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Full text of "Die heutige Psychologie der Pubertät. Kritik ihrer Wissenschaftlichkeit"

Dt. »Siegfried Bernleld 

JL/ie xieutige r^^yckologie 
der x uoertät 




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der _L uoertät 

JVritik inrer Wissensaialtliaikeit 



fon 



Dr. iSiegIried _BernIel<l 

•II 



SonderabdruJc aus „Imago, ZeltsJirljt für Anivendung der 
Paydioana^se auf Ale 'Natur- unA Geisteswissenschaften*^ 
ßerausgegehen von Sigm. Freud), Band XIII (2^3^) 



Internationaler Psycnoanalytisaier V erlag 

Ijcipzig / Wien / 2üridi 



Alle Rechte, 
insbesondere die der Übersetzung, vorbehalten 



Copyright 1927 

by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 

Ges. ni.b.H.". Wien 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Drnck: Chriitoph Reltwr'i Söhne Wien V 



Auf den folgenden Seiten wird über eine Anzahl von Büchern gesprochen 
die eine zusammenfassende Darstellung der Psychologie der Pubertät ver- 
suchen. Dennoch handelt es sich nicht um ein berichtendes Sammel- 
referat. Es kam mir nicht darauf an, den Leser objektiv darüber zu unter- 
richten, zu welchen Ergebnissen über die Psychologie des Jugendalters die 
Autoren gelangt sind. Sondern ich habe mich darauf beschränkt, sorgfältig 
einem einzigen Thema durch die besprochenen Bücher hindurch nachzu- 
gehen : der Stellungnahme Tumlirz', Sprangers, Ch. Bühlers, W. Hoffmanns 
und Ziehens zur Psychoanalyse, und habe versucht nachzuweisen, daß diese 
Stellungnahme eine durchaus unwissenschaftliche ist. Ein Nachweis, der 
um so interessanter sein dürfte, als die meisten der genannten Psychologen 
ausdrücklich, alle implizite, ihre Ablehnung mit der zu geringen Wissen- 
schaftlichkeit der Psychoanalyse motivieren. Aber die Aufdeckung solcher 
Unkorrektheit würde die verhältnismäßig umfangreiche Kritik um so 
weniger rechtfertigen, als die Abwehrschriften gegen die Psychoanalyse seit 
Jahrzehnten sich dieser und mancher anderen Sonderbarkeiten schuldig 
gemacht haben. Mir erscheint sie aber aus prinzipielleren Erwägungen nicht 
überflüssig. ' 

Die Psychologie hat sich in Gegenstand, Methoden, Erkenntnisziel und 
Darstellung innerhalb der letzten Jahrzehnte von Grund auf gewandelt. 
Wir stehen mitten im Aufbau einer neuen Psychologie, zum ersten- 
mal einer autonomen Wissenschaft Psychologie. Es läßt sich heute noch 
nicht absehen, welche der Schulen, die mit dem Anspruch auftreten, die 
Psychologie zu sein, zu dem neuen Gebäude bloß ein Detail, welche 
das Fundament abgeben wird. Nur soviel scheint gewiß, daß eine weit- 
gehende Konvergenz einige ursprünglich recht scharf voneinander getrennte 



SicgfricJ Beruf (-■1(1 



Forschungsrichtungen immer näher aneinander bringt. Bei diesem Bemühen 
der Psychologie um ihre eigenen Ziele, Methoden und Grenzen erwächst 
ihr eine beträchtliche Gefahr daraus, daß, indes sie um ihre Wissenschaft- 
lichkeit ringt, sich außerwissenschaftliche Wertungen und Gesichtspunkte 
einmengen, die geeignet sind, die Psychologie als Wissenschaft zu verderben, 
und sie nach Bedürfnissen zu verbiegen, die mit Psychologie so wenig etwas 
zu tun haben als mit Wissenschaft. Die Gefahr ist so lange akut, als nicht 
die Psychologie zu gesicherten Kriterien ihrer Wissenschaftlichkeit gelangt 
ist. Die Stellungnahme zur Psychoanalyse erweist sich als feiner Gradmesser 
für das Maß solcher eingeschlichenen wehanschaulichen Wertungen. Darum 
empfahl es sich, gerade dies Kapitel der referierten Bücher scharf zu prüfen. 
Gewiß darf auch die Psychoanalyse nicht von sich behaupten, das Ganze 
der künftigen Psychologie heute schon dargestellt zu haben. Aber man 
dürfte den Versuch wagen, in ihr eine Anzahl zentraler Stücke einer künftigen 
wissenschaftlichen Psychologie aufzuweisen. Die Psychoanalyse hat sich bis 
zu einem gewissen Grade durchgesetzt. Als Behandlungsmethode, als Neu- 
TOsenlehre ist sie zwar umstritten, aber ihre Bedeutung wird von jüngeren 
Forschern nicht mehr geleugnet. Eine Beihe von Begriffen und Gesichts- 
punkten der Psychoanalyse ist in das Denken der Gebildeten und in den 
Sprachschatz übergegangen. Auch die verschiedenen psychologischen Schulen 
und Richtungen haben, mehr oder weniger umfangreich, Gedankengänge 
Freuds aufgenommen; einige sind ohne Psychoanalyse überhaupt nicht 
denkbar, alle — vielleicht — haben irgendwie, und wäre es unbewußt ■ 
auf die Tatsache des Bestehens einer Freudschen Lehre reagiert. Mit all 
dem aber hat die Psychoanalyse der Psychologie noch lange nicht all das 
geleistet, was sie ihr — nach meiner Meinung — leisten kann. Viel zu 
wenig ist der wissenschaftliche Gehalt der Psychoanalyse als einer auto- 
nomen Psychologie erfaßt. Sie wird noch immer als eine psychopathologische 
Schule gewertet, die zwar dies oder jenes der Psychologie geben kann, nicht 
aber selbst Psychologie ist. Die Aufgabe steht der Psychoanalyse noch bevor, 
sich als Psychologie — wenn auch gewiß nicht als die Ganze und End- 
gültige — durchzusetzen. Die folgenden Kapitel möchten hiezu etwas Vor- 
bereitendes beitragen. Nämlich das etwa; der Vorwurf, den die Psychologie 
gegen uns erhebt, wir seien nicht wissenschaftlich, braucht uns nicht zu 
kümmern, nicht zu hindern. Er entspringt weder einer Prüfung der Wissen- 



Dil- lifiitigt Psyctologio der Puhertäl 



schaftlichlieit der Psychoanalyse, noch irgendwelchen legitimen Kriterien 
psychologischer Wissenschaftlichkeit, sondern der Unkenntnis, dem Mißver- 
ständnis und außerwissenschaftlicher Wertung. So lehren die besprochenen 
Bücher. 

Sie sind nun freilich nicht die wahren Repräsentanten der Psychologie, 
sondern sind ein kleiner Ausschnitt aus der gesamten heutigen Psychologie.' 
Sie umfassen die gegenwärtige — deutsche — Psychologie der Pubertät, 
also einen sehr wichtigen Teil der Entwicklungspsychologie. Die Pubertät, 
Domäne der erwachenden Erotik, konnte der Prüfstein dafür sein, ob 
eine nicht psychoanalytische Psychologie derzeit ihren Aufgaben gewachsen 
ist. Man bekämpft die Auffassungen der Psychoanalyse über die Triebe 
und den Aufbau der Persönlichkeit. Gerade an der Pubertät muß sich eine 
der psychoanalytischen entgegengesetzte Anschauung bewähren, soll sie 
Glaubwürdigkeit für den Anspruch verdienen, zulänglich zur Verständlichung 
des Seelenlebens — ohne die Freudschen Annahmen — zu sein. Darum 
war für unsere Zwecke gerade die Psychologie der Pubertät zu wählen, 
obzwar sie keineswegs von den Vertretern der bedeutsamsten Forschungs- 
richtungen bearbeitet wurde. Aber wir werden zu beachten haben, daß 
nicht alle Ablehnung der Psychoanalyse so einfach zu durchschauen, so leicht 
und nachdrücklich als wissenschaftliche Kritik zu entwerten ist, als etwa 
Sprangers. Nur eine vorbereitende Arbeit durfte sich so in gewissem Sinne 
die leichtesten Aufgaben setzen, an der Peripherie der Psychologie als 
Wissenschaft einige typische Verfälschungen der Wissenschaftlich keit am 
Beispiel der Psychoanalyse und ihrer Kritik aufzuweisen: die des „Menschen- 
verstandes", der Philosophie, der ahnungslosen „Kühnheit", der Pädagogik 
und der überwundenen Belastungen. 

ij Der Alenscnenver stand 

Das Buch von Tumlirz^ zeichnet sich durch eine Reihe erfreulicher 
Eigenschaften aus. Vor allem: es hat keine großen Prätentionen. Es weiß, 
„daß die Reifezeit noch zu wenig durchforscht ist, so daß keine zusammen- 

l) Aber kein zufalliger, sondern ein sehr bedeutsamer. 

a) Dr. Otto Tumlirz, Die Reifejalire. Untersuchungen zu ilirer Psychologie und 
Pädagogik. Erster Teil; Die seelischen Erscheinungen der Reifejahre. Leipzig 1924. 



oioglned BcnifclJ 



fassende Darstellung jetzt schon alle Fragen restlos und erschöpfend be- 
handeln kann" (I). Und bescheidet sich, so scheint es, „ein weiterer Beitrag 
zur Kenntnis der Reifejahre" zu sein. Es ist jedenfalls einer. Der Verfasser 
hat viele treffende Beobachtungen zusammengetragen, manche sehr glücklich 
formuliert und einige Erscheinungen klar und eindeutig geordnet. Er ver- 
meidet „erzwungene Theorienbildung" und lehnt es ab, „von einem ein- 
zigen Grundgedanken aus die Fülle der seelischen Erscheinungen der Reife- 
zeit zu erklären". So ist das Buch in der Formulierung des Empirischen 
beträchtlich zulänglicher als in dessen Erklären. Die Erklärungen geschehen 
fallweise. Es ist meistens gegen sie nichts zu sagen, als daß sie theoretisch 
nicht ganz voll genommen werden können. Sie sind unverbindlich, 

Tumlirz ist nicht prüde. Im Gegenteil zeichnet ihn eine muntere Frische 
aus, mit der er die sexuellen Tatbestände, „ohne die falsche Scham vieler 
Pädagogen und Psychologen" (VI) beim richtigen Namen nennt. Aus dem 
Bemühen heraus, fremdwörterrein zu schreiben, spricht er frei von Bei- 
schlaf, Selbstbefleckung usw., ja sogar von Schmerzgeilheit, was glücklicher- 
weise in Klammer als Masochismus erklärt wird. Aber man muß nicht 
fürchten, daß dieser Baum in den Himmel des Radikalismus wachsen wird. 
„Begreiflicherweise konnte ich mich mit meinen Schülerinnen nicht über 
geschlechtliche Dinge unterhalten" (V) — diese wohlanständige Bürgerlichkeit 
des Vorworts und der hymnische Schlußsatz des Buches: „Aber auch die 
Enttäuschung hat ihren erziehenden Wert. Denn der Kampf lehrt, über 
den Idealen und unerreichbaren Zielen nicht das Erreichbare, das für 
Familie und Volk Wertvolle zu versäumen, er stählt und härtet die Charaktere, 
bis aus dem Ringen um höchste Güter Menschen hervorgehen, die ihrer 
Kraft und ihres Könnens voll bewußt sind, die nicht mehr in glühendem 
Überschwang dahinstürmen und bei ihrem Höhenflug abstürzen, sondern 
Schritt für Schritt, dafür sicher, an dem Fortschritt der Kultur arbeiten, 
ohne im Streben nach den reinen Geisteshöhen der Menschheit zu erlahmen, 
die aufrecht, ruhig und sicher durchs Leben schreiten als rechte und treue 
deutsche Männer und Frauen" (iig) lassen den Autor als jemand erkennen, 
von dem nichts Böses zu erwarten ist. Er vervollständigt das Bild seiner 
geistigen Persönlichkeit, indem er als den Eckpfeiler, an denen die Grenzen 
seines wissenschaftlichen Verstandes angeknüpft sind, auf Seite 105, 106 verrät: 
„Aus den Wirren und Leidenschaften, aus dem trüben Gären der Reifung 
gehen in edler Reinheit der Jüngling und die Jungfrau hervor, schwärmerische 
Idealgestalten, welche auf den geistigen Höhen der Menschheit wandeln 
wollen, die nur klarste Höhenluft atmen können . , ." Auf Seite 110, 111: 



Die heutige Psytliologie der Piibertüt 



„In ihrer freudigen Leljensbejahung grübeln der Jüngling und die Jungfrau 
nicht mehr, sie bejahen Gott . . ." Auf Seite 97 schließlich: „. . . verstehen 
wir, daß die Arbeiterjugend trotz ihres Strebens nach Selbständigkeit, trotz 
ihres Mißtrauens gegen die Erwachsenen unbesehen und unkritisch die 
Schlagwörter des Marxismus und der roten Internationale übernimmt, daß 
sie sich von den Erwachsenen auf den einseitigen Klassenstandpunkt ein- 
engen läßt , . . Die Richtigkeit dieser Anschauung wird wohl erhärtet durch 
die Tatsache, daß die Arbeiterschaft seit sechzig Jahren an den philosophisch, 
soziologisch und psychologisch unhaltbaren Lehren Marx' festhält, ohne 
deren innere Widersprüche zu erkennen." Nehme ich hinzu, was der Mittel- 
schullehrer an Selbstgenügsamkeit bekennt, wenn er schreibt: „Meine Un- 
tersuchungen stützen sich vor allem auf die vielseitigen und zahlreichen 
Beobachtungen, die ich in dreijährigem Zusammensein mit einer Klasse 
des hiesigen Realgymnasiums gemacht habe. Zwischen mir und den Mädchen 
und Jünglingen dieser Klasse besteht ein Vertrauensverhältnis, das schon 
äußerlich dadurch zum Ausdruck kommt, daß mich die damals Sechzehn- 
jährigen während einer Wanderung ins Gesäuse baten, sie zu duzen. Ich 
habe mit meinen Jungen und Mädchen oft über viele Fragen gesprochen, 
die mir während der Durchsicht des mir erreichbaren Schrifttums über 
die Reifejahre auftauchten, ich habe ihnen einen Fragebogen mit etwa 
sechzig Fragen vorgelegt ..." (IV), so würde ich tiefstes Mißtrauen gegen 
eine Wissenschaft haben, die durch keinerlei methodische Gesetze gestrafft 
— und das gilt für die heutige Jugendpsychologie — in dieser Luft gedieh, 
und würde meinen, die ernsthafte Besprechung des Buches erübrige sich. 
Aber dieser Persönlichkeits- und Weltanschauungshintergrund wird erst 
von Seite 97 an, wo der Autor von den „Jungfrauen- und Jünglings jähren'* 
spricht, so sichtbar, so gehäuft bemerklich, daß wir ihm zugute halten 
dürfen, hier liege seioe Liebe und seine Führerabsicht, und annehmen 
dürfen, in die Trotzjahre und in die der Reifung, denen Liebe und Führer- 
schaft nicht gehören, werden diese sich nicht in die affektfreie wissenschaft- 
liche Gesinnung störend eingemengt haben. 

Tumlirz vertritt demnach keine der Richtungen der Psychologie, die 
sich heute um eine Anzahl von verschiedenen Grundauffassungen oder 
Persönlichkeiten gruppieren, und versucht, sein Material mit dem Menschen- 
verstand, der sich freilich von Seite 97 an als getrübt erweist, zu bewältigen, 
soweit dieser sich nun eben zur Erledigung wissenschaftlicher Probleme 
als ausreichend erweisen will. Diese Sonderstellung des Tumlirzschen 
Buches, das es von andern zu besprechenden unterscheidet, gewinnt für 



S Siegfried ßeriifolil 



uns insofern ein besonderes Interesse, als sie uns deutlich zeigt, wieweit 
die Psychoanalyse dem bloßen Menschenverstand akzeptabel erscheint; daß 
dies nämlich sehr weitgehend der Fall ist und noch ein Stück weiter- 
gehend wäre, wenn nicht die „Ideale" dem Menschenverstand eine engere 
Grenze zögen, als dieser von selbst einsehen würde. 

Das Namensverzeichnis weist Freud als den am meisten zitierten Autor 
aus, der Quellennachweis bringt Freuds Vorlesungen im Sperrdruck und 
zitiert überdies sein Schriftchen über Psychoanalyse. (Beiläufig: es ist be- 
zeichnend, daß man so gern gerade diese drei Bogen zitiert; sollte das 
Heftchen in der Literatur keim tms unserer Psychologen die elf Bände ge- 
sammelter Schriften wirklich repräsentieren?) Nirgends ist auch nur die 
geringste abfällige Bemerkung gegen Freud enthalten, ]& nicht einmal immer 
beeih sich Tumlirz, wo er akzeptiert, hinzuzufügen, „aber sonst protestiere" 
er; er folgt seinen Gewährsmännern nicht in ihrem Ton, sondern „wir 
begnügen uns mit dem Hinweis auf die Widerlegungen, welche die psycho- 
analytische Lehre durch Allers, Moll, Müller, Scheler, W. Stern u. a. ge- 
funden hat". 

Dies imgewöhnliche Verhalten könnte dem sympathisch unproblematischen 
Charakter des Autors und nicht seiner Einsicht entspringen. Erfreulicher- 
weise ist das nicht der Fall, wie sich zeigen läßt. Die infantile Sexualität 
wird von Tumlirz als sicheres Ergebnis der Foi-schung im Prinzip aner- 
kannt: „Die Forschungen der Psychoanalyse haben ergeben, daß sich das 
Geschlechtsleben schon lange vor dem Erwachen in der Reifezeit im Unter- 
bewußtsein der Kinder vorbereitet und hie und da auch hervortritt,'* (x), 
„Es besteht zu Recht, daß auch bei durchaus regelrechter Entwicklung 
geschlechtliche Erlebnisse in der frühen Kindheit vorkommen." Die Ein- 
wendungen Tumlirz' gegen die Lehre von den infantilen Sexualtheorien 
erstrecken sich auf die seiner Meinung nach unzulässige „Erweiterung und 
Verallgemeinerung". Der Sinn jeder Theorie, das Faktum, daß eine Theorie 
„Verallgemeinerungen" aufstellen muß, und der Zweck dieser theoretischen 
Annahme bei Freud ist Tumlirz nicht deutlich geworden. Seine Beobach- 
tungen erzwingen aber sein Zugeständnis zum Tatsachenmaterial dieser 
Theorie. Selbst den Tatbestand des Ödipus-Komplexes, der doch sonst das 
beliebte Ziel der Empörung Jugend kundlicher Autoren ist, finden wir von 
Tumlirz nicht allein richtig und ohne allen AfTektaufwand dargestellt (51), 
sondern durch eine vorsichtige Fragestellung und durch ausdrückliche Wider- 
legung des „denkbaren Einwands, daß blutschänderischen Neigungen schwere 
sittliche Hemmungen entgegenstehen", gesichert. Er zieht ihn zur Darlegung 



i 



r 



Die liculigc Psychologie der Pubertät 



eines seiner Hauptgedanken wie selbstverständlich Jieran (73)- Die Ein- 
schränkung, die Tumlirz hiebei bloß macht, trifft nicht das Wes.entliche 
und klingt unsicher genug: „Wenn wir das alles zugeben, so ist damit 
noch nicht bewiesen, daß alle Gefühlsbeziehungen zwischen Ehern und 
Kindern geschlechtlicher Beschaffenheit seien. Es ist vielmehr anzunehmen, 
daß es sich neben gelegentlichen Beziehungen mit geschlechtlicher Färbung 
zumeist um Gefühle handelt, die den geschlechtlichen nahe verwandt, aber 
mit ihnen nicht wesensgleich sind. Zumindest dürften die Äußerungen 
des Entladungs-CDetumes2enz-)Triebes gewöhnlich fehlen" (ga). Eine Ein- 
schränkung, die bei dem engen Begriff „geschlechtlich", der ihr zugrunde 
liegt, völlig korrekt ist; denn es ist gewiß nie von Freud oder einem seiner 
Schüler behauptet worden, daß alle Beziehungen der Kinder zu den Eltern 
genitaler Natur seien. Die Lehre von den Parlialtrieben wird mehrfach 
ausdrücklich verwendet. Schließlich findet ein so wichtiges Stück der psycho- 
analytischen Lehre, wie das der Regression und Fixierung ist, prinzipielle 
Anerkennung und gelegentliche Verwendung : „Es hat die Lehre Freuds 
sehr viel für sich, der die Triebverkehrungen als Entwicklungshemmungen, 
als ein Stehenbleiben der Geschlechtsentwicklung auf einer Stufe unvoll- 
kommener Reifung auffaßt. 

Wenn ich Tumlirz' Zustimmungen zur Ps3'choanalyse so sorgfältig fest- 
stelle, so geschieht das, weil hier deutlich wird, wie nunmehr unvoreingenom- 
mene Beobachter die von Freud behaupteten Tatsachen auch zu sehen be- 
ginnen, wie sie sie festhalten und ins Gebäude ihrer zusammenfassenden Dar- 
stellungen aufnehmen. Anfangs wurde Freud wegen dieser Tatbestandsbehaup- 
tungen aufs bitterste bekämpft. Die Zeit ist nicht mehr fern, so scheint es, wo 
solche Freudsche Tatsachen, möchte man sagen, z.B. der ödipusKomplex, als 
selbstverständliche, immer gekannte, nie bestrittene Fakta gelten werden. 
Und bis zu einem gewissen Grade wird diese falsche Behauptung doch 
auch richtig sein, denn außerhalb der Jugendkunde, außerhalb jeder Wissen- 
schaft waren Tatsachen, wie die des Ödipus-Komplexes, immer bekannt, d. h. 
sie waren als Realitäten, und wären es auch verdrängle, erlebt worden. Die 
Psychologie beginnt in jenes Stadium der Resorption der Psychoanalyse 
einzutreten, — so scheint es am Beispiel Tumlirz', — das dem ausübenden 
Analytiker von seinen Patienten her wohlbekannt ist; wenn dem Patienten, 
oft nach harter Abwehr, eine bisher verdrängte Regung bewußt geworden 
ist, so pflegt er zu behaupten, das habe er eigentlich immer schon gewußt. 
Er hat auch recht mit diesem Gefühl, irgendwie hat er es freilich gewußt, 
nur war ihm jenes Frühere nichts nütze, während die neue, eben durch 



iju'glrifd Oumlclil 



die Analyse gewonnene Art des Wissens ihm die Herrschaft über die ver- 
drängte Regung wiedergibt. Aber er hat mit jenem Gefühl nicht nur recht, 
es erspart ihm auch — die Dankbarkeit. Und in diesem Punkt — so scheint 
es weiters — setzt sich die Parallele zwischen Patient und Jugendkunde fort. 
(Freud.) Daß man jene „stets gekannten" Talsachen nun auch aussprechen 
muß, daß die Systeme und Theorien sich auch an ihnen bewahren müssen 
und daß dies Freuds Verdienst ist, ist offenbar der Wissenschaft nicht an- 
genehm. Muß sie schon die Fakta anerkennen, so will sie doch die Dank- 
barkeit ersparen. Der Entdecker solch wichtiger Tatsachen, — und für die 
Wissenschaft sind sie durch Freud entdeckt worden, — sollte mau meinen, 
würde Anerkennung finden. Man sucht vergeblich bei TumUrz ein Adjektiv, 
eine Bemerkung, die über das hinausgeht, was er an Lob oder Respekt dem 
Verfasser einer interessanten Dissertation auch zollen würde. Und Tumlirz 
ist, mit den andern hier zu besprechenden Verfassern verglichen, geradezu 
ein tiefer Bewunderer und Verehrer Freuds. 

Von einem Autor, der bewußt das Theoretisieren ablehnt, ist natürlich 
weder Verständnis noch Annahme der Freudschen theoretischen Erweite- 
rungen jener Tatbestände zu erwarten. Die Zustimmung zu den Fakten 
und ihrer psychoanalytischen Erklärung ist bei Tumlirz aber darüber hinaus 
noch durch weltanschauliche, also affektive, außerwissenschaftliche Faktoren 
eingeengt. Denn der einzige wesentliche Einwand, den er gegen Freud aus- 
drücklich formuliert, ist der Vorwurf der Einseitigkeit, daß „alles" auf den 
Geschlechtstrieb zurückgeführt wird, „sich das ganze Seelenleben auf den 
Geschlechtstrieb" aufbaut. Tumlirz geht hier sogar noch ein gutes Stück 
mit: „Es ist, als ob der im Jünglings- und Jungfrauenalter zeitweilig unter- 
drückte Geschlechtstrieb sozusagen vergeistigt in hohen geistigen Leistungen 
auf dem Gebiete der Wissenschaft, der Kunst, der Religion zur Geltung 
komme . . . Mit dieser Vermutung gelangen wir wieder zum Sublimierungs- 
gedanken Freuds zurück" (44). Auf den folgenden Seiten bringt Tumlirz 
dann eine Reihe von Relegen, die für die Sublimierung sprechen, akzep- 
tiert im wesentlichen die Sublimierungslehre, findet schließlich sogar das 
Wort Sublimierung akzeptabel als „Sache des Übereinkommens. Nicht zu- 
gegeben aber werden kann, daß zwischen Geschlechtstrieb und den geistigen 
l^istungen regelmäßig ein ursächlicher Zusammenhang besteht, nachdem 
es sich oft nur um eine Miterregung des übrigen Gemütslebens handelt; 
nicht zugegeben werden kann ferner, daß alle geistigen Betätigungen auf 
Verwandlungen des Geschlechtstriebes zurückführbar seien" (48). Dabei 
wäre Tumlirz bereit, diese Verbote für das frühere Jugendalter aufzuheben, 



Die Wütige Psyrliologie der Putertät 11 

aber bei den Jugendlichen (Jünglings- und Jungfrauenalter) „kann es sich bei 
der geistigen Betätigung auf dem Gebiete der Religion, Wissenschaft, Kunst 
usw. nicht um Sublimierungen des Geschlechtstriebes handeln, sondern nur 
um die Auswirkung der an sich geistigen Liebesfähigkeit, um die 
Hingabe an geistige Werte" (52). Er will daran festgehalten wissen, „daß 
die verschiedenen Arten der Liebe, wie Liebe zu Gott, zur Heimat, zum 
Volk, zur Wissenschaft usw. von der Geschlechtsliebe wesenhaft verschieden 
und auf die Beziehung und Bindung zum Geschlechtlichen offenbar nicht 
notwendig angewiesen sind"* (b8). Und warum? Das wird nicht verraten, 
ist Dogma. Offenbar doch, weil diese hehren geistigen Betätigungen und 
Gefühle nun eben doch nicht von der anrüchigen (eben doch) Geschlechts- 
liebe direkt abstammen dürfen, wenn schon nicht mehr geleugnet werden 
kann, daß sie irgendwie weitläufig mit ihr verwandt sind. Nun ist aber 
die Frage der „Sublimierung" für die Psychologie der Pubertät von höchster 
Wichtigkeit, In ihr treten ontogenetisch eine Reihe von geistigen Betäti- 
gungen zum erstenmal auf. Der Entwicklungspsychologe wird gezwungen 
sein, sie zu erklären als Verwandlungen, Entwicklungen irgendwelcher Be- 
tätigimgen und Verhaltungsweisen, die schon vorher da waren. „Wesenhaft" 
eigenartige Gefühle, die zwischen zehn und viei-zehn das erstemal auftauchen, 
kann die Entwickluogspsychologie nicht anerkennen. Sind daher die Fakta der 
infantilen Sexualität, der vor der Pubertät vorhandenen, zugegeben, ist 
ferner die mögliche Verwandtschaft zwischen der Sexualität und der sub- 
limierten Libido zugestanden, so scheint eine vernünftigere, selbstverständ- 
lichere Annahme gar nicht möglich als die Freudsche : jene der Pubertät 
neuen „Gefühle" seien nicht rätselhaft durch Urzeugung plötzlich entstan- 
dene sui generis, sondern in irgendeiner Weise die Entwicklungsprodukte 
des Vorpubertätszustandes. Zeigen sich Fakta, die dieser Annahme zu wider- 
sprechen scheinen, so wird man gewiß geneigt sein, durch gründlichere 
Untersuchung — wie sie etwa die psychoanalytische Methode erlaubt — 
zunächst den Versuch zu unternehmen, diesen Widerspruch als einen bloß 
anscheinenden aufzuheben. Wenn nicht ein außerwissen schaftliches „Es kann 
nicht zugegeben werden" — weil es nicht sein darf, ist zu ergänzen, — 
dieses methodisch einwandfreie Verfahren verbietet. Solch eindringende 
Untersuchung könnte zeigen, daß tatsächlich manche ^ener neuen Ver- 
haltungsweisen sich nicht von der infantilen Sexualität ableiten lassen, 
nämlich nur, indem sich erweist, woher sonst sie entstanden sind. Dieser 
positive Erweis muß aber erbracht sein, ehe man sich entschließt, eine 
Annahme von so großem heuristischen Wert, wie Freuds Sublimierunga- 



Dii^gincd Bcriiltlci 



theorie, als unzureichencl hinzustellen. (Daß solche Untersuchungen not- 
wendig sind und mit gewissem Erfolg unternommen werden können, glaube 
ich gezeigt zu haben in „Einige Bemerkungen über Sublimierung", ImagO; 
„Vom Gemeinschaftsleben der Jugend", Internationaler Psychoanalytischer 
Verlag 1922, und insbesondere in „Vom dichterischen Schaffen der Jugend", 
Internationaler Psychoanalytischer Verlag 1.924.) 

Daß hier eine Aufgabe vorliegt, der gegenüber die Ablehnung Freuds 
nicht genügt, sieht Tumlirz sehr wohl C4.8) und findet als Losung: „Je 
nach der gesamten geistigen Einstellung, nach der Möglichkeit, ein ent- 
sprechendes Du oder einen die ganze Seele erfüllenden Wert zu finden, 
wirkt sich die Liebesfähigkeit des Einzelwesens in der GeschlechtsÜebe, 
im Kunstschaffen, in religiöser Schwärmerei, in Naturbegeisterung, in der 
wissenschaftlichen Arbeit, in der Hingabe an die menschliche Gesellschaft 
aus . . . Die Anwendung der eben dargelegten Auffassung auf die jugend- 
liche Entwicklung ergibt sich von selbst. Mit dem Zurücktreten des ziel- 
sicher gewordenen Geschlechtstriebes erwacht im Jünglings- und Jungfrauen- 
alter die Fähigkeit zur geistigen Liebe. Es ist möglich, aber nicht unbedingt 
notwendig, daß sie ihre Kraft von dem im Verborgenen weiterwirkenden 
Geschlechtstrieb empfängt, doch soll damit nicht gesagt sein, daß die Liebe 
nichts anderes als verdrängter und ,sublimierter' Geschlechtstrieb sei." Was 
sie sonst sei, wird nicht gesagt, woher sie ihre Kraft empfängt, wenn nicht, 
wie freilich möglich, aber nicht unbedingt notwendig ist, vom Geschlechts- 
trieb, ebensowenig, und schon gar nicht wird gesagt, warum es unbedingt 
notwendig ist, daß es nur möglich sei. Diese Ausführung ist so verlegen 
und unsicher, weil sie genau das besagen müßte, was nicht besagt werden 
soll (darf). Tumlirz' Zusammenfassung postuliert eine Liebesfähigkeit des 
einzelnen, die offenbar schon vor der Pubertät da ist; ihr untergeordnet 
sind Geschlechtsliebe, Kunstschaffen usw., die einander beigeordnet sind, 
wenigstens in der Hinsicht, daß sie je nach Umständen von jener Liebes- 
fähigfceit erfüllt werden, d. h. im Kunstschaffen oder in der Geschlechts- 
liebe ist dieselbe Liebesfähigkeit wirksam, nur daß sie jeweils auf andern 
Gebieten sich betätigt. Ich finde, das ist eine vorzügliche, treffende und 
fruchtbare Konzeption, allein gerade dies ist Freuds Meinung. Freud postu- 
liert ja eine „Liebesfähigkeit", die allemal im Wesen dieselbe, schon vor 
der Pubertät vorhanden, je nach Umstanden sich als Geschlechtsliebe oder 
auch etwa im Kunstschaffen äußern kann. Er nennt diese Liebesfähigkeit 
Libido. Setzen wir diesen Ausdruck in Tumlirz' Formulierung ein, so ist 
das Neue, das er gegen Freud aufstellen will, völlig zu dem alten Freud- 



Ijh.- lieiitige Psycliologii; Jlt PulitTtül i3 

sehen geworden, das er ablehnt, beziehungsweise nicht voll wenigstens an- 
nehmen möchte. Die Differenz reduziert sich daher auf ein terminologisches 
Faktum, also auf Null. Was um so deutlicher ist, als Liebesfähigkeit die 
Übersetzung des Wortes Libido ist, nicht besser, aber auch nicht schlechter 
als Tumlirz' Verwendung des Wortes Schmerzgeilheit für Masochismus. 
Nichts aber spricht dafür, daß Liebesfähigkeit ein neuer — und gar ein 
von Libido unterschiedener — Begriff sein soll. Sollte er aber das sein 
wollen, so wäre gegen ihn einzuwenden, daß der Ausdruck „Fähigkeit' 
eine gefährliche Regression in eine überwundene Stufe der Entwicklung 
der Psychologie andeuten wurde, während Libido diese Liebesfähigkeit als 
das bezeichnet, was sie ist, als eine drängende, imperative Tendenz, und 
in die Gruppe der Triebe einreiht, dadurch allein schon ein Anlaß ist, 
die Aufmerksamkeit auf das Gebiet der Triebe, die nächste Stufe in der 
Entwicklung der Psychologie, zu lenken. 

Tumlirz wirft Freud Einseitigkeit vor. Objektiv mit vollem Unrecht, 
denn in seinen Vorlesungen hat Freud mit genügendem Nachdruck betont, 
daß er der Libido die Ichtriebe gegenüberstelle und aus dem Zusammen- 
wirken dieser beiden Triebe erst zum Verständnis der gefragten Erschei- 
nungen gelangt werden kann. Er verfällt aber selbst der Einseitigkeit. Denn 
offenbar ist es nicht die Liebesfähigkeit allein, die für die Sublimierungs- 
prozesse verantwortlich gemacht werden kann. Hier sind Ichkräfte sehr 
wesentlich im Spiel, und um diese kompHzierten Verhältnisse klarzulegen, 
bedarf es einer prägnanten und wohlüberlegten Nomenklatur. Es genügt 
nicht, das neue Wort Liebesfähigkeit. Als Begriff ist es nicht konstituiert, 
während Libido ein wohl definierter wissenschaftlicher Terminus ist. Ist es 
eine bloße Übersetzung, so beinhaltet es Bejahung der Freudschen Lehre. 
Wie konnte der Autor das übersehen? Gerade dieser Autor, der soviel der 
Psychoanalyse recht zu geben sich gedrängt fühlt. Ich meine, es kann kein 
anderer Grund vorliegen als die bereits erwähnte Einmischung des Wert- 
gebietes in die Wissenschaft und die bewußte Ablehnung theoretischen 
Durchdenkens. Erleichtert wurde diese Einmengung durch Sprangers 
Philosophie, 

2) Die Philosophie 

Wir betrachten daher zunächst die Stellungnahme eines Jugendpsycho- 
logen zur Psychoanalyse, der im Gegensatz zu Tumlirz das Hauptgewicht 
auf die theoretische Zusammenfassung der Fakta legt, Sprangers. Daß 
seine theoretischen Grundlegungen der Psychologie wertgerichtet sind. 



M 



SicgfricJ Bii uli'li! 



wird unsere Aufgabe nicht vereinfachen, aber vielleicht zu um so frucht- 
bareren Resultaten führen. Sprangers Buch^ hat unter den hier bespro- 
chenen den größten buchhändlerischen Erfolg gewonnen. Das Vorwort der 
ersten Auflage ist am 19. Februar 1924 gefertigt, am 21. Februar 1925 
das zum siebzehnten 7'ausend. Diesen Erfolg kann es nicht seinem Thema 
allein verdanken, auch der Name des Verfassers verbürgt ihn kaum, und 
ganz gewiß sind es nicht die Ergebnisse, zu denen es gelangt; denn 
zu ihnen zu gelangen, bedarf es eines gründlichen Studiums des um- 
fänglichen Werkes und auch nach solchem Studium mag es manchem Leser 
gehen wie dem Referenten : er vermag sich keine formulierte Rechenschaft 
darüber zu geben, was er nun von der Psychologie des Jugendalters ge- 
lernt habe. Eine Fülle von Worten, gelegentlich schönen Worten, eine 
Anzahl einprägsamer Bilder, treffende Bemerkungen, feine Unterschei- 
dungen — das ist geblieben, aber keine Erkenntnis, keine Antwort auf 
die im I. Abschnitt, „Aufgabe und Methode", gestellten Probleme. Freilich, 
weder den Erziehern noch der Jugend in und aus der deutschen Jugend- 
bewegung, die, so darf man annehmen, das Sprangersche Buch gekauft 
und begeistert in ihm gelesen haben, ist an Erkenntnis gelegen; sie wollen 
Führung. Und diese haben sie hier gefunden. An dieser Stelle steht mir 
kein Entscheid darüber zu, ob Spranger der rechte Führer, ob die Jugend, 
welche so empfindet, eine rechte Jugend ist. Wir haben nur festzustellen, 
daß Spranger die Führerrolle dem Forschertum in diesem Buch vorzieht, 
daß sie seinen Stil, seinen Aufbau, seinen Inhalt bestimmt oder durch- 
dringt. „Als Forscher spreche ich jn Begriffen und Kategorien. Aber ich 
spreche nur für die, die das alles wieder in Leben, Tat und Liebe um- 
wandeln können. Denn nicht auf dieses oder jenes Einzelfaktum kommt 
es zuletzt an, sondern daß man dies Gebilde von eigener Form und Schön- 
heit und Würde als ein Ganzes sehen lerne: den Menschen in seiner 
Jugendzeit" (XV). Gewiß, zuletzt kommt es auch dem Forscher nicht auf 
das Einzelfaktum an, aber Spranger kommt es zuerst (auf S. 1 bereits) auf 
die Führergeste an, Wyneken und dem A. C. S.^ stand es wohl an, von 
der Würde und Schönheit der Jugend als ilirem Wesentlichen zu sprechen. 



1) Eduard Spranger: Psychologie des Jugendalters. Leipzig 1(124. 

2) In dessen Leitsätzen ich 191g formulierte: „Kindheit und Jugend sind nicht 
die zwecklosen Durchgangssladien zum erwachsenen Menschen, sondern notwendige, 
in sich geschlossene Entwicklungsstufen. Jugend und Mnnnheit sind nicht graduelle, 
sondern qualitative Unterschiede. Die Jugend ist also nicht nnvollkommene, unreife 
ManTÜieit, sondern ein vollkommener Zustund für sich," (Der Anfang I.) 



Die lieutige Piycliologie Jer Putcrtat 



und es soll auch dem Psychologen nicht verwehrt sein, „dem Wunsch, zu 
sehen, wie es ist, einen starken Zug von Liebe" (XIII) beizumengen, aber 
etwas Sorge muß den Leser befallen, ein erster Verdacht, der sicli bei 
fortschreitender Lektüre immer hartnäckiger gestaltet, hier sei vom Wesen 
des Forschers nichts mehr übrig, als daß er — gelegentlich — in Be- 
griffen und Kategorien spreche, etwa so: „Dem Lebendigen gegenüber nur 
Anatom zu sein, scheint mir fast ehrfurchtslos; und was wichtiger ist: es 
scheint mir, als ob man durch diese Brille das Wesentliche nie zu sehen 
bekäme. Also habe ich es mit Fichte gehalten, der ja gefordert hat, daß 
mit der Erkenntnis des Gegenstandes auch immer etwas von der Liebe 
zum erkannten Gegenstand wachgerufen werden müsse. Ich möchte nicht 
daß man das, was hier {seil, in diesem Buch!) erkannt wird, für etwas 
anderes als für Heiligtümer hielte." Fuhrer sind nötig, und wir haben 
mit niemand zu rechten, der es sein will und das Nötige hiezu tut. 
Aber wir werden die Einwände gegen unsere bescheidene Psychoanalyse, 
die nichts als Wissenschaft sein will, nicht sehr ernst zu nehmen geneigt 
sein, welche von einem Denker kommen, der es „gewagt hat, das ganze 
große Objekt mit einem Griff' zu packen, aus der Überzeugung heraus, 
daß in der Psychologie eben auf den Sinn fürs Ganze alles ankommt" {XII), 
und indem er seine „Aufgabe als ein Stück echter Wissenschaft ge- 
nommen hat" (XIII) bekennt, „wie sehr es mir auch bei der Entstehung 
dieses Buches an der zurückgezogenen Stille gefehlt hat, in der allein das 
Ganze eines künstlerisch geformten Bildes reifen kann. Die Zeit, in der wir 
leben, fordert uns von allen Seiten . . . Ich schäme mich nicht zu sagen, 
daß vieles in der gleichen Zeit nach außenhin getan werden mußte, 
während ich mich in dieses Thema versenkte" (XV), Wir sind dieser 
fehlenden Scham froh, denn so erfahren wir, was wir sonst bloß geahnt 
hätten, wo die Akzente im Werk von Spranger liegen, und werden wissen, 
daß wir hier einem wehleidigen, romantischen und ressentimentalen Be- 
griff von Wissenschaft gegenüberstehen, der, so gemäß er einer breiten 
Schichte des heutigen geistigen Deutschland sein, ihm zu Liebe, zur 
Führung geprägt sein mag, von dem unsern so weit absteht wie die dunkle 
Tiefe des Sprangerschen Stils von der hellen Klarheit jedes großen Forschers. 
Vielleicht wird man dieser Kritik vorwerfen wollen, sie sei unsachliche 
Polemik, die ins Persönliche übergreife. Es ist nicht meine Absicht, un- 
sachlich zu sein, aber freilich ist es unvermeidlich einem Autor gegen- 
über, der seine Person hinter, ja vor seinem Werk sichtbar werden läßt, 
dies Stück des Persönlichen zur Sache zu rechnen. Die Psychologie ist in 



Sitglriru Bcrnicld 



einem rapiden Umwandlungsprozeß begriflen, sie sprengt die Bande, die 
ihr durch Wundt geschmiedet wurden. Es genügt ihr nicht mehr die 
enge Provinz peripherer Erscheinungen, die die Domäne der experimentellen 
Psychologie waren, und sie nimmt als ihr Forschungsgebiet die eigent- 
lichen seelischen Phänomene in Besitz.. Diesen gegenüber erweisen sich 
die Methoden und das Erkenntnisziel der alten Psychologie als völlig unzu- 
länglich. Sie sucht daher mit vollem Kecht nach Neuem. Dieser Fort- 
schritt war gewiß durch ein Gefühl der Unbefriedigtheit mit den Ergeb- 
nissen der alten Methode eingeleitet worden, durch einen Intellektual- 
afFekt. Wie das aber mit Mißvergnügten so zu sein pflegt, sie gesellen 
sich nicht nach den Motiven und Zielen ihrer Mißvergnügiheit, sondern 
vermittels dieser selbst. So sind zu Gegnern der alten Psycliologie alle 
jene geworden, denen sie zu wenig interessant, zu wenig bedeutsam im 
Wirbel der zeitgenössischen Weltanschauungskämpfe war; jene, die das 
sorgfähige, entsagungsvolle Studium am psychologischen Apparat nicht 
wegen seiner unbefriedigenden Erkenntnisresultate, sondern wegen seiner 
sozialen Belanglosigkeit aufgaben oder gar nicht erst in Angriff nahmen; 
ästhetische, philosophische, reUgiöse, weltanschauliche Bedürfnisse fordern 
Befriedigung von der Psychologie. Und diese, durch keine strenge Methode 
mehr zur Wissenschaft beengt, ist gelegentlich allzusehr bereit, das Gefallen 
und die Befriedigung jener Mißvergnügten anzustreben. Die Befreiung von 
den alten Methoden und Grenzen hat alle Fragen der Psychologie, die 
Forschungstätigkeit und das Publikumsinteresse, erfreulich belebt, und uns 
scheint, die ersten Umrisse einer neuen Psychologie werden bereits sicht- 
bar, mit ihr neue Methoden und Grenzen. Aber man darf sich nicht ver- 
heimlichen, daß der gegenwärtige Zustand seine beträchtlichen Gefahren 
hat. Darum ist es Aufgabe der wissenschaftlichen Kritik, die außerwissen- 
schaftlichen Einstellungen in jedem Einzelfall scharf zu bezeichnen, nötigen- 
falls sie zu erschließen, sie zu erraten. Sie entstammen der Persönlichkeit 
der Forscher, je bedeutender und ungewöhnlicher sie ist, um so bedroli- 
licher können die Gefahren sein. Die Kritik darf sich nicht scheuen, in 
den Bezirk des Persönlichen einzudringen, wo die Persönlichkeit in den 
Bereich der Wissenschaft störend eingebrochen ist. Da Spranger die Grenze 
zwischen den Ergebnissen seiner Forschung und dem Bemühen, außer- 
wissenschaftliche Bedürfnisse, eigene und fremde, zu befriedigen, nicht selbst 
zieht, da er Führer ist; da er eine Synthese sucht zwischen Wissenschaft 
und Kunst, „ Seelen gemälde in Begriffen und Kategorien** anstrebt und im 
Begriff ist, aus seiner Zwiespältigkeit einen neuen Begriff vom Wesen der 



Die heutige Psychologie Jer Puhertät 



Wissenschaft zu verkünden, — ist es dreifach dringlich, diese aktuelle 
Forderung an die Kritik zu erfüllen. 

Die Überwindung Wundts in der deutschen Psychologie hat diese in 
den letzten Jahren, auch dort, wo sie es sich und dem Publikum nicht 
eingesteht, der Psychoanalyse Freuds genähert. Es ist nicht zweifelhaft, 
daß Freud einen großen Anteil am Gelingen der Entfesselung der Psycho- 
logie und an der Richtung hat, in der sich die neuen Strömungen in der 
Psychologie bewegen. Freud hat als erster die Befreiung vollzogen und hat 
von Anfang an einen sehr bedeutenden, wenn auch lange von den wenigsten 
bewußt anerkannten Einfluß auf die gesamte psychologische Forschung ge- 
habt. Mögen die neuen Richtungen an Dilthey oder an Brentano anknüpfen, 
sich als Fortsetzer des Wundtschen Werkes empfinden, von der Philosophie 
oder von der Biologie herkommen, ihr heutiges So-sein ist ohne die Psycho- 
analyse gänzlich undenkbar. Sie gedeihen nur durch die Auflockerung des 
Bodens aller Geisteswissenschaften, die gewiß nicht Freud allein, aber seinem 
Mut als Erstem und seiner Konsequenz als Einzigem zu danken ist; sie 
differenzieren sich voneinander nicht am wenigsten durch die Stellung- 
nahme zu den von der Psychoanalyse aufgeworfenen Problemen, ohne selbst 
zu wissen, daß diese es ist, die sie zu sonderbar verschlungenen Störungs- 
bahnen zwingt. Und schließlich entnehmen sie eklektisch der Psycho- 
analyse diese oder jene Grundauffassung, die eine oder andere Tatsache 
oder Prägung. Man will das Gute und Richtige der Psychoanalyse für den 
zu errichtenden Bau der neuen Psychologie retten. Dabei übersieht man 
eine merkwürdige Tatsache, die für die Zukunft der Psychoanalyse eine 
günstige Prognose erlaubt. Im Gegensatz zu allen neueren Strömungen in 
der Psychologie ist die Psychoanalyse, ähnlich der alten Psychologie, durch 
eine strenge Methode relativ sicher vor autistischen Einschlägen, ist die Be- 
vorzugung weltanschaulicher Bedürfnisse vor dem Erkenntnisziel entschieden 
ausgeschlossen. Solange, heißt das, die Methode Freuds eingehalten wird. 
Wer sich von ihr entfernt hat. Jung, Stekel, Adler, ist um ebensoviel in 
die Berücksichtigung religiöser, utilitaristischer, ästhetischer oder sozialer 
Bedürfnisse verfallen. Man kann gewiß der Psychoanalyse Irrtümer nach- 
weisen, kann ihr Verallgemeinerungen vorwerfen, die vermehrter Empirie 
vielleicht nicht standhalten werden, man kann feststellen, daß ihre Methodo- 
logie noch nicht formuliert ist; das alles sind typische Mängel jeder jungen 
Wissenschaft. Aber man kann ihr nicht vorwerfen, daß sie an irgendeiner 
Stelle das Interesse der Forschung, der wissenschaftlichen Wahrheit irgend- 
einem andern Wert zuliebe geopfert oder auch nur zurückgestellt habe. Sie 



.8 



Siegfried Beriiii.'J[l 



hat bewußt darauf verzichtet, außerwissenschaftliche Bedürfnisse zu be- 
friedigen, keinem heteronomen Werterlebnis nachgegeben. Sie will weder 
tief noch schön, weder allumfassend noch vollkommen, sie will in keinem 
Sinn befriedigend sein, als nur in dem der wissenschaftlichen Wahrheit; 
Tatsachen und Zusammenhänge feststellen und mittels bestimmter An- 
nahmen, Hypothesen, sie zu einem verstehbaren Ganzen anordnen. Man 
kann solches Bemühen als irrelevant, unheilig, unbefriedigend ablehnen; 
gewiß, aber damit ist die Wissenschaft zugleich abgelehnt. Warum sollte 
nicht ein Schriftsteller oder auch eine Zeit den Mut zu solcher Wertung 
aufbringen? Aber man kann nicht an beliebigem Punkt diese wissenschaft- 
liche Einstellung verlassen und gegen eine neue, befriedigendere vertauschen 
und diese Chimäre Wissenschaft oder gar Wissenschaft der Zukunft nennen. 
Und gerade dies ist beinahe völlig Sprangers Verfahren. 

Spranger charakterisiert seine Psychologie als eine vierfältige: i) Ver- 
stehende Psychologie, 2) Strukturpsychologie, 5) Entwicklungspsychologie 
und 4) Typenpsychologie. Der Begriff" jedes dieser vier Gesichtspunkte wird 
von Spranger näher erläutert. „Verstehen heißt: geistige Zusammen- 
hänge in der Form objektiv gültiger Erkenntnis als sinnvoll auffassen. 
Wir verstehen nur sinnvolle Gebilde (3). „Verstehen ist nicht gleich- 
bedeutend mit einem getreu abbildenden Nacherleben des subjektiven Seins, 
Erlebens und Verhaltens einer Einzelseele (6). „Es gibt übergreifende Sinn- 
zusammenhänge, die das subjektive Leben bedingen, ohne in die subjektive 
Sinnerfahrung selbst hineinzufallen" (8), Auf den Begriff der verstehenden 
Psychologie kann in dieser kleinen Arbeit nicht eingegangen werden. 
Spranger ist bekanntlich nicht der einzige, der ihn vertritt. Und die Psycho- 
analyse hat schon vor langer Zeit den Begriff des Verstehens psychischer 
Phänomene angewendet. Aus den bisher zitierten Sprangerschen Sätzen ist 
eine große Annäherung an die Psychoanalyse zu erschließen, die Spranger 
später zu einer großen Khift aufreißt. Die Psychoanalyse fand ihre ersten 
methodischen Einwände von Seiten der Psychologie gerade an diesem Punkt. 
Ihr Grundgedanke ist: die psychischen Erscheinungen und Verhaltungs- 
weisen sind aus den Bewußtseinsphänomenen allein nicht verständlich zu 
machen, es bedarf „übergreifender Zusammenhänge", um sie verständlich 
zumachen. Und durch die Einordnung in solche Zusammenhänge werden 
scheinbar sinnlose Phänomene wie der Traum z. B. verständlich. Wollten 
wir die Sprangersche verstehende Psychologie verstehen, also aus ihrer Ein- 
ordnung in einen größeren Sinn zusammen hang, der künftigen Geschichte 
der Psychologie, begreiflich machen, so könnten wir sagen : ihre Funktion 



Die lieiitige PsycLologie Jer PulicrtÖt 



19 



ist, die Psychologie von der Bewußtseinspsychologie zu befreien und so Platz, 
Atmosphäre, Möglichkeit für die Psychoanalyse als Psychologie zu schaffen. 

Zum Gesichtspunkt 2, Strukturpsychologie, erläutert Spranger: „Ge- 
gliederten Bau oder Struktur hat ein Gebilde der Wirklichkeit, wenn es 
ein Ganzes Ist, in dem jeder Teil und jede Teilfunktion eine für das 
Ganze bedeutsame Leistung vollzieht, und zwar so, daß Bau und Leistung 
jedes Teiles wieder vom Ganzen her bedingt und folglich nur vom Ganzen 
her verständlich sind. Die verstehende Psychologie muß von der Voraus- 
setzung ausgehen, daß ihre Gegenstände in diesem Sinne strukturiert sind 
Wir könnten für unsere Psychologie nach der sie beherrschenden metho- 
dischen Grundvoraussetzung auch den Namen Strukturpsychologie ein- 
führen . . . Strukturpsychologie ist also jede Psychologie, die die seelischen 
Einzelerscheinungen aus ihrer wertbestimmten Stellung im einheitlichen 
Ganzen und aus ihrer Bedeutung für solche totalen Leistungszusammen- 
hänge versteht" (g, 10). Die Psychoanalyse ist nach dieser Definition gewiß 
Strukturpsychologie. Nicht allein, daß Freud Begriff und Wort der psychi- 
schen Struktur vor Spranger verwendete, das haben auch andere getan, und 
Spranger ist sich dessen bewußt, wenn er sagt: „Der Name (Struktur- 
psychologie) wird vielfach für solche psychologische Richtungen gebraucht, 
die sich m;it der Erforschung von Teil strukturen (im Gegensatz zur Psycho- 
logie alomisierter Elemente) beschäftigen. Es versteht sich aber von selbst, 
daß das einzelne Seelengebilde nur strukturiert sein kann, wenn auch das 
Ganze eine Struktur hat" (10). Und nur für diese — selbstverständliche — 
Erweiterung beansprucht er, so scheint es, Originalität. Nicht mit Recht, 
denn eben diese Erweiterung ganz konsequent und bewußt durchgeführt 
zu haben (und schließlich sogar mit dem Wort „struktureller Gesichts- 
punkt bezeichnet zu haben) ist eines der Verdienste und der Wesenszüge 
der Psychoanalyse. 

Auch für den 3. Gesichtspunkt, die Entwicklungspsychologie, gilt, was 
sich bei den ersten zwei zeigte. Es ist ein gutes Stück weit kein Wider- 
spruch zwischen der Sprangerschen und der Freudschen Psychologie. Die 
Sprangersche bereitet der Freudschen in gewissem Sinn den Boden, in- 
dem sie Einwände zerstreut, Gesichtspunkte der offiziellen Psychologie nahe- 
legt, die zur Psychoanalyse hinführen, indem sie Richtungen der Psycho- 
logie zu offiziellen zu machen hilft, die in wesentlichen Belangen mit der 
Psychoanalyse übereinstimmen, von ihr weitgehend beeinflußt sind. »Bei 
jeder Entwicklung handelt es sich um eine Veränderungsreihe, die ein 
Subjekt durch das Zusammenwirken von inneren und äußeren Faktoren 



OiuvlfKia ileniicLI 



erfahrt, jedoch so, daß die Kichtungsbeslimmung vorwiegend auf Innere 
Anlagen oder Tendenzen des betreffenden Subjektes zurückgeführt wird." 
„Seelische Entwicklung ist also Entfaltung des individuellen Seelenlebens 
von innen heraus zu größerer innerer Gliederung und Wertsteigerung der 
psychischen Leistungseinheit (17, 18). „Eine Entwickln ngspsychologle hat 
über die allgemeine Aufgabe des Verstehens hinaus noch die besondere 
Aufgabe, gewisse Erscheinungen als Entwicklungserscheinungen zu ver- 
stehen und sie damit einer Teleologie einzuordnen, die mindestens nicht 
im subjektiven Erleben des jungen Menschen bewußt wird . . . Gewisse 
Erscheinungen des Seelenlebens werden erst durch die Beziehung auf einen 
„Entwicklungssinn" verständlich , . . Wir gehen hinter die erlebten Vor- 
gänge zurück und verstehen sie „sinndeutend '. Ohne solche Hilfskonstruk- 
tionen ist eine Entwicklungspsychologie nicht möglich; ohne sie bliebe es 
bei bloßem positivistischem Konstatieren von unverbundenen Einzelheiten . . , 
Seelische Entwicklung ist also Hineinwachsen der Einzelseele in den ob- 
jektiven und den normativen Geist der jeweiligen Zeit . . ." Was über den 
so überaus wichtigen, ja für eine Jugendpsychologie wichtigsten Gesichts- 
punkt gesagt wird, ist sehr ärmlich, man kann es viel einfacher ausdrücken, 
als Spranger tut, und dann zeigt es sich, daß man es schon oft gelesen hat, 
aber immerhin, es erscheint uns von unserem Standpunkt richtig; es ist 
im wesentlichen die Anschauung der Psychoanalyse, und daher sehr er- 
freulich, wenn es beginnt, in die Psychologie, die auf deutschen Univer- 
sitäten gelehrt wird, einzugehen. 

Noch weniger ist zum 4. Punkt, der Typenpsychologie, gesagt: „Jedes 
Einzelwesen ist . . . ganz eigenartig, eine Welt für sich, eine Monade, die 
das Universum so spiegelt, wie keine andere es spiegelt. Aber diese letzte 
Tatsächlichkeit ist der Wissenschaft nicht erreichbar: iridividuum est iiief- 
fabüe . . . Wir nennen eine solche Konkretisierung des Allgemeinbegriffes 
einen Typus (wie wir die Konkretisierung der Idee beim Übergang zum 
Anschaulichen ein Ideal nennen). Die Konkretisierung der allgemein- 
menschlichen Seelen struktur nach besonderen Gesetzen führt zu Menschen- 
typen und Entwicklungstypen . . . Unsere Psychologie des Jugendalters wird 
Typenpsychologie, sobald wir auf individuelle Unterschiede der Ent- 
wicklung und der Struktur dieses Lebensalters achten" (20). Was sollte 
dagegen eingewendet werden? Es ist, in anderen Worten, Gemeingut des 
modernen psychologischen Denkens. 

Dies also sind die Methoden und Gesichtspunkte der Sprangerschen 
Psychologie. Es sind im wesentlichen von der Psychoanalyse eingeführte 



Die heutige Psychologie ilcr Pubcrtrit 



Gesichtspunkte in verändertem Zusammenhang und Ausdruck. Es ist er- 
staunlich, wie solch vernünftige und fruchtbare Prinzipien zu so geringen 
und banalen wissenschaftlichen Ergebnissen führen können, als welche uns 
die weiteren 326 Seiten des Buches erscheinen, unbeschadet der außer- 
wissenschaftlichen Werte des Werkes und der zahlreichen Aphorismen, die 
jedem Entwicklungsroman zur Zierde gereichten und in manchem auch 
zu finden sind. Der geschickteste Zugang zur Beantwortung dieser Frage ist 
vielleicht die Darstellung der Sprangerschen Einstellung zur Psychoanalyse. 
Diese scheint eine solch scharfe Säure zu sein, daß sie als Scheidewasser 
jede wissensenschaftliche Lehre, die sich mit ihr in Zusammenhang bringt, 
. sogleich zersetzt und deren vvissenschaftliches Gold von der ethischen Le- 
gierung trennt. 

Mein wird von Spranger nicht erwarten, daß seine Einwendungen gegen 
die Psychoanalyse naiv sind, seine Polemik klar und neutral ist. Zu weit ist 
die Psychoanalyse in das Denken der an Psychologie interessierten Kreise ein- 
gedrungen, zu stark ist die gegen kleinbürgerliche Moral gewendete revolu- 
tionäre Haltung in der Jugend — in ihren Worten und ihren Führererwar- 
tungen wenigstens - — verbreitet, als daß ein Philosoph, der führend wirken 
will, nicht fürchten müßte, altväterlich zu erscheinen, wenn er sich einfach 
mit den Protestkundgebungen von anno 1913 identifizierte. Anderseits vergäbe 
er sich zuviel mit ausführlicher Erörterung. Freud und die Psychoanalyse sind 
ihm nicht kongenial. Die psychoanalytische Theorie hat „richtige Meinungen", 
die erst die allgemeinen Gesichtspunkte Sprangers „ganz herausbringen {158). 
Spranger ist in seiner Kritik der Psychoanalyse maßvoll und kultiviert. 
Er weiß, daß die Psychoanalyse „eine ganz allgemeine Entwicklungstheorie 
sein will und schon ans diesem Grunde können wir nicht an ihr vorbei- 
gehen" (ißg). „Ihr größter Vorzug gegenüber älteren Theorien besteht schon 
darin, daß sie stillschweigend jenen auch von uns aufgestellten Grundsatz 
befolgt: Psychologica psychologice : auf dem Gebiete der Psychologie muß, 
soweit wie möglich rein psychologisch verfahren werden . . . Diese Tendenz 
auf sinnvolle Zusammenhänge wird von Freud über das bewußt in der Seele 
Ablaufende hinaus fortgesetzt und die seelische Struktur wird so bis in 
Sinnzusammenhänge hinab verfolgt, die dem Selbsterleben nicht unmittelbar 
zugänglich sind, sondern nur durch Analyse zugänglich gemacht werden 
können . , . Die beiden Tendenzen der Freudschen Psychologie halte ich 
für wesentliche Bereicherungen unserer Methode, und ich gehe bis zu diesem 
Punkte durchaus mit. Nicht so mit der weiteren Durchführung. Sie ist im 
Verhältnis zu unserem sonstigen Wissen von der Seele als primitiv zu be- 



OicglnüJ Ecriili-li 



zeichnen" (130}. Und wir können mit Spranger in dem Punkt durchaus 
mitgehen, wenn er von den Ichtrieben sagt, sie „bleiben nach Art und 
Herkunft völlig unbestimmt. Schon die Bezeichnung ist wenig glücklich . 
In der Tat spielen diese Triebe in der Durch fülirung nicht die Rolle, die 
man erwarten sollte" (130), wenn sie auch eine größere Rolle spielen als 
man finden muß, falls man in der Tat sehr wichtige Arbeiten von Freud 
nicht kennt. Auch der Einwand, — der von Scheler übernommen wurde, — 
daß die verdrängenden und verdrängten Kräfte nicht beide Libido sein 
können, wäre wohl diskutabel, und vor allem befriedigend ist die Feststellung: 
„die Psychologie hat in der Tat nicht die Aufgabe, das Höhersein oder 
Niedrigersein zu begründen . . . Wir haben als Psychologen kein Recht, 
den naturalistischen Pansexualismus von Freud auf seine Höhenlage in der 
Stufenordnung denkbarer Weltanschauungen hin zu beurteilen. Die Frage 
in unserem Zusammenhange kann nur sein, ob seine Theorie die wirk- 
lichen seelischen Erscheinungen von Strukturprinzipien aus verständlich 
macht" (133). Da Spranger aber offenbar kein Psychologe ist, eröffnet er 
die Erörterung dieser Frage mit den an Freuds Sublimierungslehre an- 
knüpfenden Sätzen: „Freud wird sich für seine Auffassung vielleicht auf 
die Sprache der Tatsachen selbst berufen" (dieses für einen Psychologen 
eigentlich kaum unehrenhaften Verfahrens wird sich Freud in jedem Falle 
nicht nur vielleicht, sondern gewiß, und nicht nur berufend, sondern 
forschend bedienen, wenngleich er fast gewiß nicht so vage Fakta zur 
Stützung eines wichtigen Stuckes seiner Lehre heranziehen wird, wie 
Spranger ihm jn den Mund legt, fortfahrend): „große geistige Schöpfungen 
gingen in der Regel aus Perioden erotischer Erregung hervor. Jedes Schaffen 
sei eine stille Werbung, jedes Werk sei eine stille Widmung. Wir aber 
werden doch gleich die Beschreibung" (die allerdings wir selbst gegeben 
haben, zwar in Freuds Namen, aber doch ganz anders als er) „dahin er- 
gänzen müssen, daß hiebei nicht immer eine bestimmte Person das eigent- 
liche Liebesobjekt sei, sondern daß diese deutlich oft nur das zufällige oder 
gar nachträgliche Erfahrungsgcbilde abgebe, an das das Ideale selbst an- 
haftet: das Ewig -Weibliche wird geliebt, in seiner immer unzulänglichen 
Erscheinung". Merkt Spranger wirklich nicht, wie er Freud unrecht tut, 
der ja nie behauptet hat, daß alle großen geistigen Schöpfungen „Subli- 
raierung" einer aktuellen Verliebtheit des Schöpfers sind, sondern vielmehr 
behauptet, daß das riesige Plus an psychischer Leistung, das der produktive 
Mensch an seine Schöpfungen wendet, zum Teil mit jener seelischen Energie 
betrieben wird, die in der Kindheit den sexuellen Trieben entzogen und 



Die ncutigc Psycnologic dor Puln-rlät so 



nicht-sexuellen Tätigkeiten oder Gedanken zugewendet wurde? Diese Polemik 
gegen eine ganz empirisch gedachte Freudsche Aufstellung wird von Spranger 
fortgesetzt: „Der Sinn des schaffenden Lebens in seiner Ganzheit ist inten- 
diert durch das Symbol der einzelnen geliebten Person hindurch. Dies alles 
soll als versetzter Trieb nach Libido , verstanden' werden?" Das ist rhetorisch 
nicht schlecht gemacht. Der Satz mit Sinn, schaffendes Leben, Ganzheit, 
intendiert, Symbol, hindurch, häuft Tiefe und Klang so heftig, daß es 
genügt, „dies alles" hinzuzufügen, und der Leser gewinnt wirklich den 
Eindruck von Freudscher Blasphemie, die dies alles, das so schwer und 
vage verständlich ist, einfach mit versetztem Trieb und Libido erklärt. Und 
so wird doch die Höhenlage der Freudschen Theorie beurteilt, nicht aber, 
wie Spranger versprach, die Beziehung der Theorie zu den wirklichen seeli- 
schen Erscheinungen nach Strukturprinzipien. Denn jener tiefe Satz „Sinn — 
hindurch" ist nicht eine wirkliche seelische Erscheinung und nicht einmal 
eine Verständlichmachung nach Strukturprinzipien, sondern, nun sagen wir, 
Philosophie. Man lasse diesen philosophischen Satz weg. Dann heißt es: 
„das Ewig -Weibliche wird geliebt." Das ist eine wirkliche seelische Er- 
scheinung. „Sie soll als versetzter Trieb nach Libido verstanden werden." 
Nichts von Blasphemie. Nichts einleuchtender als dies. Spranger selbst lehrt 
es. Das „Alles" meint nichts anderes als den tiefen Satz. Ihn als versetzten Trieb 
zu verstehen, hat niemand gewagt. Ich bitte hier nicht verärgert einzuwenden, 
es gehe nicht an, in so spitzfindiger Weise stihstische Schwächen — ich 
sage ja Stärken — eines umfangreichen Werkes zu ironisieren. Es handelt 
sich um keine vereinzelte Schwäche, es handelt sich nicht um den Stil, 
sondern um die Sprangerscbe Methode der Auseinandersetzung. Denn der 
wörtlich zitierte Absatz, — freilich von meinen Glossen unterbrochen, die 
aber typographisch als solche deutlich sind, — dessen letzter Satz uns eben 
beschäftigte, ist unmittelbar gefolgt von einem Absatz, dessen erster Satz 
lautet: „Eine solche Psychologie ist nicht Tiefenpsychologie, sondern in 
Wahrheit Oberflächenpsychologie. Sie hält sich an das sinnlich Greifbare 
und behauptet, es stehe hinter allem als die eigentlich erzeugende Kraft." 
Fjne solche Psychologie? Was für eine? Nun, eine die „das alles" so 
schändlich einfach versteht. Ohne jenen tiefen Satz wäre Spranger nicht 
erspart geblieben, bevor er die Freudsche Psychologie schlechthin eine 
„solche" nennt, zu argumentieren; er ermöglicht es ihm statt der Argumente 
hier Invektiven vorzubringen, die zwar nicht mehr (wie anno 1913) morali- 
scher Natur sind, aber auch nicht wissenschaftlicher, denn eine Oberflächen- 
psychologie kann sehr ernste, bedeutende Wissenschaft, und eine Tiefen- 



a-f Siegfried Benifi;I<l 



Psychologie barer Unsinn sein; aber indem Tiefenpsychologie an liefsinnig 
und Oberfläche an oberflächlich anklingt, eignen sich diese Termini sehr 
wohl zu Invektiven aus der ästhetisch-ethisch-metaphysisclien Sphäre. Soviel 
über den formalen wissenschaftlichen Charakter der Sprangerschen Kritik. 
Das Inhaltliche seiner Kritik, seiner Einstellung zur Psychoanalyse bezieht 
sich im wesentlichen auf zwei Punkte: auf die übergeordneten, aus dem 
objektiven Geist deutbaren Zusammenhange und auf den Zusammenhang 
von Erotik und Sexualität. Aus dem Zusammenhang dieser Krörterungen 
haben wir eben eine zentrale Stelle besprochen, wir behandeln daher 
diesen Differenzpunkt zuerst. 

Spranger unterscheidet „für die Zwecke meiner Psychologie" Sexualität 
und Erotik. „Daß sexuelle und erotische Erlebnisse in sehr naher Ver- 
bindung miteinander stehen, wird von mir nicht im mindesten geleugnet. 
Wohl aber behaupte ich, daß sie in ihrer gesamten Rrlebnisfärbung höchst 
verschieden sind, ja daß sie verschiedenen Sciiicliten der Seele angehören" (81). 
Bei dieser Unterscheidung befindet sich Spranger in voller Übereinstimmung 
mit der Psychoanalyse, denn diese leugnet keineswegs, daß bewußt {bw), 
— und der Begriff des Erlebnisses gehört ganz und gar in die Vorgänge, 
die wir dem System W- Bw, Wahrnehmung - Bewußtsein, einordnen — 
zwischen sexuellen und erotischen Erlebnissen unterschieden werden kann. 
Für die Zwecke der Pubertätspsychologie ist die scharfe Hervorhebung dieser 
Unterschiede sehr nützlich, ja notwendig. Zum Begriff der Sexualität be- 
merkt Spranger: „Hier zögere ich nicht, die weiteste Bestimmung zugrunde 
zu legen, die überhaupt versucht worden ist. Danach wären sexuelle Er- 
regungen und Erlebnisse nicht nur solche, die realiter oder in der Phan- 
tasie auf körperliche Berührung und Vereinigung mit Gegenständen 
geschlechtlichen Begehrens gehen, sondern auch alle, die mit einer sinn- 
lichen Lusterregung von dem Grundcharakter geschlechtlicher Lust (libido) 
in bewußter Verbindung stehen. Es würde gewiß zu weil gehen, wenn 
man sagte, alles sei sexuell, worin Körperliches als Lustquelle erscheint . . . 
Aber soviel soll zugegeben werden, daß die seelische Gefühls- und Trieb- 
struktur, die durch die qualitativ eigentümliche, sinnliche Luslform der 
libido gekennzeichnet ist, über den ihr unmittelbar dienenden physio- 
logischen Apparat weit hinaus- und in andere psychologische Teilsirukturcn 
des Individuums hinübergreifen kann" (81). Die „weiteste Bestimmung 
des Begriffes Sexualität' ist dies nun gewiß nicht. Denn Kreud hat eine 
weitere versucht, indem er die Sprangerschen Begriffe Sexualität und Erotik 
unter seinem Begriff des Sexualtriebes eint. Aber die Sprangersche Be- 




Die Leutigc Psychologie der Piiuertül 



Stimmung ist unter dem Einfluß der Psychoanalyse entstanden. Sie unter- 
scheidet sich von der Freudschen nicht allein in der Enge des Begriffes, 
sondern vor allem in der Begriffsbildung. Für Spanger ist das Erlebnis, 
der Vorgang im System Biv, das Kriterium, für Freud die Ontogenese 
dieser Erlebnisse, also die Einbeziehung der C/ii^-Prozesse. Bei Spranger 
handelt es sich um Erlebnisse, Gefühle, bei Freud um die Triebe, von 
denen diese Erlebnisse und Gefühle in irgendeiner Weise bestimmt sind. 
Daher ist Sprangers „libido"' etwas anderes als Freuds Libido: Libido ist die 
dem Sexualtrieb zugeordnete psychische Energie (oder weniger präzis der 
Sexualtrieb), „libido" ist die geschlechtliche Lust. Sexuelle Phänomene wären 
nach Spranger in der Freudschen Terminologie eine Anzahl jener libidi- 
nösen Prozesse und Erlebnisse, die sich auf erogene Zonen beziehen und 
den Charakter der geschlechtlichen Lust haben. Diese halbe Anpassung an 
die Freudsche Auffassung hätte sich zu bewähren — in der Deutung kon- 
kreter Tatsachen. Von vornherein erscheint diese Abgrenzung sehr wül- 
kürlich. Denn, um eine Schwierigkeit für viele zu nennen: was ist mit 
Erregungen und Erlebnissen an einer erogenen Zone, z. B. an der genitalen, 
die nicht geschlechtliche Lust, sondern Unlust nach sich führen, oder Angst, 
oder die durch keinen bewußten Prozeß repräsentiert sind? Die Freudsche 
Erweiterung des Begriffes der Sexualität war gewagt, aber ihr Umfang 
wurde durch die Notwendigkeit bestimmt, das empirische Material, das 
die Erforschung des Unbewußten bot, einheitlich zu verstehen. Die ängst- 
liche Erweiterung, die Spranger vornimmt, erhält ihren Umfang aus der 
Nötigung, den Freudschen Begriff zu akzeptieren, und dennoch die Scheidung 
zwischen Sexualität und Erotik aufrecht zu erhalten, vielleicht nur, weil 
in gewissen Persönlichkeiten der Unterschied im Erleben von Sexualität 
und Erotik sehr vordringlich ist, vielleicht sprechen noch andere Motive 
mit. Jedenfalls ist der Begriff unsicher und es ist wenig einleuchtend, 
was er zum Verständnis dienen soll, da er die Formulierung einer häufigen 
Erlebnisweise ist, nichts mehr aber. Dies wird deutlich, wenn wir Sprangers 
Gegensatzbegriff zur Sexualität betrachten: 

„Von durchaus abweichender Erlebnisfärbung ist Erotik. Sagen wir 
zunächst kurz und vorläufig: sie ist eine ganz überwiegend seelische Form 
der Liebe, und zwar von ästhetischem Grundcharakter. . . Ästhetische Liebe 
oder Erotik ist also ursprünglich Einfühlung in und Einswerden mit einer 
anderen Seele, vermittelt durch ihre anschauliche Darstellung in der äußeren 
leiblichen Erscheinung . . . Mag dies metaphysisch oder mystisch erscheinen : 
Tatsächlich ,sehen' wir alle den Leib als beseelt auch noch in späteren 



üicglnci! Benitflil 



Jahren. Es ist das eine nicht weiter ableitbare Grundform des Erlebnisses . . . 
Wir greifen in das tiefste Weltgeheimnis hinein, indem wir dieses Werden 
eines konkreten und plastischen Idealbildes aus der Befruchtung der 
Phantasie in der (zunächst durch das Leibsymbol) vermittelten, rein 
schauenden Verschmelzung zweier Seelen aufdecken. Ohne diese geistige 
Seite scheint auch das leibliche Zeugen, diese vis plastica der Natur nicht 
verständlich {81 — 83). Wo hier die Psychologie versteckt sein mag, ist 
schwer zu sagen. Spranger will Erotik von Sexualität scheiden. Diese wurde, 
angreifbar zwar, aher doch deutlich als Begriff bestimmt. Für jene bleibt 
aber bisher nichts anderes als jener Satz oben „kurz und vorläufig". Dann 
verliert sich die Psychologie in das weite Feld der Metaphysik, von dem 
aus sich sehr apodiktische psychologische Lehrsätze ergeben: „Es ist eine 
nicht weiter ableitbare Grundform des Erlebens.** Noch kann man hoffen, 
die apodiktischen Lehrsätze werden in späterem Zusammenhang gewiß ihre 
psychologische Begründung erfahren, wir studieren ja einen Autor, der 
Psychologica psyckologice als seinen methodischeil Wahlspruch bekennt. 
Und Spranger fährt auch fort; 

„Schon dieser metaphysische Ausblick deutet darauf hin" (Spranger weiß 
also, daß dies Obige nicht Psychologie ist; noch dürfen wir auf sie hoffen), 
„daß sich der zentralste Sinn der Natur erst erfüllen wird, wenn beides, 
die Seelen Verschmelzung und die körperliche Vereinigung, sich zum Ge- 
heimnis der Erzeugung eines neuen Lebens verbindet. Aber damit ist nicht 
gesagt, daß jene seelische Erzeugung des Ideals sinnlos sei, wenn keine 
leibliche Zeugung damit verbunden ist. Für unsere Jugendpsychologie aber 
ist es die wichtigste Feststellung, daß die Natur Jn den Entwicklungsjahren 
beide Seiten für das Erlebnis noch getrennt hält" (daß sie getrennt sind, 
bei einem häufigen Pubertätstypus, ist allerdings eine wichtige und richtige 
Feststellung, daß es aber die Natur ist, die sich dabei bemühen muß, ist 
eine Erschleich ung, die im psychologischen Zusammenhang uninteressant 
wäre, wenn nicht aus solchen eingeschobenen metaphysischen Behaupmngen 
psychologische Schlußfolgerungen gezogen würden) „und daß es Reifsein 
bedeutet, wenn beide in voller Reinheit" (psychologisch ist Reifsein von 
Reinheit völlig unabhängig) „zu einem großen Erlebnis und Zeugungsakt 
zusammenzuklingen vermag. In der Seele des Jugendlichen ist Erotik und 
Sexualität für das Bewußtsein zunächst schroff getrennt. Das ist der wesent- 
lichste Satz, der in diesem Zusammenhang zu sagen ist . Ein Satz, mit 
dem man sich völlig identifizieren kann, wenn er auch in dieser Scharfe 
nur für einen Pubertätstypus gilt. Aber ein Satz der deskriptiven Pubertäls- 



Die lieulige PjycliologJe der Pubertät 



Psychologie. Mit einem Aufwand von Metaphysik umgeben, wie ihn, viel- 
leicht nicht einmal immer unbegabter und primitiver, ein Jugendlicher 
des geschilderten Typus anwenden würde, um zu erweisen, daß seine Ge- 
fühle zu seiner „Geliebten" rein erotischer, völlig unsexueller Natur seien. 
Ein Verhalten, das diesem Jugendlichen wohl ansteht, das aber vom Psycho- 
logen durch ein Suchen nach Verständuis der Erlebnisweise des Jugendlichen 
abgelöst werden müßte. Dieser Aufgabe erinnert sich auch Spranger an dieser 
Stelle und Fährt fort: „In dem Abschnitt über die Methode unserer Psycho- 
logie ist ausgeführt, daß sich Beschreibung des Bewußtseinsverlaufs und Ab- 
leitung aus Sinnzusammenhängen nicht immer decken. Seelische Erlebnis- 
zonen können unterbewußt in tiefer Sinnverbindung stehen, wälirend sie 
im Bewußtsein nichts voneinander wissen oder wissen wollen." (Wir atmen 
auf. Das von der unableitbaren Grundform des Erlebens war also bloß die 
Beschreibung des bewußten Erlebens. Dem Jugendlichen — und auch 
manchem Erwachsenen — erscheint die Erotik als unableitbare Grundform, 
der Psychologe ist daran nicht gebunden, er darf versuchen, aus anderen 
Annahmen diese Erlebnisweise zu verstehen? Die Antwort wird uns freilich 
enttäuschen. Sie wird lauten; Nein. Doch vorläufig darf man noch hoffen.) 
Das gilt von dem Verhältnis zwischen Erotik und Sexualität in der jungen 
Seele. Beide Erlebniskreise können erweckt sein. Aber der Gegenstand des 
Eros ist ein ganz anderer als der der sexuellen Erregung, und auch zeitlich 
treffen sie noch nicht zusammen. Ohne Zweifel hat dies Auseinanderfallen 
selbst wieder seinen tiefen Entwicklungsslnn. Wir können diesen Befund ' 
(welchen?) „auch so zugespitzt ausdrücken: In diesem Alter würde dieSexuali- 
sierung des Erotischen die ideale Liebe zerstören; umgekehrt würde die volle 
Erotisierung des SexueUen auch nicht gelingen". (Was offenbar der „tiefe 
Entwicklungsslnn" ist, Was eine Zeile vorher noch Problem war, avancierte 
still zum „Befund" und wird sogleich:) „Ein Beweis, daß gerade die sexuelle 
Seite hier noch nicht zur vollen Reife gekommen ist" (84). Dies ist die 
strenge Methode, der gegenüber die Psychoanalyse freilich ein recht primi- 
tives Verfahren, aber immerhin, scheint mir, ein wissenschaftliches ist. „Daß 
in der individuellen Seelentotalität nichts völlig beziehungslos nebeneinander 
stehe, ist schon methodisches Postulat (ein Satz a priori). Aber wie es im 
Zusammenhang stehe, bedarf näherer Untersuchung. Und mit ihr geht die 
Deskription des Seelischen unvermeidlich in eine Seelentheorie über" (128). 
Und da ja die Psychoanalyse die einzige kompetente Seelentheorie ist, über 
die die Psychologie derzeit verfügt, geht Sprangers Erörterung unmittelbar 
in jene Polemik gegen die Freudsche Lehre über, von deren formalen Quali- 



OiCj^Iricd Bei'iilclti 



täten wir oben sprachen. Die Psychoanalyse kennt nun den Erlebiiiskreis 
der Erotik, wie ihn Spranger meint, wenn auch nicht definiert (denn : „Es 
ist eine unangenehme Aufgabe, den Eros zu , definieren'") (85). Sie versteht 
die Erotik als zielabgelenktc Strebungen des Sexualtriebes; sie kommt lu 
dieser Anschauung aus der tausendfach bestätigten Erfahrung, daß onto- 
genetisch die im engeren Sinn, dem Sprangerschen, sexuellen Regungen 
und Erlebnisse den erotischen zeitlich vorausgehen, und die erotischen , 
im Sprangerschen Sinne, sich aus den sexuellen unter den verdrängenden 
und zielabl engenden Einflüssen erst der erziehenden Erwachsenen, dann 
des eigenen Ichs, das sich mit den Geboten und Verboten der Umwelt identi- 
fizierte, allmählich sondern. Diese Sonderung wird am schärfsten in gewissen 
Formen der Pubertät und wird mit dem Ende der Pubertät je nach dem 
Typus mehr oder weniger wieder aufgehoben. Die Einzelheiten dieser Auf- 
fassung gehören in die Theorie von der Pubertät, die in dieser Arbeit nicht 
positiv behandelt werden soll. Diese Deutung des „im Erleben selbst Un- 
verbundenen" (124) geschieht durch „Aufdeckung unterbewußter Sinn- 
zusammenhänge , was eines der beiden von Spranger gestalteten Verfahren 
ist, das andere bestünde im „Eingehen auf die übergreifenden Zusammen- 
hänge, die der objektiven Geistigkeit des Kultur- oder Naturlebens ange- 
hören** (128). Nun soll keineswegs bestritten werden, daß auch eine in- 
haltlich andere Deutung durch Eingehen auf unterbewußte Zusammenhänge 
möglich wäre, als die Psychoanalyse vorschlägt, Aber Spranger gibt sie jeden- 
falls nicht. 

Ihm gefallt diese Oberflächenpsychologie und ihr Versuch, den Zu- 
sammenhang zwischen dem sexuellen und erotischen Erlebniskreis ver- 
ständlich zu machen, nicht. Die „unterbewußte Deutung Freuds lehnt 
er ab. Doch muß er sich immer wieder ihr peinlich nahe halten. 
„. . . (Erotik und Sexualität) sind ihrem Wesen nach una eademque res 
erlebt von zwei verschiedenen Seiten oder unter zwei verschiedenen At- 
tributen. Im erotischen Erleben erfüllt sich erst der Sinn der Sexualität. 
Aber das ist ein Bild. Und ein unzulängliches Bild. Aus dem Metaphy- 
sischen ins Psychologische übersetzt heißt es wohl: Sexualität und Erotik 
sind zwei verschiedene Erlebnisweisen für dasselbe Ding, (res). Diese 
Sonderung in zwei streng auseinandergehaltene Erlebnis weisen ist Ergebnis 
der Entwicklung, das im allgemeinen erst in der Pubertät sich vollendet, 
die primitiven Äußerungen der eadem res in der frühen Kindheil zeigen 
prävalierend die sexuelle Komponente, so daß man in gewissem Sinn jene 
res auch Sexualität nennen konnte. In dieser Erwartung stärkt uns der 



Die Iiculigo Psycliologic Act Pubertät 29 



nächste Satz: „Denn entwicklungspsychologisch betrachtet, ja überhaupt 
psychologisch betrachtet, vermag beides doch auseinanderzulreten." Es ist 
dieselbe Sache, die nach dem Auseinandertreten als zwei ganz verschiedene 
Sachen erscheint. „Dann haben wir auf der einen Seite die reine Erotik, 
die nicht nur nichts weiß vom Sexuellen, sondern es sich ängstlich fern- 
hält", und wir ahnen, daß eines der besten Mittel, diese ängstlich erwünschte 
Femhaltung zu erreichen, wäre, die Erotik zu einer weiter nicht ableitbaren 
Grundform des Erlebens zu erheben oder wenigstens zu erklären. Aber an 
Stelle dieser psychologischen Deutung in der Sphäre der Auffindung un- 
bewußter Sinnzusammenhänge folgt ein scliöner Ausdruck: „In unend- 
licher Scheu und Schamhaftigkeit, weil diese Form^und Stufe der Ver- 
einigung den höchsten Sinn nicht erfüllen würde." Ist dies nun Ver- 
ständlichmachung auf der Ebene übergeordneter Sinnzusammenhänge oder 
ein Bild aus der metaphysischen Sphäre? Wir bleiben im unklaren, denn 
der weitere Verlauf des Absatzes schillert zwischen psychologischer und 
dieser schönen und tiefen Ausdrucksweise. Ich setze ihn ganz hieher wegen 
der Konklusion, die mit „also" an ihn angeschlossen wird: „Auf dieser 
Stufe finden wir den Jugendlichen. Er fließt über von erotisch zeugenden 
Geisteskräften, aber der Leib ist noch nicht in vollem Sinne mitzeugungs- 
ßhig. — Auf der andern Seite gibt es eine bloße Sexualität, ohne Erotik, 
ohne die Schwungkraft des beseelenden Ideals. Das ist auch ein Natur- 
phänomen, aber eine leerlaufende, ihres ausfüllenden Sinnes beraubte 
Sexualität. Der Jugendliche kennt auch auf dieser Seite den unersättlichen 
Trieb, der beiden Erlebniszonen eigen ist; aber solange er noch in einem 
Winkel der Seelentotalität geistig ist, wird ihn diese Sexualität nie be- 
friedigen. Sie zieht ihn in den Kreislauf rein körperlichen Bedürfnisses. 
Sie verurteilt ihn zu einem geteilten Dasein, in dem er nie ganz er selbst 
sein, noch weniger ganz er selbst werden kann. Ahnungen von jenem 
geistigen Gehalt liegen wohl auch noch im sinnlichsten Genuß, aber ver- 
hüllt irreführend und deshalb in Schuld und Reue verstrickend, die immer 
dann" auftreten, wenn der Mensch fühlt, daß er nicht ganz ist, was er sein 
könnte und sollte" (155). 

Mit diesen Sätzen ist ein geistiger Zustand geschildert, in dem sich 
mancher Jugendliche befindet, und sie können einem Jugendlichen, der 
gegen seine sexuellen Erlebnisse und Erregungen vom Erotischen her heftig 
und immer wieder vergeblich ankämpft, sehr viel bedeuten. Er wird sie 
schön, tief, richtig finden, denn er gewinnt an ihnen und ihrem Autor 
eine Stütze im Kampf gegen seine Sinnlichkeit. Wo aber liegt hier ein 



Oicjjli'icil Bcriifclil 



deutender psychologischer Gedanke? Spranger schildert — nach seiner Weise, 
der Weise des Jugendführers — das Phänomen, die Spaltung der Sexualität 
in Zärtlichkeit und Sinnlichkeit, das Freud in einem kurzen Aufsat?, als 
Forscher zu deuten versucht. Spranger legt den Akzent auf die Ideologie, 
die aus diesem Zustand folgt. Dies könnte ein dankenswertes Unternehmen 
sein. Wir haben noch nicht genug an phänomenologisch treuer Deskription 
komplizierter psychischer Zustände. Aber er selbst weiß, daß die Deskription 
nicht genügt, er stellt seinem Buch die Aufgabe, ihr die Deutung, wenig- 
stens andeutungsweise anzufügen. Diese Deutungen müßten sich von der 
phänomenalen Gegebenheit loslösen, von ihr unabhängig machen, auch 
wenn in ihr eine sehr starke CTberzeugung davon mitgegeben ist, daß die 
erlebte Sonderung eine naturhafte, objektive, metaphysische ist. Er selbst 
stellt das Postulat sehr deutlich auf. Er weiß auch: „Metaphysische Aus- 
deutungen dienen nur zu einer symbolischen Erläuterung" (85), können 
also gewiß nicht an Stelle psychologischer Deutungen stehen, sondern 
werden diesen — anmerkungsweise, wenn man auf sie aus irgendwelchen 
Gründen schon nicht ganz verzichten kann — an Umfang und Gewicht 
untergeordnet, bloß beizugeben sein; er weiß ferner: „Übrigens treibt diese 
Erlebnisform selbst in solche Wellgedichte hinüber. Eines der größten, die 
Platonische Philosophie, beruht zu einem erheblichen Teil auf erotischem 
Erleben {85). Trotzdem gibt er seinem Weltgedicht unter dem Titel einer 
Psychologie des Jugendalters, hinter einem ersten Abschnitt über Aufgabe 
und Methode einen geradezu verschwenderischen Raum. Man könnte dies 
noch hinnehmen, wenn wenigstens ein Wort über den „Zusammenhang 
von Erotik und Sexualität" sich aus den Folgen des eigenen erotischen 
Erlebens befreien würde, also nicht Weltgedicht, Seelengemälde, Philosophie» 
sondern Wissenschaft wäre. Es fehlt. Denn alle auf den abschließenden 
Absatz aufgesparten Hoffnungen werden zerstört. Er knüpft an das oben 
Zitierte an und lautet: 

„Das Erotische ist also" — Alsol aus dem Voranstehenden gefolgert I — 
„keine Funktion des Sexuellen, das Sexuelle keine Funktion des Erotischen, 
sondern beide gehören dem Entwicklungssinn nach wesenhaft in einer 
Erlebnistotalität zusammen. Sie differenzieren sich beide aus einem Ein- 
heitsgrunde heraus. Sie gehen eine Zeitlang getrennt, um sich im Höhe- 
punkt des aufgeblühten Lebens wieder zu vereinen. Anders kann man 
ihre Bezogenheit aufeinander nicht verstehen." Ich verstehe überhaupt 
nicht mehr, Einheitsgrund? Das heißt: sie waren vor der Trennung ver- 
eint. Als was? Wie nennt man den vor der Pubertät bestehenden Zustand, 



Dil- liciitige Pjyehologie der Piiln-rtnt 



WO Erotik und Sexualität gemeinsam ihre Befriedigung suchen, am ur- 
sprünglichen Objekt? Wie nennt man den nach der Pubertät bestehenden 
Zustand, wo sie wieder vereint sind? Was bedeuten diese Formulierungen, 
die psychologisch so wenig besagen, anderes, als einen Schimmer von Ein- 
sicht, der schnell verdunkelt wird, im Sinne der Pubertälserlebnisse, die 
in unendlicher Scheu und Schamhafligkeit erklären, mit der Sexualität 
weder verwandt noch identisch zu sein und doch als Differenzprodukte 
eines Einheitsgrundes wie Geschwrister verwandt sind? Das ist Psychologie 
der Pubertät, die dem Pubertätserleben gerecht werden will, gerecht in 
der Deskription, was ihre Pflicht ist. gerecht aber auch in Wertung, 
Deutung und Formulierung, also Pubertätspsychologie. Sie mag der Jugend 
gefallen, soweit sie nicht Erkenntnisse über sich selbst sucht, sondern Be- 
stätigimg, Rausch, Urteil, Schönheit, Religion. Dem Psychologen ist sie 
langweilig oder Objekt der Deutung. 

Eingangs seiner Erörterung hat Spranger von Sexualität und Erotik 
erklärt: „Wohl behaupte ich, daß sie in ihrer gesamten Erlebnisfärbung 
höchst verschieden sind, ja daß sie verschiedenen Schichten der Seele an- 
gehören" {81). Das erstere ist unbestritten, das zweite hätte interessiert zu 
hören. Spranger kam nicht vtfeiter darauf zu sprechen. Wir sind aus der 
Psychoanalyse gewohnt, Worte wie „Schichten der Seele" ernst zu nehmen. 
Bei Spranger ist das eben eine fa^n de parier. Es ist eine Frage des Stils, 
ob er Schichte, Sphäre oder sonst was sagt, er wollte damit nur sagen, 
was er schon im ersten Satz sagte, daß Sexualität und Erotik nicht das- 
selbe sind. Nun sind sie ja, wie wir gesehen haben, doch dasselbe, eadem 
res, und sind es doch nicht. Aber wer wird sich hier in Tifteleien über 
Worte verlieren. Es kommt ja darauf an, „mit einem kühnen Griff die 
Totalität des Seelenlebens zu packen", und die Methode ist eine schöne 
Sache, die ausführlich in einem eigenen Abschnitt erledigt wird, um 
dann nicht mehr verv^'endet zu werden. Im Text wird in beliebiger Ab- 
wechslung Deskription und Deutung, mit Bildern und metaphysischen 
Ausblicken verknüpft, geboten. Termini verschwimmen, rauschendes Blut 
ist so gut wie Sexualität oder besser noch. Und mit „also" werden 
schiefe Bilder, die nur Sj-mbolwert und Erläuterungsfunktion haben, zu 
abschließenden Forschungsresultaten erhoben. Versucht aber ein Forscher, 
freilich ohne der Methode ein Einleitungskapitel zu widmen, dafür aber 
in jeder Zeile von elf starken Bänden sorgfältig und streng um sie be- 
müht, an Stelle solchen anmutigen Chaos umschriebene Begriffe zu ver- 
wenden, einen Sexualtrieb anzunehmen, und zu versuchen, den Wegen 



52 Dicglru'J Bornlelil 



sorgfaltig nachzugehen, auf denen die mannigfaltigen Äußerungen der 
eadem res, rauschendes Blut und das Ewig-Weibliche, sich als Wandlungen 
und Äußerungen eines, zweier Grundtriebe nach einer kleinen Zahl, 
einzeln untersuchter, beschriebener, scharf formulierter und eindeutig be- 
nannter Gesetze zu verstehen, so ist er (Freud) „ein Verwandiungskünstler 
ersten Ranges. Denn die Umsetzungen und Ersatzauswege, die eine Analyse 
findet {die also da sind, es wird nicht bestritten, daß sie gefunden sind), 
„lassen schließlich das Harmloseste (z. B. das Ideal des Ewig -Weiblichen) 
„als irgendwie verkappte sexuelle Wünsche erscheinen". Was ja dem Harm- 
losen nichts schadet, weil die sexuellen Wünsche selbst dem Psychologen 
recht harmlose „Naturphänoraene sein dürfen. Die Chemiker sind eben- 
solche Verwandlungskünstler; aus einer Anzahl von Elementen bauen sie 
die Welt auf, und das berauschendste Parfüm erweist sich als verkappte 
Substanz sehr verdächtiger Niedrigkeit. Da ist Spranger ein anderer Ver- 
wandlungskünstler, unter seiner tiefen Feder wird das Niedrigste hoch und 
total. „Die Motive für diese eigenartige theoretische Verwirrung", nämlich 
die Freudsche, „sind leicht zu erkennen, Ist auch der physiologische Ma- 
terialismus bei Freud überwunden; es bleibt ein psychologischer Materialis- 
mus bestehen" (131). In Sprangers Mund ist diese Feststellung ein Vorwurf. 
Aber es fehlt der Erweis, daß nicht gerade diese Betrachtungsweise die 
richtige ist. Dieser Erweis reduziert sich auf die nicht sehr tiefe Bemerkung: 
„Die stillschweigende metaphysische Voraussetzung ist diese: das Vorhanden- 
sein des sexuellen Triebes ist selbstverständlich; alle anderen müssen erst 
verständlich gemacht werden. Allerdings ist dies die metaphysische Vor- 
aussetzung der Psychoanalyse. Nur ist der Psychoanalyse das Wort Trieb 
ernsthafter als Spranger. Das Vorhandensein der Triebe ist ihr in gewissem 
Sinne selbstverständlich. Sie kennt deren zwei, die Sexualtriebe und die — 
wie Spranger so richtig findet nicht glücklich als solche bezeichneten — 
Ichtriebe; (später Eros und Todestriebe). Was sie an ihnen „selbstverständlich" 
findet, hat sie umschrieben. Nicht: „alle anderen Triebe müssen aus ihnen 
verständlich gemacht werden , sondern gewisse, nicht ursprüngliche Ver- 
haltungsweisen müssen aus den ursprünglichen, den „selbstverständlichen" 
verstanden werden. Und tatsächlich ist das komplizierte Sexual- und Eros- 
verhalten, das Spranger an den Jugendlichen so sehr Hebt, daß er es gegen 
die „Angriffe" der Psychoanalyse, die es als „Sublimierung" erklärt, ver- 
teidigt, kein ursprüngliches, kein selbstverständliches. Sondern es ist zu er- 
klären als eines, das unter bestimmten Gegebenheiten sich aus dem ur- 
sprünglichen entwickelt. „Diesem Zwecke sollen nun die seltsamen Energie- 



Dia: }it:Ljligt-- PAycln>U»BH.' der rixncrtät 33 

transformationen dienen, von denen wir gehört haben." Die Energietrans- 
formationen wurden bei dem Bemühen entdeckt, höchst seltsame psychische 
Gebilde, wie Traum, Neurose, Perversion, den „Menschen mit seinem 
Widerspruch zu enträtseln. Die Seltsamkeit der Tatbestände ist wieder 
kein Vorwurf, der die Theorie trifft, sondern ein Faktum der Erlebnisweise 
jener Jugendlichen, die unter erotischen Erlebnissen Weltgedichte kom- 
ponieren und dabei vergessen, daß eine wissenschaftliche Theorie immer 
seltsam ist, verglichen mit den ästhetisch oder ethisch erlebten Objekten 
der Theorie. Wie seilsam ist doch die Theorie, eine rote blühende Rose und 
stinkende Algen besäßen dieselbe Stibstanz und Zellenform. Weniger seltsam, 
mehr tückisch ist die fortsetzende Bemerkung: „Der Hörer aber soll dabei 
die Beruhigung empfinden, daß die sogenannten höheren Triebe als .bloße' 
Sublimierungen doch auf die primären zurückgeführt werden können." Da 
sind die Sprangerschen Hörer freilich andere Kerle. Sie empfinden Be- 
ruhigung, wenn man ihnen klarmacht, und zu diesem Zwecke vorher die 
Psychoanalyse verballhornte, daß der Sinn des körperlichen Zeugungsaktes 
sich im idealistischen Erleben erfülle. Aber daß es einen Forscher geben 
könnte, der weder die Beruhigung des Zynismus noch der Ethik seiner 
Hörer beabsichtigt, wenn er ihnen die Befunde seiner Denkarbeit vorlegt, 
scheint Spranger unfaßbar, und er will nicht begreifen, daß Sublimierung 
ein dynamischer Begriff der Seelentheorie ist, wahrend das Wörtchen „bloß , 
das er in Anführungszeichen setzt, weil es kein Zitat aus Freud ist, eine 
Bewertung ist, und zwar die Wertung, die ein beleidigter Ethiker den rein 
psychologischen Feststellungen und Annahmen unterschieben muß, soll er 
eine Möglichkeit haben, entgegen seiner intellektuellen Einsicht, die Trennung 
zwischen Erotik und Sexualität, die ein Postulat seiner inneren Situation 
ist, als Postulat der Ethik zuerst, als Befund der Psychologie sodann (durch 
die Also-Methode) festzuhalten. 

So sehr aus allem Gesagten deutlich wurde, wie Sprangers Auffassungen 
den Boden psychologischer Betrachtung an beliebiger Stelle, je nach den 
religiösen, ethischen, metaphysischen Bedürfnissen, die Befriedigung ver- 
langen, für eine Weile verlassen, um an beliebiger anderer Stelle zu ihm 
zurückzukehren, hieße es doch, ihm und seiner Betrachtungsweise Unrecht 
tun, wollte man sich nicht vor Augen führen, daß er sich die Berechtigung 
zu solchem Verhalten, aus einer methodischen Erörterung heraus zu geben 
versucht. Sein Prinzip der Deutung aus übergeordneten Sinnzusammen- 
hängen ermöglicht solche — wie uns scheint — wenig wissenschaftliche 
Abschweifungen, und ermöglicht zugleich, sie mit einem Anschein von 



jj Sifgined BcTiifcId 



Wissenschaftlich keit zu unternehmen. Diesen Anschein gewinnt das Ver- 
fahren, weil es ein wirkliches Problem der Psychologie angreift, und zu- 
dem eines, an dem die Psychologie — auch die Psychoanalyse — zu rasch 
vorbeigegangen ist. So daß von ihm aus eine Kritik der Psychologie möglich 
ist, und jede Lösung wünschenswert erscheint. 

Spranger sieht — mit der Psychoanalyse — keinen Weg, die bewußten 
psychischen Phänomene aus sich heraus zu verstehen; er lehnt — eben- 
falls eines Sinnes mit der Psychoanalyse — die Möglichkeit ab, die psychi- 
schen Erscheinungen aus physiologischen Prozessen irgend einer Art zu 
verstehen. Freud hat in dieser Situation den Versuch gemacht, die Deutung 
der bewußten Erscheinungen aus dem Unbewußten zu geben und damit 
eigentlich erst Entwicklungspsychologie konstituiert, denn das Unbewußte 
ist das Resultat der individuellen Entwicklung, wie sie unter dem Zusammen- 
treffen phylogenetischer Faktoren und eines bestimmten von außen ein- 
wirkenden Schicksals wurde. Spranger anerkennt diesen Weg durchaus. Er 
geht ihn selbst unzählbar oft (freilich in jener unmethodischen Weise, nach 
der die Deutung aus dem Unbewußten wie Apercu oder Bild erscheint, 
unverbindlich sein mag, jedenfalls durch nichts begründet ist.) Aber neben 
diesem Weg fordert er einen anderen: „Wichtiger ist, daß die individuelle 
Seelen struktur selbst eingelagert ist in größere Sinnstrukturen, die vom 
Naturzusaramenhang bis in den objektiv geistigen Zusammenhang der 
geschichtlich-gesellschaftlichen Welt hinaufreichen" (ii). „Die Einzelseele 
ist von vorneherein verschlungen in den objektiven Geist . . . Der objektive 
Geist ist eine überindividueUe Struktur, ein überindividueller Sinn- und 
Wirkungszusammenhang . . . , er ist vor jedem einzelnen Individuum und 
bedeutet für jedes einzelne einen vorgefundenen Komplex von Lebens- 
bedingungen und richtunggebenden Faktoren . . . alles objektiv geistige 
Leben ist getragen von der Gesellschaft und historisches Produkt ihrer 
Schicksale. Man kann den Einzelmenschen nur verstehen, wenn man ihn 
überall in die Verflechtung mit einer Gesellschaft hineinstellt, mit der er 
verbunden ist durch Wechselwirkung und Solidarität, durch Empfangen 
und Geben, durch Suggestion und Nachahmung, durch Führen und Geführt- 
werden ... Es muß ganz allgemeine und ewige Sinnrichtungen geben, 
wenn besondere zeitliche Ausprägungen der Sinnenzusammenhänge ver- 
standen werden sollen. Diese ideenhaften Richtpunkte sind die beiden — 
sich gegenseitig fordernden — i) der totalen Lebenseinheit, 2) der inneren 
Differenzierung dieser Einheit nach bestimmten Sinnrichtungen, die immer 
erfüllt werden müssen, wenn überhaupt geistiges Leben sein soll. Wo 



Die heutige Psyciiologi« der Pubertät 35 

alle diese gesonderlen Sinnrichtungen in der geistigen Lebenseinheit zu- 
sammentreffen, liegen die religiös -ethischen Werte: die religiösen Werte 
ausdrückend den höchsten Sinn der Welt; die ethischen Werte ausdrückend 
den höchsten Sinn des personalen Lebens; jene in Beziehung auf dieses 
und diese in Beziehung auf ein geahntes Weltganzes. Sofern sich das geistige 
Leben an dieser Werthierarchie ewig und überall orientiert und orientieren 
soll, bilden diese Werte in ihrer strukturellen Bezogenheit aufeinander den 
normativen Geist, der — bildlich gesprochen — über dem jeweils ver- 
wirklichten objektiv -historischen Geist richtunggebend schwebt" (15, 16). 

So wären wir denn glücklich beim Weltganzen gelandet, — bildlich 
gesprochen, — während wir auszogen, die Wirkungen der Gesellschaft, 
sei's denn: des objektiven Geistes, auf die seelische Entwicklung des Indi- 
viduums zu studieren. Aber gerade dieses bei Spranger ■ — wie es scheint 
— unvermeidliche Enden im All bringt uns in seinem umfangreichen Buch 
um jede konkrete Kenntnis dieser Beziehung und läßt seine methodische 
Forderung ein piiim desideratum bleiben. Es sei zu wiederholtem Male erklärt : 
ich leugne nicht, daß der Philosoph tiefe Befriedigung aus seinem Denken 
zieht und einem Publikum vermittelt. Ich bin nicht zuständig zu ent- 
scheiden, welchen Rang die Sprangersche Philosophie einnimmt, was an 
ihr originell, was an ihr zukünftig, wie weit sie naheliegende Fort- und 
Umbildung vorhandenen Gutes ist, wie weit sie Gesichtspunkte enthält, 
die bisheriges Philosophieren revolutioniert. Daß sie aber nicht psycholo- 
gische Wissenschaft ist, das ist gewiß. Und darum allein schon, weil sie 
sich um das Weltganze bemüht, weil sie sich und dem Publikum ästhe- 
tisch-religiöse Befriedigungen gewährt, die sie — wenigstens noch — nicht 
bieten kann, und daher nicht bieten darf. Die Psychologie hat sich lang- 
sam von der Philosophie befreit, sie hat aber kaum einige Jahrzehnte Zeit 
gehabt, noch im Befreiungskampf stehend, ihre eigene Basis zu gewinnen, 
als sie mit Haut und Haar der Physiologie verfiel. Sie hat eben jetzt 
begonnen, sich dieser neuen Gefangenschaft zu entziehen, sie macht die 
ersten Schritte, frei und selbständig, und schon soll sie tanzen und beten 
können, daß die Zuschauer erschüttert und erbaut sind; und da sie's nicht 
können kann und darf, soll sie schnell wieder der Philosophie ausgeliefert 
werden. Bildlich gesprochen. 

Die Ursachen dieser theoretischen Verirrung — wie Spranger sagt — 
sind leicht zu verstehen. Die Psychologie, so gut wie jede Wissenschaft, 
braucht ihre eigene Methode, und zwar Forschungsmethode, was nicht ganz 
das gleiche wie „Methode" aus dem I. Abschnitt Sprangers ist. Da nun 

3* 



56 Sipgfrieil BernU'Id 



einmal eingesehen ist, daß die Psychologie sich im Kreise um sich selbst 
bewegt, wenn sie die bewußten Phänomene aus bewußten erklärt, bedarf es 
einer Methode, die ihr Material schafft, mit dessen Hilfe sie die bewußten 
Phänomene erklärt, versteht, deutet. Dies Material aber können nicht Ge- 
danken des Psychologen über seine Erlebnisse, und nicht die bewußten 
Erlebnisse und die Gedanken über die von fremden Objekten sein. Denn 
dies wären wieder Phänomene derselben Kategorie. Also nicht Material 
dieser Art darf es in erster Linie xmd ausschließlich sein. Anderseits muß 
dies Material empirisch gewonnen und mit den Kriterien wissenschaftlichen 
Denkens und Forschens geprüft sein. Spranger hat keine solche Methode 
der Forschung. Er verwendet gelegentlich so gefundene neue Fakta. Gelegent- 
lich und in jeder Beziehung nach Bedarf. Uie Psychoanalyse — als For- 
schungsinstrument — ist solch eine Methode, die Material zur Deutung 
der bewußten Phänomene schafft, sie lehrt neue Fakta kennen. Und darauf 
kommt es nun einmal bei einem wissenschaftlichen Verfahren an. Ob die 
Psychoanalyse die einzige psychologische Lehre ist, die über eine solche 
eigene psychologische Methode verfügt, sei hier nicht entschieden. Jeden- 
falls ist ihre Methode am längsten, am mannigfaltigsten im Gebrauch, sie 
ist sorgfältig nach ihren Grenzen und Möglichkeiten geprüft und erwogen. 

Die zweite Stufe ihrer Entwicklung erretcht die Wissenschaft und ebenso 
die Psychologie, w^enn sie ihr Material unter dem Gesichtspunkt einiger 
einfacher Annahmen zu ordnen beginnt, die vor allem die Besonderheiten 
des neuen deutenden Materials berücksichtigen, und wenn sie versucht, es 
selbst zu verstehen, zu erklären und zu deuten, indem sie das anfangs 
deutende Material mit Beziehung auf diese Annahmen deutet. Es bildet 
sich eine Theorie. Spranger bietet keine solche Theorie. Die Psychoanalyse 
legt eine Theorie in ihren Annahmen über Natur und Schicksal der Triebe, 
im Begriff der psychischen Energie und ihrer Ökonomik vor. Hier mag 
noch vieles höchst unsicher sein. Es ist ein Anfang, und, soviel ich sehe, 
der einzige Anfang von Belang, 

In dieser Situation der Psychologie als Wissenschaft findet Spranger, daß 
eine Problemstellung übersehen ist, die nach den Einwirkungen oder Wechsel- 
beziehungen der Gesellschaft. Er findet, es sei die wichtigste Fragestellung. 
Dies ist sein gutes Recht. Wir überschätzen unseren eigenen Anteil an der 
Umwandlung des objektiven Geistes. Wissenschaftlich wäre, mit irgend- 
einer Methode, aber mit einer wissenschaftlichen (siehe oben) und der ihr 
entsprechenden Theorie, die ersten Schritte zur Klärung des neuen Problems 
zu tun. Eine stille und bescheidene, aber eine sehr nützliche Aufgabe. Das 



JJi*' lit'uti^i- Piy*-Iiolocif der Pubcrtüt ^7 

ist nicht Sprangers Verfahren. Und es ist wieder sein unbestrittenes Recht, 
zu verfahren, wie er für gut befindet. Wir aber dürfen — bei aller Be- 
scheidenheit — empfinden und sagen, daß er nicht Wissenschaft, nicht 
Psychologie betreibt, sondern Seelengemälde malt; und daß er den Auf- 
bau einer bescheidenen psychologischen Wissenschaft durch verfrühte Totali- 
tätsforderungen, durch unsichere Methodik und durch „tiefe Gedanken 
stört. 

5) U nxenntnis und ivüniineit 

Neben Tnmlirz, der unlheoretisch verfährt, und Spranger, dessen Theo- 
rien gewiß keine psychologischen sind, unternimmt Charlotte Bühler* 
den „Versuch einer Analyse und Theorie der psychischen Pubertät . Die 
Analyse, die Bühler gibt, ist zwar nicht sehr tiefgehend und die Theorie 
sehr einfach, beinahe dürftig, wenig ausgebaut und in vielen Punkten 
völlig unzureichend, während sie in anderen — nach meiner Meinung — 
sehr beachtenswerte Ansätze zeigt, aber man kann der Bühlerschen Theorie 
nicht vorwerfen, daß sie im wesentlichen außerpsychologischen Bedürfnissen 
dient. Auch Bühler verfällt der Versuchung, an entscheidenden Stellen päd- 
agogisch, sogar ethisch zu sein, aber sie versucht eine reinliche Scheidung, 
die ihr freilich nicht gelingt, und die gerade an den Problemen, welche 
die Psychoanalyse aufwirft, scheitert. Darum betrachten wir auch ihr Buch 
von dem Standpunkt aus, welclies ihre Stellung zur Freudschen Lehre ist. 
Und wir stellen vorweg fest : Bühler gehört zu der seltenen Art wissen- 
schaftlicher Schriftsteller, die zwischen der ersten und zweiten Auflage 
eines Buches neue prinzipielle Gesichtspunkte zu lernen vermögen. Leider 
gehört sie nicht zu der seltensten Gruppe, die imstande ist, dies Neu- 
gelernte auch als erlernt zu bekennen. 

Das Literaturverzeichnis der ersten Auflage kennt Freud nicht, immer- 
hin das „Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens". Freilich erhebt sie 
Einwände gegen dieses; „Das von Freud veröffentlichte Tagebuch benutze 
ich mit etwas Vorsicht, da mir niemals Ähnliches begegnet ist und es zwar 
merkwürdig gut zu seinen Ideen, aber nur schlecht zu meiner Kenntnis 
des normalen Mädchens in der Entwicklung paßt." Solche Vorsicht steht 
der Forscherin gut; sie sollte sie freilich auch dort anwenden, wo es sich 
um Tagebücher jrmger Mädchen handelt, deren Inhalt merkwürdig gut 

i) Dr. Charlotte Bühler: Das Seelenleben des Jugendlichen. Versuch einer Analyse 
und Theorie der psychischen Pubertät. Jena igaa. 



38 Siegfried BcrnltlJ 



ZU ihren Theorien und schlecht zu den Erfahrungen anderer Forscher paßt. 
Weniger kleidsam ist meines Erachtens für die Forscherin, daß sie sich „da 
vollständig Stern" C74) und anderen Protestkundgebungen anschließt. Und 
gar nicht muß man, wenn man schon das Bedürfnis fühlt, den Protest 
mit Argumenten zu versehen, eine profunde Unkenntnis der abgelehnten 
Anschauungen decouvrieren, wie Bühler sehr frischweg und harmlos tut: 
„Es gibt Jugendliche, die vor dem Einschlafen, wo ein kurzes Intermezzo 
lebhafter Bilder die Regel ist, von sexuellen Vorstellungen aller Art gepeinigt 
und doch gleichzeitig unwiderstehlich angezogen werden, und zwar wie es 
scheint, unter stärkerem Hervortreten sadistischer und masoch istisch er 7<üge. 
Bei den gesunden jungen Menschen sind das vorübergehende Schatten, 
die bei wachem Bewußtsein bedeutungslos geworden sind. Ich vermeide 
absichtlich das Freudsche Wort .verdrängt'. Um eine Verdrängimg handelt 
es sich hier meiner Ansicht nach gar nicht" (und natürlich niemandes An- 
sicht nach, am wenigsten Freuds. Er würde hier ganz gewiß das Wort „ver- 
drängt" absichtlich auch vermeiden. Doch scheint es ßühlers Ansicht von 
der Psychoanalyse zu sein, daß sie das Wort „verdrängt" niemals zu ver- 
meiden bereit ist), „sondern es handelt sich um rein periodische Zustände 
(einen Ausdruck, den ich vermeiden würde, weil er nich.ts sagt, am wenigsten 
einen Gegensatz zu der Auffassung verdrängt beinhaltet, was ja — fälsch- 
lich — Bühler als Freuds Erklärung des Phänomens unterschiebt). „Daß sie 
im kranken und überreizten Bewußtsein überhandnehmen und dann aus 
erwachendem Schuld- und Schamgefülil einen Akt der Verdrängung pro- 
vozieren können, bleibt dabei unbestritten. (Es bliebe aber noch deutlich 
zu machen, warum das nicht im gesunden Bewußtsein auch der Fall sein 
könnte, und inwieweit nicht das überreizte Bewußtsein in der Pubertät das 
Normale ist.) „Aber was dem Psychiater immerhin alltäglich unter Kranken 
sein mag, ist darum noch längst nicht eine alltägliche normale Erscheinung 
(gewiß darum noch längst nicht, aber Freud hat auch nicht behauptet, 
seine Funde gelten darum auch für den Gesunden, weil er sich an sie 
gewöhnt hat). „Hiermit ist gleichzeitig eine Stellungnahme zur Psychoanalyse 
angedeutet. Mag sie immerhin in maßvoller Anwendung eine Methode zur 
Behandlung seelisch Kranker sein" (was zu entscheiden Bühler, die nicht 
Psychiater ist, auch die Psychoanalyse nicht kennt, nicht befugt ist, wie 
sie wohl selbst anerkennt, aber dann wohl auch nicht befugt ist, durch 
„maßvoll" das indizierte Quantum von Psychoanalyse zu beurteilen), „als Er- 
ziehungsmethode oder Methode zur Analyse Gesunder halte ich sie direkt 
für verhängnisvoll und schließe mich da vollständig Stern und Lindworaky 



Die heutige Psycliologie der Pubertät Sg 



an." Mag immerhin diese Beurteilung für die Psychoanalyse als Therapie 
und für die psychoanal}'tischen Erziehungsmethoden gellen, so wäre doch 
interessant, auch ein kräftig kleingedrucktes Wörtlein über die Psychoanalyse 
als Psychologie zu hören. Dies ist wohl mit angedeutet in den folgenden 
Sätzen: „So wenig das Unbewußte Verdrängungsprodukt zu sein pflegt." 
Es gibt also immerhin ein Unbewußtes und es ist, wenn es das auch nicht 
pflegt, so doch gelegentlich Verdrängungsprodukt, und Frau Bühler drückt 
hier einen sehr schönen Gedanken in recht unzulänglicher Form aus, denn 
das Unbewußte ist tatsächlich bei Freud mit dem Verdrängten nicht identi- 
fiziert; und der näheren Überlegung der Beziehung beider hat Freud eine 
hübsche Anzahl von Sätzen gewidmet, und kommt nicht zu so einseitigen 
Anschauungen wie Bühler im folgenden Einschaltesatz; „— im gesunden 
Leben ist es meistens das Vorbewußte, Instinktive, aus dem die gefühls- 
sichersten Wertungen hervorgehen und in dem das Schaffen seine unerschöpf- 
lichen Quellen hat — so wenig kann eine Bewußtwerdung zweckmäßig 
sein. Sie bedeutet meist nur eine Verflachung des Erlebens und kann in- 
sofern .Afl'eklh eilung' sein." So wenig diese Schlüsse und Antithesen logisch 
sind, so wenig haben sie mit der Psychoanalyse als Psychologie zu tun, sondern 
noch immer mit ihr als Therapie, und noch weniger Kenntnis verraten sie, 
als eben durch die Lektüre der gegnerischen Schriften und heute bereits 
aus populärer Literatur zu erfahren ist. und ebensowenig sollte man sich 
in — immerhin maßvolle — Polemiken einlassen, wenn man Unbewußtes, 
Vorbewußtes, Verdrängtes nicht voneinander zu scheiden vermag. Die zwei 
noch übrigen Erwähnungen der Psychoanalyse vermögen an diesem Ein- 
druck, daß die Verfasserin über eine Lehre urteilt, von der sie nicht 
mehr erfaßt hat als den populären Sinn eines populär gewordenen Schlag- 
wortes (Verdrängung), nichts zu ändern; er wird durch sie nur verstärkt, 
So bringt S. 3 bereits die gründliche Erledigung der Psychoanalyse, lautend: 
„Von erfahrenen Ärzten wird versichert, daß die Jugendlichen der Kultur* 
kreise offenbar zwei Wellen bilden: getrennt und unmittelbar neben den 
kokettierenden, sexuell eingeweihten und sexuell bedürftigen gibt es zu- 
versichtlich Jugendliche, die in ihrer ganzen Pubertät niemals vom Sexual- 
leben Kenntnis erhalten, niemals sich damit befaßten und nur alle jene 
anderen Übergangserscheinungen erlebten, die man heute vielfach als Pro- 
dukt verdrängter Sexualität auffassen will. Dieser Deutung kann ich nach 
bisherigen Kenntnissen nicht beipflichten. Vielmehr gibt es zwei durcliaus 
normale Bedingungen sexualferner Pubertät: einmal geringere Trieb- 
stärke, infolge deren die Sexualität sich überhaupt nicht aktiv meldet. 



4o iSii'glrifd Bonilcld 



bis sie zu einem durchaus normalen Dasein geweckt wird, sodann lang- 
same Reifung, die ja bei allen Funktionen als etwas Normales bekannt 
ist." Man muß schon ungewöhnlich wenig von der Psychoanalyse wissen, 
um den Mut zu finden, so völlig windschiefe Bemerkungen über sie zu 
machen. Denn was mag die geringe Triebstarke und die langsame Reifung 
mit der Verdrängungslehre zu tun haben? Wenn nicht diese beiden Fakten 
das Resultat von Verdrängungen sind. Aber Biihler hat die Vorstellung, 
daß die Psychoanalyse eine Schülerarbeil ist; daß Freud niemals eingefallen 
ist, geringe Triebkräfte und langsame Keifung könnten zu dem gleichen 
Resultat führen, wie Verdrängungen, und es genüge, irgendeinen Einfall 
zu produzieren, um die Psychoanalyse zu erledigen. „Als ein Beispiel solcher 
vollkommener ünberührtheit berichte ich hier anmerkungsweise den Brief 
einer sechzehnjährigen Fortbildungsschülerin . . .", fügt hier Bühler eine 
lange Anmerkung an, die sie in der zweiten Auflage strich, da sie selbst 
erkannt hat, daß ihr Begriff von Unberührtheit von der Psychoanalyse be- 
stritten wird, oder daß wahrhaftig dieser Brief kein Beweis von Unberührtheit 
ist. Und den wir daher in seiner völligen, komischen Deplaciertheit nicht 
erörtern wollen. 

Die zweite Auflage ist in jeder Hinsicht verändert, bereichert und tat- 
sächlich beträchtlich verbessert. Auch in bezug auf die Stellungnahme zur 
Psychoanalyse. Die ablehnende Einstellung zum „Tagebuch eines halb- 
wüchsigen Mädchens" wird noch verschärft durch eine Begründung der 
Unglaubwürdigkeit. Der „kühnen Vermutung", es sei erfunden, schließt 
sich Bühler nicht an, „riskiere aber zu behaupten, daß die darin geschilderte 
Entwicklung schwerlich normal und als Quelle kaum zu verwerten ist" (47). 
Diese Behauptung ist gar nicht riskiert, denn unnormal kann man natür- 
lich ohne weiteres die Verfasserin des „Tagebuches" nennen. Die Frage 
bliebe offen, ob solches unnormales Verhalten nicht recht häufig ist, was 
nach meinen zufälligen Erfahrungen z. B. unzweifelhaft ist, und wie es 
zu verstehen ist. Ich halte das Tagebuch für ein Dokument jugendlichen 
Seelenlebens, ebenso wie die von Bühler herausgegebenen Tagebücher. Ich 
habe schon 1913 die Herausgabe solcher Dokumente gefordert und bin der 
Überzeugung, daß jedes Tagebuch, ungekürzt und Ireu publiziert, als Quelle 
zu werten ist. 

Freilich ist weder das im Psychoanalytischen Verlag erschienene, noch 
sind die bei Fischer von Bühler publizierten Tagebücher in dem Sinne 
Dokumente, den Bühler für ihre eigenen Publikationen annimmt. 'I'age- 
bücher Jugendlicher sind keine Quellen im Sinne historischer Quellen: 



DiC liciitigi- P.iyi-liologii- der Pufiertnt ^i 

d. h. es kommt bei ihnen ganz und gar nicht auf die Glaubwürdigkeit 
der Verfasser an. Und man kann sie nicht als Zeugen für Tatbestände 
führen, oder nur mit kritischer, methodischer Vorsicht, die in gleicher 
Weise gegenüber den glaubwürdigen Verfassern und Fakten wie gegenüber 
den unglaubwürdigen anzuwenden ist. Tagebücher sind durch bewußte und 
unbewußte Tendenzen entstellte Darstellungen, genau so wie Träume, 
Phantasien, Dichtungen Jugendlicher. Sie leisten uns; i) die Kenntnis des 
manifesten (also durch Tendenzen mannigfaltig entstellten) Fühlens, Wün- 
Sehens und Erlebens der Pubertät; 2) sind sie Quellen für die Deutung 
dieser Tendenzen und des durch sie entstellten psychischen Materials. Solche 
Deutung bedarf der Anhaltspunkte, deshalb ist ein Tagebuch als solches, 
ohne weiteres Material seines Autors von beschränktem Wert für die 
psychologische Erkenntnis des Autors, und man wird sich im allgemeinen 
begnügen müssen, es zur phänomenologischen Bereicherung zu verwenden; 
was darüber hinausgeht, kann nur den Wert von Annahmen und Kon- 
struktionen beanspruchen. Keineswegs aber darf man den Tagebüchern 
„glauben" — weder dem halbwüchsigen Mädchen noch dem jungen Mädchen 
— in dem Sinne, in dem es Bühler tut, die ihren Mädchen glaubt und 
daher dem Hug-Hellmuthschen nicht glaubt, was sehr ungerecht ist und 
auf einem methodischen Grundfehler beruht. Anderseits weii3 Bühler natüi- 
lich, daß die Tagebücher eine Deutung, d. h. eine Beziehung auf in ihnen 
nicht enthaltenes Material verlangen, und sie verbindet mit dem „Glauben' 
an ihre Quellen zahllose Deutungen, die über diese Quellen hinausgehen, 
indem sie sie z, B. als Belege für ihre Theorie des Ergänzungsbedürfnisses 
deutet. Aber diese Deutungen geschehen unmethodiscb nach Belieben, von 
keinerlei Prinzipien der Deutung gestört oder eingeschränkt. Dies führt zu 
wissenschaftlich recht angreifbaren Verhaltungsweisen, 

Ein Beispiel, das diesen Vorwurf belegt, und zugleich unser aktuelles 
Thema: Bühler und die Psychoanalyse betrifft, lohnt nähere Betrachtung. 
In ihm gestaltet sich die Verfasserin ein lustiges Quidproguo. Anschließend 
an die bereits bekannte Ablehnung der Erklärung durch „Verdrängung", 
bemerkt Bühler (ia8, 129): 

„In Tagebüchern werden gelegentlich ,verrückte' Träume und Träumereien 
berichtet und mit einigem Staunen oder einem unangenehmen Gefühl ver- 
merkt, aber selten mit nachhaltiger Wirksamkeit." Hier ist Buhler absolut 
gläubig. Weil der gelegentlich verrückte Traum nicht wiederkehrt, und der 
Tagebuchschreiber auch nicht weiter von einer Wirksamkeit berichtet, 
besteht diese nachhaltige Wirksamkeit für Bühler nicht. Das heißt enl- 



^a SiogfncJ BeriilKiJ 



schieden das glaubwürdige Tagebuch mit einem Notariatsakt verwechseln, 
die beide freilich Dokumente sind, aber von verschiedener Art der Glaub- 
würdigkeit. Das Beispiel lautet; „Jetzt will ich noch ein paar verrückte 
Träume hier aufschreiben. Ich träumte, daß ich beim Roehl (Schulfreund) 
wäre, der sagte mir irgend etwas von Geld und fing dann an, mich ab- 
zuküssen, und dabei durchströmte mich ein Gefühl von Wärme. Neben 
Roehl saß ein Herr, den ich aus der Ausstellung her kannte. — Ich wollte 
Roehl besuchen, und als ich zu ihm kam, zog er sich gerade zu einer 
Einladung an, wo er als Mädchen auftreten sollte. Ich mußte sofort wieder 
fort. Roehl und ich waren in einem riesigen, kalten und kahlen Zimmer, 
und er zeigte mir lange Gedichte, die er nachts im Bett gemacht hätte, 
auch sah ich sein Tagebuch, in dem fast alles in Versen geschrieben war." 
Zu diesem Tagebuchbruchstück meint Bühler neckisch: „Welche , Fund- 
grube* wäre das für den Analytiker! Was würde er hier alles herauslesen I 
Da ich wenig Hoffnung habe, Bühler zu überzeugen, könnte ich in Revanche 
sie necken und könnte fragen, warum sie Fundgrube unter Anführungs- 
zeichen setzt, ihr zeigen, daß dies nicht das Zeichen des Zitierens, sondern 
der Ironie ist, und mich sehr über sie lustig machen, daß sie so tiefe 
Deutungen über ihren Widerstand dem Analytiker ermöglicht und über 
die ihr unbewußten Motive ihres Sich-Lustig-Macliuns. Aber, da ich doch 
die HolTnung habe, einige Leser zu überzeugen, erkläre ich hier feierlich 
und im Elrnst, daß der Psychoanalytiker aus dieser „Fundgrube gar kein 
Gold „herauslesen" kann. Denn unsere Deutungen verlangen Deutungs- 
material, das über das zu Deutende hinausgeht. Wir brauchen unbedingt 
die Einfälle des Träumers zu seinem Traum, um über ihn irgend etwas 
aussagen zu können. Dieser Traum sagt über sich selbst nichts aus. Ein 
Analytiker, der soviel riskiert wie Bühler auf der nächsten Seite, konnte 
allerbesten Falles vage Vermutungen haben über dieses oder jenes Detail 
des Traumes, Vermutungen, die aber gerade das Individuelle nicht treffen 
könnten, und die überdies erst der Bestätigung bedürften, die uns wieder 
nur der Träumer selbst geben kann. Es tut mir leid, daß das Bild, das 
sich Bühler vom Analytiker gemacht, so völlig unzutreffend ist. Vielleicht 
korrigiert sie es durch Studium der Freudschen Schriften. Wir lesen hier 
nichts heraus. Höchstens werden wir uns sagen: wir wissen zwei Fakta, 
die über den berichteten Traum hinausgehen, und beide vom Träumer 
seihst: Erstens, daß er selbst den Traum für „verrückt" erklärt. Das heißt 
zweifellos, daß er ihn als einen bezeichnen will, mit dem seine Persönlich- 
keit nicht einverstanden ist, für den er nicht verantwortlich ist. Zweitens. 



'^ 



Die heutige Pjyclioiogie Jer Pubcrtnl ^5 

daß er ihn trotzdem für wert hielt, nicht allein gemerkt, sondern im 
Tagebuch vermerkt zu sein. Aber daraus läßt sich so gut wie nichts 
Konkretes schließen. Wir würden freilich nur wenig erstaunt sein, wenn 
sich zeigen sollte, daß der Inhalt des Traumes vom sonstigen Verhalten 
des Träumers recht weit absteht; wir würden ferner auf einen ziemlichen 
Widerstand des Träumers gegen den Versuch der Deutung gefaßt sein, und 
diese erst dann wagen, wenn wir mehr über den Träumer, sein Verhalten, 
seine Gedanken, den Traumanlaß usw. wüßten. Wollten wir den berichteten 
Traum deuten, ohne daß der Träumer seine Einfälle mitteilte, so müßten 
wir aus dem übrigen Tagebuch uns jene Stellen zusammensuchen, die wir 
als Einfälle" verwenden könnten. Es ist das ein Verfahren, das natürlich 
sehr beträchtliche Fehlerquellen enthält, aber das sich immerhin recht- 
fertigen läßt. Bühler selbst scheint es für einwandfrei zu halten, denn 
nachdem sie durch die neckische Apostrophe verraten hat. daß sie auch 
in der zweiten Auflage noch keine Kenntnis vom analytischen Verfahren 
besitzt, erklärt sie: „Und doch sind faktisch die Beziehungen von V. 
(dem Träumer) zu diesem Freunde sehr ruhige und kindliche. V". steht ihm 
sogar kritisch gegenüber und kommt bald sehr sang- und klanglos mit 
ihm auseinander." Für den Versuch der Traumdeutung sind diese Sätze 
von Wichtigkeit. Sie beinhalten, wie V. sein Verhältnis zu Roehl schildert. 
Man muß ihm nicht glauben, daß es wirklich so war; sondern so erschien 
es ihm selbst. Und weil der Traum von diesem Verhalten sehr weit ab- 
steht, wird er als „verrückt" bezeichnet. Für Bühler sind die von V. be- 
richteten Einstellungen nicht Fakten, sondern die faktischen Beziehungen. 
Dies aber selbst zugegeben, irrt sie sehr, wenn sie diese faktischen Be- 
ziehungen gegen das ausspielt, was nach ihrer Meinung der Analytiker 
„alles herauslesen" würde, sie teilt ja nicht mit, was sie in dieser Grube 
unter dem Anführungszeichen angeblicher Analjtikermeinung gefunden 
hat, es war jedenfalls unkindlich und unruhig. Aber in jedem Fall kann 
natürlich im Traum ein faktisches Verhalten durch ein nie stattgehabtes 
ersetzt sein; und unbewußte Gedanken, die der Träumer als seine nicht 
gelten lassen würde, können sich im Traum Ausdruck verschaffen. Vor der 
Deutung muß der Analjniker wissen, wie V. zu Roehl steht; es kann ihm 
gleichgültig sein, ob ruhig oder wild, die Fakta aber muß er kennen. 
Von diesen gibt Bühler noch ein Stück: „V. charakterisiert ihn unter 
anderen Mitschülern kurz nach dem Traumbericht zweimal folgendermaßen: 
, Roehl ist sehr hübsch, mein bester Freund, hat einen sehr anständigen 
Charakter, hat aber sehr viel Neigung zum unangenehm vornehmen 



^4 iSii-glnnl Bvi-iilcK! 



Herrchen. — Roehl ist ein Mensch, der eigentlich sehr anständig ist, aber 
er hat zuviel Freunde und Freundinnen, und diese haben ihn vollständig 
verrückt gemacht. Er ist sehr hübsch, zwar hat sein Gesicht etwas Mädchen- 
haftes, er weiß auch zu sehr, daß er hübsch ist, und bis vor kurzem hatte 
er absolut keinen Freund oder Freundin, den er wirklich gern gehabt 
hätte. Aber vorgestern las er mir eine Geschichte, die er gemacht hatte, 
vor, sie hatte ungefähr folgenden Inhalt: Ein Junge ist in den Ferien 
auf dem Lande und trifft dort ein Mädchen, das ihn durch ihr Auge 
zwingt, sie zu küssen. Am nächsten Tage sagte er mir, daß er der Junge 
gewesen sei.' Roehl ist mädchenhaft und redet schon viel vom Küssen 
und Dingen aus einer Welt, die den damals noch sehr kindlichen V. sehr 
erstaimen. Diese Zuge kehren im Traum wieder. Ich bin so kühn, weiter 
nichts wie dieses als Grundlage des obigen Traumes anzunehmen und die 
Ausgestaltung der Bilder im Traume der im ersten Erregungsbeginn stehenden 
Puberlätsphantasie zuzuschreiben, Weder verkappte Wünsche, noch ver- 
kappte Abwehr, noch sonst Geheimnisse enthält dieser Traum für den, 
der die Entwicklung von V. kennt . . . Die Freundschaft mit Roehl ist 
nur eine kurze Episode für V. Kurz vor diesen Träumen macht V. eine 
Überlegung über Freundschaft und Liebe, bei der Roehl noch gar nicht 
genannt wird. ,. . . Ich glaube, daß wahre Freundschaft oft Liebe ist. Aber 
während man einen Schuft lieben kann, so kommt bei der Freundschaft 
noch die gegenseitige Achtung. Deshalb ist Freundschaft nur unter An- 
ständigen möglich. Eichwald habe ich geliebt, nicht geachtet. Richter 
achtete ich nur. In der Erinnerung liebe ich ihn auch.'" Zu Eichwald 
macht Bühler in Parenthese die Bemerkung; „Dieser wird einmal als ge- 
meiner Schuft bezeichnet. Seine Sache hätte weit eher zu Traumen im 
Sinne der Analytiker Anlaß geben können, tat es aber nicht." Sic.' O Gläubig- 
keit! Weil V. solche Träume nicht berichtet, hatte er auch keine! Nein, 
so darf man Tagebücher nicht als Quellen für die jugendliche Forschung 
benutzen. Noch weniger darf man von „Träumen im Sinne des Analytikers" 
sprechen. Man verrät dadurch, daß man nicht weiß, daß die Analytiker 
nicht vom manifesten Trauminhalt, sondern von seinen latenten Gedanken 
sprechen, und man zeigt, daß man die Vorstellung der Provinzzeilungen von 
Psychoanalyse teilt, „im Sinne der Analytiker" sei ein Trauminhalt, der — 
unanständig ist. 

Bühler gibt also eine Deutung, die sie selbst kühn nennt. Ein Ana- 
lytiker würde nicht so kühn, aber etwas methodischer verfahren. Wir 
nehmen die Gelegenheit, dies analytische Verfahren an diesem Beispiel zu 



Dil* lii'uli^f PsyrliologiL- Jit Piilu'itiil J^ 

demonstrieren. Und hoffen zugleich 2u zeigen, was der rechte Glauben 
gegenüber Tagebüchern unserer Meinung nach ist. Die von Bühler auf- 
geworfene Frage ist, was man aus jenem Traum „herauslesen" kann. Wo- 
bei das Tagebuch an Stelle der „Einfälle" des Träumers stehen muß. Bühler 
selbst sammelt nun „Einfälle'" aus dem Tagebuch, in dem sie teils vor, 
teils nach dem Traumbericht niedergeschriebene Stellen aussucht, die dazu 
zu gehören scheinen. Das ist das richtige Verfahren, aber Bühler ver- 
wendet es nicht konsequent- Sie sucht aus, was sie brauchen kann zur 
Polemik gegen die analj-tische Windmühle, die sie sich errichtet hat. 
Methodisch wäre, konsequent zu verfahren, d. h. alle Tagebuchstellen 
zu verwenden, die sich auf den Traum beziehen können. Natürlich nicht 
nur jene, die sich auf Roehl beziehen, denn der Traum handelt nicht 
bloß von Roehl, es ist fraglich, wie weit er sich auf ihn überhaupt be- 
zieht. Die Vollständigkeit ist eine absolut nötige methodische Forderung, 
da ja auch dann längst nicht die wünschenswerte Menge Deutungs- 
material zustande kommt. Nicht alles Gedachte und Erlebte wird ins Tage- 
buch aufgenommen, sondern bloß eine Auswahl. Natürlich nicht eine zu- 
iallige Auswahl, sondern eine motivierte. Das ist der Glaube, mit dem 
wir an ein Tagebuch herantreten : Es stellt eine streng motivierte Auswahl 
des Erlebten dar; jedes niedergeschriebene und ausgelassene Wort hat seinen 
Sinn. Nur sind uns leider die Kriterien der Auswahl unbekannt; sie waren 
es auch dem Tagebuchschreiber. Wir werden die Fehler, die aus dieser 
Quelle fließen, nicht vermehren dürfen, indem wir noch eine willkürliche 
Auswahl treffen. Nirgends im Bühlerschen Buch sind Tagebücher in diesem 
Sinn verwendet, nirgends werden sie sorgfältig untersucht und das Ergebnis 
der Untersuchung mitgeteilt, sondern sie werden benutzt, um Belege für 
die Bühlerschen Anschauungen zu liefern, die freilich aus den Tagebüchern 
gewonnen sind, aber nicht anders, als daß diese Lektüre der Tagebücher 
der Verfasserin Eindrücke gab, die sie je nach ihren sonstigen eigenen 
Jugenderfahrungen und Fremdmitteilungen verarbeitete. Was ein impressio- 
nistisches Verfahren ist, durch das man niemals zu ernsthafter Analyse und 
Theorie der Pubertät gelangen kann. 

Der gedachte Traum ist Bühler nicht sehr wichtig, trotzdem sie zu sehr 
kühnen Behauptungen bei seiner Deutung gelangt, Er ist nur ein Detail 
und freilich ein typisches, wir wollen daher über die Unvoliständigkeit 
der „Einfälle**, die sie zur Deutung präsentiert, nicht rechten. Wir haben 
erklärt, ohne Einfälle als Analytiker nicht deuten zu können. Allerdings 
erweckt der Traum im Analytiker gewisse Erwartungen. Er würde sich 



j-^ äifgfiinl EiMiJi'l.! 



nicht wundern, wenn z. B. der Träumer, falls er nur alle seine Einfälle 
sagen wollte: zu den „langen Gedichten, die er nachts im Bett gemacht 
hatte", eine Reihe von sexuellen Symboleinfällen brächte, die vielleicht in 
tiefere Schichten führen könnten. Aber ohne Einfalle oder deren Ersatz 
diu-ch Tagebuchstellen ist unmöglich Konkretes auch nur mil einem An- 
schein von wissenschaftlicher Berechtigung zu sagen. Und vielleicht trifft 
sogar die Deutung des Analytikers ungefähr mit der Bühlers zusammen. 
Nur ist Bühler so kühn, auch eine negative Deutung sehr energisch zu 
behaupten. Mit welcher Methode wohl diese gefunden ist; „Weder ver- 
kappte Wünsche, noch verkappte Abwehr, noch sonst Geheimnisse enthält 
dieser Traum"? Nun, ich finde reichlich Geheimnisse. Man muß zwar 
nicht anspruchsvoll sein in den Ergebnissen, aber doch wohl in den Pro- 
blemen, Und ich meine, keine Geheimnisse enthält solch unbedeutende 
Tagebuchnotiz erst dann, wenn wir jedes Detail in Determination und 
Sinn verstanden haben, und wenn wir verstehen, was den Schreiber ver- 
anlaßte, gerade dieses Erlebnis gerade in dieser Form niederzuschreiben. 
Und von diesem letzteren Problem, das Bühler nirgends auch nur anmerkt, 
abgesehen, bleibt doch noch viel in diesem Traum völlig ungeklärt: Was 
ist z. B. mit dem Geld, von dem Roehl irgend etwas sagt; was mit dem 
riesigen, kahlen und kalten Zimmer; was mit dem Tagebuch in Versen; 
was mit dem Herrn aus der Ausstellung usw.? Es bedarf keiner Entschul- 
digung, daß Bühler diesen Details nicht nachgeht, es würde den Rahmen 
ihres Buches überschreiten. Aber es muß festgehalten werden, daß sie die 
Methode, die aus dem Tagebuch Forschungsergehnisse brachte, überhaupt 
nicht verwendet. Und es verlangt schärfste Ablehnung, wenn sie ohne jede 
Untersuchung erklärt, hier seien keine Geheimnisse mehr. Woher will sie 
wissen, ob nicht die sorgfältige Untersuchung des Traumes, trotz allem, ent- 
stellte Wünsche aufdecken würde? Wie kann dies geleugnet werden, wo 
doch Bühler selbst zugibt, daß dieser Traum wirklich Wünsche darstellt, 
gegen die der kindliche Knabe sich noch in heftiger Abwehrstellung be- 
findet? Und da es kaum die Wünsche sind, die deutlich im Traum aus- 
gesprochen sind, so dürften sie sich in diesen manifesten Bildern doch „ver- 
kappt" äußern. Die Verfasserin macht sich doch wahrhaftig die 'J'raumpsycho- 
logie zu leicht. Sie ist zu kühn. Fast so kühn wie jene Pseudopsycho- 
analytiker, gegen die ihre Polemik am Platze sein mag, die aber am besten 
im Namen der Psychoanalyse und nicht mit ihr zugleich bekämpft würden. 
Durchgreifend hat sich demnach das Niveau der Bühlerschen psycho- 
analytischen Kenntnisse nicht gebessert. Doch stellenweise. Im Literatur- 



Dif heutige Psycliolnglc Jer PuliertÖt J^ 

Verzeichnis z. B., in das (2. Aufl.) Freud eingezogen ist — mit dem Heft- 
chen: Über Psychoanalyse und mit den „Drei Abhandlungen zur Sexual- 
theorie . Viel ist das nicht, und wie gezeigt wurde, viel Kenntnis und 
Studium der Psychoanalyse verrät auch die zweite Auflage nicht. Dennoch 
hält sie sich für berufen, endgültig Stellung zu nehmen. Sie glaubt in der 
Frage Sexualität — Erotik „zwischen Spranger und Freud sachlich abwägend 
eine klare Position gefunden zu haben. Was Spranger im ,Eros' vorschwebt, 
ist Pubertät" (der erste Abschnitt der Pubertät in der Bühlerschen Termino- 
logie), „Adoleszenz" (der zweite Abschnitt der Pubertät) „im Anfangsstadium 
oder bei sehr hochkultivierter Entwicklung. Was der Gegenpartei" (in Wahr- 
heit ist Spranger die Gegenpartei, da es ja Freud bisher noch nicht einfiel, 
seine Begriffe gegen Sprangers Aufstellungen zu formulieren) „vorschwebt, 
ist durchschnittliche Adoleszenz, niemals aber gesunde, reine Pubertät. In 
ihr ist der seelische Drang noch erdenfrei, noch getrennt von allem Körper- 
haften, und wird als Sehnsucht erlebt". Merkwürdig, daß auch Bühler 
poetisch wird, wenn es gilt, die Beziehung zwischen Sexualität und Erotik 
wissenschaftlich zu beslimmen. trotzdem sie klarer und nüchterner als 
Spranger sieht, daß wenigstens für die späteren Jahre der Pubertät die 
Aufrechterhaltung der Erotik als einer Grundform des Erlebens, die nicht 
weiter ableitbar ist, unmöglich wird. Von einem Verständnis der Freud- 
Bchen Anschauung freilich ist sie weiter entfernt als Spranger. Ihre klare 
Position zwischen Spranger und Freud, im Grunde die Mollsche, lautet : 
„In der Adoleszenz haben die Triebe (Annäherungs- und Detumeszenztrieb) 
sich zwar zum Ganzen geeint, aber unsere kulturellen und wirtschaftlichen 
Verhältnisse verbieten eine sofortige Eheschließung nach abgeschlossener 
Reife und überlassen es der Selbstbeherrschung des einzelnen, wie er diese 
Wartezeit zubringt. Dieser einfachste Typus dürfte der am weitesten ver- 
breitete sein . . . Mit diesem Kampf des Adoleszenten beginnt das, was 
Freud Sublimierung nannte, die Bemühungen, das Triebhafte in Geistiges 
umzuwandeln, die Aufmerksamkeit auf höhere Ziele abzulenken und mit 
dem Streben nach ihnen die latente Kraft zu sättigen . . . Noch sind beide 
Triebwellen getrennt wie in der Pubertät, der Körperlrieb wird in gar 
keine Verbindung gebracht mit dem vom Annäherungstrieb gewählten, 
verehrten Objekt. Aber doch schon beginnt — und damit die Adoleszenz — 
der Körpertrieb sich mit dem Annäherungstrieb zu neuartiger Objektwalil 
zu verbinden. Und die reine Liebe der Pubertät wird ajs Hilfe zur Sub- 
limierung angerufen. Dies alles hat bereits Moll ähnlich aufgefaßt." (Also 
hat eigentlich Moll die klare Position zwischen Spranger und Freud ge- 



^■8 iSiogJrifJ BiTiiIfU 



funden?) Diese Erörterung ist uns interessant, nicht so selir, weil sie zeigt, 
wie Bühler von der Phänomenologie, die ein Jugendt>-pus aufweist, nicht 
loskann, trotzdem sie weiß, daß der verbreitetste anders strukturiert ist, 
und sie durch die Einschränkung : so sei es bei „reiner Jugend , die 
Kenntnis, daß diese Behauptung nicht die ganze Pubertät, sondern höchstens 
eine Verlaufsform trifft, durch eine ethische Einteilung entwerten möchte, 
obzwar doch kein Grund ist, warum psychologische Feststellungen nicht 
auch für „unreine Jugend" gelten sollten, Sie interessiert uns durch die 
Selbstverständlichkeit, mit der Freudsche Begriffe Objekt, Objektwahl, Sub- 
limierung verwendet werden ohne die Freudsche Prägnanz, nicht als wissen- 
schaftliche Begriffe, sondern als Worte der Umgangssprache. Freud nimmt 
das Wort Trieb als Grundphänomen der Psychologie ernst. Bühler verwendet 
Trieb als ein bequemes Wort zur Bezeichnung von Drängendem; plötzlich 
führt sie einen Körpertrieb ein. Das ist für sie beinahe eine stilistische 
Frage. Nicht aber für die Psychoanalyse, die versucht, eine Wissenschaft 
vom Seelenleben auf den Trieb als eines der — weiter für die Psychologie 
nicht ableitbaren — Grund phänomene aufzubauen. Und nur ein solcher 
Versuch mit diesen formalen Qualitäten verdient den Namen einer Theorie. 
Bühler antwortet auf Freuds Theorie, wie jemand sprechen würde, der 
unter Zelle eine Kloster- oder Gefängniszelle versteht und Schleidens Theorie 
von der Zelle als Baustein alles Lebendigen hörte, und nicht verstehen 
könnte oder wollte, daß Schleidens Zelle ein botanischer Begriff und nicht 
die vage Bezeichnung für kleines Zimmerchen ist. 

Dieses selbe Mißverstehen der Tatsache, daß Freud die Psychologie als 
Wissenschaft mit definierten Terminis und einigen wenigen Grundannahmen 
aufbaut, führt zu den schiefen Erörterungen (59) : „Trieb zur gegenseitigen 
Annäherung — das ist eine gemeinsame Wurzel vieler Bedürfnisse der 
Lebewesen, ein Trieb, der schon von Geburt an besteht. Durchaus nicht 
nur das sexuelle und erotische Bedürfnis gipfelt in ihm, vielmehr ist der- 
selbe Trieb die Wurzel auch aller" {bekannte Kühnheit Bühlers) „sozialen 
Bedürfnisse der Lebewesen . . . Wenn wir der Psychoanalyse hier nur einen 
Vorwurf machen, so ist es vor allem der, daß sie von der doppelten Wui7.el 
des Annäherungstriebes nichts zu wissen scheint und leichtfertig alles auf 
die sexuelle Seite schiebt," Hier ist Bühler entschieden der Vorwurf zu 
machen, daß sie das Wort Wurzel statt als Begriff der Entwicklungspsycho- 
logie als Bild nimmt und daher sich — und ihre Leser verwirrt, aber 
jedenfalls der Psychoanalyse Vorwürfe macht. Oben heißt es: Annäherungs- 
trieb ist die Wurzel von a) Sexualität + Erotik; b) von sozialen Bedürf- 



Die neutigo Psycliologie Jcr Piitcrtüt Ja 

nissen. Unten heißt es: Annäherungstrieb = a^ Sexualität + Erotik • bj so- 
ziale Bedürfnisse. Ferner; Annäherungstrieb von Geburt an. Hier ist bei 
aller Verniengung von Biologie und Psychologie doch zugegeben, daß die 
sexuell-erotischen Phänomene dieselbe Entstehung haben, wie die sozialen. 
Beides behauptet die Psychoanalyse und ist der Psychologie eben durch die 
Psychoanalyse bekannt und schmackhaft geworden. Der Unterschied zwischen 
Biihler und der Psychoanalyse ist nur: i) Freud nennt die Annäherungs- 
triebe nicht so, sondern anders. Und zwar im psychologischen Zusammen- 
hang Sexualtriebe, im biologischen Erostriebe. 2) Freud hat sich nicht 
damit begnügt, diese allgemeine Formel aufzustellen (die Bühler ja nicht 
einmal aufstellt, sondern einfach mit anderen Worten übernimmt, allerdings 
ohne vorheriges gründliches Studium und daher mit verwirrenden Entstel- 
lungen), sondern hat die Differenzierung der sexuell-erotischen aus der mit 
den sozialen gemeinsamen Wurzel, dem „Annäherungstrieb", sorgfältigst stu- 
diert. Oder wenn die zweite Formel richtig ist: den Anteil der sexuell- 
erotischen Wurzel im Sozialen sorgfältig untersucht. 3) Freud hat dieses 
Studium nicht an beliebiger Stelle abgebrochen und sich nicht gescheut, 
sein ihn selbst erstaunendes Ergebnis: daß der Anteil des sexuell-erotischen 
sehr beträchtlich ist, immer aufs neue zu prüfen und, den Regeln der 
empirischen Forschung entsprechend, schließlich selbst anzuerkennen. Leicht- 
fertig dürfte die am wenigsten zutreffende Vokabel für einen Gelehrten sein, 
der den Fragenkomplex, welchen Bühler in elf Sätzen erledigt, in elf Bänden 
Forschungsarbeit, zudem erstmalig, studiert hat. 

Aber, wie bezeichnet man das formale Verfahren, das Bühler richtig 
scheint, um dasjenige, was sie von Freud gelernt hat und das sie als 
integrierenden Bestandteil in der zweiten Auflage neu in ihre Theorie 
aufgenommen hat, ihren Lesern mitzuteilen? Bühler ist nämlich in die 
Reihe jener eingetreten, die erfreulicherweise die Freudsche Aufstellung 
der infantilen Sexualität im allgemeinen akzeptieren. Dieser bedeutsame 
Schritt über die offizielle Psychologie hinaus wird leider nicht ohne Mög- 
lichkeit der Erweckung von Mißverständnissen getan. Bühler sagt (S. 17): 
„Ich stelle die These auf, daß ein der Pubertät entsprechender Reifungs- 
prozeß in kleinerem Maße schon einmal in der Kindheit auftritt, und 
zwar zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr. Auf allen Gebieten 
funktionaler Umgestaltung habe ich Parallelen zwischen der Pubertät und 
dem dritten bis vierten Lebensjahr auffinden können, Sie häuften sich zu 
meinem eigenen Erstaunen von allen Seiten her zusammen, angefangen 
von der Parallele des ersten und zweiten Trolzalters bis zur Parallele ge- 



5o Sifglried Bciiili^ld 



steigerter Zuneigungseriebnisse und Affekte über mehrere andere Überein- 
stimmungen hinweg, die an Ort und Stelle zur Sprache kommen. Es muß 
also zwischen Babyalter und Kindheit in kleinerem Maßstab, daher weniger 
bemerkt, einen ebensolchen Schub und Abschnitt schon einmal geben, wie 
ihn die Pubertät später im großen zeigt. Es muß an diesem Zeitpunkt 
auch einen ersten Ruck oder ersten Anfang sexueller Entwicklung geben, 
eine kurz aufflammende Bewegung, die später verebbt und erst in der 
Pubertät wieder aufgenommen wird. So muß ich zu meinem Staunen auf 
Grund zahlreicher Beobachtungen an diesem Punkte mit Freud zusammen- 
treffen, den offenbar ähnliche, wenn auch leider nicht mitgeteilte Beob- 
achtungen zur Annahme eines ebenso datierten Entwicklungsabschnittes 
bewogen haben, wie später ausgeführt. Hiemil soll übrigens noch keine 
der sonstigen Freudschen Theorien und am wenigsten seine psychoana- 
lytische Methode akzeptiert sein." 

Es ist recht kühn, die Freudsche Lehre mit dem Satz einzuleiten: „Ich 
stelle die These auf. Vor fünfundzwanzig Jahren mochte jemand so schreiben 
dürfen, weil damals die Möglichkeit einer gleichzeitigen unabhängigen 
Entdeckung bestand. Auch heute noch ist solche unabhängige Nachentdeckung 
möglich ; man wird sich aber hüten müssen, sie als solche zu bekennen, 
dem eigentlich sollte ein psychologischer Forscher von Freud und seiner 
Lehre gehört haben. So viel über die reichlich unvorsichtige Formulierung 
der Tatsache durch Bühler, daß sie zwischen der ersten und zweiten Auf- 
lage einsehen gelernt hat, daß Freud mit den Aufstellungen der Drei Ab- 
handlungen recht hat. Ihre eigenen Beobachtungen bestätigen seine von 
ihr inzwischen im Original zur Kenntnis genommenen Befunde. Erstaunlich 
bleibt, daß Bühler sich so energisch dagegen verwahrt, auch sonst mit 
Freud gemeinsamer Anschauung zu sein. Wer erlebt hat, daß eine bekämpfte 
Theorie in ihrem wesentlichen Stück sich als richtig bewährt, wird nach 
dem ersten Staunen darüber, daß die anderen die Lehre bekämpfen, trotzdem 
leicht zu machende Beobachtungen sie besliiligen, doch wohl das Bedüifnis 
haben, zu prüfen, ob nicht noch mehr Richtiges an dieser Lehre ist, ob nicht 
die Methode, die zur Auffindung dieser Fakten und Thesen führte, wohl 
doch eine gewisse Brauchbarkeit hat, ob nicht die Ablehnung dieser Lehre 
und die Festhaltung der üblichen ihr entgegenstehenden einer Revision 
bedarf. Das wäre heute noch kühn und mutig und wird morgen schon 
selbstverständlich sein. Vielleicht wird Bühler, die zwischen 1922 und igaS 
soviel von Psychoanalyse gelernt hat, beinahe alles, was aus den zwei von 
ihr genannten Freudschen Schriftchen zu lernen ist, sich bald entschließen. 



Dil- lifiitigo Psychologie der Pubertät 



noch weitere Freudsche Schriften zu lesen: Damit sie nicht länger bei der 
Meinung bleibe, Freud habe ähnliche, wenn auch leider nicht mitgeteilte 
Beobachtungen gemacht wie sie, sondern bemerke, daß Freud seine Beob- 
achtungen reichlich mitgeteilt hat. Wir dürfen hoffen, daß die weitere 
Lektüre Bühler, und wäre es zu ihrem eigenen Staunen, weitere Über- 
einstimmungen mit Freud zeigen wird. 

^) Die Pädagogik 

W. Hoffmanns Buch' ist mehr vom Standpunkt des Pädagogen und des 
Jugendfürsorgers als dem des Psychologen geschrieben. Damm liegt auf 
„dem sechsten Kapitel über die soziale Reifung mit seinen Ausführungen 
über die historische und soziale Bedingtheit der Seelenstruktur geradezu 
das Schwergewicht der ganzen Arbeit" {V); Hoffmann ist wie Spranger 
führerisch eingestellt. Dies wird nicht allein in dem Abschnitt deutlich, 
von dem er es bekennt ; „eigens meinen jungen Freunden zum Danke 
habe ich das Schlußkapitel geschrieben (VI) über Jugendkultur". Zugleich 
versucht er — ähnlich Ch. Bühler — auf dem allzuschwachen Fundament 
eines einzigen Begriffs, dem Prinzip der seelischen Resonanz, eine einheit- 
liche Psychologie der Jugend, ja eigentlich der Psychologie überhaupt auf- 
zubauen. Wie wenig dieses Prinzip besagt, kann im Rahmen dieser Sammel- 
kriiik nicht nachgewiesen werden. Für unser Thema bietet Hoffmans Buch 
neben Spranger und Bühler, die geradezu Typen repräsentieren, keinen 
wesentlichen Beitrag. Doch gibt er ähnlich wie Tumlirz, auf einem anderen 
Niveau als dieser, Belege für das Maß, in dem die Psychoanalyse bereits 
in die Psychologie eingedrungen ist und für die Motive, aus denen von 
einem gewissen Punkt an den Freudschen Lehren die Gefolgschaft ver- 
weigert wird. 

Die neuen Gedanken, die die moderne Psychologie beherrschen, und 
die, soweit sie nicht direkt dem Freudschen Werk entstammen, doch zu 
einer großen Annäherung zwischen Psychoanalyse und Psychologie führen, 
sind auch in Hoffmanns Buch lebendig: „Das Ideal der Psychologie wäre, 
seelische Vorgänge möglichst vollständig nach gesetzmäßigen Abhängigkeiten 
(Determinationen) zu ordnen" (5). „Die Beobachtung der jugendlichen Ent- 
wicklung hat es nahegelegt, die Triebhandlung als fundamentale Form 

i) Dr. Walter Hoffmaiin, Die Reifeaeit. Probleme der Entwickhingspsychologie 
und Sozialpadagogik. Leipzig 192!- 

♦• 



Sicglriod BeriifflJ 



alles WoUens anzusehen ... Es wird damit nichts gewonnen, daß man für 
jeden besonderen Inhalt des Wollens einen eigenen ,Trieb' annimmt. So 
wird von einem Spieltrieb, einem Kampftrieb, einem Wissenstrieb ge- 
sprochen. Diese Art, das Seelenleben nach Bedarf in Triebe zu zerfasern, 
bedeutet doch nur eine Neuauflage der Lehre von dem , Seelenvermögen' " (lo). 
„Die theoretische Aufgabe ist erfüllt, nachdem die Bedeutung der im 
seelischen Unterbau verlaufenden Prozesse klargestellt und auf die all- 
gemeine Gesetzmäßigkeit der Resonanz zurückgeführt worden ist" (28). 
„Überblickt man das Gesamtbild der geistigen Reifung, so ist es gekenn- 
zeichnet durch ein Übermaß an seelischen Konflikten . . . Konflikte be- 
deuten Dissonanzen im seelischen Unterbau und jede Dissonanz stört die 
seelische Einheit, die sich als Ich-Bewußtsein spiegeh" (107). 

Für Hoffmann sind solche Gedanken nicht gelegentlich berührte Hilfen, 
sondern sie sind die konsequent durchgeführten methodischen Grund- 
anschauungen seiner Psychologie. Nur daß sein Begriff vom Trieb und der 
Triebhandlung unsicher und blaß ist, völlig unzureichend, um die Welt 
des Trieblebens zu ordnen und zu erklären, und die allgemeine Gesetz- 
mäßigkeit im seelischen Unterbau, das Prinzip der Resonanz, kein Funda- 
ment für eine umfassende Entwicklungspsychologie ist. Man wird aber gerne 
zugeben, daß in diesen methodischen Gedanken Elemente einer wissen- 
schaftlichen Psychologie enthalten sind. Ungeduldige Einbrüche einer außer- 
vrissen schaftlichen Weltanschauung verderben jedoch an allen für die 
Jugendpsychologie entscheidenden Punkten das wissenschaftliche Konzept. 
Und zwar ist es auch bei Hoffmann immer wieder Auseinandersetzung mit 
der Psychoanalyse, die sonst verborgene Werteinm engungen decouvriert. 

So heißt es : „Hierin finden die von der psychoanalytischen Schule 
benutzten symbolischen Deutungen ihre wissenschaftliche Grundlage; nur 
darf man nicht verkennen, daß sie Resonanzerscheinungen bei kranken 
Seelen betreffen . . . Die psychoanalytische Schule braucht sich nicht zu 
wundern, wenn bei einem normal veranlagten Seelenleben die Zumutung, 
sich auf solche krankhafte Resonanzerscheinungen einzulassen, lebhaft 
widerstrebende Affekte auslöst. Das ist eben in diesem Falle ein Zeichen 
von Gesundheit" (25). Eben. Punktum. Und woher bezieht dieses Diktum 
seine Überzeugungskraft ? Schwerlich aus den wissenschaftlichen Gewiß- 
heiten, die mit den Worten krank und gesund verkündet werden. Die 
Psychoanalyse hat die banale und naive Bedeutung dieser Worte sehr be- 
trächlich erschüttert, die Grenze zwischen beiden als viel undeutlicher und 
komplizierter erwiesen, wie populärem Meinen entspricht. Die wissen- 



Die heutige PiycKologie der Pubertät 53 



schaflliche Selbstgewißheit des Wortes gesund gegen die Psychoanalyse als 
Argument zu verwenden, ist etwa vom Rang des Einwandes; „Wie töricht 
die Anschauungen der Astronomie über die Große der Fixsterne sind, er- 
weist sich aus ihrer jedermann in sternenklarer Nacht sichtbaren Winzig- 



keit l" 



Aber man muß sich nicht in die Problematik der Wertungen Gesund — 
Krank begeben, um auch an Hoffmann die gründliche Wissenschaftlich- 
keit unserer Jugend psych ologen aufzudecken. Mit der Libidotheorie vermag 
sich Hoffmann nicht ganz zu befreunden, obwohl er manchen wichtigen 
Tatbestand und einzelne Gesichtspunkte wohl akzeptiert. Seine Einwände 
sind stellenweise durchaus erwägenswert, z.B.: „Aber von dem Freudschen 
Standpunkte aus werden doch alle anderen Gebiete des Seelenlebens, denen 
beim Gesunden eine gleiche Bedeutung zukommt, in zu weite Feme ge- 
rückt. Insbesondere geraten die Beziehungen zur Außenwelt außer Sicht- 
weite, und so erklärt es sich, daß eine Analyse des Vorstellungslebens jenen 
Theorien (seil. Adler und Freud) fehlt, so daß mit .unbewußten Vor- 
stellungen' und symbolischen Deutungen ausgeholfen werden muß, die 
den wissenschaftlichen Kritiker befremden" {28). Gewiß hätte der wissen- 
schaftliche Kritiker sein Studium der Psychoanalyse nicht mit Freuds „Ein- 
führung des Narzißmus beenden müssen, wie das Literaturverzeichnis aus- 
weist (353) ; er hatte sonst vielleicht entdeckt, daß die Psychoanalyse all- 
mählich auch diese Lücke — die tatsächlich bis vor etlichen Jahren 
empfindlich bestand — zu schließen bemüht ist. Doch fehlt uns einiges 
Zutrauen in seine Beiehrbarkeit, wenn der wissenschaftliche Kritiker auf 
Seite 115 sich zum gleichen Thema also vernehmen läßt: „Es ist unbedingt 
notwendig, zwischen sexuellen Reizen und Vorgängen auf organischem Ge- 
Mete und den erotischen Beziehungen auf seelischem Gebiete zu unter- 
scheiden, um aus jener schwülen hysterischen Atmosphäre" (id est Freuds 
Libidotheorie) „herauszukommen." Also nicht weil die Freudsche Theorie 
nicht ausreicht, das Vorstellungsleben zureichend zu erklären, sondern um 
einer peinlichen Atmosphäre zu entrinnen, darf man bestimmte Annahmen 
nicht als wissenschaftliche Hj-pothesen aufstellen. Und wenn sich diese 
Annahmen als Gewißheiten erweisen sollten, wäre es auch dann unbedingt 
notwendig, sie abzulehnen? Ist das Entrinnen aus jener Atmosphäre oberstes 
Erkenntnisziel der Psychologie? 

Hoffmann bemüht sich unzweifelhaft — und nicht allenthalben ohne 
Erfolg — um Psychologie als Wissenschaft, Kap. V. „Die geschlechtliche 
Reifung" (114—165) aber stellt den Zusammenbruch dieser Bemühungen 



5^ Siiiglncd Btniii:lo 



dar. „Die Art des Stoffes hat es mit sich gebracht, daß sich bisher vor- 
wiegend Mediziner und namentlich Psychiater damit befaßt huben." Hoff- 
mann will dejn die Bemühungen des Psychologen hinzufügen, so scheint es, 
aber er flieht mit fliegenden Fahnen ins Lager der l'ädagogen. „Sexualität 
und Perversion nehmen leider heute in unserer Kultur einen so breiten 
Raum ein . . ." (116). „. . . wenn sie ausfallen, so würde eine zynische Auf- 
fassung des Geschlechtslebens die höchst unerwünschte Folge sein . . . (118). 
„. . . dieser natürliche Übergang zum Wirklichkeitsleben bietet sich in der 
Weise, daß der Jugendliche seine Aufmerksamkeit der Ausbildung und Pflege 
seiner Körperkräfte zuwendet. Turnen und Sport bringen also wiederum den 
nötigen Ausgleich . . / (ug)- Kein Wort über die Psychologie der Onanie, 
aber deren etliche über ihre Behandlung: „. . . Als wesentlich erscheint mir, 
den Jugendlichen darauf hinzuweisen, was er sich an echter Lebensfreude 
verscherzt . . ." (123). „■ ■ ■ ungetrübte Jugend . . ." {15) usw. Die Päd- 
agogik ist gewiß eine interessante Angelegenheit, wenngleich eine höchst 
problematische. Aber sie hat Psychologie zur Voraussetzung. Hoffmanns 
Sexualpädagogik ist in ihren wesentlichen Gedanken nach meiner Meinung 
sehr beachtenswert, sie folgt nur leider nicht aus seiner Sexuolpsychologie, 
sondern sie steht an deren Stelle; und so nimmt sie ihr im eigentlichen 
Sinne des Wortes den Platz weg. Der wissenschaftliche Kritiker sollte be- 
fremdet sein von diesem Verhalten, das er mit den anderen Jugendpsycho- 
logen völlig gemeinsam hat. Insbesondere dürfte sich nicht mit dem An- 
spruch auf Wissenschaftlichkeil das sonderbare Quidproguo verbinden, das 
einige für die Psychologie der Jugendpsychologie interessante Seiten des 
Hoffmannschen Buches darbieten. F,r vertritt die pädagogische Ansicht, die 
sexuelle Frühreife müsse verhindert, die Sexualabslinenz bis weit in die 
Pubertät hinein aufrecht erhalten werden. Gewiß eine pädagogische Forde- 
rung und kein psychologisches Fakluni. Die Gegner „berufen sich in 
letzter Linie darauf, daß eine Verdrängung des Geschlechtstriebes xu hyste- 
rischen Erkrankungen führe. Sollte wirklich die geistige Höherentwicklung 
auf Kosten der Gesundheit gehen, oder sind es nicht wiederum die schwachen 
Naturen, die solchen Hochspannungen nicht gewachsen sind? Wir müssen 
daher" {!!) „kurz zu der Frage Stellung nehmen, wie die Erscheinung der 
Hysterie psychologisch zu deuten ist" {141). Folgen vier Seiten, die das 
„Rätselhafte der Hysterie" lösen: „Die Hysterie ist letzten Endes eine Auto- 
suggestion des Kranken" und diese Lösung gegen Freuds Hysterielehre 
sichern, um zu gipfeln: „Somit bildet die Erscheinung der Hysterie keinen 
Anlaß, von den vorgetragenen pädagogischen Grundsätzen abzugehen. Zu 



Die kcutige Pjycliolo^ic der Pubertät 



diesem tröstlichen Ende hätte man einfacher und redlicher (wissenschaft- 
licher) gelangen können ohne eine oberflächliche, schiefe und unrichtige 
Hysterietheorie von zweihundert Zeilen. Denn man kann so gut aus der 
Freudschen wie aus jeder wissenschaftlichen Hysterietheorie schließen „auf 
die Notwendigkeit, sexuelle Frühreife zu vermeiden, um das Kind nicht 
vor Konflikte zu stellen, denen es auf dieser Entwicklungsstufe noch nicht 
gewachsen ist". Ob die Hysterie Autosuggestion ist oder aus den kompli- 
zierteren Prozessen entsteht, die Freud nachwies, dem Pädagogen bleibt es 
unbenommen, die Forderung zu vertreten, das Kind sei vor Frühentwicklung 
seiner Sexualität zu schützen. Die Frage ist, vrieweit dies dem Pädagogen 
gelingen wird. Freuds Meinung ist: jeder Fall von Hysterie beweist, daß 
diese pädagogischen Bemühungen an diesem Individuum mißlungen sind. 
Die Aufstellung einer neuen Hysterietheorie schafft die Fälle nicht aus 
der Welt, zu deren Erklärung die alte aufgestellt wurde. Daß es verdrängte 
Triebregungen gibt, daß sie Neurosen zur Folge haben können, ■ — daraus 
folgt keineswegs, daß es keine Verdrängungen geben dürfe. Und wenn der 
Psychoanalytiker mißglückte Verdrängungen korrigiert, so vertritt er nicht 
die pädagogische Anschauung : die Kinder sollen sich sexuell ausleben. Sondern 
er verschließt sich bloß nicht der Einsicht, daß die pädagogischen Maß- 
nahmen nicht immer ausreichen, den erwünschten Idealeffekt dem Trieb- 
leben aufzuzwingen. Es ist schlimm genug, daß die Sexualpädagogik die 
Jugendpsychologie verdrängt. Ganz böse wird die Situation, wenn die ver- 
drängende Sexualpädagogik zu der grenzenlos optimistischen Art gehört. Als 
solche verrät sich Hoffmanns, in der folgenden Argumentation (die übrigens 
der anli psychoanalytischen Weltliterarur angehört): „Wenn man z. B. den 
Bericht Freuds über die Psychoanalyse eines fünfjährigen Knaben prüft, so 
sieht man, wie durch irgendeinen unglücklichen Zufall die Aufmerksamkeit 
des Kindes auf den „Wiwimacher" gelenkt worden ist und sich hieraus 
ein ganzer Komplex schmarotzender Ideen entwickelt hatte. Auch scheinen 
Erziehungsfehler vorgekommen zu sein . . ." (144). Gewiß waren da unglück- 
liche Zufälle und ganz gewiß waren da Erziehungsfehler, denn es gibt gar 
kein Kinderleben ohne jene und ganz gewiß keine Eltern und Erzieher, 
die nicht Erziehungsfehler machen. Ein Kind, bei dem Erziehungsfehler 
vorgekommen zu sein scheinen, als sonderbaren, nicht für das Normale 
maßgeblichen Fall betrachten, heißt den, einen wissenschaftlichen Kritiker 
mit Recht befremdenden, Standpunkt der Morgensternschen Philosophie ein- 
nehmen, daß nicht sein kann, was nicht sein darf. 

Nach alledem werden wir wenig erschüttert sein von dem Anathema, 



/ 

I 



56 Siegfried Bcriifcld 



das Hoffmann der Psychoanalyse im Namen der Wissenschaft zuruft: „Wer 
nicht zwischen Erotik und Sexualität unterscheiden kann, dem wird das 
Liebesleben stets ein Rätsel bleiben, denn es ist erfiUli mit Konflikten 
zwischen sexualer und geistiger Anziehung. Dann sieht man mit Freud 
selbst in den Äußerungen reinster Mutterliebe eine Befriedigung geschlecht- 
lichen Verlangens, und die Liebe eines alten Ehepaares wäre nur ein Kenn- 
zeichen der Altersverblödung. Wer wie Plato die geistigen Wurzeln der 
Liebe aufdeckt, wird von der Gegenseite als Heuchler gebrandmarkt. Waren 
aber nicht die Griechen in geschlechtlichen Dingen viel offenherziger wie 
wir? Glaubt man wirklich, ein Bild des geistigen Lebens zeichnen zu 
können, wenn man nur zwei Farben auf seiner Palette hat? Gewiß ist 
diese Schnellmalerei überraschend einfach, aber man hat keinen Grund, 
sich darüber zu beschweren, wenn die Wissenschaft das Bild nicht in allen 
Teilen für richtig anerkennt" {121). Gewiß ist diese Zauber- und Schnell- 
malerei, die in jedem Salz ein Faktum fälscht, überraschend, aber Hoff- 
mann hat keinen Grund, sich darüber zu beschweren, wenn man sein 
Bild von Wissenschaft in keinem Teil für richtig anerkennen kann. 

5) Überwundene Belastungen 

Eine der Thesen, derentwegen die ausführliche Kritik der angezeigten 
Bücher hier unternommen wurde, ist sozusagen eine wissenschaftshistorische. 
Die Psychoanalyse mit ihren neuartigen Gesichtspunkten, Methoden, Ent- 
deckungen und Hypothesen hat die Revolution, welche seit einigen Jahren 
das gesamte psychologische Forschen und Denken umwälzt, wenn auch 
vielleicht nicht erzeugt, so gewiß katalytisch beschleunigt und vertieft. 
Weder die Fakten, welche unsere Jugendpsychologen beschäftigen, noch die 
Theorien, die sie aufbauen, sind unbeeinflußt von der Psychoanalyse, ob 
diese nun bejaht oder verworfen wird. Im Gegenteil, sie weisen unverwisch- 
bare Spuren eines Kampfes mit Freud auf. Im Zusammenhang mit dieser 
Erörterung wird das kleine Buch von Th. Ziehen: „Das Seelenleben der 
Jugendlichen"' zu einem interessanten Beleg. Es ist eine Ausnahme und 
bestätigt die Regel gerade dadurch aufs trefflichste. Ziehen erwähnt Freud 
und die Psychoanalyse mit keinem Wort, er findet auch keinen Anlaß, sich 
anonym mit ihr auseinanderzusetien. Sein Buch gehört aber auch nicht der 
psychologischen Literatur unserer Zeit an , es ist ein sonderbares Relikt 

1) Langensalza 1925. 



iJit- Ikculttfe Piy*-'liQioi?ie ticr Pubertät 57 

aus dem längstvergangenen vorigen Jahrzehnt, Nicht etwa, daß Ziehen prüde 
wäre, und sich scheute, Sexualfakta anzuerkennen. Man ist eher erfreut zu 
sehen, daß er durch keine pseudo-platonische Philosophie getrübt, Tatsachen 
kennt und beim Namen nennt, die anderen lugendpsychologen den Verdacht 
psychoanalytisch-materialistischer Denkweise erwecken könnten. Zum Beispiel 
heißt es schlicht: „Die geschlechtlichen Phantasievorslellungen knüpfen in 
der Regel an irgendein geschlechtliches Erlebnis im allerweitesten Sinne 
an: das Kind beobachtet oder belauscht zu Hause einen Geschlechtsakt seiner 
Eltern oder . . ." (78). Schön sagt er es auch Sprangern: „Matthias hat die 
zunächst sehr ansprechende, freilich schwer beweisbare Vermutung aus- 
gesprochen, daß die idealische Richtung des puheralen Gefühlslebens eine 
biologische Schutzeinrichtung gegenüber der erwachenden Sinnlichkeil sei. 
Ich muß Sie aber daran erinnern, daß gerade bei solchen schwärmerischen 
Jugendlichen schwere sexuelle, und zwar onanislische Exzesse recht häufig 
'sind" {44). Aber ein wenig Offenheit in sexualibus ist noch lange nicht 
Psychoanalyse, am wenigsten psychoanalj-tische Psychologie. Von dieser ist 
Ziehen völlig unbeschwert. Höchstens dürfte man stutzig werden bei der 
Anmerkung: „. . . die Hysterie, die nach meiner Theorie gerade durch die 
abnorme Wirksamkeit latenter gefühlsbetonter Vorstellungen charakterisiert 
ist" {45). Doch heißt latent keineswegs unbewußt, und so fehlt wirklich 
jede Spur von Psychoanalyse — und zugleich jede Spur von Psychologie 
in irgendeinem heutigen Sinne. Dies wird aus einigen wenigen Proben 
genügend deutlich werden, 

„Drei ursächliche Momente wirken in der Regel zusammen, um das 
eigentümliche Seelenleben der Jugendlichen zur Pubertätszeit hervorzurufen. 
1) Die anatomische Weiterentwicklung des Zentralnervensystems, . . .; 2} die 
Reifung der Geschlechtsdrüsen . . .; 5) die meistens in die Pubertät fallende 
Umwälzung der Umwelt und Lehensbedingungen" (7}. „Resonders scharf 
tritt dies dritte Moment bei dem Volksschüler und der Volksschülerin hervor. 
Mit der Schulentlassung im vierzehnten beziehungsweise fünfzehnten Lebens- 
jahr erweitert sich der Lebenskreis ganz enorm . . . Nach der Schulentlassung 
erlebt der Jugendliche oft in einem Monat mehr, als er früher in einem 
Jahr erlebt hat . . . Nachlaß der Aufsicht, Strafen und Straffurcht treten 
zurück . . . Zufall der Verführung . , ." (14). Bei den höheren Schülern tritt 
„an Stelle der äußeren Erweiterung der Umwelt eine analoge innere. Durch 
die Lektüre zahlreicher Schriftsteller dehnt sich der Erlebniskreis der Phan- 
tasie ... in vielleicht noch höherem Maße aus als bei dem Volksschüler 
durch den Eintritt in das .wirkliche Leben'" (15). Es ist nicht unsere Auf- 



58 Bcnilcltl : Diu ln;ii(ijjr.> PsyclioUigii- di-i' I iinril.-il 

gäbe, diese physiologische und Vererbungspsycholagie als unfruchtbar zu 
erweisen. Aus ihrer Überwindung ist die moderne Psychologie entstanden, 
die auch jenseits der Psychoanalyse nichts mehr anzufangen weiß mit ab- 
schliei3enden Formulierungen wie die Ziehenschc: „Ganz allgemein können 
wir sagen: die Pubertät ist die Klippe, an der namentlich erblich belastete 
Individuen scheitern (ig). 

Freilich — so sehen wir an der Jugendpsychologie - — auch die modernen 
Psychologen sind vom Ursprungsland ihrer Wissenschaft der physiologischen 
Psychologie bei weitem noch nicht soweit vorgedrungen wie die Psycho- 
analyse, und sie haben noch viel wissenschaftlicher zu werden, um wirklich 
vorwärts zu kommen. Ganz allgemein können wir sagen: die Pubertät ist 
die Klippe, an der namentlich physiologistisch und weltanschaulich belastete 
Psychologen scheitern. 



/ 



INHALTSVERZEICHNIS 

Sdte 

i) Der Mcnsaien verstand 5 

[Dr. Otto Tumlirz: Die Reifejahre. I. Teil: Die seelischen Erscheinungen 

der Reifejahre] 

a) Die Pliilosopliie a3 

[E. Spranger: Psychologie des Jugendalters] 

3) Unkenntnis uwA Külinncit 3/ 

[Charlotte Bühler: Das Seelenleben d£s Jugendlichen] 

4) Die Pädagogik 5i 

[Walter Hoffmann: Die Reifezeit] 

5) überwundene Belastungeti 56 

l'I'h. Ziehen: Das Seelenleben der Jugendlichen) 



Von J_)r. Oieglried üernleld ersckien früliei im Iiiteruatjonalen 

"syckoaualy tisclieu Verlag : 

Vom (jemeiiiscnaltsleDen aer Jugeno. Beiträge zur Jugena- 
lorsdiung. 1^33. Halbleinen M. 12' — 



Inhall: Die Psydioaiinlyso in der Jugend lorsdiuilg (dc rnic] J). — Ein FrciiiiJülilcnkrcis 
(BiTnlcId). — Ein SJiülervi'reiii (GerliarJ Fiidis). — Ein RnitlipnliiiiiJ in einer SJnil- 
gcineinile (Willielm Hoffer). — „Ktiurrlniid." Vciüudi der Analyse eines Kinderspieluti 
(Crerkard Fudis). — Dit Initiation«ritCn der liistorisdicn BerufsÄti'iii Je (Erwin KoIiJi). 

Die einleitende Studie über die „Psychoanalyse in der Jugendforschung" ist eine 
sachHche und gedankenreiche Einordnung der Psychoanalyse unter die Wissen- 
schaften, deren Ergebnisse, soweit sie den unerwachsenen Menschen betreffen, 
wir als Jugendkimde bezeichnen. Es ist auch für den der Psychoanalyse nicht 
nahestehenden Erzieher äußerst anregend, sich hier auf neu erschlossenen und 
weiter zu erschließenden Pfaden der Jugendkunde führen zu lassen, die, hinaus- 
gehend über die gebundenen Maßmethoden, dem Ideal absolut getreuer und 
restloser Erfassung psychischer Phänomene zweifellos naher kommen. — Die 
Einzelarbeiten sind reich an analytischen Deutungen der jugendlichen Verkehrs- 
formen, als sexuell respektive homosexuell bedingt, die zum Teil auch für den 
Nichtanalytiker einer gewissen Wahrscheinlichkeit niclit enthehren. 

(„Schxveiz. Pädagog. Zcitschr.") 
Den Lehrer dürften besonders die Abhandlungen interessieren, welche direkt 
Schülerorganisationen, den „Klassengeist", die Freundschaften und die geheimen 
Schülerorganisationen betreffen ... Die letzte Abhandlung wird ganz besonders 
auch die Freunde der Geschichte und der Folklore anregen. 

(„Berner Schulblatt") 

Vom diditerisdien 5aiaflen aer JugeiiJ. Neue Beiträge 
zur JugendforÄcliung. 1924. Halbleinen M. 14' — 

lulialt: Die psydiologudic Literatur über Jaa diditiTisdie Sdiiilleii der Jiigeiitllidicn. — 
Das Diditcn eines Jugend Iitlieii, dnrgi^stellt nndi de.weri Si?ll)St:eugjiIs.iieii. — Plinntasie und 
B-calität ini tiedidit einer iSicbselinjolingeii. — ülier Novellen Jtiaendlidicr Diditcr. — 
DLer ein Alotiv ;ur Produktion einiger sntinsdicr Gcdidite. — Diu Erillingswerk nodi 
Selbst Zeugnissen. — Pliaiitasie Beispiele der Kinder und ilire Bcsieliung sur diditerijdieii 
Produktivität (Dr. \Villiclm HoIIerJ. — Ergebnis iiiiJ Aiilgnbeii, 

Die vorHegende Arbeit ist ein wertvoller Beitrag zum Problem der Psychologie 
der Pubertät, und zwar in erster Linie durch die Wiedergabe eines selir inter- 
essanten Materials von Dichtungen Jugendlicher . . . Besonders die Ausführungen 
über die Beziehungen seiner Fragestellungen zu dem Problem des künstlerischen 
Schaffens überhaupt zeugen von einer ungewöhnlichen Klarheit des Denkens 
und Sorgfalt der Vertiefung in das Grenzgebiet. 

(„Zentralhl. f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie") 

Neue Perspektiven für das Verständnis des Künstlers überhaupt . . . Auch dem 
nichtanalysekundigen Erzieher äußerst schätzenswerte Erkenntnisse zum Ver- 
ständnis der Jugend. („Schutreform" , BeraJ 



Oisypnos oder die Crrenzen der Erzienung. 1925. 
Geh. M. s'—, Ganzleinen M. 6jO 

Der geistreichste unter den Schülern des großen, genialen Sigmund Freud hat 
da den Pädagogen ein Büchlein gewidmet, das sie hoffentlich lesen und sobald 
nicht vergessen werden. Ich meinerseits glaube, daß seit langem im fragwürdigen 
Bereich der Pädago^k keine wichtigere Erscheinung zu verzeichnen war, als 
diese Schrift. Übrigens auch keine bei allem bitteren Ernst witzigere und ver- 
gnüglichere . , . Bemfelds zentrale These wird für manchen etwas Erschreckendes 
haben . . . Aber ob wir die Gedankengänge dieses merkwürdigen Büchleins nun 
als unverhoffte Bestätigung eigener Ansichten oder als unbequeme Störung des 
pädagogischen Burgfriedens empfinden: wir werden nicht an ihm vorbei können, 
nicht an ihm vorbei dürfen. So sei es denn nachdrücklichst empfohlen. 

(Gustav fVyneken im „Berliner Tageblatt'^) 
Das ist Tubaton gegen das Treiben befugter und weniger befugter Er^iehungs- 
künstler, die sich erschreckend vermehren und auf die Kinder stürzen. Ehedem 
versuchte man es mit strenger Er^ehung: Knüppeldick und Hungergurt feierten 
sadistische Orgien. Das ist nun ins Gegenteil umgeschlagen. Bände pädagogischer 
Zeitschriften werden mit dem Schlagwort: lieben und ermutigen angefüllt, so 
daß alle Tanten von Europa zu tun bekommen, um die Kinderchen zu er- 
mutigen, während Mutter die Suppe kocht . . . Ein geistreicher Beobachter der 
jungen Brut hat ein Buch herausgebracht, das er mit kühnem Mute „Sisyphos" 
nennt . . . Bemfeld sieht die Welt von einer Brücke, deren Köpfe auf Freud 
gestützt sind und auf Marx. Die bürgerliche GeseUschaft sieht er als einen Ozean 
der Lüge, auf dem die angeblichen Ziele der Erziehung treiben, wie verfaulte 
Schiffstrümmer . . . Bemfeld wird wohl recht haben, wenn er sich alles vom 
Gemeinschaftsleben der Jugend erhofft, w^omöglich ganz ohne Erwachsene. Man 
soll das Kind unter seinesgleichen aufwachsen lassen. Die rasende Pädagogik, 
die in die Herde der Kinder einbricht, um sich da auszutoben, — gleichgültig 
ob in Liebe oder in Haß — bleibt immer verdächtig, auch im Schafpelze . . . 
Erst wenn wir unsere Kinder in Ruhe lassen werden, erst dann ist das Jahr- 
hundert des Kindes gekommen. (Fritz Witteh im „Tag^) 

Selten sind die scheinbar so sicheren Grundlagen der Pädagogik so gründlich 
unterwühlt worden, wie in dem vorliegenden geistvollen Buche, das Eräehem 
von Beruf und Amt' dringend zu empfehlen ist, selbst auf die Gefahr hin, daß 
es energisch abgelehnt wird. („Zeitsckr.f. Sexualwissenschaft") 

Geistreiche Sachlic}ikeit und aimiulige Ironie. („Ostsee-Zeitung") 

Vielleicht der erste Versuch, mit biologischem Rüstzeug das Erziehungsproblem 
zu klären. Während bisher die Erziehung eigentlich als Kunst gewertet wird, 
wird hier der Versuch gemacht, sie exakt wissenschaftlich zu begründen. 

(„Zeitschr. f. Kinderforsckung") 

Bemfelds Buch ist natürlich, wesentlich und notwendig . . .Vollzieht in eigen- 
kräftiger Klarheit die Paarung oder besser: ^e Durchdringung Freud-Marx . . . 
Sezierarbeit am didaktischen Größenwahn. 

(Paul Oestreich in „Die neue Erziehung") 



Internationale Psydioanalytisfjie Bibliotkek 

BJ. XIX 



VerwranrloÄte J iigend 

xj'ie Psyoioanalyse in der iüirsorgecr-icnung 

Ztaa Vorträge lur ersten EiiiIüliruiLg von 

August Aicnnorn 

M!it einem Geleitwort von Prof. Sigm. Freud 

Geheftet M. 5»"—, Ganzleinen M. II' — 

Aus dem Geleitwort von Prof. Freud: »Von allen Anwendungen der Psychoanalyse 
hat keine so viel Interesse gewonnen, so viel HofTiiitngen erweckt und demzufolge 
so viele tüchtige Mitarbeiter herangezogen wie die auf die Theorie und Praxis der 
Kindereriiehung, Dies ist leicht zu verstehen. Das Kind ist das hauptsächliche Objekt 
der psychoanalytischen Forschung geworden; es hat in dieser Bedeutimg den Neuro- 
tiker abgelöst, an dem sie ilire Arbeit begann. Die Analyse hat im Kranken das wenig 
verändert fortlebende Kind aufgezeigt wie im Träumer und iin Künstler, sie hat die 
Triebkräfte und Tendenzen belenchtot, die dem kindlichen Wesen sein ihm eigenes 
Gepräge geben, und die Entwicklungswege verfolgt, die von diesem zur Reife des 
Erwachsenen führen. Kein Wunder also, wenn die Erwartimg entstand, die psychn- 
analytische Bemühung um das Kind werde der eriieherischen Tätigkeit zugute kommen, 
die das Kind auf seinem Weg znr Keife leiten, fordern und gegen Irrnnge» sichern 
will . . . Das vorliegende Bnch des Vorstandes A. Aichhorn beschüftigl sich mit einem 
Teilstück des großen Problems, mit der erzieherischen Beeinflussung der jugendlichen 
Verwahrlosten, Der Verfasser hatte in amtlicher Stellung als Leiter stiidtischer Für- 
sorg eaustalten lange Jahre gewirkt, ehe er mit der Psychoanalyse beknnnt wurde. 
Sein Verhalten gegen die Pflegebefohlenen entsprang ans der Quelle einer warmen 
Anteilnahme an dem Schicksal dieser Unglücklichen und wurde durch eine intuitive 
Einfühlung in deren seelische Bedürfnisse richtig geleitet." 

Durch die Bildhaftigkeit seiner Ausdrucksweise, durch eine geschickte Verbrämung 
der praktischen Fürsorgeergehnisse mit den theoretischen Erklärungen hat Aichhorn 
diesen zehn Vorträgen die Spannung von der ersten bis ziu- letzten Seite erhalten. 
Man hat wirklich das Gefühl, einen lebendigen Sprecher zu hören. („Soziale Arbeit'*} 

Wer sich für die Probleme der Verwahrlosung interessiert, wird an dem Buche von 
Aichhorn nicht vorübergehen können und die dort geschilderten Fülle eingehend 
studieren müssen. {„Preußische Ltkrtrxtitung" ) 



Internationaler PsyJioanalytisiiier Verlag 

AV^en VII, Andreasgasse 3 





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Wien 


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eodor Heik: Wie man 


Psydiologe-wiro 


VVÜneim Reim : Die ¥u n 


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^ur JTsyaiopatüOJogie 


und Ooziologie des Ge- 




scnleditslebens 


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EcKort V. O^aow: .Trimitive Jvunst und irsyaio- 




analyse. i^ine Otudie 


über die sexuelle Grund- 1 




läge der bildenden Künste der Naturvölker 


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Ferenczi: Bauiteme 


der Psydioaiialyse. 




I. ßano: T leorie. IJ 


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