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Full text of "August Strindberg. Eine psychoanalytische Studie"

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KARL BACHLER 



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August btfindbcrg 



Eine psydioanafytiscKc Studie 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien 



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Psy A oanalytisifie 
Biographik 



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yMelandiotie" im Uditc der 



ALFRED WINTERSTEIN: Dürers „t 

Psychoanalyse. 

Mit 2 KunstbeiUsen. Geheftet M. r~^ Ganzleinen M. ■f,6o 

Inhalt: I) der Inhalt dp» Kupfersädies .Mckncolia I' — II) Die historisdicD Voraus- 
seteungen des Düreri.cfaen Konzeptes — HIJ Die Quellen Dürere — IV) Saturn, MelanAolic 
und Analtharakter — V) Düren Lebens gesdiidite und Persönlidikeit — VI) Der Tod der 
Mutter — VII) Psydioanalytisdie Deutung der Melencolia — VIII) Zur Abwehr 



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ousseäu 

RENE LAFORGUE : Jean Jacques Rousseau. 
Eine psychoanalytische Studie. Geheftet M. l.zo 

„Wir haben nidit die Absidit, Rousaeau lu verkleinem, sondern ihn in seiner vollen Mensdi- 
lidikeit zu verstehen' 



Cjoethi 



THEODOR REIK : Warum verließ Goethe Friederike ? 

Geheftet M. 6. —, Ganzleinen M. 8. — 

Inhalt: Diditung und Wahrheit — Ein alter Mann ereählt die Gesdiidite seiner Liebe — 
Die Gründe der Trennung — Die Verkleidung — Der KindtauikudieD — ChronologisAe 
und andere Verwirrung — Die Kußangst — Sexualität und Gewiss cpsangst — Der juukc 
Goethe crrähli ein Märchen — Der Diditer über die „Neue Melusine" — Der Sdiatten 
des Vaters — Der Text der Zwangsbelürdiiung — Capriccio doloroso — Frcundlidie 
Vision — „Frohe und dankbare Gefühle nadi dem Sturm" — Coda 

PHILIPP SARASIN : Goethes Misnon. 

Eine psychoanalytische Studie. Geheftet M. £.60, Ganzleinen M 4 — 
Inhalt: Vorbemerkung _ I) Der MeiMerroman - 11) Gaethes JugendgesAidite - 
ra) Erg^nziingen ^ Jugendgesdiidite. Knabenmärchen. Die üauzösisehen Sd^u^ieler. Zu,n 
frühen Tode der Gesdiwisrer Goethes - IV) Analj^sdie Deutung der dnunadsdien Mo- 
mente. Das Setltanzermihcu. Mignon und Comelie. Die VateridentifiaerutiF — V) Ana 
Ijrtudie Deutung der Iniichen Momente - VI) Zusammen tassung 



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IMRE I:^RMANN : Gustav Theodor FeAner. Eine psychoattalyti.chc 
Studie über individuelle Bedinstheiten wissenschaftlicher Ideen. 
Geheftet M. 3.-^ Ganzleinen M. f.öo 

Inhalt: ßiograpliisdies — Die idiwere Krankheit — Die Idee der Psychophysik — Die 
„Tafcjan rieht" — Das Formale im Denken. Fedmers — Die Begabungsgrundlagen — Fetiner 
als Vorläufer psydioanalylisdier Ideen 



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August Strindberj 

Eine psydioanalytisdie Studie 



von 



Karl BacMer 



Separatabdrudc aus der Zwel- 
■onatsdirift „Die paychoanalytische 
Betregung", a Jahrgang (IV3O) 



1931 

Internationaler 
Psychoanalytisdier Verlag 

Wien 






Alle Reditc, 

imbesondere die der Übersetzung 

vorbehalten 



Printed in Austria 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Onid; der Vemay A.-G„ Wien, IX, Canisiusgasse 8 — lO 



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Edith K. gewidmet 



Vorbemerkung , ■ , 

Es geschieht nidit zum ersten Male, daß Psychoanalyse 
und Literaturwissenschaft sich zu gemeinsamer Arbeit zu- 
sammenschließen. Nur sei hier gestattet, in aller Kürze auf die Mög- 
lichkeiten einer solchen gemeinsamen Zielsetzung zweier grundver- 
schiedener Wissenschaftszweige noch einmal grundsätzÜch hinzuweisen. 
Denn wie bei jedem anfänglidien Versuch bedeutet die Verkennung 
innerer Grenzen eine Gefahr, und eine Verbindung beider Wissen- 
schaften kann jetzt und für die Zukunft nur dann fruchtbar sein, wenn 
sie sidi ihrer Grenzen im Methodischen und Geistigen gleichermaßen 
bewußt bleiben. Worauf es der Literaturforschung als Stoff-, Gehaits- 
und Formgeschidite stets vor allem ankommt, ist die geistige Erfassung, 
ja geradezu die Gestaltung der großen diditcrisdien Persönlichkeit und 
ihrer Zeitverbundenheit. Alle noch so splitterhafte Kleinarbeit des 
Forschers ist sdiließüch diesem Ziele, Ganzheit und Geschlossenheit zu 
erkennen, geweiht. Die Denkrichtung der literarhistorischen Methode 
ist also im wesentlichen synthetischer Natur. Die Psydioanalyse, 
die sich die Durchforschung des Unbewußten zum Ziel setzt, ist an 
der Existenz der Persönlichkeit als unantastbarer Geschlossenheit durdi- 
aus wenig interessiert, wenn sie nicht ihre Bedingtheiten, ihre letzten 
seehschen Abhängigkeiten im Unbewußten aufdecken kann. Das Werk, 
der Charakter des Schöpfers, die dichterische Persönlichkeit, das Symbol 

— 3 — 



haben für den Psychoanalytiker nur dann Bedeutung, wenn er sie 
einer seelischen Analyse unterwerfen kann. Diese Denkrichtung ist, im 
Gegensatz zur synthetischen der Literaturwissenschaft, durchaus analy- 
tisch, wie es ja auch im Begriff der Psychoanalyse deudich ausge- 
sprochen wird. Das sind Gegensätze hn Mediodisdien, die an sich zu- 
nächst unvereinbar scheinen, und es ist wohl auch für die Zukunft 
anzunehmen, daß die Literaturgesdüchte für die Psychoanalyse eine 
Quelle bieten wird und die Psydioanalyse für die Literaturgeschichte 
ein neues Mittel, im besten Falle sogar eine mathematische Probe auf 
die Richtigkeit einiger ihrer Ergebnisse. Wenn die psydioanalytisdie 
Durchdringung der Methodik der Literaturwissenschaft, ja schließhch 
der Kunstwissenschaften überhaupt, in einem weiten Ausmaße ge- 
stehen sollte, dann dürfen diese Wissenschaften in der Tat, wie 
Walter Muschg in seiner Schrift „Psychoanalyse und Literaturwissen- 
schaft" meint, so etwas wie em Gottesgericht zwischen ideaÜstisdier 
und rationalistischer Geistesriditung erwarten. Die Stellung der Lite- 
raturwissenschaft ist in diesem Zusammenhang die ungleich gefahrdetere 
denn sdiließUch kann das Ergebnis dieses Experiments für sie unter 
Umständen den Verlust einer schwer errungenen Erkenntnis Über das 
Wesen der Dichtkunst Überhaupt bedeuten. In einem wichtigen Kampfe 
aUerdings könnte die Psychoanalyse der Literaturwissensdiaft fruditbar 
beistehen, nämlich im Kampfe gegen die aus den rationalistischen 
Prinzipien eines engen Ordnungsbedürfnisses erwachsene Schematisie- 
rung und Periodiziemng von Persönhchkeiten und Geistesrichtungen 
aus der zu jeder Zeit die große Persönlichkeit sich herausdrängt und 
die nur mittleren Geistern gerecht wird. Hier kann die Besinnung aut 
Gemeinsamkeiten des Sciaffensprozesses zu aUen Zeiten und in alle 
Gehirnen, die sich lediglich durdi den Grad ihrer Aktivität unter 
scheiden, von allerhöchster Wichtigkeit sein. 

Es fehlt zur Zeit nicht an Köpfen, die die Bedeutung des Phänomens 
Ätnndber^ für den modernen Menschen empfinden. Nachdem die 
Philologie das ihrige getan hat, ist es an der Zeit, sidi den geistigen 
und seelischen Problemen zuzuwenden, die die Persönlichkeit August 
Strindbergs noch immer wie in einen Nebel einhüllen. Diesem Ziele 
sei die vorliegende Arbeit gewidmet. 

— 4 — 



1 



Die Eltern 



,Dw Entmmmg ist unser Kapital, das mir 
vtnätsen müssen.' A. Striodbcrg. 

Der Gang der vorliegenden Untersudiung wird bestrebt sein, die 
synthetisdie Methode der Litcraturwissensdiaft mit der analytisdien 
zu vereinen, d. h-, von den seelisdien Verhältnissen und Konflikten 
der frühesten Kindheit ausgehend zum Verständnis der Psyche der 
späteren Lebensgestaltung Strindbergs und seiner Ansdiauungen vor- 
zudringen, also nicht lediglidi rüdtsdüießend von der Gegebenheit 
eines spezifisdien Falles zu den Ursädilidikeiten im Unbewußten vor- 
zustoßen, wie es bei einer Krankenbehandlung der Fall sein dürfte. 
Eine solche Methode ist aber nur dann denkbar und anwendbar, 
wenn die einzelnen Lebensstadonen einer Persönlidikeit wie in einer 
graphisdien Darstellung klar vor dem geistigen Auge des Betrachters 
liegen; nidit erst mühselig ersdilosseo werden müssen, sondern nur 
einer im Sinne der Untersudiung sinnvollen Verknüpfung bedürfen. 
In diese bequeme Lage sind wir im FalJe Strindberg versetzt. Das 
Problem seines Sdfiaffens und seiner Persönlichkeit hat der Forschung 
nie Ruhe gelassen. Es stehen nicht nur umfassende Darstellungen der 
Biographen*, Aufzeidinungen und Erinnerungen von Zeitgenossen', 

») H. Esswein; Nils Erdmann; E. Hcd^n u. a. 

2) G. Brandes; Ad, Paul; Schleich; Ola Hansson u. a. 

' — 5 — 



psychologische und medizinische Untersuchungen", sondern auch auto- 
biographisdie Werke' und ein umfangreicher Briefwechsel mit ver- 
sdiiedenen Personen, der leider erst 2um geringsten Teile zugänglich 
ist, zur Verfügung. Vor allem aber sind für die vorhegende Arbeit 
die Bände der Autobiographie von Wichtigkeit. In zeitlicher Folge 
sind es: „Der Sohn einer Magd" und „Entwicklung einer Seele", die 
die Zeit bis lSS6 betreffen, „Die Beichte eines Toren" für die erste 
Ehe von 1S75— SS, „Entzweit" für die Jahre 1892-94, vor aUem in 
Bezug auf die zweite Ehe, „Inferno", die Zeit von 1894—97 betref- 
fend, „Legenden" für die Zeit 1897-98 und schließlidi „Einsam" für 
die Jahre 1899-1900. Während im „Sohn einer Magd" und in der 
„Entwicklung einer Seele" die Kindheit und Jugend des Dichters 
ihren Niedersdilag finden, stehen die Sdiilderungen „Beichte eines 
Toren" und „Inferno- Legenden" schon im Zeichen der Hauptstadien 
der strindbergschen Krankheit, die in die Jahre 1887 und 1S96 faUen 
dürften. „Entzweit— Einsam" ist als nachträglicher Bericht für diese 
Untersudiung von geringem Werce. Es ist nun aber leider so, daß 
der Wert dieses unübertrefflichen QueUenmaterials insofern eine Be- 
einträchtigung erfährt, als die für diesen Zusammenhang gerade be- 
deutungsvollsten Teile der Lebensgeschichte zwar für die Erkenntnis 
der Krankheitserscheinungen ein glänzendes Mittel darstellen, für die 
Erschließung glaubwürdiger Verhältnisse und wirklicher Erei^isse je- 
doch mit Vorsicht anzuwenden sind, da sie in einer Zeit konzipiert 
wurden, in der nach Jaspers Forschungen^ der sdiizophrene Krank- 
heitsprozeß schon mit einem ersten Schübe begonnen hatte. So kommt 
es, daß Entstellungen und Erinnerungstäuschungen vielfadi in Kauf 
genommen werden müssen. Es wird also unumgänglidi sein, daß man 
sich für die AufheUung wirklidier Zustände der frühesten Jugend 
Stnndbergs an das Material hält, das die Biographen aus den Werken 
des Dichters selbst und Berichten der Zeitgenossen isoHeren konnten 
Es ist vor Eintritt in die eigendiche Untersudiung nidit zu umge^ 



3) Jaspers, K. Smndberg u. van Gogh. U. A. Heidelberg 1926 

4) Amobiographisd,e LebensgesAiAte, 5 Bde. IV. Abt. der deutschen Gesamtaus^ 
Georg Müller. München. - N.d, dieser Ausgabe erfdgc. alic Zitierungen. 

j) Mndberg u. van Gogh'. U. A. Berlin 1926. 



— 6 — 



hen, in großen Zügen die Verhältnisse, in die Strindberg hineingebo- 
ren wurde, zu umreißen. 

Johann August Strindberg wurde am 22. Januar 1S49 in 
Stodtholm im Hause des Dampfsdiiffkommissärs Carl Oskar Strind- 
berg geboren. Der Vater hatte ein freies Liebesverhältnis mit der 
Tochter eines armen Sdineiderme^ters, die als Magd und Kellnerin 
ihren Unterhalt verdiente, unterhalten. Kurz vor der Geburt August 
Strindbergs heirateten die beiden, damit der Knabe nicht außerehelich 
geboren würde, wie es bei dreien seiner Geschwister, die vor ihm 
geboren wurden, der Fall war. Nadi ihm kamen noch weitere fünf 
Kinder zur Weh. Im umgekehrten Verhältnis zu diesem Kindersegen 
standen die wirtschaftlichen Verhältnisse im Elternhause. Das erste 
Gefühl, das Strindberg empfinden lernte, war, ein Unwillkom- 
mener i^u sein. Denn es war nicht nur so, daß er in der Tat zu 
zeitig das Licht der Welt erbhckte, sondern bei den drückenden Ver- 
hältnissen empfand er sein Unwillkommensein, das man ihn überdies 
oft genug überdeutlich spüren heß, sehr empfmdlich. Im Laufe dieser 
Darstellung wird sidi zeigen, wie schon in diesem frühen Augenbhck 
die Wurzeln für ein starkes Gefühl des Überzähligseins sich in die 
Seele des Kindes sdilugen, „Er kam ersdirocken zur Welt und lebte 
in beständigem Schreck vor Leben und Menschen"*. Ängstlich, ver- 
schüchtert, leicht zu Tränen geneigt, überempfindlich schildert er sich 
gern selbst. Die Mutter entstammte, wie schon angedeutet, dem 
Dienstbotenstande, der Vater dagegen war ein heruntergekommener 
Aristokrat mit den Resten schöngeistiger Neigungen. August Strind- 
bergs späteres Verhältnis zu den Konflikten zwischen herrschender 
und dienender Klasse, zwischen Unter- und Oberklasse hat im Grunde 
in diesem Mißverhältnis der eherlichen Intelligenzen seinen Ursprung 
genommen. Strindbergs SteUung ist in diesen Fragen durchaus keine 
eindeutige, sondern schwankende, zu verschiedenen Zeiten verschiedene. 
In sich fühlt er das Blut des Vaters und zugleich zieht ihn em unbe- 
stimmter Trieb zu der sozial untergeordneten Schicht, der seine Mutter 
entstammte. Später wird gezeigt werden, daß diese Artung ihre tiefe 
Berechtigung hat, insofern, als sie mit den unmittelbar aus dem 
Ödipuskomplex resultierenden Eigentümlidikeiten des strindbergschen 



6) Sohn einer Magd. S. 48. 






Geistes tiefe Gemeinsamkeiten aufWeist. Neben dem Gefühl, unwill- 
kommen zu sein, war es außer dem Hunger die Angst vor dem 
Vater, die mitbestimmend wurde für des Dichters Charakterentwick- 
lung. Der Vater war ein verbitterter, überstrenger, etwas bigotter 
Mensch, der nur zu ieidit sdüug und, da er fast nie außer Haus war, 
den Kmdern zum immer drohenden Sdirecken wurde. Nodi im 
Jahre 1908 sdireibt Strindberg über seinen Vater: „Meinen Vater 
empfand ich immer als eine feindliche Macht". Diese inter- 

essanteFormulierung deutet unmittelbar hin auf eineEigenartseinerspäteren 
religiösen Einstellung, Über die noch zu spredien ist. Es ist nötig hier 
auf ein Erlebnis einzugehen, das von unheUvoüer Wirkung auf Strind- 
bergs späteres Leben werden soUte. Eines Tages entdeckt sein Vater, 
daß jemand aus einer Weinflasciie getrunken hat. Da August vor 
innerer Ängsdidikeit rot wird, bekommt er die Sdiuld an diesem 
Diebstahl. Sein Leugnen reizte die Eltern, und da er auf wiederholte 
Aufforderung hin nodi immer nidit gestehen will, sdilagt ihn der 
Vater und die Mutter hUft dabei. „Er heult - vor Wut und Grimm 
vor Schmerz, aber meist der Schande, der Demütigung wegen" Nadi' 
abermaliger Vorstellung gesteht er die Sünde, die er doch gamidit 
beg3.gen hat, ein. In der Küci,e erzählt dann der Knabe der Magd 

erfolgt daraufhm nod, emmal, mit dem gleichen Erfolg, daß er seine 
Sdiuld noch emmal gesteht. _ Seitdem fühlte er siA in seinem 
innersten als Bestrafter den die Verachtung der Geschwister nur zu 
Red>t tr^. Ähnliche FaUe wiederholten sich noch öfter in Zukunft. 
Hefnge Bitterkeit über ungerecht empfangene Strafe kehrt aad. später 
selbst in den Di<htungen. bei Strindberg immer wieder.' Er fühlte 
den scharfen Stachel ungerechter Behandlung bis ins hohe Alter hinein 
mit gleicher Intensität Von des Vaters ungerechter Art abgestoßen 
wandte sich der Knabe der Mutter zu, um bei ihr Schutz. Rettung' 
und Trost zu finden. Die Mutter war eine Frau, die ganz in ihrer 
ÄTOeit um inre vieifeöpfige Familie aufging und darum, ganz abgese- 
hen von dem Mangel jeglicher Bildung, keine regen geistigen Interes- 
sen zeigen konnte. Der Haß, mit dem Strindberg sie später in seinem 
Buche „Der Sohn einer Magd" behandelt, ist nur aus der besonderen 

7) .Luther (Die Nachcigali von Willenberg)". S. ig lt. 

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Geistesverfassung zu erklären, in der er sidi befand, als er das Budi 
sdirieb. Jedenfalls empfand er den Tod der Mutter, er war 
13 Jahre alt, als sie starb, als einen furchtbaren Sdiidtsalssdilag. Die 
Mutter hatte in ihren letzten Lebensjahren unter heftigen hysterischen 
Anfällen gelitten und Rahmer hält die neurotisdie Artung Strindbergs 
für ein Erbteil der Mutter. Ein anderer Sohn war ebenfalls hysterisdi 
und eine Schwester geistesschwach. Die Mutter gehörte der Sekte der 
sogenannten „Bibelleser" an, zu der sie auch ihren Sohn, der im 
protestantisdien Glauben aufgewadisen war, gern bekehrt hätte. Es ist 
seltsam, daß Strindberg im Anschluß an seine sogenannte ,Infemo= 
Krise" von einer etwas anderen Seile her sich dieser Richtung nähert. 
Als der Vater nach der notwendigen Frist der Kinder wegen das 
Hausfräulein heiratete, trat der Knabe gegen beide in einen zuweilen 
stillen, zuweilen offenen Kampf ein. 

So sind in ganz großen Umrissen die Verhältnisse im Elternhaus 
gesdiildert worden. Es wird nun darauf ankommen, in einer tiefer- 
gehenden Analyse die Zusammenhänge zwischen der späteren Artung 
August Strindbergs und seinen infantilen Erlebnissen zu verfolgen. Es 
wird sich zeigen, daß eigentlich alle, auch die unerklärlichsten Eigen- 
heiten seines Charakters ihre Begründung im Ödipuskomplex finden. 
Zwei große Problemkreise sind es im wesentlidien, in denen sidi 
Strindbergs Leben abspielt, der eine die Einstellung zur Frau, der 
andere die Stellung zum Gottesbegrlfi, den er, wie zu zeigen sein 
wird, in einer überaus eigenartigen Weise erlebt. In getrennten Ka- 
piteln, die indessen notgedrungen zuweilen ineinandergreifen durften, 
sollen im folgenden diese beiden Probleme einer Analyse unterworfen 
werden. 



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— 9 — 



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Die Frau 



Zweifellos Iht Strindberg sdion als Kind an einer leichteren Form 
von Angsthysterie. Ob sie das Erbteil der Muner ist, muß dahin 
gestellt bleiben. Soviel jedenfalls steht fest, daß er so sensibel war 
daß jeder Tadel ihn in Angst vor der mögUchen Strafe versetzte E r 
kam erschrocken zurWeltund lebte i n b e s tä n di . e m 
Schrecken vor Leben und Menschen." Vor gewissen 
Orten, an die sich die Ermnerung irgendwelchen Leidens knüpfte 
hatte er unÜberwindlidie Furcht. Selbstmordideen sind ja in ei 
gewissen Alter nichts Seltenes. Eine Ursadie darf man hierffir Öü 
weiteres in der Prugelpadagogik des Elternhauses erbUcken Das Ko 
rclat zu dieser verständlidien Überempfindlidikeit und Reizbarkeit "'t 
die späterhin so stark hervortretende Skepsis in Dingen des pe -'' 
liehen Lebens und der Wissensdiaft. Diese Züge sind jedoch verh^tTiV 
mäßig sdiwadi anderen gegenüber, die zur Ausbildung seiner spätere 
Angstneurose stärker beigetragen haben. Wie wir bald leid« erkenne" 
werden, lassen sich diese Einflüsse auf eine ebenso inhaltsvoUe wie 
ubersichtlidie Formel bringen: er ffihlt sidi vom Weibe (der Mutter H 
betrogen und von Gott (der Vater-Madit) verfolgt und bedroht Um 
an diese Formd ghuka zu können, feedarf es nod: des Nadiweises. 



— 10 



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Da der Knabe sich vor der gewalttfiiigen und diktatorischen Erzie- 
hungspraktik des Vaters abgestoßen fühlt, ffieht er zur Mutter, bei 
der er Trost, Schutz und Hilfe nach des Vaters Härte sucht. Wir sind 
hiermit am Ursprung all der wichtigen und interessanten Erscheinun- 
gen, die sich an den Begriff des Ödipuskomplexes knüpfen, angelangt. 
Die Mütter wird dem Dichter zum ersten Liebesobjekt ; aber die kör- 
perliche Sexualstrebung ist ganz durch die seehsche zurückgedrängt. 
Außer diesem Sdiutzbedürfnis ist es aber noch etwas anderes, was das 
Kind zur Mutter hinzieht oder besser, zunidtzieht. Es ist das Gefühl, 
zu früh auf die Welt gekommen und unwillkommen zu sein. Strind- 
berg sdu-eibt: Als der Knabe von Hause fortging, sehnte er sich nadi 
der Mutter, „ihr BUd steigt auf, gereinigt, verklärt, und zieht ihn an 
mit den niemals reißenden Fäden der Sehnsucht. Diese Sehnsucht 
nach der Mutter begleitete ihn durdis ganze Leben. War er zu trüh 
zur Welt gekommen? War er nicht ausgetragen worden? Was 
hielt ihn so mit der Mutter verbunden?"^ Und an anderer SteUe hdßt 
es : „Er blieb eine Mistel, die nicht wadisen konnte, ohne von einem 
Baum getragen zu werden; er wurde eme Kletterpflanze, die eine 
Stütze suchen mußte."*' Das stärkste traumatische Erlebnis, die Geburt, 
hat auch auf Strindbergs Leben großen Einfluß gehabt. Wenn Freud 
meint, daß solche traumatische Erlebnisse dauernde Störungen im 
Energiebetrieb zur Folge haben, so kann das Leben Strindbergs durdi- 
aus als Beleg für die Richtigkeit einer solchen Meinung dienen. Denn 
in diesem Erlebnis hat seine Unselbständigkeit in Dingen des Lebens, 
sein Anlehnungsbedürfnis an das Weib seinen unmittelbaren Ursprung. 
Einmal sagt er (Beichte eines Toren, S. 389): „Ich bin wie ein 
Embryo, dem vor der Zeit die Nabelschnur abgeschnitten ist . . ." 
Wie weit in sein Alter hinein ihn dieses Trauma des Zufrühgeboren- 
seins verfolgt, zeigt sehr schön ein Traum, den Strindberg in den 
„Legenden" mitteilt und dessen Deutung er in unübertrefflicher Sdiärfe 

selbst gibt.'" 

„Vor einigen Näditen hatte lA einen Traum, der aufs neue meine 
Sehlisudit wedttc, sterbeu zu dürfen, indem er mir die Hoffnung auf ein 



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8) Der Sohn einer Magd. S. 47- 

9) Der Sohn einer Maffd. S. 48. 

10) Infemo — Legenden. S. 341. 



_ u — 



besseres Dasein wiedergab, wo man keine Gefahr läuJt, einen Rüdfaü in 
die Qual des Lebens zu tun.' 

.Als ich auf einem Vorsprung, der von einer jähen, in Dunkel ge- 
huUten T,efe begrenzt wurde, zu weit vorgetreten war, fiel idi mit dem 
Kopi voran m cmen Abgrund. Aber id. fiel eigentündidier Weise hinauf 
statt hmunter. Und unmittelbar umgeben wurde idi von emem blendend- 
weißen Liditsdiimmer und ich sah . . .'^ 

-Was idi sah, flößte mir zwei gleidizeitige Vorstellungen ein ■ idi bin 
tot und .dl bin erlöst! Und ein Gefühl der hödisten Seügkeit umhüllte 
midi bei dem Bewußtsein, daß das andere nun zu Ende sei . « 

Es ist kaum nötig, etwas über den Sinn dieses Traumes zu sagen, 
denn Stnndberg gibt wenig Zeilen später selbst eine vortrefflidie 
Lösung. Seit dieser Traumnacht fühlt sich der Dichter nod. heimat- 
loser als vorher in der Weh: „ . . . und gleidi einem müden, sdiläfri- 
gen Kinde verlange idi, ,hdm gehen' zu dürfen, den schweren Kopf 
an einen mütterlidien Busen zu legen, im Sd>oß seiner Mutter zu 
sdilafen, der keuschen Gattin eines unermeßlidi großen Gottes der 
sidi mein Vater nennt und dem idi nidit zu nahen wage." Was hier 
vom Diditer selbst anaJysien wird, ist mehr, als der Traum an sidi 
besagt, denn hier taudit eine Beziehung zum Ödipuskomplex auf auf 
die wir ,m nädisten Absdinitt nodi oft stoßen werden, nämlidi die 
Vater -Gott-Identifizierung, die bei Str^ndberg ihr ganz besonders 
eigenartiges Gesidit zeigt. Aus dem Mai 1891" beriditet er nodi von 
emem anderen Traum, der allerdings so unsdiarf wiedergegeben wird 
daß man nur vermuten darf, daß er in denselben Zusammenhang ge- 
höre, wie der eben beriditete. Als er in einem Haus wohnt, wo ein 
Jugendlreund gewohnt hatte, der sidi ertränkt hatte, träumt er sehr 
ansdiaulidi von einem Teidi. Dodi wird leider nidit näher angegeben 
weldie Rolle das Wassersymbol in jenem Traume spielte. Nodi ein 
dritter Traum se, hier beriditet, der ebenfalls in den .Legenden"" eine 
Rolle spielt. 

,Am folgenden Tag lenke id. die Sdirittc wieder nadi Marais. und da 
der Mann (em Freund} zu Hause ist, beginne idi die sedis Treppen zu 
steigen. Als idi drei überwunden habe, die sidi eng wie Turmtreppen in 
emer Röhre sdJangdn, erwacht eine Erinnerung an einen Traum und eine 
WirkUdikeit. Der Traum, der oft wiederkehrt, handelt von einer soldien 
»diraubenden, drangcndca Treppe, Jn der idi kriedie, bis idi ersüAe. da 
11) 01a Hangen. Erinncnmgcn S. .733. 12) Infen.» - LcgeDd^iTsT^ 

— 12 — 



sie immer enger wird. Das erste Mal kam mir mem Traum wieder im 
Turm zu Putbus, und ich kehrte sogleiA nach unten zurück . . . Idi habe 
jetzt den bestimmten Ejndrudc : steige idi noch einmal hier herauf, dann 
^lerbe ich." 

Da Strindberg so viel Wert auf die Aufzeidinung von Träumen 

legie, dürfte es fesselnd sein, eine kleine Abschweifung vom eigent- 
lichen Thema an dieser Stelle zu wagen. Gerade der psydioanalyti- 
sdien Traumforsdiung muß diese erstaunliche Meinimg lehrreich sein. 
In den „Legenden"*" liest man: 

„Seit mehreren Jahren habe id» Aufzeidmungen über alle meine Träume 
gemacht, und idi bin zu der Überzeugung gekommen: daß der Mensd» 
ein doppeltes Leben lebt, daß die Einbildungen, die Phantasien, die Träume 
eine Wirklidikeit besitzen. Wir sind alle geistige Sdilafwandler und begehen 
im Traume Handlungen, die uns im wachen Zustande je nadi ihrer Natur 
mit dem Gefühl der Belriedigung, dem bösen Gewissen, der Furdit vor den 
Folgen erlÜUen. Und aus Gründen, die idi em ander Mal darlegen will, 
glaube ich, daß die sogenannte Verfolgungsmanie oft einen guten Grund hat, 
nämlich in der Gewissensqual nach sclilechten Handlungen, die man im 
Schlaf begangen hat und von denen nebUge Erinnerungen bei uns spuken. 
— Die Phantasien des Dichters, die beschränkte Seelen so verachten, sind 

Wirklichkeiten." 

Nun zurück zu unserer Betrachtung. Es gelang, das hauptsädilidie 

traumatische Motiv in Strindbergs Entwicklung zu isolieren. Ein weiteres 
bleibt nun noch zu verfolgen, das seinen Ursprung unmittelbar im 
Ödipuskomplex nimmt, und ebenfalls den Wunsch zur Vereinigung 
mit der Mutter als Libidoobjekt erkennen läßt. Wir erfahren von 
einem Versuche, den der Junge unternahm, um die Liebe der Mutter 
mit einem Schlage für sidi allein zu gewinnen. 

Es ist nun einmal so, daß das eine Kind mehr Sympathie erringt, als 
das andere; weshalb ist nicht zu entscheiden. Johann war niemandes Lieb- 
ling. Das fühlte er und das grämte ihn ; ... er wollte die Mutter gewinnen. 
Und er wurde zutunlich, betrag sich aber so plump dabei, daß er durch- 
schaut und zurückgestoßen wurde.*"" 

Solche mißglückte Versuche unternahm der Knabe oft, und wir 
werden sehen, warum sie mißglückten. Von allerschwerster Bedeutung 
für seine seelische Entwicklung wurde ein Erlebnis dieser Art, das 
Strindberg im „Sohn einer Magd" eingehend schildert und das sehr 
viele interessante Einzelheiten offe nbart.'^ 

13) Inferno-Legenden S. ac^. 14) Der Sohn einer Magd S. 13. 
15) Der Sohn einer Magd. S. 87. 

— 13 — 









,AIs Johan abreisen woilte, sagte er zu Gustav (seinem Bruder); 

— Wir wollen Mama einen schönen Blumenstrauß kaufen. 

— Ja, das wollen wir. 



Als der Strauß fertig war, zog Johan seine Geldtasche und bezahlte ihn 
mit vierundzwanzig SchiUingen. Gustav ließ sich nichts merken. 

Als Johan nach Haus kam, überreichte er den Strauß mit einem Gruß 
von Gustav. 

Die Mutter war gerührt. 

Beim Abendbrot erregten die Blumen die Aufmerksamkeit des Vaters. 

— Die hat Gustav mir geschickt, sagte die Muner. Er ist doch immer nett. 
, Und Johan bekam einen traurigen Blid:, denn er war so hart. 

Des Vaters Auge schimmerte unter der Brille. 

Johan empfand keine Bitterkeit. Die schwärmerische Opferlust des Jüng- 
lings hatte sich geäußert ..." 

Sein scheuer Versuch, der Muner ein Geschenk zu machen, das sehr 
wohl die Kindbedeutung haben könnte, war mißlungen. Warum ver- 
ziditet aber der Knabe in so selbstquä]erisdier Weise darauf, sich als 
den Geber zu bekennen? Vielleicht hatte er ein böses Gewissen, da 
er versudit hatte, die Mutter für sich zu erobern, und die Furdit vorm 
Vater zwingt ihn. in dessen Gegenwart, den Verzicht zu leisten? Er 
spricht ja auch von schwärmerischer Opferlust! Dabei war es garnicht 
einmal in erster Linie der Vater, der sich ihm in den Weg steUte 
\ sondern eben jener Bruder, der Hysteriker. „Sein ältester Bruder wa^ 

! hysterisch . . . Dieser Bruder war der Liebling der Mutter . Es ist 

nun emmal so, daß das eine Kind mehr Sympathie erringt als das 
andere; weshalb, ist nicht zu entscheiden.-« Er mußte also sehen daß 
die Mutter trotz seiner sehnsüditigen Werbung ihn mißverstand' und 
einen andern mit ihrer Liebe bevorzugte, ihn verriet und übersah 
Dabei hatte er nidits anderes verlangen wollen als ein wenig Achtung 
/ "ßf^ ^i^de. Diese Enttäuschung hat sich in die Seele des Kindes ein- 

f gefressen imd seine Charakterentwicklung verhängnisvoll bestimmt, in- 

dem sie zum Ausgang eines dauernden Gefühls des Zurückstehen- 
mössens, ja der Unfähigkeit, das sidi später in der fortwährenden 
Furcht vor der Impotenz auswirkte, wurde, so daß er, trotzdem er 



iG) Der Sohn einer Magd. S. 13; vgl. Anm. 14, 

— 14 — 



sdion Kinder hatte, dennodi einen Arzt um Rat fragte. Mit Freud 
und Marcinowski" zu sprechen: diese „narzißtische Narbe" 
wurde zur Ursache eines starken Minderwertigkeitsgefühls, 
das ihn auch in den Phasen stärkster Produktivität nie ganz verließ. 
Vor allem aber entspringt hier sein Eiiersuchtswahn. Die ent- 
täuschte Liebe zur Mutter sdiafft sich in bitteren Haßanklagen Freiheit. 
Die Polarität von Zärdichkeit und Aggression tritt auf; und diese Haß = 
liebe = Ambivalenz beherrscht später sein gesamtes Liebesleben. 

Im Alter von zehn Jahren verliebte sich der Knabe in die neun- 
jährige Tochter des Rektors. Wie diese Liebe besdiaffen war, erfahren 
wir im „Sohn einer Magd": „Seine Liebe äußerte sich in einer stillen 
Melancholie. Er konnte niemals mit ihr sprechen und würde es nie gewagt 
haben. Er fürchtete sie und sehnte sidi nach ihr. Aber wenn ihn je- 
mand gefragt hätte, was er von ihr wollte, so hätte er es nidit sagen 
können." Hier werden sogleich die ganz ähnlidien Züge offenbar, die 
seine Liebeswerbung um die Mutter auszeichneten. — Mit etwa zwölf 
Jahren erwacht seine Sexuahtät zum Bewußtsein. „Sein frühreifer 
Kampf gegen die Begierden, indem er ihnen bald nachgibt und sie 
bald durch Askese überwindet, beunruhigt sein ganzes Dasein und 
bringt sein seelisches Leben aus dem Gleichgewicht. Der Gesdilechts- 
trieb in seiner idealen Form, das Weib und die Liebe, bindet ihn 
schon jetzt. Seine neue Flamme ist eine Zwanzigjährige, der er seine 
trübsinnige Madonnenverehrung widmet."'^ Madonnenverehrung 
ist in der Tat der redite Begriff für diese Art von Liebe, denn vor 
allem das Mütterliche kommt darin zum Ausdruck. Audi das Opfer 
taudlt wieder auf, das er der Mutter bradite. Er mÖdite sidi opfern, 
indem er sidi im See ertränkt, aber — und das ist bezeichnend — 
nur in Gegenwart der Geliebten. Auch hier eine Liebe ohne Begierde, 
ohne Aktivität und ohne Hoffnung, aber mit dem passiven Wunsdi, 
beachtet zu werden. Auch hier ein Unverstandensein. 

Nadi der Konfirmation wird er von einer schwärmerischen Neigung 
zu einer Kellnerin ergrifien, die eine solche durchaus nicht verdiente 
und ihn dauernd betrog, ihn selbst dagegen nicht erhöne. Seine unter- 

17) Vgl. Freud, Ein Kind wird gesdihgcn. Ges. Sehr. Bd. V, S. 361. 

18) Nils E r d m a n n, Strindberg. S. 86. , . , . - 



— 15 — 



" 



drüdcten sexuellen Regungen maditen sich in quälenden Träumen Luft 
und es ist überaus fesselnd zu lesen, in weldier Weise Sirindberg 
über diese Träume spridit: „Alle diese Träume sind ungesunde Hal- 
luzinationen, durdi unbefriedigte Triebe erzeugt, und sie werden ein- 
mal verschwinden. Dann werden die Menschen verständiger und glück- 
licher sein." Es ist wJrldidi so, wie Nils Erdmann meint, daß Strind- 
berg hier Freud antizipiert hat.'" — Diese Ideinen Liebeserlebnisse 
aber sind, so ausgeprägt ihre Eigenart schon ist, nur Vorspiele zu den 
Strindbergschen Ehetragödien. 

Mit 28 Jahren (1877) heiratet er die Baronin Wrangel, geb. Sin 
von Essen, die er 1875 kennengelernt hatte, und die sidi seinetwegen 
von ihrem Manne scheiden ließ. Das erste, was an ihr Strindberg fesselt, ist 
ihr Madonnenkopf mit dem goldgelben Haar. Diese erste Ehe 
schildert Strindberg selbst in der „Beichte eines Toren" (1888); weitere 
Aufklärung findet man in dem Briefwechsel von der Ehe „Er und 
Sie-. Jaspers bezeidinet die „Beichte eines Toren" als klassische SchU- 
derung eines psychiatrisch gut bekannten Typus von Eifersuchtswahn." 
Freud hat in seiner Schrift „Jenseits des Lustprinzips" geäußert- 
.Was die Psychoanalyse an den Überö-agungsphänomenen der Neu- 
rofker aufzeigt, kann man auch im Leben nicht neurotischer Personen 
wiederfinaen. Es macht bei diesen den Eindruck eines sie verfolgenden 
Schicksals, emes dämonischen Zuges in ihrem Leben "*• Diese Er 
schemungen zeigen sich auch bei dem narzißtischen Neurotiker Strind- 
berg m großer Schärfe; sie resultieren aus den übidinösen infantilen 
Beziehungen zur Mutter. Jede Liebesbeziehung zu einer geliebten Frau 
nimmt für ihn ganz zwangsläufig den gleichen Ausgang. Er versucht, 
die geliebte Frau allein zu besitzen, er fürchtet Rivalen, fühlt sidi von 
ihr betrogen und nicht verstanden, mißachtet und verfolgt. Jede der 
drei Ehen endet mit Scheidung, wobei die letzte von Seiten der Frau 
gelöst wurde. Diese beinahe unheimlich zu nennende Wiederkehr des 
ewig Gleichen mutet seltsam an. — Es wird nun darauf ankommen, 
die Konflikte dieser Ehe darzustellen. Wie bei seinen ersten Liebes- 
erlebnissen ist auch hier sofort das eine zu erkennen : er suchte nichts 
anderes i n der Frau als die Mutter; seine Neigung ist nach seiner 

19) Nils Erdmann. Strindberg. S. loi. 2o) Jaspers. S. 15. 
21) Freud Ges. Sdiriftcn Bd. VI, S. 208 ff. 

— 16 — 



eigenen Überzeugung zunächst gar nicht auf SinnÜdikeit gegründet. Da 
heißt es noch lange vor der Hochzeit von seinen Empfindungen : „Sie 
verkörperte also die jungfräuliche Mutter, die ich in ihr geahnt hatte . . . 
das war alles gerade so, wie ich es mir in meiner Jugend eingebildet 
hatte ; damals flößte mir ein junges Mädchen nur Verehrung ein, ohne 
jemals meine sinnlichen Triebe zu erregen."* Die Ehe ist ein über- 
flüssiges Band, ein Hemmnis, deshalb behält auch Strindberg seine 
Frau nadi der Scheidimg als seine Geliebte. Die reine Mutter, die 
Immaculata ist also sein Idealbild der Frau. Er wendet sich von ihr 
ab, wenii'sie sidi von diesem Ideal reiner Mutterschaft abkehrL Das 
ist schließlich nichts anderes, als das Erleben seiner Kindheit. Er sudit 
die Mutter für sidi zu gewinnen und an diesem Mutter-Kind-Verhält- 
nis soUte nicht gerüttelt werden. Die Mutter aber beachtete diese 
Forderung nicht, «betrog" ihn mit dem Bruder und dem Vater. Es ist 
denkbar, daß durch die Beobachtung hebesmäßiger Beziehungen zwi- 
sdien den Eitern und zwischen Murter und Bruder seme Verach- 
tung der Frau als Emanzipierter begründet wurde. Denn in der 
Emanzipation, d. h. der Entfernung der Frau vom natüriidien, 
mütterlichen Ideal, sah Strindberg nichts anderes als eine besondere 
Art der D irn en haf tigke it, der Prostitution, eine Einstel- 
lung, die sehr gut aus infantilen Reflexen herzuleiten wäre. Sehr selt- 
sam ist audi seine zeitweiüge Neigung, dieses Madonnenbild zu be- 
schmutzen; sie dürfte mÖghcherweise einen Haßausbruch gegen die 
mütterlidie Betrügerin der Kindheit bedeuten : „Ich berausche mich an 
derben Worten, an Wonen der Entweihung, die ich gegen die 
Madonna schleudere ; das ist das Krankhafte meiner unbefiiedigten 
Begierde."'" Er befreit sich von der Madonna, indem er eine 
Dirne aufsucht Es ist dabei interessant, daß Strindberg das 
Zwanghafte seiner Madonnenneigung zuweilen selbst verspürt 
und den Versuch unternimmt, sich dagegen zu wehren. Hierin wird 
aber zugleich eine sehr merkwürdige Ambivalenz ausgesprochen. Ob- 
wohl er nämlidi vor aUem darauf bedacht ist, die mütterliciie Liebe 
der Frau zu gewinnen, ist es gerade dieses mütterliche Element, das er 
mit der Zeit zu furciiten beginnt. Denn er erlebt : so, wie die Mutter 
mit dem Kinde spielt, so spielt die mütterliche Frau mit dem Manne, 

22) Beidite eines Toren, S, 43. 23) Beidiie eines Toren. S. 58. 
Bachlcr 17 _ S 



der ihr nur Kind sein wül. Wie die Mutter, so suggeriert auch die 
Frau ihm jenes Verpfliditungsgefühl, das bindet, d. h. das fortwährende 
Bewußtsein einer unauslöschlichen Dankesschuld. Nach einer Spanne 
glücklichster lUusion empfand Slrindberg stets dieses Gefiihl als uner- 
trägHch. In der höchsten Ausprägung dieser Eigenart wird das Weib 
ihm zum Vampir, zum Tyrannen, das, wie die Mutter, das Recht des 
Kindes auf eigene Persönlichkeit nidit anerkennen will, sondern es 
widersprudislos besitzen will. Das ist die Hauptgrundlage des Kampfes 
der Geschlechter, den Strindberg als unumgÜngUch erkennt. Der nach- 
haltigste Beweis für das Verhaftetsein Strindbergscher Liebesbeziehungen 
in infantilen, unbewußten Erlebnissen, dürfte durch das folgende Zitat 
erbracht werden. In dem Drama „Der Vater" bezweifelt der Ritt- 
meister die Echtheit seiner Nachkommenschaft, da seine Frau ihrer 
eigenen Mütterlichkeit gespottet hatte, um den Mann dem Wahnsinn 
auszuliefern. Er bricht in Tränen aus und es entwickelt sich folgendes 
aufschlußreiches Gespräch :'* 

^■J^TJ ^^""^ """' ""^'^ ^"^' ^^'"^ ^""^■' '^^ ^" ^'- Erinnerst du 
didi daß 3ch, als deine zweite Mutter, zuerst io dein Leben eintrat? Deinem 

£^ e^t^^lt" ""^r-u '^'^''". f' '''"="• "^"^ ^" "-^^ ^- Rie.enki„d. 

f'T% ^V" i~- '-^^^^^ ^^^' ^i^e^d.1e:or 

horchende; idi wuchs an dir fest sah 7,, Ai. t." t 

begaben We.„ ; i* ,.Ho,.„ ai, t Z tl ^IZZ^l^ 

ihr. Na«, »denen „„d Z V^^"'' o':tr'' ™ "*= °'™= 

,a.^,e .* ™., „„d de:„ u„L::r:rejr.rde:r£„t 

scnstase^ folgten, als hane da. BIu, Sdam geflhit. Die Mutier wurTe 

D.. mu^-^r : la, habe es ge,ehe„, aber nicht verstanden. Und wenn 

t/^f'w.l''f'^"l "'"" Unntännlichlceit bei dir zu ,ese„, wollte 2 
didi als We.b dadurdi gewinnen, daß ich Mann war 

Laura : Ja aber darin lag der Irrtum. Die Mutter war dein Freund 

stehst du, aber das Weib war dein Feind, und die Uebe zwisAen den 

üesdüeditem ist Kampf. 



34) Naturalistische Dramen. S. -^O fl. 



— 18 — 



Es ist in diesem kurzen Dialog beinahe alles enthalten, was bisher 
zu analysieren gelang; es ist darüber hinaus jedoch noch ein Zug von 
größter Wichtigkeit da, der auf den Ödipuskomplex unmittelbar hin- 
deutet, nämlich das Inzestmotiv und die Begründung der Inzestscheu; 
zugleich aber aucli noch die Quelle des Unzulänglichkeitsgefühls, der 
Impotenz geradezu, die Kastrationsfurcht, die aus der Bedrohung 
durch den Vater als Rivalen notwendig entstehen mußte. Dadurch, 
daß die Frau dem Manne die Echtheit der Nachkommenschaft zwei- 
felhaft macht, sein Kind gewissermaßen zurückweist (wie seinerzeit die 
Mutter das Blumengeschenk), muß sein Glaube an seine männliche 
Fähigkeit erschüttert werden. Einige Zeilen nach dem obenzitierten Ge- 
spräch wird noch einmal deutlich auf die Kastration durch Abhauen 
eines wichtigen Körpergliedes hingewiesen :"'' »Nun, wo ich die Hand 
ausstrecken wollte, um die Frudit entgegenzunehmen, haust du mir 
den Arm ab. Jetzt bin ich ehrlos und kann nicht länger leben, denn 
ein Mann kann nicht leben ohne Ehre." Wir wissen, daß Strindberg 
in der Tat, obwohl er schon Kinder gezeugt hatte, von der Furcht, 
impotent zu sein, dazu getrieben wurde, einen Arzt zu konsultieren. 
Im nächsten Kapitel muß in anderem Zusammenhang noch einmal von 
diesen Zusammenhängen gesprochen werden. 

Jetzt aber zurück zu den Verhältnissen der ersten Ehe Strindbergs, 
Die außerordentlich stark auftretende Eifersucht Strindbergs gegen Siri 
entbehrte gewiß nicht ganz der Ursache, denn sie war ihm in gewis- 
sem Sinne wirklich untreu. Sie besaß zweifellos stark homosc,,;'elie 
Neigungen, bei derea Betätigung sie von ihrem Mann auch mehrmals 
überrascht worden ist, wenn wir den Aufzeidinungen in der „Beichte 
eines Toren" in diesem Punkte Glauben schenken dürfen. Es findet 
sich dort eine große Zahl von Stellen, die darauf hindeuten ;'" zum 
Teil erscheint der Verdacht jedoch aus der Luft gegriffen. Allein, 
diese Gründe könnten auch keineswegs genügen, die maßlose Eifer- 
sucht Strindbergs voll zu erklären und voll begreiflich zu machen. 
Strindbergs Eifersucht nahm stets übersteigerte Formen an; es be- 
herrschte ihn, wie Jaspers meint, „ein typisdier Eifersuchtswahn als ein 
zeitweise in den Vordergrund tretendes Hauptsymptom, aber nicht ein- 

25} Naiuralistisdie Dramen. S. .5a. 

a6) Beidite e. T. S. 256 !'., 363 f., 274 f., 353, 356, 383 usw. 



»«* 



^_- 19 — 






ziges Symptom einer aus inneren unbekannten Ursadien wadisenden 
Geisteskrankheit"." Es ist die Neigung, sich immer in der Lage des 
Betrogenen und Abgewiesenen sehen zu müssen, die der Stäche! seiner 
Eifersucht ist, ein Reflex seiner infantilen Enttäusdiung, eine Art der 
SelbstquäJerei, die mit dem sadistisdien Trieb, der es auf die Sdiädi- 
gung des Objekts absieht, eng verbunden ist. Immer ist sein Liebes- 
erleben beherrscht von jener Haß— Liebe=AmbivaIenz, die wir schon 
an seiner Neigung zur Mutter entdecken konnten. „Und je mehr ich 
unter den Unarten meiner Mänade leide, desto mehr bemühe ich mich, 
den Kopf der heihgen Maria mit einem Heiligenschein zu vergolden ; 
je mehr die WirkHchkeit midi niederzieht, desto mehr begleiten mich 
die Halluzinationen, die ich mir von der geliebten Frau mache-.'« 
Unter Untreue der Frau versteht er schon jede Wegwendung vom 
Mutterideal; das rein erotische Moment spielt bei ihm stets, wie gezeigt 
wurde, eine untergeordnete RoUe. Die stärkste Abkehr des Weibes 
^-^^/r. von den natürlichen Pfllditen bedeutet aU das, was die Zeit Ibsens 

\und Strindbergs als „Emanzipation der Frau" verstanden hat. 
liJfK:^ Strindbergs zweite Ehe mit Frida Uhl (1893/95), die m dem 
W^ <J Budi „Entzweit - Einsam" (1902/03) ihre diditerisdie Behandlung 
f^^ ^1^" erfährt, fällt mit der furditbarsten Zeit in des Diditers Leben, der 

^^ Jnfemo^Krise" ' ungefähr zusammen. Auch dieses Budi ist eine nidit 

«rt^».<v - ganz ungetrübte QueUe. Die eifersüditige Angst, betrogen zu werden 
J^ l -- """^ ^"' unmännlid. zu gelten, nimmt in der Zeit dieser Ehe bereits 
^jf'- die gesteigerten Formen des Verfolgungswahnes an. Den ersten Kuß 
/t*jf. empiangt er von seiner zukünftigen Frau, statt ihn zu geben. Dadurdi 
fühlt er von neuem seine Männlidikeit beeinträditigt und angezweifelt 
Er spürt, daß die Frau ihm ihre Überlegenheit beweisen will. „Trot^ 
ihrer Liebe konnte sie nidit verbergen, daß sie ihn auf Gnade und 
Ungnade in ihrer Gewalt zu haben glaubte und zuweilen ließ sie es 
ihn merken."" Audi in dieser Ehe fand Strindberg ebensowenig wie 
in seiner ersten das, was er in der Frau sudite: die Mutter, die Ma- 
donna im Rosenhag, die sidi über ihr Kind beugt. Die Mutter war 
ihm der Ursprung, der zu verehren war! Als er statt der Mütterlidi- 
keit Tyrannei fand, „sd üug er zu, audi auf den empfindlichsten 

27) Jaspers S. ifio. 2S) Bdditc e. T. S. 379. 
23) Entzweit, S. 52. 

— 20 — 



^CujCi7<A I -nM^^l^ 



Punkt, den Kultus seiner toten Mutter; dieser Kultus ist nichts 
anderes' als die Verehrung, die der Wilde den Vorfahren zoUt. und 
müßte mit der Ehrfurdit vor den Alten abgesdiaflt werden, wenn 
man mit dem Fortschritt Ernst machen wiU."^** Es dauert nicht lange, 
so erblickt er in seiner Frau nur noch den Vampir, und ein bunter 
Wechsel zwischen Trennung und Wiedervereinigung beginnt. Die 
MadonnenroUe lag weder der ersten noch dieser zweiten Frau Strind- 
bergs, aber sie spielten sie ihm vor. Als er das entdeckte, was nicht 
ausbleiben konnte, witterte er Verfolgung und Verrat. Die deutlichste 
Art der Verfolgung, die er speziell gegen seine Person geriditet sah 
und übermäßig bekämpfte, war die Emanzipation. Er sagt darüber: 

,Gott war der entfernteste Ursprung ; als er fiel, griff man zu dem näch- 
sten der Mutter ... Es kann ja recht gut so sein, dann aber würde sie 
(die 'junge Generation) wenigstens die Mutter selber woUen, das wirklidie 
Weib vor dem der Mann, er mag noch so starker Geist sein, sich beugt, 
wenn' sie mit ihren Attributen, der Leibesfrudit und der nährenden Brust, 
auftritt ■ an diese Brust kann auch der kampfesmüde Hdd zuwcUen seinen 
schweren Kopf lehnen, um sich an seinen Ursprung zu erinnern. Aber die 
inngen haben ausgesprochen, daß sie die Mutter verachten, und sie haben 
an deren Stelle garstige sterile Entammg, die Amazone, den Blaustrumpf, 
aui den Schild gehoben."^' 

Die Krönung und das Band der echten Liebe, wie er sie zu finden 
hofit, ist für Sti^ndberg stets nur das K i n d. Ohne das ist die Liebe 
ohne Echtheitsbeweis. Darin spricht sich sddießhch nicht mehr und 
nicht weniger aus, als die Hoffnung, doch noch den Beweis seiner 
männlichen Potenz erbringen zu können, der in seiner Kindheit der 
Mutter gegenüber schmählich mißglückt war. Es zeigt sich in diesem 
Punkte besonders stark, wie sehr sein Minderwertigkeitsgefühl auf in- 
fantilen Erlebnissen beruht. Dieses Minderwertigkeitsgefühl hat aUer- 
dings im Ödipuskomplex noch eine zweite QueUe. auf die im folgen- 
den Kapitel näher einzugehen ist. Er fürchtet jetzt vor allem eins : 
man will ihn verrückt machen. Die Frauen woUen ihn für verrückt 
erklären lassen, weU er ihrem Verbrechen gegen die Mütterlichkeit auf 
der Spur ist. Diese Furcht, verrückt gemaciit zu werden, erscheint als 
gainiciits anderes als eine gesteigerte I m p o t e n z f u r c h t, wie es im 
Drama „Der Vater- deudicb zum Ausdi^dc kommt. Dort wird der Vater 

30) Entwidlung einer Seele. S. 31. 31} Eniwittlune e. S. S. E45. 

— 21 — 



-^ ^^^.U^iji^ ;^vr£^M>/,^ 




eben dadurch, daß man ihn dem Zweifel an der Echtheit seiner Nach- 
kommenschaft ausliefert, ihn gewissermaßen für impotent erklärt in 
den Wahnsinn getrieben. Strindberg wird beständig von soldrer Angst 
™n.g zu sein, verfolg,. Um das Problem der Emanzipation herum 
schneb Stnndberg seine EhenoveUen (1S85), in denen diese Fragen 
fast stets zu Ungunsten der Frau beanwonet werden. Im wesentliAen 
aber ,st d,e SteUung Strindbergs zur Frauenfrage durdiaus nicht als 
programmatisch wie etwa die Ibsens, den Strindberg als WeiberkneAt 
verachten zu müssen glaubte, anzusehen. Nur von der PsyAe Strind 
bergs ausgehend ist die Stellungnahme überhaupt zu begreifen. Sein 
Geschledtterhaß ts, nur denkbar als unmittelbare Folgeersdreinung 
semer Erfersucht und seiner Verfclgungsfurcht und hat keinerlei allge 
memgulfge Bedeutung. Wenn er Anlage zum Frauenhasser gehl, 
hatte, memt er selbst einmal." würde er natürii* keine Frau mehr 
angesehen haben, sondern hätte das ganze Geschlecht verurteilt ■ abe 
er war Frauenverehrer, und darum suchte er sofort eine ande;e auf 
.Hteraus ersteht man, daß sein Frauenhaß nitht dem ganzen Gesdtled,; 
als »I*em galt, sondern allein der Frau, die er gerade liebte die 
.hre Mutterhchke,. verleugnete und so ihn betrog. Leopoü von 
W.eses Buch Strindberg, Ein Beitrag zur Sozicloje .XiZ- 
ter (II. A. ,920) s,eht darum die Frauenfrage in zu allgemeinem Gc- 
s,<h«wmkd statt m dem ganz besonderen der strindbergsdten ?;* 
Es « garmdtt noug, zu erörtern, ob Strindberg recht hatte oder un 
redrt sondern ledtghch. warum er so und nidtt anders denken ^ußte 
Bet I sen hegt der Fall ganz anders! Der unmer stärker a fem . 
Verf Igungswahn Strmdbergs, der bald bemüht ist. überhaupt lein 
Berührung m,t anderen Mensdten mehr zu ertragen, madtt sAheßM 
jedes Zusammenleben, mcht nur mit den Frauen, unmüglich. Den HR 
den er zunächst nur seiner Frau und GMi^Kt^,, -, ' 

überträgt er sAließlithuA auf :^^J^ J^^^r^tl^ 
Am schledrthm unmoghch, in der Frau etwas anderes zu sehen alsX 

TSe^::T '''''' "^^' "* -'-'' - " f-i von Ha 'und 
Angst. Er betrachtet es geradezu als Strafe für die versudrte Emanzi- 

3f) Entwicklung c. S. 139. ' " 

33) Beidilc c. T. S. 375 und verschiedentlich in den EhenoveUen. 

— 22 — 



ruhevollste Zeit erlebt er, als er Vater eines kleinen Mädchens wird. 
Da fühlt er „unbegrenztes Vertrauen, nicht eine Spur von Eifersudit." 
Im Jahre 1894 sdireibt er: „Jetzt ist er zum zweiten Mal verheiratet, 
ist Vater eines hübschen kleinen Mädchens, sieht zehn Jahre jünger 
aus.'" Und dann noch einmal fühlte er Frieden in seiner Seele, als er 
in dem „glücklidien erotisdien Stadium" lebte, „das die verjüngende 
und alles versöhnende Ankunft dreier Kinder adelte und verschönerte.' 
Auf jeden Fall das Weibliche ins Mütterliche zurückbiegen zu wollen, 
war Strindbergs beständiges Streben, entweder dadurch, daß er be- 
wirkte, daß ein Kind kam, oder daß er selbst sich in die Rolle des 
Kindes fügt, indem er krank wird und mütterlicher Pflege bedarf. Selbst 
eine Krankenschwester kann für ihn dann die Rolle der Mutter über- 
nehmen. „Nadhdem idi ihr gedankt hatte, legte sie meine Decken 
zurecht. Wie gut sie sidi darauf verstand ! Und wie von ihr diese 
Wärme ausging, welche die kleinen Kinder an den Brüsten der 
Mutter suchen ... Ich bildete mir ein, wieder ein Säugling geworden 
zu sein. Ich sah meine Mutter, wie sie um mein Bett beschäftigt 
war und für midi sorgte.''^"' Auch seine Schwestern können ge- 
legentlich als Ersatz für die Mutter gelten : „Und als er seine Schwe- 
stern sah, von denen die älteste der Mutter glich, fühlte er ein so 
remes Gefühl für diese jungen Frauen, daß er alle Gefühle für andere 
Frauen für unrein hielt. "'^^ 

1895 wurde die zweite Ehe Strindbergs gesdiieden. Nach Jaspers 
Aussagen begann der sdiwerste Schub der Strindbergsdien Krankheit 
etwa 1894 und gmg 1897 in den Endzustand über. „In dieser Zeit 
macht Strindbergs Sexualität eine bei solchen Kranken öftei-s beob- 
achtete Wandlung durch. Die Krankheit kann phasenweise die Sexuali- 
tät auf das heftigste erregen oder gänzlich bis zur Friff tlität lähmen. 
Das letztere geschah vermutlich in diesen Jahren zeitwt.^c bei Strind- 
berg. Er hat geradezu eine Abneigung gegen das Sinnliche, eiträgt 
nidit die in der Geselligkeit üblichen Anspielungen und lockeren 
Reden . . ."* Es tritt hier das ganz scharf zutage, was im Laufe dieser 
Untersuciiung schon mehrfach festgesteUt we rden konnte, nämlJdi das 

34) Entzweit. S. i35- ' 35) Beiditc c. T. Nadiwon S. ito. 

. 36) Beidite e. T. S. 94 t 37) Entwii-klun^ c. S. S. 137. 



38) Jaspers, S. 7S. 



— 23 — 



geringe Interesse Strindbergs gegenüber der Frau als Libidoobiekt 
eben weil er in ihr nur das Mutterempfinden sudite 

Über die dritte Ehe Strindbergs mit der Sdiauspielerin Harnet 
Bosse (1901-1904) sind wir zu schlecht unterriditet. um sie analytisch 
betrachten zu können, dodi dürfen wir annehmen, daß die Verhältnisse 
m dieser Ehe die gleidien gewesen sein mögen, wie in den ersten 
beiden^ Auch d.ese Ehe, in der ein Kind geboren wurde, endete mit 
der Sdieidung, die diesmal von seiten der Frau betrieben wurde 

Im Sommer 190S erlebt Strindberg nodi einmal eine große Liebe 
seine letzte. Er war damals schon 59 Jahre alt, seine Auserwählte' 
Fanny Falkner, erst .8. Sie war Schauspielerin und Strindberg hiek 
sie für em Genie, das sie keineswegs war. Audi für die Erkemitnis 
der Zusammenhange dieser späten Leidensdiaft wissen wir nidit viel 
l-ast den einzigen Aufschluß gibt das kleine Budi Fanny Falkners 
Stnndberg im blauen Turm", das wohl rein mensdilidi das Sd^önste 
darst Ut, was ,e über den Diditer gesdirieben worden ist. Sidier ist, 
daß d,eA„ seiner Sdiwärmerei für Sin von Essen sid. in dieser neuen 
Liebe wiederholt, deren Talent er in ganz ähnlidier Weise über- 
sdiame Auc^ aus Fanny Falkner mödite er die Madonna madien; 
ein Schleier, den sie trägt, läßt ihn diesem Gedanken nachgehen. Er 
malt ihr Portrait mit dem blauen Sdileier in Pastell. Er sucht sidi 
durd, eine kunsthd. herbeigefühne Trennung von ihr zu lösen, aber das 
gdang mdit mehr. Es kam inde^en nid.t weiter als bis zur Ver- 
lobung die Ehe kam nidit zustande. Fanny Falkner war bedenklidi 
geworden; der große Alter.u„te.diied konnte ebenso wenig w^e dt 

mußtfs:- r"' ^^^^^^^^ - einer Ehesdiließung ennudgen. So 
mußt Stnndberg gewissermaßen nod. einmal in aller deuthdien '■ 

Sdiarfe die Enttausdiung erleben, die ihm von Kindheit an i„ Z. i 

Dmgen der Liebe zuteil wurde. Aber es ist. als hätte diese letzte Ent- '" 

tausdiung Ihn plötzlich klarsiditig gemadit. Er sdiien zu fühlen daß 
er bislang nicht dem rediten Ideal der Frau nadigejagt sei, den'n als 
er einmal mit seiner Braut auf dem Balkon steht und auf die volksieere 
Straße hinabblidct, da sagt er die merkwürdigen Worte: „Erst jetzt 
mit sedizig Jahren weiß idi, daß es das Weib ist, das anzieht.- 

39) Fanny Falkner. Strindberg im blauen Tunn. Mindien .923 S. 13^ 

— 24 _ 






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Also nidit mehr das als sexuelles Ziel nebensächliche Mutter- 
lum scheint ihm nun in erster Linie das Erstrebenswerte zu sein, 
sondern das rein Weibliche, Erotische, das sidi ihm in leuter, 
i, ■ höchster Gestalt in diesem jungen Mädchen verkörpert. 



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— 25 — 



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Der Vater - Die Mächte 

Der vorige Abschnitt dieser Untersudiung hatte zum wesentlichsten 
Inhalt die infantüen Beziehungen zur Mutter und die aus diesen Be- 
ziehungen ableitbaren späteren sexucUen Eigentümlichkeiten im Leben 
Strindbergs. Es konnte nachgewiesen werden, daß die Wahl der 
Mutter zum ersten Libjdoobjekt maßgebend und richtunggebend für 
die gesamte Triebentwidclung des Dichters bis ins hohe Alter hinein 
gewesen ist, indem die Sudit, in jedes Weib seine Mutter hinein- 
projizieren zu wollen, jede naturgemäße Entwicklung einer Ehe un- 
möglich madue, so daß ein Zusammenbruch unabwendbare Notwen- 
digkeit zu besitzen schien. Seine ganze Einstellung zur Frau ist kaum 
anders zu deuten als eben aus jenen infantüen Bindungen an die 
Mutter. 

War die Stellung zur Mutter für das gesamte Liebesleben Strind- 
bergs von ausschlaggebender Bedeutung gewesen, so war es die Be- 
ziehung zum Vater in Hinsicht auf die Entwicklung seiner Welt- 
anschauung und Religion. 

Es war natürlich, daß die starke Bevorzugung der Muner durch das 
Kind dessen Einstellung zum Vater wesentlich beeinflussen mußte. Es 
kormte nicht ausbleiben, daß der Knabe in seiner Liebe zur Mutter 

— 26 — 



den Vater als Rivalen empfand. Wir erfuhren im ersten Abschnitt 
einige Einzelheiten über die strenge und rigorose Art des Vaters, der 
fast immer im Hause bedrohlich anwesend war, und vor dessen Zorn 
sich die Kinder zu verbergen suchten. Er war für den jungen Strindberg 
ohne Zweifel ein Rivale, der zu fürditen war — und zu hassen. Die 
Grundbedingungen des Ödipuskomplexes sind hierin schon gegeben; 
nur gestalten sie sich im Verlaufe der Entwicklung etwas eigentümlich. 
Der Vater behandelt ihn verächtlich, besonders in Gegenwart der 
Mutter, der er ja gerade gelallig sein möchte, und er bestraft ihn in 
ihrer Gegenwart auch. Er bestraft vor allem seine inzestuösen Ab- 
sichten dadurch, daß er ihn willerdos machen mächte. „Du hast keinen 
Willen, so lautete es immer. Und damit wurde der Grund zu einem 
willenlosen Charakter gelegt." Zweifellos ist in dieser Absicht eine 
gewisse Kastrationsdrohung ausgesprochen, die Strindberg auch wohl 
als solche dunkel empfand ; und in dieser Bedrohung durch den Vater 
liegt die zweite wichtige Quelle für das stark ausgeprägte Minder- 
wertigkeiKgefühl, das Strindberg sein ganzes Leben hindurch begleitet. 
Die andere Quelle lernten wir schon kennen: es ist die Zurück- 
weisung durch die Mutter. Was die Art des Vaters der Mutter gegen- 
über angeht, so war er in Anwesenheit der Kinder immer mild; 
„dadurcii gewöhnten sich die Kinder daran, sie als die Geberin aller 
guten Gaben und den Vater als den aller bösen zu betrachten." Hier 
kommt neben dem Haß gegen den Vater auch eine gewisse Eifersucht 
zum Durchbruch. 

Die Ausprägung des Ödipuskomplexes erfährt nun aber im Falle 
Strindbergs eine besondere Wendung dadurch, daß es nicht in erster 
Linie der Vater selbst ist, der durdi die Erregung von Kastrations- 
befürchtungen den Rivalen zum Aufgeben der inzestuösen Neigung 
der Mutter gegenüber veranlaßt. Der Sieger im Kampf um die Liebe 
der Mutter ist vielmehr der schon genannte hysterische Bruder, dem 
er in selbstquälerischem Verzidit die Geliebte überlassen muß.*" Der- 
jenige aber, durch den er sich am meisten bedroht fühlt, ist stets der 
Vater. Er suchte Gelegenheit, den Vater zu verdrängen, zu beseitigen. 
Wahrscheinlich ist, daß er ihn sogar tätlich angriff.*' In der „Beidiie 

40) Vgl. Anm. 14 und iG. 41) Nach Damaskus. S. 68. 

— 27 — 



eines Toren" berichtet Strindberg: Jdi habe niemals ein Kind schla- 
gen sehen können, ohne in Zorn zu geraten; ich habe sogar bei 
einer solchen Gelegenheit die Hand gegen meinen Vater erhoben"." 
Bei jeder Gelegenheit, die sidi ihm nur bietet, versucht er, den Vater 
zu demütigen. „Als aber einmal der Achtjährige mit seiner lateinischen 
Übersetzung kam und um Hilfe bat, mußte der Vater eingestehen, 
daß er nicht Latein könnte. Das Kind fühlte die Überlegenheit, und 
es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Vater sie auch anerkannte."" 
Als der Knabe in die Schule kommt, übernimmt der Lehrer die Rolle 
des Vaters: „Nun verhält es sidi so, daß der Sdiüier eine ebenso 
einseitige Vorstellung vom Lehrer bekommt, wie das Kind von den 
Eltern. Der erste Klassenlehrer, den er hatte, sah aus wie ein Men- 
schenfresser in dem Märchen vom Däumling. Er schlug stets und sagte, 
er würde die Kinder so hauen, daß sie am Boden kriechen sollten"." 
Audi hier wird die Kastrationsfurdit angedeutet. 

Die Einstellung des Kindes zum Vater spielt bei dem spateren, vor ^H' 
allem beim alten Strindberg eine bedeutende Rolle in zwei Ersdiei- 
nungen seines Seelenlebens. Die eine betrifft seine Lebensu 
Sicherheit und gewisse Unfähigkeit, die andere seine Einstel- 
lung zu religiösen Problemen. Beide greifen in bestimmter Weise 
ineinander und hängen voneinander ab. 

Strindberg ist Zeit seines Lebens das gewesen, was die Theoloeie 
als Atheisten zu bezeichnen pflegt. Auch die Erlebnisse der sogenannten 
Infemo-Zeit, die eine weltansdiauliche Krise für Strindberg bedeutet 
haben daran im wesendichen njdits geändert, denn die scheinbare 
Wendung des Diditers zur Religion, besser zum Mystizismus, ist nur 
als psydiopathologische Erscheinung deutbar. Sie ist, es sei hier vor 
weggenommen, nichts anderes als der Ausdruck der Vaterangst und 
Vaterabwehr. Gott in seiner neutestamentiidien Ausprägung ist ihm 
zuwider. Wenn er einen Gott überhaupt anerkennen will, so kann 
es einzig der des Alten Testamentes sein. Dieser Gon ist nämlich ganz 
das, was auch der Vater Tür ihn war: die verhaßte und gefürch- 
tete, doch zugleich verehrte Autorität. Wie der Vater für ihn das 
Böse war, so ist es auch Go tt. Den strafenden Gott kann Strind- 

42; Bciditt eines Toren. S. 121. 43) Der Sohn einer Magd. S. 43. 

44) Der Sohn einer Magd. S. 3S 

— 28 — 



r ; 



berg verstehen; Gott der Schöpfer ist der Vater, der Erzeuger und 
darum verhaßt. In „Nach Damaskus" III, S. sog findet sidi eine in 
diesem Sinne aufschlußreiche Szene : Der Unbekannte sagt dort zu der 

Dame : 

„Nenne mich dein Kind, dann werde ich dich Heben . . . 
Die Dame: Du sollst nicht mich lieben, sondern deinen Schöpfer ... - 
Der Unbekannte: Er ist unfreundlich — wie mein Vaterl" 
Gott als die böse Macht wird dargestelh in dem Mysterium „De 
Creatione Et Sententia Vera Mundi", das dem Buche „Inferno" vor- 
ausgeht. Gott ist dort der „böse Geist, der Usurpator, der Fürst dieser 
Welt." Er ist ein Greis mit strengem Gesichtsausdruck, der fast böse 
zu nennen ist, mit einem langen weißen Bart und Hörnern wie der 
Moses des Michelangelo. Lucifer dagegen ist sein schönes Gegenspiel 
mit dem Heiligenschein. Diesen strafenden Gott, der ganz strafende 
Autorität ist, braucht Strindberg immer; er braucht ihn aus einem 
gewissen Strafbedürfnis heraus, das seine Hauptursadie wohl in 
der kindlidien Rivalität gegen den Vater und in der Übertretung des 
Inzestverbots besitzt. Dieses Strafbedürlnis wird oft genug offen von 
ihm ausgesprochen und erfährt in der Infernokrise seine deutlidiste 
Ausprägung. Ja, dieses Strafbedürfnis geht späterhin sogar so weit, 
daß er es auf keine Weise dulden mag, daß ein anderer für ihn die 
Sünde trägt imd büßt. Deshalb lehnt er auch die Persönlidikeit eine 
Christus ab. Vielmehr maßt er selbst sich zuweilen eine Christusrolle 
an. Es ist seltsam, wie dieser Mensch immerwährend zwischen seinem 
Haß und der daraus erwachsenden Angst hin und her gerissen wird. 
Alfred Polgar hat ihn einmal den , rachsüchtigen Dulder" 
genannt; das trifft in sehr feiner und sicherer Weise in den Kern der 
strindbergschen Seele. 

Es sei an dieser Stelle eine kleine Abschweifung vom eigentUdien 
Thema der Untersuchung gestattet, die indeß in der Tat nur eine 
scheinbare ist. Wer Strindbergs Schriften eingehend kennen gelernt 
hat, dem wird immer wieder ein höchst eigenartiges Verhalten Strind- 
bergs gegenüber Hunden aufgefallen sein, das zuweilen lächerlidi 
groteske Formen aufweist und gamicht anders deutbar ist, denn als 
eine unüberwindliche Angst. Im Zusammenhang mit der Aufhellung 
der Ersdieinungsformen des Totemismus hat Freud darauf hinge- 



-29- 







m 



wiesen, daß die bei Kindern häufig auftretenden Tierphobien ein 

Gemeinsames haben: „die Angst vorm Tier gilt im Grunde dem 

Vater, wenn die untersuchten Kinder Knaben waren und war nur auf 

das Tier verschoben worden."'' Freud zitiert einige Beispiele, die 

nahelegen, auch den Fall der strindbergschen Hundephobie unter 

diesem Gesichtspunkt zu untersucJien und letzten Endes auf Vaterfurcht 

zurückzuführen. In „Der Sohn einer Magd" berichtet Strindberg selbst, 

daß er beim ersten Bewußtwerden der Pubertät masturbiert habe - 

wir erfahren, daß er bei der Besdiäftigung mit diesen Dingen von 

einem seiner Brüder ertappt worden ist. Es wäre denkbar, daß dem 

Vater der Sachverhalt hinterbracht worden und Verbot und Strafe 

erfolgt wäre. Das eigenartig zasammengesetzte Gefühl, mit dem Strind- 

^berg sein Leben lang Hunden begegnet, die geradezu als deus ex 

'ö^ -^ ^^^^"'"'"^ '•" ""erwünschten Augenbhck eingreifen und die Handlung 

JWA /f "^'^ ^'"^"^ ^""^^^^^ ^""^ Schlechtesten wenden können, legt den Ge- 
ftrrr ri ^^^^^ ^^^^^ ^3ß ^j^^ ^ ^^^ ^^^ ^.^^ Übertragung vom Vater aus 

erfolgt sein muß. - Durch Beispiele läßt sich am nachdrücklichsten 
lür die Richtigkeit dieser Annahme plädieren. Einige der prägnantesten 
seien hier angeführt. Das Gefühl, das Strindberg Hunden gegenüber 
an den Tag legt, die für ihn Inkaraation niedr igstertierischer 
Leidenschaften sind, die hassenswert. aber unkontroUierbar sind 
und sich schließlich trotz aller Abwehr durdi ihr bloßes Dasein durch- I 

setzen, ist seltsam gemischt aus Angst und Respekt; ganz von dieser 
Art war ja auch sein Empfinden dem Vater gegenüber. Die Begeenune- 
mit einem Hund, der drohende Haltung zeigt, die sich Strindberg oft '^^k 
I genug nur selbst einbildet, kann ihn zu augenblicklichem Verzicht auf ^^Wl 
' jedes nodi so wichtige Unternehmen bewegen. Eine solche ganz wider- 
wärtig gesdiilderte Hundeszene, in der der Hund nach mannigfachen 
Versuchen, ihn zu beseitigen, doch Sieger im Kampfe zwischen Mensdi 
und Tier bleibt, findet man in dem Roman „Schwarze Fahnen" 
(Seite 270 ff.) In dem Roman „Die Gotisdien Zimmer" (Seite 277) ' 

liest man: „BeUende Hunde begrüßten sie, und Max schrumpfte vor 
Sdimerz zusammen"; im gleichen Buche finden sich noch mehrere 
solcher Stellen (Seite 34 f. u. 75). In der iur Strindberg sehr bezeidi- 

45) Fr e u d. Totem und Tabu. Ges. Sdiriften. Bd. X, S. 155. V^I. aud. E r d m a n n 
ö. 013 oben. 

^ i^ J /» r- — 30 — 



} / 



nenden Novelle „Tschandala* (Seite 8 usw.) spielen ebenfalls Hunde, 
die dort den Magister (Strindberg !) belästigen, eine überaus bedeutsame 
Rolle. Er spricht dort klar und kurz aus: „Ich verabscheue Hunde!" 
In „Inferno-Legenden" nehmen Hunde in ganz besonders aggres- 
siver Weise an der Entwicklung teil, indem sie geradezu als absichtlich 
zwingende und verbietende Wesen auftreten. Ein Hund bringt den 
Dichter zum sofortigen Umkehren von einem wichtigen Gang (Seite 65); 
ein andermal weicht er ebenfalls angstvoll und mit bösen Ahnungen 
vor einer bedrohlich aussehenden Dogge zurück (Seite 139). In der 
„Entwiddung einer Seele" finden sich krasse Hundeszenen ; Strindberg 
fühlt sich dort von seiner Frau mit einem Hunde betrogen. Es heißt 
dort {S. 255): „Wenn ich mich heute frage, wie ich jahrelang in den 
Ketten einer Frau habe leben können, die mich ... mit ihren Freun- 
dinnen und ihrem Hund bestahl, so schreibe ich das meiner Genüg- 
samkeit zu . . .", oder er sagt seiner Frau (S. 244): „Doch, liebes Kind, 
ich liebe dich immer, das kannst du mir glauben, aber ich verabscheue 
deinen Hund", worauf sie antwortet, „wenn du mich liebst, müßtest 
du auch meine Hunde lieben". „Von diesem Tage an wird das Un- 
geheuer im Schlafzimmer meiner Frau gefangen gehalten, und das von 
mir mit künstlerischem Geschmack ausgeschmückte Liebesnest ist in 
eine Hundehütte verwandelt." In „Nach Damaskus" werden Hunde 
vor dem „Unbekannten" (Strindberg selbst!) scheu, wenn er vorbei 
geht. Wie aus diesen wenigen Beispielen zu ersehen ist, ist das Symptom 
der Hunde ph ob ie bei Strindberg deudich ausgeprägt. Vor allem 
wird das Zwanghafte dieser Angst durch die groteske Ernsthaftig- 
keit bewiesen, mit der Strindberg diesen Tieren gegenübersteht. Ihm 
selbst ist das Unnormale dieses Absdieus zuweilen deudidi geworden, wie 
ihm überhaupt der Einblick in die Art seiner Krankheit lange Jahre 
vollkommen klar gewesen ist. In der „Entwicklung einer Seele" (S. 300) 
Uest man, was er über seine Hundeangst selbst sagt. „Kann es nicht 
Krankhaftigkeit, Neurose bei dir sein, wie mein Leiden, wenn ich 
einen Hund heulen . . . höre ?" 

Nadi dieser kleinen Abweichung vom Hauptthema dieses Kapitels 
wenden wir uns wieder dem religiösen Problem zu. Es ist gezeigt 
worden, wie schon in der Frühzeit sich der Vater begriff mit dem 
Gottes begriff vereint. Dieses Ineinanderverwobensein der beiden 

— 31 — 



Begriffe tritt indessen in seinem ganzen Umfange erst in den Jahren 
der Infemokrise, also etwa in der Zeit von i8g6 — 189S, ein. 1896 
bricht, wie Jaspers ausführt, die Zeit des kontinuierlichen Wahnsinns 
fijr Strindberg an. Es war die Zeit der Vereinsamung, Menschenfurcht 
und der mystischen Erlebnisse, die seine gesamte Weltanschauung ein- 
sdineidenden Wandlungen unterwarfen. Im Beginn dieser Phase erlebte 
CT eine plötzlidie neue Sehnsucht nadi der Frau, die durch die Krank- 
heit des Kindes erregt wird. In den Kohlen des Kamins, die auf 
abenteuerliche Weise gestaltet erscheinen, glaubt er „eine Madonna mit 
dem Kinde, im byzantinisdien Stil" zu erblicken. Er meint, „daß eine 
Wirklichkeit hinter diesem Spiel der trägen Materie und des Feuers"*' 
stünde. In „Nach Damaskus", in dem ein großer Teil der seelischen 
Erlebnisse dieser Zeit seinen Niedersdilag findet, sdiildert der Diditer 
eine Vision, die die schon ausführlich besprochene Weib = Mutter- 
Identifizierung noch einmal ins Gedäditnis zurückruft. Dort ersdheint 
ihm seine Frau, „Die Dame" imd spridit zu ihm: 

„Idi bitte, bei der Liebe, die uns einst vereinigte, bei der Erinnerung an 

das Kind, das uns verband; mit der Madit der Liebe einer Mutter 

Muner, Mntter, Mutter — denn so habe idi dich geliebt, du verintcs Kind, 
das idi in den dunklen Verstedten des Waldes gesudit habe und das idi 
sdiüeßlidi verhungert wiederfand, verwelkt aus Mangel an Liebe! Komm 
zurück, Sorgenkind, und birg dein müdes Haupt an meinem Herzen, wo 
du geruht hast, ehe du das Lidit der Sonne sdiautest ! {Sie verwandelt sich 
in dieser Szene so, daß ihre Tradit fällt und sie als ein weißgekleidetes 
Weib mit aufgelösten Haar und einem üppigen, mütterlidien Busen dasteht). 

„Meine Mutter!" ruft er aus, worauf sie entgegnet: „Ja, Kind, deine 
Mutter! Im Leben durfte idi didi niemals liebkosen — der Wille hoher 
Mächte verwehrte es . . . warum ? Idi erkühne midi nidit, es zu 
fragen . . ."" 

Diese Stelle zeigt zweierlei deutlidi: einmal die inzestuöse Neigung 
zur Mutter, — es handelt sidi hier durchaus um eine Wunsdierfiillung 
in der Form einer Vision, — dann aber auch die Angst vorm Vater, 
der diese Neigung verbietet imd verwehrt. Damit sind wir bei der 
neuen Vateridentifizierung angelangt, bei den „Mächten". Es ist also 
zunächst vonnöten, darzulegen, auf welche Weise Strindberg zu diesem 
seksamen Begriffe gelangte. 

46} Inferno. S. 45. 47) Nadi Damaskus III, S. 3!g. 

— 32 — 



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Bei Jaspers heißt es;'" „Schon im Januar 1895 glaubt er (Strlnd- 
berg): «die Hand des Unsiditbaren" zu spüren. Er liest Balzacs 
„Seraphita" und lernt in diesem Buche zum erstenmale Swedenborgs 
mystische Philosophie kennen. „Alles, was mir geschehen ist, finde ich 
bei Swedenborg: die Angstgefühle, die Brustbeklemmung, Herzklopfen, 
den Gürtel, den ich elektrisch nannte, alles ist da."*" 

Mit Swedenborg lernt Strindberg an geheime Kräfte und Sug- 
gestion glauben, und es wäre in der Tat fast richtiger, für Mächte 
Kräfte zu setzen, denn nichts anderes stellen sie dar. AUtägliche Ereig- 
nisse, Funde, Begegnungen gewinnen für seinen Geist jetzt den Sinn 
unfaßbarer übersinnlicher Manifestationen. Bei Swedenborg findet Strind- 
berg die Parallelen zu seinem eigenen Leben, seinen Nöten und Ängsten; 
vor allem aber werden diese geheimnisvollen Mächte für ihn zu einer 
neuen Vateridentifikation. Seine völlige Unterwerfung unter die Mächte, 
die eine unantastbare, sdiicksalhafte, strafende, verfolgende, ganz selten 
auch belohnende Vaterautorität darsteUen, geschieht nämlich aus emem 
unüberwindlichen Strafbedürlhis heraus, das als Resultat der aus dem 
Ödipuskomplex entstandenen Sdiuld anzusprechen ist. Es emsteht aus 
der infantilen Rivalität gegen den Vater, dem Wunsch nach dessen 
zeitweiliger Beseitigung, dem Todeswunsch und dem Mutterinzest. Die 
zeitweise Auflehnung gegen die Autorität der Mädite bedeutet nichts 
anderes als einen erneuten Widerstand gegen die väterliche Gewalt, 
der soweit geht, daß er selbst sich die Befugnisse der Mächte anmaßt, 
mit anderen Worten sich an die Stelle des Vaters setzt, ein Unter- 
fangen, das ihm in seiner Kindheit schmählich mißglückte. Eine solche 
j^jybrisjden Mächten gegenüber bleibt denn auch niemals ungestraft; 
^ sie^chen sich nur mit umso härterer Strafe, indem sie sidi der Phan- 
tasie bemächtigen. Sie strafen auch durdi Laster, denn Laster smd 
Strafen für „Sünden höherer Ordnung". 

Für die Richtigkeit der Annahme, daß die Mächte in der Tat nichts 
anderes darstellen als eine Vateridentifizierung, spricht außer den Schluß- 
worten der Vision in „Nach Damaskus" (vgl. Anmerk. 47) der Aus- 
sprudi aus dem Jahre 190S : „Meinen Vater empfand ich stets 
als eine feindliche Macht!" (Vgl. Erdmann, S. 69). Es ist die böse 



46) Iiilcrnu b. 27. 49} Inlerno S. 191 Ö. 

_ 33 — 



Bachler 






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Macht des Vaters, die ihm die Liebe zur Mutter verbietet und die droht, 
ihn willenloszu machen, ihn mit Kastratton zu bestrafen. Diese beiden Eigen- 
schaften des Vaters zeichnen auch vor allem die Mädite aus. Ihre Gewalt setzt 
sich zusammen aus Verbot und Strafe. Das Verbot geht zurück auf die 
eine Haupterscheinung des Ödipuskomplexes, den Mutterinzest, die 
Furcht vor Strafe in der Hauptsache auf den Todeswunsch gegenüber 
dem Vater. Aus beiden Vergehen resultiert schließiidi das ungeheure 
Schuldgefühl, das hinter allen seeHschen Erlebnissen Strindbergs steht, be- 
sonders während der kritischen Infemoperiode. 

Die verbietende Rolle der Mächte zeigt sich besonders hinsichtlich 
der dichterisdien Produktion Strindbergs, zuweilen aber auch bei ganz 
alltäglichen Unternehmungen. Es ist also so, daß sich das autoritative 
Verbot der Mädite den Triebanforderungen hemmend entgegenstellt, 
und daß zu seiner Umgehung oder Überwindung besondere Opfer vonnÖten 
sind. Diese Opfer spielen eine bedeutsame Rolle. Audi dem Vater, 
oder seinem Stellvertreter, dem hysterischen Bruder, mußte ja der junge 
Strindberg das Opfer seiner Liebe zur Mutter bringen. Oskar Walzel 
hat einmal formuliert : „Dem Neurotiker stellt das Leben immer wieder 
neue Leistungs- und Anpassungsforderungen. Anderseits haftet er zum 
Teil unbewußt am Alten, an der Gewohnheit, am Gattungsmäßigen, 
von dem er herkommt, an der Vergangenheit und ihrer Autorität. Der 
Progression zur Leistung und zur unabhängigen Persönlidikeit steht 
entgegen die Regression ins Kinderland, in die Madit der Vergangen- 
heit".'"' Das aus Vaterangst und Triebverzidit entsprungene Minder- 
wertigkeitsgefühl Strindbergs äußert sich meist in der Unfähigkeit, ein 
Werk zu voOenden oder überhaupt zu be^nnen. In der Infemokrise 
wird diese Ersdieinung besonders stark und hier wird deutlidi, daß 
ein geheimes Verbot des Über-Idi vorliegen muß. Immer wieder sieht 
man, daß Strindberg auf den Beginn eines neuen hterarischen Werkes 
verzichtet und die damit verbundene Wunscherfüllung aufschiebt. Zu- 
meist erscheint ein soldies zwanghaftes Verzichten zunächst nur als Folge 
gewisser äußerhch hemmender Umstände, bald aber erkennt man den 
seelischen Mechanismus hinter diesen Zufälligkeiten. In den „Legenden" 
liest man: „Um mich zu zerstreuen, will ich anfangen, an dem Buch 



*\ 



50) Gebalt und Gestalt im Kunstwerk des Dichters. S. III. 

— 34 — 



^>^Kr- 



Jnfemo' zu schreiben; aber das wird mir nicht gestattet. Sowie idi 
die Feder anfasse, ist das Gedächtnis wie ausgelöscht, und ich kann 
mich an nichts mehr erinnern; oder alles erscheint als Begebenheiten 
ohne eine Spur von Bedeutung.""' Fragt man aber danach, wer denn 
eigentlich das Unternehmen verbietet, so erkennt man, daß es eben 
die Mächte sind, mit denen er zu jener Zeit im Kampfe lag und die 
wir als Vateridentifizierung erkannten. Die Triebbefriedigung, die für 
den Dichter in der Schaffung eines neuen Werkes begründet liegt, 
wird versagt oder kann nur auf dem Umwege über eine Anzahl von 
Bußübungen, freiwilligen Verziditleistungen, die im Verlauf des Prozesses 
immer sdiwieriger und drückender werden, erreicht werden. Zunädist 
kann der Verzicht auf eine verhältnismäßig geringfügige Gewohnheit, 
wie den Genuß der täglichen Tasse Kaffee, schon die Befreiung vom 
Verbot der Vater-Mächte bringen, späterhin werden bedeutendere Opfer 
verlangt, z. B. Verzicht auf jede Freiheit, völlige sexuelle Enthaltsam- 
keit, Führung eines mönchischen Lebens in der Dachkammer. Sind 
diese Opfer gebracht, löst sich die Hemmung, Als Strindberg auf den 
Genuß des Kaffees, der für ihn ein unentbehrliches Stimulans darstellte, 
verzichtete, konnte er beruhigt an die Arbeit gehen. Er schreibt: „Ich 
brmge ihn (den Kaffee!) als Opfer den Mächten dar, und von 
diesem Tage an trinke idi Schokolade, ohne zu murren."'* Er beginnt 
die Arbeit, und am 25. Juni ist das Buch „Inferno" fertiggesdirieben. 
„Wenn ich die bösen Leidenschaften bekämpft habe und durdi Ent- 
haltsamkeit zu einem gewissen Frieden des Herzens gelangt bin, 
empfinde ich eine Selbstzufriedenheit, die mich über meinen Nächsten 
erhebt."" Man erkennt, daß das Resultat des Selbstverzichts schließhch 
doch ein Triumph über die Mächte ist, denen die Aufhebung des 
Verbotes gewissermaßen abgelistet wird. Strindbergs Entsagungsgelübde 
und Opfer sind in der Tat von der Art, die Theodor Reik definiert 
als „ein den höheren Gewalten (hier den Mächten) gegebenes Ver- 
sprechen, auf eine Triebbefriedigung zu verziditen, um eine andere, 
höher geschätzte erfüllt zu sehen."** Auch bei seinen chemischen Ver- 

.51) Legenden S. 326 unierm 2S. Februar. ^ 

52) Legenden S. 332 unierm 13. Mai. 53) Inferno S. 202. 

54) .Erfolg und unbewußte Gewissensangst." Die psydioanalytisdie Bewegung I, 1, 
1929, S. 62. 

-35 - ,r 




suchen, — Strindberg befaßte sich viel mit Goldsynthesen, — spielt 
das Verbot der Mächte eine große Rolle. Er sieht den geglückten 
Versudi schon vor Augen, da tritt im letzten Augenblick ein Ereignis, 
eine Zufälligkeit, wie er meint, auf, die das Ergebnis zunichte macht. 
Er meint dann: „Der böse Wille der Mächte unterbrach die Voll- 
endung des Versuchs."" Überhaupt verbieten die Mächte grundsätzlich 
das Forschen in verbotenen Dingen, was für den ausgeprägten For- 
schergeist Strindberg eine Ungeheuerlichkeit bedeutete. Dieses Verbot weist 
wieder auf die Beziehung zu infantilen Erlebnissen hin ; es war ja der Vater, 
der audi das Forschen und die Beschäftigung mit verbotenen Dingen 
untersagte und bestrafte. Dieses Verbot der Mächte bezieht sidi vor 
allem auf sexuelle Dinge. Sie verbieten die Liebe. „Keine Liebe 
mehr! Das ist die Losung, welche die Mächte mir ge- 
geben haben."*' Und: „Ich habe den Wink verstanden: es ist ver- 
boten, in den Geheimnissen der Mächte zu forschen."^' Strindberg hat 
die Bekanntschaft einer Dame gemacht, die ihn aber dann im Stiche 
läßt. Er sucht nadi dem Grund für ihr treuloses Verhalten und findet 
ihn schließlich in einem Verbot der Mächte. Die Mächte haben also 
die Begegnung zu hintertreiben gewußt. Die Identifizierung mit dem 
Vater, der sich ja auch hindernd zwischen ihn und die Mutter stellte, 
wird hier wiederum klar. Nur daß das Verbot jetzt so stark wirkt, 
daß er bereit ist, auf jede Liebe überhaupt zu verzichten, um die 
Vatermächte zu besänftigen. 

Es liegt im seeHschen Mechanismus der strindbergstäien Krankheit 
begründet, daß er durch alle diese Opfer und Entsagungen durch- 
aus nicht etwa ruhiger und glückUcher wird. Die Opfer werden immer 
schwerer tragbar und im gleichen Maße wächst das Schuldbewußtsein, 
dessen Quellen aufgezeigt wurden, ins Unermeßhdie und wird immer 
drückender. Dieses Schuldbewußtsein ist die wichtigste Grundlage 
seines späteren Verfolgungswahnes ; er fühlt sich mit großem Recht 
dem Tode geweiht und ist beständig auf der Flucht vor ihm. In jedem 
Menschen, mag er sich ihm noch so harmlos und freundschaftlich 
nahen, sieht er sdiheßhdi ein Vollzugsorgan der strafenden Vater- 
gewalt und antwortet auf bloßen Schein hin mit den haßerfülltesten 

55) Inferno S. 57. 

56) Inferno S. aS. 57) Legenden S. 336. 

— 36 — 



Verfolgungen. Sem ungeheueres Schuldbewußtsem schildert er selbst 
an vielen Stellen seiner Werke. „Und dann die Gewissensbisse! 
Früher, als ich mich selbst für verantwortlich ansah, war es nur die 
Erinnerung an begangene Dummheiten, die midi peinigte. Jetzt ist es 
das Böse selbst, meine schlechten Handlungen, die meine Geißel aus- 'J,f' ' 

machen. Und zum Überfluß ersdieint mir mein vergangenes Leben .. C-Tj^ ■ • 
als ein einziges Gewebe von Verbrechen, wie ein Gewirr von Gott- ^^ ,.^^ 1 
losigkeiten, Bosheiten. Mißgriffen, Grobheiten in Wort und Hand-^ ^^^^^^ 

lung ... Id. wundere midi, daß midi jemand hat heben können. CU^^ , 

Idi klage midi aUes Möglidien an; keine Niedrigkeit, keine widrige ;ff^^ ^,^^ . 
Handlung, die nidit mit sdiwarzer Kreide auf dem weißen Sdiiefer ,,^^/r^ 
steht Idi werde von Entsetzen vor mir selbst erfüllt und modite^ C^- 

sterben. Es gibt Augenblid^e. da die Schamröte das Blut m meme - 
Wangen jagt, bis in meine Ohrläppdien. Selbstsudit, Undankbarkeit, ^ 

Grofl, Neid. Hodimut führen ihren Gespenstertanz vor memem er- ^ 

waditen Gewissen auf.- Der Gedanke sterben 2u müssen, laßt sidi 
i nidit mehr aus seinem Hirn entfernen. Der Wunsd. zu sterben und 

1 die Angst vorm Sterben sind seltsam und bisweUen sogar kaum trenn- 

bar vermisdit. Die Beschäftigung mit dem Tode geht soweit, daß er 
damit experimentiert. Jd. lese eine köstlidie Arbeit, „Die Freude zu 
sterben-, und der Wunsdi wird in mir wadi. diese Welt ^u ver- 
lassen. Um die Grenze zwisdien Leben und Tod kennen zu lernen, 
lege idi midi aufs Bett, entkorke das Fläsdidien mit Zyankai. und es 
verbreitet seinen tödlidien Duft. Er näliert sidi, der Mann mit der 
Sense: ein mildes Gefühl, eine WoUÜst überkommt m.di; aber im 
letzten Augenblidc tritt immer jemand oder etwas unvermutet da- 
zwisdien: der Diener kommt unter irgendeinem Vorwand, eine Wespe 
fliegt zum Fenster herein. - Die Mä^te weigern mir die einzige 
Freude, und id. beuge mid. ihrem Willen. "=" Hier drängt sidi in das 
Todeserlebnis aber nod. etwas anderes hinein, was sdion analysiert 
wurde, nämlid. derWunsdi, durd. den Tod in den Mutterleib zurüdt- 
kehren zu dürfen, denn das war das infantile Liebesziel Strindbergs 
der Mutter gegenüber. Es wurde damals vom Vater verhindert, ebenso 
wie jetz t die Mädite es sind, die die Tode swunsdierfüUung versagen. 

5S) Legenden S. 33S/39. 

59) Inferno S. 88 ; dasselbe Experiment wird wiederholt: Legenden b. 294 1. 

, cr^ — 37 - 



iL 



n 



Das Todesmotiv wird wieder auftauchen, wenn von den Mäditen als 
strafende Autorität zu reden ist. .. 

Strindberg: selbst erkennt, daß bei ihm eine krankhafte seelische 
Störung vorhanden ist. Im Schicksal des Don Juan erkennt er Parallelen 
mit dem eigenen wieder. „Dies ist etwas wirkhdi Erlebtes: ich kenne 
mich darin wieder, und ich leugne nicht, daß eine Geistesstörung vor- 
handen ist, aber ich sehe jemand dahinter."** Was er dahinter sieht, 
sind die Vatermächte, die ihn willenlos machen wollen, weil er sidi 
gegen sie auflehnte. 

Bis hierher war die Rede von der verbietenden und opferfordern- 
den Gewalt der .vlächte ; es wird nun nötig sein, ihre andere Eigen- 
schaft, die strafende kennen zu lernen. Verbot, Opferforderung 
und Bestrafung, das waren ja auch die Machtmittel des Vaters. 

Es war schon davon die Rede, daß Strindberg sich stets von einer 
Unzahl von Feinden bedroht fühlte. Eigenartig ist, daß diese Feinde 
nur anfangs faßbar sind als einzehie bestimmte Personen. Er bridit 
mit einzelnen Freunden. Tatsächlich sind gar keine Feinde vorhanden. 
Als er in Paris ist, glaubt er sich verfolgt von dem Russen Popoffski, 
hinter dem sidi in Wahrheit sein Freund Przybyszewski verbirgt. Er 
glaubt, dieser wolle ihn töten, sein Schüler, der ihn „Vater" nannte." 
Und er meint: „daß er jetzt gekommen ist, tröstet mich, denn der 
Tod allein kann midi von der Gewissensqual befreien." Die An- 
spielung auf den Vater zeigt den seelischen Medianismus dieses Er- 
lebnisses. PopofFski, der ihn seinen Vater nannte, vollzieht an ihm die 
Ersatzstrafe, die sein Schuldbewußtsein verlangt. Er selbst ist der be- 
drohte Vater. Warum aber glaubt er, daß der Russe ihn verfolge? 
Weil er seine Geliebte vor ihm besaß. Wie kann Strindberg auf diese 
Tat antworten? Nicht anders als der Vater es getan hatte, durdi 
Kastrationsdrohung. Daß das richtig ist, beweist ein Erlebnis, das in 
„Inferno" berichtet wird: 

,Im Atelier des Dänen — der Hund bewadit es nidit mehr! be- 

traditen wir ein Porträt PopofFskis. das vor zwei Jahren gemalt ist. Es ist 
nur der Kopf, durdi eine Wolke abgesdmitten, und darunter Totea- 
knodien, wie man sie auf Grabtafeln sieht. Der abgesdinittene Kopf madit 



(io) Legenden S. 34.0. 
61) Inferno S. 63. 



~ 38 



uns schaudern, und mein Traum vom dreizehnten Mai bedrudct midi wie 
I- ein Gespenst."*' 

t Dort heißt es, übrigens unterm 14. Mai: 

f' Jn der letzten Nadit habe ich einen Traum gehabt. Ein abgehauener 

I Kopf war dem Rumpf eines Menschen angepaßt, der wie ein durch Trunk- 

sucht heruntergekommener Schauspieler aussah. Der Kopi fing an zu 
sprechen: ich hatte Furcht und stieß meinen Bettsdiirm um, einen Russen 
vor mir hersdiiebend, ... In derselben Nadit sticht eine Mücke mich, und 
icii töte sie. Am Morgen ist die Fläche der rechten Hand mit Blut be- 

p spritzt"."" 

Mit beiden Kastraüonsträumen ist also der Russe Popoffski gemeint. . 

j Er, Strindberg der Vater, vollzieht an ihm die Strafe für die 

f^ ödipustat. 

AllmähUch verlieren die Gestalten der Feinde ihr bestimmtes Ge- 
sicht, an ihre SteUe treten jetzt „Schwarzkünsder, Magier, Theosophen, 
Elektriker", die nicht zu fassen sind und ihn doch immer umlauern. 
Diese Entpersönliciiung geht indessen noch viel weiter bis zu einer 

A vöHigen Entmaterialisaüon. Das endliche Produkt dieses Vorgangs sind 

^ eben die „Mächte", denen Strindberg Unredit zugefügt hat und von 

denen er nun ganz folgeriditig erwarten darf, daß sie ihn strafend 
verfolgen. Eigenartig ist, daß dieser ganze Prozeß in den aditziger 
Jahren, kurz nadi dem Tode des Vaters einsetzt. 

f' Anfangs wehrt sich Strindberg durch Trotz und Niditbeaditung 

gegen die Mächte, aber je mehr er sich ihnen widersetzt, je größer 
seine Vermessenheit, seine Hybris ihnen gegenüber wird, um so 
empflndlidier rächen sie sich mit ihren Slrafmitteln. 

Strindberg litt an einer ganz besonderen Art von Anfällen, die 

^ er als die Strafe und Verfolgung der Mächte ansah. Der erste solche 

Anfall läßt sidi bei ihm deutlich zum ersten Male im Alter von 
2 1 Jahren nachweisen, als er eines seiner ersten Dramen auf der Bühne 

V sah. „Johann hatte das Gefühl, als stehe er unter einer Elektrisier- 

maschine. Jeder Nerv zitterte, seine Beine schlotterten, <üe Tränen 
flössen die ganze Zeit über vor Nervosität."** Aus dem Jahre 1882 
wird ein deuüidier Anfall berichtet. „Gelähmt, zu Boden geschlagen 
bleibe ich auf dem Sofa liegen, betrachte meine spielenden Kinder, 

l 62) Inferno S 77- ^3) Inferno S. 69. 

64) Sohn einer Magd S. 43. 

— 39 — 



,.. .<._ 



denke an die schönen Tage der Vergangenheit und bereite mich auf 
den Tod vor. Aber ich lasse nichts Schrifdiches zurück, denn ich wiU 
nicht die Ursachen meines Todes und meinen dunklen Verdacht auf- 
decken."« Bemerkenswert ist hier vor allem, daß er schon jemanden 
hinter diesen Anfällen als treibende Kraft wittert. In der Folgezeit 
wechseln nun ruhige Zeiten mit immer neuen Schüben. 18S2 befällt 
ihn ein besonders heftiger Anfall. „Mit der Feder in der Hand am 
Tisch sitzend, fiel ich um ... Das Fieber schüttelte mich, wie man ein 
Federbett schütteh ; packte mich bei der Kehle, um mich zu würgen; 
setzte mir das Knie auf die Brust; erhitzte mir den Kopf so, daß meine 
Augen aus ihren Höhlen zu treten sdiienen. Idi war in meiner Dach- 
kammer aUein mit dem Tod . . . Aber ich woUte nicht sterben ! Ich 
leistete Widerstand, und der Kampf wurde hartnäd:ig. Meine Ner- 
ven wurden schlaff, das Blut rann durch die Adern. Mein Geliirn zap- 
pelte wie ein Polyp, den man in Essig wirft. Auf einmal war ich 
überzeugt, daß ich diesem Totentanz unterliegen werde ; ich ließ los, 
fiel nach hmten über und ergab mich den schrecküchen Umarmungen 
des Ungeheuers. Sogleich bemächtigte sich eine unsagbare Ruhe meines 
Wesens, eine wollüstige Erschlaffung überlief meine Glieder, 
ein vollkommener Friede umfing Seele und Leib . . . Und mit welcher 
Inbrunst wünschte ich, daß es der Tod sei ! Nach und nadi verging 
mir der Wille zum Leben. Ich hörte auf zu prüfen, zu fühlen, zu 
denken. Ich verlor das Bewußtsein.««« Dies ist schon ein für' die 
spätere Zeit des Hauptstadiums typisdier Fall. Auf die Abwehr, den 
Widerstand folgt die Verschärfung des Angriffs, die Todesfurcht und 
der Todeswunsch, endlich die woUüstige Erschlaffung, die Befriedigung 
und Befreiung. In der Infemozeii sind die Symptome der AnfäUe am 
vielfältigsten und drastischsten. Er glaubt da vor aÜem, daß die Machte 
ihn mit elektrischen Strömen verfolgen; der „elektrische Gürtel" spielt 
eine große Rolle. Er hat eme unüberwindliche Angst vor Elektrisier- 
maschinen, und in allerhand verworrenen oder unverständhchen 
Metallmassen wittert er elektrische Apparate.*' 

„Drei Stunden liege idi wadi, ohne den Sdilaf zu finden, der sonst nidit 
aui sich warten läßt. — Da schleicht sidi ein beunruhigendes Gefühl durdi 



1: 
1 



* 



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65) Beidile eines Toren S. 390 f. 

66) Beichte eines Toren. S. 390 f. 



67) vgl Inferno S. 96, 99. 146, 1S6. 



— 40 — 



68) Inferno S. 92 f. 69) Eine ähnliche Vorbereitungsszene s. auiii Inferno S. 160. 
70) Inferno, S. 99 ff. ji) Inlerno S. löl. 

— 41 — 



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\ 



meinen Körper: ich bin das Opfer eines elektrischen Stromes, der zwisclien 
den beiden beoadibarten Zimmern läuft. Die Spannung wächst, und trotz- 
dem ich Widerstand leiste, verlasse ich das Bcttj von diesem Gedanken 
besessen : — Man tätet mich ! Ich will mich nicht töten lassen ! " ^^ ' 

Es kommt vor, daß er sich in Erwartung eines solchen Anfalls 
geradezu auf eine Sterbeszene vorbereitet, und die Selbstqualerei, die 
darin zum Ausdruck kommt, bereitet ihm einen gewissen Genuß. 

,lch bereite midi also auf die Nacht vor. Ich nehme ein Bad und achte 
sorgfältig darauf, daß meine Füße weiß werden, denn meine Mutter hatte 
mir als Kiod eingeprägt, daß schwarze Füße ein Zeichen der Sdiande sind. 
Ich rasiere midi und parfümiere mein Hodizcitshemd, das ich vor drei 
Jahren in Wien kaufte . , , die Toilette des zum Tode Verurteilten. **' Um \ 

zehn Uhr ist meine Lampe gelösdit und idi schlafe ruhig ein, resigniert 
wie ein Sterbender." 

Interessant ist es, wie Strindberg seine Todesahnung mit dem Ge- 
danken an seine Mutter und die Hochzeit zusammenbringt ! — Es heißt 
dann ein wenig später weiter : 

.Ich erwache ; eine Uhr schlägt zwei, eine Tür wird zugemadit, und , . . 
ich bin aus dem Bett, wie gehoben durch eine Saugpumpe, die mir das 
Herz aussaugt. Als ich auf den Füßen bin, trifft eine elektrische Dusche 
meinen Nadten und drüd;t mich zu Boden." "* 

Gerade diese Steile zeigt, daß Strindberg hinter diesem Mechanismus 
eine Person oder feindHche Kraft vermutet. An anderer Stelle be- 
richtet er von einem ähnlichen Fall: 

.Da ich müde bin, lege ich mich wieder auf mein Bett und versudie 
einzuschlafen. Bald wiederholt sich das alte Spiel. Ein elektrischer Strom 
sucht mein Herz, die Lungen hören auf zu arbeiten, ich muß aufstehen, 
wenn idi dem Tode entgehen will. Idi setze mich auf einen Stuhl, bin 
aber 2u erschöpft, um lesen zu können ; so sitze ich eine halbe Stunde 
starr da." " 

Aber er entgeht auch diesmal dem Kampf und der Niederlage nicht. 
Er versucht sich ins Freie zu retten, um den Mächten zu entrinnen. 
Dort aber setzt er sich einer neuen, uns schon bekannten Verfolgung 
aus. Wir werden hier noch einmal mit seiner Hundephobie bekannt, 
die wir als Vaterverdrängung deuteten, 

„Die Nacht ist dunkel und das Dorf schläft ; aber die Hunde schlafen 
nicht, und als einer von ilmen anschlägt, umringt midi die ganze Bande ; 



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ihre gähnenden Radien und ihre funkelnden Augen zwingen midi zum 
Rüdezug. Als idi wieder die Tür meines Zimmers öffne, ist es mir, als sei 
die Stube von lebendigen und feindiidien Wesen bewohnt. Das Zimmer 
ist davon erfüllt, und idi glaube durch eine Menge zu dringen, als idi 
mein Bett zu erreidien sudie; resigniert und zum Sterben entsdilossen, falte 
idi darauf nieder." 

Dann beginnt das bekannte Ringen mit den Mächten. Er fühlt sich 
zum Tode verurteilt und schreibt für den Fall eines plötzlichen Todes 
die Namen seiner Feinde auf ein Stück Papier. Es ließen sich allein 
aus „Inferno" noch eine ganze Reihe von ähnlichen Fällen nachweisen, 
aber die hier angeführten genügen vollkommen, um das klinische Bild 
vor uns erstehen zu lassen. Es kommt hier vielmehr auf die Deutung 
dieser Ersdieinungen an. 
i , Freud hat in einer Abhandlung, „Dostojewski und die Vatertötung" " 

im Leben Dostojewskis ganz ähnlidie Anfälle nachgewiesen, die er 
als Todesanfälle deutet. Es heißt da: „Das frühzeitige Symptom der 
Todesanlaile läßt sich also verstehen als eine vom Über-Ich strafweise 
zugelassene Vateridencifizierung des Idis. Du hast den Vater töten 
wollen, um selbst der Vater zu sein. Nun bist du der Vater, aber der 
tote Vater; der gewöhnliche Medianismus hysterisdier Symptome. Und 
dabei: Jetzt tötet dich der Vater. Für das Ich ist das Todessymptom 
Phantasiebefriedigung des männlidien Wunsdies imd gleichzeitig maso- 
diistischc Befriedigung; für das Über-Ich Strafbefriedigung, also sadi- 
stische Befriedigung. Beide, Ich und Über-Ich, spielen die Vaterrolle 
weiter."'* Ohne weiteres kann diese Deutung für den Fall Strindbergs 
übernommen werden. Wir haben da denselben Mechanismus. Strindbergs 
Todesanfälle sind die Bestrafung für die ödipustat, die nur nidit 
begangen wurde, weil die stets vorhandene Zärtlichkeit zum Vater auch 
hier die Ausführung des Todeswunsches verhinderte. Das Trauma der 
Vatertötung wirkt sich in diesen hysterischen Reaktionen axis. Dei" 
Wunsch nach der Beseitigung des Vaters, um an seiner SteUe die 
Liebe der Mutter genießen zu können, ist die Hauptquelle des strind- 
bergsdien Sdiuldbewußtseins. Die Verdrängung des auf den Grund- 
lagen des Ödipuskomplexes entstandenen Vaterhasses erfolgte durdi 
zwei wesentliche Faktoren, die letzten Endes jedoch einen gemein- 



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ja) Almanach der Psydioanalyse 1930. 
73) A. a. O. S. 20 f. 



— 42 — 



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j Samen Sinn besitzen ; einmal durch die Kastrationsangst, dann durch 

die Befürchtung der Impotenz, der Unmännlichkeil, der femininen Ein- 
stellung. Das Über-fch, das sich im Schuldbewußtsein ausspricht, ver- 
langt kategorisch Bestrafung für Mutterinzest und Vatertötung. Da der 
Vater im Falle Strindbergs nicht mehr selbst strafen kann, da er tot 
ist, läßt Strindberg die Mächte als Vaterersatz die Strafe vollziehen. 
Ganz dunkel wird sich Strindberg auch selbst über den Zusammenhang 
klar. Er läßt die Mutter seiner Frau für seine Anfälle einmal folgende 
Deutung finden: „Du mußt ein großer Menschentöter gewesen 
sein ..,"'"' Auch bei Strindberg wird, ganz wie bei Dostojewski, nach 
der Überwindung des Höhepunktes des Anfalles ein Moment der Be- 
friedigung, der Ruhe und Stille erlebt, wie ein Teil der vorhin an- 
geführten Beispiele beweisen kann. Man könnte dieses Gefühl 
mit Freud als einen Triumph über die Mächte deuten. Es war auch 
schon darauf hingewiesen worden, daß andere die Ersatzstrafe voll- 
ziehen können, seien es nun Freunde, Bekannte oder auch ganz 
Fremde. Eins nur ist klar, daß nämlich die Strafe auf jeden Fall voll- 
zogen werden muß, wenn eine vorübergehende Befreiung von der 
Gewissensqual erreicht werden soll. Ein Ausweichen könnte nur eine 
Verschärfung der Strafe bringen; darum meint Strindberg einmal : „Die 
Dämonen (die Mächte!) sind eine notwendige Konsequenz!" ^'' 
Auch hier wird eine starke Parallele zu Dostojewskis Leben ersichtlich. 

Eng mit der Wirkung der Vatermächte hängen die W andlungen 
in Strindbergs Religiosität zusammen. Man hat vielfach be- 
hauptet, Strindberg sei in letzter Minute dodi noch reuevoU zum 
protestantischen Glauben zurückgekehrt und mit der Bibel unter den 
gefalteten Händen gestorben. Von kirchlidier Seite ist diese Meinung 
sogar zu Plakatzwecken ausgenutzt worden. Es soll darum zum Abschluß 
dieser Untersuchung auf diese Zusammenhänge kurz eingegangen 
werden. 

Strindbergs vjelfäldge religiöse Wandlungen sind nicht einfach eine 
Folge weltanschaulidier Umstellungen seines Geistes, sondern gar nicht 
zu trennen von den seelischen, neurotischen Störungen, die den Inhalt 
der vorangegangenen Untersuchung bildeten. 






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74) Inferno S. 104. 

75) Inferno S. 195. 



— 43 — 



51 



Den gütigen, verzeihenden Gott des Neuen Testaments hat Strind- 
berg in der Weise der Theologie nie anerkannt. Ihm lag der stra- 
fende, rächende, die Autorität des Vaters vertretende Gott des 
Alten Testaments mehr. Auch zu Christus dem Sündenträger hat er 
sich nie bekennen mögen, aus dem einfachen Grunde, weil sein enor- 
mes Schuldgefühl ihm verbot, seine eigene Schuld gegen den Vater 
auf die Schultern eines anderen zu laden. „Er schätzt den primitiven 
Gott Vitzliputzli, „der im Sonnenschein Menschenherzen ißt", mehr als 
Christus mit der Dornenkrone. „Ich mag nicht diesen kläg- 
lichen Gott, der Backenstreiche entgegennimm t."" 
Die Infernozeit mit den Mächteerlebnissen, der Bekanntschaft mit 
Swedenborg, den naturwissenschafdichen Bemühungen treiben ihn einem 
, Mystizismus und zeitweise der Theosophie entgegen. Bald beginnt er 
religiöse Sdiriften zu lesen, ein altes katholisches Gesangbuch, bud- 
dhistische Schriften und die Bibel. Diese Misdiung muß stutzig machen. 
Ihm kam es nicht darauf an, den Trost der Gläubigen in diesen 
H • Büchern zu finden, sondern Parallelen zu seinen Erlebnissen, weshalb 

'i ihn auch das Buch Hiob und die Klagelieder des Jeremias besonders 

anzogen. Es ist audi nicht etwa die Bibel, die ihm am sympatliisch- 
sten ist, sondern begreiflicherweise die buddhistische Literatur. Das 
Neue Testament läßt ihn kalt, während das Alte ihn stärker berührt. 
„Das Alte Testament tröstet und züchtigt mich in einer etwas 
dunklen Weise, während das Neue mich kalt läßt."" Seine reü- 
giösen Vorstellungen sind nicht weit vom Aberglauben entfernt. Er 
glaubt an Magie und eigene magische Kräfte, z. B, an das Totbeten. Neben 
Swedenborgs und der Theosophen Einflüsse treten dann seine Be- 
ziehungen zum Katholizismus. Im Gnmde widerstrebt auch der Katho- 
lizismus Strindbergs Art, denn auch er verlangt Unterwerfung unter 
Autorität. Als er Swedenborgs „Vera Religio Christiana" hest, schreibt 
er: „Idi finde die ganze Ordnung der Gnade und die ewige Hölle: 
die Kindheitserinnerungen an die Hölle der Kindheit mit 
ihrem ewigen Unfrieden."'^ Was Strindberg zum Kp-tholizismus hin- 
. T zieht, ist, daß er in ihm die Mutterkirdie erbhckc. Wir sehen hier, wie 

wieder die Beziehung zu seinent Aiutterideal in einer späten Symboli- 

^^j) Heden S. 229. 

77) Inferno S. 32. 78) Iniemo S. 418 

— 44 — 



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sierung sJdi auswirkt. Er bezeichnet seine Gefülüe, die ihn zum Katho- 
lizismus hinführen, mit Sehnsucht und Heimweh. Es ist dasselbe Heim- 
weh nach dem miitterlidien Schöße, das audi seine Liebeskämpfe aus- 
zeichnete. Der Protestantismus, der die Gott-Vater-Autorität in ihre 
Rechte einsetzt und die Mutter mit dem Kinde verbannt, hat Verrat 
; an der Mutterkirche geübt. „Der Protestantismus, das ist das Exil, 

■ ! ^ die babylonisdie Gefangenschaft. Aber die Rückkehr in das gelobte 

; Land scheint nahe zu sein."" Es zeigt sich immer, wie sehr diese 

rehgiösen Fragen mit den infantilen Erlcbnisinhalten verknüpft sind, 
Strindbergs Bindung an die katholische Kirche ist eine erotische. Zum 
f mystischen MÜditeglauben trieben ihn Vaterangst und Schuldgefühl, 

zum KathoHzismus trieb ihn die Sehnsucht nach der Mutter. Die Welt 
zu verlassen, ins Kloster zu gehen, ist in dieser Zeit Strindbergs sehn- 
lichster Wunsch. 

Von einer wirküchen Festigung der religiösen Einstellung für län- 
• i gere Dauer kann bei Strindberg niemals die Rede sein. Immer wan- 

\ 1 delt sich seine Meinung in diesen Dingen gemäß der Verfassung seiner 

■ ; Seele. Was Strindberg schlleßhch ein wenig dem Christusglauben nahe 

' i bringt, ist keineswegs etwa die Gestak des schuldbeladenen Sünden- 

] trägers, sondern Christus das Kind im Anne der Mutter. Er selbst hat 

; ] sehr treffend einmal seinen Glauben ein „K o m p r o m i ß c h r i s t e n- 

t u m" genannt. Im Kinde sah er noch etwas vom Übermenschen, das 
■ ; ist eine Spur seiner tragischen Begegnung mit Nietzsche. 

' ! Der Strindberg-Biograph Heden hat Strindbergs ganzes religiöses 

Ringen in den Worten ausgesprochen gefunden, die schon einmal 
) zitiert wurden : er sehnte sich danach, „seinen schweren Kopf gegen 

einen mütterlidien Busen zu lehnen, im Schöße einer Mutter zu 
' sdilafen, der keusdien Gattin eines unfaßbaren großen Gottes, der 

sich Vater nennt, und dem ich mich nicht zu nahen wage." Jetzt wie 
li ' stets sucht Strindberg eher eine Mutter als einen Gott. Im besten 

Falle war ihm die Religion ein Sdiutzmittel gegen seine Verfolgungs- 
angst. Der Tod war für ihn endlich geglückte Befreiung vom Schuld- 
bewußtsein, und erstarb mit den Worten : „Alles ist versöhnt!" 
Die Mächte sind versöhnt . . . 



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79) Inferno S. S07. 

~ 45 



Den Abschluß dieser Untersuchung, die bestrebt war, in die Grund- 
lagen des strindbergschen Wesens einen Einblick zu gewinnen, sollen 
die Schlußworte von H e d e n s prächtigem Strindbergbuche bilden : 

„Strindberg gehört zu den welrerlösenden Dichtern. Doch gehört er 
nicht 2u den Erlösern, die durch unschuldiges Leid sühnen. Er gehört 
zu jenen, die die Sünden der Welt sühnen, indem sie sie selbst be- 
gehen, aber sie auch selbst durch Leid wieder gut machen." 



— 46 — 



Inhaltsverzeidhnis 

Sdite 

Vorbemerkung 3 

I) Die Eltern 5 

n) Die Frau lO 

III) Der Vater — Die Mächte 26 



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ERWIN KOHN: Lassalk - der Führer." 
Geheftet M. 4.-, Gänsleinen M. 6.- 

Inhalt: Die psydiologisdie Entstehung des Führen — DJ Die psydiologisdie Tedinik der 
Führung bei Laiaalle — HI) Das Licbcssdiidcsal Laiaallcs — IV) Die psydiijdic Struktur 
des Führcmims bei Lissalle — V) Die Nachfolge Lassalks und das Ende der Organisation 



Kefle 



er 



EDUARD HITSCHMANN : Gottfried Keltcf. Psj'dioanalysc des 
Dichters^ seiner Gestalten und Motive, Geheftet Äi, 3.50 

„Das vorliegende Keller-Budi hat mir auA als Ulerarhistoriker einige Liditer aut- 
geitedtt . . . Das Buch vertieft unseren Einbilde in die erotisdien Probleme bei dem Mensdien 
wie bei dem Künstler Keller. Es erklärt die Hemmungen in seiner pcrsönlidiaii Liebes^v^hl 
und Sexualität und beleuchtet entspredieode Motive seiner Diditung." 

{Prof. Harry Maync, Bern, im .lÄierarisdim Edio'.) 



JOLAN NEUFELD : Dostojewski, Skigse «u seiner Psychoanalyse. 
Geheftet M, 3. — , Ganzleinen M. 5. — 

„Der ernste, etwas analytisch orientierte Leser wird die flüssige und beredte 
Doitojewski-Skizze in dncm Zuge durdilesen, und ohne Widersprudi." 

(.Jüue ZürAer Zeitung'.) 



ToL 



stoi 



N. OSSIPOW: Tolstois Kindheitserinnerungen. Ein^iBeitrag'^su ■ 

Freuds Lit)idotheorie. Geheftet M. 6. — , H&lbletnen M. 7-50 ■ ' . „, 

Inhalt: I) Vorbemerkungen — II) Die „Ersten Erinnerimgen" — lii) Zwei allererste Er- 
innerungen (Das Individual-lch und die Ich-Libido) — IV} Über den Narzißmus — V) Drei 
weitere Erinnerungen (Objektlibido) — VI) Der Seelcnkönflikt — VII) „Die Amdsenbrüdcr" 
(Das Supra-Idi) — Vlli) Ober die iurantile Amnesie 



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Amsun 

EDUARD HITSCHMANN : Ein Gespenst aus der Kindheit 

Knut Hamsuns. Geheftet M. 2.—^ Ganzleinen M. 3.50 

Inhalt: Eine Kindheitserinoerung Hamsuns — Psydioanalytisdic Deutung des GcspeuKe» 
— Kastrationssymbolik in Hamsuns Werken — Die Entmannung der Väter (Altem und Ver- 
armen) — Das Motiv der Eifersucht und des geadiädigten Dritten — Grausamkeit und 
Leideiudiaftlidikeit, Belausdien und Zusdiauen — Hamsuns Ideale 






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KARL BACHLER 



August jtrindl>crs 



Eine psyiJioanaly tische Studie 



IntemationaUr Psychoanalytischer Verlag, Wien