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Full text of "Chamberlain, Houston Stewart - Arische Weltanschauung (1938, 95 S.)"




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Houston Stewart Chamberlain 



Arische Weltanschauung 



Da die Wahrheit aufierhalb des 

Bereichs des Verstandes liegt, so 

finden sich keine Worte fur sie. 

(Mahabharata) 



Achte Auflage 
F. Bruckmann A.-G., Miinchen 



Achte Auflage 1938 



Dem Indologen 

Leopold von Schroeder 

in verehrungsvoUer dankbarer Freundschaft 

gewidmet 



6 



[Leere Seite] 



Quelle des eBuches: 
http://www.hschamberlain.net 
im September 2003 



Seitenumbruche und Formatierung wurden von der HTML-Vorlage 
ubernommen. 



Vorwort 

Studien, die mich in friiheren Jahren viel 
beschaftigten und die einen dauernden EinfluiS auf die 
Richtung meines Denkens gewannen, habe ich auf den 
folgenden Seiten in der Weise fruchtbar zu machen 
versucht, daiS ich andere zu ahnlichen Studien 
anzuregen bemiiht war und ihnen einige Winke auf den 
Weg mitgab. Der Ungelehrte ist gleichsam Sachkenner 
des Ungelehrtentums, und so mag ihm manche Wirkung 
gelingen, die dem Fachmann nicht mehr freisteht. 
Sobald die vorlaufige Anfeuerung und Aufklarung 
stattgefunden hat, soil der Neophyt sich der Fiihrung 
der zustandigen Gelehrten anvertrauen. Ein kurzes 
Literaturverzeichnis am Schlusse bietet zu diesen 
weiteren Studien die notige Handhabe. 

Der Titel „Arische Weltanschauung" ist nicht ganz 
einwandfrei. „Indoarisch" ware eine genauere 
Bezeichnung gewesen, allenfalls „altarisch". Doch muiSte 
der Verfasser befiirchten, durch ein ungewohntes, 
gelehrt klingendes Wort gerade diejenigen Leser 
abzuschrecken, deren Interesse zu gewinnen sein 
Wunsch war. Es sei also gleich hier bemerkt, daiS 
„arisch" in dieser kleinen Schrift nicht in dem viel 
angefochtenen und jedenfalls schwer genau zu 
umgrenzenden Sinne einer problematischen Ur- 



8 Vorwort 



rasse genommen ist, sondern in dem sensu propria, das 
heifit, als Bezeichnung desjenigen Volkes, das vor 
etlichen Jahrtausenden von der zentralasiatischen 
Hochebene in die Taler des Indus und des Ganges 
hinabstieg und sich dort lange Zeit hindurch mittelst 
strenger Kastengesetze von der Vermischung mit 
fremden Rassen rein erhielt. Dieses Volk nannte sich 
selbst das Volt der Arier, d. h. der Edlen oder der 
Herren. 

W i e n, Januar 1905 

Houston Stewart Chamberlain 



9 Vorwort 



Vorwort zur dritten AufLage 

Die dritte Auflage ist zugleich eine Neuausgabe. Der 
Text wurde kritisch durchgearbeitet, die Erganzung der 
Literaturnachweise bis auf den heutigen Tag gefiihrt. 
Hierbei stand mir mein lieber, hochverehrter Freund, 
Professor Dr. Leopold von Schroeder, wie schon bei den 
friiheren Auflagen, belehrend und beratend zur Seite. 

Wie ich an anderem Orte einmal bemerkte: nicht 
darauf kommt es an, ob wir „Arier" sind, sondern 
darauf, daiS wir „Arier" werden. In dieser Beziehung 
bleibt ein ungeheures Werk an uns alien zu vollbringen: 
die i n n e r e Befreiung aus dem uns umfassenden 
und erstickenden Semitismus. Es handelt sich um die 
grundlegenden Urgedanken aller Weltanschauung und 
aller Religion; dort schon — am Anfang — trennen sich 
die Wege; mochte dieses bescheidene Biichlein 
Manchem die erste Anregung geben, die breite 
HeeresstraiSe zu verlassen und den steilen Bergpfad — 
den Devayana der alten Arier — einzuschlagen, der zu 
Gipfelhohen fiihrt. Man vergesse das eine nie: nur durch 
Denken kann Denken befreit werden; wer nicht den Mut 
und die Ausdauer besitzt, die Gedanken des 
Denkergeschlechts der Arier nachzudenken, der ist und 
bleibt ein Knecht, gleichviel, woher er entstammt, denn 
er ist innerlich unfrei, blind, erdgefesselt. 

Bayreuth, November 1915 

Houston Stewart Chamberlain 



10 Vorwort 



Inhaltsiibersicht 

Der Begriff des Humanismus 12 

Historischer Uberblick 15 

Paul DeuiSen 28 

Bedeutung des arischen Denkens 34 

Eigenschaften des arischen Denkens 37 

Die Rassenreinheit 38 

Der Buddhismus ist unarisch 43 

Das Denken eines ganzen Volkes 48 

Organisches Denken 52 

Der Stoff des arischen Denkens 60 

Die Form des arischen Denkens 70 

Hellene und Indoarier 73 

Denken und Religion 78 

SchluiSbetrachtung 88 

Bibliographischer Nachtrag 90 



11 Inhaltsiibersicht 



Der Begriff des Humanismus 

Ein groiSes humanistisches Werk bleibt noch an uns 
zu vollbringen; dazu ist das arische Indien berufen. 

Als vor etlichen Jahrhunderten die lange verschiittet 
gewesene Welt althellenischen Denkens und Dichtens 
wieder aufgedeckt wurde, da war es, als ob wir selber — 
wir Homines europaei des Linnaus — 
plotzlich aus unterirdischem Kerker ins helle Tageslicht 
befreit worden waren. Jetzt erst gewannen wir, nach 
und nach, die zu unserem eigenen — ungriechischen — 
Werke notige Reife. Eine ebenso machtige, wenn auch 
ganz verschieden geartete Wirkung ist von der genauen 
Kenntnis des indoarischen Denkens zu erhoffen und mit 
all der Gewalt, die ein tiefgefiihltes Bediirfnis verleiht, zu 
erstreben. 

Die Kulturaufgabe des Humanismus ist deswegen 
eine so grofiartige, well er nicht allein den Umfang 
unseres Wissens erweitert, sondern den Grad unserer 
Seelenkraft steigert; er belehrt nicht allein, sondern er 
bildet; und bildend wirkt immer nur das Beispiel. 
Belehrung ist die Zufuhr von Stoff, den ich — je nach 
meiner Organisation — zu eigenem Lebensbestandteil 
wandle oder nicht wandle, und den ich behufs dieser 
erstrebten Einverleibung so oder anders umarbeite; 
wogegen im Beispiel das voile Leben unmittelbar auf das 
voile Leben einwirkt. Durch das Beispiel werde ich zu 
Handlungen angeregt, zu Unternehmungen begeistert, 
deren Moglichkeit mir sonst vielleicht nie eingefallen 
ware. Indem ich aber nachzu- 



12 Der Begriff des Humanismus 



ahmen glaube, schaffe ich in Wirklichkeit etwas Neues, 
und zwar well ich nicht anders kann, well die 
Originalitat das grofie Gesetz der Natur ist, welches nur 
durch die frevelhafte Willkiir einer kiinstlich 
ersonnenen, tyrannisch gebietenden Schuldressur bis 
zur Unkenntlichkeit verwischt werden kann. Die 
Kenntnis des hellenischen Geisteslebens hat — dazumal 
— ahnlich auf uns gewirkt wie eine giinstige Anderung 
des Klimas; wir blieben die selben und waren doch 
andere geworden; denn Krafte, die bisher in uns 
geschlummert hatten, waren nunmehr entfesselt. In 
einer Ideenwelt erzogen, die nie die unsere sein konnte 
und die wir dennoch, mit jener „B16digkeit", die Dr. 
Martin Luther an uns riihmt, uns anzueignen nach 
Kraften trachteten, vernahm unser Ohr plotzlich die 
Stimme des verwandten Indoeuropaers. Es war das ein 
Weckruf. Was voranging — das rege, leidenschaftliche 
Leben des 12. und 13. Jahrhunderts — glich doch mehr 
dem unbewuiSten KreiiSen im dunklen MutterschoiS 
eines ziellosen Werdens; jetzt war es Tag geworden, jetzt 
wurden wir unseres eigenen Willens Herren und 
schritten bewuiSt in die Zukunft hinaus. GewiiS war es 
keine Wiedergeburt des Vergangenen, wie die 
Schulmanner in ihrer Begeisterung meinten; es war aber 
etwas weit Wertvolleres als das: die Geburt eines Neuen, 
das allmahliche Erstarken und Auswachsen eines 
frischen Triebes des unerschopflich reichen 
europaischen Volkerstammes, des europaischen 
geistigen Fiirstentums. Dies war die Wirkung des 
Menschen auf den Menschen, und diese Wirkung — 
nicht das philologische Beiwerk — war das 
Humanistische an jener epochemachenden Aufdeckung 
vergangener MenschengroiSe. Nach anderen Richtungen 
hin, 



13 Der Begriff des Humanismus 



doch in durchaus analoger Weise und vielleicht noch 
tiefer, bis zum innersten Kern unseres Wesens 
eingreifend, wird die Kenntnis des indoarischen 
Gedankenlebens uns beeinflussen. 

Was diese Tatsache dem allgemeinen BewuiStsein 
noch verdeckt, ist, neben der weit verbreiteten 
Unbekanntschaft mit jenem Gedankenleben, der 
Umstand, daiS der Entwickelungsgang unserer 
Kenntnisse in den beiden Fallen ein verschiedener war 
und sein mufite. Eine kurze historische Betrachtung ist 
darum als Einfiihrung unerlaiSlich. 



14 Der Begriff des Humanismus 



Historischer Uberblick 

Bei der Wiederentdeckung der lateinischen und 
hellenischen Literatur ist die Begeisterung fiir 
bestimmte Werke der Ausgangspunkt, und erst nach 
und nach reifit der rein sprachliche Belang fast alle 
Aufmerksamkeit an sich. Das Lateinische war im 14. 
Jahrhundert alien Geiehrten geiaufig und das 
Griechische wurde ihnen von echten Griechen 
beigebracht, so daiS sie, wenn auch nicht eine 
phiioiogisch ebenso genaue, jedenfaiis eine weit 
lebendigere Kenntnis davon besafien, als wir heute; sie 
zielten auch einzig auf das Lebenspendende. Im Jahre 
1450 begann Gutenberg's Druckerei ihren Betrieb, und 
vor Ende des Jahrhunderts lagen samtliche damals 
bekannten lateinischen Autoren gedruckt vor, wenige 
Jahre darauf auch alle griechischen. Es war der 
HeiiShunger geknechteter Menschen nach Freiheit und 
Schonheit — nach dem Beispiel! Erst viel spater wurde 
die Grammatik dieser Sprachen sich Selbstzweck und 
fuhr der humanistische Triumphwagen immer tiefer in 
den philologischen Sumpf hinein. Bei der indischen 
Sprache und Literatur ist nun der Gang ein fast genau 
entgegengesetzter gewesen. Die Sanskritsprache war 
vollig unbekannt, und es existierte fiir uns kein noch so 
diinner Faden der Zusammengehorigkeit mit 
altindischer Literatur, wie dies fiir hellenisches Dichten 
und Denken dank den Schriften der Kirchenvater der 
Fall war. Die philologische Entdeckung und Ergriindung 
muiSte also hier vorangehen, und zwar war diese 
Aufgabe, infolge der kunstvollen Natur der Sprache, 



15 Historischer Uberblick 



infolge der ungeheuren Ausdehnung des Sprachgebiets 
und der damit zusammenhangenden Spaltung in 
Mundarten, infolge auch des hohen Alters vieler 
Schriften und der inzwischen vorgekommenen 
geschichtlichen Umwalzungen, eine so umfangreiche 
und mit fast uniiberwindlichen Schwierigkeiten 
behaftete, dafi sie noch heute nicht zu Ende gefiihrt ist. 
Von den literarischen Denkmalern besafien wir lange 
Zeit hindurch — ja bis vor wenigen Jahren — lediglich 
elende Bruchstiicke von Bruchstiicken, haufig 
auiSerdem infolge mangelhaften Verstandnisses der 
Sprache in verzerrter Gestalt. Darum kommt die groiSe 
humanistische Bedeutung des indischen Erbes fiir 
unsere noch im Werden begriffene Kultur erst heute 
nach und nach zur Geltung. 

Als Anquetil Duperron, der Held unter den 
Orientalisten, den Zend-Avesta im Herzen Persiens 
erobert, ihn nach Paris gebracht und ihn (1771) 
iibersetzt hatte, da entbrannte ein heftiger Streit unter 
den Gelehrten Europas iiber den Wert dieses Werkes; 
die sogenannten „Autoritaten" auiSerten fast einstimmig 
ihre Verachtung. Der deutsche Orientalist Meiners z. B. 
meinte kurz und biindig: „es ist der selbe Unsinn, wie 
was die indischen Priester lehren"; wahrend ein 
englischer Gelehrter, William Jones, in einer von ihm 
franzosisch verfaiSten Kritik hochmiitig urteilte: „Sied-il 
d un homme ne dans ce ciecle de s'infatuer de fables 
indiennes?" Schickt es sich fiir einen im achtzehnten 
Jahrhundert geborenen Mann, daiS er sich fiir indische 
Marchen begeistere? Doch lieiS sich Duperron nicht irre 
machen. Er entdeckte (1775) das Manuskript der 
persischen Ubersetzung einer Anzahl altindischer 
Upanishaden und verfertigte nach 



16 Historischer Uberblick 



ihr eine lateinische Ausgabe. Bald erhielt er einen 
unerwarteten Bundesgenossen; denn der soeben 
genannte William Jones wurde als Beamter nach Indien 
versetzt; hierdurch veranlafit, die Sanskritsprache 
griindlicher zu erlernen, versenkte er sich immer tiefer 
in die „ fables indiennes"; er erkannte die Beschranktheit 
seines friiheren Urteils; seine Begeisterung wuchs von 
Jahr zu Jahr: er war es, der die herrlichen Dichtungen 
Kalidasa's ins Englische iibertrug und dadurch der Welt 
erst bekannt machte, er unterzog sich dem miihevollen 
Werke, das Gesetzbuch des Manu zu iibersetzen, er 
veranlaiSte die ersten Drucke in Sanskritlettern... kurz, 
Jones wurde, neben Duperron, der eigentliche 
Begriinder unserer Kenntnis der geistigen Schatze 
Indiens. Diese Geschichte ist lehrreich. Mogen die 
Klugen aus ihr entnehmen, dafi es unweise ist, iiber 
„indische Fabeln" zu lacheln. 

Doch in den rechten Gang kamen unsere Kenntnisse 
beziiglich des altarischen Erbes noch lange nicht. Wohl 
erschienen bald die ersten Grammatiken der 
Sanskritsprache (1805 Colebrooke, 1806 Carey, 1808 
Wilkins); doch mit zu groiSer Eile hatte man sich 
zugleich des nur halb verstandenen literarischen Erbes 
bemachtigen wollen. Bhagavadgita, Sakuntala und 
anderes erschienen in rascher Folge. Zwar hatte 
Friedrich Schlegel in seiner Begeisterung erweckenden 
— noch heute sehr lesenswerten — Schrift „Uber die 
Sprache und Weisheit der Inder" (1808) gewarnt, es 
komme darauf an: „einen festen Grund zu legen, auf 
welchem sich n a c h h e r mit Sicherheit welter 
fortbauen liefie"; doch die philologisch weniger gut 
Geschulten liefien sich nicht zuriickhalten; eine Art von 
Rausch erfafite gerade die besten Geister. Allbekannt ist 



17 Historischer Uberblick 



es, wie Goethe und Herder jene ersten Sendboten des 
indischen Geistes auf europaischem Boden 
bewillkommneten. Prophetenartig hatten sie die hohe 
kulturelle Bedeutung dieser neuentdeckten Quelle 
menschlicher Geistestaten sofort geahnt. Doch bald trat 
die Erniichterung ein, eine Erniichterung, die aus 
unserer materiellen Unfahigkeit, uns in dieser neuen 
Welt zurechtzufinden, sich ergab. Wir verstanden noch 
nicht die Sprache, und wir wollten schon das Denken 
und Dichten ergriinden! Und so sehen wir denn Goethe, 
der einmal geschrieben hatte: 

Willst du, was reizt und entziickt, willst du, was 

sattigt und nahrt, 

Willst du den Himmel, die Erde mit e i n e m 

Namen begreifen, 

Nenn' ich Sakontala dich, und so ist alles gesagt; 
und der es nicht verschmaht hatte, fiir sein eigenes 
groiStes Dichterwerk Anregungen den Indern zu 
entnehmen, ihn sehen wir sich jetzt verwirrt und 
betriibt fragen, wie es iiberhaupt moglich war, daiS eine 
Dichtkunst erbliihen konnte „im Konflikt mit der 
abstrusesten Philosophic und der monstrosesten 
Religion". 

Man betrachte nur die ersten Versuche, uns mit den 
Kernschriften indischer Weltanschauung, den 
Upanishaden, bekannt zu machen, und man wird 
begreifen, dafi auf diesem Wege nie und nimmer ein 
humanistisches Kulturwerk vollbracht werden konnte. 
Anquetil Duperron gab, wie gesagt, als Erster im Jahre 
1802 eine Sammlung von Upanishaden heraus, und 
zwar in einer lateinischen Ubersetzung, die er nach 
einer persischen Uber- 



18 Historischer Uberblick 



setzung der Originaltexte verfertigt hatte. Die zwiefache 
Verdolmetschung geniigte schon, um manches zu 
verwischen; namentlich da die erste ohne genaue 
Kenntnis und die zweite ohne jegliche Kenntnis des 
indischen Denkens ausgefiihrt war. Das Ergebnis war — 
darin muiS man Goethe beistimmen — ein „monstr6ses". 
Der erste Satz der ersten Upanishad mag eine 
Vorstellung davon geben: „Oum hoc verbum (esse) adkit 
ut sciveris, sic to maschghouli fac (de eo meditare), quod 
ipsum hoc verbum aodkit est...!" Bald kam allerdings 
Besseres, doch immer nur Fragmente, und Fragmente, 
die um so unverstandlicher blieben, als die 
Upanishaden sowohl geschichtlich ein zuletzt 
Entstandenes, wie auch methodisch ein letztes Ergebnis 
sind. Dem indischen Schiller werd die Upanishad erst 
als Krone eines langjahrigen Studienganges mitgeteilt, 
und zwar als etwas, was er auch dann noch nicht vollig 
begreifen kann, sondern fiir einen spateren Tag dem 
Gedachtnis einpragt; denn erst, wenn er als Greis sich 
aus der Gesellschaft in die Walder zuriickzieht, nicht 
nur reich an wohlverdautem Wissen, sondern vor allem 
gereift an Menschenkenntnis und Erfahrung und 
gelautert durch Schmerz und Freude (die 
Zwillingsgeschwister), erst dann, bei herannahendem 
Tode, sollte die Hiille von der verbergenden Form 
hinabfallen und die nicht mehr vermittelte, sondern 
unmittelbare Ahnung der transszendenten Wahrheit wie 
eine neue, innerliche Sonne dem aufierlich Erblindeten 
aufgehen. Und wir, die wir weder die historische 
Entfaltung, das Sichbesinnen des Inders — von den 
bardenmafiigen Hymnen des Rigveda an bis zu diesem 
sogenannten Vedanta, d. h. Veda-Ende — , noch 



19 Historischer Uberblick 



auch den Studiengang kannten, der zu diesem „Ende" 
hinauffiihrte, wir, die wir nicht einmal die Sprache 
verstanden, wir dachten einfach die Hand 
auszustrecken und die reifste Frucht des langsam und 
iippig gewachsenen Baumes zu pfliicken! Nur der Satan 
laiSt schmeichelnd so Unmogliches als moglich 
erscheinen, und mit flammendem Schwert wurden wir, 
Frevlinge, aus dem im Laufe einer vieltausendjahrigen 
Kulturarbeit reich bebauten Paradiese hinausgetrieben. 

Nun gait es, das Werk am rechten Ende anzufassen: 
die Sprache, die Geschichte, die wechselnden 
geographischen Umgebungen und die gesellschaftlichen 
Zustande des indischen Volks zu studieren und hiermit 
die materiellen Bedingungen zu einem wirklichen 
Verstandnis zu schaffen. Um aus dem indischen Leben 
einen ahnlichen Gewinn fiir unser eigenes Kulturwerk 
Ziehen zu konnen wie aus dem griechischen, muiSten wir 
uns erst die selbe genaue Fiihlung mit ihm verschaffen; 
das Land und die Leute muiSten uns nahegeriickt 
werden. Dieses Naherriicken ist das Werk der Indologie 
im vorigen Jahrhundert gewesen. Wie Goethe richtig 
bemerkt, die Wissenschaft, rein als solche, besitzt keine 
zeugende Kraft; sie nahrt ihren Mann, weiter nichts: 

Ihr erzeuget nicht das Leben, 

Leben erst muiS Leben geben. 
Das Charakteristische fiir unsere Indologie wahrend des 
ganzen 19. Jahrhunderts ist nun gerade, daiS sie — aus 
Begeisterung geboren — dieses innere treibende Leben 
nie verloren hat. Sie war keine tote, in die geistlose 
Betrachtung von Prafixen und Suffixen ihr Ziel setzende 



20 Historischer Uberblick 



Philologie. GewiiS haben nur wenige unter den ihr 
Gewidmeten sich genau vorgestellt, an welchem 
wichtigsten Kulturwerke sie mitarbeiteten; das 
UnbewuiSte greift auch hier segensvoll in unser Tun ein; 
doch empfinden wir Laien, wo wir auch in diese Studien 
hineingreifen mogen, einen schnelleren Pulsschlag als 
auf irgendeinem anderen akademischen Gebiete, mit 
Ausnahme gewisser Zweige der Naturwissenschaften. Es 
weht Jugend und Hoffnungsfreudigkeit durch diese 
Schriften, was um so mehr auffallt, als der Stoff 
meistens recht diirr ist und ermiidend durch die Masse; 
Otto Bohtlingk z. B., der Bedeutendsten einer, war noch 
mit achtzig Jahren geistig frisch wie ein Jiingling. Man 
merkt auch meistens bei diesen Gelehrten den 
erweiterten Weltblick und die gewonnene Freiheit des 
Urteils im auffallenden Gegensatz zu unsern klassischen 
Philologen; die humanistische Wirkung hat eben 
zunachst bei diesen wenigen Kennern begonnen, sie 
erlosend aus den eng europaischen 

Zwangsvorstellungen, sie emanzipierend aus der 
Befangenheit in einseitig hellenischen 

Gedankenschemen, sie zu bewuiSten „Indoeuropaern" 
ausreifend. Solche Anzeichen sind von Bedeutung. Die 
Indologie, aus dem Leben geboren, fiihrt zum Leben 
zuriick; abgesehen von ihren gelehrten Ergebnissen soil 
sie, mit dem Leben gepaart, neues Leben erzeugen; ihr 
steht eine grofie Aufgabe bevor. 

Es besteht aber noch ein anderer wichtiger 
Unterschied zwischen dem notwendigen 

Entwicklungsgang hellenistischer und indologischer 
Forschungen. Denn lag der Schwerpunkt hellenischen 
Lebens in der kiinstlerischen Gestaltung, so lag der 
Schwerpunkt des indischen Lebens im religios- 
philosophischen Denken. Griechische Philo- 

21 Historischer Uberblick 



logic hangt eng mit Poesie zusammen, indische mit 
Philosophic. Scharf auf diesen Punkt mu6 also die 
vermittelnde Linse der Gelehrsamkeit eingestellt werden, 
sollen wir das iippige, fast uniibersehbar reiche Bild 
indischen Dichtens und Glaubens, indischer 
Rechenkunst, Sprachkunst, Gotterlehre, Tonkunst, 
indischen Familienlebens und Staatenwesens, indischer 
Grofic und indischen Unterganges als ein organisches 
Ganzes erblicken, und nur auf diese Weise wird 
Wissenschaft „Leben", jenes Leben, welches Leben gibt. 
Die brahmanische Kultur begreifen und beurteilen zu 
wollen, ohne Yajnavalkya's Denken ergriindet zu haben, 
ist ein ahnliches Unterfangen, als wollte man die 
Entwicklung und Bedeutung des hellenischen Geistes 
mit AuiSerachtlassung Homer's darstellen. Wie aber 
dieses Denken ergriinden, ohne cine genauere Kenntnis 
der Sprache, als sie allenfalls fiir das Verstandnis einer 
Dichtung geniigen mag? Und zwar der in ihrer Art 
vollkommensten, reichsten und daher schwierigsten 
Sprache der Welt, bei welcher auiSerdem die unerhorte 
Mannigfaltigkeit der Biegungen es mit sich bringt, daiS 
ein einzelner Buchstabe gar haufig den Sinn eines 
Wortes wesentlich andert. Aufierdem geniigte aber die 
philologisch genaue Kenntnis der Sprachformen nicht, 
vielmehr mufite der Philolog Kulturhistoriker werden. 
Denn die Worter in literarischen Denkmalern, die oft 
Jahrtausende zuriickreichen, haben manchmal im 
Laufe der Zeiten viele Wandlungen durchgemacht, und 
es konnte vorkommen, dafi der Philolog einen Satz 
tadellos zerlegte, trotzdem aber nicht verstand, well bei 
seiner Unkenntnis der betreffenden Lebensverhaltnisse 
der mehrfache Sinn des Hauptwortes ihm unbekannt 
blieb, Max 



22 Historischer Uberblick 



Miiller gibt als Beispiel das Wort setu, welches 
urspriinglich Briicke bedeutete, spater aber — als die 
Indoarier von den Hohen hinab in wasserreiche Ebenen 
gestiegen waren — , ohne den ersten Sinn zu verlieren, 
zugleich als Benennung fiir eine Sache dienen mufite, 
die sie in den Gebirgen nicht gekannt hatten und wofiir 
sie infolgedessen kein Wort besaiSen, namlich fiir einen 
die bewasserten Reisfelder voneinander trennenden 
Damm. Nun verbindet aber eine Briicke zwei sonst 
getrennte Ufer, wogegen ein Damm scheidet und 
„auseinanderhalt", was sonst ungeschieden und 
einheitlich ware. Diese zwiefache Bedeutung des 
Zusammenhaltenden und des Auseinanderhaltenden 
diente nun dem Metaphysiker fiir die bildliche 
Andeutung gewisser tiefer, in Worte schwer faiSbarer, 
das Wesen der Individualitat betreffender Erkenntnisse. 
Wie sollte der Stubengelehrte, der Indien nicht aus 
Anschauung kannte, jemals auf diese zweite Bedeutung 
verfallen, die zu der ersten gleichsam ein Widerspiel 
bildet? Daher blieben ihm Sinn und Absicht des 
Philosophen unverstanden. Es muiSten also Philolog und 
Kulturhistoriker unverdrossen fleiiSig daran arbeiten, 
Satz fiir Satz, Wort fiir Wort den genauen Text, die 
buchstabliche „Realbedeutung" (wenn ich so sagen darf) 
der philosophischen Schriften der Inder festzustellen. 
Ein Mann fehlte aber noch: der Philosoph; der Mann, 
der nicht nur wuiSte, sondern auch verstand. 

Wer begreifen will, wie sehr dieser Mann fehlte, der 
nehme Max Miiller's Ubersetzung der zwolf zumeist 
genannten Upanishaden ins Englische zur Hand {Sacred 
Books of the East, Band 1 und XV, erschienen 1879 und 
1884). Das war bis vor kurzem die beste Ausgabe, 



23 Historischer Uberblick 



die es iiberhaupt gab. Ein weiter Weg ist hier seit dem 
Erscheinen von Anquetil Duperron's Oupnek'hat 
zuriickgelegt worden, und doch, wie manche Stelle — 
und gerade die Stellen, wo der Gedanke in die Tiefen 
steigt, wo man glaubt, man habe die Nacht bis an die 
Ufer des Morgenlichts durchschritten — ist noch gar 
sehr „anquetil-duperronisch"! Max Miiller hatte als 
Gelehrter und Popularisator bedeutende Verdienste; er 
stand auf der Hohe des philologischen Wissens und 
zugleich auf der Hohe des kulturhistorischen Wissens; 
er hatte die altesten Hymnen herausgegeben und stand 
seit einem halben Jahrhundert mit den bedeutendsten 
lebenden Panditen Indiens im Verkehr; was fehlte ihm 
denn zum Verstandnis? Die Beantwortung ist so 
belehrend fiir den Gegenstand dieser Abhandlung, daiS 
ich ihr einen besonderen Absatz widmen will. 

Was fehlt, ist eine Kleinigkeit, von der alles abhangt: 
die innere Erfahrung dessen, was die 
indischen Denker sich so unsaglich abgemiiht haben in 
Worte zu fassen, nicht mit dem Zwecke, ein schones 
liickenloses System aufzubauen, nicht um zu beweisen, 
dafi sie „recht haben", sondern damit andere das selbe 
Unaussprechliche innerlich erfiihren. Denn es handelt 
sich bei diesem indischen Denken — wenigstens auf 
dieser hochsten Stufe der Upanishaden — um einen 
tatsachlichen Vorgang, um eine innere Wandlung des 
Menschen. Es ist gleichsam der heroische Versuch, das 
Wort in die Tat umzusetzen, das transszendente Wesen 
des Menschen nicht nachzuweisen, sondern e r 1 e b e 
n zu lassen. Damit aber eine Veranderung im Kopfe 
stattfinden konne, muiS die Anlage dazu vorhanden sein. 
In alien solchen 



24 Historischer Uberblick 



Dingen gilt das Wort Christi: „Nur wer es erfassen kann, 
erfaiSt es"; das gleiche driickt die Kathaka-Upanishad 
von einem mehr kosmischen als individuellen 
Standpunkt folgendermaiSen aus: „Nur wen er erwahlt, 
nur von dem wird er begriffen." Von der echten 
indoarischen Metaphysik gilt genau das selbe, was 
Goethe als charakteristisch fiir die germanische Poesie 
— im Unterschied von der hellenischen — bezeichnet: 
Hier fordert man euch auf zu eignem Dichten, 
Von euch verlangt man eine Welt zur Welt. 
Diese indische Weisheit wird einem nicht wie mosaische 
Kosmogonie eingetrichtert, oder wie bei 

vernunftgerechter Logolatrie am Abacus der 
Denkmaschine vorgewiesen, sondern es handelt sich um 
etwas, was gezeugt werden muiS, damit es lebe, und 
dazu gehoren zwei. Um die Welt, die mir der indische 
Denker entgegenbringt, in mich aufzunehmen, mu6 
auch ich ihm eine Welt entgegenbringen, und zwar eine 
bestimmte. Die indische Philosophic ist durch und 
durch aristokratisch. Sic verabscheut jegliche Werbung; 
sie weiiS, daiS die hochsten Erkenntnisse nur den 
Auserlesenen zuganglich sind, und sie weiiS, daiS nur 
unter bestimmten korperlichen Rassenbedingungen 
sowie durch bestimmte Schulung das Auserlesene 
geziichtet werden kann. Man sieht, wir haben hier den 
genauen Gegensatz zu der semitischen Idee des 
Universalismus, der im Mohammedanismus seinen 
vollendeten Ausdruck gefunden hat; hier die Demokratie 
der absoluten Gleichheit unter der unbeschrankten 
Tyrannei des willkiirlich herrschenden Gottes, dort 
Aristokratie und die sittliche Selbstandigkeit des als 
zeitlos erkannten Ein- 



25 Historischer Uberblick 



zelnen: „unsichtbar, unbetastbar, ungreifbar, 
uncharakterisierbar, undenkbar, unbezeichenbar, nur 
in der GewiiSheit des eigenen Selbst gegriindet, die ganze 
Weltausbreitung ausloschend, beruhigt, selig, zweitlos" 
(Manduky-Up.). Dagegen schwebt Max Miiller als Ideal 
eine Art Paneklektizismus („Grundsuppe", wiirde es 
Luther spottisch genannt haben) aller Religionen und 
Philosophien der Welt vor, eine freilich weitverbreitete, 
doch nichtsdestoweniger ungeheuerliche Vorstellung. 
Denn die Verschiedenheit ist ein Naturgesetz, und 
Darwin hat eine Tendenz zum Auseinanderstreben 
(selbst wo urspriinglich Gleichartigkeit herrscht) bei 
alien Lebensformen nachgewiesen; nun ist aber der 
Mensch in gewissen Beziehungen, und zwar namentlich 
in bezug auf den Verstand, das feinst gegliederte aller 
Geschopfe; es ist folglich schon rein empirisch 
naturwissenschaftlich klar, dafi bei dem Menschen 
gerade der Verstand die reichste Stufenleiter 
verschiedengradiger und auch verschiedenartiger 
Entwicklung aufweisen muiS, und zwar sowohl in der 
Form einer Verschiedenheit zwischen Mensch und 
Mensch, wie auch namentlich durch Rassenziichtung. 
Max Miiller's Behauptung, es existiere „kein spezifischer 
Unterschied" zwischen einem chinesischen Taoisten und 
einem indischen Brahmanen, ist einfach haarstraubend. 
Wer so denkt, wird nie imstande sein, „die Individualitat 
der Dinge mit treuem und keuschem Sinn zu erfassen", 
wie Schiller es fordert. Und wer nicht die Individualitat 
erfaiSt, erfafit im Grunde genommen gar nichts. Denn 
was bleibt, ist dann, was ich oben den Abacus der 
Denkmaschine nannte, und der ist freilich iiberall nach 
ahnlichen Grundsatzen gebaut, gleichwie alle Menschen 
Augen und Ohren 



26 Historischer Uberblick 



haben, wenn auch nur ein einziger, durch und durch 
individueller Menschenschlag imstande war, den von 
den Gottern bevolkerten Olymp zu erschauen, und nur 
ein einziger anderer, Isoldens Liebestod zu „erh6ren". 

Darum konnte, wer auf dem Standpunkt Max 
Miiller's stand, unmoglich bis auf den Grund dringen. 
Der im Sand und Schutt der Jahrhunderte vergraben 
gewesene Tempel indoarischen Denkens war zwar 
freigelegt und sauber geputzt; nur eine Kleinigkeit fehlte 
noch: der Schliissel, um das Tor zu offnen, auf daiS wir 
eintreten konnten. Diesen Schliissel geliefert zu haben, 
ist in allererster Reihe das Verdienst Paul DeuiSen's, 
Professors der Philosophie in Kiel. 



27 Historischer Uberblick 



Paul Deul^en 

Wo so viele mitgearbeitet haben — von Colebrooke 
und Bopp, von Burnouf und Lassen, Bohtlingk, Roth, 
Weber und Whitney an bis zu Biihler, Garbe, Jacobi, 
Pischel, Schroeder, Rhys Davids und zahlreichen 
anderen — , ware es lacherlich, alles Verdienst einem 
Manne zusprechen zu wollen. Doch es ist fast immer so, 
daiS nach langen miihsamen gemeinsamen Arbeiten ein 
einzelner die reife Frucht pfliickt; der rechte Mann zur 
rechten Zeit. Paul DeuiSen war es vorbehalten, uns die 
Werke, in denen das indische Denken seinen reinsten 
Ausdruck gewonnen hat, zuganglich zu machen, 
zugleich auch weite Uberblicke iiber die ganze 
Entwicklung zu geben. 

Jetzt waren eben die Zeiten reif; an Stelle der zu 
Philosophen improvisierten Philologen muiSte nunmehr 
ein fachmannisch gebildeter Philosoph die Sache in die 
Hand nehmen. Allerdings muiSte dieser Philosoph 
besondere und seltene Eigenschaften besitzen. Zunachst 
eine so hervorragende linguistische Begabung, daiS er — 
der doch nur einen Teil seiner Arbeitskraft darauf 
verwenden konnte — ein vollendeter Meister des 
Sanskrit wurde; denn des Philosophen harrten trotz 
aller Vorarbeiten der Philologen und Kulturhistoriker gar 
viele sprachliche Probleme; nicht allein das groiSe 
Haupttor mufite aufgeschlossen werden, sondern auch 
viele einzelne Schreine. Man denke sich, die „Kritik der 
reinen Vernunft" ware seit Jahrhunderten vergessen 
worden. 



28 Paul DeuiSen 



die deutsche Sprache ausgestorben; wie sollte ein 
Forscher imstande sein, das Werk zu neuem Leben zu 
erwecken, wenn er es nicht vermochte, sprachlich jeder 
Abschattung des Gedankens zu folgen? Aufierdem 
muiSte unser Philosoph eine sehr ausgesprochene und 
ausgebildete metaphysische Anlage besitzen; keiner 
unserer Durchschnittsphilosophen und 

Handbuchverfasser hat bisher mit der indischen 
Philosophic etwas anzufangen gewuiSt; der uns 
angeborene Idealismus wird uns ja meistens in der 
Schulstube gestohlen und die Metaphysik in den 
Horsalen. Die Metaphysik allein tate es aber auch nicht; 
ohne einen tiefen religiosen Instinkt kann indisches 
Denken nie verstanden werden. Es war ein Vorzug, daiS 
DeuiSen, der Philosoph, von der Theologie seinen 
Ausgang genommen hatte. Er war der zur AufschlieiSung 
des indischen Denkens vorherbestimmte Mann; seine 
Bestimmung hat er glanzend erfiillt. Im Jahre 1883 
erschien sein bekanntestes Werk, „Das System des 
Vedanta", welches sofort in alien Landern als klassisch 
und abschlieiSend anerkannt wurde, sowohl von den 
Indologen wie von den wenigen Philosophen, die fiir 
solche Dinge Interesse zeigen. Mit dem ersten Schritt 
hatte er einen Gipfel betreten, sonst hatte er auch nicht 
welter gekonnt; denn wer den Inder nicht ganz versteht, 
versteht ihn gar nicht. Doch konnte ein noch so 
vortreffliches Werk iiber den Vedanta keineswegs 
geniigen. Die wirkliche Kenntnis einer Weltanschauung 
bleibt ohne Kenntnis der Originalschriften ein fiir 
allemal unmoglich; iiber ein „System" kann man wohl 
erschopfend berichten, nicht aber iiber eine lebendige 
Geistesschopfung, in welcher sich die ganze 
Personlichkeit des Urhebers widerspiegelt. Man mag 
noch 



29 Paul DeuiSen 



so viele Beschreibungen eines Menschen gehort haben, 
wenn er personlich auftritt, ist man iiberrascht und 
empfindet deutlich, man habe ihn bisher nicht gekannt; 
denn nicht in den groiSen Linien liegt das 
Unterscheidende, vielmehr sind diese uns alien 
gemeinsam, sondern in den Icleinen Ziigen, in den 
tausend Dingen, die sicli der Zergliederung, der 
Scliilderung, der Aufzalilung entzielien. „Das Beste wird 
niclit deutlicli durcli Worte", sagt irgendwo Goetlie; und 
docli Iconnen Gedanlcen niclit anders als durch Worte 
vermittelt werden. Da kommt denn alles darauf an, dafi 
die Worte — die nicht das Beste sind, aber das Beste 
vermitteln — nach und nach mit der besonderen, 
unbeschreiblichen, magischen Wesenheit der einen 
unvergleichlichen Personlichkeit durchtrankt werden, 
was nur allmahlich geschieht; da, plotzlich, leuchtet wie 
ein Blitz am dunkeln Himmel ein einzelner Satz auf! Wir 
sind mit der fremden Seele in Beriihrung getreten. 
Nunmehr sind die Worte — die Worte, die aller Welt 
angehoren und doch nur diesem Einen in der 
bestimmten Weise zu Dienste stehen — Dolmetscher 
geworden fiir das, was alle Worte iibersteigt, fiir das, 
was die Taittiriya-Upanishad so schon „die Welt, vor der 
die Worte umkehren, unfahig sie zu erreichen" nennt. 
Diese Wirkung — auf die nicht weniger als alles 
ankommt — kann keine noch so sachverstandige 
Berichterstattung hervorrufen. Eine Weltanschauung ist 
ein genau ebenso geniales Erzeugnis wie ein groiSes 
Kunstwerk: sie tragt ihr Geheimnis in sich selbst, den 
Grundgedanken ihrer unaussprechbaren 

GesetzmaiSigkeit. Wie hatte ein Mann wie DeuiSen das 
nicht wissen sollen? Und so ging er denn daran — unus 
pro multis — das zu 



30 Paul DeuiSen 



vollbringen, was bisher keine Gesamtheit von Gelehrten 
zu Ende hatte fiihren konnen. 1887 erschienen in 
deutscher Sprache: „Die Sutra's des Vedanta des 
Badarayana nebst dem vollstandigen Kommentar des 
Qankara", ein Band von 766 klein- und enggedruckten 
Seiten, das wichtigste theoretische Werk Indiens iiber 
die religiose Metaphysik der Upanishaden, und 1897 
folgte der iiber 900 Seiten zahlende Band: „Sechzig 
Upanishad's des Veda aus dem Sanskrit iibersetzt und 
mit Einleitungen und Anmerkungen versehen." Von den 
Sutra's waren nur Bruchstiicke bekannt gewesen^), und 
die groiSte Sammlung Upanishad's, die es in irgend einer 
europaischen Sprache gab, waren die zwolf vorhin 
genannten, von Max Miiller ins Englische iibertragenen: 
das mag dem Unkundigen einen Begriff von der hier 
geleisteten Arbeitssumme geben. Selbst der mit Recht 
geriihmte „deutsche FleiiS" hatte bei aller Aufopferung zu 
der so schnellen und erschopfend griindlichen 
Erledigung einer so gewaltigen Aufgabe nicht gereicht; 
hier muiSte etwas anderes auiSer Emsigkeit und 
Gelehrsamkeit mitwirken: das liickenlose Verstandnis 
des Vorgetragenen, das intuitive, sofortige Erfassen 
jedes Gedankens, ein luchsaugiger Scharfblick fiir die 
Bedeutung jedes — manchmal sehr weithergeholten — 
Vergleiches. Meine Aufzahlung ist aber noch nicht 
vollstandig. Denn 1894 hatte DeuiSen uns sein Buch: 
„Die Philosophic des Veda bis auf die Upanishad's" 
gegeben und 1899 folgte: „Die Philosophic der 
Upanishad's"^). Jetzt ist das Gebaude fertig. Natiirlich 
wird unser Wissen 



^) G. Thibaut's englische Ubertragung (in den „ Sacred Books of 
the East") ist seither vollendet worden. 

^) Samtliche Biicher bei F. A. Brockhaus, Leipzig. 



31 Paul DeuiSen 



in bezug auf die indoarische religios-philosophische 
Weltanschauung mit den Jahren noch zunehmen; 
Garbe's Darstellung der Samkhya-Philosophie — des 
indischen Rationalismus — (1894), sowie seine 
Ubersetzungen der Hauptschriften dieser Schule 
(worunter namentlich „Der Mondschein der Samkhya- 
Wahrheit", 1891, zu nennen ist) zeigen, was alles wir in 
dieser Beziehung noch zu erwarten haben. Deufien 
selbst verspricht uns einen Band iiber die nachvedische 
Philosophic Indiens; auiSerdem wird die kritische 
Kenntnis der anderen geistigen Produkte Indiens, 
namentlich der grofien Epen — die taglich Fortschritte 
macht — Licht zuriickspiegeln auf jene in den Annalen 
der Menschheit unvergleichliche GroiStat, auf jene 
religios-mythologisch-metaphysische Weltanschauung, 
die sich — majestatisch wie der Himalaya — vom 
Rigveda bis zu Qankara, d. h. durch cine Periode von 
Jahrtausenden hinzieht. Doch die Hauptsache, das, was 
notig war, damit die echte indoarische Weltanschauung 
befahigt werde, als ein humanistisches und kulturelles 
Ferment in das Leben der Gegenwart einzugreifen und 
erlosend auf unser eigenes Denken und Glauben zu 
wirken, ist schon vollbracht. 

Dies Wenige moge als historische Skizze geniigen; es 
kommt mir hier nur auf Umrisse an, geeignet, eine erste, 
allgemeine Erfassung des Gegenstandes in seinen 
charakteristischen Ziigen zu vermitteln. Darum will ich 
dem Leser auch nicht mit einer Aufzahlung der 
verschiedenen Arten von Veden, Sutras, Upanishaden, 
Aranyakas und was es sonst noch fiir Gattungen 
religios-philosophischer Schriften in Indien gegeben hat, 
lastig fallen. Ein Blick in das Konversationslexikon 
orientiert 



32 Paul DeuiSen 



iiber das UnerlaiSlichste; wer aber dieser reichen Welt 
menschlichen Sinnens und Dichtens wirklich noch ganz 
fremd gegeniiberstehen sollte, wer von dieser Literatur, 
die an Umfang (nach Max Miiller's Berechnung) die von 
Griechenland und Rom zusammengenommen iibertrifft, 
nicht die geringste Kenntnis besitzt, ist es seiner 
Bildung schuldig, sofort Leopold von Schroeder's fiinfzig 
Vorlesungen iiber „lndiens Literatur und Kultur in 
historischer Entwicklung" zu lesen; es ist — neben Max 
Miiller's „lndien in seiner weltgeschichtlichen 
Bedeutung", das aber ein anderes Ziel sich setzt — das 
einzige Buch zur allgemeinen und zugleich griindlichen 
Einfiihrung, das wir bis jetzt besitzen; voll Begeisterung 
fiir die Sache und zugleich maiSvoll im Urteil; 
fachmannisch und nichtsdestoweniger 

gemeinverstandlich . 



33 Paul DeuiSen 



Bedeutung des arischen Denkens 

Ich, der ich keine gelehrten Kenntnisse besitze und 
mit geborgten nicht prunken will, beschranke mich hier 
auf die Fragen von allgemeiner kultureller Bedeutung 
und will jetzt sagen, w a r u m ich eine 
„humanistische" Erganzung des Vielen, was wir dem 
unvergleichlichen Hellas verdanken, fiir wiinschenswert, 
ja unerlafilich halte, und warum die Kenntnis des 
altarischen Denkens nicht einen blofien Zuwachs an 
historischem Stoff, sondern eine Zunahme an 
Lebenskraft fiir uns bedeuten muiS und wird. 

Um das Ergebnis gleich zusammenfassend 
voranzuschicken: der Indoarier mu6 uns helfen, die Z i 
e 1 e unserer Kultur deutlicher ins Auge zu fassen. 

Ich pries den klassischen Humanismus als eine 
Befreiungstat. Durch ihn jedoch wurde das Werk 
unserer Verselbstandigung noch nicht vollendet. Wie 
glanzend auch die hellenische Begabung war, sie war 
doch nach vielen Richtungen hin beschrankt; aufierdem 
waren ihre Erzeugnisse schon friihzeitig manchem 
fremden und entfremdenden Einflufi unterlegen. Neben 
dem Vielen, was er uns gab, liefi uns der Hellene hier 
und da im Stich, und nicht selten fiihrte er uns sogar 
irre. Unsere Emanzipation aus der Sklaverei fremder 
Vorstellungen blieb eine unvollkommene. Namentlich in 
religioser Beziehung sind wir noch heute die Vasallen — 
um nicht zu sagen die Knechte — fremder Ideale. Und 
hierdurch wird 



34 Bedeutung des arischen Denkens 



der innerste Kern unseres Wesens so stark getriibt, dafi 
unsere gesamte wissenschaftliche und philosophische 
Weltanschauung, selbst in den freiesten Geistern, fast 
nie zu vollkommener Lauterkeit, Wahrhaftigkeit und 
Schopferkraft ausreift. Wir haben nicht den Mut unserer 
Uberzeugungen, wir wagen es nicht — nicht allein 
offentlich, sondern auch uns selbst gegeniiber in foro 
conscientiae wagen wir es nicht — unsere Gedanken bis 
zu Ende zu denken. Wohl mochte ein vereinzelter Kant 
uns haarscharf nachweisen, dafi, sobald wir an den 
jiidischen Jahve glauben, keine Wissenschaft moglich 
ist und den Naturforschern dann nichts iibrig bleibt, als 
„eine feierliche Abbitte zu tun" („Naturgeschichte des 
Himmels"); wohl mochte der selbe Kant uns zeigen, daiS 
wir nicht bloiS keine Wissenschaft, sondern ebenfalls 
keine wahre Religion besitzen konnen, solange „ein Gott 
in der Maschine die Veranderungen der Welt 
hervorbringe": es half wenig oder gar nichts; denn es ist 
ebenso schwer, die semitische Weltauffassung aus 
einem friihzeitig damit eingeimpften Geiste ganzlich zu 
entfernen, wie Metalle aus dem Blutumlauf; und haben 
wir auch die mosaische Kosmogonie iiberwunden, so 
taucht nichtsdestoweniger genau der gleiche Gedanke 
einer aus der Verkettung von Ursache und Wirkung 
auszudeutenden, d. h. also historisch zu begreifenden 
Welt, sofort an anderer Stelle wieder auf. Wir sind eben 
kiinstlich zu Materialisten geziichtet worden, und die 
groiSe Mehrzahl bleiben Materialisten, gleichviel ob sie 
fromm in die Messe gehen oder als Freidenker zu Hause 
bleiben. Zwischen Thomas von Aquin und Ludwig 
Biichner besteht in bezug auf die Grundsatze fast kein 
Unterschied. Das nun 



35 Bedeutung des arischen Denkens 



bedeutet eine innere Entfremdung, eine Entzweiung mit 
uns selber. Daher der Mangel an Harmonic in unserem 
Seelenleben. Jeder denkende, edelgesinnte Mensch 
unter uns wird hin und her geworfen zwischen der 
Sehnsucht nach einer gestaltenden, leitenden, das 
Leben verklarenden religiosen Weltanschauung und der 
Unfahigkeit, sich resolut loszureiiSen aus tief 
unbefriedigenden kirchlichen Vorstellungen. Hierzu uns 
anzueifern und uns Wege zu weisen, ist nun das 
indoarische Denken vorziiglich geeignet. Darum darf 
Deufien die Erwartung aussprechen: „Ein zureichendes 
Bekanntwerden indischer Weisheit wird in dem 
religiosen und philosophischen Denken des 
Abendlandes nach und nach eine nicht so sehr die 
Oberflache wie gerade die letzten Tiefen beriihrende 
Umwalzung zur Folge haben." 



36 Bedeutung des arischen Denkens 



Eigenschaften des arischen Denkens 

Fragen wir uns nun, welche Eigenschaften diesem 
Denken eine so besondere, nur ihm eigene Bedeutung 
verleihen, so werden wir, wenn ich nicht irre, zunachst 
drei hervorzuheben haben: erstens ist dieses Denken ein 
reinarisches, von fremden Einfliissen (in seiner 
Glanzzeit und auch in den besten Erzeugnissen einer 
spateren Zeit) vollig unberiihrtes; zweitens ist es das 
Denken eines ganzen Volkes, Jahrhunderte hindurch 
fortgesetzt, und es wachst darum aus tiefreichenden 
Lebenswurzeln; das Dritte folgt aus dem Zweiten: das 
Element der individuellen Willkiir — sonst beim Denker 
so machtig — ist hier auf ein Geringes herabgesetzt; 
dieses Denken ist darum zwar wenig systematisch, 
dafiir aber durchaus organisch. Diese auszeichnenden 
Ziige miissen wir etwas naher ins Auge fassen. 



37 Eigenschaften des arischen Denkens 



Die Rassenreinheit 

Die erste Eigenschaft — die Reinheit — entstromt 
freilich nicht eigener Kraft, sondern ist das Ergebnis 
geschichtlicher Vorsehung; doch sie betrifft den Kern 
des Denkens: einzig in der gesamten Geschichte 
indoeuropaischen Geisteslebens ist das altindische 
Denken und Dichten von jeglicher — auch entfernter — 
Beriihrung mit semitischem Geiste frei und daher rein, 
lauter, echt, eigen. Wer mochte sich nicht auf die Knie 
werfen und in solch seltenen FluiS dankbare Lippen 
tauchen? Das sage ich nicht aus blutgieriger 
antisemitischer Gesinnung, sondern weil mir bekannt 
ist, daiS diese merkwiirdige Menschenart — der Semit — , 
der iiber die ganze Welt hin sich verbreitet und die 
erstaunliche Fahigkeit besitzt, sich alles anzueignen, 
nichts beriihrt, ohne es tief innerlich umzuwandeln. Die 
anerkannt groiSten und zugleich durchaus freisinnigen 
Autoritaten — ein Weber, ein Lassen, ein Renan, ein 
Robertson Smith — erklaren iibereinstimmend, dem 
Semiten fehle die eigentliche Schopferkraft, die 
erfinderische Ader; dagegen besitze er wie keiner die 
Eigenschaft, sich alles anzueignen. Was ist aber dieses 
Aneignen? Um einen Gedanken zu begreifen, mu6 ich 
ihn nachdenken konnen, er muiS in mir gleichsam 
vorgebildet, latent gelegen haben; das Schopferische 
erfordert den Mitschopfer, damit es lebe. Unsere 
indoeuropaischen Genies sind nicht spezifisch 
verschieden von der Menge — im Gegenteil, ein 
Shakespeare ist mehr englisch als 



38 Die Rassenreinheit 



irgend ein anderer Englander, ein Qankara ist der Inder 
mit alien seinen Fehlern, Homer ist der Inbegriff echt 
hellenischer, verschwenderischer Gestaltungskraft und 
keeker Ruhmredigkeit, Goethe — der erhabene und 
gewissenhafte Pedant — ist ein Kompendium des 
deutschen Charakters; lediglich die grofiere Entfaltung 
der Lebensflamme, die mehr Licht und Warme 
ausstrahlt, ,,1'activite de I'ame", wie Diderot in seiner 
Studie iiber das Genie sagt, macht, dafi sie Unerhortes, 
noch nicht Dagewesenes schaffen, welches wir aber — 
die Blutsverwandten — sofort nachschaffend in uns zu 
dauerndem, ureigenem Besitz aufnehmen. Wie sollte 
nun einem ganzlich fremden Menschen, dem auiSerdem 
Schopferkraft abgeht, die Aneignung in diesem Sinne 
gelingen konnen? Ich halte das fiir unmoglich. Und ich 
sehe die Semiten vom vorbabylonischen Sumero- 
Akkadien an bis zum heutigen Europa sich das 
Kulturwerk fremder Volker in der Weise assimilieren, 
dafi sie es in etwas anderes umwandeln, was ja an und 
fiir sich vollkommen berechtigt ist, fiir uns aber 
schlimme Folgen mit sich fiihrt, sobald wir dem 
starkeren, oder wenigstens aufdringlicheren Willen 
unterliegen, unser Eigenes entstellen lassen und an der 
fremden Form doch kein Genii ge finden konnen. Finer 
der bedauerlichsten Charakterziige samtlicher 
Indoeuropaer ist namlich die Leichtigkeit, mit der sie 
sich selbst entfremdet werden. Hiergegen kann uns — 
arg Bedrohte — weder eine uns selbst entadelnde 
barbarische Verfolgung, noch vornehmer Ostrazismus 
schiitzen. Der Antisemit beachtet zwei Dinge nicht: 
erstens, daiS der Jude niemals ein reiner Semit war, 
noch ist, und daiS er somit manche vermittelnde 
Elemente in seinem Blut enthalt, woraus folgt. 



39 Die Rassenreinheit 



dafi man zwischen Juden und Juden unterscheiden 
mu6 und nicht iibersehen darf, daiS mancher Jude sich 
ebensosehr wie wir nach der Erlosung aus semitischen 
Vorstellungen sehnt; zweitens, dafi zwar der jiidische 
Halbsemit durch die Gewalt seines Willens und durch 
die Verkniipfung zu einer geschlossenen internationalen 
Nation das auffallendste „fremde" Element in unserer 
Mitte ist, beileibe aber nicht das einzige. Es gibt andere 
fremde Elemente, die namenlos bleiben und darum nur 
um so gefahrlicher sind, Menschen, die uns auiSerlich 
ziemlich ahnlich sehen, innerlich jedoch eine spezifisch 
andere Seele besitzen, und die nun alles, was sie von 
uns erhalten und woran sie mit uns gemeinsam 
teilnehmen, nicht vollig umwandeln, wie das der Semit 
tut, sondern inwendig verderben, vergiften, hierdurch 
den Segen zum Fluch kehrend. Nicht allein lehrt uns die 
Geschichte, daiS der eigentliche Europaer (der 
Indogermane) auf seinem Zug nach Westen und Siiden 
sich in fremde, ethnisch stark vermischte und geistig 
minderwertige Elemente hineinkeilte, die er nie 
austilgte, sondern die Anthropologic bezeugt das Dasein 
und die allmahliche Zunahme der Nachkommen uralter 
Einwohner Europas, die teils vor dem Homo europaeus 
in die hochsten Gebirge geflohen, teils von ihm als 
Sklaven unterjocht worden waren, und die nunmehr, 
durch eine mit relativer geistiger Beschranktheit 
gepaarte korperliche und namentlich geschlechtliche 
Kraft begiinstigt, sich stark vermehren und nach und 
nach den germanischen Stock durchsetzen. Dazu dann 
die Starke Vermischung mit mongolischen Elementen, 
welche nach Buschan's Untersuchungen eine 
nachweisbare Abnahme der Schadelkapazitat, der 
HirngroiSe und somit auch der 



40 Die Rassenreinheit 



Kulturfahigkeit — kurz, auf deutsch, eine Verdummung 
— ganzer Volkerschaften herbeigefiihrt hat/) Ignatius 
von Loyola, der Baske, das Kind und der Typus dieser 
geborenen Feinde unserer Kultur, ist ihr ebenso 
gefahrlich wie der Jude. Wie sollen wir nun, wie konnen 
wir uns schiitzen? Wie sollen wir in diesem durchaus 
berechtigten, ja heiligen Kampf — dem Kampf um das 
eigene Dasein — bestehen? Erstens, indem wir die 
Notwendigkeit des Kampfes einsehen lernen, zweitens, 
indem wir uns auf unsere Eigenart besinnen und sie 
dadurch vollkommen bewufit erfassen. Ein ganzes 
Jahrhundert haben wir der Marotte einer 
unbeschrankten Toleranz geopfert; wir haben das 
Gefiihl fiir die unersetzliche Bedeutung der Grenzen, fiir 
die Bedeutung der Personlichkeit, des 

Niewiederkehrenden, aus dem allein Schopfungen und 
groiSe Taten hervorgehen, fast verloren; wir steuern auf 
das Chaos zu. Es ist hohe Zeit, daiS wir zur Besinnung 
erwachen; nicht um Anderen ihre geistige Freiheit zu 
schmalern, sondern damit wir Herren im eigenen Hause 
werden, was wir heute nicht sind. 

Fiir diese geforderte „Besinnung" kann nun der 
Verkehr mit den unverfalschten Indoariern von 
entscheidender Wichtigkeit werden. Denn diese geben 
uns ein iibertriebenes Bild der Tugenden und 
Untugenden, die auch uns angeboren sind; und zwar in 
so ahnlicher Weise, dafi die Verwandtschaft zwischen 
Germanen (namentlich Deutschen) und Indoariern in 
mancher Beziehung eine nahere zu sein scheint als die 
zwischen Germanen und Hellenen. Den Trieb, alle 
Erscheinungen symbolisch mit- 



^) Siehe Archiv fiir Rassen- und Gesellschafts-Biologie, 1904, S. 
697. 



41 Die Rassenreinheit 



einander zu verketten, bis die lebendige (nicht 
abgezogen begriffliche) Vorstellung der Einheit erreicht 
wird, den unerschopflichen Reichtum der Phantasie, 
den kiihnen, furchtlosen Gedankenflug, die 
metaphysische Ader, die Innigkeit, die unvergleichliche 
Wertschatzung der Personlichkeit, die Selbstlosigkeit, 
den heiligen Ernst, die Neigung zur Askese, den 
unermiidlichen FleiiS, die wissenschaftlichen Erfolge, die 
mystische Vertiefung, auch die Weitschweifigkeit, die 
Schwerfalligkeit, die Geschmacklosigkeit, die 
Charakterlosigkeit, die Haufigkeit unklarer Gedanken, 
welche Hand in Hand mit kindischer 
Einschachtelungswut geht, die Bereitwilligkeit, fremden 
Dingen Wert beizumessen und den eigenen 
hervorragenden Wert zu unterschatzen usw.: das alles 
finden wir bei den Indoariern wieder und erblicken somit 
uns selbst in einem vergroiSernden Spiegel. Das wird 
uns helfen, uns selbst zu erkennen und das wirklich 
Eigene von dem Aufgedrungenen und Aufgepfropften 
und Eingetrichterten und auch von dem Verfalschten 
rein zu scheiden. 



42 Die Rassenreinheit 



Der Buddhismus ist unarisch 

Noch mu6 hier als Erganzung zu diesen 
Ausfiihrungen iiber die Reinheit des indoarischen 
Denkens eine notige Verwahrung eingelegt werden. 
Wenn ich von indoarischer Weltanschauung rede, so 
habe ich nicht den Buddhismus im Sinne. 

DaiS Buddha selber ein Indoarier reinen Stammes 
war, daran zweifeln nur wenige; alles, was er 
Schopferisches gibt, flieiSt ihm aus dem Denken seines 
Volkes zu. Der Idealismus seiner Gesinnung, die Tiefe 
seiner metaphysischen Beanlagung, alles zeugt fiir seine 
Rasse. Doch war er ein Abtriinniger, der die 
angestammte Weltanschauung als „leere Torheit" 
bezeichnete und nun mit der Religion auch die 
gesellschaftliche Verfassung preisgab; aufierdem steht 
es jetzt fest, daiS der Buddhismus von Anfang an von 
nichtarischen Elementen getragen wurde. Die Arbeiten 
Garbe's iiber den Samkhya und die von Josef Dahlmann 
iiber Buddha und das Mahabharata zeigen immer 
deutlicher, dafi iiberall, wo indoarisches Denken von 
dem symbolisch-transscendenten Ideal in der Religion 
und von der adligen Stammesverfassung der Vater 
abwich (beides ging immer Hand in Hand), dies die Folge 
einer Rassenvermischung mit nichtarischen Volkern 
war. Namentlich fiir den Buddhismus ist das jetzt 
erwiesen. Schon lange hatten verschiedene Forscher 
darauf aufmerksam gemacht, daiS der Buddhismus in 
einem von Ariern sparlich bewohnten Telle Indiens ent- 



43 Der Buddhismus ist unarisch 



standen war; an und fiir sich bemerkenswert, fiihrte 
diese Tatsache zu der Einsicht, daiS die Menschen aus 
alien Bevolkerungsklassen, welche dieser Bewegung 
zunachst sich anschlossen und sich als Missionare einer 
neuen angeblichen Heilslehre in alle Gegenden 
verstreuten, zum iiberwiegenden Telle nicht Arier 
gewesen sein konnten. Wie eine Pest verbreitete sich 
diese den religiosen Uberlieferungen des Volkes 
feindliche Lehre iiber ganz Indien; zuletzt aber raffte 
sich der sieche Arier auf und warf den Feind hinaus; in 
Indien gibt es seit Jahrhunderten keinen Buddhismus 
mehr. „Nur auf nichtarischem Boden, unter 
nichtarischen Volkern lebt Buddha's Verehrung fort"; 
doch die schopferische Kraft Indiens war auf immer 
gebrochen. Der EinfluiS der Rasse ist so unverkennbar, 
daiS Dahlmann, dem ich die letzten Worte entnehme und 
der in seiner Eigenschaft als Jesuitenpater unmoglich 
geneigt sein kann, auf Rassenverhaltnisse Gewicht zu 
legen, dennoch immer wieder auf diese Erwagung 
zuriickkommt. Der Buddhismus — der bisher zum 
Schaden aller ernsten und humanistisch fordernden 
Beschaftigung mit indischem Denken die 
Aufmerksamkeit der Europaer in so bedauerlichem 
MaiSe monopolisiert hat — ist in seinem Ursprung, wie 
gesagt, wohl indoarisch, in seiner Weiterentwicklung 
aber und in seiner ganzen geschichtlichen Ausbildung 
eine durch und durch unarische, antiarische und 
auiSerdem unoriginelle Erscheinung. Bis vor kurzem 
glaubte man wenigstens in dem Epos Mahabharata 
Spuren einer produktiven Beeinflussung durch den 
Buddhismus zu entdecken; jetzt weifi man, dafi es sich 
umgekehrt verhalt und daiS der Buddhismus von dort 
wie von iiberall her nur geborgt hat; bisher glaubte man, 



44 Der Buddhismus ist unarisch 



wenigstens in der Erfindung von Marchen und Fabeln 
seien die Buddhisten eigenschopferisch gewesen, jetzt 
entdeckt man, daiS sie die schonen, uralten Marchen der 
Indoarier plattgeschlagen und entstellt zum besten 
gaben, in der selben Art ungefahr, wie die alte Kirche 
unsere mannesstolzen, symbolisch unerschopflichen 
Heldensagen zu verwasserten Heiligengeschichten 
umarbeitete. Dahlmann kommt zu dem SchluiS: „Im 
besten Falle konnte eine solche Schule die Kolportage 
fremden Wissens, fremder Kulturerrungenschaften 
iibernehmen. Und so wurde der Buddhismus der Kanal, 
durch welchen arische Kultur fremden Volkern 
zugefiihrt wurde. Seine kulturgeschichtliche Mission 
liegt darin, daiS er die Schopfungen und Schatze eines 
geistig iiberragenden Volkstums nach auiSerindischen 
Landern verpflanzte, aber auch hier nicht in der 
urspriinglichen Form und Vollendung... In den ersten 
Jahrhunderten bewahrte der Buddhismus noch viel von 
brahmanischer Kultur; aber je mehr der Buddhismus 
sich mit nichtarischen Volkern verschmolz, um so 
krasser trat auf arischem Boden selbst seine innere 
Faulnis hervor, um so schneller welkte seine scheinbare 
Bliite ab. Der Grundgedanke des Buddhismus ist der 
Erbfeind jedes hoheren Geisteslebens. Es keimt und 
wuchert in ihm Zerstorung alles dessen, wodurch das 
alte Indien sich einen ruhmwiirdigen Platz in der 
kulturellen Entwicklung des ostlichen Asiens erworben 
hat." [Buddha, 1898, S. 215.) Und wenn Dahlmann 
dann den Buddhismus „das Siegeszeichen einer 
zerstorenden Macht" nennt, so wissen wir aus seinen 
vorangegangenen Schilderungen, sowie aus den 
Arbeiten anderer Gelehrten, welche Macht dies ist: die 
fremde, unarische Rasse. 



45 Der Buddhismus ist unarisch 



Ohne uns hier auf weitere Auseinandersetzungen 
einzulassen, geniigt es, auf die Regeln fiir die praktische 
Lebensfiihrung hinzuweisen, damit man den unlosbaren 
Widerspruch zwischen dem Buddhismus und der echt 
indoarischen Weltanschauung gewahr werde. Bei den 
Indoariern ist das Grundprinzip: Harmonie mit der 
Natur; bei den Buddhisten: Verneinung der Natur. Der 
Pessimismus der Indoarier verhalt sich zu ihrer 
gesamten Weltanschauung wie der Abend zum Tage, wie 
der Herbst zum Friihjahr und Sommer: nach heiterer 
Jugend, nach Ehe, Vaterschaft und biirgerlicher 
Pflichterfiillung trat, dem Greisenalter angemessen, die 
Abwendung von der Welt ein. Wohl gait auch hier die 
Verneinung des Willens zum Leben als hochste Weisheit; 
diese Erkenntnis war aber nicht Ausgangspunkt, 
sondern Endpunkt, sie war die letzte Frucht des Lebens, 
die Verkiinderin des herannahenden Todes. 1st nicht 
diese Einsicht, daiS die scharfsinnigste, abgezogenste 
Metaphysik der Indoarier noch immer die unmittelbare 
Fiihlung mit dem kosmischen Weltganzen nicht verloren 
hatte, geradezu ein Abgrund der Betrachtung? Eine 
solche Erscheinung konnte gewiiS nur durch 
organisches Wachstum entstehen. Dagegen ist der 
Buddhismus die Emporung des Individuums gegen das 
organisch Gewachsene, gegen das „Gesetz"; er verneint 
sowohl das ihn unmittelbar Umgebende — die 
historische Gestaltung der Gesellschaft und die Lehren 
der Veden — als auch, logischerweise, die ganze 
Ordnung des Weltalls. Hier ist der Pessimismus nicht 
das Ende, sondern der Anfang: absolute Keuschheit, 
absolute Armut sind die ersten Gesetze. Auch in dem 
ganzen auiSeren Gefiige der beiden 



46 Der Buddhismus ist unarisch 



Glauben zeigt sich dieses Widerspiel: die Brahmanen 
batten keine Kirchen, keine Heiligen; das alles wurde 
von dem Buddhismus eingefiihrt, und an Stelle der in 
steter Entwicklung begriffenen, mythologischen 
Metaphysik, mit der herrlichen altarischen Vorstellung 
des immer wieder zum Heile der Welt neu sich 
gebarenden Gott-Menschen, trat nun das starre, 
unfehlbare Dogma, die „Offenbarungen des Erhabenen". 
Heutzutage, wo wir einen lacherlichen pseudo- 
„buddhistischen" Sport erleben, und wo viele ernstlich 
der Meinung sind, der Buddhismus sei ein 
zureichender, erschopfender Ausdruck der hochsten 
indischen Weisheit, war es geboten, kurz aber energisch 
Verwahrung einzulegen. Ubrigens batten die alten 
indischen Denker dies schon langst getan; kein 
Geringerer als Qankara fertigt den Buddhismus nach 
einer griindlichen Widerlegung aller seiner Hauptthesen 
mit folgenden derben Worten ab: „So hat der Buddha 
nur seine eigene maiSlose Geschwatzigkeit an den Tag 
gelegt, Oder aber seinen HaiS gegen das 
Menschengeschlecht. . ." 

Wenn ich also dem indoarischen Denken Reinheit von 
aller fremden Beimischung zuspreche, so babe ich nur 
das echte arische Denken im Sinne, nicht dessen 
Entartungen unter nichtarischen Volkern Asiens. 

So viel iiber die erste auszeichnende Eigenschaft des 
indoarischen Denkens — seine Reinheit; ich gehe jetzt 
zur Betrachtung der zweiten iiber. 



47 Der Buddhismus ist unarisch 



Das Denken eines ganzen Volkes 

Die tiefste und zugleich eigenartigste Grundlage 
dieser echten arischen Weltanschauung erkenne ich 
darin, daiS sie aus der metaphysischen Tatigkeit eines 
ganzen Volkes organisch herauswuchs. Aus dieser einen 
Tatsache entspringen sowohl die unvergleichlichsten 
Eigenschaften der indoarischen Weltanschauung, wie 
auch Unzulanglichkeiten, die keiner ihrer spateren 
systematischen Denker jemals auszutilgen vermochte. 

Der groiSte Vorteil eines derartigen Verhaltnisses ist 
das Organische, welches sich daraus ergibt. Was aus 
dem Leben eines ganzen Volkes hervorwachst, saugt 
sein Leben aus mehr Wurzeln als die geniale Grille eines 
vereinzelten Traumers. Unsere europaische Philosophic 
lauft nur neben unserer Welt her; sie konnte morgen 
verschwinden, ohne dafi das die geringste Bedeutung 
fiir unsere Staaten hatte; dagegen war die indische 
Weltanschauung die Seele des indischen Volkes, sie 
bestimmte die aufiere Gestaltung seines Lebens, und sie 
bildete den Inhalt seines Denkens, seines Trachtens, 
seines Handelns, seines Hoffens. Die Zeit der hochsten 
Machtentfaltung des indischen Volkes war auch die 
Bliitezeit seiner Metaphysik; und als die Philosophic ihre 
herrschende Stellung verloren hatte, da ging das Volk 
zugrunde. 

Zur Veranschaulichung dieser eigentumlichen 
Bedeutung der Philosophic in Indien mochte ich einen 
Vergleich anstellen, der im ersten Augenblick 
einigermaiSen 



48 Das Denken eines ganzen Volkes 



widersinnig erscheinen mag, von dem ich aber doch 
hoffe, dafi er zu einer klaren Vorstellung beitragen wird. 
Ich mochte namlich indisches Denken mit hellenischer 
Kunst in Parallele stellen. Gleich der Kunst der Griechen 
war es eine aufbauende und darum — in einem 
gewissen Sinne — mit Unfehlbarkeit begabte Kraft. In 
der Kunst der Griechen spiegelt sich die kiinstlerische 
Empfindung — eigentlich die Weltanschauung — eines 
ganzen Volkes wider, und darin liegt ihre 
Unnachahmlichkeit begriindet. Der Geschmack des 
griechischen Kiinstlers war unfehlbar; er war es, weil 
der Kiinstler ihn aus dem untriiglichen Instinkt einer 
Allgemeinheit empfing. Mochte auch ein einzelner 
Homer, ein einzelner Phidias durch inkraftige Begabung 
alle anderen iiberragen: dem Wesen dieser Begabung 
nach waren sich alle griechischen Kiinstler verwandt; 
was sie schufen, war immer schon; und wer weder 
Griffel noch MeilSel zu fiihren verstand, lebte dennoch in 
dieser selben Welt, pflegte ihren Besitzstand und 
vermehrte ihn, indem sein Leben, seine Tracht, sein 
Bestreben, ja seine Gesinnungen und seine Gedanken 
ihr angehorten und ihr gewidmet waren. In 
Griechenland war eben die Kunst das hochste Moment 
des menschlichen Lebens, was nur dann der Fall sein 
kann, wenn sie kein von diesem Leben Abgetrenntes, 
sondern ein in ihm selbst nach der Mannigfaltigkeit 
ihrer Kundgebung vollstandig Inbegriffenes ist (Richard 
Wagner). Was nun ein einziges Mai im Laufe der 
Weltgeschichte fiir die Kunst sich traf, das ereignete sich 
(auch nur dieses eine einzige Mai) in Indien fiir das 
Denken. Ein Volk, welches fiir das sinnende 
Nachdenken ebenso ungewohnlich veranlagt war wie 
das griechische fiir die kiinstlerische 



49 Organisches Denken 



Gestaltung, fand sich wahrend einer Reihe von 
Jahrhunderten in Verhaltnisse versetzt, welche eine 
ungehinderte Pflege und Entwicklung dieser Anlage 
gestatteten. Das Gesamtergebnis war die indoarische 
Weltanschauung, wie wir sie vor allem in den „heiligen 
Schriften", den Upanishaden, finden, die uns aber, 
weiter ausgefiihrt und philosophisch gedeutet, in den 
verschiedenen Sutras, in poetischem Gewande in der 
Bhagavadgita und anderen Dichtungen entgegentritt. 

Jede Beschaftigung mit indischem Denken wird nun 
entweder zu gar keinen oder zu schiefen Ergebnissen 
fiihren, wenn man nicht im Auge behalt, daiS es sich 
hier nicht um Systeme einzelner Manner handelt, 
sondern um die Weltanschauung eines ganzen Volkes 
von Denkern. 

Was ich unter dem Ausdruck „Volk von Denkern" 
verstanden wissen will, diirfte sich wohl aus diesem 
Vergleich mit dem hellenischen Volke von selbst 
ergeben. Ich stelle nicht die ungeheuerliche Behauptung 
auf, in Indien sei jeder Einzelne ein Philosoph gewesen; 
sondern ich sage nur: die verschiedenen, weit 
auseinander fiihrenden Lebenszweige und 

Lebensbestimmungen und Anlagen trafen alle in diesem 
einen Punkte, der Achtung vor dem Denken, wie in 
einem Brennpunkt zusammen. Wer selbst nicht Denker 
war, unterstiitzte doch das Denken; denn er erkannte 
im Philosophen den verehrungswiirdigsten Menschen, 
dem er fraglos sich unterordnete, und die Ergebnisse 
jenes Denkens dienten ihm als Richtschnur seines 
Lebens und als Grundlage seiner staatlichen und seiner 
religiosen Uberzeugungen. Die Denker von Beruf (d. h. 
die Brahmanen) bildeten die hochste Kaste; der stolzeste 
Monarch stieg von seinem Thron herab, um 



50 Organisches Denken 



einen beriihrnten Denker zu bewillkommnen; wer von 
dem „ewigen Wesen, das nie bewiesen werden kann", 
reden wuiSte, der wurde von den Reichen mit Gold 
iiberhauft; die groiSte Ehre fiir einen Hof war, viele 
Denker in seiner Nahe zu versammeln. 

Das Denken wurde also materiell und moralisch von 
dem gesamten Volke gefordert; denn dafi in ihm ein 
Hochstes zum Ausdruck kam, war jedem mehr oder 
minder bewufit. Und gerade diese allgemeine Stimmung 
zeugt von einer besonderen, unvergleichlichen, durch 
die ganze Nation verbreiteten Anlage; schwerlich wird 
man ein zweites Beispiel nennen konnen. 



51 Organisches Denken 



Organisches Denken 

Hieraus folgt aber nun die oben schon kurz 
angedeutete dritte unter den bezeichnenden 
Eigenschaften des Indoarischen Denkens: dieses 
Denken ist ein in hohem Grade organisches. 

Im Gegensatz zu unserer unorganisch, durch die 
Tatigkeit vereinzelter Gelehrten, von Sprung zu Sprung, 
von Behauptung zu Gegenbehauptung, nach und nach 
entstandenen Philosophie, ist die indoarische 
Metaphysik ein lebendig und ununterbrochen 
Gewachsenes. Ein solches Denken wirkt auf diejenigen 
unter uns Europaern, die noch nicht in geistige 
Knochenstarre verfallen sind, wie eine plotzliche 
Befreiung aus dem Irrgarten der Systemmacherei. Wir 
befinden uns auf einmal der Natur gegeniiber, und zwar 
auf einem Gebiete, wo wir so gewohnt sind, nur 
hochster Kiinstlichkeit zu begegnen, dalS wir kaum noch 
ahnten, es konne hier iiberhaupt Natur geben. 
Allerdings ist, wie Goethe sagt, die Natur „einfacher, als 
man denken kann, zugleich verschrankter, als zu 
begreifen ist"; und es entstanden aus der genannten, 
naturverwandten Eigenschaft des indischen Denkens 
bedeutende Schwierigkeiten. Das muiS man nicht aus 
den Augen verlieren, will man sich mit Erfolg dem 
miihsamen, aber lohnenden Werke hingeben, die 
indoarische Weltanschauung aus den Quellenschriften 
in sich aufzunehmen. Denn dann versteht man, daiS 
selbst der beste und ausfiihrlichste Versuch, uns auf 
bequemerem Wege 



52 Organisches Denken 



in diese Welt einzufiihren, niemals zu dem gewiinschten 
Erfolge fiihren kann. Eine ausschlieiSlich formelle, 
logische Beschaftigung mit arischer Philosophic ist 
eigentlich zwecklos; es ist, als ob man 
Pflanzenphysiologie aus einer beschreibenden 
Systematik lernen wollte. Mit Recht hat darum DeuiSen 
darauf aufmerksam gemacht, dafi alle unsere iiblichen 
Schemen: Theologie, Kosmologie, Psychologic, dcm 
indischcn Gcdankcn gcgcniibcr „Bcchcr ohnc Bodcn" 
scicn. Zwangt man ihn in solchc Schcmcn cin, so hat 
man ihm schon das Lcbcn gcraubt. Will man sich 
vollcnds iibcrzcugcn, wic ganz unmoglich cs ist, von 
unscrcm abcndlandischcn Standpunkt aus die wahre 
Bedeutung der indischen Lehren zu erfassen, so lese 
man in DeuiSen's „System des Vedanta", S. 127 und 
128, den Nachweis, wie durchaus unzutreffend unser 
Begriff Pantheismus in Anwendung auf diese Lehren ist; 
und doch werden sie stets als Pantheismus bezeichnet, 
und zwar aus dem einzigen, recht armseligen Grunde, 
dafi die iibrigen uns gelaufigen Begriffe noch weniger 
zur Andeutung des indischen Gedankens taugen. Wir 
stecken eben in der Systematik so fest wie cin Ritter des 
13. Jahrhunderts in seinem schweren Panzer und 
konnen nur die wenigen bestimmten Bewegungen 
ausfiihren, auf welche unsere kunstvolle Riistung 
berechnet ist; der Inder besaiS bei geringerer Bewaffnung 
groiSere Freiheit. 

Diese Eigenschaft des Organischen ist zugleich eine 
Schutzwehr gegen alle Auswiichse eines vom 
Vaterstamme sich losreiiSenden, der frevlen Willkiir sich 
iiberlassenden Individualismus. „Reiner 

Verstandesunterricht fiihrt zur Anarchic," sagt Goethe; 
das erfuhren schon die Griechen, als ihre Philosophen 
ihre Dichter iiber- 



53 Organisches Denken 



wunden hatten; in dieser geistigen Anarchic Icbcn wir 
nun hcutc, und sic diinkt uns Frcihcit. Vcrwchrt uns 
jcdoch dicsc angcblichc Frcihcit — die schrankcnlosc, 
aus allcm organischcn Zusammcnhang gclostc — dcm 
Frcmdcn und Fcrncn Mitcmpfindcn und Vcrstandnis 
cntgcgcnzubringcn, so straft sic sich sclbst Liigcn. 
Frcilich, wir konncn unscrc Zcit und ihrc Lcbcnsgcsctzc 
nicht andcrn; ich mcinc abcr, sind wir wirklich gcistig so 
schr iibcrlcgcn (was wir gcrn glaubcn mochtcn), so 
miiiStc sich dicsc Ubcrlcgcnhcit untcr andcrcm auch in 
dcr Stcigcrung unscrcr schopfcrischcn Phantasickraft 
bcwahrcn. Wcr hcutc an das Studium dcs indoarischcn 
Dcnkcns hcrantritt, solltc imstandc scin, wcnigstcns 
voriibcrgchcnd den fcssclloscn Individualismus dcs 
Urtcils zu iibcrwindcn. 

Zum Abschlufi dicscr Bctrachtungcn iibcr die drci 
untcrschcidcndcn und positivcn Eigcnschaftcn dcs 
indoarischcn Dcnkcns mag cin ticfcs Wort Caldcron's 
dicncn. In „Wcinc, Wcib! und du wirst sicgcn", in dcr 
crstcn Szcnc dcs crstcn Aktcs, spricht dcr groiSe 
spanischc Dichtcr von jcnen Gclchrtcn, die 

Allcs wissen, nichts erfahren, 
und meint dann: 

Was gemcinsam Weishcit ware, 

1st bcim Einzelncn nur Wahnwitz. 
Es kann nicht fchlcn, daiS uns gar manches im 
indoarischcn Denken als Wahnwitz erschcint; ich bin 
dcr Ictztc, dcr das Icugncn mochtc; cinigcs wird noch 
zur Sprachc 



54 Organischcs Dcnkcn 



kommen. Nun sage sich der Neuling aber: das hier sind 
nicht, wie bei uns, die Schwarmereien eines 
Stubengelehrten, sondern es ist die langsam gewordene 
„geineinsaine Weisheit" eines ganzen Volkes, ein 
organisch gewachsenes Naturerzeugnis. Das allein 
geniigt, um annehmen zu diirfen, dieser Wahnwitz 
enthalte manches, was der ernstesten Beachtung wert 
sein muiS. 



55 Organisches Denken 



Das alogische Denken 

Nachdem wir auf diese Weise einige richtunggebende 
Grundbegriffe gewonnen haben, wollen wir nunmehr 
das Gewonnene weiter ausbauen. Und zwar wahle ich 
den Gang von auiSen nach innen, well er mir, wenn 
auch nicht der logisch richtigere, so doch der leichtere 
zu sein scheint. 

Zunachst nun, und rein auiSerlich betrachtet, fiihrt 
dieses langsame organische Hervorwachsen aus tausend 
Wurzeln zu einem der merkwiirdigsten und 
interessantesten Kennzeichen indischen Denkens, das 
ich bisher nirgends habe hervorheben sehen. 

Auf jedem Gebiete bedingt namlich organische, 
lebendige Einheit im Gegensatz zur abgezogenen, 
logischen den Widerspruch. In die Tat 
iibersetzt, ist der Widerspruch der Widerstand 
und beherrscht als solcher samtliche Erscheinungen des 
Lebens; wie denn auch der groiSe Bichat das Leben 
iiberhaupt geradezu als „l'ensemble des fonctions qui 
resistent d la mort" (die Gesamtheit der Verrichtungen, 
die dem Todt widerstehen) bezeichnet. Auch im 
Seelenleben gewinnen die verschiedenen Krafte das 
Gleichgewicht durch diesen „Widerspruch" genannten 
Widerstand. Es ist dies eine Grundtatsache in dem 
Aufbau der Vernunft. Uberall treffen wir sie an: in alien 
philosophischen Systemen, in alien Theorien, in den 
Lehren aller groiSen Manner und im Leben aller 
hervorragenden Volker; der Wider- 



56 Das alogische Denken 



spruch ist die Balancierstange, dank welcher wir es 
vermogen, auf dem sehr schmalen Stege unserer 
Vernunft iiber den gahnenden Abgrund des 
Unerforschlichen hinwegzuschreiten. Fiir uns 
Westlander hat jedoch das Nebeneinanderstehen von 
Thesen, deren widerspruchsvolle Beschaffenheit gar 
nicht geleugnet werden kann, zunachst etwas 
Verwirrendes. Wir pflegen derartiges als „Unsinn" zu 
bezeichnen. Denn, meinten wir auch die Tyrannei des 
Glaubens abgeschiittelt zu haben, die Zwangsjacke der 
Logik laiSt uns noch weniger Freiheit, und ihrem Gesetz 
werfen wir uns ebenso bedingungslos zu FiiiSen, wie der 
spatere, irregefiihrte Inder unter die Rader des 
Jagannath sich wirft. Darum sind wir gewohnt, die 
Widerspriiche unseres Denkens moglichst sorgsam, so 
recht in das Innere unserer Weltanschauung zu 
verstecken; wir suchen uns und Andere zu beliigen. 
Zwei Drittel unseres Philosophierens besteht denn auch 
in dem kritischen Nachweis von Widerspriichen bei 
anderen Philosophen. Ganz im Gegenteil wird bei den 
Indern der Widerspruch ohne Umschweife eingestanden. 
Gleichsam als schillerndes Gewand wird er um die 
nackte Wahrheit gehangt. Zahllose Gotter und doch nur 
ein Weltgeist; das Individuum zu einer langen Reihe von 
Neugeburten verdammt, und zugleich Aufheben aller 
Individualitat im Tat-twam-asi („das bist du"); eine 
Ethik, die auf diese Lehre von der Seelenwanderung sich 
griindet, und trotzdem das Gestandnis: „nur diejenigen, 
welche noch mit den Schwachen des Nichtwissens 
behaftet sind, nehmen eine solche Wanderung der 
Seelen an'V) Freiheit des Willens und Notwendigkeit; 
Idea- 



^) Qankara: Die Sutras des Vedanta, S. 19. 

57 Das alogische Denken 



litat der Welt, Realitat der Welt usw. Als geschehe es mit 
absichtlicher Ironie, stellen die Indoarier diese fiir das 
blo6 logische Denken unvereinbaren Lehren mit Vorliebe 
nebeneinander auf. 

Man denke sich den Abstand zwischen einer 
derartigen Weltweisheit und derjenigen Philosophie, der 
unsere europaischen Fachphilosophen noch immer ihre 
aufrichtigste Liebe schenken: Baruch Spinoza's 
„Principiorum philosophiae demonstratio more 
geometrico'l Zwar zeigt sich die ungeheure Begabung der 
Arier fiir die Mathematik zur Geniige in der einen 
Tatsache, dafi sie, denen der Buchstabe zuwider war, 
die falschlich „arabisch" genannten Ziffern erfanden und 
dadurch alle hohere Mathematik erst moglich machten; 
in ihrer kindlichen Einfalt und GroiSe waren sie aber nie 
darauf verfallen, „Gott" geometrisch zu konstruieren und 
die Tugend auf eine Regel-de-tri zuriickzufiihren. In 
allem indischen Werken liegen vielmehr, wie gesagt, die 
Widerspriiche iiberall offen zutage. Darum wird aber der 
Leser hier nicht jene nackte Einfachheit und 
Ubersichtlichkeit und Widerspruchslosigkeit eines 
individuellen Denkens vorfinden, welches sich nur mit 
sich selbst in Einklang zu setzen hat. Es ist nicht ein 
System, wenigstens nicht in unserem Sinne des Wortes, 
sondern es sind Betrachtungen und Forschungen auf 
dem Gebiete einer bei alien als bekannt und 
unbezweifelt vorausgesetzten Weltanschauung, welche 
durch die Tatigkeit tausender verwandter Geister im 
Laufe zahlreicher, aufeinanderfolgender Geschlechter 
organisch aufgewachsen ist. 

Ware man berechtigt, ein derartiges Denken, in 
welchem Widerspriiche unvermittelt nebeneinander 
gestellt 



58 Das alogische Denken 



werden, kurzweg unlogisch zu nennen! Ich glaube es 
nicht. Die Inder haben glanzende Polemiker gehabt, und 
ich wiiiSte nicht, ob unsere europaische Philosophic cine 
scharfcrc und in hohcrcm Grade treffsichere 
Verwendung logischen Denkens aufweisen kann, als z. 
B. die Widerlegung des Realismus, des absoluten 
Idealismus und des Nihilismus in den Vedantasutras 
des Qankara. Die indische Weltanschauung im ganzen 
genommen ist jedoch unfraglich, wenn auch nicht cine 
unlogische, so doch cine alogische — in dem Sinne 
namlich alogisch, dafi die Logik das Denken nicht 
beherrscht, sondern ihm nur, wo es not tut, dient. 



59 Das alogische Denken 



Der Stoff des arischen Denkens 

Diese Erwagung leitet nun zu einer anderen iiber, die 
schon tiefer in das besondere Wesen das arischen 
Denkens fiihrt. 

In einem zwar nur beschrankt giiltigen, doch 
bestimmten Sinne kann man namlich die Logik das 
AuiSere des Denkens, seine Form, nennen; es gibt aber 
auiSerdem einen Stoff des Denkens, der von diesem 
Gesichtspunkt aus das Innere bildet. Wir nun sind, 
infolge des Beispiels, das die Hellenen uns gaben, 
gewohnt, den Nachdruck auf die Form zu legen; die 
unvermeidlichen Widerspriiche — da ja die Rechnung 
nie genau aufgehen kann — verbergen wir, wie gesagt, 
nach innen, wir legen sie in den Stoff selbst, wo sie 
weniger auffallen. Der Indoarier verfahrt umgekehrt; 
sein Denken betrifft in erster Reihe den Stoff, in zweiter 
die Form. Und darum unterscheidet er zwischen einem 
„inneren" oder eigentlichen Wissen und einem 
„Nichtwissen" (a v i d y a), welch letzteres gerade die 
logischen Formen betrifft, oder, wie Qankara sich 
ausdriickt: „alle Beschaftigung mit Beweisen oder zu 
Beweisendem". 

Unterscheide ich hier zwischen einem aufieren 
Wissen und einem inneren Wissen, so wird natiirlich 
jeder verstehen, dafi ich nur symbolisch rede. Ohne die 
Zuhilfenahme dieses Symbols konnte ich mich aber 
schwer iiber eine der wichtigsten Grundeigenschaften 
des indischen Denkens aussprechen. Dieses Denken 
tritt namlich nicht 



60 Der Stoff des arischen Denkens 



als Spekulation um des Spekulierens willen auf, 
sondern gehorcht einer inneren Triebkraft, einem 
gewaltigen moralischen Bediirfnis. Es ist nicht gerade 
leicht, sich hieriiber kurz und zugleich klar 
auszusprechen; ich will es aber versuchen. 

Es gibt Dinge, die bewiesen werden konnen, und es 
gibt Dinge, die nicht bewiesen werden konnen. Wenn der 
Arier die felsenfeste Uberzeugung von der moralischen 
Bedeutung der Welt — seines eigenen Daseins und des 
Daseins des Alls — seinem ganzen Denken zugrunde 
legt, so errichtet er sein Denken auf einem „inneren 
Wissen", jenseits „aller Beschaftigung mit Beweisen". 
Aus der Beobachtung der umgebenden Natur kann 
dieser „Stoff' nicht entnommen sein. Und doch sehen 
wir den Indoarier schon von dem Rigveda an stets die 
gesamte Natur als etwas betrachten, was mit ihm selber 
wesensverwandt sei und folglich auch moralische 
Bedeutung besitzt. Dies zeigt sich in seiner Mythologie, 
welche dadurch so verwickelt wird, dafi die Gotter, die 
zunachst als Verkorperungen von Naturerscheinungen 
auftreten, doch zugleich Veranschaulichungen innerer 
Krafte in der Menschenbrust sind. Es ist, als ob dieser 
Arier den Drang in sich fiihlte, das, was in seinem 
dunklen Innern sich bewegt, hinaus auf die Umgebung 
zu werfen, und als ob dann wieder die groiSen 
Naturerscheinungen — der Lichthimmel, die Wolke, das 
Feuer usw. — auf diesen selben, von innen nach aufien 
gesendeten Strahlen den umgekehrten Weg 
zuriicklegten, in des Menschen Brust hineindrangten 
und ihm zuraunten: ja, Freund, wir sind das selbe wie 
du! Daher die eigentiimliche Furchtlosigkeit der alten 
Arier ihren „G6ttern" gegeniiber; sie haben 



61 Der Stoff des arischen Denkens 



keine ausgesprochene Vorstellung von Unterordnung, 
sondern reden ganz vertraut von „den beiden Volkern". 
Wie DeuiSen sagt: „Ist bei den Semiten Gott vor allem 
der Herr und der Mensch sein Knecht, so herrscht bei 
den Indogermanen die Vorstellung Gottes als Vater und 
der Menschen als seiner Kinder vor." 

Hier nun, in dieser Anlage, die Weltanschauung von 
innen nach auiSen zu gestalten, liegt der Keim zu der 
unerhorten Entwicklung der metaphysischen 
Befahigung, hier liegt der Keim zu alien Grofitaten des 
indoarischen Denkens. So wurzelt z. B. der alte, 
unverfalschte Pessimismus der Inder, ihre Befahigung, 
das Leiden in der ganzen Natur zu erkennen, in der 
Empfindung des Leidens in der eigenen Brust; von hier 
aus breitet es sich iiber die Welt aus. Genau so wie 
Metaphysik, wie die Erkenntnis der transscendentalen 
Idealitat der empirischen Welt nur fiir einen 
Metaphysiker Sinn haben kann, ebenso kann Mitleid 
einzig fiir Den Sinn besitzen, der selber leidet. Das ist 
das Hinausverlegen des inneren Erlebnisses in die 
auiSere Natur; denn alle Wissenschaft der Welt kann 
nicht beweisen, daiS es Leiden gebe, ja, sie kann es nicht 
einmal wahrscheinlich machen. Leiden ist eine 
durchaus innere Erfahrung. 

Ich entsinne mich, als ich in Genf Physiologie bei dem 
bekannten Professor Schiff horte, einmal in sein 
Laboratorium gekommen zu sein, wo alle Studierenden 
eines freundlichen Empfanges und vieler Belehrung 
stets sicher sein konnten. In einer Kiste saiS ein kleiner 
Hund, der, als ich ihm liebkosend nahetrat, so 
angsterfiillt und klagend zu heulen begann, daiS ich 
diese Stimme noch heute hore: das war fiir mich eine 
Stimme der Natur, 



62 Der Stoff des arischen Denkens 



und ich schrie laut auf vor Mitleid. Der hochgelehrte 
Mann aber, sonst so still und geduldig, geriet in Zorn: 
was das fiir eine unwissenschaftliche Sprache sei; woher 
ich denn wisse, daiS der Hund Schmerz leide; ich solle es 
ihm beweisen. Ganz abgesehen davon, daiS durch nichts 
auf der Welt das Vorhandensein von Schmerzen 
bewiesen werden konne, da man bei Tieren ja nur 
Bewegungen beobachte, welche alle auf rein physischem 
Wege hinreichend erklart werden konnten, habe er bei 
diesem Hunde eine partielle Sektion des Riickenmarks 
vorgenommen, welche es hochst wahrscheinlich mache, 
daiS die Empfindungsnerven... und nun, nach 
ausfiihrlichen technischen Erorterungen erfolgte der 
SchluiS, dafi ich nichts welter behaupten konne und 
diirfe, als daiS ein vom optischen Nerv aufgenommener 
Eindruck als Reflexbewegung ein Erzittern der 
Stimmbander im Kehlkopf verursacht habe, woran sich 
dann eine interessante Abschweifung iiber die 
Bedeutung des Begriffs ZweckmaiSigkeit im Lichte der 
Darwinschen Hypothese anschloiS. Schiff hatte 
durchaus recht; er war iiberhaupt nicht blofi einer der 
gelehrtesten Manner, denen ich je begegnet bin, sondern 
ein Denker von beneidenswerter Scharfe und 
Konsequenz. Wenn ich also die Behauptung aufstelle: 
Schiff hat nur logisch recht, ich aber weifi, dafi der 
Hund litt; wenn ich seine liickenlose Beweisfiihrung mit 
Milton abwehre: Plausible to the world, t 
o me worth naught! (der Welt glaubwiirdig, 
fiir mich gleich nichts); wenn ich sage, ich bin ebenso 
iiberzeugt wie von meinem eigenen Leben, dafi das arme 
Tier unsagbare physische und moralische Qualen 
durchlitt, verlassen von denen, die es liebte. 



63 Der Stoff des arischen Denkens 



graiSlichen Martern preisgegeben — , so behaupte ich 
etwas, was ich nicht beweisen kann, und was ich doch 
sicherer weiiS, als irgend etwas anderes auf der Welt, das 
mir durch Versuch und SchluiSfolgerung nachgewiesen 
werden kann. Nun sehe ich schon den Unphilosophen 
iiberlegen lacheln: „das Ganze ist nichts weiter als ein 
Schlufi durch Analogic!" O nein, lieber Herr 
Antimetaphysikus, da irren Sic gewaltig! Sic diirfen 
nicht glauben, daiS, wer sich nicht als Knecht der Logik 
bekennt, sie deswegen nicht ehrte und strenge zu 
handhaben verstiinde, und wir wissen recht wohl, daiS 
der SchluiS der Analogic von den verschiedenen 
Schlufigattungen der schwachste ist; die eigene 
Uberlegung lehrt es, und alle Logiker, von Aristoteles bis 
zu John Stuart Mill, bezeugen und beweisen es. Nun 
erfordern aber selbst ein fehlerloser Syllogismus und 
cine beweiskraftige Induktion gar haufig sorgfaltige 
Priifung und ein geschultes Denken, um endlich als 
zwingend anerkannt zu werden; wie blafi und 
schwankend ist da nicht erst die Analogic! Jener 
Schmerzensschrei dagegen war gar nicht den Weg eines 
bewufiten Denkens gewandert; es hatte hier etwas 
stattgefunden, was die Elektriker einen „Kurzschlu6" 
nennen, wo der Strom, anstatt der regelrechten, 
umstandlichen Leitung zu folgen, funkenspriihend von 
einem Pol unmittelbar zum andern iiberspringt; mein 
Verstandnis fiir das Leiden des Hundes war 
ebensowenig ein logisches, wie das Waldesecho ein 
Syllogismus ist; es war cine spontane Regung, deren 
verstandnisvolle Innigkeit dem Grade nach von meiner 
eigenen Befahigung zu leiden abhing. Damals hatte ich 
von dem indischen tat-twam-asi noch niemals gehort; 
ich war so 



64 Der Stoff des arischen Denkens 



wenig Antivivisektionist, dafi ich Schiff in Zeitungen 
offentlich verteidigt hatte; bei jenem Schrei aber zog sich 
mein Herz krampfhaft zusammen; dem Ruf war der 
Gegenruf gefolgt, und nun handelte es sich nicht mehr 
um jenes eine elende kleine Geschopf, sondern, wie ich 
vorhin sagte, mich diinkte es eine Stimme der ganzen 
Natur. Dieser hochgelehrte Physiolog war nicht 
grausamer und — im Grunde genommen — seines Tuns 
nicht bewuiSter, als eine zerstorende Lawine und ein 
todspeiender Vulkan. Auf einmal stand er vor mir als 
der Typus der nichtswissenden Menschen, derjenigen, 
fiir die ewig das Gebet gilt: „Vater, vergib ihnen, denn 
sie w i s s e n nicht, was sie tun." 

Ich hoffe, durch dieses Beispiel klar gemacht zu 
haben, was man als „inneres" Wissen bezeichnen kann 
und soil, zum Unterschied von „au6erem" Wissen; 
hiermit wird zugleich verstandlich, inwiefern ein Denken 
„von innen" sich notwendig von einem Denken „von 
auiSen" unterscheiden mu6. Ich sage zum Unterschiede 
von, nicht im Gegensatz zu, denn ein Widerspruch, ein 
gegenseitiges Aufheben besteht hier nicht und konnte 
hochstens von dem Unwissenden herausgekliigelt 
werden, was gleichgiiltig ist, da ein derartiger 
Gedankengang auf Unverstandnis beruhen wiirde. Und 
worauf es mir an dieser Stelle und in diesem Augenblick 
einzig und allein ankommt, das ist, mich verstanden zu 
wissen, wenn ich sage: die Anerkennung einer 
moralischen Bedeutung der Welt, wie sie das 
Glaubensbekenntnis aller groiSten und echtesten 
Deutschen gebildet hat — das Glaubensbekenntnis von 
Herder und von Kant, von Goethe und von Schiller, von 
Beethoven und von Wagner, von Friedrich dem 



65 Der Stoff des arischen Denkens 



GroiSen und von Bismarck, und wie sie die eine 
Grundlage alles indoarischen Denkens bildet, ist ein 
„inneres Wissen", eine innere Erfahrung. Sie kann nicht 
aus der rein auiSerlichen Beobachtung der Natur 
entnommen oder durch eine Reihe von 
Vernunftschliissen begriindet werden. Den Anfang bildet 
hier die innere Empfindung, die felsenfeste 
Uberzeugung, daiS dem eigenen Dasein eine moralische 
Bedeutung zukommt. Diese Uberzeugung laiSt sich nicht 
dialektisch auseinandernehmen und Punkt fiir Punkt 
als berechtigt nachweisen; sie ist ein durchaus 
antidialektisches Gefiihl, ein Grundbestandteil der 
Personlichkeit, ihre in die dunklen Tiefen der Muttererde 
hinabreichende Wurzel, zugleich ein einzig kraftiger Halt 
gegen die Stiirme des rauhen Lebens und ein Vermittler 
kostbarer Nahrung. Wollte die bliihende Baumkrone 
ihre Wurzel analytisch untersuchen, sie wiirde es mit 
dem leben biifien. Diese Uberzeugung einer moralischen 
Bedeutung des eigenen Daseins, auf welcher jegliche 
wahre Sittlichkeit beruht, kann mehr oder minder 
kraftig in das BewuiStsein treten, kann einen groiSeren 
oder geringeren Platz in dem geistigen Leben eines 
Menschen einnehmen; bei den Indoariern war sie so 
unvergleichlich ausgebildet, daiS sie ungezahlten 
Tausenden und Millionen das ganze irdische Dasein 
gestaltete und noch heutigentags, trotz des traurigen 
Verfalles der Nation, gestaltet. Wenn der bejahrte Arier 
— Denker, Krieger oder Kaufmann — seine Kinder und 
Kindeskinder, alles was ihm teuer ist auf der Welt, Heim 
und Menschen und Tiere und Erinnerungen verlaiSt, um 
einsam in die Walder hinauszuziehen und in Jahren des 
Schweigens und der Entbehrung der Erlosung 
entgegenzureifen, da wiirde der Lo- 



66 Der Stoff des arischen Denkens 



giker in arge Verlegenheit geraten, wenn er diese 
Handlungsart aus bloiSen Reflexbewegungen erklaren 
miiiSte. Wohlgemerkt liegt die Vorstellung von Holle und 
ewigen Strafen dem durch die Upanishaden belehrten 
Indoarier fern; legt er sich Entbehrungen und 
Kasteiungen auf, so geschieht es nicht als Siihnopfer fiir 
einen durch Siinden beleidigten Gott, noch auch im 
Kampfe gegen einen verfiihrenden Teufel, sondern das 
Gefiihl von der moralischen Bedeutung seines Daseins 
erfiillt ihn nunmehr so ganz, daiS er einzig dem 
Nachsinnen hieriiber seine letzten Lebensjahre widmen 
will und jede Miihseligkeit gern erduldet, wenn sie nur 
dazu beitragt, seine Gedanken nach innen zu richten 
und ihn von den aufieren Bediirfnissen des Lebens nach 
und nach moglichst zu befreien. DaiS nun auiSerdem die 
Uberzeugung von der moralischen Bedeutung seines 
eigenen Daseins ihm die moralische Bedeutung des 
ganzen Weltalls verbiirgt, das ist nach dem iiber die 
Grundlagen der indischen Mythologie Gesagten ohne 
weiteres klar. Von solchen von der Welt losgelosten 
Menschen wurden die Upanishaden verfaiSt. 

Das also ist jenes innere Wissen, das ich als eine der 
Grundlagen der indoarischen Philosophic hervorheben 
muiSte. Bei dem Waldeinsiedler tritt es uns in einer 
gesteigerten, vielleicht iibertriebenen Gestalt entgegen. 
Gleichviel; worauf ich die Aufmerksamkeit lenken wollte, 
ist, daiS alles Denken der Arier diesen Weg geht. Man 
begreift unschwer, welche besondere Farbung eine 
Weltanschauung erhalten mu6, deren Ausgangspunkt 
nicht die Verwunderung iiber die auiSere Welt, sondern 
die Verwunderung iiber die innere Welt, iiber das eigene 
Selbst ist; eine Weltanschauung, die nicht die sichtbare 
Welt 



67 Der Stoff des arischen Denkens 



als das zunachst Gegebene betrachtet, woriiber, woraus 
und wodurch, auf dem Wege dialektischer Erwagungen 
zu weiteren Einsichten zu gelangen sei, sondern fiir die 
das Unsichtbare, das Unfafibare, das Unsagbare des 
eigenen Herzens das einzige ganz Zweifellose bildet. 
Uber die ehrwiirdigen alten Hylozoisten Griechenlands 
— und Gott weifi, daiS es in unserer heutigen Welt genug 
Gelehrte gibt, die noch nicht iiber Thales 
hinausgekommen sind — wiirden die Inder mitleidig 
lacheln. 

Man begreift auch unschwer, welche besondere 
Farbung das Denken erhalten muiS, wenn es nicht allein 
aus einem inneren Antrieb entsteht, sondern gleichfalls 
auf ein inneres Ziel hinsteuert. Der Lateiner schreibt: F 
elix qui potuit rerum cognoscere c 
a u s a s. Also die Ursache der Dinge, der Dinge rings 
um ihn herum, mochte er kennen, und, da diese Dinge 
sich so haufig feindlich erweisen, fahrt er mit dem 
frommen Wunsche fort: 

Atque metus omnes et inexorabile fatum 
Subjecit pedibus. 
Die Furcht beschwichtigen, das Schicksal bemeistern, 
er selbst Herr werden, dies schwebt dem Romer als 
hochste Weisheit vor. Der Indoarier wiirde sagen: dieser 
Mensch ist keiner Erkenntnis fahig, er ist vom Wahne 
des „Nichtwissens" noch ganz umnebelt; was er Weisheit 
nennt, ist kaum die erste Regung des Denkens; denn 
was sind diese angeblichen „Dinge" und ihre 
angeblichen „Ursachen" wenn nicht ich selbst? Wie 
sollte ich erfahren, was ich nicht bin? Was ist jene 
„Furcht", wenn nicht eine Regung in meinem eigenen 
Innern? Und was ist jenes „Schicksar, wenn nicht das 
gigantische Schatten- 



68 Der Stoff des arischen Denkens 



bild meines eigenen Seins? Dasjenige, was an dem 
Beispiel jenes Schmerzensschreies des gemarterten 
Hundes veranschaulicht wurde, das war eben fiir den 
Arier der Ausgangspunkt: der Ruf aus der 
geheimnisvollen, undurchdringlichen Welt des AuiSen 
und der unwillkiirliche Gegenruf aus der eigenen, 
hellen, lebendigen Seele; oder auch der Ruf aus dem 
gequalten, Unaussprechbares leidenden Innen und der 
Gegenruf aus der gerade durch dieses Leiden plotzlich 
vertraut gewordenen, umgebenden Natur, die sich als 
wesensverwandt kundgibt. Was hier vorgeht, geht im 
Innersten des Menschen vor. Alle Sinne tauschen uns 
haufig, das wissen wir recht gut, und soweit es geht, 
suchen wir durch Bedachtsamkeit der Irrefiihrung zu 
entweichen; das Gehirn aber, zunachst wesentlich ein 
Werkzeug zur Vereinheitlichung der Sinneseindriicke 
und der Bewegungsreize, d. h. also, ein zunachst 
wesentlich nach auiSen gerichtetes Organ, welches nur 
in zweiter Reihe, bei hoheren Tieren, andere 
Verrichtungen ubernommen hat, das Gehirn kann uns 
noch viel arger irrefiihren. Dem Indoarier diinkt der naiv 
empirische, rationalistische Philosoph wie das Kind in 
der Wiege, welches nach dem Monde greift; er selbst 
wahnt sich den zur Besinnung erwachten Mann. 



69 Der Stoff des arischen Denkens 



Die Form des arischen Denkens 

Haben wir aber vorhin — zur Forderung unserer 
augenblicklichen Untersuchung — zwischen Form und 
Stoff des Denkens unterschieden, so laiSt sich leicht 
denken, wie eine derartige Hintansetzung des formellen 
Bestandteils tief eingreifend das ganze Denken 
beeinflussen mu6; dazu die Entstehung aus 
ungezahlten Wurzeln, im Laufe von Jahrtausenden. Und 
in der Tat, diese besondere, mit nichts, was uns sonst 
gelaufig ist, vergleichbare Entstehungsgeschichte und 
Gestaltung der indischen Metaphysik bedingt eine Form, 
die — durch ihre Weitschweifigkeit, durch ihre 
bestandige Bezugnahme auf uns ganzlich unbekannte 
Verhaltnisse, durch ihre innige Verwebung mit 
popularen Vorstellungen und mit einer ganzen Welt 
ineinander geschachtelter Symbole, durch die 
Unmoglichkeit, manche „innere" Erfahrung in Worten 
mitzuteilen — hochst ermiidend und oft geradezu 
ungenieiSbar wird. Zu der ohnehin erheblichen 
Schwierigkeit, den Gesamtbestand eines auf diese Art 
entstandenen Gedankengewebes zu iibersehen und 
richtig zu erfassen, tritt also als sehr erschwerendes 
Moment noch der Zwang hinzu, eine ungewohnte, 
sprode, vor keinem Widerspruch zuriickschreckende, 
manchmal fast abstofiende Form zu bewaltigen. 

An dieser Form scheitern denn auch die meisten 
Versuche, dem indischen Denken naher zu treten. 



70 Die Form des arischen Denkens 



In das I n n e r e zu dringen 

Gibt das A u 6 e r e Gliick und Luft 
sagt Goethe; hier trifft es aber leider nicht zu. Man 
gestatte mir darum, durch einen Vergleich das 
Unterscheidende an dieser Form zu kennzeichnen; 
vielleicht gewinnt mancher mit einer deutlichern 
Vorstellung auch mehr Kraft und Geduld zur 
Uberwindung des Hindernisses. 

Erfinderische Psycho-Physiologen behaupten, der 
Tastsinn hatte im Leben des Urmenschen eine Rolle 
gespielt, die wir jetzt, wo durch die ungeheure 
Inanspruchnahme und Entwicklung des Gesichts und 
Gehors jener Sinn auf ein Unbedeutendes 
zuriickgegangen ist, kaum uns vorzustellen vermogen. 
Ein ungeschicktes, umstandliches Leben brachte dieses 
Betasten mit sich — jedoch auch einen Vorzug: der 
Mensch irrte seltener. Seine Vorstellungen waren oft 
barock, ungeheuerlich, aber sie enthielten doch eine 
groiSere Summe Wirklichkeit, sie entsprachen genauer 
der Natur. 

O, daiS der Sinnen doch so viele sind! 

Verwirrung bringen sie ins Gliick herein. 
Spater gewann sich das Auge eine hellere, dafiir aber 
entferntere Vorstellungsart und gewohnte den Menschen 
daran, sich mit dem Abbild der Dinge zu begniigen; 
wahrend die Hand durchforscht und gepriift und 
gewogen hatte... Der indoarische Metaphysiker ist nun 
der tastende Denker! Er weist alle Nachteile 
eines solchen auf: unmethodisches Verfahren, Verweilen 
bei Einzelheiten, endlose Wiederholung (etwa wie ein 
Blinder, der in einem Dom die Anzahl der Saulen nur 
durch Betasten einer jeden einzelnen festzustellen 
vermag), dann 



71 Hellene und Indoarier 



auch ein sich Ergotzen an Bildern, die das noch 
ungeschickte Auge arg verzerrt iiber die Welt 
hinauswirft, zugleich mit der Unfahigkeit, etwas 
Sichtbares scharf und genau aufzubauen (in der 
mangelnden Begabung fiir alle plastische und 
darstellende Kunst zeigt sich letzteres bei den Indoariern 
besonders auffallig). Wo der tastende Denker aber im 
Vorteil ist, das ist gerade in dem Bereiche jener 
Innenwelt, von der wir vorhin sprachen, und von der die 
Mundaka-Upanishad sagt: „Die Sonne scheint nicht 
dort, noch Mond noch Sterne, auch diese Blitze nicht." 
Man iiberlege doch, was es heiiSen will, von dem 
Standpunkt einer solchen Zivilisation aus, kaum erst im 
Besitze von Schriftziigen, den transscendentalen 
Idealismus zu denken — und zu leben! Gerade in der 
Nacht des Innern ist eben der Inder zu Hause; ihm 
ergeht es wie dem Blinden, der im hellen Licht des Tages 
arg im Nachteil ist, im Dunkeln dagegen seinen Weg 
sicherer als alle anderen findet. Senkt sich auf die 
ungeheure Weltstadt London jene undurchdringliche 
Finsternis des Nebels nieder, gegen welche die starksten 
Lichtquellen nichts auszurichten vermogen, da gibt es in 
Notfallen nur eine Hilfe: die Blinden! Diese Fiihrer darf 
man aber nicht antreiben wollen, schneller zu gehen 
Oder einen kiirzeren Weg einzuschlagen; sie gehen ihren 
gewohnten vorsichtigen Schritt und ihre gewohnten 
Zickzackwege, wo ihre kundige Hand tausend ihnen 
allein bekannte Merkmale tastend wiederfindet; und so 
gelangen sie mit unfehlbarer Sicherheit ans Ziel. 



72 Hellene und Indoarier 



Hellene und Indoarier 

Uns klingt es fast wie Spott, wenn man einen Denker 
mit einem Blinden vergleicht. Um aber keinen Zweifel 
iiber den Sinn meines Vergleiches aufkommen zu 
lassen, will ich ihn durch einen Hinweis auf die 
Griechen noch deutlicher machen. Es ist, glaube ich, 
keineswegs sicher, daiS die Griechen (diese groiSten 
Virtuosen im Gebrauch des Auges) die rechte 
Befahigung besafien, der Menschheit als alleinige 
Fiihrer auf philosophischem Gebiete zu dienen. Ihr 
ganzes Leben war die Verleugnung der inneren 
Beschaulichkeit und bildete hierdurch den scharfsten 
Gegensatz zu dem indoarischen. Man betrachte doch 
den Bildungsgang des arischen Denkers. In landlicher 
Zuriickgezogenheit erhielt der junge Brahmane seine 
Erziehung: geistige Schatze und sittliche Gewohnheiten; 
mit unvergleichlicher Strenge und Ausdauer wurde er 
planmafiig zum Denken erzogen. Zwolf Jahre und oft 
mehr dauerte die theoretische Unterweisung und 
Ubung; dann kam die unentbehrliche Schule des 
praktischen Lebens, die Begriindung eines eigenen 
Hausstandes. Und erst wenn der eigene Sohn erwachsen 
war und sein Haus griindete, erst dann trat die Zeit ein, 
wo der Weise in die Walder hinauswandern durfte und 
wo, von alien Verpflichtungen des Rituells, von der 
ganzen Zuriistung des symbolischen Gotterglaubens 
nunmehr befreit, er, dessen spekulative Fahigkeiten die 
denkbar groiSte Ausbildung erfahren, dessen Gemiit 
durch alle Freuden und 



73 Hellene und Indoarier 



Leiden des Familienlebens bereichert, dessen 
Menschenkenntnis durch die Erfiillung seiner 
praktischen Biirgerpflichten gereift war — dann erst trat 
die Zeit ein, wo dieser weise Mann den angeerbten 
Schatz des Denkens seiner Vorfahren und somit den 
geistigen Besitzstand seines Volkes vermehren durfte. 
Fiir den Griechen dagegen bestand die Erziehung in der 
Ausbildung des Auges und des rhythmischen 
Empfindens: Gymnastik und Musik, selbst schon sein 
und Schonheit mit Sicherheit erkennen. Von friih an 
gait sein Tag jenem andern Schauen, dem 
„Hinausschauen", und dem Reden und Disputieren und 
Abstimmen. Kurz: die Offentlichkeit war die Atmosphare 
des griechischen Daseins; die griechischen Philosophen 
waren alle Politiker und Volksredner. Und wahrend noch 
in den heutigen entarteten Tagen viele Indoarier aus 
reiner Rasse in ganzlicher Abgeschiedenheit ihr Leben 
beschlieiSen und beim Herannahen des Todes ihre 
Grabstatte selbst bereiten und sich ruhig hinlegen, um 
schweigend und einsam sich mit dem allgegenwartigen 
Weltgeist zu vereinen, horen wir Sokrates bis zum 
Augenblick, wo er den Schierlingsbecher leert, 
dialektische Haarspalterei mit seinen Freunden treiben 
und den Nutzen des Glaubens an die Unsterblichkeit fiir 
die menschliche Gesellschaft besprechen. 

Man sieht, die bedeutenden Hindernisse, die uns aus 
der Formlosigkeit der Indoarier in der Darstellung ihrer 
Weltanschauung entstehen, bleiben nicht ohne 
anderweitigen Ersatz; die Hoffnung, Neues bei ihnen zu 
finden, ist eine berechtigte. 

Doch ware es oberflachlich, wollten wir uns bei dieser 
Einsicht beruhigen. Denn die Unterscheidung zwischen 



74 Hellene und Indoarier 



Form und Stoff kann immer nur bedingten Wert 
beanspruchen; hier miissen wir also etwas tiefer graben. 
Der hellenische Humanismus — zu dem der 
indoarische jetzt ein Gegenstiick bilden soil — ist fiir 
uns namentlich eine Schule der Form gewesen, oder 
vielleicht besser der Formgebung, der Gestaltung, und 
zwar von den einzelnen Werken der schaffenden 
Kiinstler an bis zu der Erkenntnis, die menschliche 
Gesellschaft konne eine Gestaltung erhalten, in welcher 
freischopferische Kunst ein sie durchdringendes 
Element bildet. An der Bewunderung des verwandten 
Fremden rankten wir uns zu selbstandigen neuen Taten 
empor. Dagegen ist jeder Versuch, uns das Hellenische 
in bezug auf den Inhalt anzueignen, stets 
fehlgeschlagen, wenn man von jenen Dingen absieht — 
Logik, Geometrie — wo die Form schon der Inhalt ist. In 
der Kunst liegt das klar vor aller Augen; in der 
Philosophie hat die Emanzipation aus helleno- 
christlichen Banden noch stattzufinden, wenn auch 
unsere wirklichen Philosophen sie von Roger Bacon an 
bis Kant stets durchgefiihrt haben. Fiir Indien liegen die 
Verhaltnisse anders. Dem indischen Arier hat ein 
Hellene gefehlt, welcher den ihm, wie uns, angeborenen 
Hang, ins MaiSlose auszuschweifen, beizeiten 
eingeschrankt, welcher seine iiberwuchernden Krafte 
gleichsam kanalisiert, seiner iiberreichen Phantasie den 
weisen Lenker „Geschmack" und seinem Urteil den 
Begriff der Formgebung beigesellt hatte. Jenes 
Uberschwengliche, welches Goethe als den Quell aller 
GroiSe bezeichnet, besaiSen die indischen Arier in ebenso 
reichem Mafie wie die Hellenen, nicht aber die 
Sophrosyne, die Bandigerin. Keine Dichtung und keine 
philosophische Schrift der Inder ist fiir den 



75 Hellene und Indoarier 



Mann von Geschmack in formeller Beziehung genieiSbar. 
Und wollten diese Menschen einmal das Mafilose, 
Ungeheuerliche und darum Uniibersichtliche, 
Unkiinstlerische ihrer Gebilde vermeiden, so verfielen 
sie sofort ins andere Extrem und befleiiSigten sich einer 
so iibertrieben aphoristischen Kiirze, daiS ihre Schriften 
ein fast unlosbares Ratsel wurden. Ein bekanntes 
Beispiel ist Paninis Sanskritgrammatik, die ahnlich wie 
algebraische Formeln geschrieben ist, so daiS diese 4000 
Regeln enthaltende, erschopfende Darstellung der 
Sanskritsprache kaum 150 Seiten ausfiillt. Ein anderes 
Beispiel liefern uns die philosophischen Kommentare 
des Badarayana, bei denen manchmal ein ganzes 
Kapitel Erklarungen notig ist, damit man drei Worte 
dieser bis zur Absurditat gekiirzten Ausdrucksweise 
verstehe. Die Form des Inders ist demnach fast iiberall 
verwerflich. Und damit ist nichts Geringes gesagt; denn 
eine reinliche Scheidung zwischen Form und Inhalt laiSt 
sich nirgends durchfiihren; wer also die Form tadelt, 
kann den Inhalt nicht uneingeschrankt loben. Dem ist 
auch so; wir miissen beim Indoarier tief graben, ehe wir 
auf reines, unverschlacktes Gold stoiSen. Wer nicht bis 
in die Tiefen dieser Seele hinabzusteigen entschlossen 
ist und hinabzusteigen vermag (wozu Verwandtschaft 
der Gesinnung notig ist), der soil es lieber gleich lassen; 
er wird fiir viel Miihe wenig ernten. Wer aber 
hinabsteigen kann und mag, wird Lohn fiir alle Ewigkeit 
heimbringen. 

Und da sieht man gleich, wie vielfach bedingt jegliche 
Kritik eines Organismus ist; denn tadelte ich soeben die 
Form bei den Indern, so muiS man doch zugeben, daiS 
innerhalb gerade dieser „Formlosigkeit" die Moglichkeit 



76 Hellene und Indoarier 



gewisser Begriffsbildungen, gewisser Andeutungen, 
gewisser Mitteilungen von Geist zu Geist entsteht, die 
man an anderem Orte umsonst suchen wiirde. Solche 
Dinge sind uniibertragbar und konnen aus ihrer 
Umgebung nicht losgelost werden; wir lernen durch sie 
Gedanken denken, die wir sonst nicht gedacht hatten, 
weil uns der stoffliche Vermittler — wenn ich so sagen 
darf — gefehlt hatte. Gleichwohl diirfen wir unsere 
Betrachtungen iiber die Form mit der Behauptung 
zusammenfassend beschlieiSen: was uns bei den 
Erzeugnissen des indoarischen Geistes tieferes Interesse 
einfloiSt, ist der innerste Kern, aus dem sie hervorgehen, 
nicht die Gestalt, in welcher sie sich uns darbieten. 
Erhoffen wir also einen belebenden EinfluiS auf unser 
eigenes Geistesleben von Indien aus, so kann sich diese 
Hoffnung in der Hauptsache nur auf jenen Kern 
beziehen. 



77 Hellene und Indoarier 



Denken und Religion 

Hat man nun ermessen, wie ausschlaggebend der 
innere Gesichtspunkt im indoarischen Denken ist, so 
wird man leicht begreifen, wie innig dieses Denken mit 
Religion verwandt sein mu6. 

Und in der Tat: die indische Philosophie, als „reine, 
systematische Philosophie", den Systemen eines 
Aristoteles, eines Descartes, eines Kant an die Seite 
stellen zu wollen, ware kindisch; ebenso wie es frivol 
ware, die Religion der Veden der christlichen gleich zu 
achten. In einer Beziehung steht aber das geistige Leben 
der Indoarier unerreichbar hoch iiber dem unsrigen: 
insofern namlich dort die Philosophie Religion war und 
die Religion Philosophie. Bei uns haben sich Denken 
und Fiihlen, die friiher wie Zwillinge im SchoiSe des 
menschlichen BewuiStseins friedlich nebeneinander 
lagen, nunmehr zum Mannesalter herangereift, als zwei 
vollig geschiedene Wesen voneinander getrennt; feindlich 
stehen sie sich gegeniiber; das mu6 jeder fahige und 
zugleich unabhangige Kopf zugeben. Beriihren sie sich, 
wie in der Scholastik, oder (am anderen Ende der Skala) 
im Positivismus, so hat jedes von ihnen einzig das 
Bestreben, das andere zu unterjochen und sich 
dienstbar zu machen. Die „Teilung der Arbeit" ist eben 
ein schoner und vielgepriesener Lebensgrundsatz, greift 
aber zu allererst in das Innerste unserer eigenen 
Personlichkeit hinein und reifit sie gewaltsam entzwei, 
so dafi, wie in der Aristo- 



78 Denken und Religion 



phanischen Erzahlung, die Halften sich fiirderhin 
suchen, sich auch bisweilen finden, nie mehr aber zu 
einer Einheit zu verschmelzen vermogen. Diese Einheit 
besaiS noch der indische Philosoph, der griechische 
dagegen schon nicht mehr. Es ware traurig, wenn die 
hohe Entwicklung unserer zersplitterten 

Einzeltatigteiten uns die Fahigkeit raubte, die 
unnachahmliche Kraft und Schonheit einer 
einheitlichen, in sich abgerundeten Erscheinung 
wenigstens von weitem zu bewundern und auf ihren 
Wert zu schatzen. 

Diese Verschmelzung von Religion und Philosophic 
ermoglichte namentlich etwas, wovon wir mit Schmerz 
gestehen miissen, dafi es unserer Kultur fast ganz 
abgcht: kein Mann stand in Indien geistig so tief, dafi er 
nicht etwas Philosophic besessen hatte, kein kiihnster 
Fliigelschlag des Denkens erhob den auiSerordentlich 
Begabten so hoch, daiS er nicht noch inbriinstig 
„religi6s" geblieben ware. Eine Geheimlehre gab es in 
Indien nicht; diese oft gehorte Behauptung beruht auf 
MiiSverstandnis. Bleibt aber nicht die tiefste Erkenntnis 
uns alien geheim? Und sieht nicht jeder ein, daiS die 
verschiedenen Fahigkeiten der verschiedenen Menschen 
eine hohe Stufenleiter ausmachen, so daiS, was dem 
einen offenbar ist, dem andern verborgen liegt? Das ist 
doch etwas ganz anderes, als geheime Kabbalistik. Das 
indoarische Denken und Fiihlen nun, indem es 
organisch aus den Herzen und Kopfen eines ganzen 
Volkes religioser Denker langsam hervorgegangen war, 
hatte sich zu einem so merkwiirdig bildsamen 
Organismus ausgewachsen, dafi es den abweichendsten 
geistigen Bediirfnissen (den Bediirfnissen freilich eines 
auserlesenen, echt arischen Volkes) in glei- 



79 Denken und Religion 



chem MaiSe gerecht wurde: den abweichendsten, was die 
relativen Anspriiche des Denkens und des Fiihlens 
(Philosophie und Religion) anbetrifft, den 
abweichendsten ebenfalls in bezug auf die „pers6nliche 
Gleichung" des Denkens (wenn ich mich so ausdriicken 
darf]; denn transscendentale Idealisten, Idealisten von 
der Berkeleyschen Richtung, Realisten, Materialisten, 
philosophische Skeptiker, alle lebten — und leben noch 
heute — in Indien briiderlich innerhalb der gleichen 
religiosen Grundanschauungen. „In jenem Lande hat zu 
alien Zeiten die absoluteste Gedankenfreiheit 
geherrscht," bezeugt Professor Garbe. Und nota bene 
handelt es sich nicht um eine von den Laien nach und 
nach (wie bei uns) einer widerspenstigen Priesterschaft 
abgetrotzte Freiheit, sondern diese „absoluteste 
Gedankenfreiheit" ist gleichsam ein organischer 
Bestandteil der indoarischen Religion, sie ergibt sich aus 
ihr natiirlich, widerspruchslos, fraglos. Daher ist dort 
die Religion auch die Tragerin der Wissenschaft, die 
ohne Gedankenfreiheit nicht bestehen kann. Die 
Leistungen der Indoarier auf den Gebieten der 
Mathematik, der Philologie usw. sind alle mit ihren 
erkenntnistheoretisch-religiosen Vorstellungen 

verwoben. Wir konnten von uns nicht ein gleiches 
behaupten. Bei uns steht seit jeher alle echte 
Wissenschaft und alle echte Philosophie im Kampfe mit 
der Religion; wo das zeitweilig nicht hervortritt, waltet 
entweder praktische Anpassung an gegebene 
Verhaltnisse auf Grund beiderseitiger grundsatzlicher 
Schlaffheit im Denken und Handeln, oder aber bewufite, 
planmaiSige Heuchelei. Ein Teil des Volkes hat wohl bei 
uns Religion, aber weiiS Gott, man wiirde in diesem Telle 
umsonst nach einem Gedankenfiinkchen suchen; 



80 Denken und Religion 



bei unseren Philosophen dagegen finden wir entweder 
gar keine Religion oder eine Maske. Von der Mehrzahl 
der Gebildeten diirfen wir ohne Ubertreibung 
behaupten, sie besitzen weder Religion noch 
Philosophie; sie stehen da wie einst befliigelte Wesen, 
denen man beide Fliigel abgeschnitten hatte. 

Hier haben wir nun diejenige Eigenschaft des 
indoarischen Denkens deutlich ins Auge gefafit, von der 
aus die erhoffte humanistische Wirkung ausgehen soil, 
und ich darf erwarten, verstanden zu werden, wenn ich 
jetzt behaupte: den groiSten unmittelbaren EinfluiS 
erhoffe ich fiir jenen Kern unseres Wesens, aus welchem 
die gesamte Weltanschauung — das heifit alles, was 
man unter den Begriffen Religion und Philosophie 
versteht — ausstromt; hier mu6 Kern auf Kern wirken, 
uns aus der Schlaffheit zu neuem Leben erweckend. Die 
Trennungsmauer, die unsere Kirchendoktoren so 
kunstreich zwischen Religion und wissenschaftlich 
aufrichtigem Denken aufgefiihrt haben, besteht nicht zu 
Recht; vielmehr bedeutet sie die Anerkennung einer 
offiziellen Liige. Diese Liige, welche das Leben des 
Einzelnen und der Gesellschaft vergiftet, diese Liige, 
welche uns iiber kurz oder lang in vollige Barbarei 
stiirzen wird, da sie notwendigerweise den Schlechten 
und Dummen unter uns zum Siege verhelfen mu6 (denn 
diese allein sind aufrichtig und daher stark), diese Liige 
riihrt einzig daher, daiS wir Indoeuropaer — dem 
religiosesten Menschenstamme der Erde angehorend — 
uns so tief erniedrigt haben, jiidische Historic als 
Grundlage und syroagyptische Magic als Krone unserer 
angeblichen „Religion" anzunehmen. Es ist, als ob die 
zwei Schacher, die rechts und links vom Heiland 



81 Denken und Religion 



hingen, begnadigt von ihren Kreuzen heruntergelassen 
worden waren und nunmehr die gottliche Gestalt Jesu 
Christi verhohnten. Zwar haben wir uns in einem 
langen, blutigen Kampfe — von Scotus Erigena an bis 
heute (wo Philosophieprofessoren sich aber noch immer 
sehr in acht nehmen miissen und mit fast 
unwiderstehlichem Zwange zu liigen genotigt sind) — die 
Freiheit zu denken erkampft; doch da, wie der Indoarier 
tiefsinnig lehrt: Ohne Glauben es kein Denken gibt," so 
brennt das Licht unserer echten, eigenen 
Weltanschauung unter dem Scheffel; denn diesen 
syrosemitischen Glauben kann sie nicht annehmen, er 
vertragt sich nicht mit unserem Denken, und einen 
anderen Glauben darf sie nicht aussprechen, kann es 
auch nicht als „Philosophie", sondern miiiSte es vielmehr 
als „Religion" tun. Was Religion aber ist, werden wir erst 
von den Indoariern lernen miissen, denn wir haben es 
vergessen. 

Bei keinem Zweig der Indoeuropaer war jemals die 
Religion historisch, und zwar nicht bloiS aus dem 
Grund, well jede Geschichte der Welt — man denke nur 
an die jiidische! — dem kosmischen Ganzen gegeniiber 
lacherlich unzureichend ist, sondern aus der viel 
tieferen Erwagung, dafi kein Ding durch den Nachweis 
einer Ursache erklart wird. Zeus ist der Herr der Welt, 
doch nicht ihr Schopfer; ebensowenig besaiS je 
irgendeine mythologische Gottesgestalt der Arier die 
Bedeutung eines Welterschaffers aus Nichts, sondern 
hochstens die eines Ordners und Befestigers und 
Hiiters, also genau wie Kant es fordert: „Weltbaumeister, 
nicht Weltschopfer." Die materialistische Vorstellung 
eines Erschaffers aus nichts ist das Symptom einer 
organischen Unfahigkeit fiir meta- 



82 Denken und Religion 



physisches Denken; ein Frevel ist es, sie uns als 
Grundlage aller Religion aufzuzwingen. Dieser 
Gegenstand kann hier nicht naher dargelegt werden; 
nur den innersten, knappsten Gedanken, der allem 
iibrigen zugrunde liegt, will ich herausholen. 

Man kennt den alten Streit zwischen den Anhangern 
des Seins und denen des Werdens, fiir uns meistens in 
den Vorstellungen der Eleaten und des Heraklit 
verkorpert. Wer nur das Werden gewahrt, ist geborener 
Materialist, wer daiS Sein nur empfindet, ist einseitiger 
Idealist. Unsere germanische Weltanschauung — die 
bisher ihren echtesten Ausdruck in Immanuel Kant 
gefunden hat — erkennt beide als gleichberechtigt an, 
trennt sie aber. Es gibt eine mechanisch deutbare Welt 
des Werdens, und es gibt eine mechanisch nicht 
deutbare Welt des Seins. Gestaltet der Mensch die eine, 
so schafft er Wissenschaft, gestaltet er die andere, so 
hat er Religion. Echte Wissenschaft darf das Gebiet des 
Werdens nie iiberschreiten und nach letzten 
Seinsgriinden forschen, denn dann wird sie, wie der 
indische Denker sagt, „geistumnachtet", dann miiSachtet 
sie die sicherste Erfahrung und vernichtet dadurch sich 
selbst; indem sie dann durch lauter willkiirliche 
Trugschliisse das Unmechanische mechanisch zu 
deuten unternimmt, verwischt sie die unverriickbare 
Grenze und ebnet durch ihren unberechtigten 
Dogmatismus dem der Pfaffen, die das Mechanische 
unmechanisch deuten, den Weg. Andererseits kann und 
darf sich echte Religion (wenigstens bei uns 
Indoeuropaern) nur auf das Sein, nie auf das Werden 
beziehen. Das wuiSten die Indoarier so gut, dafi sie von 
den Hymnen des Rigveda an bis zu den Kommentaren 
des Qankara — also 



83 Denken und Religion 



Jahrtausende hindurch — jede Frage nach der 
Weltschopfung, iiberhaupt nach ersten Ursachen 
verbieten und solche Dinge hochstens als ein bewufites 
Spielen der Phantasie mit dichterischen Symbolen 
heranziehen. „Die Ursache der Welt ist selbst fiir 
Gotterherren unergriindlich", sagt Qankara. Sobald 
Religion in das Gebiet des Werdens iibergreift, mit 
anderen Worten, sobald sie geschichtlich wird — wie das 
in den judaochristlichen Kirchen der Fall ist — zerstort 
sie die Wissenschaft und verliert zugleich selbst ihre 
eigene unvergleichliche Bedeutung. „Wer das Ewige laiSt 
werden, dem steht keine Erfahrung bei"; und „wer 
Gewordenes laiSt werden, verfallt in ewigen Riickgang", 
sagt der Brahmane Gaudapada. Ewiger Riickgang! Ein 
wie tiefes Wort, die Unzulanglichkeit aller historischen 
Religion ein fiir allemal aufdeckend. Wogegen der 
wahrhafte religiose Standpunkt mit wunderbarer 
aphoristischer Kiirze in der Mrityu-langala-Upanishad 
ausgesprochen ist: „lch bin nicht in der Zeit, sondern 
bin die Zeit selbst." Religion ist nie bei den Indern eine 
versuchte Erklarung auiSerer, zeitlicher Dinge, sondern 
bedeutet eine Symbolische Gestaltung innerer, 
unmechanischer, zeitloser Erfahrung. Sie ist ein 
tatsachlicher Vorgang, eine Erhebung des Gemiites, eine 
Wendung des Willens — eine Erkenntnis, insofern sie 
ein unmittelbares Ergreifen des Transscendenten 
bedeutet, zugleich aber und infolge dieser gegenwartigen 
Erfahrung eine Umwandlung des ganzen Wesens. Nie 
wird das Dasein eines Gottes zu beweisen gesucht, und 
riihrend tiefsinnig, zugleich halb ironisch fragt schon ein 
Sanger im Rigveda: „Wer ist der Gott, zu dem 
aufschauen die Kampfer b e i d e r Heere?" Da sind 
wir freilich weit 



84 Denken und Religion 



von dem „Gott Zebaoth", der das gesamte Weltall den 
Juden zuliebe erschaffen hat! Was die Inder als gottlich 
verehren — Jenseits vom Himmel und in Herzens 
Tiefen" (Maha-Narayana-Upanishad) — hat eigentlich 
nichts, gar nichts gemeinsam mit dem Jahve der 
Genesis und der christlichen Kirchenlehre. Gerade jener 
Gott der Indoarier, „der nie bewiesen werden kann" (wie 
es in einer Upanishad heiiSt), da er nicht durch aufiere, 
sondern durch innere Erfahrung gegeben wird; war aber 
in Wirklichkeit der Gott aller innig religiosen 
germanischen Christen zu alien Zeiten, gleichviel 
welcher Konfession sie auiSerlich anzugehoren genotigt 
waren; das laiSt sich namentlich an den Mystikern und 
Philosophen nachweisen, von Erigena und Eckhart an 
bis zu Bohme und Kant. 

Eine andere wichtige Folge dieser einzig wahren — 
Oder wenigstens einzig „arischen" — Auffassung der 
Religion ist, daiS die Grundlage der Sittlichkeit nicht in 
zukiinftigen Lohn und zukiinftige Strafe verlegt wird, 
sondern, wie Goethe es wollte, in die Ehrfurcht des 
Menschen vor sich selbst, vor dem Weltumfassenden, 
daiS er „in Herzens Tiefen" birgt. Dies heiiSt die Erlosung 
aus den entwiirdigenden Wahnvorstellungen von 
Himmel und Holle, gegen die so fromme christliche 
Priester wie Meister Eckhart und der Verfasser der 
„Theologia deutsch" schon vor Jahrhunderten mit der 
Emporung echt germanischer Geister ihre Stimme 
erhoben. Religion ist Gegenwart, nicht Vergangenheit 
und Zukunft. 

Aber — denn auch dies darf nicht ungesagt bleiben — 
Christus hat uns etwas gegeben, was das ganze 
altarische Denken zu geben unfahig gewesen ware. Zwar 
ist die Vorstellung des Gottmenschen — wie oben schon 
an- 



85 Denken und Religion 



gedeutet — ein den Ariern (nebenbei gesagt, alien 
Indogermanen in irgendeiner Form) gelaufiger, den 
Semiten dagegen vollig unbekannter Gedanke; doch das 
lebendige Beispiel unterscheidet sich von der 
spekulativen Idee, wie der Tag von der Nacht. Dadurch, 
dafi Christus der Natur viel naher als der Inder steht, 
steht er Gott naher: damit ist, glaube ich, das 
Entscheidende angedeutet. Selbst der Nichtkirchliche 
wird sich kaum strauben, diese Erscheinung — die von 
Gott immer nur als „Vater" spricht — Gottes Sohn zu 
nennen. Im echten arischen Denken liegt iiberall der 
Keim zu der Auffassung, dafi die Natur des Teufels Werk 
sei (man denke nur an Zarathustra und an die 
christlichen Gnostiker); Pessimismus und Askese 
ergeben sich notwendig daraus; und Pessimismus, 
sobald er nicht bloiS ein tiefer Erkenntnisgedanke ist, 
sondern eine Gesinnung wird, fiihrt zur Abdankung des 
Willens und das heiiSt zum Schiffbruch des 
Menschseins; am letzten Ende fiihrt er zu Schmach und 
Sklaverei. Wir sehen es im heutigen Indien. Wogegen 
Christus (in seiner eigenen, reinmenschlichen Lehr- und 
im Gegensatz zu dem, was die Kirche daraus gemacht 
hat) die heitere, unbefangene, vertrauensinnige 
Bejahung predigt: in diesem Leben liegt der Himmel 
eingeschlossen, wie im Acker der vergrabene Schatz. 
Diese Einfalt iiberragt jede Tiefsinnigkeit. Erwarte ich 
also die Wirkung von Kern auf Kern, ersehne ich das 
reinigende Bad im Jungbrunnen unverfalschten 
arischen religiosen Denkens, so liegt es mir dennoch 
fern, das Kostbare, was ich besitze, eintauschen zu 
wollen gegen ein Femes, was mir nie allein wird geniigen 
konnen. Vielmehr bin ich iiberzeugt, daiS die Schule des 
indi- 



86 Denken und Religion 



schen Denkens geeignet ist, ein reineres, freieres, 
erhabeneres und infolgedessen auch wiirdigeres 
Verhaltnis zu Jesus Christus anzubahnen. 

Ich mu6 abbrechen, gliicklich, wenn ich einige zu 
einer Befassung mit indoarischem Denken angeregt 
habe — ein jetzt infolge der Grofitaten deutscher 
Gelehrten mogliches und dankenswertes Beginnen, 
zufrieden, wenn ich iiberzeugt habe, dafi hier ein 
wahrhaft humanistisches Ferment vorliegt, ein Ferment, 
fahig, zur Emporung gegen unwiirdige Geistesbande 
anzufeuern, fahig, das Bewufitsein des heutigen 
Menschen von seiner Wiirde — und damit zugleich von 
seiner Freiheit und seiner Verantwortlichkeit — zu 
fordern. 



87 Denken und Religion 



SchlulSbetrachtung 

Ich kannte ein kleines, frommes Kind, das anstatt 
„dein Reich komme" zu beten pflegte: „dein Reich 
komme bald". Wahrlich, wer heute um sich blickt und 
stupiden Aberglauben gepaart mit breiter, feister 
Pfaffenherrlichkeit in Europa weit bliihender findet als z. 
B. zu den Zeiten Homer's und unbestrittener als vor 
hundert Jahren, wer bedenkt, dafi die alten echten Arier 
— die Gliicklichen! — iiberhaupt gar keine Kirchen und 
gar keine Priesterhierarchie besaiSen, wer ferner 
bedenkt, daiS auch unter den Juden vor langer Zeit ein 
Deuterojesaia auftrat, der Kirchen und Kultus 
abgeschafft wissen wollte, und ein Jeremia, der sich vor 
dem Tempel aufstellte und laut rief: „Verla6t euch nicht 
darauf, wenn sie sagen, hier ist des Herrn Haus! Denn 
sie liigen", der wird eher meinen, das Reich Gottes 
entschwinde immer ferner und ferner. Und trotz 
alledem, das Gute liegt nahe und scheint nur auf unser 
Wollen zu warten. Namentlich ist das Traumbild einer 
moglichen Verschmelzung indoarischer Gedanken- und 
Gemiitstiefe und indoarischer innerer Freiheit mit 
griechischem Sinn fiir Gestalt und griechischer 
Schatzung des gesunden, schonen Leibes als Trager der 
auiSeren Freiheit so beriickend, daiS ihr Anblick trunken 
macht und man, wie das kleine Kind, schon zu fassen 
wahnt, was nur die Sehnsucht an einen fernen Himmel 
hingezaubert hat. Etwas Derartiges m ii s s e n wir 
uns aber vorstellen. Betreffs der Unerreichbarkeit 



88 Schlufibetrachtung 



vergangener Vortrefflichkeiten konnen wir uns keiner 
Tauschung hingeben, betreffs der entehrenden 
Unzulanglichkeiten des jetzigen Augenblicks 
ebensowenig; es bleibt uns nur die nackte Verzweiflung, 
wenn sich nicht irgendwo in unserem Innern das 
BewuiStsein regt: auch in dir sind alle Elemente 
vereinigt, die zu einer neuen, freien, den friiheren 
Hohepunkten des Menschenlebens vergleichbaren 
Geistesbliite fiihren konnen! Bessemerstahl und 
Funkentelegraphie und Evolutionsphantasien konnen 
den Nachkommen der Arier und der Griechen auf die 
Dauer nicht geniigen. Kultur hat mit Technik und 
Wissensmenge nichts zu tun; sie ist ein innerer Zustand 
des Gemiites, eine Richtung des Denkens und Wollens; 
zerrissene Seelen ohne abgerundetes EbenmaiS der 
Anschauung, ohne fliigelsicheren Hochflug der 
Gesinnung sind bettelarm an dem, was erst dem Leben 
Wert verleiht. Doch wandeln wir heute gleich „durch 
feuchte Nacht", sahen wir nicht in Deutschlands 
groiSten Mannern die „Gipfel der Menschheit" neu 
erglanzen? Wer nur einmal die Augen hinaufrichtete, der 
lernte hoffen. Und da diese Manner ihr Licht ebenso 
iiber die Vergangenheit wie iiber die Zukunft werfen, 
indem sie die fast erloschenen Strahlen der fernen Gipfel 
auffangen und im Brennpunkt ihres Geistes zu neuen 
Flammen anfachen, so glaube ich versichern zu konnen, 
daiS wenigstens diejenigen unter uns, die es nicht 
verschmahten, Jiinger der wahren Meister unseres 
Geschlechtes zu sein, sehr „bald" sich in die besondere 
Art der arischen Weltanschauung hineinleben und dann 
empfinden werden, als seien sie in den Besitz eines 
bisher unrechtmaiSig vorenthaltenen Eigentums 
getreten. 



89 SchlulSbetrachtung 



Bibliographischer Nachtrag 

Folgende Zusammenstellung hat lediglich den Zweck, 
denjenigen Lesern dieser Schrift, die Interesse fiir 
indisches Denken aus ihr gewonnen haben, und ihre 
Kenntnisse nunmehr erweitern mochten, in 
bescheidener Weise Hilfe zu leisten. Wer eine erste 
orientierende Ubersicht iiber die Literatur besitzt, wird 
leicht dasjenige heraussuchen, was seinem Geschmack 
am meisten zusagt, und von dort aus dann weiter 
finden. 

Zu allererst seien genannt 

zwei klassische Abhandlungen von unverganglichem 
Wert: 

Friedrich von Schlegel: Uber die Sprache und 
Weisheit der Indier, 1808. 

Wilhelm von Humboldt: Uber die unter dem Namen 
Bhagavad-Gita bekannte Episode des Maha-Bharata, 
zwei Vortrage gehalten in der Akademie der 
Wissenschaften zu Berlin, 1825 und 1826 (jetzt in dem 
5. Bd. der groiSen Ausg. der Gesammelten Schriften, 
Berlin, 1906, neu gedruckt). 

Schlegel' s Schrift enthalt sehr viel Philosophisches 
und Historisches, das jetzt fiir veraltet gelten muiS; das 
heilige Feuer der Begeisterung ziindet aber heute wie vor 
hundert Jahren, und was ein geistvoller Kopf einmal 
richtig erblickte und beredt aussprach, wirkt auf lange 
hin- 



90 Bibliographischer Nachtrag 



aus anregend. Humboldt's Schrift ist vielleicht das 
Tiefste, das wahrhaft Kongenialste, was jemals iiber 
indisches Denken geschrieben wurde; es ist keine 
leichte Lektiire, ernste, philosophisch beanlagte Leser 
sollten sich aber diesen hohen GenuiS nicht versagen: 
sie werden Bereicherung fiir das ganze Leben daraus 
schopfen. 

Zur allgemeinen Einfiihrung 

dienen am besten: 

Leopold von Schroeder: Indiens Literatur und Kultur 
in historischer Entwicklung. Ein Zyklus von 50 
Vorlesungen, zugleich als Handbuch der indischen 
Literaturgeschichte, nebst zahlreichen, in deutscher 
Ubersetzung mitgeteilten Proben aus indischen 
Schriftwerken, Leipzig 1887. 

Leopold von Schroeder: Reden und Aufsatze, 
vornehmlich iiber Indiens Literatur und Kultur, Leipzig, 
1913. 

F. Max Miiller: Indien in seiner weltgeschichtlichen 
Bedeutung, Leipzig, 1884. (Autorisierte Ubersetzung von 
C. Capeller.) 

Des weiteren dienen zur Einfiihrung in die allgemeine 
Geschichte Indiens in erster Reihe: 

Vincent A. Smith: The early History of India, from 
600 P. C. to the Mohammedan Conquest, Oxford, 1904. 

Rhys Davids: Buddhist India, London, 1903. 

Max Dunckler: Geschichte des Altertums, Bd. Ill, 
Leipzig, 1875. 



91 Bibliographischer Nachtrag 



Fiir die Geographic und Topographic dcs Landcs ist, 
auiScr den bekannten, umfangreichen Werken 
Schlagintweits, wohl des empfehlenswerteste das neue 
kleine Buch 

Sir Thomas Holdich: India, London, 1904. 

AUgemein Kulturgeschichtliches 

findet man in vielen Biichern, unter denen ich 
nachfolgende hervorheben will: 

Heinrich Zimmer: Altindisches Leben, die Kultur der 
vedischen Arier, Berlin, 1879. 

Michael Haberlandt: Der altindische Geist in 
Aufsatzen und Skizzen, Leipzig, 1887. 

Richard Garbe: Indische Reiscskizzen, Berlin, 1889. 
Hermann Oldenberg: Aus Indien und Iran, 
Gesammelte Aufsatze, Berlin, 1899. 

Alfred Hillebrandt: Alt-Indien, kulturgeschichtliche 
Skizzen, Breslau, 1899. 

Richard Garbe: Beitrage zur indischen 

Kulturgeschichte, Berlin, 1903. 

Richard Garbe: Indien und das Christentum, cine 
Untersuchung der religionsgeschichtlichen 

Zusammenhange, Tubingen, 1914. 

In diesem Zusammenhange ware noch die 
unvergleichliche Sammlung zu erwahnen: 

Otto Boethlingk: Indische Spriiche, Sanskrit und 
Deutsch, St. Petersburg, 1863 — 1865, 3 Bande. 



92 Bibliographischer Nachtrag 



Zur Einfiihrung in das Denken 

der alten Inder dienen namentlich: 

Paul DeuiSen: Allgemeine Geschichte der Philosophic 
mit besonderer Beriicksichtigung der Religionen: 1. Bd., 
1. Abt., Allgemeine Einleitung und Philosophie des Veda 
bis auf die Upanishad's, Leipzig, 1894, 1. Bd., 2. Abt., 
Die Philosophie der Upanishad's, Leipzig, 1899, 1. Bd., 3. 
Abt., Die nachvedische Philosophie der Inder, 1908. 

Paul DeulSen: Das System des Vedanta, Leipzig, 
1883. 

F. Max Miiller: Three lectures on the Vedanta 
Philosophy, London, 1894. 

Paul DeulSen: Die Sutra's des Vedanta, Leipzig, 
1887. 

Paul DeuiSen: 60 Upanishad's des Veda, aus dem 
Sanskrit iibersetzt, und mit Einleitungen und 
Anmerkungen versehen, Leipzig, 1897. 

Paul DeulSen: Vier philosophische Texte des 
Mahabharatam, Leipzig, 1906. 

J. S. Speyer: Die indische Philosophie aus ihren 
Quellen dargestellt, Leipzig, 1914. 

Richard Garbe: Die Samkhya-Philosophie, eine 
Darstellung des indischen Rationalismus, Leipzig, 1894. 

Richard Garbe: Der Mondschein der Samkhya- 
Wahrheit, Miinchen, 1899. 

Josef Dahlmann: Die Samkhya-Philosophie als 
Naturlehre und Erlosungslehre, nach dem 
Mahabharata, Berlin, 1902. 



93 Bibliographischer Nachtrag 



In diesem Zusammenhange waren noch eine Reihe 
von Ubersetzungen zu nennen; unter anderen 

Kaegi, Geldner 85 Roth: Siebenzig Lieder des Rigveda, 
Tubingen, 1875. (Dazu noch Adolf Kaegi: Der Rigveda, 
die alteste Literatur der Inder, Leipzig, 1881.) 

Hermann GraiSmann: Rig- Veda, iibersetzt und mit 
kritischen und erlauternden Anmerkungen versehen, 
zwei Bande, Leipzig, 1876—1877. 

Robert Borberger: Bhagavad-Gita, oder das Lied der 
Gottheit, aus dem Indischen iibersetzt, Berlin, 1870. 

Richard Garbe: Die Bhagavadgita, aus dem Sanskrit 
iibersetzt, mit einer Einleitung iiber ihre urspriingliche 
Gestalt, ihre Lehren und ihr Alter, Leipzig, 1905. 

Paul DeuiSen: Der Gesang des Heiligen 
(Bhagavadgita), aus dem Sanskrit iibersetzt, Leipzig, 
1911. 

Leopold von Schroeder: Bhagavadgita, des 
Erhabenen Sang, Jena, 1912. 

Adolf Holtzmann: Indische Sagen, neu 

herausgegeben von Winternitz, Jena, 1912. 

Erwahnung verdient auch noch das unvollendete 
Werk Winternitz: Geschichte der indischen Literatur, 
1. Halbband, Leipzig, 1904, 2. Halbband 1908; 2. Band, 
erste Halfte, 1913. 

Diese Liste lieiSe sich natiirlich bedeutend erweitern, 
doch habe ich nur dem Anfanger einige Anhaltspunkte 



94 Bibliographischer Nachtrag 



geben wollen. Die umfangreiche Literatur iiber den 
Buddhismus bleibt, als zu meinem Gegenstande nicht 
gehorig, unerwahnt. 

Nicht mag ich, jedoch diesen kurzen Wegweiser 
abschlieiSen, ohne die ernsteren Freunde arischen 
Seelenlebens auf Leopold von Schroeder 
's groiS angelegtes Werk aufmerksam gemacht zu 
haben: Arische Religion, erster Band „Einleitung, Der 
altarische Himmelsgott, Das hochste gute Wesen", 
Leipzig, 1914; der zweite Band „Naturverehrung und 
Lebensfeste" soil noch vor Ende 1915 herauskommen; 
ein dritter, letzter Band „Seeleng6tter und Mysterien" 
folgt bald. Das Buch — durchaus originell als 
Problemstellung und enzyklopadisch in bezug auf die 
Behandlung — wird ein einziges Zeugnis bilden unseres 
Wissens von dem, was man „arische Religion" nennen 
kann und darf und mu6, wie es, von der Warte reiner 
Wissenschaft aus erblickt, an der Wende des 20. 
Jahrhunderts sich darstellte. 



95 Bibliographischer Nachtrag