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Full text of "Aus der Analyse einer mutterlosen Tochter. Zwei Beiträge zur Kasuistik"

Marie Bonaparte 

Aus der Analyse einer 
mutterlosen Tochter 



Zwei Beiträge 

zur psychoanalytischen 

Kasuistik 



Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag 

Wien 



< 



_ 



Hfl/ "M Sdi^. 

Aus der Analyse einer 
mutterlosen Tochter 

Zwei Beiträge 
zur psychoanalytischen Kasuistik 

Von 

Marie Bonaparte 



Paris 



Separatabdruck aus der „Internationalen Zeitschrift 

für Psychoanalyse 1 - 1 (herausgegeben von Sigm, Freud), 

Bd. XV (1929) und Bd. XVI (1930) 






1931 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien 









Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung, 
vorbehalten 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 









Aus dem französischen Manuskript 
übersetzt von Mathilde Hollitscher 



■ 



Druck: Elbemühl, Wien, III., Rüdengasse 1] 









« 






Die Identifizierung einer Tochter mit ihrer 
verstorbenen Mutter 

I) Die Storchhalluzination 

Als ich vier Jahre alt war, kehrten wir im September von unserem 
Sommeraufenthalt an der See nach Paris zurück; am zweitnächsten Morgen 
überfiel mich beim Erwachen ganz plötzlich ein heftiger Blutsturz. Der Arzt 
konstatierte eine „Lungenentzündung" mit sehr starker Verschleimung der 
Lungenflügel und fand meinen Zustand so ernst, daß er am Abend erklärte, 
ich würde die Nacht sicherlich nicht überleben. Die Mutter meines Vaters, 
die mich aufzog, — meine Mutter war nach meiner Geburt gestorben, 
berief daraufhin meinen Vater, der sich damals auf einer Reise durch die 
Balkanländer befand, telegraphisch zurück. 

Aber ich überstand die Nacht und erwachte am nächsten Morgen wieder; 
mein Vater fand bei seiner Rückkehr sein einziges Kind am Leben und 
nach einem mehrmonatigen Aufenthalt im Süden war ich vollkommen wieder- 
hergestellt. 

Ich habe an diesen Blutsturz gar keine Erinnerung bewahrt, obwohl 
meine frühesten Erinnerungen über mein viertes Lebensjahr hinausreichen; 
ich wußte während meiner ganzen Kindheit überhaupt nichts davon, daß ich 
jemals Blut gehustet hätte. Meine Großmutter, die älteren Frauen, die mich 
betreuten, und auch unser in veralteten Anschauungen befangener Arzt um- 
gaben mich mit übertriebener Sorgfalt: sie behüteten mich vor jedem Luft- 
zug, ließen mich im Winter nicht ausgehen und untersagten mir sogar, meine 
Hände mit kaltem Wasser zu waschen. „Man muß nur bedenken, was vor- 
gefallen ist," flüsterte einer dem anderen zu, „wenn es nur nicht so wird, 
wie mit ihrer Mutter!" Aber niemand sprach von dem, was eigentlich vor- 
gefallen war, weder zu den Außenstehenden, aus Angst, man könne mich für 



Marie Bonaparte 



„lungenkrank" halten, noch zu mir, um mich nicht „zu erschrecken . Selbst- 
verständlich war das Geheimnis um ein düsteres und unheimliches Vor- 
kommnis, das mein Leben verdarb, erst recht danach angetan, mich in 
Schrecken zu versetzen. 

Ich erinnere mich indessen einer anderen, ganz außerordentlichen und 
zauberhaften Begebenheit. Eines Morgens, als ich noch sehr klein war, — 
ich dürfte ungefähr vier Jahre alt gewesen sein, — als ich beim Erwachen 
in meinem Bett auf dem Rücken lag, erblickte ich unter den weißen 
Musselinvorhängen, die mein Bett schmückten, gerade auf meinem Unterleib 
einen hohen, großen, glänzenden Vogel, der in allen Farben des Regen- 
bogens schillerte. Aufrecht, nur auf einem seiner beiden langen Beine 
stehend, blickte er mich mit ein wenig zur Seite geneigtem Kopf an; er hatte 
einen ungeheuerlich dicken, langen und zugespitzten Schnabel. Sah er einem 
Reiher, einem Ibis, einem Flamingo, einem Marabu, einem Storch oder einem 
Kranich ähnlich? Ich hätte es nicht zu sagen gewußt; übrigens kannte ich 
damals die Namen der meisten dieser Vögel auch noch gar nicht. Aber ich 
hatte noch niemals etwas so Schönes gesehen, wie diesen großen, in tausend 
Farben schillernden Vogel, allerdings auch noch nie etwas so Schreckliches. 
Nachdem die prächtige und zugleich erschreckende Erscheinung sich wieder 
verflüchtigt hatte, blieb ich den ganzen Tag im Dunklen, bei geschlossenen 
Vorhängen in meinem kleinen Bett liegen; ich war damals sehr krank und 
ich entsinne mich der Stimmen, der gedämpften Schritte der Erwachsenen 
aus den anderen Zimmern; sie schienen mir so fern, so unendlich fern zu 
sein, als hätte ich mich damals in einer anderen Welt befunden. 

Anläßlich der Erscheinung des großen Vogels lernte ich das Wort „Hallu- 
zination" kennen. Ich hatte meine Vision erzählt und hatte auch selbst sehr 
gut wahrgenommen, daß der Vogel nichts Wirkliches sein könne, nachdem 
ich beim vollen Erwachen seine schimmernden Konturen sich in Nichts auf- 
lösen sah ; man sagte mir, daß man eine solche, einem Traum ähnliche, aber 
im Wachen erlebte Erscheinung mit dem fremdartigen Wort „Halluzination 
bezeichne. 

Mittlerweile mußte der große Vogel, der mir als Bote einer geheimnis- 
vollen, schrecklichen Welt erschien, lange sein Geheimnis bewahren. 

Erst kürzlich, 1927, infolge meiner seit zwei Jahren währenden Analyse 
bei Professor Freud, ist mir seine Botschaft verständlich geworden. Ich will 
in der Reihenfolge ihres Auftauchens die zwei wichtigsten Assoziationsketten 
wiedergeben, die mir dazu verholfen haben, das Rätsel des großen Vogels 
zu lösen. 



Die IdftaKfraerung «^iner Tomter mit ihrer verstorbenen Mutter 



l) Der Vogel war ein großer Stelzenläufer und stand auf einem Bein. 
Nun war ich am Tage vor meiner Halluzination, also am ersten Tag nach 
unserer Rückkehr von der See, im Zoologischen Garten gewesen. Ich befand 
mich damals in einer Periode eigensinniger Kampfstimmung; keinem aus 
meiner Umgebung war es im Zuge auf der Rückreise von Dieppe gelungen, 
mich bis Paris zum Verlassen des offenen Coupefensters zu bewegen, an dem 
ich mit wildem Hochgenuß die Abendluft und den Rauchgeruch des Zuges 
einatmete. Ebensowenig konnte man mich am nächsten Tag im Zoologischen 
Garten von dem Platz losreißen, von dem aus ich, festgebannt vor Bewun- 
derung, durch die Gitterstäbe des Käfigs die aschgrauen Kraniche ihre grotesken 
Tänze aufführen sah. Man hatte nachher vermutet, daß ich mich entweder 
am Fenster des Zuges oder beim Stehen auf dem kalten Boden im Zoologischen 
Garten erkältet hätte, und daß die Lungenentzündung und der Blutsturz eine 
Folge davon gewesen seien. 

Sicherlich befand sich damals im Zoologischen Garten auch ein 
Marabu und ganz gewiß waren in ihren Käfigen die rosa Flamingos aus 
Ägypten zu sehen, deren Farbe mich so entzückte. Ich hätte stundenlang dort 
bleiben und die schönen Vögel betrachten mögen, wie sie auf einem ihrer 
zarten Beine im Wasser ihres kleinen Badebeckens standen. Das andere Bein 
hatten sie unter ihrem Flügel hochgezogen und ließen manchmal auch ihren 
Kopf und Hals darunter verschwinden. Damals meinte ich übrigens, daß ihr 
Name Ibis sei. Bei dem Besuch am Tag vor meiner Erkrankung aber hatten 
es mir die Kraniche angetan; deren Namen kannte ich damals nicht; ich hielt 
sie für eine Storchgattung, und erst später, als ich ihre Tänze wieder sah 
konnte ich sie richtig erkennen. 

Störche hatte ich damals auch noch nie in Wirklichkeit gesehen, aber ich 
hatte von ihnen gehört. Und zwar wahrscheinlich durch eine Lehrerin, die 
ungefähr um diese Zeit zu uns kam, eine Irländerin, die an einen Deutschen 
verheiratet war. Mit ihr begann ich Englisch und Deutsch zu lernen und sie 
zeigte und erklärte mir auch meine Bilderbücher. In einem von ihnen, das 
ich vielleicht schon vor ihrem Eintritt bei uns besaß, befand sich auf der 
rechten Seite eine farbige Abbildung, die ich heute noch vor mir sehe. Sie 



1) Ich habe, seit ich das Vorstehende geschrieben, von einer heute noch lebenden 
Dame, die unsere damalige Reisebegleiterin war, erfahren, daß es das Fenster des 
von unserem Haus in Dieppe zum Bahnhof führenden Omnibusses gewesen war, von 
welchem man mich nicht losbekommen konnte. Dieselbe Dame hat mir auch von 
dem Bluthusten am übernächsten Morgen Mitteilung gemacht. 



Marie Bonaparte 



stellte ein Dorf aus dem Elsaß dar und im Vordergrund auf der Spitze eines 
Schornsteins sah man einen auf einem Bein stehenden Storch. Vielleicht hatte 
mir diese Erzieherin oder schon eine ihrer Vorgängerinnen von den Störchen 
erzählt, daß sie das außerordentliche Amt innehätten, die kleinen Kinder zu 
bringen. Ich hätte jedenfalls so sehr gern Störche auf den Schornsteinen ge- 
sehen, aber auf den Pariser Häusern waren keine zu entdecken — dazu hätte 
ich nach dem Elsaß gehen müssen — und so mußte ich mich eben damit 
begnügen, die Kraniche im Zoologischen Garten für Störche anzusehen. 

2) Der große Vogel hatte alle Farben des Regenbogens. Das ist das Rätsel- 
hafteste. Die Störche haben ja kein farbenschimmerndes Gefieder, ebensowenig 
wie einer der anderen stelzbeinigen Vögel, an den ich hätte denken können: 
Kranich, Reiher, Marabu oder selbst der rosa Flamingo. Es hilft nichts, den 
Flamingo Ibis zu nennen, wegen der Ähnlichkeit des Namens mit Iris; ich 
klaube auch im Alter von vier Jahren diese mythologische Bezeichnung des 
Regenbogens noch nicht gekannt zu haben. 

Nun denke ich zuerst wegen des wunderbaren Farbenspiels des großen 
Vogels an den Regenbogen selbst, der, vom Himmel herabgestiegen, sich auf 
die Erde zu stützen, in sie einzudringen scheint. Ich liebte als Kind den 
Himmel, die Sterne und Meteore sehr. Dann denke ich bei dem Farbenspiel 
an einen Rötling, von dem man erzählt, daß die Römer des späten Kaiser- 
reiches seinem Verenden zusahen, bevor sie ihn aufaßen, um sich am Anblick 
der wechselnden Farben zu ergötzen, die der Fisch im Verlauf seines Todes- 
kampfes annahm. Diese Geschichte war mir stets besonders schrecklich und 
raffiniert erschienen; aber ich habe sie erst später gelesen — im Alter von 
vier Jahren kannte ich sie sicher noch nicht. 

Aber plötzlich erinnere ich mich. Es gibt etwas, das ich sicher schon als 
vierjähriges Kind erzählen hörte: die Tatsache, daß meine Mutter, von deren 
Liebreiz und Sanftmut jeder erzählte, dieses ideale Wesen, das denselben 
Namen trug wie ich — Marie — gestorben war, nachdem sie mir das Leben 
gegeben hatte. Ich hatte ja meine verstorbene Mutter selbst gesehen! Auf 
dem großen Aquarellbild, das meine Großmutter im Salon aufgehängt hatte, 
sah ich sie in einem weißen Kleid, wie eine Braut, ganz bleich auf ihrem 
Bett auf dem Rücken liegen. Dieses Bild konnte ich alle Tage sehen. Meine 
Mutter war einen Monat nach meiner Geburt gestorben, am Abend des 
Tages, an dem sie zum erstenmal aufgestanden war. Sie starb an einer 
„Embolie" (Thrombose) — es scheint mir, daß ich dieses Wort immer schon 
gekannt habe. Es hieß, daß meine Mutter kaum noch Zeit gehabt habe, sich 
wieder zu Bett zu legen und meinen Vater zu rufen, um ihm zu sagen, daß 









Die Identifizierung einer Toditer mit ihrer verstorbenen Mutter 



sie ihr Ende nahen fühle. Dies war die Folge ihrer Mutterschaft gewesen, 
aber es gab dafür auch noch eine andere Ursache. Meine Eltern hatten ein- 
ander bei einer russischen Dame kennengelernt, zu der man mich auch manch- 
mal hinbrachte; sie lag immer zu Bett, weü sie angeblich einen „Schwamm 
im Kopf" hatte und rauchte ohne Aufhören parfümierte Zigaretten; mir er- 
schien sie in ihrem stets spitzenverzierten Bett sehr schön. Es scheint nun, 
daß diese Dame, wie meine Großmutter öfters erzählte, von dem jungen 
Paar als Zeichen der Dankbarkeit ein Geschenk erhielt. Da man ihr aber 
kein „Geld geben" konnte, „kauften" meine Eltern ihr eines ihrer schönsten 
russischen Schmuckstücke „ab" und bezahlten ihr dafür hunderttausend Franc 
Meine Großmutter sprach öfters von diesem Kleinod, und zwar hatte es den 
Anschein, als hätte sie es dieses hohen Preises nicht für wert befunden, ob- 
wohl es, wie sie sagte, ein Opal war, „groß, wie ein Ei," und von schönen 
Diamanten eingefaßt. Ich hatte weder dieses Schmuckstück noch die anderen 
aus dem Besitze meiner Mutter gesehen; sie waren wohl mein Erbteil, aber 
man sagte mir, sie müßten bis zu meiner Großjährigkeit in der Bank auf- 
bewahrt bleiben — für mich an einem weit entfernten, geheimnisvollen Ort. 
Ich hatte aber bestimmt schon im Alter von vier Jahren von den Juwelen 
sprechen gehört, vielleicht anläßlich der Besuche bei der russischen Dame 
oder als meine Großmutter mir ihre vielen kleinen Schmuckstücke zeigte 
und darunter eines Tages einen Opal in die Hand bekam. Der große Opal 
erschien mir besonders deshalh in zauberhaftem Licht, weil die Frauen meiner 
Umgebung über ihn noch eine andere Geschichte zu erzählen wußten und 
die ähnelte ganz den Märchen, in denen die böse Fee regiert. Sie sagten, 
der Opal sei ein Stein, der Unglück bringe. Meiner Mutter hatte der große 
Opal, den sie anläßlich ihrer Verheiratung gekauft hatte, Unglück gebracht: 
sie war nach der Geburt ihres ersten Kindes gestorben! Und wie sehr 
hatte sie sich die Mutterschaft gewünscht! Bei ihrer Hochzeit war sie 
zwanzig Jahre alt und es dauerte mehr als ein Jahr, bis sie die Gewiß- 
heit hatte, Mutter zu werden. Sie hatte die Hoffnung darauf beinahe 
schon aufgegeben. Dann war ich zur Welt gekommen und sie war — zwei- 
undzwanzig Jahre alt — gestorben. Und sogar meine Großmutter fand es 
seltsam, wenn es wirklich nicht wahr sein sollte, daß Opale Unglück bringen, 
daß doch gerade meine Mutter diesen selten großen Opal besessen habe. 
Davon nun mußte ich sicher schon in meinem vierten Jahr erzählen gehört 
haben, denn diese Dinge wurden oft im Hause besprochen. 

Auch noch etwas anderes habe ich sicher sagen gehört: daß meine Mutter 
„schwach auf der Lunge" gewesen sei und Blut gehustet habe. Trotzdem 



— "— 



Marie Bonaparte 



meine Großmutter meist hinzufügte, was der Arzt sicher bestätigt hätte, daß 
das „nur aus der Kehle gekommen" sei, wo meine Mutter Geschwüre gehabt 
hätte, wurde deshalb nicht weniger darüber geredet. Ganz, sicher hatte ich 
schon vor meinem vierten Jahr sagen gehört, daß meine Mutter Blut gehustet 
habe: besonders so bald nach meiner Mutter Tode war dieses Thema ein täg- 
licher Gesprächsstoff in unserem Hause. 

Die Halluzination des großen, farbenleuchtenden Vogels beginnt uns ver- 
ständlich zu werden. Der große Vogel ist einerseits als allgemeines Symbol 
der Storch, der phallische Vogel, der die Kinder bringt; andererseits — als 
nur mir zugehöriges Symbol — der glänzende Vogel, dessen Regenbogen- 
farben mich an den eigroßen Opal erinnern, der meiner Mutter Unglück 
gebracht hat. Ich hatte zwar diesen Opal nie gesehen, aber wie ich schon 
sagte, hatte meine Großmutter unter ihren zahlreichen kleinen Schmuck- 
stücken mir sicher auch einen kleinen Opal gezeigt; und als ich dann dessen zauber- 
haftes Farbenspiel mit Angst und heimlicher Bewunderung betrachtete, hatte 
sie mir wohl von dem anderen großen Opal erzählt. 

Mein Vater, der mit vierundzwanzig Jahren Witwer geworden war, ver- 
heiratete sich kein zweites Mal ; er hatte auch niemals die Absicht, es zu tun ; 
er lebte mit seiner Mutter zusammen, die mich aufzog. Es ist wohl überflüssig, 
zu sagen, daß meinem Vater zur Zeit, als ich vier Jahre alt war, meine aus- 
schließliche, leidenschaftliche Liebe gehörte. Ich sehe ihn — aus einem noch 
früheren Erinnerungsbild — in seiner Offiziersuniform groß und schlank vor 
mir und daneben mich kleines Mädchen, das damals nicht älter als drei Jahre 
gewesen sein konnte — denn später war mein Vater aus der Armee aus- 
getreten, — wie ich, mit verliebter Leidenschaft eines seiner Beine in den 
roten Beinkleidern mit meinen kleinen Armen umfasse. Ich vergötterte meinen 
Vater; wenn er vor einer Reise Abschied nahm, kramp fte sich mein Herz 
zusammen und ich lebte dann nur in der Erwartung seiner Rückkehr. Heute 
weiß ich, warum ich mit so sehnsüchtigen Blicken im Bois de Boulogne die 
Bräute in ihren Wagen betrachtete, die, wie es damals in gewissen Kreisen 
der Brauch war, zum Hochzeitsmahl in das Restaurant de la Cascade fuhren : 
ich wollte an deren Stelle sein — als Bräutigam meinen Vater an meiner 
Seite haben. Dies ist der klassische Traum kleiner Mädchen, der oft sogar 
ganz offen ausgesprochen wird. 

Ich erinnere mich aus meinem vierten Lebensjahr sogar an meinen Geburts- 
tag. Ich sehe mich noch bei glühender Hitze — mein Geburtstag fällt auf 
den zweiten Juli — allein in der großen Bibliothek meines Vaters in unserem 
Haus am Cours la Reine den Besuch des Barons „Phylloxera" erwarten. Das 



Die Identifizierung einer Tochter mit ihrer verstorbenen Mutter 9 

war ein alter Kammerdiener meines Großvaters mütterlicherseits, in der 
Familie berühmt wegen seiner Einbildung, der unverstandene Erfinder eines 
unfehlbaren Mittels gegen die „phylloxera" zu sein, die damals die Weinberge 
verwüstete. Er kam jedes Jahr und brachte mir einen weißen Blumenstrauß, 
nach damaligem Gebrauch in eine Manschette aus weißem Spitzenpapier 
gepreßt, den Sträußen ähnlich, die ich durch die Wagenfenster bei den be- 
neideten Bräuten im Bois gesehen hatte. Dieser weiße Strauß hatte einen 
wunderbaren Duft, den Orangenblüten ähnlich; der Monat Juli ist ja die 
Zeit der Lilien und Tuberosen. Ich erwartete also in der großen, heißen, 
mit hohen Fenstern versehenen Bibliothek meines Vaters Besuch und den Blumen- 
strauß des Barons Phylloxera. Dieser kam stets in Begleitung seiner Tochter, 
die ich darum beneidete, daß sie immer allein mit ihrem Vater gehen durfte, 
was bei mir niemals vorkam. Und in der heißen Bibliothek, die mir das 
Symbol für meinen Vater und seine Studien war, jene Studien, die vielleicht 
meine Eifersucht erregten, weil sie den Vater von mir fernhielten, sagte ich 
mir: „Heute bin ich vier Jahre alt geworden — wie alt bin ich doch! Und 
das Bewußtsein meiner Jahre erdrückte mich. Ohne Zweifel war dieses Gefühl 
der verhüllte Ausdruck für den Wunsch: alt genug, erwachsen genug zu sein, 
um endlich meinen Vater heiraten zu können; hinter diesem Wunsch verbirgt 
sich der ganze Neid, den Kinder in der Ohnmacht ihrer leidenschaftlichen 
Wünsche gegen die Erwachsenen fühlen. 

Ich war nun mit meinen vier Jahren, wie es in diesem Alter meist der 
Fall ist, im Begriff, den Höhepunkt des Ödipuskomplexes zu erreichen. Aber 
ich war ja ein Kind, dem das Schicksal seine unbewußten Wünsche zum Teil 
schon erfüllt hatte. Meine Mutter lebte ja nicht mehr und der ersehnte Platz 
an der Seite des geliebten Vaters, den andere Töchter besetzt finden, war für 
mich leer. Zwar lebte meine Großmutter, die ich trotz ihrer guten Eigen- 
schaften nicht liebte, weil sie eine harte Natur war, und — heute weiß ich 
es — hauptsächlich deshalb, weil mein Vater, ein ergebener und verehrender 
Sohn, sie zu sehr liebte. Aber schließlich war der Platz meiner Mutter unbesetzt 
und daher durfte ich vielleicht eher als ein anderes kleines Mädchen davon 
träumen, ihn einzunehmen. 

Die Identifizierung mit der Mutter traf aber auf einen Umstand, der für 
die anderen kleinen Mädchen, denen die Mutter die lebende Rivalin ist, nicht 
existiert: den Tod. Wie wir wissen, existiert für das Unbewußte der Begriff 
des Todes nicht; das Ich allein macht sich im Verlauf seiner Entwicklung 
irgendeine Vorstellung davon. Für das Unbewußte ist der Tod der Schlummer, 
die Ruhe oder eine andere Welt, nicht der Tod selbst, dessen absolutes Nichts 



■ 



10 



Marie Bonaparte 



Vgl. die „Brillen« des Vaters, die das Pferd in der Phobie des kleine» Hans 
„trägt". - Freud, Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. Ges. Sehr., 
Bd. VIII, S. 136. 






für einen Lebenden unvorstellbar ist. Dadurch wird das Unbewußte in die 

Lage versetzt, sich des Todesmotivs, wenn die äußere Realität es bringt, -/.u 

bedienen und es zu erotisieren. Dem Kind liegt die sadistische Auffassung des 

Koitus, mag es ihn bei den Erwachsenen beobachtet oder einfach durch eine 

Art von phylogenetischem Erinnern vorausgeahnt haben, sehr nahe, und dies 

hilft ihm, die Vorstellungen von Liebe und Tod miteinander zu verknüpfen. 

Diese Verknüpfung — den Dichtern übrigens so wertvoll — entspricht einer 

biologischen Realität: viele Tiergattungen bezahlen die Liebe mit dem Tod. 

Und bei allem Lebendigen gäbe es keine Liebe, wenn der Tod nicht wäre. 

Derartige philosophische Betrachtungen beschwerten mein vierjähriges Gehirn 

sicherlich nicht. Dagegen unterstützten ganz bestimmte Tatsachen meinen 

Wunsch, tot zu sein. Tot sein bedeutete für mich die Identifizierung 

mit der Mutter, bedeutete, die Frau meines Vaters zu sein und wie 

meine Mutter durch ihn — eine Vorstellung voll seltsamer Wonne 

zu sterben. 

Nun brachte mir das Schicksal die Realisierung dieses aus meinem tiefsten 
Innern kommenden Wunsches. Eines Morgens beim Erwachen „huste ich 
Blut", wie meine Mutter. Dann rufen die mächtigen, unbewußten Regungen 
das halluzinatorische Phantasiebild hervor: der Storch bringt mir wie seinerzeit 
meiner Mutter ein Kind von meinem Vater; ich bin jetzt seine Frau, seine, 
Geliebte und durch ihn Mutter geworden. Und der Storch ist „opalisiert", 
wie es für meine Mutter Heirat und Mutterschaft gewesen sind; das heißt, 
der Storch bringt mit der Frucht der Liebe, dem Kind, auch das Unglück, 

den Tod. 

Zwei weitere Merkmale des großen Vogels sind unter anderen noch be- 
sonders aufschlußreich: Der Vogel betrachtet mich mit ein wenig zur Seite 
geneigtem Kopf und er hat einen ungeheuren Schnabel, dick, lang und spitzig, 
wie bei einem Marabu. Nun pflegte mich mein Vater, der sehr kurzsichtig 
war, oft über sein Lorgnon hinweg von der Seite anzusehen. Der große, 
farbenleuchtende Vogel zeigte seine charakteristische Kopfhaltung.' Weiters ist 
der große, lange, dicke und spitzige Schnabel dem eines Marabu ähnlich, 
eines Vogels, dessen Namen ich damals sicherlich noch nicht kannte, den ich 
aber im Zoologischen Garten gesehen haben mußte. Nun haben die Marabus 
das ernsthafte Aussehen studierender Gelehrter. Sehr viel später konnte mein 



Die Identifizierung einer Tochter mit ihrer verstorbenen Mutter 1 1 

Mann im Scherz zu unseren Kindern sagen, als er mit ihnen im Zoologischen 
Galten am Marabukäfig vorbeiging: „Da habt ihr den Großpapa." Denn mein 
Vater war ein „Gelehrter . Ich habe dieses Wort in Beziehung zu ihm und 
seinem arbeitsreichen Leben kennengelernt. Es schien mir ein geheiligtes Wort 
zu sein und ich sprach es nur mit Verehrung aus. Andererseits aber ist der 
große Schnabel des Vogels ein klassisches phallisches Symbol. Kinder haben 
im Alter von vier Jahren gewöhnlich schon die Verschiedenheit der Ge- 
schlechter wahrgenommen, und es ist besonders auffallig, daß in dieser Hallu- 
zination sowohl bei dem Subjekt, also bei mir selbst, als auch bei dem pro- 
jizierten Objekt, der Erscheinung des Vogels, der Akzent gerade auf der 
oralen Zone liegt. Die übliche Verschiebung der Libido von unten nach oben 
ist klar ersichtlich: obwohl der große Vogel nur auf einem Bein und auf 
meinem Unterleib steht, ist das Auffällige an ihm doch dieser große, drohende 
Schnabel, ganz so wie bei mir das Bluthusten durch den Mund, die orale 
Verletzung, auffällig ist. Nur in der Deckerinnerung, in dem halluzinatorisch 
aus mir hinausprojizierten großen Vogel, war es meiner Erinnerung sozusagen 
gestattet, das Bild des imposanten Schnabels festzuhalten; während bei der 
Verletzung meines Körpers das allzu erschreckende Bild meines eigenen Blutes 
in der Waschschüssel verdrängt wurde, und zwar in gründlichster Weise. 
Man hatte mir während meiner Kindheit niemals von meinem Bluthusten 
erzählt, und als man mir viel später in meiner Mädchenzeit endlich wie ein 
schreckliches Mysterium von dem großen Geheimnis meines Blutsturzes im 
Alter von vier Jahren Mitteilung machte, war nicht einmal diese Mitteilung 
imstande, auch nur die leiseste Erinnerung daran in mir wachzurufen. Erst 
in der Folgezeit erstand in mir der Gedanke eines möglicherweise bestehenden 
Zusammenhanges zwischen meinem Bluthusten und der ältesten, ernstesten 
Krankheitserinnerung meines Lebens und der Storchhalluzination, die daran 
teilhatte. 

Die Erscheinung des großen Vogels wurde also unter der Einwirkung des 
tiefsten meiner Wünsche heraufbeschworen, durch den Wunsch nach Identi- 
fizierung mit meiner Mutter, die gestorben war, nachdem sie mir das Leben 
gegeben hatte. 

Daher stammen auch die beiden miteinander vermischten Affekte, die die 
Halluzination begleiteten: die Angst einerseits und andererseits das intensive, 
ästhetische Vergnügen. Die Angst gehörte dem Ich an, das durch die Heftig- 
keit seiner Wünsche erschreckt war und zweifellos auch durch ein Schuld- 
gefühl, daherkommend, daß ich meine Mutter „getötet 1 " hätte und die Wieder- 
vergeltung nicht ausbleiben würde; aber viel stärker als die Angst war der 



12 



Marie Bonaparte 



ästhetische Genuß an der Schönheit des großen, leuchtenden Vogels, der 
erste große, ästhetische Eindruck meines Lebens überhaupt. Es yn* SO 
wunderbar, den tiefsten meiner Wünsche verwirklicht zu sehen, endlich die 
Frau des geliebten Vaters zu sein, durch ihn Mutter zu werden und den 
Storch mir ein Kind bringen zu sehen, wie er es meiner Mutter gebracht 
hatte, daß ich dafür mit überquellendem Herzen den Tod auf mich nahm. 
Und doch fehlte etwas Wesentliches zu meinem Glück. Ich habe im Vor- 
hergehenden berichtet, daß ich damals, als ich im dunklen Zimmer krank 
lag, wie aus weiter Ferne Schritte aus den anderen Zimmern und den 
Korridoren sich nähern und wieder entfernen hörte. Erst in diesem Jahr (,929) 
habe ich verstanden, warum die Erinnerung daran die einzige ist, die mein 
Gedächtnis im direkten Zusammenhang mit meiner Krankheit bewahrt hat 
Die Erinnerung an diese entfernten Schritte in den anderen Zimmern und 
Korridoren ist für mich von tiefer Melancholie erfüllt. Schwer krank sein 
und in einem verdunkelten Zimmer zu Bett liegen, während andere daneben 
kommen und gehen, schien mir bis jetzt die Ausdrucksform für Melancholie, 
für Heimweh im wahrsten Sinne des Wortes zu sein. 

Mein kindliches Ohr lauschte damals den eiligen Schritten auf den Korridoren 
nur deshalb mit solcher Aufmerksamkeit, weil es einen bestimmten, einen 
einzigen Schritt herauszuhören hoffte. Aber die langen Tagesstunden - vielleicht 
nieine letzten Lebensstunden - vergingen, das Tageslicht hinter den zuge- 
zogenen Vorhängen erlosch, ohne daß die schweren Schritte meines Vaters 
- mein Vater trug immer hohe Stiefel — sich vernehmen ließen. 

Als meine Mutter ihr Ende herankommen fühlte, hatte sie gerufen: 

Roland, ich sterbe!" und mein Vater war sofort zu ihr geeilt. Er hatte ihre 

Hand gehalten, als sie starb. Jetzt lag ich im Sterben und mein Vater kam 

nicht zu mir! „„;„«,,. 

Als er durch das Telegramm meiner Großmutter gerufen, von seiner 
Balkanreise zurückkam, war ich gerettet, und ich habe die unbestimmte 
Erinnerung, daß seine Rückkehr mich deshalb enttäuschte. Er war zu spat 
gekommen. Das Unbewußte ignoriert die Zeit und rechnet nicht mit der 
Dauer weiter Eisenbahnfahrten; etwas in mir hat meinem Vater seine 
Abwesenheit an meinem „Sterbebett" nie verziehen. 



Die Identifizierung einer Toditer mit ihrer verstorbenen Mutter 13 



II) Die Anubisphobie 

Die Erscheinung des großen Vogels ist die leuchtendste Erinnerung aus 
meiner Kinderzeit geblieben. Wer die Gesetze des Unbewußten, wie die 
Psychoanalyse sie uns erschlossen hat, nicht kennt, mag sich darüber wundern, 
daß die schönste Erinnerung meiner ersten Jahre gerade die sein soll, die als 
Deckerinnerung für die Tatsache fungiert, daß ich an jenem Tag in Todes- 
gefahr schwebte. Wir haben aber gesehen, daß für mein kindliches Vorstellungs- 
vermögen der Tod etwas anderes bedeutete als in der Denkart der Erwachsenen, 
daß er sich vielmehr einfach in den Dienst meiner glühenden Liebeswünsche 
gestellt hatte, um diese schließlich zu verwirklichen. So ist auch das 
erschreckendste Element meiner Halluzination, die „Opalisierung" des Storches, 
durch eine Art Verneinung, eine Umkehr des Affekts, zum bezauberndsten 
und ästhetischsten Teil derselben geworden. 

Später, in der weniger bewegten Zeit der Latenzperiode, verloren die 
gleichgebliebene Liebe zum Vater und der gleiche Wunsch nach der Identifi- 
zierung mit meiner verstorbenen Mutter ihre leuchtenden Farben und nahmen 
eine dunklere Tönung an 

Bereits in San Rerao, wohin man mich zur Rekonvaleszenz gebracht hatte, 
vom Beginn des nächsten Jahres an hatte ich eine andere Vision, oder 
vielmehr Phantasie, die nicht mehr dieselbe Schönheit aufwies wie die erste. 
In diesem Jahr suchte ein Erdbeben die ganze dortige Küstengegend heim. 
Ich wurde um fünf Uhr morgens in meinem kleinen Bett durch den ersten 
Erdstoß aufgeschreckt und sah, im Begriff, mich zu ermuntern, aber noch ganz 
verschlafen, im Geist einen Wolf, der auf einer an mein Fenster gelehnten 
Leiter aufwärts Metterte und dabei an dem Haus rüttelte. 1 Ich rief um 
Hilfe, es kam schon jemand herbeigeeilt, um mich, da man den Einsturz des 
Hauses befürchtete, in den Garten hinunterzutragen. Und dort sehe ich mich 
noch unter den Orangenbäumen, deren schöne goldene Früchte ich so sehr 
liebte unserem Hauswirt zuhören, der meiner Großmutter schilderte, wie 
sich manchmal infolge der Erdbeben der Boden öffne und Menschen in der 



1) Zum Vergleich mit dieser Erinnerung folgende Beobachtung: Ich hatte 
Gelegenheit, auf der psychiatrischen Klinik eine ältere Frau zu sehen, die anläßlich 
des kürzlich in Wien stattgehabten Erdbebens (November 1927) einen Psychoseanfall 
folgenden Inhaltes bekommen hatte: Ihr längst verstorbener Vater kam zur Türe 
herein und versetzte dabei durch Rütteln das ganze Haus in Erschütterung. 



• 



I 



Marie Bonaparte 



< 



so entstandenen Spalte verschwänden, worauf diese S1 ch wieder schließe Auf 
Le Weise sei eine Frau lebendig begraben worden. Darauf betrachtete 
ich die Erde zwischen den kleinen Kieselsteinen der Allee voll Angst und 
doch zauberhaft angezogen von der Vorstellung einer Katastrophe, die mach 
möglicherweise hier ereilen konnte. 

Aber erst viel später, als ich ungefähr acht Jahre alt war, wurden meine 
Phantasien wirklich düster. Der Wolf war mir weiter als Spuk erschienen, 
veranlaßt durch die Geschichte vom Rotkäppchen, in der er erst die Groß- 
mutter verschlingt - es hätte mich wohl nicht sehr betrübt, meine strenge 
Großmutter in seinem Rachen verschwinden zu sehen - und dann das kleine 
Mädchen. Aber der Wolf war ein reizendes, vertraut gewordenes Tier im 
Vergleich zu der finsteren Gestalt, die dann, als ich acht Jahre alt war, 
meine Nächte zu beunruhigen begann. 

Sowohl mein Vater als auch meine Großmutter waren Freidenker und 
untersagten meiner alten Kinderfrau, mich zum Beten anzuhalten. Diese tat 
es trotz des Verbotes, und so betete ich abends stets zitternd vor Angst, daH 
meine Großmutter unversehens die Tür öffnen könnte, - so wie anderen 
Kindern zumute ist, wenn sie Zuckerwerk stehlen. Die alte Kinderfrau 

ließ mich immer zu meiner Mutter beten, zu meiner „kleinen Mama , wie 

sie sagte. 

Mein religiöser Sinn fand aber noch andernorts Nahrung. Ich liebte die 
Mythologie, in der ich viel Übereinstimmung mit mir selbst ahnte, über alles. 
Und so entdeckte ich einmal, in meinem achten Jahr, beim Blättern in einem 
Buch über ägyptische Mythologie auf einer Gravüre A n u b i s, den düsteren 
Gott mit dem Kopf eines Schakals, den „Totenwächter", und vor ihm auf 
einer Steinplatte ausgestreckt, die Mumie. Von diesem Augenblick an bemäch- 
tigte sich Anubis meiner Phantasie, und jeden Abend, sobald ich mich m 
meinem kleinen Bett auf dem Rücken ausstreckte (in der Lage der Mumie), 
ergriff mich die tolle Angst, daß Anubis, der Schakal-Totenwächter, im 
Dunklen zu heulen beginnen und in seiner ganzen schrecklichen Ma,estat vor 
meinem Bett erscheinen würde. Die Anubisphobie war dem Anschein nach 
noch irrationeller als die Tierphobien anderer Kinder: den kleinen Hans zum 
Beispiel, dessen Geschichte Freud erzählt, hätte das Pferd, vor dem er s>ch 
fürchtete, tatsächlich beißen können, während doch wirklich nicht die geringste 
Aussicht dafür bestand, daß Anubis vor meinem Bett erscheinen konnte. 
Trotzdem beherrschte die Anubisphobie mehrere Jahre meiner Kindheit, ohne 
daß ich es gewagt hätte, zu irgend) emandem davon zu sprechen. Mit vier 
Jahren hatte ich mich getraut, von der Halluzination des großen Vogels zu 






Die Identifizierung einer Tochter mit ihrer verstorbenen Mutter 15 



erzählen, mit acht Jahren fand ich nicht mehr den Mut, die Anubisphobie 
mitzuteilen. Sowohl meine Verdrängungen als auch der Kampf gegen dieselben 
waren stärker geworden; um aber diese neue Einstellung verständlich zu 
machen müßte ich hier meine ganze alte Anubisphobie analysieren — und 
das würde zu weit führen. 

Sicher ist nur, daß ich der Anubisphobie absolut verständnislos gegenüber- 
stand. Ich hatte damals weder die Gedankenverbindung von der Mumie auf 
der Gravüre zu meiner Mutter auf dem Aquarell im Salon erkannt, noch zu 
der Geschichte, die ich hunderte Male erzählen gehört hatte: daß meine 
Mutter „einbalsamiert" worden sei — wie die Mumien. Ich erfuhr viel 
später, daß diese Geschichte nicht auf Wahrheit beruhte, aber während meiner 
ganzen Kindheit glaubte ich daran. 

Noch viel weniger war es mir klar, daß ich selbst die Mumie war. Nie- 
mals berührte mich auch nur im entferntesten der Gedanke, daß ich, wenn 
Anubis mich jeden Abend erschrecken kam, sobald ich mich wie die Mumie 
in meinem Bett auf dem Rücken ausgestreckt hatte, mir wohl selbst vor- 
stellte, dann die Mumie zu sein. Aus dem Paar der Phobie, Anubis und der 
Mumie, erfaßte mein Bewußtsein nur den einen Teil, selbstverständlich ohne 
zu erkennen, daß es in Wirklichkeit mein Vater war, der aufrecht neben der 
Toten stand. Die verstorbene Mutter, mit der ich mich identifizierte, blieb 
sowohl als Begriff wie auch als Bild unbewußt, sie war eine unantastbare, 
unbewußte Vorstellung. Dieser Tatsache wäre das Vergessen an die Seite zu 
stellen, das anläßlich meines Blutsturzes im vierten Jahr die Vorstellung des 
Blutes, die Vorstellung von mir selbst, bluthustend wie meine Mutter, 
betraf. Als Deckerinnerung blieb nur das Bild des farbenschillernden Storches, 
des großen, väterlichen, phallischen, auf einem Bein stehenden Vogels. 

Die Anubisphobie manifestierte sich auch oral, wie dies bei der Storch- 
halluzination in noch vollkommenerer Weise der Fall gewesen war. Der 
Schakal nährt sich ja in Wirklichkeit von Aas und in meinem Unbewußten 
war Anubis, der meinen Vater verkörperte, zugleich Wächter und Ver- 
schlinger der Toten — oder vielmehr der toten Frauen. 

Tief in meinem Innern trug ich während meiner ganzen Kindheit auch 
noch eine andere geheimnisvolle Erinnerung. Ich bildete mir ein, meine ver- 
storbene Mutter in Wirklichkeit gesehen zu haben; aber das verschwieg ich 
eifersüchtig — niemand sollte davon wissen. Es war an der Meeresküste ge- 
wesen, in Dieppe, nach dem ich immer Heimweh hatte. Nach meinem Blut- 
husten waren wir nur noch ein einziges Mal dort gewesen und unter dem 
Vorwand, daß mir das Meer nicht gut bekomme, weil ich letztes Jahr auf 






f 



j5 Marie Bonaparte 



i 



dem Geröll des Strandes beinahe ohnmächtig geworden war, war das Haus, 

das wir als Erbe nach meiner Mutter dort besassen, bald verkauft worden. 

Ich hatte aber die Sehnsucht, nach Dieppe behalten und auch das Verlangen 

nach den verzuckerten Apfelstücken, die ich bei der Durchfahrt im Bahnhof 

von Rouen immer bekam ; an den Apfelstücken sog ich mit Wonne und doch 

auch mit Angst, eingedenk der Geschichte von dem kleinen Jungen, der sich 

mit einer spitz-gesaugten Zuckerstange die Zunge durchstochen haben sollte. 

Vor allem sah ich aber im Geiste ein Bild vor mir, das mich entzückte, 

und nach dem mir jetzt, da wir nicht mehr ans Meer fuhren, vor 

Sehnsucht fast das Herz zerbrach: von der Höhe eines schmalen Gäß- 

chens, die der Bahnhofsomnibus langsam erklomm, erblickte man plötzlich 

zwischen den nahe aneinander stehenden Häusermauern das Meer, ein 

Stück blaugrünes, mit weißen Segeln besticktes Meer. Und das sollte ich 

vielleicht nie wiedersehen ! Dieppe war aber für mich noch um einer anderen, 

viel wunderbareren Erinnerung willen ein geheiligter Ort. War ich dort 

nicht einmal, als ich noch ganz klein war, allein mit meiner Mutter in der 

düsteren, von Fischern besuchten Kirche gewesen ? Kniete meine Mutter nicht 

schwarzgekleidet, Gottes Beistand erflehend, in einem Betstuhl, unbeweglich, 

stumm und blaß, blaß wie eine Wachsstatue oder vielmehr wie eine Tote? 

Diese Phantasie, an deren Realität ich während meiner ganzen Kindheit glaubte, 

bewahrte ich tief in meinem Innern wie einen kostbaren Schatz, den niemand 

entdecken oder gar vernichten durfte. 

Auch ein oft wiederkehrender Traum aus meiner Kindheit bezog sich auf 
das Meer. Der Traum begann immer folgendermaßen : „Ich war in einem 
Zimmer und horte Leute, Männer die Treppe heraufkommen. Da mir der 
Weg zur Flucht über die Treppe verlegt war, stürzte ich mich zum offen- 
stehenden Fenster hinaus. Und nun flog ich ; ich flog über einen Garten hin- j 
weg und erhob mich mit einem Ruck über die großen ihn einfassenden Bäume, 
deren Spitzen im Flug von meinen nachschleppenden Füssen ganz leicht ge- 
streift wurden. Mein Flug setzte sich über ausgedehnte Ebenen fort, an deren 
Horizont, weit entfernt, der Spiegel des Meeres glänzte. Je näher wh dem 
Meer kam, desto rascher wurde mein Flug ; es war, als würde ich von einem 
Wind im Rücken vorwärts gestoßen ; und nun, seltsam und gräßlich anzusehen, 
wurde der ganze Himmel weiß und meine vom Licht geblendeten Augen ver- 
loren die Fähigkeit, sich zu schließen. So kam ich in schwindelndem Flug 
zur ersten Lagune und überflog sie; ein schmaler Streifen Land, eine zweite 
Lagune und noch eine; der Himmel wurde immer heller, meine mehr und 
mehr schmerzenden Augen standen weit offen und nun wurde ich über das 



Die Identifizierung einer Toditer mit ihrer verstorbenen Mutter 17 



offene Meer hinausgetragen. Jetzt aber verlor mein Flug nach und nach an 
Schnelligkeit, die Kraft, die mich fortgetragen hatte, ließ nach, ich fiel, fiel 
trotz meiner verzweifelten Anstrengung auf die Wellenkämme herab, die meine 
Füße schon benetzten. Nun aber, im Moment, wo ich das Wasser berührte, 
war mir, als ob es mich einsaugen wollte, ich fdhlte das kalte Wasser erst 
an meinen Knien, meinen Hüften, an den Lenden, dann verschwanden meine 
Schultern darin, und im Augenblick, wo das salzige Wasser mir, den Atem be- 
nehmend, in den Mund einzudringen begann, erwachte ich in einem entsetz- 
lichen Angstzustand.. In wie vielen Nächten habe ich unter diesem Angst- 
traum gezittert, in dem das Meer, dieses ewige Muttersymbol, mich so an- 
lockte, um mich zu verschlingen, mich ganz in sich aufzunehmen, in dem 
der salzige Geschmack des Wassers, das meinen Mund füllte, vielleicht die 
unbewußte, unverwischbare Erinnerung an den faden, salzigen Geschmack des 
Blutes war, das mir bei meinem Blutsturz beinahe das Leben gekostet hätte. 
Auf das Meer bezüglich muß ich hier auch noch eine Erinnerung aus 
meiner Latenzzeit erwähnen, die mit meinen geographischen Studien zu- 
sammenhängt. Ich begeisterte mich für die Geographie, deren Studium mein 
Vater sich gewidmet hatte. Nun, von allen Meeren, deren Namen ich kennen- 
lernte, bezauberte und lockte mich keines so sehr, erweckte keines so stark 
den Wunsch in mir, es zu sehen und darin zu baden, wie das „Tote Meer . 
Dieses seltsame Meer mit dem salzhaltigen Wasser, in dem, wie man mir 
sagte, kein Fisch leben kann, in dem man schwimmt, ohne untersinken zu 
können, weil der Salzgehalt zu groß ist, dieses Meer, das „einbalsamiert" ist 
wie die Mumien in ihrem Natronbad, faszinierte mich, ohne daß ich damals 
gewußt hätte, warum. Heute weiß ich, daß das Unbewußte sich gern solcher 
sonderbarer Wortspiele bedient, die, so absurd sie auch erscheinen mögen, 
doch voll eines tiefen Sinnes sind. 1 

Nun waren von den Wellen des Toten Meeres zwei sündhafte Städte ver- 
schlungen worden, deren Namen allein in ihrem absonderlichen und schreck- 
haften Klang eine mit Angst vermengte Anziehungskraft auf mich ausübten. 
Ich wußte sehr genau, ohne sagen zu können, um was es sich handelte, daß 
Sodom und Gomorrha wegen geheimnisvoller, furchtbarer Sünden, die man 
vor Kindern geheimhält, bestraft worden waren. Man erzählte doch, daß Lots 
Frau, nur weil sie sich nach den dem Fluch verfallenen Städten umgeschaut 



1) Anmerkung der Übersetzerin: im Französischen heißt: 
la inire morte = die tote Mutter. 
la nur morte = das Tote Meer. 



■ 









*8 Marie Bonapartc 



hatte, in eine Salzsäule verwandelt worden war. Eine Salzsäule war mir im 
Geiste immer ganz blaß erschienen, wie eine Tote. Es mußte da irgend etwas 
sein, das man nicht sehen, von dem man nichts wissen durfte ! Vielleicht 
hatte meine Mutter auch - das blieb unbewußt - aus geheimnisvollen Ur- 
sachen, die man vor Kindern verbirgt, sterben müssen. Und das Salz! Das 
Salz schien mir eine geheiligte, gefürchtete Substanz zu sein. 1 

Die Vorleserin meiner Großmutter pflegte Salz, das bei Tisch verschüttet 
worden war, mit einer beschwörenden Geste über ihre Schulter zu werfen. 
Mein Vater ergriff einmal meine Hand, um mich zu hindern, es ihr gleich- 
zutun ; er wollte mich lehren, abergläubische Gebräuche zu verachten, was 
ich sonst nach außenhin auch tat. Aber tief in meinem Innern sah es anders 
aus. Die Kristallbildungen, mit denen ich mir die Ufer des Toten Meeres 
bedeckt dachte, schillerten zauberhaft. Und die wunderbaren Farbenspiegelungen 
die ich mir vorstellte, riefen sicherlich meinem Unbewußten den Opal ins 
Gedacht««,, den wahrhaft verhängnisvollen Opal, der in tiefem Schlaf auf dem 
Boden seiner Schatulle in der Bank ruhte. 

III) Die Tuberkulosephantasie 

Obwohl mein Tuberkuloseanfall aus der Kindheit sich niemals wiederholt 
hatte, übte doch der Opal vom Grunde der Schatulle aus, in der er in der 
Bank verborgen lag, weiter seine unheimliche Macht. Im Alter von siebzehn 
Jahren, nach einer quälenden Periode von Konflikten, die meinen Entwick- 
lungsjahren gefolgt war, in der ich Monate hindurch meinem gleichwohl so 
sehr geliebten Vater das Leben schwer gemacht hatte, - so zeigt sich die 
Geluhlsambivalenz, - machte sich eine Reaktion meiner zärtlichen Gefühle 
gegen ihn bemerkbar. Gleichzeitig entstand und setzte sich immer mehr in 
mir der Gedanke fest, daß ich, wie meine Mutter, tuberkulös sei und daß 
man es vor mir geheimhalte. Ich konstatierte bald alle Arten von bestätigen- 
den Symptomen. Es war also klar, daß alle mich täuschten, meine Verwandten 
die Arzte, die alle beteuerten, daß mir nichts fehle. Einzig und allein meine' 
alte Kinderfrau, die seit meinem fünften Jahr bei uns war, eine alte, ergebene 
und beschränkte Korsin, die mich in meiner Kindheit im Kultus meiner 
verstorbenen Mutter stets bestärkt hatte, nur die alte Kinderfrau schüttelte 
den Kopf, wenn sie mein schlechtes Aussehen betrachtete, und murmelte mit 



1) Vgl. Ernest Jones: „Die Bedeutung des Salzes in Sitte und Brauch der 
Völker«, „Imago", Bd. I. (1912). 



Die Identifizierung einer Tochter mit ihrer verstorbenen Mutter 



»9 



Tränen in den Augen: „Ich habe es immer gefürchtet." Oh, ich wußte es, 
ich gab mich gar keiner Täuschung über mein Schicksal hin, ich war tuber- 
kulös geworden und würde, so wie meine Mutter, nach meinem kaum 
erreichten einundzwanzigsten Jahr sterben. Hatte ich doch von meinem Anfall 
im Alter von vier Jahren sprechen gehört? Hatte man mir damals von dem 
Blutsturz erzählt, der meine ganze Kindheit verdüsterte, weil man mich 
deshalb ins Haus einschloß? Ich glaube, sagen zu können, daß man mir diese 
Mitteilung machte, als ich sechzehn Jahre alt war, also kurze Zeit vorher. 

Nun zeigten die Ärzte, die sich, wie wir wissen, dem Verständnis 
psychischer Konflikte verschließen, in meinem Fall ihr ganzes Können. Unser 
Hausarzt begann, obwohl er mich sehr lieb hatte, meine Todesgedanken mit 
ständig zunehmender Verachtung zu behandeln, was mich zur Verzweiflung 
brachte und im Festhalten an meinen Ideen nur bestärkte. So oft ich mit 
ihm davon zu sprechen versuchte, schickte er mich, wie man gewöhnlich 

sagt, „spazieren". 

In dieser Weise vergingen drei Jahre, während ich den Gedanken an 
meine eingebildete Tuberkulose stets mit mir herumtrug. Ich fühlte in meiner 
ganzen rechten Seite einen Druck, ich hatte manchmal Beklemmungen, wurde 
anämisch; auch magerte ich ab, hatte wenig Appetit und litt während der 
kalten Jahreszeit ständig an Kehlkopf- und Luftröhrenkatarrh, was mir meine 
Vermutungen nur zu bestätigen schien. Ich sagte mir, daß die Ärzte entweder 
zu dumm oder zu nachlässig seien, um klar zu sehen, oder daß sie mich 
eben täuschten. Indessen hatte man fortlaufend verschiedene Spezialisten zu 
Konsilien gerufen, die immer das gleiche Resultat ergaben: es war nichts 
zu finden. Trotzdem glaubte ich weiter daran, daß die Ärzte mich 

hintergingen. 

Damals entstand in mir der Wunsch, Medizin zu studieren; aber mein 
Vater war dagegen, mit der Begründung, daß das Studium meinen Heirats- 
chancen schaden könne. Ich unterwarf mich sogleich seinem Witten. Wozu 
auch kämpfen? Sicherlich war ich viel zu krank, um auf die Universität 
gehen zu können, und dann kam mir damals der Gedanke gar nicht, daß ich 
meinem Vater ungehorsam sein könnte. Mein Leben war indessen weder 
trübselig noch mutlos. Niemals habe ich, allerdings nur zu Hause, so viel 
gearbeitet wie in dieser Zeit; es war für mich eine intellektuell bedeutsame 
Periode. Ich stand im Winter vor Tagesanbruch auf und lernte, manchmal 
schon von fünf Uhr an bis abends, in meinem Studierzimmer eingeschlossen, 
Geometrie, Geographie, Geschichte, Naturwissenschaften, Philosophie, französi- 
sche und deutsche Literatur. Ich ging nicht ins Lyzeum, sondern arbeitete 



20 



Marie Bonaparte 



l 



in meinem Zimmer wie mein Vater in dem seinigen, und mit einem zügel- 
osen Elfer, der mir größer schien als seiner und mit dem ich mich brüstete 
Ich war stolz darauf, bei den täglichen Mahlzeiten mit meinem Vater von 
memen wissenschaftlichen Studie» sprechen zu können; wenn er auch leider 
Literatur und Kunst, die ich ebenfalls liebte, verachtete, so sagten ihm 
wenigstens meine wissenschaftlichen Neigungen zu. Damals hegte ich die 
jugendliche Illusion, daß ich mit der Kraft meines Geistes die Welt erobern 
könne. Ich entsinne mich mancher Wintermorgen in meinem einsamen, hoch- 
gelegenen Studierzimmer in unserem, die Stadt überragenden Hause: während 
meine Lampe erlosch, ging am Horizont von Paris unter meinem Fenster die 
rote Sonne auf; in ihrem Rot schien sie mir der Erregtheit meines Herzens 
vergleichbar. VieUeicht würde ich jung sterben müssen, aber was lag daran- 
ISiemals war ich noch so glücklich gewesen. 

Und doch entstand in mir zur selben Zeit eine neue Phobie. Ich konnte 
zwar nicht Medizin studieren, aber alles, was damit im Zusammenhang steht 
erregte mein leidenschaftliches Interesse. Besonders interessierte mich die' 
Anatoniie, ich wollte mich gründlich damit befassen, mein Studium also am^ 
Skelet beginnen. Nun befand sich in der großen Bibliothek meines Vaters 
ein kleines Skelett das er geschenkt bekommen hatte; es war das Skelett 
emer jungen Hindufrau, die im ^^ ^ _ * 

Tuberkulose gestorben war. Unter einem Glas daneben lag die Totenmaske, 
die ihre abgemagerten Gesichtszüge zeigte. 

zimte ^fr "^i ^^ mlch d3S Wdoe Skelett in *-*— Studier- 

z^mmer aufhangen zu lassen, damit ich mit Muße daran lernen könne. Aber 

mic^selT ent ? raD f, nOCh 6iner anderen UrSaCh6: ™ Grunde achtete ich 

A K,T ehien Skele " Und W ° ]lte mich fingen, mich an 

seinen Anblick zu gewöhnen. Außer meinen An«t „„H K ' *" 

miturmi !•.*»« • u -, ., n An gst- und Konversionserschei- 

2 l 7 1Ch . Z , 3hlreiChe Zw ^y-Ptome entwickelt, die mich immerfort 
dazu drängten, mich zu überwinden, zu besiegen und gerade die Dinge zu 
tun, die ich am meisten fürchtete. Ich will hier nicht näher auf diese 
Symptome eingehen, weil ich in der vorliegenden Arbeit nur heraushebe, was 
Beziehung zur Identifizierung mit meiner verstorbenen Mutter hat, um davon 
ein geschlossenes Bild zu geben. 

Nachdem ich nun das kleine Skelett in meinem Studierzimmer aufgehängt 
hatte, ging ich daran, es zu studieren. Ich war öfters versucht, es von seinem 
Haken herabzunehmen, es neben mich zu stellen und unsere Größenmaße 
mitemander zu vergleichen. Meine Mutter war auch um vieles kleiner ge- 
wesen als ich und war auch ungefähr im gleichen Alter wie die kleine 



Die Identifizierung einer Toditer mit ihrer ve,- itorbenen Mutter 21 



Hindufrau gestorben. Aber diese familiären Beziehungen zu dem kleinen 
Skelett, weit davon entfernt, es mir vertrau*-.,- zu machen, hatten folgendes 
Resultat: das kleine Skelett begann mir jetzt, bisweilen Nacht für Nacht, zu 
erscheinen. Ich ging im Traum an ihm vorbei . . . da streckte es die Hand 
aus und ergriff mich, als wollte es mich mitziehen. Oder es tanzte vor mir 
und kam dann auf mich zu und ich erwachte in einem schrecklichen 
Angstzustand. So war die alte Kinderfurcht vor der posthumen Rache meiner 
Mutter wieder auferstanden. Das kleine Skelett der zwanzigjährig verstorbenen 
Lungenkranken war sie selbst; sie war von ihrem Aufenthaltsort in die 
Bibliothek meines Vaters heraufgekommen, um mich dafür zu bestrafen, daß 
ich ihn ihr weggenommen hatte. Und jetzt, nachdem ich selbst tuberkulös 
war, wie sie es gewesen, kam sie jede Nacht, um mich zu mahnen, daß es 
bald an der Zeit sei, ihr ins Grab zu folgen, was ich gleichzeitig fürchtete 

und ersehnte. 

Als ich einsah, daß ich mich, trotzdem Monate vergangen waren, nicht 
an das kleine Skelett gewöhnen konnte, und obwohl ich damals nicht 
wußte, daß der Inhalt des Unbewußten der Usur der Zeit nicht unterliegt, 
gab ich nach und brachte das kleine Skelett schließlich wieder hinunter in 
die Bibliothek. 

Und trotzdem beunruhigte es weiterhin meine Nächte. Ich sah mich im 
Traum die Treppen hinabgehen, um zu meinem Vater in die Bibliothek zu 
gelangen; aber unterwegs erfaßte mich das kleine Skelett von rückwärts mit 
seiner ausgestreckten Hand. So lebte ich mit meinen Angstträumen fort und 
wagte nicht, bei hereinbrechendem Abend und schließlich sogar bei Tage 
nicht mehr, allein in die Bibliothek zu gehen. 

Diese Phobie war eben ein ganz wunderbares Kompromiß zwischen zwei 
mächtigen Tendenzen meines Unbewußten: meine Mutter sein, sterben wie 
sie befriedigte den positiven Teil meines Ödipuskomplexes, die Liebe zu 
meinem Vater; und von meiner Mutter mit dem Tode bestraft werden 
als Wiedervergeltung für den Tod, den ich ihr verursacht, entsprach dem 
anderen Teil meines Ödipuskomplexes, dem damit verbundenen, unbewußten 

Schuldgefühl. 

Mein Vater hatte mir, als ich neunzehn Jahre alt wurde, die Erzählungen 
von Edgar Poe, in der Übersetzung von Baudelaire, gegeben und ich 
begann sie an den Abenden des folgenden Sommers auf dem Lande zu lesen- 
Zuerst las ich den „Doppelmord in der rue Morgue", den „Gestohlenen 
Brief", den „Goldenen Skarabäus", die drei Erzählungen, die mein Vater 
bewunderte, die mir aber keinen übermäßigen Eindruck machten. Als ich 



22 



Marie Bonaparte 



aber „Ligeia , eine Geschichte, die mein Vater geringschätzte, begonnen 
hatte, wurde ich bei Beschreibung des als Rächerin wiederkehrenden Leich- 
nams der Frau von solcher Angst ergriffen, daß ich damals, wie mir scheint 
nicht imstande war, die Geschichte zu Ende zu lesen. Und bald gab ich 
diese schreckenerregende Lektüre ganz auf. Es war darin etwas, dessen Art 
ich mcht ertragen konnte, ich, die ich mich - und das seit meinem drei- 
zehnten Jahr - an der Aufführung von Tragödien wie Hamlet oder Köni<r 
Odipus begeistert hatte. Ich konnte mit den Geschichten von Poe so wenig 
vertraut werden wie mit dem kleinen Skelett; es war mir * klar, daß, je 
mehr ich davon lesen würde, meine Angst sich nur steigern würde: es gab 
da sicherlich noch andere, ebenso schreckliche Erzählungen, wie „Ligeia" 
und es war besser, diese gar nicht kennen zu lernen. Und im Verlaufe von 
fünfundzwanzig Jahren meines Lebens öffnete ich kein Buch, in dem 
möglicherweise eine Geschichte von aus der anderen Welt wiederkehrenden 
Geistern, besonders weiblichen Geschlechtes, vorkommen konnte. Ich hatte 
namhch bald bemerkt, daß die toten Frauen mir hundertmal mehr Angst 
einflößten als die toten Männer: wegen der in Poes Erzählungen so häufig 
vorkommenden weiblichen Geister habe ich mich von der Lektüre seiner 
Werke ferngehalten. Ich durfte nicht wagen, „Ligeia" früher, als jetzt 
wahrend meiner Analyse, wieder zu lesen - und wie überfiel mich da die 
Angst von neuem! - um nun endlich die Gründe meiner Furcht kennen 
zu lernen. Nachdem „Ligeia" sich als das gezeigt hatte, was sie für mich 
war: als die rächende Mutter, die wiederkehrt, um den durch Rowena 
(mich) usurpierten Platz an des Vaters Seite wieder einzunehmen, verlor 
sie mit ememmal zugleich mit ihrem Geheimnis auch ihre angsteinflößende 
Kraft. Das war sogar ein therapeutisch sehr hübsches Resultat meiner 
Analyse. 

Indessen, als ich das Alter von zwanzig Jahren erreicht hatte. - das 
AI er, in dem meine Mutter geheiratet hatte, - begann meine „Krankheit" 
«eh plötzlich zu verschlimmern. Ich magerte ab, ich verfiel zusehends. 
Meine immerwährenden Halsübel wurden in diesem Winter zu einer chroni- 
schen Krankheit; ich hatte sogar manchmal blutgefärbte Schleimabsonderungen. 
Meme Angehörigen erklärten das mit erblicher Belastung; sie sagten, es 
wäre genau wie bei meiner Mutter, die Geschwüre im Halse hatte und 
deshalb auch Blut hustete. Ich aber magerte weiter ab, wurde immer 
blasser, immer schmächtiger, ich nahm immer mehr und mehr das Aussehen 
einer Kranken an und machte das alles so gut, daß mein Vater und meine 
Großmutter sich endlich auf den Rat der Ärzte entschlossen, mich fort- 









Die Identifizierung einer Tochter mit ihrer verstorbenen Mutter 23 



zuschicken. Wenigstens sollte mein Aussehen, das jeden, besonders zukünftige 
Bewerber, abgeschreckt hätte, sich bessern; ich sollte mich kräftigen und 
meine „Anämie", so wurde ärztlicherseits mein Leiden genannt, aus- 
heilen. Ich wurde in den Süden geschickt. 

Gerade das hatte ich mir gewünscht. Ich hatte den Süden — das Land, 
in dem meine Mutter aufgewachsen war — seit meinem fünften Jahr, seit ich 
nach meinem Blutsturz dort gesund geworden war, nicht wiedergesehen. Aber 
ich erkannte alles, als hätte ich es erst gestern verlassen. Und ich finde nicht 
genug Worte zur Schilderung meines Entzückens, als ich Palmen, Eukalyptus- 
bäume, Zitronen- und Orangenbäume wiedersah und die duftenden, gelben, 
blühender Sonne gleichenden Mimosen. 

Dort lebte ich meist im Freien und zwang mich nach eigenem Gutdünken 
mehrere Monate hindurch zu schrecklicher Überernährung, die mich bald 
fast an die Grenze der Fettleibigkeit brachte. Daraufhin schränkte ich meine 
Nahrungsaufnahme wieder ein und nahm glücklicherweise an Gewicht ab, 
aber das gute Aussehen behielt ich bei. Trotzdem mußte ich an vier aufein- 
ander folgenden Wintern wiederkommen, ohne mich indessen schon ganz 
gesund zu fühlen. Denn dazu fehlte mir eine Bedingung, von der weder ich 
selbst noch meine Ärzte etwas wußten : ich mußte einen bestimmten Zeitpunkt in 
meinem Leben überschritten haben. Ich konnte tatsächlich von meiner Tuber- 
kulosephantasie nicht genesen, bevor ich mein zweiundzwanzigstes Jahr nicht 
überschritten, also das Alter erreicht hatte, in dem meine Mutter gestorben 
war. Ich hätte mich auch früher nicht verheiraten können. Meine Angst vor 
Schwangerschaft und Gebären war zu dieser Zeit ohnehin intensiv genug 
es mußte mindestens durch Überschreiten des unheilvollen Zeitpunktes das 
drohende Verhängnis beschworen werden. Die Tuberkulosephantasie war ein 
Kompromiß, das mich einerseits vor der Heirat, der Schwangerschaft, also 
dem tatsächlichen Schicksal meiner Mutter bewahrte, andrerseits aber auch vor 
der Untreue gegen meinen Vater; denn sie ließ, mich der primitiven Liebe zu 
meinem Vater treu bleiben und verwirklichte, wie seinerzeit die Storchhallu- 
zination, meinen tiefsten Wunsch : die Identifizierung mit der während meiner 
Kindheit bis über den Tod hinaus beneideten Mutter. 

Indessen — ich glaube, es war als ich zwanzig oder einundzwanzig Jahre 
alt war — kamen die Schmucksachen meiner Mutter aus der Bank zurück, 
wo sie seit ihrem Tode aufbewahrt gewesen waren, und wurden mir in aller 
Form übergeben; und nichts aus dem Inhalt der Schatulle erregte mein Interesse 
so sehr wie der große Opal. 

Aber sein Anblick enttäuschte mich. Vor allem hatte er nicht die Form 



2 4 Marie Bonaparte 






eines Eies, von der ich während all der Jahre geträumt hatte und die meinen 
unbewußten Wünschen besser entsprach, sondern er war herzförmig. Übrigens, 
wenn man sich die Brillanten der Umfassung wegdenken wollte, ergab sich 
auch nicht — wovon ich solange geträumt hatte — die Größe eines Hühnereies; 
der Opal war gerade nur etwas größer als ein Taubenei. Und sein Farben- 
spiel war zu milchig, zu matt, jedenfalls viel weniger lebhaft, als das des 
großen Vogels — den ich übrigens damals noch nicht mit ihm in Verbindung 
brachte. Kurz gesagt, im hellen Licht meiner zwanzig Jahre besehen, ent- 
täuschte mich der große Opal. 

Ich legte ihn beiseite und trug ihn nicht, weil ich fand, daß dieses alte, 
russische Schmuckstück für den modernen Geschmack zu plump sei. Auf diese 
Weise rationalisierte ich meine Gefühle. 

Als ich indessen endlich mein zweiundzwanzigstes Jahr erreicht hatte 
sagte mein Vater zu mir: „Die Zeit vergeht, Du bist jetzt zweiundzwanzig' 
und wegen der dummen Ideen über deine eingebildete Krankheit gibt es noch 
keine Heiratsaussicht für Dich. Es wäre wirklich an der Zeit, zur Vernunft 
zu kommen und von Deinen verrückten Ideen zu lassen." Mein Vater sprach 
ganz so, als ob er in seinem Unbewußten davon Kenntnis gehabt hätte, daß 
tatsächlich der Zeitpunkt gekommen war, an dem die Realität es mir ermög- 
lichte, mich von ihm loszulösen und die liebevolle und schreckliche Phantasie 
zu beenden, die mich gegen meinen Willen an sein Haus gebunden hatte. 

Meines Vaters Ausspruch über meine „eingebildete" Krankheit kränkte 
mich zuerst. Er gtaubt also nicht daran, dachte ich, er denkt eben an nichts 
anderes, als mich vorteilhaft zu verheiraten; er liebt mich eben nicht! Und 
ich zürnte meinem Vater mit der ganzen Kraft meines Herzens. 

Diese Phrase „er glaubt nicht daran" hatte eben noch eine andere tiefe 
Bedeutung außer der, die ich selbst ihr verlieh. Der manifeste Gedanke lautete 
für mich: „Er glaubt nicht an meine schwere Krankheit." Aber der latente 
Gedanke hieß: „Er glaubt nicht an meine übermächtige Liebe." Denn meine 
„eingebildete'" Krankheit drückte aus, was am „realsten" in mir war: die 
tiefe und treue Liebe bis zum Tode, die Liebe, von der nur ein, und zwar 
der kleinere Teü die Oberfläche des Bewußtseins streifte, die Liebe, die ich 
seit meiner Kindheit meinem Vater — und nur ihm aliein — bewahrte. 

Jetzt aber, da ich zweiundzwanzig Jahre alt war, sagte mir mein Vater 
selbst, daß es Zeit sei, auf die aus Liebe zu ihm entstandene Identifizierung 
mit der verstorbenen Mutter zu verzichten. Die Realität verkündete es: ich 
hatte das Alter von zweiundzwanzig Jahren erreicht und war nicht gestorben ; 
und da ich gar keine Veranlagung für die Psychose besaß, die Stimme der 



^ 



Die Identifizierung einer Tochter mit ihrer verstorhenen Mutter 25 

Wirklichkeit zu überhören, wenn diese laut genug sprach, reagierte ich auf 
das, was sowohl mein Vater als auch das Schicksal sagten. 

Tatsächlich begann von diesem Zeitpunkte an meine Tuberkulosephantasie 
zu verblassen. Im darauffolgenden Winter im Süden fühlte ich mich immer 
besser, immer gesünder ; ich hatte das deutliche Gefühl, daß meine Tuberkulose 
— an die ich immer noch glaubte — endlich wirklich in der Heilung 
begriffen war. 

Im folgenden Winter, im Winter meines dreiundzwanzigsten Lebensjahres, 
erreichte ein Arzt in Nizza endlich, was allen anderen mißlungen war: er 
nahm sich die Mühe, öfters mit mir zu sprechen, und überzeugte mich nach 
und nach nicht nur davon, daß ich vollkommen von meiner Tuberkulose 
geheilt war, sondern, daß ich auch in den vergangenen sechs Jahren nicht im 
mindesten tuberkulös gewesen war. Und das ging mit allergrößter Leichtigkeit 
vor sich, ich vergaß wie durch Zauberei die fixe Idee dieser sechs Jahre und 
dachte überhaupt nicht mehr daran. 

Nun fühlte ich mich wie vom Tode auferstanden und dachte, zur großen 
Freude meines Vaters, endlich sogar mit einer Art plötzlichen Verlangens 
an eine Heirat. 

Mit fünfundzwanzig Jahren verlobte ich mich; Alter und Stellung meines 
Verlobten machten es mir leicht, die Liebe zu meinem Vater auf ihn zu über- 
tragen. Als ich ihm eines Tages meinen Schmuck zeigte, machte er mir den 
Vorschlag, alle die alten Schmuckstücke meiner Mutter, die zu unmodern 
waren, um getragen zu werden, zu verkaufen und dafür Perlen zu kaufen, die 
die von meiner Mutter geerbten ergänzen würden. Ich willigte ein, obwohl 
der Gedanke, mich von all diesen alten Andenken zu trennen, mir ein wenig 
leid tat. Aber ich brachte es nicht über mich, mich zum Verkauf des einen 
Steines, des Opales, bestimmen zu lassen, obwohl mein Verlobter mich gerade 
dazu besonders drängen wollte. Trotzdem er mir, um mich zu überreden, 
sagte, daß ihm dieser Stein nicht gefalle, daß er angeblich ein Unglücks- 
bringer sei und wir uns deshalb seiner entledigen sollten, blieb ich hartnäckig 
bei der Ablehnung seines Vorschlags. Hatte mich mein Vater nicht von Kindheit 
an gelehrt, jeden Aberglauben zu verachten! Es wurden also nur die Brillanten 
der Einfassung verkauft, den Opal selbst behielt ich unter dem Vorwand, daß 
sein Wert nicht genügend groß sei, es also nicht lohne, ihn zu verkaufen. 

Eines Tages, ich glaube, es war während meiner ersten Schwangerschaft, 
wollte ich ihn wieder sehen; ich öffnete meine Schmuckkassette, suchte den 
Stein — er war nicht zu finden. Der Opal, der Unglücksbringer für schwangere 
Frauen, den zu verkaufen ich mich geweigert hatte, war indessen vor meiner 



26 Marie Bonaparte 



eigenen Niederkunft verschwunden. Man könnte sagen, daß das Schicksal mich 
wider meinen Willen vor ihm schützen wollte. 

Ich hatte zwei Kinder und starb trotz der beidemaligen schrecklichen 
Befürchtungen meines Vaters nicht im Wochenbett. Und nachdem mehrere 
Jahre vergangen waren und ich nach und nach die Hoffnung, ein drittes 
Mal Mutter zu werden, aufgeben mußte, fand ich eines Tages, ohne 
zu wissen wie und ich glaube auch ohne ihn gesucht zu haben, am Boden 
einer alten Schachtel den verbannten Opal, in ein armseliges Stückchen 
Seidenpapier gewickelt. Er verschwand aber bald von neuem aus meinem Besitz 
und aus meinen Gedanken — bis zum gestrigen Tag, an dem er durch den Ver- 
lauf meiner Analyse in seiner ganzen leuchtenden Wichtigkeit wieder auftauchte. 

Ich glaubte übrigens bis gestern noch, ihn verloren zu haben, und erst 
heute abends, als ich meine Kammerfrau nach dem Stein fragte, rief sie mir 
seine Existenz am Boden der alten Schachtel ins Gedächtnis. Und jetzt darf 
der große, seit so vielen Jahren im Dunklen vergraben gewesene Opal das 
Tageslicht wieder sehen. Er hat endlich seine furchtbare, geheimnisvolle Macht 
eingebüßt, denn — und das könnte eine Devise der Psychoanalyse sein — 
die Gespenster verflüchtigen sich, wenn das Licht des Tages auf sie fällt. Aber 
man muß vorerst den Mut aufbringen, sie ins helle Licht heraufzubeschwören. 



IV) Schlußfolgerung 

Ich habe meine Storchhalluzination aus dem vierten Lebensjahr und die 
darauffolgende Anubisphobie erzählt, weil sich schwerlich aus der Blütezeit 
des Ödipuskomplexes und aus den folgenden Jahren ein schöneres Beispiel für 
die aus übermächtiger Liebe zum Vater entstandene, bis zum Tod gehende 
Identifizierung mit der Mutter finden läßt. 

Ich habe die Erzählung meiner Tuberkulosephantasie im Alter von siebzehn 
Jahren hier folgen lassen, weil sie denselben Ursprung hat, aus dem durch 
die Pubertät wiedererweckten Ödipuskomplex stammt und wohl mein „Fall" 
zwischen siebzehn und dreiundzwanzig Jahren von neuem den Einfluß psy- 
chischer Komplexe sowohl auf das körperliche Befinden, als auch auf das 
persönliche Schicksal zeigt. Wäre damals eine Analyse, die das verdrängte 
pathologische Material ans Tageslicht gebracht hätte, möglich gewesen, sie 
hätte mir mehr Nutzen gebracht als alle Konsultationen der Arzte und alle 
Aufenthalte im Süden. 






Die Identifizierung einer Toditer mit ihrer verstorbenen Mutter 



V 



Und man kann an diesem Beispiel den so häufigen Gegensatz zwischen der 
bewußten und der unbewußten Einstellung zum Aherglauben, wie übrigens 
zur Religion im allgemeinen beobachten. Es nützte nichts, daß mein Vater 
meine Hand zurückhielt, als ich das verschüttete Salz über meine Schulter 
werfen wollte, und daß ich selbst mich in Identifizierung mit diesem be- 
wunderten Vater über jeden Aberglauben erhaben fühlte und abergläubische 
Leute tief verachtete, mein ganzes Unbewußtes „glaubte" an die schreckliche 
Macht des Opals. Meine Halluzination des irisierenden Storches hatte diese 
Tatsache im Alter von vier Jahren nicht deutlicher gezeigt, als mehr als 
zwanzig Jahre später das Verschwinden und Wiedererscheinen des verhäng- 
nisvollen Steines in Übereinstimmung mit Daten und Ereignissen meines 
Lebens als Frau und Mutter. 

Aus einer analogen Opposition heraus ist es auch zu erklären, daß ich, 
obwohl ich, erwachsen geworden, mich zum Freidenkertum bekannte wie mein 
Vater und an ein Weiterleben der Toten nicht glaubte, doch die Angst vor 
Geistern in solchem Maße beibehalten hatte, daß ich eine Geschichte von 
Edgar Poe erst lesen konnte, nachdem die Analyse mich endlich von dieser 
Angst befreit hatte. 

In den archaischen Tiefen unseres Unbewußten leben eben die alten 
Menschheitsreligionen auch dann noch fort, wenn sich unser Verstand weit 
über deren primitive Begriffe hinaus entwickelt hat. 












Eine kleptomane Anwandlung 



Eine Dame von durchaus normalem Benehmen reist mit ihrem erwachsenen 
Sohn in dessen Auto nach England. Auf dem Schiff, das den Verkehr zwischen 
Frankreich und England vermittelt, hat der Sohn irrtümlich ein Billet zu viel 
genommen, hat sich aber aus Eitelkeit, wie sie bei jungen Menschen häufig ist, bei 
der Ankunft in England nicht getraut, die zuviel gezahlte Summe zurückzuver- 
langen. Die Mutter, obwohl sie im allgemeinen eher verschwenderisch ist, be- 
dauert diese überflüssige Ausgabe, sagt aber nichts, um ihren Sohn nicht zu ärgern. 

Im Hotel des ersten Ortes, in dem die beiden Reisenden Nachtstation machen, 
findet sich auf dem Waschtisch der Mutter ein schönes Stück ganz neuer, grüner 
Seife. Während sie sich damit die Hände wäscht, denkt sie: „Dieses Stück Seife 
werde ich morgen mitnehmen. Das wird ein wenig den Verlust durch das zuviel 
gezahlte Billet ausgleichen. " Und am nächsten Morgen läßt sie wirklich die ganz 
feuchte, grüne Seife, nachdem sie sie zu ihrem Bad benützt hat, mit einem 
köstlichen Gefühl des Besitzergreifens in ihre Schwammtasche gleiten. 

In der zweiten Nachtstation, in einer anderen Stadt und einem anderen 
Hotel, befindet sich auf dem Waschtisch wieder ein neues Stück Seife — 
wie es in den englischen Hotels üblich ist. „Wieviel Seifenstücke werde ich 
am Ende der Reise haben?" denkt die Dame, „um mich für das zuviel 
gezahlte Billet schadlos zu halten?" Aber diese Seife ist klein, viereckig und 
weiß, weniger verlockend als die große grüne Seife vom Abend vorher. 
Trotzdem steckt die Dame sie am nächsten Morgen in ihren Schwammsack, 
fühlt sich aber, ehe sie ihr Gepäck schließt, veranlaßt, zu ihrem Sohn zu 
sagen: „Wirst du nicht die kleine violette Seife mitnehmen, die in deinem 
Zimmer ist? Ich nehme die Seifen aus den englischen Hotels, wo man sie 
einem hinlegt, mit; ich sammle sie." „Nein," antwortet der Sohn, halbernst, 
halblachend, „denn das wäre Diebstahl." Darüber entspinnt sich eine Debatte, 
ob es Diebstahl ist oder nicht. Die Mutter sagt: „Es wird ja doch niemand 
eine Seife in Gebrauch nehmen, die ein anderer Reisender schon benutzt 
hat." Der Sohn antwortet, daß die Seife nur zur Benützung im Hotel be- 
stimmt ist und daß ein Mitnehmen der Seife nicht viel anders wäre, als 
wenn man z. B. ein Leintuch aus dem Bette mitnehmen würde; die Mutter 



Eine kleptomane Anwandlung 29 



betont den Unterschied zwischen einem Leintuch und eine^ Stück Seife und 
meint daß die benützte Seife höchstens von den Hotelmädchen gebraucht 
werden könne. Sie nimmt aber, wenn auch mit Bedauern, das kleine weiße 
Seifenstück aus ihran Gepäck wieder heraus, indem sie sich sagt, daß diese 
Seife sich mit der vom Abend vorher nicht vergleichen läßt und einfach 
nicht wert ist, „gestohlen" zu werden. 

Der Vater dieser Dame hatte in ihrer Kindheit — als Einziger im Hause 
— englische Seife benützt. Wenn sie als kleines Mädchen den Waschraum 
des Vaters betrat, war sie von dem besonderen Geruch der Seife so stark 
berührt, daß er ihr schließlich als Symbol des Vaters erschien. Sie selbst 
hatte niemals von dieser Seife. Ihre Kinderfrau gab ihr immer nur uninter- 
essante französische Seifen. Selbstverständlich hätte sie gerne dieselbe Seife 
gebraucht, wie ihr Vater. Aber der zu kühne Gedanke, daß sie davon hätte 
haben können, kam ihr nicht einmal in den Sinn. Nun hatte das kleine 
Mädchen bei der Geburt die Mutter verloren. Die Mutter war reich gewesen 
und sie ihre Erbin. Aber diese Mutter hatte sterbend alles, worüber sie dem 
Gesetze nach verfügen konnte, dem Vater des Kindes hinterlassen; und das 
Kind hatte die Dienerschaft, die den Herrn des Hauses beneidete, darüber 
sprechen hören, daß sein Vater es in gewissem Sinne beraubt, „bestohlen 
habe; und solcher Art ist das Wesen des Unbewußten der Kinder, und der 
Menschen überhaupt, daß dieses Kind, obwohl es seinen Vater vergötterte, 
ihn doch ein wenig als Dieb an seinem Eigentum betrachtete. Und nun, um 
so vieles später, da das Mädchen selbst Mutter geworden ist, Mutter eines 
erwachsenen Sohnes, gewinnt sie auf dem Schiffe zwischen Frankreich und 
England den Eindruck, daß der Sohn seinerseits in unrichtiger Weise über 
ihr Geld verfügt, indem er ein Billet zuviel bezahlt. Bewußt und in ihrem 
■ranzen Betragen ist die Dame eher verschwenderisch. Aber das Unbewußte 
<reht andere Wege und die Dame, die ihren Vater vor einigen Jahren beerbt 
hat und für die Kosten des ganzen Haushaltes aufkommt, hat die Tatsache, 
daß ihr Sohn Geld für den Ankauf eines überflüssigen Billets verwendet, wie 
einen kleinen, an ihr selbst begangenen „Diebstahl" empfunden. Und zur 
Kompensation dieses „Diebstahls" verfällt sie auf den Gedanken, ihrerseits 
die Seifen zu nehmen. 

Doch was repräsentieren diese Seifen? Es sind englische Seifen, so wie 
die die der Vater seinerzeit benützte. Die Dame hat auf der Beise Gelegen- 
heit, im Badezimmer des Hotels die Seife zu sehen, die ihr Sohn im Gebrauch 
hat, eine dunkle englische Seife derselben Marke, die ihr Vater gebraucht 
hatte. Der Sohn sagt außerdem, daß er sich dieser Seife ständig bedient, 









30 Marie Bonaparte: Eine kleptomane Anwandlung 

weil er sie immer bei seinem Großvater gesellen hatte. Die Seife heißt 
„Pears Soap ,-' in dem doppelsprachigen Wortspiel deutet sich der ursprüng- 
liche Besitzer an. Außerdem klingt „savon" (Seife) im Französischen ähnlich 
wie „savant u (Gelehrter), und die Dame hatte in ihrer Kindheit die scherz- 
hafte Gewohnheit, „les savants" (die Gelehrten), deren ihr Vater einer war, 
„les savons" (die Seifen) zu nennen. Und diese Seife, die den männlichen 
Mitgliedern der Familie eigentümlich war, die die Dame selbst nie zu be- 
nützen wagte, weil sie sie als eine Seife für Männer betrachtete, diese Seife 
ist gleichzeitig ein Symbol der (männlichen) Potenz und des Reichtums. Als 
Kompensation für das Geld des Billets kam der Dame der Gedanke, die englischen 
Seifen zu nehmen, als Ersatz für die „Pears Soap'' des Vaters und des Sohnes. 

Wir sehen aus dem Vorhergehenden, daß diese leichte kleptomane An- 
wandlung, wenn man sie so nennen darf, die eine Frau von durchaus normalem 
Benehmen befallen hat, die bekannten klassischen Züge der Kleptomanie trägt. Das 
gestohlene Objekt repräsentiert tatsächlich die Potenz, den Phallus ; die kastrierte 
Tochter beschuldigte unbewußt den Vater, ihn ihr geraubt zu haben, und stiehlt 
ihn sich zurück. Das kleine Mädchen hatte sich wohl seinerzeit vorgestellt, daß 
die englische Seife mit den Geschlechtsteilen des Vaters in Berührung ge- 
kommen war. Und dadurch bildete sich in ihr eine Assoziation, die im 
Unbewußten erhalten geblieben war; als sie viele Jahre später mit ihrem 
Sohne nach England reist, und sieht, daß auch er Pears Soap benützt, wird 
die Assoziation wieder belebt. Die Gleichung Phallus = Geld kommt auch zur 
Geltung: die Seife erscheint tatsächlich als Symbol des Reichtums, als Ersatz 
für einen pekuniären Verlust. 

Die Dame, auf die sich diese Beobachtung bezieht, hatte nie vorher die 
geringsten Anzeichen von Kleptomanie gezeigt. Unter begünstigenden äußeren 
Umständen tritt plötzlich eine leichte Manifestation dieser Perversion zu Tage. 
Diese kleine Studie zeigt uns von neuem, daß jeder von uns latente 
Möglichkeiten zu Perversion und Neurose in sich trägt und daß die analy- 
tische Forschung uns in die Lage versetzt, in jedem von uns etwas wie den 
Mikrokosmos aller, die Menschheit bewegenden Kräfte aufzuzeigen. 



1) Pere, im Französischen „Vater", wird wie das englische Fear ausgesprochen. 
(A. d. Üb.) 



Inhaltsverzeichnis 



Seite 



Die Identifizierung einer Tochter mit der verstorbenen Mutter 5 

Eine kleptomane Anwandlung 28 






I 






/-■■■ 



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Marie Bonaparte 






Zur Symbolik der Kopftrophäen 






Geh. M 2' — , Ganzleinen M }'}0 






Inhalt: I) Die Redensart vom „gehörnten Ehemann' — II) Die 
heroischen Hörner — III) Die magischen Hörner — IV) Die Kriegs- 
Irophäen — V) Die Jagdtrophäen — VI) Die ironischen Hörner 






Marie Bonaparte 

Der Fall Lefebvre 






Zur Psychoanalyse einer Mörderin 






Geh. M 2'40 r Ganzleinen M }'8o 




• 

1 


Der Fall der 6ojährigen Madame Lefebvre, einer reichen, überaus religiösen Guts- 
besitzersfrau, die aus einem rational nicht begründbaren Haß ihre schwangere 
Schwiegertochter während einer Autofahrt erschossen hatte und während des Pro- 
zesses nicht die geringste Reue bekundete, hat mit Recht großes Aufsehen verursacht. 
Die Mörderin wurde zum Tode verurteilt und dann vom Präsidenten der Republik 
(treu jenem in Frankreich seit Jahrzehnten bestehenden Brauch, daß es niemals zur 
Hinrichtung einer Frau kommt) zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt. Die 
Pariser Psychoanalytikerin, Prinzessin Marie von Griechenland und Dänemark (die 
ihre wissenschaftlichen Arbeiten unter ihrem Mädchennamen Bonaparte veröffent- 
licht), hatte dann die Erlaubnis erhalten, die sonderbare Mörderin in ihrer Zelle zu 
besuchen. Das Ergebnis ist die jetzt erscheinende Studie. Sie ist nicht nur für Ärzte 
(Psychiater, Frauenärzte) und für Kriminalisten von Interesse, sondern ist als auf- 
schlußreicher Beitrag zur allgemeinen Tiefenpsychologie zu werten. 






Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien I, In der Börse 



















Marie Bonaparte 

Zur Symbolik der Kopftrophäen 




Marie Bonaparte 






Geh. M 2' — , Ganzleinen M J'}0 

Inhalt: I) Die Redensart vom „gehörnten Ehemann" — II) Die 
heroischen Härner — III) Die magischen Hörner — IV) Die Kriegs- 
trophäen — V) Die Jagdtrophäen — VI) Die ironischen Hörner 






Aus der Analyse einer 
mutterlosen Tochter 




1 


Marie Bonaparte 

Der Fall Lefebvre 

Zur Psychoanalyse einer Mörderin 




Zwei Beiträge 

zur psychoanalytischen 

Kasuistik 


■ 




Geh. M 2' 40, Ganzleinen M )'8o 










Der Fall der 60jährigen Madame Lefebvre, einer reichen, überaus religiösen Guts- 
besitzersfrau, die aus einem rational nicht begründbaren Hau ihre schwangere 
Schwiegertochter während einer Autofahrt erschossen hatte und während des Pro- 
zesses nicht die geringste Reue bekundete, hat mit Recht großes Aufsehen verursacht. 
Die Mörderin wurde zum Tode verurteilt und dann vom Präsidenten der Republik 
(treu jenem In Frankreich seit Jahrzehnten bestehenden Brauch, daß es niemals zur 
Hinrichtung einer Frau kommt) zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt. Die 
Pariser Psychoanalytikerin, Prinzessin Marie von Griechenland und Dänemark (die 
ihre wissenschaftlichen Arbeiten unter ihrem Mädchennamen Bonaparte veröffent- 
licht), hatte dann die Erlaubnis erhalten, die sonderbare Mörderin in ihrer Zelle zu 
besuchen. Das Ergebnis ist die jetzt erscheinende Studie. Sie ist nicht nur für Ärzte 
(Psychiater, Frauenärzte) und für Kriminalisten von Interesse, sondern ist als auf- 
schlußreicher Beitrag zur allgemeinen Tiefenpsychologie zu werten. 






Internationaler 






Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien I, In der Börse 


1 


Psychoanalytischer Verlag 

Wien 












1