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Full text of "Bausteine zur Psychoanalyse I Theorie"

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 





DR. S. FERENCZI 

BAUSTEINE ZUR 
PSYCHOANALYSE 

L BAND: THEORIE 



BAUSTEINE ZUR 
PSYCHOANALYSE 



VON 



Dr. S. FERENCZI 



I. BAND 

THEORIE 



1927 

INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG /WIEN / ZÜRICH 



Alle Rechte, 
insbesondere die der Übersetzung, vorbehalten 

Copyright 1027 

by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 

Ges. m. b. H.*, Wien, VII. 



Druck: Elbemühl, Wien, III., Rüdengasse 11 



Inhalt des ersten Bandes 

In den eckigen Klammern f in Kursivschrift ] ist Ort und Zeit des ersten 
Erscheinens der einzelnen Aufsätze angegeben, Abkürzungen: „Jb u = Jahrbuch 
für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen; „Zbl u = Zentralblatt 
für Psychoanalyse; „JZ" = Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 

Seite 

Vorwort des Verlags 7 

THEORIE 

Introjektion und Übertragung 9 

I, Die Introjektion in der Neurose 

II, Die Rolle der Übertragung bei der Hypnose und 

bei der Suggestion 
\Jb I, 1909] 

Zur Begriffsbestimmung der Introjektion *8 

\Zbl //, T 9 f2] ° 

Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes 62 

[IZ 1 i 9 i 3 ] 

Das Problem der Unlustbejahung (Fortschritte in der 

Erkenntnis des Wirklichkeitssinnes) 84. 

[IZ XII, i 92 6] * 

Zur Ontogenese der Symbole 101 

[IZ 7, t 9 i,l 

Zum Thema „Großvaterkomplex" 106 

[IZ J, j 9 xf } 



Seite 

Zur Ontogenie des Geldinteresses 100 

[IZ II, i 9 i 4 ] 

Über die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese 

der Paranoia 120 

[Jb III, i 9 u] 

Alkohol und Neurosen 145 

[Jb III, ipn] 

Zur Nosologie der männlichen Homosexualität (Homoerotik) 1 52 
[IZ II, 1914] 

Y Über obszöne Worte (Beitrag zur Psychologie der Latenzzeit) 1 7 1 
[ZW I, i 9 ii] 

Denken und Muskelinnervation 180 

[IZ V, i 9 i 9 ] 

Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic . . . • • iq* 

[IZ VII, I 9 2l] 

ANHANG 

Die wissenschaftliche Bedeutung von Freuds „Drei Ab- 
handlungen zur Sexualtheorie" 237 

[Ungarisch erschienen als Einleitung der Übersetzung der Freudschen 
Schrift und deutsch IZ III, I 9 ij] 

Kritik der Jungschen „ Wandlungen und Symbole der 

Libido" 243 

[IZ I, x 9 x 3 ] 

Aus der „Psychologie" von Hermann Lotze 269 

[Imago II, i 9 ij\ 

Zur Organisation der psychoanalytischen Bewegung • . . 275 

[ Unveröffentlicht] 

Zum 70. Geburtstage Sigmund Freuds ••• 290 

[IZ XII, i 9 26J 



Vorwort des Verlags 



Ein Jahrzehnt lang — um die Jahrhundertwende herum — hatte der 
junge Budapester Arzt S. Ferenczi als Psychiater und gerichtlicher 
Sachverständige vergeblich wissenschaftlichen und therapeutischen 
Rat bei der „Schulneurologie" gesucht und war dabei beinahe 
schon bei der „Hoffnungslosigkeit jeder Psychiatrie" angelangt. 
Da gelangte er l*?o6 — auf dem Umwege über Zürich — zum 
Studium der Forschungen Sigmund Freuds. Unter dem Eindrucke 
von Freuds Lehren wurde das bis dahin ödeste Krankenmaterial, 
das der Neurotiher, zu einer Fundgrube neuer Erkenntnisse über 
Aufbau und Funktionsweise der kranken und der gesunden Seele. 
Die Fülle des Stoffes und der nützlichen Funde, zu denen Ferenczi 
mit Hilfe des von Freud gewiesenen Instruments gelangte, drängte 
förmlich zur Veröffentlichung* Bald gehörte Ferenczi zu jenem ganz 
kleinen Kreis von Forschern t die sich damals um Freud scharten. Seine 
psychoanalytisdien Veröffentlichungen, deren Reihe X$OJ anfing, 
sind hier von uns jetzt mit Recht als „Bausteine", als wichtige Bau- 
steine zu dem von Freud entworfenen und zum guten Teil auch 
von ihm selbst angeführten Gebäude bezeichnet. Nicht alle Schriften 
Ferenczis aus den Jahren IpOJ — 1$26 findet der Leser hier ver- 
einigt. In Buchform erschienen sind: die Monographien „Hysterie 
und Paihoneurosen* (iplp) und „Versuch einer Genitaltheorie" 
(1924X sowie die kleinere Arbeit „Zur Psychoanalyse von Sexual- 
gewohnheiten" (lo.2j) f ferner je eine gemeinsame Arbeit mit 
Stefan Hollös ( „Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistesstörung* , 
l$22) und mit Otto Rank („Entwicklungsziele der Psychoanalyse" 
i$2$). Hier hat es sich nur darum handeln können, die zerstreuten 



8 Vorwort des Verlags 



Zeitsckriftenaufsätze unter ein Dach zu bringen. Und auch da 
fehlen die „populären Aufsätze", die der Internationale Psycho- 
analytische Verlag in einem Bande ( f ,Populäre Vorträge zur Psycho- 
analyse") bereits IJ22 herausgebracht hat. Die in diesen Bänden 
gesammelten Arbeiten aus der theoretischen und praktischen Psycho- 
analyse geben dem Leser vielleicht auch ein Bild über die Ent- 
wicklung der Psychoanalyse selbst, Wohl spinnen sie meist den 
Faden fort, den diese oder jene Forschung Freuds den Schülern in 
die Hände gab (und der Leser wird selbst feststellen können, mit 
welch steter Dankbarkeit Ferenczi seine Abhängigkeit vom Meister 
immer wieder betont), aber es ist auch unverkennbar, welch wert- 
volle selbständige Leistung um die Kunde von der menschlichen 
Seele in dieser Mitarbeit zweier Jahrzehnte liegt. Man darf hier 
wohl aus den Sätzen zitieren, die Freud Jp2ß — in dem Geleit- 
wort der Festschrift zum JO. Geburtstage Ferenczis — schrieb; 
„ . . . Die wissenschaftliche Leistung Ferenczis imponiert vor allem 
durch ihre Vielseitigkeit. An glückliche kasuistische Funde und 
scharf beobachtete Mitteilungen reihen sich mustergültige kritische 
Arbeiten, treffliche Polemiken, maßvoll und würdig bei aller Ent- 
schiedenheit . . . ferner die Aufsätze, auf denen Ferenczis Ruhm vor- 
vorwiegend beruht, in denen seine Originalität, sein Gedanken- 
reichtum und seine Verfügung über eine wohlgeleitete wissenschaft- 
liche Phantasie so erfreulich zum Ausdruck kommen, durch die 
er wichtige Stücke der psychoanalytischen Theorie ausgebaut und 
die Erkenntnis fundamentaler Verhältnisse gefördert hat ..." 



Introjektion und Übertragung 

(1909) 

I 
Die Introjektion in der Neurose 

„Die Produktivität der Neurose ist (während einer psycho- 
analytischen Kur) durchaus nicht erloschen, sondern betätigt 
sich in der Schöpfung einer besonderen Art von meist 
unbewußten Gedankenbildungen, welchen man den Namen 
.Übertragungen' verleihen kann." 

„Was sind Übertragungen? Es sind Neuauflagen, Nach- 
bildungen von den Regungen und Phantasien, die während des 
Vordringens der Analyse erweckt und bewußt gemacht werden 
müssen, mit einer für die Gattung charakteristischen Ersetzung 
einer früheren Person durch die Person des Arztes." 

In diesen Sätzen kündigte Freud eine seiner bedeutsamsten 
Entdeckungen in der meisterhaft geschilderten Krankheits- 
geschichte einer Hysterischen an. („Bruchstück einer Hysterie- 
analyse" f 1905. Ges. Schriften, Bd. VIII.) 

Wer immer es seitdem versuchte, den Weisungen Freuds 
folgend, das Seelenleben der Neurotischen psychoanalytisch zu 
erforschen, mußte sich von der Wahrheit dieser Beobachtung 



10 S. Ferenczi 



überzeugen. Die größten Schwierigkeiten einer solchen Analyse 
erwachsen gerade aus der merkwürdigen Eigentümlichkeit der 
Neurotischen, daß sie „um der Einsicht ins eigene Unbewußte 
auszuweichen, alle ihre vom Unbewußten her verstärkten 
Affekte (Haß, Liebe) auf den behandelnden Arzt übertragen". 1 
Wenn man aber mit der Arbeitsweise der neurotischen 
Psyche näher bekannt wird, erkennt man, daß die Neigung 
derPsychoneurotiker zur Übertragung sich nicht nur im speziellen 
Falle einer psychoanalytischen Behandlung und nicht nur dem 
Arzte gegenüber äußert, daß vielmehr die Übertragung ein 
für die Neurose überhaupt charakteristischer, 
in allen Lebenslagen sich kundgebender und den meisten 
ihrerKrankheitsäußerungen zugrundeliegender 
psychischer Mechanismus ist. 

Bei sich häufender Erfahrung wird man überzeugt, daß die 
scheinbar unmotivierte Affektverschwendung, das übermäßige 
Hassen, Lieben und Mitleiden der Neurotischen auch nichts 
anderes als Übertragungen sind, wobei längst vergessene 
psychische Erlebnisse (in der unbewußten Phantasie) zum 
aktuellen Anlasse oder zur gegenwärtigen Person in Beziehung 
gebracht werden und der Affekt unbewußter Vorstellungs- 
komplexe die aktuelle Reaktion übertreibt. Die „Übertrieben- 
heit in den Gefühlsäußerungen Hysterischer ist ja längst 
bekannt und auch viel bespöttelt worden; erst seit Freud 
wissen wir aber, daß den Spott eher wir£rzte verdient hätten, 
die wir, die symbolischen Darstellungsmittel, gleichsam die 
Sprache der Hysterie, nicht kennend, sie bald als eine Art 
Simulation ansprachen, bald wieder mit abstrusen physio- 
logischen Schlagworten abgetan zu haben wähnten. Die 

i) Ferenczi, Über Aktual- und Psychoneurosen usw. (Wiener 
klin. Rundschau, 1908.) Abgedr, im Sammelbande: „Populäre Vorträge 
über Psychoanalyse". Int. PsA. Bibliothek, Bd. 13. 



psychologische Auffassung hysterischer Symptome und 
Charaktereigenschaften nach Freud brachte erst die merk- 
würdigen Aufschlüsse über die neurotische Psyche. So fand 
Freud, daß die Neigung der Psychoneurotiker zur Imita- 
tion und die so häufige „psychische Infektion" unter 
Hysterischen kein einfacher Automatismus ist, sondern in 
unbewußten, auch sich selbst nicht eingestandenen und 
bewußtseinsunfähigen Ansprüchen und Wünschen ihre Erklärung 
findet. Der Kranke eignet sich die Symptome einer Person an 
oder macht sich ihre Charakterzüge zu eigen, wenn er sich 
in seinem Unbewußten mit jener Person „auf Grund des 
gleichen ätiologischen Anspruches" identifiziertes. Freud, 
Traumdeutung, Ges. Sehr., Bd. II, S. 152.) Auch die bekannte 
Rührseligkeit vieler Neurotiker, ihre Fähigkeit, die Erlebnisse 
anderer aufs intensivste mitzufühlen, sich in die Lage dritter 
Personen zu versetzen, finden in der hysterischen Identifizierung 
ihre Erklärung, und die impulsiven Akte der Großmut und 
Wohltätigkeit sind bei ihnen nur Reaktionen auf diese 
unbewußten Regungen — sind also in letzter Linie vom Un- 
lustprinzip beherrschte, also egoistische Handlungen. Daß es 
in der Gefolgschaft jeder wie immer gearteten humanitären 
oder Reformbewegung, in der Propaganda des Abstinentismus 
(Vegetarismus, Antialkoholismus, Abolitionismus), in revolu- 
tionären Organisationen, Sekten, bei Verschwörungen für oder 
gegen die religiöse, politische oder moralische Ordnung von 
Neuropathen wimmelt, erklärt sich gleichfalls duTch die Über- 
tragung des Interesses von zensurierten egoistischen (erotischen 
oder gewalttätigen) Tendenzen des Unbewußten auf Gebiete, 
auf denen sich diese ohne Selbstvorwurf ausleben können. Aber 
auch die alltäglichen Ereignisse eines einfach bürgerlichen 
Lebens bieten den Neuropathen die reichlichste Gelegenheit, 
bewußtseinsunfähige Regungen auf zulässige Gebiete zu ver- 



™ S. Ferenczi 



schieben. Die von Freud zuerst festgestellte unbewußte 
Identifizierung grobsexueller genitaler Funktionen mit denen 
der Mundorgane (Essen, Küssen) ist ein Beispiel dafür. Bei der 
Naschhaftigkeit Hysterischer, bei ihrer Neigung, unverdauliche 
oder schwerverdauliche Dinge (unreifes Obst, Kreide usw) zu 
essen bei der eigentümlichen Sucht nach Speisen von fremden 
Tischen, bei ihrer Vorliebe oder Idiosynkrasie gegenüber Speisen 
von gewisser Form oder Konsistenz konnte ich in zahlreichen 
Analysen feststellen, daß es sich um die Verschiebung des 
Interesses von verdrängten erotischen (genitalen oder koprophilen) 
Neigungen und um die Anzeichen sexuellen Unbefriedigtseins 
handelt. (Auch die bekannte Süchtigkeit schwangerer Frauen 
die ich übrigens auch bei Nichtgraviden zur Zeit der Menses 
beobachtete, konnte ich mehrmals auf die im Verhältnisse zur 
gesteigerten Libido ungenügende Befriedigung zurückführen.) 
O. Groß und Stekel fanden die gleiche Ursache für die 
hysterische Kleptomanie. 

Ich bin mir dessen bewußt, daß ich in den angeführten 
Beispielen die Ausdrücke: Verschiebung und Über- 

wün'/TT" ^ d ° Ch ^ Übertri W nur ein 
Spezialfall der Verschiebungssucht der Neurotischen, die, um 
einigen unlustvoll, daher unbewußt gewordenen Komplexen 
auszuweichen, auf Grund oberflächlichster „ätiologischer 
Ansprüche und Analogien den Personen und Dingen der 
Außenwelt mit übertriebenem Interesse (Liebe, Haß, Sucht 
Idiosynkrasie) zu begegnen gezwungen sind. 

Eine psychoanalytische Kur bietet die günstigsten Bedingungen 
zur Entstehung einer solchen Übertragung. Die verdrängt 
gewesenen und allmählich bewußt werdenden Regungen 
begegnen in statu nascendi zunächst der Person des Arztes und 
suchen ihre ungesättigten Valenzen an dieser Persönlichkeit zu 
verankern. Wollen wir diesen der Chemie entlehnten Vergleich 



Introjektion und Übertragung 13 

fortführen, so können wir die Psychoanalyse, insoferne dabei I 
die Übertragung in Betracht kommt, als eine Art Katalyse 
auffassen. Die Person des Arztes hat hier die Wirkung eines 
katalytischen Fermentes, das die sich bei der Zersetzung ab- 
spaltenden Affekte zeitweilig an sich reißt. Bei der kunst- 
gerechten Psychoanalyse ist aber diese Verbindung nur eine 
lockere und wird das Interesse des Kranken ehestens an seine 
ursprünglichen, verschütteten Quellen zurückgeleitet und mit 
ihnen in Dauerverbindung gebracht. 

Wie wenige und geringfügige Motive bei Neurotischen schon 
zur AfTektübertragung genügen, ist in dem zitierten Werke 
F r eu d s angedeutet. Einige charakteristische Beispiele mögen 
hier folgen. Eine hysterische Patientin mit sehr starker Sexual- 
verdrängung verriet zum erstenmal die Übertragung auf den 
Arzt in einem Traume. (Ich [der Arzt] operiere an ihrer Nase, 
sie trage dabei eine Frisur ä la Cleo de Merode.) Wer schon 
Träume analytisch gedeutet hat, wird mir ohne weiteres 
glauben, daß ich in diesem Traume, wohl auch in der 
unbewußten Denktätigkeit des Wachens die Stelle jenes Rhino- 
logen eingenommen habe, der der Patientin einmal unanständige 
Anträge machte. Die Frisur der bekannten Demimondäne ist 
eine gar zu deutliche Anspielung darauf. Überhaupt, wenn der 
behandelnde Arzt in den Träumen der Patienten erscheint, 
entdeckt die Analyse mit Sicherheit Anzeichen der Über- 
tragung. Auch in Stekels Buch über Angsthysterie 1 ist das 
mit schönen Beispielen belegt. Der Fall ist aber auch in einem 
anderen Sinne typisch. Sehr oft benutzen die Patienten die 
Gelegenheit dazu, alle sexuellen Regungen, die sie früher bei 
ärztlichen Untersuchungen verspürt und verdrängt haben, in 
unbewußten Phantasien über Entkleidung, Beklopft-, Betastet-, 
„Operiert -werden aufzufrischen u nd die dabei tätig gewesenen 

1) W. St ekel, Nervöse Angstzustände. Wien, 1908. 



14 S. Ferenczi 

Ärzte im Unbewußten durch die Person des jetzigen Arztes zu 
ersetzen. Um der Gegenstand dieser Art Übertragung zu werden, 
genügt es, überhaupt ein Arzt zu sein; ist doch die mystische 
Rolle, die in der sexuellen Phantasie des Kindes dem alles 
Verbotene wissenden, alles Verborgene anschauenden und 
betastenden Arzte zukommt, eine selbstverständliche Determinante 
des unbewußten Phantasierens, also auch der Übertragung in 
einer spateren Neurose. 1 

Bei der außerordentlichen Bedeutung, die dem verdrängten 
„Ödipuskomplex" (Haß und Liebe zu den Eltern) nach der 
täglich sich bewahrheitenden Feststellung Freuds in jedem 
Falle von Neurose zukommt, wird man sich nicht wundern, 
wenn die „väterliche" Art, die freundlich-nachsichtige Haltung, 
mit der der Arzt bei der Psychoanalyse dem Patienten be- 
gegnen muß, so häufig als Brücke zur Übertragung von be- 
wußten Sympathiegefühlen und unbewußten erotischen Phan- 
tasien benutzt wird, deren ursprüngliche Objekte die Eltern 
waren. Der Arzt ist eben immer nur einer der „Revenants" 
(Freud), in denen der Neurotische die entschwundenen 
Gestalten der Kindheit wiederzufinden hofft. Doch genügt eine 
minder freundliche, an eine Pflicht, an die Pünktlichkeit 
mahnende Bemerkung oder eine um eine Nuance schärfere 
Tonart seitens des analysierenden Arztes, um alle gegen 
moralisierende Respektspersonen (Eltern, Gatte) gerichteten 
unbewußten Gefühle von Haß und Wut des Patienten auf 
sich zu laden. 

Die Konstatierung solcher Übertragungen positiver und 
negativer Affekte ist für die Analyse außerordentlich wichtig, 
sind doch die Neurotiker zumeist Personen, die sich entweder 
zum Lieben oder zum Hassen unfähig glauben (oft sogar die 

i) Vergleiche die Anmerkung über das „Doktorspiel" in Freuds 
Artikel über „Infantile Sexualtheorien*. 1908. (Ges. Sehr., Bd. V, S. 182.) 



Introjektion und Übertragung 15 



primitivsten Kenntnisse über die Sexualität vor sich selbst 
ableugnen), also um Anästhetische oder Übergute; und nichts 
ist geeigneter, ihren irrigen Glauben an die eigene Fühllosigkeit 
und Engelsgüte zu erschüttern, als wenn man bei ihnen gegen- 
sätzliche Gefühlsströmungen in flagranti ertappt und demaskiert. 
Noch wichtiger sind die Übertragungen als Ausgangspunkte 
zur Fortführung der Analyse in der Richtung der tiefer ver- 
drängten Gedankenkornplexe. 

Auch lächerlich kleine Ähnlichkeiten: die Haarfarbe, einige 
Gesichtszüge, die Art, wie er die Zigarette, die Feder in der 
Hand hält, die Klangähnlichkeit oder Gleichheit des Vornamens 
mit dem einer bedeutungsvoll gewesenen Person: selbst solche 
entfernte Analogien genügen, um die Übertragung herzustellen. 
Daß uns eine Übertragung auf Grund solch kleinlicher Ana- 
logien „lächerlich" erscheint, erinnert mich daran, daß Freud 
bei einer Kategorie von Witzen die „Darstellung durch ein 
Kleinstes" als das Lustentbindende, d. h. vom Unbewußten her 
Verstärkte, nachwies; ähnliche Anspielungen auf Dinge, Per- 
sonen, Begebenheiten mit Hilfe minimaler Details finden wir 
in allen Träumen, Die poetische Figur: pars pro toto ist 
also in der Sprache des Unbewußten gang und gäbe. 

Eine vielbegangene Übertragungsbrücke ist für die Patienten 
natürlich das Geschlecht des Arztes an und für sich. Die 
weiblichen Patienten knüpfen ihre unbewußten heterosexuellen 
Phantasien sehr oft nur an die Tatsache an, daß der Arzt eben 
ein Mann ist; das verschafft ihnen die Möglichkeit, die mit 
der Idee der Männlichkeit assoziierten verdrängten Komplexe 
zu beleben . Doch die in j edem Menschen versteckte homo- 
sexuelle Komponente sorgt dafür, daß auch Männer ihre 
„Sympathie" und Freundschaft — eventuell deren Gegenteil — 
auf den Arzt zu übertragen suchen. Es genügt aber, daß etwas 
am Arzte den Patienten „frauenhaft" erscheine, damit die 



16 S. Ferenczi 



Frauen ihr homo-, die Männer ihr heterosexuelles Interesse 
oder ihren diesbezüglichen Widerwillen ganz unbewußt mit der 
Person des Arztes in Beziehung bringen. 

In mehreren Fällen gelang es mir nachzuweisen, daß das 
Nachlassen der ethischen Zensur im Ordinationszimmer des 
Arztes durch das verminderte Verantwortlichkeitsgefühl der 
Patienten mitbestimmt war. Das Bewußtsein, daß der Arzt für 
alles, was bei ihm vorgeht, verantwortlich ist, begünstigt das 
Auftauchen zuerst unbewußter, dann auch bewußtwerdender 
Tagträume, die sehr oft einen gewaltsamen sexuellen Angriff 
seitens des Arztes zum Gegenstand haben und dann zumeist 
mit der exemplarischen Bestrafung des Schamlosen (gerichtliche 
Verurteilung, öffentliche Erniedrigung durch Zeitungsartikel, 
Erschossenwerden im Duell usw.) enden. In dieser moralischen 
Verkleidung werden eben die verdrängten Wünsche der Menschen 
bewußtseinsfähig. Als ein anderes, das Gefühl der Verant- 
wortlichkeit abschwächendes Motiv erkannte ich bei einer 
Patientin die Idee, daß „der Arzt eben alles könne", worunter 
sie die operative Beseitigung der eventuellen Folgen eines 
Verhältnisses verstand. 

Bei der Analyse müssen die Patienten alle diese unlauteren 
Pläne gerade so wie alles andere, was ihnen einfällt, mitteilen. 
Bei der nichtanalytischen Behandlung der Neurotiker bleibt all 
dies von dem Arzte unerkannt, dafür erlangen die Phantasien 
manchmal einen fast halluzinatorischen Charakter und enden 
unter Umständen mit der öffentlichen oder gerichtlichen Ver- 
leumdung des Arztes seitens des Klienten. . 

Der Umstand, daß auch andere Personen in psychothera- 
peutischer Behandlung stehen, ermöglicht es den Patienten, die 
in ihrem Unbewußten versteckten Affekte der Eifersucht, des 
Neides, des Hasses und der Gewalttätigkeit ohne oder mit nur 
geringem Selbstvorwurf auszuleben. Natürlich muß dann der 



Introjektion und Übertragung Vj 

Patient bei der Analyse auch diese inadäquaten Gefühls- 
regungen von dem aktuellen Anlaß ablösen und an viel bedeut- 
samere Persönlichkeiten und Situationen assoziieren. Das gleiche 
gilt von den mehr oder minder bewußten Gedankengängen und 
Gefühlsregungen, die den zwischen Arzt und Patienten be- 
stehenden Lohnvertrag zum Ausgangspunkte haben. So mancher 
„übergute", „generöse" Mensch mußte bei der Analyse einsehen 
und bekennen, daß ihm die Gefühle des Geizes, der rücksichts- 
losen Selbstsucht, der unlauteren Gewinnsucht nicht so ganz 
fremd sind, wie er es bislang zu glauben liebte. („Die Menschen 
behandeln Geldfragen mit derselben Verlogenheit wie die Fragen 
der Sexualität. Bei der Analyse müssen beide mit der gleichen 
Offenheit zur Sprache kommen", pflegt Freud zu sagen.) Daß 
der auf die Kur übertragene Geldkomplex oft nur der Deck- 
mantel viel tiefer versteckter Regungen ist, hat Freud in 
einer meisterhaften charakterologischen Studie (Charakter und 
Analerotik) festgestellt. 

Wenn wir diese verschiedenen Varietäten der „Übertragung 
auf den Arzt" einheitlich ins Auge fassen, werden wir in 
unserer Annahme, daß diese nur eine, wenn auch die praktisch 
bedeutsamste Manifestation der allgemeinen Üb ertragungs- 
s ii cht der Neurotischen ist, entschieden bestärkt. Diese Sucht 
oder Süchtigkeit dürfen wir als die für die Neurosen 
fundamentalste und auch die meisten ihrer Konversions- und 
Substitutionssymptome erklärende Eigentümlichkeit ansehen. Alle 
Neurotiker leiden an Komplexflucht, sie flüchten, wie 
Freud sagt, vor der unlustvoll gewordenen Lust in die Krank- 
heit, das heißt, sie entziehen gewissen, früher lustbetonten 
Vorstellungskomplexen die Libido. Wenn diese Libidoentziehung 
eine minder vollkommene ist, so schwindet das Interesse 
für das früher Geliebte oder Gehaßte und diese werden „gleich- 
gültig"; ist die Ablösung der Libido eine vollständigere, so wird 

Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I 2 



18 S. Ferenczi 



von der Zensur nicht einmal der geringe Grad von Interesse 
zugelassen, der für die Aufmerksamkeitsbesetzung erforderlich 
ist, — der Komplex wird verdrängt, „vergessen" und bewußt- 
seinsunfähig. Es scheint aber, als ob die Psyche eine solche 
von ihrem Komplex losgelöste, also „freiflottierende" Libido 
schlecht vertrüge. Bei der Angstneurose wandelt, wie Freud 
nachgewiesen hat, die Ablenkung der somatischen Sexual- 
erregung vom Psychischen die Lust in Angst um. Bei den 
Psychoneurosen müssen wir eine ähnliche Veränderung annehmen ; 
hier verursacht die Ablenkung der psychischen 
Libido von gewissen Vorstellungskomplexen 
eine Art dauernde Unruhe, die der Kranke möglichst 
zu lindern sucht. Es gelingt ihm auch, einen mehr-minder 
großen Anteil auf dem Wege der Konversion (Hysterie) oder 
der Substitution (Zwangsneurose) zu neutralisieren. Es hat aber 
den Anschein, als ob diese Bindung kaum je eine vollkommene 
wäre und immer noch eine wechselnde Summe freiflottierender, 
komplexflüchtiger Erregung übrig bliebe, die sich an den 
Objekten der Außenwelt zu sättigen sucht. Diese Erregungs- 
summe könnte man zur Erklärung der Übertragungssucht der 
Neurotischen heranziehen und für die „Süchtigkeit* der 
Neurotischen verantwortlich machen. (Bei der „kleinen Hy- 
sterie" scheint diese Sucht das Wesen der Krankheit auszu- 
machen.) 

Um den psychischen Grundcharakter der Neurotiker besser 
zu verstehen, muß man ihr Verhalten mit dem derer, die an 
Dementia praecox und an Paranoia leiden, vergleichen. Der 
Demente löst sein * Interesse von der Außenwelt vollkommen 
ab und wird autoerotisch (Jung 1 , Abraham 2 ). Der Para- 

i) Jung, Zur Psychologie der Dementia praecox, Leipzig 1907, 
^„Mangel an gemütlichem Rapport bei der Dementia praecox.") 

2) Abraham, Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie und 



Introjektion und Übertragung 19 

noische möchte, wie Freud bewiesen hat, dasselbe tun, kann 
es aber nicht, projiziert also das ihm lästig gewordene Interesse 
auf die Außenwelt. Die Neurose steht in dieser Hinsicht in 
diametralem Gegensatze zur Paranoia. Während der Paranoische 
die unlustvoll gewordenen Regungen aus dem Ich hinausdrängt, 
hilft sich der Neurotiker auf die Art, daß er einen möglichst 
großen Teil der Außenwelt in das Ich aufnimmt und zum 
Gegenstande unbewußter Phantasien macht. Es ist das eine 
Art Verdünnungsprozeß, womit er die Schärfe frei- 
flottierender, unbefriedigter und nicht zu befriedigender unbe- 
wußter Wunschregungen mildern will. Diesen Prozeß könnte 
man, im Gegensatze zur Projektion, Introjektion nennen. 

Der Neurotische ist stets auf der Suche nach Objekten, mit 
denen er sich identifizieren, auf die er Gefühle übertragen, die 
er also in den Interessenkreis einbeziehen, introjizieren kann. 
Auf einer ähnlichen Suche nach Objekten, die zur Projektion 
unlusterzeugender Libido geeignet waren, sehen wir den Para- 
noischen. So entstehen am Ende die gegensätzlichen Charaktere 
des weitherzigen, rührseligen, zu liebe und Haß zu aller- Welt 
leicht entflammten oder leicht erzürnten, erregbaren Neurotikers, 
und der des engherzigen, mißtrauischen, sich von der ganzen 
Welt beobachtet, verfolgt oder geliebt wähnenden Paranoikers. 
Der Psychoneurotiker leidet an Erweiterung, der Paranoische 
an Schrumpfung des Ichs. 

Wenn man die Ontogenese des Ichbewußtseins auf Grund 
der neuen Erkenntnisse revidiert, gelangt man zur Ansicht, 
daß die paranoische Projektion und die neurotische Introjektion 



der Dementia praecox. Zentralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie 
1908. („Im Autoerotismus liegt der Gegensatz der Dementia praecox 
gegenüber der Hysterie. Hier Abkehr der Libido, dort übermäßige 
Objektbesetzung . . .") Erschienen in Abrahams „Klinischen Beiträgen 
zur Psychoanalyse". Int. PsA. Bibliothek. Bd. 10, 1921. 



20 S. Ferenczi 



nur extreme Falle von psychischen Prozessen sind, deren Grund- 
formen bei jedem Normalmenschen nachzuweisen sind. 

Man kann annehmen, daß dem Neugeborenen alles, was 
seine Sinne wahrnehmen, einheitlich, gleichsam monistisch 
vorkommt. Erst später lernt er die tückischen Dinge, die seinem 
Willen nicht gehorchen, als Außenwelt vom Ich — d. h. die 
Gefühle von den Empfindungen — zu sondern. Das wäre der 
erste Projektionsvorgang, die Urprojektion, und den so vor- 
gezeichneten Weg dürfte der später paranoisch Werdende dazu 
benutzen, um noch mehr vom Ich in die Außenwelt zu 
drängen. 

Ein mehr-minder großer Teil der Außenwelt läßt sich aber 
nicht so leicht vom Ich abwälzen, sondern drängt sich ihm 
immer wieder auf, es gleichsam herausfordernd: „Kämpf mit 
mir oder sei mein Freund". (Wagner, Götterdämmerung, I. Akt.) 
Hat das Individuum unerledigte Affekte zur Verfügung, und 
die hat es bald, so folgt es dieser Aufforderung, indem es sein 
„Interesse" vom Ich auf einen Teil der Außenwelt ausdehnt. 
Das erste Lieben und Hassen ist eine Übertragung der auto- 
erotischen Lust- und Unlustgefühle auf die Objekte, die jene 
Gefühle verursachen. Die erste Objektliebe und der erste 
Objekthaß sind gleichsam die UrÜbertragungen, die 
Wurzeln jeder künftigen Introjektion. 

Freuds Entdeckungen auf dem Gebiete der Psychopatho- 
logie des Alltagslebens überzeugen uns, daß die Fähigkeit des 
Projizierens und Verschiebens auch beim erwachsenen Normal- 
menschen nicht ruht und oft über das Ziel hinausschießt. Auch 
die Art, wie der Kulturmensch sein Ich in die Welt einordnet, 
seine philosophische und religiöse Metaphysik ist nach Freud 
nur Metapsychologie, zumeist eine Projektion von Gefühls- 
regungen in die Außenwelt, Wahrscheinlich ist aber neben der 
Projektion auch die Introjektion für die Weltauffassung der 



Introjektion und Übertragung 21 

Menschen bedeutsam. Die große Rolle, die der Vermensch- 
lichung unbelebter Dinge in der Mythologie zukommt, scheint 
dafür zu sprechen. Kleinpauls geistvolles Werk über die 
Entwicklung der Sprache, 1 auf dessen psychologische Bedeut- 
samkeit uns Abraham 2 aufmerksam machte, zeigt über- 
zeugend, wie es dem Menschen gelingt, die ganze tönende und 
nichttonende Mitwelt mit den Mitteln des Ichs darzustellen, 
wobei kein Mittel der Projektion und Introjektion unversucht 
bleibt. Die Art, wie bei der Sprachbildung eine Reihe von 
menschlich-organischen Tönen und Geräuschen auf Grund der 
oberflächlichsten akustischen Analogie und des minimalsten 
„ätiologischen Anspruches" mit einem Dinge identifiziert wird, 
erinnert lebhaft an die eben erwähnten Übertragungsbrücken 
der Neurosen. 

Der Neurotische benutzt also einen auch von den 
Normalen vielbegangenen Weg, wenn er die f r e i- 
flottierenden Affekte durch Ausweitung des 
Interessenkreises, also durch Introjektion zu 
mildern sucht und wenn er seine Affekte an alle 
möglichen Objekte, die ihn nichts angehen, verschwendet, 
um Affektbeziehungen zu gewissen Objekten, 
die ihn nahe angehen, unbewußt lassen zu 
können. 

Oft gelingt es, in der Analyse der Neurotiker diese Aus- 
weitung des Interessenkreises historisch zu verfolgen. So 
hatte ich eine Patientin, die bei der Lektüre eines Romanes 
an sexuelle Ereignisse der Kindheit erinnert wurde und im 
Anschlüsse daran eine Phobie vor Romanen produzierte, die sie 
später auf Bücher überhaupt, endlich auf alles Gedruckte aus- 
dehnte. Die Flucht vor der Masturbationsneigung verursachte 

1) Kleinpaul, Das Stromgebiet der Sprache. Leipzig, 1895. 

2) Abraham, Traum und Mythos. Wien, 1909. 



22 S, Ferenczi 



bei einem meiner Zwangsneurotiker eine Phobie vor den 
Anstandsorten (wo er seinerzeit dieser Neigung frönte); später 
wurde daraus eine Klaustrophobie: Furcht vor Alleinsein in 
jedem geschlossenen Räume. Von der psychischen Impotenz 
konnte ich nachweisen, daß sie in sehr vielen Fällen durch die 
Übertragung des Respektes vor der Mutter oder Schwester auf 
alle Frauen bedingt ist. 1 Bei einem Maler erwies sich die Lust 
am Anschauen der Dinge und damit die Berufswahl als „Ersatz" 
für Dinge, die er als Kind nicht betrachten durfte. 

Die experimentelle Bestätigung dieser Introjektionsneigung 
der Neurotischen können wir in den von Jung ausgeführten 
Assoziationsversuchen finden. 2 Als das für die Neurose Charak- 
teristische bezeichnet Jung die verhältnismäßig sehr hohe Zahl 
von „Komplexreaktionen" : die Reizworte werden vom Neurotiker 
„im Sinne seines Komplexes gedeutet". Der Gesunde antwortet 
rasch mit einem indifferenten, inhaltlich oder klanglich assozi- 
ierten Reaktionsworte. Beim Neurotischen bemächtigen sich die 
ungesättigten Affekte des Reizwortes und versuchen, es in ihrem 
Sinne auszubeuten, wozu ihnen die mittelbarste Assoziation gut 
genug ist Die Reizworte lösen also eigentlich die kom- 
plizierte Reaktion nicht aus, sondern die reiz- 
hungrigen Affekte der Neurotischen kommen 
ihnen entgegen. Will man das neu geprägte Wort 
anwenden, so kann man sagen, daß der Neurotische die 
Reizworte des Experimentes introjiziert. 

Man wird mir einwenden, daß die Erweiterung des Inter- 
essenkreises, die Identifizierung des Ichs mit vielen Menschen, 
ja, mit der ganzen Menschheit, die Empfänglichkeit für die 

i) Ferenczi, Analytische Deutung und Behandlung der psycho- 
sexuellen Impotenz beim Manne. (Psychiatrisch-Neurologische Wochen- 
schrift 1908.) Abgedruckt in Band II dieser Sammlung. 

2) Jung, Diagnostische Assoziationsstudien. Leipzig, 1906. 



Introjektion und Übertragung 23 

Reize der Außenwelt Eigenschaften sind, mit denen auch die 
Normalen, ja, besonders die hervorragendsten Vertreter des 
Menschengeschlechtes ausgestattet sind, — daß man also die 
Introjektion nicht als den für Neurosen typischen und charak- 
teristischen psychischen Mechanismus bezeichnen darf. Diesem 
Einwand müssen wir die Erkenntnis entgegenhalten, daß es die 
vor Freud angenommenen fundamentalen Unterschiede zwischen 
Normalen und Psychoneurotischen nicht gibt. Freud zeigte 
uns, daß „die Neurosen keinen besonderen, ihnen eigentümlich 
und allein zukommenden psychischen Inhalt haben", und nach* 
Jungs Ausspruch erkranken die Neurotiker an Komplexen, 
mit denen wir alle kämpfen. Der Unterschied zwischen beiden 
ist nur ein quantitativer und praktisch wichtiger. Der Gesunde 
überträgt seine Affekte und identifiziert sich auf Grund viel 
besser motivierbarer „ätiologischer Ansprüche" als der Neuro- 
tische, vergeudet also nicht so sinnlos seine psychischen Ener- 
gien wie dieser. 

Ein anderer Unterschied, auf dessen prinzipielle Bedeutsam- 
keit Professor Freud aufmerksam machte, ist der, daß dem 
Gesunden der größte Teil seiner Introjektionen bewußt ist, | 
während sie beim Neurotischen zumeist verdrängt bleiben, sich I 
in unbewußten Phantasien ausleben und nur indirekt, sym- i 
bolisch dem Kundigen zu erkennen geben. Sehr oft erscheinen 
sie sogar in Form von „Reaktionsbildungen' , als übermäßige 
Betonung einer der unbewußten gegensätzlichen Gefühls Strömung 
im Bewußten. 

Daß von allen diesen Dingen, von Übertragungen auf den 
Arzt, von Introjektionen in der vorfreudischen Neurosenliteratur 
nichts enthalten ist, — ca ne les empSchait pas d'exister. — 
Damit will ich auch jenen Kritikern geantwortet haben, die 
die positiven Ergebnisse der Psychoanalyse als der Nachprüfung 
nicht wert a limine ablehnen, der von uns selbst hervor- 



24 S. Ferenczi 



gehobenen Ansicht von den Schwierigkeiten dieser Forschungs- 
methode aber ohne weiteres Glauben schenken und sie als 
Waffe gegen die neue Richtung gebrauchen. So begegnete mir 
unter anderem der Einwurf, daß die Psychoanalyse gefährlich 
sei, weil sie Übertragungen auf den Arzt schaffe, wobei 
bezeichnenderweise immer nur von der erotischen, niemals von 
der negativen Übertragung 1 gesprochen wird. 

Ist aber die Übertragung gefährlich, so werden alle Nerven- 
ärzte, auch die Gegner Freuds, konsequenterweise die 
Beschäftigung mit Neurotikern aufgeben müssen, denn immer 
mehr kommen wir zur Überzeugung, daß die Übertragung 
auch in der nichtanalytischen und nichtpsychotherapeutischen 
Behandlung der Psychoneurosen die größte, wahrscheinlich die 
einzig wichtige Rolle spielt, nur daß bei diesen Behandlungs- 
methoden — wie Freud mit Recht hervorhebt — nur die 
positiven Gefühle dem Arzte gegenüber zu Worte kommen, da 
die Kranken beim Auftauchen von unfreundlichen Übertragungen 
sich vom „antipathischen" Arzte losreißen« Die positiven Über- 
tragungen werden aber vom nichts ahnenden Arzte übersehen 
und die Heilwirkung den physikalischen Maßnahmen oder der 
unklar erfaßten „Suggestion" zugeschrieben. 

Am deutlichsten zeigt sich die Übertragung bei der Behand- 
lung mit Hypnose und Suggestion, wie ich es im folgen- 
den Kapitel dieser Arbeit ausführlicher darzulegen versuche. 

Seitdem ich von Übertragungen etwas weiß, erscheint mir 
eben das Vorgehen jener Hysterika, die nach Beendigung der 
Suggestionskur meine Photographie verlangte, um — wie sie 

1) Die praktische Bedeutsamkeit und exzeptionelle Stellung jener 
Art von Introjektionen, die die Person des Arztes zum Gegenstande 
haben und bei der Analyse aufgedeckt werden, erfordert es, daß für 
diese der von Freud gegebene Terminus „Übertragungen" beibehalten 
werde. Die Bezeichnung „Tntrojektion" wäre für alle anderen Fälle des 
gleichen psychischen Mechanismus anwendbar. 



Introjektion und Übertragung 25 

sagte — beim Anblick derselben an meine Worte erinnert zu 
werden, im richtigen Lichte. Sie wollte einfach ein Andenken 
von mir haben, der ich ihrer von Konflikten geplagten Seele 
durch Streicheln ihrer Stirne, durch freundlich mildes Zureden, 
durch ungestörtes Phantasierenlassen im halbdunklen Zimmer 
so angenehme Viertelstunden verschaffte. Einer anderen Patientin 
mit Waschzwang entschlügfte einmal bei der Analyse sogar das 
Geständnis, daß sie einem sympathischen Arzte zuliebe oft 
imstande war, ihre Zwangshandlung zu unterdrücken. 

Dies sind keine Ausnahmsfälle, sondern repräsentieren den 
Typus und dienen zur Erklärung nicht nur der hypnotischen 
und suggestiven, sondern auch aller „Heilungen" der Psycho- 
neurotischen mittels Elektro-, Mechano-, Hydrotherapie und 
Massage. 

Es soll nicht geleugnet werden, daß rationellere Lebens- 
bedingungen die Ernährung heben, die Stimmung bessern und 
hierdurch die Bewältigung von psychoneurotischen Symptomen 
einigermaßen unterstützen können; die hauptsächliche Heil- 
potenz bei all diesen Kuren ist aber die unbewußte Über- 
tragung, wobei die verkappte Befriedigung libidinöser Ten- 
denzen (bei der Mechanotherapie die Erschütterung, bei der 
Hydrotherapie und Massage das Reiben der Haut) sicherlich 
eine Rolle spielt. 

Professor Freud faßt diese Überlegungen in dem Aus 
spruche zusammen, daß man den Neurotischen be- 
handeln mag wie immer: er behandelt sich 
immer psychotherapeutisch, das heißt mit Über- 
tragungen. Was wir als Introjektionen und sonstige Krank- 
heitssymptome beschreiben, sind — nach Freuds Ansicht, 
der ich vollkommen beipflichten muß — eigentlich auto- 
didaktisch erlernte Heilungsversuche des Kranken. Denselben 
Mechanismus betätigt er aber, wenn ihm ein heilen wollender 



26 S. Ferenczi 



Arzt begegnet: er versucht — meist ganz unbewußt — zu 
„übertragen", und wenn es ihm gelingt, so ist die Besserung 
des Zustandes die Folge. 

Man könnte mir einwenden, daß die nichtanalytischen Be- 
handlungsmethoden, indem sie — wenn auch unbewußt — 
den von der kranken Psyche automatisch eingeschlagenen Weg 
befolgen und mit Übertragungen heilen, im Rechte seien. 
Die Übertragungstherapie sei also gleichsam ein „Naturheil- 
verfahren", die Psychoanalyse dagegen etwas Künstliches, der 
Natur Aufgezwungenes. Dieser Einwurf wäre unwiderlegbar. 
Der Kranke „heilt" seine seelischen Konflikte tatsächlich durch 
Verdrängung, Verschiebung und Übertragung unliebsamer 
Komplexe ; leider entschädigt sich das Verdrängte durch die 
Schaffung „kostspieliger Ersatzbildungen" (Freud), so daß wir 
die Neurosen als mißlungene Heilungsversuche 
(Freud) ansehen müssen, wo wirklich medicina pejor morbo. 
Sehr falsch wäre es, auch hier sklavisch die Natur nachahmen 
zu wollen und ihr auf einer Fährte zu folgen, wo sie im 
gegebenen Falle ihre Unfähigkeit erwiesen hat. Die Psycho- 
analyse will individualisieren, was die Natur 
verschmäht; die Analyse trachtet Individuen lebens- und 
aktionsfähig zu machen, die bei dem summarischen Verdrän- 
gungsverfahren der um die schwächlichen Einzelwesen sich 
nicht kümmernden Natur zugrunde gingen. Es genügt hier nicht, 
die verdrängten Komplexe mit Hilfe der Übertragung auf den 
Arzt um ein kleines weiter zu verschieben, ihre Affektspannung 
zum Teil zur Entladung zu bringen und hierdurch eine tem- 
poräre Besserung zu erzielen. Will man dem Kranken ernstlich 
helfen, so muß man ihn durch die Analyse dazu bringen, daß 
er — entgegen dem Unlustprinzip — die Widerstände 
(Freud), die ihm den Anblick der eigenen, ungeschminkten 
seelischen Physiognomie verwehren, überwindet, 



Introjektion und Übertragung 27 



Die heutige Neurologie will aber von Komplexen, Wider- 
ständen und Introjektionen nichts wissen und bedient sich ganz 
unbewußt eines in vielen Fällen wirklich wirksamen psycho- 
therapeutischen Mittels, der Übertragung; sie heilt gleichsam 
„unbewußt", bezeichnet sogar das eigentliche wirksame Prinzip 
aller Heilmethoden der Psychoneurosen als eine Gefahr. 

Wem die Übertragungen gefährlich vorkommen, der muß die 
nichtanalytischen Behandlungsmethoden, die die Übertragungen 
verstärken, viel strenger verdammen als die Psychoanalyse, die 
dieselben ehemöglichst aufzudecken und zu lösen sucht. 

Ich leugne aber, daß die Übertragung etwas Schädliches sei, 
vermute vielmehr, daß sich — wenigstens in der Neurosen- 
pathologie — jener tief in der Volksseele wurzelnde uralte 
Glaube bewahrheiten wird, daß die Liebe Krankheiten heilen 
kann. Diejenigen, die uns spöttisch vorwerfen, „alles aus 
einem Punkte" erklären und kurieren zu wollen, sind noch 
viel zu sehr von jener asketisch-religiösen, alles Sexuelle 
geringschätzenden Weltanschauung beeinflußt, die der Einsicht 
in die große Bedeutung der Libido für das normale und patho- 
logische Seelenleben seit nahezu zweitausend Jahren hinderlich 
im Wege steht. 

II 

Die Rolle der Übertragung bei der Hypnose und 
bei der Suggestion 

Die Pariser neurologische Schule (Schule C h a r c o t) be- 
trachtete peripher und zentral auf das Nervensystem einwirkende 
Reize (optische Fixierung von Gegenständen, Streicheln der 
Kopfhaut usw.) als Hauptfaktoren bei den hypnotischen Er- 
scheinungen. Die Schule Bernheims dagegen (Schule von 
Nancy) sieht in diesen und ähnlichen Reizen nur Vehikel zur 
„Eingebung" von Vorstellungen, speziell im Hypnotisieren das 



2 ^ S. Ferenczi 



Vehikel zur Einführung der Vorstellung des Einschlafens. Die 
gelungene Eingebung der Schlafvorstellung soll dann imstande 
sein, eine Art „Dissoziationszustand des Gehirns" hervorzu- 
rufen, in dem man weiteren Suggestionen besonders leicht 
zugänglich sei, d. h. die Hypnose. Dies war ein gewaltiger 
Fortschritt, der erste Versuch einer von unberechtigten physio- 
logischen Phrasen befreiten, rein psychologischen Erklärung der 
hypnotischen und Suggestionsphänomene; ganz zufriedenstellen 
konnte aber auch diese unser Kausalitätsbedürfnis nicht. Es war 
von vornherein unwahrscheinlich, daß das Fixieren eines glän- 
zenden Gegenstandes die Hauptursache so tiefgreifender Ver- 
änderungen im Seelenleben des Menschen, wie die Hypnose 
sie zeitigt, sein könne. Nicht viel größer ist aber die Plau- 
sibilität der Annahme, daß eine dem wachen Menschen „ein- 
gegebene" Vorstellung, die Idee des Schlafens, ohne die unum- 
gängliche Mithilfe viel gewaltigerer psychischer Kräfte, solche 
Veränderungen verursachen könne. Alles spricht vielmehr dafür, 
daß beim Hypnotisieren und Suggerieren die Hauptarbeit nicht 
der Hypnotiseur und Suggereur, sondern die Person selbst ver- 
richtet, die bisher zumeist nur als „Gegenstand" der Ein- 
gebungsprozeduren in Betracht kam. Die Existenz der Auto- 
suggestion und Autohypnose einerseits, die durch die Individualität 
des „Mediums" gesteckten Grenzen der produzierbaren Er- 
scheinungen anderseits sind schlagende Beweise dafür, eine wie 
untergeordnete Rolle in der Kausalitätskette dieser Erscheinungen 
dem Eingreifen des Experimentators eigentlich zukommt. Trotz 
dieser Erkenntnis blieben aber die Bedingungen der intra- 
psychischen Verarbeitung von Suggestionseinflüssen in tiefes 
Dunkel gehüllt. 

Die psychoanalytische Untersuchung Nervenkranker nach 
der Methode Freuds verhalf uns erst zu Einblicken in die 
Seelenvorgänge, die sich bei Suggestion und Hypnose abspielen. 



Introjektion und Übertragung 29 

Die Psychoanal} r se gestattete uns, mit Sicherheit festzustellen, 
daß der Hypnotiseur der Mühe der Hervorrufung jenes „Dis- 
soziationszustandes" (dem er übrigens kaum gewachsen wäre) 
enthoben ist, da er doch die Dissoziation, d. h. das Neben- 
einanderbestehen verschiedener Schichten (nach Freud „Lokali- 
täten", „Arbeitsweisen") der Seele auch beim wachen Menschen 
fertig vorfindet. Nebst der sicheren Feststellung dieser Tatsache 
gab aber die Psychoanalyse auch über den Inhalt jener Vor- 
stellungskomplexe und über die Richtung jener Affekte, die die 
beim Hypnotisiert- und Suggeriert werden tätige unbewußte 
Schichte der Psyche ausmachen, vordem ungeahnte Auskünfte. 
Es stellte sich heraus, daß im „Unbewußten" (im Sinne Freuds) 
alle im Laufe der individuellen Kulturentwicklung verdrängten 
Triebe aufgestapelt sind und daß deren ungesättigte, reizhungrige 
Affekte stets bereit sind, auf die Personen und Gegenstände der 
Außenwelt zu „übertragen", dieselben mit dem Ich unbewußt 
in Beziehung zu bringen, zu „introjizieren". Vergegenwärtigen 
wir uns in diesem Sinne den psychischen Zustand des Menschen, 
dem etwas suggeriert werden soll, so ergibt sich eine prinzipiell 
bedeutungsvolle Verschiebung des früheren Standpunktes. Die 
unbewußten seelischen Mächte des „Mediums" erscheinen als 
das eigentlich Aktive, während der früher allmächtig gedachte 
Hypnotiseur sich mit der Rolle eines Objektes bescheiden muß, 
dessen sich das Unbewußte des scheinbar widerstandslosen 
„Mediums' je nach seiner individuellen und aktuellen Dispo- 
sition bedient. 

Unter den psychischen Komplexen, die, im Laufe der Kind- 
heit fixiert, für die ganze spätere Lebensgestaltung von außer- 
ordentlich hoher Bedeutung bleiben, stehen die „Elternkomplexe" 
obenan. Die Erfahrung Freuds, daß diese Komplexe die 
Grundlage für die Symptome aller Psychoneurosen der Er- 
wachsenen hergeben, wird von allen, die sich ernstlich mit 



30 S. Ferenczi 

diesen Problemen befassen, bestätigt. Mein Versuch, die Ur- 
sachen der psychosexuellen Impotenz analytisch zu erforschen, 
führte zum Ergebnisse, daß auch dieser Zustand in einer sehr 
großen Zahl von Fällen durch „inzestuöse Fixierung" der Libido 
(Freud) verursacht ist, d. h. durch allzu feste — wenn auch 
ganz unbewußte — Verankerung der sexuellen Wünsche an 
die Personen der nächsten Verwandtschaft, besonders der Eltern. 
Ich habe mit dieser Feststellung ähnliche Beobachtungen von 
Steiner und W. St ekel bestätigen können. Eine beträchtliche 
Bereicherung unseres Wissens über die dauernde Nachwirkung 
der elterlichen Einflüsse verdanken wir C. G. Jung 1 und 
K. Abraham. 2 Ersterer wies nach, daß die Psychoneurosen 
meist aus einem Konflikt zwischen der (unbewußten) Eltern- 
konstellation und dem Bestreben nach individueller Selbständig- 
keit entstehen. Letzterer demaskiert die Neigung zum Unver- 
ehelichtbleiben oder zum Heiraten naher Verwandter als ein 
Symptom derselben psychischen Konstellation. Auch I. Sadger 3 
hat sich um die Aufdeckung dieser Beziehungen verdient 
gemacht. 

Für die psychoanalytische Betrachtungsweise gilt es aber als 
ausgemacht, daß es zwischen den „normalen" und „psycho- 
neurotischen" Seelenvorgängen nur quantitative Unterschiede 
gibt und daß die Ergebnisse der Seelenerforschung von Psycho- 
nervösen, mutatis mutandis, auch in der Normalpsychologie ver- 
wertbar sind. Es war also von vornherein wahrscheinlich, daß 

1) CG. Jung, Bedeutung des Vaters für das Schicksal des einzelnen. 
Jahrb. f. PsA. I. Jahrg. (1909). 

2) K. Abraham, Stellung der Verwandtenehen in der Psychologie 
der Neurosen. Erschienen in seinen „Klin. Beiträgen zur Psychoanalyse". 
Int. PsA. Bibliothek, Bd. 10, 1921. 

5) I. Sadger, Psychiatrisch-Neurologisches in psychoanalytischer 
Beleuchtung. (Zentralblatt für das Gesamtgebiet der Medizin und ihrer 
Hilfswissenschaften, Jahrgang 1908, Nr. 7 und 8.> 



Introjektion und Übertragung 31 

die Suggestion, die ein Mensch einem anderen „eingibt", die- 
selben Komplexe in Bewegung setzt, die wir bei den Neurosen 
in Tätigkeit sehen. Es muß aber hervorgehoben werden, daß 
mich in Wirklichkeit nicht diese aprioristische Erwartung, 
sondern reale Erfahrungen bei der Psychoanalyse zu dieser Ein- 
sicht führten. 

Freud ist es zuerst aufgefallen, daß man bei den Analysen 
manchmal auf große Widerstände stößt, die das Fortsetzen der 
Arbeit unmöglich zu machen scheinen und es wirklich hintan- 
halten, bis es gelingt, dem zu Analysierenden einwandfrei dar- 
zutun, daß dieses Widerstreben eine Reaktion auf unbewußte 
Sympathiegefühle ist, die eigentlich anderen Personen gelten, 
aber aktuell zur Person des Analysierenden in Beziehung 
gebracht worden sind. 

Andere Male beobachtet man an den Analysierten eine an 
Anbetung grenzende Begeisterung für den Arzt, die — wie 
alles andere — der Analyse unterzogen wird. Es stellt sieb 
dann heraus, daß der Arzt auch hier als Deckperson zum Aus- 
leben von meist sexuellen Affekten gedient hat, die eigentlich 
anderen, für den Analysierten viel bedeutungsvolleren Persön- 
lichkeiten gelten. Sehr oft wird aber die Analyse durch 
unmotivierten Haß, Furcht und Angst des Patienten dem Arzte 
gegenüber unliebsam gestört, die sich im Unbewußten nicht 
auf den Arzt, sondern auf Personen beziehen, an die der Patient 
aktuell gar nicht denkt. Indem wir dann mit dem Patienten 
die Reihe von Persönlichkeiten, denen diese Affekte positiver 
und negativer Art eigentlich gelten, durchgehen, stoßen wir oft 
zunächst auf solche, die in der unmittelbaren Vergangenheit 
des Patienten eine Rolle gespielt haben (z. B. Gattin, Geliebte), 
dann kommen unerledigte Affekte der Jugendzeit (Freunde, 
Lehrer, Heldenphantasien) und schließlich gelangen wir meist 
nach Überwindung größter Widerstände zu verdrängten Gedanken 



32 S. Ferenczi 



sexuellen, gewalttätigen und ängstlichen Inhaltes, die sich auf 
die nächsten Verwandten, besonders auf die Eltern, beziehen. 
Es stellt sich so heraus, daß tatsächlich in jedem Menschen 
das liebenwollende, dabei furchtsam-ängstliche Kind weiterlebt 
und daß alles spätere Lieben, Hassen und Fürchten nur Über- 
tragungen oder, wie Freud sagt, „Neuauflagen" von Gefühls- 
strömungen sind, die in der ersten Kindheit (vor dem voll- 
endeten vierten Jahre) erworben und später verdrängt worden 
sind. 

Im Besitze dieser Kenntnisse war es kein allzu gewagter 
Schritt mehr anzunehmen, daß die merkwürdige Pienipotenz, 
mit der wir als Hypnotiseure über alle psychischen und Nerven- 
kräfte des „Mediums" verfügen, nichts anderes als Äußerungen 
verdrängter infantiler Triebregungen des Hypnotisierten sind. 
Ich fand diese Erklärung viel beruhigender als die Annahme 
der dissoziationerzeugenden Fähigkeit einer Eingebung, die einen 
ja vor seiner Gottähnlichkeit bange machen müßte. 

Ein naheliegender Einwand auf diese Überlegungen wäre 
die Bemerkung, daß es ja längst bekannt sei, daß Sympathie 
und Respekt das Zustandekommen suggestiver Beeinflußbarkeit 
sehr begünstigen. Diese Tatsache konnte ja den tüchtigen 
Beobachtern und Experimentatoren auf diesem Gebiete nicht 
entgehen. Was aber bislang nicht bekannt war und nur mit 
Hilfe der Psychoanalyse erkannt werden konnte, ist erstens, daß 
diese unbewußten Affekte die Hauptrolle beim Zustandekommen 
jeder Suggestionswirkung spielen, zweitens, daß sie sich in 
ultima analysi als Manifestationen libidinöser Trieb- 
regungen darstellen, die zumeist von den Vorstellungs- 
komplexen der kindlich-elterlichen Beziehungen 
auf die Relation Arzt-Patient übertragen wurden. 

Daß Sympathie oder Antipathie zwischen Hypnotiseur und 
Medium das Gelingen des Experimentes sehr beeinflußt, war, 



Introjektion und Übertragung 33 

wie gesagt, auch vordem allgemein anerkannt. Unbekannt war 
aber der Umstand, daß die Gefühle der „Sympathie" und 
„ Antipathie" hoch zusammengesetzte, noch weiterer Analyse 
zugängliche psychische Gebilde und nach Freuds Methode 
in ihre Elemente zerlegbar sind. Bei der Zerlegung findet man 
in ihnen die primären unbewußten libidinösen Wunsch- 
regungen als Unterlage und darüber einen unbewußten und 
vorbewußten psychischen Überbau. 

In den tiefsten Schichten der Psyche wie beim Beginne der 
psychischen Entwicklung herrscht noch das rohe Unlustprinzip, 
der Drang nach unmittelbarer, motorischer Befriedigung der 
Libido; das ist die Schichte (oder das Stadium) des Auto- 
erotismus nach Freud. Diese Region in der Schichtung der 
Psyche eines Erwachsenen ist als direkte Reproduktion meist 
nicht mehr zu erreichen; sie muß aus ihren Symptomen 
erschlossen werden. 

Was reproduzierbar ist, gehört zumeist schon der Schichte 
(dem Stadium) der Objektliebe (Freud) an und die ersten 
Objekte der Liebe sind die Eltern. 

Alles drängt nun zur Annahme, daß jedem „Sympathie- 
gefühl" eine unbewußte „sexuelle Stellungnahme 
zugrunde liegt und daß, wenn zwei Menschen sich begegnen 
(ob des gleichen oder verschiedenen Geschlechtes), das Unbe- 
wußte stets den Versuch der Übertragung macht. („Im Unbe- 
wußten gibt es kein ,Nein'" . . . „Das Unbewußte kann nichts 
als wünschen", sagt Freud.) Gelingt es dem Unbewußten, 
diese Übertragung, sei es in rein sexueller (erotischer), sei es 
in sublimierter, versteckter Form (Achtung, Dankbarkeit, Freund- 
schaft, ästhetisches Wohlgefallen usw.) dem Bewußtsein annehm- 
bar zu machen, so kommt es zur „Sympathie" zwischen den 
beiden. Antwortet das Vorbewußte mit Verneinung der stets 
positiven unbewußten Lust, so entsteht je nach dem Kräfte- 

Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I 5 



34 S. Ferenczi 

Verhältnis beider Instanzen Antipathie in verschiedenen Graden 
bis zum Ekel. 1 

Als klassischen Zeugen für die Wirklichkeit der allen Per- 
sonen gegenüber sich äußernden „sexuellen Stellungnahme" 
führe ich Freuds Patientin Dora aus dem „Bruchstück einer 
Hysterieanalyse" an. Im Laufe der — ■ nicht einmal voll- 
ständigen — Analyse stellte sich heraus, daß ihre Sexualität 
keiner einzigen Person ihrer Umgebung gegenüber indifferent 
blieb. Die beiden Ehehälften der befreundeten Familie K., die 
Gouvernante, der Bruder, die Mutter, der Vater: alle regten 
ihre sexuelle Libido an. Dabei war sie im Bewußten — wie 
die meisten Neurotiker — eher spröde und negativistisch und 

i) Daß das Gefühl der Antipathie, des Ekels, aus Lust und Unlust, 
Gefallen und Mißfallen zusammengesetzt ist, fand ich in einem auch 
von Herrn Professor Freud untersuchten Falle von paranoischem Eifer- 
suchtswahn bei einer Frau aus den gebildeten Ständen besonders schon 
ausgeprägt. Als Grundursache ihres Leidens entpuppte sich die infantile 
Homosexualität, die seinerzeit von der Mutter auf weibliche Warte- 
personen, dann auf kleine Freundinnen übertragen und ausgiebig betätigt 
wurde. Die Enttäuschungen des Ehelebens hatten das Zurückströmen 
der Libido in „infantile Kanäle" zur Folge, inzwischen ist aber diese 
Art von sexueller Lust ihr unerträglich geworden. Sie projizierte also 
dieselbe auf ihren Mann (den sie früher liebte) und beschuldigte ihn 
der Untreue. Merkwürdigerweise verdächtigte sie ihn immer nur mit 
ganz jungen, 12- bis 13 jährigen, oder sehr alten, häßlichen Frauens- 
personen, meist Dienstboten, die sie „antipathisch" oder gar „ekelhaft" 
fand. Wo sie sich das Gefallen in sublimierter Form (ästhetisches 
Gefallen, Freundschaft) eingestehen konnte, also bei hübschen Personen 
aus ihrem Gesellschaftskreise, da konnte sie lebhafte Sympathie emp- 
finden, und diesen gegenüber äußerte sie auch keine Wahnideen. Daß 
wir ein Gemenge von süß und bitter „ekelhaft" finden, dürfte ähnliche 
psychologische Ursachen haben, wie auch die Idiosynkrasie gegenüber 
Speisen und Getränken von gewisser Farbe und Konsistenz die Reaktion 
auf infantile, meist mit der Kopro- und Urophilie zusammenhängende 
verdrängte Wunschregungen ist. Der Reiz zum Spucken und 
Erbrechen beim Anblicke „ekelhafter" Dinge ist nur 
die Reaktion auf den unbewußten Wunsch, diese Dinge 
in den Mund zu nehmen. 



Introjektion und Übertragung 35 



hatte keine Ahnung davon, daß hinter ihren schwärmerischen 
Freundschaften, ihren Sympathien und Antipathien sich sexuelle 
Wünsche versteckten. 

Dora ist aber keine Ausnahme, sondern ein Typus. So wie 
ihre Psyche analysiert vor uns dasteht, gibt sie ein getreues 
Abbild des inneren Menschen überhaupt, denn bei genügender 
Vertiefung in das Seelenleben eines jeden (ob „normalen" oder 
neurotischen) Menschen können wir, von quantitativen Verhält- 
nissen abgesehen, dieselben Erscheinungen wieder finden. 

Die Hypnotisierbarkeit und suggestive Beein- 
flußbarkeit eines Menschen hängt also von der 
Möglichkeit der „Übertragung" oder, offener 
gesagt, der positiven, wenn auch unbewußten 
sexuellen Stellungnahme des zu Hypnotisierenden 
dem Hypnotiseur gegenüber ab; die Übertragung 
aber, wie jede „Objektliebe", hat ihre letzte 
Wurzel in dem verdrängten Elternkomplex. 1 

Weitere Indizienbeweise für die Richtigkeit dieser Auffassung 
erhält man, wenn man die praktischen Erfahrungen über die 
Bedingungen der Hypnotisierbarkeit und Suggestibilität in 
Betracht zieht. 

Es ist auffallend, wie sehr die Verhältniszahl der gelungenen 
Hypnosen bei den einzelnen Autoren differiert. Der eine erzielt 
nur in 50 Prozent, der andere in 80 bis 90, ja, 96 Prozent 
der Fälle einen positiven Erfolg. Nach der übereinstimmenden 
Überzeugung erfahrener Hypnotiseure gehört zur Eignung zu 
diesem Beruf eine Anzahl äußerer und innerer Eigenschaften 
(eigentlich nur äußerer, denn auch die „inneren" müssen sich 

1) Da ich von der Richtigkeit der Ansicht Bernheims, daß die 
Hypnose nur eine Form der Suggestion (suggerierter Schlaf) ist, über- 
zeugt bin, lege ich kein Gewicht auf das scharfe Auseinanderhalten 
beider Begriffe und gebrauche hier oft den einen für beide. 

3* 



36 S. Ferenczi 



in äußerlich bemerkbaren Ausdrucksbewegungen und in Art 
und Inhalt der Rede manifestieren, die ein schauspielerisches 
Talent auch ohne Überzeugung leisten kann). Sehr erleichtert 
wird die Hypnose durch imponierendes Aussehen des Hypnoti- 
seurs; einen „imposanten" Menschen denkt man sich aber oft 
mit einem langen, womöglich schwarzen Barte (Svengali); für 
den Mangel dieses Attributes der Männlichkeit können mächtige 
Statur, dichte Augenbrauen, durchdringender Blick, strenger, 
aber vertrauenerweckender Gesichtsausdruck entschädigen. Daß 
die Selbstsicherheit im Auftreten, der Ruf früherer Erfolge, die 
hohe Achtung, die einen berühmten Gelehrten umgibt, auch 
das seinige zum Gelingen der Suggestionswirkung beiträgt, 
wird allgemein anerkannt. Große Höhen- und Rangunterschiede 
in der gesellschaftlichen Stellung zugunsten des Hypnotiseurs 
erleichtern das Zustandekommen von Suggestionswirkungen. Ich 
war während meines Militärdienstes Zeuge, wie ein Infanterist 
auf Geheiß seines Oberleutnants augenblicklich einschlief. Es 
war ein coup de foudre. Meine ersten hypnotischen Versuche, 
die ich als Student an den Lehrlingen aus der Buchhandlung 
meines Vaters vornahm, gelangen ausnahmslos; später hatte ich 
bei weitem nicht so hohe „Prozente", allerdings fehlte es mir 
später an der absoluten Selbstsicherheit, die einem nur die 
Unwissenheit verleihen kann. 

Die Befehle müssen bei der Hypnose so bestimmt und sicher 
gegeben werden, daß dem zu Hypnotisierenden der Wider- 
spruch ganz unmöglich vorkommen soll. Als Grenzfall dieser 
Art von Hypnose mag die „Überrumpelungshypnose" durch 
Anschreien, Erschrecken gelten, wobei nebst der Strenge des 
Tones verzerrte Mienen, geballte Fäuste von Nutzen sein 
können. Diese Überrumpelung kann — ähnlich dem Anblicke 
des Medusenhauptes — die sofortige Schrecklähmung, die 
Katalepsie des dazu Disponierten zur Folge haben. 






Introjektion und Übertragung 37 

Es gibt aber auch eine ganz andere Methode der Ein" 
schläferung; die Requisiten derselben sind: ein halbdunkles 
Zimmer, absolute Stille, freundlich-mildes Zureden in monotoner, 
leicht melodischer Sprache (worauf großes Gewicht gelegt wird), 
dabei können leichtes Streicheln der Haare, der Stirne, der 
Hände als unterstützende Maßnahmen dienen. 

Im allgemeinen kann man also sagen, daß uns zwei Mittel 
und Wege zu Gebote stehen, um andere Menschen zu hypnoti- 
sieren, suggerieren, d. h. sie zum (relativ) willenlosen Gehorsam 
und blinden Glauben zu zwingen: die Angst und die Liebe. 
Die professionellen Hypnotiseure der vorwissenschaftlichen Ära 
dieser Heilmethode, die eigentlichen Erfinder der Prozeduren, 
scheinen instinktiv in allen Details gerade jene Arten des 
Ängstigens und Liebseins zur Einschläferung und zum Gefügig- 
machen gewählt zu haben, deren Wirksamkeit sich seit 
Jahrlausenden in dem Verhältnisse der Eltern zum Kinde 
bewahrt hat. 

Der durch Schrecken und Überrumpeln Hypnotisierende 
mit dem imponierenden Äußern hat sicherlich große Ähnlich- 
keit mit dem Bilde, das sich dem Kinde vom gestrengen, 
allmächtigen Vater, dem zu glauben, zu gehorchen und nach- 
zustreben wohl die höchste Ambition jedes normalen Menschen- 
kindes ist, eingeprägt haben mag. 1 Und die leicht streichelnde 
Hand, die angenehmen, monotonen, zum Schlafen zuredenden 
Worte: sind sie nicht eine Neuauflage von Szenen, die sich 
beim Bette des Kindes zwischen ihm und der zärtlichen, 
Schlaflieder singenden oder Märchen erzählenden Mutter wohl 

l) Das in Mythos, Sage und Märchen immer wiederkehrende 
Riesenmo tiv und das universelle Interesse für diese Kolossal- 
gestalten hat gleichfalls infantile Wurzeln und ist ein Symptom des 
unsterblichen Vaterkomplexes. Diese Hochachtung vor den „Riesen" 
erscheint bei Nietzsche in ganz sublimierter Form als Forderung 
eines „Pathos der Distanz". 



38 S. Ferenczi 



viele hunderte Male abgespielt haben können. Und was tut 
man nicht alles, um der guten Mutter zu gefallen? 

Ich lege kein großes Gewicht auf diese Scheidung von 
väterlicher und mütterlicher Hypnose; kommt es 
doch gar zu oft vor, daß Vater und Mutter die Rolle wechseln. 
Ich mache nur darauf aufmerksam, wie die Situation beim 
Hypnotisieren zum bewußten oder unbewußten Zurückphanta- 
sieren in die Kindheit, zum Wecken der in jedem Menschen 
versteckten Reminiszenzen aus der Zeit des kindlichen Gehorsams 
geeignet ist. 

Aber auch die angeblich durch äußeren Reiz wirkenden 
Einschläferungsmittel: Vorhalten eines glänzenden Gegenstandes, 
Anlegen einer tickenden Uhr ans Ohr, sind die nämlichen, 
mit denen es zum erstenmal gelang, die Aufmerksamkeit des 
Wickelkindes zu „fesseln", also sehr wirksame Mittel zur 
Weckung infantiler Erinnerungen und Gefühlsregungen. 

Daß auch beim gewöhnlichen spontanen Einschlafen seit 
der Kindheit bewahrte Gewohnheiten und Zeremonien eine 
große Rolle spielen, und daß beim „Schlafengehen" auto- 
suggestive (wir mochten sagen unbewußt gewordene infantile) 
Elemente im Spiele sind, wird neuerdings von vielen, auch 
von solchen zugegeben, die der Psychoanalyse fremd oder 
feindlich gegenüberstehen. Alle diese Überlegungen drängen 
zur Annahme, daß es die Vorbedingung jeder erfolgreichen 
Suggestion (Hypnose) ist, daß der Hypnotiseur dem zu 
Hypnotisierenden „gewachsen" sei, d. h. in ihm 
dieselben Gefühle der Liebe oder Furcht, dieselbe 
Überzeugung der Unfehlbarkeit erwecken 
könne, mit denen er als Kind zu den Eltern 
hinaufschaute. 

Zur Vermeidung von Mißverständnissen muß betont werden, 
daß die Suggestibilität, d. h. die Empfänglichkeit für Ein- 



I 



Introjektion und Übertragung 39 

gebungen, die Neigung zu blindem Glauben und Gehorsam 
hier nicht nur genetisch mit analogen psychischen Eigen- 
tümlichkeiten der Kindheit zusammenhängend gedacht wird, 
daß vielmehr nach unserer Ansicht bei Hypnose und Suggestion 
„das im Unbewußten der Erwachsenen schlummernde Kind" 
(Freud) gleichsam wiederbelebt wird. Die Existenz dieser 
zweiten Persönlichkeit verrät sich ja nicht nur in der Hypnose, 
sie äußert sich bei Nacht in allen unseren Träumen, die — 
wie wir es seit Freud wissen — mit einem Beine stets auf 
Kindheitsreminiszenzen stehen, bei Tage aber ertappen wir 
unsere Psyche bei infantilen Tendenzen und Arbeitsweisen bei 
gewissen Fehlleistungen 1 und bei allen Äußerungen des 
Witzes. 2 Im Innersten unserer Seele sind und bleiben wir 
eben zeitlebens Kinder. Grattez Vadulte et vous y trouverez 
Venfant. 

Wer dieser Anschauung ganz gerecht werden will, muß 
natürlich seine hergebrachten Ansichten vom „Vergessen" gründlich 
ändern. Die analytische Erfahrung überzeugt uns mehr und 
mehr, daß es ein Vergessen, ein spurloses Verschwinden im 
Seelenleben ebensowenig gibt wie nach unserer Ansicht eine Ver- 
nichtung von Energie oder Materie in der physischen Welt. Die 
psychischen Vorgänge scheinen sogar ein sehr großes Beharrungs- 
vermögen zu besitzen und sind selbst nach jahrzehntelangem 
„Vergessen als unverändert zusammenhängende Komplexe 
wiedererweckbar oder aus ihren Elementen rekonstruierbar. 

Der günstige Zufall setzt mich in die Lage, die Ansicht, 
daß die bedingungslose Unterordnung unter einen fremden 
Willen einfach als die unbewußte Übertragung von „kindlichen", 



1) Freud, Psychopathologie des Alltagslebens, 1904. (Ges. Sehr., 
Bd. IV.) 

2) Freud, Der Witz und seine Beziehungen zum Unbewußten, 1905. 
(Ges. Sehr., Bd, IX.) 



40 S. Ferenczi 

aber erotisch gefärbten Affekten (Liebe, Respekt) auf den Arzt 
zu erklären ist, mit psychoanalytischen Erfahrungen bei früher 
von mir hypnotisierten Patienten belegen zu können. 

I) Vor fünf Jahren hypnotisierte ich erfolgreich eine nach 
der erwiesenen Untreue des Bräutigams an Angsthysterie erkrankte 
Patientin. Vor etwa einem halben Jahre, nach dem Tode eines 
geliebten Neffen, kam sie mit der Rezidive ihres Leidens zu 
mir und wurde der Psychoanalyse unterzogen. Die charakteri- 
stischen Zeichen der Übertragung zeigten sich alsbald, und 
indem ich sie der Patientin demonstrierte, ergänzte sie meine 
Beobachtungen mit dem Geständnisse, daß sie sich schon 
damals bei der hypnotischen Behandlung bewußten, auf die 
Person des Arztes gerichteten erotischen Phantasien hingab und 
meinen Suggestionen „aus Liebe" Folge leistete. 

Die Analyse deckte — um mit Freud zu reden — ■ die 
Übertragung, die die Hypnose schuf, auf. Es scheint also, daß 
ich damals bei der Hypnose die Patientin heilte, indem 
ich ihr in Freundlichkeit, Mitleid, Trostesworten einen Ersatz 
für ihre den Ausbruch ihrer ersten Erkrankung auslösende 
unglückliche Liebschaft bot. Die Neigung zum treulosen Lieb- 
haber war allerdings selbst nur ein Surrogat für die durch die 
Ehe verlorene Liebe der älteren Schwester, mit der sie in 
ihrer Kindheit in enger Freundschaft lebte und jahrelang 
mutuell onanierte. Ihr höchstes Leid war aber die frühzeitige 
Entfremdung von der sie früher abgöttisch liebenden und 
unglaublich verzärtelnden Mutter, ja alle späteren Liebesversuche 
scheinen nur Surrogate dieser ersten, infantilen, aber durch und 
durch erotischen Neigung zur Mutter gewesen zu sein. Nach 
dem Abbruche der hypnotischen Kur bemächtigte sich ihre 
Libido in ganz sublimierter, aber bei der Analyse als erotisch 
demaskierter A rt eines kleinen achtj ährigen Neffen, dessen 



lntrojektion und Übertragung 41 

plötzlicher Tod die Rezidive der hysterischen Symptome aus- 
löste. Die hypnotische Fügsamkeit war hier die Folge der 
Übertragung, und das ursprüngliche, nie voll ersetzte Liebes- 
objekt war bei meiner Patientin unzweifelhaft die Mutter. 

II) Ein 28 jähriger Beamter kam vor ungefähr zwei Jahren 
zum erstenmal mit einer schweren Angsthysterie zu mir. Ich 
befaßte mich zwar bereits mit Psychoanalyse, entschloß mich 
aber aus äußeren Gründen zur Hypnose und erreichte durch 
einfaches Zureden („Mutterhypnose") eine großartige, momentane 
Besserung des Gemütszustandes. Der Patient kam aber bald mit 
der Rezidive der Angst zurück und ich wiederholte von Zeit 
zu Zeit mit dem gleichen, aber immer nur flüchtigen Erfolge 
die Hypnose. Als ich mich endlich zur Analyse entschloß, 
hatte ich mit der (sicherlich durch die Hypnosen großgezogenen) 
Übertragung auf meine Person die größten Schwierigkeiten. 
Diese lösten sich erst, als es sich herausstellte, daß er mich 
auf Grund oberflächlicher Analogien mit der „guten Mutter 
identifizierte. Zur Mutter fühlte er sich aber als Kind außer- 
ordentlich hingezogen, ihre Liebkosungen waren ein Bedürfnis 
für ihn, und er gab auch zu, damals starke Neugierde für die 
sexuellen Beziehungen der Eltern verspürt zu haben; er war 
auf den Vater eifersüchtig, phantasierte sich in die Rolle des 
Vaters hinein usw. Eine Zeitlang ging die Analyse ganz glatt 
von statten. Doch wie ich ihm einmal auf eine Bemerkung 
etwas ungeduldig und abweisend antwortete, bekam er einen 
heftigen Angstanfall und es begann eine neuerliche Störung im 
Fortgange der Analyse. Nachdem wir uns endlich über den 
ihn so aufregenden Zwischenfall ausgesprochen hatten, vertiefte 
sich die Analyse in die Reminiszenzen an ähnliche Vorkomm- 
nisse, und nun kam — nach Erledigung von Freundschaften mit 
etwas homosexuell-masochistischer Färbung und von unliebsamen 



42 S. Ferenczl 



Szenen mit Professoren und Vorgesetzten — der Vater- 
komplex zum Vorschein. „Das schreckliche, verzerrte, runzlige 
Gesicht des zürnenden Vaters" sah er leibhaftig vor sich und 
er zitterte dabei wie Espenlaub. Zugleich kam aber auch 
eine Flut von Erinnerungen, die bezeugten, wie gerne er 
dennoch den Vater hatte, wie stolz er auf seine Stärke und 
Größe war. 

Es sind dies nur Episoden aus der Analyse des komplizierten 
Falles, sie zeigen aber deutlich, daß mich auch bei der Hypnose 
nur sein ihm damals noch unbewußter Mutterkomplex zur 
Beeinflussung des Zustandes befähigte. Ich hätte aber in diesem 
Falle wahrscheinlich mit ebensolchem Erfolge auch das andere 
Machtmittel der Suggestion: die Einschüchterung, das Im- 
ponieren, also das Appellieren an den Vaterkomplex versuchen 
können. 

III) Der dritte Fall, den ich anführen kann, ist der eines 
26jährigen Schneiderleins, der mich wegen seiner epileptiformen 
Anfälle, die ich aber nach der Beschreibung für hysterische 
hielt, um Hilfe anrief. Sein klägliches, unterwürfig-bescheidenes 
Aussehen forderte förmlich zu Suggestionen heraus, und in der 
Tat gehorchte er wie ein folgsames Kind allen meinen Be- 
fehlen; er bekam nämlich Anästhesien, Lähmungen usw. ganz 
nach meinem Willen. Ich unterließ es nicht, eine wenn auch 
unvollständige Analyse seines Zustandes vorzunehmen. Ich erfuhr 
dabei, daß er jahrelang somnambul war, bei Nacht aufstand, 
sich zur Nähmaschine setzte und an einem halluzinierten Stoffe 
arbeitete, bis man ihn weckte. Dieser Beschäftigungsdrang 
stammte aus der Lehrzeit bei einem sehr strengen Schneider- 
meister, der ihn oft schlug und dessen hohen Anforderungen 
er um jeden Preis gerecht werden wollte. Selbstverständlich 
war auch das nur eine Deckerinnerung an den geachteten und 



Introjektion und Übertragung 43 

gefürchteten Vater. Auch seine jetzigen Anfälle beginnen mit 
Beschäftigungsdrang. Er glaubt eine innere Stimme zu ver- 
nehmen: „Steh auf!", dann setzt er sich auf, zieht das Nacht- 
hemd aus, macht Nähbewegungen, die in generalisierte Krämpfe 
ausarten. An die motorischen Erscheinungen kann er sich 
nachträglich nicht erinnern, die weiß er nur von seiner Frau. 
Mit dem Rufe „Steh auf!" hat ihn seinerzeit sein Vater all- 
morgendlich geweckt, und der Arme scheint noch immer Be- 
fehle auszuführen, die er als Kind vom Vater und als Lehrling 
vom Chef erhalten hat. „Man kann solche nachträgliche Wir- 
kungen von Geboten und Drohungen in der Kindheit bei Er- 
krankungsfällen beobachten, wo das Intervall ebensoviel (l 1 /*) 
Dezennien und mehr umfaßt", sagt Freud. Er nennt diese 
Erscheinung „nachträglichen Gehorsam". 1 

Ich vermute nun, daß diese Art „Nachträglichkeit" der 
Psychoneurosen überhaupt viel Gemeinsames hat mit den 
post hypnotischen Befehlsautomatismen. Hier wie 
dort werden Handlungen ausgeführt, über deren Motive man 
keine oder nur unzureichende Aufklärung geben kann, da man 
damit (in der Neurose) einen längst verdrängten Befehl oder 
(bei der Hypnose) eine amnestisch gemachte „Eingebung" 
befolgt. 

Daß die Kinder den Eltern willig, ja freudig gehorchen, ist 
eigentlich nicht selbstverständlich. Man sollte erwarten, daß die 
Anforderungen der Eltern an das Verhalten und die Handlungen 
der Kinder als äußerer Zwang empfunden werden und Unlust 
entbinden. Das ist auch wirklich in den allerersten Lebensjahren 
der Fall, solange das Kind nur autoerotische Befriedigungen 
kennt. Beim Beginne der „Objektliebe" wird es anders. Die 
geliebten Objekte werden introj iziert, vom Ich angeeignet. 

Ges. Sehr., Bd. VIII, S, 157. 



44 S. Ferenczi 

Das Kind liebt die Eltern, das heißt: es identifiziert sich mit 
ihnen in Gedanken. Gewöhnlich identifiziert man sich als Kind 
in Gedanken mit dem gleichgeschlechtlichen Teile des Eltern- 
paares und phantasiert sich in alle seine Situationen hinein. 
Unter solchen Umständen ist das Gehorchen nicht unlustvoll; 
die Äußerungen der Allmächtigkeit des Vaters schmeicheln 
sogar dem Knaben, der sich in seiner Phantasie alle Macht des 
Vaters aneignet und gleichsam nur sich selbst gehorcht, wenn 
er sich dem Willen des Vaters fügt. Selbstverständlich geht 
dieses willige Gehorchen nur bis zu einer gewissen, individuell 
verschiedenen Grenze; wird diese von den Eltern in ihren 
Anforderungen überschritten, wird die bittere Pille des Zwanges 
nicht in die süße Oblate der Liebe eingehüllt, so ist die allzu 
frühe Ablösung der Libido von den Eltern und zumeist eine 
gewaltige Störung der psychischen Entwicklung die Folge, wie 
dies besonders C. G. Jung in seiner Arbeit über die Rolle 
des Vaters festgestellt hat. 

In dem schönen Buche Mereschkows k j s „Peter der 
Große und Alexei" wird das Verhältnis zwischen einem jede 
sentimentale Regung bereuenden, grausam-tyrannischen Vater 
und dem ihm willenlos ergebenen Sohne, der, durch seinen aus 
Liebe und Haß gemischten „Vaterkomplex" gefesselt, unfähig 
ist, sich energisch aufzulehnen, sehr charakteristisch geschildert. 
Der Dichter-Historiograph läßt z. B. in den Träumereien des Kron- 
prinzen sehr oft das Bild seines Vaters aufsteigen. Einmal sieht 
sich der Kronprinz als kleines Kind und den Vater vor seinem 
Bettchen. „Er streckt (dem Vater) mit einem zärtlichen, schlaf- 
trunkenen Lächeln die Ärmchen entgegen und ruft: ,Papa, 
Papa, mein Teurer!' Dann springt er auf und wirft sich dem 
Vater an den Hals. Peter umarmt ihn so fest, daß es das Kind 
schmerzt, er drückt ihn an sich, küßt ihm Gesicht, Hals, die 
nackten Beine und seinen ganzen, noch unter dem Nachthemd 



Introjektion und Übertragung 45 



warmen, verschlafenen Körper ..." Der Zar hat aber dann 
beim Heranwachsen seines Sohnes furchtbar strenge Erziehungs- 
mittel angewendet. Seine Pädagogik gipfelte in folgendem 
(historischen) Satze: „Gib dem Sohne in der Jugend keine 
Macht; brich ihm die Rippen, solange er wächst; wenn du 
ihn mit dem Stocke schlägst, wird er nicht sterben, sondern 
nur kräftiger werden," 

Und trotz alledem erglühte das Gesicht des Zarewitsch vor 
schamhafter Freude, als er „in das bekannte, schreckliche und 
liebe Gesicht schaute, mit den vollen, fast aufgedunsenen Backen, 
mit dem gedrehten, spitzen Schnurrbarte . . . mit dem herz- 
lichen Lächeln auf den zierlichen, fast frauenhaft zarten Lippen; 
er erblickte die großen, dunkeln, klaren Augen, die ebenso 
schrecklich wie mild waren, daß er einst von ihnen wie ein 
verliebter Jüngling von den Augen eines schönen Weibes ge- 
träumt hatte; er empfand den von Kindheit an ihm bekannten 
Duft, ein Gemisch starken Knasters, Schnapses, Schweißes und 
eines noch anderen nicht unangenehmen, aber starken Kasernen- 
geruches, das im Arbeitszimmer, im Kontor des Vaters herrschte; 
er fühlte die ihm auch von Kindheit an bekannte rauhe Be- 
rührung des nicht ganz glatt rasierten Kinnes mit dem kleinen 
Grübchen in der Mitte, das sich in diesem finsteren Gesichte 
sonderbar, fast ergötzlich ausnahm , . .", Solche oder ähnliche 
Beschreibungen des Vaters sind bei Psychoanalysen etwas 
Typisches. Der Dichter will uns durch diese Charakterisierung 
des Verhältnisses zwischen Vater und Sohn verständlich machen, 
wie es kam, daß der Kronprinz aus seinem sicheren italienischen 
Verstecke beim brieflichen Rufe des Vaters allen Widerstand 
aufgibt und sich dem Grausamen (der ihn dann eigenhändig 
zu Tode peitscht) willenlos preisgibt. Die Suggestibilität des 
Zarewitsch wird hier ganz richtig mit seinem stark betonten 
Vaterkomplex motiviert. Den Mechanismus der „Übertragungen" 



4Ö S. Ferenczi 



scheint Mereschkowsky gleichfalls zu ahnen, als er schreibt: 
„Er (der Zarewitsch) übertrug auf den geistlichen Vater (den 
Beichtvater Jakob Ignatiew) alle die Liebe, die er seinem 
leiblichen Vater nicht zuwenden konnte. Es war eine eifer- 
süchtige, zärtliche, leidenschaftliche Freundschaft wie zwischen 
Verliebten." 

Normalerweise schwindet — beim Heranwachsen des Kin- 
des — das Gefühl der Hochachtung vor den Eltern und die 
Neigung, ihnen zu gehorchen. Aber das Bedürfnis, jemandem 
Untertan zu sein, bleibt; nur wird die Rolle des Vaters auf 
Lehrer, Vorgesetzte, imposante Persönlichkeiten übertragen. Die 
so verbreitete unterwürfige Loyalität vor Regierenden und 
Herrschern ist auch eine solche Übertragung. Im Falle 
Alexeis war das Erblassen des Vaterkomplexes auch beim 
Heranwachsen unmöglich, da sein Vater wirklich der furchtbar 
mächtige Herrscher war, für den wir unsere Väter in der 
Kindheit ansehen. 

Daß die Vereinigung der elterlichen Macht mit der Würde 
einer Respektsperson in der Person des Vaters die inzestuöse 
Neigung fixieren kann, konnte ich bei zwei Patientinnen be- 
obachten, die die Schülerinnen ihrer eigenen Väter waren. Die 
eine bereitete durch leidenschaftliche Übertragung, die andere 
durch neurotischen Negativismus fast unüberwindliche Schwierig- 
keiten für die Psychoanalyse. Der grenzenlose Gehorsam bei 
der einen und die trotzige Ablehnung der ärztlichen Bemühungen 
bei der anderen, sie waren durch dieselben psychischen Kom- 
plexe, durch die Verdichtung des Vater- und Lehrerkomplexes 
determiniert. 

Diese markanten Fälle wie auch alle übrigen schon ange- 
führten Beobachtungen bestätigen die Ansicht Freuds, daß 
die hypnotische Gläubigkeit und Gefügigkeit in 
der masochistischen Komponente des Sexualtriebes 



Introjektion und Übertragung 47 

wurzelt. (Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Ges. Sehr., 
Bd. V, S. 24,) 

Masochismus aber ist lustvolles Gehorchen, und 
dieses lernt man in der Kindheit von den Eltern. 

Im Falle des ängstlich-gehorsamen Schneiders sahen wir 
die elterlichen Befehle, weit über die Jahre der Kindheit 
hinaus, nach Art einer posthypnotischen Suggestion fortwirken. 
Aber auch das neurotische Analogon der sogenannten „Termin- 
suggestionen" (Sugg. ä icheance) konnte ich bei einem 
Angstneurotiker nachweisen. (Es ist der oben erwähnte 28jährige 
Beamte.) Seine Erkrankung erfolgte aus Anlaß ganz gering- 
fügiger Motive, und es war auffallend, daß der Patient sich 
etwas zu rasch mit dem Gedanken, in so jungen Jahren in 
Pension zu gehen, abfand. Die Analyse förderte dann die 
Reminiszenz an den Tag, daß er genau zehn Jahre vor der 
Erkrankung, und zwar sehr ungerne, die Beamtenlaufbahn 
betrat, da er sich künstlerisch für befähigt hielt; er folgte 
damals nur dem Drängen des Vaters, nahm sich aber vor, 
sofort nach Erreichung der zur Pension berechtigenden Dienst- 
zeit (zehn Jahre) sich unter dem Vorwand einer Krankheit 
pensionieren zu lassen. (Die Neigung zum Krankheitvorschützen 
stammt aus früherer Kindheit, wo es ihm viel Zärtlichkeit 
von der Mutter und etwas Nachsicht vom Vater einbrachte.) 
Inzwischen vergaß er aber seinen Vorsatz vollständig; er 
erreichte ein etwas höheres Einkommen, und obzwar der 
Konflikt zwischen der Antipathie gegen die Bureaubeschäftigung 
und der Vorliebe für die inzwischen erfolgreich versuchte 
künstlerische Tätigkeit fortbestand, hinderte ihn seine anerzogene 
Mutlosigkeit daran, an das Aufgeben eines Teiles des Ein- 
kommens, wie es nach der Pensionierung der Fall gewesen 
wäre, auch nur zu denken Der vor zehn Jahren gefaßte Vorsatz 
scheint die ganze Zeit hindurch im Unbewußten geschlummert,, 



48 S. Ferenczi 



nach Ablauf der Frist fällig geworden zu sein und gleichsam 
„autosuggestiv" als eine der auslösenden Ursachen der Neurose 
mitgewirkt zu haben. Daß aber Termine eine so bedeutende 
Rolle im Leben dieses Patienten gespielt haben konnten, war 
im Grunde das Symptom von unbewußten Phantasien, die an 
infantile Grübeleien über Menstruations- und Graviditätstermine 
der Mutter, unter anderem an die Idee der eigenen Situation 
im Mutterleibe und bei der Geburt, anknüpften. 1 

Dieser Fall — wie auch alle anderen — bestätigt den Satz 
Jungs, daß „die Zauberkraft, welche die Kinder an die Eltern 
fesselt", wirklich „die Sexualität ist von beiden Seiten". 

So weitgehende Übereinstimmungen zwischen dem analytisch 
enthüllten Mechanismus der Psychoneurosen und der mittels 
Hypnose und Suggestion produzierbaren Erscheinungen zwingen 
förmlich zur Revision des Urteiles, das in wissenschaftlichen 
Kreisen über C h a r c o t s Auffassung der Hypnose als „arti- 
fizielleHysterie gefallt wurde. Manche Gelehrte glauben, 
diese Idee schon dadurch ad absurdum geführt zu haben, daß 
sie 90 Prozent der Gesunden zu hypnotisieren imstande sind, 
eine solche Ausdehnung des Begriffes „Hysterie" aber für 

1) Die unbewußte Geburtsphantasie war die schließliche Erklärung 
folgender, wie es sich herausstellte, symbolisch zu deutender Zeilen, die 
er während eines Angstanfalles in sein Tagebuch schrieb: „Die Hypo- 
chondrie umspinnt meine Seele wie ein feiner Nebel oder eher wie 
ein Spinngewebe, so wie Schimmelblumen den Morast bedecken. Ich- 
habe das Gefühl, als stäke ich in so einem Sumpf, als müßte ich den 
Kopf herausstecken, um atmen zu können. Zerreißen, ja zerreißen 
möchte ich das Spinngewebe. Aber nein, es geht nicht! Das Gewebe 
ist irgendwo befestigt — man müßte die Pfähle herausreißen, an denen 
es hängt. Geht das nicht, so müßte man sich durch das Netz langsam 
durcharbeiten, um Luft zu schöpfen. Der Mensch ist doch nicht dazu 
da, um von solch einem Spinngewebe umschleiert, erstickt, des Sonnen- 
lichtes beraubt zu werden." Alle diese Gefühle und Gedanken waren 

.symbolische Darstellungen von Phantasien über intrauterine und Geburts- 

* Vorgänge. 



Introjektion und Übertragung 49 



undenkbar halten. Die Psychoanalyse führte jedoch zur Ent- 
deckung, daß die Gesunden mit denselben Komplexen kämpfen, 
an denen die Neurotischen erkranken (J u n g), daß also wirklich ' 
in jedem Menschen ein Stück hysterische Disposition steckt, 
die sich unter ungünstigen, die Psyche übermäßig belastenden 
Umständen auch manifestieren kann. Keinesfalls kann man die 
Tatsache der Hypnotisierbarkeit so vieler Normalmenschen als 
zwingenden Beweis für die Unmöglichkeit der Auffassung 
Charcots hinnehmen. Ist man aber einmal von diesem Vor- 
urteile befreit und vergleicht die Krankheitsäußerungen der 
Psychoneurosen mit den Erscheinungen der Hypnose und 
Suggestion, so überzeugt man sich, daß der Hypnotiseur wirk- 
lich nichts mehr und nichts anderes zeigen kann, als was die 
Neurose spontan produziert: dieselben psychischen, dieselben 
Lähmungs- und Reizerscheinungen. Der Eindruck weitgehender 
Analogie zwischen Hypnose und Neurose erstarkt aber zur 
Überzeugung von ihrer Wesensgleichheit, sobald man überlegt, 
daß in beiden Zuständen unbewußte Vorstellungskomplexe die 
Erscheinungen bestimmen und daß unter diesen Vorstellungs- 
komplexen bei beiden die infantilen und sexuellen, besonders 
aber die sich auf die Eltern beziehenden die größte Rolle 
spielen. Es wird die Aufgabe künftiger Untersuchungen sein, 
zu erforschen, ob sich diese Übereinstimmung auch auf die 
Einzelheiten erstreckt; die bisherigen Erfahrungen berechtigen 
zu der Erwartung, daß dieser Nachweis gelingen wird. 

Die Sicherheit dieser Erwartung wird wesentlich durch die 
nicht angezweifelte Existenz der sogenannten Autohypnosen 
und Autosuggestionen gestützt. Es sind dies Zustände, in denen 
unbewußte Vorstellungen, ohne beabsichtigte Einwirkung von 
außen, alle neuropsychischen Erscheinungen der gewollten 
Suggestion und Hypnose zustande bringen. Es ist vielleicht kein 
allzu gewagter Schritt anzunehmen, daß zwischen dem psychischen 

Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I 4 



50 S. Ferenczi 



Mechanismus derartiger Autosuggestionen und dem der psycho- 
neurotischen Symptome, die ja Realisierungen unbewußter 
Vorstellungen sind, eine weitgehende Analogie bestehen muß. 
Diese Verwandtschaft muß aber mit ebensolchem Rechte zwischen 
Neurose und Fremdsuggestion angenommen werden, da es ja 
nach unserer Auffassung ein „Hypnotisieren", eine 
„Eingebung" im Sinne der psychischen Ein- 
verleibung von etwas ganz Fremden von außen 
her, gar nicht gibt, sondern nur Prozeduren, 
die unbewußte, präexistente, autosuggestive 
Mechanismen in Gang bringen können. Die Tätig- 
keit des Suggerierenden ließe sich dann sehr wohl mit der 
Wirkung der auslösenden Ursache einer Psychoneurose ver- 
gleichen. Die Möglichkeit, daß zwischen dem Neurotisch- und 
Hypnotisiertsein nebst dieser weitgehenden Übereinstimmung 
auch Unterschiede obwalten, soll natürlich nicht geleugnet 
werden. Diese Unterschiede darzutun, ist sogar eine wichtige 
Aufgabe der Zukunft. Hier wollte ich nur darauf hinweisen, 
daß der hohe Prozentsatz der Hypnotisierbaren 
unter den „N ormalen" nach den psychoana- 
lytisch gewonnenen Erfahrungen eher ein 
Argument für die allgemein vorhandene Fähig- 
keit zur Erkrankung an einer Psychoneurose 
als gegen die Wesensgleichheit von Hypnose 
und Neurose liefern kann. 

Ganz paradox dürfte selbst nach diesen durch ihre Ungewohnt- 
heit zunächst gewiß unerfreulich wirkenden Auseinander- 
setzungen die Behauptung klingen, daß der Widerstand 
gegen das Hypnotisiert- und Suggeriertwerden die Reaktion 
auf dieselben psychischen Komplexe sei, die in anderen Fällen 
die „Übertragung", die Hypnose oder Suggestion ermöglichen. 
Und doch hat dies Freud schon in seiner ersten Arbeit über 



i 



Introjektion und Übertragung 51 

die psychoanalytische Technik 1 erraten und durch Beispiele 
erhärten können. 

Nach Freuds Auffassung, die durch die seitdem ge- 
wonnenen Erfahrungen in allen Punkten bestätigt wurde, 
bedeutet das Nichthypnotisierbarsein ein unbewußtes Nicht- 
hypnotisiertwerdenwollen. Daß ein Teil der Neurotischen 
schwerer oder gar nicht hypnotisierbar ist, beruht eben sehr oft 
darauf, daß sie eigentlich nicht geheilt werden wollen. Sie 
haben sich mit ihrem Leiden gleichsam abgefunden, da es 
ihnen, wenn auch auf einem höchst unpraktischen und kost- 
spieligen Umwege, aber ohne Selbstvorwurf, libidinöse Lust, 2 
nicht selten auch andere große Vorteile einbringt. („Sekundär- 
funktion der Neurosen" nach Freud.) 

Die Ursache einer zweiten Art des Widerstandes liegt im 
Verhältnisse zwischen dem Hypnotiseur und dem zu Hypnoti- 
sierenden, in der „Antipathie" gegen den Arzt. Daß auch dieses 
Hindernis meist von den unbewußten infantilen Komplexen 
geschaffen wird, wurde aber schon eingangs dargetan. 

Man kann mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, daß 
die übrigen Widerstände, die wir bei der psychoanalytischen 
Beh an d 1 u n g .der Patienten nachweisen, beim Versuche der 
Hypnose und Suggestion gleichfalls zu Worte kommen können. 
Es gibt ja auch Sympathien, die unerträglich sind. Die Ursache 
des Mißlingen s vieler Hypnosen ist, wie Freud uns zeigte, 
die Furcht, „sich zu sehr an die Person des Arztes zu 
gewöhnen, ihm gegenüber die Selbständigkeit zu verlieren oder 

i) Breuer-Freud, Studien über Hysterie. Kapitel: Freud, 
„Zur Psychotherapie der Hysterie" 1895. (Ges. Sehr., Bd. I, S. 178 ff.) 

2) S. Freud, „Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur 
Bisexualität" 1908. (Ges. Sehr., Bd. V, S. 251.) „Das hysterische Symptom 
dient der sexuellen Befriedigung und stellt einen Teil des Sexuallebens 
der Person dar." 

4* 



52 S. Ferenczi 



gar in sexuelle Abhängigkeit von ihm zu geraten". Daß aber 
beim einen Kranken die ungehemmte Neigung zur Über- 
tragung, beim anderen die Flucht vor jedem Beeinflußtwerden 
zu Worte kommt, glaube ich in letzter Linie gleichfalls auf 
den Elternkomplex, insbesondere auf die Art der Ablösung der 
Libido von den Eltern zurückführen zu können. 1 

IV) Vor nicht langer Zeit suchte mich eine 33J ährige 
Patientin, Frau eines Gutsbesitzers, auf, deren Fall als 
Illustration dieser Widerstände dienen kann. Sie litt an hysterischen 
Anfällen. Mitten in der Nacht wurde ihr Mann einigemal 
durch ihr Stöhnen geweckt und sah, wie sie sich unruhig hin 
und her wälzte; „sie gab Töne von sich, als stäke ihr etwas im 
Halse, was sie vergeblich zu verschlucken versucht", lautete 
die Beschreibung des Gatten. Endlich kamen Würgbewegungen 
und Brechreiz, worauf die Patientin erwachte, um bald darauf 
ruhig einzuschlafen. Die Patientin war das gerade Gegenteil 
eines „guten Mediums". Sie war eine jener Widerspenstigen, 
die immer auf der Lauer sind nach Inkonsequenzen in den 
Aussagen des Arztes, die alles, was er sagt und tut, auf die 
Goldwage legen und überhaupt sehr trotzig, beinahe negati- 
vistisch sich benehmen. Durch schlechte Erfahrungen bei solchen 
Patientinnen gewitzigt, versuchte ich es nicht einmal mit der 
Hypnose oder Suggestion und nahm sofort die Analyse in 
Angriff. Die verschlungenen Wege zu beschreiben, auf denen 
ich die Lösung ihres Symptomkomplexes erlangte, würde mich 



1) Infantile (inzestuöse) Fixierung und Fähigkeit zur 
Übertragung scheinen in der Tat reziproke Größen 
zu sein. Jungs diesbezügliche Beobachtungen kann jeder Psycho- 
analytiker vollauf bestätigen; ich glaube aber, daß dieser Satz auch 
für jene Form von Affektübertragung, die wir Suggestion nennen, 
gültig ist. 



Jntrojektion und Übertragung 53 

zu weit vom Gegenstande ablenken. In diesem Zusammenhange 
beschränke ich mich auf die Erklärung ihres trotzigen 
Benehmens, das sie besonders am Anfange der Analyse mir, 
aber schon vordem auf kleinliche Anlässe hin ihrem Manne 
gegenüber bekundete, mit dem sie manchmal tagelang kein 
Wort wechselte. Ihr Leiden brach nach einer gesellschaftlichen 
Zusammenkunft aus, wo sie das Benehmen einer älteren Dame 
in dem sie beleidigenden Sinne deutete, daß sie der Patientin 
vorwerfen wolle, ungebührlicherweise den ersten Platz an der 
Tafel einzunehmen. Der Schein des Inadäquaten in ihrer 
Gefühlsreaktion schwand aber beim Fortschreiten der Analyse. 
Den ersten Platz an der Tafel hatte sie nämlich wirklich 
ungebührlicherweise als junges Mädchen, nach dem Tode der 
Mutter, eine kurze Zeit lang zu Hause eingenommen. Der 
Vater war mit einer großen Schar von Kindern zurückgeblieben, 
und es kam nach dem Begräbnisse zu einer rührenden Szene 
zwischen ihm und der Tochter; er versprach, sich nie mehr 
zu verehelichen, worauf sie die feierliche Erklärung abgab, 
zehn Jahre lang nicht zu heiraten und bei den armen Waisen- 
kindern Mutterstelle zu vertreten. Es kam aber anders. Es 
verging kaum ein Jahr, da fing der Vater an, darauf an- 
zuspielen, daß sie heiraten sollte. Sie erriet, was das bedeutete, 
und wies jeden Bewerber trotzig zurück. Richtig heiratete der 
Vater bald darauf eine junge Person und es begann ein erbitterter 
Kampf zwischen der aus allen Stellungen verdrängten Tochter 
und ihrer Stiefmutter; in diesem Kampfe nahm der Vater offen 
gegen die Tochter Stellung und als einzige Waffe gegen beide 
blieb ihr nur der Trotz übrig, von dem sie 'auch nach Kräften 
Gebrauch machte. Bis hierher klang das Ganze wie eine rührende 
Geschichte von der bösen Stiefmutter und vom treulosen Vater; 
bald aber kam das „Infantile" und das „Sexuelle" an die 
Reihe, Als Zeichen beginnender Übertragung fing ich an, in 



54 S. Ferenczi 



ihren Träumen eine Rolle zu spielen, merkwürdigerweise recht 
häufig in der für mich wenig schmeichelhaften Gestalt einer 
Mischperson» die aus mir und — einem Pferde zusammen- 
geschweißt war. Die Assoziationen vom Pferde führten auf 
unangenehme Themata; sie erinnerte sich, als ganz kleines 
Kind von ihrem Dienstmädchen sehr häufig zu einem Feldwebel 
der Gestütsbranche in die Kaserne mitgeführt worden und dort 
viele Pferde (auch Koitusszenen zwischen Hengst und Stute) 
gesehen zu haben. Sie gab ferner zu, daß sie sich für die 
Größenverhältnisse der männlichen Genitalien schon als Mädchen 
ungewöhnlich interessierte und von der relativen Kleinheit 
dieses Organs bei ihrem Manne — dem gegenüber sie frigid 
blieb — enttäuscht gewesen sei. Noch als Mädchen überredete 
sie eine Freundin, die Dimensionen des Kopulationsorgans ihrer 
zukünftigen Männer zu messen und einander mitzuteilen. Sie 
hielt ihr Versprechen, die Freundin aber nicht. 

Der sonderbare Umstand nun, daß das Pferd in einem 
Traume im Nachthemd erschien, führte zur Reproduktion viel 
weiter zurückliegender Kindheitserinnerungen, worunter, wie so 
häufig, das Belauschen des sexuellen Verkehrs zwischen den 
Eltern und besonders die Beobachtung der Miktion des Vaters 
die wichtigste war. Jetzt erst erinnerte sie sich, wie oft sie sich 
als Kind in die Stelle der Mutter hineinphantasierte, wie gerne 
sie mit ihren Puppen und Freundinnen Vater und Mutter 
sp ielt e , j a , einmal mi ttels eines unter die R öcke gesteckten 
Polsters eine imaginäre Gravidität durchmachte. Zum Schlüsse 
stellte es sich heraus, daß die Patientin schon als Kind jahrelang 
an einer „kleinen Angsthysterie" litt: sie konnte oft bis spät in 
die Nacht hinein nicht einschlafen infolge der unmotivierten 
Angst, der strenge Vater könnte zu ihr kommen und sie mit 
seinem im Nachtkästchen aufbewahrten Revolver 
totschießen. Die Würgebewegungen und der Brechreiz in ihrem 



Introjektion und Übertragung 55 

Anfalle waren das Zeichen der Verdrängung von unten nach 
oben (Freud), war sie doch (wie Freuds Patientin Dora) 
lange Zeit eine enragierte Lutscherin, deren stark betonte erogene 
Mundzone einer großen Zahl von perversen Phantasien ent- 
gegenkam. 

Diese, wie gesagt nur sehr verstümmelt wiedergegebene 
Krankheitsgeschichte ist in zweifacher Hinsicht lehrreich. Sie 
zeigt erstens, daß hier der Trotz, die Ablehnung jeder Beein- 
flussung, die dem Versuch einer Suggestionskur im Wege stand, 
sich bei der Psychoanalyse als Widerstand gegen den Vater ent- 
puppte. Zweitens lehrt der Fall, daß dieser Widerstand ein 
Abkömmling des bei der Patientin stark fixierten Elternkom- 
plexes, eines Ödipuskomplexes feminini generis war und daß ihre 
Elternkomplexe von infantiler Sexualität durchsetzt waren. (Auf- 
fallend ist ferner die Analogie der Pferdeträume dieser Patientin 
mit jener Phobie vor Pferden, die Professor Freud beim 
fünfjährigen „kleinen Hans" [Ges. Sehr., Bd. VIII] gleichfalls 
auf Identifizierung des Vaters mit einem Pferde zurückführen 
konnte,) 

Was ich durch die angeführten Tatsachen begründen wollte, 
ist die Ansicht, daß das „Medium" in den Hypnotiseur eigent- 
lich unbewußt verliebt ist und die Neigung dazu aus der 
Kinderstube mitgebracht hat. Ich weise nur noch darauf hin, 
daß auch das gewöhnliche Verliebtsein psychologische Erschei- 
nungen zeitigen kann, die an Hypnose erinnern. Ein von 
Liebesleidenschaft verblendeter Mann vollführt fast willenlos 
Handlungen, die ihm die Geliebte eingibt, und seien sie auch 
Verbrechen. Im berühmten Prozesse C zy n s k y konnten die 
gelehrtesten Sachverständigen nicht entscheiden, ob die Hand- 
lungen der in die Affäre verwickelten Baronin durch Verliebtsein 
oder durch suggerierte Eingebungen determiniert waren. 



56 S. Ferenczi 

Die meisten Homosexuellen, die mir ihre Lebensgeschichte 
erzählten, gaben an, von dem Manne, mit dem sie zum ersten 
Male verkehrten, hypnotisiert oder wenigstens suggeriert worden 
zu sein. Bei der Analyse eines solchen Falles stellte es sich 
natürlich heraus, daß diese Hypnotisierphantasien nur Pro- 
jektionsversuche zur eigenen Entschuldigung sind. 

Ich begnüge mich mit diesen Hinweisen und will die Ana- 
logie zwischen Verliebtsein und Hypnose nicht fortführen, um 
nicht den unrichtigen Eindruck zu erwecken, als ob es sich 
hier nur um das deduktive Breittreten eines banalen Gleich- 
nisses handelte. Dem ist nicht so. Mühevolle individualpsycho- 
logische Untersuchungen, wie wir sie seit Freud anzustellen 
imstande sind, waren die Grundlage, auf die sich diese Hypo- 
these aufbaute, und wenn sie schließlich auf einen Gemeinplatz 
hinauslief, so ist das keinesfalls als Argument gegen ihre 
Richtigkeit zu verwerten. 

Eine nicht zu leugnende Schwäche dieser Überlegungen ist 
es allerdings, daß ihnen eine verhältnismäßig kleine Zahl von 
beobachteten Fällen zugrunde liegt. Es liegt aber in der Natur 
der psychoanalytischen Arbeit, daß hier die Massenbeobachtung 
und die statistische Methode nicht anwendbar ist. 

Immerhin glaube ich durch gründliche Untersuchung, wenn 
auch nicht zahlreicher Fälle, durch die große grundsätzliche 
Übereinstimmung in allen Fällen, endlich durch das Zusammen- - 
halten dieser Beobachtungen mit dem nunmehr ganz respektablen 
Wissensstoff der Psychoanalytik genügendes Material zur Stütze 
einer von der bisherigen verschiedenen Auffassung der Hypnose 
und Suggestion zusammengetragen zu haben. 

Das Suggerieren und Hypnotisieren "wäre nach 
dieser Auffassung die absichtliche Herstellung von 
Bedingungen, unter denen die in jedem Menschen 
vorhandene, aber für gewöhnlich durch die Zensur verdrängt 



Introjektion und Übertragung 57 

gehaltene Neigung zu blindem Glauben und kritik- 
losem Gehorsam — ein Rest des infantil-erotischen Liebens 
und Fürchtens der Eltern — auf die Person des Hypno- 
tisierenden oder Suggerierenden unbewußt über- 
tragen werden kann. 



Zur Begriffsbestimmung der Introjektion 

(19*2) 
Dr. A. Maeder bezieht sich in einem Aufsatze 1 auf meine 
Arbeit über Introjektion, 2 und indem er diesen Begriff 
mit dem von ihm vorgeschlagenen Begriffe der Exteriorisa- 
tion vergleicht, gelangt er zur Schlußfolgerung, daß beide so 
ziemlich dasselbe bedeuten. Wäre dem wirklich so, so müßten 
wir uns nunmehr darüber einigen, welcher der beiden Termini 
fallen zu lassen sei. 

Die wiederholte Lektüre beider Aufsätze überzeugte mich 
aber, daß die Identifizierung beider Begriffe nur infolge miß- 
verständlicher Auslegung der in meiner Arbeit entwickelten 
Idee erfolgen konnte. 

Ich beschrieb die Introjektion als Ausdehnung des ursprüng- 
lich autoerotischen Interesses auf die Außenwelt durch Ein- 
beziehung deren Objekte in das Ich. Ich legte das Schwer- 
gewicht auf dieses „Einbeziehen" und wollte damit andeuten, 
daß ich jede Objektliebe (oder Übertragung), beim 
Normalen sowohl als auch beim Neurotiker (natürlich auch 

1) A. Maeder, Zur Entstehung der Symbolik im Traum, in der 
Dementia praecox usw. Zentralbl. f. PsA., I. (1910/11). 

2) S. Ferenczi, Introjektion und Übertragung. 1909. (S. q ff 
dieses Bandes.) 



Zur Begriffsbestimmung der Introjefction 59 

beim Paranoischen, insoferne er deren fähig ist), als eine Aus- 
weitung des Ichs, d, h. als Introjektion auffasse. 

Im Grunde genommen kann der Mensch eben nur sich 
selbst lieben; liebt er ein Objekt, so nimmt er es in sein Ich 
auf. Gleichwie die arme Fischersfrau im Märchen, der infolge 
einer Verwünschung die Wurst an die Nase angewachsen ist, 
deren Berührung wie die der eigenen Haut verspürt und sich 
gegen das Abschneiden des unliebsamen Auswuchses energisch 
wehren muß : so spüren wir alles Leid, das den von uns 
geliebten Objekten angetan wird als unser eigenes. Solches 
Anwachsen, solche Einbeziehung des geliebten Objektes in das 
Ich nannte ich Introjektion. Ich stelle mir — wie gesagt — 
den Mechanismus jeder Übertragung auf ein Objekt, 
also jeder Objektliebe als Introjektion, als Ich- 
ausweitung vor. 

Die exzessive Übertragungsneigung der Neurotischen aber 
beschrieb ich als unbewußte Übertreibung desselben 
Mechanismus, also als Introjektionssüchtigkeit, während die 
Paranoiker 1 die Tendenz haben, ihre Liebe den Objekten zu 
entziehen, und falls sie wiederkehrt, sie in die Außenwelt zu 
projizieren (Projektionssucht). Ein echter Paranoiker könnte ein 
Stück der eigenen Nase (der eigenen Persönlichkeit) für eine 
„Wurst" ansehen, abschneiden und wegwerfen; keinesfalls aber 
läßt er daran etwas Fremdes anwachsen. 

Ich weiß es nur zu gut, und habe auch in meiner zitierten 
Arbeit oft darauf hingewiesen, daß dieselben Mechanismen auch 
beim Normalen vorkommen. 2 Sicher ist auch, daß die Projek- 



1) Die Existenz einer Paranoia ohne Demenz ist mir im Gegensatz 
zu M a e d e r nicht zweifelhaft. 

2) Den dort gebrachten Beispielen hierfür konnte ich sogar weitere 
anfügen. Man kann z. B. die metaphysischen Systeme der Philosophie 
als Projektions- und als Introjektionssysteme klassifizieren. Der Mate- 



60 S. Ferenczi 



tion auch in manchen Fällen der Neurose in Gang gesetzt 
wird (z. B. bei den hysterischen Halluzinationen); auch fehlt 
die Fähigkeit zum Übertragen (Introjizieren) nicht in jedem 
Falle von Paranoia. Immerhin spielt die Projektion bei der 
Paranoia und die Introjektion bei der Neurose eine um so viel 
bedeutendere Rolle als andere Mechanismen, daß man sie als 
für diese klinischen Krankheitsbilder charakteristisch ansehen 
kann. 1 

Wenden wir uns nun zur Exteriorisation Maeders, 
Sie besteht nach seiner Beschreibung darin, daß einzelne Organe 
des Körpers mit Gegenständen der Außenwelt identifiziert und 
als solche behandelt werden. (Der Paranoide F. B. sieht in den 
Äpfeln des Obstgartens Vervielfältigungen seiner Genitalien. Ein 
anderer hält die Wasserleitung für sein eigenes Blutgefäß.) 

Mae der hält dies für einen Projektionsvorgang. Nach 
meinen vorangesetzten Ausführungen müßte man aber diese 
Fälle folgendermaßen auffassen: Die Paranoischen machten 
vielleicht auch in diesen Fällen einen Versuch zur Projektion 
des Gefallens an den eigenen Organen, sie brachten aber bloß 
eine Verschiebung dieses ihnen subjektiv erhalten 
gebliebenen Interesses zustande. Den eigenen Körper kann das 
Ich als zur Außenwelt gehörig, also objektiv, betrachten. Bei 
der „Exteriorisation" Maeders wurde also das Interesse nur 
von einem Objekt der Außenwelt (dem Organ) auf ein anderes 

rialismus, der das Ich ganz in der Außenwelt aufgehen läßt, bezeichnet 
das Maximum der denkbaren Projektion; der Solipsismus, der die ganze 
Außenwelt in das Ich aufnimmt, das Maximum der Introjektion. 

1) Nach neueren Erfahrungen wird die Paranoia nebst dieser patho- 
gnomonischen Form auch durch einen pathognomonischen Inhalt 
(Homosexualität) charakterisiert. (S, Freud, Psychoanalytische Bemer- 
kungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia, 
1912 (Ges. Schriften, Bd. VIII) und Ferenczi, Rolle der Homo- 
sexualität in der Pathogenese der Paranoia. (Dieser Band S. 120 ff.) 



Zur Begriffsbestimmung der Introjektion 6l 



ähnliches (die Wasserleitung, das Obst) verschoben. Die Ver- 
schiebung kennen wir aber schon als einen Spezialfall des 
Introjektionsmechanismus, der Übertragung, wobei 
zur Sättigung der „frei flottierenden" Libido an Stelle des 
zensurierten Objektes ein anderes, ähnliches, in den Interessen- 
kreis einbezogen wird. Maeders Exteriorisation ist also kein 
Projektions-, sondern ein Introjektionsvorgang. 

Bei der wirklich gelungenen paranoischen Projektion (z. B. 
beim Verfolgungswahn) wird hingegen einem Teile der 
psychischen Persönlichkeit selbst (der Homosexualität) die Zuge- 
hörigkeit zum Ich, gleichsam das Bürgerrecht, entzogen und da 
er sich doch nicht aus der Welt schaffen läßt, wieder als etwas 
Objektives, Ichfremdes, behandelt. Eine solche Umwandlung des 
rein Subjektiven in etwas Objektives darf als Projektion 
bezeichnet werden. Ich stehe nicht an, die „exteriorisierenden" 
Paranoiker, die immerhin noch ein, wenn auch verschobenes 
Interesse an den Dingen der Außenwelt nehmen, die also noch 
introjizieren und auf diesem Umwege sich sozial betätigen 
können, als den Neurotikern näher stehend und vielleicht auch 
therapeutisch günstiger zu beurteilen. 

Nach alledem kann ich Maeders Exteriorisierung nur als 
eine übrigens auch bei Normalen vorkommende 1 spezielle Art 
der Introjektion, nicht aber als Projektion auffassen; den Begriff 
der Introjektion aber, der unseren bisherigen Erfahrungen 
gerecht wird, glaube ich auch in Hinkunft festhalten zu sollen. 



1) S. den Hinweis auf die mythische Vermenschlichung unbelebter 
Dinge in , meiner Arbeit „Introjektion und Übertragung". (Dieser 
Band S. 9.) 



Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes 

Wie uns F r e u d zeigte, besteht die Entwicklung der seelischen 
Tätigkeitsformen der Einzelwesen darin, daß das ursprünglich 
herrschende Lustprinzip und der ihm eigene Verdrängungs- 
mechanismus abgelöst werden durch die Anpassung an die Wirk- 
lichkeit, d. h. durch die auf objektive Urteilsfällung gegründete 
Realitätsprüfung. So entsteht aus dem „primären" psychischen 
Stadium, wie es sich in den seelischen Leistungen primitiver 
Wesen (Tiere, Wilde, Kinder) und in primitiven Seelenzuständen 
(Traum, Neurose, Phantasie) kundgibt, das sekundäre Stadium 
des wachdenkenden Normalmenschen. 

Am Anfang seiner Entwicklung versucht das neugeborene 
Menschenkind, das Befriedigtsein lediglich durch eindringliches 
Wünschen (Vorstellen) zu erlangen, wobei es die unbefriedigende 
Wirklichkeit einfach unbeachtet läßt (verdrängt), die gewünschte, 
aber mangelnde Befriedigung dagegen als vorhanden sich ver- 
gegenwärtigt; es will also alle seine Bedürfnisse ohne Mühe, 
durch positive und negative Halluzinationen decken. „Erst dai 
Ausbleiben der erwarteten Befriedigung, die Enttäuschung, hatte 
zur Folge, daß dieser Versuch zur Befriedigung auf halluzina- 
torischem Wege aufgegeben wurde. Anstatt seiner mußte sich 



Entwicklungsstufen des Wirklidikeitssinnes 63 

der psychische Apparat entschließen, die realen Verhältnisse dex 
Außenwelt vorzustellen und die reale Veränderung anzustreben. 
Damit war ein neues Prinzip der seelischen Tätigkeit einge- 
führt; es wurde nicht mehr vorgestellt, was angenehm, sondern 
was real war, auch wenn es unangenehm sein sollte. 1 

Die bedeutsame Arbeit, in der Freud diese Grundtatsache 
der Psychogenese vor uns enthüllt, beschränkt sich auf die 
scharfe Unterscheidung der Lust- und Realitätsstadien. Zwar 
beschäftigt sich Freud hier auch mit Übergangszuständen, in 
denen beide Prinzipien des seelischen Geschehens nebeneinander 
gelten (Phantasie, Kunst, Geschlechstleben), aber er läßt die Frage, 
ob die Entwicklung der sekundären seelischen Tätigkeitsform 
aus der primären allmählich oder stufenweise vor sich geht, ob 
sich etwa solche Entwicklungsstufen erkennen oder deren Deri- 
vate sich im gesunden oder kranken Seelenleben nachweisen lassen, 
zunächst unbeantwortet. 

Eine frühere Arbeit Freuds, in der er uns tiefe Einblicke 
in das Seelenleben der Zwangsneurotiker gewährt, 2 macht indessen 
auf eine Tatsache aufmersam, von der ausgehend man den 
Versuch wagen kann, die Kluft zwischen dem Lust- und 
dem Wirklichkeitsstadium der seelischen Entwicklung zu über- 
brücken, 

Zwangsneurotiker, die man der Psychoanalyse unterzieht, — 
heißt es dort, — gestehen uns, daß sie nicht umhin können, 
von der Allmacht ihrer Gedanken, Gefühle, guten und 
bösen Wünsche überzeugt zu sein. Sie mögen noch so aufge- 
klärt sein, ihr doktrinäres Wissen und ihre Vernunft mögen 
sich noch so sehr dagegen sträuben: sie haben das Gefühl, 

1 ) Freud, „Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen 
Geschehens", 1911. (Ges. Sehr., Bd. V, S. 409.) 

2) Freud, „Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose", 1909. 
(Ges. Sehr., Bd. VIII.) 



64 S. I'erenczi 



daß sich ihre Wünsche unerklärlicherweise verwirklichen. Von< 
der Wahrheit dieses Sachverhaltes kann sich jeder Analytiker 
beliebig oft überzeugen. Er wird erfahren, daß dem Zwangs- 
kranken von gewissen an sich harmlosen Denkvorgängen und 
Handlungen, die er vornimmt, das Wohl und Wehe anderer • 
Menschen, ja ihr Leben oder Tod abhängig erscheint. Er muß 
an gewisse Zauberformeln denken oder eine bestimmte Handlung 
ausführen: sonst widerfährt diesem oder jenem Menschen (meist 
einem nahen Angehörigen) ein Unglück. Diese gefühlsmäßige 
abergläubische Überzeugung wird auch durch wiederholte gegen- 
teilige Erfahrungen nicht wankend. 1 

Sehen wir hier ganz davon ab, daß die Analyse solche 
Zwangsgedanken und -handlungen als Substitutionen 
logisch richtiger, aber ob ihrer Unerträglichkeit verdrängter 
Wunschregungen entlarvt 2 und wenden wir ausschließlich der 
eigentümlichen Erscheinungsform dieser Zwangssymptome unsere 
Aufmerksamkeit zu, so müssen wir gestehen, daß diese ein 
Problem für sich ist. 

Die psychoanalytische Erfahrung erklärte mir nun das Sym- 
ptom des Allmachtsgefühls als eine Projektion der Wahrnehmung, 
daß man gewissen unwiderstehlichen Trieben sklavisch gehorchen 
muß. Die Zwangsneurose ist ein Rückfall des Seelenlebens auf 
jene kindliche Entwicklungsstufe, die u. a. auch dadurch 
gekennzeichnet war, daß sich auf ihr die hemmende, auf- 
schiebende, überlegende Denktätigkeit noch nicht zwischen das 
Wünschen und das Handeln einschaltete, sondern auf das 

i) Dieser Artikel wurde abgeschlossen, bevor auf die das gleiche Thema 
von anderen Gesichtspunkten aus behandelnde Arbeit Freuds über 
„Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken« (Totem und 
Tabu, 1913, Ges. Sehr., Bd. X) hätte Rücksicht genommen werden 
können. 

♦ 2 1 v-' « re ud ' " DieAbwehr - Neur °P s y cll0sen " 1893, und „Obsessions 
et phobies«, 1895 (Ges. Sehr., Bd. I). 



Entwicklungsstufen des Wirklidikeitssinnes 65 

Wünschen von selbst und unweigerlich die wunscherfüllende 
Bewegung folgte: eine abwehrende Bewegung gegenüber dem 
Unlustvollen oder ' die Näherung an das Lustvolle. 1 

Ein dem Bewußtsein mehr oder minder entrückter Teil des 
Seelenlebens blieb also — wie die Analyse nachweist — beim 
Zwangsneurotiker infolge einer Entwicklungshemmung (Fixie- 
rung) auf dieser kindlichen Stufe stehen und setzt das Wünschen 
dem Handeln gleich, weil dieser verdrängte Anteil des Seelen- 
lebens gerade infolge der Verdrängung, der Abwendung der Auf- 
merksamkeit, die Unterscheidung der beiden Tätigkeiten nicht 
erlernen konnte, während das von Verdrängungen frei entwickelte 
Ich, durch Erziehung und Erfahrung gewitzigt, über diese 
Gleichsetzung nur lächeln kann. Daher die Zwiespältigkeit beim 
Zwangsneurotiker: das unerklärliche Nebeneinanderbestehen des 
Aufgeklärtseins und des Aberglaubens. 

Von dieser Erklärung des Allmachtsgefühls als autosym- 
bolisches Phänomen 2 nicht voll befriedigt, stellte ich mir die 
Frage: Woher nimmt denn das Kind die Kühnheit, mit der 
es das Denken und Handeln einander gleichsetzt? Woher die 
Selbstverständlichkeit, mit der es nach allen Gegenständen, 
nach der über ihm hängenden Lampe wie nach dem leuch- 
tenden Mond, die Hand ausstreckt, in der sicheren Erwartung, 
sie mit dieser Gebärde zu erreichen und in sein Machtbereich 
zu ziehen? v 

Ich erinnerte mich dann, daß nach Freuds Annahme 

1) Es ist bekannt, daß kleine Kinder nach jedem glänzenden oder 
ihnen sonst gefallenden Gegenstand fast reflektorisch die Hand aus- 
strecken. Sie sind ursprünglich auch unfähig, eine irgendwie Lust berei- 
tende „Unart" beim Auftreten des dazu veranlassenden Reizes zu unter- 
lassen. Ein kleiner Junge, dem das Bohren in der Nase verboten wurde, 
antwortete der Mutter: „Ich will ja nicht, aber meine Hand will und 
ich kann sie nicht hindern." 

2) So nennt Silberer die symbolisch dargestellten Selbstwahr- 
nehmungen. 

Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I 5 



66 S. Ferenczi 



in der Allmachtsphantasie der Zwangsneurotiker „ein Stück des 
alten Kindergrößenwahnes ehrlich eingestanden wird", und ver- 
suchte es, dem Ursprung und den Schicksalen dieses Wahnes 
nachzugehen. Ich hoffte dabei auch über die Entwicklung des 
Ich vom Lust- zum Wirklichkeitsprinzip Neues zu erfahren, da es 
mir wahrscheinlich schien, daß die uns von der Erfahrung auf- 
genötigte Ersetzung des kindlichen Größenwahns durch die 
Anerkennung der Macht der Naturgewalten den wesentlichen 
Inhalt der Ich-Entwicklung ausmacht. 

Freud erklärt eine Organisation, die dem Lustprinzip 
frönen, die Realität der Außenwelt aber vernachlässigen kann, 
für eine Fiktion, die aber im Säugling, wenn man nur die 
Mutterpflege hinzunimmt, nahezu realisiert ist. 1 Ich möchte 
dem hinzufügen, daß es einen Zustand der menschlichen Ent- 
wicklung gibt, der das Ideal eines nur der Lust frönenden 
Wesens nicht nur in der Einbildung und annähernd, sondern 
in der Tat und vollkommen verwirklicht. 

Ich meine die im Mutterleib verbrachte Lebenszeit des 
Menschen. In diesem Zustand lebt der Mensch wie ein Parasit 
des Mutterleibes. Eine „Außenwelt" gibt es für das auf- 
keimende Lebewesen nur in sehr beschränktem Maße; sein 
ganzes Bedürfnis nach Schutz, Wärme und Nahrung wird von 
der Mutter gedeckt. Ja, es hat nicht einmal die Mühe, sich 
des ihm zugeführten Sauerstoffes und der Nahrungsmittel zu 
bemächtigen, denn es ist dafür gesorgt, daß diese Stoffe durch 
geeignete Vorrichtungen geradewegs in seine Blutgefäße gelangen. 
Im Vergleich hiezu muß z. B. ein Eingeweidewurm viel 
Arbeit leisten, die „Außenwelt verändern", wenn er sich 
erhalten will. Alles Sorgen um den Fortbestand der Leibes- 

i) Ges. Sehr., Bd. I, S. 411, Fußnote. Siehe dazu auch die Kontroverse 
zwischen Bleuler und Freud in dieser Frage. (Bleuler Das 
autistische Denken", Jahrbuch, IV. Band.) ' " 



Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes 67 

frucht ist aber der Mutter übertragen. Wenn also dem 
Menschen im Mutterleibe ein wenn auch unbewußtes Seelen- 
leben zukommt, — und es wäre unsinnig zu glauben, daß die 
Seele erst mit dem Augenblick der Geburt zu wirken beginnt, 
— muß er von seiner Existenz den Eindruck bekommen, daß 
er tatsächlich allmächtig ist. Denn was ist Allmacht ? Die 
Empfindung, daß man alles hat, was man will, und man 
nichts zu wünschen übrig hat. Die Leibesfrucht könnte aber 
das von sich behaupten, denn sie hat immer alles, was zur 
Befriedigung ihrer Triebe notwendig ist, 1 darum hat sie auch 
nichts zu wünschen; sie ist bedürfnislos. 

Der „Kindergrößenwahn" von der eigenen Allmächtigkeit 
ist also zumindest kein leerer Wahn; das Kind und der 
Zwangsneurotiker fordern von der Wirklichkeit nichts Unmög- 
liches, wenn sie davon nicht abzubringen sind, daß ihre 
Wünsche sich erfüllen müssen; sie fordern nur die Wieder- 
kehr eines Zustandes, der einmal bestanden hat, jener „guten 
alten Zeit", in der sie allmächtig waren. (Periode der 
bedingungslosen Allmacht.) 

Mit demselben Rechte, ja mit noch mehr Berechtigung, mit der 
wir die Übertragung von Erinnerungsspuren der Rassengeschichte 
auf das Individuum annehmen, können wir behaupten, daß die 
Spuren intrauteriner psychischer Vorgänge nicht ohne Einfluß auf 
die Gestaltung des nach der Geburt sich produzierenden psychi- 
schen Materials bleiben. Für diese Kontinuität der Seelenvorgänge 
spricht das Verhalten des Kindes unmittelbar nach der Geburt. 2 

1) Infolge von Störungen, etwa durch Krankheit oder Verletzung der 
Mutter oder der Nabelschnur usw., kann die Not auch schon im 
Mutterleibe an den Menschen herantreten, ihm die Allmächtigkeit 
rauben und ihn zum Versuch zwingen, „die Außenwelt zu verändern", 
d. h. Arbeit zu leisten. Eine solche Arbeitsleistung ist z. B. das Ein- 
atmen von Fruchtwasser bei Gefahr der Erstickung. 

2) Freud hat gelegentlich darauf hingewiesen, daß die Sensationen 

5* 



68 S. Ferenczi 



Das neugeborene Kind akkommodiert sich an die neue, ihm 
sichtlich unlustvolle Situation nicht bezüglich aller seiner Be- 
dürfnisse gleichmäßig. Um die nach Unterbindung der Umbilikal- 
gefäße ausbleibende Sauerstoffversorgung zu ersetzen, beginnt es 
sofort nach der „Entbindung" zu atmen; der Besitz des schon . 
intrauterin präformierten Respirationsmechanismus setzt es in 
den Stand, der Sauerstoffnot sofort aktiv zusteuern. Beobachtet 
man aber das sonstige Benehmen des Neugeborenen, so be- 
kommt man den Eindruck, daß es von der unsanften Störung 
der wunschlosen Ruhe, die es im Mutterleibe genoß, durchaus 
nicht erbaut ist, ja, daß es in diese Situation zurück- 
zugelangen sich sehnt. Die Pflegepersonen erkennen 
instinktiv diesen Wunsch des Kindes, und sobald es durch 
Zappeln und Schreien seiner Unlust Ausdruck verleiht, bringen 
sie es geflissentlich in eine Lage, die der Mutterleibssituation 
möglichst ähnlich ist. Sie legen es an den warmen Körper der 
Mutter oder wickeln es in weiche, warme Decken, Polster ein, 
offenbar um ihm die Illusion des Wärmeschutzes durch die 
Mutter zu verschaffen. Sie schützen sein Auge vor Licht-, sein 
Ohr vor Schallreizen und verschaffen ihm die Möglichkeit, die 
intrauterine Reizlosigkeit weiter zu genießen; oder sie reprodu- 
zieren die leisen und rhythmisch-monotonen Reize, die dem 
Kinde auch in utero nicht erspart geblieben sind (die Schaukel- 
bewegungen beim Gehen der Mutter, die mütterlichen Herz- 
töne, das dumpfe Geräusch, das etwa von außen doch ins 
Körperinnere dringt), indem sie das Kind wiegen und ihm 
monoton-rlrythmische Wiegenlieder vorsummen. 

Versuchen wir, uns in die Psyche des Neugeborenen nicht 
nur (wie es die Pflegepersonen tun) einzufühlen, sondern auch 

des Kindes während der Geburt wahrscheinlich den ersten Angstaffekt 
des neuen Lebewesens provozieren, der für alle spätere Angst und 
Ängstlichkeit vorbildlich bleibt. 






, 



. Entwicklungsstufen des Wirklidikeitssinnes 69 

hineinzudenken, so müssen wir uns sagen, daß das hilflose 
Schreien und Zappeln des Kindes eine scheinbar recht unzweck- 
mäßige Reaktion auf die unlustvolle Störung ist, die die 
bisherige Befriedigungssituation infolge der Geburt plötzlich 
erfahren hat. Gestützt auf Überlegungen, die Freud im 
allgemeinen Teile seiner „Traumdeutung" ausführt, 1 dürfen 
wir annehmen, daß die erste Folge dieser Störung die 
halluzinatorische Wiederbesetzung der vermißten 
Befriedigungssituation: der ungestörten Existenz im warmen, 
ruhigen Mutterleibe, gewesen ist. Die erste Wunsch- 
regung des Kindes kann also keine andere sein als die, 
in diese Situation zurückzugelangen. Das Merk- 
würdige an der Sache ist nun, daß sich diese Halluzination 
des Kindes — normale Kinderpflege vorausgesetzt — tatsächlich 
realisiert. Es hat sich also die bisherige bedingungslose „All- 
macht vom subjektiven Standpunkte des Kindes nur insofern 
verändert, als es sich die Wunschziele nur halluzinatorisch 
besetzen (vorzustellen), aber an der Außenwelt sonst nichts zu 
ändern braucht, um nach Erfüllung dieser einzigen Bedingung die 
Wunscherfüllung wirklich zu erlangen. Da das Kind von der realen 
Verkettung der Ursachen und Wirkungen, von der Existenz 
und Tätigkeit der Pflegepersonen sicher keine Kenntnis hat, 
muß es sich im Besitze einer magischen Fähigkeit fühlen, alle 
Wünsche einfach durch Vorstellung ihrer Befriedigung tat- 
sächlich realisieren zu können. (Periode der magisch- 
halluzinatorischen Allmacht.) 

Daß die Pflegepersonen die Halluzinationen des Kindes 
richtig erraten haben, zeigt der Effekt ihrer Handlungsweise. 
Sobald die angedeuteten Maßnahmen der ersten Pflege aus- 
geführt wurden, beruhigt sich das Kind und „schläft ein". 
Der erste Schlaf aber ist nichts anderes als die gelun- 

1) Freud, Traumdeutung. 1900. (Ges. Sehr., Bd. II, S. 482 f.) 



70 S. Ferenczi 



gene Reproduktion der vor Außenreizen 
möglichst schützenden Mutterleibssituation, 
wahrscheinlich mit dem biologischen Zwecke, daß die 
Wachstums- und regenerativen Vorgänge, ungestört durch äußere 
Arbeitsleistung, alle Energie auf sich konzentrieren können. 
Überlegungen, die in diesem Zusammenhange nicht dargelegt 
werden können, überzeugten mich, daß auch jedes spätere 
Schlafen nichts anderes ist als eine periodisch sich wieder- 
holende Regression zum Stadium der magisch-halluzinatorischen 
Allmacht und mit deren Hilfe zur absoluten Allmacht der 
Mutterleibssituation. Nach Freud muß man für jedes nach 
dem Lustprinzip lebende System Einrichtungen fordern, mittels 
deren es sich den Reizen der Realität entziehen kann. 1 Ich 
denke mir nun, daß Schlaf und Traum die Funktionen solcher 
Einrichtungen sind, das heißt, die auch dem Erwachsenen 
erhalten gebliebenen Reste der halluzinatorischen Allmacht des 
kleinen Kindes. Das pathologische Pendant dieser Regression ist 
die halluzinatorische Wunscherfüllung bei Psychosen. 

Da der Wunsch nach Triebbefriedigungen sich periodisch 
meldet, die Außenwelt aber von dem Eintreten jenes Momentes, 
wo der Trieb sich geltend macht, keine Kenntnis hat, genügt 
die halluzinatorische Repräsentation der Wunscherfüllung bald 
nicht mehr dazu, um die Wunscherfüllung wirklich herbei- 
zuführen. Die Erfüllung wird an eine neue Bedingung geknüpft : 
das Kind muß gewisse Signale geben, also eine wenn auch 
inadäquate motorische Arbeit leisten, damit sich die Situation 
in seinem Sinne verändert und die „Vorstellungsidentität" von 
der befriedigenden „Wahrnehmungsidentität" gefolgt wird. 2 

Schon das halluzinatorische Stadium waT durch das Auftreten 
unkoordinierter motorischer Entladungen bei Unlustaffekten 

1) Freud, Formulierungen usw. (Ges* Sehr., Bd. V.) 

2) S. Freud, Traumdeutung. 1900. (Ges. Sehr., Bd. II, S. 482 f.) 



Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes 7* 



charakterisiert (Schreien, Zappeln). Diese Denützt nun das 
Kind als magische Signale, auf deren Ruf dann die Wahr- 
nehmung der Befriedigung (natürlich mit äußerer Hilfe, von 
der aber das Kind keine Ahnung hat) prompt eintrifft. Das 
subjektive Empfinden des Kindes bei diesen Vorgängen ist dem 
eines wirklichen Zauberers zu vergleichen, der nur eine 
bestimmte Geste vorzunehmen hat, damit in der Außenwelt 
die kompliziertesten Ereignisse nach seinem Willen vor sich 
gehen. 1 

Wir merken, wie die Allmacht des menschlichen Lebe- 
wesens bei Zunahme der Kompliziertheit der Wünsche an 
immer mehr „Bedingungen" geknüpft wird. Bald genügen 
auch diese Abfuhräußerungen nicht mehr, um die Befriedigungs- 
situation hervorzurufen. Die sich mit der Entwicklung immer 
spezieller gestaltenden Wünsche erfordern entsprechend speziali- 
sierte Signale. Solche sind zun ächst: die Nachahmungen der 

1) Wenn ich in der Pathologie nach einem Analogon dieser Ent- 
ladungen suche, muß ich immer an die genuine Epilepsie, diese 
problematischeste unter den großen Neurosen, denken. Und obzwar ich 
ohne weiteres zugebe, daß in der Frage der Epilepsie Physiologisches und 
Psychologisches schwer zu sondern ist, erlaube ichmir doch darauf aufmerk- 
sam zu machen, daß die Epileptiker als ungemein „empfindliche" Menschen 
bekannt sind, hinter deren Unterwürfigkeit beim leisesten Anlaß furcht- 
bare Wut und Selbstherrlichkeit zum Vorschein kommt. Diese Charakter- 
eigenschaft wurde bisher meist als sekundäre Entartung, als Folge oft 
wiederholter Anfälle gedeutet. Man muß aber auch an eine andere 
Möglichkeit denken: an die nämlich, ob denn die epileptischen Anfälle 
nicht als Regressionen in die infantile Periode der Wunscherfül- 
lung mittels unkoordini erter B ewegungenzu betrachten 
sind. Die Epileptiker wären dann Wesen, bei denen sich die Unlust- 
affekte aufhäufen und sich periodisch in Paroxysmen abreagieren. 
Erwiese sich diese Erklärung als brauchbar, so müßten wir die 
Fixierungsstelle für eine spätere Erkrankung an Epilepsie in dieses 
Stadium der unko ordinierten Wunschäußerungen verlegen. — Das irra- 
tionelle Strampeln mit den Füßen, das Ballen der Fauste, das Zähne- 
knirschen usw. bei Zornesausbruch wäre eine mildere Form 
derselben Regression bei sonst gesunden Menschen. 



7 2 S. Ferenczi 



Saugbeweguiigen mit dem Mund, wenn der Säugling gestillt 
werden will, und die charakteristischen Äußerungen mittels 
Stimme und Bauchpresse, wenn es von den Exkrementen ge- 
reinigt werden möchte. Allmählich lernt das Kind auch, die 
Hand nach den Gegenständen auszustrecken, die es haben'will. 
Später entwickelt sich daraus eine förmliche Gebärdensprache! 
durch entsprechende Kombination der Gesten vermag das Kind 
ganz spezielle Bedürfhisse zu äußern, die denn auch sehr oft 
wirklich befriedigt werden, so daß sich das Kind — wenn es nur 
die Bedingung der Wunschäußerung mittels entsprechender Gesten 
einhält — immer noch allmächtig vorkommen kann : Periode 
der Allmacht mit Hilfe magischer Gebärden. 
Auch diese Periode hat einen Vertreter in der Pathologie; 
der merkwürdige Sprung aus der Gedankenwelt in die Körper- 
lichkeit, als welche Freud die hysterische Konversion 
entlarvt hat, 1 wird uns verständlicher, wenn wir sie als eine 
Regression auf das Stadium der Gebärdenmagie auffassen. Die 
Psychoanalyse zeigt uns in der Tat, daß die hysterischen An- 
fälle verdrängte Wünsche der Patienten mit Hilfe von Gebärden 
als erfüllt darstellen. — Im Seelenleben Normaler ist die Un- 
zahl abergläubischer oder sonst für wirkungsvoll gehaltener 
Gebärden (Gebärde des Fluchs, des Segens, des Händefaltens 
beim Beten usw.) ein Rest jener Entwicklungsperiode des 
Realnatssinnes, in der man sich noch mächtig genug fühlte 
mit Hilfe solcher harmloser Gesten die — allerdings ungeahnte 
— Gesetzmäßigkeit des Weltgeschehens durchbrechen zu 
können. Zauberer, Wahrsager und Magnetiseure finden mit 
der Behauptung solcher Machtvollkommenheit ihrer Gebärden 
immer noch Glauben und auch der Neapolitaner wehrt sich 
gegen den bösen Blick mit eine r symbolischen Geste. 

Schrl Bd F I.) UdS Arbeiten ™ den »Studien über Hysterie«. ,885. (Ges. 



Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes 73 

Mit der Zunahme des Umfanges und der Kompliziertheit 
der Bedürfnisse mehren sich natürlich nicht nur die „Bedin- 
gungen , denen sich das Individuum unterwerfen muß, wenn 
es seine Bedürfnisse befriedigt sehen will, sondern auch die 
Zahl der Fälle, in denen seine immer dreisteren Wünsche 
seihst hei strenger Einhaltung der einmal wirkungsvoll gewesenen 
Bedingungen unerfüllt bleiben. Die ausgestreckte Hand muß 
oft leer zurückgezogen werden, der ersehnte Gegenstand folgt 
der magischen Geste nicht. Ja, eine unbezwingliche feindliche 
Macht mag sich dieser Geste mit Gewalt entgegensetzen und 
die Hand zwingen, ihre frühere Lage einzunehmen. Hat sich 
bislang das „allmächtige" Wesen mit der ihm gehorchenden, 
seinen Winken folgenden Welt eins fühlen können, so kommt 
es allmählich zu einem schmerzlichen Zwiespalt innerhalb 
seiner Erlebnisse. Es muß gewisse tückische Dinge, die seinem 
Willen nicht gehorchen, als Außenwelt vom Ich, d. h. die 
subjektiven psychischen Inhalte (Gefühle) von den objektivierten 
(den Empfindungen) sondern. Ich benannte einmal das erste 
dieser Stadien die Introjektionsphase der Psyche, da hier 
noch alle Erfahrungen ins Ich aufgenommen werden, die 
spätere die Projektionsphase. 1 Man könnte nach dieser 
Terminologie die Allmachtsstadien auch als Introjektionsstufen, 
das Realstadium als Projektionsstufe der Ichentwicklung 
ansprechen. 

Doch auch die Objektivierung der Außenwelt zerreißt 
zunächst nicht jeden Faden zwischen dem Ich und dem Nicht- 
Ich. Das Kind lernt zwar, sich damit zu bescheiden, daß es 
nur über einen Teil der Welt, über das „Ich" verfügen kann, 
der Rest, die Außenwelt aber seinen Wünschen oft Widerstand 
entgegensetzt, es hängt aber immer noch dieser Außenwelt 



1) S, Introjektion und Übertragung. 1909, S. 9 dieses Bandes. 



74 S- Ferenczi 



Qualitäten an, die es an sich kennen gelernt hat, d. h. Ich- 
qualitäten. Alles spricht dafür, daß das Kind eine animi- 
stische Periode der Realitätsauffassung durchmacht, in der 
ihm jedes Ding beseelt vorkommt und es in jedem Ding seine 
eigenen Organe und deren Tätigkeiten wiederzufinden sucht. 1 

Es wurde einmal gegen die Psychoanalyse die spöttische 
Bemerkung laut, daß nach dieser Lehre das „Unbewußte" in 
jedem konvexen Gegenstand einen Penis, in jedem konkaven 
die Vagina oder den Anus sieht. Ich finde, daß dieser Satz die 
Tatsachen gut charakterisiert. Die kindliche Psyche (und die 
daraus restierende Tendenz des Unbewußten beim Erwachsenen) 
kümmert sich am eigenen Leibe zunächst ausschließlich, später 
hauptsächlich um die Befriedigung seiner Triebe, um die Lust- 
befriedigungen, die ihm das Saugen, das Essen, die Berührung 
der erogenen Körperpartien und die Exkretionsfunktionen ver- 
schaffen; was Wunder, wenn auch seine Aufmerksamkeit in 
erster Linie durch solche Dinge und Vorgänge der Außenwelt 
gefesselt wird, die auf Grund einer noch so entfernten Ähn- 
lichkeit an die ihm liebsten Erlebnisse erinnern. 

Es entstehen so jene innigen, fürs ganze Leben bestehen 
bleibenden Beziehungen zwischen dem menschlichen Körper 
und der Objektwelt, die wir die symbolischen heißen. Einer- 
seits sieht das Kind in diesem Stadium in der Welt nichts als 
Abbilder seiner Leiblichkeit, andererseits lernt es, die ganze 
Mannigfaltigkeit der Außenwelt mit den Mitteln seines Körpers 
darzustellen. Diese Fähigkeit zur symbolischen Darstellung ist 
eine bedeutende Vervollständigung der Gebärdensprache; sie 
befähigt das Kind zum Signalisieren nicht nur solcher Wünsche, 
die unmittelbar seine Körperlichkeit angehen, sondern auch zur 
Äußerung von Wünschen, die sich auf die Veränderung der 

i) Zum Thema des Animismus siehe auch die Abhandlung „Über 
Naturgefühl" von Dr. Hanns Sachs (Imago, I., 1912). 



Entwicklungsstufen des Wirklidikeitssinnes 75 



nunmehr als solche erkannten Außenwelt beziehen. Ist das 
Kind von liebevoller Pflege umgeben, so muß es selbst in 
diesem Stadium seiner Existenz die Illusion seiner Allmacht 
nicht aufgeben. Es braucht ja immer noch einen Gegenstand 
nur symbolisch darzustellen, und das (beseelt geglaubte) Ding 
„kommt" oft wirklich zu ihm; denn diesen Eindruck muß 
das animistisch denkende Kind bei der Befriedigung seiner 
Wünsche haben. Allerdings läßt ihn die Ungewißheit des Ein- 
treffens der Befriedigung allmählich ahnen, daß es auch höhere, 
„göttliche" Mächte gibt (Mutter oder Amme), deren Gunst es 
besitzen muß, soll der magischen Gebärde die Befriedigung auf 
dem Fuße folgen. Übrigens ist auch die Befriedigung unschwer 
erfüllt, besonders bei großer Nachgiebigkeit der Umgebung. 

Eines der körperlichen „Mittel", die das Kind zur Dar- 
stellung seiner Wünsche und der von ihm gewünschten Gegen- 
stände verwertet, gelangt dann zu besonderer, alle anderen Dar- 
stellungsmittel überflügelnder Bedeutung — nämlich die Sprache. 
Die Sprache ist ursprünglich 1 die Nachahmung, d. h. stimm- 
liche Darstellung der durch die Dinge produzierten oder mit 
ihrer Hilfe produzierbaren Laute und Geräusche; die Geschick- 
lichkeit der Sprachorgane gestattet eine viel größere Mannig- 
faltigkeit von Gegenständen und von Vorgängen der Außenwelt, 
und zwar viel einfacher, zu reproduzieren, als es mit Hilfe der 
Gebärdensprache möglich war. Die Gebärdensymbolik wird so 
von der Sprachsymbolik abgelöst: gewisse Reihen von Lauten 
werden mit bestimmten Dingen und Vorgängen in feste asso- 
ziative Verbindung gebracht, ja, allmählich mit diesen Dingen 
und Vorgängen identifiziert. Daraus erwächst der große 
Fortschritt, daß man der schwerfälligen bildlichen Vorstellung 

1) S. Kleinpaul, Leben der Sprache (Leipzig, 1893), und Dr. 
Sperber, Über den Einfluß sexueller Momente auf Entstehung und 
Entwicklung der Sprache (Imago, I, 1912). 



76 S. Ferenczi 



und der noch schwerfälligeren dramatischen Darstellung 
enthoben wird; die Vor- und Darstellung jener Reihe von 
Sprachlauten, die wir Worte nennen, gestattet eine weit 
spezialisiertere und ökonomischere Fassung und Äußerung der 
Wünsche. Zugleich ermöglicht die Sprachsymbolik das bewußte 
Denken, indem es sich an die an sich unbewußten Denkprozesse 
assoziiert und ihnen wahrnehmbare Qualitäten verleiht. 1 

Nun ist das bewußte Denken mittels Sprachzeichen die 
höchste Leistung des psychischen Apparates, die schon die 
Anpassung an die Realität durch Aufhalten der reflektorischen 
motorischen Abfuhr und der Unlustentbindung ermöglicht, und 
trotzdem versteht das Kind sein Allmachtsgefühl selbst in diesem 
Stadium seiner Entwicklung hinüberzuretten. Die gedanklich 
gefaßten Wünsche des Kindes sind nämlich noch so wenig 
zahlreich und von verhältnismäßig so unkomplizierter Art, daß 
es der aufmerksamen, um das Wohl des Kindes besorgten 
Umgebung leicht gelingt, die meisten dieser Gedanken zu 
erraten. Die das Denken (besonders bei Kindern) immer noch 
begleitenden mimischen Äußerungen machen den Erwachsenen 
diese Art Gedankenlesen besonders leicht. Und wenn gar das 
Kind seine Wünsche in Worte faßt, so beeilt sich die hilfs- 
bereite Umgebung, sie womöglich sofort zu erfüllen. Das Kind 
aber dünkt sich dabei wirklich im Besitze zauberhafter Fähig- 
keiten, befindet sich also in der Periode der magischen 
Gedanken und der magischen Worte. 2 

Und dieses Stadium der Realitätsentwicklung ist es, auf das 
die Zwangsneurotiker zu regredieren scheinen, wenn sie vom 
Gefühle der Allmacht ihrer Gedanken und Wortformeln nicht 

1) S. Freud, Traumdeutung. (Ges. Sehr., Bd. II, S. 519,) 

2) Die psychologische Erklärung der „Magie« schließt natürlich die 
Möglichkeit nicht aus, daß in diesem Glauben auch die Vor- 
ahnung physikalischer Tatsachen (Telepathie usw.) steckt. 



Entwicklungsstufen des Wirküchkeitssinnes TJ 

abzubringen sind, und wenn sie, wie es Freud nachgewiesen 
hat, das Denken an Stelle des Handelns setzen. Im Aberglauben, 
in der Zauberei und im religiösen Kult spielt dieser Glaube an 
die unwiderstehliche Macht gewisser Gebets-, Fluch- und 
Zauberformeln — die man nur innerlich denken oder die man 
nur laut aussprechen muß, damit sie wirken — eine ungeheure 
Rolle. 1 

Diesem fast unheilbaren Größenwahne des Menschen wider- 
sprechen nur scheinbar jene Neurotiker, bei denen man hinter 
der hastigen Sucht nach Erfolgen sofort auf ein, auch den 
Patienten selbst wohlbekanntes Minderwertigkeitsgefühl 
(Adler) stößt. Die in die Tiefe reichende Analyse beweist in 
jedem solchen Falle, daß diese Minderheitsgefühle keineswegs 
etwas Letztes, die Neurose Erklärendes sind, sondern bereits die 
Reaktionen auf ein übertriebenes Allmachtsgefühl, 
an das solche Kranke in ihrer ersten Kindheit fixiert wurden 
und das es ihnen unmöglich machte, sich an eine spätere Ver- 
sagung anzupassen. Die manifeste Größensucht dieser Leute 
ist aber nur eine „Wiederkehr des Verdrängten", ein hoffnungs- 
loser Versuch, die ursprünglich mühelos genossene Allmacht 
auf dem Wege der Veränderung der Außenwelt wieder zu 
erlangen. 

Wir können nur wiederholen: alle Kinder leben im glück- 
lichen Wahne der Allmacht, der sie irgend einmal — wenn 
auch etwa nur im Mutterleibe — wirklich teilhaftig waren. 
Es hängt von ihrem „Daimon" und ihrer „Tyche ab, ob sie 
die Allmachtsgefühle auch ins spätere Leben hinüberretten — 
und Optimisten werden können, oder ob sie die Zahl der 
Pessimisten vermehren werden, die sich mit der Versagung 

1) Auch den obszönen Worten ist diese „Allmächtigkeit" („motorische 
Kraft") in hohem Maße eigen. S. meine Ausführungen: Über obszöne 
Worte, dieser Band S. 171. 



78 S. Ferenczi 



ihrer unbewußten irrationellen Wünsche nie versöhnen, sich 
durch die nichtigsten Anlässe beleidigt, zurückgesetzt fühlen 
und für Stiefkinder des Schicksals halten, — weil sie nicht 
seine einzigen oder Lieblingskinder bleiben können. 
Erst von der vollen psychischen Ablösung von den Eltern 
rechnet Freud das Ende der Herrschaft des Lustprinzips. 
Dieser in den Einzelfällen äußerst variable Zeitpunkt ist es 
auch, wo das Allmachtsgefühl der vollen Würdigung der Macht 
der Verhältnisse Platz macht. Seinen Höhepunkt erlangt der 
Realitätssinn in der Wissenschaft, während die Allmachtsillusion 
in ihr die größte Erniedrigung erfährt: die frühere Allmacht 
löst sich hier in lauter „Bedingungen" auf. (Konditionalismus, 
Determinismus.) In der Lehre von der Willensfreiheit besitzen 
wir allerdings auch eine optimistische, immer noch Allmachts- 
phantasien realisierende philosophische Doktrin. 

Die Anerkennung der Bedingtheit unserer Wünsche und 
Gedanken bedeutet das Maximum der normalen Projektion, 
d. h. Objektivierung. Es gibt aber auch einen psychischen 
Krankheitszustand, die Paranoia, die u. a. auch dadurch 
charakterisierbar ist, daß sie sogar die eigenen Wünsche und 
Gedanken zur Außenwelt schlägt, projiziert. 1 Es liegt nahe, die 
Fixierungsstelle dieser Psychose in die Zeit des endgültigen 
Verzichtes auf Allmacht zu verlegen, d. h. in die Projektions- 
phase des Realitätssinnes. 

Die Entwicklungsstufen des Realitätssinnes wurden in den 
bisherigen Erörterungen nur an den egoistischen, in den Dienst 
der Selbsterhaltung gestellten sogenannten „Ichtrieben" dar- 
gestellt; die Realität hat eben, wie es Fre ud festgestellt hat, 
1) Freud: Die Abwehrneuropsychosen. 1894. (Ges. Sehr., Bd. I.) 
Freud: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch 
beschr. Fall von Paranoia 1911, (Ges. Sehr., Bd. VIII) und Ferenczi: 
Über die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia. 
(Dieser Band S. 120.) 






Entwicklungsstufen des Wirklidikeitssinnes 79 

innigere Beziehungen zum „Ich" als zur Sexualität, einerseits, 
weil die letztere weniger von der Außenwelt abhängig ist (sie 
kann sich lange autoerotisch befriedigen), andererseits, weil sie 
während der Latenzzeit unterdrückt ist und gar nicht mit der 
Realität in Berührung kommt. Die Sexualität bleibt also zeit- 
lebens mehr dem Lustprinzip unterworfen, während das Ich 
nach jeder Mißachtung der Wirklichkeit sofort die bitterste 
Enttäuschung erfahren müßte. 1 Betrachten wir nun das das 
Luststadium charakterisierende Allmachtsgefühl in der 
Sexualentwicklung, so müssen wir feststellen, daß hier 
die „Periode der bedingungslosen Allmacht" bis 
zum Aufgeben der autoerotischen Befriedigungsarten andauert, 
wo doch das Ich schon längst an die sich immer mehr kom- 
plizierenden Bedingungen der Realität angepaßt ist und über 
die Stadien der magischen Gebärden und Worte hinaus, fast 
schon bei der Kenntnis der Allmacht der Naturgewalten 
anlangte. Autoerotismus und Narzißmus sind also die^ All- 
machtsstadien der Erotik; und da der Narzißmus 
überhaupt nie aufhört, sondern nebst der Objekterotik immer 
auch erhalten bleibt, so kann man sagen, daß — insofern man 
sich darauf beschränkt, sich selber zu lieben — man sich die 
Illusion der Allmacht in Sachen der Liebe zeitlebens bewahren 
kann. Daß der Weg zum Narzißmus zugleich der stets gang- 
bare Regressionsweg nach jeder Enttäuschung am Objekte ist, 
ist zu bekannt, um bewiesen werden zu müssen; autoerotisch- 
narzißtische Regressionen von pathologischer Stärke dürften 
hinter den Symptomen der Paraphrenie (Dementia praecox) 
und der Hysterie vermutet werden, während die Fixierungs- 
stellen der Zwangsneurose und der Paranoia auf der Ent- 
wicklungslinie der „erotischen Realität" (der Nötigung 
zur Objektfindung) zu finden sein dürften. 
1) Freud: Formulierungen usw. (Ges. Sehr., Bd. V.) 



80 S. Ferenczi 



Diese Verhältnisse sind aber noch nicht hei allen Neurosen ' 
gehörig studiert, so daß wir uns bezüglich der Neurosen- 
wahl mit der allgemeinen Formulierung Freuds zufrieden 
geben müssen, daß die Entscheidung über die spätere Erkrankungs- 
art davon abhängt: „in welcher Phase der Ich- und der Libido- 
entwicklung die disponierende Entwicklungshemmung ein- 
getroffen ist". 

Man kann es immerhin schon wagen, diesem Satz einen 
zweiten anzureihen; wir vermuten, daß der Wunschgehalt 
der Neurose, d. h. die Arten und Ziele der Erotik, die die 
Symptome als erfüllt darstellen, von der Phase der Libido- 
entwicklung an der Fixierungsstelle abhängt, während 
über den Mechanismus der Neurosen wahr- 
scheinlich jenes Stadium der I chent wicklung 
entscheidet, in dem sich das Individuum zur 
Zeit der disponierenden Hemmung befand. Es 
ist eben ganz gut denkbar, daß bei der Regression der Libido 
auf frühere Entwicklungsstufen auch die zur Fixierungszeit 
herrschend gewesene Stufe des Realitätssinnes in den Mecha- 
nismen der Symptombildung wieder auflebt. Da nämlich diese 
frühere Art der „Realitätsprüfung" dem aktuellen Ich des 
Neurotikers unverständlich ist, kann sie ohne weiteres in den 
Dienst der Verdrängung gestellt und zur Darstellung zensurierter 
Gefühls- und Gedankenkomplexe verwendet werden. Die 
Hysterie und Zwangsneurose wären z. B. nach dieser Auffassung 
einerseits durch eine Regression der Libido auf frühere Ent- 
wicklungsstufen (Autoerotismus, Ödipismus), andererseits 
in ihren Mechanismen durch einen Rückfall des Realitäts- 
sinnes auf die Stufe der magischen Gebärden (Konver- 
sion) oder der magischen Gedanken (Gedanken- 
allmacht) charakterisiert. Ich wiederhole: es wird noch 
langer mühsamer Arbeit bedürfen, bis die Fixierungsstellen 



-\. 



Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes 81 

aller Neurosen mit Sicherheit festgestellt sein werden. Hier 
wollte ich nur auf eine — mir allerdings plausible — Mög- 
lichkeit der Lösung hinweisen. 

Was wir über die Phylogenese des Realitätssinnes ahnen, 
läßt sich zurzeit nur als wissenschaftliche Prophezeiung dar- 
stellen. Vermutlich gelingt es einmal, die einzelnen Entwick- 
lungsstadien des Ich und deren neurotische Regressionstypen mit 
den Etappen der Stammesgeschichte der Menschheit in Parallele 
zu bringen, ähnlich wie z. B. Freud im Seelenleben der 
Wilden die Charaktere der Zwangsneurose wiederfand. 1 

Im allgemeinen stellt sich die Entwicklung des Realitäts- 
sinnes als eine Reihe von VerdTängungschüben dar, zu denen 
der Mensch nicht durch spontane „Entwicklungsbestrebungen", 
sondern durch die Not, durch Anpassung erheischende Ver- 
sagung gezwungen wird. — Die erste große Verdrängung wird 
durch den Geburtsvorgang notwendig gemacht, die wohl sicher 
ohne aktive Mithilfe, ohne „Absicht" des Kindes zustande 
kommt. Die Leibesfrucht wäre viel lieber auch weiter unge- 
stört im Mutterleibe geblieben, wird aber grausam in die Welt 
gesetzt, muß die liebgewonnenen Befriedigungsarten vergessen 
(verdrängen) und sich an neue anpassen. Dasselbe grausame 
Spiel wiederholt sich bei jedem neuen Stadium der Ent- 
wicklung. 2 

Es ist vielleicht erlaubt, die Vermutung zu wagen, daß es 
die geologischen Veränderungen der Erdoberfläche mit ihren 

1) Freud: „Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im 
Seelenleben der Wilden und der Neurotiker." 1912—15. (Ges. Sehr., 
Bd. X) 

2) Bei konsequenter Durchführung dieses Gedankenganges muß man 
sich mit der Idee einer auch das organische Leben beherrschenden 
Beharrungs-, resp. Regressionstendenz vertraut machen, während die 
Tendenz nach Fortentwicklung, Anpassung usw. nur auf äußere Reize 
hin lebendig wird. 

Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse 1 6 



82 S. Ferenczi 



katastrophalen Folgen für die Stammvorderen der Menschheit 
gewesen seien, die zur Verdrängung liebgewonnener Gewohn- 
heiten und zur „Entwicklung" gezwungen haben. Solche Kata- 
strophen können die Verdrängungsstellen in der Entwicklungs- 
geschichte des Stammes gewesen sein und zeitliche Lokalisation 
und Intensität solcher Katastrophen mögen über den Charakter 
und die Neurosen der Rassen entschieden haben. Nach einer 
Aussage von Professor Freud ist der Rassencharakter der 
Niederschlag der Rassengeschichte. Haben wir uns aber einmal 
so weit über das sicher Wißbare hinausgewagt, so dürfen wir 
auch vor der letzten Analogie nicht zurückscheuen und den 
großen Verdrängungsschub des Individuums, die Latenzzeit 
mit der letzten und größten Katastrophe, die unsere Stamm- 
vorderen (schon zu einer Zeit, wo es sicher Menschen auf der 
Erde gegeben hat) traf, d. i. mit dem Elend der Eiszeiten 
in Konnex bringen, die wir in unserem Individualleben immer 
noch getreulich wiederholen. 1 

Das neugierig ungestüme Alleswissenwollen, das mich in 
diesen letzten Ausführungen in märchenhafte Femen der Ver- 
gangenheit verführte und das noch Unwißbare mit Hilfe von 
Analogien überbrücken ließ, bringt mich zum Ausgangspunkt 
dieser Betrachtungen: zum Thema der Blüte und des Nieder- 
ganges des Allmachtsgefühls zurück. Die Wissenschaft muß 

i) Der Auffassung, daß nur äußerer Zwang und nie spontaner Drang 
das Verlassen gewohnter Mechanismen (Entwicklung) veranlaßt, scheinen 
Fälle zu widersprechen, in denen die Entwicklung den realen Bedürf- 
nissen vorausläuft. Ein Beispiel dafür war die Entwicklung des Respira- 
tionsmechanismus schon in utero. Das kommt aber nur in der Onto- 
genese vor und ist hier schon als Rekapitulation eines notgedrungenen 
Entwicklungsvorganges in der Stammesgeschichte zu betrachten. Auch die 
Übungsspiele der Tiere (Groos) sind wohl nicht Vorstufen einer 
künftigen Rassenfunktion, sondern Wiederholungen phylogen erworbener 
Fähigkeiten. Sie gestatten also eine rein historisch-kausale Erklärung 
und zwingen nicht zur finalen Betrachtungsweise. 



Entwicklungsstufen des Wirklidikeitssinnes 83 



sich von dieser Illusion — wie gesagt — lossagen, oder 
zumindest immer wissen, wann sie das Gebiet der Hypothesen 
und Phantasien betritt. In den Märchen dagegen sind und 
bleiben die Allmächtigkeitsphantasien die herrschenden. 1 Gerade 
wo wir uns vor den Naturgewalten am tiefsten beugen müssen, 
kommt uns das Märchen mit seinen typischen Motiven zu 
Hilfe. Wir sind in der Realität schwach, darum sind die Helden 
der Märchen stark und unbesiegbar; wir sind durch Zeit und 
Raum in unserer Tätigkeit und unserem Wissen beengt und 
gehemmt: darum lebt man im Märchen ewig, ist gleichzeitig 
an hundert Orten, sieht in die Zukunft und weiß die Ver- 
gangenheit. Schwere, Härte, Undurchdringlichkeit der Materie 
stellen sich uns jeden Augenblick hinderlich in den Weg: im 
Märchen aber hat der Mensch Flügel, seine Augen durchdringen 
die Wände, sein Zauberstab öffnet ihm alle Türen. Die Wirk- 
lichkeit ist hartes Kämpfen ums Dasein; im Märchen genügen 
die Zauberworte: „Tischlein deck dich!" Man lebt in unaus- 
gesetzter Furcht vor Angriffen gefährlicher Tiere und grimmiger 
Feinde; im Märchen befähigt eine Tarnkappe zu jeder Ver- 
wandlung und macht uns unerreichbar. Wie schwer erreicht 
man in der Realität die Liebe, die alle unsere Wünsche erfüllen 
könnte : im Märchen ist der Held unwiderstehlich oder er 
bezaubert mit einer magischen Gebärde. 

Das Märchen also, in dem die Erwachsenen so gerne die 
eigenen unerfüllten und verdrängten Wünsche ihren Kindern 
erzählen, bringt eigentlich die verlorene Allmachtssituation zu 
einer letzten, künstlerischen Darstellung. 



1) Vgl. Fr. Riklin: Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen. 
(Schriften zur angewandten Seelenkunde, Heft 2.) 



I 



Das Problem der Unlustbejahung 

Fortschritte in der Erkenntnis des Wirklichkeitssinnes 

(l 9 26) 

Nicht lange nach meiner ersten Bekanntschaft mit der Psycho- 
analyse stieß ich auf das Problem des Wirklichkeitssinnes, 
dessen Funktionsart in so scharfem Gegensatz zu der im Seelen- 
lehen sonst allgemein nachweisbaren Unlustfluchts- und Ver- 
drängungstendenz zu stehen schien. Mittels einer Art Ein- 
fühlung in die Infantilseele kam ich zur Aufstellung, daß dem 
von jeder Unlust verschonten Kinde die ganze Existenz zunächst 
vollkommen einheitlich, sozusagen „monistisch", vorkommen 
muß; erst später käme es zur Sonderung der „guten* und der 
„bösen" Dinge, des Ich und der Umwelt, des Innen und 
Außen; fremd und feindlich wären also auf dieser Stufe iden- 
tisch. 1 In einer anderen Arbeit versuchte ich dann die Haupt- 
momente der Entwicklung vom Lust- zum Realitätsprinzip 



1) Das Kind muß gewisse tückische Dinge, die seinem Willen nicht 
gehorchen, als Außenwelt vom Ich, d. h. die subjektiven psychischen 
Inhalte (Gefühle) von den objektivierten (den Empfindungen) sondern. 
(„Introjektion und Übertragung", 1909, s. S. 9 dieses Bandes.) 



Das Problem der Unlustbejahung 85 

theoretisch zu rekonstruieren. 1 Ich nahm an, daß das Kind vor 
den ersten Enttäuschungen sich im Besitze bedingungsloser All- 
macht fühlt, an diesem Allmachtsgefühl auch festhält, wenn 
die wunscherfüllende Wirksamkeit seines Wollens an die Ein- 
haltung gewisser Bedingungen geknüpft ist, bis die wachsende 
Zahl und Kompliziertheit dieser Bedingungen es zum Aufgeben 
des Allmachtsgefühls und zur Anerkennung der Realität über- 
haupt zwingen. In dieser Deskription konnte aber noch nichts 
über die inneren Vorgänge ausgesagt werden, die diese merk- 
würdige und bedeutsame Umwandlung begleiten müssen; dazu 
war unsere Einsicht in die tieferen Grundlagen des Seelischen, 
insbesondere in das Triebleben, noch zu unentwickelt. Seither 
brachten uns die grundlegenden Arbeiten Freuds über das 
Triebleben und seine Entdeckungen über die Analyse des Ich 
diesem Ziele näher, 3 es fehlte aber immer noch die eigentliche 
Brücke über die Kluft zwischen Triebleben und Intellektualität. 
Dazu war offenbar jene höchste Vereinfachung erforderlich, auf 
die Freud schließlich die Vielgestaltigkeit der Triebäußerungen 
reduzieren konnte; ich meine die Feststellung der allem Leben- 
digen zugrunde liegenden Triebpolarität, die Polarität des Lebens- 
triebes (Eros) und des Todes- oder Destruktionstriebes. 3 Doch 
erst Freuds jüngst erschienene Arbeit: „Die Verneinung" 
(„Imago, 1925, Heft 3), unter welchem bescheidenen Titel sich/ 
die Anfänge einer biologisch fundierten Psychologie der Denk- 
vorgänge verstecken, verknüpft die bisher zerstreuten Stücke 
unseres Wissens miteinander. Wie immer, steht Freud auch 
diesmal auf dem sicheren Boden der analytischen Erfahrung 
und ist äußerst vorsichtig in der Verallgemeinerung. Seinen) 

i) „Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes", 1915 (s. S- 62 dieses 
Bandes). 

2) Massenpsychologie und Ichanalyse, 1921« Das Ich und das Es, 1923. 
(Ges. Sehr., Bd. VI.) 

5) Jenseits des Lustprinzips, 1920 (Ges. Sehr., Bd. VI). 



86 S. Ferenczi 



Fußstapfen folgend, möchte ich nun versuchen, das Problem 
des Wirklichkeitssinnes im Lichte der Freudschen Entdeckung 
nochmals zu behandeln. 

Freud entdeckte im psychologischen Akte der Verneinung 
der Wirklichkeit eine Übergangsphase zwischen ihrer 
Ignorierung und ihrer Anerkennung; die fremde, 
daher feindliche Außenwelt wird trotz der Unlust bewußtseins- 
fähig, indem sie mit dem negativen Vorzeichen der Verneinung 
versehen wird; sie wird geleugnet. In dem Negativismus, 
der Beseitigungstendenz, sehen wir also noch immer die ver- 
drängenden Mächte, die im Primärvorgang zur vollen Ignorierung 
jeder Unlust führten, am Werke; die negativ-halluzinatorische 
Ignorierung gelingt nicht mehr voll, die Unlust wird nicht 
mehr ignoriert, sondern als Negation immerhin Inhalt der 
Wahrnehmung. Sofort erhebt sich natürlich die Frage, was 
noch geschehen muß, um auch das letzte Hindernis der Aner- 
kennung aus dem Wege zu räumen und die Bejahung 
einer Unlust, d. h. die volle Aufhebung der Verdrängungs- 
tendenz zu ermöglichen. 

Man ahnt auch sogleich, daß sich die Antwort auf diese 
Frage nicht so leicht wird geben lassen; nur so viel ist nach 
der Entdeckung Freuds von vornherein klar, daß die Bejahung 
einer Unlust niemals ein einfacher, sondern immer ein zwei- 
facher psychischer Akt ist: zuerst wird versucht, sie als Tat- 
sache abzuleugnen, dann muß eine neuerliche Kraftanstrengung 
einsetzen, die diese Negation negiert. Das Positivum, die Aner- 
kennung des Schlechten, dürfte eigentlich immer aus zwei 
Negationen resultieren. Um uns Vergleiche aus dem uns wohl- 
vertrauten psychoanalytischen Gebiete zu holen, müssen wir die 
volle Ignorierung mit dem psychischen Zustand eines noch jeder 
Unlust abgewandten Kindes in Analogie bringen, wie ich 
denn schon vor langer Zeit den „Fixierungspunkt" der P s y - 



V 



Das Problem der Unlustbejahung 87 



c hosen in diesem Stadium suchte 1 und auch die ungehemmte 
Fähigkeit des megalomanen Paralytikers zu fortwährender Glücks- 
empfindung als Regression zu dieser Phase auffaßte. 2 Die Ver- 
neinungsphase findet ihre Analogie, wie uns Freud zeigte, im 
Verhalten der Patienten während der Kur, überhaupt in der 
Neurose, die ja gleichfalls das Resultat einer nur halbgelungenen 
oder mißlungenen Verdrängung ist und eigentlich immer ein 
Negativum, das Negativ der Perversion ist. Der Prozeß der 
schließlichen Anerkennung oder Rejahung der Unlust spielt sich 
als Erfolg unserer therapeutischen Remühung bei der Heilung 
einer Neurose vor unseren Augen ab, und wenn wir auf seine 
Einzelheiten achten, haben wir einige Aussicht, uns auch von 
diesem Anerkennungsvorgang eine Vorstellung zu bilden. 

Wir sehen, daß im Höhenstadium der Übertragung der 
Patient auch das Unlustvollste widerstandslos anerkennt; offenbar 
findet er im Glücksgefühl der Übertragungsliebe Trost für den 
Schmerz, den ihn diese Anerkennung sonst kosten würde. Aber 
am Ende der Kur, wenn auch auf die Übertragung verzichtet 
werden muß, käme es unzweifelhaft zu einem Rückfall in die 
Verneinung, d. h. in die Neurose, wäre es dem Patienten nicht 
gelungen, auch für diese Versagung allmählich Ersatz und Trost 
in der Wirklichkeit, besonders aber in der Identifizierung 
mit dem Analytiker, zu finden. Unwillkürlich denkt man 
dabei an eine gehaltvolle Arbeit des allzufrüh dahingegangenen 
Analytikers Viktor Tausk, der die Entwertung der Verdrän- 
gungsmotive durch Rekompense als Heilungsbedingung auf- 
stellte. 3 In ähnlicher Weise müssen wir auch beim allerersten 
Zustandekommen einer Unlustbejahung das Vorhandensein einer 

1) Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes, (s. S. 62 dieses Bandes.) 

2) „Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistesstörung," (Beihefte 
der Int. Zeitschr. für PsA., Nr. V.) 

5) Tausk: Entwertung des Verdrängungsmotivs durch Rekompense. 
Int. Zeitschr. f. PsA., I (1915), S. 230 ff. 



S. Ferenczi 



Rekompensation vermuten ; auf eine andere Weise wäre übrigens 
ihr Aufkommen in der Psyche, die ja immer in der Richtung 
des locus minoris resistentiae, d. h. nach dem Lustprinzip arbeitet, 
unvorstellbar. Wir finden schon in Freuds „Traumdeutung" 
eine Stelle, die die Umwandlung des Primärvorganges in den 
sekundären in ähnlicher Weise erklärt. Er sagt uns dort, daß 
der hungernde Säugling sich die Befriedigung zuerst halluzina- 
torisch zu verschaffen sucht, erst wenn dies nicht zum Ziele 
führt, die Unlust als solche anerkennt und jene Unlust- 
äußerungen tut, die zu realen Befriedigungen führen. Wir 
sehen, daß hier zum erstenmal ein quantitatives Moment die 
Reaktionsweise der Psyche zu bestimmen scheint. Die Aner- 
kennung der feindlichen Umwelt ist eine Unlust, doch ihre 
Nichtanerkennung ist gelegentlich noch unlustvoller; so wird 
das weniger Unlustvolle relativ lustvoll und kann als solches 
bejaht werden. Die Berücksichtigung der Rekompense und der 
Flucht vor noch größerer Unlust gestattet uns, die Möglichkeit 
einer Bejahung von Unlust überhaupt zu verstehen, ohne auf 
die Allgemeingültigkeit des Lustsuchens als Grundtendenz alles 
Psychischen verzichten zu müssen. Allerdings postulierten wir 
gleichzeitig das Eingreifen eines neuen Instrumentes in den 
Jpsychischen Mechanismus, einer Art Rechenmaschine, deren 

1 Installierung uns wieder vor neue und vielleicht noch schwerer 
^ lösbare Rätsel stellt. 

Wir wollen auf das Problem der psychischen Mathematik 
noch zurückkommen und möchten lieber erst die psychischen 
Inhalte betrachten, an denen der Säugling die Anerkennung 
der . Wirklichkeit bewerkstelligt. Wenn uns Freud sagt, daß 
der Mensch mit seiner Aufmerksamkeit die Umwelt unausgesetzt 
oder in rhythmischen Intervallen „absucht", „abtastet", davon 
kleine Proben „verkostet", so nimmt er offenbar die Handlungs- 
weise des die Mutterbrust vermissenden und suchenden Saug- 






Das Problem der Unlustbejahung 89 



lings zum Vorbilde jeder späteren Denkarbeit. Eine ähnliche 
Gedankenreihe führte mich in meinem bioanalytischen Versuche 1 
zur Annahme, daß das Beriechen oder Beschnüffeln der Umwelt 
eine vielleicht noch größere Ähnlichkeit mit dem Denkakte 
zeigt, da ja dabei noch feinere und kleinere Kostproben zuge- 
lassen werden. Nur bei günstigem Ausfall der Probe wird die 
orale Einverleibung durchgeführt. Der intellektuelle Unterschied 
zwischen einem Kinde, das noch unterschiedslos alles in den 
Mund nimmt, und dem, das sich nur dem ihm angenehm 
Riechenden zuwendet, ist also ein ganz bedeutender. 

Bleiben wir aber beim Beispiel des trinkenwollenden Kindes. 
Nehmen wir an, daß es bisher immer rechtzeitig gestillt wurde 
und nun zum erstenmal die Unlust des Hungerns und Dürstens 
ertragen muß; was mag wohl in seinem Innern vorgehen? In 
seiner urnarzißtischen Selbstsicherheit kannte es bisher nur 
sich selbst, wußte von der Existenz fremder Dinge, also auch 
der Mutter, nichts, konnte also ihnen gegenüber keine Gefühle 
haben, weder gute noch böse. Vielleicht im Zusammenhang 
mit der physiologischen Destruktion, die die Abwesenheit der 
Nährstoffe in den Geweben des Organismus hervorruft, kommt 
es anscheinend zu einer „Triebentmischung" auch im 
Seelenleben, die sich zunächst in unkoordinierter motorischer 
Entladung und im Schreien äußert, Manifestationen, die wir 
ganz gut mit den Äußerungen der Wut bei Erwachsenen ver- 
gleichen dürfen. Wenn dann nach längerem Warten und 
Schreien die Mutterbrust wieder gereicht wird, wirkt sie nicht 
mehr wie ein indifferentes Ding, das immer da ist, wenn 
man es braucht, so daß man davon keine Kenntnis zu nehmen 
braucht, sondern sie wird zu einem Objekt des Liebens 
und des Hassens; des Hassens, weil man es eine Zeitlang 
entbehren mußte, des Liebens, weil sie nac h der Entbehrung 
1} Versuch einer Genitaltheorie (Int. PsA. Bibl., Bd. XV). 



90 S. Ferenczi 



eine noch intensivere Befriedigung bot; sicherlich wird sie 
aber gleichzeitig zum Gegenstande einer wenn auch noch so 
dunklen Objektvorstellung. Dieses Beispiel illustriert, 
wie ich glaube, die bedeutsamsten Sätze in Freuds Arbeit 
„Die Verneinung": „Der erste und nächste Zweck der Realitäts- 
prüfung ist nicht, ein dem Vorgestellten entsprechendes Objekt 
in der Realität zu finden, sondern es wieder zu finden, 
sich zu überzeugen, daß es noch vorhanden ist" und „Man 
erkennt als Bedingung für die Realitätsprüfung, daß Objekte 
verloren gegangen sind, die einst reale Befriedigung gebracht 
hatten." 1 Man wäre nur noch versucht, hinzuzufügen, daß 
zum Zustandekommen einer Objektwahrnehmung die hier 
angedeutete Ambivalenz, d.h. die Triebentmischung, 
unumgänglich notwendig ist. Dinge, die uns fortwährend 
lieben, d. h. die stets alle unsere Bedürfnisse befriedigen, 
nehmen wir als solche gar nicht zur Kenntnis, wir schlagen sie 
einfach zu unserem subjektiven Ich; die Dinge, die uns stets 
nur feindlich gegenüberstehen und -standen, verdrängen wir 
einfach; für die Dinge aber, die nicht bedingungslos zur Ver- 
fügung stehen, die wir lieben, weil sie uns Befriedigung 
bringen, und hassen, weil sie uns nicht in allem gehorchen, 
errichten wir in unserem Seelenleben besondere Merkzeichen, 
Erinnerungsspuren mit dem Charakter des Objektiven, und 
freuen uns, wenn wir sie in der Realität wieder finden, d. h. 
sie wieder lieben können. Und wenn wir ein Objekt hassen, 
es aber nicht so weit verdrängen können, daß wir es dauernd 
verleugnen könnten, so beweist die Zurkenntnisnahme seiner 
Existenz, daß wir es eigentlich lieben möchten und daran nur 
durch die „Tücke des Objektes" verhindert sind. Es ist also 

1 

1) In der „Genitaltheorie" führe ich auf ein ähnliches Wieder- 
finden und Wiedererkennen das Befriedigungsgefühl zurück, das 
Gefühl des Erreichens der erotischen Realität. 



Das Problem der Unlustbejahung 9* 

nur konsequent, wenn der Wilde, nachdem er den Feind 
getötet hat, ihm seine größte Liebe und Ehre bezeugt. Er 
besagt damit nur, daß er am liebsten in Ruhe gelassen worden 
wäre, in ungestörter Harmonie mit der Umwelt leben wollte, 
daran aber durch die Existenz „störender Objekte gehindert 
war. Das Auftauchen dieses. Hindernisses führte zur Ent- 
mischung seiner Triebe unter Hervorkehrung des aggressiven 
destruktiven Triebanteils ; nach der Befriedigung der Rache ver- 
langt aber auch der andere, der Liebesanteil, nach Sättigung. 
Es ist, als ob die beiden Triebarten sich im Ruhezustande des 
Ichs gegenseitig neutralisierten, gleichwie die positive und 
negative Elektrizität in einem elektrisch inaktiven Körper, 
und als ob es hier wie dort besonderer äußerer Einwirkungen 
bedürfte, um die zwei Stromarten zu zerteilen und dadurch 
aktionsfähig zu machen. Das Auftreten der Ambivalenz wäre 
demnach eine Art Schutzvorrichtung, die Befähigung zum 
aktiven Widerstand überhaupt, wie denn auch ihre psychische 
Begleiterscheinung, die Erkenntnis der Objektwelt, eines der 
Mittel zu ihrer Bewältigung bedeutet. 

Nun merken wir aber, daß mit der Ambivalenz zwar eine 
Anerkennung der Existenz der Dinge, nicht aber das erreicht 
ist, was wir objektive Betrachtung nennen; im Gegenteil, die- 
selben Dinge werden nacheinander Gegenstand leidenschaft- 
lichen Hasses und ebensolcher Liebe. Zur Erreichung der 
„Objektivität" ist es notwendig, daß die losgelassenen Triebe 
gehemmt, d. h. wieder miteinander vermengt werden, also eine 
neuerliche Triebvermischung nach erfolgter Erkenntnis stattfindet. 
Dies dürfte denn auch der psychische Vorgang sein, der die 
Hemmung und den Aufschub der Aktion bis zur Erreichung 
der Identität der äußeren mit der „Denkrealität" garantiert ; 
die Fähigkeit zum objektiven Urteilen und Handeln ist also 
wesentlich eine Fähigkeit zur gegenseitigen Neutralisierung der 



92 S. Ferenczi 



Haß- und Liebestendenzen, was allerdings sehr nach einem 
Gemeinplatz klingt; nur meinen wir, daß man die gegenseitige 
Bindung der Attraktions- und Repulsionskräfte bei jeder 
Kompromißbildung, bei jeder objektiven Betrachtung ernstlich 
als psychisch-energetischen Vorgang annehmen darf und daß 
man die Redewendung sine ira et studio durch eine andere 
ersetzen müßte, die nämlich, daß zur objektiven Betrachtung 
der Dinge das Gewährenlassen der gleichen Quan- 
tität von ira und von Studium erforderlich ist. 

Es gibt offenbar auch in der Fähigkeit zur Objektivität 
Entwicklungsstufen. In dem Versuch über die Entwicklung des 
Wirklichkeitssinnes beschrieb ich das sukzessive Aufgeben der 
eigenen Allmacht und die Übertragung derselben an andere 
höhere Mächte (Amme, Eltern, Götter) und nannte dies die 
Perioden der Allmacht mit Hilfe magischer Gebärden und 
Worte; als letzte, der schmerzlichen Erfahrung entnommene 
Einsicht nahm ich dann das schließliche Aufgeben der All- 
macht überhaupt an, eine sozusagen wissenschaftliche Stufe der 
Welterkenntnis. Mit den Kunstworten der Psychoanalyse bezeich- 
nete ich die allerursprünglichste Phase, in der nur das Ich ' 
existiert und die ganze Erfahrungswelt zu ihr hinzugeschlagen 
wird, als Introjektionsperiode, die zweite, in der die Allmacht 
äußeren Mächten zugeschrieben wird, als Projektionsperiode; 
die letzte Entwicklungsstufe durfte ich als eine gleichmäßige oder 
sich gegenseitig kompensierende Verwendung beider psychischen 
Mechanismen auffassen. Diese Reihenfolge entsprach ungefähr der 
großzügigen Darstellung der Menschheitsentwicklung in Freuds 
„Totem und Tabu" als des Nacheinanders einer magischen, 
einer religiösen und einer wissenschaftlichen Phase. Aber auch 
viel später, als ich einmal den Versuch machte, die heutige 
Produktionsweise der Wissenschaft kritisch zu beleuchten, 1 mußte 




Das Problem der Unlustbejahung 93 

ich annehmen, daß die Wissenschaft, wenn sie wirklich objektiv 
bleiben soll, alternierend rein psychologisch und rein natur- 
wissenschaftlich arbeiten und die innere wie die äußere Er- 
fahrung durch gegenseitige Analogisierung erhärten muß, was 
einer Oszillierung zwischen Pro- und Introjektion entspricht. 
Ich nannte dies den Utraquismus jedes richtigen Wissen- 
schaftsbetriebes. In der Philosophie bedeutet der ultraidealistische 
Solipsismus einen Rückfall in einen egozentrischen Infantilismus, 
die rein materialistische, psychophobe Auffassung die Regression 
in die Übertreibungen der Projektionsphase, während Freuds 
Festhalten am Dualismus der utraquistischen Forderung voll- 
kommen gerecht wird. 

Wir sind zur Hoffnung berechtigt, daß Freuds Entdeckung 
der Verneinung als Zwischenstufe zwischen Verleugnung und 
Anerkennung der Unlust, uns in die Lage bringen wird, diese 
Entwicklungsstufen und ihr Nacheinander besser zu verstehen, 
wohl auch ihre Übersicht zu vereinfachen. Der erste schmerz- 
liche Schritt zur Welterkenntnis ist wohl die Einsicht, daß ein 
Teil der „guten Dinge" nicht zum Ich gehört, als „Außenwelt" 
von ihm abzusondern ist. (Mutterbrust.) Ungefähr gleichzeitig 
muß der Mensch erfahren, daß sich auch in seinem Innern, 
also gleichsam im Ich selbst, Unlustvolles, d. h. Böses ereignen 
kann, das sich weder durch Halluzinieren noch sonstwie ab- 
schütteln läßt. Einen weiteren Fortschritt bedeutet das Ertragen 
der absoluten Versagung von außen, d. h. die Erkenntnis, daß 
es auch Dinge gibt, auf die wir immer verzichten müssen; der 
Parallelvorgang dazu ist die Anerkennung der verdrängten 
Wünsche unter Verzicht auf deren Realisierung. Da zur Aner- 
kennung, wie wir nun wissen, ein Stück Eros, d. h. Liebe 
notwendig ist, was ohne Introjektion, d. h. Identifizierung, 
nicht denkbar ist, muß man sagen, daß die Anerkennung der 
Umwelt eigentlich eine teilweise Verwirklichung des christlichen 



94 S. Ferenczi 



Imperativs: „Liebet eure Feinde" bedeutet. (Der Widerstand, 
der sich gegen die Anerkennung der psychoanalytischen Trieb- 
lehre erhebt, zeigt allerdings, daß die Versöhnung mit dem 
inneren Feind die schwierigste Aufgabe ist, die der Mensch zu 
bewältigen hat.) 

Wenn wir versuchen, unsere neuen Erkenntnisse mit dem 
topischen System der Freud sehen Metapsychologie in Zu- 
sammenhang zu bringen, so können wir vermuten, daß zur 
Zeit des absoluten Solipsismus eigentlich nur eine PF—Bw y 
d. h. eine Wahrnehmungsfläche der Psyche funktioniert; im 
Stadium der Verneinung kommt es zur Bildung der unbewußt 
verdrängten Schichte (übw); die bewußte Anerkennung der 
Außenwelt erfordert bereits jene Überbesetzung, zu der uns nur 
die Institution eines neuen psychischen Systems, das des Vor- 
bewußten (Vbw\ befähigt, das zwischen übw und Bw ein- 
geschaltet wird. Entsprechend dem biogenetischen Grundgesetz 
wiederholt sich also in der psychischen Entwicklung des Einzel- 
wesens der artgeschichtliche Entwicklungsmodus der Psyche 
überhaupt; ist doch die hier geschilderte Reihenfolge dieselbe, 
in der wir uns die fortschreitende Entwicklung der psychischen 
Systeme bei den Organismen vorstellen müssen. 

Doch auch in der organischen Entwicklung finden wir Vor- 
bilder für die fortschreitende Anpassung der Lebewesen an die 
Realität der Umwelt. Es gibt primitive Organismen, die gleich- 
sam auf der narzißtischen Stufe stehen bleiben, untätig auf die 
Befriedigung ihrer Bedürfnisse harren und, wenn sie ihnen 
dauernd versagt bleiben, einfach zugrunde gehen; sie stehen 
eben der Erschaffung aus dem unorganischen noch viel näher, 
so daß ihr Destruktionstrieb einen kürzeren Weg zurückzulegen 
hat, d. h. viel wirksamer ist. Eine Stufe höher vermag der 
Organismus unlustbringende Teile seines Selbst abzustoßen und 
sich so das Leben zu retten (Autotomie); ich nannte einst diese 



Das Problem der Unlustbejahung 95 

Art Sequestrierung ein physiologisches Vorbild des Verdrängungs- 
vorganges. Erst eine weitere Entwicklung schafft die Fähigkeit 
zur Anpassung an die Realität, gleichsam zur organischen 
Anerkennung der Umwelt, wie sie sich besonders schön in der 
Lebensweise symbiotisch verbundener Lebewesen zeigt, die sich 
aber auch in jeder anderen Anpassungsleistung nachweisen läßt. 
Anknüpfend an meine „bioanalytische" Betrachtungsweise, kann 
man also schon im Organischen Primärvorgänge und Sekundär- 
vorgänge unterscheiden, Vorgänge also, die wir im Psychischen 
als Grade der Intellektualität schätzen. Das würde aber heißen, 
daß eine Art Rechenmaschine, die nicht bloß mit der Lust- und 
der Unlustqualität, sondern auch mit Quantitäten rechnet, im 
gewissen Grade und Sinne bereits auch dem Organischen eignet. 
Jedenfalls ist die organische Anpassung durch eine gewisse 
Starrheit charakterisiert, wie sie sich in den gewiß zweck- 
mäßigen, aber unwandelbaren Reflexvorgängen zeigt, während 
die psychische Anpassungsfähigkeit eine stete Bereitschaft zur 
Anerkennung auch neuer Wirklichkeiten und die Fähigkeit zur 
Hemmung der Aktion bis zur Beendigung des Denkaktes ermög- 
licht. Groddeck hat also recht, wenn er das organische Es 
für intelligent erklärt; er wird aber parteiisch, wenn er den 
Gradunterschied zwischen der Intelligenz des Ich und des Es 
übersieht. 

In diesem Zusammenhang wäre noch anzuführen, daß wir 
auch in der organischen Pathologie Gelegenheit haben, die 
Verneinungs- (Autotomie-) und die Anpassungsarbeit am Werke 
zu sehen. Ich versuchte bereits gewisse Vorgänge der organischen 
Heilung (von Wunden usw.) auf eine Zuströmung von Libido 
(Eros) zur verletzten Stelle zurückzuführen. 1 

Wir dürfen uns nicht verhehlen, daß alle diese Überlegungen 
uns noch keine befriedigende Erklärung de r Tatsache geben, 

1) S. Hysterie und Pathoneurosen (Int. PsA. Bibl. II). 



daß bei der organischen sowohl als auch bei der psychischen 
Anpassung an die reale Umwelt einerseits Teile der feindlichen 
Außenwelt mit Hilfe des Eros zum Ich geschlagen, andererseits 
geliebte Teile des eigenen Ich aufgegeben werden. Man mag 
sich da mit der psychologisierenden Erklärung helfen, daß auch 
das wirkliche Aufgeben einer Lust und die Anerkennung einer 
Unlust immer nur etwas „Vorläufiges" ist, gleichsam ein Ge- 
horchen unter Protest mit der reservatio mentalis einer in 
integrum restitutio. Dies mag für sehr viele Fälle zu Recht 
bestehen; dafür spricht schon die virtuell erhaltene und unter 
besonderen Umständen auch aktivierte Fähigkeit zur Regression 
zu längst überholten, ja archaischen Reaktionsweisen. Die 
anscheinende Anpassung wäre so nur eine Einstellung auf ein 
unendliches Warten und Hoffen bis zur Wiederkehr der „guten 
alten Zeit", im Grunde also nur graduell verschieden vom 
Verhalten der Rädertierchen, die auf Jahre eintrocknen und 
auf Feuchtigkeit warten können. Wir dürfen aber nicht ver- 
gessen, daß es auch wirklichen, unwiederbringlichen Verlust 
von Organen und Organteilen gibt und daß wir auch im 
Psychischen einen anscheinend völligen Verzicht auch ohne 
Rekompense kennen. Da kommt man mit solchen optimistischen 
Erklärungen nicht mehr aus, sondern muß sich von der 
Freud sehen Trieblehre die Auskunft holen, daß es Fälle gibt, 
in denen der Destruktionstrieb sich gegen die eigene Person 
wendet, ja daß die Tendenz zur Selbstzerstörung, zum Tode, 
die ursprünglichere ist, die sich erst im Laufe der Entwicklung 
nach außen wendet. Eine solche gleichsam masochistische 
Änderung der Aggressionsrichtung dürfte bei jeder Anpassungs- 
leistung mitspielen. Es wurde ja bereits weiter oben darauf 
hingewiesen, daß das Aufgeben von geliebten Teilen des Ich 
und die Introjektion des Fremden PaTallelvorgänge sind, daß 
wir also die Objekte nur auf Kosten unseres Narzißmus lieben 



Das Problem der Unlustbejahung 97 

(anerkennen) können; wohl nur eine andersartige Beleuchtung 
der uns aus der Psychoanalyse bekannten Tatsache, daß alle 
Objektliebe auf Kosten des Narzißmus entsteht. . 

Das Merkwürdige an dieser Selbstzerstörung ist allerdings, 
daß hier (bei der Anpassung, bei der Anerkennung der Umwelt, 
bei der objektiven Urteilsfällung) die Destruktion tatsächlich 
„Ursache des Werdens" wird. 1 Es wird eine partielle Destruk- 
tion des Ich zugelassen, aber nur um aus dessen Resten ein 
noch widerstandsfähigeres Ich aufzubauen, ähnlich wie die geist- 
reichen Versuche Jacques Loebs, unbefruchtete Eier mittels 
chemischer Einwirkungen, also ohne Befruchtung, zur Ent- 
wicklung zu reizen; die Chemikalien zerstören, desorganisieren 
die äußeren Schichten des Eies, aber aus dem Detritus bildet 
sich eine schützende Blase, die die weitere Schädlichkeit hint- 
anhält, während der bei der Triebentmischung freigewordene 
Eros die Destruktion in ein Werden, eine Fortentwicklung der 
verschont gebliebenen Anteile verwandelt. Ich gestehe, daß es 
sehr gewagt ist, organische Analogien ohne weiteres auf das 
Psychische zu übertragen. Zu meiner Entschuldigung diene, 
daß ich es wissentlich tue und nur bei sogenannten „letzten 
Fragen , wo, wie ich es anderwärts ausführte, analytische 
Urteile nicht mehr fördern, sondern man sich zur Fällung eines 
synthetischen Urteils auf fremdem Gebiet nach Analogien 
umsehen muß. Auch die Psychoanalyse, wie jede Psychologie, 
muß bei Tiefbohrungen irgendwo auf das Gestein des Orga- 
nischen stoßen. Ich stehe nicht an, auch die Erinnerungs- 
spuren sozusagen als Narben traumatischer Ein- 
wirkungen, also Destruktionsprodukte anzusehen, die 
aber der nimmer ruhende Eros in seinem Sinne, d. h. zur 
Erhaltung des Lebens zu verwenden versteht: er 

1) S. S. Spielrein, Die Destruktion als Ursache des Werdens. Jahr- 
buch für PsA. IV. (1912.) 

F e r e n c % i, Bausteine zur Psychoanalyse I 7 



98 S. Ferenczi 



gestaltet aus ihnen ein neues psychisches System, das das Ich 
zu richtigerer Orientierung in der Umwelt und zu stichhältigerem 
Urteilen befähigt. Eigentlich ist es doch nur der Destruktions- 
trieb, der „das Böse will", und der Eros der, der daraus „das 
Gute schafft". 

Ich sprach eingangs und auch zwischendurch von einer 
Rechenmaschine, die ich als Hilfsorgan des Wirklichkeitssinnes 
postuliere. Obzwar diese Idee in einen anderen Zusammenhang 
gehört, der mir die Tatsache des wissenschaftlichen Sinnes für 
Mathematik und Logik zu erklären hilft, möchte ich darauf 
hier, wenn auch nur kurz, eingehen. Ich kann dabei ganz gut 
vom Doppelsinn des Wortes „rechnen" ausgehen. Wenn man 
die Tendenz der Beseitigung der Umwelt mittels Verdrängung 
oder Verneinung aufgibt, beginnt man mit ihr zu rechnen, 
d. h. sie als Tatsache anzuerkennen; ein weiterer Fortschritt 
der Rechenkunst ist, wie ich meine, die Entwicklung der 
Fähigkeit zur Wahl zwischen zwei Objekten, die mehr oder 
minder große Unlust verschaffen können oder zur Wahl* 
zwischen zwei Handlungsweisen, die mehr oder minder große 
Unlust nach sich ziehen könnten. Die ganze Denkarbeit dürfte 
eine solche größtenteils unbewußte Rechenarbeit sein, die 
zwischen Sensibilität und Motilität eingeschaltet ist und bei 
der, wie bei den modernen Rechenmaschinen, meist nur das 
Resultat der Operation im Bewußtsein auftaucht, während die 
Erinnerungsspuren, mit denen die eigentliche Arbeit geleistet 
wird, versteckt, resp. unbewußt bleiben. Man kann nur dunkel 
ahnen, daß auch der einfachste Denkakt auf einer Unzahl von 
unbewußten Rechenoperationen beruht, bei denen vermutlich 
alle Vereinfachungen der Arithmetik (Algebra, Differential- 
rechnung) zur Verwendung kommen, und daß das Denken in 
Sprachsymbolen nur eine höchste Vereinfachung dieser kom- 
plizierten Rechentätigkeit bedeutet; ich glaube auch allen 



Das Problem der Unlustbejahung 99 



Ernstes, daß der Sinn für Mathematik und Logik vom Vor- 
handensein oder von der Abwesenheit der Fähigkeit zur Selbst- 
wahrnehmung dieser Rechen- und Denktätigkeit abhängt, die 
aber auch von denen unbewußt geleistet wird, die nicht den 
geringsten Sinn für Mathematik und Logik zu haben scheinen. 
Einer ähnlichen Introversion dürfte man die Musikalität (Selbst- 
wahrnehmung der Gemütsbewegungen, Lyrismus 1 ) und das 
wissenschaftliche Interesse für Psychologie zuschreiben. 

Es dürfte vom Entwicklungsgrade der Rechenmaschine 
abhängen, ob und inwieweit jemand „richtig" urteilen, d. h. 
die Zukunft voraus berechnen kann. Die Grundelemente, mit 
denen die Berechnungen ausgeführt werden, sind die Erinne- 
rungen, die aber selbst eine Summe sensibler Eindrücke, in 
letzter Linie also psychische Reaktionen auf verschiedene und 
verschieden starke Sinnesreize sind. Die psychische Mathematik 
wäre so nur die Fortsetzung einer „organischen". 

Wie dem auch sei, das Wesentliche bei der Entwicklung des 
Wirklichkeitssinnes ist, wie uns Freu d zeigte, die Einschaltung 
einer Hemmungsvorrichtung in den psychischen Apparat und 
die Verneinung ist nur ein letzter verzweifelter Versuch des 
Lustprinzips, den Fortschritt zur Realitätserkenntnis aufzu- 
halten. Die schließliche Urteilsfällung bedeutet aber, als 
Resultat der vermuteten Rechenarbeit, eine innere Abfuhr, 
eine Neuordnung der Gefühlseinstellung den 
Dingen und ihren Vorstellungen gegenüber, 
deren Richtung dem unmittelbar oder erst später darauffolgen- 
den Handeln die Wege weist. Die Anerkennung der 
Umwelt, d.h. die Bejahung einer Unlust ist aber 
nur möglich, wenn vorerst die Abwehr der unlust- 
bringenden Ob jekte und deren Verneinung auf- 
1) S. auch bei Pfeifer, Musikpsychologische Probleme, Imaeo IX 

7* 



100 S. Ferenczi 



gegeben wird und deren Reize, dem Ich einver- 
leibt, zu inneren Antrieben umgewandelt werden. 
Die Macht, die diese Umwandlung verwirklicht, ist d e r bei 
der Triebentmischung frei werdende Eros. 



Zur Ontogenese der Symbole 

Die Bemerkungen Dr. ßeaurains 1 über die Wege, auf 
denen das Kind zur Bildung der ersten Allgemeinbegriffe 
gelangt, kann jeder, der die geistige Entwicklung des Kindes 
unmittelbar oder durch Vermittlung der Eltern mit psychologisch 
geschärftem Blick zu verfolgen Gelegenheit hat, vollauf bestä- 
tigen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Kind (wie das 
Unbewußte) zwei Dinge auf Grund der geringsten Ähnlichkeit 
identifiziert, Affekte vom einen auf das andere mit Leichtigkeit 
verschiebt und beide mit demselben Namen belegt. Ein solcher 
Name ist also der hochverdichtete Repräsentant einer großen 
Anzahl von grundverschiedenen, aber irgendwie (wenn auch noch 
so entfernt) ähnlichen und daher identifizierten Einzeldingen. 
Die Progression in der Realitätserkenntnis (der Intelligenz) 
äußert sich dann beim Kinde in der fortschreitenden Auflösung 
solcher Verdichtungsprodukte in ihre Elemente im Erlernen der 
Unterscheidung der in einer Hinsicht ähnlichen, aber sonst ver- 
schiedenen Dinge von einander. Diesen Vorgang haben schon 
viele richtig erfaßt und beschrieben; die diesbezüglichen Mit- 
teilungen Silberers und Beaurains brachten dazu weitere 
1) Int. Zsch. f. PsA. I. (1913). 



102 S. Ferenczi 



Bestätigungen und vertieften die Einsicht in die Einzelheiten 
dieses geistigen Entwicklungsprozesses. 

Beide Autoren sehen in der infantilen Unzulänglichkeit 
des Unterscheidungsvermögens die Hauptbedingung für das 
Zustandekommen der onto- und phylogenetischen Vorstufen der 
Erkenntnisvorgänge. 

Einen Einwand möchte ich hier nur gegen die Benennung 
aller dieser Erkenntnis-Vorstufen mit dem Worte „Symbol" 
erheben; auch Gleichnisse, Allegorien, Metaphern, Anspielungen, 
Parabeln, Embleme, indirekte Darstellungen jeder Art können 
im gewissen Sinne als Produkte solcher unscharfer Distinktionen 
und Definitionen aufgefaßt werden und doch sind sie — in 
psychoanalytischem Sinne — keine Symbole. Symbole im Sinne 
der Psychoanalyse sind nur solche Dinge (resp. Vorstellungen), 
denen im Bewußten eine logisch unerklärliche und unbe- 
gründete Affektbesetzung zukommt und von denen analytisch 
festzustellen ist, daß sie diese affektive Überbetonung der unbe- 
wußten Identifizierung mit einem anderen Dinge (Vorstellung) 
verdanken, dem jener Affektüberschuß eigentlich angehört. 
Nicht alle Gleichnisse sind also Symbole, sondern nur jene, bei 
denen das eine Glied der Äquation ins Unbewußte verdrängt 
ist. 1 In demselben Sinne fassen Rank und Sachs das Symbol 
auf: 2 „Wir verstehen darunter", heißt es bei ihnen, „eine 
besondere Art der indirekten Darstellung, die durch gewisse 
Eigentümlichkeiten vor den ihr nahestehenden des Gleichnisses, 

1) Siehe dazu meine diesbezügl. Bemerkungen in früheren Aufsätzen: 
Die Onanie (Diskuss. der Wiener Psychonalyt. Vereinigung). Berg- 
mann, Wiesbaden, 1912, p. 19. Zur Augensymbolik (In Band II 
dieser Sammlung). Entwicklungsstufen des Wirklich- 
keitssinnes (S 61). Siehe auch mein Referat über Jungs Libido- 
arbeit (Im Anhang dieses Bandes). 

2) Die Bedeutung der Psychoanalyse für die 
Geisteswissenschaften. Wiesbaden 1915. S. 11 ff. 



Zur Ontogenese der Symbole 103 



der Metapher, der Allegorie, der Anspielung und anderer 
Formen der bildlichen Darstellung von Gedankenmaterial (nach 
Art des Rebus) ausgezeichnet ist", „es ist ein stellvertretender 
anschaulicher Ersatzausdruck für etwas Verborgenes." 

Nach alledem ist es vorsichtiger, die Entstehungsbedingungen 
des Symbols nicht ohneweiters mit denen der Gleichnisbildung 
überhaupt gleichsetzen zu wollen, sondern für diese spezifische 
Art der Gleichnisbildung spezifische Entstehungsbedingungen 
vorauszusetzen und darnach zu forschen. 

Die analytische Erfahrung zeigt uns nun in der Tat, daß, 
obzwar auch bei der Bildung wirklicher Symbole die Bedingung 
der intellektuellen Insuffizienz erfüllt sein muß, die Haupt- 
bedingungen zu ihrem Zustandekommen nicht intellektueller, 
sondern affektiver Natur sind. Ich will das an einzelnen, 
z. T. schon anderwärts mitgeteilten Beispielen aus der Sexual- 
symbolik zeigen. 

Die Kinder kümmern sich usprünglich, solange sie die Not 
des Lebens nicht zur Anpassung und damit zur Wirklichkeits- 
erkenntnis zwingt, nur um die Befriedigungen ihrer Triebe, 
d. h. um die Körperstellen, an denen diese Befriedigung statt- 
findet, um die Objekte, die diese hervorzurufen geeignet sind, 
und um die Handlungen, die diese Befriedigung tatsächlich 
hervorrufen. Von den sexuell erregbaren Körperstellen (erogenen 
Zonen) z. B. interessiert sie der Mund, der After und das 
Genitale ganz besonders. „Was Wunder, wenn auch ihre Auf- 
merksamkeit in erster Linie durch solche Dinge und Vorgänge 
der Außenwelt erregt wird, die auf Grund einer noch so 
entfernten Ähnlichkeit an die ihnen liebsten Erlebnisse 
erinnern." 1 So kommt es zur „Sexualisierung des Alls". In 
diesem Stadium benennen kleine Knaben alle länglichen Gegen- 

1) Perenczi, Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. (Dieser 
Band S. 62.) 






104 S. Ferenczi 



stände gerne mit der kindlichen Bezeichnung ihres Genital- 
organs, in jedem Loch sehen sie einen Anus, in jeder Flüssig- 
keit Harn und in jedem halb weichen Stoffe Kot. 

Ein etwa anderthalbjähriger Knabe sagte, als man ihm zum 
erstenmal den Donaustrom zeigte : „Wie viel Speichel ! a 
Ein zweijähriger Junge nannte alles, was sich öffnen läßt, eine 
Türe, u. a. auch die Beine seiner Eltern, da er auch diese 
öffnen und schließen (ab- und adduzieren) konnte. 

Eine ähnliche Gleichsetzung erfolgt auch innerhalb der 
Körperorgane : Penis und Zahn, After und Mund werden gleich- 
gesetzt; vielleicht findet das Kind für jeden affektiv wichtigen 
Teil der unteren Körperhälfte ein Äquivalent an der oberen 
(besonders an Kopf und Gesicht). 

Diese Gleichsetzung ist aber noch nicht Symbolik. Erst von 
dem Momente an, wo infolge der kulturellen Erziehung das 
eine (u. zw. das wichtigere) Glied des Gleichnisses verdrängt 
wird, gelangt das andere (früher unwichtigere) Glied zur affek- 
tiven „Überbedeutung" und wird ein Symbol des Verdrängten. 
Ursprünglich wurden Penis und Baum, Penis und Kirchturm 
| bewußterweise gleichgestellt; aber erst mit der Verdrängung des 
1 Interesses für den Penis erlangte Baum und Kirchturm die — 
unerklärliche und scheinbar unbegründete — Interessebetonung ; 
sie wurden zu Penissymbolen. 

. So wurden auch die Augen Symbole von Genitalien, mit 
denen sie früher einmal — auf Grund äußerlicher Ähnlichkeit 
— identifiziert gewesen sind; so kommt es zur symbolischen 
Überbetonung der oberen Körperhälfte überhaupt, nachdem das 
Interesse für die untere verdrängt wurde, und so dürften über- 
haupt alle Genitalsymbole (Krawatte, Schlange, Zahnreißen, 
Schachtel, Stiege usw.), die in den Träumen einen so breiten 
Raum einnehmen, ontogenetisch zustande gekommen sein. Es 
würde mich auch nicht wundern, wenn in einem Traum des 






eben erwähnten Knaben die Türe als Symbol des elterlichen 
Schoßes wiederkehrte und in dem des anderen der Donaustrom 
als Symbol von Körperflüssigkeiten. 

Mit diesen Beispielen wollte ich auf die überwiegende 
Bedeutung affektiver Momente beim Zustandekommen echter 
Symbole hinweisen. Diese müssen in erster Linie berücksichtigt 
werden, wenn man sie von anderen psychischen Produkten 
(Metaphern, Gleichnissen usw.), die gleichfalls Verdichtungs- 
leistungen sind, unterscheiden will. Die einseitige Berücksichtigung 
formaler und rationeller Bedingungen bei der Erklärung psychischer 
Vorgänge kann leicht in die Irre führen. 

Man war z. B. früher geneigt zu glauben, daß man Dinge 
verwechselt, weil sie ähnlich sind; heute wissen wir, daß 
man ein Ding mit einem anderen nur ; verwechselt, weil gewisse 
Motive dazu vorhanden sind; die Ähnlichkeit schafft nur die 
Gelegenheit zur Betätigung jener Motive. Ebenso muß man 
sagen, daß die apperzeptive Insuffizienz allein, ohne die Berück- 
sichtigung der zur Gleichnisbildung treibenden Motive, die Bildung 
der Symbole nicht zureichend erklärt. 



Zum Thema „Großvaterkomplex" 

Die Arbeiten Abrahams 1 und Jones 2 geben eine fast 
erschöpfende Würdigung der Bedeutung, die die Beziehungen 
zu den Großeltern oft für das ganze Leben der Enkelkinder 
gewinnen. Im Anschlüsse daran möchte ich einige Beobach- 
tungen, die ich über diesen Gegenstand sammelte, kurz 
zusammenfassen. 

Ich fand, daß der Großvater die Phantasie des Kindes in 

zweifacher Weise beschäftigt. Einerseits ist er ih™ wirklich der 

imposante Greis, der sogar dem sonst allmächtigen Vater 

Achtung gebietet, dessen Autorität es sich also aneignen und 

in seiner Auflehnung gegen den Vater ausspielen möchte. 

[Abraham, Jones.] Andererseits ist er aber auch der hilflose, 

schwache, alte Mann, dem der Tod nahe bevorsteht, der sich 

mit dem kräftigen Vater in keiner Hinsicht (besonders in der 

sexuellen nicht) messen kann, daher für das Kind ein Objekt 

der Geringschätzung wird. Sehr oft ist es gerade die 

Person des Großvaters, die dem Enkelkind zum erstenmal das 

Problem des Todes, das e ndgültige „Wegsein" eines Angehörigen 

i) Abraham, Klin. Beitr. zur PsA., S. 129. 
2) Jones, Int. Zeitschr. f. PsA., I. (1913). 



Zum Thema „Großvaterkomplex" 107 

nahebringt, und das Kind kann dann seine feindseligen, aber 
ob der Ambivalenz verdrängten Phantasien über den Tod des 
Vaters auf den Großvater verschieben. „Wenn der Vater 
meines Vaters sterben kann, wird auch mein Vater einmal 
sterben (und ich in den Besitz seiner Vorrechte gelangen)": 
so etwa lautet die Phantasie, die sich hinter Deckerinnerungen 
und Deckphantasien, welche sich mit dem Tode des Groß- 
vaters beschäftigen, zu verstecken pflegt. Durch den Tod des 
Großvaters wird übrigens die Großmutter ledig; manches Kind 
greift nun (um das Leben des Vaters zu schonen und die 
Mutter doch allein besitzen zu können) zum Auskunftsmittel, 
daß es in der Phantasie den Großvater sterben läßt, die Groß- 
mutter dem Vater schenkt und sich die Mutter behält. „Ich 
schlafe mit meiner Mama, du sollst mit deiner Mama 
schlafen", 1 denkt das Kind und kommt sich dabei gerecht und 
großmütig vor. 

Ob sich die Imago des „schwachen Großvater s* 
oder die des „starken Großvaters" (im letzteren Falle mit 
Identifizierungstendenzen) im Kinde fixiert, hängt im wesent- 
lichen von der Rolle ab, die der Großvater in der Familie in 
Wirklichkeit spielt. 

Wo der Großvater der Herr im Hause, der eigentliche 
Patriarch ist, dort überflügelt das Kind in seiner Phantasie den 

1) Solche Aussprüche kleiner Kinder sind mir von zuverlässiger Seite 
mitgeteilt worden. — Ein schönes Beispiel dieser Art findet sich in der 
von Freud publizierten „Analyse der Phobie eines fünfjährigen 
Knaben" (Ges. Sehr., Bd. VIII), wo der kleine Hans sich zum Manne 
seiner Mutter und damit zu seinem eigenen Vater ernennt, während er 
seinem Vater dessen eigene Mutter, also des Kleinen Großmutter, über* 
läßt, wozu Freud bemerkt: „Es geht alles gut aus. Der kleine Ödipus 
hat eine glücklichere Lösung gefunden, als vom Schicksal vorgeschrieben 
ist. Er gönnt seinem Vater, anstatt ihn zu beseitigen, dasselbe Glück, 
das er für sich verlangt; er ernennt ihn zum Großvater und verheiratet 
auch ihn mit der eigenen Mutter." 



108 S. Ferenczi 



machtlosen Vater und hofft die ganze Gewalt des Großvaters 
direkt zu erben; in einem solchen Falle, den ich analytisch 
untersuchen konnte, konnte sich das Kind nach dem Tode des 
mächtigen Großvaters dem zur Macht gelangten Vater niemals 
unterordnen; es behandelte ihn einfach als Usurpator, der ihm 
seinen rechtmäßigen Besitz geraubt hat. 

Die Imago des „schwachen Großvaters" prägt sich 
besonders scharf den Kindern solcher Familien ein, in denen 
(was häufig vorkommt) die Großeltern schlecht behandelt 
werden. 



Zur Ontogenie des Geldinteresses 

(19*4) 

Je tiefer die Psychoanalyse in die Erkenntnis völkerpsycho- 
logischer Produkte (Mythen, Märchen, Folklore) eindringt, um 
so mehr erhärtet sie die Tatsache vom phylogenetischen Ursprung 
der Symbole, die wie ein Niederschlag der Erfahrungen früherer 
Generationen in jedes einzelne individuelle Seelenleben hinein- 
ragen. Die wichtige Aufgabe, die Phylogenie und die Onto- 
genie der Symbolik gesondert zu erforschen und dann deren 
gegenseitige Beziehungen festzustellen, harrt noch der Lösung 
durch die Analyse. Die klassische Formel vom „Aatfttov xat 
Tuyr) u in der Freud sehen Anwendung: vom Zusammenwirken 
des Ererbten und Erfahrenen beim Entstehen individueller 
Strebungen, wird sich am Ende auch auf die Genese dieser 
psychischen Inhalte anwenden lassen, womit aber auch die alte 
Streitfrage von der „angeborenen Idee", diesmal allerdings nicht 
mehr in Form leerer Spekulationen, aufs Tapet kommt. Soviel 
können wir schon heute vorwegnehmen, daß zum Zustande- 
kommen eines Symbols nebst der angeborenen Disposition auch 
individuelle Erfahrungen notwendig sind, die dann das eigent- 
liche Material zur Symbolbildung abgeben, während jene ange- 
borene Anlage vor der Erfahrung vielleicht nur den Wert eines 
ererbten, aber noch nicht funktionierenden Mechanismus hatte. 



110 S. Fercnczi 



Im folgenden möchte ich die Frage untersuchen, ob und 
inwieweit individuelle Erfahrung die Umwandlung analerotischer 
in Geldinteressen begünstigt. 

Jedem Psychoanalytiker ist die von Freud entdeckte sym- 
bolische Bedeutung des Geldes geläufig. „Überall, wo die 
archaische Denkweise herrschend war oder geblieben ist, in den 
alten Kulten, im Mythus, Märchen, Aberglauben, im unbe- 
wußten Denken, im Traume und in der Neurose, wird das 
Geld in innigste Beziehungen zum Drecke gebracht." 

Als individualpsychologische Parallelerscheinung zu dieser 
Tatsache stellte Freud den innigen Zusammenhang zwischen 
der starkbetonten Erogeneität der Afterzone in der Kindheit und 
dem später sich entwickelnden Charakterzuge des Geizes auf. 
Bei Personen, die später besonders ordentlich, sparsam und 
eigensinnig waren, erfährt man aus der analytischen 
Erforschung ihrer Kleinkindergeschichte, daß sie zu jenen Säug- 
lingen gehörten, „die sich weigern, den Darm zu entleeren, 
weil sie aus der Defäkation einen Lustnebengewinn beziehen", 
und denen es auch noch in etwas späteren Jahren „Vergnügen 
bereitet hat, den Stuhl zurückzuhalten" und die „allerlei 
unziemliche Beschäftigungen mit dem zutage geförderten Kote" 
aus ihrer Kindheit erinnern. „Am ausgiebigsten erscheinen die 
Beziehungen, welche sich zwischen den anscheinend so disparaten 
Komplexen des Geldinteresses und der Defäkation ergeben"* 1 

Die Beobachtung des Treibens der Kinder und die analytische 
Erforschung von Neurotikern gestattet uns nun, einzelne Punkte 
jener Linie festzustellen, auf der das Wertvollste, das der Mensch 
besitzt, sich zum Symbol „des Wertlosesten, das der Mensch als 
Abfall von sich wirft", 2 individuell entwickelt. 



1) Freud, Charakter und Analerotik, 1908. (Ges. Sehr., Bd VI.) 

2) Freud 1. c. 



Zur Ontogenie des Geldinteresses 111 

Die aus diesen beiden Quellen geschöpfte Erfahrung zeigt 
uns, daß das Kind ursprünglich sein Interesse ohne jede 
Hemmung dem Vorgange der Defäkation zuwendet und es ihm 
ein Vergnügen bereitet, den Stuhl zurückzuhalten. Die so 
zurückgehaltenen Fäkalien sind wirklich die ersten „Ersparnisse" 
des werdenden Menschen und bleiben als solche in steter unbe- 
wußter Wechselbeziehung zu jeder körperlichen Tätigkeit oder 
geistigen Strebung, die etwas mit Sammeln, Zusammenscharren 
und Sparen zu tun hat. 

Der Kot ist aber auch eines der ersten Spielzeuge des 
Kindes. Die rein auto erotische Befriedigung, die dem Kinde 
das Pressen und Drücken der Fäkalmassen und das Spielen- 
lassen der Schließmuskeln bereitet, wird bald — wenigstens 
zum Teil — in eine Art Objektliebe umgewandelt, indem 
das Interesse von der intransitiven Sensation gewisser Organ- 
empfindungen auf die Materie selbst verschoben wird, die diese 
Empfindungen verursachte. Die Fäzes werden also „introjiziert" und 
gelten in diesem Stadium der Entwicklung — das im wesent- 
lichen durch Schärferwerden des Gesichtssinnes und durch die 
sich hebende Geschicklichkeit der Hände bei noch bestehender 
Unfähigkeit zum aufrechten Gang charakterisiert ist (kriechen 
auf allen vieren) — als wertvolles Spielzeug, von dem das 
Kind nur durch Abschreckung, Strafandrohungen zu entwöhnen 
ist. Das Interesse des Kindes für die Dejekte erfährt seine erste 
Entstellung dadurch, daß der Geruch der Fäzes ihm widrig, 
ja, ekelhaft wird. Wahrscheinlich hängt das mit dem Beginne 
des aufrechten Ganges zusammen. 1 Die übrigen Eigenschaften 
jener Materie: Feuchtigkeit, Abfärben, Klebrigkeit usw., verletzen 
einstweilen seinen Reinlichkeitssinn nicht. Es spielt und hantiert 

i) Freud faßt die Verdrängung der Analerotik und der Riechlust 
beim Menschengeschlechte überhaupt als Konsequenz des aufrechten 
Ganges, der Erhebung von der Erde auf. 



112 S. Ferenczi 



also noch immer gern, wenn ihm nur dazu Gelegenheit geboten 
wird, mit feuchtem Straßenkot, den es gern zu größeren 
Haufen zusammenscharrt. So ein Haufen Schmutz ist gewisser- 
maßen schon ein'- Symbol, das sich vom Eigentlichen durch die 
Abwesenheit des Geruches unterscheidet. Straßenkot ist fürs 
Kind gleichsam desodoriertes Dejektum. 

Bei zunehmendem Sinn für Reinlichkeit wird dem Kind — 
allerdings unter Mithilfe pädagogischer Maßregeln — auch der 
Straßenkot unleidlich. Substanzen, die infolge ihrer Klebrigkeit, 
Feuchtigkeit und Farbe geeignet wären, bleibende Spuren auf 
dem Körper und dessen Bekleidung zurückzulassen, werden als 
„schmutzige Dinge" verachtet und gemieden. Das Symbol des 
Kotes muß sich also eine weitere Entstellung, eine Entwässerung 
gefallen lassen. Das Interesse des Kindes wendet sich dem 
Sande zu, der bei erhaltener Erdfarbe trocken und reinlicher 
ist. Die instinktive Freude der Kinder am Sammeln, Zusammen- 
scharren und Formen von Sand wird dann von den Erwachsenen^ 
denen das stundenlange ruhige Spielen der sonst ungebärdigen 
Kleinen mit dem Sande sehr gelegen kommt, nachträglich 
rationalisiert und ratifiziert, indem dieses Spielen für „gesund , 
d. h. hygienisch angezeigt erklärt wird. 1 Und doch ist auch der 



Die Neigung, koprophile Tendenzen euphemistisch hinter „hygie- 
nische" zu verstecken, ist überaus verbreitet. Bekannt ist das — sonst 
harmlose — Treiben der Stuhlpedanten, die einen bedeutenden Teil 
ihres verfügbaren Interesses der Regulierung ihrer Stuhlentleerung 
zuwenden; allerdings verfallen solche Individuen ziemlich leicht in die 
sogenannte „Stuhlhypochondrie". Eine ganze Reihe von Analysen brachte 
mich übrigens zu der Überzeugung, daß die Hypochondrie in sehr 
vielen Fällen eigentlich ein Gärungsprodukt der Analerotik 
ist, eine Verschiebung unsublimierter koprophiler 
Interessen, von ihren ursprünglichen Objekten auf 
andere Körperorgane und Körperprodukte unter 
Veränderung des Lustvorzeichens. Die Wahl des Organs, 



Zur Ontogenie des Geldinteresses 113 

Spielsand nichts anderes als ein Koprosymbol, als desodorierter 
und entwässerter Kot. 

Schon in diesem Stadium der Entwicklung kommt es übrigens 
oft zur „Wiederkehr des Verdrängten". Es bereitet den Kindern 
unendliche Lust, die in den Sand gebohrten Löcher mit Wasser 
zu füllen und so die Materie ihres Spieles dem ursprünglichen 
wässerigen Stadium näher zu bringen. Nicht selten benützen 
Knaben zu dieser Berieselung den eigenen Harn, als wollten 
sie damit die Zusammengehörigkeit beider Stoffe recht deutlich 
betonen. Auch das Interesse für den spezifischen Geruch der 
Exkremente hört nicht mit einem Male auf, sondern wird nur 
auf andere, irgendwie ähnliche Gerüche verschoben. Die Kinder 
beriechen noch immer mit Vorliebe klebrige Stoffe mit charak- 
teristischem Geruch, besonders die zwischen den Zehen sich 
ansammelnden starkriechenden Zerfallsprodukte der abgestoßenen 
Epidermiszellen, das Sekret der Nasenschleimhaut, Ohrenschmalz 
und Nagelschmutz, gar manche begnügen sich nicht mit dem 
Kneten und Beschnüffeln dieser Substanzen, sondern nehmen 
sie überdies in den Mund. Bekannt ist das leidenschaftliche 
Vergnügen des Kindes am Kneten von Glaserkitt (Farbe, Kon- 
sistenz, Geruch), von Pech und Asphalt. Tch kannte einen 
Knaben, dem es nach dem charakteristischen Geruch von 
Gummistoffen leidenschaftlich verlangte und der stundenlang 
an einem Stück Radiergummi herumschnüffeln konnte. 

Stallgeruch und Leuchtgasausdünstung gefällt Kindern in 
diesem Alter — ja auch viel älteren — ausnehmend wohl, 
und es ist kein Zufall, daß der Volksglaube Lokalitäten mit 
diesen Gerüchen als „gesund", ja, als Heilmittel von Krank- 
heiten anpreist. Vom Leuchtgas, Asphalt und Terpentingeruch 

auf das sich die Hypochondrie richtet, wird dabei von speziellen 
Bedingungen determiniert (körperliches Entgegenkommen, starke Ero- 
geneität auch im „kranken" Körperorgane usw.). 

Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I 



114 & Ferenczi 



zweigt sich ein besonderer Sublimierungsweg der Analerotik ab : die 
Vorliebe für wohlriechende Stoffe, für Parfüms, womit die 
Entwicklung einer Reaktionsbildung — Darstellung durch das 
Gegenteil — vollendet wäre. Leute, bei denen diese Sublimie- 
rungsart sich vollzieht, entwickeln sich oft auch in sonstiger 
Hinsicht zu Ästheten, und es unterliegt keinem Zweifel, 
daß das Ästhetentum überhaupt die mächtigste Wurzel in der 
verdrängten Analerotik hat. Das ästhetische und spielerische 
Interesse, das derselben Quelle entstammt, hat nicht selten 
Anteil an der sich entwickelnden Lust am Malen und am 
Formen (Skulptur). 1 

Schon im Kot- und Sandzeitalter des koprophilen Interesses 
fällt es auf, daß die Kinder aus diesen Materialien — soweit 
es ihrer primitiven Kunstfertigkeit gelingt — gern Objekte 
fabrizieren, richtiger solche nachmachen, deren Besitz für sie 
von besonderem Werte ist. Sie bilden aus ihnen verschiedene 
Eßwaren, Kuchen, Torten, Bonbons usw. Die Anlehnung des 
rein egoistischen Triebes an die Koprophilie nimmt hier ihren 
Anfang. 

Der Fortschritt des Reinlichkeitssinnes macht dann allmäh- 
lich auch den Sand für das Kind unannehmbar, es beginnt 
die infantile Steinzeit: das Sammeln von möglichst schön 
geformten und gefärbten Kieselsteinen, womit ein höherer 
Entwicklungsgrad der Ersatzbildung erreicht ist: das Übel- 
riechende, Wässerige, Weiche wird durch etwas Geruchloses, 
Trockenes und nunmehr auch Hartes dargestellt. An den 
eigentlichen Ursprung dieser Liebhaberei erinnert uns nur 
mehr der Umstand, daß Steine — wie Kot und Sand — von 



1) Auf den wahrscheinlichen Anteil des in der Kindheit dem Fl atus 
zugewandten Interesses an der späteren Musikalität habe ich schon 
bei anderer Gelegenheit hingewiesen. Ferenczi, Über obszöne 
Worte, 1911. (Dieser Band, S. 171.) 



Zur Ontogenie des Geldinteresses 115 



der Erde aufgehoben und gesammelt werden. — Die kapitalistische 
Bedeutsamkeit der Steinchen ist bereits eine ganz erhebliche. 
(Kinder sind „steinreich" im engen Sinne des Wortes.) 

Nach den Steinen kommen als Sammelobjekte Kunstprodukte 
an die Reihe und damit ist die Ablösung des Interesses vom 
Erdboden vollzogen; Glaskugeln, Knöpfe, 1 Obstkerne werden 
eifrig gesammelt — diesmal nicht mehr nur des eigenen 
Wertes willen, sondern als Wertmesser, gleichsam als primitive 
Münzen, die den bisherigen Tauschhandel der Kinder 
in einen schwunghaften Geldverkehr umwandeln. Der 
nicht rein praktisch zweckmäßige, sondern libidinös — irra- 
tionelle Charakter des Kapitalismus verrät sich aber auch auf 
dieser Stufe; das Kind hat eine entschiedene Freude am 
Sammeln selbst. 2 

Es bedurfte nur mehr eines Schrittes und die Identifizierung 
des Kotes mit dem Golde war vollzogen. Bald beginnen auch 
die Steinchen das Reinlichkeitsgefühl des Kindes zu verletzen 

es sehnt sich nach etwas Reinerem — und das wird ihm 
in den glänzenden Geldstücken geboten, zu deren Wert- 
schätzung natürlich auch die Achtung beiträgt, welche die 
Erwachsenen dem Gelde zollen, sowie die verlockende Mög- 
lichkeit, damit alles, was das Kinderherz nur wünscht, sich 

1), Vgl. Lou Andreas-SalonU: Vom frühen Gottesdienst 
Imago II, 1915. 

2) Das deutsche Wort „Besitz« zeigt übrigens, daß der Mensch das 
Wertvolle, das ihm gehört, auch sprachlich durch ein Daraufsitzen dar- 
zustellen sucht. Rationalisten begnügen sich offenbar mit der Erklärung 
dieses Bildes, daß das Daraufsitzen ein Verstecken, Behüten und Ver- 
teidigenwollen des Wertgegenstandes ausdrücken will. Daß aber hier 
gerade das Gesäß und nicht — was beim Menschen natürlicher wäre 
— die Hand zur Darstellung des Schutzes und der Verteidigung benützt 
wird spricht eher dafür, daß auch das Wort „Besitz" ein Kopro-Symbol 
ist. Das entscheidende Wort hierüber zu sagen, ist allerdings erst einem 
psychoanalytisch geschulten Philologen vorbehalten. 



H6 S. Ferenczi 



beschaffen zu können. Ursprünglich wirken aber nicht solche 
rein praktische Überlegungen, sondern die Freude am spiele- 
rischen Sammeln, Anhäufen und Betrachten der glänzenden 
Metallstücke die Hauptrolle, so daß Geldstücke hier noch 
weniger nach ihrem ökonomischen Wert, denn als an und für 
sich lustspendende Objekte geschätzt werden. Das Auge erfreut 
sich am Anblick ihres Glanzes und ihrer Farbe, das Ohr an 
ihrem Metallklange, der Tastsinn am Spiel mit dem runden 
glatten Scheibchen, nur der Geruchsinn geht ganz leer aus 
und auch der Geschmacksinn muß sich mit dem schwachen, 
aber eigentümlichen Metallgeschmack der Münzen zufrieden 
geben. Damit ist die Entwicklung des Geldsymbols der Haupt- 
sache nach vollendet. Aus der Lust am Darminhalt wird Freude 
am Gelde, das aber nach dem Gesagten auch nichts anderes ist 
als geruchloser, entwässerter und glänzend 
gemachter Kot, „pecunia non ölet . 

Entsprechend der inzwischen vor sich gegangenen Entwicklung 
des Denkorgans in der Richtung des Logischen wird das 
symbolische Interesse am Geld beim Erwachsenen nicht nur 
auf Gegenstände mit ähnlichen physikalischen Eigenschaften^ 
sondern auf allerei Dinge ausgedehnt, die irgendwie Wert oder 
Besitz bedeuten (Papiergeld, Aktien, Sparkassebuch usw.). Mag 
aber das Geld was immer für Formen annehmen: die Freude 
an seinem Besitz hat ihre tiefste und ergiebigste Quelle in der 
Koprophilie. Mit diesem irrationalen Elemente wird jede 
Soziologie und Nationalökonomie, die die Tatsachen ohne Vor- 
eingenommenheit prüft, rechnen müssen. Soziale Probleme 
werden erst durch Aufdeckung der wirklichen Psychologie des 
Menschen lösbar; Spekulationen über die ökonomischen Bedin- 
gungen allein werden nie zum Ziele führen. 

Ein Teil der Analerotik wird überhaupt nicht sublim iert, 
sondern bleibt in ihren ursprünglichen Erscheinungsformen 



Zur Ontogenie des Geldinteresses 117 



erhalten. 1 Seinen eigenen En tl e er u ngs funkt i o nen 
bringt selbst der kultivierteste Normalmensch ein Interesse 
entgegen, das in seltsamem Widerspruche steht zum Abscheu 
und Ekel, den er äußert, wenn er dergleichen bei anderen 
zu sehen oder etwas davon zu hören bekommt. Fremde 
Menschen und Rassen können einander bekanntlich „nicht 
riechen". Nebst diesem Erhaltenbleiben gibt es aber auch eine 
Wiederkehr des hinter dem Geldsymbol steckenden Eigent- 
lichen. Die von Freud zuerst beobachteten Stuhlbeschwerden 
infolge Verletzung des Geldkomplexes sind Beispiele dafür, 2 
Ein weiteres Beispiel ergäbe die sonderbare, aber von mir in 
unzähligen Fällen konstatierte Tatsache, daß Leute mit dem 
Wechseln der Unterwäsche in einer Weise sparsam sind, die in 
keinem Verhältnis zu ihrem sonstigen Standard of life steht. 

1) Die konstitutionell gegebene Quantität An al er o tik verteilt 
sich also beim Erwachsenen auf die verschiedensten psychischen Gebilde, 
es entwickeln sich aus ihm 1. Analcharakterzüge im 
Sinne Freuds, 2. Beiträge zum Ästhetentum und zu 
künstlerischen Interessen, 5. zur Hypochondrie, 4. der 
Rest bleibt unsublimiert. Aus dem verschiedenen Mischungs- 
verhältnis des sublimierten und des ursprünglichen Anteils, aus der 
Bevorzugimg dieser oder jener Sublimierungsformen ergeben sich die 
buntesten Charaktervariationen, die natürlich ihre speziellen Bedin- 
gungen haben müssen. Zur raschen charakterologischen Orientierung 
über ein Individuum, ja, über ganze Volksstämme sind die 
analen Charakteristika besonders geeignet. Der Analcharakter mit 
seiner .Reinlichkeit und Ordnungsliebe, Trotz und Geiz sticht vom 
ausgesprochenen An al e r o tik er, der dem Schmutz gegen- 
über tolerant, verschwenderisch und gutmütie ist 
scharf ab. * 

2) „Vorübergehende Stuhlbeschwerden (Diarrhöen, Verstopfungen) 
entpuppen sich in der Analyse oft als Regressionen des Analcharakters. 
Eine Patientin bekam gegen Ende des Monats, wo sie ihren Eltern die 
vom Unbewußten nur ungern hergegebene ünterstützungssumme ab- 
senden mußte, heftige Diarrhöen. Ein anderer entschädigte sich für 
das Honorar, indem er massenhaft Darmgase produzierte.« (Per enc zi: 
Über passagere Symptombildung usw., Band II dieser Sammlung.) 



HS S. Ferenczi 



Die Sparsamkeit benützt also der Analcharakter am Ende dazu, 
um ein Stück Analerotik (Schmutztoleranz) wiederzugewinnen. 
Ein noch auffälligeres Beispiel ist folgendes: Ein Patient will 
sich keiner irgendwie gearteten koprophilen Manipulationen 
erinnern, erzählt aber bald darauf ohne Befragung, daß er 
besondere Lust an hellglänzenden Kupfermünzen hatte und eine 
eigene Prozedur zum Glänzendmachen der Münzen erfand: er 
schluckte das Geldstück und suchte dann in den Fäzes, so 
lange, bis er das während der Passage durch den Darmschlauch 
schön glänzend gewordene Geldstück fand. 1 Hier wurde die 
Freude am reinlichen Gegenstand der Deckmantel zur Befrie- 
digung der primitivsten AnaleTOtik. Merkwürdig genug, daß 
der Patient sich die wirkliche Bedeutung seines doch durch- 
sichtigen Tuns ableugnen konnte. 

Abgesehen von solchen auffälligen Beispielen, kann man das 
erotische Vergnügen am Häufen, Sammeln von Gold und 
sonstigen Geldstücken, das lustvolle „Wühlen im Geld" im 
täglichen Leben unzählige Male beobachten. Viele Menschen 
geben leicht ihre Unterschrift auf ein Schriftstück, das sie zur 
Zahlung größerer Beträge verpflichtet, und geben leicht große 
Summen in Papiergeld aus, sind aber auffallend schwerfällig 
bei der Verausgabung von Goldmünzen oder auch von kleinstem 
Kupfergeld, Die Münzen kleben förmlich an ihren Fingern. 
(Vgl. dazu auch die Bezeichnung „flüssiges Kapital" und die 
gegenteilige : „argent sec\ die in der Franche-Comte gebräuchlich 

sein soll.) 

Der hier skizzierte ontogenetische Entwicklungsgang des 

1) Der Fall erinnert an den koprophilen Witz, worin dem Arzt, dem 
es gelingt, die von einem Kinde geschluckte Geldmünze mittels Abführ- 
mittel abzutreiben, bedeutet wird, er solle die Münze gleich als 
Honorar behalten. Zur Identifizierung von Geld und Kot s. auch das 
Märchen vom „Eslein, streck' dich". Das Wort „Losung bedeutet Erlös 
(im Geschäft), aber in der Jägersprache auch Wildkot. 



Zur Ontogenie des Geldinteresses 119 

Geldinteresses weist zwar individuelle, von den Lebensbedin- 
gungen abhängige Unterschiede auf, ist aber im großen und 
ganzen beim heutigen Kulturmenschen als ein psychischer 
Prozeß anzusehen, der sich unter den verschiedensten Verhält- 
nissen — auf einem oder dem anderen der möglichen Wege 
— zu realisieren sucht. Es liegt also nahe, diese Entwicklungs- 
tendenz als ein Rassenmerkmal anzusehen und die Gültigkeit 
des biogenetischen Grundgesetzes auch für die Bildung des 
Geldsymbols anzunehmen. Es ist zu erwarten, daß die 
phylogenetische und kulturgeschichtliche Vergleichung des hier 
geschilderten individuellen Entwicklungsganges und der Ent- 
wicklung des Geldsymbols beim Menschengeschlechte überhaupt 
einen Parallelismus nachweisen wird. Vielleicht werden sich 
dann die bei Höhlenforschungen haufenweise vorgefundenen 
gefärbten Steinchen des primitiven Menschen deuten lassen; 
Beobachtungen über die Analerotik der Wilden (der heute 
lebenden primitiven Menschen, die vielfach noch im Stadium 
des Tauschhandels und des Kiesel- oder Muschelgeldes leben) 
dürften diese kulturgeschichtliche Unternehmung bedeutend 
fördern. 

Es ist aber schon nach dem Mitgeteilten nicht unwahr- 
scheinlich, daß das mit der Entwicklung korrelativ sich steigernde 
kapitalistische Interesse nicht nur im Dienste von praktisch- 
egoistischen Zwecken, also dem Realitätsprinzip steht, 
sondern daß die Freude am Gold und Geldbesitz auch den 
symbolischen Ersatz für und die Reaktionsbildung auf die 
verdrängte Analerotik und Koprophilie in gelungener Verdichtung 
repräsentiert, d. h. gleichzeitig auch dem Lustprinzip 
genügen will. 

Der kapitalistische Trieb enthält also — nach unserer Auf- 
fassung — eine egoistische und eine analerotische Komponente. 



Über die Rolle der Homosexualität in der 
Pathogenese der Paranoia 

Im Sommer 1908 hatte ich Gelegenheit, das Problem der 
Paranoia in längeren Unterredungen mit Prof. Freud aufzu- 
rollen. Wir kamen zur Festlegung gewisser Erwartungs- 
vorstellungen, die im wesentlichen von Prof. Freud entwickelt 
wurden, während ich mit einzelnen Vorschlägen und Einwen- 
dungen zur schließlichen Gestaltung des Gedankenganges bei- 
trug. Wir konstatierten zunächst, daß der Mechanismus der 
Projektion, wie es in dem damals einzigen analysierten 
Paranoiafalle von Freud dargelegt wurde, für die Paranoia 
überhaupt bezeichnend ist. Wir nahmen ferner an, daß der 
paranoische Mechanismus eine Mittelstellung zwischen den 
gegensätzlichen Mechanismen der Neurose und der Dementia , 
praecox einnimmt. Der Neurotische entledigt sich seiner 
unliebsam gewordenen Affekte durch die verschiedenen Arten 
der Verschiebung (Konversion, Übertragung, Substitution), der 
Demente löst sein Interesse von den Objekten ab 1 und zieht 
es auf das Ich zurück (Autoerotismus, Größenwahn). Auch der 

1) Vgl. Abraham, Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie u. d. 
Dem. praecox. („Klin. Beitr. zur PsA.", Int. Psa. Bibl., Bd. XVI.) 



Die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia 121 

Paranoische möchte es mit der Entziehung seiner Anteil- 
nahme versuchen, sie gelingt ihm aher nur zum Teil. Ein Teil 
der Begierde wird glücklich in das Ich zurückgezogen, — 
Größenwahn fehlt in keinem Falle von Paranoia, — aber ein 
mehr oder minder großer Teil des Interesses kann sich von 
seinem ursprünglichen Gegenstand nicht loslösen oder kehrt zu 
ihm zurück. Dieses Interesse ist aber mit dem Ich derart 
unverträglich geworden, daß es (mit Affektverkehrung, d. h. mit 
„negativem Vorzeichen") objektiviert und so aus dem Ich aus- 
gestoßen wird. Die unerträglich gewordene und dem Objekt 
entzogene Neigung kehrt also als Wahrnehmung seines Negativs 
von seiten des liebesobjektes zurück. Aus dem Gefühl der 
liebe wird die Empfindung seines Gegenteils. 

Die Erwartung, daß die weitere Beobachtung die Richtigkeit 
dieser Annahmen bewahrheiten wird, hat sich erfüllt. Die 
Fälle von paranoider Demenz, die Maeder im Bande IL des 
Jahrbuches f. PsA. veröffentlichte, bestätigen die Annahmen 
Freuds in weitgehendem Maße. Freud selbst hat durch weitere 
Studien nicht nur diese Grundformel der Paranoia, sondern 
auch gewisse feinere Einzelheiten, die wir im psychischen 
Mechanismus der verschiedenen Formen der Paranoia voraus- 
setzten, bestätigen können. 

Der Zweck dieser Veröffentlichung ist aber nicht die Auf- 
rollung der ganzen Paranoiafrage (der Prof. Freud selbst eine 
größere Arbeit widmet), sondern nur die Mitteilung einer 
Erfahrungstatsache, die sich mir aus der Analyse mehrerer 
Paranoiker über die erwähnten Erwaxtungsvorstellungen hinaus 
ergeben hat. 

Es stellte sich nämlich heraus, daß der paranoische Mecha- 
nismus nicht zur Abwehr aller möglichen Libidobesetzungen in 
Gang gesetzt wird, sondern nach den bisherigen Beobachtungen 
nur gegen die homosexuelle Objektwahl gerichtet ist. 



122 S. Ferenczi 



Schon im Falle der von Freud analysierten Paranoischen 
spielte die Homosexualität eine auffallend große, vom Verfasser 
wohl damals noch nicht genügend gewürdigte Rolle. 1 

Auch in Maeders Untersuchungen an paranoid Dementen 2 
wurden „unzweifelhafte homosexuelle Tendenzen" hinter den 
Verfolgungswahnideen des einen Kranken aufgedeckt. 

Die Beobachtung mehrerer Fälle, die ich im folgenden mit- 
teilen will, läßt aber die Annahme gerechtfertigt erscheinen, 
daß die Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia nicht 
eine zufällige, sondern die bedeutsamste Rolle spielt und daß 
die Paranoia vielleicht überhaupt nichts anderes ist als entstellte 
Homosexualität. 

i 

Der erste Fall betraf den Mann meiner eigenen Bedienerin, 
einen etwa 38 Jahre alten, robusten Menschen, den ich 
mehrere Monate lang sehr eingehend zu beobachten Gelegen- 
heit hatte. 

Er und seine nicht schön zu nennende Frau, die unmittelbar 
vor dem Eintritt in meine Dienste heirateten, bewohnten eine 

1) „Als sie mit dem Stubenmädchen allein war", hat sie „eine 
Empfindung im Schöße bekommen und dabei gedacht, das Mädchen 
habe jetzt einen unanständigen Gedanken." — Sie hatte „Halluzinationen 
von weihlichen Nacktheiten, besonders eines entblößten weiblichen 
Schoßes mit Behaarung, gelegentlich auch männlicher Genitalien". — 
„Wenn sie in Gesellschaft einer Frau war, bekam sie regelmäßig die 
cpiälende Empfindung, woran sich die Deutung schloß, sie sehe jetzt die 
Frau in unanständiger Blöße, aber im selben Moment habe die Frau 
dieselhe Empfindung von ihr." — „Die ersten Bilder von weihlichen 
Schößen kamen wenige Stunden, nachdem sie eine Anzahl von Frauen 
tatsächlich im Baderaum entblößt gesehen hatte." — „Es wurde ihr 
,alles klar', als die Schwägerin eine Äußerung tat" usw. (Freud, Weitere 
Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen, 1896. Ges. Sehr., Bd. I 
S. 57 8.) 

2) Jahrbuch f. PsA., II. Bd., S. 257 



Die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia 123 

aus einem Zimmer und der Küche bestehende Abteilung meiner 
Wohnung. 1 Der Mann arbeitete den ganzen Tag in seinem 
Amte (er war Bedienter bei der königl. Post), kam abends 
pünktlich nach Hause und gab in der ersten Zeit keinen Anlaß 
zur Klage. Im Gegenteil, er fiel mir durch seinen außer- 
ordentlichen Fleiß und durch die große Höflichkeit mir gegen- 
über auf. Immer fand er etwas an meinen Zimmern zu reinigen 
und zu verschönern. Ich traf ihn manchmal spät in der Nacht 
dabei an, daß er die Türen oder den Fußboden frisch lackierte, 
die schwer zugänglichen oberen Fensterscheiben putzte oder im 
Badezimmer irgend eine geschickte Neuerung einrichtete. Er 
legte großes Gewicht darauf, mich zufriedenzustellen, gehorchte 
mit militärischer Strammheit und Pünktlichkeit allen meinen 
Anordnungen, nahm aber jede Kritik meinerseits mit großer 
Empfindlichkeit hin, wozu sich allerdings nur selten Anlaß bot. 

Eines Tages erzählt mir die Bedienerin weinend, daß sie 
mit dem Manne sehr unglücklich lebe. Er trinke in letzter 
Zeit viel, komme spät nach Hause, schelte und beschimpfe sie 
fortwährend ohne Anlaß. Ich wollte mich in diese Ehe- 
angelegenheit anfangs nicht mischen, als ich aber zufällig 
erfuhr, daß er die Frau prügelte (was mir die Frau aus Angst, 
die Stellung zu verlieren, verheimlichte), machte ich ihm ernste 
Vorstellungen, forderte von ihm Alkoholabstinenz und gute 
Behandlung der Frau, was er mir unter Tränen versprach* Als 
ich ihm meine Rechte zum Handschlag bot, konnte ich es 
nicht verhindern, daß er mir die Hand stürmisch küßte. Ich 
schrieb dies aber damals seiner Rührung und meiner „väter- 
lichen" Haltung zu (obzwar ich jünger war als er). 

Nach dieser Szene herrschte eine Weile Ruhe im Hause. 
Aber schon nach wenigen Wochen wiederholten sich dieselben 

1) Hier in Budapest ist es eine verbreitete Sitte, die Besorgung der 
Wohnung einem verläßlichen Ehepaare zu überlassen. 






124 S. Ferenczi 



Szenen, und als ich mir nun den Mann genauer ansah, stellte 
ich bei ihm Anzeichen des chronischen Alkoholismus fest. 
Daraufhin fragte ich die Frau aus und erfuhr von ihr, daß 
sie von ihrem Manne fortwährend, und zwar vollkommen 
grundlos, der ehelichen Untreue verdächtigt wird. Natürlich 
stieg in mir sofort der Verdacht auf, daß es sich beim Manne 
um alkoholischen Eifersuchtswahn handelt, um so mehr, als ich 
die Bedienerin als eine sehr anständige und sehr schamhafte 
Person kannte. Wieder gelang es mir, den Mann vom Trinken 
abzubringen und den Hausfrieden für eine Weile herzustellen. 

Bald stellte sich aber Verschlimmerung ein. Es wurde klar, 
daß es sich um Alkoholparanoia handelte. Der Mann vernach- 
lässigte seine Frau und trank im Wirtshaus bis Mitternacht. 
Heimgekehrt, prügelte er die Frau, beschimpfte sie unablässig 
und verdächtigte sie mit jedem Patienten, der mich besuchte. 
Nachträglich erfuhr ich, daß er schon um diese Zeit auch auf 
mich eifersüchtig war, was aber seine Frau aus begreiflicher Angst 
vor mir verheimlichte. Ich konnte das Ehepaar natürlich nicht 
länger bei mir behalten, sagte aber der Frau auf ihre Bitte zu, 
sie bis zum Ablauf des Vierteljahres in ihrer Stelle zu belassen. 

Nun erst erfuhr ich alle Einzelheiten jener häuslichen 
Szenen. Der Mann, den ich zur Rede stellte, leugnete ent- 
schieden, die Frau geprügelt zu haben, obzwar das auch durch 
Augenzeugen bestätigt wurde. Er behauptete, seine Frau sei 
eine „ Frau mit weißer Leber" , eine Art Vampir, „ die die 
Männerkraft aussaugt". Er verkehre mit ihr fünf- bis sechsmal 
jede Nacht, das sei ihr aber immer noch nicht genug, sie lasse 
sich von jedem Manne begatten. Bei dieser Aussprache wieder- 
holte sich die Rührszene, die ich oben beschrieb. Er bemäch- 
tigie sich wieder meiner Hand und küßte sie unter Tränen. 
Er behauptete, noch nie einen lieberen und freundlicheren 
Menschen als mich gekannt zu haben. 



Die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia 125 

Als mich sein Fall auch psychiatrisch zu interessieren be- 
gann, erfuhr ich von der Frau, daß der Mann mit ihr seit der 
Trauung überhaupt nur zwei- bis dreimal den Beischlaf aus- 
geübt habe. Hie und da mache er dazu Veranstaltungen, — 
meist a tergo, — dann stoße er sie fort und erkläre unter 
Geschimpfe, sie sei eine Hure, sie könne es mit jedem, nur 
mit ihm nicht. 

Ich fing an, eine immer größere Rolle in seinen Wahn- 
ideen zu spielen. Er wollte unter Androhung des Erstechens 
von seiner Frau das Geständnis erpressen, sie habe mit mir 
geschlechtlich verkehrt. Jeden Morgen, wenn ich fortging, 
drang er in mein Schlafzimmer ein, schnüffelte an meiner 
Bettwäsche und prügelte dann die Frau, indem er behauptete, 
am Bettzeug ihren Geruch erkannt zu haben. Ein Kopftuch, 
das ich der Frau von der Ferienreise mitbrachte, nahm er 
gewaltsam an sich, streichelte es täglich mehrere Male, dabei 
war er auch von einer Tabakspfeife, die ich ihm zum Geschenk 
machte, unzertrennlich. War ich am Abort, so lauschte er stets 
im Vorzimmer, erzählte dann seiner Frau mit obszönen Worten, 
was er gehört habe, und frug sie, „ob es ihr gefalle". Sofort 
nach mir eilte er dann in das Klosett nachzuschauen, ob ich 
alles „richtig weggespült" habe. 

Bei alldem blieb er der eifrigste Bediente, den man sich 
denken kann, und war mir gegenüber von übertriebener Liebens- 
würdigkeit. Er benutzte meine Abwesenheit von Budapest und 
strich ohne Auftrag den Abort frisch mit Ölfarbe an, zierte die 
Wand sogar mit farbigen Strichen. 

Eine Zeitlang wurde die erfolgte Kündigung vor ihm geheim- 
gehalten. Als er aber davon erfuhr, wurde er schwermütig, 
ergab sich vollends dem Trünke, beschimpfte und schlug seine 
Frau, drohte ihr, daß er sie auf die Gasse werfen und mich, 
„ihren Liebling", erstechen werde. Auch jetzt noch blieb er 



126 S. Ferenczi 



mir gegenüber artig und ergeben. Als ich aber erfuhr, daß er 
bei Nacht mit einem scharfgeschliffenen Küchenmesser schlafe 
und einmal ernstlich Miene machte, in mein Schlafzimmer zu 
dringen, konnte ich auch die bis zum Ablaufe der Kündigungs- 
frist noch übrigen zwei bis drei Tage nicht abwarten. Die Frau 
verständigte die Behörde, die ihn auf Grund des gemeinde- 
ärztlichen Untersuchungsergebnisses in die Landesirrenanstalt 
einlieferte. 

Zweifellos handelt es sich in diesem Falle um alkoholischen 
Eifersuchtswahn. Die hervorstechenden Züge homosexueller Über- 
tragung auf mich lassen aber die Deutung zu, daß diese Eifer- 
sucht auf die Männer nur die Projektion seines eigenen 
erotischen Gefallens am männlichen Geschlecht bedeutete. Auch 
die Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr mit seiner Frau 
dürfte nicht einfach Impotenz gewesen, sondern durch seine 
unbewußte Homosexualität bestimmt gewesen sein. Offenbar 
hat der Alkohol, den man wohl mit Recht ein Zensurgift 
nennen könnte, seine zu Freundschaftlichkeit, Dienstfertigkeit 
und Ergebenheit vergeistigte Homosexualität ihrer Sublimierungen 
zum großen Teile (aber nicht ganz) beraubt und die so zutage 
getretene rohe homosexuelle Erotik — als solche dem Bewußt- 
sein des ethisch hochstehenden Menschen unerträglich — ein- 
fach seiner Frau angedichtet. 

Der Alkohol spielt hier meines Erachtens nur die Rolle des 
Sublimierungszerstörers, durch dessen Werk die wahre Sexual- 
konstitution des Mannes, nämlich die gleichgeschlechtliche 
Objektwahl, offenbar wurde. 

Die sichere Bestätigung dafür erhielt ich erst nachträglich. 
Ich erfuhr, daß er vor Jahren schon einmal verheiratet gewesen 
ist. Auch mit dieser ersten Frau lebte er nur kurze Zeit in 
Frieden, begann bald nach der Eheschließung zu trinken, dann 
seine Frau mit Eifersuchtsszenen zu quälen, zu beschimpfen, 



j 



Die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia 127 

bis sie ihm davonging und bald auch die gerichtliche Scheidung 
durchsetzte. 

In der Zeit zwischen beiden Eheschließungen soll er ein 
mäßiger, verläßlich-nüchterner Mensch gewesen sein und erst 
nach der zweiten Verehelichung wieder zu trinken angefangen 
haben. 

Nicht der Alkoholismus war also die tiefere Ursache der 
Paranoia, sondern im unlösbaren Konflikt zwischen seiner 
bewußten heterosexuellen und seiner unbewußten homosexuellen 
Begierde griff er zum Alkohol, der dann durch Zerstörung der 
Sublimierungen die gleichgeschlechtliche Erotik zum Vorschein 
brachte, deren sich sein Bewußtsein auf dem Wege der Projek- 
tion, des Eifersuchtswahnes, entledigte. 

Die Zerstörung der Sublimierung war aber keine vollständige. 
Er konnte einen Teil seiner homosexuellen Neigung noch in 
vergeistigter Form, als liebevoll ergebener Diener seines Herrn, 
als strammer Untergebener im Amt und als tüchtiger Arbeiter 
in beiden Stellungen betätigen. Wo aber die Verhältnisse erhöhte 
Anforderungen an die Sublimierungsfähigkeit stellten, -- z. B. 
bei Beschäftigung mit dem Schlafzimmer und dem Klosett, — 
war er gezwungen, seine Begierde der Frau anzuhängen und 
sich durch die Eifersuchtsszenen zu versichern, daß er in seine 
Frau verliebt sei. Das Prahlen mit der ungeheueren Potenz der 
Frau gegenüber war gleichfalls eine der Selbstberuhigung 
dienende Entstellung der Tatsachen. 1 

1) Die einseitig agitatorische Tätigkeit der Antialkoholisten sucht 
die Tatsache, daß der Alkoholismus in den allermeisten Fällen eine, 
allerdings unheilvolle Folge und nicht die Ursache der Neurosen ist, zu 
verschleiern. Den individuellen wie den sozialen Alkoholismus kann nur 
die Analyse heilen, die die Ursachen der Flucht in die Narkose aufdeckt 
und neutralisiert. Oberstabsarzt Dr. Drenkhahn hat aus der Morbiditäts- 
statistik der deutschen Armee nachgewiesen, daß infolge der anti- 
alkoholistischen Propaganda der letzten Jahre die Zahl der „Alkohol- 



128 S. Ferenczi 



ii 

Als zweiten Fall will ich den einer noch jugendlichen Dame 
anführen, die, nachdem sie mit ihrem Manne jahrelang in 
ziemlicher Eintracht lebte und ihm Töchter gebar, nicht lange 
nach der Geburt eines Sohnes an Eifersuchtswahn erkrankte. In 
ihrem Falle spielte der Alkohol keine Rolle. 1 

Sie begann beim Manne alles verdächtig zu finden. Eine 
Köchin und ein Stubenmädchen nach der anderen wurde weg- 
geschickt, schließlich setzte sie durch, daß im Hause nur noch 
männliche Bedienung geduldet wurde. Aber auch das half nicht. 
Der Mann, der allgemein für einen Mustergatten galt und der 
mir heilig versicherte, noch nie die eheliche Treue gebrochen 
zu haben, konnte keinen Schritt gehen, keine Zeile schreiben, 
ohne von der Frau beobachtet, verdächtigt, ja, beschimpft zu 
werden. Merkwürdigerweise verdächtigte sie den Mann immer 
nur mit ganz jungen, zwölf- bis dreizehnjährigen — oder ganz 
alten, häßlichen Frauenspersonen, während sie auf die Damen 
aus der Gesellschaft, auf Freundinnen oder bessere Gouvernanten, 
auch wenn sie anziehend oder schön waren, nicht eifersüchtig 
war. Mit diesen konnte sie freundschaftlich verkehren. 



erkrankungen" in der Armee von 4*19 : 10.000 rasch auf 07 : xo.000 
gesunken ist, daß aber dafür die Zahl der Erkrankungen an sonstigen 
Neurosen und Psychosen in demselben Maße gestiegen ist. f s Deutsche 
Militärärztliche Zeitschrift vom 20. Mai 1909.) Die Ausrottung des 
Alkoholismus ist also nur scheinbar eine Verbesserung der Hygiene. Der 
Psyche, wenn ihr der Alkohol entzogen wird, stehen zahlreiche andere 
Wege der Flucht in die Krankheit zu Gebote. Und wenn dann die 
Psychoneurotiker, statt an Alkoholismus, an Angsthysterie oder Dementia 
praecox erkranken, bedauert man den riesigen Aufwand an Energie, 
der gegen den Alkoholismus an der unrechten Stelle in Gang gesetzt 
wurde. 

1) Den Fall habe ich bereits in anderem Zusammenhange kurz 
mitgeteilt. Siehe „Introjektion und Übertragung". (S. 9 ff. , dieses 
Bandes.) 



Die Rolle der Homosexualität in der Pathogen ese der Paranoia 120 

Immerhin wurde ihr Betragen zu Hause immer auffälliger, 
ihre Drohungen gefährlicher, so daß sie in ein Sanatorium 
gebracht werden mußte. (Vor der Internierung ließ ich die 
Patientin auch Prof. Freud in Wien zu Rate ziehen, der meine 
Diagnose und den Versuch der Analyse guthieß.) 

Bei dem ungeheueren Mißtrauen und dem Scharfsinn der 
Kranken war es nicht leicht, mit ihr in Fühlung zu treten. 
Ich mußte mich auf den Standpunkt stellen, als wäre ich von 
der Unschuld des Mannes nicht vollkommen überzeugt, und 
brachte auf diese Art die sonst unzugängliche Kranke dazu, mir 
auch die bisher verheimlichten Wahnideen preiszugeben. 

Unter diesen fanden sich ausgesprochene Größen- und 
Beziehungswahnideen. Zwischen den Zeilen der Lokalzeitung 
wimmelt es von Anspielungen auf ihre angebliche moralische 
Verdorbenheit, auf ihre lächerliche Stellung als betrogene 
Gattin, die Artikel seien bei den Zeitungsschreibern von ihren 
Feindinnen bestellt. Aber auch allerhöchste Persönlichkeiten 
(z. B. der bischöfliche Hof) wüßten um diese Machenschaften 
und daß die Königsmanöver in jenem Jahre gerade in der 
Gegend ihres Wohnsitzes stattfanden, sei nicht ohne Beziehung 
zu gewissen geheimen Absichten jener Feindinnen. Als Feindinnen 
entpuppten sich im Laufe der weiteren Gespräche die ent- 
lassenen Dienstboten. 

. Ich erfuhr dann von ihr allmählich, daß sie seinerzeit nur 
widerwillig, auf Wunsch der Eltern, besonders des Vaters, die 
Werbung ihres Mannes angenommen hatte. Er kam ihr damals 
zu gewöhnlich, unfein vor. Aber nach der Eheschließung 
gewöhnte sie sich angeblich an ihn. Nach der Geburt der 
ersten Tochter kam es zu einer merkwürdigen Szene im Hause. 
Der Mann soll unzufrieden darüber gewesen sein, daß sie ihm 
nicht einen Sohn gebar, und auch sie empfand darüber förm- 
liche Gewissensbisse; daraufhin traten in ihr Zweifel auf, ob 

Ferencai, Bausteine zur Psychoanalyse I 



130 S. Ferenczi 



a 



sie recht getan habe, diesen Mann zu heiraten. Zu gleicher 
Zeit begann sie auf die dreizehnjährige, angeblich sehr hübsche 
Aushilfsmagd eifersüchtig zu sein. Sie lag noch im Wochen- 
bette, als sie die kleine Person einmal zu sich beschied, sie 
niederknien und beim Leben ihres Vaters schwören ließ, daß 
der Hausherr ihr nichts angetan hätte. Dieser Schwur beruhigte 
sie damals. Sie dachte sich, sie könnte sich geirrt haben. 

Nach der endlichen Geburt eines Sohnes fühlte sie sich, als 
hätte sie ihre Pflicht dem Manne gegenüber erfüllt und sei 
nunmehr frei. Es begann ein zwiespältiges Verhalten bei ihr. 
Sie wurde auf ihren Mann wieder eifersüchtig, andererseits 
benahm sie sich Männern gegenüber manchmal auffällig. „Aller- 
dings nur mit den Augen," sagte sie. Folgte aber jemand ihrem 
Winke, so wies sie ihn stets energisch ab. 

Diese „harmlose Spielerei", die von ihren „Feindinnen 
gleichfalls falsch ausgelegt wurde, verschwand aber bald hinter 
den immer ärger werdenden Eifersuchtsszenen. 

Um ihren Mann anderen Frauen gegenüber impotent zu 
machen, ließ sie ihn jede Nacht mehrmals den Beischlaf aus- 
führen. Doch wenn sie sich auf einen Augenblick aus dem 
Schlafzimmer (zur Verrichtung körperlicher Bedürfnisse) ent- 
fernte, sperrte sie das Zimmer hinter sich zu. Sie eilte sofort 
zurück, wenn sie aber an der Bettdecke etwas nicht in Ordnung 
fand» verdächtigte sie den Mann, daß die entlassene Köchin, 
die sich einen Schlüssel hätte machen lassen, inzwischen bei 
ihm gewesen sei. 

Wie wir sehen, verwirklichte die Kranke die geschlechtliche 
Unersättlichkeit, die der vorerwähnte Alkoholparanoiker nur 
erdichtete, aber nicht ausführen konnte. (Allerdings kann die 
Frau viel eher als der Mann den Geschlechtsverkehr auch ohne 
wirkliche Lust nach Belieben steigern.) Auch die scharfe Über- 
wachung des Zustandes der Bettwäsche wiederholte sich hier. 



Die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia 13t 

Das Benehmen der Kranken im Sanatorium war sehr wider- 
spruchsvoll. Sie kokettierte mit allen Männern, ließ sich aber 
keinen nahekommen. Dafür ging sie innige Freundschaften und 
Feindschaften mit allen weiblichen Bewohnern des Hauses ein. 
Die Gespräche, die sie mit mir führte, drehten sich zum 
größten Teil um diese. Sie nahm sehr gerne die ihr vor- 
geschriebenen lauwarmen Bäder, benutzte aber die Gelegenheit 
des Badens dazu, um eingehende Beobachtungen über die 
Körperfülle und Körperformen der übrigen Patientinnen zu 
sammeln. Mit allen Zeichen des Ekels und Abscheus beschrieb 
sie mir die runzlige Bauchhaut einer schwerkranken, älteren 
Patientin. Bei der Erzählung der Beobachtungen an hübscheren 
Patientinnen war aber der lüsterne Ausdruck ihres Gesichtes 
nicht zu verkennen. Eines Tages, als sie mit diesen jüngeren 
allein war, veranstaltete sie eine „Wadenausstellung" ; sie 
behauptete, bei der Konkurrenz den ersten Preis gewonnen zu 
haben, (Narzißmus.) 

Mit großer Vorsicht versuchte ich etwas über die homo- 
sexuelle Komponente ihrer Sexualentwicklung zu erfahren, 
indem ich sie frug, ob sie, wie so viele junge Mädchen, ihre 
Freundinnen leidenschaftlich geliebt habe. Doch sie erkannte 
sofort meine Absicht, wies mich derb zurück, behauptete, ich 
wolle ihr Scheußlichkeiten einreden. Es gelang mir, sie zu, 
beruhigen, worauf sie mir unter dem Siegel der Verschwiegen- 
heit gestand, als ganz kleines Kind jahrelang mit einem kleinen 
Mädchen, das sie dazu verführte, gegenseitig masturbiert zu 
haben. (Die Kranke hat nur Schwestern, keinen Bruder.) 
Ferner ließen sich den — allerdings immer spärlicher werdenden 
- Mitteilungen der Kranken Anzeichen überstarker sexueller 
Fixierungen an die Mutter und an weibliche Wartepersonen 
entnehmen. 

Die ziemliche Ruhe der Patientin .wurde erst durch den 



132 S. Ferenczi 



Besuch des Gatten ernstlich gestört. Der Eifersuchtswahn ent- 
flammte von neuem. Sie verdächtigte den Gatten, ihre Abwesen- 
heit zu allen möglichen Schandtaten benutzt zu haben. Namen t- 
lich richtete sich ihr Verdacht gegen die greise Hausbesorgerin, 
die — wie sie erfuhr — beim Reinemachen geholfen haben 
soll. Im geschlechtlichen Verkehr wurde sie immer unersätt- 
licher. Verweigerte ihr der Mann den Beischlaf, so drohte sie, 
ihn umzubringen. Sie warf ihm einmal tatsächlich ein 
Messer nach. 

Auch die anfänglich noch vorhandenen geringen Spuren der 
Übertragung auf den Arzt wichen in diesen stürmischen Zeiten 
einem immer heftigeren Widerstände, so daß die Aussichten der 
Analyse auf den Nullpunkt sanken. So sahen wir uns genötigt, 
die Kranke in einer entfernteren Anstalt unter strengerer Aufsicht 
unterzubringen. 

Auch dieser Fall von Eifersuchtswahn wird erst erklärlich, 
wenn wir annehmen, daß es sich hier um die Projektion des 
Gefallens am eigenen Geschlecht auf den Mann handelt. Ein 
in fast ausschließlich weiblicher Umgebung aufgewachsenes 
Mädchen, das als Kind zu stark an die weiblichen Warte- 
personen fixiert war und dazu jahrelang mit einer Alters- 
genossin sexuellen Umgang pflog, wird plötzlich in eine 
Konvenienzehe mit einem „unfeinen Manne gezwungen. Sie 
fügt sich aber und empört sich nur einmal gegen eine besonders 
krasse Unliebenswürdigkeit des Mannes, indem sie ihre Begierde 
ihrem Kindheitsideal (einem kleinen Dienstmädchen) zuwendet. 
Der Versuch mißlingt, sie kann die Homosexualität nicht mehr 
ertragen und muß sie auf den Mann projizieren. Das war der 
erste, kurz dauernde EifersuchtsanfalL Endlich als sie ihre 
„Pflicht" erfüllt und dem Manne den von ihm geforderten Sohn 
geboren hat, fühlt sie sich frei. Die bis dahin gebändigte Homo- 
sexualität bemächtigt sich stürmisch aller Objekte, die zur 






Die Rolle der Homosexual ität in der Pathogenese der Paranoia 133 

Sublimierung keine Möglichkeit bieten (ganz junge Mädchen, 
Greisinnen, Dienstboten), in roh-erotischer Form, doch diese 
ganze Erotik wird, mit Ausnahme jener Fälle, wo sie es unter 
der Maske des harmlosen Spieles verbergen kann, dem Mann 
angedichtet. Um sich in dieser Lüge zu bestärken, ist die 
Kranke gezwungen, dem ihr ziemlich gleichgültig gewordenen 
männlichen Geschlechte gegenüber gesteigerte Koketterie zur 
Schau zu tragen, ja, sich wie eine Nymphomanische zu 
gebärden. 

ffl 

Eines Tages wurde ich von einem Advokaten aufgefordert, 
einen seiner Klienten, den Syndikus der Stadt X., der von 
seinen Landsleuten ungerechterweise verfolgt werde, zu unter- 
suchen und gesund zu erklären. Dieser meldete sich bald darauf 
bei mir. Schon daß er mir eine Menge Zeitungsausschnitte, Akten- 
kopien, Flugschriften, die er alle selbst verfaßt hatte, in so 
musterhafter Ordnung, numeriert, sortiert, überreichte, war 
mir verdächtig. Ein Bück in die Schriften überzeugte mich, 
daß er ein Paranoiker der Verfolgung sei. Ich berief ihn erst 
für den anderen Morgen zur Untersuchung, aber schon das 
Durchlesen seiner Schriften zeigte mir die homosexuelle Wurzel 
seiner Paranoia. 

Seine Streitigkeiten begannen damit, daß er einem Haupt- 
mann brieflich mitteilte, daß sein Vis-a-vis, ein Offizier des 
. . , .-Regiments, „sich am Fenster teils im Hemd, teils mit 
nacktem Oberkörper rasiert". „Zweitens läßt er an einer Schnur 
seine Handschuhe am Fenster trocknen, wie ich es in kleinen 
italienischen Dörfern gesehen habe." Der Kranke ersucht den 
Hauptmann, „die Abstellung dieser Mißstände zu bewerk-, 
stelligen". Die abweisende Antwort des Hauptmannes beant- 
wortet er mit Angriffen auf diesen. Dann folgt eine Anzeige an 



den Obersten, worin er schon von den ;, Unterhosen" des Gegen- 
über spricht. Wieder beklagt er sich auch der Handschuhe 
wegen. Mit riesengroßen Buchstaben hebt er hervor, daß ihm 
ja die Sache gleichgültig wäre, wenn er die Gassenzimmer nicht 
mit seiner Schwester bewohnen würde. „Ich glaube eine ritter- 
liche Pflicht der Dame gegenüber zu erfüllen." Zugleichmacht 
sich eine furchtbare Empfindlichkeit und alle Zeichen des 
Größenwahns in den Schriften bemerkbar. 

In den späteren Schriften wird die Erwähnung jener Unter- 
hose immer häufiger. In fetten Lettern wird oft vom „Schutz 
der Damen" gesprochen. 

Eine nachträgliche Eingabe bringt den Zusatz, er habe in der 
vorigen Eingabe zu erwähnen vergessen, daß sich der Herr 
Oberleutnant abends am hellbeleuchteten Fenster, ohne die 
Rouleaux herunterzulassen, anzuziehen pflege. „Mir wäre das 
gleichgültig [das in kleinem Schriftgrad]. Ich muß aber im Namen 
einer Dame um Schutz gegen einen derartigen Anblick bitten. 

Dann kommen Eingaben an das Korpskommando, das Kriegs- 
ministerium, die Kabinettskanzlei usw., in allen sind die klein- 
gedruckten Worte Hemd, Unterhose, nackter Oberkörper usw. 
— und diese allein — nachträglich rot unterstrichen. (Der 
Kranke ist Besitzer einer Zeitung und kann nach Herzenslust 
alles drucken lassen.) 

Aus einem Aktenstück des Korpskommandos stellt sich 
heraus, daß Vater und Bruder des Kranken im Wahnsinn durch 
Selbstmord geendet haben. Der Vater war, wie der Kranke sich 
ausdrückt, „Landesadvokat und Orator" (auch Patient ist 
Advokat), der Bruder war Oberleutnant. Man erfährt dann, daß 
der Patient Kneippianer ist, ja, er erschien einmal beim Ober- 
gespan zur Audienz barfuß in Sandalen, wofür er einen Verwei 
erhielt. (Exhibition?) 

Dann verschiebt er die Angelegenheit auf den ritterlichen 



Die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia 135 

Weg, kneift aber im kritischen Augenblick immer aus, unter 
Berufung auf irgend einen Paragraphen des Duellkodexes, den 
er vollkommen beherrscht. Es unterläuft ihm dabei die halb 
absichtliche Übertreibung, daß er so spricht, als wäre sein Brief 
eine tätliche Beleidigung des Offiziers gewesen. An anderen 
Orten sagt er (mit Riesenbuchstaben), er habe dem Offizier in der 
schonendsten Form nur Tatsachen angeführt. Er unterschiebt 
den militärischen Behörden die Ansicht über sich selbst, er sei 
„eine alte Frau, die gar nichts anderes zu tun habe, als Objekte 
ihrer Neugierde zu entdecken". Er zitiert unzählige Beispiele, 
wie im Ausland Offiziere, die auf offener Straße ein Mädchen 
beleidigen, bestraft werden. Er verlangt überhaupt Schutz für 
wehrlose Frauen gegen rohe Angriffe usw. In einer seiner Ein- 
gaben beklagt er sich, der zu Anfang erwähnte Hauptmann 
habe „wütend, ostentativ sein Gesicht von ihm weggewendet". 

Die Zahl der von ihm angehängten Prozesse häufen sich 
lawinenartig an. Am meisten ärgert ihn, daß die Militär- 
behörden seine Eingaben ignorieren. Die Zivilisten schleppt er 
vor das Zivilgericht ; bald verschiebt er die Sache auf politisches 
Gebiet, hetzt in seiner Zeitung Soldaten und Stadtverordnete 
gegeneinander, den ungarischen Zivilbehörden gegenüber spielt 
er den „Pangermanen" aus und tatsächlich melden sich bald 
beinahe 100 „Genossen", die ihm öffentlich und schriftlich 
Beifall zollen. 

Dann folgt eine merkwürdige Episode. 

Eines Tages klagt er einen anderen Offizier beim neuen 
Obersten an, jener habe seiner Schwester auf der Straße 
„Pfui, schäbige Sächsin!" zugerufen. Die Schwester bestätigt 
das in einem Briefe, der sicher vom Patienten selbst ver- 
faßt ist. 

Er verlegt sich dann auf Zeitungsartikel, in denen er schwer 
auflösbare Rätsel durch das Punktieren „gefährlicher" Stellen 



136 S. Ferenczi 



aufgibt. Er spricht z. ß. von einem französischen Sprich- 
wort, das zu deutsch „das L . . . t . . . .* heißt. Ich hatte 

Mühe, das „Lächerliche tötet" herauszufinden. 

Eine neuerliche Anklage gegen den Hauptmann Nr, 1 
erwähnt „Grimassen, Gebärden, Bewegungen, herausfordernde 
Blicke". Er würde sich nicht kümmern, aber es handelt sich 
um eine Dame. Der Offizier sei bubenhaft. Er und seine 
Schwester werden ihm rücksichtslos den Standpunkt klar 
machen. 

Neuerliche Ehrenangriffe mit Rückzug des Kranken, der 
unter Advokatenkniffen den Duellkodex ins Treffen führt. 

Dann folgen Drohbriefe, in denen er wie die Schwester viel 
von „Selbsthilfe" sprechen; lange Erklärungen ; 100 Zitate über 
Duell usw. Z. B. „Nicht Kugeln, Degenspitzen töten, sondern 
die Sekundanten". „Mann", „Männer", „mannhaft", kehren 
immer wieder. Er läßt sich von Mitbürgern Lobhymnen unter- 
schreiben, die ihn selbst zum Verfasser haben. Einmal behauptet 
er ironisch, man wolle vielleicht, daß er „jenen Herren Hände 
und Füße küssen soll in Liebedienerei". 

Jetzt kommt der Kampf mit der Stadtbehörde, an die sich 
das Militär gewendet hat. 42 Stadtverordnete verlangen seine 
Bestrafung. Er greift von diesen einen heraus, der Dahinten 
heißt, und verfolgt ihn öffentlich bis aufs Blut. Durch die 
Zustimmungskundgebungen und die „ Wacker ! "-Rufe eines 
Wiener Hetzblattes ermutigt, bewirbt er sich um die Stelle des 
Vizegespans und gibt aller Welt Schuld an seinem ungerechten 
Durchfall. Natürlich arbeitet er auch in Antisemitismus. 

Er will dann das gute Verhältnis zwischen Zivil und Militär 
herstellen, diese Worte unterstreicht er immer. 

Endlich gelangt die Sache vor eine höhere Zivilbehörde, die 
den Geisteszustand des Kranken untersuchen ließ. Er kam mit 
der Hoffnung zu mir, daß ich ihn für gesund erklären werde*. 



Die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia 137 

Vorhergegangene Erfahrungen hei Paranoischen machten es 
mir leicht, in diesem Falle die außerordentlich hedeutsame 
Rolle der Homosexualität schon aus diesen Tatsachen zu er- 
schließen. Der Ausbruch des — bislang vielleicht versteckten - 
Verfolgungswahnes wird durch den Anblick eines halbnackten 
Offiziers ausgelöst, auch dessen Hemd, Unterhosen und Hand- 
schuhe scheinen auf den Kranken großen Eindruck gemacht 
zu haben. (Ich verweise auf die Rolle der Bettwäsche bei beiden 
vorerwähnten Eifersuchtswahnkranken.) Niemals werden Frauens- 
personen angeklagt oder beschuldigt, immer nur rauft und 
zankt er mit Männern, zumeist Offizieren oder höheren Würden- 
trägern, Vorgesetzten. Ich deute das als Projizierung seines 
eigenen homosexuellen Gefallens mit negativem Vorzeichen auf 
jene Personen. Seine aus dem Ich ausgestoßene Begierde kehrt 
als Wahrnehmung der Verfolgungstendenz seitens der Objekte 
seines unbewußten Gefallens ins Bewußtsein wieder. Er sucht 
solange, bis er sich überzeugt hat, daß man ihn haßt. Nun 
kann er in Form des Hasses seine eigene Homosexualität aus- 
leben und zugleich vor sich selbst verstecken. Die Bevorzugung 
des Verfolgtwerdens durch Offiziere und Beamte dürfte durch 
den Beamtenstand des Vaters und den Offiziersstand seines 
Bruders bestimmt gewesen sein ; ich vermute, daß diese die 
ursprünglichen, infantilen Objekte seines homosexuellen Phan- 
tasierens waren. 

Der erlogenen riesigen Potenz des Alkohol wahnsinnigen und 
der geheuchelten Nymphomanie der eifersüchtig Paranoischen 
entspricht hier die übertriebene Ritterlichkeit und das Zart- 
gefühl, das er von den Männern Damen gegenüber fordert. 
Dasselbe fand ich bei den meisten manifest homosexuellen 
Männern. Diese Hochachtung hat einen Anteil daran, daß die 
Homosexuellen, wie viele psychisch Impotente, unfähig sind, 
das Weib zum Liebesobjekt zu nehmen. Die Homosexuellen 



138 S. Ferenczi 



„achten das Weib hoch", lieben aber den Mann. So auch 
unser Paranoiker, nur ist sein Lieben duTch Affektverkehrung 
in Verfolgungswahn und Haß verwandelt worden. 

Daß er seine Schwester als beleidigte Person in den Vorder- 
grund schiebt, dürfte aber auch durch passiv-homosexuelle 
Phantasien, in denen er sich mit dieser Schwester identifiziert, 
mitbegründet sein. Dafür spricht auch seine Klage, man halte 
ihn für eine alte Frau, die die Objekte ihrer Neugierde in 
nackten Offizieren und deren Unterwäsche suche. Wenn er 
also fortwährend über Beleidigungen seitens der ihn verfol- 
genden Männer klagt, meint er unbewußt sexuelle Angriffe, 
deren Gegenstand er selber sein möchte. 

Es ist in diesem Falle schön zu sehen, wie die mühsam 
aufgebaute soziale Sublimierung der Homosexualität, wahr- 
scheinlich unter dem Drucke der überwuchernden infantilen 
Phantasien, vielleicht auch infolge anderer, mir unbekannter 
Gelegenheitsursachen, zusammenbricht und in den Wahnideen 
die kindisch-perverse Grundlage dieser Vergeistigungen (z. B. 
Voyeurtum, Exhibition) durchbricht. 

Zur Kontrolle meiner Auffassung über diesen Fall nahm ich 
beim Patienten die Reaktionen auf die 100 Reizworte des 
Jungschen Schemas auf und analysierte die Einfälle. Das 
Lehrreiche an dieser Analyse war, daß sie sehr mager aus- 
gefallen ist. Der Paranoische entledigt sich der ihn belästigenden 
Affekte so gründlich, daß sie ihn, wie er glaubt, gar nichts 
angehen; darum erzählt er in seinen Handlungen und Reden 
alles, was die Hysterischen aus Gewissensangst tief verdrängen. 
Auffällig und für die echte Paranoia offenbar charakteristisch 
ist ferner, daß von den „Komplexmerkmalen" Jungs die 
gestörte Reproduktion fast ganz fehlt. Der Patient erinnert sich 
ausgezeichnet auch an die Reaktionen auf die den Komplexen 
naheliegenden „kritischen" Reizworte. Die Projektion schützt 



Die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia 130 

den Paranoischen vor Affekten so gut, daß er der hysterischen 
Amnesie nicht bedarf. Die Komplexnähe scheint sich hier eher 
durch Redseligkeit und Eigenbeziehung zu verraten. Überhaupt 
sind die Reaktionen durchweg egozentrisch. Klang- und Reim- 
reaktionen sowie witzige Reaktionen sind sehr häufig. Soviel 
über das Formale. Ich will hier beispielsweise einzelne Reak- 
tionen samt der anschließenden Analyse mitteilen. 

Rw 1 : Kochen. Ra: Koche, Köchinnen. A: Kochen macht das 
Rw : We i b Ra : zänkisch. A: Das Weib wird beim Herd 
inflammiert, erhitzt. Mutter ivar auch erhitzt. Heute würde ich ihr das 
Kochen nicht gestatten. Ein Mann kann viel mehr aushalten. Goethe 
sagte allerdings: Sieben Männer ertrügen es nicht, was eine Frau. 
Meine Mutter hatte sechs Kinder. Der Ma nn war e zum 
Gebären besser geeignet. (In dieser Reaktion finden wir 
die Schonung der Frau und die Überschätzung des Mannes wieder, 
dazu 'eine Phantasie: als Mann Kinder zu gebären.) 

Rw: Fluß. Ra: Im Flusse möchf ich baden. A: Ich bade 
leidenschaftlich gerne; habe mit einem Cousin täglich bis Oktober 
in Flußwasser gebadet. Dieser hat sich erschossen, wegen Über- 
anstrengung. Ich meide Überanstrengung, darum verkehre ich 
wenig mit Weibern. (Versuch, die sexuelle Abkehr vom Weibe 
hygienisch zu begründen. Der Cousin ist ein Offizier.) 

Rw: Salz. Ra: Das Salz erinnert mich an das Salz der Ehe. 
A": Ich bin ehefeindlich. Da gibt's tägliche „Reibungen" . (Er meint 
vielleicht auch den Koituszwang in der Ehe.) 

Rw : Schrift. Ra : „ . . < gefallt mir die von dem Künstler in 
Berlin, der gestorben ist, Begründer des Kunstgewerbes. . . . Eckmann 
heißt er . . ." A: Eine solche monumentale, auffallende Schrift 
gefallt mir. Wie die meines Vaters. Meine ähnelt der meines 
Vaters, ist aber nicht so schon. Meine Buchstaben sind aber auch 
groß. (Die Hochachtung für den Vater und seiner körperlichen 

1) Rw = Reizwort, Ra = Reaktion, A = Analyse. 



140 S. Ferenczi 



Überlegenheit äußert sich wie so oft in der Tendenz, seine 
Schrift zu kopieren. Das Gefallen an der Größe der Buch- 
staben dürfte symbolisch zu nehmen sein.) 

Rw: Kork. Ra: „Bringt den Knalleffekt beim Champagner 
hervor' 1 A : Die Natur hat es mit den Frauen auf einen Knall- 
effekt abgesehen. Bann aber kommt der Verfall, Der Vater war 
selbst in hohem Alter schein, 

Rw: Schlagen, Ra: Schläge verdienen meine Gegner, gelinde 
gesagt. A: Am liebsten möchte ich sie pudelnaß angießen, mit 
einer Feuerspritze. Das wäre lustig/ Die Feuerwehr hat mich 
schon als Kind interessiert, (Feuerspritze ist eines der univer- 
sellsten Symbole für das männliche Glied.) 

Rw: Rein, Ra: Dem Reinen ist alles rein. A: Ich war immer 
ein reinliches Kind; bin dafür vom Onkel belobt worden. Mein 
älterer Bruder ist unordentlich gewesen. (Übertriebene oder vor- 
zeitig auftretende Unduldsamkeit des Kindes gegenüber Schmutz 
und Unordnung ist ein Symptom der homosexuellen Fixierung.) 
(Sad ger.) 

IV 

Der vierte Fall, den ich kurz mitteilen möchte, ist keine 
reine Paranoia, sondern eine Dementia praecox mit starkem 
paranoischen Einschlag. 

Es handelt sich hier um einen noch jungen Gemeinde- 
schullehrer, der — wie mir seine etwas ältlich aussehende Frau 
erzählte, — seit etwa einem Jahre fortwährend von Selbstmord- 
gedanken gequält wird, sich von aller Welt verfolgt und ange- 
sagt glaubt und stundenlang vor sich hinbrütet. 

Ich fand den zu Bette liegenden Kranken wach, aber den 
Kopf unter der Bettdecke versteckt. Kaum daß ich mit ihm 
einige Worte wechselte, fragte er mich, ob ich als Arzt die 
Geheimnisse der Kranken hüten muß. Nachdem ich dies be- 



Die Rolle der Homos exualität in der Pathogenese der Paranoia 141 

jahte, erzählte er mir unter Anzeichen heftiger Angst, er habe 
bei seiner Frau dreimal den Cunnilingus ausgeführt. Er wisse, 
daß er wegen dieser Untat von der Menschheit zu Tode ver- 
urteilt sei, seine Hände und Füße werden abgehauen werden, 
seine Nase wird verfaulen, seine Augen ausgestochen. Er zeigt 
mir eine defekte, aber vermauerte Stelle am Plafond, durch 
welche man seine Untat beobachtet haben muß. Sein größter 
Feind, der Schuldirektor, sei mit Hilfe von komplizierten 
Spiegeln und elektrisch-magnetischen Apparaten über alles unter- 
richtet. Durch seine perverse Tat wurde er eine die (d. h. eine 
Frau). Denn ein Mann koitiert ja mit dem Penis und nicht 
mit dem Mund. Man werde ihm den Penis und die Hoden 
abschneiden — oder aber den ganzen „Kürbiskopf" (Kürbiskopf = 
Dummkopf; Kürbis = ungarischer Volksausdruck für Testikel.) 

Als ich zufällig meine Nase berührte, sagte er: „Ja, meine 
Nase verfault, wollen Sie sagen." Ich sagte beim Eintreten: 
„Sind Sie Herr Kugler?" Darauf zurückkommend, erklärt er: 
„In meinem Namen ist alles erzählt; ich bin: die Kugel +■ er 
(=Kugl-er), d. h. ein die + er, ein Mannweib." Im Vornamen 
Sandor bedeutet ihm d'or das Gold, d.h. er wurde zum 
Neutrum gemacht. Er wollte einmal schon zum Fenster hinaus- 
springen, da fiel ihm aber das Wort Hunyad ein (huny = 
Auge schließen, ad = geben), d. h. er schließt das Auge (stirbt), 
damit seine Frau einem anderen gibt (den Koitus zuläßt). 
Damit man nicht so was über ihn denke, ist er am Leben 
geblieben. Man könnte sich übrigens auch zu seinen Lebzeiten 
denken, er wolle ein Auge zumachen, wenn seine Frau 
jemand anderem „gibt". 

Er ist schrecklich schuldbewußt ob seiner perversen Tat. Es 
sei ihm solche Perversität stets fremd gewesen und auch jetzt 
verabscheut er sie. Sein Feind habe es veranlaßt, durch 
Suggestion vielleicht. 



142 S. Ferenczi 



Auf eindringlicheres Befragen erfahre ich von ihm, daß er 
sich für seinen Direktor („ein schöner, stattlicher Mensch") 
geopfert hat; jener war aber auch mit ihm sehr zufrieden und 
sagte oft: „Ohne Sie konnte ich nichts anfangen, Sie sind 
meine rechte Hand." (Das erinnert an die „bessere Hälfte".) Seit 
fünf Jahren etwa quält ihn der Direktor, stört ihn mit Akten- 
stücken, wenn er beim Unterricht am tiefsten in die Erklärung 
eines Gedichtes vor der Klasse versunken ist, usw. 

Bei der Frage: „Sprechen Sie deutsch?" (tud nemetül) zerlegt 
und übersetzt er das Wort nemetül (d. h. „deutsch") in die 
Silben : 

nem ^ (nimm) 
et = (und) 

ül = (sitz), (ül = sitzen); 
d. h. : ich meine mit meiner Frage, er soll seinen Penis in 
die Hand nehmen und dafür sitzen (ins Loch gesperrt werden). 
Er meint damit ausdrücklich seinen eigenen Penis, den er 
nach der Anklage seiner Feinde in ein „anderes Loch" stecken 
möchte. Ein anderes Loch: das seien andere, fremde Frauen. 
Er beteuert heilig, daß er seine Frau anbetet. 
Sein Vater sei ein armer Diener gewesen (das entspricht der 
Wahrheit) und ihm gegenüber streng. Er saß als Student stets 
zu Hause und las der Mutter Gedichte vor. Die Mutter sei 
immer sehr gütig gewesen. . , 

Es handelt sich hier um einen Mann, der seine Homo- 
sexualität lange Zeit hindurch glücklich sublimierte, seit der 
Enttäuschung mit dem früher angebeteten Direktor aber alle 
Männer hassen und zur Begründung seines Hasses jede Äußerung, 
jede Gebärde, jedes Wort im Sinne des Verfolgenwollens aus- 
legen muß. Auch mich haßte er schon: jedes meiner Worte und 
Gebärden legte er feindlich aus und zerlegte, übersetzte, entstellte 
jedes Wort solange, bis es zu einer feindlichen Anspielung wurde. 



Die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia 143 

Die Mutter des Patienten erzählte mir, ihr Sohn sei stets 
ein braves Kind gewesen. Statt mit anderen Kindern zu spielen, 
las er der Mutter Bücher, besonders Gedichte, vor, deren Inhalt 
er ihr erklärte. Der Vater war einfacher Arbeiter, wohl manch- 
mal etwas derb mit dem Jungen, den es oft ärgerte, wenn 
sie beim gemeinsamen Lesen durch den Vater 
gestört wurden. 1 

Kein Zweifel, der Patient schätzte seinen Vater — den er 
geistig überragte — gering und sehnte sich nach einem an- 
sehnlicheren Vater. Diesen fand er später in der Person des 
ihm vorgesetzten Schuldirektors, dem er jahrelang mit uner- 
müdlichem Fleiß diente, — der aber die (sicherlich zu hoch 
gespannten) Erwartungen des Kranken nicht erfüllte. Nun wollte 
er mit seiner Liebe wieder zur Frau zurück, — doch sie wurde 
für ihn inzwischen ein „Neutrum". Die heterosexuelle Über- 
treibung und der Cunnilingus konnten den Patienten über die 
mangelnde Begierde nach der Frau hinwegtäuschen, aber die 
Sehnsucht nach dem männlichen Geschlechte hörte nicht auf, 
sie wurde nur aus dem Ich-Bewußtsein ausgestoßen und kehrte 
als Projektion mit negativem Lustvorzeichen in dasselbe zurück; 
er wurde ein Verfolgter. 

* 

Ich habe außer den hier mitgeteilten noch bei drei Para- 
noischen 2 die „analytische Anamnese" aufgenommen. In allen 
dreien spielte die projizierte homosexuelle Begierde die bedeut- 
samste Rolle. Da ich aber aus diesen Fällen nichts wesentlich Neues 
lernte, machte ich keine genauen Aufzeichnungen über sie. 

1) Daher die traumatische Kraft der späteren Störung seines Vor- 
trages durch den Direktor. 

2) Eine Eifersuchtswahnsinnige und zwei Querulanten. Einer der 
letzteren, ein Ingenieur, führte sich bei mir mit der Klage ein, „es 
werde ihm von gewissen Männern auf unbekannte Weise die Mannes- 
kraft aus den Genitalien gesogen". 



144 S. Ferenczi 



Schon die hier veröffentlichten Krankengeschichten berech- 
tigen aber zu der Vermutung, daß es sich bei der Paranoia 
im wesentlichen um die Wiederbesetzung der gleich- 
geschlechtlichen Lustobjekte mit unsublimierter 
Libido handelt, deren sich das Ich mit Hilfe des 
Projektionsmechanismus erwehrt. 

Die Feststellung dieses Vorganges würde uns natürlich vor 
ein größeres Problem, vor das der „Neurosenwahl" (Freud), 
stellen, vor die Frage nämlich: welche Bedingungen erfüllt 
sein müssen, damit aus der infantilen Doppelgeschlechtlichkeit, 
der A m b i s e x u a 1 i t ä t, 1 das normale Überwiegen der Hetero- 
Sexualität, die homosexuelle Neurose oder die Paranoia hervorgehe. 



1) Ich schlage vor, anstatt des Ausdrucks „bisexuelle Anlage" in der 
Psychologie den Terminus Ambisexualitatzu gebrauchen. Dadurch 
wäre es angedeutet, daß wir unter dieser Disposition nicht das Vor- 
handensein männlicher und weiblicher Materie (Fließ) im Organismus, 
oder männlicher und weiblicher Libido in der Psyche verstehen, sondern 
die psychische Fähigkeit des Kindes, seine — ursprünglich objektlose — 
Erotik dem männlichen oder dem weiblichen oder beiden Geschlechtern 
zuzuwenden, sich an eines der Geschlechter oder an beide zu fixieren. 



Alkohol und Neurosen 

(Antwort auf eine Kritik des Herrn Professor E. Bleuleri) 

(ipn) 

Bei einer früheren Gelegenheit gab ich der Überzeugung 
Ausdruck, daß die statistische Methode in der Psychologie nur 
geringen Wert habe, erstens, weil hier die Höhe der Zahlen 
für den Mangel an Tiefe der Einzelbeobachtungen nicht ent- 
schädigen kann, zweitens aber, weil bekanntlich Zahlen sich 
allzu leicht den Intentionen der Autoren fügen und sich ten- 
denziös gruppieren lassen. Es tut mir leid, daß ich in der von 
Herrn Professor Bleuler kritisierten Arbeit 2 meinem Prinzipe 
untreu wurde und mich zur Stütze einer Behauptung auch 
auf eine statistische Arbeit des Oberstabsarztes Dr. Drenkhahn 
berief. Ich hätte voraussehen sollen, daß die Schwäche jeder 
statistischen Argumentation von antialkoholistischer Seite als 
Angriffspunkt gegen die von mir vorgeschlagene Anschauungs- 
weise der Alkoholpsychosen benutzt werden wird, was nun tat- 
sächlich eintraf. 



x) Jahrb. f. psa. Forschung, HX (1911), S. 848 ff. 
2) Über die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Para- 
noia. (S. 120 ff. dieses Bandes.) 

Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I 10 



146 S. Ferenczi 



Ich fühle mich aber nicht berufen, auf die kritische Sich- 
tung des von Drenkhahn bearbeiteten statistischen Materials 
einzugehen und zu entscheiden, ob das, was er vorbrachte, 
wirklich nur ein „Bierwitz" und als Beweismoment wertlos ist 
oder nicht. Ich berief und berufe mich nur auf das Ergebnis, 
zu dem er gelangte und das mit meinen analytischen Erfah- 
rungen übereinstimmt, ohne mich für die Genauigkeit seiner 
Angaben einzusetzen. 

Wogegen ich aber mich mit derselben Energie, mit der 
Professor Bleuler meine Bemerkungen angreift, verwahren 
muß, ist die Erweckung des Anscheins, als ob meine Auf- 
fassung über die Rolle des Alkohols bei den Neurosen auf 
der statistischen Arbeit Drenkhahns und nicht auf eigenen 
individualpsychologischen Untersuchungen beruhen würde. 

Eine, vielleicht die entscheidenste dieser Beobachtungen; die 
Analyse eines Falles von Alkoholparanoia ist ja gerade in der 
kritisierten Arbeit mitgeteilt. Es wird dort gezeigt, wie der 
Latent-Homosexuelle nur dann zum Alkohol greift, wenn er in 
besonders schwierige, seiner Sexualkonstitution direkt wider- 
sprechende äußere Situationen gelangt (beide Verehelichungen), 
wie der Alkohol dann die Sublimierungen zerstört und die 
homosexuelle Erotik in der Gestalt paranoischer psychischer 
Gebilde (Eifersuchtswahn) "zutage tritt, wahrend in der zwischen 
beide Ehen eingeschobenen Junggesellenperiode sich weder die 
Trunksucht noch die Paranoia manifestierte. 

Statt sich auf die Ablehnung der Drenkhahn sehen 
Publikation zu beschränken, hätte sich Herr Professor Bleuler 
meiner Ansicht nach auch mit diesem, viel wichtigeren Teil meiner 
Arbeit auseinandersetzen sollen ; bei seiner großen Erfahrung 
wäre es ihm ein leichtes gewesen, die von mir aufgestellten 
Behauptungen auf Grund eigener psychoanalytischer Unter- 
suchungen zu überprüfen, sie zu erhärten oder zu modifizieren. 



Alkohol und Neurosen 147 



Ich muß hier übrigens hinzufügen, — was ich in der kurzen 
Notiz der Paranoiaarbeit nicht tun konnte, — daß sich meine 
Ansicht über die Bedeutsamkeit psychologischer (respektive 
komplex-pathologischer) Motive beim Entstehen des chronischen 
Alkoholismus aus dem Erfahrungsmaterial vieler Jahre allmählich 
herauskristallisierte. 

Es fiel mir auf, daß die Intoleranz gegen Alkohol, 
die man bisher leichtfertig mit der gesteigerten physiologischen 
Giftempfindlichkeit einfach identifizierte, der psychogenen Ele- 
mente nicht entbehrt, ja in gewissen Fällen hauptsächlich 
psychogen ist. Solange ich nur Fälle beobachtete, in denen 
relativ kleine Alkoholmengen unverhältnismäßig stark gewirkt 
haben, stellte auch ich mich mit der Theorie einer „ Idiosynkrasie * 
zufrieden. Es kamen aber dann Personen unter meine Beob- 
achtung, die nach wenigen Tropfen eines nicht einmal 
stark konzentrierten alkoholischen Genußmittels einen regel- 
rechten Rausch produzierten. In zwei Fällen schließlich bedurfte 
es gar nicht mehr der Einverleibung des Getränks; es genügte, 
daß der Patient das gefüllte Glas vor sich sah, und er agierte 
schon den Berauschten. Die Symptomatik des „Rausches" 
bestand in beiden Fällen darin, daß der Patient sich Phanta- 
sien bewußt machen, sich aggressive oder verpönte Reden und 
Handlungen gestatten konnte, die er im nüchternen Zustande 
tief zu verdrängen pflegte; mit diesem Lautwerden der Kom- 
plexe ging eine Erleichterung sonst bestehender psychoneu- 
rotischer Zustände Hand in Hand. Dem alkoholfreien Rausche 
folgt dann ein ähnlicher Katzenjammer, wie der nach wirklichem 
Alkoholgenuß. 

Es war mir nach alledem nicht mehr zweifelhaft, daß man 
auch in anderen, nicht so extremen Fällen für die Symptome 
des Rausches nicht den Alkohol allein verantwortlich machen 
könne und daß dieser oft nur das auslösende Moment, der 



148 S. Ferenczi 



Zerstörer von Sublimierun gen, der Beseitiger von Verdrängungs- 
tendenzen ist, dem der innere Drang nach Lustbefriedigung 
auf halbem Weg entgegenkommt. 

Ist bei einem Teil dieser „Intoleranten" der Alkoholgenuß 
ein unbewußter Versuch der palliativen Selbstbehandlung durch 
Zensurvergiftung, so kannte ich andererseits auch Neurotiker, die 
sich bewußt und mit Erfolg dieses Mittels bedienten, nicht ohne 
sich dabei der Gefahr des chronischen Alkoholismus auszusetzen. 
Einem Agoraphoben z. B., dem kein sonstiges Narkotikum 
half, verhalf ein Schluck Kognak zu so viel M u t, daß er sogar 
die halbkilometerlange Donaubrücke zu passieren wagte. Sein 
Leben bestand in einem Hin- und Herschwanken zwischen 
Rausch und Neurose, und es ist wirklich kein allzu gewagter 
Schluß anzunehmen, daß, wenn ein solcher Mensch Alkoholiker 
wird, sein Alkoholismus eine Folge und nicht die Ursache seiner 
Neurose war. 

Wie wir uns die auslösende Wirkung des Alkohols vorstellen 
müssen, darüber brachte uns die geniale Arbeit von O. Groß 
über den manischen Mechanismus einige Aufklärung. 
Wir haben von ihm gelernt, daß es Menschen gibt, die 
Manischen, die imstande sind, auch ohne Einführung von Lust- 
stoffen von außen, durch endogene Lustproduktion, deprimierende 
Gedankenkomplexe und depressive Affekte zum Schweigen zu 
bringen und zu überschreien. 

Ich glaube nun, daß der Neurotiker, der zum Schnapsglase 
greift, eigentlich dieser ihm mangelnden Fähigkeit zur endo- 
genen Lustproduktion durch Alkoholgenuß nachhelfen will, 
was eine gewisse Analogie der hypothetischen endogenen Libido- 
stoffe mit dem Alkohol vermuten laßt, wie denn auch die 
Symptomatologie des Rausches mit nachfolgendem Katzenjammer 
große Ähnlichkeiten mit der zirkulären Psychose aufweist. Diese 
Überlegungen stützen aber zugleich die von mir aufgestellte 



Alkohol und Neurosen 149 

Behauptung, daß der Alkohol in erster Linie für solche Persönlich- 
keiten gefährlich wird, die aus inneren Gründen ein gesteigertes 
Bedürfnis nach exogener Lustbefriedigung haben. 

Einen interessanten Einblick in die Beziehung zwischen 
Alkohol und Neurose gewinnt man auch durch die Beobachtung 
und die Analyse von Antialkoholisten. In mehreren Fällen ließ 
sich der antialkoholistische Eifer auf sexuelle Freiheiten, die 
der Antialkoholiker sich unter Selbstvorwurf gestattet, für die er 
sich aber durch die Alkoholentziehung, also eine andere Art 
Askese, bestraft, zurückführen. Es stimmt dazu nicht schlecht, 
daß oft dieselben, die die absolute Alkoholabstinenz am lautesten 
fordern, mit der Gewährung von Sexualfreiheiten sehr frei- 
gebig sind. Diese Konstatierung sagt natürlich über den Wert 
der antialkoholistischen Bewegung nichts aus. Hat doch jeder 
Beruf (z. B. auch der psychoanalytische) seine disponierenden 
Momente in der Sexualkonstitution. Ich will auch nicht 
behaupten, daß der Antialkoholismus in jedem Falle auf solche 
Faktoren zurückzuführen ist. Ich wollte nur andeuten, daß 
auch die Flucht vor dem Alkohol oft eine neurotische (d. h. haupt- 
sächlich vom Unbewußten konstell ierte) Tendenz ist, eine Art 
Verschiebung des Widerstandes. Der Alkoholiker hat seine Libido 
verdrängt und kann sie nur im Rausche wieder besetzen; der 
neurotische Abstinenzler lebt seine Sexualität zwar aus, muß 
sich aber dafür einen anderen, ähnlichen Wunsch versagen. Ein 
solcher Antialkoholiker erinnert mich an jenen Mann, von dem 
mir Professor Freud einmal erzählte. Dieser machte sich als 
kleiner Junge schreckliche Gewissensbisse darüber, daß er, 
während er gerade Ribiselkipfel aß, unzüchtige Berührungen an 
einem kleinen Mädchen vornahm. Die nachträgliche Wirkung 
der Gewissensbisse war so stark, daß er seit dieser Zeit — keine 
Ribiselkipfel mehr ertragen konnte. 1 

O Der Sexualbefriedigung fronte er aber auch weiterhin. 



150 S. Ferenczi 



Herr Professor Bleuler kritisiert auch meine Behauptung, 
daß der Alkohol die Sublimierungen zerstöre. Dem wider- 
spreche seiner Ansicht nach das oft zu beobachtende Laut- 
werden von patriotischen Sublimierungen unter Alkohol- 
einfluß. 

Diese Entgegnung erinnert mich daran, daß ich es in 
meiner Arbeit unterließ, das quantitative Moment bei der 
Alkoholwirkung zu berühren. Kleine Mengen Alkohol können 
eben sehr wohl auch Sublimierungen manifest werden lassen, 
die im Individuum fertiggebildet sind, sich aber infolge von 
Hemmungen nicht äußern können. — Wenn aber ein Betrunkener 
sub titulo „Patriotismus" gerührt seinen Tischnachbar umarmt 
und küßt, so kann vielleicht von schlecht larvierter homo- 
sexueller Erotik, keinesfalls aber von Sublimierung gesprochen 
werden . 

Auf Grund meiner Erfahrungen halte ich übrigens auch den 
Fall nicht für absolut ausgeschlossen, daß ein Neurotiker „infolge 
der Bosheit seiner Frau oder nach der plötzlichen Erkrankung seines 
Schweines" sich dem Trünke ergibt. Das logische Denken mag 
dann — wie mein Kritiker — diese Motive des Trinkens für 
„blödsinnig" erklären und den Trinker der „Schwäche" beschul- 
digen ; die Psychoanalyse findet aber tiefere Erklärungen für 
diese Vulnerabilität und die ungenügende Motivierung der 
Handlungen. (Komplexempfindlichkeit, Verschiebung, Flucht in 
die Krankheit usw.) 

Ich las unlängst den Sammelbericht des Dr. H. Müller 
über die Arbeiten auf dem Gebiete der Alkoholpsychosen aus 
dem Jahre 1906 bis 1910. Ich bekam aus der Lektüre des 
Berichts nicht den Eindruck besonderer Kompliziertheit, ver- 
stehe also nicht, warum Herr Professor Bleuler gleichsam 
einen Befähigungsnachweis von jedem fordert, der sich mit 
Alkoholfragen beschäftigen will. Nebenbei fand ich in dem Berichte 






Alkohol und Neurosen 151 

eine ganze Reihe von Ansichten wiedergegeben, die die sekun- 
däre, gleichsam nur auslösende Bedeutung des Alkohols bei 
den im Wesen endogenen alkoholischen Geistesstörungen ver- 
treten. (Bonhoeffer, Souchanow, Stöcker, Reich- 
hardt, Mandel.) Auch ich stehe auf diesem Standpunkte, 
gehe aber einen Schritt weiter, indem ich an Stelle des unklaren 
Begriffs der Endogeneität die Freud sehen und Groß sehen 
Mechanismen setze. 

Die Befürchtung des Herrn Professor Bleuler, daß das 
urteilslose Publikum meine Ansicht über die Alkoholpsychosen 
ebenso mißverstehen kann wie Freuds Sexuallehre, teile 
ich zwar, sehe aber darin keinen Grund zur Verheimlichung 
meiner Anschauung. Hatte Freud auf die Urteilslosen ängst- 
lich Rücksicht genommen, so gäbe es heute keine Psycho- 
analyse. 



Zur Nosologie der männlichen Homo- 
sexualität (Homoerotik) 

(Vortrag, gehalten auf dem III. Kongreß der „Internationalen Psycho- 
analytischen Vereinigung" zu Weimar im Oktober 1911) 

Was wir über die Homosexualität von der Psychoanalyse 
| gelernt haben, ist in wenigen Sätzen zusammenzufassen. Der 
J erste und bedeutendste Schritt zur tieferen Erkenntnis dieser 
I Triebxichtung war die Annahme von F 1 i e ß und Freud, 1 daß 
eigentlich jeder Mensch in seiner Kindheit ein psychisch- 
bisexuelles Stadium durchmacht. 2 Die „homosexuelle Kom- 
ponente*' fällt später der Verdrängung zum Opfer; nur ein kleinerer 
Teil dieser Komponente wird auch in das Kulturleben des Er- 
wachsenen in sublimierter Form hinübergerettet und spielt in der 
sozialen Hilfsbereitscha ft, in Freundschaftsbünden, im Vereinsleben 

1) Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. (Ges. Sehr., Bd. V.) 

2) Bei einer früheren Gelegenheit schlug ich vor, statt des Aus- 
druckes „bisexuell" eher den Terminus „ambisexuell" zu gebrauchen, 
womit ausgedrückt werden soll, daß das Kind in einem gewissen Ent- 
wicklungsstadium amphierotisch fühlt, d. h. seine Libido gleich- 
zeitig auf Mann und Frau (Vater und Mutter) übertragen kann. Damit 
wäre der Gegensatz der Preudschen Auffassung zu der Flieflschen 
Theorie der biologischen Bisexualität genügend zum Ausdruck 
gebracht. 






Zur Nosologie der män nlidien Homosexualität (Homoerotik) 153 

usw. eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die ungenügend ver- 
drängte Homosexualität kann später unter Umständen wieder 
manifest werden, sich in neurotischen Symptomen äußern; so 
besonders bei der Paranoia, von der neuere Untersuchungen 
feststellen konnten, daß sie eigentlich als eine entstellte Mani- 
festation der Neigung zum eigenen Geschlecht aufzufassen ist. 1 

Einen neueren Gesichtspunkt, der uns das Verständnis der 
Homosexualität erleichtert, verdanken wir Sadger und Freud. 
Sadger entdeckte bei der Psychoanalyse mehrerer männlicher 
Homosexueller, daß sich bei ihnen in der ersten Kindheit 
intensive heterosexuelle Neigungen äußerten; ja, daß ihr 
„Ödipuskomplex" (Liebe zur Mutter, Haßeinstellung dem Vater 
gegenüber) besonders intensiv zum Ausdruck kam. Er meinte, 
daß bei ihnen die später sich entwickelnde Homosexualität 
eigentlich nur ein Versuch ist, das ursprüngliche Verhältnis 
zur Mutter wieder herzustellen. Jn den gleichgeschlecht- 
lichen Lustobjekten seiner Begierde liebt der Homosexuelle 
unbewußt sich selbst, während er selber (gleichfalls unbe- 
wußt) die weibliche und weibische Rolle der Mutter darstellt. 

Dieses Sichselbstlieben in der Person eines anderen Menschen 
nannte er Narzißmus. Freud zeigte uns dann, daß dem 
Narzißmus eine viel größere und allgemeinere Bedeutung 
zukommt und daß jeder Mensch ein narzißtisches Entwicklungs- 
stadium durchmachen muß. Nach dem Stadium des „polymorph- 
perversen" Autoerotismus, und bevor die eigentliche Wahl eines 
Liebesobjekts aus der Außenwelt stattfindet, nimmt jeder Mensch 
sich selbst zum Liebesobjekt, indem er die bisher autistischen 
Erotismen zu einer Einheit, zum „lieben Ich" zusammenfaßt. 



1 ) Freud, Psy choanaly tis che B emerkungen üb er einen autobi o - 
graphisch beschriebenen Fall von Paranoia. (Ges. Sehr., Bd. VIII.) 
S. auch: Die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia. 
(S. 120 ff. dieses Bandest 



1.54 S. Ferenczi 



Die Homosexuellen sind nur stärker als andere an dieses narziß- 
tische Stadium fixiert; das dem ihrigen gleiche Genitale bleibt 
für sie zeitlebens Liebesbedingung. 

Alle diese an sich sehr bedeutsamen Erkenntnisse geben aber 
immer noch keine Erklärung jener Besonderheiten der Sexual- 
konstitution und jener besonderen Erlebnisse, die der mani- 
festen Homosexualität zugrunde liegen. 

Ich nehme gleich vorweg, daß es trotz vielen Kopfzerbrechens 
auch mir nicht gelang, diese Fragen zu losen. Der Zweck dieser 
Mitteilung ist auch nichts anderes, als einige Erfahrungs- 
tatsachen und Gesichtspunkte mitzuteilen, die sich mir im 
Laufe mehrjähriger psychoanalytischer Beobachtung Homo- 
sexueller wie von selbst aufdrängten und die geeignet sein 
dürften, die richtige nosologische Einordnung homosexueller 
Zustandsbilder zu erleichtern. 

Mir schien von Anfang an, daß man die Bezeichnung 
„Homosexualität" heutzutage auf allzu ungleichartige und im 
Wesen nicht zusammengehörige psychische Abnormitäten 
anwendet. Sexuelle Beziehungen zum eigenen Geschlecht sind 
ja nur ein Symptom und dieses Symptom kann die Er- 
scheinungsform der verschiedenartigsten Krankheiten und Ent- 
wicklungsstörungen, wohl auch eine Äußerung des normalen 
Seelenlebens sein. Es war also von vornherein unwahrschein-, 
lieh, daß alles, was heute mit dem Sammelnamen „Homo- 
sexualität" belegt wird, sich zwanglos als eine klinische Einheit 
ergäbe. Jene zwei Typen der Homosexualität zum Beispiel, die 
man als „aktive* und „passive unterschied, faßte man bisher 
wie selbstverständlich als zweierlei Erscheinungsformen des- 
selben Zustandes auf; bei beiden sprach man nur von der 
„Inversion des Geschlechtstriebes, von „konträrer" Geschlechts- 
empfindung, von „Perversion", und bedachte nicht, daß man 
auf diese Art zwei im Wesen verschiedene Krankheitszustände, 






Zur Nosologie der männlichen Homosexualität (Homoerotik) 155 

nur weil ihnen ein auffälliges Symptom gemeinsam ist, ver- 
mengen könnte. Und doch zeigt schon die oberflächliche Beob- 
achtung dieser zwei Arten der Homoerotik, 1 daß sie — 
wenigstens in den reinen Fällen — ganz verschiedenen Symptom- 
komplexen angehören und daß der „handelnde" und der 
„leidende" Homoerotiker grundverschiedene Menschentypen dar- 
stellen. Nur der passive Homoerotiker verdient, ein „Invertierter" 
genannt zu werden ; nur bei ihm sieht man die wirkliche Um- 
kehrung normaler psychischer, eventuell auch körperlicher Cha- 
raktere, nur er ist eine echte „Zwischenstufe". Ein Mann, der 
sich im Verkehr mit Männern als Weib fühlt, ist in bezug auf sein 
eigenes Ich invertiert (Homoerotik durch Subjektinversion oder 
kürzer „Subjekt-Homoerotik"), er fühlt sich als Weib, 
und zwar nicht nur beim Genitalverkehr, sondern in allen 
Beziehungen des Lebens. 

Anders der echte „aktive Homosexuelle". Dieser fühlt sich 
in jeder Hinsicht ein Mann, ist meistens sehr energisch und 
aktiv, nichts Weibisches ist an seiner körperlichen oder seelischen 
Organisation zu entdecken. Einzig das Objekt seiner Neigung 
ist vertauscht, so daß man ihn als einen Homoerotiker 
durch Vertauschung des Liebesobjekts oder kürzer 
einen Objekt -Homoerotiker nennen konnte. 

Ein weiterer auffälliger Unterschied zwischen dem „subjek- 
tiven" und dem „objektiven" Homoerotiker besteht darin, daß 
der Erstgenannte (der Invertierte) sich eher von reiferen, 
kräftigen Männern angezogen fühlt und mit Frauen freund- 
schaftlich, man möchte fast sagen, kollegial verkehrt; der 
Objektive dagegen sich fast ausschließlich für junge, zarte 

1) Das Wort stammt von F. Karsch-Haack (Das gleich- 
geschlechtliche Leben der Naturvölker, München 1911) und ist meiner 
Ansicht nach dem zu Mißverständnissen Anlaß bietenden Ausdruck 
Homosexualität vorzuziehen, da es im Gegensatz zum biologischen 
Terminus „Sexualität" die psychische Seite des Triebes hervorhebt. 



156 S. Ferenczi 



Knaben von weibischem Äußeren interessiert, dem Weibe aber 
mit ausgesprochener Antipathie, nicht selten mit schlecht oder 
gar nicht verhehltem Haß begegnet. Der echte Invertierte 
wendet sich aus eigenem Antrieb fast nie an den Arzt, er fühlt 
sich in der passiven Rolle vollkommen wohl und hat keinen 
anderen Wunsch, als daß man sich mit seiner Eigenart abfinde 
und die ihm passende Art der Befriedigung nicht störe. Da er 
mit keinen inneren Konflikten zu kämpfen hat, kann er jahre^ 
lang glückliche Liebschaften unterhalten und fürchtet eigent- 
lich nichts als die äußere Gefahr und die Beschämung. Dazu 
ist seine Liebe bis in die feinsten Züge weiblich. Die Sexual- 
überschätzung, die nach Freud die Liebe des Mannes charak- 
terisiert, fehlt bei ihm: er ist nicht sehr leidenschaftlich und 
verlangt als echter Narzißt von seinem Geliebten hauptsächlich 
die Anerkennung der körperlichen uud sonstigen Vorzüge. 

Den Objekthomoerotiker quält dagegen das Bewußtsein seiner 
Abnormität ungemein; der Geschlechtsverkehr befriedigt ihn 
nie vollständig, er ist von Gewissensbissen gefoltert und über- 
schätzt sein Sexualobjekt aufs äußerste. Daß er, von Konflikten 
geplagt, sich mit seinem Zustand nie abfindet, beweisen seine 
wiederholten Versuche, dem Übel mit ärztlicher Hilfe beizu- 
kommen. Er wechselt zwar häufig seinen Liebesgenossen, jedoch 
nicht aus Oberflächlichkeit, wie der Invertierte, sondern zufolge 
schmerzlicher Enttäuschungen und der unstillbaren und erfolg- 
losen Jagd nach dem Liebesideal. („Reihenbildung" nach 
Freud.) 

Es kommt vor, daß sich zwei Homoerotiker von ver- 
schiedenem Typus zu einem Liebespaar vereinigen. Der Inver- 
tierte findet einen ganz entsprechenden Liebhaber im Objekt- 
homoerotiker, der ihn anbetet, materiell unterstützt, imposant 
und energisch ist ; dem Obj ektiven dagegen mag im Inver- 
tierten gerade die Mischung von männlichen und weiblichen 



Zur Nosologie der mä nnlidien Homosexualität (Homoerotik) 157 

Zügen gefallen. (Übrigens kenne ich auch aktive Homoerotiker, 
die sich ausschließlich nichtinvertierte Jünglinge wünschen und 
sich nur in Ermangelung solcher mit Invertierten begnügen. 1 

So zwanglos sich auch diese zwei Charakterbilder der Homo- 
erotik voneinander sondern lassen, bedeuten sie nicht mehr als 
eine oberflächliche Beschreibung von Symptomkomplexen, solange 
sie nicht dem auflösenden Verfahren der Psychoanalyse unter- 
worfen werden, das uns ihr Entstehen erst psychologisch ver- 
ständlich machen kann. 

Ich war nun in der Lage, mehrere männliche Homoerotiker 
psychoanalytisch zu behandeln; manche nur kurze Zeit (einige 
Wochen), andere Monate, ja, ein ganzes Jahr läng und noch 
länger. Ich halte es für lehrreicher, in dieser Zusammenfassung 
keine Krankengeschichten zu erzählen, sondern meine Ein- 
drücke und Erfahrungen über die Homoerotik zu zwei psycho- 
analytischen Galton-Photographien zu verdichten.* 

Das Endergebnis meiner Untersuchungen kann ich gleich 
vorausschicken: die Psychoanalyse bewies mir, daß die Subjekt- 
und die Objekthomoerotik wirklich wesensverschiedene Zustände 
sind. Erstere ist eine wahre „sexuelle Zwischenstufe" (im Sinne 
von Magnus Hirschfeld und seiner Anhänger), also eine 

1) Es ist mir bewußt, daß, wenn ich den Invertierten „weiblich", 
den Objekthomoerotiker aber „männlich" heiße, ich mit Begriffen 
operiere, deren Umfang nicht mit genügender Schärfe bestimmt ist. Es 
soll hier nur angedeutet werden, daß ich unter Männlichkeit die 
Aktivität (Aggressivität) der Libido, hochentwickelte Objektliebe mit 
Überschätzung des Objekts, eine damit nur scheinbar kontrastierende 
Polygamie und als entferntes Derivat der Aktivität die intellektuelle 
Schärfe verstehe, unter Weiblichkeit aber Passivität (Ver- 
drängungsneigung), Narzißmus und Intuitivität. Natürlich sind die 
psychischen Geschlechtsmerkmale in jedem Individuum — wenn auch 
in ungleichem Mengenverhältnis — gemischt, (Ambisexualität.) 

2) Ein weiteres Motiv zu diesem Verfahren erwächst aus der Rück- 
sicht auf die zu wahrende Anonymität der Patienten. 



158 S. ierenczi 



reine Entwicklungsanomalie; die Objekt-Homoerotik 
aber ist eine Neurose, und zwar eine Zwangsneurose. 

Die tiefsten Schichten der Seele und die ältesten Erinnerungs- 
spuren zeugen noch bei beiden Typen von Amphierotik, 1 von 
der Besetzung beider Geschlechter, respektive der Beziehung zu 
beiden Elternteilen mit Libido. In der weiteren Entwicklung 
entfernen sich aber Inversion und Objekt-Homoerotik sehr weit 
voneinander. 

Wir können sehr tief in die Vorgeschichte des Subjekt- 
Homoerotikers hinuntergraben und finden überall schon die 
Anzeichen seiner Inversion, nämlich das abnorm weihische 
Wesen. Schon als ganz kleines Kind phantasiert er sich in die 
Situation der Mutter und nicht in die des Vaters hinein; er 
bringt sogar einen invertierten Ödipuskomplex zustande; 
er wünscht den Tod der Mutter herbei, um ihre Stellung neben 
dem Vater einzunehmen und alle ihre Rechte genießen zu 
können ; er sehnt sich nach ihren Kleidern, ihrem Geschmeide 
natürlich auch nach ihrer Schönheit und den Zärtlichkeiten, 
die ihr zuteil werden; er träumt vom Kinderkriegen, spielt mit 
Puppen, kleidet sich gern weibisch. Er ist eifersüchtig auf die 
Mutter, beansprucht die ganze Zärtlichkeit des Vaters für sich, 
während er die Mutter eher als etwas beneidenswert Schönes 
bewundert. In manchen Fällen zeigt sich deutlich, daß die 
wahrscheinlich stets konstitutionell bedingte Inversionsneigung 
auch von äußeren Einflüssen verstärkt wird. Verzärtelte „einzige 
Kinder ", kleine Günstlinge, die in ausschließlich weiblicher 
Umgebung aufwachsen, Knaben, die, weil sie an Stelle eines 
ersehnten Mädchens zur Welt kamen, nach Mädchenart erzogen 



1) Dieses Wort gibt, wie ich glaube, den psychologischen Charakter 
des damit Gemeinten besser als der von mir bei Gelegenheit vor- 
geschlagene Terminus „Ambisexualität" wieder. 



Zur Nosologie der mä nnlichen Homosexualität (Homoerotik) 159 

werden, können bei entsprechender Veranlagung in ihrem 
Geschlechtscharakter eher invertiert werden. 1 

Andererseits kann gerade das narzißtische Wesen des Knaben 
die übermäßige Verzärtelung der Eltern provozieren und so 
einen circulus vitiosus in Gang bringen. Auch körperliche 
Eigenschaften, die mädchenhafte Körpergestalt und Gesichts- 
bildung, reiche Kopfbehaarung usw. können dazu beitragen, daß 
man einen Knaben nach Mädchenart behandelt. So mag sich 
an das narzißtische Wesen des Kindes überhaupt erst sekundär 
die Bevorzugung seitens des Vaters und deren Erwiderung 
anlehnen; ich kenne Fälle, in denen der narzißtische Knabe 
die latente Homoerotik des Vaters in Form von' Überzärtlich- 
keit provozierte, was dann zur Fixierung seiner eigenen Inver- 
sion nicht wenig beitrug. 

Über das weitere Schicksal solcher Knaben kann auch die 
Psychoanalyse nichts Neues erzählen; sie bleiben in diesem 
frühen Stadium der Entwicklung stecken und werden schließ- 
lich zu Persönlichkeiten, wie wir sie aus den Selbstbiographien 
der Urninge zur Genüge kennen. Ich kann hier nur weniges 
hervorheben. Die Koprophilie und die Riechlust ist bei ihnen 
tief verdrängt, oft zu Ästhetentum, Vorliebe für Parfüms, 
Kunstenthusiasmus sublimiert. Charakteristisch ist weiters ihre 



1) Unter Knaben, die ohne Vater aufwachsen, finden sich verhältnis- 
mäßig häufig Homoerotiker. Ich vermute, daß die Fixierung an die 
Imago des früh verlorenen oder gar nicht gekannten Vaters, zum Teil 
wenigstens, daraus folgt, daß unter solchen Verhältnissen der sonst 
unvermeidliche Konflikt zwischen Vater und Sohn unterbleibt. („Der 
Mensch rechnet immer das, was ihm fehlt, dem Schicksal doppelt so 
hoch an, als das, was er wirklich besitzt; so haben mich auch die 
langen Erzählungen der Mutter immer mehr mit Sehnsucht nach meinem 
Vater erfüllt, welchen ich nicht mehr gekannt habe." Gottfried Keller, 
„Der grüne Heinrich", IL Kap.) Auch in Familien, wo der Vater lebt, 
aber minderwertig oder bedeutungslos ist, sehnt sich der Sohn über- 
mäßig nach einem „starken* 1 Mann und bleibt inversionsgeneigt. 



160 



S. Ferenczi 



Idiosynkrasie gegen Blut und alles Blutige. Sie sind meist sehr 
suggestibel und leicht hypnotisierbar; die Schuld ihrer ersten 
Verführung schieben sie mit Vorliebe auf die „Suggestion" 
eines sie starr anblickenden oder sonstwie verfolgenden Mannes. 
Natürlich versteckt sich hinter dieser Suggestion die eigene 
Traumatophilie. 

Da die Analyse des Invertierten eigentlich keine Affekte 
zutage fördert, die geeignet wären, seine bisherige Einstellung 
dem männlichen Geschlecht gegenüber wesentlich zu verändern, 
ist die Inversion (Subjekt-Homoerotik) als ein durch die Analyse 
(oder überhaupt durch irgendeine Art von Psychotherapie) nicht 
heilbarer Zustand anzusehen. Ohne Einfluß auf das Verhalten 
des Patienten bleibt aber die Psychoanalyse nicht; sie behebt 
die die Inversion eventuell begleitenden neurotischen Symptome, 
besonders die oft nicht geringe Angst. Der Invertierte bekennt 
sich nach der Analyse freimütiger zu seiner Homoerotik als 
vor derselben, Es muß übrigens bemerkt werden, daß viele 
Invertierte gegen Zärtlichkeiten seitens Personen weiblichen 
Geschlechts durchaus nicht ganz unempfänglich sind. Sie leben 
eben im Verkehr mit Frauen (also ihresgleichen) gleich- 
sam die homosexuelle Komponente ihrer Geschlecht- 
lichkeit aus. 

Wieder anders stellt sich das Bild der Objekt-Homoerotik 
schon nach oberflächlicher Analyse dar. Nach der allerkürzesten 
Untersuchung erweisen sich die daran leidenden als typische 
Zwangsneurotiker. Es wimmeln in ihnen Zwangsideen, 
davor schützende Zwangsmaßregeln und Zeremonien. Die tiefer 
reichende Zergliederung findet dann hinter dem Zwang den 
quälenden Zweifel sowie jene Unausgeglichenheit des Liebens 
und Hassens, die Freud als die Grundlage der Zwangsmecha- 
nismen entdeckte. Die Psychoanalyse solcher nur in bezug auf 
ihr Liebesobjekt abnorm fühlender Homoerotiker von sonst rein 



Zur Nosologie der männlichen Homosexualität (Homoerotik) löi 

männlichem Typus zeigte mir deutlich, daß diese Art Homo- 
erotik in allen ihren Erscheinungsweisen selbst nichts anderes ist 
als eine Reihe von Zwangs gefühlen und Zwangshand- 
lungen. Zwanghaft ist ja die Sexualität überhaupt; die Objekt- 
Homoerotik ist aber — nach meiner Erfahrung — ein echt n eu- 
rotischer Zwang mit logisch nicht reversibler Substitution 
normaler Sexualziele und Sexualhandlungen durch abnorme. 
Die durchschnittliche (analytisch erforschte) Vorgeschichte 
der Homoerotiker vom männlichen Typus ist etwa die folgende: 
Sie waren alle schon sehr frühzeitig sexuell, und zwar 
heterosexuell aggressiv (was die Sadgerschen Funde 
bekräftigt). Ihre Ödipusphantasien waren immer „normal" und 
gipfelten in sexuell-sadistischen Angriffsplänen gegen die Mutter 
(oder deren Stellvertreterin) und grausamen Todeswünschen 
gegen den störenden Vater. Sie waren alle auch intellektuell 
frühreif und schufen in ihrem Wissensdrang eine Menge 
infantiler Sexualtheorien; dies bildet auch die Grundlage ihres 
späteren Denkzwanges. Nebst Aggressivität und Intellektualität 
ist ihre Konstitution durch ungewöhnlich starke Analerotik und 
Koprophilie charakterisiert. 1 Sie wurden in der frühesten Kind- 
heit von einem d er Eltern 2 wegen eines heteroerotischen 

1) Die in diesem Vortrag vertretene Ansicht, daß die Objekt-Homo- 
erotik eine Zwangsneurose ist, befestigte sich in mir noch mehr, als 
Freud in seiner Arbeit über „Die Disposition zur Zwangsneurose" 
1 9 1 3- (Ges. Sehr., Bd. V) als konstitutionelle Grundlage dieser Neurose 
die Fixierung an ein prägenitales, und zwar sadistisch-anal- 
erotisches Entwicklungsstadium der Libido angab. Gerade den 
Sadismus und die Analerotik fand ich auch der Objekt-Homoerotik 
zugrunde liegend, was entschieden für die Zusammengehörigkeit dieser 
Krankheitszustände spricht (Siehe auch: E.Jones, Haß und Analerotik 
in der Zwangsneurose. Int. Zeitschr, f. PsA,, I, 1913.) 

2) Es fiel mir auf, wie häufig die Mutter es war, die den späteren 
Homoerotikern diese Rüge erteilte, ich legte aber diesem Umstände keine 
besondere Bedeutung bei, bis mich Prof. Freud auf die Bedeut- 
samkeit gerade dieses Moments aufmerksam machte. 

V e r e n c z i, Bausteine zur Psychoanalyse I 3 j 



1Ö2 



S. Ferenczi 



Vergehens (unzüchtige Berührung eines Mädchens, infantiler 
J[fi * ß A Koitusversuch) hart bestraft und mußten bei dieser Gelegenheit 
(die 'sich öfter wiederholte) einen heftigen Wutanfall unter- 
drücken. Sie wurden daraufhin in der — früh einsetzenden 
— Latenzzeit besonders folgsam, mieden die Gesellschaft von 
Mädchen und Frauen halb trotzig, halb ängstlich und ver- 
kehrten ausschließlich mit ihren Freunden. Bei einem meiner 
Patienten ereigneten sich manchmal „Durchbrüche" der Latenz- 
periode in Form homoerotischer Zärtlichkeit; bei einem anderen 
wurde die Latenz durch das Belauschen des Geschlechtsverkehrs 
der Eltern gestört, wonach die bisherige „Artigkeit" durch eine 
vorübergehende Periode des Schlimmseins (Rachephantasien) 
unterbrochen wurde. Beim Libidoschub der Pubertät wendet 
sich die Neigung des Homoerotikers zunächst wieder dem 
anderen Geschlechte zu; es genügt aber die leiseste Rüge oder 
Mahnung seitens einer Respektsperson, um die Angst vor den 
Weibern wieder zu erwecken, worauf dann unmittelbar oder 
nach kurzer Latenz die endgültige Flucht vom weiblichen zum 
eigenen Geschlecht stattfindet. Ein Patient verliebte sich als 
Fünfzehnjähriger in eine Schauspielerin, über deren Moralität 
die Mutter einige nicht ganz schmeichelhafte Äußerungen tat; 
seitdem näherte er sich nie einem Weibe und fühlt sich von 
jungen Männern zwanghaft angezogen. Bei einem anderen 
Patienten setzte die Pubertät mit einer förmlichen hetero- 
sexuellen Raserei ein ; er mußte ein Jahr lang täglich koitieren 
und verschaffte sich das Geld dazu, wenn nötig, auf unredliche 
Weise. Als er aber die Dienstmagd des Hauses schwängerte und 
deswegen vom Vater gescholten und von der Mutter beschimpft 
wurde, verlegte er sich mit ebensolchem Eifer auf den Kultus 
des männlichen Geschlechts, von dem er seitdem trotz aller 
Anstrengung nicht abzubringen war. 

Im Übertragungsverhältnis zum Arzte wiederholen die Objekt- 



Zur Nosologie der m ännlidien Homosexualität (Homoerotik) 163 



Homoerotiker die Genese ihres Leidens. Ist die Übertragung 
auf den Arzt von Anfang an eine positive, so kommen schon 
nach kurzer Behandlung unerwartete „Heilungen" zustande; 
doch beim leisesten Konflikt fällt der Patient in die Homo- 
erotik zurück und erst jetzt, beim Einsetzen des Widerstandes, 
fängt die eigentliche Analyse an. Ist die Übertragung von 
Anfang an negativ, wie besonders bei Kranken, die nicht aus 
eigenem Antrieb, sondern auf Geheiß der Eltern in die Kur 
kommen, so kommt es sehr lange Zeit gar nicht zur wirk- 
lichen Analysenarbeit; der Patient vergeudet die Stunde mit 
der prahlerischen und höhnischen Erzählung seiner homo- 
erotischen Abenteuer. 

In der unbewußten Phantasie des Objekt-Homoerotikers kann 
der Arzt — „im übertragenen Wirkungskreise" — die Stelle 
von Mann und Weib, Vater und Mutter vertreten, wobei Um- 
kehrungen verschiedenster Art 1 eine sehr bedeutende Rolle 
spielen. Es stellt sich heraus, daß ein Objekt-Homoerotiker im 
Manne unbewußt das Weib zu lieben versteht; die hintere 
Körperhälfte des Mannes kann ihm die vordere des Weibes 
bedeuten, wobei die Schulterblätter oder die Nates die Bedeutung 
weiblicher Brüste einnehmen. Dies waren die Fälle, die mir 
besonders kraß zeigten, daß diese Art Homoerotik nur ein 
Substitutionsprodukt der heteroerotischen Libido ist. Dabei 
befriedigt der aktive Homoerotiker gleichzeitig auch seine sadi- 
stischen und analerotischen Triebe; dies gilt nicht nur von den 
wirklichen Päderasten, sondern auch von den überfeinerten, 

1) Sehr reich an Umkehrungen sind die Träume der Homo- 
erotiker. Ganze Traumreihen müssen oft umgekehrt gelesen werden. 
Die Symptomhandlung des Versprechens und Verschreibens beim 
Gebrauch des G e s chle ch t s ar tik eis ist häufig. Der eine Patient 
brachte sogar eine bisexuelle Zahl zusammen: die Zahl 101 bedeutete 
dort, wie sich aus dem Zusammenhange ergab, u. a., daß es ihm von 
„vorn und hinten gleich" sei. 



1Ö4 S. Ferenczi 

sich vor jeder unzüchtigen Berührung der Knaben ängstlich 
scheuenden Knabenliebhabern, nur sind bei letzteren Sadismus 
und Analerotik durch ihre Reaktionsbildungen ersetzt. 

Im Lichte der Psychoanalyse erscheint also der aktiv -homo- 
L erotische Akt einerseits als nachträglicher (falscher) Gehorsam, 
der, das elterliche Verbot wörtlich nehmend, den Verkehr mit 
Weibern wirklich meidet, in unbewußten Phantasien aber den 
verbotenen hetero erotischen Gelüsten frönt; andererseits steht 
der päderastische Akt im Dienste der ursprünglichen Ödipus- 
phantasie und bedeutet die Verletzung und Beschmutzung des 
Mannes. 1 

Von der intellektuellen Seite betrachtet, erweist sich die 
zwanghafte Homoerotik zunächst als die Überkorrektur des 
Zweifels an der Liebe zum eigenen Geschlecht. Der homo- 
erotische Zwang vereinigt in glücklichem Kompromiß die 
Flucht vor dem Weibe und ihren symbolischen Ersatz sowie 
den Haß gegenüber dem Manne und dessen Kompensation. 
Indem das Weib aus dem Liebesleben scheinbar ausgeschaltet 
ist, gibt es bewußterweise kein Streitobjekt mehr zwischen 
Vater und Sohn. 

Erwähnenswert ist, daß die meisten von mir analysierten 
Zwangs-Homoerotiker (wie man diesen Typus auch 
bezeichnen könnte) die jetzt so verbreitete Zwischenstufen - 
theorie der gleichgeschlechtlichen Neigung dazu benützen, um 
ihren Zustand als angeboren, daher unabänderlich, unbeeinfluß- 
bar, oder um mit Schrebers „Denkwürdigkeiten" zu reden, 
weltordnungsmäßig hinzustellen. Sie halten sich alle für 
Invertierte und sind froh, für die Berechtigung ihrer 

i) Ein Patient mußte, wenn er sich von einem Manne, besonders 
von einem Vorgesetzten verletzt fühlte, sofort einen männlichen Prosti- 
tuierten aufsuchen; nur so war er imstande, sich des Wutausbruches zu 
erwehren. Die angebliche „Liebe" zum Mann war hier wesentlich ein 
Gewalt- und Racheakt. 



Zar Nosologie der männlichen Homosexualität (Homoerotik) I65 

Zwangsvorstellungen und Handlungen eine wissenschaftliche 
Stütze gefunden zu haben. 

Ich muß mich hier natürlich auch über meine Erfahrungen 
bezüglich der Heilbarkeit dieser Form der Homoerotik äußern, 
Zunächst konstatiere ich, daß es (mir wenigstens) noch nicht 
gelungen ist, einen schweren Fall von Zwangs-Homoerotik voll- 
ständig zu heilen; sehr weitgehende Besserungen konnte ich 
aber in mehreren Fällen verzeichnen, so besonders: Nachlaß 
der feindseligen Einstellung und des Ekels Frauen gegenüber, 
bessere Beherrschung des früher unaufschiebbaren homo- 
erotischen Befriedigungszwanges bei sonstigem Erhaltenbleiben 
der Triebrichtung; Erwachen der Potenz auch Frauen gegen- 
über, also eine Art Amphierotik, die die Stelle der früher aus- 
schließlichen Homoerotik, oft in periodischen Schwankungen 
mit letzterer alternierend, einnahm. Die Erfahrungen ermutigen 
mich aber zu der Erwartung, daß die Zwangs-Homoerotik 
mittels der psychoanalytischen Methode ebenso heilbar sein wird 
wie die anderen Formen von, Zwangsneurose. Allerdings ver- 
mute ich, daß die gründliche Reversion einer seit langer 
Zeit festgewurzelten Zwangs-Homoerotik ganze Jahre analy- 
tischer Arbeit in A nspruch nehmen muß . (In einem von 
mir behandelten sehr hoffnungsvollen Falle wurde die Kur 
nach fast zwei Jahren aus äußeren Gründen abgebrochen.) Erst 
wenn wir auch über geheilte, d. h. zu Ende analysierte Fälle 
verfügen werden, wird über die Entstehungsbedingungen dieser 
Neurose, über die Eigenart ihrer dispositionellen und akziden- 
tellen Faktoren ein abschließendes Urteil gefällt werden können. 



Es ist möglich, ja, wahrscheinlich, daß die Homoerotik nicht 
nur in den hier beschriebenen, sondern auch in anderen 
Symptomkonstellationen vorkommt; mit der Isolierung dieser zwei 



166 S. Ferenczi 



Typen will ich durchaus nicht alle Möglichkeiten erschöpft 
haben. Durch die nosologische Sonderung der Subjekt- und der 
Objekt-Homoerotik wollte ich zunächst nur auf die Begriffs- 
verwirrung die Aufmerksamkeit lenken, die auch in der wissen- 
schaftlichen Literatur des Homosexualitätsproblems herrscht. Die 
psychoanalytische Untersuchung zeigt, daß man heutzu- 
tage sub titulo „Homosexualität" die heterogensten psychischen 
Zustände in einen Topf wirft, einerseits wahre Konstitution s- 
anomalien (Inversion, Subjekt-Homoerotik), andererseits psycho- 
neurotische Zwangszu stände (Objekt- oder Zwangs-HomoerotikJ. 
Das Fühlen der Individuen von der ersteren Art ist im wesent- 
lichen ein Sich-Weib-Fühlen, mit dem Wunsch, vom Mann 
geliebt zu werden, das der zweiten Art ist eher neurotische 
Flucht vor dem Weibe als Sympathie zum Mann. 

Indem ich die Objekt-Homoerotik als ein neurotisches 
Symptom bezeichne, komme ich in Gegensatz zu Freud, der 
in seiner „Sexualtheorie" die Homosexualität als eine Perver- 
sion, die Neurose dagegen als Negativ der Perversion 
beschreibt. Der Widerspruch ist aber nur scheinbar. „Per- 
versionen , d. h. Verweil ungen bei primitiven oder vorläufigen 
Sexualzielen, können sehr gut auch in den Dienst neurotischer 
Verdrängungstendenzen gestellt werden, wobei ein Stück echte 
(positive) Perversion, neurotisch übertrieben, gleichzeitig das 
Negativ einer anderen Perversion darstellt. Das ist nun bei der 
„Objekt-Homoerotik" der Fall. Die auch normalerweise nie 
fehlende homoerotische Komponente wird hier durch Affekt- 
mengen überbesetzt, die im Unbewußten einer anderen, ver- 
drängten Perversion, nämlich einer Heteroerotik von bewußt- 
seinsunfähiger Stärke, gelten. 

Ich glaube, daß von den hier beschriebenen zwei Arten der 
Homoerotik die „objektive" die häufigere und sozial bedeut- 
samere ist; sie macht eben eine große Anzahl sonst voll- 



Zur Nosologie der männlichen Homosexualität (Homoerotik) 167 

wertiger (allerdings psychoneurotisch disponierter) Männer gesell- 
schaftsunfähig und schließt sie aus der Fortpflanzung aus. 
Auch die immer wachsende Zahl der Objekt- 
Homoerotik er ist eine soziale Erscheinung von nicht zu 
unterschätzender Bedeutung, die nach Erklärung verlangt. Als 
vorläufige Erklärung dient mir die Annahme, daß das Umsich- 
greifen der Objekt-Homoerotik eine abnorme Reaktion auf die 
verhältnismäßig zu stark übertriebene Verdrängung der homo- 
erotischen Triebkomponente durch die Kulturmenschheit, d. h. 
ein Mißlingen dieser Verdrängung ist. 
, Im Seelenleben primitiver Volker spielt (wie in dem der 
Kinder) die Amphierotik eine viel größere Rolle als in dem 
der kultivierten. Aber selbst bei hochkultivierten Völkern 
(z. B. bei den Griechen) war sie eine nicht nur geduldete, 
sondern anerkannte Art der Lustbefriedigung; sie ist es heute 
noch im Orient. In den europäischen und daran sich angliedernden 
modernen Kulturgebieten fehlt aber nicht nur die eigentliche 
Homoerotik, sondern auch deren in der Antike noch so selbst- 
verständliche Sublimation, die schwärmerisch hingebungsvolle 
Freundschaft unter Männern. Es ist in der Tat erstaunlich 
wie sehr bei den heutigen Männern die Neigung und die 
Fähigkeit zur gegenseitigen Zärtlichkeit und Liebenswürdigkeit 
abhanden gekommen ist. Statt dessen herrscht unter Männern 
ausgesprochene Schroffheit, Widerstand und Streitsucht. Da es 
nicht denkbar ist, daß jene in der Kindheit noch so stark aus- 
gesprochenen zärtlichen Affekte spurlos verschwunden sein 
könnten, muß man diese Zeichen des Widerstandes als Reaktions- 
bildungen, als Abwehrsymptome gegen die gleichgeschlechtliche 
Zärtlichkeit auffassen. Ich stehe nicht an, sogar die barbarischen 
Schlägereien der deutschen Studenten als solcherweise entstellte 
Zärtlichkeitsbeweise gegen das eigene Geschlecht aufzufassen. 
(Nur geringe Spuren zeigen sich davon auch heute noch in 



168 S. Ferenczi 



positiver Richtung, so im Vereins- und Parteileben, in der 
,, Hei den Verehrung", in der Vorliebe so vieler Männer für Mann- 
weiber und für Schauspielerinnen in Hosenrollen sowie — in 
mehr roh-erotischen Anwandlungen — in der Trunkenheit, wo der 
Alkohol die Sublimierungen rückgängig macht.) 

Es hat aber den Anschein, als ob diese Rudimente der Liebe 
zum eigenen Geschlecht die heutigen Männer für den Entgang 
an Freundesliebe nicht voll entschädigen würden. Ein Teil der 
unbefriedigten Homoerotik bleibt „freiflottierend", verlangt nach 
Sättigung und, da dies bei den heutigen Kulturverhältnissen 
unmöglich ist, muß sich diese Libidoquantität eine Verschiebung 
gefallen lassen, und zwar die Verschiebung auf die 
Gefühlsbeziehungen zum anderen Geschlecht. 
Ich glaube allen Ernstes, daß die heutigen Männer infolge dieser 
Affektverschiebung samt und sonders zwangsheterosexuell 
sind; um sich vom Manne loszumachen, werden sie Weiberknechte. 
Dies könnte uns die übertriebene, oft sichtlich affektierte 
Frauenanbetung und „Ritterlichkeit" erklären, die die Männer- 
welt seit dem- Mittelalter beherrscht; dies wäre auch die mög- 
liche Erklärung des Don-Juanismus, der zwanghaften und 
doch nie voll befriedigten Jagd nach immer neuen heterosexuellen 
Abenteuern, Auch wenn Don Juan selbst diese Theorie 
lächerlich fände, müßte ich ihn für einen Zwangskranken 
erklären, der in der endlosen Reihe von Frauen (die der 
Knecht Leporello in seinem Buche so gewissenhaft aufzeich- 
nete) die Befriedigung niemals finden kann, da diese Frauen 
eigentlich nur Substitutionen verdrängter Liebesobjekte sind. 1 

Ich möchte nicht mißverstanden werden; ich finde es natürlich 
und in der psychophysischen Organisation der Geschlechter 
begründet, daß der Mann das Weib ungleich lieber hat als 

1) Es gibt übrigens auch einen Don-Juanismus der unbefriedigten 
Heteroerotik. 



Zur Nosologie der männlichen Homosexualität (Homoerotik) 169 

seinesgleichen; unnatürlich ist aber, daß der Mann die Männer 
abstoßen und die Weiber mit zwanghafter Übertreibung anbeten 
muß. Was Wunder, wenn es so wenigen Frauen gelingt, diesen 
übertriebenen Anforderungen gerecht zu werden und nebst allen 
anderen auch noch die homoerotischen Bedürfnisse des Mannes 
als dessen „Gefährtin" zu befriedigen, wohl eine der häufigsten 
Ursachen des ehelichen Unglückes. 

Unwillkürlich erinnert einen die Übertreibung der Hetero- 
erotik zut Verdrängung der gleichgeschlechtlichen Liebe an 
ein Sinngedicht Lessings (Sinngedichte, IL Buch, Nr. 6): 
„Die Knabenliebe log dem redlichen Turan 
Der ungerechte Pöbel an. 
Die Lügen zu bestrafen, 
Was könnt' er andres tun, als — bei der Schwester schlafen," 

Die Ursache der Ächtung jeder Art Zärtlichkeit unter 
Männern ist unaufgeklärt. Es ist denkbar, daß der in den 
letzten Jahrhunderten so besonders erstarkte Reinlichkeitssinn 
d. h. die Verdrängung der Analerotik, die stärksten 
Motive dazu geliefert hat ; steht doch die Homoerotik, und zwar 
auch die sublimierteste, mit der Päderastie, d. h. einer analero- 
tischen Betätigung in mehr minder unbewußter assoziativer 
Verbindung. 

Die wachsende Zahl der Zwangshomoerotiker in der modernen 
Gesellschaft wäre aber dann das Symptom des teilweisen Miß- 
lingens und der „Wiederkehr" des Verdrängten. 

In kurzer Zusammenfassung lautet also der Erklärungsversuch 
für das Überhandnehmen der Objekt-Homoerotik etwa so: Die 
übertriebene Verdrängung der homoerotischen Triebkomponente 
in der heutigen Gesellschaft hat im allgemeinen eine etwas 
zwanghafte Verstärkung der Heteroerotik der Männer zur Folge 
gehabt. Wird nun auch die Heteroerotik gehemmt oder stark 
eingeschränkt, wie es bei der Jugenderziehung notwendigerweise 



170 



S. Ferenczi 



der Fall ist, so kommt es — zunächst bei den dazu individuell 
Disponierten — leicht zur Rückverschiebung des Zwanges von 
der Hetero- auf die Homoerotik, d. h. zur Entwicklung einer 
homoerotischen Zwangsneurose. 






fl 



Über obszöne Worte 

Beitrag zur Psychologie der Latenzzeit 

(T 9 1I) 

Bei allen Analysen wird man früher oder später vor die 
Frage gestellt, ob man die geschlechtlichen oder exkrementeilen 
Organe, Tätigkeiten und Stoffe mit ihren volkstümlichen 
(obszönen) Bezeichnungen vor dem Kranken erwähnen (aus- 
sprechen) und ihn zum ungeschminkten, unveränderten Aus- 
sprechen der obszönen Worte, Redensarten, Flüche usw., die ihm 
einfallen, verhalten soll, oder sich mit Anspielungen darauf 
.oder den wissenschaftlichen Benennungen dieser Dinge begnü- 
gen kann. 

In einer seiner frühen Arbeiten macht uns Freud 
darauf aufmerksam, daß man Mittel und Wege findet, auch 
die verpöntesten geschlechtlichen Betätigungen (die Perver- 
sionen) mit den Kranken durchzusprechen, ohne ihr Scham- 
gefühl zu verletzen, und rät dabei zur Benützung der ärztlichen 
Fachausdrücke. 

Nun vermeidet man es am Anfang der psychoanalytischen 
Behandlung, den Widerstand der Kranken unnötig zu reizen 
und hierdurch der Fortsetzung der Analyse vielleicht unüber- 
windliche Hindernisse zu bereiten. Man begnügt sich daher 



V* S. Ferenczi 



zunächst mit den erwähnten „Anspielungen durch ein Kleinstes" 
oder mit ernsten wissenschaftlichen Kunstausdrücken und kann 
sich recht hald mit seinem Kranken über die „heikelsten" Dinge 
und Vorkommnisse des geschlechtlichen, wie überhaupt des 
Trieblebens, aussprechen, ohne eine Spur von Schamreaktion 
zu erregen. In einer Reihe von Fällen kommt man aber 
damit nicht aus. Die Analyse gerät ins Stocken, die Einfälle 
werden selten, das Benehmen des Kranken gehemmt, Zeichen 
gesteigerten Widerstandes machen sich bemerkbar und dieser 
Widerstand hört nicht eher auf, als bis es dem Arzte gelingt, 
dessen Grund darin zu entdecken, daß dem Patienten ver- 
pönte Worte und Redensarten eingefallen sind, die er ohne 
besondere „Erlaubnis" des analysierenden Arztes nicht auszu- 
sprechen wagte. 

Eine 23jährige Hysterische zum Beispiel, die sich bewußt 
der größten Ehrlichkeit befleißigte und meine in wissenschaft- 
liche Ausdrücke gefaßten Erklärungen über ihre Geschlechtlich- 
keit ohne viele Ziererei anhörte, behauptete steif und fest, 
über geschlechtliche Dinge nie etwas gehört oder bemerkt zu 
haben; sie huldigte noch immer der übrigens stets sekundären 
„Kußtheorie" der Propagation. Um ihren Fleiß zu zeigen, 
kaufte sie ein großes Werk über Embryologie und erzählte 
mir mit naiver Anteilnahme und ganz ohne Hemmung ihre 
neugewonnenen Kenntnisse über Samenfäden und Eizellen, über 
männliche und weibliche Geschlechtsorgane und deren Ver- 
einigung. Einmal erzählte sie mir so nebenbei, daß sie, wenn 
sie den Stuhl absetzt, seit der Kindheit die Gewohnheit hat, 
die Augen zu schließen. Den Grund dieser Sonderbarkeit 
konnte sie nicht angeben. Endlich kam ich ihrer Erinnerung 
zu Hilfe und fragte sie, ob sie nicht den in Aborten so 
häufigen obszönen Inschriften und Zeichnungen durch Augen- 
schluß entgehen wollte. Ich sah mich dann veranlaßt, auf die 



Über obszöne Worte 173 



bekannten obszönen Inschriften hinzuweisen, was bei der bis 
dahin so überlegen ruhigen Person eine starke Schamreaktion 
hervorrief, die mir den Zugang zu den tiefsten Schichten ihres 
bis dahin latenten Erinnerungsschatzes eröffnete. Die Verdrän- 
gung haftete also offenbar amWortlaut der geschlechtlichen 
Gedankenkomplexe und ließ sich nur durch Aussprechen jener 
„Bann worte" rückgängig machen. 

Ein junger Homosexueller, der sogar die volkstümlichen 
Bezeichnungen der Geschlechtsteile und ihrer Funktionen ohne 
viele Umstände gebrauchte, hat sich zwei Stunden lang geweigert, 
den ihm eingefallenen gemeineren Ausdruck für das Wort „Flatus" 
laut auszusprechen. Er versuchte, dem durch alle möglichen 
Umschreibungen, Fremdwörter, Abschwächungen usw. auszu- 
weichen. Und doch vermochte er, nachdem der Widerstand gegen 
das Wort überwunden war, viel tiefer in die vordem wenig 
ergiebige Analyse seiner Analerotik einzudringen. 

Oft agiert der Patient beim Hören eines obszönen Wortes 
vor dem Arzte die erschütternde W T irkung, die früher einmal 
ein zufällig den Eltern abgelauschtes Gespräch auf ihn machte, 
in dem irgend ein unfeiner, meist geschlechtlicher Ausdruck 
mit unterlaufen ist. Diese „Erschütterung", die die Achtung 
des K indes vor den Eltern für einen Augenblick ernstlich 
bedrohen und bei dem Neurotiker — wenn auch unbewußt 
— fürs Leben fixiert bleiben kann, fällt gewöhnlich in die 
Pubertätsjahre und ist auch schon eine „Neuauflage der 
Eindrücke der infantilen Belauschung wirklicher geschlechtlicher 
Handlungen. 

Doch gehört die beabsichtigte und aus Ehrfurcht unter- 
bliebene Konndenz Eltern und Höhergestellten gegenüber zu 
den bedeutsamsten Komplexen des unterdrückten psychischen 
Materials und man gelangt, wenn man sich davor nicht 
scheut, ja darauf besteht, den Wortlaut jener Einfalle vom 



*74 S. ierenczi 

Kranken unverändert hersagen zu lassen und nötigenfalls diese 
selber auszusprechen, oft zu unerwarteten Aufschlüssen und 
erfreulichem Fortschreiten der bislang vielleicht stockenden 
Seelenzergliederung, 

Neben dieser übrigens nicht zu unterschätzenden prak- 
tischen Bedeutung ist aber dieses Verhalten der Behandelten 
auch von allgemeinerem Interesse. Es verhilft uns zu einem 
psychologischen Problem. 

Wie kommt es, daß es einem um soviel mehr Schwierig- 
keiten macht, dasselbe Ding mit der einen oder der anderen 
Bezeichnung zu benennen? Und daß dem so ist, das kann man 
nicht nur an den Behandelten, sondern auch an sich selbst 
beobachten. Ja, gerade die nicht geringe Hemmung, die ich zu 
Anfang beim Aussprechen solcher Worte verspürte, und mit 
der ich manchmal auch jetzt zu kämpfen habe, veranlaß te 
mich, dieser Frage eine größere Aufmerksamkeit zu schenken 
und ihr durch eingehende Prüfung meiner selbst sowie meiner 
Kranken nachzuforschen. i 

Ich kam auf beiden Wegen zu dem Ergebnis, daß die dem 
Kinde einzig bekannt gewesenen volkstümlichen (obszönen) 
Benennungen der Geschlechtlichkeit und der Entleerung mit dem 
tiefverdrängten Kernkomplex des nervenkranken wie des gesunden 
Menschen aufs innigste zusammenhängen. („Kernkomplex" nenne 
ich nach Freud den Ödipuskomplex.) 

Die Gedanken des Kindes über, die geschlechtlichen Bezie- 
hungen der Eltern, über die Geburtsvorgänge und die animalen 
Funktionen, mit einem Worte die infantilen Sexualtheorien, 
werden bei ihrem Entstehen in die dem Kinde einzig zugäng- 
lichen volkstümlichen Ausdrücke gekleidet; die moralische Zensur 
und die Inzestschranke, die diese Theorien später überlagert, 
trifft also gerade diese Fassung der Theorien am strengsten. 

Dies würde uns genügen, um uns den Widerstand, der sich 



über obszöne Worte 175 



gegen das Aussprechen und Anhören solcher Worte äußert, teil- 
weise verständlich zu machen. 

Da mich aber diese Erklärung nicht voll befriedigte, suchte 
ich nach weiteren Ursachen der besonderen Art dieser Wort- 
vorstellungen und kam zu einem Gesichtspunkte, den ich nicht 
für unzweifelhaft halte, aber schon um andere zu einer besseren 
Erklärung anzuregen, hier mitteilen möchte. 

Dem obszönen Wort wohnt eine eigentümliche Macht inne, 
die den Hörer gleichsam dazu zwingt, sich den darin benannten 
Gegenstand, das geschlechtliche Organ oder die geschlechtliche 
Tätigkeit in dinglicher Wirklichkeit vorzustellen. 
Und daß dem so ist, hat Freud in seinen Betrachtungen über 
die Beweggründe und die Bedingungen der „Zote" klar erkannt 
und ausgesprochen. „Durch das Aussprechen der obszönen Worte", 
sagt Freud, 1 „zwingt sie (die Zote) die angegriffene Person 
zur Vorstellung des betreffenden Körperteils oder der Ver- 
richtung,' 4 Ich möchte dies nur insoferne ergänzen, als ich 
besonders hervorhebe, daß die feinen Anspielungen auf sexuelle 
Vorgänge oder die wissenschaftlichen Bezeichnungen derselben 
und die fremdsprachigen Ausdrücke diese Wirkung nicht, oder 
nicht in dem Maße haben, wie die Worte aus dem ursprüng- 
lichen, volkstümlichen erotischen Lexikon der Muttersprache. 

Man könnte also annehmen, daß diesen Worten als solchen 
die Fähigkeit innewohnt, den Hörer zur regressiv-halluzina- 
tori sehen Belebung der Erinnerungsbilder zu zwingen. Die 
Angaben einer größeren Zahl von normalen wie neurotischen 
Individuen bestätigen diese auf Selbstbeobachtung gestützte 
Annahme. Die Ursachen dieser Erscheinung müßten im Hörer 
selbst gesucht werden und wir müßten annehmen, daß er 
in seinem Erinnerungsschatze eine Anzahl Wortklangbilder 

i) Freud, Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. (Ges. 
Sehr., Bd. IX, S. 106.) 



176 S. Ferenczi 



und Schriftbilder erotischen Inhalts beherbergt, die von 
anderen Wortbildern durch gesteigerte Regressionsneigung unter- 
schieden sind. Beim Hören oder Sehen eines obszönen Wortes 
käme dann diese Fähigkeit jener Erinnerungsspuren zur 
Wirkung. 

Schließen wir uns aber der Freud sehen Auffassung von 
der ontogenen Entwicklung des psychischen Apparates aus 
einem motorisch - halluzinatorischen Reaktionszentrum zum 
Denkorgan an (und seine Auffassung ist die einzige, die den 
Ergebnissen der Psychoanalyse und unserer Ansicht vom Unbe- 
wußten gerecht wird), so kommen wir zu dem Schluß, daß 
den obszönen Worten Eigenschaften anhaften, die in einem 
gewissen früheren Stadium der psychischen Entwicklung alle 
W orte besessen haben müssen. 

Als Grundursache jedes Vorstellens betrachten wir seit 
Freud 1 den Wunsch, einer durch die Entbehrung geschaf- 
fenen Unlust durch Wiederholung des einmal genossenen 
Befriedigungserlebnisses ein Ende zu machen. Wird dieses 
Bedürfnis in Wirklichkeit nicht befriedigt, so wird — im 
ersten primitiven Entwicklungsstadium der Seele — beim Auf- 
tauchen des Wunsches die W T alirnehmung der einmal erlebten 
Befriedigung regressiv besetzt und halluzinatorisch festgehalten. 
Die Vorstellung wird also mit der Wirklichkeit gleichgestellt; 
„Wahrnehmungsidentität" nach Freud. Erst allmählich, durch 
die bittere Lebenserfahrung gewitzigt, lernt das Kind die 
Wunschvorstellung von der wirklichen Befriedigung unterscheiden 
und seine Motilität erst dann zu gebrauchen, wenn es sich 
überzeugt hat, daß es nicht Trugbilder seiner Phantasie, sondern 
wirkliche Dinge vor sich sieht. 

Den Höhepunkt dieser Entwicklung stellt das abstrakte 

1) Freud, Traumdeutung 1900. (Ges. Sehr., Bd. II und III). 



Über obszöne Worte 177 



Denken, das Denken in Worten dar. Hier werden, wie Freud 
weiter ausführt, zur Ermöglichung feinerer Leistungen die 
Erinnerungsbilder nur noch durch gewisse Qualitätsreste dieser 
Bilder, die Sprachzeichen, vertreten. 

Man könnte dem hinzufügen, daß die Fähigkeit, die Wünsche 
durch die qualitätsschwachen Sprachzeichen darzustellen, nicht 
auf einmal gewonnen wird. Abgesehen davon, daß die Erlernung 
des Sprechens längere Zeit in Anspruch nimmt, scheint es, 
daß den die Vorstellungen ersetzenden Sprachzeichen, den 
Worten, lange Zeit hindurch eine gewisse Regressionsneigung 
innewohnt, die wir uns allmählich oder schubweise abnehmend 
vorstellen können, bis die Fähigkeit des von halluzinatorischen 
Wahrnehmungselementen fast ganz freien „abstrakten" Vor- 
stellens und Denkens erreicht ist. 

Auf dieser Entwicklungslinie mag es psychische Stufen 
geben, die dadurch gekennzeichnet sind, daß die schon aus- 
gebildete Fähigkeit zum wirtschaftlicheren Denken mittels 
Sprachzeichen sich mit der noch vorhandenen starken Neigung 
zur rückschreitenden Wiederbelebung des Vorgestellten ver- 
gesellschaftet. 

Die Annahme solcher Stadien findet eine Stütze in dem 
Verhalten der Kinder zur Zeit der geistigen Entwicklung. Es 
ist wieder Freud, der beim Suchen nach der Psychogenese 
der Witzeslust die Bedeutsamkeit des kindischen Spieles mit 
Worten erkannte. „Die Kinder", sagt er dort, „behandeln 
Worte wie Gegenstände." 

Die noch nicht durchgeführte strenge Unterscheidung des nur 
Vorgestellten vom Realen, also die Neigung der Psyche zum 
Rückfall in die primäre halluzinatorische Arbeitsweise, könnte auch 
den besonderen Charakter der obszönen Worte verständlich 
machen und zur Vermutung berechtigen, daß auf einer gewissen 
Entwicklungsstufe diese Dinglichkeit und damit wahrscheinlich 

Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I 12 



178 S. Ferenczi 



eine starke Regressionstendenz noch allen Worten zukommt. 
Darauf beruht ja auch die Freud sehe Erklärung der Traum- 
bilder; im Schlaf fallen wir auf die ursprüngliche Arbeitsweise 
der Seele zurück und beleben wieder, wie ehedem, regressiv 
das Wahrnehmungssystem des Bewußtseins. Im Traum denken 
wir nicht mehr in Worten, sondern halluzinieren. 

Nehmen wir nun an, daß diese Entwicklung von den noch 
mit vielen konkreten Bestandteilen gemengten Sprachzeichen in 
der Richtung zum Abstrakten bei gewissen Worten eine 
Störung, eine Unterbrechung, und dies ein Zurückbleiben der 
Wortvorstellung auf einer niedrigeren Stufe zur Folge haben 
kann, so haben wir Aussicht, uns über die so starke Regressions- 
neigung der gehörten obszönen Worte eine Vorstellung machen 
zu können. 

Doch nicht nur das Hören, sondern auch das Aus- 
sprechen der obszönen Worte ist mit Qualitäten ausgestattet, 
die anderen Worten, wenigstens in diesem Maße, nicht eigen sind. 

Freud hebt mit Recht hervor, daß derjenige, der eineZote 
sagt, damit einen Angriff, eine sexuelle Handlung auf 
den Gegenstand der Aggression begeht und da die nämlichen 
Reaktionserscheinungen, die die Handlung zur Folge hätte, 
hervorruft. Innerlich hat man beim Aussprechen der obszönen 
Worte die Empfindung, daß dies einer sexuellen Aggression: 
„der Entblößung der sexuell differenten Person", 1 fast 
gleichkommt. Das Aussprechen der Zote zeigt also in erhöhtem 
Maße, was bei den meisten Worten kaum angedeutet wird, 
nämlich die ursprüngliche Herkunft jeder Rede aus einer 
unterlassenen Handlung. Während aber die sonstigen Worte 
das motorische Element der Wortvorstellung nur in Form ab- 
geschwächter Innervationsimpulse, der sogenannten „Vorstellungs- 

1) S. Freud, Der Witz (Ges. Sehr. IX, S. ? 106). 



Über obszöne Worte 170 



mimik" enthalten, 1 haben wir beim Aussprechen einer Zote 
noch die deutliche Empfindung, als begingen wir eine 
Handlung. 

Diese starke Mengung der Sprachvorstellung obszöner Worte 
mit motorischen Elementen könnte gleichwie der sensorisch- 
halluzinatorische Charakter der gehörten Zote die Folge einer 
Entwicklungsstörung sein. Jene Sprachvorstellungen könnten auf 
einer Stufe der Sprachentwicklung, wo die Worte noch viel 
stärker mit motorischen Elementen vermengt sind, zurück- 
geblieben sein. 

Man muß sich da fragen, ob diese Spekulation, die ja nur 
eine der vielen Möglichkeiten darstellt, durch die Erfahrung 
irgendwie gestützt wird, und wenn ja: was die Ursache dieser 
unter den Kulturmenschen allgemein verbreiteten, eine kleine 
Gruppe von Worten betreffenden Entwicklungsstörung sein könnte. 

Die Psychoanalyse Geistesgesunder und Neurotiker und die 
Beobachtung der Kinder, wenn sie sich nicht davor scheut 
nachzuforschen, welche Schicksale die Bezeichnungen für 
geschlechtliche und Entleerungsorgane und Tätigkeiten im Laufe 
der psychischen Entwicklung erfahren, bringt manche Bestäti- 
gung der hier dargelegten Annahme. Zunächst bestätigt sich 
überall die fast selbstverständliche Voraussetzung, daß die besonders 
starke Abneigung zur Wiedergabe gewisser obszöner Worte 
starken Unlustgefühlen zuzuschreiben ist, die sieji gerade 
jenen Worten im Laufe der kindlichen Entwicklung durch 
Affektverkehrung angeheftet haben. 

Ein im großen und ganzen normaler junger Mann z. B., 
der sich allerdings durch eine etwas übertriebene Sittenstrenge 
auszeichnet und obszönen Worten gegenüber ungemein 
unduldsam ist, erinnerte sich im Laufe einer Traumanalyse, 



1) S. Freud, Der Witz (ebenda S. 106). 

t2* 



180 S. Ferenczi 



daß ihn die Mutter im Alter von sechseinhalb Jahren dabei 
ertappte, daß er sich auf einem Blatt Papier gleichsam ein 
Wörterbuch aller ihm bekannten obszönen Ausdrücke zusammen- 
schrieb. Diese beschämende Entlarvung gerade durch die Mutter 
sowie die darauffolgende harte Strafe hatten zur Folge, daß er 
sich von da an für Erotisches viele Jahre hindurch nicht inter- 
essierte und dem Inventar des erotischen Lexikons auch später 
feindselig gegenüberstand. 

Der junge Homosexuelle, der dem Aussprechen des obszönen 
Wortes für „Flatus" so starken Widerstand entgegenstellte, 
entwickelte in der ersten Kindheit eine außerordentliche Riech - 
lust und Koprophilie und der überzärtliche Vater verwehrte es 
ihm nicht, diesen seinen Neigungen auch an seinem Körper 
(am Körper des Vaters) zu frönen. Die nunmehr unzertrenn- 
liche Verknüpfung der Idee der Beschmutzung mit der der 
Eltern hatte eine ungemein starke Verdrängung der Schmutz- 
und Riechlust und damit auch die große Unlust beim Sprechen 
über diese Dinge zur Folge. Daß er aber die obszöne Bezeich- 
nung gerade der Darm gase um soviel weniger duldete als eine 
der Umschreibungen, hatte in ähnlichen kindlichen Erlebnissen 
seinen Grund wie beim eben erwähnten „Wörterbuch- 
schreiber . Die innige Verknüpfung des Obszönen mit den 
Elternkomplexen war also bei beiden die stärkste verdrängende 
Macht. 1 

Bei der Hysterischen, die auf dem Abort die Augen schließt, 
konnte diese Gewohnheit bis zur Zeit einer Beichte zurück- 
verfolgt werden, bei der sie wegen des naiven Aussprechens 
der obszönen Bezeichnung der Vagina vom Geistlichen hart 
zurechtgewiesen wurde. 

1) Das infantile Interesse für die die D anngas entleerung begleiten- 
den Töne war nicht ohne Einfluß auf seine Berufswahl. Er wurde 
Musiker. 






Über obszöne Worte l8l 



Solche oder ähnliche Zurechtweisungen bleiben aber fast 
keinem Kinde, die untersten Gesellschaftsschichten vielleicht 
ausgenommen, erspart. Im vierten bis fünften Lebensjahr, bei 
Frühreifen schon erheblich früher, zur Zeit also, wo die Kinder 
ihre „polymorph-perversen" Triebe einschränken, schiebt sich 
zwischen das Aufgeben der infantilen Befriedi- 
gungsarten und den Beginn der eigentlichen 
Latenzzeit eine Periode, die durch den Drang zum 
Aussprechen, Aufschreiben und Anhören ob- 
szöner Worte gekennzeichnet ist. 

Diese Tatsache würde durch eine Rundfrage an die Familien- 
mütter und Lehrer, noch sicherer aber durch eine solche an 
die Dienstleute, die eigentlichen Vertrauten der Kinder, zweifel- 
los bestätigt werden. Und daß es die Kinder nicht nur in 
Europa, sondern auch in dem so prüden Amerika nicht anders 
tun, habe ich mit Prof. Freud bei einem Spaziergange im 
New Yorker „ Central-Park" aus einer Kreidezeichnung und 
einer Inschrift auf einer schönen Marmortreppe ersehen. 

Diesen Drang zum Aussprechen, Aufzeichnen, Aufschreiben, 
Hören und Lesen von Obszönitäten können wir als eine Vor- 
stufe der Hemmung der infantilen Entblößung und sexuellen 
Sehbegierde auffassen. Erst die Unterdrückung auch dieser zur 
Rede abgeschwächten geschlechtlichen Phantasien und Hand- 
lungen bezeichnet den Beginn der eigentlichen Latenzzeit, 
jenes Zeitabschnittes, in dem „die seelischen Gegenkräfte gegen 
die infantile Sexualität: Ekel, Scham und Moral, aufgebaut 
werden" 1 und das Interesse des Kindes sich kulturellen Lei- 
stungen zuwendet (Wißbegierde). 

Man dürfte kaum mit der Annahme fehlgehen, daß diese 
Unterdrückung der obszönen Wortbilder zu einer Zeit statt- 
findet, wo die Sprache, besonders aber der so stark affekt- 

i) Freud, Infantile Sexualtheorien. (Ges. Sehr., Bd. *V.) 



182 S. Ferenczi 



betonte sexuelle Sprachschatz noch durch einen hohen Grad 
von Regressionstendenz und durch lebhafte Vorstellungsmimik 
ausgezeichnet ist. Es ist also nicht mehr so unwahrscheinlich, 
daß das unterdrückte Wortmaterial infolge der Latenzzeit, das 
heißt der Abwendung der Aufmerksamkeit, auf dieser ursprüng- 
licheren Entwicklungsstufe stehen bleiben muß, während der 
übrige Teil des Sprachschatzes durch die fortwährende Übung 
und Schulung allmählich seines halluzinatorischen und moto- 
rischen Charakters zum größeren Teile entkleidet und hiedurch 
zu höheren Denkleistungen ökonomisch geeigneter gemacht wird. 

Daß aber das unterdrückte oder verdrängte psychische Material 
durch die Assoziationssperre tatsächlich zu einem „Fremdkörper" 
im Seelenleben wird, welcher keines organischen Wachstums und 
keiner Entwicklung fähig ist und daß der Inhalt dieser „Komplexe" 
die sonstige Entwicklung und Bildung des Individuums nicht 
mitmacht, weiß ich schon aus der Psychoanalyse der Neurosen. 

Einige überraschende Beispiele möchte ich hier anführen. 

Die Angst vor der Kleinheit und hierdurch bedingten 
Untauglichkeit des Begattungsorganes, oder wie es wir Psycho- 
analytiker zu bezeichnen pflegen: „der Komplex des kleinen 
Penis", ist unter den Neurotikern besonders häufig aber auch 
bei sonst Gesunden nicht selten. In allen Fällen, in denen ich 
dieses Symptom analysierte, ergab sich dafür folgende Erklärung: 
In der ersten Kindheit befaßten sich alle, die später darunter 
leiden, überaus lebhaft mit der Phantasie des coitus cum matre 
(oder mit einer adäquaten älteren Person); natürlich ängstigte 
sie dabei die Idee der Unzulänglichkeit ihres Penis zu diesem 
Vorhaben. 1 Die Latenzzeit unterbrach und unterdrückte diese 

1) Die Unkenntnis der Dehnbarkeit der Vagina ist die Bedingung 
dieser ängstlichen Phantasie ; die Kinder wissen nur, daß der Koitus 
durch eine Öffnung erfolgt, die sie einmal bei der Geburt in toto 
passiert haben. 



Über obszöne Worte 183 



Gedankengruppen; als aber der Sexualtrieb in der Pubertät 
neuerlich durchbrach und das Interesse sich wieder dem Kopu- 
lationsorgan zuwendete, tauchte die alte Sorge wieder auf, auch 
wenn die tatsächlichen Größenverhältnisse jenes Organes normal 
waren oder sogar über das Mittelmaß hinausgingen. Während 
sich also der Penis normal entwickelte, ist die Idee 
des Penis auf der infantilen Stufe stehen geblieben. 
Die Abwendung der Aufmerksamkeit vom Genitale bewirkte 
es, daß das Individuum von seinen Veränderungen keine Notiz 
nahm. 

Ähnlich konnte ich bei weiblichen Patientinnen einen 
„Komplex der zu kleinen Vagina" (Angst vor Zerreißung des 
Organs beim Geschlechtsverkehr) feststellen und durch die als 
Kind erworbene und während der Latenzzeit unterdrückte Idee 
von der relativen Größe des väterlichen Kopulationsorgans 
erklären. Solche Frauen sind dann infolge der objektiv gar nicht 
vorhandenen Kleinheit des Penis bei ihren Männern im 
geschlechtlichen Verkehre anästhetisch. 

Als drittes Beispiel für die isoliert entwicklungshemmende 
Wirkung der Latenzzeit führe ich den in manchen Fällen 
pathologisch werdenden „Komplex der großen Mamma" an: 
die Unzufriedenheit vieler Männer mit den Dimensionen der 
meisten weiblichen Brüste. Bei einem Patienten, dessen Libido 
nur ganz kolossal entwickelte weibliche Brüste reizen konnten, 
stellte die Analyse fest, daß er sich in der ersten Kindheit 
außerordentlich für das Säugen der Brustkinder interessierte 
und den heimlichen Wunsch hegte, selber mitsaugen zu dürfen. 
In der Latenzzeit verschwanden diese Phantasien des Bewußtseins, 
aber als er sich wieder für das , Weibliche zu interessieren 
begann, waren seine Wünsche vom Komplex der großen 
Mamma konstelliert. Die Idee von der Mamma hat sich bei 
ihm in der Zwischenzeit nicht entwickelt, sondern es fixierte 



184 S. Ferenczi 



sich jener Eindruck von ihren Dimensionen, den sie auf das 
damals noch so kleine Kind machen mußte. Darum wünscht 
er sich nur Frauen, deren Brüste der alten Relation seiner 
eigenen Kleinheit zur Größe des Weibes entsprechen. Die 
Frauenbrüste sind eben in der Zwischenzeit relativ kleiner 
geworden, die fixierte Idee von der Frauenbrust behielt aber 
die alte Große bei. 

Diese Beispiele, die man leicht vermehren könnte, stützen 
die Annahme, daß die Latenzzeit tatsächlich eine isolierte Ent- 
wicklungshemmung einzelner verdrängter Komplexe verursacht, 
und dies läßt den gleichen Vorgang in der Entwicklung von 
latent werdenden Wortvorstellungen einigermaßen wahrschein- 
lich erscheinen. Ich möchte aber nebst diesem Analogieschluß 
auch die von experimentell-psychologischer Seite schon oft er- 
wiesene Tatsache erwähnen, daß kleine Kinder von ausgesprochen 
„visuellem" und von „motorischem" Reaktionstypus sind. Ich 
vermute nun, daß der Verlust dieses visuellen und motorischen 
Charakters nicht allmählich, sondern schubweise vor sich geht, 
und daß der Eintritt der Latenzzeit einen, vielleicht den wich- 
tigsten dieser Schübe bedeutet. 1 

1) Für die Richtigkeit meiner Vermutung über den Einfluß der 
Latenzzeit kann ich zwei weitere Beobachtungsreihen anführen. In 
mehreren Fällen war ich in der Lage, die Ursache der Unfähigkeit zur 
visuellen Repräsentation und der dadurch bedingten Untauglichkeit zu 
gewissen Schulgegenständen, die räumliche Darstellungsfähigkeit erfordern 
(Geometrie, Naturgeschichte), analytisch zu erforschen. Es stellte sich 
heraus, daß' diese, der sonstigen Auffassungskraft nicht entsprechende 
Unfähigkeit nicht etwa durch eine angeborene partielle Schwäche be- 
dingt war, sondern erst seit der Verdrängung der seinerzeit allzu üppig 
wuchernden, meist inzestuösen Phantasien bestand. Zur Sicherung (Adler) 
der Verdrängung gewisser Phantasiebilder wurde das bewußte Phanta- 
sieren überhaupt, ja sogar das bildliche Vorstellen von ganz indifferenten 
Gegenständen instinktiv gemieden. (Vorstellungsangst.) 

Ein anderes, bei Neurotikern noch viel häufiger zu beobachtendes 
Symptom ist die übertriebene Ruhe und Gemessenheit bei der Aus- 



über obszöne Worte 185 



Über das Schicksal der verdrängten obszönen Wortvorstellungen 
während der Latenzzeit läßt sich einstweilen wenig sagen. Nach 
dem, was ich bei der Selbstanalyse und aus der Analyse von 
Nichtneurotischen darüber erfuhr, glaube ich annehmen zu 
können, daß die Latenz dieser Vorstellungen, namentlich beim 
Manne, normalerweise keine absolute ist. Die vor sich gegangene 
Affektverkehrung sorgt zwar dafür, daß die Aufmerksamkeit von 
diesen unlustbetonten Wortbildern möglichst abgelenkt ist, aber 
ein totales Vergessen, ein Unbewußtwerden derselben kommt 
beim Gesunden kaum vor. Das Alltagsleben, der Verkehr mit 
dem niederen Volke und mit Dienstboten, obszöne Inschriften 
auf Bänken und in Aborten sorgen dafür, daß diese Latenz 
recht häufig „durchbrochen" und die Erinnerung an das Ab- 
seitsgedrängte, wenn auch mit verändertem Vorzeichen, erneuert 
werde. Immerhin bleiben diese Erinnerungen einige Jahre hin- 
durch ziemlich unbeachtet, und wenn sie dann mit der 
Pubertät wieder erscheinen, sind sie schon mit dem Charakter des 
Schamvollen, vielleicht auch des ob ihrer Plastizität und Natur- 
frische Fremdartigen behaftet, der ihnen zeitlebens erhalten bleibt. 

führung jeder Handlung, jeder Bewegung, sowie der ganzen Haltung 
und die Furcht vor jeder Übereilung, Überhastung. Sie ist meist mit 
ausgesprochener Antipathie gegen solche Individuen vergesellschaftet, 
die sich leicht „geh'n lassen", die übertrieben, hastig, lebhaft, unbedacht 
und leichtfertig sind. Man könnte davon Bewegungsangst sprechen. 
Dieses Symptom ist die Reaktionsbildung auf eine starke, aber unter- 
drückte motorische Aggressionsneigung. 

Sowohl die Vorstellungs- als auch die Bewegungs angst scheinen mir 
Übertreibungen der Phantasieunterdrückung und Motilitatshemmung zu 
sein, die die Latenzzeit für jeden Menschen mit sich bringt, und die 
auch die bewußtseinsfahigen Vorstellungen von motorischen und halluzi- 
natorischen Elementen zu reinigen hilft. Die bewußtseins u n fähigen, 
verdrängten oder unterdrückten Vorstellungen aber, darunter in erster 
Linie die obszönen Wortvorstellungen, dürften, wie das Verdrängte 
überhaupt, mit den Charakteren einer primitiveren Vorstellungsart aus- 
gestattet bleiben. 



Anders ist die Entwicklungsgeschichte dieser Wortvorstellungen 
beim Perversen und beim Neurotiker. 

Der durch Sexualkonstitution und Erlebnisse pervers Gewordene 
wird sich, wie wir es nach der Sexuallehre Freuds nicht 
anders erwarten konnten, auch dieser Lustquelle bemächtigen 
und auch in seinen Reden zynisch werden, oder sich etwa mit 
der Lektüre von rüden Obszönitäten begnügen. Ja, es gibt eine 
eigene Perversität, die im lauten Aussprechen von obszönen 
Worten besteht; ich weiß es aus der Analyse von mehreren 
Frauen, daß sie auf der Straße von gutangezogenen Männern 
belästigt werden, die ihnen im Vorbeigehen obszöne Worte 
zuflüstern, ohne daß sie sonstige Anstalten zum sexuellen An- 
griff (Begleitenwollen usw.) träfen. Es sind das offenbar ge- 
milderte Exhibitionisten und Voyeurs, die statt 
wirklicher Entblößung sich mit der zur Rede gemilderten 
Aktion begnügen, dabei aber jene Worte vorziehen, die durch 
ihr Verbotensein wie durch ihre motorische und plastische 
Eigenart zur Hervorrufung der Schamreaktion besonders geeignet 
sind. „Koprophemie" 1 könnte der Name dieser Perversität sein. 

Der echte Neurotiker wendet seine Aufmerksamkeit von den 
obszönen Worten vollständig oder fast vollständig ab. Er geht 
an ihnen womöglich achtlos vorüber, und wenn er ihnen nicht 
ausweichen kann, antwortet er auf sie mit übertriebener Scham- 
und Ekelreaktion. Selten ist der Fall, wie der obenerwähnte, 
wo die Worte total vergessen werden. Nur Frauen bringen eine 
solche Verdrängungsleistung zustande. 

Eine sehr starke Gemütserschütterung kann aber diese halb- 
verschütteten Worte bei Normalen sowohl als beim Neurotiker 
zum Vorschein bringen. Doch wie die olympischen Götter und 

i) „Koprolalie« dagegen ist das unwillkürliche, zwan^s- 
m a ß i g e Ausstoßen obszöner Worte, wie es z. B. bei hocWdiffem Tic 
convulsif vorkommen kann. 



I 



über obszöne Worte 187 



Göttinnen nach dem großen Verdrängungsschube des Christen- 
tums zu Hexen und Teufeln erniedrigt wurden, so kehren die 
Worte, die einst die höchstgeschätzten Objekte infantiler Lust 
bezeichneten, alsFlücheund Verwünschungen wieder, 
charakteristischerweise sehr oft mit der Idee der Eltern oder 
der ihnen adäquaten Heiligen und Gottes assoziiert (Blasphemien). 
Diese bei heftigem Ärger lautwerdenden, aber oft auch zu 
Scherzen gemilderten Interjektionen gehören — wie Klein- 
paul mit Recht hervorhebt — gar nicht zur „Begriffssprache" y 
sie dienen nicht der bewußten Mitteilung, sondern stellen den 
Gebärden nahestehende Reaktionen auf Reize dar. Bemerkens- 
wert bleibt aber auf alle Fälle, daß, wo ein heftiger Affekt 
sich nur mit Mühe der motorischen Entladung erwehrt und 
zum Fluche wird: dieser sich unwillkürlich der obszönen Worte 
bedient, die ob ihrer Affektfülle und motorischen Kraft dazu 
am besten taugen. 

Recht tragisch sind die Fälle, in denen obszöne W r orte 
urplötzlich im tugendreinen Bewußtsein eines Neurotikers 
auftauchen. Natürlich kann er es nur in Form von Zwangs- 
vorstellungen, denn sie sind dem bewußten Gemütsleben des 
Psychoneurotikers so vollkommen fremd, daß er sie nur als 
absurde, unsinnige, krankhafte Ideen, als „Fremdkörper" 
empfinden, keinesfalls aber als gleichberechtigten Inhalt seines 
Wortschatzes anerkennen kann. Wäre man durch das hier Mit- 
geteilte nicht darauf vorbereitet, so stünde man wie vor einem 
unlösbaren Rätsel vor der Tatsache, daß häufig Zwangsvorstellungen 
von obszönen Worten, besonders aber von solchen, die die 
meistverachteten Exkremente und Exkretionsorgane in „ge- 
meiner" Weise bezeichnen, bei Männern nach demTode 
des Vaters auftreten. Und zwar bei Männern, die ihren 
V ater abgöttisch liebten und verehrten . Die Analyse ergibt 
dann, daß beim Todesfall nebst dem schrecklichen Schmerz 



188 S. Ferenczi 

über den Verlust auch der unbewußte Triumph über die end- 
liche Befreiung von allem Zwang laut wird und die Verachtung 
des nunmehr unschädlichen „Tyrannen" sich in Worte kleidet, 
die seinerzeit dem Kinde am strengsten verboten wurden. 1 Einen 
ähnlichen Fall erlebte ich bei einem Mädchen, dessen älteste 
Schwester gefährlich erkrankte. 

Eine kräftige Stütze meiner Annahme, daß die obszönen 
Worte infolge gehemmter Entwicklung „infantil" geblieben 
und darum abnorm motorischen und regressiven Charakters 
sind, wäre die ethnographische Bestätigung. Leider fehlt mir 
die diesbezügliche Erfahrung. Was mir vom Leben des niederen 
Volkes und besonders der Zigeuner hierüber bekannt ist, spricht 
dafür, daß die obszönen Worte bei den Unkultivierten vielleicht 
stärker lustbetont, aber vom sonstigen Sprachschatz nicht so 
wesentlich verschieden sind, wie ich es bei den Kulturmenschen 
annehmen mußte. 

Mag nun die weitere Beobachtung die Annahme vom spe- 
zifisch infantilen Charakter und von den infolge einer Ent- 
wicklungsstörung „primitiven" Eigenschaften der obszönen 
Wortvorstellungen unterstützen oder als irrig erweisen, soviel 
glaube ich nach dein Gesagten jedenfalls behaupten zu können, 
daß diesen affekterfüllten Vorstellungen eine bislang nicht ent- 
sprechend gewürdigte Bedeutung im Seelenleben zukommt. 



i) Als assoziative Mittelglieder zwischen den Vorstellungen des Todes 
und der Exkremente findet man oft die Ideen über die Verwesune der 
Leiche. 






Denken und Muskelinnervation 

Es gibt Menschen, die dazu neigen, jedesmal, wenn sie etwas 
durchdenken wollen, in der Bewegung, die sie gerade aus- 
führen (z* B. im Gehen), innezuhalten und sie erst nach be- 
endigtem Denkakt fortzusetzen. Andere wiederum sind außer- 
stande, einen irgendwie komplizierten Denkakt in Ruhe auszu- 
führen, sondern müssen dabei eine rege Muskeltätigkeit entfalten 
(vom Sitze aufstehen, herumgehen usw.). Die Personen der 
ersten Kategorie erweisen sich oft als stark gehemmte Menschen, 
bei denen jede selbständige Denkleistung die Überwindung 
innerer (intellektueller und affektiver) Widerstände erfordert. 
Die Individuen der zweiten Gruppe (welche man als „motorischen 
Typus" zu bezeichnen pflegt) sind im Gegenteil Leute mit zu 
raschem Vorstellungsablauf und sehr reger Phantasie. Für den 
innigen Zusammenhang zwischen dem Denkakt und der Motilität 
spricht nun die Tatsache, daß der Gehemmte die durch Ein- 
stellung der Muskelinnervationen ersparte Energie zum Über- 
winden von Widerständen beim Denkakt zu verwerten scheint, 
während der „motorische Typus" allem Anscheine nach Muskel- 
energie verschwenden muß, wenn er im Denkvorgang das sonst 
allzu „leichte Überfließen der Intensitäten" (Freud) mäßigen, 



d. h. seine Phantasie hemmen und logisch denken will. Die 
Größe der zum Denken erforderlichen „Anstrengung" hängt — 
wie erwähnt - - nicht immer von der begrifflichen Schwierig- 
keit der zu bewältigenden Aufgabe ab, sondern ist — wie uns 
Analysen zeigen — sehr oft affektiv bedingt; unlustbetonte 
Denkprozesse erfordern ceteris paribus größere Anstrengung, 
gehemmtes Denken erweist sich bei der Analyse sehr oft zensur- 
bedingt, d. h. neurotisch. Bei Personen mit leichter Zyklothymie 
sieht man den Zuständen gehemmter und erleichterter Phan- 
tasietätigkeit Schwankungen der Lebhaftigkeit der Bewegungen 
parallellaufen. Aber auch beim „Normalen" kommen zeitweise 
diese motorischen Symptome der Denkhemmung oder Er- 
regung vor. 1 

Bei näherer Untersuchung findet man allerdings, daß, der 
Anschein, als oh in diesen Fällen ganz einfach Muskelenergie 
in „psychische Energie" umgewandelt würde, trügerisch ist. 
Es handelt sich um komplizierte Vorgänge, um die Spaltung 
der Aufmerksamkeit, bzw. um die Konzentration. 
Der Gehemmte muß seine Aufmerksamkeit ganz dem Denk- 
organe zuwenden, kann also nicht gleichzeitig eine (gleichfalls 
Aufmerksamkeit erfordernde) koordinierte Bewegung ausführen. 
Der Gedankenflüchtige hingegen muß seine Aufmerksamkeit 
zum Teil vom Denkakte ablenken, um die sich überstürzenden 
Gedankengänge einigermaßen zu verlangsamen. 

Der im Denken Gehemmte muß also beim Nachdenken nur 
die koordinierten Bewegungen einstellen, nicht aber den Auf- 
wand an Muskelinnervation ; bei näherem Zusehen findet man 

1) Eine Patientin, die ihre Füße fast kontinuierlich zittern läßt (eine 
ticartige Gewohnheit bei ihr), verriet mir während der Analyse durch 
plötzliches Innehalten im Zittern stets den Moment, in dem ihr etwas 
einfiel, so daß ich sie immer mahnen konnte, wenn sie mir einen Ein- 
fall bewußt vorenthielt. Während der oft minutenlangen Assoziations- 
leere bewegte sie ihre Füße unaufhörlich. 



Denken und Muskelinnervation 191 

sogar, daß beim Nachdenken der Tonus der (ruhiggestellten) 
Muskulatur regelmäßig ansteigt. 1 Und beim „type moteur" 
handelt es sich nicht einfach um eine Erhöhung des Muskel- 
tonus (des Innervationsaufwandes), sondern um die Einschaltung 
von Widerstanden für die Aufmerksamkeit. 

Auch darf man nicht denken, daß die Unfähigkeit zum 
gleichzeitigen Denken und Handeln eine für die Neurose 
besonders charakteristische Erscheinung ist. Gibt es doch zahl- 
reiche Fälle, in denen der Neurotiker eine umschriebene komplex- 
bedingte Denksperre gerade durch übertriebene Rührigkeit und 
Lebhaftigkeit der nichtgesperrten Seelenbezirke maskiert. 

Die Psychoanalyse könnte viel zur Aufklärung dieser kom- 
plizierten Beziehungen zwischen psychischer Tätigkeit und 
Muskelinnervation beitragen. Ich verweise auf die von Freud 
wahrscheinlich gemachte Erklärung der Traumhalluzina- 
tionen, wonach diese einer rückläufigen Erregung des Wahr- 
nehmungssystems (Regression) ihre Entstehung verdanken, die 
eine Folge der Schlafsperrung (Lähmung) am motorischen Ende 
des psychischen Apparates ist. Der zweite bedeutsame Beitrag, 
den die Psychoanalyse zur Kenntnis der Beziehungen zwischen 
Denkanstrengung und Muskelinnervation geleistet hat, ist 
Freuds Erklärung des Lachens beim witzigen oder komischen 
Eindruck; dieses ist nach seiner uns sehr plausiblgi Erklärung 
die motorische Entladung überschüssig gewordener psy- 
chischer Anspannung. Schließlich sei noch auf die Breuer- 
Freud sehe Ansicht über die Konversion psychischer 
Erregung in motorische bei der Hysterie und auf die Erklärung 
Freuds hingewiesen, wonach der an Zwangsvorstellungen 
Leidende eigentlich das Handeln durch Denken ersetzt. 

Das regelmäßige Parallellaufen motorischer Innervationen 

1) Das Ansteigen des Muskeltonus beim Denkakt ist physiologisch 
erwiesen. 



\gfX S. Ferenczi 



mit den psychischen Akten des Denkens und Aufmerkens, ihre 
gegenseitige Bedingtheit und vielfach nachzuweisende quantitative 
Reziprozität sprechen jedenfalls für eine Wesensgleichheit dieser 
Prozesse. Freud dürfte also recht behalten, wenn er das 
Denken für ein „Probehandeln mit Verschiebung kleinerer 
Besetzungsquantitäten" hält und auch die Funktion der Auf- 
merksamkeit, die die Außenwelt periodisch „absucht" und 
den Sinneseindrücken „entgegengeht", an das motorische Ende 
des psychischen Apparates verlegt. 



Psychoanalytische Betrachtungen 

über den Tic 

0921) 

I 

Mit dem sehr verbreiteten neurotischen Symptom, das man, 
dem französischen Sprachgebrauch folgend, allgemein als „Tic" 
oder „Tic convulsif" bezeichnet hat, hat sich die Psychoanalyse 
bisher wenig beschäftigt. 1 Im Anschlüsse an die Beschreibung 
der „technischen Schwierigkeiten einer Hysterieanajyse", die ich 
in einem Falle zu bewältigen hatte, 2 machte auch ich einen 
kurzen Exkurs auf dieses Gebiet und gab der Vermutung 
Ausdruck, daß sich viele Tics als stereotypisierte Onanie- 
äquivalente entpuppen dürften und daß die merkwürdige 
Verknüpfung des Tics mit der Koprolalie bei Unterdrückung 
der motorischen Äußerungen vielleicht nichts anderes ist als 
die sprachliche Äußerung derselben erotischen Regungen, 
die die Tic-Kranken gewöhnlich als symbolische Bewe- 
gungen abführen. Ich machte bei dieser Gelegenheit auch 
auf die nahen Beziehungen zwischen den Bewegung s- 

1) Siehe I. Sa dg er, Ein Beitrag zum Verständnis des Tic, Int. 
Zsch. f. PsA. IL (1914), S. 354. 

2) S, „Hysterie und Pathoneurosen", Int. PsA. Bibl. Nr. 2, S. 48. 
Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I ig 



194 S. Ferenczi 



Stereotypien und den Symptomhandlungen (bei 
Gesunden und Kranken) einerseits, den Tics resp. der Onanie 
andererseits aufmerksam. In dem mitgeteilten Falle z. B. ver- 
mochten gedankenlos ausgeführte und für bedeutungslos 
gehaltene Muskelaktionen und Hautreizungen die ganze Genital- 
libido an sich zu reißen; sie waren zeitweise von förmlichem 
Orgasmus begleitet. 

Prof. F r e u d, den ich gelegentlich über den Sinn und 
die Bedeutung der Tics interpellierte, sagte mir, es dürfte 
sich da um etwas Organisches handeln. Im Laufe dieser 
Besprechung werde ich vielleicht zeigen können, in welchem 
Sinne diese Annahme zu Recht besteht. 

Das ist so ziemlich alle Auskunft, die ich mir über die Tics 
aus den psychoanalytischen Quellen holen konnte; ich kann 
auch nicht sagen, daß ich seither aus der direkten Beobachtung 
oder der Analyse von „passagere" auftretenden Tics, die doch 
bei unseren Neurotikern so häufig sind, Neues gelernt hätte. 
In den meisten Fällen kann man eine Neurosenanalyse zu Ende 
führen, eine Psychoneurose auch heilen, ohne daß man sich 
viel mit diesem Symptom hätte befassen müssen. Gelegentlich 
kommt man darauf zu sprechen, welche psychischen Situationen 
das Auftreten eines solchen Tic (einer Grimasse, einer Zuckung 
der Schultern oder des Kopfes usw.) begünstigen. Hie und da 
kann man auch auf den Sinn, auf die Bedeutung eines 
solchen Symptoms zu sprechen. So trat bei einer Kranken das 
heftig „verneinende" Kopfschütteln auffälligerweise immer 
auf, wenn sie eine rein konventionelle Geste ausführen 
(Abschied nehmen, jemanden begrüßen) mußte. Ich sah die 
Bewegung auch dann häufiger und heftiger werden, wenn die 
Patientin mehr Affekt, z. B. mehr Freundlichkeit zu zeigen ver- 
suchte, als sie innerlich fühlte, und mußte ihr sagen, daß ihr Kopf- 
schütteln eigentlich die freundliche Miene oder Geste Lügen strafte. 



Einen Patienten, der eigens zur Heilung seiner Tics in die 
Analyse gekommen wäre, hatte ich noch nicht; die von mir 
in der analytischen Praxis beobachteten kleinen Tics störten 
ihre Besitzer so wenig, daß sie sich darüber selbst nie 
beklagten; ich war es, der sie darauf aufmerksam machen 
mußte. Natürlich fehlte unter diesen Umständen jedes Motiv 
zur tieferen Erforschung des Symptoms, das sich die Patienten 
— wie gesagt — unverändert aus der Analyse retteten. 

Nun wissen wir, daß das sonst bei den uns geläufigen Neu- 
rosenanalysen der Hysterie oder Zwangsneurose nie der Fall ist. 
Da gibt es nicht das geringfügigste Symptom, das am Ende 
der Analyse sich nicht als in das Gefüge des komplizierten 
Neurosengebäudes gehörig, sogar durch mehrfache Deter- 
minanten gestützt, erwiese. Schon diese Sonderstellung der 
Tics legte einem die Vermutung nahe, es handle sich hier 
um eine Störung, die ganz anders orientiert ist, als die 
übrigen Zeichen einer Übertragungsneurose, so daß ihr die 
sonst gewöhnliche „Wechselwirkung der Symptome" nichts 
anhaben kann. Der Annahme Freuds von der heterogenen 
(organischen) Natur dieses Symptoms verlieh diese Sonder- 
stellung des Tic unter den neurotischen Erscheinungen eine 
starke Stütze. 

Ganz andersartige Beobachtungen halfen mir dann hier um 
einen Schritt weiter. Ein Patient (hartnäckiger Onanist) hörte 
während der Analyse überhaupt nicht auf, gewisse stereotype 
Bewegungen auszuführen. Gewöhnlich mußte er, oft mehrmals 
in der Minute, seinen Rock an der Taille glätten; zwischen- 
durch überzeugte er sich durch Streicheln des Kinnes von der 
Glätte der Gesichtshaut oder betrachtete mit Wohlgefallen 
seine immer glänzend lackierten oder gewichsten Schuhe. Auch 
sein psychisches Verhalten: seine Süffisance, seine gezierte, 
immer in Perioden gesetzte Rede, deren entzücktester Zuhörer 



13* 



196 S. Ferenczi 

er selber war, kennzeichnete ihn als einen in sich selbst 
glücklich verliebten Narzißten, der — den Frauen gegenüber 
impotent — in der Onanie die ihm entsprechendste Befrie- 
digungsart fand. Er kam auch nur auf die Bitte einer Ver- 
wandten in die Kur und entzog sich ihr fluchtartig, sobald sich 
die ersten Schwierigkeiten ergaben. 

Mag aber unsere Bekanntschaft noch so kurz gewesen sein, 
sie machte einen gewissen Eindruck auf mich. Ich fing an, 
mich mit der Idee zu beschäftigen, ob die eben erwähnte 
„Andersorientierung" der Tics nicht davon herrührt, daß sie 
eigentlich narzißtische Krankheitszeichen sind, die an die 
Symptome einer Übertragungsneurose höchstens angelötet sein, 
sich aber mit ihnen nicht verschmelzen können. Ich sah 
dabei von dem Unterschiede zwischen Stereotypie und Tic, 
der von vielen Autoren stark betont wird, ab. Ich sah und 
sehe im „ Tic nichts als eine mit blitzartiger Raschheit 
ablaufende, gleichsam komprimierte, oft nur symbolisch 
angedeutete Stereotypie. Die weiteren Betrachtungen werden 
uns die Tics als Abkömmlinge stereotyper Handlungen zeigen. 

Jedenfalls begann ich Tiqueurs, die ich im Leben, in der 
Ordination oder in der Kur zu sehen bekam, in bezug auf 
ihren Narzißmus zu beobachten, erinnerte mich auch einiger 
schwerer Fälle von Tic, die ich in meiner voranalytischen 
Praxis kennen gelernt hatte, und mußte staunen über die Fülle 
von Bestätigung, die mir von allen diesen Seiten zuströmte. 
Einer der ersten, den ich kurz nach obiger Beobachtung zu 
Gesichte bekam, war ein junger Mann mit sehr häufiger 
Zuckung der Gesichts- und Halsmuskeln. Ich sah vom Nachbar- 
tische zu, wie er sich in einem Restaurant gebärdete. Jeden 
Moment hüstelte er, richtete seine Manschetten, bis sie voll- 
kommen korrekt, mit den Knöpfen nach abwärts standen, korri- 
gierte mit der Hand oder mittels einer Kopfbewegung die 



Psychoanalytis che Betrachtungen über den Tic 197 

Stellung des steifen Hemdkragens oder machte die bei so 
Tielen Tic-Kranken zu beobachtende Bewegung, als wollte er 
seinen Körper von beengenden Kleidungsstücken befreien. Tat- 
sache ist, daß er nicht aufhörte, wenn auch unbewußt, einen 
großen Teil der Aufmerksamkeit seinem eigenen Körper, 
bzw. der Kleidung zuzuwenden, auch wenn er bewußt ganz 
andersartig beschäftigt war, z. B, aß oder die Zeitung las. Ich 
mußte bei ihm eine ausgesprochene Hypersensibilität, 
eine Unfähigkeit, Körperreize ohne Abwehr- 
reaktion zu ertragen, annehmen. Diese Vermutung 
wurde mir zur Gewißheit, als ich zu meiner Verwunderung 
zusah, wie der sonst so wohlerzogene und den besten Gesell- 
schaftskreisen angehörende junge Mann unmittelbar nach dem 
Essen einen kleinen Taschenspiegel zur Hand nahm und vor 
allen Anwesenden anfing, die zwischen den Zähnen stecken- 
gebliebenen Speisereste mit einem Zahnstocher, und zwar 
immer unter der Leitung des Spiegelchens, gewissenhaft zu 
entfernen; er ruhte nicht, bis er alle — wie ich bestätigen 
kann, wohlgepflegten — Zähne gereinigt hatte, was ihn sicht- 
lich beruhigte. 

Nun, wir wissen alle, daß zwischen den Zähnen stecken- 
gebliebene Speisereste unter Umständen besonders störend sein 
können; ein solch gründliches, unaufschiebbares Reinigen aller 
32 Zähne erforderte aber eine nähere Erklärung. Ich erinnerte 
mich einer eigenen, bei einer früheren Gelegenheit geäußerten 
Ansicht über die Entstehungsbedingungen der Pathoneu- 
rosen, 1 resp. des „Krankheitsnarzißmus", Die drei dort 
angeführten Bedingungen, unter denen es zur Fixierung der 
Libido an einzelne Organe kommen kann, sind: 1) Lebens- 
gefährlichkeit oder Bedrohlichkeit eines Traumas, 2) Verletzung 
eines schon von vornherein stark libid obesetzten Körperteiles 
1) S. „Hysterie und Pathoneurosen", Int. PsA. Bibl., Nr. 2, S. 9. 



198 S. Ferenczi 



(einer erogenen Zone), und 3) konstitutioneller Nar- 
zißmus, bei dem die kleinste Verletzung eines 
Körperteiles das ganze Ich trifft. Diese letztere Even- 
tualität paßte nun sehr gut zur Annahme, daß die Über- 
empfindlichkeit der Tic-Kranken, ihre Unfähigkeit, einen sen- 
siblen Reiz ohne Abwehr zu ertragen, auch das Motiv ihrer 
motorischen Äußerungen, eben der Tics und der Stereotypien 
selbst, sein dürfte, die Hyperästhesie selbst aber, die lokalisiert 
oder generalisiert sein kann, nur die Äußerung des Narzißmus, 
der starken Bindung der Libido an die eigene Person, an den 
eigenen Körper oder einen Körperteil, das heißt der „Organ- 
libido Stauung". In diesem Sinne käme dann auch Freuds 
Ansicht von der „organischen" Natur der Tics zu ihrem Rechte, 
wenn es auch vorerst offen gelassen werden mußte, ob die 
Libido an die Organe selbst oder an ihre psychische Repräsen- 
tanz gebunden ist. 

Nachdem einmal die Aufmerksamkeit auf die organisch- 
narzißtische Natur der Tics gelenkt war, erinnerte ich mich 
auch einiger schwerer Fälle von Tic, die man nach dem Vor- 
schlage von Gilles de la Tourette als maladie des tics 
zu bezeichnen pflegt. 1 ? 

Es sind das progressive, allmählich fast den ganzen Körper 
befallende Muskelzuckungen, die sich später mit Echolalie und 
Koprolalie kombinieren und in Demenz übergehen 
können. Diese häufige Komplikation der Tics mit einer 
xax' ^ox^V narzißtischen Psychose sprach sicherlich nicht gegen 
die Annahme, daß auch die motorischen Erscheinungen der 
minder schweren, nicht in Demenz ausartenden Falle von 
Zuckungskrankheit der narzißtischen Fixierung ihr Entstehen 

1) Gilles de la Tourette, „Etudes sur une affection nerve use, 
caracterisee par l'incoordination motrice, et accompagnee d'6cholalie et 
coprolalie", 1885, Arch. de Neurologie. 






Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 199 

verdanken. Der letzte schwere Fall von Tic, den ich kannte, 
betraf einen jungen Mann, der infolge seiner psychischen Über- 
empfindlichkeit vollkommen leistungsunfähig blieb und nach 
einer vermeintlichen Verletzung seiner Ehre sich erschoß. 

Der Tic wird in den meisten psychiatrischen Lehrbüchern 
als „Degenerationssymptom", als ein — oft familiär auftreten- 
des — Anzeichen der psychopathischen Konstitution beschrieben. 
Wir wissen, eine verhältnismäßig wie große Zahl der Paranoiker 
und der Schizophrenen auch an Tics leidet. All das schien mir 
die Vermutung von der gemeinsamen Wurzel dieser Psychosen 
und der Tic-Krankheit zu unterstützen. Doch eine festere 
Unterlage erhielt diese Theorie, als ich die psychiatrischen und 
besonders die psychoanalytischen Erfahrungen über Katatonie 
zum Vergleich mit den Hauptsymptomen der Tic-Krankheit 
heranzog. 

Die Neigung zur Echolalie und Echopraxie, zu Stereotypien 
und grimassierenden Bewegungen, zur Maniriertheit, ist beiden 
Zuständen gemeinsam. Psychoanalytische Erfahrungen bei Kata- 
tonikern ließen mich vor längerer Zeit in den absonderlichen 
Handlungen und Stellungen den Abwehrkampf gegen lokale 
(organische) Libidostauungen vermuten. Ein sehr intelligenter 
Katatoniker mit scharfer Selbstbeobachtungsfahigkeit sagte mir 
selber, daß er eine bestimmte Turnbewegung immer wieder 
ausführen muß, „um die Erektion des Darmes zu knicken". 1 
Auch bei einem anderen Kranken mußte ich die zeitweise auf- 
tretende Steifheit der einen oder der anderen Extremität, die 
mit der Empfindung ihrer enormen Verlängerung verbunden 
war, als verschobene Erektion, das heißt als Äußerung der 
abnorm lokalisierten Organlibido deuten. Federn faßte die 
Symptome der Katatonie überhaupt als „narzißtischen Rausch" 

1) „Einige klinische Beobachtungen bei der Paranoia und Para- 
phrenie." (S. Band II dieser Sammlung.) 



200 S. Ferenczi 



auf. 1 All das paßt aber sehr gut zur Hypothese der gemein- 
samen konstitutionellen Grundlage der Tics und der Katatonie 
und läßt die weitgehende Gemeinsamkeit ihrer Symptomatik 
verstehen. Jedenfalls ist man versucht, das Hauptsymptom der 
Katatonie, den Negativismus und die Steifheit, mit der unauf- 
schiebbaren Abwehr jedes Außenreizes mittels einer zuckenden 
Bewegung beim Tic in Analogie zu bringen und anzunehmen, 
daß, wenn sich bei der maladie de Gilles de la Tourette 
die Tics in Katatonie umwandeln, es sich nur um eine Perpe- 
tuierung und Generalisierung einer beim Tic nur paroxysmatisch 
auftretenden und noch partiellen Abwehrinnervation handelt. 
Die tonische Starre würde sich hier also aus der Summation 
unzähliger klonischer Abwehrzuckungen ergeben, die Katatonie 
wäre nur die Steigerung der Kataklonie (des Tic). 

Nicht unberücksichtigt durfte ich in diesem Zusammenhange 
die Tatsache lassen, .daß die Tics, wie allgemein bekannt, sehr 
oft im Anschlüsse an körperliche Erkrankungen oder Traumen 
in loco morbi auftreten, z. B. Lidkrämpfe nach Abheilung 
einer Blepharitis oder Konjunktivitis, Nasentics nach Katarrhen, 
spezielle Bewegungen der Extremitäten nach schmerzhaften Ent- 
zündungen. Ich mußte diesen Umstand mit der Theorie in 
Zusammenhang bringen, daß sich an die Stelle einer patho- 
logischen Körperveränderung (oder an ihre psychische Repräsen- 
tanz) eine pathoneurotischeLibidosteigerung anzu- 
heften pflegt. 2 Es lag nahe, die oft nur lokale Hyperästhesie der 
Tic-Kranken in diesen Fällen auf eine „traumatische" Libido- 
verschiebung zurückzuführen, die motorischen Äußerungen des 
Tic aber — wie schon gesagt — auf Abwehrreaktionen gegen 
die Reizung solcher Körperstellen. 

1) Zitat nach Nunbergs Arbeit „Über den katatonischen Anfall", 
Int. Zschr. f. Ps.A. VT (1920). 

2) „Hysterie und Pathoneurosen", Int. Ps.A. BibL IT, S. 7. 



Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 201 

Als weitere Stütze der Annahme, daß die Tics etwas mit 
dem Narzißmus zu tun nahen, führe ich die therapeutischen 
Erfolge an, die man mit einer besonderen Übungsbehandlung 
der Tics erzielen kann. Es sind dies systematische Innervations- 
übungen, mit forcierter Ruhigstellung der zuckenden Körper- 
partien, deren Erfolg viel bedeutender ist, wenn sich der 
Patient während der Übungen im Spiegel kon- 
trolliert. Die Autoren erklärten das damit, daß die Kontrolle 
des Gesichtssinnes die zu den Übungen erforderliche Abstufung 
der Hemmungsinnervationen erleichtert; mir aber schien es nach 
dem oben Gesagten, daß hier außerdem (oder hauptsächlich) die 
für den Narzißten abschreckende Wirkung der im Spiegel beobach- 
teten Gesichts- und Körperverzerrungen als mächtige Förderin 
der Heilungstendenz fungiert. 

ii 

Ich bin mir der Schwächen meiner bisherigen Beweisführung 
vollkommen bewußt. Die Hypothese, die ich mir auf Grund von 
recht spärlichen Beobachtungen, mehr spekulativ, sozusagen nur 
zum eigenen Gebrauche zurechtbraute, hätte ich auch nicht 
veröffentlicht, wäre ihr nicht von unerwarteter Seite eine Unter- 
stützung zuteil geworden, die ihre Plausibilität wesentlich 
erhöhte. Diese Hilfe verdanke ich der Lektüre eines besonders 
aufschluß- und inhaltsreichen Buches über den Tic, in dem 
auch die ganze Literatur des Gegenstandes aufgearbeitet ist: 
„Der Tic, sein Wesen und seine Behandlung" von 
Dr. Henry Meige und Dr. E. Feindel (aus dem Französi- 
schen übersetzt von Dr. O. Giese, Leipzig und Wien 1905); 
an den Inhalt dieses Buches möchte ich meine weiteren 
Betrachtungen anknüpfen. 

Die besondere Art der psychoanalytischen Praxis bringt es 
mit sich, daß der Arzt, der sich ihr widmet, gewisse Arten von 



202 S. Ferenczi 

nervösen Störungen selten zu beobachten Gelegenheit hat, so 
z. B. die „organischen" Neurosen (wie den M. Basedowii), die in 
erster Linie physikalischer Behandlung bedürfen, sodann die 
Psychosen, deren Behandlung nur in Anstalten möglich ist, und 
die vielen Arten der „gemeinen Nervosität", die wir ob ihrer 
Geringfügigkeit nicht zum Gegenstande einer so umständlichen 
Psychotherapie zu machen pflegen. 

In solchen Fällen ist man auf die Beobachtungen und 
literarischen Mitteilungen anderer angewiesen, was an die eigene 
Beobachtung sicher nicht heranreicht, aber wenigstens den 
Vorteil hat, daß einem dabei der so beliebte Vorwurf der 
parteiischen voreingenommenen Krankenbeobachtung, des Sug- 
gerierens und Suggeriertwerdens erspart bleibt. Meige und 
Feindel wußten kaum von der Breuer-Fr eud sehen 
Katharsis etwas; wenigstens fehlen diese Namen in dem 
Autorenregister ihres Buches. Zwar werden die „Studien über 
Hysterie" an einer Stelle erwähnt, dies scheint aber nur eine 
Einfügung des Übersetzers zu sein, der „einiger deutscher 
Autoren, die von den französischen Autoren nicht berück- 
sichtigt wurden . . . Erwähnung tun zu sollen" glaubte. Auch 
stammt die Übersetzung aus einer so frühen Entwicklungszeit 
der Psychoanalyse (aus dem Jahre 1903), daß die weitgehende 
Übereinstimmung ihres Inhaltes mit den neuesten Erkenntnissen 
der Psychoanalyse das Kriterium eines objektiven Arguments für 
sich beanspruchen darf. 

Die kurze, aber klassische Beschreibung der Tics durch 
T r o u s s e a u lasse ich vorangehen. „Der schmerzlose Tic besteht 
in momentanen, blitzartigen Zuckungen, die sich meist auf 
eine kleine Anzahl von Muskeln, gewöhnlich die Gesichtsmuskeln, 
beschränken, aber auch den Hals, den Rumpf, die Glieder 
befallen können ... Bei dem einen ist er ein Blinzeln der 
Lider, ein Zucken in den Wangen, den Nasenflügeln, den 



Psydioanalytisdie Betrachtungen über den Tic 203 

Lippen, die an Gesichterschneiden erinnern ; bei einem anderen 
ist er ein Nicken mit dem Kopfe, eine plötzliche, oft sich 
wiederholende Drehung des Halses, bei einem dritten ein Zucken 
der Schultern, eine krampfhafte Bewegung der Bauchmuskeln 
oder des Zwerchfells, kurz, es ist ein unendlicher Wechsel 
bizarrer Bewegungen, die jeder Beschreibung spotten. In einigen 
Fällen sind diese Tics von einem Schrei, einem mehr oder 
weniger lauten Stimmgeräusch begleitet. Diese sehr charakteristi- 
sche Kehlkopf- oder Zwerchfellchorea kann den ganzen Tic 
ausmachen. Auch kommt eigentümlicher Hang, stets dasselbe 
Wort, denselben Ausruf zu wiederholen, vor; und der Kranke 
stößt sogar mit lauter Stimme Worte aus, die er lieber zurück- 
halten möchte. Ä1 

Von der Art, wie sich der Tic von einem Körperteil auf den 
anderen verschiebt, gibt folgende Krankengeschichte Grassets 
ein charakteristisches Bild: „Ein junges Mädchen hatte als Kind 
Mund- und Augentics gehabt; mit 15 Jahren streckte sie einige 
Monate lang das rechte Bein nach vorn, später war das Bein 
gelähmt ; dann trat ein Pfeifen für einige Monate an Stelle der 
Bewegungsstörungen. Ein Jahr lang stieß sie zeitweise den 
heftigen Schrei ,ah* aus. Mit 18 Jahren endlich . . . bestanden 
Grußbewegungen, Bewegungen des Kopfes nach hinten, Hoch- 
ziehen der rechten Schulter usw." a 

Diese Verschiebungen der Tics erfolgen oft ganz nach der 
Art, wie sich die Zwangshandlungen vom Ursprüng- 
lichen und Eigentlichen auf Entfernteres zu verschieben 
pflegen, um schließlich auf Umwegen zu dem Verdrängten 
zurückzukehren. Ein Patient von M. u. F. 3 nannte diese sekun- 
dären Tics „Paratics" und erkannte gut ihren Charakter als 

1) Meige und F e i n d e 1 (M. u. F.), op. cit., S. 29/30. 

2) M. u. F., op. cit., S. 145. 

3) M. uu F., op. cit., S. 8. 



204 S. Ferenczi 

Schutzmaßregeln gegen die primären Tics, bis sie dann selber 
zu Tics werden. 

Der Ausgangspunkt eines Tics kann eine hypochondrische 
Selbstbeobachtung sein. „Eines Tages spürte ich . . , . ein 
Krachen im Nacken" — erzählte ein Patient von M. u. F. — 
„zunächst glaubte ich, es sei etwas gebrochen. Um mich zu ver- 
gewissern, wiederholte ich die Bewegung ein-, zwei-, dreimal, 
ohne das Krachen zu bemerken. Ich variierte sie auf tausen- 
derlei Art, wiederholte sie immer stärker. Schließlich hatte ich 
mein Krachen wieder und dies war mir ein wirkliches Ver- 
gnügen . . . doch das Vergnügen wurde bald durch die Furcht, 
irgend eine Verletzung erzeugt zuhaben, beeinträchtigt." „Noch 
heute , . . kann ich der Lust nicht widerstehen, das Krachen 
hervorzubringen, und ich vermag ein Gefühl der Unruhe nicht 
zu überwinden, sobald es mir schließlich gelungen ist." 1 Den 
bald lüsternen, bald ängstlichen Charakter dieser Sensationen 
können wir getrost als pathologische Äußerung der Sexualität 
des Patienten, speziell des hypochondrischen Narzißmus auf- 
fassen; auch haben wir es hier mit dem relativ seltenen Fall 
zu tun, wo der Patient die sensiblen Motive seiner stereotypen 
Bewegungen fortwährend fühlt. In den meisten Fällen sind 
diese Motive, wie wir sehen werden, keine aktuellen Sensa- 
tionen, sondern unbewußt gewordene Re mi n i s- 
zenzen an solche. — Charcot, Brissaud, Meige und 
F e i n d e 1 gehören zu den wenigen Nervenärzten, die sich 
nicht scheuten, hinzuhorchen, wenn der Patient von der 
Entstehungsgeschichte seines Leidens erzählte. „Nur der Tic- 
Kranke kann" — heißt es bei M. u. F. — „die Frage über 
die Genese seiner Krankheit beantworten, wenn er auf oft 
längst vergangene Ereignisse zurückgreift, die 
seine motorische Reaktion zuerst ausgelöst 
i) M. u. F., op. cit. 



Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 205 

haben." Dieser Einsicht entsprechend, ließen sich unsere 
Autoren von ihren Patienten (allerdings nur mit Hilfe der 
bewußten Erinnerung) die Anlässe reproduzieren, die am ersten 
Auftreten ihrer Zuckungen usw. schuld waren. Wir sehen : 
der Weg zur Entdeckung des Unbewußten und seiner Erforschung 
durch die Psychoanalyse wäre auch von diesem Punkte aus 
möglich gewesen. — Sie fanden oft körperliche Traumata als 
letzte Erklärung, einen Zahnfleischabszeß als Ursache einer 
inveterierten Grimasse, eine Nasenoperation als Motiv des 
späteren Nasenrümpfens usw. Die Autoren erwähnen auch die 
Char cot sehe Ansicht, derzufolge der Tic „nur scheinbar eine 
körperliche Erkrankung ist, sie ist in Wirklichkeit eine 
seelische" ... „das direkte Produkt einer Psychose — einer 
Art hereditärer Psychose". 1 

Meige und Feindel wissen auch sehr viel von 
Charakterzügen der Tic-Kranken, die wir narzißtische 
nennen würden, zu erzählen. Sie zitieren z. B. das Geständnis 
eines Patienten: „Ich muß gestehen, daß ich von Eigenliebe 
erfüllt und gegen Lob und Tadel äußerst empfindlich bin. Ich 
suche Lobreden auf, ich leide grausam unter Gleichgültigkeit 
und Spöttereien . . . , das Unerträglichste ist der Gedanke, 
daß ich sehr lächerlich wirke und daß sich jedermann über 
mich mokiert." 2 „An Leuten, denen ich auf der .Straße 
begegne oder die ich in einem Omnibus treffe, meine ich 
immer einen sonderbaren Blick zu erkennen, spöttisch oder 
mitleidig, was mich beschämt oder reizt." Oder: „Zwei 
Menschen wohnen in mir : der eine mit, der andere ohne Tic. 
Der erstere ist der Sohn des zweiten, ein ungeratenes Kind, das 



1) Einigen Abbruch tut der Genialität dieser Erkenntnis nur die 
Tatsache, daß Meister G h a r c o t und seine Schüler Tics und Zwangs- 
zustände oft in einen Topf warfen. 

2) Op. cit., S. 20. 



206 S. Ferenczi 



seinem Vater große Sorgen macht. Dieser sollte es strafen, 
aber meist vermag er es nicht. So bleibt er der Sklave der 
Launen seines Geschöpfes." 

Solche Geständnisse zeigen im Tic-Kranken das seelisch im 
Infantilen steckengebliebene narzißtische Wesen, gegen das der 
gesund entwickelte Teil der Persönlichkeit schwer aufkommen 
kann. Das — dem Narzißmus entsprechende — Beherrschtsein 
vom Lustprinzip ersehen wir aus folgendem Ausspruche: „Gut 
macheich nur, was mir gefällt; was mich langweilt, mache 
ich schlecht oder gar nicht." Wenn er einen Gedanken hat, 
muß er ihn absolut von sich geben. Auch hört er nicht gerne 
zu. — Weitere Äußerungen von Meige und Feindel über 
die Infantilität der Tic-Kranken : „Bei allen Tic-Kranken steht 
der Geisteszustand auf einer jüngeren Altersstufe, als es der 
Wirklichkeit entspricht" (S. 88). „Jeder Tic-Kranke hat die 
Seele eines Kindes" (ibid.). „Tic ist geistiger Infantilismus." 
„Tic-Kranke sind große, schlecht erzogene Kinder, die gewohnt 
sind, ihren Launen nachzugeben und nie gelernt haben, ihre 
Willensakte zu zügeln" (S. 89). „Ein 19 Jahre alter Tiqueur 
mußte von Mama zu Bett gebracht und wie ein Baby angezogen 
werden. 1 Er zeigte auch körperliche Zeichen des Infantilismus." 
— Die Unfähigkeit, einen Gedanken zurückzuhalten, ist das 
rein psychische Pendant der Unerträglichkeit eines sensiblen 
Reizes ohne sofortige Abwehraktion; das Reden ist eben die 
motorische Reaktion, mit der die vorbewußte (gedankliche) 
psychische Spannung abgeführt wird. In diesem Sinne können 
wir der Ansicht Gharcots, daß es auch rein „psychische 

1) Idioten (die ja in der Infantilität und damit im Narzißmus 
stecken bleiben) haben bekanntlich sehr oft Tics und Stereotypien. 
Das Balancieren und Rotieren des Kopfes (bei Idioten) vergleicht 
N o i r mit „einer Art Wiegen, das den Kranken beruhigt und ein- 
schläfert, das ihm überhaupt gefällt", . . , „es hat die gleiche Wirkung, 
wie das wirkliche Wiegen des kleinen Kindes." (M. u. F., 1. cit., S. 275.) 



Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 207 

Tics" gibt, zustimmen. Es mehren sich also die Anzeichen, 
die dafür sprechen, daß es beim Ticmeur die narzißtische 
Überempfindlichkeit ist, die die • mangelhafte Fähigkeit zur 
motorischen und psychischen Selbstbeherrschung verursacht. 
Nebenbei ermöglicht diese Auffassung die Erklärung der Tat- 
sache, daß im Tic die scheinbar so heterogenen Symptome der 
motorischen Zuckung und der Koprolalie zu einem Krankheits- 
bilde verlötet sind. Weitere, von diesem Standpunkte verständ- 
liche Charakterzüge der Tic-Kranken, die von unseren Autoren 
beschrieben werden, sind : leichte Anregbarkeit, leichte Ermüdbar- 
keit, Aprosexie, Ablenkbarkeit und Ideenflucht, Neigung zu 
Süchtigkeiten (Alkoholismus), Unfähigkeit, körperliche Schmerzen 
oder Anstrengungen zu ertragen. Alle diese Züge lassen sich 
unserer Ansicht nach zwanglos erklären, wenn wir — ent- 
sprechend der Breuer sehen Zweiteilung der seelischen 
Funktionen in die Tätigkeiten der Abfuhr und der Bindung 
— bei den Tic-Kranken, eben infolge des gesteigerten oder 
fixiert gebliebenen Narzißmus, die Neigung zur Abfuhr erhöht, 
die Fähigkeit zur psychischen Bindung aber herabgesetzt denken. 
Die Abfuhr ist eine archaischere Erledigungsart des Reiz- 
zuwachses, sie steht dem physiologischen Reflex viel näher als 
die, wenn auch noch so primitive Form der Beherrschung 
(z. B. die Verdrängung) ; sie charakterisiert Tiere und Kinder. 
Kein Zufall, daß die Autoren — ohne die tieferen Zusammen- 
hänge zu ahnen — einfach aus den Mitteilungen ihrer Kranken 
und den eigenen Beobachtungen feststellen, daß die Tic- 
Kranken oft „wie Kinder sind", daß sie sich „innerlich jung" 
fühlen, ihre Affekte nicht beherrschen können, daß Charakter- 
züge, „die bei schlecht erzogenen Kindern so häufig sind, über 
die aber bei normalen Menschen in späteren Jahren Vernunft 

und Reflexion triumphieren, beim Tic-Kranken trotz 

zunehmenden Alters bestehen bleiben, und das oft so sehr, 



208 S. Ferenczi 

daß sie in manchen Charakterzügen nichts als große Kinder 
zu sein scheinen". 1 

Besondere Beachtung verdient ihr „Bedürfnis nach Wider- 
spruch und Widerstand", nicht nur, weil es als 
psychisches Analogon der motorischen Abwehrhewegungen der 
Tic-Kranken aufgefaßt werden kann, sondern weil es ein Licht 
auf den Sinn des Negativismus der Schizophrenen 
zu werfen geeignet ist. Wir wissen aus der Psychoanalyse, daß 
der Paraphreniker seine Libido von der Außenwelt aufs eigene 
Ich abgezogen hat; jeder Außenreiz — mag er physiologisch 
oder psychisch sein — stört seine neue Einstellung, er ist also 
nur zu bereit, sich jeder solchen Störung durch motorische 
Flucht zu entziehen oder sie durch Verneinung und motorische 
Abwehr abzulehnen. Die motorischen Äußerungen wollen wir 
aber noch einer eingehenderen Behandlung unterziehen. 

Von einer Reihe der Tics, resp. Stereotypien kann man 
getrost annehmen, daß sie zumindest die Neben-, wenn nicht 
die Hauptfunktionen haben, von Zeit zu Zeit einzelne Körper- 
partien fühlen und beachten zu lassen, so das schon 
erwähnte Streicheln der Taille, das Zerren und Richten an den 
Kleidern, das Strecken des Halses, das Recken der Brüste (bei 
Frauen), das Lecken und Beißen der Lippen, aber zum Teil 
auch das grimassierende Verzerren des Gesichtes, das Saugen an 
den Zähnen usw. Dies dürften Fälle sein, in denen der Tic 
vom konstitutionellen Narzißmus herrührt, bei dem 
schon unvermeidliche, banale äußere Reize das motorische 
Symptom hervorrufen. Im Gegensatz dazu stehen Fälle, in 
denen man von p athoneuro tischen Tics reden könnte, 
von abnormer Libidobesetzung pathologisch oder traumatisch 
veränderter Organe. Einige gute Beispiele liefert dazu unsere 
Quelle: 




Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 209 

„Ein Mädchen beugt den Kopf auf die Schulter, um die 
Schmerzen bei einem Zahnabszeß zu beruhigen, eine Bewegung, 
die durch eine wirkliche Ursache hervorgerufen ist, eine völlig 
beabsichtigte, überlegte Muskelreaktion, die zweifellos durch 
Beteiligung der Hirnrinde zustande kommt. Die Kranke will 
den Schmerz beruhigen, dadurch, daß sie die Wange drückt 
und erwärmt. Der Abszeß dauert fort, die Geste wiederholt 
sich immer weniger mit Absicht, immer mehr gewohnheits- 
gemäß, schließlich automatisch. Aber sie hat noch Ursache 
und Zweck. Bis jetzt ist nichts Abnormes daran. Nun ist der 
Abszeß geheilt, der Schmerz ist fort. Doch das Mädchen fährt 
fort, ihren Kopf auf Augenblicke auf die Schulter zu beugen. 
Was ist jetzt der Grund dieser Bewegung? Was ist ihr Zweck? 
Beide sind verschwunden. Was ist also dieser ursprünglich 
beabsichtigte, koordinierte, systematische Vorgang, der sich 
heute nur noch automatisch, grund- und zwecklos wiederholt? 
Das ist der Tic." 1 Natürlich ist an der Erklärung der Autoren 
einiges auszusetzen. Da sie vom Unbewußt-Psychischen nichts 
wissen, meinen sie, daß die Tics — im Gegensatz zur bewußten 
Willenshandlung — ohne Beteiligung der Seele entstehen, und 
da ihnen die Möglichkeit der Fixierung der Erinnerung an 
ein Trauma und die Reproduktionstendenz aus dem Unbe- 
wußten entgeht, halten sie die Bewegungen des Tiqueurs für 
sinn- und zwecklos. 

Dem Psychoanalytiker fällt selbstverständlich sofort die Ana- 
logie der Entstehung dieses Tic mit der Entstehung eines 
konversionshysterischen Symptoms im Sinne Breuers 
und Freuds in die Augen. Beiden gemeinsam ist die Rück- 
führbarkeit auf ein vielleicht schon vergessenes Trauma, dessen 
Affekt beim traumatischen Anlaß selbst unvollkommen abge- 

1) M. u. F., L cit, S. $5. S. auch die Bezeichnung für Tics; 
„Erinnerungskrämpfe". 

Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I ia 



2,0 S. Ferenczi 



fuhrt wurde; doch gibt es auch nicht unwesentliche Unter- 
schiede zwischen beiden. Beim Hysterischen ist das körperliche 
Symptom nur das Symbol einer seelischen Erschütterung 
deren Affekt unterdrückt und deren Erinnerung verdrängt 
wurde. Beim wirklichen Tic ist die organische Verletzung das 
einzige Trauma, das aber - wie es scheint - nicht minder 
geeignet ist, pathogene Erinnerungen zurückzulassen, als der 
Seelenkonflikt der Hysterischen. (Jedenfalls spricht die relative 
Unabhängigkeit der Tics von aktuellen pathologischen Ver- 
änderungen und ihre Abhängigkeit von Erinnerungen an 
so che dafür, daß die „Dauerveränderung", die nach einem 
solchen Trauma zurückbleibt, nicht in die Peripherie, in das 
Or gan selbst, sondern in die psychische Repräsentanz 
dieses Organs verlegt werden muß.) Die Hysterie ist eine 
Ubertragungsneurose, bei der die libidinöse Relation zum Objekt 
(Person) verdrängt wurde und im Konversionssymptom gleich- 
sam in autoerotischer Symbolisierung am eigenen 
Korper wiederkehrt.* Beim Tic dagegen scheint sich hinter 
dem Symptom überhaupt keine Objektrelation zu verstecken- 
der wirkt die Erinnerung an das organische 
Xrauma selbst pathogen. 

Diese Differenz zwingt uns nebstbei, eine Komplikation in 
das von Freud aufgestellte Schema über den Aufbau der 
psychischen Systeme" einzufügen. Das Psychische ist in "den 
einfachen Reflexbogen in der Form unbewußter, vorbewußter 
und bewußter E r i n n er u n g s s y s t e m e (Er.-Systeme) 
zwischen die afferenten (sensiblen) und efferenten (motorischen) 
Apparate eingeschaltet. Nun nimmt schon Freud eine 
Vielheit solcher Er.-Systeme an, die nach den ver- 
schiedenen Prinzipien der zeitlichen, inhaltlichen, formale n 

unÄ/e^ dn „Hysterie 



Psychoanaly tische Betrachtungen über den Tic 211 

oder affektiven Gemeinsamkeit orientiert sind. Was ich hier 
hinzufügen möchte, ist die Annahme eines besonderen Er.- 
Systems, das man „Icherinnerungssystem" nennen 
müßte, und dem die Aufgabe zufiele, die eigenen körperlichen, 
resp. seelischen Vorgänge fortwährend zu registrieren. Selbst- 
verständlich wird dieses System beim konstitutionellen Narzißten 
stärker entwickelt sein als beim Menschen mit vollentwickelter 
Objektliebe, aber ein unerwartet starkes Trauma kann beim 
Tic wie bei der traumatischen Neurose eine über- 
starke Erinnerungsfixierung an die beim Trauma gerade ein- 
genommene Haltung des eigenen Körpers zur Folge haben, 
die so stark sein kann, daß sie die dauernde oder paroxysma- 
tische Reproduktion jener Haltung provoziert. Die 
gesteigerte Neigung der Tic-Kranken zur Selbstbeobachtung, zur 
Achtung auf ihre endosomatischen und endopsychischen Sensa- 
tionen, wird auch von M e i g e und F e i n d e 1 hervor- 
gehoben. 1 Das „Icherinnerungssystem" gehört ebenso wie die 
Systeme der Sacherinnerungen zum Teil dem Unbewußten an, 
zum Teil ragt es ins Vbw oder ins Bw über. Zur Erklärung 
der Symptombildung beim Tic müßte man einen Konflikt 

1) L. cit. S. 5/6. Vgl. zu diesem Thema auch „Die Psychoanalyse 
der Kriegsneurosen", Diskussion, gehalten auf dem V. Intern. PsA. 
Kongreß in Budapest, Sept. 1918 (Int. PsA. Bibl., Nr. t), siehe auch: 
„Über zwei Typen der Kriegshysterie« (in „Hysterie und Pathoneurosen", 
Int. PsA. Bibl., Nr. 2). Den seelischen Unterschied zwischen der Art 
wie die Hysteriker und wie die Narzißten die Erinnerung an denselben 
Vorgang registrieren, mag die Anekdote von den zwei Kranken- 
warterinnen illustrieren, die beim selben Kranken abwechselnd Nacht- 
wache hielten. Die eine meldete frühmorgens dem Arzte, der Kranke 
habe schlecht geschlafen, wäre unruhig gewesen, hätte soundso viel mal 
Wasser verlangt usw. Die andere empfing den Arzt mit den Worten: 
„Herr Doktor, was ich heute für eine schlechte Nacht hatte!" — Die 
Neigung zum Autosymbolismus (Silber er) hat auch im Narzißmus 
ihre Ursache. 



212 S. Ferenczi 



innerhalb des Ich (zwischen Ichkern und Narzißmus) und einen 
der Verdrängung analogen Vorgang annehmen. 1 

Die traumatischen Neurosen, deren Symptome wir als ein 
Gemenge von narzißtischen und konversionshysterischen Er- 
scheinungen auffassen mußten und deren Wesen wir mit 
Freud im unvollkommen bewältigten, unterdrückten und 
nachträglich, allmählich „abreagierten" Schreckaffekt finden, 
zeigen nach alledem eine weitgehende Ähnlichkeit zu den 
„pathoneurotischen" Tics; ein merkwürdiges Zusammentreffen 
beider möchte ich aber noch besonders hervorheben. Fast alle 
Beobachter der Kriegsneurosen erwähnen, daß Neurosen fast 
nur nach Erschütterungen ohne stärkere Körperverletzungen 
(Verwundungen) vorkommen. Die diese Erschütterung kom- 
plizierende Verwundung schafft für den Schreckaffekt eine ent- 
sprechende Abfuhr und einen günstigeren Fall der Libido- 
verteilung im Organismus. Dies führte nun Freud zu der 
Hypothese, daß eine nachträgliche, schwere Körperverletzung 
(z. B. ein Knochenbruch) die Besserung der traumatisch-neu- 
rotischen Symptome nach sich ziehen müßte. Man vergleiche 
nun damit die folgende Krankengeschichte. 2 „Bei dem jungen 
M . . ,, der an Tics des Gesichtes und des Kopfes litt, hörten 
die Tics, als er sich den Unterschenkel gebrochen hatte, für 
die ganze Zeit der Fixation seines Beines auf." Die Autoren 
denken sich, daß dies der Ablenkung der Aufmerksamkeit 
zuzuschreiben ist; nach unserer Vermutung auch der Ablenkung 
der Libido. Auch daß die Tics bei „wichtigen Geschäften", 
bei „Beschäftigung mit Dingen, die stark interessieren", nach- 
lassen können, 3 läßt beide Erklärungen zu. 

1) Wir kennen also bereits Fälle von Konflikten zwischen Ich und 
Libido, von Konflikten innerhalb des Ichs und innerhalb der Libido. 

2) M. u. F., 1. cit., S. 111. 
5) L. cit., S. 12. 



Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 213 

Daß die Tics im Schlafe vollkommen aufhören, ist beim 
vollen Sieg des narzißtischen Schlafwunsches und der vollen 
Entleerung aller Systeme von der Besetzung verständlich, aber 
für die Entscheidung der Frage, ob die Tics rein psychogen 
oder somatogen sind, unwesentlich. Interkurrente organische 
Krankheiten, Schwangerschaft und Wochenbett, steigern die 
Tics ; dies spricht sicherlich nicht gegen ihre narzißtische Genese. 

m 

Nun möchte ich die Haupterscheinungen der Tics : das 
motorische Symptom und die Dyspraxien (Echolalie, 
Koprolalie, Imitationssucht), gestützt auf die wenigen eigenen 
Beobachtungen und auf die vielen Angaben von Meige und 
Feindel, einer etwas eingehenderen Betrachtung unterziehen. 

Diese Autoren wollen die Bezeichnung „Tic" nur auf 
Zustände anwenden, die zwei wesentliche Elemente erkennen 
lassen : das psychische und das motorische (das heißt das psycho- 
motorische). Es laßt sich gegen diese Einschränkung des 
Begriffes „Tic" nichts einwenden, doch glauben wir, daß es 
für das Verständnis des Zustandsbildes förderlich ist, wenn man 
sich nicht nur auf die typischen Zustände beschränkt, sondern 
auch rein psychische, ja auch sensible Störungen, 
wenn sie ihrem Wesen nach mit den typischen Fällen überein- 
stimmen, zu dieser Krankheit rechnet. Daß sensible Störungen 
als Motive ticartiger Zuckungen und Handlungen von 
Bedeutung sind, erwähnten wir bereits ; über die Art dieser 
Wirkung müssen wir uns aber noch Klarheit verschaffen. Ich 
verweise hier auf eine bedeutsame Arbeit Freuds, über „Die 
Verdrängung" (Ges. Sehr., Bd. V), wo er folgendes ausführt: 
„Wenn sich ein äußerer Reiz, z. B. dadurch, daß er ein Organ 
anätzt und zerstört, verinnerlicht und so eine neue Quelle 
beständiger Erregung und Spannungsvermehrung ergibt . . ., 



214 S. Ferenczi 



so erwirbt sie . . . eine weitgehende Ähnlichkeit mit einem 
Trieb. Wir wissen, daß wir diesen Fall als Schmerz empfinden." 
Was hier vom aktuellen Schmerz gesagt wird, muß im 
Falle der Tics auf die Schmerzerinnerungen ausgedehnt 
werden. Das heißt: bei überempfindlichen Personen (mit 
narzißtischer Konstitution) , bei der Verletzung stark libido- 
besetzter Körperteile (erogener Zonen) oder unter anderen, noch 
unbekannten Verhältnissen bildet sich im „Icherinnerungs- 
system" (oder in einem speziellen Organerinnerungssystem) 
ein Triebreizdepot, aus dem auch nach Verschwinden 
aller Folgen der äußeren Schädigung unlustvolle Erregung 
der inneren Wahrnehmung zuströmen will. Eine besondere 
Art, der Erledigung dieser Erregung ist nun die, daß 
ihr ein direktes Abströmen in die Motilität gestattet wird. 
Welche Muskeln dabei in Bewegung gesetzt und welche Hand- 
lungen ausgeführt werden, ist natürlich nicht zufällig. Wenn 
man die besonders instruktiven Fälle von „pathoneurotischen" 
Tics zum Vorbild aller anderen Arten nimmt, so kann man 
behaupten, daß der Tiqueur immer solche Bewegungen (oder 
deren symbolische Rudimente) ausführt, die seinerzeit, zur Zeit, 
wo die äußere Störung aktuell war, das Leiden abzuwehren 
oder zu lindern geeignet waren. Wir sehen also bei dieser Art 
Tics einen neuen Trieb gleichsam in statu 
nascendi, der die volle Bestätigung dessen liefert, was uns 
Freud von der Entstehung der Triebe überhaupt lehrte. Jeder 
Trieb ist nach Freud die durch Vererbung überlieferte 
„organisierte" Anpassungsreaktion an eine äußere Störung, die 
dann auch ohne äußeren Anlaß, von innen heraus, oder auf 
geringfügige Signale der Außenwelt hin in Gang gesetzt wird. 
Der Arten, wie sich der Mensch eines Leidens erwehren 
kann, gibt es verschiedene. Die einfachste ist wohl die, sich 
dem Reize zu entziehen ; diesem entspricht eine Reihe von 



Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 215 

Tics, die als Fluch treflexe gedeutet zu werden verdienen ; als 
Steigerung dieser Reaktionsart kann man den generellen 
Negativismus der Katatoniker ansehen. Kompliziertere Tics wieder- 
holen die aktive Abwehr eines störenden Außenreizes; eine 
dritte Form wendet sich gegen die eigene Person. 
Als Beispiel dieser letzteren Art erwähne ich die so verbreiteten 
Kratz-Tics und den Tic, sich selber Schmerzen zuzufügen, 
deren schizophrene Steigerung die Neigung zur Selbst- 
verstümmlung ist. 

Einen instruktiveren Fall berichtet uns die Monographie von 
Meige und Feindel. „Der Patient hatte einen Bleistift, 
einen hölzernen Federhalter nie länger als 24 Stunden ; dann 
war er von Anfang bis zum Ende zernagt. Ebenso war es mit 
den Griffen der Stöcke und Schirme; er verbrauchte außer- 
ordentlich viel davon. Um diesem Übelstande abzuhelfen, verfiel 
er auf die Idee, Federhalter von Metall und Stockknöpfe von 
Silber zu benützen. Das Resultat war ein klägliches ; er biß 
nur noch mehr hinein, und da er dem Eisen und Silber nichts 
anhaben konnte, brach er sich bald alle Zähne aus. 
Ein kleiner Abszeß kam hinzu und der Reiz, den der Schmerz 
mit sich brachte, wurde zur Quelle neuen Unheils. ... Er 
nahm die Gewohnheit an, seine Zähne mit den Fingern, den 
Federhaltern oder dem Stocke zu lockern; er mußte sich nach 
und nach alle Schneidezähne ausziehen lassen, dann die Eck- 
zähne, schließlich die vorderen Mahlzähne. Nun ließ er sich 
ein Gebiß machen ; ein neuer Vorwand zum Tic ! Mit seiner 
Zunge, seinen Lippen verschiebt er fortwährend das Instrument, 
rückt es nach vorn und hinten, nach rechts und links, dreht 
es im Munde um, auf die Gefahr hin, es zu verschlucken." 

Er erzählt selber: „Zuweilen kommt mich die Lust an, das 
Gebiß herauszunehmen . . ., ich suche mir die nichtigsten Vor- 
wände, um allein zu sein, nur für einen Augenblick, dann 



216 S. Ferenczi 



nehme ich die Prothese heraus, schiebe sie aber gleich wieder 
hinein, mein Wunsch ist befriedigt." 

„Er hat auch einen quälenden Kratz-Tic. Bei jeder Gelegen- 
heit fährt er mit der Hand übers Gesicht oder kratzt mit 
seinen Fingern an der Nase, dem Augenwinkel, dem Ohr, der 
Backe usw. Bald streicht er hastig mit der Hand über die 
Haare, bald dreht, zupft, reißt er am Schnurrbart, der manchmal 
wie mit der Schere abgeschnitten aussieht." 

Oder in einem Falle von D u b o i s : „Ein 2ojähriges Mädchen 
stößt mit dem Ellbogen nach ihrer Brust, den Vorderarm gegen 
den Oberarm gebeugt; sie stößt 15- bis 2omal in der Minute 
und sie tut es so lange, bis der Ellbogen sehr stark das Fisch- 
bein des Mieders berührt hat. Dieser heftigste Stoß ist von 
einem kleinen Schrei begleitet. Die Kranke scheint erst dann 
Befriedigung von ihrem Tic zu haben, wenn sie diesen letzten 
Stoß ausgeführt hat." 

Über den Zusammenhang ähnlicher Symptome mit der Onanie 
will ich mich später äußern. Hier möchte ich nur auf die 
Analogie der dritten Art der motorischen Abfuhr (der „Wen- 
dung gegen die eigene Person", Freud) mit einer bei 
gewissen niederen Tieren vorkommenden Reaktionsart hinweisen. 
Diese haben die Fähigkeit zur „Autotomie". Werden bei 
ihnen Körperteile schmerzhaft gereizt, so lassen sie die betroffene 
Partie im wahren Sinne des Wortes „fallen", indem sie sie 
vom übrigen Körper mit Hilfe spezieller Muskelaktionen ab- 
schnüren; andere (wie gewisse Würmer) zerfallen sogar in 
mehrere kleinere Partien (sie „zerspringen" gleichsam vor Wut). 
Auch das Abbeißen schmerzender Gliedmaßen soll vorkommen. 
Eine ähnliche Tendenz zur Loslösung unlustspendender Körper- 
teile äußert sich wohl im normalen „Kratzreflex", der das 
Wegkratzenwollen der gereizten Hautpartie sichtlich andeutet, 
in den Selbstverstümmlungstendenzen der Katatoniker und in 



Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 217 

den solche Tendenzen symbolisierenden automatischen Hand- 
lungen mancher Tic-Kranken; nur daß letztere nicht gegen 
aktuell störende Reize ankämpfen, sondern gegen einen ins 
„Ich-Er. -System" (Organ-Er. -System) detachierten Triebreiz. Wie 
ich nun eingangs auseinandersetzte und bereits bei früheren 
Anlässen betonte, 1 glaube ich, daß zumindest ein Teil dieses 
Reizzuwachses auf die, die Verletzung begleitende lokale (oder 
an die entsprechenden Fühlsphären gebundene) Libidosteigerung 
zurückzuführen ist. (Der Psychoanalytiker wird die aktive 
Abwehrreaktion unweigerlich mit Sadismus, die Selbst- 
beschädigung mit Masochismus in Zusammenhang bringen ; 
in der „Autotomie" hätten wir so ein archaisches Vorbild der 
masochistischen Triebkomponente.) Bekanntlich entbindet eine 
die Fassungskraft des Ichkerns übersteigende Libidosteigerung 
Unlust; unerträgliche Libido wird in Angst umgewandelt. 
M e i g e und F e i n d e 1 beschreiben nun als ein Kardinal- 
symptom der ticartigen Zuckung, daß ihre aktive oder passive 
Unterdrückung Angstreaktion hervorruft und daß nach 
Aufhören der Hemmung oder des Hindernisses die 
Bewegungen mit allen Anzeichen der Lust krampf- 
haft vollführt werden. 

Rein deskriptiv kann mar die Neigung zur Reizabschüttlung 
mittels einer Muskelzuckung oder die Unfähigkeit zur Hem- 
mung der motorischen (oder affektiven) Abfuhr mit gewissen 
Temperamenten in Vergleich setzen, die man in wissen- 
schaftlichen Kreisen mit dem Namen „motorischer Typus" 
belegt. 2 

1) „Hysterie und Pathoneurosen", 1. cit., S. 7. 

2) Der unhemmbare Drang zum Tanzen beim Klange rhythmischer 
Musik (Zauberflöte !) gibt ein anschauliches Bild von der Art, wie ein 
sensorischer, hier akustischer Reizzuwachs durch sofortige motorische 
Abfuhr erledigt wird. 



218 S. Ferenczi 



Der Tic-Kranke reagiert darum überstark, weil er durch 
innere Triebreize bereits belastet ist; es ist nicht unmöglich, 
daß ähnliches auch bei den genannten „Temperamenten" in 
irgend einem Sinne der Fall ist. Jedenfalls müssen wir die 
Tics zu jenen Fällen rechnen, in denen die normalerweise vom 
Vbw beherrschte Motilität und Affektivität ungewollten und 
zum Teil unbewußten, wie wir vermuten „organerotischen" 
Triebkräften in hohem Grade unterworfen sind, was sonst 
bekanntlich nur bei den Psychosen vorzukommen pflegt. Ein 
Grund mehr, um die gemeinsame (narzißtische) Grundlage der. 
Tics und der meisten Psychosen glaubwürdig erscheinen zu 
lassen. 

Die Tic-Krankheit befällt die Kinder zumeist in der sexuellen 
Latenz, wo diese übrigens auch zu anderen psychomotorischen 
Störungen (z. B. zur Chorea) neigen. Sie kann verschiedene 
Ausgänge haben, von Schwankungen abgesehen, stationär bleiben 
oder progressiv zum Gilles de laTourette sehen Symptom- 
komplex ausarten; nach einem Falle zu urteilen, den ich 
psychoanalytisch durchschauen konnte, kann aber die motorische 
Überreizbarkeit in späteren Jahren auch durch überstarke 
Hemmung kompensiert werden. Es sind das Neurotiker, die 
sich durch übermäßige Vorsicht, Abgemessenheit, Gewichtigkeit 
ihrer Gangart und der Bewegungen auszeichnen. 1 

Die Autoren geben an, daß es auch Haltungs-Tics 
gibt, also nicht mehr blitzartige klonische Zuckungen, sondern 
tonische Starre in einer bestimmten Stellung des Kopfes oder 
einer Gliedmaße. Es ist nicht zu bezweifeln, daß diese Fälle 
Übergänge sind zwischen der kataklonischen und der 
katatonischen Innervation. Meige und Feindel sagen 
selbst ausdrücklich: „Noch mehr nähert sich dieses 

1) Über diese „Bewegungs angst" s. „Über obszöne Worte". (Dieser 
Band, S. 171). 



Psydioanalytisdie Betrachtungen über den Tic 219 

Phänomen (der tonische oderHaltungs-Tic) den 
katatonischen Haltungen, deren Pathogenese 
manchenBerührungspunktmit der des Haltung s- 
Tics bietet! (M. u. F., 1. cit., S. 136.) Hiezu ein charak- 
teristisches Beispiel : S. hat einen Torticollis (Haltungs-Tic) nach 
links. Allen Anstrengungen, die man macht, um seinen Kopf 
nach rechts zu beugen, setzt er einen beträchtlichen Muskel- 
widerstand entgegen. Wenn man aber mit ihm spricht, ihn 
während dieser Versuche beschäftigt, so wird sein Kopf 
allmählich ganz frei und man kann ihn nach allen Rich- 
tungen ohne die geringsten Anstrengungen drehen, (M. u. F., 
1. cit, S. 136.) 

Gegen das Ende des Buches stellt sich dann heraus, daß 
einer der Autoren (H. Meige) sogar die Wes ensgleich- 
heit der Katatonie und der Tics bereits erkannt hat. In einem 
Vortrage am internationalen medizinischen Kongreß zu Madrid 
(1903) teilte er diese Auffassung mit. („L'aptitude catatonique 
et Vaptitude eckopraxique des tiqueurs") Der Übersetzer referiert 
den Inhalt dieses Vortrages folgendermaßen: 

„Untersucht man zahlreiche Tic-Kranke, so kann man 
folgende Beobachtungen machen, die für die Pathogenese des 
Leidens nicht ohne Interesse sind . . . Manche Tic-Kranke 
neigen in auffallender Weise dazu, in Stellungen, die man ihren 
Gliedern gibt oder die sie selbst einnehmen, zu beharren. Es 
handelt sich also um eine gewisse Katatonie. Zuweilen ist 
sie so stark, daß sie die Untersuchung der Sehnenreflexe 
erschwert und in mehreren Fällen wurde dadurch ein Fehlen 
der Patellarreflexe vorgetäuscht. In Wirklichkeit handelte es 
sich um eine übertriebene Muskelanspannung, eine Steigerung 
des Muskeltonus. Fordert man solche Kranke auf, einen Muskel 
plötzlich zu entspannen, so gelingt ihnen das oft erst nach 
ziemlich langer Zeit. Ferner kann man oft beobachten, daß 



220 S. Ferenczi 

Tic-Kranke häufig dazu neigen, passive Bewegungen ihrer 
Glieder in übertriebener Weise zu wiederholen. Wenn man 
z. B. ihre Arme mehrmals nacheinander bewegt hat, so kann 
man sehen, daß die Bewegung hinterher noch eine Zeitlang 
fortgesetzt wird. Solche Kranke bieten also das Symptom der 
Echopraxie, neben dem der Katatonie, in entschieden 
größerem Maße als Gesunde." (M. u. R, loc. cit., S. 386.) 

Hier haben wir die Gelegenheit, uns mit einer vierten Art 
der motorischen Reaktion, die beim Tic und bei der Kata- 
tonie in gleicher Weise vorkommt, mit der Flexibilitas 
cerea, zu beschäftigen. Die „wächserne Biegsamkeit" besteht 
darin, daß jemand ohne den geringsten Muskel- 
widerstand alle Stellungen, in die seine Gliedmaßen passiv 
gebracht werden, längere Zeit einhält. Dieses Symptom kommt 
bekanntlich auch in tiefer Hypnose vor. 

Nun mußte ich bei einem anderen Anlaß, als ich mich um 
die Erklärung der psychoanalytischen Gefügigkeit in der 
Hypnose bemühte, 1 die willenlose Gefügigkeit des Hypnotisierten 
auf Motive der Angst und der Liebe zurückführen. In der 
„Vaterhypnose" leistet das Medium alles, was man von ihm fordert, 
weil eshiedurchdervom gefürchteten Hypnotiseur drohenden Gefahr 
zu entgehen hofft ; bei der „Mutterhypnose" tut es alles, um sich die 
Liebe des Hypnotiseurs zu sichern. Sieht man sich nach Analogien 
dieser Anpassungsart in der Tierwelt um, so stößt man auf das 
Sichtotstellen gewisser Tierarten bei drohender Gefahr und 
auf den Mimikry genannten Anpassungsmodus. Die „wäch- 
serne Biegsamkeit", die „Katalepsie" der Katatoniker (und ihre 
Andeutung beim Tic-Kranken) mag in ähnlichem Sinne 
gedeutet werden. Dem Katatoniker ist eigentlich alles gleich- 
gültig, sein Interesse und seine Libido sind aufs Ich zurück- 

1) S. „Introjektion und Übertragung. II. Die Psychoanalyse der 
Hypnose und Suggestion". (Dieser Band, S. 9.) 



Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 221 

gezogen; von der Außenwelt will er in Ruhe gelassen werden. 
Trotz vollkommener automatischer Unterordnung unter jeden 
ihm entgegenstehenden Willen ist er von den Störenfrieden 
eigentlich innerlich unabhängig, ihm ist es ja gleichgültig, ob 
sein Körper diese oder jene Stellung einnimmt, warum sollte 
er also die ihm passiv gegebene Körperhaltung nicht bewahren ? 
Flucht, Widerstand oder Wendung gegen sich selbst sind Reak- 
tionsarten, die immerhin noch von einem ziemlich starken 
affektiven Verhältnis zur Außenwelt zeugen. Erst in der Katalepsie 
erreicht der Mensch jenen Grad von fakirenhafter Konzentration 
auf das innerste Ich, bei dem sogar der eigene 
Körper als etwas Ichfremdes, als ein Stück der Um- 
welt empfunden wird, dessen Schicksal seinen Besitzer voll- 
kommen kalt läßt. Katalepsie und Mimikry waren demnach 
Regressionen zu einer noch viel primitiveren Anpassungsart 
der Lebewesen, zur autoplastischen Anpassung (Anpassung 
mittels Veränderung des eigenen Selbst), während Flucht 
und Abwehr schon auf die V eränderung der Umwelt 
abzielen. (Alloplastische Anpassung.) 1 

Nach der Beschreibung in Kräpelins Lehrbuch der 
Psychiatrie ist die Katatonie oft ein merkwürdiges Gemenge 
von Symptomen des Befehlsautomatismus und des Negativismus 
sowie von (tic-artigen) Bewegungen ; dies spricht dafür, daß in 
einem und demselben Falle verschiedene Arten der motorischen 
Anspannungsreaktion zu Worte kommen können. (Von den 
stereotypen Bewegungen der Katatoniker, die wir als ticartige 
bezeichnen würden, erwähnt K r ä p e li n u. a. : „Gesichter- 
schneiden, Verdrehungen und Verrenkungen der Glieder, Auf- 
und Niederspringen, Purzelbäume, Wälzen, Händeklatschen* 
Herumrennen, Klettern und Tänzeln, Hervorbringen sinnloser 

1) S. dazu „Hysterische Materialisationsphänomene" in „Hysterie und 
Pathoneurosen". Int. PsA. Bibl., Heft 2, S. 24. 



222 S. Ferenczi 



Laute und Geräusche." Kräpelin, Lehrb. der Psychiatrie, 
VI. Aufl., I. Bd.) 



Beim Erklärungsversuch der Echopraxien und der Echolalie 
bei Dementen und Tic-Kranken muß man aber auch auf feinere 
Vorgänge der Ichpsychologie, auf die uns Freud aufmerksam 
machte, Rücksicht nehmen. 1 „Die Entwicklung des Ich besteht 
in einer Entfernung vom primären Narzißmus und erzeugt ein 
intensives Streben, diesen wiederzugewinnen. Die Entfernung 
geschieht mittels der Libidoverschiebung auf ein von außen 
aufgenötigtes Ichideal, die Befriedigung durch die Erfüllung 
dieses Ideals." 

Nun scheint die Tatsache, daß der Demente und der Tiqueur 
so starke Neigung haben, jeden in Wort und Handlung zu 
imitieren, also gleichsam zum Identifikationsobjekt, zum Ideal 
zu erheben, jtn Widerspruch mit der Behauptung zu stehen, 
daß sie eigentlich auf die Stufe des primären Narzißmus zurück- 
gefallen oder in ihr steckengeblieben sind. Doch ist dieser 
Widerspruch nur ein scheinbarer. Gleichwie andere lärmende 
Symptome der Schizophrenie, wollen diese übertriebenen 
Äußerungen der Identifikationstendenz nur den Mangel 
wirklichen Interesses verdecken; sie stehen — wie Freud sich 
ausdrücken würde — im Dienste des Heilungsbestrebens, des 
Strebens, das verlorene Ichideal wiederzugewinnen. Die Gleich- 
gültigkeit aber, mit der hier jede Handlung, jede Rede ein- 
fach imitiert wird, stempelt diese Identifizierungsverschiebungen 
zur Karikatur des normalen Idealsuchens, sie wirken auch oft 
im Sinne der Ironie. 3 

1) Freud, „Zur Einführung des Narzißmus". (Ges. Sehr., Bd. VI.) 

2) Daß die Nachahmung ein beliebtes Mittel der Ironisierung ist, 
ist allgemein bekannt; das ärgerliche Gefühl beim Nachgeahmtwerden 
zeigt an, daß sie diese Wirkung auch nicht verfehlt. 






Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 223 

M e i g e und F e i n d e 1 beschreiben Fälle, in denen auch 
komplizierte Tic-Zeremoniells en bloc angenommen werden; 
sie betonen besonders, daß viele Tiqueurs ein schauspielerisches 
Wesen und die Neigung, jeden Bekannten nachzuahmen, zur 
Schau tragen. Einer ihrer Patienten übernahm als Kind das 
Augenzwinkern eines ihm besonders imponierenden Gendarmen. 
Wie ein imposanter Mensch „sich räuspert und wie er spuckt", 
das gucken ihm diese Kranken tatsächlich ab. Daß die Tics 
unter Kindern förmlich ansteckend wirken können, ist allgemein 
bekannt. 

Die Gegensätze, die man im motorischen Verhalten der 
Katatoniker und Katakloniker festgestellt hat, beschränken sich 
bekanntlich nicht auf Muskelaktionen; sie finden auch in der 
Rede des Patienten ihre vollkommene Parallele. Beim schizo- 
phrenen Katatoniker wechseln vollständiger Mutazismus, un- 
hemmbarer Redezwang und Echolalie miteinander ab; ersterer 
ist ein Pendant der tonischen Muskelstarre, der zweite des 
unhemmbaren motorischen Tics, der dritte der Echokinesis. 
Den innigen Zusammenhang der Bewegungs- und der Rede- 
störung zeigt uns besonders deutlich die sogenannte Koprolalie. 
Die Kranken, die daran leiden, haben den Drang, Wort- 
vorstellungen und Sätze erotischen, meist analerotischen Inhalts 
(Flüche, obszöne Worte usw.), ohne jeden adäquaten Grund 
laut auszusprechen. Dieses Symptom tritt besonders stark her- 
vor, wenn der Tic-Kranke den motorischen Tic zu unter- 
drücken versucht. 1 Die vorhin erwähnte „detachierte Trieb- 
energie", wenn ihr die Abfuhr in die Motilität verlegt wird, 
findet den Ausweg zu den „ideomotorischen", den Sprach- 



1) Über die methodische Verwertung- der Bewegungsunterdrückung 
zur Anregung von Denken und Reden s. „Technische Schwierigkeiten 
einer Hysterieanalyse" in „Hysterie und Pathoneurosen", Int. Psa. Bihl., 
Bd. 2, S. 49. 



Ji 



224 S. Ferenczi 



bewegungen. Daß aber gerade Reden erotischer, und zwar 
„organerotischer" (perverser) Natur zur Äußerung kommen, 
möchte ich mit der sogenannten „Organsprache" bei nar- 
zißtischen Psychosen in Zusammenhang bringen. („Im Inhalt 
der Äußerungen der Schizophrenen wird oft eine Beziehung zu 
Körperorganen und Körperinnervationen in den Vordergrund 
gerückt." Freud), 

IV 

So wertvoll uns die Beobachtungen der Autoren sind, so 
wenig fördern uns die theoretischen Folgerungen, die sie aus 
ihnen ziehen. Ihre Erklärungen beschränken sich meist darauf, 
die Symptome auf gewisse nächste Ursachen (Anlässe) oder auf 
„Prädisposition", auf „Degeneration" zurückzuführen. Wo der 
Patient keine Erklärung für einen Tic geben kann, betrachten 
sie ihn als „sinn- und zwecklos". Allzufrüh verlassen sie den 
psychologischen Weg und verlieren sich in physiologisierender 
Spekulation. Schließlich langen sie dort an, daß sie mit 
Brissaud eine (angeborene oder durch den häufigen Gebrauch 
erworbene) „Hypertrophie des Funktionszentrums im Gehirn" 
des Tic-Kranken annehmen, das sie als „Zentralorgan der Tic- 
Funktion" betrachten. Auch ihre Therapie ist darauf angelegt, 
„diese Hypertrophie durch Prozeduren der Ruhigstellung rück- 
gängig zu machen" . Meige und Feindel sprechen von 
einer „kongenitalen Anomalie", von „mangel- und fehlerhafter 
Entwicklung kortikaler Assoziationsbahnen und subkortikaler 
Anastomosen" ; von „molekularen teratologischen Mißbildungen, 
die zu erkennen unsere anatomischen Kenntnisse leider nicht 
ausreichen". — Grasset 1 unterscheidet die bulbärspinalen, 
die „polygonalen" und die im eigentlichen Sinne seelischen 
Tics. Die ersteren scheiden Meige und Feindel (mit Recht) 

1) Anatomie climqiie des centres nerveux, Paris 1900. 



Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 225 

aus der Reihe der Tics aus und weisen ihnen einen Platz unter 
den „Krämpfen" an; „seelische" Tics sind die, die einem 
bewußten psychomotorischen Drang ihr Entstehen verdanken; 
als „polygonale" Tics bezeichnet Grasset alles, was wir 
unbewußten seelischen Motiven zuzuschreiben pflegen. Auf 
Grund eines nach dem bekannten Aphasieschema konstruierten 
kortikalen Mechanismus, den er „Rindenpolygon" nennt, be- 
schreibt er alle unbewußten und automatischen Tätigkeiten als 
Funktionen des „Polygons". „Man träumt mit dem Polygon", 
„die Zerstreuten handeln mit dem Polygon" usw. — Schließlich 
entscheiden sich M e i g e und F e i n d e 1 zu folgender Definition 
der Tics: „Es genügt nicht, daß eine Geste im Moment, wo 
sie auftritt, unangebracht ist; es muß vielmehr sicher sein, daß 
sie im Moment ihrer Ausführung mit keiner Vorstellung im 
Zusammenhang steht, der sie ihre Entstehung verdankte . . . 
Charakterisiert sich die Bewegung außerdem durch allzu häufige 
Wiederholung, durch beständige Zwecklosigkeit, stürmisches 
Drängen, Schwierigkeit im Unterdrücken und nachfolgende 
Befriedigung, dann ist ein Tic da." An einer einzigen Stelle 
sagen sie: „Wir befinden uns hier auf dem gefährlichen Gebiete 
des Unterbewußtseins**, und hüten sich, dieses so gefürchtete 
Terrain zu betreten. 

Wir können ihnen aber daraus keinen Vorw r urf machen ; stak 
doch damals die Lehre von den unbewußten seelischen Funk- 
tionen noch fn den Kinderschuhen. Haben ja die Gelehrten 
ihres Vaterlandes auch heute noch, nach fast drei Jahrzehnten 
psychoanalytischer Arbeit, nicht den Mut, den Weg zu be- 
schreiten, auf dem auch dieses „gefährliche Gebiet'* der For- 
schung zugänglich wurde. Meige und Feindel hatten das 
nicht zu unterschätzende Verdienst, als erste eine, wenn auch 
unvollkommene, psychogenetische Theorie der traumatischen 
Tics versucht zu haben. 

Ferenczl, Bausteine zur Psychoanalyse I 15 



226 S. Ferenczi 



Da diese Autoren sich auf die bewußten Äußerungen und 
Erzählungen ihrer Kranken verließen und ihnen keine Methode 
zur Verfügung stand, das von den Patienten Gesagte zu deuten, 
ist in ihren Erklärungen für die Sexualität gar kein Raum 
übrig. Welche Fülle von — allerdings versteckten — erotischen 
Geständnissen ihre Krankengeschichten enthalten, mögen Aus- 
züge aus der ausführlichen Anamnese eines Tic-Kranken von 
Meige und Feinde] illustrieren. 

Derselbe Tic-Kranke, der sich, wie schon erzählt, fast alle 
Zähne reißen ließ, hatte einen „Haltungs-Tic", er mußte das 
Kinn hochhalten. Er geriet nun auf die Idee, das Kinn an den 
Knopf seines Spazierstockes anzudrücken; dann variierte 
er das so, daß er „den Stock zwischen seinen Anzug 
und den zugeknöpften Überzieher steckte, so daß 
i m Krageneinschnitt der Stockknopf erschien, 
auf dem das Kinn einen Stützpunkt fand. Später suchte der 
Kopf ohne Stock immer eine Stütze, ohne die er hin und her 
oszillierte. Schließlich mußte er die Nase an die Stuhllehne 
stützen, wenn er ruhig lesen wollte". Welche Zeremonien er 
außerdem aufzuführen imstande war, möge seine eigene Er- 
zählung verdeutlichen: 

„Anfangs trug ich Kragen von mittlerer Höhe, aber zu eng, 
um mein Kinn hineinzustecken. Dann knöpfte ich das Hemd 
auf und ließ das Kinn in den offenen Kragen gleiten, indem 
ich den Kopf stark neigte. Für einige Tage war die Wirkung 
befriedigend, aber der aufgeknöpfte Kragen bot nicht Wider- 
stand genug. Nun kaufte ich viel höhere Kragen, wirkliche 
Halskrawatten, in die ich mein Kinn hineinzwängte, so daß 
ich es weder nach rechts noch nach links drehen konnte. 
Dies war vollkommen, — aber nur für kurze Zeit, Denn so steif 
sie auch sein mochten, die Kragen gaben schließlich immer nach 
und boten nach ein paar Stunden einen kläglichen Anblick." 



_^ Psydioanalytisdi e Betraditungen über den Tic 227 

.Jch mußte etwas anderes erfinden, und jetzt kam mir fol- 
gende abgeschmackte Idee: An den Hosenträgerknöpfen 
befestigte ich einen Faden, der unter der Weste 
durchführte und oben in ein kleines Elfenbein- 
plättchen auslief, das ich zwischen die Zähne 
nahm. Die Länge des Fadens war so berechnet, daß ich den 
Kopf neigen mußte, um das Plättchen erreichen zu können. 
Ein ausgezeichneter Trick ! — aber immer nur für kurze Zeit, 
denn abgesehen davon, daß diese Haltung ebenso unbequem 
wie lächerlich war, erhielt meine Hose durch das viele 
Ziehen daran eine wirklich groteske und sehr 
genante Fasson. Ich mußte auf diese schöne Erfindung 
verzichten. Indessen habe ich immer eine Vorliebe für dieses 
Prinzip bewahrt, und noch heute passiert mirs oft auf der Straße, 
daß ich den Kragen meines Rockes oder Überziehers zwischen 
die Zähne nehme und so spazieren gehe. Mehr als einen 
Besatz habe ich so zernagt. Zu Hause mache ich es anders: Ich 
entledige mich schleunigst der Krawatte, knöpfe den Hemd- 
kragen auf und nehme diesen zum Hineinbeißen.'' Infolge der 
gehobenen Haltung des Kinns sah er beim Gehen die Füße 
nicht mehr. ,,Und so muß ich beim Gehen achtgeben, weil ich 
nicht sehe, wo ich hintrete. Ich weiß wohl, daß ich, um dieser 
Unbequemlichkeit abzuhelfen, nur die Augen oder den Kopf zu 
neigen brauche, aber das bringe ich gerade nicht fertig." 

„Eine gewisse Aversion, hinunterzublicken", besteht beim 
Patienten immer noch. Den Patienten geniert auch ein 
„Schulterkrachen", „analog der willkürlichen Subluxation des 
Daumens - oder der eigentümlichen Geräusche, die manche 
Personen zur Unterhaltung anderer 'erzeugen können". Er pro- 
duziert es auch als „kleines gesellschaftliches Talent". So lange 
er in Gesellschaft ist, unterdrückt er seine Absonderlichkeiten, 
weil er sich vor anderen geniert, doch „sobald er allein ist, 



228 S. Ferenczi 



laßt er sie nach Herzenslust gehen". „Dann sind alle seine 
Tics entfesselt, es ist ein förmliches Schwelgen in absurden 
Bewegungen, ein motorisches Austoben, das den Kranken 
erleichtert. Er kommt zurück und nimmt die unterbrochene 
Konversation wieder auf." 

Noch grotesker sind seine Schlafzeremoniells. „Das 
Reiben seines Kopfes am Kopfkissen bringt ihn zur Ver- 
zweiflung j er dreht sich nach allen Richtungen, um dies zu 
vermeiden j . . . schließlich hat er sich eine merkwürdige Lage 
gewählt, die ihm zur Vermeidung seiner Tics am wirksamsten 
zu sein scheint: er liegt auf der Seite, ganz am Rande des 
Bettes, und läßt den Kopf zum Bette hinaushängen." 

Bevor wir auf die psychoanalytische Deutung dieser Kranken- 
geschichte eingehen, müssen wir leider dem Zweifel Ausdruck 
verleihen, ob es sich in diesem Falle um einen wirklichen Tic 
oder um eine schwere Zwangsneurose handelte. Die 
Unterscheidung zwischen den Zeremoniells der Zwangskranken, 
den Pedanterien und Absonderlichkeiten bei leichterer Form 
der Katatonie und den Schutzmaßregeln gegen einen quälenden 
Tic sind in manchen Fällen schwer zu treffen, oft nur nach 
mehrwöchiger oder noch längerer Analyse. 1 Auch waren die 
Tics in Frankreich längere Zeit hindurch ein ebensolcher 
Sammeltopf für die heterogensten neurotischen Zustände wie 
etwa am Anfang des vorigen Jahrhunderts die vapeurs oder 
heutzutage die Psychasthenien. Dieser Zweifel verbietet uns, 
die in dieser Krankengeschichte nur so wimmelnde Penis-, 
Onanie- und Kastrationssymbolik in der Patho- 
genese der Tics überhaupt zu verwerten. (Kopf, Nase, 
Erschlaffung der Halsmuskeln, steifer Kragen, Krawatte, Spazier- 
stock, der Stock zwischen Hose und Mund gesteckt, Stockknopf 
im Munde, Zahnreizsymbolik, Zahnextraktionen, Kopf hangen 

1) Über diese differentielle Schwierigkeit siehe weiter unten. 



Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 22Q 

lassen usw.) Glücklicherweise sind wir diesbezüglich nicht auf 
ein einziges Beispiel angewiesen. Ein Fall, den ich analytisch 
genau durchforscht habe, 1 zeigt mir ganz deutlich, wie die 
onanistische und überhaupt die Genitalbetätigung und die 
erotische Reizbarkeit des Genitales in Form von stereotypen 
Bewegungen auf sonst nicht besonders erogene Körper- und 
Hautpartien übertragen wird. Allgemein bekannt ist der 
Zusammenhang der Onychohyperästhesie und der 
Onychophagie, der „Haarempfindlichkeit" und des 
ticartigen Haarzupfens und -reiß ens mit der unterdrückten 
Onanie. Erst unlängst konnte ich einen jungen Mann von dem 
ihn selbst quälenden Nägelbeißen durch eine einzige Aussprache 
über seine Onanieneigungen befreien. 2 Der allergrößte Teil 
der Tics spielt sich am Kopfe und an den Gesichts- 
partien ab, die als Stellen der symbolischen Darstellung von 
Genitalvorgängen besonders bevorzugt sind. 

M e i g e und F e i n d e 1 betonen die Verwandtschaft der 
Beschäftigungskrämpfe mit den Tics. Nun sind diese Krämpfe 
tmd das „Beschäftigungsdelir" der Alkoholisten, wie es von 
T a u s k nachgewiesen wurde, eigentlich Onanieersatz. Die 
eigenartige Gene, die die Tiqueurs ihre Verzerrungen zu ver- 
stecken und zu maskieren zwingt, erinnert auch lebhaft an die 
vom Budapester Kinderarzt Lindner bereits im Jahre 1879 
beschriebene Art,, in der die Kinder das „Ludein oder Wonne- 
saugen" zu kachieren pflegen. Auch der „Monasterismus", die 
Tendenz, sich in der Abgeschlossenheit auszutoben, mag von 
der Onanie herrühren. 3 

1) „Hysterie und Pathoneurosen", „Technische Schwierigkeiten usw." 

2) Ein scharfsinniger ungarischer Chirurg, Prof. K o v a c s, pflegte 
seine HÖrer auf das Symptom des Nagelbeißens aufmerksam zu machen 
und sagte: das seien Leute, die ihre vorstehenden Körperteile nicht in 
Ruhe lassen können. 

5) Das Wort Tic ist nach Meige und F e i n d e 1 ein O n o- 



230 S. Ferenczi 



In diesem Zusammenhang kommen wir auf die Beobachtungen 
von Gowers und Bernhardt zurück, denen zufolge die 
Tics sich oft zur Zeit der ersten Pubertät, der Schwangerschaft 
und des Wochenbettes, also zur Zeit von erhöhter Reizung der 
Genitalregion verstärken. Wenn wir schließlich die von 
analerotischer Obszönität strotzende Koprolalie vieler Tic- 
Kranken 1 und ihre von Oppenheim betonte Neigung zur 
Enuresis (nocturna und diurna) in Betracht ziehen, so können 
wir uns des Eindruckes nicht erwehren, daß man der bei den 
Neurotikern so stark betonten, aber auch in der normalen 
Sexualentwicklung bedeutsamen „Verlegung von unten 
nach oben" bei der Bildung der Tics eine nicht unwesent- 
liche Wichtigkeit beimessen muß. 

Man könnte diese Tatsache mit der in den bisherigen 
Betrachtungen in den Vordergrund gestellten Rückführbarkeit 
der Tics auf den erhöhten Narzißmus in folgender Weise 
verknüpfen: Beim „p athoneuro tisch en Tic" wird der 
verletzte oder gereizte Körperteil (resp. seine psychische 
Repräsentanz) mit überstarkem Interesse und mit Libido besetzt. 
Die dazu nötige Energiequantität wird dem größten Libido- 
reservoir, der Genitalsexualität, entnommen, muß also notwendiger- 
weise mit mehr minder starker Störung der Potenz resp. des 

matopoetikon; es ahmt ein „kurzes Geräusch" nach. Zucken. 
Ticken, Tic im Deutschen, tic, iiqueur, tique im Französischen, tugg^ 
tick im Englischen, ticchio im Italienischen, tico im Spanischen, lassen 
alle dieselbe Wurzel erkennen und haben wohl alle denselben onomato- 
poetischen Ursprung. (M. u. F., 1. cit, S. 29.) Wir möchten hier daran 
erinnern, daß infolge einer eigenartigen, sehr verbreiteten akustischen 
Synasthesie das Zucken und die Erektion der Klitoris von den meisten 
Frauen als „Klopfen" beschrieben wird. 

1) Es giht auch sonst gesunde Menschen, die das Gedachte sofort 
aussprechen müssen, z. B. beim Lesen murmeln oder vor sich hinreden. 
Nach Stricker ist übrigens jedes Denken von der leisen Innervation 
der Sprachbewegungsorgane begleitet. 



Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 231 

normalen genitalen Fühlens einhergehen. Bei dieser Verlegung 
wird nicht nur ein bestimmtes Energiequantum, sondern auch 
ihre Qualität (Innervationsart) nach oben verlegt, daher die 
„Genitalisierung" der vom Tic betroffenen Partien (Reizbarkeit, 
Neigung zum rhythmischen Reiben, in manchen Fällen förm- 
licher Orgasmus). Beim Tic der „konstitutionell 
Narzißten" scheint das Primat der Genitalzone überhaupt 
nicht ganz fest begründet zu sein, so daß schon banale 
Reizungen oder unvermeidliche Störungen eine solche Verlegung 
zur Folge haben. Die Onanie wäre so eine noch halb narziß- 
tische Sexualbetätigung, von der der Übergang sowohl zur 
normalen Befriedigung an einem fremden Objekt als auch die 
Rückkehr zum Autoerotismus leicht möglich ist. 

Überlegungen, die ich in einem anderen Zusammenhang 
mitteilen will, vorgreifend, erwähne ich hier, daß ich mir 
die Genitalsexualität als die Summe der aufs Genitale verlegten 
Autoerotismen vorstelle, die bei dieser „Verlegung nach 
unten nicht nur ihre Quantitäten, sondern auch ihre 
Innervationsarten mitbringen. („Amphimixis der Autoerotismen.") 
Das Hauptquantum zur Genital ität liefert die Urethral- und die 
Analerotik. Bei der pathologischen „Verlegung nach oben" 
scheint sich nun die Genitalität zum Teil in ihre Komponenten 
zu zerlegen, was zur Verstärkung gewisser urethral- resp. anal- 
erotischer Züge führen muß. Die Verstärkung betrifft nicht 
nur diese Organerotismen selbst, sondern auch ihre* Abkömm- 
linge, die sogenannten analen oder urethralen Charakter- 
züge. Als urethralen Zug nenne ich (beim Tic und der 
Katatonie) die Unfähigkeit, Spannungen zu ertragen, den Drang, 
jeden Reizzuwachs, jeden Affekt sofort motorisch abzuführen, 
und den unhemmbaren Rededrang. Als anale Züge wären zu 
deuten: die Neigung zur Starre, Negativismus und Mutazismus 
resp. die „phonatorischen w Tics. 



232 S. Ferenczl 



Ich weise schließlich auf die von Sa dg er beschriebene 
„Muskelerotik" resp. auf die von Abraham hervorgehobene 
konstitutionelle Verstärkung der Bewegungslust hin, die 
das Zustandekommen der motorischen Erscheinungen beim Tic und 
bei der Katatonie wesentlich fordern können. 

v 

Es mußte mir selber auffallen, daß ich die „Genitali- 
sierung der Autoerotismen", als deren Folge ich die 
motorischen Äußerungen des Tic und der Katatonie dar- 
stelle, in früheren Arbeiten bereits als Entstehungsmodus 
der hysterischen „Materialisationsphänomene" (bei der 
Konversionshysterie) beschrieb. Ich kann mich der heiklen 
Aufgabe nicht weiter entziehen, auch nach Unterschieden zu 
fahnden, die diese Zustände, trotz mancher Gemeinsamkeit, von 
einander trennen. Den wesentlichsten Unterschied zwischen 
einem konversionshysterischen Symptom und den lokalisierten 
körperlichen Symptomen einer narzißtischen Neurose (Tic, 
Katatonie) hob ich bereits hervor. Bei der Hysterie, als einer 
Übertragungsneurose, gehört das verdrängte pathogene Material 
den Sacherinnerungsresten des Unbewußten an, die sich auf 
Iibidoobjekte (Personen) beziehen. "Infolge der steten gegen- 
seitigen assoziativen Verknüpfung der S a c h- und der I c h- 
(Körper-) Erinnerungssysteme kann das pathogene 
psychische Material des Hysterischen sich des mit diesem 
Material assoziierten körperlichen Erinnerungsmaterials als A u s- 
drucksmittels bedienen. Das wäre die Erklärung des 
sogenannten „körperlichen Entgegenkommens", auf das Breuer 
und Freud schon in den allererst analysierten Fallen von 
Hysterie hinweisen konnten. In dem berühmten Falle der 
Patientin „Anna" konnte die hysterische Armlähmung darauf 
zurückgeführt werden, daß sie in einem für sie sehr kritischen 



Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic 233 

Augenblicke, wo bei ihr die widerstreitenden seelischen 
Tendenzen in Konflikt gerieten, zufällig den Arm über die 
Stuhllehne hängen ließ, so daß der Arm „eingeschlafen" war. 
In ähnlicher Weise verursachte ihr eine das Sehen störende 
Träne die spätere Makropsie. Der zufällige Katarrh einer 
Patientin Freuds (Dora) wurde unter der Maske des „nervösen 
Hustens" das fein abgestufte Ausdrucksmittel der kompliziertesten 
liebesregungen usw. Bei der Konversionshysterie wird also die 
psychische Energie verdrängter Objekterinnerungen zur Ver- 
stärkung und schließlich zur „Materialisierung" der damit 
assoziierten Ich- (Körper-) Erinnerungen verwendet. Das wäre der 
Mechanismus des „Sprunges aus dem Seelischen ins Körperliche" 
bei der hysterischen Symptombildung. 

Beim Tic dagegen drängt sich die traumatische Ich- 
(Körper-) Erinnerung bei jedem sich darbietenden Anlasse 
spontan vor. Man könnte also sagen: Tic (und Katatonie) 
sind eigentlich Ichhysterien; oder in der Terminologie der 
Libidotheorie ausgedrückt : die hysterischen Konversionssymptome 
sind Äußerungen der (genitalen) Objektliebe, die sich in die 
Form von Autoerotismen kleidet, während die Tics und die 
Katatonien Autoerotismen sind, die zum Teil Genital quäl itäten 
angenommen haben. 1 

Schließlich .müssen wir auch die motorischen Äußerungen 
der Zwangshandlungen zum Vergleich heranziehen. Wir 

i) S. dazu folgende Stelle aus der inhaltvollen Arbeit von Nun- 
berg über den katatonischen Anfall (Int. Zeitschr. f. PsA., V, 1919, 
S. 19): „Zum Schlüsse mochte ich auf manche, besonders auffallende 
Ähnlichkeiten des katatonischen Anfalles mit dem hysterischen hin- 
weisen, wie z» B. auf das Dramatisieren und die Angst. Nur 
besteht der Unterschied darin, daß, während es sich bei der Hysterie 
um eine Libidobesetzung der Objekte handelt, im katatonischen 
Anfall eine Organbesetzung erfolgt," 

Auch die Perversionen Erwachsener sind natürlich genitalisierte 
Autoerotismen (die Perversion ist ja das „Positiv der Hysterie"), 



234 S. Ferenczi 



wissen von Freud, daß diese Handlungen psychische Schutz- 
maßnahmen . sind, die den Zweck haben, die Wiederkehr 
gewisser peinlicher Gedanken zu verhüten; sie sind eben der 
körperliche „Verschiebungsersatz" für Zwangsgedanken. 

Die Zwangshandlungen unterscheiden sich von den Tics und 
den Stereotypien meist durch ihre größere Kompliziertheit; sie 
sind wirklich Handlungen, die die Veränderung der Außen- 
welt (meist- in ambivalentem Sinne) zum Ziele nehmen und 
bei denen der Narzißmus keine oder nur eine untergeordnete 
Rolle spielt. 

Die Differentialdiagnose dieser Bewegungssymptome ist oft 
erst nach längerer Psychoanalyse möglich. 



ANHANG 



Die wissenschaftliche Bedeutung von Freuds 
„Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie* 

Diese Zeilen schickte der Autor seiner ungarischen Übersetzung der dritten 
Auflage des Freud sehen Werkes voran, Iplj' 

Die „Drei Abhandlungen" zeigen uns Freud den Ana- 
lytiker, zum erstenmal in synthetischer Arbeit. Das unermeßlich 
reiche Erfahrungsmaterial, das sich aus der zergliedernden 
Prüfung so vieler Seelen ergab, versucht der Verfasser hier zum 
erstenmal derart zusammenzufassen, zu klassifizieren, in 
Beziehungen zu bringen, daß sich daraus die Klärung eines 
großen Gebietes der Seelenlehre, der Psychologie des Sexuallebens, 
ergebe. Daß er zum Gegenstand seiner ersten Synthese gerade 
die Sexualität wählte, folgte aus der Natur des ihm zu Gebote 
stehenden Beobachtungsstoffes. Er analysierte Kranke mit Psycho- 
neurosen und Psychosen und entdeckte als Grundursache dieser 
Leiden immer irgend eine Störung des Sexuallebens. An die 
Psychoanalyse anknüpfende weitere Untersuchungen überzeugten 
ihn aber, daß die Sexualität auch in der Seelentätigkeit des 
normalen und gesunden Menschen eine weit größere und 
mannigfachere Rolle spielt, als man es bisher — solange man 
nur die manifesten Äußerungen der Erotik würdigen konnte 



238 S. Ferenczi 



und das Unbewußte nicht kannte — für möglich hielt. Es 
stellte sich also heraus, daß die Sexualität — trotz ihrer großen 
Literatur — ein im Verhältnis zu ihrer Wichtigkeit sehr ver- 
nachlässigtes Kapitel des Wissens vom Menschen ist, die also 
jedenfalls verdient, einer von neuen Gesichtspunkten aus- 
gehenden Untersuchung unterworfen zu werden. 

Es ist wohl weniger Bescheidenheit, als die Ungenügsamkeit 
des immer vorwärts strebenden Gelehrten, wenn Freud in 
seinen letzten Konklusionen auf die Unvollkommenheiten dieses 
Versuches hinweist. Der Schüler aber, der sozusagen ohne 
Kampf und Mühe i n den geistigen Besitz der in diesen 
Abhandlungen niedergelegten neuen Erkenntnisse und Perspek- 
tiven gelangt, sieht nicht die Unvollkommenheiten, sondern 
die Vorzüge des Werkes und rät auch dem Autor, einem 
französischen Spruche zu folgen und sich zu sagen: En me 
jugeant, je me deplals; en me comparant je suis fier. Wer 
die Reichhaltigkeit des Materials dieser Abhandlungen, die 
überraschende Neuheit ihrer Gesichtspunkte mit der Art ver- 
gleicht, in der die Sexualität in anderen Werken abgehandelt 
wird, der wird wohl nicht mit Unzufriedenheit, sondern mit dem 
Gefühle bewundernder Achtung auf die Lektüre dieser Arbeiten 
reagieren. Er wird dankbar anerkennen, daß die Libidotheorie, deren 
Probleme vorFreud nicht einmal aufgeworfen wurden, durch 
die Tätigkeit eines einzelnen fest begründet, zum Teil aus- 
gebaut, wenn auch noch nicht ganz vollendet wurde. 

Dieser Erfolg wie auch die Erfolge der Freudschen 
psychiatrischen Forschung sind nicht nur dem Scharfblick des 
Autors, sondern auch der konsequenten Anwendung einer 
Untersuchungsmethode und dem Festhalten an gewissen wissen- 
schaftlichen Gesichtspunkten zu verdanken. Die psychoanaly- 
tische Untersuchungsmethode, die in jedem Sinne des Wortes 
freie Assoziation, brachte eine bisher ganz unbekannte und 



Drei Abhandlungen zur Sexnaltheorie 



239 



unbewußte tiefere Schichte des Seelenlebens zum Vorschein. 
Und die bisher nicht gekannte Strenge und Ausnahmslosigkeit, 
mit der die Psychoanalyse den Grundsatz des psychischen 
Determinismus und den Entwicklungsgedanken anwendet, 
ermöglichte die fruchtbare wissenschaftliche Verwertung dieses 
neuen Materials. 

Der Fortschritt, dem wir diese Arbeitsweise verdanken, ist 
überraschend groß. Die Psychiatrie vor Freud war ein 
Raritätenkabinett sonderbarer und sinnloser Krankheitsbilder, 
die Wissenschaft der Sexualität bestand in der deskriptiven 
Gruppierung abstoßender Abnormitäten. Die Psychoanalyse, 
stets treu dem Determinismus und der Entwicklungsidee, 
scheute vor der Aufgabe nicht zurück, auch diese die Logik, 
Ethik und Ästhetik verletzenden und darum vernachlässigten 
psychischen Inhalte zu zergliedern und verständlich zu machen. 
Ihre Selbstüberwindung wurde reichlich belohnt: in dem von 
den Geisteskranken produzierten Unsinn erkannte sie die onto- 
und phylogenetischen Urkräfte der menschlichen Psyche, den 
nährenden Humus aller Kultur- und Sublimierungsbestrebungen, 
und es gelang ihr — besonders in diesen „Drei Abhandlungen" 
— nachzuweisen, daß von den sexuellen Perversionen der 
einzige Weg zum Verständnis des normalen Sexuallebens führt. 

Ich hoffe, daß es einstmals nicht als Übertreibung klingen 
wird, was ich von der Bedeutsamkeit dieser „Abhandlungen 
noch sagen muß. Ich stehe nicht an, ihr eine wissenschafts- 
geschichtliche Bedeutung beizulegen. „Mein Ziel 
war, zu erkunden, wieviel zur Biologie des 
menschlichen Sexuallebens mit den Mitteln 
der p sy c h oanaly tis chen Erf ors churig zu erraten 
i s t a y erklärt der Verfasser im Vorwort zu seinen Abhandlungen. 
Dieser bescheiden klingende Versuch bedeutet, genau betrachtet, 
den Umsturz alles Hergebrachten ; noch nie hat man bisher 



240 S. Ferenczi 



an die Möglichkeit gedacht, daß eine psychologische, und zwar 
eine „introspektive** Methode ein biologisches Problem erklären 
helfen könnte. 

Man muß weit zurückgreifen, will man dieses Bestreben 
seiner Bedeutung entsprechend würdigen. Wir müssen erinnern, 
daß die Wissenschaft in ihrer Urzeit anthropozentrisch, animistisch 
war ; der Mensch nahm seine eigenen seelischen Funktionen 
zum Maß des ganzen Weltgeschehens. Es war ein großer 
Fortschritt, als diese Weltanschauung, der in der Astronomie 
das geozentrische, ptolemäische System entsprach, von der 
„naturwissenschaftlichen", man könnte sagen : kopernikanischen 
Auffassung abgelöst wurde, die dem Menschen die maßgebende 
Bedeutsamkeit nahm und ihm die bescheidene Stellung eines 
Mechanismus unter unendlich vielen anderen zuwies. Diese 
Ansicht schloß stillschweigend auch die Annahme in sich, daß 
nicht nur die leiblichen, sondern auch die seelischen Funktionen 
des Menschen Leistungen von Mechanismen sind. Still- 
schweigend — sage ich — weil sich die Naturwissenschaft 
bis auf den heutigen Tag mit dieser ganz allgemeinen Annahme 
begnügte, ohne uns den geringsten Einblick in die Natur der 
psychischen Mechanismen zu gewähren; ja, sie leugnete dieses 
Nichtwissen vor sich selbst ab, indem sie diese Lücke in der 
Erkenntnis mit phrasenhaften physiologischen und physikalischen 
Schemerklärungen zudeckte. 

Von der Psychoanalyse kam der erste Lichtstrahl, der die 
Mechanismen des Seelenlebens beleuchtete. Mit Hilfe ihrer 
Kenntnis konnte sich die Psychologie auch solcher Schichten 
des Seelenlebens bemächtigen, die der unmittelbaren Erfahrung 
entrückt sind ; sie getraute sich, den Gesetzen der unbewußten 
Seelentätigkeit nachzuforschen. Der nächste Schritt wurde 
gerade in diesen Abhandlungen getan: ein Stück Triebleben 
wird mit der Hypostasierung gewisser in der Psyche tätigen 






Drei Abhand lungen zur Sexualtheorie 24t 

Mechanismen unserem Verständnis näher gebracht. Wer weiß, 
ob wir nicht auch den letzten Schritt erleben werden: die 
Verwertung der Kenntnisse von den psychischen Mechanismen 
im organischen und anorganischen Geschehen überhaupt. 

Indem Freud mittels der psychoanalytischen Erfahrung 
Probleme der Biologie, zunächst der Sexualtätigkeit zu erraten 
versucht, kehrt er gewissermaßen zur Methode der alten, 
animistischen Wissenschaft zurück. Es ist aber dafür gesorgt, 
daß der Psychoanalytiker nicht auch in die Fehler jenes 
naiven Animismus verfällt. Der naive Animismus übertrug 
nämlich en bloc ohne Analyse das menschliche Seelen- 
leben auf die Objekte in der Natur; die Psychoanalyse zer- 
gliederte aber die menschliche Seelentätigkeit, verfolgte sie bis 
zu der Grenze, wo Psychisches und Physisches sich berühren: 
bis zu den Trieben, befreite so die Psychologie vom Anthropo- 
zentrismus und erst dann getraute sie sich den so gereinigten 
Animismus biologisch zu verwerten. Diesen Versuch zum 
erstenmal gemacht zu haben, ist die wissenschaftsgeschichtliche 
Tat Freuds in diesen Abhandlungen. 

Ich muß darauf zurückkommen, daß nicht leere Spekulation, 
sondern die fleißige Beobachtung und Untersuchung bisher 
ganz vernachlässigter psychischer Sonderbarkeiten und geschlecht- 
licher Verirrungen zu diesen großen Perspektiven geführt hat. 
Der Verfasser selbst begnügt sich, in kurzen Notizen, flüchtigen 
Bemerkungen, auf sie hinzuweisen, und beeilt sich, zu den 
Tatsachen, den Einzelfällen, zurückzukehren, um die Fühlung 
mit der Realität ja nicht zu verlieren und für die Theorie 
eine sichere, breite Grundlage zu bauen. 

Der Schüler aber, dem diese Erkenntnisse den Beruf ver- 
schönern, konnte es sich nicht versagen, sich einmal in die 
Betrachtung dieser Perspektiven zu versenken und auch 
andere darauf aufmerksam zu machen, die sonst vielleicht 

Perenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I xß 



242 S. Ferenczi 



achtlos bei dem Markstein vorbeigegangen wären, den 
die „Drei Abhandlungen" Freuds für die Wissenschaft 
bedeuten. 



Kritik der Jungsdien „Wandlungen und 
Symbole der Libido" 

„. . . Oest donc un devoir moral de V komme de science de 
s'exposer ä commettre des erreurs et ä subir des critiques, pour 
que la science avance toujours . . .* Indem Jung diese mutigen 
Worte Ferreros als Leitmotiv an die Spitze seines groß- 
angelegten Werkes stellt, ermutigt er auch den Kritiker, sein 
Amt ernst zu nehmen. Man könnte sich die kritische Arbeit 
leicht und angenehm machen, wollte man sein Augenmerk auf 
die zahlreichen Vorzüge dieser Untersuchung richten. Mit un- 
geheurem Fleiß und nie erlahmender Begeisterung durch- 
wanderte der Autor fast sämtliche Gebiete menschlichen Wissens, 
der Naturforschung sowohl als der Geisteswissenschaften, und 
sammelte so die Bausteine, aus denen er dann den imposanten 
Bau einer neuen Weltanschauung zu errichten suchte. Aber 
nicht nur die Menge des Wissens blendet hier das Auge des 
Lesers, auch die findige, scharfsinnige Art, in der der Autor 
das wissenschaftliche Material zu Stützpfeilern seiner Theorien 
verarbeitet, ist anerkennenswert. Doch dies alles wie auch der 
ganz individuelle Stil des Werkes sind Vorzüge, auf deren 
detaillierte Würdigung wir hier verzichten müssen. Der Psycho- 



244 S. Ferenczi 



analytiker, den das Gewaltige und Neue seines eigenen Spezial- 
faches ganz gefangennimmt, kann sich nicht die Mühe nehmen, 
allen den zerstreuten Quellen nachzuforschen und sie zu unter- 
suchen, aus denen der Autor seine biologischen, philologischen, 
theologischen, mythologischen und philosophischen Argumente 
geschöpft hat. Diese Arbeit muß anderen, dazu Berufeneren 
überlassen werden. Wir wollen diese Arbeit ausschließlich vom 
Standpunkte des Psychoanalytikers beurteilen und hauptsächlich 
bei den Behauptungen länger verweilen, die unseren bisherigen 
analytischen Anschauungsweisen neuere, bessere entgegenstellen 
wollen. Ob wir dabei in unserem Bestreben, das gute Alte nicht 
dem Neuen — nur weil es neu ist — zu opfern, nicht zu 
weit gehen, d. h. ob wir uns nicht desselben starren Konser- 
vativismus schuldig machen, den wir bisher unseren prin- 
zipiellen Gegnern zum Vorwurfe machten, darüber wird die 
Zukunft entscheiden. Jedenfalls zwingen uns gerade die be- 
währten Vorzüge des Autors, auf der Hut zu sein und darauf 
zu achten, daß wir uns durch das Wahre in seiner Arbeit 
nicht dazu verleiten lassen, auch ungenügend gestützte Behaup- 
tungen für erwiesen zu nehmen. Dies und nichts anderes sei 
die Erklärung für die Rigorosität, mit der wir die Libido- 
theorien Jungs untersuchen wollen. 

Der Arbeit wird eine kurze „Einleitung" und eine vor- 
bereitende Abhandlung „Über die zwei Arten des Denkens" 
vorausgeschickt; das eigentliche Werk besteht aus zwei Teilen, 
deren zweiter ungleich umfangreicher ist, zugleich auch in- 
haltlich vielfach vom ersten absticht, gleichsam Zeichen einer 
während des Niederschreibens vor sich gegangenen Entwicklung 
aufweist.* Dinge, die im ersten Teile nur andeutungsweise und 
noch unklar formuliert werden, sind im zweiten in schärferen 
Umrissen und breiter ausgeführt; allerdings sind auch einige 

i) Der zweite Teil erschien etwa iVs Jahre nach dem ersten. 



Kritik der Jungschen „Wandlungen und Symbole der Libido" 245 

Widersprüche zwischen den beiden Teilen des Werkes stehen 
geblieben, auf die wir hinweisen wollen. 

Gleich die Anpreisung beginnt mit einer förmlich pane- 
gyrischen Einleitung der Freudschen Entdeckung des „Ödipus- 
komplexes" in der Menschenseele. „Wir sehen mit Staunen", 

— sagt Jung, auf die psychoanalytischen Ergebnisse der 
Traumforschung hinweisend, — „daß Ödipus für uns noch 
lebendig 1 ist," „daß es eine eitle Illusion unsererseits war, 
zu glauben, daß wir anders, nämlich sittlicher seien als die 
Alten". Der Ödipuskomplex des modernen Menschen sei „zwar 
zu schwach, um den Inzest zu erzwingen, jedoch stark genug, 
Störungen der Seele beträchtlichen Umfanges hervorzurufen". 

— Diese Bemerkungen lassen wohl nicht ahnen, daß der Autor 
im zweiten Teile zur Erkenntnis kommen wird, die Ödipus- 
phantasie sei „irreal", ja, der wirkliche Inzest hätte in der 
Geschichte des Menschengeschlechtes eigentlich nie eine be- 
deutende Rolle gespielt. 

Das Programm der Arbeit, das sich Jung in dieser Arbeit 
stellt, ist folgendes: Zahlreichen Psychoanalytikern gelang es, 
mythologisch-historische Probleme durch Anwendung analytischer 
Erkenntnisse, die uns aus dem Studium der Individualpsyche 
erwachsen sind, der Losung zuzuführen; Jung will es hier ver- 
suchen, diese Technik umzukehren und mit Hilfe historischer 
Materialien neues Licht über Probleme der individuellen Psyche 
verbreiten. 

Dieser Versuch erscheint einem von vornherein sehr gewagt. 
Eine „angewandte Psychoanalyse" ist unzweifelhaft berechtigt; 
sie verwendet ein Stück individualpsychologischer Wirklichkeit 
(die am lebenden Menschen gefunden wurde) zur Erklärung 
gewisser Produkte der Volksseele; sie erklärt also etwas Un- 
bekanntes durch Bekannteres. Was uns aber in der Mythologie und 

1) Vom Ref. hervorgehoben. 



246 S. Ferenczi 



in der Geschichte überliefert wurde, ist im Laufe der Gene- 
rationen mit soviel Akzidentellem und Mißverständlichem ver- 
quickt, hat sich von den ursprünglichen Bedeutungen so weit 
entfernt, daß es ohne vorausgegangene Reduktion überhaupt 
unverständlich und für psychologische Zwecke unbrauchbar 
bleiben muß. Wir nehmen hier gleich vorweg, daß Jung den 
Fehler, ein Unbekanntes (die Seele) durch ein anderes Unbe- 
kanntes (unanalysierte Mythen) zu erklären, nur stellenweise 
begeht. Vielfach verwendet er bei seinen Deutungen psycho- 
analytisch gewonnene (d. h. individualpsychologische) Kennt- 
nisse, indem er psychoanalytisch erklärte Mythen zur 
Lösung psychologischer Rätsel verwendet. Einen logischen Zirkel 
würde er in diesen Fällen nur dann begehen, wenn er sich 
einbildete, bei dieser durchaus erlaubten Methode mehr als 
Analogieschlüsse geleistet und ein neues Erklärungsprinzip in 
die Individualpsychologie eingeführt zu haben. 

Die Abhandlung über die zwei Arten des Denkens 
ist die Durchführung der Unterscheidung zwischen dem in 
Worte gefaßten, in den Dienst der Anpassung an die Realität 
gestellten, nach außen „gerichteten" Denken des wachen 
Normalmenschen, und dem „phantastischen" Denken, 
das sich von der Wirklichkeit abwendet, hinsichtlich der An- 
passung gänzlich unproduktiv ist und nicht in Worte, sondern 
in Symbole gefaßt ist. Ersteres sei ein Phänomen der Progression 
im Sinne Freuds, letzteres eine regressive Erscheinung, wie 
sie sich namentlich im Träumen, im Phantasieren und in der 
Neurose manifestiere. Der ganze Gedankengang ist parallel mit 
den Auseinandersetzungen . F r e u d s über „die zwei Prinzipien 
des psychischen Geschehens". 1 Das bewußte Denken steht 
bekanntlich auch nach Freud mehr im Dienste des Realitäts- 
prinzips, während das Unbewußte mehr dem Lustprinzip 



i) Ges. Sehr. Bd. V. 



Kritik der Jungsdien „Wandlungen und Symbole der Libido" 247 

frönt; in psychischen Tätigkeiten, die stark von unbewußten 
Elementen durchsetzt sind (Traum, Phantasie usw.) überwiegen 
selbstverständlich die Lustmechanismen. Es ist schade, daß Jung 
diese uns so wertvoll gewordene Terminologie in seinen Aus- 
führungen nicht anwendet; auch darin können wir ihm nicht 
recht geben, daß er das gerichtete Denken einfach mit dem 
sprachlichen identifiziert und jene vorbewußte psychische 
Schichte, die obzwar sicher schon „gerichtet", sprachlich nicht 
unbedingt übersetzt zu sein braucht, ganz vernachlässigt. 

Sehr treffend sind die hierauf folgenden Äußerungen Jungs 
über die Überschätzung des Logischen in der heutigen Psycho- 
logie, sowie die Gedankengänge über die Geltung des bio- 
genetischen Grundgesetzes in der Psychologie. In den phan- 
tastischen Schöpfungen der Dementia praecox findet Jung den 
Inhalt und die Formen archaischen Denkens wieder. Indem er 
aber diese Eigenheit nur der Demenz zuerkennt, die er als 
„Introversionspsychose* allen anderen psychischen Störungen 
prinzipiell gegenüberstellt, stellt er sich ohne zureichenden 
Grund in Gegensatz zur Neurosenpsychologie Freuds, nach 
dessen Untersuchung auch die übrigen Neuropsychosen einer 
„Introversion" (Regression der Libido, mit Abwendung von der 
Realität) ihr Entstehen verdanken und in ihrer Symptomatik 
gleichfalls deutliche archaische Züge erkennen lassen (siehe 
besonders die Übereinstimmungen zwischen den Äußerungen des 
Seelenlebens der Wilden und der Zwangsneurotiker). 

Das Motiv der Symbolbildung findet auch Jung in der Ten- 
denz, unbewußte Komplexe, „denen man die Anerkennung 
versagt, die man als nicht existierend behandelt", in eine ent- 
stellte, dem Bewußtsein unverständliche Form zu gießen (d, h. 
nach der bisherigen Terminologie: in der Verdrängung). 
Merken wir uns übrigens, daß Jung hier noch die unbewußte 
Tendenz als das Eigentliche, deren phantastisches Ersatz- 



1 



248 S. Ferenczi 



produkt als dessen Symbol ansieht 1 (z. B. in der Erklärung 
der Judasphantasie des Abbe* Oegger), während im zweiten Teile 
der Libidoarbeit nicht mehr die im Bewußtsein vertretenen 
Abbilder, sondern die unbewußten Tendenzen der Seele selbst 
für „Symbole" erklärt werden, obwohl die von Jung zugestandene 
Rolle der Verdrängung beim Entstehen der Symbolik eine solche 
Umkehrung ausschließt. Dies ist übrigens die Gelegenheit, 
darauf hinzuweisen, daß man sich endlich über die eindeutige 
Verwendung des Wortes „Symbol" einigen müßte. Nicht alles, 
was für etwas anderes steht, ist ein Symbol. Ursprünglich mag 
das Sexuelle sowohl im eigentlichen wie auch im übertragenen 
Sinne im Bewußtsein vertreten sein; die Sexualität freut sich 
gleichsam, sich in allen Dingen der Außen weit wiederzufinden, „das 
All wird sexualisiert". Zum Symbol im Sinne der Psychoanalyse 
wird ein solches Gleichnis erst vom Moment an, wo die Zensur 
die ursprüngliche Bedeutung des Gleichnisses ins Unbewußte 
verdrängt. 2 Darum kann z. B. der Kirchturm nach der einmal 
vor sich gegangenen Verdrängung wohl einen Phallus, nie mehr 
aber der Phallus einen Kirchturm „symbolisieren". 

Das eigentliche Thema der Jungschen Arbeit ist der Versuch, 
die in der Einleitung angekündigte Methode, die Deutung 
individueller Geistesprodukte mit Hilfe der Mythologie, an den 
Phantasien einer amerikanischen Dame, Miß Frank Miller, 
zu erproben, die diese im Jahre 1906 in den „Archives de 
Psychologie" veröffentlichte. Miß Miller, die von sich u. a. 
erzählt, daß sie auch im Wachen gewisse „autosuggestive Phäno- 
mene produzieren könne und daß sie selten tief und traumlo6 

1) Am deutlichsten sagt er das an einer späteren Stelle des ersten 
Teiles: „Der erotische Eindruck arbeitet im Unbewußten weiter und 
schiebt an seiner statt Symbole ins Bewußtsein" (S. 174)» 

2) S. die diesbezüglichen Ausführungen des Ref. im Aufsatze : „Ent- 
wicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes (Bd. I dieser Sammlung), sowie 
in der Mitteilung „Über Augensymbolik". (Band II dieser Sammlung.) 



Kritik der Jungsdien „Wandlungen und Symbole der Libido" 249 

schlafe, 1 träumte eines Nachts ein Gedicht, dert „Schöpfer- 
hymnus", ein enthusiastisches Loblied an Gott, der in den drei 
Strophen als Schöpfer der Töne, des Lichts und der Liebe ge- 
priesen wird. Das Gedicht, das der Verfasserin wie in ihrer 
eigenen Handschrift auf ein Blatt Papier geschrieben im 
Traume auftauchte, versuchte sie dann auf seine psychischen 
Quellen zurückzuführen. 

Es ist sehr zu bedauern, daß Jung seine neuartigen Deutungs- 
versuche gerade an einem psychischen Material, das weiteren 
persönlichen Nachforschungen unzugänglich war, anstellte. Ähn- 
liche schöpferische Traumleistungen bringen ja auch Personen 
zustande, die in analytischer Behandlung stehen; von diesen 
hätte er mittels nachträglicher Befragung die Richtigkeit seiner 
Vermutungen oder deren Irrtümlichkeit erfahren können. Durch 
das Entfallen dieser Nachprüfung blieben selbst die geistvollsten 
Erklärungen schwankend und ungewiß, und dies hindert uns, 
uns von der Brauchbarkeit der Jungschen Deutungsmethode 
wirklich überzeugen zu können. Es ist der unvergleichliche 
Vorzug der PsycKoneurosen, daß die daran Leidenden, wenn 
man sie psychoanalytisch befragt, uns über die Genese ihrer 
Geistesprodukte Auskunft geben und selbst in zeitlich und 
formal von der gegenwärtigen entfernte Schichten ihrer Psyche 
Einblick gewähren, während die der objektiven Einstellung 
unfähigen Geisteskranken auf unsere Fragen ebensowenig ant- 
worten wie die Märchen, Mythen und Gedichte, deren Schöpfer 
für uns persönlich verschollen sind. 

1) Jung diagnostiziert den Fall Miß Millers als eine flüchtige An- 
wandlung von Dementia praecox (Paraphrenie nach Freud). Unseres 
Erachtens wird diese Diagnose nicht genügend gestützt. Solche Phan- 
tasien können in jeder Neurose gelegentlich vorkommen, von der dich- 
terischen Inspiration ganz abgesehen. Dementsprechend haben auch die 
Folgerungen, die Jung aus Miß Millers Fall auf die Pathologie der 
Paraphrenie zieht, für uns keine zwingende Beweiskraft. 



250 S. Ferenczi 



Miß Millers „Schöpferhymnus" wird von Jung — sehr 
plausibel — als ein Derivat ihrer Vater-Imago gedeutet. Wir 
getrauen uns aber zu behaupten, daß Jung weder aus dem von 
der Traumdichterin selbst gelieferten Material, noch aus seiner 
stupenden Kenntnis fast aller Kosmogonien der Welt diesen Satz 
hätte ableiten können, hätte er nicht auf Grund der Neurosen- 
ps 5 xhologie Freuds „die Rolle des Vaters im Schicksal des 
Einzelnen" schon früher erfahren. Seine Schlußfolgerung wird auch 
sicherlich jedem psychoanalytisch unerfahrenen Leser, trotz 4er 
historisch-mythologischen Argumente, unglaublich erscheinen. 
Die Traumschöpfung Miß Millers wird dann für Jung zum 
Anlaß, über unbewußte Schöpfungen von realem 
Werte überhaupt nachzudenken. Daß es solche Schöpfungs- 
möglichkeiten wirklich gibt, wird jeder Psychoanalytiker zu- 
geben; 1 in der von Freud postulierten Struktur der Psyche 
ist es die vorbewußte psychische Schichte, der die Fähigkeit 
zu solchen Leistungen zufällt. Wenn aber Jung für alles 
Psychologische eine untere und eine obere, eine die Ver- 
gangenheit reproduzierende und eine die Zukunft vorahnende 
Hälfte annimmt, so ist das eine Verallgemeinerung, die durch 
die bisherigen Erfahrungen nicht belegt ist. Die Psychoanalyse 
zeigt uns, daß es im Unbewußten Tätigkeitsformen gibt, die 
mit dem Realitätsprinzip so wenig zu tun haben und so ein- 
deutig in den Dienst von Lustbefriedigungen gestellt erscheinen, 
daß man ihnen eine schöpferische Entwicklungstendenz mit 
dem besten Willen nicht zuschreiben kann. Interessant sind die 
Andeutungen Jungs, die er in diesem Zusammenhange über 
die psychologische Erklärungsmöglichkeit gewisser „okkulter" 
Phänomene, z. B. der prophetischen Träume gibt. Auch wir 

1) Siehe z. B. Robitsek: „Symbolisches Denken in der chemischen 
Forschung«; Imago, I. Jahrg., s. auch die bezüglichen Stellen in Freuds 
„Traumdeutung" (Ges. Sehr., Bd. II u. III). 



Kritik der Tungsdien „Wandlungen und Symbole der Libido" 251 

denken uns, daß es einen - • heute allerdings nocK unbe- 
kannten — Weg geben muß, der zur wissenschaftlichen Er- 
klärung ähnlicher, kaum mehr zu leugnender Vorgänge führen wird, 
vermuten aber, daß sich diese Phänomene nach ihrer Aufklärung 
ungezwungen in das Gebäude unseres naturwisssenscha Etlichen 
Wissens einfügen werden. 

Bei Miß Miller ist nach Jung der religiöse Hymnus eine 
Ersatzbildung für das Erotische (S. 178), aber da diese Um- 
formung unbewußt vor sich ging, sei sie nur hysterische Mache 
und etwas ethisch durchaus Wertloses (S. 188). „Wer dagegen 
seiner bewußten Sünde ebenso bewußt die Religion entgegen- 
setzt, der tut etwas, dem man im Hinblicke auf die Historie 
das Großartige nicht absprechen kann" (Ibidem). 

So sehr wir Jung bezüglich dessen, was er über die Genese 
der religiösen Gefühle sagt, auf Grund schon gesicherter Er- 
kenntnisse zustimmen (wenn wir auch bekennen, daß diese 
Umformung des Erotischen ins Religiöse ein sehr komplizierter 
und noch nicht genügend analysierter kulturhistorischer Vor- 
gang ist), so wenig können wir dem Autor dort folgen, wo er 
statt der schlichten Konstatierung von Tatsachen ethische Wert- 
urteile fällt, die nach unserer Meinung nicht mehr in die reine 
Psychologie, sondern in die Ethik oder Theologie gehören; aus 
demselben Grunde können wir uns •>— allerdings auch aus 
Mangel an Kompetenz — - in die von Jung bei dieser Gelegenheit 
angeregte Diskussion über den größeren oder geringeren Wert 
der christlichen Religion nicht einlassen. 

Eine zweite unbewußte dichterische Leistung Miß Millers ist 
„das Lied von der Motte". „Es handelt sich darin Ä , sagt Jung, 
„höchstwahrscheinlich um denselben Komplex wie früher ; die 
Sehnsucht der Motte nach dem Licht sei die Sehnsucht der 
Verfasserin nach dem Gottvater, und zwar sei diese Sehnsucht 
erotisch, ähnlich der, die Miß Miller während einer Mittel- 



a5a S. Ferenczi 



meerfahrt einem italienischen Steuermann gegenüber empfand 
und die als auslösendes Motiv des „Schöpfungsliedes" gewirkt 
zu haben scheint. Allerdings verwahrt sich Jung dagegen, daß 
man so heterogene Dinge~wie [die Gottessehnsucht und jene 
erotische Nichtigkeit als Konkreta in Vergleich setzen solle, „das 
hieße soviel, wie eine Beethovensche Sonate mit dem Kaviar 
zu vergleichen", nur weil man beide liebt. — Um die im 
Mottenliede sich manifestierende Sonnenanbetung als solche 
erkennen zu lassen, zitiert Jung mehrere Sonnenmythen und 
führt literarisch-poetische Analoga an. 

Der zweite Teil der Libidoarbeit Jungs beginnt "mit einer 
neuerlichen, zusammenfassenden erotisch-religiösen Doppeldeutung 
beider zitierter Traumgedichte und beschäftigt sich sodann be- 
sonders mit der im Mottenliede zum Ausdruck gelangten „astral- 
mythologischen^ resp. „astrologischen" Verwendung des Sonnen- 
motivs. Die Sonne sei das natürlichste Sinnbild der menschlichen 
— zu „Bösem und „Gutem" drängenden, der befruchtenden 
und lebensfeindlichen Libido, daher die Universalität der 
Sonnenanbetung. Der Sonnenmythos eröffne auch das Verständnis 
zum religiösen Heroenkult; auch die Heroen seien Personifi- 
kationen der Libido, so daß man aus dem Schicksale dieser 
Heroen, so wie sie t in der Mythologie der Völker dargestellt 
werden, die Schicksale der menschlichen Libido erraten könne. 
Diese interessanten Ausführungen stimmen vielfach mit den 
diesbezüglichen Arbeiten Ranks und Silberers überein. 

Hierauf folgt ein neuer Abschnitt der Jungschen Arbeit 
(„Über den Begriff und die genetische Theorie der Libido"), 
der nicht nur von dem im ersten Teil Enthaltenen, sondern 
überhaupt von allem, was die Psychoanalyse bisher geleistet 
hat, wie durch eine tiefe Kluft getrennt erscheint. Jung unter- 
nimmt es hier, den Begriff „Libido" zu revidieren und begründet 
die Notwendigkeit dieser Aufgabe u. a. auch damit, daß dem 



Kritik der Jungschen „Wandlungen und Symbole der Libido** 253 

Libidobegriff, wie er sich in den neueren Arbeiten Freuds 
und seiner Schule entwickelt hat, eine andere Bedeutung zu- 
komme als die, in dem ihn Freud in seinen „Abhandlungen 
zur Sexualtheorie" gebraucht habe. In Freuds „Abhandlungen 
bedeutet der Terminus Libido, wie man weiß, die psychische 
Seite der sexuellen Bedürfnisse, von denen die Biologie an- 
nimmt, daß sie Äußerungen eines „Geschlechtstriebes sind. 
„Man folgt dabei", sagt Freud, „der Analogie mit dem Trieb 
nach Nahrungsaufnahme, dem Hunger." Freud versteht also 
unter Libido ausschließlich den Sexualhunger. Nach Jungs 
hier entwickelter Ansicht dagegen sei der Begriff Libido „weit 
genug, um alle die mannigfaltigsten Manifestationen des. 
Willens im Schopenhauer sehen Sinne zu decken" 
und man könne sagen, „daß dem libidobegriff, wie er sich in 
den neueren Arbeiten Freuds und seiner Schule entwickelt 
hat, im biologischen Gebiete funktionell dieselbe Bedeutung 
zukommt wie dem Begriff der Energie auf physikalischem 
Gebiete seit Robert Mayer". Hätte sich Freuds Ansicht 
wirklich in diesem Sinne verändert, so hätte er damit tatsächlich 
dem Begriff Libido einen neuen sexuellen Sinn gegeben, was 
ihn genötigt haben müßte, seine bisherige Ansicht von der 
Rolle der Sexualität in der Pathogenese der Neuropsychosen 
und in der individuellen und sozialen Entwicklung des Menschen 
einer gründlichen Revision zu unterziehen. Liest man aber 
noch so sorgfältig alle seit den „Abhandlungen" erschienenen 
Werke Freuds durch, so wird man nirgends eine der ur- 
sprünglichen Definition widersprechende Verwendung des Wortes 
Libido finden. Allerdings hat ein der Freud sehen Schule 
angehöriger Forscher — es war niemand anderer als der Autor 
der vorliegenden Arbeit — schon früher einmal den Begriff 
Libido verallgemeinern wollen, Freud selbst hat sich aber 
damals schon ausdrücklich dagegen verwahrt. 



254 S. Ferenczi 

' Nim beruft sich Jung auf eine Stelle in der seither erschienenen 
Paranoia-Arbeit Freuds 1 , an welcher sich Freud angeblich 
„genötigt sah, den Begriff der Libido zu erweitern". Damit die 
Leser sehen, ob Jung mit dieser Behauptung recht hat oder 
nicht, wollen wir die Stelle der Freud sehen Arbeit, auf die 
sich Jung bezieht, in extenso wiedergeben. 

Es handelt sich dort um die Aufwerfung des schwierigen 
Problems, ob man die allgemeine Ablösung der Libido von der 
Außenwelt als genügend wirksam annehmen könne, um jenen 
„Weltuntergang zu erklären, als welcher sich dem in jener 
Arbeit analysierten Geisteskranken die in ihm vorgegangene 
psychische Veränderung darstellt", und „ob nicht in diesem Fall 
die festgehaltenen Tchbesetzungen hinreichen müßten, um den 
Rapport mit der Außenwelt aufrecht zu erhalten". „Man müßte 
entweder das, was wir Libidobesetzung (Interesse aus erotischen 
Quellen) heißen, mit dem Interesse überhaupt zusammenfallen 
lassen, oder die Möglichkeit in Betracht ziehen, 
daß eine ausgiebige Störung in der Unterbringung 
der Libido auch eine entsprechende Störung in 
den Ichbesetzungen induzieren kann." Die typo- 
graphische Hervorhebung der letzteren Eventualität stammt vom 
Referenten, der dadurch die einseitige Betonung der ersteren 
Möglichkeit im Druck und in der Auffassung dieses Zitats in 
der Jungschen Arbeit paralysieren möchte. Freud selbst wollte 
sich für keine dieser zwei Möglichkeiten endgültig entscheiden, 
sondern fügte der aufgeworfenen Frage die Bemerkung bei, daß 
dies Probleme seien, „zu deren Beantwortung wir noch ganz 
hilflos und ungeschickt sind." Einstweilen müsse man an der 
bisher so fruchtbaren Art der Verwendung des Triebbegriffes 
festhalten und— entsprechend der biologischen Doppelstellung des 

l) Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch be- 
schriebenen Fall von Paranoia (Ges. Sehr. Bd. VIII). 



Kritik der Jungsthen „Wandlungen und Symbole der Libido* 255 

Einzelwesens — den Ich-Trieb und den Sexualtrieb auseinander- 
halten. Die Beobachtung der Paranoiker ergebe übrigens nichts, 
was dieser Auffassung widerspräche und zu einer neueren Be- 
stimmung zwingen würde, es sei sogar „viel wahrschein- 
licher, 1 daß eine veränderte Relation zur Welt allein oder 
vorwiegend durch den Ausfall des Libidointeresses zu er- 
klären ist." 

Aus diesen Sätzen geht zur Genüge hervor, daß die Be- 
hauptung Jungs, als hätte Freud in seinen neueren Arbeiten 
den Libidobegriff in anderem, weiterem Sinne als früher ge- 
braucht, durch die einzige Stelle, auf die sich Jung dabei 
berufen konnte, durchaus nicht bestätigt wird. Im Gegenteil! 
Die Überlegungen Freuds gipfeln in der Aufrechterhaltung seiner 
bisherigen Auffassung über die Notwendigkeit der Unterscheidung 
zwischen den Ich-Interessen und der Sexuallibido und über die 
pathogenetische Bedeutsamkeit der (im Sinne des Sexuellen 
genommenen) Libido bei allen Psychoneurosen, die Paranoia 
und die Paraphrenie nicht ausgenommen. Die Gleichsetzung 
des Begriffes Libido mit dem Willen Schopenhauers und mit 
dem Energiebegriff Robert Mayers müssen wir nach alledem 
für Jungs eigene Leistung ansehen. 

Die „zögernde Vorsicht" Freuds, die nach Jung „einem so 
schwierigen Problem gegenüber am Platze ist", vermissen wir 
in den nun folgenden Ausführungen des Autors nicht wenig. 
Ohne der von Freud betonten Möglichkeit, daß Libidostörungen 
auf die Ichbesetzungen rückwirken und sekundär jene die 
Paranoia und Paraphrenie charakterisierenden Störungen der 
Wirklichkeitsfunktion induzieren könnten, auch nur die geringste 
Achtung zu schenken, dekretiert Jung einfach, daß es „kaum 
anzunehmen ist , daß die normale Jvnction du reel nur 
durch libidinöse Zuschüsse oder erotisches Interesse unterhalten 

1) Vom Ref. hervorgehoben. 



256 S. Ferenczi 



werde, denn „die Tatsachen liegen so, 1 daß in sehr 
vielen Fällen die Wirklichkeit überhaupt wegfällt, so daß die 
Kranken nicht eine Spur von psychologischer Anpassung oder 
Orientierung erkennen lassen". Bei den stuporösen und kata- 
tonischen Automaten sei beispielsweise die Realitätsanpassung 
ganz in Verlust geraten. 

Diese kategorische Erklärung Jungs, die er ohne weiteres 
Beweismaterial einfach als etwas ganz Selbstverständliches pro- 
mulgiert, kann uns um so weniger genügen, als wir auch auf 
anderen Gebieten indirekte Funktionsstörungen kennen, die der 
von Freud angenommenen zweiten Möglichkeit vollkommen 
entsprechen. Wie beim enthirnten Hunde unmittelbar nach der 
Operation „Fernsymptome" auftreten, d. h. auch solche Körper- 
funktionen gestört erscheinen, deren nervöse Zentren eigentlich 
unversehrt geblieben sind, mag ja auch die tiefgreifende Zer- 
rüttung der Sexualsphäre Störungen der Tchfunktionen zeitigen, 
auch wenn die Ichtriebe direkt nicht gelitten haben. 

Es ist übrigens auch ein methodischer Fehler, komplizierte 
und schwierige Fragen durch noch so aufrichtige und enthusiastische 
Deklarationen oder Glaubensbekenntnisse zu erledigen. „Es gibt 
Rätsel", las ich unlängst in einer methodologisch-kritischen 
Arbeit des Petersburger Physikers O. D. Chwolson, „bei 
denen ihrem inneren Wesen nach nur eine beschränkte Anzahl 
genau formulierbarer Lösungen denkbar ist . . . Die endgültige 
Losung eines solchen Rätsels kann nun unmöglich darin be- 
stehen, daß man apodiktisch erklärt, eine bestimmte von den 
denkbaren Lösungen sei die richtige, . , . sondern . . . man muß 
nach gründlichem Studium der betreffenden Frage zeigen, . . . 
auf welche Weise die Widersprüche beseitigt werden. Wird 
dies unterlassen, so bleibt die Frage eben einfach offen und 
jede Pseudolösung kann nur den naivsten Laien, nie aber den 
1) Vom Ref. hervorgehoben. 



Kritik der Jungsdien „Wandlungen und Symbole der Libido 8 257 

wirklichen Kenner der Frage befriedigen." (O. D. Chwolson, 
Das zwölfte Gebot — Eine kritische Studie). 

„Bei der Dementia praecox fehlt es der Wirklichkeit weit 
mehr, als man der Sexualität sensu strictiori aufs Konto schreiben 
könnte," sagt Jung. Dem muß entgegnet werden, daß wir weit 
davon entfernt sind, das äußerste Maß der Schädigung zu 
kennen, die die Wirklichkeitsfunktion infolge echter sexueller 
Traumata erleiden kann. Wir sehen ja, wie weit sich der 
Mensch in der Hysterie und in der Zwangsneurose infolge 
erotischer Psychotraumen der Realität entfremden kann; auch 
kennen wir Zustände infolge von Verliebtheit (wohl un- 
zweifelhaft eine sexuelle Ursache sensu strictissimo), in der das 
Individuum der Realität fast so abwendig wird, wie der an 
Dementia praecox Leidende. 

„Es wird niemandem einleuchten," sagt Jung an anderer 
Stelle, „daß die Realität eine Sexualfunktion sei." Jung bestreitet 
hier etwas, was meines Wissens noch von niemandem behauptet 
worden ist, am wenigsten von Freud, der in seiner Arbeit 
über „die Prinzipien des psychischen Geschehens" eine, 
allerdings nur sekundär angelehnte, immerhin aber intimere 
Verbindung des Realitätssinnes mit den Ichtrieben (als mit dem 
Sexualtriebe) annimmt. Nach alledem müssen wir bis auf 
weiteres die Anwendung der Freudschen Libidotheorie auf 
die Dementia praecox, so wie sie Abraham 1 versucht hat, als 
den plausibelsten Erklärungsmodus dieser Psychose ansehen. 

Indem Jung den Begriff der Libido dem der psychischen 
Energie gleichsetzt, tut er ihm zweifaches Unrecht an. Da er 
alles psychische Geschehen diesem Begriffe unterordnet, weitet 
er dessen Umfang so sehr aus, daß er sich dabei ganz ver- 

1) „Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie und Dementia prae- 
cox." In „Klinische Beitr. zur Psychoanalyse" 1921 (Int. PsA. Biblio- 
thek, Bd. 10). 

Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I 17 



258 S. Ferenczi 



flüchtigt und eigentlich überflüssig wird. Wozu noch von Libido 
sprechen, wenn wir den aus der Philosophie wohlbekannten 
guten alten Begriff der Energie haben? Gleichzeitig mit dieser 
Entziehung jeder wirklichen Macht setzt er aber diesen Begriff 
formell auf den Thron der psychischen Hierarchie und erhöht 
ihn zu einem Rang, der ihm gerechterweise nicht zukommt. 
Die Bemühungen Jungs, alle psychischen Tätigkeiten aus dem 
Sexuellen abzuleiten, schlagen übrigens fehl. Sobald er bei 
dieser Grundregel auch Ausnahmen gelten läßt („die Wirklich- 
keitsfunktion wenigstens zu einem großen Teil 
sexueller Provenienz" [S. 178]), ist die Geschlossenheit des 
Systems durchbrochen, die Legitimität der Thronbesteigung des 
Libidobegriffes gerät ins Schwanken, wir stehen wieder auf 
dem alten unsicheren Boden und müssen bekennen, daß das 
Bestreben, die Ontologie und Ontogenie des Seelenlebens aus 
dem einzigen Oberbegriff der Libido zu deduzieren, 
mißlang. 

Jung erkennt die Herkunft der höheren seelischen 
Leistungen aus dem Sexuellen an, leugnet aber, daß diese 
Leistungen auch jetzt noch etwas Sexuelles an sich hätten. Zur- 
Verdeutlichung dieser Idee wendet er u. a. folgendes Gleichnis 
an: „Wenn schon über die sexuelle Herkunft der Musik kein 
Zweifel obwalten kann, so wäre es eine wert- und geschmack- 
lose Verallgemeinerung, wenn man Musik unter der Kategorie 
der Sexualität begreifen wollte. Eine derartige Terminologie 
würde dazu führen, den Kölner Dom bei der Mineralogie abzu- 
handeln, weil er auch aus Steinen besteht." Ich finde, daß 
dieser Vergleich für das Gegenteil dessen spricht, was Jung 
beweisen will. Der Kölner Dom hat ja im Moment seines 
Entstehens nicht aufgehört, wirklich von Stein zu sein, um nur 
mehr als künstlerische Idee zu existieren. Tatsächlich ist selbst 
der großartigste Bau der Welt seinem inneren Wesen nach ein 



Kritik der Jungsdi en „Wandlungen und Symbole der Libido" 259 

Haufen von Mineralien, die mineralogisch beurteilt werden 
wollen und denen nur der einseitige anthropozentrische Stand- 
punkt die Realität absprechen könnte. Und auch die höchsten 
psychischen Funktionen schaffen die Tatsache nicht aus der 
Welt, daß der Mensch ein Tier ist, dessen höhere Leistungen 
für sich allein undenkbar sind, und die nur als die Funktionen 
wirklich vorhandener tierischer Triebe begriffen werden können. 
Die Entwicklung der Psyche gleicht eben nicht dem Wachsen 
einer Blase, deren Hülle die Gegenwart bedeutete und in deren 
Innerem statt der Vergangenheit nur leerer Raum wäre, sondern 
sie ist dem Wachsen eines Baumes vergleichbar, in dem unter 
der Rinde die Jahresringe der ganzen Vergangenheit 
fortleben. 

Die wichtigsten Sätze der genetischen Iibidotheorie Jungs 
sind die folgenden: Die Libido, die ursprünglich nur der Ei- 
und Samenproduktion diente, die „Urlibido", trete in ent- 
wickelteren Organisationen in den Dienst komplizierterer Funk- 
tionen, z. B. des Nestbaues. — Aus jener sexuellen Urlibido 
hätten sich, mit gewaltiger Einschränkung der Fruchtbarkeit, 
Abspaltungen entwickelt, deren Funktion durch eine speziell 
differenzierte Libido unterhalten werde. — Diese differenzierte 
Libido sei n unmeh r desexualisiert, indem sie der ursprüng- 
lichen Funktion der Ei- und Samenerzeugung entkleidet wäre 
und nicht mehr in Sexualfunktionen revertiert werden könnte. 
So bestehe der Entwicklungsprozeß überhaupt in einer zu- 
nehmenden Aufzehrung der Urlibido in die sekundären Funk- 
tionen der Anlockung und des Brutschutzes. Diese Entwicklung, 
d. h. die veränderte Propagationsweise, führe eine erhöhte 
Wirklichkeitsanpassung mit sich. Die Überweisung 1 von Sexual- 
libido aus dem Sexualgebiet an „Nebenfunktionen" finde noch 
immer statt; wo diese Operation ohne Nachteil für die An- 
passung des Individuums gelinge, spreche man von Sublimierung, 

17* 



2Ö0 S. Ferenczi 



wo der Versuch mißlänge: von Verdrängung. Die bisherige 
Freud sehe Psychologie erkenne eine Vielheit von Trieben, 
außerdem erkenne sie gewisse libidinöse Zuschüsse zu nicht- 
sexuellen Trieben an. Jungs genetischer Standpunkt läßt die 
Vielheit der Triebe aus einer relativen Einheit, aus der Ur- 
libido, hervorgehen; sie seien nichts als Abspaltungen 
dieser. 

Hätte sich Jung darauf beschränkt, die ungeheure, noch 
lange nicht genügend gewürdigte Rolle der Sexualität in der 
Entwicklung nochmals und nachdrücklich zu betonen, so könnten 
wir ihm rückhaltslos zustimmen. Die Vereinheitlichung alles 
Psychischen unter dem Libidobegriff und die Ableitung auch 
der egoistischen aus den Sexualtrieben scheint uns aber zweck- 
lose Grübelei zu sein; sie erinnert an die alte Scherzfrage; 
„Was war früher da, das Ei oder das Huhn?" Diese Frage 
kann bekanntlich nicht beantwortet werden, weil jedes Huhn 
aus einem Ei und jedes Ei aus einem Huhn stammt. Eine 
ebenso sterile, weil unbeantwortbare Alternative ist aber auch 
die, ob die egoistischen Triebe aus dem Trieb zur Arterhaltung 
entstanden seien, oder umgekehrt. Wir müssen uns einstweilen 
damit begnügen, das Dasein beider Triebrichtungen zu kon- 
statieren, unsere Unkenntnis über ihre genetische Reihenfolge 
ehrlich bekennen und brauchen uns nicht damit anzustrengen, 
die eine unbedingt aus der anderen ableiten zu wollen. (Eine 
der Jungschen ähnliche,' wenn auch ihr entgegengesetzte Ein- 
seitigkeit scheint uns in der Adler sehen Forschungsrichtung 
obzuwalten, die das meiste, was wir sexuell nennen, aus dem 
»Aggressionstriebe* ableiten möchte.) 

Die Entschiedenheit, mit der Jung die Neurosen immer als 
ein Ersatzprodukt einer Phantasie »individueller Provenienz' 5 
ansieht, worin archaische Züge bis auf Spuren fehlen, während 
sie in der Psychose deutlich zu Tage treten, haben wir schon 



Kritik der Jungsdien „Wandlungen und Symbole der Libido" 2Ö1 

als unberechtigt bezeichnen müssen. Aus denselben Gründen 
müssen wir aber auch der Ansicht Jungs widersprechen, daß 
bei der Neurose bloß der rezente (individuell erworbene) 
Libidobetrag der Wirklichkeit entzogen wird, während es bei 
der Psychose gleichsam zu einem phylogenetischen Rückschlag 
komme, indem auch ein mehr-minder großer Teil der bereits 
desexualisierten (zu andersartiger Verwendung gelangten) 
Libido der Welt entzogen und zum Aufbau der Ersatzprodukte 
verwertet werde. 

Eines der nun folgenden Kapitel beschäftigt sich mit der 
„Verlagerung der Libido als möglicher Quelle der primitiven 
menschlichen Erfindungen". Trotz des Reichtums an Ideen und 
treffenden Bemerkungen können wir dem Autor auch hier den 
Vorwurf der Einseitigkeit nicht ersparen. Jung sieht die Ent- 
deckung des Feuerbohrens als ein Derivat rhythmisch - 
onanistischer Betätigungen des primitiven Menschen an ; die 
Erfindung der Feuerbereitung sei dem „Drange, ein Symbol 
für den Sexualakt einzusetzen, zu verdanken". Aus den sexuellen 
Lock- und Brunstrufen habe sich auch die Sprache und alles, 
was damit zusammenhängt, entwickelt. Die Möglichkeit, die 
uns viel wahrscheinlicher vorkommt, nämlich daß das Feuer- 
erzeugen in erster Linie nicht sexuelle, sondern reale Bedürfnisse 
zu befriedigen bestimmt war, wenn es auch in den Dienst der 
Sexualsymbolik gestellt wurde, wird von Jung im Gegensatz 
zu seiner sonstigen Betonung der Realitätsansprüche ganz ver- 
nachlässigt. 

Jungs impetuose Neigung, von zwei Möglichkeiten die ihm 
sympathischere einfach zu dekretieren, verleugnet sich auch an 
anderer Stelle nicht. Auf die Frage: woher denn der Wider- 
stand gegen die primitive Sexualität herstamme, der zur Auf- 
lassung jener Betätigung und zu deren symbolischem Ersatz 
gezwungen habe, antwortet er ohne zu zögern mit folgenden 



2Ö2 S. Ferenczi 



Worten: „Es i st undenkbar, daß es sich dabei um irgend 
] einen äußeren Widerstand, um ein wirkliches Hindernis handle", 
sondern der Zwang zur Libidoüberleitung sei die Folge eines 
rein innerlichen Konflikts zwischen zwei einander von vorn- 
herein widersprechenden Libidoströmungen, es stehe hier Wollen 
j gegen Wollen, Libido gegen Libido. Mit anderen Worten: die 
| Symbolbildung (und Sublimierung) entstehe, indem sich eine 
| a priori vorhandene Tendenz zur Ablehnung der primitiven 
| Betätigungsarten durchsetzt. Jungs Antwort wird jedem objektiven 
Leser als arbiträr erscheinen, ja es wird viele geben, die, wie 
auch wir, der gegenteiligen Lösung den Vorzug geben, wonach 
gerade äußere Hindernisse die Lebewesen zum Aufgeben lieb- 
gewonnener Befriedigungsarten und zum Schaffen von Ersatz- 
befriedigungen zu zwingen geeignet sind und daß nicht innerer 
Drang, sondern äußerer Zwang, d. h. die Not erfinderisch macht. Es 
heißt auch, die Determiniertheit im Psychischen zu eng zu fassen, 
wenn man bei der Erklärung irgend eines psychischen Vorganges 
die Möglichkeit extrapsychischer Einflüsse ganz außer acht läßt. 
Die genetische Theorie wird dann von Jung an der Ent- 
stehungsart typischer Symbole exemplifiziert. Die von der Inzest- 
schranke zugedrängten Sexualphantasien schaffen sich nach Jung 
symbolische Ersatzprodukte in Funktionen der vorsexuellen 
Entwicklungsstufe, besonders in denen der Ernährung. So ent- 
stünden die uralten Sexualsymbole des Ackerbaues, die Kulte 
der Mutter Erde. Es käme dabei zu einer „Wiederbesetzung der 
Mutter, diesmal aber nicht als Sexualobjekt, sondern als Er- 
nährerin". Auch die Pubertätsonanie sei ein Symbol; Die 
Regression der vor den Widerständen zurückweichenden Sexual- 
lust auf eine ursprünglich nur der Ernährung 
dienende Betätigung: das rhythmische infantile Lutschen. 

Bei dem Worte vorsexuell müssen wir Halt machen. Es 
bedeutet nichts weniger als die Leugnung der von Freud zu- 



Kritik der Jungs dien „Wandlungen und Symbole der Libido" 263 

erst gewürdigten infantilen Sexualität. Plötzlich ist alles ver- 
gessen, was Freud (und Jung selbst l ) an deutlich sexuell 
gefärbten, wenn auch mit Ernährung und Exkretionsfunktionen 
vergesellschafteten Gelüsten bei drei- bis fünfjährigen kleinen 
Kindern konstatiert haben, deren Libido sicherlich noch nicht 
vor Kulturschranken zurückschrecken mußte. Wie verträgt sich 
Jungs Ausdruck „vorsexuell" mit den Beobachtungen, die er 
vor wenigen Jahren an einem dreijährigen Mädchen machte, 
„das auf dem Gebiete der Kot- und Urininteressen Hervor- 
ragendes leistete, dann auch beim Essen ähnliche Manieren an 
den Tag legte" und „ihre Exzesse immer mit ,Lustig' be- 
zeichnete ?" Wie erklärt er ohne Annahme der infantilen 
Sexualität die diesbezüglichen direkten Beobachtungen an Kin- 
dern und die Ergebnisse der Psychoanalysen? Vergaß er ganz 
seine eigene Forderung: „Man sehe einmal die Kinder an, so 
wie sie wirklich sind und nicht wie wir sie zu haben 
wünschen ?" 

Allerdings wäre eine solche Inkonsequenz nur zu loben, 
wenn sie als die Folge eines Fortschrittes in der Erkenntnis 
aufzufassen wäre. Wir vermuten aber, daß es sich hier in 
Wirklichkeit um einen Rückschritt handelt; für Jung scheint 
der Begriff des Sexuellen in dem Sinne, wie ihn Freud in 
seinen „Abhandlungen" gebrauchte, und der ihm früher ganz 
geläufig war, irgendwie plötzlich abhanden gekommen zu sein 
und seine jetzige Anschauung, wonach das Lutschen und ähn- 
liche infantile Betätigungen „vorsexuell" wären, ist nur die 
Rückkehr zur Anschauung jener, die nur das genitale für 
sexuell nehmen und die „trotz schärfster Brillen nirgends etwas 
Sexuelles (an den Kindern) entdecken wollen". (Jung, Über 
Konflikte usw.) Ersetzen wir aber in der Libidoarbeit Jungs 

1) S. „Über Konflikte der kindlichen Seele". Jahrbuch für Psycho- 
analyse II, 1910. 



2Ö4 S. Ferenczi 



das Wort „vorsexuell" überall durch den Ausdruck „vor- 
genital", so können wir einen großen Teil seiner Aus- 
führungen gutheißen. Es ist nur zu konsequent, wenn Jung 
auch seine Terminologie im Sinne der neuen (richtiger der 
alten) Auffassung umändert und unter dem Ausdruck Auto- 
erotismus (womit Freud die allerfrüheste infantile Erotik 
bezeichnet) nur die nach der Aufrichtung der Inzestschranke 
auftretende Selbstbefriedigung versteht. 

Nach dieser langen theoretischen Abschweifung kehrt Jung 
zur Traumdichterin Miß Miller zurück und versucht es, die 
Geltung der neuen Theorien in ihrer dritten Traumschöpfung, * 
die sie „Chiwantopel, Drame hypnagogique" benennt, nachzu- 
weisen. In diesem Drama spielt ein aztekischer Held mit Rüstung 
und Federschmuck eines Indianers die Hauptrolle, gegen den 
ein anderer Indianer einen Pfeil abschießen will und der dann 
in einem langen Monolog sich beklagt, daß ihn keine der 
Frauen, die er kannte und liebte, wirklich verstanden hätte, 
mit Ausnahme einer einzigen, die Ja-ni-wa-ma heißt. Jung 
analysiert diese Phantasie derart, daß er jedes darin vorkommende 
Wort und alle Wortverbindungen von vornherein für mytho- 
logisch-symbolische Archaismen nimmt, in die sich irgend eine 
aktuelle Aufgabe Miß Millers einkleidete. Zum Beweise dessen 
stellt Jung umfangreiche vergleichend-mythologische Unter- 
suchungen an. Es wird bei jedem einzelnen Worte untersucht, 
welche Rolle ihm in den verschiedenen Mythologien zukam, 
und durch Verknüpfung der so gewonnenen Einzeldeutung wird 
der Sinn des ganzen Dramas zu enträtseln gesucht. Einer 
solchen Deutungsmethode kommt aber, bei der Unsicherheit des 
mythologischen Wissens überhaupt und den unvermeidlichen 
Lücken in den mythologischen Kenntnissen eines einzelnen, 
unseres Erachtens keine nennenswerte Beweiskraft zu; sie hat 
auch nur äußerlich eine gewisse Ähnlichkeit mit der Psycho- 



Kritik der Jungsmen „Wandlungen und Symbole der Libido* 265 

analyse, die sich ja in erster Linie auf jene realen Auskünfte 
gründet, die sie aus den Traum- und Neurosenforschungen ge- 
wonnen hat. Und wenn sich Jung in der Einleitung seiner 
Arbeit auf die biographische Untersuchung Leonardo da Vincis 
durch Freud beruft und ihn als einen Vorgänger seiner 
Deutungsmethode bezeichnet, so muß man darauf hinweisen, 
daß Freuds mythologische Deutungen immer unter der Kon- 
trolle individual-psychologischer Erfahrungen blieben. 

Anknüpfend an die „Chiwantopel" -Phantasie kommt Jung 
neuerlich auf das Thema der „unbewußten Entstehung des 
Heros" zurück, in die er uns diesmal tiefere Einsicht gewährt. 
„Der Mythos vom Helden" — heißt es am Schlüsse seiner 
Betrachtungen — „ist das Sehnen unseres eigenen leidenden 
Unbewußten nach den tiefsten Quellen seines eigenen Seins, 
nach dem Leibe der Mutter, und jeder wird für uns ein sieg- 
reicher Held, der sich durch seine Mutter wiederzuerzeugen 
vermag." Zu diesem Resultate gelangte Jung auf Grund geist- 
voller Analysen, denen er die bekanntesten Heldenmythen unter- 
zog; seine diesbezüglichen Untersuchungen werden jeden Psycho- 
analytiker überzeugen und würden für sich allein die Jungsche 
I^ibidoarbeit zu einer der wertvollsten Leistungen der psycho- 
analytischen Literatur machen. 

Um so auffälliger ist es, daß Jung dieses für uns unzweifel- 
haft gewordene Resultat seiner Untersuchungen gleichsam durch 
eine nachträgliche Korrektur zum Teil wieder aufhebt, indem 
er mit dem „Ödipuskomplex", der dem Heldenmotiv zugrunde 
liegt, gerade so verfahrt wie mit der infantilen Sexualität über- 
haupt. Nachdem er dessen tatsächliche Rolle im Leben des 
Menschen festgestellt hat, leugnet er plötzlich dessen Realität. 
Die im Traume Gesunder und in den unbewußten Phantasien 
der Neurotischen nachzuweisenden sexuellen Wünsche seien 
„nicht das, was sie. zu sein scheinen, sie seien nur Symbol", 



2Ö6 S. Ferenczi 



d. h. symbolischer Ersatz für ganz rationelle Wünsche 
und Strebungen; die vor den Aufgaben der Zukunft zurück- 
geschreckte Libido regrediere zu jenen Symbolen. Der richtige 
Teil dieser Behauptungen ist aus der früheren psychoanalytischen 
Literatur geschöpft. Dort steht es längst, daß der Neurotiker 
vor der Wirklichkeit zurückschrickt, daß er sich in die Krank- 
heit flüchtet und daß die Krankheitssymptome Regressiv- 
phänomene sind. Neu ist in dieser Aussage nur die Behauptung 
der Irrealität, der symbolischen Natur der in den 
Symptomen sich äußernden Tendenzen. Wir glauben, daß diese 
uns nicht ganz verständliche Qualifizierung des Ödipuskomplexes 
darin ihre Erklärung finden wird, daß Jung dem Drang unter- 
legen ist, das Wort „unbewußt" zu beseitigen und es durch 
andere Bezeichnungen zu ersetzen* 

Jung macht in dieser Arbeit auch einige Andeutungen über 
den Einfluß dieser neugewonnenen Kenntnisse auf seine psycho- 
therapeutische Technik. Er legt das Hauptgewicht der Behand- 
lung Nervöser darauf, daß er ihnen den Weg zur Realität zeigt, 
vor der sie zurückgeschreckt sind. W r ir aber bleiben dabei, daß 
die nächste und wichtigste Realität, die den Kranken angeht, 
seine Krankheitssymptome sind, daß man sich also mit diesen 
beschäftigen muß, während die Hinweise auf die Lebens- 
aufgaben die Kranken nur noch schmerzlicher ihre Unfähigkeit 
zur Lösung derselben empfinden ließen» Um den Lebensplan 
der Kranken braucht man sich in der Analyse kaum zu 
kümmern; ist nur die Analyse tief genug gewesen, so finden 
sich die Patienten auch ohne unsere Hilfe zurecht, ja eine 
richtige analytische Technik muß bestrebt sein, den Patienten 
so unabhängig zu machen, daß er sich sogar von seinem Arzte 
nichts vorschreiben läßt. Er wird dann selbst darüber entscheiden, 
wieviel er von seinen „ unzweckmäßigen £( Besetzungen aufgibt 
und wieviel er auch nach der Analyse tatsächlich realisiert. 



Kritik der Jungschen »Wandlungen und Symbole der Libido" 267 

Die in den bisherigen kritischen Bemerkungen hervorgehobene 
Abwendung vom Freud sehen Begriffe des Unbewußten macht 
sich auch in der neuen Traumauffassung Jungs geltend (S. 460). 
Die Funktion des Traumes sieht Jung (und mit ihm M aeder) 
nicht mehr in der Wunscherfüllung, in der vorübergehenden, 
halluzinatorischen Sättigung unbefriedigter Wünsche zum Zwecke 
des Schlafenkönnens, sondern in einer Art innerer Ahnung der 
ernsten Aufgaben der Zukunft. Wir können hier auf die 
detaillierte Widerlegung dieser Anschauung nicht eingehen, 
müssen aber betonen, daß wir auch nach der Lektüre der 
Libidoarbeit Jungs die Freudsche Auffassung der Traum- 
vorgänge als die richtige ansehen; wir bleiben dabei, daß ernstes 
Arbeiten, schwieriges Aufgabenlösen, das Kämpfen mit den 
Hindernissen wohl für das Wachleben, nicht aber fürs Träumen 
charakteristisch sind, wenn sie auch manchmal unsere Nachtruhe 
zu stören imstande sind. Darum sehen wir auch in den Traum - 
Schöpfungen Miß Millers die phantastische Befriedigung aktueller 
und infantiler Wunschregungen und können darin nicht die 
prophetische Ahnung der künftigen Aufgaben des Menschen- 
geschlechtes erkennen. 

Der allgemeine Eindruck, den wir nach der Lektüre des 
Jungschen Werkes bekommen, ist der, daß er an vielen Stellen 
seiner Arbeit nicht eigentlich induktive Wissenschaft, sondern 
philosophische Systemisierung 1 treibt, mit allen Vor- und Nach- 
teilen einer solchen. Der hauptsächliche Vorteil dabei ist die 
Beruhigung des Gemüts, das, da es die Hauptfragen des Seins 
für gelöst erachtet, von der Qual der Unsicherheit befreit ist 
und die Sorge um die Ausfüllung der Lücken im System ruhig 

1) Siehe dazu folgende Stelle bei Jung (II., S. 178). „Diese Be- 
trachtung führt uns auf einen Libidobegrlff, der über die Grenzen 
naturwissenschaftlicher Formung (Forschung? [Ref.]) zu einer philo- 
sophischen Anschauung sich erweitert . . . ." 



268 S. Ferenczi 



anderen überlassen kann. Der große Nachteil einer allzufrühen 
Systembildung liegt in der Gefahr, daß man den a priori 
gegebenen Hauptsatz um jeden Preis aufrecht zu erhalten trachtet 
und Dinge übersieht, die diesem Satze widersprechen könnten. 



Aus der „Psychologie" von Hermann Lotze 

In den Werken des mit Recht berühmten und populären 
deutschen Denkers und Universitätslehrers Hermann Lotze 1 
fand ich einige Sätze, die — obzwar rein spekulativ entstanden — 
eine so weitgehende Übereinstimmung mit den auf empirischem 
Wege gewonnenen psychologischen Erkenntnissen der Psycho- 
analytik aufweisen, daß wir ihren Autor als einen der Vor- 
ahner der Ideen Freuds betrachten dürfen. Eine solche 
Kongruenz der Resultate intuitiven Denkens und Dichtens 2 mit 
den Ergebnissen der praktischen Erfahrung ist nicht nur vom 
geschichtlichen Standpunkt interessant, sondern sie kann auch 
als ein Argument für die Stichhaltigkeit jener Erkenntnisinhalte 
selbst in Betracht kommen. 

In der „Psychopathologie des Alltagslebens" erklärt bekannt- 
lich Freud das Vergessen als ein Unbewußtwerden von 
Vorstellungen, begründet durch Unlustmotive. In seinen 

1) Rud. Hermann Lotze (1817 — 1881) war Professor der Philosophie 
und Physiologie in Leipzig, Göttingen und Berlin« Er war ein Schüler 
Herbarts und Anhänger von L e i b n i z. 

2) Ähnliche Übereinstimmungen mit der Psychoanalyse sind bereits 
In den Werken von Schopenhauer, Nietzsche, Anatole 
France u. a. nachgewiesen worden. 



270 S. Ferenczi 



„Grundzügen der Psychologie" (VII. Aufl. Leipzig, S. Hirzel) 
sagt Lotze über dieses Thema u. a. folgendes: 

§ 15. „. , . die Erinnerungsbilder früherer Eindrücke (sind) 
nicht immer im Bewußtsein vorhanden, sondern treten nur zeit- 
weilig in demselben wieder auf, dann aber so, daß kein äußerer 
Reiz nötig war, um sie von neuem zu erzeugen. 

Hieraus schließen wir, daß sie in der Zwischenzeit für uns 
nicht ganz verloren gewesen sind, sondern sich in irgendwelche 
unbewußte* Zustände verwandelt haben, die wir natürlich 
nicht beschreiben können, und für die wir den an sich wider- 
sprechenden, aber bequemen Namen ,u n b e wußte Vor- 
stellungen' brauchen . . .* 

§ 16. „. . . Zwei Ansichten standen sich hier gegenüber. Man 
hielt früher das Verschwinden der Vorstellungen für natürlich 
und glaubte das Gegenteil, das Gedächtnis, erklären zu 
müssen. Man folgt jetzt der Analogie des physischen Gesetzes 
der Beharrung und glaubt das Vergessen erklären zu müssen, 
weil an sich die ewige Fortdauer eines einmal erregten Zustandes 
sich von selbst verstehe. 

Die Analogie ist nicht ohne Bedenken. Sie gilt von der 
Bewegung der Körper. Allein Bewegung ist nur eine Änderung 
äußerer Relationen, von welcher der bewegte Körper nichts 
leidet; denn er befindet sich an einem Orte genau so wie am 
anderen, undhat daher weder einen Maßstab für einen Grund noch einen 
der Bewegung zu leistenden Widerstand. Die Seele dagegen 
befindet sich selbst in verschiedenen Zuständen, je nachdem sie a, 
vorstellt oder b oder auch gar nichts. Denkbar wäre daher, 
daß sie gegen jeden ihr aufgedrängten Eindruck 
zurückwirkte, wodurch sie zwar niemals diesen 
ganz annullieren, aber doch vielleicht aus 
bewußter Empfindung in einen unbewußten 
Zustand verwandeln könnte." 1 

§ 19. „Als Grundlage einer ,psychischen Mechanik' 
könnten . . . die Begriffe von Stärke und Gegensatz nur dann 
selbstverständlich dienen, wenn sie sich auf die vorstellenden 
Tätigkeiten bezögen. Das ist nicht der Fall. — Man würde 



1) Vom Referenten hervorgehoben. 




Aus der „Psychologie" von Hermann Lotze 271 

es daher als eine bloße Tatsache anerkennen müssen, wenn die 
Stärke und Gegensatz des vorgestellten Inhalts die ent 
scheidenden Bedingungen für die Wechselwirkung der Vor- 
stellungen wären. Die Erfahrung bestätigt dies nicht. Die Vor- 
stellung größeren Inhalts verdrängt keineswegs 
immer die von kleinerem; im Gegenteil ist die 
letztere selbst imstande, zuweilen die Empfindung 
äußerer Reize zu unterdrücken. 1 

Nun kommen aber Vorstellungen niemals in einer Seele vor, 
die außerdem nichts anderes täte; sondern an jeden Eindruck 
knüpft sich außer dem, was in dessen Folge vorgestellt wird, 
auch noch ein Gefühl des Wertes, den derselbe für das 
körperliche und geistige Wohlbefinden des Perzipierenden hat. 
Diese Gefühle von Lust und Unlust sind einer Gradabstufung 
offenbar ebenso fähig, wie das bloße Vorstellen unfähig dazu ist. 
Nach der Größe nun dieses Gefühlsanteils, welche übrigens 
außerordentlich wechselnd ist je nach der Verschiedenheit des 
Gesamtzustandes, in dem die Seele sich eben befindet, oder kurz 
gesagt: nach dem Grad des Interesses, welche eine Vorstellung 
aus vielerlei Gründen in jedem Augenblicke zu erwecken vermag, 
richtet sich ihre größere oder geringere Macht zur Verdrängung 
anderer Vorstellungen. Und nur hierin, aber nicht in einer 
ursprünglichen Eigenschaft, welche sie als bloße Vorstellung hätte, 
besteht das, was wir ihre Stärke nennen können." 

In diesen Sätzen finden wir zum Teil Freuds Fest- 
stellungen über die bestimmende Rolle der Lust- und Unlust- 
qualität für die Perzeption und Reproduktion wieder. Daß dies 
kein Zufall ist, darauf läßt eine andere Stelle der „Psycho- 
logie L o t z e s schließen, an der er — ganz wie es die 
Psychoanalyse zu tun gezwungen ist — gegen die Haltlosigkeit 
der reinen Bewußtseinspsychologie und -philosophie Stellung 
nahm. 

§ 86. „ . . . Die Frage nach der Art und Wahrheit 
unserer Erkenntnis oder nach dem Verhältnis 

1) Vom Referenten gesperrt. 



272 S. Ferenczi 



zwischen Subjekt und Objekt hatte so sehr alle Auf 
merksamkeit gefesselt, daß der Vorgang, durch welchen das 
Seiende dazu kommt, sich selbst zu erfassen, d. h. die Ent- 
wicklung des Selbstbewußtseins, für das eigentliche 
Ziel oder für den letzten Inhalt der ganzen Weltordnung gehalten 
wurde. Nun erschien die Seele nur dazu bestimmt, diese Aufgabe 
der Selbstbespiegelung innerhalb des irdischen Lebens aufzulösen; 
und die verschiedenen Formen, in denen diese Aufgabe der reinen 
Intelligenz stufenweise immer mehr gelost wird, nahmen ziemlich 
allen Platz in der Psychologie ein. Der Inhalt dessen aber, was 
empfunden, angeschaut oder begriffen wird, trat ebensosehr 
dagegen zurück, wie das ganze übrige Seelenleben der Gefühle 
und Strebungen, die selbst wieder bloß so weit in Betracht 
kamen, als sie auch zu jener formellen Aufgabe der Selbstobjekti- 
vierung in bezug gesetzt werden konnten." 

In der Sprache der Psychoanalyse heißt das etwa: Bewußt- 
heit ist keine notwendige Qualität des Psychischen, ja: der 
Inhalt der Psyche ist an sich unbewußt und nur ein Bruch- 
teil dieses Inhalts wird vom Bewußtsein, dem Sinnesorgan für 
(an sich übw) psychische Qualitäten, wahrgenommen. 

Auch die Anschauung L o tz e s über die Richtkraft des 
Lustprinzips bei der Entstehung der Triebe deckt sich mit 
unseren Anschauungen. § 102 .. . „Triebe sind ursprünglich 
nur Gefühle, und zwar meistens der Unlust oder doch der 
Unruhe; sie pflegen aber verknüpft zu sein mit Bewegungs- 
antrieben, welche in der Weise der Reflexbewegungen zu 
allerhand Bewegungen führen, durch die nach längerem oder 
kürzerem Irrtum die Mittel gefunden werden, jene Unlust 
zu beseitigen." (Vgl. dazu Freuds „Prinzipien des psychischen 
Geschehens" und den theoretischen Teil seiner „Traum- 
deutung".) 

Auch das Problem der objektivierenden Projektion und der 
Introjektion wird von Lotze angeschnitten. Wo er von der 
Bildung des „Ich" im Gegensatz zur Objektwelt spricht. 



Aus der „Psydiologie" von Hermann Lotze 



273 



„Jeder unserer eigenen Zustände" — sagt er im § 52 — 
„alles, was wir selber wirklich leiden, empfinden oder tun, ist 
dadurch ausgezeichnet, daß sich daran unmittelbar ein Gefühl 
(der Lust, der Unlust, des Interesses) knüpft, während diese 
Begleitung demjenigen fehlt, was wir als die Zustände, das 
Tun, Empfinden, Leiden ander er Wesen bloß vorstellen, aber 
nicht selber erfahren oder erleiden ... Ein bloßes Wissen 
überhaupt (kann) nicht das Motiv dieser ganz beispiellosen 
Unterscheidung sein, durch die jedes beseelte Wesen sich selbst 
der ganzen übrigen Welt entgegenstellt." „Auf die dargelegte 
Weise wird, glauben wir, zuerst der Sinn des Possessiv- 
pronomens ,mein uns deutlich; erst nachher, wenn wir 
unsere denkende Reflexion auf diese Umstände richten, bilden 
wir auch den substantivischen Namen des Ich als des Wesens, 
dem das, was ,mein' hieß, zukommt" (§ 35). (Vgl. dazu auch 
meine Ausführungen in der Arbeit „Introjektion und Über- 
tragung" [enthalten in diesem Bande].) 

Wenn Lotze die „beispiellose Unterscheidung" des Ich 
von der übrigen Erfahrungswelt auf seinen Wert für das 
Individuum zurückführt (worunter er zweifellos dessen Lust- 
wert und nicht den Nutzwert versteht), so nähert er sich der 
psychoanalytischen Auffassung, nach der die Ich-Bildung im 
innigsten Konnex steht mit dem Narzißmus, dem Verliebt- 
sein in die eigene Person. (Vgl. Freud, Totem und Tabu: 
Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken, Ges Sehr 
Bd. X.) 

Dafür spricht unter anderem auch folgende Stelle bei 
Lotze (L c. § 53): „. . . Zweierlei muß man unterscheiden. 
Das Bild, welches wir uns von unserem eigenen Wesen machen, 
kann mehr oder weniger zutreffend oder irrig sein; das 
hängt von der Höhe der Erkenntniskraft ab, durch welche 
jedes Wesen sich über diesen Mittelpunkt seiner eigenen 

Ferenc«i, Bausteine zur Psychoanalyse I ,o 



274 S. Ferenczi 



Zustande theoretisch aufzuklaren sucht. Die Evidenz dagegen 
und die Innigkeit, mit der jedes fühlende Wesen sich selbst 
von der ganzen Welt unterscheidet, hängt gar nicht von der 
Vortrefflichkeit dieser seiner Einsicht in sein eigenes Wesen 
ab, sondern äußert sich bei den niedrigsten Tieren, soweit sie 
durch Schmerz oder Lust ihre Zustände als die ihrigen 
anerkennen, ebenso lebhaft, als bei dem intelligentesten 
Geiste. 

Interessant ist, was er über den Sinn „der vielen, zum Teil 
zierlichen, zum Teil sonderbaren beweglichen Zusätze oder 
Anhänge an unseren Körper" sagt, „deren sich die Putzsucht 
zu bedienen pflegt". Lotze meint, daß man damit gleichsam 
einen Teil der Außenwelt zum Ich schlagen will, um dieses 
zu vergrößern; die Zusätze „geben uns im allgemeinen das 
angenehme Gefühl einer über die Grenzen unseres Körpers 
erweiterten geistigen Gegenwart". 



Zur Organisation der psychoanalytischen 
Bewegung 

Mit diesem Überblick unterbreitete der Autor 
dem IL Psychoanalytischen Kongreß in Nürnberg) 
1908, seinen Vorschlag, daß sich die wissenschaft- 
lichen Arbeiter der Psychoanalyse zu einer ^Inter- 
nationalen Vereinigung*' zusammenschließen mögen. 

Die Psychoanalyse ist zwar eine noch junge Wissenschaft, 
ihre Geschichte aber schon reich genug an Ereignissen, die es 
der Mühe wert erscheinen lassen, für einen Augenblick in der 
Arbeit innezuhalten, die bisherigen Ergebnisse zu überblicken, 
Erfolge und Mißerfolge abzuwägen. Eine solche kritische Über- 
sicht könnte unsere künftige Tätigkeit durch das Aufgeben 
unzweckmäßiger Arbeitsweisen ökonomischer, durch die An- 
wendung neuer, geeigneterer Methoden fruchtbringend gestalten. 
Solcher Bilanzen bedarf es im wissenschaftlichen Betriebe nicht 
minder als in Handel und Gewerbe. Die Kongresse — gewöhn- 
lich nur Jahrmärkte der Eitelkeit, effektvoll aufgemachte Pre- 
mieren wissenschaftlicher Neuigkeiten — hätten eigentlich die 
Aufgabe, solche wissenschaftspolitische Probleme zu lösen. 

Wie alle Neuerer und Bahnbrecher, hatten auch wir für 
unsere Sache nicht nur zu arbeiten, sondern auch zu kämpfen* 
Vom objektiven Standpunkt gesehen, ist die Psychoanalyse aller^ 

18* 



276 S. Ferenczi 



dings reine Wissenschaft, die die Lücken unseres Wissens über 
die Determiniertheit des seelischen Geschehens auszufüllen 
bestrebt ist. Aber diese rein wissenschaftliche Frage rührt so 
empfindlich an den wichtigsten Grundlagen des täglichen Lebens, 
an gewissen uns liebgewordenen Idealen, an den Dogmen des 
Familienlebens, der Schule, der Kirche, stört nebstbei so unan- 
genehm die beschauliche Ruhe der Nervenärzte, die die partei- 
losen Richter über unsere Arbeit sein sollten, daß wir uns 
nicht wundern können, wenn man uns statt mit Tatsachen 
und Argumenten, mit wüstem Geschimpfe empfing. 

So wurden wir, sehr gegen unseren Wunsch, in einen Krieg 
verwickelt, in dem, wie bekannt, die Musen schweigen, die 
Leidenschaften aber um so lauter toben, und auch Waffen für 
erlaubt gelten, die nicht aus dem Arsenal der Wissenschaft 
genommen sind. Es erging uns, wie den Friedenspropheten, 
die für die Verwirklichung ihrer Ideale — Krieg führen 
müssen. 

Die erste, ich mochte sagen, heroische Periode der Psycho- 
analyse, waren die zehn Jahre, in welchen Freud ganz allein 
den Angriffen begegnen mußte, die man von allen Seiten und 
mit allen erdenklichen Mitteln gegen die Psychoanalyse richtete. 
Man versuchte es zuerst, mit dem altbewährten Mittel des 
Totschweigens, dann kamen Verhöhnung, verächtlicher Spott, 
sogar Verleumdung an die Reihe. Der. einstige Freund, dann 
sein anfänglicher Mitarbeiter ließen ihn im Stiche, und die 
einzige Art des Lobes, das man ihm spendete, war das Bedauern, 
daß sein Talent das Opfer solcher ungeheueren Verwirrung 
werden konnte. 

Es wäre erheuchelte Gleichgültigkeit, hielten wir mit dem 
Ausdruck unserer Bewunderung darüber zurück, daß Freud, 
ohne sich um die sein Ansehen schmälernden Angriffe viel zu 
kümmern und trotz der empfindlichen Enttäuschung, die ihm 



Zur Organisation der psychoanalytischen Bewegung 277 

auch Freunde bereiteten, auf dem einmal als richtig erkannten 
Wege beharrlich weiterschritt. Mit dem bitteren Humor eines 
Leonidas konnte er sich sagen: im Schatten der Verkannt- 
heit werde ich wenigstens ruhig arbeiten können. Und so 
geschah es, daß diese Jahre der Verkanntheit für ihn Jahre 
des Heranreifens unvergänglicher Ideen und des Schaffens der 
bedeutsamsten Werke wurden* Welch unersetzlicher Schade 
wäre es gewesen, hätte sich Freud statt dessen mit unfrucht- 
barer Polemik abgegeben. Die Angriffe, die gegen die Psycho- 
analyse gerichtet wurden, haben ja in der Überzahl der Fälle 
kaum die Beachtung verdient. Es waren zum Teil ohne jede 
persönliche Erfahrung, mit vorgefaßter Meinung, aus billigen 
Witzen und Schimpfwörtern zusammengeflickte Kritiken und 
Artikel. Manche hatten offensichtlich keinen anderen Zweck 
als den, das Wohlgefallen der einflußreichen Gegner der Ana- 
lyse für sich zu gewinnen; es hätte sich gewiß nicht gelohnt, 
sich mit diesen abzugeben. Die offiziellen Größen der Psychiatrie 
begnügten sich aber meistens damit, von ihrer olympischen 
Höhe mit etwas komisch wirkendem Selbstbewußtsein ihr Ver- 
dammungsurteil herunterzudonnern, ohne sich die Mühe zu 
nehmen, dieses Urteil irgendwie zu begründen. Ihre stereotypen 
Phrasen begannen denn auch langweilig zu werden, sie ver- 
fielen dem Schicksal monotoner Geräusche, man überhörte sie, und 
konnte ruhig weiterarbeiten. Das Nichtreagieren auf unwissen- 
schaftliche Kritiken, das Meiden jeder sterilen Polemik bewährte 
sich also im ersten Verteidigungskampfe der Psychoanalyse. 

Die zweite Periode wird durch das Auftreten der Züricher 
gekennzeichnet, deren Verdienst es war, Freuds Ideen durch 
ihre Verknüpfung mit Methoden der Experimentalpsychologie 
auch für jene zugänglich gemacht zu haben, die zwar auch 
aufrichtig nach der Wahrheit suchten, die aber ihre Ehrfurcht 
vor der „Exaktheit von Freuds Forschungen, die mit aller 



278 S. Ferenczi 



hergebrachten psychologischen Forschungsmethode brachen, zu- 
rückschrecken ließ. Die Mentalität dieser Gruppe kenne ich aus 
eigener Erfahrung; auch ich kam erst später zur Einsicht, daß 
die „Exaktheit" der vorfreudschen Psychologie eine Art Selbst- 
betrug, ein Deckmantel ihrer Gehaltlosigkeit war. Die experi- 
mentelle Psychologie ist allerdings exakt, aber wir können sehr 
wenig von ihr lernen; die Psychoanalyse ist „unexakt*', aber 
sie zeigt uns ungeahnte Zusammenhänge und deckt bis dahin 
unzugänglich gewesene Schichten der Seele auf. 1 

Gleichwie nach Amerigo auf den durch Columbus 
entdeckten Weltteil, so strömten neue Arbeiter auf das von 
Freud erschlossene wissenschaftliche Gebiet, und ähnlich den 
Pionieren der Neuen Welt führten und führen sie einen 
Guerillakrieg. Ohne einheitliche Lenkung, ohne taktische Zu- 
sammenarbeit kämpft und arbeitet jeder auf dem von ihm 
eroberten Stück Land. Nach Gutdünken besetzt jeder den Teil 
des riesigen Gebietes, der ihm gefällt, und wählt die ihm zu- 
sagende Art der Arbeit, des Angriffs und der Verteidigung. 
Unermeßlich waren die Vorteile dieses Guerillakrieges, solange 
es nur darum zu tun war, gegen den übermächtigen Gegner 
Zeit zu gewinnen und die neugeborenen Ideen davor zu 
schützen, im Keime erstickt zu werden. Die freie, durch keine 
Rücksicht auf andere gehemmte Bewegung erleichtert jedem 
die Anpassung an die gerade gegebenen Verhältnisse, an das 
Maß des Verständnisses, an die Stärke des Widerstandes. Auch 
daß jede Autorität und Bevormundung, jede Disziplin fehlte, 
steigerte nur die Selbständigkeit, die bei solcher Vorpostenarbeit 

1) Es kann natürlich nicht zugegeben werden, daß nur die wägbaren 
und meßbaren Objekte der Erfahrung, also nur naturwissen- 
schaftliche Beobachtungen und Experimente, verläßlich zu nennen 
sind. Auch innere Erlebnisse, also psychische Realitäten (und mit diesen 
beschäftigt sich jede introspektive Psychologie) können den Gegenstand 
wissenschaftlicher Untersuchung abgeben. 



Zur Organisation der psychoanalytischen Bewegung 279 

unentbehrlich ist. Es fand sich sogar ein Menschenschlag, 
dessen Sympathie gerade durch diese „irreguläre" Arbeitsweise 
gewonnen wurde; ich meine die Leute mit künstlerischer 
Begabung, die nicht nur ein ahnendes Verstehen der uns be- 
schäftigenden Probleme, sondern auch unsere Auflehnung 
gegen den Scholastizismus in der Wissenschaft in unser Lager 
führte, und die nicht unerheblich zur Verbreitung der 
Freud sehen Ideen beitrugen. 

Aber aus dem Guerillakrieg erwuchs nebst diesen Vorteilen 
allmählich auch so mancher Nachteil. Der vollständige Mangel 
jeder Führung brachte es mit sich, daß bei einzelnen das 
spezielle wissenschaftliche und persönliche Interesse zum Schaden 
der Gesamtinteressen, ich möchte sagen der „zentralen Ideen" 
überhand nahm. Der doktrinäre Liberalismus wird daraus dem 
Guerillakampf keinen Vorwurf machen; im Gegenteil, er wird 
betonen, daß die Wissenschaft „frei" bleiben muß. Aber gerade 
die Psychoanalyse und die analytische Selbstkritik hat jeden 
von uns davon überzeugen können, daß ein Mensch, der allein, 
ohne Freunde, Hilfe und Korrektur, die eigenen, oft unzweck- 
mäßigen Tendenzen und Neigungen richtig erkennen und sie 
im Interesse der Gesamtheit bändigen kann, zu den Ausnahmen 
gehört, und daß ein gewisses Maß von gegenseitiger Kontrolle 
auch auf wissenschaftlichem Gebiete nur günstig wirken kann; 
daß also die Respektierung gewisser Kampfregeln, ohne die 
Freiheit der Wissenschaft zu gefährden, deren ökonomische 
und ruhige Entwicklung nur fördern kann. Es wäre auch zu 
bedenken, daß wenn ein sehr wertvoller und talentierter Teil 
der Gesellschaft uns gerade wegen unserer Unorganisiertheit 
sympathisch findet, die an Ordnung und Disziplin gewohnte 
Mehrzahl aus unserer Irregularität nur neuen Stoff zum Wider- 
stand schöpft. Es dürfte auch zahlreiche Anhänger geben, die, 
obzwar sie mit uns halten, vielleicht sogar im stillen für uns 



280 S. Ferenczi 



arbeiten, zur „individuellen Aktion" nicht taugen, sich aber 
gerne einer Organisation anschlössen, was uns einen nicht un- 
bedeutenden Zuwachs an Arbeitsgenossen bedeuten könnte. In den 
Augen der großen Menge sind wir, so wie wir jetzt sind, nur 
undisziplinierte Schwärmer. Der Name Freud, der auf unserem 
Banner steht, ist doch nur e i n Name und läßt es nicht ahnen, 
wie viele sich schon mit den Ideen befassen, die von ihm aus- 
gingen und welche Arbeit die Psychoanalyse bereits geleistet 
hat. So verlieren wir sogar jenes Maß von „Massenwirkung", 
die uns schon kraft unserer Zahl mit Recht zukommt, auch 
wenn wir vom spezifischen Gewicht der einzelnen Persönlich- 
keiten und deren Ideen absehen. Kein Wunder, wenn den 
Laien, den psychologisch ungeschulten Ärzten, in manchen 
Ländern selbst den Psychologen vom Fach, dieser neue Zweig 
der Wissenschaft bis auf heute sozusagen unbekannt blieb, und 
daß wir den meisten Ärzten, von denen wir um fachlichen 
Rat angerufen werden, über die elementarsten Begriffe der 
Psychoanalyse einen Vortrag halten müssen. Hillel, der 
jüdische Rabbi, ging in seiner Geduld so weit, daß er selbst 
jenem ihn verhöhnenden Heiden Antwort gab, der ihn auf- 
forderte, ihm in der kurzen Zeit, solange er auf einem Beine 
stehen kann, mit den Grundgesetzen seiner Religion bekannt 
zu machen. Ich weiß nicht mehr, ob er mit seiner Antwort 
den Heiden bekehrte, aber daß eine diesem ähnliche Art des 
Unterrichts und der Verbreitung der Psychoanalyse nicht sehr 
erfolgreich ist, kann ich aus eigener Erfahrung behaupten. 
Daraus aber, daß man uns nicht kennt und nicht anerkennt, 
erwachsen viele Nachteile; wir sind sozusagen heimatlos und 
mit den Leitern der reich ausgestatteten Kliniken und experi- 
mentellen Laboratorien verglichen nur arme Teufel, die doch 
unmöglich etwas wissen können, was den reichen Verwandten 
noch unbekannt ist. 



Zur Organisation der psychoanalytischen Bewegung 28t 

Die Frage, die ich jetzt aufwerfe, ist nun die : wiegen die 
Vorteile des (Juerillakampfes seine Nachteile auf? Sind wir 
berechtigt, zu erwarten, daß diese Nachteile von seihst, ohne 
zweckmäßige Eingriffe verschwinden werden ? Wenn nicht, sind 
wir genug an Zahl und genügend stark, um uns organisieren 
zu können? Und schließlich: Welche Maßregeln wären möglich 
und derzeit empfehlenswert, um unseren Verein zweckmäßig, 
stark und dauerhaft zu fundieren? 

Auf die erste Frage kann ich ohne Zögern antworten; ich 
wage die Behauptung, daß unsere Arbeit durch die Organi- 
sation mehr gewinnen als verlieren würde. 

Ich kenne die Auswüchse des Vereinslebens und weiß, daß 
in den meisten politischen, geselligen und wissenschaftlichen 
Vereinen infantiler Größenwahn, Eitelkeit, Anbetung leerer 
Formalitäten, blinder Gehorsam oder persönlicher Egoismus 
herrschen anstatt ruhiger, ehrlicher Arbeit für das Gesamt - 
interesse. 

Die Vereine wiederholen in ihrem Wesen und ihrem Auf- 
bau die Züge des Familienlebens. Der Präsident ist der Vater, 
dessen Aussprüche unwiderlegbar, dessen Autorität unverletzbar 
ist; die anderen Funktionäre sind die älteren Geschwister, die 
die jüngeren hochmütig behandeln und dem Vater zwar 
schmeicheln, aber ihn im ersten geeigneten Moment von seinem 
Throne stürzen wollen, um sich an seine Stelle zu setzen. Die 
große Masse der Mitglieder, soweit sie nicht willenlos dem 
Führer folgt, gibt bald diesem, bald jenem Aufwiegler Gehör, 
verfolgt mit Haß und Neid die Erfolge der Älteren und möchte 
sie aus der Gnade des Vaters ausstechen. Das Vereinsleben ist 
das Feld, auf dem sich die sublimierte Homosexualität als An- 
betung und Haß ausleben kann. Es scheint also, daß sich der 
Mensch seiner Familiengewohnheiten nie entledigen kann und 
er wirklich das Herdentier ist, das „Zoon politikon", zu dem ihn der 



282 S. Ferenczi 



griechische Philosoph stempelte. Mag es sich zeitlich und räum- 
lich von seiner eigentlichen Familie noch so weit entfernen, 
es sucht immer wieder die alte Ordnung herzustellen, in einem 
Vorgesetzten, den angebeteten Helden oder Parteiführer den 
Vater, in den Mitarbeitern die Geschwister, in dem ihm ange- 
trauten Weib die Mutter, in seinen Kindern sein Spielzeug 
wiederzufinden. Selbst bei uns noch unorganisierten Analytikern 
pflegt sich — wie ich es bei zahlreichen Kollegen und bei 
mir selbst feststellen konnte, die Gestalt des Vaters mit der 
unseres geistigen Führers zu einer Traumperson zu verdichten. 
Alle sind wir geneigt, den hochgeschätzten, aber gerade wegen 
seines geistigen Übergewichtes innerlich schwer zu ertragenden 
geistigen Vater in unseren Träumen in mehr oder wehiger 
verhüllter Form zu überflügeln, ihn zu stürzen. 

Es hieße also der menschlichen Natur Gewalt antun, wollten 
wir das Prinzip der Freiheit auf die Spitze treiben und die 
„Familienorganisation" umgehen. Denn obzwar wir jetzt der 
Form nach unorganisiert sind, leben wir Analytiker doch schon 
untereinander in einer Art Familiengemeinschaft, und es ist 
meiner Meinung nach richtiger, dieser Tatsache auch in der 
äußeren Form Rechnung zu tragen. 

Das ist aber nicht nur eine Frage der Aufrichtigkeit, sondern 
auch eine der Zweckmäßigkeit, denn die eigensüchtigen Stre- 
bungen lassen sich durch gegenseitige Kontrolle leichter im 
Zaume halten. Gerade psychoanalytisch geschulte Mitglieder 
wären am besten dazu berufen, einen Verein zu gründen, der 
die größtmögliche persönliche Freiheit mit den Vorteilen der 
Familienorganisation verbindet. Dieser Verband wäre eine 
Familie, in der dem Vater keine dogmatische Autorität zukommt, 
sondern gerade so viel, als er durch seine Fähigkeiten und 
Arbeiten wirklich verdient; seine Aussprüche würden nicht 
blind wie göttliche Offenbarungen befolgt, sondern wie alles 



Zur Organisation der psydioanalytisdien Bewegung 283 

andere Gegenstand einer eingehenden Kritik, und er selbst 
nähme diese ,Kritik nicht mit der lächerlichen Überhebung 
des Pater familias auf, sondern würdigte sie entsprechender 
Beachtung. 

Auch die sich zu diesem Verband geeinigten jüngeren und älteren 
Geschwister würden ohne kindische Empfindlichkeit und Rach- 
sucht ertragen, daß man ihnen die Wahrheit ins Gesicht sagt, 
so bitter und ernüchternd sie auch sei. Daß man auch bestrebt 
wäre, die Wahrheit zu sagen, ohne überflüssigen Schmerz zu 
verursachen, versteht sich bei dem heutigen Stande der Kultur 
und im zweiten Jahrhundert der chirurgischen Anästhesie von 
selbst. 

Ein solcher Verein, der selbstverständlich erst nach längerer 
Zeit diese ideale Höhe erreichen könnte, hat sehr viel Aus- 
sicht auf ersprießliche Arbeitsleistung. Wo man sich gegen- 
seitig die Wahrheit sagen kann, wo bei jedem ohne Neid, 
richtiger: unter Bändigung des natürlichen Neides, die wirk- 
lichen Fähigkeiten anerkannt werden und auf die Empfindlich- 
keit der Eingebildeten keine Rücksicht genommen wird, dort 
wird es wohl unmöglich sein, daß einer, der zwar ein feines 
Gefühl für Einzelheiten hat, aber in abstrakten Dingen unbe- 
gabt ist, sich in den Kopf setzt, die Wissenschaft theoretisch 
zu reformieren; ein anderer wird sein Bestreben, die eigenen, 
vielleicht wertvollen, aber recht subjektiven Bestrebungen, alle 
anderen Erfahrungen außer acht lassend, zur Grundlage der 
ganzen Wissenschaft machen zu wollen ; der dritte wird es zur 
Kenntnis nehmen, daß die überflüssige Aggressivität seiner 
Schriften nur den Widerstand steigert, ohne der Sache zu 
dienen; dem vierten wird der freie Meinungsaustausch über- 
zeugen, daß es töricht ist, auf etwas Neues sofort mit seinem 
Besserwissenwollen zu reagieren. 

Das sind ungefähr die Typen, die heutzutage in Vereinen 



2 $4 S. Ferenczi 



überhaupt, aber auch unter uns auftauchen, die aber in einer 
psychoanalytischen Organisation, wenn auch nicht ganz aus- 
zurotten, so doch besser zu kontrollieren wären. Die auto- 
erotische Periode des Vereinslebens würde allmählich durch 
die fortgeschrittene der Objektliebe abgelöst, die nicht 
mehr im Kitzel der geistigen erogenen Zonen (Eitelkeit, Ehr- 
geiz), sondern in den Objekten der Beobachtung selbst 
Befriedigung sucht und findet. 

Ich bin überzeugt, daß eine auf Grund dieser Prinzipien 
arbeitende psychoanalytische Vereinigung günstige innere 
Bedingungen zur Arbeit schüfe, aber auch imstande wäre, sich 
nach außen Achtung zu verschaffen. Den Lehren Freuds 
wird immer noch großer Widerstand entgegengesetzt, aber seit der 
zweiten, der „Guerillas-Periode, ist eine gewisse Abschwächung 
des starren Negativismus unverkennbar. Wenn wir uns mit 
saurer Miene an die unfruchtbare und unangenehme Arbeit 
machen, die gegen die Psychoanalyse vorgebrachten Argumente 
einzeln anzuhören, kommen wir darauf, daß dieselben Autoren, 
die noch vor einigen Jahren das Ganze totschwiegen oder 
exkommunizierten, heute von der Breuer-Freud sehen 
„Katharsis" als von einer beachtenswerten, sogar geistreichen 
Lehre sprechen; natürlich verwerfen sie dafür alles, was nach 
dem Zeitalter des „Abreagierens* entdeckt und beschrieben 
wurde. Mancher geht in seiner Kühnheit so weit, das Unbe- 
wußte und die Methoden seiner analytischen Erkenntnis anzu- 
erkennen, schrickt aber vor den Problemen der Sexualität 
zurück. Anständigkeit wie auch weise Vorsicht halten ihn vor 
solchen gefährlichen Dingen ab. Manche erklären die Folge- 
rungen der Jünger für richtig, aber vor dem Namen Freud 
haben sie eine Angst, wie vor dem leibhaftigen Teufel. Daß 
sie sich dabei der logischen Absurdität des „filius ante patrem" 
schuldig machen, vergessen sie vollständig. Die gewöhnlichste 



Zur Organisation der psydioanalytisdien Bewegung 285 



und verwerflichste Art der Akzeptierung von Freuds Theorien 
ist wohl die, daß man sie neu entdeckt und unter neuem 
Namen in Verkehr bringt. Denn was ist die „Erwartungs- 
neurose" anderes, als die unter falscher Flagge segelnde „Angst- 
neurose" von Freud? AVer von uns weiß es nicht, daß ein 
geschickter Kollege unter dem Namen „Phrenokardie"' nur 
einige Symptome der Freud sehen Angsthysterie als eigene 
Entdeckung auf den wissenschaftlichen Markt gebracht hat? 
Und war es nicht selbstverständlich, daß, so wie das Wort 
„Analyse" auftauchte, jemand einfach contrario den Begriff 
der „Psychosynthese" prägen mußte. Daß eine Synthese ohne 
vorhergehende Analyse unmöglich ist, das vergaß natürlich der 
Betreffende gebührend hervorzuheben. So droht denn der 
Psychoanalyse von solchen Freunden noch mehr Gefahr, als 
von feindlicher Seite. Uns droht sozusagen die Gefahr, in Mode 
zu kommen, womit die Zahl derjenigen, die sich Analytiker 
nennen, ohne es zu sein, gar bald ansehnlich wachsen dürfte. 
Wir können aber die Verantwortung für all die Unvernunft 
nicht tragen, die man unter dem Namen Psychoanalyse 
auftischt, wir haben also außer unseren Publikationsorganen 
einen Verein nötig, deren Mitgliedschaft einige Garantie dafür 
bietet, daß wirklich Freuds psychoanalytisches Verfahren und 
nicht eine zum eigenen Gebrauch zurechtgebraute Methode 
angewendet wird. Eine spezielle Aufgabe des Vereines wäre es, 
die wissenschaftliche Freibeuterei, deren Opfer die Psycho- 
analyse heute ist, zu entlarven. Genügende Sorgfalt und Vor- 
sicht bei der Aufnahme neuer Mitglieder würde es ermöglichen, 
den Weizen von der Spreu zu sondern. Der Verein sollte sich 
eher mit einer kleinen Mitgliederzahl begnügen, als Leute auf- 
nehmen oder beibehalten, die in prinzipiellen Fragen noch 
keine feste Überzeugung gewonnen haben. Ersprießliche Arbeit 
ist ja nur dort denkbar, wo bezüglich der Grundfragen Über- 



2§ 6 S. Ferenczi 



einstimmung herrscht. Daß die Stellungnahme für diesen Ver- 
ein heutzutage einen persönlichen Mut und den Verzicht auf 
akademischen Ehrgeiz voraussetzt, ist nicht zu leugnen. Es soll 
aber den zukünftigen Mitgliedern zum Trost gereichen, daß 
wir nicht so sehr auf materielle und andersartige fremde Hilfe 
angewiesen sind, wie die medizinischen Kliniken. Wir brauchen 
keine Krankenhäuser, Laboratorien und kein „liegendes Kranken- 
material"; unser Material ist die große Masse der Neurotiker, 
die in allen ihren Hoffnungen, im Glauben an die ärztliche 
Wissenschaft getäuscht, sich an uns wendet. Und daß wir selbst 
diesen, ja, gerade diesen Unglücklichen so oft helfen können, 
kann uns zu größerer Befriedigung gereichen, als die in den 
prunkvollen Kliniken geübte nichtanalytische Danaidenarbeit. 
Wenn wir die seit Jahrzehnten dauernde Stockung in der 
Psychologie, Neurologie, Psychiatrie und Gehirnanatomie mit 
unserer lebensvollen, fast überquellenden, kaum zu bewältigen- 
den Arbeit vergleichen, so sind wir für den Entgang an äußerer 
Anerkennung vollauf entschädigt, 

Ich habe vorhin erwähnt, wie zweckmäßig es war, daß 
Freud seinerzeit die vielen sinnlosen Angriffe außer acht 
ließ. Aber es wäre unrichtig, dies als Losungswort des zu 
gründenden Vereines anzunehmen. Es ist nötig, von Zeit zu 
Zeit auf die Armseligkeit der Gegenargumente hinzuweisen, 
was bei der schwachen Begründung und der Gleichförmigkeit 
der Angriffe keine allzuschwierige Aufgabe sein dürfte, 

Mit ermüdender Eintönigkeit kehren immer wieder dieselben 
logischen, moralischen und medizinischen Gegenargumente 
wieder, so daß man sie förmlich registrieren kann. Die Logiker 
erklären unsere Behauptungen für Einbildung und Unsinn. All 
die Unlogik und alles Unverständliche, das der Neurotiker in 
seinem Unbewußten produziert und das die Assoziationen an 
die Oberfläche bringen, wird uns in die Schuhe geschoben. 



Zur Organisation der psydioanalytisdien Bewegung 287 

Die Sittenrichter schrecken vor dem sexuellen Material 
unserer Forschungen zurück und führen einen Kreuzzug gegen 
uns. Sie unterschlagen dabei gewöhnlich alles, was daran 
erinnern könnte, was Freud über die Bändigung, die Subli- 
mierung der analytisch aufgedeckten Triebe geschrieben hat. 
Wer es weiß, eine wie große Rolle die unbewußte Sexualität 
in der nicht analytischen Psychotherapie spielt, könnte diese 
Beschuldigungen hypokritisch nennen; und doch sind sie nur 
AfTektwirkungen, die die Unwissenheit entschuldigt. 

Auch das ist interessant, daß, ob zwar man sonst gewöhn- 
lich von der „Verlogenheit" und ^Unzurechnungsfähigkeit" der 
Hysterischen faselt, man doch gerne alles glaubt, was etwa 
ungeheilte Kranke mit noch nicht vollem Verständnis über 
die Analyse klatschen. 

Manche behaupten, die Analyse als therapeutische Methode 
helfe nur suggestiv. Angenommen, aber nicht zugegeben, daß 
es dem so ist, ist es wohl richtig, eine wirksame Methode der 
suggestiven Therapie a limine zurückzuweisen ? Das zweite 
Gegenargument ist, daß sie „nichts nützt". Davon ist nur so- 
viel wahr, daß die Analyse nicht alle Arten von Neurosen 
beheben kann und meist nicht schnell hilft, und daß die seit 
der Kindheit „schief gewickelte" Persönlichkeit eines Menschen 
herzurichten, oft mehr Zeit kosten würde, als die Geduld des 
Patienten und besonders seiner Angehörigen reicht* Der dritte 
Kritiker , sagt, daß die Analyse schädlich ist; er meint damit 
offenbar die manchmal heftigen, aber zum Wesen der Kur 
gehörigen R eaktionen, nach denen gewöhnlich Perioden der 
Erleichterung folgen. 

Das letzte Gegenargument ist das, daß der Analytiker nur 
Geld verdienen will ; es entspringt augenscheinlich nur der 
Verleumdungsneigung von Menschen, deren Vorrat an objektiven 
Argumenten erschöpft ist. Solche Beschuldigungen bringt auch 



286 S. Ferenczi 



mancher Patient; sehr oft gerade dann, wenn er, — im Begriffe, 
tinter der Last der neuen Erkenntnisse einzulenken, — noch 
einen letzten verzweifelten Versuch macht, krank zu bleiben. 

Die logischen, ethischen und therapeutischen Ausflüchte der ärzt- 
lichen Kreise sind überhaupt auffallend ähnlich den dialektischen 
Reaktionen, die der Widerstand gegen die Kur aus unseren Kranken 
auszulösen pflegt. Aber gleichwie die Bekämpfung der Wider- 
stände des einzelnen Neurotikers psychotechnisches Wissen und 
zielbewußte Arbeit erfordert, so verdient auch der Massen- 
widerstand (z. B. das Benehmen der Ärzte den Lehren der 
Analyse gegenüber), daß wir uns mit ihm planmäßig und 
fachgemäß beschäftigen, und ihn nicht wie bis jetzt dem Zu- 
falle überlassen. Nebst der Förderung unserer Wissenschaft 
wäre eine Hauptaufgabe der psychoanalytischen Vereinigung, 
diesen Widerstand der wissenschaftlichen Kreise zu behandeln. 
Diese Aufgabe allein könnte ihre Gründung rechtfertigen. 

Meine Herren! Wenn Sie prinzipiell meinen Vorschlag zur 
zweckmäßigeren Geltendmachung unserer wissenschaftlichen 
Bestrebungen, eine „Internationale psychoana- 
lytische Vereinigung" zu gründen, annehmen, so habe 
ich nichts weiter zu tun, als konkrete Vorschläge zur Ver- 
wirklichung des Programms zu unterbreiten. 

Ich schlage vor, eine Zentralleitung zu wählen, die Bildung 
von Ortsgruppen in den Kulturzentren zu unterstützen, den 
jährlich zusammenzutretenden internationalen Kongreß zu 
systemisieren und nebst dem „Jahrbuch" baldmöglichst ein 
öfter erscheinendes offizielles wissenschaftliches Vereinsorgan zu 
gründen. 

Ich beehre mich, einen Entwurf der Statuten der „Ver- 
einigung .zu unterbreiten. 



Zur Organisation der psychoanalytischen Bewegung 289 

Nachtrag 

Die Gründung der „Internationalen Psychoanalytischen 
Vereinigung" wurde auf dem Nürnberger Kongresse diesen 
Vorschlägen entsprechend beschlossen. Die Vereinigung funk- 
tioniert seitdem ununterbrochen; selbst der Weltkrieg konnte 
ihrer Internationalität nichts anhaben. Ihre Ortsgruppen befinden 
sich in New York, London, Berlin, Wien, Budapest, Haag, 
Zürich, Kalkutta und Moskau. 1 Trotz der Ungunst der Verhält- 
nisse wurden bereits neun psychoanalytische Kongresse ab- 
gehalten (in Salzburg 1908, Nürnberg 1910, Weimar 1911, 
München 1913, Budapest 1918, Haag 1920, Berlin 1 922, 
Salzburg 1924, Bad Homburg i925). s Offizielle Vereinsorgane 
sind: 1) die „Internationale Zeitschrift fürPsycho- 
analyse" (1927 erscheint der XIII. Jahrgang), 2) „I m a g o", 
Zeitschrift für die Anwendung der Psychoanalyse auf die Natur- 
und Geisteswissenschaften (1927 erscheint der XIII. Jahrgang), und 
3) „The International Journal ofPsychoanalysis" 
(1927 erscheint der VIII. Jahrgang). Eine mächtige Stütze 
fand die Vereinigung im „Internationalen Psycho- 
analytischen Verlag" in Wien (gegründet 1 9 1 g). 3 



1) Die Konstituierung der Pariser Gruppe erfolgte soeben während 
der Drucklegung dieser Zeilen. 

2) Der zehnte wird im Herbst dieses Jahres (1927) stattfinden. 

3) Eine viel eingehendere „Geschichte der psychoanalytischen Be- 
wegung" als die hier skizzierte schrieb später Freud selbst. (Enthalten 
im IV. Band der Gesammelten Schriften. Man vergleiche auch seine 
„Selbstdarstellung", Ges. Sehr., Bd. XI.) 

Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse I 19 



Zum 70. Geburtstage Sigmund Freuds 

Eine Begrüßung 

(6. Mai 1926) 

Mir fiel die Aufgabe zu, Sigmund Freud aus Anlaß 
seines 70. Geburtstages festlich zu begrüßen und ihm die Glück- 
wünsche unserer Zeitschrift darzubringen. Es ist nicht leicht, 
dieser ehrenvollen Pflicht zu genügen. Seine Gestalt ist viel zu 
hervorragend, als daß ein ihm Nahestehender, einer seiner 
Anhänger und Mitarbeiter, es zustande bringen könnte, sie im 
Vergleich mit anderen Großen der Geistesgeschichte und im 
Verhältnis zu seinen Zeitgenossen darzustellen. Auch spricht 
sein Werk für sich selbst und bedarf keiner Kommentare, ins- 
besondere keiner Lobpreisung. Es mißfiele gewiß dem Schöpfer 
einer unnachsichtig ehrlichen, aller Heuchelei feindlichen 
Wissenschaft, die Dithyramben zu hören, die bei solchen An- 
lässen den Führer einer großen Bewegung zu preisen pflegen. 
Die objektive Darstellung seines Lebenswerkes aber, eine ver- 
lockende Aufgabe für einen eifrigen Schüler, erübrigt sich hier, 
da ja diesem Zwecke der Meister selbst mehrere Essays von 
unnachahmlicher Sachlichkeit gewidmet hat. Er hat der öffent- 



Zum 70. Geburtstage Sigmund Freuds 291 

lichkeit nichts vorenthalten, was er über die Entstehung seiner 
Ideen weiß, er 1 erzählte uns alles, was über die Schicksale seiner 
Lehre, über die Reaktionsweise der Mitwelt zu sagen war. Dem 
modernen Persönlichkeitsforscher gar, der mit Hilfe von Einzel- 
heiten aus dem Privatleben neue Einblicke in die Entwicklungs- 
wege eines Forschers Zugewinnen trachtet, hat Freud, bezüg- 
lich seiner Person, den Wind aus den Segeln genommen. In 
seiner „Traumdeutung", in der „Psychopathologie des Alltags- 
lebens" besorgte er das selber in einer bisher nicht gekannten 
Art, die nicht nur dieser Forschungsweise neue Wege wies, 
sondern für alle Zeiten ein Beispiel der auch gegen sich 
selber schonungslosen Aufrichtigkeit gibt. Auch die sonst so 
sorgsam gehüteten „Ateliergeheimnisse", die unvermeidlichen 
Schwankungen und Unsicherheiten, gab er unbedenklich 
preis. 

Das Konsequenteste wäre wohl nach alledem, auf jede Art 
Manifestation zu verzichten. Ich weiß es bestimmt, daß es dem 
Meister am liebsten wäre, wenn wir uns um künstlich geschaffene 
Zäsuren, um eine runde Zahl, die an und für sich nichts 
bedeutet, nicht kümmerten und ruhig weiter arbeiteten. Wir, 
seine Schüler, wissen ja gerade von ihm, daß alle modernen 
Feste exaltierte Huldigungen sind, die die Gefühlsregungen 
einseitig zum Ausdruck bringen. Es war nicht immer so; es 
gab Zeiten, in denen man dem auf den Thron Erhobenen auch 
die feindseligen Absichten nicht verhehlte ; Freud lehrte uns, 
daß dem Höchstgeehrten, wenn auch nur unbewußt, auch 
heute noch auch Haß, nicht nur Liebe entgegengebracht 
wird. 

Trotz alledem konnten wir der Versuchung nicht wider- 
stehen, uns ausnahmsweise und gegen besseres Wissen vor der 
Konvention zu beugen und den Geburtstag zum Anlaß zu 
nehmen, dieses Heft sowie das am gleichen Tage erscheinende 

19* 



292 S. Ferenczi 



Heft der „Imago* ausdrücklich unserem Herausgeber zu widmen. 
Wer aber die zwölf Jahrgänge unserer Zeitschrift durchblättert, 
dem wird es sofort klar, daß eigentlich alle bisherigen Hefte 
ihm gewidmet waren ; die Arbeiten, sofern sie nicht vom Meister 
selbst stammten, enthielten nur die Fortsetzung, die Nach- 
prüfung oder Würdigung seiner Lehren. Auch das heutige, 
feierlicher als sonst auftretende Heft ist also im Wesen nichts 
anderes als alle vorherigen Hefte, nur daß sich die Mitarbeiter 
in einer etwas stattlicheren Zahl präsentieren. Statt einer 
formellen Einleitung derselben aber gestatte ich mir, in loser 
Folge, gleichsam als freie Assoziation, die Gefühle und Gedanken 
wiederzugeben, die in mir bei dieser Gelegenheit auftauchen. 
Ich darf voraussetzen, daß diese Einfälle auch vielen der 

Gleichstrebenden eignen. 

* 

In einer Arbeit, in der ich Freuds „Drei Abhandlungen 
zur Sexualtheorie" zu würdigen versuchte, komme ich zum 
Schluß, daß diesem Werke eine wissenschaftsgeschichtliche 
Bedeutung zukommt: es riß die Grenzen zwischen Natur- und 
Geisteswissenschaften nieder. In einer anderen Arbeit mußte 
ich die Entdeckung und Erforschung des Unbewußten durch 
Freud als einen Fortschritt in der Menschheitsgeschichte hin- 
stellen, als das erstmalige Funktionieren eines neuen Sinnes- 
organs. Man mag diese Behauptungen als Übertreibungen von 
vornherein abweisen und sie als unkritische Äußerungen eines 
enthusiastischen Jüngers hinstellen; Tatsache bleibt, daß sie 
nicht etwa einer Jubiläumsstimmung entsprangen, sondern als 
Konsequenz aus einer langen Reihe neuer Erkenntnisse gezogen 
wurden. 

Ob und wann sich meine Voraussage, daß einstmals alle 
Welt von einer Vor- und einer Nach-F r e u d sehen Epoche 
sprechen wird, in Erfüllung geht, kann ich natürlich nicht 



Zum 70. Geburtstage Sigmund Freuds 293 

sagen; die zwanzig Jahre, die ich seinen Fußstapfen folge, 
haben an diese* Überzeugung nichts geändert. Zweifellos aber 
teilt sich das Leben eines Neurologen, der das große Glück 
hatte, als Zeitgenosse Freuds zu leben, und das größere, seine 
Bedeutung früh erkannt zu haben, in eine Vor- und Nach- 
Freudsche Periode, Lebensabschnitte, die im schärfsten Gegen- 
satze zueinander stehen. Mir wenigstens war vor Freud der 
Beruf des Neurologen eine ausnahmsweise zwar interessante 
Beschäftigung mit dem Nervenfaserverlauf, sonst aber eine 
schauspielerische Leistung, eine fortwährende Freundlichkeits- 
und Wissensheuchelei den Hunderten von Neurotikern gegen- 
über, von deren Symptomen wir nicht das mindeste verstanden. 
Man schämte sich, — ich wenigstens schämte mich, — für 
diese Leistung sich auch noch belohnen zu lassen. Auch heute 
können wir nicht jedem helfen, doch sicher sehr vielen, und 
auch in den negativen Fällen bleibt uns das beruhigende 
Gefühl, uns redlich, mit wissenschaftlichen Mitteln um das 
Verständnis der Neurosen bemüht und die Ursachen der Unmög- 
lichkeit des Helfens durchschaut zu haben. Der peinlichen Auf- 
gabe, mit der Miene des allwissenden Doktors Trost und Hilfe 
zu versprechen, sind wir enthoben, so daß wir diese Kunst 
schließlich ganz verlernten. Die Psychiatrie, früher ein Raritäten- 
kabinett von Abnormitäten, die wir verständnislos anstaunten, 
wurde durch Freuds Entdeckungen ein fruchtbares, einheit- 
lichem Verständnis zugängliches Wissensgebiet. Ist es da eine 
Übertreibung zu behaupten, daß uns Freud den Beruf ver- 
schönt und veredelt hat? Und ist es nicht glaubhaft, daß wir 
von steter Dankbarkeit erfüllt sind gegen einen Mann, dessen 
Wirken dies ermöglichte? Den siebzigsten oder achtzigsten 
Geburtstag zu feiern, mag eine konventionelle Förmlichkeit 
sein, für Freuds Schüler ist ein solcher Tag sicherlich nur 
eine Gelegenheit, längst gehegten Gefühlen einmal Ausdruck 



294 S. Fer enczi 

zu geben. Hieße es nicht, dem in Gefühlssachen eher zu 
Schamhaftigkeit neigenden Zeitgeist eine Konzession machen, 
wenn wir diese Gefühle unausgesetzt unterdrückten? Folgen 
wir lieber dem Beispiele der Antike und schämen wir uns 
nicht, unserem Meister einmal offen und herzlich zu danken 
für alles, was er uns geschenkt hat. 



Es wird nicht lange dauern, bis der ganze ärztliche Stand 
zur Einsicht kommt, daß zu solchen, meinetwegen lyrischen, 
Gefühlsäußerungen nicht nur die Nervenärzte, sondern alle, die 
sich um die Heilung von Menschen bemühen, vollen Grund 
hätten. Die Erkenntnis der Rolle des psychischen Verhältnisses 
zum Arzte bei jeder Art von Therapie und die Möglichkeit 
ihrer methodischen Verwertung wird allmählich Gemeingut 
aller Ärzte. Die von Spezialistentum zerklüftete ärztliche Wissen- 
schaft wird, dank Freud, wieder zu einer Einheit integriert 
werden. Der Arzt wird aus einem trockenen Laboratoriums- 
und Seziersaaltechniker ein Kenner des gesunden und kranken 
Menschen, der Ratgeber, an den sich jeder mit berechtigter 
Hoffnung auf Verständnis und vielleicht auf Hilfe wenden 
kann. 

Es mehren sich aber die Zeichen, die dafür sprechen, daß 
die Ärzte der Zukunft auf viel mehr Achtung und Anerkennung 
nicht nur seitens der Kranken, sondern der ganzen Gesellschaft 
werden rechnen können. Der Ethnologe und Soziologe, der 
Geschichtsschreiber und der Staatsmann, der Ästhetiker und 
der Philologe, der Pädagoge und der Kriminologe wendet sich 
schon jetzt an den Arzt als Kenner der menschlichen Seele um 
Auskunft, will er sein Spezialgebiet, das schließlich auf ein 
Stück Psychologie aufgebaut sein muß, vom schwankenden 
Boden willkürlicher Annahmen auf eine sichere Basis stellen. 



Zum 70. Geburtstage Sigmund Freuds 295 

Es gab schon eine Zeit, in der der Arzt als der Mann der 
Wissenschaft geachtet war: er war der hochgelehrte Kenner 
aller Pflanzen und Tiere, aller Wirkungen der „Elemente", 
so weit sie damals bekannt waren. Das Kommen einer ähn- 
lichen Zeitströmung wage ich vorauszusagen, eine Zeit der 
„Iatrophilosophie", zu der Freuds Wirken den Grundstein 
gelegt hat. Freud wartete auch nicht, bis alle Gelehrten die 
Psychoanalyse kennen ; er war gezwungen, Probleme der Grenz- 
wissenschaften, auf die er bei der Beschäftigung mit Nerven- 
kranken stieß, mit Hilfe der Psychoanalyse selber zu lösen. Er 
schrieb sein „Totem und Tabu", ein Werk, das der Ethnologie 
neue Wege weist; um seine „Massenpsychologie" wird keine 
künftige Soziologie herumkommen; sein Buch vom Witz ist 
der erste Versuch zu einer psychologisch begründeten Ästhetik 
und unzählig sind seine Hinweise auf neue Arbeitsmöglichkeiten 
auf dem Gebiete der Erziehungswissenschaft. 

Brauche ich vor den Lesern dieser Zeitschrift viel Worte 
darüber zu verlieren, was die Psychologie der Psychoanalyse 
zu verdanken hat? Ist es nicht vielmehr wahr, daß vor 
Freud eigentlich alle wissenschaftliche Psychologie nur feinere 
Sinnesphysiologie gewesen ist, während die komplizierteren 
seelischen Erlebnisse das unbestrittene Gebiet der Belletristik 
waren? Und war es nicht Freud, der durch die Schaffung 
einer Trieblehre, der Anfänge einer Ichpsychologie, durch die 
Konstruktion eines brauchbaren metapsychologischen Schemas 
die Psychologie erst auf das Niveau einer Wissenschaft 
hob? 

Es genügt diese bei weitem nicht vollständige Aufzählung, 
um es auch dem größten Skeptiker glaubhaft zu machen, daß 
nicht nur seine Schüler und seine Berufsgenossen, sondern die 
ganze Gelehrtenwelt allen Grund hat, sich darüber zu freuen, 
daß der Meister dieses Alter in voller Schaffenskraft erreicht 



296 S. Ferenczi 



hat, und zu wünschen, daß ihm noch viel Zeit zur Fortführung 
seines großen Werkes gegönnt sein möge. 



„Also doch nur Loheserhebungen," werden sich viele denken, 
„und wo bleibt die versprochene Aufrichtigkeit, die auch von 
den Schwierigkeiten und Kämpfen zwischen dem Meister und 
seinen Schülern etwas erzählt?" Auch hierüber soll ich also 
einige Worte sagen, obzwar es mir unbehaglich ist, mich 
gleichsam als Kronzeugen dieser nicht uninteressanten, aber für 
die Beteiligten recht peinlichen Ereignisse vorzudrängen. So sei 
denn gesagt, daß es fast keinem von uns erspart geblieben ist, 
gelegentlich Winke und Mahnungen des Meisters zu hören, 
die manchmal prächtige Illusionen zerrissen und im ersten 
Augenblick Gefühle der Verletzung und der Benachteiligung 
aufkommen ließen. Doch muß ich bezeugen, daß Freud uns 
oft sehr lange gewähren, der individuellen Eigenart viel Spiel- 
raum offen läßt, bis er sich entschließt, mäßigend einzugreifen 
oder gar von den ihm zu Gebote stehenden Abwehrmitteln 
Gebrauch zu machen — das letztere nur, wenn er zur Über- 
zeugung kommt, daß durch ein Nachgeben die Sache, ihm 
wichtiger als alles, gefährdet werden könnte. Da allerdings 
kennt er keine Kompromisse und opfert, wenn auch schweren 
Herzens, liebgewonnene persönliche Beziehungen und Zukunfts- 
hoffnungen. Da wird er hart gegen sich wie gegen andere. 
Wohlwollend betrachtete er die Sonderentwicklung eines seiner 
begabtesten Schüler, bis er mit dem Anspruch auftrat, mit dem 
„ihm vital 66 alles verstanden zu haben. Auch ich kam vor 
vielen Jahren einmal mit der Entdeckung, der Todestrieb könne 
alles erklären. Das Zutrauen zu Freud ließ mich vor seinem 
ablehnenden Urteil mich beugen — bis eines Tages das 
„Jenseits des Lustprinzips" erschien, in dem Freud mit dem 



Zum 70. Geburtstage Sigmund Freuds 297 



Wechselspiel des Todes und Lebenstriebes der Vielfältigkeit 
der psychologischen und biologischen Tatsachen um so viel 
mehr gerecht wurde, als es jene Einseitigkeiten vermochten. 
Die Idee der „Organminderwertigkeit" interessierte ihn als 
vielversprechender Anfang zur somatischen Fundierung der 
Psychoanalyse. Jahrelang nahm er dafür die etwas eigenartige 
Denkweise ihres Autors mit in Kauf; doch als es ihm klar 
wurde, daß jener die Psychoanalyse nur als Sprungbrett zu 
einer teleologischen Philosophie benützt, löste er die Gemein- 
schaft der Arbeit. Sogar den wissenschaftlichen Bocksprüngen 
eines seiner Schüler sah er lange zu, da er seinen Spürsinn 
für Sexualsymbolik schätzte. Die große Mehrzahl seiner Schüler 
aber hat die unvermeidlichen Empfindlichkeiten überwunden 
und ist überzeugt, daß die Psychoanalyse Freuds allen 
berechtigten Sonderbestrebungen früher oder später die ihnen 
zukommende Bedeutung einräumt. 



Unsere zünftige Abgeschlossenheit darf nicht so weit gehen, 
daß wir an diesem Tage nicht auch der Gefühle jener 
gedenken, die Freud persönlich nahestehen, vor allem seiner 
Familie, in der Freud nicht als mythische Gestalt, sondern 
als Mensch lebt und wirkt, und die für seine uns allen so 
teure Gesundheit Sorge trägt, der wir für diese Sorgfalt so viel 
Dank schulden. Doch auch der weite Kreis der in seinem 
Sinne behandelten Kranken, die durch ihn die Kraft zum Leben 
wiederfanden, wird an seinem Festtage mit uns feiern, nicht 
minder aber jener noch weitere Kreis von gesund Leidenden, 
denen er durch seine Erkenntnisse viel sinnlos getragene 
Lebenslast abnahm. 



298 



S. Ferenczi 



Die Psychoanalyse wirkt letzten Endes durch Vertiefung 
und Erweiterung der Erkenntnis; die Erkenntnis aber (dies 
versuche ich gerade in einer auf den folgenden Blättern ver- 
öffentlichten Arbeit nachzuweisen) » läßt sich nur durch Liebe 
erweitem und vertiefen. Und wäre es nur, weil es Freud 
gelungen ist, uns zum Ertragen von mehr Wahrheit zu 
erziehen, kann er versichert sein, daß seiner am heutigen Tage 
ein großer und nicht wertloser Teil der Menschheit in Liebe 
gedenkt. 



i) Das Problem der Unlustbejahung (S. 84 dieses Bandes). 



Von Dr. S. FereilCZi ist früher im Internationalen 
Psychoanalytischen Verlag, Wien, erschienen: 



Hysterie und Pathoneurosen (Internationale Psychoanalytische 
Bibliothek, Nr. IT) 1919 

Inhalt: Über Pathoneurosen. Hysterische Materials onsphänomene. &klänmgsversu<h 
einiger hysterischer Stigmata. Technische Schwierigkeiten einer Hysterieanalyse. DiTpsycho- 
analyse eines Falles von hysterisdier Hypochondrie. Über zwei Typen der Kriegshysterie. 

Ferenczi, das Haupt der ungarischen psychoanalytischen Schule, ist nicht nur ein aus- 
gezeichneter Lehrer, Propagator und Therapeut, sondern ein ebenso origineller, wie eeist- 
reicher Denker und Forscher. In dieser Sammlung von sechs größeren Aufsätzen finden 
wir unter anderen seine inhaltsreichen Arbeiten über Pathoneurosen und Kriegshysterie 
Außerdem sind neue Arbeiten über Hysterie veröffentlicht, welche die Aufstellungen 
Freuds ergänzen und durch kühne Konstruktionen weiterbauen. 

{Hitschmann in der Int Zeitschr. f. Psychoanalyse) 

Populäre Vorträge über Psychoanalyse (Internationale Psycho- 
analytische Bibliothek, Nr. XIII) 1922 

Inhalt: Über Aktual- und Psydioneurosen im Lichte der Freudschen Forschungen und 
über Psychoanalyse. Zur analytischen Auffassung der Psydioneurosen. Die Psychoanalyse 
der Träume, Traume der Ahnungslosen. Suggestion und Psychoanalyse. Die wissenschaft- 
liche Bedeutung von Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie«. Die Psychoanalyse 
des Witzes und des Komischen. Ein Vortrag für Richter und Staatsanwälte. Psychoanalyse 
und Kriminologie. Philosophie und Psychoanalyse. Zur Psychogenem der Mechanik. Nach- 
trag zur Psychogenese der Mechanik. Symbolische Darstellung des Lust- und Realitäts- 
prinzlps im Ödlpus-Mythus. Cornelia, die Mutter der Gracchen. Anatole France als 
Analytiker. Zähmung eines wilden Pferdes. Glaube, Unglaube und Überzeugung. 

Klar und formvollendet, mitunter fesselnd geschrieben, sind sie eigentlich die beste „Ein- 
fuhrung in die Psychoanalyse" für den ihr ferner Stehenden. 

{Prof. Freud in der Ferenczi-FesUchrift) 
Wer sich bequem orientieren will, sei auf die schönen „Populären Vorträge" von 
Ferenczi hingewiesen. ( A i fred mh lin in der Vossischen Zeitung) 

Versuch einer Genitaltheorie (Internationale Psychoanalytische 
Bibliothek, Nr. V) 1924 

Inhalt: Die Amphimlxto der Erotismen im Ejakulationsakt. Der Begattungsakt als 
amphlmiküscher Vorgang. Entwicklungsstufen des erotischen Realitätssinnes. Deutung 
einzelner Vorgänge beim Geschlechtsakte. Die individuelle Genttalfunktion. Phylogenetische 
Parallele. Zum „thalassalen Regressionszug«. Begattung und Befruchtung. Koitus und Schlaf 
Bioanalytische Konsequenzen. 

Überall ein intensives Streben nach Vollständigkeit und weitesten Grenzen, gepaart mit 
subtilster Erfassung von Einzelheiten. 

(Schultz-HencJu in der Zeitschrift f Sexualwissenschaft) 



Wie immer man die Hypothesen Ferenczis betrachten mag, selbst wenn man sie nur als 
phantastische Exzentrizitäten eines einseitig eingestellten Psychoanalytikers würdigt, sie 
verdienen das Interesse des Lesers schon durch das Streben, die rein biologische Auffassung 
der Genitalität durch Vermischung mit psychoanalytischem Denken auszudeuten. 

(Placzek im Archiv für Frauenkunde) 

Die Genitaltheorie ist ein Werk der schöpferischen Intuition, die der jahrelange Durch- 
gang durch den Filter der Empirie, gewissenhafte Beobachtungen, die stummen, doch 
mühsamen therapeutischen Beobachtungen der täglichen Behandlungsstunden veredelt 
haben. Ferenczi ist ein Romantiker unserer Wissenschaft. Seine weitblickenden Ideen, 
Anregungen und Funde können ihre Herkunft aus den kaum noch eroberten Gebieten 
des Kosmos nicht verleugnen. Man fühlt, daß der, der dieses Buch geschrieben hat. kein 
Handwerker ist, sondern jemand, für den Forschung Erlebnis bedeutet, innere Not- 
wendigkeit ist. (Alexander in der Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse 

Dr. Ferenczis bold and adventurous mind has produced a work füll ofingenious Suggestion 
and speculation, and much of it may be of considerable heuristic value. 

(Prof. Tansley in The Brit. Journ. of Med. Psych.) 

Zur Psydioanalyse von Sexualgewohnheiten (Mit Beitragen 

zur therapeutischen Tedinik) 1925 

Inhalt: Urethrale Gewohnheiten. Einzelne Genitalgewohnheiten. Unbewußte Lustmord- 
phantasien. Gewohnheit und Symptom. Metapsydiologie der Gewohnheiten im allgemeinen. 
Technische Bemerkungen. Die Entwöhnung von der Psydioanalyse. 



Von Dr. Stefan Hollös und Dr. S. Ferenczi 

Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistesstörung (Bei- 
hefte der Internationalen Zeitschrift für Psydioanalyse, Nr. V) 1022 

No more fascinating nor intriguing study has been attempted than in this effort at 
obtaining a better insight into the phenomenology of the mental picture of general 
paresis. The bizarre disarray which descriptive psychiatry has given us is most ingeniously 
rearranged and order is seen in the apparent chaos of that most „organic" of the psychoses. 

(Journ. of Nerv, and Mental Disease) 



Von Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 

Entwicklungsziele der Psydioanalyse. Zur Wechselbeziehung von 
Theorie und Praxis. (Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse. Nr, I) 1924 

Aus dem Bilde, das beide Autoren in gemeinsamer Arbeit entwarfen, wird sich nicht 
nur dem ausübenden Analytiker, sondern in hohem Maße auch dem wissenschaftlich und 
allgemein an der Psychoanalyse ^Interessierten eine Fülle von Hinweisen ergeben . . . 
. Die eingehende kritische Darstellung dessen, was unter einer Analyse verstanden wurde 
und wird, kann von großem Interesse sein. (Zeitschrift für Sexualwissenschaft) 



"1 



INTERNATIONALER P S V CH O AN A L VT, S CH EH VERLAG 
WIEN VH ANDHEASGASSE 3 



FERENCZI-FESTNUMMER 



DER 



INTERNATIONALEN 
ZEITSCHRI FT FÜR 

PSYCHOANALYSE 

HERAUSGEGEBEN VON SIGM. FREUD 
BD. K (19S3) HEFT 3 



Inhalt: Herausgeher und Redaktion: Dr. S. Ferenczi. - 
Dr. Ernest ,o„e,: Kalte, Kranit und Geburt. - Dr. M. J. Eisler - 
Ober hysterisehe&scheinm.gen am Uterus. -Dr. J. Härnik: Schick- 
sale dea Narzfflmns bei Mann und Weih. - Dr. Imre Hermann : 
Organunido „nd Begabung. - Dr. Stefan Hollös: Von den „Patho- 
neurosen. „ VaäloloBle ^N,^^ .^ „^ ^ 

d«Sch^e ta derUbidinösenE»twlckInngdesKinde S .-Anrel K ol„a,. 
De geb.esg^chi.itRd.e Bedeutung der Psyd.oanal ys< , -D, Sigmund 
Pfeifer: Königin Mab. - Dr. Sändor Rad6: Eme Traumanase. - 
Dr. G. Röhelm: Heiliges Geld in Melanesien. -Dr. G. Szilagyl- 
Der Junge Spiritist - VezzeKfcnis der wissensd.aftlid.en 
Arbeiten von Dr. Ferenczi. 



SIGM. FREUD 

GESAMMELTE SCHRIFTEN 

Elf Bände in Lexikonformat 



Unter Mitwirkung des Verfassers herausgegeben 
von Anna Freud und A. J. Storfer 



I) 



III) 



IV) 

V) 
VI) 



VII) 
VIII) 

IX) 



X) 
XI) 



Studien über Hysterie / Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 
1892—1899 

Die Traumdeutung 

Ergänzungen und Zusatzkapitel zur Traumdeutung / Über den 

Traum / Beiträge zur Traumlehre / Beiträge zu den „Wiener 

Diskussionen" 

Zur Psychopathologie des Alltagslebens / Das Interesse an der 
Psychoanalyse / Über Psychoanalyse / Zur Geschichte der 
psychoanalytischen Bewegung 

Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie / Arbeiten zum Sexual- 
leben und zur Neurosenlehre / Metapsychologie 
Zur Technik / Zur Einführung des Narzißmus / Jenseits des 
Lustprinzips / Massenpsychologie und Ich-Analyse / Das Ich 
und das Es / Anhang 

Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Krankengeschichten 

Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten / Der Wahn 

und die Träume in W. Jensens „Gradiva" / Eine Kindheits- 

erinnerung des Leonardo da Vinci 

Totem und Tabu / Arbeiten zur Anwendung der Psychoanalyse 
Schriften aus den Jahren 1923—1926 / Geleitworte zu fremden 
Werken / Gedenkartikel / Vermischte Schriften / Bibliographie 
1877—1926 / Register zu Band I— XI 



In engl. Ganzleinen M. 220.—, Halbleder (Schweinsleder) 
M. 280.— , Ganzleder (handgebunden in Saffian) M. 680 — 



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