber man läßt diesen 
Faktor erst für die Zeit der Pubertät gelten. Haben auch 
die genialen Lehren Freuds in einem kleinen Kreise von 
Fachmännern und in der Welt der gebildeten Laien mächtig 
Wurzel geschlagen, soweit sie von der Psyche des Erwach- 
senen handeln, so tritt doch hier wie dort ein heftiger Wider- 
stand zu Tage, sobald das Kind mit einbezogen erscheint in 
die Gesetzmäßigkeit dieser Theorie; das kleine Kind gilt als 
asexuell, mögen die Äußerungen seines Geschlechtstriebes 
eine noch so beredte Sprache führen. Solche spontane 
Kundgebungen werden in der Regel von den Eltern als an- 



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VI EINLEITUNG. 



stößig verheimlicht oder als krankhaftes Symptom behandelt. 
Man sträubt sich, keimen zu sehen, was als entwickelten 
Trieb doch keiner missen kann ohne die schwerste psychische 
Schädigung. 

Diese ablehnende Haltung entstammt zum großen Teil 
der zu engen Auffassung des Begriffes Sexualität. Insofern 
wir sie nur als Mittel zur Fortpflanzung anerkennen wollen, 
ist freilich kein Raum für sie im Leben des Kindes ; fassen 
wir aber alle Komponenten des Sexualtriebes ins Auge, wie 
sie uns die tägliche Erfahrung in der Kinderstube bietet, so 
ist damit die Erweiterung des Begriffes gegeben, wie er der 
Freud sehen Auffassung entspricht. 

luden »Drei Abhandlunge n zur Sexual-Theorie« 
bezeichnet Freud die infantile Amnesie als einen der Gründe 
für die auffallende Außerachtlassung des sexuellen Moments 
in den Schriften über das Seelenleben des Kindes, als einen 
anderen ein absichtliches Übergehen dieser Triebäußerungen 
seitens der Autoren, veranlaßt durch konventionelle Rück- 
sichten infolge ihrer eigenen Erziehung. Es ist in der Tat 
kaum anzunehmen, daß Forschern wie Frey er, Stern u. a. 
wirklich alle sexuellen Regungen der von ihnen beobach- 
teten Kinder entgangen wären, da dieselben doch deutlich 
genug hervortraten. In dem Kapitel über die »Erinnerung« 
werde ich Gelegenheit haben nachzuweisen, wie die gefühls- 
stärksten Erinnerungen der Kindheit stets an Erlebnissen 
haften, die wir im weitesten Sinne als sexuell-erotisch 
bezeichnen dürfen. Und eben um dieses Charakters willen 
werden sie höchstens in der frühesten Jugend bewahrt, 
später aber ganz oder mindestens in den verpönten Teilen der 
Vergessenheit preisgegeben. So bleibt nur ein loses Stück- 
werk erhalten, das uns leicht über die sexuelle Natur kind- 
lichen Empfindens und Fühlens täuscht. 

Wenn wir das Kind in seinem seelischen Werden beobach- 
ten, wie es wirklich empfindet, fühlt und denkt, so müssen 
wir eine Reihe von Äußerungen seines Geistes- und Gemüts- 
lebens verzeichnen, über die wir in Büchern vergeblich nach 
Aufschluß forschen. In kaum einer wissenschaftlichen Dar- 



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EINLEITUNG. VH 



Stellung finden wir eine Bemerkung darüber, welches Interesse 
das Kind den wichtigsten Funktionen des Leibes und den 
von der Natur damit betrauten Organen entgegenbringt, wie in- 
tensiv es sich schon mit zwei bis drei Jahren etwa mit dem Problem 
der Nacktheit und des Geschlechtes beschäftigt. Was jeder 
Kinderpflegerin wohlbekannte Tatsachen sind, das übergeht 
die Wissenschaft mit nachsichtiger Vornehmheit und übersieht 
dabei die Urquellen, aus denen dem Charakter die Kräfte 
des Entfaltens fließen. Die psychoanalytische Forschung hat 
nachgewiesen, wie Personen, die in ihrer Kindheit eine stark 
betonte Analerotik ^) besaßen, ihre damals als anstößig verpönte 
Neigung in übergroße Reinlichkeit, Pedanterie, in zwangs- 
mäßige Ordnungsliebe wandeln, wie andere, deren sexueller 
Wissensdrang auf unlauteren Wegen zur Wahrheit gedrungen, 
schwere psychische Schäden in ihrem Liebesleben^) erfuhren. 
Solche Umwandlungsprozesse sind unerklärlich, sobald man die 
kindlichen Erlebnisse und Emotionen auf diesen Gebieten außer 
acht läßt. 

Solange also die pädologische Forschung den Maßstab 
des Erlaubten und Verpönten an die Äußerungen der kind- 
lichen Seele legt, ist nicht zu erwarten, daß wir Wahrheit 
über ihre Entwicklung erfahren. Erst wenn die Kardinal- 
forderung des psycho-analytischen Verfahrens, unbedingte 
kritiklose Offenheit, auch bei der Beobachtung des Kindes 
zu Rechte kommt, dann werden die Aufzeichnungen von un- 
geheurem Werte nicht allein für das Verständnis der Kinder- 
seele werden, sondern auch weite Ausblicke gestatten ins 
psychische Erleben der Erwachsenen. Manches Rätselhafte, 
Unerklärliche wird eine befriedigende Antwort finden in der 
Aufdeckung der Beziehungen zwischen der reifen und der 
kindlichen Seele und wir werden, die verborgenen Quellen 
kennend, den reißenden Strom der Leidenschaften verstehen 
lernen. Erst dann, wenn die Wissenschaft des untrüglichsten 
Mittels, auf der Seele Urgrund zu schauen, der psycho-ana- 



*) Freud, Charakter und Analerotik, Sammlung kleiner Schriften zur 
Neurosenlehre. 

*) F r e u d, Zur Fgychologie des Liebeslebens I. Die Objektwahl des Mannes. 



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VIII EINLEITUNG. 



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lytischen Forschung sich zu bedienen, nicht mehr verschmäht, 
werden wir die unentwirrbaren Schriftzeichen, welche die Er- 
eignisse der Seele eingraben, zu entziffern im stände sein. Wir 
werden unseren Kindern gerechtere Eltern, mildere Erzieher 
und Lehrer sein, wenn in das häßliche Dunkel mancher 
Seelenregungen das Licht der neuen Forschung leuchtet. Die 
Charakterfehler der Kinder, die den Eltern als unerträgliche 
Erniedrigung ihrer selbst erscheinen, die den Lehrer ab- 
stoßen und ihn nicht selten hart und unduldsam machen, 
werden wir als Folgen der irregeleiteten Sexualität des 
Kindes erkennen müssen. Es wird die Zeit kommen, da man, 
die ungeheure Tragweite der Bedeutung der Sexualität im 
menschlichen Leben anerkennend, ihr in der Erziehung 
der künftigen Generation ein Hauptaugenmerk zuwendet, in- 
dem man ihr die Stelle einräumt, die ihr kraft ihres Wesens 
und ihrer Stärke zukommt im Leben des Kindes. Erst aber 
müssen wir lernen, ihr Bestehen als eine in der Natur be- 
gründete Tatsache zu betrachten, wir müssen lernen, in den 
Äußerungen der infantilen Sexualität nichts Unzukömmliches 
und Unanständiges zu erblicken, sondern die notwendigen 
Vorläufer desjenigen Faktors, der unser reifes Leben zum 
Himmel oder zur Hölle macht, des Triebes, der in seiner 
Sublimierung die herrlichsten Kunstwerke schafft und die 
tiefsten Gedanken denkt. 

Und nun noch ein Wort zur Anordnung des Stoffes in 
den vorliegenden Blättern. Unter den mannigfachen Eintei- 
lungsgründen, nach denen der eine Forscher die Neuerwer- 
bungen auf den verschiedenen Sinnesgebieten in den Vorder- 
grund stellt und nach dem »dummen Vierteljahr« von 
einem »Lächling, Sehling, Läufling, Greifling, 
Sprechling« handelt, der andere einfach das 1. Lebensjahr 
sondert vom Leben des kleinen Kindes (bis zum Ab- 
schlüsse des 3. Jahres) und der späteren Kindheit, die 
schließlich durch die Pubertätszeit ihren Übergang findet zu 
den Jahren des Erwachsenen, zeigt sich auch der, das 
mächtigste Hilfsmittel der menschlichen Psyche, die S p r a c h e, 
als Maß der seelischen Entwicklung zu benützen. So zweck- 



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EINLEITUNG. IX 



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mäßig diese Einteilung bei Untersuchungen rein sprach-psy- 
chologischen Charakters ist, so erscheint es mir bei allseitiger 
Betrachtung des psychischen Werdegangs des Kindes dien- 
licher, unter den entwicklungsfähigen Anlagen des Menschen- 
kindes nicht gerade dem Sprachvermögen eine dominierende 
Stellung einzuräumen, sondern daß wir, dem Fingerzeig der 
Natur folgend, die einzelnen Perioden durch die sie charak- 
terisierenden Tätigkeiten des Kindes voneinander unter- 
scheiden in die Säuglings-, die Spiel- und die Lernzeit. 
Den zwei ersten Zeitabschnitten sind diese Blätter gewidmet. 
Das Säuglingsalter, die Zeit, in welcher das psy- 
chische Leben vorzugsweise in der lust- und unlustvollen y^- f~-^' 
Reaktion auf die Vorgänge der Ernährung, die Körperpflege und 
den angemessenen Wechsel von Schlaf und Wachsein besteht, 
wird in den letzten Monaten des 1. Jahres zur Vorstufe für die 
zweite Hauptperiode, die Spielzeit. Diese umfaßt die Jahre, 
während derer dem Kinde bewußterweise alles zum 
Spiele und jedes Ding zum Spielzeug wird ; sie um- 
spannt die Zeit vom Ende des 1. Lebensjahres bis zum Ein- 
tritt in die Schule, dem be deutsam sten Ereignisse im Leben {^^!X^ -^ 
des Kindes. Der erste Schultag ist ein Markstein im kind- 
lichen Dasein, er führt das Kind aus der Welt der Kleinen 
in die Reihen der »großen, gescheiten« Lerngenossen; es er- 
hebt sich in ihm ein starkes Selbstbewußtsein, das es beim 
ersten Schulgang die Schultasche mit Fibel und Tafel in 
stolzer Würde tragen läßt. In der Lern z ei t muß das Spiel 
sein Primat abtreten an die Pflicht, diese vergoldend mit 
der leuchtenden Erinnerung froher Stunden und mit der 
Verheißung kommender Freuden. Sie beginnt mit dem 
»Frühauf« am ersten Schultage, wächst in gleichem Schritt 
mit der jungen Menschenseele, macht sie erstarken und 
reifen zum Kampfe des Lebens und führt sie zu innerer 
Freiheit. Das Spiel aber bleibt in dieser Rüstzeit der 
Seele der holde Begleiter des werdenden Menschen, wechselnd 
im Gewände, im Kerne sich treu ; das phantastische Element, 
das Beleben und Wandeln jedes Dinges im Dienste des Ver- 
gnügens tritt von Jahr zu Jahr mehr zurück und macht 



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EINLEITUNG. 



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^^ einerseits den Spielen des Ehrgeizes — sei es eine Über- 
legenheit an Körperkraft, sei es ein Überflügeln anderer an 
Geist — anderseits dem stilleren Vergnügen an den un- 

,/w sterblichen Schöpfungen der Dichter und der darstellenden 

Kunst Platz. Die Phantasie flüchtet sich in verborgene 
Winkel der Seele, wo die Wünsche der Reifezeit nach 
einem Ziele drängen. Die Pubertätsjahre mit ihrer un- 
gestillten Sehnsucht nach Freundschaft und Liebe, nach 
Freiheit und Größe bilden den Ausgang der Kindheit und 
zugleich die Schwelle zu dem Alter, in dem der Mensch 
allein und voll verantwortlich wird für sein Tun und Lassen. 
Diese dritte Periode, die Zeit des Lernens^), umfaßt die Schul- 
zeit im eigentlichen Sinne und erstreckt sich über diese hin- 
aus, in rein individuellem Verlaufe eine Grenze findend im 
unerwarteten Eintritte äußerer wie innerer Erlebnisse. 

Trotz mancherlei Bedenken wählte ich, abweichend von 
den meisten Autoren, eine Gliederung des Stoffes nach den 
Hauptepochen der Kindheit. Ich bin mir wohl bewußt, bei 
dieser Art der Behandlung manches wiederholen zu müssen; 
aber mir scheint dieser Mangel durch einen größeren Vorteil 
aufgehoben zu werden : bei der Zusammenfassung der Ent- 
wicklungsgeschichte der infantilen Seele nach den Alters- 
stufen gestaltet sich das Bild, das jede Periode für alle Kom- 
ponenten des Erlebens und Reagierens bietet, zu einem ein- 
heitlichen, während jene Darstellungen, welche die einzelnen 
Gebiete psychischen Geschehens getrennt voneinander für 
die ganze Dauer der Kindheit behandeln, ein mühsames 
Gruppieren seitens des Lesers erfordert, will er sich einen 
Totaleindruck über eine bestimmte Lebensstufe schaffen. 

Auch führe ich die einzelnen Kapitel über die Entwick- 
lung der Sinnesfunktionen, des Intellekts, der Sprache, der 
Gefühle nur insoweit aus, als dies die Grundlage der Ab- 
handlung, die geniale Theorie Freuds, erfordert. Hiebei 
bediene ich mich vorzüglich des Materials, das die Arbeiten 



^) Die Behandlung dieses dritten Zeitabschnittes ist einer besonderen 
Arbeit vorbehalten. 



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EINLEITUNG. XI 



von Preyer, Shinn, Scupin, Sully u. a. in reichstem 
Ausmaße enthalten; ja, ich benütze es mit Vorsatz, um dem 
Vorwurfe zu begegnen, in diesen Blättern seien nur solche 
seelische Entwicklungsgänge angeführt, die der ganz spe- 
ziellen Veranlagung einzelner von der Norm abweichenden 
Kinder entsprechen. Anders bietet sich die Möglichkeit des 
Nachprüfens, wenn Aufzeichnungen im Lichte der Psycho- 
analyse besehen werden, welche von Forschern stammen, 
die wie Tiedemann, Darwin u. a. lange vor der Schöpfung 
der F r e u dschen Lehre gelebt haben, und von Zeitgenossen, 
die aber keineswegs auf Freud scher Basis stehen. 



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Die Säuglingszeit. 



I. Die Sinnesfunktionen im Dienste des Gefühlslebens des 

Säuglings. 

Das seelische Leben des Säuglings beginnt mit der 
Reaktion auf äußere Sinneseindrücke sowie auf Eindrücke aus der 
Körperfühlsphäre ; Lust- und Unlustäußerungen lassen den Er- 
wachsenen erkennen, daß dem Kinde gewisse Vorkommnisse in 
seiner Umgebung bereits zu Erlebnissen werden. Das Hinwenden 
des Blickes zum sonnenbeschienenen Fenster, das Zusammen- 
zucken bei einem plötzlichen Geräusch, das suchende Tasten 
mit Lippen und Händen nach der ernährenden Mutterbrust 
sind trotz ihres teils automatischen, teils instinktiven Ge- 
präges die ersten Anzeichen, daß der Neugeborene von der 
Umwelt Notiz nimmt. In der Apperzeption der Eindrücke 
durch den Säugling liegt schon der Keim psychischen Ge- 
schehens. Dem Blinzeln bei grellem Lichte folgt alsbald ein 
Schreien, dem Hinhorchen auf die Rodelschellen ein Ausdruck 
des Erstaunens, eine der primitivsten Gefühlsregungen des 
Kindes, dem Kratzen des Fingernagels auf Glas ein unwilliges 
Runzeln der Gesichtshaut; und sobald das erste Lächeln das 
Kinderantlitz verklärt, wird keine Mutter müde, diese 
Sonnenstrahlen der Freude auf den Zügen ihres Lieblings 
hervorzuzaubern durch all die kleinen Zärtlichkeiten und 
Locktöne, gegen die ein normales Kind schon in den ersten 
Lebensmonaten nicht fühllos bleibt. Ja selbst das Kindchen, 
dem wenig liebevolle Fürsorge zu teil wird, kräht bereits 
frühzeitig vergnügt in seinem Kissen, wenn Sonnenlicht und 
Wind ein bewegtes Schattenspiel auf die Decke seines Lagers 
zeichnen. Unermüdlich folgt das Auge dem steten Wechsel 
der Formen und die rhythmischen Bewegungen der Troddeln 
des Vorhanges an Wagen oder Körbchen bieten dem kleinen 
Wesen den ersten Ansporn zu Greifbewegungen. 

Hug-Hellmuth, Aus dem Seelenleben des Kindes. 1 



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Vm SÄÜGLINGSZEIT. 



/üntör ^llen Sianosempfindungen kommt in der ersten 
Lebenszeit keinen anderen so große Bedeutung für das Gefühls- 
leben zu wie den Muskelempfindungen; sie werden dem 
wenige Wochen, ja Tage alten Säugling zur unversiegbaren 
Quelle von Lust und Unlust. »Die ersten Lustempfindungen«, 
schreibt Comp ayre^), »entstammen der fortschreitenden maß- 
vollen Übung der Sinnesorgane und der Befriedigung orga- 
nischer Bedürfnisse.« Den Muskelsinn zu üben — sei es 
den Augenmuskel oder die Muskulatur der Arme und Beine 
— verursacht dem Säugling schon an und für sich Lust, die 
vorbereitet wurde im Mutterleibe durch Eigenbewegungen des 
kindlichen Körpers wie durch den Einfluß äußeren Druckes 
beim Gehen und bei anderen Bewegungen der Mutter. Hinter 
dem Volksglauben, daß Kinder besonders erotischer Natur 
seien, deren Mütter während der Gravidität den Sexualverkehr 
bis nahe zur Entbindung fortgesetzt haben, steckt mehr als 
bloßer Aberglaube. Nicht nur durch psychische Vererbung 
mag in ihnen eine starke Sexualität begründet sein, sondern 
auch rein physisch infolge der Erschütterungen des mütter- 
lichen Uterus, die in dem kindlichen Organismus noch vor 
der vollständigen Reife primitivste Muskel- und Hautempfin- 
dungen ausgelöst haben. Diese physisch bedingte erhöhte Sexual- 
empfindungs-Fähigkeit erstreckt sich gleicherweise auf Knaben 
wie Mädchen, während die psychische Vererbung bekanntlich 
in der Regel eine gekreuzte ist. Wenn diese Annahme sich 
als richtig erweist, so wäre die Haut- und Muskelerotik die 
ursprünglichste Form sexuellen Empfindens. Daß sie in der 
Tat schon in den allerersten Tagen in unverkennbarer Weise 
zu Tage tritt, zeigt sich in den starken Kratzgelüsten vieler 
Säuglinge. So berichtet das Ehepaar Scupin^) von seinem 
Söhnchen, wie es am ersten Tage schon sein eigenes Gesicht 
zerkratzt und am zweiten seiner Großmutter, als diese sich zärt- 
lich zu ihm herabneigte, empfindliche Kratzwunden beigebracht 
habe und die Fingerchen sich fest eingekrallt hätten. Im dritten 

*) Compayr^, Die Entwicklung der Kindesseele, pag. 133. 
*) E. u. G. Scupin, Bubis erste Kindheit, Tageb. üb. d. seel. Ent- 
wicklung eines Kindes, 1, pag. 8. 



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DIE SINNESFUNKTIONBN. 



Monat ^) zerrt und kratzt der Knabe seine eigenen Händchen, im 
achten bereitet es ihm große Wonne, in Vaters Bart zu zausen, 
und sein neuestes Spiel, das er nach den Worten seiner Eltern 
mit »Leidenschaft« betreibt, ist, nach deren Augen zu greifen. 
Was mit Leidenschaft geübt wird, hat stets einen erotischen 
Unterton, und tatsächlich fehlen dem Säugling, der in starker 
Muskelbetätigung eine Quelle von Lust findet, nicht die 
äußeren Anzeichen, die dem Erwachsenen als Merkmale 
sexueller Erregung wohlbekannt sind, der erhöhte Glanz der 
Augen, die geröteten Wangen, Das Kratzen mit den Finger- 1 
nageln ist eine der frühesten Leistungen der kindlichen! 
Muskelkraft und tritt bei vielen Personen, nachdem es unter' 
dem Einflüsse der Erziehung bereits in den ersten Lebens- 
jahren abgelegt erscheint, spontan im Geschlechtsakte wieder 
auf, wie sich denn überhaupt im normalen wie im perversen 
Liebesleben die lustbetonten Gepflogenheiten der frühesten 
Kindheit spiegeln. Es geht daraus hervor, daß das Kind bei 
all den Veranstaltungen, die es in freier Erfindung und zur 
Abwehr lästigen Zwanges ersinnt, ähnliche Gefühle erlebt 
haben muß, wie sie im reifen Menschen im Liebesgenuß er- 
weckt werden. Einen klaren Beweis hiefür bietet der nach- 
haltige Einfluß des infantilen Wonne saugen s oder Ludeins 
auf die erotische Entwicklung; es ist bekannt, daß aus 
solchen Kindern Kußfeinschmecker^) und starke Raucher 
werden, auch daß sich insbesondere bei weiblichen Ludlern 
später eine große Naschhaftigkeit entwickelt, die erlischt 
oder mindest stark zurücktritt, wenn der normale Geschlechts- 
verkehr aufgenommen wird. Charakteristischerweise ist 
die Beziehung zwischen Naschwerk und Küssen fast in 
allen Sprachen durch gewisse Benennungen des ersteren, wie 
Busserl, baiser, baciucchio (eine Leckerei, sogenannt in der 
Gegend von Mailand), zu finden. Das Wonnesaugen am eigenen 
Körper oder an fremden Gegenständen nur als Instinkt- 
äußerungen zur Befriedigung des Hungergefühls gelten zu 
lassen, wie dies manche Forscher tun, scheint nicht zutreffend. 

*) Scupin 1. c. I, pag. 27. 

*) Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 



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DIE SÄUGLINGSZEIT. 



Führen sie auch an, daß das Kind sofort zu saugen aufhört, 
wenn es gesättigt ist, so widerspricht dem die Tatsache, daß 
auch das satte Kind^) stundenlang mit zufriedenem Gesichts- 
ausdruck an dem Gummipfropfen und sonstigen Veranstaltungen 
sinnreicher Pflegerinnen lutscht, indes es sofort zu schrei- 
weinen beginnt, sobald ihm der Schnuller entgleitet; ebenso 
befriedigt ist es, wenn es Finger oder Zehe zu den Lippen 
führen kann, obwohl hierbei das Hungergefühl nicht gestillt 
wird. Es ist die Betätigung der erogenen Zonen, wie Lippen, 
Finger, Zehen, durch welche sich der Säugling Lust ver- 
schafft ; und weil beim Lutschen am eigenen Körper das 
Kind sich nicht nur unabhängig macht von der Außenwelt, 
sondern der Lustgewinn durch die gleichzeitige Beteiligung 
zweier Partien des Leibes ein doppelter ist, halten die Ludler 
so zähe fest an ihrer Gewohnheit. 

Prey er^) beobachtete beim Einführen des Fingers in den 
Mund eines Kindes, dessen Kopf eben erst aus dem mütter- 
lichen Schöße getreten, und beim rhythmischen Reiben an der 
Zunge deutliche Saugbewegungen. In dieser besonders ent- 
wickelten Berührungsempfindlichkeit äußert sich vermutlich 
der Sexualtrieb in seinen ersten Anfängen; Preyer selbst 
schien das Kind nach dem Ausdrucke seiner Physiognomie 
»als aufs angenehmste berührt zu sein«. Diese Bemerkung 
findet ihre Bestätigung in der Anwendung eines nie ver- 
sagenden Beruhigungsmittels des schreienden Säuglings. 
Wissen Kinderpflegerinnen doch recht gut, wie ihr Pflegling 
vom scheinbar grundlosen Schreien abläßt, wenn sie ihm den 
Finger in den Mund stecken und so Lippen und Gaumen- 
nerven kitzelnd erregen. Es ist dies bloß eine Variation vom 
Tun gewissenloser Kinderwärterinnen, die den Kitzelreiz 
direkt an den Genitalien des Kindes vornehmen, um dieses zu 
besänftigen und schließlich zum Schlafe zu bringen. Die 
Schule Freuds sieht in dem Lutschen oder Ludein eine 

*) Scupin a. a. O. I, pag. 8: 3. Mon. (10. Woche). »An die Unsitte des 
sog. Lutschpfropfens haben wir den Jungen erst gar nicht gewöhnt, dafür 
saugt er mit Vorliebe an den Fingern, steckt auch wohl die ganze Faust in 
den Mund, selbst wenn er eben erst getrunken hat.« 

*) Preyer, Die Seele des Kindes, IV. Aufl. pag. 20 u. 65 



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DIE SINNESFUNKTIONEN. 



früheste Äußerung des Sexualtriebes, bei welcher die Lippen die 
erotisch ausgezeichnete Zone bilden. Ich habe bei meinem Neffen 
wiederholt beobachtet, daß bei dem durch die ganze Nacht fort- 
gesetzten Lutschen sich am Morgen an den Fingern der dem 
weiblichen Genitale spezifische Geruch bemerkbar macht, und 
diese Wahrnehmung haben mir mehrere Mütter bestätigt. ^) 
Dieser Geruch dürfte durch die stundenlange Einwirkung des 
Speichels auf die Haut der Finger Zustandekommen. Es 
scheint, als ob die Geruchsempfindung miteinbezogen ist in 
die durch das Ludein erzeugte Lust ; tatsächlich hat mein 
Neffe in seinem vierten Jahre, als versucht wurde, ihn von 
dieser Gewohnheit unter Hinweis auf den üblen Geruch des 
Fingers abzuhalten, erwidert: »O, das riech' ich gern!« Diese 
Bevorzugung stammt möglicherweise von Geruchserinnerungen 
an den uterinen Zustand her. Es steht diese Annahme in 
scheinbarem Widerspruch zur Ansicht vieler Forscher, die 
dem Säugling eine olfaktorische Empfindung in den ersten 
Tagen absprechen. Ich meine, er hat nur keine Gelegenheit, 
diesen speziellen bevorzugten Geruch während der ersten 
Lebenstage direkt wahrzunehmen ; derselbe wird aber vielleicht 
beim Saugen an die Brust durch die Mischung von Speichel-, 
Milch- und Hautgeruch erzeugt. Es liegt die Vermutung 
nahe, daß die starke Bedeutung des Geruchsinnes im Liebes- 
leben vieler Personen nicht allein auf intensive Analerotik 
im Kindesalter, sondern zum Teil auch auf das Wonnesaugen 
zurückzuführen ist; dafür spräche die besondere Bevorzugimg 
der Kaprylgruppe seitens zahlreicher Personen, die wohl für 
die Genital-, nicht aber direkt für die Analzone in Betracht 
kommt. Für sie bleibt die Kaprylgruppe eine ausgezeichnete, 
ein mächtiger Stimulus ihrer Libido. Die häufig auftretende 
Gewohnheit ganz kleiner Kinder, ihr Gesicht in den Schoß 



*) Nachstehendes Gespräch zweier Mütter über dieses Thema gebe ich 
als Beleg für meine Vermutung in unveränderter Form wieder: 1. Mutter: 
»Es ist ekelhaft, wie die Finger des Buben in der Frühe immer riechen; 
es ist, als ob er die ganze Nacht in Liebe^etändel mit einem Frauenzimmer 
Terbracht hätte«. — 2. Mutter: »Aber ja, das kenn ich von meinem Ältesten; 
der hat morgens auch immer so geweiberlt an den Händen«. 



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DIE SÄUGLINGSZEIT. 



oder die Achselhöhle Erwachsener zu pressen, scheint mit 
dieser Bevorzugung zuBammenzuhängen ; die gleiche Vorliebe 
zeigt sich bei jungen Hunden und Katzen und ist durch das 
Wohlgefühl der Wärme allein nicht zu erklären, da die 
Tierchen ihre behagliche Lage aufgeben müssen, um den 
^ ^ Kopf in die A chselhöhle zu drücken. 

Das Ludein bietet schon dem Kinde in der Wiege einen 
Ersatz für die Verweigerung irgend einer begehrten Sache, es 
wird ihm zum Trostspender in jeder unmutsvollen Stimmung, in 
gleicher Weise wie in späteren Jahren die Freuden der 
Onanie häufig dann gesucht werden, wenn der Seele Bitternis 
und Kränkung widerfahren. Scup ins Bubi') entschädigt sich 
im achten Monat für die vorenthaltene mütterliche Brust 
durch Lutschen am Daumen der linken Hand, wodurch er 
sein »wütendes Geschrei« aufgibt, nur noch durch die Nase 
Laute der Unzufriedenheit ausstößt und »schließlich getröstet 
einschläft«. Er läßt sich dieses Vergnügen nicht rauben und 
Zorn und Eigensinn^) erwachen, sobald man versucht, seine 
vom Saugen roten aufgeschwemmten Daumen aus seinem 
Munde nehmen zu wollen. (Neunter Mon.) Im zehnten Monat 3) ist 
»das Fingersaugen endgültig an Stelle des frü- 
heren Schreiens getreten, ist also ein Zeichen des Hun- 
gers sowohl als der Resignation; wenn nun dem Kinde 
ein Gegenstand verweigert wird, es schlafen gehen soll oder 
dgl., dann steckt es zum Trost den Finger in den Mund und 
nur noch sonderbare, durch die Nase ausgestoßene Laute 
tun in nicht mißzuverstehenderweise seine Unzufriedenheit, 
seine Entrüstung, seinen Schmerz kund.« Und aus dem elften 
Monat:*) »Alles Verbotene reizt den Jungen außerordentlich; 
sein Verlangen nach Messer, Schere, Geschirren ist gar in- 
tensiv, und wird ihm alles entzogen, so setzt er mitunter 
eine rührend resignierte Miene auf und steckt still seinen 
linken Daumen, der stets einige Bißwunden aufweist, in den 



*) Scupin, 1. c. I, S. 27. 
*) Scupin, 1. c. I, S. 29. 
*) Scupin, L c. I, S. 35. 
*) Scupin, 1. c. I, S. 42. 



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DIE SINNESFUNKTIONEN. 



Mund.« Die Gewohnheit zahlreicher älterer Kinder, in Situa- 
tionen der Verlegenheit, der Scham, oft auch des Trotzes 
einen Finger in den Mund zu stecken, oder an den Nägeln 
zu beißen, ist als Rest einstigen Lutschens aufzufassen; das 
momentane ünlustgefühl verlangt, wie einst durch das pro- 
bate Mittel der Reizung erogener Zonen aufgehoben zu wer- 
den. Dem sexuellen Charakter des Lutschens entspricht es, 
daß dieses gleich dem Geschlechtsakte sich als ein vorzüg- 
liches Schlafmittel bewährt. Shinns Nichte^) bevorzugte im 
dritten Monat von der Mutter auf den rechten Arm genommen 
zu werden, damit sie ungestört am linken Daumen lutschen 
konnte, worauf sie dann unter den Zeichen größter Zufrie- 
denheit einschlief. »In der Mitte dieses Monats gab man ihr 
einen kleinen geschlossenen Saugpfropfen aus Gummi, an dem 
sie nun lutschte wie bisher an den Fingern. Linerhalb acht 
Tagen vermochte sie schon diese Vorstellung des Saugens 
mit dem Einschlafen zu verknüpfen.« »Im sechsten Monat 
zeigte es sich, daß der Saugpfropfen einenzwingen- 
den Einfluß auf den Schlaf ausübte.« Da das Kind, 
wie Shinn weiter berichtet, ohne den Lutscher nicht ein- 
schlafen mochte und auch während der Nacht, sobald ihm 
derselbe entglitten, stundenlang schrie, wollte die Mutter 
diese (Jewohnheit wieder abstellen; doch erfolglos. »Das 
Kind muß dessen Benutzung sehr angenehm und deutlich emp- 
funden haben. Vielleicht verknüpften sich damit be- 
sonders angenehme Empfindunge^i; denn als man 
in der letzten Hälfte dieses Monats zweimal den Gummisauger 
vor ihm in die Höhe hob, begrüßte es ihn frohlockend und 
zappelte mit Händen und Füßen. Dasselbe beobachtete ich 
bei anderen Babies, wenn sie ihr Saugfläschchen begrüßten.« 
Shinn knüpft daran die richtige Vermutung, daß das Ver- 
gnügen nicht allein der Nahrungsquelle gelte, aber sie führt 
ihre Ansicht nicht weiter aus. Nach meinen Beobachtungen an 
meinem Neffen kann ich sagen, daß der ganze Ausdruck 
seines Gesichts beim Lutschen, das er von der frühesten Zeit 

*) M. W. Shinn, Körperliche und geistige Entwicklung eines Kindes, 
beftrfoeitet Ton W. Glabach und E. Weber, pag. 399, 401. 



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DIE SÄUGLINGSZEIT. 



bis jetzt (im siebenten Lebensjahr) intensiv übt, deutlich den 
Stempel der sexuellen Erregtheit zu Beginn, der wohligen Er- 
schlaffung beim allmählichen Einschlafen trägt. Gegen Ende 
des ersten Jahres kombinierte er das Lutschen am Daumen 
und dritten Finger der linken Hand mit gleichzeitigem rhyth- 
mischen Zupfen an der Bettdecke mit den Fingern der 
rechten Hand. Ich halte dafür, daß bei diesem Kinde diese 
Bewegungen ein Ersatz für onanistische Betätigung sind, da 
der Junge bereits in dem ersten Monat, sowie er entkleidet wurde, 
heftig an seinem Membrum zog. Die Säuglingsonanie 
ist eine viel bestrittene Tatsache, die doch kaum zu leugnen 
ist. Zumal Knaben beginnen damit frühzeitig infolge der 
Maßnahme der körperlichen Pflege und der für mechanische 
Reizungen leichten Zugänglichkeit der Genitalien, indes bei 
Mädchen durch die verborgenere Lage derselben es weit sei' 
teuer zu manueller Masturbation im Säuglingsalter kommt; 
aber auch bei ihnen tritt sexuelle Erregung ein, dank 
der unvernünftigen Art der Säuglingsbekleidung; insbeson- 
dere ist der sogenannte Durchzug, ein Linnentüchlein, das 
das Wundliegen der Schenkel verhindern soll, geeignet, die 
stark erogene Genitalzone zu reizen, und das Zusammen- 
pressen der Oberschenkel ist ja für das kleine Mädchen eine 
charakteristische Form der Selbstbefriedigung. Da Mütter 
und Pflegerinnen naturgemäß onanistische Handlungen des 
Säuglings immer wieder abzuwehren versuchen, verlegt dieser 
bald die Quelle Äer Lust an eine leichter zugängliche harm- 
losere Zone, den Mund; und es tritt das Ludein als Ersatz 
für verbotenes Vergnügen auf. Es ist in dem Lutschen also 
nicht nur die früheste Betätigung der Lippenerotik, sondern 
auch eine erste Leistung der kindlichen Intelligenz zu er- 
blicken. Eine Mutter berichtete mir von ihrem Knaben, daß 
er im Alter von sieben Monaten wiederholt unter listigen 
Blicken versucht hatte, zu onanieren, und sobald ihm dies 
verwehrt worden, mit deutlichem Trotz zum Ludein seine 
Zuflucht nahm. Die oftmals allzuängstliche und mit schmerz- 
haftem Schlage verbundene Abstellung der Säuglingsonanie 
mag viel beitragen zur Entwicklung der Furcht, aber 



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DIE SINNESFUNKTIONEN. 



auch der Verstellung und des Trotzes in der kindlichen 
Seele. 

In unmittelbarem Zusammenhang mit den Maßnahmen 
der Kleinkinderpflege steht das Erwachen des Vergnügens 
am Nacktsein. Obwohl dem Kinde die Änderung der Tem- 
peratur beim Entkleiden wenig zusagt, so ist das Aufhören 
des Zwanges durch das Einschnüren so lustbetont, daß jenes 
Unlustgefühl kaum bemerkt wird. Ist doch dem Kinde im 
nackten Zustand die freieste Betätigung seiner Muskeln ermög- 
licht und es dürften die kitzelnden Berührungen der gelok- 
kerten Wäsche an der Haut den auslösenden Reiz für das 
Zappeln und Strampeln der Glieder geben, das wieder als un- 
behinderte Freiheit lustvoll empfunden wird. Durch die müt- 
terliche Fürsorge, mit der das kleine Kerlchen immer wieder 
zugedeckt wird, ist ihm reichlich Gelegenheit gegeben, den 
Hautreiz stets von neuem auf sich wirken zu lassen.^) Dazu 
kommt auch hier noch der erwachende Trotz, mit dem das 
Kind sich gegen den Willen der Mutter die lustvollste Lage 
behauptet. Ich hatte oft Gelegenheit zu beobachten, mit wie- 
viel List mein Neffe in seinem elften Monate sich das Nackt- 
sein erkämpft, wie er den Augenblick erspähte, da Mutter 
oder Wärterin sich ab wandten, um die verhaßte Decke ab- 
zuschütteln und mit Wonne an den Zehen zu lutschen oder 
in irgend welche erreichbaren Körperpartien zu beißen. 

Die unverkennbare Freude an der Nacktheit des eigenen 
Leibes ist eine der ersten und deutlichsten Äußerungen des 
infantilen Autoerotismus ; aus ihr entwickeln sich, unter- 
stützt von der Erogenität des Auges, Exhibitionismus 
und Schaulust der späteren Jahre, sie ist aber auch 
eine der Wurzeln des Narzißmus, der oft schon zu Ende 
des ersten Lebensjahres in kindlich unverstellter Form zu 
Tage tritt. Die Entfaltung dieser Triebe wird stark beför- 
dert durch die Maßnahmen der Erziehung; das Verbot, sich 
zu entblößen, wird zu oft von einem versteckten Lächeln 
des Mutterstolzes oder befriedigter unbewußter Schaulust der 



*) Scupin 1. c. 1, pag. 4. 



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10 DIE SÄUGLINGSZEIT. 



Erwachsenen begleitet, als daß nicht auch dem kleinsten 
Kinde daraus ein besonderer Reiz erwüchse. Es dehnt seine 
lustbetonten Erfahrungen bei dem harmlosen Spiele des Ver- 
steckens und Sich — Finden — Lassens auf alle Teile seines 
Körpers aus und es ist wohl der nachstehende, von mir be- 
obachtete Fall kein Einzelfall : Ein Knabe von zehn Monaten 
mit dem seine Mutter »Guckguck« spielt, dabei jedesmal ein 
Tuch über den Kopf werfend, ahmt die mütterliche Tätigkeit 
getreulich nach, indem er bei jedem >Da-Da« das Hemdchen 
hochzieht, und dies mit um so vergnüglicherem Aufkreischen, 
je heftiger das »Pfui« der Mutter klingt. Dieses Spiel als un- 
bewußte Exhibition aufzufassen, wird noch einleuchtender 
durch den Zusatz, daß es seit den ersten Lebenstagen dem 
Knäblein nicht an Bewunderung seines Korpers gefehlt und 
daß das Kind schon im sechsten Monat bei der Anwesenheit 
Fremder sich nicht eher zufrieden gab, als bis es entblößt 
vor den Gästen lag. Solche verfehlte Wege in der Erziehung 
werden häufiger eingeschlagen, als man glauben sollte, und 
die Entschuldigung der Eltern, das Kind verstehe es noch 
nicht besser, ist hier ebenso schlecht angebracht als wie 
für manche andere Unterlassungssünden der Erwachsenen 
gegenüber der Jugend. 

Sowie das Kind beginnt, immer größere Herrschaft über 
seine jungen Glieder zu erlangen, wächst auch die Freude an 
den Bewegungen; das Selbstgefühl, der Ausfluß des infan- 
tilen Autoerotismus erwacht mit den ersten geglückten Ver- 
suchen desSitzens, Stehens, Kriechens, Laufens. E.u.G.Scupin^) 
bemerken hiezu in der elften Lebenswoche ihres Kindes: »Seit 
einigen Tagen macht die Mutter mit dem Knaben Sitzübungen ; 
es geht überraschend gut. Diese Übungen machen dem Kinde 
sichtlich Vergnügen, und es fordert dieselben häufig durch 
Schreien und Versuche sich aufzurichten«. Aus dem sechsten 
Monat: 2) »Eine neue Lieblingsbewegung ist das Schaukeln 
des Oberkörpers. Mit einem wahren Schelmengesicht sitzt 
Bubi im Wagen, bückt sich nach vorn, stößt sich mit den 

1) Scupin, 1. c. I, S. 8. 
*) Scupin, 1. c. I, pÄg. 18. 



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DIE SINNESFUNKTIONEN. 11 

Füßen ab und schnellt nach hinten; so schaukelt er mit 
sichtlichem Vergnügen unermüdlich vor und zurück. Auf 
Mutters Schoß sitzend, streckte er die Ärmchen nach den Me- 
tallgriffen des Wagens aus, ergriff sie, und durch Vor- und 
Rückwärtsschaukeln des Oberkörpers, gelegentlich auch durch 
Beugen und Strecken der Arme, schob er den Wagen auf 
und ab, nur dadurch unterstützt, daß die Mutter jeder seiner 
Bewegungen nachgab; dabei setzte er eine unglaub- 
lich geschmeichelte und lächerlich selbstgefäl- 
lige Miene auf.« Das Bewußtsein einer physischen Kraftlei- 
stung bereitet dem Säugling ebensolche Wonne wie dem größeren 
Kinde und aus demselben heraus weist es frühzeitig fremde 
Unterstützung zurück; es genügt ihm die Anwesenheit Er- 
wachsener, von denen ihm Hilfe beim Versagen der eigenen 
Kraft sicher ist, und die — dies ist der Kernpunkt — ihm 
gebührende Bewunderung zollen. Deshalb erlernt auch das 
Kind, dem sich liebevolle Sorgfalt widmet, den Gebrauch 
seiner Muskeln und Sinne um so viel früher und müheloser 
als das lässig betraute. Der hohe Reiz, den Schaukeln und 
Wiegen auf die jüngsten Kinder ausüben, liegt in der »Erzeu- 
gung sexueller Erregung durch rhythmische mechanische Er- 
schüttenmgen des Körpers« (Freud). Das Wiegenkind emp- 
findet die schaukelnde Bewegung seines Wagens so angenehm, 
daß es dabei häufig die ersten vergnügten Lallmonologe ^) 
hält. Und das Jauchzen des Säuglings beim Auf- und Ab- 
schwenken, beim Hin- imd Herkollern*) beweist im Vereine mit 
dem feuchten Glänze seiner Augen und den geröteten Bäck- 
chen den sexuellen Unterton seiner Gefühle. Durch diesen 
erklärt sich auch die dauernde Vorliebe der Jugend für 
Schaukeln jeder Art, und sei es auch nur ein Wippen auf 
der Stuhlkante, wie anderseits die spätere Furcht jnanches 

*) C. und W. Stern, Monographien über die seel. Entwicklung des 
Kindes. I. Die Kinderspraciie pag. 82 : »Mit drei Monaten fängt Günther auch 
beim Spazierengefahrenwerden mit seinem ,Erzählen' an, sogar dann, wenn 
der Kinderwagen durch Vorhänge ganz geschlossen ist. Es ist also nicht der 
wechselnde Gesichtseindruck, sondern die Bewegung, die ihn in geho- 
bene Stimmung bringt.« 

') Shinn, 1. o. pag. 807, 308. 



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12 DIE SiUGLINGSZEIT. 



Kindes vor rhythmischen Bewegungen vermutlieh auf ein Über- 
maß dieses Genusses im ersten Lebensalter zurückzuführen 
ist; denn Furcht ist häufig, wie Ekel immer, eine Reaktions- 
bildung eines voraufgegangenen verpönten Lustgefühls. 

In der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres zeigt sich 
bei der überwiegenden Mehrzahl der Kinder eine so auffal- 
lende Vorliebe für das Betasten ganz kleiner Gegenstände, 
wie Haare, Krümchen etc., daß wir als Ursache dieser Bevor- 
zugung nur eine ganz besondere Tastempfindlichkeit an- 
nehmen können. Das Anfassen winziger Körper, die aufzu- 
nehmen in späteren Jahren überhaupt nur schwer gelingt, 
bereitet dem Säugling offenkundige Lust. Strümpells acht- 
monatigem Töchterchen ^) macht es besonderes Vergnügen, ganz 
kleine Körper, wie Brotkrümchen, Perlen zu erfassen. Auch der 
kleine Scupin bemüht sich, den Eltern einzelne Haare aus- 
zureißen; »er bevorzugt im zwölften Lebensmonat^) besonders 
winzige Gegenstände, einfache und runde Dinge. An einem kom- 
plizierten Spielzeuge interessiert meist nur eine Schraube, ein 
Knopf, eine Troddel, eine Schelle ; auf dem Teppich eine Krume, 
im Tischtuch ein Fleck, ein kaum sichtbarer Punkt in der 
Tapete« . Die intensive Beteiligung der Hautnerven am Wohl- 
sein des Kindes erkennen wir auch in seinem Verhalten im Bade ; 
das wollüstige Zusammenkrampfen der Fäustchen, das Zappeln 
mit den Beinen ist eine Lustäußerung, die vielen Kindern bis 
in die Zeit der Reife, ja oft Erwachsenen als unbewußte lust- 
volle Reaktion auf starke physische Reize haften bleibt. Die 
laue Wärme des Bades, der geringe Widerstand der Flüssig- 
keit mag in dem Säugling eine dunkle Erinnerung an seinen 
fötalen Zustand wachrufen und ihn veranlassen, die präna- 
tale Stellung der hochgezogenen Beine und der an den Körper 
gebeugten Arme einzunehmen. Diese Lage wird von vielen 
Kindern jahrelang im Schlafe bevorzugt und das Anpressen 
der gekreuzten Arme an die Brust, wie dies Kinder und Er- 
wachsene beim Anhören gruseliger Geschichten üben, scheint 
mir ein Überbleibsel aus der prähistorischen Periode des 

8) L. V. Strümpell, Psychologische Pädagogik, pag. 369. 
*) Soup in, 1. c. I. pag. 46. 



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DIE SINNESFUNKTIONEN. 13 

Kinderlebens zu sein. Die sexuelle Empfindungsfähigkeit des 
Säuglings äußert sich beim Baden wie bei der sonstigen 
Kinderpflege in nicht zu übersehender Weise. Daß Knaben 
von wenigen Tagen hiebei deutliche Erektionen zeigen, ist 
den Hebammen tägliche Erfahrung und wird der jungen 
Mutter als Zeichen männlicher Kraft rühmend berichtet. Ein 
Knäblein von 13 Tagen benetzte Kinn und Mündchen mit 
einem Urinstrahl imd ein anderes wies bei seinem dritten 
Bade eine starke Erektion, begleitet von symbolischem Fin- 
gerspreizen. Letzteres allein wurde auch von Preyer^) be- 
obachtet, und zwar derart, daß die trockenen Finger gespreizt 
wurden, also die Reaktion nicht durch die Nässe bedingt war. 
»Schon am siebenten Tage,« fährt er fort, »war der Ausdruck 
der Lust bei weit offenen Augen unmittelbar nach dem Bade 
ein anderer. Kein sinnlicher Eindruck irgendwel- 
cher Art ist im stände, zu dieser Zeit einen solchen 
Ausdruck der Befriedigung hervorzurufen.« 

Die starke Hauterotik des Säuglings spricht sich auch 
in seiner Reaktion auf Küsse aus ; solche Zärtlichkeitsbeweise 
werden auf jeder Stelle des Körpers mit dem gleichen Jauch- 
zen und Lachen quittiert,*) bis sich auch hier bald praeva- 
lierende Zonen, Hals, Arme, Beine, bemerkbar machen; 
eigentümlich ist es, daß ganz kleine Kinder häufig Küsse 
auf den Mund mit Saug-^), später mit Beißbewegungen 
(auch wenn noch keine Zähne vorhanden sind) beantworten, 
aber kein Lustgefühl dabei äußern. Nach dem ersten 
Jahre tritt nicht selten eine zeitweise Ablehnung des Küs- 
sens ein. Einer gesteigerten Hauterotik entspricht endlich 
das Stillehalten, ja die deutliche Lustäußerung, wenn die Küsse 
sich in ein leichtes Beißen wandeln. So berichten E. u. G. S cu- 
pin von ihrem kleinen Jungen aus dem sechsten Monat: »Er 
steckte seine Finger in Mutters lachenden Mund, sie biß zu; 



^) Preyer, 1. c. pag. 74. 

*) Scupin, a. a. O. I pag. 20, 74, 106 und 

Shinn, 1. c. pag. 206. 
') Im aktiven Kuß sieht Compayr^ geradezu ein »resouvenir« der Lippen- 
bewegung beim Saugen an der Mutterbrust (1. c. pag. 98). 



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14 DIE SÄUGLINGÖZEIT. 



Bubi hob erstaunt die Augenbrauen und sah sie wie fragend 
an. Als die Mutter nochmals zubiß, krähte er vor Vergnügen 
auf, zog aber sofort das Händchen zurück. Nach einer kleinen 
Pause steckte er von selbst wieder die Finger in Mutters ge- 
öffneten Mund und sah dabei höchst erwartungsvoll aus, sie 
biß, und sofort ertönte sein ausgelassenes Lachen.« M. W. 
Shinn^) spricht die Vermutung aus, daß dem kleinen Kinde 
Essen (= Saugen), Beißen und Küssen anfangs dasselbe be- 
deute. 2) Sicher wird ihm erst spät die wahre Bedeutung des 
Kusses klar, obwohl es gerade im ersten Lebensjahre viel 
hundert Küsse von seiner Mutter empfängt. Es nimmt sie als 
angenehme Reizung der Haut entgegen, weigert sich aber 
häufig, selbst Küsse zu geben. Dies berichten gleicher Weise 
S h i n n wie P r e y e r, während S c u p i n s Söhnchen ^) auf Küsse, 
insbesondere geräuschvolles Küssen, i. e. mit starker, lokaler 
Hautreizung, schon in den ersten Monaten lustvoll reagiert. 
Leises Beißen und Kratzen verursacht dem ganz kleinen 
Kinde nicht nur keinen Schmerz, sondern geradezu Ver- 
gnügen, so daß wir in der Haut- und Muskelerotik eine 
der Wurzeln des Sado-Masochismus, beziehungsweise 
des beim Kinde weit häufigeren Auto-Sado-Masochismus 
erkennen müssen. Tiedemann*) betrachtet den Umstand, 
daß sein Söhnchen im ersten Monat sich heftige Kratzwunden 
und Schläge ins Gesicht beibrachte, als Beweis für die Un- 
fähigkeit, auf dieser Lebensstufe seinen eigenen Körper vom 
fremden zu unterscheiden. Auch Preyer^) sieht in der Zu- 
fügung von Verletzungen am eigenen Körper bloß ein Fehlen 
des Ich-Gefühls beim ganz kleinen Kinde. Wir wissen heute 
aus gewissen Reaktionen des Kindes, daß die aktive und pas- 
sive Zufügung von Schmerz unter bestimmten Voraussetzungen 

^) M. W. Shinn 1. c. pag. 345. 

^ Vgl. hiezu den Volksmund: »Jemanden zum Aufessen gern haben« 
und beim Anblick eines frischen Mädchengesichtes: »Zum Anbeißen 
hübsch«. 

^ Scupin 1. c. pag. 20. 

*) D. Tiedemann, Beobachtungen über der Entwicklung der Seelen - 
fähigkeiten beim Kinde, pag. 10. 

s) Preyer, 1. c. pag. 381-382. 



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DIE SINNESFÜNKTIONEN. 16 

von ihm wollüstig empfunden werden. In der Vereinigung 
sadistischer und masochistischer Lustgefühle am eigenen 
Körper ist die Möglichkeit eines doppelten Genusses ge- 
geben, da das Ich dann Subjekt und Objekt zugleich ist. 
Dies ist vermutlich der Hauptgrund, warum sich die 
sadistische Betätigung des Kindes in den frühesten Tagen 
gegen die eigene Person richtet. Die Lust erfährt noch da- 
durch eine Steigerung, daß das Kind instinktiv die Schmerz- 
grenze einhält, unter der ihm aus dem zugefügten Leid noch 
ein Lustgewinn erwächst. Wenn auch die Säuglingsbekleidung 
heute vielfach dem Kinde unbehinderte Bewegungsfreiheit 
gewährt, so wird es doch täglich fest genug in das Bade- 
laken gehüllt, daß es für Haut und Muskeln nicht an ange- 
nehmen Reizen während des Eingewickeltwerdens fehlen dürfte ; 
diesen Kitzel suchen sich ja ältere Kinder spontan durch Ein- 
schnüren der Extremitäten, durch Kratzen usw. zu verur- 
sachen. 

Unter den autosadistischen Handlungen des Säuglings 
steht das Kratzen, als langehin einzige Möglichkeit der 
Muskelbetätigung, im Vordergrund. Scup ins Knaben^) mußten 
am 1. Tage schon die Händchen eingebunden werden, weil 
das Kind sich das Gesicht zerkratzt hatte; und schon an 
diesem Tage wehrte er sich gegen den Zwang durch 
Strampeln. Der gewaltige Eindruck, den im elften Monat^) der 
Anblick und die Berührung der Bürste auf ihn macht, ist, 
glaube ich, auf Rechnung des Masochismus zu setzen. Wenig- 
stens habe im gleichen Alter bei meinem Neffen dasselbe 
Verhalten beobachtet; mit einem schelmischen »ticht, ticht« 
(^= sticht) tippte er unermüdlich auf die ziemlich groben 
Borsten, und ebenso verhielt sich ein zehnmonatiges Mädchen 
gegen Bürsten; da das Kind in so frühem Alter noch keinen 
Unterschied zwischen »Beseelt« und »Unbeseelt« macht, er- 
scheint ihm die Bürsfe ebensogut als Wesen, von dem es 
sich stechen läßt, wie die Mutter, der es das Händchen hin- 
hält zum scherzhaften Biß. Das leise Stechen verursacht 



*) Scupin 1. c. pag. 1. 
^ Scupin L c. pag. 40. 



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16 DIE SÄUGLINGSZEIT. 



offenbar neben dem Schmerz einen angenehmen Hautkitzel. 
Übrigens gibt es ja nicht wenige Erwachsene, die, ohne Ma- 
sochisten zu sein, angeben, einen mäßigen Schmerz zugleich 
lustvoll zu empfinden. Masochismus und Sadismus nehmen, 
abgesehen von der späteren Jahren eigenen geistigen Form 
des Quälens der eigenen Person wie anderer, verschiedene 
Formen an, von denen ich das Kratzen als ursprünglichste 
bezeichnete. Sowie dem Kinde die Zähnchen kommen, weiß 
es auch diese gegen sich und seine Umgebung kräftig zu be- 
nützen. Das Lutschen verbindet sich häufig mit Beißen, viel 
später erst bedient sich das Kind der Kraft seiner Arme zum 
Schlage, der seiner Beine zum Stoße. In der masochistischen 
Betätigung des Kindes kommt ebenso schon frühzeitig das 
Verlangen nach Mitleid, wie in den sadistischen der Wunsch, 
um seiner Kraft willen bewundert, ja sogar gefürchtet zu 
werden, zum Ausdruck; Mütter und Ammen führen ja häufig 
selbst das Kind zu solchem Spiele, indem sie Schmerz und 
Furcht heucheln beim Schlage und Zausen des Kindes. Im 
sechsten Monat zeigt der kleine Scupin^) deutlich seine sadi- 
stische Ader; er schlägt nach der Mutter, »krallt sich mit 
den Händchen in ihre Nase und reißt daran«, im achten 
Monat »besteht seine neueste Leidenschaft darin, nach den 
Augen seiner Eltern zu greifen; es ärgert und erregt ihn 
sichtlich, daß sie sich jedesmal bei Annäherung seiner un- 
barmherzigen kleinen Hand hinter den Lidern verbergen. 
Mit Wonne zaust er auch in Vaters Bart.« Im neunten 
Monat: »Zerkratzen uns die unbarmherzigen Hände das Ge- 
sicht, so daß wir vor Schmerz aufschreien, so kommt oft ein 
wahrhaft grausames Leuchten in des Knaben 
Augen; die Nasenflügel werden aufgebläht und voll höchstem 
Eifer und Gier fährt er mit seinen Martern . fort, als da 
sind : einzelne Haare ausraufen, in die Augen greifen, zwicken 
und kratzen; streckt man die Zunge heraus, so kräht er 
jubelnd auf und krallt wild die Nägel hinein.« »Wie scharf 
die Zähne schon sind, erfährt bei der täglichen Mundreinigung 



*) Scupin 1. c. pag. 19, 30, 31, 



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DIE SINNESFÜNKTIONEN. 17 



sciunerKhaft Mutters Finger, in den dann das Kind energisch 
und mit geradezu diabolischer Gier hineinbeißt.« Diese 
Proben unbewußter kindlicher Grausamkeit genügen, um zu 
zeigen, wie mächtig dieser Trieb nach Betätigung verlangt, 
wie er sich gerade gegen die Personen wendet, denen auch 
des Kindes größte Zärtlichkeit zu teil wird und wie endlich 
bei seiner Befriedigung des Kindes Züge ebenso Aufleuchten 
und Verzerrung zeigen, wie die des Erwachseaen im sexuellen 
Grenusse. Und wie dieser sich für viele zur höchsten Wonne 
steigert durch die Zufügung von physischem Schmerz, so 
fülxlt auch dicht selten das Kind das Bedürfnis, seine Liebe 
durch sadistische Handlungen zu beweisen. Auch hiefür 
findet sich eine Stelle in S-cupins Tagebuch aus dem elften 
Monat^) anläßlich der ersten Bekanntschaft mit einem um 
^/g Jahr älteren Mädchen: »Während die Kleine ihn gleich- 
mütig anblickte, war das Mienenspiel des Jungen ein außer- 
ordentlich bewegtes: Interesse, Staunen, Freude und eine 
unbeschreibliche Neugier. Als das Mädchen bei seinem Anblick 
plötzlich »Puppe« sagite, erregte ihn die Wahrnehmung, daß 
sie sprach, ün höch^en Grade. Aus Freude darüber, oder 
vielleicht auch nur, um ihr nachzutim, sprudelte er plötzlich 
lebhaft einen unverständlichen Silbenschwall hervor, erregte 
sich dabei immer mehr, und mit einem jähen jubelnden 
Aufschrei schLu:g er ihr plötzlich ins Gesicht. 
Es sollte augenscheinlich eine Liebkosung sein. 
... Dann gelang es ihm noch, ihr mit Heftigkeit ein Biskuit 
aus der Hand zu reißen, darauf auch die Puppe, doch ge- 
schah alles aus einem so lieben&würdigen Übermut und aus 
so glückseliger Stimmung heraus, daß man es unmöglich als 
Wut oder Neid auffassen konnte.« Der früher erwähnte 
kleine Knabe 0. biß und kratzte die Brust seiner Amme bis zu 
heftigen Schmerzäußerungen, die augenscheinlich seine Begierde 
noch erhöhten ; ebenso wurden seine Pingernägel den Haaren 
luid den Gesichtern seiner Umgebung sehr gefährlich. Nach 
einer Umfrage bei Müttern scheint mir auf der ersten 



^) Scapin, 1. c. pag. 44. 
Hug-Hellmuth, Aus dem Seelenleben des Kindes. 



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18 DIE SÄUGLINGSZEIT. 



Lebensstufe das Geschlecht keine Rolle bezüglich der sadi- 
stischen und masochistischen Gelüste zu spielen; wie schon 
eine Reihe von Autoren feststellten, ist jeder Sadist zugleich 
Masochist und umgekehrt. Aber mit dem Hervortreten der 
stärkeren Aggressivität äußert sich auch der Hang zur sadi- 
stischen Betätigung beim Knaben intensiver als beim Mädchen; 
überdies wird sie als echt männliches Attribut bei ihm nicht 
so nachhaltig unterdrückt als beim kleinen Mädchen, an dem 
dieser Zug zur Grausamkeit gegen andere von vornherein 
auf eine heftigere Ablehnung seitens der Pflegepersonen 
trifft. Was beim Knaben als Keim der künftigen Kraft gilt 
und mit Lächeln abgewehrt wird, stößt an dem Mädchen als 
Anzeichen eines un weiblichen Charakters direkt ab. Daß dem 
Kinde lange Zeit trotz des oft grausamen Gesichtsausdruckes 
bei sadistischen Handlungen die Erkenntnis und damit die 
bewußte Absicht fehlt, einem anderen einen Schmerz zuzu- 
fügen, geht aus folgender bedeutsamen Notiz in Scupins 
Tagebuch^) hervor: (Aus dem fünfzehnten Monat) »Oft stößt er 
beim An- und Ausziehen wegen des Stillsitzens wütend mit 
den Füßen oder beißt die Mutter in Arme und Schultern, 
was selbst durch die dicke Kleidung noch recht schmerzhaft 
zu empfinden ist. Als die Mutter einige Male ,au!' 
rief, gefiel ihm das so gut, daß er sich selbst 
kräftig in den Arm biß und nun gleichfalls ,au!* sagte. 
Als er die schmerzhafte Folge des eigenen Bisses am 
eigenen Fleisch verspürte, machte er ein sehr überraschtes 
Gesicht.« 

Entsprechend dem Überwiegen der sadistischen, resp. 
masochistischen Neigung des Kindes entwickeln sich dessen 
Spiele. Keinem aufmerksamen Beobachter entgeht es, daß 
der gesunde Säugling schon in den ersten Lebensmonaten 
auch ohne Zutun der Erwachsenen kleine Spiele ersinnt ; eine 
ihrer Wurzeln liegt in der erwachenden Muskelkraft, die nach 
Entfaltung strebt. Daß diesen ersten Versuchen ein inte- 
grierendes Merkmal des Spieles, der Willensakt, nicht mangelt, 



*) Scupin, 1. c. I. 62. 



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DIE SINNESFUNKTIONEN. 19 

läßt das befriedigte Lächeln beim Gelingen, der unwillige 
Ausdruck der Züge bei fortgesetztem Mißlingen der Bemü- 
hungen erkennen. Alle Muskelzonen können sich an der 
spielerischen Tätigkeit beteiligen, vornehmlich freilich werden 
Greif- und Tastbewegungen in den Dienst des Spieles gestellt. 
Sie werden bis zur Ermüdung fortgesetzt und lösen in der 
kindlichen Seele Gefühle der Lust und der Unlust aus; sind 
sie auch zum Teil rein instinktive Bewegungen, die dem un- 
bewußten Drange nach Muskelarbeit entspringen, so müssen 
wir doch in ihnen die unumgänglichste Voraussetzung zur 
Entwicklung der Sinnesempfindungen anerkennen. Das spie- 
lerische Hin- und Herwenden des Kopfes beim Ertönen eines 
Geräusches, seien es die Glöckchen der Rodel, sei es die 
Stimme der Mutter, die mit ihrem »Guck-guck — da-da« 
dem Kinde das erste Lächeln entlockt, das Haschen der 
kleinen Finger nach den Troddeln des Wagenvorhanges be- 
reitet dem kleinen Menschenkind unendliche Freude und ist 
ihm lust volles Spiel. Und aus dem Spiele schöpft es seine 
ersten Erfahrungen über die Dinge in seiner Umgebung. Es 
lernt sein kleines Ich unterscheiden von der Außenwelt durch 
mancherlei Schmerzgefühl, das ihm diese zufügt. Langsam, 
aber unaufhaltsam bilden sich die Begriffe groß und 
klein, rund und eckig, heiß und kalt, nah und fern. Und 
alle diese neuen Wahrnehmungen sind begleitet von Lust und 
Schmerz ! Was nicht in einer dieser beiden Gefühlsmöglich- 
keiten auf das Kind einwirkt, dafür bleibt es gleichgültig 
und deshalb erfordert es bei vielen Vorkommnissen des 
täglichen Lebens einer so oftmaligen Wiederholung, bis endlich 
irgend eine kleine Abänderung im Verlaufe sie zu einem 
Eindrucke, zu einem Erlebnisse erheben. Gerade in der 
ersten Lebenszeit bedürfen die Sinneseindrücke einer ziemlich 
großen Intensität, um überhaupt apperzipiert zu werden ; 
ihre Stärke muß ein Maß erreichen, das eben im stände ist, 
Lust oder Schmerz auszulösen. Denn schon das Hinwenden 
der Aufmerksamkeit bedeutet dem Säugling eine Quelle des 
Vergnügens, das ihm freilich durch rasche Ermüdung bald 

wieder erlischt. 

2» 



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DIE SiüGLINGSZEIT. 



Unter allen Sihhesgebieten kommt als Spehdeir det Lust 
dem Geschmacksinn die efäte Stelle zu. Daß ich ihn erst 
jetzt bespreche, hat seinen Grund darin, weil gerade et AiÜ 
spätesten in den Dienst des Spieles gestellt wird; denn beim 
Lutschen am eigenen wie am Freihdkörper handelt es sich 
weit mehr um Befriedigung haut- tihd schleimhauterötischer 
Gelüste als des Geschmacksinnes. Er wird ins Spiel terst ein- 
bezogen, wenn sein steter Begleiter, der Ger uchsin n, an deüa- 
selben teilnimmt. Eine Blume riechen und davon kosten 
wollen, scheint dem Kinde eine selbstverständliche Fortsetzung 
seines Tuns. Mit der Entwicklung des Geruchsinnes eirwacht das 
Interesse für die eigenen Defäkationsprodükte, das bei keiiiem 
Kinde fehlt und nicht selten, solange das Kind noch keinen 
Ekel kennt, zur ausgesprochenen Koprophilie wird. Solche 
Säuglinge verstehen es, mit staunenswerter Geschicklichkeit 
zur Entleerung gerade den Augenblick zu benützen, da die 
Fflegeperson das Zimmer verlassen, indes sie sich vordem 
vergeblich hiezu auffordern ließen. Keine bösen Worte und 
Strafen halten den kleinen Missetäter ab, im genußreichen 
S^iel Händchen, Gesicht und Wäsche zu besudeln; ja, es 
kommt auch gelegentlich vor, daß er den tteuen Geschmack 
mit vergnügtem Schmatzen versucht. Anderseits findet oft schon 
frühzeitig — niitünter bei Beihaltting der Vorliebe für die Defä- 
kationsprodükte — eine Verschiebung statt, indem das 
Kind, anstatt die Koprophilie aufzugeben, gewisse Speisen, 
wie grüne und braune Gemüse, Eier usw. , die durch ihre Farbe 
an dieExkrete erinnern, konsequent ablehnt. So zeigte mein 
kleiner Neffe, der tis zum Ende des ersten Jahres ein ausge- 
sprochener Kopro'phile war, plötzlich im elften Monat einen 
deuyichen Ekel Vor Spinat u. a. dunkelfarbigen Gemüseü. Hier 
liegt iiün die Vermutung nahe, daß sein Kindermädchen, das 
allerdings viel unter dieser Neigung ihres Pfleglings zu leiden 
hatte, ihn einmal nach der Art, wie man junge Hunde ulid 
Katzen zimmerrein gewöhnt, strafte; jedenfalls war der 
pilötzliche Wechsel in der Geschmacksrichtung des Kleinen 
ein wenig verdächtig und spätere diesbezügliche Äußerungen 
des Knaben erhärteten die Richtigkeit der Vermutung. "Auch 



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DIP ßINNESFüNKTIpNEN. %1 

^ier, dip er im eisten LebQjisjalji' n^^t f^st gieriger Lu9t 
^ß, ij^dem 3einQ Blipk^ gesp^npt an dem Eil)ech^r hi^g^^, 
wefp;Qrte pr sich plö|iziich im zwölften Mo|xat ?|i e^sw. Ip 
g^flz äbi^liol^er ^eis|9 verhielt si(;j]i der klpinp O. ip seipem 
drittß» J^brp. 

Mit der ^pprophilie steht in engstem Zusammoifhange 
die Anal-, r^sp. !(||e Urethraler otik^) die t^eide in de^ 
Regel mit der Muskelerotik vereint auftj^etep. Fällt auph 
ihre Betätigung als mehr oder weniger erkennbare bewußte 
Absichtshandlj^ng erst in ein,^ ^tw^s 3päter.e ^eit, so äußert 
sich doch auch schon in den ersten Lebensmonatep des 
Säuglings häufig ein gewisser Trotz in der Zurückhaltung der 
Exkrete wie deutliche Zeichen des Vergnügens, wenn die 
Entleerung zur Unzeit erfolgt. Die Lustäußerungen dabei sind 
unendlich verschieden von denen, die bloß durch die körper- 
liche Entspannung motiviert werden; depn bei diesen fehlt 
dem Auge der Schelmenausdruck, die neugierige Erwartung, 
wie die Umgebung auf das unerwünschte Ereignis reagiere. 
Schon das Schreien, das die Pflegeperson oder die Mutter 
herbeiruft, klingt anders, wenn die Entleerung als recht- 
zeitige Folge des Verdauungsprozesses auftritt, anders, wenn 
sie vom Kinde »aufgehoben« wurde; dann bricht es nicht in 
ein klägliches Schreien aus, das Abhilfe aus dem unlust- 
vollen Zustand heischt, sondern es ist ein aus Freude und 
Trotz gemischtes Siegesgeschrei: »Sieh, was mir gelungen!« 
Man könnte meinen, es hieße den Intellekt des kleinen Kindes 
erheblich überschätzen, mutet man ihm solch komplizierte 
Gedankengänge zu; daß dem tatsächlich so ist, beweisen die 
unzähligen Schelmenstreiche der Kleinsten auf diesem Ge- 
biete. So wußte mein Neffe im Alter von elf Monaten seine 
Großtante zum Besten zu halten durch den zur Betreuung 
auffordernden Ruf: »A-a«. Sowie sie die nötigen Veranstal- 
tungen traf, entlief er mit einem neckischen »Na, na« in die 
entfernte Zimmerecke. Solche Vorkommnisse gehören zur 
täglichen Erfahrung in jeder Kinderstube und keine Mutter 



*) ^adger, Üb^r üwthralerotik, Jahrb. f. psycho-an, Forschung II, 



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2« DIE SÄUGLINGSZEIT. 

verkennt die Absicht ihres Kindes, sie so zum besten zu 
halten. Die schwachen geistigen Kräfte des Säuglings sind 
eben stark genug, um ihm alle Verrichtungen seines kleinen 
Leibes zum lustvollen Spiele zu gestalten; Ernährungs- und 
Verdauungsprozeß, die körperliche Pflege liefern hinreichend 
Material hiezu, was auch zugleich eine Erklärung für die 
gelegentliche Teilnahmslosigkeit des Säuglings gegen die Ein- 
drücke der Umwelt gibt. 

n. Die ersten Willensäußerungen. 

Wir haben im vorigen Kapitel gesehen, wie das psychische 
Leben des Säuglings beeinflußt wird durch alle Funktionen 
seines kleinen Leibes, wie ihm diese zu lust- oder unlust- 
betonten Geschehnissen werden, und es kann uns die Wahr- 
nehmung nicht verwundern, daß das Kind unbewußter- und 
bewußterweise herbeizuführen sucht, was ihm einmal Ver- 
gnügen bereitet, abzuwehren, was es als hemmend oder 
schmerzhaft empfunden hat. Aus diesen anfangs instinktiven 
Triebhandlungen entwickeln sich Willensakte, sobald die 
wachsende Intelligenz eine bloße Wahrnehmung mit einer 
zielbewußten Vorstellung verknüpft. Der Wille ist beim 
Kinde Bewegung; fehlt ihm auch noch das beredte Mittel 
des Wortes, seinen Willen kundzutun, so versteht es doch 
durch Schreien, Weinen, Greifen, Tasten und Strampeln 
seinem Verlangen Ausdruck zu verleihen. Die ersten bewußten 
Bewegungen und Tätigkeiten, die wir den Säugling schon im 
zweiten Vierteljahr mit deutlichen Zeichen der Überlegung 
ausführen sehen, müssen wir als primitivsten Ausdruck einer 
Willensregung anerkennen. Lisbesondere bilden die impulsiven 
Bewegungen der Abwehr gegen die Maßnahmen der Körper- 
pflege die erste Stufe der Ausbildung des künftigen Willens. 
Der kindliche Wille ist Eigenwille im engsten Sinne des 
Wortes ; was ihm zuwider läuft, empfindet das Kind als unlieb- 
same Einschränkung der Freiheit seiner kleinen Person. Die 
ersten Äußerungen infantilen Wollens sind also Negierung des 
Willens der Umgebung ; sie bleibt, wenn längst der Wille sich 
in seiner positiven Seite zeigt, als Trotz, als absicht- 



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DIE ERSTEN WILLENSÄUSZERUNGEN. 23 



liehe Schädigung des Nächsten erhalten. Als eine An. 
lehnung an die frühzeitige stumme Opposition des kindlichen 
Willens läßt sich auch die von allen Kinderforschern bestä- 
tigte Beobachtung deuten, daß Kinder das Kopfschütteln eher 
in seiner richtigen Bedeutung anwenden als das Nicken, und 
früher das »Nein« als das »Ja« gebrauchen; das »Nein« ist 
dem Kinde zunächst der Ausdruck des NichtwoUens, es hat 
ausschließlich voluntarischen Charakter, was sich in der bei 
allen Kindern wiederkehrenden Verdopplung »Neinein« 
deutlich ausspricht. Der Protest der infantilen Seele gegen 
jeden Zwang ist so kräftig, daß bei seiner Betätigung die 
Gebärde bald durch das Wort unterstützt wird. Die große 
Rolle, welche der Abwehr bei der Willensentwicklung des 
Kindes zufällt, zeigt sich einerseits klar in der Beobachtung 
der Kinderträume, in denen unerfüllte Tageswünsche Gewäh- 
rung finden, anderseits ist sie als Überbleibsel in der Eigen- 
heit vieler Erwachsener zu finden, ihre Rede stets mit einem 
»Nein« einzuleiten. 

In seinem ersten Lebensjahre schon muß das Kind eine 
so ungeheure Arbeit an Willensunterdrückung, an Verzicht- 
leistung vollbringen, daß uns gelegentliche Ausbrüche von 
Wut nicht in Erstaunen setzen können. Die durch die not- 
wendigen und mehr noch durch überflüssige Maßregeln der 
körperlichen Pflege aufgestaute Energie macht sich dem 
Säugling als Hemmnis fühlbar und ein kleiner Anstoß genügt, 
um Wut- und Zornausbrüche zu zeitigen, vor denen die 
Eltern rat- und hilflos stehen. Ein liebevolles Eingehen auf 
die ersten Willensregungen des Kindes an Stelle der so 
häufig geübten Unterdrückung derselben aus rein egoistischen 
Motiven würde nicht nur die spätere Erziehung erleichtern, 
sondern auch manchem psychischen Übel der Zukunft Keim 
und Boden entziehen. Die größere oder geringere Freiheit 
der Willensbetätigung ist ein wichtiger Faktor für die Cha- 
rakterbildung. Wenn Mütter bei unbeugsamem Trotz ihrer 
drei- und sechs- und zehnjährigen Kinder, dessen sie nicht 
in Strenge, noch in Güte Herr werden, schließlich damit ihren 

;ogischen Mißerfolg entschuldigen, daß sie sagen, so 



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24 DIE SÄÜGLINGSZEIT. 



trotzig und eigenwillig sei das Kind schon in der Wiege ge- 
wesen, so berichten sie nicht allein die Wahrheit, sondern 
sie machen damit auch das Geständnis, daß damals bei dem 
kaum noch Einjährigen der rechte Weg verfehlt wurde, sei 
es durch unangebrachte Strenge oder durch übergroße Ver- 
zärtelung. Während die letztere in der Regel gegenüber dem 
erstgebornen oder gar einzigen Kinde auftritt, das dann in- 
folge der übertriebenen Fürsorge, mit der jedes Verlangen 
erfüllt wurde, sich frühzeitig zum Tyrannen des ganzen 
Hauses aufwirft, herrscht wieder in kinderreichen Familien, 
zumal gegen unwillkommene Spätlinge, nicht selten vom 
Augenblicke der Geburt eine bei aller äußeren Pflege immer 
wieder hervorbrechende Liebeleere der Eltern, die dem Kinde 
zeitlebens ihren Stempel aufdrückt. Seine voluntarischen 
Regungen werden im Keime erstickt. Zorn und Trotz werden 
scheinbar unterdrückt, ohne daß sich die Eltern der Gefahr 
bewußt werden, der sie die Charakterentwicklung des Kindes 
und das einstige Verhältnis des Kindes zu ihnen aussetzen. 
Mancher Vater, der sich rühmt, sein Kind hätte nur ein ein- 
zigesmal offenkundigen Trotz gezeigt und nach erhaltener 
Züchtigung nie wieder gewagt, sich gegen seinen Willen auf- 
zulehnen, weiß nicht, daß er damals den Grund legte zu 
dauernder Entfremdung zwischen sich und dem Kinde. Es 
mag eine solche Wertung als Überschätzung der infantilen 
Seelenkräfte aufgefaßt werden ; wenn man aber bedenkt, wie 
die angstvolle Erinnerung an die erste derbe Züchtigung das 
Kind veranlaßt, seinen Willen dem des Vaters zu beugen, wieviel 
seelische Überwindung es das kleine Menschenkind kostet, 
sich unbedingt und wortlos dem Vater zu unterwerfen, dann 
wird man in solcher die kindlichen Kräfte weit übersteigenden 
Unterdrückungsarbeit die natürliche Ursache zur Gestaltung 
manch bedauernswerten Sonderschicksals erkennen. Nur 
dann, wenn dem Kinde in den weiten Grenzen des für sein 
leibliches und seelisches Wohl Zuträglichen freie Betätigung 
seines Willens gewährt wird, sind die Bedingungen für eine 
glückliche Entfaltung des kleinen Wesens geschaffen. In 4er 
Kinderstube, in der Verständnis und Liebe regieren, geaaügt 



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DIE ERSTEN WILLENSÄÜSZERÜNGEN. 26 

das Verbot, und dieses besohranki; pich im ersten liebens- 
jahre auf rein körperliche Momejjte. Das harte Wort »Du mußt« 
sollte dem Kinde so lange als nur tunlich, unbekani^t bleiben. 
Glücklicherweise hat ja die Natur für das ganz J^leine Kipd in 
seiner noch mangelhaften Auffassung^fähigk^it und seinem 
körperlichen Unvermögen dem Befehle eine Grenze gesetzt. 
Der Ehrgeiz, einer der erziehlich wichtigsten Triebe, 
wirkt schon in frühester Kindheit als mächtiger Stimulns auf 
den Willen. Nicht allein die Lust an der Muskejbetätigung 
läßt den Säugling unermüdlich seine ersten Steh-, Kriech- und 
Gehversuche anstellen, der Ansporn seiner Bemühungen ist 
die Sucht, bewundert zu werden, die Aufmerksamkeit seiner 
Umgebung zu erregen. Mit welchem rührenden Eifer richtet 
sich das Kind auf dem Arme seiner Wärterin zu voller Höhe 
auf, wie stolz und selbstgefällig nimmt es Anerkennung und 
Lob auf über seine Körperstärke; ja, es führt ajle diese 
Situationen, die seiner Eitelkeit schmeicheln, mit Absicht 
herbei, es produziert sich geradezu und verteilt seine Zu- 
neigung je nach dem Grade der gezollten Bewunderung. Ein 
kleines Bauernmädchen von zehn Moniten hebt beim An- 
blicke einer alten Dame, die sich während eines Sommer- 
aufenthaltes gern mit ihm beschäftigte, die Arme, kriecht 
auf sie zu, um mit unermüdlicher Ausdauer sich unter dem 
bewundicrnden Ausrufe der Dame: »So groß ist die Ella«, 
aufzurichten ; in dieser Zeit unternimmt das Kind seine ersten 
selbständigen Gehversuche, nicht ohne jedesmal mit fragenden 
Blicken das Lob der Dame herauszufordern. Ich erwähne 
dieses Falles, der in Familien, in welchen dem heranwach- 
senden Kinde die größte Fürsorge zugewendet wird, tägliche 
Erfahrung ist, besonders, weil er zeigt, wie tief der Ehrtrieb 
in der Kindesseele wurzelt, auch dann, wenn die mütterlich^ 
Obhut sich nicht weiter als auf die unbedingt erforderliche 
köi5)erliche Pflege erstreckt. Die späte Entwicklung der kör- 
perlichen und g^stigen K;räfte bei Kindern^ denen es in den 
ersten Monaten an liebevoller und verständnisvoUbr Sorgfalt 
fehlt, ist auf Rechnung eines spät erwachenden Ehrgeizes 
zu setzen. 



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26 DIE SÄUGLINGSZEIT 



Ein weites Feld zur Betätigung eröffnet sich dem kind- 
lichen Willen auf dem Gebiete der Nachahmimgen ; ihr Zu- 
standekommen erfordert aber bereits einen so hohen Grad 
von Intelligenz, daß ich sie im Anschlüsse an die Ausfüh- 
rungen über den Intellekt besprechen will. 

III. Die ersten Zeichen der Yerstandesentwicklung. 

Das Auge, der Spiegel der Seele, läßt den aufmerksamen 
Beobachter des kleinen Menschwunders schon in den ersten 
Monaten leise Regungen des infantilen Verstandes erkennen. 
Sie stehen im Dienste der Urtriebe der menschlichen Seele, 
des Hungers und der Liebe im weitesten Sinne des Wortes. 
Nahrungs- und Lufthunger erwecken im Kinde ebenso die 
ersten Assoziationen, wie das Zärtlichkeitsbedürfnis und seine 
Befriedigung durch die Mutter die Quelle des Erkennungs- 
aktes sind. Voll Jauchzen verfolgt der Säugling die Vor- 
bereitungen der Mutter zur Stillung und mit feiner Unter- 
scheidung läßt ihn die gleiche Handlung einer anderen Per- 
son gleichgültig ; es kennt bald das Plätzchen, das die Mutter 
einnimmt, wenn sie ihm die Brust reicht; ebenso heftet 
das künstlich ernährte Kind gierig seine Blicke auf das 
Fläschchen, sowie es mit Milch gefüllt wird. Der Affekt, 
welchen der Anblick von Brust oder Flasche im Kinde aus- 
löst, ist Beweis, daß es sich hier um eine Assoziation handelt. 
Tiedemann^) berichtet, daß sein Söhnchen im Alter von 
zwei Monaten vom Weinen abließ, sobald man ihn in die Lage 
des Saugens brachte und sein Gesicht mit weicher Hand be- 
rührte. Daß auch hier eine frühzeitige Assoziation vorliegt, 
war an dem tastenden Suchen nach den Brüsten zu erkennen. 
Übereinstimmende Angaben über das Auftreten dieser ersten 
Gedankenverknüpfung finden sich bei Shinn und Scupin. 
Da dem Kinde die Ausscheidung der Exkrete ebenso lust- 
voll betont ist wie die Nahrungsaufnahme, so ist es nahe- 
liegend, zu vermuten, daß auch jene seinen Geist beschäftigt. 
Und tatsächlich knüpfen sich an diesen Prozeß frühzeitig 

*) D. Tiedemann, Beobachtungen über die Entwicklung der Seelenfähig- 
keiten beim Kinde, pag. 9. 



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DIE ERSTEN ZEICHEN DER VERSTANDESENTWICKLUNG. 27 

Assoziationen. So rief mein Neffe im Alter von elf Mo- 
naten zum großen Vergnügen der Tischgesellschaft beim 
Anblick eines rein weißen Suppentopfes, dessen zwei Henkel 
er offenbar nicht bemerkt hatte, in Erinnerung an den Topf, 
auf dem er seine Notdurft verrichtete, ein freudiges »A — a«. 
Ein siebenmonatiges Mädchen, welches wegen Obstipation 
häufig klystiert wurde, verband mit einer Einlage aus Mo- 
settig-Batist untrennbar den Prozeß der Irrigation, so daß 
man dieselbe seinen Blicken entziehen mußte, um ein hef- 
tiges Sehr ei weinen zu verhüten. Diese ersten an die Nahrungs- 
aufnahme und die Ausscheidungen gebundenen Begriffsver- 
knüpfungen sind wegen der starken Gefühlsbeteiligung so 
dauerhaft, daß sie, wenn auch scheinbar vergessen, im Unbe- 
wußtsein ihren Platz behaupten und beim heranwachsenden 
Kinde zur Ursache jener unmotiviert scheinenden Lachanfälle 
werden, die in der Schule so häufig als absichtliche Ruhe- 
störung bestraft werden. 

Auch der Luft- und Lichthunger, dessen lustvolle Be- 
friedigung sich in freudigem Jauchzen äußert, sobald das 
Kind zum sonnenbeschienenen Fenster getragen wird oder 
sobald es die Rüstungen zum Ausgehen getroffen sieht, gibt 
reichlich Gelegenheit zu bestimmten Assoziationen, wie sie 
Preyer, Shinn und Scupin in großer Zahl anführen. Der 
regelmäßige Ablauf des täglichen Lebens, die oftmalige Wie- 
derholung bestimmter Verrichtungen zur gleichen Stunde be- 
reiten langsam ein Verständnis für den Begriff der Zeit vor, 
noch lange ehe der Erwachsene die Möglichkeit einer rich- 
tigen Auffassung vermutet. In seinem elften Lebensmonat 
verband mein Neffe den Aufbruch aus dem Garten um 9 Uhr 
morgens bereits nach einer Woche ganz richtig mit der darauf- 
folgenden Mahlzeit (einem Ei) ; sowie er zu dieser Zeit in den 
Wagen gesetzt wurde, rief er vergnügt: »Ei, ei«, nachmittags 
hingegen beim Anblick des Hütchens: »Bah, bah«. Als die Mutter 
sein Verständnis prüfte, indem sie einmal nachmittags »Ei, ei« 
vorschlug, wehrte der Knabe ebenso ab, wie vormittags 
den Vorschlag des »Bah, Bah« ; daß nicht das Sättigungs- 
gefühl seine Weigeruüg beeinflußt hatte, bewies der Umstand, 



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13 DIE 8iU0Lnf(}SZ£TT. 

4^^ ^r gewo^q^ waf, vor der Sp^zierf^l^rt pin^ |?ortiQn 
M}Iq)i 2H er Italien. 

^la zweite Quelle ^er infai^tUen fGreiste^tiätigk^it habe ich 
4i^ fjiebe jbezeichnet. Es ist eine bekannte und selbstvör- 
ständlio^e T^tsaohp, daß da9 Kind diejenige Person, jdie sich 
ipit seiner Pflege am intensivstje^i befaßt, die täglich ^d 
st;i^ndli|[^h e^ un^sorgt, am friihesten erkennt, d. h. sie durch 
gewiase Merifmale, die sich den^ kindlichen Yieirstan^.Q m pft- 
m^^ig.er Wiederholung eingeprägt halben, von anderen Personen 
unterscheidet. Dieser Erkennung^akt vollzieht sicl^ ini freu- 
4igßn Anläpheln der Muttpr, im Jauchzen l^eim ]^lange ihrer 
im Ifjöbenzimmer ertönenden Stimme. 

Die kosenden Spiele, die Muttßf )Lind Kind e|:sinnßn, 
fifchaf^en diesem eine Reihe von Gedankenverknüpfungen, die 
f^r 4ie spätere I^indheit, ja für das ganze Leben yo^ größter 
Bedeutung 3in4;4^^^ ^^^ beeinflusse^ ;^is unbewußte EriAue- 
rungsspuren das Liebesleben des Ervjr^chsenen und in ihjfpn 
Wurzeln zum großen Teil all die Eigei^^eiten ]iind Lebens- 
gewoljij^heiten, die da^ Individuum vom Genns unterscheiden. 
Pie Hilfipsiglceit des kleinen Menschenkindes )bedii^gt seipe 
4vsnahmsstellung in der JFamilie; die es sich in ßeinem .enor- 
men |!iiebeshedilrfnis bald zu nutze macht. Es weiß sehr ba^d, 
daß Schreien und Weinen dem lästigen AUein^ein ein Ende 
b^reitet^ und es bedient sich 4^3ier Mittel nicht allein, um 
physischem Unbehagen dureh die Anwesenheit einer liebe- 
vo^Uen Person abzuhelfen, sondern sie werden ihni frühzeitig 
zum Kniff, zur List, die ihm die gewünschte Qesellscjbi^ift 
hierbeirufen. Pie ersten deutlichen Zeichen der Zuneigung 
kommen also auf dem Wege der Verstandesentwicklung ?;u- 
ata^e, ja diese ;ist für sie die conditio sine qua non; .diese 
Behauptung steht nicht in unvereinl;)arem Wider^proich z" 
der oben gemachten, die Liebe sei eine Quelje gewisser g^i' 
stiger Prozesse; Intellekt und Gefühl sind gerade beim klei- 
nen ]^nde ia so .enger Abhängigkeit, daß ihm jede Neu- 
erwerbung auf dem einen Gebiet einen Gewinn auf dem ande- 
re eüUjibringt. Je rfischer die geistigen Kr^te sich entfalten, 
um :S0 intenisiver begi^ont s^^h daß (^ej^ü^ßl^etn d^ ICin^e^ 



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DIE ERSTEN ZEICIJEN DiER VERStANDESENTWIOKLUNG. 29 

ZU r^en, 6iii Entwicklungsgang, dbifa die Erziehuhgskunst 
nicht immfer die richtige Aufmerfcsäifakeit ztiwöndet. Zugleich 
mit den Gefähleii der Sympathie nehmen Wir im Kinde solißhe 
der Abneigung wahr. Auch sie erweisen sich als Ausfluß des 
Liebesbedürfnisses; denn sie richten sich ur^rünglich gegeh 
Personell, von denen das Kiild einien Schmerz, also eine Ver- 
wehrüng der geforderten Liebö im «extremsten Sinne, erfahren 
hat. Die Unangenehme Erfahrun^> die das Kind von der Hand 
des impfenden Arzte« erlitten, veranlaßt es, greine Abüeigübg 
auf Personen ähnlichen Aussehens zu übertragen. Ein lehn 
Monate altes Mädchen^ das zwei Monate vorher von einem 
Arzte mit schönem schwarzen VoilbaW geimpft worden^ 
flüchtet schreiend vor deöi eigenen \lunkelbärtigen Vater, da 
dieser nach mehrmohatlicher Abwesenheit ins Zimmer läitl. Auf 
dasselbe Erlebnis scheint die bis ins lünfte Jahi* währenxle Ab- 
neigung meines Neffen gegen Mämrer mit schwarzem Bart zu- 
rückzuführen. Der affektive Charakter des urgprünglfchen 
Erlebnisses war öo stark, daß er Täuschungen im Erkenhungs- 
akt bewirkte. Auch die Abneigung vieler Kinder gegen 
Katzen scheint auf frühesten Kindheitsassoziationen zu tfe- 
ruhen. Meine SchVester übertrüg itee Antipathie ^egeii 
den Arzt, der sie im zehnten Monat im Harlse touchiert 
hatte, und in eineöi dunklen Pelz erschienen war, auf Katsfen, 
so daß sie noch im vierten Jahre beim unerwarteten Anblick 
eitier solchen in lautes Schreien ausbrach, wozu überdies die 
Übereinstimmung durch eineh schleichenden <}ang des Atztes 
viel beitrug. 

Das Wiedererkennen wird wesentlich von eiöem Zweiten 
erziehlich wichtigen Triebe, der Neu^gier, untei^stützt. Das 
kleine Kind will alles sehen, alles höreh, ^s will alle Sinne 
betätigen beim Anblick eiiier ungewohiiten n^en Sache, 
sobald Ttrir die erste Furcht davor überwunden ist. Die Neu- 
gierde richtet sich -naturgemäß auf alle Veranstaltungen, die 
der körperliehen Pflege Öes Kindes dienen, insbesondere sol- 
che, welche sich ihm mit eirier Lusterwartüng verknüpfen: 
daher 2. B. das gespatetö Lauschen böim PüBen ühd Leeren 
der ^de warnte, welcHes Interesse deutlich den BkxuMten üriter- 



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30 DIE SÄUGLINGSZEIT. 



ton trägt. Scupin, Shinn und Preyer berichten von den 
von ihnen beobachteten Kindern, welch ausgesprochenes Ver- 
gnügen diesen das Gurgeln des Badewassers bereitete. Wenn 
man überlegt, daß diese Vorliebe gerade in die Zeit der er- 
sten Dressur bezüglich der körperlichen Bedürfnisse fällt, so 
ist dieselbe hinlänglich erklärt. Die große Wichtigkeit, welche 
Eltern und Pflegerin dem Ausscheidungsprozeß beilegen, bleibt 
dem Kinde nicht unbemerkt, zumal es gerade dabei nicht 
selten Worte des Lobes erntet, für die seine Eitelkeit keines- 
wegs unempfindlich ist. Da aber dem Kinde der Prozeß an 
sich unverständlich und seiner sinnlichen Auffassung ent- 
zogen bleibt, richtet sich naturgemäß die kindliche Neugier 
auf die Produkte desselben; das Erstaunen und die Selbst- 
gefälligkeit im Gesichtsausdrucke legen die Vermutung nahe, 
daß in dem Kinde bei Betrachtung seiner Defäkations- 
produkte die erste Ahnung seiner selbständigen Schaffens- 
kraft aufdämmert. 

Einer der Grundpfeiler für die Möglichkeit der Er- 
ziehung, ja der allseitigen seelischen Entwicklung des Kindes 
ist der Nachahmungstrieb; es ist schwer zu sagen, wann 
sich derselbe zuerst äußert. Sicher festgestellt sind Nachahmun- 
gen im siebenten Lebensmonat. Sie setzen Willens- und 
Verstandesakte voraus. Diese führen das Kind zu all jenen 
possierlichen Gebärden, die darum so unwiderstehlich wirken, 
weil in ihnen der Gegensatz der ziel- und zweckbewußten 
Handlungen der Erwachsenen und der scheinbar zwecklosen der 
Kinder zu Tage tritt und die Unvereinbarkeit der Äußerungen 
des reifen Verstandes mit dem in seiner endlosen Wieder- 
holung fast automatenhaften Tun des Säuglings in ihrer 
ganzen Komik entrollt wird. Ich habe mich nicht überzeugen 
können, daß diese im frühesten Alter dem Kinde selbst bewußt 
werde, wie dies einige Autoren behaupten. Das kaum ein- 
jährige Kind, das Vaters Hut auf sein Köpfchen setzt, tut 
dies mit dem größten Ernste und ebenso verzieht es vor dem 
Spiegel sein Antlitz zu den lächerlichsten Grimassen, die ihm 
vorgemacht werden, ohne aus der Rolle zu fallen; sowie es 
zu lachen beginnt, ist auch schon das Interesse an der Imi- 



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DIE ANFÄNGE DER SPRACHE. 31 

tation zum größten Teil verloren. Je genauer die Nachahmung, 
desto mehr wird sie dem Kinde zu ernster Beschäftigung. Sie 
ist die erste Form des infantilen Wunsches, »groß zu sein«, den 
ich später noch in anderem Zusammenhang besprechen will. 

Der Nachahmungstrieb ist von größter Bedeutung für 
die intellektuelle Entwicklung des Kindes; ohne ihn wäre es 
unmöglich, dasselbe sprechen zu lehren; ihn benützend, 
lenken wir die Aufmerksamkeit des Kindes auf die Erschei- 
nungen des täglichen Lebens, es lernt das Geräusch des 
fließenden Wassers, das Heulen und Pfeifen des Windes und 
hundert andere Geräusche imitieren, es lernt die ersten 
Spielzeuge richtig gebrauchen und sich vor mancherlei 
Schaden bewahren. Aber auch das Gefühlsleben bleibt nicht 
ganz unberührt von diesem Triebe. Die Äußerungen schein- 
barer Mitfreude und des Mitleids in der Form des Mitlachens 
und -Weinens sind auf der ersten Lebensstufe Nachahmung und 
sie werden erst durch die bereits gewonnene Assoziation der 
genannten Tätigkeiten mit Lust- resp. Unlustgefühl betont, 
was in der späteren Kindheit in dem ansteckenden Lachen 
ganzer Schulklassen noch stärker hervortritt. 

Als eine der frühesten Leistungen des kindlichen In- 
tellekts haben wir die Lallversuche anzusehen, soferne sie 
nicht lediglich Lustäußerungen sind, wie dies Stern^) an 
seinem Söhnchen Günther während der Spazierfahrten bereits 
im vierten Monat beobachtete. Sowie sich der deutliche Wille 
des Kindes zeigt, sich der Umgebung durch einzelne Laute 
oder Silben verständlich zu machen, oder vorgesprochene zu 
imitieren, liegt eine Arbeit des infantilen Geistes vor. Ihre 
Betrachtung führt uns zu einem der wichtigsten Kapitel in 
der Beobachtung der Entwicklung der Kinderseele, zur Ent- 
wicklung der Sprache. 

IV. Die Anfänge der Sprache. 

Es liegen auf dem Gebiete der Erforschung der kind- 
lichen Sprache so vortreffliche Arbeiten vor, daß ich sie nur von 
der Seite beleuchten möchte, wo eine Ergänzung nottut. Es 

*) C. u. W. Stern, Die Kindersprache, pag. 82. 



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^t DIE SÄÜGLIKOMKIT. 



findet »teh in k»in^tti di^el* Werke ÄUch nur eittiö Aödeutung, 
wie si^h die erdten Wortbildungen an die Verri<5litui^n und 
die von def» Natur hiezü bestimmteh Organe knöpfen, welche 
zürn Gedeihen de« Körpers ebenso notwendig sind wie die 
der Nahrungsaufnahme. Obwohl Stern^) schreibt: »Das Kind 
wählt pad^ozentrisch ; seine Umgebung, seine Interessen^ . . . 
Wie auch bei den Tätigkeit^ezeichnungen die Auslese pädo- 
zentrisfch erfolgt, erhellt daraus^ daß Hilde zunächst 
nur Tätigkeiten benennt, die sie selber vollbringt 
lind gern vollbringt . . «, findet sich weder bei ihm 
ÄOCh anderen Kinderforschem ein Vermerk über eine Laut- 
ö^der BilbenwaM für die oben erwähnten Vot^fSnge. Da kein 
Crrund vorliegt anzunehmen, daß den beobachteten Kindenn 
diese Prozeduren niemals Luötgefühle wnd deshalb ihr Interesse 
nicht erregten und ebensowenig, daß ihnen die notwendige 
Dressur ohne Worte beigebracht wurde, so bleibt nur der 
Ausweg, die scheinbare Abnormalität dieöer Kinder durch eine 
s6rgfältige Au^merzung aller »anstößigen« Bezeichnungen — 
nicht a*us der Killdersprache -^ wohl aber aus der wissen- 
schaftlichen Verwertung zu erklären ; denn wie anders ist 'die 
Realität der Kinderstube! Meines Neffen erster Wortschatz 
umfaßte i^ zwölften Monat vier Silben: Ei, A-a, Bah, 
N a - na, den Hauptinteressen seines jungen Daseins ent- 
sprechend, Essen, Verdauen, Schlafen, ins Freie Gehen und 
Kundgeben seines Willens. Und warum sollte auch das 
kleine Kitid, dem noch jedes Verständnis für Ästhetik fehlt, 
aus eigenem Antrieb gerade die sichtbaren Vorgänge des 
Stoffwechsels ^unbeachtet lassen, die ihm von den frühesten 
Tagen Lust- und ünlnstgefühle, Lob und Tadel je nach Er- 
folg und Willfährigkeit einbringen? Nnr das Ehepaar Scupin 
berichtet im Tagebuch über ihr Söhnohen, »daJB es sich 
von jeher für alle Funktionen seines Körpers 
lebhaft interessicTte.« i)er kleine Junge unterscheidet 
siöh in diesöm Ihteresse gewiß nicht von all den anderen 
kleinen JCinderii, die beobachtet wurden und werden. Pur 
jedes Kind ist die Befriedigung der natürlichen Befllh*fnisse 

^) C. u. W. Sterp, 1. c. iJafe. 179, 180. 



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DIE ANFÄNGE DER SPRACHE. 33 

nicht nur als Akt, wie dies auch Compayre zugesteht, eine 
Quelle der Lust, sondern ebenso die Produkte derselben. 
Was aber so intensiv und dauernd den Geist des Kindes 
beschäftigt, dafür sucht er einen Ausdruck, einen Namen zu 
gewinnen, der selbstverständlich auch in keiner Kinderstube 
fehlt. Aus der Anal- und Urethralerotik stammt vielleicht 
der größte und frühest erworbene Teil des Laut- und Wort- 
schatzes des ganz kleinen Kindes. Denn in erster Linie 
sind das Lallen und die frühesten Sprechversuche . Be- 
tätigimg des infantilen Willens zum Zweck von Lust- und 
Ünlustäußerungen und diese sind wieder im stärksten Aus- 
maße an den Verdauungsprozeß gebunden. Natürlich ist auch 
die zweite Wurzel der Sprachentwicklung, die Nachahmung, 
in ihrer emiinenten Bedeutung nicht zu übersehen. Aber 
hier handelt es sich in diesem Alter ja wieder vornehmlich 
um die Bezeichnungen der körperlichen Funktionen. 

Daneben die ganze Stufenleiter von Zärtlichkeitslauten, 
mit denen jede Mutter, vielleicht unbewußt, aus den Erinne- 
rungsspuren ihrer eigenen Urzeit schöpfend, ihr Kind ergötzt, 
besänftigt, einschläfert — bei aller Unverständlichkeit eine 
Sprache voll Liebe und Logik, das rechte Bindeglied zwischen 
Mutter und Kind. Es liegt vielleicht ein tiefer Sinn in dem 
Stammeln des Knaben, der, so oft er unglücklich war, »ma-ma«, 
in froher Laune »da-da« rief! Ist doch in allem Schmerz die 
Mutter diejenige Person, die zuerst herbeieilt, den Liebling 
tröstet und dem Unheil abhilft, indes der Vater (im ersten 
Lallen des Kindes häufig »da-da« genannt) mit dem Kinde meist 
scherzt, sich mit ihm also in der Regel in fröhlicher Stimmung 
beschäftigt. Daß Kinder oft so lange an den Lailauten des 
ersten Jahres festhalten, ja daß diese im Leben der Erwach- 
senen im Moment des höchsten Liebesgenusses wiederkehren, 
ist die Erinnerung an das wortarme, durch Gebärden und 
sinnlose Laute bekundete Liebesbedürfnis und -Verständnis 
in der allerersten Kindheit. Die unleugbare Tatsache, daß 
jedes Erlebnis, das dem Kinde in sexueller oder erotischer 
Weise einen Eindruck macht, auch zur Bereicherung seines 

Hug-Hellmuth, Aus dem Seelenleben des Kindes. ^ 



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34 DIE SÄUGLINGSZEIT. 



Wortschatzes beiträgt, wird leider als unwesentlich beiseite 
geschoben. 

Eine besondere psychische Bedeutung kommt den Lall- 
monologen und der E c h o 1 a 1 i e des Kindes zu. Die ersteren 
zeigen in ihrem an bestimmte Situationen gebundenen Auf- 
treten deutlich ihren Zusammenhang mit dem Gefühlsleben; 
sie sind fast bei allen Kindern beim sanften Wiegen im 
Wagen, bei den Schaukelbewegungen auf dem Arme der 
Mutter, aber auch als Nachwirkung von Zorn und Enttäuschung 
zu beobachten. In diesem Falle sind dem Kinde die Lall- 
monologe ebenso ein Ersatz für einen wider Erwartung 
verweigerten Liebesbeweis, wie wir dies früher von Ludein 
gehört haben. Die Muskeltätigkeit gewährt ihm soviel Lust, 
daß es bald auf die ursprünglich begehrte Sache vergißt, 
d. h, verzichtet. So bildeten meinem kleinen Neffen gewisse 
Silbenverbindungen ä bä bä — bä bä rrr — von seinem sieben- 
ten bis dreizehnten Monat eine unermüdlich wiederholte Ab- 
wehrreaktion gegen Abstellung onanistischer Akte. In treffen 
der Weise charakterisiert SuUy^) die starke Gefühlsbetonung 
des Lallens für das Kind: »Das Kind hört die von ihm her- 
vorgebrachten Laute und sie gefallen ihm.« (In der zweiten 
Auflage der deutschen Übersetzung 1897 findet sich an dieser 
Stelle der noch weit bezeichnendere Ausdruck »und er ver- 
liebt sich in sie«.) »Von diesem Augenblicke an beginnt 
er das Lallen aus Freude, welche dieses bringt, fortzusetzen. 
Wir sehen den Keim eines solchen, das Vergnügen suchenden 
Lallens in den weitschweifigen Wiederholungen desselben 
Lautes.« Das Kind gelangt ins Stadium der Echolalie, bei 
welcher neben den in ihrer oftmaligen Wiederkehr lustvoll 
empfundenen Muskelbewegungen im Rhythmus ein neuer 
lustauslösender Reiz zu suchen ist. Gleichzeitig bietet sich 
dem Nachahmungstrieb Gelegenheit zur Betätigung. Die 
starke Beteiligung des infantilen Narzißmus spricht sich ge- 
rade bei den ersten sprachlichen Neuerwerbungen am unver- 
hohlensten aus. Das kleine Bauernmädchen Ella, das durch 

*) J. SuUy, Untersuchungen über die Kindheit; deutsch v. Stimpfl 
pa^-. 113. 



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ENTWICKLUNG DER ETHISCHEN GEFÜHLE. 85 

die liebevolle Beschäftigung seitens einer alten Dame im 
zehnten Monat erst zu einigen Lallversuchen angeregt wurde, 
wiederholte die imitierten Silben unermüdlich und mit deut- 
lichen Zeichen von Stolz und Selbstzufriedenheit. Ähnliches 
enthalten die Aufzeichnungen Scupins^) über den Eindruck 
der Echolalien ihres Bandes auf dasselbe. Das »verschmitzte 
Lächeln« vor dem Versuche, die »komisch- wichtige Miene« 
während desselben lassen keinen Zweifel, wie intensiv das Ge- 
fühlsleben durch die ersten intellektuellen Leistungen beein- 
flußt wird. 

V. Entwicklung der ethischen Oeftthle. 

Noch lange bevor dem Säugling der sprachliche Aus- 
druck seines emotionellen Lebens möglich ist, verraten uns 
Gesten und Mimik das Erwachen der Gefühle. Auf diese 
Weise vermag das Kind frühzeitig seine Zu- und Abneigung 
auszudrücken. Wir sind häufig eben wegen der Un Vollkom- 
menheit der Mitteilungsfähigkeit auf dieser Lebensstufe ganz 
im Unklaren, warum das Kind sich zu einer Person hinge- 
zogen fühlt, indes eine andere ihm deutlich einen Wider- 
willen einflößt. Der tiefste und wichtigste Grund hiefür mag 
wohl in einem unbewußten Vergleiche mit der allerersten 
Pflegeperson, in der Regel der Mutter, liegen; das Kind sucht 
dieselben Handreichungen, dieselbe Stimme, Statur, ja die 
gleichen Bewegungen wie bei ihr, und das Fremde, das sich 
ihm an unbekannten Personen aufdrängt, empfindet es als 
Neuartiges, Feindseliges (Neomismus). Freud hat nachge- 
wiesen, wie die Objektwahl des Mannes meist zurückgeht auf 
die Person der Mutter und ähnliche Beziehungen gelten für 
die Gestalt des Vaters im Liebesleben des Weibes. Die Sonder- 
stellung von Vater und Mutter im Gemütsleben des Kindes 
ist durch das Familienleben bedingt. Daß auch bei Kindern, 
die ihre erste Jugend fern von ihnen verbrachten, sich oft eine 
schwärmerische Liebe zum einen oder anderen Teil entwik- 
kelt, hat seine Ursache in zweierlei: Erstens wird dem Säug- 



*) Scupin, 1. c. I. pag. 33. 

8* 



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86^ DIE SAUGLINGSZEIT. 

ling niemals von fremden Wartepersonen eine Zuneigung 
in so hohem Maße geschenkt wie von den eigenen Eltern und 
niemals in dem Maße, als sie der Liebesbedürftigkei^ des 
Kindes entspricht. Zum zweiten aber fühlt das heran- 
wachsende Kind diesen Mangel doppelt, wenn es seine 
Altersgenossen im liebewarmen Kreise der Familie auf- 
wachsen sieht. Die Meinung, daß die infantile Seele die 
allerersten Regui^en. der Zuneigung den Eltern zuwendet, 
widerspricht nicht der Freu d sehen Auffassung, die Säuglings- 
zeit sei die Periode reinen Autoerotismus. Weil dem Kinde 
sein Ich Mittelpunkt alles Geschehens, Empfindens, Fühlens 
ist, wendet es seine juage Liebe natuargemaß. den Personen 
zu, die sich vom Anbeginn seiner Pflege widmen. Es trifft 
die Objektwahl unbeschadet seiner paedozentrischen Welt- 
auffassung; ja sie ist eine Folge derselben. So oft aber dem 
Säugling weniger Liebe zu teil wird, als es seinem Verlangen 
entspricht, sucht er Ersatz in seinem eigenen Ich. Das ego- 
zentrische Gepräge des infantilen Gefühls- und Geisteslebens 
wird durch das Übermaß der elterlichen Zuneigimg noch ver- 
stärkt und tritt oft schon in der zweiten Hälfte des ersten 
Jahres als deutliche Eifersucht zu Tage. Tiedemanns 
Sohnchen ^) geriet mit acht Monaten in die größte Aufregimg, 
als seine Mutter scherzweise ein fremdes Kind an ihre Brust 
legte. Das Kind fühlt sich auf dieser Lebenssttufe bereits so 
innig verknüpft mit der Mutter, die ihm Quelle der Nahrung 
und noch mehr der Lust ist, daß er auf ihren Besitz nicht 
verzichten will. Aus diesem Verhältnis entwickelt sich wahr- 
scheinlich das erste Verständnis für den Begriff des Eigen- 
tums, das ja wesentlich durch die oft gehörte beliebte Frage 
der Eltern: »Wem gehörst du denn?« gefördert wird. Was 
dem Kinde zu eigen ist, darauf verzichtet es nicht ohne hef- 
tige Gegenwehr, vor allem aber begibt es sich nicht frei- 
willig der Fürsorge und Liebe der Mutter. So kommen all 
die kleinen Listen zu stände, durch die schon der Säugling 
die Mutter in ihren häuslichen Beschäftigungen stört ;^ er ver- 



^) Tiedemann, 1. e. paig. f4. 



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ENTWICKLÜKG DER ETHISCHEN GEFÜHLE. 87 

■. ^.. ^.. — ^... — . — ^ — . — -- ■■ . _ ^ ^ _■ ■ 

Steht es, die körperlitjhen Bedürfnisse «tets während der 
Mahlzeiten der Erwachsenen, da er sich der allgemeinen Auf- 
merksamkeit entrückt merkt, Terrichten zu müssen und die 
Mutter, sowie sie sich abends zur Ruhe gelegt, durch heftiges 
Schreien zu sich zu rufen. Aus all diesen Veranstaltungen 
spricht klar das hohe Liebesbedürfnis, ja die Eifersucht des 
Kindes, die Mutter solle sich nicht hiit anderen Dingen be- 
schäftigen, sondern ihre ganze Liebe ihm zuwenden. Dies 
wiss^i auch die einfachsten Mütter genau, wie ihr häufiges 
Schelten: »Wie ich nur aus dem Zimmer gehe, schreit der 
Fratz 43chon !« beweist. 

Gleich der Eifersucht entspringt auch der Zorn dem 
unbefriedigten Liebesverlangen des Kindes. Da diesem die Auf- 
fassung für die Gründe des Versagens fehlt, so bedeutet ihm 
ein solches einen Mangel an Liebe, den es mit Wutausbrüchen 
beantwortet und zugleich sind ihm diese eine lust volle Betätigung 
seiner Muskelkraft; schon längst ist dem Kinde die zomaüs- 
lösende Ursache entschwunden, aber noch tobt und strampelt 
es bis zur physischen Erschöpfung. Auch das Steifmachen des 
Körpers, das bereits im zehnten Monat geübt wird, ist sowohl 
ein Ausdruck zornigen Eigensinns als einer starken Muskel- 
erotik, Das Ehepaar Sc upin^) berichtet von seinem Jungen aus 
dem siebenten Monat : » . . . In ähnliche Wut gerät das Kind, 
wenn man es in den Wagen setzen will, während es gerade 
den Wunsch hat, getragen zu werden. Es bekommt alsdann 
einen roten Kopf, quietscht heiser und macht den Körper 
hartnäckig steif, so daß es geradezu eine Unmöglichkeit wird, 
es niederzusetzen. Weil sich die Mutter durch diese energische 
Willenskundgebung mehrmals bewegen ließ, dem Knaben den 
Willen zu tun, hat er sich wohl den Erfolg des Steifstrek- 
kens gemerkt, denn wir beobachteten in letzter Zeit häufig, 
daß er bei heftigem Verlangen nach etwas plötzlich den Kör- 
per steif machte und sich nach hinten warf, als erwarte er 
von dieser eigensinnigen Bewegung einen Erfolg.« Auch 
schon im sechsten Monat übte er dieses Steifmachen des 



') Scupin 1. c. I., pag. 21. 



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38 DIE SÄUGLINGSZEIT. 



Korpers, sobald er des Alleinseins überdrüssig, nicht sofort 
die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Umgebung auf sich 
gerichtet sah. Aus dieser Zeit^) berichten die Eltern, wie das 
Antlitz des Knaben deutlich die ihn gerade beherrschenden 
Affekte, Zorn, Eigensinn, Furcht, Mutwille, Enttäuschung 
spiegelt. Solche Beobachtungen widersprechen in ihrer psy- 
chischen Deutung der Auffassung P r e y e r s, der in derartigen 
Bewegungen, die er zwar selbst als Mittel gegen gewaltsames 
Hinlegen bezeichnet, keine selbständige Überlegung erblik- 
ken will. 

Erwägen wir die Mannigfaltigkeit und die Konsequenz, 
mit welcher bereits der Säugling um Liebe wirbt, wie sein 
Verlangen nach ihr die Form der Zärtlichkeit, der Eifersucht, 
des Zornes, der List annimmt, wie der ungestillte Liebestrieb 
sich in Stunden des Trotzes auf die autoerotische Befriedi- 
gung zurückzieht, so leuchtet uns die hohe Bedeutung der 
Eltern-, namentlich der Mutterpflichten ein. In ihrer 
Erfüllung ist das Fundament gegeben, auf dem sich der Cha- 
rakter des Menschen entwickelt. Es bedeutet einen dauernden 
Mangel an Liebe, eine ewig währende Sehnsucht nach diesem 
Gefühle im reifenden und erwachsenen Menschen, wenn sie 
in der allerersten Kindheit gefehlt. Von jedem liebevollen 
Blick, jeder sanften Berührung, die dem Säugling zu teil 
wird, bleibt eine Erinnerungsspur und all diese freundlichen 
Eindrücke verweben sich zum lichten, strahlenden Hinter- 
grund, von dem sich die hellen und dunklen Töne des spä- 
teren Lebens abheben. Hat auch der Mensch keine greifbare 
Erinnerung an jene ersten Monate, so sind sie dennoch nicht 
wirkungslos geblieben für seine seelische Entwicklung. In 
die Träume der Erwachsenen, die dem Laien ganz unerklär- 
lich und ungereimt dünken, senden sie zarte Fäden und er- 
füllen diese mit Wünschen der frühesten Kindheit; so hat 
W. St ekel in seiner »Sprache des Traumes« nachge- 
wiesen, wie die sogenannten Ammenträume bis ins erste Lebens- 
jahr zurückgreifen. Ich kann dies aus meinen eigenen Erfah- 
rungen bestätigen. Bis vor kurzem hatte ich wiederholt einen 



*) Scupin 1. c. I., pag. 18, 



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ENTWICKLUNG DER ETHISCHEN GEFÜHLE. 39 

recht quälenden Traum, der der Freud sehen Auffassung, jedem 
Traum liege eine Wunscherfüllung zu Grunde, zu widerspre- 
chen schien : Ich träumte nämlich, daß ich mich bald in einem 
Park, bald in einem Wohnraum mit einem von Nervenkrämp- 
fen befallenen Mädchen, das sich mir in der zudringlichsten 
Art anzuschmiegen suchte, befassen sollte. Die starke Auf- 
regung beim Erwachen und die mehrere Stunden anhaltende 
Depression infolge des aus dem Traume bewahrten Bildes 
der verzerrten Gesichtszüge des Kindes ließen den Gedanken 
eines Traumwunsches nicht aufkommen. Eine eingehende 
Selbstanalyse aber ergab, daß hier eine Identifikation mit 
mir selbst vorlag; als Kind von 2 bis 4 Monaten litt ich an 
den heftigsten Fraisenanfällen, infolge deren ich ununter- 
brochen schrie und deshalb fortwährend auf dem Arme her- 
umgetragen wurde. Es ist die Vermutung nicht ausgeschlos- 
sen, daß diese Anfälle hysterischer Natur waren oder min- 
destens einer solchen Komponente nicht entbehrten; wurde doch 
ein Symptom derselben durch viele Jahre festgehalten, ein 
nervöser Kopfschmerz, bei dem ich ebenso mit dem Kopfe 
das Kissen zerwühlte, wie ich — nach Angabe meiner Eltern 
— damals nicht eher vom Schreien abließ, als bis mein Kopf 
über den ihn stützenden Arm nach rückwärts hinabhing. Mit 
diesem Traum suchte mein Unbewußtes sich in die ersten 
Wochen der Kindheit zu versetzen, um mir so viel Liebe zu 
sichern, wie sie einem nur in Tagen schwerer Krankheit, zumal 
in der Kindheit, zu teil wird. Seit der Zurückführung dieses 
Traumes auf seine infantile Wurzel stört er nicht wieder meine 
Nachtruhe — ein klarer Beweis für die Richtigkeit der Lösung. 
Da die Hilflosigkeit des Wiegenkindes stets den neuen 
Ankömmling zum Mittelpunkt der Familie macht, so spielt in 
diesem Alter die für die folgenden Jahre so bedeutsame 
Stellung des einzigen Kindes noch keine hervorragende 
Rolle. Dagegen gehen Zwillinge in ihrem psychischen 
Werden einen besonderen Weg, was sich beim Ablauf der 
ersten seelischen Regungen zu erkennen gibt und dem ganzen 
Leben einen bestimmten Grundton verleiht. Die Merkzeichen 
dieser besonderen Entwicklung zeigen sich dem aufmerksamen 



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40 DIE SÄUGLINGSZEIT. 



Beobachter schon um die Mitte des zweiten Halbjahres. Vor 
allem kommt es hier nicht selten zu ausgesprochenen Eifw- 
suchtsszenen. Das Stillungsgeschäft, das Bad bieten dem kleinen 
Erdenbürger reichlich Gelegenheit, eine Bevorzugung deis 
Zwillingsgeschwisters durch lebhaften Protest zu vereiteln. 
So kenne ich zwei Knaben, von denen der eine während des 
Badens des anderen aus dem Zimmer getragen werden mußte, da 
er die Beschäftigung mit jenem als eine Zurücksetzung seiner 
eigenen Person ansah. Derselbe Junge duldete nicht, daß 
die Mutter seinem Bruder eher die Brust reichte, als er seine 
Nahrung von der Amme empfing. Möglicherweise empfand 
er von einem bestimmten Zeitpunkte ab die Tatsache an si<5h, 
nicht auch von der Mutter genährt zu worden, da sie beiden 
sonst die gleiche Zärtlichkeit zuwandte, als einen Mangel an 
Liebe. Beim zweiten Knaben entwickelte sich eine reine, von 
aller Eifersucht freie Zuneigung zum Bruder, die selbst eine 
zeitweilige Trennung der Kinder unmöglich machte. Die 
beiden Knaben, jetzt siebenjährig, haben im großen und 
ganzen die Grundzüge ihres damaligen Wesens bewahrt, in- 
dem sich beim einen eine rührende Liebe und Abhängigkeit, 
beim anderen eine von stets wachsender Eifersucht getrübte 
Zuneigung entwickelte. In ähnlicher Weise vollzieht sich auch zu- 
meist sich die psychische Entfaltung weiblicherZwillinge. 
Ganz anders verhalten sich Zwillinge verschie- 
denen Geschlechts. Bei ihnen tritt schon in den letzten 
Monaten des ersten Lebensjahres ein ausgesprochen ero- 
tisches Verhältnis in den Vordergrimd. Die Mutter zweier 
solcher Kinder bezeichnete mir gegenüber deren Verhalten 
gegeneinander als »geradezu verliebt«. Zur Zeit, da sie 
begann, ihnen die ausschließliche Milchnahrung — sie 
hatte beide Kinder selbst genährt — durch gemischte 
Kost zu ersetzen, wurde der Knabe nicht müde, seinem 
Schwesterchen von jeder Speise etwas abzugeben, ehe er sie ver- 
zehrte ; eins wollte ohne das andere nicht spazieren gefahren 
werden. Die Liebe des Knaben nahm schon im zehnten bis 
elften Monat einen bewundernden, die des Mädchens einen 
hingebenden Charakter an, Züge, die sich später noch be- 



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ENTWICKLUNG DER ETHISCHEN GEFÜHLE. 41 

I ■ . I . I II I , ,1 1 J I 1. - ■ . -■■ ■_- 1 ' 1^ . - I I I-'' J u — ■' ■ 

deutojad verstärkten und den Zwillingen bald die Besmelinung 
»Liebespaar« eintrugen. 

Es wäre für die spätere Entwicklung von Zwillingen 
von hohem Werte, ihre Kindheitsgesi^chte genau aufzu- 
zeichnen. So ließen sich daraus zum großen Teil die so häufigie 
Einseitigkeit dieser Menschen, ihr stetes Abhängigkeitsgefühl 
und -bedürfnis, ihr scheues, stilles Wesen und endlich ihre 
Unfreiheit im Liebesleben erklären. 

Eine der frühesten rein egoistischen Gemüt^bewegunge^ 
des Kindes ist die Furcht. Sie entstammt der Intelligenz 
und der Phantasie; beschränkt sich die erstere beim Säugling 
auch noch auf die primitivsten Vorgänge der Assoziation und 
ist die Arbeit der letzteren infolge des Mangels der Wort- 
sprache für die Umgebung kaum bemerkbar, so müssen doch 
Ideenassoziationen und leiseste Vorstellungen von Glefühlm 
vorhanden sein, die im Säugling Furcht auslösen. Insbesondere 
scheint ihm alles Neue Unlustgefühle zu erregen, die der 
Ausdruck »einer instinktiven Ahnimg eines möglichen Übels« 
sind. Neben der Neophobie ist dem Kinde charakteristisch 
die Furcht vor der Dunkelheit, die allerdings in d^r 
Regel im ersten Jahre noch selten auftritt, wiewohl gerade in 
diesem Alter durch die allgemein verbreitete Gepflogenheit» 
den Säugling das Schlafzimmer der Eltern teilen zu lassen, 
der Grund zu ihr gelegt wird, was ich an späterer Stelle 
erörtern werde. Weit früher als die Furcht vor der 
Dunkelheit zeigt sich die vor Strafe; sie ist die Wurzel 
des Schuldbewußtseins; sie stellt sich ein, sobald das Kiud 
im Stande ist, zu erinnern. Das Zurückschrecken des Säugliugs 
vor der schlagbereiten Hand ist nicht allein instinktive Ab- 
wehr, sondern es weist auf recht komplizierte Denkprozesse 
hin. Aber gerade die Furcht vor Strafe entbehrt nicht der 
masochistischen Wollustkomponente. Das Kind fordert durch 
die Wiederholung verbotenen Tuns förmlich die Ahndung 
desselben heraus. Der Schmerz, den ihm der Schlag verur- 
sacht, der in der Regel kaum die Grenze einer etwas heftigen 
LiebkosuAg überschreitet, ist häufig gering im Vergleiche 
mit der Lust aus der Reizung der erogenen Zonen — Gesäß 



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42 DIE SÄUGLINGSZEIT. 



und Handflächen — ; und es sind gewöhnlich bloß der strenge 
Gesichtsausdruck und die begleitenden Scheltworte des Strafen- 
den einziges Erkennungszeichen, daß es sich nicht um eine Zärt- 
lichkeit handelt, und erst diese Erkenntnis löst das Weinen 
und Schreien aus. 

VI. Die Träume. 
Da dem Kinde im ersten Lebensjahre das mächtigste 
Mittel der Verständigung, die Sprache, noch ganz mangelt 
oder es diese bloß in wenigen die unmittelbare Umwelt be- 
zeichnenden Lauten und Worten handhabt, bleibt uns ein 
tieferer Einblick in sein psychisches Leben während des 
Schlafes versagt. Wir können nur aus gewissen Bewegungen 
und Lall-Lauten schließen, daß auch auf dieser Entwicklungs- 
stufe der Schlaf nicht traumlos verläuft. Man könnte die 
Bewegungen als ausschließlich reflektorische ansehen, wenn 
sie nicht häufig den Charakter des Gewollten deutlich an 
sich trügen. Sobald wir ausdrückliche Greif- und Tastbewe- 
gungen des schlafenden Säuglings wahrnehmen, die von einem 
Lächeln oder lauten Lachen, von weinerlichem Stirnrunzeln 
oder kleinen Zornlauten begleitet sind, dann werden wir in 
der Annahme, das Kind träume, kaum einen Trugschluß 
machen. Wenn ein zehnmonatiges Kind, welches dem 
neuen Kindermädchen eine so starke Sympathie entgegen- 
bringt, daß es nur mehr von ihm betreut sein will, täglich 
vor dem Erwachen seinen Notruf »A-a« ertönen und sich 
dann beschmutzt auffinden läßt, so erkennen wir in solchem 
Handeln unschwer den Mechanismus der Bequemlich- 
keitsträume späterer Kinderjahre. Das Kind träumt, die 
notwendigen Vorbereitungen seien schon eingeleitet und durch 
diese Vorspiegelung erkauft das Unbewußte ein Recht, das 
dem Kinde im Wachen verwehrt ist und Strafe nach sich 
zieht; ebenso dürfte der Säugling durch die Freiheit des 
Traumes die Zeitfolge in seinem Handeln vortäuschen, indem 
er erst ruft, wenn er bereits sein Bedürfnis befriedigt hat. 
Ich kann dem Einwand nicht beipflichten, daß dem Kinde in 
diesem frühen Alter der Intellekt zu so komplizierten 
Schlüssen fehle und daß es einfach durch das Gefühl der 



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DIE TRÄUME. 43 



Nässe und des Unbehagens aus dem Schlafe geweckt werde. 
Bedenkt man, wie witzig der beschränkteste, wie phantasie- 
reich der nüchternste Erwachsene sich mitunter im Traume 
zeigt, so darf man ruhig annehmen, daß Denkprozesse, wie 
wir sie ja auch im Wachleben des Säuglings kennen ge- 
lernt, dem Traume nicht fehlen, der allein verbotenen 
Wünschen keine Versagung setzt. Die Wunscherfüllung, zu 
der der Traum des Erwachsenen, ja schon des größeren 
Kindes, nur auf weiten durch die Zensur vorgezeichneten Um- 
wegen führt, tritt beim ganz kleinen Kinde unverhüllt zu 
Tage. Ein elfmonatiger Knabe, der seine erste Peitsche be- 
kommen, machte im Nachmittagsschlafe deutlich Peitschbe- 
wegungen und versuchte mit Lippen und Zunge die von den 
Erwachsenen gehörten Schnalzlaute zu imitieren durch ein 
leises »Hit, hit«. Ein Mädchen, das wenige Tage vor Vollendung 
seines ersten Lebensjahres aufs Land gebracht, daselbst am 
ersten Tage unaufhörlich in einem Wasserbottich geplantscht 
hatte, wiederholte diese Bewegungen in der darauffolgenden 
Nacht und ließ dabei ein vergnügtes Lachen hören. Solche 
offenkundig lustvolle Träume bekundet auch das Schmatzen 
mit den Lippen, das wahrscheinlich auf der Vorstellung des 
Saugens beruht. Und da wir wissen, daß es sich bei der 
Benützung der Peitsche um sadistische Gelüste handelt, die 
große Vorliebe der Kinder für das Wasser auf eine stark 
entwickelte Urethralerotik hinweist, so würde die eingehende 
Beobachtung solch infantilen Traumlebens wertvolle Beiträge 
zur Traimideutung liefern. Auf diese Weise ließe sich als 
zweite oder vielleicht wichtigste Wurzel der Treppenträume, 
die, wie aus dem ruckartigen Zusammenfahren des Körpers 
und dem ängstlichen Gesichtsausdruck während des Schlafens 
zu entnehmen ist, schon im dritten Viertel des ersten Lebensjahres 
auftreten, eine gesteigerte Muskelerotik erkennen. Es würde sich 
dartun, wie auch auf der vorsprachlichen Stufe der latente 
Trauminhalt selten eines sexuellen oder erotischen Motivs ent- 
behrt, ja wie er beim ganz kleinen Kinde eigentlich nicht 
verborgen ist, sondern alles unverhüllt zu Tage tritt, wie 
es empfunden und gefühlt wird. Das Studium der Kinder- 



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DIE BlüGLINGSZElT. 



Ifjbnine wftrde uns ericlären, warum gewisse Traumerlebnlsse 
nüt 4M>lcber Zähigkeit unser ganzes Leben begleiten; iofa 
meine die Träume von unendlichen Wasserflächen, Tom 
Herabstürzen von endlosen Stiegen, die Exfaibitionsträume mit 
ihrer tödlichen Verlegenheit des Träumers, wenig oder nicht 
bekleidet in ^ner Menschenmenge sich zu zeigen. Eben die 
letztgenannten könnten wir wiederfinden in dem Schlaf handeln 
der Kleinsten. Hat doch das Einwickeln des Säuglings am 
Abend keinen anderen Zweck, als eine Erkältung infolge des 
Nacktliegens zu verhindern, um so mehr als die Entblößung 
stets den unteren Leibespartien gilt, indes Kopf und Gesicht 
sieh iest ins Kissen wühlen. 



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Die Spielzeit. 



Die Spielzeit, die goldenen, seligen Kindertage^ welche 
die Dichter preisen als^ Schönstes, das jedem Menschen nur 
eincaal beschieden, reicht mit ihren ersten Anfingen zar&ek 
in das Säuglingsalter, entfaltet sich zur vollen Herrschaft 
in den Jahren, ehe dem Kinde zum erstenmal da« Wovt 
Pflicht mit ehernem Klange seine Fesseln kündet beim Ein- 
tritt in die Schule, und sendet ihre goldenen Fäden in di& 
Stunden, da täglich die Schule ihre Pforten öffnet und unter 
hellem Jubel ein Strom ungestümen Kinderlebens ihrem Zwange 
enteilt. In der köstlichen Zeit von einem bis sechs Jahren aber 
ist das ganze kleine Menschenkind zu nichts anderem und 
nichts Besserm auf der Welt, als zum. Spielen vom Morgen 
bis zum Abend. Ja selbst die Forderungen der Körperpflege^ 
die Ansprüche, die das Familienleben auch den Kleinen schon 
auferlegt, macht es dem Spiel dienstbar und noch in seine 
Träume nimmt es seine kleinen Spielwünsche, um afm näehi- 
sten Morgen in gleicher Weise sein Tagewerk zu beginnen» 
Denk- und Gefühlstätigkeit, jede Willensäußerung steht unter 
dem Zepter des Spieles, jedes Ding wird dem Kinde zum 
Spielzeug; alle Erlebnisse im Elternhause werden in das 
Spielprogramm aufgenonmien und selbst die Tragik von 
Krankheit und Tod verliert dem spielenden Kinde ihren 
Schrecken. 

K. Groos unterscheidet in seinem schönen Buche »D i e 
Spiele derMenschen« die Spiele in ein spielendes Experi- 
mentieren und eine spielende Betätigung der Triebe II. Ordnung. 
In der experimentierenden Beschäftigung sind die sensorii- 
sehen und die motorischen Apparate ebenso tätige wie die 
intellektuellen Fähigkeiten, die Gefühle und der Willen ge^ 
übt werden. Zu den Spielen, in denen die Betätigung» dei)^ 
Triebe U«. Ordnung zum Ausdrucke komafen> rechnet Gro^o^i 



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46 DIE SPIELZEIT. 



die Kampf-, die Liebes-, die Nachahmungs- und endlich die 
sozialen Spiele. All diesen Variationen des Spieles begegnen 
wir schon im zartesten Kindesalter. 

L Der Körper und seine Funktionen im Dienste des Spieles. 
Beim experimentierenden Spielen in der ersten Kindheit 
erfährt der eigene Körper eine besondere Bevorzugung, denn 
er ist Akteur und Zuschauer zugleich bei dieser autoerotischen 
Betätigung. Keine Stelle des Leibes ist zu entlegen, als daß 
aus ihr nicht Lust geschöpft werden könnte, und diese ist 
auch dem kleinsten Kinde Zweck des Spieles. Erstaunen 
und Neugier beim Betasten der Glieder wandeln sich zu heller 
Freude, wenn diese dem Willen des Kindes sich fügen und 
ihm zum lieben Spielzeug werden, das niemand ihm entreißen 
kann. Aber auch dann, wenn längst der eigene Körper von 
der Umwelt scharf getrennt wird, bleibt er der Kinderseele 
voll hohen Reizes. Der schon im ersten Lebensjahre geübte 
Autosadismus findet reiche Befriedigung in den tausendfachen 
kleinen Selbstquälereien des Kindes, die es lachenden Mundes 
sich zufügt. Es fühlt kaum einen Schmerz, wenn es seinen 
Finger immer wieder mit einer Schnur fest umwickelt, bis er 
blau und kalt ist, es schlägt sich »zum Spaß« und reißt sich 
am Haar und freut sich daran. Mein Neffe klemmte im vierten 
Lebensjahre wiederholt seinen Fuß in einen eisernen Schür- 
haken und lief so unter dem lachenden Rufe: »Au, au, ich 
kann's nicht aushalten«, im Zimmer umher. Ebenso läßt sich 
die Überraschung, die ein noch nicht sechsjähriger Junge 
seiner Mutter bereitete, indem er sich mittels einer an der Tür- 
klinke befestigten Schnur jeden zweiten Zahn im Ober- und 
Unterkiefer ausriß, kaum anders als autosadistisch deuten. Es 
gibt vielleicht nicht ein Kind, das nicht — oft bis in die 
Zeit der beginnenden Reife — seine Freude daran fände, 
durch wiederholten Lidschluß und Hineinstarren in eine 
Flamme sich selber zu blenden, wie durch rasches Auflegen 
der Hände auf die Ohren die Geräusche des Alltags zu einem 
Chaos verschwimmen zu machen. Bei all diesem Experimen- 
tieren spielt natürlich der Ehrgeiz, »es am längsten auszu- 



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DER KÖRPER UND SEINE FUNKTIONEN. 47 

halten«, eine große Rolle. Und wer hätte nicht als Kind ab- 
sichtlich von sauren, bitteren Dingen gekostet, deren Geschmack 
ihm bereits unliebsam bekannt war, nur aus Mutwillen, aus 
Prahlerei und Großtuerei? In dieses Kapitel gehört ja auch 
das freiwillige Verspeisen von Maikäfern, Würmern usw. sei- 
tens größerer Kinder, besonders Knaben — natürlich nur vor 
bewundernden Zuschauern. Niemals fehlt Kindern, die sich 
gern in dieser Weise produzieren, eine stark sadistische Ader. 
Weil dem kleinen Kinde anfangs jeder Ekel fehlt und 
später dieser nur an Stelle der durch die Erziehung ver- 
drängten Lust an verpönten Dingen getreten ist, ohne daß 
sie erstorben wäre, beschäftigt es sich nach wie vor gern 
mit den Produkten und dem Vorgange der Defäkation. Das 
ursprüngliche Interesse ist um nichts geringer worden, das 
Kind hat nur in der Regel oft schon im dritten, sogar im 
zweiten Lebensjahre gelernt, es bis zu einem gewissen Grade 
zu maskieren. Aber trotzdem bricht die Freude an allem, 
was mit diesem Prozesse zusammenhängt, gelegentlich un- 
verhüllt durch. Muß aber das Kind auf jede solche Äußerung 
verzichten, dann sucht es mitunter Ersatz in der Enuresis 
nocturna. Ein Knabe von neun Jahren, der sie bis zu diesem 
Zeitpunkt noch geübt, berichtet, wie er mit vier Jahren bei einer 
Tante auf dem Lande lebend, täglich »zu seinem Vergnügen« das 
Bett genäßt habe, weil ihm das Liegen im Warmen und das 
Trocknen des Leintuchs unter dem angepreßten Körper so 
wohlig gewesen sei. Dabei habe er »gespielt«, er bekomme 
warme Umschläge, wie seine kurz vorher nach einer ver- 
frühten Entbindung an Bauchtyphus erkrankte Mutter. In 
dieser Phantasie liegt natürlich der Kernpunkt des Spiels; 
er identifiziert sich einerseits mit der geliebten Mutter, an- 
derseits spielen die Schwangerschaft und die unerwartete vor- 
zeitige Entbindung eine große Rolle; denn »er habe sich 
immer so an das Leintuch gepreßt, daß der 
Bauch ganz eingedrückt wurde.« 

Das Spiel mit dem eigenen Körper und dessen Funk- 
tionen erfährt eine weitere Ausgestaltung, sobald das Kind Ge- 
legenheit hat, mit Altersgenossen zusammenzutreffen. Der 



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4ir DIE SPIELZEIT. 



Rx hi bi t i o n s* imd Schaulust bietet sich ein weites Feld und 
bei ihrer Betätigung werden die ersten Freundschaftsbünd- 
nisse geschlossen. So wurde aus dem dritten Lebensjahre 
meines Neffen notiert, daß er voll Freude berichtete, ein 
neunjähriges Mädchen habe sich mit ihm ins Badezimmer 
eingeschlossen und sich ihm nackt gezeigt. Und seine Mutter 
hörte zur selben Zeit, wie er eine kleine Freundin im Garten 
zu ähnlichen Enthüllungen aufforderte, indem er als Gegen- 
leistung versprach, sich selber ihr zu zeigen. Ebenso weiß ich 
von einem fünfjährigen Mädchen, daß es während des mit 
dem dreieinhalbjährigen Brüderchen gemeinsamen Bades 
wiederholt nach dessen Membrum griff und auch der Knabe 
es liebte, Naturstudien an seiner Schwester anzustellen. Die 
Kinder nannten dies nach einer Reminiszenz an den vorher- 
gehenden Sommer »Seebad spielen«. Der kleine Knabe 0., 
der seit seinem dritten Lebensjahr häufig Irrigationen be- 
kam, unterhielt sich damit, eine Spielkameradin in dieser 
Weise zu behandeln, während er die Prozedur von ihrer 
Hand als »Schweinerei« ablehnte. Hier ist die Verdrängung 
bereits so weit vorgeschritten, daß der eigenen Person nur 
eine aktive Beteiligung gestattet wird; die Ablehnung der 
Passivität deutet übrigens auch auf den widerwillig erdul- 
deten Zwang in der Kinderstube hin. An solche frühe kindliche 
Erlebnisse knüpft auch das allgemein verbreitete »Doktor- 
spiel« an, zu dem sich die Kinder bezeichnenderweise gern in 
einen dunklen Winkel zurückziehen. 

luden ersten drei Lebensjahren kommt der Betätigung 
der Sinne eine so enorme Bedeutung für das Spiel zu, weil die 
SinnöSfunktionen zum großen Teil noch nicht voll beherrscht 
werden und der allmähliche sichere Gebrauch der Organe 
dem Kinde infolge des erwachenden Selbstvertrauens, des 
Stolzes auf die eigene Kraft und Geschicklichkeit, Lust- 
gefühle auslöst. Dies gilt natürlich im höchsten Maße von den 
Muskeltätigkeiten beim Gehen, Laufen, Klettern, Springen. 
Das Kind wird nicht müde, immer wieder denselben Versuch 
zu machen, bis es endlich durch lautes Lachen, vergnügtes 
Schreien die Aufmerksamkeit seiner Umgebung auf seine 



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DER KÖRPER UND SEINE FUNKTIONEN. 49 

Leistung lenkt. Bei solchen Übungen kommt es nur bei hef- 
tigen Verletzungen zu Schmerz äußerungen — - namentlich wenn 
allzu großes Mitleid den wahren Sachverhalt vergrößert — 
während der kleine Stoiker wiederholtes Niederfallen einfach 
als notwendiges Übel auffaßt und erträgt. Ein besonderes 
Vergnügen bereitet dem Kinde Klettern und Stiegensteigen, ^) 
wahrscheinlich, weil die Anspannung der Schenkel- und der 
Bauchmuskeln sexuelle Gefühle auslöst. Der kleine Knabe O. 
kletterte mit zweieinhalb Jahren an den Messingstäben des 
Waschtisches bis zur Platte empor, und als die Mutter das 
Kind herabhob, bemerkte sie an ihm eine Erektion. Von kei- 
nem anderen Kinde liegen so eingehende Aufzeichnungen 
über die Lust am Klettern vor, wie von Shinns Nichte Ruth. 
Ohne daß die Autorin die sexuelle Bedeutung dieser Muskel- 
betätigung berührt, läßt sich aus der Hingebung und Aus- 
dauer, mit der das Kind diese Übungen betreibt, und aus der 
starken lust vollen Reaktion — »Ihr ganzes Sinnen und Den- 
ken ist auf das Klettern gerichtet« — dieser Zusammenhang 
erkennen. Zugleich bietet sich der Kleinen Gelegenheit, ihre 
Neugier zu befriedigen, unbekannte Gegenstände, Vogelnester, 
Federn usw. zu untersuchen. Das Klettern der Kinder auf 
Stühle, Tische hat ja überhaupt häufig den Zweck, Dinge, 
deren Anblick oder Gebrauch ihnen von den Erwachsenen 
verwehrt ist, in den Bereich ihrer Hände zu bringen; so- 
nach ist das Klettern älterer Kinder nicht allein als bevor- 
zugte Muskelbetätigung, sondern als Auflehnung gegen Zwang 
und Verbote anzusehen. Als die Mutter des kleinen O. den 
Honigtopf vor ihrem Söhnchen auf einem hohen Schrank 
sichern wollte, erklärte dieser : »Das nützt dir nichts, Mama; 
ich steige auf den Sessel, von dort aufs Bett und dann auf 
den hohen Teil vom Bett; da kann ich ganz gut dazu«, und 
wurde tatsächlich ein paar Tage später dabei betroffen. Aus 
dem dritten Lebensjahre ihrer Nichte berichtet S h i n n, daß sie 
zu dieser Zeit — und noch im siebenten Jahre — gern Treppen 
hinauf- und hinunterkletterte, »indem sie bald mit den Füßen, 

*) Shinn, 1. c. pag. 537—39, 546, 554 (»Ihr ganzes Sinnen und Denken 
war auf das Klettern gerichtet.«) 561, 576, 587. 

Hug-Hellmuth, Aus dem Seelenleben des Kindes. ^ 



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50 DIE SPIELZEIT. 



bald mit dem ganzen Körper herunterrutscht und ruckweise 
nach unten gleitet.« Diese Art der Bewegung läßt auf un- 
bewußte Onanie schließen, wie sie ja auch in späteren 
Jahren auf ähnliche Weise durch Hinabgleiten über Stiegen- 
geländer, Klettern auf Bäumen und Pfosten gern geübt wird, 
weil ihr so, wenn sie dem Kinde längst ein verbotenes Tun 
bedeutet, der Charakter des Anstößigen genommen ist. Von 
frühester Jugend an liebt das Kind Schaukelbewegungen und 
es bleibt und verstärkt sich in der Regel diese Vorliebe, weil 
sich auch hier eine harmlose Gelegenheit zu sexueller Erre- 
gung bietet, die noch häufig in der dabei leicht zu befrie- 
digenden Exhibitions- und Schaulust weitere Nahrung findet. 
Solange das Schaukeln eine passive Form des Vergnügens ist, 
darf auch die Beteiligung einer rein psychischen Komponente, 
des Verlangens nach Liebe und Fürsorge, nicht übersehen 
werden. Dieses spielt auch zum teil wenigstens eine Rolle 
bei dem kindlichen Gelüste des Werfens und Schleuderns, 
das erlischt, sobald niemand die geworfenen Gegenstände 
sucht. Neben der Freude an der starken Muskelarbeit, die das 
Kind hiebei aufwendet, schöpft es nicht geringe Lust aus dem 
Wohlgefühle, andere mit sich zu beschäftigen. Bei größeren 
Kindern kommt im Schleudern und Werfen nicht selten eine 
sadistische Regung zum Ausdruck. Je deutlicher sich das 
Kind seiner Muskelkraft bewußt wird, um so intensiver übt 
es dieselbe. Nur der schwächliche Knabe zieht sich instinktiv 
von dem Raufhandel seiner Gespielen zurück und dieses Ge- 
fühl der körperlichen Unmacht setzt häufig schon frühzeitig 
eine Verbitterung, die sich in Hinterlist oder in geistiger 
Überhebung Luft macht. Das normale kräftige Kind, zumal 
der Knabe, läßt keine Gelegenheit ungenützt, seine Körper- 
kraft zu betätigen, und das uralte Spiel »Wer ist stärker?« 
bleibt ewig verlockend für seine Muskelerotik ; die Ring- und 
Kampfspiele tragen so deutlich den Stempel der Sexualität, 
daß er kaum zu übersehen ist. 

Wiewohl heute auch der gebildete Laie längst weiß, 
welch üble Folgen das Kitzeln für Kinder zeitigen kann, so 
wird doch dieser Tatsache zu wenig Wichtigkeit beigemessen. 



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DER KÖRPER UND SEINE FUNKTIONEN. 51 

Väter, Onkel, Großväter, überhaupt häufiger Personen männ- 
lichen Geschlechts, können es nicht unterlassen, Kinder durch 
Kitzeln zu jenem forcierten Lachen zu reizen, das in ein er- 
zwungenes, nicht selten von konvulsivischen Zuckungen be- 
gleitetes Schreilachen ausartet und dann seine Ähnlichkeit 
mit dem Orgasmus übertemperamentvoller Erwachsener 
beim Geschlechtsakt nicht verleugnen kann. Ja, vielleicht 
ist die Eigentümlichkeit mancher Frauen, auf dem Gipfelpunkt 
der Lust in Tränen auszubrechen, durch derartige jugendliche 
Erlebnisse begründet worden. Shinn^) berichtet: »Im all- 
gemeinen war es verboten, das Kind zu kitzeln. Dessenunge- 
achtet kitzelte es der Großvater einigemale (im zweiten 
Lebensjahr). Diese Empfindung verursachte dem Kinde ein 
außerordentliches Lustgefühl. Es warf sich auf dem Schöße 
der Großmutter hintenüber und zeigte auf Brust und Hals 
mit der Bitte, es von neuem zu kitzeln. Als er nachgab, 
jauchzte es laut lachend auf, ein Ton, der nicht wie eine 
Reflexbewegung, sondern wie ein natürlicher Ausdruck der 
Lust klang.« Die Notiz über die Reaktion der kleinen Ruth 
gegen Kitzeln erscheint mir deshalb bemerkenswert, weil in 
ihr die dem Weibe atavistische Bewegung des Hintenüber- 
werfens bei sexueller Reizung besonders hervorgehoben ist. 
Bei Knaben beobachtet man beim Kitzeln weit mehr ein 
Herumwerfen der Glieder, Zusammenkrümmen und Auf- 
schnellen des Körpers, also eine größere Aktivität im Gegen- 
satze zur Passivität des Mädchens, eine Vorstufe des Ver- 
haltens im einstigen Liebesleben. 

Die starke Entwicklung der Hauterotik spricht sich bei 
vielen Kindern auch in gewissen Unarten aus, wie im fort- 
gesetzten Kratzen der Kopfhaut, der Handfläche bis zur 
Bildung von Wasserbläschen, dem Herumschieben der 
Kleidungsstücke auf dem Körper, was übrigens häufig bloß 
Maske des Onanierens ist. Freud spricht die Vermutung aus, 
daß vor dem dritten Lebensjahr irgendwann und aus derzeit 
noch unerklärten Gründen die Säuglingsonanie erlischt, daß 



*) Shinn, 1. c. 235. 



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52 DIE SPIELZEIT. 



um diese Zeit eine Latenzperiode fällt, die jedoch bald einer 
Hochflut sexuellen Empfindens zwischen dem dritten und 
vierten Lebensjahr Platz macht. Zu diesem Zeitpunkte steht 
das sexuelle Interesse im Mittelpunkt des kindlichen Fühlens 
und Handelns, es nimmt die Masturbation wieder auf. Es ist 
viel über die physischen und psychischen Schäden geschrieben 
worden, welche dem Menschen aus der infantilen Selbst- 
befriedigung erwachsen. Man geht darin häufig zu weit. 
Es ist natürlich, daß man die verfrühte Betätigung des 
Sexualtriebes nach Möglichkeit abstellt, aber man muß dabei 
mit größter Vorsicht zu Werke gehen. Denn wir wissen aus 
den Analysen der Neurotiker, daß der Kastration s- 
komplex,^) der sich in der kindlichen Seele festsetzt, infolge 
der Androhung des Abschneidens des Gliedes oder des Fingers 
(in Stellvertretung) wegen Onanie so nachhaltig wirkt, daß 
er für viele Personen überhaupt nicht mehr aus dem Ablaufe 
des psychischen Geschehens auszuschalten ist und zur Quelle 
der psychischen Impotenz und anderer nervöser Angstzustände 
werden kann. Wenn man erst einmal gewöhnt sein wird, in 
den sexuellen Vorgängen nicht etwas Verpöntes zu sehen, 
das vor dem Kinde verheimlicht werden muß, wird man auch 
hier richtigere Wege gehen als bisher. Liebevolle Ermahnung, 
die diese Manipulationen als unschön, aber harmlos verweist, 
hilft mehr, als dem Kinde Furcht einzujagen. Der Mutter 
zuliebe verzichtet manches Kind auf diese Befriedigung, 
und rührend sagte mein Neffe im Alter von vier Jahren, 
da er diesbezüglich wiederholt ermahnt worden, eines 
Abends zu seiner Mutter: »Mutti, heut' hab' ich den ganzen 
Tag mein Zipferl nicht in die Hand genommen, außer 
wenn ich Wischi gemacht hab', natürlich; aber da warst du 
ja dabei!« So vermögen, wenn der Trieb nicht zu heftig und 
die Betätigung nicht zur Gewohnheit geworden ist, Liebe und 
Ehrgeiz mehr als unverstandene und deshalb verfehlte 
Strenge. In den tagebuchartigen Aufzeichnungen über die 
Entwicklung einzelner Kinder ist leider über diesen wich- 

*) Er spricht auch aus der Furcht mancher Kinder vor dem »Haar- 
schneiden«. 



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DIE VERSTANDESENTWICKLUNG. 58 

tigen Punkt auch nicht die leiseste Andeutung zu finden, und 
diejenigen Autoren, die sich mit dieser Frage befassen, 
bringen wieder nur spezielle Nota hierüber ohne Zusammen- 
hang mit der übrigen Entwicklungsgeschichte des betreffenden 
Kindes. Dieses Herauslösen der sexuellen Komponente aus 
dem Gesamtbild einer Kindheitsgeschichte trägt wohl auch 
zum großen Teil Schuld, warum die Tatsache der infantilen 
Masturbation so hartnäckig übersehen oder geleugnet wird. 
Man sieht nur die Schattenseite, ohne zu bedenken, daß auch 
diesen Kindern — und sie machen die überwiegende Mehrheit 
der Jugend aus — liebenswerte Seiten nicht fehlen, ja daß 
eben starke Sexualäußerungen einfach die notwendige Kehr- 
seite eines früh entwickelten Intellekts sind. Wenn wir 
ein Kind als ;& frühreif« bezeichnen hören, so werden wir nicht 
säumen dürfen, uns mancherlei erotischer und sexueller 
Äußerungen zu gewärtigen, denn das Interesse des »auf- 
geweckten« Kindes wendet sich naturgemäß mit Vorliebe 
jener Sphäre zu, aus der ihr so großer Lustgewinn erwächst. 

II, Die Verstandesentwicklung. 

Eine frühzeitige Entwicklung des Verstandes, die beim 
Kinde — entgegen den Erfahrungen bei Erwachsenen — nicht 
auf Kosten des Gefühlslebens, sondern fast immer Hand in 
Hand mit ihm geht, bedingt, daß das Kind Vorkommnisse 
des täglichen Lebens aufnimmt und verarbeitet, von denen 
die Umgebung glaubt, sie blieben dem Kinde unbemerkt 
oder »es verstehe sie nicht«. Diese Beobachtung zu machen, 
bieten »einzige« Kinder in weit höherem Maße Gelegenheit, 
als solche, die, im Kreise von Geschwistern aufwachsend, nicht 
so oft und nachhaltig der Sphäre der kindlichen Gedanken- 
welt entrückt werden. Die entzückenden Kinderworte, welche 
die ungehemmte Genialität der infantilen Seele ahnen lassen, 
lehnen sich in ihrem Ursprung eng an das Milieu, in dem 
das Kind aufwächst. Neugierde und Aufmerksamkeit sind 
die mächtigsten Hebel, die die Denkprozesse einleiten. Wie 
das Kind alles, was ihm erforschenswert erscheint, nicht 



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54 DIE SPIELZEIT. 



ohne Reaktion vorübergehen läßt, haben wir schon bei der 
Charakterisierung des Säuglingsalters beleuchtet, und das 
Gesagte gilt mit bedeutender Verstärkung für die folgenden 
Jahre. Es fragt sich nun, an welche Materie knüpfen die 
ersten Begriffe, Urteile, Schlüsse an? Ohne zu über- 
treiben, können wir sagen : an die Vorgänge der Ernährung 
und der Verdauung; besonders die letztere wird dem Kinde 
durch die erziehlichen Einflüsse von so ungeheurem Interesse, 
daß es nicht erst einer konstitutionellen Verstärkung bedarf, 
dieselbe in den Mittelpunkt seiner Gedanken und seines Spieles 
zu stellen. Die Anal- und Urethralerotik hat bereits beim 
Säugling so kräftig Wurzel geschlagen, daß sie in späteren 
Jahren nicht ohne Verzicht aufgegeben wird. Das Zurück- 
halten der Exkrete bleibt nach wie vor lustbetont und nicht 
selten erkennt man den Urindrang kleiner Kinder an dem 
krampfhaften Herumtrippeln bei gespanntestem Gesichts- 
ausdruck, der eine Mischung ist von Vergnügen und ängst- 
licher Neugier: »Wie lange kann ich es noch aushalten?« 
So sprang mein Neffe mit ca. vier bis fünf Jahren, ehe er 
seine Bedürfnisse befriedigte, wie besessen auf einem Bein 
herum mit der steten Erwiderung auf jede Nötigung: »Ich 
muß nicht, ich muß nicht!« Ganz ähnlichen Motiven entspringt 
das scheinbare Vergessen auf des Körpers Notdurft beim 
Spiele, sowie die Enuresis nocturna. Das Kind will möglichst 
lange das lustvolle Spannungsgefühl in der urethralen oder 
analen Zone genießen ; bei Knaben verursacht bekanntlich 
das erstere direkt Erektionen. Die große Wichtigkeit, die 
das Kind zum Teil auf dem Wege der Nachahmung dem 
Ausscheidungsprozesse beilegt, kommt in dem Verlangen, 
»die Mutter möge dabei sein«, wie in der oft beobachteten 
Eigentümlichkeit zum Ausdruck, daß Kinder noch im vierten, 
ja sogar im sechsten Jahre stets die Mahlzeiten durch ihre 
Bedürfnisse stören ; der tiefere Sinn, die Fürsorge der Mutter 
auch während der Essenszeit ausschließlich für sich zu be- 
anspruchen, wird gewöhnlich von den Erwachsenen übersehen. 
Der Vater wünscht, daß diese »Unart« abgestellt werde, die 
Mutter entschuldigt sie als eine an die Stunde gebundene 



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DIE VERSTANDESENTWICKLUNG. 55 

Gewohnheit. Ja, bei Kindern, deren Eßlust gering ist, macht 
man aus der Not eine Tugend, da man hofft, nach der Ent- 
leerung werde das Essen besser von statten gehen. 

Anal- und ürethralerotik bieten dem Kinde nicht nur 
reichlich Gelegenheit zu spielerischer Betätigung, sondern sie 
lenken seine Spiele geradezu in bestimmte Bahnen. Das 
Urinieren durch Spalten von Gartenzäunen, zu möglichster 
Höhe an einem Baum oder freisteigend in die Luft, in 
Schlängellinien usw., das absichtliche Überspülen des Topf- 
randes, das Horchen auf das Geräusch sind nie versagende 
Belustigungen der Jugend. Sobald eine erste starke Ver- 
drängung stattgefunden hat, tritt die große Vorliebe des 
Kindes für Wasser, Lehm und Sand zu Tage. Einen »Gatsch 
zu machen«, (nicht zu flüssig und nicht zu fest — »gerade 
so wie ein ,Drücki*«, wie sich mein Neffe ausdrückte) bleibt 
dem Kinde stets ein liebes Spiel, zumal ihm dieses reichlich 
Gelegenheit gibt, Hände, Gesicht und Kleidung zu beschmutzen ; 
darin liegt aber ein Hauptreiz des Spiels. Der kleine 
Scupin^) verteidigt sich gegen einen diesbezüglicken Vor- 
wurf seiner Mutter und gegen ihren Einwand, seine Cousine 
Lotte sehe auch beim Spiele sauber aus, mit der Erwiderung : 
»Da spielt se eben nich richtig, wenn man richtig spielt, da 
macht man sich auch schmutzig.« Das von Lächeln und 
Lachen begleitete Hinhorchen auf abfließendes Wasser, 
z. B. des Badewassers 2), das spielerische Sammeln und 
Sprühen des Speichels bedeuten beim dreijährigen Kinde 
bereits eine Verschiebung von der verpönten zur harmlosen 
Zone. Daneben kommen natürlich häufig Rückfälle ins Ur- 
sprüngliche vor. In seinem fünften Lebensjahre wurde mein 
Neffe und eine Gesellschaft kleinerer und größerer Buben 
dabei betreten, wie sie eine zu diesem Zwecke gegrabene 
Mulde aus eigenen Mitteln mit Flüssigkeit füllten. Mit freude- 
strahlenden Augen und roten Wangen kam der kleine Max 
auf seine Mutter zugelaufen : »Schau, Mutti, wir müssen den 
Teich voll wischein; zur Hälfte ist er schon voll.« Und ein 

*) Scupin, 1. c. II, pag. 215. 

*) Shinn 1. c. 225, Stern 1. c. 326. 



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66 DIE SPIELZEIT. 



andermal (mit drei bis vier Jahren) spielte der Knabe für sich 
mit seiner Eisenbahn, nahm plötzlich einige Stücke Papier 
und steckte sie in den letzten Wagen mit der Bemerkung: 
»So, das ist für den Kondukteur, wenn er ,Drücki' machen 
muß.« Es ist dies eine Variation des Gedankens aller Kinder : 
»Was tut der Lokomotivführer und der Kondukteur, wenn 
sie Not haben?« eine Frage, die beim ersten Theaterbesuch^) 
auf die Schauspieler ausgedehnt wird, und die in ihrer Ver- 
drängung vielleicht eine der Ursachen des Bedürfniszwanges 
zur Unzeit bildet. Sicher ist die Sorge vieler Erwachsener, 
bei Eisenbahnfahrten in einem Coupe möglichst nahe dem 
Klosett Platz zu finden, ebenso darauf zurückzuführen, wie der 
unwiderstehliche Lachzwang mancher Personen bei ge- 
spanntem Horchen einer ganzen Gesellschaft auf ein Geräusch. 
Die Verdauungsfunktionen dienen dem Kinde nicht allein 
zum Spiele, sondern sein keimender Verstand weiß sie 
bald in den Dienst seines Fühlens zu stellen. Hebbel 
berichtet im Tagebuch ni.,N. 4953 am 24. Dezember 1851 
(herausgegeben v. R. M. Werner H. Aufl.) von seiner damals 
dreijährigen Tochter Titi: »Wenn die Mägde ihr nicht zu 
Gefallen leben wollen, so droht sie ,sich anzuw .... ein*«. 
Einen Mangel an Liebe straft das Kind mit den Mitteln, die 
ihm zu Gebote stehen und in der Weise, die ihm für seine 
Umgebung am unleidlichsten scheint. 

Die Anal- und Urethralerotik tritt in ihrer offenkundigen 
Betätigung in dem Maße zurück, als die erziehlichen Ein- 
flüsse sich beim Kinde geltend machen, indem sie allmählich 
das Schamgefühl erwecken. Diese Unterdrückung der 
Lust schlägt dann nicht selten in Ekel um, der sich nicht 
allein gegen die Prozesse und die Produkte der Ausscheidung 
richtet, sondern häufig eine Übertragung auf die Nahrungs- 
aufnahme erleidet und sich in der Ablehnung gewisser 
Speisen äußert, die in ihren Farben an die Defäkations- 

*) O. Ernst, Asmus Sempei^ Jugendland, XI. Kap.: Als der fünf- 
jährige Asmus von seinen Brüdern zum erstenmale ins Theater mitgenommen 
wird, erkundigt er sich unter vielem anderen, ob man dort auch hinausgehen 
könne, wenn man mal hinaus müsse.** 



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DIE VERSTANDESENTWICKLUNG. 67 

Produkte erinnern. Mit nahezu vier Jahren rief mein Neffe, 
als mittags ein Hasenbraten in brauner Sauce aufgetragen 
wurde: »Ja, was habt's denn Ihr? das ess' ich nicht, das 
schaut aus wie ,DrückiM« Und beim Essen von Schokolade: 
»Pfui, jetzt schauen meine Finger aus als wie voll ,Drücki* !« 
(In Erinnerung an seine koprophile Betätigung im ersten 
Lebensjahre.) Solche Assoziationen finden sicher bei den 
meisten Kindern statt, wenn es ihnen auch verwehrt ist, sie 
in Worte zu kleiden. Bei der fortschreitenden Verdrängung 
dieses Interesses entwickelt sich häufig schon im Kindesalter 
ein gewisses Zeremoniell bei den Akten der Ausscheidung, 
das bis in die Zeit der Reife zu Recht bestehen bleibt. In 
engstem Zusammenhang mit der Anal- und Urethralerotik steht 
die Exhibitions- und Schaulust der Kinder, die natürlich 
ebenso die infantilen Gedankengänge vorzeichnen. Die erstere 
scheint dem Kinde angeboren zu sein. Da sie bereits zu 
einer Zeit auftritt, in welcher die erogene Zone des Auges 
infolge der noch geringen Auffassungsfähigkeit wenig in Be- 
tracht kommt, so liegt die Vermutung nahe, daß sie ursprüng- 
lich aus den Lustgefühlen der Haut bei Temperaturs- 
änderungen stammt; keinesfalls entbehrt sie der sexuellen 
Note, was aus der Wahl der zu entblößenden Körperteile 
erhellt. Die Bevorzugung der Genitalien bleibt über die 
ersten drei bis vier Jahre eine offenkundige und erst durch 
die erziehlichen Faktoren fügt sich das Kind den Ansprüchen 
der Sitte. An die Stelle der Geschlechtsteile tritt zunächst 
das Gesäß, das zu entblößen das Kind im Wachen und 
Schlafen nicht versäumt. Es bleibt immer geneigt, sich im 
Scherz und im Zorn gewisser Gebärden zu bedienen, die als 
unterdrückte Exhibition aufzufassen sind. Mit feiner Be- 
obachtungsgabe hat Bogumil Goltz ^) dieser Wahrnehmung 
folgende Stelle gewidmet : »Wenn die Menschheit im Kinder- 
röckchen den großen Menschen recht zuwider handeln will, 
so droht sie, sich nackt zu machen, am liebsten mit der 
Redensart: ich heb' mich gleich Bauchchen, dazu 
kommt noch eine verwandte Barbarei: ich schmeiß mich 



*) B. Goltz, Buch der Kindheit, pag. 250. 



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58 DIE SPIELZEIT. 



gleich Erdchen; man läßt sich aber nicht einschüchtern, 
und der kleine Rebell kollert sich alsbald in pnris natura- 
libus auf der Diele ; das ist der Sansculottismus im Kinder- 
Röckchen . . . Die ersten Proben laufen schlimmsten Falls 
mit einem bißchen Ruthenkitzel ab und kosten nur jene liebens- 
würdigen Kindertränen, von denen man oft nicht weiß, ob 
sie Weinen oder Lachen bedeuten wollen, da es der kleine 
Autor selbst nicht recht weiß.« Man könnte daran denken, 
das plötzliche Umschlagen von solchen Wutausbrüchen in 
Lachen als psychische Entladung aufzufassen, die eben durch 
die unbehinderte Betätigung der Exhibitionsgelüste erfolgt^ 
worauf ja auch die Ansicht vernünftiger Eltern, das Kind 
einfach austoben zu lassen, hinweist. Die Freude an der 
Entblößung des eigenen Körpers ist eine Äußerung des Nar- 
zißmus. Er ist ursprünglich beiden Geschlechtern in 
gleichem Maße eigen, aber er schlägt beim Knaben bald 
Bahnen ein, auf denen er sich in mancherlei Maske hüllt. 
Hier zeigt sich eben die tiefe Verschiedenheit im Charakter 
der Geschlechter. Im zweiten und dritten Lebensjahre aber 
zollt der kleine Junge sich geradeso ehrliche Bewunderung 
wie das Mädchen. Als meinem Neffen in seinem fünfzehnten 
Lebensmonat einmal in Ermanglung einer anderen Hülle 
ein Wolljäckchen seiner Tante umgelegt wurde, betrachtete 
er sich mit selbstgefälligem Lächeln im Spiegel und wurde 
nicht müde, sich selbst unter lobendem »Ei, ei« zu streicheln. 
Obwohl ihm noch das Sprachverständnis fehlte, muß doch 
ihm der gutmütige Spott seiner Großtante: »Schau, der ist 
ganz verliebt in sich«, nicht entgangen sein; denn er war 
am nächsten Tage, da seine Mutter nach eintägiger Abwesen- 
heit wieder zurückgekehrt, nicht zu bewegen, das Jäckchen 
wieder anzulegen. Der Narzißmus findet leider — nament- 
lich bei Mädchen — reichlich Nahrung in den Modetorheiten, 
die zu befolgen eitle Mütter sich nicht versagen können, ohne 
zu erwägen, wieviel Natürlichkeit, wieviel Bewegungsfreiheit 
sie ihrem Kinde rauben. Beim Knaben glückt diese Art der 
Schaustellung in der Regel nicht; er läuft weit lieber Tag 
für Tag mit demselben geflickten oder zerrissenen Kittelchen 



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DIE VERSTANDESENTWICKLUNG. 69 

herum, als er eine Schmälerung seines Betätigungsdranges 
duldete. Die ererbte stärkere Aggressivität veranlaßt den 
Knaben, seinen Exhibitionsgelüsten offenkimdiger zu fröhnen 
als das Mädchen, wozu noch die Erziehungskunst beiträgt, 
die dem letzteren Schamhaftigkeit frühzeitiger und in höherem 
Maße einprägt als jenem. Trotzdem bleiben auch der weib- 
lichen Jugend die Akte der Exkretion erwünschter Vorwand, 
zu sehen und gesehen zu werden. Aus der Wollust, mit der 
das Kind diese Vorgänge beim Tier beobachtet, keimt zum 
Teil die Tierliebe. Hier ist ja ein Zuschauen viel leichter 
zu bewerkstelligen als bei Gespielen oder gar Erwachsenen, 
wenn schon das Kind keine Gelegenheit versäumt, gerade bei 
ihnen etwas zu erspähen, was zugleich Aufschluß über manche 
dunkle Frage gäbe. So lieben es Kinder, sich vor Klosettüren 
aufzustellen, um wenn schon nichts zu sehen, so doch wenig- 
stens zu hören. Ja manche Kinder, besonders Knaben^), ver- 
langen direkt, von der Mutter mitgenommen zu werden, wobei 
sich bereits der Reiz des fremden Geschlechts bemerkbar 
macht. Dieses Begehren stammt in der Regel aus frühesten 
Erinnerungsspuren an Zeiten, wo die Mutter, in der Meinung, 
das Kind schlafe oder bemerke nichts, sich in dieser Hinsicht 
wenig Reserve auferlegte, oder von Reisen, bei welchen die 
Mutter fürchtete, ihr zwei- oder dreijähriges Kind auf stark 
frequentierten Bahnhöfen vor der Tür des Bedürfnisraumes 
allein warten zu lassen; dabei schließe ich von vornherein 
jene vereinzelten Fälle aus, in denen unerledigte Reste der 
eigenen Analerotik für die Mutter unbewußte Motive ihrer 
Furcht sind. Es ist natürlich, daß sich an eine erotisch so ausge- 
zeichnete Sphäre die ersten Gedanken- und Wortbildungen 
knüpfen, und ich will die Bemerkungen über die Analerotik, 
die, wie Freud in seiner Arbeit 2) gezeigt hat, von eminenter 
Bedeutung für die Charakterbildung ist, nicht schließen, 
ohne wenigstens darauf hinzuweisen, in wie engem Zusammen- 
hang sie mit einer Frage steht, der das Kind das größte 



^) Freud, Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. Jahrb. f. 
psycho-an. u. psycho-pathol. Forschg. I. 

^) Freud, Analerotik und Analcharakter. 



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60 DIE SPIELZEIT. 



Interesse entgegenbringt, der Frage: Wie entstehen die 
Kinder ? Wenn ich mir die eingehende Besprechung derselben 
für später vorbehalte, so möchte ich doch hier erwähnen, 
daß bei der Beantwortung dieses Themas in einem gewissen 
Alter regelmäßig der Ausscheidungsprozeß als befriedigende 
Lösimg des Rätsels angesehen wird, so die »Lumpftheorie« 
des kleinen Hans^) und die Ansicht der kleinen Anna.^) Mit 
dieser von jedem Kinde selbst gefundenen Hypothese gibt es sich 
so lange zufrieden, als es die Mutter als alleinige Schöpferin 
der Kinder betrachtet. Es erscheint ihm ganz natürlich, daß 
ein Fremdkörper aus dem Leibe auf dem Wege der Def äkation 
oder des Erbrechens ausgeschieden werde. 

Exhibitions- und Schaulust führen den kindlichen Geist 
früh dazu, sich ins Problem der Nacktheit zu vertiefen. 
In unzähligen Fragen spricht sich das Interesse des Kindes 
an ihr aus. Solange dem Kinde nicht verwehrt wird, unver- 
hohlen auszusprechen, womit sein Verstand sich beschäftigt, 
wird es nicht müde, jene Körperteile zum Kernpunkt seiner 
Gespräche zu machen, von denen ihm die lustvollsten Gefühle 
rühren. Die Vorliebe für Puppen, die anfangs Knaben und 
Mädchen gleicher Weise eigen ist, entspringt aus dem Ver- 
langen, den menschlichen Körper oder wenigstens sein Abbild 
hüllenlos zu sehen. Und weil Badepüppchen diesem Wunsche 
am meisten entgegenkommen, erfreuen sie sich bei allen 
Kindern einer besonderen Beliebtheit. Dieses lebhafte In- 
teresse führt das Kind bald zur ün terscheidung der 
Geschlechter, besonders dann, wenn das Kind im Kreise 
von Geschwistern aufwächst. Der Knabe betrachtet das 
weibliche Genitale als etwas Unfertiges, Mangelhaftes, dem 
erst die Zeit das gehörige Wachstum verleihen muß. In dieser 
Auffassung liegt eine Wurzel der Überhebung des männlichen 
Geschlechts. Der Knabe sieht im Mädchen etwas Minder- 
wertiges, denn ihm fehlt, woraus der Junge so viel Lust zieht. 
Die Übertragung auf die Mutter wird bald gemacht, und 

*) Freud, Analyse d. Phobie eines fünf jähr. Knaben. 
*)Jung. Konflikte der kindlichen Seele. Jahrb. f. psycho-an. u* 
psyeho-path. Forschg. II. 



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DIE VERSTANDESENTWICKLUNG. 61 

schon mit zwei bis drei Jahren spielt sich das Bürschchen 
aus unbewußten sexuellen Gründen zu ihrem ritterlichen Be- 
schützer auf und bevormundet die Mädchen, selbst wenn sie ihm 
an Jahren und Größe überlegen sind. Mit vier bis fünf 
Jahren pflegte mein Neffe zehnjährige Mädchen mit der An- 
rede : »Du Kleine, willst du mit mir spielen?« zur gemeinsamen 
Unterhaltung aufzufordern, und darüber belehrt, daß dies ja 
schon ein großes, viel älteres Mädchen sei, meinte er naiv : 
»Na ja, älter schon, aber sie ist dafür nur ein Mädel!« Auch 
der kleine Scupin^) empfindet im vierten Lebensjahre sein Ge- 
schlecht als einen Vorzug; das Tagebuch meldet darüber: 
»Sehr stolz ist Bubi jedesmal, wenn der Vater ihn bei der 
Hand nimmt und mit ihm ein Stück auf der Steinmauer oder 
dem Waldwege spazieren geht. Seit nun gar der Vater bei 
einer solchen Gelegenheit mal von sich und Bubi als von 
,wir Männer' sprach, kennt Bubis Stolz und Hochmut keine 
Grenzen: er nimmt eine ernste, überaus würdevolle Haltung 
an, sucht mit dem Vater gleichen Schritt zu halten und ist 
ängstlich darauf bedacht, daß ja kein weibliches Wesen 
sich anschließe: ,Aber die Mama soll nich nachkommen 
und die Großmama auch nich.^< Verfrühte Erweckung des 
Schamgefühls zeitigt aber auch jene Fälle, in denen Knaben 
auf das Membrum verzichten wollen, unter dem Vorwande, 
es sei ihnen lästig und überflüssig. Selbstredend liegt in der 
letzteren Behauptung eine unausgesprochene Frage nach dem 
wahren Zwecke desselben; mitunter mag der Wunsch, aus- 
zusehen wie ein Mädchen, i. e. der Mutter vollkommen zu 
gleichen, zu Grunde liegen. 

Naturgemäß regt sich beim Knaben das Interesse für 
die Genitalien früher als beim Mädchen ; beim letztern kommt 
es sogar vor, daß es, sofern es keine Brüder und Gespielen 
hat, bis in die Pubertätszeit über den Geschlechtscharakter 
im Unklaren bleibt, indem sich ihm gelegentliche Beobach- 
tungen auf der Straße und bildliche Darstellungen verwirren. 
Das Feigenblatt an Skulpturen, der Lendenschurz der Ge- 
stalten, insbesondere auf Heiligenbildern tragen zwar zur 

*) Scüpin, 1. 1, 11. pag. 28. 



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DIE SPIELZEIT. 



geschäftigen Arbeit der Phantasie, keineswegs aber zu einer 
nüchternen, klaren Auffassung bei. Dieses Verhüllen der 
nackten Wahrheit weckt beim intelligenten Kinde den Drang, 
das Innere der Dinge zu erforschen. Zugleich äußert sich in 
ihm der Wunsch über die Vorgänge im eigenen Körper, also 
vor allem über den Verdauungsprozeß Aufschluß zu erlangen^ 
der sich übrigens ganz unverschleiert in Fragen kundtut, 
wie sie Kinder von drei bis sechs Jahren so gern stellen, 
z. B. : »Haben alle Menschen einen Popo, d. h. auch Vater 
und Mutter? Was geschähe, wenn ich keinen Popo hätte? 
Muß ein Mensch sterben, dem der Popo zusammenge- 
wachsen ist?« usw. Warum nicht beide Ausscheidungsprodukte 
aus einer gemeinsamen Öffnung kämen, so wie feste und 
flüssige Nahrung durch einen Zugang aufgenommen 
würden, wie der Darm innen aussehe u. dgl., sind die pri- 
mitivsten Fragen, die bald eine Verschiebung auf harmlosere 
Gebiete erfahren, wenn dem Kinde die stete Beschäftigung 
damit als anstößig verwiesen wird. »Warum habe ich Haare, 
Nägel, eine Haut? Warum wäscht man sich täglich? Warum 
habe ich nur eine Nase, aber zwei Augen usw. Wie wäre das, 
wenn der Mensch vier Füße hätte? Warum hat der Mensch 
keinen Schwanz?« Die Frage: »Warum ist das Blut rot?« ist 
regelmäßig eine passende Einleitung zu dem unterdrückten 
Lieblingsthema, das auch allsogleich in der weiteren Frage 
nach der Farbe der Exkrete erörtert wird. Die allgemeine 
Ablehnung gewisser gelber und brauner Nuancen seitens 
größerer Kinder und Erwachsener als »ekelhaft« geht auf die 
Bevorzugung in frühesten Jugendtagen zurück. 

Von größter Bedeutung ist für den Knaben die erste 
Wahrnehmung seiner eigenen Erektionen. Bleiben sie auch 
in den allerersten Jahren unbemerkt, so ist es doch ganz 
natürlich, daß gerade dem intelligenten Kinde das damit ver- 
bundene Spannungsgefühl nicht entgehen kann. Leider findet 
sich bei keinem Autor darüber eine Aufzeichnung. Mein 
Neffe nahm sie — wie es scheint — im Laufe des sechsten 
Jahres zuerst wahr, wenigstens stellte er in dieser Zeit zum 
erstenmale folgende Frage: »Mutti, warum ist denn mein 



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DIE VERSTANDESENTWICKLUNG. 63 

Zipferl manchmal ganz klein und dünn und dann wieder so 
groß und steif, und steht so in die Höhe, daß es in der Hose 
gar keinen Platz hat?« [Weißt du, das ist so wie mit dem 
Mund ; für gewöhnlich ist er klein und beim Lachen und Gähnen 
zieht er sich, ohne daß man's recht weiß, in die Länge und 
Breite.] »Ja, und beim Essen auch ; und das Zipferl bei der 
Wischinot ; drum ist's in der Frühe so dick, wenn ich aufwache.« 

Von der Beobachtung des eigenen Körpers ist nur ein 
Schritt zur Vergleichung mit dem Leibe anderer Personen. 
Das prüfende Abschätzen an Vertretern des eigenen Geschlechts 
führt das Kind zu den Begriffen »Groß — Klein« die Be- 
obachtung des anderen Geschlechts zur Erkenntnis des Ge- 
schlechtsunterschiedes. Kurz vor seinem sechsten Geburts- 
tage stellte mein Neffe im Gespräche über »Jung und 
Alt«, über »Groß und Klein« spontan folgende Frage: »Wie 
groß ist denn das Zipferl bei einem Mann?« [Antwort: Das 
weiß ich nicht.] »So?« (Zeigt ca. 30 cm). [Aber nein.] 
»Oder nein, so.« (Zeigt nun die Länge seines Mittelfingers.) 
»Warum wird es bei einem Manne so groß und wie hat es 
denn Platz in der Hose ?« [Alle Körperteile wachsen, die Nase 
und die Arme und die Beine und so muß auch dieses Glied 
groß werden.] »Natürlich, das wäre ja lächerlich, so ein 
kleines Zipferl für einen so großen Mann. Und dann muß 
es auch so groß sein wegen des vielen Wischi, das ein Mann 
macht.« Nach einigen Minuten des Spiels mit seinen Bau- 
steinen fährt er fort: »Ja, ja, so lang (zeigt den längsten 
Baustein), ich hab's ja schon auf der Straße gesehen bei den 
Kutschern; aber einmal bei einem da war es ganz rot, ganz 
blutig, und da hab' ich mich gefürchtet.« Die letzte Be- 
merkung läßt auf Furcht vor Kastration des eigenen Membrums 
schließen, obwohl Dienstmädchen und Bonne den ausdrück- 
lichen Auftrag hatten, solche Drohungen nicht anzuwenden. 

Der Unterschied derGeschlechter liegt dem Kinde 
für sich und seine Altersgenossen häufig bis zum dritten, vierten 
Jahre allein in der Kleidung. Fühlt sich doch der kleine 
Junge, der, dem geschtechtslosen Kittelchen entwachsen^), die 

^) Scupin, 1. c. I. pag. 158. 



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64 DIE SPIELZEIT. 



ersten Höschen erhält, dem Vater um vieles näher gerückt 
und empfindet es als unerträgliche Schande, sobald ihm 
angedroht wird, wieder Kleidchen anziehen zu müssen, wenn 
er sich der Hosen nicht würdig zeige. Eine Erklärung voll 
Logik über die Zweckmäßigkeit der Verschiedenheit von 
Mann und Weib seitens meines Neffen finde hier noch 
Platz: »Mutti, ich weiß, du hast hier (zeigt auf ihren Schoß) 
Haare; alle Frauen haben das, weil sie kein Zipferl haben. 
Und die Männer, das weiß ich vom Herrn Direktor K., wenn 
ich in der Donau baden war, haben da auf der Brust so 
lange schwarze Haare ; na ja natürlich, weil sie keine solche 
Hügel haben !« So beschäftigt das Kind unaufhörlich das 
sexuelle Problem mit seinen Zwischenfragen und etwas weniger 
Prüderie seitens der Erwachsenen, die in solchen unbefangenen 
Äußerungen der kindlichen Spekulation grobe Anstößigkeit 
erblicken, würde es ermöglichen, tiefere Aufschlüsse über 
einen für die Erziehung so wichtigen Faktor zu erlangen. 
Diesen Beobachtungen des Kindes fehlt auch nicht die poetische 
Seite ; so bezeichnet ein kleiner Knabe von fünf Jahren den 
stark hervortretenden Nabel seines im Bade befindlichen 
zweijährigen Schwesterchens als »Knospe von einer Rose«, 
während sein eigener wie eine »kleine Golatsche« aussehe. 
Der kleine Scupin nennt ihn prosaisch »Bauchknöppel«. Von 
größtem Interesse sind dem Kinde die weiblichenBrüste, 
zum Teil in der Erinnerung an ihre Rolle als erste Lust- 
quelle. Es tritt besonders bei jenen Kindern hervor, welche 
über die Normalzeit hinaus gesäugt wurden. So pflegte ein 
kleiner Knabe, der bis gegen das Ende des zweiten Jahres 
täglich mittags selbst seine Mutter »um ein Stücki Bu« 
bat, noch im siebenten Lebensjahre unverhohlen seine Abneigung 
gegen überschlanke Frauen zu bekunden durch die abfällige 
Kritik: »Pfui, die Frau hat keine Bu«. Vielfach erscheint 
dem Kinde, besonders dem Mädchen, in der Entwicklung der 
Büste der Hauptunterschied der Geschlechter zu liegen, und 
die mancherlei Kunstgriffe heranreifender Mädchen, ihre 
Gestalt zu verschönen, wurzeln in letzter Linie in unerfüllten 
Kinderwünschen. Da das kleine Mädchen an seinen Puppen bald 



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DIE VERSTANDESENTWICKLUNG. 65 

solche Hilfsmittel wahrnimmt, ist auch das naive Geständnis 
einer Fünfjährigen, deren weibliche Angehörige durchwegs 
mager waren, nach wiederholtem Besuch einer sehr üppigen 
Dame, »Wenn ich groß bin, steck' ich mir auch so viel Watte 
ins Kleid wie das Frl. L.«, recht verständlich. 

Aus solchen Äußerungen spricht deutlich der sexuelle 
Charakter der Kindersehnsucht, »groß zu sein.« Hierüber 
findet sich bei Bog. Goltz^) folgende schöne Stelle: »Was 
alle Kinder gleichmäßig und ohne Unterschied nicht abwarten 
können, das ist ihr , Großgewachsensein*. Die fest- 
stehende Frage aller Orten und Zeiten ist die uns allen aus 
eigener Erfahrung wohlbekannte: ,Wann werd' ich groß 
sein, ganz groß, so groß wie Vater und Mutter? 
wann werd' ich Vater sein und heiraten dürfen, 
allein ausgehen, allein essen und Hosen anziehen, nach 
der Schule gehn, nicht mehr in die Schule gehn und alles 
tun dürfen, was ich will?'« Immer wieder tritt in diesen 
Ausblicken in die Zukunft das »Heiraten«, das »Vater- oder 
Mutterwerden« in den Vordergrund, wobei nach echter 
Kinderart das künftige Milieu genau dem der Gegenwart 
angepaßt wird. E. u. G. Scupin^) berichten aus dem vierten 
Lebensjahre ihres Jungen: »Er ist jetzt in das Stadium ge- 
treten, in dem es ständig heißt : ,Wenn ich aber groß bin, da 
wird . . . sein . . .*. Wir hörten ihn heute z. B. plaudern : ,Wenn 
ich aber ganz groß und schlang bin, da wer' ich so groß wie 
die Sonne sein, ja, ja, und wenn ich so groß wie die 
Sonne bin, da muß sich der Kopp bicken, sonst s-toßt mich 
die Decke^ (Zimmerdecke).« Er legte sich morgens zur Mutter 
ins Bett, »derart daß seine Füße den unteren Bettrand be- 
rührten, und bildete sich dann ein, er sei nun größer als die 
Mutter, deren Füße nicht anstießen«. Die Sehnsucht, größer 
als die Mutter sein zu wollen, ist allen Knaben gemein und 
drückt den unbewußten Wunsch nach sexueller Überlegenheit 
aus. Die Richtigkeit der sexuellen Interpretation spricht 
deutlich aus der Notiz vom zehnten Monat des vierten Jahres 

*) Bogumil Goltz, Buch d. Kindheit, pag. 249. 

*) S c u p i n , Bubi vom vierten bis sechsten Lebensjahre, pag. 36, 74,88, 94. 

Hug-Hellmuth, Aus dem Seelenleben des Kindes. ^ 



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6G DIE SPIELZEIT. 



(pag. 74) : »Wenn ich groß bin, bin ich da ein Papa ? Und 
wenn ich aber ein Papa geworden is, daff ich da Kaffee 
trinken? . . . Aber was sagt da dieLottel (seine um 
ein halbes Jahr ältere Cousine), wenn ich ein großer Papa bin ? 
(Antwort : Lottel ist dann eine große Mama geworden.)« »Aber 
was machen denn da immer die Papas und Mamas?« Einen 
Monat später verlangt er einmal ungeduldig, er wolle ein 
Papa werden; »auf die Versicherung, er würde es bestimmt 
einmal werden, fragte er naiv: ,Aber wachst das so lamsam?' 
(= langsam).« Die Naivität liegt vielleicht nur im Aussprechen, 
nicht aber im Ablaufe seiner Gedanken. 

Im Dasein jedes Kindes bedeutet das Schlafen in einem 
großen Bett ein mächtiges Näherkommen zum ersehnten 
Ziele, dem Großsein. Der kleine O. vergoß bittere Tränen, da ihm 
zu Beginn seines fünften Lebensjahres zugemutet wurde, wäh- 
rend des Landaufenthaltes mit einem Kinderbettchen vorlieb zu 
nehmen. Noch im Traume empörteer sich gegen diese Kränkung, 
indem er rief: »Nein, nein, ich hab* keinen Platz !« Auch Sc u- 
p i n 's Tagebuch erzählt (pag. 85) : »Ein großes Ereignis in Bubis 
Dasein war es, als er statt des bisher innegehabten Kinderbettes 
ein großes Bett bekam, wie es Erwachsene haben. . . Abends 
verlangte er von selbst, zu Bett gebracht zu werden, was 
sonst fast nie vorkommt, und morgens wollte er nicht auf- 
stehen, um noch länger das große Bett genießen zu können. 
Sein kleines Bett nannte er verächtlich das , Nuppelbett* und 
versicherte, daß er nun im großen Bett nicht mehr nuppeln 
und den Zipf der Steppdecke festhalten wolle.« 

Ist auch die Sehnsucht »groß zu sein« im Grunde der 

Kern aller Kinderspiele, so äußert sie sich doch am deut- 

ichsten in den direkten Nachahmungs spielen, wie 

Zeitunglesen, Brief schreiben, Rauchen, Brillen tragen u. dgl. 

Während die kleinen Mädchen ihre neu gewonnenen 
Kenntnisse über den Bau und die Funktionen des mensch- 
lichen Körpers nur still für sich im Spiele verwerten, kann 
der kleine Junge es kaum erwarten, sie an den Mann zu brin- 
gen; er begnügt sich nicht mit der Belehrung seiner Ge- 
spielen, sondern verzapft seine Weisheit mit Vorliebe an Er- 



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DIE ERINNERUNG. 67 



wachsene, und hier erweist sich dann die Notwendigkeit des 
pädagogischen Taktes, die dem Kinde harmlos scheinenden 
Mitteilungen weder einfach abzuwehren, noch durch lüster- 
nes Fragen und Forschen — was die Gesellschaft von Dienst- 
boten so gefährlich macht — die kindliche Seele zum Grü- 
beln anzuregen. Wer bei Erörterung solcher Themen den 
richtigen Weg einzuschlagen versteht, dem bleibt die schwie- 
rige Frage der sexuellen Aufklärung zum grpßen Teil 
erspart ; denn sie entfällt für jene Punkte zumindest, in denen 
vordem kein Irreleiten stattfand. Von Fall zu Fall erweitert 
sich das Verständnis des Kindes durch angemessene Beleh- 
rung und jener gefürchtete Augenblick : »Wie und wann soll 
ich es dem Kinde sagen?« verliert das Gepräge des Peinlichen. 

in. Die Erinnerung. 

Eine der wichtigsten Funktionen des menschlichen Gei- 
stes ist das Erinnern. Es basiert auf dem Assoziations- 
vermögen und setzt eine gewisse Beweglichkeit der geistigen 
Elemente voraus, um sich, als »freisteigende« und als ge- 
wollte Erinnerung zur unumgänglich notwendigen Voraus- 
setzung alles Lernens zu machen. Die Vorstufe des Erinnerns, 
das Wiedererkennen, ist auch beim ganz kleinen Kinde kein 
reiner Assoziationsvorgang, sondern es tritt frühestens eine 
Wertung dazu, die sich als »Stutzen«, Verlangen oder Ab- 
wehren äußert. Während auf der vorsprachlichen Stufe diese 
Gefühlsbetonung, verbunden mit Willensreaktionen, sich in 
Gebärden kundtut, bedient sich das Kind bei fortschreitender 
Entwicklung des ausdruckvollsten Mittels, der Sprache, um 
nicht nur Lust imd Unlust beim Wiedererkennen einer Person 
oder einer Sache auszudrücken, sondern es reproduziert zu- 
gleich die Situationen, in denen ihm diese früher einmal eine 
Gefühlsbedeutung hatten. Nur solche Erlebnisse können erin- 
nert werden, denen eine starke Lust- oder ünlustnote an- 
haftete, mag diese auch später aus bestimmten, aber unbewußten 
Motiven vollständig unterdrückt worden sein. So entstehen jene 
Stück-Erinnerungen, die dem Beteiligten selbst unbegreiflich 
vorkommen, da ihnen der wichtigste Teil, um dessen willen sie im 
Gedächtnisse festgehalten worden, das Verpönte, fehlt. 

5* 



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68 DIE SPIELZEIT. 



Man nimmt häufig an, daß die frühesten Erinnerungen 
des Erwachsenen nicht unter das vierte Lebensjahr reichen, 
daß ßie gewissermaßen in einem Zusammenhange mit der 
sprachlichen Entwicklung stehen. Bedenkt man aber, daß 
Kinder von zwei bis drei Jahren sich in der Regel recht deutlich 
an Ereignisse aus ihrem zweiten, ja sogar ersten Lebensjahre 
erinnern, so wird man zugeben müssen, daß die Tatsache, 
das Gedächtnis der Erwachsenen versage für die Zeit vor 
dem dritten bis vierten Jahre, andere Gründe haben müsse. Sie 
sind in der absichtlichen Verdx'ängung zu suchen, wie sich aus der 
Psychoanalyse Neurotischer und aus der Erforschung der 
Träume ergibt. Was uns die Träume als anscheinend sinn- 
loses Zeug vergaukeln, was der psychoanalytische Arzt mit 
unendlicher Mühe dem Patienten abringt, wurzelt als unbe- 
wußte Erinnerungsspur in der frühesten Kindheit Es w äre 
vom therapeutischen und vom pädagogischen Standpunkte, 
so gut wie vom psychologischen kein »unnützes Experiment«, 
wie es Preyer^) nennt, »die Erinnerung an das zweite und 
dritte Jahr weit in die vorgerückteren Kinderjahre hinein- 
tragen zu können«. Diese Erinnerungsbilder würden zur Auf- 
klärung mancher sogenannten Kinderfehler, zum Verständnis 
vieler Eigenheiten der Erwachsenen führen. 

Gerade die ersten Erinnerungen sind an Erlebnisse 
sexuellen oder erotischen Inhalts geknüpft und werden vom 
Kinde infolge der steten, künstlichen Unterdrückung seines 
mächtigen Trieblebens bald als »anstößig« erkannt und ins 
Unbewußte verwiesen. Compayre bezeichnet in seinem Werke 
»Die Entwicklung der Kindesseele« als Grund der 
Verschiedenheit im Zeitpunkte der ersten Erinnerungen die 
größereodergeringereFrühreife. Da Frühreife nichts 
anderes als eine euphemistische Umschreibung für einen lebhaf- 
ten Sexualtrieb ist, so stehen wir mit dieser Einsicht ja schon 
auf dem fruchtbaren Boden der Freud sehen Lehre. Was ir- 
gendwie das sexuelle Interesse des Kindes genügend erregt, 
dem wird nicht nur die volle Aufmerksamkeit zugewendet, 



*) Preyer, Die Seele des Kindes, pag. 233. 



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DIE ERINNERUNG. 69 



sondern es wird im Gedächtnisse bewahrt, um bei Gelegen- 
heiten aufgefrischt zu werden, die dem Erwachsenen ohne 
logischen Zusammenhang erscheinen. Es gibt im Erinnern 
so wenig einen Zufall wie bei irgend einem anderen psychi- 
schen Geschehen ; es sind uns nur die Fäden verborgen oder 
wir wollen sie nicht sehen. 

Die Gedächtnistreue für Erlebtes hängt von der Stärke 
der Gefühlsbetontheit des Erlebnisses ab; die emotionelle 
Wertung desselben kann von Nebenumständen herrühren und 
so kommen jene Fälle von Gedankenverknüpfungen aus Ge- 
genwart und Vergangenheit zu stände, die uns unsinnig oder 
rätselhaft scheinen, solange wir dem Unbewußten nicht den 
Platz einräumen, der ihm zukommt. Eine Dame von 39 Jahren 
erinnert sich vor einer gynäkologischen Untersuchung zum 
Zwecke einer Curettage, während sie im Wartezimmer des 
Arztes sitzt, plötzlich eines heftigen Verdrusses, den sie sich in 
ihrem sechsten oder siebenten Jahre von ihrem Vater zugezogen 
hatte, weil sie trotz wiederholten Verbotes die Knospen eines 
Fuchsienstockes vor ihrer Entfaltung öffnete. Solche scheinbar 
unmotivierte Erinnerungen entbehren für den, der die sexuelle 
Bedeutung der Blumen im Leben des Kindes nicht kennt, 
jeder Logik. 

Sind auch dem Erwachsenen gerade jene Erinnerungen, 
die an erotische Erlebnisse gebunden sind, häufig die lust- 
vollsten und treuesten, treten sie doch oft an Stelle des rea- 
len Genusses, wenn Alter oder Krankheit diesen verwehren, 
so ist man trotzdem nicht geneigt, die Erinnerungsfähigkeit 
des Kindes in Abhängigkeit von seinem sexuellen und ero- 
tischen Empfinden gelten zu lassen. W. u. C. Stern^) bringen 
folgende Erinnerung ihres Söhnchens Günter im Alter von 
drei Jahren zwei Monaten: (August 1905). »Als einmal die 
Mutter in Swinemünde krank zu Bette lag und die Familie 
in ihrem Zimmer zu Mittag aß, sagte er: ,In der alte Woh- 
nung, 6 du mal krank warst, ß haben wir auch im Schlaf- 
zimmer geessen.' Mutter: , Weißt du, wo du saßest?' Günter: 

*) W. u. C. Stern, Erinnerung, Aussage und Lüge in der ersten Kind- 
heit, pag. 62, 



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70 DIE SPIELZEIT. 



,Weiß nicht, bloß sowas einziges/ (== ich weiß nur noch das 
eine.) »Stern bemerkt hiezu nur, daß diese Tatsache dreiviertel- 
Jahre zurücklag, daß also die Latenzperiode (= Zwischen- 
zeit bis zur Erinnerung) neun Monate betrug. Aber er führt 
nicht an, daß gerade damals, als die Familie zum erstenmal 
im Schlafzimmer der kranken Mutter zu Mittag aß, ein 
Schwesterchen geboren worden (29. Dezember 1904), die 
Erinnerung also an ein für jedes ältere Kind stark affekt- 
volles Ereignis geknüpft war. Noch ein zweites Beispiel vom 
selben Autor ^) aus dem vierten Monat des dritten Jahres des 
Knaben Günter: »Nach einem Monat löste das Bild einer 
doppelt geringelten Schlange die Erinnerung: ,Bille, Bille 
(= Brille), Ella* aus.« Hiezu gibt Stern folgende Erläute- 
rung: »Die Mutter hatte den Kindern in Schreiberhau zum 
, Doktorspielen' Brillen aus Pappe gemacht und aufgesetzt 
und eine Spielgefährtin Ella hatte ihrerseits auch einmal eine 
solche Brille mitgebracht. Die doppelte Windung der Schlange 
erinnert nun den Knaben an die Brille, diese an das Spiel 
mit Ella.« — Diese Ella tritt nochmals (mit zwei; sechs) 2), 
auf (nach einem Vierteljahr) beim Anblick eines Kinder- 
bildchens. Die ausgesprochen sexuelle Note des beliebten 
»Doktorspieles«, die Erotik früher Kinderfreundschaften er- 
klären hinlänglich das Auftreten des Erinnerungsbildes. Auch 
im Gedächtnisleben des ältesten Kindes Sterns, der kleinen 
Hilde^), zeigt sich deutlich der Einfluß unbewußter sexueller 
Gedankenverbindungen: »Der Anblick eines Onkelsj der 
ihrem Wannenbade beiwohnte, gemahnte sie daran: 
,Als Onkel F. mit dem Anzug gebadet hat.'« Wir haben im 
Früheren gesehen, welche bedeutsame Rolle dem Problem der 
Nacktheit (mangelhafte Bekleidung) für den kindlichen Geist 
zukommt, und finden hier diese Annahme bestätigt. Zwei Knaben 



*) W. u. C. Stern, 1. c. pag. 66. 

*) Stern bezeichnet durch die Zahl nach dem Strichpunkt die bereits 
verflossenen Monate des nächsten Lebensjahres; also 2; 6 =2 Jahre 
6 Monate. 

3) W. u. C. Stern, 1. c. pag. 57, 



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DIE ERINNERUNG. 71 



von sieben und acht Jahren erinnern sich lebhaft eines vier Jahre 
zurückliegenden Landaufenthaltes und heben besonders hervor, 
daß sie damals in einem Bett geschlafen hätten, wobei sie abends 
vor dem Einschlafen unter der Decke »miteinander spielten«. 
Eisenbahnfahrten, die bekanntlich bei Knaben häufig der 
Anlaß zu den ersten 'Wollustgefühlen sind, bilden für Kinder 
nicht nur um der zahlreichen neuen Eindrücke des lebhaften 
Verkehrs usw. tagelang einen ergiebigen Gesprächsstoff; ja 
die erste Eisenbahnfahrt wird von vielen Kindern dauernd 
im Gedächtnis bewahrt, besonders die bei jedem schrillen 
Pfiffe der Lokomotive empfundene Furcht, die nicht selten 
sexuelle Gefühle bedingt. Der fünfjährige Knabe O. gestand 
seiner Mutter, »er fahre so furchtbar gern in der Eisenbahn, 
weil er dann immer so stark ,Not' habe und doch nicht ge- 
hen könne und dies mache ihm solchen Spaß«. 

Der »freisteigende Einfall«, der geistige Vater des Witzes, 
versagt auch im kindlichen Leben nicht in seiner Wir- 
kung ; all die entzückenden Worte, die wir nicht besser zu 
nennen wissen als »Kindermund«, verdanken ihr Zustande- 
kommen dem leicht beweglichen Erinnerungsvermögen. Und 
wie der köstlichste Witz, der überall Verständnis und die 
beste Aufnahme findet, auf sexuellem Boden gewachsen ist, 
so entbehren gerade die reizendsten Kinderworte nur selten 
des unbewußten Ausdrucks des sexuellen Wissensdranges. In 
ihnen spiegeln sich die Erlebnisse früherer Tage, vermischt 
und entstellt durch den Einfluß der Tagesereignisse und der 
Erziehung. 

Auf die Erinnerungsfähigkeit der menschlichen 
Seele baut die Erziehungskunst ihr Gebäude ; sie ist das Fun- 
dament und die unentbehrliche Voraussetzung der geistigen 
und gemütlichen Entwicklung des Einzelnen wie der Kultur 
der Völker. Ohne Gedächtnis wäre jede Einwirkung auf die 
infantile Seele erfolglos und nimmer gelänge es, das Kind zu 
lehren, sich in den Kreis der Allgemeinheit einzuordnen, der 
Sitte und dem Herkommen sich zu unterwerfen. Der Erin- 
nerungsfähigkeit bedienen wir uns beim Strafen des Kindes, 
bei jedem ermahnenden, jedem liebevollen und gütigen Worte. 



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72 DIE SPIELZEIT. 



Tiedemann^) berichtet aus dem Ende des zweiten Lebens- 
jahres seines Knaben : »Am 20. Juli kam er an einen Ort im 
Hause, wo er vor vier Wochen etwa war gestraft worden, 
weil er ihn verunreinigt hatte; sogleich sagte er ohne ande- 
ren Anlaß, wer die Stube beschmutze, bekäme Schläge, 
nicht in vollständigen Worten, aber doch deutlich genug, um 
diese seine Meinung zu erkennen zu geben. Es waren also 
schon Vorstellungen von solcher Zeit her zurückgeblieben.« 
Masochismus und Muskelerotik nehmen, wie wir erfahren 
haben, jeder Strafe viel von ihrem peinlichen Charakter und 
haben offenbar trotz der zarten Jugend des erwähntenKnaben 
auch bei ihm ihre Wirkung nicht verfehlt. Die Seele des 
Kindes ist leicht empfänglich für alle lustbetonten Eindrücke 
und es bewahrt sie zähe und fest. Und darum ist ein Ver- 
gessen eines Verbotes oder Befehls selten ein wirkliches 
Vergessen, sondern ein vom Unbewußten gewolltes, 
das sich, sobald der Lustgewinn daraus gezogen ist, alsogleich 
in ein Erinnern wandelt. Das Kind vergißt, ebenso wie der 
Erwachsene, häufig dort, wo es vergessen will; nur bleiben 
ihm die Motive noch mehr verhüllt als diesem. Es ist cha- 
rakteristisch, daß Mütter ihre Kinder gerade an die Befrie- 
digung ihrer körperlichen Bedürfnisse so oft »erinnern« müs- 
sen, während dies weit seltener beim Essen, höchstens bei 
wenig beliebten Speisen, der Fall ist. Anderseits wirkt 
die Erinnerungsfähigkeit recht stark, wenn sie nur genügend 
sexuell-erotisch fundiert ist. In seinem vierten Lebensjahre 
ließ mein Neffe während des Landaufenthalts keinen Tag 
vorübergehen, ohne beim Spaziergange durch ein Loch in 
einem bestimmten Gartenzaun seine Notdurft zu verrichten. 
Und noch jetzt nach drei Jahren erinnert er sich mit ver- 
schmitztem Lächeln dieses Bretterzauns. 

Die Erinnerungsbilder sind für das spielerische Erler- 
nen von Buchstaben und Ziffern von größter Bedeutung. Die 
Mehrzahl der Kinder aus gebildeten Familien kennen die- 
selben vollständig oder teilweise längst vor Beginn der Schul- 



*) Tiedemann, 1, c. pag. 34, 



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DIE ERINNERUNG. 73 



zeit. Die meisten Kinder lehren sich selbst die Buchstaben 
an Geschäftsschildern, Plakaten usw ; es ist dabei gewiß nicht 
ohne Belang, welcher Art diese Plakate sind; so hatte mein 
Neffe für die Darstellung von Eifersuchts- und Mordszenen 
(Reklametafel eines Kinotheaters) das lebhafteste Interesse, 
ebenso für Kampfbilder (besonders nackte Ringkämpfer), 
aber auch für Kinderbilder, unter denen er Züchtigungsszenen 
den Vorzug gab. An solchen Plakaten studierte er für sich 
Buchstaben und Ziffern, letztere auch an den Tafeln der 
elektrischen Straßenbahn; so nannte er mit dreieinviertel 
Jahren die mit 8 bezeichneten Wagen »Bretzelwagen«, die 
S-Wagen »Schlangenwagen«. 

Das vom Willen geleitete Erinnern, das Sich-Besin- 
nen, tritt nach Preyer und anderen im dritten Lebensjahr, 
nach Stern erst später auf; diese Leistungen sind für die Er- 
ziehung von größter Tragweite, denn sowie das Kind seine 
Erinnerungen immer mehr dem Willen zu imterwerfen im- 
stande ist, also durch Hinlenken der willkürlichen Aufmerk- 
samkeit auf Vergangenes dieses aus dem Gedächtnisschatz 
beliebig wachzurufen, ist der Zeitpunkt gekommen, wo Be- 
lehrung und Ermahnung von dauerndem Einflüsse werden. 
Das Kind kommt aber in diesem Stadium auch zur Erkennt- 
nis gewisser Erinnerungstäuschungen, wie wohl es an diesen aus 
später zu erörternden Gründen trotz der gewonnenen Einsicht 
festhält. Das Sich-Besinnen tritt häufig zuerst in bezug auf 
Ortlichkeiten auf, an denen das Kind irgend welche psychisch 
bedeutsame Erlebnisse gehabt. Mein Neffe, der einmal durch 
sein allzu langes Spiel mit einem Hündchen schuld trug, daß 
seine Mutter den Eisenbahnzug versäumte, erinnert sich nocK 
jetzt nach dreieinhalb Jahren genau der damaligen Situation. 
Langsamer als die Erinnerung an einen Ort vollzieht sich 
die der Zeit. »Einmal« ist dem Kind bald gestern, bald vor 
einem Jahr oder noch länger. Auch mit »Heute« und »Gestern« 
wird recht wahllos umgegangen, wobei nicht wie bei Ver- 
wechslimg von »Gestern« und »Morgen« ein mangelhaftes Wort- 
gedächtnis, sondern eine Erinnerungstäuschung bezüglich der 
Zeit vorliegt. 



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74 DIE SPIELZEIT. 



IV. Die Phantasie. 

Vielleicht regt die Kraft unserer Seele, die uns das Häß- 
lichste zu verschonen, das Alltägliche zu einem Wunderbaren 
zu gestalten vermag, ihre Flügel, ehe noch das Kind ihren 
Gebilden Worte leihen kann ; deiin kaum ist das kleine Wesen 
imstande, einen sprachlichen Ausdruck zu finden, so staunen 
wir auch schon über die Beziehungen, die es sich ohne Zu- 
tun der Umgebung schafft. Assoziations- und Erinnerungs- 
fähigkeit sind der Unterbau und die Grundpfeiler des luftigen 
Gebäudes der Phantasie, das bald in unendlicher Breite, bald 
zu schwindelnder Höhe ausgeführt, immer aber auf den realen 
Erlebnissen fußt. Illusion und Kombination arbeiten, ein- 
ander ergänzend, an den Gebilden, die Vergangenheit, 
Gegenwart und Zukunft verschmelzen lassen und für die der 
Raum vom Nichts bis zur Unendlichkeit sich dehnt. Auf keiner 
Lebensstufe vermag sich der Mensch so rückhaltslos dem 
Zauber der Phantasie hinzugeben wie in der Spielzeit. Sully 
bezeichnet das dritte bis vierte Lebensjahr geradezu als 
Gipfelpunkt der Phantasieentwicklung; in dieser Zeit ist 
dem Kinde einerseits alles noch neu genug, um mit unge- 
teiltem Forschensdrang aufgenommen zu werden, anderseits 
ist der Verstand unter dem Einflüsse der Umgebung bereits 
genügend geweckt, um die gebotenen Eindrücke zu apperzipie- 
ren und zu verwerten. Schreibt man der Aufnahmsfähigkeit des 
kindlichen Geistes die für die Phantasiearbeit allein be- 
stinmiende Rolle zu, so nähert man sich damit der Ansicht 
Herbarts, daß die Tätigkeit der Einbildungskraft ihre stärkste 
Entfaltung im siebenten Lebensjahre zeige. Ich glaube, daß 
solche Annahmen zu sehr von der individuellen Beschaffenheit 
der infantilen Seele abhängen, als daß sich hierüber eine Norm 
aussprechen ließe. Und gerade für das Phantasieleben erweist 
sich das Milieu als ein Hauptfaktor. Wie anders entwickelt 
sich unter sonst gleichen Verhältnissen ein Kind auf dem 
Lande als das in der Stadt. Naturerscheinungen, die zu 
sehen dieses vielleicht nie Gelegenheit hat, prägen der Seele 
des Landkindes mit ihrer Gewalt, ihrem Schrecken, ihrer 



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DIE PHANTASIE. 76 



Schönheit einen unvergänglichen Stempel ein. Wie anders 
träumt das in der Dorfstille aufwachsende Kind vom Zauber 
der Stadt, die dem städtischen bald jeder Poesie entkleidet 
ist. Und bei mehr als einem Kinde, das aus dem Gewühl der 
Großstadt zum erstenmale einen Wald betritt, bewahr- 
heitet sich buchstäblich das Sprichwort >Den Wald vor lauter 
Bäumen nicht sehen«. Hier haben die Märchen mit ihren 
finsteren, unwegsamen Forsten einen von der Wirklichkeit 
weit abliegenden Begriff geschaffen, den die Phantasie bereit- 
willig aufgenommen und ausgeschmückt hat. Sie bevölkert 
den Wald mit Fabelwesen und Ungeheuern, mit Dieben und 
Mördern und bereitet der Furcht einen fruchtbaren Boden; 
gibt es doch Tausende von Erwachsenen, die sich scheuen, 
von einbrechender Dunkelheit im Walde überrascht zu worden, 
indem sie an der alten, längst vergessenen Kinderfurcht fest- 
halten, wenngleich sie solchen Zusammenhang nicht wahrhaben 
wollen. 

Es ist kein Ding so unbedeutend, daß nicht die Phantasie 
ihm Größe und Wichtigkeit verleihen könnte. Sie beseelt dem 
Kinde jedes Stück Holz, dem Knaben zum männermordenden 
Krieger, dem Mädchen zu einem lebenswarmen Kindchen. 
Die ganze Poesie der Kinderseele hat ihre Wurzel in der 
Phantasie. Natürlich macht sich dabei auch eine sexuell-erotische 
Note bemerkbar. Das kleine Mädchen, das sein Püppchen 
wiegt und es nährend an seine Brust legt, hält fest an der 
Realität seines Tuns; es fühlt sich ganz als Mutter und mit 
gleicher Geschäftigkeit und Innigkeit vollzieht es alle Maß- 
nahmen der Körperpflege, wie es die Mutter tun sieht; es 
vergißt nicht das Schelten und die Strafen, die es gelegentlich 
selber erleiden mußte, an dem Puppenkinde zu vollziehen. 
Analerotik und Sadismus finden hier ein reiches Arbeitsfeld 
zur offenen Betätigung wie zur Überkompensation ; denn das 
fortwährende Scheuern und Putzen, das überemsige Ordnen 
und Zurechtlegen entspringt nicht allein dem Tätigkeitsdrang, 
sondern wir müssen darin eine beginnende Verdrängung jener 
verbotenen Gelüste erkennen, die sich in ihrer Ursprüng- 
lichkeit im »Doktorspiel« frei ausleben und in mancherlei 



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76 DIE SPIELZEIT. 



Phantasien offen zu Tage treten. Während eines Herbst- 
aufenthaltes bei der Freundin seiner Mutter nahm mein 
damals dreieinhalb] ähriger Neffe am Ausnehmen der Kohl- 
rüben teil. Plötzlich rief er: »Du Mami«, (so nannte er die 
Dame zum Unterschied von seiner »Mutti«), »die im Gesicht 
garstig sind (= faulige Flecken zeigen), lege ich mit dem 
Popo (dem Strunk) nach oben.« Ebenso personifiziert der 
kleine Tiedemann^) mit zwei Jahren die Stengel von weißem 
Kraut. Scupins^) Knabe schält gern gekochte Kartoffeln, denn 
sie sind ihm »kleine Nackedei« und deshalb Gegenstand 
zärtlichen Betrachtens; die Phantasie macht die Schale 
zum Kleidchen und verleiht offenbar der Kartoffel Menschen- 
gestalt, — der Kern der Nacktheitsphantasien. Die Phantasie 
beherrscht das Leben des Kindes so mächtig, daß dieses sich 
gern seiner Persönlichkeit begibt und es sehr übel vermerkt, 
wenn die Umgebung dies nicht anerkennt. Stern*) schreibt 
von seinem Knaben Günter : »Bei unserem Knaben haben wir 
sehr früh jenes starke Illusionsleben beobachtet. Es gab 
eine Zeit (zwei; neun bis drei; sechs, kurz nach der 
Geburt der kleinen Schwester), in der er oft stundenlang am 
Tage eine andere Rolle annahm und auch anderen solche zu- 
teilte. Er nennt sich nur ,hoße Schwester' ; der wirklichen 
großen Schwester Hilde gibt er verschiedene andere Namen: 
kleine Hester, Mize oder Gettud; die Mutter ist die Hoß- 
mutter. Manche Tage ist er Muttsen und versorgt die »kleine* 
(in Wirklichkeit die große) Schwester. Die Eigentümlichkeit 
ist, daß er diese Vorstellungen auch in Situationen der Wirk- 
lichkeit, beim Mittagessen, beim Anziehen usw. durchführt 
imd außer sich ist, wenn jemand seine Aussagen durch rich- 
tige Namen korrigieren will. Auch Fremden gegenüber be- 
zeichnet er sich als die ,hoße Hester*. Selbst in die aufge- 
regtesten Affektzustände hinein wird die Selbsttäuschung 
übernommen.« Aus (zwei; zehn): »Unter Tränen und 
großer Aufregung, sogar mitten in der Nacht läßt er 



*) Tiedemann 1. c. pag. 37. 

*) Stern, Erinnerung, Aussage u. Lüge . . . pag. 104. 

") Scupin, 1. c. II. pag. 80. 



C^ f\nn li> Original from 

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DIE PHANTASIE. 77 



nicht von seinen Phantasien. Neulich abends hörte ich ihn 
im Bettchen jämmerlich weinen und auf meine Fragen klagte 
er trostlos, daß der kleine und der,^roße Ball in der Allee 
verloren wären. Er flehte, , morgen soll die Hoßmuttsen die 
Bälle mit der hoßen Bester finden, die kleine Mieze soll aber 
nicht mitkommen.* Wie heftig seine Trauer war, erhellt 
daraus, daß selbst der Trost, ihm einen neuen Ball zu 
kaufen, nichts fruchtete : ,Nein, keinen Ball kaufen, den 
hoßen und kleinen Ball finden', so stöhnte er — und dazu 
der Kontrast, daß er nicht von den verteilten Rollen abwich.« 
Süll y^) führt zwei Schwestern an, die vorschlugen »Schwestern 
zu spielen«. Und das »Vater und Mutter«-Spiel ist ebenso 
uralt wie das »Mutter und Kind«. Es fragt sich nun, warum 
das Kind sich gerade in die Rolle eines der Familienmitglieder 
mit solcher Intensität hineinlebt; daß es diese Phantasie 
nicht nur nicht aufgibt, sondern auch von anderen verlangt, 
sie zu respektieren. Ich werde an späterer Stelle besprechen, 
von welch ungeheurem Einflüsse Eltern und Ge- 
schwister auf das Liebesleben des Kindes sind, wie ein 
Familienzuwachs von ihm selten freudig empfunden wird, da 
ihm der kleine Ankömmling einen Teil der elterlichen Liebe 
raubt, wie endlich das Kind voll Eifersucht gegen den gleich- 
geschlechtlichen Elternteil ist und daß die Phantasie in ihrer 
schöpferischen Kraft Ersatz bietet für das, was die Wirklich- 
keit verwehrt. Wenn der kleine Ernst Wolfg. S cupin*) im 
vierten Jahre spontan sagt : »Ich wer' aber mein' Papa in 
ein' Topf stecken und immer heißen Wasser mit der Kelle übers 
Gesicht gießen, bis er schön weich wird, und dann wer' ich 
'nPapa aufessen!«, so sind solche Phantasien nicht allein auf 
das Märchen »Häusel und Gretel« mit der Knusperhexe zurück- 
zuführen, sondern in ihnen kommt die unbewußte Absicht, 
sich gelegentlich des Papas, des gefährlichsten Rivalen bei 
der Mama, zu entledigen, zum Ausdruck und das Märchen 
liefert bloß das Mäntelchen, um den bösen Wunsch in harm- 
lose Form zu kleiden. Der kleine Günter St. versetzt sich 



*) Scupin, 1. c. II. pag. 81. 
*) Scupin, 1. c. II pag. 81. 



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78 DIE SPIELZEIT. 



bezeichnenderweise kurz nach Geburt der kleinen 
Schwester in die fremden Rollen, bald große Schwester, 
bald Mutter spielend; ^a er aus seiner Stellung als ver- 
zärtelter Jüngster verdrängt ist, übernimmt er die Rolle der 
fürsorgenden Mutter oder wenigstens der älteren Schwester. 
Frühzeitig beginnt das Kind bei seinem phantasiereichen 
Spiel den Greschlechtsunterschied zu beachten, und es ist 
charakteristisch, daß die gleichgeschlechtliche Rolle in der 
Regel bevorzugt wird, insbesondere lehnen Knaben es direkt 
ab, eine Frauen- oder Mädchenrolle zu übernehmen. Dieses 
Verhalten ist wieder als Zeichen des Ernstes im Spiele zu 
betrachten und auch der kindlichen Großmannssucht, nur 
solche Personen zu spielen, die dem Kinde durch einen wirk- 
lichen oder eingebildeten Vorzug ausgezeichnet sind. Und 
deshalb will der Knabe im Kriegsspiel »General«, aber nur 
ungern »gemeiner Soldat« sein, als der er sich dann wenig- 
stens durch besonderen Mut oder durch üble Eigenschaften 
hervortut, will »Räuber« und nicht gedungener »Gendarm« 
sein. Und das kleine Mädchen ist lieber die »Franc als die 
»Köchin«, lieber die »Mutter« als das »Kind«. In der unter- 
geordneten Rolle weiß es sich aber stets durch allerlei Aus- 
schreitungen schadlos zu halten. Auch in solchen Spielen 
wünscht das Kind, daß von der Umgebung der Schein der 
Realität, allerdings nur für die Dauer des Spieles, fest- 
gehalten wird. Mein Neffe liebte es mit vier bis sechs Jahren, 
mit seiner Tante »Fuhrmann« zu spielen, wobei er Spediteur, 
Architekt oder Stationsvorstand war, sie aber sich als Fuhr- 
mann recht tölpelhaft anstellen mußte, um ihm reichlich 
Gelegenheit zum Brummen, Schelten usw. zu geben. Dabei 
ging es ihm sehr gegen den Willen, wenn der »Fuhrmann«, 
allzu rüde behandelt, plötzlich erklärte, er lasse sich dies 
nicht gefallen, er gehe zur Polizei und erstatte eine Anzeige : 
»Nein, nein, Tante H.«, erwiderte der kleine Schelm, »Du 
mußt dich nicht trauen; das ist ja kein Spiel.« Auch der 
kleine Scupin^) vermerkt es übel, wenn seine Mutter, sobald 



*) Scupin, 1. c. pag. 161. 



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DIE PHANTASIE. 79 



er »Briefträger« oder »Kaufmann« ist, auf die Illusion nicht 
eingeht. All diesen Spielen liegt ein tiefer Kern zu Grunde. 
Denn so kann das Kind seine feindlichen Impulse gegen 
Eltern und Geschwister ausleben, ohne Strafe fürchten zu 
müssen, da es ja in jedem Augenblicke sein »Spiel« aufgeben 
kann; »nur im Spaß« verweigert es den Gehorsam, verklascht 
es die Geschwister, schlägt und beschimpft sie, indem die 
Puppen ihre Namen tragen, und erobert sich eine Tyrannis, 
die ihm in der Kinderstube niemals zu teil würde. Ja, es 
versteht im »Papa- und Mama «-Spiel dem einen oder 
anderen Elternteil, der sich vor kurzem eine Mißbilligung 
seitens des kleinen Richters zugezogen, diese Kritik in dürren 
Worten auszusprechen. Gleichzeitig aber gibt die Phantasie dem 
Kinde Gelegenheit zu Guttaten, zu denen in der Wirklichkeit ihm 
Wille und Kraft fehlen. 

Eine besondere Rolle im Phantasieleben des Kindes 
kommt den Festen zu, die in der Familie regelmäßig ge- 
feiert werden, so vor allem dem Weihnachtsfeste mit seinem 
unendlichen Zauber. Wie lange hält das intelligente, phan- 
tasiereiche Kind an dem Glauben an Christkind, Weihnachts- 
mann, St. Nikolo und »Krampus« fest, wenn es sich auch ge- 
legentlich seiner Überlegenheit über diesen Märchenglauben 
rühmt. Das Übernatürliche, Wunderbare ist für das Kind ein 
so notwendiges Element für sein Sinnen, daß es nur ungern 
diese Sphäre verläßt; denn unbewußt fühlt es, daß mit dem 
Aufhören des schönen Kinderglaubens ein gut Stück Poesie 
aus seinem Leben geschwunden ist. »Die Wunder«, schreibt 
Goltz^), »waren mir zuletzt immer lieber wie ihre natürlichen 
Erklärungen, die, bei Lichte besehen, erst recht ins dicke 
Holz führten, und was ich so recht in der Seele als ein Wun- 
der empfand, darum hab' ich selten einen Menschen mit Nach- 
fragen behelligen mögen.« Der Christbaum mit seinem Lichter- 
glanz ist dem Kinde ein beseeltes Wesen aus einer fremden, 
geheimnisvollen Welt, und hätte es am Tage zuvor noch so 
viele Weihnachtsbäume auf dem Markt gesehen. Ich konnte 



») Golti, 1. c. pag. 162. 



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80 DIE SPIELZEIT. 



mich als Kind nie eines Staunens erwehren, daß ^ganz ordi- 
näre Leute« sie verkauften. Ein kleines Mädchen von sechs 
Jahren bittet inständig, der Tannenbaum möge nach den Fest- 
tagen nicht verbrannt werden, »weil dies dem Christkind 
wehtut«. Und ein Knabe von fünf Jahren weigert sich aus 
demselben Grunde, Christbaumbackwerk in der Form eines 
Engels zu verzehren : »Nein, nein, da beiß' ich ja dem Christ- 
kind die Flügel ab.« Diese Belebung alles zum Weihnachts- 
feste Gehörigen durch die kindliche Phantasie hinterläßt ihre 
Spuren bis in späte Jahre; poetische Naturen erhalten sich 
einen uneingestandenen Rest des alten Wunderglaubens an 
die Werkstätte des Weihnachtsmannes in der steten Mahnung 
an die Kinder, Krippe und Engel nicht zu berühren und 
diesen Baumschmuck nicht als Spielzeug zu betrachten. 

Das schönste Werk der Phantasie ist die kindliche Vor- 
freude zu Festzeiten. Kein Erwachsener vergißt wohl je in 
seinem Leben des heimlichen Treibens in seinem Elternhause 
zur Weihnachtszeit, des Horchens an der Tür, des aufregen- 
den Erwartens der Mutter, wenn sie von Einkäufen heim- 
kehrte. Mein Neffe, der schon im vierten Jahre gelegentlich 
dezidiert erklärte, er wisse, es gebe kein Christkind, die Ge- 
schenke kämen von den Eltern und den Tanten, stand doch 
in seinem sechsten Jahre nicht an, zur Weihnachtszeit 
täglich zu fragen, ob wir das Christkind gesehen und was 
es gesagt habe. Ja, er legte spontan ein Notizheft an, in das 
seine Mutter links seine »Bravheiten«, rechts die »Schlimm- 
heiten« eintragen, für je eine »Bravheit« eine »Schlimmheit^ 
streichen mußte, damit das Christkind es lesen könne. Und 
wollte er abends nicht einschlafen, so blieb die von seiner 
Großtante mit verstellter Stimme getane Frage des Christ- 
kinds: »Schläft der Maxi schon?« nie ohne Eindruck. Stets 
kam die Antwort: »Ja, Christkind, ich schlafe schon; gute 
Nacht, Christkind«, worauf dieses mit feiner Stimme sagen 
mußte: »Gute Nacht, Maxi.« Ebenso erlosch von seinem 
dritten bis siebenten Jahre nicht das Interesse für Christ- 
kinds Werkstätte, mit der er Regen und Schnee in anal- und 
urethralerotische Verbindung brachte. Er fand es selbstver- 



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DIE PHANTASIE. 81 

ständlich, daß die Erwachsenen dorthin telephonierten, und 
erfand sich, ohne daß wir dafür einen Zusammenhang wuß- 
ten, die Nummer VIII, 568 als Telephonnummer für den Be- 
zugsort der Geschenke überhaupt. Unterabteilungen waren 
1 für das Christkind, 2 St. Nikolo, 3 Osterhase, 4 und 
5 Geburts- und Namenstagsmann. Es ist dies eine zeitgemäße 
Reform der uralten Kindersitte des Briefschreibens an das 
Christkind. Auch der »Wunschzettel« spielt eine große Rolle 
im Leben meines Neffen. Vielleicht ist diese kindliche Gepflogen- 
heit, zumal wenn sie im Übermaße geübt wird, als Vorläufer des 
Abfassens von Verzeichnissen, Inventaren usw. zu betrachten, 
dem manche Erwachsene mit einem gewissen Zwange obliegen. 
Wie das Weihnachtsfest, so bildet auch das Osterfest 
für die Phantasie vieler Kinder einen Kernpunkt. Welches 
Kind zweifelt in seinem unbewußten an der Realität des 
Osterhasen ? Scupins^) Bübchen zeichnet und formt den Oster- 
hasen und hofft, ihm auf dem Spaziergange zu begegnen, 
hält ihn für den Spender kleiner Gaben auch zur nachöster- 
lichen Zeit und schreibt ihm sogar die Fähigkeit zu, nachts 
ein Loch in seinem Strumpf gestopft zu haben. Das Inter- 
esse an ihm ist ein so lebhaftes, weil sich hier dem Kinde 
die Frage nach dem Entstehen der Lebewesen aufdrängt. 
Mein Neffe weigerte sich unter Tränen, Marzipanhühnchen 
und -haschen zu verspeisen, weil sie (ohne Rücksicht auf 
ihre Art) die *Kinder vom Osterhasen« sind. 

Die Ablehnung der Kinder, Naschwerk in Tier- oder 
Menschengestalt zu essen, — gelegentlich auch ein umschlagen 
in ihr Gegenteil — ist so allgemein verbreitet, daß ihr ein 
tieferer Beweggrund nicht abzusprechen ist ; wir erkennen aus 
ihr, daß die Kinderseele bei der Personifikation lebloser Dinge 
in ihrem Fühlen die ganze Stufenleiter der Liebe und des 
Hasses durcheilt. Mitgefühl und Grausamkeit betätigen sich 
am Gängelband der Phantasie, die nicht selten ihres Amtes 
entsetzt wird, sobald ein Erwachsener das Kind mahnt, die 
Prügel täten dem Pferdchen oder der Puppe weh. »Es spürt 



*) Scupin, 1. c. II, pag. 153, 210. 
Hag-Hellmuth, Aus dem Seelenleben des Kindes, 



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82 DIE SPIELZEIT. 



nichts, es ist ja nur aus Holz«, ist regelmäßig die Erwide- 
rung des nüchternen Verstandes, der freilich im nächsten Au- 
genblick schon wieder von der Phantasie verdrängt wird. 
Einer gleichen Verstandesarbeit entspricht die Ablehnung 
des kleinen Scupin beim Soldatenspiel, daß die schon er- 
schossenen Soldaten nun über den Feind siegen sollten ; »wenn 
die Roten die Blauen schon totgeschossen haben, da können 
doch nicht mehr die Blauen die Roten totschießen«. Die kind- 
liche Phantasie geht ihre eigenen Bahnen, kein Weg ist ihr 
zu steil, überall findet sie eine Brücke, aber sie läßt sich 
nicht zwingen von fremdem Geist. 

Ins Gebiet der Phantasie gehören auch die bald früher, 
bald später auftauchenden Berufspläne der Kinder, wiewohl 
ja hier der suggestive Einfluß der Erwachsenen nicht zu ver- 
kennen ist. Die stete Frage, die Fremde insbesondere an 
Knaben stellen : »Was willst du einmal werden ?« wird nun in 
wenigen Fällen mit einem konsequenten »Nichts« beantwor- 
tet, wie dies mein Neffe im Alter von drei bis fünf Jahren 
zu tun pflegte. Häufig ist aus sexuellen Gründen, die Freud 
in den »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie« erörtert, der Be- 
ruf eines Kutschers, eines Kondukteurs, aber auch eines Ge- 
nerals oder des Kaisers — was die psychoanalytische Er- 
fahrung als Vater deuten lehrt — des Knaben Sehnsucht. 
Daß letzteres tatsächlich der kindlichen Auffassung entspricht, 
zeigt die vom Kinde häufig angefügte Bemerkung, welche 
Freiheiten die Kinder dann hätten, sowie der Um- 
stand, daß der Phantasiekaiser gerade all das täte, was 
zu Hause der Vater verwehrt. Erst nachdem der Knabe zwi- 
schen den verschiedensten Berufen geschwankt, fällt seine 
Wahl nicht selten irgend einmal auf den des eigenen Vaters, 
wird aber leicht aus Motiven unbewußten Hasses gegen ihn 
bald wieder aufgegeben. Ein Knabe, der mit fünf Jahren 
in der Liebe zu seinem Vater ganz aufging, wollte in dieser 
Zeit nichts anderes als »Lehrer wie der Papa« werden. Familien- 
zerwürfnisse entfremdeten das Kind dem Vater derart, daß 
es in seinem zehnten Jahre mit unverhohlener Geringschätzung 
seine Abneigung zeigte : »Ich werd' kein Lehrer, das ist mir 



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DIE PHANTASIE. 83 



viel ZU wenig ; ich werd' ein Universitätsprofessor« ; natür- 
lich ahnte er nicht, daß die Reste seiner großen Liebe ihn 
bestimmten, doch wieder den Lehrberuf zu wählen. 

Ein Beruf, der fast jedem Knaben einmal als schönstes 
Ziel gilt, ist der des Architekten oder des Ingenieurs; diese 
Vorliebe knüpft natürlich zum großen Teil an des Knaben 
liebstes Spielzeug, den Baukasten an. Betreibt er doch das 
Bauen mit jedem Material, das ihm unter die Hände kommt : 
Sand, Lehm, Teig, Bausteine, Holzstückchen, leere Zwirn- 
rollen sind ihm gleich willkommen; mein Neffe baute in 
seinem sechsten Jahre eine Zeitlang täglich nach dem Mittags- 
tisch aus einer zusammenlegbaren Speisenplatte und glä- 
sernen Messerbänkchen ein — Klosett mit Spieltür und 
vergaß auch nie, die Abteilungen für Herren und für Damen 
zu trennen; ein Flaschenkork bildete die Laterne, »damit die 
Leute in der Nacht das Klosett finden«. Ein anderer Knabe 
von fünf Jahren baute im Garten eine Festung mit zehn 
Toren und — »zwanzig Aborten für die vielen, vielen 
Soldaten«. So nimmt die Phantasie auch im Spiele jene 
Wege, die wir schon bei der Besprechung der Anal- und 
Urethralerotik kennen gelernt haben. Die Liebe aber läßt 
den Knaben die schönsten Villen und Paläste aufführen — 
für die Mutter; in ihnen ist niemals Platz für andere, sie 
sind bestimmt für Mutter, Sohn und dessen Frau und Kinder. 
Als ich bei Bauplänen meines Neffen einmal einwarf: »Nun, 
und ich bekomme keine Wohnung in deinem Hause?« meinte 
er: »Nein, es ist ja kein Platz, und du willst ja nicht immer 
auf dem Lande wohnen« und fügte zögernd hinzu: »Na, ja, 
wenn du durchaus willst, so bekommst du ein Zimmer in der 
Mansarde; da hast du nämlich am meisten Ruhe.« So ent- 
ledigt sich der Junge alles lästigen Zusammenseins mit 
anderen Personen, indem er deren Wünsche berücksichtigt. 
Ist beim Mädchen auch in den späteren Jahren des Spiel- 
alters schon das Schamgefühl ein Hemmnis für mancherlei 
Spiele dieser Art, so versäumt es aber doch nicht, seine 
Puppe ganz ernsthaft zur Verrichtung der körperlichen Be- 
dürfnisse anzuhalten. Das Entzücken eines kleinen Mädchens 

6* 



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84 DIE SPIELZEIT. 

von sechs bis sieben Jahren kannte keine Grenzen über eine 
vom Onkel geschenkte Puppe, deren Mechanismus gestattete, 
eine regelrechte Verdauung zu imitieren. Die freudige Mit- 
teilung : »Wir haben den ganzen Nachmittag der Puppe zu 
essen gegeben, weil sie alles wieder, machen' kann, 
und wir haben sie auch immer abgewischt«, läßt 
keinen Zweifel darüber, wie gut die Wahl des Onkels ge- 
wesen. Im selben Jahre erklärte die Kleine, als sie nach 
einer gelungenen Klavierproduktion gefragt wurde, was sie 
wohl werden wollte, naiv: »Eine Mama!« Eine schlecht ver- 
drängte Anal- und Urethralerotik macht dem erwachsenen 
Weibe, wie dies die Psychoanalyse nachweist, die physische 
Pflege ihres Kindes nicht selten zur uneingestandenen Lust- 
quelle. Gewiß aber beeinflußt sie Knaben wie Mädchen in 
frühem Alter mächtig in der Wahl des künftigen Berufes, 
indem ihr Unbewußtes hofft, diese Komponente des Sexual- 
triebes frei betätigen zu können. 

Ein unendlich weites Feld bietet sich der infantilen 
Phantasie in der Frage nach der Entstehung der Kinder. 
Nur in sehr frühem Alter begnügen sich viele Kinder 
mit dem Märchen vom Storch und vom Kindersee ; bald führt 
sie die Veränderung der mütterlichen Gestalt während einer 
neuen Schwangerschaft und das Wochenbett zu den ersten 
Zweifeln an der Wahrheit dieser Mitteilungen. Es dünkt 
sie bald unwahrscheinlich, daß das »Warmhalten« des kleinen 
Hinzukömmlings der alleinige Grund sei, warum Mutter das 
Bett hüte; so erklärt ein vierjähriges Mädchen, das durch 
die Geburt eines Brüderchens sich in der gewohnten Ordnung 
gestört sieht, es wolle sich an Stelle der Mutter ins Bett 
legen und das Kindchen wärmen, damit die Mutter aufstehen 
und das Frühstück bereiten könne. Auch die Fabel, der 
Storch habe die Mutter ins Bein gebissen, behält nicht auf 
die Dauer ihre Kraft, ja sie wird höchstens als gerechte 
Strafe für die Mutter angesehen, da sie sich noch ein Kind 
gewünscht. Ein fünfjähriger Knabe, der die Kunde, er werde 
bald ein Geschwisterchen bekommen, recht ablehnend aufnahm, 
meinte am Tage nach der Geburt : »Das ist schon recht, daß 



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DIE PHANTASIE. 85 



der Storch die Mama so gebissen hat, daß sie schreien mußte ; 
ich brauch* keinen Bruder.« Diese feindliche Einstellung 
gegen einen unerwünschten Familienzuwachs ruft in der in- 
fantilen Seele Todesphantasien und -wünsche gegen den 
kleinen Eindringling hervor, die dann in der Reaktions- 
bildung in übergroße Zärtlichkeit umschlagen. W. Stern^) ver- 
zeichnet aus der zweiten Hälfte des dritten Jahres seiner 
ältesten Tochter Hilde : [der kleine Bruder Günter ist 
zur Zeit ca. ein halbes Jahr alt.] »In einem Phantasiegespräch 
mit der Puppe, der sie ein Bilderbuch zeigt : , Nu sieh mal 
puppe, sieh mal und das is ein ganz schönes bild, 
jaa? puppe hat schon esagt.* (Soll heißen, hat schon 
geantwortet.) [Mutter: Du mußt ihr erzählen, was auf dem 
Bilde ist.] , tauten und onkel und ein günter und is 
tot.*« Stern meint, »tot« sei von dem Mädchen für »Liegen« 
gesetzt, indes in Wahrheit wohl auch hier die Freudsche 
Auffassung eines unbewußten Todeswunsches zu Recht gelten 
dürfte. Compayre berichtet von einem vierjährigen Knaben, 
der sich, mit einem Messer bewaffnet, über die Wiege eines 
zehn Monate alten Säuglings beugte und sein Gesicht 
schrecklich verstümmelte. Leider fehlt dem Bericht die Angabe, 
ob die Kinder Geschwister gewesen. Wie Freud und Rank 
nachgewiesen haben, knüpfen die kindlichen Sexualtheorien in 
der Regel an die Vorstellung von der Verdauung an. Da dem 
kleinen Kinde zumeist eine Kenntnis der Vagina fehlt, erscheint 
ihm die Geburt durch den Anus oder als Akt des Erbrechens 
ganz natürlich. Gelegentlich trifft man auch auf die Auf- 
fassung, das Kind werde aus der Brust, häufiger noch aus 
dem Nabel geboren, d. h. entweder durch spontanes Platzen 
des Leibes oder durch gewaltsames Aufschneiden; die erste 
Ansicht dürfte im Kinde die Lust am Aufknacken gewisser 
Kapselfrüchte und Knospen erzeugen; die letztere ist meist 
bei Kindern zu finden, die in Wort oder Tat etwas vom 
Gebärakt erlauscht haben. 

Begnügt sich das kleine Kind in der Regel damit, der 
Mutter allein eine Rolle bei der Vermehrung der Familie zu- 



*) C. u, W. Stern, Kmdersprache pag. 62, 



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86 DIE SPIELZEIT. 



zuschreiben, und tritt die Frage: Wie kommt das Kind in den 
Leib der Mutter? gewöhnlich erst in der späteren Kindheit 
auf, so sind doch die Fälle frühen Nachsinnens über diesen 
Vorgang nicht vereinzelt. Hier ist, anknüpfend an die 
Märchen, der Genuß einer Frucht, eines Fisches usw. die 
gewöhnliche Erklärung für die Entstehung der Kinder und 
läßt sich mit der Theorie der analen Ausscheidung am besten 
in Einklang bringen. Was in dieser Weise aus dem Körper 
entfernt wird, muß durch den Mund, also als Speise, auf- 
genommen werden. Hiezu kommt der oft gehörte, mahnende 
Scherz, das Kind solle sich hüten, Obstkerne zu schlucken, 
da ihm sonst ein Obstbaum im Bauche wachse; und weiters 
stimmt für die kindliche Auffassung gut die Zunahme des 
mütterlichen Leibes bis zur Unförmlichkeit, die ja keinem 
Kinde entgeht. In seinem allfälligen Schweigen ist bereits 
eine absichtliche Verdrängung zu erblicken, die nichts mit 
kindlicher »Unbefangenheit« zu tun hat. Das Kind, dem diese 
Vorgänge nicht als etwas Verbotenes, auf das man nicht 
sieht, verheimlicht werden, äußert sich ganz objektiv und ohne 
Verlegenheit über die Veränderung des weiblichen Körpers 
durch die Gravidität. »Schau, Mutti, die Dame wird bald 
ein Kinderl bekommen«, konstatierte mein vierjähriger Neffe 
zur Entrüstung einiger mitreisenden Damen im Eisenbahn- 
coupe, während der zukünftige Vater dem Kleinen erwiderte : 
»Ja, hoffentlich ist es auch ein so gescheiter Bub wie du!« 
Nicht weniger von Phantasiebildern ausgeschmückt er- 
scheint dem Kinde der Sexualakt. Man könnte einwenden, 
davon wisse in der Regel ein wohlbehütetes kleines Kind 
nichts, aber man vergißt dabei, wie häufig in den besten 
Familien die Gepflogenheit herrscht, gerade die kleinsten 
Kinder ins Schlafzimmer der Eltern zu betten, in der irrigen 
Meinung, das Kind schlafe die ganze Nacht und so blieben 
ihm alle elterlichen Intimitäten verborgen. Nun gibt es 
erfahrungsmäßig eine große Anzahl von Kindern, die 
regelmäßig, kurz nachdem die Eltern sich zur Ruhe begeben 
haben, aufwachen, um so unbewußt die sexuellen Vorgänge 
7;\i stören, von denen sie gerade genug vernommen haben, 



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DIE PHANTASIE. 87 



daß sie diese als etwas Besonderes, Heimliches, weil in der Dun- 
kelheit Getanes, deuten. Wird das Kind etwas älter, so verhält es 
sich nicht selten ganz ruhig in seinem Bettchen, um mehr 
zu erspähen. Der Sexualakt erscheint ihnen oft als Rauferei, 
in der der stärkere Teil den schwächeren überwindet. Die 
Auffassung eines kleinen Jungen, »wenn die Mutter den Vater 
bei Tage geärgert, schnalle er sie abends ans Bett und 
schlage sie«, ist keine vereinzelte. Alle die Wahrnehmungen 
des Kindes vom elterlichen Geschlechtsverkehr lassen es 
diesen als Mißhandlung und Züchtigung betrachten und be- 
friedigen die sadistische Anlage des Kindes. Insbesondere 
mag der Knabe aus solchen Betrachtungen ein starkes Selbst- 
bewußtsein, ein Herrschgelüste schöpfen, das sich dann in 
den Tagesspielen als Wildheit und ungebärdiges Wesen kundtut. 

Wie fein die Beobachtungsgabe des kleinen Kindes auf 
sexuellem Gebiete, wie üppig seine Phantasietätigkeit ist, be- 
weist die Mitteilung einer Dame, die sich aus ihrer späteren 
Kindheit erinnert, sie habe stets gefürchtet, ihre Mutter füge 
dem Vater zur Nachtzeit ein Leid zu. Sprechen sich in dieser 
Vorstellung natürlich Haßregungen des Mädchens gegen die 
Eltern aus, so ist aber der Ursprung dieser Furcht damit 
allein noch nicht erklärt. Die Dame teilte als ein- bis sieben- 
jähriges Kind das Schlafzimmer der Eltern und sah da häufig 
ihre starke Mutter über den Vater, der von schwächlicher 
Konstitution war, gebeugt. Obwohl sie diese Stellung nicht 
richtig zu deuten vermochte, spielte sie oft mit ihrer jüngeren 
zartgebauten Schwester »Mann und Frau«, wobei sie, die 
Stärkere, sich gern auf sie kniete mit der Drohung »ich 
erdrück' dich!« In dem verbreiteten »Vater- und Mutter«- 
Spiele lebt sich die Phantasie des Kindes in vollen Zügen 
aus; Exhibitions- imd Schautrieb zu betätigen, gilt häufig 
als Zweck und Bedingung des Verheiratetseins. 

Freud führt in der »Sammlung kleiner Schriften zur 
Neurosenlehre« ^) lehrreiche Fälle vom infantilen Vorstellungs- 
komplex über die geschlechtlichen Beziehungen zwischen 



*) Freud, Über infantile Sexualtlieorien. 



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88 DIE SPIELZEIT. 



Mann und Weib an, die als Paradigmen für den gewöhnli- 
chen Entwicklungsgang der Kinderseele auf diesem Gebiete 
anzusehen sind. Das Kind muß sich zunächst zurechtfinden 
zwischen dem Märchenglauben und den Wahrnehmungen im 
realen Leben; in keiner anderen Interessensphäre begegnen 
ihm Lüge und Heuchelei in so aufdringlicher Weise wie 
gerade hier. Kommen dann noch gelegentliche Scherzworte der 
Erwachsenen hinzu, die meinen, sich vordem Kinde nicht in acht 
nehmen zu brauchen, so ist bald jener Grad unbewußter Lüstern- 
heit geschaffen, die begierig alles erlauscht, was eine Offen- 
barung der verheimlichten Verhältnisse bringen könnte. Die se- 
xuellen Vorgänge im Tierleben treten dem Kinde frühzeitig 
entgegen und sind ihm durch die an der Defäkation beteiligten 
Zonen von so großem Interesse, daß selbst bei geringer In- 
telligenz bald ein Verständnis für den wahren Sachverhalt 
aufdämmert. Deshalb haben Pädagogen und Psychologen wieder- 
holt den Vorschlag gemacht, die sexuelle Aufklärung 
an die Beobachtungen in der Pflanzen- und Tierwelt anzu- 
knüpfen; mir scheint, mit wenig Erfolg, solange für die Ent- 
stehung des Menschen dem Storch seine Rolle vorbehalten 
bleibt. Der Aufklärung bedarf nur eine Sache, die ursprüng- 
lich falsch erklärt wurde. Wozu den Umweg über Storch, 
Kindersee usw. ? Sowie der kindliche Intellekt die erste Frage 
nach der Herkunft der Kinder stellt, soll die Antwort Wahr- 
heit geben, dem Fassungsvermögen des Kindes entsprechend. 
Wie klug und feinfühlig erörtert Frau Scupin ihrem fünf- 
jährigen Söhnchen dieses Thema ! Fände jede Mutter im rech- 
ten Augenblick das rechte Wort, so bliebe manchem Bände 
ein Grübeln erspart, das ihm die Eltern und das höchste Ge- 
fühl des Menschen entweiht. Und wenn sie noch mit feinem 
Takte, wie die genannte Mutter, hinzufügt, das Kind solle 
sein Wissen still für sich behalten, »weil jede Mutter 
selbst ihrem Kinde das Menschwerden erklären 
wolle«, dann ist nicht zu besorgen, daß in so frühem Alter 
eine vorzeitig erwachende Lüsternheit das Kind zu verbo- 
tenem Handeln oder Reden verführte. Selbst wenn ein 
vierjähriges Bübchen, dem die Wahrheit nicht vorent- 



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DIE PHANTASIE. 89 



halten wurde, einem anderen Kinde mit Stolz enthüllt, daß 
es im Leibe seiner Mutter gewachsen, so ist dieser Mißgriff 
keineswegs so groß, wie der der Mutter des zweiten Kindes, 
da sie den Verkehr der beiden Knaben untersagt mit der 
Motivierung: »Wie v erdorben dieser Bube ist; meine 
Kinder hat der Storch gebracht. « Je natürlicher dem Kinde 
das Entstehen des Individuums erscheint, um so weniger be- 
schäftigt es seine Phantasie. Ob man die Belehrung über die 
Fortpflanzung der Arten an die Erscheinungen des Pflanzen- 
oder des Tierlebens oder an die eigenen Beobachtungen des 
Kindes an künftigen Müttern anknüpft, dafür ist keine Norm 
aufzustellen. Sicher aber soll sie eher erfolgen, als das Kind 
Gelegenheit hat, etwas von den Intimitäten der Eltern zu 
erspähen; denn so wie dies vorausgegangen, ist das Kind um 
den besten Teil seiner Unbefangenheit gebracht. Es ist nicht 
zu leugnen, daß es weit leichter ist, dem Kinde Gravidität 
und Geburtsvorgang verständlich zu machen, als ihm die 
Rolle des Vaters zu erklären. Vor der Frage »Wie kommt 
aber das Kindchen in den Leib der Mutter?« macht in der 
Regel auch die Frau Halt, welche ihrem Kinde sonder Scheu 
erzählt, wie es lange Zeit in ihr gewohnt, in ihrem Leibe ge- 
wachsen sei, bis ihm die Wohnung zu eng und finster ge- 
worden und wie es, der Mutter viel Schmerzen bereitend, 
sich aus seiner Haft befreit habe. Über die intimsten Vor- 
gänge zwischen Mann und Frau mit dem Kinde zu sprechen, 
scheuen auch die klügsten Mütter. Es wird noch viel, viel 
Zeit verstreichen, bis das Vorurteil geschwunden ist, auch 
hier in dem Augenblick die Wahrheit zu sagen, wo Verstand 
und Gemüt des Kindes sie fordern. Wenn nur die beleh- 
renden Worte dem Kinde klar machen, daß dieser Akt die 
höchste Liebe bedeutet und erst dem Erwachsenen möglich 
sei, hat man ebensowenig zu befürchten, daß die infantile 
Phantasie überhitzt werde, wie etwa bei der Schilderung der 
Tätigkeit eines Ingenieurs usw. Es scheint übrigens die Natur 
selbst Grenzen gezogen zu haben, bei denen die Wißbegierde 
des Kindes auf den verschiedenen Altersstufen haltmacht. 
Mein Neffe, ein äußerst intelligenter Bursche, der keine Frage 



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90 DIE SPIELZEIT. 



ZU tun scheut, wenn es sich um etwas ihm Wissenswertes 
handelt, wurde schon frühzeitig über die Herkunft von Tier 
und Mensch unterwiesen, was durch seinen ständigen Auf. 
enthalt auf dem Lande wesentlich erleichtert war. Er er- 
kannte mit vier Jahren in dem Wachsen der Zitzen, daß das 
Tier Junge bekommen werde, und machte eine Nutzanwen- 
dung auf seine weibliche Umgebung. Er schützt und füttert 
trächtige Tiere und ist voll ritterlicher Aufmerksamkeit gegen 
gravide Frauen. Aber noch jetzt, im Alter von sechseinhalb 
Jahren ist es ihm gleichgültig, wie sich dies vorbereitet, ja er 
scheint zu glauben, daß die Schwangerschaft in einem be- 
stimmten Alter von selbst komme und sich schon in früher 
Kindheit vorbereite. Hierauf weist wenigstens seine Äuße- 
rung nach einem Besuche seiner siebenjährigen Freundin: 
»Die Erna wird einmal drei Kinder bekommen; ich hab' sie 
in ihrem Bauch raufen gehört.« 

Die Vorurteile, die bei der Behandlung des sexuellen 
Problems in der Kindererziehung noch immer ein natür- 
liches, freies Vorgehen verhindern, sind die trüben Quellen, 
aus denen manche Perversionen der Erwachsenen fließen. 
Die psychische Impotenz des Mannes, die ihn gleichzeitig zu 
jeder Arbeit und jedem Lebensgenüsse unfähig macht, die 
Anästhesie der Frau, durch welche beide Gatten um die 
Freuden der Umarmung betrogen werden, haben nicht selten 
eine ihrer Wurzeln in den verschrobenen sexuellen Ansich- 
ten und Forderungen seitens des einen oder anderen Teiles, 
die sich als untilgbare Reste der infantilen Sexualtheorien 
erhalten haben; insbesondere dem Weibe bleibt häufig ein 
gewisses Schuldgefühl, die peinliche Empfindung, an etwas 
Häßlichem, Verbotenem teilgenommen zu haben. 

Der Phantasietätigkeit des Kindes eröffnet sich ein er- 
giebiges Feld auf dem Gebiete des Märchens; entbehrt 
doch fast keines jener Beziehungen, die auch dem kleinsten 
Kinde von größter Bedeutung sind, Liebe und Haß, Grau- 
samkeit und Milde. Die Königin, die sich vergeblich nach 
einem Kindchen sehnt und deren Wunsch endlich eine gü- 
tige Fee durch das Geschenk einer Frucht erfüllt, die Königs- 



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DIE PHANTASIE. 91 



tochter, die den Hirten zu ihrem Herrn und Gemahl erwählt, 
der Prinz, der auszieht, Drachen und andere Ungeheuer zu 
bekämpfen, um der Minne seiner Dame sich würdig zu er- 
weisen, erwecken in der kindlichen Seele den gleichen Wi- 
derhall, wie die tausend Nöte der sieben Geislein, die Todes- 
angst des Rotkäppchens. Wie genau verfolgt das Kind jede 
Einzelheit der Erzählung und wie unerbittlich verbessert und 
ergänzt es jedes Abweichen vom Texte. Meine Schwester litt 
in ihrem dritten Jahre nicht die geringste Änderung des ein- 
mal gehörten Wortlautes. Wehe, wenn unsere Tante, die un- 
ermüdliche Märchenerzählerin unserer Kinderstube, berich- 
tete: »Und bald nachher bekam die Königin ein Kind« ; »nein, 
nein«, warf die kleine Richterin ein, »erst nach einem Jahr« 
oder, »nein, du hast , wieder' ausgelassen; es ist ja schon 
das zweite Kind.« Läßt der kritische Verstand keine Ände- 
rung des Textes ungerügt, so sorgt wieder die Phantasie da- 
für, daß die kleinen Lauscher ihre wahre Umgebung, Zeit 
und Ort vergessen, mitfühlen mit dem Märchenhelden, mit 
ihm die entsetzlichsten Qualen des Hungers und des Durstes 
leiden und alle Schrecknisse des finsteren Waldes miterleben. 
Wie häufig weigert sich ein Kind, wenn die Erzählstunde zu 
Ende ist, in ein dunkles Zimmer, ja selbst in das benach- 
barte, allein zu gehen; denn ihm folgen die Ungeheuer und 
Spukgestalten, es fühlt sich im Banne des Märchens und nur 
langsam und widerwillig begibt es sich des Zaubers, in den 
es sich eingesponnen. Daß dabei sexuelle Gefühle stark mit- 
spielen, ist nicht zu leugnen. Die Analyse an Neurotikern 
hat ergeben, daß Furcht häufig libidinöse Regungen auslöst» 
und es erinnern sich nicht wenige gesund gebliebene Er- 
wachsene, daß sie während intensiven Zuhörens beim Mär- 
chenerzählen gleiche Organempfindungen hatten, wie in spä- 
teren Jugendjahren in den lustvollen Augenblicken onani- 
stischer Betätigung ; Zusammenpressen der Schenkel, Strecken 
des Körpers, Anpressen der Arme an denselben, unnatür- 
liches Anhalten des Atems können dem aufmerksamen Beob- 
achter des Kindes beim Lauschen auf Märchen nicht ent- 
gehen. Ja, nicht selten begleiten direkt masturbatorische Akte 



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92 DIE SPIELZEIT. 



das Zuhören. Mein Neffe berichtete mit vier Jahren ganz 
harmlos seiner Mutter: »Wenn du mir am Abend Märchen 
erzählst, klemm' ich mein Zipferl so fest zwischen die Schen- 
kel, daß es ganz heiß und steif wird.« Das »feste Sitzen«, 
wie Kinder das ruhige Verweilen beim Erzählen nennen, 
bleibt vielen Personen zu eigen, insbesondere in den Backfisch- 
jahren hört man oft die Klage: »Jetzt bin ich vor lauter 
Lesen (Romanlektüre) ganz steif geworden« ; die geröteten 
Wangen und die glänzenden Augen vervollständigen das Bild 
sexueller Erregung. 

Die Phantasie vermag dem Kinde alles vorzuzaubern, 
was ihm wünschenswert erscheint. Besonders die Natur wird 
durch die schöpferische Kraft der Einbildung umgestaltet 
nach der jeweiligen Gefühlswelt des Kindes. »Was alle 
Kinderphantasien fast ohne Ausnahme gemein haben,« schreibt 
Goltz^), »das ist die Vorstellung von einer ganz neuen und 
unerhörten Welt hinter dem scheinbaren Horizont.« In ihr 
drückt sich vielleicht die Sehnsucht, dem Lebensrätsel auf 
den Grund zu kommen, aus, und sie ist zugleich die Wurzel 
der Lust der Knaben, auf Abenteuer und Reisen auszuziehen. 
Die »ganz neue und unerhörte Welt« ist dem Kinde natürlich 
eine solche, in der ihm noch größere Liebe geschenkt wird 
als daheim, in der es kein Gebot und kein Verbot gibt, eine 
Welt, in der sein Wille allein gilt. Das Aufbauen einer 
eigenen Welt, eines Reiches, das abseits und gesondert vom 
Alltagsleben liegt, ist dem Kinde im allgemeinen eigen. Eine 
Ecke des Zimmers für sich und die Spielgenossen abzugrenzen, 
ein Stück Erde im Garten sein eigen zu nennen — und wär's 
noch so klein — ist des Kindes Lust und Sehnsucht. In 
diesem abgegrenzten Raum fühlt es sich Alleinherrscher, hier 
trägt es die heimlichen Schätze aus seiner Tasche zusammen, 
hier kauert es nieder im Trotze, hier verbirgt es sich, wenn 
die Stimme der Mutter es abberuft vom Spiele. »In der 
Kindheit empfindet man die Poesie des Winkels, des abge- 
grenzten Raumes im allgemeinen Raum. In diesem Bedürfnis 



*) Goltz, 1. c. pag. 254. 



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DIE PHANTASIE. 98 



einen abgesonderten Ort, eine kleine Welt in der großen zu 
haben, hat das Budenbauen der Kinder seinen poetischen 
Grund nicht minder, wie das Allerheiligste im Tempel 
Salomonis.«^) Ich habe stets bemerkt, daß dieses Suchen 
nach einem stillen Winkel besonders bei jenen Kindern zu 
finden ist, in deren Familie gewisse Wohnräume, sei es ein 
Empfangsraum für Gäste, sei es das Arbeitszimmer des 
Vaters, ein der Jugend verbotenes Gebiet ist. Der Raum 
unter dem Tisch oder dem Klavier iet aber, vielleicht in 
Erinnerung an der Mutter Schoß, wohin die Allerkleinsten 
vor jedem neuen Eindruck flüchten, auch eine Zufluchtsstätte 
vor angedrohter Strafe. Die Vorliebe für abgesonderte ver- 
steckte Räume erstreckt sich natürlich bei fast allen Kindern 
auf den Bodenraum und den Keller. Der Ausblick »auf die 
ganz neue, unerhörte Welt« vom einen, die furchterregende 
Dunkelheit des anderen locken das Kind immer von neuem. 
Erwägt man noch, wie geeignet solche abgesonderte Winkel 
für manch verbotenes Vergnügen sind, so erklärt sich leicht 
ihr nie versiegender Zauber. Möglicherweise ist die letzte 
Wurzel der infantilen Neigung für stille Winkel in Mutter- 
leibsphantasien zu suchen, wofür die Aussagen psychoanalytisch 
behandelter Neurotiker sprechen. 

Obwohl die Erscheinungen der Furcht dem Gebiete des 
emotionellen Lebens angehören, erscheint es mir doch nicht 
unpassend, von ihr im Anschlüsse an ihre mächtige Förderin, 
die Phantasie, zu sprechen. Compayre bezeichnet sie als 
>die charakteristische Gemütsbewegung des Kindes« und 
Stanley Hall gewährt uns in seiner geistvollen »Unter- 
suchung über die Furcht« einen tiefen Einblick in ihr 
Wesen und ihre Formen, von denen die meisten aus früher 
Kindheit datieren. Der erstgenannte Forscher sieht in ihr 
»eine allgemeine Ahnung eines möglichen Übels« und schreibt 
ihr Entstehen dem Zusammenwirken von Intelligenz und 
Phantasie zu. Während aber in reiferen Jahren die Vernunft 
der überhitzten Einbildungskraft hemmend entgegentritt, 



*) Goltz, 1. c. pag. 256. 



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94 DIE SPIELZEIT. 



durch ihre Einwände schwächt, was diese geschaffen hat, 
liegen beim Kinde die Verhältnisse anders. Die infantile 
Intelligenz erfährt durch die Beweglichkeit der Vorstellungen, 
durch das relativ geringe Ausmaß an Erfahrungen und Kennt- 
nissen so starke Hemmungen, daß die Phantasie in gewissen 
Situationen, die dem Kinde fremd oder ungewohnt sind, leicht 
die Oberhand gewinnt. So entsteht die Furcht vor dem 
Neuen und vor der Dunkelheit. Beide sind der Aus- 
druck erhöhter Liebesbedürftigkeit. Die Dunkelheit 
verliert beim Kinde viel von ihrem Schrecken, sobald es sich 
nicht allein fühlt. Es tastet nach einer schützenden Hand, es will 
wenigstens die Stimme einer geliebten Person hören, ja es 
täuscht sich eine solche vor durch lautes Singen oder 
Sprechen ; es flüchtet sich also zum eigenen Ich, wenn fremde 
Liebe nicht zu erreichen ist. Auch an alles Neue, Unbekannte 
tritt das Kind mit Liebesansprüchen im weitesten Sinne des 
Wortes heran, deren Erfolg ihm zumindest unsicher erscheint. 
Für Personen ist dies von vornherein einleuchtend, doch auch 
für unbeseelte Dinge gilt das Gleiche; denn die Phantasie 
belebt dem Kinde jeden Gegenstand und wir müssen nur 
statt »Liebe« »Lustgewinn« setzen, dann haben wir schon die 
richtige Beziehung gefunden. 

Zu diesen beiden primitivsten Formen der Furcht gesellen 
sich schon häufig in frühester Kindheit andere, die bezüglich 
ihres Ursprimgs durchwegs auf das sexuelle Gebiet weisen. 
Weil aber die sexuell-erotischen Erlebnisse rein individuell 
verlaufen, so geht das Furchtgefühl nicht bei allen Kindern 
die gleichen Wege; doch bei allen nistet es sich in jene 
Winkel der Seele ein, in denen die Phantasie der ungestillten 
Libido, der unbefriedigten Wißbegierde harrt, um der einen 
neue Nahrung zu bieten, der anderen Antwort zu geben auf 
die sexuellen Fragen, die die Großen zurückgewiesen. All das 
Unverstandene und Halbverstandene von den geschlechtlichen 
Beziehungen beim Menschen und beim Tier staut sich in der 
Kinderseele, und in dem vergeblichen Ringen nach Klarheit 
wachsen die Gespenster der Furcht. Sie werden so riesengroß, 
daß die junge Seele unter ihrer Last zusammenbricht. 



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DIE VERNUNFT. 9ö 



Gehören auch diese extremen Fälle nicht in den Bereich 
dessen, was diese Blätter behandeln wollen, so ist doch die 
Grenze zwischen normalem und pathologischem Ablauf des 
psychischen Geschehens hier derart fließend, daß es schwer 
ist, von der Furcht des gesunden Kindes zu sprechen, ohne 
die Phobien des neurotischen zu berühren. 

Von größter Bedeutung für die Hintanhaltung und die 
Linderung iuveniler Furcht sind die erziehlichen Maßnahmen ; 
denn häufig entspringt diese Emotion geradezu aus einer ver- 
fehlten Erziehungskunst. Furcht vor Strafe, vor irgend- 
welchen Spukgestalten der rächenden Gerechtigkeit ist einer- 
seits auf übergroße Strenge, anderseits auf zu geringe Au- 
torität des Erziehers zurückzuführen. Das Kind soll aus 
Liebe gehorchen, dann bedarf es keiner Strafandrohimg und 
keines »Wauwau« und seiner Sippe. Das richtige liebevoll- 
autoritative Verhältnis zwischen dem Kinde und den Erwach- 
senen seiner Umgebung wird auch die Furcht vor Tieren nicht 
aufkommen lassen, zumal wenn sich jene ihm nicht zum Vor- 
bild der Angst machen. Weil dem Kinde aus der Furcht 
nicht selten libidinöse Befriedigung erwächst, so ist ihm dieses 
Gefühl zugleich lust- und unlustvoll betont und aus dieser 
Ambivalenz erklärt sich, warum die Furcht »ansteckend« ist. 

V. Die Vernunft. 

Ist das verstandesmäßige Auffassen der Umwelt die not- 
wendige Voraussetzung zur Betätigung der Phantasie, so ist 
aber auch dieser nicht eine Rückwirkung auf die Bildung 
von Urteil und Schluß abzusprechen ; sie gleicht dem Dampf- 
kessel, der immer neue Bewegungsenergie liefert, der Verstand 
ist gewissermaßen der stetige Vorrat an Wasser, der vor Über- 
hitzung schützt, und Bremse zugleich, die ein Entgleisen 
verhütet. In dieser wechselseitigen Ergänzung, in dem 
stärkeren Hervortreten bald der einen, bald der anderen 
Komponente entrollt sich vor unserem Auge die unendliche 
Mannigfaltigkeit des infantilen Geistes- und Gemütslebens. 
Dem kleinen Realisten, der schon früh die Dinge erfaßt, wie 
sie sind, ihren praktischen Wert prüft und sie darnach beur- 



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96 DIE SPIELZEIT. 



teilt, steht der Idealist, der Träumer gegenüber, der sich 
einspinnt in eine Welt von Vorstellungen, die mit der realen 
Wirklichkeit nur den Kern gemein haben. Er neigt früh- 
zeitig zum Grübeln, er schließt sich von Gespielen ab und 
lebt in einer Traumwelt, die er ängstlich vor fremden Augen 
zu hüten weiß. Aber auch bei ihm ist die verstandesmäßig 
erworbene Erfahrung Führerin der Phantasie ; nur in Fällen 
von krankhafter Überreizung macht diese sich von der 
hemmenden Fessel frei. Beim normal veranlagten Kinde bleibt 
dem Verstände die Oberherrschaft vorbehalten, um den 
kleinen Phantasten nicht vergessen zu lassen, daß auch die 
schönsten Träume vor der Wirklichkeit zerstieben müssen; 
trotzdem stößt sich der kleine Idealist unendlich viel öfter 
an den Härten des Alltags als der Realist, der die Dinge 
nüchtern nimmt, wie sie sich darbieten. In dieser natürlichen 
Veranlagung liegt ein Keim zu der künftigen Geistesrichtung, 
der Wahl des Berufs, der Weltauffassung im allgemeinen. 
Aber auch dem sexuellen Interesse ist sie von Bedeutung; 
an dem träumerischen Kinde gehen gewisse Eindrücke aus 
dem Tier- und Menschenleben weit länger unbemerkt vorüber 
als an dem praktisch veranlagten. Dieses freilich begnügt 
sich verhältnismäßig leicht mit einer ihm vernünftig dünkenden 
Erklärung, der Grübler aber sinnt ihr nach, die Phantasie 
schlingt ihre verworrenen Ranken um die Wahrheit und in 
dem Kinderköpfchen entsteht ein Chaos von Wahrem und 
Falschem, in dem es sich nicht zurechtfindet. 

Die Schwankungen in der Vorherrschaft des Verstandes 
und der Phantasie bemerken wir nicht nur an verschiedenen 
Individuen, sondern auch bei einem und demselben Kinde 
treten sie deutlich zu Tage. Beschäftigung, Umgebung, Er- 
eignisse in der Familie beeinflussen die Richtung des Geistes- 
lebens außerordentlich, und ein Kind, das im geschäftigen 
Treiben des Elternhauses voll praktischen Interesses ist, zeigt 
sich, in die stille Umgebung der Großeltern versetzt, bald 
ganz verändert. Die ungewohnte Stille des Alters, die vielen 
Gegenstände aus einer Zeit, die es nicht kennt und von der 
die Großmutter viel Schönes und Märchenhaftes zu berichten 



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DIE VERNUNFT. 97 



weiß, wirken mit Macht auf die Phantasie des Kindes; aus 
dem kleinen Realisten wird mit einem ein stiller Träumer, 
der das Haus voll von Geistern aus alten Tagen sieht. 

Die Betätigung des Verstandes erfolgt wie beim ganz 
kleinen Kinde auch noch in der Spielzeit mit einer gewissen 
Auswahl des Gebotenen. Während das eine Kind besonders 
die Farben der Dinge ins Auge faßt, diese frühzeitig kennt 
und unterscheidet und sich an ihnen ergötzt, richtet ein an- 
deres seine ganze Aufmerksamkeit auf die Form, ein drittes 
horcht vor allem auf Klänge und Geräusche und beurteilt 
hiernach die Gegenstände, indes ihm Farbe und Form von 
geringem Belang sind. Die Richtung, in welcher sich die In- 
telligenz beim kleinen Kinde besonders betätigt, erlaubt be- 
rechtigte Schlüsse auf die spezielle Eignung und die Wahl 
des künftigen Berufes zu ziehen, wenn schon gerade auf diesem 
Felde in der Pubertätszeit sich oft vollständige Wandlungen 
zeigen. Sicher aber äußert sich z. B. musikalische Begabung 
in frühem aufmerksamen Auffassen von Tönen und Rhyth- 
men, in der heftigen Art der Gemütsreaktion auf Musik, in 
der Bevorzugung tönender Spielzeuge. Mein Neffe, der es 
jetzt in seinem siebenten Jahre ebensowenig wie in seinem 
zweiten liebt, wenn seine Mutter auf dem Klavier spielt, lehnte 
singende Spielvögel usw. schon in dieser ersten Periode ab 
und auch ein Glöckchenspiel interessierte ihn nur, wenn eine 
andere Person sich dasselbe angeeignet hatte ; also war reiner 
Neid das Motiv seiner gelegentlichen Vorliebe für Klänge. 
Die Mutter des Knaben, eine vorzügliche Klavierspielerin, 
zeigte schon in früher Kindheit intensive Freude an Musik. 
Bei beiden spielt das persönliche Verhältnis zu ihrer Mutter 
eine bedeutende Rolle. Der äußerst lebhafte Knabe empfindet 
den Zwang, sich in der Zeit des mütterlichen Klavierspiels 
allein und nicht allzu lärmend zu beschäftigen, als eine Ver- 
kürzung der maternalen Zuneigung. Noch im sechsten Jahre 
weinte er plötzlich still vor sich hin und, um den Grund be- 
fragt, erklärte er unter Schluchzen: »Ich kann nicht leiden, 
wenn die Mutti Klavier spielt; das dumme Klavierspielen!« 
Die Mutter selbst wieder sah in dem Spiel ihrer Mutter einen 

Hug-Hellrauth Aus dem Seelenleben des Kindes. 7 



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98 DIE SPIELZEIT. 



Liebesbeweis, den sie sich oft in der Dämmerstunde erbat. 
Die Wege, die die Intelligenz des Kindes einschlägt, sind 
nicht minder von der natürlichen Anlage, als vom Gemüts- 
leben vorgezeichnet, wie sich dies beim Schulkind in auffal- 
lendster Weise zeigt. Diese Gefühlsbetonung des kindlichen 
Geisteslebens weiß sich eine kluge Mutter zu nutze zu machen, 
indem sie das Mittel der Liebe anwendet, wenn Belehrun- 
gen nichts fruchten, das Kind von schädlichem Tun abzu- 
halten. Selten nur verhallt das Wort der Mutter »Tu es mir 
zuliebe!« ungehört. Die Entwicklung der intellektuellen 
Fähigkeiten hängt in so hohem Maße von der gemütlichen 
ab, daß diese in der ersten Kindheit geradezu die conditio 
sine qua non für jene bildet. Ich erinnere an all jene be- 
dauernswerten Kinder, denen mangels liebevoller Beschäfti- 
gung seitens der Erwachsenen die Wunder der Umwelt lange 
verschlossen bleiben, die nicht selten im unmittelbaren Zu- 
sammenhang damit eine von organischen Bedingungen unab- 
hängige Verzögerung der Sprachentwicklung aufweisen. Je 
mehr Liebe das Kind in seinen ersten Lebensjahren erfährt, 
desto schöner entfaltet sich nicht nur sein Gemüt, sondern 
auch sein Verstandesleben. 

Von besonderem psychologischen Interesse ist es, die 
Begriffe Raum und Zeit sich bilden zu sehen; beide ent- 
wickeln sich im engsten Anschlüsse an das Gefühlsleben. 
Schmerzempfindungen führen das Kind zunächst zur Tren- 
nung seiner Person von der Außenwelt und vermitteln ihm 
die Erkenntnis, daß der Raum in seiner Vielgestaltigkeit doch 
Grenzen aufweist, die zu überschreiten, physisches und psy- 
chisches Unheil nach sich zieht. Das elterliche Verbot, gewisse 
Räume aufzusuchen, das körperliche Unvermögen, entfernte 
Gegenstände zu erreichen, vermitteln den Begriff der Aus- 
gedehntheit des Raumes und der allmähliche richtige Ge- 
brauch des Auges läßt seine Unendlichkeit ahnen. Die 
lustvolle Muskelbetätigung, die im Haschen und Klettern zum 
Ausdruck kommt, leitet das Kind zur Unterscheidung von 
oben und unten, von hoch und niedrig, Begriffe, die vom 
kindlichen Geiste möglichst real gefaßt, durch Zahlenangaben 



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DIE VERNUNFT. 99 



fixiert werden, die freilich weit übers Ziel schießen. »Der 
Himmel ist 100.000 C7n, nein, 1 Million Kilogramm hoch, das 
Meer ist 20 m tief«, sind für die geistige Entwicklimgsstufe 
eines Vierjährigen charakteristische Aussprüche. Sowie das 
Kind sich einen Begriff vom Raum gebildet hat, fängt es an, 
die Dinge zu messen mit Zollstab und Zentimetermaß, mit 
Wage und Geldeswert. Dabei kommen natürlich in erster 
Linie diejenigen Gegenstände an die Reihe, die dem Inter- 
esse des Kindes am nächsten stehen: »Wie lang ist der 
Apfelstrudel, wenn er nicht eingerollt ist?« und »Wenn man 
das jDrücki' messen könnte, wie lange wäre es denn?« oder 
in der Form der Verdrängung: »Wie lange ist eigentlich der 
Darm?« Bei Knaben kommt noch, wie wir schon hörten, die 
Frage nach der Länge des Membrums bei Tieren und Men- 
schen hinzu. Da das spielende Abmessen der Dinge über- 
haupt mehr bei der männlichen als bei der weiblichen Ju- 
gend anzutreffen ist, liegt die Vermutung nahe, daß eben 
das Interesse an den eigenen Geschlechtsorganen und an 
ihrer Vergleichung mit denen anderer vielleicht die geheimste 
Wurzel dieses Spieles ist. Die Lust an solcher Beschäftigung 
erklärt auch, warum Knaben in der Regel sich früher mit 
Zahlen und Ziffern befreunden als Mädchen, die diesen Be- 
griffen oft noch in der ersten Schulzeit trotz großer allge- 
meiner Intelligenz mit vollem Unverständnis gegenüberstehen. 
Scupins Söhnchen rechnet zu Ende des sechsten Lebensjah- 
res bereits selbständig in Additionen und Subtraktionen, 
mein sechsjähriger Neffe vervielfacht und teilt mühelos im 
Zahlenraume bis 20, indes seiner Mutter noch bis zur Voll- 
endung des siebenten Jahres die einfachsten Rechenexempel 
bittere Tränen entlockten, während sie mit fünfeinhalb Jahren 
bereits fließend lesen konnte. Bei Knaben zeigt sich eine 
ausgesprochene Bevorzugung massiger und insbesondere 
länglicher Gegenstände. Spazierstöcke gelten geradezu als 
Symbol der Männlichkeit und dasselbe Motiv wird wohl auch 
als Reiz anderer langgestreckter Dinge anzusehen sein; so 
bauen sie ihre Türme zu schwindelnder Höhe, ihre Tunnels 
und Eisenbahnzüge erreichen die größtmögliche Ausdehnung, 



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100 DIE SPIELZEIT. 



kurz, je länger und größer das selbstgeschaffene Spielzeug, 
desto stolzer ist der kleine Junge. E. u. G. Scupin notieren 
von ihrem Knaben im neunten Monat des sechsten Jahres^): 
»Vom Kneten mit Plastilin gilt dasselbe, was wir vom Zeichnen 
sagten: Alles, worauf besonders Wert gelegt ist 
und worauf er recht stolz ist, gerät unverhält- 
nismäßig groß.« In ähnlichem Zusammenhange mit se- 
xuellem Empfinden wie die Länge und Größe der Dinge 
dürfte auch die Vorliebe für das Werfen und Schleudern, 
die nach Darwin dem Knaben angeboren ist, stehen. Dar- 
wins Ansicht enthält besonders dann viel Verlockendes, wenn 
man das Angeborensein des Werfens als unbewußte Betäti- 
gung des Sexualtriebes überhaupt und speziell seiner Kom- 
ponente, des Sadismus, auffaßt. Die Aggressivität des Knaben, 
die stete Bereitschaft, zu ringen, andere zu unterwerfen, sind 
in der Tat Vorbereitungen für das einstige Verhalten beim 
Geschlechtsakt; das Vorsichhinwerfen, das Zielen ließe sich 
gleicherweise als Symbol der Erektion, die auch dem ju- 
gendlichen Alter nicht fehlt, betrachten, wie die Sprache 
des Traumes in langen, spitzigen Gegenständen eine Symbo- 
lisierung des Membrums erkennt. In eigentümlicher Überein- 
stimmung mit der angeborenen Lust des Werfens steht die 
Neigung der Knaben, jede Höhlung ausfüllen, in jede Öff- 
nung mit dem Finger eindringen zu wollen. Der eindrei- 
viertelj ährige Knabe O. übersah bei Spaziergängen auf dem 
Lande kein Astloch in Gartenzäunen, kein Brunnenrohr, ohne 
»der Mutter Finger in dasselbe einzuführen«, wie diese, ihres 
eigenen bezeichnenden Ausdrucks unbewußt, sagte. Derselbe 
Junge gab mit zwei bis drei Jahren seiner Mutter Zungen- 
küsse und äußerte einmal im Kosen: ^Mutter, ich steck' dir 
meinen Wiwimacher in den Mund!« Es scheint also auch 
der Drang, Öffnungen auszufüllen, dem Knaben atavistisch 
eigen zu sein, und ihm ist wohl die puerile Neigung, Höhlen 
zu bauen und in ihnen Schätze zu verstecken, zuzuschrei- 
ben; während von den Mädchen dieses Spiel in der Regel 



^) Scupin, 1. c. II, pag. 207. 



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DIE VERNUNFT.: : .-. - - 101 



seltener gepflogen wird und dann :als.\alletnige'-3otätiginig 
der Anal- und Urethralerotik oder früher Masturbation aÄ- 
zusehen sein dürfte. Auch das Nasenbohren der Kinder ist 
sowohl eine Verschiebung der verbotenen Selbstbefriedigung 
an eine harmlose Zone, als bei Knaben die Realisierung des 
Wunsches, in eine Öffnung möglichst tief einzudringen. 

Eine besondere Rolle spielen für alle Kinder, Knaben 
wie Mädchen, in einem gewissen Alter Gegenstände von be- 
sonderer Kleinheit. Winzige Püppchen, Wagen, Nipp- 
sachen und Gebrauchsartikel erregen ein zärtliches Bewundern 
des Kindes und die kleinsten Tiere sind ihm in der Regel 
Gegenstand der hingehendsten Fürsorge und Zuneigung. 
Vielleicht fließt diese Vorliebe aus autoerotischer Quelle; 
denn es ist auffallend, wie das Kind in seinem Spiel mit 
winzigen Dingen genau jenen Ton von Zärtlichkeit und Innig- 
keit trifft, mit dem die Mutter es selbst liebkost und umsorgt. 
Und besitzt oder sieht es Dinge derselben Art in verschie- 
dener Größe, so versäumt es nicht, sie »Mutter und Kind« 
zu nennen, oder sich selbst als Elternteil und das kleine 
Vögelchen als »Kind« zu bezeichnen. Der kleine Scupin^) 
zeigte im fünften Lebensjahr ebenso deutlich seine Vorliebe für 
kleinere Tiere, wie mein Neffe, der in helles Entzücken geriet, 
als sich ihm ein Marienkäfer auf den Arm setzte. Da die 
Kinder in diesem Alter häufig noch keinen Ekel kennen, 
dehnt sich ihre Neigung für das Kleine auch auf Raupen, 
Käfer, Würmer aus. Als Kind von sechs Jahren ließ ich 
winzige Kröten auf meine Hand springen und beobachtete 
mit aufgeregter Freude ihr possierliches Hüpfen. Die aus- 
wählende Bevorzugung, die seitens aller Kinder auf runde, 
insbesonders kugelförmige Körper fällt, läßt sich ungezwungen 
aus der weit verbreiteten infantilen Koprophilie erklären; ja 
es gibt nicht wenige Kinder, die aus der Unterdrückung des 
Stuhlganges sich gerade einen Zeitvertreib verschaffen in der 
schließlichen Herstellung beliebiger Formen. Der kleine Knabe 
0. rühmte sich mit vier Jahren, »er könne alles , machen', 
was er wolle«. 



^) Scupin, 1. c. II. pag. 112, 



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10« DIE SPIELZEIT. 



•* J)ie olimäJiIicl'a Auffassung des Raumbegriff es führt 
die kindliche Intelligenz zu der wichtigen Frage : Woher und 
wohin kommen die Dinge ?, was ja in letzter Linie immer auf den 
Ursprung des Menschen abzielt, aber auch Anregung zum 
Sinnen über das Ende alles Lebens, über Sterben und Tod, 
und im Anschluß daran über religiöse Fragen gibt. Das Ver- 
schwinden der Dinge ist dem kleinen Kinde ein Rätsel, das 
eine Lösung findet, wenn es sich um den unmittelbaren 
Bereich seiner Sinne handelt; aber es bleibt unlösbar, sobald 
der Raum, in dem die Ereignisse sich vollzogen, über die 
Grenzen der infantilen Auffassung hinaus sich erstreckt. S u 1 1 y ^) 
erzählt von einem kleinen Kinde, wie es beim Anblicke der 
ebbenden See vergeblich der Frage : »Wohin schwimmt die 
See?« nachsinnt. »Wenn kein Mensch mehr stürbe«, forschte 
mit viereinhalb Jahren mein Neffe, »wo würden da die Leute 
wohnen, wieviele Personen müßten da in einem Zimmer, in 
einer Wohnung und gar in einem Hause wohnen? Sterben 
deshalb die Leute, damit die anderen mehr Platz haben?« 
Und als er mit sechs Jahren die Regulierungsbauten an der 
Wien sah, tauchte ihm der alte Gedanke wieder auf: »Wenn 
man alle Flüsse und Meere ableiten könnte, daß sie unter 
der Erde flössen, dann brauchte niemand mehr sterben, dann 
wäre Platz für alle Leute«. Abgesehen davon, daß diese Be- 
trachtungen im Grunde Verschiebungsfragen von sexuellem 
Inhalte sind, bricht in ihnen bald seine starke Anal- und 
Urethralerotik durch, die ihn alle diesbezüglichen Eventuali- 
täten eingehend erörtern läßt. Aus solchen Motiven heraus 
heftet sich das kindliche Interesse an das Wasser und das 
Bewegte überhaupt. Das Fließen des Wassers ist dem Kinde 
ein ewiges Dunkel ; das Woher und Wohin zu ergründen, sei 
es einer Quelle, die ihm freilich noch kein Ursprung scheint, 
sei es an einem Brunnenrohr, in das tief hineinzuspähen es 
sich bemüht, bleibt ihm unendliche Lust. Wenn wir bedenken, 
daß Sage und Traum die Erde als Mutter bezeichnen, so er- 
kennen wir bald, daß in dem steten Suchen nach dem Ursprung 
des Wassers der unbewußte Wunsch des Knaben lebt, zu 

1) Sully, 1. c. pag. 70. 



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DIE VERNUNFT. 108 



sehen, wie das Weib, d. h. die Mutter, des Mädchens, wieder Mann 
— der Vater — die notwendigen Bedürfnisse verrichtet ; daher 
das Verlangen der Knaben, von der Mutter mit ins Klosett ge- 
nommen zu werden, und das Horchen vor demselben. Wie das 
Woher und Wohin des Fließens, so erscheint dem Kinde auch 
die Menge des Wassers als Rätsel. Dies bedeutet natürlich wieder 
das Interesse an den Sekreten. Mit fünf Jahren wundert sich der 
kleine Seupin^), wie es denn geschehe, daß, »da er eben aus- 
gespuckt habe, doch gleich wieder so viel Spucke da sei« , ein Spiel, 
das nie seinen Reiz für Kinder verliert. Viel und weit zu spucken, 
»wie ein Mann«, ist der Ehrgeiz aller Buben und ist natürlich als 
unbewußte Verschiebung einer sexuellen Leistung anzusehen. 
In der frühzeitig auftretenden Freude des Kindes an 
bewegten Dingen liegt allerdings auch ein Stück Muskel- 
erotik wie Sadismus. Jene äußert sich in der unbewußten 
Nachahmung der Bewegung, dieser in der absichtlichen Hin- 
derung derselben. Von daher stammt auch die scheinbare 
infantile Grausamkeit gegen Fliegen am Fenster,* Käfer, 
Schmetterlinge usw. Die allgemeine Vorliebe der Kinder für 
den Mond rührt zum großen Teil von der lustbetonten Wahr- 
nehmung seiner relativ raschen Bewegung her. 

Die Tiefe des Raumes, zumal des abgeschlossenen, zu 
ergründen, die Wißbegierde, »Wie sieht das Ding innen aus?«, 
die gerade bei intelligenten Kindern zur Zerstörungswut 
wird, knüpft vielleicht an Erinnerungsspuren an den intra- 
uterinen Zustand an. Die verschiedenen Sexualtheorien, mit 
Hilfe derer das Kind das Rätsel des Werdens sich lösen will, 
tragen dazu bei, dem Innenraum als solchem eine besondere 
Bedeutung beizulegen. Regelt dann noch ein verborgener 
Mechanismus die Bewegungen eines Spielzeugs — den Gang 
der Maschine, das Öffnen und Schließen der Puppenaugen, 
das Schreien und Sprechen der Puppe, so ist dies Bewegung 
und Leben weckende Element ein neues Analogon zum Werden 
des Menschen im Mutterleibe. Mag man auch sagen, die 
kindliche Wißbegierde, das Innere der Dinge zu erforschen, 
habe nichts Sexuelles an sich, denn sie sei auf ganz harmlose 



^) Scupin, 1. c. IL pag. 206. 



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104 DIE SPIELZEIT. 



Objekte gerichtet, so erläutern gelegentlich Bemerkungen des 
Kindes selbst am klarsten den wahren intellektuellen Vorgang. 
Ein fünfjähriges Mädchen, das über die Entwicklung des 
Menschen- und Tierjungen im Mutterleibe belehrt worden, 
hält sein Püppchen ans Ohr, um zu hören, ob ein Kindchen 
im Bauche sei, und mein Neffe wollte sich mit vier Jahren 
bei einem Spielzeug-Dackel durchaus überzeugen, ob nicht 
vielleicht doch zwei junge Dackel eingenäht wären. Und ein 
anderer vierjähriger Knabe, der zwar weiß, daß das Mutter- 
tier seine Jungen austrägt, dem aber die analogen Vorgänge 
beim Menschen ängstlich verheimlicht werden, steckt in eine 
große Lokomotive eine kleine mit den Worten : »So, die alte 
Lokomotive wird ein Kind bekommen, da darf sie nicht 
schnell fahren.« So wird der Begriff der Räumlichkeit, sobald 
von dem Kinde gewisse Wahrnehmungen an Mensch und Tier 
apperzipiert werden, zu einem wichtigsten Faktor in seinen 
Spekulationen. Aber noch von einer anderen Quelle erhält 
er Verstärkung ; dem Verdauungsvorgang bleibt, weil er sich 
der direkten Beobachtung des Kindes entzieht, ein stetes In- 
teresse erhalten, dessen Stärke durch Kinderworte gut illu 
striert wird: »Mama, kann man denn nie sehen, wie im Bauch 
das Essen und das Wasser rollt ?« Und ein fünfjähriger Knabe, 
dessen Onkel sich einer Blinddarmoperation unterzogen hatte, 
fragt diesen nach der Genesung: »Onkel, hast du da das 
Bäbä (= Exkremente) in deinem Bauch gesehen?« 

Vom Begriffe des Raumes schreitet die kindliche Auf- 
f assungskraft über die Brücke der Zahl langsam vor zu dem 
der Zeit. Lange bleibt sie dem infantilen Geist etwas Un- 
klares, in dem er sich schwer zurechtfindet. Scupins Söhn- 
chen ^) gebraucht zu Beginn des dritten Jahres »heute« für 
»sofort, gleich«, am Ende desselben »gestern« für »vorhin« ; erst 
im fünften Lebensjahre^) »unterscheidet er Morgen, Mittag und 
Abend mit ziemlicher Sicherheit«. Aber noch tritt die deut- 
liche Abhängigkeit des Zeitbegriffes von konkreten Ein- 
drücken — den Mahlzeiten — hervor. In dem gefühlsbetonten 

^) Scupin 1. c. I. pag. 113, 156. 
^ Scupin, 1, c. II. pag. 107. 



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DIE VERNUNFT. 106 



Wechsel von Schlaf und Wachen, in der regelmäßigen Wieder- 
kehr der Mahlzeiten haben wir wichtige Faktoren für die 
Bildung des Zeitbegriffes zu erkennen. Auch beim kleinen 
Scupin findet sich die räumliche Vorstellung der Zeit^): 
>Is eine Stunde so lang?« fragt er im sechsten Jahre, indem er 
die Hände etwa ein halbes Meter auseinanderhält. Die Konkre- 
tivierung der Zeit ergibt sich einerseits aus der Beobachtung 
der Bewegung der Uhrzeiger, andrerseits aus der Tatsache 
des Wachstums des kindlichen Körpers mit zunehmenden Jahren. 
Sully führt ein vierjähriges Mädchen an, das fragte: »Wohin 
ist ,gestern* gegangen?« und »Woher kommt , morgen*?«, einen 
fünfjährigen Knaben, der wissen wollte, wohin die »alte Zeit« 
komme und warum immer noch Tage kämen. Mein Neffe 
glaubte in dem Riesenrad im Prater ein Abbild der Zeit zu 
sehen. Das kindliche Bestreben, die Zeit zu etwas Räum- 
lichem zu gestalten, führt zu den reizendsten Personifikationen : 
»Spürt die Uhr, wie die Zeit sie antreibt? Wo sitzt die Zeit 
in der Uhr?« Der kleine O. forschte mit fünf Jahren uner- 
müdlich: »Wenn die Uhr stehen bleibt, bleibt da die Zeit 
auch stehen?« [Nein, wenn die Uhr um zwölf Uhr mittags 
stehen bleibt und wenn niemand sie richtet bis zum Abend, 
so ist es indessen finster geworden, aber die Zeiger stehen noch 
immer auf zwölf Uhr.] »Ja, für die anderenLeute; aber 
für die eine Uhr ist es doch erst zwölf Uhr.« »Warum kann 
man die Zeit nicht abwägen?« fragte der vierjährige Sohn 
eines Krämers, und mein Neffe bedauerte vor Weihnachten, 
daß er »die Zeit nicht essen könne, damit sie schneller 
weniger werde«. Eine stark naturalistische Auffassung zeigen 
Äußerungen, wie: »Ist die Sonne die Zeit?« und »Ichhab' die 
Zeit gesehen, wie ich in die Sonne geblinzelt habe. Die langen 
Strahlen sind die Zeit.« Das intensive infantile Interesse an 
Zeit und Uhr mit dem Problem von Leben und Sterben in 
Beziehung zu bringen, lehrt uns nicht allein die Traumsym- 
bolik, sondern auch die Poesie; so führt W. StekeP) 

^) Scupin, I. c. II. pag. 157. 

^) St ekel. Die Uhr als Symbol des Lebens, Zentralblatt f. Psycho- 
analyse II/5. 



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106 DIE SPIELZEIT. 



eine launige Stelle aus L. Finkhs autobiographischem 
Werke »Rapunzel« an, in der die Uhr Symbol des Lebens ist. 
Besondere Schwierigkeit verursacht die Auffassung größerer 
Zeiträume. Die kindliche Erklärung, »ein Tag ist, wenn der 
Papa abends nachhause kommt und mit mir herumhetzt«, 
birgt als Einteilungsgrund die Sehnsucht nach dem tagsüber 
abwesenden Vater und entspringt ebenso dem Liebesbedürfnis 
des Kindes wie die, »ein Jahr ist, wenn das Christkind wieder 
kommt«, oder die Gepflogenheit, die Tage vor dem Weihnachts- 
feste nach dem so und so oftmaligen Erwachen am Morgen 
zu zählen. Wir sehen, wie auch hier die emotionelle Seite 
des kindlichen Lebens dazu beiträgt, Klarheit über die 
schwierigsten Begriffe zu schaffen. Die große Unsicherheit, 
größere Zeitabschnitte vorzustellen, zeigt sich besonders in 
den Ansichten des Kindes über das Alter. Jahre, die über 
das kindliche Alter hinausgehen, erscheinen ihm ungeheuerlich, 
aber trotzdem nimmt es keinen Anstand, solche Alterslast 
relativ jungen Leuten aufzubürden ; das tritt häufig dann ein, 
— und dies ist ein bedeutsamer Punkt — wenn ihm Personen 
begegnen, die wenig kinderlieb sind. In ähnlichem Sinne ist 
auch die Beharrlichkeit meines Neffen zu deuten, mit der 
er Mutter und Tante seit vier Jahren nicht älter werden 
läßt, obwohl er alljährlich deren Geburtstage mit großer 
Freude feiert und an seiner eigenen Person die Zunahme des 
Alters mit Stolz verfolgt. Für die geliebten Personen seiner 
Umgebung steht die Zeit still; anderseits stellt er mit Vor- 
liebe fest, wie alt diese sein werden (nach dem Status vor 
vier Jahren), wenn er selbst einmal zwanzig oder dreißig 
Jahre zählt. In diesem Falle handelt es sich eben um reine 
Verstandesarbeit, um ein Rechnen ohne Gefühlsbeteiligung. 
Im anderen hält ihn wahrscheinlich das Unbewußte ab, die 
Personen, die ihm am nächsten stehen, älter werden zu lassen, 
da er der Meinung ist, die Menschen stürben genau nach dem 
Maße ihrer Jahre; wenigstens spricht hiefür folgende Äuße- 
rung: »Das ist gut, die Tante H. ist um zwei Jahre jünger 
als die Mutti; da stirbt sie um zwei Jahre später und da 
hab' ich sie um zwei Jahre länger.« 



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DIE VERNUNFT. 107 



Die Zeit erscheint dem Kinde als Allheilmittel von 
körperlichen Gebresten; diese Auffassung mag in den meisten 
Fällen eine imitativ erworbene sein. Als mein Neffe im 
Winter seines vierten Lebensjahres während einer Eisenbahn- 
fahrt einem Herrn mit starker Glatze gegenüber saß, fragte 
er plötzlich seine Mutter: »Nicht wahr, Mutti, im Sommer 
wachsen dem Herrn seine Haare wieder?« 

Das allmähliche Verständnis für den Verlauf der Zeit 
wird durch die Erinnerung an gefühlsbetonte Erlebnisse be- 
gründet. Und da es dem frohen Kindergemüt mehr ent- 
spricht, sich dessen zu entsinnen, was ihm Lust gebracht, so 
ist es natürlich, daß für das bewußte Leben besonders frohe 
Ereignisse zu festen Marksteinen in der Zeitrechnung werden, 
während schmerzliche Eindrücke ihre Spuren meist nur im Un- 
bewußten hinterlassen und die Grundstimmung späterer Jahre 
schaffen. Man könnte einwenden, daß in früher Kindheit 
überstandene Krankheiten zum eisernen Bestand des Erin- 
nerungsschatzes gehören, daß die Zeit häufig in die »vor der 
Krankheit« und »nach derselben« gegliedert wird und diese 
doch für das Kind kein frohes Erlebnis bedeutete; erwägt man 
aber, daß gerade dem kranken Kinde die größte Liebe und 
Fürsorge der Eltern zu teil wird, daß es sich in seinem 
Leiden so recht als Mittelpunkt der Familie fühlt, so wird 
man zugeben müssen, daß Krankheit für das Kind viel Wonne 
birgt, an die es sich zeitlebens erinnert. 

Durch die Erinnerung und durch die ins Weite schauende 
Phantasie entwickeln sich langsam die Begriffe der Ver- 
gangenheit und der Zukunft mit ihrem Bindeglied der Gegen- 
wart. Im Leben jedes Kindes erscheint der Augenblick, da seine 
Soele sich mit dem Problem der Ewigkeit befaßt; ist dies 
gewöhnlich* späteren Kinderjahren vorbehalten, so tauchen 
doch schon in der Spielzeit solche metaphysische Fragen auf. 
Als mein Neffe mit fünf Jahren einmal erklärte, ein ihm be- 
sonders wertes Spielzeug werde er »ewig« aufheben, knüpfte 
er spontan die Frage an: »Was heißt eigentlich ewig? Wie 
lange dauert das?« und unterbricht seine philosophischen 
Spekulationen mit der Erklärung: »Ja, ja, ich weiß schon, 



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108 DIE SPIELZEIT. 



ewig heißt eigentlich nicht ewig. Wenn die Tante Minna 
will, daß ich aufhören soll zu hämmern, so sagt sie : ,Gib 
einmal Ruh' mit deinem ewigen Klopfen/ Aber wenn mein 
Papa nie mehr kommt, das ist ewig.« So macht der Verstand 
des kleinen Jungen eine feine Unterscheidung zwischen dem, 
was nur zu lange und dem, was dauernd währt. Von einer 
gleichen Auffassung zeugt die Frage eines sechsjährigen 
Mädchens, das seine Mutter schelten hört, das Dienstmädchen 
komme ewig lange nicht vom Einkaufen nach Hause, »Mutter, 
kommt die Anna nie mehr, oder meinst du's nur im Spaß?« 
Bei wachsender Intelligenz erwacht dem Kinde ein Ver- 
ständnis für die Wesenlosigkeit der Zeit, aber es bedarf oft 
Jahre, bis diese Erkenntnis nicht immer wieder von dem 
Wunsche, »die Zeit sehen zu wollen«, gestört wird. 

In innigem Zusammenhange mit der Entwicklung des 
Raum- und des Zeitbegriffes steht der des Wachstums, der 
wieder durch seine Abhängigkeit mit dem Werden und 
Vergehen überhaupt dem Kinde von größtem Interesse ist. 
Das Keimen der Pflanzen zu beobachten, ihr Wachsen zu 
sehen, ist ein sehnlicher Wunsch vieler Kinder und entspringt 
natürlich dem, den Menschen entstehen und wachsen zu se- 
hen. Die große Vorliebe für jene Pflanzen, die zur Abend- 
zeit ihre Blütenkelche öffnen, ist eine Maskierung der kind- 
lichen Sehnsucht, das Mysterium des Werdens zu belauschen. 
Ihre Erfüllung jagt dem Kinde Wonneschauer durch den 
Körper, sein Hin- und Hertrippeln von einem Fuß auf den 
anderen, die geröteten Wangen, das erregte Flüstern, als 
könnte ein lautes Wort das schöne Naturspiel unterbrechen, 
zeigt offenkundig, daß das Kind diesen Vorgang unbewußt 
ebenso als Symbol einer sexuellen Handlung genießt, wie ihm das 
geheimnisvolle Leben und Sich-Öffnen einer reifen Schmet- 
terlingspuppe als unverhüllter Gebärakt erscheint, dem sich 
sein lustvollstes Interesse zuwendet. Das Wunder des 
Wachstums hört nicht auf, die Kinderseele zu erfüllen, ja 
die Phantasie läßt es sich vollziehen an leblosen Dingen, sie 
vergrößert es, wo es eben merklich ist, und die Ungeduld des Kin- 
des wühlt nach Keimen und Blättern, ehe sie aus dem Samen 



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DIE VERNUNFT. 109 



sich recht entfalten konnten. Diese stark sinnliche Freude 
am Wachsen der Pflanzen äußert sich in dem Verlangen 
nach einem eigenen Gärtchen, einem Blumenbeet oder selbst 
nach einem einzigen Blumentopf, dem das Kind ein Samen- 
korn anvertrauen kann. Ich erinnere mich aus meiner frühen 
Kindheit, wie atemraubend mir die Entdeckung war, daß die 
Sämlinge kleine Erdschollen gelockert, daß sie endlich feine 
Keime ans Tageslicht streckten, und ich konnte mich bis in 
die Pubertätszeit nicht frei machen von dem Gedanken, in den 
Pflanzen menschliche Wesen zu erblicken. Solchen Kindern 
ist die Auffassung, der Leib des Weibes öffne sich vom Nabel 
aus allmählich gleich der gelockerten Erdscholle, damit das 
Kindlein das Licht der Welt erblicke, die plausibelste Er- 
klärung des Geburtsvorganges. 

Sowie der Anfang und Ursprung alles Lebens dem Geiste 
und der Phantasie des Kindes ein unerschöpflicher Born ist, 
so beschäftigt es sich nicht minder mit des Lebens Ausgang, 
mit Sterben und Tod. Ja, es überträgt das Sterben, das 
ihm nichts anderes als einen zeitweiligen Stillstand der 
Lebensfunktionen, insbesondere der Bewegung bedeutet, auch 
auf an sich leblose Gegenstände, die in Ruhe zu sehen es 
nicht gewohnt ist. »Der Bach ist tot«, erklärte mein drei- 
jähriger Neffe, als er zum erstenmal eine Eisdecke auf dem 
Wasser sah. Diese kindliche Auffassung vom Tode erhält 
eine mächtige Unterstützung, ja vielleicht die erste Anregung 
aus den mannigfachen Spielen der Erwachsenen mit dem 
Kinde, es habe sie »totgeschossen« usw. Hiezu findet sich 
in Scupins Tagebuch folgende treffliche Schilderung aus 
E. Wolfgangs 33. Monat^) : »Die Mutter legte sich mit den 
Worten: ,Mama ist tot!' auf den Teppich; es belustigte 
dies den Knaben und er kroch auf der Mutter herum; 
dann aber wurde ihm ihre Regungslosigkeit 
ungemütlich, er begann sie zu zupfen und zu bitten: 
,S-teh doch lieber auf, Mama ich wer' dich helfen auf — ßun — 
s— tehn, ich helf dich, du bist ja nich tot, warum st— 



*) Scupin 1. c. I. pag. 160. 



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110 DIE SPIELZEIT. 



tehste nich immerßu auf?'«' Auch mein Neffe, der es vom 
dritten bis fünften Jahre liebte, Personen seiner Umgebung 
totzuschießen, ertrug die starre Bewegungslosigkeit nicht 
lange und begrüßte das leiseste Blinzeln mit dem freudigen 
Ausruf: »Du bist nicht tot, du hast geblinzelt!« Dieser Aus- 
druck starker Freude beim Wiedererwachen des »Toten« ist 
die Kehrseite der Haßregungen, von denen kein Kind frei 
ist und die geradezu als psychologische Wurzel der infanti- 
len Gedanken über Tod und Sterben zu betrachten sind. All 
die kleinen Versagungen, die Zurückweisung von Zärtlich- 
keiten zur Unzeit, die scheinbare oder wirkliche Bevorzugung 
eines der Geschwister sind hinreichender Anlaß, der Liebe 
zu den Eltern, Geschwistern und anderen Mitgliedern 
des Hauses feindliche Gefühle beizumengen, die eine Entfer- 
nung des Störenfrieds erwünscht machen. So ergibt sich eine 
zweite Vorstellung vom Tode: sie entspringt dem Wunsche, 
eine Person, die dem Kinde Ursache der behinderten eigenen 
Freiheit zu allerlei verbotenem Treiben zu sein scheint oder 
durch die es sich in der Zuneigung geliebter Personen be- 
einträchtigt glaubt, durch ihre Abwesenheit unschädlich zu 
machen. In einer kleinen Arbeit^), in welcher ich das Ver- 
hältnis des Kindes zum Tode beleuchtete, habe ich eine Reihe 
von Erlebnissen aus dem Kinderdasein angeführt, die Freuds 
Ansicht, dem Kinde bedeute Totsein ein dauerndes Entfernt- 
sein, glänzend bestätigen. 

In dem infantilen Vorstellungskreise über den Tod fin- 
den wir die Keime von Mitleid und Grausamkeit. Viel- 
leicht entspringt letztere zum Teil auch einer starken Muskel- 
erotik, wofür nebst der aktiven Grausamkeit das Ver- 
halten vieler Kinder beim rein passiven Anblicke solcher 
Szenen spräche; denn es ist wohl kaum bloße Nachahmung, 
daß das Kind, wenn es den Wurm unter fremdem Fuße sich 
krümmen sieht, mit der Bitte »Laß mich, laß mich !« selbst 
wollüstig aufstampft, daß es bei der Rauferei anderer, die 
die Grenze des Spieles schon überschritten hat, unbewußt 

^) Hug-HeUmuth, Das Kind und seine VorsteUung vom Tode, Imago 
I, Heft 3. 



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DIE VERNUNFT. 111 



die Fäuste ballt und auf den nächstliegenden Gegenstand, ja 
auf den eigenen Körper zuschlägt, und dies besonders dann 
tut, wenn ein ihm Mißliebiger in die Schlägerei verwickelt ist. 
Und was sind die anspornenden Zurufe der am Raufhandel un- 
beteiligten Knaben anderes als eine Betätigung der Muskelerotik? 
In dem »bissei Totmachen« des halb zertretenen Mistkäfers 
seitens des kleinen S c u p i n i) äußert sich deutlich die Mischung 
von Grausamkeit und Mitleid in der kindlichen Seele ; das Kind 
fühlt sich zugleich als Herr über Leben nnd Tod, in seiner Hand 
liegt es, dem Zustande der Todesruhe abzuhelfen, das leb- 
lose Geschöpf wieder zu erwecken aus seinem Schlafe, und 
es ist ehrlich betrübt, wenn ihm dies nicht gelingt. Wann 
dem Kinde das richtige Verständnis für die Tragik des Todes 
erwacht, ist unserem Urteil schwer zugänglich. Sicher aber 
hieße es die Beweglichkeit des kindlichen Geistes unterschätzen, 
wenn man glaubte, daß die traurige Stimmung, die unheim- 
liche Stille, welche Leichenfeierlichkeiten und Begräbnis in 
einer Familie hervorrufen, auf das kleine Kind nachhaltig 
wirken. Eben infolge der leichten Anschmiegsamkeit der 
jungen Seele wird das Kind momentan der Wirkung des dü- 
steren Zeremoniells unterliegen, aber schon die Tatsache, wie 
die ungewohnten Erlebnisse sogleich im Spiele Verwertung 
finden, ist ein Beweis, daß der wahre, tiefe Ernst des Todes 
dem Kinde noch unverständlich ist. So versiegen auch die 
Tränen um einen toten Liebling aus der Tierwelt, sobald die 
Vorbereitungen zum Begräbnis getroffen werden. Zwei 
Bauernjungen mußte die Mutter schließlich ein totes Eichhörn- 
chen wegnehmen, da sie es während eines Vormittags fünf, 
mal begraben hatten. Ähnliche Szenen aus dem Kinderleben be- 
schreibt Th. Storm in der Novelle »Von Kindern und Katzen, 
und wie sie den Nine begruben« und Otto Ernst in seinen 
humorvollen, feinsinnigen Aufzeichnungen aus Appelschnuts 
Leben. Der natürliche Frohsinn des Kindes läßt sich wohl 
durch einen unerwarteten traurigen Eindruck dämpfen, aber 
unversiegbar brechen bald wieder seine Strahlen aus den 



*) Scupin. 1. c. II. pag. 178. 



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112 DIE SPIELZEIT. 



Kinderaugen, bereit, auch das Düstere, Schreckliche mit 
seinem Leuchten zu verklären. Der Tod ist dem Kinde wohl 
ein Rätsel, aber sein Unbewußtes weiß sich die traurige 
wahre Lösung fernzuhalten. Zehnmal am Tage fragt das 
kleine Kind, dem die Mutter gestorben, nach ihr, will seine 
Anliegen zu ihr tragen wie sonst, enttäuscht kehrt es zu 
seinem Spiele zurück, um im nächsten Augenblicke schon zu 
vergessen, wie verlassen es ist. 

Von den Gedanken über den Tod ist dem kleinen Philo- 
sophen nur ein Schritt zu den methaphysischen Fragen: 
»Was geschieht nach dem Tode? Wohin kommen die Menschen? 
Gibt es einen Tierhimmel ? Werden aus den Menschen Engel 
und kommen diese als kleine Kindchen wieder auf die Erde?« 
»Denn«, meinte ein vierjähriges Mädchen, »so viele Engel 
haben doch gar nicht Platz im Himmel.« Also wird das 
Problem des Raumes dem kindlichen Geiste zum Stein des 
Anstoßes für die Glaubwürdigkeit der religiösen Mittei- 
lungen der Erwachsenen. Der uralte banale Witz, wie die 
gefallenen Krieger bei der einstigen Auferstehung ihre abge- 
schossenen Glieder erkennen, beschäftigt den kindlichen 
Geist allen Ernstes, und die ersten Zweifel an den Worten 
der heiligen Schrift nehmen nicht selten von diesem Dilemma 
ihren Ursprung. Dazu kommt noch die allmähliche Erkenntnis 
des Unwahren, das in so vielen ausweichenden Belehrungen 
und Berichten der Großen liegt. Der Ausspruch eines 
Bübchens^), das von der Mutter zum Abendgebet aufgefordert 
wird : »Ach, Mama, die Geschichte vom Storch ist nicht wahr, 
die vom Christkindle auch nicht, da wird es mit dem lieben 
Gott auch nichts sein«, ist ein schöner Beleg dafür, wie der 
Kinderglauben ins Wanken gerät, wenn einer seiner Pfeiler 
zusammenbricht. Das Nachsinnen über den absoluten Anfang 
aller Dinge gipfelt in der Frage : »Wer hat den lieben Gott 
gemacht?« »Dem metaphysischen Impuls des Kindes«, schreibt 
Sully2), »die Kette der Ereignisse ins Unendliche zurück zu 

^) »Was Kinder sagen und fragen«, von einer Großmama gesammelt 
Verlag Piper. München. 



) Sully, 1. e. pag. 110. 



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DIE VERNUNFT. 113 



verfolgen, steht der immer vorhandene Gott gar sehr im 
Wege. Es will hinter dieses ,war immer* der Existenz Gottes 
kommen, gerade wie es auf einer früheren Stufe seiner Ent- 
wicklung hinter die Grenzen der blauen Berge kommen wollte. 
Dies wird durch die Schlußfolgerung eines von Egg er 
beobachteten Kindes erläutert. Nachdem es von seiner Mutter 
gehört, daß vor der Welt nur Gott, der Schöpfer, da war, 
fragte es : ,Und vor Gott ?* ; die Antwort ,Nichts' deutete es 
sogleich, indem es sagte: ,Nein, es muß der Platz (d. h. der 
leere Raum) dagewesen sein, wo Gott ist.'« Aus dem natür- 
lichen Entwicklungsgang des kindlichen Verstandes resultiert 
das Verlangen, abstrakte Begriffe zu konkretivieren ; daher 
wiederholt sich aller Orten und Zeiten die Frage des 
kleinen Realisten: »Warum kann man den lieben Gott nicht 
sehen?«, die stete Sehnsucht der idealistisch veranlagten 
Kinderseele, ihn einmal zu schauen in seiner Herrlichkeit. 
Aus solch schauerndem Begehren der eigenen Kindheit schöp- 
fend, schuf Hebbels Genius das Gedicht »Bubensonntag«. ^) 
Die Mythen der Völker zeigen, daß die Gottesanbetung 
im Grunde die Anerkennung der väterlichen Autorität bedeutet, 
und die Phantasie der Kinder verleiht in der Tat dem Bilde 
Gottes mit Vorliebe die Züge des eigenen Vaters.^) Es liegt 
wohl mehr als eine »unbegreifliche Eigenheit« in dem Ge- 
baren eines äußerst aufgeweckten fünfjährigen Knaben, der 
mit drei Jahren seinen Vater verloren hatte: nach den 
wildesten Tagesspielen kann er des Abends kein Ende finden 
in der Verrichtung seiner Gebete zu Gott, »bei dem sein 
lieber Papa wohnt und der alles weiß«. Hier nimmt der leib- 
liche Vater die nächste Stelle neben dem himmlischen ein imd 
es ist nicht zu verwundern, daß dieser Knabe als Offiziers- 
solin Gott die höchsten militärischen Ehren andichtet. Die 

^) Hebbel, Sämtliche Werke, Bd. 5. 

2) Otto Ernst, Asmus Sempers Jugendland, I. Kap.: ». . .. Denn sein 
Vater war doch genau wie der liebe Gott, den er auf einem Bilde 
gesehen hatte. Dieselbe breite Stirn mit einem herrlich vollen Kranz von 
grauen Haaren, dieselbe kräftige Nase, derselbe große Bart, der den ganzen 
Mund sehen ließ, diesen Mund, von dem fast alles Gute und Schöne ge. 
kommen war, was Asmus bis jetzt erlebt hatte.« 

Hug-Hellmuth, Aus dem Seelenleben des Kindes. 8 



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114 DIE SPIELZEIT. 



religiösen Zweifel erfahren eine starke Vertiefung, wenn das 
Kind im Elternhause zwiespältige Ansichten vernimmt, ja es 
ahnt dieselben, wo sie bestehen, auch ohne ausdrückliche 
Worte. Die Entscheidung in diesem seelischen Konflikt fällt 
natürlich zu Gunsten des stärker geliebten Eltemteils aus 
und, weil in der Regel der Knabe mehr an der Mutter, das 
Mädchen am Vater hängt, jene aber häufig inniger den kirch- 
lichen Dogmen und Gebräuchen zuneigt, so findet man nicht 
selten, daß gerade Knaben im frühjugendlichen Alter eine 
religiöse Richtung einschlagen, die zu ihrem ungebärdigen 
Wesen in offenem Widerspruch steht ; sie verleiht dann auch 
dem Spiele ein besonderes Gepräge. »Kirche «-Spielen und 
»Messelesen« wird in dieser Periode gern von Knaben inszeniert, 
wobei sie, dem Drange des Mannes, das Weib zu regieren, 
folgend, von den »gläubigen Kirchenbesucherinnen« tiefe 
Devotion verlangen. Das Spiel der Mädchen bewegt sich mit 
Vorliebe in feierlichen Prozessionen mit bunten wallenden 
Gewändern und Blumenkränzen und in Leichenfeiern. 

Wie die Person Gottes, so sind seine Eigenschaften dem 
intelligenten Kinde ein Gegenstand der Spekulation und bald 
des Zweifels. In der Übertragung vom Vater, der alles weiß 
und alles kann, scheint es dem IQnde im allgemeinen natür- 
lich, bei Gott die gleichen Werte anzunehmen. Es deutet auf 
eine frühe Enttäuschung in den auf den Vater gesetzten Er- 
wartungen, wenn ein kleiner Knabe ^), »der mit drei oder viert- 
halb Jahren zur vorläufigen religiösen Raison, d. h. zu einem 
Gebetchen gebracht werden sollte«, diese Bemühungen ab- 
wehrt mit der unumwundenen Erklärung: »Ich will aber 
nicht weißen von dem lieben Gott.« Ich glaube nicht, daß 
die Ansicht Goltz' eine ausreichende Motivierung gibt: »dem 
armen Teufel Discipulus mochte von der dialektischen Konfusion 
nicht besser geworden sein, und da er eben Instinkt genug 
hatte, den unersprießlichen Turmbau schon aus dem Fun- 
diiment zu ersehen«, hätte er sich der unerwünschten religiösen 
Zumutung in echt kindlicher Weise erwehrt; dem Kinde ist 
ein so tiefer Sinn für das Wunderbare eigen, daß nur starke 



*) Goltz, 1. c, pag. 



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DIE VERNUNFT. 116 



persönliche Eindrücke im stände sind, eine so heftige Ab- 
lehnung hervorzurufen. Der Mensch glaubt, in der Kindheit so 
gut wie in der Reife, so lange an das Wunderbare, als er 
glauben will. Auf weit größeren Widerstand als der Glaube 
an das Dasein Gottes stößt der an seine Allgegenwart. 
Sie ist jene Eigenschaft, die der kindlichen Seele das 
Störendste am Gottesbegriff ist. Die Frage eines sechsjährigen 
Mädchens: »Wann stirbt der liebe Gott?« enthält vielleicht 
in nuce den Wunsch, seinem allgegenwärtigen Auge zu 
entrinnen. Dieser Gedanke, dem die Kleine fast grüblerisch 
nachhing, reifte in ihr den Glauben, dieses Ereignis habe 
sich vollzogen, wenn lautlose Stille in der Natur, zumal 
drückende Ruhe vor einem Gewitter herrschte. Diese Ideen- 
verknüpfimg ist wahrscheinlich die Quelle der übergroßen 
Angst, die jenes Kind in späteren Jahren während starker 
Gewitter zeigte. Bezeichnenderweise stellte sich dieselbe am 
heftigsten bei Abwesenheit des Vaters ein, durch die Vor- 
stellung genährt, er würde vom Blitze erschlagen. Der erste 
große Angstanfall fand zu Beginn des siebenten Lebensjahres des 
Kindes statt, an einem Tage, da es Strafe fürchtete und der 
Vater ein zu Besuch weilendes Kind während eines heftigen 
Gewitters im Wagen nach Hause brachte. Wir wissen aus 
der psychoanalytischen Forschung, daß übergroße Furcht 
aus der Verdrängung eines verbotenen Wunsches entspringt, 
d. h. in diesem Falle, dem Vater möge ein Unfall zustoßen, 
damit das Kind straflos bliebe. Füge ich noch hinzu, daß 
die stete Beaufsichtigung der Kinder in dieser Familie von 
ihnen aufs drückendste empfunden wurde, ja, daß das Mädchen 
sich derselben durch den Aufenthalt in möglichst entlegenen 
Winkeln des Hauses und des Gartens zu entziehen suchte, so 
erscheint seine Auflehnung gegen die göttliche Allgegenwart 
ganz natürlich. Bleibt auch der Zweifel an Gottes Güte und 
Gerechtigkeit in der Regel dem Verstände .des größeren 
Kindes vorbehalten, so fehlt doch auch dem kleinen kraft 
seines gesunden Egoismus nicht die Erkenntnis, wie oft die 
Moral der Vergeltung, die ihm die allein richtige scheint, 
den göttlichen Maßnahmen mangelt. Es erscheint gerade dem 

8* 



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116 DIE SPIELZEIT. 



frommen Kinde unbegreiflich, wie Gottes Gerechtigkeit so 
viel Schuld auf Erden ungestraft geschehen lasse. »Warum 
hat der liebe Gott den armen Leuten ihre Häuser verbrennen 
lassen?« fragt ein fünfjähriges Mädchen, als es vom Vater 
auf die Brandstätte eines eingeäscherten Dorfes mitgenommen 
wird, angesichts der vielen bekümmerten Gestalten. »Schickt 
er ihnen wenigstens etwas zu essen und zum Anziehen ?« 
Und die Antwort eines alten Bauers: »Mei' lieb's Kind, der 
liebe Gott is seil für die Reichen da, um uns kümmert 
er si net«, nimmt der Kleinen ein Stück vom seligen Kinder- 
glauben. 

Früher noch, als das Kind an dem Wesen Gottes 
zweifelt, kommt sein Glaube an die Engel und ihre treue 
Hüterrolle ins Wanken. »Wo war denn mein Schutzengerl, 
wie ich mir den Fuß gebrochen habe?« stammelte ein sechs- 
jähriger Bube, da er mit gebrochenem Beine vom Eislauf- 
platz heimgetragen wurde. Und die echt kindliche Auffassung 
vom Haus- und Familienrecht des lieben Herrgotts im 
Himmel, die sich in der Frage bekundet: »Wird der liebe 
Gott dem Schutzengerl eine Strafe geben, weil's nicht besser 
aufgepaßt hat?« erfährt während des wochenlangen Stilliegens 
bald einen Wandel. Eines Abends erklärt der Knabe : »Mama, 
ich werd' jetzt gar nicht mehr beten; ich glaub', daß es gar 
keine Schutzengel gibt!« und fügt sogleich zweifelnd hinzu: 
»Oder ist es doch wahr?« Das Kind will die schönen Phan- 
tasien nicht aufgeben, es verzichtet nur ungern auf den 
beruhigenden Gedanken, sein Leben sei beschützt und bewacht 
von einem Boten des Himmels ; denn es verzichtet damit auf 
die Fürsorge, in der es sich geborgen ^ühlt, und Fürsorge 
bedeutet dem Kindergemüt Liebe. Es liegt also dem Aufgeben 
des Glaubens an die Existenz der Engel oder Gottes eine 
tiefe Enttäuschung, ja vielleicht die erste im Kinderdasein 
zu Grunde. In ihr häufen sich zugleich all die kleinen 
Bitternisse, die Erziehung und Sitte keinem Kinde ersparen, 
und in Unmut wendet sich seine Seele von dem unsichtbaren 
Wesen, dessen es in den frühen Kindertagen leichter entbehrt 
als seiner irdischen Umgebung. 



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DIE SPRACHE. 117 



VI. Die Sprache. 

Es ist keine Übertreibung, zu sagen, das Leben des 
Kindes ist L i e b e und Spiel. Ihm hat nur Bedeutung und Wert, 
was ihm Liebe bringt, was zum Spiele taugt. Aus diesem 
doppelten Bedürfnisse heraus entwickelt sieh auch seine 
Sprache. Schon die ersten stammelnden Laute sind, wie 
wir gesehen, der Ausdruck des Autoerotismus in seinen un- 
zähligen Variationen und die sinnvollen Worte des heran- 
wachsenden Kindes entbehren ebensowenig dieser Kompo- 
nente. Im zornmütigen Schreien von Schimpfworten bäumt 
sich die verletzte Eigenliebe, im schmeichelnden Kosen wirbt 
die Kindesseele um Zärtlichkeit. Das stete Fragen des Kin- 
des bezweckt nebst intellektuellem Gewinn, daß die Um- 
gebung ihre ungeteilte Aufmerksamkeit ihm zuwende; nicht 
Grübelsucht^) allein — wie Sully meint — läßt das Kind 
endlos fragen, sondern weit öfters das Verlangen, eine ge- 
liebte Person möge sich ausschließlich mit ihm beschäftigen. 
Und ist das kleine Menschenkind sich selbst überlassen, dann 
stehen seine Monologe unter dem Zepter der Liebe und 
ihres psychologischen Widerspiels, des Hasses, man könnte 
sagen, der positiven und negativen Seite der Triebfeder alles 
menschlichen Tuns. Solchen Selbstgesprächen der Kinder zu 
lauschen, bedeutet einen tiefen Einblick in das Werden der 
infantilen Seele erlangen. In ihnen spiegelt sich das Emp- 
finden des Kindes naturwahr, weil es sich in d i e Worte kleidet, 
welche dem kindlichen Geiste ohne Rücksicht auf die Zensur 
der Erwachsenen die geeignetsten erscheinen. Naturell und 
Geschlecht verleihen der infantilen Sprache ihr eigenartiges 
Gepräge, das natürlich wenigstens zum Teil vom Milieu, in 
dem das Kind aufwächst, gefärbt wird. Allerdings ist dieser 
Einfluß ein geringerer, als man allgemein annimmt. Es bliebe 
sonst unerklärlich, wie sich in den Wortschatz bestbehüteter 
Kinder gemeine Ausdrücke einnisten können. Gerade sie hüten 
jedes obszöne Wort als kostbare Errungenschaft, stets bereit, 
dasselbe oft nur mit halbem Verständnis in der Rede zu 



*) Als die Ursache derselben hat die Psychoanalyse die Sphinxfrage 
aufgedeckt: Woher kommen die kleinen Kinder? 



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118 DIE SPIELZEIT. 



verwerten. Natürlich sind es vor allem die obszönen Bezeich- 
nungen für körperliche Bedürfnisse und Körperteile, die zu ge- 
brauchen dem kleinen Kinde die größte Lust bereiten. Anläßlich 
der Analyse^) eines Traumes meines damals fünf einhalb jährigen 
Neffen berichtete ich, wie er am Vortage des Traumes wie be- 
sessen im Zimmer umherrannte und rief: »Tante H., ich setz' 
mich her und mach' dir einen Patzen !«, gerade den Ausdruck 
wählend, der ihm wiederholt von seiner Mutter verboten 
worden war. Und kurz nachher, als er sich durch Erbrechen 
von heftigem Magenschmerz befreit fühlte, konnte er nicht 
oft genug unter spitzbübischem Gelächter erzählen : »Du, ich 
hab' g'spieb'n (= erbrochen), mußt du auch manchmal 
speib'n?« Und als ich endlich ärgerlich antwortete: »Ja, 
wenn du so ordinär bist«, verkündete er nachmittags laut in 
der Elektrischen Bahn: »Die Tante H. muß speib'n, wenn 
ich ordinär bin.« Ich erinnere mich aus meiner eigenen Kind- 
heit, daß ich gern vulgäre Ausdrücke besonders meiner Mutter 
zu Gehör redete. Diese bei Kindern häufig auftretende Ge 
pflogenheit ist in der Regel als Ausfluß eines Mutwillens an 
zusehen, dem freilich nicht eine gehässige Beimischung fehlt 
also vielleicht als Vorstufe des Wortsadismus. Die Sucht 
obszöne Worte zu gebrauchen, führt oft zum Aneinander 
reihen sinnloser Silben, die sich schließlich zu dem gewünschten 
Ausdruck formen. »Lololo-polo-popo» hörte ich erst vor 
kurzem ein etwa dreijähriges Mädchen wohl zwanzigmal singen 
und »wissi-wissi-wisschi-wi« entbehrte für einen vierjährigen 
Knaben wohl nicht derselben Tendenz. 

Sicher spielt bei dem unermüdlichen Wiederholen eines 
Wortes eine starke Erotik der Gaumen- und Lippenzone mit. 
Mein Neffe sprach eine Zeitlang in seinem sechsten Lebens- 
jahre unzähligemal das selbsterfundene Wort »Buurl-bbauer«, 
bis er unter Schütteln des ganzen Körpers aufsprang, die 
Lippen rieb und rief: »Ah, ich kann's nicht aushalten; 
das kitzelt so!« Ähnliche Beobachtungen bezüglich der La- 
bial- und Gutturallaute lassen sich ganz allgemein bei Kin- 



^) Hellmuth, Traum eines fünfeinhalbjährigen Knaben, Zentralbl. für 
Psychoanalyse 1II/3. 



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DIE SPRACHE. 119 



dem machen; b-b-b ... bis zu physischer Erschöpfung zu 
produzieren, ist nicht nur Spiel der Kleinsten, noch Mittel- 
schüler und Backfische können sich totlachen, wenn sie durch 
Fingerspiel an den Lippen den gleichen Laut hervorbringen. 
Auch aus diesen Beobachtungen ergeben sich Beziehungen 
zum Wort- wie zum Autosadi^mus. Der in so vielen Lie- 
dern wiederkehrende Refrain »la la la. . .« ja vielleicht das Jo- 
deln mit seinem stereotypen »Duliö Duliö. . . « mag hervor- 
gegangen sein aus der Empfindung der lustvollen Reizung 
gewisser Partien des Mundes und des Kehlkopfes, der sich 
noch das Wohlgefallen am Rhythmus verstärkend gesellt, i) 
Darauf weist die bekannte Erscheinung hin, daß Kinder häu- 
fig angeben, beim Singen die angenehmsten Gefühle im Hals 
und Mund zu verspüren. Ein neunjähriger Knabe schilderte 
mir als elfjährigem Mädchen diesen Reiz, indem er ihn direkt 
mit den Lustgefühlen »beim Spielen da unten« verglich. 
Solche unentstellte Äußerungen der Kinder sind ein unwider- 
legbarer Beweis für die Richtigkeit der psychoanalytischen 
Lehren, die, wenngleich aus den Krankengeschichten Neuro- 
tischer gewonnen, die wertvollsten Erkenntnisse für den 
Aufbau und Ablauf des Seelenlebens Gesunder liefern. 

Neben den autoerotischen Beweggründen bei Ausübung 
der Echolalie müssen wir auch solche, die sich — allerdings 
in keineswegs freundlicher Gesinnung — auf die Umgebung 
beziehen, gelten lassen. In der unermüdlich geübten Echo- 
lalie bietet sich dem Kinde ein bequemes Mittel, seine Um- 
gebung zu stören und zu ärgern ; es benützt sie ebenso zum 
Ausdrucke störrischen Eigensinns wie jede andere Trotz- 
handlung. Überhaupt eignet sich das Spielen mit der 
Sprache ausgezeichnet zu mancherlei Überschreitung der 
Sitte. Das »wohlerzogene« Kind weiß recht gut, daß auf 
Schimpfworte gegen die Eltern und die übrigen Mitglieder 
der Familie mehr oder minder strenge Strafe gesetzt ist. Wie 
soll es sich aber seines Grolls entledigen, der sich auch ge- 
gen die geliebtesten Personen in Menge aufgespeichert hat? 

*) Daß diesem eine sexuelle Note anhaftet, geht aus der Tatsache her- 
vor, daß gewisse rhythmische Bewegungen zum Orgasmus führen. 



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120 DIE SPIELZEIT 



Der Mutterwitz des Kindes weiß einen Ausweg zu finden: 
Es legt der im Augenblicke mißliebigen Person alle mögli- 
chen harmlosen Namen von Hausgeräten, Tieren usw. bei, 
um schließlich bei einem noch immer gestatteten, dem Wis- 
senden aber schon unzweideutigen Ausdruck zu landen. Es 
ist nicht »Unsinn«, und nicht allein »Schelmerei«, wenn der 
kleine S cupin im dritten Jahre i) seine Umgebung mit den 
»sonderbarsten« Prädikaten belegt, wie: »Mama is Gift« 
(das Wort kennt er von Vaters Cyankali-Tötungsglase her) ; 
»Großmama is dumm! Mama is ein HuUegänßen! Papa 
is ein Ofen!« Bezeichnenderweise wählt er für seine Mutter 
einmal die Bezeichnung »Gift«, das ihm gewiß als etwas Ge- 
fährliches, Abscheuliches, das man nicht anrühren dürfe, er- 
klärt wurde, ein andermal »HuUegänßen«, der Großmama 
legt er auch kein Schmeichelwort bei und nur für die 
Respektsperson des Vaters läßt er es beim »Ofen« bewenden. 
Zu Ende des dritten Jahres nennt er seine Umgebung »Hal- 
lunken« und »vor Wonne kreischend, rennt der kleine Kerl 
von einem zum anderen und beehrt ihn mit dieser Anrede.«^) 
Auch Groos^) berichtet, daß die kleine Marie G. im dritten 
Lebensjahre ihrem Vater zurief: »Papa, du bist ein — Ofen, 
du bist ein Teller!« und fügt hinzu: »Ihr Gesichtsausdruck 
verriet nur zu deutlich, daß sie im Innersten an viel weniger 
harmlose Bezeichnungen dachte.« Mein Neffe, der während 
seines vierten Lebensjahres in meinem Hause lebte, wurde 
dazu angehalten, meine Ruhepause nach Tisch nicht zu 
stören. Scheinbar willig fügt er sich; aber eines Mittags 
beginnt er: »Tante H., du bist eine Lampe, ein Tisch, 
eine Kredenz, ein Blumenstock. . . eine Chaise longue.« 
Ein anderer fünfjähriger Knabe belegt seinen Vater mit 
ähnlichen Prädikaten, zum Schluß kommt: »Du bist ein 
zerbrochener Teppichklopfer« (mit einem solchen 
hatte der Kleine wenige Tage zuvor ein paar Klapse vom 
Vater bekommen). NaWirlich verabsäumen die kleinen Schelme 
nicht, die liebevollsten Vergleiche zu ersinnen, wenn es 



% ^ Scupin, 1. c. 1. pag, 125, 195. 

^) K. Groos, Die Spiele der Menschen, pag. 289. 



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DIE SPRACHE. . 121 



sich um Erfüllung einer Bitte handelt. »Tante H., du bist 
ein neuer Fedemhut, eine Parfümflasche, . . . ein Spazier- 
gänger; du bist auch eine Schokoladentorte, . . . ein 
Automat« (mit Beziehung auf die Schokoladenautomaten, aus 
denen er sich gelegentlich eine Näscherei ziehen durfte) ; alle 
diese Bezeichnungen waren Umschreibungen seines Wunsches, 
mit mir spazieren zu gehen imd in eine Konditorei geführt zu wer- 
den. So versteht der kindliche Geist, durch die Blume auszu- 
drücken, was ihm in direkten Worten verwehrt ist, oder, worin 
zurückgewiesen zu werden, sein erwachender Stolz befürchtet. 
Die Wortentstellung, eine der Kindersprache inhä- 
rierende Erscheinung, hat neben den physischen Fehlerquellen 
für eine große Reihe von Ausdrücken ihre auslösenden Ur- 
sachen im Psychischen. Die Forscher auf pädologischem 
Gebiete lassen eine reproduktive und eine apperzep- 
tive Entstellung gelten; aber sie übersehen diejenige, welche 
vielleicht den größten Beitrag zu den Wortverstümmelungen 
liefert, die ArbeitdesUnbewußten, das absichtlich die aus 
der entspringend, geistigen Kräfte einen falschen Weg gehenläßt, 
um den gewaltsam unterdrückten und verdrängten Wünschen 
und Gedanken einen Ausdruck zu gewähren. Nicht anders als 
der Erwachsene die Äußerungen seines Unbewußten mit der 
Entschuldigung des Versprechens, Verschreibens usw. 
zu maskieren sucht, weiß die kindliche Seele schon auf der 
ersten Stufe der Sprachentwicklung, verbotene Gelüste unter 
dem Deckmantel einer mangelhaften Sprechfähigkeit auszu- 
drücken, oder in einem späteren Stadium durch einen Rück- 
fall in das frühkindliche Lallen sich zurückzuversetzen in 
ein Alter, in dem vieles noch gestattet war, was dem größeren 
Kinde untersagt ist. In der absichtlichen Entstelhmg der 
Wörter in Rückerinnerung an die Zeit des Sprechenlernens 
drückt sich aber auch ein gesteigertes Zärtlichkeitsbedürfnis 
aus, wie wir dies aus den Schmeichelworten, die Mutter und 
Kind in einer nur ihnen verständlichen Sprache tauschen, 
kennen. Kein Lexikon vermag all die Kosenamen aufzu- 
nehmen, die aus dem kindlichen Gemüte stammen. Aus 
»Bube, Bubi« formt ein vierjähriger Knabe das Kosewort 



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122 DIE SPIELZEIT. 



»Pupiluh« für seinen Vater, ein anderer, der seiner Mutter 
»Molligkeit« vom Vater scherzend rühmen hört, legt ihr den 
Namen »Mohli« bei. Für unzählige von Zärtlichkeitsworten 
der Kinder fehlt uns die Kenntnis der geheimen Fäden, durch 
die die kindliche Seele ihr tiefstes Innenleben mit der Außen- 
welt verknüpft. Nur manchmal blitzt uns ein Verständnis 
für den Zusammenhang auf. Mein sechsjähriger Neffe, 
der mir sehr zugetan ist, läßt seit einiger Zeit im Ge- 
spräche mit mir die Anrede »Tante« weg, formt den Namen 
Hermine erst in »Hermun«, dann in »Herman« um; darüber 
belehrt, daß dies ein Knabenname sei, erwiderte er: »das 
macht nichts, du bist halt ein Mann.« [Aber das geht nicht, 
ich bin ja eine Frau.] ^>Ja, aber für mich bist du halt ein 
Mann; ein Herr-Mann, da bist du zweimal ein Mann.« Hier 
spricht das Unbewußte den Wunsch des vaterlosen Kindes 
aus; die Tante, bei der er sich Rat erholt in allen Fragen 
seiner Baukunst, bei der Anlage von Mühlen und »elektr. Be- 
trieben« — »das kann die Mutti nicht« — soll ihm den ab- 
wesenden Vater ersetzen. Ähnlich verhielt sich ein kleines 
Mädchen von etwa sechs Jahren, dessen Eltern auch von ein- 
ander getrennt lebten, indem es das Kinderfräulein Frieda 
gern »Fritz« nannte. Natürlich kommt in solchem willkür- 
lichen Wechsel der Geschlechter stets auch die angeborene 
Bisexualität des Kindes zum Ausdruck. Erweckt wohl das 
fremde Geschlecht in erster Linie Zuneigung, so fehlt es doch 
in keines Menschen Leben vom frühesten Empfinden an Sym- 
pathie zu Geschlechtsgenossen. Da bei Knaben die Belehnung 
weiblicher Personen mit Männernamen im allgemeinen weit 
häufiger vorkommt als bei Mädchen, da mir ferner kein Fall 
bekannt ist, in dem ein Kind einem Manne oder Knaben einen 
weiblichen Vornamen gegeben hätte, so glaube ich in der 
Annahme nicht zu irren, in diesem Namens- und Geschlechts- 
wechsel seitens der Knaben für geliebte weibliche Personen 
liege der unbewußte Wunsch, diese durch Einreihung in das 
bevorzugte eigene Geschlecht auszuzeichnen. Diese Meinung 
fände auch in der verschiedenen Haltung eines einzelnen 
Knaben oder Mädchens beim Spiele mit mehreren Gefährten 



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DIE SPRACHE. 123 



des fremden Geschlechts eine Unterstützung. Dieses fühlt 
sich geehrt und geschmeichelt, in die Reihen der Knaben 
aufgenommen zu werden, jener läuft vom schönsten Spiele 
mit dem Mädchen beschämt weg, sobald er sich von Erwach- 
senen oder gar von anderen Buben bemerkt sieht. 

Ist das Sprachvermögen bereits so weit entwickelt, daß 
das Kind mit geringerer Mühe die Worte auffaßt und behält, 
so zeigt sich häufig eine neckische Verachtung der eigenen 
ersten Sprachversuche, sowie die Ablehnung gewisser die 
Kindersprache imitierenden Liedchen. Preyers Söhnchen ^) 
»erinnerte sich mit noch nicht drei Jahren, über sich 
selbst sich fast lustig machend, sehr wohl der Zeit, 
da es noch nicht sprechen konnte, noch ungenau artikulierte.« 
Mein Neffe, dem in seinem vierten Lebensjahre die im Kinder- 
jargon verfaßten Reime von R. u. M. Dehmel viel Spaß 
machten, wollte in seinem sechsten von dem »dummen Zeug« 
nichts wissen, »in dem die Kinder nicht einmal ordentlich 
sprechen können«. Anderseits bereitet es dem Kinde 
gerade auf dieser Stufe viel Vergnügen, selbständig Wort- 
verstümmelungen vorzunehmen. Ich rechne hieher nebst der 
scheinbar sinnlosen Veränderung der An- und Inlaute die 
absichtliche Umkehrung der Wörter. Seit Beginn seines 
sechsten Jahres ist mein Neffe darin ein Meister; Auf- 
schriften und Plakate, jede größere Druckschrift von links 
nach rechts und umgekehrt zu lesen, bietet ihm eine stete 
Unterhaltung und sein Entzücken ist besonders groß, wenn 
er auf Wörter stößt, die in der Umkehrung ein sinnvolles 
Wort geben oder unverändert bleiben. Einer seiner ersten 
diesbezüglichen Versuche geht auf das Wort »Popo« zurück, 
das er für sich zusammensetzte, vom Ende zurücklas und 
mit hellem Lachen konstatierte : »Wenn ich vom ungekehrten 
Popo das o wegnehme und zum Schlüsse sage, habe ich wieder 
einen Popo«, wobei er in der Wiederholung der Silbe eine 
Analogie zur Körperform erblickte. Ergibt sich beim Rück- 
wärtslesen ein anderer sinnvoller, ihm bekannter Ausdruck, 
dann scheint seine Absicht erfüllt zu sein. Der psycho- 



*) Frey er, 1. c. pag. 233. 



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124 DIE SPIELZEIT. 



analytischen Forschung ist es gelungen, in verschiedenen 
Fällen den Nachweis zu erbringen, daß das sog. Verlesen 
und Verschreiben stets auf unterdrückte Motive zurück- 
zuführen ist, die häufig sexuellen Charakter tragen, und es 
drängt sich nun die Vermutung auf, daß es sich auch bei 
der Wortentstellung des vorschulpflichtigen Kindes um solche 
handelt. Ein fünfjähriges Mädchen, das von seiner Mutter 
in die Lesekunst eingeführt worden, und mühsam das Wort 
»schießen« buchstabiert, bricht zum Erstaunen seiner Mutter 
plötzlich ein lautes Lachen aus; Lern- und Sexualinteresse 
trafen sich auf halbem Wege und durch die Umstellung der 
Selbstlaute hatte das Mädchen den Vulgärausdruck im Buche 
gefunden, den es nicht im Munde führen durfte. »In dem 
Wortspiel der Kinder, wie wir es nennen, nämlich in ihrer 
Entdeckung seltsamer Ähnlichkeiten an den Wortlauten und 
in ihrer Witzelei«, sagt Sully^), »steckt der Wunsch, hinter 
den Sinn der Wörter zu kommen. Obgleich dasselbe zweifellos 
ein unverfälschtes Element kindlichen Scherzes enthält, so 
deutet es doch auch einen ernsteren Zug, ein Interesse an 
den Wortlauten .... an.« »Ein Kind mag wissen, daß es 
in solchen Fällen Unsinn treibt; doch bringt das Wortspiel 
eine gewisse Befriedigung, die mit dem Vergnügen des 
älteren Sprachkenners etwas verwandt ist.« Nach meiner 
Meinung haben die Wortspiele eines dreieinhalbjährigen 
Mädchens, welche Sully angibt, einen tieferen Sinn, als den, 
welchen der Autor ihnen beimißt : Zuckerrosin für Superoxyd, 
Automate für Tomate, Grobiate für Krawatte imd verbreche- 
rischer Kopf statt zerbrechlicher Kopf (der Puppe) lassen auf 
ganz besondere Gedankenverbindungen schließen. Dieses 
Spielen mit den Wörtern tritt gerade bei jenen intelligenten 
Kindern zu Tage, denen die Erziehung frühzeitig einen 
Zwang auferlegt, für den ihnen das Verständnis fehlt. Es 
wiederholt sich dann in der Schule und findet ergiebigen 
Boden bei der Erlernung fremder Sprachen, in denen es nicht 
an Wörtern mangelt, die in deutscher Aussprache verbotene 
Ausdrücke nennen. 



*) Sully, 1. c. pag. 159. 



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DIE SPRACHE. 125 



Endlich möchte ich der entzückenden Wortbildungen 
und Zusammensetzungen erwähnen, auf denen der Hauch der 
Poesie und der Genialität der Kindheit liegt. Daß sie in der 
Regel dort gebildet werden, wo das Kind mit seinem Gemüt 
beteiligt ist, bedarf keines beweisenden Wortes. »Frühlings- 
süß«^) heißt ein vier drei viertel jähriges Mädchen seine 
Mutter, und vom kleinen dreidreiviertelj ährigen Knaben R. 
berichtet Ament, er habe sich am Vater »hinauf geliebt«, 
als er auf dessen Schoß geklettert war, um ihn zu liebkosen. 
Natürlich ist das sexuelle Interesse eine ergiebige Quelle von 
Neuerwerbungen. Ein vierjähriger Knabe nennt sein vier- 
monatiges Schwesterchen »Lutschkind« und die es 
säugende Mutter »Lutschmami« ; derselbe Knabe bezeichnet 
das Milchf läschchen seiner kleinen Kusine als »Mamiflaschl«, 
die Gartenspritze als einen »Wi wimacher für die Blumen«. 
In den von P r e y e r und vielen anderen Autoren angeführten 
infantilen Wortschätzen findet sich freilich nicht ein einziger 
dem sexuellen Gebiete angehöriger Ausdruck. Sie sind durch 
den Filter der Wissenschaft gereinigt vom Niederschlag kind- 
licher Originalität, sofern dieselbe in anstößigen Gebieten 
sich betätigt. Und selbst E.u. G. Scupin begnügen sich mit der 
Angabe von »Bauchknöppel« = Nabel, aus dem dritten Jahre, 
»Hinterbäuc hei« = Gesäß, »Backe« = Wange, aber auch 
Frauenbrust, »Klastiedel« = Klystier, aus dem vierten bis 
sechsten Jahre; leider fehlen auch hier die Aufzeichnungen 
über die Gedanken, die das Kind sich über diese Begriffe 
machte. Mit dreieinhalb Jahren erfand mein Neffe den Aus- 
druck »Popowadeln« für Gesäß, »anmuttern« für sich 
an die Mutter schmiegen, woraus er bald »antanten« und 
>an hermin en« formte. Im sechsten Lebensjahre meines 
Neffen war es zwischen ihm und mir Gepflogenheit, daß er 
in der Dämmerstunde auf einen verabredeten Lockruf in mein 
Zimmer kommen durfte, um »herumzuhetzen«. Sowie er die 
Aufforderung hörte, unterbrach er sein Spiel und sprang zu 
mir. Nach einem besonders lustigen Zusammensein am Vor- 
tage kam er beim gegebenen Zeichen mit dem Rufe: »Im 



^) C. u. W. Stern, Eindersprache, pag. 353. 



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126 DIE SPIELZEIT. 



Fluge zum Herminen-Körper« auf mich zugeeilt. Er hatte 
sich damals ein Spiel erfunden, bei dem er sich mit Armen 
und Beinen an mich anklammerte und ich ihn abschütteln 
mußte. Das allzu intensive Interesse an dieser Unterhaltung 
war mir bald Grund, sie abzustellen. Als ich mich, mehrmals 
von ihm in der Arbeit gestört, mit ein paar Bonbons freikaufen 
wollte, berichtete er seiner Mutter : »Die Tante H. hat michweg- 
gezuckerlt.« Keiner Kinderstube fehlt es an solchen vom 
Kinde selbst erfundenen Wortbildungen, die ihr Entstehen 
den sexuell-erotischen Gefühlen desselben verdanken, und es 
wäre eine dankenswerte Aufgabe, gerade diese Ausdrücke zu 
bewahren und bis zu ihrem Ursprung im emotionellen Leben 
des Kindes zu verfolgen. 

Während der Erwachsene nicht selten durch die Sprache 
seine Gemütsbewegungen verhüllt, dient sie in der Kindheit 
als klarer Ausdruck derselben. Sie ist dem kleinen Kinde 
schon ein brauchbares Mittel, um die sprachpädagogischen 
Bestrebungen seiner Umgebung in gleicher Münze zurückzu- 
zahlen. Mit erstaunlicher Konsequenz beobachtet es gewisse 
üngenauigkeiten und Eigenheiten im Sprechen der Erwach- 
senen und nimmt jede Gelegenheit wahr, Korrekturen anzu- 
bringen. So beanständet ein fünfjähriger Junge, dem oftmals 
sein »net« für »nicht« ausgestellt worden, beständig an sei- 
ner Großmutter, daß sie »zuerscht« statt »zuerst« spricht; 
mit lustvoller Gehässigkeit horcht er jedesmal auf diesen Ge- 
wohnheitsfehler und die intensivste Vertiefung ins Spiel läßt 
ihn denselben nicht überhören. Eine Dame erzählte mir, wie 
scharf sie als Kind auf gelegentliche Sprachvernachlässigun- 
gen ihrer Eltern aufgepaßt, da ihr insbesondere vom Vater 
wiederholt derartige Ausstellungen gemacht wurden, und wie 
nur die große Strenge der Eltern sie abhielt, ihre Korrek- 
turen auszusprechen. Solche Unterdrückungsarbeit zeitigt im 
Vereine mit anderen Faktoren einen Zug des Nörgeins, der 
sich dann beim reifen Menschen natürlich nicht auf das Ge- 
biet der Sprache beschränkt; bei witziger Veranlagung aber 
den unwiderstehlichen Drang, Sprache und Eigenart anderer 
zu imitieren und ins Lächerliche zu ziehen. 



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DIE SPRACHE. 127 



Eine eigentümliche Rolle kommt den Beziehungen zwi- 
schen grammatischem und natürlichem Geschlecht im infan- 
tilen Geistesleben zu, welche allerdings erst in der Lernzeit 
besonders hervortritt, aber auch schon im vorschulpflichti- 
gen Alter nicht ohne Bedeutung ist. Sully^) führt als reizen- 
den Beleg hiefür die Spekulation eines Knaben von fünfein- 
viertel Jahren an, »welcher Deutsch und Italienisch ebenso- 
gut als Englisch gelernt hatte und sich über das Geschlecht 
der Sonne, des Mondes viele Gedanken machte. Er begann 
daher in folgender Weise Mythen zu bilden: ,Ich denke, die 
Leute (die Italiener) glauben, die Sonne (il sole) ist der 
Mann, der Mond (la luna) ist die Frau und alle Sterne sind 
die kleinen Kinder* » .Nach meiner Meinung dürften auch Größen- 
verhäitnis, Leuchtkraft und Glanz nicht ohne Einfluß auf 
die Zuteilung der Rollen gewesen sein. 

Von besonderem Interesse sind die sprachpsychologischen 
Beobachtungen an Kindern, die sich vom frühesten Alter an 
zweier Umgangssprachen bedienen. Sie bilden sich gerne 
eine Mischsprache, die sie dann anwenden, wenn sie die Aus- 
drücke der einen oder anderen für sich als unpassend be- 
trachten. So gebrauchte ein vierjähriges Mädchen in Gegen- 
wart von Fremden die Mahnung »suivi« zu ihrem Kinder- 
fräulein, um durch Onomatopoe die Notwendigkeit ihrer Be- 
dürfnisse anzudeuten. Ein anderes Mädchen forderte seine 
Nurse durch die Worte »much« und »little« auf, ihm bei die- 
sen Verrichtungen behilflich zu sein. Hierher zählt auch die 
beliebte Umschreibung »eins«, »zwei« für kleine und große 
Geschäfte. Wir erkennen in solchem Wortgebrauch nicht 
nur unschwer die Wurzel zu den Geheimsprachen der 
reiferen Jugend, sondern auch zu der Gepflogenheit 
Erwachsener, anstößig scheinende, d. h. sexuelle Dinge mit 
einem Fremdwort zu belegen; ist es doch sogar in der 
Wissenschaft gang und gäbe, sexuelle Vorgänge mit dem 
lateinischen Ausdrucke zu umschreiben, obwohl für sie die 
Bezeichnung in der Muttersprache nicht fehlt. 



^) SuUy, 1. c. pag. 160. 



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128 DIE SPIELZEIT. 



Vn. Das Gemütsleben. 

Die intellektuelle Entwicklung des Kindes steht in so unmit- 
telbarem Kontakt mit seinem Gemütsleben, daß es auch dem 
nüchternsten Beobachter der Kinderseele nur schwer gelänge, 
von ihr zu sprechen und dieses aus der Betrachtung auszu- 
schalten. Hat doch die Natur den Kleinsten und Kleinen die 
köstlichste Gabe verliehen in der starken Gefühlsbetonung ^ 
durch die ihnen jedes Ereignis bedeutungsvoll wird! Was 
beim Säugling die primitivsten Gemütsregungen, Erstaunen 
und Furcht, auslöst, weckt beim heranwachsenden Kinde die 
ganze Stufenleiter von Lust und Unlust in der die frühe 
Jugend auszeichnenden Stärke. Es umfängt seine Umgebung, 
ja die ganze Natur mit rein egoistischen Gefühlen, die 
uns um ihrer Unbewußtheit willen l. im Frührot der Kindheit 
nicht stören. Es liebt, was ihm Lust verheißt, haßt, was ihm 
solche verwehrt, und läßt an sich wirkungslos vorübergehen, 
was zwischen diesen beiden Möglichkeiten liegt. Diese ego- 
zentrische Weltauffassung bedingt im Vereine mit der 
großen Eindrucksfähigkeit des kindlichen Geistes die starke 
Reaktion auf alle äußeren Erlebnisse. Unter ihrer Herrschaft 
entwickeln sich Triebleben und Wille des Kindes, aus ihr 
entspringt das unersättliche Liebesbedürfnis, das wieder zur 
Quelle einer großen Reihe, ja vielleicht aller Kinderfehler 
wird. Der egozentrische Standpunkt veranlaßt das Kind, eine 
Sonderstellung im Herzen der geliebten Person zu beanspru- 
chen und um die einmal erworbene mit allen Mitteln der 
Liebe und des Hasses zu kämpfen. 

Allerdings tritt dieses Verlangen in ungleichem Maße 
zu Tage, denn anders verhält sich das einzige Kind, anders 
das, dem noch Geschwister folgen, wieder anders die jün- 
geren Kinder einer Familie. Es ist natürlich, daß das einzige 
Kind das übergroße Ausmaß von Liebe und Fürsorge, das 
ihm vom ersten Tage an ungeteilt zugewendet wird, als recht- 
mäßigen Tribut ansieht, sich zum Tyrannen des ganzes Hauses 
aufwirft und seine Liebesansprüche auch dort geltend 
macht, wo es naturgemäß weniger Entgegenkommen findet, 
bei Dienstpersonen und Fremden. Dies setzt dann wohl eine 



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DAS GEMÜTSLEBEN. 129 

erste arge Enttäuschung, die freilich Dank der Beweglichkeit 
der Elemente der kindlichen Seele in der frühesten Jugend 
leicht überwunden wird, erst durch noch innigeren Anschluß 
an Vater und Mutter, dann durch das allmählich keimende 
Verständnis, daß auch der durch Liebe Verwöhnteste sich mit 
einem gewissen Maße bescheiden muß. Weit trauriger gestaltet 
sich das Schicksal des Kindes, das in seiner ersten Jugend zu 
wenig Liebe erfuhr ; ihm kann dereinst keine Mannesliebe, keine 
Frauenneigung ersetzen, was ihm in der Kindheit gefehlt ; es 
bleibt liebearm sein Leben lang, denn ihm selbst mangelt die 
Kunst zu lieben. Vergeblich sucht ein solcher Mann zeit seines 
Lebens die Frau, die ihm die nie genossene Mutterliebe schenkte ; 
aber auch das Weib, das keine Mutter lieben gelehrt, lernt diese 
hohe Kunst nie mehr in späteren Jahren. Die Dichterseele, der 
stets das geheimnisvolle Weben der psychischen Kräfte offenbar 
war, hat auch das beklagenswerte Schicksal des mutterlosen 
Kindes begriffen und all das Leid der jungen Seele in Lieder 
gekleidet, wie sie Albert Traeger in seinem ans Herz 
greifenden »Das Kind hat keine Mutter mehr« uns singt. 

Die Mythen aller Völker künden uns, wie die Liebe des 
Sohnes zur Mutter übermächtig ward im Streben nach ihrem 
Besitz, wie er im Vater einen gefährlichen Nebenbuhler er- 
blickte, dessen Tod allein ihm die verbotenen Wege zur Erst- 
geliebten, zur Mutter, bahnt. Dieser rotglühende Faden von sinn- 
lichem Begehren nach der Mutter und von feindseligen Regungen 
gegen den Vater zieht sich durch den Märchenschatz aller 
Zungen, dem die Jugend atemlos lauscht, und er verknüpft, 
unkenntlich gemacht von Sitte und Herkommen, sie selber 
mit den Eltern. Es ist der natürlichste Gedanke des Knaben, 
die Mutter zu heiraten, wenn der Vater stürbe, und das 
kleine Mädchen gefällt sich in der Rolle der Mutter, ist diese 
einmal abwesend ; in der »Traumdeutung«^) bringt Freud 
folgenden klaren Beleg hiefür: »Ein besonders begabtes und 
lebhaftes Mädchen von nicht vier Jahren, an der dies Stück 
Kinderpsychologie besonders durchsichtig ist, äußert direkt : 
,Jetzt kann das Muatterl einmal fortgehen, dann muß das 

*) Freud, Traumdeutung, III. Aufl. pag. 187. 
Hug-H ellmuth, Aus dem Seelenleben des Kindes. 9 



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130 DIE SPIELZEIT. 



Vaterl mich heiraten, und ich will seine Frau sein'.« Es be- 
deutet schon eine leise Erkenntnis der konventionellen 
Schranke, wenn ein fünfjähriger Junge sagt: »Meine Frau 
muß so ausschauen wie die Mutti«, und ein anderer seiner 
Mutter vorschlägt: »Mama, wenn du auch ein Mäderl hättest, 
und das war' nicht bei uns, so könnte ich sie heiraten, und 
die sähe dann ganz so aus wie du.« Bei diesem Kinde hat 
der Gedanke der Inzestscheu bereits so tief Wurzel geschlagen, 
daß es nicht mehr die Mutter selbst, auch nicht die Schwester, 
mit der er zusammen aufwüchse, freien will, sondern »das 
Mäderl der Mutter«, das ihr vollkommen gleicht. Gelegent- 
liche Bemerkungen der Erwachsenen, daß man seine Eltern 
und Geschwister nicht zur Ehe begehren könne, sind vom 
kindlichen Geiste aufgefaßt und verarbeitet worden, ohne daß 
darum das Gemütsleben auf seine Wünsche verzichten wollte. 
So wählt auch ein vierjähriges Mädchen den Onkel väter- 
licherseits zum künftigen Gatten, »weil er dem Papa ganz 
ähnlich sieht und der Papa doch schon die Mama zur Frau 
hat«. Da aber in der Kindheit dem Menschen eine bisexuelle 
Neigung eigen ist, hat auch die Liebe zum gleichgeschlecht- 
lichen Elternteil einen sexuellen Unterton. Der Wunsch des 
kleinen Knaben, bald so groß und stark wie der Vater zu 
sein, zielt nicht nur auf die Möglichkeit ab, ihn aus seiner 
Stellung bei der Mutter zu verdrängen, sondern drückt auch 
die Bewunderung für dessen Person aus; so stark wie der 
Vater ist in den Augen des Kindes kein anderer Mann. Auch 
der Mutter wird von ihrem Töchterchen nicht selten eine 
schwärmerische Neigung zu teil, der eine reichliche Dosis 
Neid gegen die Mütter anderer Kinder beigesellt ist. Ein 
abfälliges Urteil über ihre Kleidung zu hören, trifft gewiß 
die Eigenliebe des Kindes, aber es tönt wohl auch eine Saite 
kindlichster Liebe, wenn ein solch kleines Mädchen sich 
weigert, sein Abendbrot zu essen und nach langem Zögern 
fragt: »Mama, wie lange müssen wir denn sparen, damit du 
dir auch ein so feines Kleid kaufen kannst wie die Mutter 
der B.?« Fehlt dem Kinde in den ersten Jahren die Liebe der 
Mutter, sei es, daß diese gestorben oder sie ihre heiligste 



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DAS GEMÜTSLEBEN. 131 

Pflicht sorglos anderen überträgt, so schließt es sich mit dem 
ganzen Ungestüm seines liebebedürftigen Herzens an eine Pflege- 
person, am liebsten wohl an Großmutter oder Tante an. »Um ein 
Kinderdasein und die Ergebnisse einer Kindheit vollständig zu 
machen,« schreibt Goltz^), »muß irgend eine Tanten- oder 
Großtantenschaft dazukommen.« Aber auch für solche Kinder, 
in deren frühester Jugend eine zärtliche Großmutter oder Tante 
zahllose Wünsche ihres Lieblings erfüllten, ist die Mutter das 
Idol, welches das einstige Liebesleben des Kindes bestimmt, nur 
daß es sich mit Zügen derer verwebt, die dem Kinde die Zu- 
neigung zuwenden, welche es vergeblich von der Mutter erhofft. 
Von eminenter Bedeutung für die Entwicklung des Gemüts- 
lebens ist das Verhältni s des Kindes zu seinen Ge- 
schwistern. In der »Traumdeutung« skizziert Freud in 
kurzen überzeugenden Worten, wie wenig das Verhalten des 
Kindes gegen seine Geschwister von Liebe zeugt, wie sich 
in demselben weit mehr ein beständiger Kampf ungleicher 
Partner spiegelt, aggressive Feindseligkeit auf der einen, 
ohnmächtige Wut auf der anderen Seite. 

Diese Haßregungen keimen nicht erst zu dem Zeitpunkt, 
da die Fäuste eine beredte Sprache führen, sie stammen beim 
älteren Kinde von dem Tage, da der unerwünschte Familien- 
zuwachs erschien, da es sich aus seiner dominierenden 
Stellung im Hause verdrängt sieht. SuUy^) berichtet von 
einem kleinen Mädchen, »welches von einer so heftigen Ab- 
neigung gegen einen von ihm äußerst häßlich gehaltenen 
Säugling ergriffen wurde, daß es den Versuch machte, dessen 
Kopf zu zerschmettern.« Da der Autor dieses Beispiel von 
»Grausamkeit« im Anschlüsse an seine Beobachtungen über 
das ablehnende Verhalten des Kindes bei der Ankunft eines 
zweiten bringt, so ist anzunehmen, daß der Haß des Mädchens 
sich gegen ein Brüderchen oder Schwesterchen richtet; dann 
ist aber nicht die Häßlichkeit desselben Ursache des Hasses, 
sondern aus diesem entspringt die Einbildung, der Säugling 
sähe so abschreckend aus; es ist dies eine allgemein zu 



*) Goltz, 1. c. pag. 389. 
*) Sully, 1. c. pag. 203. 



9» 



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132 DIE SPIELZEIT. 



beobachtende Form der kindlichen Abneigung gegen Wiegen- 
kinder, durch die das größere Kind an Liebe sich beein- 
trächtigt fühlt. Diese feindselige Stimmung veranlaßt nach 
Sully^) einen Knaben, die Wiege, in der sein totes Schwester- 
chen lag, anzuzünden ; hier begegnen wir der echt kindlichen 
Auffassung des Totseins als »Entfernt«-, »Weg«-sein; solange 
der Knabe den Leichnam der Schwester in der Wiege liegen 
sieht, erscheint ihm die Rivalin nicht endgültig beseitigt; 
aber er weiß aus den Verboten des Zündeins, daß verloren 
ist, was verbrannt wurde. In solchem Gebahren der Kinder 
bricht die Eifersucht unverhohlen durch, ohne daß wir darin 
eine verbrecherische Neigung ansprechen können. Tiede- 
manns Söhnchen 2) verriet im Alter von anderthalb Jahren 
heftige Mißgunst gegen sein kleines Schwesterchen; »er wollte 
es schlagen, so oft es auf Mutters Schoß oder in seiner Wiege 
lag, weil es ihm unangenehm war, sich etwas ent- 
zogen zu sehen, das er so lange ausschließlich 
hatte. Anderseits zeigte er Mitgefühl, indem er weinte, 
wenn die Schwester weinte.« Es scheint mir nicht zutreffend, 
bei einem anderthalbjährigen Kinde solche altruistische Ge- 
fühlsregungen vorauszusetzen, vielmehr spielt neben der Imi- 
tation, die gerade in diesem Alter von großer Bedeutung ist, 
ein anderer Faktor mit, es ist die unbewußte Überkompen- 
sation des Hasses in Liebesbezeigungen. So ergeht sich der 
kleine GünterStern^), der beim Säugen der kleinen Schwester 
Eva voll Eifersucht die Aufmerksamkeit der Mutter auf sich 
zu lenken sucht, bald darauf in Bewunderung seiner Neben- 
buhlerin. Es darf uns nicht wundern, wenn solche Kinder, 
die ihre Abneigung gegen den Eindringling unverhüllt 
zeigten, bald die zärtlichsten Geschwister werden. Haß und 
Liebe entsprießen einem gemeinsamen Stamm, der Eigenliebe. 
Der erste feindliche Impuls, das Neue, Unerwartete abzu- 
wehren, wenn es dem Egoismus hindernd im Wege steht, 
wird abgelöst durch das der Eigenliebe schmeichelnde Hoch- 
gefühl der Unentbehrlichkeit in der Leistung freiwilliger 

») Sully, 1. c. pag. 208. 

*) Tiedemann, 1. c. pag. 31. 

") Stern, Kindersprache, pag. 108. 



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DAS GEMÜTSLEBEN. 133 



Liebesdienste ; die Freude, von dem kleinen, hilflosen Wesen 
geliebt zu werden, erweckt eine Zärtlichkeit und Fürsorge im 
Kinde, die etwas Rührendes an sich hat. Daß wir solch ge- 
schäftigem liebevollen Treiben mit Rührung zusehen, hat 
kein anderes Motiv, als daß wir darin unbewußt den Sieg 
der Liebe über den ursprünglichen Haß anerkennen. Die 
feindliche Einstellung ist besonders dann eine offenkundige, 
wenn dem größeren Kinde durch die Ankunft eines kleinen 
nicht bloß ein Teil der elterlichen Liebe entzogen wird, 
sondern wenn ihm gewisse Arbeiten auferlegt werden, zu 
denen Wille und Intellekt noch zu schwach sind. Ein vier- 
jähriger Bauernjunge, der seine wenige Monate alte Schwester 
im Korbwagen schaukeln soll, nimmt diese Beeinträchtigung 
seiner Freiheit unfroh auf und schlägt der Mutter vor: »Geh 
Muatta, verkauf die Ella, mir könnens net brauchen.« Einige 
Monate später will er davon nichts mehr wissen: »Jetzt net, 
jetz' kann's ja scho' spiePn; jetz' hab' i' s' gern!« Diese 
Verdrängung der ursprünglichen Mißgunst können wir bei 
Kindern fast regelmäßig beobachten, und ebenso, daß sie, 
zum Teil erhalten geblieben, im gegebenen Augenblicke grell 
hervorbricht. Für manche Kinder ist schon der bloße Gedanke 
an die bevorstehende Ankunft eines Geschwisterchens so auf- 
regend, daß sie drohen, dasselbe ins Wasser zu werfen oder 
unters Bett zu stecken«, den Ort, wohin das Kind unlieb- 
same Gegenstände sich aus den Augen räumt. Wie ein Kind, 
das sich also zurückgesetzt fühlt, auf jedwede Weise versucht, 
sich die Liebe und Aufmerksamkeit der Umgebung, zumal 
der Mutter, zurückzuerobern, davon gibt Lichtenberger in 
»La petite soeur de Trott« ein reizendes Beispiel. Der kleine 
Junge, durch das Schwesterchen in den Hintergrund gedrängt, 
zieht sich absichtlich eine Verletzung durch einen Sturz vom 
Stuhle zu und, von den Eltern liebkost, gesteht er, weinend 
vor Schmerz und Freude: »Ich habe es mit Absicht 
getan!« Und da die Eltern erkennen, wie die junge Seele in 
der Zeit, da sie ihn ein wenig zurückstellten, grausam gelitten, 
und ihn ihrer Liebe versichern, antwortet er auf die Frage, 
ob er nun zufrieden sei, mit verweinten Augen und lachendem 



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134 DIE SPIELZEIT, 



Munde: »O ja; aber es tut mir doch nicht leid, daß ich mir 
die große Beule geschlagen habe.« Auch der kleine Bauern- 
junge, von dem ich eben sprach, verstand, sich die Auf- 
merk8£^pikeit und Fürsorge seiner Mutter zu erzwingen: 
schon seit länger als einem Jahr an Reinlichkeit gewöhnt, 
begann er nach Geburt seines Schwesterchens die Dressur zu 
umgehen, obwohl er dafür Züchtigung fürchten mußte. Die 
Mutter, eine mehr als einfache Frau, ahnte gleichwohl 
instinktiv den wahren Beweggrund des Knaben, freilich ohne 
ihm Rechnung zu tragen. »Ich weiß net, was i tun soll«, 
meinte sie »das Prügeln hilft nix; ich glaub', er tut mir's 
rein mit Fleiß, weil ich wegen der Kleinen keine Zeit für 
ihn hab'!« Ich hatte leider nicht mehr Gelegenheit zu be- 
obachten, ob das liebevolle, gütige Zureden, das ich angeraten 
hatte, von dauernder Wirkung war, oder nur durch den Reiz 
des Ungewohnten einen vorübergehenden Erfolg hatte. 

Das jüngere Kind schließt sich dem älteren, sobald bie 
diesem die Verdrängung der offenkundigen Feindschaft ein- 
gesetzt hat, nicht selten in Bewunderung an; sein Wort hat 
ihm oft mehr Autorität als das der Erwachsenen, ja sogar 
der Eltern. Der Knabe fühlt in der älteren Schwester ein 
Stück Mutter, dem kleinen Mädchen ist der reifere Bruder 
ein zweiter Vater, der den Vorteil für sich hat, durch sein 
jugendliches Alter und seinen infantilen Vorstellungskreis dem 
Geschwisterchen um vieles näher zu stehen als der leibliche 
Vater. Man könnte also glauben, daß von der jüngeren Seite 
eine ganz reine Liebe gefühlt wird, frei von Eifersucht und 
Haß. Aber man übersieht bei solcher Meinung, daß dem 
kleinen Kind wieder als Bevorzugung des älteren erscheint, 
was diesem einfach kraft des Vorsprungs in der Entwick- 
lung zukommt. Wieviel Tränen kostet nicht die Kleinsten 
das Schlafengehen vor den älteren Geschwistern! Mit wach- 
samem Auge prüfen die Jüngsten beim Mittagstische die 
Größe der zugeteilten Portionen beliebter Speisen; ein grö- 
ßeres Butterbrot, das dem Älteren geschnitten wurde, ver- 
ursacht ein Wutgeheul und beleidigtes Verschmähen des 
eigenen. Mit wieviel Neid ein Kinderherz um Spielzeug zu 



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DAS GEMÜTSLEBEN. 136 



streiten vermag, das ihm eben noch gleichgültig gewesen, 
kennt jeder, der in der Kinderstube Bescheid weiß. Der Neid 
ist ein wesentlicher Faktor für die Unterscheidung von Mein 
und Dein. Eine stete Quelle tiefen Leids für das Kinder- 
herz sind die von den älteren Geschwistern überkommenen 
Kleidungsstücke, aus denen diese »ausgewachsen« sind. So 
stolz das Kind sich im Kleidchen aus Mutters Garderobe, im 
Höschen aus Vaters Anzug fühlt, ebenso schmachvoll dünkt 
ihm, ein Kleidungsstück von Schwester oder Bruder tragen 
zu müssen. Nur wer selbst solch ein Unglückskind war, weiß 
den Schmerz, die Erniedrigung zu ermessen, die das infan- 
tile G^müt in solchen Situationen erleidet. Dieses Gefühl der 
Zurücksetzung empfindet auch das Schulkind, das Jahr für 
Jahr die Bücher von Bruder oder Schwester übernehmen 
muß, und manch geringer Lerneifer ist solcher Sparsamkeit 
der Eltern zuzuschreiben. Es ist ein erziehlicher Mißgriff, 
dessen Folgen viel zu gering veranschlagt werden. Einsichts- 
volle Eltern vermeiden, wenn schon nicht bei den notwen- 
digen Gebrauchsgegenständen, so doch bei Geschenken eine 
Parteinahme, halten zumindest bei diesen auf Gleichheit, was 
für die kindliche Auffassung soviel als ein gleiches Ausmaß 
der Liebe bedeutet. Denn an den Festgaben mißt das Kind 
die Innigkeit und die Größe der elterlichen Zuneigung. Da 
ihm das Verständnis für den Wort der Dinge noch fehlt, so 
ist ihm die Stückzahl der Geschenke ein Prüfstein für den 
gerechten gleichen Anteil der Gunst des Gebers. Drei Ge- 
schwister, ein Mädchen und zwei Knaben im Alter von 
sieben bis vier Jahren, pflegten diesbezüglich eine genaue 
Kontrolle der Christbescherung und der sonstigen Fest- 
gaben zu üben. Das Beschenktwerden ist der Jugend an sich 
eine Festfreude, sie ist darin unersättlich ; denn »Beschenkt- 
werden« heißt »Geliebtwerden«. Aus der egozentrischen Ge- 
danken- und Gefühlswelt des Kindes erklärt sich, wariun ihm 
lange die ethische Bedeutung des Bibelwortes »Geben ist 
seliger denn Nehmen« unverständlich bleibt. Es scheint dies 
in Widerspruch zu stehen mit der Freude, die das Kind früh- 
zeitig äußert, wenn es anderen schenken kann. Wenn wir 



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186 DIE SPIELZEIT. 



aber bedenken, wie das Kind nicht ansteht, wieder zurück- 
zufordern, was es eben freiwillig angeboten, so erkennen 
wir, daß es ihm nur um den Liebesbeweis zu tun ist und als 
selbstverständlich betrachtet, daß ihm mit gleicher Münze 
gezahlt, d. h. die Gabe zurückerstattet werde. Aus diesem 
Grunde beschenken Kinder lieber Erwachsene als Alters- 
genossen, die auf solche scheinbare Freigiebigkeit nicht ein- 
gehen. Ist es dem Kind durch Imitation und Belehrung ge- 
lungen, sich leichter von seinem Eigentum zu trennen, so 
kostet es trotz äußerlichen Großtuns doch gewöhnlich schwere 
Kämpfe, sobald es sich um Verzicht auf Spielzeug zu Gun- 
sten armer Kinder handelt. Hier ist nicht Neid das stärkste 
Motiv der Weigerung, sondern weit mehr die unbewußte Ver- 
knüpfung der Sache mit der Person des Gebers; mein Neffe 
wollte sich von einer aus einem Modellierbogen hergestellten, 
bereits defekten Mühle nicht trennen mit der Begründung: 
»Nein, die geb' ich nicht her, die hat mir die Tante H. 
eigens gemacht; die behalt' ich ewig!« Ein weiterer, 
ebenfalls unbewußter Grund ist das Festhalten am Erinne- 
rungsschatz, den jedes Spielzeug für die kindliche Seele 
bedeutet. Viele Autoren sind der Meinung, daß einzigen 
Kindern das Schenken besonders schwer falle, der ich nicht 
beipflichten kann. Die natürliche Feindseligkeit unter Ge- 
schwistern ist geradezu vorschubleistend, vom eigenen Besitz 
nichts abzugeben, indes »Einzige«, vielleicht in der unaus- 
gesprochenen Hoffnung auf Ersatz, häufig aus Großmanns- 
sucht gern schenken. 

Eine eigentümliche Stellung unter den Geschwistern 
kommt den mittleren, namentlich dem vorletzten Kind zu, 
infolge derer es sich seelisch häufig in etwas abweichender 
Weise entwickelt. Es zeigt eine Empfindlichkeit und Launen- 
haftigkeit, die an einem normalen gesunden Kinde befremden 
und die nur so zu erklären sind, daß das mittlere Kind durch 
das nachgeborene aus seiner Stellung als Nesthäkchen ver- 
drängt wird und doch nicht in die Rolle des Beschützers, 
der bewunderten Autorität eintritt wie die altern Greschwister. 
Es soll dem Kleinsten in seinen Wünschen nachgeben und 



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DAS GEMÜTSLEBEN. 137 

wird doch nicht zu den »Großen« gerechnet, kurz es 
empfängt von keiner Seite die Liebe, die es erwartet und zu 
beanspruchen sich berechtigt fühlt, und diesen vermeintlichen 
Mangel an Zuneigung vergilt es durch Unliebenswürdigkeit. 

Das eifersüchtig-zärtliche Verhältnis, das wir bei Zwil- 
lingen bereits im ersten Jahre kennen gelernt haben, bleibt 
auch in den folgenden Jahren bestehen. Sie sind unzertrenn- 
liche Spielgefährten und sondern sich häufig von der Gesell- 
schaft anderer Kinder ab. Compayre^) berichtet von Zwil- 
lingen, die sich eine eigene, anderen unverständliche Sprache 
ersannen. Sind die Zwillinge verschiedenen Geschlechts, so 
tritt das Dominieren des Knaben immer stärker hervor, aber 
es fehlt daneben niemals die liebevolle schützende Fürsorge 
des Mannes für das Weib. Auf einer Altersstufe, auf der an- 
deren Kindern echtes Mitfreuen und Mitleiden noch fremd 
ist, finden wir bei Zwillingen diese Gefühle schon deutlich 
ausgebildet. Ein solches Zwillingspärchen mußte während 
eines Besuches bei der Großmutter in getrennten Räumen 
schlafen. Beide klagten, sie könnten nicht einschlafen ohne 
die Gegenwart des anderen, und endlich überwand der Knabe 
seine Furcht vor der Dunkelheit und versuchte, »damit die 
Emma sich nicht fürchte«, ins Zimmer der Schwester zu 
gelangen, obwohl ihm die Örtlichkeit fremd war. Die Ge- 
pflogenheit, Zwillinge dauernd oder möglichst lange gleich 
zu kleiden, mag das Zusammengehörigkeitsgefühl erheblich 
verstärken, ja in einzelnen Fällen sogar die Meinung be- 
gründen, die gleiche Kleidung sei ein integrierendes Merk- 
mal der Zwillinge. So berichtet Sully^) folgendes reizende Vor- 
kommnis: »Ein Zwillingspaar, Knabe und Mädchen, waren 
gleich gekleidet gewesen. Später wurde der Knabe in einen 
, Anzug' gesteckt. Eine Dame fragte um diese Zeit das Mäd- 
chen, ob sie nicht die Zwillinge wären, worauf es erwiderte : 
,Nein, wir waren es^« 

DasBedürfnisnach AnschlußundMitteilung an Ge- 
fährten ist dem Menschen so tief eingewurzelt, daß es sich 

*) Compayr^, 1. c. pag. 310. 
») Sully, 1. c. pag. 156. 



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138 DIE SPIELZEIT. 



schon in der frühesten Kindheit geltend macht und die Be- 
friedigung desselben sich als einer der stärksten Einflüsse 
auf die Charakterentwicklung des Menschen erweist. Der 
soziale Trieb äußert sich im kleinen Kinde durch Schreien 
in der Einsamkeit; in seinem Dienste zaubert die keimende 
Phantasie der Kinderseele Leben und Verständnis in die un- 
beseelten Dinge der Umgebung, sie schafft ihr aus unerschöpf- 
lichem Born Gesellschaft für die Stunden lästigen Alleinseins. 
Aber bei all ihrem Reichtum kann sie dem Kinde nicht 
lebenswarme Wirklichkeit bieten, einen Spielgefährten mit 
anderen Wünschen und Gedanken, als das Kind sie selbst hegt, 
einen Genossen, der anders ist als es selbst und doch wieder 
auf jedes Spiel, jede Torheit mit gemeinsamem Eifer eingeht. 
Darum bleibt das einzige Kind einsam in seinem Ge- 
müte. Und findet es Altersgenossen, so fügt es sich ebenso 
wie das Lieblingskind infolge des Übermaßes der elter- 
lichen Liebe schwer ein in deren Gesellschaft, da sie seine 
Sonderstellung nicht respektieren ; auf diese Weise entwickelt 
sich in einem solchen Kinde, das zu herrschen gewohnt und 
nun auf sein Vorrecht nicht verzichten will, ein störrisches, 
unverträgliches Wesen, durch welches ihm manch bittere 
Stunde erwächst. Weit fröhlicher und unbefangener tritt ein 
Kind, das im Kreise von Geschwistern lebt, an fremde Spiel- 
gefährten heran. Anschmiegsamkeit und freiwillige Unter- 
ordnung auf der einen Seite, eine früh entwickelte Indivi- 
dualität auf der anderen sind die besten Bindemittel für eine 
dauernde Kinderfreundschaft, während die flatterhafte Liebens- 
würdigkeit, die überall Freundschaften anknüpft, um sie 
ebenso schnell zu lösen, nicht allein als Folge der leichten 
Beweglichkeit des kindlichen Gemütes, sondern recht oft als 
Anzeichen einer inneren Unrast zu erkennen ist, einer 
Äußerungsform des sog. »Assoziationswiderwillens<?, d. h. der 
zwangsmäßigen Scheu vor Dauerverknüpfungen. (Sadger^). 
Keinem Freundschaftsbunde zwischen Kindern fehlt die 
sexuelle Note, ja sie befestigt und stählt denselben durch 
das Bewußtsein gemeinsamer Heimlichkeit und Schuld. Es 



^) Sa dg er, Belastung u. Entartung. 



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DAS GEMÜTSLEBEN. 139 



ist nicht nötig, bei solchen Erwägungen an grob sexuelle 
Beziehungen zu denken, der bloße Gedankenaustausch über 
gewisse Organe des menschlichen Körpers und ihre Funk- 
tionen birgt für das Kind einen starken Reiz ; in frühester 
Jugend ist es der Verdauungsprozeß, in reiferen Jahren der 
sexuelle, der zu dem jeder Mutter wohlbekannten und ver- 
dächtigen Flüstern und Kichern Anlaß gibt. Und die ver- 
schiedensten Spiele erotischer Natur, zu denen sich eben die 
besten Freunde zusammenfinden, führen bei jüngeren Kindern 
häufig zu Betastungen des fremden Körpers, die infantile 
Exhibitions- wie die Schaulust in gleicher Weise befriedigend. 
Diese Tatsachen berechtigen aber keineswegs, auf seelische 
Verderbtheit des Kindes zu schließen. Ihm sind die primi- 
tivsten Lebensfunktionen nur noch nicht mit jenem Walle 
umgrenzt, über den zu blicken ihm anstößig erschiene. Selbst 
wenn die Erziehung bereits die Keime der Scham und des 
Ekels in der kindlichen Seele geweckt, so ist die natürliche 
sexuelle Veranlagung weit stärker und setzt ihre Betätigung 
auf Kosten der ästhetischen Gefühle durch. 

Das erotische Verlangen im Kinde, das innerhalb der 
von der Natur gesteckten Grenzen mächtig nach Befriedigung 
strebt, reift jene leidenschaftliche Verehrung für Erwachsene, 
die sich von der Liebe der Großen durch nichts unterscheidet, 
als durch das Fehlen des Sexualaktes. Das zärtliche An- 
schmiegen, das Küssen und Kosen, ja selbst das Schmollen 
mit dem Liebesobjekt findet sich hier wie dort. Das Kind 
wählt wie der Erwachsene, aber es schenkt seine Sympathie 
ohne Rücksicht auf das Geschlecht. Kleine Knaben bewundern 
und lieben Männer so gut wie Frauen, kleine Mädchen 
zögern nicht, ihre Neigung einem weiblichen Wesen zu 
schenken, ist nur die Hauptbedingung erfüllt: daß die er- 
wählte Person gewisse traute Züge vom Vater oder Mutter 
aufweise, oder ihr gerade jene mangeln, die dem Kinde an 
den Eltern mißfallen. Es ist wohl nicht allein einer flüchtigen 
Assoziation zuzuschreiben, daß die Kinder, wie schon Aristo- 
teles (Phys. I, 1) bemerkt, zuerst alle Männer als Vater und 
alle Frauen als Mütter anreden; sie erwarten in ihrer Unbe- 



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140 DIE SPIELZEIT. 



fangenheit von jeder ihnen entgegentretenden Person Liebe 
und sind bereit, in jedem Manne einen liebevollen Vater, in 
jedem Weibe eine zärtliche Mutter zu akzeptieren; in diesem 
Sinne hatte mein Neffe im Alter von drei bis fünf Jahren in 
vier Orten solche »Mütter«, denen er in feiner Unterscheidung 
von seiner geliebten »Mutti« die Bezeichnung »Mami« mit 
dem vorgesetzten Familiennamen gab. Daß in der gleich- 
geschlechtlichen »Kinderliebe« ein leiser sexueller Ton mit- 
klingt, entgeht dem unverbildeten, urwüchsigen Sinne des 
Volkes nicht; mit richtigem Instinkt die Wahrheit ahnend, 
bezeichnet der Volksmund das erotische Fühlen des Kindes 
für Erwachsene als »verliebt«. Die psychoanalytische Forschung 
beweist die Richtigkeit des Urteils der schlichten Volksseele, 
indem es ihr gelingt, in den Krankengeschichten Homosexueller 
jedesmal das mißlungene Liebesleben auf frühinfantile erotische 
Erlebnisse zurückzuführen, indem ein solcher zwar die breite 
Straße der kindlichen Bisexualität verlassen, aber nicht den 
rechten Weg, den der Liebe zum anderen Geschlechte gefunden 
hat. Die Sorge alleinstehender Frauen, ihrem Knaben sei der 
ausschließlich weibliche Einfluß in seiner Entwicklung schäd- 
lich, er werde ein »Muttersöhnchen« und »kein rechter Bub«, 
enthält mehr das Wahren, als bloß die berechtigte Furcht, 
der Knabe entwachse der mütterlichen Führung, er brauche 
eine strengere Hand. Die unbewußte vergebliche Sehnsucht 
nach dem Vater gräbt sich so tief ins Kinderherz, daß der 
Knabe, längst erwachsen, noch immer festhält an dem Sehnen 
der Jugend; das vergebliche Liebesverlangen kann sich 
ebenso in Inversion wandeln, wie das jenes Kindes, welches, 
vom andersgeschlechtlichen Elternteil zurückgestoßen, sich 
leidenschaftlich an den gleichgeschlechtlichen anschließt. In 
solchen Fällen gelingt dann zuweilen die rechtzeitige Ablösung 
von diesem nicht. Tatsächlich bewirkt aber auch die aus- 
schließlich weibliche Umgebung beim Knaben, der durch 
äußere Einflüsse sich ihr zu entziehen sucht, eine unbewußte 
Abkehr vom Weibe in reiferen Jahren. Beim weiblichen Ge- 
schlecht dürften ähnliche Faktoren eine analoge psychische 
Entwicklung bedingen. So müssen wir neben der speziellen 



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DAS GEMÜTSLEBEN. 141 



Konstitution in dem Verhältnisse der Kinder zu ihren Eltern 
eine der psychischen Wurzeln der Homosexualität erkennen. 
In gleicher Weise kann natürlich auch das Verhältnis der 
Geschwister von verhängnisschweren Folgen sein. 

Das Kind ist dem Tiere von Natur aus zugeneigt. Da 
ihm in den ersten Lebensjahren noch jede Regung von Ekel 
unbekannt ist und sein angeborener Geselligkeitstrieb die 
vielfach anerzogene Furcht vor Tieren an Stärke übertrifft, 
so ist ihm der Wurm so lieb wie der Schmetterling, und 
Hund, Katze und Pferd umfängt seine anschmiegende Seele 
mit gleicher Innigkeit wie Bären und Elefanten in der Mena- 
gerie. Daß ihm bald der Hund zum erklärten Liebling wird, 
ist bei dessen bevorzugter Stellung im Hause natürlich. In 
ihm hat das Kind den treuesten, geduldigsten Spielkameraden, 
der sich sogar in den Dienst des infantilen Sadismus stellen 
läßt; das Kind fühlt sich kraft seiner geistigen Überlegenheit 
Herr über das Tier und hat weder Spott noch mürrische Zurück- 
weisung, wie in der menschlichen Gesellschaft, zu befürchten ; 
und selbst wenn die Geduld des Hundes erschöpft ist und er 
den Quälgeist unwillig abschüttelt, so glaubt das kleine 
Menschenkind doch noch an sein Herrenrecht über die unver- 
nünftige Kreatur. Aus diesem Selbstgefühl entspringt zum Teil 
die innige Liebe der Kinder zu den Tieren. Die Aufzeichnungen 
S h i n n s zeigen, daß der Anschluß der Kleinen an die Tierwelt 
in unmittelbarem Zusammenhang mit dem kindlichen Maso- 
chismus steht; besonders dürfte die Vorliebe vieler Kinder 
für Katzen auf masochistische Neigung zurückzuführen sein. 
Shinn^) berichtet aus dem dritten Lebensjahre ihrer 
Nichte : »Gelegentlich steckte sie einmal ihre Hand nach einer 
in einem Gesträuche verborgenen Katze aus, drehte sich dann 
um und rief mir zu : ,Tätzchen tun tatzen mir leines bischen!' 
dann drang sie von neuem in das Gebüsch. Als ich in ihre 
Nähe kam, blickte sie auf und fügte hinzu: ,Tätzchen tun 
tatz mir nochmal!' Dabei zeigte sie mir eine zweite und 
blutige Schramme an ihrem Finger. Auch bat sie zum dritten- 
mal, die Katze fangen zu dürfen.« Da Kinder im all- 



*) Shinn, 1. c. pag. 223— 224; 301 



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142 DIE SPIELZEIT. 



gemeinen nach Ablauf des ersten Jahres größere Schmerz- 
empfindlichkeit zeigen, die natürlich durch Mitleid seitens 
der Erwachsenen bedeutend verstärkt wird, so ist in dem 
angeführten Falle anzunehmen, daß die Lust das Schmerz- 
gefühl überwog. Gleiche Erlnnerimgen betreffs Kratzwunden 
durch Katzen habe auch ich aus frühester Kindheit bewahrt. 
Bei Shinns Nichte zeigte sich im Spiele mit Tieren neben 
der masochistischen auch eine starke sadistische Neigung. 
Aus ihrem vierundzwanzigsten Monat berichtet Shinn, daß 
ein Hund, den die Kleine unaufhörlich quälte, sich aber 
auch von ihm beißen ließ, schließlich aus dem Hause geschafft 
werden mußte. 

Tiere zu pflegen, zu nähren, ja gar eine junge Generation 
heranwachsen zu sehen, ist dem Kinde so lustvoll, daß seine 
Phantasie in Ermangelung lebender Tiere die gleiche Sorgfalt 
auf Spielereitiere aufwendet. »Wenn ich schon keinen 
lebenden Dackel haben kann, so kauf mir wenigstens einen 
ausgestopften« (= Spielzeug), bat mein Neffe im Alter von 
vier Jahren seine Mutter. Die Tierpflege bedeutet dem Kinde 
ein Spiel, das seinem sexuellen Interesse, seiner Analerotik 
auf halbem Wege entgegenkommt. Gewisse Tiere, wie 
Raupen, Fliegen usw. scheinen allerdings alsOpfer der kindlichen 
Grausamkeit bestimmt zu sein, vielleicht weil das Kind von 
frühester Jugend an diese verfolgt und verscheucht werden 
sieht, vielleicht weil ihm die Äußerungen des Ekels der Um- 
gebung nachahmenswert erscheinen. Sicher aber ist die Tier- 
quälerei in den ersten Lebensjahren keineswegs mit der 
richtigen Vorstellung eines Schmerzes oder gar mit der Ab- 
sicht einer Schmerzzufügung verbunden. Das Fangen und 
Haschen, die Verhinderung der Bewegungsfreiheit des Tieres 
verursacht dem Kinde an sich dieselbe Lust, wie wenn Er- 
wachsene mit ihm das Spiel treiben. Wo vorsätzliche Tier- 
quälerei in frühjugendlichem Alter auftritt, liegen psychische 
Abnormitäten vor, die jenseits der Verantwortlichkeit des 
Individuums stehen. 

Wie durch die Liebe zu den Tieren der unbewußte 
Grausamkeitstrieb sich allmählich in Mitleid wandelt, ohne 



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DAS GEMÜTSLEBEN. 143 

deshalb ganz zu schwinden, so keimt auf dem Boden der 
Zuneigung zu Eltern und Geschwistern aus einer Wurzel 
mit dem Neid die Freigebigkeit und Mitfreude, neben der 
Unersättlichkeit an Liebe die Dankbarkeit» Sie ist beim 
Meinen Kinde nicht wie beim Erwachsenen » Anhoff nung 
neuer Wohltaten«, sondern dort, wo sie sich in Gebärden und 
Worten äußert, ist sie der spontane Ausdruck eines echten, 
warmen Gefühls. E. u. G. Scupin^ berichten aus dem fünften 
Lebensjahre ihres Söhnchens : »Bubi beginnt hier und da Beweise 
von Dankbarkeit zu liefern ; denn als Dankbarkeit fassen wir 
es auf, wenn das Kind, nachdem die Mutter ihm Geschichten 
erzählte, ihr plötzlich ein Spielzeug bringt und : ,Weil du 
mir so was Schönes erzählt hast, Mamale, schenk ich dir 
auch das.* Ein drastischeres Beispiel erlebte die Mutter 
heute. Er hörte, wie diese bedauernd zu der Köchin sagte, 
daß ihr noch eine Kleinigkeit geriebene Semmel fehle. Obwohl 
Bubi schon ermüdet vom Reiben ausruhte, sprang er ent- 
schlossen von seinem Sitze, holte Semmel und Reibeisen und 
begann von neuem zu reiben. Die Mutter wollte ihm das 
Reibeisen wegnehmen und sagte, er solle sich lieber ausruhen, 
aber Bubi wehrte liebevoll ab: ,Nein, Mamale, weil du so 
gut zu mir warst, wie ich einPappekindel war, da 
reib' ich dir jetzt dafür auch Semmel^« Als Frau 
Scupin ihrem Jungen in seinem sechsten Jahre die ersten 
Aufschlüsse über sein Werden im Mutterleibe gegeben und 
wie sie ihn mit Schmerzen geboren, »drückte sich dieser eng 
an sie und hatte einen feuchten Schimmer im Auge ; plötzlich 
sprang er mit dem Rufe: »Jetzt bau ich aber eine schöne 
Brücke, daß du dich freust!* davon und holte die Bau- 
klötze«. Und ein anderes Gespräch voll kindlicher Liebe und 
Dankbarkeit vermeldet das Ende des sechsten Jahres. Zur 
Schlafenszeit, der Stunde, zu der auch mein vierjähriger Neffe 
nach seinem eigenen Ausspruche »immer so zärtlich« wurde, 
gesteht der kleine Scupin nach langem Zögern seiner Mutter 
ein Herzensgeheimnis: »Ich hab den lieben Gott gebetet, daß 



*) Scupin, 1. c. II. pag. 151, 218, 217. 



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144 DIE SPIELZEIT. 



ich Euch immer gut sein will, und daß dir das Christkind 
noch vielere und schönere Spielsachen bringt wie mir, — 
was du gern hast, weißt du?« Solche Geständnisse voll Zärt- 
lichkeit und Liebe haben nichts gemein mit dem einstudierten 
Dank größerer Kinder; sie kommen aus der Tiefe des unver- 
dorbenen Kinderherzens, in dem knapp neben der Liebe auch 
der Haß wohnt. Eine feine Unterscheidung zwischen der 
Liebe aus Dankbarkeit und der aus verwandtschaftlicher 
Pflicht liegt in den Worten des kleinen Max: Von einem 
Besuche befragt, welches Glied der Familie er am liebsten 
habe, erwidert er: »Die Mutti hab' ich am liebsten, weil sie 
zu mir sagt: ,Du bist mein Schatz.* Dann kommt die Tante 
Hermine, weil sie mir so viele Modellierbögen klebt und 
Zuckerln gibt ; und dann kommt die Tante Mina (seine Groß- 
tante) ; die hab' ich auch gern — (nach einer Pause), na, weil 
sie halt meine Tante ist.« 

Unter dem Einflüsse der notwendigen und mehr noch 
der überflüssigen Maßnahmen der Erziehung geht ein guter 
Teil der Ursprünglichkeit verloren, welche das Wesen des 
Kindes auszeichnet und wohltuend unterscheidet von den un- 
wahren Formen unseres konventionellen Kulturlebens. Je 
mehr von der infantilen Originalität den Forderungen der 
Erziehung zum Opfer fällt, je mehr von der Eigenart des 
unverfälschten Naturmenschen aufzugeben das Kind ge- 
zwungen wird, desto verhüllter wird sein Mienenspiel, desto 
öfter macht die Verlegenheit, die plumpe Schwester der 
Scham, sein Benehmen unsicher ; das Kind verliert unter der 
strengen Herrschaft der Scham das Beste, was ihm die Natur 
verliehen, die Spontaneität des Fühlens, Denkens und Handelns. 
Man wird einwenden, zwischen gänzlicher Ungebundenheit 
und automatenhafter Einschränkung liege ein weiter Spiel- 
raum, in dem das Kind bei allmählicher Gewöhnung an Sitte 
und Herkommen noch reichlich Gelegenheit finde zur freien 
Entfaltung seines Willens. Dies stimmt nur zum Teil. Wir 
sind noch weit entfernt von jenem Erziehungsideal, das nach 
Schaffung glücklicher Vollmenschen strebt. Und es bleibt so 
lange ein unerreichbares Phantom, so lange man der kind- 



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DAS GEMÜTSLEBEN. 145 

liehen Seele eine Unterdrückungsarbeit aufbürdet, die weit 
über ihre Kraft geht. Wir fordern heute das Kind noch viel 
zu oft auf, »sich zu schämen«, wo sein Gefühl und Sinn keine 
Ursache zur Scham findet; das kleine Kind kennt weder 
Schamhaftigkeit noch Schamlosigkeit und das künstliche 
Züchten der ersteren rächt sich durch frühzeitige Verstel- 
lung. Compayre bezeichnet das Schamgefühl als eine Art 
geheimen Instinkts, der von selbst nach Ausdruck ringt und 
sogar bei Idioten zu finden ist. Durch die vorzeitige Erweckung 
desselben, d. h. durch Unterdrückung der sexuellen Regungen 
der Kinderseele — dies ist ja das Ziel dieser Bestrebungen 
— erstickt das innere Werden in dem Wüste von Geboten 
und Verboten, die dem naiven Denken des Kindes so oft 
unentwirrbare Rätsel aufgeben. Abgesehen von den hete- 
rogenen Einflüssen seitens der Mitglieder der Familie, liegen 
ja in gewissen Thesen der Schicklichkeit — die sich so gern 
als »Sittlichkeit« ausgibt — so viele Widersprüche, daß sie 
dem intelligenten Kinde nicht entgehen können. Und da 
Prügel zwar momentane Unterwerfung zur Folge haben, nicht 
aber im stände sind, die Ungereimtheiten zu klären, so wird 
das Kind aus der Strafe seine Konsequenzen ziehen : gehorchen, 
ohne deshalb den verpönten Gedanken und Wünschen zu ent- 
sagen. Ihr Schicksal kann ein zweifaches sein : entweder harren 
sie ewig lauernd des geeigneten Augenblickes, um unge- 
stüm hervorzubrechen, oder sie kehren sich allmählich in 
ihr Widerspiel, ohne daß je der Unterton der ursprünglichen 
Wertung schwände. Grausamkeit wandelt sich in übertriebenes 
Mitleid für den Mißhandelten, in ausgesprochene Rachsucht 
gegen den Täter. So sieht man Personen, die als Kinder 
nicht anstanden, Tiere zu quälen, bleich werden vor Auf- 
regung und Zorn, sobald sie Zeuge einer solchen Szene sind ; 
die stets wiederkehrende Phrase, dem Tierquäler sollte 
gleiches Leid widerfahren, ist trotz seiner scheinbaren Be- 
rechtigung charakteristisch für den unterdrückten, aber doch 
lebendigen Grausamkeitstrieb des Betreffenden. Die Kehrseite 
zum infantilen Neid ist eine Freigebigkeit, die wohl darauf 
achtet, genügend gewürdigt zu werden. Kindliche Phanta- 

Hug-Hellmuth, Aus dem Seelenleben des Kindes. 10 



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U« DIE SPIELZEIT 



stereien, diö sich kaum mehr von der Lüge unterscheiden, 
imfen eine fanatische Wahrheitsliebe hervor, die nach meiner 
Meinung allerdings eine zweite und starke Wurzel in dem 
kindlichen Verlangen hat, durch eigene vollständige Auf- 
richtigkeit auch die der Umgebung, natürlich in bezug auf 
sexuelle Dinge, zu erzwingen. Beide Motive scheinen dem 
Wahrheitsfanatismus des kleinen Günter Stern^) zu Grunde 
zu liegen ; das Tagebuch meldet, wie er kurz nach der Geburt 
des Schwesterchens seiner Phantasie freien Lauf ließ im Er- 
sinnen von Familienszenen, welch nachhaltigen Eindruck das 
Wochenbett der Mutter in seinem Gedächtnis hinterließ und 
mit welchem Interesse er die Pflege des Säuglings beobachtete. 
Um so stärker entwickelt sich diese Überkompensation, je 
lieftiger die primäre Regung gewesen. All diese scheinbaren 
Wandlungen verbotener Gelüste in ihr Gegenteil sind im 
Kindesalter mehr oder minder bewußte Verstellung. Da die 
sogenannten »schlechten Eigenschaften« demKinde, dem dasVer- 
ständnis für ein moralisches Handeln und damit auch die 
innere Befriedigung darüber noch fehlt, weit mehr Lust- 
gewinn verheißen als das »Bravsein«, selbst wenn auch der 
Lust eine Strafe folgt, so wird, so lange es Kinder gibt, stets 
das böse Element den Sieg über das gute davontragen, 
zumal gewisse Strafen, wie Prügel, Eingesperrtwerden, sogar 
in dunklem Raum, nicht ohne Lustbetonung sind. Gewiß tun 
Schläge weh, aber die psychoanalytische Forschung hat nach- 
gewiesen, daß sie, bei besonders Disponierten, auf gewisse ero- 
gene Zonen appliziert, libidinöse Gefühle auslösen ; endlich ist 
nicht zu übersehen, daß die masochistische Veranlagung vieler 
Kinder geradezu ein Schwelgen im Erdulden von Strafen und in 
dem so häufig verlangten Akte des »Um- Verzeihung-Bittens« 
bedingt. Ein fünfjähriger Knabe, der von seinem Vater oft- 
mals derb gezüchtigt wurde, gestand: »Das Hauen tut mir 
sehr weh ; aber wenn dann der Papa wieder gut ist, weil ich 
um Verzeihung gebeten habe, da möchte ich den Abend gar 
nicht schlafen gehen, so froh bin ich.« Häufig tritt auch die 



*) C, 11. W. Stern, Erinnerung, Aussage u. Lüge . . . pag. 122. 



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DAS GEMÜTSLEBEN. 147 

autosadistische Komponente in Form eines scheinbaren 
Gerechtigkeitsgefühls in Aktion; so stellt sich der kleine 
S cupin, wenn er sich eines kleinen Vergehens schuldig fühlt, 
freiwillig in die Ecke — vielleicht auch, um die Mutter zu 
entwaffnen. Bei vorherrschendem Sadismus ist offenkundiger 
Trotz die Reaktion gegen Strafen, der dem Kinde eine Ver- 
söhnungsbitte zum schwersten Opfer gestaltet. 

Die Verstellung wird zur Heuchelei, wenn das Kind 
mit Vorsatz Gefühle zeigt, deren Gegenteil es empfindet ; sie 
findet sich dank der Naivität der ersten Jahre in dieser Zeit 
selten; um so peinlicher berührt sie, wo sie auftritt: Ein 
vierjähriges Mädchen spielte mit einem jungen Kätzchen an- 
scheinend liebevoll, streichelte es und gab ihm Kosenamen; 
sowie es sich unbeobachtet glaubte, kniff es das Tierchen in 
den Schwanz. Darüber zur Rede gestellt, erklärt es: »Ich 
kann doch Katzen eigentlich nicht leiden.« Ein fünfjähriger 
Knabe, der zu seiner Großmutter äußerst zärtlich tat, streckte 
im Augenblicke, da sie sich umwandte, die Zunge gegen sie 
heraus. Hier löste Begehrlichkeit nach Naschwerk und Ärger 
über die Erfolglosigkeit der aufgewendeten Zärtlichkeit den 
Verstellungs-, respektive Racheakt aus. 

Während im späteren Kindesalter die Verstellung oft 
abschreckend raffiniert geübt wird, entlarvt das kleine Kind 
schon im nächsten Augenblicke selber sein Vergehen. Als 
wichtige Quelle der infantilen Heuchelei müssen wir von den 
Fällen, in denen Egoismus die Triebfeder angeblicher Zärt- 
lichkeit ist, die Nötigung der 'Erwachsenen bezeichnen, die 
das Kind zu Liebesbezeigungen auffordern, wo der innere 
Drang fehlt. Nicht immer findet das Unbewußte eine so feine 
Lösung, wie das eines dreijährigen Mädchens, welches in 
einer Damengesellschaft aufgefordert wird, derjenigen Dame, 
die ihm am besten gefiele, ein Sträußchen zu überreichen; 
nach kurzem Zögern entschied die Kleine : »Ich geb's — mein' 
Papa !« Fängt der kindliche Verstand an, die imwahren Formen 
unseres gesellschaftlichen Lebens zu begreifen, so ergeben 
sich zwei Möglichkeiten : das enf ant terrible, das durch seine 
Wahrheitsliebe die Erwachsenen beständig in die peinlichste 

10* 



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148 DIE SPIELZEIT. 



Verlegenheit bringt, oder das Kind, das um äußerer Vorteile 
willen die Verstellungskunst selbst bald fleißig übt. 

Die Verstellung schließt so viel absichtliehe Erwägung 
in sich, daß wir kaum irre gehen, dort, wo sie auftritt, uns 
eines lügnerischen Hanges zu gewärtigen. Den umgekehrten 
Schluß zu ziehen, wäre weit gefehlt. Was der Laie beim 
Kinde Lüge nennt, hat häufig nichts zu tun mit vorsätz- 
licher ümwahrheit, sondern entspringt entweder mangelhaf- 
tem Verständnisse, unzureichendem Gedächtnisse oder allzu 
üppiger Phantasietätigkeit. Die kinderpsychologische For- 
schung hat die Erkenntnis gewonnen, daß die Lüge bei Kin- 
dern unter vier Jahren in der Regel nicht vorkommt. 

Wir sehen heute in den bewußt unwahren Angaben 
eines kleinen Kindes, bei denen das ganze Persönchen vor 
Schelmerei zappelt, daß es ihm gelungen. Erwachsene zu 
hänseln, keine Lüge. Meines Erachtens ist auch die so häu- 
fige Vorgabe eines körperlichen Bedürfnisses, eines Unwohl- 
seins, wodurch nichts ' anderes als erhöhte Aufmerksamkeit 
und Liebe der Erwachsenen gefordert wird, weit entfernt von 
absichtlicher Lüge oder gar »offenkundiger Nichtsnutzigkeit«, 
welche Tendenz Marcinowski^) bei einem dreijährigen hyste- 
rischen Mädchen angibt, das, wegen doppelseitiger Hüft- 
gelenksverrenkung in schweren Gipsverbänden liegend, aus 
»langer Weile und offenkundiger Nichtsnutzig- 
keit bei den unpassendsten Gelegenheiten auf 
denEimergehaltenzuwerdenverlangt, waskeines- 
wegsleichtwar«.In der Bemerkung des Autors, »der durch- 
triebene kleine Racker stellte alle möglichen Dinge an, um 
unliebsame Lagen abzukürzen oder seine Umgebung zu 
tyrannisieren«, ist das wahre Motiv des kranken Kindes, 
unersättliches Zärtlichkeitsverlangen, klar ausgedrückt. Auch 
bei Sterns^) jüngstem Töchterchen Eva scheinen mir weit eher 
Gefühle als Gedankenassoziationen die auslösende Ursache 



*) Marcinowski, Zur Frage der Lüge bei Kindern unter vier Jahren, 
Zeitschrift f. päd. Psych. VIII, pa. 201—206, 1905. 

*) C. a. W. Stern, Erinnerung, Aussage und Lüge in der ersten Kind- 
heit, pag. 115. 



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DAS GEMÜTSLEBEN. 149 



für die unrichtigen Beschuldigungen des Bruders zu sein. 
Stern schreibt: »Unsere Eva schob (eins; elf) jeden Defekt, 
der irgendwo bemerkt wurde, auf Günter«, aus rein asso- 
ziativen Gründen, wie Stern meint, weil sie oft gehört, Günter 
sei der Urheber kleiner Schäden. Nach den Ansichtep Freuds 
über das Verhältnis der Geschwister dürfte bei solchen An- 
klagen kaum eine unbewußte feindliche Regung gegen den 
Bruder gefehlt haben. 

Man hat versucht, die Kinderlügen nach ihren psycho- 
logischen Wurzeln in Gruppen zu sondern, deren Zahl mir 
zu groß erscheint. Ich glaube, man könnte sie scheiden in 
solche, die sich auf die Person des Kindes, und solche, die sich 
auf fremde Personen beziehen, Subjekt- und Objektlügen. 
Die Subjekt- oder Ich-Lüge, in deren Gebiet auch die von 
StanleyHall als egoistische Lügen bezeichneten sich einfügen, 
entspringen den Ich-Trieben und zum Teil dem Sexualtriebe ; 
denn ich rechne hieher auch die imwahren Beschuldigungen 
eines Sittlichkeitsvergehens anderer an der eigenen Person, 
weil bei solchen das eigene Ich im Vordergrund steht, wäh- 
rend eine Schädigung des Beschuldigten ursprünglich häufig 
überhaupt nicht beabsichtigt war. 

Unter den Lügen im vorschulpflichtigen Alter nehmen 
die aus Großmannssucht und die Notlügen die erste 
Stelle ein; jene sind in der Regel das Produkt einer unge- 
hemmten Eigenliebe und einer leidenschaftlichen Zuneigung zu 
den Eltern. Die Sucht, vor anderen etwas voraus zu haben, sie 
an Stärke, Schönheit, Reichtum, vornehmer Herkunft zu über- 
ragen, ist im Grunde nichts anderes, als ein Sichhervortun auf se- 
xuellem Gebiete, soweit es für die betreffende Lebensstufe 
in Betracht kommt. Da dem kleinen Kind, wie wir sahen, 
Ernährungs- und Verdauungsprozeß sowie Muskelübungen 
wichtige Quellen von Lustgefühlen sind, so drehen sich seine 
Prahlereien mit Vorliebe um unmögliche Leistungen auf die- 
sen Gebieten. Und aus dem erotischen Verhältnis zu seinen 
Eltern stammen die Renommistereien über Familie und Haus- 
brauch. Weil aber jedes Kind sein eigenes Elternhaus durch 
die schön färbenden Gläser der Erotik betrachtet, darum 



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150 DIE SPIELZEIT. 



sind ihm derartige Prahlereien anderer besonders verhaßt. 
Weit weniger unangenehm fühlt es sieh durch die Notlüge 
eines Altersgenossen berührt, solange es nicht dadurch in die 
Sphäre einer Schuld gezogen wird, denn ihm erscheint es 
natürlich. und selbstverständlich, sich einer drohenden Strafe 
auf die bestmögliche Weise zu entziehen. Und sicher ist die 
Notlüge, in Berücksichtigung ihrer psychologischen Wurzel, 
der Furcht, die entschuldbarste; ja, für ihr Auftreten ist in 
der Regel viel mehr eine durch übermäßige Strenge ver- 
fehlte Erziehung als die Kinderseele verantwortlich zu machen. 

Eine mit aller Überlegung gesprochene Lüge kommt in 
der frühen Jugend selten und dann nur aus Neid und Rach- 
sucht, also aus egoistischen Motiven zu stände. Die tiefe 
Kränkung, als welche das Kind wahre oder eingebildete Be- 
vorzugung eines anderen empfindet, verleitet es dazu, den 
glücklicheren Konkurrenten durch Klatschereien und endlich 
durch unwahre Angaben aus seiner beneideten Stellung zu 
drängen. Nicht selten ist dabei der starke imitative Hang 
der infantilen Seele in Rechnung zu ziehen. Nichts spornt 
das Kind mehr an, sich bei seinen Mitteilungen ins Unwahre 
zu verlieren, als ein Ausfragen der Erwachsenen, dessen Ziel 
dem Kinde leicht erkennbar ist, z. B. den Urheber einer 
kleinen Missetat zu erforschen usw. Die große Wichtigkeit, 
die in solchem Verhör der kleinen Person des Befragten zu 
teil wird, bestärkt es im freiesten Spiel der Phantasie. Hie- 
her zählen auch die lügenhaften Aussagen der Kinder gegen 
Dienstpersonen. An dem Tone der elterlichen Fragen erkennt 
der infantile Geist bald, daß von der Antwort Wohl und Weh 
der betreffenden abhängt. Und der Wunsch, sich von einer 
mißliebigen frei zu machen, trübt die Erinnerung an den 
wahren Sachverhalt und fälscht, dem Kinde in seinem Affekt 
kaum bewußt, die Aussage. 

Nicht allein die Lüge, sondern, wie ich an früherer 
Stelle schon berührte, die meisten Kinderfehler wurzeln zu- 
mindest mit einer Faser im erotisch-sexuellen Empfinden. Ja, 
es ist nicht zu weit gegangen, wenn wir die Basis alles »Bösen^ 
am Kinde in seinem und seiner Umgebung sexuellen Leben 



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DIE KUNST IM LEBEN DES KINDES. 151 



suchen. Während Neid, Gehässigkeit, ein gedrücktes, scheues 
Wesen besonders dort am üppigsten in die Halme schießen» 
wo der Boden brach liegt an Liebe seitens der Umgebung, 
an Zärtlichkeit, die der Kindheit sonnigstes Glück ist, wird 
durch ein Übermaß von Zuneigung, das leicht zur Schwäche 
wird, der Keim zu Überhebung und Unverträglichkeit gegen 
andere Kinder, zu Ungehorsam mit Zornesausbrüchen gegen 
die Erwachsenen gelegt. Den »Untugenden« der Kinder 
mit Erfolg zu begegnen, erfordert ein langes, liebevolles Stu- 
dium der infantilen Seele, ein Rückschauen in die eigene 
Jugendzeit mit ihren frohen und trüben Stunden und vor 
allem den ehrlichen Willen, nicht die wichtigsten Motive aus 
dem Unbewußten zu übersehen. Wem diese Erkenntnis ge- 
reift ist, der wird die Forderung der modernen Reform- 
bestrebungen auf pädagogischem Gebiete, »weniger zu erziehen 
und die Kindesseele frei sich entfalten zu lassen«, als den 
Weg erkennen, der allein ans Ziel führt: ein frohes, freies 
Geschlecht zu schaffen, das die morschen Schranken einer 
überlebten Zeit niederreißt. 

YIII. Die Kunst im Leben des Kindes. 
In dem Verhalten des Kindes gegen die Kunst lassen 
sich gewisse Stadien unterscheiden, in deren erstem sich ein 
gänzlicher Mangel an Interesse zeigt, während das zweite 
vorzugsweise passiven Charakter hat und zur Quelle und zum 
Begleiter des dritten, des aktiven, wird. Von der frühesten 
Jugend an, dem Augenblicke, da das Kind überhaupt auf 
Werke der Kunst und der Kunstfertigkeit reagiert, machen 
sich bestimmte Richtungslinien für den Geschmack bemerk- 
bar, die in späterer Zeit beibehalten werden oder auch durch 
psychische Momente in ihr Gegenteil umschlagen. Was allen 
Kindern bei der Betrachtung von Kunst und Natur in den 
ersten Lebensjahren gemeinsam ist, ist das Heraushebenvon 
Details, indes die Wirkung des harmonischen Ganzen spur- 
los an ihnen vorübergeht. Dem Kinde bedeutet die herrlichste 
Landschaft als solche nichts ; ein bunter Kiesel, ein Blatt, in 
die feurigen Herbstfarben getaucht, das erste Frühlingßblümx 



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152 DIE SPIELZEIT. 



chen erfüllt die Kinderseele mit Eiitzücke^i, denn jene sind 
ihm willkommenes Spielzeuge dieses eine Liebesgabe für 
Vater oder Mutter. Die entzückendste Femsicht hat ihm erst 
dann einen Reiz, wenn sie den Ausblick auf das väterliche 
Haus, den heimatlichen Kirchturm gewährt, wenn sie an 
früher Geschautes erinnert. In ähnlicher Weise reagiert 
das kleine Kind auf Malerei und Bildhauerkunst; es 
hebt einen bestimmten Eindruck heraus, der es an Selbst- 
erlebtes mahnt, ihm Assoziationen wachruft, die weit ab 
von der Tendenz des Künstlers liegen. Das stark entwik- 
kelte Persönlichkeitsgefühl des Kindes freut sich an der Dar- 
stellung der menschlichen Gestalt als seines Ebenbildes, es freut 
sich an der Blume, an dem Tier auf dem Bilde, die ihm vertraut 
sind. Lange Zeit bleibt dem kindlichen Verständnisse die Un- 
terscheidung zwischen Wirklichkeit und künst- 
lerischer Darstellung immöglich ; sie zeigt sich deutlich 
in dem Erkennen der Personen auf Photographien. Dabei tritt 
der auffallende Umstand zu Tage, daß Personen der Umge- 
bung auf Bildern früher und leichter erkannt werden als 
das eigene Ich. E. u. G. Scupin^) berichten aus dem 36. Monat 
ihres Knaben : »Die Photographien des Knaben kamen an ; das 
Bildchen mit den beiden Hunden stellt ihn im Augenblicke 
höchster Erwartung dar. Bubi erkannte und benannte 
die bei-den Hunde sofort richtig, sich selbst nannte 
er, trotz der sprechenden Ähnlichkeit, erst »ein Mäderle«, 
dann »ein Junge«, dann »die Lottel« und erst eine 
Viertelstunde später kam ihm die plötzliche Er- 
leuchtung, daß das Bildchen wohl den »Bubi« darstellte. 
Noch im sechsten Jahre fragt der kleine Scupin, als ihm 
sein vor wenigen Tagen angefertigtes Lichtbild gezeigt wurde : 
»Ach, ein Junge, der baut! (und zögernd:) bin ich etwa das?«, 
indes er zu dieser Zeit längst schon ohne Schwierigkeit die 
Bilder von Vater und Mutter erkennt. Auch mein Neffe, im 
sechsten Jahre photographiert, blickte die Aufnahme unsicher 
und ziemlich verdutzt an: »So schau' ich aus?» Die Bedeu- 



^) Scupin, 1. c. I. pag. 205, IL pag. IßQ, 



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DIE KUNST IM LEBEN DES KINDES. 163 

tung des Spiegelbildes für das Reifen der Unterscheidung 
zwischen Wirklichkeit und Irrealität wird in keiner Kinder- 
stube unterschätzt. Man mißt das wachsende Verständnis des 
Kindes an seinem Verhalten gegen den Spiegel. Aber man 
schreibt dem Intellekt zu, was das Gemüt leistet : das Gefallen 
am eigenen Abbild, also Narzißmus, führt das Kind durch 
fortgesetzte Vergleiche des eigenen Ichs mit dem Bilde dazu, 
die Irrealität des letzteren zu begreifen. Erst dann, wenn 
es dieses Ziel auf dem Umwege über die eigene Person ge- 
funden hat, erkennt es nach und nach Vater, Mutter, Ge- 
schwister auf Photographien, ohne diese neue Errungenschaft 
auf sich selbst auszudehnen. Ein dreijähriges Mädchen, das 
im Kreise von vier Geschwistern aufwuchs, wollte auf einem 
Pamilienbilde durchaus nicht sich selbst und den jüngsten 
Bruder, einen Säugling auf der Mutter Schoß, erkennen; es 
nannte diesen beständig »Dete, wie sie dlein war« (nämlich 
mit ihrem eigenen Namen Grete). Dazu ist zu bemerken, daß 
das Mädchen bei der photographischen Aufnahme sehr er- 
zürnt war, nicht den Schoßplatz bei der Mutter einnehmen 
zu dürfen. Solche Beispiele zeigen klar, wie ein starker 
Affekt zum Hemmnis des Erkennungsaktes wird und die 
richtige Auffassung einer künstlerischen Darstellung beeinflußt. 
Natürlich kann in dem frühjug mdlichen Alter von einer 
ästhetischen Wertung nicht die Rede sein. Im allgemeinen zieht 
das Kind bunte farbige Bilder den einfarbigen vor, ob- 
wohl die Fälle, wo einfache Schattenrisse eine Bevorzugung 
erfahren, nicht selten sind. Hier dürfte neben den meist 
humoristischen Motiven die Erinnerung an die ersten Eindrücke 
des Schattenspiels an Wand und Fußboden mit seiner Beweg- 
lichkeit von Bedeutung sein; das Haschen nach dem Schatten 
wie nach den Sonnenreflexen in Alleen und im Walde ist auf 
einer gewissen Lebensstufe ein lustvolles Spiel, wie überhaupt 
derartige Kontrastwirkungen einen starken Einfluß auf die 
Kinderseele üben. Unter den Farben kommen den hellen, 
insbesondere dem Gelb eine bevorzugte Stellung zu, während 
die dunklen, Schwarz, Braun, häufig unter Anzeichen von 
Furcht oder Ekel abgelehnt werden. Auch gegen das Rot, 



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154 DIE SPIELZEIT. 



als Farbe des Blutes, das im kindlichen Vorstellungskreis mit 
Schmerz verknüpft ist, zeigen viele Kinder eine lebhafte Aver- 
sion. Häufig tritt in der Farbenauswahl eine plötzliche Än- 
derung ein; so ist Kindern mit einemmal das vordem aus- 
gezeichnete Gelb »ekelhaft« und wird sogar mit Braun identi- 
fiziert, selbst in Nuancen, bei denen keine Ähnlichkeit vor- 
liegt. Daß so vielen Farben verschiedenster Art das Attribut 
»ekelhaft« zugesprochen wird, läßt vermuten, daß es sich hier 
um eine gemeinsame Beziehung handle. Gelegentliche Äuße- 
rungen der Kinder verraten sie uns: Ein dreijähriges Mäd- 
chen bezeichnet die braunen Tapeten eines Zimmers als »A-a- 
braune Wände« und lehnt es ab, vom Moste zu kosten mit 
den Worten: »Pfui, das trink' ich nicht; das ist ja Wiwi!» 
(Vgl. die Analogie seitens meines Neffen pag. 57.) P6rezhebt 
hervor, daß das Weiß als hellste Farbe sich der besonderen 
Vorliebe der Kinder erfreut. Vielleicht ist hinzuzufügen, nicht 
um der Helligkeit willen allein, sondern für viele als Farbe 
der Kissen, in denen das Kind wohlige Stunden seines jungen 
Daseins verbringt. 

Ist das Auffassungsvermögen des Kindes so weit ent- 
wickelt, daß ihm Bilderbücher ein nachhaltiges Vergnügen be- 
reiten, so zeigen sich bald bezüglich des dargestellten Inhalts 
auffallende Unterschiede in der Geschmacksrichtung. Wenn 
auch im allgemeinen Personen- und Tiergruppen der Dar- 
stellung lebloser Dinge vorgezogen werden, so gibt es doch 
ausgesprochene Tierfreunde neben Bewunderern häuslicher 
Szenen. Ein Kind liebt eine möglichst große Menge von Per- 
sonen, das andere, eine starke Individualität, Einzelmotive. 
In den Augen der meisten Kinder ist die Symmetrie ein 
besonderer Vorzug. E.u.G. Sc upin^) heben die Vorliebe ihres 
Söhnchens für die paarige Anordnung der Dinge hervor; 
Gleiches habe ich an vielen anderen Kindern wahrgenommen 
und erinnere mich dessen auch aus meiner eigenen Jugend. 
Diese Tatsache dürfte mit ihren Wurzeln bis in die Säug- 
lingszeit zurückreichen, wo sich dem Kinde in den beiden 
Brüsten die Paarigkeit zuerst lustvoll aufdrängte: es müßte 
freilich zur Bestätigung dieser Ansicht nachgewiesen werden, 



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DIE KUNST IM LEBEN DES KINDES. 165 

daß sich der Sinn für Symmetrie bei Brustkindern deutli- 
cher zeigt als bei künstlich ernährten ; die symmetrische An- 
ordnung gewisser anderer Körperteile würde dann die in der 
ersten Lebenszeit begründete Vorliebe nur verstärken. Sie 
als eine Form der Pedanterie aus der verdrängten Anal- 
erotik stammend aufzufassen, halte ich nicht für zutreffend, 
da die Freude an der Symmetrie schon zu einem Zeitpunkte 
auftritt, in dem die Analerotik noch keine Unterdrückung 
erfahren hat. Solchen Kindern, die übrigens häufig frühzeitig 
eine gute rechnerische Veranlagung bekunden, bereitet die 
regelmäßige Anordnung von Punkten, Sternen usw. großes 
Vergnügen und ihr liebstes Spiel besteht im mühevollen 
Legen zierlicher Sterne und Figuren aus bunten Täfelchen, 
wie die Mosaikspiele sie enthalten. Sie formen'^ gern ein Muster 
mehrmals, ordnen es in Felder und freuen sich an dem stummen 
Rhythmus, der in der Wiederholung von Form und Farbe liegt. 
Die schöpferische Phantasie läßt das Kind sich nicht 
genügen an der Zahl der Dinge, die ihm die Kunst zum 
Spielzeug bietet. Sowie die kleinen Finger geschickt genug 
sind, dem Fluge der Gedanken zu folgen, formt, schneidet 
und baut es sich selber die Dinge, nachahmend und frei er- 
findend. Bedingen auch Geschlecht und spezielle Veranlagung 
eine verschiedene Auswahl des Gebietes, auf dem sich die 
erste Kunstfertigkeit des Kindes übt, so werden doch 
gewisse Betätigungen des Schaffenstriebes von allen gleichmäßig 
bevorzugt, es ist das Formen aus irgend welcher knetbaren 
Masse; denn bei der Benützung dieses Materials kann das 
Kind nicht nur die bizarrsten Forderungen seiner Phantasie 
erfüllen, sondern auch am harmlosesten seine koprophilen 
Gelüste ausleben. Ein Knabe von drei Jahren verwendete sein 
Plastiliuspiel ausschließlich, um »Haufi« zu formen, die er 
der Größe gemäß den Personen seiner Umgebung und Tieren 
zuschrieb. Und was bedeutet das häufige Ende des Spieles mit 
Knetmasse, Kameraden und Geschwister mit ihr zu bewerfen, 
anderes als Wünsche, deren analerotischer Charakter, selbst 
wenn begleitende Worte fehlen, deutlich aus dem tollen Ge- 
lächter spricht? 



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156 DIE SPIELZEIT. 



Frühzeitig beginnt das Kind, sein intensives Interesse am 
menschlichen Körper im Dienste seiner kleinen zeichnerischen 
und formenden Schöpfungen zu verwerten. Wenn auch zu 
dieser Zeit nicht mehr der Rumpf, sondern bereits der 
Kopf als wichtigster Teil des Leibes gilt, so wird jenem auf 
Kinderzeichnungen doch stets ein übermäßig großer Raum 
zugewiesen. Da der kindlichen Auffassung die Darstellung 
der Vorderansicht lange Zeit die einzig mögliche ist, fallen 
Magen und Bauch — in Ermangelung der Kehrseite — im 
Verhältnis zu den Extremitäten ungeheuer groß aus. Daß 
dieser Mangel an richtiger Proportion in einer Überbewertung 
gewisser Körperteile begründet ist, beweisen Fragen, wie sie 
mein Neffe in seinem fünften Jahre stellte: »Wie muß ich 
denn eigentlich den Mann zeichnen, damit man seinen Fopo 
sieht?« und ein sechsjähriges Mädchen: »Mama, zeichne mir 
die Frau von hinten und vorn zugleich!« Belehrt, daß dies 
unmöglich sei, fügt sie selbst in der Zeichnung an der Stelle 
des Bauches zwei Bogenlinien ein, mit der Bemerkung: »So, 
das ist der Popo, die Frau ist jetzt ausgezogen (= nackt).« 
Ein anderer kleiner Junge, der täglich dem Säugen des 
Schwesterchens beiwohnte, wollte durchaus auf dem Bilde der 
Mama deren »Bubu« (== Brüste) ersichtlich machen. Freud 
berichtet in der »Analyse der Phobie eines fünf- 
jährigen Knaben«,^) daß derselbe beim Zeichnen einer 
Giraffe sich nicht eher zufrieden gibt, als bis er die väter- 
liche Zeichnung durch Anbringung des Sexualorgans in Form 
eines langen Strichs vervollständigt hatte. Zeichnen Kinder 
Häuser, so fehlt selten das Klosett, gewöhnlich nur durch 
einen Kreis symbolisiert. Man wird entrüstet einwenden, es 
werden — Gott sei Dank — auch >harmlose« Motive zum 
Zeichnen und Formen gewählt, wie dies aus den zahlreichen 
Sammlungen erster Versuche von Kinderhand ersichtlich ist. 
Hier gilt zunächst leider auch, was ich von der Beobachtung 
der Kinderseele im allgemeinen sagte ; man unterdrückt die 
ersten Ansätze. Zweitens aber vergißt man, daß das Kind 



^) Jahrbuch f. psychoanalyt. psychopathol. Forschung. I. Band, 



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DIE KUNST IM LEBEN DES KINDES. 15 7 

unbewußt die Sprache des Symbols spricht, in der Zeichnung 
so gut wie im Traume. Auch von meinem Neffen, der sich 
in diesen Blättern einen solch schlechten Ruf geschaffen, 
stammen »ganz anständige« Zeichenblätter: Eisenbahnzüge 
ohne Klosett mit riesigem Rauchfang und einer Un- 
masse entströmenden Rauchs, Straßenlaternen mit 
Laternenanzünder und Leiter, wie er sie in Bilderbüchern 
gesehen, Käfer und Schmetterlinge ohne sexuelle Verzierung; 
er formt »Bonzen« aus Teig mit Perlenaugen, ohne bewußt 
an »Anstößiges« zu denken, aber läßt dem »Bonzen« die 
Zunge weit heraushängen oder steckt ihm einen für dessen 
Größe viel zu langen und zu dicken Stock unter den Arm, 
Symbole, die ims aus der Traumanalyse wohlbekannt sind. 
Der kleine S c u p i n, dem in seinem sechsten Jahre das sexuelle 
Problem viel Kopfzerbrechen macht, vereinigt die ihm am 
wichtigsten scheinenden Lebensfunktionen, Ernährung und 
Fortpflanzung, im Bilde eines Huhns, aus dessen drei 
Därmen Eier kommen. Es wäre ein lohnenswertes Unter- 
nehmen, die Werke ^) über die Entwicklung des Zeichnens bei 
Kindern, im Lichte der psychosexuellen Forschung zu prüfen. 
Ein solcher Versuch würde uns das Kind nicht »schlechter« 
erscheinen lassen, aber seine seelischen Vorgänge besser 
verstehen lehren. 

Ein eigentümlicher Zug der Kinderseele ist das Mitleid 
mit den aus Papier, Karton oder aus Masse geformten 
menschlichen und tierischen Figuren. Wehe, wenn Vater oder 
Mutter beim letzten Handanlegen Arm oder Bein der »schönen 
Kunstfigur« verkürzen.^) Solche Verstümmelungen von 
fremder Hand regen das Kind deshalb so intensiv auf, weil 
es in der zu geringen Aufmerksamkeit des Erwachsenen bei 
der Arbeit einen Mangel an Liebe gegen sich selbst erblickt. 
Sein scheinbares Mitgefühl schwindet denn auch in dem Augen- 
blicke, da es der armen Figur Arme und Beine ausreißt und 
sie schließlich zerknüllt in den Winkel schleudert. 



*) Corrado Ricci, L'Arte dei Bambini, Perez, L*Art et la Poesie chez 
TEnfant, Levinstein, Einderzeichnungen bis zum vierzehnten Lebensjahre, u. a. 
*) Preyer, 1. c. pag. 99. 



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158 DIE SPIELZEIT. 



Märchenwelt und Wirklichkeit verschmelzen für die 
Kindesseele zu einem bunten, schillernden Gewebe, in dem 
einzelne Fäden so kräftig sind, daß sie dem Ganzen einen 
bestimmten Farbenton, ein gewisses Gepräge verleihen. Es 
sind die, welche aus den intensivsten Interessen des Kindes 
stammen, und sie werden zu Leitmotiven für die dichterische 
Tätigkeit der kindlichen Psyche. Die Phantasie- 
gespräche mit Tieren und Spielsachen, mit dem Freunde aller 
Kinder, dem Mond, sind ihre Vorstufe. Daß sie dem Gemütsleben, 
ja direkt dem Liebesbedürfnisse entsprießen, zeigt die zärt- 
liche Note, die diesen Monologen in der Regel anhaftet. Am 
Ende seines zweiten Lebensjahres redete meinNeffe jeden Abend 
den Mond an : »Lieber Mond, komm' hejunter zu mir ! Ich hab' 
dich so gern. Wa'um kommst du nicht? Ist zu weit? Ich 
muß jetz' schlafen gehn; leb wohl, lieber Mond!« Solche 
Zwiesprache mit dem Nachtgestirn ist ein erstes »Singen und 
Sagen« der Kinderseele, sie hat nichts gemein mit dem bloßen 
Interesse an den Mondesphasen, denn sie stammt nicht aus 
dem Verstandes-, sondern dem Gefühlsleben. Daß sich die 
ersten selbsterfundenen Geschichten dem Milieu des Eltern- 
hauses anpassen, ist selbstverständlich. Sterns^) Söhnchen 
ergötzte in seinem dritten Jahre die Eltern durch folgende 
Schöpfung seiner Phantasie, während er dem Säugen seines 
Schwesterchens Eva beiwohnte: »muttsen, angucke. — und 
de eva hat angeguckt die muttsen. — und die eva hat nich 
erufen, die eva hat leise elafen, e bischen wüst (Wurst) 
eessen die eva — abendbrot und Schinken wieder drauf, 
aufeessen und die eva elafen — sof a nich, und (= sondern !) 
im wagen die eva elaft — und e himmel aufeguckt e eva 
(er sieht dabei zur Zimmerdecke) und de eva ebaut im wagen 
— kann das ! eva (bekräftigt er, auf unsere erstaunten Blicke) 
und de eva hat vater rufen — vater, mutter bilde, günter, 
bester (Schwester), mieze. — und die eva hat ewiß — — ja, 
ja?? (wir: was hat sie denn gemacht ?) Günter: nissts: fettig 
die eschichte.« Was soll denn die kleine Eva nach all diesen 

*) C. 11. W. Stern, Kinderspracbe, pag. 108. 



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DIE KUNST IM LEBEN DES KINDES. 159 

Anstrengungen anderes gemacht haben, als das Bettchen ge- 
näßt? Aber der kleine Schelm übt unbewußt das Recht der 
großen Poeten, ihre Dichtung ausklingen zu lassen, ohne dem 
Leser den Ausgang der Ereignisse zu künden. Er tut es 
vielleicht, weil er den Gedanken, daß die kleine Missetäterin 
Strafe verdient, insgeheim weiterspinnt, oder weil er sich beim 
Erzählen mit dem Schwesterchen identifiziert (er kann bauen !) 
und ihm nun die drohende Gefahr einer Strafe nicht recht 
paßt. 

Natürlich spielt in den erdichteten Geschichten der 
Kinder ihre eigene Person eine wichtige Rolle; ihr Autoero- 
tismus läßt sie in naiver Verschmelzung mit Märchengestalten 
Wundertaten an Kraft und Furchtlosigkeit vollbringen, und 
sie ersinnen Situationen, in welchen sie sich mit den Tugenden 
brüsten, die ihnen im Leben am meisten mangeln. Aus den 
Erzählungen der Knaben spricht aber auch in der Regel eine 
ungebändigte Reise- und Abenteuerlust, die nicht allein der 
Sehnsucht nach der unbekannten Ferne, i. e. den sexuellen 
Geheimnissen entspringt, sondern auch als eine Art Wort- 
sadismus gegen die Eltern aufzufassen ist; hört doch der 
ungebärdige Junge allzu oft die Drohung: »Wenn du nicht 
brav bist, so schnüren wir dir dein Ränzel und schicken 
dich fort!« Solche Worte empfindet das trotz aller Wildheit 
weiche Kindergemüt als Lieblosigkeit und es spielt nun seiner- 
seits »die Sehnsucht fortzuwandern« als Reaktion aus. Diese 
Gedankengänge und Gefühle bleiben natürlich dem kleinen 
Kinde verborgen, aber sie reifen in ihm seltsame Geschichten 
von Abenteuern und Reiseerlebnissen. Am Ende des sechsten 
Jahres erzählte mein Neffe ein Selbsterdachtes von »Daums- 
bau, dem Lochbohrer«, »wie er mit einer Hacke aus 
Eis (!) sich in die Erde einbohre, tiefer und immer tiefer, bis 
zum Mittelpunkt der Erde, wo alles dunkel und 
w a r m i s t, und weiter, bis er an der Gegenseite (!) der Erde, am 
Nordpol wieder herauskäme; und dazu brauche Daumsbau 
nur zwei oder drei Tage, weil er die feste Hacke aus Eis 
habe, mit der er die Erde leicht aufhauen könne.« Die 
Psychoanalyse erkennt in solchen Phantasieprodukten 



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160 DIE SPIELZEIT. 



Mutterleibsphantasien, dunkle Erinnerungen an den 
Urzustand des Fötus. Bei der stark analerotischen Veran- 
lagung des Jungen ist anzunehmen, daß dieses Interesse die 
Stelle schuf, wie Daumsbau an der Gegenseite der 
Erde (= Kehrseite) am Nordpol wieder heraus- 
kommt. Vorstellungen über den Sexualakt, den er bei Tieren 
mit größter Aufmerksamkeit beobachtet, mögen den Anlaß 
zum Schlußgedanken der Geschichte gegeben haben. 

Der lustvolle Eindruck des Rhythmus, wie er sich beim 
gleichförmigen Auf- und Abschaukeln des Säuglings, beim 
monotonen Klange der Wiegenlieder schon in den ersten 
Monaten zeigt, hinterläßt in der Kinderseele Erinnerungs- 
spuren, die zum Fundament des Wohlgefallens an der Musik 
werden, wenn nicht andere psychische Erlebnisse hindernd 
eingreifen. Aus der allgemeinen Beobachtung geht hervor, 
daß die meisten Kinder in frühen Jugendjahren lustvoll auf 
Musik und Reim reagieren, und zwar um so lustvoller, je ein- 
facher die Melodie eines Liedes ist, d. h. aber je kräftiger 
der Rhythmus zum Ohre des Kindes dringt. Es wiederholt 
sich hier ein Stück Entwicklungsgeschichte der Menschheit 
im Kleinen. Der Wilde begnügt sich mit wenigen Tönen, 
die er bis zur physischen Erschöpfung oder Raserei wieder- 
holt, und ebenso wird das Kind — wie wir schon bei Be- 
sprechung der Echolalie erfuhren — nicht müde, die einmal 
bevorzugte Weise immer von neuem hören und üben zu 
wollen. So sang mein Neffe im Alter von vier bis fünf 
Jahren längere Zeit bei jeder Beschäftigung ein monotones 
»Tili — tili — tu tu tu«, das seine Umgebung zur Verzweiflung 
brachte. Ich habe schon früher auf die Bedeutung der 
Schleimhaut- und Muskelerotik für die Echolalie und den Rhyth- 
mus hingewiesen und ich glaube, daß die sexuell-erotische 
Betonung desselben das Kind zu seiner ersten reimenden 
Tätigkeit führt. Es »verliebt« sich in den Wohlklang 
seiner Stimme und schwelgt, ohne es zu wissen, im Hoch- 
gefühl des schaffenden Poeten. Das Wohlgefallen am Reim 
zeigt sich in der Regel schon früh; der kleine Scupin^) impro- 



*) Scupin, 1. c. II. pag. 85. 



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DIE KUNST IM LEBEN DES KINDES. 161 

visiert zu Ende des vierten Jahres neue Verse, sobald sein 
Gedächtnis Vorrat erschöpft ist; es sind »allerhand sinnlose 
Wortbildungen ; doch ist dabei ein unverkennbares Bestreben 
zu bemerken, die Endsilben annähernd gleichklingend zu 
machen, also : »esse küsse rege = diena müsse nege = holla 
tschingda dimda = eier küsse eimda . . . u. dgl. Unsinn mehr.« 
Wenn der Erwachsene im stände wäre, sich in die kindlichen 
Gedankengänge zu versetzen, so würde sich wahrscheinlich 
ein guter Sinn solcher Silbenketten ergeben. Im fünften Jahre 
zeigt sich ein deutlicher Stolz des Kindes auf frei erfundene 
Reime und im sechsten vergnügt es sich, Reimworte zusammen- 
zusuchen; fehlt ihm einmal ein solches, so erfindet es sich 
neue sinnlose Wortbildungen, um den Gleichklang herzustellen. 
Während dieser Junge sich mit einzelnen Reimwörtern be- 
gnügt, sind die Dichtungen der Nichte Shinns ein Beispiel 
für die Verwertung gelernter kleiner Liedchen beim Schaffen 
der Phantasie. Deutlich tritt hiebei die erotische Betonung 
hervor: sie singt mit drei Jahren von den Büchern ihrer 
zärtlich geliebten Tante, vom Onkel, der sich ihre besondere 
Zuneigung erworben : 

»Überall die leinen Bücher 

Die höht (roten) Bücher, die wazz (schwarze) Bücher 
Bücher, — la — la — la, la — la«^) und bemerkt hiezu »das 
Lied sein von wazz Bücher, wazz alle weg, wazz inwensig, 
wazz auswensig.« Und ein anderes: 
Ȇberall der Ontell (Onkel) Jose (Josef) 
Ontell Jose, un Tanty un Ruth Fenno Shinn (das 

Kind) 
Die wazz Namen, die weiß Namen. 

Die höht Namen, überall sein Namen.« Autoerotik und 
Liebe zu den Personen, die ihm die stärkste Neigung ent- 
gegenbringen, machen das Kind zum Dichter. Auch mein 
Neffe drückte am Ende seines sechsten Jahres gern Freud 
und Leid seiner Seele im Versmaß aus; so sang er mitten 
im Spiele mit einer Stadt samt Marktplatz und Verkaufsbuden 



*) Shinn, 1. c. pag. 189. 
Hug-Hellmuth, Aus dem Seelenleben des Kindei. H 



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16« DIE SPIELZEIT. 



(Milch, Wein usw.) folgende Verse, die in keinem seiner 
Bücher vorkommen: 

»Meine Mutter gibt mir weder Bier und (= noch) Wein, 

So trink' ich halt Wasser allein. 

Vor der Milch tut's mir oft grausen, 

Aber ich muß, wenn ich will Schokolade kaufen.« 

Kurz nach seinem sechsten Geburtstag wandelt ihn zum 
erstenmal der Weltschmerz an: er improvisiert beim ver- 
gnügten Herabrutschen über eine Gitterstange: 

»Vor drei Tagen 

Wollt' ich mich fast erschlagen. 

Weil die Welt mir nicht gefiel.« 

Leider erfuhr seine Mutter nicht, aus welchem Grunde 
er Weltfluchtsgedanken hatte. 

Daß das Spiel oftmals Anlaß zu dichterischen Versuchen 
gibt, ist naheliegend; von einem vierjährigen Mädchen 
stammt folgendes Liedchen, an dem es wochenlang festhielt: 

»Puppe, Puppe klein. 

Jetzt hab' ich dich genug getragen. 

Du mußt jetzt schlaf'n fein. 

Ich leg' dich in den Wagen.« 

Mein Neffe begleitet sein Spiel mit der Eisenbahn 
gelegentlich mit freien Erfindungen, die der Kindersehnsucht, 
groß zu sein, entfließen : 

»Wenn ich groß bin. Weil ich klein bin. 

Wenn ich groß bin. Weil ich klein bin, 

Werd' ich Ingenieur. Geschieht mir dies Mal- 

heur.« — 

(Die Eisenbahnbrücke war eingestürzt.) • Und beim 
Marktspielen : 

»Kauft's Eier, kauft's Eier, 
Damen und Wei(b)er!« 

Selbst im Streite der Kinder hören wir manchmal Vers- 
zeilen, die uns lebhaft mahnen an die »Trutzliedeln« der 



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DIE TRÄUME. 163 



Bauernburschen; zwei etwa sechsjährige Buben, deren 
Faustkampf von der Mutter unterbrochen worden und die 
auch räumlich getrennt in Zimmer und Veranda gehalten 
wurden, setzten ihren Streit wenigstens in Worten fort: 

»Du Esel, blöder Esel.« — »Du Besel, struppiger Besel«. 
»Du bist ein dummer Äff.« — »Dafür bist du ein Laff.« 

Volkspoesie und Kinderreime atmen denselben Per- 
sönlichkeitsduft, alles ist Gefühlston, aufgebaut auf dem kon- 
kreten Vorstellungskreis des Dichtenden. Dem starken Drang 
nach Symbolisierung begegneten wir schon in den Monologen 
der Drei- und Vierjährigen, da sie die Personen ihrer 
Umgebung je nach ihrer Stimmung mit den Namen der ver- 
schiedensten Dinge belegten. 

IX. Die Träume. 

In Bog. Goltz' »Buch der Kindheit« i) findet sich 
folgende Stelle, aus der ein tiefes Verständnis des Autors für 
die infantile Seele und ihre Beziehungen zum psychischen 
Erleben des Erwachsenen berichtet: »Kinderträume sind 
nicht bloß merkwürdig durch die Art und Weise, wie in 
ihnen Lieblichkeit und Ungeheuerlichkeit in eins gebildet 
werden durch die Liebhaberei der Kinderseele an wüsten 
Räumlichkeiten, fabelhaften Bauwerken, finsteren Seen, Ur- 
wassern, ägyptischen Dekorationen und chaotischen Szenerien, 
sondern auch nicht selten durch die Art, wie der erwachende 
Verstand die Formen zu reflektieren beginnt, in denen die 
sittliche und intellektuelle Welt verkehrt. Für die Sym- 
bolik des Traumes könnten die Kinderträume 
den interessantesten Stoff liefern, wenn die Philo- 
sophen den Traum der Kinderseele in Schlaf und Wachen 
nicht so geschwinde vergäßen.« Der Kindertraum spricht die 
Wünsche und die Sehnsucht des kleinen Herzens, die der 
Tag unerfüllt gelassen, mit rührender Offenheit ungeschminkt 
aus ; kaum daß er ihnen dann ein Mäntelchen umgibt, wenn es 



*) Goltz, Buch der Kindheit, pag. 263—264. 



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164 DIE SPIELZEIT. 



gilt, die Blößen zu decken, aus denen uns das sexuell-erotische 
Moment mit der ganzen Kraft der kindlichen Sinnlichkeit 
entgegenleuchtet. In dem Maße, als die Erziehungseinflüsse 
ihre Wirkung ausüben, indem sie das Kind den Unterschied 
zwischen Erlaubtem und Verbotenem erkennen und sich ihrem 
Zwange unterwerfen lehren, wird auch der Traum kompli- 
zierter. Das Unbewußte beginnt seine Arbeit, den Traum- 
inhalt zu entstellen, damit er vor der strengen Zensur des 
eigenen Bewußtseins und mehr noch der der Eltern bestehen 
kann, denen das Kind vertrauensvoll mitteilt, was es in nächt- 
lichem Geschehen erlebt. Und je abweisender sich jene Zen- 
soren gegen anstößige Träume verhalten, die allzu unverhüllt 
des Kindes Interessen aussprechen, je mehr Unterdrückungs- 
arbeit das kindliche Gemüt während seines Tagesspiels zu 
leisten hat, desto stärker trägt der Traum dem ursprüng- 
lichen Wunschgedanken, dem er Erfüllung bringen will, 
fremde Farben auf. Wie die Abziehbilder der Kinder ihr 
wahres Farbenspiel nur ahnen lassen unter der deckenden 
Schichte, die sie ans Papier heften soll, so umgibt der Traum 
den Kern des Wunsches mit einem Firniß, der eben nur so 
viel durchscheinen läßt, daß der in der Traumdeutung Geübte 
den rechten Zusammenhang erfaßt. Dem Laien aber dünkt 
es unbegreiflich, wie die Kinderseele solche Traumgebilde 
gestaltet, und sie setzen diesen »Unfug« mehr auf das Konto 
einer durch Märchen überhitzten Phantasie, als dies der 
Wirklichkeit entspricht. Was das Kind aus den Märchen in 
seine Traumwelt verwebt, kommt nur einfach seinen Tages- 
wünschen entgegen, die sich auch ohne Märchengestalten in 
lustvolle Realität wandeln wollen. Freud hat in seiner klas- 
sischen »Traumdeutung« eine Reihe harmloser Kinderträume 
angeführt, deren Wunschsinn auf der Hand liegt. Wenn einem 
Kinde der Obstgenuß aus hygienischen Gründen versagt wird, 
so ist zu erwarten, daß es sich im Traume an den verbotenen 
Früchten gütlich tut. Und im Traume die Schokolade zu ge- 
nießen, welche von der Mutter mit Rücksicht auf das Über- 
maß der an einem Tag erlebten Freuden dem kleinen 
Leckermäulchen vorenthalten worden, scheint dem Kinde ein 



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DIE TRÄUME. 166 



gerechter Ausgleich von Willkür und Recht. Ein wenig 
komplizierter ist folgender Traum eines vierjährigen Mädchens, 
das keine Milchspeise essen will : »Ich hab' geträumt, wir 
waren im Prater (ein sehnlicher Wunsch der Kleinen) und 
dort bin ich im Ponnywagen gefahren und ich wollte gar 
nicht aussteigen. Und dann hat mich die Mama auf den 
Schoß genommen und ich hab' einen ganzen Teller voll 
Milchreis gegessen. (Belohnung der Mama für die Fr at er- 
fahrt.) Und dann ist mir so schlecht geworden und ich hab' 
alles wieder gebrochen«, und nach einigem Zögern »es tut 
mir noch immer der Magen weh ! « Wir erkennen in solchen 
Träumen die Absicht des Kindes, die Mutter von der Unmög- 
lichkeit, Milchspeisen zu essen, zu überzeugen; daneben die 
scheinbare Willfährigkeit, mit der die kleine Schlaue die 
mütterlichen Liebesbeweise belohnt, also wieder ein deutlicher 
Wunsch: Gib mir Zärtlichkeit und Liebe, dann tu ich dir 
etwas zu Gefallen, aber nur einmal, denn er kommt mich 
zu teuer zu stehen! Endlich bürgt dieser Traum dem Kinde 
dafür, daß es an dem Tage, da es nachts zuvor Magen- 
schmerzen gehabt, sicher nicht neuerdings mit Milchspeise 
gequält werde. 

Die Träume der Erwachsenen lassen sich nach ihrem 
sinn- und zweckverwandten Inhalt in gewisse Gruppen 
sondern, Bequemlichkeits-, Verlegenheits- (Exhibitions-), Angst- 
träume; ferner die typischen Träume des Treppensteigens 
über unendliche Stiegen, vor denen schließlich ein Abgrund 
gähnt und die mit dem unvermeidlichen Sturz in die Tiefe 
enden, Flug- und Kletterträume und endlich die Träume von 
unendlichen Wasserflächen, von sumpf igen Wiesen, Eisschollen, 
Träume, die der Laie gewissen äußeren Einflüssen auf den 
Schlafenden zuschreibt. Viele dieser Schlaferlebnisse Erwach- 
sener reichen in die früheste Kindheit zurück, nicht allein 
insofern, als in jedem Traum unerfüllte verdrängte Kinder- 
wünsche neben aktuellen der Gegenwart zum Ausdrucke 
kommen, sondern viele von ihnen sind bloß oftmalige Wieder- 
holungen von Kinderträumen, angepaßt an das Tagesleben 
der Gegenwart. Es gibt unzählige Kinder, die ein kleines 



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166 DIE SPIELZEIT. 



nächtliches Vergehen damit entschuldigen, sie hätten geträumt, 
sie säßen auf dem Topfe ; und sie können nicht begreifen, 
daß das von den Eltern nicht gewürdigt werde. Zwei kleine 
Mädchen von vier und sechs Jahren, die im Schlafe die 
Hände gern unter die Decke steckten, wollten nicht 
einsehen, warum ihr Vater sie mit einem Klapse weckte, da 
sie doch nichts dafür könnten, wenn sie im Schlafe die kalten 
Hände wärmen wollten. Der Traum gibt im einen wie im 
anderen Falle die Freiheit zu verbotenem Tun, Enuresis noc- 
turna wie nächtliche Onanie bringen dem Kinde Lustgefühle, 
die Scham und Furcht vor Strafe am Tage verwehren. Im 
Kinderleben spielen die Angstträume eine besondere Rolle; 
wilde Tiere, die das Kind angreifen oder verfolgen, Diebe 
und Mörder, die es bedrohen, bringen regelmäßig neben 
einem latenten Traumwunsch auch den unverhüllten zum 
Ausdruck, von den Eltern ins Bett genommen zu werden. 
Shinns^) Nichte schrie im zweiten Jahre wiederholt im Schlafe 
auf, »beruhigte sich aber, so wie die Tante sie zu sich ins 
Bett nahm«. Ja, es genügte bei ihr, wie bei Darwins 2) 
Töchterchen, das Auflegen einer linden Hand, um ihr Wimmern 
im Traume verstummen zu machen. Es ist natürlich, daß 
ihr zur Erfüllung dieses Wunsches die Ausnützung schreck- 
hafter Tageserlebnisse sehr zur statten kam. So träumte die 
Kleine zu Ende des dritten Jahres von einem Bullen, der sie 
bedrohte; (es war tatsächlich einmal ein solcher seinem 
Führer ausgerissen und in die Veranda eingedrungen). Dieses 
Traumbild hielt sie zwei Monate lang fest und behauptete 
trotz aller Entgegnungen der Erwachsenen, daß ein Bulle 
nachts in ihr Zimmer gekommen. Vom vierten Jahre ab 
haben die Träume des Mädchens einen stark sexuellen Cha- 
rakter, was in unmittelbarem Zusammenhang damit steht, daß 
es im Schlafzimmer der Eltern schläft. »Es wachte aus einem 
Traume auf, kroch verzweifelt zur Mutter ins Bett, auch 
wollte sie sich durchaus nicht wieder in ihr eigenes Bettchen 
legen lassen, weil ,böse Männer^ wie sie meinte, im 



*) Shinn, 1. c. pag. 466—451. 

*) Darwin, Biographical Sketch of an Infant, pag. 79. 



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DIE TRÄUME. 167 



Zimmer seien; Papa hätte es gesagt. Dann klet- 
terte sie zu diesem hinüber und schmiegte sich 
eng an ihn.« Es ist für den in der Traumdeutung Geschulten 
recht durchsichtig, wer der »böse Mann« gewesen und warum 
die Kleine nicht bei der Mutter liegen geblieben, sondern 
zum Vater geklettert war. Ein ähnlicher Zusammenhang liegt 
Träumen zu Grunde, wie sie SuUy^) und Scupin^) anführen. 
Der erstere berichtet von einem kleinen Knaben, der seine 
Mutter bat, ihn nicht in einem gewissen Zimmer schlafen zu 
lassen, »weil so viele (nat. böse) Träume indem Zimmer 
wären«. Aus einem Angsttraum von einer Spinne, die ihn 
beißen wollte, fuhr der kleine Scnpin im letzten Monat des 
dritten Jahres mit dem Rufe »In Mamas Bettel« auf und im sie- 
benten Monat des vierten Jahres träumte er während des Mittags- 
schläfchens von einem Manne, der ihn ins Auge gestochen. 
Das Auge ist nicht allein an sich eine erogene Zone, sondern 
es tritt auch oft in Stellvertretung einer anderen, nämlich 
des Gesäßes (speziell des Anus), in Phantasien und Traum- 
bildern auf. Da der Traum im siebenten Monat des vierten Jahres, 
die sprachliche Neubildimg Klastiedel (= Kly stier) vier Mo- 
nate früher im Tagebuch notiert ist, so dürfte jener eine irri- 
gationsphantasie bedeuten. In diesem Erlebnis betätigt sich 
also wahrscheinlich das analerotische Interesse neben rein 
sexuellen Phantasien, anknüpfend an Beobachtungen in dem 
mit den Eltern gemeinsamen Schlafraum. 

Im 8. Monate des sechsten Jahres^) macht sich das 
Traumleben des kleinen Jungen eine Beinhautentzündung 
zunutze, um wieder eine Angriffsszene ins nächtliche Er- 
leben einzuschmuggeln: »Ein Mann mit einer Hacke«, erzählt 
der kleine Ernst Wolf gang, »sei an sein Bett gekommen und 
habe ihm ins Gesicht gehackt — schnell habe er die Augen 
aufgemacht, um nicht weiter von dem bösen Mann zu träumen, 
da sei aber gar keiner dagewesen, nur der Zahn habe an der 
Stelle, wo der Mann hingehackt hatte, so weh getan«. Der 



') Sully, 1. c. pag. 87. 

*) Scupin, 1. c. I. 206, II. 57. 

') Scupin, 1. c. II. pag. 201. 



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168 DIE SPIELZEIT. 



»Leibreiz« liefert den fruchtbaren Boden, auf den das Unbewußte 
verdrängte Vorstellungen und Wünsche des Tages verpflanzt. 
Eine eigentümliche Rolle fällt in Kinderträumen kleinen, 
ja winzigen Tieren zu ; einerseits befriedigt der Traum damit die 
infantile Vorliebe für solche Lebewesen, anderseits verabsäumt 
er nicht, gerade von ihnen das Kind oder noch häufiger geliebte 
Personen bedrohen zu lassen. Shinns^) Nichte träumte mit 
fünfeinhalb Jahren von grünen Ameisen mit einer Art keulen- 
förmiger Fühler; »mit einem von ihnen habe sie 
Mamas Kopf getroffen und ihn umgeknickt; dann 
hätte sie gebeten, die Mama doch nicht tot zu machen, was 
die bösen Tiere auch nicht getan hätten. Zuletzt hätte sie 
gebeten, sie möchten der Mutter den Kopf wieder aufsetzen; 
das geschah auch und Mama war wieder wohl«. Dieser Traum 
enthält klare Todeswünsche gegen die Mutter, eine sexuelle 
Note liegt vermutlich in den keulenförmigen Fühlern, die 
zum Angriffe dienten. Vielleicht verleiht die leichte Beweg- 
lichkeit dieser Organe Käfern und Ameisen die ausgesprochen 
sexuelle Bedeutung ; sicher ist, daß gerade die letzteren häufig 
in den Angstträumen der Kinder vorkommen; auch mein 
Neffe berichtete einen solchen, der aber leider nicht genau 
aufgezeichnet wurde. ^) Wie das Kind verbotenes Tagestun in 
Angstträume verwebt — der Laie sieht in ihnen die Macht 
des bösen Gewissens — zeigt ein anderes interessantes Beispiel 
aus dem Schlafleben der kleinen Shinn. Mit fünf Jahren^) 
träumt sie, »Soldaten wären gekommen, sie zu töten, weil sie 
gesagt habe, sie wolle etwas stehlen. ,Als ich aber 
sagte, ich brauchte gar kein gedörrtes Obst zu nehmen, 
ließen sie mich gehen'.« Tagesanknüpfung war der Besuch 
einer Obstdörre, in der sie sich nach Shinns Vermutung 
»durch ein nicht ganz gesetzmäßiges Mittel« einige Stücke 
angeeignet haben dürfte. Der Traum spricht charakteristischer- 
weise nur davon, daß sie gesagt hätte, stehlen zu wollen, 



^) Shinn, 1. c. pag. 460. 

*) Vgl. hiezu Sully, 1. c. pag. 87, Traum eines zweijährigen Mädcheiiß 
von Ameisen. 

') Shinn, 1. c. pag. 460. 



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DIE TRÄUME. 169 



indes er ihr gewiß die Realität geschenkt hatte; er bedient 
sich also selbst der Lüge, um ihr Freiheit des Genusses und 
obendrein Straflosigkeit zu sichern. 

Neben der Fülle von Ängstträumen beleben eine ganze 
Reihe »schöner« Träume den Kinderschlaf; es sind, wie ich 
schon erwähnte, die reinen, unverhüllten Wunschträume harm- 
losen Inhalts, aber auch solche, in denen sich offenkundig 
erotisches und sexuelles Sehnen ausspricht; der kleine Scupin 
träumt nach Ankunft in der Sommerfrische vom siebenjäh- 
rigen Knaben des Försters, »zu dem er eine besondere Zu- 
neigung zu empfinden schien«. Meinen Neffen beschäftigt im 
sechsten Jahre im Traume lebhaft das Problem der Nacktheit; 
er fordert in demselben das Dienstmädchen auf: »Johanna, 
zeig mir deinen Popo!« und fügt bedauernd hinzu: »Aber 
sie hat es nicht getan« ; vermutlich versagte der Traum aus 
Mangel an der richtigen Vorstellung die volle Gewährung, 
indem er die kleine Freundin Maxens plötzlich auftreten läßt, 
was aus dem Schlüsse des Traumberichts »Und dann war ich 
bei der Erna« hervorgeht. 

Es gibt noch andere Kinderträume, die den Menschen 
durch sein ganzes Leben begleiten, nicht in der Erinnerung, 
sondern in tatsächlichem Wiedererleben. Ich meine die 
Stiegenträume. Die psychoanalytische Forschung hat auf- 
gezeigt, daß es sich in solchen Fällen beim Erwachsenen 
stets um Koitusphantasien handelt. Da aber auch Kinder, 
denen erwiesenermaßen jede Gelegenheit zur Beobachtung des 
Sexualaktes fehlt, häufig aus solchen Traumbildern auf- 
schrecken, so muß hier noch eine andere Erklärung möglich 
sein. Meines Er achtens meldet sich beim Kinde im allge- 
meinen in solchen Kletterträumen die Muskelsexualität zum 
Worte. All die unzähligen lustvollen Versuche des Kindes 
erst beim Stehen- und Gehenlernen, dann beim Klettern — 
das überdies eine prächtige Gelegenheit zur Onanie bietet — 
prägen sich der Kinderseele durch die sexuelle Note fest ein 
und der alles gewährende Traum gibt auch hier im Über- 
maße, was die Sitte des Tageslebens verwehrt. Auch Exhi- 
bitionsträume fehlen in der frühesten Kindheit nicht, aber sie 



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170 DIE SPIELZEIT. 



reden ihre Sprache deutlich. Ein fast sechsjähriges Mädchen 
träumt, daß es mit der Mutter — beide bloß mit dem Hemde 
bekleidet, weil die Hitze so groß gewesen sei — im Garten 
gespielt habe, und sie berichtet den Traum ohne Spur von 
Verlegenheit. 

Lange Zeit bleibt der Kinderseele der Traum ein 
reales Erlebnis und der Zeitpunkt, zu welchem ihr 
das richtige Verständnis reift, er sei bloß ein holder 
Wahn, ist vom Grade der Intelligenz und der Phantasie des 
Individuums abhängig. Natürlich hält das Kind an 
der Wirklichkeit jener Träume, die eine offenkundige 
Wunscherfüllung enthalten, zähe fest; dagegen läßt es sich 
gern bei Angstträumen von der Irrealität des nächtlichen 
Erlebnisses überzeugen, ohne daß deshalb das Unbewußte auf 
sie verzichtete. 

Wenn die Erwachsenen sich die Mühe nähmen, ihre 
eigenen und ihrer Kinder Träume zu studieren, fänden sie 
wohl manchen Keim, vor dessen Wachstum sie die infantile 
Seele schützen wollten. 



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VERLAG VON EEÄNZ DEUTICKE IN LEIPZIG UND WIEN. 



Analytische üntersuchimgeii über die 
Psychologie des Hasses und der Versöhnimg, 



Von Br* Oskar Pfister, 

Ffarrw im Kürich, 

Preis M 1-50^ E im 



Das Inzest-Motiv in Dichtung und Sage. 

Grimdzüge einer Payohologie des dichteriseheE Schaffe?tB. 

Voa Otto Rank. 
Preis geh. M 15'=- = K 18'—, pb. M 16-80 = K 2Q'—. 



Schriften zur angewandten Seelenkunde. 



L Heft: 
n, Heft: 

HL Heft: 

IV. Heft: 
V. Heft: 

VI, Heft: 

Vn. Hefti 

Ym, Heft: 

m, Heft: 

X. Heft: 



XI. 


Heft: 


XII. 


Heft: 


xin. 


Heft: 


XIV. 


Heft: 



Hernmagegeben yon 
Prof. Dr, Sigm. Frend in Wim, 

Dör Wahn und die Traume in W. Jensens „Gradiva*'. \ a Prof. 
I>r, Bigm. Freud in Wien. Zweite Auflage. — Preis M 2*40 =: K 3'—. 
WnnHclierflUInng und 8yT!i!>eIik im Märchen, Eine St idie von 
Dr, Franzi Riklin, SekuadaraxÄt in Rheinan (Schweiz). — Preis 

D«r Inhalt der PÄjrchOBe, Ton Br, C G. Jung, PrWütdozent 

der Psychiatrie in Züdch. — Preis M 1-25 = K 1'50. 

Traum und MythuB, Eine tjtndie zur Vöik™sjchoiogie. Von 

Dr, Karl Abraham, Arxt in Berlin. — Pre^j M 2'50 ^ K 3' — 

Der Mythus von der Geburt des Helden, Versttch eine^^ psycho 

logischen Mythendeutang vor Otto Rank. — Preis M S— = K 3*60. 

Aus dem Liebesleben Nikolaus Lenaug. Von Dr. J. Sadger, 

HerFenaizt in Wien. — Preis M B^^ ^^ E 8 '60. 

Eine Kindheitserinnerung des Ij^onardo da Tiuci. Von Prof. 

Dr. Sigm. Freud in Wien. — Preis M 2-50 ^ K B'— . 

Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf. Von 

Dr. Oskar Pf isber» Pfarrer in Zürich, — Preis M 4*50 ^ K 5*40. 

Richard Wagner im ,,Fiiegenden UoUänder'', Ein Beitrag zur 

Psychologie künstlerischen Schaffens. Von Dr. Max Gral. — Preis 

M 1-80 = K 2'—. 

Das Prt>blcm des Hamlet und der Ödipus-Kamptfix. Von Dr, 

Emest Jones in Toronto (Kanada). Übersetzt von Panl Tansijr 

gHen). — Preis M ä'— ^ K 2"40. 
iovanni Se^^antini. Ein psychoanalftischer Versach. Von Dr, Karl 
Abraham, Arzt in Berlin. Mit 2 Beilagen. -^ Preis M 2'— - K 240. 
Zur Sonderstellung des Vatermordee, Eine rechtsgeaehlchtliche 
nnd Töikerpsycholodsche Studie, Von A, J, f^rfer in Zürich 
— Preis M l'öO = K 1^80. 

Die lÄ>hengrinsage. Ein Beitrag zu ihrer MotiTgeataStune und 
Deutung Von Otto Rank, — Preis M 5*^ == K 6'— . 
Der Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen Formen des 
nuttelalterlichen Äbe^laubens. Von Prof. Dr, Eniest Jones 
Deutach von Dr, 1. H. Saehi. ^ Preis M Ö^— «= K 6^— 



K. ü. K, Hofbuchdruckerei Karl Proeh^fika in Töftckan.