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Full text of "Der Fall Levebvre. Analyse einer Mörderin"

Der 


rall -Lelebvre 




Zur Psychoanalyse 




einer JVLöroerin 


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Von 




jMarie Bonaparte 




Paris 




Internationaler 




Psycnoanalytismer Verlag 




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Sonderahdrud aus „Imago, ZeUsdxrift für Anwendung dei 
Psychoanalyse auf die Natur- und Geisteswissenschaften" 
(herausgegeben von Sigm. Freud). Bd. XV (i^a 9 ) 



I929 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Leipzig / VVien / Zürich 



1 



Aus dem Französischen übersetzt, von 

Dr. R. Loewenstein (Paris) 

Das französische Original erschien I<}2J in der „Revue Francaise de Psychanalyse* , 

I. Jahrg., Heft I („Le Cos de Madame Lefebvre") 



Alle Rechte, 

insbesondere die der Übersetzung, 

vorbehalten 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Druck: Christoph Heisscr's Söhne, Wien V 






.Der Tatbestand 

Die neuen biographischen Angaben sowie die Einzelheiten, durch die mein 
Bericht über den Kriminalfall Lefebvre von den Darstellungen im Verlaufe 
der gerichtlichen Untersuchung und der Verhandlungen sich unterscheidet 
verdanke ich Frau Lefebvre selbst. Ich konnte sie in Anwesenheit ihrer 
Verteidiger am 14. Januar 1927 im Gefängnis zu Lille besuchen und mich 
über vier Stunden lang mit ihr unterhalten. Sie wußte nicht, wer ich war; 
man hatte mich als eine Dame vorgestellt, „die sich für Psychologie inter- 
essiere" und die Absicht habe, über sie eine Studie zu schreiben. 

Frau Lefebvre, geborene Marie-Felicite-Elise Lemaire, wurde zu Fromelles 
(Departement du Nord) am 13. November 1864 geboren. Sie gehörte einer ehr- 
baren Familie wohlhabender Landwirte an ; ihr Vater, Charles-Francois Lemaire, 
besaß und bewirtschaftete mehrere Grundstücke. Ihre Mutter, Nathalie-Sidonie 
Waymel, stammte aus einer bekannten Familie des Departement du Nord. 
Zwei Jahre nach Marie wurde ihr Bruder Charles-Frangois geboren; weitere 
1 8 Monate später ihre Schwester Nelly. Eine letzte Schwester, Louise, kam 
im Jahre 1874 zur Welt. 

Die kleine Marie Lemaire wuchs auf dem Lande auf. Ihre erste Erinnerung 
bezieht sich auf ihre Großmutter väterlicherseits. Sie sieht sich als ganz kleines 
Mädchen — das Alter kann sie nicht genau angeben — neben ihrer Groß- 
mutter gehen, die sie vergöttert hatte. Der Großvater und die Großmutter 
verbrachten die letzten Jahre ihres Lebens im Hause ihres Sohnes Charles, 
des Vaters von Frau Lefebvre. Sie hatten dort eine besondere Wohnung, aber 
die Mahlzeiten wurden gemeinsam eingenommen. „Und niemals", sagt Frau 
Lefebvre, diesen Punkt betonend, „gab es Streitigkeiten, denn in meiner 



■1 



Marie Bonapnrte 



Familie war man unter gut erzogenen Menschen und man wußte, welchen 
Respekt und welche Rücksichten man seinen Ehern schuldig ist." 

Mit sechs Jahren wurde Marie Lemaire ins Kloster von Fournes in Pension 
gegeben. Sie scheint von diesem Kloster eine gute Erinnerung bewahrt zu 
haben. Es gab in diesem Kloster Kinder vom Lande; „die Damen" beschäftigten 
sich viel und individuell mit den Kindern. Frau Lefebvre erinnert sich nicht, 
eine Lehrerin oder eine Kameradin besonders geliebt zu haben. 

Die Sommerferien verbrachte Marie bei ihren Eltern. Sie verlor in den 
Jahren 1869 und 1870 ihre lieben Großeltern. Von da an scheint allein die 
Liebe für ihren Vater ihre Kindheit beherrscht zu haben. Sie preist seine 
Güte, spricht viel weniger von ihrer Mutter. Ihr Vater war streng, aber 
sehr gut. Ihre Mutter hingegen soll noch strenger gewesen sein. „Ließ man , 
wie sich Frau Lefebvre volkstümlich ausdrückt, „einen Furz schief los, so 
hat man es eher dem Vater gesagt, aber niemals der Mutter. Und der Vater 
sagte dann: Erzählt es ja nicht der Mutter!" 

Während der Sommerferien, die die kleine Marie bei ihren Eltern ver- 
brachte, spielte sie oft im Garten mit dem Bruder und der Schwester. Nelly 
hatte eine Puppe besonders gerne. Marie spielte selbst nicht viel mit Puppen, 
sie fertigte aber eifrig Kleider für die Puppen ihrer Schwester an. Die 
Kinder spielten hauptsächlich religiöse Zeremonien. Der kleine Charles war 
der Geistliche und hielt den Gottesdienst ab. Die Mädchen beichteten ihm, 
er las die Messe. Sie veranstalteten Prozessionen im Garten. Sie begruben 
umgekommene Hühnchen in Zigarrenschachteln in einem besonders dazu 
hergerichteten Friedhof, nachdem sie sie feierlich eingesegnet hatten, und 
errichteten auf ihrem Grabe kleine, mit Kränzen aus Gänseblümchen ge- 
schmückte Kreuze. 

Marie liebte es auch, die Bücher der „Bibliotheque Rose" zu lesen, 
besonders „Les Petites Filles Modeies", eine Erzählung, die sie durch die 
Absonderlichkeiten der bösen Mme Fichini, der Stiefmutter Sophies, begeistert 
hatte. Sie stellte mit ihren Geschwistern im Spiele Szenen dar, in denen 
diese Dame vorkam. Eine der Schwestern verkleidete sich, um sie darzu- 
stellen. 

Mit zwölf Jahren verließ Marie das Kloster in Fournes und kam zu den 
Bernardinerinnen in Esquermes in Pension. Da gab es mehr Pensionärinnen. 
Obwohl die Kinder einer höheren Gesellschaftsschicht angehörten, befaßte 
man sich weniger individuell mit ihnen. 

Bei der ersten Kommunion äußerte Marie den gewünschten Eifer, denn 
sie war von jeher gläubig gewesen. Sie erinnert sich nicht, eine besondere 






Der Fall LefeLvre 



mystische Krise in jener Zeit durchgemacht zu haben. Sie sagt einfach, sie 
hätte das erste Abendmahl „so wie es sich gehört" empfangen, so wie man 
es in einer Familie wie der ihrigen zu tun pflege. 

Kurz bevor sie dreizehneinhalb Jahre alt wurde, zur Zeit ihrer ersten 
Menstruation, begann Maries Gesundheit zu leiden. Sie bekam Diarrhöen, 
die sie unaufhörlich peinigten und die die ganze Zeit bis zum Regelmäßig- 
werden ihrer Menstruation andauerten. Die Überwindung ihrer Menstruations- 
störungen ging schwierig vonstatten und erfolgte erst in ihrem achtzehnten 
Jahre, bis dahin kamen Unregelmäßigkeiten und Ausbleiben der Periode, 
nicht selten fünf bis sechs Monate lang, immer wieder vor. Ihr seelisches 
Gleichgewicht war beträchtlich gestört; das junge Mädchen war ohne sicht- 
baren Grund traurig geworden und hatte aus scheinbar geringfügigen 
Gründen Weinanfälle, z. B. „wegen einer gewöhnlichen Bemerkung, die 
Mama machte . 

Mit sechzehneinhalb Jahren kehrte Marie aus der Pension zu ihren Eltern 
zurück, die seit zwei bis drei Jahren in Fournes lebten. Sie blieb dort bis 
zu ihrer Heirat. 

Im Jahre 1888 heiratete sie Guillaume Lefebvre, Bierbrauer in der 
Rue de Lannoy in Roubaix. Es soll schon von früher her eine Verwandt- 
schaft durch Heirat zwischen den Familien Lefebvre und Lemaire bestanden 
haben. Durch die Heirat und Vereinigung ihrer Güter kamen Guillaume 
und Marie zu einem gemeinsamen Vermögen von einigen Millionen. Ihre 
Verbindung war also eine von den Eltern in die Wege geleitete Vernunft- 
ehe. 

Guillaume Lefebvre, geboren am 31. Juli 1854, war zehn Jahre älter als 
seine Frau. Als Marie heiratete, war sie über die Tatsachen, die das Ehe- 
leben mit sich bringt, gänzlich unaufgeklärt. In der ersten Zeit litt sie sehr, 
als sie der Wirklichkeit der körperlichen Beziehungen gegenüberstand, und 
obwohl sie sich nach und nach an sie gewöhnte, liebte sie nie die ehelichen 
Beziehungen und fügte sich ihnen anfänglich nur aus Pflicht. 

Sie wurde schwanger und litt während ihrer Schwangerschaft stark an 
verschiedenen Beschwerden, hauptsächlich an Schmerzen in den Nieren. 
Sie kam vorzeitig, nach sechseinhalb Monaten, mit einem Mädchen nieder, 
das nicht lebensfähig war; der Verlust des Kindes hat sie geschmerzt. Im 
Jahre 1890 (31. August) bekam sie ihren ersten Sohn Andre, dann 1892 
(24. Mai) ihren zweiten, Charles. Sie mußte einen großen Teil ihrer Schwanger- 
schaft auf einem Ruhebett liegend zubringen. Sie nährte ihre beiden Kinder, 
wie sie selbst von ihrer Mutter genährt worden war, während einiger Monate. 



Marie Bonnpnrtc 



Dann sagte ihr ihre Mutter: „Es ist genug, man soll nicht langer nähren." 
Sie hatte dann keine anderen Kinder mehr, obwohl, wie sie sagt, sie sowie 
ihr Mann gerne bereit gewesen wären, noch andere zu bekommen. 

Sie widmete sich von da an ihren zwei Kindern, die in dem engen Leben 
einer ordentlichen Bürgerin neben der Sorge um den Mann und das Haus 
die erste Stelle einnahmen. 

Das Ehepaar Lefebvre wohnte in Roubaix zehn Jahre lang Rue de Lannoy 
und dann von 1898 bis 1923 Boulevard Gambetta; sie verkehrten nur mit 
wenigen Menschen und lebten ein zurückgezogenes Familienleben. Es war 
bekannt, daß sie äußerst sparsam waren, viele hielten sie sogar für geizig. 
Frau Lefebvre, die sehr religiös war, ging oft schon in der frühesten Stunde 
zur Messe. Als der kleine Charles secbs Jahre alt wurde, erkrankte er an 
einem fieberhaften Leiden, das Atrophien und motorische Störungen hinter- 
ließ (muskuläre Dystrophie, Typus Charcot-Marie, siehe das Zeugnis des 
Dr. Sicard in den Akten). Da widmete sich Frau Lefebvre ganz diesem 
Kinde, pflegte es Tag und Nacht und hing an ihm wie es Mütter Kindern 
gegenüber tun, die mit einem Gebrechen behaftet sind. Allein Andre blieb 
gesund, wuchs, studierte Jus und bereitete sich vor, Notar zu werden, dem 
Beispiele seines Onkels Charles Lemaire folgend. 

Zu dieser Zeit, im Jahre 1912, begann Frau Lefebvre zu fühlen, daß 
ihre Gesundheit ernster angegriffen war; sie war jetzt achtundvierzig, stand 
also vor dem Eintreten der Menopause. Sie wurde von verschiedenartigen 
Störungen befallen, litt an Geistesabwesenheit und Nervenkrämpfen und 
wurde insbesondere durch eine hartnäckige Stuhlverstopfung gepeinigt, ein 
Symptom, das ihr das Leben vergiften sollte und das zu der Diarrhöe der 
Pubertät einen eigenartigen Kontrast bildete. Diese Verstopfung war so stark, 
daß sie manchmal vierzehn Tage lang nicht wich. Es beginnen die „Gallen- 
kolik", Magenkrämpfe und alle die schmerzhaften und unbestimmten Sen- 
sationen der Enteroptose, deren Beschreibung von da ab ihre „Tagebücher 
oder Notizhefte ausfüllen, welche „l'Ordonnancier" (das Rezeptheft), „le 
Studieux" und das Heft „de Bon Secours" (Name der Anstalt) hießen (siehe 
die Akten). 

Frau Lefebvre hatte sich jetzt den Ärzten anvertraut, die ihr aber, wie 
den meisten Hypochondern und Psychopathen, nicht viel helfen konnten. 
Die psychische Schale, die den organischen Kern ihrer Krankheit umgab 
und ihre Leiden bedingte, konnte nicht durch Medikamente, wie Brom, 
Baldrian, Phytin u. a. aufgelöst werden, auch nicht durch Bäder und nicht 
durch einige Kuren in Vichy. 






Der Fall Lefebvre 



Das Martyrium der Hypochondrie begann. Schlaflosigkeit, Nervenzerren, 
gesenkte Organe — der Arzt aus Vichy oder Chätel-Guyon hatte das Un- 
glück gehabt, eine Nierensenkung zu diagnostizieren; diese Senkung hatte 
sich im Geiste — wenn auch nicht im Körper — der Frau Lefebvre auf 
fast alle Organe ausgedehnt, die einen durch die anderen mitgezogen, wie 
sie sagt — das sind die Ausdrücke, die sich in allen ihren Klagen und 
Aufzeichnungen wiederholen, wie ein lästig und quälend sich aufdrängendes, 
immer wiederkehrendes Motiv. Von nun ab schliefen die Eheleute gesondert. 
Die Freundschaft, diese einzig wahre Grundlage ihrer ehelichen Gemein- 
schaft, blieb zwischen ihnen erhalten. 

Zu Beginn ihres neuen Leidens unterzog sich Frau Lefebvre einer Kur 
im Sanatorium Bon Secours in Belgien. Sie verbrachte dort das Frühjahr 1912, 
fuhr nach Hause, wurde wieder krank und ging dann für den ganzen Herbst 
wieder nach Bon Secours. Als sie schließlich nach Hause zurückkehrte, war 
sie etwas gebessert, aber nicht geheilt. Zu den neurotischen Symptomen 
und der Obstipation, die früher im Vordergrunde standen und den Auf- 
enthalt in Bon Secours veranlaßt hatten, kamen nun die „Gallenkoliken 
hinzu. Jetzt beginnen ihre unnützen Besuche und Konsultationen bei einem 
Arzt nach dem andern, die Kuren in Vichy und anderwärts. 

1914 machte Frau Lefebvre die deutsche Besetzung mit und erhielt erst 
im Jahre 1917 die Erlaubnis, mit ihrem kranken Sohne Charles das besetzte 
Gebiet zu verlassen; in dieser Zeit kämpfte Andre tapfer an der Front. Sie 
reiste nach dem Süden Frankreichs und erfuhr dort den Tod ihres vier- 
undachtzigjährigen Vaters, der im Departement du Nord geblieben war. Sie 
empfand es schmerzlich, beim Tode ihres Vaters, den sie so sehr liebte, so 
weit entfernt zu sein. Ihre Mutter lebte damals noch und starb erst mit 
80 Jahren im Jahre 1920; 1921 starb ihre jüngste Schwester, Louise, 1922 ihr 
Bruder Charles. 

Frau Lefebvre blieb bis nach Ende des Krieges im Süden und kehrte 
nach Boubaix erst Anfang 1919 zurück. Ihr Gesundheitszustand jedoch blieb 
schlecht. Die Konsultationen und Verschreibungen der Ärzte begannen von 
neuem. Um der Kranken einige Buhe zu verschaffen, beschlossen endlich 
die Lefebvres, die Stadt zu verlassen und ein Haus in Hern, Boulevard de 
Boubaix, zu bauen. Die Familie bezog dieses Haus im Jahre 1923. Andre 
Lefebvre ließ in Fournes bauen, nachdem er dort eine Notarstelle gekauft 
hatte, und ließ sich dort allein nieder. 

Im Jahre 1924 machte Andre, der damals vierunddreißig Jahre alt war, 
durch Freunde die Bekanntschaft von Antoinette Mulle, einem Mädchen von 



Alane Bonnparte 



etwa dreißig Jahren, Tochter eines Bierbrauers in Lannoy, die sich nach 
dem Tode ihres Vaters mit viel Energie und Sachkenntnis an der Leitung 
der „Gesellschaft Mulle" betätigt hatte, dem gemeinsamen Besitz der Witwe 
Mulle und ihrer Kinder Henri, Joseph und Antoinette. 

Frau Lefebvre widersetzte sich nicht der Heirat ihres Sohnes, obwohl 
sie von ihr nicht begeistert war. Acht Tage vor der Hochzeit entstand die 
erste Szene zwischen der Schwiegermutter und der zukünftigen Schwieger- 
tochter (siehe die Aussagen der Frau Mulle-Mutter) . 

Es war in der Kirche. Frau Lefebvre näherte sich Antoinette und machte 
ihr bittere Vorwürfe, das Auto der Familie unaufhörlich in Anspruch zu 
nehmen, um mit ihrem Verlobten spazieren zu fahren. 

Die Heirat fand jedoch statt. Während der Hochzeitsreise, die unter dem 
Vorwand von Sparsamkeit und Geschäften in Fournes auf das Betreiben von 
Frau Lefebvre von sechs auf vier Wochen reduziert wurde, schrieb Andre 
an die Mutter nur Postkarten. Er zog sich dafür von ihr einen Brief zu, 
voll scharfer Vorhaltungen über den „Respekt, den man seinen Eltern schuldig 
sei", gegen den diese einfachen Postkarten schwer verstoßen. Während der 
Hochzeitsreise hat Frau Lefebvre, wie sie mir sagte, erfahren, daß Antoinette 
Mulle sowie ihr Bruder Henri die Absicht gehabt hätten, nach dem Tode 
ihres Vaters gegen ihre Mutter einen Prozeß anzustrengen. „Wer dringt da 
in unsere Familie ein?" dachte Frau Lefebvre. Und nach der Rückkehr 
von der Hochzeitsreise, beim ersten Besuch, den ihr die Jungvermählten 
abstatteten, sagte sie, sie wünsche keine Kinder „von dieser Rasse (Worte, 
die Frau Lefebvre mir gegenüber gebrauchte), „von dieser Gattung (Aus- 
sage der Frau Mulle-Mutter). 

Man kennt die peinlichen Episoden mit der falschen Perlenbrosche und 
den rotseidenen Salonmöbeln. Die Brosche ist als Hochzeitsgeschenk ihres 
Sohnes an ihre Schwiegertochter von Frau Lefebvre ausgesucht worden, die 
aber ihren Sohn nicht davon in Kenntnis gesetzt hatte, daß die Perlen falsch 
waren. Antoinette entdeckte das erst an dem Tage, als sie die Brosche zu 
einem Juwelier brachte, um daran ein Sicherheitsschloß anbringen zu 
lassen. 

Die Möbel mit roter Seide, die von Frau Lefebvre in der Mitgift Andres 
ziemlich hoch veranschlagt worden sind, waren so abgenützt, daß sie das 
junge Paar im entlegeneren Teil des Hauses unterbringen mußte. Als Frau 
Lefebvre sah, daß die Möbel sich nicht im Salon ihres Sohnes befanden, 
machte sie eine unangenehme Szene. „Dummheiten!" sagt sie heute achsel- 
zuckend, wenn man ihr davon spricht. 



Der Fall Lefetvre 



Sie machte auch unaufhörlich Vorhaltungen über die Ausgaben; ihre 
Schwiegertochter durfte kein Stubenmädchen haben, mußte selbst Kuchen 
backen, mußte rote Tischtücher gebrauchen, um weniger für die Wäsche 
auszugeben, durfte, wenn keine Gäste waren, nur einen Gang zubereiten, 
der weißen Sauce kein Ei zusetzen usw. (siehe die Aussagen von Frau Mulle- 

Mutter). 

Frau Lefebvre wurde so unausstehlich, daß ihre Schwiegertochter schon 
Februar 19125, also sechs Monate nach der Heirat beschloß, sie nicht mehr 
zu sehen. Andre ging allein jede Woche zu seinen Eltern nach Hem Mittag 

essen. 

Zu dieser Zeit, im Monat März, wurde Antoinette schwanger. Andrö, 
der instinktiv die Lage zwischen sich und seiner Mutter verstand, soll nur 
seinen Vater davon in Kenntnis gesetzt haben und auch dies erst Ende April 
oder im Mai. Unklarheit herrscht über die Art, wie Frau Lefebvre zum 
erstenmal von der Schwangerschaft ihrer Schwiegertochter hörte. Es ist aber 
wahrscheinlich, daß ihr schon damals ein Gerücht darüber zu Ohren kam, 
obwohl sie es heute leugnet. 

Anfangs Juni, am vierten, schoß ihr zum erstenmal der Gedanke durch 
den Kopf, eine Pistole zu kaufen und sie ging in eine Waffenhandlung in 
Lille, um sich eine zu beschaffen. Sie gab an, von ihrem Manne geschickt 
zu sein, der durch Diebstähle in der Nachbarschaft beunruhigt worden wäre, 
insbesondere, da eine Türe bei ihnen schlecht schließe. Auf Veranlassung des 
Waffenhändlers unterfertigte Frau Lefebvre ein Gesuch an die Präfektur, 
um die Genehmigung zum Kauf der Pistole zu erhalten. Da sie jedoch am 
nächsten Tage nach Vichy reisen sollte, konnte sie die Waffe vor ihrer Ab- 
reise nicht mehr in Empfang nehmen. 

Frau Lefebvre weilte in Vichy in der Villa Paisible vom 5. bis zum 24. Juni. 
Dort erhielt sie die Bestätigung der Schwangerschaft ihrer Schwiegertochter. 
Nachdem ihre Kur beendet war, „und ihr noch ein Tag zur Verfügung 
stand, bevor sie nach Roubaix zurückkehren mußte, dachte sie darüber nach, 
wie sie diesen Tag ausnutzen sollte". Der Gedanke, nach Lyon zu fahren, 
die Messe anzusehen, den sie einen Augenblick lang gehabt haben soll, 
scheint nachträglich erdichtet zu sein und zu ihrem allerdings sehr dürftigen 
Verteidigungssystem zu gehören. Sie behauptet, daß Mitreisende im Zuge 
ihr geraten hätten, in St. Elienne auszusteigen. Wie dem auch sei, Tatsache 
ist, daß sie dort ausstieg, die Stadt nicht besichtigte, sondern in die dortige 
Waffenfabrik ging und eine Pistole kaufte, als „Reiseandenken", wie sie in 
der Gerichtsverhandlung angab. 



Marie Bonapartc 



Mit der Pistole versehen fuhr Frau Lefebvre am nächsten Tage nach Hern 
weiter. Ihr Mann soll von dieser Neuerwerbung nicht sehr entzückt gewesen 
sein. Eines Abends ließ sie sich von ihrem Sohn Andre' die Handhabung 
der Pistole zeigen, da ihr Mann das Schießen nicht gerne hatte. Sie schoß 

selbst. 

Jetzt begann Frau Lefebvre „Versöhnungsversuche" bei ihrer Schwieger- 
tochter zu unternehmen. An einem Sonntag, den 16. August, soll ihr die 
Schwiegertochter auf einer Spazierfahrt nach Arras im Auto Worte gesagt 
haben, die mir Frau Lefebvre wiederholt als eine unverzeihliche, eine töd- 
liche Beleidigung anführt: „Sie haben mich halt, nun also müssen 
Sie mit mir rechnen. In diesen nichtssagenden Worten drückte sich 
ihrer Meinung nach in der aufdringlichsten Weise „Respekt- und Rücksichts- 
losigkeit" aus, — dies ist die Redewendung, die Frau Lefebvre unaufhörlich 
und eintönig wiederholt, wenn sie von ihrer Schwiegertochter spricht. 

Eine Versöhnung kam an diesem Tage nicht zustande. Der Sohn, der 
das Auto lenkte, mußte seine Frau an seine Seite setzen, um sie der feind- 
seligen Haltung seiner Mutter zu entziehen, die, wer kann es wissen, viel- 
leicht schon von diesem Tage an mit der Pistole bewaffnet war. 

Am nächsten Sonntag, den 23. August, bekam Andre einen Briet von 
seiner Mutter, in dem sie anfragte, ob er am nächsten Mittwoch wie ge- 
wöhnlich nach Lille kommen und ob seine Frau ihn begleiten würde. Er 
vernichtete diesen Brief, der, wie er sagt, Dinge enthielt, die seine Frau 
hätten kränken können, und antwortete nicht. 

Am nächsten Mittwoch, den 26. August 1925, kam er mit seiner Frau 
nach Lille. Nachdem er allein bei seinen Eltern in Hem zu Mittag aß, 
kehrte er mit seinem Vater, der zur Börse gehen wollte, und mit seiner 
Mutter, die dort einen Besuch machen wollte, nach Lille zurück. Während 
dieses Besuches war Frau Lefebvre ruhig — wie gewöhnlich (siehe die Aus- 
sagen von Frau Roger Salembier). Andre Lefebvre traf seine Mutter, die 
ruhig mit seiner Frau plauderte, an der Place Rihour wieder, wo er sein 
Auto eingestellt hatte. 

Frau Lefebvre sagte da, sie habe jemand außerhalb des Bethunetores 
zu treffen. Sie setzte sich hinter ihren Sohn, links von der Schwiegertochter; 
sie befanden sich also beide auf dem hinteren Sitz, unter dem herabgelassenen 
Verdeck des offenen Fordwagens. 

Andre fährt sie zuerst zur Place Ronde, wo er das Auto stehen läßt, 
während seine Frau zu Fuß eine Besorgung macht und er selbst in einer 
Druckerei die Angelegenheit einer Anzeige bespricht. Frau Lefebvre wartet 



Der Fall Lefebvre 



allein im Auto. Wahrscheinlich zog sie in diesem Augenblick die Pistole aus 
der Tasche, die sie aus Hern mitgenommen hatte. Dann fuhr das Auto weiter, 
durch das Tor von Bethune in die Straße nach Fournes. Aber Frau Lefebvre 
bat plötzlich ihren Sohn, nach rechts abzuweichen, um über den Chemin 
de la Solitude ins Pfarrhaus von Loos zu gelangen, unter dem Vorwande, 
dort „Messen lesen zu lassen für ihren Mann, der sich den Finger verletzt 
hatte, und für die Seelenruhe ihrer Eltern". 

Daraufhin wendet das Auto und begibt sich auf den Chemin de la Solitude. 
Gerade an der zweiten Straßenlaterne, an der Stelle, wo der Weg eine Biegung 
macht, bittet sie, wie sie mir erzählt, 1 ihren Sohn, anzuhalten, unter dem 
Vorwande, ein Bedürfnis zu verrichten. Und wie der Wagen stillsteht, zieht 
sie ihre Pistole, richtet sie gegen die linke Schläfe ihrer Schwiegertochter, 
welche in diesem Augenblick den Kopf abwendet und nach rechts auf die 
Straße blickt, und tötet sie mit unbarmherziger Sicherheit auf der Stelle. 
Die Kugel hatte den Kopf von einer Schläfe zur anderen durchbohrt. 

Der Sohn dreht sich um, sieht seine Frau blutüberströmt. „Mama, was 
hast du getan? Was hast du getan?" — Er nimmt ihr die Pistole weg, 
gibt sie wieder zurück, setzt das Auto in Bewegung und passiert die Stadt- 
grenze, während hinter ihm seine blutbefleckte Frau auf seine Mutter ge- 
sunken ist, die sie stützt, damit sie bei den Stößen des alten Fordwagens 
nicht umfällt. In zehn Minuten erreichte der Wagen das Pavillon Olivier 
und dann, da sich dort kein Arzt befand, das Krankenhaus. Es war sechs 

Uhr abends. 

Die Aussagen des Krankenhauswärters und des Polizeikommissärs Christol 
riefen die tragische Szene wach: die Schwiegermutter, Mörderin, „auf der 
dritten Stufe der Krankenhaustreppe sitzend", empfindungslos, abwesend, 
wie fremd allem, was da geschah, während einige Schritte weit vor ihr auf 
einer Bahre der Körper der Ermordeten lag. 

Die Nacht verbrachte Frau Lefebvre im Gefängnis. 



i) Frau Lefebvre behauptete während des Prozesses, daß sie erst nach dem Schuß 
anzuhalten bat. 






II 

Der irrozeij 






Das Verbrechen der Frau Lefebvre, die auf diese Weise ihre sich im 
sechsten Monat der Schwangerschaft befindliche Schwiegertochter kaltblütig 
durch einen Pistolenschuß getötet hatte, erregte ungeheures Grauen. 

Frau Lefebvre wurde im nächsten Jahr, im Monat Oktober 19,26, von 
dem Schwurgerichte von Uouai zum Tode verurteilt. 

Während der Verhandlungen des Schwurgerichtes von Douai verlangte 
die Menge laut ein Todesurteil. War denn Frau Lefebvre nicht auch „die 
unsympathischste aller Angeklagten ? Seit einem Jahr schon, seit dem tragi- 
schen Abend, verlangte für sie das Volk das Schafott. 

Sie hatte in der Tat ein Verbrechen von antiker Grauenhaftigkeit be- 
gangen. Sie tötete aus Liebe zum Sohne, wie andere es aus Liebe für 
einen Geliebten tun. Die Ahnung von Inzest schwebte um die furchtbare 
Tat. Man flüsterte sogar im Volke, daß sie zu ihrem Sohne körperliche 
Beziehungen unterhalten hätte. Und was das Volk nicht vergibt, sie war 
seit dem Verbrechen von einer merkwürdigen Teilnahmslosigkeit. Sie schien 
durch Gewissensbisse nicht gepeinigt und nicht zusammengebrochen zu sein. 
Sie hatte kein einziges Wort des Mitleids für ihr Opfer gefunden. 

Sie war alt: die Anmut der Jugend sprach nicht für sie. 

Sie war geizig: Gerüchte von angehäuftem Gelde und daneben — 
welcher Kontrast — die kleinlichen Ausgaben, die sie der Schwiegertochter 
vorgeworfen hatte. — Man war empört darüber. 

Sie war reich und es liefen Gerüchte von einer möglichen Bestechung 
des Gerichtes. „Man könnte sie vielleicht für verrückt ausgeben" und auf 
diese Weise der verdienten Strafe entziehen. 









. 



Der Fall Lefebvre 



Da schloß auch das Gutachten des Gerichtssachverständigen auf volle 
und ganze Verantwortlichkeit. Was sollte man in der Tat mit einer solchen 
Angeklagten tun? Sie unverantwortlich erklären, das hieße ihr die Türen 
der Irrenanstalt zu eröffnen, von wo aus man auf einfache, zwar vom Präfekten 
begutachtete Ärztezeugnisse wieder herauskommen und direkt in die Familie 
zurückkehren kann. Das „Gerechtigkeitsgefühl" des Volkes hätte das nicht 

ertragen. 

Man nahm Anstoß an der Begnadigung, durch welche der Präsident der 
Republik im Dezember 1926 die Todesstrafe für Frau Lefebvre, wie übrigens 
für alle Frauen seit Jahrzehnten, in lebenslängliche Haft verwandelte. 



Das Verbrechen der Frau Lefebvre erregte ebensoviel Interesse wie Grauen. 
Die Zeitungen waren voll von der Affäre Lefebvre. Die Zeitung „Le Figaro" 
richtete sogar an Ärzte, Juristen und Psychologen eine Rundfrage nach 
den hauptsächlichen Triebfedern, die den Verbrecher zur Tat bewegen. Es 
ist unnütz, deren Antworten mitzuteilen. Alle waren sie unbestimmt und 
haben „daneben getroffen . 

Interessanter ist es, das Gutachten der Gerichtssachverständigen zu be- 
trachten. Die offiziellen medizinischen Gerichtssachverständigen, Dr. Raviart, 
Dr. Rogues de Fursac und Dr. Logre, schlössen nach einem eingehenden 
Bericht über die Untersuchung des Geisteszustandes der Angeklagten, einem 
Bericht, der wohl einen anderen Schluß zu verlangen schien, in ihrem 
Gutachten auf volle und ganze Verantwortlichkeit. Eine Geisteskrankheit 
schlössen sie aus und erklärten das Verbrechen der Frau Lefebvre durch 
den „ein wenig eigentümlichen Charakter" derselben. Sie soll nach der 
Meinung der Sachverständigen unter der Herrschaft einer archaischen Auf- 
fassung von der Familie gehandelt haben: des Matriarchats. Hatte nicht 
der pater familias" in Rom das Recht über Leben und Tod der Seinigen? 
Ebenso Frau Lefebvre. Als sie durch das Eindringen einer angeblich herrsch- 
süchtigen Fremden sich in ihrer bis dahin uneingeschränkten Herrschaft 
über ihre Familie bedroht fühlte, soll sie sich das Recht genommen haben, 
die Eindringende beiseite zu schaffen und soll es, wie der antike pater fami- 
lias, ohne Erregung, ohne Gewissensbisse getan haben. Hatte sie denn 
nicht bei der Untersuchung gesagt: „Ich hatte die Empfindung, meine 
Pflicht zu tun." So soll Frau Lefebvre durch die Verquickung eines „ein 
wenig eigentümlichen Charakters" und einer „archaischen Auffassung von 
der Familie" zur Verbrecherin geworden sein, was, wie die Sachverständigen 



lA Marie Bonaparte 



schließen, ihren freien Willen und ihre Verantwortlichkeit uneingeschränkt 
gelassen haben soll. 

Dr. Voivenel in seinem Gutachten und Dr. Maurice de Fleury in seiner 
Berichterstattung, die von der Verteidigung eingeholt wurden, kamen zu 
einem entgegengesetzten Schlüsse. Frau Lefebvre soll ihrer Meinung nach 
eine Paranoikerin vom Typus der „revendicant" sein (entspricht etwa dem 
Querulanten Kraepelins), jener Form der ^folie raisonnante" , welche von 
S^rieux und Capgras vom paranoischen Beziehungswahne getrennt worden 
ist. Diese Kranken bewahren in hohem Grade ihr Gedächtnis und die 
Fähigkeit, Vernunftschlüsse zu ziehen, was dem Laien geistige Voll Wertig- 
keit vortäuscht. Aber in einem Punkt ist ihre Vernunft gestört: nämlich 
in bezug auf die sogenannte Urteilsfähigkeit. Da ein mit starkem Affekt 
beladener, überwertiger Gedanke in ihnen Fuß gefaßt hat und zur Herr- 
schaft gelangt ist, so verliert alles, was mit diesem Gedanken zusammen- 
hängt, seine natürlichen Ausmaße. So ist es auch mit allem, was Frau 
Lefebvre in bezug auf ihre Schwiegertochter sagte. Sie kann keinen ernsten 
Vorwurf gegen diese genau angeben. Harmlose Worte scheinen ihr eines 
Revolverschusses würdige Beleidigungen zu sein. Und die Sicherheit der 
Ausführung, die Erleichterung nach dem Verbrechen, das Fehlen von Ge- 
wissensbissen, alles das sind klinische Zeichen der „psychose de revendica- 
tion , wie sie von den Autoren beschrieben wurde, von S^rieux und 
Capgras und anderen, z. B. Dr. Logre selbst, wie es Maurice de Fleury 
hervorhob. 

Aber die Geschwornen, welche nach ihrem „gesunden Menschenverstand 
urteilen und die Psychiatrie nicht kennen, welche zu derselben Volksmenge 
gehören, die an den Gerichtstüren brüllte, die Geschwornen, welche ihre 
ungeheure Empörung und ihren Abscheu vor einer solchen Mörderin auf die 
Autorität der offiziellen Sachverständigen stützen konnten, mußten für die 
Stimme der Gegensachverständigen taub bleiben und die Schuld ohne 
mildernde Umstände bejahen, eine Entscheidung, die ein Todesurteil zur 
Folge hat. 






^ 



III 

-Der *jmn der J. at 

Dr. Voivenel hat in seinem Vortrag, den er am 13. Januar 1927 im 
„Hotel des Societes Savantes im „Faubourg" gehalten hat, das Verbrechen 
der Frau Lefebvre ausdrücklicher noch als in seinem Gutachten auf den 
Ödipuskomplex bezogen. In seinem Gutachten hatte er in der Tat nur die 
Tatsache der „folie raisonnante" hervorgehoben und nicht die psychische 
Dynamik bei Frau Lefebvre. Es war leichter, in einem Vortrag die psycho- 
logischen Grundlagen der Tat darzustellen. 

Der Ödipuskomplex ist nach Freud — ich brauche ja kaum daran zu 
erinnern — derjenige Zustand der Gefühle, des Triebes beim Kinde, der 
es sexuell zum gegengeschlechtlichen Elternteil treibt und — als logisches 
Gegenstück — Todeswunsch gegen den gleichgeschlechtlichen Elternteil, 
der als Rivale angesehen wird. Dieser Komplex, der in seiner ganzen sexu- 
ellen Realität existiert, in Wünschen nach physischer Berührung und Be- 
friedigung sinnlicher Natur, lebt auch bei den Eltern, aber abgeschwächt, 
durch den langdauernden Zwang der sozialen Zensur abgestumpft. Der Vater 
zieht seine Tochter vor, die Mutter den Knaben. Manchmal stürzen die 
tausendjährigen Dämme der sozialen Zensur und das Ödipusverbrechen, — 
Inzest oder Mord, — auf deren Unterdrückung die Zivilisation sich aufge- 
baut hat, wird von neuem verwirklicht. 

Das Ödipusverbrechen der Frau Lefebvre, allerdings das umgekehrte, 
nicht das des Ödipus, sondern das der Jokaste, ist so offenkundig, daß es des 
ganzen Abscheus vor dem Inzest bedurfte, damit das Wort „Inzest" in einer 
Rundfrage, wie z. B. die des „Figaro" an Ärzte, Juristen und Psycho- 
logen usw. nicht einmal ausgesprochen werde. 



Marie Bonapnrte 



Das Volk hatte einen richtigen Sinn für die Sache, als es in Douai, in 
Lille und in Paris das furchtbare Geheimnis flüsterte: eine körperliche Liebe 
zwischen Mutter und Sohn. Das Volk irrte, was den Tatbestand betrifft, 
nichts Reelles, Bewußtes fiel zwischen dieser Mutter und diesem Sohn aus 
bürgerlicher Familie vor, wo eine strenge und enge Moral herrschte. Aber 
das Volk hatte dabei doch wie eine Ahnung vom Drama, das sich im Un- 
bewußten dieser Menschen abgespielt hatte und drückte in seiner derben, 
einfachen Art die Wahrheit aus, daß Frau Lefebvre „Jokaste" war, die ge- 
tötet hatte. 

Der Ödipuscharakter dieser Tat ist es gerade, der ihr die enorme Be- 
deutung und Wirkung auf Menschen gab. Ohne zu wissen warum, inter- 
essierten sich alle für die Affäre Lefebvre. Hat doch jede Mutter ganz in 
der Tiefe ihres Unbewußten, wenn auch unausgesprochen, etwas von Jokaste 
und Frau Lefebvre. Das furchtbare Drama vom Chemin de la Solitude ist 
eines von jenen, die eine der ewigen Verhaltungsweisen des menschlichen 
Unbewußten offenbaren. 

Wir haben nur ungenau Einblick in die Kindheit der Frau Lefebvre im 
Sinne des Ödipuskomplexes. Aus den Akten erfahren wir fast gar nichts 
und in einem vierstündigen Gespräch läßt sich nicht ein Leben analysieren, 
sein Lauf zurückverfolgen. Aber trotz der wiederholten Behauptungen der 
Frau Lefebvre, daß man in ihrer Familie gewußt habe, welchen Respekt 
und welche Rücksichten man den Eltern schuldig sei, konnte ich doch 
sehen, daß Frau Lefebvre ihren Vater vergötterte, während sie für ihre 
Mutter eine viel zweifelhaftere Zuneigung gehabt hat. Sie spricht von ihr 
in einer kühlen und konventionellen Weise, sagt, daß man der Mutter nicht 
erzählte, wenn man „einen Furz schief losließ", daß man sie fürchtete, daß 
sie nicht bequem war. Während der Voruntersuchung zum Prozeß erfuhr 
man, daß die Mutter an demselben Geiz gelitten habe wie die Tochter — 
wie sie übrigens auch die Gallenkolik der Tochter hatte. Kurz, diese Mutter 
scheint nicht von ihrem Kinde zärtlich geliebt worden zu sein und es ist 
auch wahrscheinlich, daß ein wahrer Haß, der heute von der alten und 
frommen Frau Lefebvre uneingestanden, vergessen ist, in der Seele des 
kleinen Mädchens, dieser Rivalin ihrer Mutter, gelebt hatte. 

Im Alter von zwei Jahren mußte das kleine Mädchen, die bis dahin allein 
im Besitze des elterlichen Interesses und deren Liebe gewesen war, die 
Ankunft eines Neuankömmlings, ihres Rivalen in der elterlichen Gunst, er- 
tragen. Denn damals ist ja ihr einziger Bruder geboren worden und wir 
wissen aus den Analysen, welche Umwälzung in einem Kinde die Geburt 



Der Fall Lefebvre 



einer Schwester oder eines Bruders nach sich zieht. Das Kind, welches sich 
bis dahin als Mittelpunkt der Welt empfand, merkt, daß der Neuankömm- 
ling seine Stelle im Herzen und an der Brust der Mutter einnimmt. Und 
was erst, wenn der Neuankömmling ein Bruder ist, der ja selbstverständlich 
von der Mutter bevorzugt wird. Es kann dann sein, daß das ältere Mädchen 
der Mutter diese Untreue nie vergibt. 

Es hat sich zweifellos Frau Lefebvre damals von ihrer Mutter losgelöst 
und hat, der Triebanlage ihres Geschlechtes folgend, die ganze Kraft ihrer 
infantilen Libido auf ihren Vater übertragen. Aber nach und nach, da der 
Neuankömmling selbst ein Knabe war, glitt auf ihn etwas von dieser Libido 
über und der Bruder wurde der gute Freund seiner älteren Schwester. 

Als das kleine Mädchen vier Jahre alt war, kam eine kleine Schwester 
zur Welt, welche also in jedem Sinne ein Eindringling in die Gemeinschaft 
war, die sie mit ihrem kleinen Bruder bildete. Der Anblick der schwan- 
geren Mutter mußte in dem schon beinahe vier Jahre alten Kinde, das den 
Sinn dieser ungewohnten Dickleibigkeit kannte, eine instinktive Feindseligkeit 
erwecken. Analysen von Neurotikern und Gesunden sind voll von solchen 
Erinnerungen: das Kind errät vollkommen den Sinn der Dickleibigkeit der 
schwangeren Mutter und empfindet sie mit Recht als beunruhigend. (Siehe 
Freuds Analyse des kleinen Hans: „Analyse der Phobie eines fünfjährigen 
Knaben". Ges. Schriften, Bd. VIII). 

Nach der späteren Reaktion gegen die schwangere Schwiegertochter zu 
urteilen, muß Frau Lefebvre diese zweite Schwangerschaft ihrer Mutter be- 
sonders stark empfunden haben. 

Wir wissen nicht und auch Frau Lefebvre weiß wohl nicht mehr, wie 
sie als Kind auf die Geburt selbst ihrer kleinen Schwester Nelly reagiert 
hat. Aber eine spätere Erinnerung klärt uns über die Gefühle auf, die in 
ihr diese kleine Rivalin erwecken mußte. 

Freud hat eine Kindheitserinnerung Goethes analysiert, die dieser selbst 
in Dichtung und Wahrheit erzählt. (Freud: Ges. Schriften, Bd. X.) An der 
Stelle, wo Goethe von Kinderkrankheiten und vom Tode des kleinen Bruders 
spricht, erzählt er, wie er eines Tages auf Betreiben von Nachbarn großes 
und kleines Geschirr aus dem Fenster auf die Straße warf, wobei er eine 
ungeheuere Freude empfand, dieses Geschirr in tausend Scherben gehen zu 
sehen. Diese Handlung muß als symbolische Handlung aufgefaßt werden, 
die den Wunsch des kleinen Goethe, der bis dahin der einzige Besitzer des 
mütterlichen Herzens war, ausdrücken mußte, den kleinen Bruder ebenso 
aus dem Fenster zu werfen und ihn loszuwerden. 



Bonaparte: Der Fall Lefebvre. 



Marie Bonaparte 



Nun finden wir in den Kindheitserinnerungen der Frau Lefebvre eine 
symbolische Handlung von sicherlich derselben Bedeutung. Denn sie be- 
richtete mir zweimal und lachend vor Freude an dieser Erinnerung, daß 
das Lieblingsspiel in ihrer Kindheit das Begraben von Hühnchen, genauer 
gesagt von umgekommenen Küchlein, war. Sie sagt, daß ihr kleiner Bruder, 
der sogar dies Spiel erfunden haben soll, dies mit ihr gespielt habe. Die 
kleine Nelly scheint dabei nur eine geringfügige Rolle gehabt zu haben. 
Dies Spiel folgte einem streng eingehaltenen Zeremoniell: Die Küchlein 
wurden in Zigarrenschachteln gelegt (sie mußten nicht sehr groß sein, um 
dort Platz zu finden), der kleine Charles, der den Priester spielte, sagte dann, 
die Seelenmesse feiernd, Totengebete über dem „Sarge" auf. Dann wurden 
die Zigarrenschachteln samt Inhalt in feierlichem Aufzug im Garten be- 
graben. Man richtete ein Kreuz auf dem Grabe auf und schmückte es mit 
Kränzen aus Gänseblümchen. 

Der Sinn dieses Spiels, analytisch gesehen, erscheint klar genug. Es 
drückte den Todeswunsch gegen die kleine Schwester aus, welche für das 
Unbewußte durch die Küchlein dargestellt war. Man sandte sie in die 
„Schachtel zurück, aus der sie gekommen war, man schloß sie wieder 
ins Innere der Mutter Erde. Und Gott selbst, der ins Großartige projizierte 
Vater, war, wie das Kind es wünschte, ihr Komplize, wie der kleine Bruder, 
der die Seelenmesse las. 

Dieselbe Reaktion findet sich übrigens später bei Frau Lefebvre, die zur 
Zeit, als sie so viel Verdruß hatte, zu Gott betete, „ihre Schwiegertochter 
zurückzunehmen" (siehe die Prozeßakten) und die im Augenblick des Ver- 
brechens die Gegenwart ihres Sohnes brauchte. 

Wir wissen aus Analysen, wie stark oft bei kleinen Mädchen der Wunsch 
ist, vom Vater ein Kind zu bekommen. Der Wunsch, ihren Vater zu heiraten, 
ist einer jener, die sehr oft von ihnen auch ausgesprochen werden. Sie 
möchten in allem die Stelle ihrer Mutter einnehmen, auf die sie eifer- 
süchtig sind. Es ist wahrscheinlich, daß Frau Lefebvre ihre Mutter tödlich 
haßte, als diese mit ihrer kleinen Schwester schwanger war und auch nach 
der Geburt der letzteren. 

Ich spreche hier nicht von der Geburt der jüngsten Schwester, Louise, die 
zur Welt kam, als Marie schon zehn Jahre alt war, d. h. zu spät, um in Marie 
anderes als die Wiederholung einer früheren Urreaktion hervorzurufen. 

Es erübrigt noch, von den Beziehungen von Marie Lemaire zu ihren 
Großeltern zu sprechen. Wir wissen, daß dieselben die letzten Jahre ihres 
Lebens bei ihrem Sohne Charles Lemaire, dem Vater von Frau Lefebvre, 



Der Fnll Lcfeln 



»9 



gewohnt haben. Dies muß entscheidend für die Empfindungsweise Frau 
Lefebvres gewesen sein. 

Denn die früheste Erinnerung Frau Lefebvres ist folgende: Sie sieht 
sich als Kind neben ihrer Großmutter gehend. Diese erste Erinnerung muß 
eine Deckerinnerung sein und muß, wie alle unsere frühesten Erinnerungen, 
einen wichtigen Affektzustand des Kindes darstellen und überdecken. 

Frau Lefebvre spricht von dieser Großmutter, Mutter ihres Vaters, mit 
einer zärtlichen Liebe, die mit der -ziemlich trockenen Art, in der sie von 
ihrer Mutter spricht, einen Kontrast bildet. Diese Großmutter scheint in 
ihr die einzige zärtliche Neigung wachgerufen zu haben, die sie je für eine 
Frau zu empfinden imstande war. Sie verlor ihre Großmutter wie den Groß- 
vater im Alter von sechs fahren, in demselben Jahre, in dem sie selbst 
ins Kloster zu Fournes geschickt wurde. Sie betont heute die Harmonie, 
welche zwischen ihrer Mutter, ihrem Vater und dessen Eltern herrschte, 
sie lächelt, wenn sie an das Familienparadies denkt, in dem sie aufwuchs, 
das aus ihrem Vater und seinen Eltern, die ihn umgaben, bestand. Die 
Großmutter hatte in den Augen der kleinen Marie vor ihrer Mutter einen 
riesigen Vorzug. Sie beging nicht das Verbrechen, neue Kinder, Brüder und 
Schwestern ins Haus einzuführen, sie wurde nicht schwanger, sie war nicht 
die Frau des Vaters, eine vom Kind begehrte Stellung. Sie war gut und 
führte das Kind an der Hand haltend spazieren. Wenn Marie sich mit ihrer 
Mutter identifizierte als Frau ihres Vaters, — und sogar durch ihren Geiz 
und die Gallenkoliken, — so tat sie es auch mit ihrer Großmutter. Und 
die alte, unauslöschliche Erinnerung an das Familienparadies, in dem die 
Großmutter ihrem Sohne zulächelte, obwohl er verheiratet war, durfte der 
Genese der späteren Anforderungen der Frau Lefebvre, in der Ehe ihres 
Sohnes zu herrschen, nicht fremd sein. 

Zusammenfassend kann man sagen, Frau Lefebvre, die im Zeichen einer 
äußerst starken Liebe zu ihrem Vater aufwuchs, muß in ihrer Kindheit 
die Eifersucht empfunden haben, die ein sehr wirksamer, wenn auch durch 
den „Eltern schuldigen Respekt" und der religiösen Erziehung stark ver- 
drängter Ödipuskomplex mit sich bringt. Sie übertrug ein wenig der Liebe 
zu ihrem Vater auf den kleineren Bruder und einen Teil der Eifersucht 
gegen die Mutter auf ihre kleine Schwester. Sie liebte ihre Großmutter, 
war ihr dankbar, nicht die Frau des Vaters zu sein und nicht jene zu sein, 
die andere Kinder des Vaters auf die Welt bringt. 

Das Motiv der schmerzlich empfundenen Schwangerschaft der Mutter 
mußte in der Kindheit der Marie Lemaire sehr stark gewesen sein. Dieses 



2" 



Marie Bonaparte 



ins Unbewußte verdrängte Motiv, das später, unter dem Einfluß der auf die 
Menopause folgende Regression wieder auftauchte, ist der Anlaß zum Ver- 
brechen geworden. Denn Frau Lefebvre begann erst an die Pistole zu denken, 
als sie die Schwangerschaft ihrer Schwiegertochter erfuhr. Bis dahin, obwohl 
sie sie haßte und verfolgte, ertrug sie dieselbe. Aber im Mai 1925 hört 
Frau Lefebvre, daß ihre Schwiegertochter schwanger sein könnte. Da geht 
sie zum Waffenhändler in Lille, um eine Pistole zu kaufen. In Anbetracht 
der Zeit, die notwendig ist, um eine Genehmigung der Präfektur zu er- 
halten, kann sie die Waffe vor ihrer Abreise nach Vichy nicht erhalten. 
Doch in Vichy wird ihr die Schwangerschaft der Schwiegertochter bestätigt. 
Da fährt sie, vor ihrer Rückkehr nach Hause, nach St. Etienne, um dort 
eine Pistole zu kaufen. Bis zu welchem Grade hatte Frau Lefebvre, während 
sie im Begriff war, die Pistole zu kaufen, die bewußte Absicht zu töten? 
Niemand wird es jemals wissen, nicht einmal mehr sie selbst. Aber sicher 
ist, daß das Unbewußte der zukünftigen Verbrecherin von dem Augenblick 
an wußte und mit einer unbarmherzigen Logik das Bewußtsein zu jeder 
der Handlungen antrieb, welche die endgültige Ausführung der Mordabsicht 
sichern konnten. Es scheint in der Tat fast sicher zu sein, daß die Träume, 
welche sie den offiziellen Sachverständigen erzählte und die sie, wie sie be- 
hauptete, in den Tagen vor dem Verbrechen geträumt haben soll, Träume, 
in denen sie die Schwiegertochter erwürgt und ertränkt, in Wirklichkeit 
nie „geträumt , sondern nachträglich zum Zwecke der Verteidigung er- 
funden worden sind. Frau Lefebvre, die ich daraufhin ausführlich befragte, 
konnte niemals auch nur einen dieser Träume genauer angeben und blieb 
ganz unbestimmt: „Ich ertränkte sie . . .", sagte sie mit einer ausweichenden 
Bewegung. Sie konnte mir übrigens keinen Traum, aus welchem Zeitab- 
schnitt es auch sei, erzählen, sie, die doch behauptet, in den zwölf bis 
dreizehn Jahren ihrer Hypochondrie, vom Alter von achtundvierzig bis ein- 
undsechzig Jahren, von den schlimmsten Angstträumen gequält worden zu 
sein. Sie kann nur diese unbestimmten Träume ohne jede Einzelheit wieder- 
holen: „Ich ertränkte sie . . .", dann erwachte sie, erzählt sie und konnte 
erst wieder erleichtert einschlafen, nachdem sie sich bei weit offenem Fenster 
auf den Fußboden gelegt hatte. 

Es ist schwer zu glauben, daß diese Träume wirklich geträumt worden 
sind. Aber wir wissen aus Analysen von literarischen Werken (siehe Der 
Wahn und die Träume in Jensens „Gradiva", Freud: Ges. Schriften, Bd. IX), 
daß ein Traum, ob geträumt oder erfunden, denselben Wert besitzt als 
Ausdruck des Unbewußten jener Person, die ihn träumt oder erfindet. Und 



Der Fall Lcfetvre 



wenn Frau Lefebvre einen wahrscheinlich nachträglich erfundenen Traum 
erzählt, um sich durch eine zwanghafte Idee, die Schwiegertochter zu er- 
tränken, zu rechtfertigen, so gibt sie eine bedeutsame Realität jenes ge- 
bietenden Psychismus kund, ob er sich nun in Träumen geäußert oder 
nicht, der ihr das Verbrechen aufgezwungen hat. 

Im Gespräch mit mir ging sie sogar noch weiter. Sie teilte mir mit, 
was sie den Sachverständigen nicht erzählt hatte. Sie habe eine Nacht vor 
dem Verbrechen alles geträumt, was sich am folgenden Tage abgespielt hatte, 
die Autofahrt, die mitgenommene Pistole, den Schuß an derselben Stelle 
des „Chemin de la Solitude". Die Erfindung ist offensichtlich und doch ent- 
spricht nichts mehr der psychischen Realität, als dieser erfundene Traum, 
der gleichsam besagt: „Mein Verbrechen war im voraus in mir gezeichnet 
und es gab im Grunde meiner Seele wie ein geheimnisvolles, nach innen 
gerichtetes Auge, das nur zu schauen hatte, um treu nachzuahmen, was 
da war." Jedes Moment des Verbrechens war im voraus geordnet und mußte 
ganz genau nachgeahmt werden. 



IV 
Uie I 1 orin der JL at 

Man sagt, daß Frau Lefebvre aus Geiz getötet habe, weil sie fand, daß 
ihre Schwiegertochter zu verschwenderisch sei. Sie verteidigte sich heftig 
dagegen und sie hatte nicht unrecht. 

Frau Lefebvre war zwar notorisch geizig. Jedoch war ihr Geiz in ihrem 
Leben nicht konstant. Sie war, wie überhaupt Geizige es sind, in vielen 
Fällen geizig, aber großzügig in anderen. 

Wenn es sich um ihre Gesundheit, um die der Ihrigen, ihres Mannes 
oder ihrer Kinder handelte, so gab sie aus, zauderte nicht, die bekanntesten 
Ärzte zu Rate zu ziehen, kostspielige Kuren durchzumachen. Aber in allem, 
was sich auf ihre Schwiegertochter bezog, war Frau Lefebvre, obwohl sie 
mehrere Millionen besaß, äußerst „schmutzig", so daß viele den Eindruck 
von pathologischem Geiz hatten. 

Sie begann damit, ihrer zukünftigen Schwiegertochter in der Kirche eine 
Szene zu machen wegen des Autos, das diese zu oft mit ihrem Verlobten 
in Anspruch nahm, was zu viele Ausgaben verursachte. Sie veranlaßte die 
Abkürzung der Hochzeitsreise unter dem Vorwand, daß sie sonst zu teuer 
werden würde und die damit verbundene Abwesenheit ihrem Sohne im 
Hause und Bureau Geldverlust verursachen würde. Sie hat angeblich den 
jungen Eheleuten auch vorgeworfen, die Hochzeitsreise erster Klasse gemacht 
zu haben. Sie verfolgte ihre Schwiegertochter, die selbst nicht verschwen- 
derisch war (60.000 Frcs. Ersparnisse auf 100.000 Frcs. Einkünfte im ersten 
Jahr der Ehe. Siehe Akten), für die kleinsten Ausgaben: für ein Tischtuch, 
für einen Kuchen, der beim Konditor gekauft wurde, für ein Ei in der 
weißen Sauce. Sie hat verlangt, daß ihre Schwiegertochter ohne Dienstboten 



Der Fall LefeLvre 



auskomme. Es ist sicher, daß die geringste Ausgabe ihrer Schwiegertochter 
oder ihres Sohnes für dieselbe, sie tief kränkte und außer sich geraten ließ. 
Das Mißverhältnis zwischen der Heftigkeit der Vorwürfe und der Gering- 
fügigkeit der Ausgaben fiel den Menschen auf und empörte sie. Daher 
die Idee vom „pathologischen Geiz". Aber dieses Mißverhältnis verschwindet 
für denjenigen, der das Gesetz der Affektverschiebung kennt. Wir haben 
hauptsächlich aus Analysen Zwangsneurotischer erfahren, daß ungenügend 
verdrängte Komplexe und Triebe sich dieses Mechanismus bedienen, um die 
Verdrängung zu umgehen und in Form von Symptomen im Bewußtsem 
wieder zu erscheinen. Das Verbot, das ihnen die Zensur auferlegt, wieder 
ans Tageslicht zu kommen, umgehen sie, indem sie nicht mit ihrem wahren 
Gesicht erscheinen, sondern indem sie ein anderes, scheinbar harmloses 
Antlitz entlehnen. Aber was unter der Maske lebt und sich regt, das verrat 
sich durch die Intensität der Erregung, die im Mißverhältnis zur schembaren 
Ursache der Erregung steht. Es scheint doch wirklich absurd, daß eine Multi- 
millionärin, wie Frau Lefebvre zum Beispiel ihrer Schwiegertochter Vorhal- 
tungen und Szenen macht wegen „eines Eies in der weißen Sauce (Aus- 
sagen von Frau Mulle). Aber diese Absurdität verschwindet, wenn man ver- 
standen hat, daß dieses Ei nur ein Symbol für eine andere, weit wichtigere 
Sache ist. Jegliche Geldausgabe ihres Sohnes für seine Frau, sex es nun 
um einen Kuchen oder ein Ei zu kaufen oder ein Tischtuch waschen zu 
lassen, ist für die Schwiegermutter Grund für eine schwere Kränkung. Denn 
jede Geldausgabe ist ein Geschenk, das in der Sprache der analen Regres- 
sion ein Liebesgeschenk ausdrückt. 

Wir haben durch Freuds und seiner Schüler, besonders Abrahams Arbeiten 
(K Abraham, Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido. Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag, 1924) <*ie Bedeutung der prägenitalen Phasen der 
Libido kennengelernt. Die Analerotik mit ihren zwei Momenten (zuerst die 
Fäzes verlieren, dann sie zurückhalten, was der ersten menschlichen Vor- 
stellung vom „Besitz", vom „Eigentum" entspricht) beherrscht die zweite 
Phase der Libidoentwicklung des Kindes und wird bei gewissen Psychopathen 
unter verschiedenen Einflüssen durch die Regression wieder wachgerufen. 
Nun hat Frau Lefebvre mit einer besonderen Kraft die Regression der Meno- 
pause erlitten, die so häufig bei den Frauen zu dieser Zeit auftritt, in der 
ja die Quelle ihrer wirklichen Genitalität versiegt, indem ihre innere Sekre- 
tion eine tiefgreifende Umstellung erfährt. Ihre Hypochondrie ist ein Zeichen 
dafür, unter der sie seit ihrem achtundvierzigsten Lebensjahre zu leiden hatte. 



2 ^ Marie Bonapartc 



Man kann die Bedeutung der Hypochondrie in der Lebensgeschichte der 
Frau Lefebvre gar nicht genügend hervorheben. Die offiziellen Sachverständi- 
gen haben zur Unterstützung ihrer Auffassung versucht, diese Hypochondrie 
auf einfache physische Beschwerden zu reduzieren; jeder Psychiater und 
sogar viele Ärzte wissen, daß die Hypochondrie hauptsächlich aus einem 
riesigen psychischen „Überbau" besteht, der einen verhältnismäßig geringen 
physischen Kern in sich birgt. 

Die Hypochondrie drückt nach Freud (Einführung des Narzißmus, Ges. 
Schriften, Bd. VI) eine Rückkehr der Libido auf die Person selbst aus. Sie 
ist eine „narzißtische Aktualneurose", die sich in organischer Sprache äußert. 
Der Hypochondrische, der unfähig geworden ist, sein Interesse, seine Libido 
äußeren Objekten zuzuwenden, zieht sie auf seine eigenen Organe zurück, 
die von nun an dazu dienen, sein ganzes Triebleben auszudrücken. Die Hypo- 
chondrie soll übrigens oft ein Vorstadium der Paranoia sein und wir werden 
weiter sehen, wie sehr der Fall der Frau Lefebvre diese Ansichten Freuds 
rechtfertigt. 

Diese Regression der Libido auf die eigene Person wird besonders leicht 
zustande kommen, wenn es dem Individuum nicht gelungen ist, im Laufe 
der Entwicklung zum genitalen Stadium zu gelangen. 

Nun hat Frau Lefebvre unter dem Einfluß einer ihre Zwecke über- 
schreitenden religiösen Erziehung, einer exzessiven und frühzeitigen Unter- 
drückung ihrer Triebe zweifellos nie das wahre genitale Stadium erreicht. 
Es kann peinlich sein, in einem Aufsatz vom intimen Leben einer Lebenden 
zu sprechen, aber man kann eine analytische Studie dieser Verbrecherin 
nicht einmal versuchen, ohne die diesbezüglichen Auskünfte anzuführen, die 
einzuholen möglich waren. 

Frau Lefebvre scheint eine psychisch frigide Frau gewesen zu sein, die 
sich den Beziehungen in der aus Vernunftsgründen geschlossenen Ehe nur 
aus Pflichtgefühl unterwarf. Die körperlichen Beziehungen, die ihr als junges 
Mädchen unbekannt waren, waren für sie eine peinliche Überraschung, und 
erst nach und nach „ging es besser". Aber wie es bei psychisch Frigiden 
vorkommt, wenn man sie nach dem genauen Sinn dieser Worte befragt, 
weiß sie nicht, wovon man spricht. Und, wie es ebenfalls bei frigiden 
Frauen vorkommt, sie hat jegliche Erinnerung an die doch so allgemeine 
infantile Onanie verloren. Aber die Analysen psychisch frigider Frauen zeigen 
uns, daß die Unmöglichkeit zur Rückkehr der Funktion so wie die Amnesie 
beide durch denselben Faktor, die Verdrängung, verursacht sind. Übrigens 
sieht man oft im Laufe der Analyse oder des Lebens, daß die Amnesie der 






Der Fall Lefebvre 



25 



infantilen Onanie schwindet im Augenblick der Wiederkehr der Genital- 

funktion. „ _ ,■ 

Das es ging besser" bezieht sich auf eine Spur von Orgasmus, die 
für den," der diese physiologische Funktion ganz besitzt, schwer vorstellbar 
ist „der bezeichne, es nur die Vorlust? Sie gib. ja die Erinnerung an eine 
Art von Schauder zu, spricht aber davon wie von einer Sache ohne ,ede 
Bedeutung, so daß man vermuten kann, die volle Befriedigung, der Orgas- 
mus sei ihr unerreichbar geblieben. Denn sie sag.: „Es gib. Dinge, zu 
denen sie nie Lust hatte, was ihren Mann enttauschte. 

Frau Lefebvre war dreimal schwanger; die Konzep.ionsfähigkeit wird ,a 
durch die Frigidität nicht beeinträchtigt. Da ihre Libido keine normale 
Befriedigung in de, Ehe gefunden hatte und da ihre Tugend, ihre Re hgion 
und ihre Tendenz zur Regression ihr jeglichen Versuch einer -ßerehehchen 
Liebe versperr.cn, fixierten sich alle ihre Triebe aUe to GeftUe am 
Kinde Wir werden weiter untersuchen, welche Bedeutung der Sohn für 
die Mutter ha.. Wir wollen vor allem bemerken, daß ein langes Leben 
1 Gefühlssparsamkei. eine Bedingung des Verbrechens der Frau Lefeb r 
war und daß ihr Verbrechen und ihre Tugend Funkttonen derselben Fak 

toren sind. frühgeborene Tochter starb 

Frau Lefebvre liebte ihre zwei Sohne die trungeo 
sogleich - mi. verhaltener und tyrannischer Leidenschaf,. Diese von der 
Se genehmig* Liehe soll.e ihr enges Hei, ausfüllen. «* — 
Sohn Charles mi. sechs Jahren krank wurde pflegle sie ihn Tag und Nicht 
Sie kann nich. an Lobsprüchen auf ihren Sohn Andre genug tun der so 
Z sTLf. war, daß er sogar seine Frau, die böse Schwieger.ochter e - 
Sug sag. sie mi. einem Lächeln, das im Gerich«ssaal Grauen erreg« 
T* dlsen Sohn als Zeugen auftreten sah und flüstette: „Mem armes 

KS Frau Lefebvre lieb.e nur ihre Familie, Geschöpfe, in deren Adern 
ihr eigenes Bln. fließ.. Auch ihren Mann, da er mr von ihren El.ern 
leben worden is., von der Kirche, an deren Spitze Gott-Va.er «eh«. Denn 
Frau lefebvre, die nie zum genttaJen S.adium der Entwicklung gelang, s,, 
Zn nur in narzißtischer, possesiver Ar. lieben, die dem "«-"«; 
Stadium entspricht, an das sie fixier, geblieben ts. und zu welchem bei 
ihr während der Menopause eine intensive Regression stattfand. 

Ich weiß, daß dieser Teil des vorliegenden Versuches der dunke s.e is«. 
Man sieh, «.gedrungen weniger klar, wenn man sich den *^£ 
bieten der prägenitalen Stadien der Libido naher.. Aber gewisse Geb.e.e. 



- 



Alane Bonaparte 



wenn sie auch dunkel sind, existieren nichtsdestoweniger und man kann 
versuchen, sich auf einige lichte Stellen stützend, sie zu erforschen. 

Die Dunkelheit, welche in jenen Gebieten des Psychischen herrscht, 
kann nicht besser illustriert werden, als durch Auszüge aus den Heften 
der Frau Lefebvre, jenen Heften, in denen sie seit ihrer Menopause 
während der Anfälle von Hypochondrie ihre peinlichen Empfindungen 
niederschrieb. 

Ich wähle das vielgenannte Aktenstück 300, das auch von Dr. Voivenel 
in seinem Gutachten angeführt wurde. 

Aktenstück 300. Auf der Rückseite einer Todesanzeige, die an Herrn 
und Frau Guillaume Lefebvre in Hem gerichtet ist (d. h. im oder nach 
dem Jahre 1923, in welchem die Familie nach Hem übersiedelte). 

„Nerven ziehen, knirschen, krümmen sich, sind empfindlich, schmerzen, 
Müdigkeit, niemals Kraft, Nerven ziehen, stoßen, sind entspannt. In Pau zu- 
sammengekrampft, angespannt wie die Feder einer Uhr. Erschlaffung der starren, 
geschwollenen Nerven — Kontraktionen, Krämpfe, kraftlos, Erregung — 
gequälte Nerven, dehnen sich aus wie ein Netz, unempfindlich gereizt, spreche 
allein, oder . . . (unleserliches Wort) dann erschlaffen, keine Kräfte . . . (unleser- 
liches Wort), Magenkrämpfe, Gereiztheit, Empfindlichkeit. Nerven empfind- 
lich, Magen gekrümmt, Krämpfe. Bin gezwungen, nach Mahlzeiten zu ruhen, 
denn nachher ist alles erregt. Neuralgie, Rheumatismus, Leber, Magen, ge- 
sunkene Organe — erschlaffte Muskeln. Was tun, um sie zu kräftigen, schlaffe 
Beine, Muskeln schwinden und geschwächte Nerven. Vapeurs, Schwindel, Schwäche. 
Nackenfieber, Lenden — bin gezwungen, keine Bewegung mehr zu machen. 
Nach dem Abendessen liegen bleiben, sonst nicht schlafen. Unruhig, kann 
nicht einmal lesen oder arbeiten, schlafe schwierig. Kopf hält nicht mehr auf 
den Schultern, erschlaffte Muskeln und Nerven, gespannte Nerven. Verkrümmter 
Magen, Fieber, Lendenkrämpfe, Depression, Müdigkeit . . . Neurasthenie, Un- 
ruhe, Neurose. Heirat, Kinder." 

Dr. Voivenel bediente sich dieses Auszuges, um die Hypochondrie her- 
vorzuheben. Wir glauben, daß man weit mehr finden kann — aber wir 
wiederholen es, man kann nur sehr unklar in die Tiefen der prägenitalen 
Regression hineinblicken. 

Andere Auszüge aus Frau Lefebvres Notizen, aus den Heften „De Bon 
Secours , „L'Ordonnancier und „Le Studieux" zeigen uns die intestinalen 
Beschwerden, das Gespenst der Verstopfung, der Abführmittel, welche das 
Überwiegen der analen Interessen der Hypochondrischen aufweisen. Gewiß, 
die Gallenkoliken, die Enteroptose, die Obstipation der Frau Lefebvre waren 
zweifellos nicht ganz eingebildet. Aber der riesige „Überbau" allein, der 
sich auf dieser Grundlage erhebt, macht aus ihr eine Hypochondrie. 






Der Fall Lefebvre 



27 



Im Aktenstück 300 gefällt sich Frau Lefebvre in der ausführlichen 
Schilderung der verkrampften, gespannten und verkrümmten Nerven usw. 
Dieses Modv kehrt übrigens unaufhörlich in den Heften oder Notizen der 
Frau Lefebvre wieder. Man kann sich fragen, ob nicht diese Empfindungen, 
welche ihr Unbewußtes um organische Störungen häufte, vielleicht das 
Schweregefühl der Schwangerschaft und die Schmerzen der Entbindung 
reproduziert haben?' Es sind da sogar Lendenkontraktionen vorhanden. 
Man ist auf die Worte am Schluß aufmerksam geworden, von Heirat und 
Kindern, und man hat sich viel darüber herumgestritten ob diese Worte 
zusammen gelesen werden und bedeuten müßten : „Heirat de, -Linder oder 
aber „Heirat, Kinder", was sich auf die Heirat der Kinder der Frau 
Lefebvre beziehen sollte oder aber auf ihre eigenen Niederkünfte. 

Freud stellt in seiner „Einführung des Narzißmus die Hypothese auf, 
daß die Empfindungen und Modifikationen an den Organen Hypochon- 
drischer die körperlichen Veränderungen der in Erektion geratenen Genital- 
organe zum Vorbild hätten und von diesen auf jene verschoben sexen. Aber 
auch die Schwangerschaft erzeugt in Frauen innere Empfindungen von 
organischen Veränderungen, „von einem Organ, das wachst, das großer 
wird«, und die Enthindung ist von intensiven, genitalen Sensationen be- 
gleitet. Beide können also im Unbewußten Stoff für die unbewußten und 
hartnäckigen hypochondrischen Empfindungen abgeben. 

Diese Hypothese steht um so mehr im Einklang mit den Freudschen 
Auffassungen, als doch die Analysen zeigen, daß für das Unbewußte Kind 
und Penis gleichbedeutend sind. Das Kind ist, wie wir weiter unten ze^en 
werden, für die Frau ein Ersatz für den fehlenden Penis. Und auf dem 
prägenitalen Gebiete der Analerotik, zu welchem Frau Lefebvre in ihrer 
Hypochondrie regrediert ist, existiert die Äquivalenz von Kot-Geld 
Penis-Kind (siehe Freud: Charakter und Analerotik. Ges. Schriften Bd. V). 
Die Äquivalenz ist bei Frau Lefebvre sehr deuüich. Ihre Eifersucht 
äußert sich zuerst in unzweideutig analer Weise: Ihr Sohn soll einer 
anderen Frau kein Geld geben. Das Geld ist hier, nach der Ausdrucks- 
weise des Unbewußten, mit jeder körperlichen Sekretion: Kot = Sperma 
identifiziert. Sie kann es anscheinend nicht ertragen, daß der junge Gatte 
seiner Frau nachts Geschenke macht. Und ihre Eifersucht äußert sich in 
der geizigen, der analen Art. Sie liebt ihren Sohn ebenfalls auf anae, 
possessive Weise (oral-anale Possessivität im Gegensatz zur genitalen Obla- 




a8 .Marie Bonnparte 



tivität von Laforgue, Codet und Pichon). Sie will ihn besitzen, will ihn 
mit derselben Hartnäckigkeit für sich behalten, wie der Säugling seinen 
Kot zurückhält. Es ist interessant, hier daran zu erinnern, daß bei Frau 
Lefebvre, zweifelsohne aus endokrinem Einfluß, Diarrhöe und Verstopfung, 
starke Menstrualblutungen und Amenorrhoe parallel liefen. (Diarrhöen in der 
Pubertät und Obstipation während der Menopause.) 

Die Beziehung, welche für Frauen im allgemeinen ihr Sohn zum in- 
fantilen Kastrationskomplex hat, ist bei Frau Lefebvre augenscheinlich. 

Analysen haben gelehrt, mit welchem Schmerz, welchem Minderwertig- 
keitsgefühl das kleine Mädchen auf die Entdeckung des Unterschiedes der 
Geschlechter reagiert. Sie sieht, daß ihr ein Organ fehlt, daß sie weniger 
hat als die Knaben und sie teilt von da an mit ihnen die Verachtung für 
die Frau und für sich selbst. Eine Zeitlang tröstet sie sich mit dem Ge- 
danken, daß „es eines Tages noch wachsen wird", ein Gedanke, der in 
vielen Volksaussprüchen Spuren hinterlassen hat. (Ich zitiere aus dem Ge- 
dächtnis aus Montaigne die Geschichte von jungen Mädchen, denen das 
männliche Glied wachsen kann, wenn sie über einen sehr breiten Graben 
springen.) Aber wenn sich endlich das Mädchen mit der Evidenz der Wirk- 
lichkeit dauernd abfinden muß, ein kastriertes Wesen zu sein, so ist ihr 
ein Ersatz dafür gegeben. Das kleine Mädchen fühlt in der Tiefe seines 
Wesens, daß „in ihr eines Tages etwas anderes wachsen wird". Und so er- 
setzt, wenigstens bei Frauen, die eine richtige weibliche Entwicklung 
durchgemacht haben, der Wunsch nach einem Kind, den Wunsch, einen 
Penis zu besitzen. 

Frau Lefebvre scheint diese Entwicklung durchgemacht zu haben. Das 
Kind scheint ihr Wesen ausgefüllt zu haben, wenngleich sie auch das 
volle genitale Stadium nicht erreicht hat. Wir wollen hier nicht auf die 
Bedeutung eingehen, welche für die endgültige Genitalität der Frau der 
relative Anteil der Urethral- und Analerotik (Klitoris und Vagina) haben. 
Wir werden nur sagen, daß die Frau im Gegensatz zum Manne, zur Er- 
reichung der vollen Genitalität die Analerotik nicht völlig aufgeben darf, 
da ja die Vagina, nach dem Ausdruck von Lou Andreas-Salome\ dem 
Anus gleichsam nur „abgemietet" ist. 

Trotzdem Frau Lefebvre auf dem Wege zur völligen Genitalität stecken- 
geblieben ist, verstand sie es doch, eine leidenschaftliche Mutter, allerdings 
in anderer Weise, zu sein. Sie liebte ihre Kinder, wie eine ordentliche, 
sparsame Bürgerin und gute Hausfrau, ohne einen Blick nach außen zu 
werfen. Sie liebte ihre Söhne mit jener unbewußten Leidenschaft, die ein 



\ 



Der Fall Lefetvrc 



*9 



Abkömmling der ersten Komplexe des kindlichen Lebens ist. Entsprechend 
dem tiefen Gesetze des Unbewußten, waren ihre Söhne für sie der Ersatz 
für den vermißten Penis. 

Sie reagiert auf den Verlust des Sohnes, der ihr von einer anderen weg- 
genommen wurde, mit jener primitiven Grausamkeit, die dem Stadium 
innewohnt, in welchem diese primitiven Komplexe herrschen. Die Unter- 
drückung der ersten Periode der infantilen Sexualität sowie die Drohung 
für jene Sünde mit der beim Mädchen verwirklicht erscheinenden Kastration, 
stammten in der Kindheit der Marie Lemaire zweifellos von einer Frau, 
wahrscheinlich von ihrer Mutter. Die Frau ist für das Kind oft die Kastra- 
torin, diejenige, welche die Sexualität durch eine Kastrationsdrohung unter- 
drückt, und da die Kastration dem kleinen Mädchen verwirklicht erscheint, 
so schreibt sie sie mit Leichtigkeit der Mutter zu. Da mußte das Unbe- 
wußte der Marie Lemaire von früh auf die Mutter als die „Diebin be- 
trachten. Übrigens schob später Frau Lefebvre „Diebstähle" vor, um eine 

Pistole zu kaufen. 

Die Beziehung zwischen dem Verbrechen der Frau Lefebvre und dem 
Kastrationskomplex stützt sich noch auf andere Indizien. Die von ihr ge- 
wählte Tötungsart ist ein Zeugnis dafür. Sie sagt, daß sie an keine andere 
Art, ihre Schwiegertochter zu töten, gedacht hätte, als das Erschießen. Sie 
hatte z. B. nicht einmal den Gedanken gehabt, sie zu vergiften. Wobei ja 
dies weniger bemerkbar hätte geschehen können. Aber die Pistole drängte 
sich ihr auf und wir kennen aus Analysen die symbolische Bedeutung der 

Pistole als Phallus. 

Der Zwang, die ursprüngliche Beteiligung des kleinen Bruders, mit dem 
sie seinerzeit die toten Hühnchen begrub, zu wiederholen, findet sich 
übrigens hier wieder in der Tatsache vor, daß Frau Lefebvre ihren Sohn 
Andre" bat, ihr die Handhabung der Waffe zu zeigen, mit welcher sie 
einige Wochen später in seiner Gegenwart seine eigene Frau erschoß. 

Es würde zu weit führen, die verschiedenen Symbole zu suchen, welche 
in dem tragischen Geschehen vom „Chemin de la Solitude" zu finden 
wären. Man könnte das Motiv des Schlüssels erwähnen, welches zweimal 
mit dem der Pistole verbunden war. Frau Lefebvre soll, als sie Vichy ver- 
ließ, um nach St. Etienne zu reisen, beim Halten des Zuges in St. Germain- 
des-Fosses bemerkt haben, daß sie einen Schlüssel oder ihre Schlüssel 
verloren hätte. Während des Prozesses behauptete sie, daß sie im Augen- 
blick, als sie Hern am Tage des Verbrechens verließ, die Pistole aus einer 
Lade' nahm, in welcher sie einen Schlüssel gesucht hatte. Die Behauptung, 






Alane Bonapartc 



insbesondere die letztere, scheinen von einer zweifelhaften Wahrheitstreue 
zu sein. Mir sagte Frau Lefebvre, am Tage des Verbrechens Schmuck- 
sachen in der Lade gesucht zu haben, aus welcher sie die Pistole nahm. 
Aber diese zwei verschiedenen Versionen bestätigen eigentlich nur dieselbe 
tiefe Bedeutung, deren Äußerung sie sind. Schmuck hat einen ausdrücklich 
analen Sinn, der Schlüssel wie die Pistole sind häufig Genitalsymbole. Die 
Kastration, — verlorene Schlüssel, — durch die gefundene Pistole kompen- 
siert, geschieht auf analer Stufe (Schlüssel — Schmuck). Dabei ist nicht zu 
vergessen, daß der Schlüssel das Zepter der Hausfrau ist, das Symbol ihrer 
Herrschaft über das Haus. 

Es ist auch die Symbolik des Autos hervorzuheben. Die erste Szene, die 
Frau Lefebvre ihrer Schwiegertochter in der Kirche machte, geschah des 
Autos wegen. In demselben Auto erschoß sie sie. Wir kennen aus zahl- 
reichen Analysen und Träumen die Symbolik, daß eine Spazierfahrt mit 
jemandem für das Unbewußte einem Geschlechtsverkehr mit derselben 
Person gleichkommt. Frau Lefebvre war auf ihren Sohn eifersüchtig, daß 
er mit einer fremden Frau im Auto fuhr, wie sie eifersüchtig war, daß 
er für diese Frau Ausgaben machte, und beides hatte dieselbe symbolische 
Bedeutung. 

Noch deutlicher ist die Symbolik des Eies. Frau Lefebvre, die die Milch 
nicht mag, hat aber Eier gern. Nun hat die Milch wahrscheinlich für sie 
die symbolische Bedeutung der Mutter, die Eier hingegen die des Vaters 
(Eier = Testikeln im vulgären Sprachgebrauch) und dessen, was aus ihm ent- 
steht: das Ei, welches das vom Vater gegebene Kind enthält. Frau Lefebvre 
wirft ihrer Schwiegertochter das „Ei in der weißen Sauce" heftig vor, 
d. h. das Sperma ihres Sohnes und das daraus entstehende zukünftige 
Kind. 

Vom Standpunkt der Symbolik ist noch folgender Satz der Frau Lefebvre 
interessant, der von Herrn Pollion erzählt wird (siehe Aktenstück 11 6), 
als er sie drei Tage vor dem Verbrechen am Vormittag traf und ihr sagte : 
„Guten Tag, Madame, nun werden wir auch heute kein schönes Wetter 
haben , soll sie geantwortet haben : „Die Dahlien haben keine Blüten, die 
Mohrrüben sind ganz klein und alles . . . alles . . .", was ihn denken ließ, 
daß die Dame verrückt sei. Vom analytischen Gesichtspunkte aus sind diese 
Worte vollauf gerechtfertigt und können sehr wohl in symbolischer Weise 
die sie damals beherrschenden Gedanken ausdrücken, die Schwiegertochter 
zu verhindern, das Kind auszutragen. Die Dahlien = das Kind, dürfen nicht 
blühen und die Mohrrüben, welche unter der Erde sind, = der Fötus im 



Der Fall Lefelivre 3i 



Uterus — sind ganz klein . . . Gewiß können wir dies nicht bestimmt 
behaupten, da wir Frau Lefebvre nicht analysiert haben, aber diese Ver- 
mutung, obwohl sie allen denjenigen, welche mit der dem Unbewußten 
eigenen symbolischen Ausdrucksweise nicht vertraut sind, ein Lächeln ent- 
locken wird, ist nicht unwahrscheinlich. 

Ich habe versucht, jenen Gedanken Ausdruck zu geben, die in mir die 
Mitteilungen der Frau Lefebvre angeregt haben. Die Kräfte, welche sie 
zum Verbrechen getrieben haben, der Sinn der Tat rückt mit ziemlicher 
Klarheit hervor. Die Form, in der sich dieser Sinn manifestiert hat, erscheint 
weniger klar, sie verliert sich in den Tiefen der narzißtischen Regression. 



V 
Die Psydiose 

Seitdem Frau Lefebvre im Gefängnis ist, geht es ihr gut, unvergleichlich 
besser, sagt sie, als in den letzten dreizehn Jahren. Sie schläft fast die ganze 
Nacht, die für Gefangene so lange Nacht, auf hartem Strohsack, sie, die 
lange Jahre hindurch, obwohl sie Herrin im Hause war und ein gutes Bett 
hatte, trotz aller Schlafmittel nicht schlafen konnte, nachts unaufhörlich, 
sobald sie zu schlummern begann, von furchtbaren Angstträumen aus dem 
Schlaf gerissen wurde und nur wieder einschlafen konnte, wenn sie auf 
dem Fußboden, bei weit offenen Fenstern, ausgestreckt lag. 

Sie genoß diesen wohltuenden Schlaf vom Tage des Verbrechens an, seit 
der ersten Nacht, die sie im Gefängnis verbrachte. Und der Kontrast mit 
den vorhergehenden Nächten erscheint ihr groß, in denen sie, wie sie sagt, 
unter der Herrschaft ihrer immer stärker werdenden furchtbaren Zwangs- 
gedanken und der Kränkungen von seiten ihrer Schwiegertochter, die sie 
seit Monaten peinigten, nicht schlafen konnte. Sofort nach der sie befrei- 
enden Tat kam die Ruhe, welche schon im Krankenhaus, wohin Andre" 
Lefebvre seine tote Frau führte, dem Wächter und dem Polizeikommissär 
auffiel. 

Heute sagt Frau Lefebvre: „ich war niedergeschlagen." Nein, sie war 
befreit. Die psychischen Bedingungen, unter denen sie die Tat beging, be- 
zeugen es. Sie erklärte mir, indem sie das dem Richter schon Gesagte 
wiederholte und aufbauschte: „Es ist merkwürdig, ich hatte die Empfindung, 
meine Pflicht zu tun . . . Ich war wohl nicht ganz bei Sinnen . . . Ich habe 
sie getötet, wie man Unkraut, wie man schlechtes Korn ausreißt, wie man 
ein wildes Tier totschlägt ..." Und man hat die Empfindung, daß sie in 






Der Fall Lefebvre 33 



ihrem Innern seit jener Zeit ihre Meinung nicht geändert hat. Aber wenn 
man sie fragt, worin eigentlich die Wildheit des Tieres bestand, kann 
sie fast gar nichts sagen. „Sie wollte gegen ihre Mutter einen Prozeß an- 
strengen . . ., denken Sie, sie sagte mir im Auto: ,Sie haben mich. Nun, 
jetzt muß man mit mir rechnen.'" Das ist alles. Frau Lefebvre, die ich in 
den viereinviertel Stunden, die ich bei ihr verbrachte, mehrere Male darüber 
befragte, kann mir nichts anderes sagen. 

Ich habe nicht an meinen Sohn gedacht, erklärt sie mir, sondern nur 
an mich, um meinen Verdruß zu beseitigen, „mes chagrinites" , sagte sie 
während der Verhandlungen, und es ist ihr dies gelungen. „Was wollen 
Sie," sagt sie mir, „es ist nicht verwunderlich, daß es mir jetzt gut geht, 
ich habe keinen Verdruß mehr." So äußert sich mit einer seltsamen 
Heiterkeit im Gesicht diese alte Frau, die ihr Leben inmitten ihrer Familie, 
ihres Mannes und ihrer geliebten Söhne hätte beenden können und die zu 
lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt ist. 

Denn in ihrem tiefsten Innern bringt es Frau Lefebvre trotz ihrer 
Gläubigkeit nicht dazu, zu empfinden, daß sie selbst Böses getan hat. 
Gewissensbisse sind ihr gänzlich fremd. Sie bedauert wohl den Kummer 
und die Leiden, die sie ihrer eigenen Familie verursacht hat, aber die 
Ermordete und deren Familie rühren sie nicht im geringsten. Wenn sie 
jeden Tag für die Ermordete betet, so tut sie es auf Geheiß des Gefängnis- 
geistlichen. Und diese Gebete bereiteten ihr in der ersten Zeit so viel 
Schwierigkeiten, sie machten sie so schwitzen, daß sie sie nur in 
freier Luft, im Gefängnishof, aufzusagen vermochte. Denn ihr ganzes 
Wesen bejaht ihre Tat. Nicht umsonst hat ihr ganzes Wesen ein Jahr 
lang diese Schwiegertochter von fremder Abstammung zurückgewiesen wie 
einen Eindringling, wie einen Fremdkörper, deren Kinder sie nicht haben 

wollte. 

„Man hat mir so oft wiederholt, daß das, was ich getan, schlecht war," 
sagte mir Frau Lefebvre, „daß ich es nach und nach zu begreifen be- 
ginne." Das Eigenartige dabei ist ja eben, daß man es ihr erst sagen mußte. 
Aber so oft man es ihr auch wiederholt hat, man fühlt, daß Frau 
Lefebvre noch nicht empfindet und wahrscheinlich nie empfinden wird, 
daß ihre Tat von den Menschen als „Böses" verurteilt wird. 

Sie hat anscheinend den Eindruck, daß Gott auf ihrer Seite steht. Hat 
sie denn nicht Gebete an ihn gerichtet, damit er sie von ihrer Qual, von 
ihrer Schwiegertochter, befreie? Und jetzt, da sie, um ihren Ausdruck 
während der Untersuchung zu gebrauchen, „sich selbst Gerechtigkeit wider- 

Bonaparte: Der Fall Lefebvre. 5 









zJ Marie Bonnpartc 



fahren ließ", zur Selbsthilfe gegriffen hat, erklärt sie, schreibt sie, daß „doch 
nichts ohne Gottes Willen geschieht". 

Aber kein Satz erlaubt es, tiefer in die Psyche der Frau Lefebvre zu 
dringen, als dieser: „Ich hatte die Empfindung, meine Pflicht zu 
erfüllen." Es ist nicht nur ein Recht, es ist eine Pflicht, die sie erfüllte, 
indem sie ihre Schwiegertochter „wie ein wildes Tier" niederschoß. 

Gewiß war Frau Lefebvre der Meinung, daß diese ein Verbrechen be- 
gangen, welches Todesstrafe verdiente. Daher ja der Ausdruck „Gerechtigkeit 
widerfahren lassen". Aber welches Verbrechen? Sind es die im Wagen aus- 
gesprochenen Worte: „man muß mit mir rechnen?" Das scheint nur eine 
Kleinigkeit zu sein, ist es aber nicht. Denn es bedeutet ja: „Ich bin da. 
Und darin liegt das Verbrechen. Eine junge, fremde Frau kam und stahl ihr 
ihren Sohn. Wir werden später die Überdeterminierung dieses Diebstahles 
untersuchen.Untersuchen wir vorerst die merkwürdige Abwesenheit des Schuld- 
gefühles, des moralischen Gewissens bei dieser bigotten Bürgerin. 

Dieser Zug war es vielleicht, der das Volk und die Geschwornen am 
meisten empörte : sie sahen darin eine abscheuliche Selbstbeherrschung. Und 
dabei ist eben dieser Zug, wie wir es später sehen werden — eines der 
Merkzeichen des Pathologischen. 

Es sind anderthalb Jahre, daß Frau Lefebvre im Gefängnis sitzt und sie 
fühlt sich dort auch weiterhin sehr wohl. Die „Genesung durch das Ver- 
brechen" scheint sich zu festigen. Das einzig Schöne an dieser kleinen Frau, 
mit ihrem gewöhnlichen und abgelebten Gesicht, stumpfen, grauen Augen, 
unregelmäßigen Zähnen und einem mit Barthaaren bedeckten Kinn, sind 
ihre dichten Haare, die trotz ihres Alters noch blond sind. Aber seitdem 
sie in der Haft ist, werden ihre Haare aus einem geheimnisvollen Grunde 
statt grau, dunkler in der Farbe, obwohl man doch Frau Lefebvre, diese 
sittenstrenge Bürgerin, nicht verdächtigen kann, ihre Haare früher gebleicht 
zu haben und auch nicht die Gefängnisverwaltung, einen Friseur einzu- 
führen, um die Haare zu färben. Frau Lefebvre klagt nur noch über ge- 
ringfügige Leberschmerzen, verlangt keine Medikamente, keine Abführmittel 
wie früher. Der hypochondrische „Überbau" ist geschwunden, es bleibt nur 
noch der physische Kern. Und diese Veränderung geht so weit, daß eine 
Brustgeschwulst, die jetzt seit einem Jahr besteht, Frau Lefebvre vollkommen 
gleichgültig läßt. Diese Frau, die dreizehn Jahre hindurch alle Ärzte auf- 
suchte wegen ihrer „verkrampften Nerven", „gesunkenen Organe", wegen 
aller Leiden, die man eingebildet nennt, bekümmert sich nicht um einen 
Brustkrebs (Diagnose der Gerichtssachverständigen: Scirrhus). „Ich habe 






Der Fall LefeLvre 35 



anfangs geglaubt," sagte sie mir, „daß es das Reiben des Strohsackes bedingt 
hat." „Es ist das weit weniger unangenehm, als meine früheren Be- 
schwerden." Und als ihre Rechtsanwälte ihr sagen, sie müsse „das" bei 
ihrer Ankunft in Hagenau den Gefängnisärzten zeigen, scheint sie ihnen 
kaum zuzuhören. 

Frau Lefebvre ist jetzt eben glücklich, glücklich in der Ruhe, die durch 
nichts gestört werden kann und die sie seit langem nicht mehr gekannt 
hat. „Ich habe keinen Verdruß mehr", wiederholt sie, als wäre es eine für 
alle selbstverständliche Sache. Sie scheint wirklich, so wie sie es gehofft hat, 
gleichzeitig mit ihrer Schwiegertochter, ihren Verdruß zum Verschwinden 
gebracht zu haben. 

Vor einer solchen Einstellung hat man den Eindruck des Anormalen. 
Ihr Gedächtnis, ihre Logik können noch so intakt und entwickelt sein, die 
Verkettung der Erinnerungen und der Gedanken sich mit einer noch so be- 
merkenswerten Genauigkeit und Sicherheit vollziehen, man fühlt, daß Frau 
Lefebvre nicht von unserer Art ist. Man denkt an Schillers Wort: „Anders 
als sonst in Menschenköpfen malt sich in diesem Kopf die Welt." 

Das ist es eben, was die Gerichtssachverständigen „einen ziemlich eigen- 
artigen Charakter" und was die Verteidigung „Paranoia" genannt hat. 

Es ist schwer, wenn man sich einen ganzen Nachmittag mit Frau Lefebvre 
unterhalten hat, sich nicht der Meinung der Verteidigungssachverständigen 
anzuschließen. Frau Lefebvre zeigt nämlich alle Merkmale der ,Jolie rai- 
sonnante" vom Typus der „revendication" (Querulantenwahn Kraepelins), 
wie er von Sörieux und Capgras in ihrer schönen Arbeit (Les Folies 
raisonnantes, par les Docteurs Serieux et Capgras, Paris. Alcan 190g) be- 
schrieben worden ist, in welcher sie diese Psychose als eine besondere Form 
der Paranoia von dem Beziehungs- und Verfolgungswahn unterschieden 
haben. 

„Der ,delire de revendication (Querulanten wahn), schreiben Serieux und 
Capgras (1. c. S. 246), „kann als eine chronische, systematisierte Psychose 
definiert werden, die durch eine ausschließliche Vorherrschaft einer fixen 
Idee charakterisiert ist, welche sich dem Geist in zwanghafter Weise auf- 
drängt, die allein die ganze psychische Aktivität in eine manifest pathologi- 
sche Richtung orientiert und sie um so stärker anregt, je größer die auf 
dem Wege gefundenen Hindernisse sind. Dieser Monoideismus von krank- 
hafter Überwertigkeit führt nicht zur Verblödung." 

Die Autoren unterscheiden weiter zwei Abarten des „delire de reven- 
dication" : ij die egozentrische und 2) die altruistische Abart. 

5' 



Marie Bonapnrtc 



Sie fahren dann fort: „In typischen Fällen der ersten Abart findet man 
als Grundlage der Psychose eine bestimmte Tatsache: entweder einen 
reellen Schaden (der reelle Schaden bei Frau Lefebvre ist die Tatsache, 
daß ihr Sohn ihr von einer anderen Frau gestohlen worden ist, obwohl dieser 
Diebstahl vom Bewußten als solcher nicht voll anerkannt wird) oder einen 
unbegründeten Anspruch (dies ist bei Frau Lefebvre der Respekt, die 
Rücksichten, die sie unaufhörlich von ihrer Schwiegertochter verlangt, 
welche ihr gegenüber aber darin nicht besonders gefehlt zu haben scheint. Wir 
werden später sehen, daß dieser Vorwurf nichts anderes als eine Verschiebung 
des ersten ist: des Diebstahls des Sohnes). Der Kranke ist nur auf die 
Befriedigung seiner egoistischen Wünsche, auf die Wahrung seiner eigenen 
Interessen bedacht (ich habe nicht an meinen Sohn gedacht, sondern nur 
an mich allein, sagte mir Frau Lefebvre). Der Kranke ist im allgemeinen 
der Feind einer bestimmten Persönlichkeit, durch die er sich ge- 
schädigt glaubt, oder aber der Feind der Gesellschaft, welche seinen An- 
sprüchen nicht Rechnung trägt (revendication) . (Die Prozessierenden, gewisse 
unverstandene Künstler und Literaten, gewisse Hypochondrische oder ver- 
liebte Verfolger usw.) 

Wir werden hier nicht von den altruistischen „revendicateurs sprechen 
(Erfinder, Reformatoren, Propheten und Wundertäter), denen Frau Lefebvre 
selbstverständlich nicht angereiht werden darf. 

Serieux und Capgras fahren fort (S. 251): „Trotz der anscheinenden Ver- 
schiedenheit — die ausschließlich auf die verschiedenen Reaktionsweisen 
zurückzuführen ist — sind alle diese „revendicateurs" identisch, ihre Psychose 
ist durch konstant sich vorfindende Zeichen charakterisiert: Überwertige 
Gedanken, intellektuelle Übererregtheit . . . Jedoch zeigen einige 
bemerkenswerte Begabungen: glänzende Einbildungskraft, sicheres 
Gedächtnis, geschicktes Urteilen. Vielen unter ihnen, insbesondere 
unter den egozentrischen „revendicateurs 11 fehlt jegliche Unterschei- 
dungsfähigkeit von Gut und Böse: sie begehen Rücksichtslosigkeiten, 
Vertrauensmißbräuche, Betrügereien, wobei sie unaufhörlich Gewissen, Ehr- 
lichkeit und Ehre im Munde führen. Ein Patient Kraepelins empfand die 
Verspätung einer Postkarte als eine außerordentliche Schädigung, während 
er gleichzeitig Inzest und die Veruntreuung einer Geldsumme als Kleinig- 
keiten betrachtete. Gewalttätige unter ihnen pflegen ihre Sanftmut zu preisen, 
einer, der einen Mordversuch verübt hatte, staunt, daß man eine so belanglose 
Begebenheit aus seinem Leben hervorhebt, das von Güte und Barmherzigkeit 
erfüllt war. 



Der Fall Lefebvre 3^ 



1) Die „revendicateurs" sind von zwanghaften Ideen besessen („des obsedes J. 1 
Der Kampf um ihr Recht, das ist ihre Devise (ich habe mir selbst 
Gerechtigkeit widerfahren lassen). Die Idee, welche sie beherrscht, läßt 
ihnen keinen Augenblick Ruhe mehr (Frau Lefebvre war Tag und Nacht 
vom „Verdruß" beherrscht, den ihr die Schwiegertochter antat. Ihr Sohn 
Charles sagte ihr eines Tages: „Mama, du wirst davon verrückt werden"). 
Sie wollen „ihre Aufgabe bis zu Ende führen". Zu Beginn scheinen ihre 
Reden und Handlungen nur Leidenschaft zu bezeugen, jedoch sie lassen 
sich nach und nach hinreißen, so daß der Wunsch, ihrer Sache zum Siege 
zu verhelfen, keine Zügel mehr kennt und sie vollends beherrscht. Das 
Krankhafte dabei wird offenbar (Frau Lefebvre, darauf bestehend, von ihrer 
Schwiegertochter den den Eltern schuldigen Respekt zu verlangen). 

„Es handelt sich dabei nicht um einen einfachen, von einer Leiden- 
schaft herrührenden Zustand, nicht um legitime Ansprüche auf unrecht- 
mäßig geschädigte Rechte, sondern eben um einen „krankhaften Haß" 
(Morel), um eine von Tag zu Tag tyrannischer werdende obsedierende Idee, 
für deren Durchsetzung der „revendicateur" , der nur an seine Rache denkt, 
nicht nur seinen Beruf und die Wahrung seiner Zukunft und seiner eigent- 
lichen Interessen vernachlässigt, sondern nicht davor zurückschreckt, sein 
Vermögen, seine Familie, seine Freiheit und sogar sein Leben 
zu opfern (Frau Lefebvre, die das Schafott oder die lebenslängliche Zucht- 
hausstrafe riskiert). 

Jeder äußere Widerstand ruft einen manchmal angsterregenden Kampf 
hervor, welcher mit jenem vergleichbar ist, den der „innere" Widerstand 
bei Anfällen von Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen hervorruft. 
So litt eine Kranke drei Monate nach einem Gerichtsurteil, das sie für un- 
gerecht hielt, an obsedierenden Ideen und Angstzuständen, bis sie, „um 
sich vom entsetzlichen erstickenden Druck auf der Brust zu befreien", dem 
Richter gegenüber tätlich wurde. Die Autoren erinnern dann an Louvel, 
den Mörder des Herzogs von Berry, „der in seinem engen Geiste einen 
schlecht verstandenen Gedanken herumtrug und darunter litt, bis seine 
verhängnisvolle Tat ihn durch ein Verbrechen vom Druck und Martyrium 
seiner Idee befreite" (Lamartine). 

„Nicht minder charakteristisch, — fahren Serieux und Capgras fort, — 
als die Unwiderstehlichkeit der obsedierenden Idee ist das Gefühl der 
Erleichterung, das der Erfüllung dieser Idee folgt. Der Verfolger, 

1) Im Sinne einer „obsedierenden Idee" und nicht einer neurotischen Zwangs- 
vorstellung. 



38 • Marie Bonaparte 



welcher zum Mörder wird, empfindet beim Anblick seines erschlagenen 
Opfers ein Gefühl des Triumphes und findet, wenigstens für einige 
Zeit, seine seelische Ruhe wieder (R. Leroy)." Serieux und Capgras sprechen 
dann von der -force maniaque" (manische Kraft), welche die „revendicateurs , 
diese „maniaques raisonnants" zum unwillkürlichen Handeln treibt. 

Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß Frau Lefebvre in auffallender 
Weise die charakteristischen Zeichen des „delire de revendication aufweist, 
wie ihn Sörieux und Capgras beschrieben haben. 

Ich weiß nicht, ob der Fall der Frau Lefebvre ebensogut der Definition 
entsprechen würde, die Kraepelin für seine Querulanten gegeben hat. Jeden- 
falls sollte man in Anbetracht der gegenwärtigen Unstimmigkeit in der 
psychiatrischen Klassifizierung, wenn man eine Psychoneurose in eine be- 
stimmte Klasse einreiht, immer dem Terminus den Namen des Autors, der 
diese Psychoneurose beschrieb und benannte, folgen lassen, so wie man es 
für Tiere und Pflanzen in der Zoologie und Botanik tut. 1 

Aber wenn man eine Geisteskrankheit in eine Krankheitsgruppe einzu- 
reihen vermocht hat, wenn man sogar teilweise deren psychologische Dynamik 
aufgedeckt hat, wie wir es in den zwei vorhergehenden Kapiteln versucht 
haben, in denen wir von den Motiven und von der Art und Weise handelten, 
in welcher die Kräfte der Libido in Frau Lefebvre gewirkt hatten, so bleibt 
doch ein großes Stück Unbekanntes. 

1) Dr. Voivenel sagt in seinem Gutachten, „Frau Lefebvre ist, wie Odipus in 
seinem Schicksal, in ihrer psychopathischen Konstitution, in der sogenannten par- 
anoischen Konstitution' eingeschlossen" (S. 23 des Aktenstückes). 

Serieux und Capgras (1. c. S. 8, Note 1) beschränken den Begriff Paranoia auf die 
zwei Formen der ^folie raisonnante" oder „dilire partiel", die sie „delire dHnterpretation" 
(Verfolgungswahn) und „dilire de revendication" (Querulantenwahn) nennen. 

Anderseits will Kraepelin (siehe Psychiatrie, Leipzig 1915, Bd. IV, Klin. Psychiatrie, 
III. Teil, S. 1399, 1535 fr. und S. 1712) den Namen Paranoia von dem „delire de reven- 
dication" sondern und dieser allein den Namen Querulantenwahn geben. 

Andere wieder werden behaupten, die Krankheit der Frau Lefebvre sei nur ein 
„paranoider" Zustand. Und daß es sich nicht einmal um eine Revendikation handle, 
da Kraepelin, Serieux und Capgras rein familiale revendicateurs, deren „revendication" 
den engen Familienkreis nicht überschreite, nicht ausdrücklich als solche benannt 
haben. 

Da von dem „eigentümlichen Charakter" (die offiziellen Sachverständigen) bis zu 
einer Psychose „eine ganze Skala von Nuancen" existiert, wird jeder der Frau Lefebvre 
denjenigen Grad von „Verrücktheit" zuschreiben, den er will. 

Ohne in subtile Wortdiskussionen einzugehen, scheint für uns der psychische Zu- 
stand der Frau Lefebvre genug anormal, das Fehlen der sozialen Anpassung, der Ver- 
lust der „fonction du riel" (Janet) zeigen sich vollständig genug, um ihn als einen 
psychotischen Zustand betrachten zu dürfen. 



M^ 



Der lall Lelebvre 



3 9 



Denn wir haben ja alle in unserer Kindheit unsere Eltern nach dem 
Ödipusmotiv geliebt oder gehaßt und die Überreste dieses allgemeinen Kom- 
plexes, der ja im fünften Lebensjahr überwunden werden muß, bleiben in 
uns allen mehr oder weniger lebendig. Wir sind ja alle auch in unserer 
Kindheit dem Kastrationskomplex unterworfen worden. 

Anderseits gelangen nicht alle, insbesondere nicht alle Frauen, zur vollen 
Genitalität. Also, wenn man die Pistole beiseite läßt, wieviel Frauengeschichten 
erinnern an die der Frau Lefebvre! 

Freud hat uns jedoch einen Anhaltspunkt gegeben, der uns erlaubt, uns 
ein wenig in dieser Dunkelheit zu orientieren. Die Psychosen zeichnen sich, 
wie er uns gezeigt hat (Fall Schreber), durch eine Regression der Libido 
auf das narzißtische Stadium aus. Der Psychotische verliert im Gegen- 
satz zum Neurotischen die Fähigkeit, Objektbeziehungen zu unternehmen, 
seine Libido wendet er auf sich selbst zurück und verliert den Kontakt 
mit der Realität, mit der Außenwelt. Das ist der Zustand des sekun- 
dären Narzißmus, während der eigentliche primäre Narzißmus derjenige 
des ganz kleinen, an der Mutterbrust säugenden Kindes ist. Übrigens ist 
der Narzißmus in keinem Menschen ganz überwunden und der Grad von 
Narzißmus, den der normale Mensch besitzt, ist, seiner Qualität nach, mit 
der sozialen Anpassung vereinbar. Er ist es aber nicht mehr bei jenen, die 
von einer Psychose befallen sind, so daß bei ihnen die Abkehr von der 
Außenwelt eine mehr oder weniger ständige sein kann. 

Die interpretateurs von Serieux und Capgras, — Persecutes (Verfolgungs- 
wahnsinnige) vieler anderer Autoren — zeigen alle mehr oder weniger Größen- 
wahn, der ja eine Unterbringungsform des Narzißmus ist. Sie scheinen zu 
glauben und zu empfinden, daß ihnen eine ungeheure Bedeutung im Welt- 
all zukommt. Dieser Wahn ist durch die Rückwendung der Libido auf das 
eigene Ich bedingt. Es kann bei ihnen so weit gehen, daß sie unter dem 
Einfluß einer schweren Psychose (Dementia paranoides von Kraepelin; beim 
Senatspräsidenten Schreber siehe Freud: Ges. Schriften, Bd. VIII) das Weltall 
als untergegangen (Weltuntergangsphantasie von Schreber) und sich selbst als 
die einzig Überlebenden vorzustellen beginnen. Das ist der Grenzfall vom 
Größenwahn. 

Aber kehren wir zu den Verfolgungswahnsinnigen oder zu den „revendi- 
cants raisonnants" zurück und da sehen wir, daß der Kontakt mit der Realität 
weder bei diesen noch bei jenen gänzlich verlorengegangen ist. Alles, was 
abseits des Leitmotivs der Psychose steht, bleibt erhalten, die Kranken sind 
sehr wohl zu korrekten Vernunftschlüssen fähig. Ihre Urteilsfähigkeit er- 






36 Alane Bonnparte 



Sie fahren dann fort: „In typischen Fällen der ersten Abart findet man 
als Grundlage der Psychose eine bestimmte Tatsache: entweder einen 
reellen Schaden (der reelle Schaden bei Frau Lefebvre ist die Tatsache, 
daß ihr Sohn ihr von einer anderen Frau gestohlen worden ist, obwohl dieser 
Diebstahl vom Bewußten als solcher nicht voll anerkannt wird) oder einen 
unbegründeten Anspruch (dies ist bei Frau Lefebvre der Respekt, die 
Rücksichten, die sie unaufhörlich von ihrer Schwiegertochter verlangt, 
welche ihr gegenüber aber darin nicht besonders gefehlt zu haben scheint. Wir 
werden später sehen, daß dieser Vorwurf nichts anderes als eine Verschiebung 
des ersten ist: des Diebstahls des Sohnes). Der Kranke ist nur auf die 
Befriedigung seiner egoistischen Wünsche, auf die Wahrung seiner eigenen 
Interessen bedacht (ich habe nicht an meinen Sohn gedacht, sondern nur 
an mich allein, sagte mir Frau Lefebvre). Der Kranke ist im allgemeinen 
der Feind einer bestimmten Persönlichkeit, durch die er sich ge- 
schädigt glaubt, oder aber der Feind der Gesellschaft, welche seinen An- 
sprüchen nicht Rechnung trägt (revendication). (Die Prozessierenden, gewisse 
unverstandene Künstler und Literaten, gewisse Hypochondrische oder ver- 
liebte Verfolger usw.) 

Wir werden hier nicht von den altruistischen „revendicateurs sprechen 
(Erfinder, Reformatoren, Propheten und Wundertäter), denen Frau Lefebvre 
selbstverständlich nicht angereiht werden darf. 

Serieux und Capgras fahren fort (S. 251): „Trotz der anscheinenden Ver- 
schiedenheit — die ausschließlich auf die verschiedenen Reaktionsweisen 
zurückzuführen ist — sind alle diese „revendicateurs" identisch, ihre Psychose 
ist durch konstant sich vorfindende Zeichen charakterisiert: Überwertige 
Gedanken, intellektuelle Übererregtheit . . . Jedoch zeigen einige 
bemerkenswerte Begabungen: glänzende Einbildungskraft, sicheres 
Gedächtnis, geschicktes Urteilen. Vielen unter ihnen, insbesondere 
unter den egozentrischen „revendicateurs" fehlt jegliche Unterschei- 
dungsfähigkeit von Gut und Böse: sie begehen Rücksichtslosigkeiten, 
Vertrauensmißbräuche, Betrügereien, wobei sie unaufhörlich Gewissen, Ehr- 
lichkeit und Ehre im Munde führen. Ein Patient Kraepelins empfand die 
Verspätung einer Postkarte als eine außerordentliche Schädigung, während 
er gleichzeitig Inzest und die Veruntreuung einer Geldsumme als Kleinig- 
keiten betrachtete. Gewalttätige unter ihnen pflegen ihre Sanftmut zu preisen, 
einer, der einen Mordversuch verübt hatte, staunt, daß man eine so belanglose 
Begebenheit aus seinem Leben hervorhebt, das von Güte und Barmherzigkeit 
erfüllt war. 



Der Fall Lefebvre 3? 



1) Die „revendicateurs" sind von zwanghaften Ideen besessen („desobsedes") ,* 
Der Kampf um ihr Recht, das ist ihre Devise (ich habe mir selbst 
Gerechtigkeit widerfahren lassen). Die Idee, welche sie beherrscht, läßt 
ihnen keinen Augenblick Ruhe mehr (Frau Lefebvre war Tag und Nacht 
vom „Verdruß" beherrscht, den ihr die Schwiegertochter antat. Ihr Sohn 
Charles sagte ihr eines Tages: „Mama, du wirst davon verrückt werden"). 
Sie wollen „ihre Aufgabe bis zu Ende führen". Zu Beginn scheinen ihre 
Reden und Handlungen nur Leidenschaft zu bezeugen, jedoch sie lassen 
sich nach und nach hinreißen, so daß der Wunsch, ihrer Sache zum Siege 
zu verhelfen, keine Zügel mehr kennt und sie vollends beherrscht. Das 
Krankhafte dabei wird offenbar (Frau Lefebvre, darauf bestehend, von ihrer 
Schwiegertochter den den Eltern schuldigen Respekt zu verlangen). 

„Es handelt sich dabei nicht um einen einfachen, von einer Leiden- 
schaft herrührenden Zustand, nicht um legitime Ansprüche auf unrecht- 
mäßig geschädigte Rechte, sondern eben um einen „krankhaften Haß" 
(Morel), um eine von Tag zu Tag tyrannischer werdende obsedierende Idee, 
für deren Durchsetzung der „revendicateur" , der nur an seine Rache denkt, 
nicht nur seinen Beruf und die Wahrung seiner Zukunft und seiner eigent- 
lichen Interessen vernachlässigt, sondern nicht davor zurückschreckt, sein 
Vermögen, seine Familie, seine Freiheit und sogar sein Leben 
zu opfern (Frau Lefebvre, die das Schafott oder die lebenslängliche Zucht- 
hausstrafe riskiert). 

Jeder äußere Widerstand ruft einen manchmal angsterregenden Kampf 
hervor, welcher mit jenem vergleichbar ist, den der „innere" Widerstand 
bei Anfällen von Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen hervorruft. 
So litt eine Kranke drei Monate nach einem Gerichtsurteil, das sie für un- 
gerecht hielt, an obsedierenden Ideen und Angstzuständen, bis sie, „um 
sich vom entsetzlichen erstickenden Druck auf der Brust zu befreien", dem 
Richter gegenüber tätlich wurde. Die Autoren erinnern dann an Louvel, 
den Mörder des Herzogs von Berry, „der in seinem engen Geiste einen 
schlecht verstandenen Gedanken herumtrug und darunter litt, bis seine 
verhängnisvolle Tat ihn durch ein Verbrechen vom Druck und Martyrium 
seiner Idee befreite" (Lamartine). 

„Nicht minder charakteristisch, — fahren Serieux und Capgras fort, — 
als die Unwiderstehlichkeit der obsedierenden Idee ist das Gefühl der 
Erleichterung, das der Erfüllung dieser Idee folgt. Der Verfolger, 

1) Im Sinne einer „obsedierenden Idee" und nicht einer neurotischen Zwangs- 
vorstellung. 



4<> .Alane Boiinpnrte 

scheint nur bei Dingen gestört, die im Zusammenhang mit ihrem Wahn- 
system stehen. 

Freud hat den Verfolgungswahn mit der homosexuellen Komponente der 
Libido in Beziehung gebracht. Die Regression zum Narzißmus geht bei 
diesen Kranken mit einem Wiederaufleben der homosexuellen Komponente der 
Libido einher, die wir ja alle mehr oder weniger stark seit unserer Kind- 
heit in uns verdrängt herumtragen. Es scheint, daß die Verfolgungswahn- 
sinnigen männlichen Geschlechtes durchweg von Männern verfolgt werden, 
was für sie einer sexuellen Verfolgung gleichkommt. Dagegen ist es noch 
unentschieden, ob es sich bei weiblichen Kranken analog verhält und ob 
sich bei solchen Kranken hinter dem männlichen Verfolger stets doch eine 
weibliche Verfolgerin verbirgt. 

Es scheint, wenn man nach dem Fall der Frau Lefebvre urteilen soll 
daß der „delire de revendication ' nicht dieser Regressionsform entspricht. 
Zwar war auch bei Frau Lefebvre die narzißtische Regression sehr intensiv 
und augenfällig: die Hypochondrie der Menopause, wahrscheinlich durch 
endokrine Störungen bedingt, entsprach der Libidobesetzung der Organe der 
alternden Frau. Aber man kann schwerlich behaupten, daß Frau Lefebvre 
in ihre Schwiegertochter verliebt gewesen wäre. 

Es scheint, daß der „delire de revendication 11 , wie Frau Lefebvre ihn 
aufweist, mit einem anderen wesentlichen Moment des narzißtischen Stadiums 
in Beziehung zu bringen ist: dem Kastrationskomplex. Inwieweit diese 
Beziehung von „delire de revendication" und Kastrationskomplex bei Männern 
und Frauen allgemein ist, können einzig weitere Untersuchungen erweisen. 

Der unbewußte Entschluß zum Verbrechen wurde bei Frau Lefebvre 
durch ein äußerst entscheidendes Geschehen hervorgerufen : die Befruchtung, 
die Schwangerschaft der Schwiegertochter. In den ersten Monaten der Ehe 
wuchs zwar der Haß der Frau Lefebvre, aber sie ertrug die Schwieger- 
tochter; erst als sie die Schwangerschaft vermutet, versucht sie, eine Pistole 
zu kaufen und sobald sie der Schwangerschaft sicher ist, kauft sie sie. Das 
Unbewußte der Frau Lefebvre konnte eben die Schwangerschaft der Schwieger- 
tochter nicht ertragen. Vergleichen wir die Tatsache mit den Formen der 
hypochondrischen Ideen, welche bei Frau Lefebvre mit der Menopause be- 
gonnen haben. In jenem Augenblick, da bei der Kranken durch den end- 
gültigen Stillstand der genitalen Funktion die Empfängnis nicht mehr möglich 
war, erinnern die in ihren Heften und auf Todesanzeigen niedergeschrie- 
benen Beschreibungen ihrer organischen Störungen und Beschwerden, an die 
der Schwangerschaft und an Kontraktionen bei der Niederkunft. 



■^ 



Der Fall Lcfctvrc 4» 



Frau Lefebvre scheint sich im Augenblick des Verlustes ihrer Weiblichkeit 
verzweifelt an ihre Mutterschaft geklammert zu haben, — hat sich doch 
ihre Fähigkeit als Weib zu lieben nicht wirklich entwickelt, — und zwar 
in der Form von analen Schwangerschaftsphantasien. Beziehen sich doch 
ihre Schweregefühle in den Organen fast ausschließlich auf die eigent- 
lichen Verdauungs- oder deren Nachbarorgane: Darm, Magen, Leber (auch 
Nieren). Man wird nun einwenden, daß dies gerade Organe sind, welche 
der Enteroptose unterworfen sind. Ich versuche nicht, die Größe des in- 
mitten des psychischen Überbaues sich befindlichen Kernes des reellen 
organischen Leidens zu bestimmen: der psychische Überbau war so groß, 
daß der Kern darin fast verschwindet. Übrigens stellen auch die Ärzte- 
zeugnisse jener Zeit die psychischen Störungen in den Vordergrund. Frau 
Lefebvre lebte also zwölf Jahre lang, von achtundvierzig bis sechzig Jahren, 
mit einer auf die eigenen Organe gestauten Libido und im Unbewußten 
hauptsächlich beschäftigt, anale Schwangerschaftsphantasien zu erzeugen. 
Dabei scheint sie niemals aufgehört zu haben, ihren Mann und beson- 
ders ihre Kinder zu lieben. Jetzt noch, im Gefängnis, ist sie unerschöpflich, 
wenn sie von den Dienstmädchen spricht, welche sich um diese in ihrer 
Abwesenheit bekümmern sollen. Aber ihre nach außen gerichtete Libido, 
ihre Objektbesetzungen, die seit jeher von häuslicher Farbe waren, konnten 
immer weniger die Schwelle des Hauses überschreiten. Sie ging immer 
weniger aus, beschränkte sich auf ihr Haus in Hern. Man kann sagen, ihr 
„familiärer Narzißmus" steigerte sich. Diese narzißtische Objektbesetzung 
dürfte in der Psychopathie Frau Lefebvres der Heilungsversuch sein, den 
Freud in den Psychosen hervorgehoben hat und welcher deren äußere 
Physiognomie ausmacht. Die sonst nach Innen zugewandte Libido sucht 
sich von neuem nach Außen zu richten, kann es aber nur im Sinne der 
prägenitalen Stadien tun, wohin sie inzwischen regrediert war. Der Hei- 
lungsversuch ist, wenn er der Realität gegenübersteht, zum Scheitern ver- 

urteilt. 

Frau Lefebvre liebte damals ihren Mann, ihre Söhne, in possessiver, 
gieriger, übergeiziger Weise. Ihr Mann konnte ihr damals nicht entrissen 
werden, ebensowenig ihr Sohn Charles, der durch seine Krankheit an sie 
gebunden war. Einzig ihr Sohn Andre verläßt 1923 das Haus und läßt 
sich in Fournes als Notar nieder. Das ist die erste Wunde. 1924 heiratete 
er, eine zweite Wunde, eine noch schmerzhaftere, auf welche die Mutter 
mit immer schärfer werdenden Auseinandersetzungen mit ihrer Schwieger- 
tochter reagiert. Der psychopathische Zustand Frau Lefebvres verschlimmert 





"i 2 .Marie Bonaparte 



sich dadurch noch mehr: der fehlschlagende Heilungsversuch wird fort- 
gesetzt, der infantile Ödipuskomplex wird wieder belebt. Frau Lefebvre 
sehnt sich immer stärker nach dem Sohne, der ihr nicht mehr ganz gehört. 
Sie denkt Tag und Nacht an den „Kummer" (chagrinites) ', den ihr die 
Schwiegertochter bereitet, welche sie vom Sohne trennt, so daß ihr Sohn 
Charles ihr sagt, sie würde verrückt werden, wenn sie nicht aufhören würde, 
daran zu denken. Der Zustand bleibt immerhin noch erträglich. 

Aber Antoinette ist schwanger. Da geschieht im Unbewußten der Frau 
Lefebvre etwas, das wir nie erfahren werden und das diese reiche und 
geordnete Bürgersfrau eine Grenze überschreiten läßt, jenseits welcher man 
Verbrecher wird. 

Sie kann die Schwangerschaft der Schwiegertochter nicht ertragen, sie, 
diese alte Frau, welche sich seit zwölf Jahren mit hypochondrischen Schwanger- 
schaftsphantasien begnügen muß. Warum? Wir können davon wohl die 
Dynamik dieses Problems verstehen, ein wenig die Topik, aber gar nicht 
die Ökonomie. 

1) Die Dynamik. Der Kastrationskomplex hat im Unbewußten des 
kleinen Mädchens ein anderes Schicksal als in dem des Knaben. Der Knabe 
zittert um den Phallus, den er besitzt und muß, um ein Mann zu werden, 
sich daran gewöhnen, Gefahren zu laufen und vor Drohungen nicht zurück- 
zuschrecken. Das Mädchen muß sich früh mit dem endgültigen Fehlen des 
Phallus abfinden, mit der Tatsache, ein Weib, ein kastriertes Wesen zu 
sein. Aber das Unbewußte kennt keinen Verzicht und die Natur bietet 
dafür dem Weib eine Entschädigung: das Kind an Stelle des Penis. Wenn 
das Mädchen gelernt hat, auf die infantile Hoffnung zu verzichten, daß 
ihr eines Tages ein Penis wachsen wird, weiß sie schon triebhaft, daß ihr 
zur Entschädigung etwas anderes wachsen wird: das Kind, das sie schon im 
voraus in der Puppe liebt. 

Und die ursprüngliche Vorstellung von der phallischen Mutter wird 
dann allmählich durch die Vorstellung der mater genetrix ersetzt, der 
Mutter, die das Kind in sich trägt und auf die man deshalb eifersüchtig ist. 

Frau Lefebvre konnte nicht ertragen, daß ihre Schwiegertochter, und 
dazu noch von ihrem Sohne, das habe, was ihr fehlte: das Kind, diesen 
Penisersatz. Der Abscheu vor der Schwangerschaft anderer Frauen ist übri- 
gens ein tiefgehender Zug bei ihr. Frau Lefebvre, die krank wurde, als 
man einen Bankrott, welcher vom Jahre 1808 oder 1848 stammen sollte, 
eines Mitgliedes ihrer eigenen oder angeheirateten Familie aufdeckte, sie, 
die nicht in das Zentralgefängnis von Bennes gehen wollte, wo sie Frau 







Der Fall Lefebvre 43 



Bessarabo treffen könnte, „diese schreckliche Frau, die ihren Mann getötet 
hat", erklärt mir von zwei Abtreiberinnen, die mit ihr nach Hagenau 
überführt werden sollen, sie seien „sehr anständige, sehr ehrbare Frauen". 
Sie sagte mir, daß ihr Sohn Charles nach der Ansicht eines befreundeten 
Arztes, trotz seiner Muskeldystrophie hätte heiraten können, unter der Be- 
dingung, eine ältere Frau zu heiraten, die keine großen Anforderungen 
gestellt hätte — die wohl steril gewesen wäre. 

Es bleibt ziemlich dunkel, was im Unbewußten der Frau Lefebvre unter 
dem Einfluß der Schwangerschaft ihrer Schwiegertochter geschehen ist. 
Man kann jedoch ahnen, daß jemand anderer den Penis ihres Sohnes „ge- 
stohlen" habe, des Sohnes, den die Mutter unbewußt als ihren eigenen, 
ihr endlich gewachsenen Penis betrachtete. Sie konnte nicht ertragen, daß 
der Penis des Sohnes in der Schwiegertochter zu jenem Fötus geworden 
sei, zu diesem Äquivalent des ursprünglichen Penis der phallischen Mutter. 
Die Verbindung zwischen phallischer und schwangerer Mutter scheint hier 
sehr eng zu sein. 

Der Vorwand, unter dem, wie mir Frau Lefebvre erzählte, sie das Auto 
im Augenblick des Mordes halten ließ, steht in Beziehung zur Urethral- 
erotik, wie auch die Todesart, die sie gewählt hat, die Pistole. Und wenn 
die offiziellen Gerichtssachverständigen bei Frau Lefebvre von Überbleibseln 
des archaischen „Matriarchats" sprechen, so haben sie nicht unrecht, da 
im Unbewußten dieser Frau das infantile Ideal von der phallischen Mutter 
weiterlebte, auf dem sich erst später im Unbewußten des kleinen Mädchens 
das Ideal der schwangeren Mutter aufbaut. 

Wenn wir uns jetzt von der Gegenwart abwenden, um einen Bückblick 
auf die Kindheit der Marie Lemaire zu werfen, können wir folgendes ver- 
muten: die Beaktion gegen die schwangere Schwiegertochter, die sich in 
einem Pistolenschuß geäußert hatte, mußte die Beproduktion einer sehr 
alten Beaktion gegen die Mutter gewesen sein, welche zweimal während 
der Kindheit Marie Lemaires schwanger war und zuerst den Bruder Charles 
(als Marie zwei Jahre alt war) und dann die Schwester Nelly (als Marie 
fast vier Jahre alt war) zur Welt brachte. Es muß hauptsächlich diese zweite 
Geburt sein, welche in dem kleinen Mädchen jene typische Beaktion her- 
vorrief, welche sie später in so tragischer Weise reproduziert hat. 

Die Eifersucht gegen die Mutter mußte sehr stark gewesen sein, gegen 
die Mutter, deren Stelle sie unter dem Einfluß ihres in voller Entwicklung 
befindlichen Ödipuskomplexes und des beginnenden Kastrationskomplexes 
einnehmen wollte. Sie mußte gegen die Mutter Todeswünsche gehabt haben. 



nl .Alane fionapnrte 



Diese Todeswünsche wurden später unter Beihilfe des sicherlich auch 
gegen die kleine Nelly eifersüchtigen Bruders auf diese kleine Schwester über- 
tragen. In dem kleinen Charles fand Marie so einen Komplizen. War nicht er 
es denn, der, wie sie mir erzählte, die religiöse Bestattung der umgekom- 
menen Küken vorgenommen hatte, über die sie noch heute lächelt? Diese 
beiden, in ihren unbewußten Wünschen ein Verbrecherpaar, spielten so die 
Beerdigung des kleinen Eindringlings, ihrer kleinen Schwester. Man wird 
einwenden, daß viele Kinder dasselbe Spiel gespielt haben, ohne später 
Verbrechen zu begehen. Ich habe selbst reizende Kinder gekannt, die heute 
vollkommen normale junge Leute geworden sind, welche sich auch Ver- 
gnügen daraus machten, die Küken ihres Hühnerhofes mit großem Pomp 
zu bestatten. Madame de Segur erzählt in ihrem Buche „Les petites filles 
modeles", dem Lieblingsbuche der Frau Lefebvre in ihrer Kindheit die 
Bestattung der „Mimi", des Botkehlchens, eine Erzählung, die vielleicht 
dazu beigetragen hatte, jenes Spiel zu erfinden. Aber ich habe, indem ich 
dieses Spiel bei Marie Lemaire hervorhob, nur die Dynamik angezeigt, die 
ihr mit anderen Menschen gemeinsam sein kann. Die Kräfte, welche diese 
so vielen Menschen gemeinsamen Antriebe lahmlegen beziehungsweise akti- 
vieren, bestimmen später je nach ihrer Richtung oder Intensität das äußere 
Verhalten eines Individuums. Bei der Mehrzahl unter uns bleiben glück- 
licherweise diese Antriebe bleibend gelähmt. 

Alles, was man diesbezüglich bei Frau Lefebvre sehen kann, ist folgendes: 
vom Klimakterium ausgehend auf prägenitale Stadien und die auf dieser 
Basis später aufgebaute „revendicatwn" , die sich auf den Kastrationskomplex 
bezieht, genügten nicht, um Frau Lefebvre zu einer Verbrecherin zu machen 
Aber zu all diesem kommt bei der Schwangerschaft ihrer Schwiegertochter 
die ungemein starke Wiederbelebung des alten Ödipuskomplexes hinzu, den 
sie in der Kindheit in Gegenwart der vom Vater schwangeren Mutter erlebt 
hatte. Und es ist der Zuschuß zu diesem mächtigen Dynamismus, — den 
wir leider nicht zu dosieren vermögen, — der den primitiven mörderischen 
Trieben der alten Bürgerin zum Siege über alle bis dahin vorhandenen 
Kräfte verhol fen hat. 

2) Die Topik. „Ich habe die Empfindung gehabt," sagte mir Frau 
Lefebvre, „meine Pflicht zu erfüllen." Das will besagen, daß sich hier bei 
dieser im übrigen bigotten und übergewissenhaften Frau („Ich weiß nicht, 
wie ich so weit kommen konnte", schreibt Frau Lefebvre am 29. Dezember 
1925 ihrem Mann und ihrem Sohn Charles, „ich, die mir bittere Vorwürfe 
machte, wenn es geschah, daß ich, ohne es zu wollen, etwas Schlechtes von 



' 



:= 



Der Fall Lefebvre 45 



anderen sagte") das Über-Ich mit dem Es vermengt. Der vom Über-Ich 
diktierte kategorische Imperativ entstammte da in Wirklichkeit dem Es. 
Nachdem die seelische Topographie in dieser Weise verändert war, gab es 
keinen Konflikt mehr, es gab Verbrechen, da das Unbewußte, das Bewußte 
und das Gewissen einig waren. 

Ich werde hier nicht die Frage aufwerfen, welche Veränderungen im 
Über-Ich eine Regression im Es nach sich zieht. Ich werde mich mit der 
Parallele zwischen dem Verbrechen der Frau Lefebvre und dem Spielen 
des kleinen Mädchens Marie Lefebvre begnügen. 

Ihr kleiner Bruder Charles, der mit ihr die Bestattung der umgekom- 
menen Küchlein spielte, soll, wie sie sagt, die Initiative zu diesem Spiel 
ergriffen haben. Dieser Bruder, der auf der Bruderebene des kleinen Ödipus- 
komplexes den Erben des großen Komplexes von der Vaterebene darstellte, 
war also der Komplize, der Anstifter der symbolischen Tötung. Er erlaubte, 
ja er befahl die symbolische Bestattung der kleinen, durch Küken dargestell- 
ten Schwester. 

Ebenso scheint später Gott, dieser ins Ungeheure projizierte, vergrößerte 
Vater, so wie der Bruder der verkleinerte Vater war, der Frau zu erlauben, 
ja zu befehlen, das Verbrechen zu begehen. Sie hatte die Empfindung, 
indem sie zur Pistole griff, ihre Pflicht zu erfüllen, und sie ist noch nicht 
davon überzeugt, das sieht man, sie nicht erfüllt zu haben. 

An ihren Sohn Andre, dessen Gegenwart im Auto während des Verbrechens 
ihr zweifelsohne ebenfalls durch die Gegenwart des kleinen Charles bei der Be- 
stattung der Küken diktiert worden ist, schrieb Frau Lefebvre, seitdem sie im 
Gefängnis ist, nicht ein einzigesmal mehr, obwohl ihr das Briefschreiben seit 
langem nicht mehr untersagt ist. Auch will sie ihn nicht wiedersehen. Als 
ihr die Rechtsanwälte in meiner Gegenwart sagten, sie könne jetzt seinen 
Besuch empfangen, reagiert sie mit einer Art von Schrecken: „Nein, sagt 
sie, „nein, nicht jetzt. Ich möchte lieber nicht, später, wenn ich dort sein 
werde." Man könnte sagen, daß, seitdem das Verbrechen verwirklicht worden 
ist, ihr derjenige, für den es begangen wurde, unbewußt wie eine Art Komplize 
ers'cheint (gleich ihrem kleinen Bruder Charles, der die Küken bestattete), ein 
Komplize, dessen Wiedersehen sie fürchtet. Sie scheint jetzt ihre Libido vom 
Sohne zurückgezogen und auf Gott, den Vater, übertragen zu haben. „Ich 
werde meine letzten Tage wie Magdalena am Fuße des Kreuzes verbringen", 
schreibt sie ihrem Mann am 18. März 1926 (Nr. 252 der Akten). 

Im Gegensatz zu den Zeitungsberichten über meinen Besuch bei ihr sieht 
sie ungern einer Wiederverheiratung ihres Sohnes entgegen. Und als die 



Marie Bonaparte 



Rechtsanwälte und ich sie fragten, ob die diesbezüglichen Gerüchte be- 
gründet seien, antwortete sie mit Entrüstung: „Ah nein er hat «. 
davon. Er kann noch ein paar Jahre warten«' **"* 

Kehren wir zur ersten in diesem Kapitel aufgestellten Frage zurück 

ist nT W , ^ Lef6bVre S6it lhrer Tat ' Seitdem * ^ Gefängnis 

u 1 p"u ^ geheÜt ' dasVerb -hen oder die Strafe? Ein sehte 

u losendes Problem, da sie, als sie trotz des Wahnes bei klarem Bewuß^n 

N U ro WOh \ WUßte '. daß ** Strafe folgen würde. Und wir wissen du^ch 
Neu osenanalysen wie oft das Uber-Ich des Kranken nach Bestrafung"" 
langt die ahm bittere aber tiefe Befriedigung verschafft. g 

Aber der Fall der Frau Lefebvre ist keine einfache Neurose. Er ist viel- 
mehr u nter den P h einzureihen> einem Zmtand 

Regression zum Narzißmus hervorgerufenen Störungen der Seelenökonomie 

in dir de r; g t störung in sich birgt - Das ^ «- *z SS^I 
bht jr; e i b n u r bedeutenden Handiungen des »- ~ * £ 

abhangig geblieben ist, scheint unter dem Einfluß einer übermächtigen An- 
sein daß man sie fast nicht mehr voneinander unterscheiden kann 

Le^T E rW e .t ZU Tu daß dle ^ mehr D0Ch als die *»* ^au 

glich7e ^ti/X e A rU f g d U ggCbraCht hatte - Sle beWedigte dadurch 

SSÄ^de. ^T"* 8 " ihrerTri6be ( ^ - d i-e ihres Gottes 

MüK Sle nach ihrem Ausspruch «- - ^ Mich 

^^^S^^Äft t'?^' daß die "entifizierung mit 
*u determinieren. ÄS.te'Äif"". f" ^^ d " <*™«««M»e 
identifizierte, welche die kleine L" " schf \ ** ^ mit *" Mme - Fichini 

mit der beherrschenden „„7 S 5 a t g ' *° k ° nnte Frau Lefebvre sich später 
zierung m ut r M Z "r 1 e'en Sü "p"" "J"* 11 *«"»- ~ Auf die Iden^ifi- 
auch Franz Alexander und So Stau* .T^* J - ^^ d " *" Lefeb ™ 
erscheinendes gemeinsam« BndW, i beS °, ndereS Gewicht > J « deren demnächst 

Verbrecher un S £ AM ^T^v"" Kritik «" Strafrechts („Der 
Übersetzung meines S2S ÄÄfSf deS lr K ° rrekt " rlese " s dieser deutschen 
widmen _ unter Zum dll f • f" S?* ° ie e ena ™ te * Verfasser 

in ihrem WA iÄSK*^!^ Publikation dieser Abhandlung _ 
lieh verweisen möhte S fe ta " " ? f-f^VS Wekhen ich hier »-hdrlck- 
Eifersucht der Lefebvre ^IZ^T"*™ die n PmUd - «Gehender einstigen 

lullen, verpönte», unbewußten Persönlichkeit und indem sie sie SSJÄSSS 



Der Fall LefeWre 47 



Aber kann man sagen, daß die Befriedigung an der Strafe ihrer Heilung 
ganz fremd sei, wenn man die Genugtuung hört, mit der sie von dem 
harten Strohsack spricht, von der Gefängnissuppe, von dem Draht der 
Begräbniskränze, an denen die Frauen unter ihnen alle Tage arbeiten und 
die sich die Hände schinden, wenn man sie ihre Hände mit einem Lächeln 
ausstrecken sieht, diese fürchterlich zerschundenen und geschwärzten Hände? 

3) Es bleibt das ökonomische Problem. Wir müssen gestehen, Seelen- 
ökonomie, die imstande ist, eine solche geordnete Bürgerin in eine furcht- 
bare Verbrecherin zu verwandeln, bleibt uns fast vollständig unverständlich. 
Wir wissen übrigens recht wenig über die Ökonomie und sogar die Topik 
der Verbrecherpsyche, obwohl uns deren Dynamik ja ziemlich zugänglich ist, 
da ein jeder von uns in seinem Unbewußten ungefähr dieselben Kräfte hat. 

Aber bei uns bleibt das Verbrechen so weit gehemmt, verdrängt, daß 
die meisten unter uns mit Entrüstung diese eben aufgestellte Behauptung 
zurückweisen werden. Während beim Verbrecher gewisse Hemmungen von 
Urtrieben entweder fehlen oder unter schwer zu bestimmenden Bedingungen 
oder Einflüssen, die zudem auf uns eine andere Wirkung gehabt hätten, weg- 
fallen Dieselben Komplexe, mit denen wir an das soziale Leben uns anzu- 
passen verstehen, werden bei ihnen virulent, wahrscheinlich auf Grund 
einer verschiedenen Disposition. 

Das heißt, daß uns der konstitutionelle und ökonomische Faktor, also 
die tiefsten Bedingungen des Verbrechens, fast völlig unverständlich und 
einer Analyse unzugänglich bleiben. 



VI 
JDas *3tralreait und der JL/eternunismiis 

Der § 64 des französischen Strafgesetzbuches hat folgenden Wortlaut: 
„Es besteht weder Verbrechen noch Delikt, wenn sich der Angeklagte im 
Augenblick der Tat im Zustande der Demenz befand oder wenn er unter 
dem Zwange einer Kraft stand, der er nicht widerstehen konnte. Dieser 
Paragraph, der seine Analoga in den meisten Strafgesetzbüchern hat, bezieht 
sich auf die mögliche Unverantwortlichkeit der Verbrecher; in allen Fällen, 
in welchen er nicht anwendbar ist, ist die Verantwortlichkeit gegeben. 

Die Sachverständigen des Gerichtes von Douai, Dr. Raviart, Dr. Rogues 
de Fursac und Dr. Logre erklärten, — im Gegensatz zu den Sachverständigen 
der Verteidigung, — Frau Lefebvre sei geistig gesund und völlig verant- 
wortlich. Diese vom wissenschaftlichen Standpunkte unhaltbare Feststellung 
ist vom sozialen Standpunkt aus sehr wohl haltbar. 

Unser Strafgesetzbuch, wie übrigens dasjenige aller Länder, ist auf einer 
veralteten, auf religiösen Grundlagen gebildeten Vorstellung von der mensch- 
lichen Willensfreiheit aufgebaut. Nach dem Gesetzbuch gehören deshalb 
vor Gericht und sind strafbar einzig Menschen, die im Resitze ihrer 
Willensfreiheit, ihrer Vernunft sind. Die Geisteskranken unterliegen dem 
Strafrecht nicht, sie gehören ins Irrenhaus, so daß ein für verrückt er- 
klärter Verbrecher sich dem Strafgesetz, dem richterlichen Spruch und den 
Repressalien entzieht und geradewegs ins Irrenhaus geht. 

Was geschieht nun, wenn er einmal dort ist? Das Gesetz vom Jahre 1858, 
welches die Lage der Geisteskranken regelt, bemüht sich, die individuelle 
Freiheit gegen willkürliche Internierungen zu schützen. Zwei Ärztezeug- 
nisse — das eines Arztes und das von seiten der Irrenanstalt — sind zu 



4. 



Der Fall Lefebvre 49 



der Internierung notwendig. Aber es genügt zur Freilassung ein einziges, 
das des Anstaltsarztes, welches überdies im Falle einer Internierung von 
Amts wegen vom Präfekten genehmigt werden muß. Allerdings holt der 
Präfekt ärztliche Erkundigungen ein. Aber man weiß, wie wenig der 
Präfekt sich widersetzen wird, dem Ärzte, Sachverständige, Leute vom 
Fach erklären würden, daß ein Geisteskranker endlich genesen sei und 
ungebührlicherweise über die Zeit hinaus eingesperrt bleibe. 

Das heißt, daß, wenn Frau Lefebvre, wie sie es verdient hätte, geistes- 
krank erklärt worden wäre, es ihrer Familie zweifellos gelungen wäre, sie 
nach mehr oder weniger langer Zeit aus der Anstalt zu befreien. 

So mußten die Gerichtssachverständigen, sowohl unter dem Druck der 
Volksmenge, welche für die reiche Bürgerfrau, die kaltblütige und ab- 
scheuliche Mörderin, ein wenn auch nur symbolisches Schafott sehen 
wollte, als auch unter dem Druck einer geradezu sozialen Notwendigkeit, 
die einer verjährten Gesetzgebung entspringt, in welcher kein Platz für 
Geisteskranke ist, auf volle Verantwortlichkeit schließen. 

Denn verantwortlich oder unverantwortlich hat vom Rechtsstandpunkt 
seinen Sinn verloren. Man müßte vielmehr sagen: einsperrbar oder inter- 
nierbar. Das wäre das einzige Richtige und würde auch den tieferen Ge- 
danke 11 wiedergeben, dem manchmal in ähnlichen Fällen die ärztlichen 
Gerichtssachverständigen folgen. 

Frau Lefebvres Platz ist sicherlich nicht im Gefängnis, er ist in der 
T renanstalt. Aber die Irrenanstalt konnte nicht ihre Türen hinter Frau 
T pfebvre schließen, da man sie zu leicht wieder hätte öffnen können. 

Übrigens gehört Frau Lefebvre zu jener Kategorie von „Verrückten", 
die man allgemein nicht dafür hält, weil sie ihre vollkommene geistige 
Klarheit, das Gedächtnis und ihre Vernunft bewahrt haben. Die „Revendica- 
teurs" führen leicht zu Täuschungen und widersprechen der Idee, die sich 
das Volk von Geisteskrankheit macht. Das erlaubte auch den Sachver- 
ständigen die Behauptung der vollen Zurechnungsfähigkeit. Das war es 
auch, das ihren Sohn Andre Lefebvre — der doch ein Interesse daran 
gehabt hätte, daß seine Mutter für verrückt gelte — auf die Fragen der 
Mme. Henri Mulle: „Glaubst du, daß deine Mutter geisteskrank ist? Und 
wenn du deine Antwort beschwören solltest, würdest du es wagen, es zu 
behaupten?" — anworten ließ: „Selbstverständlich nein, ich könnte nicht 
sagen, sie sei geisteskrank." (Aussage der Mme. Mulle, Aktenstück Nr. 98.) 

Bonaparte: Der Fall Lefebvre. + 



■- 



5o Marie Bonapartc 



Und die Anklage bediente sich dieser Aussage, ganz wie wenn Andre Lefebvre 
ein eminenter Psychiater gewesen wäre. 

In der Tat, die Vorstellung, die man sich gemeiniglich von einem 
Verrückten macht, und welche eine Geistesverwirrung beinhaltet, stimmt 
mit dem Eindruck der „Revendicateurs raisonnants' vom Typus der Frau 
Lefebvre nicht überein. Und wer wird den Umfang der Begriffe Demenz 
definieren, im Sinne der Gesetzgebers, wie er sich im § 64 des Strafgesetz- 
buches kundgibt, der zu Beginn des vorigen Jahrhunderts verfaßt wurde, 
zu einer Zeit, wo die Folie raisonnante noch nicht erkannt worden war? 
Es kann in der Interpretierung dieses Gesetzes und in diesbezüglichen 
medizinischen Gutachten nur Willkür herrschen, je nach der Ausdehnung, 
die der jeweilige Sachverständige dem Begriffe Demenz geben wird, und 
die jedenfalls weder dem ursprünglichen rechtlichen, noch dem gegen- 
wärtigen psychiatrischen Begriff entspricht. 

So konnten also die offiziellen Sachverständigen ihren Bericht mit den 
Worten schließen: „Madame Lefebvre war keineswegs im Zustande von 
Demenz zur Zeit der Handlung im Sinne des § 64 des Strafgesetzbuches." 
Denn der Sinn, den der § 64 dem Begriff Demenz gibt, bleibt Sache der 
jeweiligen Beurteilung. 

Bei den Bevendicateurs übrigens ist die Psychose und der Charakter 
im engeren Sinne so sehr vermischt, daß es nicht leicht ist, sie von ein- 
ander zu unterscheiden. 

Während der Verfolgungswahnsinnige leicht seinen Wahn durch die Ab- 
sonderlichkeit, das Absurde seiner Interpretationen verraten kann, macht 
der Bevendicateur im allgemeinen nicht einen ausdrücklich wahnhaften 
Eindruck. Er scheint oft einfach übertrieben auf die Lebensenttäuschungen 
zu reagieren. 

„Der Bevendicationswahn", schreiben Serieux und Capgras (1. c. S. 258), 
„ist weniger ein ,Wahn\ als die Äußerung einer psychopathischen Per- 
sönlichkeit. Und weiter (S. 262): „Der Bevendicationswahn ist ein etat 
morbide continu du caractere [kontinuierlicher krankhafter Charakterzustand]. 
(Arnaud,) 

Diese Eigentümlichkeit des Bevendicationswahnes ist es, welche den 
offiziellen Sachverständigen erlaubt hat, die Psychose und den Charakter 
der Frau Lefebvre unter der Etikette „ein wenig eigentümlicher Charakter" 
unterzubringen. 

* 



Der Fall Lefetvre 



Die Menschheit hat es nach und nach erkannt, daß in der Natur der 
Determinismus herrscht. Viel langsamer und später ist es erkannt worden, 
daß er bis zu uns reicht. Ebensowenig wie die Geisteskranken für ihren 
Wahn, sind wir, die Normalen, für unseren Charakter verantwortlich, 
und jede unserer Bewegungen, unserer Worte, unserer Gedanken ist eben 
so streng determiniert wie die Bewegungen der Planeten und Sonnen im 

Weltenraum. 

Die Psychoanalyse hat in überzeugender Weise den Determinismus, der 
in unserem Innern herrscht, aufgezeigt. Es ist unmöglich für den, der sie 
kennt und versteht, noch von „Willensfreiheit" zu sprechen. Aber die mensch- 
liche Gerechtigkeit spricht noch von ihr und verlangt im Namen der mensch- 
lichen Verantwortlichkeit die Bestrafung der Schuldigen. Ist die Gerechtig- 
keit nicht eher Bache der Menschen und wenn die Menschen die Ge- 
rechtigkeit verlangen, verlangen sie da nicht eher die Anwendung des alten 
Talionsgesetzes? Wenn beim gegenwärtigen Zustand unserer Gesellschaft, 
in dem Verbrechen vielfach von Unangepaßten vollbracht werden, denen 
der Sinn für die sie umgebende Bealität abgeht, und in dem zum Beispiel 
die Todesstrafe von einer sehr zweifelhaften Wirksamkeit ist, das Volk an 
der Todesstrafe noch so sehr hängt, so tut es dies weniger in der Sorge 
um die eigene Sicherheit als vielmehr in der unbewußten Absicht, seine 
letzte „königliche" Prärogative zu wahren, das Recht, auch in Friedens- 
zeiten unbestraft, weil kollektiv, Blut zu vergießen. Und dazu das Blut 
eines Verbrechers, d. h. eines Menschen, den im Grunde der Seele, un- 
bewußt die primitiven verdrängten und unbefriedigten Triebe des Volkes 

beneiden. 

Obzwar es wünschenswert wäre, daß die Justiz weniger triebhaft werde, 
ist es eine Utopie zu glauben, daß die soziale Justiz es werden kann. Denn 
die soziale Justiz, die im Namen des Volkes geübt wird, kann schwerlich 
von den Volksleidenschaften befreit werden, die ihr anhaften. Es ist jedoch 
erlaubt, eine etwas bessere Gesetzgebung herbeizusehnen. Der § 64 des 
Strafgesetzbuches könnte im Lichte der gegenwärtigen wissenschaftlichen 
und deterministischen Ideen das ganze Gesetzbuch doppelt annullieren. Denn 
Demenz muß heute vom rechtlichen Standpunkte in einem sehr weiten 
Sinne verstanden werden. Bei der Ausführung auch der geringsten Hand- 
lung gehorchen wir da nicht alle — und nicht nur die Geisteskranken — 
„dem Zwange von Kräften, denen wir nicht widerstehen können?" Es dürfte 
also kein Verbrechen bestraft werden, wenn man weiterhin für Strafe die 
Verantwortlichkeit fordert. 



+• 



5 3 Marie Bcmapnrte 



Aber da liegt gerade der Irrtum. Je mehr ein Verbrecher „unverant- 
wortlich" im rechtlichen Sinne ist, d. h. je mehr er geisteskrank ist, um so 
gefährlicher ist er — wobei er dem Gesetze nach um so weniger strafbar 
ist. Das Wort Verantwortlichkeit müßte also aus dem Gesetzbuch gestrichen 
werden. Und wenn die Wissenschaft im allgemeinen und die Psychiatrie 
im besonderen nicht so unsicher wären, wäre es richtig, Urteile durch 
Diagnosen zu ersetzen. 

Die Geschwornen aus dem Volke, welche die Angeklagten von der All- 
macht der gesetzlichen Gewalt befreiten, haben sie den Leidenschaften des 
Volkes unterworfen, welches sie freispricht oder verurteilt, ohne sie zu ver- 
stehen. Ärztliche Geschworne wären vom „idealen Standpunkt" vorzu- 
ziehen, aber praktisch, wegen der Eifersucht und der Uneinigkeit, die in 
diesem Stande herrscht, vielleicht noch schlimmer. Man könnte wenigstens, 
auf Grund eines Gutachtens, geisteskranke Verbrecher nach einem richter- 
lichen Spruch, dessen Modalitäten noch zu bestimmen wären, in Anstalts- 
gefängnissen internieren, deren Benennung selbst ein Kompromiß wäre 
zwischen der Strafe (Gefängnis), die das Volk für den Verbrecher verlangt, 
und einer Anstalt, welche die Wissenschaft für den Geisteskranken fordert. 
Aus dieser Anstalt könnte der Verbrecher auch nur nach einem Urteil befreit 
werden. Diese Reform ist in den letzten Jahren oft gefordert worden. 

Ich bin keine Kennerin der vergleichenden Gesetzgebung der Geistes- 
kranken in den verschiedenen Ländern. Übrigens würde eine Untersuchung 
dieser Frage allein einen dicken Band füllen. Aber ich weiß, daß hin- 
sichtlich dieser Frage kein Strafgesetzbuch mit den gegenwärtigen Ergeb- 
nissen der Wissenschaft im Einklang steht. 

Es ist gewiß, daß gegenwärtig der geisteskranke Verbrecher, was wohl 
kurz dem Verbrecher gleichkommt, nirgends Platz hat. Die repressiven 
Maßnahmen standen und stehen noch unter dem Einfluß der archaischen 
und dem Volke genehmen Idee der Strafe. Deshalb ist bei fast allen gegen- 
wärtigen großen Kriminalprozessen das Volk von der Furcht besessen, daß 
man „dieses Ungeheuer für einen Verrückten ausgeben wird", was in den 
Augen des Volkes einem Unschuldigerklären des Verbrechers gleichkommt. 
Die Internierung für Geisteskranke auf Verbrecher angewandt, scheint dem 
Volke ein ungerechtes Unschuldszeugnis zu sein. 

Die Idee der Bestrafung des Verbrechers ist der Ausdruck des Bedürf- 
nisses nach Grausamkeit, welche das Talionsgesetz erzeugte, ist aber auch 
zu Beginn die Erzeugerin der Moral aus Furcht vor Vergeltung. Aber indem 
diese Moral entstand, wurde die Bestrafungsidee manchmal im Laufe des 






Der Fall Lelebvre oö 



christlichen Zeitalters durch die der Buße ersetzt. Den Verbrecher retten 
ist eine Utopie, die noch heute von Menschen zu erreichen gesucht wird. 
Die Wissenschaft hat die Idee der Bestrafung des Verbrechers immer 
mehr ihres Sinnes beraubt. Ist Frau Lefebvre zum Beispiel wirklich bestraft, 
sie, die im Gefängnis glücklicher ist und besser auf dem Gefängnisstroh 
schläft als in ihrem guten bürgerlichen Bett? Und was die Besserung der 
Verbrecher betrifft, muß man sich über die Komplexe, welche die Menschen 
führen und ihren Charakter ausmachen, merkwürdige Illusionen machen, 
um an diese Besserung zu glauben. Es gibt in Wirklichkeit nur eine 
rationelle, am Verbrecher anwendbare Behandlung: sie außerstand setzen, 
zu schaden. Für die weniger schwer geistesgestörten Verbrecher könnte man, 
wenn man will, das Gefängnis beibehalten, nur müßte es weniger schmutzig 
sein als jetzt. Für die anderen sollten Gefangenenirrenanstalten geschaffen 
werden, und die Internierung in solche, ebenso die Entlassung auf Grund 
richterlichen Urteiles erfolgen; die gewöhnliche Irrenanstalt sollte nur die 
nicht kriminellen Geisteskranken aufnehmen. 

Ein Hindernis für diese rationelle Behandlung von Verbrechern bleibt 
das Volk, das weiter Bestrafung der Verbrecher verlangt. Das Ideal wäre 
natürlich eine soziale Prophylaxe: öftere und rechtzeitige Diagnosen und 
Prognosen stellen und eine möglichst große Anzahl von Verbrecherkandidaten 
internieren. Aber welcher Arzt unter all jenen, die sie untersucht haben, 
hätte es gewagt, Frau Lefebvre vor ihrem Verbrechen zu internieren? Man 
hätte geschrien, es sei ein Attentat auf die individuelle Freiheit. 







-Inlialtsverzeidinw 

I) Der Tatbestand 

II) Der Prozeß 

12 

in) Der Sinn der Tat 

IV) Die Form der Tat ... . 

V) Die Psychose 

VI) Da, Strafrecht und der Determinismus . . . .' £ 



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„Der Fall Lefebvre" wird u. a. behandelt 1/1 dem 
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Inhalt: Umleitung — I.Teil: DieTheorie dci Virhrfchfni: Der Kampf HM H-.hi Di» J»«uttrl«e der li*rn- 
w«rU Dia Rolle der Paychologte In der Beurteilung dei Täler*. DU Kriminalität alt allgemein menarhlicha- Kr- 
•chelnung. Die p«ychoan«lytl»che Theoria der neurotischen Symptoriiblldung als Grundlage dar krtmliialp<ycho!ogte 
Die Krafa der Verantwortlichkeit und die Rolle der antUchen Sacheenundlgen im (»erlchtiaaal. Der !Wteillgung»grad 
d« Icha an den vrr»rhlrdenen teelitchen Vorgängen und am Verbrechen Allgemeine p«> »hl«. Iir Mnhinlinun der 
Kriminalität. Der neurotische Verbrecher. Pervertion und Verbrecher. Klne |>«jih.>an«ljti».he Krtmlnaldtagmntlk 
Schematiche ZusammenfaMting der kriminellen Handlungen - II Teil Biniga Kr I m I nal falle Im l.lchl» 
der P»ychoanaly»e: Methodologitrhe Vorbemerkungen lur Analyie von Krlmlnalfallen Kin Verbrecher au» 
Schuldgefühl: Tolungiversurh rinn Neurolischen. Die leellicha Ökonomik de« Mordeader Krau 1-efebvre — Anhang: 

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