INTERNATIONAL
PSYCHOANALYTIC
UNIVERSITY
DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN
DR. S. FERENCZI
BAUSTEINE ZUR
PSYCHOANALYSE
L BAND: THEORIE
BAUSTEINE ZUR
PSYCHOANALYSE
VON
Dr. S. FERENCZI
I. BAND
THEORIE
1927
INTERNATIONALER
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG
LEIPZIG /WIEN / ZÜRICH
Alle Rechte,
insbesondere die der Übersetzung, vorbehalten
Copyright 1027
by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag,
Ges. m. b. H.*, Wien, VII.
Druck: Elbemühl, Wien, III., Rüdengasse 11
Inhalt des ersten Bandes
In den eckigen Klammern f in Kursivschrift ] ist Ort und Zeit des ersten
Erscheinens der einzelnen Aufsätze angegeben, Abkürzungen: „Jb u = Jahrbuch
für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen; „Zbl u = Zentralblatt
für Psychoanalyse; „JZ" = Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse,
Seite
Vorwort des Verlags 7
THEORIE
Introjektion und Übertragung 9
I, Die Introjektion in der Neurose
II, Die Rolle der Übertragung bei der Hypnose und
bei der Suggestion
\Jb I, 1909]
Zur Begriffsbestimmung der Introjektion *8
\Zbl //, T 9 f2] °
Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes 62
[IZ 1 i 9 i 3 ]
Das Problem der Unlustbejahung (Fortschritte in der
Erkenntnis des Wirklichkeitssinnes) 84.
[IZ XII, i 92 6] *
Zur Ontogenese der Symbole 101
[IZ 7, t 9 i,l
Zum Thema „Großvaterkomplex" 106
[IZ J, j 9 xf }
Seite
Zur Ontogenie des Geldinteresses 100
[IZ II, i 9 i 4 ]
Über die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese
der Paranoia 120
[Jb III, i 9 u]
Alkohol und Neurosen 145
[Jb III, ipn]
Zur Nosologie der männlichen Homosexualität (Homoerotik) 1 52
[IZ II, 1914]
Y Über obszöne Worte (Beitrag zur Psychologie der Latenzzeit) 1 7 1
[ZW I, i 9 ii]
Denken und Muskelinnervation 180
[IZ V, i 9 i 9 ]
Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic . . . • • iq*
[IZ VII, I 9 2l]
ANHANG
Die wissenschaftliche Bedeutung von Freuds „Drei Ab-
handlungen zur Sexualtheorie" 237
[Ungarisch erschienen als Einleitung der Übersetzung der Freudschen
Schrift und deutsch IZ III, I 9 ij]
Kritik der Jungschen „ Wandlungen und Symbole der
Libido" 243
[IZ I, x 9 x 3 ]
Aus der „Psychologie" von Hermann Lotze 269
[Imago II, i 9 ij\
Zur Organisation der psychoanalytischen Bewegung • . . 275
[ Unveröffentlicht]
Zum 70. Geburtstage Sigmund Freuds ••• 290
[IZ XII, i 9 26J
Vorwort des Verlags
Ein Jahrzehnt lang — um die Jahrhundertwende herum — hatte der
junge Budapester Arzt S. Ferenczi als Psychiater und gerichtlicher
Sachverständige vergeblich wissenschaftlichen und therapeutischen
Rat bei der „Schulneurologie" gesucht und war dabei beinahe
schon bei der „Hoffnungslosigkeit jeder Psychiatrie" angelangt.
Da gelangte er l*?o6 — auf dem Umwege über Zürich — zum
Studium der Forschungen Sigmund Freuds. Unter dem Eindrucke
von Freuds Lehren wurde das bis dahin ödeste Krankenmaterial,
das der Neurotiher, zu einer Fundgrube neuer Erkenntnisse über
Aufbau und Funktionsweise der kranken und der gesunden Seele.
Die Fülle des Stoffes und der nützlichen Funde, zu denen Ferenczi
mit Hilfe des von Freud gewiesenen Instruments gelangte, drängte
förmlich zur Veröffentlichung* Bald gehörte Ferenczi zu jenem ganz
kleinen Kreis von Forschern t die sich damals um Freud scharten. Seine
psychoanalytisdien Veröffentlichungen, deren Reihe X$OJ anfing,
sind hier von uns jetzt mit Recht als „Bausteine", als wichtige Bau-
steine zu dem von Freud entworfenen und zum guten Teil auch
von ihm selbst angeführten Gebäude bezeichnet. Nicht alle Schriften
Ferenczis aus den Jahren IpOJ — 1$26 findet der Leser hier ver-
einigt. In Buchform erschienen sind: die Monographien „Hysterie
und Paihoneurosen* (iplp) und „Versuch einer Genitaltheorie"
(1924X sowie die kleinere Arbeit „Zur Psychoanalyse von Sexual-
gewohnheiten" (lo.2j) f ferner je eine gemeinsame Arbeit mit
Stefan Hollös ( „Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistesstörung* ,
l$22) und mit Otto Rank („Entwicklungsziele der Psychoanalyse"
i$2$). Hier hat es sich nur darum handeln können, die zerstreuten
8 Vorwort des Verlags
Zeitsckriftenaufsätze unter ein Dach zu bringen. Und auch da
fehlen die „populären Aufsätze", die der Internationale Psycho-
analytische Verlag in einem Bande ( f ,Populäre Vorträge zur Psycho-
analyse") bereits IJ22 herausgebracht hat. Die in diesen Bänden
gesammelten Arbeiten aus der theoretischen und praktischen Psycho-
analyse geben dem Leser vielleicht auch ein Bild über die Ent-
wicklung der Psychoanalyse selbst, Wohl spinnen sie meist den
Faden fort, den diese oder jene Forschung Freuds den Schülern in
die Hände gab (und der Leser wird selbst feststellen können, mit
welch steter Dankbarkeit Ferenczi seine Abhängigkeit vom Meister
immer wieder betont), aber es ist auch unverkennbar, welch wert-
volle selbständige Leistung um die Kunde von der menschlichen
Seele in dieser Mitarbeit zweier Jahrzehnte liegt. Man darf hier
wohl aus den Sätzen zitieren, die Freud Jp2ß — in dem Geleit-
wort der Festschrift zum JO. Geburtstage Ferenczis — schrieb;
„ . . . Die wissenschaftliche Leistung Ferenczis imponiert vor allem
durch ihre Vielseitigkeit. An glückliche kasuistische Funde und
scharf beobachtete Mitteilungen reihen sich mustergültige kritische
Arbeiten, treffliche Polemiken, maßvoll und würdig bei aller Ent-
schiedenheit . . . ferner die Aufsätze, auf denen Ferenczis Ruhm vor-
vorwiegend beruht, in denen seine Originalität, sein Gedanken-
reichtum und seine Verfügung über eine wohlgeleitete wissenschaft-
liche Phantasie so erfreulich zum Ausdruck kommen, durch die
er wichtige Stücke der psychoanalytischen Theorie ausgebaut und
die Erkenntnis fundamentaler Verhältnisse gefördert hat ..."
Introjektion und Übertragung
(1909)
I
Die Introjektion in der Neurose
„Die Produktivität der Neurose ist (während einer psycho-
analytischen Kur) durchaus nicht erloschen, sondern betätigt
sich in der Schöpfung einer besonderen Art von meist
unbewußten Gedankenbildungen, welchen man den Namen
.Übertragungen' verleihen kann."
„Was sind Übertragungen? Es sind Neuauflagen, Nach-
bildungen von den Regungen und Phantasien, die während des
Vordringens der Analyse erweckt und bewußt gemacht werden
müssen, mit einer für die Gattung charakteristischen Ersetzung
einer früheren Person durch die Person des Arztes."
In diesen Sätzen kündigte Freud eine seiner bedeutsamsten
Entdeckungen in der meisterhaft geschilderten Krankheits-
geschichte einer Hysterischen an. („Bruchstück einer Hysterie-
analyse" f 1905. Ges. Schriften, Bd. VIII.)
Wer immer es seitdem versuchte, den Weisungen Freuds
folgend, das Seelenleben der Neurotischen psychoanalytisch zu
erforschen, mußte sich von der Wahrheit dieser Beobachtung
10 S. Ferenczi
überzeugen. Die größten Schwierigkeiten einer solchen Analyse
erwachsen gerade aus der merkwürdigen Eigentümlichkeit der
Neurotischen, daß sie „um der Einsicht ins eigene Unbewußte
auszuweichen, alle ihre vom Unbewußten her verstärkten
Affekte (Haß, Liebe) auf den behandelnden Arzt übertragen". 1
Wenn man aber mit der Arbeitsweise der neurotischen
Psyche näher bekannt wird, erkennt man, daß die Neigung
derPsychoneurotiker zur Übertragung sich nicht nur im speziellen
Falle einer psychoanalytischen Behandlung und nicht nur dem
Arzte gegenüber äußert, daß vielmehr die Übertragung ein
für die Neurose überhaupt charakteristischer,
in allen Lebenslagen sich kundgebender und den meisten
ihrerKrankheitsäußerungen zugrundeliegender
psychischer Mechanismus ist.
Bei sich häufender Erfahrung wird man überzeugt, daß die
scheinbar unmotivierte Affektverschwendung, das übermäßige
Hassen, Lieben und Mitleiden der Neurotischen auch nichts
anderes als Übertragungen sind, wobei längst vergessene
psychische Erlebnisse (in der unbewußten Phantasie) zum
aktuellen Anlasse oder zur gegenwärtigen Person in Beziehung
gebracht werden und der Affekt unbewußter Vorstellungs-
komplexe die aktuelle Reaktion übertreibt. Die „Übertrieben-
heit in den Gefühlsäußerungen Hysterischer ist ja längst
bekannt und auch viel bespöttelt worden; erst seit Freud
wissen wir aber, daß den Spott eher wir£rzte verdient hätten,
die wir, die symbolischen Darstellungsmittel, gleichsam die
Sprache der Hysterie, nicht kennend, sie bald als eine Art
Simulation ansprachen, bald wieder mit abstrusen physio-
logischen Schlagworten abgetan zu haben wähnten. Die
i) Ferenczi, Über Aktual- und Psychoneurosen usw. (Wiener
klin. Rundschau, 1908.) Abgedr, im Sammelbande: „Populäre Vorträge
über Psychoanalyse". Int. PsA. Bibliothek, Bd. 13.
psychologische Auffassung hysterischer Symptome und
Charaktereigenschaften nach Freud brachte erst die merk-
würdigen Aufschlüsse über die neurotische Psyche. So fand
Freud, daß die Neigung der Psychoneurotiker zur Imita-
tion und die so häufige „psychische Infektion" unter
Hysterischen kein einfacher Automatismus ist, sondern in
unbewußten, auch sich selbst nicht eingestandenen und
bewußtseinsunfähigen Ansprüchen und Wünschen ihre Erklärung
findet. Der Kranke eignet sich die Symptome einer Person an
oder macht sich ihre Charakterzüge zu eigen, wenn er sich
in seinem Unbewußten mit jener Person „auf Grund des
gleichen ätiologischen Anspruches" identifiziertes. Freud,
Traumdeutung, Ges. Sehr., Bd. II, S. 152.) Auch die bekannte
Rührseligkeit vieler Neurotiker, ihre Fähigkeit, die Erlebnisse
anderer aufs intensivste mitzufühlen, sich in die Lage dritter
Personen zu versetzen, finden in der hysterischen Identifizierung
ihre Erklärung, und die impulsiven Akte der Großmut und
Wohltätigkeit sind bei ihnen nur Reaktionen auf diese
unbewußten Regungen — sind also in letzter Linie vom Un-
lustprinzip beherrschte, also egoistische Handlungen. Daß es
in der Gefolgschaft jeder wie immer gearteten humanitären
oder Reformbewegung, in der Propaganda des Abstinentismus
(Vegetarismus, Antialkoholismus, Abolitionismus), in revolu-
tionären Organisationen, Sekten, bei Verschwörungen für oder
gegen die religiöse, politische oder moralische Ordnung von
Neuropathen wimmelt, erklärt sich gleichfalls duTch die Über-
tragung des Interesses von zensurierten egoistischen (erotischen
oder gewalttätigen) Tendenzen des Unbewußten auf Gebiete,
auf denen sich diese ohne Selbstvorwurf ausleben können. Aber
auch die alltäglichen Ereignisse eines einfach bürgerlichen
Lebens bieten den Neuropathen die reichlichste Gelegenheit,
bewußtseinsunfähige Regungen auf zulässige Gebiete zu ver-
™ S. Ferenczi
schieben. Die von Freud zuerst festgestellte unbewußte
Identifizierung grobsexueller genitaler Funktionen mit denen
der Mundorgane (Essen, Küssen) ist ein Beispiel dafür. Bei der
Naschhaftigkeit Hysterischer, bei ihrer Neigung, unverdauliche
oder schwerverdauliche Dinge (unreifes Obst, Kreide usw) zu
essen bei der eigentümlichen Sucht nach Speisen von fremden
Tischen, bei ihrer Vorliebe oder Idiosynkrasie gegenüber Speisen
von gewisser Form oder Konsistenz konnte ich in zahlreichen
Analysen feststellen, daß es sich um die Verschiebung des
Interesses von verdrängten erotischen (genitalen oder koprophilen)
Neigungen und um die Anzeichen sexuellen Unbefriedigtseins
handelt. (Auch die bekannte Süchtigkeit schwangerer Frauen
die ich übrigens auch bei Nichtgraviden zur Zeit der Menses
beobachtete, konnte ich mehrmals auf die im Verhältnisse zur
gesteigerten Libido ungenügende Befriedigung zurückführen.)
O. Groß und Stekel fanden die gleiche Ursache für die
hysterische Kleptomanie.
Ich bin mir dessen bewußt, daß ich in den angeführten
Beispielen die Ausdrücke: Verschiebung und Über-
wün'/TT" ^ d ° Ch ^ Übertri W nur ein
Spezialfall der Verschiebungssucht der Neurotischen, die, um
einigen unlustvoll, daher unbewußt gewordenen Komplexen
auszuweichen, auf Grund oberflächlichster „ätiologischer
Ansprüche und Analogien den Personen und Dingen der
Außenwelt mit übertriebenem Interesse (Liebe, Haß, Sucht
Idiosynkrasie) zu begegnen gezwungen sind.
Eine psychoanalytische Kur bietet die günstigsten Bedingungen
zur Entstehung einer solchen Übertragung. Die verdrängt
gewesenen und allmählich bewußt werdenden Regungen
begegnen in statu nascendi zunächst der Person des Arztes und
suchen ihre ungesättigten Valenzen an dieser Persönlichkeit zu
verankern. Wollen wir diesen der Chemie entlehnten Vergleich
Introjektion und Übertragung 13
fortführen, so können wir die Psychoanalyse, insoferne dabei I
die Übertragung in Betracht kommt, als eine Art Katalyse
auffassen. Die Person des Arztes hat hier die Wirkung eines
katalytischen Fermentes, das die sich bei der Zersetzung ab-
spaltenden Affekte zeitweilig an sich reißt. Bei der kunst-
gerechten Psychoanalyse ist aber diese Verbindung nur eine
lockere und wird das Interesse des Kranken ehestens an seine
ursprünglichen, verschütteten Quellen zurückgeleitet und mit
ihnen in Dauerverbindung gebracht.
Wie wenige und geringfügige Motive bei Neurotischen schon
zur AfTektübertragung genügen, ist in dem zitierten Werke
F r eu d s angedeutet. Einige charakteristische Beispiele mögen
hier folgen. Eine hysterische Patientin mit sehr starker Sexual-
verdrängung verriet zum erstenmal die Übertragung auf den
Arzt in einem Traume. (Ich [der Arzt] operiere an ihrer Nase,
sie trage dabei eine Frisur ä la Cleo de Merode.) Wer schon
Träume analytisch gedeutet hat, wird mir ohne weiteres
glauben, daß ich in diesem Traume, wohl auch in der
unbewußten Denktätigkeit des Wachens die Stelle jenes Rhino-
logen eingenommen habe, der der Patientin einmal unanständige
Anträge machte. Die Frisur der bekannten Demimondäne ist
eine gar zu deutliche Anspielung darauf. Überhaupt, wenn der
behandelnde Arzt in den Träumen der Patienten erscheint,
entdeckt die Analyse mit Sicherheit Anzeichen der Über-
tragung. Auch in Stekels Buch über Angsthysterie 1 ist das
mit schönen Beispielen belegt. Der Fall ist aber auch in einem
anderen Sinne typisch. Sehr oft benutzen die Patienten die
Gelegenheit dazu, alle sexuellen Regungen, die sie früher bei
ärztlichen Untersuchungen verspürt und verdrängt haben, in
unbewußten Phantasien über Entkleidung, Beklopft-, Betastet-,
„Operiert -werden aufzufrischen u nd die dabei tätig gewesenen
1) W. St ekel, Nervöse Angstzustände. Wien, 1908.
14 S. Ferenczi
Ärzte im Unbewußten durch die Person des jetzigen Arztes zu
ersetzen. Um der Gegenstand dieser Art Übertragung zu werden,
genügt es, überhaupt ein Arzt zu sein; ist doch die mystische
Rolle, die in der sexuellen Phantasie des Kindes dem alles
Verbotene wissenden, alles Verborgene anschauenden und
betastenden Arzte zukommt, eine selbstverständliche Determinante
des unbewußten Phantasierens, also auch der Übertragung in
einer spateren Neurose. 1
Bei der außerordentlichen Bedeutung, die dem verdrängten
„Ödipuskomplex" (Haß und Liebe zu den Eltern) nach der
täglich sich bewahrheitenden Feststellung Freuds in jedem
Falle von Neurose zukommt, wird man sich nicht wundern,
wenn die „väterliche" Art, die freundlich-nachsichtige Haltung,
mit der der Arzt bei der Psychoanalyse dem Patienten be-
gegnen muß, so häufig als Brücke zur Übertragung von be-
wußten Sympathiegefühlen und unbewußten erotischen Phan-
tasien benutzt wird, deren ursprüngliche Objekte die Eltern
waren. Der Arzt ist eben immer nur einer der „Revenants"
(Freud), in denen der Neurotische die entschwundenen
Gestalten der Kindheit wiederzufinden hofft. Doch genügt eine
minder freundliche, an eine Pflicht, an die Pünktlichkeit
mahnende Bemerkung oder eine um eine Nuance schärfere
Tonart seitens des analysierenden Arztes, um alle gegen
moralisierende Respektspersonen (Eltern, Gatte) gerichteten
unbewußten Gefühle von Haß und Wut des Patienten auf
sich zu laden.
Die Konstatierung solcher Übertragungen positiver und
negativer Affekte ist für die Analyse außerordentlich wichtig,
sind doch die Neurotiker zumeist Personen, die sich entweder
zum Lieben oder zum Hassen unfähig glauben (oft sogar die
i) Vergleiche die Anmerkung über das „Doktorspiel" in Freuds
Artikel über „Infantile Sexualtheorien*. 1908. (Ges. Sehr., Bd. V, S. 182.)
Introjektion und Übertragung 15
primitivsten Kenntnisse über die Sexualität vor sich selbst
ableugnen), also um Anästhetische oder Übergute; und nichts
ist geeigneter, ihren irrigen Glauben an die eigene Fühllosigkeit
und Engelsgüte zu erschüttern, als wenn man bei ihnen gegen-
sätzliche Gefühlsströmungen in flagranti ertappt und demaskiert.
Noch wichtiger sind die Übertragungen als Ausgangspunkte
zur Fortführung der Analyse in der Richtung der tiefer ver-
drängten Gedankenkornplexe.
Auch lächerlich kleine Ähnlichkeiten: die Haarfarbe, einige
Gesichtszüge, die Art, wie er die Zigarette, die Feder in der
Hand hält, die Klangähnlichkeit oder Gleichheit des Vornamens
mit dem einer bedeutungsvoll gewesenen Person: selbst solche
entfernte Analogien genügen, um die Übertragung herzustellen.
Daß uns eine Übertragung auf Grund solch kleinlicher Ana-
logien „lächerlich" erscheint, erinnert mich daran, daß Freud
bei einer Kategorie von Witzen die „Darstellung durch ein
Kleinstes" als das Lustentbindende, d. h. vom Unbewußten her
Verstärkte, nachwies; ähnliche Anspielungen auf Dinge, Per-
sonen, Begebenheiten mit Hilfe minimaler Details finden wir
in allen Träumen, Die poetische Figur: pars pro toto ist
also in der Sprache des Unbewußten gang und gäbe.
Eine vielbegangene Übertragungsbrücke ist für die Patienten
natürlich das Geschlecht des Arztes an und für sich. Die
weiblichen Patienten knüpfen ihre unbewußten heterosexuellen
Phantasien sehr oft nur an die Tatsache an, daß der Arzt eben
ein Mann ist; das verschafft ihnen die Möglichkeit, die mit
der Idee der Männlichkeit assoziierten verdrängten Komplexe
zu beleben . Doch die in j edem Menschen versteckte homo-
sexuelle Komponente sorgt dafür, daß auch Männer ihre
„Sympathie" und Freundschaft — eventuell deren Gegenteil —
auf den Arzt zu übertragen suchen. Es genügt aber, daß etwas
am Arzte den Patienten „frauenhaft" erscheine, damit die
16 S. Ferenczi
Frauen ihr homo-, die Männer ihr heterosexuelles Interesse
oder ihren diesbezüglichen Widerwillen ganz unbewußt mit der
Person des Arztes in Beziehung bringen.
In mehreren Fällen gelang es mir nachzuweisen, daß das
Nachlassen der ethischen Zensur im Ordinationszimmer des
Arztes durch das verminderte Verantwortlichkeitsgefühl der
Patienten mitbestimmt war. Das Bewußtsein, daß der Arzt für
alles, was bei ihm vorgeht, verantwortlich ist, begünstigt das
Auftauchen zuerst unbewußter, dann auch bewußtwerdender
Tagträume, die sehr oft einen gewaltsamen sexuellen Angriff
seitens des Arztes zum Gegenstand haben und dann zumeist
mit der exemplarischen Bestrafung des Schamlosen (gerichtliche
Verurteilung, öffentliche Erniedrigung durch Zeitungsartikel,
Erschossenwerden im Duell usw.) enden. In dieser moralischen
Verkleidung werden eben die verdrängten Wünsche der Menschen
bewußtseinsfähig. Als ein anderes, das Gefühl der Verant-
wortlichkeit abschwächendes Motiv erkannte ich bei einer
Patientin die Idee, daß „der Arzt eben alles könne", worunter
sie die operative Beseitigung der eventuellen Folgen eines
Verhältnisses verstand.
Bei der Analyse müssen die Patienten alle diese unlauteren
Pläne gerade so wie alles andere, was ihnen einfällt, mitteilen.
Bei der nichtanalytischen Behandlung der Neurotiker bleibt all
dies von dem Arzte unerkannt, dafür erlangen die Phantasien
manchmal einen fast halluzinatorischen Charakter und enden
unter Umständen mit der öffentlichen oder gerichtlichen Ver-
leumdung des Arztes seitens des Klienten. .
Der Umstand, daß auch andere Personen in psychothera-
peutischer Behandlung stehen, ermöglicht es den Patienten, die
in ihrem Unbewußten versteckten Affekte der Eifersucht, des
Neides, des Hasses und der Gewalttätigkeit ohne oder mit nur
geringem Selbstvorwurf auszuleben. Natürlich muß dann der
Introjektion und Übertragung Vj
Patient bei der Analyse auch diese inadäquaten Gefühls-
regungen von dem aktuellen Anlaß ablösen und an viel bedeut-
samere Persönlichkeiten und Situationen assoziieren. Das gleiche
gilt von den mehr oder minder bewußten Gedankengängen und
Gefühlsregungen, die den zwischen Arzt und Patienten be-
stehenden Lohnvertrag zum Ausgangspunkte haben. So mancher
„übergute", „generöse" Mensch mußte bei der Analyse einsehen
und bekennen, daß ihm die Gefühle des Geizes, der rücksichts-
losen Selbstsucht, der unlauteren Gewinnsucht nicht so ganz
fremd sind, wie er es bislang zu glauben liebte. („Die Menschen
behandeln Geldfragen mit derselben Verlogenheit wie die Fragen
der Sexualität. Bei der Analyse müssen beide mit der gleichen
Offenheit zur Sprache kommen", pflegt Freud zu sagen.) Daß
der auf die Kur übertragene Geldkomplex oft nur der Deck-
mantel viel tiefer versteckter Regungen ist, hat Freud in
einer meisterhaften charakterologischen Studie (Charakter und
Analerotik) festgestellt.
Wenn wir diese verschiedenen Varietäten der „Übertragung
auf den Arzt" einheitlich ins Auge fassen, werden wir in
unserer Annahme, daß diese nur eine, wenn auch die praktisch
bedeutsamste Manifestation der allgemeinen Üb ertragungs-
s ii cht der Neurotischen ist, entschieden bestärkt. Diese Sucht
oder Süchtigkeit dürfen wir als die für die Neurosen
fundamentalste und auch die meisten ihrer Konversions- und
Substitutionssymptome erklärende Eigentümlichkeit ansehen. Alle
Neurotiker leiden an Komplexflucht, sie flüchten, wie
Freud sagt, vor der unlustvoll gewordenen Lust in die Krank-
heit, das heißt, sie entziehen gewissen, früher lustbetonten
Vorstellungskomplexen die Libido. Wenn diese Libidoentziehung
eine minder vollkommene ist, so schwindet das Interesse
für das früher Geliebte oder Gehaßte und diese werden „gleich-
gültig"; ist die Ablösung der Libido eine vollständigere, so wird
Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I 2
18 S. Ferenczi
von der Zensur nicht einmal der geringe Grad von Interesse
zugelassen, der für die Aufmerksamkeitsbesetzung erforderlich
ist, — der Komplex wird verdrängt, „vergessen" und bewußt-
seinsunfähig. Es scheint aber, als ob die Psyche eine solche
von ihrem Komplex losgelöste, also „freiflottierende" Libido
schlecht vertrüge. Bei der Angstneurose wandelt, wie Freud
nachgewiesen hat, die Ablenkung der somatischen Sexual-
erregung vom Psychischen die Lust in Angst um. Bei den
Psychoneurosen müssen wir eine ähnliche Veränderung annehmen ;
hier verursacht die Ablenkung der psychischen
Libido von gewissen Vorstellungskomplexen
eine Art dauernde Unruhe, die der Kranke möglichst
zu lindern sucht. Es gelingt ihm auch, einen mehr-minder
großen Anteil auf dem Wege der Konversion (Hysterie) oder
der Substitution (Zwangsneurose) zu neutralisieren. Es hat aber
den Anschein, als ob diese Bindung kaum je eine vollkommene
wäre und immer noch eine wechselnde Summe freiflottierender,
komplexflüchtiger Erregung übrig bliebe, die sich an den
Objekten der Außenwelt zu sättigen sucht. Diese Erregungs-
summe könnte man zur Erklärung der Übertragungssucht der
Neurotischen heranziehen und für die „Süchtigkeit* der
Neurotischen verantwortlich machen. (Bei der „kleinen Hy-
sterie" scheint diese Sucht das Wesen der Krankheit auszu-
machen.)
Um den psychischen Grundcharakter der Neurotiker besser
zu verstehen, muß man ihr Verhalten mit dem derer, die an
Dementia praecox und an Paranoia leiden, vergleichen. Der
Demente löst sein * Interesse von der Außenwelt vollkommen
ab und wird autoerotisch (Jung 1 , Abraham 2 ). Der Para-
i) Jung, Zur Psychologie der Dementia praecox, Leipzig 1907,
^„Mangel an gemütlichem Rapport bei der Dementia praecox.")
2) Abraham, Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie und
Introjektion und Übertragung 19
noische möchte, wie Freud bewiesen hat, dasselbe tun, kann
es aber nicht, projiziert also das ihm lästig gewordene Interesse
auf die Außenwelt. Die Neurose steht in dieser Hinsicht in
diametralem Gegensatze zur Paranoia. Während der Paranoische
die unlustvoll gewordenen Regungen aus dem Ich hinausdrängt,
hilft sich der Neurotiker auf die Art, daß er einen möglichst
großen Teil der Außenwelt in das Ich aufnimmt und zum
Gegenstande unbewußter Phantasien macht. Es ist das eine
Art Verdünnungsprozeß, womit er die Schärfe frei-
flottierender, unbefriedigter und nicht zu befriedigender unbe-
wußter Wunschregungen mildern will. Diesen Prozeß könnte
man, im Gegensatze zur Projektion, Introjektion nennen.
Der Neurotische ist stets auf der Suche nach Objekten, mit
denen er sich identifizieren, auf die er Gefühle übertragen, die
er also in den Interessenkreis einbeziehen, introjizieren kann.
Auf einer ähnlichen Suche nach Objekten, die zur Projektion
unlusterzeugender Libido geeignet waren, sehen wir den Para-
noischen. So entstehen am Ende die gegensätzlichen Charaktere
des weitherzigen, rührseligen, zu liebe und Haß zu aller- Welt
leicht entflammten oder leicht erzürnten, erregbaren Neurotikers,
und der des engherzigen, mißtrauischen, sich von der ganzen
Welt beobachtet, verfolgt oder geliebt wähnenden Paranoikers.
Der Psychoneurotiker leidet an Erweiterung, der Paranoische
an Schrumpfung des Ichs.
Wenn man die Ontogenese des Ichbewußtseins auf Grund
der neuen Erkenntnisse revidiert, gelangt man zur Ansicht,
daß die paranoische Projektion und die neurotische Introjektion
der Dementia praecox. Zentralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie
1908. („Im Autoerotismus liegt der Gegensatz der Dementia praecox
gegenüber der Hysterie. Hier Abkehr der Libido, dort übermäßige
Objektbesetzung . . .") Erschienen in Abrahams „Klinischen Beiträgen
zur Psychoanalyse". Int. PsA. Bibliothek. Bd. 10, 1921.
20 S. Ferenczi
nur extreme Falle von psychischen Prozessen sind, deren Grund-
formen bei jedem Normalmenschen nachzuweisen sind.
Man kann annehmen, daß dem Neugeborenen alles, was
seine Sinne wahrnehmen, einheitlich, gleichsam monistisch
vorkommt. Erst später lernt er die tückischen Dinge, die seinem
Willen nicht gehorchen, als Außenwelt vom Ich — d. h. die
Gefühle von den Empfindungen — zu sondern. Das wäre der
erste Projektionsvorgang, die Urprojektion, und den so vor-
gezeichneten Weg dürfte der später paranoisch Werdende dazu
benutzen, um noch mehr vom Ich in die Außenwelt zu
drängen.
Ein mehr-minder großer Teil der Außenwelt läßt sich aber
nicht so leicht vom Ich abwälzen, sondern drängt sich ihm
immer wieder auf, es gleichsam herausfordernd: „Kämpf mit
mir oder sei mein Freund". (Wagner, Götterdämmerung, I. Akt.)
Hat das Individuum unerledigte Affekte zur Verfügung, und
die hat es bald, so folgt es dieser Aufforderung, indem es sein
„Interesse" vom Ich auf einen Teil der Außenwelt ausdehnt.
Das erste Lieben und Hassen ist eine Übertragung der auto-
erotischen Lust- und Unlustgefühle auf die Objekte, die jene
Gefühle verursachen. Die erste Objektliebe und der erste
Objekthaß sind gleichsam die UrÜbertragungen, die
Wurzeln jeder künftigen Introjektion.
Freuds Entdeckungen auf dem Gebiete der Psychopatho-
logie des Alltagslebens überzeugen uns, daß die Fähigkeit des
Projizierens und Verschiebens auch beim erwachsenen Normal-
menschen nicht ruht und oft über das Ziel hinausschießt. Auch
die Art, wie der Kulturmensch sein Ich in die Welt einordnet,
seine philosophische und religiöse Metaphysik ist nach Freud
nur Metapsychologie, zumeist eine Projektion von Gefühls-
regungen in die Außenwelt, Wahrscheinlich ist aber neben der
Projektion auch die Introjektion für die Weltauffassung der
Introjektion und Übertragung 21
Menschen bedeutsam. Die große Rolle, die der Vermensch-
lichung unbelebter Dinge in der Mythologie zukommt, scheint
dafür zu sprechen. Kleinpauls geistvolles Werk über die
Entwicklung der Sprache, 1 auf dessen psychologische Bedeut-
samkeit uns Abraham 2 aufmerksam machte, zeigt über-
zeugend, wie es dem Menschen gelingt, die ganze tönende und
nichttonende Mitwelt mit den Mitteln des Ichs darzustellen,
wobei kein Mittel der Projektion und Introjektion unversucht
bleibt. Die Art, wie bei der Sprachbildung eine Reihe von
menschlich-organischen Tönen und Geräuschen auf Grund der
oberflächlichsten akustischen Analogie und des minimalsten
„ätiologischen Anspruches" mit einem Dinge identifiziert wird,
erinnert lebhaft an die eben erwähnten Übertragungsbrücken
der Neurosen.
Der Neurotische benutzt also einen auch von den
Normalen vielbegangenen Weg, wenn er die f r e i-
flottierenden Affekte durch Ausweitung des
Interessenkreises, also durch Introjektion zu
mildern sucht und wenn er seine Affekte an alle
möglichen Objekte, die ihn nichts angehen, verschwendet,
um Affektbeziehungen zu gewissen Objekten,
die ihn nahe angehen, unbewußt lassen zu
können.
Oft gelingt es, in der Analyse der Neurotiker diese Aus-
weitung des Interessenkreises historisch zu verfolgen. So
hatte ich eine Patientin, die bei der Lektüre eines Romanes
an sexuelle Ereignisse der Kindheit erinnert wurde und im
Anschlüsse daran eine Phobie vor Romanen produzierte, die sie
später auf Bücher überhaupt, endlich auf alles Gedruckte aus-
dehnte. Die Flucht vor der Masturbationsneigung verursachte
1) Kleinpaul, Das Stromgebiet der Sprache. Leipzig, 1895.
2) Abraham, Traum und Mythos. Wien, 1909.
22 S, Ferenczi
bei einem meiner Zwangsneurotiker eine Phobie vor den
Anstandsorten (wo er seinerzeit dieser Neigung frönte); später
wurde daraus eine Klaustrophobie: Furcht vor Alleinsein in
jedem geschlossenen Räume. Von der psychischen Impotenz
konnte ich nachweisen, daß sie in sehr vielen Fällen durch die
Übertragung des Respektes vor der Mutter oder Schwester auf
alle Frauen bedingt ist. 1 Bei einem Maler erwies sich die Lust
am Anschauen der Dinge und damit die Berufswahl als „Ersatz"
für Dinge, die er als Kind nicht betrachten durfte.
Die experimentelle Bestätigung dieser Introjektionsneigung
der Neurotischen können wir in den von Jung ausgeführten
Assoziationsversuchen finden. 2 Als das für die Neurose Charak-
teristische bezeichnet Jung die verhältnismäßig sehr hohe Zahl
von „Komplexreaktionen" : die Reizworte werden vom Neurotiker
„im Sinne seines Komplexes gedeutet". Der Gesunde antwortet
rasch mit einem indifferenten, inhaltlich oder klanglich assozi-
ierten Reaktionsworte. Beim Neurotischen bemächtigen sich die
ungesättigten Affekte des Reizwortes und versuchen, es in ihrem
Sinne auszubeuten, wozu ihnen die mittelbarste Assoziation gut
genug ist Die Reizworte lösen also eigentlich die kom-
plizierte Reaktion nicht aus, sondern die reiz-
hungrigen Affekte der Neurotischen kommen
ihnen entgegen. Will man das neu geprägte Wort
anwenden, so kann man sagen, daß der Neurotische die
Reizworte des Experimentes introjiziert.
Man wird mir einwenden, daß die Erweiterung des Inter-
essenkreises, die Identifizierung des Ichs mit vielen Menschen,
ja, mit der ganzen Menschheit, die Empfänglichkeit für die
i) Ferenczi, Analytische Deutung und Behandlung der psycho-
sexuellen Impotenz beim Manne. (Psychiatrisch-Neurologische Wochen-
schrift 1908.) Abgedruckt in Band II dieser Sammlung.
2) Jung, Diagnostische Assoziationsstudien. Leipzig, 1906.
Introjektion und Übertragung 23
Reize der Außenwelt Eigenschaften sind, mit denen auch die
Normalen, ja, besonders die hervorragendsten Vertreter des
Menschengeschlechtes ausgestattet sind, — daß man also die
Introjektion nicht als den für Neurosen typischen und charak-
teristischen psychischen Mechanismus bezeichnen darf. Diesem
Einwand müssen wir die Erkenntnis entgegenhalten, daß es die
vor Freud angenommenen fundamentalen Unterschiede zwischen
Normalen und Psychoneurotischen nicht gibt. Freud zeigte
uns, daß „die Neurosen keinen besonderen, ihnen eigentümlich
und allein zukommenden psychischen Inhalt haben", und nach*
Jungs Ausspruch erkranken die Neurotiker an Komplexen,
mit denen wir alle kämpfen. Der Unterschied zwischen beiden
ist nur ein quantitativer und praktisch wichtiger. Der Gesunde
überträgt seine Affekte und identifiziert sich auf Grund viel
besser motivierbarer „ätiologischer Ansprüche" als der Neuro-
tische, vergeudet also nicht so sinnlos seine psychischen Ener-
gien wie dieser.
Ein anderer Unterschied, auf dessen prinzipielle Bedeutsam-
keit Professor Freud aufmerksam machte, ist der, daß dem
Gesunden der größte Teil seiner Introjektionen bewußt ist, |
während sie beim Neurotischen zumeist verdrängt bleiben, sich I
in unbewußten Phantasien ausleben und nur indirekt, sym- i
bolisch dem Kundigen zu erkennen geben. Sehr oft erscheinen
sie sogar in Form von „Reaktionsbildungen' , als übermäßige
Betonung einer der unbewußten gegensätzlichen Gefühls Strömung
im Bewußten.
Daß von allen diesen Dingen, von Übertragungen auf den
Arzt, von Introjektionen in der vorfreudischen Neurosenliteratur
nichts enthalten ist, — ca ne les empSchait pas d'exister. —
Damit will ich auch jenen Kritikern geantwortet haben, die
die positiven Ergebnisse der Psychoanalyse als der Nachprüfung
nicht wert a limine ablehnen, der von uns selbst hervor-
24 S. Ferenczi
gehobenen Ansicht von den Schwierigkeiten dieser Forschungs-
methode aber ohne weiteres Glauben schenken und sie als
Waffe gegen die neue Richtung gebrauchen. So begegnete mir
unter anderem der Einwurf, daß die Psychoanalyse gefährlich
sei, weil sie Übertragungen auf den Arzt schaffe, wobei
bezeichnenderweise immer nur von der erotischen, niemals von
der negativen Übertragung 1 gesprochen wird.
Ist aber die Übertragung gefährlich, so werden alle Nerven-
ärzte, auch die Gegner Freuds, konsequenterweise die
Beschäftigung mit Neurotikern aufgeben müssen, denn immer
mehr kommen wir zur Überzeugung, daß die Übertragung
auch in der nichtanalytischen und nichtpsychotherapeutischen
Behandlung der Psychoneurosen die größte, wahrscheinlich die
einzig wichtige Rolle spielt, nur daß bei diesen Behandlungs-
methoden — wie Freud mit Recht hervorhebt — nur die
positiven Gefühle dem Arzte gegenüber zu Worte kommen, da
die Kranken beim Auftauchen von unfreundlichen Übertragungen
sich vom „antipathischen" Arzte losreißen« Die positiven Über-
tragungen werden aber vom nichts ahnenden Arzte übersehen
und die Heilwirkung den physikalischen Maßnahmen oder der
unklar erfaßten „Suggestion" zugeschrieben.
Am deutlichsten zeigt sich die Übertragung bei der Behand-
lung mit Hypnose und Suggestion, wie ich es im folgen-
den Kapitel dieser Arbeit ausführlicher darzulegen versuche.
Seitdem ich von Übertragungen etwas weiß, erscheint mir
eben das Vorgehen jener Hysterika, die nach Beendigung der
Suggestionskur meine Photographie verlangte, um — wie sie
1) Die praktische Bedeutsamkeit und exzeptionelle Stellung jener
Art von Introjektionen, die die Person des Arztes zum Gegenstande
haben und bei der Analyse aufgedeckt werden, erfordert es, daß für
diese der von Freud gegebene Terminus „Übertragungen" beibehalten
werde. Die Bezeichnung „Tntrojektion" wäre für alle anderen Fälle des
gleichen psychischen Mechanismus anwendbar.
Introjektion und Übertragung 25
sagte — beim Anblick derselben an meine Worte erinnert zu
werden, im richtigen Lichte. Sie wollte einfach ein Andenken
von mir haben, der ich ihrer von Konflikten geplagten Seele
durch Streicheln ihrer Stirne, durch freundlich mildes Zureden,
durch ungestörtes Phantasierenlassen im halbdunklen Zimmer
so angenehme Viertelstunden verschaffte. Einer anderen Patientin
mit Waschzwang entschlügfte einmal bei der Analyse sogar das
Geständnis, daß sie einem sympathischen Arzte zuliebe oft
imstande war, ihre Zwangshandlung zu unterdrücken.
Dies sind keine Ausnahmsfälle, sondern repräsentieren den
Typus und dienen zur Erklärung nicht nur der hypnotischen
und suggestiven, sondern auch aller „Heilungen" der Psycho-
neurotischen mittels Elektro-, Mechano-, Hydrotherapie und
Massage.
Es soll nicht geleugnet werden, daß rationellere Lebens-
bedingungen die Ernährung heben, die Stimmung bessern und
hierdurch die Bewältigung von psychoneurotischen Symptomen
einigermaßen unterstützen können; die hauptsächliche Heil-
potenz bei all diesen Kuren ist aber die unbewußte Über-
tragung, wobei die verkappte Befriedigung libidinöser Ten-
denzen (bei der Mechanotherapie die Erschütterung, bei der
Hydrotherapie und Massage das Reiben der Haut) sicherlich
eine Rolle spielt.
Professor Freud faßt diese Überlegungen in dem Aus
spruche zusammen, daß man den Neurotischen be-
handeln mag wie immer: er behandelt sich
immer psychotherapeutisch, das heißt mit Über-
tragungen. Was wir als Introjektionen und sonstige Krank-
heitssymptome beschreiben, sind — nach Freuds Ansicht,
der ich vollkommen beipflichten muß — eigentlich auto-
didaktisch erlernte Heilungsversuche des Kranken. Denselben
Mechanismus betätigt er aber, wenn ihm ein heilen wollender
26 S. Ferenczi
Arzt begegnet: er versucht — meist ganz unbewußt — zu
„übertragen", und wenn es ihm gelingt, so ist die Besserung
des Zustandes die Folge.
Man könnte mir einwenden, daß die nichtanalytischen Be-
handlungsmethoden, indem sie — wenn auch unbewußt —
den von der kranken Psyche automatisch eingeschlagenen Weg
befolgen und mit Übertragungen heilen, im Rechte seien.
Die Übertragungstherapie sei also gleichsam ein „Naturheil-
verfahren", die Psychoanalyse dagegen etwas Künstliches, der
Natur Aufgezwungenes. Dieser Einwurf wäre unwiderlegbar.
Der Kranke „heilt" seine seelischen Konflikte tatsächlich durch
Verdrängung, Verschiebung und Übertragung unliebsamer
Komplexe ; leider entschädigt sich das Verdrängte durch die
Schaffung „kostspieliger Ersatzbildungen" (Freud), so daß wir
die Neurosen als mißlungene Heilungsversuche
(Freud) ansehen müssen, wo wirklich medicina pejor morbo.
Sehr falsch wäre es, auch hier sklavisch die Natur nachahmen
zu wollen und ihr auf einer Fährte zu folgen, wo sie im
gegebenen Falle ihre Unfähigkeit erwiesen hat. Die Psycho-
analyse will individualisieren, was die Natur
verschmäht; die Analyse trachtet Individuen lebens- und
aktionsfähig zu machen, die bei dem summarischen Verdrän-
gungsverfahren der um die schwächlichen Einzelwesen sich
nicht kümmernden Natur zugrunde gingen. Es genügt hier nicht,
die verdrängten Komplexe mit Hilfe der Übertragung auf den
Arzt um ein kleines weiter zu verschieben, ihre Affektspannung
zum Teil zur Entladung zu bringen und hierdurch eine tem-
poräre Besserung zu erzielen. Will man dem Kranken ernstlich
helfen, so muß man ihn durch die Analyse dazu bringen, daß
er — entgegen dem Unlustprinzip — die Widerstände
(Freud), die ihm den Anblick der eigenen, ungeschminkten
seelischen Physiognomie verwehren, überwindet,
Introjektion und Übertragung 27
Die heutige Neurologie will aber von Komplexen, Wider-
ständen und Introjektionen nichts wissen und bedient sich ganz
unbewußt eines in vielen Fällen wirklich wirksamen psycho-
therapeutischen Mittels, der Übertragung; sie heilt gleichsam
„unbewußt", bezeichnet sogar das eigentliche wirksame Prinzip
aller Heilmethoden der Psychoneurosen als eine Gefahr.
Wem die Übertragungen gefährlich vorkommen, der muß die
nichtanalytischen Behandlungsmethoden, die die Übertragungen
verstärken, viel strenger verdammen als die Psychoanalyse, die
dieselben ehemöglichst aufzudecken und zu lösen sucht.
Ich leugne aber, daß die Übertragung etwas Schädliches sei,
vermute vielmehr, daß sich — wenigstens in der Neurosen-
pathologie — jener tief in der Volksseele wurzelnde uralte
Glaube bewahrheiten wird, daß die Liebe Krankheiten heilen
kann. Diejenigen, die uns spöttisch vorwerfen, „alles aus
einem Punkte" erklären und kurieren zu wollen, sind noch
viel zu sehr von jener asketisch-religiösen, alles Sexuelle
geringschätzenden Weltanschauung beeinflußt, die der Einsicht
in die große Bedeutung der Libido für das normale und patho-
logische Seelenleben seit nahezu zweitausend Jahren hinderlich
im Wege steht.
II
Die Rolle der Übertragung bei der Hypnose und
bei der Suggestion
Die Pariser neurologische Schule (Schule C h a r c o t) be-
trachtete peripher und zentral auf das Nervensystem einwirkende
Reize (optische Fixierung von Gegenständen, Streicheln der
Kopfhaut usw.) als Hauptfaktoren bei den hypnotischen Er-
scheinungen. Die Schule Bernheims dagegen (Schule von
Nancy) sieht in diesen und ähnlichen Reizen nur Vehikel zur
„Eingebung" von Vorstellungen, speziell im Hypnotisieren das
2 ^ S. Ferenczi
Vehikel zur Einführung der Vorstellung des Einschlafens. Die
gelungene Eingebung der Schlafvorstellung soll dann imstande
sein, eine Art „Dissoziationszustand des Gehirns" hervorzu-
rufen, in dem man weiteren Suggestionen besonders leicht
zugänglich sei, d. h. die Hypnose. Dies war ein gewaltiger
Fortschritt, der erste Versuch einer von unberechtigten physio-
logischen Phrasen befreiten, rein psychologischen Erklärung der
hypnotischen und Suggestionsphänomene; ganz zufriedenstellen
konnte aber auch diese unser Kausalitätsbedürfnis nicht. Es war
von vornherein unwahrscheinlich, daß das Fixieren eines glän-
zenden Gegenstandes die Hauptursache so tiefgreifender Ver-
änderungen im Seelenleben des Menschen, wie die Hypnose
sie zeitigt, sein könne. Nicht viel größer ist aber die Plau-
sibilität der Annahme, daß eine dem wachen Menschen „ein-
gegebene" Vorstellung, die Idee des Schlafens, ohne die unum-
gängliche Mithilfe viel gewaltigerer psychischer Kräfte, solche
Veränderungen verursachen könne. Alles spricht vielmehr dafür,
daß beim Hypnotisieren und Suggerieren die Hauptarbeit nicht
der Hypnotiseur und Suggereur, sondern die Person selbst ver-
richtet, die bisher zumeist nur als „Gegenstand" der Ein-
gebungsprozeduren in Betracht kam. Die Existenz der Auto-
suggestion und Autohypnose einerseits, die durch die Individualität
des „Mediums" gesteckten Grenzen der produzierbaren Er-
scheinungen anderseits sind schlagende Beweise dafür, eine wie
untergeordnete Rolle in der Kausalitätskette dieser Erscheinungen
dem Eingreifen des Experimentators eigentlich zukommt. Trotz
dieser Erkenntnis blieben aber die Bedingungen der intra-
psychischen Verarbeitung von Suggestionseinflüssen in tiefes
Dunkel gehüllt.
Die psychoanalytische Untersuchung Nervenkranker nach
der Methode Freuds verhalf uns erst zu Einblicken in die
Seelenvorgänge, die sich bei Suggestion und Hypnose abspielen.
Introjektion und Übertragung 29
Die Psychoanal} r se gestattete uns, mit Sicherheit festzustellen,
daß der Hypnotiseur der Mühe der Hervorrufung jenes „Dis-
soziationszustandes" (dem er übrigens kaum gewachsen wäre)
enthoben ist, da er doch die Dissoziation, d. h. das Neben-
einanderbestehen verschiedener Schichten (nach Freud „Lokali-
täten", „Arbeitsweisen") der Seele auch beim wachen Menschen
fertig vorfindet. Nebst der sicheren Feststellung dieser Tatsache
gab aber die Psychoanalyse auch über den Inhalt jener Vor-
stellungskomplexe und über die Richtung jener Affekte, die die
beim Hypnotisiert- und Suggeriert werden tätige unbewußte
Schichte der Psyche ausmachen, vordem ungeahnte Auskünfte.
Es stellte sich heraus, daß im „Unbewußten" (im Sinne Freuds)
alle im Laufe der individuellen Kulturentwicklung verdrängten
Triebe aufgestapelt sind und daß deren ungesättigte, reizhungrige
Affekte stets bereit sind, auf die Personen und Gegenstände der
Außenwelt zu „übertragen", dieselben mit dem Ich unbewußt
in Beziehung zu bringen, zu „introjizieren". Vergegenwärtigen
wir uns in diesem Sinne den psychischen Zustand des Menschen,
dem etwas suggeriert werden soll, so ergibt sich eine prinzipiell
bedeutungsvolle Verschiebung des früheren Standpunktes. Die
unbewußten seelischen Mächte des „Mediums" erscheinen als
das eigentlich Aktive, während der früher allmächtig gedachte
Hypnotiseur sich mit der Rolle eines Objektes bescheiden muß,
dessen sich das Unbewußte des scheinbar widerstandslosen
„Mediums' je nach seiner individuellen und aktuellen Dispo-
sition bedient.
Unter den psychischen Komplexen, die, im Laufe der Kind-
heit fixiert, für die ganze spätere Lebensgestaltung von außer-
ordentlich hoher Bedeutung bleiben, stehen die „Elternkomplexe"
obenan. Die Erfahrung Freuds, daß diese Komplexe die
Grundlage für die Symptome aller Psychoneurosen der Er-
wachsenen hergeben, wird von allen, die sich ernstlich mit
30 S. Ferenczi
diesen Problemen befassen, bestätigt. Mein Versuch, die Ur-
sachen der psychosexuellen Impotenz analytisch zu erforschen,
führte zum Ergebnisse, daß auch dieser Zustand in einer sehr
großen Zahl von Fällen durch „inzestuöse Fixierung" der Libido
(Freud) verursacht ist, d. h. durch allzu feste — wenn auch
ganz unbewußte — Verankerung der sexuellen Wünsche an
die Personen der nächsten Verwandtschaft, besonders der Eltern.
Ich habe mit dieser Feststellung ähnliche Beobachtungen von
Steiner und W. St ekel bestätigen können. Eine beträchtliche
Bereicherung unseres Wissens über die dauernde Nachwirkung
der elterlichen Einflüsse verdanken wir C. G. Jung 1 und
K. Abraham. 2 Ersterer wies nach, daß die Psychoneurosen
meist aus einem Konflikt zwischen der (unbewußten) Eltern-
konstellation und dem Bestreben nach individueller Selbständig-
keit entstehen. Letzterer demaskiert die Neigung zum Unver-
ehelichtbleiben oder zum Heiraten naher Verwandter als ein
Symptom derselben psychischen Konstellation. Auch I. Sadger 3
hat sich um die Aufdeckung dieser Beziehungen verdient
gemacht.
Für die psychoanalytische Betrachtungsweise gilt es aber als
ausgemacht, daß es zwischen den „normalen" und „psycho-
neurotischen" Seelenvorgängen nur quantitative Unterschiede
gibt und daß die Ergebnisse der Seelenerforschung von Psycho-
nervösen, mutatis mutandis, auch in der Normalpsychologie ver-
wertbar sind. Es war also von vornherein wahrscheinlich, daß
1) CG. Jung, Bedeutung des Vaters für das Schicksal des einzelnen.
Jahrb. f. PsA. I. Jahrg. (1909).
2) K. Abraham, Stellung der Verwandtenehen in der Psychologie
der Neurosen. Erschienen in seinen „Klin. Beiträgen zur Psychoanalyse".
Int. PsA. Bibliothek, Bd. 10, 1921.
5) I. Sadger, Psychiatrisch-Neurologisches in psychoanalytischer
Beleuchtung. (Zentralblatt für das Gesamtgebiet der Medizin und ihrer
Hilfswissenschaften, Jahrgang 1908, Nr. 7 und 8.>
Introjektion und Übertragung 31
die Suggestion, die ein Mensch einem anderen „eingibt", die-
selben Komplexe in Bewegung setzt, die wir bei den Neurosen
in Tätigkeit sehen. Es muß aber hervorgehoben werden, daß
mich in Wirklichkeit nicht diese aprioristische Erwartung,
sondern reale Erfahrungen bei der Psychoanalyse zu dieser Ein-
sicht führten.
Freud ist es zuerst aufgefallen, daß man bei den Analysen
manchmal auf große Widerstände stößt, die das Fortsetzen der
Arbeit unmöglich zu machen scheinen und es wirklich hintan-
halten, bis es gelingt, dem zu Analysierenden einwandfrei dar-
zutun, daß dieses Widerstreben eine Reaktion auf unbewußte
Sympathiegefühle ist, die eigentlich anderen Personen gelten,
aber aktuell zur Person des Analysierenden in Beziehung
gebracht worden sind.
Andere Male beobachtet man an den Analysierten eine an
Anbetung grenzende Begeisterung für den Arzt, die — wie
alles andere — der Analyse unterzogen wird. Es stellt sieb
dann heraus, daß der Arzt auch hier als Deckperson zum Aus-
leben von meist sexuellen Affekten gedient hat, die eigentlich
anderen, für den Analysierten viel bedeutungsvolleren Persön-
lichkeiten gelten. Sehr oft wird aber die Analyse durch
unmotivierten Haß, Furcht und Angst des Patienten dem Arzte
gegenüber unliebsam gestört, die sich im Unbewußten nicht
auf den Arzt, sondern auf Personen beziehen, an die der Patient
aktuell gar nicht denkt. Indem wir dann mit dem Patienten
die Reihe von Persönlichkeiten, denen diese Affekte positiver
und negativer Art eigentlich gelten, durchgehen, stoßen wir oft
zunächst auf solche, die in der unmittelbaren Vergangenheit
des Patienten eine Rolle gespielt haben (z. B. Gattin, Geliebte),
dann kommen unerledigte Affekte der Jugendzeit (Freunde,
Lehrer, Heldenphantasien) und schließlich gelangen wir meist
nach Überwindung größter Widerstände zu verdrängten Gedanken
32 S. Ferenczi
sexuellen, gewalttätigen und ängstlichen Inhaltes, die sich auf
die nächsten Verwandten, besonders auf die Eltern, beziehen.
Es stellt sich so heraus, daß tatsächlich in jedem Menschen
das liebenwollende, dabei furchtsam-ängstliche Kind weiterlebt
und daß alles spätere Lieben, Hassen und Fürchten nur Über-
tragungen oder, wie Freud sagt, „Neuauflagen" von Gefühls-
strömungen sind, die in der ersten Kindheit (vor dem voll-
endeten vierten Jahre) erworben und später verdrängt worden
sind.
Im Besitze dieser Kenntnisse war es kein allzu gewagter
Schritt mehr anzunehmen, daß die merkwürdige Pienipotenz,
mit der wir als Hypnotiseure über alle psychischen und Nerven-
kräfte des „Mediums" verfügen, nichts anderes als Äußerungen
verdrängter infantiler Triebregungen des Hypnotisierten sind.
Ich fand diese Erklärung viel beruhigender als die Annahme
der dissoziationerzeugenden Fähigkeit einer Eingebung, die einen
ja vor seiner Gottähnlichkeit bange machen müßte.
Ein naheliegender Einwand auf diese Überlegungen wäre
die Bemerkung, daß es ja längst bekannt sei, daß Sympathie
und Respekt das Zustandekommen suggestiver Beeinflußbarkeit
sehr begünstigen. Diese Tatsache konnte ja den tüchtigen
Beobachtern und Experimentatoren auf diesem Gebiete nicht
entgehen. Was aber bislang nicht bekannt war und nur mit
Hilfe der Psychoanalyse erkannt werden konnte, ist erstens, daß
diese unbewußten Affekte die Hauptrolle beim Zustandekommen
jeder Suggestionswirkung spielen, zweitens, daß sie sich in
ultima analysi als Manifestationen libidinöser Trieb-
regungen darstellen, die zumeist von den Vorstellungs-
komplexen der kindlich-elterlichen Beziehungen
auf die Relation Arzt-Patient übertragen wurden.
Daß Sympathie oder Antipathie zwischen Hypnotiseur und
Medium das Gelingen des Experimentes sehr beeinflußt, war,
Introjektion und Übertragung 33
wie gesagt, auch vordem allgemein anerkannt. Unbekannt war
aber der Umstand, daß die Gefühle der „Sympathie" und
„ Antipathie" hoch zusammengesetzte, noch weiterer Analyse
zugängliche psychische Gebilde und nach Freuds Methode
in ihre Elemente zerlegbar sind. Bei der Zerlegung findet man
in ihnen die primären unbewußten libidinösen Wunsch-
regungen als Unterlage und darüber einen unbewußten und
vorbewußten psychischen Überbau.
In den tiefsten Schichten der Psyche wie beim Beginne der
psychischen Entwicklung herrscht noch das rohe Unlustprinzip,
der Drang nach unmittelbarer, motorischer Befriedigung der
Libido; das ist die Schichte (oder das Stadium) des Auto-
erotismus nach Freud. Diese Region in der Schichtung der
Psyche eines Erwachsenen ist als direkte Reproduktion meist
nicht mehr zu erreichen; sie muß aus ihren Symptomen
erschlossen werden.
Was reproduzierbar ist, gehört zumeist schon der Schichte
(dem Stadium) der Objektliebe (Freud) an und die ersten
Objekte der Liebe sind die Eltern.
Alles drängt nun zur Annahme, daß jedem „Sympathie-
gefühl" eine unbewußte „sexuelle Stellungnahme
zugrunde liegt und daß, wenn zwei Menschen sich begegnen
(ob des gleichen oder verschiedenen Geschlechtes), das Unbe-
wußte stets den Versuch der Übertragung macht. („Im Unbe-
wußten gibt es kein ,Nein'" . . . „Das Unbewußte kann nichts
als wünschen", sagt Freud.) Gelingt es dem Unbewußten,
diese Übertragung, sei es in rein sexueller (erotischer), sei es
in sublimierter, versteckter Form (Achtung, Dankbarkeit, Freund-
schaft, ästhetisches Wohlgefallen usw.) dem Bewußtsein annehm-
bar zu machen, so kommt es zur „Sympathie" zwischen den
beiden. Antwortet das Vorbewußte mit Verneinung der stets
positiven unbewußten Lust, so entsteht je nach dem Kräfte-
Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I 5
34 S. Ferenczi
Verhältnis beider Instanzen Antipathie in verschiedenen Graden
bis zum Ekel. 1
Als klassischen Zeugen für die Wirklichkeit der allen Per-
sonen gegenüber sich äußernden „sexuellen Stellungnahme"
führe ich Freuds Patientin Dora aus dem „Bruchstück einer
Hysterieanalyse" an. Im Laufe der — ■ nicht einmal voll-
ständigen — Analyse stellte sich heraus, daß ihre Sexualität
keiner einzigen Person ihrer Umgebung gegenüber indifferent
blieb. Die beiden Ehehälften der befreundeten Familie K., die
Gouvernante, der Bruder, die Mutter, der Vater: alle regten
ihre sexuelle Libido an. Dabei war sie im Bewußten — wie
die meisten Neurotiker — eher spröde und negativistisch und
i) Daß das Gefühl der Antipathie, des Ekels, aus Lust und Unlust,
Gefallen und Mißfallen zusammengesetzt ist, fand ich in einem auch
von Herrn Professor Freud untersuchten Falle von paranoischem Eifer-
suchtswahn bei einer Frau aus den gebildeten Ständen besonders schon
ausgeprägt. Als Grundursache ihres Leidens entpuppte sich die infantile
Homosexualität, die seinerzeit von der Mutter auf weibliche Warte-
personen, dann auf kleine Freundinnen übertragen und ausgiebig betätigt
wurde. Die Enttäuschungen des Ehelebens hatten das Zurückströmen
der Libido in „infantile Kanäle" zur Folge, inzwischen ist aber diese
Art von sexueller Lust ihr unerträglich geworden. Sie projizierte also
dieselbe auf ihren Mann (den sie früher liebte) und beschuldigte ihn
der Untreue. Merkwürdigerweise verdächtigte sie ihn immer nur mit
ganz jungen, 12- bis 13 jährigen, oder sehr alten, häßlichen Frauens-
personen, meist Dienstboten, die sie „antipathisch" oder gar „ekelhaft"
fand. Wo sie sich das Gefallen in sublimierter Form (ästhetisches
Gefallen, Freundschaft) eingestehen konnte, also bei hübschen Personen
aus ihrem Gesellschaftskreise, da konnte sie lebhafte Sympathie emp-
finden, und diesen gegenüber äußerte sie auch keine Wahnideen. Daß
wir ein Gemenge von süß und bitter „ekelhaft" finden, dürfte ähnliche
psychologische Ursachen haben, wie auch die Idiosynkrasie gegenüber
Speisen und Getränken von gewisser Farbe und Konsistenz die Reaktion
auf infantile, meist mit der Kopro- und Urophilie zusammenhängende
verdrängte Wunschregungen ist. Der Reiz zum Spucken und
Erbrechen beim Anblicke „ekelhafter" Dinge ist nur
die Reaktion auf den unbewußten Wunsch, diese Dinge
in den Mund zu nehmen.
Introjektion und Übertragung 35
hatte keine Ahnung davon, daß hinter ihren schwärmerischen
Freundschaften, ihren Sympathien und Antipathien sich sexuelle
Wünsche versteckten.
Dora ist aber keine Ausnahme, sondern ein Typus. So wie
ihre Psyche analysiert vor uns dasteht, gibt sie ein getreues
Abbild des inneren Menschen überhaupt, denn bei genügender
Vertiefung in das Seelenleben eines jeden (ob „normalen" oder
neurotischen) Menschen können wir, von quantitativen Verhält-
nissen abgesehen, dieselben Erscheinungen wieder finden.
Die Hypnotisierbarkeit und suggestive Beein-
flußbarkeit eines Menschen hängt also von der
Möglichkeit der „Übertragung" oder, offener
gesagt, der positiven, wenn auch unbewußten
sexuellen Stellungnahme des zu Hypnotisierenden
dem Hypnotiseur gegenüber ab; die Übertragung
aber, wie jede „Objektliebe", hat ihre letzte
Wurzel in dem verdrängten Elternkomplex. 1
Weitere Indizienbeweise für die Richtigkeit dieser Auffassung
erhält man, wenn man die praktischen Erfahrungen über die
Bedingungen der Hypnotisierbarkeit und Suggestibilität in
Betracht zieht.
Es ist auffallend, wie sehr die Verhältniszahl der gelungenen
Hypnosen bei den einzelnen Autoren differiert. Der eine erzielt
nur in 50 Prozent, der andere in 80 bis 90, ja, 96 Prozent
der Fälle einen positiven Erfolg. Nach der übereinstimmenden
Überzeugung erfahrener Hypnotiseure gehört zur Eignung zu
diesem Beruf eine Anzahl äußerer und innerer Eigenschaften
(eigentlich nur äußerer, denn auch die „inneren" müssen sich
1) Da ich von der Richtigkeit der Ansicht Bernheims, daß die
Hypnose nur eine Form der Suggestion (suggerierter Schlaf) ist, über-
zeugt bin, lege ich kein Gewicht auf das scharfe Auseinanderhalten
beider Begriffe und gebrauche hier oft den einen für beide.
3*
36 S. Ferenczi
in äußerlich bemerkbaren Ausdrucksbewegungen und in Art
und Inhalt der Rede manifestieren, die ein schauspielerisches
Talent auch ohne Überzeugung leisten kann). Sehr erleichtert
wird die Hypnose durch imponierendes Aussehen des Hypnoti-
seurs; einen „imposanten" Menschen denkt man sich aber oft
mit einem langen, womöglich schwarzen Barte (Svengali); für
den Mangel dieses Attributes der Männlichkeit können mächtige
Statur, dichte Augenbrauen, durchdringender Blick, strenger,
aber vertrauenerweckender Gesichtsausdruck entschädigen. Daß
die Selbstsicherheit im Auftreten, der Ruf früherer Erfolge, die
hohe Achtung, die einen berühmten Gelehrten umgibt, auch
das seinige zum Gelingen der Suggestionswirkung beiträgt,
wird allgemein anerkannt. Große Höhen- und Rangunterschiede
in der gesellschaftlichen Stellung zugunsten des Hypnotiseurs
erleichtern das Zustandekommen von Suggestionswirkungen. Ich
war während meines Militärdienstes Zeuge, wie ein Infanterist
auf Geheiß seines Oberleutnants augenblicklich einschlief. Es
war ein coup de foudre. Meine ersten hypnotischen Versuche,
die ich als Student an den Lehrlingen aus der Buchhandlung
meines Vaters vornahm, gelangen ausnahmslos; später hatte ich
bei weitem nicht so hohe „Prozente", allerdings fehlte es mir
später an der absoluten Selbstsicherheit, die einem nur die
Unwissenheit verleihen kann.
Die Befehle müssen bei der Hypnose so bestimmt und sicher
gegeben werden, daß dem zu Hypnotisierenden der Wider-
spruch ganz unmöglich vorkommen soll. Als Grenzfall dieser
Art von Hypnose mag die „Überrumpelungshypnose" durch
Anschreien, Erschrecken gelten, wobei nebst der Strenge des
Tones verzerrte Mienen, geballte Fäuste von Nutzen sein
können. Diese Überrumpelung kann — ähnlich dem Anblicke
des Medusenhauptes — die sofortige Schrecklähmung, die
Katalepsie des dazu Disponierten zur Folge haben.
Introjektion und Übertragung 37
Es gibt aber auch eine ganz andere Methode der Ein"
schläferung; die Requisiten derselben sind: ein halbdunkles
Zimmer, absolute Stille, freundlich-mildes Zureden in monotoner,
leicht melodischer Sprache (worauf großes Gewicht gelegt wird),
dabei können leichtes Streicheln der Haare, der Stirne, der
Hände als unterstützende Maßnahmen dienen.
Im allgemeinen kann man also sagen, daß uns zwei Mittel
und Wege zu Gebote stehen, um andere Menschen zu hypnoti-
sieren, suggerieren, d. h. sie zum (relativ) willenlosen Gehorsam
und blinden Glauben zu zwingen: die Angst und die Liebe.
Die professionellen Hypnotiseure der vorwissenschaftlichen Ära
dieser Heilmethode, die eigentlichen Erfinder der Prozeduren,
scheinen instinktiv in allen Details gerade jene Arten des
Ängstigens und Liebseins zur Einschläferung und zum Gefügig-
machen gewählt zu haben, deren Wirksamkeit sich seit
Jahrlausenden in dem Verhältnisse der Eltern zum Kinde
bewahrt hat.
Der durch Schrecken und Überrumpeln Hypnotisierende
mit dem imponierenden Äußern hat sicherlich große Ähnlich-
keit mit dem Bilde, das sich dem Kinde vom gestrengen,
allmächtigen Vater, dem zu glauben, zu gehorchen und nach-
zustreben wohl die höchste Ambition jedes normalen Menschen-
kindes ist, eingeprägt haben mag. 1 Und die leicht streichelnde
Hand, die angenehmen, monotonen, zum Schlafen zuredenden
Worte: sind sie nicht eine Neuauflage von Szenen, die sich
beim Bette des Kindes zwischen ihm und der zärtlichen,
Schlaflieder singenden oder Märchen erzählenden Mutter wohl
l) Das in Mythos, Sage und Märchen immer wiederkehrende
Riesenmo tiv und das universelle Interesse für diese Kolossal-
gestalten hat gleichfalls infantile Wurzeln und ist ein Symptom des
unsterblichen Vaterkomplexes. Diese Hochachtung vor den „Riesen"
erscheint bei Nietzsche in ganz sublimierter Form als Forderung
eines „Pathos der Distanz".
38 S. Ferenczi
viele hunderte Male abgespielt haben können. Und was tut
man nicht alles, um der guten Mutter zu gefallen?
Ich lege kein großes Gewicht auf diese Scheidung von
väterlicher und mütterlicher Hypnose; kommt es
doch gar zu oft vor, daß Vater und Mutter die Rolle wechseln.
Ich mache nur darauf aufmerksam, wie die Situation beim
Hypnotisieren zum bewußten oder unbewußten Zurückphanta-
sieren in die Kindheit, zum Wecken der in jedem Menschen
versteckten Reminiszenzen aus der Zeit des kindlichen Gehorsams
geeignet ist.
Aber auch die angeblich durch äußeren Reiz wirkenden
Einschläferungsmittel: Vorhalten eines glänzenden Gegenstandes,
Anlegen einer tickenden Uhr ans Ohr, sind die nämlichen,
mit denen es zum erstenmal gelang, die Aufmerksamkeit des
Wickelkindes zu „fesseln", also sehr wirksame Mittel zur
Weckung infantiler Erinnerungen und Gefühlsregungen.
Daß auch beim gewöhnlichen spontanen Einschlafen seit
der Kindheit bewahrte Gewohnheiten und Zeremonien eine
große Rolle spielen, und daß beim „Schlafengehen" auto-
suggestive (wir mochten sagen unbewußt gewordene infantile)
Elemente im Spiele sind, wird neuerdings von vielen, auch
von solchen zugegeben, die der Psychoanalyse fremd oder
feindlich gegenüberstehen. Alle diese Überlegungen drängen
zur Annahme, daß es die Vorbedingung jeder erfolgreichen
Suggestion (Hypnose) ist, daß der Hypnotiseur dem zu
Hypnotisierenden „gewachsen" sei, d. h. in ihm
dieselben Gefühle der Liebe oder Furcht, dieselbe
Überzeugung der Unfehlbarkeit erwecken
könne, mit denen er als Kind zu den Eltern
hinaufschaute.
Zur Vermeidung von Mißverständnissen muß betont werden,
daß die Suggestibilität, d. h. die Empfänglichkeit für Ein-
I
Introjektion und Übertragung 39
gebungen, die Neigung zu blindem Glauben und Gehorsam
hier nicht nur genetisch mit analogen psychischen Eigen-
tümlichkeiten der Kindheit zusammenhängend gedacht wird,
daß vielmehr nach unserer Ansicht bei Hypnose und Suggestion
„das im Unbewußten der Erwachsenen schlummernde Kind"
(Freud) gleichsam wiederbelebt wird. Die Existenz dieser
zweiten Persönlichkeit verrät sich ja nicht nur in der Hypnose,
sie äußert sich bei Nacht in allen unseren Träumen, die —
wie wir es seit Freud wissen — mit einem Beine stets auf
Kindheitsreminiszenzen stehen, bei Tage aber ertappen wir
unsere Psyche bei infantilen Tendenzen und Arbeitsweisen bei
gewissen Fehlleistungen 1 und bei allen Äußerungen des
Witzes. 2 Im Innersten unserer Seele sind und bleiben wir
eben zeitlebens Kinder. Grattez Vadulte et vous y trouverez
Venfant.
Wer dieser Anschauung ganz gerecht werden will, muß
natürlich seine hergebrachten Ansichten vom „Vergessen" gründlich
ändern. Die analytische Erfahrung überzeugt uns mehr und
mehr, daß es ein Vergessen, ein spurloses Verschwinden im
Seelenleben ebensowenig gibt wie nach unserer Ansicht eine Ver-
nichtung von Energie oder Materie in der physischen Welt. Die
psychischen Vorgänge scheinen sogar ein sehr großes Beharrungs-
vermögen zu besitzen und sind selbst nach jahrzehntelangem
„Vergessen als unverändert zusammenhängende Komplexe
wiedererweckbar oder aus ihren Elementen rekonstruierbar.
Der günstige Zufall setzt mich in die Lage, die Ansicht,
daß die bedingungslose Unterordnung unter einen fremden
Willen einfach als die unbewußte Übertragung von „kindlichen",
1) Freud, Psychopathologie des Alltagslebens, 1904. (Ges. Sehr.,
Bd. IV.)
2) Freud, Der Witz und seine Beziehungen zum Unbewußten, 1905.
(Ges. Sehr., Bd, IX.)
40 S. Ferenczi
aber erotisch gefärbten Affekten (Liebe, Respekt) auf den Arzt
zu erklären ist, mit psychoanalytischen Erfahrungen bei früher
von mir hypnotisierten Patienten belegen zu können.
I) Vor fünf Jahren hypnotisierte ich erfolgreich eine nach
der erwiesenen Untreue des Bräutigams an Angsthysterie erkrankte
Patientin. Vor etwa einem halben Jahre, nach dem Tode eines
geliebten Neffen, kam sie mit der Rezidive ihres Leidens zu
mir und wurde der Psychoanalyse unterzogen. Die charakteri-
stischen Zeichen der Übertragung zeigten sich alsbald, und
indem ich sie der Patientin demonstrierte, ergänzte sie meine
Beobachtungen mit dem Geständnisse, daß sie sich schon
damals bei der hypnotischen Behandlung bewußten, auf die
Person des Arztes gerichteten erotischen Phantasien hingab und
meinen Suggestionen „aus Liebe" Folge leistete.
Die Analyse deckte — um mit Freud zu reden — ■ die
Übertragung, die die Hypnose schuf, auf. Es scheint also, daß
ich damals bei der Hypnose die Patientin heilte, indem
ich ihr in Freundlichkeit, Mitleid, Trostesworten einen Ersatz
für ihre den Ausbruch ihrer ersten Erkrankung auslösende
unglückliche Liebschaft bot. Die Neigung zum treulosen Lieb-
haber war allerdings selbst nur ein Surrogat für die durch die
Ehe verlorene Liebe der älteren Schwester, mit der sie in
ihrer Kindheit in enger Freundschaft lebte und jahrelang
mutuell onanierte. Ihr höchstes Leid war aber die frühzeitige
Entfremdung von der sie früher abgöttisch liebenden und
unglaublich verzärtelnden Mutter, ja alle späteren Liebesversuche
scheinen nur Surrogate dieser ersten, infantilen, aber durch und
durch erotischen Neigung zur Mutter gewesen zu sein. Nach
dem Abbruche der hypnotischen Kur bemächtigte sich ihre
Libido in ganz sublimierter, aber bei der Analyse als erotisch
demaskierter A rt eines kleinen achtj ährigen Neffen, dessen
lntrojektion und Übertragung 41
plötzlicher Tod die Rezidive der hysterischen Symptome aus-
löste. Die hypnotische Fügsamkeit war hier die Folge der
Übertragung, und das ursprüngliche, nie voll ersetzte Liebes-
objekt war bei meiner Patientin unzweifelhaft die Mutter.
II) Ein 28 jähriger Beamter kam vor ungefähr zwei Jahren
zum erstenmal mit einer schweren Angsthysterie zu mir. Ich
befaßte mich zwar bereits mit Psychoanalyse, entschloß mich
aber aus äußeren Gründen zur Hypnose und erreichte durch
einfaches Zureden („Mutterhypnose") eine großartige, momentane
Besserung des Gemütszustandes. Der Patient kam aber bald mit
der Rezidive der Angst zurück und ich wiederholte von Zeit
zu Zeit mit dem gleichen, aber immer nur flüchtigen Erfolge
die Hypnose. Als ich mich endlich zur Analyse entschloß,
hatte ich mit der (sicherlich durch die Hypnosen großgezogenen)
Übertragung auf meine Person die größten Schwierigkeiten.
Diese lösten sich erst, als es sich herausstellte, daß er mich
auf Grund oberflächlicher Analogien mit der „guten Mutter
identifizierte. Zur Mutter fühlte er sich aber als Kind außer-
ordentlich hingezogen, ihre Liebkosungen waren ein Bedürfnis
für ihn, und er gab auch zu, damals starke Neugierde für die
sexuellen Beziehungen der Eltern verspürt zu haben; er war
auf den Vater eifersüchtig, phantasierte sich in die Rolle des
Vaters hinein usw. Eine Zeitlang ging die Analyse ganz glatt
von statten. Doch wie ich ihm einmal auf eine Bemerkung
etwas ungeduldig und abweisend antwortete, bekam er einen
heftigen Angstanfall und es begann eine neuerliche Störung im
Fortgange der Analyse. Nachdem wir uns endlich über den
ihn so aufregenden Zwischenfall ausgesprochen hatten, vertiefte
sich die Analyse in die Reminiszenzen an ähnliche Vorkomm-
nisse, und nun kam — nach Erledigung von Freundschaften mit
etwas homosexuell-masochistischer Färbung und von unliebsamen
42 S. Ferenczl
Szenen mit Professoren und Vorgesetzten — der Vater-
komplex zum Vorschein. „Das schreckliche, verzerrte, runzlige
Gesicht des zürnenden Vaters" sah er leibhaftig vor sich und
er zitterte dabei wie Espenlaub. Zugleich kam aber auch
eine Flut von Erinnerungen, die bezeugten, wie gerne er
dennoch den Vater hatte, wie stolz er auf seine Stärke und
Größe war.
Es sind dies nur Episoden aus der Analyse des komplizierten
Falles, sie zeigen aber deutlich, daß mich auch bei der Hypnose
nur sein ihm damals noch unbewußter Mutterkomplex zur
Beeinflussung des Zustandes befähigte. Ich hätte aber in diesem
Falle wahrscheinlich mit ebensolchem Erfolge auch das andere
Machtmittel der Suggestion: die Einschüchterung, das Im-
ponieren, also das Appellieren an den Vaterkomplex versuchen
können.
III) Der dritte Fall, den ich anführen kann, ist der eines
26jährigen Schneiderleins, der mich wegen seiner epileptiformen
Anfälle, die ich aber nach der Beschreibung für hysterische
hielt, um Hilfe anrief. Sein klägliches, unterwürfig-bescheidenes
Aussehen forderte förmlich zu Suggestionen heraus, und in der
Tat gehorchte er wie ein folgsames Kind allen meinen Be-
fehlen; er bekam nämlich Anästhesien, Lähmungen usw. ganz
nach meinem Willen. Ich unterließ es nicht, eine wenn auch
unvollständige Analyse seines Zustandes vorzunehmen. Ich erfuhr
dabei, daß er jahrelang somnambul war, bei Nacht aufstand,
sich zur Nähmaschine setzte und an einem halluzinierten Stoffe
arbeitete, bis man ihn weckte. Dieser Beschäftigungsdrang
stammte aus der Lehrzeit bei einem sehr strengen Schneider-
meister, der ihn oft schlug und dessen hohen Anforderungen
er um jeden Preis gerecht werden wollte. Selbstverständlich
war auch das nur eine Deckerinnerung an den geachteten und
Introjektion und Übertragung 43
gefürchteten Vater. Auch seine jetzigen Anfälle beginnen mit
Beschäftigungsdrang. Er glaubt eine innere Stimme zu ver-
nehmen: „Steh auf!", dann setzt er sich auf, zieht das Nacht-
hemd aus, macht Nähbewegungen, die in generalisierte Krämpfe
ausarten. An die motorischen Erscheinungen kann er sich
nachträglich nicht erinnern, die weiß er nur von seiner Frau.
Mit dem Rufe „Steh auf!" hat ihn seinerzeit sein Vater all-
morgendlich geweckt, und der Arme scheint noch immer Be-
fehle auszuführen, die er als Kind vom Vater und als Lehrling
vom Chef erhalten hat. „Man kann solche nachträgliche Wir-
kungen von Geboten und Drohungen in der Kindheit bei Er-
krankungsfällen beobachten, wo das Intervall ebensoviel (l 1 /*)
Dezennien und mehr umfaßt", sagt Freud. Er nennt diese
Erscheinung „nachträglichen Gehorsam". 1
Ich vermute nun, daß diese Art „Nachträglichkeit" der
Psychoneurosen überhaupt viel Gemeinsames hat mit den
post hypnotischen Befehlsautomatismen. Hier wie
dort werden Handlungen ausgeführt, über deren Motive man
keine oder nur unzureichende Aufklärung geben kann, da man
damit (in der Neurose) einen längst verdrängten Befehl oder
(bei der Hypnose) eine amnestisch gemachte „Eingebung"
befolgt.
Daß die Kinder den Eltern willig, ja freudig gehorchen, ist
eigentlich nicht selbstverständlich. Man sollte erwarten, daß die
Anforderungen der Eltern an das Verhalten und die Handlungen
der Kinder als äußerer Zwang empfunden werden und Unlust
entbinden. Das ist auch wirklich in den allerersten Lebensjahren
der Fall, solange das Kind nur autoerotische Befriedigungen
kennt. Beim Beginne der „Objektliebe" wird es anders. Die
geliebten Objekte werden introj iziert, vom Ich angeeignet.
Ges. Sehr., Bd. VIII, S, 157.
44 S. Ferenczi
Das Kind liebt die Eltern, das heißt: es identifiziert sich mit
ihnen in Gedanken. Gewöhnlich identifiziert man sich als Kind
in Gedanken mit dem gleichgeschlechtlichen Teile des Eltern-
paares und phantasiert sich in alle seine Situationen hinein.
Unter solchen Umständen ist das Gehorchen nicht unlustvoll;
die Äußerungen der Allmächtigkeit des Vaters schmeicheln
sogar dem Knaben, der sich in seiner Phantasie alle Macht des
Vaters aneignet und gleichsam nur sich selbst gehorcht, wenn
er sich dem Willen des Vaters fügt. Selbstverständlich geht
dieses willige Gehorchen nur bis zu einer gewissen, individuell
verschiedenen Grenze; wird diese von den Eltern in ihren
Anforderungen überschritten, wird die bittere Pille des Zwanges
nicht in die süße Oblate der Liebe eingehüllt, so ist die allzu
frühe Ablösung der Libido von den Eltern und zumeist eine
gewaltige Störung der psychischen Entwicklung die Folge, wie
dies besonders C. G. Jung in seiner Arbeit über die Rolle
des Vaters festgestellt hat.
In dem schönen Buche Mereschkows k j s „Peter der
Große und Alexei" wird das Verhältnis zwischen einem jede
sentimentale Regung bereuenden, grausam-tyrannischen Vater
und dem ihm willenlos ergebenen Sohne, der, durch seinen aus
Liebe und Haß gemischten „Vaterkomplex" gefesselt, unfähig
ist, sich energisch aufzulehnen, sehr charakteristisch geschildert.
Der Dichter-Historiograph läßt z. B. in den Träumereien des Kron-
prinzen sehr oft das Bild seines Vaters aufsteigen. Einmal sieht
sich der Kronprinz als kleines Kind und den Vater vor seinem
Bettchen. „Er streckt (dem Vater) mit einem zärtlichen, schlaf-
trunkenen Lächeln die Ärmchen entgegen und ruft: ,Papa,
Papa, mein Teurer!' Dann springt er auf und wirft sich dem
Vater an den Hals. Peter umarmt ihn so fest, daß es das Kind
schmerzt, er drückt ihn an sich, küßt ihm Gesicht, Hals, die
nackten Beine und seinen ganzen, noch unter dem Nachthemd
Introjektion und Übertragung 45
warmen, verschlafenen Körper ..." Der Zar hat aber dann
beim Heranwachsen seines Sohnes furchtbar strenge Erziehungs-
mittel angewendet. Seine Pädagogik gipfelte in folgendem
(historischen) Satze: „Gib dem Sohne in der Jugend keine
Macht; brich ihm die Rippen, solange er wächst; wenn du
ihn mit dem Stocke schlägst, wird er nicht sterben, sondern
nur kräftiger werden,"
Und trotz alledem erglühte das Gesicht des Zarewitsch vor
schamhafter Freude, als er „in das bekannte, schreckliche und
liebe Gesicht schaute, mit den vollen, fast aufgedunsenen Backen,
mit dem gedrehten, spitzen Schnurrbarte . . . mit dem herz-
lichen Lächeln auf den zierlichen, fast frauenhaft zarten Lippen;
er erblickte die großen, dunkeln, klaren Augen, die ebenso
schrecklich wie mild waren, daß er einst von ihnen wie ein
verliebter Jüngling von den Augen eines schönen Weibes ge-
träumt hatte; er empfand den von Kindheit an ihm bekannten
Duft, ein Gemisch starken Knasters, Schnapses, Schweißes und
eines noch anderen nicht unangenehmen, aber starken Kasernen-
geruches, das im Arbeitszimmer, im Kontor des Vaters herrschte;
er fühlte die ihm auch von Kindheit an bekannte rauhe Be-
rührung des nicht ganz glatt rasierten Kinnes mit dem kleinen
Grübchen in der Mitte, das sich in diesem finsteren Gesichte
sonderbar, fast ergötzlich ausnahm , . .", Solche oder ähnliche
Beschreibungen des Vaters sind bei Psychoanalysen etwas
Typisches. Der Dichter will uns durch diese Charakterisierung
des Verhältnisses zwischen Vater und Sohn verständlich machen,
wie es kam, daß der Kronprinz aus seinem sicheren italienischen
Verstecke beim brieflichen Rufe des Vaters allen Widerstand
aufgibt und sich dem Grausamen (der ihn dann eigenhändig
zu Tode peitscht) willenlos preisgibt. Die Suggestibilität des
Zarewitsch wird hier ganz richtig mit seinem stark betonten
Vaterkomplex motiviert. Den Mechanismus der „Übertragungen"
4Ö S. Ferenczi
scheint Mereschkowsky gleichfalls zu ahnen, als er schreibt:
„Er (der Zarewitsch) übertrug auf den geistlichen Vater (den
Beichtvater Jakob Ignatiew) alle die Liebe, die er seinem
leiblichen Vater nicht zuwenden konnte. Es war eine eifer-
süchtige, zärtliche, leidenschaftliche Freundschaft wie zwischen
Verliebten."
Normalerweise schwindet — beim Heranwachsen des Kin-
des — das Gefühl der Hochachtung vor den Eltern und die
Neigung, ihnen zu gehorchen. Aber das Bedürfnis, jemandem
Untertan zu sein, bleibt; nur wird die Rolle des Vaters auf
Lehrer, Vorgesetzte, imposante Persönlichkeiten übertragen. Die
so verbreitete unterwürfige Loyalität vor Regierenden und
Herrschern ist auch eine solche Übertragung. Im Falle
Alexeis war das Erblassen des Vaterkomplexes auch beim
Heranwachsen unmöglich, da sein Vater wirklich der furchtbar
mächtige Herrscher war, für den wir unsere Väter in der
Kindheit ansehen.
Daß die Vereinigung der elterlichen Macht mit der Würde
einer Respektsperson in der Person des Vaters die inzestuöse
Neigung fixieren kann, konnte ich bei zwei Patientinnen be-
obachten, die die Schülerinnen ihrer eigenen Väter waren. Die
eine bereitete durch leidenschaftliche Übertragung, die andere
durch neurotischen Negativismus fast unüberwindliche Schwierig-
keiten für die Psychoanalyse. Der grenzenlose Gehorsam bei
der einen und die trotzige Ablehnung der ärztlichen Bemühungen
bei der anderen, sie waren durch dieselben psychischen Kom-
plexe, durch die Verdichtung des Vater- und Lehrerkomplexes
determiniert.
Diese markanten Fälle wie auch alle übrigen schon ange-
führten Beobachtungen bestätigen die Ansicht Freuds, daß
die hypnotische Gläubigkeit und Gefügigkeit in
der masochistischen Komponente des Sexualtriebes
Introjektion und Übertragung 47
wurzelt. (Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Ges. Sehr.,
Bd. V, S. 24,)
Masochismus aber ist lustvolles Gehorchen, und
dieses lernt man in der Kindheit von den Eltern.
Im Falle des ängstlich-gehorsamen Schneiders sahen wir
die elterlichen Befehle, weit über die Jahre der Kindheit
hinaus, nach Art einer posthypnotischen Suggestion fortwirken.
Aber auch das neurotische Analogon der sogenannten „Termin-
suggestionen" (Sugg. ä icheance) konnte ich bei einem
Angstneurotiker nachweisen. (Es ist der oben erwähnte 28jährige
Beamte.) Seine Erkrankung erfolgte aus Anlaß ganz gering-
fügiger Motive, und es war auffallend, daß der Patient sich
etwas zu rasch mit dem Gedanken, in so jungen Jahren in
Pension zu gehen, abfand. Die Analyse förderte dann die
Reminiszenz an den Tag, daß er genau zehn Jahre vor der
Erkrankung, und zwar sehr ungerne, die Beamtenlaufbahn
betrat, da er sich künstlerisch für befähigt hielt; er folgte
damals nur dem Drängen des Vaters, nahm sich aber vor,
sofort nach Erreichung der zur Pension berechtigenden Dienst-
zeit (zehn Jahre) sich unter dem Vorwand einer Krankheit
pensionieren zu lassen. (Die Neigung zum Krankheitvorschützen
stammt aus früherer Kindheit, wo es ihm viel Zärtlichkeit
von der Mutter und etwas Nachsicht vom Vater einbrachte.)
Inzwischen vergaß er aber seinen Vorsatz vollständig; er
erreichte ein etwas höheres Einkommen, und obzwar der
Konflikt zwischen der Antipathie gegen die Bureaubeschäftigung
und der Vorliebe für die inzwischen erfolgreich versuchte
künstlerische Tätigkeit fortbestand, hinderte ihn seine anerzogene
Mutlosigkeit daran, an das Aufgeben eines Teiles des Ein-
kommens, wie es nach der Pensionierung der Fall gewesen
wäre, auch nur zu denken Der vor zehn Jahren gefaßte Vorsatz
scheint die ganze Zeit hindurch im Unbewußten geschlummert,,
48 S. Ferenczi
nach Ablauf der Frist fällig geworden zu sein und gleichsam
„autosuggestiv" als eine der auslösenden Ursachen der Neurose
mitgewirkt zu haben. Daß aber Termine eine so bedeutende
Rolle im Leben dieses Patienten gespielt haben konnten, war
im Grunde das Symptom von unbewußten Phantasien, die an
infantile Grübeleien über Menstruations- und Graviditätstermine
der Mutter, unter anderem an die Idee der eigenen Situation
im Mutterleibe und bei der Geburt, anknüpften. 1
Dieser Fall — wie auch alle anderen — bestätigt den Satz
Jungs, daß „die Zauberkraft, welche die Kinder an die Eltern
fesselt", wirklich „die Sexualität ist von beiden Seiten".
So weitgehende Übereinstimmungen zwischen dem analytisch
enthüllten Mechanismus der Psychoneurosen und der mittels
Hypnose und Suggestion produzierbaren Erscheinungen zwingen
förmlich zur Revision des Urteiles, das in wissenschaftlichen
Kreisen über C h a r c o t s Auffassung der Hypnose als „arti-
fizielleHysterie gefallt wurde. Manche Gelehrte glauben,
diese Idee schon dadurch ad absurdum geführt zu haben, daß
sie 90 Prozent der Gesunden zu hypnotisieren imstande sind,
eine solche Ausdehnung des Begriffes „Hysterie" aber für
1) Die unbewußte Geburtsphantasie war die schließliche Erklärung
folgender, wie es sich herausstellte, symbolisch zu deutender Zeilen, die
er während eines Angstanfalles in sein Tagebuch schrieb: „Die Hypo-
chondrie umspinnt meine Seele wie ein feiner Nebel oder eher wie
ein Spinngewebe, so wie Schimmelblumen den Morast bedecken. Ich-
habe das Gefühl, als stäke ich in so einem Sumpf, als müßte ich den
Kopf herausstecken, um atmen zu können. Zerreißen, ja zerreißen
möchte ich das Spinngewebe. Aber nein, es geht nicht! Das Gewebe
ist irgendwo befestigt — man müßte die Pfähle herausreißen, an denen
es hängt. Geht das nicht, so müßte man sich durch das Netz langsam
durcharbeiten, um Luft zu schöpfen. Der Mensch ist doch nicht dazu
da, um von solch einem Spinngewebe umschleiert, erstickt, des Sonnen-
lichtes beraubt zu werden." Alle diese Gefühle und Gedanken waren
.symbolische Darstellungen von Phantasien über intrauterine und Geburts-
* Vorgänge.
Introjektion und Übertragung 49
undenkbar halten. Die Psychoanalyse führte jedoch zur Ent-
deckung, daß die Gesunden mit denselben Komplexen kämpfen,
an denen die Neurotischen erkranken (J u n g), daß also wirklich '
in jedem Menschen ein Stück hysterische Disposition steckt,
die sich unter ungünstigen, die Psyche übermäßig belastenden
Umständen auch manifestieren kann. Keinesfalls kann man die
Tatsache der Hypnotisierbarkeit so vieler Normalmenschen als
zwingenden Beweis für die Unmöglichkeit der Auffassung
Charcots hinnehmen. Ist man aber einmal von diesem Vor-
urteile befreit und vergleicht die Krankheitsäußerungen der
Psychoneurosen mit den Erscheinungen der Hypnose und
Suggestion, so überzeugt man sich, daß der Hypnotiseur wirk-
lich nichts mehr und nichts anderes zeigen kann, als was die
Neurose spontan produziert: dieselben psychischen, dieselben
Lähmungs- und Reizerscheinungen. Der Eindruck weitgehender
Analogie zwischen Hypnose und Neurose erstarkt aber zur
Überzeugung von ihrer Wesensgleichheit, sobald man überlegt,
daß in beiden Zuständen unbewußte Vorstellungskomplexe die
Erscheinungen bestimmen und daß unter diesen Vorstellungs-
komplexen bei beiden die infantilen und sexuellen, besonders
aber die sich auf die Eltern beziehenden die größte Rolle
spielen. Es wird die Aufgabe künftiger Untersuchungen sein,
zu erforschen, ob sich diese Übereinstimmung auch auf die
Einzelheiten erstreckt; die bisherigen Erfahrungen berechtigen
zu der Erwartung, daß dieser Nachweis gelingen wird.
Die Sicherheit dieser Erwartung wird wesentlich durch die
nicht angezweifelte Existenz der sogenannten Autohypnosen
und Autosuggestionen gestützt. Es sind dies Zustände, in denen
unbewußte Vorstellungen, ohne beabsichtigte Einwirkung von
außen, alle neuropsychischen Erscheinungen der gewollten
Suggestion und Hypnose zustande bringen. Es ist vielleicht kein
allzu gewagter Schritt anzunehmen, daß zwischen dem psychischen
Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I 4
50 S. Ferenczi
Mechanismus derartiger Autosuggestionen und dem der psycho-
neurotischen Symptome, die ja Realisierungen unbewußter
Vorstellungen sind, eine weitgehende Analogie bestehen muß.
Diese Verwandtschaft muß aber mit ebensolchem Rechte zwischen
Neurose und Fremdsuggestion angenommen werden, da es ja
nach unserer Auffassung ein „Hypnotisieren", eine
„Eingebung" im Sinne der psychischen Ein-
verleibung von etwas ganz Fremden von außen
her, gar nicht gibt, sondern nur Prozeduren,
die unbewußte, präexistente, autosuggestive
Mechanismen in Gang bringen können. Die Tätig-
keit des Suggerierenden ließe sich dann sehr wohl mit der
Wirkung der auslösenden Ursache einer Psychoneurose ver-
gleichen. Die Möglichkeit, daß zwischen dem Neurotisch- und
Hypnotisiertsein nebst dieser weitgehenden Übereinstimmung
auch Unterschiede obwalten, soll natürlich nicht geleugnet
werden. Diese Unterschiede darzutun, ist sogar eine wichtige
Aufgabe der Zukunft. Hier wollte ich nur darauf hinweisen,
daß der hohe Prozentsatz der Hypnotisierbaren
unter den „N ormalen" nach den psychoana-
lytisch gewonnenen Erfahrungen eher ein
Argument für die allgemein vorhandene Fähig-
keit zur Erkrankung an einer Psychoneurose
als gegen die Wesensgleichheit von Hypnose
und Neurose liefern kann.
Ganz paradox dürfte selbst nach diesen durch ihre Ungewohnt-
heit zunächst gewiß unerfreulich wirkenden Auseinander-
setzungen die Behauptung klingen, daß der Widerstand
gegen das Hypnotisiert- und Suggeriertwerden die Reaktion
auf dieselben psychischen Komplexe sei, die in anderen Fällen
die „Übertragung", die Hypnose oder Suggestion ermöglichen.
Und doch hat dies Freud schon in seiner ersten Arbeit über
i
Introjektion und Übertragung 51
die psychoanalytische Technik 1 erraten und durch Beispiele
erhärten können.
Nach Freuds Auffassung, die durch die seitdem ge-
wonnenen Erfahrungen in allen Punkten bestätigt wurde,
bedeutet das Nichthypnotisierbarsein ein unbewußtes Nicht-
hypnotisiertwerdenwollen. Daß ein Teil der Neurotischen
schwerer oder gar nicht hypnotisierbar ist, beruht eben sehr oft
darauf, daß sie eigentlich nicht geheilt werden wollen. Sie
haben sich mit ihrem Leiden gleichsam abgefunden, da es
ihnen, wenn auch auf einem höchst unpraktischen und kost-
spieligen Umwege, aber ohne Selbstvorwurf, libidinöse Lust, 2
nicht selten auch andere große Vorteile einbringt. („Sekundär-
funktion der Neurosen" nach Freud.)
Die Ursache einer zweiten Art des Widerstandes liegt im
Verhältnisse zwischen dem Hypnotiseur und dem zu Hypnoti-
sierenden, in der „Antipathie" gegen den Arzt. Daß auch dieses
Hindernis meist von den unbewußten infantilen Komplexen
geschaffen wird, wurde aber schon eingangs dargetan.
Man kann mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, daß
die übrigen Widerstände, die wir bei der psychoanalytischen
Beh an d 1 u n g .der Patienten nachweisen, beim Versuche der
Hypnose und Suggestion gleichfalls zu Worte kommen können.
Es gibt ja auch Sympathien, die unerträglich sind. Die Ursache
des Mißlingen s vieler Hypnosen ist, wie Freud uns zeigte,
die Furcht, „sich zu sehr an die Person des Arztes zu
gewöhnen, ihm gegenüber die Selbständigkeit zu verlieren oder
i) Breuer-Freud, Studien über Hysterie. Kapitel: Freud,
„Zur Psychotherapie der Hysterie" 1895. (Ges. Sehr., Bd. I, S. 178 ff.)
2) S. Freud, „Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur
Bisexualität" 1908. (Ges. Sehr., Bd. V, S. 251.) „Das hysterische Symptom
dient der sexuellen Befriedigung und stellt einen Teil des Sexuallebens
der Person dar."
4*
52 S. Ferenczi
gar in sexuelle Abhängigkeit von ihm zu geraten". Daß aber
beim einen Kranken die ungehemmte Neigung zur Über-
tragung, beim anderen die Flucht vor jedem Beeinflußtwerden
zu Worte kommt, glaube ich in letzter Linie gleichfalls auf
den Elternkomplex, insbesondere auf die Art der Ablösung der
Libido von den Eltern zurückführen zu können. 1
IV) Vor nicht langer Zeit suchte mich eine 33J ährige
Patientin, Frau eines Gutsbesitzers, auf, deren Fall als
Illustration dieser Widerstände dienen kann. Sie litt an hysterischen
Anfällen. Mitten in der Nacht wurde ihr Mann einigemal
durch ihr Stöhnen geweckt und sah, wie sie sich unruhig hin
und her wälzte; „sie gab Töne von sich, als stäke ihr etwas im
Halse, was sie vergeblich zu verschlucken versucht", lautete
die Beschreibung des Gatten. Endlich kamen Würgbewegungen
und Brechreiz, worauf die Patientin erwachte, um bald darauf
ruhig einzuschlafen. Die Patientin war das gerade Gegenteil
eines „guten Mediums". Sie war eine jener Widerspenstigen,
die immer auf der Lauer sind nach Inkonsequenzen in den
Aussagen des Arztes, die alles, was er sagt und tut, auf die
Goldwage legen und überhaupt sehr trotzig, beinahe negati-
vistisch sich benehmen. Durch schlechte Erfahrungen bei solchen
Patientinnen gewitzigt, versuchte ich es nicht einmal mit der
Hypnose oder Suggestion und nahm sofort die Analyse in
Angriff. Die verschlungenen Wege zu beschreiben, auf denen
ich die Lösung ihres Symptomkomplexes erlangte, würde mich
1) Infantile (inzestuöse) Fixierung und Fähigkeit zur
Übertragung scheinen in der Tat reziproke Größen
zu sein. Jungs diesbezügliche Beobachtungen kann jeder Psycho-
analytiker vollauf bestätigen; ich glaube aber, daß dieser Satz auch
für jene Form von Affektübertragung, die wir Suggestion nennen,
gültig ist.
Jntrojektion und Übertragung 53
zu weit vom Gegenstande ablenken. In diesem Zusammenhange
beschränke ich mich auf die Erklärung ihres trotzigen
Benehmens, das sie besonders am Anfange der Analyse mir,
aber schon vordem auf kleinliche Anlässe hin ihrem Manne
gegenüber bekundete, mit dem sie manchmal tagelang kein
Wort wechselte. Ihr Leiden brach nach einer gesellschaftlichen
Zusammenkunft aus, wo sie das Benehmen einer älteren Dame
in dem sie beleidigenden Sinne deutete, daß sie der Patientin
vorwerfen wolle, ungebührlicherweise den ersten Platz an der
Tafel einzunehmen. Der Schein des Inadäquaten in ihrer
Gefühlsreaktion schwand aber beim Fortschreiten der Analyse.
Den ersten Platz an der Tafel hatte sie nämlich wirklich
ungebührlicherweise als junges Mädchen, nach dem Tode der
Mutter, eine kurze Zeit lang zu Hause eingenommen. Der
Vater war mit einer großen Schar von Kindern zurückgeblieben,
und es kam nach dem Begräbnisse zu einer rührenden Szene
zwischen ihm und der Tochter; er versprach, sich nie mehr
zu verehelichen, worauf sie die feierliche Erklärung abgab,
zehn Jahre lang nicht zu heiraten und bei den armen Waisen-
kindern Mutterstelle zu vertreten. Es kam aber anders. Es
verging kaum ein Jahr, da fing der Vater an, darauf an-
zuspielen, daß sie heiraten sollte. Sie erriet, was das bedeutete,
und wies jeden Bewerber trotzig zurück. Richtig heiratete der
Vater bald darauf eine junge Person und es begann ein erbitterter
Kampf zwischen der aus allen Stellungen verdrängten Tochter
und ihrer Stiefmutter; in diesem Kampfe nahm der Vater offen
gegen die Tochter Stellung und als einzige Waffe gegen beide
blieb ihr nur der Trotz übrig, von dem sie 'auch nach Kräften
Gebrauch machte. Bis hierher klang das Ganze wie eine rührende
Geschichte von der bösen Stiefmutter und vom treulosen Vater;
bald aber kam das „Infantile" und das „Sexuelle" an die
Reihe, Als Zeichen beginnender Übertragung fing ich an, in
54 S. Ferenczi
ihren Träumen eine Rolle zu spielen, merkwürdigerweise recht
häufig in der für mich wenig schmeichelhaften Gestalt einer
Mischperson» die aus mir und — einem Pferde zusammen-
geschweißt war. Die Assoziationen vom Pferde führten auf
unangenehme Themata; sie erinnerte sich, als ganz kleines
Kind von ihrem Dienstmädchen sehr häufig zu einem Feldwebel
der Gestütsbranche in die Kaserne mitgeführt worden und dort
viele Pferde (auch Koitusszenen zwischen Hengst und Stute)
gesehen zu haben. Sie gab ferner zu, daß sie sich für die
Größenverhältnisse der männlichen Genitalien schon als Mädchen
ungewöhnlich interessierte und von der relativen Kleinheit
dieses Organs bei ihrem Manne — dem gegenüber sie frigid
blieb — enttäuscht gewesen sei. Noch als Mädchen überredete
sie eine Freundin, die Dimensionen des Kopulationsorgans ihrer
zukünftigen Männer zu messen und einander mitzuteilen. Sie
hielt ihr Versprechen, die Freundin aber nicht.
Der sonderbare Umstand nun, daß das Pferd in einem
Traume im Nachthemd erschien, führte zur Reproduktion viel
weiter zurückliegender Kindheitserinnerungen, worunter, wie so
häufig, das Belauschen des sexuellen Verkehrs zwischen den
Eltern und besonders die Beobachtung der Miktion des Vaters
die wichtigste war. Jetzt erst erinnerte sie sich, wie oft sie sich
als Kind in die Stelle der Mutter hineinphantasierte, wie gerne
sie mit ihren Puppen und Freundinnen Vater und Mutter
sp ielt e , j a , einmal mi ttels eines unter die R öcke gesteckten
Polsters eine imaginäre Gravidität durchmachte. Zum Schlüsse
stellte es sich heraus, daß die Patientin schon als Kind jahrelang
an einer „kleinen Angsthysterie" litt: sie konnte oft bis spät in
die Nacht hinein nicht einschlafen infolge der unmotivierten
Angst, der strenge Vater könnte zu ihr kommen und sie mit
seinem im Nachtkästchen aufbewahrten Revolver
totschießen. Die Würgebewegungen und der Brechreiz in ihrem
Introjektion und Übertragung 55
Anfalle waren das Zeichen der Verdrängung von unten nach
oben (Freud), war sie doch (wie Freuds Patientin Dora)
lange Zeit eine enragierte Lutscherin, deren stark betonte erogene
Mundzone einer großen Zahl von perversen Phantasien ent-
gegenkam.
Diese, wie gesagt nur sehr verstümmelt wiedergegebene
Krankheitsgeschichte ist in zweifacher Hinsicht lehrreich. Sie
zeigt erstens, daß hier der Trotz, die Ablehnung jeder Beein-
flussung, die dem Versuch einer Suggestionskur im Wege stand,
sich bei der Psychoanalyse als Widerstand gegen den Vater ent-
puppte. Zweitens lehrt der Fall, daß dieser Widerstand ein
Abkömmling des bei der Patientin stark fixierten Elternkom-
plexes, eines Ödipuskomplexes feminini generis war und daß ihre
Elternkomplexe von infantiler Sexualität durchsetzt waren. (Auf-
fallend ist ferner die Analogie der Pferdeträume dieser Patientin
mit jener Phobie vor Pferden, die Professor Freud beim
fünfjährigen „kleinen Hans" [Ges. Sehr., Bd. VIII] gleichfalls
auf Identifizierung des Vaters mit einem Pferde zurückführen
konnte,)
Was ich durch die angeführten Tatsachen begründen wollte,
ist die Ansicht, daß das „Medium" in den Hypnotiseur eigent-
lich unbewußt verliebt ist und die Neigung dazu aus der
Kinderstube mitgebracht hat. Ich weise nur noch darauf hin,
daß auch das gewöhnliche Verliebtsein psychologische Erschei-
nungen zeitigen kann, die an Hypnose erinnern. Ein von
Liebesleidenschaft verblendeter Mann vollführt fast willenlos
Handlungen, die ihm die Geliebte eingibt, und seien sie auch
Verbrechen. Im berühmten Prozesse C zy n s k y konnten die
gelehrtesten Sachverständigen nicht entscheiden, ob die Hand-
lungen der in die Affäre verwickelten Baronin durch Verliebtsein
oder durch suggerierte Eingebungen determiniert waren.
56 S. Ferenczi
Die meisten Homosexuellen, die mir ihre Lebensgeschichte
erzählten, gaben an, von dem Manne, mit dem sie zum ersten
Male verkehrten, hypnotisiert oder wenigstens suggeriert worden
zu sein. Bei der Analyse eines solchen Falles stellte es sich
natürlich heraus, daß diese Hypnotisierphantasien nur Pro-
jektionsversuche zur eigenen Entschuldigung sind.
Ich begnüge mich mit diesen Hinweisen und will die Ana-
logie zwischen Verliebtsein und Hypnose nicht fortführen, um
nicht den unrichtigen Eindruck zu erwecken, als ob es sich
hier nur um das deduktive Breittreten eines banalen Gleich-
nisses handelte. Dem ist nicht so. Mühevolle individualpsycho-
logische Untersuchungen, wie wir sie seit Freud anzustellen
imstande sind, waren die Grundlage, auf die sich diese Hypo-
these aufbaute, und wenn sie schließlich auf einen Gemeinplatz
hinauslief, so ist das keinesfalls als Argument gegen ihre
Richtigkeit zu verwerten.
Eine nicht zu leugnende Schwäche dieser Überlegungen ist
es allerdings, daß ihnen eine verhältnismäßig kleine Zahl von
beobachteten Fällen zugrunde liegt. Es liegt aber in der Natur
der psychoanalytischen Arbeit, daß hier die Massenbeobachtung
und die statistische Methode nicht anwendbar ist.
Immerhin glaube ich durch gründliche Untersuchung, wenn
auch nicht zahlreicher Fälle, durch die große grundsätzliche
Übereinstimmung in allen Fällen, endlich durch das Zusammen- -
halten dieser Beobachtungen mit dem nunmehr ganz respektablen
Wissensstoff der Psychoanalytik genügendes Material zur Stütze
einer von der bisherigen verschiedenen Auffassung der Hypnose
und Suggestion zusammengetragen zu haben.
Das Suggerieren und Hypnotisieren "wäre nach
dieser Auffassung die absichtliche Herstellung von
Bedingungen, unter denen die in jedem Menschen
vorhandene, aber für gewöhnlich durch die Zensur verdrängt
Introjektion und Übertragung 57
gehaltene Neigung zu blindem Glauben und kritik-
losem Gehorsam — ein Rest des infantil-erotischen Liebens
und Fürchtens der Eltern — auf die Person des Hypno-
tisierenden oder Suggerierenden unbewußt über-
tragen werden kann.
Zur Begriffsbestimmung der Introjektion
(19*2)
Dr. A. Maeder bezieht sich in einem Aufsatze 1 auf meine
Arbeit über Introjektion, 2 und indem er diesen Begriff
mit dem von ihm vorgeschlagenen Begriffe der Exteriorisa-
tion vergleicht, gelangt er zur Schlußfolgerung, daß beide so
ziemlich dasselbe bedeuten. Wäre dem wirklich so, so müßten
wir uns nunmehr darüber einigen, welcher der beiden Termini
fallen zu lassen sei.
Die wiederholte Lektüre beider Aufsätze überzeugte mich
aber, daß die Identifizierung beider Begriffe nur infolge miß-
verständlicher Auslegung der in meiner Arbeit entwickelten
Idee erfolgen konnte.
Ich beschrieb die Introjektion als Ausdehnung des ursprüng-
lich autoerotischen Interesses auf die Außenwelt durch Ein-
beziehung deren Objekte in das Ich. Ich legte das Schwer-
gewicht auf dieses „Einbeziehen" und wollte damit andeuten,
daß ich jede Objektliebe (oder Übertragung), beim
Normalen sowohl als auch beim Neurotiker (natürlich auch
1) A. Maeder, Zur Entstehung der Symbolik im Traum, in der
Dementia praecox usw. Zentralbl. f. PsA., I. (1910/11).
2) S. Ferenczi, Introjektion und Übertragung. 1909. (S. q ff
dieses Bandes.)
Zur Begriffsbestimmung der Introjefction 59
beim Paranoischen, insoferne er deren fähig ist), als eine Aus-
weitung des Ichs, d, h. als Introjektion auffasse.
Im Grunde genommen kann der Mensch eben nur sich
selbst lieben; liebt er ein Objekt, so nimmt er es in sein Ich
auf. Gleichwie die arme Fischersfrau im Märchen, der infolge
einer Verwünschung die Wurst an die Nase angewachsen ist,
deren Berührung wie die der eigenen Haut verspürt und sich
gegen das Abschneiden des unliebsamen Auswuchses energisch
wehren muß : so spüren wir alles Leid, das den von uns
geliebten Objekten angetan wird als unser eigenes. Solches
Anwachsen, solche Einbeziehung des geliebten Objektes in das
Ich nannte ich Introjektion. Ich stelle mir — wie gesagt —
den Mechanismus jeder Übertragung auf ein Objekt,
also jeder Objektliebe als Introjektion, als Ich-
ausweitung vor.
Die exzessive Übertragungsneigung der Neurotischen aber
beschrieb ich als unbewußte Übertreibung desselben
Mechanismus, also als Introjektionssüchtigkeit, während die
Paranoiker 1 die Tendenz haben, ihre Liebe den Objekten zu
entziehen, und falls sie wiederkehrt, sie in die Außenwelt zu
projizieren (Projektionssucht). Ein echter Paranoiker könnte ein
Stück der eigenen Nase (der eigenen Persönlichkeit) für eine
„Wurst" ansehen, abschneiden und wegwerfen; keinesfalls aber
läßt er daran etwas Fremdes anwachsen.
Ich weiß es nur zu gut, und habe auch in meiner zitierten
Arbeit oft darauf hingewiesen, daß dieselben Mechanismen auch
beim Normalen vorkommen. 2 Sicher ist auch, daß die Projek-
1) Die Existenz einer Paranoia ohne Demenz ist mir im Gegensatz
zu M a e d e r nicht zweifelhaft.
2) Den dort gebrachten Beispielen hierfür konnte ich sogar weitere
anfügen. Man kann z. B. die metaphysischen Systeme der Philosophie
als Projektions- und als Introjektionssysteme klassifizieren. Der Mate-
60 S. Ferenczi
tion auch in manchen Fällen der Neurose in Gang gesetzt
wird (z. B. bei den hysterischen Halluzinationen); auch fehlt
die Fähigkeit zum Übertragen (Introjizieren) nicht in jedem
Falle von Paranoia. Immerhin spielt die Projektion bei der
Paranoia und die Introjektion bei der Neurose eine um so viel
bedeutendere Rolle als andere Mechanismen, daß man sie als
für diese klinischen Krankheitsbilder charakteristisch ansehen
kann. 1
Wenden wir uns nun zur Exteriorisation Maeders,
Sie besteht nach seiner Beschreibung darin, daß einzelne Organe
des Körpers mit Gegenständen der Außenwelt identifiziert und
als solche behandelt werden. (Der Paranoide F. B. sieht in den
Äpfeln des Obstgartens Vervielfältigungen seiner Genitalien. Ein
anderer hält die Wasserleitung für sein eigenes Blutgefäß.)
Mae der hält dies für einen Projektionsvorgang. Nach
meinen vorangesetzten Ausführungen müßte man aber diese
Fälle folgendermaßen auffassen: Die Paranoischen machten
vielleicht auch in diesen Fällen einen Versuch zur Projektion
des Gefallens an den eigenen Organen, sie brachten aber bloß
eine Verschiebung dieses ihnen subjektiv erhalten
gebliebenen Interesses zustande. Den eigenen Körper kann das
Ich als zur Außenwelt gehörig, also objektiv, betrachten. Bei
der „Exteriorisation" Maeders wurde also das Interesse nur
von einem Objekt der Außenwelt (dem Organ) auf ein anderes
rialismus, der das Ich ganz in der Außenwelt aufgehen läßt, bezeichnet
das Maximum der denkbaren Projektion; der Solipsismus, der die ganze
Außenwelt in das Ich aufnimmt, das Maximum der Introjektion.
1) Nach neueren Erfahrungen wird die Paranoia nebst dieser patho-
gnomonischen Form auch durch einen pathognomonischen Inhalt
(Homosexualität) charakterisiert. (S, Freud, Psychoanalytische Bemer-
kungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia,
1912 (Ges. Schriften, Bd. VIII) und Ferenczi, Rolle der Homo-
sexualität in der Pathogenese der Paranoia. (Dieser Band S. 120 ff.)
Zur Begriffsbestimmung der Introjektion 6l
ähnliches (die Wasserleitung, das Obst) verschoben. Die Ver-
schiebung kennen wir aber schon als einen Spezialfall des
Introjektionsmechanismus, der Übertragung, wobei
zur Sättigung der „frei flottierenden" Libido an Stelle des
zensurierten Objektes ein anderes, ähnliches, in den Interessen-
kreis einbezogen wird. Maeders Exteriorisation ist also kein
Projektions-, sondern ein Introjektionsvorgang.
Bei der wirklich gelungenen paranoischen Projektion (z. B.
beim Verfolgungswahn) wird hingegen einem Teile der
psychischen Persönlichkeit selbst (der Homosexualität) die Zuge-
hörigkeit zum Ich, gleichsam das Bürgerrecht, entzogen und da
er sich doch nicht aus der Welt schaffen läßt, wieder als etwas
Objektives, Ichfremdes, behandelt. Eine solche Umwandlung des
rein Subjektiven in etwas Objektives darf als Projektion
bezeichnet werden. Ich stehe nicht an, die „exteriorisierenden"
Paranoiker, die immerhin noch ein, wenn auch verschobenes
Interesse an den Dingen der Außenwelt nehmen, die also noch
introjizieren und auf diesem Umwege sich sozial betätigen
können, als den Neurotikern näher stehend und vielleicht auch
therapeutisch günstiger zu beurteilen.
Nach alledem kann ich Maeders Exteriorisierung nur als
eine übrigens auch bei Normalen vorkommende 1 spezielle Art
der Introjektion, nicht aber als Projektion auffassen; den Begriff
der Introjektion aber, der unseren bisherigen Erfahrungen
gerecht wird, glaube ich auch in Hinkunft festhalten zu sollen.
1) S. den Hinweis auf die mythische Vermenschlichung unbelebter
Dinge in , meiner Arbeit „Introjektion und Übertragung". (Dieser
Band S. 9.)
Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes
Wie uns F r e u d zeigte, besteht die Entwicklung der seelischen
Tätigkeitsformen der Einzelwesen darin, daß das ursprünglich
herrschende Lustprinzip und der ihm eigene Verdrängungs-
mechanismus abgelöst werden durch die Anpassung an die Wirk-
lichkeit, d. h. durch die auf objektive Urteilsfällung gegründete
Realitätsprüfung. So entsteht aus dem „primären" psychischen
Stadium, wie es sich in den seelischen Leistungen primitiver
Wesen (Tiere, Wilde, Kinder) und in primitiven Seelenzuständen
(Traum, Neurose, Phantasie) kundgibt, das sekundäre Stadium
des wachdenkenden Normalmenschen.
Am Anfang seiner Entwicklung versucht das neugeborene
Menschenkind, das Befriedigtsein lediglich durch eindringliches
Wünschen (Vorstellen) zu erlangen, wobei es die unbefriedigende
Wirklichkeit einfach unbeachtet läßt (verdrängt), die gewünschte,
aber mangelnde Befriedigung dagegen als vorhanden sich ver-
gegenwärtigt; es will also alle seine Bedürfnisse ohne Mühe,
durch positive und negative Halluzinationen decken. „Erst dai
Ausbleiben der erwarteten Befriedigung, die Enttäuschung, hatte
zur Folge, daß dieser Versuch zur Befriedigung auf halluzina-
torischem Wege aufgegeben wurde. Anstatt seiner mußte sich
Entwicklungsstufen des Wirklidikeitssinnes 63
der psychische Apparat entschließen, die realen Verhältnisse dex
Außenwelt vorzustellen und die reale Veränderung anzustreben.
Damit war ein neues Prinzip der seelischen Tätigkeit einge-
führt; es wurde nicht mehr vorgestellt, was angenehm, sondern
was real war, auch wenn es unangenehm sein sollte. 1
Die bedeutsame Arbeit, in der Freud diese Grundtatsache
der Psychogenese vor uns enthüllt, beschränkt sich auf die
scharfe Unterscheidung der Lust- und Realitätsstadien. Zwar
beschäftigt sich Freud hier auch mit Übergangszuständen, in
denen beide Prinzipien des seelischen Geschehens nebeneinander
gelten (Phantasie, Kunst, Geschlechstleben), aber er läßt die Frage,
ob die Entwicklung der sekundären seelischen Tätigkeitsform
aus der primären allmählich oder stufenweise vor sich geht, ob
sich etwa solche Entwicklungsstufen erkennen oder deren Deri-
vate sich im gesunden oder kranken Seelenleben nachweisen lassen,
zunächst unbeantwortet.
Eine frühere Arbeit Freuds, in der er uns tiefe Einblicke
in das Seelenleben der Zwangsneurotiker gewährt, 2 macht indessen
auf eine Tatsache aufmersam, von der ausgehend man den
Versuch wagen kann, die Kluft zwischen dem Lust- und
dem Wirklichkeitsstadium der seelischen Entwicklung zu über-
brücken,
Zwangsneurotiker, die man der Psychoanalyse unterzieht, —
heißt es dort, — gestehen uns, daß sie nicht umhin können,
von der Allmacht ihrer Gedanken, Gefühle, guten und
bösen Wünsche überzeugt zu sein. Sie mögen noch so aufge-
klärt sein, ihr doktrinäres Wissen und ihre Vernunft mögen
sich noch so sehr dagegen sträuben: sie haben das Gefühl,
1 ) Freud, „Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen
Geschehens", 1911. (Ges. Sehr., Bd. V, S. 409.)
2) Freud, „Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose", 1909.
(Ges. Sehr., Bd. VIII.)
64 S. I'erenczi
daß sich ihre Wünsche unerklärlicherweise verwirklichen. Von<
der Wahrheit dieses Sachverhaltes kann sich jeder Analytiker
beliebig oft überzeugen. Er wird erfahren, daß dem Zwangs-
kranken von gewissen an sich harmlosen Denkvorgängen und
Handlungen, die er vornimmt, das Wohl und Wehe anderer •
Menschen, ja ihr Leben oder Tod abhängig erscheint. Er muß
an gewisse Zauberformeln denken oder eine bestimmte Handlung
ausführen: sonst widerfährt diesem oder jenem Menschen (meist
einem nahen Angehörigen) ein Unglück. Diese gefühlsmäßige
abergläubische Überzeugung wird auch durch wiederholte gegen-
teilige Erfahrungen nicht wankend. 1
Sehen wir hier ganz davon ab, daß die Analyse solche
Zwangsgedanken und -handlungen als Substitutionen
logisch richtiger, aber ob ihrer Unerträglichkeit verdrängter
Wunschregungen entlarvt 2 und wenden wir ausschließlich der
eigentümlichen Erscheinungsform dieser Zwangssymptome unsere
Aufmerksamkeit zu, so müssen wir gestehen, daß diese ein
Problem für sich ist.
Die psychoanalytische Erfahrung erklärte mir nun das Sym-
ptom des Allmachtsgefühls als eine Projektion der Wahrnehmung,
daß man gewissen unwiderstehlichen Trieben sklavisch gehorchen
muß. Die Zwangsneurose ist ein Rückfall des Seelenlebens auf
jene kindliche Entwicklungsstufe, die u. a. auch dadurch
gekennzeichnet war, daß sich auf ihr die hemmende, auf-
schiebende, überlegende Denktätigkeit noch nicht zwischen das
Wünschen und das Handeln einschaltete, sondern auf das
i) Dieser Artikel wurde abgeschlossen, bevor auf die das gleiche Thema
von anderen Gesichtspunkten aus behandelnde Arbeit Freuds über
„Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken« (Totem und
Tabu, 1913, Ges. Sehr., Bd. X) hätte Rücksicht genommen werden
können.
♦ 2 1 v-' « re ud ' " DieAbwehr - Neur °P s y cll0sen " 1893, und „Obsessions
et phobies«, 1895 (Ges. Sehr., Bd. I).
Entwicklungsstufen des Wirklidikeitssinnes 65
Wünschen von selbst und unweigerlich die wunscherfüllende
Bewegung folgte: eine abwehrende Bewegung gegenüber dem
Unlustvollen oder ' die Näherung an das Lustvolle. 1
Ein dem Bewußtsein mehr oder minder entrückter Teil des
Seelenlebens blieb also — wie die Analyse nachweist — beim
Zwangsneurotiker infolge einer Entwicklungshemmung (Fixie-
rung) auf dieser kindlichen Stufe stehen und setzt das Wünschen
dem Handeln gleich, weil dieser verdrängte Anteil des Seelen-
lebens gerade infolge der Verdrängung, der Abwendung der Auf-
merksamkeit, die Unterscheidung der beiden Tätigkeiten nicht
erlernen konnte, während das von Verdrängungen frei entwickelte
Ich, durch Erziehung und Erfahrung gewitzigt, über diese
Gleichsetzung nur lächeln kann. Daher die Zwiespältigkeit beim
Zwangsneurotiker: das unerklärliche Nebeneinanderbestehen des
Aufgeklärtseins und des Aberglaubens.
Von dieser Erklärung des Allmachtsgefühls als autosym-
bolisches Phänomen 2 nicht voll befriedigt, stellte ich mir die
Frage: Woher nimmt denn das Kind die Kühnheit, mit der
es das Denken und Handeln einander gleichsetzt? Woher die
Selbstverständlichkeit, mit der es nach allen Gegenständen,
nach der über ihm hängenden Lampe wie nach dem leuch-
tenden Mond, die Hand ausstreckt, in der sicheren Erwartung,
sie mit dieser Gebärde zu erreichen und in sein Machtbereich
zu ziehen? v
Ich erinnerte mich dann, daß nach Freuds Annahme
1) Es ist bekannt, daß kleine Kinder nach jedem glänzenden oder
ihnen sonst gefallenden Gegenstand fast reflektorisch die Hand aus-
strecken. Sie sind ursprünglich auch unfähig, eine irgendwie Lust berei-
tende „Unart" beim Auftreten des dazu veranlassenden Reizes zu unter-
lassen. Ein kleiner Junge, dem das Bohren in der Nase verboten wurde,
antwortete der Mutter: „Ich will ja nicht, aber meine Hand will und
ich kann sie nicht hindern."
2) So nennt Silberer die symbolisch dargestellten Selbstwahr-
nehmungen.
Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I 5
66 S. Ferenczi
in der Allmachtsphantasie der Zwangsneurotiker „ein Stück des
alten Kindergrößenwahnes ehrlich eingestanden wird", und ver-
suchte es, dem Ursprung und den Schicksalen dieses Wahnes
nachzugehen. Ich hoffte dabei auch über die Entwicklung des
Ich vom Lust- zum Wirklichkeitsprinzip Neues zu erfahren, da es
mir wahrscheinlich schien, daß die uns von der Erfahrung auf-
genötigte Ersetzung des kindlichen Größenwahns durch die
Anerkennung der Macht der Naturgewalten den wesentlichen
Inhalt der Ich-Entwicklung ausmacht.
Freud erklärt eine Organisation, die dem Lustprinzip
frönen, die Realität der Außenwelt aber vernachlässigen kann,
für eine Fiktion, die aber im Säugling, wenn man nur die
Mutterpflege hinzunimmt, nahezu realisiert ist. 1 Ich möchte
dem hinzufügen, daß es einen Zustand der menschlichen Ent-
wicklung gibt, der das Ideal eines nur der Lust frönenden
Wesens nicht nur in der Einbildung und annähernd, sondern
in der Tat und vollkommen verwirklicht.
Ich meine die im Mutterleib verbrachte Lebenszeit des
Menschen. In diesem Zustand lebt der Mensch wie ein Parasit
des Mutterleibes. Eine „Außenwelt" gibt es für das auf-
keimende Lebewesen nur in sehr beschränktem Maße; sein
ganzes Bedürfnis nach Schutz, Wärme und Nahrung wird von
der Mutter gedeckt. Ja, es hat nicht einmal die Mühe, sich
des ihm zugeführten Sauerstoffes und der Nahrungsmittel zu
bemächtigen, denn es ist dafür gesorgt, daß diese Stoffe durch
geeignete Vorrichtungen geradewegs in seine Blutgefäße gelangen.
Im Vergleich hiezu muß z. B. ein Eingeweidewurm viel
Arbeit leisten, die „Außenwelt verändern", wenn er sich
erhalten will. Alles Sorgen um den Fortbestand der Leibes-
i) Ges. Sehr., Bd. I, S. 411, Fußnote. Siehe dazu auch die Kontroverse
zwischen Bleuler und Freud in dieser Frage. (Bleuler Das
autistische Denken", Jahrbuch, IV. Band.) ' "
Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes 67
frucht ist aber der Mutter übertragen. Wenn also dem
Menschen im Mutterleibe ein wenn auch unbewußtes Seelen-
leben zukommt, — und es wäre unsinnig zu glauben, daß die
Seele erst mit dem Augenblick der Geburt zu wirken beginnt,
— muß er von seiner Existenz den Eindruck bekommen, daß
er tatsächlich allmächtig ist. Denn was ist Allmacht ? Die
Empfindung, daß man alles hat, was man will, und man
nichts zu wünschen übrig hat. Die Leibesfrucht könnte aber
das von sich behaupten, denn sie hat immer alles, was zur
Befriedigung ihrer Triebe notwendig ist, 1 darum hat sie auch
nichts zu wünschen; sie ist bedürfnislos.
Der „Kindergrößenwahn" von der eigenen Allmächtigkeit
ist also zumindest kein leerer Wahn; das Kind und der
Zwangsneurotiker fordern von der Wirklichkeit nichts Unmög-
liches, wenn sie davon nicht abzubringen sind, daß ihre
Wünsche sich erfüllen müssen; sie fordern nur die Wieder-
kehr eines Zustandes, der einmal bestanden hat, jener „guten
alten Zeit", in der sie allmächtig waren. (Periode der
bedingungslosen Allmacht.)
Mit demselben Rechte, ja mit noch mehr Berechtigung, mit der
wir die Übertragung von Erinnerungsspuren der Rassengeschichte
auf das Individuum annehmen, können wir behaupten, daß die
Spuren intrauteriner psychischer Vorgänge nicht ohne Einfluß auf
die Gestaltung des nach der Geburt sich produzierenden psychi-
schen Materials bleiben. Für diese Kontinuität der Seelenvorgänge
spricht das Verhalten des Kindes unmittelbar nach der Geburt. 2
1) Infolge von Störungen, etwa durch Krankheit oder Verletzung der
Mutter oder der Nabelschnur usw., kann die Not auch schon im
Mutterleibe an den Menschen herantreten, ihm die Allmächtigkeit
rauben und ihn zum Versuch zwingen, „die Außenwelt zu verändern",
d. h. Arbeit zu leisten. Eine solche Arbeitsleistung ist z. B. das Ein-
atmen von Fruchtwasser bei Gefahr der Erstickung.
2) Freud hat gelegentlich darauf hingewiesen, daß die Sensationen
5*
68 S. Ferenczi
Das neugeborene Kind akkommodiert sich an die neue, ihm
sichtlich unlustvolle Situation nicht bezüglich aller seiner Be-
dürfnisse gleichmäßig. Um die nach Unterbindung der Umbilikal-
gefäße ausbleibende Sauerstoffversorgung zu ersetzen, beginnt es
sofort nach der „Entbindung" zu atmen; der Besitz des schon .
intrauterin präformierten Respirationsmechanismus setzt es in
den Stand, der Sauerstoffnot sofort aktiv zusteuern. Beobachtet
man aber das sonstige Benehmen des Neugeborenen, so be-
kommt man den Eindruck, daß es von der unsanften Störung
der wunschlosen Ruhe, die es im Mutterleibe genoß, durchaus
nicht erbaut ist, ja, daß es in diese Situation zurück-
zugelangen sich sehnt. Die Pflegepersonen erkennen
instinktiv diesen Wunsch des Kindes, und sobald es durch
Zappeln und Schreien seiner Unlust Ausdruck verleiht, bringen
sie es geflissentlich in eine Lage, die der Mutterleibssituation
möglichst ähnlich ist. Sie legen es an den warmen Körper der
Mutter oder wickeln es in weiche, warme Decken, Polster ein,
offenbar um ihm die Illusion des Wärmeschutzes durch die
Mutter zu verschaffen. Sie schützen sein Auge vor Licht-, sein
Ohr vor Schallreizen und verschaffen ihm die Möglichkeit, die
intrauterine Reizlosigkeit weiter zu genießen; oder sie reprodu-
zieren die leisen und rhythmisch-monotonen Reize, die dem
Kinde auch in utero nicht erspart geblieben sind (die Schaukel-
bewegungen beim Gehen der Mutter, die mütterlichen Herz-
töne, das dumpfe Geräusch, das etwa von außen doch ins
Körperinnere dringt), indem sie das Kind wiegen und ihm
monoton-rlrythmische Wiegenlieder vorsummen.
Versuchen wir, uns in die Psyche des Neugeborenen nicht
nur (wie es die Pflegepersonen tun) einzufühlen, sondern auch
des Kindes während der Geburt wahrscheinlich den ersten Angstaffekt
des neuen Lebewesens provozieren, der für alle spätere Angst und
Ängstlichkeit vorbildlich bleibt.
,
. Entwicklungsstufen des Wirklidikeitssinnes 69
hineinzudenken, so müssen wir uns sagen, daß das hilflose
Schreien und Zappeln des Kindes eine scheinbar recht unzweck-
mäßige Reaktion auf die unlustvolle Störung ist, die die
bisherige Befriedigungssituation infolge der Geburt plötzlich
erfahren hat. Gestützt auf Überlegungen, die Freud im
allgemeinen Teile seiner „Traumdeutung" ausführt, 1 dürfen
wir annehmen, daß die erste Folge dieser Störung die
halluzinatorische Wiederbesetzung der vermißten
Befriedigungssituation: der ungestörten Existenz im warmen,
ruhigen Mutterleibe, gewesen ist. Die erste Wunsch-
regung des Kindes kann also keine andere sein als die,
in diese Situation zurückzugelangen. Das Merk-
würdige an der Sache ist nun, daß sich diese Halluzination
des Kindes — normale Kinderpflege vorausgesetzt — tatsächlich
realisiert. Es hat sich also die bisherige bedingungslose „All-
macht vom subjektiven Standpunkte des Kindes nur insofern
verändert, als es sich die Wunschziele nur halluzinatorisch
besetzen (vorzustellen), aber an der Außenwelt sonst nichts zu
ändern braucht, um nach Erfüllung dieser einzigen Bedingung die
Wunscherfüllung wirklich zu erlangen. Da das Kind von der realen
Verkettung der Ursachen und Wirkungen, von der Existenz
und Tätigkeit der Pflegepersonen sicher keine Kenntnis hat,
muß es sich im Besitze einer magischen Fähigkeit fühlen, alle
Wünsche einfach durch Vorstellung ihrer Befriedigung tat-
sächlich realisieren zu können. (Periode der magisch-
halluzinatorischen Allmacht.)
Daß die Pflegepersonen die Halluzinationen des Kindes
richtig erraten haben, zeigt der Effekt ihrer Handlungsweise.
Sobald die angedeuteten Maßnahmen der ersten Pflege aus-
geführt wurden, beruhigt sich das Kind und „schläft ein".
Der erste Schlaf aber ist nichts anderes als die gelun-
1) Freud, Traumdeutung. 1900. (Ges. Sehr., Bd. II, S. 482 f.)
70 S. Ferenczi
gene Reproduktion der vor Außenreizen
möglichst schützenden Mutterleibssituation,
wahrscheinlich mit dem biologischen Zwecke, daß die
Wachstums- und regenerativen Vorgänge, ungestört durch äußere
Arbeitsleistung, alle Energie auf sich konzentrieren können.
Überlegungen, die in diesem Zusammenhange nicht dargelegt
werden können, überzeugten mich, daß auch jedes spätere
Schlafen nichts anderes ist als eine periodisch sich wieder-
holende Regression zum Stadium der magisch-halluzinatorischen
Allmacht und mit deren Hilfe zur absoluten Allmacht der
Mutterleibssituation. Nach Freud muß man für jedes nach
dem Lustprinzip lebende System Einrichtungen fordern, mittels
deren es sich den Reizen der Realität entziehen kann. 1 Ich
denke mir nun, daß Schlaf und Traum die Funktionen solcher
Einrichtungen sind, das heißt, die auch dem Erwachsenen
erhalten gebliebenen Reste der halluzinatorischen Allmacht des
kleinen Kindes. Das pathologische Pendant dieser Regression ist
die halluzinatorische Wunscherfüllung bei Psychosen.
Da der Wunsch nach Triebbefriedigungen sich periodisch
meldet, die Außenwelt aber von dem Eintreten jenes Momentes,
wo der Trieb sich geltend macht, keine Kenntnis hat, genügt
die halluzinatorische Repräsentation der Wunscherfüllung bald
nicht mehr dazu, um die Wunscherfüllung wirklich herbei-
zuführen. Die Erfüllung wird an eine neue Bedingung geknüpft :
das Kind muß gewisse Signale geben, also eine wenn auch
inadäquate motorische Arbeit leisten, damit sich die Situation
in seinem Sinne verändert und die „Vorstellungsidentität" von
der befriedigenden „Wahrnehmungsidentität" gefolgt wird. 2
Schon das halluzinatorische Stadium waT durch das Auftreten
unkoordinierter motorischer Entladungen bei Unlustaffekten
1) Freud, Formulierungen usw. (Ges* Sehr., Bd. V.)
2) S. Freud, Traumdeutung. 1900. (Ges. Sehr., Bd. II, S. 482 f.)
Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes 7*
charakterisiert (Schreien, Zappeln). Diese Denützt nun das
Kind als magische Signale, auf deren Ruf dann die Wahr-
nehmung der Befriedigung (natürlich mit äußerer Hilfe, von
der aber das Kind keine Ahnung hat) prompt eintrifft. Das
subjektive Empfinden des Kindes bei diesen Vorgängen ist dem
eines wirklichen Zauberers zu vergleichen, der nur eine
bestimmte Geste vorzunehmen hat, damit in der Außenwelt
die kompliziertesten Ereignisse nach seinem Willen vor sich
gehen. 1
Wir merken, wie die Allmacht des menschlichen Lebe-
wesens bei Zunahme der Kompliziertheit der Wünsche an
immer mehr „Bedingungen" geknüpft wird. Bald genügen
auch diese Abfuhräußerungen nicht mehr, um die Befriedigungs-
situation hervorzurufen. Die sich mit der Entwicklung immer
spezieller gestaltenden Wünsche erfordern entsprechend speziali-
sierte Signale. Solche sind zun ächst: die Nachahmungen der
1) Wenn ich in der Pathologie nach einem Analogon dieser Ent-
ladungen suche, muß ich immer an die genuine Epilepsie, diese
problematischeste unter den großen Neurosen, denken. Und obzwar ich
ohne weiteres zugebe, daß in der Frage der Epilepsie Physiologisches und
Psychologisches schwer zu sondern ist, erlaube ichmir doch darauf aufmerk-
sam zu machen, daß die Epileptiker als ungemein „empfindliche" Menschen
bekannt sind, hinter deren Unterwürfigkeit beim leisesten Anlaß furcht-
bare Wut und Selbstherrlichkeit zum Vorschein kommt. Diese Charakter-
eigenschaft wurde bisher meist als sekundäre Entartung, als Folge oft
wiederholter Anfälle gedeutet. Man muß aber auch an eine andere
Möglichkeit denken: an die nämlich, ob denn die epileptischen Anfälle
nicht als Regressionen in die infantile Periode der Wunscherfül-
lung mittels unkoordini erter B ewegungenzu betrachten
sind. Die Epileptiker wären dann Wesen, bei denen sich die Unlust-
affekte aufhäufen und sich periodisch in Paroxysmen abreagieren.
Erwiese sich diese Erklärung als brauchbar, so müßten wir die
Fixierungsstelle für eine spätere Erkrankung an Epilepsie in dieses
Stadium der unko ordinierten Wunschäußerungen verlegen. — Das irra-
tionelle Strampeln mit den Füßen, das Ballen der Fauste, das Zähne-
knirschen usw. bei Zornesausbruch wäre eine mildere Form
derselben Regression bei sonst gesunden Menschen.
7 2 S. Ferenczi
Saugbeweguiigen mit dem Mund, wenn der Säugling gestillt
werden will, und die charakteristischen Äußerungen mittels
Stimme und Bauchpresse, wenn es von den Exkrementen ge-
reinigt werden möchte. Allmählich lernt das Kind auch, die
Hand nach den Gegenständen auszustrecken, die es haben'will.
Später entwickelt sich daraus eine förmliche Gebärdensprache!
durch entsprechende Kombination der Gesten vermag das Kind
ganz spezielle Bedürfhisse zu äußern, die denn auch sehr oft
wirklich befriedigt werden, so daß sich das Kind — wenn es nur
die Bedingung der Wunschäußerung mittels entsprechender Gesten
einhält — immer noch allmächtig vorkommen kann : Periode
der Allmacht mit Hilfe magischer Gebärden.
Auch diese Periode hat einen Vertreter in der Pathologie;
der merkwürdige Sprung aus der Gedankenwelt in die Körper-
lichkeit, als welche Freud die hysterische Konversion
entlarvt hat, 1 wird uns verständlicher, wenn wir sie als eine
Regression auf das Stadium der Gebärdenmagie auffassen. Die
Psychoanalyse zeigt uns in der Tat, daß die hysterischen An-
fälle verdrängte Wünsche der Patienten mit Hilfe von Gebärden
als erfüllt darstellen. — Im Seelenleben Normaler ist die Un-
zahl abergläubischer oder sonst für wirkungsvoll gehaltener
Gebärden (Gebärde des Fluchs, des Segens, des Händefaltens
beim Beten usw.) ein Rest jener Entwicklungsperiode des
Realnatssinnes, in der man sich noch mächtig genug fühlte
mit Hilfe solcher harmloser Gesten die — allerdings ungeahnte
— Gesetzmäßigkeit des Weltgeschehens durchbrechen zu
können. Zauberer, Wahrsager und Magnetiseure finden mit
der Behauptung solcher Machtvollkommenheit ihrer Gebärden
immer noch Glauben und auch der Neapolitaner wehrt sich
gegen den bösen Blick mit eine r symbolischen Geste.
Schrl Bd F I.) UdS Arbeiten ™ den »Studien über Hysterie«. ,885. (Ges.
Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes 73
Mit der Zunahme des Umfanges und der Kompliziertheit
der Bedürfnisse mehren sich natürlich nicht nur die „Bedin-
gungen , denen sich das Individuum unterwerfen muß, wenn
es seine Bedürfnisse befriedigt sehen will, sondern auch die
Zahl der Fälle, in denen seine immer dreisteren Wünsche
seihst hei strenger Einhaltung der einmal wirkungsvoll gewesenen
Bedingungen unerfüllt bleiben. Die ausgestreckte Hand muß
oft leer zurückgezogen werden, der ersehnte Gegenstand folgt
der magischen Geste nicht. Ja, eine unbezwingliche feindliche
Macht mag sich dieser Geste mit Gewalt entgegensetzen und
die Hand zwingen, ihre frühere Lage einzunehmen. Hat sich
bislang das „allmächtige" Wesen mit der ihm gehorchenden,
seinen Winken folgenden Welt eins fühlen können, so kommt
es allmählich zu einem schmerzlichen Zwiespalt innerhalb
seiner Erlebnisse. Es muß gewisse tückische Dinge, die seinem
Willen nicht gehorchen, als Außenwelt vom Ich, d. h. die
subjektiven psychischen Inhalte (Gefühle) von den objektivierten
(den Empfindungen) sondern. Ich benannte einmal das erste
dieser Stadien die Introjektionsphase der Psyche, da hier
noch alle Erfahrungen ins Ich aufgenommen werden, die
spätere die Projektionsphase. 1 Man könnte nach dieser
Terminologie die Allmachtsstadien auch als Introjektionsstufen,
das Realstadium als Projektionsstufe der Ichentwicklung
ansprechen.
Doch auch die Objektivierung der Außenwelt zerreißt
zunächst nicht jeden Faden zwischen dem Ich und dem Nicht-
Ich. Das Kind lernt zwar, sich damit zu bescheiden, daß es
nur über einen Teil der Welt, über das „Ich" verfügen kann,
der Rest, die Außenwelt aber seinen Wünschen oft Widerstand
entgegensetzt, es hängt aber immer noch dieser Außenwelt
1) S, Introjektion und Übertragung. 1909, S. 9 dieses Bandes.
74 S- Ferenczi
Qualitäten an, die es an sich kennen gelernt hat, d. h. Ich-
qualitäten. Alles spricht dafür, daß das Kind eine animi-
stische Periode der Realitätsauffassung durchmacht, in der
ihm jedes Ding beseelt vorkommt und es in jedem Ding seine
eigenen Organe und deren Tätigkeiten wiederzufinden sucht. 1
Es wurde einmal gegen die Psychoanalyse die spöttische
Bemerkung laut, daß nach dieser Lehre das „Unbewußte" in
jedem konvexen Gegenstand einen Penis, in jedem konkaven
die Vagina oder den Anus sieht. Ich finde, daß dieser Satz die
Tatsachen gut charakterisiert. Die kindliche Psyche (und die
daraus restierende Tendenz des Unbewußten beim Erwachsenen)
kümmert sich am eigenen Leibe zunächst ausschließlich, später
hauptsächlich um die Befriedigung seiner Triebe, um die Lust-
befriedigungen, die ihm das Saugen, das Essen, die Berührung
der erogenen Körperpartien und die Exkretionsfunktionen ver-
schaffen; was Wunder, wenn auch seine Aufmerksamkeit in
erster Linie durch solche Dinge und Vorgänge der Außenwelt
gefesselt wird, die auf Grund einer noch so entfernten Ähn-
lichkeit an die ihm liebsten Erlebnisse erinnern.
Es entstehen so jene innigen, fürs ganze Leben bestehen
bleibenden Beziehungen zwischen dem menschlichen Körper
und der Objektwelt, die wir die symbolischen heißen. Einer-
seits sieht das Kind in diesem Stadium in der Welt nichts als
Abbilder seiner Leiblichkeit, andererseits lernt es, die ganze
Mannigfaltigkeit der Außenwelt mit den Mitteln seines Körpers
darzustellen. Diese Fähigkeit zur symbolischen Darstellung ist
eine bedeutende Vervollständigung der Gebärdensprache; sie
befähigt das Kind zum Signalisieren nicht nur solcher Wünsche,
die unmittelbar seine Körperlichkeit angehen, sondern auch zur
Äußerung von Wünschen, die sich auf die Veränderung der
i) Zum Thema des Animismus siehe auch die Abhandlung „Über
Naturgefühl" von Dr. Hanns Sachs (Imago, I., 1912).
Entwicklungsstufen des Wirklidikeitssinnes 75
nunmehr als solche erkannten Außenwelt beziehen. Ist das
Kind von liebevoller Pflege umgeben, so muß es selbst in
diesem Stadium seiner Existenz die Illusion seiner Allmacht
nicht aufgeben. Es braucht ja immer noch einen Gegenstand
nur symbolisch darzustellen, und das (beseelt geglaubte) Ding
„kommt" oft wirklich zu ihm; denn diesen Eindruck muß
das animistisch denkende Kind bei der Befriedigung seiner
Wünsche haben. Allerdings läßt ihn die Ungewißheit des Ein-
treffens der Befriedigung allmählich ahnen, daß es auch höhere,
„göttliche" Mächte gibt (Mutter oder Amme), deren Gunst es
besitzen muß, soll der magischen Gebärde die Befriedigung auf
dem Fuße folgen. Übrigens ist auch die Befriedigung unschwer
erfüllt, besonders bei großer Nachgiebigkeit der Umgebung.
Eines der körperlichen „Mittel", die das Kind zur Dar-
stellung seiner Wünsche und der von ihm gewünschten Gegen-
stände verwertet, gelangt dann zu besonderer, alle anderen Dar-
stellungsmittel überflügelnder Bedeutung — nämlich die Sprache.
Die Sprache ist ursprünglich 1 die Nachahmung, d. h. stimm-
liche Darstellung der durch die Dinge produzierten oder mit
ihrer Hilfe produzierbaren Laute und Geräusche; die Geschick-
lichkeit der Sprachorgane gestattet eine viel größere Mannig-
faltigkeit von Gegenständen und von Vorgängen der Außenwelt,
und zwar viel einfacher, zu reproduzieren, als es mit Hilfe der
Gebärdensprache möglich war. Die Gebärdensymbolik wird so
von der Sprachsymbolik abgelöst: gewisse Reihen von Lauten
werden mit bestimmten Dingen und Vorgängen in feste asso-
ziative Verbindung gebracht, ja, allmählich mit diesen Dingen
und Vorgängen identifiziert. Daraus erwächst der große
Fortschritt, daß man der schwerfälligen bildlichen Vorstellung
1) S. Kleinpaul, Leben der Sprache (Leipzig, 1893), und Dr.
Sperber, Über den Einfluß sexueller Momente auf Entstehung und
Entwicklung der Sprache (Imago, I, 1912).
76 S. Ferenczi
und der noch schwerfälligeren dramatischen Darstellung
enthoben wird; die Vor- und Darstellung jener Reihe von
Sprachlauten, die wir Worte nennen, gestattet eine weit
spezialisiertere und ökonomischere Fassung und Äußerung der
Wünsche. Zugleich ermöglicht die Sprachsymbolik das bewußte
Denken, indem es sich an die an sich unbewußten Denkprozesse
assoziiert und ihnen wahrnehmbare Qualitäten verleiht. 1
Nun ist das bewußte Denken mittels Sprachzeichen die
höchste Leistung des psychischen Apparates, die schon die
Anpassung an die Realität durch Aufhalten der reflektorischen
motorischen Abfuhr und der Unlustentbindung ermöglicht, und
trotzdem versteht das Kind sein Allmachtsgefühl selbst in diesem
Stadium seiner Entwicklung hinüberzuretten. Die gedanklich
gefaßten Wünsche des Kindes sind nämlich noch so wenig
zahlreich und von verhältnismäßig so unkomplizierter Art, daß
es der aufmerksamen, um das Wohl des Kindes besorgten
Umgebung leicht gelingt, die meisten dieser Gedanken zu
erraten. Die das Denken (besonders bei Kindern) immer noch
begleitenden mimischen Äußerungen machen den Erwachsenen
diese Art Gedankenlesen besonders leicht. Und wenn gar das
Kind seine Wünsche in Worte faßt, so beeilt sich die hilfs-
bereite Umgebung, sie womöglich sofort zu erfüllen. Das Kind
aber dünkt sich dabei wirklich im Besitze zauberhafter Fähig-
keiten, befindet sich also in der Periode der magischen
Gedanken und der magischen Worte. 2
Und dieses Stadium der Realitätsentwicklung ist es, auf das
die Zwangsneurotiker zu regredieren scheinen, wenn sie vom
Gefühle der Allmacht ihrer Gedanken und Wortformeln nicht
1) S. Freud, Traumdeutung. (Ges. Sehr., Bd. II, S. 519,)
2) Die psychologische Erklärung der „Magie« schließt natürlich die
Möglichkeit nicht aus, daß in diesem Glauben auch die Vor-
ahnung physikalischer Tatsachen (Telepathie usw.) steckt.
Entwicklungsstufen des Wirküchkeitssinnes TJ
abzubringen sind, und wenn sie, wie es Freud nachgewiesen
hat, das Denken an Stelle des Handelns setzen. Im Aberglauben,
in der Zauberei und im religiösen Kult spielt dieser Glaube an
die unwiderstehliche Macht gewisser Gebets-, Fluch- und
Zauberformeln — die man nur innerlich denken oder die man
nur laut aussprechen muß, damit sie wirken — eine ungeheure
Rolle. 1
Diesem fast unheilbaren Größenwahne des Menschen wider-
sprechen nur scheinbar jene Neurotiker, bei denen man hinter
der hastigen Sucht nach Erfolgen sofort auf ein, auch den
Patienten selbst wohlbekanntes Minderwertigkeitsgefühl
(Adler) stößt. Die in die Tiefe reichende Analyse beweist in
jedem solchen Falle, daß diese Minderheitsgefühle keineswegs
etwas Letztes, die Neurose Erklärendes sind, sondern bereits die
Reaktionen auf ein übertriebenes Allmachtsgefühl,
an das solche Kranke in ihrer ersten Kindheit fixiert wurden
und das es ihnen unmöglich machte, sich an eine spätere Ver-
sagung anzupassen. Die manifeste Größensucht dieser Leute
ist aber nur eine „Wiederkehr des Verdrängten", ein hoffnungs-
loser Versuch, die ursprünglich mühelos genossene Allmacht
auf dem Wege der Veränderung der Außenwelt wieder zu
erlangen.
Wir können nur wiederholen: alle Kinder leben im glück-
lichen Wahne der Allmacht, der sie irgend einmal — wenn
auch etwa nur im Mutterleibe — wirklich teilhaftig waren.
Es hängt von ihrem „Daimon" und ihrer „Tyche ab, ob sie
die Allmachtsgefühle auch ins spätere Leben hinüberretten —
und Optimisten werden können, oder ob sie die Zahl der
Pessimisten vermehren werden, die sich mit der Versagung
1) Auch den obszönen Worten ist diese „Allmächtigkeit" („motorische
Kraft") in hohem Maße eigen. S. meine Ausführungen: Über obszöne
Worte, dieser Band S. 171.
78 S. Ferenczi
ihrer unbewußten irrationellen Wünsche nie versöhnen, sich
durch die nichtigsten Anlässe beleidigt, zurückgesetzt fühlen
und für Stiefkinder des Schicksals halten, — weil sie nicht
seine einzigen oder Lieblingskinder bleiben können.
Erst von der vollen psychischen Ablösung von den Eltern
rechnet Freud das Ende der Herrschaft des Lustprinzips.
Dieser in den Einzelfällen äußerst variable Zeitpunkt ist es
auch, wo das Allmachtsgefühl der vollen Würdigung der Macht
der Verhältnisse Platz macht. Seinen Höhepunkt erlangt der
Realitätssinn in der Wissenschaft, während die Allmachtsillusion
in ihr die größte Erniedrigung erfährt: die frühere Allmacht
löst sich hier in lauter „Bedingungen" auf. (Konditionalismus,
Determinismus.) In der Lehre von der Willensfreiheit besitzen
wir allerdings auch eine optimistische, immer noch Allmachts-
phantasien realisierende philosophische Doktrin.
Die Anerkennung der Bedingtheit unserer Wünsche und
Gedanken bedeutet das Maximum der normalen Projektion,
d. h. Objektivierung. Es gibt aber auch einen psychischen
Krankheitszustand, die Paranoia, die u. a. auch dadurch
charakterisierbar ist, daß sie sogar die eigenen Wünsche und
Gedanken zur Außenwelt schlägt, projiziert. 1 Es liegt nahe, die
Fixierungsstelle dieser Psychose in die Zeit des endgültigen
Verzichtes auf Allmacht zu verlegen, d. h. in die Projektions-
phase des Realitätssinnes.
Die Entwicklungsstufen des Realitätssinnes wurden in den
bisherigen Erörterungen nur an den egoistischen, in den Dienst
der Selbsterhaltung gestellten sogenannten „Ichtrieben" dar-
gestellt; die Realität hat eben, wie es Fre ud festgestellt hat,
1) Freud: Die Abwehrneuropsychosen. 1894. (Ges. Sehr., Bd. I.)
Freud: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch
beschr. Fall von Paranoia 1911, (Ges. Sehr., Bd. VIII) und Ferenczi:
Über die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia.
(Dieser Band S. 120.)
Entwicklungsstufen des Wirklidikeitssinnes 79
innigere Beziehungen zum „Ich" als zur Sexualität, einerseits,
weil die letztere weniger von der Außenwelt abhängig ist (sie
kann sich lange autoerotisch befriedigen), andererseits, weil sie
während der Latenzzeit unterdrückt ist und gar nicht mit der
Realität in Berührung kommt. Die Sexualität bleibt also zeit-
lebens mehr dem Lustprinzip unterworfen, während das Ich
nach jeder Mißachtung der Wirklichkeit sofort die bitterste
Enttäuschung erfahren müßte. 1 Betrachten wir nun das das
Luststadium charakterisierende Allmachtsgefühl in der
Sexualentwicklung, so müssen wir feststellen, daß hier
die „Periode der bedingungslosen Allmacht" bis
zum Aufgeben der autoerotischen Befriedigungsarten andauert,
wo doch das Ich schon längst an die sich immer mehr kom-
plizierenden Bedingungen der Realität angepaßt ist und über
die Stadien der magischen Gebärden und Worte hinaus, fast
schon bei der Kenntnis der Allmacht der Naturgewalten
anlangte. Autoerotismus und Narzißmus sind also die^ All-
machtsstadien der Erotik; und da der Narzißmus
überhaupt nie aufhört, sondern nebst der Objekterotik immer
auch erhalten bleibt, so kann man sagen, daß — insofern man
sich darauf beschränkt, sich selber zu lieben — man sich die
Illusion der Allmacht in Sachen der Liebe zeitlebens bewahren
kann. Daß der Weg zum Narzißmus zugleich der stets gang-
bare Regressionsweg nach jeder Enttäuschung am Objekte ist,
ist zu bekannt, um bewiesen werden zu müssen; autoerotisch-
narzißtische Regressionen von pathologischer Stärke dürften
hinter den Symptomen der Paraphrenie (Dementia praecox)
und der Hysterie vermutet werden, während die Fixierungs-
stellen der Zwangsneurose und der Paranoia auf der Ent-
wicklungslinie der „erotischen Realität" (der Nötigung
zur Objektfindung) zu finden sein dürften.
1) Freud: Formulierungen usw. (Ges. Sehr., Bd. V.)
80 S. Ferenczi
Diese Verhältnisse sind aber noch nicht hei allen Neurosen '
gehörig studiert, so daß wir uns bezüglich der Neurosen-
wahl mit der allgemeinen Formulierung Freuds zufrieden
geben müssen, daß die Entscheidung über die spätere Erkrankungs-
art davon abhängt: „in welcher Phase der Ich- und der Libido-
entwicklung die disponierende Entwicklungshemmung ein-
getroffen ist".
Man kann es immerhin schon wagen, diesem Satz einen
zweiten anzureihen; wir vermuten, daß der Wunschgehalt
der Neurose, d. h. die Arten und Ziele der Erotik, die die
Symptome als erfüllt darstellen, von der Phase der Libido-
entwicklung an der Fixierungsstelle abhängt, während
über den Mechanismus der Neurosen wahr-
scheinlich jenes Stadium der I chent wicklung
entscheidet, in dem sich das Individuum zur
Zeit der disponierenden Hemmung befand. Es
ist eben ganz gut denkbar, daß bei der Regression der Libido
auf frühere Entwicklungsstufen auch die zur Fixierungszeit
herrschend gewesene Stufe des Realitätssinnes in den Mecha-
nismen der Symptombildung wieder auflebt. Da nämlich diese
frühere Art der „Realitätsprüfung" dem aktuellen Ich des
Neurotikers unverständlich ist, kann sie ohne weiteres in den
Dienst der Verdrängung gestellt und zur Darstellung zensurierter
Gefühls- und Gedankenkomplexe verwendet werden. Die
Hysterie und Zwangsneurose wären z. B. nach dieser Auffassung
einerseits durch eine Regression der Libido auf frühere Ent-
wicklungsstufen (Autoerotismus, Ödipismus), andererseits
in ihren Mechanismen durch einen Rückfall des Realitäts-
sinnes auf die Stufe der magischen Gebärden (Konver-
sion) oder der magischen Gedanken (Gedanken-
allmacht) charakterisiert. Ich wiederhole: es wird noch
langer mühsamer Arbeit bedürfen, bis die Fixierungsstellen
-\.
Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes 81
aller Neurosen mit Sicherheit festgestellt sein werden. Hier
wollte ich nur auf eine — mir allerdings plausible — Mög-
lichkeit der Lösung hinweisen.
Was wir über die Phylogenese des Realitätssinnes ahnen,
läßt sich zurzeit nur als wissenschaftliche Prophezeiung dar-
stellen. Vermutlich gelingt es einmal, die einzelnen Entwick-
lungsstadien des Ich und deren neurotische Regressionstypen mit
den Etappen der Stammesgeschichte der Menschheit in Parallele
zu bringen, ähnlich wie z. B. Freud im Seelenleben der
Wilden die Charaktere der Zwangsneurose wiederfand. 1
Im allgemeinen stellt sich die Entwicklung des Realitäts-
sinnes als eine Reihe von VerdTängungschüben dar, zu denen
der Mensch nicht durch spontane „Entwicklungsbestrebungen",
sondern durch die Not, durch Anpassung erheischende Ver-
sagung gezwungen wird. — Die erste große Verdrängung wird
durch den Geburtsvorgang notwendig gemacht, die wohl sicher
ohne aktive Mithilfe, ohne „Absicht" des Kindes zustande
kommt. Die Leibesfrucht wäre viel lieber auch weiter unge-
stört im Mutterleibe geblieben, wird aber grausam in die Welt
gesetzt, muß die liebgewonnenen Befriedigungsarten vergessen
(verdrängen) und sich an neue anpassen. Dasselbe grausame
Spiel wiederholt sich bei jedem neuen Stadium der Ent-
wicklung. 2
Es ist vielleicht erlaubt, die Vermutung zu wagen, daß es
die geologischen Veränderungen der Erdoberfläche mit ihren
1) Freud: „Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im
Seelenleben der Wilden und der Neurotiker." 1912—15. (Ges. Sehr.,
Bd. X)
2) Bei konsequenter Durchführung dieses Gedankenganges muß man
sich mit der Idee einer auch das organische Leben beherrschenden
Beharrungs-, resp. Regressionstendenz vertraut machen, während die
Tendenz nach Fortentwicklung, Anpassung usw. nur auf äußere Reize
hin lebendig wird.
Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse 1 6
82 S. Ferenczi
katastrophalen Folgen für die Stammvorderen der Menschheit
gewesen seien, die zur Verdrängung liebgewonnener Gewohn-
heiten und zur „Entwicklung" gezwungen haben. Solche Kata-
strophen können die Verdrängungsstellen in der Entwicklungs-
geschichte des Stammes gewesen sein und zeitliche Lokalisation
und Intensität solcher Katastrophen mögen über den Charakter
und die Neurosen der Rassen entschieden haben. Nach einer
Aussage von Professor Freud ist der Rassencharakter der
Niederschlag der Rassengeschichte. Haben wir uns aber einmal
so weit über das sicher Wißbare hinausgewagt, so dürfen wir
auch vor der letzten Analogie nicht zurückscheuen und den
großen Verdrängungsschub des Individuums, die Latenzzeit
mit der letzten und größten Katastrophe, die unsere Stamm-
vorderen (schon zu einer Zeit, wo es sicher Menschen auf der
Erde gegeben hat) traf, d. i. mit dem Elend der Eiszeiten
in Konnex bringen, die wir in unserem Individualleben immer
noch getreulich wiederholen. 1
Das neugierig ungestüme Alleswissenwollen, das mich in
diesen letzten Ausführungen in märchenhafte Femen der Ver-
gangenheit verführte und das noch Unwißbare mit Hilfe von
Analogien überbrücken ließ, bringt mich zum Ausgangspunkt
dieser Betrachtungen: zum Thema der Blüte und des Nieder-
ganges des Allmachtsgefühls zurück. Die Wissenschaft muß
i) Der Auffassung, daß nur äußerer Zwang und nie spontaner Drang
das Verlassen gewohnter Mechanismen (Entwicklung) veranlaßt, scheinen
Fälle zu widersprechen, in denen die Entwicklung den realen Bedürf-
nissen vorausläuft. Ein Beispiel dafür war die Entwicklung des Respira-
tionsmechanismus schon in utero. Das kommt aber nur in der Onto-
genese vor und ist hier schon als Rekapitulation eines notgedrungenen
Entwicklungsvorganges in der Stammesgeschichte zu betrachten. Auch die
Übungsspiele der Tiere (Groos) sind wohl nicht Vorstufen einer
künftigen Rassenfunktion, sondern Wiederholungen phylogen erworbener
Fähigkeiten. Sie gestatten also eine rein historisch-kausale Erklärung
und zwingen nicht zur finalen Betrachtungsweise.
Entwicklungsstufen des Wirklidikeitssinnes 83
sich von dieser Illusion — wie gesagt — lossagen, oder
zumindest immer wissen, wann sie das Gebiet der Hypothesen
und Phantasien betritt. In den Märchen dagegen sind und
bleiben die Allmächtigkeitsphantasien die herrschenden. 1 Gerade
wo wir uns vor den Naturgewalten am tiefsten beugen müssen,
kommt uns das Märchen mit seinen typischen Motiven zu
Hilfe. Wir sind in der Realität schwach, darum sind die Helden
der Märchen stark und unbesiegbar; wir sind durch Zeit und
Raum in unserer Tätigkeit und unserem Wissen beengt und
gehemmt: darum lebt man im Märchen ewig, ist gleichzeitig
an hundert Orten, sieht in die Zukunft und weiß die Ver-
gangenheit. Schwere, Härte, Undurchdringlichkeit der Materie
stellen sich uns jeden Augenblick hinderlich in den Weg: im
Märchen aber hat der Mensch Flügel, seine Augen durchdringen
die Wände, sein Zauberstab öffnet ihm alle Türen. Die Wirk-
lichkeit ist hartes Kämpfen ums Dasein; im Märchen genügen
die Zauberworte: „Tischlein deck dich!" Man lebt in unaus-
gesetzter Furcht vor Angriffen gefährlicher Tiere und grimmiger
Feinde; im Märchen befähigt eine Tarnkappe zu jeder Ver-
wandlung und macht uns unerreichbar. Wie schwer erreicht
man in der Realität die Liebe, die alle unsere Wünsche erfüllen
könnte : im Märchen ist der Held unwiderstehlich oder er
bezaubert mit einer magischen Gebärde.
Das Märchen also, in dem die Erwachsenen so gerne die
eigenen unerfüllten und verdrängten Wünsche ihren Kindern
erzählen, bringt eigentlich die verlorene Allmachtssituation zu
einer letzten, künstlerischen Darstellung.
1) Vgl. Fr. Riklin: Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen.
(Schriften zur angewandten Seelenkunde, Heft 2.)
I
Das Problem der Unlustbejahung
Fortschritte in der Erkenntnis des Wirklichkeitssinnes
(l 9 26)
Nicht lange nach meiner ersten Bekanntschaft mit der Psycho-
analyse stieß ich auf das Problem des Wirklichkeitssinnes,
dessen Funktionsart in so scharfem Gegensatz zu der im Seelen-
lehen sonst allgemein nachweisbaren Unlustfluchts- und Ver-
drängungstendenz zu stehen schien. Mittels einer Art Ein-
fühlung in die Infantilseele kam ich zur Aufstellung, daß dem
von jeder Unlust verschonten Kinde die ganze Existenz zunächst
vollkommen einheitlich, sozusagen „monistisch", vorkommen
muß; erst später käme es zur Sonderung der „guten* und der
„bösen" Dinge, des Ich und der Umwelt, des Innen und
Außen; fremd und feindlich wären also auf dieser Stufe iden-
tisch. 1 In einer anderen Arbeit versuchte ich dann die Haupt-
momente der Entwicklung vom Lust- zum Realitätsprinzip
1) Das Kind muß gewisse tückische Dinge, die seinem Willen nicht
gehorchen, als Außenwelt vom Ich, d. h. die subjektiven psychischen
Inhalte (Gefühle) von den objektivierten (den Empfindungen) sondern.
(„Introjektion und Übertragung", 1909, s. S. 9 dieses Bandes.)
Das Problem der Unlustbejahung 85
theoretisch zu rekonstruieren. 1 Ich nahm an, daß das Kind vor
den ersten Enttäuschungen sich im Besitze bedingungsloser All-
macht fühlt, an diesem Allmachtsgefühl auch festhält, wenn
die wunscherfüllende Wirksamkeit seines Wollens an die Ein-
haltung gewisser Bedingungen geknüpft ist, bis die wachsende
Zahl und Kompliziertheit dieser Bedingungen es zum Aufgeben
des Allmachtsgefühls und zur Anerkennung der Realität über-
haupt zwingen. In dieser Deskription konnte aber noch nichts
über die inneren Vorgänge ausgesagt werden, die diese merk-
würdige und bedeutsame Umwandlung begleiten müssen; dazu
war unsere Einsicht in die tieferen Grundlagen des Seelischen,
insbesondere in das Triebleben, noch zu unentwickelt. Seither
brachten uns die grundlegenden Arbeiten Freuds über das
Triebleben und seine Entdeckungen über die Analyse des Ich
diesem Ziele näher, 3 es fehlte aber immer noch die eigentliche
Brücke über die Kluft zwischen Triebleben und Intellektualität.
Dazu war offenbar jene höchste Vereinfachung erforderlich, auf
die Freud schließlich die Vielgestaltigkeit der Triebäußerungen
reduzieren konnte; ich meine die Feststellung der allem Leben-
digen zugrunde liegenden Triebpolarität, die Polarität des Lebens-
triebes (Eros) und des Todes- oder Destruktionstriebes. 3 Doch
erst Freuds jüngst erschienene Arbeit: „Die Verneinung"
(„Imago, 1925, Heft 3), unter welchem bescheidenen Titel sich/
die Anfänge einer biologisch fundierten Psychologie der Denk-
vorgänge verstecken, verknüpft die bisher zerstreuten Stücke
unseres Wissens miteinander. Wie immer, steht Freud auch
diesmal auf dem sicheren Boden der analytischen Erfahrung
und ist äußerst vorsichtig in der Verallgemeinerung. Seinen)
i) „Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes", 1915 (s. S- 62 dieses
Bandes).
2) Massenpsychologie und Ichanalyse, 1921« Das Ich und das Es, 1923.
(Ges. Sehr., Bd. VI.)
5) Jenseits des Lustprinzips, 1920 (Ges. Sehr., Bd. VI).
86 S. Ferenczi
Fußstapfen folgend, möchte ich nun versuchen, das Problem
des Wirklichkeitssinnes im Lichte der Freudschen Entdeckung
nochmals zu behandeln.
Freud entdeckte im psychologischen Akte der Verneinung
der Wirklichkeit eine Übergangsphase zwischen ihrer
Ignorierung und ihrer Anerkennung; die fremde,
daher feindliche Außenwelt wird trotz der Unlust bewußtseins-
fähig, indem sie mit dem negativen Vorzeichen der Verneinung
versehen wird; sie wird geleugnet. In dem Negativismus,
der Beseitigungstendenz, sehen wir also noch immer die ver-
drängenden Mächte, die im Primärvorgang zur vollen Ignorierung
jeder Unlust führten, am Werke; die negativ-halluzinatorische
Ignorierung gelingt nicht mehr voll, die Unlust wird nicht
mehr ignoriert, sondern als Negation immerhin Inhalt der
Wahrnehmung. Sofort erhebt sich natürlich die Frage, was
noch geschehen muß, um auch das letzte Hindernis der Aner-
kennung aus dem Wege zu räumen und die Bejahung
einer Unlust, d. h. die volle Aufhebung der Verdrängungs-
tendenz zu ermöglichen.
Man ahnt auch sogleich, daß sich die Antwort auf diese
Frage nicht so leicht wird geben lassen; nur so viel ist nach
der Entdeckung Freuds von vornherein klar, daß die Bejahung
einer Unlust niemals ein einfacher, sondern immer ein zwei-
facher psychischer Akt ist: zuerst wird versucht, sie als Tat-
sache abzuleugnen, dann muß eine neuerliche Kraftanstrengung
einsetzen, die diese Negation negiert. Das Positivum, die Aner-
kennung des Schlechten, dürfte eigentlich immer aus zwei
Negationen resultieren. Um uns Vergleiche aus dem uns wohl-
vertrauten psychoanalytischen Gebiete zu holen, müssen wir die
volle Ignorierung mit dem psychischen Zustand eines noch jeder
Unlust abgewandten Kindes in Analogie bringen, wie ich
denn schon vor langer Zeit den „Fixierungspunkt" der P s y -
V
Das Problem der Unlustbejahung 87
c hosen in diesem Stadium suchte 1 und auch die ungehemmte
Fähigkeit des megalomanen Paralytikers zu fortwährender Glücks-
empfindung als Regression zu dieser Phase auffaßte. 2 Die Ver-
neinungsphase findet ihre Analogie, wie uns Freud zeigte, im
Verhalten der Patienten während der Kur, überhaupt in der
Neurose, die ja gleichfalls das Resultat einer nur halbgelungenen
oder mißlungenen Verdrängung ist und eigentlich immer ein
Negativum, das Negativ der Perversion ist. Der Prozeß der
schließlichen Anerkennung oder Rejahung der Unlust spielt sich
als Erfolg unserer therapeutischen Remühung bei der Heilung
einer Neurose vor unseren Augen ab, und wenn wir auf seine
Einzelheiten achten, haben wir einige Aussicht, uns auch von
diesem Anerkennungsvorgang eine Vorstellung zu bilden.
Wir sehen, daß im Höhenstadium der Übertragung der
Patient auch das Unlustvollste widerstandslos anerkennt; offenbar
findet er im Glücksgefühl der Übertragungsliebe Trost für den
Schmerz, den ihn diese Anerkennung sonst kosten würde. Aber
am Ende der Kur, wenn auch auf die Übertragung verzichtet
werden muß, käme es unzweifelhaft zu einem Rückfall in die
Verneinung, d. h. in die Neurose, wäre es dem Patienten nicht
gelungen, auch für diese Versagung allmählich Ersatz und Trost
in der Wirklichkeit, besonders aber in der Identifizierung
mit dem Analytiker, zu finden. Unwillkürlich denkt man
dabei an eine gehaltvolle Arbeit des allzufrüh dahingegangenen
Analytikers Viktor Tausk, der die Entwertung der Verdrän-
gungsmotive durch Rekompense als Heilungsbedingung auf-
stellte. 3 In ähnlicher Weise müssen wir auch beim allerersten
Zustandekommen einer Unlustbejahung das Vorhandensein einer
1) Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes, (s. S. 62 dieses Bandes.)
2) „Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistesstörung," (Beihefte
der Int. Zeitschr. für PsA., Nr. V.)
5) Tausk: Entwertung des Verdrängungsmotivs durch Rekompense.
Int. Zeitschr. f. PsA., I (1915), S. 230 ff.
S. Ferenczi
Rekompensation vermuten ; auf eine andere Weise wäre übrigens
ihr Aufkommen in der Psyche, die ja immer in der Richtung
des locus minoris resistentiae, d. h. nach dem Lustprinzip arbeitet,
unvorstellbar. Wir finden schon in Freuds „Traumdeutung"
eine Stelle, die die Umwandlung des Primärvorganges in den
sekundären in ähnlicher Weise erklärt. Er sagt uns dort, daß
der hungernde Säugling sich die Befriedigung zuerst halluzina-
torisch zu verschaffen sucht, erst wenn dies nicht zum Ziele
führt, die Unlust als solche anerkennt und jene Unlust-
äußerungen tut, die zu realen Befriedigungen führen. Wir
sehen, daß hier zum erstenmal ein quantitatives Moment die
Reaktionsweise der Psyche zu bestimmen scheint. Die Aner-
kennung der feindlichen Umwelt ist eine Unlust, doch ihre
Nichtanerkennung ist gelegentlich noch unlustvoller; so wird
das weniger Unlustvolle relativ lustvoll und kann als solches
bejaht werden. Die Berücksichtigung der Rekompense und der
Flucht vor noch größerer Unlust gestattet uns, die Möglichkeit
einer Bejahung von Unlust überhaupt zu verstehen, ohne auf
die Allgemeingültigkeit des Lustsuchens als Grundtendenz alles
Psychischen verzichten zu müssen. Allerdings postulierten wir
gleichzeitig das Eingreifen eines neuen Instrumentes in den
Jpsychischen Mechanismus, einer Art Rechenmaschine, deren
1 Installierung uns wieder vor neue und vielleicht noch schwerer
^ lösbare Rätsel stellt.
Wir wollen auf das Problem der psychischen Mathematik
noch zurückkommen und möchten lieber erst die psychischen
Inhalte betrachten, an denen der Säugling die Anerkennung
der . Wirklichkeit bewerkstelligt. Wenn uns Freud sagt, daß
der Mensch mit seiner Aufmerksamkeit die Umwelt unausgesetzt
oder in rhythmischen Intervallen „absucht", „abtastet", davon
kleine Proben „verkostet", so nimmt er offenbar die Handlungs-
weise des die Mutterbrust vermissenden und suchenden Saug-
Das Problem der Unlustbejahung 89
lings zum Vorbilde jeder späteren Denkarbeit. Eine ähnliche
Gedankenreihe führte mich in meinem bioanalytischen Versuche 1
zur Annahme, daß das Beriechen oder Beschnüffeln der Umwelt
eine vielleicht noch größere Ähnlichkeit mit dem Denkakte
zeigt, da ja dabei noch feinere und kleinere Kostproben zuge-
lassen werden. Nur bei günstigem Ausfall der Probe wird die
orale Einverleibung durchgeführt. Der intellektuelle Unterschied
zwischen einem Kinde, das noch unterschiedslos alles in den
Mund nimmt, und dem, das sich nur dem ihm angenehm
Riechenden zuwendet, ist also ein ganz bedeutender.
Bleiben wir aber beim Beispiel des trinkenwollenden Kindes.
Nehmen wir an, daß es bisher immer rechtzeitig gestillt wurde
und nun zum erstenmal die Unlust des Hungerns und Dürstens
ertragen muß; was mag wohl in seinem Innern vorgehen? In
seiner urnarzißtischen Selbstsicherheit kannte es bisher nur
sich selbst, wußte von der Existenz fremder Dinge, also auch
der Mutter, nichts, konnte also ihnen gegenüber keine Gefühle
haben, weder gute noch böse. Vielleicht im Zusammenhang
mit der physiologischen Destruktion, die die Abwesenheit der
Nährstoffe in den Geweben des Organismus hervorruft, kommt
es anscheinend zu einer „Triebentmischung" auch im
Seelenleben, die sich zunächst in unkoordinierter motorischer
Entladung und im Schreien äußert, Manifestationen, die wir
ganz gut mit den Äußerungen der Wut bei Erwachsenen ver-
gleichen dürfen. Wenn dann nach längerem Warten und
Schreien die Mutterbrust wieder gereicht wird, wirkt sie nicht
mehr wie ein indifferentes Ding, das immer da ist, wenn
man es braucht, so daß man davon keine Kenntnis zu nehmen
braucht, sondern sie wird zu einem Objekt des Liebens
und des Hassens; des Hassens, weil man es eine Zeitlang
entbehren mußte, des Liebens, weil sie nac h der Entbehrung
1} Versuch einer Genitaltheorie (Int. PsA. Bibl., Bd. XV).
90 S. Ferenczi
eine noch intensivere Befriedigung bot; sicherlich wird sie
aber gleichzeitig zum Gegenstande einer wenn auch noch so
dunklen Objektvorstellung. Dieses Beispiel illustriert,
wie ich glaube, die bedeutsamsten Sätze in Freuds Arbeit
„Die Verneinung": „Der erste und nächste Zweck der Realitäts-
prüfung ist nicht, ein dem Vorgestellten entsprechendes Objekt
in der Realität zu finden, sondern es wieder zu finden,
sich zu überzeugen, daß es noch vorhanden ist" und „Man
erkennt als Bedingung für die Realitätsprüfung, daß Objekte
verloren gegangen sind, die einst reale Befriedigung gebracht
hatten." 1 Man wäre nur noch versucht, hinzuzufügen, daß
zum Zustandekommen einer Objektwahrnehmung die hier
angedeutete Ambivalenz, d.h. die Triebentmischung,
unumgänglich notwendig ist. Dinge, die uns fortwährend
lieben, d. h. die stets alle unsere Bedürfnisse befriedigen,
nehmen wir als solche gar nicht zur Kenntnis, wir schlagen sie
einfach zu unserem subjektiven Ich; die Dinge, die uns stets
nur feindlich gegenüberstehen und -standen, verdrängen wir
einfach; für die Dinge aber, die nicht bedingungslos zur Ver-
fügung stehen, die wir lieben, weil sie uns Befriedigung
bringen, und hassen, weil sie uns nicht in allem gehorchen,
errichten wir in unserem Seelenleben besondere Merkzeichen,
Erinnerungsspuren mit dem Charakter des Objektiven, und
freuen uns, wenn wir sie in der Realität wieder finden, d. h.
sie wieder lieben können. Und wenn wir ein Objekt hassen,
es aber nicht so weit verdrängen können, daß wir es dauernd
verleugnen könnten, so beweist die Zurkenntnisnahme seiner
Existenz, daß wir es eigentlich lieben möchten und daran nur
durch die „Tücke des Objektes" verhindert sind. Es ist also
1
1) In der „Genitaltheorie" führe ich auf ein ähnliches Wieder-
finden und Wiedererkennen das Befriedigungsgefühl zurück, das
Gefühl des Erreichens der erotischen Realität.
Das Problem der Unlustbejahung 9*
nur konsequent, wenn der Wilde, nachdem er den Feind
getötet hat, ihm seine größte Liebe und Ehre bezeugt. Er
besagt damit nur, daß er am liebsten in Ruhe gelassen worden
wäre, in ungestörter Harmonie mit der Umwelt leben wollte,
daran aber durch die Existenz „störender Objekte gehindert
war. Das Auftauchen dieses. Hindernisses führte zur Ent-
mischung seiner Triebe unter Hervorkehrung des aggressiven
destruktiven Triebanteils ; nach der Befriedigung der Rache ver-
langt aber auch der andere, der Liebesanteil, nach Sättigung.
Es ist, als ob die beiden Triebarten sich im Ruhezustande des
Ichs gegenseitig neutralisierten, gleichwie die positive und
negative Elektrizität in einem elektrisch inaktiven Körper,
und als ob es hier wie dort besonderer äußerer Einwirkungen
bedürfte, um die zwei Stromarten zu zerteilen und dadurch
aktionsfähig zu machen. Das Auftreten der Ambivalenz wäre
demnach eine Art Schutzvorrichtung, die Befähigung zum
aktiven Widerstand überhaupt, wie denn auch ihre psychische
Begleiterscheinung, die Erkenntnis der Objektwelt, eines der
Mittel zu ihrer Bewältigung bedeutet.
Nun merken wir aber, daß mit der Ambivalenz zwar eine
Anerkennung der Existenz der Dinge, nicht aber das erreicht
ist, was wir objektive Betrachtung nennen; im Gegenteil, die-
selben Dinge werden nacheinander Gegenstand leidenschaft-
lichen Hasses und ebensolcher Liebe. Zur Erreichung der
„Objektivität" ist es notwendig, daß die losgelassenen Triebe
gehemmt, d. h. wieder miteinander vermengt werden, also eine
neuerliche Triebvermischung nach erfolgter Erkenntnis stattfindet.
Dies dürfte denn auch der psychische Vorgang sein, der die
Hemmung und den Aufschub der Aktion bis zur Erreichung
der Identität der äußeren mit der „Denkrealität" garantiert ;
die Fähigkeit zum objektiven Urteilen und Handeln ist also
wesentlich eine Fähigkeit zur gegenseitigen Neutralisierung der
92 S. Ferenczi
Haß- und Liebestendenzen, was allerdings sehr nach einem
Gemeinplatz klingt; nur meinen wir, daß man die gegenseitige
Bindung der Attraktions- und Repulsionskräfte bei jeder
Kompromißbildung, bei jeder objektiven Betrachtung ernstlich
als psychisch-energetischen Vorgang annehmen darf und daß
man die Redewendung sine ira et studio durch eine andere
ersetzen müßte, die nämlich, daß zur objektiven Betrachtung
der Dinge das Gewährenlassen der gleichen Quan-
tität von ira und von Studium erforderlich ist.
Es gibt offenbar auch in der Fähigkeit zur Objektivität
Entwicklungsstufen. In dem Versuch über die Entwicklung des
Wirklichkeitssinnes beschrieb ich das sukzessive Aufgeben der
eigenen Allmacht und die Übertragung derselben an andere
höhere Mächte (Amme, Eltern, Götter) und nannte dies die
Perioden der Allmacht mit Hilfe magischer Gebärden und
Worte; als letzte, der schmerzlichen Erfahrung entnommene
Einsicht nahm ich dann das schließliche Aufgeben der All-
macht überhaupt an, eine sozusagen wissenschaftliche Stufe der
Welterkenntnis. Mit den Kunstworten der Psychoanalyse bezeich-
nete ich die allerursprünglichste Phase, in der nur das Ich '
existiert und die ganze Erfahrungswelt zu ihr hinzugeschlagen
wird, als Introjektionsperiode, die zweite, in der die Allmacht
äußeren Mächten zugeschrieben wird, als Projektionsperiode;
die letzte Entwicklungsstufe durfte ich als eine gleichmäßige oder
sich gegenseitig kompensierende Verwendung beider psychischen
Mechanismen auffassen. Diese Reihenfolge entsprach ungefähr der
großzügigen Darstellung der Menschheitsentwicklung in Freuds
„Totem und Tabu" als des Nacheinanders einer magischen,
einer religiösen und einer wissenschaftlichen Phase. Aber auch
viel später, als ich einmal den Versuch machte, die heutige
Produktionsweise der Wissenschaft kritisch zu beleuchten, 1 mußte
Das Problem der Unlustbejahung 93
ich annehmen, daß die Wissenschaft, wenn sie wirklich objektiv
bleiben soll, alternierend rein psychologisch und rein natur-
wissenschaftlich arbeiten und die innere wie die äußere Er-
fahrung durch gegenseitige Analogisierung erhärten muß, was
einer Oszillierung zwischen Pro- und Introjektion entspricht.
Ich nannte dies den Utraquismus jedes richtigen Wissen-
schaftsbetriebes. In der Philosophie bedeutet der ultraidealistische
Solipsismus einen Rückfall in einen egozentrischen Infantilismus,
die rein materialistische, psychophobe Auffassung die Regression
in die Übertreibungen der Projektionsphase, während Freuds
Festhalten am Dualismus der utraquistischen Forderung voll-
kommen gerecht wird.
Wir sind zur Hoffnung berechtigt, daß Freuds Entdeckung
der Verneinung als Zwischenstufe zwischen Verleugnung und
Anerkennung der Unlust, uns in die Lage bringen wird, diese
Entwicklungsstufen und ihr Nacheinander besser zu verstehen,
wohl auch ihre Übersicht zu vereinfachen. Der erste schmerz-
liche Schritt zur Welterkenntnis ist wohl die Einsicht, daß ein
Teil der „guten Dinge" nicht zum Ich gehört, als „Außenwelt"
von ihm abzusondern ist. (Mutterbrust.) Ungefähr gleichzeitig
muß der Mensch erfahren, daß sich auch in seinem Innern,
also gleichsam im Ich selbst, Unlustvolles, d. h. Böses ereignen
kann, das sich weder durch Halluzinieren noch sonstwie ab-
schütteln läßt. Einen weiteren Fortschritt bedeutet das Ertragen
der absoluten Versagung von außen, d. h. die Erkenntnis, daß
es auch Dinge gibt, auf die wir immer verzichten müssen; der
Parallelvorgang dazu ist die Anerkennung der verdrängten
Wünsche unter Verzicht auf deren Realisierung. Da zur Aner-
kennung, wie wir nun wissen, ein Stück Eros, d. h. Liebe
notwendig ist, was ohne Introjektion, d. h. Identifizierung,
nicht denkbar ist, muß man sagen, daß die Anerkennung der
Umwelt eigentlich eine teilweise Verwirklichung des christlichen
94 S. Ferenczi
Imperativs: „Liebet eure Feinde" bedeutet. (Der Widerstand,
der sich gegen die Anerkennung der psychoanalytischen Trieb-
lehre erhebt, zeigt allerdings, daß die Versöhnung mit dem
inneren Feind die schwierigste Aufgabe ist, die der Mensch zu
bewältigen hat.)
Wenn wir versuchen, unsere neuen Erkenntnisse mit dem
topischen System der Freud sehen Metapsychologie in Zu-
sammenhang zu bringen, so können wir vermuten, daß zur
Zeit des absoluten Solipsismus eigentlich nur eine PF—Bw y
d. h. eine Wahrnehmungsfläche der Psyche funktioniert; im
Stadium der Verneinung kommt es zur Bildung der unbewußt
verdrängten Schichte (übw); die bewußte Anerkennung der
Außenwelt erfordert bereits jene Überbesetzung, zu der uns nur
die Institution eines neuen psychischen Systems, das des Vor-
bewußten (Vbw\ befähigt, das zwischen übw und Bw ein-
geschaltet wird. Entsprechend dem biogenetischen Grundgesetz
wiederholt sich also in der psychischen Entwicklung des Einzel-
wesens der artgeschichtliche Entwicklungsmodus der Psyche
überhaupt; ist doch die hier geschilderte Reihenfolge dieselbe,
in der wir uns die fortschreitende Entwicklung der psychischen
Systeme bei den Organismen vorstellen müssen.
Doch auch in der organischen Entwicklung finden wir Vor-
bilder für die fortschreitende Anpassung der Lebewesen an die
Realität der Umwelt. Es gibt primitive Organismen, die gleich-
sam auf der narzißtischen Stufe stehen bleiben, untätig auf die
Befriedigung ihrer Bedürfnisse harren und, wenn sie ihnen
dauernd versagt bleiben, einfach zugrunde gehen; sie stehen
eben der Erschaffung aus dem unorganischen noch viel näher,
so daß ihr Destruktionstrieb einen kürzeren Weg zurückzulegen
hat, d. h. viel wirksamer ist. Eine Stufe höher vermag der
Organismus unlustbringende Teile seines Selbst abzustoßen und
sich so das Leben zu retten (Autotomie); ich nannte einst diese
Das Problem der Unlustbejahung 95
Art Sequestrierung ein physiologisches Vorbild des Verdrängungs-
vorganges. Erst eine weitere Entwicklung schafft die Fähigkeit
zur Anpassung an die Realität, gleichsam zur organischen
Anerkennung der Umwelt, wie sie sich besonders schön in der
Lebensweise symbiotisch verbundener Lebewesen zeigt, die sich
aber auch in jeder anderen Anpassungsleistung nachweisen läßt.
Anknüpfend an meine „bioanalytische" Betrachtungsweise, kann
man also schon im Organischen Primärvorgänge und Sekundär-
vorgänge unterscheiden, Vorgänge also, die wir im Psychischen
als Grade der Intellektualität schätzen. Das würde aber heißen,
daß eine Art Rechenmaschine, die nicht bloß mit der Lust- und
der Unlustqualität, sondern auch mit Quantitäten rechnet, im
gewissen Grade und Sinne bereits auch dem Organischen eignet.
Jedenfalls ist die organische Anpassung durch eine gewisse
Starrheit charakterisiert, wie sie sich in den gewiß zweck-
mäßigen, aber unwandelbaren Reflexvorgängen zeigt, während
die psychische Anpassungsfähigkeit eine stete Bereitschaft zur
Anerkennung auch neuer Wirklichkeiten und die Fähigkeit zur
Hemmung der Aktion bis zur Beendigung des Denkaktes ermög-
licht. Groddeck hat also recht, wenn er das organische Es
für intelligent erklärt; er wird aber parteiisch, wenn er den
Gradunterschied zwischen der Intelligenz des Ich und des Es
übersieht.
In diesem Zusammenhang wäre noch anzuführen, daß wir
auch in der organischen Pathologie Gelegenheit haben, die
Verneinungs- (Autotomie-) und die Anpassungsarbeit am Werke
zu sehen. Ich versuchte bereits gewisse Vorgänge der organischen
Heilung (von Wunden usw.) auf eine Zuströmung von Libido
(Eros) zur verletzten Stelle zurückzuführen. 1
Wir dürfen uns nicht verhehlen, daß alle diese Überlegungen
uns noch keine befriedigende Erklärung de r Tatsache geben,
1) S. Hysterie und Pathoneurosen (Int. PsA. Bibl. II).
daß bei der organischen sowohl als auch bei der psychischen
Anpassung an die reale Umwelt einerseits Teile der feindlichen
Außenwelt mit Hilfe des Eros zum Ich geschlagen, andererseits
geliebte Teile des eigenen Ich aufgegeben werden. Man mag
sich da mit der psychologisierenden Erklärung helfen, daß auch
das wirkliche Aufgeben einer Lust und die Anerkennung einer
Unlust immer nur etwas „Vorläufiges" ist, gleichsam ein Ge-
horchen unter Protest mit der reservatio mentalis einer in
integrum restitutio. Dies mag für sehr viele Fälle zu Recht
bestehen; dafür spricht schon die virtuell erhaltene und unter
besonderen Umständen auch aktivierte Fähigkeit zur Regression
zu längst überholten, ja archaischen Reaktionsweisen. Die
anscheinende Anpassung wäre so nur eine Einstellung auf ein
unendliches Warten und Hoffen bis zur Wiederkehr der „guten
alten Zeit", im Grunde also nur graduell verschieden vom
Verhalten der Rädertierchen, die auf Jahre eintrocknen und
auf Feuchtigkeit warten können. Wir dürfen aber nicht ver-
gessen, daß es auch wirklichen, unwiederbringlichen Verlust
von Organen und Organteilen gibt und daß wir auch im
Psychischen einen anscheinend völligen Verzicht auch ohne
Rekompense kennen. Da kommt man mit solchen optimistischen
Erklärungen nicht mehr aus, sondern muß sich von der
Freud sehen Trieblehre die Auskunft holen, daß es Fälle gibt,
in denen der Destruktionstrieb sich gegen die eigene Person
wendet, ja daß die Tendenz zur Selbstzerstörung, zum Tode,
die ursprünglichere ist, die sich erst im Laufe der Entwicklung
nach außen wendet. Eine solche gleichsam masochistische
Änderung der Aggressionsrichtung dürfte bei jeder Anpassungs-
leistung mitspielen. Es wurde ja bereits weiter oben darauf
hingewiesen, daß das Aufgeben von geliebten Teilen des Ich
und die Introjektion des Fremden PaTallelvorgänge sind, daß
wir also die Objekte nur auf Kosten unseres Narzißmus lieben
Das Problem der Unlustbejahung 97
(anerkennen) können; wohl nur eine andersartige Beleuchtung
der uns aus der Psychoanalyse bekannten Tatsache, daß alle
Objektliebe auf Kosten des Narzißmus entsteht. .
Das Merkwürdige an dieser Selbstzerstörung ist allerdings,
daß hier (bei der Anpassung, bei der Anerkennung der Umwelt,
bei der objektiven Urteilsfällung) die Destruktion tatsächlich
„Ursache des Werdens" wird. 1 Es wird eine partielle Destruk-
tion des Ich zugelassen, aber nur um aus dessen Resten ein
noch widerstandsfähigeres Ich aufzubauen, ähnlich wie die geist-
reichen Versuche Jacques Loebs, unbefruchtete Eier mittels
chemischer Einwirkungen, also ohne Befruchtung, zur Ent-
wicklung zu reizen; die Chemikalien zerstören, desorganisieren
die äußeren Schichten des Eies, aber aus dem Detritus bildet
sich eine schützende Blase, die die weitere Schädlichkeit hint-
anhält, während der bei der Triebentmischung freigewordene
Eros die Destruktion in ein Werden, eine Fortentwicklung der
verschont gebliebenen Anteile verwandelt. Ich gestehe, daß es
sehr gewagt ist, organische Analogien ohne weiteres auf das
Psychische zu übertragen. Zu meiner Entschuldigung diene,
daß ich es wissentlich tue und nur bei sogenannten „letzten
Fragen , wo, wie ich es anderwärts ausführte, analytische
Urteile nicht mehr fördern, sondern man sich zur Fällung eines
synthetischen Urteils auf fremdem Gebiet nach Analogien
umsehen muß. Auch die Psychoanalyse, wie jede Psychologie,
muß bei Tiefbohrungen irgendwo auf das Gestein des Orga-
nischen stoßen. Ich stehe nicht an, auch die Erinnerungs-
spuren sozusagen als Narben traumatischer Ein-
wirkungen, also Destruktionsprodukte anzusehen, die
aber der nimmer ruhende Eros in seinem Sinne, d. h. zur
Erhaltung des Lebens zu verwenden versteht: er
1) S. S. Spielrein, Die Destruktion als Ursache des Werdens. Jahr-
buch für PsA. IV. (1912.)
F e r e n c % i, Bausteine zur Psychoanalyse I 7
98 S. Ferenczi
gestaltet aus ihnen ein neues psychisches System, das das Ich
zu richtigerer Orientierung in der Umwelt und zu stichhältigerem
Urteilen befähigt. Eigentlich ist es doch nur der Destruktions-
trieb, der „das Böse will", und der Eros der, der daraus „das
Gute schafft".
Ich sprach eingangs und auch zwischendurch von einer
Rechenmaschine, die ich als Hilfsorgan des Wirklichkeitssinnes
postuliere. Obzwar diese Idee in einen anderen Zusammenhang
gehört, der mir die Tatsache des wissenschaftlichen Sinnes für
Mathematik und Logik zu erklären hilft, möchte ich darauf
hier, wenn auch nur kurz, eingehen. Ich kann dabei ganz gut
vom Doppelsinn des Wortes „rechnen" ausgehen. Wenn man
die Tendenz der Beseitigung der Umwelt mittels Verdrängung
oder Verneinung aufgibt, beginnt man mit ihr zu rechnen,
d. h. sie als Tatsache anzuerkennen; ein weiterer Fortschritt
der Rechenkunst ist, wie ich meine, die Entwicklung der
Fähigkeit zur Wahl zwischen zwei Objekten, die mehr oder
minder große Unlust verschaffen können oder zur Wahl*
zwischen zwei Handlungsweisen, die mehr oder minder große
Unlust nach sich ziehen könnten. Die ganze Denkarbeit dürfte
eine solche größtenteils unbewußte Rechenarbeit sein, die
zwischen Sensibilität und Motilität eingeschaltet ist und bei
der, wie bei den modernen Rechenmaschinen, meist nur das
Resultat der Operation im Bewußtsein auftaucht, während die
Erinnerungsspuren, mit denen die eigentliche Arbeit geleistet
wird, versteckt, resp. unbewußt bleiben. Man kann nur dunkel
ahnen, daß auch der einfachste Denkakt auf einer Unzahl von
unbewußten Rechenoperationen beruht, bei denen vermutlich
alle Vereinfachungen der Arithmetik (Algebra, Differential-
rechnung) zur Verwendung kommen, und daß das Denken in
Sprachsymbolen nur eine höchste Vereinfachung dieser kom-
plizierten Rechentätigkeit bedeutet; ich glaube auch allen
Das Problem der Unlustbejahung 99
Ernstes, daß der Sinn für Mathematik und Logik vom Vor-
handensein oder von der Abwesenheit der Fähigkeit zur Selbst-
wahrnehmung dieser Rechen- und Denktätigkeit abhängt, die
aber auch von denen unbewußt geleistet wird, die nicht den
geringsten Sinn für Mathematik und Logik zu haben scheinen.
Einer ähnlichen Introversion dürfte man die Musikalität (Selbst-
wahrnehmung der Gemütsbewegungen, Lyrismus 1 ) und das
wissenschaftliche Interesse für Psychologie zuschreiben.
Es dürfte vom Entwicklungsgrade der Rechenmaschine
abhängen, ob und inwieweit jemand „richtig" urteilen, d. h.
die Zukunft voraus berechnen kann. Die Grundelemente, mit
denen die Berechnungen ausgeführt werden, sind die Erinne-
rungen, die aber selbst eine Summe sensibler Eindrücke, in
letzter Linie also psychische Reaktionen auf verschiedene und
verschieden starke Sinnesreize sind. Die psychische Mathematik
wäre so nur die Fortsetzung einer „organischen".
Wie dem auch sei, das Wesentliche bei der Entwicklung des
Wirklichkeitssinnes ist, wie uns Freu d zeigte, die Einschaltung
einer Hemmungsvorrichtung in den psychischen Apparat und
die Verneinung ist nur ein letzter verzweifelter Versuch des
Lustprinzips, den Fortschritt zur Realitätserkenntnis aufzu-
halten. Die schließliche Urteilsfällung bedeutet aber, als
Resultat der vermuteten Rechenarbeit, eine innere Abfuhr,
eine Neuordnung der Gefühlseinstellung den
Dingen und ihren Vorstellungen gegenüber,
deren Richtung dem unmittelbar oder erst später darauffolgen-
den Handeln die Wege weist. Die Anerkennung der
Umwelt, d.h. die Bejahung einer Unlust ist aber
nur möglich, wenn vorerst die Abwehr der unlust-
bringenden Ob jekte und deren Verneinung auf-
1) S. auch bei Pfeifer, Musikpsychologische Probleme, Imaeo IX
7*
100 S. Ferenczi
gegeben wird und deren Reize, dem Ich einver-
leibt, zu inneren Antrieben umgewandelt werden.
Die Macht, die diese Umwandlung verwirklicht, ist d e r bei
der Triebentmischung frei werdende Eros.
Zur Ontogenese der Symbole
Die Bemerkungen Dr. ßeaurains 1 über die Wege, auf
denen das Kind zur Bildung der ersten Allgemeinbegriffe
gelangt, kann jeder, der die geistige Entwicklung des Kindes
unmittelbar oder durch Vermittlung der Eltern mit psychologisch
geschärftem Blick zu verfolgen Gelegenheit hat, vollauf bestä-
tigen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Kind (wie das
Unbewußte) zwei Dinge auf Grund der geringsten Ähnlichkeit
identifiziert, Affekte vom einen auf das andere mit Leichtigkeit
verschiebt und beide mit demselben Namen belegt. Ein solcher
Name ist also der hochverdichtete Repräsentant einer großen
Anzahl von grundverschiedenen, aber irgendwie (wenn auch noch
so entfernt) ähnlichen und daher identifizierten Einzeldingen.
Die Progression in der Realitätserkenntnis (der Intelligenz)
äußert sich dann beim Kinde in der fortschreitenden Auflösung
solcher Verdichtungsprodukte in ihre Elemente im Erlernen der
Unterscheidung der in einer Hinsicht ähnlichen, aber sonst ver-
schiedenen Dinge von einander. Diesen Vorgang haben schon
viele richtig erfaßt und beschrieben; die diesbezüglichen Mit-
teilungen Silberers und Beaurains brachten dazu weitere
1) Int. Zsch. f. PsA. I. (1913).
102 S. Ferenczi
Bestätigungen und vertieften die Einsicht in die Einzelheiten
dieses geistigen Entwicklungsprozesses.
Beide Autoren sehen in der infantilen Unzulänglichkeit
des Unterscheidungsvermögens die Hauptbedingung für das
Zustandekommen der onto- und phylogenetischen Vorstufen der
Erkenntnisvorgänge.
Einen Einwand möchte ich hier nur gegen die Benennung
aller dieser Erkenntnis-Vorstufen mit dem Worte „Symbol"
erheben; auch Gleichnisse, Allegorien, Metaphern, Anspielungen,
Parabeln, Embleme, indirekte Darstellungen jeder Art können
im gewissen Sinne als Produkte solcher unscharfer Distinktionen
und Definitionen aufgefaßt werden und doch sind sie — in
psychoanalytischem Sinne — keine Symbole. Symbole im Sinne
der Psychoanalyse sind nur solche Dinge (resp. Vorstellungen),
denen im Bewußten eine logisch unerklärliche und unbe-
gründete Affektbesetzung zukommt und von denen analytisch
festzustellen ist, daß sie diese affektive Überbetonung der unbe-
wußten Identifizierung mit einem anderen Dinge (Vorstellung)
verdanken, dem jener Affektüberschuß eigentlich angehört.
Nicht alle Gleichnisse sind also Symbole, sondern nur jene, bei
denen das eine Glied der Äquation ins Unbewußte verdrängt
ist. 1 In demselben Sinne fassen Rank und Sachs das Symbol
auf: 2 „Wir verstehen darunter", heißt es bei ihnen, „eine
besondere Art der indirekten Darstellung, die durch gewisse
Eigentümlichkeiten vor den ihr nahestehenden des Gleichnisses,
1) Siehe dazu meine diesbezügl. Bemerkungen in früheren Aufsätzen:
Die Onanie (Diskuss. der Wiener Psychonalyt. Vereinigung). Berg-
mann, Wiesbaden, 1912, p. 19. Zur Augensymbolik (In Band II
dieser Sammlung). Entwicklungsstufen des Wirklich-
keitssinnes (S 61). Siehe auch mein Referat über Jungs Libido-
arbeit (Im Anhang dieses Bandes).
2) Die Bedeutung der Psychoanalyse für die
Geisteswissenschaften. Wiesbaden 1915. S. 11 ff.
Zur Ontogenese der Symbole 103
der Metapher, der Allegorie, der Anspielung und anderer
Formen der bildlichen Darstellung von Gedankenmaterial (nach
Art des Rebus) ausgezeichnet ist", „es ist ein stellvertretender
anschaulicher Ersatzausdruck für etwas Verborgenes."
Nach alledem ist es vorsichtiger, die Entstehungsbedingungen
des Symbols nicht ohneweiters mit denen der Gleichnisbildung
überhaupt gleichsetzen zu wollen, sondern für diese spezifische
Art der Gleichnisbildung spezifische Entstehungsbedingungen
vorauszusetzen und darnach zu forschen.
Die analytische Erfahrung zeigt uns nun in der Tat, daß,
obzwar auch bei der Bildung wirklicher Symbole die Bedingung
der intellektuellen Insuffizienz erfüllt sein muß, die Haupt-
bedingungen zu ihrem Zustandekommen nicht intellektueller,
sondern affektiver Natur sind. Ich will das an einzelnen,
z. T. schon anderwärts mitgeteilten Beispielen aus der Sexual-
symbolik zeigen.
Die Kinder kümmern sich usprünglich, solange sie die Not
des Lebens nicht zur Anpassung und damit zur Wirklichkeits-
erkenntnis zwingt, nur um die Befriedigungen ihrer Triebe,
d. h. um die Körperstellen, an denen diese Befriedigung statt-
findet, um die Objekte, die diese hervorzurufen geeignet sind,
und um die Handlungen, die diese Befriedigung tatsächlich
hervorrufen. Von den sexuell erregbaren Körperstellen (erogenen
Zonen) z. B. interessiert sie der Mund, der After und das
Genitale ganz besonders. „Was Wunder, wenn auch ihre Auf-
merksamkeit in erster Linie durch solche Dinge und Vorgänge
der Außenwelt erregt wird, die auf Grund einer noch so
entfernten Ähnlichkeit an die ihnen liebsten Erlebnisse
erinnern." 1 So kommt es zur „Sexualisierung des Alls". In
diesem Stadium benennen kleine Knaben alle länglichen Gegen-
1) Perenczi, Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. (Dieser
Band S. 62.)
104 S. Ferenczi
stände gerne mit der kindlichen Bezeichnung ihres Genital-
organs, in jedem Loch sehen sie einen Anus, in jeder Flüssig-
keit Harn und in jedem halb weichen Stoffe Kot.
Ein etwa anderthalbjähriger Knabe sagte, als man ihm zum
erstenmal den Donaustrom zeigte : „Wie viel Speichel ! a
Ein zweijähriger Junge nannte alles, was sich öffnen läßt, eine
Türe, u. a. auch die Beine seiner Eltern, da er auch diese
öffnen und schließen (ab- und adduzieren) konnte.
Eine ähnliche Gleichsetzung erfolgt auch innerhalb der
Körperorgane : Penis und Zahn, After und Mund werden gleich-
gesetzt; vielleicht findet das Kind für jeden affektiv wichtigen
Teil der unteren Körperhälfte ein Äquivalent an der oberen
(besonders an Kopf und Gesicht).
Diese Gleichsetzung ist aber noch nicht Symbolik. Erst von
dem Momente an, wo infolge der kulturellen Erziehung das
eine (u. zw. das wichtigere) Glied des Gleichnisses verdrängt
wird, gelangt das andere (früher unwichtigere) Glied zur affek-
tiven „Überbedeutung" und wird ein Symbol des Verdrängten.
Ursprünglich wurden Penis und Baum, Penis und Kirchturm
| bewußterweise gleichgestellt; aber erst mit der Verdrängung des
1 Interesses für den Penis erlangte Baum und Kirchturm die —
unerklärliche und scheinbar unbegründete — Interessebetonung ;
sie wurden zu Penissymbolen.
. So wurden auch die Augen Symbole von Genitalien, mit
denen sie früher einmal — auf Grund äußerlicher Ähnlichkeit
— identifiziert gewesen sind; so kommt es zur symbolischen
Überbetonung der oberen Körperhälfte überhaupt, nachdem das
Interesse für die untere verdrängt wurde, und so dürften über-
haupt alle Genitalsymbole (Krawatte, Schlange, Zahnreißen,
Schachtel, Stiege usw.), die in den Träumen einen so breiten
Raum einnehmen, ontogenetisch zustande gekommen sein. Es
würde mich auch nicht wundern, wenn in einem Traum des
eben erwähnten Knaben die Türe als Symbol des elterlichen
Schoßes wiederkehrte und in dem des anderen der Donaustrom
als Symbol von Körperflüssigkeiten.
Mit diesen Beispielen wollte ich auf die überwiegende
Bedeutung affektiver Momente beim Zustandekommen echter
Symbole hinweisen. Diese müssen in erster Linie berücksichtigt
werden, wenn man sie von anderen psychischen Produkten
(Metaphern, Gleichnissen usw.), die gleichfalls Verdichtungs-
leistungen sind, unterscheiden will. Die einseitige Berücksichtigung
formaler und rationeller Bedingungen bei der Erklärung psychischer
Vorgänge kann leicht in die Irre führen.
Man war z. B. früher geneigt zu glauben, daß man Dinge
verwechselt, weil sie ähnlich sind; heute wissen wir, daß
man ein Ding mit einem anderen nur ; verwechselt, weil gewisse
Motive dazu vorhanden sind; die Ähnlichkeit schafft nur die
Gelegenheit zur Betätigung jener Motive. Ebenso muß man
sagen, daß die apperzeptive Insuffizienz allein, ohne die Berück-
sichtigung der zur Gleichnisbildung treibenden Motive, die Bildung
der Symbole nicht zureichend erklärt.
Zum Thema „Großvaterkomplex"
Die Arbeiten Abrahams 1 und Jones 2 geben eine fast
erschöpfende Würdigung der Bedeutung, die die Beziehungen
zu den Großeltern oft für das ganze Leben der Enkelkinder
gewinnen. Im Anschlüsse daran möchte ich einige Beobach-
tungen, die ich über diesen Gegenstand sammelte, kurz
zusammenfassen.
Ich fand, daß der Großvater die Phantasie des Kindes in
zweifacher Weise beschäftigt. Einerseits ist er ih™ wirklich der
imposante Greis, der sogar dem sonst allmächtigen Vater
Achtung gebietet, dessen Autorität es sich also aneignen und
in seiner Auflehnung gegen den Vater ausspielen möchte.
[Abraham, Jones.] Andererseits ist er aber auch der hilflose,
schwache, alte Mann, dem der Tod nahe bevorsteht, der sich
mit dem kräftigen Vater in keiner Hinsicht (besonders in der
sexuellen nicht) messen kann, daher für das Kind ein Objekt
der Geringschätzung wird. Sehr oft ist es gerade die
Person des Großvaters, die dem Enkelkind zum erstenmal das
Problem des Todes, das e ndgültige „Wegsein" eines Angehörigen
i) Abraham, Klin. Beitr. zur PsA., S. 129.
2) Jones, Int. Zeitschr. f. PsA., I. (1913).
Zum Thema „Großvaterkomplex" 107
nahebringt, und das Kind kann dann seine feindseligen, aber
ob der Ambivalenz verdrängten Phantasien über den Tod des
Vaters auf den Großvater verschieben. „Wenn der Vater
meines Vaters sterben kann, wird auch mein Vater einmal
sterben (und ich in den Besitz seiner Vorrechte gelangen)":
so etwa lautet die Phantasie, die sich hinter Deckerinnerungen
und Deckphantasien, welche sich mit dem Tode des Groß-
vaters beschäftigen, zu verstecken pflegt. Durch den Tod des
Großvaters wird übrigens die Großmutter ledig; manches Kind
greift nun (um das Leben des Vaters zu schonen und die
Mutter doch allein besitzen zu können) zum Auskunftsmittel,
daß es in der Phantasie den Großvater sterben läßt, die Groß-
mutter dem Vater schenkt und sich die Mutter behält. „Ich
schlafe mit meiner Mama, du sollst mit deiner Mama
schlafen", 1 denkt das Kind und kommt sich dabei gerecht und
großmütig vor.
Ob sich die Imago des „schwachen Großvater s*
oder die des „starken Großvaters" (im letzteren Falle mit
Identifizierungstendenzen) im Kinde fixiert, hängt im wesent-
lichen von der Rolle ab, die der Großvater in der Familie in
Wirklichkeit spielt.
Wo der Großvater der Herr im Hause, der eigentliche
Patriarch ist, dort überflügelt das Kind in seiner Phantasie den
1) Solche Aussprüche kleiner Kinder sind mir von zuverlässiger Seite
mitgeteilt worden. — Ein schönes Beispiel dieser Art findet sich in der
von Freud publizierten „Analyse der Phobie eines fünfjährigen
Knaben" (Ges. Sehr., Bd. VIII), wo der kleine Hans sich zum Manne
seiner Mutter und damit zu seinem eigenen Vater ernennt, während er
seinem Vater dessen eigene Mutter, also des Kleinen Großmutter, über*
läßt, wozu Freud bemerkt: „Es geht alles gut aus. Der kleine Ödipus
hat eine glücklichere Lösung gefunden, als vom Schicksal vorgeschrieben
ist. Er gönnt seinem Vater, anstatt ihn zu beseitigen, dasselbe Glück,
das er für sich verlangt; er ernennt ihn zum Großvater und verheiratet
auch ihn mit der eigenen Mutter."
108 S. Ferenczi
machtlosen Vater und hofft die ganze Gewalt des Großvaters
direkt zu erben; in einem solchen Falle, den ich analytisch
untersuchen konnte, konnte sich das Kind nach dem Tode des
mächtigen Großvaters dem zur Macht gelangten Vater niemals
unterordnen; es behandelte ihn einfach als Usurpator, der ihm
seinen rechtmäßigen Besitz geraubt hat.
Die Imago des „schwachen Großvaters" prägt sich
besonders scharf den Kindern solcher Familien ein, in denen
(was häufig vorkommt) die Großeltern schlecht behandelt
werden.
Zur Ontogenie des Geldinteresses
(19*4)
Je tiefer die Psychoanalyse in die Erkenntnis völkerpsycho-
logischer Produkte (Mythen, Märchen, Folklore) eindringt, um
so mehr erhärtet sie die Tatsache vom phylogenetischen Ursprung
der Symbole, die wie ein Niederschlag der Erfahrungen früherer
Generationen in jedes einzelne individuelle Seelenleben hinein-
ragen. Die wichtige Aufgabe, die Phylogenie und die Onto-
genie der Symbolik gesondert zu erforschen und dann deren
gegenseitige Beziehungen festzustellen, harrt noch der Lösung
durch die Analyse. Die klassische Formel vom „Aatfttov xat
Tuyr) u in der Freud sehen Anwendung: vom Zusammenwirken
des Ererbten und Erfahrenen beim Entstehen individueller
Strebungen, wird sich am Ende auch auf die Genese dieser
psychischen Inhalte anwenden lassen, womit aber auch die alte
Streitfrage von der „angeborenen Idee", diesmal allerdings nicht
mehr in Form leerer Spekulationen, aufs Tapet kommt. Soviel
können wir schon heute vorwegnehmen, daß zum Zustande-
kommen eines Symbols nebst der angeborenen Disposition auch
individuelle Erfahrungen notwendig sind, die dann das eigent-
liche Material zur Symbolbildung abgeben, während jene ange-
borene Anlage vor der Erfahrung vielleicht nur den Wert eines
ererbten, aber noch nicht funktionierenden Mechanismus hatte.
110 S. Fercnczi
Im folgenden möchte ich die Frage untersuchen, ob und
inwieweit individuelle Erfahrung die Umwandlung analerotischer
in Geldinteressen begünstigt.
Jedem Psychoanalytiker ist die von Freud entdeckte sym-
bolische Bedeutung des Geldes geläufig. „Überall, wo die
archaische Denkweise herrschend war oder geblieben ist, in den
alten Kulten, im Mythus, Märchen, Aberglauben, im unbe-
wußten Denken, im Traume und in der Neurose, wird das
Geld in innigste Beziehungen zum Drecke gebracht."
Als individualpsychologische Parallelerscheinung zu dieser
Tatsache stellte Freud den innigen Zusammenhang zwischen
der starkbetonten Erogeneität der Afterzone in der Kindheit und
dem später sich entwickelnden Charakterzuge des Geizes auf.
Bei Personen, die später besonders ordentlich, sparsam und
eigensinnig waren, erfährt man aus der analytischen
Erforschung ihrer Kleinkindergeschichte, daß sie zu jenen Säug-
lingen gehörten, „die sich weigern, den Darm zu entleeren,
weil sie aus der Defäkation einen Lustnebengewinn beziehen",
und denen es auch noch in etwas späteren Jahren „Vergnügen
bereitet hat, den Stuhl zurückzuhalten" und die „allerlei
unziemliche Beschäftigungen mit dem zutage geförderten Kote"
aus ihrer Kindheit erinnern. „Am ausgiebigsten erscheinen die
Beziehungen, welche sich zwischen den anscheinend so disparaten
Komplexen des Geldinteresses und der Defäkation ergeben"* 1
Die Beobachtung des Treibens der Kinder und die analytische
Erforschung von Neurotikern gestattet uns nun, einzelne Punkte
jener Linie festzustellen, auf der das Wertvollste, das der Mensch
besitzt, sich zum Symbol „des Wertlosesten, das der Mensch als
Abfall von sich wirft", 2 individuell entwickelt.
1) Freud, Charakter und Analerotik, 1908. (Ges. Sehr., Bd VI.)
2) Freud 1. c.
Zur Ontogenie des Geldinteresses 111
Die aus diesen beiden Quellen geschöpfte Erfahrung zeigt
uns, daß das Kind ursprünglich sein Interesse ohne jede
Hemmung dem Vorgange der Defäkation zuwendet und es ihm
ein Vergnügen bereitet, den Stuhl zurückzuhalten. Die so
zurückgehaltenen Fäkalien sind wirklich die ersten „Ersparnisse"
des werdenden Menschen und bleiben als solche in steter unbe-
wußter Wechselbeziehung zu jeder körperlichen Tätigkeit oder
geistigen Strebung, die etwas mit Sammeln, Zusammenscharren
und Sparen zu tun hat.
Der Kot ist aber auch eines der ersten Spielzeuge des
Kindes. Die rein auto erotische Befriedigung, die dem Kinde
das Pressen und Drücken der Fäkalmassen und das Spielen-
lassen der Schließmuskeln bereitet, wird bald — wenigstens
zum Teil — in eine Art Objektliebe umgewandelt, indem
das Interesse von der intransitiven Sensation gewisser Organ-
empfindungen auf die Materie selbst verschoben wird, die diese
Empfindungen verursachte. Die Fäzes werden also „introjiziert" und
gelten in diesem Stadium der Entwicklung — das im wesent-
lichen durch Schärferwerden des Gesichtssinnes und durch die
sich hebende Geschicklichkeit der Hände bei noch bestehender
Unfähigkeit zum aufrechten Gang charakterisiert ist (kriechen
auf allen vieren) — als wertvolles Spielzeug, von dem das
Kind nur durch Abschreckung, Strafandrohungen zu entwöhnen
ist. Das Interesse des Kindes für die Dejekte erfährt seine erste
Entstellung dadurch, daß der Geruch der Fäzes ihm widrig,
ja, ekelhaft wird. Wahrscheinlich hängt das mit dem Beginne
des aufrechten Ganges zusammen. 1 Die übrigen Eigenschaften
jener Materie: Feuchtigkeit, Abfärben, Klebrigkeit usw., verletzen
einstweilen seinen Reinlichkeitssinn nicht. Es spielt und hantiert
i) Freud faßt die Verdrängung der Analerotik und der Riechlust
beim Menschengeschlechte überhaupt als Konsequenz des aufrechten
Ganges, der Erhebung von der Erde auf.
112 S. Ferenczi
also noch immer gern, wenn ihm nur dazu Gelegenheit geboten
wird, mit feuchtem Straßenkot, den es gern zu größeren
Haufen zusammenscharrt. So ein Haufen Schmutz ist gewisser-
maßen schon ein'- Symbol, das sich vom Eigentlichen durch die
Abwesenheit des Geruches unterscheidet. Straßenkot ist fürs
Kind gleichsam desodoriertes Dejektum.
Bei zunehmendem Sinn für Reinlichkeit wird dem Kind —
allerdings unter Mithilfe pädagogischer Maßregeln — auch der
Straßenkot unleidlich. Substanzen, die infolge ihrer Klebrigkeit,
Feuchtigkeit und Farbe geeignet wären, bleibende Spuren auf
dem Körper und dessen Bekleidung zurückzulassen, werden als
„schmutzige Dinge" verachtet und gemieden. Das Symbol des
Kotes muß sich also eine weitere Entstellung, eine Entwässerung
gefallen lassen. Das Interesse des Kindes wendet sich dem
Sande zu, der bei erhaltener Erdfarbe trocken und reinlicher
ist. Die instinktive Freude der Kinder am Sammeln, Zusammen-
scharren und Formen von Sand wird dann von den Erwachsenen^
denen das stundenlange ruhige Spielen der sonst ungebärdigen
Kleinen mit dem Sande sehr gelegen kommt, nachträglich
rationalisiert und ratifiziert, indem dieses Spielen für „gesund ,
d. h. hygienisch angezeigt erklärt wird. 1 Und doch ist auch der
Die Neigung, koprophile Tendenzen euphemistisch hinter „hygie-
nische" zu verstecken, ist überaus verbreitet. Bekannt ist das — sonst
harmlose — Treiben der Stuhlpedanten, die einen bedeutenden Teil
ihres verfügbaren Interesses der Regulierung ihrer Stuhlentleerung
zuwenden; allerdings verfallen solche Individuen ziemlich leicht in die
sogenannte „Stuhlhypochondrie". Eine ganze Reihe von Analysen brachte
mich übrigens zu der Überzeugung, daß die Hypochondrie in sehr
vielen Fällen eigentlich ein Gärungsprodukt der Analerotik
ist, eine Verschiebung unsublimierter koprophiler
Interessen, von ihren ursprünglichen Objekten auf
andere Körperorgane und Körperprodukte unter
Veränderung des Lustvorzeichens. Die Wahl des Organs,
Zur Ontogenie des Geldinteresses 113
Spielsand nichts anderes als ein Koprosymbol, als desodorierter
und entwässerter Kot.
Schon in diesem Stadium der Entwicklung kommt es übrigens
oft zur „Wiederkehr des Verdrängten". Es bereitet den Kindern
unendliche Lust, die in den Sand gebohrten Löcher mit Wasser
zu füllen und so die Materie ihres Spieles dem ursprünglichen
wässerigen Stadium näher zu bringen. Nicht selten benützen
Knaben zu dieser Berieselung den eigenen Harn, als wollten
sie damit die Zusammengehörigkeit beider Stoffe recht deutlich
betonen. Auch das Interesse für den spezifischen Geruch der
Exkremente hört nicht mit einem Male auf, sondern wird nur
auf andere, irgendwie ähnliche Gerüche verschoben. Die Kinder
beriechen noch immer mit Vorliebe klebrige Stoffe mit charak-
teristischem Geruch, besonders die zwischen den Zehen sich
ansammelnden starkriechenden Zerfallsprodukte der abgestoßenen
Epidermiszellen, das Sekret der Nasenschleimhaut, Ohrenschmalz
und Nagelschmutz, gar manche begnügen sich nicht mit dem
Kneten und Beschnüffeln dieser Substanzen, sondern nehmen
sie überdies in den Mund. Bekannt ist das leidenschaftliche
Vergnügen des Kindes am Kneten von Glaserkitt (Farbe, Kon-
sistenz, Geruch), von Pech und Asphalt. Tch kannte einen
Knaben, dem es nach dem charakteristischen Geruch von
Gummistoffen leidenschaftlich verlangte und der stundenlang
an einem Stück Radiergummi herumschnüffeln konnte.
Stallgeruch und Leuchtgasausdünstung gefällt Kindern in
diesem Alter — ja auch viel älteren — ausnehmend wohl,
und es ist kein Zufall, daß der Volksglaube Lokalitäten mit
diesen Gerüchen als „gesund", ja, als Heilmittel von Krank-
heiten anpreist. Vom Leuchtgas, Asphalt und Terpentingeruch
auf das sich die Hypochondrie richtet, wird dabei von speziellen
Bedingungen determiniert (körperliches Entgegenkommen, starke Ero-
geneität auch im „kranken" Körperorgane usw.).
Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I
114 & Ferenczi
zweigt sich ein besonderer Sublimierungsweg der Analerotik ab : die
Vorliebe für wohlriechende Stoffe, für Parfüms, womit die
Entwicklung einer Reaktionsbildung — Darstellung durch das
Gegenteil — vollendet wäre. Leute, bei denen diese Sublimie-
rungsart sich vollzieht, entwickeln sich oft auch in sonstiger
Hinsicht zu Ästheten, und es unterliegt keinem Zweifel,
daß das Ästhetentum überhaupt die mächtigste Wurzel in der
verdrängten Analerotik hat. Das ästhetische und spielerische
Interesse, das derselben Quelle entstammt, hat nicht selten
Anteil an der sich entwickelnden Lust am Malen und am
Formen (Skulptur). 1
Schon im Kot- und Sandzeitalter des koprophilen Interesses
fällt es auf, daß die Kinder aus diesen Materialien — soweit
es ihrer primitiven Kunstfertigkeit gelingt — gern Objekte
fabrizieren, richtiger solche nachmachen, deren Besitz für sie
von besonderem Werte ist. Sie bilden aus ihnen verschiedene
Eßwaren, Kuchen, Torten, Bonbons usw. Die Anlehnung des
rein egoistischen Triebes an die Koprophilie nimmt hier ihren
Anfang.
Der Fortschritt des Reinlichkeitssinnes macht dann allmäh-
lich auch den Sand für das Kind unannehmbar, es beginnt
die infantile Steinzeit: das Sammeln von möglichst schön
geformten und gefärbten Kieselsteinen, womit ein höherer
Entwicklungsgrad der Ersatzbildung erreicht ist: das Übel-
riechende, Wässerige, Weiche wird durch etwas Geruchloses,
Trockenes und nunmehr auch Hartes dargestellt. An den
eigentlichen Ursprung dieser Liebhaberei erinnert uns nur
mehr der Umstand, daß Steine — wie Kot und Sand — von
1) Auf den wahrscheinlichen Anteil des in der Kindheit dem Fl atus
zugewandten Interesses an der späteren Musikalität habe ich schon
bei anderer Gelegenheit hingewiesen. Ferenczi, Über obszöne
Worte, 1911. (Dieser Band, S. 171.)
Zur Ontogenie des Geldinteresses 115
der Erde aufgehoben und gesammelt werden. — Die kapitalistische
Bedeutsamkeit der Steinchen ist bereits eine ganz erhebliche.
(Kinder sind „steinreich" im engen Sinne des Wortes.)
Nach den Steinen kommen als Sammelobjekte Kunstprodukte
an die Reihe und damit ist die Ablösung des Interesses vom
Erdboden vollzogen; Glaskugeln, Knöpfe, 1 Obstkerne werden
eifrig gesammelt — diesmal nicht mehr nur des eigenen
Wertes willen, sondern als Wertmesser, gleichsam als primitive
Münzen, die den bisherigen Tauschhandel der Kinder
in einen schwunghaften Geldverkehr umwandeln. Der
nicht rein praktisch zweckmäßige, sondern libidinös — irra-
tionelle Charakter des Kapitalismus verrät sich aber auch auf
dieser Stufe; das Kind hat eine entschiedene Freude am
Sammeln selbst. 2
Es bedurfte nur mehr eines Schrittes und die Identifizierung
des Kotes mit dem Golde war vollzogen. Bald beginnen auch
die Steinchen das Reinlichkeitsgefühl des Kindes zu verletzen
es sehnt sich nach etwas Reinerem — und das wird ihm
in den glänzenden Geldstücken geboten, zu deren Wert-
schätzung natürlich auch die Achtung beiträgt, welche die
Erwachsenen dem Gelde zollen, sowie die verlockende Mög-
lichkeit, damit alles, was das Kinderherz nur wünscht, sich
1), Vgl. Lou Andreas-SalonU: Vom frühen Gottesdienst
Imago II, 1915.
2) Das deutsche Wort „Besitz« zeigt übrigens, daß der Mensch das
Wertvolle, das ihm gehört, auch sprachlich durch ein Daraufsitzen dar-
zustellen sucht. Rationalisten begnügen sich offenbar mit der Erklärung
dieses Bildes, daß das Daraufsitzen ein Verstecken, Behüten und Ver-
teidigenwollen des Wertgegenstandes ausdrücken will. Daß aber hier
gerade das Gesäß und nicht — was beim Menschen natürlicher wäre
— die Hand zur Darstellung des Schutzes und der Verteidigung benützt
wird spricht eher dafür, daß auch das Wort „Besitz" ein Kopro-Symbol
ist. Das entscheidende Wort hierüber zu sagen, ist allerdings erst einem
psychoanalytisch geschulten Philologen vorbehalten.
H6 S. Ferenczi
beschaffen zu können. Ursprünglich wirken aber nicht solche
rein praktische Überlegungen, sondern die Freude am spiele-
rischen Sammeln, Anhäufen und Betrachten der glänzenden
Metallstücke die Hauptrolle, so daß Geldstücke hier noch
weniger nach ihrem ökonomischen Wert, denn als an und für
sich lustspendende Objekte geschätzt werden. Das Auge erfreut
sich am Anblick ihres Glanzes und ihrer Farbe, das Ohr an
ihrem Metallklange, der Tastsinn am Spiel mit dem runden
glatten Scheibchen, nur der Geruchsinn geht ganz leer aus
und auch der Geschmacksinn muß sich mit dem schwachen,
aber eigentümlichen Metallgeschmack der Münzen zufrieden
geben. Damit ist die Entwicklung des Geldsymbols der Haupt-
sache nach vollendet. Aus der Lust am Darminhalt wird Freude
am Gelde, das aber nach dem Gesagten auch nichts anderes ist
als geruchloser, entwässerter und glänzend
gemachter Kot, „pecunia non ölet .
Entsprechend der inzwischen vor sich gegangenen Entwicklung
des Denkorgans in der Richtung des Logischen wird das
symbolische Interesse am Geld beim Erwachsenen nicht nur
auf Gegenstände mit ähnlichen physikalischen Eigenschaften^
sondern auf allerei Dinge ausgedehnt, die irgendwie Wert oder
Besitz bedeuten (Papiergeld, Aktien, Sparkassebuch usw.). Mag
aber das Geld was immer für Formen annehmen: die Freude
an seinem Besitz hat ihre tiefste und ergiebigste Quelle in der
Koprophilie. Mit diesem irrationalen Elemente wird jede
Soziologie und Nationalökonomie, die die Tatsachen ohne Vor-
eingenommenheit prüft, rechnen müssen. Soziale Probleme
werden erst durch Aufdeckung der wirklichen Psychologie des
Menschen lösbar; Spekulationen über die ökonomischen Bedin-
gungen allein werden nie zum Ziele führen.
Ein Teil der Analerotik wird überhaupt nicht sublim iert,
sondern bleibt in ihren ursprünglichen Erscheinungsformen
Zur Ontogenie des Geldinteresses 117
erhalten. 1 Seinen eigenen En tl e er u ngs funkt i o nen
bringt selbst der kultivierteste Normalmensch ein Interesse
entgegen, das in seltsamem Widerspruche steht zum Abscheu
und Ekel, den er äußert, wenn er dergleichen bei anderen
zu sehen oder etwas davon zu hören bekommt. Fremde
Menschen und Rassen können einander bekanntlich „nicht
riechen". Nebst diesem Erhaltenbleiben gibt es aber auch eine
Wiederkehr des hinter dem Geldsymbol steckenden Eigent-
lichen. Die von Freud zuerst beobachteten Stuhlbeschwerden
infolge Verletzung des Geldkomplexes sind Beispiele dafür, 2
Ein weiteres Beispiel ergäbe die sonderbare, aber von mir in
unzähligen Fällen konstatierte Tatsache, daß Leute mit dem
Wechseln der Unterwäsche in einer Weise sparsam sind, die in
keinem Verhältnis zu ihrem sonstigen Standard of life steht.
1) Die konstitutionell gegebene Quantität An al er o tik verteilt
sich also beim Erwachsenen auf die verschiedensten psychischen Gebilde,
es entwickeln sich aus ihm 1. Analcharakterzüge im
Sinne Freuds, 2. Beiträge zum Ästhetentum und zu
künstlerischen Interessen, 5. zur Hypochondrie, 4. der
Rest bleibt unsublimiert. Aus dem verschiedenen Mischungs-
verhältnis des sublimierten und des ursprünglichen Anteils, aus der
Bevorzugimg dieser oder jener Sublimierungsformen ergeben sich die
buntesten Charaktervariationen, die natürlich ihre speziellen Bedin-
gungen haben müssen. Zur raschen charakterologischen Orientierung
über ein Individuum, ja, über ganze Volksstämme sind die
analen Charakteristika besonders geeignet. Der Analcharakter mit
seiner .Reinlichkeit und Ordnungsliebe, Trotz und Geiz sticht vom
ausgesprochenen An al e r o tik er, der dem Schmutz gegen-
über tolerant, verschwenderisch und gutmütie ist
scharf ab. *
2) „Vorübergehende Stuhlbeschwerden (Diarrhöen, Verstopfungen)
entpuppen sich in der Analyse oft als Regressionen des Analcharakters.
Eine Patientin bekam gegen Ende des Monats, wo sie ihren Eltern die
vom Unbewußten nur ungern hergegebene ünterstützungssumme ab-
senden mußte, heftige Diarrhöen. Ein anderer entschädigte sich für
das Honorar, indem er massenhaft Darmgase produzierte.« (Per enc zi:
Über passagere Symptombildung usw., Band II dieser Sammlung.)
HS S. Ferenczi
Die Sparsamkeit benützt also der Analcharakter am Ende dazu,
um ein Stück Analerotik (Schmutztoleranz) wiederzugewinnen.
Ein noch auffälligeres Beispiel ist folgendes: Ein Patient will
sich keiner irgendwie gearteten koprophilen Manipulationen
erinnern, erzählt aber bald darauf ohne Befragung, daß er
besondere Lust an hellglänzenden Kupfermünzen hatte und eine
eigene Prozedur zum Glänzendmachen der Münzen erfand: er
schluckte das Geldstück und suchte dann in den Fäzes, so
lange, bis er das während der Passage durch den Darmschlauch
schön glänzend gewordene Geldstück fand. 1 Hier wurde die
Freude am reinlichen Gegenstand der Deckmantel zur Befrie-
digung der primitivsten AnaleTOtik. Merkwürdig genug, daß
der Patient sich die wirkliche Bedeutung seines doch durch-
sichtigen Tuns ableugnen konnte.
Abgesehen von solchen auffälligen Beispielen, kann man das
erotische Vergnügen am Häufen, Sammeln von Gold und
sonstigen Geldstücken, das lustvolle „Wühlen im Geld" im
täglichen Leben unzählige Male beobachten. Viele Menschen
geben leicht ihre Unterschrift auf ein Schriftstück, das sie zur
Zahlung größerer Beträge verpflichtet, und geben leicht große
Summen in Papiergeld aus, sind aber auffallend schwerfällig
bei der Verausgabung von Goldmünzen oder auch von kleinstem
Kupfergeld, Die Münzen kleben förmlich an ihren Fingern.
(Vgl. dazu auch die Bezeichnung „flüssiges Kapital" und die
gegenteilige : „argent sec\ die in der Franche-Comte gebräuchlich
sein soll.)
Der hier skizzierte ontogenetische Entwicklungsgang des
1) Der Fall erinnert an den koprophilen Witz, worin dem Arzt, dem
es gelingt, die von einem Kinde geschluckte Geldmünze mittels Abführ-
mittel abzutreiben, bedeutet wird, er solle die Münze gleich als
Honorar behalten. Zur Identifizierung von Geld und Kot s. auch das
Märchen vom „Eslein, streck' dich". Das Wort „Losung bedeutet Erlös
(im Geschäft), aber in der Jägersprache auch Wildkot.
Zur Ontogenie des Geldinteresses 119
Geldinteresses weist zwar individuelle, von den Lebensbedin-
gungen abhängige Unterschiede auf, ist aber im großen und
ganzen beim heutigen Kulturmenschen als ein psychischer
Prozeß anzusehen, der sich unter den verschiedensten Verhält-
nissen — auf einem oder dem anderen der möglichen Wege
— zu realisieren sucht. Es liegt also nahe, diese Entwicklungs-
tendenz als ein Rassenmerkmal anzusehen und die Gültigkeit
des biogenetischen Grundgesetzes auch für die Bildung des
Geldsymbols anzunehmen. Es ist zu erwarten, daß die
phylogenetische und kulturgeschichtliche Vergleichung des hier
geschilderten individuellen Entwicklungsganges und der Ent-
wicklung des Geldsymbols beim Menschengeschlechte überhaupt
einen Parallelismus nachweisen wird. Vielleicht werden sich
dann die bei Höhlenforschungen haufenweise vorgefundenen
gefärbten Steinchen des primitiven Menschen deuten lassen;
Beobachtungen über die Analerotik der Wilden (der heute
lebenden primitiven Menschen, die vielfach noch im Stadium
des Tauschhandels und des Kiesel- oder Muschelgeldes leben)
dürften diese kulturgeschichtliche Unternehmung bedeutend
fördern.
Es ist aber schon nach dem Mitgeteilten nicht unwahr-
scheinlich, daß das mit der Entwicklung korrelativ sich steigernde
kapitalistische Interesse nicht nur im Dienste von praktisch-
egoistischen Zwecken, also dem Realitätsprinzip steht,
sondern daß die Freude am Gold und Geldbesitz auch den
symbolischen Ersatz für und die Reaktionsbildung auf die
verdrängte Analerotik und Koprophilie in gelungener Verdichtung
repräsentiert, d. h. gleichzeitig auch dem Lustprinzip
genügen will.
Der kapitalistische Trieb enthält also — nach unserer Auf-
fassung — eine egoistische und eine analerotische Komponente.
Über die Rolle der Homosexualität in der
Pathogenese der Paranoia
Im Sommer 1908 hatte ich Gelegenheit, das Problem der
Paranoia in längeren Unterredungen mit Prof. Freud aufzu-
rollen. Wir kamen zur Festlegung gewisser Erwartungs-
vorstellungen, die im wesentlichen von Prof. Freud entwickelt
wurden, während ich mit einzelnen Vorschlägen und Einwen-
dungen zur schließlichen Gestaltung des Gedankenganges bei-
trug. Wir konstatierten zunächst, daß der Mechanismus der
Projektion, wie es in dem damals einzigen analysierten
Paranoiafalle von Freud dargelegt wurde, für die Paranoia
überhaupt bezeichnend ist. Wir nahmen ferner an, daß der
paranoische Mechanismus eine Mittelstellung zwischen den
gegensätzlichen Mechanismen der Neurose und der Dementia ,
praecox einnimmt. Der Neurotische entledigt sich seiner
unliebsam gewordenen Affekte durch die verschiedenen Arten
der Verschiebung (Konversion, Übertragung, Substitution), der
Demente löst sein Interesse von den Objekten ab 1 und zieht
es auf das Ich zurück (Autoerotismus, Größenwahn). Auch der
1) Vgl. Abraham, Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie u. d.
Dem. praecox. („Klin. Beitr. zur PsA.", Int. Psa. Bibl., Bd. XVI.)
Die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia 121
Paranoische möchte es mit der Entziehung seiner Anteil-
nahme versuchen, sie gelingt ihm aher nur zum Teil. Ein Teil
der Begierde wird glücklich in das Ich zurückgezogen, —
Größenwahn fehlt in keinem Falle von Paranoia, — aber ein
mehr oder minder großer Teil des Interesses kann sich von
seinem ursprünglichen Gegenstand nicht loslösen oder kehrt zu
ihm zurück. Dieses Interesse ist aber mit dem Ich derart
unverträglich geworden, daß es (mit Affektverkehrung, d. h. mit
„negativem Vorzeichen") objektiviert und so aus dem Ich aus-
gestoßen wird. Die unerträglich gewordene und dem Objekt
entzogene Neigung kehrt also als Wahrnehmung seines Negativs
von seiten des liebesobjektes zurück. Aus dem Gefühl der
liebe wird die Empfindung seines Gegenteils.
Die Erwartung, daß die weitere Beobachtung die Richtigkeit
dieser Annahmen bewahrheiten wird, hat sich erfüllt. Die
Fälle von paranoider Demenz, die Maeder im Bande IL des
Jahrbuches f. PsA. veröffentlichte, bestätigen die Annahmen
Freuds in weitgehendem Maße. Freud selbst hat durch weitere
Studien nicht nur diese Grundformel der Paranoia, sondern
auch gewisse feinere Einzelheiten, die wir im psychischen
Mechanismus der verschiedenen Formen der Paranoia voraus-
setzten, bestätigen können.
Der Zweck dieser Veröffentlichung ist aber nicht die Auf-
rollung der ganzen Paranoiafrage (der Prof. Freud selbst eine
größere Arbeit widmet), sondern nur die Mitteilung einer
Erfahrungstatsache, die sich mir aus der Analyse mehrerer
Paranoiker über die erwähnten Erwaxtungsvorstellungen hinaus
ergeben hat.
Es stellte sich nämlich heraus, daß der paranoische Mecha-
nismus nicht zur Abwehr aller möglichen Libidobesetzungen in
Gang gesetzt wird, sondern nach den bisherigen Beobachtungen
nur gegen die homosexuelle Objektwahl gerichtet ist.
122 S. Ferenczi
Schon im Falle der von Freud analysierten Paranoischen
spielte die Homosexualität eine auffallend große, vom Verfasser
wohl damals noch nicht genügend gewürdigte Rolle. 1
Auch in Maeders Untersuchungen an paranoid Dementen 2
wurden „unzweifelhafte homosexuelle Tendenzen" hinter den
Verfolgungswahnideen des einen Kranken aufgedeckt.
Die Beobachtung mehrerer Fälle, die ich im folgenden mit-
teilen will, läßt aber die Annahme gerechtfertigt erscheinen,
daß die Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia nicht
eine zufällige, sondern die bedeutsamste Rolle spielt und daß
die Paranoia vielleicht überhaupt nichts anderes ist als entstellte
Homosexualität.
i
Der erste Fall betraf den Mann meiner eigenen Bedienerin,
einen etwa 38 Jahre alten, robusten Menschen, den ich
mehrere Monate lang sehr eingehend zu beobachten Gelegen-
heit hatte.
Er und seine nicht schön zu nennende Frau, die unmittelbar
vor dem Eintritt in meine Dienste heirateten, bewohnten eine
1) „Als sie mit dem Stubenmädchen allein war", hat sie „eine
Empfindung im Schöße bekommen und dabei gedacht, das Mädchen
habe jetzt einen unanständigen Gedanken." — Sie hatte „Halluzinationen
von weihlichen Nacktheiten, besonders eines entblößten weiblichen
Schoßes mit Behaarung, gelegentlich auch männlicher Genitalien". —
„Wenn sie in Gesellschaft einer Frau war, bekam sie regelmäßig die
cpiälende Empfindung, woran sich die Deutung schloß, sie sehe jetzt die
Frau in unanständiger Blöße, aber im selben Moment habe die Frau
dieselhe Empfindung von ihr." — „Die ersten Bilder von weihlichen
Schößen kamen wenige Stunden, nachdem sie eine Anzahl von Frauen
tatsächlich im Baderaum entblößt gesehen hatte." — „Es wurde ihr
,alles klar', als die Schwägerin eine Äußerung tat" usw. (Freud, Weitere
Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen, 1896. Ges. Sehr., Bd. I
S. 57 8.)
2) Jahrbuch f. PsA., II. Bd., S. 257
Die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia 123
aus einem Zimmer und der Küche bestehende Abteilung meiner
Wohnung. 1 Der Mann arbeitete den ganzen Tag in seinem
Amte (er war Bedienter bei der königl. Post), kam abends
pünktlich nach Hause und gab in der ersten Zeit keinen Anlaß
zur Klage. Im Gegenteil, er fiel mir durch seinen außer-
ordentlichen Fleiß und durch die große Höflichkeit mir gegen-
über auf. Immer fand er etwas an meinen Zimmern zu reinigen
und zu verschönern. Ich traf ihn manchmal spät in der Nacht
dabei an, daß er die Türen oder den Fußboden frisch lackierte,
die schwer zugänglichen oberen Fensterscheiben putzte oder im
Badezimmer irgend eine geschickte Neuerung einrichtete. Er
legte großes Gewicht darauf, mich zufriedenzustellen, gehorchte
mit militärischer Strammheit und Pünktlichkeit allen meinen
Anordnungen, nahm aber jede Kritik meinerseits mit großer
Empfindlichkeit hin, wozu sich allerdings nur selten Anlaß bot.
Eines Tages erzählt mir die Bedienerin weinend, daß sie
mit dem Manne sehr unglücklich lebe. Er trinke in letzter
Zeit viel, komme spät nach Hause, schelte und beschimpfe sie
fortwährend ohne Anlaß. Ich wollte mich in diese Ehe-
angelegenheit anfangs nicht mischen, als ich aber zufällig
erfuhr, daß er die Frau prügelte (was mir die Frau aus Angst,
die Stellung zu verlieren, verheimlichte), machte ich ihm ernste
Vorstellungen, forderte von ihm Alkoholabstinenz und gute
Behandlung der Frau, was er mir unter Tränen versprach* Als
ich ihm meine Rechte zum Handschlag bot, konnte ich es
nicht verhindern, daß er mir die Hand stürmisch küßte. Ich
schrieb dies aber damals seiner Rührung und meiner „väter-
lichen" Haltung zu (obzwar ich jünger war als er).
Nach dieser Szene herrschte eine Weile Ruhe im Hause.
Aber schon nach wenigen Wochen wiederholten sich dieselben
1) Hier in Budapest ist es eine verbreitete Sitte, die Besorgung der
Wohnung einem verläßlichen Ehepaare zu überlassen.
124 S. Ferenczi
Szenen, und als ich mir nun den Mann genauer ansah, stellte
ich bei ihm Anzeichen des chronischen Alkoholismus fest.
Daraufhin fragte ich die Frau aus und erfuhr von ihr, daß
sie von ihrem Manne fortwährend, und zwar vollkommen
grundlos, der ehelichen Untreue verdächtigt wird. Natürlich
stieg in mir sofort der Verdacht auf, daß es sich beim Manne
um alkoholischen Eifersuchtswahn handelt, um so mehr, als ich
die Bedienerin als eine sehr anständige und sehr schamhafte
Person kannte. Wieder gelang es mir, den Mann vom Trinken
abzubringen und den Hausfrieden für eine Weile herzustellen.
Bald stellte sich aber Verschlimmerung ein. Es wurde klar,
daß es sich um Alkoholparanoia handelte. Der Mann vernach-
lässigte seine Frau und trank im Wirtshaus bis Mitternacht.
Heimgekehrt, prügelte er die Frau, beschimpfte sie unablässig
und verdächtigte sie mit jedem Patienten, der mich besuchte.
Nachträglich erfuhr ich, daß er schon um diese Zeit auch auf
mich eifersüchtig war, was aber seine Frau aus begreiflicher Angst
vor mir verheimlichte. Ich konnte das Ehepaar natürlich nicht
länger bei mir behalten, sagte aber der Frau auf ihre Bitte zu,
sie bis zum Ablauf des Vierteljahres in ihrer Stelle zu belassen.
Nun erst erfuhr ich alle Einzelheiten jener häuslichen
Szenen. Der Mann, den ich zur Rede stellte, leugnete ent-
schieden, die Frau geprügelt zu haben, obzwar das auch durch
Augenzeugen bestätigt wurde. Er behauptete, seine Frau sei
eine „ Frau mit weißer Leber" , eine Art Vampir, „ die die
Männerkraft aussaugt". Er verkehre mit ihr fünf- bis sechsmal
jede Nacht, das sei ihr aber immer noch nicht genug, sie lasse
sich von jedem Manne begatten. Bei dieser Aussprache wieder-
holte sich die Rührszene, die ich oben beschrieb. Er bemäch-
tigie sich wieder meiner Hand und küßte sie unter Tränen.
Er behauptete, noch nie einen lieberen und freundlicheren
Menschen als mich gekannt zu haben.
Die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia 125
Als mich sein Fall auch psychiatrisch zu interessieren be-
gann, erfuhr ich von der Frau, daß der Mann mit ihr seit der
Trauung überhaupt nur zwei- bis dreimal den Beischlaf aus-
geübt habe. Hie und da mache er dazu Veranstaltungen, —
meist a tergo, — dann stoße er sie fort und erkläre unter
Geschimpfe, sie sei eine Hure, sie könne es mit jedem, nur
mit ihm nicht.
Ich fing an, eine immer größere Rolle in seinen Wahn-
ideen zu spielen. Er wollte unter Androhung des Erstechens
von seiner Frau das Geständnis erpressen, sie habe mit mir
geschlechtlich verkehrt. Jeden Morgen, wenn ich fortging,
drang er in mein Schlafzimmer ein, schnüffelte an meiner
Bettwäsche und prügelte dann die Frau, indem er behauptete,
am Bettzeug ihren Geruch erkannt zu haben. Ein Kopftuch,
das ich der Frau von der Ferienreise mitbrachte, nahm er
gewaltsam an sich, streichelte es täglich mehrere Male, dabei
war er auch von einer Tabakspfeife, die ich ihm zum Geschenk
machte, unzertrennlich. War ich am Abort, so lauschte er stets
im Vorzimmer, erzählte dann seiner Frau mit obszönen Worten,
was er gehört habe, und frug sie, „ob es ihr gefalle". Sofort
nach mir eilte er dann in das Klosett nachzuschauen, ob ich
alles „richtig weggespült" habe.
Bei alldem blieb er der eifrigste Bediente, den man sich
denken kann, und war mir gegenüber von übertriebener Liebens-
würdigkeit. Er benutzte meine Abwesenheit von Budapest und
strich ohne Auftrag den Abort frisch mit Ölfarbe an, zierte die
Wand sogar mit farbigen Strichen.
Eine Zeitlang wurde die erfolgte Kündigung vor ihm geheim-
gehalten. Als er aber davon erfuhr, wurde er schwermütig,
ergab sich vollends dem Trünke, beschimpfte und schlug seine
Frau, drohte ihr, daß er sie auf die Gasse werfen und mich,
„ihren Liebling", erstechen werde. Auch jetzt noch blieb er
126 S. Ferenczi
mir gegenüber artig und ergeben. Als ich aber erfuhr, daß er
bei Nacht mit einem scharfgeschliffenen Küchenmesser schlafe
und einmal ernstlich Miene machte, in mein Schlafzimmer zu
dringen, konnte ich auch die bis zum Ablaufe der Kündigungs-
frist noch übrigen zwei bis drei Tage nicht abwarten. Die Frau
verständigte die Behörde, die ihn auf Grund des gemeinde-
ärztlichen Untersuchungsergebnisses in die Landesirrenanstalt
einlieferte.
Zweifellos handelt es sich in diesem Falle um alkoholischen
Eifersuchtswahn. Die hervorstechenden Züge homosexueller Über-
tragung auf mich lassen aber die Deutung zu, daß diese Eifer-
sucht auf die Männer nur die Projektion seines eigenen
erotischen Gefallens am männlichen Geschlecht bedeutete. Auch
die Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr mit seiner Frau
dürfte nicht einfach Impotenz gewesen, sondern durch seine
unbewußte Homosexualität bestimmt gewesen sein. Offenbar
hat der Alkohol, den man wohl mit Recht ein Zensurgift
nennen könnte, seine zu Freundschaftlichkeit, Dienstfertigkeit
und Ergebenheit vergeistigte Homosexualität ihrer Sublimierungen
zum großen Teile (aber nicht ganz) beraubt und die so zutage
getretene rohe homosexuelle Erotik — als solche dem Bewußt-
sein des ethisch hochstehenden Menschen unerträglich — ein-
fach seiner Frau angedichtet.
Der Alkohol spielt hier meines Erachtens nur die Rolle des
Sublimierungszerstörers, durch dessen Werk die wahre Sexual-
konstitution des Mannes, nämlich die gleichgeschlechtliche
Objektwahl, offenbar wurde.
Die sichere Bestätigung dafür erhielt ich erst nachträglich.
Ich erfuhr, daß er vor Jahren schon einmal verheiratet gewesen
ist. Auch mit dieser ersten Frau lebte er nur kurze Zeit in
Frieden, begann bald nach der Eheschließung zu trinken, dann
seine Frau mit Eifersuchtsszenen zu quälen, zu beschimpfen,
j
Die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia 127
bis sie ihm davonging und bald auch die gerichtliche Scheidung
durchsetzte.
In der Zeit zwischen beiden Eheschließungen soll er ein
mäßiger, verläßlich-nüchterner Mensch gewesen sein und erst
nach der zweiten Verehelichung wieder zu trinken angefangen
haben.
Nicht der Alkoholismus war also die tiefere Ursache der
Paranoia, sondern im unlösbaren Konflikt zwischen seiner
bewußten heterosexuellen und seiner unbewußten homosexuellen
Begierde griff er zum Alkohol, der dann durch Zerstörung der
Sublimierungen die gleichgeschlechtliche Erotik zum Vorschein
brachte, deren sich sein Bewußtsein auf dem Wege der Projek-
tion, des Eifersuchtswahnes, entledigte.
Die Zerstörung der Sublimierung war aber keine vollständige.
Er konnte einen Teil seiner homosexuellen Neigung noch in
vergeistigter Form, als liebevoll ergebener Diener seines Herrn,
als strammer Untergebener im Amt und als tüchtiger Arbeiter
in beiden Stellungen betätigen. Wo aber die Verhältnisse erhöhte
Anforderungen an die Sublimierungsfähigkeit stellten, -- z. B.
bei Beschäftigung mit dem Schlafzimmer und dem Klosett, —
war er gezwungen, seine Begierde der Frau anzuhängen und
sich durch die Eifersuchtsszenen zu versichern, daß er in seine
Frau verliebt sei. Das Prahlen mit der ungeheueren Potenz der
Frau gegenüber war gleichfalls eine der Selbstberuhigung
dienende Entstellung der Tatsachen. 1
1) Die einseitig agitatorische Tätigkeit der Antialkoholisten sucht
die Tatsache, daß der Alkoholismus in den allermeisten Fällen eine,
allerdings unheilvolle Folge und nicht die Ursache der Neurosen ist, zu
verschleiern. Den individuellen wie den sozialen Alkoholismus kann nur
die Analyse heilen, die die Ursachen der Flucht in die Narkose aufdeckt
und neutralisiert. Oberstabsarzt Dr. Drenkhahn hat aus der Morbiditäts-
statistik der deutschen Armee nachgewiesen, daß infolge der anti-
alkoholistischen Propaganda der letzten Jahre die Zahl der „Alkohol-
128 S. Ferenczi
ii
Als zweiten Fall will ich den einer noch jugendlichen Dame
anführen, die, nachdem sie mit ihrem Manne jahrelang in
ziemlicher Eintracht lebte und ihm Töchter gebar, nicht lange
nach der Geburt eines Sohnes an Eifersuchtswahn erkrankte. In
ihrem Falle spielte der Alkohol keine Rolle. 1
Sie begann beim Manne alles verdächtig zu finden. Eine
Köchin und ein Stubenmädchen nach der anderen wurde weg-
geschickt, schließlich setzte sie durch, daß im Hause nur noch
männliche Bedienung geduldet wurde. Aber auch das half nicht.
Der Mann, der allgemein für einen Mustergatten galt und der
mir heilig versicherte, noch nie die eheliche Treue gebrochen
zu haben, konnte keinen Schritt gehen, keine Zeile schreiben,
ohne von der Frau beobachtet, verdächtigt, ja, beschimpft zu
werden. Merkwürdigerweise verdächtigte sie den Mann immer
nur mit ganz jungen, zwölf- bis dreizehnjährigen — oder ganz
alten, häßlichen Frauenspersonen, während sie auf die Damen
aus der Gesellschaft, auf Freundinnen oder bessere Gouvernanten,
auch wenn sie anziehend oder schön waren, nicht eifersüchtig
war. Mit diesen konnte sie freundschaftlich verkehren.
erkrankungen" in der Armee von 4*19 : 10.000 rasch auf 07 : xo.000
gesunken ist, daß aber dafür die Zahl der Erkrankungen an sonstigen
Neurosen und Psychosen in demselben Maße gestiegen ist. f s Deutsche
Militärärztliche Zeitschrift vom 20. Mai 1909.) Die Ausrottung des
Alkoholismus ist also nur scheinbar eine Verbesserung der Hygiene. Der
Psyche, wenn ihr der Alkohol entzogen wird, stehen zahlreiche andere
Wege der Flucht in die Krankheit zu Gebote. Und wenn dann die
Psychoneurotiker, statt an Alkoholismus, an Angsthysterie oder Dementia
praecox erkranken, bedauert man den riesigen Aufwand an Energie,
der gegen den Alkoholismus an der unrechten Stelle in Gang gesetzt
wurde.
1) Den Fall habe ich bereits in anderem Zusammenhange kurz
mitgeteilt. Siehe „Introjektion und Übertragung". (S. 9 ff. , dieses
Bandes.)
Die Rolle der Homosexualität in der Pathogen ese der Paranoia 120
Immerhin wurde ihr Betragen zu Hause immer auffälliger,
ihre Drohungen gefährlicher, so daß sie in ein Sanatorium
gebracht werden mußte. (Vor der Internierung ließ ich die
Patientin auch Prof. Freud in Wien zu Rate ziehen, der meine
Diagnose und den Versuch der Analyse guthieß.)
Bei dem ungeheueren Mißtrauen und dem Scharfsinn der
Kranken war es nicht leicht, mit ihr in Fühlung zu treten.
Ich mußte mich auf den Standpunkt stellen, als wäre ich von
der Unschuld des Mannes nicht vollkommen überzeugt, und
brachte auf diese Art die sonst unzugängliche Kranke dazu, mir
auch die bisher verheimlichten Wahnideen preiszugeben.
Unter diesen fanden sich ausgesprochene Größen- und
Beziehungswahnideen. Zwischen den Zeilen der Lokalzeitung
wimmelt es von Anspielungen auf ihre angebliche moralische
Verdorbenheit, auf ihre lächerliche Stellung als betrogene
Gattin, die Artikel seien bei den Zeitungsschreibern von ihren
Feindinnen bestellt. Aber auch allerhöchste Persönlichkeiten
(z. B. der bischöfliche Hof) wüßten um diese Machenschaften
und daß die Königsmanöver in jenem Jahre gerade in der
Gegend ihres Wohnsitzes stattfanden, sei nicht ohne Beziehung
zu gewissen geheimen Absichten jener Feindinnen. Als Feindinnen
entpuppten sich im Laufe der weiteren Gespräche die ent-
lassenen Dienstboten.
. Ich erfuhr dann von ihr allmählich, daß sie seinerzeit nur
widerwillig, auf Wunsch der Eltern, besonders des Vaters, die
Werbung ihres Mannes angenommen hatte. Er kam ihr damals
zu gewöhnlich, unfein vor. Aber nach der Eheschließung
gewöhnte sie sich angeblich an ihn. Nach der Geburt der
ersten Tochter kam es zu einer merkwürdigen Szene im Hause.
Der Mann soll unzufrieden darüber gewesen sein, daß sie ihm
nicht einen Sohn gebar, und auch sie empfand darüber förm-
liche Gewissensbisse; daraufhin traten in ihr Zweifel auf, ob
Ferencai, Bausteine zur Psychoanalyse I
130 S. Ferenczi
a
sie recht getan habe, diesen Mann zu heiraten. Zu gleicher
Zeit begann sie auf die dreizehnjährige, angeblich sehr hübsche
Aushilfsmagd eifersüchtig zu sein. Sie lag noch im Wochen-
bette, als sie die kleine Person einmal zu sich beschied, sie
niederknien und beim Leben ihres Vaters schwören ließ, daß
der Hausherr ihr nichts angetan hätte. Dieser Schwur beruhigte
sie damals. Sie dachte sich, sie könnte sich geirrt haben.
Nach der endlichen Geburt eines Sohnes fühlte sie sich, als
hätte sie ihre Pflicht dem Manne gegenüber erfüllt und sei
nunmehr frei. Es begann ein zwiespältiges Verhalten bei ihr.
Sie wurde auf ihren Mann wieder eifersüchtig, andererseits
benahm sie sich Männern gegenüber manchmal auffällig. „Aller-
dings nur mit den Augen," sagte sie. Folgte aber jemand ihrem
Winke, so wies sie ihn stets energisch ab.
Diese „harmlose Spielerei", die von ihren „Feindinnen
gleichfalls falsch ausgelegt wurde, verschwand aber bald hinter
den immer ärger werdenden Eifersuchtsszenen.
Um ihren Mann anderen Frauen gegenüber impotent zu
machen, ließ sie ihn jede Nacht mehrmals den Beischlaf aus-
führen. Doch wenn sie sich auf einen Augenblick aus dem
Schlafzimmer (zur Verrichtung körperlicher Bedürfnisse) ent-
fernte, sperrte sie das Zimmer hinter sich zu. Sie eilte sofort
zurück, wenn sie aber an der Bettdecke etwas nicht in Ordnung
fand» verdächtigte sie den Mann, daß die entlassene Köchin,
die sich einen Schlüssel hätte machen lassen, inzwischen bei
ihm gewesen sei.
Wie wir sehen, verwirklichte die Kranke die geschlechtliche
Unersättlichkeit, die der vorerwähnte Alkoholparanoiker nur
erdichtete, aber nicht ausführen konnte. (Allerdings kann die
Frau viel eher als der Mann den Geschlechtsverkehr auch ohne
wirkliche Lust nach Belieben steigern.) Auch die scharfe Über-
wachung des Zustandes der Bettwäsche wiederholte sich hier.
Die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia 13t
Das Benehmen der Kranken im Sanatorium war sehr wider-
spruchsvoll. Sie kokettierte mit allen Männern, ließ sich aber
keinen nahekommen. Dafür ging sie innige Freundschaften und
Feindschaften mit allen weiblichen Bewohnern des Hauses ein.
Die Gespräche, die sie mit mir führte, drehten sich zum
größten Teil um diese. Sie nahm sehr gerne die ihr vor-
geschriebenen lauwarmen Bäder, benutzte aber die Gelegenheit
des Badens dazu, um eingehende Beobachtungen über die
Körperfülle und Körperformen der übrigen Patientinnen zu
sammeln. Mit allen Zeichen des Ekels und Abscheus beschrieb
sie mir die runzlige Bauchhaut einer schwerkranken, älteren
Patientin. Bei der Erzählung der Beobachtungen an hübscheren
Patientinnen war aber der lüsterne Ausdruck ihres Gesichtes
nicht zu verkennen. Eines Tages, als sie mit diesen jüngeren
allein war, veranstaltete sie eine „Wadenausstellung" ; sie
behauptete, bei der Konkurrenz den ersten Preis gewonnen zu
haben, (Narzißmus.)
Mit großer Vorsicht versuchte ich etwas über die homo-
sexuelle Komponente ihrer Sexualentwicklung zu erfahren,
indem ich sie frug, ob sie, wie so viele junge Mädchen, ihre
Freundinnen leidenschaftlich geliebt habe. Doch sie erkannte
sofort meine Absicht, wies mich derb zurück, behauptete, ich
wolle ihr Scheußlichkeiten einreden. Es gelang mir, sie zu,
beruhigen, worauf sie mir unter dem Siegel der Verschwiegen-
heit gestand, als ganz kleines Kind jahrelang mit einem kleinen
Mädchen, das sie dazu verführte, gegenseitig masturbiert zu
haben. (Die Kranke hat nur Schwestern, keinen Bruder.)
Ferner ließen sich den — allerdings immer spärlicher werdenden
- Mitteilungen der Kranken Anzeichen überstarker sexueller
Fixierungen an die Mutter und an weibliche Wartepersonen
entnehmen.
Die ziemliche Ruhe der Patientin .wurde erst durch den
132 S. Ferenczi
Besuch des Gatten ernstlich gestört. Der Eifersuchtswahn ent-
flammte von neuem. Sie verdächtigte den Gatten, ihre Abwesen-
heit zu allen möglichen Schandtaten benutzt zu haben. Namen t-
lich richtete sich ihr Verdacht gegen die greise Hausbesorgerin,
die — wie sie erfuhr — beim Reinemachen geholfen haben
soll. Im geschlechtlichen Verkehr wurde sie immer unersätt-
licher. Verweigerte ihr der Mann den Beischlaf, so drohte sie,
ihn umzubringen. Sie warf ihm einmal tatsächlich ein
Messer nach.
Auch die anfänglich noch vorhandenen geringen Spuren der
Übertragung auf den Arzt wichen in diesen stürmischen Zeiten
einem immer heftigeren Widerstände, so daß die Aussichten der
Analyse auf den Nullpunkt sanken. So sahen wir uns genötigt,
die Kranke in einer entfernteren Anstalt unter strengerer Aufsicht
unterzubringen.
Auch dieser Fall von Eifersuchtswahn wird erst erklärlich,
wenn wir annehmen, daß es sich hier um die Projektion des
Gefallens am eigenen Geschlecht auf den Mann handelt. Ein
in fast ausschließlich weiblicher Umgebung aufgewachsenes
Mädchen, das als Kind zu stark an die weiblichen Warte-
personen fixiert war und dazu jahrelang mit einer Alters-
genossin sexuellen Umgang pflog, wird plötzlich in eine
Konvenienzehe mit einem „unfeinen Manne gezwungen. Sie
fügt sich aber und empört sich nur einmal gegen eine besonders
krasse Unliebenswürdigkeit des Mannes, indem sie ihre Begierde
ihrem Kindheitsideal (einem kleinen Dienstmädchen) zuwendet.
Der Versuch mißlingt, sie kann die Homosexualität nicht mehr
ertragen und muß sie auf den Mann projizieren. Das war der
erste, kurz dauernde EifersuchtsanfalL Endlich als sie ihre
„Pflicht" erfüllt und dem Manne den von ihm geforderten Sohn
geboren hat, fühlt sie sich frei. Die bis dahin gebändigte Homo-
sexualität bemächtigt sich stürmisch aller Objekte, die zur
Die Rolle der Homosexual ität in der Pathogenese der Paranoia 133
Sublimierung keine Möglichkeit bieten (ganz junge Mädchen,
Greisinnen, Dienstboten), in roh-erotischer Form, doch diese
ganze Erotik wird, mit Ausnahme jener Fälle, wo sie es unter
der Maske des harmlosen Spieles verbergen kann, dem Mann
angedichtet. Um sich in dieser Lüge zu bestärken, ist die
Kranke gezwungen, dem ihr ziemlich gleichgültig gewordenen
männlichen Geschlechte gegenüber gesteigerte Koketterie zur
Schau zu tragen, ja, sich wie eine Nymphomanische zu
gebärden.
ffl
Eines Tages wurde ich von einem Advokaten aufgefordert,
einen seiner Klienten, den Syndikus der Stadt X., der von
seinen Landsleuten ungerechterweise verfolgt werde, zu unter-
suchen und gesund zu erklären. Dieser meldete sich bald darauf
bei mir. Schon daß er mir eine Menge Zeitungsausschnitte, Akten-
kopien, Flugschriften, die er alle selbst verfaßt hatte, in so
musterhafter Ordnung, numeriert, sortiert, überreichte, war
mir verdächtig. Ein Bück in die Schriften überzeugte mich,
daß er ein Paranoiker der Verfolgung sei. Ich berief ihn erst
für den anderen Morgen zur Untersuchung, aber schon das
Durchlesen seiner Schriften zeigte mir die homosexuelle Wurzel
seiner Paranoia.
Seine Streitigkeiten begannen damit, daß er einem Haupt-
mann brieflich mitteilte, daß sein Vis-a-vis, ein Offizier des
. . , .-Regiments, „sich am Fenster teils im Hemd, teils mit
nacktem Oberkörper rasiert". „Zweitens läßt er an einer Schnur
seine Handschuhe am Fenster trocknen, wie ich es in kleinen
italienischen Dörfern gesehen habe." Der Kranke ersucht den
Hauptmann, „die Abstellung dieser Mißstände zu bewerk-,
stelligen". Die abweisende Antwort des Hauptmannes beant-
wortet er mit Angriffen auf diesen. Dann folgt eine Anzeige an
den Obersten, worin er schon von den ;, Unterhosen" des Gegen-
über spricht. Wieder beklagt er sich auch der Handschuhe
wegen. Mit riesengroßen Buchstaben hebt er hervor, daß ihm
ja die Sache gleichgültig wäre, wenn er die Gassenzimmer nicht
mit seiner Schwester bewohnen würde. „Ich glaube eine ritter-
liche Pflicht der Dame gegenüber zu erfüllen." Zugleichmacht
sich eine furchtbare Empfindlichkeit und alle Zeichen des
Größenwahns in den Schriften bemerkbar.
In den späteren Schriften wird die Erwähnung jener Unter-
hose immer häufiger. In fetten Lettern wird oft vom „Schutz
der Damen" gesprochen.
Eine nachträgliche Eingabe bringt den Zusatz, er habe in der
vorigen Eingabe zu erwähnen vergessen, daß sich der Herr
Oberleutnant abends am hellbeleuchteten Fenster, ohne die
Rouleaux herunterzulassen, anzuziehen pflege. „Mir wäre das
gleichgültig [das in kleinem Schriftgrad]. Ich muß aber im Namen
einer Dame um Schutz gegen einen derartigen Anblick bitten.
Dann kommen Eingaben an das Korpskommando, das Kriegs-
ministerium, die Kabinettskanzlei usw., in allen sind die klein-
gedruckten Worte Hemd, Unterhose, nackter Oberkörper usw.
— und diese allein — nachträglich rot unterstrichen. (Der
Kranke ist Besitzer einer Zeitung und kann nach Herzenslust
alles drucken lassen.)
Aus einem Aktenstück des Korpskommandos stellt sich
heraus, daß Vater und Bruder des Kranken im Wahnsinn durch
Selbstmord geendet haben. Der Vater war, wie der Kranke sich
ausdrückt, „Landesadvokat und Orator" (auch Patient ist
Advokat), der Bruder war Oberleutnant. Man erfährt dann, daß
der Patient Kneippianer ist, ja, er erschien einmal beim Ober-
gespan zur Audienz barfuß in Sandalen, wofür er einen Verwei
erhielt. (Exhibition?)
Dann verschiebt er die Angelegenheit auf den ritterlichen
Die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia 135
Weg, kneift aber im kritischen Augenblick immer aus, unter
Berufung auf irgend einen Paragraphen des Duellkodexes, den
er vollkommen beherrscht. Es unterläuft ihm dabei die halb
absichtliche Übertreibung, daß er so spricht, als wäre sein Brief
eine tätliche Beleidigung des Offiziers gewesen. An anderen
Orten sagt er (mit Riesenbuchstaben), er habe dem Offizier in der
schonendsten Form nur Tatsachen angeführt. Er unterschiebt
den militärischen Behörden die Ansicht über sich selbst, er sei
„eine alte Frau, die gar nichts anderes zu tun habe, als Objekte
ihrer Neugierde zu entdecken". Er zitiert unzählige Beispiele,
wie im Ausland Offiziere, die auf offener Straße ein Mädchen
beleidigen, bestraft werden. Er verlangt überhaupt Schutz für
wehrlose Frauen gegen rohe Angriffe usw. In einer seiner Ein-
gaben beklagt er sich, der zu Anfang erwähnte Hauptmann
habe „wütend, ostentativ sein Gesicht von ihm weggewendet".
Die Zahl der von ihm angehängten Prozesse häufen sich
lawinenartig an. Am meisten ärgert ihn, daß die Militär-
behörden seine Eingaben ignorieren. Die Zivilisten schleppt er
vor das Zivilgericht ; bald verschiebt er die Sache auf politisches
Gebiet, hetzt in seiner Zeitung Soldaten und Stadtverordnete
gegeneinander, den ungarischen Zivilbehörden gegenüber spielt
er den „Pangermanen" aus und tatsächlich melden sich bald
beinahe 100 „Genossen", die ihm öffentlich und schriftlich
Beifall zollen.
Dann folgt eine merkwürdige Episode.
Eines Tages klagt er einen anderen Offizier beim neuen
Obersten an, jener habe seiner Schwester auf der Straße
„Pfui, schäbige Sächsin!" zugerufen. Die Schwester bestätigt
das in einem Briefe, der sicher vom Patienten selbst ver-
faßt ist.
Er verlegt sich dann auf Zeitungsartikel, in denen er schwer
auflösbare Rätsel durch das Punktieren „gefährlicher" Stellen
136 S. Ferenczi
aufgibt. Er spricht z. ß. von einem französischen Sprich-
wort, das zu deutsch „das L . . . t . . . .* heißt. Ich hatte
Mühe, das „Lächerliche tötet" herauszufinden.
Eine neuerliche Anklage gegen den Hauptmann Nr, 1
erwähnt „Grimassen, Gebärden, Bewegungen, herausfordernde
Blicke". Er würde sich nicht kümmern, aber es handelt sich
um eine Dame. Der Offizier sei bubenhaft. Er und seine
Schwester werden ihm rücksichtslos den Standpunkt klar
machen.
Neuerliche Ehrenangriffe mit Rückzug des Kranken, der
unter Advokatenkniffen den Duellkodex ins Treffen führt.
Dann folgen Drohbriefe, in denen er wie die Schwester viel
von „Selbsthilfe" sprechen; lange Erklärungen ; 100 Zitate über
Duell usw. Z. B. „Nicht Kugeln, Degenspitzen töten, sondern
die Sekundanten". „Mann", „Männer", „mannhaft", kehren
immer wieder. Er läßt sich von Mitbürgern Lobhymnen unter-
schreiben, die ihn selbst zum Verfasser haben. Einmal behauptet
er ironisch, man wolle vielleicht, daß er „jenen Herren Hände
und Füße küssen soll in Liebedienerei".
Jetzt kommt der Kampf mit der Stadtbehörde, an die sich
das Militär gewendet hat. 42 Stadtverordnete verlangen seine
Bestrafung. Er greift von diesen einen heraus, der Dahinten
heißt, und verfolgt ihn öffentlich bis aufs Blut. Durch die
Zustimmungskundgebungen und die „ Wacker ! "-Rufe eines
Wiener Hetzblattes ermutigt, bewirbt er sich um die Stelle des
Vizegespans und gibt aller Welt Schuld an seinem ungerechten
Durchfall. Natürlich arbeitet er auch in Antisemitismus.
Er will dann das gute Verhältnis zwischen Zivil und Militär
herstellen, diese Worte unterstreicht er immer.
Endlich gelangt die Sache vor eine höhere Zivilbehörde, die
den Geisteszustand des Kranken untersuchen ließ. Er kam mit
der Hoffnung zu mir, daß ich ihn für gesund erklären werde*.
Die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia 137
Vorhergegangene Erfahrungen hei Paranoischen machten es
mir leicht, in diesem Falle die außerordentlich hedeutsame
Rolle der Homosexualität schon aus diesen Tatsachen zu er-
schließen. Der Ausbruch des — bislang vielleicht versteckten -
Verfolgungswahnes wird durch den Anblick eines halbnackten
Offiziers ausgelöst, auch dessen Hemd, Unterhosen und Hand-
schuhe scheinen auf den Kranken großen Eindruck gemacht
zu haben. (Ich verweise auf die Rolle der Bettwäsche bei beiden
vorerwähnten Eifersuchtswahnkranken.) Niemals werden Frauens-
personen angeklagt oder beschuldigt, immer nur rauft und
zankt er mit Männern, zumeist Offizieren oder höheren Würden-
trägern, Vorgesetzten. Ich deute das als Projizierung seines
eigenen homosexuellen Gefallens mit negativem Vorzeichen auf
jene Personen. Seine aus dem Ich ausgestoßene Begierde kehrt
als Wahrnehmung der Verfolgungstendenz seitens der Objekte
seines unbewußten Gefallens ins Bewußtsein wieder. Er sucht
solange, bis er sich überzeugt hat, daß man ihn haßt. Nun
kann er in Form des Hasses seine eigene Homosexualität aus-
leben und zugleich vor sich selbst verstecken. Die Bevorzugung
des Verfolgtwerdens durch Offiziere und Beamte dürfte durch
den Beamtenstand des Vaters und den Offiziersstand seines
Bruders bestimmt gewesen sein ; ich vermute, daß diese die
ursprünglichen, infantilen Objekte seines homosexuellen Phan-
tasierens waren.
Der erlogenen riesigen Potenz des Alkohol wahnsinnigen und
der geheuchelten Nymphomanie der eifersüchtig Paranoischen
entspricht hier die übertriebene Ritterlichkeit und das Zart-
gefühl, das er von den Männern Damen gegenüber fordert.
Dasselbe fand ich bei den meisten manifest homosexuellen
Männern. Diese Hochachtung hat einen Anteil daran, daß die
Homosexuellen, wie viele psychisch Impotente, unfähig sind,
das Weib zum Liebesobjekt zu nehmen. Die Homosexuellen
138 S. Ferenczi
„achten das Weib hoch", lieben aber den Mann. So auch
unser Paranoiker, nur ist sein Lieben duTch Affektverkehrung
in Verfolgungswahn und Haß verwandelt worden.
Daß er seine Schwester als beleidigte Person in den Vorder-
grund schiebt, dürfte aber auch durch passiv-homosexuelle
Phantasien, in denen er sich mit dieser Schwester identifiziert,
mitbegründet sein. Dafür spricht auch seine Klage, man halte
ihn für eine alte Frau, die die Objekte ihrer Neugierde in
nackten Offizieren und deren Unterwäsche suche. Wenn er
also fortwährend über Beleidigungen seitens der ihn verfol-
genden Männer klagt, meint er unbewußt sexuelle Angriffe,
deren Gegenstand er selber sein möchte.
Es ist in diesem Falle schön zu sehen, wie die mühsam
aufgebaute soziale Sublimierung der Homosexualität, wahr-
scheinlich unter dem Drucke der überwuchernden infantilen
Phantasien, vielleicht auch infolge anderer, mir unbekannter
Gelegenheitsursachen, zusammenbricht und in den Wahnideen
die kindisch-perverse Grundlage dieser Vergeistigungen (z. B.
Voyeurtum, Exhibition) durchbricht.
Zur Kontrolle meiner Auffassung über diesen Fall nahm ich
beim Patienten die Reaktionen auf die 100 Reizworte des
Jungschen Schemas auf und analysierte die Einfälle. Das
Lehrreiche an dieser Analyse war, daß sie sehr mager aus-
gefallen ist. Der Paranoische entledigt sich der ihn belästigenden
Affekte so gründlich, daß sie ihn, wie er glaubt, gar nichts
angehen; darum erzählt er in seinen Handlungen und Reden
alles, was die Hysterischen aus Gewissensangst tief verdrängen.
Auffällig und für die echte Paranoia offenbar charakteristisch
ist ferner, daß von den „Komplexmerkmalen" Jungs die
gestörte Reproduktion fast ganz fehlt. Der Patient erinnert sich
ausgezeichnet auch an die Reaktionen auf die den Komplexen
naheliegenden „kritischen" Reizworte. Die Projektion schützt
Die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia 130
den Paranoischen vor Affekten so gut, daß er der hysterischen
Amnesie nicht bedarf. Die Komplexnähe scheint sich hier eher
durch Redseligkeit und Eigenbeziehung zu verraten. Überhaupt
sind die Reaktionen durchweg egozentrisch. Klang- und Reim-
reaktionen sowie witzige Reaktionen sind sehr häufig. Soviel
über das Formale. Ich will hier beispielsweise einzelne Reak-
tionen samt der anschließenden Analyse mitteilen.
Rw 1 : Kochen. Ra: Koche, Köchinnen. A: Kochen macht das
Rw : We i b Ra : zänkisch. A: Das Weib wird beim Herd
inflammiert, erhitzt. Mutter ivar auch erhitzt. Heute würde ich ihr das
Kochen nicht gestatten. Ein Mann kann viel mehr aushalten. Goethe
sagte allerdings: Sieben Männer ertrügen es nicht, was eine Frau.
Meine Mutter hatte sechs Kinder. Der Ma nn war e zum
Gebären besser geeignet. (In dieser Reaktion finden wir
die Schonung der Frau und die Überschätzung des Mannes wieder,
dazu 'eine Phantasie: als Mann Kinder zu gebären.)
Rw: Fluß. Ra: Im Flusse möchf ich baden. A: Ich bade
leidenschaftlich gerne; habe mit einem Cousin täglich bis Oktober
in Flußwasser gebadet. Dieser hat sich erschossen, wegen Über-
anstrengung. Ich meide Überanstrengung, darum verkehre ich
wenig mit Weibern. (Versuch, die sexuelle Abkehr vom Weibe
hygienisch zu begründen. Der Cousin ist ein Offizier.)
Rw: Salz. Ra: Das Salz erinnert mich an das Salz der Ehe.
A": Ich bin ehefeindlich. Da gibt's tägliche „Reibungen" . (Er meint
vielleicht auch den Koituszwang in der Ehe.)
Rw : Schrift. Ra : „ . . < gefallt mir die von dem Künstler in
Berlin, der gestorben ist, Begründer des Kunstgewerbes. . . . Eckmann
heißt er . . ." A: Eine solche monumentale, auffallende Schrift
gefallt mir. Wie die meines Vaters. Meine ähnelt der meines
Vaters, ist aber nicht so schon. Meine Buchstaben sind aber auch
groß. (Die Hochachtung für den Vater und seiner körperlichen
1) Rw = Reizwort, Ra = Reaktion, A = Analyse.
140 S. Ferenczi
Überlegenheit äußert sich wie so oft in der Tendenz, seine
Schrift zu kopieren. Das Gefallen an der Größe der Buch-
staben dürfte symbolisch zu nehmen sein.)
Rw: Kork. Ra: „Bringt den Knalleffekt beim Champagner
hervor' 1 A : Die Natur hat es mit den Frauen auf einen Knall-
effekt abgesehen. Bann aber kommt der Verfall, Der Vater war
selbst in hohem Alter schein,
Rw: Schlagen, Ra: Schläge verdienen meine Gegner, gelinde
gesagt. A: Am liebsten möchte ich sie pudelnaß angießen, mit
einer Feuerspritze. Das wäre lustig/ Die Feuerwehr hat mich
schon als Kind interessiert, (Feuerspritze ist eines der univer-
sellsten Symbole für das männliche Glied.)
Rw: Rein, Ra: Dem Reinen ist alles rein. A: Ich war immer
ein reinliches Kind; bin dafür vom Onkel belobt worden. Mein
älterer Bruder ist unordentlich gewesen. (Übertriebene oder vor-
zeitig auftretende Unduldsamkeit des Kindes gegenüber Schmutz
und Unordnung ist ein Symptom der homosexuellen Fixierung.)
(Sad ger.)
IV
Der vierte Fall, den ich kurz mitteilen möchte, ist keine
reine Paranoia, sondern eine Dementia praecox mit starkem
paranoischen Einschlag.
Es handelt sich hier um einen noch jungen Gemeinde-
schullehrer, der — wie mir seine etwas ältlich aussehende Frau
erzählte, — seit etwa einem Jahre fortwährend von Selbstmord-
gedanken gequält wird, sich von aller Welt verfolgt und ange-
sagt glaubt und stundenlang vor sich hinbrütet.
Ich fand den zu Bette liegenden Kranken wach, aber den
Kopf unter der Bettdecke versteckt. Kaum daß ich mit ihm
einige Worte wechselte, fragte er mich, ob ich als Arzt die
Geheimnisse der Kranken hüten muß. Nachdem ich dies be-
Die Rolle der Homos exualität in der Pathogenese der Paranoia 141
jahte, erzählte er mir unter Anzeichen heftiger Angst, er habe
bei seiner Frau dreimal den Cunnilingus ausgeführt. Er wisse,
daß er wegen dieser Untat von der Menschheit zu Tode ver-
urteilt sei, seine Hände und Füße werden abgehauen werden,
seine Nase wird verfaulen, seine Augen ausgestochen. Er zeigt
mir eine defekte, aber vermauerte Stelle am Plafond, durch
welche man seine Untat beobachtet haben muß. Sein größter
Feind, der Schuldirektor, sei mit Hilfe von komplizierten
Spiegeln und elektrisch-magnetischen Apparaten über alles unter-
richtet. Durch seine perverse Tat wurde er eine die (d. h. eine
Frau). Denn ein Mann koitiert ja mit dem Penis und nicht
mit dem Mund. Man werde ihm den Penis und die Hoden
abschneiden — oder aber den ganzen „Kürbiskopf" (Kürbiskopf =
Dummkopf; Kürbis = ungarischer Volksausdruck für Testikel.)
Als ich zufällig meine Nase berührte, sagte er: „Ja, meine
Nase verfault, wollen Sie sagen." Ich sagte beim Eintreten:
„Sind Sie Herr Kugler?" Darauf zurückkommend, erklärt er:
„In meinem Namen ist alles erzählt; ich bin: die Kugel +■ er
(=Kugl-er), d. h. ein die + er, ein Mannweib." Im Vornamen
Sandor bedeutet ihm d'or das Gold, d.h. er wurde zum
Neutrum gemacht. Er wollte einmal schon zum Fenster hinaus-
springen, da fiel ihm aber das Wort Hunyad ein (huny =
Auge schließen, ad = geben), d. h. er schließt das Auge (stirbt),
damit seine Frau einem anderen gibt (den Koitus zuläßt).
Damit man nicht so was über ihn denke, ist er am Leben
geblieben. Man könnte sich übrigens auch zu seinen Lebzeiten
denken, er wolle ein Auge zumachen, wenn seine Frau
jemand anderem „gibt".
Er ist schrecklich schuldbewußt ob seiner perversen Tat. Es
sei ihm solche Perversität stets fremd gewesen und auch jetzt
verabscheut er sie. Sein Feind habe es veranlaßt, durch
Suggestion vielleicht.
142 S. Ferenczi
Auf eindringlicheres Befragen erfahre ich von ihm, daß er
sich für seinen Direktor („ein schöner, stattlicher Mensch")
geopfert hat; jener war aber auch mit ihm sehr zufrieden und
sagte oft: „Ohne Sie konnte ich nichts anfangen, Sie sind
meine rechte Hand." (Das erinnert an die „bessere Hälfte".) Seit
fünf Jahren etwa quält ihn der Direktor, stört ihn mit Akten-
stücken, wenn er beim Unterricht am tiefsten in die Erklärung
eines Gedichtes vor der Klasse versunken ist, usw.
Bei der Frage: „Sprechen Sie deutsch?" (tud nemetül) zerlegt
und übersetzt er das Wort nemetül (d. h. „deutsch") in die
Silben :
nem ^ (nimm)
et = (und)
ül = (sitz), (ül = sitzen);
d. h. : ich meine mit meiner Frage, er soll seinen Penis in
die Hand nehmen und dafür sitzen (ins Loch gesperrt werden).
Er meint damit ausdrücklich seinen eigenen Penis, den er
nach der Anklage seiner Feinde in ein „anderes Loch" stecken
möchte. Ein anderes Loch: das seien andere, fremde Frauen.
Er beteuert heilig, daß er seine Frau anbetet.
Sein Vater sei ein armer Diener gewesen (das entspricht der
Wahrheit) und ihm gegenüber streng. Er saß als Student stets
zu Hause und las der Mutter Gedichte vor. Die Mutter sei
immer sehr gütig gewesen. . ,
Es handelt sich hier um einen Mann, der seine Homo-
sexualität lange Zeit hindurch glücklich sublimierte, seit der
Enttäuschung mit dem früher angebeteten Direktor aber alle
Männer hassen und zur Begründung seines Hasses jede Äußerung,
jede Gebärde, jedes Wort im Sinne des Verfolgenwollens aus-
legen muß. Auch mich haßte er schon: jedes meiner Worte und
Gebärden legte er feindlich aus und zerlegte, übersetzte, entstellte
jedes Wort solange, bis es zu einer feindlichen Anspielung wurde.
Die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia 143
Die Mutter des Patienten erzählte mir, ihr Sohn sei stets
ein braves Kind gewesen. Statt mit anderen Kindern zu spielen,
las er der Mutter Bücher, besonders Gedichte, vor, deren Inhalt
er ihr erklärte. Der Vater war einfacher Arbeiter, wohl manch-
mal etwas derb mit dem Jungen, den es oft ärgerte, wenn
sie beim gemeinsamen Lesen durch den Vater
gestört wurden. 1
Kein Zweifel, der Patient schätzte seinen Vater — den er
geistig überragte — gering und sehnte sich nach einem an-
sehnlicheren Vater. Diesen fand er später in der Person des
ihm vorgesetzten Schuldirektors, dem er jahrelang mit uner-
müdlichem Fleiß diente, — der aber die (sicherlich zu hoch
gespannten) Erwartungen des Kranken nicht erfüllte. Nun wollte
er mit seiner Liebe wieder zur Frau zurück, — doch sie wurde
für ihn inzwischen ein „Neutrum". Die heterosexuelle Über-
treibung und der Cunnilingus konnten den Patienten über die
mangelnde Begierde nach der Frau hinwegtäuschen, aber die
Sehnsucht nach dem männlichen Geschlechte hörte nicht auf,
sie wurde nur aus dem Ich-Bewußtsein ausgestoßen und kehrte
als Projektion mit negativem Lustvorzeichen in dasselbe zurück;
er wurde ein Verfolgter.
*
Ich habe außer den hier mitgeteilten noch bei drei Para-
noischen 2 die „analytische Anamnese" aufgenommen. In allen
dreien spielte die projizierte homosexuelle Begierde die bedeut-
samste Rolle. Da ich aber aus diesen Fällen nichts wesentlich Neues
lernte, machte ich keine genauen Aufzeichnungen über sie.
1) Daher die traumatische Kraft der späteren Störung seines Vor-
trages durch den Direktor.
2) Eine Eifersuchtswahnsinnige und zwei Querulanten. Einer der
letzteren, ein Ingenieur, führte sich bei mir mit der Klage ein, „es
werde ihm von gewissen Männern auf unbekannte Weise die Mannes-
kraft aus den Genitalien gesogen".
144 S. Ferenczi
Schon die hier veröffentlichten Krankengeschichten berech-
tigen aber zu der Vermutung, daß es sich bei der Paranoia
im wesentlichen um die Wiederbesetzung der gleich-
geschlechtlichen Lustobjekte mit unsublimierter
Libido handelt, deren sich das Ich mit Hilfe des
Projektionsmechanismus erwehrt.
Die Feststellung dieses Vorganges würde uns natürlich vor
ein größeres Problem, vor das der „Neurosenwahl" (Freud),
stellen, vor die Frage nämlich: welche Bedingungen erfüllt
sein müssen, damit aus der infantilen Doppelgeschlechtlichkeit,
der A m b i s e x u a 1 i t ä t, 1 das normale Überwiegen der Hetero-
Sexualität, die homosexuelle Neurose oder die Paranoia hervorgehe.
1) Ich schlage vor, anstatt des Ausdrucks „bisexuelle Anlage" in der
Psychologie den Terminus Ambisexualitatzu gebrauchen. Dadurch
wäre es angedeutet, daß wir unter dieser Disposition nicht das Vor-
handensein männlicher und weiblicher Materie (Fließ) im Organismus,
oder männlicher und weiblicher Libido in der Psyche verstehen, sondern
die psychische Fähigkeit des Kindes, seine — ursprünglich objektlose —
Erotik dem männlichen oder dem weiblichen oder beiden Geschlechtern
zuzuwenden, sich an eines der Geschlechter oder an beide zu fixieren.
Alkohol und Neurosen
(Antwort auf eine Kritik des Herrn Professor E. Bleuleri)
(ipn)
Bei einer früheren Gelegenheit gab ich der Überzeugung
Ausdruck, daß die statistische Methode in der Psychologie nur
geringen Wert habe, erstens, weil hier die Höhe der Zahlen
für den Mangel an Tiefe der Einzelbeobachtungen nicht ent-
schädigen kann, zweitens aber, weil bekanntlich Zahlen sich
allzu leicht den Intentionen der Autoren fügen und sich ten-
denziös gruppieren lassen. Es tut mir leid, daß ich in der von
Herrn Professor Bleuler kritisierten Arbeit 2 meinem Prinzipe
untreu wurde und mich zur Stütze einer Behauptung auch
auf eine statistische Arbeit des Oberstabsarztes Dr. Drenkhahn
berief. Ich hätte voraussehen sollen, daß die Schwäche jeder
statistischen Argumentation von antialkoholistischer Seite als
Angriffspunkt gegen die von mir vorgeschlagene Anschauungs-
weise der Alkoholpsychosen benutzt werden wird, was nun tat-
sächlich eintraf.
x) Jahrb. f. psa. Forschung, HX (1911), S. 848 ff.
2) Über die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Para-
noia. (S. 120 ff. dieses Bandes.)
Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I 10
146 S. Ferenczi
Ich fühle mich aber nicht berufen, auf die kritische Sich-
tung des von Drenkhahn bearbeiteten statistischen Materials
einzugehen und zu entscheiden, ob das, was er vorbrachte,
wirklich nur ein „Bierwitz" und als Beweismoment wertlos ist
oder nicht. Ich berief und berufe mich nur auf das Ergebnis,
zu dem er gelangte und das mit meinen analytischen Erfah-
rungen übereinstimmt, ohne mich für die Genauigkeit seiner
Angaben einzusetzen.
Wogegen ich aber mich mit derselben Energie, mit der
Professor Bleuler meine Bemerkungen angreift, verwahren
muß, ist die Erweckung des Anscheins, als ob meine Auf-
fassung über die Rolle des Alkohols bei den Neurosen auf
der statistischen Arbeit Drenkhahns und nicht auf eigenen
individualpsychologischen Untersuchungen beruhen würde.
Eine, vielleicht die entscheidenste dieser Beobachtungen; die
Analyse eines Falles von Alkoholparanoia ist ja gerade in der
kritisierten Arbeit mitgeteilt. Es wird dort gezeigt, wie der
Latent-Homosexuelle nur dann zum Alkohol greift, wenn er in
besonders schwierige, seiner Sexualkonstitution direkt wider-
sprechende äußere Situationen gelangt (beide Verehelichungen),
wie der Alkohol dann die Sublimierungen zerstört und die
homosexuelle Erotik in der Gestalt paranoischer psychischer
Gebilde (Eifersuchtswahn) "zutage tritt, wahrend in der zwischen
beide Ehen eingeschobenen Junggesellenperiode sich weder die
Trunksucht noch die Paranoia manifestierte.
Statt sich auf die Ablehnung der Drenkhahn sehen
Publikation zu beschränken, hätte sich Herr Professor Bleuler
meiner Ansicht nach auch mit diesem, viel wichtigeren Teil meiner
Arbeit auseinandersetzen sollen ; bei seiner großen Erfahrung
wäre es ihm ein leichtes gewesen, die von mir aufgestellten
Behauptungen auf Grund eigener psychoanalytischer Unter-
suchungen zu überprüfen, sie zu erhärten oder zu modifizieren.
Alkohol und Neurosen 147
Ich muß hier übrigens hinzufügen, — was ich in der kurzen
Notiz der Paranoiaarbeit nicht tun konnte, — daß sich meine
Ansicht über die Bedeutsamkeit psychologischer (respektive
komplex-pathologischer) Motive beim Entstehen des chronischen
Alkoholismus aus dem Erfahrungsmaterial vieler Jahre allmählich
herauskristallisierte.
Es fiel mir auf, daß die Intoleranz gegen Alkohol,
die man bisher leichtfertig mit der gesteigerten physiologischen
Giftempfindlichkeit einfach identifizierte, der psychogenen Ele-
mente nicht entbehrt, ja in gewissen Fällen hauptsächlich
psychogen ist. Solange ich nur Fälle beobachtete, in denen
relativ kleine Alkoholmengen unverhältnismäßig stark gewirkt
haben, stellte auch ich mich mit der Theorie einer „ Idiosynkrasie *
zufrieden. Es kamen aber dann Personen unter meine Beob-
achtung, die nach wenigen Tropfen eines nicht einmal
stark konzentrierten alkoholischen Genußmittels einen regel-
rechten Rausch produzierten. In zwei Fällen schließlich bedurfte
es gar nicht mehr der Einverleibung des Getränks; es genügte,
daß der Patient das gefüllte Glas vor sich sah, und er agierte
schon den Berauschten. Die Symptomatik des „Rausches"
bestand in beiden Fällen darin, daß der Patient sich Phanta-
sien bewußt machen, sich aggressive oder verpönte Reden und
Handlungen gestatten konnte, die er im nüchternen Zustande
tief zu verdrängen pflegte; mit diesem Lautwerden der Kom-
plexe ging eine Erleichterung sonst bestehender psychoneu-
rotischer Zustände Hand in Hand. Dem alkoholfreien Rausche
folgt dann ein ähnlicher Katzenjammer, wie der nach wirklichem
Alkoholgenuß.
Es war mir nach alledem nicht mehr zweifelhaft, daß man
auch in anderen, nicht so extremen Fällen für die Symptome
des Rausches nicht den Alkohol allein verantwortlich machen
könne und daß dieser oft nur das auslösende Moment, der
148 S. Ferenczi
Zerstörer von Sublimierun gen, der Beseitiger von Verdrängungs-
tendenzen ist, dem der innere Drang nach Lustbefriedigung
auf halbem Weg entgegenkommt.
Ist bei einem Teil dieser „Intoleranten" der Alkoholgenuß
ein unbewußter Versuch der palliativen Selbstbehandlung durch
Zensurvergiftung, so kannte ich andererseits auch Neurotiker, die
sich bewußt und mit Erfolg dieses Mittels bedienten, nicht ohne
sich dabei der Gefahr des chronischen Alkoholismus auszusetzen.
Einem Agoraphoben z. B., dem kein sonstiges Narkotikum
half, verhalf ein Schluck Kognak zu so viel M u t, daß er sogar
die halbkilometerlange Donaubrücke zu passieren wagte. Sein
Leben bestand in einem Hin- und Herschwanken zwischen
Rausch und Neurose, und es ist wirklich kein allzu gewagter
Schluß anzunehmen, daß, wenn ein solcher Mensch Alkoholiker
wird, sein Alkoholismus eine Folge und nicht die Ursache seiner
Neurose war.
Wie wir uns die auslösende Wirkung des Alkohols vorstellen
müssen, darüber brachte uns die geniale Arbeit von O. Groß
über den manischen Mechanismus einige Aufklärung.
Wir haben von ihm gelernt, daß es Menschen gibt, die
Manischen, die imstande sind, auch ohne Einführung von Lust-
stoffen von außen, durch endogene Lustproduktion, deprimierende
Gedankenkomplexe und depressive Affekte zum Schweigen zu
bringen und zu überschreien.
Ich glaube nun, daß der Neurotiker, der zum Schnapsglase
greift, eigentlich dieser ihm mangelnden Fähigkeit zur endo-
genen Lustproduktion durch Alkoholgenuß nachhelfen will,
was eine gewisse Analogie der hypothetischen endogenen Libido-
stoffe mit dem Alkohol vermuten laßt, wie denn auch die
Symptomatologie des Rausches mit nachfolgendem Katzenjammer
große Ähnlichkeiten mit der zirkulären Psychose aufweist. Diese
Überlegungen stützen aber zugleich die von mir aufgestellte
Alkohol und Neurosen 149
Behauptung, daß der Alkohol in erster Linie für solche Persönlich-
keiten gefährlich wird, die aus inneren Gründen ein gesteigertes
Bedürfnis nach exogener Lustbefriedigung haben.
Einen interessanten Einblick in die Beziehung zwischen
Alkohol und Neurose gewinnt man auch durch die Beobachtung
und die Analyse von Antialkoholisten. In mehreren Fällen ließ
sich der antialkoholistische Eifer auf sexuelle Freiheiten, die
der Antialkoholiker sich unter Selbstvorwurf gestattet, für die er
sich aber durch die Alkoholentziehung, also eine andere Art
Askese, bestraft, zurückführen. Es stimmt dazu nicht schlecht,
daß oft dieselben, die die absolute Alkoholabstinenz am lautesten
fordern, mit der Gewährung von Sexualfreiheiten sehr frei-
gebig sind. Diese Konstatierung sagt natürlich über den Wert
der antialkoholistischen Bewegung nichts aus. Hat doch jeder
Beruf (z. B. auch der psychoanalytische) seine disponierenden
Momente in der Sexualkonstitution. Ich will auch nicht
behaupten, daß der Antialkoholismus in jedem Falle auf solche
Faktoren zurückzuführen ist. Ich wollte nur andeuten, daß
auch die Flucht vor dem Alkohol oft eine neurotische (d. h. haupt-
sächlich vom Unbewußten konstell ierte) Tendenz ist, eine Art
Verschiebung des Widerstandes. Der Alkoholiker hat seine Libido
verdrängt und kann sie nur im Rausche wieder besetzen; der
neurotische Abstinenzler lebt seine Sexualität zwar aus, muß
sich aber dafür einen anderen, ähnlichen Wunsch versagen. Ein
solcher Antialkoholiker erinnert mich an jenen Mann, von dem
mir Professor Freud einmal erzählte. Dieser machte sich als
kleiner Junge schreckliche Gewissensbisse darüber, daß er,
während er gerade Ribiselkipfel aß, unzüchtige Berührungen an
einem kleinen Mädchen vornahm. Die nachträgliche Wirkung
der Gewissensbisse war so stark, daß er seit dieser Zeit — keine
Ribiselkipfel mehr ertragen konnte. 1
O Der Sexualbefriedigung fronte er aber auch weiterhin.
150 S. Ferenczi
Herr Professor Bleuler kritisiert auch meine Behauptung,
daß der Alkohol die Sublimierungen zerstöre. Dem wider-
spreche seiner Ansicht nach das oft zu beobachtende Laut-
werden von patriotischen Sublimierungen unter Alkohol-
einfluß.
Diese Entgegnung erinnert mich daran, daß ich es in
meiner Arbeit unterließ, das quantitative Moment bei der
Alkoholwirkung zu berühren. Kleine Mengen Alkohol können
eben sehr wohl auch Sublimierungen manifest werden lassen,
die im Individuum fertiggebildet sind, sich aber infolge von
Hemmungen nicht äußern können. — Wenn aber ein Betrunkener
sub titulo „Patriotismus" gerührt seinen Tischnachbar umarmt
und küßt, so kann vielleicht von schlecht larvierter homo-
sexueller Erotik, keinesfalls aber von Sublimierung gesprochen
werden .
Auf Grund meiner Erfahrungen halte ich übrigens auch den
Fall nicht für absolut ausgeschlossen, daß ein Neurotiker „infolge
der Bosheit seiner Frau oder nach der plötzlichen Erkrankung seines
Schweines" sich dem Trünke ergibt. Das logische Denken mag
dann — wie mein Kritiker — diese Motive des Trinkens für
„blödsinnig" erklären und den Trinker der „Schwäche" beschul-
digen ; die Psychoanalyse findet aber tiefere Erklärungen für
diese Vulnerabilität und die ungenügende Motivierung der
Handlungen. (Komplexempfindlichkeit, Verschiebung, Flucht in
die Krankheit usw.)
Ich las unlängst den Sammelbericht des Dr. H. Müller
über die Arbeiten auf dem Gebiete der Alkoholpsychosen aus
dem Jahre 1906 bis 1910. Ich bekam aus der Lektüre des
Berichts nicht den Eindruck besonderer Kompliziertheit, ver-
stehe also nicht, warum Herr Professor Bleuler gleichsam
einen Befähigungsnachweis von jedem fordert, der sich mit
Alkoholfragen beschäftigen will. Nebenbei fand ich in dem Berichte
Alkohol und Neurosen 151
eine ganze Reihe von Ansichten wiedergegeben, die die sekun-
däre, gleichsam nur auslösende Bedeutung des Alkohols bei
den im Wesen endogenen alkoholischen Geistesstörungen ver-
treten. (Bonhoeffer, Souchanow, Stöcker, Reich-
hardt, Mandel.) Auch ich stehe auf diesem Standpunkte,
gehe aber einen Schritt weiter, indem ich an Stelle des unklaren
Begriffs der Endogeneität die Freud sehen und Groß sehen
Mechanismen setze.
Die Befürchtung des Herrn Professor Bleuler, daß das
urteilslose Publikum meine Ansicht über die Alkoholpsychosen
ebenso mißverstehen kann wie Freuds Sexuallehre, teile
ich zwar, sehe aber darin keinen Grund zur Verheimlichung
meiner Anschauung. Hatte Freud auf die Urteilslosen ängst-
lich Rücksicht genommen, so gäbe es heute keine Psycho-
analyse.
Zur Nosologie der männlichen Homo-
sexualität (Homoerotik)
(Vortrag, gehalten auf dem III. Kongreß der „Internationalen Psycho-
analytischen Vereinigung" zu Weimar im Oktober 1911)
Was wir über die Homosexualität von der Psychoanalyse
| gelernt haben, ist in wenigen Sätzen zusammenzufassen. Der
J erste und bedeutendste Schritt zur tieferen Erkenntnis dieser
I Triebxichtung war die Annahme von F 1 i e ß und Freud, 1 daß
eigentlich jeder Mensch in seiner Kindheit ein psychisch-
bisexuelles Stadium durchmacht. 2 Die „homosexuelle Kom-
ponente*' fällt später der Verdrängung zum Opfer; nur ein kleinerer
Teil dieser Komponente wird auch in das Kulturleben des Er-
wachsenen in sublimierter Form hinübergerettet und spielt in der
sozialen Hilfsbereitscha ft, in Freundschaftsbünden, im Vereinsleben
1) Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. (Ges. Sehr., Bd. V.)
2) Bei einer früheren Gelegenheit schlug ich vor, statt des Aus-
druckes „bisexuell" eher den Terminus „ambisexuell" zu gebrauchen,
womit ausgedrückt werden soll, daß das Kind in einem gewissen Ent-
wicklungsstadium amphierotisch fühlt, d. h. seine Libido gleich-
zeitig auf Mann und Frau (Vater und Mutter) übertragen kann. Damit
wäre der Gegensatz der Preudschen Auffassung zu der Flieflschen
Theorie der biologischen Bisexualität genügend zum Ausdruck
gebracht.
Zur Nosologie der män nlidien Homosexualität (Homoerotik) 153
usw. eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die ungenügend ver-
drängte Homosexualität kann später unter Umständen wieder
manifest werden, sich in neurotischen Symptomen äußern; so
besonders bei der Paranoia, von der neuere Untersuchungen
feststellen konnten, daß sie eigentlich als eine entstellte Mani-
festation der Neigung zum eigenen Geschlecht aufzufassen ist. 1
Einen neueren Gesichtspunkt, der uns das Verständnis der
Homosexualität erleichtert, verdanken wir Sadger und Freud.
Sadger entdeckte bei der Psychoanalyse mehrerer männlicher
Homosexueller, daß sich bei ihnen in der ersten Kindheit
intensive heterosexuelle Neigungen äußerten; ja, daß ihr
„Ödipuskomplex" (Liebe zur Mutter, Haßeinstellung dem Vater
gegenüber) besonders intensiv zum Ausdruck kam. Er meinte,
daß bei ihnen die später sich entwickelnde Homosexualität
eigentlich nur ein Versuch ist, das ursprüngliche Verhältnis
zur Mutter wieder herzustellen. Jn den gleichgeschlecht-
lichen Lustobjekten seiner Begierde liebt der Homosexuelle
unbewußt sich selbst, während er selber (gleichfalls unbe-
wußt) die weibliche und weibische Rolle der Mutter darstellt.
Dieses Sichselbstlieben in der Person eines anderen Menschen
nannte er Narzißmus. Freud zeigte uns dann, daß dem
Narzißmus eine viel größere und allgemeinere Bedeutung
zukommt und daß jeder Mensch ein narzißtisches Entwicklungs-
stadium durchmachen muß. Nach dem Stadium des „polymorph-
perversen" Autoerotismus, und bevor die eigentliche Wahl eines
Liebesobjekts aus der Außenwelt stattfindet, nimmt jeder Mensch
sich selbst zum Liebesobjekt, indem er die bisher autistischen
Erotismen zu einer Einheit, zum „lieben Ich" zusammenfaßt.
1 ) Freud, Psy choanaly tis che B emerkungen üb er einen autobi o -
graphisch beschriebenen Fall von Paranoia. (Ges. Sehr., Bd. VIII.)
S. auch: Die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia.
(S. 120 ff. dieses Bandest
1.54 S. Ferenczi
Die Homosexuellen sind nur stärker als andere an dieses narziß-
tische Stadium fixiert; das dem ihrigen gleiche Genitale bleibt
für sie zeitlebens Liebesbedingung.
Alle diese an sich sehr bedeutsamen Erkenntnisse geben aber
immer noch keine Erklärung jener Besonderheiten der Sexual-
konstitution und jener besonderen Erlebnisse, die der mani-
festen Homosexualität zugrunde liegen.
Ich nehme gleich vorweg, daß es trotz vielen Kopfzerbrechens
auch mir nicht gelang, diese Fragen zu losen. Der Zweck dieser
Mitteilung ist auch nichts anderes, als einige Erfahrungs-
tatsachen und Gesichtspunkte mitzuteilen, die sich mir im
Laufe mehrjähriger psychoanalytischer Beobachtung Homo-
sexueller wie von selbst aufdrängten und die geeignet sein
dürften, die richtige nosologische Einordnung homosexueller
Zustandsbilder zu erleichtern.
Mir schien von Anfang an, daß man die Bezeichnung
„Homosexualität" heutzutage auf allzu ungleichartige und im
Wesen nicht zusammengehörige psychische Abnormitäten
anwendet. Sexuelle Beziehungen zum eigenen Geschlecht sind
ja nur ein Symptom und dieses Symptom kann die Er-
scheinungsform der verschiedenartigsten Krankheiten und Ent-
wicklungsstörungen, wohl auch eine Äußerung des normalen
Seelenlebens sein. Es war also von vornherein unwahrschein-,
lieh, daß alles, was heute mit dem Sammelnamen „Homo-
sexualität" belegt wird, sich zwanglos als eine klinische Einheit
ergäbe. Jene zwei Typen der Homosexualität zum Beispiel, die
man als „aktive* und „passive unterschied, faßte man bisher
wie selbstverständlich als zweierlei Erscheinungsformen des-
selben Zustandes auf; bei beiden sprach man nur von der
„Inversion des Geschlechtstriebes, von „konträrer" Geschlechts-
empfindung, von „Perversion", und bedachte nicht, daß man
auf diese Art zwei im Wesen verschiedene Krankheitszustände,
Zur Nosologie der männlichen Homosexualität (Homoerotik) 155
nur weil ihnen ein auffälliges Symptom gemeinsam ist, ver-
mengen könnte. Und doch zeigt schon die oberflächliche Beob-
achtung dieser zwei Arten der Homoerotik, 1 daß sie —
wenigstens in den reinen Fällen — ganz verschiedenen Symptom-
komplexen angehören und daß der „handelnde" und der
„leidende" Homoerotiker grundverschiedene Menschentypen dar-
stellen. Nur der passive Homoerotiker verdient, ein „Invertierter"
genannt zu werden ; nur bei ihm sieht man die wirkliche Um-
kehrung normaler psychischer, eventuell auch körperlicher Cha-
raktere, nur er ist eine echte „Zwischenstufe". Ein Mann, der
sich im Verkehr mit Männern als Weib fühlt, ist in bezug auf sein
eigenes Ich invertiert (Homoerotik durch Subjektinversion oder
kürzer „Subjekt-Homoerotik"), er fühlt sich als Weib,
und zwar nicht nur beim Genitalverkehr, sondern in allen
Beziehungen des Lebens.
Anders der echte „aktive Homosexuelle". Dieser fühlt sich
in jeder Hinsicht ein Mann, ist meistens sehr energisch und
aktiv, nichts Weibisches ist an seiner körperlichen oder seelischen
Organisation zu entdecken. Einzig das Objekt seiner Neigung
ist vertauscht, so daß man ihn als einen Homoerotiker
durch Vertauschung des Liebesobjekts oder kürzer
einen Objekt -Homoerotiker nennen konnte.
Ein weiterer auffälliger Unterschied zwischen dem „subjek-
tiven" und dem „objektiven" Homoerotiker besteht darin, daß
der Erstgenannte (der Invertierte) sich eher von reiferen,
kräftigen Männern angezogen fühlt und mit Frauen freund-
schaftlich, man möchte fast sagen, kollegial verkehrt; der
Objektive dagegen sich fast ausschließlich für junge, zarte
1) Das Wort stammt von F. Karsch-Haack (Das gleich-
geschlechtliche Leben der Naturvölker, München 1911) und ist meiner
Ansicht nach dem zu Mißverständnissen Anlaß bietenden Ausdruck
Homosexualität vorzuziehen, da es im Gegensatz zum biologischen
Terminus „Sexualität" die psychische Seite des Triebes hervorhebt.
156 S. Ferenczi
Knaben von weibischem Äußeren interessiert, dem Weibe aber
mit ausgesprochener Antipathie, nicht selten mit schlecht oder
gar nicht verhehltem Haß begegnet. Der echte Invertierte
wendet sich aus eigenem Antrieb fast nie an den Arzt, er fühlt
sich in der passiven Rolle vollkommen wohl und hat keinen
anderen Wunsch, als daß man sich mit seiner Eigenart abfinde
und die ihm passende Art der Befriedigung nicht störe. Da er
mit keinen inneren Konflikten zu kämpfen hat, kann er jahre^
lang glückliche Liebschaften unterhalten und fürchtet eigent-
lich nichts als die äußere Gefahr und die Beschämung. Dazu
ist seine Liebe bis in die feinsten Züge weiblich. Die Sexual-
überschätzung, die nach Freud die Liebe des Mannes charak-
terisiert, fehlt bei ihm: er ist nicht sehr leidenschaftlich und
verlangt als echter Narzißt von seinem Geliebten hauptsächlich
die Anerkennung der körperlichen uud sonstigen Vorzüge.
Den Objekthomoerotiker quält dagegen das Bewußtsein seiner
Abnormität ungemein; der Geschlechtsverkehr befriedigt ihn
nie vollständig, er ist von Gewissensbissen gefoltert und über-
schätzt sein Sexualobjekt aufs äußerste. Daß er, von Konflikten
geplagt, sich mit seinem Zustand nie abfindet, beweisen seine
wiederholten Versuche, dem Übel mit ärztlicher Hilfe beizu-
kommen. Er wechselt zwar häufig seinen Liebesgenossen, jedoch
nicht aus Oberflächlichkeit, wie der Invertierte, sondern zufolge
schmerzlicher Enttäuschungen und der unstillbaren und erfolg-
losen Jagd nach dem Liebesideal. („Reihenbildung" nach
Freud.)
Es kommt vor, daß sich zwei Homoerotiker von ver-
schiedenem Typus zu einem Liebespaar vereinigen. Der Inver-
tierte findet einen ganz entsprechenden Liebhaber im Objekt-
homoerotiker, der ihn anbetet, materiell unterstützt, imposant
und energisch ist ; dem Obj ektiven dagegen mag im Inver-
tierten gerade die Mischung von männlichen und weiblichen
Zur Nosologie der mä nnlidien Homosexualität (Homoerotik) 157
Zügen gefallen. (Übrigens kenne ich auch aktive Homoerotiker,
die sich ausschließlich nichtinvertierte Jünglinge wünschen und
sich nur in Ermangelung solcher mit Invertierten begnügen. 1
So zwanglos sich auch diese zwei Charakterbilder der Homo-
erotik voneinander sondern lassen, bedeuten sie nicht mehr als
eine oberflächliche Beschreibung von Symptomkomplexen, solange
sie nicht dem auflösenden Verfahren der Psychoanalyse unter-
worfen werden, das uns ihr Entstehen erst psychologisch ver-
ständlich machen kann.
Ich war nun in der Lage, mehrere männliche Homoerotiker
psychoanalytisch zu behandeln; manche nur kurze Zeit (einige
Wochen), andere Monate, ja, ein ganzes Jahr läng und noch
länger. Ich halte es für lehrreicher, in dieser Zusammenfassung
keine Krankengeschichten zu erzählen, sondern meine Ein-
drücke und Erfahrungen über die Homoerotik zu zwei psycho-
analytischen Galton-Photographien zu verdichten.*
Das Endergebnis meiner Untersuchungen kann ich gleich
vorausschicken: die Psychoanalyse bewies mir, daß die Subjekt-
und die Objekthomoerotik wirklich wesensverschiedene Zustände
sind. Erstere ist eine wahre „sexuelle Zwischenstufe" (im Sinne
von Magnus Hirschfeld und seiner Anhänger), also eine
1) Es ist mir bewußt, daß, wenn ich den Invertierten „weiblich",
den Objekthomoerotiker aber „männlich" heiße, ich mit Begriffen
operiere, deren Umfang nicht mit genügender Schärfe bestimmt ist. Es
soll hier nur angedeutet werden, daß ich unter Männlichkeit die
Aktivität (Aggressivität) der Libido, hochentwickelte Objektliebe mit
Überschätzung des Objekts, eine damit nur scheinbar kontrastierende
Polygamie und als entferntes Derivat der Aktivität die intellektuelle
Schärfe verstehe, unter Weiblichkeit aber Passivität (Ver-
drängungsneigung), Narzißmus und Intuitivität. Natürlich sind die
psychischen Geschlechtsmerkmale in jedem Individuum — wenn auch
in ungleichem Mengenverhältnis — gemischt, (Ambisexualität.)
2) Ein weiteres Motiv zu diesem Verfahren erwächst aus der Rück-
sicht auf die zu wahrende Anonymität der Patienten.
158 S. ierenczi
reine Entwicklungsanomalie; die Objekt-Homoerotik
aber ist eine Neurose, und zwar eine Zwangsneurose.
Die tiefsten Schichten der Seele und die ältesten Erinnerungs-
spuren zeugen noch bei beiden Typen von Amphierotik, 1 von
der Besetzung beider Geschlechter, respektive der Beziehung zu
beiden Elternteilen mit Libido. In der weiteren Entwicklung
entfernen sich aber Inversion und Objekt-Homoerotik sehr weit
voneinander.
Wir können sehr tief in die Vorgeschichte des Subjekt-
Homoerotikers hinuntergraben und finden überall schon die
Anzeichen seiner Inversion, nämlich das abnorm weihische
Wesen. Schon als ganz kleines Kind phantasiert er sich in die
Situation der Mutter und nicht in die des Vaters hinein; er
bringt sogar einen invertierten Ödipuskomplex zustande;
er wünscht den Tod der Mutter herbei, um ihre Stellung neben
dem Vater einzunehmen und alle ihre Rechte genießen zu
können ; er sehnt sich nach ihren Kleidern, ihrem Geschmeide
natürlich auch nach ihrer Schönheit und den Zärtlichkeiten,
die ihr zuteil werden; er träumt vom Kinderkriegen, spielt mit
Puppen, kleidet sich gern weibisch. Er ist eifersüchtig auf die
Mutter, beansprucht die ganze Zärtlichkeit des Vaters für sich,
während er die Mutter eher als etwas beneidenswert Schönes
bewundert. In manchen Fällen zeigt sich deutlich, daß die
wahrscheinlich stets konstitutionell bedingte Inversionsneigung
auch von äußeren Einflüssen verstärkt wird. Verzärtelte „einzige
Kinder ", kleine Günstlinge, die in ausschließlich weiblicher
Umgebung aufwachsen, Knaben, die, weil sie an Stelle eines
ersehnten Mädchens zur Welt kamen, nach Mädchenart erzogen
1) Dieses Wort gibt, wie ich glaube, den psychologischen Charakter
des damit Gemeinten besser als der von mir bei Gelegenheit vor-
geschlagene Terminus „Ambisexualität" wieder.
Zur Nosologie der mä nnlichen Homosexualität (Homoerotik) 159
werden, können bei entsprechender Veranlagung in ihrem
Geschlechtscharakter eher invertiert werden. 1
Andererseits kann gerade das narzißtische Wesen des Knaben
die übermäßige Verzärtelung der Eltern provozieren und so
einen circulus vitiosus in Gang bringen. Auch körperliche
Eigenschaften, die mädchenhafte Körpergestalt und Gesichts-
bildung, reiche Kopfbehaarung usw. können dazu beitragen, daß
man einen Knaben nach Mädchenart behandelt. So mag sich
an das narzißtische Wesen des Kindes überhaupt erst sekundär
die Bevorzugung seitens des Vaters und deren Erwiderung
anlehnen; ich kenne Fälle, in denen der narzißtische Knabe
die latente Homoerotik des Vaters in Form von' Überzärtlich-
keit provozierte, was dann zur Fixierung seiner eigenen Inver-
sion nicht wenig beitrug.
Über das weitere Schicksal solcher Knaben kann auch die
Psychoanalyse nichts Neues erzählen; sie bleiben in diesem
frühen Stadium der Entwicklung stecken und werden schließ-
lich zu Persönlichkeiten, wie wir sie aus den Selbstbiographien
der Urninge zur Genüge kennen. Ich kann hier nur weniges
hervorheben. Die Koprophilie und die Riechlust ist bei ihnen
tief verdrängt, oft zu Ästhetentum, Vorliebe für Parfüms,
Kunstenthusiasmus sublimiert. Charakteristisch ist weiters ihre
1) Unter Knaben, die ohne Vater aufwachsen, finden sich verhältnis-
mäßig häufig Homoerotiker. Ich vermute, daß die Fixierung an die
Imago des früh verlorenen oder gar nicht gekannten Vaters, zum Teil
wenigstens, daraus folgt, daß unter solchen Verhältnissen der sonst
unvermeidliche Konflikt zwischen Vater und Sohn unterbleibt. („Der
Mensch rechnet immer das, was ihm fehlt, dem Schicksal doppelt so
hoch an, als das, was er wirklich besitzt; so haben mich auch die
langen Erzählungen der Mutter immer mehr mit Sehnsucht nach meinem
Vater erfüllt, welchen ich nicht mehr gekannt habe." Gottfried Keller,
„Der grüne Heinrich", IL Kap.) Auch in Familien, wo der Vater lebt,
aber minderwertig oder bedeutungslos ist, sehnt sich der Sohn über-
mäßig nach einem „starken* 1 Mann und bleibt inversionsgeneigt.
160
S. Ferenczi
Idiosynkrasie gegen Blut und alles Blutige. Sie sind meist sehr
suggestibel und leicht hypnotisierbar; die Schuld ihrer ersten
Verführung schieben sie mit Vorliebe auf die „Suggestion"
eines sie starr anblickenden oder sonstwie verfolgenden Mannes.
Natürlich versteckt sich hinter dieser Suggestion die eigene
Traumatophilie.
Da die Analyse des Invertierten eigentlich keine Affekte
zutage fördert, die geeignet wären, seine bisherige Einstellung
dem männlichen Geschlecht gegenüber wesentlich zu verändern,
ist die Inversion (Subjekt-Homoerotik) als ein durch die Analyse
(oder überhaupt durch irgendeine Art von Psychotherapie) nicht
heilbarer Zustand anzusehen. Ohne Einfluß auf das Verhalten
des Patienten bleibt aber die Psychoanalyse nicht; sie behebt
die die Inversion eventuell begleitenden neurotischen Symptome,
besonders die oft nicht geringe Angst. Der Invertierte bekennt
sich nach der Analyse freimütiger zu seiner Homoerotik als
vor derselben, Es muß übrigens bemerkt werden, daß viele
Invertierte gegen Zärtlichkeiten seitens Personen weiblichen
Geschlechts durchaus nicht ganz unempfänglich sind. Sie leben
eben im Verkehr mit Frauen (also ihresgleichen) gleich-
sam die homosexuelle Komponente ihrer Geschlecht-
lichkeit aus.
Wieder anders stellt sich das Bild der Objekt-Homoerotik
schon nach oberflächlicher Analyse dar. Nach der allerkürzesten
Untersuchung erweisen sich die daran leidenden als typische
Zwangsneurotiker. Es wimmeln in ihnen Zwangsideen,
davor schützende Zwangsmaßregeln und Zeremonien. Die tiefer
reichende Zergliederung findet dann hinter dem Zwang den
quälenden Zweifel sowie jene Unausgeglichenheit des Liebens
und Hassens, die Freud als die Grundlage der Zwangsmecha-
nismen entdeckte. Die Psychoanalyse solcher nur in bezug auf
ihr Liebesobjekt abnorm fühlender Homoerotiker von sonst rein
Zur Nosologie der männlichen Homosexualität (Homoerotik) löi
männlichem Typus zeigte mir deutlich, daß diese Art Homo-
erotik in allen ihren Erscheinungsweisen selbst nichts anderes ist
als eine Reihe von Zwangs gefühlen und Zwangshand-
lungen. Zwanghaft ist ja die Sexualität überhaupt; die Objekt-
Homoerotik ist aber — nach meiner Erfahrung — ein echt n eu-
rotischer Zwang mit logisch nicht reversibler Substitution
normaler Sexualziele und Sexualhandlungen durch abnorme.
Die durchschnittliche (analytisch erforschte) Vorgeschichte
der Homoerotiker vom männlichen Typus ist etwa die folgende:
Sie waren alle schon sehr frühzeitig sexuell, und zwar
heterosexuell aggressiv (was die Sadgerschen Funde
bekräftigt). Ihre Ödipusphantasien waren immer „normal" und
gipfelten in sexuell-sadistischen Angriffsplänen gegen die Mutter
(oder deren Stellvertreterin) und grausamen Todeswünschen
gegen den störenden Vater. Sie waren alle auch intellektuell
frühreif und schufen in ihrem Wissensdrang eine Menge
infantiler Sexualtheorien; dies bildet auch die Grundlage ihres
späteren Denkzwanges. Nebst Aggressivität und Intellektualität
ist ihre Konstitution durch ungewöhnlich starke Analerotik und
Koprophilie charakterisiert. 1 Sie wurden in der frühesten Kind-
heit von einem d er Eltern 2 wegen eines heteroerotischen
1) Die in diesem Vortrag vertretene Ansicht, daß die Objekt-Homo-
erotik eine Zwangsneurose ist, befestigte sich in mir noch mehr, als
Freud in seiner Arbeit über „Die Disposition zur Zwangsneurose"
1 9 1 3- (Ges. Sehr., Bd. V) als konstitutionelle Grundlage dieser Neurose
die Fixierung an ein prägenitales, und zwar sadistisch-anal-
erotisches Entwicklungsstadium der Libido angab. Gerade den
Sadismus und die Analerotik fand ich auch der Objekt-Homoerotik
zugrunde liegend, was entschieden für die Zusammengehörigkeit dieser
Krankheitszustände spricht (Siehe auch: E.Jones, Haß und Analerotik
in der Zwangsneurose. Int. Zeitschr, f. PsA,, I, 1913.)
2) Es fiel mir auf, wie häufig die Mutter es war, die den späteren
Homoerotikern diese Rüge erteilte, ich legte aber diesem Umstände keine
besondere Bedeutung bei, bis mich Prof. Freud auf die Bedeut-
samkeit gerade dieses Moments aufmerksam machte.
V e r e n c z i, Bausteine zur Psychoanalyse I 3 j
1Ö2
S. Ferenczi
Vergehens (unzüchtige Berührung eines Mädchens, infantiler
J[fi * ß A Koitusversuch) hart bestraft und mußten bei dieser Gelegenheit
(die 'sich öfter wiederholte) einen heftigen Wutanfall unter-
drücken. Sie wurden daraufhin in der — früh einsetzenden
— Latenzzeit besonders folgsam, mieden die Gesellschaft von
Mädchen und Frauen halb trotzig, halb ängstlich und ver-
kehrten ausschließlich mit ihren Freunden. Bei einem meiner
Patienten ereigneten sich manchmal „Durchbrüche" der Latenz-
periode in Form homoerotischer Zärtlichkeit; bei einem anderen
wurde die Latenz durch das Belauschen des Geschlechtsverkehrs
der Eltern gestört, wonach die bisherige „Artigkeit" durch eine
vorübergehende Periode des Schlimmseins (Rachephantasien)
unterbrochen wurde. Beim Libidoschub der Pubertät wendet
sich die Neigung des Homoerotikers zunächst wieder dem
anderen Geschlechte zu; es genügt aber die leiseste Rüge oder
Mahnung seitens einer Respektsperson, um die Angst vor den
Weibern wieder zu erwecken, worauf dann unmittelbar oder
nach kurzer Latenz die endgültige Flucht vom weiblichen zum
eigenen Geschlecht stattfindet. Ein Patient verliebte sich als
Fünfzehnjähriger in eine Schauspielerin, über deren Moralität
die Mutter einige nicht ganz schmeichelhafte Äußerungen tat;
seitdem näherte er sich nie einem Weibe und fühlt sich von
jungen Männern zwanghaft angezogen. Bei einem anderen
Patienten setzte die Pubertät mit einer förmlichen hetero-
sexuellen Raserei ein ; er mußte ein Jahr lang täglich koitieren
und verschaffte sich das Geld dazu, wenn nötig, auf unredliche
Weise. Als er aber die Dienstmagd des Hauses schwängerte und
deswegen vom Vater gescholten und von der Mutter beschimpft
wurde, verlegte er sich mit ebensolchem Eifer auf den Kultus
des männlichen Geschlechts, von dem er seitdem trotz aller
Anstrengung nicht abzubringen war.
Im Übertragungsverhältnis zum Arzte wiederholen die Objekt-
Zur Nosologie der m ännlidien Homosexualität (Homoerotik) 163
Homoerotiker die Genese ihres Leidens. Ist die Übertragung
auf den Arzt von Anfang an eine positive, so kommen schon
nach kurzer Behandlung unerwartete „Heilungen" zustande;
doch beim leisesten Konflikt fällt der Patient in die Homo-
erotik zurück und erst jetzt, beim Einsetzen des Widerstandes,
fängt die eigentliche Analyse an. Ist die Übertragung von
Anfang an negativ, wie besonders bei Kranken, die nicht aus
eigenem Antrieb, sondern auf Geheiß der Eltern in die Kur
kommen, so kommt es sehr lange Zeit gar nicht zur wirk-
lichen Analysenarbeit; der Patient vergeudet die Stunde mit
der prahlerischen und höhnischen Erzählung seiner homo-
erotischen Abenteuer.
In der unbewußten Phantasie des Objekt-Homoerotikers kann
der Arzt — „im übertragenen Wirkungskreise" — die Stelle
von Mann und Weib, Vater und Mutter vertreten, wobei Um-
kehrungen verschiedenster Art 1 eine sehr bedeutende Rolle
spielen. Es stellt sich heraus, daß ein Objekt-Homoerotiker im
Manne unbewußt das Weib zu lieben versteht; die hintere
Körperhälfte des Mannes kann ihm die vordere des Weibes
bedeuten, wobei die Schulterblätter oder die Nates die Bedeutung
weiblicher Brüste einnehmen. Dies waren die Fälle, die mir
besonders kraß zeigten, daß diese Art Homoerotik nur ein
Substitutionsprodukt der heteroerotischen Libido ist. Dabei
befriedigt der aktive Homoerotiker gleichzeitig auch seine sadi-
stischen und analerotischen Triebe; dies gilt nicht nur von den
wirklichen Päderasten, sondern auch von den überfeinerten,
1) Sehr reich an Umkehrungen sind die Träume der Homo-
erotiker. Ganze Traumreihen müssen oft umgekehrt gelesen werden.
Die Symptomhandlung des Versprechens und Verschreibens beim
Gebrauch des G e s chle ch t s ar tik eis ist häufig. Der eine Patient
brachte sogar eine bisexuelle Zahl zusammen: die Zahl 101 bedeutete
dort, wie sich aus dem Zusammenhange ergab, u. a., daß es ihm von
„vorn und hinten gleich" sei.
1Ö4 S. Ferenczi
sich vor jeder unzüchtigen Berührung der Knaben ängstlich
scheuenden Knabenliebhabern, nur sind bei letzteren Sadismus
und Analerotik durch ihre Reaktionsbildungen ersetzt.
Im Lichte der Psychoanalyse erscheint also der aktiv -homo-
L erotische Akt einerseits als nachträglicher (falscher) Gehorsam,
der, das elterliche Verbot wörtlich nehmend, den Verkehr mit
Weibern wirklich meidet, in unbewußten Phantasien aber den
verbotenen hetero erotischen Gelüsten frönt; andererseits steht
der päderastische Akt im Dienste der ursprünglichen Ödipus-
phantasie und bedeutet die Verletzung und Beschmutzung des
Mannes. 1
Von der intellektuellen Seite betrachtet, erweist sich die
zwanghafte Homoerotik zunächst als die Überkorrektur des
Zweifels an der Liebe zum eigenen Geschlecht. Der homo-
erotische Zwang vereinigt in glücklichem Kompromiß die
Flucht vor dem Weibe und ihren symbolischen Ersatz sowie
den Haß gegenüber dem Manne und dessen Kompensation.
Indem das Weib aus dem Liebesleben scheinbar ausgeschaltet
ist, gibt es bewußterweise kein Streitobjekt mehr zwischen
Vater und Sohn.
Erwähnenswert ist, daß die meisten von mir analysierten
Zwangs-Homoerotiker (wie man diesen Typus auch
bezeichnen könnte) die jetzt so verbreitete Zwischenstufen -
theorie der gleichgeschlechtlichen Neigung dazu benützen, um
ihren Zustand als angeboren, daher unabänderlich, unbeeinfluß-
bar, oder um mit Schrebers „Denkwürdigkeiten" zu reden,
weltordnungsmäßig hinzustellen. Sie halten sich alle für
Invertierte und sind froh, für die Berechtigung ihrer
i) Ein Patient mußte, wenn er sich von einem Manne, besonders
von einem Vorgesetzten verletzt fühlte, sofort einen männlichen Prosti-
tuierten aufsuchen; nur so war er imstande, sich des Wutausbruches zu
erwehren. Die angebliche „Liebe" zum Mann war hier wesentlich ein
Gewalt- und Racheakt.
Zar Nosologie der männlichen Homosexualität (Homoerotik) I65
Zwangsvorstellungen und Handlungen eine wissenschaftliche
Stütze gefunden zu haben.
Ich muß mich hier natürlich auch über meine Erfahrungen
bezüglich der Heilbarkeit dieser Form der Homoerotik äußern,
Zunächst konstatiere ich, daß es (mir wenigstens) noch nicht
gelungen ist, einen schweren Fall von Zwangs-Homoerotik voll-
ständig zu heilen; sehr weitgehende Besserungen konnte ich
aber in mehreren Fällen verzeichnen, so besonders: Nachlaß
der feindseligen Einstellung und des Ekels Frauen gegenüber,
bessere Beherrschung des früher unaufschiebbaren homo-
erotischen Befriedigungszwanges bei sonstigem Erhaltenbleiben
der Triebrichtung; Erwachen der Potenz auch Frauen gegen-
über, also eine Art Amphierotik, die die Stelle der früher aus-
schließlichen Homoerotik, oft in periodischen Schwankungen
mit letzterer alternierend, einnahm. Die Erfahrungen ermutigen
mich aber zu der Erwartung, daß die Zwangs-Homoerotik
mittels der psychoanalytischen Methode ebenso heilbar sein wird
wie die anderen Formen von, Zwangsneurose. Allerdings ver-
mute ich, daß die gründliche Reversion einer seit langer
Zeit festgewurzelten Zwangs-Homoerotik ganze Jahre analy-
tischer Arbeit in A nspruch nehmen muß . (In einem von
mir behandelten sehr hoffnungsvollen Falle wurde die Kur
nach fast zwei Jahren aus äußeren Gründen abgebrochen.) Erst
wenn wir auch über geheilte, d. h. zu Ende analysierte Fälle
verfügen werden, wird über die Entstehungsbedingungen dieser
Neurose, über die Eigenart ihrer dispositionellen und akziden-
tellen Faktoren ein abschließendes Urteil gefällt werden können.
Es ist möglich, ja, wahrscheinlich, daß die Homoerotik nicht
nur in den hier beschriebenen, sondern auch in anderen
Symptomkonstellationen vorkommt; mit der Isolierung dieser zwei
166 S. Ferenczi
Typen will ich durchaus nicht alle Möglichkeiten erschöpft
haben. Durch die nosologische Sonderung der Subjekt- und der
Objekt-Homoerotik wollte ich zunächst nur auf die Begriffs-
verwirrung die Aufmerksamkeit lenken, die auch in der wissen-
schaftlichen Literatur des Homosexualitätsproblems herrscht. Die
psychoanalytische Untersuchung zeigt, daß man heutzu-
tage sub titulo „Homosexualität" die heterogensten psychischen
Zustände in einen Topf wirft, einerseits wahre Konstitution s-
anomalien (Inversion, Subjekt-Homoerotik), andererseits psycho-
neurotische Zwangszu stände (Objekt- oder Zwangs-HomoerotikJ.
Das Fühlen der Individuen von der ersteren Art ist im wesent-
lichen ein Sich-Weib-Fühlen, mit dem Wunsch, vom Mann
geliebt zu werden, das der zweiten Art ist eher neurotische
Flucht vor dem Weibe als Sympathie zum Mann.
Indem ich die Objekt-Homoerotik als ein neurotisches
Symptom bezeichne, komme ich in Gegensatz zu Freud, der
in seiner „Sexualtheorie" die Homosexualität als eine Perver-
sion, die Neurose dagegen als Negativ der Perversion
beschreibt. Der Widerspruch ist aber nur scheinbar. „Per-
versionen , d. h. Verweil ungen bei primitiven oder vorläufigen
Sexualzielen, können sehr gut auch in den Dienst neurotischer
Verdrängungstendenzen gestellt werden, wobei ein Stück echte
(positive) Perversion, neurotisch übertrieben, gleichzeitig das
Negativ einer anderen Perversion darstellt. Das ist nun bei der
„Objekt-Homoerotik" der Fall. Die auch normalerweise nie
fehlende homoerotische Komponente wird hier durch Affekt-
mengen überbesetzt, die im Unbewußten einer anderen, ver-
drängten Perversion, nämlich einer Heteroerotik von bewußt-
seinsunfähiger Stärke, gelten.
Ich glaube, daß von den hier beschriebenen zwei Arten der
Homoerotik die „objektive" die häufigere und sozial bedeut-
samere ist; sie macht eben eine große Anzahl sonst voll-
Zur Nosologie der männlichen Homosexualität (Homoerotik) 167
wertiger (allerdings psychoneurotisch disponierter) Männer gesell-
schaftsunfähig und schließt sie aus der Fortpflanzung aus.
Auch die immer wachsende Zahl der Objekt-
Homoerotik er ist eine soziale Erscheinung von nicht zu
unterschätzender Bedeutung, die nach Erklärung verlangt. Als
vorläufige Erklärung dient mir die Annahme, daß das Umsich-
greifen der Objekt-Homoerotik eine abnorme Reaktion auf die
verhältnismäßig zu stark übertriebene Verdrängung der homo-
erotischen Triebkomponente durch die Kulturmenschheit, d. h.
ein Mißlingen dieser Verdrängung ist.
, Im Seelenleben primitiver Volker spielt (wie in dem der
Kinder) die Amphierotik eine viel größere Rolle als in dem
der kultivierten. Aber selbst bei hochkultivierten Völkern
(z. B. bei den Griechen) war sie eine nicht nur geduldete,
sondern anerkannte Art der Lustbefriedigung; sie ist es heute
noch im Orient. In den europäischen und daran sich angliedernden
modernen Kulturgebieten fehlt aber nicht nur die eigentliche
Homoerotik, sondern auch deren in der Antike noch so selbst-
verständliche Sublimation, die schwärmerisch hingebungsvolle
Freundschaft unter Männern. Es ist in der Tat erstaunlich
wie sehr bei den heutigen Männern die Neigung und die
Fähigkeit zur gegenseitigen Zärtlichkeit und Liebenswürdigkeit
abhanden gekommen ist. Statt dessen herrscht unter Männern
ausgesprochene Schroffheit, Widerstand und Streitsucht. Da es
nicht denkbar ist, daß jene in der Kindheit noch so stark aus-
gesprochenen zärtlichen Affekte spurlos verschwunden sein
könnten, muß man diese Zeichen des Widerstandes als Reaktions-
bildungen, als Abwehrsymptome gegen die gleichgeschlechtliche
Zärtlichkeit auffassen. Ich stehe nicht an, sogar die barbarischen
Schlägereien der deutschen Studenten als solcherweise entstellte
Zärtlichkeitsbeweise gegen das eigene Geschlecht aufzufassen.
(Nur geringe Spuren zeigen sich davon auch heute noch in
168 S. Ferenczi
positiver Richtung, so im Vereins- und Parteileben, in der
,, Hei den Verehrung", in der Vorliebe so vieler Männer für Mann-
weiber und für Schauspielerinnen in Hosenrollen sowie — in
mehr roh-erotischen Anwandlungen — in der Trunkenheit, wo der
Alkohol die Sublimierungen rückgängig macht.)
Es hat aber den Anschein, als ob diese Rudimente der Liebe
zum eigenen Geschlecht die heutigen Männer für den Entgang
an Freundesliebe nicht voll entschädigen würden. Ein Teil der
unbefriedigten Homoerotik bleibt „freiflottierend", verlangt nach
Sättigung und, da dies bei den heutigen Kulturverhältnissen
unmöglich ist, muß sich diese Libidoquantität eine Verschiebung
gefallen lassen, und zwar die Verschiebung auf die
Gefühlsbeziehungen zum anderen Geschlecht.
Ich glaube allen Ernstes, daß die heutigen Männer infolge dieser
Affektverschiebung samt und sonders zwangsheterosexuell
sind; um sich vom Manne loszumachen, werden sie Weiberknechte.
Dies könnte uns die übertriebene, oft sichtlich affektierte
Frauenanbetung und „Ritterlichkeit" erklären, die die Männer-
welt seit dem- Mittelalter beherrscht; dies wäre auch die mög-
liche Erklärung des Don-Juanismus, der zwanghaften und
doch nie voll befriedigten Jagd nach immer neuen heterosexuellen
Abenteuern, Auch wenn Don Juan selbst diese Theorie
lächerlich fände, müßte ich ihn für einen Zwangskranken
erklären, der in der endlosen Reihe von Frauen (die der
Knecht Leporello in seinem Buche so gewissenhaft aufzeich-
nete) die Befriedigung niemals finden kann, da diese Frauen
eigentlich nur Substitutionen verdrängter Liebesobjekte sind. 1
Ich möchte nicht mißverstanden werden; ich finde es natürlich
und in der psychophysischen Organisation der Geschlechter
begründet, daß der Mann das Weib ungleich lieber hat als
1) Es gibt übrigens auch einen Don-Juanismus der unbefriedigten
Heteroerotik.
Zur Nosologie der männlichen Homosexualität (Homoerotik) 169
seinesgleichen; unnatürlich ist aber, daß der Mann die Männer
abstoßen und die Weiber mit zwanghafter Übertreibung anbeten
muß. Was Wunder, wenn es so wenigen Frauen gelingt, diesen
übertriebenen Anforderungen gerecht zu werden und nebst allen
anderen auch noch die homoerotischen Bedürfnisse des Mannes
als dessen „Gefährtin" zu befriedigen, wohl eine der häufigsten
Ursachen des ehelichen Unglückes.
Unwillkürlich erinnert einen die Übertreibung der Hetero-
erotik zut Verdrängung der gleichgeschlechtlichen Liebe an
ein Sinngedicht Lessings (Sinngedichte, IL Buch, Nr. 6):
„Die Knabenliebe log dem redlichen Turan
Der ungerechte Pöbel an.
Die Lügen zu bestrafen,
Was könnt' er andres tun, als — bei der Schwester schlafen,"
Die Ursache der Ächtung jeder Art Zärtlichkeit unter
Männern ist unaufgeklärt. Es ist denkbar, daß der in den
letzten Jahrhunderten so besonders erstarkte Reinlichkeitssinn
d. h. die Verdrängung der Analerotik, die stärksten
Motive dazu geliefert hat ; steht doch die Homoerotik, und zwar
auch die sublimierteste, mit der Päderastie, d. h. einer analero-
tischen Betätigung in mehr minder unbewußter assoziativer
Verbindung.
Die wachsende Zahl der Zwangshomoerotiker in der modernen
Gesellschaft wäre aber dann das Symptom des teilweisen Miß-
lingens und der „Wiederkehr" des Verdrängten.
In kurzer Zusammenfassung lautet also der Erklärungsversuch
für das Überhandnehmen der Objekt-Homoerotik etwa so: Die
übertriebene Verdrängung der homoerotischen Triebkomponente
in der heutigen Gesellschaft hat im allgemeinen eine etwas
zwanghafte Verstärkung der Heteroerotik der Männer zur Folge
gehabt. Wird nun auch die Heteroerotik gehemmt oder stark
eingeschränkt, wie es bei der Jugenderziehung notwendigerweise
170
S. Ferenczi
der Fall ist, so kommt es — zunächst bei den dazu individuell
Disponierten — leicht zur Rückverschiebung des Zwanges von
der Hetero- auf die Homoerotik, d. h. zur Entwicklung einer
homoerotischen Zwangsneurose.
fl
Über obszöne Worte
Beitrag zur Psychologie der Latenzzeit
(T 9 1I)
Bei allen Analysen wird man früher oder später vor die
Frage gestellt, ob man die geschlechtlichen oder exkrementeilen
Organe, Tätigkeiten und Stoffe mit ihren volkstümlichen
(obszönen) Bezeichnungen vor dem Kranken erwähnen (aus-
sprechen) und ihn zum ungeschminkten, unveränderten Aus-
sprechen der obszönen Worte, Redensarten, Flüche usw., die ihm
einfallen, verhalten soll, oder sich mit Anspielungen darauf
.oder den wissenschaftlichen Benennungen dieser Dinge begnü-
gen kann.
In einer seiner frühen Arbeiten macht uns Freud
darauf aufmerksam, daß man Mittel und Wege findet, auch
die verpöntesten geschlechtlichen Betätigungen (die Perver-
sionen) mit den Kranken durchzusprechen, ohne ihr Scham-
gefühl zu verletzen, und rät dabei zur Benützung der ärztlichen
Fachausdrücke.
Nun vermeidet man es am Anfang der psychoanalytischen
Behandlung, den Widerstand der Kranken unnötig zu reizen
und hierdurch der Fortsetzung der Analyse vielleicht unüber-
windliche Hindernisse zu bereiten. Man begnügt sich daher
V* S. Ferenczi
zunächst mit den erwähnten „Anspielungen durch ein Kleinstes"
oder mit ernsten wissenschaftlichen Kunstausdrücken und kann
sich recht hald mit seinem Kranken über die „heikelsten" Dinge
und Vorkommnisse des geschlechtlichen, wie überhaupt des
Trieblebens, aussprechen, ohne eine Spur von Schamreaktion
zu erregen. In einer Reihe von Fällen kommt man aber
damit nicht aus. Die Analyse gerät ins Stocken, die Einfälle
werden selten, das Benehmen des Kranken gehemmt, Zeichen
gesteigerten Widerstandes machen sich bemerkbar und dieser
Widerstand hört nicht eher auf, als bis es dem Arzte gelingt,
dessen Grund darin zu entdecken, daß dem Patienten ver-
pönte Worte und Redensarten eingefallen sind, die er ohne
besondere „Erlaubnis" des analysierenden Arztes nicht auszu-
sprechen wagte.
Eine 23jährige Hysterische zum Beispiel, die sich bewußt
der größten Ehrlichkeit befleißigte und meine in wissenschaft-
liche Ausdrücke gefaßten Erklärungen über ihre Geschlechtlich-
keit ohne viele Ziererei anhörte, behauptete steif und fest,
über geschlechtliche Dinge nie etwas gehört oder bemerkt zu
haben; sie huldigte noch immer der übrigens stets sekundären
„Kußtheorie" der Propagation. Um ihren Fleiß zu zeigen,
kaufte sie ein großes Werk über Embryologie und erzählte
mir mit naiver Anteilnahme und ganz ohne Hemmung ihre
neugewonnenen Kenntnisse über Samenfäden und Eizellen, über
männliche und weibliche Geschlechtsorgane und deren Ver-
einigung. Einmal erzählte sie mir so nebenbei, daß sie, wenn
sie den Stuhl absetzt, seit der Kindheit die Gewohnheit hat,
die Augen zu schließen. Den Grund dieser Sonderbarkeit
konnte sie nicht angeben. Endlich kam ich ihrer Erinnerung
zu Hilfe und fragte sie, ob sie nicht den in Aborten so
häufigen obszönen Inschriften und Zeichnungen durch Augen-
schluß entgehen wollte. Ich sah mich dann veranlaßt, auf die
Über obszöne Worte 173
bekannten obszönen Inschriften hinzuweisen, was bei der bis
dahin so überlegen ruhigen Person eine starke Schamreaktion
hervorrief, die mir den Zugang zu den tiefsten Schichten ihres
bis dahin latenten Erinnerungsschatzes eröffnete. Die Verdrän-
gung haftete also offenbar amWortlaut der geschlechtlichen
Gedankenkomplexe und ließ sich nur durch Aussprechen jener
„Bann worte" rückgängig machen.
Ein junger Homosexueller, der sogar die volkstümlichen
Bezeichnungen der Geschlechtsteile und ihrer Funktionen ohne
viele Umstände gebrauchte, hat sich zwei Stunden lang geweigert,
den ihm eingefallenen gemeineren Ausdruck für das Wort „Flatus"
laut auszusprechen. Er versuchte, dem durch alle möglichen
Umschreibungen, Fremdwörter, Abschwächungen usw. auszu-
weichen. Und doch vermochte er, nachdem der Widerstand gegen
das Wort überwunden war, viel tiefer in die vordem wenig
ergiebige Analyse seiner Analerotik einzudringen.
Oft agiert der Patient beim Hören eines obszönen Wortes
vor dem Arzte die erschütternde W T irkung, die früher einmal
ein zufällig den Eltern abgelauschtes Gespräch auf ihn machte,
in dem irgend ein unfeiner, meist geschlechtlicher Ausdruck
mit unterlaufen ist. Diese „Erschütterung", die die Achtung
des K indes vor den Eltern für einen Augenblick ernstlich
bedrohen und bei dem Neurotiker — wenn auch unbewußt
— fürs Leben fixiert bleiben kann, fällt gewöhnlich in die
Pubertätsjahre und ist auch schon eine „Neuauflage der
Eindrücke der infantilen Belauschung wirklicher geschlechtlicher
Handlungen.
Doch gehört die beabsichtigte und aus Ehrfurcht unter-
bliebene Konndenz Eltern und Höhergestellten gegenüber zu
den bedeutsamsten Komplexen des unterdrückten psychischen
Materials und man gelangt, wenn man sich davor nicht
scheut, ja darauf besteht, den Wortlaut jener Einfalle vom
*74 S. ierenczi
Kranken unverändert hersagen zu lassen und nötigenfalls diese
selber auszusprechen, oft zu unerwarteten Aufschlüssen und
erfreulichem Fortschreiten der bislang vielleicht stockenden
Seelenzergliederung,
Neben dieser übrigens nicht zu unterschätzenden prak-
tischen Bedeutung ist aber dieses Verhalten der Behandelten
auch von allgemeinerem Interesse. Es verhilft uns zu einem
psychologischen Problem.
Wie kommt es, daß es einem um soviel mehr Schwierig-
keiten macht, dasselbe Ding mit der einen oder der anderen
Bezeichnung zu benennen? Und daß dem so ist, das kann man
nicht nur an den Behandelten, sondern auch an sich selbst
beobachten. Ja, gerade die nicht geringe Hemmung, die ich zu
Anfang beim Aussprechen solcher Worte verspürte, und mit
der ich manchmal auch jetzt zu kämpfen habe, veranlaß te
mich, dieser Frage eine größere Aufmerksamkeit zu schenken
und ihr durch eingehende Prüfung meiner selbst sowie meiner
Kranken nachzuforschen. i
Ich kam auf beiden Wegen zu dem Ergebnis, daß die dem
Kinde einzig bekannt gewesenen volkstümlichen (obszönen)
Benennungen der Geschlechtlichkeit und der Entleerung mit dem
tiefverdrängten Kernkomplex des nervenkranken wie des gesunden
Menschen aufs innigste zusammenhängen. („Kernkomplex" nenne
ich nach Freud den Ödipuskomplex.)
Die Gedanken des Kindes über, die geschlechtlichen Bezie-
hungen der Eltern, über die Geburtsvorgänge und die animalen
Funktionen, mit einem Worte die infantilen Sexualtheorien,
werden bei ihrem Entstehen in die dem Kinde einzig zugäng-
lichen volkstümlichen Ausdrücke gekleidet; die moralische Zensur
und die Inzestschranke, die diese Theorien später überlagert,
trifft also gerade diese Fassung der Theorien am strengsten.
Dies würde uns genügen, um uns den Widerstand, der sich
über obszöne Worte 175
gegen das Aussprechen und Anhören solcher Worte äußert, teil-
weise verständlich zu machen.
Da mich aber diese Erklärung nicht voll befriedigte, suchte
ich nach weiteren Ursachen der besonderen Art dieser Wort-
vorstellungen und kam zu einem Gesichtspunkte, den ich nicht
für unzweifelhaft halte, aber schon um andere zu einer besseren
Erklärung anzuregen, hier mitteilen möchte.
Dem obszönen Wort wohnt eine eigentümliche Macht inne,
die den Hörer gleichsam dazu zwingt, sich den darin benannten
Gegenstand, das geschlechtliche Organ oder die geschlechtliche
Tätigkeit in dinglicher Wirklichkeit vorzustellen.
Und daß dem so ist, hat Freud in seinen Betrachtungen über
die Beweggründe und die Bedingungen der „Zote" klar erkannt
und ausgesprochen. „Durch das Aussprechen der obszönen Worte",
sagt Freud, 1 „zwingt sie (die Zote) die angegriffene Person
zur Vorstellung des betreffenden Körperteils oder der Ver-
richtung,' 4 Ich möchte dies nur insoferne ergänzen, als ich
besonders hervorhebe, daß die feinen Anspielungen auf sexuelle
Vorgänge oder die wissenschaftlichen Bezeichnungen derselben
und die fremdsprachigen Ausdrücke diese Wirkung nicht, oder
nicht in dem Maße haben, wie die Worte aus dem ursprüng-
lichen, volkstümlichen erotischen Lexikon der Muttersprache.
Man könnte also annehmen, daß diesen Worten als solchen
die Fähigkeit innewohnt, den Hörer zur regressiv-halluzina-
tori sehen Belebung der Erinnerungsbilder zu zwingen. Die
Angaben einer größeren Zahl von normalen wie neurotischen
Individuen bestätigen diese auf Selbstbeobachtung gestützte
Annahme. Die Ursachen dieser Erscheinung müßten im Hörer
selbst gesucht werden und wir müßten annehmen, daß er
in seinem Erinnerungsschatze eine Anzahl Wortklangbilder
i) Freud, Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. (Ges.
Sehr., Bd. IX, S. 106.)
176 S. Ferenczi
und Schriftbilder erotischen Inhalts beherbergt, die von
anderen Wortbildern durch gesteigerte Regressionsneigung unter-
schieden sind. Beim Hören oder Sehen eines obszönen Wortes
käme dann diese Fähigkeit jener Erinnerungsspuren zur
Wirkung.
Schließen wir uns aber der Freud sehen Auffassung von
der ontogenen Entwicklung des psychischen Apparates aus
einem motorisch - halluzinatorischen Reaktionszentrum zum
Denkorgan an (und seine Auffassung ist die einzige, die den
Ergebnissen der Psychoanalyse und unserer Ansicht vom Unbe-
wußten gerecht wird), so kommen wir zu dem Schluß, daß
den obszönen Worten Eigenschaften anhaften, die in einem
gewissen früheren Stadium der psychischen Entwicklung alle
W orte besessen haben müssen.
Als Grundursache jedes Vorstellens betrachten wir seit
Freud 1 den Wunsch, einer durch die Entbehrung geschaf-
fenen Unlust durch Wiederholung des einmal genossenen
Befriedigungserlebnisses ein Ende zu machen. Wird dieses
Bedürfnis in Wirklichkeit nicht befriedigt, so wird — im
ersten primitiven Entwicklungsstadium der Seele — beim Auf-
tauchen des Wunsches die W T alirnehmung der einmal erlebten
Befriedigung regressiv besetzt und halluzinatorisch festgehalten.
Die Vorstellung wird also mit der Wirklichkeit gleichgestellt;
„Wahrnehmungsidentität" nach Freud. Erst allmählich, durch
die bittere Lebenserfahrung gewitzigt, lernt das Kind die
Wunschvorstellung von der wirklichen Befriedigung unterscheiden
und seine Motilität erst dann zu gebrauchen, wenn es sich
überzeugt hat, daß es nicht Trugbilder seiner Phantasie, sondern
wirkliche Dinge vor sich sieht.
Den Höhepunkt dieser Entwicklung stellt das abstrakte
1) Freud, Traumdeutung 1900. (Ges. Sehr., Bd. II und III).
Über obszöne Worte 177
Denken, das Denken in Worten dar. Hier werden, wie Freud
weiter ausführt, zur Ermöglichung feinerer Leistungen die
Erinnerungsbilder nur noch durch gewisse Qualitätsreste dieser
Bilder, die Sprachzeichen, vertreten.
Man könnte dem hinzufügen, daß die Fähigkeit, die Wünsche
durch die qualitätsschwachen Sprachzeichen darzustellen, nicht
auf einmal gewonnen wird. Abgesehen davon, daß die Erlernung
des Sprechens längere Zeit in Anspruch nimmt, scheint es,
daß den die Vorstellungen ersetzenden Sprachzeichen, den
Worten, lange Zeit hindurch eine gewisse Regressionsneigung
innewohnt, die wir uns allmählich oder schubweise abnehmend
vorstellen können, bis die Fähigkeit des von halluzinatorischen
Wahrnehmungselementen fast ganz freien „abstrakten" Vor-
stellens und Denkens erreicht ist.
Auf dieser Entwicklungslinie mag es psychische Stufen
geben, die dadurch gekennzeichnet sind, daß die schon aus-
gebildete Fähigkeit zum wirtschaftlicheren Denken mittels
Sprachzeichen sich mit der noch vorhandenen starken Neigung
zur rückschreitenden Wiederbelebung des Vorgestellten ver-
gesellschaftet.
Die Annahme solcher Stadien findet eine Stütze in dem
Verhalten der Kinder zur Zeit der geistigen Entwicklung. Es
ist wieder Freud, der beim Suchen nach der Psychogenese
der Witzeslust die Bedeutsamkeit des kindischen Spieles mit
Worten erkannte. „Die Kinder", sagt er dort, „behandeln
Worte wie Gegenstände."
Die noch nicht durchgeführte strenge Unterscheidung des nur
Vorgestellten vom Realen, also die Neigung der Psyche zum
Rückfall in die primäre halluzinatorische Arbeitsweise, könnte auch
den besonderen Charakter der obszönen Worte verständlich
machen und zur Vermutung berechtigen, daß auf einer gewissen
Entwicklungsstufe diese Dinglichkeit und damit wahrscheinlich
Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I 12
178 S. Ferenczi
eine starke Regressionstendenz noch allen Worten zukommt.
Darauf beruht ja auch die Freud sehe Erklärung der Traum-
bilder; im Schlaf fallen wir auf die ursprüngliche Arbeitsweise
der Seele zurück und beleben wieder, wie ehedem, regressiv
das Wahrnehmungssystem des Bewußtseins. Im Traum denken
wir nicht mehr in Worten, sondern halluzinieren.
Nehmen wir nun an, daß diese Entwicklung von den noch
mit vielen konkreten Bestandteilen gemengten Sprachzeichen in
der Richtung zum Abstrakten bei gewissen Worten eine
Störung, eine Unterbrechung, und dies ein Zurückbleiben der
Wortvorstellung auf einer niedrigeren Stufe zur Folge haben
kann, so haben wir Aussicht, uns über die so starke Regressions-
neigung der gehörten obszönen Worte eine Vorstellung machen
zu können.
Doch nicht nur das Hören, sondern auch das Aus-
sprechen der obszönen Worte ist mit Qualitäten ausgestattet,
die anderen Worten, wenigstens in diesem Maße, nicht eigen sind.
Freud hebt mit Recht hervor, daß derjenige, der eineZote
sagt, damit einen Angriff, eine sexuelle Handlung auf
den Gegenstand der Aggression begeht und da die nämlichen
Reaktionserscheinungen, die die Handlung zur Folge hätte,
hervorruft. Innerlich hat man beim Aussprechen der obszönen
Worte die Empfindung, daß dies einer sexuellen Aggression:
„der Entblößung der sexuell differenten Person", 1 fast
gleichkommt. Das Aussprechen der Zote zeigt also in erhöhtem
Maße, was bei den meisten Worten kaum angedeutet wird,
nämlich die ursprüngliche Herkunft jeder Rede aus einer
unterlassenen Handlung. Während aber die sonstigen Worte
das motorische Element der Wortvorstellung nur in Form ab-
geschwächter Innervationsimpulse, der sogenannten „Vorstellungs-
1) S. Freud, Der Witz (Ges. Sehr. IX, S. ? 106).
Über obszöne Worte 170
mimik" enthalten, 1 haben wir beim Aussprechen einer Zote
noch die deutliche Empfindung, als begingen wir eine
Handlung.
Diese starke Mengung der Sprachvorstellung obszöner Worte
mit motorischen Elementen könnte gleichwie der sensorisch-
halluzinatorische Charakter der gehörten Zote die Folge einer
Entwicklungsstörung sein. Jene Sprachvorstellungen könnten auf
einer Stufe der Sprachentwicklung, wo die Worte noch viel
stärker mit motorischen Elementen vermengt sind, zurück-
geblieben sein.
Man muß sich da fragen, ob diese Spekulation, die ja nur
eine der vielen Möglichkeiten darstellt, durch die Erfahrung
irgendwie gestützt wird, und wenn ja: was die Ursache dieser
unter den Kulturmenschen allgemein verbreiteten, eine kleine
Gruppe von Worten betreffenden Entwicklungsstörung sein könnte.
Die Psychoanalyse Geistesgesunder und Neurotiker und die
Beobachtung der Kinder, wenn sie sich nicht davor scheut
nachzuforschen, welche Schicksale die Bezeichnungen für
geschlechtliche und Entleerungsorgane und Tätigkeiten im Laufe
der psychischen Entwicklung erfahren, bringt manche Bestäti-
gung der hier dargelegten Annahme. Zunächst bestätigt sich
überall die fast selbstverständliche Voraussetzung, daß die besonders
starke Abneigung zur Wiedergabe gewisser obszöner Worte
starken Unlustgefühlen zuzuschreiben ist, die sieji gerade
jenen Worten im Laufe der kindlichen Entwicklung durch
Affektverkehrung angeheftet haben.
Ein im großen und ganzen normaler junger Mann z. B.,
der sich allerdings durch eine etwas übertriebene Sittenstrenge
auszeichnet und obszönen Worten gegenüber ungemein
unduldsam ist, erinnerte sich im Laufe einer Traumanalyse,
1) S. Freud, Der Witz (ebenda S. 106).
t2*
180 S. Ferenczi
daß ihn die Mutter im Alter von sechseinhalb Jahren dabei
ertappte, daß er sich auf einem Blatt Papier gleichsam ein
Wörterbuch aller ihm bekannten obszönen Ausdrücke zusammen-
schrieb. Diese beschämende Entlarvung gerade durch die Mutter
sowie die darauffolgende harte Strafe hatten zur Folge, daß er
sich von da an für Erotisches viele Jahre hindurch nicht inter-
essierte und dem Inventar des erotischen Lexikons auch später
feindselig gegenüberstand.
Der junge Homosexuelle, der dem Aussprechen des obszönen
Wortes für „Flatus" so starken Widerstand entgegenstellte,
entwickelte in der ersten Kindheit eine außerordentliche Riech -
lust und Koprophilie und der überzärtliche Vater verwehrte es
ihm nicht, diesen seinen Neigungen auch an seinem Körper
(am Körper des Vaters) zu frönen. Die nunmehr unzertrenn-
liche Verknüpfung der Idee der Beschmutzung mit der der
Eltern hatte eine ungemein starke Verdrängung der Schmutz-
und Riechlust und damit auch die große Unlust beim Sprechen
über diese Dinge zur Folge. Daß er aber die obszöne Bezeich-
nung gerade der Darm gase um soviel weniger duldete als eine
der Umschreibungen, hatte in ähnlichen kindlichen Erlebnissen
seinen Grund wie beim eben erwähnten „Wörterbuch-
schreiber . Die innige Verknüpfung des Obszönen mit den
Elternkomplexen war also bei beiden die stärkste verdrängende
Macht. 1
Bei der Hysterischen, die auf dem Abort die Augen schließt,
konnte diese Gewohnheit bis zur Zeit einer Beichte zurück-
verfolgt werden, bei der sie wegen des naiven Aussprechens
der obszönen Bezeichnung der Vagina vom Geistlichen hart
zurechtgewiesen wurde.
1) Das infantile Interesse für die die D anngas entleerung begleiten-
den Töne war nicht ohne Einfluß auf seine Berufswahl. Er wurde
Musiker.
Über obszöne Worte l8l
Solche oder ähnliche Zurechtweisungen bleiben aber fast
keinem Kinde, die untersten Gesellschaftsschichten vielleicht
ausgenommen, erspart. Im vierten bis fünften Lebensjahr, bei
Frühreifen schon erheblich früher, zur Zeit also, wo die Kinder
ihre „polymorph-perversen" Triebe einschränken, schiebt sich
zwischen das Aufgeben der infantilen Befriedi-
gungsarten und den Beginn der eigentlichen
Latenzzeit eine Periode, die durch den Drang zum
Aussprechen, Aufschreiben und Anhören ob-
szöner Worte gekennzeichnet ist.
Diese Tatsache würde durch eine Rundfrage an die Familien-
mütter und Lehrer, noch sicherer aber durch eine solche an
die Dienstleute, die eigentlichen Vertrauten der Kinder, zweifel-
los bestätigt werden. Und daß es die Kinder nicht nur in
Europa, sondern auch in dem so prüden Amerika nicht anders
tun, habe ich mit Prof. Freud bei einem Spaziergange im
New Yorker „ Central-Park" aus einer Kreidezeichnung und
einer Inschrift auf einer schönen Marmortreppe ersehen.
Diesen Drang zum Aussprechen, Aufzeichnen, Aufschreiben,
Hören und Lesen von Obszönitäten können wir als eine Vor-
stufe der Hemmung der infantilen Entblößung und sexuellen
Sehbegierde auffassen. Erst die Unterdrückung auch dieser zur
Rede abgeschwächten geschlechtlichen Phantasien und Hand-
lungen bezeichnet den Beginn der eigentlichen Latenzzeit,
jenes Zeitabschnittes, in dem „die seelischen Gegenkräfte gegen
die infantile Sexualität: Ekel, Scham und Moral, aufgebaut
werden" 1 und das Interesse des Kindes sich kulturellen Lei-
stungen zuwendet (Wißbegierde).
Man dürfte kaum mit der Annahme fehlgehen, daß diese
Unterdrückung der obszönen Wortbilder zu einer Zeit statt-
findet, wo die Sprache, besonders aber der so stark affekt-
i) Freud, Infantile Sexualtheorien. (Ges. Sehr., Bd. *V.)
182 S. Ferenczi
betonte sexuelle Sprachschatz noch durch einen hohen Grad
von Regressionstendenz und durch lebhafte Vorstellungsmimik
ausgezeichnet ist. Es ist also nicht mehr so unwahrscheinlich,
daß das unterdrückte Wortmaterial infolge der Latenzzeit, das
heißt der Abwendung der Aufmerksamkeit, auf dieser ursprüng-
licheren Entwicklungsstufe stehen bleiben muß, während der
übrige Teil des Sprachschatzes durch die fortwährende Übung
und Schulung allmählich seines halluzinatorischen und moto-
rischen Charakters zum größeren Teile entkleidet und hiedurch
zu höheren Denkleistungen ökonomisch geeigneter gemacht wird.
Daß aber das unterdrückte oder verdrängte psychische Material
durch die Assoziationssperre tatsächlich zu einem „Fremdkörper"
im Seelenleben wird, welcher keines organischen Wachstums und
keiner Entwicklung fähig ist und daß der Inhalt dieser „Komplexe"
die sonstige Entwicklung und Bildung des Individuums nicht
mitmacht, weiß ich schon aus der Psychoanalyse der Neurosen.
Einige überraschende Beispiele möchte ich hier anführen.
Die Angst vor der Kleinheit und hierdurch bedingten
Untauglichkeit des Begattungsorganes, oder wie es wir Psycho-
analytiker zu bezeichnen pflegen: „der Komplex des kleinen
Penis", ist unter den Neurotikern besonders häufig aber auch
bei sonst Gesunden nicht selten. In allen Fällen, in denen ich
dieses Symptom analysierte, ergab sich dafür folgende Erklärung:
In der ersten Kindheit befaßten sich alle, die später darunter
leiden, überaus lebhaft mit der Phantasie des coitus cum matre
(oder mit einer adäquaten älteren Person); natürlich ängstigte
sie dabei die Idee der Unzulänglichkeit ihres Penis zu diesem
Vorhaben. 1 Die Latenzzeit unterbrach und unterdrückte diese
1) Die Unkenntnis der Dehnbarkeit der Vagina ist die Bedingung
dieser ängstlichen Phantasie ; die Kinder wissen nur, daß der Koitus
durch eine Öffnung erfolgt, die sie einmal bei der Geburt in toto
passiert haben.
Über obszöne Worte 183
Gedankengruppen; als aber der Sexualtrieb in der Pubertät
neuerlich durchbrach und das Interesse sich wieder dem Kopu-
lationsorgan zuwendete, tauchte die alte Sorge wieder auf, auch
wenn die tatsächlichen Größenverhältnisse jenes Organes normal
waren oder sogar über das Mittelmaß hinausgingen. Während
sich also der Penis normal entwickelte, ist die Idee
des Penis auf der infantilen Stufe stehen geblieben.
Die Abwendung der Aufmerksamkeit vom Genitale bewirkte
es, daß das Individuum von seinen Veränderungen keine Notiz
nahm.
Ähnlich konnte ich bei weiblichen Patientinnen einen
„Komplex der zu kleinen Vagina" (Angst vor Zerreißung des
Organs beim Geschlechtsverkehr) feststellen und durch die als
Kind erworbene und während der Latenzzeit unterdrückte Idee
von der relativen Größe des väterlichen Kopulationsorgans
erklären. Solche Frauen sind dann infolge der objektiv gar nicht
vorhandenen Kleinheit des Penis bei ihren Männern im
geschlechtlichen Verkehre anästhetisch.
Als drittes Beispiel für die isoliert entwicklungshemmende
Wirkung der Latenzzeit führe ich den in manchen Fällen
pathologisch werdenden „Komplex der großen Mamma" an:
die Unzufriedenheit vieler Männer mit den Dimensionen der
meisten weiblichen Brüste. Bei einem Patienten, dessen Libido
nur ganz kolossal entwickelte weibliche Brüste reizen konnten,
stellte die Analyse fest, daß er sich in der ersten Kindheit
außerordentlich für das Säugen der Brustkinder interessierte
und den heimlichen Wunsch hegte, selber mitsaugen zu dürfen.
In der Latenzzeit verschwanden diese Phantasien des Bewußtseins,
aber als er sich wieder für das , Weibliche zu interessieren
begann, waren seine Wünsche vom Komplex der großen
Mamma konstelliert. Die Idee von der Mamma hat sich bei
ihm in der Zwischenzeit nicht entwickelt, sondern es fixierte
184 S. Ferenczi
sich jener Eindruck von ihren Dimensionen, den sie auf das
damals noch so kleine Kind machen mußte. Darum wünscht
er sich nur Frauen, deren Brüste der alten Relation seiner
eigenen Kleinheit zur Größe des Weibes entsprechen. Die
Frauenbrüste sind eben in der Zwischenzeit relativ kleiner
geworden, die fixierte Idee von der Frauenbrust behielt aber
die alte Große bei.
Diese Beispiele, die man leicht vermehren könnte, stützen
die Annahme, daß die Latenzzeit tatsächlich eine isolierte Ent-
wicklungshemmung einzelner verdrängter Komplexe verursacht,
und dies läßt den gleichen Vorgang in der Entwicklung von
latent werdenden Wortvorstellungen einigermaßen wahrschein-
lich erscheinen. Ich möchte aber nebst diesem Analogieschluß
auch die von experimentell-psychologischer Seite schon oft er-
wiesene Tatsache erwähnen, daß kleine Kinder von ausgesprochen
„visuellem" und von „motorischem" Reaktionstypus sind. Ich
vermute nun, daß der Verlust dieses visuellen und motorischen
Charakters nicht allmählich, sondern schubweise vor sich geht,
und daß der Eintritt der Latenzzeit einen, vielleicht den wich-
tigsten dieser Schübe bedeutet. 1
1) Für die Richtigkeit meiner Vermutung über den Einfluß der
Latenzzeit kann ich zwei weitere Beobachtungsreihen anführen. In
mehreren Fällen war ich in der Lage, die Ursache der Unfähigkeit zur
visuellen Repräsentation und der dadurch bedingten Untauglichkeit zu
gewissen Schulgegenständen, die räumliche Darstellungsfähigkeit erfordern
(Geometrie, Naturgeschichte), analytisch zu erforschen. Es stellte sich
heraus, daß' diese, der sonstigen Auffassungskraft nicht entsprechende
Unfähigkeit nicht etwa durch eine angeborene partielle Schwäche be-
dingt war, sondern erst seit der Verdrängung der seinerzeit allzu üppig
wuchernden, meist inzestuösen Phantasien bestand. Zur Sicherung (Adler)
der Verdrängung gewisser Phantasiebilder wurde das bewußte Phanta-
sieren überhaupt, ja sogar das bildliche Vorstellen von ganz indifferenten
Gegenständen instinktiv gemieden. (Vorstellungsangst.)
Ein anderes, bei Neurotikern noch viel häufiger zu beobachtendes
Symptom ist die übertriebene Ruhe und Gemessenheit bei der Aus-
über obszöne Worte 185
Über das Schicksal der verdrängten obszönen Wortvorstellungen
während der Latenzzeit läßt sich einstweilen wenig sagen. Nach
dem, was ich bei der Selbstanalyse und aus der Analyse von
Nichtneurotischen darüber erfuhr, glaube ich annehmen zu
können, daß die Latenz dieser Vorstellungen, namentlich beim
Manne, normalerweise keine absolute ist. Die vor sich gegangene
Affektverkehrung sorgt zwar dafür, daß die Aufmerksamkeit von
diesen unlustbetonten Wortbildern möglichst abgelenkt ist, aber
ein totales Vergessen, ein Unbewußtwerden derselben kommt
beim Gesunden kaum vor. Das Alltagsleben, der Verkehr mit
dem niederen Volke und mit Dienstboten, obszöne Inschriften
auf Bänken und in Aborten sorgen dafür, daß diese Latenz
recht häufig „durchbrochen" und die Erinnerung an das Ab-
seitsgedrängte, wenn auch mit verändertem Vorzeichen, erneuert
werde. Immerhin bleiben diese Erinnerungen einige Jahre hin-
durch ziemlich unbeachtet, und wenn sie dann mit der
Pubertät wieder erscheinen, sind sie schon mit dem Charakter des
Schamvollen, vielleicht auch des ob ihrer Plastizität und Natur-
frische Fremdartigen behaftet, der ihnen zeitlebens erhalten bleibt.
führung jeder Handlung, jeder Bewegung, sowie der ganzen Haltung
und die Furcht vor jeder Übereilung, Überhastung. Sie ist meist mit
ausgesprochener Antipathie gegen solche Individuen vergesellschaftet,
die sich leicht „geh'n lassen", die übertrieben, hastig, lebhaft, unbedacht
und leichtfertig sind. Man könnte davon Bewegungsangst sprechen.
Dieses Symptom ist die Reaktionsbildung auf eine starke, aber unter-
drückte motorische Aggressionsneigung.
Sowohl die Vorstellungs- als auch die Bewegungs angst scheinen mir
Übertreibungen der Phantasieunterdrückung und Motilitatshemmung zu
sein, die die Latenzzeit für jeden Menschen mit sich bringt, und die
auch die bewußtseinsfahigen Vorstellungen von motorischen und halluzi-
natorischen Elementen zu reinigen hilft. Die bewußtseins u n fähigen,
verdrängten oder unterdrückten Vorstellungen aber, darunter in erster
Linie die obszönen Wortvorstellungen, dürften, wie das Verdrängte
überhaupt, mit den Charakteren einer primitiveren Vorstellungsart aus-
gestattet bleiben.
Anders ist die Entwicklungsgeschichte dieser Wortvorstellungen
beim Perversen und beim Neurotiker.
Der durch Sexualkonstitution und Erlebnisse pervers Gewordene
wird sich, wie wir es nach der Sexuallehre Freuds nicht
anders erwarten konnten, auch dieser Lustquelle bemächtigen
und auch in seinen Reden zynisch werden, oder sich etwa mit
der Lektüre von rüden Obszönitäten begnügen. Ja, es gibt eine
eigene Perversität, die im lauten Aussprechen von obszönen
Worten besteht; ich weiß es aus der Analyse von mehreren
Frauen, daß sie auf der Straße von gutangezogenen Männern
belästigt werden, die ihnen im Vorbeigehen obszöne Worte
zuflüstern, ohne daß sie sonstige Anstalten zum sexuellen An-
griff (Begleitenwollen usw.) träfen. Es sind das offenbar ge-
milderte Exhibitionisten und Voyeurs, die statt
wirklicher Entblößung sich mit der zur Rede gemilderten
Aktion begnügen, dabei aber jene Worte vorziehen, die durch
ihr Verbotensein wie durch ihre motorische und plastische
Eigenart zur Hervorrufung der Schamreaktion besonders geeignet
sind. „Koprophemie" 1 könnte der Name dieser Perversität sein.
Der echte Neurotiker wendet seine Aufmerksamkeit von den
obszönen Worten vollständig oder fast vollständig ab. Er geht
an ihnen womöglich achtlos vorüber, und wenn er ihnen nicht
ausweichen kann, antwortet er auf sie mit übertriebener Scham-
und Ekelreaktion. Selten ist der Fall, wie der obenerwähnte,
wo die Worte total vergessen werden. Nur Frauen bringen eine
solche Verdrängungsleistung zustande.
Eine sehr starke Gemütserschütterung kann aber diese halb-
verschütteten Worte bei Normalen sowohl als beim Neurotiker
zum Vorschein bringen. Doch wie die olympischen Götter und
i) „Koprolalie« dagegen ist das unwillkürliche, zwan^s-
m a ß i g e Ausstoßen obszöner Worte, wie es z. B. bei hocWdiffem Tic
convulsif vorkommen kann.
I
über obszöne Worte 187
Göttinnen nach dem großen Verdrängungsschube des Christen-
tums zu Hexen und Teufeln erniedrigt wurden, so kehren die
Worte, die einst die höchstgeschätzten Objekte infantiler Lust
bezeichneten, alsFlücheund Verwünschungen wieder,
charakteristischerweise sehr oft mit der Idee der Eltern oder
der ihnen adäquaten Heiligen und Gottes assoziiert (Blasphemien).
Diese bei heftigem Ärger lautwerdenden, aber oft auch zu
Scherzen gemilderten Interjektionen gehören — wie Klein-
paul mit Recht hervorhebt — gar nicht zur „Begriffssprache" y
sie dienen nicht der bewußten Mitteilung, sondern stellen den
Gebärden nahestehende Reaktionen auf Reize dar. Bemerkens-
wert bleibt aber auf alle Fälle, daß, wo ein heftiger Affekt
sich nur mit Mühe der motorischen Entladung erwehrt und
zum Fluche wird: dieser sich unwillkürlich der obszönen Worte
bedient, die ob ihrer Affektfülle und motorischen Kraft dazu
am besten taugen.
Recht tragisch sind die Fälle, in denen obszöne W r orte
urplötzlich im tugendreinen Bewußtsein eines Neurotikers
auftauchen. Natürlich kann er es nur in Form von Zwangs-
vorstellungen, denn sie sind dem bewußten Gemütsleben des
Psychoneurotikers so vollkommen fremd, daß er sie nur als
absurde, unsinnige, krankhafte Ideen, als „Fremdkörper"
empfinden, keinesfalls aber als gleichberechtigten Inhalt seines
Wortschatzes anerkennen kann. Wäre man durch das hier Mit-
geteilte nicht darauf vorbereitet, so stünde man wie vor einem
unlösbaren Rätsel vor der Tatsache, daß häufig Zwangsvorstellungen
von obszönen Worten, besonders aber von solchen, die die
meistverachteten Exkremente und Exkretionsorgane in „ge-
meiner" Weise bezeichnen, bei Männern nach demTode
des Vaters auftreten. Und zwar bei Männern, die ihren
V ater abgöttisch liebten und verehrten . Die Analyse ergibt
dann, daß beim Todesfall nebst dem schrecklichen Schmerz
188 S. Ferenczi
über den Verlust auch der unbewußte Triumph über die end-
liche Befreiung von allem Zwang laut wird und die Verachtung
des nunmehr unschädlichen „Tyrannen" sich in Worte kleidet,
die seinerzeit dem Kinde am strengsten verboten wurden. 1 Einen
ähnlichen Fall erlebte ich bei einem Mädchen, dessen älteste
Schwester gefährlich erkrankte.
Eine kräftige Stütze meiner Annahme, daß die obszönen
Worte infolge gehemmter Entwicklung „infantil" geblieben
und darum abnorm motorischen und regressiven Charakters
sind, wäre die ethnographische Bestätigung. Leider fehlt mir
die diesbezügliche Erfahrung. Was mir vom Leben des niederen
Volkes und besonders der Zigeuner hierüber bekannt ist, spricht
dafür, daß die obszönen Worte bei den Unkultivierten vielleicht
stärker lustbetont, aber vom sonstigen Sprachschatz nicht so
wesentlich verschieden sind, wie ich es bei den Kulturmenschen
annehmen mußte.
Mag nun die weitere Beobachtung die Annahme vom spe-
zifisch infantilen Charakter und von den infolge einer Ent-
wicklungsstörung „primitiven" Eigenschaften der obszönen
Wortvorstellungen unterstützen oder als irrig erweisen, soviel
glaube ich nach dein Gesagten jedenfalls behaupten zu können,
daß diesen affekterfüllten Vorstellungen eine bislang nicht ent-
sprechend gewürdigte Bedeutung im Seelenleben zukommt.
i) Als assoziative Mittelglieder zwischen den Vorstellungen des Todes
und der Exkremente findet man oft die Ideen über die Verwesune der
Leiche.
Denken und Muskelinnervation
Es gibt Menschen, die dazu neigen, jedesmal, wenn sie etwas
durchdenken wollen, in der Bewegung, die sie gerade aus-
führen (z* B. im Gehen), innezuhalten und sie erst nach be-
endigtem Denkakt fortzusetzen. Andere wiederum sind außer-
stande, einen irgendwie komplizierten Denkakt in Ruhe auszu-
führen, sondern müssen dabei eine rege Muskeltätigkeit entfalten
(vom Sitze aufstehen, herumgehen usw.). Die Personen der
ersten Kategorie erweisen sich oft als stark gehemmte Menschen,
bei denen jede selbständige Denkleistung die Überwindung
innerer (intellektueller und affektiver) Widerstände erfordert.
Die Individuen der zweiten Gruppe (welche man als „motorischen
Typus" zu bezeichnen pflegt) sind im Gegenteil Leute mit zu
raschem Vorstellungsablauf und sehr reger Phantasie. Für den
innigen Zusammenhang zwischen dem Denkakt und der Motilität
spricht nun die Tatsache, daß der Gehemmte die durch Ein-
stellung der Muskelinnervationen ersparte Energie zum Über-
winden von Widerständen beim Denkakt zu verwerten scheint,
während der „motorische Typus" allem Anscheine nach Muskel-
energie verschwenden muß, wenn er im Denkvorgang das sonst
allzu „leichte Überfließen der Intensitäten" (Freud) mäßigen,
d. h. seine Phantasie hemmen und logisch denken will. Die
Größe der zum Denken erforderlichen „Anstrengung" hängt —
wie erwähnt - - nicht immer von der begrifflichen Schwierig-
keit der zu bewältigenden Aufgabe ab, sondern ist — wie uns
Analysen zeigen — sehr oft affektiv bedingt; unlustbetonte
Denkprozesse erfordern ceteris paribus größere Anstrengung,
gehemmtes Denken erweist sich bei der Analyse sehr oft zensur-
bedingt, d. h. neurotisch. Bei Personen mit leichter Zyklothymie
sieht man den Zuständen gehemmter und erleichterter Phan-
tasietätigkeit Schwankungen der Lebhaftigkeit der Bewegungen
parallellaufen. Aber auch beim „Normalen" kommen zeitweise
diese motorischen Symptome der Denkhemmung oder Er-
regung vor. 1
Bei näherer Untersuchung findet man allerdings, daß, der
Anschein, als oh in diesen Fällen ganz einfach Muskelenergie
in „psychische Energie" umgewandelt würde, trügerisch ist.
Es handelt sich um komplizierte Vorgänge, um die Spaltung
der Aufmerksamkeit, bzw. um die Konzentration.
Der Gehemmte muß seine Aufmerksamkeit ganz dem Denk-
organe zuwenden, kann also nicht gleichzeitig eine (gleichfalls
Aufmerksamkeit erfordernde) koordinierte Bewegung ausführen.
Der Gedankenflüchtige hingegen muß seine Aufmerksamkeit
zum Teil vom Denkakte ablenken, um die sich überstürzenden
Gedankengänge einigermaßen zu verlangsamen.
Der im Denken Gehemmte muß also beim Nachdenken nur
die koordinierten Bewegungen einstellen, nicht aber den Auf-
wand an Muskelinnervation ; bei näherem Zusehen findet man
1) Eine Patientin, die ihre Füße fast kontinuierlich zittern läßt (eine
ticartige Gewohnheit bei ihr), verriet mir während der Analyse durch
plötzliches Innehalten im Zittern stets den Moment, in dem ihr etwas
einfiel, so daß ich sie immer mahnen konnte, wenn sie mir einen Ein-
fall bewußt vorenthielt. Während der oft minutenlangen Assoziations-
leere bewegte sie ihre Füße unaufhörlich.
Denken und Muskelinnervation 191
sogar, daß beim Nachdenken der Tonus der (ruhiggestellten)
Muskulatur regelmäßig ansteigt. 1 Und beim „type moteur"
handelt es sich nicht einfach um eine Erhöhung des Muskel-
tonus (des Innervationsaufwandes), sondern um die Einschaltung
von Widerstanden für die Aufmerksamkeit.
Auch darf man nicht denken, daß die Unfähigkeit zum
gleichzeitigen Denken und Handeln eine für die Neurose
besonders charakteristische Erscheinung ist. Gibt es doch zahl-
reiche Fälle, in denen der Neurotiker eine umschriebene komplex-
bedingte Denksperre gerade durch übertriebene Rührigkeit und
Lebhaftigkeit der nichtgesperrten Seelenbezirke maskiert.
Die Psychoanalyse könnte viel zur Aufklärung dieser kom-
plizierten Beziehungen zwischen psychischer Tätigkeit und
Muskelinnervation beitragen. Ich verweise auf die von Freud
wahrscheinlich gemachte Erklärung der Traumhalluzina-
tionen, wonach diese einer rückläufigen Erregung des Wahr-
nehmungssystems (Regression) ihre Entstehung verdanken, die
eine Folge der Schlafsperrung (Lähmung) am motorischen Ende
des psychischen Apparates ist. Der zweite bedeutsame Beitrag,
den die Psychoanalyse zur Kenntnis der Beziehungen zwischen
Denkanstrengung und Muskelinnervation geleistet hat, ist
Freuds Erklärung des Lachens beim witzigen oder komischen
Eindruck; dieses ist nach seiner uns sehr plausiblgi Erklärung
die motorische Entladung überschüssig gewordener psy-
chischer Anspannung. Schließlich sei noch auf die Breuer-
Freud sehe Ansicht über die Konversion psychischer
Erregung in motorische bei der Hysterie und auf die Erklärung
Freuds hingewiesen, wonach der an Zwangsvorstellungen
Leidende eigentlich das Handeln durch Denken ersetzt.
Das regelmäßige Parallellaufen motorischer Innervationen
1) Das Ansteigen des Muskeltonus beim Denkakt ist physiologisch
erwiesen.
\gfX S. Ferenczi
mit den psychischen Akten des Denkens und Aufmerkens, ihre
gegenseitige Bedingtheit und vielfach nachzuweisende quantitative
Reziprozität sprechen jedenfalls für eine Wesensgleichheit dieser
Prozesse. Freud dürfte also recht behalten, wenn er das
Denken für ein „Probehandeln mit Verschiebung kleinerer
Besetzungsquantitäten" hält und auch die Funktion der Auf-
merksamkeit, die die Außenwelt periodisch „absucht" und
den Sinneseindrücken „entgegengeht", an das motorische Ende
des psychischen Apparates verlegt.
Psychoanalytische Betrachtungen
über den Tic
0921)
I
Mit dem sehr verbreiteten neurotischen Symptom, das man,
dem französischen Sprachgebrauch folgend, allgemein als „Tic"
oder „Tic convulsif" bezeichnet hat, hat sich die Psychoanalyse
bisher wenig beschäftigt. 1 Im Anschlüsse an die Beschreibung
der „technischen Schwierigkeiten einer Hysterieanajyse", die ich
in einem Falle zu bewältigen hatte, 2 machte auch ich einen
kurzen Exkurs auf dieses Gebiet und gab der Vermutung
Ausdruck, daß sich viele Tics als stereotypisierte Onanie-
äquivalente entpuppen dürften und daß die merkwürdige
Verknüpfung des Tics mit der Koprolalie bei Unterdrückung
der motorischen Äußerungen vielleicht nichts anderes ist als
die sprachliche Äußerung derselben erotischen Regungen,
die die Tic-Kranken gewöhnlich als symbolische Bewe-
gungen abführen. Ich machte bei dieser Gelegenheit auch
auf die nahen Beziehungen zwischen den Bewegung s-
1) Siehe I. Sa dg er, Ein Beitrag zum Verständnis des Tic, Int.
Zsch. f. PsA. IL (1914), S. 354.
2) S, „Hysterie und Pathoneurosen", Int. PsA. Bibl. Nr. 2, S. 48.
Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I ig
194 S. Ferenczi
Stereotypien und den Symptomhandlungen (bei
Gesunden und Kranken) einerseits, den Tics resp. der Onanie
andererseits aufmerksam. In dem mitgeteilten Falle z. B. ver-
mochten gedankenlos ausgeführte und für bedeutungslos
gehaltene Muskelaktionen und Hautreizungen die ganze Genital-
libido an sich zu reißen; sie waren zeitweise von förmlichem
Orgasmus begleitet.
Prof. F r e u d, den ich gelegentlich über den Sinn und
die Bedeutung der Tics interpellierte, sagte mir, es dürfte
sich da um etwas Organisches handeln. Im Laufe dieser
Besprechung werde ich vielleicht zeigen können, in welchem
Sinne diese Annahme zu Recht besteht.
Das ist so ziemlich alle Auskunft, die ich mir über die Tics
aus den psychoanalytischen Quellen holen konnte; ich kann
auch nicht sagen, daß ich seither aus der direkten Beobachtung
oder der Analyse von „passagere" auftretenden Tics, die doch
bei unseren Neurotikern so häufig sind, Neues gelernt hätte.
In den meisten Fällen kann man eine Neurosenanalyse zu Ende
führen, eine Psychoneurose auch heilen, ohne daß man sich
viel mit diesem Symptom hätte befassen müssen. Gelegentlich
kommt man darauf zu sprechen, welche psychischen Situationen
das Auftreten eines solchen Tic (einer Grimasse, einer Zuckung
der Schultern oder des Kopfes usw.) begünstigen. Hie und da
kann man auch auf den Sinn, auf die Bedeutung eines
solchen Symptoms zu sprechen. So trat bei einer Kranken das
heftig „verneinende" Kopfschütteln auffälligerweise immer
auf, wenn sie eine rein konventionelle Geste ausführen
(Abschied nehmen, jemanden begrüßen) mußte. Ich sah die
Bewegung auch dann häufiger und heftiger werden, wenn die
Patientin mehr Affekt, z. B. mehr Freundlichkeit zu zeigen ver-
suchte, als sie innerlich fühlte, und mußte ihr sagen, daß ihr Kopf-
schütteln eigentlich die freundliche Miene oder Geste Lügen strafte.
Einen Patienten, der eigens zur Heilung seiner Tics in die
Analyse gekommen wäre, hatte ich noch nicht; die von mir
in der analytischen Praxis beobachteten kleinen Tics störten
ihre Besitzer so wenig, daß sie sich darüber selbst nie
beklagten; ich war es, der sie darauf aufmerksam machen
mußte. Natürlich fehlte unter diesen Umständen jedes Motiv
zur tieferen Erforschung des Symptoms, das sich die Patienten
— wie gesagt — unverändert aus der Analyse retteten.
Nun wissen wir, daß das sonst bei den uns geläufigen Neu-
rosenanalysen der Hysterie oder Zwangsneurose nie der Fall ist.
Da gibt es nicht das geringfügigste Symptom, das am Ende
der Analyse sich nicht als in das Gefüge des komplizierten
Neurosengebäudes gehörig, sogar durch mehrfache Deter-
minanten gestützt, erwiese. Schon diese Sonderstellung der
Tics legte einem die Vermutung nahe, es handle sich hier
um eine Störung, die ganz anders orientiert ist, als die
übrigen Zeichen einer Übertragungsneurose, so daß ihr die
sonst gewöhnliche „Wechselwirkung der Symptome" nichts
anhaben kann. Der Annahme Freuds von der heterogenen
(organischen) Natur dieses Symptoms verlieh diese Sonder-
stellung des Tic unter den neurotischen Erscheinungen eine
starke Stütze.
Ganz andersartige Beobachtungen halfen mir dann hier um
einen Schritt weiter. Ein Patient (hartnäckiger Onanist) hörte
während der Analyse überhaupt nicht auf, gewisse stereotype
Bewegungen auszuführen. Gewöhnlich mußte er, oft mehrmals
in der Minute, seinen Rock an der Taille glätten; zwischen-
durch überzeugte er sich durch Streicheln des Kinnes von der
Glätte der Gesichtshaut oder betrachtete mit Wohlgefallen
seine immer glänzend lackierten oder gewichsten Schuhe. Auch
sein psychisches Verhalten: seine Süffisance, seine gezierte,
immer in Perioden gesetzte Rede, deren entzücktester Zuhörer
13*
196 S. Ferenczi
er selber war, kennzeichnete ihn als einen in sich selbst
glücklich verliebten Narzißten, der — den Frauen gegenüber
impotent — in der Onanie die ihm entsprechendste Befrie-
digungsart fand. Er kam auch nur auf die Bitte einer Ver-
wandten in die Kur und entzog sich ihr fluchtartig, sobald sich
die ersten Schwierigkeiten ergaben.
Mag aber unsere Bekanntschaft noch so kurz gewesen sein,
sie machte einen gewissen Eindruck auf mich. Ich fing an,
mich mit der Idee zu beschäftigen, ob die eben erwähnte
„Andersorientierung" der Tics nicht davon herrührt, daß sie
eigentlich narzißtische Krankheitszeichen sind, die an die
Symptome einer Übertragungsneurose höchstens angelötet sein,
sich aber mit ihnen nicht verschmelzen können. Ich sah
dabei von dem Unterschiede zwischen Stereotypie und Tic,
der von vielen Autoren stark betont wird, ab. Ich sah und
sehe im „ Tic nichts als eine mit blitzartiger Raschheit
ablaufende, gleichsam komprimierte, oft nur symbolisch
angedeutete Stereotypie. Die weiteren Betrachtungen werden
uns die Tics als Abkömmlinge stereotyper Handlungen zeigen.
Jedenfalls begann ich Tiqueurs, die ich im Leben, in der
Ordination oder in der Kur zu sehen bekam, in bezug auf
ihren Narzißmus zu beobachten, erinnerte mich auch einiger
schwerer Fälle von Tic, die ich in meiner voranalytischen
Praxis kennen gelernt hatte, und mußte staunen über die Fülle
von Bestätigung, die mir von allen diesen Seiten zuströmte.
Einer der ersten, den ich kurz nach obiger Beobachtung zu
Gesichte bekam, war ein junger Mann mit sehr häufiger
Zuckung der Gesichts- und Halsmuskeln. Ich sah vom Nachbar-
tische zu, wie er sich in einem Restaurant gebärdete. Jeden
Moment hüstelte er, richtete seine Manschetten, bis sie voll-
kommen korrekt, mit den Knöpfen nach abwärts standen, korri-
gierte mit der Hand oder mittels einer Kopfbewegung die
Psychoanalytis che Betrachtungen über den Tic 197
Stellung des steifen Hemdkragens oder machte die bei so
Tielen Tic-Kranken zu beobachtende Bewegung, als wollte er
seinen Körper von beengenden Kleidungsstücken befreien. Tat-
sache ist, daß er nicht aufhörte, wenn auch unbewußt, einen
großen Teil der Aufmerksamkeit seinem eigenen Körper,
bzw. der Kleidung zuzuwenden, auch wenn er bewußt ganz
andersartig beschäftigt war, z. B, aß oder die Zeitung las. Ich
mußte bei ihm eine ausgesprochene Hypersensibilität,
eine Unfähigkeit, Körperreize ohne Abwehr-
reaktion zu ertragen, annehmen. Diese Vermutung
wurde mir zur Gewißheit, als ich zu meiner Verwunderung
zusah, wie der sonst so wohlerzogene und den besten Gesell-
schaftskreisen angehörende junge Mann unmittelbar nach dem
Essen einen kleinen Taschenspiegel zur Hand nahm und vor
allen Anwesenden anfing, die zwischen den Zähnen stecken-
gebliebenen Speisereste mit einem Zahnstocher, und zwar
immer unter der Leitung des Spiegelchens, gewissenhaft zu
entfernen; er ruhte nicht, bis er alle — wie ich bestätigen
kann, wohlgepflegten — Zähne gereinigt hatte, was ihn sicht-
lich beruhigte.
Nun, wir wissen alle, daß zwischen den Zähnen stecken-
gebliebene Speisereste unter Umständen besonders störend sein
können; ein solch gründliches, unaufschiebbares Reinigen aller
32 Zähne erforderte aber eine nähere Erklärung. Ich erinnerte
mich einer eigenen, bei einer früheren Gelegenheit geäußerten
Ansicht über die Entstehungsbedingungen der Pathoneu-
rosen, 1 resp. des „Krankheitsnarzißmus", Die drei dort
angeführten Bedingungen, unter denen es zur Fixierung der
Libido an einzelne Organe kommen kann, sind: 1) Lebens-
gefährlichkeit oder Bedrohlichkeit eines Traumas, 2) Verletzung
eines schon von vornherein stark libid obesetzten Körperteiles
1) S. „Hysterie und Pathoneurosen", Int. PsA. Bibl., Nr. 2, S. 9.
198 S. Ferenczi
(einer erogenen Zone), und 3) konstitutioneller Nar-
zißmus, bei dem die kleinste Verletzung eines
Körperteiles das ganze Ich trifft. Diese letztere Even-
tualität paßte nun sehr gut zur Annahme, daß die Über-
empfindlichkeit der Tic-Kranken, ihre Unfähigkeit, einen sen-
siblen Reiz ohne Abwehr zu ertragen, auch das Motiv ihrer
motorischen Äußerungen, eben der Tics und der Stereotypien
selbst, sein dürfte, die Hyperästhesie selbst aber, die lokalisiert
oder generalisiert sein kann, nur die Äußerung des Narzißmus,
der starken Bindung der Libido an die eigene Person, an den
eigenen Körper oder einen Körperteil, das heißt der „Organ-
libido Stauung". In diesem Sinne käme dann auch Freuds
Ansicht von der „organischen" Natur der Tics zu ihrem Rechte,
wenn es auch vorerst offen gelassen werden mußte, ob die
Libido an die Organe selbst oder an ihre psychische Repräsen-
tanz gebunden ist.
Nachdem einmal die Aufmerksamkeit auf die organisch-
narzißtische Natur der Tics gelenkt war, erinnerte ich mich
auch einiger schwerer Fälle von Tic, die man nach dem Vor-
schlage von Gilles de la Tourette als maladie des tics
zu bezeichnen pflegt. 1 ?
Es sind das progressive, allmählich fast den ganzen Körper
befallende Muskelzuckungen, die sich später mit Echolalie und
Koprolalie kombinieren und in Demenz übergehen
können. Diese häufige Komplikation der Tics mit einer
xax' ^ox^V narzißtischen Psychose sprach sicherlich nicht gegen
die Annahme, daß auch die motorischen Erscheinungen der
minder schweren, nicht in Demenz ausartenden Falle von
Zuckungskrankheit der narzißtischen Fixierung ihr Entstehen
1) Gilles de la Tourette, „Etudes sur une affection nerve use,
caracterisee par l'incoordination motrice, et accompagnee d'6cholalie et
coprolalie", 1885, Arch. de Neurologie.
Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 199
verdanken. Der letzte schwere Fall von Tic, den ich kannte,
betraf einen jungen Mann, der infolge seiner psychischen Über-
empfindlichkeit vollkommen leistungsunfähig blieb und nach
einer vermeintlichen Verletzung seiner Ehre sich erschoß.
Der Tic wird in den meisten psychiatrischen Lehrbüchern
als „Degenerationssymptom", als ein — oft familiär auftreten-
des — Anzeichen der psychopathischen Konstitution beschrieben.
Wir wissen, eine verhältnismäßig wie große Zahl der Paranoiker
und der Schizophrenen auch an Tics leidet. All das schien mir
die Vermutung von der gemeinsamen Wurzel dieser Psychosen
und der Tic-Krankheit zu unterstützen. Doch eine festere
Unterlage erhielt diese Theorie, als ich die psychiatrischen und
besonders die psychoanalytischen Erfahrungen über Katatonie
zum Vergleich mit den Hauptsymptomen der Tic-Krankheit
heranzog.
Die Neigung zur Echolalie und Echopraxie, zu Stereotypien
und grimassierenden Bewegungen, zur Maniriertheit, ist beiden
Zuständen gemeinsam. Psychoanalytische Erfahrungen bei Kata-
tonikern ließen mich vor längerer Zeit in den absonderlichen
Handlungen und Stellungen den Abwehrkampf gegen lokale
(organische) Libidostauungen vermuten. Ein sehr intelligenter
Katatoniker mit scharfer Selbstbeobachtungsfahigkeit sagte mir
selber, daß er eine bestimmte Turnbewegung immer wieder
ausführen muß, „um die Erektion des Darmes zu knicken". 1
Auch bei einem anderen Kranken mußte ich die zeitweise auf-
tretende Steifheit der einen oder der anderen Extremität, die
mit der Empfindung ihrer enormen Verlängerung verbunden
war, als verschobene Erektion, das heißt als Äußerung der
abnorm lokalisierten Organlibido deuten. Federn faßte die
Symptome der Katatonie überhaupt als „narzißtischen Rausch"
1) „Einige klinische Beobachtungen bei der Paranoia und Para-
phrenie." (S. Band II dieser Sammlung.)
200 S. Ferenczi
auf. 1 All das paßt aber sehr gut zur Hypothese der gemein-
samen konstitutionellen Grundlage der Tics und der Katatonie
und läßt die weitgehende Gemeinsamkeit ihrer Symptomatik
verstehen. Jedenfalls ist man versucht, das Hauptsymptom der
Katatonie, den Negativismus und die Steifheit, mit der unauf-
schiebbaren Abwehr jedes Außenreizes mittels einer zuckenden
Bewegung beim Tic in Analogie zu bringen und anzunehmen,
daß, wenn sich bei der maladie de Gilles de la Tourette
die Tics in Katatonie umwandeln, es sich nur um eine Perpe-
tuierung und Generalisierung einer beim Tic nur paroxysmatisch
auftretenden und noch partiellen Abwehrinnervation handelt.
Die tonische Starre würde sich hier also aus der Summation
unzähliger klonischer Abwehrzuckungen ergeben, die Katatonie
wäre nur die Steigerung der Kataklonie (des Tic).
Nicht unberücksichtigt durfte ich in diesem Zusammenhange
die Tatsache lassen, .daß die Tics, wie allgemein bekannt, sehr
oft im Anschlüsse an körperliche Erkrankungen oder Traumen
in loco morbi auftreten, z. B. Lidkrämpfe nach Abheilung
einer Blepharitis oder Konjunktivitis, Nasentics nach Katarrhen,
spezielle Bewegungen der Extremitäten nach schmerzhaften Ent-
zündungen. Ich mußte diesen Umstand mit der Theorie in
Zusammenhang bringen, daß sich an die Stelle einer patho-
logischen Körperveränderung (oder an ihre psychische Repräsen-
tanz) eine pathoneurotischeLibidosteigerung anzu-
heften pflegt. 2 Es lag nahe, die oft nur lokale Hyperästhesie der
Tic-Kranken in diesen Fällen auf eine „traumatische" Libido-
verschiebung zurückzuführen, die motorischen Äußerungen des
Tic aber — wie schon gesagt — auf Abwehrreaktionen gegen
die Reizung solcher Körperstellen.
1) Zitat nach Nunbergs Arbeit „Über den katatonischen Anfall",
Int. Zschr. f. Ps.A. VT (1920).
2) „Hysterie und Pathoneurosen", Int. Ps.A. BibL IT, S. 7.
Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 201
Als weitere Stütze der Annahme, daß die Tics etwas mit
dem Narzißmus zu tun nahen, führe ich die therapeutischen
Erfolge an, die man mit einer besonderen Übungsbehandlung
der Tics erzielen kann. Es sind dies systematische Innervations-
übungen, mit forcierter Ruhigstellung der zuckenden Körper-
partien, deren Erfolg viel bedeutender ist, wenn sich der
Patient während der Übungen im Spiegel kon-
trolliert. Die Autoren erklärten das damit, daß die Kontrolle
des Gesichtssinnes die zu den Übungen erforderliche Abstufung
der Hemmungsinnervationen erleichtert; mir aber schien es nach
dem oben Gesagten, daß hier außerdem (oder hauptsächlich) die
für den Narzißten abschreckende Wirkung der im Spiegel beobach-
teten Gesichts- und Körperverzerrungen als mächtige Förderin
der Heilungstendenz fungiert.
ii
Ich bin mir der Schwächen meiner bisherigen Beweisführung
vollkommen bewußt. Die Hypothese, die ich mir auf Grund von
recht spärlichen Beobachtungen, mehr spekulativ, sozusagen nur
zum eigenen Gebrauche zurechtbraute, hätte ich auch nicht
veröffentlicht, wäre ihr nicht von unerwarteter Seite eine Unter-
stützung zuteil geworden, die ihre Plausibilität wesentlich
erhöhte. Diese Hilfe verdanke ich der Lektüre eines besonders
aufschluß- und inhaltsreichen Buches über den Tic, in dem
auch die ganze Literatur des Gegenstandes aufgearbeitet ist:
„Der Tic, sein Wesen und seine Behandlung" von
Dr. Henry Meige und Dr. E. Feindel (aus dem Französi-
schen übersetzt von Dr. O. Giese, Leipzig und Wien 1905);
an den Inhalt dieses Buches möchte ich meine weiteren
Betrachtungen anknüpfen.
Die besondere Art der psychoanalytischen Praxis bringt es
mit sich, daß der Arzt, der sich ihr widmet, gewisse Arten von
202 S. Ferenczi
nervösen Störungen selten zu beobachten Gelegenheit hat, so
z. B. die „organischen" Neurosen (wie den M. Basedowii), die in
erster Linie physikalischer Behandlung bedürfen, sodann die
Psychosen, deren Behandlung nur in Anstalten möglich ist, und
die vielen Arten der „gemeinen Nervosität", die wir ob ihrer
Geringfügigkeit nicht zum Gegenstande einer so umständlichen
Psychotherapie zu machen pflegen.
In solchen Fällen ist man auf die Beobachtungen und
literarischen Mitteilungen anderer angewiesen, was an die eigene
Beobachtung sicher nicht heranreicht, aber wenigstens den
Vorteil hat, daß einem dabei der so beliebte Vorwurf der
parteiischen voreingenommenen Krankenbeobachtung, des Sug-
gerierens und Suggeriertwerdens erspart bleibt. Meige und
Feindel wußten kaum von der Breuer-Fr eud sehen
Katharsis etwas; wenigstens fehlen diese Namen in dem
Autorenregister ihres Buches. Zwar werden die „Studien über
Hysterie" an einer Stelle erwähnt, dies scheint aber nur eine
Einfügung des Übersetzers zu sein, der „einiger deutscher
Autoren, die von den französischen Autoren nicht berück-
sichtigt wurden . . . Erwähnung tun zu sollen" glaubte. Auch
stammt die Übersetzung aus einer so frühen Entwicklungszeit
der Psychoanalyse (aus dem Jahre 1903), daß die weitgehende
Übereinstimmung ihres Inhaltes mit den neuesten Erkenntnissen
der Psychoanalyse das Kriterium eines objektiven Arguments für
sich beanspruchen darf.
Die kurze, aber klassische Beschreibung der Tics durch
T r o u s s e a u lasse ich vorangehen. „Der schmerzlose Tic besteht
in momentanen, blitzartigen Zuckungen, die sich meist auf
eine kleine Anzahl von Muskeln, gewöhnlich die Gesichtsmuskeln,
beschränken, aber auch den Hals, den Rumpf, die Glieder
befallen können ... Bei dem einen ist er ein Blinzeln der
Lider, ein Zucken in den Wangen, den Nasenflügeln, den
Psydioanalytisdie Betrachtungen über den Tic 203
Lippen, die an Gesichterschneiden erinnern ; bei einem anderen
ist er ein Nicken mit dem Kopfe, eine plötzliche, oft sich
wiederholende Drehung des Halses, bei einem dritten ein Zucken
der Schultern, eine krampfhafte Bewegung der Bauchmuskeln
oder des Zwerchfells, kurz, es ist ein unendlicher Wechsel
bizarrer Bewegungen, die jeder Beschreibung spotten. In einigen
Fällen sind diese Tics von einem Schrei, einem mehr oder
weniger lauten Stimmgeräusch begleitet. Diese sehr charakteristi-
sche Kehlkopf- oder Zwerchfellchorea kann den ganzen Tic
ausmachen. Auch kommt eigentümlicher Hang, stets dasselbe
Wort, denselben Ausruf zu wiederholen, vor; und der Kranke
stößt sogar mit lauter Stimme Worte aus, die er lieber zurück-
halten möchte. Ä1
Von der Art, wie sich der Tic von einem Körperteil auf den
anderen verschiebt, gibt folgende Krankengeschichte Grassets
ein charakteristisches Bild: „Ein junges Mädchen hatte als Kind
Mund- und Augentics gehabt; mit 15 Jahren streckte sie einige
Monate lang das rechte Bein nach vorn, später war das Bein
gelähmt ; dann trat ein Pfeifen für einige Monate an Stelle der
Bewegungsstörungen. Ein Jahr lang stieß sie zeitweise den
heftigen Schrei ,ah* aus. Mit 18 Jahren endlich . . . bestanden
Grußbewegungen, Bewegungen des Kopfes nach hinten, Hoch-
ziehen der rechten Schulter usw." a
Diese Verschiebungen der Tics erfolgen oft ganz nach der
Art, wie sich die Zwangshandlungen vom Ursprüng-
lichen und Eigentlichen auf Entfernteres zu verschieben
pflegen, um schließlich auf Umwegen zu dem Verdrängten
zurückzukehren. Ein Patient von M. u. F. 3 nannte diese sekun-
dären Tics „Paratics" und erkannte gut ihren Charakter als
1) Meige und F e i n d e 1 (M. u. F.), op. cit., S. 29/30.
2) M. u. F., op. cit., S. 145.
3) M. uu F., op. cit., S. 8.
204 S. Ferenczi
Schutzmaßregeln gegen die primären Tics, bis sie dann selber
zu Tics werden.
Der Ausgangspunkt eines Tics kann eine hypochondrische
Selbstbeobachtung sein. „Eines Tages spürte ich . . , . ein
Krachen im Nacken" — erzählte ein Patient von M. u. F. —
„zunächst glaubte ich, es sei etwas gebrochen. Um mich zu ver-
gewissern, wiederholte ich die Bewegung ein-, zwei-, dreimal,
ohne das Krachen zu bemerken. Ich variierte sie auf tausen-
derlei Art, wiederholte sie immer stärker. Schließlich hatte ich
mein Krachen wieder und dies war mir ein wirkliches Ver-
gnügen . . . doch das Vergnügen wurde bald durch die Furcht,
irgend eine Verletzung erzeugt zuhaben, beeinträchtigt." „Noch
heute , . . kann ich der Lust nicht widerstehen, das Krachen
hervorzubringen, und ich vermag ein Gefühl der Unruhe nicht
zu überwinden, sobald es mir schließlich gelungen ist." 1 Den
bald lüsternen, bald ängstlichen Charakter dieser Sensationen
können wir getrost als pathologische Äußerung der Sexualität
des Patienten, speziell des hypochondrischen Narzißmus auf-
fassen; auch haben wir es hier mit dem relativ seltenen Fall
zu tun, wo der Patient die sensiblen Motive seiner stereotypen
Bewegungen fortwährend fühlt. In den meisten Fällen sind
diese Motive, wie wir sehen werden, keine aktuellen Sensa-
tionen, sondern unbewußt gewordene Re mi n i s-
zenzen an solche. — Charcot, Brissaud, Meige und
F e i n d e 1 gehören zu den wenigen Nervenärzten, die sich
nicht scheuten, hinzuhorchen, wenn der Patient von der
Entstehungsgeschichte seines Leidens erzählte. „Nur der Tic-
Kranke kann" — heißt es bei M. u. F. — „die Frage über
die Genese seiner Krankheit beantworten, wenn er auf oft
längst vergangene Ereignisse zurückgreift, die
seine motorische Reaktion zuerst ausgelöst
i) M. u. F., op. cit.
Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 205
haben." Dieser Einsicht entsprechend, ließen sich unsere
Autoren von ihren Patienten (allerdings nur mit Hilfe der
bewußten Erinnerung) die Anlässe reproduzieren, die am ersten
Auftreten ihrer Zuckungen usw. schuld waren. Wir sehen :
der Weg zur Entdeckung des Unbewußten und seiner Erforschung
durch die Psychoanalyse wäre auch von diesem Punkte aus
möglich gewesen. — Sie fanden oft körperliche Traumata als
letzte Erklärung, einen Zahnfleischabszeß als Ursache einer
inveterierten Grimasse, eine Nasenoperation als Motiv des
späteren Nasenrümpfens usw. Die Autoren erwähnen auch die
Char cot sehe Ansicht, derzufolge der Tic „nur scheinbar eine
körperliche Erkrankung ist, sie ist in Wirklichkeit eine
seelische" ... „das direkte Produkt einer Psychose — einer
Art hereditärer Psychose". 1
Meige und Feindel wissen auch sehr viel von
Charakterzügen der Tic-Kranken, die wir narzißtische
nennen würden, zu erzählen. Sie zitieren z. B. das Geständnis
eines Patienten: „Ich muß gestehen, daß ich von Eigenliebe
erfüllt und gegen Lob und Tadel äußerst empfindlich bin. Ich
suche Lobreden auf, ich leide grausam unter Gleichgültigkeit
und Spöttereien . . . , das Unerträglichste ist der Gedanke,
daß ich sehr lächerlich wirke und daß sich jedermann über
mich mokiert." 2 „An Leuten, denen ich auf der .Straße
begegne oder die ich in einem Omnibus treffe, meine ich
immer einen sonderbaren Blick zu erkennen, spöttisch oder
mitleidig, was mich beschämt oder reizt." Oder: „Zwei
Menschen wohnen in mir : der eine mit, der andere ohne Tic.
Der erstere ist der Sohn des zweiten, ein ungeratenes Kind, das
1) Einigen Abbruch tut der Genialität dieser Erkenntnis nur die
Tatsache, daß Meister G h a r c o t und seine Schüler Tics und Zwangs-
zustände oft in einen Topf warfen.
2) Op. cit., S. 20.
206 S. Ferenczi
seinem Vater große Sorgen macht. Dieser sollte es strafen,
aber meist vermag er es nicht. So bleibt er der Sklave der
Launen seines Geschöpfes."
Solche Geständnisse zeigen im Tic-Kranken das seelisch im
Infantilen steckengebliebene narzißtische Wesen, gegen das der
gesund entwickelte Teil der Persönlichkeit schwer aufkommen
kann. Das — dem Narzißmus entsprechende — Beherrschtsein
vom Lustprinzip ersehen wir aus folgendem Ausspruche: „Gut
macheich nur, was mir gefällt; was mich langweilt, mache
ich schlecht oder gar nicht." Wenn er einen Gedanken hat,
muß er ihn absolut von sich geben. Auch hört er nicht gerne
zu. — Weitere Äußerungen von Meige und Feindel über
die Infantilität der Tic-Kranken : „Bei allen Tic-Kranken steht
der Geisteszustand auf einer jüngeren Altersstufe, als es der
Wirklichkeit entspricht" (S. 88). „Jeder Tic-Kranke hat die
Seele eines Kindes" (ibid.). „Tic ist geistiger Infantilismus."
„Tic-Kranke sind große, schlecht erzogene Kinder, die gewohnt
sind, ihren Launen nachzugeben und nie gelernt haben, ihre
Willensakte zu zügeln" (S. 89). „Ein 19 Jahre alter Tiqueur
mußte von Mama zu Bett gebracht und wie ein Baby angezogen
werden. 1 Er zeigte auch körperliche Zeichen des Infantilismus."
— Die Unfähigkeit, einen Gedanken zurückzuhalten, ist das
rein psychische Pendant der Unerträglichkeit eines sensiblen
Reizes ohne sofortige Abwehraktion; das Reden ist eben die
motorische Reaktion, mit der die vorbewußte (gedankliche)
psychische Spannung abgeführt wird. In diesem Sinne können
wir der Ansicht Gharcots, daß es auch rein „psychische
1) Idioten (die ja in der Infantilität und damit im Narzißmus
stecken bleiben) haben bekanntlich sehr oft Tics und Stereotypien.
Das Balancieren und Rotieren des Kopfes (bei Idioten) vergleicht
N o i r mit „einer Art Wiegen, das den Kranken beruhigt und ein-
schläfert, das ihm überhaupt gefällt", . . , „es hat die gleiche Wirkung,
wie das wirkliche Wiegen des kleinen Kindes." (M. u. F., 1. cit., S. 275.)
Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 207
Tics" gibt, zustimmen. Es mehren sich also die Anzeichen,
die dafür sprechen, daß es beim Ticmeur die narzißtische
Überempfindlichkeit ist, die die • mangelhafte Fähigkeit zur
motorischen und psychischen Selbstbeherrschung verursacht.
Nebenbei ermöglicht diese Auffassung die Erklärung der Tat-
sache, daß im Tic die scheinbar so heterogenen Symptome der
motorischen Zuckung und der Koprolalie zu einem Krankheits-
bilde verlötet sind. Weitere, von diesem Standpunkte verständ-
liche Charakterzüge der Tic-Kranken, die von unseren Autoren
beschrieben werden, sind : leichte Anregbarkeit, leichte Ermüdbar-
keit, Aprosexie, Ablenkbarkeit und Ideenflucht, Neigung zu
Süchtigkeiten (Alkoholismus), Unfähigkeit, körperliche Schmerzen
oder Anstrengungen zu ertragen. Alle diese Züge lassen sich
unserer Ansicht nach zwanglos erklären, wenn wir — ent-
sprechend der Breuer sehen Zweiteilung der seelischen
Funktionen in die Tätigkeiten der Abfuhr und der Bindung
— bei den Tic-Kranken, eben infolge des gesteigerten oder
fixiert gebliebenen Narzißmus, die Neigung zur Abfuhr erhöht,
die Fähigkeit zur psychischen Bindung aber herabgesetzt denken.
Die Abfuhr ist eine archaischere Erledigungsart des Reiz-
zuwachses, sie steht dem physiologischen Reflex viel näher als
die, wenn auch noch so primitive Form der Beherrschung
(z. B. die Verdrängung) ; sie charakterisiert Tiere und Kinder.
Kein Zufall, daß die Autoren — ohne die tieferen Zusammen-
hänge zu ahnen — einfach aus den Mitteilungen ihrer Kranken
und den eigenen Beobachtungen feststellen, daß die Tic-
Kranken oft „wie Kinder sind", daß sie sich „innerlich jung"
fühlen, ihre Affekte nicht beherrschen können, daß Charakter-
züge, „die bei schlecht erzogenen Kindern so häufig sind, über
die aber bei normalen Menschen in späteren Jahren Vernunft
und Reflexion triumphieren, beim Tic-Kranken trotz
zunehmenden Alters bestehen bleiben, und das oft so sehr,
208 S. Ferenczi
daß sie in manchen Charakterzügen nichts als große Kinder
zu sein scheinen". 1
Besondere Beachtung verdient ihr „Bedürfnis nach Wider-
spruch und Widerstand", nicht nur, weil es als
psychisches Analogon der motorischen Abwehrhewegungen der
Tic-Kranken aufgefaßt werden kann, sondern weil es ein Licht
auf den Sinn des Negativismus der Schizophrenen
zu werfen geeignet ist. Wir wissen aus der Psychoanalyse, daß
der Paraphreniker seine Libido von der Außenwelt aufs eigene
Ich abgezogen hat; jeder Außenreiz — mag er physiologisch
oder psychisch sein — stört seine neue Einstellung, er ist also
nur zu bereit, sich jeder solchen Störung durch motorische
Flucht zu entziehen oder sie durch Verneinung und motorische
Abwehr abzulehnen. Die motorischen Äußerungen wollen wir
aber noch einer eingehenderen Behandlung unterziehen.
Von einer Reihe der Tics, resp. Stereotypien kann man
getrost annehmen, daß sie zumindest die Neben-, wenn nicht
die Hauptfunktionen haben, von Zeit zu Zeit einzelne Körper-
partien fühlen und beachten zu lassen, so das schon
erwähnte Streicheln der Taille, das Zerren und Richten an den
Kleidern, das Strecken des Halses, das Recken der Brüste (bei
Frauen), das Lecken und Beißen der Lippen, aber zum Teil
auch das grimassierende Verzerren des Gesichtes, das Saugen an
den Zähnen usw. Dies dürften Fälle sein, in denen der Tic
vom konstitutionellen Narzißmus herrührt, bei dem
schon unvermeidliche, banale äußere Reize das motorische
Symptom hervorrufen. Im Gegensatz dazu stehen Fälle, in
denen man von p athoneuro tischen Tics reden könnte,
von abnormer Libidobesetzung pathologisch oder traumatisch
veränderter Organe. Einige gute Beispiele liefert dazu unsere
Quelle:
Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 209
„Ein Mädchen beugt den Kopf auf die Schulter, um die
Schmerzen bei einem Zahnabszeß zu beruhigen, eine Bewegung,
die durch eine wirkliche Ursache hervorgerufen ist, eine völlig
beabsichtigte, überlegte Muskelreaktion, die zweifellos durch
Beteiligung der Hirnrinde zustande kommt. Die Kranke will
den Schmerz beruhigen, dadurch, daß sie die Wange drückt
und erwärmt. Der Abszeß dauert fort, die Geste wiederholt
sich immer weniger mit Absicht, immer mehr gewohnheits-
gemäß, schließlich automatisch. Aber sie hat noch Ursache
und Zweck. Bis jetzt ist nichts Abnormes daran. Nun ist der
Abszeß geheilt, der Schmerz ist fort. Doch das Mädchen fährt
fort, ihren Kopf auf Augenblicke auf die Schulter zu beugen.
Was ist jetzt der Grund dieser Bewegung? Was ist ihr Zweck?
Beide sind verschwunden. Was ist also dieser ursprünglich
beabsichtigte, koordinierte, systematische Vorgang, der sich
heute nur noch automatisch, grund- und zwecklos wiederholt?
Das ist der Tic." 1 Natürlich ist an der Erklärung der Autoren
einiges auszusetzen. Da sie vom Unbewußt-Psychischen nichts
wissen, meinen sie, daß die Tics — im Gegensatz zur bewußten
Willenshandlung — ohne Beteiligung der Seele entstehen, und
da ihnen die Möglichkeit der Fixierung der Erinnerung an
ein Trauma und die Reproduktionstendenz aus dem Unbe-
wußten entgeht, halten sie die Bewegungen des Tiqueurs für
sinn- und zwecklos.
Dem Psychoanalytiker fällt selbstverständlich sofort die Ana-
logie der Entstehung dieses Tic mit der Entstehung eines
konversionshysterischen Symptoms im Sinne Breuers
und Freuds in die Augen. Beiden gemeinsam ist die Rück-
führbarkeit auf ein vielleicht schon vergessenes Trauma, dessen
Affekt beim traumatischen Anlaß selbst unvollkommen abge-
1) M. u. F., L cit, S. $5. S. auch die Bezeichnung für Tics;
„Erinnerungskrämpfe".
Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I ia
2,0 S. Ferenczi
fuhrt wurde; doch gibt es auch nicht unwesentliche Unter-
schiede zwischen beiden. Beim Hysterischen ist das körperliche
Symptom nur das Symbol einer seelischen Erschütterung
deren Affekt unterdrückt und deren Erinnerung verdrängt
wurde. Beim wirklichen Tic ist die organische Verletzung das
einzige Trauma, das aber - wie es scheint - nicht minder
geeignet ist, pathogene Erinnerungen zurückzulassen, als der
Seelenkonflikt der Hysterischen. (Jedenfalls spricht die relative
Unabhängigkeit der Tics von aktuellen pathologischen Ver-
änderungen und ihre Abhängigkeit von Erinnerungen an
so che dafür, daß die „Dauerveränderung", die nach einem
solchen Trauma zurückbleibt, nicht in die Peripherie, in das
Or gan selbst, sondern in die psychische Repräsentanz
dieses Organs verlegt werden muß.) Die Hysterie ist eine
Ubertragungsneurose, bei der die libidinöse Relation zum Objekt
(Person) verdrängt wurde und im Konversionssymptom gleich-
sam in autoerotischer Symbolisierung am eigenen
Korper wiederkehrt.* Beim Tic dagegen scheint sich hinter
dem Symptom überhaupt keine Objektrelation zu verstecken-
der wirkt die Erinnerung an das organische
Xrauma selbst pathogen.
Diese Differenz zwingt uns nebstbei, eine Komplikation in
das von Freud aufgestellte Schema über den Aufbau der
psychischen Systeme" einzufügen. Das Psychische ist in "den
einfachen Reflexbogen in der Form unbewußter, vorbewußter
und bewußter E r i n n er u n g s s y s t e m e (Er.-Systeme)
zwischen die afferenten (sensiblen) und efferenten (motorischen)
Apparate eingeschaltet. Nun nimmt schon Freud eine
Vielheit solcher Er.-Systeme an, die nach den ver-
schiedenen Prinzipien der zeitlichen, inhaltlichen, formale n
unÄ/e^ dn „Hysterie
Psychoanaly tische Betrachtungen über den Tic 211
oder affektiven Gemeinsamkeit orientiert sind. Was ich hier
hinzufügen möchte, ist die Annahme eines besonderen Er.-
Systems, das man „Icherinnerungssystem" nennen
müßte, und dem die Aufgabe zufiele, die eigenen körperlichen,
resp. seelischen Vorgänge fortwährend zu registrieren. Selbst-
verständlich wird dieses System beim konstitutionellen Narzißten
stärker entwickelt sein als beim Menschen mit vollentwickelter
Objektliebe, aber ein unerwartet starkes Trauma kann beim
Tic wie bei der traumatischen Neurose eine über-
starke Erinnerungsfixierung an die beim Trauma gerade ein-
genommene Haltung des eigenen Körpers zur Folge haben,
die so stark sein kann, daß sie die dauernde oder paroxysma-
tische Reproduktion jener Haltung provoziert. Die
gesteigerte Neigung der Tic-Kranken zur Selbstbeobachtung, zur
Achtung auf ihre endosomatischen und endopsychischen Sensa-
tionen, wird auch von M e i g e und F e i n d e 1 hervor-
gehoben. 1 Das „Icherinnerungssystem" gehört ebenso wie die
Systeme der Sacherinnerungen zum Teil dem Unbewußten an,
zum Teil ragt es ins Vbw oder ins Bw über. Zur Erklärung
der Symptombildung beim Tic müßte man einen Konflikt
1) L. cit. S. 5/6. Vgl. zu diesem Thema auch „Die Psychoanalyse
der Kriegsneurosen", Diskussion, gehalten auf dem V. Intern. PsA.
Kongreß in Budapest, Sept. 1918 (Int. PsA. Bibl., Nr. t), siehe auch:
„Über zwei Typen der Kriegshysterie« (in „Hysterie und Pathoneurosen",
Int. PsA. Bibl., Nr. 2). Den seelischen Unterschied zwischen der Art
wie die Hysteriker und wie die Narzißten die Erinnerung an denselben
Vorgang registrieren, mag die Anekdote von den zwei Kranken-
warterinnen illustrieren, die beim selben Kranken abwechselnd Nacht-
wache hielten. Die eine meldete frühmorgens dem Arzte, der Kranke
habe schlecht geschlafen, wäre unruhig gewesen, hätte soundso viel mal
Wasser verlangt usw. Die andere empfing den Arzt mit den Worten:
„Herr Doktor, was ich heute für eine schlechte Nacht hatte!" — Die
Neigung zum Autosymbolismus (Silber er) hat auch im Narzißmus
ihre Ursache.
212 S. Ferenczi
innerhalb des Ich (zwischen Ichkern und Narzißmus) und einen
der Verdrängung analogen Vorgang annehmen. 1
Die traumatischen Neurosen, deren Symptome wir als ein
Gemenge von narzißtischen und konversionshysterischen Er-
scheinungen auffassen mußten und deren Wesen wir mit
Freud im unvollkommen bewältigten, unterdrückten und
nachträglich, allmählich „abreagierten" Schreckaffekt finden,
zeigen nach alledem eine weitgehende Ähnlichkeit zu den
„pathoneurotischen" Tics; ein merkwürdiges Zusammentreffen
beider möchte ich aber noch besonders hervorheben. Fast alle
Beobachter der Kriegsneurosen erwähnen, daß Neurosen fast
nur nach Erschütterungen ohne stärkere Körperverletzungen
(Verwundungen) vorkommen. Die diese Erschütterung kom-
plizierende Verwundung schafft für den Schreckaffekt eine ent-
sprechende Abfuhr und einen günstigeren Fall der Libido-
verteilung im Organismus. Dies führte nun Freud zu der
Hypothese, daß eine nachträgliche, schwere Körperverletzung
(z. B. ein Knochenbruch) die Besserung der traumatisch-neu-
rotischen Symptome nach sich ziehen müßte. Man vergleiche
nun damit die folgende Krankengeschichte. 2 „Bei dem jungen
M . . ,, der an Tics des Gesichtes und des Kopfes litt, hörten
die Tics, als er sich den Unterschenkel gebrochen hatte, für
die ganze Zeit der Fixation seines Beines auf." Die Autoren
denken sich, daß dies der Ablenkung der Aufmerksamkeit
zuzuschreiben ist; nach unserer Vermutung auch der Ablenkung
der Libido. Auch daß die Tics bei „wichtigen Geschäften",
bei „Beschäftigung mit Dingen, die stark interessieren", nach-
lassen können, 3 läßt beide Erklärungen zu.
1) Wir kennen also bereits Fälle von Konflikten zwischen Ich und
Libido, von Konflikten innerhalb des Ichs und innerhalb der Libido.
2) M. u. F., 1. cit., S. 111.
5) L. cit., S. 12.
Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 213
Daß die Tics im Schlafe vollkommen aufhören, ist beim
vollen Sieg des narzißtischen Schlafwunsches und der vollen
Entleerung aller Systeme von der Besetzung verständlich, aber
für die Entscheidung der Frage, ob die Tics rein psychogen
oder somatogen sind, unwesentlich. Interkurrente organische
Krankheiten, Schwangerschaft und Wochenbett, steigern die
Tics ; dies spricht sicherlich nicht gegen ihre narzißtische Genese.
m
Nun möchte ich die Haupterscheinungen der Tics : das
motorische Symptom und die Dyspraxien (Echolalie,
Koprolalie, Imitationssucht), gestützt auf die wenigen eigenen
Beobachtungen und auf die vielen Angaben von Meige und
Feindel, einer etwas eingehenderen Betrachtung unterziehen.
Diese Autoren wollen die Bezeichnung „Tic" nur auf
Zustände anwenden, die zwei wesentliche Elemente erkennen
lassen : das psychische und das motorische (das heißt das psycho-
motorische). Es laßt sich gegen diese Einschränkung des
Begriffes „Tic" nichts einwenden, doch glauben wir, daß es
für das Verständnis des Zustandsbildes förderlich ist, wenn man
sich nicht nur auf die typischen Zustände beschränkt, sondern
auch rein psychische, ja auch sensible Störungen,
wenn sie ihrem Wesen nach mit den typischen Fällen überein-
stimmen, zu dieser Krankheit rechnet. Daß sensible Störungen
als Motive ticartiger Zuckungen und Handlungen von
Bedeutung sind, erwähnten wir bereits ; über die Art dieser
Wirkung müssen wir uns aber noch Klarheit verschaffen. Ich
verweise hier auf eine bedeutsame Arbeit Freuds, über „Die
Verdrängung" (Ges. Sehr., Bd. V), wo er folgendes ausführt:
„Wenn sich ein äußerer Reiz, z. B. dadurch, daß er ein Organ
anätzt und zerstört, verinnerlicht und so eine neue Quelle
beständiger Erregung und Spannungsvermehrung ergibt . . .,
214 S. Ferenczi
so erwirbt sie . . . eine weitgehende Ähnlichkeit mit einem
Trieb. Wir wissen, daß wir diesen Fall als Schmerz empfinden."
Was hier vom aktuellen Schmerz gesagt wird, muß im
Falle der Tics auf die Schmerzerinnerungen ausgedehnt
werden. Das heißt: bei überempfindlichen Personen (mit
narzißtischer Konstitution) , bei der Verletzung stark libido-
besetzter Körperteile (erogener Zonen) oder unter anderen, noch
unbekannten Verhältnissen bildet sich im „Icherinnerungs-
system" (oder in einem speziellen Organerinnerungssystem)
ein Triebreizdepot, aus dem auch nach Verschwinden
aller Folgen der äußeren Schädigung unlustvolle Erregung
der inneren Wahrnehmung zuströmen will. Eine besondere
Art, der Erledigung dieser Erregung ist nun die, daß
ihr ein direktes Abströmen in die Motilität gestattet wird.
Welche Muskeln dabei in Bewegung gesetzt und welche Hand-
lungen ausgeführt werden, ist natürlich nicht zufällig. Wenn
man die besonders instruktiven Fälle von „pathoneurotischen"
Tics zum Vorbild aller anderen Arten nimmt, so kann man
behaupten, daß der Tiqueur immer solche Bewegungen (oder
deren symbolische Rudimente) ausführt, die seinerzeit, zur Zeit,
wo die äußere Störung aktuell war, das Leiden abzuwehren
oder zu lindern geeignet waren. Wir sehen also bei dieser Art
Tics einen neuen Trieb gleichsam in statu
nascendi, der die volle Bestätigung dessen liefert, was uns
Freud von der Entstehung der Triebe überhaupt lehrte. Jeder
Trieb ist nach Freud die durch Vererbung überlieferte
„organisierte" Anpassungsreaktion an eine äußere Störung, die
dann auch ohne äußeren Anlaß, von innen heraus, oder auf
geringfügige Signale der Außenwelt hin in Gang gesetzt wird.
Der Arten, wie sich der Mensch eines Leidens erwehren
kann, gibt es verschiedene. Die einfachste ist wohl die, sich
dem Reize zu entziehen ; diesem entspricht eine Reihe von
Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 215
Tics, die als Fluch treflexe gedeutet zu werden verdienen ; als
Steigerung dieser Reaktionsart kann man den generellen
Negativismus der Katatoniker ansehen. Kompliziertere Tics wieder-
holen die aktive Abwehr eines störenden Außenreizes; eine
dritte Form wendet sich gegen die eigene Person.
Als Beispiel dieser letzteren Art erwähne ich die so verbreiteten
Kratz-Tics und den Tic, sich selber Schmerzen zuzufügen,
deren schizophrene Steigerung die Neigung zur Selbst-
verstümmlung ist.
Einen instruktiveren Fall berichtet uns die Monographie von
Meige und Feindel. „Der Patient hatte einen Bleistift,
einen hölzernen Federhalter nie länger als 24 Stunden ; dann
war er von Anfang bis zum Ende zernagt. Ebenso war es mit
den Griffen der Stöcke und Schirme; er verbrauchte außer-
ordentlich viel davon. Um diesem Übelstande abzuhelfen, verfiel
er auf die Idee, Federhalter von Metall und Stockknöpfe von
Silber zu benützen. Das Resultat war ein klägliches ; er biß
nur noch mehr hinein, und da er dem Eisen und Silber nichts
anhaben konnte, brach er sich bald alle Zähne aus.
Ein kleiner Abszeß kam hinzu und der Reiz, den der Schmerz
mit sich brachte, wurde zur Quelle neuen Unheils. ... Er
nahm die Gewohnheit an, seine Zähne mit den Fingern, den
Federhaltern oder dem Stocke zu lockern; er mußte sich nach
und nach alle Schneidezähne ausziehen lassen, dann die Eck-
zähne, schließlich die vorderen Mahlzähne. Nun ließ er sich
ein Gebiß machen ; ein neuer Vorwand zum Tic ! Mit seiner
Zunge, seinen Lippen verschiebt er fortwährend das Instrument,
rückt es nach vorn und hinten, nach rechts und links, dreht
es im Munde um, auf die Gefahr hin, es zu verschlucken."
Er erzählt selber: „Zuweilen kommt mich die Lust an, das
Gebiß herauszunehmen . . ., ich suche mir die nichtigsten Vor-
wände, um allein zu sein, nur für einen Augenblick, dann
216 S. Ferenczi
nehme ich die Prothese heraus, schiebe sie aber gleich wieder
hinein, mein Wunsch ist befriedigt."
„Er hat auch einen quälenden Kratz-Tic. Bei jeder Gelegen-
heit fährt er mit der Hand übers Gesicht oder kratzt mit
seinen Fingern an der Nase, dem Augenwinkel, dem Ohr, der
Backe usw. Bald streicht er hastig mit der Hand über die
Haare, bald dreht, zupft, reißt er am Schnurrbart, der manchmal
wie mit der Schere abgeschnitten aussieht."
Oder in einem Falle von D u b o i s : „Ein 2ojähriges Mädchen
stößt mit dem Ellbogen nach ihrer Brust, den Vorderarm gegen
den Oberarm gebeugt; sie stößt 15- bis 2omal in der Minute
und sie tut es so lange, bis der Ellbogen sehr stark das Fisch-
bein des Mieders berührt hat. Dieser heftigste Stoß ist von
einem kleinen Schrei begleitet. Die Kranke scheint erst dann
Befriedigung von ihrem Tic zu haben, wenn sie diesen letzten
Stoß ausgeführt hat."
Über den Zusammenhang ähnlicher Symptome mit der Onanie
will ich mich später äußern. Hier möchte ich nur auf die
Analogie der dritten Art der motorischen Abfuhr (der „Wen-
dung gegen die eigene Person", Freud) mit einer bei
gewissen niederen Tieren vorkommenden Reaktionsart hinweisen.
Diese haben die Fähigkeit zur „Autotomie". Werden bei
ihnen Körperteile schmerzhaft gereizt, so lassen sie die betroffene
Partie im wahren Sinne des Wortes „fallen", indem sie sie
vom übrigen Körper mit Hilfe spezieller Muskelaktionen ab-
schnüren; andere (wie gewisse Würmer) zerfallen sogar in
mehrere kleinere Partien (sie „zerspringen" gleichsam vor Wut).
Auch das Abbeißen schmerzender Gliedmaßen soll vorkommen.
Eine ähnliche Tendenz zur Loslösung unlustspendender Körper-
teile äußert sich wohl im normalen „Kratzreflex", der das
Wegkratzenwollen der gereizten Hautpartie sichtlich andeutet,
in den Selbstverstümmlungstendenzen der Katatoniker und in
Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 217
den solche Tendenzen symbolisierenden automatischen Hand-
lungen mancher Tic-Kranken; nur daß letztere nicht gegen
aktuell störende Reize ankämpfen, sondern gegen einen ins
„Ich-Er. -System" (Organ-Er. -System) detachierten Triebreiz. Wie
ich nun eingangs auseinandersetzte und bereits bei früheren
Anlässen betonte, 1 glaube ich, daß zumindest ein Teil dieses
Reizzuwachses auf die, die Verletzung begleitende lokale (oder
an die entsprechenden Fühlsphären gebundene) Libidosteigerung
zurückzuführen ist. (Der Psychoanalytiker wird die aktive
Abwehrreaktion unweigerlich mit Sadismus, die Selbst-
beschädigung mit Masochismus in Zusammenhang bringen ;
in der „Autotomie" hätten wir so ein archaisches Vorbild der
masochistischen Triebkomponente.) Bekanntlich entbindet eine
die Fassungskraft des Ichkerns übersteigende Libidosteigerung
Unlust; unerträgliche Libido wird in Angst umgewandelt.
M e i g e und F e i n d e 1 beschreiben nun als ein Kardinal-
symptom der ticartigen Zuckung, daß ihre aktive oder passive
Unterdrückung Angstreaktion hervorruft und daß nach
Aufhören der Hemmung oder des Hindernisses die
Bewegungen mit allen Anzeichen der Lust krampf-
haft vollführt werden.
Rein deskriptiv kann mar die Neigung zur Reizabschüttlung
mittels einer Muskelzuckung oder die Unfähigkeit zur Hem-
mung der motorischen (oder affektiven) Abfuhr mit gewissen
Temperamenten in Vergleich setzen, die man in wissen-
schaftlichen Kreisen mit dem Namen „motorischer Typus"
belegt. 2
1) „Hysterie und Pathoneurosen", 1. cit., S. 7.
2) Der unhemmbare Drang zum Tanzen beim Klange rhythmischer
Musik (Zauberflöte !) gibt ein anschauliches Bild von der Art, wie ein
sensorischer, hier akustischer Reizzuwachs durch sofortige motorische
Abfuhr erledigt wird.
218 S. Ferenczi
Der Tic-Kranke reagiert darum überstark, weil er durch
innere Triebreize bereits belastet ist; es ist nicht unmöglich,
daß ähnliches auch bei den genannten „Temperamenten" in
irgend einem Sinne der Fall ist. Jedenfalls müssen wir die
Tics zu jenen Fällen rechnen, in denen die normalerweise vom
Vbw beherrschte Motilität und Affektivität ungewollten und
zum Teil unbewußten, wie wir vermuten „organerotischen"
Triebkräften in hohem Grade unterworfen sind, was sonst
bekanntlich nur bei den Psychosen vorzukommen pflegt. Ein
Grund mehr, um die gemeinsame (narzißtische) Grundlage der.
Tics und der meisten Psychosen glaubwürdig erscheinen zu
lassen.
Die Tic-Krankheit befällt die Kinder zumeist in der sexuellen
Latenz, wo diese übrigens auch zu anderen psychomotorischen
Störungen (z. B. zur Chorea) neigen. Sie kann verschiedene
Ausgänge haben, von Schwankungen abgesehen, stationär bleiben
oder progressiv zum Gilles de laTourette sehen Symptom-
komplex ausarten; nach einem Falle zu urteilen, den ich
psychoanalytisch durchschauen konnte, kann aber die motorische
Überreizbarkeit in späteren Jahren auch durch überstarke
Hemmung kompensiert werden. Es sind das Neurotiker, die
sich durch übermäßige Vorsicht, Abgemessenheit, Gewichtigkeit
ihrer Gangart und der Bewegungen auszeichnen. 1
Die Autoren geben an, daß es auch Haltungs-Tics
gibt, also nicht mehr blitzartige klonische Zuckungen, sondern
tonische Starre in einer bestimmten Stellung des Kopfes oder
einer Gliedmaße. Es ist nicht zu bezweifeln, daß diese Fälle
Übergänge sind zwischen der kataklonischen und der
katatonischen Innervation. Meige und Feindel sagen
selbst ausdrücklich: „Noch mehr nähert sich dieses
1) Über diese „Bewegungs angst" s. „Über obszöne Worte". (Dieser
Band, S. 171).
Psydioanalytisdie Betrachtungen über den Tic 219
Phänomen (der tonische oderHaltungs-Tic) den
katatonischen Haltungen, deren Pathogenese
manchenBerührungspunktmit der des Haltung s-
Tics bietet! (M. u. F., 1. cit., S. 136.) Hiezu ein charak-
teristisches Beispiel : S. hat einen Torticollis (Haltungs-Tic) nach
links. Allen Anstrengungen, die man macht, um seinen Kopf
nach rechts zu beugen, setzt er einen beträchtlichen Muskel-
widerstand entgegen. Wenn man aber mit ihm spricht, ihn
während dieser Versuche beschäftigt, so wird sein Kopf
allmählich ganz frei und man kann ihn nach allen Rich-
tungen ohne die geringsten Anstrengungen drehen, (M. u. F.,
1. cit, S. 136.)
Gegen das Ende des Buches stellt sich dann heraus, daß
einer der Autoren (H. Meige) sogar die Wes ensgleich-
heit der Katatonie und der Tics bereits erkannt hat. In einem
Vortrage am internationalen medizinischen Kongreß zu Madrid
(1903) teilte er diese Auffassung mit. („L'aptitude catatonique
et Vaptitude eckopraxique des tiqueurs") Der Übersetzer referiert
den Inhalt dieses Vortrages folgendermaßen:
„Untersucht man zahlreiche Tic-Kranke, so kann man
folgende Beobachtungen machen, die für die Pathogenese des
Leidens nicht ohne Interesse sind . . . Manche Tic-Kranke
neigen in auffallender Weise dazu, in Stellungen, die man ihren
Gliedern gibt oder die sie selbst einnehmen, zu beharren. Es
handelt sich also um eine gewisse Katatonie. Zuweilen ist
sie so stark, daß sie die Untersuchung der Sehnenreflexe
erschwert und in mehreren Fällen wurde dadurch ein Fehlen
der Patellarreflexe vorgetäuscht. In Wirklichkeit handelte es
sich um eine übertriebene Muskelanspannung, eine Steigerung
des Muskeltonus. Fordert man solche Kranke auf, einen Muskel
plötzlich zu entspannen, so gelingt ihnen das oft erst nach
ziemlich langer Zeit. Ferner kann man oft beobachten, daß
220 S. Ferenczi
Tic-Kranke häufig dazu neigen, passive Bewegungen ihrer
Glieder in übertriebener Weise zu wiederholen. Wenn man
z. B. ihre Arme mehrmals nacheinander bewegt hat, so kann
man sehen, daß die Bewegung hinterher noch eine Zeitlang
fortgesetzt wird. Solche Kranke bieten also das Symptom der
Echopraxie, neben dem der Katatonie, in entschieden
größerem Maße als Gesunde." (M. u. R, loc. cit., S. 386.)
Hier haben wir die Gelegenheit, uns mit einer vierten Art
der motorischen Reaktion, die beim Tic und bei der Kata-
tonie in gleicher Weise vorkommt, mit der Flexibilitas
cerea, zu beschäftigen. Die „wächserne Biegsamkeit" besteht
darin, daß jemand ohne den geringsten Muskel-
widerstand alle Stellungen, in die seine Gliedmaßen passiv
gebracht werden, längere Zeit einhält. Dieses Symptom kommt
bekanntlich auch in tiefer Hypnose vor.
Nun mußte ich bei einem anderen Anlaß, als ich mich um
die Erklärung der psychoanalytischen Gefügigkeit in der
Hypnose bemühte, 1 die willenlose Gefügigkeit des Hypnotisierten
auf Motive der Angst und der Liebe zurückführen. In der
„Vaterhypnose" leistet das Medium alles, was man von ihm fordert,
weil eshiedurchdervom gefürchteten Hypnotiseur drohenden Gefahr
zu entgehen hofft ; bei der „Mutterhypnose" tut es alles, um sich die
Liebe des Hypnotiseurs zu sichern. Sieht man sich nach Analogien
dieser Anpassungsart in der Tierwelt um, so stößt man auf das
Sichtotstellen gewisser Tierarten bei drohender Gefahr und
auf den Mimikry genannten Anpassungsmodus. Die „wäch-
serne Biegsamkeit", die „Katalepsie" der Katatoniker (und ihre
Andeutung beim Tic-Kranken) mag in ähnlichem Sinne
gedeutet werden. Dem Katatoniker ist eigentlich alles gleich-
gültig, sein Interesse und seine Libido sind aufs Ich zurück-
1) S. „Introjektion und Übertragung. II. Die Psychoanalyse der
Hypnose und Suggestion". (Dieser Band, S. 9.)
Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 221
gezogen; von der Außenwelt will er in Ruhe gelassen werden.
Trotz vollkommener automatischer Unterordnung unter jeden
ihm entgegenstehenden Willen ist er von den Störenfrieden
eigentlich innerlich unabhängig, ihm ist es ja gleichgültig, ob
sein Körper diese oder jene Stellung einnimmt, warum sollte
er also die ihm passiv gegebene Körperhaltung nicht bewahren ?
Flucht, Widerstand oder Wendung gegen sich selbst sind Reak-
tionsarten, die immerhin noch von einem ziemlich starken
affektiven Verhältnis zur Außenwelt zeugen. Erst in der Katalepsie
erreicht der Mensch jenen Grad von fakirenhafter Konzentration
auf das innerste Ich, bei dem sogar der eigene
Körper als etwas Ichfremdes, als ein Stück der Um-
welt empfunden wird, dessen Schicksal seinen Besitzer voll-
kommen kalt läßt. Katalepsie und Mimikry waren demnach
Regressionen zu einer noch viel primitiveren Anpassungsart
der Lebewesen, zur autoplastischen Anpassung (Anpassung
mittels Veränderung des eigenen Selbst), während Flucht
und Abwehr schon auf die V eränderung der Umwelt
abzielen. (Alloplastische Anpassung.) 1
Nach der Beschreibung in Kräpelins Lehrbuch der
Psychiatrie ist die Katatonie oft ein merkwürdiges Gemenge
von Symptomen des Befehlsautomatismus und des Negativismus
sowie von (tic-artigen) Bewegungen ; dies spricht dafür, daß in
einem und demselben Falle verschiedene Arten der motorischen
Anspannungsreaktion zu Worte kommen können. (Von den
stereotypen Bewegungen der Katatoniker, die wir als ticartige
bezeichnen würden, erwähnt K r ä p e li n u. a. : „Gesichter-
schneiden, Verdrehungen und Verrenkungen der Glieder, Auf-
und Niederspringen, Purzelbäume, Wälzen, Händeklatschen*
Herumrennen, Klettern und Tänzeln, Hervorbringen sinnloser
1) S. dazu „Hysterische Materialisationsphänomene" in „Hysterie und
Pathoneurosen". Int. PsA. Bibl., Heft 2, S. 24.
222 S. Ferenczi
Laute und Geräusche." Kräpelin, Lehrb. der Psychiatrie,
VI. Aufl., I. Bd.)
Beim Erklärungsversuch der Echopraxien und der Echolalie
bei Dementen und Tic-Kranken muß man aber auch auf feinere
Vorgänge der Ichpsychologie, auf die uns Freud aufmerksam
machte, Rücksicht nehmen. 1 „Die Entwicklung des Ich besteht
in einer Entfernung vom primären Narzißmus und erzeugt ein
intensives Streben, diesen wiederzugewinnen. Die Entfernung
geschieht mittels der Libidoverschiebung auf ein von außen
aufgenötigtes Ichideal, die Befriedigung durch die Erfüllung
dieses Ideals."
Nun scheint die Tatsache, daß der Demente und der Tiqueur
so starke Neigung haben, jeden in Wort und Handlung zu
imitieren, also gleichsam zum Identifikationsobjekt, zum Ideal
zu erheben, jtn Widerspruch mit der Behauptung zu stehen,
daß sie eigentlich auf die Stufe des primären Narzißmus zurück-
gefallen oder in ihr steckengeblieben sind. Doch ist dieser
Widerspruch nur ein scheinbarer. Gleichwie andere lärmende
Symptome der Schizophrenie, wollen diese übertriebenen
Äußerungen der Identifikationstendenz nur den Mangel
wirklichen Interesses verdecken; sie stehen — wie Freud sich
ausdrücken würde — im Dienste des Heilungsbestrebens, des
Strebens, das verlorene Ichideal wiederzugewinnen. Die Gleich-
gültigkeit aber, mit der hier jede Handlung, jede Rede ein-
fach imitiert wird, stempelt diese Identifizierungsverschiebungen
zur Karikatur des normalen Idealsuchens, sie wirken auch oft
im Sinne der Ironie. 3
1) Freud, „Zur Einführung des Narzißmus". (Ges. Sehr., Bd. VI.)
2) Daß die Nachahmung ein beliebtes Mittel der Ironisierung ist,
ist allgemein bekannt; das ärgerliche Gefühl beim Nachgeahmtwerden
zeigt an, daß sie diese Wirkung auch nicht verfehlt.
Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 223
M e i g e und F e i n d e 1 beschreiben Fälle, in denen auch
komplizierte Tic-Zeremoniells en bloc angenommen werden;
sie betonen besonders, daß viele Tiqueurs ein schauspielerisches
Wesen und die Neigung, jeden Bekannten nachzuahmen, zur
Schau tragen. Einer ihrer Patienten übernahm als Kind das
Augenzwinkern eines ihm besonders imponierenden Gendarmen.
Wie ein imposanter Mensch „sich räuspert und wie er spuckt",
das gucken ihm diese Kranken tatsächlich ab. Daß die Tics
unter Kindern förmlich ansteckend wirken können, ist allgemein
bekannt.
Die Gegensätze, die man im motorischen Verhalten der
Katatoniker und Katakloniker festgestellt hat, beschränken sich
bekanntlich nicht auf Muskelaktionen; sie finden auch in der
Rede des Patienten ihre vollkommene Parallele. Beim schizo-
phrenen Katatoniker wechseln vollständiger Mutazismus, un-
hemmbarer Redezwang und Echolalie miteinander ab; ersterer
ist ein Pendant der tonischen Muskelstarre, der zweite des
unhemmbaren motorischen Tics, der dritte der Echokinesis.
Den innigen Zusammenhang der Bewegungs- und der Rede-
störung zeigt uns besonders deutlich die sogenannte Koprolalie.
Die Kranken, die daran leiden, haben den Drang, Wort-
vorstellungen und Sätze erotischen, meist analerotischen Inhalts
(Flüche, obszöne Worte usw.), ohne jeden adäquaten Grund
laut auszusprechen. Dieses Symptom tritt besonders stark her-
vor, wenn der Tic-Kranke den motorischen Tic zu unter-
drücken versucht. 1 Die vorhin erwähnte „detachierte Trieb-
energie", wenn ihr die Abfuhr in die Motilität verlegt wird,
findet den Ausweg zu den „ideomotorischen", den Sprach-
1) Über die methodische Verwertung- der Bewegungsunterdrückung
zur Anregung von Denken und Reden s. „Technische Schwierigkeiten
einer Hysterieanalyse" in „Hysterie und Pathoneurosen", Int. Psa. Bihl.,
Bd. 2, S. 49.
Ji
224 S. Ferenczi
bewegungen. Daß aber gerade Reden erotischer, und zwar
„organerotischer" (perverser) Natur zur Äußerung kommen,
möchte ich mit der sogenannten „Organsprache" bei nar-
zißtischen Psychosen in Zusammenhang bringen. („Im Inhalt
der Äußerungen der Schizophrenen wird oft eine Beziehung zu
Körperorganen und Körperinnervationen in den Vordergrund
gerückt." Freud),
IV
So wertvoll uns die Beobachtungen der Autoren sind, so
wenig fördern uns die theoretischen Folgerungen, die sie aus
ihnen ziehen. Ihre Erklärungen beschränken sich meist darauf,
die Symptome auf gewisse nächste Ursachen (Anlässe) oder auf
„Prädisposition", auf „Degeneration" zurückzuführen. Wo der
Patient keine Erklärung für einen Tic geben kann, betrachten
sie ihn als „sinn- und zwecklos". Allzufrüh verlassen sie den
psychologischen Weg und verlieren sich in physiologisierender
Spekulation. Schließlich langen sie dort an, daß sie mit
Brissaud eine (angeborene oder durch den häufigen Gebrauch
erworbene) „Hypertrophie des Funktionszentrums im Gehirn"
des Tic-Kranken annehmen, das sie als „Zentralorgan der Tic-
Funktion" betrachten. Auch ihre Therapie ist darauf angelegt,
„diese Hypertrophie durch Prozeduren der Ruhigstellung rück-
gängig zu machen" . Meige und Feindel sprechen von
einer „kongenitalen Anomalie", von „mangel- und fehlerhafter
Entwicklung kortikaler Assoziationsbahnen und subkortikaler
Anastomosen" ; von „molekularen teratologischen Mißbildungen,
die zu erkennen unsere anatomischen Kenntnisse leider nicht
ausreichen". — Grasset 1 unterscheidet die bulbärspinalen,
die „polygonalen" und die im eigentlichen Sinne seelischen
Tics. Die ersteren scheiden Meige und Feindel (mit Recht)
1) Anatomie climqiie des centres nerveux, Paris 1900.
Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 225
aus der Reihe der Tics aus und weisen ihnen einen Platz unter
den „Krämpfen" an; „seelische" Tics sind die, die einem
bewußten psychomotorischen Drang ihr Entstehen verdanken;
als „polygonale" Tics bezeichnet Grasset alles, was wir
unbewußten seelischen Motiven zuzuschreiben pflegen. Auf
Grund eines nach dem bekannten Aphasieschema konstruierten
kortikalen Mechanismus, den er „Rindenpolygon" nennt, be-
schreibt er alle unbewußten und automatischen Tätigkeiten als
Funktionen des „Polygons". „Man träumt mit dem Polygon",
„die Zerstreuten handeln mit dem Polygon" usw. — Schließlich
entscheiden sich M e i g e und F e i n d e 1 zu folgender Definition
der Tics: „Es genügt nicht, daß eine Geste im Moment, wo
sie auftritt, unangebracht ist; es muß vielmehr sicher sein, daß
sie im Moment ihrer Ausführung mit keiner Vorstellung im
Zusammenhang steht, der sie ihre Entstehung verdankte . . .
Charakterisiert sich die Bewegung außerdem durch allzu häufige
Wiederholung, durch beständige Zwecklosigkeit, stürmisches
Drängen, Schwierigkeit im Unterdrücken und nachfolgende
Befriedigung, dann ist ein Tic da." An einer einzigen Stelle
sagen sie: „Wir befinden uns hier auf dem gefährlichen Gebiete
des Unterbewußtseins**, und hüten sich, dieses so gefürchtete
Terrain zu betreten.
Wir können ihnen aber daraus keinen Vorw r urf machen ; stak
doch damals die Lehre von den unbewußten seelischen Funk-
tionen noch fn den Kinderschuhen. Haben ja die Gelehrten
ihres Vaterlandes auch heute noch, nach fast drei Jahrzehnten
psychoanalytischer Arbeit, nicht den Mut, den Weg zu be-
schreiten, auf dem auch dieses „gefährliche Gebiet'* der For-
schung zugänglich wurde. Meige und Feindel hatten das
nicht zu unterschätzende Verdienst, als erste eine, wenn auch
unvollkommene, psychogenetische Theorie der traumatischen
Tics versucht zu haben.
Ferenczl, Bausteine zur Psychoanalyse I 15
226 S. Ferenczi
Da diese Autoren sich auf die bewußten Äußerungen und
Erzählungen ihrer Kranken verließen und ihnen keine Methode
zur Verfügung stand, das von den Patienten Gesagte zu deuten,
ist in ihren Erklärungen für die Sexualität gar kein Raum
übrig. Welche Fülle von — allerdings versteckten — erotischen
Geständnissen ihre Krankengeschichten enthalten, mögen Aus-
züge aus der ausführlichen Anamnese eines Tic-Kranken von
Meige und Feinde] illustrieren.
Derselbe Tic-Kranke, der sich, wie schon erzählt, fast alle
Zähne reißen ließ, hatte einen „Haltungs-Tic", er mußte das
Kinn hochhalten. Er geriet nun auf die Idee, das Kinn an den
Knopf seines Spazierstockes anzudrücken; dann variierte
er das so, daß er „den Stock zwischen seinen Anzug
und den zugeknöpften Überzieher steckte, so daß
i m Krageneinschnitt der Stockknopf erschien,
auf dem das Kinn einen Stützpunkt fand. Später suchte der
Kopf ohne Stock immer eine Stütze, ohne die er hin und her
oszillierte. Schließlich mußte er die Nase an die Stuhllehne
stützen, wenn er ruhig lesen wollte". Welche Zeremonien er
außerdem aufzuführen imstande war, möge seine eigene Er-
zählung verdeutlichen:
„Anfangs trug ich Kragen von mittlerer Höhe, aber zu eng,
um mein Kinn hineinzustecken. Dann knöpfte ich das Hemd
auf und ließ das Kinn in den offenen Kragen gleiten, indem
ich den Kopf stark neigte. Für einige Tage war die Wirkung
befriedigend, aber der aufgeknöpfte Kragen bot nicht Wider-
stand genug. Nun kaufte ich viel höhere Kragen, wirkliche
Halskrawatten, in die ich mein Kinn hineinzwängte, so daß
ich es weder nach rechts noch nach links drehen konnte.
Dies war vollkommen, — aber nur für kurze Zeit, Denn so steif
sie auch sein mochten, die Kragen gaben schließlich immer nach
und boten nach ein paar Stunden einen kläglichen Anblick."
_^ Psydioanalytisdi e Betraditungen über den Tic 227
.Jch mußte etwas anderes erfinden, und jetzt kam mir fol-
gende abgeschmackte Idee: An den Hosenträgerknöpfen
befestigte ich einen Faden, der unter der Weste
durchführte und oben in ein kleines Elfenbein-
plättchen auslief, das ich zwischen die Zähne
nahm. Die Länge des Fadens war so berechnet, daß ich den
Kopf neigen mußte, um das Plättchen erreichen zu können.
Ein ausgezeichneter Trick ! — aber immer nur für kurze Zeit,
denn abgesehen davon, daß diese Haltung ebenso unbequem
wie lächerlich war, erhielt meine Hose durch das viele
Ziehen daran eine wirklich groteske und sehr
genante Fasson. Ich mußte auf diese schöne Erfindung
verzichten. Indessen habe ich immer eine Vorliebe für dieses
Prinzip bewahrt, und noch heute passiert mirs oft auf der Straße,
daß ich den Kragen meines Rockes oder Überziehers zwischen
die Zähne nehme und so spazieren gehe. Mehr als einen
Besatz habe ich so zernagt. Zu Hause mache ich es anders: Ich
entledige mich schleunigst der Krawatte, knöpfe den Hemd-
kragen auf und nehme diesen zum Hineinbeißen.'' Infolge der
gehobenen Haltung des Kinns sah er beim Gehen die Füße
nicht mehr. ,,Und so muß ich beim Gehen achtgeben, weil ich
nicht sehe, wo ich hintrete. Ich weiß wohl, daß ich, um dieser
Unbequemlichkeit abzuhelfen, nur die Augen oder den Kopf zu
neigen brauche, aber das bringe ich gerade nicht fertig."
„Eine gewisse Aversion, hinunterzublicken", besteht beim
Patienten immer noch. Den Patienten geniert auch ein
„Schulterkrachen", „analog der willkürlichen Subluxation des
Daumens - oder der eigentümlichen Geräusche, die manche
Personen zur Unterhaltung anderer 'erzeugen können". Er pro-
duziert es auch als „kleines gesellschaftliches Talent". So lange
er in Gesellschaft ist, unterdrückt er seine Absonderlichkeiten,
weil er sich vor anderen geniert, doch „sobald er allein ist,
228 S. Ferenczi
laßt er sie nach Herzenslust gehen". „Dann sind alle seine
Tics entfesselt, es ist ein förmliches Schwelgen in absurden
Bewegungen, ein motorisches Austoben, das den Kranken
erleichtert. Er kommt zurück und nimmt die unterbrochene
Konversation wieder auf."
Noch grotesker sind seine Schlafzeremoniells. „Das
Reiben seines Kopfes am Kopfkissen bringt ihn zur Ver-
zweiflung j er dreht sich nach allen Richtungen, um dies zu
vermeiden j . . . schließlich hat er sich eine merkwürdige Lage
gewählt, die ihm zur Vermeidung seiner Tics am wirksamsten
zu sein scheint: er liegt auf der Seite, ganz am Rande des
Bettes, und läßt den Kopf zum Bette hinaushängen."
Bevor wir auf die psychoanalytische Deutung dieser Kranken-
geschichte eingehen, müssen wir leider dem Zweifel Ausdruck
verleihen, ob es sich in diesem Falle um einen wirklichen Tic
oder um eine schwere Zwangsneurose handelte. Die
Unterscheidung zwischen den Zeremoniells der Zwangskranken,
den Pedanterien und Absonderlichkeiten bei leichterer Form
der Katatonie und den Schutzmaßregeln gegen einen quälenden
Tic sind in manchen Fällen schwer zu treffen, oft nur nach
mehrwöchiger oder noch längerer Analyse. 1 Auch waren die
Tics in Frankreich längere Zeit hindurch ein ebensolcher
Sammeltopf für die heterogensten neurotischen Zustände wie
etwa am Anfang des vorigen Jahrhunderts die vapeurs oder
heutzutage die Psychasthenien. Dieser Zweifel verbietet uns,
die in dieser Krankengeschichte nur so wimmelnde Penis-,
Onanie- und Kastrationssymbolik in der Patho-
genese der Tics überhaupt zu verwerten. (Kopf, Nase,
Erschlaffung der Halsmuskeln, steifer Kragen, Krawatte, Spazier-
stock, der Stock zwischen Hose und Mund gesteckt, Stockknopf
im Munde, Zahnreizsymbolik, Zahnextraktionen, Kopf hangen
1) Über diese differentielle Schwierigkeit siehe weiter unten.
Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 22Q
lassen usw.) Glücklicherweise sind wir diesbezüglich nicht auf
ein einziges Beispiel angewiesen. Ein Fall, den ich analytisch
genau durchforscht habe, 1 zeigt mir ganz deutlich, wie die
onanistische und überhaupt die Genitalbetätigung und die
erotische Reizbarkeit des Genitales in Form von stereotypen
Bewegungen auf sonst nicht besonders erogene Körper- und
Hautpartien übertragen wird. Allgemein bekannt ist der
Zusammenhang der Onychohyperästhesie und der
Onychophagie, der „Haarempfindlichkeit" und des
ticartigen Haarzupfens und -reiß ens mit der unterdrückten
Onanie. Erst unlängst konnte ich einen jungen Mann von dem
ihn selbst quälenden Nägelbeißen durch eine einzige Aussprache
über seine Onanieneigungen befreien. 2 Der allergrößte Teil
der Tics spielt sich am Kopfe und an den Gesichts-
partien ab, die als Stellen der symbolischen Darstellung von
Genitalvorgängen besonders bevorzugt sind.
M e i g e und F e i n d e 1 betonen die Verwandtschaft der
Beschäftigungskrämpfe mit den Tics. Nun sind diese Krämpfe
tmd das „Beschäftigungsdelir" der Alkoholisten, wie es von
T a u s k nachgewiesen wurde, eigentlich Onanieersatz. Die
eigenartige Gene, die die Tiqueurs ihre Verzerrungen zu ver-
stecken und zu maskieren zwingt, erinnert auch lebhaft an die
vom Budapester Kinderarzt Lindner bereits im Jahre 1879
beschriebene Art,, in der die Kinder das „Ludein oder Wonne-
saugen" zu kachieren pflegen. Auch der „Monasterismus", die
Tendenz, sich in der Abgeschlossenheit auszutoben, mag von
der Onanie herrühren. 3
1) „Hysterie und Pathoneurosen", „Technische Schwierigkeiten usw."
2) Ein scharfsinniger ungarischer Chirurg, Prof. K o v a c s, pflegte
seine HÖrer auf das Symptom des Nagelbeißens aufmerksam zu machen
und sagte: das seien Leute, die ihre vorstehenden Körperteile nicht in
Ruhe lassen können.
5) Das Wort Tic ist nach Meige und F e i n d e 1 ein O n o-
230 S. Ferenczi
In diesem Zusammenhang kommen wir auf die Beobachtungen
von Gowers und Bernhardt zurück, denen zufolge die
Tics sich oft zur Zeit der ersten Pubertät, der Schwangerschaft
und des Wochenbettes, also zur Zeit von erhöhter Reizung der
Genitalregion verstärken. Wenn wir schließlich die von
analerotischer Obszönität strotzende Koprolalie vieler Tic-
Kranken 1 und ihre von Oppenheim betonte Neigung zur
Enuresis (nocturna und diurna) in Betracht ziehen, so können
wir uns des Eindruckes nicht erwehren, daß man der bei den
Neurotikern so stark betonten, aber auch in der normalen
Sexualentwicklung bedeutsamen „Verlegung von unten
nach oben" bei der Bildung der Tics eine nicht unwesent-
liche Wichtigkeit beimessen muß.
Man könnte diese Tatsache mit der in den bisherigen
Betrachtungen in den Vordergrund gestellten Rückführbarkeit
der Tics auf den erhöhten Narzißmus in folgender Weise
verknüpfen: Beim „p athoneuro tisch en Tic" wird der
verletzte oder gereizte Körperteil (resp. seine psychische
Repräsentanz) mit überstarkem Interesse und mit Libido besetzt.
Die dazu nötige Energiequantität wird dem größten Libido-
reservoir, der Genitalsexualität, entnommen, muß also notwendiger-
weise mit mehr minder starker Störung der Potenz resp. des
matopoetikon; es ahmt ein „kurzes Geräusch" nach. Zucken.
Ticken, Tic im Deutschen, tic, iiqueur, tique im Französischen, tugg^
tick im Englischen, ticchio im Italienischen, tico im Spanischen, lassen
alle dieselbe Wurzel erkennen und haben wohl alle denselben onomato-
poetischen Ursprung. (M. u. F., 1. cit, S. 29.) Wir möchten hier daran
erinnern, daß infolge einer eigenartigen, sehr verbreiteten akustischen
Synasthesie das Zucken und die Erektion der Klitoris von den meisten
Frauen als „Klopfen" beschrieben wird.
1) Es giht auch sonst gesunde Menschen, die das Gedachte sofort
aussprechen müssen, z. B. beim Lesen murmeln oder vor sich hinreden.
Nach Stricker ist übrigens jedes Denken von der leisen Innervation
der Sprachbewegungsorgane begleitet.
Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 231
normalen genitalen Fühlens einhergehen. Bei dieser Verlegung
wird nicht nur ein bestimmtes Energiequantum, sondern auch
ihre Qualität (Innervationsart) nach oben verlegt, daher die
„Genitalisierung" der vom Tic betroffenen Partien (Reizbarkeit,
Neigung zum rhythmischen Reiben, in manchen Fällen förm-
licher Orgasmus). Beim Tic der „konstitutionell
Narzißten" scheint das Primat der Genitalzone überhaupt
nicht ganz fest begründet zu sein, so daß schon banale
Reizungen oder unvermeidliche Störungen eine solche Verlegung
zur Folge haben. Die Onanie wäre so eine noch halb narziß-
tische Sexualbetätigung, von der der Übergang sowohl zur
normalen Befriedigung an einem fremden Objekt als auch die
Rückkehr zum Autoerotismus leicht möglich ist.
Überlegungen, die ich in einem anderen Zusammenhang
mitteilen will, vorgreifend, erwähne ich hier, daß ich mir
die Genitalsexualität als die Summe der aufs Genitale verlegten
Autoerotismen vorstelle, die bei dieser „Verlegung nach
unten nicht nur ihre Quantitäten, sondern auch ihre
Innervationsarten mitbringen. („Amphimixis der Autoerotismen.")
Das Hauptquantum zur Genital ität liefert die Urethral- und die
Analerotik. Bei der pathologischen „Verlegung nach oben"
scheint sich nun die Genitalität zum Teil in ihre Komponenten
zu zerlegen, was zur Verstärkung gewisser urethral- resp. anal-
erotischer Züge führen muß. Die Verstärkung betrifft nicht
nur diese Organerotismen selbst, sondern auch ihre* Abkömm-
linge, die sogenannten analen oder urethralen Charakter-
züge. Als urethralen Zug nenne ich (beim Tic und der
Katatonie) die Unfähigkeit, Spannungen zu ertragen, den Drang,
jeden Reizzuwachs, jeden Affekt sofort motorisch abzuführen,
und den unhemmbaren Rededrang. Als anale Züge wären zu
deuten: die Neigung zur Starre, Negativismus und Mutazismus
resp. die „phonatorischen w Tics.
232 S. Ferenczl
Ich weise schließlich auf die von Sa dg er beschriebene
„Muskelerotik" resp. auf die von Abraham hervorgehobene
konstitutionelle Verstärkung der Bewegungslust hin, die
das Zustandekommen der motorischen Erscheinungen beim Tic und
bei der Katatonie wesentlich fordern können.
v
Es mußte mir selber auffallen, daß ich die „Genitali-
sierung der Autoerotismen", als deren Folge ich die
motorischen Äußerungen des Tic und der Katatonie dar-
stelle, in früheren Arbeiten bereits als Entstehungsmodus
der hysterischen „Materialisationsphänomene" (bei der
Konversionshysterie) beschrieb. Ich kann mich der heiklen
Aufgabe nicht weiter entziehen, auch nach Unterschieden zu
fahnden, die diese Zustände, trotz mancher Gemeinsamkeit, von
einander trennen. Den wesentlichsten Unterschied zwischen
einem konversionshysterischen Symptom und den lokalisierten
körperlichen Symptomen einer narzißtischen Neurose (Tic,
Katatonie) hob ich bereits hervor. Bei der Hysterie, als einer
Übertragungsneurose, gehört das verdrängte pathogene Material
den Sacherinnerungsresten des Unbewußten an, die sich auf
Iibidoobjekte (Personen) beziehen. "Infolge der steten gegen-
seitigen assoziativen Verknüpfung der S a c h- und der I c h-
(Körper-) Erinnerungssysteme kann das pathogene
psychische Material des Hysterischen sich des mit diesem
Material assoziierten körperlichen Erinnerungsmaterials als A u s-
drucksmittels bedienen. Das wäre die Erklärung des
sogenannten „körperlichen Entgegenkommens", auf das Breuer
und Freud schon in den allererst analysierten Fallen von
Hysterie hinweisen konnten. In dem berühmten Falle der
Patientin „Anna" konnte die hysterische Armlähmung darauf
zurückgeführt werden, daß sie in einem für sie sehr kritischen
Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 233
Augenblicke, wo bei ihr die widerstreitenden seelischen
Tendenzen in Konflikt gerieten, zufällig den Arm über die
Stuhllehne hängen ließ, so daß der Arm „eingeschlafen" war.
In ähnlicher Weise verursachte ihr eine das Sehen störende
Träne die spätere Makropsie. Der zufällige Katarrh einer
Patientin Freuds (Dora) wurde unter der Maske des „nervösen
Hustens" das fein abgestufte Ausdrucksmittel der kompliziertesten
liebesregungen usw. Bei der Konversionshysterie wird also die
psychische Energie verdrängter Objekterinnerungen zur Ver-
stärkung und schließlich zur „Materialisierung" der damit
assoziierten Ich- (Körper-) Erinnerungen verwendet. Das wäre der
Mechanismus des „Sprunges aus dem Seelischen ins Körperliche"
bei der hysterischen Symptombildung.
Beim Tic dagegen drängt sich die traumatische Ich-
(Körper-) Erinnerung bei jedem sich darbietenden Anlasse
spontan vor. Man könnte also sagen: Tic (und Katatonie)
sind eigentlich Ichhysterien; oder in der Terminologie der
Libidotheorie ausgedrückt : die hysterischen Konversionssymptome
sind Äußerungen der (genitalen) Objektliebe, die sich in die
Form von Autoerotismen kleidet, während die Tics und die
Katatonien Autoerotismen sind, die zum Teil Genital quäl itäten
angenommen haben. 1
Schließlich .müssen wir auch die motorischen Äußerungen
der Zwangshandlungen zum Vergleich heranziehen. Wir
i) S. dazu folgende Stelle aus der inhaltvollen Arbeit von Nun-
berg über den katatonischen Anfall (Int. Zeitschr. f. PsA., V, 1919,
S. 19): „Zum Schlüsse mochte ich auf manche, besonders auffallende
Ähnlichkeiten des katatonischen Anfalles mit dem hysterischen hin-
weisen, wie z» B. auf das Dramatisieren und die Angst. Nur
besteht der Unterschied darin, daß, während es sich bei der Hysterie
um eine Libidobesetzung der Objekte handelt, im katatonischen
Anfall eine Organbesetzung erfolgt,"
Auch die Perversionen Erwachsener sind natürlich genitalisierte
Autoerotismen (die Perversion ist ja das „Positiv der Hysterie"),
234 S. Ferenczi
wissen von Freud, daß diese Handlungen psychische Schutz-
maßnahmen . sind, die den Zweck haben, die Wiederkehr
gewisser peinlicher Gedanken zu verhüten; sie sind eben der
körperliche „Verschiebungsersatz" für Zwangsgedanken.
Die Zwangshandlungen unterscheiden sich von den Tics und
den Stereotypien meist durch ihre größere Kompliziertheit; sie
sind wirklich Handlungen, die die Veränderung der Außen-
welt (meist- in ambivalentem Sinne) zum Ziele nehmen und
bei denen der Narzißmus keine oder nur eine untergeordnete
Rolle spielt.
Die Differentialdiagnose dieser Bewegungssymptome ist oft
erst nach längerer Psychoanalyse möglich.
ANHANG
Die wissenschaftliche Bedeutung von Freuds
„Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie*
Diese Zeilen schickte der Autor seiner ungarischen Übersetzung der dritten
Auflage des Freud sehen Werkes voran, Iplj'
Die „Drei Abhandlungen" zeigen uns Freud den Ana-
lytiker, zum erstenmal in synthetischer Arbeit. Das unermeßlich
reiche Erfahrungsmaterial, das sich aus der zergliedernden
Prüfung so vieler Seelen ergab, versucht der Verfasser hier zum
erstenmal derart zusammenzufassen, zu klassifizieren, in
Beziehungen zu bringen, daß sich daraus die Klärung eines
großen Gebietes der Seelenlehre, der Psychologie des Sexuallebens,
ergebe. Daß er zum Gegenstand seiner ersten Synthese gerade
die Sexualität wählte, folgte aus der Natur des ihm zu Gebote
stehenden Beobachtungsstoffes. Er analysierte Kranke mit Psycho-
neurosen und Psychosen und entdeckte als Grundursache dieser
Leiden immer irgend eine Störung des Sexuallebens. An die
Psychoanalyse anknüpfende weitere Untersuchungen überzeugten
ihn aber, daß die Sexualität auch in der Seelentätigkeit des
normalen und gesunden Menschen eine weit größere und
mannigfachere Rolle spielt, als man es bisher — solange man
nur die manifesten Äußerungen der Erotik würdigen konnte
238 S. Ferenczi
und das Unbewußte nicht kannte — für möglich hielt. Es
stellte sich also heraus, daß die Sexualität — trotz ihrer großen
Literatur — ein im Verhältnis zu ihrer Wichtigkeit sehr ver-
nachlässigtes Kapitel des Wissens vom Menschen ist, die also
jedenfalls verdient, einer von neuen Gesichtspunkten aus-
gehenden Untersuchung unterworfen zu werden.
Es ist wohl weniger Bescheidenheit, als die Ungenügsamkeit
des immer vorwärts strebenden Gelehrten, wenn Freud in
seinen letzten Konklusionen auf die Unvollkommenheiten dieses
Versuches hinweist. Der Schüler aber, der sozusagen ohne
Kampf und Mühe i n den geistigen Besitz der in diesen
Abhandlungen niedergelegten neuen Erkenntnisse und Perspek-
tiven gelangt, sieht nicht die Unvollkommenheiten, sondern
die Vorzüge des Werkes und rät auch dem Autor, einem
französischen Spruche zu folgen und sich zu sagen: En me
jugeant, je me deplals; en me comparant je suis fier. Wer
die Reichhaltigkeit des Materials dieser Abhandlungen, die
überraschende Neuheit ihrer Gesichtspunkte mit der Art ver-
gleicht, in der die Sexualität in anderen Werken abgehandelt
wird, der wird wohl nicht mit Unzufriedenheit, sondern mit dem
Gefühle bewundernder Achtung auf die Lektüre dieser Arbeiten
reagieren. Er wird dankbar anerkennen, daß die Libidotheorie, deren
Probleme vorFreud nicht einmal aufgeworfen wurden, durch
die Tätigkeit eines einzelnen fest begründet, zum Teil aus-
gebaut, wenn auch noch nicht ganz vollendet wurde.
Dieser Erfolg wie auch die Erfolge der Freudschen
psychiatrischen Forschung sind nicht nur dem Scharfblick des
Autors, sondern auch der konsequenten Anwendung einer
Untersuchungsmethode und dem Festhalten an gewissen wissen-
schaftlichen Gesichtspunkten zu verdanken. Die psychoanaly-
tische Untersuchungsmethode, die in jedem Sinne des Wortes
freie Assoziation, brachte eine bisher ganz unbekannte und
Drei Abhandlungen zur Sexnaltheorie
239
unbewußte tiefere Schichte des Seelenlebens zum Vorschein.
Und die bisher nicht gekannte Strenge und Ausnahmslosigkeit,
mit der die Psychoanalyse den Grundsatz des psychischen
Determinismus und den Entwicklungsgedanken anwendet,
ermöglichte die fruchtbare wissenschaftliche Verwertung dieses
neuen Materials.
Der Fortschritt, dem wir diese Arbeitsweise verdanken, ist
überraschend groß. Die Psychiatrie vor Freud war ein
Raritätenkabinett sonderbarer und sinnloser Krankheitsbilder,
die Wissenschaft der Sexualität bestand in der deskriptiven
Gruppierung abstoßender Abnormitäten. Die Psychoanalyse,
stets treu dem Determinismus und der Entwicklungsidee,
scheute vor der Aufgabe nicht zurück, auch diese die Logik,
Ethik und Ästhetik verletzenden und darum vernachlässigten
psychischen Inhalte zu zergliedern und verständlich zu machen.
Ihre Selbstüberwindung wurde reichlich belohnt: in dem von
den Geisteskranken produzierten Unsinn erkannte sie die onto-
und phylogenetischen Urkräfte der menschlichen Psyche, den
nährenden Humus aller Kultur- und Sublimierungsbestrebungen,
und es gelang ihr — besonders in diesen „Drei Abhandlungen"
— nachzuweisen, daß von den sexuellen Perversionen der
einzige Weg zum Verständnis des normalen Sexuallebens führt.
Ich hoffe, daß es einstmals nicht als Übertreibung klingen
wird, was ich von der Bedeutsamkeit dieser „Abhandlungen
noch sagen muß. Ich stehe nicht an, ihr eine wissenschafts-
geschichtliche Bedeutung beizulegen. „Mein Ziel
war, zu erkunden, wieviel zur Biologie des
menschlichen Sexuallebens mit den Mitteln
der p sy c h oanaly tis chen Erf ors churig zu erraten
i s t a y erklärt der Verfasser im Vorwort zu seinen Abhandlungen.
Dieser bescheiden klingende Versuch bedeutet, genau betrachtet,
den Umsturz alles Hergebrachten ; noch nie hat man bisher
240 S. Ferenczi
an die Möglichkeit gedacht, daß eine psychologische, und zwar
eine „introspektive** Methode ein biologisches Problem erklären
helfen könnte.
Man muß weit zurückgreifen, will man dieses Bestreben
seiner Bedeutung entsprechend würdigen. Wir müssen erinnern,
daß die Wissenschaft in ihrer Urzeit anthropozentrisch, animistisch
war ; der Mensch nahm seine eigenen seelischen Funktionen
zum Maß des ganzen Weltgeschehens. Es war ein großer
Fortschritt, als diese Weltanschauung, der in der Astronomie
das geozentrische, ptolemäische System entsprach, von der
„naturwissenschaftlichen", man könnte sagen : kopernikanischen
Auffassung abgelöst wurde, die dem Menschen die maßgebende
Bedeutsamkeit nahm und ihm die bescheidene Stellung eines
Mechanismus unter unendlich vielen anderen zuwies. Diese
Ansicht schloß stillschweigend auch die Annahme in sich, daß
nicht nur die leiblichen, sondern auch die seelischen Funktionen
des Menschen Leistungen von Mechanismen sind. Still-
schweigend — sage ich — weil sich die Naturwissenschaft
bis auf den heutigen Tag mit dieser ganz allgemeinen Annahme
begnügte, ohne uns den geringsten Einblick in die Natur der
psychischen Mechanismen zu gewähren; ja, sie leugnete dieses
Nichtwissen vor sich selbst ab, indem sie diese Lücke in der
Erkenntnis mit phrasenhaften physiologischen und physikalischen
Schemerklärungen zudeckte.
Von der Psychoanalyse kam der erste Lichtstrahl, der die
Mechanismen des Seelenlebens beleuchtete. Mit Hilfe ihrer
Kenntnis konnte sich die Psychologie auch solcher Schichten
des Seelenlebens bemächtigen, die der unmittelbaren Erfahrung
entrückt sind ; sie getraute sich, den Gesetzen der unbewußten
Seelentätigkeit nachzuforschen. Der nächste Schritt wurde
gerade in diesen Abhandlungen getan: ein Stück Triebleben
wird mit der Hypostasierung gewisser in der Psyche tätigen
Drei Abhand lungen zur Sexualtheorie 24t
Mechanismen unserem Verständnis näher gebracht. Wer weiß,
ob wir nicht auch den letzten Schritt erleben werden: die
Verwertung der Kenntnisse von den psychischen Mechanismen
im organischen und anorganischen Geschehen überhaupt.
Indem Freud mittels der psychoanalytischen Erfahrung
Probleme der Biologie, zunächst der Sexualtätigkeit zu erraten
versucht, kehrt er gewissermaßen zur Methode der alten,
animistischen Wissenschaft zurück. Es ist aber dafür gesorgt,
daß der Psychoanalytiker nicht auch in die Fehler jenes
naiven Animismus verfällt. Der naive Animismus übertrug
nämlich en bloc ohne Analyse das menschliche Seelen-
leben auf die Objekte in der Natur; die Psychoanalyse zer-
gliederte aber die menschliche Seelentätigkeit, verfolgte sie bis
zu der Grenze, wo Psychisches und Physisches sich berühren:
bis zu den Trieben, befreite so die Psychologie vom Anthropo-
zentrismus und erst dann getraute sie sich den so gereinigten
Animismus biologisch zu verwerten. Diesen Versuch zum
erstenmal gemacht zu haben, ist die wissenschaftsgeschichtliche
Tat Freuds in diesen Abhandlungen.
Ich muß darauf zurückkommen, daß nicht leere Spekulation,
sondern die fleißige Beobachtung und Untersuchung bisher
ganz vernachlässigter psychischer Sonderbarkeiten und geschlecht-
licher Verirrungen zu diesen großen Perspektiven geführt hat.
Der Verfasser selbst begnügt sich, in kurzen Notizen, flüchtigen
Bemerkungen, auf sie hinzuweisen, und beeilt sich, zu den
Tatsachen, den Einzelfällen, zurückzukehren, um die Fühlung
mit der Realität ja nicht zu verlieren und für die Theorie
eine sichere, breite Grundlage zu bauen.
Der Schüler aber, dem diese Erkenntnisse den Beruf ver-
schönern, konnte es sich nicht versagen, sich einmal in die
Betrachtung dieser Perspektiven zu versenken und auch
andere darauf aufmerksam zu machen, die sonst vielleicht
Perenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I xß
242 S. Ferenczi
achtlos bei dem Markstein vorbeigegangen wären, den
die „Drei Abhandlungen" Freuds für die Wissenschaft
bedeuten.
Kritik der Jungsdien „Wandlungen und
Symbole der Libido"
„. . . Oest donc un devoir moral de V komme de science de
s'exposer ä commettre des erreurs et ä subir des critiques, pour
que la science avance toujours . . .* Indem Jung diese mutigen
Worte Ferreros als Leitmotiv an die Spitze seines groß-
angelegten Werkes stellt, ermutigt er auch den Kritiker, sein
Amt ernst zu nehmen. Man könnte sich die kritische Arbeit
leicht und angenehm machen, wollte man sein Augenmerk auf
die zahlreichen Vorzüge dieser Untersuchung richten. Mit un-
geheurem Fleiß und nie erlahmender Begeisterung durch-
wanderte der Autor fast sämtliche Gebiete menschlichen Wissens,
der Naturforschung sowohl als der Geisteswissenschaften, und
sammelte so die Bausteine, aus denen er dann den imposanten
Bau einer neuen Weltanschauung zu errichten suchte. Aber
nicht nur die Menge des Wissens blendet hier das Auge des
Lesers, auch die findige, scharfsinnige Art, in der der Autor
das wissenschaftliche Material zu Stützpfeilern seiner Theorien
verarbeitet, ist anerkennenswert. Doch dies alles wie auch der
ganz individuelle Stil des Werkes sind Vorzüge, auf deren
detaillierte Würdigung wir hier verzichten müssen. Der Psycho-
244 S. Ferenczi
analytiker, den das Gewaltige und Neue seines eigenen Spezial-
faches ganz gefangennimmt, kann sich nicht die Mühe nehmen,
allen den zerstreuten Quellen nachzuforschen und sie zu unter-
suchen, aus denen der Autor seine biologischen, philologischen,
theologischen, mythologischen und philosophischen Argumente
geschöpft hat. Diese Arbeit muß anderen, dazu Berufeneren
überlassen werden. Wir wollen diese Arbeit ausschließlich vom
Standpunkte des Psychoanalytikers beurteilen und hauptsächlich
bei den Behauptungen länger verweilen, die unseren bisherigen
analytischen Anschauungsweisen neuere, bessere entgegenstellen
wollen. Ob wir dabei in unserem Bestreben, das gute Alte nicht
dem Neuen — nur weil es neu ist — zu opfern, nicht zu
weit gehen, d. h. ob wir uns nicht desselben starren Konser-
vativismus schuldig machen, den wir bisher unseren prin-
zipiellen Gegnern zum Vorwurfe machten, darüber wird die
Zukunft entscheiden. Jedenfalls zwingen uns gerade die be-
währten Vorzüge des Autors, auf der Hut zu sein und darauf
zu achten, daß wir uns durch das Wahre in seiner Arbeit
nicht dazu verleiten lassen, auch ungenügend gestützte Behaup-
tungen für erwiesen zu nehmen. Dies und nichts anderes sei
die Erklärung für die Rigorosität, mit der wir die Libido-
theorien Jungs untersuchen wollen.
Der Arbeit wird eine kurze „Einleitung" und eine vor-
bereitende Abhandlung „Über die zwei Arten des Denkens"
vorausgeschickt; das eigentliche Werk besteht aus zwei Teilen,
deren zweiter ungleich umfangreicher ist, zugleich auch in-
haltlich vielfach vom ersten absticht, gleichsam Zeichen einer
während des Niederschreibens vor sich gegangenen Entwicklung
aufweist.* Dinge, die im ersten Teile nur andeutungsweise und
noch unklar formuliert werden, sind im zweiten in schärferen
Umrissen und breiter ausgeführt; allerdings sind auch einige
i) Der zweite Teil erschien etwa iVs Jahre nach dem ersten.
Kritik der Jungschen „Wandlungen und Symbole der Libido" 245
Widersprüche zwischen den beiden Teilen des Werkes stehen
geblieben, auf die wir hinweisen wollen.
Gleich die Anpreisung beginnt mit einer förmlich pane-
gyrischen Einleitung der Freudschen Entdeckung des „Ödipus-
komplexes" in der Menschenseele. „Wir sehen mit Staunen",
— sagt Jung, auf die psychoanalytischen Ergebnisse der
Traumforschung hinweisend, — „daß Ödipus für uns noch
lebendig 1 ist," „daß es eine eitle Illusion unsererseits war,
zu glauben, daß wir anders, nämlich sittlicher seien als die
Alten". Der Ödipuskomplex des modernen Menschen sei „zwar
zu schwach, um den Inzest zu erzwingen, jedoch stark genug,
Störungen der Seele beträchtlichen Umfanges hervorzurufen".
— Diese Bemerkungen lassen wohl nicht ahnen, daß der Autor
im zweiten Teile zur Erkenntnis kommen wird, die Ödipus-
phantasie sei „irreal", ja, der wirkliche Inzest hätte in der
Geschichte des Menschengeschlechtes eigentlich nie eine be-
deutende Rolle gespielt.
Das Programm der Arbeit, das sich Jung in dieser Arbeit
stellt, ist folgendes: Zahlreichen Psychoanalytikern gelang es,
mythologisch-historische Probleme durch Anwendung analytischer
Erkenntnisse, die uns aus dem Studium der Individualpsyche
erwachsen sind, der Losung zuzuführen; Jung will es hier ver-
suchen, diese Technik umzukehren und mit Hilfe historischer
Materialien neues Licht über Probleme der individuellen Psyche
verbreiten.
Dieser Versuch erscheint einem von vornherein sehr gewagt.
Eine „angewandte Psychoanalyse" ist unzweifelhaft berechtigt;
sie verwendet ein Stück individualpsychologischer Wirklichkeit
(die am lebenden Menschen gefunden wurde) zur Erklärung
gewisser Produkte der Volksseele; sie erklärt also etwas Un-
bekanntes durch Bekannteres. Was uns aber in der Mythologie und
1) Vom Ref. hervorgehoben.
246 S. Ferenczi
in der Geschichte überliefert wurde, ist im Laufe der Gene-
rationen mit soviel Akzidentellem und Mißverständlichem ver-
quickt, hat sich von den ursprünglichen Bedeutungen so weit
entfernt, daß es ohne vorausgegangene Reduktion überhaupt
unverständlich und für psychologische Zwecke unbrauchbar
bleiben muß. Wir nehmen hier gleich vorweg, daß Jung den
Fehler, ein Unbekanntes (die Seele) durch ein anderes Unbe-
kanntes (unanalysierte Mythen) zu erklären, nur stellenweise
begeht. Vielfach verwendet er bei seinen Deutungen psycho-
analytisch gewonnene (d. h. individualpsychologische) Kennt-
nisse, indem er psychoanalytisch erklärte Mythen zur
Lösung psychologischer Rätsel verwendet. Einen logischen Zirkel
würde er in diesen Fällen nur dann begehen, wenn er sich
einbildete, bei dieser durchaus erlaubten Methode mehr als
Analogieschlüsse geleistet und ein neues Erklärungsprinzip in
die Individualpsychologie eingeführt zu haben.
Die Abhandlung über die zwei Arten des Denkens
ist die Durchführung der Unterscheidung zwischen dem in
Worte gefaßten, in den Dienst der Anpassung an die Realität
gestellten, nach außen „gerichteten" Denken des wachen
Normalmenschen, und dem „phantastischen" Denken,
das sich von der Wirklichkeit abwendet, hinsichtlich der An-
passung gänzlich unproduktiv ist und nicht in Worte, sondern
in Symbole gefaßt ist. Ersteres sei ein Phänomen der Progression
im Sinne Freuds, letzteres eine regressive Erscheinung, wie
sie sich namentlich im Träumen, im Phantasieren und in der
Neurose manifestiere. Der ganze Gedankengang ist parallel mit
den Auseinandersetzungen . F r e u d s über „die zwei Prinzipien
des psychischen Geschehens". 1 Das bewußte Denken steht
bekanntlich auch nach Freud mehr im Dienste des Realitäts-
prinzips, während das Unbewußte mehr dem Lustprinzip
i) Ges. Sehr. Bd. V.
Kritik der Jungsdien „Wandlungen und Symbole der Libido" 247
frönt; in psychischen Tätigkeiten, die stark von unbewußten
Elementen durchsetzt sind (Traum, Phantasie usw.) überwiegen
selbstverständlich die Lustmechanismen. Es ist schade, daß Jung
diese uns so wertvoll gewordene Terminologie in seinen Aus-
führungen nicht anwendet; auch darin können wir ihm nicht
recht geben, daß er das gerichtete Denken einfach mit dem
sprachlichen identifiziert und jene vorbewußte psychische
Schichte, die obzwar sicher schon „gerichtet", sprachlich nicht
unbedingt übersetzt zu sein braucht, ganz vernachlässigt.
Sehr treffend sind die hierauf folgenden Äußerungen Jungs
über die Überschätzung des Logischen in der heutigen Psycho-
logie, sowie die Gedankengänge über die Geltung des bio-
genetischen Grundgesetzes in der Psychologie. In den phan-
tastischen Schöpfungen der Dementia praecox findet Jung den
Inhalt und die Formen archaischen Denkens wieder. Indem er
aber diese Eigenheit nur der Demenz zuerkennt, die er als
„Introversionspsychose* allen anderen psychischen Störungen
prinzipiell gegenüberstellt, stellt er sich ohne zureichenden
Grund in Gegensatz zur Neurosenpsychologie Freuds, nach
dessen Untersuchung auch die übrigen Neuropsychosen einer
„Introversion" (Regression der Libido, mit Abwendung von der
Realität) ihr Entstehen verdanken und in ihrer Symptomatik
gleichfalls deutliche archaische Züge erkennen lassen (siehe
besonders die Übereinstimmungen zwischen den Äußerungen des
Seelenlebens der Wilden und der Zwangsneurotiker).
Das Motiv der Symbolbildung findet auch Jung in der Ten-
denz, unbewußte Komplexe, „denen man die Anerkennung
versagt, die man als nicht existierend behandelt", in eine ent-
stellte, dem Bewußtsein unverständliche Form zu gießen (d, h.
nach der bisherigen Terminologie: in der Verdrängung).
Merken wir uns übrigens, daß Jung hier noch die unbewußte
Tendenz als das Eigentliche, deren phantastisches Ersatz-
1
248 S. Ferenczi
produkt als dessen Symbol ansieht 1 (z. B. in der Erklärung
der Judasphantasie des Abbe* Oegger), während im zweiten Teile
der Libidoarbeit nicht mehr die im Bewußtsein vertretenen
Abbilder, sondern die unbewußten Tendenzen der Seele selbst
für „Symbole" erklärt werden, obwohl die von Jung zugestandene
Rolle der Verdrängung beim Entstehen der Symbolik eine solche
Umkehrung ausschließt. Dies ist übrigens die Gelegenheit,
darauf hinzuweisen, daß man sich endlich über die eindeutige
Verwendung des Wortes „Symbol" einigen müßte. Nicht alles,
was für etwas anderes steht, ist ein Symbol. Ursprünglich mag
das Sexuelle sowohl im eigentlichen wie auch im übertragenen
Sinne im Bewußtsein vertreten sein; die Sexualität freut sich
gleichsam, sich in allen Dingen der Außen weit wiederzufinden, „das
All wird sexualisiert". Zum Symbol im Sinne der Psychoanalyse
wird ein solches Gleichnis erst vom Moment an, wo die Zensur
die ursprüngliche Bedeutung des Gleichnisses ins Unbewußte
verdrängt. 2 Darum kann z. B. der Kirchturm nach der einmal
vor sich gegangenen Verdrängung wohl einen Phallus, nie mehr
aber der Phallus einen Kirchturm „symbolisieren".
Das eigentliche Thema der Jungschen Arbeit ist der Versuch,
die in der Einleitung angekündigte Methode, die Deutung
individueller Geistesprodukte mit Hilfe der Mythologie, an den
Phantasien einer amerikanischen Dame, Miß Frank Miller,
zu erproben, die diese im Jahre 1906 in den „Archives de
Psychologie" veröffentlichte. Miß Miller, die von sich u. a.
erzählt, daß sie auch im Wachen gewisse „autosuggestive Phäno-
mene produzieren könne und daß sie selten tief und traumlo6
1) Am deutlichsten sagt er das an einer späteren Stelle des ersten
Teiles: „Der erotische Eindruck arbeitet im Unbewußten weiter und
schiebt an seiner statt Symbole ins Bewußtsein" (S. 174)»
2) S. die diesbezüglichen Ausführungen des Ref. im Aufsatze : „Ent-
wicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes (Bd. I dieser Sammlung), sowie
in der Mitteilung „Über Augensymbolik". (Band II dieser Sammlung.)
Kritik der Jungsdien „Wandlungen und Symbole der Libido" 249
schlafe, 1 träumte eines Nachts ein Gedicht, dert „Schöpfer-
hymnus", ein enthusiastisches Loblied an Gott, der in den drei
Strophen als Schöpfer der Töne, des Lichts und der Liebe ge-
priesen wird. Das Gedicht, das der Verfasserin wie in ihrer
eigenen Handschrift auf ein Blatt Papier geschrieben im
Traume auftauchte, versuchte sie dann auf seine psychischen
Quellen zurückzuführen.
Es ist sehr zu bedauern, daß Jung seine neuartigen Deutungs-
versuche gerade an einem psychischen Material, das weiteren
persönlichen Nachforschungen unzugänglich war, anstellte. Ähn-
liche schöpferische Traumleistungen bringen ja auch Personen
zustande, die in analytischer Behandlung stehen; von diesen
hätte er mittels nachträglicher Befragung die Richtigkeit seiner
Vermutungen oder deren Irrtümlichkeit erfahren können. Durch
das Entfallen dieser Nachprüfung blieben selbst die geistvollsten
Erklärungen schwankend und ungewiß, und dies hindert uns,
uns von der Brauchbarkeit der Jungschen Deutungsmethode
wirklich überzeugen zu können. Es ist der unvergleichliche
Vorzug der PsycKoneurosen, daß die daran Leidenden, wenn
man sie psychoanalytisch befragt, uns über die Genese ihrer
Geistesprodukte Auskunft geben und selbst in zeitlich und
formal von der gegenwärtigen entfernte Schichten ihrer Psyche
Einblick gewähren, während die der objektiven Einstellung
unfähigen Geisteskranken auf unsere Fragen ebensowenig ant-
worten wie die Märchen, Mythen und Gedichte, deren Schöpfer
für uns persönlich verschollen sind.
1) Jung diagnostiziert den Fall Miß Millers als eine flüchtige An-
wandlung von Dementia praecox (Paraphrenie nach Freud). Unseres
Erachtens wird diese Diagnose nicht genügend gestützt. Solche Phan-
tasien können in jeder Neurose gelegentlich vorkommen, von der dich-
terischen Inspiration ganz abgesehen. Dementsprechend haben auch die
Folgerungen, die Jung aus Miß Millers Fall auf die Pathologie der
Paraphrenie zieht, für uns keine zwingende Beweiskraft.
250 S. Ferenczi
Miß Millers „Schöpferhymnus" wird von Jung — sehr
plausibel — als ein Derivat ihrer Vater-Imago gedeutet. Wir
getrauen uns aber zu behaupten, daß Jung weder aus dem von
der Traumdichterin selbst gelieferten Material, noch aus seiner
stupenden Kenntnis fast aller Kosmogonien der Welt diesen Satz
hätte ableiten können, hätte er nicht auf Grund der Neurosen-
ps 5 xhologie Freuds „die Rolle des Vaters im Schicksal des
Einzelnen" schon früher erfahren. Seine Schlußfolgerung wird auch
sicherlich jedem psychoanalytisch unerfahrenen Leser, trotz 4er
historisch-mythologischen Argumente, unglaublich erscheinen.
Die Traumschöpfung Miß Millers wird dann für Jung zum
Anlaß, über unbewußte Schöpfungen von realem
Werte überhaupt nachzudenken. Daß es solche Schöpfungs-
möglichkeiten wirklich gibt, wird jeder Psychoanalytiker zu-
geben; 1 in der von Freud postulierten Struktur der Psyche
ist es die vorbewußte psychische Schichte, der die Fähigkeit
zu solchen Leistungen zufällt. Wenn aber Jung für alles
Psychologische eine untere und eine obere, eine die Ver-
gangenheit reproduzierende und eine die Zukunft vorahnende
Hälfte annimmt, so ist das eine Verallgemeinerung, die durch
die bisherigen Erfahrungen nicht belegt ist. Die Psychoanalyse
zeigt uns, daß es im Unbewußten Tätigkeitsformen gibt, die
mit dem Realitätsprinzip so wenig zu tun haben und so ein-
deutig in den Dienst von Lustbefriedigungen gestellt erscheinen,
daß man ihnen eine schöpferische Entwicklungstendenz mit
dem besten Willen nicht zuschreiben kann. Interessant sind die
Andeutungen Jungs, die er in diesem Zusammenhange über
die psychologische Erklärungsmöglichkeit gewisser „okkulter"
Phänomene, z. B. der prophetischen Träume gibt. Auch wir
1) Siehe z. B. Robitsek: „Symbolisches Denken in der chemischen
Forschung«; Imago, I. Jahrg., s. auch die bezüglichen Stellen in Freuds
„Traumdeutung" (Ges. Sehr., Bd. II u. III).
Kritik der Tungsdien „Wandlungen und Symbole der Libido" 251
denken uns, daß es einen - • heute allerdings nocK unbe-
kannten — Weg geben muß, der zur wissenschaftlichen Er-
klärung ähnlicher, kaum mehr zu leugnender Vorgänge führen wird,
vermuten aber, daß sich diese Phänomene nach ihrer Aufklärung
ungezwungen in das Gebäude unseres naturwisssenscha Etlichen
Wissens einfügen werden.
Bei Miß Miller ist nach Jung der religiöse Hymnus eine
Ersatzbildung für das Erotische (S. 178), aber da diese Um-
formung unbewußt vor sich ging, sei sie nur hysterische Mache
und etwas ethisch durchaus Wertloses (S. 188). „Wer dagegen
seiner bewußten Sünde ebenso bewußt die Religion entgegen-
setzt, der tut etwas, dem man im Hinblicke auf die Historie
das Großartige nicht absprechen kann" (Ibidem).
So sehr wir Jung bezüglich dessen, was er über die Genese
der religiösen Gefühle sagt, auf Grund schon gesicherter Er-
kenntnisse zustimmen (wenn wir auch bekennen, daß diese
Umformung des Erotischen ins Religiöse ein sehr komplizierter
und noch nicht genügend analysierter kulturhistorischer Vor-
gang ist), so wenig können wir dem Autor dort folgen, wo er
statt der schlichten Konstatierung von Tatsachen ethische Wert-
urteile fällt, die nach unserer Meinung nicht mehr in die reine
Psychologie, sondern in die Ethik oder Theologie gehören; aus
demselben Grunde können wir uns •>— allerdings auch aus
Mangel an Kompetenz — - in die von Jung bei dieser Gelegenheit
angeregte Diskussion über den größeren oder geringeren Wert
der christlichen Religion nicht einlassen.
Eine zweite unbewußte dichterische Leistung Miß Millers ist
„das Lied von der Motte". „Es handelt sich darin Ä , sagt Jung,
„höchstwahrscheinlich um denselben Komplex wie früher ; die
Sehnsucht der Motte nach dem Licht sei die Sehnsucht der
Verfasserin nach dem Gottvater, und zwar sei diese Sehnsucht
erotisch, ähnlich der, die Miß Miller während einer Mittel-
a5a S. Ferenczi
meerfahrt einem italienischen Steuermann gegenüber empfand
und die als auslösendes Motiv des „Schöpfungsliedes" gewirkt
zu haben scheint. Allerdings verwahrt sich Jung dagegen, daß
man so heterogene Dinge~wie [die Gottessehnsucht und jene
erotische Nichtigkeit als Konkreta in Vergleich setzen solle, „das
hieße soviel, wie eine Beethovensche Sonate mit dem Kaviar
zu vergleichen", nur weil man beide liebt. — Um die im
Mottenliede sich manifestierende Sonnenanbetung als solche
erkennen zu lassen, zitiert Jung mehrere Sonnenmythen und
führt literarisch-poetische Analoga an.
Der zweite Teil der Libidoarbeit Jungs beginnt "mit einer
neuerlichen, zusammenfassenden erotisch-religiösen Doppeldeutung
beider zitierter Traumgedichte und beschäftigt sich sodann be-
sonders mit der im Mottenliede zum Ausdruck gelangten „astral-
mythologischen^ resp. „astrologischen" Verwendung des Sonnen-
motivs. Die Sonne sei das natürlichste Sinnbild der menschlichen
— zu „Bösem und „Gutem" drängenden, der befruchtenden
und lebensfeindlichen Libido, daher die Universalität der
Sonnenanbetung. Der Sonnenmythos eröffne auch das Verständnis
zum religiösen Heroenkult; auch die Heroen seien Personifi-
kationen der Libido, so daß man aus dem Schicksale dieser
Heroen, so wie sie t in der Mythologie der Völker dargestellt
werden, die Schicksale der menschlichen Libido erraten könne.
Diese interessanten Ausführungen stimmen vielfach mit den
diesbezüglichen Arbeiten Ranks und Silberers überein.
Hierauf folgt ein neuer Abschnitt der Jungschen Arbeit
(„Über den Begriff und die genetische Theorie der Libido"),
der nicht nur von dem im ersten Teil Enthaltenen, sondern
überhaupt von allem, was die Psychoanalyse bisher geleistet
hat, wie durch eine tiefe Kluft getrennt erscheint. Jung unter-
nimmt es hier, den Begriff „Libido" zu revidieren und begründet
die Notwendigkeit dieser Aufgabe u. a. auch damit, daß dem
Kritik der Jungschen „Wandlungen und Symbole der Libido** 253
Libidobegriff, wie er sich in den neueren Arbeiten Freuds
und seiner Schule entwickelt hat, eine andere Bedeutung zu-
komme als die, in dem ihn Freud in seinen „Abhandlungen
zur Sexualtheorie" gebraucht habe. In Freuds „Abhandlungen
bedeutet der Terminus Libido, wie man weiß, die psychische
Seite der sexuellen Bedürfnisse, von denen die Biologie an-
nimmt, daß sie Äußerungen eines „Geschlechtstriebes sind.
„Man folgt dabei", sagt Freud, „der Analogie mit dem Trieb
nach Nahrungsaufnahme, dem Hunger." Freud versteht also
unter Libido ausschließlich den Sexualhunger. Nach Jungs
hier entwickelter Ansicht dagegen sei der Begriff Libido „weit
genug, um alle die mannigfaltigsten Manifestationen des.
Willens im Schopenhauer sehen Sinne zu decken"
und man könne sagen, „daß dem libidobegriff, wie er sich in
den neueren Arbeiten Freuds und seiner Schule entwickelt
hat, im biologischen Gebiete funktionell dieselbe Bedeutung
zukommt wie dem Begriff der Energie auf physikalischem
Gebiete seit Robert Mayer". Hätte sich Freuds Ansicht
wirklich in diesem Sinne verändert, so hätte er damit tatsächlich
dem Begriff Libido einen neuen sexuellen Sinn gegeben, was
ihn genötigt haben müßte, seine bisherige Ansicht von der
Rolle der Sexualität in der Pathogenese der Neuropsychosen
und in der individuellen und sozialen Entwicklung des Menschen
einer gründlichen Revision zu unterziehen. Liest man aber
noch so sorgfältig alle seit den „Abhandlungen" erschienenen
Werke Freuds durch, so wird man nirgends eine der ur-
sprünglichen Definition widersprechende Verwendung des Wortes
Libido finden. Allerdings hat ein der Freud sehen Schule
angehöriger Forscher — es war niemand anderer als der Autor
der vorliegenden Arbeit — schon früher einmal den Begriff
Libido verallgemeinern wollen, Freud selbst hat sich aber
damals schon ausdrücklich dagegen verwahrt.
254 S. Ferenczi
' Nim beruft sich Jung auf eine Stelle in der seither erschienenen
Paranoia-Arbeit Freuds 1 , an welcher sich Freud angeblich
„genötigt sah, den Begriff der Libido zu erweitern". Damit die
Leser sehen, ob Jung mit dieser Behauptung recht hat oder
nicht, wollen wir die Stelle der Freud sehen Arbeit, auf die
sich Jung bezieht, in extenso wiedergeben.
Es handelt sich dort um die Aufwerfung des schwierigen
Problems, ob man die allgemeine Ablösung der Libido von der
Außenwelt als genügend wirksam annehmen könne, um jenen
„Weltuntergang zu erklären, als welcher sich dem in jener
Arbeit analysierten Geisteskranken die in ihm vorgegangene
psychische Veränderung darstellt", und „ob nicht in diesem Fall
die festgehaltenen Tchbesetzungen hinreichen müßten, um den
Rapport mit der Außenwelt aufrecht zu erhalten". „Man müßte
entweder das, was wir Libidobesetzung (Interesse aus erotischen
Quellen) heißen, mit dem Interesse überhaupt zusammenfallen
lassen, oder die Möglichkeit in Betracht ziehen,
daß eine ausgiebige Störung in der Unterbringung
der Libido auch eine entsprechende Störung in
den Ichbesetzungen induzieren kann." Die typo-
graphische Hervorhebung der letzteren Eventualität stammt vom
Referenten, der dadurch die einseitige Betonung der ersteren
Möglichkeit im Druck und in der Auffassung dieses Zitats in
der Jungschen Arbeit paralysieren möchte. Freud selbst wollte
sich für keine dieser zwei Möglichkeiten endgültig entscheiden,
sondern fügte der aufgeworfenen Frage die Bemerkung bei, daß
dies Probleme seien, „zu deren Beantwortung wir noch ganz
hilflos und ungeschickt sind." Einstweilen müsse man an der
bisher so fruchtbaren Art der Verwendung des Triebbegriffes
festhalten und— entsprechend der biologischen Doppelstellung des
l) Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch be-
schriebenen Fall von Paranoia (Ges. Sehr. Bd. VIII).
Kritik der Jungsthen „Wandlungen und Symbole der Libido* 255
Einzelwesens — den Ich-Trieb und den Sexualtrieb auseinander-
halten. Die Beobachtung der Paranoiker ergebe übrigens nichts,
was dieser Auffassung widerspräche und zu einer neueren Be-
stimmung zwingen würde, es sei sogar „viel wahrschein-
licher, 1 daß eine veränderte Relation zur Welt allein oder
vorwiegend durch den Ausfall des Libidointeresses zu er-
klären ist."
Aus diesen Sätzen geht zur Genüge hervor, daß die Be-
hauptung Jungs, als hätte Freud in seinen neueren Arbeiten
den Libidobegriff in anderem, weiterem Sinne als früher ge-
braucht, durch die einzige Stelle, auf die sich Jung dabei
berufen konnte, durchaus nicht bestätigt wird. Im Gegenteil!
Die Überlegungen Freuds gipfeln in der Aufrechterhaltung seiner
bisherigen Auffassung über die Notwendigkeit der Unterscheidung
zwischen den Ich-Interessen und der Sexuallibido und über die
pathogenetische Bedeutsamkeit der (im Sinne des Sexuellen
genommenen) Libido bei allen Psychoneurosen, die Paranoia
und die Paraphrenie nicht ausgenommen. Die Gleichsetzung
des Begriffes Libido mit dem Willen Schopenhauers und mit
dem Energiebegriff Robert Mayers müssen wir nach alledem
für Jungs eigene Leistung ansehen.
Die „zögernde Vorsicht" Freuds, die nach Jung „einem so
schwierigen Problem gegenüber am Platze ist", vermissen wir
in den nun folgenden Ausführungen des Autors nicht wenig.
Ohne der von Freud betonten Möglichkeit, daß Libidostörungen
auf die Ichbesetzungen rückwirken und sekundär jene die
Paranoia und Paraphrenie charakterisierenden Störungen der
Wirklichkeitsfunktion induzieren könnten, auch nur die geringste
Achtung zu schenken, dekretiert Jung einfach, daß es „kaum
anzunehmen ist , daß die normale Jvnction du reel nur
durch libidinöse Zuschüsse oder erotisches Interesse unterhalten
1) Vom Ref. hervorgehoben.
256 S. Ferenczi
werde, denn „die Tatsachen liegen so, 1 daß in sehr
vielen Fällen die Wirklichkeit überhaupt wegfällt, so daß die
Kranken nicht eine Spur von psychologischer Anpassung oder
Orientierung erkennen lassen". Bei den stuporösen und kata-
tonischen Automaten sei beispielsweise die Realitätsanpassung
ganz in Verlust geraten.
Diese kategorische Erklärung Jungs, die er ohne weiteres
Beweismaterial einfach als etwas ganz Selbstverständliches pro-
mulgiert, kann uns um so weniger genügen, als wir auch auf
anderen Gebieten indirekte Funktionsstörungen kennen, die der
von Freud angenommenen zweiten Möglichkeit vollkommen
entsprechen. Wie beim enthirnten Hunde unmittelbar nach der
Operation „Fernsymptome" auftreten, d. h. auch solche Körper-
funktionen gestört erscheinen, deren nervöse Zentren eigentlich
unversehrt geblieben sind, mag ja auch die tiefgreifende Zer-
rüttung der Sexualsphäre Störungen der Tchfunktionen zeitigen,
auch wenn die Ichtriebe direkt nicht gelitten haben.
Es ist übrigens auch ein methodischer Fehler, komplizierte
und schwierige Fragen durch noch so aufrichtige und enthusiastische
Deklarationen oder Glaubensbekenntnisse zu erledigen. „Es gibt
Rätsel", las ich unlängst in einer methodologisch-kritischen
Arbeit des Petersburger Physikers O. D. Chwolson, „bei
denen ihrem inneren Wesen nach nur eine beschränkte Anzahl
genau formulierbarer Lösungen denkbar ist . . . Die endgültige
Losung eines solchen Rätsels kann nun unmöglich darin be-
stehen, daß man apodiktisch erklärt, eine bestimmte von den
denkbaren Lösungen sei die richtige, . , . sondern . . . man muß
nach gründlichem Studium der betreffenden Frage zeigen, . . .
auf welche Weise die Widersprüche beseitigt werden. Wird
dies unterlassen, so bleibt die Frage eben einfach offen und
jede Pseudolösung kann nur den naivsten Laien, nie aber den
1) Vom Ref. hervorgehoben.
Kritik der Jungsdien „Wandlungen und Symbole der Libido 8 257
wirklichen Kenner der Frage befriedigen." (O. D. Chwolson,
Das zwölfte Gebot — Eine kritische Studie).
„Bei der Dementia praecox fehlt es der Wirklichkeit weit
mehr, als man der Sexualität sensu strictiori aufs Konto schreiben
könnte," sagt Jung. Dem muß entgegnet werden, daß wir weit
davon entfernt sind, das äußerste Maß der Schädigung zu
kennen, die die Wirklichkeitsfunktion infolge echter sexueller
Traumata erleiden kann. Wir sehen ja, wie weit sich der
Mensch in der Hysterie und in der Zwangsneurose infolge
erotischer Psychotraumen der Realität entfremden kann; auch
kennen wir Zustände infolge von Verliebtheit (wohl un-
zweifelhaft eine sexuelle Ursache sensu strictissimo), in der das
Individuum der Realität fast so abwendig wird, wie der an
Dementia praecox Leidende.
„Es wird niemandem einleuchten," sagt Jung an anderer
Stelle, „daß die Realität eine Sexualfunktion sei." Jung bestreitet
hier etwas, was meines Wissens noch von niemandem behauptet
worden ist, am wenigsten von Freud, der in seiner Arbeit
über „die Prinzipien des psychischen Geschehens" eine,
allerdings nur sekundär angelehnte, immerhin aber intimere
Verbindung des Realitätssinnes mit den Ichtrieben (als mit dem
Sexualtriebe) annimmt. Nach alledem müssen wir bis auf
weiteres die Anwendung der Freudschen Libidotheorie auf
die Dementia praecox, so wie sie Abraham 1 versucht hat, als
den plausibelsten Erklärungsmodus dieser Psychose ansehen.
Indem Jung den Begriff der Libido dem der psychischen
Energie gleichsetzt, tut er ihm zweifaches Unrecht an. Da er
alles psychische Geschehen diesem Begriffe unterordnet, weitet
er dessen Umfang so sehr aus, daß er sich dabei ganz ver-
1) „Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie und Dementia prae-
cox." In „Klinische Beitr. zur Psychoanalyse" 1921 (Int. PsA. Biblio-
thek, Bd. 10).
Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I 17
258 S. Ferenczi
flüchtigt und eigentlich überflüssig wird. Wozu noch von Libido
sprechen, wenn wir den aus der Philosophie wohlbekannten
guten alten Begriff der Energie haben? Gleichzeitig mit dieser
Entziehung jeder wirklichen Macht setzt er aber diesen Begriff
formell auf den Thron der psychischen Hierarchie und erhöht
ihn zu einem Rang, der ihm gerechterweise nicht zukommt.
Die Bemühungen Jungs, alle psychischen Tätigkeiten aus dem
Sexuellen abzuleiten, schlagen übrigens fehl. Sobald er bei
dieser Grundregel auch Ausnahmen gelten läßt („die Wirklich-
keitsfunktion wenigstens zu einem großen Teil
sexueller Provenienz" [S. 178]), ist die Geschlossenheit des
Systems durchbrochen, die Legitimität der Thronbesteigung des
Libidobegriffes gerät ins Schwanken, wir stehen wieder auf
dem alten unsicheren Boden und müssen bekennen, daß das
Bestreben, die Ontologie und Ontogenie des Seelenlebens aus
dem einzigen Oberbegriff der Libido zu deduzieren,
mißlang.
Jung erkennt die Herkunft der höheren seelischen
Leistungen aus dem Sexuellen an, leugnet aber, daß diese
Leistungen auch jetzt noch etwas Sexuelles an sich hätten. Zur-
Verdeutlichung dieser Idee wendet er u. a. folgendes Gleichnis
an: „Wenn schon über die sexuelle Herkunft der Musik kein
Zweifel obwalten kann, so wäre es eine wert- und geschmack-
lose Verallgemeinerung, wenn man Musik unter der Kategorie
der Sexualität begreifen wollte. Eine derartige Terminologie
würde dazu führen, den Kölner Dom bei der Mineralogie abzu-
handeln, weil er auch aus Steinen besteht." Ich finde, daß
dieser Vergleich für das Gegenteil dessen spricht, was Jung
beweisen will. Der Kölner Dom hat ja im Moment seines
Entstehens nicht aufgehört, wirklich von Stein zu sein, um nur
mehr als künstlerische Idee zu existieren. Tatsächlich ist selbst
der großartigste Bau der Welt seinem inneren Wesen nach ein
Kritik der Jungsdi en „Wandlungen und Symbole der Libido" 259
Haufen von Mineralien, die mineralogisch beurteilt werden
wollen und denen nur der einseitige anthropozentrische Stand-
punkt die Realität absprechen könnte. Und auch die höchsten
psychischen Funktionen schaffen die Tatsache nicht aus der
Welt, daß der Mensch ein Tier ist, dessen höhere Leistungen
für sich allein undenkbar sind, und die nur als die Funktionen
wirklich vorhandener tierischer Triebe begriffen werden können.
Die Entwicklung der Psyche gleicht eben nicht dem Wachsen
einer Blase, deren Hülle die Gegenwart bedeutete und in deren
Innerem statt der Vergangenheit nur leerer Raum wäre, sondern
sie ist dem Wachsen eines Baumes vergleichbar, in dem unter
der Rinde die Jahresringe der ganzen Vergangenheit
fortleben.
Die wichtigsten Sätze der genetischen Iibidotheorie Jungs
sind die folgenden: Die Libido, die ursprünglich nur der Ei-
und Samenproduktion diente, die „Urlibido", trete in ent-
wickelteren Organisationen in den Dienst komplizierterer Funk-
tionen, z. B. des Nestbaues. — Aus jener sexuellen Urlibido
hätten sich, mit gewaltiger Einschränkung der Fruchtbarkeit,
Abspaltungen entwickelt, deren Funktion durch eine speziell
differenzierte Libido unterhalten werde. — Diese differenzierte
Libido sei n unmeh r desexualisiert, indem sie der ursprüng-
lichen Funktion der Ei- und Samenerzeugung entkleidet wäre
und nicht mehr in Sexualfunktionen revertiert werden könnte.
So bestehe der Entwicklungsprozeß überhaupt in einer zu-
nehmenden Aufzehrung der Urlibido in die sekundären Funk-
tionen der Anlockung und des Brutschutzes. Diese Entwicklung,
d. h. die veränderte Propagationsweise, führe eine erhöhte
Wirklichkeitsanpassung mit sich. Die Überweisung 1 von Sexual-
libido aus dem Sexualgebiet an „Nebenfunktionen" finde noch
immer statt; wo diese Operation ohne Nachteil für die An-
passung des Individuums gelinge, spreche man von Sublimierung,
17*
2Ö0 S. Ferenczi
wo der Versuch mißlänge: von Verdrängung. Die bisherige
Freud sehe Psychologie erkenne eine Vielheit von Trieben,
außerdem erkenne sie gewisse libidinöse Zuschüsse zu nicht-
sexuellen Trieben an. Jungs genetischer Standpunkt läßt die
Vielheit der Triebe aus einer relativen Einheit, aus der Ur-
libido, hervorgehen; sie seien nichts als Abspaltungen
dieser.
Hätte sich Jung darauf beschränkt, die ungeheure, noch
lange nicht genügend gewürdigte Rolle der Sexualität in der
Entwicklung nochmals und nachdrücklich zu betonen, so könnten
wir ihm rückhaltslos zustimmen. Die Vereinheitlichung alles
Psychischen unter dem Libidobegriff und die Ableitung auch
der egoistischen aus den Sexualtrieben scheint uns aber zweck-
lose Grübelei zu sein; sie erinnert an die alte Scherzfrage;
„Was war früher da, das Ei oder das Huhn?" Diese Frage
kann bekanntlich nicht beantwortet werden, weil jedes Huhn
aus einem Ei und jedes Ei aus einem Huhn stammt. Eine
ebenso sterile, weil unbeantwortbare Alternative ist aber auch
die, ob die egoistischen Triebe aus dem Trieb zur Arterhaltung
entstanden seien, oder umgekehrt. Wir müssen uns einstweilen
damit begnügen, das Dasein beider Triebrichtungen zu kon-
statieren, unsere Unkenntnis über ihre genetische Reihenfolge
ehrlich bekennen und brauchen uns nicht damit anzustrengen,
die eine unbedingt aus der anderen ableiten zu wollen. (Eine
der Jungschen ähnliche,' wenn auch ihr entgegengesetzte Ein-
seitigkeit scheint uns in der Adler sehen Forschungsrichtung
obzuwalten, die das meiste, was wir sexuell nennen, aus dem
»Aggressionstriebe* ableiten möchte.)
Die Entschiedenheit, mit der Jung die Neurosen immer als
ein Ersatzprodukt einer Phantasie »individueller Provenienz' 5
ansieht, worin archaische Züge bis auf Spuren fehlen, während
sie in der Psychose deutlich zu Tage treten, haben wir schon
Kritik der Jungsdien „Wandlungen und Symbole der Libido" 2Ö1
als unberechtigt bezeichnen müssen. Aus denselben Gründen
müssen wir aber auch der Ansicht Jungs widersprechen, daß
bei der Neurose bloß der rezente (individuell erworbene)
Libidobetrag der Wirklichkeit entzogen wird, während es bei
der Psychose gleichsam zu einem phylogenetischen Rückschlag
komme, indem auch ein mehr-minder großer Teil der bereits
desexualisierten (zu andersartiger Verwendung gelangten)
Libido der Welt entzogen und zum Aufbau der Ersatzprodukte
verwertet werde.
Eines der nun folgenden Kapitel beschäftigt sich mit der
„Verlagerung der Libido als möglicher Quelle der primitiven
menschlichen Erfindungen". Trotz des Reichtums an Ideen und
treffenden Bemerkungen können wir dem Autor auch hier den
Vorwurf der Einseitigkeit nicht ersparen. Jung sieht die Ent-
deckung des Feuerbohrens als ein Derivat rhythmisch -
onanistischer Betätigungen des primitiven Menschen an ; die
Erfindung der Feuerbereitung sei dem „Drange, ein Symbol
für den Sexualakt einzusetzen, zu verdanken". Aus den sexuellen
Lock- und Brunstrufen habe sich auch die Sprache und alles,
was damit zusammenhängt, entwickelt. Die Möglichkeit, die
uns viel wahrscheinlicher vorkommt, nämlich daß das Feuer-
erzeugen in erster Linie nicht sexuelle, sondern reale Bedürfnisse
zu befriedigen bestimmt war, wenn es auch in den Dienst der
Sexualsymbolik gestellt wurde, wird von Jung im Gegensatz
zu seiner sonstigen Betonung der Realitätsansprüche ganz ver-
nachlässigt.
Jungs impetuose Neigung, von zwei Möglichkeiten die ihm
sympathischere einfach zu dekretieren, verleugnet sich auch an
anderer Stelle nicht. Auf die Frage: woher denn der Wider-
stand gegen die primitive Sexualität herstamme, der zur Auf-
lassung jener Betätigung und zu deren symbolischem Ersatz
gezwungen habe, antwortet er ohne zu zögern mit folgenden
2Ö2 S. Ferenczi
Worten: „Es i st undenkbar, daß es sich dabei um irgend
] einen äußeren Widerstand, um ein wirkliches Hindernis handle",
sondern der Zwang zur Libidoüberleitung sei die Folge eines
rein innerlichen Konflikts zwischen zwei einander von vorn-
herein widersprechenden Libidoströmungen, es stehe hier Wollen
j gegen Wollen, Libido gegen Libido. Mit anderen Worten: die
| Symbolbildung (und Sublimierung) entstehe, indem sich eine
| a priori vorhandene Tendenz zur Ablehnung der primitiven
| Betätigungsarten durchsetzt. Jungs Antwort wird jedem objektiven
Leser als arbiträr erscheinen, ja es wird viele geben, die, wie
auch wir, der gegenteiligen Lösung den Vorzug geben, wonach
gerade äußere Hindernisse die Lebewesen zum Aufgeben lieb-
gewonnener Befriedigungsarten und zum Schaffen von Ersatz-
befriedigungen zu zwingen geeignet sind und daß nicht innerer
Drang, sondern äußerer Zwang, d. h. die Not erfinderisch macht. Es
heißt auch, die Determiniertheit im Psychischen zu eng zu fassen,
wenn man bei der Erklärung irgend eines psychischen Vorganges
die Möglichkeit extrapsychischer Einflüsse ganz außer acht läßt.
Die genetische Theorie wird dann von Jung an der Ent-
stehungsart typischer Symbole exemplifiziert. Die von der Inzest-
schranke zugedrängten Sexualphantasien schaffen sich nach Jung
symbolische Ersatzprodukte in Funktionen der vorsexuellen
Entwicklungsstufe, besonders in denen der Ernährung. So ent-
stünden die uralten Sexualsymbole des Ackerbaues, die Kulte
der Mutter Erde. Es käme dabei zu einer „Wiederbesetzung der
Mutter, diesmal aber nicht als Sexualobjekt, sondern als Er-
nährerin". Auch die Pubertätsonanie sei ein Symbol; Die
Regression der vor den Widerständen zurückweichenden Sexual-
lust auf eine ursprünglich nur der Ernährung
dienende Betätigung: das rhythmische infantile Lutschen.
Bei dem Worte vorsexuell müssen wir Halt machen. Es
bedeutet nichts weniger als die Leugnung der von Freud zu-
Kritik der Jungs dien „Wandlungen und Symbole der Libido" 263
erst gewürdigten infantilen Sexualität. Plötzlich ist alles ver-
gessen, was Freud (und Jung selbst l ) an deutlich sexuell
gefärbten, wenn auch mit Ernährung und Exkretionsfunktionen
vergesellschafteten Gelüsten bei drei- bis fünfjährigen kleinen
Kindern konstatiert haben, deren Libido sicherlich noch nicht
vor Kulturschranken zurückschrecken mußte. Wie verträgt sich
Jungs Ausdruck „vorsexuell" mit den Beobachtungen, die er
vor wenigen Jahren an einem dreijährigen Mädchen machte,
„das auf dem Gebiete der Kot- und Urininteressen Hervor-
ragendes leistete, dann auch beim Essen ähnliche Manieren an
den Tag legte" und „ihre Exzesse immer mit ,Lustig' be-
zeichnete ?" Wie erklärt er ohne Annahme der infantilen
Sexualität die diesbezüglichen direkten Beobachtungen an Kin-
dern und die Ergebnisse der Psychoanalysen? Vergaß er ganz
seine eigene Forderung: „Man sehe einmal die Kinder an, so
wie sie wirklich sind und nicht wie wir sie zu haben
wünschen ?"
Allerdings wäre eine solche Inkonsequenz nur zu loben,
wenn sie als die Folge eines Fortschrittes in der Erkenntnis
aufzufassen wäre. Wir vermuten aber, daß es sich hier in
Wirklichkeit um einen Rückschritt handelt; für Jung scheint
der Begriff des Sexuellen in dem Sinne, wie ihn Freud in
seinen „Abhandlungen" gebrauchte, und der ihm früher ganz
geläufig war, irgendwie plötzlich abhanden gekommen zu sein
und seine jetzige Anschauung, wonach das Lutschen und ähn-
liche infantile Betätigungen „vorsexuell" wären, ist nur die
Rückkehr zur Anschauung jener, die nur das genitale für
sexuell nehmen und die „trotz schärfster Brillen nirgends etwas
Sexuelles (an den Kindern) entdecken wollen". (Jung, Über
Konflikte usw.) Ersetzen wir aber in der Libidoarbeit Jungs
1) S. „Über Konflikte der kindlichen Seele". Jahrbuch für Psycho-
analyse II, 1910.
2Ö4 S. Ferenczi
das Wort „vorsexuell" überall durch den Ausdruck „vor-
genital", so können wir einen großen Teil seiner Aus-
führungen gutheißen. Es ist nur zu konsequent, wenn Jung
auch seine Terminologie im Sinne der neuen (richtiger der
alten) Auffassung umändert und unter dem Ausdruck Auto-
erotismus (womit Freud die allerfrüheste infantile Erotik
bezeichnet) nur die nach der Aufrichtung der Inzestschranke
auftretende Selbstbefriedigung versteht.
Nach dieser langen theoretischen Abschweifung kehrt Jung
zur Traumdichterin Miß Miller zurück und versucht es, die
Geltung der neuen Theorien in ihrer dritten Traumschöpfung, *
die sie „Chiwantopel, Drame hypnagogique" benennt, nachzu-
weisen. In diesem Drama spielt ein aztekischer Held mit Rüstung
und Federschmuck eines Indianers die Hauptrolle, gegen den
ein anderer Indianer einen Pfeil abschießen will und der dann
in einem langen Monolog sich beklagt, daß ihn keine der
Frauen, die er kannte und liebte, wirklich verstanden hätte,
mit Ausnahme einer einzigen, die Ja-ni-wa-ma heißt. Jung
analysiert diese Phantasie derart, daß er jedes darin vorkommende
Wort und alle Wortverbindungen von vornherein für mytho-
logisch-symbolische Archaismen nimmt, in die sich irgend eine
aktuelle Aufgabe Miß Millers einkleidete. Zum Beweise dessen
stellt Jung umfangreiche vergleichend-mythologische Unter-
suchungen an. Es wird bei jedem einzelnen Worte untersucht,
welche Rolle ihm in den verschiedenen Mythologien zukam,
und durch Verknüpfung der so gewonnenen Einzeldeutung wird
der Sinn des ganzen Dramas zu enträtseln gesucht. Einer
solchen Deutungsmethode kommt aber, bei der Unsicherheit des
mythologischen Wissens überhaupt und den unvermeidlichen
Lücken in den mythologischen Kenntnissen eines einzelnen,
unseres Erachtens keine nennenswerte Beweiskraft zu; sie hat
auch nur äußerlich eine gewisse Ähnlichkeit mit der Psycho-
Kritik der Jungsmen „Wandlungen und Symbole der Libido* 265
analyse, die sich ja in erster Linie auf jene realen Auskünfte
gründet, die sie aus den Traum- und Neurosenforschungen ge-
wonnen hat. Und wenn sich Jung in der Einleitung seiner
Arbeit auf die biographische Untersuchung Leonardo da Vincis
durch Freud beruft und ihn als einen Vorgänger seiner
Deutungsmethode bezeichnet, so muß man darauf hinweisen,
daß Freuds mythologische Deutungen immer unter der Kon-
trolle individual-psychologischer Erfahrungen blieben.
Anknüpfend an die „Chiwantopel" -Phantasie kommt Jung
neuerlich auf das Thema der „unbewußten Entstehung des
Heros" zurück, in die er uns diesmal tiefere Einsicht gewährt.
„Der Mythos vom Helden" — heißt es am Schlüsse seiner
Betrachtungen — „ist das Sehnen unseres eigenen leidenden
Unbewußten nach den tiefsten Quellen seines eigenen Seins,
nach dem Leibe der Mutter, und jeder wird für uns ein sieg-
reicher Held, der sich durch seine Mutter wiederzuerzeugen
vermag." Zu diesem Resultate gelangte Jung auf Grund geist-
voller Analysen, denen er die bekanntesten Heldenmythen unter-
zog; seine diesbezüglichen Untersuchungen werden jeden Psycho-
analytiker überzeugen und würden für sich allein die Jungsche
I^ibidoarbeit zu einer der wertvollsten Leistungen der psycho-
analytischen Literatur machen.
Um so auffälliger ist es, daß Jung dieses für uns unzweifel-
haft gewordene Resultat seiner Untersuchungen gleichsam durch
eine nachträgliche Korrektur zum Teil wieder aufhebt, indem
er mit dem „Ödipuskomplex", der dem Heldenmotiv zugrunde
liegt, gerade so verfahrt wie mit der infantilen Sexualität über-
haupt. Nachdem er dessen tatsächliche Rolle im Leben des
Menschen festgestellt hat, leugnet er plötzlich dessen Realität.
Die im Traume Gesunder und in den unbewußten Phantasien
der Neurotischen nachzuweisenden sexuellen Wünsche seien
„nicht das, was sie. zu sein scheinen, sie seien nur Symbol",
2Ö6 S. Ferenczi
d. h. symbolischer Ersatz für ganz rationelle Wünsche
und Strebungen; die vor den Aufgaben der Zukunft zurück-
geschreckte Libido regrediere zu jenen Symbolen. Der richtige
Teil dieser Behauptungen ist aus der früheren psychoanalytischen
Literatur geschöpft. Dort steht es längst, daß der Neurotiker
vor der Wirklichkeit zurückschrickt, daß er sich in die Krank-
heit flüchtet und daß die Krankheitssymptome Regressiv-
phänomene sind. Neu ist in dieser Aussage nur die Behauptung
der Irrealität, der symbolischen Natur der in den
Symptomen sich äußernden Tendenzen. Wir glauben, daß diese
uns nicht ganz verständliche Qualifizierung des Ödipuskomplexes
darin ihre Erklärung finden wird, daß Jung dem Drang unter-
legen ist, das Wort „unbewußt" zu beseitigen und es durch
andere Bezeichnungen zu ersetzen*
Jung macht in dieser Arbeit auch einige Andeutungen über
den Einfluß dieser neugewonnenen Kenntnisse auf seine psycho-
therapeutische Technik. Er legt das Hauptgewicht der Behand-
lung Nervöser darauf, daß er ihnen den Weg zur Realität zeigt,
vor der sie zurückgeschreckt sind. W r ir aber bleiben dabei, daß
die nächste und wichtigste Realität, die den Kranken angeht,
seine Krankheitssymptome sind, daß man sich also mit diesen
beschäftigen muß, während die Hinweise auf die Lebens-
aufgaben die Kranken nur noch schmerzlicher ihre Unfähigkeit
zur Lösung derselben empfinden ließen» Um den Lebensplan
der Kranken braucht man sich in der Analyse kaum zu
kümmern; ist nur die Analyse tief genug gewesen, so finden
sich die Patienten auch ohne unsere Hilfe zurecht, ja eine
richtige analytische Technik muß bestrebt sein, den Patienten
so unabhängig zu machen, daß er sich sogar von seinem Arzte
nichts vorschreiben läßt. Er wird dann selbst darüber entscheiden,
wieviel er von seinen „ unzweckmäßigen £( Besetzungen aufgibt
und wieviel er auch nach der Analyse tatsächlich realisiert.
Kritik der Jungschen »Wandlungen und Symbole der Libido" 267
Die in den bisherigen kritischen Bemerkungen hervorgehobene
Abwendung vom Freud sehen Begriffe des Unbewußten macht
sich auch in der neuen Traumauffassung Jungs geltend (S. 460).
Die Funktion des Traumes sieht Jung (und mit ihm M aeder)
nicht mehr in der Wunscherfüllung, in der vorübergehenden,
halluzinatorischen Sättigung unbefriedigter Wünsche zum Zwecke
des Schlafenkönnens, sondern in einer Art innerer Ahnung der
ernsten Aufgaben der Zukunft. Wir können hier auf die
detaillierte Widerlegung dieser Anschauung nicht eingehen,
müssen aber betonen, daß wir auch nach der Lektüre der
Libidoarbeit Jungs die Freudsche Auffassung der Traum-
vorgänge als die richtige ansehen; wir bleiben dabei, daß ernstes
Arbeiten, schwieriges Aufgabenlösen, das Kämpfen mit den
Hindernissen wohl für das Wachleben, nicht aber fürs Träumen
charakteristisch sind, wenn sie auch manchmal unsere Nachtruhe
zu stören imstande sind. Darum sehen wir auch in den Traum -
Schöpfungen Miß Millers die phantastische Befriedigung aktueller
und infantiler Wunschregungen und können darin nicht die
prophetische Ahnung der künftigen Aufgaben des Menschen-
geschlechtes erkennen.
Der allgemeine Eindruck, den wir nach der Lektüre des
Jungschen Werkes bekommen, ist der, daß er an vielen Stellen
seiner Arbeit nicht eigentlich induktive Wissenschaft, sondern
philosophische Systemisierung 1 treibt, mit allen Vor- und Nach-
teilen einer solchen. Der hauptsächliche Vorteil dabei ist die
Beruhigung des Gemüts, das, da es die Hauptfragen des Seins
für gelöst erachtet, von der Qual der Unsicherheit befreit ist
und die Sorge um die Ausfüllung der Lücken im System ruhig
1) Siehe dazu folgende Stelle bei Jung (II., S. 178). „Diese Be-
trachtung führt uns auf einen Libidobegrlff, der über die Grenzen
naturwissenschaftlicher Formung (Forschung? [Ref.]) zu einer philo-
sophischen Anschauung sich erweitert . . . ."
268 S. Ferenczi
anderen überlassen kann. Der große Nachteil einer allzufrühen
Systembildung liegt in der Gefahr, daß man den a priori
gegebenen Hauptsatz um jeden Preis aufrecht zu erhalten trachtet
und Dinge übersieht, die diesem Satze widersprechen könnten.
Aus der „Psychologie" von Hermann Lotze
In den Werken des mit Recht berühmten und populären
deutschen Denkers und Universitätslehrers Hermann Lotze 1
fand ich einige Sätze, die — obzwar rein spekulativ entstanden —
eine so weitgehende Übereinstimmung mit den auf empirischem
Wege gewonnenen psychologischen Erkenntnissen der Psycho-
analytik aufweisen, daß wir ihren Autor als einen der Vor-
ahner der Ideen Freuds betrachten dürfen. Eine solche
Kongruenz der Resultate intuitiven Denkens und Dichtens 2 mit
den Ergebnissen der praktischen Erfahrung ist nicht nur vom
geschichtlichen Standpunkt interessant, sondern sie kann auch
als ein Argument für die Stichhaltigkeit jener Erkenntnisinhalte
selbst in Betracht kommen.
In der „Psychopathologie des Alltagslebens" erklärt bekannt-
lich Freud das Vergessen als ein Unbewußtwerden von
Vorstellungen, begründet durch Unlustmotive. In seinen
1) Rud. Hermann Lotze (1817 — 1881) war Professor der Philosophie
und Physiologie in Leipzig, Göttingen und Berlin« Er war ein Schüler
Herbarts und Anhänger von L e i b n i z.
2) Ähnliche Übereinstimmungen mit der Psychoanalyse sind bereits
In den Werken von Schopenhauer, Nietzsche, Anatole
France u. a. nachgewiesen worden.
270 S. Ferenczi
„Grundzügen der Psychologie" (VII. Aufl. Leipzig, S. Hirzel)
sagt Lotze über dieses Thema u. a. folgendes:
§ 15. „. , . die Erinnerungsbilder früherer Eindrücke (sind)
nicht immer im Bewußtsein vorhanden, sondern treten nur zeit-
weilig in demselben wieder auf, dann aber so, daß kein äußerer
Reiz nötig war, um sie von neuem zu erzeugen.
Hieraus schließen wir, daß sie in der Zwischenzeit für uns
nicht ganz verloren gewesen sind, sondern sich in irgendwelche
unbewußte* Zustände verwandelt haben, die wir natürlich
nicht beschreiben können, und für die wir den an sich wider-
sprechenden, aber bequemen Namen ,u n b e wußte Vor-
stellungen' brauchen . . .*
§ 16. „. . . Zwei Ansichten standen sich hier gegenüber. Man
hielt früher das Verschwinden der Vorstellungen für natürlich
und glaubte das Gegenteil, das Gedächtnis, erklären zu
müssen. Man folgt jetzt der Analogie des physischen Gesetzes
der Beharrung und glaubt das Vergessen erklären zu müssen,
weil an sich die ewige Fortdauer eines einmal erregten Zustandes
sich von selbst verstehe.
Die Analogie ist nicht ohne Bedenken. Sie gilt von der
Bewegung der Körper. Allein Bewegung ist nur eine Änderung
äußerer Relationen, von welcher der bewegte Körper nichts
leidet; denn er befindet sich an einem Orte genau so wie am
anderen, undhat daher weder einen Maßstab für einen Grund noch einen
der Bewegung zu leistenden Widerstand. Die Seele dagegen
befindet sich selbst in verschiedenen Zuständen, je nachdem sie a,
vorstellt oder b oder auch gar nichts. Denkbar wäre daher,
daß sie gegen jeden ihr aufgedrängten Eindruck
zurückwirkte, wodurch sie zwar niemals diesen
ganz annullieren, aber doch vielleicht aus
bewußter Empfindung in einen unbewußten
Zustand verwandeln könnte." 1
§ 19. „Als Grundlage einer ,psychischen Mechanik'
könnten . . . die Begriffe von Stärke und Gegensatz nur dann
selbstverständlich dienen, wenn sie sich auf die vorstellenden
Tätigkeiten bezögen. Das ist nicht der Fall. — Man würde
1) Vom Referenten hervorgehoben.
Aus der „Psychologie" von Hermann Lotze 271
es daher als eine bloße Tatsache anerkennen müssen, wenn die
Stärke und Gegensatz des vorgestellten Inhalts die ent
scheidenden Bedingungen für die Wechselwirkung der Vor-
stellungen wären. Die Erfahrung bestätigt dies nicht. Die Vor-
stellung größeren Inhalts verdrängt keineswegs
immer die von kleinerem; im Gegenteil ist die
letztere selbst imstande, zuweilen die Empfindung
äußerer Reize zu unterdrücken. 1
Nun kommen aber Vorstellungen niemals in einer Seele vor,
die außerdem nichts anderes täte; sondern an jeden Eindruck
knüpft sich außer dem, was in dessen Folge vorgestellt wird,
auch noch ein Gefühl des Wertes, den derselbe für das
körperliche und geistige Wohlbefinden des Perzipierenden hat.
Diese Gefühle von Lust und Unlust sind einer Gradabstufung
offenbar ebenso fähig, wie das bloße Vorstellen unfähig dazu ist.
Nach der Größe nun dieses Gefühlsanteils, welche übrigens
außerordentlich wechselnd ist je nach der Verschiedenheit des
Gesamtzustandes, in dem die Seele sich eben befindet, oder kurz
gesagt: nach dem Grad des Interesses, welche eine Vorstellung
aus vielerlei Gründen in jedem Augenblicke zu erwecken vermag,
richtet sich ihre größere oder geringere Macht zur Verdrängung
anderer Vorstellungen. Und nur hierin, aber nicht in einer
ursprünglichen Eigenschaft, welche sie als bloße Vorstellung hätte,
besteht das, was wir ihre Stärke nennen können."
In diesen Sätzen finden wir zum Teil Freuds Fest-
stellungen über die bestimmende Rolle der Lust- und Unlust-
qualität für die Perzeption und Reproduktion wieder. Daß dies
kein Zufall ist, darauf läßt eine andere Stelle der „Psycho-
logie L o t z e s schließen, an der er — ganz wie es die
Psychoanalyse zu tun gezwungen ist — gegen die Haltlosigkeit
der reinen Bewußtseinspsychologie und -philosophie Stellung
nahm.
§ 86. „ . . . Die Frage nach der Art und Wahrheit
unserer Erkenntnis oder nach dem Verhältnis
1) Vom Referenten gesperrt.
272 S. Ferenczi
zwischen Subjekt und Objekt hatte so sehr alle Auf
merksamkeit gefesselt, daß der Vorgang, durch welchen das
Seiende dazu kommt, sich selbst zu erfassen, d. h. die Ent-
wicklung des Selbstbewußtseins, für das eigentliche
Ziel oder für den letzten Inhalt der ganzen Weltordnung gehalten
wurde. Nun erschien die Seele nur dazu bestimmt, diese Aufgabe
der Selbstbespiegelung innerhalb des irdischen Lebens aufzulösen;
und die verschiedenen Formen, in denen diese Aufgabe der reinen
Intelligenz stufenweise immer mehr gelost wird, nahmen ziemlich
allen Platz in der Psychologie ein. Der Inhalt dessen aber, was
empfunden, angeschaut oder begriffen wird, trat ebensosehr
dagegen zurück, wie das ganze übrige Seelenleben der Gefühle
und Strebungen, die selbst wieder bloß so weit in Betracht
kamen, als sie auch zu jener formellen Aufgabe der Selbstobjekti-
vierung in bezug gesetzt werden konnten."
In der Sprache der Psychoanalyse heißt das etwa: Bewußt-
heit ist keine notwendige Qualität des Psychischen, ja: der
Inhalt der Psyche ist an sich unbewußt und nur ein Bruch-
teil dieses Inhalts wird vom Bewußtsein, dem Sinnesorgan für
(an sich übw) psychische Qualitäten, wahrgenommen.
Auch die Anschauung L o tz e s über die Richtkraft des
Lustprinzips bei der Entstehung der Triebe deckt sich mit
unseren Anschauungen. § 102 .. . „Triebe sind ursprünglich
nur Gefühle, und zwar meistens der Unlust oder doch der
Unruhe; sie pflegen aber verknüpft zu sein mit Bewegungs-
antrieben, welche in der Weise der Reflexbewegungen zu
allerhand Bewegungen führen, durch die nach längerem oder
kürzerem Irrtum die Mittel gefunden werden, jene Unlust
zu beseitigen." (Vgl. dazu Freuds „Prinzipien des psychischen
Geschehens" und den theoretischen Teil seiner „Traum-
deutung".)
Auch das Problem der objektivierenden Projektion und der
Introjektion wird von Lotze angeschnitten. Wo er von der
Bildung des „Ich" im Gegensatz zur Objektwelt spricht.
Aus der „Psydiologie" von Hermann Lotze
273
„Jeder unserer eigenen Zustände" — sagt er im § 52 —
„alles, was wir selber wirklich leiden, empfinden oder tun, ist
dadurch ausgezeichnet, daß sich daran unmittelbar ein Gefühl
(der Lust, der Unlust, des Interesses) knüpft, während diese
Begleitung demjenigen fehlt, was wir als die Zustände, das
Tun, Empfinden, Leiden ander er Wesen bloß vorstellen, aber
nicht selber erfahren oder erleiden ... Ein bloßes Wissen
überhaupt (kann) nicht das Motiv dieser ganz beispiellosen
Unterscheidung sein, durch die jedes beseelte Wesen sich selbst
der ganzen übrigen Welt entgegenstellt." „Auf die dargelegte
Weise wird, glauben wir, zuerst der Sinn des Possessiv-
pronomens ,mein uns deutlich; erst nachher, wenn wir
unsere denkende Reflexion auf diese Umstände richten, bilden
wir auch den substantivischen Namen des Ich als des Wesens,
dem das, was ,mein' hieß, zukommt" (§ 35). (Vgl. dazu auch
meine Ausführungen in der Arbeit „Introjektion und Über-
tragung" [enthalten in diesem Bande].)
Wenn Lotze die „beispiellose Unterscheidung" des Ich
von der übrigen Erfahrungswelt auf seinen Wert für das
Individuum zurückführt (worunter er zweifellos dessen Lust-
wert und nicht den Nutzwert versteht), so nähert er sich der
psychoanalytischen Auffassung, nach der die Ich-Bildung im
innigsten Konnex steht mit dem Narzißmus, dem Verliebt-
sein in die eigene Person. (Vgl. Freud, Totem und Tabu:
Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken, Ges Sehr
Bd. X.)
Dafür spricht unter anderem auch folgende Stelle bei
Lotze (L c. § 53): „. . . Zweierlei muß man unterscheiden.
Das Bild, welches wir uns von unserem eigenen Wesen machen,
kann mehr oder weniger zutreffend oder irrig sein; das
hängt von der Höhe der Erkenntniskraft ab, durch welche
jedes Wesen sich über diesen Mittelpunkt seiner eigenen
Ferenc«i, Bausteine zur Psychoanalyse I ,o
274 S. Ferenczi
Zustande theoretisch aufzuklaren sucht. Die Evidenz dagegen
und die Innigkeit, mit der jedes fühlende Wesen sich selbst
von der ganzen Welt unterscheidet, hängt gar nicht von der
Vortrefflichkeit dieser seiner Einsicht in sein eigenes Wesen
ab, sondern äußert sich bei den niedrigsten Tieren, soweit sie
durch Schmerz oder Lust ihre Zustände als die ihrigen
anerkennen, ebenso lebhaft, als bei dem intelligentesten
Geiste.
Interessant ist, was er über den Sinn „der vielen, zum Teil
zierlichen, zum Teil sonderbaren beweglichen Zusätze oder
Anhänge an unseren Körper" sagt, „deren sich die Putzsucht
zu bedienen pflegt". Lotze meint, daß man damit gleichsam
einen Teil der Außenwelt zum Ich schlagen will, um dieses
zu vergrößern; die Zusätze „geben uns im allgemeinen das
angenehme Gefühl einer über die Grenzen unseres Körpers
erweiterten geistigen Gegenwart".
Zur Organisation der psychoanalytischen
Bewegung
Mit diesem Überblick unterbreitete der Autor
dem IL Psychoanalytischen Kongreß in Nürnberg)
1908, seinen Vorschlag, daß sich die wissenschaft-
lichen Arbeiter der Psychoanalyse zu einer ^Inter-
nationalen Vereinigung*' zusammenschließen mögen.
Die Psychoanalyse ist zwar eine noch junge Wissenschaft,
ihre Geschichte aber schon reich genug an Ereignissen, die es
der Mühe wert erscheinen lassen, für einen Augenblick in der
Arbeit innezuhalten, die bisherigen Ergebnisse zu überblicken,
Erfolge und Mißerfolge abzuwägen. Eine solche kritische Über-
sicht könnte unsere künftige Tätigkeit durch das Aufgeben
unzweckmäßiger Arbeitsweisen ökonomischer, durch die An-
wendung neuer, geeigneterer Methoden fruchtbringend gestalten.
Solcher Bilanzen bedarf es im wissenschaftlichen Betriebe nicht
minder als in Handel und Gewerbe. Die Kongresse — gewöhn-
lich nur Jahrmärkte der Eitelkeit, effektvoll aufgemachte Pre-
mieren wissenschaftlicher Neuigkeiten — hätten eigentlich die
Aufgabe, solche wissenschaftspolitische Probleme zu lösen.
Wie alle Neuerer und Bahnbrecher, hatten auch wir für
unsere Sache nicht nur zu arbeiten, sondern auch zu kämpfen*
Vom objektiven Standpunkt gesehen, ist die Psychoanalyse aller^
18*
276 S. Ferenczi
dings reine Wissenschaft, die die Lücken unseres Wissens über
die Determiniertheit des seelischen Geschehens auszufüllen
bestrebt ist. Aber diese rein wissenschaftliche Frage rührt so
empfindlich an den wichtigsten Grundlagen des täglichen Lebens,
an gewissen uns liebgewordenen Idealen, an den Dogmen des
Familienlebens, der Schule, der Kirche, stört nebstbei so unan-
genehm die beschauliche Ruhe der Nervenärzte, die die partei-
losen Richter über unsere Arbeit sein sollten, daß wir uns
nicht wundern können, wenn man uns statt mit Tatsachen
und Argumenten, mit wüstem Geschimpfe empfing.
So wurden wir, sehr gegen unseren Wunsch, in einen Krieg
verwickelt, in dem, wie bekannt, die Musen schweigen, die
Leidenschaften aber um so lauter toben, und auch Waffen für
erlaubt gelten, die nicht aus dem Arsenal der Wissenschaft
genommen sind. Es erging uns, wie den Friedenspropheten,
die für die Verwirklichung ihrer Ideale — Krieg führen
müssen.
Die erste, ich mochte sagen, heroische Periode der Psycho-
analyse, waren die zehn Jahre, in welchen Freud ganz allein
den Angriffen begegnen mußte, die man von allen Seiten und
mit allen erdenklichen Mitteln gegen die Psychoanalyse richtete.
Man versuchte es zuerst, mit dem altbewährten Mittel des
Totschweigens, dann kamen Verhöhnung, verächtlicher Spott,
sogar Verleumdung an die Reihe. Der. einstige Freund, dann
sein anfänglicher Mitarbeiter ließen ihn im Stiche, und die
einzige Art des Lobes, das man ihm spendete, war das Bedauern,
daß sein Talent das Opfer solcher ungeheueren Verwirrung
werden konnte.
Es wäre erheuchelte Gleichgültigkeit, hielten wir mit dem
Ausdruck unserer Bewunderung darüber zurück, daß Freud,
ohne sich um die sein Ansehen schmälernden Angriffe viel zu
kümmern und trotz der empfindlichen Enttäuschung, die ihm
Zur Organisation der psychoanalytischen Bewegung 277
auch Freunde bereiteten, auf dem einmal als richtig erkannten
Wege beharrlich weiterschritt. Mit dem bitteren Humor eines
Leonidas konnte er sich sagen: im Schatten der Verkannt-
heit werde ich wenigstens ruhig arbeiten können. Und so
geschah es, daß diese Jahre der Verkanntheit für ihn Jahre
des Heranreifens unvergänglicher Ideen und des Schaffens der
bedeutsamsten Werke wurden* Welch unersetzlicher Schade
wäre es gewesen, hätte sich Freud statt dessen mit unfrucht-
barer Polemik abgegeben. Die Angriffe, die gegen die Psycho-
analyse gerichtet wurden, haben ja in der Überzahl der Fälle
kaum die Beachtung verdient. Es waren zum Teil ohne jede
persönliche Erfahrung, mit vorgefaßter Meinung, aus billigen
Witzen und Schimpfwörtern zusammengeflickte Kritiken und
Artikel. Manche hatten offensichtlich keinen anderen Zweck
als den, das Wohlgefallen der einflußreichen Gegner der Ana-
lyse für sich zu gewinnen; es hätte sich gewiß nicht gelohnt,
sich mit diesen abzugeben. Die offiziellen Größen der Psychiatrie
begnügten sich aber meistens damit, von ihrer olympischen
Höhe mit etwas komisch wirkendem Selbstbewußtsein ihr Ver-
dammungsurteil herunterzudonnern, ohne sich die Mühe zu
nehmen, dieses Urteil irgendwie zu begründen. Ihre stereotypen
Phrasen begannen denn auch langweilig zu werden, sie ver-
fielen dem Schicksal monotoner Geräusche, man überhörte sie, und
konnte ruhig weiterarbeiten. Das Nichtreagieren auf unwissen-
schaftliche Kritiken, das Meiden jeder sterilen Polemik bewährte
sich also im ersten Verteidigungskampfe der Psychoanalyse.
Die zweite Periode wird durch das Auftreten der Züricher
gekennzeichnet, deren Verdienst es war, Freuds Ideen durch
ihre Verknüpfung mit Methoden der Experimentalpsychologie
auch für jene zugänglich gemacht zu haben, die zwar auch
aufrichtig nach der Wahrheit suchten, die aber ihre Ehrfurcht
vor der „Exaktheit von Freuds Forschungen, die mit aller
278 S. Ferenczi
hergebrachten psychologischen Forschungsmethode brachen, zu-
rückschrecken ließ. Die Mentalität dieser Gruppe kenne ich aus
eigener Erfahrung; auch ich kam erst später zur Einsicht, daß
die „Exaktheit" der vorfreudschen Psychologie eine Art Selbst-
betrug, ein Deckmantel ihrer Gehaltlosigkeit war. Die experi-
mentelle Psychologie ist allerdings exakt, aber wir können sehr
wenig von ihr lernen; die Psychoanalyse ist „unexakt*', aber
sie zeigt uns ungeahnte Zusammenhänge und deckt bis dahin
unzugänglich gewesene Schichten der Seele auf. 1
Gleichwie nach Amerigo auf den durch Columbus
entdeckten Weltteil, so strömten neue Arbeiter auf das von
Freud erschlossene wissenschaftliche Gebiet, und ähnlich den
Pionieren der Neuen Welt führten und führen sie einen
Guerillakrieg. Ohne einheitliche Lenkung, ohne taktische Zu-
sammenarbeit kämpft und arbeitet jeder auf dem von ihm
eroberten Stück Land. Nach Gutdünken besetzt jeder den Teil
des riesigen Gebietes, der ihm gefällt, und wählt die ihm zu-
sagende Art der Arbeit, des Angriffs und der Verteidigung.
Unermeßlich waren die Vorteile dieses Guerillakrieges, solange
es nur darum zu tun war, gegen den übermächtigen Gegner
Zeit zu gewinnen und die neugeborenen Ideen davor zu
schützen, im Keime erstickt zu werden. Die freie, durch keine
Rücksicht auf andere gehemmte Bewegung erleichtert jedem
die Anpassung an die gerade gegebenen Verhältnisse, an das
Maß des Verständnisses, an die Stärke des Widerstandes. Auch
daß jede Autorität und Bevormundung, jede Disziplin fehlte,
steigerte nur die Selbständigkeit, die bei solcher Vorpostenarbeit
1) Es kann natürlich nicht zugegeben werden, daß nur die wägbaren
und meßbaren Objekte der Erfahrung, also nur naturwissen-
schaftliche Beobachtungen und Experimente, verläßlich zu nennen
sind. Auch innere Erlebnisse, also psychische Realitäten (und mit diesen
beschäftigt sich jede introspektive Psychologie) können den Gegenstand
wissenschaftlicher Untersuchung abgeben.
Zur Organisation der psychoanalytischen Bewegung 279
unentbehrlich ist. Es fand sich sogar ein Menschenschlag,
dessen Sympathie gerade durch diese „irreguläre" Arbeitsweise
gewonnen wurde; ich meine die Leute mit künstlerischer
Begabung, die nicht nur ein ahnendes Verstehen der uns be-
schäftigenden Probleme, sondern auch unsere Auflehnung
gegen den Scholastizismus in der Wissenschaft in unser Lager
führte, und die nicht unerheblich zur Verbreitung der
Freud sehen Ideen beitrugen.
Aber aus dem Guerillakrieg erwuchs nebst diesen Vorteilen
allmählich auch so mancher Nachteil. Der vollständige Mangel
jeder Führung brachte es mit sich, daß bei einzelnen das
spezielle wissenschaftliche und persönliche Interesse zum Schaden
der Gesamtinteressen, ich möchte sagen der „zentralen Ideen"
überhand nahm. Der doktrinäre Liberalismus wird daraus dem
Guerillakampf keinen Vorwurf machen; im Gegenteil, er wird
betonen, daß die Wissenschaft „frei" bleiben muß. Aber gerade
die Psychoanalyse und die analytische Selbstkritik hat jeden
von uns davon überzeugen können, daß ein Mensch, der allein,
ohne Freunde, Hilfe und Korrektur, die eigenen, oft unzweck-
mäßigen Tendenzen und Neigungen richtig erkennen und sie
im Interesse der Gesamtheit bändigen kann, zu den Ausnahmen
gehört, und daß ein gewisses Maß von gegenseitiger Kontrolle
auch auf wissenschaftlichem Gebiete nur günstig wirken kann;
daß also die Respektierung gewisser Kampfregeln, ohne die
Freiheit der Wissenschaft zu gefährden, deren ökonomische
und ruhige Entwicklung nur fördern kann. Es wäre auch zu
bedenken, daß wenn ein sehr wertvoller und talentierter Teil
der Gesellschaft uns gerade wegen unserer Unorganisiertheit
sympathisch findet, die an Ordnung und Disziplin gewohnte
Mehrzahl aus unserer Irregularität nur neuen Stoff zum Wider-
stand schöpft. Es dürfte auch zahlreiche Anhänger geben, die,
obzwar sie mit uns halten, vielleicht sogar im stillen für uns
280 S. Ferenczi
arbeiten, zur „individuellen Aktion" nicht taugen, sich aber
gerne einer Organisation anschlössen, was uns einen nicht un-
bedeutenden Zuwachs an Arbeitsgenossen bedeuten könnte. In den
Augen der großen Menge sind wir, so wie wir jetzt sind, nur
undisziplinierte Schwärmer. Der Name Freud, der auf unserem
Banner steht, ist doch nur e i n Name und läßt es nicht ahnen,
wie viele sich schon mit den Ideen befassen, die von ihm aus-
gingen und welche Arbeit die Psychoanalyse bereits geleistet
hat. So verlieren wir sogar jenes Maß von „Massenwirkung",
die uns schon kraft unserer Zahl mit Recht zukommt, auch
wenn wir vom spezifischen Gewicht der einzelnen Persönlich-
keiten und deren Ideen absehen. Kein Wunder, wenn den
Laien, den psychologisch ungeschulten Ärzten, in manchen
Ländern selbst den Psychologen vom Fach, dieser neue Zweig
der Wissenschaft bis auf heute sozusagen unbekannt blieb, und
daß wir den meisten Ärzten, von denen wir um fachlichen
Rat angerufen werden, über die elementarsten Begriffe der
Psychoanalyse einen Vortrag halten müssen. Hillel, der
jüdische Rabbi, ging in seiner Geduld so weit, daß er selbst
jenem ihn verhöhnenden Heiden Antwort gab, der ihn auf-
forderte, ihm in der kurzen Zeit, solange er auf einem Beine
stehen kann, mit den Grundgesetzen seiner Religion bekannt
zu machen. Ich weiß nicht mehr, ob er mit seiner Antwort
den Heiden bekehrte, aber daß eine diesem ähnliche Art des
Unterrichts und der Verbreitung der Psychoanalyse nicht sehr
erfolgreich ist, kann ich aus eigener Erfahrung behaupten.
Daraus aber, daß man uns nicht kennt und nicht anerkennt,
erwachsen viele Nachteile; wir sind sozusagen heimatlos und
mit den Leitern der reich ausgestatteten Kliniken und experi-
mentellen Laboratorien verglichen nur arme Teufel, die doch
unmöglich etwas wissen können, was den reichen Verwandten
noch unbekannt ist.
Zur Organisation der psychoanalytischen Bewegung 28t
Die Frage, die ich jetzt aufwerfe, ist nun die : wiegen die
Vorteile des (Juerillakampfes seine Nachteile auf? Sind wir
berechtigt, zu erwarten, daß diese Nachteile von seihst, ohne
zweckmäßige Eingriffe verschwinden werden ? Wenn nicht, sind
wir genug an Zahl und genügend stark, um uns organisieren
zu können? Und schließlich: Welche Maßregeln wären möglich
und derzeit empfehlenswert, um unseren Verein zweckmäßig,
stark und dauerhaft zu fundieren?
Auf die erste Frage kann ich ohne Zögern antworten; ich
wage die Behauptung, daß unsere Arbeit durch die Organi-
sation mehr gewinnen als verlieren würde.
Ich kenne die Auswüchse des Vereinslebens und weiß, daß
in den meisten politischen, geselligen und wissenschaftlichen
Vereinen infantiler Größenwahn, Eitelkeit, Anbetung leerer
Formalitäten, blinder Gehorsam oder persönlicher Egoismus
herrschen anstatt ruhiger, ehrlicher Arbeit für das Gesamt -
interesse.
Die Vereine wiederholen in ihrem Wesen und ihrem Auf-
bau die Züge des Familienlebens. Der Präsident ist der Vater,
dessen Aussprüche unwiderlegbar, dessen Autorität unverletzbar
ist; die anderen Funktionäre sind die älteren Geschwister, die
die jüngeren hochmütig behandeln und dem Vater zwar
schmeicheln, aber ihn im ersten geeigneten Moment von seinem
Throne stürzen wollen, um sich an seine Stelle zu setzen. Die
große Masse der Mitglieder, soweit sie nicht willenlos dem
Führer folgt, gibt bald diesem, bald jenem Aufwiegler Gehör,
verfolgt mit Haß und Neid die Erfolge der Älteren und möchte
sie aus der Gnade des Vaters ausstechen. Das Vereinsleben ist
das Feld, auf dem sich die sublimierte Homosexualität als An-
betung und Haß ausleben kann. Es scheint also, daß sich der
Mensch seiner Familiengewohnheiten nie entledigen kann und
er wirklich das Herdentier ist, das „Zoon politikon", zu dem ihn der
282 S. Ferenczi
griechische Philosoph stempelte. Mag es sich zeitlich und räum-
lich von seiner eigentlichen Familie noch so weit entfernen,
es sucht immer wieder die alte Ordnung herzustellen, in einem
Vorgesetzten, den angebeteten Helden oder Parteiführer den
Vater, in den Mitarbeitern die Geschwister, in dem ihm ange-
trauten Weib die Mutter, in seinen Kindern sein Spielzeug
wiederzufinden. Selbst bei uns noch unorganisierten Analytikern
pflegt sich — wie ich es bei zahlreichen Kollegen und bei
mir selbst feststellen konnte, die Gestalt des Vaters mit der
unseres geistigen Führers zu einer Traumperson zu verdichten.
Alle sind wir geneigt, den hochgeschätzten, aber gerade wegen
seines geistigen Übergewichtes innerlich schwer zu ertragenden
geistigen Vater in unseren Träumen in mehr oder wehiger
verhüllter Form zu überflügeln, ihn zu stürzen.
Es hieße also der menschlichen Natur Gewalt antun, wollten
wir das Prinzip der Freiheit auf die Spitze treiben und die
„Familienorganisation" umgehen. Denn obzwar wir jetzt der
Form nach unorganisiert sind, leben wir Analytiker doch schon
untereinander in einer Art Familiengemeinschaft, und es ist
meiner Meinung nach richtiger, dieser Tatsache auch in der
äußeren Form Rechnung zu tragen.
Das ist aber nicht nur eine Frage der Aufrichtigkeit, sondern
auch eine der Zweckmäßigkeit, denn die eigensüchtigen Stre-
bungen lassen sich durch gegenseitige Kontrolle leichter im
Zaume halten. Gerade psychoanalytisch geschulte Mitglieder
wären am besten dazu berufen, einen Verein zu gründen, der
die größtmögliche persönliche Freiheit mit den Vorteilen der
Familienorganisation verbindet. Dieser Verband wäre eine
Familie, in der dem Vater keine dogmatische Autorität zukommt,
sondern gerade so viel, als er durch seine Fähigkeiten und
Arbeiten wirklich verdient; seine Aussprüche würden nicht
blind wie göttliche Offenbarungen befolgt, sondern wie alles
Zur Organisation der psydioanalytisdien Bewegung 283
andere Gegenstand einer eingehenden Kritik, und er selbst
nähme diese ,Kritik nicht mit der lächerlichen Überhebung
des Pater familias auf, sondern würdigte sie entsprechender
Beachtung.
Auch die sich zu diesem Verband geeinigten jüngeren und älteren
Geschwister würden ohne kindische Empfindlichkeit und Rach-
sucht ertragen, daß man ihnen die Wahrheit ins Gesicht sagt,
so bitter und ernüchternd sie auch sei. Daß man auch bestrebt
wäre, die Wahrheit zu sagen, ohne überflüssigen Schmerz zu
verursachen, versteht sich bei dem heutigen Stande der Kultur
und im zweiten Jahrhundert der chirurgischen Anästhesie von
selbst.
Ein solcher Verein, der selbstverständlich erst nach längerer
Zeit diese ideale Höhe erreichen könnte, hat sehr viel Aus-
sicht auf ersprießliche Arbeitsleistung. Wo man sich gegen-
seitig die Wahrheit sagen kann, wo bei jedem ohne Neid,
richtiger: unter Bändigung des natürlichen Neides, die wirk-
lichen Fähigkeiten anerkannt werden und auf die Empfindlich-
keit der Eingebildeten keine Rücksicht genommen wird, dort
wird es wohl unmöglich sein, daß einer, der zwar ein feines
Gefühl für Einzelheiten hat, aber in abstrakten Dingen unbe-
gabt ist, sich in den Kopf setzt, die Wissenschaft theoretisch
zu reformieren; ein anderer wird sein Bestreben, die eigenen,
vielleicht wertvollen, aber recht subjektiven Bestrebungen, alle
anderen Erfahrungen außer acht lassend, zur Grundlage der
ganzen Wissenschaft machen zu wollen ; der dritte wird es zur
Kenntnis nehmen, daß die überflüssige Aggressivität seiner
Schriften nur den Widerstand steigert, ohne der Sache zu
dienen; dem vierten wird der freie Meinungsaustausch über-
zeugen, daß es töricht ist, auf etwas Neues sofort mit seinem
Besserwissenwollen zu reagieren.
Das sind ungefähr die Typen, die heutzutage in Vereinen
2 $4 S. Ferenczi
überhaupt, aber auch unter uns auftauchen, die aber in einer
psychoanalytischen Organisation, wenn auch nicht ganz aus-
zurotten, so doch besser zu kontrollieren wären. Die auto-
erotische Periode des Vereinslebens würde allmählich durch
die fortgeschrittene der Objektliebe abgelöst, die nicht
mehr im Kitzel der geistigen erogenen Zonen (Eitelkeit, Ehr-
geiz), sondern in den Objekten der Beobachtung selbst
Befriedigung sucht und findet.
Ich bin überzeugt, daß eine auf Grund dieser Prinzipien
arbeitende psychoanalytische Vereinigung günstige innere
Bedingungen zur Arbeit schüfe, aber auch imstande wäre, sich
nach außen Achtung zu verschaffen. Den Lehren Freuds
wird immer noch großer Widerstand entgegengesetzt, aber seit der
zweiten, der „Guerillas-Periode, ist eine gewisse Abschwächung
des starren Negativismus unverkennbar. Wenn wir uns mit
saurer Miene an die unfruchtbare und unangenehme Arbeit
machen, die gegen die Psychoanalyse vorgebrachten Argumente
einzeln anzuhören, kommen wir darauf, daß dieselben Autoren,
die noch vor einigen Jahren das Ganze totschwiegen oder
exkommunizierten, heute von der Breuer-Freud sehen
„Katharsis" als von einer beachtenswerten, sogar geistreichen
Lehre sprechen; natürlich verwerfen sie dafür alles, was nach
dem Zeitalter des „Abreagierens* entdeckt und beschrieben
wurde. Mancher geht in seiner Kühnheit so weit, das Unbe-
wußte und die Methoden seiner analytischen Erkenntnis anzu-
erkennen, schrickt aber vor den Problemen der Sexualität
zurück. Anständigkeit wie auch weise Vorsicht halten ihn vor
solchen gefährlichen Dingen ab. Manche erklären die Folge-
rungen der Jünger für richtig, aber vor dem Namen Freud
haben sie eine Angst, wie vor dem leibhaftigen Teufel. Daß
sie sich dabei der logischen Absurdität des „filius ante patrem"
schuldig machen, vergessen sie vollständig. Die gewöhnlichste
Zur Organisation der psydioanalytisdien Bewegung 285
und verwerflichste Art der Akzeptierung von Freuds Theorien
ist wohl die, daß man sie neu entdeckt und unter neuem
Namen in Verkehr bringt. Denn was ist die „Erwartungs-
neurose" anderes, als die unter falscher Flagge segelnde „Angst-
neurose" von Freud? AVer von uns weiß es nicht, daß ein
geschickter Kollege unter dem Namen „Phrenokardie"' nur
einige Symptome der Freud sehen Angsthysterie als eigene
Entdeckung auf den wissenschaftlichen Markt gebracht hat?
Und war es nicht selbstverständlich, daß, so wie das Wort
„Analyse" auftauchte, jemand einfach contrario den Begriff
der „Psychosynthese" prägen mußte. Daß eine Synthese ohne
vorhergehende Analyse unmöglich ist, das vergaß natürlich der
Betreffende gebührend hervorzuheben. So droht denn der
Psychoanalyse von solchen Freunden noch mehr Gefahr, als
von feindlicher Seite. Uns droht sozusagen die Gefahr, in Mode
zu kommen, womit die Zahl derjenigen, die sich Analytiker
nennen, ohne es zu sein, gar bald ansehnlich wachsen dürfte.
Wir können aber die Verantwortung für all die Unvernunft
nicht tragen, die man unter dem Namen Psychoanalyse
auftischt, wir haben also außer unseren Publikationsorganen
einen Verein nötig, deren Mitgliedschaft einige Garantie dafür
bietet, daß wirklich Freuds psychoanalytisches Verfahren und
nicht eine zum eigenen Gebrauch zurechtgebraute Methode
angewendet wird. Eine spezielle Aufgabe des Vereines wäre es,
die wissenschaftliche Freibeuterei, deren Opfer die Psycho-
analyse heute ist, zu entlarven. Genügende Sorgfalt und Vor-
sicht bei der Aufnahme neuer Mitglieder würde es ermöglichen,
den Weizen von der Spreu zu sondern. Der Verein sollte sich
eher mit einer kleinen Mitgliederzahl begnügen, als Leute auf-
nehmen oder beibehalten, die in prinzipiellen Fragen noch
keine feste Überzeugung gewonnen haben. Ersprießliche Arbeit
ist ja nur dort denkbar, wo bezüglich der Grundfragen Über-
2§ 6 S. Ferenczi
einstimmung herrscht. Daß die Stellungnahme für diesen Ver-
ein heutzutage einen persönlichen Mut und den Verzicht auf
akademischen Ehrgeiz voraussetzt, ist nicht zu leugnen. Es soll
aber den zukünftigen Mitgliedern zum Trost gereichen, daß
wir nicht so sehr auf materielle und andersartige fremde Hilfe
angewiesen sind, wie die medizinischen Kliniken. Wir brauchen
keine Krankenhäuser, Laboratorien und kein „liegendes Kranken-
material"; unser Material ist die große Masse der Neurotiker,
die in allen ihren Hoffnungen, im Glauben an die ärztliche
Wissenschaft getäuscht, sich an uns wendet. Und daß wir selbst
diesen, ja, gerade diesen Unglücklichen so oft helfen können,
kann uns zu größerer Befriedigung gereichen, als die in den
prunkvollen Kliniken geübte nichtanalytische Danaidenarbeit.
Wenn wir die seit Jahrzehnten dauernde Stockung in der
Psychologie, Neurologie, Psychiatrie und Gehirnanatomie mit
unserer lebensvollen, fast überquellenden, kaum zu bewältigen-
den Arbeit vergleichen, so sind wir für den Entgang an äußerer
Anerkennung vollauf entschädigt,
Ich habe vorhin erwähnt, wie zweckmäßig es war, daß
Freud seinerzeit die vielen sinnlosen Angriffe außer acht
ließ. Aber es wäre unrichtig, dies als Losungswort des zu
gründenden Vereines anzunehmen. Es ist nötig, von Zeit zu
Zeit auf die Armseligkeit der Gegenargumente hinzuweisen,
was bei der schwachen Begründung und der Gleichförmigkeit
der Angriffe keine allzuschwierige Aufgabe sein dürfte,
Mit ermüdender Eintönigkeit kehren immer wieder dieselben
logischen, moralischen und medizinischen Gegenargumente
wieder, so daß man sie förmlich registrieren kann. Die Logiker
erklären unsere Behauptungen für Einbildung und Unsinn. All
die Unlogik und alles Unverständliche, das der Neurotiker in
seinem Unbewußten produziert und das die Assoziationen an
die Oberfläche bringen, wird uns in die Schuhe geschoben.
Zur Organisation der psydioanalytisdien Bewegung 287
Die Sittenrichter schrecken vor dem sexuellen Material
unserer Forschungen zurück und führen einen Kreuzzug gegen
uns. Sie unterschlagen dabei gewöhnlich alles, was daran
erinnern könnte, was Freud über die Bändigung, die Subli-
mierung der analytisch aufgedeckten Triebe geschrieben hat.
Wer es weiß, eine wie große Rolle die unbewußte Sexualität
in der nicht analytischen Psychotherapie spielt, könnte diese
Beschuldigungen hypokritisch nennen; und doch sind sie nur
AfTektwirkungen, die die Unwissenheit entschuldigt.
Auch das ist interessant, daß, ob zwar man sonst gewöhn-
lich von der „Verlogenheit" und ^Unzurechnungsfähigkeit" der
Hysterischen faselt, man doch gerne alles glaubt, was etwa
ungeheilte Kranke mit noch nicht vollem Verständnis über
die Analyse klatschen.
Manche behaupten, die Analyse als therapeutische Methode
helfe nur suggestiv. Angenommen, aber nicht zugegeben, daß
es dem so ist, ist es wohl richtig, eine wirksame Methode der
suggestiven Therapie a limine zurückzuweisen ? Das zweite
Gegenargument ist, daß sie „nichts nützt". Davon ist nur so-
viel wahr, daß die Analyse nicht alle Arten von Neurosen
beheben kann und meist nicht schnell hilft, und daß die seit
der Kindheit „schief gewickelte" Persönlichkeit eines Menschen
herzurichten, oft mehr Zeit kosten würde, als die Geduld des
Patienten und besonders seiner Angehörigen reicht* Der dritte
Kritiker , sagt, daß die Analyse schädlich ist; er meint damit
offenbar die manchmal heftigen, aber zum Wesen der Kur
gehörigen R eaktionen, nach denen gewöhnlich Perioden der
Erleichterung folgen.
Das letzte Gegenargument ist das, daß der Analytiker nur
Geld verdienen will ; es entspringt augenscheinlich nur der
Verleumdungsneigung von Menschen, deren Vorrat an objektiven
Argumenten erschöpft ist. Solche Beschuldigungen bringt auch
286 S. Ferenczi
mancher Patient; sehr oft gerade dann, wenn er, — im Begriffe,
tinter der Last der neuen Erkenntnisse einzulenken, — noch
einen letzten verzweifelten Versuch macht, krank zu bleiben.
Die logischen, ethischen und therapeutischen Ausflüchte der ärzt-
lichen Kreise sind überhaupt auffallend ähnlich den dialektischen
Reaktionen, die der Widerstand gegen die Kur aus unseren Kranken
auszulösen pflegt. Aber gleichwie die Bekämpfung der Wider-
stände des einzelnen Neurotikers psychotechnisches Wissen und
zielbewußte Arbeit erfordert, so verdient auch der Massen-
widerstand (z. B. das Benehmen der Ärzte den Lehren der
Analyse gegenüber), daß wir uns mit ihm planmäßig und
fachgemäß beschäftigen, und ihn nicht wie bis jetzt dem Zu-
falle überlassen. Nebst der Förderung unserer Wissenschaft
wäre eine Hauptaufgabe der psychoanalytischen Vereinigung,
diesen Widerstand der wissenschaftlichen Kreise zu behandeln.
Diese Aufgabe allein könnte ihre Gründung rechtfertigen.
Meine Herren! Wenn Sie prinzipiell meinen Vorschlag zur
zweckmäßigeren Geltendmachung unserer wissenschaftlichen
Bestrebungen, eine „Internationale psychoana-
lytische Vereinigung" zu gründen, annehmen, so habe
ich nichts weiter zu tun, als konkrete Vorschläge zur Ver-
wirklichung des Programms zu unterbreiten.
Ich schlage vor, eine Zentralleitung zu wählen, die Bildung
von Ortsgruppen in den Kulturzentren zu unterstützen, den
jährlich zusammenzutretenden internationalen Kongreß zu
systemisieren und nebst dem „Jahrbuch" baldmöglichst ein
öfter erscheinendes offizielles wissenschaftliches Vereinsorgan zu
gründen.
Ich beehre mich, einen Entwurf der Statuten der „Ver-
einigung .zu unterbreiten.
Zur Organisation der psychoanalytischen Bewegung 289
Nachtrag
Die Gründung der „Internationalen Psychoanalytischen
Vereinigung" wurde auf dem Nürnberger Kongresse diesen
Vorschlägen entsprechend beschlossen. Die Vereinigung funk-
tioniert seitdem ununterbrochen; selbst der Weltkrieg konnte
ihrer Internationalität nichts anhaben. Ihre Ortsgruppen befinden
sich in New York, London, Berlin, Wien, Budapest, Haag,
Zürich, Kalkutta und Moskau. 1 Trotz der Ungunst der Verhält-
nisse wurden bereits neun psychoanalytische Kongresse ab-
gehalten (in Salzburg 1908, Nürnberg 1910, Weimar 1911,
München 1913, Budapest 1918, Haag 1920, Berlin 1 922,
Salzburg 1924, Bad Homburg i925). s Offizielle Vereinsorgane
sind: 1) die „Internationale Zeitschrift fürPsycho-
analyse" (1927 erscheint der XIII. Jahrgang), 2) „I m a g o",
Zeitschrift für die Anwendung der Psychoanalyse auf die Natur-
und Geisteswissenschaften (1927 erscheint der XIII. Jahrgang), und
3) „The International Journal ofPsychoanalysis"
(1927 erscheint der VIII. Jahrgang). Eine mächtige Stütze
fand die Vereinigung im „Internationalen Psycho-
analytischen Verlag" in Wien (gegründet 1 9 1 g). 3
1) Die Konstituierung der Pariser Gruppe erfolgte soeben während
der Drucklegung dieser Zeilen.
2) Der zehnte wird im Herbst dieses Jahres (1927) stattfinden.
3) Eine viel eingehendere „Geschichte der psychoanalytischen Be-
wegung" als die hier skizzierte schrieb später Freud selbst. (Enthalten
im IV. Band der Gesammelten Schriften. Man vergleiche auch seine
„Selbstdarstellung", Ges. Sehr., Bd. XI.)
Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I 19
Zum 70. Geburtstage Sigmund Freuds
Eine Begrüßung
(6. Mai 1926)
Mir fiel die Aufgabe zu, Sigmund Freud aus Anlaß
seines 70. Geburtstages festlich zu begrüßen und ihm die Glück-
wünsche unserer Zeitschrift darzubringen. Es ist nicht leicht,
dieser ehrenvollen Pflicht zu genügen. Seine Gestalt ist viel zu
hervorragend, als daß ein ihm Nahestehender, einer seiner
Anhänger und Mitarbeiter, es zustande bringen könnte, sie im
Vergleich mit anderen Großen der Geistesgeschichte und im
Verhältnis zu seinen Zeitgenossen darzustellen. Auch spricht
sein Werk für sich selbst und bedarf keiner Kommentare, ins-
besondere keiner Lobpreisung. Es mißfiele gewiß dem Schöpfer
einer unnachsichtig ehrlichen, aller Heuchelei feindlichen
Wissenschaft, die Dithyramben zu hören, die bei solchen An-
lässen den Führer einer großen Bewegung zu preisen pflegen.
Die objektive Darstellung seines Lebenswerkes aber, eine ver-
lockende Aufgabe für einen eifrigen Schüler, erübrigt sich hier,
da ja diesem Zwecke der Meister selbst mehrere Essays von
unnachahmlicher Sachlichkeit gewidmet hat. Er hat der öffent-
Zum 70. Geburtstage Sigmund Freuds 291
lichkeit nichts vorenthalten, was er über die Entstehung seiner
Ideen weiß, er 1 erzählte uns alles, was über die Schicksale seiner
Lehre, über die Reaktionsweise der Mitwelt zu sagen war. Dem
modernen Persönlichkeitsforscher gar, der mit Hilfe von Einzel-
heiten aus dem Privatleben neue Einblicke in die Entwicklungs-
wege eines Forschers Zugewinnen trachtet, hat Freud, bezüg-
lich seiner Person, den Wind aus den Segeln genommen. In
seiner „Traumdeutung", in der „Psychopathologie des Alltags-
lebens" besorgte er das selber in einer bisher nicht gekannten
Art, die nicht nur dieser Forschungsweise neue Wege wies,
sondern für alle Zeiten ein Beispiel der auch gegen sich
selber schonungslosen Aufrichtigkeit gibt. Auch die sonst so
sorgsam gehüteten „Ateliergeheimnisse", die unvermeidlichen
Schwankungen und Unsicherheiten, gab er unbedenklich
preis.
Das Konsequenteste wäre wohl nach alledem, auf jede Art
Manifestation zu verzichten. Ich weiß es bestimmt, daß es dem
Meister am liebsten wäre, wenn wir uns um künstlich geschaffene
Zäsuren, um eine runde Zahl, die an und für sich nichts
bedeutet, nicht kümmerten und ruhig weiter arbeiteten. Wir,
seine Schüler, wissen ja gerade von ihm, daß alle modernen
Feste exaltierte Huldigungen sind, die die Gefühlsregungen
einseitig zum Ausdruck bringen. Es war nicht immer so; es
gab Zeiten, in denen man dem auf den Thron Erhobenen auch
die feindseligen Absichten nicht verhehlte ; Freud lehrte uns,
daß dem Höchstgeehrten, wenn auch nur unbewußt, auch
heute noch auch Haß, nicht nur Liebe entgegengebracht
wird.
Trotz alledem konnten wir der Versuchung nicht wider-
stehen, uns ausnahmsweise und gegen besseres Wissen vor der
Konvention zu beugen und den Geburtstag zum Anlaß zu
nehmen, dieses Heft sowie das am gleichen Tage erscheinende
19*
292 S. Ferenczi
Heft der „Imago* ausdrücklich unserem Herausgeber zu widmen.
Wer aber die zwölf Jahrgänge unserer Zeitschrift durchblättert,
dem wird es sofort klar, daß eigentlich alle bisherigen Hefte
ihm gewidmet waren ; die Arbeiten, sofern sie nicht vom Meister
selbst stammten, enthielten nur die Fortsetzung, die Nach-
prüfung oder Würdigung seiner Lehren. Auch das heutige,
feierlicher als sonst auftretende Heft ist also im Wesen nichts
anderes als alle vorherigen Hefte, nur daß sich die Mitarbeiter
in einer etwas stattlicheren Zahl präsentieren. Statt einer
formellen Einleitung derselben aber gestatte ich mir, in loser
Folge, gleichsam als freie Assoziation, die Gefühle und Gedanken
wiederzugeben, die in mir bei dieser Gelegenheit auftauchen.
Ich darf voraussetzen, daß diese Einfälle auch vielen der
Gleichstrebenden eignen.
*
In einer Arbeit, in der ich Freuds „Drei Abhandlungen
zur Sexualtheorie" zu würdigen versuchte, komme ich zum
Schluß, daß diesem Werke eine wissenschaftsgeschichtliche
Bedeutung zukommt: es riß die Grenzen zwischen Natur- und
Geisteswissenschaften nieder. In einer anderen Arbeit mußte
ich die Entdeckung und Erforschung des Unbewußten durch
Freud als einen Fortschritt in der Menschheitsgeschichte hin-
stellen, als das erstmalige Funktionieren eines neuen Sinnes-
organs. Man mag diese Behauptungen als Übertreibungen von
vornherein abweisen und sie als unkritische Äußerungen eines
enthusiastischen Jüngers hinstellen; Tatsache bleibt, daß sie
nicht etwa einer Jubiläumsstimmung entsprangen, sondern als
Konsequenz aus einer langen Reihe neuer Erkenntnisse gezogen
wurden.
Ob und wann sich meine Voraussage, daß einstmals alle
Welt von einer Vor- und einer Nach-F r e u d sehen Epoche
sprechen wird, in Erfüllung geht, kann ich natürlich nicht
Zum 70. Geburtstage Sigmund Freuds 293
sagen; die zwanzig Jahre, die ich seinen Fußstapfen folge,
haben an diese* Überzeugung nichts geändert. Zweifellos aber
teilt sich das Leben eines Neurologen, der das große Glück
hatte, als Zeitgenosse Freuds zu leben, und das größere, seine
Bedeutung früh erkannt zu haben, in eine Vor- und Nach-
Freudsche Periode, Lebensabschnitte, die im schärfsten Gegen-
satze zueinander stehen. Mir wenigstens war vor Freud der
Beruf des Neurologen eine ausnahmsweise zwar interessante
Beschäftigung mit dem Nervenfaserverlauf, sonst aber eine
schauspielerische Leistung, eine fortwährende Freundlichkeits-
und Wissensheuchelei den Hunderten von Neurotikern gegen-
über, von deren Symptomen wir nicht das mindeste verstanden.
Man schämte sich, — ich wenigstens schämte mich, — für
diese Leistung sich auch noch belohnen zu lassen. Auch heute
können wir nicht jedem helfen, doch sicher sehr vielen, und
auch in den negativen Fällen bleibt uns das beruhigende
Gefühl, uns redlich, mit wissenschaftlichen Mitteln um das
Verständnis der Neurosen bemüht und die Ursachen der Unmög-
lichkeit des Helfens durchschaut zu haben. Der peinlichen Auf-
gabe, mit der Miene des allwissenden Doktors Trost und Hilfe
zu versprechen, sind wir enthoben, so daß wir diese Kunst
schließlich ganz verlernten. Die Psychiatrie, früher ein Raritäten-
kabinett von Abnormitäten, die wir verständnislos anstaunten,
wurde durch Freuds Entdeckungen ein fruchtbares, einheit-
lichem Verständnis zugängliches Wissensgebiet. Ist es da eine
Übertreibung zu behaupten, daß uns Freud den Beruf ver-
schönt und veredelt hat? Und ist es nicht glaubhaft, daß wir
von steter Dankbarkeit erfüllt sind gegen einen Mann, dessen
Wirken dies ermöglichte? Den siebzigsten oder achtzigsten
Geburtstag zu feiern, mag eine konventionelle Förmlichkeit
sein, für Freuds Schüler ist ein solcher Tag sicherlich nur
eine Gelegenheit, längst gehegten Gefühlen einmal Ausdruck
294 S. Fer enczi
zu geben. Hieße es nicht, dem in Gefühlssachen eher zu
Schamhaftigkeit neigenden Zeitgeist eine Konzession machen,
wenn wir diese Gefühle unausgesetzt unterdrückten? Folgen
wir lieber dem Beispiele der Antike und schämen wir uns
nicht, unserem Meister einmal offen und herzlich zu danken
für alles, was er uns geschenkt hat.
Es wird nicht lange dauern, bis der ganze ärztliche Stand
zur Einsicht kommt, daß zu solchen, meinetwegen lyrischen,
Gefühlsäußerungen nicht nur die Nervenärzte, sondern alle, die
sich um die Heilung von Menschen bemühen, vollen Grund
hätten. Die Erkenntnis der Rolle des psychischen Verhältnisses
zum Arzte bei jeder Art von Therapie und die Möglichkeit
ihrer methodischen Verwertung wird allmählich Gemeingut
aller Ärzte. Die von Spezialistentum zerklüftete ärztliche Wissen-
schaft wird, dank Freud, wieder zu einer Einheit integriert
werden. Der Arzt wird aus einem trockenen Laboratoriums-
und Seziersaaltechniker ein Kenner des gesunden und kranken
Menschen, der Ratgeber, an den sich jeder mit berechtigter
Hoffnung auf Verständnis und vielleicht auf Hilfe wenden
kann.
Es mehren sich aber die Zeichen, die dafür sprechen, daß
die Ärzte der Zukunft auf viel mehr Achtung und Anerkennung
nicht nur seitens der Kranken, sondern der ganzen Gesellschaft
werden rechnen können. Der Ethnologe und Soziologe, der
Geschichtsschreiber und der Staatsmann, der Ästhetiker und
der Philologe, der Pädagoge und der Kriminologe wendet sich
schon jetzt an den Arzt als Kenner der menschlichen Seele um
Auskunft, will er sein Spezialgebiet, das schließlich auf ein
Stück Psychologie aufgebaut sein muß, vom schwankenden
Boden willkürlicher Annahmen auf eine sichere Basis stellen.
Zum 70. Geburtstage Sigmund Freuds 295
Es gab schon eine Zeit, in der der Arzt als der Mann der
Wissenschaft geachtet war: er war der hochgelehrte Kenner
aller Pflanzen und Tiere, aller Wirkungen der „Elemente",
so weit sie damals bekannt waren. Das Kommen einer ähn-
lichen Zeitströmung wage ich vorauszusagen, eine Zeit der
„Iatrophilosophie", zu der Freuds Wirken den Grundstein
gelegt hat. Freud wartete auch nicht, bis alle Gelehrten die
Psychoanalyse kennen ; er war gezwungen, Probleme der Grenz-
wissenschaften, auf die er bei der Beschäftigung mit Nerven-
kranken stieß, mit Hilfe der Psychoanalyse selber zu lösen. Er
schrieb sein „Totem und Tabu", ein Werk, das der Ethnologie
neue Wege weist; um seine „Massenpsychologie" wird keine
künftige Soziologie herumkommen; sein Buch vom Witz ist
der erste Versuch zu einer psychologisch begründeten Ästhetik
und unzählig sind seine Hinweise auf neue Arbeitsmöglichkeiten
auf dem Gebiete der Erziehungswissenschaft.
Brauche ich vor den Lesern dieser Zeitschrift viel Worte
darüber zu verlieren, was die Psychologie der Psychoanalyse
zu verdanken hat? Ist es nicht vielmehr wahr, daß vor
Freud eigentlich alle wissenschaftliche Psychologie nur feinere
Sinnesphysiologie gewesen ist, während die komplizierteren
seelischen Erlebnisse das unbestrittene Gebiet der Belletristik
waren? Und war es nicht Freud, der durch die Schaffung
einer Trieblehre, der Anfänge einer Ichpsychologie, durch die
Konstruktion eines brauchbaren metapsychologischen Schemas
die Psychologie erst auf das Niveau einer Wissenschaft
hob?
Es genügt diese bei weitem nicht vollständige Aufzählung,
um es auch dem größten Skeptiker glaubhaft zu machen, daß
nicht nur seine Schüler und seine Berufsgenossen, sondern die
ganze Gelehrtenwelt allen Grund hat, sich darüber zu freuen,
daß der Meister dieses Alter in voller Schaffenskraft erreicht
296 S. Ferenczi
hat, und zu wünschen, daß ihm noch viel Zeit zur Fortführung
seines großen Werkes gegönnt sein möge.
„Also doch nur Loheserhebungen," werden sich viele denken,
„und wo bleibt die versprochene Aufrichtigkeit, die auch von
den Schwierigkeiten und Kämpfen zwischen dem Meister und
seinen Schülern etwas erzählt?" Auch hierüber soll ich also
einige Worte sagen, obzwar es mir unbehaglich ist, mich
gleichsam als Kronzeugen dieser nicht uninteressanten, aber für
die Beteiligten recht peinlichen Ereignisse vorzudrängen. So sei
denn gesagt, daß es fast keinem von uns erspart geblieben ist,
gelegentlich Winke und Mahnungen des Meisters zu hören,
die manchmal prächtige Illusionen zerrissen und im ersten
Augenblick Gefühle der Verletzung und der Benachteiligung
aufkommen ließen. Doch muß ich bezeugen, daß Freud uns
oft sehr lange gewähren, der individuellen Eigenart viel Spiel-
raum offen läßt, bis er sich entschließt, mäßigend einzugreifen
oder gar von den ihm zu Gebote stehenden Abwehrmitteln
Gebrauch zu machen — das letztere nur, wenn er zur Über-
zeugung kommt, daß durch ein Nachgeben die Sache, ihm
wichtiger als alles, gefährdet werden könnte. Da allerdings
kennt er keine Kompromisse und opfert, wenn auch schweren
Herzens, liebgewonnene persönliche Beziehungen und Zukunfts-
hoffnungen. Da wird er hart gegen sich wie gegen andere.
Wohlwollend betrachtete er die Sonderentwicklung eines seiner
begabtesten Schüler, bis er mit dem Anspruch auftrat, mit dem
„ihm vital 66 alles verstanden zu haben. Auch ich kam vor
vielen Jahren einmal mit der Entdeckung, der Todestrieb könne
alles erklären. Das Zutrauen zu Freud ließ mich vor seinem
ablehnenden Urteil mich beugen — bis eines Tages das
„Jenseits des Lustprinzips" erschien, in dem Freud mit dem
Zum 70. Geburtstage Sigmund Freuds 297
Wechselspiel des Todes und Lebenstriebes der Vielfältigkeit
der psychologischen und biologischen Tatsachen um so viel
mehr gerecht wurde, als es jene Einseitigkeiten vermochten.
Die Idee der „Organminderwertigkeit" interessierte ihn als
vielversprechender Anfang zur somatischen Fundierung der
Psychoanalyse. Jahrelang nahm er dafür die etwas eigenartige
Denkweise ihres Autors mit in Kauf; doch als es ihm klar
wurde, daß jener die Psychoanalyse nur als Sprungbrett zu
einer teleologischen Philosophie benützt, löste er die Gemein-
schaft der Arbeit. Sogar den wissenschaftlichen Bocksprüngen
eines seiner Schüler sah er lange zu, da er seinen Spürsinn
für Sexualsymbolik schätzte. Die große Mehrzahl seiner Schüler
aber hat die unvermeidlichen Empfindlichkeiten überwunden
und ist überzeugt, daß die Psychoanalyse Freuds allen
berechtigten Sonderbestrebungen früher oder später die ihnen
zukommende Bedeutung einräumt.
Unsere zünftige Abgeschlossenheit darf nicht so weit gehen,
daß wir an diesem Tage nicht auch der Gefühle jener
gedenken, die Freud persönlich nahestehen, vor allem seiner
Familie, in der Freud nicht als mythische Gestalt, sondern
als Mensch lebt und wirkt, und die für seine uns allen so
teure Gesundheit Sorge trägt, der wir für diese Sorgfalt so viel
Dank schulden. Doch auch der weite Kreis der in seinem
Sinne behandelten Kranken, die durch ihn die Kraft zum Leben
wiederfanden, wird an seinem Festtage mit uns feiern, nicht
minder aber jener noch weitere Kreis von gesund Leidenden,
denen er durch seine Erkenntnisse viel sinnlos getragene
Lebenslast abnahm.
298
S. Ferenczi
Die Psychoanalyse wirkt letzten Endes durch Vertiefung
und Erweiterung der Erkenntnis; die Erkenntnis aber (dies
versuche ich gerade in einer auf den folgenden Blättern ver-
öffentlichten Arbeit nachzuweisen) » läßt sich nur durch Liebe
erweitem und vertiefen. Und wäre es nur, weil es Freud
gelungen ist, uns zum Ertragen von mehr Wahrheit zu
erziehen, kann er versichert sein, daß seiner am heutigen Tage
ein großer und nicht wertloser Teil der Menschheit in Liebe
gedenkt.
i) Das Problem der Unlustbejahung (S. 84 dieses Bandes).
Von Dr. S. FereilCZi ist früher im Internationalen
Psychoanalytischen Verlag, Wien, erschienen:
Hysterie und Pathoneurosen (Internationale Psychoanalytische
Bibliothek, Nr. IT) 1919
Inhalt: Über Pathoneurosen. Hysterische Materials onsphänomene. &klänmgsversu<h
einiger hysterischer Stigmata. Technische Schwierigkeiten einer Hysterieanalyse. DiTpsycho-
analyse eines Falles von hysterisdier Hypochondrie. Über zwei Typen der Kriegshysterie.
Ferenczi, das Haupt der ungarischen psychoanalytischen Schule, ist nicht nur ein aus-
gezeichneter Lehrer, Propagator und Therapeut, sondern ein ebenso origineller, wie eeist-
reicher Denker und Forscher. In dieser Sammlung von sechs größeren Aufsätzen finden
wir unter anderen seine inhaltsreichen Arbeiten über Pathoneurosen und Kriegshysterie
Außerdem sind neue Arbeiten über Hysterie veröffentlicht, welche die Aufstellungen
Freuds ergänzen und durch kühne Konstruktionen weiterbauen.
{Hitschmann in der Int Zeitschr. f. Psychoanalyse)
Populäre Vorträge über Psychoanalyse (Internationale Psycho-
analytische Bibliothek, Nr. XIII) 1922
Inhalt: Über Aktual- und Psydioneurosen im Lichte der Freudschen Forschungen und
über Psychoanalyse. Zur analytischen Auffassung der Psydioneurosen. Die Psychoanalyse
der Träume, Traume der Ahnungslosen. Suggestion und Psychoanalyse. Die wissenschaft-
liche Bedeutung von Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie«. Die Psychoanalyse
des Witzes und des Komischen. Ein Vortrag für Richter und Staatsanwälte. Psychoanalyse
und Kriminologie. Philosophie und Psychoanalyse. Zur Psychogenem der Mechanik. Nach-
trag zur Psychogenese der Mechanik. Symbolische Darstellung des Lust- und Realitäts-
prinzlps im Ödlpus-Mythus. Cornelia, die Mutter der Gracchen. Anatole France als
Analytiker. Zähmung eines wilden Pferdes. Glaube, Unglaube und Überzeugung.
Klar und formvollendet, mitunter fesselnd geschrieben, sind sie eigentlich die beste „Ein-
fuhrung in die Psychoanalyse" für den ihr ferner Stehenden.
{Prof. Freud in der Ferenczi-FesUchrift)
Wer sich bequem orientieren will, sei auf die schönen „Populären Vorträge" von
Ferenczi hingewiesen. ( A i fred mh lin in der Vossischen Zeitung)
Versuch einer Genitaltheorie (Internationale Psychoanalytische
Bibliothek, Nr. V) 1924
Inhalt: Die Amphimlxto der Erotismen im Ejakulationsakt. Der Begattungsakt als
amphlmiküscher Vorgang. Entwicklungsstufen des erotischen Realitätssinnes. Deutung
einzelner Vorgänge beim Geschlechtsakte. Die individuelle Genttalfunktion. Phylogenetische
Parallele. Zum „thalassalen Regressionszug«. Begattung und Befruchtung. Koitus und Schlaf
Bioanalytische Konsequenzen.
Überall ein intensives Streben nach Vollständigkeit und weitesten Grenzen, gepaart mit
subtilster Erfassung von Einzelheiten.
(Schultz-HencJu in der Zeitschrift f Sexualwissenschaft)
Wie immer man die Hypothesen Ferenczis betrachten mag, selbst wenn man sie nur als
phantastische Exzentrizitäten eines einseitig eingestellten Psychoanalytikers würdigt, sie
verdienen das Interesse des Lesers schon durch das Streben, die rein biologische Auffassung
der Genitalität durch Vermischung mit psychoanalytischem Denken auszudeuten.
(Placzek im Archiv für Frauenkunde)
Die Genitaltheorie ist ein Werk der schöpferischen Intuition, die der jahrelange Durch-
gang durch den Filter der Empirie, gewissenhafte Beobachtungen, die stummen, doch
mühsamen therapeutischen Beobachtungen der täglichen Behandlungsstunden veredelt
haben. Ferenczi ist ein Romantiker unserer Wissenschaft. Seine weitblickenden Ideen,
Anregungen und Funde können ihre Herkunft aus den kaum noch eroberten Gebieten
des Kosmos nicht verleugnen. Man fühlt, daß der, der dieses Buch geschrieben hat. kein
Handwerker ist, sondern jemand, für den Forschung Erlebnis bedeutet, innere Not-
wendigkeit ist. (Alexander in der Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse
Dr. Ferenczis bold and adventurous mind has produced a work füll ofingenious Suggestion
and speculation, and much of it may be of considerable heuristic value.
(Prof. Tansley in The Brit. Journ. of Med. Psych.)
Zur Psydioanalyse von Sexualgewohnheiten (Mit Beitragen
zur therapeutischen Tedinik) 1925
Inhalt: Urethrale Gewohnheiten. Einzelne Genitalgewohnheiten. Unbewußte Lustmord-
phantasien. Gewohnheit und Symptom. Metapsydiologie der Gewohnheiten im allgemeinen.
Technische Bemerkungen. Die Entwöhnung von der Psydioanalyse.
Von Dr. Stefan Hollös und Dr. S. Ferenczi
Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistesstörung (Bei-
hefte der Internationalen Zeitschrift für Psydioanalyse, Nr. V) 1022
No more fascinating nor intriguing study has been attempted than in this effort at
obtaining a better insight into the phenomenology of the mental picture of general
paresis. The bizarre disarray which descriptive psychiatry has given us is most ingeniously
rearranged and order is seen in the apparent chaos of that most „organic" of the psychoses.
(Journ. of Nerv, and Mental Disease)
Von Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank
Entwicklungsziele der Psydioanalyse. Zur Wechselbeziehung von
Theorie und Praxis. (Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse. Nr, I) 1924
Aus dem Bilde, das beide Autoren in gemeinsamer Arbeit entwarfen, wird sich nicht
nur dem ausübenden Analytiker, sondern in hohem Maße auch dem wissenschaftlich und
allgemein an der Psychoanalyse ^Interessierten eine Fülle von Hinweisen ergeben . . .
. Die eingehende kritische Darstellung dessen, was unter einer Analyse verstanden wurde
und wird, kann von großem Interesse sein. (Zeitschrift für Sexualwissenschaft)
"1
INTERNATIONALER P S V CH O AN A L VT, S CH EH VERLAG
WIEN VH ANDHEASGASSE 3
FERENCZI-FESTNUMMER
DER
INTERNATIONALEN
ZEITSCHRI FT FÜR
PSYCHOANALYSE
HERAUSGEGEBEN VON SIGM. FREUD
BD. K (19S3) HEFT 3
Inhalt: Herausgeher und Redaktion: Dr. S. Ferenczi. -
Dr. Ernest ,o„e,: Kalte, Kranit und Geburt. - Dr. M. J. Eisler -
Ober hysterisehe&scheinm.gen am Uterus. -Dr. J. Härnik: Schick-
sale dea Narzfflmns bei Mann und Weih. - Dr. Imre Hermann :
Organunido „nd Begabung. - Dr. Stefan Hollös: Von den „Patho-
neurosen. „ VaäloloBle ^N,^^ .^ „^ ^
d«Sch^e ta derUbidinösenE»twlckInngdesKinde S .-Anrel K ol„a,.
De geb.esg^chi.itRd.e Bedeutung der Psyd.oanal ys< , -D, Sigmund
Pfeifer: Königin Mab. - Dr. Sändor Rad6: Eme Traumanase. -
Dr. G. Röhelm: Heiliges Geld in Melanesien. -Dr. G. Szilagyl-
Der Junge Spiritist - VezzeKfcnis der wissensd.aftlid.en
Arbeiten von Dr. Ferenczi.
SIGM. FREUD
GESAMMELTE SCHRIFTEN
Elf Bände in Lexikonformat
Unter Mitwirkung des Verfassers herausgegeben
von Anna Freud und A. J. Storfer
I)
III)
IV)
V)
VI)
VII)
VIII)
IX)
X)
XI)
Studien über Hysterie / Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre
1892—1899
Die Traumdeutung
Ergänzungen und Zusatzkapitel zur Traumdeutung / Über den
Traum / Beiträge zur Traumlehre / Beiträge zu den „Wiener
Diskussionen"
Zur Psychopathologie des Alltagslebens / Das Interesse an der
Psychoanalyse / Über Psychoanalyse / Zur Geschichte der
psychoanalytischen Bewegung
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie / Arbeiten zum Sexual-
leben und zur Neurosenlehre / Metapsychologie
Zur Technik / Zur Einführung des Narzißmus / Jenseits des
Lustprinzips / Massenpsychologie und Ich-Analyse / Das Ich
und das Es / Anhang
Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse
Krankengeschichten
Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten / Der Wahn
und die Träume in W. Jensens „Gradiva" / Eine Kindheits-
erinnerung des Leonardo da Vinci
Totem und Tabu / Arbeiten zur Anwendung der Psychoanalyse
Schriften aus den Jahren 1923—1926 / Geleitworte zu fremden
Werken / Gedenkartikel / Vermischte Schriften / Bibliographie
1877—1926 / Register zu Band I— XI
In engl. Ganzleinen M. 220.—, Halbleder (Schweinsleder)
M. 280.— , Ganzleder (handgebunden in Saffian) M. 680 —
Verlangen Sie ausführliche Prospekte
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