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Full text of "Charakteranalyse. Technik und Grundlagen für Studierende und praktizierende Analytiker"

\ 



WILHELM REICH / CHARAKTERANALYSE 






) 



CHARAKTERANALYSE 

TECHNIK UND GRUNDLAGEN 

FÜR STUDIERENDE UND PRAKTIZIERENDE ANALYTIKER 



VON 



WILHELM REICH 



1933 



IM SELBSTVERLAGE DES VERFASSERS 



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<» . . , .-..*..,■ 



COPYRIGHT 1933 BY WILHELM BEICH 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



MANZSCHE BUCHDKUCKEKEI, WIEN IX 



Pf. 



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meiner lieben frau 
und mitarbeiterin 

Dr. AJVNIE reich 









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Inhaltsverzeichnis ? 

Seit« 
Vorwort 9 

1. TEIL: TECHNIK 

I. Einige Probleme der psychoanalytischen Technik 18 

n. Der ökonomische Gesichtspunkt in der Theorie der analytischen 
Therapie 25 

III. Zur Technik der Deutnng und der Widerstandsanalyse. 

1. Einige typische Fehler in der Deutungstechnik und ihre 
Folgen 36 

2. Geordnete Deutung und Widerstandsanalyse 42 

3. Konsequenz in der Widerstandsanalyse 52 

iV. Zur Technik der Charakteranaiyse 

1. Zusammenfassung 56 

2. Charakterliche Panzerung und Charakterwiderstand 

a) Die Unfähigkeit zur Befolgung der Grundregel 57 

b) Woher stammen die Charakterwiderstände? 59 

c) Zur Technik der Analyse des Charakterwiderstandes .... 62 

d) Ableitung der Situationstechnik aus der Struktur des 

Charakterwiderstandes 70 

Ein Fall von manifesten Minderwertigkeitsgefühlen 7( 

e) Die Erschütterung des narzißtischen Schutzapparates 85 

f) Über die optimalen Bedingungen für das analytische Zu- 
rückführen des Aktuellen auf das Infantile 96 

g) Charakteranalyse bei reichlich strömendem Material 98 

''".. Ein Fall von passiv- Femininem Charakter. 

: t .^ a) Anamnese 100 

'Kl ^^ ^^^ Entwicklung und Analyse des Charakterwider- 

' " ' ■ Standes 105 

y) Der Anschluß der Analyse des Aktuellen an das In- 
fantile 111 

(5) Zusammenfassung 152 

V. Indikation und Gefahren der Charakteranalyse 134 



Seit« 
VI. Zur Handhabung der Übertragung. 

1. Das HerauskristalJisieren der genitalen Objektlibido (39 

2. Sekundärer Narzißmus, negative Übertragung und Krank- 
heitseinsicht 149 

5. Zur Handhabung der Abstinenzregel (51 

4, Zur Frage der „Lösung" der positiven Übertragung 154 

5. Einige Bemerkungen, zur Gegeniibertragnng 157 

II. TEIL: THEORIE DER CHARAKTERBILDUNG 163 

I. Die charakterliche Überwindung des kindlichen Sexualkon- 

Iliktes 1 64 

::: I. Inhalt und Form psychischer Reaktionen 164 

2. Die Funktion der Charakterbildung 166 

3. Bedingungen der Charakterdifferenzierung 171 

IL Der genitale und der neurotische Charakter. 

1. Charakter und Sexiialstauung 180 

2. Die libido-ökonomische Differenz des genitalen und des 
neurotischen Charakters 187 

a) Struktur des Es 188 

b) Struktur des Uber-Ichs 190 

e) Struktur des Ichs I9t 

3. Sublimierung, Reaktionsbildung und neurotische Reaktions- 
basis 197 

IIL Kindliche Phobie und Charakterbildung. 

1. Ein „vornehmer" Charakter 205 

2. Charakterliche Überwindung der kindlichen Phobie 208 

IV. Einige umschriebene Charakterformen. 

1. Der hysterische Charakter 215 

2. Der Zwangscharakter 218 

3. Der phallisch-narzißtische Charakter 226 ] 

V. Der masochistische Charakter. 

L Zusammenfassung der Anschauungen 234 

2. Die Panzerung des masochistischen Charakters 244 

5. Exhibitionshemmung und Selbstverkicincrungssucht 257 

4. Unlustvolle Wahrnehmung der sexuellen Erregungssteigerung 
als spezifisch masochistische Charakterbasis 262 

5. Bemerkungen zur Therapie des Masoehismus - 273 

VI. Einige Bemerkungen über den Urkonflikt Bedürfnis— AuBen weit 277 



I 



Vorwort 

Die charakteranaly tischen Untersuchungen, die ich in diesem. 
Buche der Öffentlichkeit übergebe, knüpfen an die Probleme der 
psychoanalytischen Klinik an, die ich vor neun Jahren in der Einleitung 
zu meinem Buche „Der triebhafte Charakter" zu skizzieren ver- 
suchte, ohne sie dort auch nur annähernd beantwortet zu haben. Den 
Kenner der psychoanalytischen Forschungsarbeit wird es nicht wunder- 
nehmen, daß zwischen Problemstellung und einem Stück Problem- 
lösung fast ein Jahrzehnt verstreichen mußte. Als ich am Wiener 
psychoanalytischen Ambulatorium mehrere triebhafte Psychopathien 
auf einmal zur Behandhing übernahm, erstanden sofort einige thera- 
peutische Probleme, zu deren Bewältigung zwar die Einsichten in die 
zersplitterte Ichstruktur des Triebhaften einigermaßen hinreichten; 
aber schon damals durfte man annehmen, daß eine genetisch- 
dynamische Theorie des Charakters, daß ferner eine strenge Unter- 
scheidung der inhaltlichen und der formalen Seite der Widerstände, 
die die „Persönlichkeit" der Aufdeckung des Verdrängten entgegen- 
setzt, daß schließlich eine gut fundierte Einblicknahme in die gene- 
tische Differenzierung von Charaktertypen auch für die Theorie und 
Therapie der triebgeheramten Charakterneurosen, die ich seinerzeit 
den triebhaften entgegenstellte, von Bedeutung werden würden, im 

Die technisch -therapeutischen Ausführungen und die dynamisch- 
ökonomischen Auffassungen des Charakters als Gesamtformation ent- 
stammen überwiegend den reichlichen Erfahrungen und Diskussionen 
im Wiener „Seminar für psychoanalytische Therapie" am oben- 
genannten Institut, das ich sechs Jahre hindurch unter tätiger Mit- 
hilfe einer Reihe arbeitsfreudiger junger Kollegen leitete. Ich muß 
bitten, auch jetzt weder Vollkommenheit in der Darstellung der auf- 
geworfenen Probleme noch Vollständigkeit ihrer Lösung zu erwarten. 
Wir sind auch heute wie vor neun Jahren von einer umfassenden, 
systematischen psychoanalytischen Charakterologie noch weit ent- 



L ■ 1 - J 



10 Vorwort _ 

fernt. Ich glaube nur, mit dieser Schrift die Entfernuug um ein er- 
hebliches Stück zu verringern. 

Die technischen Abschnitte wurden im Winter 1928/29 nieder- 
geschrieben und konnten vier Jahre hindurch überprüft werden. Ich 
hatte daran nichts Wesentliches mehr zu ändern. Die theoretischen 
Abschnitte sind bis auf Kapitel III (11. Teil) erweiterte, zum Teil 
auch veränderte Abdrucke meiner in den letzten Jahren in der Inter- 
nationalen Zeitschrift für Psychoanalyse erschienenen Abhandlungen. 

Dem Wunsche vieler Kollegen, ein ausführliches Buch über die 
analytische Technik zu schreiben, konnte ich aus mehreren Gründen, 
darunter auch zeitlichen, nicht nachkommen. Tu diesem Zusammen- 
hange konnte es nur darauf ankommen, die sich aus der Charakter- 
analyse ergebenden technischen Grundsätze darzustellen und zu be- 
gründen. Die analytische Technik läßt sich ja auch nicht aus Büchern 
lernen, da die Praxis unendlich komplizierter ist und sich einem nur 
bei eingehendem Studium von Fällen in Seminaren und Kontroll- 
stunden enthüllt. 

Einen wichtigen Einwand jedoch, der naheliegt und von be- 
stimmter Seite zu erwarten ist, müssen wir gründlicher beluindeln, da 
er auf den ersten Blick besticht und die Notwendigkeit der Mühe und 
des Aufwandes einer solchen Publikation zunächst in Frage stellt. 
Dieser Einwand lautet: Bedeutet nicht diese Publikation als ganzes 
eine maßlose, einseitige Überschätzung der individuellen Psycho- 
therapie und Charakterologie? In einer Stadt wie Berlin gibt es 
einige Millionen neurotischer, in ihrer psychischen Struktur. Arbcits- 
und Genußfähigkeit ruinierter Menschen; täglich und stündlieh er- 
zeugen familiäre Erziehung und soziale Umstände neue Tausende 
von Neurosen. Hat es da einen Sinn, zwanzig Druckbogen mit Er- 
örterungen über die individuelle analytische Technik auszufüllen. 
über Strukturverhältnisse, Dynamik des Charakters und ähnliche, in 
diesen Zeiten so wenig interessante Dinge mehr? Und dies, zunml ich 
mich Dicht einmal rühmen kann, brauchbare Anweisungen für eine 
Massentherapie der Neurosen, für kurze, sichere, rasch wirkende Be- 
handlungen zu geben. Ich konnte mich lange Zeit selbst dem starken 
Eindrucke eines solchen Einwaudes nicht entziehen. Schließlich 
mußte ich mir sagen, daß ein derartiger Standpunkt kurzsichtig, auf 
die Dauer sogar schlimmer ist als die heute übliche ausschließliehe 
Beschränkung auf die Fragen der individuellen Psychotherapie. Man 
mag es für einen typisch dialektischen Kniff halten, daß gerade die 



Vorwort 11 

Einsicht in die vom sozialen Standpunkt hoffnungslose Stellung der 
individuellen Psychotherapie, die sich aus der gesellschaftlichen 
massenhaften Produktion von Neurosen ergibt, zu einer noch gründ- 
licheren, noch intensiveren Beschäftigung mit den Problemen der 
individuellen Therapie führen mußte. Ich habe mich bemüht, zu 
zeigen, daß die Neurosen Ergebnisse der patriarchalisch-familiären 
und sexualunterdrückenden Erziehung sind, daß ferner ernsthaft nur 
eine Neurosen prophylaxe in Frage kommt, zu deren praktischen 
Durchführung im heutigen gesellschaftlichen System alle Voraus- 
setzungen fehlen, daß erst eine grundsätzliche Umstülpung der ge- 
sellschaftlichen Institutionen und Ideologien, die von dem Ausgang 
der politischen Kämpfe unseres Jahrhunderts abhäugt, die Voraus- 
setzungen einer umfassenden Neurosenprophylaxe schaffen wird. Es 
ist nun klar, daß eine Neurosenprophylaxe unmöglich ist, wenn man 
sie nicht theoretisch vorbereitet, daß somit das Studiiun der dyna- 
misch-ökonomischen Verhältnisse menschlicher Strukturen ihre wich- 
tigste Vorbedingung ist. Was hat das mit der individuellen Technik 
der Therapie zu tim? Um menschliche Strukturen in einer für die 
Neurosenprophylaxe entsprechenden Weise zu studieren, bedarf es 
einer Vervollkommnung unserer analytischen Technik. Es wird sich 
im Verlaufe der Ausführungen zeigen, inwiefern die bisherigen tech- 
nischen Kenntnisse einen Zweck dieser Art nicht erfüllen können. Die 
erste Bemühung der Psychotherapie, sofern sie sich für die künftigen 
Aufgaben der Neurosenprophylaxe rüsten will, muß somit die Schaf- 
fung einer Theorie der Technik und Therapie sein, die 
von den dynamisch- ökonomischen Prozessen im psychischen Ge- 
schehen ausgeht. Wir brauchen zunächst Therapeuten, die wissen, 
warum sie Strukturen verändern können oder aus welchen Gründen 
ihnen dies mißlingt. Wenn wir in irgendeinem anderen Zweige der 
Medizin eine Seuche bekämpfen wollen, werden wir alle Mühe 
daran setzen, einzelne typische Krankheitsfälle mit den bestaus- 
gebauten Methoden zu untersuchen und zu verstehen, um von daher 
dem Sozialhygieniker Anweisungen geben zu können. Wir konzen- 
trieren uns also auf die individuelle Technik nicht, weil wir die in- 
dividuelle Therapie allzu hoch einschätzen, sondern weil wir ohne 
eine gute Technik nicht die Einsichten gewinnen, die wir für das 
umfassendere Ziel der Strukturforschung brauchen. 

Dazu kommt eine weitere Rücksicht, die den allgemeinen Hinter- 
grund der folgenden klinischen Untersuchungen bildet. Wir müssen 



12 



Vorwort 



sie zur Orientierung des Lesers hier kurz skizzieren. Wir haben es 
im Gegensätze zu anderen Zweigen medizinischer Wissenschaften 
nicht mit Bakterien oder Geschwülsten, sondern mit menschlichen 
Reaktionen und psychischen Erkrankungen zu tun. Aus der Medizin 
hervorgegangen, ist unsere Wissenschaft weit über sie hinausge- 
wachse]!. Wenn nach einem berühmten Worte die Menschen ihre Ge- 
schichte selbst machen, abhängig von bestimmten ökonomischen Be- 
dingungen und Voraussetzungen, wenn die materialistische Ge- 
schichtsauffassung von der ersten Voraussetzung der Soziologie, der 
natürlichen und psychischen Organisation des Menschen ausgehen 
muß, so ist es klar, daß unsere Forschung an einer bestimmten Stelle 
soziologisch entscheidende Bedeutung gewinnt. Wir studieren psy- 
chische Strukturen, ihre Dynamik und Ökonomik. Von der psychi- 
schen Struktur hängt die „wichtigste" Produktivkraft, die Produk- 
tirkraft Arbeitskraft ab. Weder der sogenannte „subjektive 
Faktor" der Geschichte noch die Produktivkruft Arbeitskraft läßt 
sich ohne naturwissenschaftliche Psychologie erfassen. Voraussetzung 
dazu ist Abgrenzung von jenen psychoanalytischen Auffassungen, die 
die Kultur und Geschichte der menschlichen Gesellschaft aus den 
Trieben erklären, statt zu begreifen, daß erst gesellschaftliche Ver- 
hältnisse auf die menschlichen Bedürfnisse ■ einwirken und sie ver- 
ändern mußten, ehe diese veränderten Triebe und Bedürfnisse als 
geschichtliche Faktoren zu wirken beginnen konnten. Die bekannte- 
sten der heutigen Charakterologen versuchen die Welt aus ..Wert" 
und „Charakter" zu begreifen, statt umgekehrt den Charakter und 
die Setzung von bestimmten Werten aus dem gesellschaftlichen Pro- 
zeß abzuleiten. 

Im größeren Zusammenhange der Frage nach der soziologischen 
Funktion der Charakterbildung müssen wir unser Interesse auf den 
zwar bekannten, aber in seinen Details noch wenig diirclischauten 
Tatbestand richten, daß bestimmten gesellschaftlichen Ordnungen 
bestimmte durchschnittliche Strukturen der Menschen zugeordnet sitid, 
oder anders ausgedrückt, daß jede Gesellschaftsordnung sich die- 
jenigen Charaktere schafft, die sie zu ihrem Bestände benötigt. In 
der Klassengesellschaft ist es die jeweils herrschende Klasse, die mit 
Hilfe der Erziehung und der Familieninstitution ihre Position sichert, 
indem sie ihre Ideologien zu den herrschenden Ideologien aller Ge- 
sellschaftsmitglieder macht. Es bleibt aber nicht bloß bei der Durch- 
setzung der Ideologien in allen Mitgliedern der Gesellschaft. Es hau- 



Vorwort 13 

delt sich nicht um ein übertünchen mit Einstellungen und Anschau- 
ungen, sondern um einen tiefgreifenden Prozeß in jeder heranwach- 
senden Generation dieser Gesellschaft, um eine der Gesellschafts- 
ordnung entsprechende Abänderung und Bildung psychischer Struk- 
turen, und dies in allen Schichten der Bevölkerung. Die naturwissen- 
schaftliche Psychologie und Charakterlehre hat also eine scharf um- 
rissene Aufgabe; Sie hat die Mittel und Mechanismen festzustellen, 
mittels derer sich das gesellschaftliche Sein der Menschen in psychische 
Struktur und derart auch in Ideologie umsetzt. Die gesellschaftliche 
Produktion von Ideologien ist somit von ihrer Reproduktion in den 
Menschen dieser Gesellschaft zu unterscheiden. Ist jenes zu er- 
forschen Aufgabe der Soziologie und Ökonomie, so dieses zu ermitteln 
Aufgabe der Psychoanalyse. Diese hat die Einwirkungen sowohl des 
unmittelbaren materiellen Seins {Nahrung, Wohnung, Kleidung, Ar- 
beitsprozeß), also der Art des Lebens und der Bedürfnisbefriedigung, 
wie auch des sogenannten gesellschaftlichen Überbaus, also der Moral 
Gesetze und Instüutionen auf den Triebapparat zu erforschen, die 
unendlich vielen Zwischenglieder bei der Umsetzung der „materiellen 
Basis" in den „ideellen Überbau" möglichst vollständig zu bestimmen. 
Der Soziologie kann es nicht gleichgültig sein, ob die Psychologie 
diese Aufgabe gut genug erfüllt und in welchem Ausmaße, denn der 
Mensch ist zwar zunächst Objekt seiner Bedürfnisse und der ge- 
sellschaftlichen Ordnung, die die Bedürfnisbefriedigung so oder so 
ordnet; er ist aber auch gleichzeitig mit dieser Stellung als Objekt 
von Einwirkungen Subjekt der Geschichte und des gesellschaft- 
lichen Prozesses, die er „selbst macht", allerdings nicht ganz so wie 
er möchte, sondern unter bestimmten ökonomischen und kulturellen 
Voraussetzungen und Bedingungen, die Inhalt und Ergebnis des 
menschlichen Handelns bestimmen. 

Seit dem Bestehen der Spaltung der Gesellschaft in Besitzer von 
Produktionsmitteln und Besitzer der Ware Arbeitskraft, etabliert sich 
jede gesellschaftliche Ordnung von jenen bestimmt über den Willen 
und die Köpfe der letzten hinweg, ja meist gegen deren Willen. In- 
dem aber diese Ordnung die psychischen Strukturen sämtlicher Ge- 
sellschaftsmitglieder zu formen beginnt, reproduziert sie sich 
in den Menschen. Und insofern dies durch Wandlung und Inanspruch- 
nahme der von den libidinÖsen Bedürfnissen regierten Triebapparatur 
geschieht, verankert sie sich auch affektiv in ihnen. Die erste und 
wichtigste Reproduktionsstätte der gesellschaftlichen Ordnung ist seit 



14 



Vorwort 



dem Bestände des Privateigentums an Produktionsmitteln die vater- 
rechtliche Familie, die bei den Kindern den charakterlichen Boden 
für die weiteren Einflußnahmen durch die autoritäre Ordnung schafft. 
Stellt die Familie die erste Produktionsstätte der charakterlichen 
Strukturen dar, so lehrt die Einsicht in die Rolle der Sexual erziehung 
im erzieherischen Gesamtsystem, daß es in erster Linie die 1 i b i d i- 
nÖsen Interessen und Energien sind, mit deren Hilfe die Ver- 
ankerung der geselischaftlich-autoritären Ordnung vor sich geht. 
Die charakterlichen Strukturen der Menschen einer Epoche oder 
eines gesellschaftlichen Systems, sind somit nicht nur Spiegelungen 
dieses Systems, sondern, was wesentlicher ist, sie stellen deren Ver- 
ankerung dar. Anläßlich einer Untersuchung der Winidlung der 
sexuellen Moral am Übergang vom Mutlerrecht zum Vaterrecht (vgl. 
mein Buch „Der Einbruch der Sexualmoral") konnte gezeigt \verden, 
daß diese Verankerung durch Anpassung der charakterlichen Struk- 
turen an die neue gesellschaftliche Ordnung das konservative Wesen 
der sogenannten „Tradition" ausmacht. 

In dieser charakterlichen Verankerung der gesellschaftlichen Ord- 
nung findet die Duldsamkeit der unterdrückten Schichten der Be- 
völkerung gegenüber der Herrschaft einer gesellschafllichen Ober- 
schicht, die über die Machtmittel verfügt, ihre Erklärung, eine Duld- 
samkeit, die sieh gelegentlieh bis zur Bejahung der mitoritären Unter- 
drückung gegen das eigene Interesse steigert. Das tritt auf dem Ge- 
biete der Unterdrückung des Geschlechtslebens weit deutlicher in Er- 
scheinung als auf dem der materiellen und kulturellen Bedürfnis- 
befriedigung. Doch gerade an der libidinöscn Struktnrbildnng läßt 
sich zeigen, daß mit der Verankerung einer gesellschaftlichen Ord- 
nung, die die Bedürfnisbefriedigung völlig oder teilweise unterbindet, 
sich gleichzeitig die psychischen Voraussetzungen Iicranbilden, die 
diese charakterliche Verankerung untergraben. Mit der Zeit entsteht, 
in ständigem Zusammenhang mit der Entwicklung des gesellschaft- 
lichen Prozesses, eine immer größere Divergenz zwischen aufgezwun- 
gener Entsagung und gesteigerter Bedürfnisspannung, die auf die 
„Tradition" zersetzend wirkt und den psychologischen Kern der 
Heranbildung von Gesinnungen bildet, die diese Verankerung unter- 
graben. 

Man kann das konservative Element der charakterlichen Struk- 
turen der Menschen unserer Gesellschaft nicht mit der Instanz zu- 
sammenfallen lassen, die wir das „Über-Ich" nennen. Die moralischen 



Vorwort 



15 



Instanzen in der Person entstammen zwar den bestimmten Verboten 
der Gesellschaft, als deren erste Repräsentanten im Leben die Eltern 
fungieren; aber schon die ersten Veränderungen am Ich und an den 
Trieben, die anläßlich frühester Versagungen und Identifizierungen 
statthaben, lange ehe es zur Herstellung eines Uber-Ichs kommt, sind 
letzten Endes von der ökonomischen Struktur der Gesellschaft be- 
stimmt und stellen bereits die ersten Reproduktionen und Veranke- 
rungen des gesellschaftlichen Systems dar, ebenso v/ie sie bereits die 
ersten Widersprüche zu entfalten beginnen. Entwickelt das Klein- 
kind einen Analcharakter, so gewiß auch gleichzeitig damit den dazu- 
gehörigen Trotz. Das Über-Ich erhalt seine besondere Bedeutung für 
diese Verankerung dadurch, daß es sich im Kern um die kindlichen 
inzestuösen Genitalansprüche gruppiert, daß hier die besten Energien 
gebunden werden und die Charakterbildung von hier aus ihre eigent- 
liche Bestimmung erfährt. 

Die Abhängigkeit der Charakterbildung von der historisch- 
Ökonomischen Situation, in der sie vor sich geht, zeigt sich am 
klarsten an den Veränderungen, die Angehörige primitiver Gesell- 
schaften aufweisen, sobald sie unter fremden wirtschaftlichen und 
kulturellen Einfluß geraten oder aus eigenem eine neue soziale Ord- 
nung zu entwickeln beginnen. Aus den Berichten des Völkerforschers 
Malinowski geht hervor, daß die charakterlichen Unterschiede 
sich in derselben Gegend relativ rasch verändern, wenn die soziale 
Struktur eine andere wird. Er fand zum Beispiel die Leute auf den 
Ampblett-Inseln (Südsee) im Vergleich zu den unweit wohnenden 
Trobriandern mißtrauisch, scheu und feindselig, diese hingegen ein- 
fach, gerade, offen. Jene leben bereits in patriarchalischer Gesell- 
schaftsordnung mit strenger familiärer und sexueller Moral, diese da- 
gegen genießen noch zum größten Feil die Freiheiten des Mutter- 
rechts. Diese Tatbestände bestätigen die sich aus der analytischen 
Klinik ergebende, an anderer Stelle entwickelte Auffassung,*) daß sich 
die soziale und ökonomische Struktur der Gesellschaft auf die Cha- 
rakterbildung ihrer Mitglieder nicht unmittelbar, sondern auf einem 
sehr komplizierten Umweg auswirkt: Die sozialökonomische Struktur 
der Gesellschaft bedingt bestimmte Familien formen, diese Familiea- 



') „Der Einbruch der Sexualmoral", Verlag für Sexualpolitik 1932 
und „Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse", „Unter dem Banner 
des Marxismus", 1929. 



16 



Vorwort 



formen setzen aber nicht nur selbst bestimuite Formen des Ge- 
schlechtslebens voraus, sondern produzieren solche auch, indem sie 
das Trieblebeu der Kinder und Jugendlichen beeinflussen, woraus 
sich veränderte Haltungen und Reaktionsweisen ergeben. Wir dürfen 
somit unseren früheren Satz von der charakterlichen Reproduktion 
und Verankerung des gesellschaftlichen Systems erweilcrn und sagen; 
Die charakterliche Struktur ist erstarrter sozio- 
logischer Prozeß einer bestimmten Epoche. Die 
Ideologien einer Gesellschaft können zu einer materiellen Gewalt 
nur unter der Bedingung werden, daß sie die Charakterstrukturen 
der Menschen tatsächlich verändern. Die charukterliehe Struktur- 
forschung hat somit nicht nur klinisches Interesse. Sie kann uns 
Wesentliches geben, wenn wir an die Frage herantreten, warum sich 
die Ideologien so viel langsamer umwälzen als die sozialökonomische 
Basis, das heißt, warum gewöhnlich der Mensch hinter dem, was er 
schafft und ihn eigentlich mitverändern sollte und köiuite, so leicht 
und so oft weit zurückbleibt. Zur klassenmäßigeu Behinderung der 
Teilnahme am kulturellen Genuß kommt hinzu: Die charakterlicheu 
Strukturen werden in früher Kindheit erworben und erlialteji sich, 
ohne viel Veränderungen zu erfahren. Die sozialökonomische 
Situation aber, die ihr seinerzeit zugrunde lag, verändert sich rasch 
mit dem Fortschritt der Entwicklung der Produktivkräfte, stellt später 
andere Anforderungen, macht andere Arten der Anpassung not- 
wendig. Sie schafft gewiß auch neue Haltungen und Reaktionsweisen, 
die die alte, früher erworbene Eigenart überlagern uud durchsetzen, 
ohne sie aber auszuschalten. Diese beiden Eigenarten, die verschiede- 
nen, zeitlich auseinanderliegendcn soziologischen Situationen ent- 
sprechen, geraten nun in Widerspruch zueinander. Zur lllusfralion 
ein Beispiel: Die in der Familie von 1900 erzogene Frau entwickelte 
eine der sozialökonomischen Situation von 1900 entsprechende Re- 
aktionsweise; im Jahre 1925 haben sich aber die familiären Verhält- 
nisse infolge des wirtschaftlichen Zersetzungsprozesses des Kapitalis- 
mus derart verändert, daß sie trotz teilweiser Anpassung in ober- 
flächlicheren Schichten der Persönlichkeit in schwerste Widersprüche 
gerät. Ihr Charakter erfordert etwa streng monogames Geschlechts- 
leben, die Monogamie ist aber mittlerweile gesellschaftlich und ideo- 
logisch zersetzt, die Frau kann sie nunmehr weder von sieh noch von 
ihrem Gatten intellektuell fordern, sie ist aber strukturell den neuen 
Verhältnissen und den Forderimgeu ihres Intellekts nicht gewachsen. 



Vorwort 17 

Ähnliche Fragen ergeben sich, wenn man die Schwierigkeiten bei 
der Umwandlung der bäuerlichen Einzelwirtschaft in kollektivistische 
Bewirtschaftung des Bodens in der Sowjetunion verfolgt. Die Sowjet- 
■wirtschaft ringt nicht nur mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten, son- 
dern auch mit der in der Zeit des Zarismus und der Einzelwirtschaft 
erworbenen Struktur der russischen Bauern. Welche Rolle bei diesen 
Schwierigkeiten die Ablösung der Familie durch das Kollektiv und 
vor allem die Umstellung des Geschlechtslebens spielt, läßt sich aus 
der Literatur im gröbsten erfassen. Die alten Strukturen hinken nicht 
nur nach, sie sträuben sich vielfach gegen das Neue. Wäre die alte 
Ideologie oder Gesinnung, die einer früheren soziologischen Situation 
entspricht, nicht in Trieb- bzw. Charakterstruktur als chronische und 
automatische Reaktionsweise verankert, noch dazu mit Hilfe libi- 
dinöser Energie, sie könnte sich den ökonomischen Umwälzungen 
viel rascher und leichter anpassen. Es bedarf keines ausführlichen 
Beweises, daß eine genaue Kenntnis der zwischen ökonomischer 
Situation, Triebleben, Charakterbildung und Ideologie vermittelnden 
Mechanismen eine Reihe praktischer Maßnahmen ermöglichen würde, 
vor allem in der Erziehung, vielleicht sogar in der Art der Massen- 
beeinflussung. 

Das alles harrt der Bearbeitung. Die psychoanalytische Wissen- 
schaft kann aber nicht fordern, in gesellschaftlichem Maßstabe prak- 
tisch und theoretisch anerkannt zu werden, wenn sie nicht selbst 
sich jener Gebiete bemächtigt, die ihr zugehören und an denen sie be- 
weisen kann, daß sie nicht länger außerhalb der großen geschicht- 
lichen Ereignisse imseres Jahrhunderts stehen wül. Fürs nächste muß 
die Forschung der Charakterologie noch im Klinischen verharren. 
Vielleicht werden die Untersuchungen des II. Teiles von selbst ver- 
raten, wo die Übergänge zu den umfassenderen soziologischen Fragen 
zu finden sind. An anderer Stelle wurde bereits versucht, sie eine 
Strecke weit zu verfolgen. Sie führen in unvermutete Gebiete, die 
wir in dieser Schrift nicht betreten. 

Berlin, im Januar 1933. 

Wilhelm Reich. 



Cbarakteranalyse 



Ji-i..'7'. 



I. TEIL 

TECHNIK 



L Einige Probleme der psychoanalytischen Technik 

Die Praxis stellt den Analytiker täglich vor Aufgaben, zu deren 
Bewältigung weder das theoretische Wissen allein noch auch die 
praktische Erfahrung allein hinreichen. Man darf sagen, daß sämt- 
liche Fragen der Technik sich um die eine, wesentlichste gruppieren, 
ob und wie sich aus der analytischen Theorie der seelischen Erkran- 
kungen eine eindeutig bestimmte Technik der analytischen Behand- 
lung ableiten läßt; es ist die Frage nach den Möglichkeiten und 
Grenzen der Anwendung der Theorie auf die Praxis. Da jedoch die 
analytische Praxis selbst erst durch Setzung von praktischen Auf- 
gaben die Theorie der seelischen Vorgänge ergibt, so müssen wir, um 
korrekt vorzugehen, die Wege aufsuchen, die von der rein erfahrungs- 
mäfiigen Praxis über die Theorie zu einer theoretisch wohlfundicrten 
Praxis führen. Reichliche Erfahrungen im Wiener technischen 
Seminar und in der kontrollanalytischen Tätigkeit lehrten, daß wir 
über die Vorarbeiten zur Lösung der oben skizzierten Aufgabe kaum 
hinausgekommen sind. Zwar liegen die grundlegenden, sozusagen das 
ABC der analytischen Technik behandelnden Arbeiten sowie in ver- 
schiedenen Abhandlungen verstreute Bemerkungen Freuds vor, und 
die aufschlußreichen Arbeiten zur Technik von Ferenczi und an- 
deren Autoren haben viele technische Einzelprobleme unserem Ver- 
ständnis nähergebracht. Im ganzen zeigt es sich aber, daß es fast 
ebensoviele Techniken wie Analytiker gibt, wenn man von den im 
Verhältnis zur Fülle der praktischen Fragen wenigen teils positiv, 
teils negativ bestimmten Ratschlägen Freuds, die Allgemeingut ge- 
worden sind, absieht. 

Diese allgemein gültigen und in analytischen Kreisen selbstver- 



Probleme der psychoanalytischen Technik 



10 



ständlich gewordenen Grundsätze der Technik leiten sich aus den 
allgemeinen theoretischen Grundauffassmigen des neurotischen Pro- 
zesses ab. Die Neurose jeder Art baut sich auf dem Konflikt zwi- 
schen verdrängten Triebansprücheu, unter denen die frühkindlichen 
sexuellen nie vermißt werden, und den sie abwehrenden Kräften des 
Ichs auf. Das Resultat der Ungelöstheit dieses Konfliktes ist das 
neurotische Symptom oder der neurotische Charakterzug. Die tech- 
nische Konsequenz für die Auflösung des Konfliktes ist daher die 
„Aufhebung der Verdrängung", mit anderen Worten das Bewußt- 
machen des unbe'NVufiten Konfliktes. Da aber die psychische Instanz, 
die man das Vorbewufite nennt, gegen den Durchbruch der verdräng- 
ten und der Person unbewußten Regungen psychische „Gegenbesetzun- 
gen" aufgerichtet hat, die sich wie eine strenge Zensur gegenüber den 
eigenen Gedanken und Wünschen verhalten, indem sie ihnen das Be- 
wußtwerden versagen, gilt es, in der analytischen Behandlung die 
sonst beim gewöhnlichen Denken erforderliche, gewohnheitsmäßige 
Auswahl des Gedankenmaterials auszuschalten und dem Gedanken- 
lauf kritiklos freien Lauf zu lassen. Unter dem auftauchenden Ma- 
terial finden sich bei fortschreitender analytischer Arbeit immer mehr 
und immer deutlicher werdende Abkömmlinge des Unbewußten, Ver- 
drängten, Kindlichen, die mit Hilfe des Analytikers in die Sprache 
des Bewußtseins übersetzt werden müssen. Die sogenannte „psycho- 
analytische Grundregel", die die Ausschaltung der Zensur und die 
Herrschaft des „freien Eijifalls" fordert, ist die strengste, unerläß- 
lichste Maßnahme der analytischen Technik. Sie findet in der Kraft 
der zur Aktion und zum Bewußtsein drängenden unbewußten An- 
triebe und Wünsche eine mächtige Unterstützung; ihr steht aber eine 
ebenfalls unbewußte Kraft, die „Gegenbesetzung" des Ichs entgegen, 
die die Bemühungen des Patienten, die Grundregel zu befolgen, er- 
schwert oder gänzlich scheitern läßt. Es sind die gleichen Kräfte, die 
die Neurose von seiten der moralischen Instanzen unterhalten; in der 
analytischen Behandlung äußern sie sich als „Widerstände" gegen das 
Beheben der Verdrängung. Diese theoretische Einsicht bestimmt eine 
weitere praktische Regel, daß das Bewußtmachen des Unbewußten 
nicht direkt, sondern durch Lösung der Widerstände zu erfolgen habe, 
das heißt der Kranke muß zunächst erfahren, d a ß er sich wehrt, 
dann mit welchen Mitteln und am Schlüsse wogegen. Diese Arbeit 
des Bewußtmachens nennt man die „Deutungsarbeit"; sie besteht ent- 
weder in der Enthüllung verhüllter Äußerungen des Unbewußten oder 



a» 



20 



Probleme der psychoanalytischen Technik 



in der Wiederherstellung von Zusammenhängen, die durch die Ver- 
drängungen auseinandergerissen wurden. Die un])ewufilen und ver- 
drängten Wünsche und Befürchtungen des Patienten suchen ständig 
nach Abfuhr bzw. nach Anknüpfung an reale Personen und Situatio- 
nen. Der wichtigste Motor dieses Verhaltens ist die libidiiiöse Un- 
befriedigtheit des Patienten; es ist somit zu erwarten, daß er seine 
unbewußten Ansprüche und Ängste auch mit dem Analytiker und der 
analytischen Situation verknüpfen wird. Daraus entsteht die „Über- 
tragung", das heißt die Herstellung von Beziehungen zum Analytiker, 
die von Haß, Liebe oder Angst getragen sind. Diese Einstellungen, 
die sich in der Analyse neu ergeben, sind aber bloß Wiederholungen 
alter, meist kindlicher, dem Kranken in ihrer Bedeutung nicht be- 
wußter Einstellungen zu Personen seiner Kindheit, die für ihn seiner- 
zeit eine besondere Bedeutung gewouneu hatten. Diese Übertragungen 
müssen prinzipiell als solche behandelt, das heißt durch Aufdeckung 
ihrer Beziehungen zur Kindheit „aufgelöst" werden. Da sich jede 
Neurose ausnahmslos auf Konflikten der Kindheit vor dem 4. Lebens- 
jahre aufbaut, die seinerzeit nicht erledigt werden konnten, diese 
Konflikte aber in der Übertragung neu belebt werden, bildet die 
Analyse der Übertragung im Zusammenhange mit der Auflösung der 
Widerstände das wichtigste Stück der analytischen Arbeit. Da der 
Kranke ferner in der Übertragung entweder die analytisch auf- 
klärende Arbeit durch Befriedigung der alten unbefriedigt gebliebe- 
nen Liebesansprüche und Haßimpulse zu ersetzen sucht oder aber 
sich gegen die Kenntnisnahme dieser Einstellungen ebenfalls wehrt, 
wird die Übertragung meist zum Widerstände, das heißt, sie behindert 
den Fortschritt der Behandlung. Die negativen Übertragungen, die 
übertragenen Hafieinstelluugen sind von Anbeginn als Widerstände 
kenntlich, während die Übertragung positiver Liebeseinstellungen 
erst durcb Umschlagen in negative Übertragung infolge Enttäuschung 
oder Angst zum Widerstände werden. 

Nur solange man über die analytische Therapie und die Technik 
wenig, jedenfalls ungenügend und unsystematisch diskutierte, konnte 
man der Ansicht sein, daß sich auf der skizzierten gemeinsamen 
Grundlage auch eine von allen in der gleichen Weise geübte Praxis 
herausgebildet hatte. In vielen Einzelfragen traf diese Ansicht zu; 
aber schon bei der Auffassung des Begriffes der „analytischen Passi- 
vität" gibt es die verschiedensten Auslegungen. Die extremste und 
sicher auch luirichtigste ist die, daß man nur schwelgen müsse, alles 



Probleme der psychoanalytischen Technik 21 

Übrige ergäbe sich dann von selbst. Über die Aufgabe des Analytikers 
in der analytischen Behandlung herrschten und herrschen verworrene 
Ansichten. Man weiß zwar noch allgemein, daß er die Widerstände 
aufzulösen und die Übertragung zu „handhaben" hat, aber wie und 
wann das zu geschehen hat, wie verschieden sein Verhalten bei der 
Erledigung dieser Aufgabe in den verschiedenen Fällen und Situatio- 
nen sein muß, war nie systematisch diskutiert worden; schon bei den 
primitivsten Fragen des analytischen Alltags müssen daher die An- 
sichten weit auseinander gehen. Wenn zum Beispiel eine bestimmte 
Widerstandssituation dargestellt wird, so meint der eine Analytiker, 
man müßte dies, der andere, man müßte das, der dritte, man sollte 
jenes tun. Und wenn man dann mit den vielen Ratschlägen wieder an 
seinen Fall herantritt, ergeben sich unzählige andere Möglichkeiten, 
und die Verwirrung wird oft viel größer als zuvor. Und doch ist an- 
zunehmen, daß eine bestimmte analytische Situation unter gegebe- 
nen Verhältnissen und Bedingungen nur eine einzige, optimale 
LösungsmöglichkcJt zulasse, daß nur eine einzige Form der Hand- 
habung der Technik in diesem speziellen Falle wirklich die richtige 
sein könne. Das gilt nicht nur für die einzelne Situation, es betrifft 
die gesamte analytische Technik. Die Aufgabe ist daher festzustellen, 
welche Kriterien diese eine richtige Technik hat, und vor allem, wie 
man zu ihr gelangt. 

Es dauerte lange, bis klar wurde, worauf es ankommt: aus der 
jeweiligen analytischen Situation selbst durch 
genaue Zerlegung ihrer Details die Situations- 
technik hervorgehen zu lassen. Diese Methode, die ana- 
lytische Technik zu entwickeln, wurde am Wiener technischen Semi- 
nar strikt eingehalten und bewährte sich in vielen Fällen, immer 
dort, wo die theoretische Erfassung der analytischen Situation mög- 
lich war, restlos. Man vermied, Ratschläge zu erteilen, die letzten 
Endes Geschmackssache waren, imd diskutierte die Schwierigkeif, 
etwa eine Widerstandssituation so lange, bis sich aus der Diskussion 
die notwendige Maßnahme eindeutig bestimmt von selbst ergab; man 
halte dann das Empfinden, daß es nur so richtig sein könne und 
nicht anders. Derart hatte man eine Methode gewonnen, die Anwen- 
dung des analytischen Materials auf die analytische Technik zu er- 
lernen, wenn auch nicht in jedem Fall, so doch in vielen Fällen und 
— vor allem — prinzipiell. Unsere Technik ist kein Prinzip, das auf 
festgelegten Praktiken beruht, sondern eine Methode, die sich auf 



22 



Probleme der psychoanalytischen Technik 



gewissen theoretischen Grundprinzipien aufbaut, aber im übrigen 
nur im Einzelfalle und in der Einzelsituation bestimmbar ist. Es ist 
etwa ein Grundprinzip, daß man alle Manifestationen des Unbe- 
wußten durch Deutung bewußt zu machen hat. Aber ist damit aus- 
gesagt, daß man dieses Unbewußte sofort deutet, sobald es sich nur 
einigermaßen klar zeigt? Es ist ein Grundprinzip, daß man alle 
Übertragungsäußerungen auf ihre infantilen Quellen zurückführt; 
aber ist damit schon ausgesagt, in welchem Zeitpunkte und wie das 
zu geschehen hat? Man hat negative und positive Ubertragungsäuße- 
rungen gleichzeitig vor sich; beide sind prinzipiell „aufzulösen", aber 
ist es nicht berechtigt, zu fragen, was zuerst und in welcJier Schicht 
es zu lösen ist und welche Bedingungen dafür maßgebend sind? 
Genügt da die Tatsache, daß die Zeichen der ambivalenten Übertra- 
gung vorliegen? Es läge nahe, gegen den Versuch, in jedem Einzel- 
falle die Reihenfolge und Betontheit sowie Tiefe der notwendigen 
Deutungen aus der momentanen Gesamfsituatfon abzuleiten, einzu- 
wenden, man deute alles, wie es komme. Dem ist entgegenzuhalten: 
Wenn unzählige Erfahrungen und die nachträgliche theoretische 
Ordnung dieser Erfahrungen lehren, daß das Deuten des gesamten 
Materials, so und in der Reihenfolge, wie es erscheint, in einer ganz 
großen Zahl von Fällen nicht den Zweck der Deutung, niinilich die 
therapeutische Beeinflussung erzielt, so muß man nach den Be- 
dingungen forschen, die die therapeutische Wirksamkeit einer Deu- 
tung begründen. Sie liegen in jedem Falle anders, und wenn sich 
auch einige allgemeine Grundsätze für die Deutung technisch er- 
geben, so besagen sie nicht viel gegenüber dem überragenden Grund- 
satz, daß man aus jedem Einzelfalle und aus jeder Einzelsituation 
die besondere Technik des Falles und der einzelnen Situation zu er- 
ringen versuchen muß, ohne dabei den Gesamtzusnmmenhang in der 
Entwicklung des analytischen Prozesses zu verlieren. Ratscldäge und 
Ansichten wie, das oder jenes müsse „analysiert werden", oder man 
müsse „Kalt richtig analysieren", sind Geschraacksangelegenheiten, 
aber keine technischen Grundsätze. Was das heifit: „analysieren", 
bleibt dann meist weiter das dunkle Rätsel. Man kann auch nicht 
im Vertrauen auf die Dauer der Behandlung Trost suchen. Die Zeit 
allein schafft es nicht. Das Vertrauen auf die Dauer der Behandlung 
hat nur dann einen Sinn, wenn die Analyse sich entwickelt, das lieißt 
wenn man die Widerstände versteht und dementsprechend die Analyse 
einleiten kann. Dann spielt natürlich die Zeit keine Rolle und darf 



Probleme der psychoanalytischen Technik 28 

keine spielen. Aber es ist sinnlos, vom Abwarten allein den Erfolg 
zu erwarten. ... . .-«d ■' • 

Wir werden zu zeigen haben, wie wesentlich die korrekte Erfas- 
sung und Handhabung des ersten Ubertragtingswid erstand es für 
die gesetzmäßige Entwicklung der Behandlung ist. Es ist nicht gleich- 
gültig, an welchem Detail, in welcher Sckicht die Übertragungs- 
neurose analytisch zum ersten Male angegangen wird, ob man aus 
der Fülle des Dargebotenen dieses oder jenes Stück zuerst heraus- 
greift, ob man zuerst das manifest gewordene unbewußte Material 
oder den dazugehörigen Widerstand deutet usf. Deutet man das 
Material, so wie es sich darbietet, so geht man von der vorgefaßten 
Meinung aus, daß „Material" auch immer analytisch verwertbares, 
das heifit therapeutisch wirksames Material sei. Doch dabei kommt 
es vor allem auf seine dynamische Wertigkeit an. Meine Bemütungen 
um eine Theorie der Technik und Therapie gehen gerade dahin, sowohl 
allgemeine wie auch in jedem Falle besondere Gesichtspunkte für die 
gesetzmäßige Anwendung des Materials auf die technische 
Handhabung des Falles zu gewinnen, mit anderen Worten, bei jeder 
Deutung genau zu wissen, aus welchem Grunde und zu welchem 
Zwecke gedeutet wird, und nicht nur Deutungen anzubringen. Wenn 
man das Material in der Reihenfolge deutet, in der es auffaucht, in 
jedem Falle, gleichgültig, ob der Patient tauscht, das Material vor- 
schiebt, eine Hafieinstellung verbirgt, innerlich höhnisch lächelt, 
affektgesperrt ist usw., so kann man künftigen hoffnungslosen Situatio- 
nen nicht entgehen. Man erliegt, derart vorgehend, einem Schema, das 
allen Fällen aufgedrängt wird, ohne Rücksicht auf die i n d i v i d u e 1- 
1 e n Gesetzmäßigkeiten des Falles, hinsichtlich des Zeitpunktes und 
der Tiefe der Deutimg, die notwendig wird. Nur bei straffer Ein- 
haltung der Regel, aus jeder Situation die Technik abzuleiten, kann 
man sich der Erfüllung der Forderung nähern, in jedem Fall genau 
angeben zu können, warum man den Fall geheilt bzw. nicht geheilt 
hat. Es bedarf keines Beweises, daß unsere Therapie nicht den 
Namen einer wissenschaftlichen, kausalen Therapie verdiente, wenn 
man dieser Forderung, wenigstens bei den durchschnittlichen Fällen, 
nicht genügte. Gibt man sich aber Rechenschaft über die Gründe 
des Mißlingens einer Analyse, so greift man nicht zur Auskunft, der 
Patient hätte „nicht gesund werden wollen", oder er wäre nicht zu- 
gänglich gewesen; denn gerade dies ist ja unsere Frage, warum er 
nicht gesund werden wollte oder nicht zugänglich war. 



24 



Probleme der psychoanalytischen Technik 



■ Es soll kein „System" der Technik versucht werden. Nicht darum 
handelt es sich, ein für alle Fälle gültiges Schema zu eutwcrfen, son- 
dern eine auf unserer Neurosenlehre beruhende Grundlage für die Er- 
fassung unserer therapeutischen Aufgaben zu schaffen, also einen 
weiten Rahmen zu zeichnen, innerhalb dessen sich genügend Spiel- 
raum für die individuelle Anwendung der allgemeinen Grundlage 
findet. 

Ich habe den von Freud angegebenen Grundsätzen der Deutung 
des Unbewußten und seiner allgemeinen Formel, daß die analytische 
Arbeit im Beheben der Widerstände und in der Handhabung der 
Übertragung beruhe, nichts hinzuzufügen. Die folgenden Ausführun- 
gen erheben jedoch den Anspruch, als konsequente Durchführung der 
analytischen Prinzipien angesehen zu werden, wodurch sich auch neue 
Gebiete der analytischen Arbeit eröffnen. Würden unsere Patienten 
von Anbeginn die Grundregeln auch nur annähernd befolgen, es be- 
stünde kein Grund, ein Buch über Charakteranalyse zu .schreiben. 
Leider ist es so, daß die wenigsten unserer Patienten von Anbeginn 
analysefähig sind; sie befolgen die Grundregel erst nach gelungener 
Auflockerung der Widerstände. Wir werden uns also bloH mit der 
Einleitung der Behandlung bis zu dem Zeitpunkte besehäftigen, in 
dem man dem Patienten die Führung der Analyse ohne Gefahr ruhig 
überlassen kann; die „analytische Erziehung zur Analyse" ist das 
erste Problem. Die Beendigung der Analyse, das Problem der Lösung 
der Übertragung und der Erziehung zur Realität ist das zweite. Das 
Mittelstück, sozusagen der Rumpf der Analyse, wird uns nur insoweit 
interessieren, als er aus der Einleitung der Behandlung hervor- und 
in ihren Abschluß übergeht. 

Doch zunächst bedarf es einer kurzen theoretischen Überlegung 
der libidoökonomischen Grundlage der analytischen Therapie. 



.- ■( 



II. Der ökonomisclie Gesichtspunkt in der Theorie 
der analytischen Therapie r .i . 



■•]•• 



• ^ .T: 



Als Freud den Boden der kathartischen Therapie verließ, die 
Hypnose als Hilfsmittel der Analyse aufgab und sich auf den Stand- 
punkt stellte, was der Patient dem Arzt im Schlafe sage, müsse er 
auch im Wachen mitteilen können, versuchte er eine Zeitlang, durch 
direkte Deutung der Abkömmlinge des Verdrängten den unbewußten 
Sinn der Symptome dem Bewußtsein des Patienten nahezubringen. 
Nicht lange blieb ihm verborgen, daß diese Methode abhängig war 
von der Bereitschaft des Kranken, das Vermittelte auch zu akzep- 
tieren. Er erriet, daß der Kranke den Mitteilungen einen meist un- 
bewußten „Widerstand" entgegensetzt, und paßte seine Technik dem 
neuen Wissen an, das heißt er verzichtete auf die direkte Deutung und 
versuchte von nun ab das Bewußtwerden des Unbewußten durch Be- 
seitigung der gegen das Verdrängte aufgerichteten Widerstände zu 
ermöglichen. 

Diese kardinale Änderung der theoretischen Auffassung und der 
Technik war der Wendepunkt in der Geschichte der analytischen 
Therapie, an dem die neuere, noch heute gültige Technik einsetzte. 
Das haben die von Freud abgefallenen Schüler nie verstanden, 
selbst Rank kehrte zur alten Methode der direkten Symptom- 
deutung zurück. Der vorliegende Versuch bedeutet nicht mehr, als 
die konsequente Anwendung der neuen Methode der Widerstands- 
technik auch auf die Analyse des Charakters, ganz im Sinne des Fort- 
schritts der analytischen Therapie von der Symptomanalyse zur 
Analyse der Gesamtpersönlichkeit. 

Während in der Zeit der Katharsis die Vorstellung bestand, daß 
es darauf ankomme, den „eingeklemmten Affekt aus der Verdrängung 
zu befreien", um das Symptom zum Sch'winden zu bringen, hieß es 
später — in der Periode der Widerstandsanalyse — vielleicht als 
Überrest aus der Zeit der direkten Deutung des Symptomsinnes, daß 



26 Der ökonomische Gesichtspunkt in der Theorie der analytischen Therapie 

das Symptom schwinden müsse, wenn die ihm zugrunde liegende 
verdrängte Vorstellung bewußt geworden ist. Später, als sich die Un- 
haltbarkeit dieses Satzes herausstellte, als man wiederholt die Er- 
fahrung machte, dafi Symptome oft trotz der Bewußtheit des früher 
TBrdrängt gewesenen Inhaltes bestehen bleiben, änderte Freud in 
einer Diskussion in einer Sitzung der Wiener Psychoanalytischen 
Vereinigxmg die erste Formel dahin ab, daß das Symptom schwinden 
könne, wenn sein unbewußter Gehalt bewußt geworden ist, daß es 
aber nicht schwinden müsse. Nun stand man vor einem neuen 
und schwierigen Problem. Wenn das Bewufitwcrdcn allein zur 
Heilung nicht genügt, was muß dann hinzutreten, damit das Symptom 
verschwinde, von welchen weiteren Umständen hängt es ab. ob das 
Bewußtwerden auch zur Heilung führt oder nicht? Das Bewußt- 
machen des Verdrängten blieb also awar die unerläßliche Voraus- 
setzung der Heilung, ohne sie jedoch spezifisch zu begründen. War 
man einmal vor diese Frage gestellt, so gesellte sich sofort die andere 
hinzu, ob denn dann nicht doch diejenigen Gegner der Psychoanalyse 
recht behielten, die schon immer gemahnt hatten, nach der Analyse 
müsse die „Synthese" erfolgen. Die nächste Überlegung zeigte aber 
nur noch deutlicher, daß es sich lediglich um eine Phrase handelte, 
dafi Freud selbst diesen Einwand restlos widerlegt hatte, wenn er 
am Budapester Kongreß meinte, die Analyse sei gleichzeitig auch 
eine Synthese, da ja jeder Trieb, aus der einen Verbindung gelöst, 
sofort eine neue eingehe. Vielleicht war da die Lösung des Problems 
verborgen? Um welche Triebe handelte es sicli und um welche 
neuen Verbindungen? Ist es gleichgültig, mit welcher Triebsiruktur 
der Patient die Analyse verläßt? Man hat als Analytiker die Gott- 
sucherei in der Psychotherapie aufgegeben und muß sich bescheiden, 
eine Lösung zu finden, die den Ansprüchen des Durchschnittsmenschen, 
nähersteht. Sicherlich krankt sogar die ganze Psychotherapie daran, 
dafi man die primitiv-biologische und die soziologische Grundlage 
alles sogenannt Höheren außer acht läßt. Wieder wies die unerschöpf- 
liche Libidotheorie Freuds, vielfach nicht wenig vernachlässigt in 
den letzten Jahren analytischer Forschung, einen Weg. Aber noch 
gab es zuviel Fragen auf einmal. Um es kurz zu machen, ordnen wir 
sie nach metapsychologischen Gesichtspunkten. 

Vom topischen Gesichtspunkt war die Frage nicht zu lösen, 
vielmehr hatte sich ein solcher Versuch als unzulänglich erwiesen: 
Das Übersetzen einer Vorstellung aus dem Unbewußten ins Bewußte 



Der ökonomische Gesichtspunkt in der Theorie der analytischen Therapie 27 

allein genügt nicht zur Heilung. Die Lösung vom dynamischen 
Standpunkt war aussichtsreicher, aber ebenfalls unzulänglich, obwohl 
sich F e r e n c z i und Rank in den „Entwicklungszielen der Psycho- 
analyse" erfolgreich darum bemüht hatten. Das Abreagieren des 
Vorstellungsaffektcs erleichtert zwar fast regelmäßig das Befinden 
des Patienten, aber meist nur vorübergehend; überdies ist das Ab- 
reagieren in der Analyse, aufler bei gewissen Formen der Hysterie, 
nur schwer in der Konzentration zu erreichen, die das gewünschte 
Pjrgebnis bringen konnte. So blieb nur noch der ökonomische 
Gesichtspunkt: Der Kranke leidet doch au einem inadäquaten, ge- 
störten Libidohaushalt, die biologisch normalen Funktionen seiner 
Sexualität sind teils krankhaft abgeändert, teils gänzlich aufgehoben, 
beides im Gegensatz zum durchschnittlich gesunden Menschen. Und 
ob die Libidoökonomie gewährleistet ist oder nicht, hängt doch sicher 
mit der Triebstruktur zusammen. Man mußte also prinzipiell unter- 
scheiden können zwischen solchen Triebstrukturen, die die adäquate 
Libidoökonomie ermöglichen und solchen, die ihr widersprechen. 
Unsere spätere Unterscheidung zwischen den zwei Idealtypen: dem 
„genitalen" und dem „neurotischen" Charakter, ist ein Versuch, diese 
Frage zu lösen. 

Während nun der topische und der dynamische Gesichtspunkt in 
der alltäglichen Praxis von vornherein leicht zu handhaben waren 
(Bewußtheit oder Unbewußtheit einer Vorstellung, Intensität eines 
affektiven Durchbruchs der Verdrängung usw.), war es nicht gleich 
klar, in welcher Weise der ökonomische Gesichtspunkt seine prak- 
tische Anwendung finden sollte. Handelt es sich doch dabei um den 
quantitativen Faktor des Seelischen, um die Libidoquautität, die ge- 
staut oder abgeführt wird. Wie aber dieser quantitativ bestimmten 
Schwierigkeit beikommen, wenn \\dr in der Psychoanalyse unmittel- 
bar nur mit Qualitäten zu rechnen haben? Zunächst mußte man sich 
darüber klar werden, aus welchem Grunde wir in unserer Neurosen- 
lehre ständig auf den quantitativen Faktor stoßen und warum wir 
mit den Qualitäten des Seelischen allein nicht unser Auslangen 
finden, wenn wir seelische Phänomene zu erklären haben. Während 
so Empirie und Überlegung in Fragen der analytischen Therapie 
ständig auf die Frage der Quantität hinwiesen, ergab sich völlig un- 
erwartet eine empirische Auskunft. 

Die analytische Praxis lehrte nämlich, daß manche Fälle trotz 
langdauernder und ausgiebiger Analyse refraktär bleiben, andere 



28 Der ökonomische Gesichispunkt in der Theorie der analytischen Therapie 

hingegen trotz unvollständiger Aufdeckung des Unbewußten zu an- 
haltender praktischer Gesundung gelangen können. Beim Vergleich 
dieser zwei Gruppen stellte es sich heraus,^) daß jene Fälle, die 
refraktär blieben oder rasch rezidivierten, nach der Analyse zu 
keinem geordneten Sexualleben gekommen waren oder auch nachher 
abstinent zu leben fortgefahren hatten, diese hingegen, dazu durch 
eine partielle Analyse befähigt, sehr bald ein dauernd befriedigendes 
Sexualleben aufgenommen hatten. Bei einer Untersuchung über die 
Prognose der Durchschnittsfälle stellte es sich weiter heraus, daß die 
Aussichten der Heilung unter sonst gleichen Bedingungen um so 
günstiger sind, je vollständiger der genitale Primat in der Kindheit 
und in der Pubertät aktiviert wurde, bzw. die Heilung in dem Maße 
erschwert ist, je weniger Libido der genitalen Zone in der kindlichen 
Frühzeit zugewendet worden war; als mehr oder minder unangreif- 
bar erwiesen sich diejenigen Fälle, die in der Kindheit den genitalen 
Primat gar nicht aktiviert, sondern das Genitale ausschließlich im 
Sinne der Anal-, Oral- und Urethralerotik betätigt hatten.^) Wenn 
aber die Genitalität sich als ein so wichtiges prognostisches Kriterium 
erwies, so lag nahe, die Fälle auf die Indizien der Gcnitulilät, auf 
ihre Potenz zu untersuchen. Dabei ergab sich, daß es keine weib- 
lichen Patienten ohne Störung der vaginalen, und fast keine männ- 
lichen ohne Störung der ejakulativen oder erektivcn Potenz gab. Die 
Patienten aber, die keine Störungen der Potenz im üblichen Sinne 
hatten, die geringe Zahl der erektiv potenten Neurotiker, genügte, 
um den Wert der Genitalität für das Verständnis der Ökonomik der 
Heilung zu erschüttern. 

Schließlich mußte man zur Überlegung gelangen, daß es gleich- 
gültig ist, ob die erektive Potenz besteht; sagte doch dieser Tatbestand 
nichts über die Libido öko n o ra i e aus. Es kommt offenbar auf die 
Frage an, ob die Fähigkeit, zur adäquaten sexuellen 
Befriedigung zu gelangen, intakt ist. Die Anästhesie der 
weiblichen Patienten ließ ja eine befriedigende Antwort im ver- 
neinenden Sinne zu; hier war klar, woher die Symptome ihre Energie 
bezogen, was die Libidostauung, die ja die spezifische Energiequelle 
der Neurose ist, aufrechterhielt. Der ökonomische Begriff der 



•) Vgl. Reich: „über Genitalität" und „Die therapeutische Bedeutung 
des Genitallibido", Int. Ztschr. f. PsA., X, 1924. u. XI, 1925. 

') Seither ergaben sich Möglichkeiten, auch solche Fälle weitgehend 
zu bessern. 



Der ökonomische Gesichtspunkt in der Theorie der analytischen Therapie 29 

orgastischen Impoteiiz, das heißt der Unfähigkeit zu einer den 
libidinÖsen Ansprüchen adäquaten Lösung der Sexualspammng zu 
gelangen, ergab sich zuerst durch die genauere Untersuchung der 
männlichen Patienten mit erektiver Potenz. Die umfassende Bedeu- 
tung der Genitalität bzw. der orgastischen Impotenz für die Ätiologie 
der Neurosen wurde in meinem Buche über „Die Fuuktion des Orgas- 
mus" dargelegt. Wichtig in theoretischer Hinsicht auch für die 
charakt erologischen Untersuchungen wurde die Genitaifunktion erst 
durch ihre Beziehungen zur Theorie der Aktualneurosen. So 
war mit einem Male klar, wo das Problem der Quantität verankert 
lag: es konnte nichts anderes sein, als die organische Grundlage, der 
„somatischeKernderNeuros e", die Aktualneurose, die sich 
aus der gestauten Libido entwickelt. Und das ökonomische Problem 
der Neurose sowohl wie ihrer Heilung lag somit zu einem großen 
Teile auf somatischem Gebiet, war nur zugänglich über die somati- 
schen Inhalte des Libidobegriffes.^) 

Jetzt konnte man auch besser gerüstet an die Frage herantreten 
was zum Bewufitwerden des Unbewußten hinzutreten muß, um das 
Symptom zum Schwinden zu bringen. Bewußt wird nur der Sinn 
(Vorsteliungsinlialt) des Symptoms; in dynamischer Hinsicht bringt 
der Vorgang des Bewußtwerdens selbst eine gewisse Erleichterung 
durch die Abfuhr, die mit dem Bewußtwerden verbunden ist, und 
durch die Aufhebung von einem Stück vorbewufiter Gegeubesetzung, 
Aber mit diesen Vorgängen allein wird an der Quelle der Energie 
des Symptoms oder neurotischen Charakterzuges wenig verändert, 
die Libidostauung besteht trotz der Bewußtheit des Symptomsinnes 
weiter. Zum Teil ist der Druck der hochgespannten Libido durch 
intensive Arbeit zu mildern, aber die überwiegende Mehrzahl unserer 
Patienten bedarf der genitalen Sexualbefriedigung (weil die Prä- 
genitalität keinen Orgasmus vermitteln kann) zur endgültigen Lösung 
der Sexualspaunung. Erst mit diesem Vorgang, der durch die Analyse 
ermöglicht wird, erfolgt die Umstellung auch in ökonomischer Hin- 
sicht. Ich versuchte, das seinerzeit dahin zu formulieren, daß die 
Analyse durch die Aufhebung der Sexualverdrängungen die Möglich- 
keit einer spontanen Organotherapie der Neurosen 
schaffe. Das letzte therapeutische Agens ist somit 



') Vgl. auch Reich: Die Rolle der Genitalifät in der Neurosen- 
therapie (Ztschr. f. Psychotherapie, B. I, H. 10). 



30 Der ökonomische Gesichtspunkt in der Theorie der analytischen Therapie 

ein organischer Prozeß im sexuellen Stoffwechsel- 
hau s li a 1 1, der mit der Sexualbefriedigung im genitalen Orgasmus 
verbunden ist und mit der Behebung der Aktualneurose, des somati- 
schen Kernes, auch die Grundlage des psychoneurotischen Überbaus 
beseitigt: Seinerzeit, bei der Entstehung der Neurose, schuf zunächst 
eine äußere Hemmung (Realangsi), die dann verinnerlicht wurde, die 
Libidostauung, die ihrerseits wieder den Erlebnissen des Ödipusalters 
ihre pathogene Kraft verlieh und, aktuell infolge der Sexualverdrän- 
gung fortbestehend, in einer Zirkelwirkmig die Psychoneurosc konstant 
mit Energie speist; die Therapie geht den umgekehrten Weg, indem 
sie zuerst die Psychoneurose durch Bewußtmachen der unbewußten 
Hemmungen und Fixierungen zersetzt und so den Weg zur Behebung 
der Libidostauung freilegt; ist diese einmal behoben, so ist, wieder in 
einer Zirkelwirkung, auch die Verdrängung und die Psychoneurose 
unnötig, ja mebr: unmöglich geworden. 

Dies ist in großen Zügen die Auffassung, die ich bezüglich der 
Rolle des somatischen Kernes der Neurose in dem früher genannten 
Buche entwickelte. Für die Technik der Analyse ergibt sich daraus 
ein weiter Rahmen und ein umschriebenes Ziel der Therapie: Her- 
stellung des genitalen Primats nicht nur theoretisch, sondern faktisch, 
das heißt: der Patient muß durch die Analyse zu 
einem geordneten und befriedigenden Genital- 
leben gelangen — wenn er gesund werden und bleiben soll. 
Wie weit man auch in manchen Fällen dahinter zurückbleibt, es ist 
auf Grund unserer Einsichten in die Dynamik der Libidosianiing das 
eigentliche Ziel unserer Bestrebungen. Es ist nicht ungefährlich, die 
therapeutische Forderung nach der effektiven Sexualbcfriedigung 
weniger strikt zum Ziele zu erheben als die nach Sublimierung, schon 
deshalb, weil die Sublim ierungsfähigkeit eine noch unverstandene 
Gabe ist, die Fähigkeit zur Sexualbefriedigung, wenn auch bedeutend 
eingeschränkt durch soziale Faktoren, ist hingegen durch Analyse 
durchschnittlich herstellbar. Es ist leicht verständlich, daß die Um- 
stellung des Akzents des Behandlungszieles von der Sublimierung 
auf die direkte Sexualbefriedigung den Sektor unserer therapeutischen 
Möglichkeiten beträchtlich erweitert. Aber gerade bei dieser Um- 
stellung begegnen wir Schwierigkeiten sozialer Natur, die wir nicht 
unterschätzen dürfen. 

Daß aber dieses Ziel nicht durch Erziehung, „Synthese" oder 
Suggestion, sondern nur durch gründliche Analyse der Charakter- 



Der ökonomische Gesichtspunkt in der Theorie der analytischen Therapie 31 

liehen Sexualhemmungen erreicht wird, werden die folgenden 
technischen Ausführungen zu zeigen haben. Doch zunächst noch 
einige Bemerkungen zur Darstellung der Aufgaben bei Nun b erg. 
N u n b e r g versucht in seinem Buche „Allgemeine Neurosen- 
lehre" eine Darstellung der Theorie der psychoanalytischen Therapie, 
der wir das Wichtigste entnehmen. Er meint, die „erste therapeutische 
Aufgabe wäre . . ., den Trieben zur Entladung zu verhelfen und ihnen 
den Zugang zum Bewußtsein zu verschaffen". Weiter sieht N u n b e r g 
eine wichtige Aufgabe darin, „daß zwischen den beiden Teilen der 
Persönlichkeit, dem Ich und dem Es, Friede hergestellt wird, in dem 
Sinne, daß die Triebe nicht mehr eine aus der Organisation des Ichs 
ausgeschaltete Sonderexistenz führen und daß das Ich seine syn- 
thetische Macht wiedergewinnt". Das ist, wenn auch unvollständig, 
so doch im wesentlichen richtig. N u n b e r g vertritt aber auch die 
alte, seither durch die Praxis korrigierte Anschauung, daß im Akte 
des Erinnerns sich psychische Energie entlädt, daß sie sozusagen im 
Bewußtseinsakte „verpufft". Er macht also anläßlich der dynami- 
schen Erklärung der Heilung halt beim Bewußtwerden des Verdräng- 
ten, ohne zu fragen, ob denn die geringen Affektquantitäten, die dabei 
abgeführt werden, auch hinreichen, um die gesamte gestaute Libido 
abzuführen und den Energiehaushalt in Ordnung zu bringen. Würde 
N u n b e r g, um diesem Einwand zu begegnen, vorbringen, daß die 
ganze Menge der gestauten Energie sich im Laufe der vielen Bewußt- 
werdungsakte erledige, so könnte man ihm eine Fülle von klinischen 
Erfahrungen entgegenhalten, aus denen klar folgender Tatbestand 
hervorgeht: Der geringere Teil der an einer verdrängten Vorstellung 
haftenden Affekte löst sich im Bewußtseinsakt; der weitaus größere 
und bedeutsamere jedoch verschiebt sich sehr bald nachher auf ein 
anderes Stück unbewußter Tätigkeit, wenn der Affekt an der Vor- 
stellung selbst haftete, oder eine Affektlösung findet gar nicht statt, 
wenn der Affekt etwa in einer Charaktereigenheit verarbeitet 
wurde; dann bleibt das Bewußtwerden unbewußten Materials ohne 
therapeutischen Effekt. Man kann also auf keinen Fall die Dynamik 
der Heilung aus dem Bewufitwerden allein ableiten. 

Daraus ergibt sich eine weitere notwendige Kritik an Formu- 
lierungen Ton Nunberg. Er schreibt, der Wiederholungszwang 
wirke sich unabhängig von der Übertragung aus und beruhe auf der 
Anziehungskraft der infantilen verdrängten Vorstellungen. Das würde 
stimmen, wenn der Wiederholungszwang eine ursprüngliche, nicht 



32 Der ökonomische Gesichtspunkt in der Theorie der analytischen Therapie 

■weiter ableitbare psychische Gegebenheit wäre. Die khnische Er- 
fahrung zeigt dagegen, daß die große Anziehungskraft der unbe- 
wußten und infantilen Vorstellungen aus der Macht der unbefriedig- 
ten Sexualbedürfnissc sich ergibt und daß sie ihren zwangsmäfiigen 
Wiederholungscharakter nur solange beibehält, als die reife sexuelle 
Befriedigungsmöglichkeit versperrt ist. Der neurotische Wieder- 
holungszwang ist also abhängig von der libidoökoiiomischen Situation. 
Von hier aus wie auch vom Standpunkt der später über den neuroti- 
schen und den genitalen Charakter zu treffenden Formulierungen 
kann der von N u n b e r g mit Recht postulierte Friede zwischen 
Ich und Es nur auf einer bestimmten sexualökonomischen Basis 
hergestellt werden: erstens durch Ablösung der prägcnitalen durch 
genitale Strebungen, zweitens durch effektive Befriedigung der 
genitalen Ansprüche, die auch das Problem der endgültigen Auf- 
hebung der Stauung löst. -_•.■-:■•■■'•-:, . . ■ " 

Aus der genannten theoretischen Annahme N u n h e r g s folgt 
eine technische Haltung, die wir nicht als die eigentlich analytische 
ansehen können. Nunberg fordert, daß die Widerstände nicht 
direkt angegangen werden, sondern daß die positive Übertragung da- 
gegen mobilisiert werde, indem sich der Analytiker in das Ich des 
Patienten einschleicht, um dort die Zerstörung der Widerstände in 
Angriff zu nehmen. Dadurch entstünde, meint N u n b e r g, eine ähn- 
liche Beziehung wie zwischen Hypnotisiertem und Hypnotiseur. „Da 
der Analytiker nun im Ich mit Libido umgeben wird, neutralisiert er 
gewissermaßen die Strenge des Über- Ichs selbst." Dadurch werde der 
Analytiker prädestiniert, die Versöhnung der entzweiten Teile der 
neurotischen Persönlichkeit herbeizuführen. 

Dagegen ist zu sagen: 

a) Gerade dieses Einschleichen in das Ich ist therapeutisch in 
vielen Fällen gefährlich, denn im Beginne gibt es, wie später ein- 
gehend dargelegt werden soll, keine tragfähige, echte positive Über- 
tragung. Es handelt sich da immer um narzißtische Einstellungen, wie 
etwa kindliche Anlehnungsbedürftigkeit, die rasch in Haß umschlagen 
kann, weil die Enttäuschungsreaktion mächtiger als die positive 
Objektbeziehung ist. Ein solches Einschleichen zum Zwecke der Um- 
gehung und „inneren Zersetzung" der Widerstände bedeutet insofern 
eine Gefahr, als die Widerstände dadurch maskiert werden können, 
und, was wesentlicher ist, sich der alte Zustand, wenn nicht schwerste 



Der ökonomische Gesichtspunkt in der Theorie der analytischen Therapie 33 

Enttäuschungsreaktionen sofort einstellen, sobald die schwache Ob- 
jektbeziehung nachläßt oder von anderen Übertragungen zersetzt 
wird. Gerade durch solches Vorgehen erzielen wir die schwersten, 
zu spät in Erscheinung tretenden, in ihrer Entwicklung nicht über- 
blickbaren Äußerungen negativer Übertragung. Das Ergebnis ist 
dann sehr oft Abbruch der Analyse durch den Patienten, aber auch 
gelegentlich Suicid. Es muß ausgesprochen werden, daß die Suicide 
von Patienten sich besonders leicht dann ereignen, wenn diese Art 
der Herstellung einer künstlichen positiven, hypnoiden Einstellung 
allzu gut gelungen ist, während die offene, klare, freilich auch von 
positiven Einstellungen getragene Herausarbeitung der aggressiven 
und narzißtischen Reaktionen einen Suicid ebenso wie den Abbruch 
verhindert. Das klingt paradox, entspricht aber der Arbeitsweise der 
psychischen Apparatur. 

b) Durch das Einschleichen der positiven Übertragung (statt 
ihrer Herauskristallisierung aus den infantilen Fixierungen) entsteht 
die Gefahr einer oberflächlichen Aufnahme der Deutungen, die so- 
wohl den Analytiker wie den Patienten so lange über die wahre 
Situation hinwegtäuschen kann, bis es sehr oft zu spat wird, die 
Sachlage zu korrigieren. Die Hypnosebeziehung stellt sich leider all- 
zuoft ein, ist aber als Widerstand zu entlarven und zu beseitigen. 

c) Wenn die Angst im Beginne schwindet, so ist das nur ein Be- 
weis dafür, daß der Patient ein Stück seiner Libido der Übertragung 
— auch der negativen — zugewendet hat, nicht aber daß er Angst 
aufgelöst hat. Man wird allzu heftige Angst durch irgendeine Form 
der Beruhigung dämpfen, um die analytische Arbeit zu ermöglichen 
aber im übrigen dem Patienten klarmachen, daß die Gesundung nur 
über Mobilisierung größtmöglicher Quantitäten von Aggression und 
Angst erfolgen könne. 

Die folgende Darstellung vom typischen Ablauf einer analyti- 
schen Behandlung, die N u n b e r g gibt, kenne ich aus eigenen Er- 
fahrungen sehr gut. Ich kann nur anfügen, daß ich auf das eifrigste 
bestrebt bin, solche Abläufe zu verhindern und gerade aus diesem 
Grunde der Widerstandstechnik im Beginne der Behandlung soviel 
Aufmerksamkeit schenke. Das Folgende ist das häufigste Ergebnis 
einer Analyse bei unauf gearbeitet er negativer Übertragung im An- 
fang der Behandlung, sowie einer falschen Einschätzung der Trag- 
fähigkeit der positiven Übertragung unserer Kranken: 

Charakteranalyse • 



34 Der ökonomische Gesichtspunkt in der Theorie der analytischen Therapie 

„Eine Zeitlang herrscht vollkommenes Einverständnis zwischen 
dem Patienten und dem Analytiker, ja der Patient verläßt sich voll- 
kommen auf ihn, auch in den Deutungen, und würde das, wenn es 
möglich wäre, auch im Erinnern tun. Es kommt aber bald der 
Augenblick, wo dieses Einvernehmen gestört wird. Wie bereits er- 
wähnt, werden die Widerstände immer stärker, je tiefer die Analyse 
geht, und zwar um so mehr, je naher man an die pathogene Aus- 
gangssituation herankommt. Außerdem gesellt sich noch zu diesen 
Schwierigkeiten das Moment der Versagung hinzu, die sich doch ein- 
mal in der Übertragung einstellen muß, da die persönlichen An- 
sprüche des Patienten an den Analytiker nicht befriedigt werden 
können. Auf die Versagung reagieren die meisten Patienten mit 
Nachlassen der Arbeit, mit Agieren, das heißt sie benehmen sich so, 
wie sie sich früher einmal in analogen Situationen benommen haben. 
Damit, könnte man meinen, bringen sie eine gewisse Aktivität zum 
Ausdruck; ... im Gegenteil, sie weichen ihr aus, sie verhalten sich 
also im Grunde ihr gegenüber passiv. Der Wiederholungszwang, der 
ja die Fixierungen herbeiführen hilft, beherrscht also die psychi- 
schen Äußerungen des Verdrängten auch in der Ubertragungssituation. 
Der Patient überläßt nun ein Stück aktiver Arbeit dem Analytiker: 
das Erraten, was er ausdrücken will und nicht imstande ist, zu sagen. 
In der Regel handelt es sich um das Geliebtwerden. Die eigene All- 
macht der Ausdrucksmittel {die auch wortlos sein können) und die 
supponierte Allmacht des Arztes werden auf die äußerste Probe ge- 
stellt. Zum Teil gelingt es dem Analytiker, diese Widerstände zu 
entlarven, zum Teil ist ein Erraten unmöglich. Der Konflikt, der 
kein innerer mehr ist, sondern einer zwischen dem Patienten und dem 
Analytiker, wird somit auf die Spitze getrieben. Die Analyse 
droht in Brüche zu gehen, das heißt der Patient 
steht vor der Wahl, den Analytiker und dessen 
Liebe zu verlieren oder aber wieder aktive Arbeit 
zu leisten (von mir gesperrt, W.R.). Ist die Übertragung eine 
tragfähige, das heißt verfügt der Patient wieder über ein Mindestmaß 
aus den Fixierungen bereits gelockerter Objektlibido, so bekommt er 
Angst vor dem Verluste. In solchen Fällen ereignet sich oft etwas 
Merkwürdiges, Wenn der Analytiker bereits die Hoffnung auf den 
günstigen Ausgang der Analyse aufgegeben, das Interesse an dem 
Fall verloren hat, kommt plötzlich eine Fülle von Material, welches 
ein rasches Ende der Analyse verspricht" (1. c. S. 305). 



Der ökonomische Gesichtspunkt in der Theorie der analytischen Therapie 36 

Eine zielsichere, geordnete und systematische Widerstandsanalyse 
gelingt gewiß nicht in allen Fällen. Wo sie gelingt, kommt eine der- 
artige Hoffnungslosigkeit in der Analyse nicht zustande. Wo sie nicht 
gelingt, sind solche Situationen sehr häufig, in ihrem Ausgang un- 
sicher, so daß wir gerade dadurch gezwungen sind, der Widerstands- 
technik die größte Aufmerksamkeit zu schenken. 



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III. Zur Technik der Deutung und der 
Widerstandsanalyse') 

Über die gesetzmäßige Entwicklung der Ubertragungsncurose 

1. Einige typische Fehler in der Deutungstechnik 

und ihre Folgen 

Wir müssen an der analytischen Arbüif zwei Anteile unterschei- 
den; erstens die Herstellung des Kranken, zweitens seine Im- 
munisierung, soweit sie schon in der Kur durchzuführen ist. 
Die erste Leistung selbst zerfallt wieder in die vorbereitende Arbeit 
der Einleitungsperiode und den eigentlichen H e i 1 u n g s- 
Vorgang. Diese Unterscheidung ist zwar nur eine künstliche; 
schon die erste Widerstandsdeutung hut mit der eigentlichen Heilung 
viel zu tun. Aber wir lassen uns dadurch nicht beirren. Auch die 
Vorbereitungen zu einer Reise, mit der Freud die Analyse verglich, 
haben mit der Reise selbst viel zu tun, ihr Gelingen mag von ihnen 
abhängen. In der Analyse jedenfalls hängt alles von der Einleitung 
der Behandlung ab. Ein falsch oder unklar eingeleiteter Fall ist nur 
schwer, häufig gar nicht mehr zu retten. Die meisten Fälle bieten die 
größten Schwierigkeiten in der Einleiiungsperiode, luigeachtet der 
Frage, ob sie „gut gehen" oder nicht. Gerade bei Fällen, die in der 
Einleitungsperiode scheinbar glatt verlaufen, bieten sich später die 
größten Schwierigkeiten, weil der glatte Ablauf im Beginne das recht- 
zeitige Erkennen und Beseitigen der Schwierigkeiten ersehwert. 
Fehler, die bei der Einleitung der Behandlung begangen werden, 
lassen sich um so schwerer beheben, je länger die Behandlung ohne 
Korrektur fortgeführt wird. 

Welcher Art sind nun diese besonderen und typisehen Schwierig- 
fceiten der Einleitungsperiode? 



') Zuerst vorgetragen im „Seminar für psychoanalytische Therapie' 
in Wien im Juni 1926, abgedruckt in der Int. Ztschr. f. PsA. 1927/2. 



Typische Fehler in der Deutungstechnik 



37 



Skizzieren wir, vorläufig bloß ziir leichterea Orientierung, das 
Ziel, zu dem die Analyse durch die Eialeitungsperiode vorzudringen 
^ hat. Sie mufl zu den Energiequellen der Symptome und des nenroti- 

3 sehen Charakters gelangen, um dort den Heilungsprozefl in Gang zu 
setzen. Dazwischen stehen die Widerstände des Kranken und unter 
ihnen besonders hartnäckig die, die sich aus den Ubertragungs- 
koufiikten herleiten. Sie sollen bewußt gemacht, gedeutet und vom 
Kranken aufgegeben, das heißt innerlich entwertet werden. So dringt 
er immer tiefer zu den affektbesetzten Erinnerungen aus der kind- 
lichen Frühzeit vor. Für uns ist die viel diskutierte Frage, was wesent- 
licher sei: das affektive Wiedererleben (Agieren) oder das Erinnern, 
von keiner Bedeutung. Die Klinik bestätigt die Freud sehe Forde- 
rung, daß der Patient, der das Erlebte mit Vorliebe agierend wieder- 
holt, nicht nur das Agierte verstehen, sondern auch affektvoll er- 
innern muß, um seine Konflikte an der Wurzel zu erledigen. Aber 
ich will unserem Programm nicht vorgreifen und erwähnte das bloß, 
um nicht den Eindruck zu erwecken, als wäre in der Widerstands- 
und Übertragungsanalyse die ganze Leistung zu erblicken, nur weil 
wir in diesem Abschnitt nichts anderes als die Grundsätze der Wider- 
standstechnik vornehmen. 

Welche Entwicklung nehmen viele unserer Fälle statt der zum 
affektiven Erinnern? \ 

Ich erinnere an die Fälle, die daran scheitern, daß der Analytiker 
sich in der Fülle des zutage geförderten Materials infolge der vielen 
heterogenen Übertragungen schließlich nicht auskennt. Wir nennen 
das eine „chaotische Situation" und finden, daß sie durch bestimmte 
Fehler in der Deutungstechnik verursacht wird. Denken wir auch 
an die vielen Fälle, bei denen die negative Übertragung übersehen 
wird, weil sie hinter manifest positiven Haltungen verborgen war 
und schließlich an jene Fälle, die trotz tiefgehender Erinnerungs- 
arbeit keinen Erfolg erzielen, weil ihre Affektlahmheit zu wenig be- 
achtet oder nicht in allererster Linie der Analyse unterzogen wurde. 

Im Gegensatze zu diesen Fällen, die scheinbar in Ordnung ver- 
laufen, in Wahrheit chaotisch enden, sind auch jene gut bekannt, die 
„nicht gehen", das heißt keine Assoziationen liefern und unseren Be- 
mühungen passive Resistenz entgegensetzen. 

Wenn ich nun einige meiner eigenen krassen Mißerfolge skizziere, 
werden wir gleich erkennen, daß sie auf typischen Fehlern beruhen. 
Und die Gleichartigkeit der meisten dieser Mißerfolge weist auf 



38 



Technik der Deutung und der Widerstandsanalyse 



typische Fehler hin, die wir in der Einleitungsperiode begehen, 
Fehler, die nicht mehr zu den bekannten groben Anfängersünden zu 
zählen sind. Wir wollen darüber nicht verzweifeln, denn, wie 
Ferenczi einmal sagte, jede neue Erfahrung kostet uns einen Fall. 
Es kommt nur darauf an, den Fehler zu sehen und in l'lrfalirung um- 
zusetzen. In keinem Zweige der Medizin ist es anders; nur das Be- 
schönigen und das Verheimlichen der Mißerfolge wollen wir unseren 
Kollegen vom anderen Fach überlassen. 

Ein Patient, der an Minderwertigkeitsgefühlen und Befangenheit 
litt, agierte in der Analyse seine Impotenz („Ich kann nichts") in 
Form von Einfallslosigkeit, Statt die Natur dieses Widerstandes zu 
erraten und zu klären und die dahinter verborgenen Hcrabsetzungs- 
tendenzen bewufltzumachen, sagte ich ihm immer wieder, daß er 
nicht arbeiten wolle und keinen Gesundungswillen habe. Ich hatte 
damit ja nicht ganz unrecht, aber die Analyse scheiterte daran, daß 
ich sein „Nichtwollen" nicht weiter bearbeitete, daß ich die Gründe 
des Nichtkönnens nicht zu verstehen versuchte, sondern mich von 
meiner eigenen Unfähigkeit zu diesen sinnlosen Vorwürfen verleiten 
ließ. Jeder Patient hat die Tendenz, krank zu bleiben, und ich weiß, 
daß die Redewendung „Sie wollen nicht gesund werden" ohne weitere 
Erklärungen, einfach als Vorwurf, von vielen Analytikern in un- 
klaren Situationen gebraucht wird. Sie sollte doch aus dem Sprach- 
schatze des Analytikers verschwinden und durcli Solbslkoiiirolle er- 
setzt werden. Denn auch das müssen wir einsehen: Jede uiikUir blei- 
bende Stockung in einer Analyse ist Schuld des Analytikers. 

Ein anderer Fall hatte in dreijähriger Analyse die Urszeiie samt 
dem ganzen Zubehör erinnert, aber nicht ein Mal war seine Affekt- 
lahmheit gewichen, nicht ein Mal hatte er dem Analytiker jene Vor- 
würfe gemacht, die er gegen den Vater — allerdings affckllos — 
dachte. Er wurde nicht geheilt. Ich hatte seinen verhaltenen Haß 
nicht zu entwickeln verstanden. Dieses Beispiel wird manclien Ge- 
legenheit geben, zu triumphieren: Endlich das Zugeständnis, (hiß die 
Aufdeckung der Urszene therapeutisch nichts nützt! Die Betreffen- 
den irren. Ohne Analyse der frühesten Erlebnisse gibt es keine wirk- 
liche Heilung. Es kommt nur darauf an, daß mit den dazugehörigen 
Affekten erinnert wird. 

In einem weiteren Falle war es geschehen, daß in der zweiten 
Woche in einem Traume die Inzestphantasie klar zutage trat und der 
Patient selbst den wahren Sinn erkannte. Ich hörte ein Jahr lang 



Typische Fehler in der Deutimgstechnik: ^ 

nichts mehr davon; der Erfolg war dementsprechend schlecht. Ich 
war um die Erfahrung reicher, daß man gelegentlich allzu rasch 
emportaucheudes Material unterdrücken muß, bis das Ich stark genug 
geworden ist, es zu verarbeiten. 

Ein Fall von Erythrophobie scheiterte daran, daß ich dem ge- 
botenen Material überallhin deutend folgte, ohne vorerst die Wider- 
stände säuberlich beseitigt zu haben. Sie kamen hinterher, allerdings 
in chaotischer Folge und überstark; ich hatte meine Munition ver- 
schossen, meine Erklärungen blieben wirkungslos, eine Ordnung war 
nicht mehr zu erzielen. Ich versichere, daß ich damals, im dritten 
oder vierten Jahre meiner analytischen Praxis, nicht mehr so sehr 
Anfänger war, daß ich gedeutet hätte, wenn das Unbewußte sich 
nicht klar und eindeutig gezeigt hätte und der Patient nicht selbst 
nahe an der Lösung gewesen wäre, wie Freud forderte. Das allein 
genügt aber offenbar nicht, denn diese chaotische Situation war von 
der gleichen Art wie diejenigen, die man in Seminaren und Kontroll- 
analysen kennenlernt. 

Ein Fall klassischer Hysterie mit Dämmerzuständen hätte den 
schönsten Erfolg erzielt, — das darf ich nach späteren Erfahrungen 
an ähnlichen Fällen sagen, — wenn ich die Reaktionen der Patientin 
auf die Analyse der positiven Übertragung, das heißt ihren reaktiven 
Haß, rechtzeitig erfaßt und richtig behandelt hätte. Ich ließ mich 
aber von den — allerdings schönen — Erinnerungen in ein Chaos 
hineinlocken, aus dem ich nicht wieder hinausfand, und die Patientin 
behielt ihre Dämmerzustände. 

Mehrere böse Erfahrungen, die ich infolge fehlerhafter Hand- 
habung der Übertragung anläßlich der Enttäuschungsreaktion ge- 
macht hatte, lehrten mich, die Gefahr zu würdigen, die die aus der 
Übertragungsliebe durch Enttäuschung hervorgegangene oder origi- 
näre negative Übertragung für die Analyse hat. Und erst als ich mir 
von einem Patienten, der eineinhalb Jahre in guter positiver Über- 
tragung glänzend erinnert hatte und trotzdem keinen Erfolg erzielte, 
viele Monate nach Abbruch der Analyse sagen lassen mußte, daß er 
mir nie getraut hatte, lernte ich die Gefahr der latent bleibenden 
negativen Übertragung richtig einschätzen und suchte erfolgreich 
nach Mitteln, sie stets aus ihren Verstecken hervorzuholen, um einen 
solchen Schock nicht mehr zu erleben und — last not least — meine 
therapeutische Pflicht besser zu erfüllen. 

Auch im Technischen Seminar waren wir in den meisten Sitzun- 



40 



Teclinik der Deutung und der Widcrstandsaiialyse 



gen mit der negativen Übertragung, besonders der latenten, be- 
schäftigt. Das war also nicht allein ein individueller blinder Fleck, 
sondern das übersehen der negativen Übertragung scheint ein allge- 
meines Vorkommnis zu sein. Zweifellos ist das auf unseren Narziß- 
mus zurückzuführen, der uns zwar Komplimente gerne hören läßt, 
aber gegen alle negative Strömung im Patienten, wenn sie nicht grob 
aufgetragen ist, völlig blind macht. Es fällt auf, dalJ in der analyti- 
schen Literatur immer nur die positive Einstellung gemeint ist, wenn 
von Übertragung gesprochen wird, und bis auf die Arbeit von 
Landauer („Passive Technik") das Problem der negativen Über- 
tragung meines Wissens vielfach vernachlässigt wurde. 

Das Übersehen der negativen Übertragung ist nur eiuer der 
vielen Fehler, die den Ablauf der Analyse verwirren. Die von uns 
so benannte »chaotische Situation" erleben wir alle, meine Schilde- 
rung kann sich also auf das Allergröbste beschränken. 

Die Erinnerungen und Aktionen sind sehr zahlreich, folgen aber 
dauernd wirr aufeinander, der Analytiker erfahrt sehr viel, der 
Patient bringt viel Material aus allen Schichten seines Unbewußten, 
aus allen Lebensaltern, alles liegt sozusagen in großem Haufen da; 
nichts ist im Sinne des therapeutischen Zieles durchgearbeitet, der 
Patient hat trotz der Fülle des Materials keine Überzeugung von 
dessen Bedeutung gewonnen. Der Analytiker hat viel gedeutet, aber 
die Deutungen haben die Analyse nie nach der einen oder anderen 
Richtung vertieft; der Eindruck ist deutlich, daß alles, was der 
Patient geboten hat, im Dienste eines geheimen, unerkannten Wider- 
standes stand. Gefährlich werden solche chaotische Analysen da- 
durch, daß man lange glaubt, sie gingen sehr gut, nur weil der Patient 
„Material bringt", bis man, gewöhnlich zu spät, erkennt, daß der 
Kranke sieh im Kreise gedreht und das gleiche Material immer nur 
in anderer Beleuchtung gezeigt hat. Aber auf diese Weise könnte er 
auch jahrelang seine Analysestunden ausfüllen, ohne daß sich das 
geringste in seinem Wesen änderte. 

Hier ein charakteristischer Fall, den ich einmal von einem Kollegen 
übernommen hatte. Ein multipler Perverser war bei ihm acht Monate in 
der Analyse gewesen, und in dieser Zeit hatte er unausgesetzt geredet 
und Material aus tiefsten Schichten gebracht; dieses war kontinuierlich 
gedeutet worden. Je mehr gedeutet wurde, desto reichlicher flofi der Strom 
der Assoziationen. Schließlich mußte die Analyse aus äußeren Gründen 
abgebrochen werden und der Patient kam zu mir. Damals waren mir die 
Gefahren der geheimen Widerstände bereits zum Teil bekannt. Mir fiel 



iji' 



Typische Fehler in der Deutungstechnik 



41 



auf, daß der Patient ununterbrochen unbewußtes Material produzierte, 
etwa ganz genau die feinsten Mechanismen des einfachen und doppelten 
Ödipuskomplexes darzustellen wußte; ich fragte den Patienten, ob er denn 
auch all das glaube, was er sage und gehört hatte. „Keine Spur," meinte 
er darauf, „im Gegenteil, ich kann mich bei all dem eines inneren Lächelns 
nicht erwehren." Als ich ihn fragte, warum er denn das dem ersten 
Analytiker nicht gesagt hatte, meinte er, das hätte er nicht für nötig ge- 
halten. — Es war nichts mehr zu machen, trotz energischer Analyse seines 
Lächeln.s, denn er hatte bereits zuviel erfahren; die Deutungen waren 
alle verpufft, und meine eigenen Deutungen prallten sämtlich an seinem 
Lächeln ab. Ich gab ihn nach vier Monaten auf, um eine Erfahrung 
reicher, aber es ist möglich, daß eine längere und konsequentere Deutung 
seiner narzißtischen Abwehr doch einiges erzielt hätte. Doch verfügte ich 
damals noch nicht über die positiven Erfahrungen nach monatelangem 
Bearbeiten des Verhaltens. 

Bemüht, die Ursachen solcher chaotischer Situationen zu finden, 
sehen wir bald, dafi daran folgende Mängel in der Deufungstechnik 
schuld sind: 

1. Zu frühe Deutung des Sinnes der Symptome und anderer 
Äußerungen des zutiefst Unbe%vufiten, besonders der Symbole. Der 
Patient bemächtigte sich im Dienste seiner geheim gebliebenen 
Widerstände der Analyse und zu spät bemerkt man, daß er sich, 
völlig unangetastet, im Kreise dreht. 

2. Deutungen des Materials in der Reihenfolge, in der es sich 
klar geboten hat, ohne daß Rücksicht auf den Aufbau der Neurose 
und die Schichtung des Materials genommen wurde. Der Fehler be- 
ruht darin, daß man nur deshalb deutete, weil das Material klar zu- 
tage trat (unsystematische Sinndeutung). 

3. Aber nicht nur, daß man überallhin deutend folgte, brachte 
die Analyse in Unordnung, sondern auch, daß dies geschah, ehe die 
kardinalen Widerstände bearbeitet wurden. Die Sinndentung ging 
der Widerstandsdeutung voraus. Die Situation wurde noch mehr ver- 
wickelt dadurch, daß die Widerstände sich sehr bald mit der Be- 
ziehung zum Arzt verknüpften und die unsystematischen 
Widerstandsdeutungen auch die Übertragungssituation kom- 
plizierten. 

4. Die Deutung der Ubertragungswiderstände war nicht nur un- 
systematisch, sondern auch inkonsequent, das heißt es wurde 
zu wenig darauf geachtet, daß der Patient die Tendenz hat, seine 
Widerstände wieder zu verbergen, bzw. durch unfruchtbare Leistun- 
gen oder akute Reaktionsbildungen zu maskieren. Die latenten 



42 



Technik der Deutung und der Widerstandsaualyse 



Ubertragungswiderstände wurden meist übersehen oder man fürchtete, 
sie zur Entfaltung zu bringen und ihnen konsequent naciizugeben, 
wenn sie sich — in welcher Form immer — verbargen. 

Diesen Fehlern liegt vermutlich eine unrichtige Auffassung der 
Freud sehen Regel zugrunde, daß man dem Patienten die Führung 
in der Analyse überlassen solle. Damit konnte nur gemeint sein, daß 
man die Arbeit des Kranken nicht stören soll, wenn sie im Sinne 
seines bewußten Gesundungswillens und unserer Heilungsabsichten 
verläuft. Wir müssen aber selbstverständlich eingreifen, sobald die 
Furcht des Patienten, seine Konflikte auszukämpfen, und sein Krank- 
heitswille diesen Ablauf stören. 



2. Geordnete Deutung und Widerstandsanalyse 

Ich habe nun an unseren Leistungen genügend Kritik geübt und 
fürchte fast, die Geduld des Lesers allzusehr in Anspruch genommen 
zu haben, um so mehr, als er jetzt fragen wird, wie denn die richtige 
Technik aussehe, und diese Frage zu beantworten bei weitem nicht 
so leicht ist wie zu kritisieren. Aber ich bin überzeugt, daß er ge- 
nügend Einsicht in die Schwierigkeiten des Themas gewonnen hat, 
um von mir nicht mehr als allgemeinste und nur das Gröbste be- 
treffende Folgerungen aus den eingesehenen Fehlern zu fordern. 

Ehe ich damit beginne, muß ich der Besorgnis Ausdruck gcbeu, 
daß wir uns in einer Schlinge langen könnten, die in der Diskussion 
dieses ganz eigenartigeu Themas liegt: Wir haben mit lebendigem 
und fließendem seelischen Geschehen zu tun und können nichts da- 
für, daß es erstarrt, sobald wir es in Worte fassen und in Sätzen 
dem Zuhörer vermitteln wollen. Was jetzt folgt, wird vermutlich 
sehr den Eindruck eines starren Schemas machen und ist doch kaum 
mehr als eine rohe Skizze über das Gebiet, das wir überblicken und 
noch genau zu studieren haben. Nur einiges Auffallende ist ein- 
gezeichnet, anderes ebenso Wichtige mußte vorderhand vernach- 
lässigt werden; auch die differenzierende Detailarbeit fehlt. Wir 
müssen daher auch jederzeit bereit sein, die Skizze zu korrigieren, 
wenn sich das eine oder das andere als falsch oder weniger bedeut- 
sam oder nicht allgemein zutreffend erweisen sollte. Es kommt nur 
darauf an, daß wir uns verständigen können und nicht aneinander 
vorbeireden, indem jeder eine andere Sprache spricht. Das. was in 
der folgenden Darstellung schematisch erscheint, ist nicht mehr als 



Geordnete Deutung und Widerstandsanalyse 



43 



ein Orient! erungsmittel. Man findet aus einem Gestrüpp nicht 
wieder heraus, wenn man sich nicht au einige feste Stützpunkte, 
etwa an auffallende Formationen des Geländes hält oder einen Kom- 
paß benützt. Ähnliches soll bei unserer Untersuchung der seelischen 
Vorgänge während der Behandlung die Ordnung leisten, die ad hoc 
geschaffen wird, nur zum Zwecke der Orientierung. Auch das 
Schema, das automatisch entsteht, sobald man ein Phänomen von 
den anderen absondert und isoliert betrachtet, ist nur ein wissen- 
schaftlicher Notbehelf. Im übrigen tragen wir ja das Schema, die 
Regel, das Prinzip nicht an den Fall heran, sondern betrachten ihn 
vorurteilsfrei und gewinnen die Orientierung an seinem Material, 
seinem Verhalten, an dem, was er verbirgt oder als Gegenteil dar- 
stellt; erst dann befassen wir uns mit der Frage: Wie verwende ich 
das, was ich von diesem Fall w^eifi. am besten für die Technik 
dieses Falles? Sollte sich nach reichlicher Erfahrung herausstellen, 
was Freud am Budapester Kongreß für wünschenswert hielt, daß 
wir Widerstandstypen aufstellen können, dann werden wir es leichter 
haben, aber auch dann werden wir in jedem einzelnen Falle ab- 
warten müssen, ob er diese oder jene Art typischer Widerstände 
zeigt oder etwa keine Gemeinsamkeiten mit anderen Fällen hat. Die 
geheime negative Übertragung ist nur e i n solcher typischer Wider- 
stand. Wir dürfen daher nicht schon morgen bei unseren Kranken 
nur mehr diesen Widerstand sehen oder ein anderes Orientierungs- 
mittel sofort anwenden. Dieses Mittel kann nur am Material des 
Patienten gewonnen werden. 

Wir haben uns bereits darauf geeinigt, daß man mit tiefergehen- 
den Deutungen zurückhalten muß, solange die erste Front der kar- 
dinalen Widerstände nicht erschien und beseitigt wurde, mag das 
Material noch so gehäuft, klar und an sich deutbar sein. Je mehr 
ein Patient an Erinnerungsmaterial bietet, ohne die entsprechenden 
Widerstände produziert zu haben, desto mißtrauischer muß man sein. 
Auch sonst wird man, vor die Wahl gestellt, Inhalte des Unbewußten 
zu deuten oder gesichtete AViderstände anzugehen, das letztere vor- 
ziehen. Unser Grundsatz lautete: Keine Sinndeutung, wenn 
eine Widerstandsdeutung notwendig ist. Die Begrün- 
dung ist einfach genug. Deutet man vor der Auflösung der dazu- 
gehörigen Widerstände, so akzeptiert der Patient die Deutung ent- 
weder aus Ubertragungsgiünden und wird sie auf die erste negative 
Haltung hin restlos entwerten, oder der Widerstand folgt hinterher. 



44 Technik der Deutung und der Widerstaiidsanalyse 

In beiden Fällen hat die Deutung ihre therapeutische Kraft einge- 
büßt, sie ist verpufft, eine Korrektur gelingt nur sehr schwer oder 
gar nickt mehr. Der Weg, den die Deutung ins tiefe Unbewußte 
nehmen muß, war versperrt. 

Es ist wichtig, den Patienten in den ersten Wochen der Behand- 
lung bei der Entfaltung seiner „analytischen Persönlichkeit" nicht 
zu stören; auch die Widerstände können nicht gedeutet werden, ehe 
sie sich voll entfaltet haben und vom Analytiker in der Hauptsache 
verstanden wurden. Der Zeitpunkt der Widcrstandsdeutmig wird 
natürlich von der Erfahrung des Analytikers wesentlich bestimmt; 
dem Erfahrenen werden geringe Anzeichen geniigen, während der 
Anfänger in demselben Falle zu ihrem Verständnis grobe Aktionen 
brauchen wird. Nicht selten hängt es nur von der Erfuhrung ab, ob 
und an welchen Anzeichen man latenteWiderstände erkennt. 
Hat man den Sinn solcher Widerstände erfaßt, wird man sie durch 
konsequente Deutung bewußtmachen, das heißt zuerst dem Patienten 
klarmachen, daß er Widerstände hat, dann, welcher Mittel sie sich 
bedienen und schließlich, wogegen sie sich richten. 

Wenn dem ersten übertraguugswiderstand keine ausreichende 
Erinnerungsarbeit vorangegangen ist, so begegnen wir bei seiner Auf- 
lösung einer großen Schwierigkeit, die mit zunehmender Übung und 
Erfahrung des Analytikers geringer wird; sie besteht darin, daß man, 
um den Widerstand aufzulösen, das dazugehörige und in ihm ent- 
haltene unbewußte Material kennen muß, aber andererseits zu diesem 
Material nicht gelangen kann, weil der Widerstand es sperrt. Wie 
der Traimi, hat auch jeder Widerstand einen historischen Sinn (eine 
Herkunft) und eine aktuelle Bedeutung. Jener Zirkel läßt sich nun 
in der Weise durchbrechen, daß man aus der aktuellen Situation, 
die man ja im Werden beobachtet hat, und aus der Form inid den 
Mitteln des Widerstandes seinen aktuellen Sinn und Zweck errät 
und ihn durch eine entsprechende Deutung soweit beeinflußt, daß 
das entsprechende infantile Material zum Vorsehein kommt; erst mit 
dessen Hilfe läßt sich der Widerstand völlig auflösen. Für das Auf- 
finden der Widerstände und das Erraten ihres aktuellen Sinnes gibt 
es natürlich keine Regeln; das sind zum überwiegenden Teile intui- 
tive Akte — hier beginnt die nicht lehrbare analytische Kunst. Je 
weniger lärmend und je geheimer die Widerstände sind, je mehr der 
Patient täuscht, desto sicherer werden die intuitiven Akte des Ana- 
lytikers sein müssen, um ihrer Herr zu werden. Mit anderen Worten, 



Geordnete Deutung und Widerstandsanalyse 



45 



der Analytiker muß analysiert sein und darüber iiinaus einige 
spezielle Begabung baben. 

Was ist ein „latenter Widerstand"? Das sind Haltungen des 
Patienten, die sich nicht direkt und unmittelbar äußern, wie etwa 
in Form von Zweifel, Mißtrauen, Zuspätkommen, Schweigen, Trotz, 
Einfallslosigkeit usw., sondern indirekt in der Art der analytischen 
Leistung; so deutet etwa Ubergehorsam oder völliger Mangel an 
manifesten Widerständen auf geheime und daher um so gefährlichere 
passive Resistenz hin. Ich pflege solche latente Widerstände anzu- 
gehen, sobald ich sie wahrnehme, und scheue auch nicht davor zu- 
rück, den Fluß der Mitteilungen aufzuhalten, wenn ich soviel er- 
fahren habe, wie zu ihrem Verständnis nötig ist. Denn die Erfahrung 
lehrt, daß auch die therapeutische Wirkung der analytischen Mit- 
teilungen verlorengeht, wenn sie bei ungelösten Widerständen er- 
folgen. 

Die einseitige und daher unrichtige Einschätzung des analyti- 
schen Materials und die oft unrichtige Auslegung der Freud sehen 
These, daß man von der jeweiligen Oberfläche ausgehen müsse, 
zeitigen leicht verhängnisvolle Mißverständnisse und technische 
Schwierigkeiten. Zunächst: Was ist unter „analytischem Material" 
zu verstehen? Die übliche Auffassung ist: die Mitteilungen, Träume, 
Einfälle, Fehlleistungen des Patienten; man weiß zwar noch theo- 
retisch oft, daß das Gehaben des Patienten eine analytische Be- 
deutung hat, aber klare Erfahrungen im Seminar zeigen, daß man 
das Verhalten der Patienten, ihre Ausdrucksweise, ihren Blick, ihre 
Sprache, ihre Mimik, Kleidung, ihren Händedruck usw. nicht nur 
bei weitem, was ihre analytische Bedeutung anbelangt, unterschätzt, 
sondern vielmehr meist völlig übersieht. Fereuczi und ich haben 
am Innsbrucker Kongreß unabhängig voneinander diese formalen 
Elemente als bedeutungsvoll für die Therapie hervorgehoben; für 
mich wurden sie im Laufe der Jahre der wichtigste Stütz- und Aus- 
gangspunkt für die Analyse des Charakters. Das Überschätzen des 
inhaltlichen Materials ist meist begleitet von einer Unterschätzung, 
wenn nicht völligem Übersehen der Verhaltungsweise, der Art, in der 
der Patient seine Mitteilungen macht, Träume erzählt usf. Wenn 
man aber die Verhaltungsweise des Patienten übersieht oder nicht 
dem Inhaltlichen an Bedeutung gleichstellt, kommt man unversehens 
zu einer therapeutisch verhängnisvollen Auffassung der „psychi- 
schen Oberfläche". Wenn zum Beispiel ein Patient sehr höflich ist. 



46 



Technik der Deutung und der Widerstandsanalyse 



dabei viel Material etwa über seine Beziehungen zu seiner Schwester 
bringt, so hat man zwei nebeneinander bestehende Inhalte der „seeli- 
schen Oberfläche": seine Liebe zur Schwester und sein Gehaben, die 
Höflichkeit. Beide sind aber unbewußt begründet. Bei dieser Be- 
trachtung der seelischen Oberfläche fällt es nicht mclir leiclit, die 
einfache Auskunft zu erteilen, daß man „halt immer" von der Ober- 
fläche ausgehe. Die analytische Erfahrung lehrt, daß sich liinter 
dieser Höflichkeit und Nettigkeit immer eine mehr oder minder 
unbewußt kritische, wenn nicht mißtrauische oder herabsetzende 
Haltung verbirgt, oder richtiger gesagt, daß die stereotype Höflich- 
keit des Patienten selbst schon ein Zeichen von negativer Kritik, 
Mißtrauen oder Herabsetzung ist. Kann man auch von diesem Ge- 
sichtspunkt aus unbedenklich die inzestuöse Liebe zur Schwester 
deuten, wenn ein entsprechender Traum oder Einfälle sich einstellen? 
Es gibt besondere Begründungen dafür, daß man zuerst den einen 
Teil der psychischen Oberfläche und nicht den anderen zur analyti- 
schen Aussprache bringt. Würde man warten, bis der Patient selbst 
über seine Höflichkeit und deren Begründungen zu sprechen be- 
gänne, ginge man fehl. Da ein solcher Charakterzug in der Analyse 
sofort zum Widerstand wird, gilt für ihn das gleiclie wie für jeden 
anderen Widerstand, daß nämlich der Patient niemals von selbst 
darauf zu sprechen kommt, daß vielmehr der Analytiker den Wider- 
stand als solchen zu entlarven hat. Hier erwarten wir einen wich- 
tigen Einwand: Meine Annahme, daß die Höflichkeit sofort zum 
Widerstand werde, treffe eben nicht zu, sonst würde der Patient kein 
Material bringen. Ja, aber gerade darum handelt es sich ja, daß es 
nicht allein auf das InhaltUchc, sondern im Beginne besonders auch 
auf das Formale des Materials ankommt. Um bei dem Beispiel der 
Höflichkeit zu bleiben: Der Neurotiker hat allen Grund, wegen 
seiner Verdrängungen die Höflichkeit und gesellschaftliche Konven- 
tion besonders hoch einzuschätzen und sich ihrer als Schutzmittels 
zu bedienen. Es mag ja viel angenehmer sein, einen höflichen als 
einen unhöflichen, sehr offenherzigen Patienten zu behandeln, der 
etwa dem Analytiker sofort sagt, daß er noch so jung oder schon so 
alt sei, keine vornehm eingerichtete Wohnung oder eine häßliche 
Frau habe, nicht intelligent oder zu jüdisch aussehe, sich wie ein 
Neurotiker benehme und selbst in die Analyse gehöre und ähnliche 
schmeichelhafte Dinge mehr. Das muß ja nicht unbedingt schon 
ein Ubertragungsphänomen sein: die Forderung, der Analytiker müsse 



Geordnete Deutung und Widerstandsanalyse 



47 



ein »unbeschriebenes Blatt" sein, ist ideal, also nie ganz zu verwirk- 
lichen; das „So-Sein" des Analytikers ist eine Tatsache, die mit 
Übertragung zunächst nichts zu tun hat. Und unsere Patienten haben 
ein außerordentliches Feingefühl für unsere Schwächen; ja, indem 
sie ihnen nachspüren, rächen sieh manche direkt für die ihnen mit 
der Aufzwingung der Grundregel angetane UnbiK. Es gibt nur 
wenige Patienten, meist sind es sadistische Charaktere, die aus der 
Offenherzigkeit, die von ihnen gefordert wird, ihren sadistischen 
Lustgewinn beziehen. In therapeutischer Hinsicht ist ihr Verhalten 
wertvoll, wenn es auch zeitweise zum Widerstand wird. Aber die 
Mehrzahl unserer Patienten ist noch viel zu schüchtern und ängst- 
lich, zu sehr mit Schuldgefühl beladen, als daß sie diese Offenherzig- 
keit spontan aufbrächten. Ich muß im Gegensatze zu vielen Kollegen 
die Behauptung aufrechterhalten, daß jeder Fall ausnahmslos mit 
einer mehr oder minder ausgesprochenen mißtrauischen und kriti- 
schen Haltung, diegewöhnlich geheim bleibt, die Analyse 
beginnt. Um sich davon zu überzeugen, darf mau freilich nicht auf 
den Geständniszwang oder gar das Straf bedurfnis der Patienten 
bauen, sondern muß energisch die aus der Situation sich ergebenden 
ganz selbstverständlichen Anlässe zu Mißtrauen und negativer Kritik 
(neuartige Situation, unbekannter Mensch, öffentliche Ächtung der 
Psychoanalyse usw.) aus dem Patienten herausholen; so gewinnt man 
erst eigentlich durch die eigene Offenheit sein Vertrauen. Eine tech- 
nische Frage bleibt nur, zu welchem Zeitpunkt man die noch nicht 
neurotisch zu nennenden, sondern aktuell bedingten Haltungen des 
Mißtrauens und der negativen Kritik zur Aussprache bringen muß; 
es handelt sich hier nur darum, daß man tiefere Deutungen des Un- 
bewußten vermeiden muß, solange die Mauer der konventionellen 
Höflichkeit zwischen Patient und Analytiker besteht. 

Wir können die Diskussion der Deutungstechnik nicht fort- 
setzen, ohne die Entwicklung und Behandlung der Ubertragungs- 
neurose einzubeziehen. 

In der richtiggehenden Analyse dauert es nicht lange, bis sich 
der erste große Ubertragungswiderstand einstellt. Machen wir uns 
zunächst klar, warum sich der erste bedeutungsvolle Widerstand 
gegen die Fortsetzung der Analyse automatisch und in einer der 
Struktur des Falles entsprechenden Gesetzmäßigkeit mit der Be- 
ziehung zum Analytiker verknüpft; was ist das Motiv des „Übcr- 
tragungszwanges" (Ferenczi)? Durch die Grundregel, auf deren 



4Ä 



Techoik der Deutung und der Widerstand sanalyse 



Befolgung wir beharren, haben wir das Verpönte, das dem Jch nicht 
Genehme aufgestöbert. Früher oder später setzt beim Patienten eine 
verschärfte Abwehr des Verdrängten ein; der Widerstand ist zu- 
nächst gegen das Verdrängte allein gerichtet, aber der Patient weiß 
nichts davon, weder daß er etwas Verpöntes in sich trügl, noch daß 
er es abwehrt. Die Widerstände sind, wie Freud gezeigt hat, selbst 
unbewußt. Der Widerstand ist aber eine Affektregiing, die einem 
vermehrten Energieaufwand entspricht, und kann deshalb nicht ver- 
borgen bleiben. Wie alles, was irrational begründet ist, strebt auch 
.diese Affektregung nach einer rationalen Begründung, nach einer 
Verankerung in einer realen Beziehung. Was liegt nun näher, als zu 
projizieren, und auf den zu projizieren, der den ganzen Konflikt 
durch die unangenehme Grundregel hervorgerufen hat? Durch die 
Verlagerung der Abwehr — vom Unbewußten auf den Arzt — 
schleicht sich auch der betreffende Inhalt des Unbewußfen in den 
Widerstand ein; auch der Inhalt wird auf den Arzt projiziert. Er 
wird etwa zum Bösewicht wie der Vater oder zum liebenswerten 
Geschöpf wie die Mutter. Es ist klar, daß diese Abwehr zunächst 
nur eine negative Haltung zeitigen kann. Der Analytiker wird als 
Störenfried des neurotischen Gleichgewichtes zwangsläufig zum 
Feind, gleichgültig, ob es sich um projizierte Liebes- oder Haßregun- 
gen handelt, denn in beiden Fällen liegt immer auch Abwehr, Ab- 
lehnung vor. 

Wenn zuerst Hafiregungen projiziert werden, ist der übertra- 
guDgswiderstand eindeutig negativ. Wenn solches niil Liebestenden- 
zen zuerst geschieht, so geht dem echten Ubertragungswidcrstand 
eine Zeitlang manifeste, aber nicht bewußte positive Übertragung 
voraus. Ihr Schicksal ist aber regelmäßig, daß sie sich in reaktive 
negative Übertragung verwandelt, einerseits weil ja die Ent- 
täuschung nie ausbleibt („Enttäusehungsreaktion"), andererseits weil 
sie abgewehrt wird, sobald sie unter dem Drucke sinnlicher Strebun- 
gen bewußt werden will; und jede Abwehr zeitigt negative Hal- 
tungen. 

Das technische Problem der latenten negativen Übertragung ist 
so bedeutsam, daß eine eigene Untcrsuchimg ihrer mannigfachen 
Äufierungsformen und ihrer Behandlung dringend notwendig ist. Ich 
will jetzt bloß rasch einige typische Krankheilsbilder aufzählen, bei 
denen wir am ehesten auf latent bleibende negative Übertragung ge- 
faßt sein müssen. Das sind: 



Geordnete Deutung und Widerstand sanalvse ttf9 

,^,t, 1. Die iibergehorsamen, überfreundlichen, sehr zutraulichen, die 
„braven" Patienten; die Fälle, die stets in positiver Über- 
tragung sind und nie eine Enttäuschungsreaktion zeigen. (Meist 
passiv-feminine Charaktere oder weibliche Hysterien mit nympho- 
manem Einschlag.) 

2. Die stets streng Konventionellen und Korrekten; 
das sind gewöhnlich Zwangscharaktere, die ihren gesamten Haß in 
„Höflichkeit um jeden Preis" umgesetzt haben. 

3. Die affektlahmen Patienten; sie zeichneu sich wie 
die Korrekten durch eine überstarke, aber gesperrte Aggressivität aus. 
Das sind ebenfalls zumeist Zwangscharaktere, doch zeigen häufig 
auch weibliche Hysterien eine oberflächliche Affektlahmheit. 

4. Fälle, die über Unechtheit ihrer Gefühle und 
Gefühlsäußerungen klagen, also an Depersonalisation 
leiden. Zu diesen gehören auch solche Kranke, die bewußt und 
gleichzeitig zwanghaft „schauspielern", das heifit im Hintergrunde 
des Bewußtseins wissen, daß sie den Arzt täuschen. Bei solchen 
Kranken, die meist der Gruppe der narzißtischen Neurosen vom 
hypochondrischen Typus angehören, entdeckt man regelmäßig ein 
„inneres Lächeln" über alles und jeden, das ihnen selbst zur 
Qual wird. Es stellt die Analyse vor die schwierigsten Aufgaben. 

Da die Form und die Schichtung des ersten Über tragungs Wider- 
standes durch die individuellen infantilen Liebesschicksale bedingt 
sind, können wir eine geordnete, von unnötigen Komplikationen freie 
Analyse der infantilen Konflikte nur dann erzielen, wenn wir dieser 
Schichtung bei unseren Deutungen in der Übertragungsanalyse streng 
Rechnung tragen. Nun hängen aber von unseren Deutungen zwar 
nicht die Inhalte der Übertragungen ab, wohl aber wird die Reihen- 
folge, in der sie akut werden, von der Deutungstechnik bestimmt. 
Es kommt nicht nur darauf an, daß die Übertragungsneurose entsteht, 
sondern auch daß sie in ihrer Entstehung der gleichen Gesetzmäßig- 
keit folgt wie ihr Vorbild, die Urneurose, und daß sie auch die gleiche 
Schichtung in den Triebkräften aufweist wie diese. Freud hat uns 
verstehen gelehrt, daß uns die Urneurose nur über die Übertragungs- 
neurose zugänglich wird. Es ist nun klar, daß wir um so leichteres 
Spiel haben, je vollständiger und geordneter sich die Urneurose auf 
der Spule der Übertragung aufwickelt. Diese Aufwicklung erfolgt 
natürlich in umgekehrter Reihenfolge. Es ist begreiflich, daß eine 
fehlerhafte Analyse der Übertragung, etwa die Deutung einer Hal- 

Charakteranalyse 4 



||p Technik der Deutung und der Widers tandsanafyse 

tung aus tieferer Schicht, mag die Haltung noch so deutlich und die 
Deutung noch so zutreffend sein, die Kopie der Urneurose verwischen, 
die Übertragungsneurose in Unordnung bringen wird. Die Erfahrung 
lehrt, daß wir nichts dazu zu tun brauchen, damit sich die Über- 
tragungsneurose in Ordnung, dem Gerüst der Neurose entsprechend, 
entwickle. Wir müssen nur zu frühe, zu tief greifende und unsyste- 
matische Deutungen vermeiden. 

Um ein schematisches Beispiel zur Illustration heranzuziehen: 
Wenn etwa ein Patient zuerst die Mutier liebte, dann den Vater 
haßte, schließlich aus Angst die Mutter aufgab und seinen Vaterhafl 
in passiv-feminine Liebe zum Vater verwandelte, so wird er bei 
richtiger Widerstandsanalyse in der Übertragung zuerst seine passiv- 
feminine Haltung, das letzte Resultat seiner Libidoschicksale. zeigen. 
Eine systematische Widerstandsanalyse wird als zweites den dahinter 
verborgenen Vaterhaß zur Entfaltung bringen, und erst nach dessen 
Durcharbeitung ^vird die Neubesetzung der Mutter erfolgen, zu- 
nächst durch Übertragung der Mutterliebe auf den Analytiker. Von 
hier kann sie dann auch auf eine Frau in der Realität übertragen 
werden. . , ■ 

Bei diesem vereinfachten Beispiel bleibend, können wir eine 
weniger günstige Entwicklung, die möglich wäre» besprechen. Der 
Patient zeigt etwa manifest positive Übertragung und bringt in 
diesem Zusammenhange nebst Trämnen, die seiner passiv -fem in inen 
Haltung entsprechen, auch solche, die seine Bindujig an die Mutter 
beinhalten. Beide wären gleich deutlich und deutbar. Erkennt der 
Analytiker die wahre Schichtung der positiven Übertragung, ist ihm 
klar, daß an der positiven Übertragung die reaktive Liebe zum Vater 
die oberflächlichste, der Haß gegen ihn die zweite und die über- 
tragene Liebe zur Mutter die tiefste Schicht ist, so wird er gewiß 
diese letzte Haltung, trotz ihrer Aufdringlichkeit, unangetastet lassen. 
Griffe er aber etwa die übertragene Liebe zur Mutter zuerst heraus, 
so stünde zwischen seinen Deutungen, die die Inzestliebe beträfen, 
und dem Erlebnis des Patienten als mächtiger und undurchdring- 
licher Widerstandsblock der latente und auf den Arzt in reaktiver 
Form übertragene Haß gegen den Vater. Die Deutung, die die topisch 
höhere Schichte des Mißtrauens, des Unglaubens und der Ablehnung 
zu passieren hätte, würde zum Scheine akzeptiert werden, bliebe 
natürlich therapeutisch unwirksam und hätte nur das eine zur Folge, 
daß der Patient, durch diese Deutung innerlich erschreckt und ge- 



Geordnete Deutung und Widerstandsanalyse S| 

warnt, seinen Vaterhafi noch intensiver verbergen und aus verstärk- 
tem Schuldgefühl noch „braver" würde. , Die chaotische Situation 
wäre, in dieser oder jener Form, fertig. . v 

Es kommt also darauf an, aus der Fülle des aus vielen seelischen 
Schichten strömenden Materials dasjenige Stück herauszugreifen, das 
im aktuellen oder vorangegangenen Übertrag ungs widerstand eine zen- 
trale Stelle einnimmt und nicht von anderen Haltungen überdeckt 
ist. So theoretisch das klingt; dieses Prinzip ist in jedem Durch- 
schnittsfalle dxjxchzufüliren. 

Was geschieht nun mit dem übrigen aktuell weniger wichtigen 
Material? Zumeist genügt es, daß man darauf nicht eingeht. Da- 
durch tritt es automatisch wieder zurück. Es kommt aber häufig 
vor, daß der Patient eine Haltung oder eine bestimmte Erlebnis- 
sphäre vorschiebt, um aktuell Wichtigeres zu verbergen. Es ist nach 
all dem Gesagten klar, daß man einen solchen Widerstand beseitigen 
muß, indem man, die Situation aufklärend, das „Material lenkt", das 
heißt ständig auf das hinweist, was verborgen wird, 
und das Vorgeschobene nicht beachtet. Ein typisches Beispiel dafür 
ist das Verhalten des Kranken bei latenter negativer Übertragung; er 
versucht, seine geheime Kritik und seine Ablehnung durch forciertes 
Loben des Analytikers und der Analyse zu verbergen. Durch die 
Analyse dieses Widerstandes gelangt man leicht auch zu seinem 
Motiv, zur Angst, Kritik zu üben. 

Nur selten ist man genötigt, rasch strömendes Material zu unter- 
drücken, so wenn etwa allzufrüh und gehäuft unbewußte perverse 
Phantasien oder Inzestwünsche be\vnßt werden, ehe das Ich stark 
genug geworden ist, sie zu verarbeiten. Wenn hier Nichtbeachtung 
nicht genügt, muß man ablenken. 

Auf diese Weise bleibt der zentrale Inhalt der Ubertragungs- 
widerstände ständig in innigem Kontakt mit den Erinnerungen und 
die in den Übertragungen geweckten Affekte teilen sich automatisch 
den Erinnerungen mit. So wird das gefährliche affektlose Erinnern 
vermieden. Für die chaotische Situation hingegen ist bezeichnend, 
daß ein geheimer Widerstand monatelang unerledigt bleibt und alle 
Affekte bindet, während die Erinnerungen in wirrer Aufeinander- 
folge etwa heute die Kastrationsangst, ein anderes Mal die orale 
Phantasie, dann wieder die Inzest phantasie streifen. 

Durch richtige Auswahl des zu deutenden Materials erzielen wir 
ein Kontinuum in der Analyse, und wir wissen dann nicht 

4« 



52 Technik der DeutuQg und der Widerstandsanalyse 

nur jederzeit Bescheid um die aktuelle Situation, sondern können 
auch wie einen roten Faden die Gesetzmäßigkeil verfolgen, der die 
Entwicklung der Übertragung unterliegt. Daß die Widerstände, die 
ja nichts anderes sind als einzelne Stücke der Neurose, dabei nach- 
einander und doch verbunden durch eine historisch bedingte Ge- 
setzmäßigkeit erscheinen, erleichtert unsere Arbeit und bereitet die 
Heilung gründlich vor. 

3. Konsequenz in der Widerstandsanalyse 

Wir sprachen bisher bloß von der Technik der Sinn- und Wider- 
standsdeutuug und einigten uns darüber, daß sie der individuellen 
Gesetzmäßigkeit der Neurose entsprechend geordnet und systematisch 
sein muß. Wir unterschieden bei der Aufzählung der Deutungs- 
fehler die ungeordnete von der Inkonsequenten Deutung; das hatte 
seine guten Gründe, denn wir lernen Fälle kennen, die tretz systema- 
tischer Deutung in Unordnung geraten waren, und erkennen die Ur- 
sache in der mangelnden Konsequenz bei der weiteren 
Durcharbeitung bereits gedeuteter Wider stände. 

Hat man nämlich die Klippe des ersten Ubertragungs Widerstandes 
glücklich überwunden, so pflegt die Erinnerungsarbeit rasch vor- 
wärts zu schreiten und in die Kindheit zu dringen. Aber es dauert 
gewöhnlich nicht lange, bis der Kranke auf neue Schichten verpönten 
Materials stößt, das er mit einer zweiten Front von Übcriragungs- 
widerständen abzuwehren sucht. Das Spiel der Widerstandsanalyse 
beginnt von neuem, hat aber diesmal etwas anderen Charakter als 
das erste Mal. Damals handelte es sich um die erste Schwierigkeit, 
der neue Widerstand hingegen hat bereits eine analytische Ver- 
gangenheit, die auf seine Gestaltung nicht ohne Einfluß blieb. Er 
hat zwar entsprechend dem neuen Material eine andere Struktur 
und anderen Sinn als der erste; man müßte auch erwarten, daß der 
Patient durch die erste Widerstandsanalyse belehrt wurde und nun 
selbst mithelfen wird, die Schwierigkeit zu beseitigen. Wir wissen, 
die Praxis lehrt anderes: Es zeigt sich in den allermeisten Fällen, 
daß der Patient neben dem neuen Widerstand auch den alten re- 
aktiviert hat, ja, gelegentlich fällt der Patient in den alten Wider- 
stand zurück, ohne den neuen zu zeigen. Die ganze Situation wird 
durch diese Schichtung kompliziert. Welcher der Widerstände, der 
reaktivierte alte oder der neue, stärker hervortritt, ist sehr ver- 



Kousequenz in der Widerstaiidsaualyse 



sz 



schieden, kommt aber auch für die analytische Taktik nicht in Be- 
tracht. Wichtig ist bloß, daß der Patient einen Großteil seiner 
Gegenbesetzungen an der alten, scheinbar bereits erledigten Wider- 
standsstellung wieder aufrichtet. Geht man nun so vor, daß man zu- 
erst oder ausschließlich den neuen Widerstand angeht, so hat man 
wieder eine dazwischen liegende Schicht, nämlich den reaktivierten 
allen Widerstand, vernachlässigt und läuft Gefahr, seine kostbaren 
Deutungen zu verschwenden. Mau erspart sich Enttäuschungen und 
Mißerfolge, wenn man jedesmal auf die alte Schwierigkeit 
zurückgreift, gleichgültig, ob sie sich mehr oder weniger be- 
merkbar macht, und von dort aus mit der Auflösungsarbeit beginnt; 
auf diese Weise dringt man langsam zum neuen Widerstand vor und 
entgeht der Gefahr, daß man zwar ein neues Stück Land erobert, 
aber der Feind sich in dem bereits eroberten wieder einnistet. 

Es ist wichtig, stets vom kardinalen Widerstand, sozusagen von 
einem festen Stützpunkt aus die Neurose nach 
allen Seiten zu untergraben, statt sich jeweils bloß auf 
einzelne Detailwiderstände einzustellen, das heißt an vielen ver- 
schiedenartigen Punkten anzugreifen, die miteinander nur mittelbar 
zusammenhängen. Durch konsequentes Aufrollen der Widerstände 
und des analytischen Materials vom ersten Ubertragungswiderstand 
aus behält man den Überblick über die gesamte gegenwärtige und 
verflossene Situation; um die geforderte Kontinuität der Analyse 
braucht nicht gekämpft zu werden und eine gründliche Aufarbei- 
tung der Neurose ist garantiert. Es ist sogar — vorausgesetzt, daß 
es sich um bereits bekannte typische Krankheitsbilder handelt und 
man die Widerstandsanalyse richtig durchgeführt hat — möglich, die 
Reihenfolge vorauszusehen, in der gesichtete Tendenzen als Uber- 
traguugswiderstände akut auftreten werden. 

Man wird vergeblich versuchen, uns davon zu überzeugen, daß 
durch „Anschießen"' mit Sinndeutungen oder gar durch Behandlung 
aller Patienten nach einem Schema, etwa von einem angenomme- 
nen Urquell der Neurose aus, den großen Problemen der Psycho- 
therapie beizukommen ist. Wer solches versucht, zeigt dadurch nur, 
daß er die eigentlichen Probleme der Psychotherapie nicht erfaßt 
hat und nicht weiß, was das „Durchschneiden des gordischen Kno- 
tens" ^^^rk]ich bedeutet; nämlich ein Zerstören der analytischen 
Heilungsbedingungen. Eine so geführte Analyse ist kaum mehr zu 
reparieren. Die Deutung ist einer wertvollen Droge zu vergleichen, 



54 Technik der Deutung und der Widerstandsanalyse 

mit der man sparsam umgehen muß, wenn sie ihre Wirksamkeit nicht 
verlieren soll. Unsere Erfahrungen lehren anderes: daß der um- 
ständliche Weg der Aufwickluug des Knotens noch immer der 
kürzeste ist — wir betonen — zum wahren Erfolg. 

Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die aus einer falschen 
Auffassung des Begriffes der analytischen Passivität heraus zu gut 
warten können. Sie könnten uns zur Kasuistik der chaotischen 
Situation viele wertvolle Beiträge liefern. Dem Analytiker fällt in 
Widerstandsperioden die schwierige Aufgabe zu, den Gang der 
Analyse selbst zu lenken. Der Patient hat die Führung nur in wider- 
standsfreien Phasen. Anderes kann Freud nicht gemeint haben. 
Und die Gefahr des prinzipiellen Schweigens oder „Schwimmen- 
lassens" ist nicht geringer als die des „Anschiefiens" oder des Deutens 
nach einem theoretischen Schema, für den Patienten ebensowohl wie 
für die Entwicklung der analytischen Therapie. 

Wir lernen Widerstands formen kennen, bei denen diese Art der 
Passivität geradezu ein Kunstfehler ist. Ein Patient weicht etwa 
dem Widerstand, bzw. der Besprechung des dazugehörigen Materials 
aus. Er berührt ein fernliegendes Thema, bis er auch dort Wider- 
stände produziert, schneidet dann ein drittes Thema an usf. Diese 
„Zick-Zack-Technik" kann ins Unendliche gehen, gleichgültig, ob 
man „passiv'" zusieht oder ihm folgt und überall deutet. Da sich der 
Kranke offenbar ständig auf der Flucht befindet und seine Anstren- 
gungen, den Analytiker mit Ersatzleistungen zufriedenzustellen, steril 
bleiben, ist man verpflichtet, ihn immer wiederaufdie erste 
Widerstandsposition zurückzuführen, so lange, bis 
er den Mut aufbringt, sich ihrer analytisch zu bemächtigen. Das 
andere geht ja nicht verloren. 

Oder der Patient flieht ins Infantile, opfert an sich wertvolle 
Geheimnisse, nur um die eine Position zu halten. Die Opfer haben 
natürlich keinen therapeutischen Wert, eher ist das Gegenteil der 
Fall. Man kann ihm ja ruhig zuhören, wenn man es nicht vorzieht, 
zu unterbrechen, wird aber dann konsequent bleiben in der Auf- 
arbeitung derjenigen Position, die er floh. Das gleiche ist geboten 
bei Flucht ins Aktuelle. Das ideale Optimum ist eine geradlinige, 
der Urneurose entsprechende Entwicklung der Ubertragungsneurose 
und ihrer Analyse; der Patient entfaltet systematisch seine Wider- 
stände und leistet dazwischen widerstaudsfrei affektive Erinnerungs- 
arbeit. 



Konsequenz in der Widerstandsanalyse 



65 



Die vielumstrittene Frage, was besser sei, „aktives" oder „pas- 
sives" Verhalten, hat — so gestellt — keinen rechten Sinn. Ganz all- 
gemein kann gesagt werden, daß man in der Analyse der 
Widerstände nicht früh genug eingreifen, in der 
Deutung des Unbewußten, von den Widerständen 
abgesehen, nicht zurückhaltend genug sein kann. 
Gewöhnlich wird umgekehrt verfahren: Man pflegt einerseits allzu 
großen Mut in der Sinndeutung zu zeigen und andererseits ängstlich 
zu werden, sobald sich ein Widerstand einstellt. 



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IV. Zur Technik der Charakteranalyse') 
1. Zusammenfassung 

Unsere therapeutische Methode ist von folgenden tlicorctischen 
Grundauffassungen bestimmt. Der topischc Gesichtspunkt be- 
stimmt den technischen Grundsatz, daß Unbewußtes bewußt gemacht 
werden muß. Der dynamische Gesichtspunkt bestimmt die 
Regel, daß dieses Bewußtmachen des Unbewußten nicht <Iirekt, son- 
dern auf dem Wege der Widerstandsanalyse zu erfolge]i habe. Der 
ökonomisehe Gesichtspunkt und die Struktur erkenntnis 
zwingen uns bei der Widerstandsaualyse die Eiuhalhing einer jedem 
Fall entsprechenden Ordnung auf. 

Solange man im Bewufitmachen des Unbewußten, also im top i~ 
sehen Prozeß, die alleinige Aufgabe der analytischen Technik sah, 
bestand die Formel, daß man dem Patienten alle seine unbewußten 
Äußerungen in die Sprache des Bewußtseins, in der Reihe n- 
folge, in der sie auftauchen, zu übersetzen habe, zu Recht. 
Man überließ dann die Dynamik der Analyse mehr oder minder 
dem Zufall, ob das Bewußtsein auch wirklich den entsprechenden 
Affekt auslöste oder die Deutung den Patienten über das intellek- 
tuelle Verständnis hinaus beeinflußte. Schon die Einbeziehung des 
dynamischen Moments, das heifit der Forderung, daß der Patient 
nicht nur zu erinnern, sondern auch zu erleben habe, komplizierte 
die einfache Formel, daß man „das Unbewußte bewußt zu machen" 
habe. Da die Dynamik der analytischen Wirkung nicht von den 
Inhalten, die der Patient produziert, sondern von den Widerstanden, 
die er ihnen entgegensetzt, und von der erlebnishaften Intensität 
ihrer Überwindung abhängt, verschiebt sich die Aufgabe dadurch 
um nicht Geringes. Während es vom topischeu Standpunkt aus ge- 



') Zuerst vorgetragen am X. Internationalen Psychoanalytischen Kon- 
greß in Innsbruck im September 1927. 



Unfähigkeit zur Befolgung der Grundregel 67 

nügt, dem Patienteu der Reihe nach die deutlichsten und deutbarsten 
Elemente des Unbewußten zu Bewußtsein zu bringen, man sich also 
hier an die Linie des inhaltlichen Materials hält, muß 
man bei Mifberücksichtigung des dynamischen Faktors diese Linie 
als Orientierungsmittel in der Analyse zugunsten einer anderen auf- 
geben, derjenigen, die sowohl das inhaltliche Material als auch die 
Affekte erfaßt, nämlich der Linie der aufeinanderfol- 
genden Widerstände. Doch dabei ergibt sich eine Schwierig- 
keit bei den allermeisten Patienten, die wir bei den bisherigen Aus- 
führungen vernachlässigten. 



2. Charakterliche Panzerung und Charakterwiderstand 

a) Die Unfähigkeit zur Befolgung der Grundregel 

Unsere Patienten sind nämlich selten von vornherein analyse- 
fähig, die wenigsten sind geneigt, die Grundregel zu befolgen und 
sich dem Analytiker völlig zu eröffnen. Abgesehen davon, daß sie 
ihm als einem Fremden nicht sofort das nötige Vertrauen entgegen- 
bringen können, haben jahrelange Krankheit, dauernde Beeinflussung 
durch ein neurotisches Milieu, schlechte Erfahrungen mit den Nerven- 
ärzten, kurz, die gesamte sekundäre Verzerrung des Ichs eine Situa- 
tion geschaffen, die der Analyse entgegentritt. Die Beseitigung dieser 
Schwierigkeit wird eine Vorbedingung der Analyse ujid ginge wohl 
leicht vonstatten, wenn sie nicht unterstützt wäre durch die Eigenart, 
wir dürfen ruhig sagen: den Charakter des Kranken, der selbst zur 
Neurose gehört und sich auf neurotischer Basis entwickelt hat. Sie 
ist unter der Bezeichnung „narzißtische Schranke" bekannt. 
Es gibt nun prinzipiell zwei Wege, diesen Schwierigkeiten, ins- 
besondere der Auflehnung gegen die Grundregel, beiznkommen. Der 
eine, wie mir scheint gewöhnlich geübte, ist die direkte Erziehung 
zur Analyse durch Belehrung, Beruhigung. Aufforderung. Ermahnung, 
Zureden und ähnliches mehr. In diesem Falle trachtet man durch 
Herstellung einer entsprechenden positiven Übertragung den Patien- 
ten im Sinne der analytischen Aufrichtigkeit zu beeinflussen. Das 
entspricht etwa der von N u n b e r g vorgeschlagenen Technik. Ge- 
häufte Erfahrungen haben aber gelehrt, daß dieser erzieherische oder 
aktive Weg sehr unsicher ist, von unbeherrsehbaren Zufälligkeiten 
abhängt und der sicheren Basis der analytischen Klarheit entbehrt; 



BS Charakterliche Panzerung und Charakterwiderstand 

man ist allzusehr den Schwankungen der Übertragung ausgesetzt 
und bewegt sich mit seinen Versuchen, den Patienten aualysefähig 
zu machen, auf unsicherem Terrain. ' " < - > '; •* . li i i >, •■■. 

Der andere Weg ist umständlicher, derzeit auch noch nicht bei 
allen Patienten gangbar, aber weitaus sicherer; er besteht darin, daß 
man versucht, die erzieherischen Maßnahmen durch 
analytische Deutungen zu ersetzen. Das ist ja gewiß 
nicht immer möglich, bleibt aber das ideale Ziel der analytischen Be- 
mühungen. Statt also den Patienten durch Zureden, Ratschläge, 
Übertragungsmanöver usw. zur Analyse zu bringen, wird in mehr 
passiver Haltung das Hauptaugenmerk der Frage zugewendet, 
welchen aktuellen Sinn das Benehmen dos Kranken hat, warum 
er zweifelt, zu spät kommt, hochtrabend oder verworren spricht, nur 
jeden dritten Gedanken mitteilt, die Analyse kritisiert oder unge- 
wöhnlich viel und tiefes Material bringt. Man kann also etwa einen 
narzißtischen, hochtrabend in terminis tecknicis sprechenden Patien- 
ten entweder zu überzeugen versuchen, daß sein Gehaben der Analyse 
schädlich sei und er besser daran täte, es sich abzugewöhnen, keine 
analytischen Ausdrücke zu gebrauchen, seine Abgeschlüssenhcit auf- 
zugeben, weil sie der Analyse im Wege stehe; oder man verzichtet 
auf jede Überredung und wartet, bis man versteht, warum sicli der 
Patient so und nicht anders benimmt. Man wird dann vielleicht er- 
raten, daß er ein Minderwertigkeitsgefühl vor dem Analytiker auf 
diese Weise kompensiert, und ihn durch konsequente Deutung des 
Sinnes dieses Verhaltens beeinflussen. Die zweite Maßnahme ent- 
spricht im Gegensatz zur ersten ganz dem analytischen Prinzip. 

Aus diesem Bestreben, womöglich alle durch die Eigenart des 
Patienten notwendig werdenden erzieherischen oder sonstigen aktiven 
Maßnahmen durch reine analytische Deutung zu ersetzen, ergab sich 
angesucht und unerwartet ein Weg zur Analyse des C h a r a k t e r s. 

Gewisse klinische Rücksichten nötigen uns, unter den Wider- 
ständen, denen wir bei der Behandlung unserer Kranken begegnen, 
eine besondere Gruppe als „C h a r a k t e r w i d e r s t ä n d e" zu 
unterscheiden. Sie erbalten ihr besonderes Gepräge 
nicht durch ihren Inhalt, sondern von der spezifi- 
schen Wesensart des Analysierten. Der Zwangscharak- 
ter entwickelt formal spezifisch andere Widerstände als der hyste- 
rische Charakter, dieser wieder andere als der genital-narzifltische. 
triebhafte oder neurasthenische Gharakter. Die Form der Re- 



Woher stammen die Charakterwiderstände? 



59 



aktioneudes Ichs, die je nach dem Charakter bei gleichbleiben- 
den Erlefanisinlialten verschieden ist, laßt sich ebenso auf 
kindliche Erlebnisse zurückführen wie der Inhalt 
derSymptomeundPhantasien. 



b) Woher stammen dieCharakter-widerstände? 

Vor längerer Zeit hat sich G 1 o v c r um die Unterscheidung von 
Charakterneuroseu und Symptomneurosen bemülit. Auch Alexan- 
der operierte auf der Basis dieser Unterscheidung; ich bin ihr in 
früheren Arbeiten gefolgt, aber beim genauen Vergleich der Fälle 
ergab sich, daß diese Unterscheidung nur insofern Sinn hat, als es 
Neurosen mit umschriebenen Symptomen und Neurosen ohne solche 
gibt: jene wurden dann „Symptomneurosen", diese „Charakter- 
neurosen" genannt; bei jenen fallen begreiflicherweise die Symptome 
mehr auf, bei diesen die neurotischen Charakterzüge. Aber gibt es 
denn Symptome ohne eine neurotische Reaktionsbasis, mit anderen 
Worten, ohne einen neurotischen Charakter? Der Unterschied zwi- 
schen den Charakter- und den Symptomneurosen ist nur der, daß bei 
diesen der neurotische Charakter auch noch Symptome produzierte, 
sich sozusagen in solchen konzentriert bat. Daß der neurotische 
Charakter das eine Mal in umschriebenen Symptomen exazerbiert, 
das andere Mal andere Wege zur Entlastung von der Libidostauung 
findet, bedarf noch eingehender Untersuchung (vgl. den II. Teil). 
Erkennt man aber den Tatbestand an, daß die Grundlage der Sym- 
ptomneurose immer ein neurotischer Charakter bildet, so ist auch klar, 
daß wir in jeder Analyse mit charakterneurotischen Widerständen 
zu tun haben; die einzelnen Analysen werden sich nur durch die 
verschiedene Bedeutung unterscheiden, die mau der Charakteranalyse 
im Einzelfalle beimessen muß. Ein Rückblick auf die analytischen 
Erfahrungen warnt aber davor, diese Bedeutung iu irgend einem 
Falle zu unterschätzen. 

Vom Standpunkt der Charakteranalyse verliert die Unterschei- 
dung von Neurosen, die chronisch sind, das heißt seit der Kindheit 
bestehen, und solchen, die akut sind, also spät auftraten, jede Be- 
deutung; denn es ist nicht so bedeutungsvoll, ob die Symptome früh 
oder spät aufgetreten sind, wie daß der neurotische Charakter, die 
Reaktionsbasis für die Symptomneurose, sich wenigstens in den 
Grundzügen bereits mit dem Abschluß der Ödipusphase gebildet 



60 Charakterliche Panzerung uud Charakterwiderstand 

hat. Ich eriuiiere blofl an die klinische Erfahrung, daß sich die 
Grenze, die der Patient zwischen Gesundheit und Krankheitsaus- 
bruch zieht, in der Analyse stets verwischt. 

Da uns die Symptombildung als deskriptives Unterscheidungs- 
merkmal im Stiche läfit, müssen wir uns nach anderen umsehen. Als 
solche kommen in erster Linie die Kraukheitseiusicht und 
die Rationalisierungen in Betracht. 

Fehlende Krankheitseinsicht ist zwar kein absolut 
verläßliches, aber doch ein wesentliches Zeichen der Charakter- 
neurose. Das neurotische Symptom wird als Fremdkörper empfun- 
den und erzeugt ein Krankheitsgefühl. Der neurotische Charakter- 
zug hingegen, etwa der übertriebene Ordnungssinn des Zwangs- 
charakters oder die ängstliche Scheu des hysterischen Charakters, ist 
in die Persönlichkeit organisch eingebaut. Man beklagt sich vielleicht 
darüber, daß man scheu ist, aber man fühlt sich deshalb nicht 
krank. Erst 'ivenn sich die charakterologischc Scheu znm krankhaften 
Erröten, oder wenn sich der zwangsneurolisclie Ordiinngssinn zum 
Zwangszeremoniell steigert, wenn also der neurotische Charakter 
symptomatisch exazerbiert, fühlt man sich krank. 

Freilich, es gibt auch Symptome, für die keine oder nur geringe 
Krankheitseinsicht besteht und die vom Kranken wie schlimme Ge- 
wohnheiten oder hinzunehmende Gegebenheiten betrachtet werden 
(z. B. chronische Obstipation, leichte ejaculatio praecox); manche 
Charakterzüge wieder iverden gelegentlieh als krankhaft empfunden. 
wie etwa heftige Zornansbrüche, die einen überrumpeln, oder krasse 
Unordentlichkeit, Neigung zum Lügen, Trinken. Geldausgeben und 
ähnliches mehr. Trotzdem empfiehlt sich die Krankheitseinsicht als 
wesentliches Kriterium des neurotischen Syni]>t()ms, ihr Fehlen als 
Kennzeichen des neurotischen Charakterzuges. 

Der zweite praktisch wichtige Unterschied besteht darin, daß die 
Symptome niemals so vollständige und glaubwürdige R a t i o ti a 1 i- 
sierungen aufweisen wie der neurotische Charakter. Weder das 
hysterische Erbrechen oder die Abasie, noch das Zwangszählen oder 
Zwangsdenken lassen sich rationalisieren. Das Symptom erscheint 
sinnlos, während der neurotische Charakter rational genügend moti- 
viert ist, um nicht krankhaft oder sinnlos zu ersclieinen. 

Ferner gibt es für neurotische Charakterzüge eine Begründung, 
die sofort als absurd abgelehnt würde, wenn man sie für Symptome 
verwendete; es heifit oft: „Es ist halt so." Dieses „ist halt so" will 



Woher stammen die Charakter widerstände? 91 

besagen, der Betreffende sei so geboren, das ließe sich nicht ändern, 
das sei „halt" sein Charakter. Und doch ist diese Auskunft un- 
richtig, denn die Analyse der Entwicklung zeigt, daß der Charakter 
aus bestimmten Gründen so und nicht anders werden mußte, er ist 
also prinzipiell ebenso wie das Symptom analysierbar und änderbar. 

Gelegentlich haben sich Symptome im Laufe der Zeit derart in 
die Gesamtpersönlichkeit eingenistet, daß sie Charakterzügen ähn- 
lich werden. So etwa, wenn sich ein Zwangszahlen nur im Rahmen 
des Ordnungsstreben s auswirkt oder ein Zwaugssystem sich der 
Tageseinteilung bedient; das gilt besonders für den Arbeitszwang. 
Solche Verhaltungsweisen gelten dann mehr für absonderlich, über- 
trieben als für krankhaft. Wir sehen also, daß der Krankheitsbegriff 
ein durchaus fließender ist, daß es vom Symptom als isoliertem 
Fremdkörper über den neurotischen Charakterzug und die „üble 
Gewohnheit" bis zum realitätstüchtigen Handeln alle Übergänge 
gibt; da wir aber mit diesen Übergängen nichts anfangen können, 
empfiehlt sich die Unterscheidung zwischen Symptom und neuroti- 
schem Charakter auch hinsichtlich der Rationalisierungen, trotz des 
Künstlichen aller Einteilung. 

Unter diesem Vorbehalt fällt uns noch ein Unterschied im Auf- 
bau des Symptoms und des neurotischen Charakterzuges auf. Bei 
der analytischen Zergliederung zeigt es sich, daß das Symptom, was 
seinen Sinn und seine Herkunft anlangt, im Vergleich zum Charakter- 
zug sehr einfach gebaut ist. Gewiß, auch das Symptom ist über- 
determiniert; aber je tiefer wir in seine Begründungen eindringen, 
desto mehr entfernen wir uns aus dem eigentlichen Symptombereich, 
desto reiner tritt die charakterologische Grundlage zutage. So kann 
man — theoretisch — von jedem Symptom aus die charakterologische 
Reaktionsbasis entwickeln. Das Symptom ist unmittelbar nur von 
einer begrenzten Zahl unbewußter Haltungen begründet; das 
hysterische Erbrechen hat etwa einen verdrängten Fellatio- und 
einen oralen Kindeswunsch zur Grundlage. Beide wirken sich auch 
charakterlich aus, jener in einer gewissen Kindlichkeit, dieser in 
einer mütterlichen Haltung; aber der das hysterische Symptom be- 
gründende hy^sterische Charakter ruht auf einer Vielheit — zum 
großen Teil antagonistischer — Strebungen und drückt sich meist in 
einer spezifischen Haltung oder Wesensart aus. Die Haltung 
läßt sich lange nicht so einfach zerlegen wie das Symptom, ist aber 
prinzipiell ebenso wie dieses aus Trieben und Erlebnissen abzuleiten 



92 Charakterliche Panzerung und Charakterwiderstand 

und zu Terstehen. Während das Symptom nur einem bestimmten Er- 
lebnis, einem umgrenzten Wollen entspricht, stellt der Charakter, 
die spezifische Wesensart eines Menschen, einen Ausdruck der ge- 
samten Vergangenheit dar. Ein Symptom kann daher auch ganz 
plötzlich entstehen, während jeder einzelne Charakterzug viele Jahre 
zu seiner Ausbildung braucht. Dabei vergessen wir aber nicht, dafl 
auch das Symptom nicht hätte plötzlich entstehen können, wenn 
seine charakterliche, bzw. neurotische Reaktionsbasis nicht be- 
reits vorhanden gewesen wäre. 

Die Gesamtheit der neurotischen Charakterzüge erweist sich nun 
in der Analyse als kompakter Schutzmechanismue gegen 
unsere therapeutischen Bemühungen, und wenn wir die Entstehung 
dieses charakterlichen „Panzers" analytisch verfolgen, zeigt es sich, 
daß er auch eine bestimmte Ökonomische Aufgabe hat: Er dient 
nämlich einerseits dem Schutze gegen die Reize der Außenwelt, 
andererseits erweist er sich als ein Mittel, der aus dem Es ständig 
vordrängenden Libido Herr zu werden, indem in den neurotischen 
Reaktionsbildungen, Kompensationen und so weiter libidiuÖse und 
sadistische Energien aufgezehrt werden. In den Prozessen, die der 
Bildung und der Erhaltung dieses Panzers zugrunde liegen, wird 
ständig Angst gebunden, in der gleichen Weise, wie etwa nach der 
Beschreibung Freuds Angst in den Zwangssymptomen gebunden 
wird. Wir kommen auf die Ökonomie der Charakterbildung noch 
zurück. 

Da der neurotische Charakter in seiner Ökonomischen Funktion 
als schützender Panzer ein gewisses, wenn auch neurotisches 
Gleichgewicht hergestellt hat, bedeutet die Analyse eine Ge- 
fahr für dieses Gleichgewicht. Von diesem narzißtischen Schutz- 
mechanismus des Ichs gehen daher die Widerstände aus, die der 
Analyse des Einzelfalles ihr besonderes Gepräge verleihen. Wenn 
sich aber die Verhaltungsweise als ein analysier- und auflösbares 
Resultat der gesamten Entwicklung darstellt, so haben wir auch die 
Möglichkeit, die Technik der Charakteranalyse daraus abzuleiten. 

c) Zur Technik der Analyse des Charakter- 
widerstandes 

Neben den Träumen, den Einfällen, den Fehlleistungen, den 
übrigen Mitteilimgen der Patienten verdienen ihre Haltungen, das 



Technik der Analyse des Charakierwiderstandes 63 

heifit die Art und Weise, w i e sie ihre Träume erzählen, Fehlleistun- 
gen begehen, Einfälle bringen und Mitteilungen machen, besondere 
Beachtung. Die Befolgung der Grundregel ist ein seltenes Kuriosum, 
und es bedarf monatelanger charakteranalytischer Arbeit, um den 
Patienten zu einem halbwegs ausreichenden Maß an Aufrichtigkeit 
zu bringen. Die Art des Patienten, zu sprechen, den Analytiker an- 
zusehen und zu begrüßen, auf dem Sofa zu liegen, der Tonfall der 
Stimme, das Maß an konventioneller Höflichkeit, das eingehalten 
wird, und so weiter, sind wertvolle Anbaltspimkte für die Beurteilung 
der geheimen Widerstände, die der Patient der Grundregel entgegen- 
setzt, und ihr Verständnis ist das wichtigste Mittel, sie durch Deutung 
zu beseitigen. Das „W i e" steht als zu deutendes „Material" gleich- 
berechtigt neben dem, was der- Patient sagt. Man hört oft Analyti- 
ker klagen, die Analyse gehe nicht, der Patient bringe kein „Ma- 
terial". Darunter wird gewöhnlich nur der Inhalt der Einfälle und 
Mitteilungen verstanden. Aber die Art des Schweigens oder etwa 
der sterilen Wiederholungen ist ebenfalls „Material", das auszu- 
werten ist. Es gibt -wohl kaum eine Situation, in der der Patient 
„kein Material" brächte, und wir müssen uns sagen, daß es an uns 
liegt, wenn wir das Verhalten des Analysierten nicht als „Material" 
auswerten können. 

Daß auch das Benehmen und die Form der Mitteilungen analy- 
tische Bedeutung haben, ist ja nichts Neues. Aber daß sie uns den 
Zugang zur Analyse des Charakters in einer ganz bestimmten und 
relativ vollkommenen Weise eröffnen, soll hier behandelt werden. 
Böse Erfahrungen, die man bei der Analyse mancher neurotischer 
Charaktere macht, lehren, daß es bei solchen Fällen zunächst 
immer mehr auf die Form als auf den Inhalt der Mitteilungen an- 
kommt. Wir erwähnen nur andeutungsweise die geheimen Wider- 
stände, die die affektlahmen, die „braven", die überhöflichen und 
korrekten Patienten produzieren, ferner die Kranken, die stets eine 
täuschende positive Übertragung zeigen, oder gar die, die stürmisch 
immer gleichartig Liebe fordern, diejenigen, die die Analyse spiele- 
risch auffassen, die stets „Gepanzerten", die innerlich über alles und 
jeden lächeln; man könnte beliebig fortfahren und ist daher auf die 
mühevolle Arbeit vorbereitet, die aufzuwenden sein wird, um den 
unzähligen individuellen technischen Problemen beizukommen. 

Nehmen wir, vorläufig zum Zwecke allgemeiner Orientierung 
und um das wesenhafte der Charakteranalyse im Gegensatze zur 



>64 Charakterliche Fauzeniug uud Charakterwiderstand 

Symptomanalyse besser hervortreten zu lassen, zwei Vergleichspaare 
vor; wir hätten gleichzeitig in analytischer Behandlung zwei Männer 
mit ejaculatio praecox; der eine wäre ein passiv-femininer, der 
andere ein phallisch-aggressiver Charakter. Wir hatten ferner zwei 
Frauen etwa mit Eß-Störung in Behandlung; die eine wäre ein 
Zwangscharakter, die andere eine Hyslerika. 

Nehmen wir nun weiter an, daß die ejaculatio praecox der 
beiden mann liehen Patienten den gleichen unbewußten Sinn hätte: 
Angst vor dem in der Scheide des Weibes vermuteten (väterlichen) 
Phallus. Beide brächten nun in der Analyse auf Grund der Kastra- 
tionsangsl, die das Symptom begründet, eine negative Vaterübertra- 
gung zustande. Beide würden den Analytiker (Vater) hassen, weil 
sie in ihm den lusteinschränkenden Feind erblickten, und beide 
hätten den unbewußten Wunsch, ihn zu beseitigen. In diesem Falle 
wird der phallisch-sadistische Charakter die Kastrationsgefahr durch 
Beschimpfen, Herabsetzen uud Drohungen abwehren, während der 
passiv-feminine Charakter in dem gleichen Falle immer zutraulicher, 
passiv-hingebender, freundlicher werden wird. Bei beiden ist der 
Charakter zum Widerstand geworden: Jener wehrt die Gefahr 
aggressiv ab, dieser geht ihr durch Opfer an persönlicher Haltung, 
durch täuschendes Wesen und Hingabe aus dem Wege. Natürlich ist 
der Charakterwiderstand des Passiv-Femininen gefährlicher, weil er 
mit geheimen Mitteln arbeitet: Er bringt reichlich Material, erinnert 
infantile Erlebnisse, scheint sich glänzend zu fügen — aber im 
Grunde täuscht er über einen geheimen Trotz und Hafi hinweg; er 
hat, solange er diese Haltung beibehält, gar nicht den Mut, sein 
wahres Wesen zu zeigen. Geht man, ohne diese seine Art zu be- 
achten, nur auf das ein, w a s er bringt, so wird — erfahrungsgemäß 
— keine analytische Bemühung oder Klärung seinen Zustand ändern. 
Er wird vielleicht sogar seinen Hafi gegen den Vater erinnern, aber 
er wird ihn nicht erleben, wenn man ihm nicht in der Übertragung 
konsequent den Sinn seiner täuschenden Haltung deutet, ehe man 
mit der tiefen Deutung des Vaterhasses einsetzt. 

Beim zweiten Vergleichspaar wäre, so wollen wir annehmen, der 
Fall einer akuten positiven Übertragung eingetreten. Der zentrale 
Gehalt dieser positiven Übertragung wäre bei beiden der gleiche wie 
der des Symptoms, nämlich eine orale Fellatiophantasie. Aus dieser 
inhaltlich gleichartigen positiven Übertragung ergibt sich aber ein 
formal ganz verschiedener Übertragungswiderstand: Die Hysterika 



Technik der Analyse des Charakterwiderstandes 65 

wird etwa augstllch schweigen und sich scheu benehmen, die 
Zwangsneurose wird trotzig schweigen oder dem Analytiker ein 
kaltes, hochfahrendes Benehmen zeigeu. Die Abwehr der positiven 
Übertragung bedient sich verschiedener Mittel, hier der Aggressivität, 
dort der Angst. Wir werden sagen, das Es habe bei beiden den 
gleichen Wunsch übertragen, während das Ich verschieden abwehrt. 
Und die Form dieser Abwehr wird bei beiden Patientinnen stets die 
gleiche bleiben; diese Hysterika wird stets ängstlich, die zwangs- 
neurotische Patientin wird stets aggressiv abwehren, welcher Inhalt 
des Unbewußten immer im Begriffe sein wird, durchzubrechen; das 
heifit, der Charakterwiderstand bleibt bei ein und 
demselben Patienten stets gleich und verschwin- 
det erst mit den Wurzeln der Neurose. 

Der eharakterliche Panzer ist der formierte, in der psychischen 
Struktur chronisch konkretisierte Ausdruck narzißtischer Ab- 
wehr. Zu den bekannten Widerständen, die gegen jedes neue 
Stück ujibewußten Materials mobilisiert werden, gesellt sich ein 
konstanter Faktor formaler Art hinzu, der vom Charakter des 
Patienten ausgeht. Wegen dieser Herkunft nennen wir den kon- 
stanten formalen Widerstands faktor „Charakterwiderstand". 

Fassen wir auf Grund des bisherigen die wichtigsten Eigen- 
schaften des Charakter Widerstandes zusammen: 

Der Charakterwiderstand äußert sich nicht inhaltlich, sondern 
formal in typischer, gleichbleibender Weise im allgemeinen Ge- 
haben in Sprechart, Gang, Mimik und besonderen Verhaltungs- 
weisen (Lächeln, Höhnen, geordnet oder verworren Sprechen, Art 
der Höflichkeit, Art der Aggressivität usw.). 

Für den Charakterwiderstand ist bezeichnend, nicbt was der 
Patient sagt und tut, sondern w i e er spricht und handelt, nicht was 
er im Traume verrät, sondern wie er zensuriert, entstellt, ver- 
dichtet usw. 

Der Charakterwiderstand bleibt bei ein und demselben Patien- 
ten bei verschiedenen Inhalten gleich. Verschiedene Charaktere brin- 
gen gleiche Inhalte verschieden vor. Die positive Vaterübertragung 
einer Hysterika kommt anders zum Ausdruck und wird anders ab- 
gewehrt als die einer weiblichen Zwangsneurose. Die Abwehr ist 
etwa dort ängstlich, hier aggressiv. 

Der formal zum Ausdruck kommende Charakterwiderstand ist 

Chorakteranatyse S 



Iff Charakterliche Panzerung und Charakterwiderstand 

ebenso inhaltlich auflösbar und auf infantile Erlebnisse und trieb- 
hafte Interessen zurückzuführen wie das neurotische Symptom.') 

Der Charakter des Patienten wird im geeigneten Augenblicke 
zum Widerstand; das heifit, der Charakter spielt im gewöhnlichen 
Leben eine ähnliche Rolle wie als Widerstand in der Behandlung; 
den eines psychischen Schutzapparates. Wir sprechen daher von 
„charakterlicher Abpanzerung" des Ichs gegen die Anfienwelt und 
das Es. 

Die Verfolgung der Charakterbildung bis in die frülie Kindheit 
ergibt, daß sie seinerzeit aus den gleichen Gründen und zu dem- 
selben Zwecke erfolgte, denen der CharakierwidersJnn<] in der aktuel- 
len analytischen Situation dient. Das Hervortreten des Charakters 
als Widerstand in der Analyse spiegelt ficino infantile Genese wider. 
Und die wie zufällig erscheinenden Situationen, die den Charakter- 
widerstand in der Analyse hervortreten lassen, sind genaue Klischees 
jener Situationen der Kindheit, die die Charakterbildung in Gang 
setzten. So kombiniert sich auch im Charaktcrwi<UTstand die Ab- 
wehrfunktion mit der Übertragung infantiler Beziehungen zur Um- 
welt. 

ökonomisch dient soM'ohl der Charakter im gewöhnlichen 
Leben als auch der Charakterwiderstand in der Analyse der Ver- 
meidung von Unlust, der Herstellung und Aufrechterhaltung des 
psychischen (wenn a\ich neurotischen) Gleichgewichts und schließ- 
lich der Aufzehrung verdrängter oder der Verdrängung entgangener 
Triebquantitäten. Bindung frei flotticreudcr Angst oder, was das- 
selbe von anderer Seite betrachtet bedeutet, Erledigung gestauter 
psychischer Energie ist eine seiner kardinalen Funktionen. Wie in 
den neurotischen Symptomen das Historische, tlns Infanlilc aktuell 
konserviert ist, lebt und wirkt, so auch im Charakfer. So erklärt es 
sich, daß die konsequente Auflockerung der Charakterwiderstände 
einen sicheren und unmittelbaren Zugang zum zentralen infantilen 
Konflikt schafft. 

Was folgt nun aus diesen Tatbeständen für die analytische Tech- 
nik der Charakteranalyse? Gibt es wesenhafte Unterschiede zwi- 
schen ihr und der gewöhnlichen Widerstandsaualysc? 



*) Durch diese Erfahrung wird das Formale in den Bereich der bis- 
her Torwiegend auf das Inhaltliche eingestellten Psychoanalyse einbezogen. 



Technik der Analyse des Charakterwiderstandes 65 

Es gibt Unterschiede und sie betreffen -■ 

a) die Auswahl bei der Reihejifolge des zu deutenden Materials, 

b) die Technik der Widerstandsdeutung selbst. ' 

ad a) Wenn wir von „Auswahl des Materials" sprechen, haben 
wir einen wichtigen Einwand zu gewärtigen: Man wird sagen, jede 
Auswahl widerspreche den psychoanalytischen Grundprinzipien, 
man habe dem Patienten zu folgen, sich von ihm führen zu lassen 
und laufe bei jeder Auswahl Gefahr, seinen eigenen Neigungen zu 
verfallen. Dazu ist zunächst zu bemerken, daß es sich bei dieser 
Auswahl nicht etwa um Vernachlässigung von analytischem Material 
handelt, sondern lediglich um die Wahrung einer — der Struk- 
tur der Neurose entsprechenden — gesetzmäßigen Reihen- 
folge bei der Deutung. Alles Material kommt zur Deutung dran, 
nur ist das eine Detail momentan wichtiger als ein anderes. Man 
muß sich auch klar machen, daß der Analytiker immer auswählt, 
denn man hat schon eine Auswahl getroffen, wenn man einen Traum 
nicht der Reihe nach analysiert, sondern einzelne Details heraushebt. 
Man hat natürlich auch parteiisch Auswahl getroffen, wenn man nur 
den Inhalt, nicht aber die Form der Mitteilungen beachtet. Man ist 
also allein durch die Tatsache, daß der Patient in der analytischen 
Situation Material verschiedenster Art bringt, gezwungen, eine Aus- 
wahl des zu deutenden Materials zu treffen; es kommt nur darauf 
an, daß man der analytischen Situation entsprechend richtig aus- 
wähle. 

Bei Patienten, die infolge einer besonderen Charakterentwicklung 
die Grundregel konsequent nicht befolgen, wie überhaupt bei jedem 
charakterologischen Hindernis der Analyse wird man genötigt sein, 
den entsprechenden Charakterwiderstand ständig ans 
der Fülle des Materials herauszuheben und analy- 
tisch durch Deutung seines Sinnes zu bearbeiten. 
Das bedeutet natürlich nicht, daß man das übrige Material vernach- 
lässigt oder nicht beachtet; im Gegenteil, alles ist wertvoll und will- 
kommen, was uns über den Sinn und die Herkunft des störenden 
Charakterzuges Aufklärung gibt; man schiebt nur die Zergliederung 
und vor allem die Deutung des Materials, das nicht unmittelbar zum 
Ubertragungswiderstand gehört, auf, bis der Charakterwiderstand 
wenigstens in den Grundzügen verstanden und durchbrochen wurde. 
Welche Gefahren damit verbunden sind, bei unaufgelÖsten Cha- 

5* 



08 Charakterliche Panzeruii(f und CUarukterwiderstand 

rakterwidersfänden tiefgehende Deutungen zu geben, versuchte ich 
im III. Kapitel klarzumachen. 

ad b) Wir wollen uns nun einigen besonderen Fragen der cha- 
rakteranalytischen Technik zuwenden. Vor allem müssen wir einem 
drohenden Mißverständnis vorbeugen. Wir sagten, die Charnkter- 
analyse beginne mit der Heraushcbuiig und konsequenten Analyse 
des Charakterwiderstandes. Das heilit nicht, dafi man den Patienten 
etwa auffordert, nicht aggressiv 2« sein, nicht zu tauschen, nicht 
verworren zu sprechen, die Grundregel zu befolgen und so weiter. 
Das wäre nicht nur unanalytisch, sondern vor allem fruchtlos. Es 
kann nicht oft genug betont werden, dafi das, was wir hier beschrei- 
ben, mit Erziehung oder dergleichen nichts zu tun hat. Wir legen 
uns bei der Charakteranalyse die Frage vor, warum <icr Patient 
täuscht, verworren spricht, affekt abgesperrt ist usw., versuchen sein 
Interesse für seine Cbaraktereigenheitcn zu wecken, um mit seiner 
Hilfe analytisch deren Sinn und Herkunft aufzuklären. Wir heben 
also bloß den Charaktcrzug. von dem der kardinale Widerstund aus- 
geht, aus dem Niveau der Persönlichkeit heraus, zeigen dem Patien- 
ten, wenn möglieh, die oberflächlichen Beziehungen zwischen dem 
Charakter und den Symptomen, überlassen es aber natürlich im 
übrigen ihm, ob er seine Erkenntnis auch zur Änderung seines Cha- 
rakters benützen will. Wir verfahren dabei prinzipiell ja nicht 
anders als bei der Analyse eines Symptoms; bei der Charakter- 
aualyse kommt nur hinzu, dafl wir den Charaktcrzug dem Patienten 
wiederholt isoliert vorführen müssen, solange, bis er Distanz 
gewonnen hat und sich dazu so einsti-lK wie etwa zu einem quälen- 
den Zwangssymptom. Denn durch die Distanzierung und Objekti- 
vierung des neurotischen Charakters bekommt dieser etwas Fremd- 
körperhaftes, und schlieaiich bildet sich auch eine Krankheitseinsicht 
heraus. 

Bei dieser Distanzierung und Objektivierung des neurotischen 
Charakters zeigt sich überraschcmlerweisi., dnfi sieh die Persönlich- 
keit - zunächst vorübergehend - verändcrf. nnd zwar taucht bei 
fortschreitender Charakteraualyse automatisch iliejenige Triebkraft 
oder Wesensart unvcrhüllt auf. aus der der Charakicrwiderstand i« 
der Übertragung hervorging. Um beim Beispiel vom passiv-femininen 
Charakter zu bleiben: je gründlicher der Patient seine Neigung zur 
passiven Hingabe objektiviert, desto aggressiver wird er. War doch 
sem feminines, täuschendes Wesen in der Hauptsache eine energische 



Technik der Analyse des Charakterwiderstandes 69 

Reaktion gegen verdrängte aggressive Impulse. Mit der Aggressivität 
stellt sich aber auch die infantile Kastrationsangst ein, die seinerzeit 
die Wandlung vom Aggressiven zum Passiv-Femininen bedingte. So 
gelangen wir mit der Analyse des Charakterwiderstandes direkt zum 
Zentrum der Neurose, zum Ödipuskomplex. 

Man darf sich aber keinen Illusionen hingeben; die Isolierung 
und Objektivierung sowie die analytische Durcharbeitung eines 
solchen Charakterwiderstandes brauchen gewöhnlich viele Monate, 
erfordern viel Mühe und vor allem ausdauernde Geduld. Allerdings, 
wenn der Durchbruch einmal gelungen ist, so pflegt von da ab die 
analytische Arbeit flott, getragen von affektiven analytisclien 
Erlebnissen, vorwärts zu schreiten. Läßt man hingegen solche Cha- 
rakterwiderstände unbearbeitet, geht man dem Patienten bloß in 
seinem Materiale, ständig alle Inhalte deutend, nach, so bilden sie 
mit der Zeit einen kaum mehr zu beseitigenden Ballast. Man be- 
kommt dann im Laufe der Zeit das sichere Gefühl, daß jede Inhalts- 
deutung verschwendet war, dafä der Patient nicht aufhört, an allem 
zu zweifeln, oder zum Scheine zu akzeptieren oder innerlich alles 
zu belächeln. In späteren Stadien der Analyse, wenn die wesent- 
lichsten Deutungen des Ödipuskomplexes bereits gegeben wurden, 
steht man dem hilflos gegenüber, wenn mit der Aufräumung dieser 
Widerstände nicht gleich im Anfang begonnen wurde. 

Ich habe bereits früher den Einwand zu widerlegen versucht, 
daß man Widerstände nicht angehen könne, ehe man ihre infan- 
tile Determinierung kenne. Wesentlich ist, daß man zunächst mir 
den aktuellen Sinn des Charakterwiderstandes durchschaut, wozu 
man das infantile Material nicht immer benötigt. Dieses brauchen 
wir zur Auflösung des Widerstandes. Begnügt man sich zunächst 
damit, den Widerstand dem Patienten vorzuführen und seinen 
aktuellen Sinn zu deuten, so stellt sich sehr bald auch das infantile 
Material dazu ein. mit dessen Hilfe wir dann den Widerstand auch 
beseitigen können. 

Wenn man eine bisher vernachlässigte Tatsache hervorhebt, ruft 
man ungewollt den Eindruck hervor, als ob man dadurch das übrige 
seiner Bedeutung beraubte. Wenn war hier die Analyse der Re- 
aktions weise so sehr betonen, so bedeutet das keine Vernachlässi- 
gung der Inhalte. Wir fügen nur etwas hinzu, was bisher nicht be- 
achtet wurde. Unsere Erfahrung lehrt, daß die Analyse charakter- 
iicher Widerstände allem anderen vorangestellt werden muß; das 



70 Charakterliche Panzerung und Charakterwiderstand 

heißt aber uicht, dafi man etwa bis zu einem bestimmten Datum nur 
den Charakterwiderstand analysiert, dann mit der InhaKsdeutung 
beginnt. Die zwei Phasen, Widcrstandsanaiysc und Analyse der früh- 
infantilen Erlebnisse, überdecken einander zum f^rofitcn Teile; es 
handelt sich lediglich um ein Überwiegen der Charakleranalyse im 
Beginne, das heißt um „Erziehung zur Analyse durch Analyse", 
während in späteren Stadien der Hauptakzent auf das Inhaltliche 
und Infantile fällt. Das ist aber gewiß keine starre Regel, sondern 
ergibt sich aus der Verhalt ungsweise der einzelnen Patienten. Bei 
dem einen wird die Deutung des infantilen Materials früher, beim 
anderen später einsetzen. Grundsätzlich betont muß nur die Kegel 
werden, tiefgehende analytische Deutungen auch bei an sich klarem 
Material zu vermeiden, solange die Patienten nicht reif sind, sie zu 
verarbeiten. Das ist zwar nichts neues, aber es kommt offenbar bei 
der Verschiedenheit analytischer Arbeitsweisen sehr darauf an. was 
man unter „reif zur analytischen Dentring"' versteht. Wir werden 
dabei wohl auch jene Inhalte unterscheiden müssen, die unmittelbar 
zum Charakterwiderstand gehören, und die, die anderen Erlebnis- 
sphären angehören. Der Nornialfall ist der, daß der Anaiysand im 
Beginne zur Kenntnisnahme der ersteren, nicht aber für die letzteren 
reif ist. Im ganzen bedeutet ja unser charakteranalytischer Versuch 
nichts anderes als das Streben, gröntraögliche Sicherheit bei der Vor- 
bereitung der Analyse und bei der Deutung des infantilen Materials 
zu gewinnen. Hier erwächst uns die wichtige Aufgabe, die ver- 
schiedenen Formen der charakterlichen übertragungswiderstäude zu 
studieren und systematisch zu besehreiben. Ihre Technik ergibt sich 
dann von selbst aus ihrer Struktur. 



d) Ableitung der Situationstechnik aus der *. 

Struktur des Charakterwiderstandes (Deutungs- 

technikderleh-Abwchr) i. 

Wir wenden uns nun dem Problem zu, wie sich die Situations- 
technik der Charakteranalyse aus der Struktur des Charakterwider- j 
Standes hei einem Patienten ableitet, der sofort im Beginne seine 
Widerstände entfaltet, deren Struktur aber zunächst völlig unüber- 
sichtlich ist. Im folgenden Falle war der Charakterwiderstand sehr 
kompliziert strukturiert, es lagen viele Determinierungen sozusagen 
nebeneinander und durcheinander. Wir wollen versuchen, die Gründe 



r 



Ableitung der Situationstechnik aus dem Charakterwiderstaod 71 

darzustellen, die mich bewogen, gerade an dem einen und nicht au 
einem anderen Stück des Widerstandes die Deutung anzusetzen. 
Auch hier wird sich zeigen, daß eine konsequente und folgerichtige 
Deutung der Ich-Abwehr und der Mechanismen des „Panzers" mitten 
in die zentralen infantilen Konflikte hineinführt. 

Ein Fall von manifesten Minderwertigkeitsgefühlen 
Ein 30jähriger Mann suchte die Analyse auf, weil ihn „das Leben 
nicht recht freute". Er wußte nicht anzugeben, ob er sich krank 
fühlte, eigentlich glaubte er gar nicht, daß er einer Heilung 
bedurfte; trotzdem meinte er, nichts unterlassen zu dürfen, er hätte 
von der Psychoanalyse gehört, vielleicht könnte sie ihn ins klare 
über sich bringen. Die Frage nach Krankheitssymptomen wurde 
verneint; später stellte sich heraus, daß seine Potenz sehr mangel- 
haft war; er verkehrte nur sehr selten, wagte sich an Frauen nur 
schwer heran, beim Verkehr blieb er unbefriedigt und litt überdies 
an einer ejaculatio praecox. Die Krankheitseinsicht für seine Impo- 
tenz war sehr mangelhaft; er hätte — so führte er aus — sich mit 
seiner geringen Potenz abgefunden, es gäbe doch so viele Männer, 
die das nicht nötig hätten. 

Sein Auftreten und Gehaben verriet auf den ersten Blick den 
schwer gehemmten und gedrückten Menschen. Er sah beim Sprechen 
nicht in die Augen, sprach leise, gedrückt, unter vielen Stockungen 
und mit verlegenem Räuspern. Dabei war aber deutlich ein krampf- 
haftes Sireben bemerkbar, die Scheu zu unterdrücken und mutig zu 
erscheinen. Trotzdem trug sein Wesen ganz den Charakter schwerer 
Minderwertigkeitsgefühle an sich. 

Mit der Grundregel bekannt gemacht, begann der Patient leise 
und stockend zu erzählen. Unter den ersten Mitteilungen fand sich 
die Erinnerung an zwei „furchtbare" Erlebnisse. Einmal hatte er, 
als er ein Auto lenkte, eine Frau überfahren, die an den Folgen des 
Unfalls starb. Ein anderes Mal war er in die Lage gekommen, eine 
Tracheotomie bei einer drohenden Erstickung durchzuführen (er war 
während des Krieges Sanitätsgehilfe gewesen). Er konnte nur mit 
Grauen an diese zwei Erlebnisse denken. Im Laufe der ersten 
Sitzungen erzählte er dann in stets gleichbleibender, etwas monotoner, 
leiser und gedrückter Weise von seinem Elternhause. Als zweit- 
jüngster von mehreren Geschwistern hatte er eine zweitrangige Stel- 
lung. Der älteste Bruder, um zirka 20 Jahre älter als er. war der 



72 Charakterliche Panzerung und Charakfcrwidorsland 

Liebling der Eltern, hatte viele Reisen unternoinnien. kannte sich 
„in der Welt" aus, protzte zu Hhus rail seinen Erlebnissen, und wenn 
er von einer Reise heimkam, „drehte sich das ganze Haus um ihn". 
Obwohl aus dem Inhalt der Mitteiinnj; der Neid und der Haß gegen 
diesen Bruder klar zu ersehen war. leugiu'fe <lcr I*alien( uuf eine 
vorsichtige Frage hin strikt jedes Gefühl von Neid oder Haß. Er 
hätte nie Derartiges gegen den Bruder gespürt. — Dann erzählte er 
von seiner Mutter, die sehr gut zu ihm gewesen war nnd starb, als ) 

er 7 Jahre zählte. Als er von der Mutter spraeh. begann er leise zu * 

weinen, schämte sich dessen und spracli lange Zeit niehts mehr. Es - 

schien klar, daß die Mutter der einzige Mensch gewesen war, der ihm f 

ein wenig Aufmerksamkeit und Liebe gcsehenkt hatte, ilaß ihr Ver- ' 

lust ein schwerer Schock für Ihn gewesen war nnd die Erinnerung 
an sie ihn zum Weinen bringen mulhe. Nach dem Tode der Mutter 
hatte er fünf Jahre im Hause des Bruders zugebracht; nicht aus dem 
Inhalte, sondern aus dem Tone der Erzählung ging die ganze große 
Erbitterung über das herrische, kalte und unfreundliche Wesen seines 
Bruders hervor. — Dann berichtete er noch iti kurzen, wenig inhult- 
reichen Sätzen, daß er jetzt einen Frenn<l habe, der ihn sehr liebe 
und bewundere. Nach diesem Bericht .setzte anhaltendes Schweigen 
ein. Ein paar Tage spater berichtete er einen Traum; ersah sich 
in einer fremden Stadt bei seinem Freund; nur das 
Gesicht des Freundes sei ein anderes gewesen. Da 
er zum Zwecke der Analyse seinen Wohnort verlassen halte, lug die 
Annahme nahe, daß der Mann im Traum den Analytiker darstellte. 
Daß er ihn mit dem Freund identifizierte, konnte als Zeiclien einer 
beginnenden positiven Ubertragnng gedeutet werden, aber die Ge- 
samtsituation warnte davor, das als positive Ubertragnng aufzu- 
fassen oder gar zu deuten. Er erkannte selbst in dem l'"rcunde den 
Analytiker, wußte aber sonst nichts hinzuzufügen. Da er entweder 
schwieg, oder in monotoner Weise Zweifel an seiner Fähigkeit, 
die Analyse durchzuführen, äußerte, sagte ich ihm, er hätte etwas 
gegen mich, er wage nur nicht, es auszusprechen. Er leugnete das 
entschieden, worauf ich ihm sagte, er hätte es ja auch nie gewagt, 
seine feindseligen Regungen gegen seinen älteren Bruder zu äußern! 
ja nicht einmal, sie bewußt zu denken, und er halte offenbar irgend 
eine Beziehung zwischen seinem älteren Bruder und mir herg<rstellt. ' 

Das war zwar richtig, aber ich beging den Fehler, seinen Widerstand * 

an einer zu tiefen Stelle zu deuten. Die Deutung hatte auch keinen 



Ableitung der Situationstechnik aus dem Charakterwiderstand 73 

Erfolg, die Hemmung verstärkte sich vielmehr, und ich wartete 
einige Tage, bis ich aus seinem Benehmen das aktuell wichtigere 
Widerstandsmoment erschließen konnte. Soviel war mir klar, daß 
außer der Übertragung des Bruderhasses auch eine starke Abwehr 
einer femininen Einstellung vorlag (der Traum mit dem Freund). 
Freilich durfte ich eine Deutung in dieser Richtung nicht wagen. 
Ich blieb also dabei, daß er mich und die Analyse aus irgend einem 
Grunde abwehrte, sagte ihm, sein ganzes Wesen deute auf eine Ab- 
sperrung gegen die Analyse hin, worauf er zustimmend meinte, ja, 
so sei er auch sonst immer im Leben, starr, unzugänglich, abwehrend. 
Während ich konstant und konsequent in jeder Sitzung, bei jeder 
Gelegenheit ihm seine Ablehnung vor Augen führte, fiel mir die 
monotone Ausdriicksweise seiner Klagen auf. Jede Sitzung begann 
stets mit den gleichen Sätzen: „Wie soll das werden, ich spüre nichts, 
die Analyse hat keinen Einfluß auf mich, werde ich das leisten kön- 
nen, ich kann nicht, nichts kommt mir in den Sinn, die Analyse hat 
keinen Einfluß auf mich" und so fort. Doch ich verstand nicht, was 
er damit ausdrücken wollte, und doch M'ar klar, daß hier der Schlüs- 
sel Zinn Verständnis seines Widerstandes lag. 

Hier haben wir gute Gelegenheit, den Unterschied zwischen der 
charakteranalytischen und der aktiv-suggestiven Erziehung zur 
Analyse zu studieren. Ich hätte ihn gütig ermahnen und tröstend be- 
einflussen können, mir weitere Mitteilungen zu bringen, ich hätte 
vielleicht auf diese Weise auch eine künstliche positive Übertragung 
erwirkt, aber unsere Erfahrungen an anderen Fällen lehrten mich, 
daß man damit nicht weit kommt. Da sein ganzes Benehmen keinen 
Zweifel darüber ließ, daß er die Analyse und mich im besonderen 
ablehnte, konnte ich ruhig bei dieser Deutung verharren und die 
weiteren Reaktionen abwarten. Als wir einmal auf den Iraum zu- 
rückkamen, meinte er, der beste Beweis, daß er mich nicht ablehnte, 
sei, daß er mich mit seinem Freund identifizierte. Bei dieser Ge- 
legenheit legte ich ibm die Vermutung nahe, daß er vielleicht von 
mir erwartet habe, daß ich ihn ebenso lieben und bewundern würde, 
wie sein Freund es tat, daß er dann enttäuscht wurde und mir meine 
Zurückhaltung nun sehr übehiehme. Er mußte zugeben, daß er im 
geheimen Ähnliches gedacht, aber nicht gewagt hatte, es mir mit- 
zuteilen. In der Folge erzählte er, daß er immer nur Liebe und ins- 
besondere Anerkennung fordere, und daß er sich speziell männ- 
lich aussehenden Männern gegenüber sehr ab wehrend verhalte. 



74 



Charakterliche Panzerung und Charakterwiderstand 



Er fühle sich ihnen gegenüber nicht gleichwertig und er habe im 
Verhältnis mit seinem Freund die weibliche Rolle gespielt. Wieder 
bot er mir Material zur Deutung seiner femininen Übertragung, aber 
sein Gesamtverhalten warnte mich sehr davor, ihm <liese Eröffnung 
zu machen. Die Situation war schwierig, denn die von mir bereits 
verstandenen Elemente seines Widerstandes, die Hafiübcrtragung vom 
Bruder und die narzißtisch-feminine Einstellung zu Vorgesetzten 
waren scharf abgewehrt, und ich mußte daher vorsichtig sein, wenn 
ich nicht den Abbruch der Analyse seinerseits riskieren wollte, über- 
dies klagte er in jeder Stunde fast unaufhörlich, in stets gleich- 
bleibender Weise, daß die Analyse ihn nicht berühre usf., ein Ver- 
halten, das ich nach ungefähr vierwöchiger Analyse noch immer 
nicht verstand, und das mir trotzdem den Eindruck eines ganz 
wesentlichen und momentan akuten charakterlichen Widerstandes 
machte. 

Ich erkrankte dann und mußte für zwei Wochen die Analyse 
unterbrechen. Der Patient schickte mir eine Flasche Kognak zur 
Stärkung. Als ich die Analyse wieder aufnahm, schien er froh, fuhr 
aber in der geschilderten Art und Weise zu klagen fort, berichtete 
mir, daß er so sehr von Todesgedanken gequält sei, er müsse immer 
daran denken, daß jemandem aus seiner Familie etwas zugestoßen 
sei, und während ich krank war, hätte er immerfort daran denken 
müssen, daß ich sterben könnte. Als er eines Tages von diesem Ge- 
danken besonders gequält war, entschloß er sich, mir den Kognak zu 
schicken. Die Gelegenheit war ja sehr verlockend, ilim seine ver- 
drängten Todeswünsche zu deuten, es war reichlich Material dazu 
vorhanden, doch hielten mich die Überlegung und das bestimmte 
Gefühl davon ab, daß eine derartige Deutung an der Mauer seiner 
Klagen „nichts dringt in mich ein", die „Analyse hat keinen Einfluß 
auf mich" fruchtlos abprallen würde. Es war ja mittlerweile auch der 
geheime Doppelsinn der Klage „nichts dringt in mich ein" klar ge- 
worden; diese Klage war ein Ausdruck seiner zutiefst verdrängten 
passiv-femininen Übertragungswünsche nach einem analen Verkehr. 
Aber wäre es vernünftig und begründet gewesen, ihm seinen homo- 
sexuellen Liebes^vunsch, der sich ja deutlich zeigte, zu deuten, 
während sein Ich immerfort gegen die Analyse protestierte? Erst 
mußte klar werden, was seine Klagen über die Fruchtlosigkeit der 
Analyse bedeuteten. Ich hätte ja die Möglichkeit gehabt, ihm zu 
zeigen, daß er mit seinen Klagen nicht Recht hatte; er träumte un- 



Ableitung der Situationstechnik aus dem Charakterwiderstand 75 

ausgesetzt, die Todesgedanken verstärkten sich, vieles andere ging 
in ilim vor. Da ich aber erfahrungsgemäß wußte, daß das der Situa- 
tion nicht abhelfen würde, andererseits deutlich den Panzer spürte, 
der zwischen dem gebotenen Material des Es und der Analyse stand, 
ferner mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen mußte, daß der vor- 
handene Widerstand keine Deutung zum Es durchlassen würde, 
zeigte ich ihm bloß immer wieder sein Verhalten auf, deutete es ihm 
als Ausdruck einer scharfen Abwehr und sagte ihm, wir mußten 
beide warten, bis uns dies Verhalten klar würde. Er begriff bereits, 
daß die Todesgedanken, die er anläßlich meiner Krankheit hatte, 
nicht unbedingt Ausdruck einer liebevollen Sorge um mich sem 

mußten. 

Im Laufe der folgenden Wochen häuften sich die Eindrucke von 

seinem Verhalten und seineu Klagen, es wurde immer klarer, daß 
dabei sein Minderwertigkeitsgefühl im Zusammenhang mit der Ab- 
wehr seiner femininen Übertragung eine große Rolle spielte, aber 
noch immer war die Situation nicht reif zur exakten Deutung, mir 
fehlte die straffe Formulierung des Sinnes seines Verhaltens. Fassen 
wir die Grundlagen der später doch erfolgten Lösung zusammen: 

a) Er wollte Anerkennung und Liebe von mir wie von allen 
anderen ihm maskulin erscheinenden Männern. Daß er Liebe wollte 
und von mir enttäuscht war, war bereits wiederholt ohne Erfolg ge- 

b) Er hatte eine deutliche haß- und neiderfüllte Einstellung zu 
mir, vom Bruder übertragen; das war derzeit wegen der Gefahr des 
Verpuffens nicht zu deuten. 

c) Er wehrte seine feminine Übertragung ab; die Abwehr war 
ohne die Berührung der verpönten Weiblichkeit nicht zu deuten. 

d) Er fühlte sich vor mir minderwertig — wegen seiner Femmi- 
tät — , und seine ständigen Klagen konnten nur Ausdruck seines 
Minderwertigkeitsgefühls sein. 

Ich deutete ihm nun sein Minderwertigkeitsgefühl vor mir; das 
hatte zunächst keinen Erfolg, aber nach einigen Tagen konsequenter 
Vorführung seines Wesens brachte er doch einige Mitteilungen über 
seinen mafilosen Neid, nicht gegen mich, sondern gegen andere Män- 
ner vor denen er sich ebenfalls minderwertig fühlte. Und nun 
tauchte in mir blitzartig der Einfall auf, daß sein ständiges Klagen 
ja nichts anderes bedeuten konnte als: „Die Analyse hat keinen Ein- 
fluß auf mich" (zu ergänzen): „sie ist nichts wert", bzw. der Ana- 



7Ä Charakterliche Panzerung und Charakterwiderstand 

lytiker sei inferior, impotent, könne bei ihm nichts erreichen. D i e 
Klagen waren teils als Triumph über, teils als Vor- 
würfe gegen den Analytiker aufzufassen. Ich sagte 
ihm nun, welche Meinung ich von seinen ständigen Klagen hatte; 
der Erfolg war auch für mich verblüffend; er wußte sofort eine 
ganze Menge Beispiele thifür anzuführen, daß er sich immer so be- 
nahm, wenn ihn jemand beeinflussen wollte. Er könne die Über- 
legenheit eines andereji nicht ertragen und trachte immer darnach, 
ihn von seinem Thron zu stürzen. Meine Deutnng leuchtete ihm 
vollkommen ein. Es sei immer so gewesen, daß er das gerade Ge- 
genteil von dem getan hatte, was ein Vorgesetzter von ihm verlangte. 
Eine Fülle von Erinnerungen über sein trotziges und herabsetzendes 
Verhalten zu Lehrern kam zum Vorschein. 

Hier also steckte seine verhaltene Aggressivität, deren äußerste 
bisher gesichtete Erscheinung die Todeswiinsche waren. Aber unsere 
Freude währte nicht lange, der Widerstand stellte sich in der gleichen 
Weise wieder ein, dieselben Klagen, dieselbe Gedrücktheit, dasselbe 
Schweigen. Nun wußte ich aber, daß ihm meijie Entdeckung sehr 
imponiert hatte und dadurch seine feminine Einstellung stärker 
geworden war, was natürlich sofort eine neuerliche Abwehr der 
Feminität zur Folge hatte. Bei der Analyse dieses Widerstandes ging 
ich neuerdings von dem Minderwertigkeitsgefühl mir gegenüber aus, 
vertiefte aber die Deutung durch die Mitteilung, daß er sich nicht 
nur minderwertig fühle, sondern auch, vielmehr gerade deshalb, in 
eine weibliche Rolle mir gegenüber versetzt fühle, was seinen männ- 
lichen Stolz allzusehr verletze. 

Obwohl er nun vorher reichlich Material über sein weibliches 
Verhalten männlichen Männern gegenüber gebracht und auch volle 
Einsicht dafür gezeigt hatte, wollte er jetzt nichts mehr davon wissen. 
Das war nun ein neues Problem. Warum wollte er jetzt etwas nicht 
zugeben, was er seinerzeit selbst beschrieben hatte? Ich deutete ihm 
nun den Sinn seines akuten Verhaltens, daß er lüimlieh sich vor mir 
so minderwertig fühlte, daß er nicht annehmen wollte, was ich ihm 
erklärte, selbst wenn er dadurch sein eigenes früheres Urteil ahändern 
müßte. Er sah das ein und berichtete nun detailliert über sein Ver- 
hältnis zu seinem Freund. Es stellte sich heraus, daß er tatsächlich 
die Rolle des Weibes gespielt hafte, es war auch oft zum Verkehr 
zwischen den Schenkeln gekommen. Ich konnte ihm nun zeigen, dafl 
sein abwehrendes Verhalten hier nichts anderes war. als der Aus- 



AbleituDg der Situationsiecbnik aus dem Charakterwiderstand 77 

druck eines Kampfes gegen die Hingabe an die Analyse, die für sein 
Unbewußtes offenbar mit der Idee, sich dem Analytiker weiblich 
hinzugeben, verbunden wäre. Das verletzte aber wieder seinen Stolz 
und wäre der Grund für seine hartnäckige Sperrung gegen den Ein- 
fluß der Analyse. Darauf reagierte er mit einem bestätigenden 
Traum: Er liegt mit dem Analytiker auf einem Sofa und wird von 
ihm geküßt. Dieser klare Traum löste aber eine neue Widerstands- 
welle aus, wieder in der alten Form von Klagen, die Analyse be- 
rühre ihn nicht, sie können ihn nicht beeinflussen, wie werde das 
werden, er sei ganz kalt usw. Ich deutete ihm neuerdings den Sinn 
der Klagen als Herabsetzung der Analyse und einer Abwehr der 
Hingabe an sie. Gleichzeitig fing ich an, ihm den ökonomischea 
Sinn seiner Absperrung zu erklären; ich sagte ihm, schon aus dem, 
was er bisher über seine Kindheit und Jugend erzählt hatte, ginge 
klar hervor, daß er sich schließlich gegen alle Enttäuschtingen, die 
er in der Außenwelt erlebte, und gegen die rohe, kalte Behandl^mg 
durch Vater, Bruder und ältere Lehrer abgesperrt hatte, das sei eben 
seine einzige Rettung gewesen, wenn auch eine Rettung, die viele 
Opfer an Lebensfreude gefordert hatte. 

Diese Erklärung leuchtete ihm sofort ein, und er brachte im An- 
schluß daran Erinnerungen an sein Verhalten zu den Lehrern. Er 
hätte sie immer so kalt und fremd empfunden — eine deutliche Pro- 
jektion seiner eigenen Gefühlseinstellung — und wenn er auch er- 
regt war, wenn sie ihn schlugen oder beschimpften, so wäre er doch 
innerlich gleichgültig geblieben. Dabei verriet er mir, er hätte so oft 
gewünscht, daß ich strenger wäre. Der Sinn dieses Wunsches schien 
zunächst nicht recht in die Situation hineinzupassen; viel später 
wurde klar, daß er mit seinem Trotz mich und meine Vorbilder 
die Lehrer, ins Unrecht zu setzen bestrebt war. Einige Tage floß die 
Analyse widerstandsfrei, er wußte nun anzugeben, daß es eine Zeit 
in seiner frühen Kindheit gegeben hatte, in der er sehr wild und 
aggressiv war. Merkwürdigerweise brachte er gleichzeitig Träume 
mit dem Inhalt einer starken femininen Einstellung zu mir. Ich 
konnte nur mutmaßen, daß die Erinnerungen an seine Aggressivität 
das Schuldgefühl mobilisiert hatten, das sieh parallel in den Träumen 
passiv-femininen Charakters äußerte. Ich vermied eine Analyse der 
Träume nicht nur, weil sie mit der aktuellen Ubertragungssituation 
nicht immittelbar zusammenhingen, sondern auch, weil er mir zum 
Verständnis des Zusammenhanges zwischen seiner Aggression und 



^ 



78 Charakterliche Panzerung und' Charakterwidersland 

den ein Schuldgefühl ausdrückenden Traumen noch nicht reif schien. 
Ich vermute, daß manche Analytiker das als willkürliche Auswahl 
des Materials betrachten werden, mufl aber demgegenüber den durch 
Erfahrung gewonnenen Standpunkt vertreten, daß man für die 
Therapie das Optimum dann erzielt, wenn sich zwischen der aktuel- 
len Ubertraguugssituation und dem infantilen Material bereits ein 
unmittelbarer Zusammenhang hergestellt hat. Ich sprach daher nur 
die Vermutung aus, seine Erinnerungen au das wilde Gebaren in der 
Kindheit lehrten, daß er einmal ganz anders, das gerade Gegenteil von 
heute war, und daß die Analyse den Zeitpunkt und die Umstände 
werde aufdecken müssen, die zur Umgestaltung seines Charakters 
geführt hatten. Seine derzeitige Femiuitat sei vermutlich ein Aus- 
weichen vor der aggressiven Männlichkeit. Der Patient reagierte 
darauf gar nicht, verfiel aber wieder in einen Widerstand, natürlich 
in der bekannten Art und Weise, er könne es nicht leisten, er ver- 
spüre nichts, die Analyse berühre ihn nicht, usw. 

Ich deutete ihm neuerdings sein Minderwertigkeitsgefühl und 
den Versuch, den er immer wieder unternahm, der Analyse bzw. 
dem Analytiker deren Ohnmacht zu beweisen, versuchte nun aber 
auch die Übertragung vom Bruder her herauszuarbeiten; er hätte ja 
selbst erzählt, daß der Bruder immer die große Rolle spielte. Darauf 
ging er — offenbar weil es sich um die zentrale Konfliktsituation 
seiner Kindheit handelte — nur zögernd ein, berichtete wieder, daß 
die Mutter dem Bruder so viel Aufmerksamkeit geschenkt hatte, 
ohne jedoch seine subjektive Einstellung dazu zu erwähnen. Er war 
auch, wie ein vorsichtiger Versuch in dieser Richtung lehrte, gegen 
eine Einsicht seines Neides auf den Bruder v<)llständig gesperrt. 
Dieser Neid war, so mußte man annehmen, derart eng mit einem 
intensiven Haß assoziiert und durch Angst verdrängt, daß nicht ein- 
mal das Neidempfinden bewußt werden durfte. Der erwähnte Ver- 
t-such hatte einen besonders mächtigen Widersland zur Folge, der 
■ viele Tage unter stereotypen Klagen über seine Ohnmacht anhielt. 
Da der Widerstand nicht nachgab, mußte man annehmen, daß hier 
eine besonders aktuell gewordene Abwehr der Person des Analytikers 
vorla". Ich forderte ihn auf. sich neuerdings ganz offen und ohne 
Angst über die Analyse und besonders den Analytiker auszuspre- 
chen und zu sagen, welchen Eindruck der Analytiker bei der ersten 
Begegnung auf ihn gemacht hatte.'} Nach langem Zögern sagte er 
'n^h^flege seither gewöhnlich sehr bald zur Beschreibung meiner 



Ableitung der Situationstechnik aus dem Charakterwidersiand 79 

mir mit stockender Stimme, der Analytiker wäre ihm so männiich- 
grob tmd brutal erschienen, wie ein Mann, der gegen Frauen in 
sexuellen Dingen absolut rücksichtslos wäre. Wie das denn sei mit 
seiner Einstellung zu potent erscheinenden Männern? 

Es war am Ende des vierten Monats der Analyse. Jetzt brach 
zum ersten Male jene verdrängte Beziehung zum Bruder durch, die 
in engster Verbindung zu seiner aktuell störendsten Übertragung 
stand, zum Potenzneid. Mit lebhaftem Affekt brach die Erinnerung 
durch, daß er seinen Bruder immer auf das strengste verurteilt hatte, 
weil dieser hinter allen Frauen her war, sie verführte und sich über- 
dies damit brüstete. Ich hätte ihn in meiner Erscheinung sofort an 
seinen Bruder erinnert. Ich erklärte ihm nochmals, jetzt sicherer ge- 
worden durch seine letzten Mitteilungen, die Übertragungssituation 
und zeigte ihm, daß er eben in mir seinen potenten Bruder sehe und 
sich mir eben deshalb nicht eröffnen könne, weil er mich verurteile 
und mir meine angebliche Überlegenheit übelnehme, wie seinerzeit 
dem Bruder die seine; überdies könne er jetzt deutlich sehen, daß 
die Grundlage seines Minderwertigkeitsgefühls ein Impotenzge- 
fühl sei. 

Darauf trat das ein, was man bei korrekt und konsequent durch- 
geführter Analyse immer wieder in der gleichen Weise erlebt, daß 
nämlich das Kernelement des Charakterwider- 
standes, ohne daß man drängt oder Erwartungsvor- 
stellungen zu geben braucht, spontan auftaucht. 
Blitzartig stieg in ihm die Erinnerung auf, daß er wiederholt seinen 
eigenen kleinen Penis mit dem großen des Bruders verglichen und 
den Bruder darum beneidet hatte. 

Wie zu erwarten war, stellte sich wieder ein mächtiger Wider- 
stand ein; w-ieder die Klage, „ich kann nichts" usw. Jetzt konnte ich 
in der Deutung noch ein Stück weitergehen, ihm zeigen, daß er seine 
Impotenz hier agierte. Seine Reaktion darauf war für mich völlig 
unerwartet. Er äußerte im Anschluß an meine Deutung seines Miß- 
trauens zum ersten Male, daß er niemals einem Menschen geglaubt 
hatte, er glaube überhaupt gar nichts, also wahrscheinlich auch 
nicht der Analyse. Das war natürlich ein großer Fortschritt. Aber 
der Sinn dieser Mitteilung, ihr Zusammenhang mit der bisherigen 
Situation war zunächst nicht völlig klar. Er sprach zwei Stunden 

Person anzuhalten. Diese Maßnahme erweist sieh immer als fruchtbar 
für die Behebung gesperrter Übertragirngssituationen. -^-^ • -^^ 



80 Charakterliche Panzerung und Charakterwidcrstand 

lang über die vielen Enttäuschungen, die er in seinem Leben bereits 
erlebt hatte, und glaubte sein Mißtrauen rational darauf zurück- 
führen zu können. Wieder stellte sich der alfe Widerstand ein; da 
mir das neue auslösende Moment diesmal nicht klar war, wartete ich 
ab. Mehrere Tage blieb der Zustand gleich, die alten Klagen, das be- 
kannte Verhalten. Ich deutete nur wieder die bereits bearbeiteten 
und mir gut bekannten Elemente des Widerstandes, da tauchte ein 
neues Element im Widerstand auf; Er sagte, er fürchtete die 
Analyse, weil sie ihm seine Ideale nehmen konnte. 
Nun war die Situation wieder klar. Er hatte seine Kastrationsangst 
vor dem Bruder auf mich übertragen. Er fürchtete mich. Natürlich 
rührte ich die Kastrationsangst nicht an, sondern ging neuerdings 
von seinem Minderwertigkeitsgefühl mid von seiner Impotenz aus 
und fragte ihn, ob er sich denn nicht wegen der hohen Ideale allen 
Menschen überlegen fühlte, sich für besser hielte als alle anderen. 
Das gab er offen zu, ja mehr als das: Er meinte, er wäre wirklich 
mehr wert als all die anderen, die den Frauen nachliefen und in der 
Sexualität wie die Tiere lebten; weniger sicher fügte er liinzu, dafl 
dieses Gefühl nur leider allzu oft durch sein Impotoiizgefühl gestört 
würde, er hätte sich mit seiner Sexualschwäche offenbar noch nicht 
völlig abgefunden. Nun konnte ich ihn über die neurotische Art 
seines Versuches, das Impotenzgefühl zu erledigen, und darüber, daß 
er ein Potenzgefühl auf dem Gebiete des Ideals wiederzufinden 
suchte, aufklären; ich zeigte ihm die Kompensation und verwies 
neuerdings auf die Widerstände, die von seinem geheimen Uber- 
legenheitsgefühl auf die Analyse ausstrahlten. Nicht nur halte et 
sich im geheimen für besser und gescheiter, er müsse aus eben diesem 
Grunde der Analyse Widerstand leisten, denn gelänge sie, so hätte 
er doch jemandes Hilfe gebraucht und die Analyse hätte seine 
Neurose, deren geheimen Lustgewinn wir soeben aufdockten, besiegt. 
Vom Standpunkt der Neurose aus wäre das eine Niederlage gewesen, 
was für sein Unbewußtes aber gleichzeitig auch Weibwerden be- 
deutete. So bahnte ich, von seinem Ich und rh^ssen Abwehrmechanis- 
men aus vordringend, den ßoden für die Deutung des Kastrations- 
komplexes und der femininen Fixierung vor. 

Es war also der Charakteranalyse gelungen, von seiner Ver- 
haltungsweise her direkt zum Zentrum seiner Neurose vorzudringen, 
zu seiner Kastrationsangst, zum Neid gegen den Bruder wegen der 
Bevorzugung durch die Mutter und — in klarer Sicht erschienen auch 



Ableitung der Situationstechnik aus dem Charakterwiderstand 81 

schon Umrisse des Ödipuskomplexes — zur Enttäuschung an der 
Multer. Nicht aber, daß diese unbewußten Elemente auftauchten, 
ist hier wesentlich; das geschieht ja oft spontan. Aber in welchei 
gesetzmäßigen Reihenfolge und in welchem innigen Kontakt mit der 
Ich-Abwehr und der Übertragung sie auftauchten, nicht zuletzt, daß 
das ohne Drangen, sondern durch reine analytische Deutung des Ver- 
haltens und mit den dazugehörigen Affekten geschah, ist hier von 
Bedeutung und macht das Spezifische der konsequenten Charakter- 
analyse aus. Sie bedeutet eine gründliche Aufarbeitung der vom 
Ich assimilierten Konflikte. Stellen wir dem gegenüber, wie wir 
uns ohne konsequente Berücksichtigung der Ich-Abwehr unseres 
Patienten benommen hätten und was dabei vermutlich herausgekom- 
men wäre. Gleich im Beginne bestand die Möglichkeit, ihm seine 
passiv-homosexuelle Beziehung zum Bruder und die Todeswünsche 
zu deuten. Wir zweifeln nicht daran, daß sich aus Träumen und 
etwaigen Einfällen weiteres Material zur Deutung ergeben hätte. 
Ohne vorherige systematische und detaillierte Aufarbeitung seiner 
Ich-Abwehr wäre keine Deutung affektiv durchgedrungen, wir 
hätten ein Nebeneinander von intellektuellem Wissen um seine pas- 
siven Wünsche und narzißtisch schwer affektiver Abwehr derselben 
erzielt. Die der Passivität und den Mordimpulsen zugehörigen Affekte 
wären weiter in der Abwehrfunktion verblieben. Eine chaotische 
Situation hätte sich ergeben, das typische trostlose Bild einer deu- 
tungsreichen und erfolglosen Analyse. Einige Monate geduldiger und 
hartnäckiger Arbeit am Ich-Widerstand, insbesondere seiner Form 
(Gedrücktheit, Tonfall usw.), hob das Ich auf das Niveau, das zur 
Assimilierung des Verdrängten notwendig war, lockerte die Affekte, 
brachte eine Verschiebung derselben in der Richtung zu den ver- 
drängten Vorstellungen. Man kann also nicht sagen, daß in diesem 
Falle zwei Möglichkeiten der Technik bestanden hätten; es gab 
nur eine Möglichkeit, wenn man den Fall dynamisch verändern 
wollte. Ich hoffe, daß an diesem Fall der herrschende Unterschied 
in der Auffassung der Anwendung der Theorie auf die Technik klar 
genug wurde. Wenige Deutungen, aber diese treffsicher und kon- 
sequent durchgeführt, statt vieler, unsystematischer das dynamische 
und ökonomische Moment nicht berücksichtigender Deutungen sind 
das wichtigste Kriterium der zielsicheren Analyse. Sich nicht vom 
Material verlocken lassen, sondern seine dynamische Position und 
ökonomische Rolle richtig einschätzen führt dazu, daß man das 

Charakleranalyse ® 



82 Charakterlicho Fauzqrung und Charakterwitlerstand 

Materia] später, aber dafür griiiKllichcr und affekt-lH'hi<len bekommt. 
Fortlaufender Zusammeiiliaug der aktuellen mit der infantilen 
Situation ist das zweite Kriterium. Das anfängliche Neben- und 
Durcheinander des analytischen Materials verwiiiulclt sich in ein 
Nacheinander, das heifit die Aufeinanderfolge der Widerstände und 
Inhalte ist nunmehr bestimmt von den speziellen dynamischen uixd 
strukturellen Verhältnissen der betreffenden Neurose. Muß man bei 
imsystematischer Deutung.sarbcit immer neu vnrstoficii. suchen, mehr 
erraten als erschließen, so entwickelt sich bei vorangegangener cha- 
rakteranalytischer Widerstandsurboit der analytische Prozeß wie von 
selbst. Läuft im ersten Falle die Analyse anfänglich glatt, um immer 
]nehr in Schwierigkeiten zu geraten, so bieten sich im zweiten Falle 
die allergrößten Schwierigkeiten in den ersten Wochen und Monaten 
der Behandlung dar, um dann immer mehr glatter Arbeit auch un 
tiefstem Material Platz zu machen. Das Schicksal jeder Analyse 
hängt somit von der Einleitung der Behimdlung, das heifil von richti- 
ger oder falscher Aufroltung der Widerstände ab. Aufrollung des 
Falles nicht willkürlich an beliebigen sichtbaren un<I faßbaren Stel- 
len, sondern an derjenigen, die den schwerwiegendsten Ich-Wider- 
stand verbirgt, systematische Erweiterung der Eiid)ruclisfelle ins Un- 
bewußte und Herausarbeitung der jeweils affektiv bedeutungsvollen 
infantilen Fixierungen ist daher das dritte Kriterium. Eine unbe- 
wußte Position, die sich im Traume oder in einer Assoziation mani- 
festiert, kann, obwohl sie eine zentrale Bedeutung für die Neurose 
hat, in einem bestimmten Zeitabschnitt der Beliandhing eine völlig 
untergeordnete Rolle hinsichtlich ihrer aktuellen technischen Be- 
deutung spielen. Bei unserem Patienten war die feminine Beziehung 
zum Bruder zentral pathogen, während in den er.sten Monaten die 
Angst um den Abbau der Kompensation der Impotenz durch phan- 
tasierte Ich-Ideale in technischer Hinsicht das Problem darstellte. 
Der gewöhnlich begangene Fehler ist. daß man den z<>ntralen Punkt 
der Entstehung der Neurose, der sich gewöhnlich gleich im Beginne 
irgendwie manifestiert, angreift, statt die jeweiligen aktuell wichti- 
gen Positionen, die systematisch und der Reihe nach aufgearbeitet, 
schließlich zum zentralen pathogenen Punkt führen müssen. Es 
ist also bedeutungsvoll, ja in vielen Fällen für den Erfolg entschei- 
dend, wie, wann und von welcher Seite her man zum Kernpunkt 
der Neurose vordringt. 

Es ist nicht schwer, das, was wir hier als Churaktcrauulyse bcsehrei- 



Ableitung der Situationsiechnik aus dem Charakterwiderstand 83 

ben, in die Freud sehe Theorie der Widerstaiidsbildung und -lÖsung 
einzuordnen. Wir wissen, daß jeder Widerstand aus einer Es-Regudg 
besteht, welche abgewehrt wird, und aus einer Ich-Regung, welche 
abwehrt. Beide Regungen sind unbewußt. Es steht nun bei der 
Deutung prinzipiell frei, entweder die Es-Strebung oder die Ich- 
Strebung zuerst zu deuten. Ein Beispiel: Wenn sich ein homo- 
sexueller Widerstand in Form von Schweigen gleich im Beginne einer 
Analyse einstellt, so kann man die Es-Strebung angehen, indem man 
dem Patienten sagt, er beschäftige sich jetzt in zärtlicher Absicht 
mit der Person des Analytikers; man hat ihm seine positive Über- 
tragung gedeutet, und wenn er nicht die Flucht ergreift, wird es 
lange dauern, bis er sich mit dieser verpönten Vorstellung befreun- 
det. Man muß es daher vorziehen, die dem bewußten Ich näher- 
liegende Seite des Widerstandes, die Abwehr des Ichs, zuerst 
anzugehen, indem man dem Patienten zunächst nur sagt, er schweige, 
weil er „aus irgend einem Grunde" — also ohne Berührung 
der Es-Strebung — die Analyse ablehne, vermutlich, weil sie ihm in 
irgend einer Hinsicht gefährlich geworden sei. Dort hat man die Es- 
Seite {in diesem Falle eine Liebesstrebung). hier die Ich-Seite des 
Widerstandes, die Ablehnung, deutend angegriffen. 

Bei diesem Vorgehen erfassen wir zugleich sowohl die negative 
Übertragung, in die jede Abwehr schließlich ausläuft, als auch den 
Charakter, den Panzer des Ichs. Die oberflächliche, dem Bewußtsein 
nähere Schicht jedes Widerstandes muß notwendigerweise eine 
negative Einstellung zum Analytiker sein, gleichgültig, ob die ab- 
gewehrte Es-Strebung Haß oder Liebe ist. Das Ich projiziert seine 
Abwehr gegen die Es-Strebung auf den Analytiker, der gefährlich, 
ein Feind geworden ist, weil er durch die unangenehme Grundregel 
Es-Strebungen provoziert und das neurotische Gleichgewicht gestört 
hat. Das Ich bedient sich bei seiner Abwehr uralter Formen ab- 
lehnender Haltungen; es ruft zu seinem Schutze in der Not Hafi- 
regungen aus dem Es zu Hilfe, auch wenn es eine Liebesstrebung ab- 
zuwehren hat. 

Wenn wir also die Regel einhalten, Widerstände von der Ich- 
Seite anzugehen, so lösen wir damit immer auch ein Stück negativer 
Übertragung, einen Betrag an Haßaffekten auf und entgehen da- 
durch der Gefahr, die sehr oft vorzüglich versteckten destruktiven 
Tendenzen zu übersehen; gleichzeitig wird die positive Übertragung 
gefestigt. Der Patient begreift auch die Ich-Deutung leichter, weil 

6* 



84 



Clmrakterlichc Paazerung und Charaklerwidcrstand 



sie sein bewußtes Empfinden besser trifft als die Es-Deutung. und 
ist dadurch auf diese, die später folgt, besser vorbereitet. 

Die Ich-Abwehr hat, welcher Art immer die verdrängte Es- 
Strebung auch sei, stets die gleiche, dem Charakter der Persönlich- 
keit entsprechende Form; und die gleiche Es-Strcbung wird bei ver- 
schiedenen Fällen verschieden abgewehrt. Wir lassen also den Cha- 
rakter unangetastet, wenn wir nur die Es-Strebung deuten, beziehen 
aber auch den neurotischen Charakter in die Analyse ein, wenn wir 
die Widerstände grundsätzlich von der Abwehr, von der Ich-Seile, an- 
gehen. Dort sagen wir sofort, was der Anulysnnd abwehrt, hier Iber 
machen wir ihm zuerst klar, d a ß er „etwas" abwehrt, dann wie 
er es tut, welcher Mittel er sich dabei bedient (Charakteranalyse), 
und erst zuletzt, wenn die Analyse des Widerstandes genügend weit 
vorgesehritten ist, erfährt oder findet er selbst, wogegen sich die Ab- 
wehr richtet. Auf diesem langen Umwege zur Deutung der Es-Stre- 
bungen sind alle dazugehörige]! Haltungen des Ichs analytisch zer- 
legt worden und die große Gefahr, daß der Patient etwas zu früh er- 
fährt oder affektlos, unbeteiligt bleibt, ist ausgeschaltet. 

Analysen, bei denen den Haltungen soviel aimlylisclie Aufmerk- 
samkeit geschenkt wird, verlaufen geordneter und zielsicherer, ohne 
daß die theoretische Forschungsarbeit im geringsten darunter litte. 
Man erfährt nur die wichtigen Ereignisse der Kindheit später als 
sonst; das wird aber reichlieh wettgemacht durch die affektive 
Frische, mit der das infantile Material nach der analytischen Be- 
arbeitung der Charakterwiderslän{Ie hervorquillt. 

Wir dürfen aber gewisse unangenehme Seiten der konsequenten 
Charakteranalyse nicht unerwähnt lassen. Die Patienten werden 
von ihr seelisch weitaus mehr belastet, sie leiden viel mehr, als wenn 
man den Charakter unberücksichtigt läßt. Das hat zwar den Vor- 
teil einer Auslese: Wer es nicht anshult, hätte auch sonst keinen Er- 
folg erzielt, und es ist besser, die Erfolglosigkeit stellt sieh nach vier 
oder sechs Monaten als nach zwei Jahmi lii-raus. Gibt der Cha- 
rakterwiderstand nicht nach, so darf erfahrungsgemäß auf einen be- 
friedigenden Erfolg nicht gerechnet wurden. D»a gilt besonders für 
Fälle mit geheimen Widerstünden. Überwinden des ("harakterwider- 
standes heißt nicht, daß der Patient seinen Charakler verändert hat; 
das ist natürlich erst nach der Analyse seiner infiinüh-n Quellen 
möglich. Er muß ihn nur objektiviert und analytisehes Interesse 



Die Erschütterung des narzißtischen Schutzapparates 85 

an ihm gewonnen haben; ist es einmal so weit, dann ist ein günstiger 
Fortgang der Analyse sehr wahrscheinlich. ■ . ,, 

e)DieErschütterungdesnar2ißtischenSehutz- 

apparates 

Wir sagten, der wesentlichste Unterschied zwischen der Analyse 
eines Symptoms und der eines neurotischen Charakterzuges bestehe 
darin, daß jenes von vornherein isoliert und objektiviert ist, dieser 
hingegen in der Analyse ständig herausgehoben werden muß, damit 
der Patient zu ihm die gleiche Einstellung gewinne wie zum 
Symptom. Das geht nur selten leicht vonstatten. Es gibt Patienten, 
die nur eine geringe Neigung zur Objektivierung des Charakters 
zeigen. Geht es doch um die Erschütterung des narzißtischen Schutz- 
mechanismus, um die Herausarbeitung der Libido-Angst, die in ihm 
gebunden ist. 

Ein 25 jähriger Mann suchte die Analyse wegen einiger gering- 
fügiger Symptome und seiner Arbeitsstörung auf. Er zeigte ein 
freies, selbstsicheres Auftreten, doch hatte man manchmal den un- 
bestimmten Eindruck, daß sein Benehmen krampfhaft war und daß 
er keine echte Beziehung zur Person, mit der er gerade sprach, her- 
stellte. In seinem Sprechen war etwas Kaltes, leise und unauffällig 
Ironisches; gelegentlich lächelte er, ohne daß man hätte erschließen 
können, ob es sich um ein Lächeln aus Verlegenheit, Uberlegenheits- 
gefühl oder Ironie handelte. 

Die Analyse setzte mit heftigen Emotionen und reichlichem 
Agieren ein. Er weinte, wenn er vom Tode seiner Mutter sprach, 
und schimpfte, wenn er die übliche Erziehung der Kinder schilderte. 
Über seine Vergangenheit teilte er nur ganz allgemein mit, daß die 
Ehe seiner Eltern sehr unglücklich gewesen war; seine Mutter war 
sehr streng zu ihm gewesen, zu seinen Geschwistern hatte er erst in 
reiferen Lebensjahren eine nicht sehr tiefgehende Beziehung gewon- 
nen. Bei allen seinen Mitteilungen verschärfte sich aber der ur- 
sprüngliche Eindruck, daß weder sein Weinen noch sein Schimpfen 
oder sonst eine Emotion wirklich völlig ungeschminkt und natürlich 
herauskam. Er selbst meinte, das sei ja alles nicht so arg, er lächle 
ja immerfort zu allem, was er sage. Nach einigen Stunden setzte er 
mit Provokationen dem Analytiker gegenüber ein. Er blieb, wenn 
dieser die Sitzung für beendet erklärte, ostentativ noch eine Weile 



S6 



CharakterlicLe Panzerung und C.'hnraktcrwiHersiand 



liegeu; oder er knüpfte nachher ein Gespräch uii. Kiiimal fragte er 
mich, was ich wohl täte, wenn er mir an die Gurgel führe. Zwei 
Sitzungen später versuchte er, mich durch eine pliilzlichc Hund- 
bewegung gegen meinen Kopf zu ersc:lircckcn. Ich fuhr reflektorisch 
zurück und sagte ihm, <lie Analyse verhnigc von ihm nnr. daß er 
alles sage, nicht alier, daß er auch etwas tue. Ein anderes Mal 
streichelte er beim Abschied meinen Arm. [)er tiefere, aber nicht 
deutbare Sinn dieses Verhaltens war eine keimende homosexuelle 
Übertragung, die sich sadistisch äuficrle. Als ich ihm diese Aktionen 
oberflächlich als Provokationen deuk'te. lächelte er vor sich hin und 
sperrte sich immer mehr ab. Die Aktionen hörten auf. ebenso die 
Mitteilungen, nur das stereotype Lächeln blieb. Kr begann zu schwei- 
gen. Wenn ich ihn auf den Widerstandseharakler seines Verhaltens 
aufmerksam machte, lächelte er blofi wieder und wieih-rholte, nach- 
dem er eine Zeitlang geschwiegen halle, einige Male das Wort 
„Widerstand", deutlieh in ironisierender Absieht. So rückte das 
Lächeln und Ironisieren in den Mittelpunkt der aiiulyiischcn Auf- 
gabe. 

Die Situation war schwierig genug. Außer den wenigen allge- 
meinen Daten über seine Kindheit wußte ich nichts über ihn. Man 
mußte sich also an das halten, was er in der Analyse an VerhaU 
tungsweisen bot. Ich zog mich zunächst auf den beobachtenden 
Standpunkt zurück und wartete auf das Kommende; aber in seinem 
Verhalten änderte sich nichts. So verstrichen etwa zwei Wochen. 
Da fiel mir ein, daß die Verslärkung seines Lächelns zeitlich mit 
meiner Abwehr seiner Aggressionen zusammengefullen war; ich ver- 
suchte nun zunächst, den aktuellen Anlaß seines Lächelns seinem 
Verständnis nahezubringen, Ich sagte ihm. sein Lächeln bedeute 
sicher sehr vieles, aber aktuell sei es seine Reaktion auf die Zeichen 
meiner Feigheit, die ich durch das refloxarfige Zurückweichen ge- 
geben hatte. Er meinte, das werde wohl richtig sein, aber er lächle 
trotzdem weifer. Er sprach wenig uml über Nebensächliches, ironi- 
sierte die Analyse, er könnte ja doch nichts von dem glauben, was 
ich ihm sagte. Allmählich wurde immer klarer, daß sein Lächeln 
als Schutz gegen die Analyse diente; das sagte ich ihm nun wieder- 
holt mehrere Sitzungen hindurch, aber es dauerte wieder mehrere 
Wochen, bis sich ein Traum einstellte, in dem davon die Rede war, 
daß eine Stange aus Ziegelmasse von einer Maschine in einzelne 
Ziegelsteine zerschnitten wurde. Der Zusammenhang des Traumes 



Die Erschütterung des narzißtischen Schutzapparates «t 

mit der analytischen Situation war um so weniger klar, als er zu- 
nächst keine Einfälle brachte. Schließlich meinte er, der Traum wäre 
ja ganz klar, es handle sich doch offenbar um den Kastrationskom- 
plex — und lächelte. Ich sagte ihm, seine Ironie bedeute den Ver- 
such, das Zeichen, das sein Unbewußtes durch den Traum gegeben 
habe, zu desavouieren. Darauf fiel ihm eine Deckerinnerung ein, 
die für die künftige Entwicklung der Analyse von der größten Be- 
deutung war. Er erinnerte, daß er einmal — etwa im 5. Lebensjahre 
— im Hofe des elterlichen Wohnhauses „Pferd gespielt" hatte; er 
wäre auf allen Vieren herumgekrochen und hätte sein Glied heraus- 
hängen lassen; seine Mutter hätte ihn dabei erwischt und gefragt, 
was er denn triebe; darauf hätte er nur gelächelt. Mehr war vor- 
läufig nicht zu erfahren. Aber ein wenig Klarheit war gewonnen: 
Sein Lächeln war ein Stück Mutteriibertragung. Als ich ihm nun 
sagte, er benehme sich hier offenbar so wie der Mutter gegenüber, 
sein Lächeln müsse einen bestimmten Sinn haben, lächelte er wieder 
und meinte, das alles sei ja sehr schön, aber es leuchte ihm nicht ein. 
Einige Tage lang das gleiche Lächeln und Schweigen seinerseits, 
konsequentes Deuten seines Verhaltens als einer Abwehr der Analyse, 
seines Lächelns als einer Überwindung geheimer Angst vor ihr 
meinerseits. Doch er wehrte auch diese meine Deutungen seines Ver- 
haltens mit stereotypem Lächeln ab. Auch das wurde ihm konse- 
quent als Absperrung gegen meinen Einflufi gedeutet und darauf 
hingewiesen, daß er ja offenbar immer im Leben lächle, worauf er 
zugeben mußte, daß das die einzige Möglichkeit wäre, sich in der Welt 
zu behaupten. Damit hatte er mir aber ungewollt Recht gegeben. 
Eines Tages kam er wieder lächelnd in die Analyse und sagte: 
„Heute werden Sie sich freuen, Herr Doktor. Wissen Sie, mir ist 
etwas Lustiges eingefallen. Ziegeln bedeuten in meiner Mutter- 
sprache Pferdehoden. Nicht wahr, das ist schön? Sie sehen, das ist 
der Kastrationskomplex." Ich sagte ihm darauf, das wäre möglich oder 
auch nicht, solange er diese seine abwehrende Art beibehielte, wäre an 
eine analytische Durcharbeitung der Träume nicht zu denken; er 
würde sicherlich jeden Einfall und jede Deutung mit seinem Lächeln 
vernichten. Hier ist nachzutragen, daß sein Lächeln kaum angedeutet 
war, es war mehr ein Gefühl des Sich-lustig-machens, das sich hierin 
ausdrückte. Ich sagte ihm, er brauchte nicht zu fürchten, ganz offen 
und laut über die Analyse zu lachen. Seither wagte er sich mit seiner 
Ironie weit deutlicher heraus. — Sein mit Ironie vorgebrachter Ein- 



88 



Charakteriiche Panzerung und Charakterwiderstand 



fall war aber sehr wertvoll für das Verständnis der Situation. Es 
schien sehr wahrscheinlich, daß die Analyse, wie so oft, im Sinne 
der Kastrationsgefahr aufgefaßt und anfänglich mit der Aggression 
später mit dem Lächeln abgewehrt wurde. Ich ging auf seine 
Aggressionen im Beginne der Analyse zurück und fügte meiner 
früheren Deutung die Ergänzung an, er habe mit .seinen Provokatio- 
nen prüfen wollen, wie viel er mir zutrauen, wie weit er gehen 
dürfe. Er hätte also ein Mißtrauen gehabt, das auf kindlicher Angst 
begründet gewesen sein müsse. Diese Deutung machte ihm offen- 
kundig Eindruck. Er war einen Augenblick betroffen, erholte sich 
aber rasch wieder und begann von neuem meine Deututigcn und die 
Analyse lächelnd zu desavouieren. Ich blieb konsequent, ohne mich 
irre machen zu lassen, bei meinen Deutungen; wußte ich <loch aus 
den wenigen Anzeichen, aus den Traunireaktioncn. daß meine 
Deutung das Richtige traf und daran war, seine Ich-Abwehr zu 
unterminieren. Leider imponierte ihm das weniger und er blieb ebenso 
konsequent bei seinem Lachein. Wieder vergingen viele Sitzungen. 
leb intensivierte meine Deutungen nicht nur durch Eindringlichkeit 
sondern auch durch engere Verknüpfung seines Lächelns mit der 
supponierten infantilen Angst; ich sagte ihm, er fürchte sich vor 
der Analyse, weil sie seine kindlichen Konflikte hervorrufen würde; 
er sei mit ihnen einmal, wenn auch in nicht ganz entsprechen- 
der Weise fertiggeworden, jetzt aber schrecke er davor zurück, noch 
einmal all das erleben zu müssen, was er mit Hilfe dieses seines 
Wesens überwunden glaubte; er irre aber, denn seine Erregung bei 
der Besprechung des Todes seiner Mutter sei doch echt gewesen. Ich 
sprach auch die Vermutung aus, daß seine Beziehung zur Mutter 
nicht eindeutig gewesen sei, er hätte sie wohl nicht nur gefürchtet 
und belächelt, sondern auch geliebt. Etwas ernster als sonst be- 
richtete er Details über die Lieblosigkeit seiner Mutter ihm gegen- 
über; einmal als er unartig war, hatte sie ihn sogar mit einem 
Messer an der Hand verletzt. Er setzte zwar hinzu: „Nieiit wahr 
das ist nach der analytischen Theorie wieder der Kastrationskom- 
plex?" Aber in seinem Innern schien sich Ernstes vorzubereiten. 
Während ich ihm konstant den aktuellen und latenten Sinn seines 
Lächelns aus der Situation deutete, stellten sich weitere Träume ein. 
Ihr manifester Inhalt war ziemlich typisch von der Natur symboli- 
scher Kastrationsvorstellungen; schließlich brachte er einen Traum. 
in dem Pferde vorkamen, und einen anderen, iu dem Feuerwehr auf- 



Die Erschütterung des narzißtischen Schutzapparates <8» 

marschierte und sich aus einem Wagen ein hoher Turm erhob, aus 
dem sich eine mächtige Wassersäule in die Flammen eines brennen- 
den Hauses ergoß. Zur selben Zeit trat von Zeit zu Zeit nächtliches 
Bettnässen auf. Den Zusammenhang zwischen den „Pferdeträumen" 
und seinem Pferdespiel erkannte er, wenn auch noch immer unter 
Lächeln, selbst; ja. er erinnerte, daß ihn die langen Geschlechtsteile 
der Pferde immer besonders interessiert hatten, und meinte spontan, 
er bätte wohl damals in dem kindlichen Spiel ein solches Pferd 
imitiert. Auch das Urinieren hatte ihm große Freude bereitet, üb 
er in der Kindheit Bettnässer gewesen war, wußte er nicht an- 

\ zugeben. 

Als wir wieder einmal den infantilen Sinn des Lächelns erörter- 
ten, meinte er, es könnte möglich sein, daß sein Lächeln in der er- 
innerten Pferdesituation gar nicht ein Hohnlächeln, sondern ein Ver- 
such gewesen war. seine Mutter gütig zu stimmen, aus Angst, sie 
könnte ihn wegen des Spieles ausschimpfen. Auf diese Weise 
näherte er sich immer mehr dem, was ich ihm nun seit Monaten aus 
seinem aktuellen Verhalten in der Analyse deutete. Das Lächeln 
hatte also im Laufe der Entwicklung seine Funktion und seinen Sinn 
geändert: Zuerst ein Versöhnungsversuch, war es 
später eine Kompensation innerer Angst gewor- 
den, und zuletzt diente es auch einem Gefühl der 
Überlegenheit. Diese Erklärung fand der Patient selbst, als er 
im Laufe einiger Sitzungen den Weg rekonstruierte, den er aus der 
Misere seiner Kindheit gefunden hatte. Der Sinn war_ dann: „Mir 
kann nichts etwas anhaben, ich bin gegen alles gefeit In diesem 
letzten Sinne war das Lächeln in der Analyse zum Widerstände ge- 
worden, zum Schutze gegen die Erweckung der alten Konflikte. Am 
Grunde dieser Abwehr winkte als wesentlichstes Motiv infantile 
Angst. Ein Traum, der sich etwa am Ende des fünften Monats ein- 
stellte, brachte die tiefste Schichte seiner Angst, die Angst, von der 
Mutter verlassen zu werden; er lautete: „Ich fahre in einem Waggon 
mit einem unbekannten Begleiter durch ein völlig verlassenes und 
trostlos aussehendes Städtchen. Die Häuser sind verwahrlost, die 
Fenster zerschlagen. Kein Mensch ist zu sehen. Es ist, als ob der 
Tod gehaust hätte. Wir kommen zu einem Tor, dort will ich um- 
kehren" ich sage meinem Begleiter, wir sollten uns das Ganze noch 
einmal' ansehen. Am Trottoir knieen ein Mann und eine Frau in 
Trauerkleidung. Ich gehe auf sie zu, um sie zn befragen. Wie ich 



90 



Charakterliche Panzerung und Charakterwiderstand 



T «^..^" Schulter berühre, schrecken sie auf „„d ich erwache mit 
Äugst Der wichtigste Einfall war. clafi das Städtchen jenem 
ähnelte, in dem er bis zu seinem 4. Lebensjahre gewohnt hatte Der 
Tod der Mutter und das Gefühl der infantilen Verlassenheit waren 
deuthch symbolisch angedeutet. Der Begleiter war der Analytiker 
Zum ersten Male nahm der Patient einen Traum völlig ernst und 
ohne Lächeln auf. Der Charakterwidersfand war durchbrochen und 
die Verbmdung zum Infantilen hergestellt. Seither ging die Analyse 
^it den üblichen Unterbrechungen durch Rückfälle in den alten 
Charakterwiderstand, ohne besondere Schwierigkeit weiter Aller 
dings setzte dann eine tiefe Depression ein. die erst allmählich völlig 
verschwand. *^ 

Die Schwierigkeiten waren natürlich weit größere, als hier aus 
der kurzen Zusammenfassung hervorgehen mag. Die ganze einheit- 
liche Widerstandsphase dauerte ja fast sechs Monate und war ge 
kennzeichnet durch tage- und wochcnlanges Verhöhnen der Analyse 
Ohne die nötige Geduld und das Vertrauen auf die Wirksamkeit der 
konsequenten Deutung des Charakterwiderstandes hätte man oft die 
Flinte ins Korn werfen mögen. 

Versuchen wir jetzt, uns darüber klar zu werden, ob die nach 
traghche analytische Einsicht in den Mechanismus dieses Falles auch 
cm andersartiges technisches Vorgehen rechtfertigen könnte Man 
hatte ja die Art seines Verhaltens weniger konsequent ins Zentrum 
der Analyse rücken und an dessen Stelle die spärlichen rränme zu 
genauer Analyse bringen können. Der Patient hätte vielleicht auch 
Einfälle gebracht, die man hätte deuten können. Sehen wir hier da- 
von ab, daß dieser Patient bis zur Analyse seine rräume immer ver- 
gaß oder gar nicht träumte und erst durch die konsequente DeutunK 
seines Verhaltens Träume bestimmten, zur analytischen Situation ge* 
hörigen Inhalts produzierte. Ich bin auf den Einwand vorbereitet 

bäi Si^N f r A*"'."*^" '*"' entsprechenden Träume geliefert 
hatte. Sich auf diese Diskussion einzulassen, hieße einen Streit um 
Unbeweisbares emgehen. Es gibt genügend Erfahrungen, die lehren 
daff sich eine Situation, wie sie unser Patient bot. durch passives' 
Abwarten allem schwer löst, und wenn, dann nur zufälligerweise 
ohne daß der Analytiker die Analyse in der Hand hielte. Nehmen 
wir also an, wir hätten seine Assoziationen, die mit dem Kastrations- 
komplex in Verbindung standen, gedeutet, ihm also den verdrängten 
tnJialt, die Angst vor dem Schneiden oder Geschnitten werden zu Be- 



Die Erschütterung des aarzißtischen Schutzapparates 91 

wußtsein zu bringen versucht. Vielleicht hätte das schliefilich 
doch zu einem Erfolge geführt. Aber schon, daß wir nicht sagen 
können, daß das sicher der Fall gewesen wäre, schon daß wir das 
Zufällige daran zugeben, nötigt uns. diese Art der Technik, die einen 
bestehenden Widerstand zu umgehen versucht, als unanalytisch, dem 
Wesen der psyclioanalytischen Arbeit widersprechend zurückzuweisen. 
Sie würde eine Rückkehr zu jenem Stadium der Analyse bedeuten, 
in dem man sich um die Widerstände nicht kümmerte, wed man sie 
nicht kannte, und daher den Sinn des Unbewußten direkt deutete. 
Daß das gleichzeitig ein Vernachlässigen der Ich-Abwehr bedeuten 
würde, geht ja aus der Krankengeschichte von selbst hervor. Man 
könnte nun wieder einwenden, die technische Handhabung des Falles 
sei sehr richtig gewesen, man verstünde aber meine Polemik nicht, 
das sei ja selbstverständlich und gar nicht neu, so arbeiteten alle 
Analytiker. Daß das Allgemeine daran nicht neu ist, daß es nur die 
spezielle Anwendung des Grundsatzes der Widerstandsanalyse be- 
deutet, wird nicht geleugnet. Aber die vieljährigen Erfahrungen im 
Seminar hatten ganz unzweideutig gelehrt, daß man im allgemeinen 
zwar die Grundsätze der Widerstandstechnik kennt und anerkennt. 
aber in der Praxis fast vor%viegend nach der alten Technik der 
direkten Deutung des Unbewußten verfährt. Diese Diskrepanz zwi- 
schen dem theoretischen Wissen und dem praktischen Handeln war 
die Quelle aller mißverständlichen Einwendungen gegen die syste- 
matischen Versuche des Wiener Seminars, die folgerichtige Anwen- 
dung der Theorie auf die Therapie zu erlernen. Sagte man, das sei 
alles banal und nicht neu, so stützte man sich auf sem theoretisches 
Wissen; wendete man ein, das sei alles falsch und nicht „Freudsche 
Analyse", so dachte man an die eigene Praxis, die eben von der 
Theorie so sehr abweicht. 

Ein Kollege fragte mich einmal, was ich im folgenden Falle ge- 
tan haben würde: Er behandelte seit vier Wochen einen jungen 
Mann, der unausgesetzt schwieg, sonst aber sehr freundlich war und 
vor und nach der Analysenstunde ein sehr liebenswürdiges Gehaben 
zur Schau trug. Der Analytiker hatte schon alles mögliche versucht. 
mit dem Abbruch der Analyse gedroht und zuletzt, als sogar eme 
Traumdeutung versagte, einen Termin gesetzt. Die spärlichen Traume 
hätten lauter sadistische Mordträume enthalten; der Analytiker hatte 
nun dem Patienten gesagt, er müßte doch aus seinen Träumen sehen, 
daß er in der Phantasie ein Mörder wäre. Das hätte aber nichts ge- 



92 Charakterliche Panzerung und Charakterwiderstand 

nützt. Meine Auskunft, daß es eben unrichtig ist. einem Patienten 
m einem akuten Widerstand so Tiefes zu deutcji, auch wenn es ganz ■' 

manifest im 1 räume erscheint, befriedigte ihn nicht. Es gäbe doch 
keine andere Möglichkeit, meinte er; auf meinen Hinweis, daß man 
eben zuerst sein Schweigen als Widerstund hatte deuten müssen 
meinte er, das sei ja nicht möglich, denn man hätte „kein Material'* 
dazu zur Verfügung gehabt. Ist denn d„s Verhalten selbst, der ^ 

Widerspruch zwischen dem Schweigen in der Stunde und der Freund 
hchkeit außerhalb, ganz abgesehen vom Inhalt der Träume nicht 
.Material" genug? Geht aus dieser Situation nicht zumindest das 
Eine klar hervor, daß der Patient durch sein Schweigen — ganz all 
gemein ausgedrückt ~ eine negative Haltung oder eine Abwehr aus- 
druckt, nach den Träumen zu urleilen, sadistische Regungen, die er 
durch sein überfreundliches Gehaben zu kompensieren und ver 
decken versuchte? Warum wagt man es, aus einer Felilleistung 
etwa wenn der Patient im Zimmer des Arztes einen Gegenstand 
vergißt, auf Vorgänge im Unbewußten zu schließen, niclit aber, aus 
seinem Verhalten Schlüsse auf den Sinn der Situation zu ziehen? Ist 
das Verhalten weniger schlüssiges Material als eine Fehlieislung? 
Das wollte dem Kollegen gar nicht einleuchten; er blieb dübei daß 
der Widerstand nicht anzugehen war, weil „kein Material" da war 
Sicher war die Deutung des Mordwunsches ein Fehler, weil das Ich 
des Patienten noch mehr erschrecken und sich gegen die Analyse 
noch besser absperren mußte. Die Schwierigkeiten, die die im 
Seminar dargestellten Fälle boten, waren durchaus ähnlicher Art- 
Es war immer die gleiche Unterschatzung oder das Obersehen des 
Verhaltens als deutbaren Materials, immer wieder der Versuch, vom 
Es aus den Widerstand zu beseitigen, statt durch Analyse der Ich 
Abwehr, und .sehliefiiich fast immer die l.lee. die als Entschuldigung 
auftrat, daß nämlich der Patient einfach nicht gesund werden wollte 
oder „allzu narzißtisch" wäre. 

Die Technik der Erschütterung der narzißtischen Abwehr ist hei 
anderen Typen prinzipiell nicht verschieden von der beim zuletzt 
beschriebenen. Wenn etwa ein Patient stets affekllos und gleichgültig 
bleibt, was immer er an Material vorbringt, hat man es mit der 
gefährlichen Affektsperre zu tun, deren Analyse man allem anderen 
voranstellen muß, wenn man nicht riskieren will. <laß alles Material 
und die Deutungen affcktlos verpuffen und der Kranke zwar ein 
guter analytischer Theoretiker wird, aber im übrigen der Alte bleibt 



Die Erschütterung des narzißtischen Schutzapparates 93 

Zieht man es in einem solchen Falle nicht vor, die Analyse wegen des 
„starken Narzißmus" aufzugeben, so kann man mit dem Patienten 
den Vertrag schließen, daß man ihm seine Affektlahmheit ständig 
vor Augen führen wird, daß er aber natürlich jederzeit aufgeben 
könne. Im Laufe der Zeit — es dauert erfahrungsgemäß viele Monate 
(in einem Falle währte es sogar eineinhalb Jahre) — empfindet der 
Kranke das ständige Hervorheben seiner Affektlahmheit und ihrer 
Gründe als lästig; denn man hat allmählich genügende Anhalts- 
punkte gewonnen, um den Angstschutz, den die Affektsperre dar- 
stellt, zu untergraben. Der Kranke empört sich schliefilicK gegen 
die nunmehr von der Analyse drohende Gefahr, die Schutzinstitution 
der seelischen Panzerung zu verlieren und seinen Trieben, insbeson- 
dere seiner Aggressivität, ausgeliefert zu sein; aber indem er sich 
gegen die „Schikane" empört, erwacht auch seine Aggressivität, und 
es dauert dann nicht lange, bis der erste Affektausbrueh im Sinne 
einer negativen Übertragimg, in Form eines Hafianfalles erfolgt. Ist 
es einmal so weit, ist das Spiel gewonnen. Sind die aggressiven Im- 
pulse zum Vorschein gekommen, so ist die Affektsperre durchbrochen 
und der Patient wird analysierbar. Die Analyse verläuft dann in 
gewohnten Bahnen. Die Schwierigkeit besteht darin, die Aggressivi- 
tät liervorzulocken. ■ 

Das gleiche ist der Fall, wenn narzißtische Patienten zufolge 
ihrer charakterlichen Eigenheit ihren Widerstand sprachlich aus- 
leben; sie sprechen etwa hochtrabend, in technischen Ausdrücken, 
immer streng gewählt oder verworren. Diese Art des Sprechens 
bildet eine undurchdringliche Mauer, es kommt zu keinem echten 
Erleben, bis man die Art des Ausdrucks selbst zum Gegenstand der 
Analyse macht. Auch hier bewirkt die konsequente Deutung des 
Verhaltens eine Empörung des Narzißmus, denn der Patient hört 
nicht gerne, daß er so gewählt, hochtrabend oder in terminis, spreche, 
um sein Minderwertigkeitsgefühl vor sich und dem Analytiker zu 
verbergen, oder daß er verworren spreche, weil er besonders gescheit 
scheinen wolle, seine Gedanken aber nicht in einfache Form bringen 
könne. Auf diese Weise hat man das feste Terrain des neurotischen 
Charakters an einer wesentlichen Stelle aufgelockert und einen Zu- 
gang zur infantilen Begründung des Charakters und der Neurose ge- 
schaffen. Es genügt natürlich nicht, daß man das eine oder andere 
Mal auf das Wesen des Widerstandes hinweist, sondern man muß ihn 
umso konsequenter deuten, je hartnäckiger er ist. Analysiert man 



94 Charakterliche Panzerung und Charaklerwidcrstaud 

gleichzeifift- die dadurch hervorgcnifcMicn ncfftiliveii J liilluu'ien gegen 
den Analytiker, so besteht keine neiuiensweife Gefuhr, daß der 
Patient die Behandlung abbriehl. 

Die analytische Auflockerung des charakterliehen Panzers und 
die Störung des narzißtischen Schutzapiiarates hat unmittelbar 
zweierlei zur Folge: Erstens die Losung der Affekte aus 
ihren reaktiven Verankerungen und Verschleie- 
rungen, zweitens die Schaffung einer Einbruchs- 
pforte in die zentralen Gebiete der infantilen 
Konflikte, in den Ödipuskomplex und die Kastra- 
tionsangst. Dabei ist ein Vorteil nicht zu unterschätzen, daß 
man nämlich nicht nur die infantilen Erlehnisinlmite als solche er- 
reicht, sondern sie unmittelbar in ihrer spezifischen Verarbeitung. 
in ihrer ichgemäficn Abwandlung, zur Analyse bringt. 
Man sieht es in Analysen immer wieder, daß ein und dasselbe Stück 
verdrängten Materials je nach dem Stande der Auflockerung de^ 
Ichs verschiedene dynamische Wertigkeit besitzt. Ist doch in vielen 
Fällen die Affektbesetzung der kindliehen Erlebnisse charakterlich 
in Abwehrmechanismen aufgearbeitet worden, so daß man bei ein- 
facher Deutung der Inhalte wohl die Erinnerungen, aber nicht die 
Affekte bekommt. Tn solchen Fällen ist Deutung des infantilen Ma- 
terials ohne vorherige Lösung der im Charakter verarbeiteten 
Affekte geradezu ein Kunstfehler. Auf übersehen dieses Tatbestan- 
des sind zum Beispiel die trostlos langen und relativ ergebnislosen 
Analysen von Zwangscharaktcrü zurückzuführen.') Löst man da- 

M Als Beispiel dafür, wie entscheidend oft die Berücksichtigung oder 
Vernachlässigung einer Verhaltiinpsweise sein kann, dipno folgender Fall- 
Ein Zwangscharakter, der 12 Jahre Analyse ohne entsprechenden Erfolg 
hmter sich hatte und genau über seine infantilen Moltviitionrn Boscheid 
wußte, wie etwa über den zentralen Vatorkonflikt. spriieh in der Analyse 
m merkwürdig monotonem, etwas .singendem Tonfall mit ringenden Hun- 
den. Ich fragte, ob dieses Verhalten je analysiert worden war. Da.s war 
nicht der Fall. Ich verstand es /.nniieh.st nicht. Eines Tages fie! mir ein 
daß er in einer Weise sprach, als ob er betete. Ich leiltr ihm meine Ver- 
mutung mit. Darauf sagte er mir, daß er als Kind vom Viiter gezwungen 
worden wäre, ins Bethans zu gehen, was er nur sehr widerwillig getan 
hätte. Er hatte gebetet, aber unter Protest. So hatte er 12 Jahre laug 
auch dem Analytiker vorgebetet: „Bitte ich ta's, wenn du ea vorlangst, 
aber unter Protest". Die Aufdeckung dieses scheinbar nebensächlichen 
Details in seinem Verhalten eröffnete die Analyse, indem sie zu den ver- 
borgeostea Affekten führte. 



Die Erschütterung des narzißtischen Schutzapparates 95 

gegen zunächst die Affekte aus der Abwehrformation des Charakters, 
so vollzieht sich automatisch eine Neubesetzung der infantilen Trieb- 
repräsentanzen. Bei charakteranalytischcr Widerstandsdeutung ist 
affektloses Erinnern so gut wie ausgeschlossen. Das läßt die Störung 
des neurotischen Gleichgewichts, die mit der Analyse des Charakters 
von Anbeginn verbunden ist, gar nicht zu. 

In anderen Fällen wieder hat sich der Charakter als eine feste 
Schutzmauer gegen das Erlebnis der (infantilen) Angst aufgerichtet 
und in dieser Funktion, wenn auch unter großer Einbuße an Le- 
bensfreude, bewährt. Kommt der Betreffende dann wegen irgend 
eines Symptoms in die analytische Behandlung, so bewährt sich diese 
Schutzmauer auch in der Analyse erfolgreich als Charakterwider- 
stand, und mau sieht sehr bald ein, daß nichts zu erreichen ist, ehe 
der charakterliche Panzer, der die infantile Angst verdeckt und auf- 
zehrt, zerstört ist. Das ist zum Beispiel der Fall bei der moral iii- 
sanity und bei manischen, narzißtisch -sadistischen Charakteren. Man 
ist in solchen Fällen oft vor die schwierige Frage gestellt, ob das be- 
stehende Symptom eine tiefgreifende Charakteranalyse rechtfertigt. 
Denn mau muß sich darüber klar sein, daß speziell bei Fällen mit 
relativ guter charakterlicher Kompensation, wenn die Charakter- 
analyse die Kompensation zerstört, vorübergehend ein Zustand ge- 
schaffen wird, der einem Zusammenbruch des Ichs gleichkommt. Ja 
in manchen extremen Fällen ist ein solcher Zusammenbruch unver- 
meidlich, ehe die neue realitätstüchtige Ich-Strukfur sich entwickelt; 
wenn man sich auch sagen muß, daß der Zusammenbruch früher 
oder später von selbst gekommen wäre — war doch die Entstehung 
eines Symptoms das erste Anzeichen dafür — , so scheut man doch, 
wenn nicht dringende Indikation besteht, vor einem Eingriff zurück, 
der mit einer so großen Verantwortung verknüpft ist. 

Es kann in diesem Zusammenhange auch nicht verhehlt werden, 
daß die Charakteranalyse in jedem Falle, wo sie zur Anwendung 
kommt, heftige Emotionen, ja oft gefährliche Situationen schafft, 
und daß man technisch immer Herr der Situation sein muß. Viel- 
leicht werden manche Analytiker das Verfahren der Charakter- 
analyse aus diesem Grunde ablehnen; man wird dann aber auch bei 
der analytischen Behandlung einer nicht geringen Anzahl von Fällen 
auf keinen Erfolg rechnen dürfen. Manchen Neurosen ist mit milden 
Mitteln eben nicht beizukommen. Die Mittel der Charakteranalyse, 
die konsequente Hervorhebung des Charakterwiderstandes und die 



96 



Charakterliche Panzerung und Churuktcrwidcrstand 



hartnäckige Deutung seiner Formen, Wege und Motive sind ebenso 
mächtig wie dem Patienten unangenehm. Das hat mit Erziehung 
nichts zu tun und stellt ein streng analytisches Prinzip dar. Man tut 
aber gut daran, den Patienten im Beginne auf alle vorausseh baren 
Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten der Behandlung aufmerk- 
sam zu machen. 



f) über die optimalen Bedingungen für das analytische 
Zurückführen des Aktuellen auf das lufuntilc 

Da die konsequente Deutung des Verhaltens spontan den Zu- 
gang zu den infantilen Quellen der Neurose eröffnet, so erhebt sich 
die neue Frage, ob es Kriterien dafür gibt, wann die Zurück führung 
der aktuellen Verhaltungswcise auf ihr infantiles Vorbild zu er- 
folgen hat. Eine der analytischen Hauptaufgaben besteht ja gerade 
in dieser Zurüekführung, aber in dieser allgemeinen Fassung ist die 
Formel in der alltäglichen Praxis nicht anwendbar. Hat das sofort 
zu geschehen, sobald sich die ersten Anzeichen des dazugehörigen 
infantilen Materials zeigen, oder gibt es Gründe, die dafür sprechen, 
damit bis zu einem gewissen Zeitpunkt zu warten? Zunächst muß 
auf Grund bestimmter Erfuhrungen festgehalten werden, daß der 
Zweck der Zurückfuhrung, die Auflösung des Widerstandes und die 
Aufhebung der Amnesie, bei vielen Fällen nicht ohne weiteres er- 
zielt wird; es bleibt entweder bei einem blo(( intellektuellen Ver- 
stehen, oder der Versuch der Zurüekführung wird durch Zweifel zu- 
rückgewiesen. Das erklärt sich daraus, daß ebenso wie beim Bewußt- 
machen einer unbewußten Vorstellung der topische Umsetzungs- 
prozefi nur dann wirklich abläuft, wenn sich mit ihm der d y n a- 
misch-af fektive Prozeß des Bewußtwerdens verbindet. Dazu ist 
zweierlei erforderlich: Erstens müssen die hauptsächlichen Wider- 
stände zumindest aufgelockert sein, zweitens muß die Vorstellung, 
die bewußt werden oder, wie bei der Zurüekführung. eine bestimmte 
Verknüpfung erfahren soll, ein Mindestmaß von Bcselzungsintensitat 
erreicht haben. Nun sind ja die Affektbesetzungen der verdrängten 
Vorstellungen gewöhnlich abgespalten, im Charakter oder in den 
akuten Übertragungskonflikten und -widerstanden gebunden. Wenn 
man nun den aktuellen Widerstand auf Infantiles zurückführt, bevor 
er völlig zur Entfaltung kam, sobald sich nur eine Spur seiner in- 
fantilen Begründung findet, so ist seine Besetzungsintensität nicht 



Das analytische Zurückführen des Aktuellen auf das Infantile 97 

völlig ausgenützt worden; man hat den Inhalt des Widerstandes in 
der Deutung technisch verarbeitet, ohne auch den entsprechenden 
Affekt miterfaßt zu haben. Berücksichtigt man also nicht nur den 
topischen sondern auch den dynamischen Gesichtspunkt bei der 
Deutung, so zwingt sich die Notwendigkeit auf, den Widerstand 
nicht schon im Keime zu ersticken, sondern im Gegenteil ihn im 
Feuer der Ubertragungssituation zur vollen Entfaltung kommen zu 
lassen. Bei chronisch gewordenen, torpiden Charakterverkrustungen 
kann man der Schwierigkeiten anders gar nicht beikommcn. Der 
Regel Freuds, den Patienten vom Agieren zum Erinnern, vom 
Aktuellen zum Infantilen, zu bringen, muß angefügt werden, daß 
vorher das chronisch Erstarrte in der aktuellen Ubertragungs- 
situation zu neuem lebendigen Sein gelangen muß, wie man etwa 
chronische Entzündiingen dadurch heilt, daß man sie zunächst durch 
eine Reiztherapie in akute verwandelt. Bei Charakterwiderständen 
ist das wohl immer nötig. In fortgeschrittenen Stadien der Analyse, 
wenn man der Mitarbeit des Patienten sicher ist, vermindert sich die 
Notwendigkeit der „Reiztherapie", wie sie F e r e n c z i nannte. Man 
gewinnt den Eindruck, als ob bei manchen Analytikern die sofortige 
Zurückführung noch völlig unreifer Übertragungssituationen einer 
Angst vor den Stürmen starker Übertragungswiderstände entspräche, 
wie ja überhaupt sehr oft der Widerstand trotz besseren theoretischen 
Wissens als etwas höchst Unwillkommenes, nur Störendes betrachtet 
wird. Daher auch die Neigung, den Widerstand zu umgehen, statt 
ihn sich entfalten zu lassen und dann anzugreifen. Man vergißt da- 
bei, daß im Widerstand die Neurose selbst enthalten ist, daß wir mit 
jedem Widerstand auch ein Stück Neurose zur Auflösung bringen. 9 
Die Entfaltung des Widerstandes ist auch noch aus einem an- 
deren Grunde nötig. Der komplizierte Aufbau jedes einzelnen Wider- 
standes bringt es mit sich, daß man alle seine Determinierungen und 
sinnvollen Inhalte erst mit der Zeit erfaßt; und je vollständiger man 
eine Widerstandssituation erfaßt hat, desto erfolgreicher ist dann die 
Widerstandsdeutung, ganz abgesehen vom früher erwähnten dynami- 
schen Faktor. Auch die Doppelnatur des Widerstandes, seine aktuelle 
und seine historische Bedingtheit, erfordert, daß man zunächst die 
Formen der Ich- Abwehr, die in ihm enthalten sind, zur 'völligen Be- 
wußtheit bringt und erst nachdem sein aktueller Sinn klar wurde, 
seine infantile Herkunft an Hand des gelieferten Materials deutet. 
Das gilt für die Fälle, die infantiles Material zum Verständnis des 

Chorakteranalyse ' 



98 Charakterlichc Panzerung und Charakterwiderstand 

oachfolgenden Widerstandes bereits geliefert haben. Bei den 
anderen, die vielleicht in der Mehrzahl sind, ist das Entfalten lassen 
schon deshalb geboten, weil man sonst das infantile Material nicht 
in zureichendem Maße erhält. 

Die Widerstandsfechnik hat also zwei Seiten: Erstens die 
Erfassung des Widerstandes aus der aktuellen 
Situation durch Deutung seines aktuellen Sinnes, 
zweitens die Auflösung des Widerstandes durch 
Verknüpfung des nachströmenden infantilen Ma- 
t e r i a 1 s m i t d e m A k t u e 1 1 e n. So wird man sowohl die Flucht 
ins Aktuelle als auch die ins Infantile leicht vermeiden. in<]em eben 
beide in gleicher Weise bei der Deutung bcriicksiclitigl werden. 

So wird der Widerstand aus einem Hemmnis der Analyse in 
therapeutischer Hinsicht ihr mächtigstes Hilfsmittel. 



g) Charakteraualyse bei reichlich strömendem 

Material 

Bei Fällen, deren Charakter die Erinucruiigsarbeit von vorn- 
herein behindert, ist die Charakteranalyso in der beschriebenen Weise 
als einzig legitime analytische Art der Einleitung der Behandlung 
fraglos indiziert. Wie ist es nun aber mit jenen Fallen, deren Cha- 
rakter reichliche Erinnerungsarbeit im Beginne gestattet? Wir haben 
zwei Fragen vor uns. Ist auch hier die Charakteraualyse in dem 
hier vertretenen Sinne notwendig? Wenn ja, wie erfolgt hier die 
Einleitung der Analyse';' Die erste [''rage wäre zu verneinen, wenn 
es Fälle gäbe, die keine charakterliche Panzerung aufwiesen. Da es 
aber solche Fälle nicht gibt, der narzißtische Schutzmechanismus 
inuner früher oder später, nur in verschiedener Intensität und in 
verschiedener Tiefe zum charakterliehen Widerstände wird, ist 
prinzipiell kein Unterschied vorhanden. Der faktische Unter- 
schied ist bloß der. daß bei Fällen vom Typus der früher beschriebe- 
nen, der narzißtische Schutz- und Abwehrmechanismus ganz ober- 
flächlich liegt und sofort als Widerstand in Erscheinung tritt, bei 
den anderen aber tiefer im Niveau der Persönlichkeit sitzt, so daf? 
er zunächst gar nicht auffällt. Aber gerade diese Fälle sind die ge- 
fährlichen. Dort weiß man im voraus, worum es sich handelt. Hier 
glaubt man oft sehr lange Zeit, daß die Analyse vortrefflich ablaufe, 
weil der Patient scheinbar sehr bereitwillig alles annimmt, ja sogar 



■ Charakteranalyse bei reichlich strömendem Material 99 

Besserungen aufweist, und auf die Deutungen prompte Reaktionen 
bringt. Man erfährt aber gerade bei solchen Kranken oft die schlimm- 
sten Enttäuschungen. Man hat die Analyse durchgeführt, der end- 
gültige Erfolg will sich aber nicht einstellen. Man hat alle seine 
Deutungen verschossen, hat die Urszene und die infantilen Kon- 
flikte scheinbar vollständig zu Bewußtsein gebracht, schließlich 
stockt die Analyse in öder, monotoner Wiederholung des Alten, 
ohne daß die Heilung eintreten wollte. Noch böser ist es, wenn ein 
Übertragungserfolg über die wirkliche Lage hinwegtäuscht und der 
Patient bald nach der Entlassung mit einer vollen Rezidive wieder- 
kehrt. 

Reichliche böse Erfahrungen, die mit solchen Fällen gemacht 
wurden, führten auf den eigentlich selbstverständlichen Gedanken, 
daß man doch etwas übersehen haben mußte, und zwar nicht etwas 
Inhaltliches, denn die Vollständigkeit dieser Analysen ließ in inhalt- 
licher Hinsicht wenig zu wünschen übrig; man mußte an einen un- 
bekannten und unerkannten geheimen Widerstand denken, der alle 
therapeutischen Bemühungen zum Scheitern brachte. Bald stellte es 
sich heraus, daß diese geheimen Widerstände gerade in der Bereit- 
willigkeit des Patienten, in der manifest geringen Abwehr der Ana- 
lyse zu suchen waren. Und bei weiterem Yergleich mit anderen ge- 
lungenen Fällen fiel auf, daß diese Analysen in ständig gleich- 
mäßigem Fluß verliefen, niemals durch heftige affektive Erschütte- 
rungen unterbrochen waren und vor allem — was zu allerletzt erst 
klar wurde — : sie waren fast durchwegs in „positiver" Übertragung 
verlaufen, selten oder niemals war es zu heftigen negativen Regungen 
gegen den Analytiker gekommen. Trotzdem waren die Hafiregungen 
nicht unanalysiert geblieben, sie waren nur in der Übertragung nicht 
erschienen oder affektlos erinnert worden. Als Prototypen dieser 
Fälle können die narzißtisch-affektlahmen und die passiv -femininen 
Charaktere gelten. Jene sind durch eine laue und gleichmäßige, diese 
durch überschwengliche „positive" Übertragung gekennzeichnet. 

Man mußte sich also sagen, daß bei diesen scheinbar „gehenden 
Fällen — ..gehend" genannt, weil sie infantiles Material bringen, 
also wieder auf Grund der einseitigen Überschätzung des inhalt- 
lichen Materials — der Charakter sich in geheimer Form während 
der ganzen Analyse als Widerstand ausgewirkt hatte. Sehr oft gelten 
diese Fälle als unheilbar, zumindest aber als schwer zu bewältigend, 
was ich früher aus eigener Erfahrung bestätigen zu können glaubte. 

7* 



'^ 



100 



Charakterlicbe Panzerung und CharaklcrwJdcrstand 



Seit der Kenntnis ihrer geheimen Widerstände kuim ich sie aber zu 
den dankbarsten Fällen zählen. 

Die Einleitung solcher Falle unterscheidet .sich in charakter- 
analytischcr Hinsicht von den anderen dadurch, (hdt man den Ablauf 
ihrer Mitteilungen nicht stört und mii der Analyse des C'harakter- 
widerstandes erst dann einsetzt, wenn die Fbit der Mitteilungen und 
das Verhalten selbst in deutlich erkennbarer Weise zum Widerstand 
geworden sind. Der folgende Fall typisch pussiv-feinininen Cha- 
rakters soll das illustrieren und überdies zeigen, wie sich auch hier 
der Einbruch in die zutiefst verdrängten infantilen Konflikte von 
selbst ergibt. Ferner soll hier durch Verfolgung der Analyse bis in 
das fortgeschrittene Stadium die gesetzmäßige Aufwicklung der 
Neurose an der Spule der Übertragungswiderstünde demonstriert 
werden. 



1) 



Ein Fall von passiv-femininem Charakter 

a) Anamnese 

Ein 24jähriger Bankbeamter suchte die Anulyse wegen seiner 
Angstzustände auf, die vor einem Jahre anläßlich eines Besuches in 
der Hygieneausstelluiig ausgebrochen waren. Schon früher hatte er 
schwere hypochondrische Befürehtungcn, er wäre erblich 
belastet, er müßte geisteskrank wcr<len und in einem 
Irrenhause zugrunde gehen. Für diese Befürchtungen 
wußte er einige rationelle Gründe vorzubringen: Sein Vater hatte 
10 Jahre vor der Heirat eine Lues und Gonorrhöe erworben. Auch. 
der Großvater väterlicherseits soll Lues gehabt haben. Ein Bruder 
seines Vater war sehr nervös und litt an Schlaflosigkeit. Mütter- 
licherseits war die erbliche Belastung noch schwerer; der Vater der 
Mutter endete durch Suicid. ebenso ein Bruder der Mutter. Eine 
Schwester seiner Großmutter mütterlicherseits war „geistig ab- 
normal" (anscheinend melancholisch-depressiv). Die Mutter des 
Patienten war eine nervöse und ängstliche Frau. 

Diese doppelte „hereditäre Belastung" {Lues vaterlicher-. Suicid. 
Psychosen mütterlicherseits) machte den Fall um so interessanter 
als ja die Psychoanalyse, die eine hereditäre Ätiologie der Neurosen 
nicht leugnet, ihr nur die Bedeutung einer von vielen Ätiologien bei- 
mißt und sich damit im Gegensatz zur Schulpsychiatrie befindet. 
Wir werden ja seheu, daß die Hereditätsidee des Patienten auch 



..".fi: Ein Fall von passiv-femininem Charakter ' 101 

irrational begründet war. Er wurde trotz der schweren Belastung 
geheilt. Die Kontrolle seiner Rezidivefreiheit dauerte in größeren 
Abständen 5 Jahre. .-^<i. > i . /< 

Dieser Bericht umfaßt nur die ersten 7 Monate der Behandlung, 
die im Zeichen der Aufarbeitung, Objektivierung und analytischen 
Zerlegung der Charakterwiderstände standen. Die letzten 7 Monate 
werden nur ganz kurz dargestellt, weil dieser Abschnitt vom Stand- 
punkt der Widerstands- und Charakteranalyse wenig Interessantes 
bot. Kommt es uns doch in erster Linie darauf an. die Einleitung 
der Behandlung und den Weg zu schildern, den die Widerstands- 
analyse nahm, und die Art, wie sie den Anschluß an das frühinfantile 
Material fand. Man wird in Würdigung der Schwierigkeiten, die der 
Darstellung einer Analyse im Wege stehen, begreiflich finden, daß 
wir hier auch im Interesse des leichteren Verständnisses — die Ana- 
lyse bar von allem Beiwerk und von Wiederholungen bringen und 
uns nur an den roten Faden der Widerstände und ihrer Bearbeitung 
halten. Wir demonstrieren sozusagen nur das Gerüst der Analyse 
und versuchen ihre wichtigsten Etappen herauszuschälen und mit- 
einander zu verbinden. Die Analyse war in Wirklichkeit nicht so 
einfach, wie sie hier in der Reproduktion erscheinen mag, wohl aber 
zeichneten sich in der Fülle der Erscheinungen im Laufe der Mo- 
nate jene Konturen an bestimmten Ereignissen ab, die wir hier dar- 
zustellen versuchen. 

Die Augstanfälle des Patienten gingen mit Herzklopfen 
und Lähmung aller Willenskraft einher. Auch in den Inter- 
vallen wurde er nie das Gefühl eines Unbehagens los. Die 
Angstanfälle traten häufig spontan auf. lösten sich aber auch prompt 
aus, wenn er etwa in der Zeitung von Geisteskrankheiten oder von 
Selbstmord las. Im Laufe des letzten Jahres hatte auch seine 
Arbeitsfähigkeit nachgelassen, und er fürchtete wegen vermin- 
derter Leistungen dem. Beamtenabbau zum Opfer zu fallen. 

In sexueller Hinsicht bestanden schwere Störungen. Knapp 
vor dem Besuch der Hygieneausstellung hatte er bei einem 
Koitusversuche mit einer Dirne versagt. Das hatte ihn, wie er be- 
hauptete, wenig irritiert, auch sonst war sein bewußtes Sexualver- 
langen gering. Die Abstinenz fiel ihm angeblich nicht schwer. Vor 
mehreren Jahren gelang ein Akt, allerdings hatte er dabei eine vor- 
zeitige und lustlose Ejakulation. 

Auf die Frage, ob diese Angstzustände keine Vorläufer gehabt 



102 



Charakterliche Panzerung und Charaktorwidorsiand 



hätten, wußte der Patient zu berichten, daß er schon als K i n d s e h r 
ängstlich war und besonders wahrend der Pubertät Angst vor 
Weltkatastrophen gehabt hatte. So hatte er sich sehr ge- 
fürchtet, als im Jahre 1910 vom Untergang der Welt durch Zusam- 
menstoß mit einem Kometen gesiiroclieii wurde, und er mußte sich 
wundern, daß seine Eltern so ruhig darüber sprachen. Diese ..Kata- 
strophenangst" hörte allmählich auf. wurde aber dann durch die 
Idee des heriditären Belastetseins vollständig ersetzt. Lebhafte Angst- 
zustände hatte er schon von Kindheit an, allerdings waren sie früher 
seltener aufgetreten. 

Außer der h y p o c li o n d r i s c h e n H e r e d i t ä t s i d c e. den 
Angstzn ständen und der S e x u a 1 s c h w ä c h e bestanden 
keine neurotischen Symptome. Krankheit-seinsicht hatte der Patient 
im Beginne der Behandlung nur für die Angstzustände, weil er unter 
ihnen am meisten litt. J3ie Hcreditätsidee war zu gut rationalisiert, 
und unter der Libidoschwächc (richtiger: Impotenz) litt er zu wenig, 
als daß er auch hier ein Krankheitsgefühl hatte entwickeln können. 
Den Symptomen nach lug die hypochondrische Form der 
Angsthysterie mit dem obligaten, hier besonders gut entwickel- 
ten a k t u a 1 n e u r o t i s c h e n Kern (A n g s t n e n r o s e) vor. 

Die Diagnose lautete: Hysterischer Charakter mit 
hypochondrischerAngsthysterie. Der Diagnose „hyste- 
rischer Charakter" liegen die analytischen Ergebnisse über 
seine Fixierungen zugrunde. Phänonu'ni)logisch erschien er als Typus 
des p a s s i v - f e m i n i n o n C' h a r a k t e r s: Sein Gehaben war 
stets überfreundlich, demütig; er eutschuldigfc sich in einem fort 
wegen nichtigster Vorkommnisse; beim Kommen und Gehen ver- 
beugte er sich tief einige Male. Dazu war er unbeholfen, 
schüchtern, umständlich. Fragte man ihn etwa, ob er ein- 
verstanden sei, daß die Stunde verlegt werde, sagte er nicht einfach 
ja. sonclern versicherte, daß man über ihn verfügen köinic. daß er 
zu allem bereit sei usw. Brachte er eine Bitte vor. so strcit^helte er 
dabei den Arm des Analytikers. Als das erste Mal von der Möglich- 
keit eines Mißtrauens gegen die Analyse gesprochen wurde, kam er 
am selben Tage verstört wieder, er hätte den Gedanken nicht er- 
tragen können, daß sein Arzt ihn für mißtrauisch halte, und bat 
wiederholt um Entschuldigung, für den Fall, daß er etwas geäußert 
haben sollte, das mich zu einer solchen Vermutung veranlaßt haben 
könnte. 



"- 



Im» EiD Fall von passiv-femininem Charakter *>'• ' 103 

ß) Die Entwicklung und Analyse des Charakterwiderstandes ' * 

Die Analyse stand im Zeichen der Widerstände, die von diesem 
seinem Charakter ausgingen, und entwickelte sich wie folgt: 

Nachdem ihm die Grundregel mitgeteilt worden war, begann er 
fließend, nur selten stockend, über seine Familienverhältnisse und 
die hereditäre Belastung zu erzählen. Allmählich traten die Be- 
ziehungen zu seinen Eltern hervor. Er behauptete, beide gleich zu 
lieben, den Vater mehr noch zu achten. Diesen schilderte er als 
energischen, klardenkenden Menschen. Der Vater hatte ihn 
stets vor der Onanie und vor aufierehelichem Ge- 
schlechtsverkehr gewarnt. Er hatte ihm von seinen eigenen 
bösen Erfahrungen erzählt, die er bei sexuellen Erlebnissen ge- 
macht hatte, von seiner Lues und Gonorrhoe, von seinen Verhält- 
nissen mit Frauen, die schlecht ausgegangen waren; das alles in der 
erzieherischen Absicht, ihn vor Ähnlichem zu bewahren. Der Vater 
hatte ihn nie geschlagen, sondern seine Absichten von Anbeginn so 
durchgesetzt, daß er dem Patienten etwa sagte: „Ich zwinge dich 
nicht, ich rate dir bloß..."; das geschah freilich energisch. Der 
Patient bezeichnete sein Verhältnis zum Vater als durchaus gut, er 
wäre ihm treu ergeben, er hätte keinen besseren Freund auf der 
Welt als ihn. 

Er verharrte nicht lange bei diesem Thema, sondern die Stunden 
vergingen fast ausschließlich mit der Schilderung seiner Beziehungen 
zur Mutter: Diese war immer äußerst fürsorglich und zärtlich, er 
selbst benahm sich einerseits ebenfalls zärtlich, andererseits ließ er 
sich von der Mutter in allem und jedem bedienen. Sie bereitete ihm 
die Wäsche vor, brachte ihm das Frühstück ans Bett, saß bei ihm, 
bis er einschlief, noch zur Zeit der Analyse, kämmte ihn, mit einem 
Worte, er führte das Leben eines verzärtelten Muttersöhnchens. 

Er schritt rasch in der Besprechimg seines Verhältnisses zur 
Mutter fort und war nach sechs Wochen nahe daran, den 
Koituswunsch zu erfassen. Bis auf diesen war er sich 
seines zärtlichen Verhältnisses zur Mutter ganz bewußt geworden — 
zum Teil hatte er es schon vor der Analyse gewußt: er hatte die 
Mutter gern und oft auf sein Bett geworfen, und sie hatte es sich mit 
„glänzenden Augen und geröteten Wangen" gefallen 
lassen. Wenn sie im Nachthemd zu ihm trat, um ihm gute Nacht zu 
sagen, pflegte er sie zu umfassen und heftig an sich zu drücken. Ja, 



^ 



104 Cbarakterliche Pauxerung und Cbaraklerwidcrstand 

obgleich er immer bestrebt war, die sexueik- Erregung der 
Mutter hervorzustreicheii, sicher, um von seiner eigenen Absicht 
weniger zu verraten, sagte er mehrere Male wie beiläufig, er hätte 
selbst deutlich sexuelle Erregungen verspürt. 

Bei einem äußerst vorsichtigen Versuch, den ich untcrnahra, ihm 
die wahre Bedeutung dieser Vorgänge nahezubringen, stiefi ich aber 
sofort auf den heftigsten Widerstand: Er könne versichern, daß er 
bei anderen Frauen genau so empfunden hätte. Diesen Versuch 
hatte ich nicht etwa unternommen, um ihm die Inzestpliantasie zu 
deuten, sondern nur um mich zu überzeugen, ob ich in meiner Ver- 
mutung recht hatte, daß der stramme Vormnrscii in der Kiclitung 
der historisch bedeutsamen Jnzestliebc ein großartiges Ausweichen 
vor anderem aktuell Wichtigerem war. Das Material, das er über 
sein Verhältnis zur Mutter brachte, war ganz eindeutig, es schien 
wirklich, als ob er nur noch einen Schritt tun müßte, um das Eigent- 
liche zu erfassen. Man hätte also prinzipiell deuten können, wenn 
nicht aufgefallen wäre, daß der Inhalt seiner MiHeilungen in krassem 
Gegensatz zum Inhalt seiner Träume und zu seinem überfreundlichen 
Gehaben stand. 

Meine Aufmerksamkeit mußte sich also immer mehr auf sein 
Gehaben und das Traummaterial richten: Zu den Trüunien brachte 
er keine Assoziationen; in der Stunde schwärmte er über die Analyse 
und den Analytiker, während er außerhalb der Stunde große Sorge 
um seine Zukunft hegte und über seine hereditäre Belastung grüb- 
lerisch nachdachte. 

Die Traumgedanken waren von zweierlei Art: Zum Teil beiidial- 
teten sie ebenfalls seine Inzestphantasien; was er am Tage nicht 
aussprach, verriet er im manifesten Trauminhalt; so verfolgte er in 
seinem Traume seine Mutter mit einem Papiermesser, oder er kroch 
durch ein Loch, vor dem die Mutter stand. Andererseits 
handelte es sich häufig um eine dunkle Mordgeschichte 
um die H e r e d i t ä t 8 i d e e. um ein Verbrechen, das jemand 
beging, oder um höhnische Bemerkungen, die jemand 
machte, oder um eine Mißtrauenskundgebung. 

In den ersten 4—6 Wochen lag folgendes Analyscmuterial vor 
mir: seine Mitlcüungeu über seine Beziehungen zur Mutter; seine 
aktuellen Angstzustände und die Ilerediläfsidee; sein überfreund- 
liches, hingebendes Gehaben; seine Träume: darunter die. welche 
die Inzestphantasien klar fortführten, die Mordträumc und Miß- 



i,„ Ein Fall von passiv-femininem Charakter i,.-! i 105 

trauensträume; gewisse Anzeichen einer positiven Mutterüber- 
tragung. 

Vor die Wahl gestellt, sein völlig klares Inzestmaterial zu deuten 
oder die Anzeichen seines Mißtrauens hervorzuheben, entschied ich 
micli für das letzte. Denn es handelte sich in der Tat um einen 
geheimen Widerstand, der durch viele Wochen nicht in Er- 
scheinung treten wollte, und gerade darin bestand, daß der Patient 
zu viel bot und zu wenig gehemmt war. Es zeigte sich spater, daß 
es auch der erste große Übertragungswiderstand war, 
dessen besondere Art durch den Charakter des Patienten bestimmt 
war. Er täuschte: durch seine Opfer an Erlebnismaterial, das 
therapeutisch wertlos war, durch sein iiberfreundliches Gehaben, 
durch seine Tielen und klaren Träume, durch das scheinbare Ver- 
trauen, das er dem Analytiker entgegenbrachte. Er war dem 
Analytiker „gefälli g", wie er sein Leben lang dem Vater 
hingegeben war, und zwar aus dem gleichen Grunde wie hier, näm- 
lich aus Angst vor ihm. Wäre das mein erster derartiger Fall 
gewesen, ich hätte unmöglich wissen können, daß ein solches Be- 
nehmen ein großer, gefährlicher Widerstand ist, und hätte ihn auch 
nicht lösen können, weil ich seinen Sinn und seine Struktur nicht 
hätte erraten können. Frühere Erfahrungen in solchen Fällen hatten 
jedoch gezeigt, daß solche Patienten monate-, ja jahrelang keinen 
manifesten Widerstand zu produzieren imstande sind und daß sie 
auf die Deutungen, die man, verleitet durch das klare Material, gibt, 
therapeutisch gar nicht reagieren. Man kann also nicht sagen, daß 
man bei solchen Fällen warten müsse, bis sich der Übertragungs- 
■widcrstand einstellt, weil er ja vom ersten Augenblick an bereits 
voll ausgebildet ist, allerdings in der diesem Charakter eigenen ge- 
heimen Form. 

Überlegen wir noch ein Stück weiter, ob das dargebotene hetero- 
sexuelle Inzestmaterial auch wirklich durchgebrochenes Material aus 
der Tiefe darstellte. Die Frage muß verneint werden. Beachtet man 
die aktuelle Funktion aktuell gebotenen Materials, so kann mau oft 
feststellen, daß zutiefst verdrängte Regungen, ohne daß sich an der 
Verdrängung das geringste geändert hätte, vom Ich zur Abwehr 
anderer Inhalte zeitweise herangezogen werden. Eine sehr merk- 
würdige, tiefenpsychologisch nicht leicht begreifbare Tatsache. Die 
direkte Deutung solchen Materials ist ein ausgesprochener Kunst- 
fehler. Sie bleibt nicht nur ohne Ergebnis, im Gegenteil, sie bewirkt 



r 



106 C;harakterliche Panzerung und Cliarakterwiderstand 

eine Erschwerung des Heranreifens dieses ytückes verdrängter In- 
halte für einen späteren Zeitpunkt. Theoretisch können wir sagen, 
daß psychische Inhalte unter zwei verschiedenartigen Bedingungen 
im System Bw. erscheinen können: getrugen von den eigenen 
spezifisch dazugehörigen Ühidinösen Affekten, oder getragen von 
fremden, nicht dazugehörigen Interessen. Im ersten Falle wirkt 
der innere Druck gestauter Erregung, im zweiten Falle liegt Ab- 
wehr vor- Zur Veranschaulichung <lieTic der Vergleich der freien. 
strömenden Liebe im Gegensatz zu Liebesänfierungen, die verdräng- 
ten Hafi zu übertönen haben, also reaktiven I.iebesbezeugungen. 

Der Widerstand mußte angegangen werden, was hier natürlich 
weit schwieriger war als bei manifesten Widersländen. Aus den 
Mitteilungen des Patienten war der Sinn des Widerstandes nicht zu 
efschließen, wohl aber aus seinem Gehaben und ans den scheinbar 
nebensächlichen Details mancher Träume. Daraus konnte ersehen 
werden, daß er aus Furcht, sich gegen den Vater anfzulehiien. seinen 
Trotz und sein Mißtrauen durch reaktive Liebe maskierte und sich 
durch seine Folgsamkeit Angst ersparte. 

Die erste Widerstandsdeutung erfolgte bereits am fünften Tage 
der Analyse anläßlich des folgenden Traumes: 

„Meine Schrift wird einem Graphologen xur lieiinfachlunji ge- 
sandt. Antwort: Der Mann ffekört in ein Irrenhaus. Große Ver- 
zmeifliing meiner Muller. Ich mill meinem Leben ein 
Ende machen. Erwachen." 

Zum Graphologen fiel ihm Professor Freud ein: er fügte hinzu, 
der Professor hätte ihm gesagt, daß die Analyse solche Krankheiten 
wie die seine mit „souveräner SicJicrheif heile. Ich ma<lite ihn auf 
den Widerspruch aufmerksam: Da er im Traume an das Irrenhaus 
dachte und Angst hatte, mußte er doch der Meinung sein, daß ihm 
die Analyse nicht helfen könnte. Das wolKe er nicht einsehen, er 
sträubte sich gegen die Deutung und beharrte dabei, daß er vollstes 
Vertrauen hätte. 

Bis zum Ende des zweiten Monats träumte er viel, aber wenig 
Deutbares, und fuhr mit den Mitteilungen über seine Mutter fort. 
Icli ließ ihn ruhig sprechen, ohne zu deuten oder anzuregen, und 
achtete darauf, daß mir keine Mißtrauensregnng entging. Kr hatte 
aber nach der ersten Widerstandsdentung sein geheimes Mißtrauen 
noch besser maskiert, bis er schließlich folgenden Traum träumte: 

„Ein Verbrechen, oielleicht ein Mord ist verübt morden. 



iri! Ein Fall von passiv-femininem Charakter 107 

Ich bin foider meinen Willen in dieses Verbrechen oerwickeli wor- 
den. F urcht oor Entdeckung und Strafe. Einer meiner 
Bürokollegen, der mir wegen seines Mutes und entschlossenen Wesens 
imponiert, ist zugegen. Ich empfinde seine Überlegenheit." 

Ich hob nur die Furcht vor Entdeckung hervor und bezog sie auf 
die analytische Situation, indem ich ihm geradeheraus sagte, sein 
ganzes Verhalten deute darauf hin, daß er etwas verberge. 

Schon in der folgenden Nacht träumte er einen längeren be- 
stätigenden Traum: 

„Ich habe in Erfahrung gebracht, daß in unserer Wohnung 
ein Verbre chen geplant ist. Es ist Nacht und ich befinde mich 
im dunklen Stiegenhaus. Ich weiß, mein Vater ist in der 
Wo hnung. Ich mill ihm zu Hilfe eilen, aber ich fürchte m,ich, 
den Feinden in die Hände zu fallen. Mein Gedanke ist, 
die Polizei zu verständigen. Ich habe eine Papierrolle bei 
mir, die alle Details des verbrecherischen An- 
schlages enthält. Eine Verkleidung ist notwendig, 
denn der Führer der Feinde, der viele Spione aufgestelli hat, 
würde mein Beginnen sonst oereiteln. Ich nehme einen weiten 
Lodenmantel und einen falschen Bart und verlasse 
gebückt, roie ein alter Mann das Haus. Der Anführer 
der Feinde hält mich an. Er beauftragt einen seiner Untergebenen, 
mich zu durchsuchen. Die Papierrolle fällt diesem Manne auf. Ich 
fühle, daß ich verloren bin. wenn er den Inhalt liest. Ich stelle 
mich möglichst harmlos und sage, es seien Aufzeichnungen 
ohne jede Bedeutung. Er erwidert, er müsse trotzdem Einblick 
nehmen. Ein Moment qualooUer Spannung, dann suche ich in meiner 
Verzweiflung nach einer Waffe. Ich finde in meiner Tasche einen 
Revolver und drücke los. Der Mann ist verschwunden, und ich fühle 
mich plötzlich sehr stark. Der Anführer der Feinde hat sich in eine 
Frau verwandelt. Mich erfaßt ein Verlangen nach dieser Frau, ich 
ergreife sie, hebe sie empor und trage sie in das Haus. Ein Lust- 
gefühl überkommt mich, und ich wache auf." w-td 

Wir haben am Schlüsse des Traumes das ganze Inzestmotiv vor 
uns, aber auch — am Anfang — unverkennbare Anspielungen auf 
seine Verstellung in der Analyse. Ich hob nur diese heraus, wieder 
von der Erwägung ausgehend, daß der so opferwillige Patient erst 
seine täuschende Haltung in der Analyse aufgeben mußte, ehe tiefere 
Deutungen erfolgen durften, ging diesmal in der Widerstandsdeutung 



lOS Ciiarakterliche Panzerung und Churakterwiderstand 

aber einen Schritt weiter; ich saRte ihm, daÜ er nicht nur Mifitrauea 
gegen die Analyse habe, sondern durch sein Verhahen gerade das 
Gegenteil vortäusche. Der Patient geriet daraufhin in iieftige Er- 
regung und produzierte seliüefilich sechs Sitzungen huip drei ver- 
schiedene hysterische Aktionen. 

1. Er bäumte sich auf, stiefl mit Armen und Reinen nm sich nnd 
schrie dabei: „Du, du, lafi mich, komm mir nicht zu nahe, ich töte 
dich, ich zermalme dich." Diese Aktion ging oft unmerklich über 
in eine andere Art; 

2. Er griff sich an den Hals, röchelte dabei und heulte röchelnd: 
„Oh, lafi mich, lafi mich, bitte, ich tue nichts mehr." 

3. Er benahm sich nicht wie ein gewalttätig Angegriffener, son- 
dern wie ein vergewaltigtes Mädchen: „Du, lafi mich, lafi mich"; 
das wurde ohne die Würgetöne ausgesprochen, und wahrend er beim 
Typus 2 sich zusammenkrümmte, spreizte er jetzi die Reine. 

In diesen sechs Tagen stockte der Flufi seiner Erzählungen, er 
befand sich durchaus in manifestem Widersland, sprach uiiansgesetzt 
über seine hereditäre Belastung, dazwischen verfiel er von Zeit zu 
Zeit in den eigenartigen Zustand, in dem er. wie beschrieben, agierte. 
Das Merkwürdige war, daß er, sobald die Aktion aufhörte, wieder 
ganz ruhig, als wäre nichts gewesen, weitersprach. Er meinte nur 
dazu, „das ist aber merkwürdig, Herr Doktor, was da in mir vor- 
geht". 

Ich klärte ihn nun darüber auf, dafi er mir offenbar etwas vor- 
spielte, was er einmal in seinem Leben erlebt oder mindestens phan- 
tasiert haben mußte, ohne mich weiter auf den Inhalt einzulassen. 
Er war über diese erste Erklärung sichtlich erfreut un<l — agierte 
von nun an weit häufiger als vor der Erklärung. Ich mulile mir 
sagen, daß meine Widerslandsdeutmig ein wichtiges Stück des Ubw 
aufgerührt hatte, das sich nun in Form der Aktionen äußerte- 
er war aber noch weit entfernt davon, diese Aktionen analytisch 
zu klären und verwertete sie vielmehr im Sinne seines Widerstandes: 
Er glaubte mir besonders gefällig zu sein, wenn er nun gehäuft 
agierte. Später erfuhr ich. dafi er sich bei seinen abendlichen Angst- 
anfällen so benahm wie bei der 2. und 3. Aktion. Obwohl mir auch 
der Sinn der Aktionen klar war und ich ihm nn Zusammenhang mit 
dem Mordtraum den Sinn hätte mitteilen können, blieb ich kon- 
sequent bei der Analyse seines Charakterwidcrstaudes. zu dessen 
Verständnis er mir mit seinen Aktionen bereits so viel geboten hatte. 



I. Ein Fall von passiv- femininem Charakter t* > 109 

- "Ich konnte mir folgendes Bild voa der Schichtung der In- 
halte seines charakterlichen Übertragungswider- 
standes macheu: 

Die erste Aktion stellte seine Mordimpulse gegen den Vater 
in Übertragung auf mich dar (tiefste Schicht). 

Die zweite Aktion beinhaltete die Angst vor dem Vater 
wegen des Mordimpulses {mittlere Schicht). 

Die dritte Aktion stellte den verborgenen grob -sexuellen 
Gehalt seiner femininen Haltung, die Identifizierung mit dem (ver- 
gewaltigten) Weibe, gleichzeitig die passiv-feminine Abwehr der 
Mordimpulse dar. 

Er gab sich also hin, um den Vater vom Vollzug 
der Strafe (Kastration) abzuhalten. 

Aber auch die Aktionen, die der oberflächlichsten Schichte ent- 
sprachen, durften noch nicht gedeutet werden. Der Patient hätte 
vielleicht jede Deutung zum Scheine („um gefällig zu sein") 
akzeptiert, ohne daß sie eine therapeutische Wirkung gehabt hätte; 
denn zwischen dem gebotenen Inhalte seines Unbewußten und der 
Möglichkeit eines tieferen Verständnisses stand hindernd die über- 
tragene feminine Abwehr einer ebenfalls über- 
tragenen Angst vor mir, und diese Angst entsprach wieder 
einer Hafiregung und einem Mißtrauen, die vom Vater her über- 
tragen waren. Haß, Angst und Mißtrauen waren also verborgen 
hinter seiner hingebenden, zutraulichen Haltung, eine Mauer, an der 
jede Symptom den timg zerschellen mußte. 

Ich deutete also wieder nur seine unbewußten Täuschungs- 
absichten, sagte ihm, daß er seine Aktionen jetzt so gehäuft pro- 
duziere, um mich zu gewinnen, fügte aber hinzu, daß sie an sich 
sehr bedeutungsvoll wären, nur könnten wir uns ihrem Verständnis 
erst nähern, bis er den Sinn seines aktuellen Verhaltens einsehen 
würde. Sein Sträuben gegen die Widerstandsdeutung wurde ge- 
ringer, aber er stimmte noch nicht zu. 

In der darauffolgenden Nacht träumte er zum ersten Male offen 
von seinem Mißtrauen gegen die Analyse; 

„Unzufrieden me gen des hisherigenMißerfolges 
der Analyse, wende ich mich an Professor Freud. 
Er übergibt mir als Mittel gegen meine Krankheit einen langen 
Stab, der die Form eines Ohrlöffels hat. Ich empfinde Befriedigung." 



110 Charakterliche Panzerung und Cbarakterwiderstaiid 

Bei der Analyse dieses Trainnstiickes gesiand er zum ersten 
Male, daß er gegen die Worte des Professors ein leises Mißtrauen 
verspürt hätte und dann unangenehm überrascht gewesen wäre, als 
er einen so jungen Arzt vor sich sah. Ich bemerkte dabei zweierlei: 
erstens, daß er auch diese Mitleiiiing über sein Mißtrauen wieder 
aus Gefälligkeit machte, daß er aber auch etwas unterdrückte. Ich 
machte ihn auf beides aufmerksam. Einige Zeit später erfuhr ich, 
daß er mich bei der Honorarfragc beschwindelt hatte. 

Während so sein Charakterwiderstand, das Täuschen durcli Ge- 
horsam und Gefügigkeit, konsequent bearbeitet wurde, floß daneben 
automatisch immer reichlicher Material aus verseiiiedensten Lebens- 
altern, über sein kindliches Verhältnis zur Mutter, zu jungen Män- 
nern, über seine kindliche Angst, über seine Lust am Kranksein, die 
er als Kind gehabt hatte usw. Voji all dem wurden nur die Be- 
ziehungen zu seinem Charakterwiderstand gedeutet. 

Die Träume, die sein Mißtrauen und seine verhalten spöttische 
Einstellung betrafen, häuften sich. So träumte er einige Wochen 
später unter anderem folgendes: 

„Auf eine Bemerkung meines Valers. daß er keine Träume tiabe, 
ermidere ich. daß dies besiimmi nicht der I'all sei. er oerfiease offen- 
bar die Träume, die zum größten Teil oerpönte VorsUillungen seien. 
Er lacht höhnisch auf; ich sage erregt, daß dies die Theorie 
keines geringeren Mannes, als Professors Freud sei. empfinde 
aber dabei eine innere Beunruhigung." 

Ich zeigte ihm, daß er seinen Vater höhnen ließ, weil er es selbst 
zu tun nicht wagte, und berief mich auf die Beunruhigung, die er 
im Traume empfand, und die ich als Zeichen eines schlechten Ge- 
wissens deutete. 

Er ging darauf ein. akzeptierte diese Deutung. un<l in den fol- 
genden 10 Tagen stand die Honorarfragc zur Diskussion. Es stellte 
sich heraus, daß er mich bei der Vorbesprechung bewußt. .,um sieh 
zu schützen", also aus Mißtrauen gegen meine Ehrlichkeit, angelogen 
hatte, indem er. ohne darnach gefragt worden zu sein, eine nictlrigere 
Summe nannte als die, über die er verfügte. Ich halte ihm. wie ich 
es immer tue, mein Durchschnittshonorar und mein MindesHionorar 
genannt und ihn zum Mindesthonorar aufgenommen: er konnte aber 
mehr zahlen, nicht nur, weil er über mehr Ersparnisse und ein 
besseres Gehalt verfügte, als er angegeben hatte, sondern auch weil 
sein Vater die Hälfte der Kosten trug. 



fipb Ein Fall von passiv-femininem Charakter 111 

y) Der Anschluß der Analyse des Aktuellen an das Infantile 
Bei der Besprechung der „Geldangelegenheit", die immer im Zu- 
sammenhang mit seinem Charakterwiderstand, der geheimen Angst 
und dem geheimen Mißtrauen, diskutiert ^vurde, versprach er sich 
einmal, indem er sagte: „Ich hatte den Wunsch, daß mein Geld in 
der Bank immer größer (statt mehr) werde!" Damit verriet er die 
Beziehung des Geldes zum Gliede und die der Angst vor dem 
Verlust des Geldes zur Angst um das Glied. Ich deutete 
ihm nichts, analysierte auch das Versprechen nicht, weil ich die 
Kastrationsangst nicht zu früh als solche deuten wollte, und machte 
nur einige Bemerkungen darüber, daß sein Sparsinn mit der Kata- 
strophenangst zusammenhängen müsse, daß er sieh offenbar sicherer 
fühle, wenn er mehr Geld besitze. Er nahm das mit gutem und 
echtem Verständnis auf und brachte bestätigende Einfälle aus der 
Kindheit: Er hatte schon sehr früh Kreuzer zu sparen begonnen und 
konnte es seinem Vater nie vergessen, daß dieser seine Ersparnisse 
einmal, ohne ihn zu fragen, genommen und dafür etwas gekauft 
hatte. Zum ersten Malebrachte er spontan einen Vor- 
wurf gegen den Vater, der sich bewußt auf das Geld, unbe- 
wußt natürlich auf die Kastrationsgefahr bezog. In diesem Zusam- 
menhange klärte ich ihn auch darüber auf, daß sein Vater zwar 
bona fide gehandelt, aber unklug getan hätte, seine Sexualität derart 
zu unterdrücken. Der Patient gestand, daß er sich schon selbst im 
geheimen oft Gedanken darüber gemacht, aber nie gewagt hatte, 
seinem Vater entgegenzutreten, der, wie er vermutete, nur sein 
Bestes wollte. Daß in seiner Folgsamkeit sich ein tiefes Schuld- 
gefühl und eine Angst vor dem Vater auswirkten, konnte ich ihm 
noch nicht mitteilen. 

Von mm an ging die Analyse des Übertragungswiderstandes 
Hand in Hand mit der Analyse der verborgenen ablehnenden Ein- 
stellung zum Vater. Jeder Zug der Ubertragungssituation %vurde auf 
den Vater bezogen und vom Patienten unter Beibringung einer Fülle 
neuen Materials über seine wahre Einstellung zum 
Vater versfanden; alles, was er brachte, war zwar noch immer 
stark zensuriert, tiefer Deutung noch nicht zugänglich, aber die 
Analyse der Kindheit war ordnungsgemäß eingeleitet. Das Material 
brachte er jetzt nicht mehr als Opfer, um anderem zu entgehen, son- 
dern aufgewühlt durch die Analyse des Charakterwiderstandes und 
in der wachsenden Überzeugung, daß sein Verhältnis zum Vater 



112 Charakterliche Panzerung' und Clmrakterwiderstand 

nicht derart war. wie er geglaubt lintte, und daß es schädlichen Ein- 
fluß auf seine Entwicklung gcnomnicii hafte. 

'- Sooft er sich der MordphaiHasic nülirrlc, verstärkte sich seine 
Angst. Die Träume wurden seltener und kürzer, dafür geschlossener, 
und der Zusammenhang mit der analytischen Sitiuifion wurde enger. 
Das früher vorgeschobene Malcrial versiegte zum größten 
Teile. Was aus anderen Komplexseliichlcn licrvorkiini. stand in 
enger Verbindung zum Vaterkomplex: Seine Phutitasie. ein Weib zu 
sein, und sein Inzestwunseh. Im Taufe weiterer sechs Wochen tauch- 
ten zum ersten Male unverhüllte Kastratioiislränine auf. obgleich 
keine diesbezügliche Deutung oder Erwart ungsvorsteMung meiner- 
seits gefallen war. 

/. „Ich liege in meinem Bett, schrecke pliitzHch auf und be- 
merke, daß mein ehemaliger Gymnasialdireklor L. au f mir 
sitzt. Ich ringe ihn nieder und bringe ihn unter mich, doch er be- 
kommt eine Hand frei und bedroht mein Glied." 

IL „Mein älterer Bruder steigt durch ein Fenster in unserem 
Stiegenhause und gelangt in unsere Wohnung. Er befiehlt, daß man 
ihm ein Schwert bringt, da er mich töten mill. I ch komme 
ihm zuDor und erschlage ihn." 

Wir sehen also, wie der große Konflikt mit dem Vater immer 
klarer, ohne irgendeine Anstrengung meinerseits, nur infolge der 
korrekten Widerstandsunalyse, auftauchte. 

In dieser Phase kam es wiederiiolt zu Stockungen und lauten 
Mifitraueiiskundgebungen gegen die Analyse. Der Widerstand 
knüpfte jetzt an der Honorarfragc an: Er mißtraute meiner Ehrlich- 
keit. Der Zweifel und das Mißtrauen traten immer dann auf. wenn 
er sich seiner Abneigung gegen den Vater, dem Kastralionskomplex 
und der Mordphantasie näherte. Die Widerslände wurden zwar 
manchmal durch feminines Hingegebensein maskiert, es gelang aber 
jetzt leicht, das Verborgene wieder hervorzuziehen. 

Nach fünfwöchiger Feriulnnterhrechung wurde <lic Analyse 
wieder aufgenommen. Der Patient, der keinen Urlaub nahm, wohnte 
in dieser Zeit bei einem Freunde, weil seine Eltern verreist waren 
und er sich vor dem Alleinsein fürchtete. Seine Angstzuständc hatten 
nicht nachgelassen, im Gegenteil, sie waren nach meiner Abreise 
sehr stark geworden. In diesem Zusammenlmnge berichtete er mir, 
daß er als Kind immer Angst hatte, wenn die Mutter fortging, daß 



Ein Fall von passiv-femininem Charakter 113 

er sie immer bei sich haben wollte und dem Vater böse war, wenn 
er die Mutter abends ins Theater oder ins Konzert mitnahm. 

Es war also ziemlich klar, daß er neben der negativen Vater- 
eine starke zärtliche Mutterübertragung zustande gebracht hatte. 
Daß diese von allem Anfang vorhanden war und neben der reaktiven, 
passiv-femininen Haltung bestand, zeigte sich auch darin, daß der 
Patient, den Zustand während der Ferien mit dem in den vergange- 
nen Monaten vergleichend, meinte, er hätte sich bei mir sehr wohl 
und sicher gefühlt. Er brachte es selbst heraus, daß er sich bei mir 
so geborgen fühlte wie bei seiner Mutter. Auf diese Mitteilungen 
ging ich nicht weiter ein, denn die zärtliche Mutterübertragung 
störte vorläufig nicht, zu einer Analyse der Mutterbeziehung war es 
zu früh und seine reaktiv-feminine Vaterübertragung war infolge 
der Unterbrechung wieder so stark wie je zuvor. Er sprach demütig 
und hingegeben wie im Beginne der Analyse und hielt wieder in 
seinen Mitteilimgen die Richtung auf sein Verhältnis zur Mutter. 

Am dritten und vierten Tage nach dem Wiederbeginn der Ana- 
lyse träumte er zwei Träume, die den Inzestwunsch, seine i n- 
fantile Einstellung zur Mutter und seine Mutter- 
leibsphantasie beinhalteten. Der Patient erinnerte im An- 
schluß an diese Träume Szenen, die er mit der Mutter im Bade- 
zimmer erlebt hatte; sie wusch ihn bis zu seinem zwölften Lebens- 
jahre und er konnte nie begreifen, warum ihn seine Kameraden, die 
davon Kenntnis hatten, auslachten. Dann fiel ihm seine kindliche 
Angst vor Verbrechern, die in die Wohnung eindringen und ihn er- 
morden könnten, ein. Die Analyse hob also bereits die infantile 
Angsthysterie, ohne daß diesbezügliche Deutungen oder Erwartungs- 
vorstellimgen gegeben wurden. Eine tiefergehende Verarbeitung der 
Träume wurde vermieden, weil seine sonstige Haltung wieder ganz 
den Charakter von Täuschungsabsichten hatte. 

Der Traum der nächsten Nacht war noch deutlicher: 

/. „Ich wandere durch das Ärnbr e chtihal (S ommer- 
auf enthalt w ährend meines fünften und sechsten 
Leb ens j ahre s) mit der Ab sieht, Kindheit seindr üche 
auf 2uf Tischen. Plötzlich gelange ich in einen großen Ort, bei 
dessen Verlassen man ein Schloß passieren muß. Die Pfört- 
nerin öffnet mir das T or und erklärt, daß ich das 
Schloß derzeit nicht besichtigen kann. Ich erwidere, 
dies sei nicht meine Absicht, ich roolle lediglich durch das Schloß 

Charaktcranalyse * 



114 Cbarakterliche Panzerung und Charakierwidcrstand 

ins Freie gelangen. Die Besitzerin des Schlosses erscheint, eine ält- 
liclw Dame, die in koketter Weise mein Gefallen zu er- 
regen sucht. Ich will mich zurückziehen, bemerke je- 
doch plötzlich, daß ich meinen S chlüsse l (de r meine Kof- 
fer aufsperrt und der auch sonst für mich von 
großer Bedeutung zu sein scheint) in der Privat- 
kassette derSchloßfrau oergessen h a b e. Unangenehmes 
Gefühl, das aber bald schroindet, da die Kassette geöffnet und mir 
der Schlüssel zurückgegeben wird." 

IL „Ich werde von me iner Mut t er, die ein Stockmerk höher 
wohnt als ich, gerufen. Ich ergreifeeine Zeitung, forme 
aus dem Papier einen männlichen Geschlechtsteil 
und gehe zu meiner M ui t e r." ; !-!.. 

///. „Ich befinde mich in einem großen Saal in Gesellschaft 
meiner Cousine und deren Mutier. Meine Cousine, die 
mein Wohlgefallen erregt, ist nur mit einem Hemd beklei- 
det, ich desgleichen. Ich umarme sie, mir fällt auf. daß 
ich plötzlich wesentlich kleiner bin als sie, denn 
mein Geschlechtsteil befindet sich in der Höhe 
ihres halben Schenkels. Ich bekomme eine Pollu- 
tion und bin sehr beschämt, meil ich fürchte, daß hierdurch Flecken 
auf meinem Hemde entstehen, die leicht auffallen können." 

In der Cousine erkannte er selbst die Mutter. Zur Naektheit fiel 
ihm ein. daß er sich bei seinen Koitus versuclien nie entkleidete. Er 
hätte eine unbestimmte Angst, das zu tun. 

Inzestphantasie {II. und III. Teil). Kastrationsa ngst (I. Teil) 
traten also klar zutage. Warum zensurierte er so wenig? Ich ver- 
mied in Anbetracht seiner nffeiikundigen Täusch unps in anöver 
Deutungen, sowie Versuche, den Patienten zu weiteren Mittriinngen 
oder Einfällen zu bringen. Ich störte aber den Patienten auch nicht 
in seinen Assoziationen. Das Thema sollte sich noch mehr entwickeln, 
und vor allem sollte nichts geschehen, bevor sich 
der nächste Überfrag ungswiderstand meldete und 
beseitigt wurde. 

Er ließ nicht lange tmf sich warten und knüpfte an eine Be- 
merkung an, die ich zum zweiten TranmKliickc gegen mein besseres 
Wissen und gegen meinen Willen getan hatte. Ich inaclitc ihn näm- 
lich darauf aufmerksam, daß er einmal bereits von einem Papier- 
penis geträumt hatte. Die Bemerkung war unnötig, er reagierte 



Ein Fall von passiv-femiDinera Charakter - ' 115 

darauf, trotz des eindeutigen manifesten Trauminhaltes, mit Abwehr 
in seiner Art, er glaubte es ja, .,aber . . .". In dieser Nacht hatte er 
einen heftigen Angstanfall und träumte zwei Träume: der erste be- 
traf seinen „Geld widerstand" (übertragene Kastrationsangst), der 
zweite bi-achte zum ersten Male die Urszene, die letzten 
Endes den Geldwiderstand motivierte: 

I. „Ich stehe im Prater vor einer Schaubude inmitten einer 
großen Volksmenge. Ich bemerke plötzlich, roie ein Mann hinter 
mir nie ine Brieftasche aus m. ein er rückwärtigen 
Hosentasche zu entwenden z> er sucht. Ich greife nach 
memer Brieftasche und verhindere im letzten Moment den Taschen- 
diebstahl." 

II. „Ich fahre im letzten Waggon eines Zuges in einer Gegend 
südlich des Wörihersees. Bei einer Biegung sehe ich plötz- 
lich, daß mir auf der eingleisigen Strecke ein anderer 
Zug entgegenkomm. t. Die Katastrophe erscheint 
unvermeidlich; um mich zu retten, springe ich von der Platt- 
form ab." 

Hier zeigte es sich erst, daß ich gut getan hatte, seine Inzest- 
träume nicht zu deuten, war doch ein großer Widerstand latent vor- 
gelagert. Wir sehen auch, daß der Widerstaudstraum in inniger 
Verbindung stand mit seiner infantilen Angst (Kastrationsangst — 
Urszenenangst). Am Wörthersee hatte er als Kind zwischen dem 
3. und 6. Lebensjahre zur Sommerfrische geweilt. 

Ihm wollte zum Traume nichts einfallen; ich brachte — den 
Mann im ersten Traume auf mich beziehend — aufs Neue seine 
ganze Haltung, seine verhaltene Angst vor mir und sein verborgenes 
Mißtrauen in der Geldangelegenheit zur Aussprache, vorläufig ohne 
die Verbindung mit der Katastrophenangst zu berühren. Aus dem 
zweiten Traume hob ich nur die „unvermeidliche Katastrophe" her- 
vor imd sagte ihm, was wir ja schon wußten, daß das Geld für ihn 
einen Schutz vor Katastrophen bedeutete, und daß er fürchtete, ich 
könnte ihn dieses Schutzes berauben. - - 

Er gab nicht gleich zu, schien eher über die Idee, in mir einen 
Geldräuher zu sehen, entsetzt — aber er lehnte auch nicht ab. In 
den nächsten drei Tagen brachte er Träume, in denen er mich seiner 
Anhänglichkeit und seines Glaubens versicherte; ich erschien auch 
als seine Mutter. Ferner tauchte ein neues Element auf: seine 
Mutter als Mann; sie erschien als Japaner. Dieses Stück ver- 

8» 



116 



Charakterliche Panzerung und Charakterwiderstand 



standen wir erst viele Monate später, als nämlich klar wurde, was 
seine kindlichen Phantasien über den russiscli-japünischen Krieg be- 
deuteten. Der Kusse war der Vater, der Japaner — wegen der Klein- 
heit — die Mutter. Ferner hatte die Mutter seinerzeit ein japanisches 
Pyjama getragen: Die Mutter in Hosen. Wiederholt versprach 
er sich, indem er vom „Gliede der Mutter" sprach. Auch der „Schul- 
koUege" in manchen Ti-äumen stellte nur die seiner Mutter ähnliche 
Cousine dar. 

Die klaren Inzestträumc waren aber Widerstandsträume ge- 
wesen: Sie sollten, seine Angst vor der Frau (mit dem Penis) ver- 
decken. 

Von nun an — etwa durch 6 Wochen — nahm die Analyse einen 
eigenartigen, zickzackförmigeii Verlauf: er brachte Träume und Mit- 
teilungen, die seinen Geidwiderstand betrafen, abwechselnd mit sol- 
chen, die sein Begehren nach der Mutter, die Mutter als Manu, den 
gefährlichen Vater und die Kastrationsangst in den versclijedcnsten 
Abwandlungen beinhalteten. In der Deutungsarbeit ging ich immer 
von seinem Geldwiderstand {— Kastrutionsaiigst) ans und vertiefte 
von hier aus täglich die Analyse der infantilen Situation, was mir 
leicht gelang, weil das infantile Material ständig in 
innigem Zusammenhang mit der Übertraguugs- 
situation stand. Nicht alles freilich, was jetzt an kindlichen 
Ängsten und Wünschen auftauchte, erschien auch in der Übertra- 
gung; diese stand vielmehr ganz im Zeichen seiner Kastrationsangst 
und spitzte sich von Tag zu Tag zu. Nur der Kern der infantilen 
Situation war im Ubertragungswidersland erschienen. Da ich das 
sichere Gefühl hatte, daß die Analyse in Ordnung verlief, konnte ich 
ruhig mit den tiefen Inhaltsdeutungeu auf den geeigneten Zeitpunkt 
warten und bearbeitete konsequent seine Angst vor mir, indem ich 
sie immer in Beziehung zu der vor dem Vater setzte. 

Meine Absicht war, durch möglichst weitgehende Aufarbeitung 
und Beseitigung des auf mich übertragenen Vuterwiderstandcs zu 
seinen kindlichen Inzestphaniasien vorzudringen, um dann diese 
möglichst widerstandsfrei zu erhalten und deuten zu können. So 
wollte ich vermeiden, daß meine hauptsächlichen Deutungen ver- 
pufften. Ich liefi also das immer klarer und geschlossener strömende 
Inzestmaterial vorläufig angedeutet. 

Schematisch geordnet war im Beginne dieser Phase die topische 
Schichtung des Widerstandes und des Materials die: 



!-■- 



Ein Fall von passiv-femininem Charakter ^,; 117 



1. Im Vordergrund stand in Gestalt des Geld widerstand es seine 
Kastrationsangst. ,. ■ 

2. Diese versuchte er ständig durch feminine Haltung mir gegen- 
über abzuwehren, was ihin aber jetzt lange nicht mehr so gut gelang 
wie am Anfang. 

3. Die feminine Haltung deckte eine sadistisch-aggressive Ein- 
stellung zu mir (zu seinem Vater) und war begleitet 

4. von einer tiefen zärtlichen Mutterbindung, die ebenfalls auf 
mich übertragen war. 

5. An diesen im Übertragungswiderstand zentrierten, ambivalen- 
ten Haltungen hingen die in Träumen erschienenen, aber nicht ge- 
deuteten Inzestwünsche, die Onanieangst, seine Mutterleibssehnsucht 
und die große Angst aus der Urszene. Gedeutet waren von all dem 
nur seine Täuschungsabsicht und deren Motive, die Angst und die 
Abneigung gegen den Vater. 

Diese Situation, die ja von allem Anfang an latent vorhanden ■ 

war. sich aber erst jetzt in allen Punkten konzentriert hatte, vor ^ 

allem in der Übertragung der Kastrationsangst, entwickelte sich nun 
in folgender Weise: 

Im 5. Monat der Analyse träumte er seinen ersten inzestuösen 
Ouanieangsttraum : 

„Ich befinde mich in einem Zimmer. Eine junge Frau mit 
einem runden Gesicht sitzt beieinem Klavier. Ich sehe nur 
ihren Oberkörper, da das Klavier den übrigen Teil 
ihres Leibes oerdeckt. Ich höre die Stimme meines Arztes 
neben mir: ,Sehen Sie, das ist die Ursache Ihrer 
Neurose.' Ich fühle mich der Frau nähergerücht, empfinde plötz- 
lich große Angst und schreie laut au f." 

Am Tage vorher hatte ich ihm anläßlich eines Traumes gesagt: 
., Sehen Sie, das ist eine der Ursachen Ihrer Neurose", und damit 
seine kindliche Haltung, sein Verlangen, geliebt und gehegt zu wer- 
den, gemeint. Wie wenn der Patient die wahre Ursache seiner 
Neurose gekannt hätte, verband er diese „Rede vom Tage" mit seiner 
verdrängten Onanieangst. Der Onaniegedanke arbeitete wieder 
in Verbindung mit dem Inzestmotiv. Er erwachte mit Angst. Es 
hatte seine guten Gründe, daß der untere Teil des Leibes der Frau 
verdeckt war. (Darstellung der Scheu vor dem weiblichen Genitale.) 

Ich ließ aber, weil sein Widerstand noch immer auf der Höhe 
war und ihm zum Traume nichts einfiel, das Thema unberührt. ■,;-■, 



118 



Charakterliche Panzerung uud Charakterwidersfand 



Darauf träumte der Patient einen Traum, in dem eine „nackte 
Familie"; Vater, Mutter und Kind von einer Riesen seil lange umfaßt 
wurden. 

Ein weiterer Traum laulete: 

/. „Ich liege im Beit, neben mir sitzt mein Arzt. Er sagt zu mir: 
Jetzt werde ich Ihnen die Ursache Ihrer Neurose zeigen. Ich schreie 
vor Angst (nicht allein Angst, vielleicht etwas Wollust) und werde 
halb ohnmächtig. Er spricht weiter daoon, daß er mich in 
unserem Klosett analysieren wird. Mir erscheint diese 
Vorstellung angenehm. Wie mir die Tür im Klosett öffnen, ist es 
dunkel." 

IL „Ich gehe mit meiner Mutier durch einen Wald. Ich bemerke, 
daß wir von einem Räuber verfolgt werden. Ich sehe i m 
Kleide ineinerMutier ei nenRevoloer stecken und nehme 
ihn an mich, um denRäuber, wenn er sich nähert, nieder- 
zuschießen. Nach eiligem Marsche erreichen mir eine Herberge. 
Wie mir die Treppen hinaufsteigen, ist uns der Räuber hart an den 
Fersen. Ich gebe einen Schuß auf ihn ab. Die Kugel verwan- 
delt sich jedoch in eine Banknote. Wir sind vorläufig in 
Sicherheit, doch ich weiß nicht, ob der Räuber, der im Vorraum sitzt, 
nicht noch Böses im Sinne hat. Um ihn mir g ä nsiigzustim- 
m.e n, gebe ich ihm noch eine B an k no t e." 

Daß ich richtig handelte, indem ich diese khireu Träume nicht 
anging — dem Patienten fiel auch nichts zu ihnen ein — , zeigte mir 
der Umstand, daß der Patient, der bereits genügendes analytisches 
Wissen hatte, mit keinem Wort auf die Räubergcstalt hindeutete» 
sondern entweder schwieg oder erregt über das „viele Geld" sprach, 
das er zahlen müsse, über seine Zweifel, ob die Analyse iinn auch 
helfen werde usw. 

Dieser Widerstand war ja sicherlicli auch gegen die Besprechung 
des luzestmaterials gerichtet, aber eine diesbezügliche Deutung hatte 
nichts genützt, ich mußte warten, bis sich eine geeignete Gelegen- 
heit bot, ihm die Geldangst als Gliedangst zu deuten. 

Im ersten Teil des „Räubertraumes" heißt es, daß ich ihn im 
Klosett analysiere. Später stellte es sich heraus, daß er sich im 
Klosett bei der Onanie am sichersten gefühlt hatte. Im zweiten Teil 
des Traumes trat ich (der Vater) als Geldrtinbcr ( - Kastrator) auf. 
So stand sein aktueller Widerstund {Mißtrauen wegen des 



I,j. i Ein Fall von passiv-feraininem Charakter ^ 119 

Geldes) in innigem Zusammentang mit der uralten 
Onanieangst (Kastrationsangst). ; .: .. 

Zum zweiten Teile gab ich ihm die Deutxmg, daß er fürchtete, 
ich könnte ihn beschädigen, ihn in Gefahr bringen, womit er unbe- 
wußt aber den Vater meinte. Er nahm die Deutung nach einigem. 
Sträuben an und begann selbst in diesem Zusammenhange, seine 
übergroße Freundlichkeit zu besprechen. Nur selten mußte nach- 
geholfen werden. Er erkannte den Sinn seines überfreundlichen Ver- 
haltens den Chefs gegenüber als Ausdruck einer unbestimmten Angst, 
sich ja nichts zu Schulden kommen zu lassen, sie sollten auch nicht 
merken, daß er sich im Geheimen über sie lustig machte. In dem 
Maße, wie er seineu Charakter objektivierte und durchschaute, 
wurde er in und außerhalb der Analyse freier, offener, er wagte be- 
reits Kritik zu üben und begann, sich seines bisherigen Wesens zu 
schämen. Der neurotische Charakterzug wurde zum 
ersten Male zum fremdkörperhaften Symptom. Da- 
mit hatte aber auch die Charakteranalyse ihren ersten Erfolg: Der 
Charakter wurde analysiert. 

Der Geldwiderstand bestand fort und in den Träimien trat, 
ohne daß ich ihm auch nur die geringste Hilfe bot, 
das Urmaterial, die Angst ums Glied, im Zusammenhange mit 
der Urszene immer deutlicher auf. 

Dieser Tatbestand verdient besonders unterstrichen zu werden: 
Bei geordneter und konsequenter Analyse des Charakterwiderstandes 
braucht man sich um das dazugehörige infantile Material nicht zu 
bemühen, es strömt von selbst immer klarer, immer enger verbunden 
mit dem aktuellen Widerstand — vorausgesetzt natürlich, daß man 
diesen Prozeß nicht durch vorzeitige Deutungen des kindlichen Ma- 
terials stört. Die Sorge, man könnte nicht in die Kindheit gelangen, 
wird ganz überflüssig. Je weniger man in die Kindheit einzudringen 
sich bestrebt, je korrekter man das aktuelle Widerstandsmaterial be- 
arbeitet, desto rascher gelangt man hin. 

Das bewahrheitete sich wieder in der Nacht nach der Deutung, 
daß er fürchtete, geschädigt zu werden; er träumte, daß er an einem 
Hühnerhof vorbeiging und sah, wie ein Huhn geschlachtet wurde. 
Auch eine Frau lag ausgestreckt auf dem Boden und eine andere 
Frau stach mit einer großen Gabel mehrmals in sie hinein. Dann 
umarmte er eine Bürokollegin, sein Glied war in halber 
Schenkelhöhe und er bekam eine Pollution. 



\ 



120 



Charakterliche Panzerung und Charakterwiderstand 



Da der Geldwiderstand etwas abgeflaut war, wurde die Analyse 
des Traumes versucht. Zum Hühnerhof wußte er nun zu bemerkeu, 
daß er als Kind im Sommer am Lande oft Tiere bei der Begattung 
geseheu hatte. Wir ahnten damals noch nicht, welche Bedeutung das 
Detail „Sommer am Laude" hatte. In der Frau erkannte er seine 
Mutter, wußte sich aber ihre Stellung im Traum nicht zu erklären. 

Nur zum Pollutionstraum wußte er mehr zu berichten. Er war 
überzeugt davon, daß er im Traum als Kind erschien; dazu der Ein- 
fall, daß er sich mit Vorliebe an Frauen anzupressen pflegte, bis die 
Pollution kam. 

Es schien mir ein gutes Zeichen, daß der intelliKenle Patient 
keine Deutungen brachte, obgleich alles ziemlich uuverhüllt vor ihm 
lag. Hätte ich ihm vor der Analyse seiner Widerstände Symbole 
oder wesentliche Inhalte des Unbewußten gedeutet, er hätte es aus 
Widerstandsgründen sofort aufgenommen, und wir wären aus einer 
chaotischen Situation in die andere geraten. 

Durch meine Deutung seiner Angst, bescltädigt zu werden, war 
die Analyse seines Charakters in vollen Gang gebracht worden. Der 
Geldwiderstand war tagelang nicht zu bemerken, er besprach kon- 
tinuierlich sein infantiles Gehaben, brachte Beispiel auf Beispiel aus 
dem Leben für seine „feige" und „hinterlistige" Art, die er nun ehe- 
lich verurteilte. Ich versuchte ihn zu überzeugen, daß der Einfluß 
seines Vaters daran hauptsächlich schuld war. Da stieß ich aber 
auf heftigste Ablehnung. Er wagte es noch nicht, seinem 
Vater einen Vorwurf zu machen. 

Nach längerem Intervall träumte er wieder von jenem Thema, 
hinter dem ich die Urszene vermutete: 

„Ich stehe am Ufer des Meeres. Einige große Eisbären (ummein 
sich im Wasser. Plötzlich kom.m.t Unruhe unter sie, ich sehe den 
Rücken eines riesigen Fisches auftauchen. Der Fisch 
verfolgt einen Eisbären, er verletzt ihn durch f ur chi- 
b ar e Bisse. Endlich läßt der F isch von dem t ot- 
ivundenBärenab.DerFischselbst ist jedoch schroer 
oeTTDundei, beim Atemholen schießt ein Strom 
Blutes ans seinen Kieme n." 

Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß seine Träume durch- 
wegs grausamen Charakter hatten. Er ging darauf ein und berichtete 
nun einige Stunden lang über seine sexuellen Phantasien, die er bei 
der Onanie hatte, und seine grausamen Handlungen bis zur Puber- 



Ein Fall von passiv-femininem Charakter • '- • 121 

tat. Ich ließ sie nach erfolgter Analyse von ihm niederschreiben. Sie 
sind fast sämtlich von der „sadistischen Auffassung des Geschlechts- 
aktes" bestimmt. 

„(3.— 5. Jahr.) In der Sommerfrische werde ich zufällig 
Zeuge, wie in einem Stalle Schweine geschlachtet werden. Ich höre 
das Röcheln der Tiere und sehe von den in der Dunkelheit weiß 
leuchtenden Körpern der Tiere das Blut spritzen. Ich fühle eine 
tiefe Wollust. , 

(4.._6. Jahr.) Die Vorstellung, Tiere zu schlachten, besonders 
Pferde, ruft in mir ein großes Lustgefühl hervor. 

(5. — 11. Jahr.) Ich spiele sehr gern mit Zinnsoldaten. Ich führe 
Schlachten auf, in denen es regelmäßig zum Handgemenge kommt. 
Hierbei werden die Leiber der Soldaten von mir aneinandergepreßt; 
die von mir begünstigten Soldaten ringen die Feinde nieder. 

(6. — 12. Jahr.) Ich presse zwei Ameisen aneinander, derart, daß 
sie einander mit den Beißzangen fassen. Die ineinanderverbissenen 
Tiere kämpfen nun miteinander auf Leben und Tod. Ich führe auch 
Kämpfe verschiedener Ameisenhaufen herbei, indem ich in dem Ge- 
biet zwischen zwei Haufen Zucker ausstreue. Hierdurch werden die 
Tiere aus den gegnerischen Lagern angelockt und liefern sich regel- 
rechte Schlachten. Ebenso bereitet es mir Vergnügen, eine Wespe 
und eine Fliege in einem Wasserglase zusammenzusperren. Nach einer 
Weile stürzt sich die Wespe auf die Fliege und beifit ihr der Reihe 
nach Flügel, Füße und Kopf ab. 

(12.-14. Jahr.) Ich halte mir ein Terrarium und beobachte gern, 
wie die Männchen an den Weibchen den Geschlechtsakt vollziehen. 
Die gleiche Beobachtung mache ich gern im Hühnerhof, auch freut 
es mich, dort zu sehen, wenn die stärkeren Hähne die schwächeren 
verjagen. 

(8. — 16. Jahr.) Ich raufe gerne mit den Stubenmädchen. In den 
späteren Jahren pflege ich hierbei die Mädchen hochzuheben, sie zu 
einem Bette zu tragen und dort niederzuwerfen. 

(5. — 12. Jahr.) Ich spiele sehr gerne mit Eisenbahnen. Ich führe 
meine kleinen Züge durch die ganze Wohnung, wobei Tunnels, die 
aus Kästen, Sesseln usw. gebildet sind, passiert werden. Ich versuche 
hierbei auch das Geräusch der fahrenden und Dampf entwickelnden 
Lokomotive nachzuahmen. 

(15. Jahr, Onaniephantasien.) Ich bin regelmäßig 
nur Zusehe r. Die Frau wehrt sich gegen den Mann, der in 



122 



Charakterlichc Panzerung und Charakter widerstand 



vielen Fällen wesentlich kleiner ist alssie. Nacli längerem 
Kampfe wird die Frau überwältigt. Der Mumi greift brutal 
nach ihren Brüsten, Schenkeln oder Lenden. Niemals schwebt 
mir ein weiblicher oder männlicher Geschlechts- 
teil oder der Geschlechtsakt selbst vor. In dem Mo- 
ment, in dem die Frau den Widerstand aufgibt, tritt bei mir der Or- 
gasmus ein." 

Die Situation war nun die, daß er sich seiner Feigheit schämte 
und seines Sadismus aus der Vergangenheit erinnerte. Die Analyse 
dieser hier summarisch wiedergegebenen Phantasien und Handlun- 
gen dauerte bis zum Ende der Analyse. Fr wurde dadurch bedeutend 
freier in der Analyse, auch mutiger und aggressiver, aber zunächst 
hatte sein Benehmen noch eine ängstliche Note. Seine Angstanfälle 
waren zwar seltener geworden, traten aber mit dem Gcldwiderstand 
immer wieder auf. 

Wir können uns hier wieder davon überzeugen, daß das Vor- 
drängen des genitalen Inzestmaterials vor allem dazu diente, seinen 
infantilen Sadismus zu verdecken, wenn es auch gh'lchzeitig Ver- 
suche darstellte, zur genitalen Objektbesetzung vorzudringen. Seine 
Genitalstrebung war aber sadistisch durchsetzt, und ökonomisch kam 
es darauf an, sie aus der Vermischung mit den sadistischen Antrieben 
zu lösen. 

Im Beginne des sechsten Monats der Analyse kam die erste Ge- 
legenheit, ihm seine Angst ums Glied zu deuten anläßlich 
folgender Träume: 

1. „Ick liege auf einem Sofa im freien Feld (Sommerfrische!). 
Ein mir bekanntes Mädchen kommt auf mich zu und legt nick auf 
mich. Ich bringe sie u ni e r mich und p e r s uche den Bei- 
schlaf. Es tritt bei mir wohl Gliedsteife ein, doch merke ich, daß 
mein Glied zu kurz ist, um^ den Beischlaf zu vollziehen. Ich 
bin hierüber sehr traurig." 

IL „Ich lese ein Drama. Handelnde: 3 Japaner, Vater, 
Mutter und ein vier j ähr i ge s Kind. Ich habe die Empfin- 
dung, daß dieses Stück einen tragischen Ausgang nimmt. A m 
meisten ergreift mich die Rolle des Kindes." 

Zum ersten Male erschien ein Koitusversiich im manifesten 
Trauminhalt. Der zweite Teil, der auf die Urszene (4. Lebensjahr) 
anspielte, wurde nicht analysiert. In unausgesetzter Besprechung 



Ein Fall vou passiv-femininem Charakter 123 

seiner Feigheit und Ängstiiehkeit kam er selbst auf sein Glied zu 
sprechen, worauf ich ihm sagte, daß seine Angst, beschädigt und 
betrogen zu werden usw., sich eigentlich auf sein Genitale beziehe. 
Die Frage, warum und vor wem er Angst hatte, kam noch nicht zur 
Aussprache. Ebensowenig wurde gedeutet, was eigentlich der Sinn 
der Angst war. Die Deutung schien ihm plausibel, aber er geriet 
nun in einen Widerstand, der 6 Wochen dauerte, und auf passiv- 
femininer homosexueller Abwehr der Kastration s- 
angst beruhte. 

Daß er im Widerstand war, merkte ich an Folgendem: er re- 
bellierte nicht offen, äußerte keine Zweifel, sondern wurde wieder 
übertrieben höflich, folgsam und gehorsam. Seine Träume, die im 
Laufe der Widerstandsanalyse seltener, kürzer und klarer geworden 
waren, wurden wieder so wie im Beginn der Analyse; lang und ver- 
worren. Seine Angstzustände traten wieder gehäuft und in voller 
Stärke auf. Trotzdem äußerte er keinen Zweifel an der Analyse. 
Auch die Hereditätsidee tauchte wieder auf; hier kam sein Zweifel 
an der Analyse versteckt zum Ausdruck. Er agierte wieder, wie im 
Beginn der Analyse, ein vergewaltigtes Weib. Auch in den Träumen 
dominierte die passiv-homosexuelle Einstellung. Koitus- und Pollu- 
tionsträume hatte er jetzt nicht mehr. Wir sehen also, daß trotz der 
fortgeschrittenen Analyse seines Charakters sich der alte Charakter- 
widerstand sofort wieder ganz einstellte, als eine neue Schicht seines 
Unbewußten — und diesmal die für seinen Charakter maßgebendste: 
die Kastrationsangst — in den Wirkungsbereich der Analyse rückte. 

Die Widerstandsanalyse setzte demzufolge nicht an der Glied- 
augst ein, an der sich der Widerstand entfacht hatte, sondern ich 
griff von neuem auf seine Gesamthaltung zurück. Durch volle sechs 
Wochen geschah kamn anderes als ausschließliche Deutung seines 
Verhaltens als Schutz vor Gefahren. Sämtliche Details seines Ge- 
habens wurden in diesem Sinne herausgegriffen und ihm immer 
wieder vor Augen geführt, so daß wir allmähbch zum Kern des Ver- 
haltens, zur Gliedangst vorrückten. . . 

Der Patient versuchte immer vrieder, mir durch „analytische 
Opfer" an infantilem Material zu entgehen, ich deutete ihm aber 
konsequent auch den Sinn dieses Vorgehens. Die Situation spitzte 
sich allmählich dahin zu, daß er sich mir gegenüber Weib fühlte, 
dies aussprach und hinzufügte, daß er auch sexuelle Erregungen am 
Damm verspürte. Ich deutete ihm die Natur dieses Ubertragungs- 



124 



Charaki er liehe Panzerung und Charakterwiderstaod 



phänomens: Er faßle meiue Versuche, ihn über sein Verhalten auf- 
zuklären, als Vorwürfe auf, fühltesich schuldig und wollte 
die Schuld durch feminine Hingabc abtrugen. Den 
tieferen Sinn dieses Verhaltens, dufl er sich mit der Mutler identi- 
fizierte, weil er Mann (Vater) zu sein fürchtete, liefl ich vorläufig 
unangetastet. 

Nun brachte er unter anderen auch folgenden besiätigeuden 
Traum: 

„Ich lerne einen jungen Burschen im Pratcr kennen und konijne 
mit ihm ins Gespräch. Er scheint eine meiner Äußerungen falsch 
aufzufassen und bemerkt, daß er bereit sei, sich mir hinzugeben. 
Wir sind inzwischen in unsere Wohnung gekommen, der junge Mann 
legt sich in das Bett meines Vaters. Seine Untermäsche erscheint mir 
unappetitlich." 

Bei der Analyse dieses Traumes konnte ich wieder die feminine 
Übertragung auf den Vater zurückführen. Hier erinnerte er zum 
ersten Male, dafi er bei seinen Onaniephantusien eine Zeitlang den 
Wunsch, Weib zu sein, hatte und sich auch als Weib phantasierte. 
Von der schmutzigen Unterwäsche ging die Analyse der zu seiner 
Haltung gehörenden analen Betätigungen und Gewohnheiten aus 
(Klosettzeremonielle). Ein weiterer Charakterzug, seine Umständ- 
lichkeit, gelangte hier zur Klärung. 

Der Widerstand war nun aufgelöst, dabei war auficr der alten 
Form auch seine erogene. anulc Basis zur Erörterung gelangt. Jetzt 
ging ich in der Deutung seines Charakters weiter: Ich erklärte ihm 
den Zusammenhang zwischen seinem hingebenden Betragen und der 
„Weibphantasie", dafi er sich weiblich = übertrieben treu und an- 
hänglich verhielt, weil er Mann zu sein fürchtete, und fügte hinzu, 
die Analyse werde die Frage beantworten müssen, aus welchem 
Grunde er wohl Mann (in seinem Sinne: tapfer, offen, aufrichtig, 
nicht kriecherisch) zu sein fürchtete. 

Geradezu als Antwort darauf brachte er einen kurzen Traum, in 
dem die Kastrationsangst und die Llrszcne aufs neue hervortraten: 

„Ich befinde mich bei meiner Cousine, einer hübschen, juni;en 
Frau (die Mutter, W. R.) Ich habe plötzlich die Empfindung, daß ich 
mein eigener Großoater bin. Eine beklemmende Nieder- 
geschlagenheit bemächtigt sich meiner. Gleichzeitig fühle ich irgend- 
wie, daß ich der Mittelpunkt eines S t e r ne n s i/ s t e ms 
bin und daß Planeten um mich kreisen. Gleichzeitig unter- 



Ein Fall von passlv-femiomem Charakter . 125 

drücke ich (noch im Traume) meine Angst und ärgere mich über 
meine Schwäche." ■• : - ' 

Das wichtigste Detail dieses Inzesttraumes war, daß er sein 
eigener Großvater war. Wir waren uns sofort darüber einig, 
daß Iiicr seine Angst, hereditär belastet zu sein, eine wichtige Rolle 
spielte. Daß er phantasierte, sich selbst, in Identifizierung mit dem 
Vater, zu zeugen, also mit seiner Mutter zu verkehren, war klar, 
wurde aber erst spater besprochen. 

Zum Planetensystem meinte er, die Situation spiele auf seinen 
Egoismus an, „alles drehe sich um ihn". Ich vermutete darüber 
hinaus Tieferes, nämlich die Urszene, sagte aber nichts darüber. 

Einige Tage lang nach den Weihnachtsferien sprach er fast nur 
über seinen Egoismus, seinen Wunsch, ein von allen geliebtes Kind 
zu sein, und sah ein, daß er selbst weder lieben wollte noch könnte. 

Ich zeigte ihm den Zusammenbang zwischen seinem Egoismus 
und seiner Angst um das liebe Ich und das Glied.') Darauf träumte 
er, mir gleichsam den infantilen Grund entgegenbringend: 

/, „Ich bin unbekleidet und betrachte m.ein Glied, das 
an der Spitze blutet. Zro ei Mädchen entfernen 
sich, ich fühle mic/i iraurigf da ich vermute, daß sie mich roe gen 
der Kleinheit meines Gliedes verachten werden." 

IL „Ich rauche eine Zigarette mit einem Spitz. Ich 
nehme den Spitz herunter und bemerke mit Erstaunen, daß es ein 
Zigarrenspiiz ist. Wie ich die Zigarette wieder in den Mund stecke, 
bricht das Mundstück ab. Ich habe ein unange- 
nehmes G ef üh /." 

Die Kastrationsvorstellung begann also, ganz ohne mein Zutun, 
bestimmte Formen anzunehmen. Er deutete nun die Träume ohne 
meine Hilfe und brachte eine Fülle von Material über seine Scheu 
vor dem weiblichen Genitale und über seine Angst, sein Glied mit 
der Hand zu berühren oder berühren zu lassen. Im zweiten Traume 
handelte es sich deutlich yxxa. eine orale Vorstellung (Zigarrenspitz). 
Es fiel ihm auf, daß er an der Frau alles (am meisten die 



>) Vielleicht wird an dieser Stelle im Gesamtzusammenhange auch 
mancher Individualpsychologe begreifen, warum wir Analytiker das Min- 
derwertigkeitsgefühl als letzte Instanz nicht anerkennen können: weil das 
eigentliche Problem und die eigentliche Arbeit erst dort beginnen, wo es 
für Alfred Adler aufhört. 



126 



Charakterliche Panzerung und Charakterwiderstand 



Brust), nur nicht (Jas Genitale begehrte, und kam so auf seine orale 
Fixierung an die Mutter zu sprechen. 

Ich klärte ihn darüber auf, daß mit dem Wissen um die Gcnital- 
angst nichts geleistet sei. daß man erfahren müßte, warum er diese 
Angst hatte. Darauf träumte er wieder von der Urszene, ohne zu 
ahnen, daß er auf meine Frage eingegangen war: 

„Ich befinde mich hinier dem lehAen Wasifion eines stehenden 
Eisenbahnzuges unmittelbar bei einer Schienenf^abelung. Ein 
zweiter Zug f ährt oorüber und ich merde zwischen 
den beiden Zügen eingeklemm i." 

Ehe ich in der Darstellung der Analyse fortfahre, muß erwähnt 
werden, daß er im 7. Monat der Belmn<!lung nach der Auflösung 
seines passiv-homosexuellen Widerstandes einen mutigen Vorstoß in 
der Richtung zum Weibe vornahm, ganz ohne mein Wissen, ja er 
erzählte mir später nur wie beiläufig davon. Er stieg einem Mädchen 
nach, und betätigte sich in folgender Weise: Er preßte sich im Park 
an sie und bekam bei guter Erektion eine Pollution. Die Angstzu- 
slände hörten allmählich auf. Den Gescldechlsvcrkclir auszuüben, 
fiel ihm nicht ein. Ich machte ihn auf dieses Verhalten aufmerksam 
und sagte ihm, daß er offenbar Angst vor dem Verkehr habe. Das 
wollte er nicht zugeben und redete sieh auf die mangelnde Gelegen- 
heit aus, bis ihm schließlich die infantile Art seiner Sexualbetätigung 
auffiel. Hatte er doch solche Träume gehabt, und nun erinnerte er 
sich, daß er sich als Kind so an seine Miifter angepreßt hatte. 

Das Thema seiner Inzestliebe, mit dem er die Analyse, in der 
Absicht zu täuschen, eingeleitet hatte, kam wieder auf. diesmal aber 
ziemlich widerstandsfrei, zumindest nicht mit Ncbcnabsiehlen. So 
lief die Analyse seiner Hallungen in der Atialyse parallel seinen Er- 
lebnissen außerhalb. 

Immer wieder sträubte er sich gegen die Deutung, daß er seine 
Mutter wirklich begehrt hatte. Das Material, das er im Laufe von 
7 Monaten dazu gebracht hatte, war so klar, die Zusammenhänge 
waren ihm, was er auch zugestand, so evident, daß ich mich nicht 
darauf verlegte, ihn zu überzeugen, sondern zu analysieren begann, 
warum er Angst hatte, sich das einzugestehen. 

Diese Fragen waren gleichzeitig mit seiner Gliedangst bespro- 
chen worden, und wir hatten jetzt zwei Probleme zu lösen: 

1. Woher stammte die Kastrationsangst? 



Ein Fall von passiv-femininem Charakter > ♦ 127 

2. Warum akzeptierte er trotz bew^ufiten Einver- 
ständnisses die sinnliche Inzestliebe nicht? 

Die Analyse rückte nun rasch in der Richtung auf die Urszene 
vor. Diese Phase begann mit folgendem Traiun: 

„Ich befinde mich in der Halle eines Königsschlosses, in der der 
König und sein Gefolge oersammelt sind. Ich verhöhne den 
König. Seine Leute stürzen sich auf mich. Ich werde nieder- 
geworfen und f ühle, roie mir tödliche Schnitte bei- 
gebracht m er den. Mein Leichnam mir d f ort ge- 
schafft. Ich habe plötzlich die Empfindung, daß ich noch lebe, 
halte mich aber ganz still, um die beiden Toten- 
gräber in dem Glauben zu lassen, daß ich tot hin. 
Eine dünne Erdschichte liegt auf mir und der freie Atem ist mir be- 
nommen. Ich mache eine Belegung, die den Totengräbern auffällt. 
Ich r ühr e mich nicht und schütze mich dadurch vor 
der Entdeckung. Etwas später bin ich befreit, ich dringe 
neuerdings in den Königspalast ein, in jeder Hand eine furchtbare 
Waffe, vielleicht Donnerkeile. Alles mas sich mir in den Weg stellt, 
wird von mir getötet." 

Ihm fiel ein, daß die Idee von den Totengräbern mit seiner 
Katastrophenangst etwas zu tun haben müßte, und ich konnte ihm 
jetzt zeigen, daß diese die Hereditätsidee und die Gliedangst ein und 
dasselbe waren; der Traum bringe, fügte ich hinzu, wahrscheinlich 
die Szene seiner Kindheit wieder, Ton der die Gliedangst ihren Aus- 
gang nahm. 

Am Traume fiel ihm auf, daß er sich „tot' stellt, sich nicht 
rührte, um nicht entdeckt zu werden. Dazu fiel ihm weiter ein, daß 
er bei seinen Onaniephantasien zumeist der Zuschauer war, und er 
warf selbst die Frage auf, ob er bei seinen Eltern „etwas Derartiges" 
erlebt haben konnte, lehnte das aber sofort ab, mit der Begründung, 
daß er nie im Schlafzimmer der Eltern geschlafen habe. Das war 
mir freilich ein dicker Strich durch meine Rechnung, denn ich war 
auf Grund seines Traummaterials überzeugt, daß er die Urszene 
real erlebt hatte. ,-. it 

' Ich selbst wies auf den Widerspruch hin und meinte, man dürfe 
sich nicht zu früh ins Bockshorn jagen lassen, die Analyse werde 
den Widerspruch schon lösen. Noch in der gleichen Stunde vermutete 
der Patient, daß er ein bestimmtes Dienstmädchen mit ihrem Freund 
zusammen gesehen haben mußte. Dann fiel ihm ein, daß noch zwei 



128 



Charakterliche Fauzeriing und Ciiurukler widerstand 



Gelegenheiten bestanden Imtteii, lici denen er seine Klterii belauseht 
haben könnte. Er ciinnerte, daß, wenn Giiste da waren, sein Bett 
in das Zimmer der Kitern Kcsclioben wurde; ferner lialte er ais kleines 
Kiud bis zur Schulzeit auf dem Laude in der Sommer- 
frische mit den Eltern zusammen in einem Zimmer jjeschlafen. 
Dazu die Darstellung der Urszene durcli das Sehlutiiteii der Hühner 
(Landszene) und die vielen Träume vom üssia<-hersee und Worther- 
see, wo er oft zur Sommerfrische geweilt hatte. 

In diesem Zusammenhange kam er wieder auf die überzeugen- 
den Aktionen im Beginne der Analyse und auf seine nüchtlichen 
Angstzustande in der Kindheit zu sprechen. Ein Detail dieser Angst 
wurde hier aufgeklärt: Er hatte Angst vor einer weificn Frauenge- 
stalt, die zwischen diesen Vorhängen hervorkam. Nun erinnerte er, 
daß seine Mutter, wenn er nachts schrie, im Hemd zu ihm ans Bett 
trat. Das Element „jemand hinter den Vorliängen" wurde leider nie 
aufgeklärt. 

Wir hatten uns über in dieser Stunde offenbar zu weit in ver- 
botenes Gebiet gewagt, denn in der <lar)iiil'folg4'nden Nacht träumte 
er einen deutlich höhnenden Widerslandstraum: 

„Ich stehe auf einer l-.andunfisbrücke und hin im Begriffe, einen 
großen Dämpfer zu besteif^en, und zwar als Begleii er eines 
G e is l es k r an k e n. P l lU z l ich erscheint mir der fi a nz e 
Vorgang als ein Schauspiel, in dem mir eine b e- 
stimnite Rolle zugewiesen ist. Auf dem schmalen Sieg, 
der Don der Landiingsbrücke auf den Dumpfer führt, habe ich 
dreimal dasselbe zu saften, n>as ich auch tue." 

Er deutete selbst das Besteigen des Dampfers aU Koituswunsch, 
aber ich führte ihn auf das aktuell Wi<-hltgere, auf die „Schau- 
spielerei". Dafi er dreimal dasselbe zu sagen hat, war eine hölmische 
Anspielung auf meine kon.sequente Deutung. Er grslehl. daß er oft 
innerlich über meine Auötrengungen gelächelt halle. Ferner fiel ihm 
ein, dafl er die Absicht hatte, eine Frau aufzusuchen und den Akt 
dreimal auszuführen; ich fügte hinzu „mir zuliebe". Ich klärte ihn 
aber auch darüber auf. dafi dieser Widersland noch Tieferes be- 
inhalte, nämlich die Abwehr seiner Koilu.sabsielilen aus Angst vor 
dem Geschlechtsakt. 

In der folgenden Nacht träumte er wieder das Traumpaar: 
homosexuelle Hingabe und Koitusangst: 

I. „Ich begegne auf der Straße einem jungen Hurtdien, der den 



.1 'I 



Ein Fall von passiv-femininem Charakter »»" * 129 



niederen Ständen angehörte, aber uon gesundem, kräftigem Aussehen 
ist. Ich habe die Empfindung, daß er körperlich kräftiger ist als ich 
und trachte, ihn für m.ich günstig zu stim-me n." 

IL „Ich unternehme mit dem Manne einer meiner Cousinen eine 
Skitour. Wir befinden uns in einem stark nach abwärts führenden 
Hohlweg. Ich untersuche den Schnee, den ich klebrig finde, und be- 
merke, daß ich das Terrain für den Skilauf wenig geeignet finde, da 
man beim Hinunterfahren öfters fallen müsse. Bei 
Fortsetzung unserer Tour kommen wir auf eine Straße, die entlang 
des Abhanges eines Berges führt. Bei einer scharfen Kurve ver- 
liere ich einen Ski, der in den Abgrund fäll t." 

Er ging aber auf den Traum nicht ein, sondern fing mit dem 
Thema „Honorar" an: er müsse so viel zahlen und wisse gar nicht, 
ob es ihm auch helfen werde, er sei sehr uazufrieden, habe wieder 
Angst usf. 

Die Rückführung des Geld widerstand es auf die nicht erledigte 
Koitus- und Genitalangst und seine Überwindung gelangen nun sehr 
rasch. Jetzt konnte ihm gezeigt werden, was für tiefere Absichten 
seine feminine Hingabe verfolgte: näherte er sich dem 
Weibe, so bekam er Angst vor den Folgen und wurde 
selbst zum Weibe, d.h. homosexuell und passiv im 
Charakter. Daß er sich zum Weibe gemacht hatte, begriff er 
als Tatsache sehr gut, doch konnte er sich nicht erklären, warum 
und wovor er solche Angst hatte. Daß er Angst vor dem Geschlechts- 
verkehr hatte, war ihm klar. Aber was sollte ihm denn geschehen? 

Er beschäftigte sich nun unausgesetzt mit dieser Frage, aber 
statt der Angst vor dem Vater besprach er die vor der Frau. In 
seiner kindlichen Angsthysterie war ja auch die Frau angstbesetzt. 
Immerfort sagte er statt: das Genitale — „das Glied der Frau". Bis 
zur Pubertät hatte er geglaubt, daß die Frau so beschaffen wäre wie 
der Mann. Er stellte selbst eine Beziehung zwischen dieser Vorstel- 
lung und der Urszene her, von deren Realität er nun fest über- 
zeugt war. 

Am Ende des 7. Monats träumte er unter anderem, daß er sah, 
wie ein Mädchen ihren Rock aufhob, so daß ihre Unterkleidung 
sichtbar ^vurde. Er wendet sich ab, wie jemand, „der etwas sieht, 
was er nicht sehen soll". Jetzt hielt ich den Zeitpunkt für gekommen, 
ihm zu sagen, daß er vor dem weiblichen Genitale Angst habe, weil 
es wie ein Riß, wie eine Wunde aussehe, und daß er einmal beim 

Charakteranalyse V-' 



\ 



130 Charakterliche Panzerung und Charakierwiderstand 

ersten Anblick sehr entsetzt gewesen sein müsse. Er fand meine 
Deutung insofern plausibel, als er vor dem weiblichen Genitale nicht 
nur Ekel, sondern auch Scheu verspürte; es wirkte angsterregend 
auf ihn. An ein reales Vorkommnis konnte er sich nicht erinnern. 

Die Situation war nun die, daß der Kern seiner Symptome, die 
Kastration sangst, aufgearbeitet, aber in seiner letzten und tiefsten 
Bedeutung noch unerledigt war, weil die engeren, individuellen Be- 
ziehungen zur Ursasene fehlten und diese selbst nur erschlossen, nicht 
aber analytisch bewältigt war. 

Als wir wieder einmal in einer widerstandsfreien Periode diese 
Zusammenhänge besprachen und sich nichts Greifbares ergab, sagte 
der Patient leise vor sich hin: „Ich muß einmal erwischt worden 
sein." Auf nähere Befragung meinte er, er habe das Gefühl, als ob 
er einmal mit Hinterlist etwas angestellt hätte und dabei erwischt 
worden wäre. 

Jetzt erinnerte der Patient, daß er schon als kleiner Bub sich 
im geheimen gegen seinen Vater empört hatte. Er hatte hinter dem 
Rücken des Vaters Gesichter geschnitten und ihn gehöhnt, während 
er sonst den gehorsamen Sohn spielte. Die Auflehnung gegen den 
Vater hatte dann in der Pubertät völlig aufgehört. (Völlige Verdrän- 
gung des Vaterhasses aus Angst vor dem Vater.) 

Auch seine Idee bezüglich der erblichen Belastung erwies sich 
als ein schwerer Vorwurf gegen den Vater. Die Klage, „ich bin 
erblich belastet", hatte nämlich den Sinn: „Mein Vater 
hat mich bei der Zeugung geschädig t." Die Analyse der 
Phantasien, die die Urszene begleiteten, ergab, daß der Patient sich 
im Mutterleib wähnte, während der Vater mit der Mutter verkehrte; 
die Idee, am Genitale beschädigt zu werden, verband sich mit der 
Mutterleibsphantasie zur Vorstellung, daß er im Mutterleib 
vom Vater kastriert wurde. 

Wir können uns nun bezüglich der restlichen Analyse kurz 
fassen. Sie verlief verhältnismäßig widerstandsfrei und war deutlich 
in zwei Abschnitte gegliedert. 

Der erste war beherrscht von der Durcharbeitung seiner kind- 
lichen Onaniephantasien und der Onanieangst. Seine Kastrations- 
angst verankerte sich für längere Zeit in der Angst (Scheu) vor dem 
weiblichen Genitale. Der „Riß", die „Wunde" waren schwer wider- 
legbare Beweise für die Realisierbarkeit der Kastration. Der Patient 
wagte es schließlich zu onanieren; da schwanden die Angstzustände 



Ein Fall von passiv- femininem Charakter • 131 

Yollkommeu, was uns bewies, daß die Ängstanfälle auf der Libido- 
stauung beruhten und nicht auf der Kastrationsangst, denn diese be- 
stand noch fort. Durch Aufarbeitung weiteren infantilen Materials 
wurde sie schließlich so weit überwunden, daß er einen Koitusver- 
such unternahm, der bezüglich der Erektion gut gelang. Bei den 
weiteren Akten stellten sich zwei Störungen heraus: er war orgastisch 
impotent, das heißt, er empfand weniger Wollust als bei der Onanie, 
und er hat eine gleichgültige, verachtende Stellung zur Frau. Die 
Genitalität war noch in Zärtlichkeit und Sinnlichkeit gespalten. 

Die zweite Phase war ausgefüllt mit der Analyse seiner orgasti- 
schen Impotenz und seines kindlichen Narzißmus: Er wollte, wie er 
von jeher gewohnt war, von der Frau, von der Mutter, alles haben, 
ohne etwas dafür geben zu müssen. Mit großem Verständnis und 
noch größerem Eifer bearbeitete der Patient selbst seine Störungen, 
objektivierte seinen Narzißmus, empfand ihn als lästig und überwand 
ihn schließlich als der letzte Rest seiner Kastrationsangst, der in der 
orgastischen Impotenz verankert war, analytisch gelöst wurde. Er 
hatte nämlich Angst vor dem Orgasmus, er fürchtete ihn, in 
der Einbildung, daß die damit verbundene Erschütterung schade. 
Der folgende Traum war Ausfluß dieser Angst: 

„Ick besuche eine Gemäldegalerie. Ein Bild fällt mir auf, be- 
titelt .Betrunkener Tommy'. Es stellt einert jungen, hübschen engli- 
schen Soldaten im Hochgebirge dar. Es ist stürmisch, er scheint 
den Weg oerloren zu haben, eine Knochenhand hat 
ihn am Arm gefaßt undsckeintihnzu führen, offenbar 
ein Symbol, daß er ins Verderben geht — Ein Bild 
.Schwerer Beruf: Gleichfalls im Hochgebirge, ein Mann und 
ein kleiner Knabe stürzen einen Abhang herunter, 
ein Rucksack entleert gleichzeitig seinen Inhalt; 
der Knabe ist von einem meiß liehen Brei umgebe n." 

Der Sturz stellte den Orgasmus,^) der weißliche Brei das Sperma 
dar. Der Patient besprach seine Ängste, die er in der Pubertät bei 
der Ejakulation und beim Orgasmus erlebte. Auch seine sadistischen 
Phantasien der Frau gegenüber %vurden noch gründlich durchge- 
arbeitet. Nach einigen Monaten, im Sommer, begann er ein Verhält- 
nis mit einem jungen Mädchen; die Störungen waren jetzt bedeutend 
eingeschränkt. 

1) Vgl. meine Ausführungen über die Symbolik des Orgasmus in „Die 
Funktion des Orgasmus". 



132 Charakterliche Panzerung und Charakterwiderstand 

-1 Die Lösung der Übertragung bereitete keine Schwierigkeiten, 
weil sie von Anbeginn, sowohl in negativer wie in positiver Hinsicht, 
systematiscli bearbeitet war. Er verließ die Analyse gern, voller 
Hoffnung für die Zukunft. 

Ich sah den Patienten im Laufe der nächsten fünf Jahre fünfmal 
bei voller seelischer Gesundheit und Frische wieder. Seine Ängst- 
lichkeit und die Angstanfälle waren vollständig geschwunden. Er 
bezeichnete sich selbst als vollkommen gesund und äußerte seine Ge- 
nugtuung darüber, daß sein Wesen das Kriecherische, Hinterlistige 
abgestreift hatte, daß er mutig allen Schwierigkeiten entgegentreten 
konnte. Seine Potenz hatte seit dem Ende der Analyse noch zu- 
genommen. 

d) Zusammenfassung 

Am Schlüsse unseres Berichtes angelangt, werden wir uns ganz 
der Unzulänglichkeit der Sprache, die Vorgänge in einer Analyse 
wiederzugeben, bewußt. Aber sollten wir deshalb darauf verzichten, 
wenigstens das Gröbste zu zeichnen, um eine Verständigung in der 
Frage der Charakteranalyse zu erzielen? Fassen wir also zusammen: 

1. Unser Fall ist der Prototyp des passiv-femininen Charakters, 
der uns, welche Symptome immer ihn in die Analyse bringen, stets 
die gleiche Art von Charakterwiderständen entgegensetzt. Er zeigt 
uns gleichzeitig in typischer Weise den Mechanismus der geheimen 
negativen Übertragung. 

2. Technisch wurde die Analyse des passiv-femininen Charakter- 
widerstandes, des Täuschens durch Ubcrfreundlichkeit und hin- 
gebendes Wesen, vorangestellt. Das bewirkte, daß das infantile 
Material sich seiner inneren Gesetzmäßigkeit nach an der Über- 
tragungsneurose entwickelte. Dadurch wurde rerhindert, daß der 
Patient sein Unbewußtes nur intellektuell, aus Gründen der femini- 
nen Hingabe („um gefällig zu sein") erarbeitete, was keinen thera- 
peutischen Erfolg gehabt hätte. 

3. Aus dem Bericht geht auch hervor, daß bei geordneter und 
konsequenter Hervorhebung des Charakterwiderstandes und bei Ver- 
meidung von voreiligen Deutungen das dazugehörige infantile Ma- 
terial sich Ton selbst immer klarer und eindeutiger darbietet, so 
daß die folgenden Sinn- und Symptomdeutungen unwiderlegbar und 
therapeutisch fruchtbar werden. 

4. Die Krankengeschichte konnte zeigen, daß man den Charakter- 



Ein Fall \on passiv-femininem Charakter 133 

-widerstand angehen kann, sobald man seinen aktuellen Sinn und 
Zweck erraten hat, ohne das dazugehörige infantile Material zu ken- 
nen. Durch die Hervorhebung und Deutung seines aktuellen 
Sinnes wurde das entsprechende infantile Material hervorgelockt, 
ohne daß Symptomdeutungen oder Erwartuugsvorstellungen nötig 
wurden. Als der Anschluß an das Infantile hergestellt war, begann 
die Auflösung des Charakterwiderstandes. Die 
späteren Symptom deutun gen erfolgten bei Widerstands freier Zuwen- 
dung des Patienten zur Analyse. Die Widerstandsanalyse zerfiel also 
typisch in zwei Abschnitte: erstens in die Hervorhebung seiner 
Form und seines aktuellen Sinnes, zweitens in seine Auflösung 
mit Hilfe des durch die Hervorhebung hervorgelockten infantilen 
Materials. Der Unterschied zwischen einem Charakterwiderstand 
und einem einfachen Widerstand zeigte sich hier darin, daß jener 
in seiner Höflichkeit und Hingegebeuheit, dieser aber in einfachem 
Zweifel und Mißtrauen an der Analyse sich auswirkt. Nur jene Ver- 
haltungsweisen gehörten seinem Charakter an und bildeten die 
Form, in der sich sein Mißtrauen äußerte. 

5. Durch konsequente Deutung der geheimen negativen Über- 
tragung wurde die verdrängte iind larvierte Aggressivität gegen 
Analytiker, Vorgesetzte und Vater aus der Verdrängung befreit, da- 
durch schwand die passiv-feminine Haltung, die ja nur eine Re- 
aktionsbildung gegen die verdrängte Aggressivität war. 

6. Da die Verdrängung der Aggressivität gegen den Vater die 
Verdrängung der phallischen Libido zur Frau mitbedingte, stellte 
sich umgekehrt beim analytischen Auflösungsprozeß die männlich- 
aktive Genitalbestrebung mit der Aggressivität wieder ein (Heilung 
der Impotenz). '"«<» 

7. Die charakterliche Ängstlichkeit verlor sich mit der Kastra- 
tionsangst, als die Aggressivität bewußt wurde; und die Angstanfälle 
vergingen, als die Abstinenz aufgegeben wurde. Durch die orgastische 
Erledigung der Aktualangst wurde schließlich auch der „Kern der 
Neurose" beseitigt. 

Zuletzt hoffe ich, mit der Darstellung mehrerer Fälle die Ansicht 
meiner Gegner zu erschüttern, daß ich ein „fertiges Schema" an jeden 
Fall herantrage. Es wird klar geworden sein, was ich meine, wenn 
ich seit Jahren den Standpunkt vertrete, daß es für jeden Fall nur 
eine Technik gibt, die aus seiner eigenen Struktur abgeleitet und 
auf ihn angewendet werden muß. 



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V. Indikation und Gefahren der Charakteranalyse 

Obgleich die Übergänge von der unsystematischen und inkonse- 
quentea zur systematischen, eher einer wohlberechneten psychischen 
Operation gleichenden Charakteranalyse fließend und in ihrer Man- 
nigfaltigkeit nicht zu überblicken sind, lassen sich doch bereits einige 
Kriterien für ihre Anwendbarkeit aufstellen. n-ulLi ,' 

Da durch die charakteranaiytische Auflockerung der narzißti- 
schen Schutzmechanismen nicht nur vehemente Affekte ausgelöst 
werden, sondern der Patient auch eine Zeitlang in eine mehr oder 
minder hilflose Situation gerät, kann sie nur vou solchen Therapeuten 
schadlos ausgeübt werden, die die analytische Technik bereits be- 
herrschen, das heifit vor allem die Übertragungsreaktionen meistern 
können. Sie kommt also für Anfänger nicht in Betracht. Die zeit- 
weilige Hilflosigkeit des Patienten ist der Ausdruck dafür, daß die 
charakterliche Verarbeitung der infantilen Neurose rückgängig ge- 
macht wurde, so daß diese neuerlich zu voller Geltung kommt. Man 
reaktiviert sie ja auch ohne systematische Charakteranalyse, aber 
da die Panzerungen in diesem Falle relativ unangetastet bleiben, 
sind die affektiven Reaktionen schwächer und daher leichter zu be- 
herrschen. Durchschaut man den Fall strukturell sehr bald und 
gründlich, so besteht keinerlei Gefahr bei der Anwendung der Cha- 
rakteranalyse. Ich habe bisher in meiner Praxis noch keinen Suicid 
zu verzeichnen, mit Ausnahme eines vor Jahren angenommenen 
desolaten Falles akuter Depression, der die Behandlung nach zwei 
oder drei Stunden aufgab, ehe ich noch irgendwelche entscheidenden 
Maßnahmen ergreifen konnte. Bei strengster Überprüfung der Er- 
fahrungen ergibt sich vielmehr der nur scheinbar paradoxe Tat- 
bestand, daß ich seit der Ausübimg der Charakteranalyse, also etwa 
seit acht Jahren, nur drei Fälle durch vorzeitige Flucht verlor, 
während vorher das Wegbleiben weit häufiger vorkam. Das erklärt 
sich aus der sofort einsetzenden Analyse der negativen und narzißti- 



Indikation und Gefahren der Charakteranalyse 135 

sehen Reaktionen, die eine Flucht gewöhnlich unmöglich macht, ob- 
gleich die Belastung der Patienten eine stärkere ist. 

Die Charakteranalyse ist in jedem Falle anwendbar, aber nicht 
in jedem Falle indiziert, ja es gibt Umstände, die ihre Anwendung 
geradezu verbieten. Versuchen wir zunächst die Indikationen zu 
überblickeu. Sie sind samtKch bestimmt vom Grade der charakter- 
lichen Verkrustung, also vom Ausmaß und der Intensität der chro- 
nisch gewordenen, vom Ich assimilierten neurotischen Reaktionen. 
Bei Zwangsneurosen, besonders solchen, wo nicht umschriebene 
Symptome, sondern allgemeine Funktiousschwächungen überwiegen, 
wo die Charaktereigenheiten nicht nur das Objekt, sondern auch 
das größte Hindernis der Behandlung darstellen, ist die Charakter- 
aualyse immer indiziert. Ebenso bei phallisch-narzißtischen Charak- 
teren, die sonst auf die eine oder andere Weise jede Bemühung ad 
absurdum führen, bei Fällen von moral insanity, leichter Triebhaftig- 
keit, Pseudologia phantastica. Bei schizoiden oder initial schizo- 
phrenen Fällen ist eine äußerst vorsichtige, aber sehr konsequente 
Charakteranalyse die Voraussetzung der Vermeidung verfrühter und 
unbeherxschbarer Triebdurchbrüche, denn sie bedeutet ja eine Stär- 
kung der Ich-Funktionen, bevor die tiefen Schichten des Unbewußten 
aktiviert werden. 

Bei schweren akuten Angsthysterien wäre eine sehr bald und 
konsequent einsetzende Analyse der Ich-Abwehr in der hier be- 
schriebenen Weise nicht angebracht, weil die Es-Regungen sich hier 
in akutem Aufruhr befinden, während das Ich nicht über die cha- 
rakterlichen Fähigkeiten verfügt, sich dagegen zu sperren, die frei 
flottierenden Energien zu binden. Schwere akute Angst ist ja ein 
Zeichen dafür, daß die Panzerung in breiter Front durchbrochen ist, 
BD daß die Notwendigkeit der Arbeit am Charakter sich zunächst 
erübrigt. Man wird sie in späteren Stadien, wenn die Angst einer 
intensiven Bindung an den Analytiker Platz gemacht hat und sich 
die ersten Zeichen der Enttäuschungsreaktion bemerkbar machen, 
nicht entbehren können, aber sie wird nicht zur Hauptaufgabe bei 
der Einleitung der Behandlung. 

Bei Melancholikern und schwer Depressiven wird sich die An- 
wendung der Charakteranalyse darnach richten, ob eine akute Exa- 
zerbation, etwa akute Suieidimpulse oder akute Angst, vorherrscht 
oder ob psychische Stumpfheit das Bild beherrscht; wohl auch da- 
von, wieviel an genitaler Objektbeziehung aktuell noch vorhanden 



136 Indikation und Gefahren der Charakteranalyse 

ist. Vorsichtige, aber griindliclie charakteranal y tische Arbeit an der 
Ich-Abwehr (verdrängte Aggression!) ist bei den stumpfen Formen 
unerläiJIich, wenn man jahrzehntlange Analysen vermeiden will. 

Im ganzen ist selbstverständlich, daß sich die Auflockerung der 
Panzerungen immer dosieren läßt, nicht nur je nach dem Fall, son- 
dern auch je nach der Situation. Ein Nachlassen oder Anspannen der 
Intensität und Konsequenz der Deutung, die wir der Intensität des 
Widerstandes entgegensetzen, der Tiefe der Widerstandsdeutung, der 
Lösung der negativen oder positiven Teile der Übertragung, gelegent- 
liches Timimelnlasscn des Patienten, auch wenn er noch so sehr im 
Widerstand ist, ohne diesen zu lösen, und so fort, sind Mittel der 
Dosierung. Auf heftige therapeutische Reaktionen muß der Patient 
eingestellt werden, wenn er knapp davor steht. Verfügt man nur 
über genügend Elastizität in der Deutung und Beeinflussung, hat 
man die anfängliche Ängstlichkeit und Ünsicherkeit überwunden, 
so begegnet man bei großer Geduld keinen allzugroßen Schwierig- 
keiten. 

Bei Patienten, die einen völlig ungewohnten, neuen Typus dar- 
stellen, wird die Charakteranalyse sich sehr schwierig gestalten, man 
wird sehr langsam von Etappe zu Etappe die Ich-Struktur zu ver- 
stehen und sich danach zu richten versuchen, man wird aber gewiß 
nicht mit Deutungen tiefer Schichten vorgehen, wenn man sich vor 
unvorhergesehenen, unangenehmen Reaktionen bewahren will. Wartet 
man mit tiefen Deutungen ab, bis sich die Mechanismen der Ich- 
Abwehr enthüllen, so hat man zwar etwas Zeit verloren, dafür aber 
an Sicherheit in der Beherrschung des Falles viel gewonnen. 

Ich wurde oft von Kollegen und Kontrollanalysanden gefragt, ob 
man eine Charakteranalyse einleiten könne, wenn der Patient schon 
einige Monate hindurch eine chaotische Situation produziert hatte. 
Die Erfahrungen aus den technischen Seminaren lassen ein end- 
gültiges Urteil nicht zu, aber es scheint, als ob eine Umstellung der 
Technik in manchen Fällen doch von Erfolg begleitet wäre. Viel 
leichter ist die Anwendung der Charakteranalyse, wenn man den Fall, 
auch wenn er eine längere Analyse bei einem anderen Analytiker mit 
keinem oder nur teilweisem Erfolge hinter sich hat, selbst charakter- 
analytisch einleiten kann. 

Es ist bemerkenswert, daß es bei konsequenter Charakteranalyse 
gar nichts ausmacht, ob der Patient viel oder wenig intellektuelles 
analytisches Wissen hat. Da man keine tiefen Deutungen appliziert, 



Indikation und Gefahren der Charakteranalyse 137 

ehe der Patient seine zentrale Widerstandshaltung gelockert und 
affektives Erleben zugelassen hat, kann er sein Wissen nicht an- 
bringen, und wenn er es doch im Sinne des Widerstandes zu tun 
versucht, so ist das nur ein Stück seines allgemeinen Widerstands- 
verhaltens und kann im Rahmen seiner sonstigen narzißtischen. Re- 
aktionen entlarvt werden. Das Gebrauchen etwa von analytischen 
Ausdrücken wird nicht abgestellt, sondern als Abwehr und narziß- 
tische Identifizierung mit dem Analytiker behandelt. 
j» Eine weitere Frage, die oft gestellt wird, ist, bei wie vielen Fällen 
prozentuell die Charakteranalyse folgerichtig eingeleitet und durch- 
geführt werden kann. Jedenfalls nicht bei allen, das hängt auch 
von der Übung, den intuitiven Fähigkeiten und den Indikationen 
ab. In den letzten Jahren waren es aber durchschnittlich immer mehr 
als die Hälfte der behandelten Fälle, die charakteranalytisch behan- 
delt werden konnten. Dadurch war auch ein Vergleich der inten- 
siveren und konsequenteren mit der laxeren Methode der Wider- 
standsanalyse möglich. 

Inwieweit ist eine Änderung des Charakters in der Analyse 
überhaupt nötig und in welchem Ausmaße ist sie zu erzielen? 

Auf die erste Frage gibt es prinzipiell nur die eine Antwort: 
Der neurotische Charakter muß sich insoweit ändern, als er die cha- 
rakterologische Grundlage für neurotische Symptome abgibt, und in- 
sofern er Störungen der Arbeits- und sexuellen Genußfähigkeit 

bedingt. tt. i- 

Die zweite Frage ist nur empirisch zu beantworten. Es hängt m 
jedem Falle von einer Fülle von Faktoren ab, wie sehr sich der reale 
Erfolg dem erwünschten nähert. Mit den heutigen Mitteln der Psycho- 
analyse sind qualitative Änderungen des Charakters direkt nicht zu 
erzielen. Ein Zwangscharakter wird nie zum hysterischen, ein para- 
noider Charakter wird nicht zum zwangsneurotischen, ein Choleriker 
wird nicht phlegmatisch und ein Sanguiniker nicht melancholisch. 
Wohl aber lassen sich quantitative Änderungen erzielen, die quali- 
tativen gleichkommen, wenn sie ein gewisses Maß erreichen. So 
steigert sich etwa die geringe feminine Haltung der zwangsneuroti- 
schen Patienten während der Analyse immer mehr, bis sie die Zeichen 
des hysterisch-femininen Wesens annimmt und die männlich-aggres- 
siven Haltungen werden geringer. ^^ 

Dadurch wird der ganze Mensch in seinem Wesen „anders , was 
oft von Außenstehenden, die den Patienten selten sehen, eher bemerkt 



138 Indikation und Gefahren der Charakteranalyse 

wird als vom Analytiker. Der Befangene wurde freier, der Ängst- 
liche mutiger, der allzu Gewissenhafte wurde relativ skrupelloser, 
der Skrupellose gewissenhafter; aber die gewisse undefinierbare 
„persönliche Note" geht nie verloren, sie schimmert durch alle Ver- 
änderungen hindurch. Der früher iibergewissenhafte Zwangscharak- 
ter wird etwa ein realitätstüchtiger, gewissenhafter Arbeiter; der ge- 
heilte triebhafte Charakter wird immer leichter handeln als jener* 
die geheilte „moral insanity" wird das Leben nie schwer nehmen und 
sich immer leicht fortbringen, während der geheilte Zwangscharakter 
es wegen seiner Schwerfälligkeit stets schwer haben wird. Aber 
diese Eigenschaften bleiben nach der gelungenen Cbarakteranalyse 
in Grenzen, die die Bewegungsfreiheit im Leben nicht so sehr ein- 
engen, daß die Arbeits- und sexuelle Genußfähigkeit darunter litte. 



i .^T^^lJ^y;.»'?' > ...t, . „..-,.,! 






■■'- -■ . 



VI. Zur Handhabung der Übertragung , , . 
1. Das Herauskristallisieren der genitalen Objektlibido 

Die Aufgabe der „Handhabung der Übertragung" erwächst dem 
Analytiker dadurch, daß eine Übertragung infantiler Einstellungen 
auf ihn zustande kommt, die im Laufe der Analyse mannigfache 
Wandlungen mitmacht und bestimmte Funktionen erfüllt. Die Be- 
ziehungen zum Analytiker in der Analyse sind nicht nur positiver, 
sondern auch negativer Natur; er hat mit der Ambivalenz der Ge- 
fühle zu rechnen und vor allem zu berücksichtigen, daß jede Art von 
Übertragung früher oder später zum Widerstand wird, den der 
Patient selbst zu lösen nicht in der Lage ist. Freud wies insbe- 
sondere darauf hin, daß die anfängliche positive Übertragung die 
Eigenschaft zeigt, leicht in negative umzuschlagen. Ferner zeigt sich 
die Bedeutung der Übertragung auch darin, daß die wesentlichsten 
Stücke der Neurose nicht anders als in der Übertragung zu haben 
sind und daß infolgedessen die Lösung der „Übertragungsneurose", 
die albnählich an die Stelle der eigentlichen Krankheit rückt, zu den 
vornehmsten Aufgaben der analytischen Technik gehört. Die posi- 
tive Übertragung ist das Hauptvehikel der analytischen Behandlung, 
in ihrem Feuer schmelzen die hartnäckigsten Widerstände und Sym- 
ptome, was allerdings noch keineswegs Heilung bedeutet. Sie ist in 
der Analyse nicht der Heilfaktor an sich, sondern die wesentlichste 
Voraussetzung für die Herstellung jener Prozesse, die schließlich 
unabhängig von der Übertragung zur Heilung führen. Die rein tech- 
nischen Aufgaben, die Freud in seinen Abhandlungen über die 
Übertragung behandelt hat, lassen sich kurz wie folgt zusammen- 

1. Die Herstellung einer tragfähigen positiven Übertragung. 

2. Ausnützung dieser Übertragung zur Überwindung der neuroti- 
schen Widerstände. 

3. Ausnützung der positiven Übertragung zur Produktion der 



'^** Zur Handhabung der Übertragung 

verdrängten Iiilialte und zur Erzielung dynamisch vollwertiger affek- 
tiver Eruptionen zum Zwecke des Abreagierens. 

VoDi Standpunkte der Charakteranalyse stellen sieh uns zwei 
weitere Aufgaben, eine technische und eine libido-ökonomiseh-thera- 
peutische. 

Die technische Aufgabe knüpft an die Forderung an, eine trag- 
fähige positive Übertragung herzustellen. Schon diese Forderung hat 
die klinische Erfahrung zur Voraussetzung, daß die wenigsten Pa- 
tienten eine solche tragfähige positive Übertragung spontan her- 
stellen. Aber unsere charakteranalytischen Überlegungen führen uns 
noch ein Stück weiter. Wenn es richtig ist, daß alle Neurosen auf 
der Basis eines neurotischen Charakters zustande kommen, und ferner 
daß der neurotische Charakter gerade durch eine narzißtische Äb- 
panzL-ruug charakterisiert ist, so wirft sich die Frage auf, ob denn 
unsere Patienten überhaupt im Beginne einer echten positiven 
Übertragung fähig sind. Unter „echt" meinen wir eine starke, nicht 
ambivalente erotische Objektstrebung. die die Grundlage einer in- 
tensiven, den Stürmen der Analyse trotzenden Beziehung zum Ana- 
lytiker bilden könnte. Wenn wir unsere Fälle überblicken, müssen 
wir diese Frage verneinen und sagen, daß es eine echte positive Über- 
tragung im Anfang gar nicht gibt, noch eben wegen der Sexual- 
verdrängung, der Zersetzung der objektÜbidinösen Strebungen und 
der charakterlichen Absperrung geben kann. Man wird mir hier die 
unzweideutigen Zeichen positiver Übertragung, denen wir im Ein- 
leitungsstadium bei unseren Patienten begegnen, entgegenhalten: Ge- 
wiß, Zeichen, die wie eine positive Übertragung ans sehen, sind 
im Beginne reichlich vorhanden. Aber was bildet den unbewußten 
Hintergrund dieser Übertragungszeichen? Sind sie echt oder unecht? 
Gerade die bösen Erfahrungen, die mit der Auffas&ung gemacht 
wurden, daß es sich dabei um e c h t e objektlibidfnöse Erosstrebungen 
handelt, nötigten zur Aufrollung dieser Frage. Sie schließt sich der 
allgemeineren an, ob denn ein neurotischer Charakter überhaupt 
liebesfähig sein kann, und wenn, in welchem Sinne. Das genauere 
Studium dieser ersten Zeichen der sogenannten positiven Übertragung 
das heißt der Zuwendung objektlibidinöser sexueller Regungen zum 
Analytiker, zeigte, daß es sich, bis auf einen gewissen Rest, der dem 
Durchschimmern rudimentärer Teile echter Liebe entspricht, um 
dreierlei handelt, was mit objektlibidinöser Strebung wenig zu 
tun hat: 



Das Herauskristallisieren der genitalen Objektlibido 141 

1. Um „reaktive positive Übertragung", das teißt, 
der Patient kompensiert einen übertragenen Haß in Form von Liebe. 
Der Hintergrund ist hier eine latente negative Übertra- 
gung. Deutet man die Widerstände, die sich aus dieser Art der 
Übertragung ergeben, als Ausdruck einer Liebesbeziehung, so hat 
man erstens unrichtig gedeutet, zweitens hat man die negative Über- 
tragung, die darin verborgen ist, übersehen und lauft Gefahr, den 
Kern des neurotischen Charakters unangetastet zu lassen. 

2. Um eine Hingegebenheit an den Analytiker, die einem 
Schuldgefühl entspringt oder einem moralischen Masochismus, 
hinter dem wieder nichts anderes als verdrängter und kompensierter 
Haß steht. 

5. Um Übertragung narzißtischer Wünsche, um 
die narzißtische Hoffnung, daß der Analytiker den Patienten lieben, 
trösten oder bewundern werde. Keine Art der Übertragung bricht 
rascher zusammen als diese, keine verwandelt sich leichter in bittere 
Enttäuschung und haßerfüllte narzißtische Kränkung. Deutet man 
das als positive Übertragung {„Sie lieben mich"), so hat man wieder 
falsch gedeutet, denn der Patient liebt gar nicht, sondern will nur 
geliebt werden und verliert das Interesse in dem Augenblicke, 
in dem er erkennt, daß seine Wünsche nicht erfüllt werden können. 
Im Zusammenhange mit dieser Form der Übertragung stehen aller- 
dings prägenitale Libidostrebungen, die keine tragfähige Übertragung 
herstellen können, weil sie allzu sehr narzißtisch betont sind, wie 
etwa die oralen Ansprüche. 

Diese drei Typen der scheinbaren positiven Übertragung — ich 
zweifle nicht daran, daß weiteres Studium eine Reihe anderer Formen 
zutage fördern wird — überwuchern und durchsetzen die Rudimente 
der echten Objektliebe, die die Neurose noch nicht aufgezehrt hat, 
sie sind selbst Folgeerscheinungen des neurotischen Prozesses, da die 
Libidoversagung Haß, Narzißmus und Schuldgefühl hochgetrieben 
hat; sie genügen noch, den Patienten solange in der Analyse zu 
halten, bis sie abgebaut werden können, sind aber ebenso sichere 
Motive, den Patienten zum Abbruch der Analyse zu treiben, wenn 
sie nicht rechtzeitig entlarvt werden. 

Gerade das Bestreben, eine intensive positive Übertragung zu 
erzielen, war eines der Motive, daß ich der negativen so große Auf- 
merksamkeit schenkte; das frühe und restlose Bewußtmachen der 



142 : lt." '{;»):■' Zur Handhabung der Übertragung •" ' 

negativen, kritischen, herabsetzenden usw. Einstellungen zum Ana- 
lytiker stärkt nicht die negative Übertragung, sondern hebt sie auf 
und kristallisiert die positiven reiner heraus. Was den Eindruck 
machen könnte, als würde ich „mit der negativen Übertragung ar- 
beiten", ist zweierlei: Erstens, daß durch das analytische Zersetzen 
des narzißtischen Schutzmechanismus die latenten negativen Über- 
tragungen, die ich noch heute eher unter- als überschätze, zum Vor- 
schein kommen und die Analysen oft monatelang im Zeichen der 
Abwehr verlaufen. Ich lege aber doch nicht etwas in den Patienten 
hinein, was nicht in ihm bereits vorhanden wäre, sondern bringe 
bloß schärfer zur Erscheinung, was latent in seinen Verhaltungs- 
weisen (Höflichkeit, Gleichgültigkeit usw.) verborgen war und nichts 
anderes bedeutet als eine geheime Abwehr des Einflusses der Ana- 
lyse. — Anfänglich bezeichnete ich als negative Übertragung sämt- 
liche Formen der Ich-Abwehr, Das hatte zwar eine gewisse, wenn 
auch nur indirekte Berechtigung. Die Abwehr des Ichs bedient 
sich nämlich früher oder später der bereitstehenden Hafiregungen, 
es erwehrt sich der Analyse mittels des destruktiven Triebsystems in 
verschiedener Weise. Es ist auch richtig, dafi man regelmäßig und 
relativ leicht Haßregungen, das heißt die echte negative Übertragung 
hervorlockt, wenn man bei der Widerstandsdeutung von der Ich-Ab- 
wehr ausgeht. Es war nur unrichtig, schon die Ich-Abwehr als solche 
negative Übertragung zu nennen. Sie ist viel eher eine narzißtische 
Abwehrreaktion. Auch die narzißtische Übertragung ist keine nega- 
tive im strengen Sinne. Ich stand damals offenbar unter dem starken 
Eindrucke, daß alle Ich-Abwehr, wenn sie konsequent analysiert 
wird, so leicht und rasch in eine negative Übertragung ausläuft. 
Eine latente negative Übertragung liegt von Anbeginn nur bei der 
Übertragung des passiv-femininen Charakters und bei der Affekt- 
sperre vor; hier handelt es sich um aktuell wirksamen, aber ver- 
drängten Hafi. 

Zur Illustration der Übertragungstechnik bei scheinbarer posi- 
tiver Übertragung sei der Fall einer 27jährigen Frau vorgebracht, die 
wegen ihrer sexuellen Unbeständigkeit in Analyse kam. Sie war 
zweimal geschieden, hatte beide Ehen gebrochen und eine für ihren 
Gesellschaftskreis recht hoch zu bezeichnende Zahl von Liebhabern 
gehabt. Sie wußte selbst den aktuellen Grund dieses nymphomanen 
Zuges anzugeben: ihre Unbefriedigtheit infolge vaginaler orgastischer 
Impotenz. Zum Verständnis des zu beschreibenden Widerstandes und 



Das Herauskristallisieren der genitalen Objektiibido 143 

seiner Deutung ist zu erwähnen, daß die Patientin ausnehmend 
hübsch und sich ihrer weiblichen Reize sehr bewußt war. Sie machte 
auch gar kein Hehl aus diesem Wissen. In der Vorbesprechung fiel 
mir eine gewisse Befangenheit auf; sie sah fortwährend zu Boden, 
obgleich sie fließend sprach und Antwort gab. 

Die erste Stunde und zwei Drittel der zweiten vergingen mit 
der relativ ungehemmten Schilderung der peinlichen Umstände, die 
ihre zweite Scheidung begleitet hatten, und der Störungen der 
Sexualempfindung beim Akt. Am Ende der zweiten Sitzung trat 
eine Störung ein; die Patientin schwieg, nach einer Pause meinte sie, 
nun hätte sie nichts mehr zu sagen. Ich wußte, daß die Übertragung 
bereits als Widerstand in Aktion getreten war. Jetzt gab es zwei 
Möglichkeiten: entweder die Patientin durch Zureden und Ermahnen, 
die Grundregel zu befolgen, zu weiteren Mitteilungen bewegen oder 
aber den Widerstand selbst angreifen. Das erste hätte ein Umgehen 
des Widerstandes bedeutet, das zweite war nur möglich, wenn man 
die Hemmung wenigstens zum Teil verstand. Da ja in solchen 
Situationen immer eine Abwehr von Seiten des Ichs vorliegt, konnte 
man an diesem Ende mit einer Deutung des Widerstandes einsetzen. 
Ich klärte sie Über den Sinn solcher Stockungen auf, daß nämlich 
in solchen Fällen „etwas Unausgesprochenes" den Fortgang der Ana- 
lyse störe, etwas, wogegen sie sich unbewußt sträube. Ich sagte ihr 
noch, daß es gewöhnlich Gedanken über den Analytiker sind, die zu 
solchen Hemmungen Anlaß geben, und machte sie darauf aufmerk- 
sam, daß das Gelingen der Kur auch davon abhinge, ob sie auch in 
diesen Dingen restlos aufrichtig sein könnte. Nun teilte sie unter 
vielen Hemmungen mit, gestern hatte sie noch frei sprechen können, 
aber seither hätten sich Gedanken eingestellt, die eigentlich mit 
ihrer Kur nichts zu tun hätten; schließlich kam heraus, daß sie 
früher nachgedacht hatte, was wohl geschähe, wenn der Analytiker 
zu ihr „eine gewisse Einstellung" gewänne; und ob er sie nicht wegen 
ihrer Erlebnisse mit den Männern verachtete. Damit schloß die 
Sitzung. Am nächsten Tage setzte sich die Stockung fort. Ich machte 
sie wieder auf ihre Hemmung aufmerksam und darauf, daß sie jetzt 
wieder etwas abwehre. Es zeigte sich nun, daß sie die Vorfälle der 
letzten Sitzung völlig verdrängt hatte. Ich klärte sie über den Sinn 
dieses Vergessens auf, worauf sie meinte, sie hätte gestern nachts 
nicht einschlafen können, weil sie so viel Angst hatte, es könnten 
sich beim Analytiker persönliche Gefühle zu ihr einstellen. Man 



144 -'i'hiVA Zur Handhabung der Übertragung 



1 1 . t ' 



hätte das ja unter Umständen als eine Projektion eigener Liebes- 
reguugen auffassen können, aber die Persönlichkeit der Patientin, 
ihr stark ausgebildeter weiblicher Narzißmus und ilire Vergangen- 
heit, soweit sie bereits bekannt war, paßten nicht recht dazu. Ein 
unbestimmtes Empfinden sagte mir, daß sie meiner ärztlichen Ver- 
läßlichkeit mißtraute und fürchtete, ich könnte die analytische 
Situation in sexueller Hinsicht mißbrauchen. Es war ja kein Zweifel 
darüber, daß ihrerseits sexuelle Wünsche, in die analytische Situation 
hineingetragen, bereits bestanden. Aber vor die Wahl gestellt, diese 
Äußerungen des Es oder jene Befürchtungen des Ichs zuerst zur 
Aussprache zu bringen, konnte man kaum zögern, sich für letzte zu 
entscheiden. Ich sagte ihr also, was ich von ihren Befürchtungen 
erraten hatte. Darauf kam eine Fülle von Mitteilungen über die 
schlechten Erfahrungen, die sie mit Ärzten gemacht hatte; alle hätten 
ihr früher oder später Anträge gestellt oder sogar die ärztliche 
Situation, ohne sie erst zu fragen, mißbraucht. Ob denn nicht natür- 
lich sei, daß sie solches Mißtrauen gegen die Ärzte habe, und schließ- 
lich könne sie ja nicht wissen, ob ich besser sei. Diese Eröffnungen 
wirkten vorübergehend befreiend, sie konnte sich wieder ungestört 
der Besprechung ihrer aktuellen Konflikte zuwenden. Man erfuhr 
sehr viel über ihre Liebesbedingungen und -beziehungen; zwei Tat- 
sachen fielen auf: sie suchte meist Beziehungen zu jüngeren Männern, 
aber sie hatte nach kurzer Zeit genug von ihren Liebhabern. Es war 
ja klar, daß es sich um narzißtische Bedingungen handelte: Sie 
wollte einerseits die Männer beherrschen, was ihr bei jüngeren 
leichter gelingen konnte, ferner verlor sie ihr Interesse für den Mann, 
wenn er ihr genügend Bewunderung gezollt hatte. Man hätte ihr ja 
den Sinn ihres Verhaltens mitteilen können, das hätte sicher nicht 
geschadet, weil es sich nicht um tief Verdrängtes handelte. Aber die 
Rücksicht auf die dynamische Wirkung der Deutung hielt davon 
ab; da sicher war, daß sich ihre Eigenart in der Analyse sehr bald 
zu einem mächtigen Widerstände ausbauen würde, schien es vorteil- 
haft, auf diesen Zeitpunkt zu warten, um die Affekte aus dem 
aktuellen Erleben in der Übertragung mit dem Bewufitwerden zu 
verbinden. Der Widerstand stellte sich auch sehr bald ein, aber in 
einer unerwarteten Form. 

Sie schwieg wieder und auf meine wiederholte Deutung, daß sie 
jetzt bestimmt etwas abwehre, meinte sie nach langem Zügern, es sei 
schließlich das eingetroffen, was sie befürchtet hatte, nur daß nicht 




Das Herauskristallisieren der genitalen Objektlibido 145 

meine Beziehungen zu ihr, sondern ihre Einstellung zu mir sie jetzt 
bedränge. Sie müsse immerfort an die Analyse denken, ja gestern 
halte sie sogar mit der Phantasie onaniert, daß sie mit dem Ana- 
lytiker geschlechtlich verkehrte. Nachdem ich ihr gesagt hatte, daß 
solche Phantasien in der Analyse nichts Besonderes waren, daß der 
Patient alle seine Gefühle, die er früher anderen Menschen gegen- 
über hegte, auf den Analytiker übertrüge, was sie sehr gut verstand, 
ging ich auf den narzißtischen Hintergrund dieser Übertragung ein. 
Die Phantasie an sich war ja sicher zum Teil auch der Ausdruck 
eines beginnenden Durchbruchs objektlibidinösen Verlangens. Ihr 
aber das als eine Übertragung zu deuten, war aus mehreren Gründen 
nicht möglich, bzw. inopportun. Der Inzestwunsch war noch in 
tiefster Verdrängung; darauf konnte also die Phantasie nicht zu- 
rückgeführt werden, obgleich in den Details der Phantasie kindliche 
Elemente bereits erschienen waren. Aber die Persönlichkeit und die 
Gesamtsituation, in die die Übertragungsphantasie eingebettet war, 
boten reichlich Stoff, andere Seiten und Motive der Phantasie zu ^ 

bearbeiten. Sie hatte Angstzustände vor und während der Analyse, -i 

die teils einer gestauten sexuellen Erregimg, teils der aktuellen Angst 
des Ichs vor einer schwierigen Situation entsprachen. Ich ging also 
bei der Deutung des Übertrag ungswiderstandes wieder von ihrem 
Ich aus; zunächst deutete ich ihr ihre starken Hemmungen, darüber 
zu sprechen, dahin, daß sie zu stolz wäre, solche Gefühlsregungen 
einem Manne ohne weiteres zu verraten. Das gab sie sofort zu und 
meinte noch, es sträubte sich in ihr alles dagegen. Auf meine Frage, 
ob sie je spontan geliebt und begehrt hätte, sagte sie, das wäre ihr 
noch nie passiert, immer hätten uur die Männer sie begehrt, sie hätte 
die Liebe bloß erwidert. Ich klärte sie über den narzißtischen Cha- 
rakter dieser Tatsache auf, was sie sehr gut verstand. Ferner wurde 
ihr die Tatsache erklärt, daß es sich gar nicht um eine echte Liebes- 
strebung handeln könnte, es hätte sie nur irritiert, daß hier ein Mann 
völlig unberührt von ihren Reizen dasäße, eine Situation, die sie nicht 
ertrüge. Die Phantasie hätte dem Wunsch entsprochen, den Ana- 
lytiker in sich verliebt zu machen; darauf brachte sie den bestätigen- ' - 
den Einfall, daß bei der Phantasie die Eroberung des 
Analytikers die Hauptrolle gespielt und die 
eigentliche Lustquelle abgegeben hätte. Nun konnte 
ich sie auf die Gefahr aufmerksam machen, die sich in dieser Ein- 
stellung verbarg; sie würde nämlich auf die Dauer die Zurückweisung 

Cbarakteranolyse 10 



146 ubitiiL Zur Handhabung der Übertragung U «oU 

nicht ertragen und schließlich das Interesse an der Analyse ver- 
lieren. An diese Möglichkeit hatte sie schon selbst gedacht. 

Auf diesen Punkt möchte ich besonders aufmerksam machen. 
Wenn man bei derartigen Übertragungen nicht rechtzeitig den nar- 
zißtischen Hintergrund aufdeckt, passiert es leicht, daß sich eine 
Enttäuschungsreaktion unvorhergesehen einstellt und die Patientin 
in negativer Übertragung die Analyse abbricht. Im Seminar sind im 
Laufe der Jahre mehrere solcher Fälle referiert worden. Immer war 
das gleiche geschehen, man hatte solche Äußerungen allzuwörtlich 
genommen, die Beziehung als Liebesbeziehung allein gedeutet, statt 
das Geliebtwerden und die Bereitschaft zur Enttäuschung hervor- 
zuheben, und die Patienten hatten dann die Analyse früher oder 
später abgebrochen. . .alim'- 

i Von der geschilderten Übertragungsdeutung aus ergab sich dann 
unschwer ein Weg zur Analyse ihres Narzißmus, ihrer Verachtung 
Männern gegenüber, die ihr nachliefen und ihrer allgemeinen Liebes- 
unfähigkeit, die ein Hauptgrund ihrer Schwierigkeiten in der Realität 
war. Sie begriff sehr gut, daß sie erst die Ursachen der Hemmungen 
ihrer Liebesfähigkeit zutage fördern mußte, erwähnte dabei außer 
der Eitelkeit auch den maßlosen Trotz und schließlich auch ihre 
innere Unbeteiligtheit an Menschen und Dingen, ihre nur oberfläch- 
liche und scheinbare Interessiertheit und das daraus resultierende 
Gefühl der Öde, das sie quälte. So waren wir vom Übertragungs- 
widerstand direkt zur Analyse ihres Charakters gelangt, der von 
nun ab ins Zentrum der Analyse rückte. Sie mußte zugeben, daß sie 
eigentlich auch in der Analyse innerlich unberührt blieb, wenn sie 
auch den besten Willen hatte, durch die Analyse in Ordnung zu 
kommen. Das weitere ist hier nicht mehr von Interesse. Ich wollte 
nur zeigen, wie eine dem Charakter entsprechende Aufrollung der 
Übertragung unmittelbar zu den analytischen Fragen der narzißti- 
schen Absperrung führt. 

Daß es technisch unrichtig ist, die Rudimente und Ansätze der 
echten positiven Übertragung im Beginne zu Bewußtsein zu bringen, 
statt zunächst die narzißtischen und negativen Überlagerungen her- 
auszuarbeiten, geht auch aus den Überlegungen hervor, die sich an 
den ökonomischen Gesichtspunkt in unserer Therapie anknüpfen. 

Landauer hat meines Wissens zuerst darauf aufmerksam ge- 
macht, daß jede Deutung einer übertragenen Gefühlsregung sie zu- 
nächst abbaut und die ihr entgegengesetzte verstärkt. Da wir in der 



Das Herauskristallisieren der genitalen Objektlibido 147 

Analyse das Ziel vor uns haben, die genitale Objektlibido klar her- 
auszukristallisieren, sie aus der Verdrängung zu befreien und aus 
den Verraengungen mit narzißtischen, prägenitalen und destruktiven 
Regungen zu lösen, ergibt sich von selbst, daß man so lange wie 
möglich nur oder vorwiegend die Äußerungen der narzißtischen und 
der negativen Übertragung deutet und zurückführt, die Anzeichen 
der beginnenden Liebesstrebung aber so lange ungestört sich ent- 
wickeln läßt, bis sie eindeutig und nicht ambivalent in der Über- 
tragung konzentriert ist. Das ist gewöhnlich erst in sehr fortge- 
schrittenen Stadien oder vielfach erst vor dem Ende der Analyse der 
Fall. Speziell bei Zwangsneurosen macht man die Erfahrung, daß es 
nicht gelingt, die Ambivalenz und den Zweifel zu bewältigen, wenn 
man nicht durch konsequente Heraushebung der der Objektlibido 
entgegengesetzten oder widersprechenden Strebungen (Narzißmus, 
Haß, Schuldgefühl) die Strebungen der Ambivalenz isoliert; man 
kommt dann aus der akuten Ambivalenz und dem Zweifel kaum je 
richtig heraus, alle Deutungen der unbewußten Inhalte werden ab- 
geschwächt, wenn nicht unwirksam, durch die Mauer, die der Panzer 
des Zweifels bildet. Überdies fügt sich diese ökonomische Rücksicht 
sehr gut der topischen an, denn die echte, ursprüngliche Objekt- 
libido, insbesondere die inzestuöse Genitalstrebung, ist beim Neuro- 
tiker immer das zutiefst Verdrängte, sein Narzißmus, Haß und 
Schuldgefühl sowie seine prägenitaleu Ansprüche hingegen sind die 
topisch und strukturell oberflächlicher gelegenen Strebungen. 

Man möchte vom ökonomischen Gesichtspunkt die Aufgabe der 
Handhabung der Übertragung dahin formulieren, daß man eine 
Konzentration aller Objektlibido in einer rein 
genitalen Übertragung zu erzielen habe. Dazu ist nicht nur 
die Lösung der im charakterlichen Panzer gebundenen sadistischen 
und narzißtischen Energien nötig, sondern auch die Lösung der prä- 
genitalen Fixierungen. Bei richtiger Handhabung der Ubertragxmg 
konzentriert sich nach der Lösung der narzißtischen und sadistischen 
Strebungen aus dem Gefüge des Charakters die dadurch befreite 
Libido auf die prägenitalen Positionen; es tritt dann eine Zeitlang 
eine positive Übertragung von prägenitalem, das heißt mehr infan- 
tilem Charakter auf, die den Durchbruch prägenitaler Phantasien 
und Inzestwünsche fördert und so der Lösung der prägenitalen 
Fixierungen dient. Alle Libido aber, die von ihren prägenitalen 
Fixierungsstellen analytisch gelöst wird, strömt dann der genitalen 

10* 



148 t-'lv Zur Handhabung^ der Übertragung ' •'«'i 

Stufe zu, verstärkt wie bei der Hysterie oder erweckt aufs neue wie 
bei der Zwangsneurose, Depression usw. die genitale Ödipussituation. 
Das geschieht aber zunächst gewöhnlich unter dem Bilde der Angst, 
wobei auch die infantile Angsthysterie reaktiviert wird. Das ist das 
erste Anzeichen einer Neubesetzung der genitalen Stufe. Was aber 
in der Analyse in diesem Stadium erscheint, ist nicht der genitale 
ödipuswunsch als solcher, sondern wieder zuerst seine Abwehr durch 
das Ich, die Kastrationsangst. Es ist typisch, daß es bei dieser Kon- 
zentration der Libido auf die genitale Stufe nicht bleibt; meist liegt 
nur der Versuch eines Vorstoßes zur Neubesetzung der genitalen 
Strebungen vor. An der Schranke der Kastrationsangst prallt dann 
die Libido wieder ab uud flutet vorübergehend zu ihren pathologi- 
schen (narzißtischen und prägenitalen) Fixieruiigsst eilen zurück. 
Dieser Vorgang pflegt sich öfter zu wiederholen, immer wieder folgt 
auf den Vorstoß zu den genitalen Inzest wünschen das Zurückfluten 
an der Schranke der Kastrationsangst. Das hat zur Folge, daß, dank 
der Reaktivierung der Kastrationsangst, der alte Mechanismus der 
Angstbindung sich wieder herstellt, das heifit, es treten entweder 
passagere Symptome auf, oder, was vielleicht häufiger vorkommt. 
der narzißtische Abwehrmechanismus wird wieder voll aktiviert. 
Die Deutungsarbeit setzt natürlich immer wieder an den Abwehr- 
mechanismen an, fördert dadurch immer tieferes infantiles Material 
zutage und löst so bei jedem Vorstoß zur Genitalität ein Stück Angst 
auf, bis schließlich die Libido an der genitalen Position verharrt und 
allmählich an Stelle der Angst oder prägenitalen und narzißtischen 
Wünsche genitale Sensationen und Übertragungsphantasien sich 
einstellen. 

Einige Analytiker meinten, als ich diese Tatbestände vortrug, 
daß sie nicht wüßten, wann die Aktualneurose in der Analyse eine 
so große Rolle spiele. Wir können nunmehr darauf antworten: Jetzt, 
in diesem Stadium der Analyse, wenn die wesentlichsten Bindungen 
der Libido gelöst sind, wenn die Verarbeitung der neurotischen Angst 
in Symptomen und Charakter rückgängig gemacht wurde, stellt sich 
der Kern der Neurose, die Stauungsangst klar wieder her. Sie ent- 
spricht der Stauung der nunmehr frei flottierenden Libido. In diesem 
Stadiimi, da alles in Libido rück verwandelt ist, stellt sich die echte 
positive Übertragung in ihrer vollen Stärke ein, nicht nur zärtlich, 
sondern vor allem auch sinnlich; der Patient fängt mit Phantasien 
aus der Übertragung zu onanieren an. An diesen Phantasien lassen 



Sekundärer Narzißmus, negative Übertragung und Krankheitseinsicht 149 

sich die restlichen Hemmungen und infantilen Verzerrungen der 
inzestgebundenen Genitalität beseitigen und so rückt gesetzmäßig 
das Stadium heran, in dem die Aufgabe der Lösung der Übertragung 
heranrückt. Ehe wir aber dazu übergehen, soll noch auf einige De- 
tails hingewiesen werden, die die Klinik bei der beschriebenen Kon- 
zentration der Libido in der Übertragung und auf die genitale Zone 
ergibt. 

2. Sekundärer Narzißmus, negative Übertragung 

und Krankheitseinsicht 

Die Auflockerung, ja Auflösung der charakterlichen Schutz- 
mechanismen, die notwendig ist, damit das mögliche Höchstmaß au 
Libido zur neuen Verfügung frei wird, bringt es mit sich, daß das 
Ich vorübergehend in eine völlig hilflose Situation gerat. Sie kann 
als Phase des Zusammenbruchs des sekundären Nar- 
zißmus bezeichnet werden. Zwar klammert sich dann der Kranke 
an die Analyse mit Hilfe der mittlerweile freigewordenen Objekt- 
libido, was ihm einen gewissen kindlich aufgefaßten Schutz gewährt. 
Aber dabei ist sehr zu beachten, daß der Zusammenbruch der Re- 
aktionsbildungen und der Illusionen, die das Ich zu seiner Selbst- 
behauptung aufgerichtet hatte, starke negative Strömungen im Pa- 
tienten gegen die Analyse weckt;^) dazu kommt, daß mit der Auf- 
lösung des Panzers die Triebe wieder ihre ursprüngliche Kraft ge- 
winnen, der sich das Ich nunmehr ausgeliefert fühlt. Das alles zu- 
sammengenommen bringt es mit sich, daß sich diese Ubergangs- 
phasen gelegentlich sehr, kritisch gestalten, Selbstmordneigungen auf- 
treten, Arbeitsunfähigkeit sich einstellt; ja man sieht sogar manch- 
mal autistische Regressionen, wenn es sich um schizoide Charaktere 
handelt. Am kräftigsten erweisen sich bei diesem Prozeß die zwangs- 
neurotischen Charaktere kraft ihrer analen Beharrlichkeit und ihrer 
tragfähigeu Aggression. Wer die Übertragung beherrscht, kann das 
Tempo des Prozesses und seine Intensität durch Regulierung der 
Konsequenz der Deutung, insbesondere durch klares Herausarbeiten 
der negativen Strömungen im Patienten, sehr wohl beherrschen. 

») Es scheint mir wahrscheinlich, daß die Einwände, die mir bei den 
Diskussionen über die negative Übertragung gemacht wurden, auch daher 
stammen, daß man gewöhnlich den narzißtischen Schutzmechanismus der 
Kranken relativ unangetastet läßt und daher keine stürmische Haßübertra- 
gung bekommt. -■ - .;--*iu. u: .... ^--■...:... ..,..,^., .^^i^^« 



160 -ji-aiiw-ii'-i! Zur Haudliabung der Übertragung ulf.fiM^vi 

Im Laufe der Auflösung der Reaktionsbildungen bricht, sofern 
bei Männern ein Stück Potenz erhalten blieb, auch dieser Rest zu- 
sammen. Ich pflege die Patienten, die erektiv potent in die Analyse 
kommen, darauf aufmerksam zu machen und baue so einer heftig- 
sten Reaktion vor. Um den Schock der akut auftretenden Störung 
der erektiven Potenz bei solchen Puticntcn zu mildern, empfiehlt es 
sich, Abstinenz anzuraten, sobald man aus gewissen Anzeichen 
(Steigerung der Symptome und der Angst, erhöhte Unruhe, Vor- 
brechen der Kastration sangst in den Träumen) die kommende De- 
kompensation errät. Man ist dagegen bei gewissen Arten narzißti- 
scher Charaktere, die ihre kompensierte Impotenzangst nicht ein- 
sehen wollen, genötigt, sie der bösen Erfahrung auszusetzen. Das hat 
zwar heftige narzißtische und negative Reaktionen zur Folge, leitet 
aber schließlich doch die Dekompensation des sekundären Narziß- 
mus gründlich ein, indem nun die Kastrationsangst zum Vorschein 
kommt. 

Da die Dekompensation der Potenz das sicherste Zeichen dafür 
ist, daß die Kastrationsangst sich zu affektivem Erlebnis 
durchringt, mithin auch der Panzer sich löst, muß das Ausbleiben 
einer Potenzstörung im Laufe der Analyse erektiv potenter Neuroti- 
ker als Zeichen innerer Unberührtheit gewertet werden. In den 
allermeisten Fällen entfällt ja dieses Problem, weil die Kranken 
bereits mit der Poteuzstörung in die Analyse kommen. Es gibt aber 
eine nicht geringe Anzahl, die entweder eine sadistisch gehaltene 
erektive Potenz beibehalten, oder andere, die, ohne es zu wissen, mit 
einer Potenzstörung behaftet sind, etwa schwache Erektionen und 
verfrühte Ejakulation haben. 

Bis zu diesem Zeitpunkte, in dem der Kranke die volle Bedeu- 
tung seiner Sexualstörung erfaßt, hatte die Analyse mehr oder minder 
gegen die Gesamtpersönlichkeit des Kranken anzukämpfen; sie 
konnte auf ihn als Bundesgenossen im Kampfe gegen die Neurose 
rechnen, soweit es sich um seine Symptome handelte, unter denen er 
litt und für die er daher Krankheitseinsicht hatte. Für die Analyse 
seiner neurotischen Reaktionsbasis, seines neurotischen Charakters, 
hatte er wenig Interesse. Nun aber pflegt sich seine Einstellung dazu 
gründlich zu w^andeln, er fühlt sich auch in dieser Hinsicht krank, 
erkennt die Grundlage seiner Symptome in ihrem vollen Umfang, ge- 
winnt Interesse daran, sich in seinem Charakter zu ändern, und er- 
weitert seinen Heilungswunsch hinsichtlich seiner Sexualstörung, so- 



Zur Handhabung der Abstinenzregel Ifil 

fern er sie nicht von vornherein als störendes Symptom empfand. Er 
fühlt sich also oft subjektiv kränker als vor der Analyse, ist aber 
auch bereiter zur analytischen Mitarbeit, eine unerläfiliche Forderung 
für das Gelingen der Analyse. Im Zentrum seines Genesungsw^unsches 
steht jetzt die Absicht, zu einem gesunden Sexualleben fähig zu 
■werden, dessen Bedeutung für die psychische Gesundheit er ja vom 
Analytiker erfuhr oder selbst erfaßte. Der Genesungswunsch ist also 
im wesentlichen bewußt von der Unlust, die die Neurose schafft, 
unbewußt von den natürlichen genitalen Ansprüchen getragen. 

Die verbreiterte Kiankheitseinsicht, insbesondere das erweiterte 
Krankheitsgefühl, sind nicht nur Folgeerscheinungen der konsequen- 
ten Analyse des narzißtischen Schutzmechanismus und der Ich-Ab- 
wehr; diese leitet vielmehr einer verstärkte Abwehr in Form nega- 
tiver Übertragung ein. Ihr Sinn ist der Haß gegen den Analytiker 
als den Störenfried des neurotischen Gleichgewichts. Aber diese 
Haltung enthält bereits den Keim einer ihr entgegengesetzten in sich, 
die berufen ist, der Analyse die wesentlichsten Dienste zu leisten. 
Der Patient ist nun gezwungen, sich der Analyse ganz auszuliefern, 
er beginnt dann im Analytiker auch den Retter aus der Not zu sehen, 
den einzigen, der ihn auch gesund machen kann. Hier bekommt der 
Gesundheitswille eine feste Verankerung. Natürlich stehen diese 
Haltungen in innigster Verbindung mit infantilen Tendenzen, der 
Kastrationsangst und dem infantilen Schutzbedürfnis. 

3. Zur Handhabung der Abstinenzregel 

Wenn die Herstellung einer genital-sinnlichen Übertragung vom 
dynamischen und Ökonomischen Gesichtspunkt gefordert ist, so er- 
hebt sich die technische Frage, wie die Abstineuzregel aufzufassen, 
mit welchem Inhalt sie zu erfüllen ist. Ist jede Art der sexuellen 
Befriedigung zu unterbinden, und wenn nicht, welche? Manche Ana- 
lytiker fassen die Abstinenzregel dahin auf, daß der Geschlechtsakt 
unter allen Umständen, außer etwa bei Verheirateten, abzustellen sei, 
und begründen dies damit, daß sonst die nötige Stauung und die 
Konzentration der Libido in der Übertragung nicht zustande komme. 
Demgegenüber muß man nachdrücklichst auf die Tatsache hin- 
weisen, daß Verbote weit eher geeignet sind, die Herstellung einer 
positiven Übertragung zu verhindern, als sie zu fördern. Wir glauben 
also nicht, daß etwa ein Koitusverbof den gewünschten Zweck er- 



162 Zur Handhabung der Übertragung 

reicht. Aber ist diese Maßnahme nicht auch vom allgemeinen Stand- 
punkt der analytischen Therapie, von Ausnahmen abgesehen, zu ver- 
werfen? Verstärkt nicht ein solches Verbot automatisch die neuro- 
tische Ausgangssituation, die genitale Versagung, statt sie aufzu- 
heben? Bei sexualscheucn Frauen und erektiv impotenten Männern 
ist diese Maßnahme geradezu ein Kunstfehler. Im Gegenteil; die 
Gesamt auf fassung unserer analytischen Aufgabe zwingt uns, die 
Genitalität nur unter besonderen Umständen unter den Druck einer 
aktuellen Versagung zu stellen. Handelt es sich doch darum, daß 
die Neurose gerade durch Regression und Ablenkung der Libido von 
der genitalen Stufe entstand; daher sind die Lösung der Libido aus 
ihren abwegigen Verankerungen und ihre Konzentration auf die 
genitale Zone das nächste technische Gebot. Ganz allgemein wird 
man daher die prägenitalen Betätigungen durch Deutung zu unter- 
binden trachten, die genitalen Tendenzen aber völlig frei sich ent- 
falten lassen. Ein Onanieverbot bei Patienten, die nicht onanierten, 
in dem Augenblicke, wo sie ihre Angst davor überwinden, wäre ein 
schwerer technischer Fehler. Im Gegenteil, wir befinden uns mit 
der Ansicht, daß man die genitale Onanie ruhig gewahren lassen 
muß, und zwar lange Zeit hindurch, in Einklang mit einer Reihe er- 
fahrener und unbefangener Analytiker; nur dann, wenn die Onanie 
oder der genitale Akt deutlich zum Widerstände wird, muß das wie 
alles andere auch als Widerstand durch Deutung, nur im äußersten 
Falle durch Verbot, beseitigt werden. Das ist jedoch selten, fast nur 
bei exzessiven Masturbanten nötig. Die Überwiegende Mehrzahl 
unserer Kranken, insbesondere der weiblichen, darf in der Analyse 
keiner genitalen Versagung ausgesetzt werden. Ist doch gerade das 
Einsetzen der genitalen Onanie das erste sichere Anzeichen einer 
neuerlichen Besetzung der genitalen Stufe, einer Reaktivicrung des 
erotischen Wirklichkeitssinnes. 

In vielen Fällen wirkt die Libidostauung nicht als förderndes, 
sondern als hemmendes Element der Analyse. Wenn die Konzentra- 
tion aller Libido auf die zärtliche und sinnliche Genitalität weit 
fortgeschritten ist, so beginnen die intensiven sexuellen Erregungen 
die Analyse zu stören. Nachdem man den Inhalt der Phantasien 
ausgeschöpft hat, stellt sich eine Phase heftigen Sexual Verlangens 
ein, ohne daß weiteres unbewußtes Material produziert würde. In 
diesem Falle wirken periodische Lösungen der Stauung durch Onanie 
oder Geschlechtsverkehr befreiend, die Analyse kann wieder fort- 



Zur Handhabung der Abstinenzregel 153 

schreiten. Man sieht also, die Abstinenzregel muß äußerst plastisch 
angewendet und dem ökonomischen Prinzip der Konzentration 
der Libido auf die genitale Zone untergeordnet werden; allgemein 
ausgedrückt: an technischen Maßnahmen ist korrekt, was dieser 
Konzentration dient, unrichtig, was sie behindert. 

Uie sinnliche Übertragung, die mit dieser genitalen Konzentra- 
tion der Libido einhergeht, wird einerseits der mächtigste Förderer 
unbewußten Materials, andererseits aber auch zu einem Hindernis 
der Analyse. Durch die in der Analyse auf Grund der Übertragung 
sich einstellende genitale Erregung wird der gesamte Sexualkonflikt 
aktualisiert, und manche Patienten sträuben sich oft sehr lange, den 
Übertragungscharakter anzuerkennen. Wesentlich ist, daß sie dabei 
lernen, die genitale Versagung zu ertragen, daß sie jetzt zum ersten 
Male keine Enttäuschungsreaktionen mehr produzieren, nicht regre- 
dieren und die zärtliche und sinnliche Strebung auf ein Objekt 
vereinigt haben. Die Erfahrung lehrt, daß Fälle, die ein sol- 
ches Stadium sinnlicher Übertragung von geni- 
talem Charakter nicht mitgemacht haben, auch 
sonst hinsichtlich der Herstellung des genitalen 
Primats nicht völlig in Ordnung kommen, was vom 
Standpunkt der Libidoökonomie einen mehr oder minder schweren 
Defekt im Heilungsvorgang bedeutet. Es ist dann der Analyse ent- 
weder nicht gelungen, die sinnliche genitale Strebung wirklich 
aus der Verdrängung zu befreien, oder sie vermochte nicht das 
Schuldgefühl zu lösen, das die Vereinigung der zärtlichen und sinn- 
lichen Strebung verhindert. Zeichen des vollen Gelingens dieser 

Aufgabe sind: 

1. Genitale OnanieohneSchuldgefühl mit genitalen 
Übertragungsphantasien und entsprechender Befriedigung. Im Falle 
gleichgeschlechtlicher Patienten: Onanie mit Phantasieren des Inzest- 
objektes in Gestalt des Analytikers. 

2. Schuldgefühlfreies Phantasieren des In- 
zestes kommt manchmal vor. Der Verzicht kann am besten durch 
Verurteilung der vollbewußten Regung erfolgen. 

3. Genitale Erregungen während der Analyse als 
Zeichen der überwundenen Kastrationsangst (Erektion beim Manne, 
das entsprechende bei weiblichen Patienten). 

Diese Aktivierung der Genitalität, die die Lösung des neuroti- 
schen Charakters endgültig einleitet und zur Herstellung der geni- 



154 Zur Handhabung der Übertragung 

talen Charakterzüge führt, wird — das zu betonen ist gewiß nicht 
überflüssig — niemals durch irgendeine Art von Suggestion, sondern 
einzig und allein auf analytischem Wege erzielt, durch eine Hand- 
habung der Übertragung, die sich die beschriebene Konzentration der 
Libido auf das Genitale zum Ziele setzt. Das ist gewiß nicht bei 
allen Fällen erreichbar, ist durch die Bedingungen des Alters und 
der Chronizität der Neurose oft sehr eingeschränkt, bleibt aber kein 
bloß ideales, sondern in vielen Fällen erreichbares Ziel. In ökonomi- 
scher Hinsicht ist die Erreichung dieses Zieles unerläßlich, denn sie 
bildet die Grundlage für die Ordnung des Libidohaushaltes durch 
die Genitalfunktion entweder schon während oder erst nach Ab- 
schluß der Analyse. 

Die Gefahr, daß durch solches Gewährenlassen der Genitalität 
zur Zeit der Analyse der Patient in heikle Situationen geraten 
könnte, ist erfahrungsgemäß kaum nennenswert. Wenn er aus neuro- 
tischen Motiven Schädliches anzustellen im Begriffe ist, so gelingt es 
durch gründliche Analyse leicht, ihn davor zu bewahren, ohne Ver- 
bot, vorausgesetzt natürlich, daß man von Anfang an die Über- 
tragung beherrschte. Freilich hat die subjektive Einschätzung der 
Situation durch den Analytiker hier breiten Spielraum; der eine 
wird etwa nichts dabei finden, wenn ein junger Mann einen Ge- 
schlechtsakt ausübt, aber in dem gleichen Falle bei einem Mädchen 
streng eingreifen (doppelte Geschlechtsmoral)- Der andere wird kor- 
rekterweise keinen solchen Unterschied machen, sofern der gesell- 
schaftlich gewagtere Schritt des Mädchens nicht hinsichtlich 
der Analyse aufzuhalten ist. 

4. Zur Frage der „Lösung" der positiven Übertragung 

Freud hat als letzte Aufgabe des Analytikers, nachdem die 
Herstellung der Übertragungsneurose gelungen ist, die Lösung der 
nun in der Analyse konzentrierten positiven Übertragung aufgestellt. 
Schon die nächste Überlegung stellt uns vor die Frage, ob diese 
Lösung ganz analog ist den sonstigen Auflösungen übertragener 
Affekte durch Zurückführung auf das Infantile, ob es sich also lun 
„Auflösung" der positiven Regungen handelt. Eine Lösung der Über- 
tragung im Sinne von „Auflösung" kann es nicht geben. Es kommt 
offenbar darauf an, daß die schließlich von allen Schlacken, wie 
Haß, Narzißmus, Trotz, Enttäuschungsbereitschaft usw. befreite Ob- 



Zur Frage der „Lösung" der positiven Übertragung 155 

jektlibido vom Analytiker auf ein anderes Objekt „übertragen" 
wird, auf ein Objekt, das den Bedürfnissen der Patienten entspricht. 
Während man sonst alle sadistischen und prägenitalen Übertragun- 
gen durch Zurückführung auf das Infantile abzubauen vermag, ge- 
lingt dies bei der Genitalität nicht, denn sie ist bereits ein Stück der 
Realitätsfunktion überhaupt. Daß es hier nicht gelingt, entspricht 
ja uur der zum realen Leben drängenden Heilungstendenz im Pa- 
tienten, der jetzt seine Sexualbefriedigung fordert, und vom Stand- 
punkt der Gesundung ja mit Recht fordert.^) Daß die Zurückführung 
der genitalen Übertragung auf die genitalen Inzestwünsche sie nicht 
abbaut, sondern im Gegenteil nur noch von der Inzestbindung frei- 
macht und sie zur Befriedigung drängen läßt, ist gewiß nicht leicht 
einzusehen. Vielleicht hilft da die Überlegung, daß ja auch die Zu- 
rückführung etwa einer analen Übertragung auf die infantile Situa- 
tion nicht die Besetzung der Regung abbaut, sondern die Libido- 
besetzung von der Qualität „Anales" etwa auf die Qualität „Geni- 
tales" verschiebt. So geht ja der Fortschritt von der Prägenitalität 
zum genitalen Primat vor sich. Bei der Zurückführung der genitalen 
Übertragung auf die Ursituation kann eine solche qualitative Ver- 
schiebung nicht mehr stattfinden, weil die genitale Stufe in der 
Progression der Heilung die höchste Libidostufe darstellt. Hier 
ist nur mehr eine „Übertragung der Übertragung" auf ein reales Ob- 
jekt möglich. 

Bei dieser Ablösung der Übertragung stößt man, besonders bei 
gegengeschlechtlichen Patienten, auf große Schwierigkeiten, auf eine 
Klebrigkeit der Libido, die in manchen Fällen monatelang den Los- 
lösungsversuchen trotzt. Bei der Untersuchung der Ursachen dieser 
Klebrigkeit ergaben sich vorläufig folgende Tatbestände: 

1. Reste ungelösten Schuldgefühls, die einem noch 
nicht völlig bewußt gewordenen Sadismus gegen ein Objekt aus der 
Kindheit entsprechen. 

2. Eine geheime Hoffnung, daß der Analytiker doch 
schließlich die Liebes f orderungen erfüllen werde. Dieser geheimen 

M Das viel diskutierte Problem des „Gesundungswillens" ist nicht so 
kompliziert wie es aussieht: Jeder Kranke hat ein genügendes Stuck des 
elementaren Drängens nach Lebenslust und -genuß bewahrt, das uns die 
wesentlichste Hufe bei unseren Bemühungen bietet, auch wenn es volhg 
verschüttet ist. — =-■-.- -- --■ m .^ ■■ ' 



Ißß Ä-:"» Zur Handhabung der Übertragung 1 ^n' 

Hoffnung muß man immer nachspüren, weil die Patienten sie fast 
nie spontan bringen. >' " > 

3. Ein durch die analytische Situation selbst gegebener Rest 
nicht genitaler, sondern infantiler Bindung an den Ana- 
lytiker als Repräsentanten der schützenden 
Mutter. Hier hat die Rank sehe Auffassung der analytischen 
Situation als einer phantasierten Mutterleibssituation ihren bei vielen 
Fällen gebührenden Platz. Sowie bei der Analyse der Schuldgefühls- . 
bindung die letzten Reste sadistischer Regungen, so werden bei der ^ 
Analyse der Klebrigkeit wegen der infantilen Mutterfixierung die 
Reste der libidinösen Bindung prägenitalen Charakters aufgearbeitet. 

4. Schließlich begegnet man besonders bei Mädchen und unglück- 
lich verheirateten Frauen in diesen Endstadien der Analyse einer 
mächtigen Angst vor dem bevorstehenden Sexualleben, die sich teils als 
primitive Koitusangst, teils als Gebundenheit an die gesellschaft- 
lichen Normen der monogamen Ideologie oder der Keusch heitsf orde- 
rung entpuppen. Insbesondere die letzte bedarf gründlicher Analyse; 
diese ergibt entweder eine starke Identifizierung mit der mono- 
gamen, bzw. Keuschheit fordernden Mutter, oder ein weibliches Min- 
derwertigkeitsgcfühl. das auf nicht genügend durchgearbeitetem 
kindlichem Penisneid beruht; ferner eine rational vollberechtigte 
Angst vor den Schwierigkeiten, die das Sexualleben in einer GeseU- 
schaft bietet, die die Sexualität so sehr erniedrigt hat. Bei Männern 
begegnet man oft der Schwierigkeit, daß sie jetzt, nachdem sie die 
Zärtlichkeit und Sinnlichkeit vereinigt haben, zum Verkehr mit 
Dirnen oder bezahlten Verhältnissen unfähig geworden sind. Wenn 
sie sich nicht sofort zu einer Heirat entschließen, so gelingt eine 
adäquate Objektwahl, die Zärtlichkeit und Sinnlichkeit in gleicher 
Weise befriedigt, nicht leicht. 

Diese und noch manche andere Umstände erscliweren die Los- 
lösung vom Analytiker. Sehr oft kommt es vor. daß der Patient seine 
Sinnlichkeit an einem Objekt befriedigt, das er nicht liebt, besser, 
nicht lieben kann, weil seine Zärtlichkeit an den Analytiker gebun- 
den ist. Obwohl diese Bindung die richtige Objektfindung während 
der Analyse erschwert, ergeben sich die besten Resultate, wenn der 
Patient bzw. die Patientin noch vor Abschluß der Analyse das ge- 
eignete Sexualobjekt findet. Das hat den großen Vorteil, daß man 
das Verhalten in der neuen Beziehung noch analytisch kontrollieren 
und etwaige neurotische Residuen leicht beseitigen kann. 




Einige Bemerkungen zur Gegenübertragung 157 

Erfolgt die Objektfinduug während der Analyse nicht zu früh, 
das heißt nicht vor der Durcharbeitung der positiven Übertragimg, 
und hütet man sich davor, den Patienten irgendwie zu beeinflussen, 
etwa zu einer Objektwahl zu drängen, so kann über den Vorteil 
eines solchen Abschlusses der Behandlung gar kein Zweifel sein. 
Allerdings gibt es jetzt Schwierigkeiten gesellschaftlicher Natur, 
deren Besprechung über den Rahmen dieses Buches hinausginge und 
bereits in speziellen Schriften behandelt wurde.*) ^cr^ 

5. Einige Bemerkungen zur Gegenübertragung '''*" 

Es ist leicht einzusehen, daß die Eigenart des behandelnden 
Analytikers einen in jedem Falle verschieden maßgeblichen Faktor in 
der Behandlung darstellt. Dem Analytiker ist bekanntlich die Auf- 
gabe gestellt, in der Behandlung sein eigenes Unbewußtes wie einen 
Empfangsapparat auf das Unbewußte des Analysanden einzustellen, 
ferner jedem Patienten so zu begegnen, wie die Eigenart des Pa- 
tienten es erfordert. Das hat mit dem analytischen Wissen und Kön- 
nen, das der Analytiker überdies aufzubringen hat, nur insofern zu 
tun, als von seiner Empfänglichkeit für das fremde Unbewußte und 
seiner Fähigkeit, sich jeder analytischeu Situation anzupassen, auch 
der Fortschritt seines analytischen Wissens und praktischen Kön- 
nens abhängt. 

Zunächst muß ein leicht mögliches Mißverständnis ausgeschaltet 
werden. Freud empfahl für den Analytiker Unvoreingenommen- 
heit, die Fähigkeit, sich von jeder neuen Wendung der Analyse über- 
raschen lassen zu können. Das scheint im Gegensatz zu unserer 
Forderung nach systematischer Widerstandsanalyse und strenger Ab- 
leitung der speziellen Technik aus der Struktur des Falles zu stehen. 
Wie soll man sich, wird die Frage lauten, passiv, aufnehmend, auf 
Überraschungen gefaßt, einstellen und logisch, lenkend, systematisch 
zugleich vorgehen können? Manche Kollegen versuchen sogar irr- 
tümlicherweise, die neuen charakteranalytischen Aufgaben durch 
Nachdenken über die Struktur des Falles zu lösen. 

Der genannte Widerspruch ist nur ein scheinbarer. Hat man die 
von Freud geforderte Fähigkeit entwickelt, so wird die Hand- 

») Vgl. Reich: „Geschlechtsreife — Enthaltsamkeit — Ehemoral" 
(Münster-Verlag, 1930) und „Der sexuelle Kampf der Jugend" (Verlag f. 
Sex. Politik. 1951). 



H8 Zur Handhabung der Übertragung Q* "*• 

habung der Widerstände und der Übertragung ohne angestrengtes 
Nachdenken über die Struktur des Falles automatisch als Reaktion 
auf den Prozeß im Analysanden erfolgen. Mau wird etwa bei gleich- 
zeitig aus verschiedenen Schichten gebotenem, dynamisch unterschied- 
lichem Material spontan das eine Stück dem anderen vorziehen, 
ohne viel Nachdenken die Ich-Abwehr vor den verdrängten In- 
halten analysieren usw. Angestrengtes Nachdenken über Struktur 
und technische Notwendigkeiten ist immer ein Zeichen dafür, daß 
der Fall einen besonders neuen und ungewohnten Typus darstellt, 
oder daß das Unbewußte des Analytikers in irgend einer Hinsicht 
gegen das gebotene Material gesperrt ist. Man muß, ganz wie Freud 
es darstellte, auf jede Überraschung eingestellt, aber darüber hinaus 
auch fähig sein, das überraschend Neue sehr bald in den Gesamt- 
zusammenhang des therapeutischen Prozesses einzuordnen. Ist die 
Analyse von Anbegiini an Hand der Übertrag ungs widerstände der 
Struktur des Falles entsprechend aufgerollt worden, hat man im 
Beginne den Fehler vermieden, durch zu tiefe und verfrühte Deutun- 
gen den Fall und die Situation zu verwirren, so ergibt sich die Ein- 
ordnung neuen Materials wie von selbst. Der maßgebendste Grund 
hierfür ist, daß die in Frage kommenden Stücke des Unbewußten 
nicht willkürlich, sondern selbst vom Gang der Analyse bestimmt 
auftauchen. Voraussetzung dafür bleibt, daß das anfängliche Neben- 
einander und Durcheinander an analytischem Material und Wider- 
ständen sich in ein Nacheinander umwandelt; das ist wieder nur eine 
Frage der systematischen Widerstandsanalyse. 

Wir erhalten den falschen Eindruck, als wäre die charakter- 
analytiscUe Arbeit ein Ergebnis intellektueller Zerlegung des Falles 
während der Beliandlung, aus den technischen Besprechungen von 
Fällen, die nicht anders als intellektuell erfolgen können. Das darf 
man nicht auf die analytische Arbeit selbst übertragen, die ein 
wesentlicher Erfolg intuitiven Erfassens und Handelns ist. Wenn man 
einmal die typische Neigung des Anfängers, sein analytisches Wissen 
vom Fall auch sofort „an den Mann zu bringen", überwunden hat, 
wenn man sich frei strömen läßt, dann ist die wesentlichste Grund- 
lage des analytischen Könnens geschaffen. 

Die Fähigkeit des Analytikers, sich in seiner Arbeit frei strömen 
zu lassen, sich nicht an das intellektuell erworbene Wissen zu klam- 
mern, sondern den Fall selbst zu erfassen, hängt, das wird sofort 
einleuchten, von ähnlichen Bedingungen charakterlieher Natur im 



i 



i 



Einige Bemerkungen zur Gegenübertragung 159 

Analytiker ab, wie die gleiche Fähigkeif des Analysanden, sich gehen 
zu lassen, vom Grade der Auflockerung seiner charakterlichen Ab- 
sperrung bestimmt ist. 

Ohne hier den ganzen Komplex an Fragen aufzurollen, wollen 
wir an einigen typischen Beispielen die Frage der Gegenüber- 
tragung behandeln. Man erkennt gewöhnlich am Ablauf des 
Falles, ob und an welcher Stelle die wünschenswerte Einstellung des 
Analytikers defekt, das heißt durch eigene Schwierigkeiten gestört 
ist. Bei manchen Fällen, die nie eine affektvolle negative Übertra- 
gung zustande bringen, ist nicht so sehr ihre eigene Sperre als die 
des Analytikers schuld. Wer selbst die Verdrängung seiner aggres- 
siven Neigungen nicht behoben hat, wird unfähig sein, diese Arbeit 
in wünschenswertem Ausmaße am Patienten zu leisten, und viel- 
leicht sogar eine affektive Abneigung entwickeln, die Bedeutung der 
Analyse der negativen Übertragung auch nur intellektuell richtig 
einzuschätzen. In solchen Fällen bedeutet die zu weckende Aggres- 
sion des Patienten eine Provokation für die verdrängte Aggressivität 
des Analytikers. Dieser wird dann entweder negative Regungen 
beim Patienten übersehen, oder ihre Entfaltung in irgend einer Weise 
behindern, wenn er nicht durch übertriebene Freundlichkeit dem 
Patienten gegenüber die Verdrängung der Aggression nur verstärken 
wird. Unsere Kranken spüren derartige Einstellungen des Analyti- 
kers sehr bald heraus und nützen sie im Sinne ihrer neurotischen 
Triebabwehr gründlich aus. Affektsperre oder ängstlich überhöf- 
liches Verhalten beim Analytiker sind die wichtigsten Kennzeichen 
abgewehrter eigener Aggression. 

Das Gegenstück dazu bildet die charakteriiche Unfähigkeit, die 
sexuellen Äußerungen des Patienten, also seine positive Über- 
tragung, ohne allzu starke innere Beteiligung zu ertragen. Man kann 
aus seiner Tätigkeit als Kon troll analytiker feststellen, daß die eigene 
Angst vor sinnlich-sexuellen Äußerungen des Patienten die Behand- 
lung nicht nur oft schwer behindert, sondern leicht die Herstellung 
des genitalen Primats beim Patienten nicht zulaßt. Der Patient ent- 
wickelt ja normalerweise seine genitalen Liebesansprüche in der 
Übertragung. Ist der Analytiker selbst in sexueller Hinsicht nicht 
einigermaßen geordnet, oder zumindest intellektuell eindeutig sexual- 
bejahend gerichtet, so müssen seine Erfolge darunter leiden. Es ist 
überflüssig zu betonen, daß bei Mangel an eigenen sexuellen Er- 
fahrungen ein Erfassen der aktuellen Schwierigkeiten im Sexual- 



160 na: Zur Handhabung der Übertragung ><'' 

ieben des Patienten nur schwer möglich sein kann. Eine der wich- 
tigsten Forderungen der Lehranalyse miifite daher sein, daß die 
jungen Analytiker zumindest die gleiche Forderung erfüllen, die für 
den Kranken gilt: Herstellung des genitalen Primats und eines be- 
friedigenden Geschlechtslebens. Der sexuell gestörte oder unbe- 
friedigte Analytiker beherrscht nicht nur seine positiven Gegenüber- 
tragungen schwerer, wo er nicht zur Verdrängung seiner eigenen 
Regungen greift, er wird auf die Dauer, nach jahrelanger Arbeit die 
Provokationen seiner eigenen sexuellen Ansprüche durch die sexuel- 
len Äußerungen des Patienten schlecht vertragen und mit Sicher- 
heit in neurotische Schwierigkeiten geraten. Die Praxis stellt an uns 
in dieser Hinsicht die schärfsten Anforderungen, die zu verhüllen 
oder wegzuleugnen ein unsinniges Beginnen wäre. Ob der Analyti- 
ker, der mit solchen Schwierigkeiten bei sich selbst zu ringen hat, es 
nun bewußt bejaht oder ablehnt: jeder durchschnittliche Patient 
wird die unbewußte Sexualverneinung und -ablehnung des Analyti- 
kers spüren und infolgedessen seine eigenen Sexuulhemmungen nicht 
abbauen können. Die Sache reicht noch weiter. Der Analytiker mag 
selbst leben, wie er es für richtig hält: wenn er unbewußt starre 
moralische Prinzipien vertritt, die der Patient immer spürt, also 
etwa polygames Verhalten oder gewisse Liebesspiele selbst abgewehrt 
hat, ohne es zu wissen, wird er den wenigsten Patienten voll 
gewachsen und leicht geneigt sein, dem Patienten irgend ein Ver- 
halten als „infantil" vorzuhalten, das es an sich durchaus nicht zu 
sein braucht. 

Analytiker, die die Übertragung ihrer Patienten im wesentlichen 
narzißtisch erleben, neigen dazu, jede aktuelle Verliebtheit des Pa- 
tienten als Zeichen einer Liebesbeziehung zum Analytiker zu deuten. 
Aus dem gleichen Grunde passiert es oft, daß man die Kritik des 
Patienten und sein Mißtrauen nicht gut genug herausarbeitet. 

Analytiker, die ihren eigenen Sadismus nicht genügend kon- 
trollieren, verfallen leicht in das berühmte „analytische Schweigen", 
ohne daß entsprechende Gründe vorlägen. Sie betracliten nicht die 
Neurose des Patienten, sondern ihn selbst als Feind, der „nicht ge- 
sund werden will". Manche Drohung, man werde die Analyse ab- 
brechen, manche unnötige Terminsetzung ist nicht so sehr Ergebnis 
technischer Unzulänglichkeit als mangelnder Geduld, die sich dann 
natürlich auf die Technik auswirken muß. 

Es ist schließlich ein Fehler, wenn man die allgemeine analy- 



Einige Bemerkungen zur Gegenübertragung 161 

tische Regel, daß man dem Patienten als „unbeschriebenes Blatt" 
begegnen müsse, auf dem er dann seine Übertragung einzeichnet, 
dahin überspitzt, daß mau sich zu einer unlebendigen, mumienartigen 
Haltung bringt, immer und in jedem Falle. Viele Patienten können 
dann nicht „auftauen", was in der Folge künstliche, unanalytische 
Maßnahmen notwendig macht. Es ist klar, daß man einem aggres- 
siven Patienten anders begegnet als einem masochistischen, einem 
exaltierten Hysteriker anders als einem depressiven, daß man sein 
Verhalten auch einem und demselben Patienten gegenüber je nach 
der Situation abändert, kurz, daß man sich selbst nicht neurotisch 
benimmt, auch wenn man ein Stück Neurose selbst zu tragen hat. 

Man wird ja als Analytiker seine Eigenart nie ganz aufgeben 
können und bei der Zuteilung von Patienten diesen Tatbestand be- 
rücksichtigen, aber man wird fordern dürfen, daß diese Eigenart 
nicht störe, daß sie beherrscht sei, und daß durch die Ausbildungs- 
analyse das notwendige Mindestmaß an charakterlicher Schmiegsam- 
keit hergestellt werde. 

Kurz, die Anforderungen, die wir an den Analytiker stellen 
müssen, sind ebenso hoch, wie die Schwierigkeiten, denen wir in der 
Praxis begegnen. Im besonderen wird er sieh genau Rechenschaft 
darüber geben müssen, daß er in seiner beruflichen Tätigkeit in 
scharfer Gegnerschaft zu den meisten der derzeit heftig verteidigten 
Positionen der bürgerlichen Gesellschaft wirkt, aus diesem Grunde 
letzten Endes angefeindet, verachtet, verleumdet wird, sofern er es 
nicht vorgezogen hat, auf Kosten seiner theoretischen und praktischen 
Überzeugungen Konzessionen an eine gesellschaftliche Ordnung zu 
machen, die zu den Anforderungen der Therapie der Neurosen in 
direktem, unlösbarem Widerspruche steht. 



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II. TEIL 



THEORIE DER CHARAKTERBILDUNG 



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Wir folgten bisher in der Darstellung dem gleichen Weg, den die 
analytische Praxis der Forschung mit Notwendigkeit wies. Wir gin- 
gen von der Frage nach dem ökonomischen Prinzip der analytischen 
Therapie aus, mußten von hier die Probleme der Charakteranalyse 
aufrollen, die sich um die „narzißtische Schranke" gruppieren, konn- 
ten einen Teil der technischen Probleme lösen und fanden uns dabei 
vor neue theoretische Fragen gestellt. Es mußte uns bei den Kranken- 
geschichten auffallen, daß die narzißtische Panzerung in einer bei 
aller Unterschiedlichkeit typischen Weise mit den kindlichen Sexual- 
konflikten zusammenhängt. Das entspricht zwar durchaus unseren 
analytischen Erwartungen, stellt uns aber vor die Aufgabe, diesen 
Zusammenhängen im Detail nachzugehen. Uns konnte auch nicht 
entgehen, daß die Veränderungen der krankhaften Charakterhaltun- 
gen im Verlaufe der Behandlung nach einer bestimmten Gesetzmäßig- 
keit verlaufen. Es ist die Entwicklung von der neurotischen Struktur 
zu einer anderen, deren Wesen von der Erreichung des genitalen 
Primats bestimmt ist; wir nennen sie daher „genitaler Charakter". 
Und schließlich werden wir einige Charakterdifferenzierungen zu 
beschreiben haben, von denen die des Masochismus uns zu einer 
Kritik der neueren analytischen Trieblehre führen wird. 



11« 



I. Die charakterliche Überwmdung des kindlichen 

Sexualkonfliktes ^) v i * » 1 1 ' 

Die psychoanalytische Forschung ist in der Lage, zur Charakter- 
lehre grundsätzlich neue Gesichtspunkte und von diesen Gesichts- 
punkten her neue Ergebnisse zu liefern; dazu ist sie durch drei Eigen- 
schaften befähigt: 

durch ihre Lehre von den unbewußten MechHnismen, 

durch ihre historische Betrachtungsweise und 
H durch die Erfassung der Dynamik und Ökonomik des psychi- 
schen Geschehens, 

Indem sie von den Erscheinungen zu deren Wesen und Entwick- 
lung vordringt und die Prozesse der „Tiefenpersönlichkeit" im Quer- 
schnitt und Längsschnitt erfaßt, legt sie automatisch den Weg frei 
zum Ideal der Charakterforschung, zu einer „Genetischen Typen- 
lehre", die uns nicht nur das naturwissenschaftliche Verständnis 
menschlicher Reaktionsweisen, sondern auch deren spezifische Ent- 
wicklungsgeschichte nahebringen könnte- Das Verdienst allein, die 
Charakter forsch ung aus dem Bereich der sogenannten Geisteswissen- 
schaft im Sinne von K 1 a g e s in das der naturwissenschaftlichen 
Psychologie her überzutragen, wäre nicht zu unterschätzen. 

Die klinische Erforschung dieses Gebietes ist aber nicht einfach, 
und es bedarf zunächst einer Klärung des zu untersuchenden Tat- 
bestandes. 

1. Gestalt und Form psychisdier Reaktionen 

Die Psychoanalyse hat von vornherein bei der Untersuchung des 
Charakters ihrer Methode entsprechende neue Wege eingeschlagen. 
Freuds^) erste Entdeckung, daß sich bestimmte Charaktereigen- 

^) Zuerst vorgetragen auf der Tagung der Deutschen Psychoanalyti- 
schen Gesellschaft in Dresden, am 28. September 1950. 

*) Freud: Charakter und Analerotik. Ges. Sehr.. Bd. V. 



Gestalt und Form psychischer Reaktionen 165 

Schäften historisch als durch Einflüsse der Umwelt hervorgerufene 
Abwandlungen und Fortsetzungen primitiver Triefarichtungen er- 
klären lassen, dafi etwa Geiz, Pedanterie und Ordnungssinn Ab- 
kömmlinge analerotischer Triebkräfte sind, war hier bahnbrechend. 
Später haben insbesondere Jones*) und A b r a h a m^) die Cha- 
rakterologie durch Zurückführung von Charakterzügen auf ihre in- 
fantil-triebhafte Grundlage {z. B. Neid-Ehrgeiz -> Harnerotik) um 
grundsätzliche Funde bereichert. Bei diesen ersten Versuchen han- 
delte es sich um die Erklärung der Triebgrundlage einzelner 
typischer Charakterzüge. Die Problematik aber, die sieh aus den 
Anforderungen des therapeutischen Alltags ergibt, reicht weiter. Wir 
sehen uns vor die Alternative gestellt, den Charakter als Ge- 
samtformation sowohl allgemein als auch in seinen typologi- 
schen Abwandlungen historisch und dynamisch-ökonomisch zu ver- 
stehen oder aber auf die Beeinflussung einer nicht geringen Anzahl 
von Fällen zu verzichten, bei denen es gerade auf die Beseitigung 
ihrer charakter-neu rotisch en Reaktionsbasis ankommt. 

Da sich der Charakter des Kranken in seiner Grundeigenschaft 
als typische Reaktionsweise in den Dienst des Widerstandes gegen 
die Aufdeckung des Unbewußten stellt (Charakterwiderstand), 
läßt sich nachweisen, daß diese Funktion des Charakters in der Be- 
handlung seine Entstehung widerspiegelt: Die Anlässe, die die 
typische Reaktion eines Menschen im gewöhnlichen Leben und in der 
Behandlung in Gang setzen, sind die gleichen, die seinerzeit die Cha- 
rakterbildung bedingten, die einmal hergestellte Reaktionsweise auf- 
recht erhielten und festigten und sie zu einem automatischen, vom 
bewußten Willen unabhängigen Mechanismus gestalteten. 

Bei dieser Problemstellung kommt es also nicht auf den Inhalt 
und die Eigenart dieses oder jenes Charakterzuges an, sondern auf 
die sinnvolle Arbeitsweise und die Genese der typischen Reaktions- 
weise überhaupt. Während wir bisher hauptsächlich die Inhalte des 
Erlebens und die neurotischen Symptome und Charakterzüge ver- 
stehen und genetisch erklären konnten, gelangen wir jetzt auch zur 
Klärung des formalen Problems, der Art und Weise, in der 
erlebt wird und neurotische Symptome produziert werden. Ich meine. 



») Jones: Über analerotische Charakterzüge. Int. Ztschr. f. PsA., 

V, 1919. 

*) Abraham: Psychoanalytische Studien zur Charakterbitdung. 
Int. PsA.-Verlag, 1924. 



i«0 



Die charakterliclie Überwindung d. kindl. Sexualkonflikfes 



wir gehen in der Annahme nicht fehl, daß wir das Verständnis dessen 
anbahnen, was man den Grundzug einer Persönlichkeit 
nennen möchte. !i >.v 

Man spricht im Populären von harten und weichen, stolzen und 
sich erniedrigenden, kühlen und warmen, vornehmt^n iiiid lieifiblüti- 
gen Menschen. Die Psychoanalyse dieser verschiedenen Charaktere 
kanu nachweisen, daß es sich nur um verschiedene Formen einer 
Panzerung des Ichs gegen die Gefahren der Außenwelt und 
die verdrängten Triebansprüche des Es handelt. Hinter der über- 
mäßigen Höflichkeit des einen wirkt historisch nicht weniger Angst 
als hinter der schroffen und gelegentlich brutalen Reaktionsweise des 
anderen. Verschiedene Schicksale nur haben bedingt, daß der eine 
seine Angst in dieser, der andere in jener Form erledigt oder zu er- 
ledigen versucht. Wenn die psychoanalytische Klinik von passiv- 
femininen, paranoid-aggressiven, zwangsneurotischen, hysterischen, 
genital-narzißtischen und anderen Charakteren spricht, so hat sie 
durch diese Namengebung in etwas grober Schematik differenzielle 
Reaktionstypen erfaßt. Es kommt aber jetzt darauf an, sowohl das 
Gemeinsame der Tatsache „Charakterbildung" zu erfassen, als axich 
über die grundsätzlichen Bedingungen etwas auszusagen, die zu einer 
so typischen Differenzierung führen. 



2. Die Funktion der Charakterbildung 

Als nächstes haben wir die Frage zu behandeln, was die Cha- 
rakterbildung veranlaßt und in Gang setzt. Dazu ist es notwendig, 
an einige Eigenschaften jeder charakterlichcn Reaktion zu erinnern. 
Der Charakter besteht in einer chronischen Veränderung des 
Ichs, die mau als Verhärtung beschreiben möchte. Sic ist die 
eigentliche Grundlage für das Chronisch wer den der für die Persön- 
lichkeit charakteristischen Reaktionsweise. Ihr Sinn ist der des 
Schutzes des Ichs vor äußeren und inueren Gefahren. Als chronisch 
gewordene Schutzformation verdient sie die Bezeichnung ..Panze- 
rung". Sie bedeutet klarerweise eine Einschränkung der psychischen 
Beweglichkeit der Gesamtperson. Diese Einschränkung ist gemildert 
durch nichtcharakterliche, also atypische Beziehungen zur Außenwelt, 
die wie freigebliebene Kommunikationen in einem sonst geschlossenen 
System anmuten. Es sind „Lücken" ijn „Panzer", durch die die 
libidinösen und sonstigen I nteressen je nach der Situation gleich 



m 



Die Funktion der Charakterbildung . „. i, 107 

Pseudopodien ausgeschickt und wieder eingezogen werden. Der Panzer 
selbst ist aber beweglich zu denken. Seine Reaktions weise verläuft 
durchwegs nach dem Lusi-Unlust-Prinzip. In unlustvollen Situatio- 
nen nimmt die Panzerung zu, in lustvollen lockert sie sich. Der 
Grad dercharakterlichenBeweglichkeit, dieFähig- 
keit. sich einer Situation entsprechend der Außen- 
welt zu öffnen oder sich gegen sie abzuschließen, 
macht den Unterschied zwischen realitätstüchti- 
ger und neurotischer Charakterstruktur aus. Als 
Prototyp einer pathologisch starren Panzerung imponieren etwa der 
affektgesperrte Zwangscharakter und die schizophrenen Autismen, 
die in der Richtung zur katatonen Starre liegen. 

Der charakterliche Panzer entstand als chronisches Ergebnis des 
Aufeinanderprallens von Triebansprüchen und versagender Außen- 
welt und bezieht aus den aktuellen Konflikten zwischen Trieb und 
Außenwelt seine Kraft und seine fortdauernde Daseinsberechtigung. 
Er ist der Ausdruck und die Summe jener Einwirkungen der Außen- 
welt auf das Triebleben, die durch Häufung und qualitative Gleich- 
artigkeit ein historisches Ganzes bildeten. Das wird sofort klar, wenn 
wir an bekannte Charaktertypen denken, wie etwa „der Bürger'", 
„der Beamte", „der Proletarier", „der Fleischhauer" usw. Die Stätte, 
an der er sich bildet, ist das Ich, gerade jener Teil der Persönlichkeit, 
der an der Grenze zwischen dem bio-physiologisch Triebhaften und 
der Außenwelt liegt. Wir bezeichnen ihn daher auch als den Cha- 
rakter des Ichs. 

Im Beginne seiner definitiven Formierung finden wir in den 
Analysen regelmäßig den Konflikt zwischen den genitalen Inzest- 
wünschen und der realen Versagung der Befriedigung dieser An- 
sprüche. Die Charakterbildung setzt ein als eine be- 
stimmte Form der Überwindung des Ödipuskom- 
plexes. Die Bedingungen, die gerade zu dieser Art der Erledigung 
führen, sind besondere, eben charakterspezifische. (Diese Bedingun- 
gen gelten unter den heute herrschenden gesellschaftlichen Umstän- 
den, denen die kindliche Sexualität unterliegt. Mit der Änderung 
dieser Umstände werden sich auch die Bedingungen der Charakter- 
bildung und mit ihnen die Charakterstrukturen verändern.) Denn es 
gibt auch andere, freilich nicht so wesentliche und die gesamte zu- 
künftige Persönlichkeit bestimmende Erledigungsarten, etwa die ein- 
fache Verdrängung oder die Bildung einer infantilen Neurose. Be- 



168 Die charakterliche Überwindung d. kindl. Sexual Konfliktes 

trachten wir das Gemeinsame an diesen Bedingungen, so finden wir 
überaus intensive genitale Wünsche und ein noch verhältnismäßig 
schwaches Ich, welches aus Angst vor Strafe sich zunächst durch 
Verdrängungen schützt. Die Verdrängung führt zu einer Stauung 
der Antriebe und diese wieder bedroht die einfache Verdrängung mit 
einem Durchbruch des verdrängten Triebes. Das hat eine Verände- 
rung des Ichs, etwa Herausbildung von Haltungen ängstlicher Ver- 
meidung zur Folge, die sich mit dem Ausdruck Scheu zusammen- 
fassen lassen. Das ist noch nicht charakterlich, bloB der erste Ansatz 
dazu, hat aber für die Charakterbildung bereits bedeutsame Folgen. 
Die Scheu oder eine ihr verwandte Haltung des Ichs bedeutet zwar 
auf der einen Seite eine Einschränkung des Ichs, auf der anderen 
aber eine Stärkung; denn sie bietet einen Schutz vor Situationen, die 
es Gefahren aussetzen und das Verdrängte provozieren. 

Es zeigt sich aber, daß diese erste Veränderung des Ichs, etwa 
die Scheu, nicht hinreicht, die Bewältigung des Triebes zu leisten; im 
Gegenteil, sie führt leicht zur Angstentwicklung und wird immer die 
Haltungsbasis der kindlichen Phobie. Um die Verdrängung aufrecht- 
zuerhalten, ist eine weitere Veränderung des Ichs notwendig: Die 
Verdrängungen müssen festgekittet werden, das Ich 
muß sich verhärten, die Abwehr muß einen chronisch wirkenden. 
automatischen Charakter bekommen. Und da die parallel entwickelte 
kindliche Angst eine stete Bedrohung der Verdrängungen darstellt, da 
docb in der Angst das Verdrängte sich äußert, da ferner die Angst 
selbst das Ich zu schwächen droht, muß auch gegen die Angst eine 
schützende Formation gebildet werden. Das treibende Motiv aller 
dieser Maßnahmen, die nun das Ich ergreift, ist letzten Endes be- 
wußte oder unbewußte Angst vor Strafe, die ja durch das heute üb- 
liche reale Verhalten der Eltern und Erzieher täglich neu angefacht 
wird. So ergibt sich das scheinbare Paradoxon, daß das Kind aus 
Angst auch die Angst zu erledigen trachtet. 

Die libido-ökonomiseh notwendige Verhärtung des Ichs erfolgt 
im wesentlichen auf der Grundlage dreier Vorgänge: 

Es identifiziert sich mit der versagenden Realität in Gestalt der 
versagenden Hauptperson. 

Es wendet die Aggression, die es gegen die versagende Person 
mobilisierte und die selbst Angst erzeugte, gegen sich selbst. 

Es bildet reaktive Haltungen gegen die sexuellen Strebungen, in- 



^>iMt\tiit Die Funktion der Charakterbildung hIj ^iO 169 

dem es deren Energie nun in seinem eigenen Interesse zu ihrer Ab- 
wehr verwendet. 

Der erste Vorgang erfüllt die Panzerung mit sinnvollen Inhalten. 
(Die Affektsperre eines Zwangskranken hatte den Sinn: „Ich muß 
mich beherrschen, wie mein Vater mir immer gepredigt hat," aber 
auch: „Ich muß meine Lust retten und mich gegen den Vater ab- 
stumpfen.") 

Der zweite Vorgang bindet vielleicht das wesentlichste Stück 
aggressiver Energie, sperrt einen Teil der Motorik und schafft da- 
durch das hemmende Element des Charakters. 

Der dritte Vorgang entzieht den verdrängten libidinösen Antrie- 
ben gewisse Quantitäten an Libido, so daß ihre Durchschlagskraft 
vermindert wird. Diese Veränderung wird später nicht nur aufge- 
hoben, sondern überboten durch die Steigerung der verbliebenen 
Energiebesetzungen infolge der Einschränkung der Motorik, der Be- 
friedigbarkeit und der allgemeinen Leistungsfähigkeit. 

Die Panzerung des Ichs erfolgt also anläßlich der Strafangst, auf 
energetische Kosten des Es und mit den Inhalten der Verbote und 
Vorbilder der Erziehungspersonen. Nur so löst die Charakterbildung 
ihre ökonomische Aufgabe, den Druck des Verdrängten zu mildern 
und das Ich darüber hinaus zu stärken. Aber der ganze Prozeß hat 
auch eine Kehrseite. Hatte diese Panzerung nach innen Erfolg, vor- 
läufig wenigstens, so bedeutet sie gleichzeitig eine mehr oder minder 
weitgehende Absperrung sowohl gegen Triebreize von außen als auch 
gegen weitere Einflüsse der Erziehung. Das braucht außer in groben 
Fällen von Trotzentwieklung eine äußerliche Fügsamkeit nicht aus- 
zuschließen. Es darf auch nicht übersehen werden, daß oberfläch- 
liche Fügsamkeit, wie etwa beim passiv-femininen Charakter, sich 
mit härtester innerer Resistenz verbinden kann. An dieser Stelle ist 
der Ort hervorzuheben, daß die Panzerung in dem einen Falle an der 
Oberfläche der Persönlichkeit, in dem anderen in der Tiefe erfolgt. 
Bei tiefliegender Panzerung ist die äußere augenfällige Er- 
scheinung der Persönlichkeit nicht ihr wirklicher, sondern ihr schein- 
barer Ausdruck. Als Beispiel für Panzerung an der Oberfläche führe 
ich den affektgesperrten Zwangscharakter und den paranoid-aggres- 
siven Charakter, als Beispiel für tiefe Panzerung den hysterischen 
Charakter an. Die Tiefe der Panzerung hängt von den Bedingungen 
der Regression und Fixierung ab und gehört als Detailfrage zum Pro- 
blem der Charakterdifferenzierung. 



170 Die charakterliche Überwindung d. kindl. Sexualkonfliktes 

Ist die charakterliche Panzerung auf der einen Seite Folge und 
bestimmte Erledigungs a r t des kindliclien Sexualkonfliktcs, so wird 
sie unter den Bedingungen, denen die Charakterbildung in unseren 
Kulturkreisen unterliegt, in der Mehrzahl der Fülle Grundlage 
späterer neurotischer Konflikte und Symptomneuroseii; sie wird zur 
cfaarakter-neurotischen Keaktionsbasis. Ihre ge- 
nauere Erörterung folgt später. Ich beschränke mich hier auf eine 
kurze Zusammenfassung. i..(. t;>J>ufü 

Voraussetzung einer späteren neurotischen Erkrankung ist eine 
charakterliche Persönlichkeitsstruktur, die die Herstellung eines 
sexualökonomischen Haushalts nicht zuläßt. Die Grundbedingung 
der Erkrankung ist also nicht der kindliclie Sexualkonflikt und der 
Ödipuskomplex an sich, sondern die Art und Weise, in der sie er- 
ledigt wurden. Da aber diese Erledigung selbst von der Art des 
Familienkonfliktes weitgehend bestimmt ist (Intensität der Straf- 
angst, Weite der der Triebbefriedigung gezogenen Grenzen, Charak- 
ter der Eltern usw.), bestimmt im Letzten die Entwicklung des Ichs 
des Kleinkindes bis zur ödipusphase und in ihr den Weg zur 
Neurose oder zum geordneten sexuellen Haushalt als Grundlage der 
sozialen und sexuellen Potenz. 

Die charakterneurotische Reaktionsbasis ist dadurch gekennzeich- 
net, dafi sie z u w e i t ging und das Ich in einer Weise erstarren ließ, 
daI3 es zu einem geordneten Sexualleben und Sexualerleben spater 
nicht kommen kann. Das bedingt, dafi die unbewuflten Triebkräfte 
keine energetische Entlastung erfahren und daß die sexuelle Stauung 
nicht nur permanent bleibt, sondern sich ständig steigert. Als nächste 
Folge davon beobachten wir eine stete Zunahme der charakterlichen 
Reaktionsbildungen gegen die sexuellen Ansprüche, die sich in An- 
lehnung an aktuelle Konflikte in wichtigen Lebenssituationen heran- 
bilden (asketische Ideologie u. ä. m.). Wie im Kreislauf erhöht sich 
dadurch die Stauung, die zu neuerliehen Reaktionsbildungen ganz in 
der Art des phobischen Vorbauens führt. Die Stauung wächst aber 
immer rascher als die Panzerung zunimmt, bis schließlich die Re- 
aktionsbildung der psychischen Spannung nicht mehr adäquat ist. 
Und nun setzt der Durchbruch der verdrängten Sexualwünsche ein, 
die sofort durch Symptombildung abgewehrt werden (Bildung einer 
Phobie oder eines Äquivalents). 

In diesem neurotischen Prozeß überschichten und durchsetzen 
einander die verschiedeneu Abwehrpositionen des Ichs; wir finden 



n 

n 



■tji(il Bedingungen der Charakterdifferenzierung "I 171 

dann im Querschnitt der Persönlichkeit charakterliche Reaktionen 
nebeneinander, die entwicklungsgeschichtlich zeitlich verschiedenen 
Perioden angehören. In der Phase des schließlichen Zusammenbruchs 
des Ichs gleicht der Querschnitt der Persönlichkeit einem Landstrich 
nach einem vulkanischen Ausbruch, der Gesteinsmassen verschiede- 
ner geologischer Schichten durcheinanderlegte. Aber in diesem Durch- 
einander sind bald der führende Sinn und der kardinale Mechanis- 
mus aller Charakter liehen Reaktionen herauszufinden, die, einmal 
festgestellt und verstanden, auf dem kürzesten Wege zum zentralen 
infantilen Konflikt führen. 

3. Bedingungen der Charakterdifferenzierung ji 

"' Welche differenzierenden Bedingungen für die Herstellung der 
gesunden und der pathologischen Panzerung sind heute schon er- 
kennbar? Unsere Untersuchung der Charakterbildung bleibt sterile 
Theorie, so lange wir diese Frage nicht einigermaßen konkret beant- 
worten und dadurch der Pädagogik Anhaltspunkte liefern können. 
Die Konsequenzen, die daraus folgen, versetzen allerdings den Päd- 
agogen, der gesunde Menschen aufziehen will, in unserer heutigen 
Sexualordnung in nicht geringe Verlegenheit. 

Zunächst muß noch einmal hervorgehoben werden, daß die Cha- 
rakterbildung nicht von der bloßen Tatsache, daß Trieb und Ver- 
sagung aufeinanderstoßen, abhängt, sondern von der Art, wie dies 
geschieht, zu welchem Zeitpunkte die charakterbildenden Konflikte 
eingreifen und an welchen Trieben. 

Versuchen wir es. uns in der Fülle der Bedingungen zur ersten 
Orientierung ein Schema zu schaffen. Wir überblicken dann folgende 
prinzipielle Möglichkeiten. Das Resultat der Charakterbildung 
hängt ab: 

vom Zeitpunkt, in dem die Versagung den Trieb trifft; 

von der Häufung und Intensität der Versagungen; 

von den Trieben, die die zentrale Versagimg erfahren; 

von dem Verhältnis zwischen Gewährenlassen und Versagung; 

vom Geschlecht der hauptsächlich versagenden Person; 

von den Widersprüchen in den Versagungen selbst. 

Diese Bedingungen sind sämtlich durch die jeweilige soziale 
Ordnung der Erziehung, Moral und Bedürfnisbefriedigung, also 



L. ____ 



172 Die charakterliche Überwindung d. kiudl. Sexualkonfliktes 

letzten Endes durch die jeweilige Ökonomische Struktur der Gesell- 
schaft bestimmt. (jn ■•.;», .(.,j 

Da das Ziel einer künftigen Prophylaxe der Neurosen nur sein 
kann, Charaktere zu schaffen, die einerseits dem Ich gegen Außen 
und Innen genügend Halt geben, andererseits aber auch die für die 
seelische Ökonomie notwendige sexuelle und soziale Bewegungsfrei- 
heit lassen, müssen wir uns zunächst darüber klar werden, was jede 
Versagung einer Triebbefriedigung des Kindes im Prinzip zur 
Folge hat. i w i. -i, .-ii 

Jede Versagung von der Art der heutigen Erziehungsmaßnahmen 
bedingt eine Rückziehung der Libido ins Ich. mithin eine Verstärkung 
des sekundären Narzißmus; das bedeutet bereits eine charakterliche 
Wandlung des Ichs im Sinne einer Erhöhung der Sensibilität des 
Ichs, die etwa als Scheu und erhöhte Angstbercitschaft zum Aus- 
druck kommt. Wurde die versagende Person — was gcwölmlich der 
Fall ist — geliebt, so entwickelt sich zuerst eine ambivalente Ein- 
stellung zu ihr, die dann in eine Identifizierung ausläuft: Das Kind 
nimmt neben der Versagung auch bestimmte Charakterzüge dieser 
Person in sich auf, und zwar gerade diejenigen, die gegen den eigenen 
Trieb gerichtet sind. Das Endergebnis für den Trieb ist dann im 
wesentlichen seine Verdrängung oder eine andere Art der Erledigung. 

Die charakterliche Wirkung der Versagung ist aber ver- 
schieden nach dem Zeitpunkt, in dem sie den Trieb trifft. Im Be- 
ginne der Triebentfaltung hat sie zur Folge, daß die Verdrängung 
zu gut gelingt; der Sieg ist zwar vollsüindig, aber der Trieb steht nun 
weder der Sublimieruug zur Verfügung noch der bewußten Trieb- 
befriedigung. Die zu frühe Verdrängung etwa der analen Erotik 
schädigt die Entwicklung der analen Sublimicrungen und bereitet 
schwere anale Reaktionsbildungen vor. Charakteroiogisch bedeut- 
samer ist, daß durch die Ausschaltung der Triebe aus dem Gefüge 
der Person eine Schädigung der Gesamtaktivität gesetzt wird. Das 
sieht man zum Beispiel bei Kindern, bei denen die Aggression und die 
motorische Lust zu früh gehemmt wurden. Das wirkt sich dann 
weiter als Hemmung der Arbeitsfähigkeit aus. 

Auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung kann ein Trieb 
kaum mehr ganz zur Verdrängung gebracht werden. Hier kann eine 
Versagung nur mehr einen unlösbaren Konflikt stiften zwischen 
Verbot und Drang: Trifft eine jähe und ungewohnte Versagung den 
Trieb auf der Höbe seiner Entfaltung, so ist der Boden für die Ent- 



/ 



«•>i4«l)i Bedingungen der Cliarakterdifferenzierung ! . mO 173 

Wicklung einer triebhaften Persönlichkeit gelegt.') Das Kind nimmt 
dann das Verbot nicht voll auf, produziert aber trotzdem starke 
Schuldgefühle, die ihrerseits wieder das triebhafte Handeln zum 
Zwangsimpuls verstärken: Daher begegnen wir bei triebhaften 
Psychopathen einer ungefügtcn Charakterstruktur, die ungefähr das 
gerade Gegenteil von dem Postulat der genügenden Panzerung gegen 
Außen und Innen darstellt. Es ist für den Triebhaften charakte- 
ristisch, daß nicht die Reaktionsbildung gegen den Trieb, sondern der 
Trieb selbst {vorwiegend sadistische Impulse) in den Dienst der Ab- 
wehr von imaginären Gefahrsituationen, auch Triebgefahren, einge- 
stellt ist. Da infolge der zerrütteten Genitalstruktur der Libidohaus- 
halt desolat ist, steigert die Sexualstauung die Angst und mit ihr die 
charakterlichen Reaktionen gelegentlich zu Exzessen jeder Art. 

Das Gegenteil des triebhaften ist der triebgehemmte Charakter. 
So wie der triebhafte Charakter sich in seiner Entwicklung kenn- 
zeichnet durch den Gegensatz von vollentfaltetem Trieb und jäher 
Versagung auf seinem Höhepunkte, so der triebgehemmte Charakter 
durch eine Häufung der Versagungen und sonstigen triebeinschrän- 
kendeu Erziehimgsmafinahmen vom Anfang bis zum Abschluß der 
Triebentwicklung. Dem entspricht die charakterliche Panzerung: Sie 
neigt zur Starre, beengt beträchtlich die psychische Bewegungsfrei- 
heit des Individuums, bildet die Reaktiousbasis für depressive Zu- 
stände und Zwangssymptome (gehemmte Aggression), macht aber, 
und das ist ihr soziologischer Sinn, die Menschen zu braven, im 
Kern kritiklosen Untertanen. 

Für die Art des späteren Sexuallehens am bedeutsamsten ist das 
Geschlecht und derCharakterderHaupterziehungs- 

p er son. ■■''' 

Wir reduzieren die sehr komplizierte Einflußnahme der privat- 
wirtschaftlichen Gesellschaft auf das Kind auf den Tatbestand, daß 
es in einer aus Familien aufgebauten Erziehungsorganisation im 
wesentlichen der Vater und die Mutter sind, die als Haupt Vollzugs- 
organe des gesellschaftlichen Einflusses einwirken. Durch die meist 
unbewußt sexuelle Einstellung der Eltern zu ihren Kindern fügt es 
sich, daß der Vater die Tochter, die Mutter den Sohn mehr liebt und 
weniger ablehnt, daher auch weniger einschränkt und erzieht. Die 
Sexualbeziehung allein bestimmt also in den meisten Fällen, daß der 
gleichgeschlechtliche Elternteil zur Haupterziehungsperson wird. Mit 
»rVglTR eich: „Der triebhafte Charakter", Int. PsA.-Verlag, 1925. 



174 Die charakterliche Überwindung d. kindl. Sexualkonfliktes 

der Einschränkung, daß in den ersten Lebensjahreii des Kindes und 
bei der Masse der werktätigen Bevölkerung sich dieses Verhältnis 
zugunsten der Mutter als Erziehungsperson verschiebt, kann man 
sagen, daß die gleichgeschlechtliche Identifizierung führend ist, die 
Tochter also ein mütterliches, der Sohn ein väterliches Ich und Über- 
leb entwickelt. Es kommt aber durch eine besondere Konstellation 
der Familie oder des Charakters der Eltern auch sehr häufig zu 
Abweichungen. Wir erwähnen einige typische Grundlagen von FeM- 
identifizierungen. ,: >\ .-/-n ■ , ■-.(i-j- 

Betrachten wir zunächst die Verhältnisse beim Knaben. Unter 
gewöhnlichen Umständen, wenn er nämlich den einfachen Ödipus- 
komplex entwickelt hat, wenn die Mutter ihn mehr liebte und ihm 
weniger versagte als der Vater, wird er sich mit diesem identifizieren 
und so — vorausgesetzt, daß der Vater selbst ein aktiv-männliches 
Wesen hatte — sich in der Richtung männlicher Aktivität entfalten. 
War hingegen die Mutter eine strenge, „männliche" Persönlichkeit, 
gingen von ihr die wesentlichsten Versagungen aus, so wird sich der 
Knabe vorwiegend mit ihr identifizieren und je nach der erogenen 
Stufe, auf der die mütterliche Haupt versagung ihn traf, eine 
Mutteridentifizierung auf phallischer oder auf 
analer Basis entwickeln. Auf der Grundlage der phäni- 
schen Mutteridentifizierung pflegt sich ein phalÜsch-narzifitischer 
Charakter zu entwickeln, dessen Narzißmus und Sadismus sich be- 
sonders gegen Frauen richten (Rache an der strengen Mutter). Diese 
Haltung ist die charakterliche Abwehr der tief verdrängten ur- 
sprünglichen Liebe zur Mutter, die neben ihrem versagenden Ein- 
fluß und der Identifizierung mit ihr nicht bestehen bleiben konnte, 
vielmehr in eine Enttäuschung auslief. Genauer: Sie verwandelte 
sich in die charakterliche Haltung, aus der sie aber jederzeit wieder 
durch Analyse gelöst werden kann. 

Bei der Mutteridentifizierung auf analer Basis ist der Cha- 
rakter passiv und feminin geworden, aber nicht Männern, sondern 
Frauen gegenüber; solche Charaktere bilden oft die Basis der maso- 
chistischen Perversion mit der Phantasie von der strengen Frau. Diese 
Charakterformation dient meist der Abwehr pliallischcr Wünsche, 
die in der Kindheit kurze Zeit zwar, aber intensiv der Mutter ge- 
golten hatten. Es besteht Kastrationsangst vor der Mutter, die 
die anale Identifizierung mit ihr unterstützt. Die erogcnc Basis dieser 
Charakterformatiou ist spezifisch die Analität. 



nsiiH' Bedingungen der Charakterdifferenzierung :>itj 175 

^n Immer liegt dem passiven und femininen Charakter des Mannes 
eine Identifizierung mit der Mutter zugrunde. Aber während beim 
oben beschriebenen Typus, da die Mutter die versagende Erziehungs- 
person war, sie auch das Objekt der Angst ist, dem diese Haltung 
gilt, gibt es eine Form des passiv-femininen Charakters, die durch 
übergroße Strenge des Vaters zustande kam. Das geschah in 
der Weise, daß der Knabe von der männlich-phallischen Linie aus 
Angst vor Realisierung seiner genitalen Wünsche auf die weiblich- 
anale zurückwich, sich hier mit seiner Mutter identifizierte und zu 
seinem Vater, später zu allen Autoritäten, passiv und weiblich ein- 
stellte. Übertriebene Höflichkeit und Zuvorkommenheit, Weichheit 
und Neigung zur Hinterlist kennzeichnen diesen Typus, der mit 
seiner Haltung die aktiven männlichen Strebungen abwehrt, in erster 
Linie seinen verdrängten Haß gegen den Vater. Neben seinem de 
facto weiblich -passiven Wesen (Mutteridentifizierung im Ich) hat er 
sich aber in seinem Ich-Ideal mit seinem Vater identifiziert (Vater- 
identifizierung im Uber-Ich und Ich-Ideal), ohne diese Identifizierung 
wegen des Mangels einer phallischen Position je realisieren zu kön- 
nen. Er wird immer weiblich sein und männlich sein wollen. Ein 
schweres Minderwertigkeitsgefühl, das sich aus dieser Spannung 
zwischen weiblichem Ich und männlichem Ich-Ideal ergibt, wird 
seinem Wesen stets den Stempel des Gedrückten, manchmal Ge- 
duckten aufprägen. Die regelmäßig vorhandene schwere Potenz- 
störung gibt dem ganzen eine rationale Berechtigung. 

Vergleichen wir diesen Typus mit dem der phallischen Mutter- 
identifizierung, so sehen wir, daß der phallisch-narzißtische Cha- 
rakter ein Minderwertigkeitsgefühl erfolgreich abwehrt, so daß es 
sich nur dem geübten Auge verrät, der passiv- feminine Charakter 
dagegen sein Minderwertigkeitsgefühl offen ausprägt. Der Unter- 
schied liegt in der erogenen Grundstruktur: Die phallische Libido 
befähigt eben zur kompletten Kompensation aller Haltungen, die 
dem männlichen Ich-Ideal nicht entsprechen, während die anale 
Libido als Zentrum der Sexualstruktur beim Manne eine solche Kom- 
pensation unmöglich macht. 

Für das Mädchen gilt umgekehrt, daß ein wenig versagender 
Vater eher zur Herstellung eines femininen Charakters beitragen wird 
als ein strenger, brutaler. Serien von klinischen Vergleichen lehren, 
daß das Mädchen auf den brutalen Vater typisch mit der Ausbil- 
dung eines männlich-harten Charakters reagiert. Der stets bereit- 



176 Die charakterliche Überwindung d. kindl. Sexualkonfliktcs 

liegende Penisneid wird aktiviert und gestaltet sich unter charakler- 
licher Veränderung des Ichs zum Männlichkeitskomplex. In diesem 
Falle dient das männlich -aggressive harte Wesen der Abpanzerung 
gegen die kindlich-feminine Einstellung zum Vater, die wegen seiner 
Lieblosigkeit oder Härte verdrängt werden mußte. War hingegen 
der Vater milde und liebevoll, so konnte das kleine Mädchen ihre 
Objektliebe zum großen Teile — mit Ausschluß der sinnlichen Kom- 
ponente — beibehalten und sogar entwickeln; sie war nicht genötigt. 
sich mit dem Vater zu identifizieren. Auch sie hat zwar gewöhnlich 
einen Penisneid akquiriert; er blieb aber, da die Versagungen auf 
heterosexuellem Gebiet relativ gering waren, charakterlich unwirk- 
sam. Wir sehen also, man sagt nichts aus, wenn man behauptet. 
diese oder jene Frau hatte einen Penisneid. Auf seine charakter- 
liche und symptomatische Wirkung kommt es an. Entscheidend ist 
bei diesem Typus, daß im Ich eine mütterliche Identifizierung zu- 
stande kam; sie prägt sich in Charaktereigenschaften aus. die als 
„weiblich" bezeichnet werden. 

Die Aufrechterhaltung dieser Charakterstruktur ist an die Be- 
dingung gebunden, daß sich in der Pubertät sehr bald die vaginale 
Erotik als dauernde Grundlage der Femininität hinzugesellt. Schwere 
Enttäuschungen am Vater oder an Vater Vorbildern in diesem Alter 
können die in der Kindheit ausgebliebene männliche Identifizierung 
anregen, den schlummernden Penisneid aktivieren und so erst spät 
zu einer Wandlung des Charakters, zum männlichen hin führen. Das 
sehen wir so oft bei Mädchen, die ihre heterosexuellen Wünsche aus 
moralischen Gründen (Identifizierung mit der kleinbürgerlich morali- 
schen Mutter) verdrängen und Enttäuschungen an Männern provo- 
zieren. In der Mehrzahl der Fälle neigen solche weibliehe Charak- 
tere zur Entwicklung eines hysterischen Wesens. Wir sehen dann 
ein immerwährendes Vordringen der Genitalilät zum Objekt (Koket- 
terie) und Zurückschrecken, unter Entwicklung genitaler Angst, wenn 
es ernst zu werden droht (hysterische Genitalangst). Der hysterische 
Charakter bei der Frau hat die Funktion eines Schutzes gegen die 
eigenen genitalen Wünsche und die männliche Aggression des Ob- 
jekts (vgl. später). 

Wir begegnen in unseren Analysen dem Sonderfall, daß strenge. 
hjirte Mütter Töchter großziehen, die charakterlich weder männlich 
noch weiblich sind, sondern kindlich bleiben oder wieder werden. 
Die Mutter bot dem Kinde zu wenig Liebe, der Ambivaleuzkonflikt 



■ "I Bedingungen der Charakterdiffereazierung i -»il 177 

gegen die Mutter überwog beträchtlieli zugunsten des Hasses, vor 
dessen Gefahren sich das Kind auf die Säuglingsstufe der sexuellen 
Entwicklung zurückzog. Es haßt die Mutter auf genitaler Stufe, ver- 
drängt den Hafi und verwandelt ihn, nachdem es sich oral eingestellt 
hat, in reaktive Liebe und eine lähmende Abhängigkeit von der 
Mutter. Solche Frauen entwickeln ein eigenartig klebriges Ver- 
halten älteren oder verheirateten Frauen gegenüber, hängen an 
ihnen in masochistischer Weise, neigen zur passiven Homosexualität 
(im Falle von Perversionsbildung: Cunnilingus), lassen sich von 
älteren Frauen betreuen, entwickeln nur geringes Interesse für Män- 
ner und sind in ihrem gesamten Dasein von „Säuglingsallüren" be- 
herrscht. Diese charakterliche Haltung ist ebenso wie jede andere 
eine Panzerung gegen verdrängte Wünsche und Reizschutz gegen die 
Außenwelt: Hier dient der Charakter der oralen Abwehr intensiver 
Haßtendenzen gegen die Mutter, hinter denen in der Tiefe oft nur 
sehr schwer die ebenfalls abgewehrte normale feminine Einstellung 
zum Manne aufzufinden ist. 

Wir hatten bisher nur die Tatsache im Auge, daß das Geschlecht 
der versagenden Erziehungsperson für die Gestaltung des Charakters 
wesentlich ist, und berührten dabei ihren Charakter nur insofern, als 
wir von „strenger" und „milder" Einflußnahme sprachen. Die Cha- 
rakterbildung des Kindes hängt aber auch in anderer entscheidender 
Hinsicht vom Wesen der Eltern ab, das seinerseits wieder von all- 
gemeinen und besonderen gesellschaftlichen Einflüssen bestimmt ist. 
Vieles von dem, was man in der offiziellen Psychiatrie, die sich über 
diese Tatbestände keine Rechenschaft zu geben vermag, als vererbt 
ansieht, erweist sich bei genügend tiefer Analyse als Ergebnis früh- 
zeitiger konfliktuÖser Identifizierungen. 

Wir leugnen nicht, daß Reaktionsweisen hereditär angelegt sind. 
Hat doch schon das Neugeborene seinen „Charakter". Aber wir 
meinen, daß den ausschlaggebenden Einfluß das Milieu hat. Es be- 
stimmt darüber, ob eine vorhandene Anlage entwickelt, verstärkt 
oder gar nicht zur Entfaltung zugelassen wird. Den stärksten Ein- 
wand gegen die Anschauung vom Angeborensein des Charakters 
bilden wohl jene Fälle, bei denen die Analyse nachweist, daß sie bis 
zu einem bestimmten Alter gewisse Reaktionsweiseu hatten, von 
diesem Alter ab aber sich charakterlich vollständig anders entwickel- 
ten, etwa zuerst leicht erregbar und heiter, später depressiv, oder 
zuerst zornig-motorisch waren, dann still und gehemmt wurden. Es 

Charakteranalyse 12 



178 Die charakterliche Überwindung d. kindl. Sexualkonfliktes 

ist aber wahrscheinlich, daß ein gewisser Grundton der Persönlich- 
keit angelegt und kaum veränderbar ist. Die Uberhetonung der here- 
ditären Faktoren beruht zweifellos auf einer unbewußten Scheu vor 
den Konsequenzen, die sich für eine Kritik der Erziehung ergeben, 
wenn man ihre Einflüsse richtig einschätzt. 

Diese Streitfrage wird erst dann endgültig entschieden sein, wenn 
sich eine maßgebende offizielle Stelle dazu entschließen wird, ein 
Massenexperiment zu machen, etwa 100 Kinder von psychopathischen 
Eltern gleich nach der Geburt zu isolieren, einem gleichmäßigen Er- 
ziehungsmilieu auszusetzen und die Ergebnisse später mit dem von 
100 anderen, im psychopathischen Milieu verbliebenen Kindern zu 
vergleichen. 

Überblicken wir noch einmal kurz die bisher entworfenen Skizzen 
von Charaktergrundstrukturen, so sehen wir, daß sie alle das Ge- 
meinsame haben, durch die Konflikte aus der Eltern-Kind-Beziehung 
augeregt zu werden, sie in besonderer Form zu erledigen und gleich- 
zeitig für die Zukunft zu bewahren. Wenn Freud seinerzeit fest- 
stellte, daß der Ödipuskomplex an der Kastrationsangst zugrunde 
geht, so können wir fortsetzend sagen: Er geht zwar unter, ersteht 
aber neu in anderer Form, er transformiert sich in charakterliche 
Reaktionen, die teils seine Hauptzüge in verstellter Weise fortführen, 
teils aber Reaktionsbildungen gegen seine Grundelemente dorstellen. 

Wir dürfen weiter zusammenfassend sagen, daß der neurotische 
Charakter nicht nur in seinen Inhalten, sondern auch in seiner Form 
ganz wie das Symptom kompromißartig aufgebaut ist. Er enthält 
den infantilen Triebanspruch und die Abwehr, die der gleichen oder 
verschiedenen Entwicklungsstufen angehören; der infantile Kern- 
konflikt besteht fort, transformiert in formal in Er- 
scheinung tretenden Haltungen, in chronisch geworde- 
nen automatischen Reaktionsweisen, aus denen sie später in der 
analytischen Behandlung herausgelöst werden müssen. 

Durch diese Einblicknahme in ein Stück menschlicher Entwick- 
lung werden wir befähigt, eine Frage zu beantworten, die Freud 
seinerzeit aufgeworfen hat: In welcher Form ist das Verdrängte er- 
halten, als doppelte Niederschrift, als Erinncrungsspur oder anders? 
Wir können jetzt mit aller Vorsicht schließen, daß jene Teile des 
infantilen Erlebens, die nicht charakterlich verarbeitet wurden, als 
affektbesetzte Erinnerungsspuren, die aber das Schicksal der cha- 
rakterlichen Transformierung erfuhren, als aktuelle Reaktionsweise 



Bedingungen der Charakterdifferenzierung 179 

erhalten bleiben. So dunkel dieser Vorgang auch noch sein mag: An 
diesem ,.Als-Funktion-Fortbestehen" kann kein Zweifel sein, denn es 
gelingt uns in der analytischen Therapie, solche charakterliche Funk- 
tionen wieder in ihre Urbestandteile aufzulösen. Es handelt sich nicht 
um eine Hebung von Versunkenem, wie etwa bei der hysterischen 
Amnesie, sondern um einen Prozeß, der etwa der Wiederherstellung 
eines chemischen Stoffes aus einer Verbindung zu vergleichen wäre. 
Wir verstehen jetzt auch besser, warum es uns in manchen schweren 
Fällen von Charakterneurose nicht gelingt, den Ödipuskonflikt zu 
heben, wenn wir nur die Inhalte analysieren; das liegt daran, daß er 
in der Gegenwart gar nicht mehr existiert, sondern nur durch analy- 
tische Zersetzung der formalen Reaktionsweisen gewonnen werden 

kann. 

Diese folgenden idealtypischen Abgrenzungen, die sich auf Son- 
derung der spezifisch pathogenen von den spezifisch realitätstüchti- 
gen seelischen D>'namismen stützen, sind weit entfernt davon, theo- 
retische Spielereien zu sein. Sie geschehen vielmehr mit der be- 
wußten Zielsetzung, auf dieser Grundlage zu einer Theorie der 
seelischen Ökonomie zu gelangen, die der Pädagogik prak- 
tische Ziele setzen könnte. Es kann natürlich nur Sache der Gesell- 
schaft sein, die praktische Auswertung einer solchen Theorie vom 
seelischen Energiehaushalt zu ermöglichen und zu fordern oder ab- 
zulehnen. Die heutige Gesellschaft mit ihrer sexualablehnen den 
Moral und ihrer wirtschaftlichen Insuffizienz, der Masse ihrer Mit- 
glieder auch nur das Existenzminimum zu sichern, ist von der Kennt- 
nisnahme solcher Möglichkeiten ebenso weit entfernt wie von der 
Möglichkeit praktischer Anwendung. Das wird sofort klar, wenn wir 
vorgreifend mitteilen, daß sowohl die Elternbindung und die Onanie- 
bekämpfung in der kindlichen Friihzeit wie die Askeseforderung für 
die Pubertät und die Einzwangung der sexuellen Interessen in die 
(heute soziologisch berechtigte) Eheinstitutiou so ziemlich das Gegen- 
teil von den Bedingungen darstellen, die zur Herstellung und Durch- 
führung eines sexual Ökonomischen seelischen Haushalts notwendig 
sind. Die herrschende Sexualordnung schafft mit Notwendigkeit die 
charakterliche Grundlage der Neurosen; die sexuelle und seelische 
Ökonomie schließt die heutige, mit allen Mitteln verteidigte Moral 
aus. Das ist eine der unerbittlichen sozialen Konsequenzen der 
psychoanalytischen Neurosenforschung. 

12* 



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II. Der genitale und der neurotische Charakter 

Die sexualökonomische Funktion des Charakters 
1. Charakter und Sexualstauung 

Wir wenden uns nun der Frage zu, aus welchem Grunde denn 
überhaupt ein Charakter ausgebildet wird und welche ökonomische 
Funktion er hat. 

Die Beantwortung der ersten Frage wird angebahnf dureli die 
Beobachtung der dynamischen Funktion und der siiinvolleu Arbeits- 
weise der charakterlichen Reaktionen: Der Charakter erweist 
sich hauptsächlich und in erster Linie als ein nar- 
zißtischer Schutzmechanismu s.*) Es ist dann nahe- 



') Hier ist es notwendig, unsere Auftassungen von den Aufstellungen 
Alfred Adlers über die Charakterbildung und Hie „Sicherung" prin- 
zipiell abzugrenzen. 

a) Adler begann seine Absehwonkung von der Psychoanalyse und 
der Libidotheorie mit der These, nicht auf die Analyse der Libido, sondern 
auf die des nervösen Charakti^rs komme es an. Daß er Libido und Cha- 
rakter in Gegensatz zueinander setzte und jene ans der Beiraclihing völlig 
ausschaltete, war gerade das, was der Psyclioaaalyse völlig widersprach. 
Wir gehen zwar vom selben Problem aus, nämlich von der sinnvollen 
Arbeitsweise dessen, was man Gesamt Persönlichkeit und Charakter nennt, 
bedienen uns aber dabei einer grundsaizÜeli verscliiedeneu Theorie und 
Methodik, Wir betrachten den Charakter kausal, wenn wir fragen, was 
den seelischen Organismus zwingt, einen Charakter zu l>ilden. und ge- 
langen erst sekundär zu seinem Zweck, den wir aus der Ursache ableiten 
(Ursache: Unlust, Zweck: Schutz vor der U n 1 u s t). Adler bediente sich 
beim gleichen Problem einer finalen Betraclitimg. 

b) Wir versuchen, die Charakterbildung I ib i d oö k o n o m i seh zu 
erklären, gelangen also zu völlig anderen Resultaten als Adler, der das 
Prinzip des „Willens zur Macht" als Erklärungsprinzip wählt und dabei 
die Abhängigkeit des „Willens zur Macht" als eines narzilUischen Teil- 
strebens von den Schicksalen des Gesamtnarzißmus und der Objektlibido 
übersieht. 

c) Die Adlerschen Formulierungen über die Wirkungsweise des 
Minderwertigkeitsgefühls uad seiner Kompcusatiouen sind richtig, was nie 



Charakter und Sexualstauung 181 

liegend zu vermuten, daß, wenn der Charakter in der Gegenwart, 
etwa in der analytischen Situation, im wesentlichen dem Schutze des 
Ichs dient, er seinerzeit als ein Apparat zxun Schutze vor Gefahren 
entstanden ist. Und die Charakteranalysc eines jeden Einzelfalles 
ergibt, wenn man bis in die Zeit der endgültigen Ausbildung des 
Charakters, nämlich ins Ödipusalter, vordringt, daß sich der Charak- 
ter formiert hat unter dem Einflüsse der gefahrdrohenden Außen- 
welt und der drängenden Ansprüche des Es. 

Im Anschlüsse an die Theorie Lamareks haben Freud und 
besonders Ferenczi im SeeUschen eine autoplastische von 
einer alloplastischeu Anpassung unterschieden. Hier ver- 
ändert der Organismus dje Umwelt (Technik und Zivilisation), dort 
sich selbst, um bestehen zu können. Biologisch betrachtet, ist die 
Charakterbildung eine autoplastische Funktion, die durch die stören- 
den und unlustvollen Reize der Außenwelt (Struktur der Familie) in 
Gang gesetzt wird. Im Zusammenprall von Es und Außenwelt, die 
die Lihidobefriedignng einschränkt oder ganz verhindert, und anläß- 
lich der Realangst, die dabei entwickelt wird, reagiert der seelische 
Apparat mit der Organisierung eines Schutzapparates, den er zwi- 
schen sich und der Außenwelt aufbaut. Um diesen zunächst nur 
grob angedeuteten Vorgang zu begreifen, müssen wir für eine Weile 
den dynamischen und ökonomischen Gesichtspunkt gegen den topi- 
schen eintauschen. 

Das Ich, der der Außenwelt zugekehrte, daher exponierte Teil 
des seelischen Apparates, den Freud als Reizschutzapparat be- 
greifen gelehrt hal, ist die Stätte der Charakterbildung. Freud hat 
uns in klarer und einleuchtender Weise den Kampf geschildert, den 
das Ich als Puffer zwischen Es und Außenwelt (bzw. Es und Über- 
ich) zu kämpfen hat. Das Wesentliche an diesem Kampf ist, daß das 
Ich bei seinem Versuche, im Interesse der Selbstbehauptung zwischen 
den feindlichen Parteien zu vermitteln, die versagenden Objekte der 
Außenwelt, und zwar gerade diejenigen, die sich dem Lnstprinzip 
des Es in den Weg stellen, in sich aufnimmt und als moralische In- 
stanz, als Uber-Ich, festhält. Die Moral des Ichs ist somit kein aus 



geleugnet wurde, nur fehlt auch hier die Verbindung zu den tiefer liegen- 
den Prozessen der Libido, insbesondere der Organlibido. Wir unterscheiden 
uns von Adler gerade dadurch, daß wir das Minderwertigkeitsgefühl 
selbst und seine Auswirkungen im Ich libidotheoretisch auflösen. Unser 
Problem beginnt erst dort, wo es bei Adler aufhört. 



182 Der genitale und der neurotische Charakter 

dem Es hervorgegangener, also nicht ein im narzißtisch-libidinösen 
Organismus gewachsener, sondern ein fremder, der drängenden und 
drohenden Außenwelt entlehnter Bestandteil. Die psychoanalytische 
Trieblehre findet im seelischen Organismus zunächst nichts anderes 
als ein Bündel primitivster Bedürfnisse, deren Basis körperliche Er- 
regungszustände sind. Zwischen dieses Bündel primitiver Bedürf- 
nisse und die Außenwelt schaltet sich im Laufe der Entwicklung das 
Ich durch besondere Differenzierung eines Teiles des seelischen Or- 
ganismus. Denken wir etwa, um uns das zu veranschaulichen, an 
ein Urtierehen. Da gibt es manche, etwa die Wurzelfüßler, die Ka- 
diolarien und andere, die sich gegen die raulie Außenwelt durch einen 
Panzer aus anorganischem Material schützen, der durch chemische 
Ausscheidungen des Protoplasmas zusammengekittct wird. Manche 
dieser Urtierchen bilden schneckenartig gewundene, andere kreis- 
förmige, mit Stacheln versehene Schalen. Die Bewegung dieser ge- 
panzerten Urtierchen ist gegenüber der einfachen Amöbe beträcht- 
lich eingeschränkt, der Kontakt mit der Außenwelt ist eingeengt auf 
die Pseudopodien, die zum Zwecke der Bewegung und Nahrungsauf- 
nahme durch feine Locher im Panzer vorgestreckt und wieder zu- 
rückgezogen werden können. Wir werden noch oft Gelegenheit 
haben, uns dieses Vergleiches zu bedienen, können aber schon jetzt 
den Charakter des Ichs, vielleicht das Ich mit Freud überhaupt, 
als den reizschützenden Panzer des Es gegen die Außenwelt be- 
greifen. Das Ich im Freud sehen Sinne ist eine Slrukturinstanz, 
Unter Charakter verstehen wir hier nicht nur die äußere Er- 
scheinungsform dieser Instanz, sondern auch die Summe all dessen, 
was das Ich an typischen, das heißt für diese Persönlichkeit spezi- 
fischen Reaktionsweisen leistet, also einen wesentlich dynamisch be- 
stimmten Faktor, der sich in der charakteristischen Erscheinungs- 
form {Gang, Mimik, Haltung, Sprccliweise, sonstige Verhultungs- 
weisen) kundgibt. Dieser Charakter des Ichs baut sich aus Elemen- 
ten der Außenwelt, aus Verboten, Triebeinschränkungen und Identi- 
fizierungen verschiedenster Art auf. Die inhaltlichen Elemente des 
charakterliehen Panzers sind also äußerer, geseUschaftlicher Her- 
kunft. Ehe wir uns die Frage vorlegen, was den Kitt dieser Elemente 
bildet, welches der dynamische Vorgang der Festigung des Panzers 
ist, müssen wir uns klarmachen, daß der Schutz gegen die Außen- 
welt zwar der Hauptanlaß der Charakterbildung war, aber gewiß 
nicht auch später seine Hauptfnuktion bildet. An Schutzmitteln 



.-.; Charakter und Sexualstauung 183 

gegen die realen Gefahren der Außenwelt hat der zivilisierte Mensch 
eine Fülle zur Verfügung, die gesellschaftlichen Einrichtungen in allen 
ihren Formen. Als hochentwickeltem Organismus stehen ihm über- 
dies der Muskelapparat, um zu fliehen oder zu kämpfen, und sein 
Intellekt, um Gefahren vorauszusehen und zu vermeiden, zur Ver- 
fügung. Die charakterlichen Schutzmechanismen treten dann in 
typischer Weise in Funktion, wenn, sei es aus einem inneren Reiz- 
zustand heraus, sei es infolge äußerer, den Triebapparat treffender 
Reize, das Moment der Triebgefahr, also ein aus dem Innern stam- 
mendes Angstmoment in Frage kommt. Dann hat der Charakter die 
Aufgabe, der Aktual- {Stauungs-) Angst Herr zu werden, die der 
Energie der nicht zur Abfuhr gelangenden Triebe entstammt. 

Die Beziehung des Charakters zur Verdrängung ist darin zu 
sehen, daß die Notwendigkeit, Triebansprüche zu verdrängen, die 
Charakterbildung in Gang setzt, daß aber andererseits der einmal 
gebildete Charakter Verdrängungsaufwand erspart, indem die Trieb- 
energien, die bei gewöhnlichen Verdrängungen frei flottieren, in den 
Charakterformationen selbst aufgezehrt werden. Die Herstellung 
eines Charakterzuges zeigt somit die Losung eines Verdrängungs- 
konfliktcs an, entweder Ersparnis eines Verdrängungsprozesses über- 
haupt oder die Verwandlung einer zustande gekommenen Verdrän- 
gung in eine relativ starre, ichgerechte Formation. Die Vorgänge der 
Charakterbildung entsprechen somit durchaus der Tendenz des Ichs 
zur Vereinheitlichung der Strebungen des seelischen Organismus. Aus 
diesen Tatsachen erklärt es sich, daß Verdrängungen, die in feste 
Charakterzüge ausliefen, so viel schwerer zu beseitigen sind als 
solche, die etwa ein Symptom begründen. 

Zwischen dem Ausgangspunkte der Charakterbildung, dem 
Schutze vor realen Gefahren, und seiner schließlichen Funktion, dem 
Schutze vor der Triebgefahr und der Stauungsangst und der Auf- 
zehrung der Triebenergien, gibt es eine bestimmte Beziehung. Die 
gesellschaftliche Einordnung, insbesondere die Entwicklung vom 
primitiven Naturzustand zur Zivilisation, haben viel Einschränkung 
an libidinöser und sonstiger Befriedigung gefordert. Die Entwick- 
lung der Menschheit steht bisher im Zeichen fortschreitender Sexual- 
einschränkung, im besonderen ging die Entwicklung der patriarchali- 
schen Zivilisation und der heutigen Gesellschaft mit steigender Zer- 
splitterung und Einschränkung der Genitalität einher. Je weiter 
dieser Prozeß fortschritt. desto geringer und seltener wurden die 



18* Der genitale und der neurotische Charakter ' 

Anlässe der Realangst, freilich nur für den Einzelnen; gesellschaft- 
lich sind ja die realen Gefahren für das Leben des Individuums ge- 
stiegen. Die imperialistischen Kriege und der Klassenkampf wiegen 
die Gefahren der Urzeit gewiß reichlich auf. Trotzdem brachte die 
Zivilisation den Vorteil der Sicherheit in einzelnen Tatbeständen mit 
sich, ein Vorteil, der nicht ohne seinen Gegensatz blieb. Um die 
Realangst zu vermeiden, war es notwendig, seine Triebe einzuschrän- 
ken; man darf seine Aggression nicht ausleben, auch wenn man in- 
folge der Wirtschaftskrise verhungert, und der Sexualtrieb ist durch 
gesellschaftliche Normen und Vorurteile geknebelt; eine Übertretung 
der Normen würde sofort eine reale Gefahr T.aeh sieh ziehen, etwa 
die Strafe für „Diebstahl", für Onanie im Kindesulter oder Kerker 
. für Inzest und Homosexualität. In dem Mafie, wie die Realangst 
vermieden wird, steigert sich die Stauung der Libido und mit ihr die 
Stauuugsangst. Aktualangst und Realangst stehen zueinander also 
in einem ergänzenden Gegensatz: Je mehr Real angst ver- 
mieden wird, desto stärker die Slauungsangst und 
umgekehrt. Der Furchtlose befriedigt seine starken libidinösen 
Bedürfnisse, wenn er dabei auch gesellschaftliche Ächtung riskiert. 
Die Tiere sind infolge ihrer mangelhaften gesellschaftlichen Organi- 
sation mehr den Bedingungen der Realaugst ausgesetzt, leiden aber, 
wenn sie nicht dem Zwange der Domestikation verfallen, und auch 
hier nur unter besonderen Umständen, kaum an Triebstauungen. 

Wenn wir hier die (Real-) Angstvermeidung und die 
(Stauungs-) Angstbindung als die beiden ökonomischen Prin- 
zipien der Charakterbildung hervorgehoben haben, so ist darüber 
ein drittes Prinzip nicht zu übersehen, daß nämlich die Charakter- 
bildung im Zeichen des Luslprinzips auch hinsichtlich größtmög- 
lichen Lustgewinns steht. Ursache und Anlaß der Charakterbildung 
ist zwar der Schutz vor den Gefahren, die die Triebbefriedigung mit 
sich bringt; hat sich aber der Panzer einmal gebildet, so wirkt das 
Lustprinzip noch weiter, indem der Charakter wie das Symptom 
nicht nur der Triebabwehr und der Angslbindung. sondern auch der 
verstellten Triebbefriedigung dient. Der genital -narzißtische Cha- 
rakter etwa hat sich nicht nur gegen die Einflüsse der Außenwelt 
geschützt, er befriedigt auch ein gut Stück Libido eben in der nar- 
zißtischen Beziehung seines Ichs zu seinem leh-ldeal. Die Trieb- 
befriedigungen sind von zweierlei Art. Einerseits werden die abge- 
wehrten Triebregungeu selbst, im besonderen die prägenitalen und 



Charakter und Sexualstauung 185 

die sadistischen, bei der Herstellung und Erhaltung des Schutz- 
mechanismus zu einem großen Teil energetisch aufgezehrt; das be- 
deutet zwar nicht eine Triefabefriedigung im Sinne direkten, unver- 
hüllten Lustgewinns, wohl aber eine HerabsetzungderTrieb- 
Spannung, wie sie etwa auch durch die verstellte „Befriedigung" 
im Symptom erfolgt; und diese Herabsetzung der Triebspannung ist 
zwar phänomenologisch verschieden von der direkten Befriedigung, 
aber ihr ökonomisch fast gleichwertig: beide vermindern den Druck 
des Triebreizes. Die Triebenergie wird aufgewendet 
bei der Verkittung und Verlötung der Charakter- 
inhalte (Identifizierungen. Reaktionsbildungen usw.). So wird 
etwa bei der Affektsperre mancher Zwangscharaktere vorwiegend der 
Sadismus, bei der übertriebenen Höflichkeit und Passivität mancher 
passiv-femininer Charaktere die anale Homosexualität bei der Bildung 
und Erhaltung der Mauer zwiscben Es und Außenwelt aufgezehrt. 

Die Triebregungen, welche dem Schicksal der Verarbeitung im 
Charakter entgehen, streben nun, wenn sie nicht der Verdrängung 
anheimfallen, der direkten Befriedigung zu. Welcher Art die direkte 
Triebbefriedigung ist, hängt von der Charaktergestaltung ab, und es 
macht nicht nur den Unterschied zwischen gesund und krank, son- 
dern auch den zwischen den einzelnen Cliaraktertypen aus, welche 
Triebkräfte zur Herstellung des Charakters verwendet und welche 
zur direkten Triebbefriedigung zugelassen wurden. 

Neben der Qualität des Charakters kommt der Quantität der 
charakterlichen Abpanzerung eine große Bedeutung zu. Hat nämlich 
die charakterliche Abgrenzung gegen die Außenwelt und gegen den 
biologischen Teil der Persönlichkeit einen den Umständen der Libido- 
entwicklung entsprechenden Grad erreicht, so bleiben „Lücken" im 
Panzer übrig, die den Kontakt mit der Außenwelt vermitteln. Durch 
diese Lücken werden die frei verfügbare Libido und die anderen 
Triebregungen der Außenwelt zugewendet oder von ihr zurückge- 
zogen. Die Panzerung des Ichs kann nun einen so hohen Grad er- 
reichen, daß die Lücken „zu eng" werden, die Kommunikationswege 
mit der Außenwelt nicht mehr ausreichen, um eine geordnete Libido- 
Ökonomie und die soziale Anpassung zu gewährleisten. Als restlose 
Absperrung imponiert uns etwa die katatone Starre, als völlig un- 
zureichende Panzerung die Charakterstruktur des triebhaften Cha- 
rakters. Es ist wahrscheinlich, daß jede dauernde Verwandlung von 



186 Der genitale und der neurotische Charakter 

Objektlibido in narzißtische Libido mit einer Erstarkung und Ver- 
härtung des Ich-Panzers einhergeht. Der affektgesperrte Zwangs- 
charakter hat einen starren, nnveränderbaren Panzer mit geringen Mög- 
lichkeiten, mit der Außenwelt in a f f c k t i v e Beziehungen zu treten. 
Alles prallt an seiner glatten, hurten Oberfläche uh. i:)er querula- 
torisch-aggressive Charakter hingegen hat zwar einen beweglichen, 
aber ständig in der gleichen Weise „stacheligen" Panzer, seine Be- 
ziehungen zur Außenwelt beschränken sich im Grunde auf seine 
paranoid-aggressiven Reaktionen. Als drittes Beispiel nennen wir 
den passiv-femininen Charakter; seine Wesensart scheint nachgiebig 
und weich, aber in der Analyse lernt man sie als eine schwer auf- 
lösbare Abpanzerung kennen. 

Es ist für jede Charakterformation kennzeichnend, nicht nur 
was sie abwehrt, sondern welcher Triebkräfte sie sich bei der Ab- 
wehr bedient. Allgemein kann man sagen, daß dus Ich seinen Cha- 
rakter heranbildet, indem es eine bestimmte 'IVicbregung, die selbst 
einmal der Verdrängung unterlag, übernimmt, um mit ihrer Hilfe 
eine oder mehrere andere abzuwehren. So bedient sich etwa das Ich 
beim phallisch-sadistischen Charakter der männlichen Aggression in 
übertriebener Weise, um dadurch die femininen, passiven und analen 
Strebungen abzuwehren. Indem es sich aber dieser Miltol bedient, 
verändert es sich selbst im Sinne chronisch aggressiver Reaktions- 
weise. Andere wehren umgekehrt, um einen beso]iders häufigen 
Typus zu nennen, ihre verdrängte Aggression dadurch ab. daß sie 
sich au jeden Menschen, der ihre Aggression zu reizen imstande ist, 
„anschmieren", wie ein solcher Patient sich au.sdrückte. Sie ent- 
wickeln ein aalglattes, „schleimiges" Wesen, weichen jeder geraden 
Reaktion aus, sind nie zu fassen. Auch im Tonfall der Sprache 
kommt dies gewöhnlich zum Ausdruck; sie sprechen weich, modu- 
lierend, vorsichtig, einschmeichelnd. . Das Ich ist bei der Übernahme 
der analen Interessen zum Zwecke der Abwehr der aggressiven Re- 
gungen selbst „schmierig" und „schleimig" geworden und empfindet 
sich auch als solches. Das bedingt ein schwaches Selbstgefühl (ein 
solcher Patient empfand sich als „stinkig"), was zu weiteren Ver- 
suchen treibt, sich der Welt anzupassen, die Objekte auf jede Weise 
zu gewinnen. Da sie aber über keine echte Anpassungsfähigkeit ver- 
fügen, gewöhnlich reichlich Versagungen und Ablehnungen erfahren, 
steigert sich dadurch ihre Aggression, die verstärkte anal-passive Ab- 
wehr nötig macht usf. Die charakteranalytische Arbeit greift in 



A 



Differenz des genitalen und des neurotischen Charakters 187 

solchen Fällen nicht nur die Funktion der Abwehr an, sondern ent- 
hüllt auch das Mittel dieser Abwehr, also hier die Analität. 

Die endgültige Qualität eines Charakters — das gilt sowohl für 
das Typische wie für das Besondere — ist zweifach bestimmt: 
Erstens qualitativ durch diejenige Stufe der Libidoentwicklung, 
an der der Prozeß der Charakterbildung durch innere Konflikte am 
nachhaltigsten beeinflußt war. das heifit durch die spezifische 
Fixierungsstelle der Libido. Darnach werden etwa depressive (orale), 
masochistische, genital-narzifitische (phallische), hysterische (genital- 
inzestuöse) Charaktere und Zwangscharaktere (sadistisch-anale 
Fixierung) zu unterscheiden sein. Zweitens quantitativ durch 
die Libidoökonomie, die von der qualitativen Bestimmung abhängt. 
Jene könnte man auch die historische, diese die aktuelle Bedingtheit 
der Charakterform nennen. 

2. Die libido-ökonomische Differenz des genitalen und des 

neurotischen Charakters 

Geht die charakterliche Panzerung über ein gewisses Maß hinaus, 
hat sie sich hauptsächlich solcher Triebregungen bedient, die unter 
normalen Umständen den Beziehungen zur Realität dienen, ist da- 
durch insbesondere die sexuelle Befriedigungsfähigkeit allzusehr ein- 
geschränkt worden, so sind alle Bedingungen für die Herstellung des 
neurotischen Charakters gegeben. Wenn man nun die Charakter- 
bildung und -struktur neurotischer Menschen mit der arbeits- und 
liebesfähiger Individuen vergleicht, so gelangt man zu einem quali- 
tativen Unterschied der Mittel, mit denen die charakterliche Bin- 
dung der gestauten Libido erfolgt. Man kann dann feststellen, daß 
es zulängliche und unzulängliche Mittel der Angstbindung gibt; als 
Prototyp der zulänglichen erweisen sich die genital- 
orgastische Befriedigung der Libido und die Subli- 
raierung, als unzulängliche alle Arten der prägenitalen 
Befriedigung und die Reaktionsbildung. Dieser quali- 
tative Unterschied drückt sich dann auch in einem quantitativen aus: 
Der neurotische Charakter leidet unter einer sich ständig steigernden 
Libidostauung, eben weil seine Befriediguugsmittel den Bedürfnissen 
des Triebapparats nicht adäquat sind; der andere, der genitale Cha- 
rakter, steht unter dem Einfluß eines ständigen Wechsels von Libido- 
spannung und adäquater Libidobefriedigung, verfügt also über einen 



'Ö^ ■ Der genitale und der neurotische Charakter 

geordneten L i bi d o h a u sh a 1 1. Die Bezeichnung „genitaler 
Charakter" rechtfertigt sich durch die Tatsache, daß, ganz verein- 
zelte Falle vielleicht ausgenommen, der genitale Primat und die 
orgastische Potenz (selbst durch eine besondere Charakterstruktur 
bestimmt) gegenüber allen anderen Libidostrukturen allein den ge- 
ordneten Libidoh aushalt gewährleisten. 

Die historisch bedingte Qualität der charakterbildenden 
Kräfte und Inhalte bestimmt also aktuell die quantitative Re- 
gulierung des Libidohaushaltes und macht dadurch nnch an einer 
bestimmten Stelle den Unterschied zwischen „gesund" und krank" 
aus. Hinsichtlich der qualitativen Unterschiede sind der genitale und 
der neurotische Charakter als Idealtypen aufzufassen. Die realen 
Charaktere stellen Mischformen dar und es kommt bloß auf die Ent- 
fernung von dem einen oder anderen Tdealtyi> an, ob die Libido- 
okouomie gewährleistet ist oder nicht. Hinsichtlich der Quantität 
der möglichen direkten Libidobefriedigung sind der genitale und der 
neurotische Charakter als Durch.schnittstypen aufzufasstm: Entweder 
ist die LibidobefriediKung derart, daß sie die Stauung des unver- 
wendeten Libido zu beheben vermag, oder sie ist es nicht; in diesem 
letzten FaJle entstehen Symptome oder iiciiroiisclie Charakterzüge 
die die soziale und sexuelle Leistungsfähigkeit beeinträchtigen 

Wir wollen nun versuchen, die qualitativen Unterschiede 
der beiden Idealtypeu darzustellen und werden dabei der Reihe nach 
die Struktur des Es, des Über-Ichs und schließlich die von beiden 
abhängigen Eigenschaften des Ichs einander gegenüberstellen. 

a) Struktur des Es: 

Der genitale Charakter hat die postambivalcnte genitale Stufe 
(Abraham)') voll erreicht, der Inzestwunsch und der Wunsch den 
Vater (die Mutter) zu beseitigen, sind aufgegeben worden, die Geni- 
tahtat wurde auf ein heterosexuelles Objekt übertragen, das nicht 
etwa, wie beim neurotischen Charakter, das Inzestohjekt aktuell dar- 
stellt, sondern seine Rolle völlig übernommen hat, oder besser au 
seine Stelle getreten ist. Der Ödipuskomplex existiert 
aktuell nicht mehr, er ist „untergcgaiigen"; er ist nicht etwa 

. ., , '* yg'- •^«'■l Abraham : „Psychoanalytische Studien zur Charakter- 
bildunp (Int. PsA. Bibl.. Nr. XXVI. 1925), insbesondere Kap. III: Zur Oha- 
ra icterbiidung auf der ..genitalen" Entwicklungsstufe. 



II 



Differenz des genitalen und des neurotischen Charakters 189 

verdrängt, Ron<Ierii frei von Besetzung. Analysiert man genitale 
Charaktere, so muß, wenn die Analyse überhaupt gelingen soll, erst 
die Neubesetzung des Inzestobjekts erfolgen, was gewöhnlich eine 
vorübergehende Schädigung der aktuellen Liebesbeziehungen zur 
Folge hat. Die pragenitaleu Tendenzen (Analität, Oralerotik, Voyeur- 
tum usw.) sind nicht verdrängt, sondern teils in kulturellen Subli- 
mierungen charakterlich verankert, teils sind sie an der direkten Be- 
friedigung in den Vorlustakten beteiligt und jedenfalls der Genitali- 
tät untergeordnet. Der Sexualakt bleibt das vornehmste und lust- 
vollste Sexualziel. Die Aggressivität ist ebenfalls zum größten Teile 
in sozialen Leistungen sublimiert, zum geringeren Teile liefert sie 
ihren direkten Beitrag zum genitalen Sexualleben, ohne jedoch je- 
mals zur ausschließlichen Befriedigimg zu drängen. Diese Verteilung 
der Triebkräfte sichert die Fähigkeit zur entsprechenden orgastischen 
Befriedigung, die zwar nur auf genitalem Wege, das heißt an der 
genitalen Zone zu erzielen ist, aber nicht auf das genitale System 
beschränkt bleibt, sondern die prägcnitalen und aggressiven Tenden- 
zen ebenfalls zur Befriedigung bringt. Je weniger prägcnitale An- 
sprüche verdrängt sind, je besser die Systeme der Prägenitalität mit 
der Genitalität kommunizieren, desto vollständiger die Befriedigung, 
desto geringere Möglichkeiten zur Herstellung einer pathogenen 

Stauung der Libido. 

Demgegenüber weist der neurotische Charakter die Eigenschaft 

auf wenn er nicht von vornherein schwach potent ist oder abstinent 

lebt, was bei der überwiegenden Mehrzahl der Fälle zutrifft — , seine 
freie, unsidilimierte Libido nicht entsprechend im Orgasmus abführen 
zu können. Er ist immer relativ orgastisch impotent. Diese Tat- 
sache leitet sich aus folgender Triebkonstellation ab: Die Inzest- 
objekte sind aktuell besetzt oder die ihnen zugehörige Libido- 
besetzung ist in Reaktionsbildungen aufgebraucht. Wenn ein Liebes- 
leben überhaupt besteht, so stellt man leicht seinen Infantilismus fest; 
die geliebte Frau vertritt bloß die Mutter {Schwester usw.) und die 
Liebesbeziehung ist mit allen Ängsten, Hemmungen und neuroti- 
schen Schrullen der infantilen Inzestbeziehung belastet (unechte 
Übertragung). Der genitale Primat ist entweder gar nicht vorhanden 
oder nicht besetzt, oder aber wie beim hysterischen Charakter durch 
die Inzestfixierung der Genitalität funktionsgestört. Die Sexualität 
bewegt sich — das gilt vornehmlich für die Übertragungsneurosen — 
in den Bahnen der Vorlust, wenn nicht Abstinenz oder Sexualscheu 



^90 ' Der genitale und der neurotische Charakter 

vorherrscht. So entsteht eine Zirkelwirkung: Die infantile Sexual- 
fixierung stört die orgastische Funktion des genitalen Primats, diese 
Störung wieder schafft die Libidostauung; die gestaute Libido ver- 
stärkt ihrerseits die prägeuitalen Fixierungen und so fort. Durch 
diese tiberbesetzung und Hochgespanntheit der prügenitalcii Systeme 
schleichen sich Übidinöse Regungen in jede kulturelle und soziale 
Leistung ein, was natürlich nur eine Störung zur Folge haben kann 
weil dann die Leistung in assoziative Verbindung mit Verdrängtem, 
Verbotenem tritt, ja, gelegentlich sogar völlig zur Sexual betätigung 
in verstellter Form wird (zum Beispiel Violinspiclcrkrampf). Der 
libidinöse Zuschuß zur sozialen Leistung ist nicht frei verfügbar, weil 
er in der Verdrängung an die infantilen Triebzielo gekettet ist. 

h) Struktur des Uber-Ichs; 

Das Über-Ich des genitalen Charakters zeichnet sich vor allem 
dadurch aus, daß es wichtige sexualbejahende Elemente ent- 
hält; daher besteht bis zu einem hohen Grad Einklang zwischen Es 
und Über-Ich. Da der Ödipuskomplex seine Besetzung verloren hat, 
ist auch die Gegenbesetzung an den Kernelementen des Über-Ich» 
überflüssig geworden. Man karm sagen, daß praktisch keine sexuelleo 
Über-Ich-Verbote bestehen. Das Uber-lch ist nicht sadistisch über- 
lastet, nicht nur aus dem eben genannten Grunde, sondern auch weil 
keine Libidostauung besteht, die den Sadismus hochtreiben und das 
Uber-fch grausam machen könnte.^) Die genitale Libido ist, da sie 
direkt befriedigt wird, nicht in den Ich-ldealsfrebungcu versteckt 
daher sind die sozialen Leistungen nicht in erster Linie Potenz- 
beweise wie beim neurotischen Charakter, sondern gewähren eine 
natürliche, nicht kompensierende narzißtische Befriedigung. Da die 
Potenz in Ordnung ist, bestehen keine Minderwertigkeitsgefühle. Das 
Ich-Ideal ist vom Real-lch nicht allzuweit entfernt, es besteht daher 
keine unüberwindbare Spannung zwischen beiden. 

Beim neurotischen Charakter sehen wir hingegen das Über-Ich 
im wesentlichen gekennzeichnet durch die Sexualverncinung, wo- 
durch automatisch der bekannte große Konflikt und Gegensatz 
zwischen Es und Über-Ich herg&stellt wird. Da der Ödipuskomplex 
nicht überwunden ist, ist auch der Kern des Über-Ichs, das Inzest- 

') Über die Abhängigkeil des Sadismus von der Libidostauung, vgl. 
Kapitel VII in meinem Buche „Die Funktion den Orgusuius". 



Differenz des genitalen und des neurotischen Charakters 191 

verbot, voll erhalten und stört jede Art von Sexualbeziehung {De- 
tails beim Sexualakt!). Die mächtige SexuaWerdrängung des Ichs 
und die in ihrem Gefolge sich einstellende Libidostauung verstärkt 
die sadistischen Antriebe, die unter anderem in einer brutalen Moral 
zum Ausdruck kommen. (Hier muß daran erinnert werden, daß nach 
Freuds Ausführungen die Verdrängung die Moral schafft und 
nicht umgekehrt.) Da immer ein mehr oder minder bewußtes Im- 
potenzgefühl besteht, werden viele soziale Leistungen in erster Linie 
kompensierende Potenzbeweise, was die Minderwertigkeitsgefiihle 
nicht verringert; im Gegenteil: da die sozialen Leistungen oft Potenz- 
beweise sind, aber das genitale Potenzgefühl in keiner Weise ersetzen 
können, wird der neurotische Charakter das Gefühl der inneren 
Leere und Unfähigkeit nie los, er mag noch so gut kompensieren. So 
kommt es, daß die positiven Ich-Ideal f orderungen immer höher ge- 
schraubt werden, während das Ich, ohnmächtig und von Minder- 
wertigkeitsgefühlen doppelt gelähmt (Impotenz und hohes Ich-Ideal), 
immer untüchtiger wird. 

c) Struktur des ichs: 

Betrachten wir nun die Einflüsse, unter denen das Ich des geni- 
talen Charakters steht. Die periodischen orgastischen Lösungen der 
libidinösen Spannung des Es haben zur Folge, daß sich der Druck 
der Triebansprüche des Es auf das Ich beträchtlich vermindert; das 
Es ist weitgehend befriedigt und das Über-Ich hat aus diesem Grunde 
keinen Anlaß, sadistisch zu sein: Es übt auf das Ich keinen beson- 
deren Druck aus. Das Ich übernimmt die genitale Libido und gewisse 
prägenitale Strebungen des Es ohne Schuldgefühl zur Be- 
friedigung und Bublimiert die natürliche Aggressivität sowie Teile 
der prägenitalen Libido in sozialen Leistungen. Das Ich ist hinsicht- 
lich der Genitalität nicht gegen das Es eingestellt und kann ihm um 
so leichter gewisse Hemmungen auferlegen, als es ihm in der Haupt- 
sache, in der Libidobefriedigung, nachgibt. Das scheint die einzige 
Bedingung zu sein, unter der das Es sich überhaupt vom Ich, ohne 
die Mittel der Verdrängung, in Schach halten läßt. Eine starke 
homosexuelle Strebung wird sich ganz anders verhalten, wenn das 
Ich auch die Heterosexualität nicht befriedigt, und anders, wenn keine 
Libidostauung besteht. Das ist ökonomisch leicht zu verstehen, da 
ja bei der heterosexuellen Befriedigung — vorausgesetzt, daß die 
Homosexualität nicht verdrängt, das heifit aus dem Kommunikations- 



192 Der genitale uod der neurotische Cliarakter 

System der Libido ausgeschaltet ist — auch den homosexuellen Stre- 
bungen Energie entzogen wird. 

Da das Ich sowohl von seiten des Es als auch des Uber-Ichs 
unter geringem Drucke steht — was in erster Linie der Sexual- 
befriedigung zuzuschreiben ist — , muß es sich nicht gegen das Es in 
der Weise wehren wie das des neurotischen Charakters; es braucht 
nur geringe Gegenbesetzungen und hat daher reichlich Energien frei 
für das Erleben und Handeln in der Außenwelt; sein Handeln und 
seine Erlebnisse sind intensiv, frei strömend; das Ich ist sowohl der 
Lust als auch der Unlust in hohem Maße zugänglich. Auch das Ich 
des genitalen Charakters hat einen Panzer, aber es verfügt über ihn, 
es ist ihm nicht ausgeliefert. Dieser Panzer ist schmiegsam genug* 
um sich den verschiedenen Situationen des Erlebens anzupassen; der 
genitale Charakter kann sehr fröhlich, aber er kann, wenn nötig, 
auch sehr zornig sein; er reagiert auf Objektverlusl mit entsprechen- 
der Trauer, aber er verfällt ihr nicht; er kann intensiv und hin- 
gebend lieben, aber er kann auch cnergiscli hassen; er kann in ent- 
sprechender Situation kindlich sein, wird aber nie infantil erscheinen; 
sein Ernst ist natürlich, nicht kompensierend steif, weil er keine 
Tendenz hat, sich partout erwachsen zu zeigen; sein Mut ist kein 
Fotenzbeweis, sondern sachlich gerichtet; er wird daher auch unter 
Umständen, etwa in einem Kriege, wenn er von dessen LJnberechtigt- 
heit überzeugt ist, dem Vorwurf der Feigheit nicht ausweichen, son- 
dern seine Überzeugung vertreten. Da die infantilen Wunsclivor- 
stellungen ihre Besetzung verloren haben, ist sein llaÜ ebenso wie 
seine Liebe rational gerichtet. Die Schmiegsamkeit sowohl wie die 
Festigkeit seines Panzers zeigen sich darin, <Iaß er sich in dem einen 
Falle der Welt ebenso intensiv öffnen, wie er in einem anderen Falle 
sich vor ihr abschließen kann. Seine Hingebungsfähigkeit zeigt sich 
vor allem in seinem sexuellen Erleben: Im Sexualakt mit dem ge- 
liebten Objekt hört das Ich bis auf die Wahrnehniungsfunktion fast 
zu existieren auf, der Panzer hat sich vorübergehend völlig gelöst. 
die ganze Persönlichkeit strömt im Lustericben, ohne Angst, sich 
darin zu verlieren, denn sein Ich hat eine solide narzißtische Fun- 
dierung, die nicht kompensiert, sondern sublimiert. Und sein Nar- 
zißmus schöpft aus dem Sexualerleben seine besten Energien. Be- 
trachtet man seine aktuellen Konflikte, so sieht man schon an der 
Art, wie er sie löst, daß sie rationalen Charakter haheji. nicht be- " 
lastet sind von lufautÜem und Irrationalem, wieder aus dem Grunde, 



Differenz des genitalen und des neurotischen Charakters 193 

daß die rationelle Libidoökonomie eine Überbesetzung der infan- 
tilen Erlebnisse und Wünsche unmöglich macht. 

Wie der genitale Charakter in keiner Hinsicht steif und krampf- 
haft ist, so auch nicht in den Formen seiner Sexualität. Da er be- 
friedigbar ist, ist er zur Monogamie ohne Zwang oder Verdrängung 
fähig, aber er ist bei rationaler Begründung auch schadlos fähig zum 
Wechsel des Objekts oder zur Polygamie. Er klebt nicht an seinem 
Sexualobjekt aus Schuldgefühl oder moralischen Rücksichten, son- 
dern er hält es aus seinem gesunden Verlangen nach Lust fest: weil 
es ihn befriedigt. Er kann polygame Wünsche ohne Verdrängung be- 
zwingen, wenn sie in Widerspruch zu seiner Beziehung zum ge- 
liebten Objekt stehen; aber er ist auch imstande, ihnen ohne Schaden 
nachzugeben, wenn sie ihn allzusehr stören. Den dadurch entstehen- 
den aktuellen Konflikt erledigt er in realitätsentsprechender Weise. 
Neurotische Schuldgefühle sind kaum vorhanden. Seine Sozialität 
beruht nicht auf verdrängter, sondern auf sublimierter Aggression 
und auf seiner Eingeordnetheit in die Realität. Das bedeutet aber 
nicht, daß er sich der Realität immer beugt; im Gegenteil, gerade der 
genitale Charakter -vermag infolge seiner der heutigen gesellschaft- 
lichen Situation widersprechenden Struktur — ist doch unsere Kultur 
durchaus moralisch-antisexuell — sie zu kritisieren und zu verändern; 
seiue geringe Leben sängst lichkeit bewahrt ihn vor Konzessionen an" 
die Umwelt, die seiner Überzeugung widersprechen. 

Wenn der Primat des Intellekts eine Forderung der gesellschaft- 
lichen Entwicklung und ihr Ziel ist, so ist er ohne den genitalen 
Primat undenkbar, weil die Vorherrschaft des Intellekts nicht nur 
dem irrationellen Sexualleben ein Ende macht, sondern gerade selbst 
die geordnete Libidoökonomie zur Voraussetzung hat. Genitaler und 
intellektueller Primat gehören ebenso zueinander, einander wechsel- 
seitig bedingend, wie Libidostauung und Neurose, Über-lch (Schuld- 
gefühl) und Religion, Hysterie und Aberglauben, prägenitale Libido- 
befriedigung und die heutige Sexualmoral, Sadismus und Ethik, 
Sexualverdrängung und Vereine zur Hebung gefallener Mädchen. 

So wie beim genitalen Charakter der geregelte Libidohaushalt, 
getragen von der Fähigkeit zum sexuellen Vollerleben, die Basis ist, 
auf der sich die beschriebenen Charakterzüge aufbauen, so wird 
alles, was der neurotische Charakter ist und tut, letzten Endes be- 
stimmt von seinem inadäquaten Libidohaushalt. -'-rja 

Charakteranalyie " 



194 ,^ Der genitale und der neurotische Charakter 

Das Ich des neurotischen Charakters ist entweder asketisch oder 
der Sexualbefriedigung nur unter Schuldgefühlen zugänglich. Es 
steht unter doppeltem Drucke: auf der einen Seite dus ständig un- 
befriedigte Es mit seiner gestauten Libido, auf der anderen das 
brutale Über-lch. Das Ich ist feindlich gegen das Es und liebe- 
dienerisch gegen das Über-lch eingestellt, nicht ohne den Gegensatz, 
sein Liebäugeln mit dem Es und seiner geheimen Auflehnung gegen 
das Über-lch. Seine Sexualität ist, sofern sie nicht völlig der Ver- 
drängung erlag, vorwiegend prägcnital gerichtet, die Genitalität ist 
infolge der herrschenden Sexualmoral anal und sadistisch gefärbt: 
Der Akt bedeutet etwas Schmutziges und Grausames. Da die Aggres- 
sivität teils im charakterlichen Panzer, teils im Über-lch verarbeitet 
bzw. -verankert ist, sind die sozialen Leistungen defekt. Das Ich ist 
entweder gegen Lust und Unlust gesperrt (Affektsperre) oder nur 
der Unlust zugänglich oder jede Lust verwandelt sich sehr bald in 
Unlust. Der Panzer des Ichs ist starr, wenig oder gar nicht beweg- 
lich, die „Kommunikationen" mit der Auficiiwclt sind sowohl in 
objekt-Iibidinöser als auch in aggressiver Hinsicht unzulänglich, 
ständig von der nar?j'fltischen Zensur kontrolliert. Seine Funktion ist 
vorwiegend gegen das Innen gerichtet; daraus ergibt sich eine mehr 
oder minder ausgesprochene Schwäche der Realitätsfuiiktion. Die 
Beziehungen zur Außenwelt sind entweder unnatürlich, unlebcndig 
oder widersprochen, auf keinen Fall kann die Gesamtpersönlichkeit 
harmonisch mitschwingen. Die Fähigkeit zum Vollerleben fehlt 
Während der genitale Charakter seine Schutzmechanismen abändern 
verstärken und abschwächen kann, ist das Ich des neurotischen Cha- 
rakters den unbewußt in der Verdrängung sich abspielenden Mecha- 
nismen seines Charakters völlig ausgeliefert; er kann nicht anders, 
auch wenn er will. Er möchte fröhlich oder zornig sein, ist aber 
dazu nicht fähig. Er kann weder intensiv lieben, weil seine Sexuali- 
tät in wesentlichen Stücken verdrängt ist, noch kann er adäquat 
hassen, weil sein Ich sich seinem durch die Libidostauung mächtig 
gewordenen Hafi nicht gewachsen fühlt und ihn verdrängen mußte. 
Und wo er Liebe oder Haß aufbringt, entspricht die Reaktion kaum ■ 
dem rationalen Tatbestande, im Unbewußten schwingen die infan- 
tilen Erlebnisse mit und bestimmen das Ausmaß und die Art der 
Reaktionen. Die Starre seines Panzers macht es ihm sowohl unmög- 
lich, sich irgendeinem Erleben zu öffnen, wie es ihn verhindert, sich 
gegen andere Erlebnisse, wo es rational berechtigt wäre, gänzlich ab- 




Differenz des genitalen und des neurotischen Charakters 195 

zuschließen. Ist er nicht sexualscheu oder bei den vorbereitenden 
Aktionen des Sexualaktes gestört, so kommt es entweder überhaupt 
zu keiner Befriedigung, oder sie ist durch den Mangel an Hingebungs- 
fähigkeit so weit gestört, daß der Libidohaushalt nicht geregelt wird. 
Bei der genauen Analyse des Erlebens während des Sexualaktes 
lernt man Typen unterscheiden, etwa den narzißtischen Menschen, 
der nicht dem Lustempfinden zugewendet, sondern darauf konzen- 
triert ist, einen recht potenten Eindruck zu machen; oder den Hyper- 
ästheten, der darauf bedacht ist, ja keinen Körperteil zu berühren, 
der sein ästhetisches Empfinden verletzen könnte; den Menschen 
mit dem verdrängten Sadismus, der den Zwangsgedanken nicht los 
wird, er könnte der Frau weh tun, oder von Schuldgefühl geplagt 
ist, daß er die Frau mißbrauche; den sadistischen Charakter, für den 
der Akt eine Marterung des Objektes bedeutet; man könnte beliebig 
fortfahren. Wo solche Störungen nicht völlig ausgesprochen sind, 
findet man die ihnen entsprechenden Hemmungen in der gesamten 
Einstellung zur Sexualität. Da das Uber-Ich des neurotischen Cha- 
rakters keine sexualbejaheuden Elemente enthält, wendet es sich 
vom Sexualerleben ab (wie H. Deutsch auch für den Gesunden 
irrtümlicherweise postuliert); das bedeutet aber, daß nur die halbe 
Persönlichkeit am Erleben teilnimmt. 

Das Impotenzgefühl treibt das Ich dazu, narzißtisch zu kom- 
pensieren, wo der genitale Charakter eine solide narzißtische Fun- 
dierung hat. Die aktuellen Konflikte sind von irrationalen Motiven 
durchsetzt, was den neurotischen Charakter unfähig macht, zu ratio- 
nellen Entscheidungen zu kommen; die infantile Einstellung, der 
infantile Wunsch schwingt störend immer mit. 

Sexuell unbefriedigt und unhefriedigbar, muß der neurotische 
Charakter schließlich entweder asketisch werden, oder er lebt in 
starrer Monogamie, aus Moral, wie er glaubt, oder aus Rücksicht auf 
den Sexualpartner, in Wirklichkeit aus Angst vor der Sexualität und 
aus Unfähigkeit, sie zu regulieren. Da der Sadismus nicht sublimiert 
ist das Uber-Ich streng wütet, das Es ständig auf Befriedigung seiner 
Bedürfnisse drängt, entwickelt das Ich Schuldgefühle, die es soziales 
Gewissen nennt, und ein Strafbedürfnis, in dem es sich selbst all das 
antun möchte, was es dem anderen anzutun wünscht. 

Eine kurze Überlegung zeigt, daß die empirische Feststellung 
der beschriebenen Mechanismen zur Grundlage einer umwälzenden 

5S* 



196 o-2i Der genitale und der neurotische Charakter 

Kritik sämtlicher moraltheoretischen Systeme wird. Ohne hier diese 
für die gesellschaftliche KuUurbildung entscheidende Frage aufzu- 
rollen, kann vorläufigerweise festgestellt werden, daß bei gesell- 
schaftlicher Ermöglichung der Bedürfuisbefricdignng und der ihr 
entsprechenden Wandlung der menschlichen Strukturen die mora- 
lische Regulierung des gesellschaftlichen Lebens in gleichem Maße 
fortfallen muß. Die letzte Entscheidung liegt nicht im psychologi- 
schen, sondern im Bereiche der soziologischen Prozesse, die zur so- 
zialistischen Planwirtschaft führen. Für unsere klinische Praxis 
kann kein Zweifel mehr darüber bestehen, daß jede gelingende ana- 
lytische Behandlung, der die Umwandlung der neurotischen in eine 
genitale Charakterstruktur gelingt, die moralischen Instanzen abbaut 
und an ihre Stelle die libidoökonomisch fundierte Selbststeuerung 
des Handelns setzt. Wenn manche Analytiker von der ..Zertrümme- 
rung des Uber-Ichs" durch die analytische Behandlung sprachen, so 
ist dem nur anzufügen, daß es sich um einen Energicentzug am 
System der moralischen Instanzen und um ihren Ersatz durch libido- 
ökonomische Regulierung handelt. Daß dieser Prozeß den heutigen 
Interessen des Staates, der Moralphilosophic und der Religion wider- 
spricht, ist in anderem Zusammenhange von entscheidendem Belang. 
Das ganze bedeutet, einfacher ausgedrückt, daß der sexuell und in 
seinen primitivsten biologischen und kulturellen Bedürfnissen Be- 
friedigte keine Moral zur Selbstbeherrschung notwendig hat, während 
der Unbefriedigte, in allem und jedem Unterdrückte an gesteigerter 
innerer Erregung jeder Art leidet, die ihn veranlassen würde, alles 
kurz und klein zu schlagen, wenn nicht seine Kräfte durch mora- 
lische Mächte teils unterbunden, teils aufgezehrt würden. Der Um- 
fang und die Intensität der moralisch-asketischen Ideologien einer 
Gesellschaft sind der beste Gradmesser für den Umfang und die 
Intensität der ungelösten Bedürfnisspannnngen in den durchschnitt- 
lichen Massenindividuen dieser Gesellschaft. Beide sind bestimmt 
vom Verhältnis der Produktivkräfte und der Produktionsweise zu 
den zu befriedigenden Bedürfnissen. 

Die Auseinandersetzung der weiteren Konsequenzen der Sexual- 
Ökonomie und analytischen Charakterlehre wird diesen Fragen nicht 
ausweichen können, sofern sie es nicht auf Kosten ihres naturwissen- 
schaftlichen Prestiges vorziehen wird, an der künstlich errichteten 
Grenze zwischen Sein und Soll haltzumachen. 



*1 



Sublimierung, Reaktionsbildung und neurotische Reaktionsbasis 197 

3. Sublimierung, Reaktionsbildung und neurotische 

Reaktionsbasis 

Wenden wir uns nun den Unterschieden zu, die zwischen den 
sozialen Leistungen des genitalen und denen des neurotischen Cha- 
rakters bestehen. 
. Wir sagten früher, daß die orgastische Libidobefriedigung und 
die Sublimierung die zulänglichen, die prägenitale Libidobefriedi- 
gung und die Reaktionsbildung die unzulänglichen Mittel sind, die 
Libidostauung zu beheben, bzw. der Stauungsangst Herr zu werden. 
So wie die orgastische Befriedigung, ist auch die Sublimierung eine 
spezifische Leistung des genitalen Charakters, die Reaktionsbildung 
die Arbeitsweise des neurotischen Charakters. Das will natürlich 
nicht heißen, daß nicht auch der Neurotische sublimiert und der Ge- 
sunde keine Reaktionsbildungen hat. 

Versuchen wir zunächst, die Beziehung der Sublimierung zur 
Sexualbcfriedigung nach unseren klinischen Erfahrungen theoretisch 
zü beschreiben. Die Sublimierung ist nach F r e u d das Ergebnis der 
Ablenkung einer libidinösen Strebung von ihrem ursprünglichen und 
ihrer Hinleukung auf ein „höheres", sozial wertvolles Ziel. Der Trieb 
also, der in der Sublimierung befriedigt wird, muß sein ursprüng- 
liches Objekt und Ziel aufgegeben haben. Aus dieser ersten Formu- 
lierung Freuds hat sich schließlich das Mißverständnis ergeben, 
daß Sublimierung und Triebbefriedigung überhaupt Gegensätze seien. 
Betrachten wir aber die Beziehung der Sublimierung zur Libido- 
ökonomie überhaupt, so zeigt uns die alltägliche Erfahrung nicht nur, 
daß hier keine Gegensätze bestehen, sondern vielmehr, daß der ge- 
ordnete Libidohaushalt d i e Voraussetzung gelungener und dauernder 
SubhmieruDgen ist. Es kommt nur darauf an, daß diejenigen Triebe, 
die unsere sozialen Leistungen fundieren, nicht zur direkten Befrie- 
digung kommen, nicht aber, daß die Libido überhaupt nicht befriedigt 
werde. Die Psychoanalyse der Arbeitsstörimgen lehrt, daß die Subli- 
mierungen der prägenitalen Libido um so mehr leiden, je größer die 
Stauung der Gesamtlibido ist. Sexuelle Phantasien absorbieren die 
seelischen Interessen, lenken von der Arbeit ab, oder die kulturellen 
Leistungen werden selbst sexualisiert und geraten so in den Bereich 
der Verdrängungsarbeit.^) Die Beobachtung der Sublimierungen des 

1) M^ sagt zwar, der Kampf mit dem mächtigen Triebe und die 
dabei erforderliche Betonung aller ethischen und ästhetischen Mächte im 



198 :i' 'i.' :'. Der genitale und der neurotische Charakter -.uxi- 

genitalen Charakters zeigt, daß sie durcli die orgastisehe Befriedigung 
der Libido immer neu angeregt werden, daß durch die Erledigung 
der sexuellen Spannungen Energien für erhöhte Leistungen frei wer- 
den, weil die sexuellen Vorstellungen vorübergehend keine libidinöse 
Besetzung an sieh ziehen. Wir sehen ferner bei gelungenen Analysen, 
daß die Leistungsfähigkeit erst dann besonders stark wird, wenn der 
Analysand zur vollen Sexualbefriedigung gelangt. Auch die Halt- 
barkeit der Sublimierungen ist abhängig von der Regelung des Libido- 
haushalts; Patienten, die bloß durch Sublimierung ihre Neurose ver- 
loren, weisen einen weit labileren Zustand auf und neigen viel leichter 
zur Rezidive, als die, die nicht nur zur Sublimierung. sondern auch 
zur direkten Sexualbefriedigung gelangten. So wie die unvollkom- 
mene, in erster Linie die rein prägenitale Libidobefriedigung die 
Sublimierungen stört, so werden diese durch die orgastische Genital- 
befriedigung gefördert, 

Vergleichen wir nun, zuerst rein deskriptiv, die Sublimierung 
mit der Reaktionsbildung.^) An der Erscheinung fällt uns auf, daß 
die Reaktionsbildung krampfhaft und zwangsartig ist, die Subli- 

Seelenleben ,stähle' den Charakter, und dies ist für einige besonders 
günstig organisierte Naturen richtig; zugegeben ist auch, dali die in 
unserer Zeit so ausgeprägte Differenzierung der individuelleu Charaktere 
erst mit der Sexualeinschränkung möglich geworden ist. Aber in der 
weitaus größeren Mehrheit der Fälle zehrt der Kampf gegen die Sinnlich- 
keit die verfügbare Energie des Charakters auf, und dies gerade zu einer 
Zeit, in welcher der junge Mann all seiner Kräfte bedarf, um sich seinen 
Anteil und seinen Platz in der Gesellschaff zu crohern. Das Verhältnis 
zwischen möglicher Sublimierung und notwendiger sexueller Betätigung 
schwankt natürlich sehr für die einzelnen Individuen und sogar für die 
verschiedenen Berufsarten. Ein abstinenter Künstler ist kaum recht mög- 
lich, ein abstinenter junger Gelehrter gewiß keine Seltenheit. Der letztere 
kann durch Enthaltsamkeit freie Kräfte für sein Studium gewinnen, beim 
ersteren wird wahrscheinlich seine künstlerische Leistung durch sein 
sexuelles Erleben mächtig angeregt werden. Im üllgemeinen habe ich nicht 
den Eindruck gewonnen, dafl die sexuelle Abstinenz energische, selb- 
ständige Männer der Tat oder originelle Denker, kühne Befreier und Re- 
former heranbilden helfe, weit häufiger brave Schwächlinge, welche später 
in der großen Masse einfauchen, die den von starken Individuen gegebenen 
Impulsen widerstrebend zu folgen pflegt." (Freud, Ges. Schriften, Bd. V, 
S. 159 f.) 

') Die folgenden Feststellungen beziehen sich nur auf den durch- 
schnittlichen Werktätigen der kapitalistischen Gesellschaft. Derzeit be- 
steht noch keine Möglichkeit, über die Dynamik der Arbeitsleistung des 
sowjetistischen Menschen etwas auszusagen. 




Sublimierung, Reakiionsbildung und neurotische Reaktionsbasis 199 

mieruug hingegen frei strömt. Es ist, als ob hier das Es in Einklang 
mit Ich und Ich-Ideal direkt mit der Realität in Verbindung stünde, 
dort hingegen bekommt man den Eindruck, als ob alle Leistungen 
von einem strengen Über-Ich einem sich sträubenden Es aufdiktiert 
würden. Bei der Sublimierung liegt der Akzent auf dem Effekt der 
Handlung, wenn auch das Handeln selbst libidinÖs betont ist; bei der 
Reaktionsbildung kommt es zunächst auf das Tun selbst an, der 
Effekt ist ziemlich nebensächlich, und das Handeln ist nicht libidmös 
betont, sondern negativ bestimmt: Es kann nicht unterlassen werden. 
Der Sublimierende kann mit seiner Arbeit auch längere Zeit aus- 
setzen, die Ruhe ist ihm ebenso wertvoll wie die Arbeit; beim Aus- 
setzen der reaktiven Leistung aber stellt sich früher oder später eine 
innere Unruhe ein, die sich bei längerer Dauer zu Irritiertheit, ja 
Angst steigern kann. Auch der Sublimierende ist gelegentlich irri- 
tiert, gespannt, aber nicht, weil er nicht leistet, sondern weil er seine 
Leistung sozusagen erst gebiert. Der Sublimierende will leisten und 
freut sich an seiner Arbeit; wer reaktiv arbeitet, mufi - nach dem 
treffenden Ausdruck eines Patienten — „roboten", und hat er eine 
Arbeit beendet, so mufi er sofort eine neue beginnen, weil seine Ar- 
beit eine Flucht vor der Ruhe ist. Gelegentlich kann der Leistungs- 
effekt einer Reaktionsbildung der gleiche sein, wie der einer Subli- 
mierung Gewöhnlich gelingen aber die reaktiven Leistungen in so- 
zialer Hinsicht weniger als die sublimierten. Jedenfalls würde der- 
selbe Mensch unter den Bedingungen der Sublimierung weit mehr 
zustande bringen als unter denen der Reaktionsbildung. 

An jeder Arbeitsleistung, die dem absoluten Verbrauch eines be- 
stimmten Maßes an Energie entspricht, läßt sich aus ihrer Struktur 
mehr oder minder genau ihr Verhältnis zur Arbeitskapazität 
der betreffenden Person ermessen. Die Differenz zwischen Arbeits- 
kapazität (latenter Arbeitsfähigkeit) und absoluter Arbeitsleistung 
ist im Falle der Sublimierung bedeutend geringer als im Falle der 
Reaktionsbildung; das heifit der Sublimierende kommt seinen Fähig- 
keiten bedeutend näher als der reaktiv Arbeitende. Minderwertig- 
keitsgefüble entsprechen oft der inneren Wahrnehmung dieser Diffe- 
renz. Den oben genannten Unterschied erkennen wir klinisch daran, 
daß sublimierende Leistungen bei Aufdeckung der unbewußten Be- 
ziehungen sich relativ wenig verändern, reaktive Leistungen hingegen, 
wenn sie nicht völlig zusammenbrechen, sich bei der Umwandlung 
in Sublimierungen sehr oft ungeheuer steigern. 



200 Der genitale und der neurotische Charakter 

Für den Durchschnitt der arbeitenden Menschen unserer Kultur- 
kreise darf geltend gemacht werden, daß er weit hiiufiger nach dem 
Typus der Reaktionsbildung als nach dem der Sublimierung leistet, 
und weiter, daß die herrschende erzieherische Strukturbildung 
(neben den sozialen Arbeitsbedingungen) die Arbeitskapazität nur zu 
einem sehr geringen Teile in effektiver Arbeitsleistung zur Ent- 
faltung kommen läßt. 

Während bei der Sublimierung keine Verkehrung der Trieb- 
richtuQg vorliegt, der Trieb einfach vom Ich übernommen und nur 
auf ein anderes Ziel abgelenkt wird, erfolgt bei der Reaktionsbildung 
eine Verkehrung der Triebrichtung, der Trieb kehrt sich gegen das 
Selbst, und nur insoweit diese Verkehrung erfolgt, wird er vom Ich 
übernommen. Aus der Besetzuug des Triebes wird bei dieser Ver- 
kehrung eine Gegenbesetzung gegen das unbewußte Triebziel. Als 
Paradigma kann hier der von Freud beschriebene Vorgang beim 
Ekel gelten. Das ursprüngliche Ziel behält bei der Reaktionsbildung 
im Unbewußten seine Besetzuug. Das ursprüngliche Triebobjekt 
wurde nicht aufgegeben, sondern bloß verdrängt. Beibehaltung und 
Verdrängung des Triebzieles und -objektes, Verkehrung der Trieb- 
richtung unter Bildung einer Gegenbesetzung sind die Kennzeichen 
der Reaktionsbildung; Aufgeben {nicht Verdrängen) und Eintauschen 
des ursprünglichen Triebzieles und -objektes, gleiche Triebrichtung, 
keine Gegenbesetzung sind die Kennzeichen der Sublimierung. 

Verfolgen wir den Prozeß der Reaklionsbüdung weiter. Das 
wichtigste ökonomische Moment dabei ist die Nulwcndigkeit einer 
Gegenbesetzung. Da das ursprüngliche Triebziel beibclialten wurde, 
strömt ihm unaufhörlich Libido zu, und ebenso unaufhörlich muß 
das Ich diese Besetzung in Gegeubesetzung verwandeln, aus der 
analen Libido etwa die Energie der Ekelreaktion ableiten usw,, um 
den Trieb in Schach zu halten. Die Rcaktionsbildung ist kein ein- 
maliger Vorgang, sondern ein ständiger, und wie wir gleich sehen 
werden, Umsichgreifen der Prozeß. 

Bei der Reaktionsbildung ist das Ich ständig mit sich selbst be- 
schäftigt, es ist sein eigener strenger Aufpasser. Bei der Subli- 
mierung hat das Ich seine Energien für die Leistung frei. Einfache 
Reaktionsbildungen, wie etwa der Ekel und die Sclmm. gehören zur 
Charakterbildung jedes Menschen. Sie beeinträchtigen die Entwick- 
lung des genitalen Charakters nicht und bleiben in physiologischen 
Grenzen, weil keine Libidostauung die prägenitulen Slrebungen ver- 



Sublimierung. Reaktionsbildung und neurotische Reaktionsbasis 201 

stärkt. Ging aber die Sexualverdrängung zu weit, betraf sie insbe- 
sondere die genitale Libido, so daß eine Stauung der Libido hinzutrat, 
so erhalten die Reaktionsbildungen zu viel Zustrom an libidinöser 
Energie und zeigen dann eine Eigenschaft, die dem Kliniker von den 
Phobien her als phobische Ausbreitung gut bekannt ist. 

Als Beispiel sei ein Beamter angeführt, der, wie es sich für einen 
richtigen Zwangscharakter geziemt, seine Bureauarbeit äußerst ge- 



urspr. ZieJ 





,Reaktionsbildung 



Rück wendung und 
'Gegenbesetzung 



Verdrängung 
- urspr. Ziel 



Trlebquellt Triebguel/e 

A ^ 

Finfaches Schema zur Darstellung des Unterschiedes der Struktur einer 
sS>Srung und der einer Reaktioosbildung gleichen gesellschaftlichen 

Inhalts: 
Ä ICpine Triebverdrängung, Trieb bloß abgelenkt, ursprüngliches Trieb- 
A. jvciiic ^.^j ^^^^ Besetzung; 

R Triebverdrängung vorhanden, ursprüngliches Triebziel mit voller Be- 
\ nff Trieb nicht abgelenkt, sondern vom Ich gegen sich selbst ge- 
^ "wendet, an der Stelle der Rückwärtswendung liegt die Leistung 

■wissenhaft versah, im Laufe der Jahre aber, ohne daß ihn die Arbeit 
im geringsten freute, sich ihr immer mehr widmete. Als er in die 
Analyse kam, war es nichts Aufiergewöhnliches, wenn er bis 12 Uhr 
nachts, ja gelegentlich bis 3 Uhr früh arbeitete. Die Analyse ergab 
sehr bald, daß erstens sexuelle Phantasien seine Arbeit störten, er 
also schon deshalb länger brauchte {„Trödeln"), und zweitens, daß er 
sich keine ruhige Minute, besonders nicht am Abend, gönnen durfte, 
weil dann die überbesetzten Phantasien um so stärker zum Bewußt- 
sein drängten. In der Nachtarbeit führte er einen Teil der Libido ab, 



203 Der genitale und der neurotische Charakter 

aber der auf solche Weise uuerlcdigbare große Rest der Libido wuchs 
immer mehr an, bis er sich seine Arbeitsstörung nieht mehr verhehlen 
konnte. 

Das Umsichgreifen der R c a k t i o n s h i 1 d n n g e n und 
reaktiven Leistungen entspriclit also einer stän- 
dig wachsenden Libi dostau im g. Wenn schließlich die 
Reaktionsbildungen nicht mehr ausreichen, um der Libidostanung 
Herr zu werden, wenn die Dekompensation einsetzt, wenn also mit 
anderen Worten der Charakter des Ichs in der Aufzehrung der Libido 
versagt, tritt entweder unverhülUc neurotische Angst auf oder es ent- 
stehen neurotische Symptome, die den Überschuß an nicht gebunde- 
ner Angst erledigen. 

Die reaktiven Leistungen werden immer ratiojuilisicrt. So redete 
sich unser Patient auf Überbürdung mit Arbeit aus. Die übertriebene 
und mechanische Leistung unseres Beamten hatte nicht nur den 
ökonomischen Sinn einer Entspannung und diente nicht nur als Ab- 
lenkung von sexuellen Phantasien, sondern sie erfüllte auch die 
Funktion einer Reaktionsbildung gegen seine verdrängten llafigedan- 
ken gegen <len Chef (Vater). Die Analyse zeigte, daß das Bestreben 
des Kranken, dem Chef besonders dienlich zu sein, das Gegenteil 
seiner unbewußten Absichten darsiclltc. Man kann solches „Roboten" 
nicht letzten Endes als Selbstbesirafung deuten. Die Selbstbestrafung 
ist nur einer von vielen sinnvollen Inhalten des Symptoms. Im 
Grunde wollte er sich ja gar nicht strafen, sondern im Gegenteil vor 
Strafe schützen. Denn die tiefste Ursache der Reaktiojisbildung war 
die Angst vor den Folgen seiner sexuellen Phantasien. 

So wie die zwangsneurotische Pflichtarbeit, sind auch andere Re- 
aktionsbildungen nicht imstande, die ganze Stauungsangst zu binden 
Denken wir etwa an die Hypermotorik des weiblichen hysterischen 
Charakters oder an die Hyperagilität und Unruhe des neurotischen 
Bergsteigers. Beide haben eine mit ungesättigter Libido überladene 
Muskulatur, beide dringen standig zum Objekt vor. das hysterische 
Madchen unverhüUt, der Bergsteiger symbolisch {Berg = Frau- 
Mutter). Ihre Motilität baut zwar ein Stück Libido ab, erhöht aber 
gleichzeitig die Spannung dadurch, daß sie keine Endbefriedigung 
gewährt; so kommt es, daß das betreffende Madchen schließlich 
hysterische Anfälle bekommt, der neurotische Bergsteiger aber immer 
anstrengendere und gefährlichere Bergtouren unternehmen muß, um 
seiner Stauung Herr zu werden. Da dem über eine natürliche Grenze 



Sublimierung, Reaktionsbildung und neurotische Reaktionsbasis 203 

gesteckt ist, bricht schließlich eine Symptomneurose durch, wenn er 
nicht, wie es so oft vorkommt, in den Bergen verunglückt. 

Es empfiehlt sich, die Summe aller Mechanismen, die der Auf- 
zehrung der gestauten Libido und der Bindung der neurotischen Angst 
in Charakterziigen dienen, die c h ar ak t e r 1 i ch e R ea k t ion s- 
basis zu nennen. Versagt diese in ihrer ökonomischen l-unktion 
we-eu 2u weitgehender Sexualeinschränkung, so wird sie zur 
neurotischen R e a k t i on s b as i s, auf deren Beseitigung es 
dann in der analytischen Behandlung letzten Endes ankommt. Uie 
umsichgreifende Reaktionsbildung ist nur einer der Mechanismen der 
neurotischen Reaktionsbasis. 

Die Exazerbation des neurotischen Charakters mag früher oder 
später erfolgen; in jedem Falle kann festgestellt werden, daß ein 
neurotischer Charakter seit der frühen Kindheit, seit der Konfhkt- 
zeit des Ödipusalters bestand. Das neurotische Symptom weist ge- 
wöhnlich eine qualitative Zugehörigkeit zu seiner neurotischen Re- 
aktionsbasis auf. So steigert sich, um einige Beispiele zu nennen die 
zwangsneurotische Uberordentlichkeit eines Tages bei entsprechen- 
dem Anlaß zum Ordnungszwang, der anale Charakter zur Obstipa- 
tion die charakterliche Befangenheit zum krankhaften Erröten, die 
hysterische Agilität und Koketterie zum hysterischen Anfall, die 
cbarakterliche Ambivalenz zur Entschlufiunfähigkeit, die Sexual- 
scheu zum Vaginismus, die Aggressivität oder die Ubergewissenhaftig- 

keit zum Mordimpuls. ,. , c * r+ +■ 

Nicht immer aber entspricht das neurotische Symptom qualitativ 
seiner Reaktionsbasis. Es kommt vor. daß das Symptom eine Abwehr 
der überschüssigen Angst auf höherer oder niederer Libidostufe be- 
a tet So kann ein hysterischer Charakter einen Waschzwang, ein 
Zwangscharakter eine hysterische Angst oder ein Konversionssym- 
tom entwickeln. Es braucht wohl kaum weitschweifig ausgeführt zu 
werden, daß die realen Fälle unserer Praxis meist Mischformen dar- 
stellen, mit Überwiegen der einen oder der anderen Charakter form. 
Es empfiehlt sich aber, die Diagnose nicht nach den Symptomen, 
sondern nach dem neurotischen Charakter zu stellen, der den Sym- 
ptomen zugrunde liegt. So wird man etwa trotz des Konversions- 
symptoms, um dessentwillen der Kranke uns aufsucht, die 
Diagnose Zwangsneurose stellen, wenn sein Charakter vorwiegend 
zwangsneurotiscbe Züge aufweist. 

Ein Überblick über die Ergebnisse dieser Untersuchung mahnt 



204 Der genitale und der neurotische Charakter 

uns, die Unterscheidung zwischen dem neurotischen und dem geni- 
talen Charaktertyp so plastisch wie möglich zu fassen. Da die Unter- 
scheidung auf einem quantitativen Kriterium beruht {dem Ausmaß 
der direkten Sexualbefriedigung bzw. der Libidostuuung), ergeben 
sich zwischen den Idealtypen unendlich viele Zwischenglieder realer 
Charakterformen. Trotzdem scheint eine typologische Untersuchung 
wegen ihres heuristischen Wertes und der Gesichtspunkte, die sie bei 
der praktischen Arbeit liefert, nicht nur gerechtfertigt, sondern so- 
gar geboten. Da diese Arbeit nur einen schwachen Ausatz zu einer 
genetischen Typenlehre darstellt, muß sie auf den Anspruch ver- 
zichten, allen Fragen gerecht zu werden, die sich aus der Problem- 
stellung „Typenlehre" ergeben. Ihre Aufgabe ist vorderhand erfüllt, 
wenn es ihr gelungen ist, zu überzeugen, daß die einzig legitime 
Grundlage einer psychoanalytischen Charakterologie die uneinge- 
schränkte und konsequent durchdachte Freud sehe Libidotheorie ist. 






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IIL Kindliche Phobie und Charakterbildung 

1. Ein „vornehmer" Charakter 

Wir wollen nun an einem Falle zeigen, wie sich, die charak- 
terliche Haltung von infantilen Erlebnissen herleitet. Wir folgen 
bei der Darstellung dem Weg, der von der Analyse des Charakter- 
widerstandes zu seiner Genese in bestimmten infantilen Situationen 
führte. 

Ein 53jälirigcr Mann kommt in die Analyse wegen Eheschwierigkeiten 
und Arbeitsstörung. Er leidet an schwerer Entschlußuntähigkeit, die 
sowohl einer rationellen Lösung seiner Ehefrage als auch einem energi- 
schen und erfolgreichen Fortkommen im Beruf hindernd im Wege steht. 
Der Patient geht sofort mit besonderem Verständnis und Geschick an die 
analytische Arbeit, so daß schon nach kurzer Zeit die üblichen pathogcuen 
Konflikte des ödipusvcrhältnisses eine theoretische Klärung seiner Ehe- 
schwierigkeiten gestatten. Wir vernachlässigen hier die mhaltlichen Be- 
ziehungen zwischen seiner Frau und seiner Mutter, semen To^g^«-*^*^^^ 
und seinem Vater; sie brächten, obwohl an sich mteressant, n.chs Neues. 
Wir werden die Darstellung auf sein Gehaben konzentrieren auf die Be- 
Shung dTeses GehabeL ^zum infantilen Konflikt und semen Wider- 
standscharakter^in^der^Beh^^^^^^^^ äußerer Erscheinung, mittelgroß. 

■„ Gesichtsausdruck zurückhaltend-vornehm, ernst, etwas hochmutig. 
Auffallend ist sein gemessener, langsamer, vornehmer Gang. Es dauert 
eine geraume Weile, ehe er durch die Tür und das Zimmer zum bopha 
schreitet; man merkt es ihm deutlich an, daß er jede Hast oder Er- 
regung vermeidet — oder verdeckt. Seine Rede ist wohlgesetzt und ge- 
ordnet, ruhig und vornehm; gelegentlich unterbricht er sie mit einem 
betonten, stoßartig vorgebrachten „Ja!", wobei er beide Arme vorstreckt, 
„m nachher mit einer Hand über die Stirne zu streichen. Gelassen, mit 
gekreuzten Beinen liegt er am Sopha. An dieser Gelassenheit und Vor- 
nehmheit ändert sich nichts oder nur sehr wenig auch bei der Be- 
snrechung sehr heikler und narzißtisch sonst leicht kränkender Themen. 
Als er nach einigen Tagen Analyse seine Beziehung zur ganz besonders 
geliebten Mutter besprach, konnte man deutlich sehen, daß er seine vor- 
nehme Haltung verstärkte, um der Erregung Herr zu werden, die sich 
seiner bemächtigte. Trotz eindringlichen Zuredens meinerseits, sich nicht 



206 Kindliche Phobie und Charakterbildung 

zu genieren und den Gefühlen freien Lauf zu lassen, behielt er seine 
Haltung und gelassene Sprechweise bei. Ja, als ihm eines Tages Tränen 
aufstiegen und seine Stimme deutlich verschleiert war, blieb die Be- 
wegung, mit der er sein Taschentuch zu den Augen führte, die gleiche 
vornehm gelassene. 

Soviel war jetzt schou klar: Sein Benehmen, welcher Herkunft immer 
es sein mochte, schützte ihn vor allzu heftiger Erschiillenuig in der 
Analyse, bewahrte ihn vor einem affektiven Durclibruch. Sein Cha- 
rakter behinderte die freie l^nffaltung des analytischen Erlebnisses, er 
war bereits zum Widerstand geword(;n. 

Als ich ihn, bald nach der sichtbaren Erregung, fragte, welchen Ein- 
druck denn diese analytische Situation auf ihn gemacht habe, meinte er 
gelassen, das sei ja alles sehr interessant, aber es berühre ihn nicht sehr 
tief, die Tränen seien ihm nur »durchgegangen", es sei ihm sehr peinlich 
gewesen. Eine Erklärung der Notwendigkeit und Fruchtbarkeit solcher 
Erregungen nützte nichts. Sein Widerstand verstärkte sich sichtlich, 
seine Mitteilungen wurden oberflächlich, seine Haltung hingegen prägte 
sich voll aus, er wurde noch vornehmer, gebissener, ruhiger. 

Es mag nur ein bedeutungsloser Zufall gewesen sein, dafi mir eines 
Tages gerade die Bezeichnung „Lordtum" für sein Benehmen einfiel. Ich 
sagte ihm, er spiele den englischen Lord, und das müsse seine Vor- 
geschichte in der Jugend und der Kindheil habeu. Auch über die aktuelle 
Abwehrfunktion des „Lordtum" wurde er aufgeklärt. Darauf brachte er 
das wichtigste Stück seines Familienromans: Er hatte als Kind nie ge- 
glaubt, dafi er der Sohn des kleinen, unbedeutenden jüdischen Kauf- 
manns, der sein Vater war. sein konnte; er mume. so dachte er, engli- 
scher Herkunft sein. Er hatte in der Kindheit gehört, dafi seine Groß- 
mutter ein Verhältnis mit einem echten englischen Lord gehabt hatte, und 
seine Mutier phantasierte er als Halbbhitenglunderin. In seinen Zuknnfts- 
träumen spielte die Phantasie, einmal als Botschafter nach England zu 
kommen, eine überragende Rolle. 

In der Haltung des Lordtums waren also vereinigt: 

1. Die Idee, mit seinem von ihm verachteten Vater nicht verwandt 
(Vaterhafi), 

2. der echte Sohn seiner englischblütigen Mutter zu sein, und 

3. sein Ich-Ideal, über das enge Milieu der Kleinbürgcrfumilic hinaus- 
zuwachsen. 

Mit der Aufdeckung dieser konstituierenden Elemente seiner Haltung 
war sein Benehmen beträchtlich erschüttert worden. Noch aber war nicht 
klar, welche Triebe dadurch abgewehrt wurden. 

Als wir immer konsequenter auf sein ..lordeskes" Benehmen ein- 
gingen, stellte sich heraus, dafi mit dem Lordtum eine zweite Charakter- 
eigenschaft eng zusammenhing, die in der Analyse uielit geringe Schwierig- 
keiten bereitete: seine Neigung, jeden Mitmenschen zu verhöhnen, und 
seine Schadenfreude. Das Höhnen und Frotzeln erfolgte in vor- 
nehmer Weise vom hohen Throne des Lordtums IhthI). diente aber gleich- 
zeitig der Befriedigung seiner besonders intensiven sadistischen Trieb- 




I 



Ein „vornehmer" Charakter 207 

rcgungen. Er hatte zwar schon vorher berichtet, daß er in der Puhertät 
sadistische Phantasien reichlich produziert hatte. Aber er hatte eben nur 
berichtet. Zu erleben begann er sie erst, als wir sie in ihrer 
aktuellen Verankerung, in der Neigung zum Höhnen, aufzuspüren be- 
gannen. ~ Die Beherrschtheit im Lordtum war der Schutz gegen 
ein Zuweitgreifen des Höhnens als sadistischer Betätigung. Die 
sadistischen Phantasien waren nicht verdrängt, aber befriedigt im Höhnen 
und abgewehrt im Lordtum. Sein hochmütiges Wesen war alöo ganz wie 
ein Symptom aufgebaut: Es diente der Abwehr und gleichzeitig der Be- 
friedigung einer Triebkraft. Ein Stück Verdrängung des Sadismus hatte 
er sich durch diese Abwehrforra, durch die charakterliche Ver- 
arbeitung des Sadismus in Hochmut, zweifellos erspart. Unter anderen 
Umständen hätte sich aus einer geringen Ein brecherangst, die er hatte, 
wahrscheinlich eine beherrschende Phobie entwickelt. 

Die Lordphantasie war etwa im vierten Lebensjahr entstanden; die 
Forderung, sich zu beherrschen, hatte er etwas später aus Angst vor dem 
Vater realisiert. Dazu kam eine sehr wesentliche Tendenz zur Beherr- 
schung seiner Aggressionen aus einer konträren Identifi- 
zierung mit seinem Vater. Während dieser ständig mit der Mutier 
zankte und Krach schlug, bildete sich beim Jungen das Ideal: „Nicht so 
sein wie der Vater, sondern das gerade Gegenteil"*) entsprechend der 
Phantasie: „Wenn ich der Mann meiner Mutter wäre, würde ich sie ganz 
anders, nämlich gütig behandeln und meinen Zorn wegen ihrer Mängel 
beherrschen." Diese konträre Identifizierung stand also völlig unter dem 
Einfluß seines Ödipuskomplexes, von Mutterliebe und Vaterhafl. 

Verträumtheit und Selbstbeherrschung bei regen sadistischen Phan- 
tasien war der Charakter des Jungen, der der Lordphantasie ent- 
sprach. In der Pubertät vollzog er eine intensive homosexuelle Objekt- 
wahl an einem Lehrer, die in eine Identifizierung auslieL Dieser Lehrer 
aber war der leibhaftige Lord, vornehm, gelassen, beherrscht, tadellos 
gekleidet. Mit der Nachahmung der Kleidung begann die Identifizierung, 
andere folgten und mit etwa 14 Jahren war der Charakter, wie wir ihn 
in der Analyse vor uns hatten, fertig. Nicht mehr nur Lord phantasie, 
sondern Lord t u m im realen Gehaben. 

Auch daß es zur Realisierung der Phantasie in der Haltung gerade 
in diesem Alter kam, hatte seinen besonderen Grund. Der Patient hatte 
in der Pubertät nie bewußt onaniert. Die Kastrationsangst, welche sich 
in vielfältigen hypochondrischen Ängsten äußerte, wurde rationalisiert. 
Ein vornehmer Mensch tut so etwas nicht." Das Lordtum diente also auch 
der Abwehr des Onanieverlangens. 

Als Lord fühlte er sich über alle Menschen erhaben und er durfte sie 
verhöhnen. In der Analyse mußte er sich aber bald der Einsicht beugen, 
daß sein Höhnen oberflächlich die Kompensation eines Minderwertig- 
keitsgefühls war, wie ja das ganze Lordtum ein Minderwertigkeitsgefühl 
des aus kleinem Milieu Stammenden verdeckte. Die tiefere Bedeutung des 



') Vgl. hiezu meine Untersuchungen über die Fehlidentifizierung in 
„Der triebhafte Charakter", Int. Psychoanalytischer Verlag, Wien 1925. 



208 Kindliche Phobie und Charaltterbiidung 

Höhnens war aber, daß es der Ersatz homosexueller Beziehungen war: Er 
höhnte mit Vorliebe solche Männer, die ihm gefielen. Um andere küm- 
merte er sich nicht. Höhnen — sedieren — homosexuell flirten; im Lord- 
tum vereinigten sich die Gegensätze Sadismus und Homosexualität einer- 
seits, vornehme Beherrschtheit andererseits. 

In der Analyse verstärkte sich sein Lordtum bei jedem neuen Vorstoß 
ins Unbewußte, mit der Zeit aber wurden diese Abwehrreaktionen ehenao 
schwächer, wie auch sein Wesen im gewöhnlichen Alltag sich milderte, 
ohne je den Grundcharakter zu verlieren. 

Die Analyse des Lordtums führte auf direktem Wege zur Aufdeckung 
der zentralen Konriiktstcllen seiner Kindheit und Pubertät. Seine patho- 
genen Positionen wurden so doppelt angegriffen; von seinen Erinnerungen, 
Träumen und sonstigen inhaltlichen Mitteilungen, hier mit wenig Affekt, 
und von seinem Charakter, dem Lordtum her, in dem die Affekte 
der Aggression gebunden waten. 

2. Charakterliche Überwindung der kindlichen Phobie 

In der Schaustellung vornehmen Gehabens war auch ein we- 
sentliches Stück genitaler Angst gebunden. Die Geschichte dieser 
Bindung zeigte ein bisher wenig bekanntes Schicksal der kindlichen 
Phobie. Als Drei- bis etwa Sechsjähriger hatte der Patient an einer 
mächtigen Mäusephobie gelitten. Uns inleressierf inhaltlich nur, 
daß in dieser Phobie seine feminine Einsfelhmg zum Vater als 
regressive Reaktion auf die Kastrationsangst sich zentral auswirkte. 
Im Zusammenhang damit stand die typische Oiianieangst. Je mehr nun 
der Junge die Lordphantasic zum Lordtum konkretisierte, desto 
geringer wurde seine Phobie. Es Iilieben für später nur Spuren von 
Ängstlichkeit vor dem Schlafengehen. In der Analyse tauchten mit 
dem Abbau des Lordtums die Mäusephobie und die Kastrations- 
angst affektiv wieder auf. Es war also offenbar ein Teil der Libido, 
bzw. Angst, der kindlichen Phobie in die charakterliche 
Haltung hinein verarbeitet worden. 

Wir kennen ja den Prozeß der Umwandlung von infantilen 
Ansprüchen und Ängsten in Churakterzüge; als Spezialfall kommt 
die Ablösung einer Phobie durch eine je nach der Triebstruktur 
bestimmte Art von Abpanzerung gegen die Außenwelt und die 
Angst hinzu; in unserem Falle war es das vorneJnne Wesen, welches 
die infantile Angst band. Ein anderer typischer Fall ist der Aus- 
gang einer kindlichen Phobie oder auch einfacherer Erscheinungen 
der Kastrationsangst in passiv-feminines Wesen, das nach außen 
etwa als übertriebene, stereotype Höflichkeit erscheint. 



Charakterliche Überwindung der kindlichen Phobie 209 

Zur weiteren Illustration der Umwandlung einer Phobie in eine 
charakterliclie Haltung der Persönlichkeit sei folgender Fall an- 
geführt: 

Ein Zwangskranker fiel außer durch seine Symptome besonders durch 
seine komplette Affektsperre auf. 

Er war der Lust wie der Unlust in der gleichen Weise unzugänglich, 
eine lebende Maschine. In der Analyse entpuppte sich die Affektsperre 
in erster Linie als Abpanzerung gegen seinen übermäßigen Sadismus. Er 
hatte zwar auch als Erwachsener sadistische Phantasien, aber sie waren 
matt, unbelebt. Als Motiv der Abpanzerung imponierte eine entsprechend 
intensive Kastrationsangst, die aber sonst gar nicht in Erscheinung trat. 
Die Analyse konnte die Affektsperre bis zum Tage ihrer Entstehung 
verfolgen. 

Der Patient hatte ebenfalls an der üblichen kindlichen Phobie, in 
diesem Falle an einer Pferde- und Sehlangenphobie, gelitten. Bis zum 
sechsten Lebensjahre traten fast nächtlich Angstträume mit pavor noc- 
turnus auf. Überaus häufig träumte er, daß ihm ein Pferd einen Finger 
abbiß (Onanie-Angst-Kastration) mit heftigster Angst. Eines Tages nahm 
er sich vor, keine Angst mehr zu haben (auf diese sonderbare Beschluß- 
fassung kommen wir noch zurück) und der nächste Pferdetraum, in dem 
ihm wieder ein Finger abgebissen wurde, war völlig angstfrei. 

Zur selben Zeit bildete sich die Affektsperre 
heraus, sie löste die Phobie ah. Erst in der Nachpubertät traten wieder 
gelegentlich Angstträume auf. 

Nun zu seinem sonderbaren Beschluß, keine Angst mehr zu haben. 
Der dynamische Prozeß konnte nicht völlig klargestellt werden. Es sei 
hier nur vorgebracht, daß sein Leben fast ausschließlich von ähnlichen 
Beschlüssen getragen war. Ohne besonderen Beschluß konnte nichts er- 
ledigt werden. Die Grundlage seiner Beschlußfähigkeit bildete seine 
anale Hartnäckigkeit und das übernommene, überaus strenge elterliche 
Gebot sich zu beherrschen. Die anale Hartnäckigkeit bildete auch die 
energetische Basis für die Affektsperre, die unter anderem eine universelle 
Götz-von-Berlichingen-Einstellung gegen die gesamte Außenwelt bedeutete. 
Als der Patient schon sechs Monate in Behandlung war, stellte sich erst 
heraus, daß er jedesmal, bevor er an meiner Wohnungstür läutete, drei- 
mal hintereinander das Götz-Zitat laut vor sieh hersagte, als magische 
Schutzformel vor der Analyse. Seine Affektsperre hätte nicht besser in 
Worten ausgedrückt werden können. 

In der Affektsperre waren also als wichtigste Bestandteile eingebaut: 
seine anale Hartnäckigkeit und seine Reaktion gegen den Sadismus; auf- 
gezehrt wurde in dieser Panzerung neben seiner sadistischen Energie seine 
mächtige kindliche Angst (Stauungsangst + Kastrationsangst). Erst nach- 
dem man sich durch diese Mauer, eine Summe verschiedenartigster Ver- 
drängungen und ReaktionsbilduHgen, hindurchgearbeitet hatte, stieß man 
auf seine intensiven genitalen Inzestwünsche. 

Während die Entstehung einer Phobie ein Zeichen dafür ist, 

Charakteranalyse 1* 



210 'fidot Kindliche Phobie und Charakterbildung 



,'/) 



daß das Ich zu schwuch war, bestimmter libidinöser Regungen 
Herr zu werden, bedeutet die Entstehung eines Churakterzuges oder 
einer typischen Haltung auf Kosten einer Phobie eine Stärkung 
der Ich-Formation in Form chronischer Abpanzerung gegen Es 
und Außenwelt. Entspricht die Phobie einer Spaltung der Per- 
sönlichkeit, so die Bildung eines Charakterzuges einer Vereinheit- 
lichung der Person. Sie ist die synthetische Reaktion des Ichs auf 
einen auf die Dauer unerträglichen Widers|5rucli in der Person. 

Trotz dieser Gegensätzlichkeit von Phobie und darauffolgender 
Charakterbildung setzt sich die Grundtendenz der Phobie in den 
Charakterzug fort. Die Vornehmheit unseres Lords, die Affekt- 
sperre unseres Zwangscluirakters, die Höflichkeit des passiv- 
femininen Charakters sind ja wieder nichts anderes als H a 1 1 u n- 
genderVermeidung ebenso wie die vorausgegangene Phobie. 

Das Ich erreicht also durch die Abpanzerung eine gewisse 
Stärkung, aber gleichzeitig erliegt es eben dadurch auch einer Ein- 
schränkung seiner Aktionsfähigkeit und Bewegungsfreiheit. Und 
je mehr die Abpanzerung die sexuelle Erlehnisfähigkeit für später 
schädigt, desto größer die Einschränkung, desto näher steht die 
Struktur dem Neurotischen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit 
eines späteren neuerlichen Zusammenbruches des Ichs.') 

Bei einer späteren neurotischen Erkrankung bricht die alte 
Phobie wieder durch, indem die charakterliche Verarbeitung sich 
als unzureichend erweist, der gestauten libidinösen Erregungen und 
der Stauungsangst Herr zu werden. Wir hätten also bei der typi- 
schen neurotischen Erkrankung folgende Phasen zu unterscheiden: 

1. Infantiler Konflikt zwischen Libidoregung und Versagung. 

2. Erledigung durch Verdrängung der Regung (Stärkung des 
Ichs). 

5. Durchbruch der Verdrängung - Phobie (Schwächung des 
Ichs). 

4. Erledigung der Phobie durch Bildung eines neurotischen 
Charakterzuges (Stärkung des Ichs). 

5. Puberiler Konflikt (oder dem quantitativ Analoges): Nicht- 
zureichen der charukterlichen Abpanzerung. 

6. Wiederherstellung der alten Phobie oder eines symptomati- 
schen Äquivalents. 

M Vgl. hiezu das Kapitel über den genitalen und den neurotischen 
Charakter. 



Charakterüche Überwindung der kindlichen Phobie 211 

7, Neuerlicher Versuch des Ichs, der Phobie durch charakter- 
liche Verarbeitung der Angst Herr zu werden. 

Unter den erwachsenen Kranken, die zu uns in die Behandlung 
kommen, kann man leicht zwei Typen unterscheiden: solche, die 
sich in der Zusammenbruchsphase befinden (Phase 6), in der die alte 
Neurose symptomatisch die neurotische Reaktionsbasis zuspitzt 
(neuerliche Bildung einer Phobie usw.), und solche, die bereits in 
der Rekonstruktionsphase (Phase 7) sind, das heifit deren Ich bereits 
die Symptome mit Erfolg einzuverleiben begann. Ein umschriebener 
Ordnungszwang etwa, der quälend war, verliert dadurch an Schürfe, 
daß das Gesamt-Ich Ordnungszerenianielle entwickelt, die in 
den alltäglichen Verrichtungen so ausgebreitet sind, daß sie nur 
dem geübten Auge ihren Zwangscharakter verraten. Dadurch wird 
eine Selbstheiluug vorgetäuscht, aber die Verbreiterung und Ab- 
flachung der Symptome schädigt die Aktionsfähigkeit nicht minder 
als das umschriebene Symptom, und der Kranke fordert nunmehr 
Heilung nicht mehr wegen eines quälenden Symptoms, sondern 
wegen allgemeiner Arbeitsstörung, Lebensunlust und ähnlichem. So 
findet ein ständiger Kampf zwischen dem Ich und seinen neuroti- 
schen Symptomen statt, dessen beide Endpunkte Symptom- 
bildung und Symptomeinverleibung sind. Jede Sym- 
ptomeinverleibung geht aber mit einer mehr oder minder 
wicbtigen charakterlichen Veränderung des Ichs einher. 
Diese späteren Einbcziehungeu der Symptome in das Ich sind nur 
Spiegelbilder jenes ersten großen Vorganges in der Kindheit, der 
die Umbildung der kindlichen Phobie in eine charakterliche Struk- 
tur ganz oder teilweise besorgte. 

Wir sprechen hier von der Phobie, weil sie der interessanteste 
und libidoökonomisch wichtigste Ausdruck einer Störung der per- 
sönlichen Einheitlichkeit ist. Aber die beschriebenen Vorgänge 
können sich bei jeder Angst, die in früher Kindheit auftritt, ab- 
spielen; so kann zum Beispiel eine rationell voll begründete Äugst 
eines Kindes vor seinem brutalen Vater in chronische Charakter- 
veränderungen münden, die an die Stelle der Angst treten, so etwa 
in charakterlichen Starrsinn, charakterliche Härte u, ä. m. 

Die Tatsache, daß infantile Angsterlebnisse und sonstige Kon- 
fliktsituationen des Ödipuskomplexes (die Phobie ist ja nur ein hier 

14* 



212 



Kindliche Phobie und Charakterbildung 



hervorgehobener Spezialfall) in Charakterstrukturen auslaufen 
können, bringt es mit sich, daß das kindliche Erlebnis oder eine 
innerpsychische kindliche Situation sozusagen in doppelter Nieder- 
schrift erhalten bleiben: inhaltlich als Vorstellungen des Un- 
bewußten und formal als charakterliche Haltungen 
des Ichs. Das sei an einem klinischen Beispiel kurz demonstriert: 

Ein narzißtisch-masochistischer Hypochonder zeichnete sich durch 
seine lauten, erregten und bewegten Klagen über die strenge Behandlung 
von Seiten seines Vaters aus. Alles, was er in monatelanger Behandlung 
inhaltlich vorbrachte, konnte mau in die Worte zusammenfassen: „Schau, 
was ich durch meinen Vater gelitten habe, er hat mich ruiniert, lebens- 
unfähig gemacht." Seine infantilen Konflikte mit dem Vater waren schon 
vor der Analyse bei mir, in eineinhalbjührigcr Analyse bei einem 
Kollegen sehr gründlich aufgearbeitet worden und trotzdem hatte sich an 
seinem Wesen und seinem Symptom kaum etwas geändert. 

Schließlich fiel mir ein Zug in seinem Gehaben in der Analyse auf. 
Seine Bewegungen waren schlaff, um den Mund sjjielte ein müder Zug. 
Seine Sprache, hier kaum beschreibbar, war niunoton, düster; als ich den 
Sinn des Tonfalls erraten hatte, war mir sofort klar: Er sprach gequält — 
wie sterbend. Ich erfuhr, daß er in bestimmten Situationen auch außer- 
halb der Analyse in diese unbewußt gespielte Lethargie verfiel. 
Auch der Sinn, in dieser Art zu sprechen, war: „Schau, was mein 
Vater aus mir g-^macht hat, wie er mich quält, er hat mich ruiniert, lebens- 
unfähig gemacht." Sein Gehaben war ein schwerer Vorwurf. 

Die Wirkung meiner Deutungen seiner „sterbenden", klagend vor- 
wurfsvollen Sprechweise war überraschend. Es war, als ob mit der 
Lösung dieses letzten, formalen Haftpunktes seiner Beziehung zum Vater 
auch alle früheren inhaltlichen Deutungen ihre Wirkung zu entfalten 
begannen. Man durfte ans dem Ganzen den Schluß ziehen, daß. solange 
seine Sprechweise nicht ihren unbewußten Sinn verraten hatte, ein 
großes Stück seiner Yaterbezichung darin affektiv gebunden war und die 
inhaltlich aufgedeckten gleichen Beziehungen trotz des Bewufltwerdens 
nicht affektbesetzt genug waren, um therapeutisch ansprechbar zu sein. 

Es ist also offenbar ein und dasselbe Stück unbewunter, in- 
fantiler Struktur doppelt erhalten und doppelt zum Ausdruck ge- 
bracht: in dem, was das Individuum tut, sprich!, denkt, und in 
der Art, wie es tut, spricht, denkt. Es ist interessant genug, um 
sehr genau vermerkt zu werden, dafi die Analyse des „Was", trotz 
der Einheit von Inhalt und Form, das „Wie" unberührt lülif, daß 
sich dieses Wie als der Schlupfwinkel der gleichen seelischen In- 
halte entpuppt, die im „Was" bereits aufgelost oder bcwulU ge- 
macht schienen, und dafi schliefilich die Analyse des Wie die 
Affekte besonders wirksam entbindet. 



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IV. Einige umschriebene Charakterformen 
1. Der hysterische Charakter 

Wir gehen bei der Untersuchung der Differenzierung von Cha- 
raktertypen von der Voraussetzung aus, dafi der Charakter zwar 
Beiner Grundfunktion nach in jeder Form Panzerungen gegen die 
Reize der Außenwelt und die inneren verdrängten Triebe darstellt, 
daH die äußere Form aber, in der diese Panzerung sich darbietet, 
jeweils historisch bestimmt ist. Wir versuchten auch einige Be- 
dingungen der Differenzierung von Charaktertypen anzugeben. 
Vielleicht die wesentlichste darunter ist neben dem Charakter der 
Erziehungspersonen der Zeitpunkt der Entwicklung, in dem die ent- 
scheidenden Versagungen den Triebapparat treffen. Zwischen der 
äußeren Erscheinung des Charakters, seinem inneren Mechanismus 
und seiner spezifischen Entstehungsgeschichte müssen also jeweils 
bestimmte Beziehungen bestehen. 

Der hysterische Charakter stellt, so kompliziert oft die dazu- 
gehörigen krankhaften Symptome und Reaktionen sein mögen, den 
einfachsten, am leichtesten durchschaubaren Typus von charakter- 
licher Panzerung dar. Sieht man von den Unterschieden innerhalb 
dieses Typus ab, faßt man zusammen, was allen gemeinsam ist, so 
ergibt sich bei beiden Geschlechtern als Auffallendstes im Verhalten 
ein aufdringliches sexuelles Gehaben. Es geht einher mit 
einer spezifischen Art von körperlicher Agilität deutlich 
sexueller Nuance, was erklärlich macht, dafi schon sehr früh die 
Beziehung der Hysterie des Weibes zur Sexualität bekannt war. 
Verhüllte oder unverhüllte Koketterie in Gang, Blick, Sprache ver- 
rät vor allem bei Frauen den hysterischen Charaktertypus. Bei 
Männern tritt daneben Weichheit und Überhöflichkeit, sowie femi- 
niner Gesichtsausdruck und feminines Gehaben hervor. Wir haben 
im ersten Teil einen solchen Fall ausführlich dargestellt. 

Die genannten Züge sind verbunden mit einer mehr oder 



314 Einige umschriebene Charaktcrformen 

minder deutlichen Ängstlichkeit, die besonders dann hervortritt, 
wenn das durch das sexuelle Gehaben erstrebte Ziel in die Nähe 
rückt; dann weicht der hysterische Charakter regelmäßig zurück 
oder er begibt sich in eine passive, nngstliclie Haltung. So heftig 
das hysterische Agieren vorher, so umfassend die Passivität nach- 
her. Im Sexualerlebcn gibt es dabei jedoch noch eine Variation: ge- 
steigertes Agieren etwa im Akt ohne entsprechendes sexuelles Er- 
leben. Dieses gesteigerte Agieren erweist sich analytisch als Ausdruck 
einer schweren Angst, die durch Aktivität überwunden wird. 

Gesichtsausdruck und Gang des hysterischen Charakters sind 
niemals hart, schwer, lastend wie beim Zwangscharakter, nie hoch- 
mütig, selbstbewußt wie beim phallisch-narziRtischun Charakter. 
Die Bewegungen der ausgesprochenen Typen sind welch, mehr 
minder wiegend (nicht zu verwechseln mit elastisch), sexuell pro- 
vozierend. Die leichte Erregbarkeit ist schon an der Gesamterschei- 
nung ablesbar und steht im Gegensatz zur Verhaltenheit etwa des 
Zwangscharakters. 

Während die mit Koketterie gepaarte Sehen und Ängstlichkeit 
sow^ie die körperliche Agilität an der äulieren Erscheinung in for- 
maler Hinsicht auffallen, sind die weiteren spezifisch hysterischen 
Chatakterzüge verborgen. Dazu gehören Unbeständigkeit in den 
Reaktionen, das heifit Neigung zu unverhofften und nicht beabsich- 
tigten Wendungen im Verhalten: eine starke SuggestibilitÜt, die 
niemals allein, sondern immer zusammen mit starker Neigung zu 
Enttäuschungsreaktionen gepaart ist; so rasch sich ein hysterischer 
Charakter, im Gegensatz zum Zwangscharakler, auch vom Unwahr- 
scheinlichsten überzeugen laßt, fio rasch gibt er auch den Glauben 
auf, wenn andere Überzeugungen, die ebenso leicht erworben 
wurden, an dessen Stelle treten. Der früheren Hörigkeit folgt ge- 
wöhnlich ihr Gegenteil in der Einstellung: rasche Entwertung und 
grundlose Herabsetzung. Die Suggestibilität des hysterischen Cha- 
rakters macht seine große Veranlagung znr passiven Hypnose, aber 
auch zur Phantasterei aus. Sie hängt zusammen mit der außer- 
ordentlichen sexuellen Bindungsfähigkeit kindlichen Charakters. 
Die Neigung zum Phantasieren kann sich leicht bis zur Pseudologie 
steigern, in der phantasierte Erlebnisse als real erlebt reproduziert 
und aufgefaßt werden. 

So sehr der hysterische Charakter starken Ausdruck im kör- 
perlichen Verhalten findet, so sehr neigt er auch zur Darstellung 



• 



Der hysterische Charakter J 215 

von psychischen Konftikten in körperlichen Symptomen. Das läßt 
sich aus der Libidostruktur leicht erklären. 
u Der hysterische Charakter ist spezifisch gekennzeiclinet durct 
eine Fixierung an der genitalen Stufe der kindlichen Entwicklung, 
die durch die inzestuöse Bindung bestimmt wird. Aus dieser 
Fixierung bezieht der hysterische Charakter sowohl seine starke 
genitale Aggression wie seine Ängstlichkeit. Die genitalen Inzest- 
vorstellungen sind zwar verdrängt, haben aber ihre Besetzung in 
vollem Ausmaße beibehalten, sind nicht wie beim Zwangscharakter 
durch prägenitale Strebungen ersetzt. Soweit beim hysterischen 
Charakter prägenitale, orale, anale, urethrale Strebungen eine 
Rolle spielen, und das tun sie immer, sind sie Darstelluiigsformen 
der Genitalität oder zumindest mit ihr legiert. Der Mund bedeutet 
beim Hysteriker immer auch weibliches Genitale, ebenso der After, 
während diese Zonen etwa bei der Melancholie ihre ursprüngliche 
prägenitale Funktion erfüllen. Der hysterische Charakter genitali- 
siert, nach einem Ausdruck von Ferenczi. alles; die anderen 
Neurosenformen ersetzen die Genitalität durch prägenitale Me- 
chanismen, oder sie lassen das Genitale umgekehrt wie bei der 
Hysterie als Brust, Mund oder After fungieren. Das nannte ich an 
anderer Stelle die Überflutung des Genitales mit prägenitaler Libido. 
Da beim hysterischen Charakter infolge der neben der Genital- 
fixierung wirkenden und die Genitalfunktion hemmenden Genital- 
angst immer eine schwere Sexualstörung besteht, Stauungen unver- 
arbeiteter Geuitallibido sich aber am stärksten auswirken, muß 
seine sexuelle Agilität ebenso intensiv sein wie seine Neigung zu 
Angstreaktionen. Der hysterische Charakter ist im Gegensatz 
zum Zwangscharakter mit unverarbeiteter Sexualspannnug 
überladen. 

Das leitet über zur Frage nach der Natur seiner Panzerung. 
Diese ist in weit geringerem Maße gefestigt und viel labiler als 
etwa die des Zwangscharakters. Beim Hysteriker stellt sich die 
Panzerung in einfachster Weise als ängstliche Ich-Abwehr der 
genitalen Inzeststrebungen dar. Es ist sonderbar genug, aber nicht 
wegzuleugnen, daß sich beim ausgesprochenen hysterischen Cha- 
rakter die genitale Sexualität selbst in den Dienst ihrer Abwehr 
stellt: Je ängstlicher die Gesamteinstellung, desto mehr tritt das 
sexuelle Agieren hervor. Der Sinn dieser Funktion ist durchschnitt- 
lich der: der Hysteriker hat heftig drängende und unbefriedigte, 



216 Einige umschriebene Charakterformen 

durch Genitalangst gebremste genitale Antriebe; dadurch fühlt er 
sich immer Gefahren ausgesetzt, die seinen infantilen Angstvorstel- 
lungen entsprechen; die ursprüngliche genitale Strebung wird nun- 
mehr dazu verwendet, die Gefahrenquellen und die Größe und Nähe 
der drohenden Gefahren sozusagen abzutasten. Wenn also eine 
hysterische Frau sich sexuell besonders lebhaft darbietet, so ginge 
man fehl, wenn man annehmen wollte, daß das echte sexuelle Be- 
reitschaft sei; im Gegenteil, man wird beim ersten Versuch, die 
scheinbare Bereitschaft auszunützen, feststellen können, daß sich 
bei ausgesprochenen Typen das Verhalten sofort ins Gegenteil ver- 
wandelt, daß an Stelle des sexuellen Agierens Angst oder Abwehr 
in irgend einer anderen Form bis zur motorischen Flucht tritt. Der 
hysterische Charakter will also durch sein sexuelles Verhalten zu- 
nächst feststellen, ob und von wo die gefürehleten Gefahren kom- 
men können. Das zeigt sich besonders auch in der übortragungs- 
reaktioa in der analytischen Behandlung. Der hysterische Cha- 
rakter kennt nie die Bedeutung seines sexuellen Verhaltens, er 
lehnt dessen Kenntnisnahme heftigst üb, ist empört über „derartige 
Zumutungen", kurz, man merkt bald, was hier als Sexualstrebung 
imponiert, ist im Grunde Sexualität im Dienste der Abwehr. Erst 
wenn man diese selbst entlarvt und die kindliche Genitalangst 
analytisch zersetzt hat, taucht die genitale Objektstrebung in ur- 
sprünglicher Funktion auf; in gleichem Schritt damit verliert der 
Betreffende aber auch seine übertriebene sexuelle Agilität. 

Daß in diesem sexuellen Verhalten sich aucli andere, sekundäre 
Regungen durchsetzen, wie etwa primitiver Narzißmus, Beherrschen- 
und Imponierenwollen, ist hier von geringerem Belang. 

Soweit sich beim hysterischen Charakter anilere als genitale 
Mechauismen oder deren Ersatzbiklungen vorfinden, gehören sie 
nicht mehr spezifisch zu diesem Typus. Man findet etwa oft de- 
pressive Mechanismen. Analytisch läßt sich feststellen, daß die 
genital-inzestuöse Fixierung zum Teil durch Regressionen zu oralen 
Mechanismen abgelöst oder im Laufe des Prozesses ersetzt wurde. 
Die große Neigung der Hysteriker besonders zu oralen Regres- 
sionen läßt sich aus der sexuellen Stauung an dieser Zone erklären 
sowie daraus, daß der Mund in seiner Bedeutung als Genitalorgan 
viel Libido bei der „Verschiebung nach oben" an sich zieht. Dabei 
müssen natürlich melancholicähnliche Reaktionen, die tlcr ursprüng- 
lichen oralen Fixierung augehören, mituktiviert werden. Man 



Der hysterische Charakter j- . 217 

möchte also sagen, daß der hysterische Charakter sich rein dar- 
stellt, soweit er agiert, nervös und lebhaft ist, daß er aber andere, 
ihm nicht mehr spezifisch zugehörige Mechanismen verrät, wenn er 
depressiv, in sich gekehrt, autistisch ist. Trotzdem kann man von 
hysterischen Depressionen im Gegensatz zu melancholischen 
sprechen. Der Unterschied liegt an dem Ausmaß genitaler Libido 
und Objektbeziehung, das mit oralen Einstellungen legiert ist. An 
dem einen Ende entwickelt sich die reine Melancholie, an dem 
anderen, wo die Genitalität überwiegt, die reine Hysterie. 

Es bleibt noch hervorzuheben, daß der hysteriscbe Charakter 
eine geringe Neigung zu Sublimierungen und intellektuellen Lei- 
stungen aufweist und auch in seinen charakterlichen Reaktions- 
bildungen weit hinter anderen Formen neurotischen Charakters 
zurückbleibt. Das hangt ebenfalls mit der Tatsache zusammen, daß 
die Libido beim Hysteriker weder zur sexuellen Befriedigung vor- 
dringt, die seine Hypersexualität herabsetzen könnte, noch die 
sexuellen Energien ausgiebig bindet, sondern sie teils in körperliche 
Innervationen abführt, teils in Angst oder Ängstliclikeit umsetzt. Von 
den Triebmechanismen des hysteriscben Charakters pflegt man mit 
Vorliebe die angebliche Gegensätzlichkeit von Sexualität und so- 
zialer Leistung abzuleiten. Man übersieht dabei, daß die hoch- 
gradige Störung der Sublimierungen gerade durch die Sexualhem- 
mung bei ungebundener Genitalität sich ergibt und daß die Her- 
stellung der Befriedigbarkeit erst soziale Leistungen und Interessen 

freimacht. 

Hinsichtlich der Neurosenprophylaxe und öexualökonomie wird 
die Frage bedeutungsvoll, warum der hysterische Charakter seine 
genitale Stauung nicht ähnlich, wie es bei anderen Cbarakteren 
mit den prägenitalen Strebungen geschickt, irgendwie umsetzen 
kann. Er bildet aus der genitalen Libido weder Reaktionsbildungen, 
noch irgend welche Sublimierungen; ja nicht einmal die charakter- 
liche Panzerung geht ordentlich vor sich. Stellt man diese Tatsache 
mit anderen Eigenschaften der Genitallibido zusammen, so ergibt 
sieb der SchluH. daß sich vollentfaltete genitale Erregungen schlecht 
zu einem anderen Zwecke als zu dem der direkten Befriedigung 
eignen, und daß ihre Hemmung auch die Subiimierung anderer 
Ubidinöser Triebkräfte schwer behindert, weil sie ihnen zuviel 
Energie verleiht. Man darf bezweifeln, ob das an der besonderen 
Qualität der Genitalität liegt; es ist eher anzunehmen, daß die 



218 Einige umschriebene Charakterformeu 

Quantität der Libido bei Erregung der genitalen Zone dafür ver- 
iiutwortlich ist. Der Genitalapparat ist der physiologisch stiirkste, 
mit der Fähigkeit zur orgastischen Abfuhr im Gegensatze zu 
allen anderen Partialtrieben ausgestattet, in libidoökonomischer 
Hinsicht lebenswichtig, so daß wir annehmen können, dali die ihm 
entstammenden Antriebe weit mehr Ähuliclikeit mit dem Nahrungs- 
bedürfnis hinsichtlich Unnachgicbigkeit und Unablenkbarkcit haben 
als diejenigen, welche anderen erogeneu Zonen entstammen. Das 
mag für gewisse ethische Auffassungen betrüblich sein, läßt sich 
aber nicht ändern, und man kann auch das Sträuben gegen diese 
Tatbestände erklären: Ihre Anerkennung wäre umsiürzlerisch. 

2. Der Zwangscharakter 

Wenn die allgemeinste Funktion des Charakters Abwehr von 
Reizen und Sicherung des psychischen Gleichgewichts ist, so muß 
sie sich am Zwangscharakter besonders leicht erweisen lassen. 
Gehört doch der Zwangscharakter zu den beststudierton psychischen 
Gebilden. Von den bekannten Zwangssymptomen gibt es fliefiende 
Übergänge zu den charakterlicheu Verhallungswcisen. Der neu- 
rotische Ordnungszwang kann fehlen, doch ist pedantischer 
Ordnungssinn ein typischer Zug des Zwangscharakters. Das 
ganze Leben verläuft im großen und im kleinen wie nach einem 
vorgefaßten, unumstößlichen Programm. Eine Änderung der ge- 
setzten Ordnung wird zumindest iinungenehm empfnnden. in Fällen, 
die bereits als neurotisch anzusehen sind, löst sie Angst aus. Stellt 
dieser Zug einerseits eine Förderung der Arbeitserledigung dar. 
weil er mit Gründlichkeit einhergeht, so schränkt er andererseits 
die Arbeitsfähigkeit hochgradig ein, weil er keine Lebendigkeit, 
keine plötzliche, unerwartete Wendung in der Reaktion zuläßt. Für 
einen Beamten förderlich, wird sich dieser Zug der produktiven 
Arbeit, dem Spiel neuer Einfälle hinderlich erweisen. Man wird 
daher unter großen Politikern kaum je Zwangscharaktere finden, 
eher bei Naturforschern, deren Arbeit einen solchen Zug verträgt. 
Aber da er die Spekulation völlig unterbindet, wird er grundlegen- 
den Neuentdeckungen im Wege stehen. Das hängt uneh mit einem 
weiteren Charakterzug zusammen, dem nie fehlenden Hang zu 
umständlichem, grüblerischem Denken. Das Kenn- 
zeichnende dabei ist die Unfähigkeit, die Aufmerksamkeit beim 



v\rn-» Der Zwangscharakter .i 219 

Denken je nach der rationalen Bedeutung des Gegenstandes hier zu 
verschärfen und zu konzentrieren, dort hingegen keinen unnötigen 
Energieaufwand zu treiben; die Aufmerksamkeit ist mehr minder 
gleichmäßig verteilt; nebensächliche Fragen werden nicht minder 
gründlich durchdacht wie andere, die im Zentrum des beruflichen In- 
teresses stehen. Je pathologischer, starrer sich dieser Zug herausbildet, 
desto mehr verschiebt sich die Konzentration der Aufmerksamkeit 
und des Denkens auf nebensächliche Dinge, desto mehr werden die. 
rational wichtigen Angelegenheiten im Denken vermieden. Das ist 
der Erfolg eines gut durchschauten Prozesses, der in der Verschie- 
bung unbewußter Besetzungen besteht, in einer Ersetzung unbewuHt 
bedeutungsvoll gewordener Vorstellungen durch weitabliegende, 
nebensächliche Dinge. Das Ganze ist ein Stück des fortschreitenden 
Verdrängungsprozesses, der sich gegen verdrängte Vorstellungen 
richtet. Meist sind es kindliche Grübeleien über verbotene Dinge, 
die nicht zum eigentlichen Gegenstand vordringen dürfen. Auch 
dieses D&nken und Grübeln bewegt sich in vorgeschriebenen 
Bahnen, nach bestimmten, historisch bedingten Schemen und be- 
hindert bei geistigen Arbeitern beträchtlich die Beweglichkeit des 
Denkens; das wird in manchen Fällen wettgemacht durch eine über 
den Durchschnitt entwickelte Fähigkeit zu abstrakt logischem 
Denken. Die kritischen Fähigkeiten sind — im Rahmen der Logik 
— besser entwickelt als die schöpferischen. 

Ein nie fehlender Charakterzug, der mit den genannten aufs 
innigste zusammenhängt, ist Sparsamkeit, der sehr oft zum 
Geiz entwickelt ist. Pedanterie, Umständlichkeit, Neigung zur 
Grübelsucht und Sparsamkeit leiten sich sämtlich aus einer ein- 
zigen Triebquelle ab: aus der Analerotik; sie stellen direkte Ab- 
kömmlinge, größtenteils Reaktionsbildungen gegen die kindlichen 
Tendenzen dar, die der Zeit der Erziehung zur Reinlichkeit an- 
gehören. Soweit diese Reaktionsbildungen nicht vollständig ge- 
lungen sind, bestehen neben den besprochenen Zügen solche gerade 
gegenteiliger Natur und machen dann ebenfalls ein immanentes 
Stück des Zwangscharakters aus, korrekter ausgedrückt. Durch- 
brüche der ursprünglichen Tendenzen. Dann treten extreme Un- 
ordentlichkeit, Unfähigkeit mit dem Gelde hauszuhalten, gründ- 
liches Denken, aber im undurchbrechbarem Kreise usw. auf. Fügt 
man noch den großen Hang zum S a m m e 1 n von Dingen an, so ist 
das Ensemble der aualerotischen Abkömmlinge im Charakter voll- 



220 Einige umschriebene Charakterformen 

zählig beisammen. Während wir die qualitative Beziehung zum 
Interesse an den Entleerungsfunkiionen leicht durchschauen, ist uns 
die der Grübelsucht zur Analerotik nicht ganz einsichtig. Wenn wir 
auch die Beziehung zum Grübeln über die Herkunft der Kinder 
immer vorfinden, so scheint die Umwandlung der Interessen an der 
Defäkation zu einer bestimmten Art des Denkens, über deren Be- 
stand kein Zweifel aufkommen kann, noch uneinsichtigen Gesetzen 
zu unterliegen. Die auf der ersten Arbeit von Freud über diesen 
Gegenstand sich aufbauenden Untersuchungen von Abraham, 
Jones, Ophuijsen und anderen geben eine fast vollständige 
Orientierung Über dieses Gebiet. Wir wollen noch kurz einige 
weitere Charakterzüge nennen, die nicht den analen, sondern den 
ihnen zugeordneten spezifisch sadistischen Anlricbeu dieses Alters 
entstammen. Zwangscharakterc sind immer durch eine stark hervor- 
tretende Neigung zu Mitleids- und S c h u I d g e f ü h I s r e a k- 
tionen ausgezeichnet, was nicht der Tatsache widerspricht, daß 
ihre sonstigen Eigenschaften sehr oft nicht gerade Bequemlichkeiten 
für die Mitmenschen bedeuten; ja in der übertriebenen Ordentlich- 
keit, Pedanterie usw. erzwingen sich sehr oft Feindseligkeit und 
Aggression direkt die Befriedigung. Entsprechend der Fixierung des 
Zwangscharakters auf der sadistisch-analen Stufe der Libidoenf Wick- 
lung sehen wir in diesen Zügen samtlich Reaktionsbildu.igen gegen 
ursprünglich gegenteilige Tendenzen. Es ist aber zu betonen, dafi nur 
dann von Zwangscharakter gesprochen werden kann, wenn das 
t-nsemble dieser Züge vollständig beisammen ist. nicht aber wenn 
irgend jemand etwa nur pedantisch ist, aber sonst nichts vom 
/.Wangscharakter aufweist. Man darf also nicht von Zwaugsneurose 
sprechen, wenn eine Hysterie ordentlich oder grüblerisch zu- 
gleich ist. 

Während die bisher genannten Charakterzüge als direkte Um- 
wandlungen bestimmter Partialtriebe sich darstellen, gibt es 
weitere, nie fehlende Züge, die einen komplizicrlercn Aufbau haben 
und Resu täte em er Reihe aufeinander wirkender Kräfte sind. Dazu 

gehören Unentschossenheit, Zweifel und Mißtrauen. 
In der äußeren Erscheinung ist der Zwangscharakler von einer 
starken Gehaltenheit und Beb er rsch t h ei t, Affekten 
ebenso abhold wie seihst schwer zugänglich, meist gleichmäßig, so- 
wohl in der Liebe wie im Haß lau, was sich in manchen Fällen bis 
zur kompletten Affektsperre steigern kann. Diese lelztgenann- 



. t Der Zwangscharakier 221 

ten Eigenschaften sind bereits solche formaler Natur und leiten so- 
mit zu unserem eigentlichen Thema, zur Dynamik und Ökonomik 
des Charakters über. 

Die Gehaltenheit und Gleichmäßigkeit im Leben und Denken, 
die sich mit Unentschlossenheit paaren, ja mit ibr in einer be- 
stimmten Beziehung stehen, bilden den Ausgangspunkt unserer 
Analyse der Charakterform, Sie sind nicht direkt aus einzelnen 
Trieben abzuleiten wie die inhaltlichen Charakterzüge, prägen dem 
Wesen des Betreffenden den eigenartigen Stempel auf, bilden in der 
Analyse das Kernelement des Charakterwiderstandes ebenso wie 
der Neigung zur Vermeidung des Abschlusses einer Situation, also 
auch der analytischen Behandlung. Die klinische Erfahrung lehrt, 
daß die symptomatischen Züge des Zweifels, des Mißtrauens usw. 
solange sich als Widerstand in der Analyse auswirken und nicht zu 
beheben sind, wie die mehr oder minder ausgesprochene Affekt- 
sperre nicht durchbrochen ist. Diese verdient daher unsere be- 
sondere Aufmerksamkeit. Wir werden die Erörterung auch im 
wesentlichen auf die formalen Erscheinungen beschränken und 
können dies um so eher tun, als die anderen Eigenschaften gut be- 
kannt sind, während hier ein Stück Neuland aufzuarbeiten ist. 

Wir müssen uns zunächst in Erinnerung rufen, was über die 
Libidopositionen des Zwangscharakters bekannt ist. Historisch be- 
stand zunächst eine zentrale Fixierung an die sadistisch-anale 
Stufe, also etwa im zweiten bis dritten Lebensjahr. Die Er- 
ziehung zur Reinlichkeit war infolge ähnlich gerichteter Charakter- 
eigenheit der Mutter zu früh erfolgt, was mächtige Reaktions- 
bildungen, wie etwa extreme Beherrschtheit, schon im frühen Alter 
zur Folge hatte. Entsprechend der strengen Reinlichkeitserziehung 
entwickelte sich ein mächtiger analer Trotz, der zu seiner Ver- 
stärkung die sadistischen Antriebe mobilisierte. Bei der typischen 
Zwangsneurose erfolgt dennoch ein Stück weiterer Entwicklung 
zur phallischen Phase, das heißt die Genitalität wurde aktiviert, 
aber teils infolge der früh ausgebildeten Hemmung der Person, teils 
infolge asketisch-kultureller Einstellung der Eltern bald wieder 
aufgegeben. Soweit sie zur Entfaltung kam, so durchaus in Ab- 
hängigkeit von der vorausgegangeneu Entwicklung der Analität und 
des Sadismus als phallisch-sadistische Aggression; es versteht sich 
von selbst, daß ein männliches Kind seine genitalen Regungen um 
so rascher seiner Kastrationsangst zum Opfer bringen, das heißt ver- 



T^ 



2Ä2 Einige umschriebene Charakterformen 

drängen wird, je aggressiver seine erworbene Sexuulkonstifution und 
je umfassender die charakterlichen Hemmungen und Schuldgefühle 
aus früherer Zeit in die neue Phase hineinreichen. J:^s ist duhcr für die 
Zwangsneurose typisch, daß der Verdrängung der Genitalität ein 
Zurückweichen auf die bereits verlassene Stufe des Kotinteresses 
imd der Aggression dieser Stufe folgt. Die analen und sadistischen 
Reaktionsbildungen pflegen sich nunmehr, in der sogenannten 
Latenzzeit,') die bei Zwangscharakteren am besten entwickelt ist, 
zu verstärken und den Charakter definitiv zu formieren. Kommt 
der Betreffende in die Pubertät, die ihn den mächtigen Stürmen der 
körperiiehen Reifung aussetzt, so muH er, bei genügend starker 
charakterlicher Abpauzcrung. den alten Prozeß kurz wiederholen, 
ohne zur Erfüllung der Anforderungen der Geschlechtsreife vor- 
zudringen. Gewöhnlich treten zunächst heftige sadistische Anwand- 
lungen gegen Frauen (Schlage-, Vergewaltigungsphajitasien usw.) 
auf, die begleitet sind von einem Gefühl der affektiven Schwäche 
und von Minderwertigkeitsgefühlen; diese treiben zu narzißtischen 
Kompensationen in Form stark betonter ethischer un<! ästhetischer 
Regungen. Die Fixierungen an der analen und sadistischen Position 
werden verstärkt oder nach einem kurzen, gewülmüch mißlingenden 
Vorstoß zu genitaler Betätigung regressiv neu aktiviert, was zu 
weiterem Ausbau der entsprechenden Reaktionsbildnngen Anlaß 
gibt. Auf Grund dieser Prozesse in der Tiefe verläuft die Pubertät 
und Nachpubertät des Zwangschnrakters in einer typischen Weise, 
die sichere Rückschlüsse auf jene erlaubt. An erster Stelle ist dabei 
eine fortschreitende Abflachuug der Affektfähigkeit /.u beobachten, 
die dem Unkundigen als Zeichen besonders guter sozialer „An- 
passung" imponiert, auch dem Betreffenden selbst als solche er- 
scheinen mag, wie sie es ja zu einem Teile und in einem gewissen 
Sinne auch ist. Gleichzeitig mit der charokterlichen Sperre tritt 
aber auch ein Gefühl der inneren Leere auf und ein intensives Ver- 
langen, das Leben „neu zu beginnen", was gewöhnlich mit den ab- 
surdesten und ungeeignetsten Mitteln versucht wird. Ein solcher 
Patient entwickelte ein kompliziertes Gebäude zur Erledigung 
seiner kleinen und großen AufRuben. um sie sicher zu bewältigen 
und an einem bestimmten Datum, <las bis auf die Sekunde be- 



^ 



*) Die Latenzzeit ist, wie aus der sexuellen Entwicklung bei Kindern 
primitiver Völker hervorgeht, kein biologisches, sondern ein soziologisches, 
durch die Sexualuntcrdriickung geschaffenes Phänomen. 



I ■:..'. Der Zwangscharafcfer 223 

rechuet war, das neue Leben zu beginnen. Da er nie den gesetzten 
Bedingungen entsprach, mußte er immer von vorn anfangen. 

Es empfiehlt sich, als Vorbild der formalen Störungen des 
Zwangscharakters die Affektsperre zu untersuchen. Sie ist keines- 
wegs eine ohnmächtige Haltung des Ichs, als welche sie imponiert. 
Im Gegenteil, die Analyse ergibt kaum bei einer anderen Cha- 
rakterformation eine derart intensive und eifrige Abwehrarbeit. 
Was wird abgewehrt und womit? Die typische Art der Verdrängung 
beim Zwangscharakter ist die Abspaltung der Affekte von den Vor- 
stellungen, so daß diese sehr oft ungestört im Bewußtsein auf- 
tauchen können. Ein solcher Patient träumte und dachte ruhig den 
Inzest mit der Mutter, ja sogar inhaltlich schwerste Vergewaltigun- 
gen, aber er blieb dabei unberührt. Die genitale und sadistische Er- 
regung fehlte vollkommen. Analysiert man solche Patienten, ohne 
zugleich oder besser im Anfang vorwiegend die Affektsperre zu 
behandeln, so bekommt man zwar weiteres unbewußtes Material, 
gelegentlich auch eine schwache Erregung, aber nie die Affekte, 
die den Vorstellungen entsprechen würden. Wo sind sie verblieben? 
Wenn Symptome vorhanden sind, werden sie zum Teil in diesen, 
wenn nicht, so hauptsächlich in der Affektsperre selbst aufgearbeitet. 
Der Beweis für diese Behauptung ergibt sich sofort, wenn es ge- 
lingt, die Sperre durch konsequente Isolierung und Deutung zu 
durchbrechen; dann treten nämlich die gesuchten Affekte spontan 
wieder auf, gewöhnlich zunächst in Form von Angst. 

Es ist bemerkenswert und wirkt wie ein Experiment, daß dabei 
zunächst keine anderen als aggressive Impulse frei werden, noch 
lange nicht genitale. Wir werden also sagen, in der charakterlichen 
Panzerung bildet die äußere Schicht gebundene aggressive Energie. 
Was bindet sie? Die Bindung der Aggression erfolgt mit Hilfe anal- 
erotischer Energien. Die Affektsperre stellt einen einzigen groß- 
artigen Krampf des Ichs dar, der nicht so sehr von körper- 
lichen Krampfzuständen begleitet ist, als sich vielmehr ihrer be- 
dient. Alle Muskeln des Körpers, besonders aber die des Becken- 
bodens und Beckens, der Schultern, auch des Gesichtes (vgl. die 
leicht maskenartige „harte" Physiognomie bei Zwaugscharakteren) 
sind in chronischer Hypertonie.^) Dem entstammt die so häufige 

1) Vgl. liiezu die trefflichen Ausführungen von Fenichel in „Über 
organlibidinöse Begleiterscheinungen der Triebabwehr" (Int. Ztschr. 
f. PsA. 1928). 



224 Einige umschriebene Charakterformen 

körperliche Unge!enkigkeit der Zwangscharaktere. Das Ich hai 
also, um uns bildlich auszudrücken, anale Zurückhaltungstendenzen 
den verdrängten Schichten entnommen und sie nunmehr in seinem 
Interesse zur Abwehr der sadistischen Antriebe verwendet. Während 
also Analität und Aggression im Unbewuflten konform gericlitet 
sind, tritt bei der Abwehr die Analität, das Zurückhalten, gegen die 
Aggression auf (und umgekehrt). Wir bekommen also auch die 
analen Energien nicht, wenn wir die Affektsperre nicht lösen. Wir 
erinnern an unseren affektgesperrten Patienten, der monatelang 
vor jeder Stunde dreimal an der Öffnung der Hose rieb und dabei 
dreimal das Götz-Zitat vor sich hersagte. Es war, als wollte er 
sagen: „Ich würde dich ja so gerne erschlagen, aber ich muß mich 
beherrschen; du kannst mich also..." 

Auch beim passiv-femininen Charakter wird die Aggression mit 
Hilfe analer Tendenzen abgewehrt, aber anders als beim Zwangs- 
charakter. Dort wirkt die Analität in ursprünglicher Richtung als 
objektlibidinöse Strebung, hier in Form analen Zurückhaltens, also 
bereits selbst als Reaktionsbildung. Daher ist bei rein ausgebildeten 
Zwangscharakte ren auch die passive Homosexualität nicht so ober- 
flächlich und relativ unverdrängt, wie beim Passiv-femininen, der 
ja der Gruppe des hysterischen Charakters zuzurechnen ist. 

Wie ist es möglich, dafi die anale Zurückhaltung im Charakter 
sich oft so vollständig auswirken kann, dafi die Betreffenden zu leben- 
den Maschinen werden? Nicht nur wegen der analen Reaktionsbildung. 
Der Sadismus, der in der Affektsperre gebunden ist. ist nicht nur 
ihr Objekt, sondern auch ihr Mittel gegenüber der Analität. Es 
wird also auch anales Entleerungsinteresse mit Hilfe von aggressiver 
Energie abgewehrt. Jede lebendige, nffektvolle Äußerung pro- 
voziert im Unbewußten die nie erledigten alten Erregungen, so dafi 
ständig die Angst wirkt, daß ein Malheur passieren, etwas durch- 
gehen, daß die Selbstbeherrschung nicht wieder hergestellt werden 
könnte. Man merkt, dafi von hier aus der ganze kindliche Konflikt 
zwischen Entleerungsdrang und Beherrschenmüssen aus Angst vor 
Strafe aufrollbar wird. Und die Klinik lehrt, daß bei korrekter 
Analyse der Affektsperre der Durchbruch in diesen zentralen Kon- 
flikt gelingt, wobei auch die entsprechenden Besetzungen wieder 
zu den alten Positionen verschoben werden. Das ist gleichbedeutend 
mit Lösung des Panzers. 

Von der Affektsperre gelaugt man auch zu den af fektiven Ver- 



- - Der Zwangscharakter ' 225 

ankerungen der ersten Identifizierungen und des Über-Iclis: Das 
Gebot sich zu beherrschen, ursprünglich von außen einem wider- 
strebenden Ich aufgedrängt, wurde aufgenommen, aber es blieb 
nicht dabei, es wurde vielmehr zu einer starren, chronischen, un- 
lenkbaren Reaktionsweise, und das konnte es nur mit Hilfe der ver- 
drängten Energien des Es. 

- Weitere Vertiefung in die Dynamik der Affektsperre zeigt, 
daß zweierlei sadistische Regungen darin aufgearbeitet sind; sie 
sind bei systematischer Widerstandsanalyse relativ rein voneinander 
geschieden zu reproduzieren. Zunächst löst sich gewöhnlich der 
anale Sadismus, dessen Ziele Schlagen, Zertreten, Quetschen und 
ähnliches sind. Nach ihrer Durcharbeitung und nach Lösung der 
analen Fixierungen treten immer mehr p h a 1 1 i s c h - sadistische 
Impulse in den Vordergrund {Stechen, Durchbohren usw.), das heifit 
die Regression wird aufgehoben, die Besetzung der phallischen Po- 
sition bahnt sich an. Jetzt pflegt zum ersten Male die Kastrations- 
angst affektvoll aufzutreten und die Analyse der genitalen Ver- 
drängungen beginnt. Bei Zwangscharakteren tritt häufig in diesem 
Stadium die alte kindliche Phobie wieder auf. 

Beim Zwangscharakter liegen somit zwei Schichten von Ver- 
drängungen vor: im Vordergründe die sadistischen und analen, 
dahinter die phallischen. Das entspricht der Umkehrung beim Re- 
gressionsprozcO. Was regressiv neubesetzt wurde, liegt oberfläch- 
licher; die objektlibidinösen genitalen Strebungen sind zutiefst ver- 
drängt, von Schichten prägeuitaler Positionen „überdeckt". Man 
kann an diesen strukturellen Verhältnissen sehen, wie unrichtig es 
technisch wäre, die schwachen Manifestationen genitaler Objekt- 
strebungen vor der Durcharbeitung der Überlagerungen dem Pa- 
tienten durch Deutung affektiv nahebringen zu wollen. Alles würde 
mit Kälte aufgenommen, mit Zweifel und Mifitrauen abgewehrt 
werden. 

In diesem Zusammenhange müssen wir einen Augenblick bei 
der Ambivalenz und dem Zweifel verharren. Sie bilden schwerste 
Hindernisse der Analyse, wenn es nicht gelingt, von Anbeginn die 
verschiedenen Strebungen, die in der Ambivalenz zusammengefaßt 
sind, voneinander zu trennen. Sie entspricht ja einem Widerspruch 
zwischen gleichzeitigem Ansatz zu Liebe und Haß gegen dieselbe 
Person, in tieferer Schicht einer Hemmung sowohl der libidinösen 
wie der aggressiven Strebungen durch die jeweilige Angst vor 

Charakteranalyse 15 



Mft Einige umschriebene Charakterformen 

Strafe. Analysiert man alle Manifestationen gleichzeitig durch- 
einander, so wird man die Ambivalenz kaum bewnltigea und da- 
durch zur Annahme einer biologischen, also «iivertilgbaren ambi- 
valenten „Anlage" gelangen. Geht man dagegen entsprechend den 
ßtrukturellen und dynamischen Verhältnissen vor, so tritt bald der 
Haß in den Vordergrund, den man zunächst relativ rein analytisch 
lösen kann, um später auch die libidinösen Strebungen reiner 
kristallisiert zu bekommen. Der beste Ansatz zu dieser Spaltung 
der Ambivalenz ist genaueste Analyse des aktuellen Miü- 
trauens gleich im Beginne der Analyse. 

Man wird begreifen, daß wir uns auf die wesentlichsten Züge 
des Zwangscharakters beschränken, vieles unbeachtet beiseite 
lassen mußten. Es genügt, wenn es gelungen ist, die charakterlichen 
Tatbestände in den Grundzügen zu klären. 

3. Der phallisch-narzißtische Charakter 

Die Aufstellung des „phallisch-narzifltischen Charakters" ergab 
sich aus der Notwendigkeit, diejenigen charukterlichen Formen zu- 
sammenzufassen, die zwischen denen der Zwangsneurose und denen 
der Hysterie stehen. Sie weisen umschriebene, von den beiden an- 
deren Formen scharf unterscheid bare Züge sowohl in der Erscheinung 
wie in der Genese auf, so daß die Differenzierung gerechtfertigt ist. 
Der Ausdruck „phallisch-narzißtischer". ungenauer „genital-nar- 
zifitischer Charakter" hat sich im Laufe der letzten Jahre in der 
Psychoanalyse eingebürgert. Die Beschreibung dieses Typus erfolgte 
zuerst in einem bisher unpublizierten Vortrage in der Wiener Psycho- 
analytischen Vereinigung im Oktober 1926. 

Der phallisch-narzifitische Charakter unterscheidet sich schon 
in der äußeren Erscheinung vom Zwangscharakter und vom hysteri- 
schen Charakter. Ist der Zwangschuraktcr überwiegend gehemmt, 
verhalten, depressiv, der hysterische Charakter nervös, agil, ängst- 
lich, sprunghaft, so der typische phallisch-narzißtische im Auftreten 
selbstsicher, manchmal arrogant, elastisch, kräftig, oft imponierend. 
Je neurotischer der innere Mechanismus, desto aufdringlicher sind 
diese Verhaltungsweisen, wobei das Zurschautragen der tlaltung in 
gleichem Mafle überwiegt. Dem Körpertypus nach gehören die phal- 
lisch-narzifitischen Charaktere überwiegend dem athletischen, selte- 
ner dem asthenischen und nur vereinzelt dem pyknischen Formen- 




Der phallisch-narzistische Charakter ^^ 

typus Kretschmers an. In den Gesichtszügen treten häufiger 
Härte und scharfe männliche Linien, sehr oft aber auch trotz athleti- 
schem Habitus feminine, mädchenhafte hervor (sogenanntes „Milch- 
gesicht"). Das alltägliche Benehmen ist nie schleichend wie bei den 
Passiv- fem in inen, sondern gewöhnlich überlegen, entweder kalt zu- 
rückhaltend oder höhnisch-aggressiv, manchmal „stachelig", nach 
dem Ausdruck eines Vertreters dieses Typus. Das Narzißtische tritt 
im Verhalten zum Objekt, auch in der Liebe, gegenüber dem Objekt- 
libidinösen hervor und ist von mehr oder minder verhüllten sadisti- 
schen Zügen reichlich durchsetzt. 

Solche Menschen pflegen im gewöhnlichen Leben jedem erwarte- 
ten Angriff mit einem Angriff ihrerseits vorzubeugen. Das Aggres- 
sive ihres Wesens kommt oft weniger in dem, was sie tun und sagen, 
als in der Art ihres Tuns ziun Ausdruck. Sie werden insbesondere 
von solchen Mitmenschen, die die eigene Aggression nicht zur Ver- 
fügung haben, als im ganzen aggressiv, provokant empfunden. Die 
ausgeprägten Typen neigen besonders zur Erringung führender Posi- 
tionen im Leben und vertragen die Stellung als untergeordnetes Mit- 
glied der Masse schlecht, es sei denn, daß sie, wie etwa beim Heer 
oder in ähnlichen hierarchischen Organisationen, die Notwendigkeit 
der Unterordnung nach der einen durch Beherrschen nach der an- 
deren Seite wettmachen können. Auf Verletzungen ihrer Eitelkeit 
reagieren sie entweder mit kalter Absperrung, tiefer Verstimmung 
oder mit lebhafter Aggression, Ihr Narzißmus äußert sich zum Unter- 
schied von dem anderer Charaktere nicht in infantiler, sondern in 
betont selbstbewußter, die Überlegenheit und Würde überbetonender 
Weise, obgleich die Grundlage ihres Wesens nicht minder infantiler 
Art ist. Gerade durch den Vergleich ihrer Struktur mit der etwa 
eines Zwangscharakters ergeben sich klarste Einsichten in die Unter- 
schiede des prägenital und des phallisch basierten Narzißmus. Trotz 
ihrer überragenden Einstellung auf ihr Ich weisen sie manchmal auch 
starke Beziehungen zu Personen und Dingen der Welt auf; in dieser 
Hinsicht stehen sie dem genitalen Charakter am nächsten, unter- 
scheiden sich aber von ihm durch stärkere und umfassendere Beein- 
flußtheit von irrationalen Motiven des Handelns. Es ist kein Zufall, 
daß man unter Sportlern, Flugzeugführern, Militärs, Ingenieuren 
diesen Typus relativ am häufigsten vertreten findet. Aggressiver 
Mut gehört zu ihren wichtigsten Charaktermerkmalen, wie die zau- 
dernde Bedächtigkeit den Zwangscharakter, das Ausweichen vor Ge- 
is* 




SSS Einige umschriebene Charaktertormen 

fahrsituationen den passiv- femininen Charakter kennzeiclinet. Es 
hat für den Erfolg der Leistungen wenig zu besagen, daß sieh dieser 
Mut und die Angriffslust des phallisehen Narzißten von dem des 
genitalen Charakters durch eine kompensierende Note unterscheiden, 
daß sie auch der Abwehr gegenteiliger Regungen dienen. 

Der Mangel an Reaktionsbildungen gegen sein offen aggressives 
und sadistisches Verhalten grenzt den phallisch-narzißtischen Cha- 
rakter gegen den Zwangscharakter ab. Wir werden im folgenden zu 
zeigen haben, daß dieses aggressive Verhalten selbst eine Abwehr- 
funktion erfülli. Die sozialen Leistungen sind dank der freien Ag- 
gression bei den relativ unneurotischen Vertretern des Typs stark, 
impulsiv, energisch, treffsicher und meist produktiv; je neurotischer 
der Charakter, desto mehr erscheinen die Leistungen verrannt, ohne 
es in Wirklichkeit immer zu sein, und einseitig; von hier bis zur 
Bildung paranoider Systeme gibt es alle Übergänge. Von der Leistung 
des Zwangscharakters unterscheidet sich die des phallischen Nar- 
zißten durch geringere Gründlichkeit in Details und durch Groß- 
zügigkeit. 

Bei phallisch-narzißtischen Männcru ist die erektive Potenz im 
Gegensatz zur orgastischen sehr gut entwickelt. Die Beziehungen 
ZU Frauen sind durch die gewöhnlich vorhandene Geringschätzung 
des weiblichen Geschlechts gestört; trotzdem bilden gerade Vertreter 
dieses Typus vorwiegend begehrte Sexualobjekte, weil sie alle Zeichen 
der Männlichkeil im Äußeren rein entwickeln. Bei den Frauen ist 
der phallisch -narzißtische Charakter weit seltener vertreten, kommt 
aber doch häufig vor. Die neurotischen Formen sind gekenuzeichnet 
durch aktive Homosexualität und Klitoriserregbarkeit; die in geni- 
taler Hinsicht gesünderen Formen zeichnen sieh dtii-ch große Selbst- 
bewufltheit aus, die sich auf körperliche Kraft oder Schönheit stützt. 

Zum phallisch-narzißtischen Charakter gehören fast alle Formen 
der aktiven männlichen und weihliehen Homosexualität, die meisten 
Fälle der sogenannten moral iusanity, die Paranoia und die ver- 
wandten Formen der Schizophrenie, ferner viele Erythrophoben und 
manifest sadistisch-perverse Männer. Sehr oft gehören ihm auch 
produktive Frauen an. 

Gehen wir nun zur Darstellung der Struktur und Genese dieses 
Charakters über. Wir müssen dabei diejenigen Antriebe, die sich in 
der phallisch-narzißtischen Haltung direkte Befriedigung verschaffen, 
von den anderen unterscheiden, die den narzißtischen Schutzapparat 



Der phaIHsch-narzistische Charakter 229 

bilden, obgleich beide ineinander verflochten sind. Die Analyse er- 
gibt in typischer Weise zunächst eine Identifizierung des Gesamt- 
ichs mit dem Phallus bzw. bei phallisch-narzifitischen Frauen 
eine in der Phantasie stark ausgeprägte Vorstellung, einen solchen 
zu besitzen; ferner ein mehr oder minder offenes Zurschautragen 
dieses Ichs. Bei den Erythrophoben ist diese Regung verdrängt und 
bricht in Form eines schwer neurotischen Schamgefühls und Errötens 
durch. Diesen Fällen liegt geraeinsam eine Fixierung an diejenige 
Phase der kindlichen Entwicklung zugrunde, in der die anal-sadi- 
stische Position gerade verlassen, die genital-objektlibidinÖsc noch 
nicht voll besetzt wurde und die deshalb beherrscht ist von der 
stolzen, selbstbewußten Einstellung auf das eigene Glied. Das reicht 
zur Erklärung noch nicht hin. Der phallisch-narzifitische Charakter 
zeichnet sich nicht nur durch diesen phallischen Stolz aus, sondern 
noch mehr durch die Motive, die ihn zwingen, an dieser Stufe zu 
verharren. 

Mit dem Stolz auf den wirklichen bzw. phantasierten Phallus 
geht eine starke phallische Aggression einher. Der Penis steht un- 
bewußt bei Männern dieses Typus weniger im Dienste der Liebe als 
in dem der Rache an der Frau als Instrument der Aggression. Das 
begründet die für ihn bezeichnende starke erektive Potenz, aber auch 
die relative orgastische Erlebnisunfähigkeit. In der Kindheitsge- 
Bchichte phallischer Narzißten findet man mit überraschender Regel- 
mäßigkeit schwerste Liebesenttäuschungen gerade an den hetero- 
sexuellen Objekten, also beim Knaben an der Mutter und beim 
Mädchen am Vater, und zwar Liebesenttäuschungen auf der Höhe 
des Strebens, das Objekt durch phallische Exhibition zu gewinnen. 
Sehr oft war bei den männlichen Vertretern die Mutter der strengere 
Elternteil, oder der Vater war früh gestorben oder als unehelicher 
Vater nie in Erscheinung getreten. 

Die Hemmung der weiteren Entwicklung zur genitalen Objekt- 
liebe in der Kindheit durch eine mächtige Versagung der genitalen 
und exhibitionistischen Betätigung auf dem Höhepunkte ihrer 
Entwicklung und in typischer Weise von derjenigen Erziehungs- 
person, der sich die genitalen Interessen zuzuwenden begannen, hat 
eine Identifizierung mit der genital begehrten Erziehimgsperson auf 
genitaler Stufe zur Folge, also etwa beim Knaben ein Aufgeben 
des weiblichen Objektes, Einverleibung desselben, Wendung zum 
Vater (aktiv homosexuell, weil phallisch) und Beibehaltung der 



m 



Einige umschriebene Charakierformen 

Mutter als Objekt nur mit narzißtischen Einstellungen und sadisti- 
schen Racheimpulsen. Solche Männer versuchen unbewußt den 
Frauen immer wieder zu beweisen, wie potent sie seien; gleichzeitig 
bedeutet der Akt aber auch ein Durchbohren oder Vernichten, ober- 
flächlicher ein Erniedrigen der Frau. Bei phallisch-narzißtischeu 
Frauen ist in analoger Weise die genitale Rache am Manne (Kastra- 
tion) während des Aktes und das Bemühen, ihn impotent zu machen 
oder erscheinen zu lassen, zur führenden Tendenz geworden. Das ist 
in keiner Weise in Widerspruch zum sexuellen Reiz, der von diesen 
erotisch starken Charakteren auf das andere Geschlecht ausgeübt 
wird. Neurotisch polygames Nicht verharrenkönnen beim Partner, 
sowohl aktives Bereiten von Enttäuschungen wie auch passive Flucht 
vor möglichem Verlassenwerden sind daher oft zu finden. In anderen 
Fällen, wo die narzißtische Empfindlichkeit den Kompensations- 
mechanismus stört, besteht eine labile Potenz, die der Betreffende 
nicht wahrhaben will. Je gestörter in Wirklichkeit die Potenz ist, 
desto labiler ist gewöhnlich auch die allgemeine Stimmungslagc; dann 
herrscht jäher Wechsel von manisch-selbstbewußten mit tief depres- 
siven Phasen vor. In solchen Fällen ist aucli die Arbeitsfähigkeit 
schwer gestört. 

Die phallisch -exhibitionistische und sadistische Halfung dient 
gleichzeitig als Abwehr gegen Tendenzen gerade gegenteiliger Natur. 
Der Zwangscharakter regrediert nach der genitalen Versagung auf 
die frühere Stufe der Analität und bildet hier seine Reaktionsbildun- 
gen aus. Der phallisch-narzißlische Charakter bleibt auf der phal- 
lischen Stufe, ja er übertreibt ihre Äußerungen, aber dies zu dem 
Zwecke, sich gegen eine Regression zum Passiven und 
Analen zu schützen. Im Verlaufe der Analyse solcher Cha- 
raktere tauchen immer intensiver und gehäufter streng abgewehrte 
anale und passive Tendenzen auf; sie konstituieren seinen Charakter 
aber nicht direkt, sondern durch die Abwehr, die gegen sie in Form 
des phallischen Sadismus und Exhibitionismus vom phallisch-nar- 
zißtisch gewordenen Ich ausgeht. Sie stellen das gerade Gegenteil 
des passiv-femininen Charakters dar. Wehrt dieser seine Aggression 
und seine genitalen Impulse mit Hilfe analer und passiver Hingabe 
ab, so der phallische Narzifit umgekehrt seine analen und passiT- 
homosexuellen Neigungen mit Hilfe der phallischen Aggression. Man 
hört oft von Analytikern solche Charaktere als anale und passiv- 
homosexuelle beschreiben. So wenig man aber den passiv- fem ininen 




Der phallisch-narzistische Charakter 911 

Charakter als phallisch-sadistisch hinstellen kann, weil er diese 
Regungen abwehrt, so wenig kann der phallisch-narzifltische Cha- 
rakter als anal-passiv beschrieben werden, weil er diese Regungen 
in sich erfolgreich niederkämpft. Der Charakter ist nicht dadurch 
gekennzeichnet, was er abwehrt, sondern durch die Art, wie und mit 
welchen Triebkräften das Ich es tut. 

Während bei der moral insanity, beim aktiven Homosexuellen 
und phallischen Sadisten, sowie bei den sublimierleren Formen wie 
etwa beim Berufssportler diese Abwehr gut gelingt und die abge- 
wehrten Kräfte der passiven und analen Homosexualität sich nur in 
manchen Übertreibungen äußern, bricht beim Paranoiker das Ab- 
' gewehrte in Form von Wahnbildungen völlig durch. Der Erythro- 
phobe, der der paranoiden Form dieses Charakters am nächsten steht 
(sehr oft findet man in der Anamnese von paranoiden Schizophreniea 
die Angabe von krankhaftem Erröten), erliegt einem symptomati- 
schen Durchbruch der abgewehrten passiven und analen Homo- 
sexualität dadurch, daß er infolge akuter Kastrationsangst seine 
Onanie aufgibt und durch die hinzutretende, sich vasomotorisch aus- 
wirkende Sexualslauung die Abwehrfunktion des Ichs schwächt. Da- 
gegen sind der aktive Homosexuelle und der phallische Sadist so wie 
die moral insanity in ihrer Ich-Abwehr stark, solange die libidinöse 
Befriedigung effektiv erfolgt. Wird sie aus irgend einem Grunde 
für längere Zeit unterbrochen, so bricht auch hier die passive und 
anale Tendenz entweder symptomatisch oder unverhüllt durch. 

Unter den phallisch-narzißtisch-sadistischen Charakteren findet 
man oft auch Süchtige, insbesondere Alkoholisten. Dem liegt nicht 
nur abgewehrte Homosexualität zugrunde, sondern eine weitere spe- 
zifische Eigenart dieses Typus, die sich ebenfalls aus der phallischen 
"Versagung ableitet. Nehmen wir den Fall beim Manne. Mit der Ver- 
sagung der phallischen Exhibition und Onanie durch die Mutter geht 
eine Identifizierung mit ihr einher, die natürlich auf die verlassene 
anale Position, somit auch auf das passiv-feminine Verhalten provo- 
zierend wirkt. Dem wird sofort durch stärkere Ausprägung der 
phallisch-exhibitionistischen und aggressiven, also der männlichen 
Antriebe vorgebaut. Doch bei der Identifizierung (auf der phalli- 
schen Stufe) mit der Frau wurde diese gleichzeitig in der Phantasie 
mit einem Phallus ausgestattet (vgl. die Ergebnisse von Böhm und 
S a d g e r bei aktiven Homosexuellen) und der eigene Phallus bekam 
auch die Bedeutung der Brust. Daher stammt bei den sexuell aktiven 






I 

232 Einige umschriebene Charakterformen / 

Formen dieses Charakters die Neigung zur piissivcn und aktiven Fel- 
latio, ferner die mütterliche Haltung zu jüngeren Männern bei den 
männlichen, zu jüngeren und weiblichen Frauen bei den weibliclien 
Vertretern des Typs. Beim Alkoholisinus erfolgt auch eine Regression 
zum Oralen. Demzufolge sind beim Alkoholiker die typischen Züge 
des phallisch-narzifitischen Charakters verwischt. 

Die Ubergangsformen des phallisch-'nurzißtischen Charakters so- 
wohl zu den gesunden genital-objektlibidinösen wie zu den schwer 
pathologischen, prägenitalen Formen der Süchte und ehronisehen De- 
pressionen sind zahlreicher und vielfältiger als bei anderen ("harak- 
tertypen. In der Psychopathologie wird viel von der Verwandtschaft 
zwischen Genie und Verbrecher gesprochen. Weder Zwangscharak- 
tere noch hysterische oder masochistische Charaktere beliefern den 
hier gemeinten Typus; er entstammt überwiegend dem phallisch- 
narzißtischen Charakter. Ihm gehörten die meisten der Sexual- 
mörder der letzten Jahre an, Haarmann etwa und Kürten, die auf 
Grund schwerster kindlicher Liebescnttänschiiiigen die phallisch- 
sadistische Rache am Sexualobjekt später verwirklichten. Zu den 
phallisch-narzißtisclien Charakteren gehört Landru ebenso wie Na- 
poleon und Mussolini. Man darf die Kombination von phallischem 
Narzißmus und phallisehcm Sadismus bei gleichzeitiger Kompensa- 
tion passiver und anal-homosexueller Regungen zu den energiege- 
ladensten psychischen Konstitutionen zählen. Die Entscheidung über 
die Wendung zur aktivistischen Produktivität oder zum Verbrecher- 
tum großen Ausmaßes liegt in erster Linie an den Möglichkeiten, 
die die soziale Atmosphäre und Lage diesem Charakter gibt, seine 
Energien sublimiert zu verwenden. 

In zweiter Linie entscheidet darüber die Weite oder Enge der 
genitalen Befriedigbarkeit, die bestimmt, wieviel Zuschüsse die de- 
struktiven Regungen bekommen, wie drängend daher das Rache- 
bedürfnis wird und welche pathologischen Formen es infolgedessen 
annimmt. Die Gegenüberstellung von sozialen und libidoökonomi- 
schen Bedingungen will nicht verwischen, daß ja selbstverständlich 
auch die Hemmung der Befriedigbarkeit von sozialen familiären Fak- 
toren abhängt. Konstitutionell dürfte es sich bei diesen Formen um 
eine überdurchschnittliche Produktion libidinöser Energie überhaupt 
handeln, die um so intensivere Aggression möglich macht. 

Die analytische Behandlung phallisch-narzifitiscbcr Charaktere 
gehört zu den dankbarsten Aufgaben. Da die phallische Stufe in 



Der phaüisch-narzistiscbe Charakter 



233 



diesen Fällen voll erreicht und die Aggression relativ frei ist, gelingt 
die Herstellung der genitalen und sozialen Potenz nach Überwindung 
der ersten Schwierigkeiten leichter als bei anderen Cbarakterformen. 
Die Analyse ist immer aussichtsreich, wenn es gelingt, die phallisch- 
narzifitischen Haltungen als Abwehr passiv- femininer Regungen zu 
entlarven und die unbewußte Racheeinstellung zum anderen Ge- 
schlecht aufzuheben. Gelingt dies nicht, so verharren die Patienten 
in narzißtischer Unzugänglichkeit. Ihr Charakterwiderstand besteht 
in aggressiver Herabsetzung der Behandlung und des Analytikers in 
mehr oder minder verhüllter Form, in narzißtischer Bemächtigung 
der Deutungsarbeit, in Ableugnung und Abwehr jeder ängstlichen 
und passiven Regung und vor allem der positiven Übertragung. Die 
Reaktivierung der phallischen Angst gelingt nur durch energisches, 
konsequentes Zersetzen der reaktiven narzißtischen Mechanismen. 
Die Zeichen der Passivität und analen homosexuellen Neigungen 
dürfen nicht sofort in die Tiefe verfolgt werden, v^^eil sich sonst die 
narzißtische Abwehr gewöhnlich bis zur kompletten Unangreifbar- 
keit verstärkt. 



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V. Der masochistische Charakter 
1. Zusammenfassung der Anschauungen 

Da die analytische Charakterkunde bestimmte Auffassungen 
über die Triebe zur Voraussetzung hat, wählen wir zur Darstellung 
einen besonderen Typus neurotischen Charakters, den masochistischen. 

Die voranalytische Sexualwissenschaft war im wesentlichen der 
Ansicht, daß der Masochismus als spezielle Triebriclitung die Tendenz 
darstelle, im Erdulden von Schmerzen oder moraUscher Erniedri- 
gung Befriedigung zu finden. Da beide Ziele unlustvoll sind, war 
von vornherein das Problem, wie Unlust triebhaft gewollt werden 
und sogar Befriedigung schaffen kann, der Kern der Frage nach dem 
Wesen des Masochismus. Es bedeutete nur einen Aufschub der 
Lösung, wenn man sich mit einem Terminus lechnicus liehulf; der 
Ausdruck ..Algolagnie" sollte den Tatbestand umschreiben, dafl man 
Lust durch Geschlagen-, bzw. Erniedrigtwerden gewinnen wilL 
Manche Autoren ahnten richtige Zusammenhänge, wenn sie bestritten, 
daß der Masochist die Schläge wirklich anstrebt, und behaupteten, 
daß das Geschlagen werden nur die Vermittlerrolle beim Erlebnis der 
lustvollen Selbsterniedrigung spiele (K r a f f t - E b i n g). Wie immer 
dem sei; Die wesentliche Formulierung blieb: Was der normale 
Mensch als Unlust empfindet, wird vom Masochisten 
als Lust perzipiert oder dient wenigstens als T-ust- 
quelle. 

Die psychoanalytische Durchforschung der latenten Inhalte und 
der Dynamik des Masochismus sowohl in seinen moralischen als 
auch erogenen Anteilen brachte eine Fülle neuer Einsichten.') Freud 
entdeckte, daß Masochismus und Sadismus keine absoluten Gegen- 
sätze sind, daß niemals die eine Triebrichtung ohne die andere vor- 



*) Eine ausfuhrliche kritische ZiisammcDfasäung der analytischen 
Ergebnisse findet sich bei F e n i c h e 1 : Perversionen, Psychosen, Cha- 
rakterstörungen. Internat. PsA. V., 1931, S.57ff. 



Zusammen Fassung der Anschauungen 235 

zufinden ist. Masochismus und Sadismus erschienen als Gegeusatz- 
paar, der eine konnte in den anderen umschlagen. Es handelte sich 
also um einen dialektischen Gegensatz, der durch die Wendung vom 
Aktiven zum Passiven bei gleichbleibendem Vorstellungsinhalt be- 
stimmt ist.M Die Freud sehe Lehre von der Triebentwickiung unter- 
schied ferner die drei Hauptstufen der kindlichen Sexualität (oral, 
anal, genital) und ordnete zuerst den Sadismus der analen Phase zu, 
Später stellte es sich heraus, daß jede Stufe der sexuellen Entwick- 
lung durch eine entsprechende Form sadistischer Aggression gekenn- 
zeichnet ist. In der Fortführung dieses Problemgebietes konnte ich 
in jeder dieser drei Formen der sadistischen Aggression eine Re- 
aktion des psychischen Apparates auf die jeweilige Versagung der 
entsprechenden Partiallibido finden. Nach dieser Auffassung ent- 
steht der Sadismus jeder Stufe durch Mischung der destruktiven Re- 
gung gegen die versagende Person mit dem entsprechenden sexuellen 
Anspruch*) (Saugen- Versogung -»- destruktive Regung Beifien: 
oraler Sadismus; ebenso: anale Lust -Versag ung -»■ Zerquet- 
schen, Zertreten, Sehlagen: analer Sadismus; genitale Lust- 
Versagung ->. Durchbohren, Durchstechen: phallischer Sadis- 
mus). Diese Auffassung war in vollem Einklang mit der ursprüng- 
lichen Freud sehen Formulierung, daß zuerst die destruktive Re- 
gung gegen die Außenwelt (häufigster Anlaß: Trieb versagung) sich 
entwickelt, die sich dann gegen das Selbst wendet, wenn sie eben- 
falls durch Versagung und Äugst vor Strafe gebremst wird, um so 
zur Selbstdestruktioc zu werden. Sadismus wird durch Wendung 
gegen die eigene Person zum Masochismus,') das Über-Ich (Vertreter 



«) Freud: „Triebe und Triebschicksale". Ges. Sehr., Bd. V, S. 453. 

=) Reich: „Über die Quellen der neurotischen Angst." Int. Ztsehr. 
f. PsA-, XL, 1926, S.427. 

3) ., . . . umfaßt die Bezeichnung Masochismus alle passiven Einstellun- 
gen zum Sexualleben und Sexualobjekt, als deren öuOerste die Bindung 
der Befriedigung an das Erleiden von physischem oder seelischem Schmerz 
von Seiten des Sexualobjekts erscheint ... Es darf zunächst bezweifelt 
werden, ob er jemals primär auftritt oder nicht vielmehr regelmäßig durch 
Umbildung aus dem Sadismus entsteht." (Freud: „Drei Abhandlungen 
zur Sexualtheorie." Ges. Sehr., Bd.V, S. 51.) 

.Beim Gegensatzpaar Sadismus-Masochismus kann man den Vorgang 
(der Wendung von der Aktivität zur Passivität) folgendermaßen dar- 
stellen: a) Der Sadismus besteht in Gewalttätigkeit, Machtbetätigung gegen 
eine andere Person als Objekt, b) Dieses Objekt wird aufgegeben und 



236 Der masochistische Charakter 

der versagenden Person, bzw. der Forderungen der Gesellschaft im 
Ich) wird zur strafenden Instanz gegenüber dem Ich (Gewissen). Das 
Schuldgefühl entspricht der destruktiven Regung, welche mit der 
Liebesstrebung in Konflikt gerät. 

Diese Auffassung, daß der Masochismus eine sekundäre Bildung 
ist, wurde von Freud selbst später zugunsten der anderen auf- 
gegeben, dafi der Sadismus ein nach außen gewendeter Masochismus 
sei, einer Auffassung also, wonach es eine primäre biologische 
Tendenz zur Selbstzerstörung, einen primären oder erogenen 
Masochismus geben soll.') Diese Annahme Freuds folgte der eines 
„Todestriebes"', der der Gegenspieler des Eros wäre. Der primäre 
Masochismus war also die individuelle Äußerung des biologisch ge- 
dachten Todestriebes, begründet in den dissimilatorischcn Prozessen 
jeder Zelle des Organismus (auch „erogener Masochismus").^) 

Die Vertreter der Todestriebhypothese versuchten immer wieder, 
ihre Annahmen durch Berufung auf physiologische Abbauvorgänge 



durch die eigene Person ersetzt. Mit der "Wendung gegen die eigene Per- 
son ist auch die Verwandlung des aktiven Tricbzielcs in ein passives voll- 
zogen, c) Es wird neuerdings eine fremde Person als Objekt gesucht, 
welche infolge der eingetretenen Zielverwandlung die Rolle des Subjekts 
übernehmen muß. Fall c) ist der des gemeinhin sogenannten Masochismus. 
Die Befriedigung erfolgt auch bei ihm auf dorn Wege des ursprünglichen 
Sadismus, indem sich das passive Ich phantastisch in seine frühere Stelle 
versetzt, die jetzt dem fremden Subjekt überlassen ist. Ob es auch eine 
direktere masochistiscbe Befriedigung gibt, ist durchaus zweifelhaft. Ein 
ursprünglicher Masochismus, der nicht auf die beschriebene Art aus dem 
Sadismus entstanden wäre, scheint nicht vurzukominen." {Freud : „Triebe 
und Triebschicksale." Ges. Sehr., Bd. V, S. 453/454.) 

„Es scheint sich zunächst zu bestätigen, daß der Masochismus keine 
primäre Triebäufierung ist, sondern aus einer Rückwendung des Sadismus 
gegen die eigene Person... entsteht... Triebe mit passivem Ziel sind... 
von Anfang zuzugeben, aber die Passivität ist noch nicht das Ganze des 
Masochismus; es gehört noch der Unlustcharakter dazu, der bei einer 
Trieherfüllung so befremdlich ist." (Freud: „Ein Kind wird geschlagen." 
Ges. Sehr., Bd. V, S.56I.) 

*) „Wenn man sich über einige Ungcnauigkeit hinaussetzen will, kann 
man sagen, der im Organismus wirkende Todestrieb sei mit dem Masochis- 
mus identisch." (Freud: „Das ökonomische Problem des Masochismus." 
Ges. Sehr.. Bd. V, S. 380.) 

') Freud: „Jenseits des Lustprinzips." Ges. Sehr., Bd. VI. 



Zusammenfassung der Anschauungen 237 

zu stützen. Doch nirgends findet sich eine brauchbare Anschauung. 
Eine neue Arbeit, die für die Realität des Todestriebes Stellung 
nimmt, verdient deshalb Beachtung, weil sie in klinischer Weise an 
die Frage herantritt und auf den ersten Blick bestechende physio- 
logische Argumente vorbringt. Therese Benedek^) stützt sich auf 
Forschungen von Ehrenberg. Dieser Biologe fand, dafi schon 
beim unstrukturierten Einzeller ein in sich gegensätzlicher Vorgang 
festzustellen ist. Gewisse Vorgänge im Protoplasma bedingen nicht 
nur die Assimilation der Nahrungsaufnahme, sondern führen gleich- 
zeitig zur Ausfälhnig bis dahin in Lösung befindlicher Stoffe. Die 
erste Strukiurbildung der Zelle ist irreversibel, indem flüssige, ge- 
löste Stoffe in festen, ungelösten Zustand übergehen. Was assimiliert, 
ist im Leben begriffen; was durch Assimilation entsteht, ist eine Ver- 
änderung in der Zelle, eine höhere Strukturierung, die von einem be- 
stimmten Punkt an, wenn sie nämlich überwiegt, kein Leben mehr ist, 
sondern Tod. Das leuchtet ein, besonders wenn wir an die Verkal- 
kung der Gewebe im hohen Alter denken. Aber gerade dieses Argu- 
ment widerlegt die Annahme einer Tendenz zum Tode. Was fest, 
unbeweglich geworden ist, was als Schlacke der Leben sproz esse zu- 
rückbleibt, behindert das Leben und seine kardinale Funktion, den 
Wechsel von Spannung und Entspannung, den Grundrhythmus des 
Stoffwechsels sowohl im Gebiete des Nahrungs- wie des Sexual- 
bedürfnisses. Diese Störung des Lebensprozesses ist das gerade 
Gegenteil von dem, was wir als Grundeigenschaft des Triebes ken- 
nenlernen. Gerade das Siarrwerden schließt den Spannungs-Ent- 
spannungs-Rhythmus immer mehr aus. Wir müßten unseren Trieb- 
begriff ändern, wenn wir in diesen Vorgängen die Grundlage eines 
Triebes sehen wollten. 

Wenn ferner Angst Ausdruck „freigewordenen Todestriebes" 
wäre, so bliebe uuTerständlich, wie „feste Strukturen" frei werden 
können. B e n e d e k sagt selbst, daß wir die Struktur, das Fest- 
gefrorne erst dann als etwas dem Leben Feindseliges erkennen, wenn 
es überwiegt und die Lebensprozesse hemmt. 

Wenn die sfrukturbildenden Prozesse gleichbedeutend sind mit 
dem Todestrieb, wenn ferner nach der Annahme Benedeks die 
Angst der inneren Wahrnehmung dieses überwiegenden Erstarrens, 
das heißt Sterbens entspricht, dürfte es im Kindes- und Jugendalter 



1) „Todestrieb und Angst." Int. Ztschr. f. PsA., XVII, 1931. 



238 n'r Der masochistische Charakter 

keine Angst und im hohen Alter nur mehr Angst geben. Das gerade 
Gegenfeil ist der Fall: Die Funktion der Angst tritt lebhaft hervor 
gerade in Blütezeiten der Sexualität (unter der Bedingung der Hem- 
mung ihrer Funktion). Nach dieser Annahme müßten wir Todes- 
angst auch beim befriedigten Menschen finden, da er ja dem gleichen 
biologischen Abbauprozefi unterworfen ist wie der unbefriedigte. 

In der konsequenten Verfolgung der Freud sehen Lehre von 
der Aktualangst konnte ich die ursprüngliche Formel, Angst 
entstehe durch Umwandlung der Libido, dahin abändern, daß Angst 
ein Phänomen des gleichen Erregungs Vorganges am vaso-vegetativen 
System ist, der am sensiblen System als sexuelle Lust empfunden 
wird.*) 

Die klinische Beobachtung lehrt, daß Angst zunächst nichts an- 
deres ist als die Empfindung einer Enge, eines Stuuuiigsvorganges 
(Angst = arifiustiae), daß Befürchtungen (vorgeslcllte Gefahren) zu 
Angstaffekten nur unter der Bedingung werden, daß eine solche 
spezifische Stauung hinzukommt. Sollte es sich einmal herausstellen, 
daß die gesellschaftlichen Einschränkungen der Sexunibefriedigung 
auf dem Wege der Sexualstauung die strukturbildenden Prozesse, 
dadurch also das Sterben beschleunigen, so wäre damit nicht die 
Herkunft der Angst aus diesen Prozessen, sondern nur die lebens- 
schädigende Wirkung der sexualvcrneinenden Moral bewiesen. 

Die Abänderung der Auffassung des Masochismus hatte auto- 
matisch eine Änderung der Neurosen form el zur Folge. Die ursprüng- 
liche Auffassung Freuds besagte, daß sich die seelische Entwick- 
lung im Konflikt zwischen Trieb und Außenwelt vollzieht. Neben 
dieser Auffassung gab es nun eine zweite, die zwar jene nicht auf- 
hob, sie aber doch sehr beeinträchtigte; Der psychische Konflikt war 
nunmehr aufgefaßt als ein Ergebnis des Konfliktes zwischen Eros 
(Sexualität, Libido) und Todestrieb (Antrieb zur Selbstvcrnichtung, 
primärer Masochismus). 

Klinischer Ausgangspunkt für diese Hypothese, die von vorn- 
herein die stärksten Bedenken wachrief, war der merkwürdige, ja 
rätselhafte Tatbestand, daß bestimmte Kranke ihr Leiden nicht auf- 
geben zu wollen scheinen und unlustvolle Situationen immer wieder 
aufsuchen. Das widersprach dem Lustprinzip. Man mußte also auf 
eine innere, verborgene Absicht schließen, am Leiden festzuhalten 



') Reich : „Die Funktion des Orgasmus." S.63ff. (1927). 



Zusammenfassung der Änschauungeo tSO 

oder es wieder zu erleben.') Fraglich blieb nur, wie dieser „Wille 
zum Leiden" aufzufassen war, als primäre biologische Tendenz oder 
als sekundäre Bildung des psychischen Organismus. Es ließ sich ein 
Strafbedürfnis feststellen, welches — nach dieser Annahme — die 
Ansprüche eines unbewußten Schuldgefühls durch Selbstschädigung 
zu befriedigen schien. Und die psychoanalytische Literatur nach 
„Jenseits des Lustprinzips'*, vertreten besonders durch Alexander, 
Reik, Nunberg und viele andere, änderte, ohne es besonders zu 
vermerken, die Formel des neurotischen Konflikts ab.') Hatte es ur- 
sprünglich geheißen, die Neurose entstehe aus dem Konflikt: Trieb- 
Außenwelt (Libido — Angst vor Strafe), so hieß es jetzt, die 
Neurose entstehe aus dem Konflikt: Trieb — Straf b ed ü r fn i s {Li- 
bido — Straf wünsch), was das gerade Gegenteil des Bisherigen 
bedeutet.') Diese Auffassung folgte konsequent der neueren Trieb- 
lehre vom Gegensatz: Eros — Todestrieb, die den psychischen Kon- 
flikt auf Innenelemente zurückführte und immer mehr die über- 
ragende Rolle der versagenden und strafenden Außenwelt über- 
schattete.'') Dadurch glaubte man, die Antwort auf die Frage, woher 



') „Das Leiden selbst ist das, worauf es ankommt." (Freud: „Das 
Ökonomische Problem des Masochismus," Ges. Sehr., Bd. V. S. 381.) 

„Die Befriedigung dieses unhewuUten Schuldgefühls ist der vielleicht 
mächtigste Posten des in der Regel zusammengesetzten Krankheits- 
gewinnes, der Kräftesumme, welche sich gegen die Genesung sträubt und 
das Kranksein nicht aufgeben will; das Leiden, das die Neurose mit sich 
bringt, ist gerade das Moment, durch das sie der masochistisehen Tendenz 
wertvoll wird." (Freud: Ebenda, S. 581 f.) ■ .> 

*) Die Lehre vom Todestrieb beherrscht derzeit die psychoanalytische 
Literatur. Freud selbst bezeichnete vor Jahren in einem Gespräch die 
Todestrieblehre als eine außerhalb der Klinik stehende Hypothese. In 
Jenseits" heißt es am Schluß: „ ... bereit bleiben, einen Weg wieder zu 
verlassen, den man eine Weile verfolgt hat, wenn er zu nichts Gutem zu 
führen scheint." Die Hypothese aber wurde zur klinischen „Theorie", sie 
wurde nicht nur nicht aufgegeben, sondern hat vielmehr zu nichts Gutem 
geführt. Manche Analytiker wollen den Todestrieb sogar direkt beobachtet 
haben. 

») „In dem Satz, daß die Schuld durch Strafe, durch Leiden tilgbar sei, 
ist der Kern der ganzen Neurosenpsychologie enthalten." (Alexander : 
„Neurose und Gesaratpersönlichkeit." Int. Ztschr. f. PsA.. XII. 1926, S.342.) 

„Die Neurose, die im wesentlichen auf einem Konflikt zwischen Trieb- 
anspruch und Strafbedürfnis aufgebaut ist ..." (R e i k.) 

*) Diese Auffassung fand ihre Vertreter vorwiegend in der englischen 
Gruppe der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 



240 Der masochistische Charakter 

das Leiden kommt (statt mit dem Satz: „aus der Außenwelt, aus der 
Gesellschaft"), durch die Formel: „Aus dem biologischen Willen zum 
Leiden, aus dem Todestrieb und Strafbedürfnis", geben zu können. 
Diese Auskunft versperrt den schwierigen Weg in die S o z i o 1 o g i e 
des menschlichen Leidens, den die ursprüngliche psychologische 
Formel über den psychischen Konflikt breit geöffnet hatte. Führt 
die Todest rieblehre (die Lehre von den biologischen Selbstvernich- 
tungstrieben) zu einer Kulturphilosophie des menschlichen Leidens, 
wie etwa in „Das Unbehagen in der Kultur", wonach das mensch- 
liehe Leiden unaustilgbar sei, weil die destruktiven und nach Selbst- 
vernichiung strebenden Antriebe nicht zu bewältigen wären, i) so führt 
im Gegensatz dazu die ursprüngliche Formel über den psychischen 
Konflikt zur Kritik der sozialen Ordnung. ■ .: '•' 

Mit der Verlegung der Herkunft des Leidens aus der Außen- 
welt, aus der Gesellschaft, in die Innenwelt, mit seiner Rückführung 
auf eine biologische Tendenz wurde ein kardinales Prinzip der ur- 
sprünglichen analytischen Psychologie, das „Lust-Unlust-Prinzip", 
mächtig erschüttert. Das Lust-Unlust-Prinzip bedeutet ein Grund- 
gesetz der psychischen Apparatur, wonach Lust erstrebt, Un- 
lust vermieden wird. Lust und Unlust bzw. die psychische 
Reaktion auf lust- und unlustvolle Reize bestimmten nach der bis- 
herigen Auffassung die seelische Entwicklung und die seelischen Re- 
aktionen. Das „Realitätspriiizip" war kein Gegensatz zum Lust- 
prinzip, sondern besagte bloß, daß im Laufe der Entwicklung der 
psychische Apparat sich infolge der Außeuwellseinflüsse daran ge- 
wöhnen muß, momentanen Lustgewinn aufzuschieben, ja auf man- 
chen Lustgewinn sogar ganz zu verzichten. Diese „beiden Prin- 
zipien des psychischen Geschehens"^) konnten nur solange gelten, 
als man die große Frage des Masochismus dahin beantwortete, daß 
Leiden-erdulden-wollen aus einer Hemmung der Tendenz, Schmerz 
oder Leiden einem anderen zuzufügen, also durch ihre Rückwendung 
gegen die eigene Person, entsteht. Der Masochismus lag noch ganz 
im Rahmen des Lustprinzips, doch auch bei dieser Auffassung blieb 



1) „Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und 
in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung 
des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbst- 
vernichtungstrieb Herr zu werden." („Unbehagen in der Kultur." S. 136.) 

*) Freud: „Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychi- 
schen Geschehens." (Ges, Sehr., Bd. V.) 



Zusammenfassung der Anschauungen 241 

das Problem bestehen, wie Leiden lustvoll sein kann. Das wider- 
sprach von Anfang an dem Wesen und Sinn der Lustfunktiou. Man 
konnte zwar verstehen, wie unbefriedigte oder gehemmte Lust zu 
Unlust sich wandeln, nicht aber, wie Unlust zu Lust werden konnte. 
Also auch die ursprüngliche Auffassung des allgemein geltenden 
Lustprinzips löste nicht das Grundrätsel des Masochismus, denn die 
Auskunft, Masochismus bestehe eben darin, daß man Lust an der 
Unlust habe, erklärte nichts. 

Die Annahme eines „Wiederholungszwanges" wurde von den 
meisten Analytikern als befriedigende Lösung des Leidensproblems 
empfunden. Sie fügte sich der Hypothese des Todestriebes imd der 
Theorie vom Straf Bedürfnis glänzend ein, war aber in zweierlei Hin- 
sicht sehr bedenklich. Erstens durchbrach sie die Allgemeingültig- 
keit des heuristisch so wertvollen und klinisch unantastbaren Lustprin- 
zips. Zweitens führte sie in die empirisch wohlfundierte materialistische 
Theorie des Lust- Unlust -Prinzips ein unanzweifelbar metaphysisches 
Element ein, eine unbeweisbare und unbewiesene Hypothese, die in 
der analytischen Theoriebildung unnötig viel Unheil anrichtete. Es 
sollte also einen biologischen Zwang zur Wiederholung unlustvoller 
Situationen geben. Das „Prinzip des Wiederholuugszwanges" be- 
sagte nicht viel, wenn mau es biologisch-primär dachte, denn es war 
insofern ja nur ein Terminus, während die Formulierung des Lust- 
Unlust-Prinzips sich auf die physiologischen Gesetze der Spannung 
und Entspannung stützen konnte. Sofern man unter Wiederholungs- 
zwang das Gesetz verstand, daß jeder Trieb nach der Herstellung 
des Ruhezustandes strebt, ferner, soweit damit der Zwang, einmal 
genossene Lust wiederzuerleben, begriffen war, war dagegen nichts 
einzuwenden. Insoweit war diese Formulierung eine wertvolle Er- 
gänzung unserer Anschauung vom Spannungs-Entspannungs-Mecha- 
nismus. Aber in diesem Sinne aufgefaßt, liegt der Wiederholungs- 
zwang völlig innerhalb des Rahmens des Lustprinzips, ja mehr, 
das Lustprinzip selbst erklärt erst den Zwang zur Wiederholung. 
Ich formulierte 1925, damals noch in ungeschickter Weise, den Trieb 
als das Wesen der Lust, wiedererlebt werden zu müssen.') Der 
Wiederholungszwang innerhalb des Lustprinzips ist also eine 
wichtige theoretische Annahme. Das Prinzip des Wiederholuugs- 
zwanges wurde aber gerade als jenseits des Lustprinzips bedeu- 

^fYeTch: „Zur Trieb-Energetik." (Ztschr. {. Sex. Wiss., Bd.X, H.4, 
1923.) 

Cbarakteranal^'se 16 



242 Der masochistische Charakter "^ 

tungsvoll formuliert, als Annahme zur Erklärung von Tatbeständen, 
zu der das Lustprinzip angeblich nicht hinreichte. Es gelang aber 
nicht, den Wiederholungszwang als primäre Tendenz der psychi- 
schen Apparatur klinisch zu beweisen. Er sollte so manches erklär- 
lich machen und war doch selbst nicht zu begründen. Er verführte 
viele Analytiker zur Annahme einer überindividuellen „Ananke". 
Zur Erklärung des Strebens nach Wiederherstellung des Ruhezu- 
standes war diese Annahme überflüssig, denn dieses Streben erklärt 
sich restlos aus der Funktion der Libido, eine Entspannung herbei- 
zuführen, ferner aus der libidinöseii Mntterleibssehnsucht. Diese 
Entspannung ist auf jedem Triebgebiet nichts anderes als die Her- 
stellung des ursprünglichen Ruhezustandes und ist im Triebbegriff 
mit enthalten. In Parenthese sei bemerkt, daß auch die An- 
nahme eines biologischen Strebens nach dem Tode überflüssig wird, 
wenn man bedenkt, daß die physiologische Rückbildung des Orga- 
nismus, sein langsames Absterben, beginnt, sobald die Funktion des 
Geschlechtsapparates, des Quellgebietcs der Libido, nachläßt. Ster- 
ben braucht also auf nichts anderem zu beruhen als auf allmählichem 
Aufhören der Funktionen der lebenswichtigen Apparate. 

Man darf behaupten, daß es vor allem das klinische Problem des 
Masochismus war, welches nach Lösung drängte und die unglück- 
liche Annahme eines Todestriebes, eines Wiederholungszwanges jen- 
seits des Lustprinzips und eines Strafbedürfnisses als Grundlage 
des neurotischen Konfliktes bewirkte. In einer Polemik gegen A 1 e- 
xander,^) der auf diesen Annahmen eine ganze Persöidichkeits- 
lehre aufbaute, versuchte ich, die Lehre vom Strafbedürfnis auf den 
richtigen Umfang zurückzuführen, stützte mich aber selbst bei der 
Frage des Leidwillens auf die alte Theorie des Masochismus als 
letzter Erklärungsmöglichkeit. Die Frage, wie Unlust erstrebt, also 
zur Lust werden könne, lag zwar schon in der Luft, aber ich wußte 
damals nichts dazu zu sagen. Auch die Annahme eines erogenen 
Masochismus, einer spezifischen Disposition der GesUßerotik und 
Hauterotik, Schmerz lustvoll zu perzipieren (Sadger), befriedigte 
nicht, denn warum konnte die Gesäßerotik mit Schmerzempfindung 
als Lust verknüpft werden? Und warum empfand der Masochist als 
Lust, was andere an der gleichen erogenen Zone beim Geschlagen- 

*) Reich: „StrafbedürfnJs und ueurolischer ProzeR. Kritische Be- 
merkungen zu neueren Auffassungen des Neurosenprobleins." (Int. Ztschr. 
r. PsA.. XlII. 1927.) 




Zusammenfassung der Anschauungen 243 

werden als Schmerz und Unlust empfanden? Freud enträtselte 
selbst ein Stück dieser Frage, indem er in der Phantasie, „ein Kind 
wird geschlagen", die ursprünglich lustvolle Situation: „Nicht ich, 
sondern mein Rivale wird geschlagen", aufspürte.^) Trotzdem blieb 
die Frage, wieso Geschlagen werden mit Lust einhergehen kann, be- 
stehen. Sämtliche Masochisten berichten, daß mit der Phantasie, ge- 
schlagen zu werden, oder mit der realen Selbstgei fielung Lust ver- 
bunden ist, daß sie nur mit dieser Phantasie Lust verspüren oder in 
Sexualcrregung kommen können. 

Jahrelange Durchforschung niasochistischer Fälle zeigte keinen 
Ausweg. Erst ein Zweifel an der Korrektheit und Genauigkeit der 
Aussagen der Patienten ermöglichte einen Durchbruch in das Dunkel 
des Masochismus. Man mußte staunen, wie wenig man es trotz jahr- 
zehntelanger analytischer Arbeit gelernt hatte, das Lusterleben selbst 
zu analysieren. Man begegnete bei dieser eingehenden Analyse der 
Lustfunktion des Masochisten einem Tatbestand, der zunächst voll- 
ends verwirrte, aber trotzdem die sexuelle Ökonomie und dadurch 
auch die spezifische Grundlage des Masochismus mit einem Schlage 
klärte. Das Überraschende und Verirrende war, daß sich die 
Formel, der Masochist erlebe Unlust als Lust, als falsch erwies, daB 
vielmehr der spezifische LustmecKanismus des Masochisten ge- 
rade darin besteht, daß er zwar wie jeder andere nach Lust strebt, 
daß aber ein störender Mechanismus dieses Streben scheitern läßt 
und ilrn veranlaßt, Empfindungen, die vom Normalen 
lustvoll erlebt werden, von einer gewissen Stärke 
an unlustvoll zu perzipieren. Der Masochist, weit ent- 
fernt davon, Unlust anzustreben, zeigt vielmehr eine besondere 
Intoleranz gegen psychische Spannungen und leidet 
unter einer quantitativ keiner sonstigen Neurose eignenden Über- 
produktion an Unlust. 

Ich -wiM versuchen, das Problem des Masochismus zu erörtern, 
indem ich zunächst nicht — wie sonst übiicli — von der masochisti- 
sehen Perversiou, sondern von ihrer charakterlichen Reaktionsbasis 
ausgehe. Ich tue dies an Hand eines Falles, der fast vier Jahre in 
Behandlung stand und Fragen löste, die mehrere vorher behandelte 
Fälle unbeantwortet gelassen hatten. Diese \vurden erst nachträglich 
verstanden aus den Ergebnissen des hier als Muster dienenden Falles. 



') Freud : „Ein Kind wird geschlagen.*' (Ges. Sehr., Bd. V.) 

16» 



244 Der masochistische Charakter 

2. Die Panzerung des masochistischen Charakters 

:. Die wenigsten masochistischen Charaktere entwickeln auch 
eine masochistische Perversion. Da man zum Verständnis der Se- 
xualökonomie des Masochisten nur über das Verständnis seiner cha- 
rakterlichen Reaktionen gelangen kann, folgen wir in der Darstellung 
dem Weg, den durchschnittlich jede Psychoanalyse einschlägt, 
wenn sie nicht bei der theoretischen Klärung des Falles stehen 
bleiben, sondern zur Herstellung des Genitalprimats mit orgasti-- 
scher Potenz gelangen will. .^ , 

Jede Charakterformation erfüllt, wie wir früher ausführten, 
zweierlei Funktionen: erstens die Panzerung des Ichs gegen die 
Außenwelt und die eigenen Triebansprüche, zweitens, ökonomisch, 
die Aufzehrung der durch die Sexualstauung erzeugten Überschüsse 
au sexueller Energie, also im Grunde die Bindung der ständig neu 
produzierten Angst. Gilt das für jede Charakterformation, so ist 
doch die Art, in der diese Grundfunktionen vom Ich erfüllt werden, 
spezifisch, das heißt je nach der Neurosenart verschieden. Dabei 
entwickelt jeder Charaktertyp seine eigenen Mechanismen. Es 
genügt natürlich nicht, daß man die Grundfunktionen des Charak- 
ters eines Patienten (Abwehr und Angstbindung) kennt, man muß in 
kürzester Zeit erfahren, in welcher besonderen Weise der Charakter 
diese Aufgabe leistet. Da der Charakter die wesentlichsten Teile 
der Libido {bzw. der Angst) bindet, da wir ferner die Aufgabe 
haben, diese wesentlichen Beträge an Sexualenergie aus der chro- 
nischen charakterlichen Verarbeitung zu lösen und der genitalen 
Apparatur sowie dem Sublimierungssystcm zuzuführen, dringen wir, 
durch therapeutische Notwendigkeiten gezwungen, mit Hilfe der 
Analyse des Charakters bis zu den Kcrnelcmenten der Lustfunktion 
vor. 

Stellen wir die Hauptzüge des masochistischen Charakters zu- 
sammen. Sie finden sich vereinzelt bei allen neurotischen Charak- 
teren und imponieren in ihrer Gesamtheit erst dann als m a s o- 
chistischer Charakter, wenn sie vollzählig zusammentreffen, 
den Grundton der Persönlichkeit und ihre typischen Reaktionen 
überragend bestimmen. Als typisch masochistische Charakterzüge 
treten in Erscheinung: subjektiv ein chronisches Gefühl des Lei- 
dens, das sich, objektiv besonders hervortretend, als Neigung 
zum Klagen kundgibt; ferner gehören zum Bilde des masochisti- 



Die Panzerung des masochistischen Charakters 246 

sehen Charakters chronische Neigungen zur Selbstschädi- 
gung und zu Selbsterniedrigung („moralischer Masochis- 
mus") und eine intensive Quäl sucht, unter der der Betreffende 
nicht minder leidet als sein Objekt. Gemeinsam allen masochisti- 
schen Charakteren ist ein ungeschickte s, ataktischesVer- 
halteu von besonderer Art im Auftreten und im 
Umgangmit Menschen, das sich bei manchen Fällen bis zur 
Pseudodemenz steigern kann. Andere Charakterzüge kommen ge- 
legentlich hinzu, ohne daß das Gesamtbild dadurch merklich ver- 
ändert würde. 

Wichtig ist, daß dieses charakterneurotische Symptomenbild 
sich bei manchen Fällen offen darbietet, bei anderen selbst wieder 
durch eine oberflächliche Maskierung verdeckt ist. 

Wie jede andere Charakterhaltung spiegelt sich auch die ma- 
sochistische nicht nur im Objektverhalten, sondern auch im Allein- 
sein. Haltungen, die ursprünglich Objekten galten, werden auch 
(und oft ist gerade das wesentlich) den introjizierten Objekten, dem 
Über-Ich, gegenüber festgehalten. Was ursprünglich äußerlich war, 
dann so verinnerlicht wurde, muß in der analytischen Übertragung 
wieder veräufierlicht werden: Im Ubertragungsverhalten gegenüber 
dem Analytiker wird wiederholt, was am Objekt der Kinderzeit 
erworben wurde. Daß der gleiche Mechanismus in der Zwischenzeit 
auch innerhalb des Ichs spielte, ist für seine Entstehungsgeschichte 

Der Fall, an den wir uns im wesentlichen halten wollen, ohne 
d" vollständige Krankengeschichte hier mitzuteilen, kam mit fol- 

1 Klagen in die Behandlung: Er war seit seinem 16. Lebens- 
iahr vollkommen arbeitsunfähig und gesellschaftlich uninteressiert. 
Sexuell bestand eine schwere masochistische Perversion. Er hatte 
nie mit Mädchen Verkehr gepflogen, onanierte aber allnächtlich 
stundenlang in der typischen Weise, die prägenitale Libidostruk- 
turen kennzeichnet. Er wälzte sich auf dem Bauche, phantasierte 
dabei, daß ein Mann oder eine Frau ihn mit einer Geißel schlage, 
und quetschte am Glied herum. Er onanierte also nicht wie etwa der 
genitale Charakter, indem er den Penis durch regebnäßige Frik- 
tionen zur Erregung brachte, sondern in der Weise, daß er das Glied 
knetete, zwischen die Beine klemmte, zwischen den Handflächen rieb 
usw. Kündigte sich der Samenerguß an, so hielt er 
zurück und wartete, bis die Erregung verging, um 



246 «MJisj Der masochistische Charakter I •«() 

dannvon neuem anzufangen. So onanierte er nächtlich, oft 
auch am Tage, stundenlang, bis er schließlich ganz erschöpft einen 
fließenden Samenerguß zuließ. Nachher war er zerschlagen, schwer 
müde, zu keiner Leistung fähig, vergrämt, „masochistisch", zerquält. 
Besonders schwer war es für ihn, sich morgens aus dem Bett zu 
bringen. Trotz maßlosen Schuldgefühls konnte er das „im Bett 
Faulen" nicht unterbrechen. Das Ganze bezeichnete er später als 
den „masochistischen Sumpf". Je mehr er dagegen rebellierte, desto 
weniger gelang es ihm, sich aus dieser „masochistischen Stimmung" 
herauszuarbeiten, desto tiefer versank er dtirin. Diese Art seines 
Sexuallebens dauerte, als er in die Behandlung kam, bereits mehrere 
Jahre. Die Wirkungen auf sein Wesen und sein Äffektleben waren 
verheerend gewesen. 

Der erste Eindruck, den ich von ihm empfing, war der eines 
Menschen, der sich mit dem Aufwand aller Kräfte gerade noch auf- 
recht erhält. Er trat zwar krampfhaft wohlerzogen und gesetzt auf, 
tat sehr vornehm und erzählte von seinen großen Plänen; er wollte 
Mathematiker werden. In der Analyse stellte sich heraus, daß ea 
sich hier um eine wohlausgebildete Größenidee handelte: Er war 
jahrelang einsam in den Wäldern Deutschlands herumgewandert 
und hatte dabei ein System ausgebaut, wonach man durch die 
Mathematik die ganze Welt berechnen und verändern könnte. Diese 
äußere Schale seines Wesens zerfiel sehr bald in der Analyse, als 
ich ihm klarmachen konnte, daß sie dazu diente, das Gefühl des 
restlosen Unwertes seiner Person wettzumachen, das sich in voller 
Abhängigkeit von der als „Schmutz" und „Sumpf" empfundenen 
Onanie ständig neu produzierte. Der „Mathematiker", von Kindheit 
auf das Ideal des reinen, asexuellen Menschen, sollte den „Sumpf- 
menschen" verdecken. Es ist für unsere Auseinandersetzung nicht 
wesentlich, daß der Kranke ganz den Eindruck einer gerade be- 
ginnenden Schizophrenie hebephrener Form machte. Hier ist nur 
wichtig, daß die „reine" Mathematik einen Wall gegen das 
„schmutzige" Selbstgefühl aus der analen Onanie bilden sollte. 

Mit der Lockerung seines äußerlichen Wesens kam die maso- 
chistische Einstellung in ihrer ganzen Größe zum Vorschein. Jede 
Stunde begann mit einer Klage und sehr bald setzte offenes kind- 
liches Provozieren masochistischer Art ein. Forderte ich ihn auf, 
eine Mitteilung zu ergänzen oder genauer zu formulieren, so be- 
gann er mit einem „just nicht, just nicht, just nicht!" meine Be- 



Die Panzerung des masochisfischen Charakters 247 

mühungen ad absurdum zu führen. Im Anschluß daran stellte sich 
heraus, daß er als vier- bis fünfjähriger Knabe eine Phase 
schwersten Trotzes mit Schrei- und Stramp elanfällen durchgemacht 
hatte. Der geringste Anlaß hatte genügt, um ihn in jenen „Schrei- 
zustand" zu bringen, der, wie er sagte, seine Eltern in Verzweiflung, 
Ratlosigkeit und Raserei versetzte. Solche Anfälle konnten tagelang 
dauern bis zur volikommenen Erschöpfung. Später konnte er selbst 
feststellen, daß diese Trotzperiode den eigentlicheu Masochismus 
eingeleitet hatte. Seine ersten Schlagephantasien traten etwa im 
siebenten Lebensjahre auf. Er phantasierte nicht nur vor dem 
Einschlafen, daß er auf das Knie gelegt und geschlagen werde, son- 
dern er begab sich auch oft ins Klosett, riegelte ab und versuchte, 
sich selbst zu geißeln. Eine Szene aus dem dritten Lebensjahr, die 
erst im zweiten Jahre der Analyse auftauchte, konnte als trau- 
matische Szene festgestellt werden. Er hatte im Garten gespielt und 
sich dabei — wie unzweideutig aus der Gesamtsituation hervorging 
— beschmutzt. Da Gäste anwesend waren, regte sich sein schwer 
psychopathischer und sadistischer Vater sehr darüber auf, trug ihn 
ins Haus und legte ihn auf ein Bett. Der Junge legte sich 
dabei sofort auf den Bauch und erwartete mit 
großer Neugier, die mit Angst vermischt war, die 
Schläge. Der Vater verprügelte ihn kräftig, er aber hatte dabei 
ein Gefühl der Erleichterung; ein typisch masochistisches Erlebnis, 
das er zum erstenmal hatte. 

Hatten ihm die Schläge Lust bereitet? Die Analyse stellte ein- 
deutig fest, daß er damals weit Schlimmeres befürchtet hatte. Er 
hatte sich so rasch auf den Bauch gelegt, um das Genitale vor dem 
Vater zu schützen,^) und daher die Schläge auf den Hintern als 
eine große Erlösung empfunden; sie waren relativ harmlos im Ver- 
gleich zum erwarteten Unbeil, am Glied beschädigt zu werden, und 
daher angstlösend. 

Man muß diesen Grundmechanismus des Masocbismus klar er- 
fassen, wenn man seinen Gesamtcharakter begreifen will. Wir 
greifen dem Ablauf der Analyse damit vor, denn die Klarheit 



*) Dieser Tatbestand wurde von Freud in seiner Arbeit „Das öko- 
nomische Problem des Masocbismus" (Ges. Sehr., Bd. V, S. 578) betont. Seine 
klinische Verfolgung führt aber nicht zur Hypothese vom primären Maso- 
chismus, sondern zu ihrer Widerlegung. 



w 



248 



:ii-^ijf~i\ Der masochistische Charakier " i'l 



darüber ergab sich erst nach mehr als eineinhalb Jahren Analyse. 
Die Zeit bis dahin war ausgefüllt mit den zunächst scheiternden 
Versuchen, die masochistischen Trotzreaktionen des Patienten zu 

bewältigen. 

Der Patient pflegte sein Verhalten bei der späteren Onanie 
mit den Worten zu beschreiben: „Wie mit Schrauben dreht es mich 
vom Rücken auf den Bauch." Ursprünglich glaubte ich darin einen 
Ansatz zur phallischen Sexualität erblicken zu dürfen, erkannte 
aber erst später, daß es sich um eine Abwehrbewegung handelte: 
Der Penis sollte geschützt werden: lieber auf das 
Gesäß geschlagen werden, als eine Beschädigung 
des Genitales erleben! Dieser Grundmechanismus be- 
stimmte auch die Rolle der Schlagephantasie. Die spätere ma- 
sochistische Wunschvorstellung war ursprüng- 
lich eine Strafangstvorstellung gewesen. Die maso- 
chistische Schlagephantasie nimmt also eine erwartete schwerere 
Bestrafung in milderer Form vorweg. In diesem Sinne ist auch die 
Alexander sehe Formulierung umzudeuten, daß man sich durch 
die Befriedigung des Strafbedürfnisses die sexuelle Lust erkaufe. 
Man bestraft sich nicht, um sein Uber-lcb zu beschwichtigen oder 
zu „bestechen" und dann Lust angstfrei zu genießen, sondern man 
geht als Masochist wie jeder andere auch an die lustvoUe Betäti- 
gung heran, doch die Angst vor Strafe fährt da- 
zwischen; die masochistische Selbstbestrafung ist nicht der 
Vollzug der gefürchteten Strafe, sondern der einer anderen, einer 
milderen Ersatzstrafe. Sie stellt also eine besondere Art der Abwehr 
von Strafe und Angst dar. Hierher gehört auch die passiv-feminine 
Hingabe an die strafende Person, die solche masochistische Cha- 
raktere auszeichnet. Unser Patient streckte einmal das Gesäß vor, 
um, wie er sagte, geschlagen zu werden, in Wirklichkeit meinte 
dieses Geschlagenwerden wollen ein Sich-als-Weib-Anbieten (ganz 
im Sinne der Freud sehen Deutung der passiven Schlagephantasie 
als Ersatzes eines passiv-femininen Wunsches). Der nicht maso- 
chistische passiv- feminine Charakter beim Manne erfüllt diese 
Funktion der Abwehr der Kastrationsgefahr durch rein anale Hin- 
gabe ohne den Zusatz der masochistischen Vorstellung oder die Er- 
gänzung der Angstabwehr durch die Schlagephantasie. 

Diese Erörterung führt geradlinig zur Frage, ob Unlust erstrebt 
werden kann. Wir schieben aber ihre Besprechung auf, um uns erst 



^ 



Die Panzerung des masochistischen Charakters 349 

die Gundlageu dafür aus der Charakteranalyse des Masochisten zu 

schaffen. 

Die infantile Trotzperiode unseres Patienten erfuhr eine 
Wiederbelebung in der Behandlung in TöUig ungehemmter und un- 
verhüllter Weise. Die Phase der Analyse der Scbreianfälle dauerte 
etwa sechs Monate, brachte aber auch die völlige Beseitigung dieser 
Reaktionsweise. Sie trat seither in dieser infantilen Form nicht 
wieder auf. Es war zunächst nicht leicht, den Patienten dazu zu be- 
wegen, das trotzige Agieren der Kindheit zu reaktivieren. Dagegen 
wehrte sich seine Mathematikerhaitnug. Ein vornehmer Mensch, ein 
mathematisches Genie kann doch derartiges nicht tun. Und doch 
war es unumgänglich, denn um diese Schicht des Charakters als 
Abwehr von Angst zu entlarven und zu beseitigen, mußte sie erst 
voll reaktiviert werden. Als der Patient mit seinem „just nicht, just 
nicht" einsetzte, versuchte ich es zuerst mit der Deutung, stieß aber 
auf völliges Ignorieren meiner Bemühungen. Nun begann ich den 
Patienten nachzuahmen, indem ich, wenn ich eine Deutung seines 
Verhaltens gab, das „Just nicht" selbst sofort hinzufügte. Diese Maß- 
regel war durch die Situation geboten; ich wäre auf andere Weise 
nicht so weit mit ihm gekommen, wie es später gelang. Auf meine 
konsequenten Versuche, ihn ad absurdum zu führen, reagierte er 
einmal mit einem unwillkürlichen Aufstrampeln. Ich ergriff die 
Gelegenheit und forderte ihn auf, sich völlig gehen zu lassen. Er 
begriff zuerst nicht, wie man ihn zu derartigem auffordern könne, 
aber schließlich begann er mit immer mehr Mut sich auf dem Sofa 
hin- und herzuwerfen, \xm dann zu affektiven Trotzschreien und 
Hervorbrüllen unartikulierter, tierähnlicher Laute überzugehen.: 
Ganz besonders stark wurde ein derartiger Anfall, als ich ihm ein- 
mal sagte, seine Verteidigung des Vaters sei nur eine Maskierung 
seines maniosen Hasses gegen ihn. Ich zögerte auch nicht, diesem 
Haß ein Stück rationaler Berechtigung zuzubilligen. Seine Aktionen 
begannen nunmehr einen unheimlichen Charakter anzunehmen. Er 
brüllte derart, daß die Leute im Hause ängstlich zu werden be-' 
gannen. Das konnte uns nicht stören, denn wir wußten, daß das der 
einzige Zugang zu seinen tiefen Affekten war, daß er nur auf diese 
Weise seine kindliche Neurose voll, affektiv, nicht nur erinnerungs- 
gemäß, wiedererleben konnte. Es gelang immer wieder, ihm von 
Zeit zu Zeit einen tiefen Einblick in sein Verhalten zu ermöglichen. 
Es bedeutete eine großartige Provokation der Erwach- 



250 - ^oU^ Der masochistische Charakter ^'! MO 

s e n e n und, im übertragenen Sinne, meiner Person. Aber warum 
provozierteer? , ■-.■■ ^ .a 

Andere masochistische Fälle provozieren den Analytiker durch 
das typische masochistische Schweigen. Er tat es in Form primitiver 
Trotzaktionen. Es dauerte eine geraume Zeit, bis ich ihm klar- 
machen konnte, was mir sehr bald klar geworden war, daß diese 
Provokationen Versuche darstellten, mich streng zu machen und zur 
Raserei zu bringen. Das war aber nur der oberflächliche Sinn seines 
Verhaltens. Dabei darf man nicht stehenbleiben. Tut man es so oft 
doch, so deshalb, weil man auf dem Standpunkt steht, daß der 
Masochist Strafe an sich als Befriedigung eines wie ein Trieb sich 
gebärdenden Schuldgefühles erstrebt. Dadurch glaubt man im all- 
gemeinen den tiefsten Sinn des masochistischen Provozierens zu 
erfassen. In Wirklichkeit geht es gar nicht um Strafe, sondern 
darum, den Analytiker oder sein Vorbild, tlcn Erzieher, ins U n- 
t recht zu setzen, ihn dazu zu bringen, sich in einer Weise zu 
benehmen, daß der Vorwurf: „schau, wie schlecht du mich be- 
handelst", einen rationalen Anhaltspunkt bekommt. Diese Pro- 
vokation des Analytikers stellt bei jedem masochistischen Cha- 
rakter ausnahmslos eine der ersten Hauptschwierigkeiten der Ana- 
lyse dar. Ohne die Aufdeckung des beschriebenen Sinnes kommt 
man keinen Schrift weiter. 

Es muß einen Sinn haben, daß der Masochist den Analytiker 
provoziert, um ihn ins Unrecht zu setzen. Dieser Sinn lautet: „Du 
bist ein schlechter Kerl, du liebst mich nicht, im Gegenteil, du be- 
handelst mich grausam, ich habe ein Recht, dich zu hassen." Die 
Rechtfertigung des Hasses und der Abbau des Scluildgefühls durch 
diesen Mechanismus bilden nur einen zwischeugcschalteten Vorgang. 
Das Hauptproblem des masochistischen Charakters ist nicht sein 
Schuldgefühl, ebensowenig wie sein Strafbedürfnis, mögeix sie auch 
in jedem Falle eine verschieden große Wertigkeit besitzen. Faßt 
man Schuldgefühl und Strafbedürfnis als Äuflcnmgen eines biologi- 
schen Todestriebes auf, so muß man allerdings glauben, mit der 
Aufdeckung dieser Rationalisierung des Hasses und der Provokation 
des Objekts den letzten Grund erreicht zu haben. Warum also setzt 
der Masochist sein Objekt ins Unrecht? 

Hinter der Provokation steht genetisch und historisch eine tiefe 
Liebesenttäuschung. Provoziert werden mit besonderer Vor- 



r 



Die Panzerung des masochistischen Charakters 251 

liebe die Objekte, an denen man eine Enttäuschung erfuhr, die man 
ursprünglich besonders liebte und die einen entweder tatsächlich 
enttäuschten oder aber die vom Kinde geforderte Liebe nicht ge- 
nügend befriedigten. Wir vermerken schon jetzt, daß zu den realen 
Enttäuschungen beim masochistischen Charakter eine besonders hohe 
Liebebedürftigkeit hinzukommt, die eine reale Befriedigung aus- 
schließt und besondere innere Quellen hat, die wir später erörtern 
werden. 

Im Laufe der Zeit, nachdem sich der Patient überzeugt hatte, 
daß er mich nicht zur Raserei bringen konnte, verblieb das Verhalten 
mit geänderten Absichten. Es machte ihm nunmehr offenkundig 
Freude, sich in der Analyse auszutoben. Das Agieren wurde zu 
einem Hindernis, denn er füllte jetzt die Stunden mit kindlichem 
Strampeln und Schreien aus. Nun konnte ihm gezeigt werden, daß 
sein Provozieren ursprünglich die wichtige Nebenabsicht verfolgte, 
zu prüfen, wie weit er mit seiner Unartigkeit gehen konnte, an 
welchem Punkte ich ihm meine Liebe und Aufmerksamkeit entziehen 
und zur Bestrafung übergehen würde. Er hatte sich überzeugt, daß 
er keine Angst zu haben brauchte, er durfte also schlimm sein, ohne 
dafür bestraft zu werden. Das kontinuierliche Schlimmsein löste so 
die ständig strömende Angst vor Strafe und war daher eine Lust- 
quelle. Es hatte gar nichts mit Wünschen, bestraft zu werden, zu 
tun, nach denen ich eifrigst suchte. Daneben liefen aber ständige 
Klagen über seinen argen Zustand, über den Sumpf, aus dem er 
nicht herausfinde (imd aus dem ich ihm nicht heraushelfe). Die 
Onanie wurde unverändert ausgeübt und versetzte den Kranken täg- 
lich in ^^^ „Sumpf stimmung, die sieh regelmäßig in Klagen, das 
heißt verstellten Vorwürfen, Luft machte. Konkrete analytische Ar- 
beit war aber nicht zu erzielen. An ein Verbieten der Trotzaktionen 
war nicht zu denken, weil ich sonst den ganzen weiteren Erfolg 
riskiert hätte. Ich begann nun, ihm einen Spiegel seines Benehmens 
vorzuhalten. Er pflegte mit einem grämlichen, von Leiden verzoge- 
nen, schwammigen Gesicht und in der Haltung eines Jammerhaufens 
vor der Tür zu stehen, wenn ich ihn vornahm. Ich öffnete die Tür 
und kopierte seine Haltung. Ich begann, mit ihm in seiner kind- 
lichen Sprache zu sprechen, ich legte mich mit ihm auf den Boden 
und strampelte und schrie wie er. Er war zunächst erstaunt, be- 
gann aber einmal spontan zu lachen, ganz erwachsen, ganz un- 
neurotisch; der Durchbruch war geglückt, aber nur vorübergehend. 



252 %3s^](aih Der masochistische Charakter u ! •«(! 

Ich wiederholte die Prozeduren solange, bis er selbst zur Analyse 
griff. Nun ging es weiter. :":i; ■ ■■; »i -iJv 

Welchen Sinn hatte die Provokation? Das war seine Art, Liebe 
zu fordern, die gleiche Art, die allen masoch istischen Charak- 
teren eigen ist. Er brauchte Liebesbeweise, um seine innere Spannung 
und Angst herabzumindern. Er verstärkte diesen Liebesanspruch in 
dem Mafie, wie seine unglückselige Onanie ihn in erhöhte Spannung 
versetzte. Je intensiver das „Sumpfgefühl" wurde, desto stärker 
bildete sich seiue masochistische Haltung aus, das heißt desto stärker 
wurde sein Liebesanspruch, dessen Erfüllung er mit allen Mitteln zu 
erringen trachtete. Warum wurde aber der Liebesanspruch auf diese 
indirekte, verschleierte Art gestellt? Warum wehrte er 
sich so heftig gegen jede Deutung seiner Anhänglichkeit? Warum 
hörten seiue Klagen nicht auf? 

Seine Klagen wiesen folgende Sinn Schichtung auf, die der Ge- 
nese seines Masochismus entsprach. Sie bedeuteten zunächst: „Sieh, 
wie elend es mir geht, liebe michl" „Du liebst mich nicht genug, du 
bist schlecht zu mir!" „Du mußt mich lieben, ich werde deine Liebe 
erzwingen, wenn nicht, werde ich dich ärgern!" Die masochistische 
Quälsucht, die masochistische Klage, die masochistische Provokation 
und das masochistische Leiden erklären sich sinngemäß (über die 
D^Tiamik später) aus der phantasierten oder realen Nichterfüllung 
eines unerfüllbaren, quantitativ gesteigerten Liebesanspruchs. Dieser 
Mechanismus ist für den masoch ist ischen Charakter spezifisch, eignet 
sonst keiner Neurosenform, und wenn er bei anderen Formen vor- 
kommt, so findet man auch die entsprechende masochistische Note 
im Charakter. 

Was bedeutet der übersteigerte Liebesanspruch? Darüber gibt 
die Analyse der Angstbereitschaft der masochistischen Cha- 
raktere Auskunft. Das masochistische Verhalten und der Liebesan- 
spruch steigern sich typisch in dem gleichen Mafie wie die unlust- 
volle Spannung, die Augstbereitschaft oder aber die Gefahr des 
Liebesverlustes. Das letzte ist kein Gegensatz zur Angstbereitschaft 
als Quelle der masochistischen Reaktion, da es wieder für den maso- 
chistischen Charakter typisch ist, drohende Angst durch Geliebt- 
werdenwollen zu binden. So wie das Klagen ein verstellter Liebes- 
anspruch, das Provozieren ein gewaltsamer Versuch ist, Liebe zu er- 
zwingen, so stellt die charakterliche Gesa rat formation des Maso- 
chisten einen mißglückenden Versuch dar, sich von seiner 



Die Panzerung des masochtstischen Charakters 253 

Angst und Unlust zu befreien. Mißglückend deshalb, weil er trotz 
dieser Versuche seine innere Spannung, die ständig in Angst umzu- 
schlagen droht, nie los wird. Das Leidensgefühl entspricht 
somit dem realen Tatbestand der ständig hochge- 
spannten inneren Erregung und Angstbereit- 
schaft. Das verstehen wir besser, wenn wir den masochistischen 
Charakter mit der zwangsneurotischen Affektsperre vergleichen. 
Hier ist die Bindung der Angst vollends gelungen, mit Einbuße der 
psychischen Beweglichkeit freilich, aber die innere Spannung wird 
durch einen gut funktionierenden charakterlichen Apparat restlos 
aufgezehrt, so daß keine Unruhe besteht. Diese bedeutet, wenn vor- 
handen, bereits eine Schädigung bzw. Dekompensation der charakter- 
lichen Panzerung. 

Der masochistische Charakter versucht die innere Spannung und 
drohende Angst durch eine inadäquate Methode zu binden, 
nämlich durch Liebeswerben in Form von Provokation 
und Trotz. Das hat natürlich seinen besonderen Grund, das heifit 
auch diese Art der Äußerung des Liebesauspruchs ist spezifisch 
masochistisch. Wesentlich für das Mißlingen ist aber, daß der Trotz 
xind die Provokation sich gegen die Person richtet, die man liebt 
und von der man Liebe fordert; dadurch steigert sich die Angst, die 
Liebe und Beachtung zu verlieren, ebenso wie sich dadurch das 
Schuld gefiiiil, das man loswerden will, nicht verringert, sondern im 
Gegenteil steigert, da man doch gerade die geliebte Person quält. 
So erklärt sich das ganz eigenartige Verhalten des Masochisten, sich 
immer mehr in die Leidenssituation zu verstricken, je intensiver die 
Bestrebungen sind, aus ihr herauszufinden. Das entspricht vollkom- 
men der von vornherein festgelegten Ausweglosigkeit dieser Ver- 
suche, die charakterliche Bindung der Angst durchzuführen. 

Die bisher genannten Haltungen treffen wir einzeln auch bei 
anderen Charakteren an; sie sind für den masochistischen Charakter 
nur durch ihr Zusammentreffen spezifisch. Was stellt aber dieses 
Zusammentreffen her? 

Wir sprachen bisher vom übersteigerten Liebesanspruch 
des masochistischen Charakters und müssen nun hinzufügen, daß 
dieser Liebesanspruch sich auf einer in frühester Kindheit besonders 
tief erlebten Angst, allein gelassen zu werden, aufbaut. 
Der masochistische Charakter verträgt das Alleinsein ebensowenig 
wie die Möglichkeit, eine Liebesbeziehung zu verlieren. Daß gerade 



SU .:TiiXty Der masochistische Charakter H "'Kf 

masochistische Charaktere so oft vereinsamen, ist der Erfolg einer 
sekundären Verarbeitung durch die Haltung: „Seht, wie unglück- 
lich, allein und verlassen ich bin." Unser Patient sagte einmal in 
großer Erregung, als wir seine Beziehung zu seiner Mutter er- 
örterten: „Aileingclasseu werden bedeutet den Tod. den Abschluß 
meines Lebens." Diesen Inhalt hörte ich von anderen masochisti- 
schen Charakteren, in anderen Worten ausgedruckt, sehr oft. Der 
masochistische Charakter verträgt es ebensowenig, ein Objekt auf- 
zugeben (masochistisches Kleben am Liebesobjekt), wie er es nicht 
seiner schützenden Rolle entkleiden kann. Er verträgt nicht den 
psychischen KontaktverJust, den er auf seine inadäquate Art — 
nämlich durch Sich-unglücklich -zeigen — rückgängig zu machen ver- 
sucht. Viele derartige Charaktere bekommen leicht das Gefühl des 
Allein- und Verlassenseins im Weltall. Diese Tatsachen im Sinne 
der Rank sehen Mutterleibsangst auszudeuten, haben wir keinen 
Grund, wenn auch diese Haltung sehr oft zu finden ist, weil wir bei 
jedem Masochisten, mag er nur moralisch oder aucii offen erogen 
masochistisch sein, eine spezifische erogene Basis dafür finden. Wir 
greifen mit ihrer Erwähnung der späteren Erörterung der sexuellen 
Struktur des Masochisten voraus. 

Daß die Hauterotik beim Masochisten eine besondere Rolle spielt, 
ist durch mehrere analytische Autoren (Sadger, Federn u.a.) 
bekannt. Es wurde aber versucht, die Hauterotik als unmittelbare 
Grundlage der masochistischen Perversion anzusehen, während die 
Analyse zeigt, daß sie dazu erst auf einem sehr komplizierten Um- 
weg unter der Bedingung des Zusammentreffens mehrerer Entwick- 
lungselemente wird. Nur die Angst, allein gelassen zu werden, be- 
ruht unmittelbar auf der Angst, die sich einstellt, wenn der Kontakt 
der Haut mit einer geliebten Person verloren geht. Tragen wir zu- 
nächst die Symptome zusammen, die sich beim erogcnen Masochisten 
an der Haut gruppieren. Wir finden dann in irgendeiner Form 
immer einen Drang nach Betätigung an der Haut oder zumindest 
entsprechende Phantasien: Gekniffenwerden, mit Bürsten gerieben 
werden, mit Geißeln geschlagen werden, gefesselt werden, die Haut 
zum Bluten bringen usw. Das Gesäß tritt dabei hervor, aber erst 
auf dem Umweg über die anale Fixierung. Gemeinsam ist diesen 
Strebungen, daß Hautwärme gespürt werden will, nicht ur- 
sprünglich Schmerz. Das Gegeißelt werden soll nicht den Schmerz 
bringen, sondern der Schmerz wird wegen des „Brennens" in Kauf 



Die Panzerung des masochistischen Charakters 2ö5 

genommen. Dagegen wirkt Kälte abstoßend. Mancke Masochisteu 
phantasieren direkt, daß ihre Haut verbrannt wird. Darauf ist auch 
das „Fanleu im Bett" zurückzuführen als eine Befriedigung des 
nach Blautwärme strebenden Verlangens. 

Von anderer Seite gesehen, die hier nicht zur ausführlichen Ex-- 
örterung gelangen kann, handelt es sich dabei um einen rein physio- 
logischen Vorgang, der mit der Physiologie der Angst zu tun hat. Nach 
dieser Annahme steigert Kontraktion der peripheren Gefäße die 
Angst (Erblassen bei Schreck, Kältegefühl im Angstzustand, Frösteln 
vor Angst usw.), während das Wärmegefühl der Haut, dem ihre 
stärkere Durchblutung zugrunde liegt, ein spezifisches Attribut der 
Lust ist. Die innere Spannung ist physiologisch begründet in Ver- 
änderungen der Blutgefäfierregung im Kör p erinnern, die angst- 
fördernd wirken, während die Durchblutung der Körperperipherie 
die innere Spannung und damit die physiologische Grundlage der 
Angst löst. Darauf beruht im wesentlichen, von der physiologischen 
Seite her, die angstlösende Wirkung des Orgasmus, der eine einzig- 
artige Umstimmung des Blutkreislaufs mit peripherer Gefäfidilatation 
und Spannxmgsentlastung im Zentrum (Splauchnicusgefäfie) dar- 
stellt, vr. 

Es ist nicht leicht zu verstehen, warum der Körperkontakt mit 
der geliebten Person angstlösend wirkt. Das erklärt sich aller Wahr- 
scheinlichkeit nach daraus, daß teils direkte Körperwärme im be- 
schriebenen Sinne, teils die Gefäßerregung in der Körperperipherie 
schon bei der Erwartung des mütterlichen Schutzes die innere Span- 
nung physiologisch löst oder zumindest lockert. Diese Tatsachen be- 
dürfen einer gründlichen Erörterung, die an anderer Stelle erfolgen 
wird. 

Für unser Thema genügt, daß die periphere Gefäßerregung, die 
die innere Spannung und Angst löst, die erogene Grundlage des 
masochistischeu Charakters darstellt. Sein späteres Streben, Kontakt- 
verlust zu vermeiden, ist nur das psychische Abbild eines physiologi- 
schen Erregungsvorganges. Allein in der Welt gelassen sein heißt, 
kalt und ungeschützt sein, bedeutet einen unerträglichen Spannungs- 
zustand. 

Man könnte in diesem Zusammenhang die Frage aufwerfen, 
welche Rolle die orale Fixierung beim Masochismus spielt. Wir kön- 
nen ihr nach den bisherigen Ermittlungen keine spezifische Bedeu- 
tung heimessen, wenn sie auch immer in erheblichem Maße vor- 



266 -T^rt- Der masochistische Charakter «' ■••'■' 

banden ist wie bei allen prägenifal fixierten Charakteren. Außer 

Frage steht, daß die oralen Ansprüche znm Charakter der Unersätt- 
lichkeit der masoch istischen Liebesanspriiche sehr viel beitragen. Es 
scheint aber, daß die orale Begehrlichkeit beim Masochismus weit 
mehr regressive Folge einer frühen Enttäuschung am Liebesobjekt 
mit darauffolgender Angst, verlassen zu werden, ist, als eine primäre 
Veranlassung der masochistischen Liebe])edürffigkeit. Mehrere Fälle 
enthüllten unzweideutig eine andere Quelle ihrer übersteigerten 
Liebesbedürftigkeit: Die Angst, allein gelassen zu werden, nahm ge- 
wöhnlich ihren Ausgang anläßlich heftiger Aggressionen und der be- 
ginnenden infantilen Sexual forsch ung, die im Gegensatz zu den 
oralen und analen Antrieben auf strenge Versagungen von Seiten 
der geliebten Erziehungsperson stießen. Die große Strafaugst, die 
den Fortschritt zur Genitalität verhindert, ist geradezu das Ergebnis 
dieses Widerspruches zwischen erlaubten, ja geförderten sexuellen 
Antrieben auf der einen Seite und streng mit Strafe bedrohten auf 
der anderen. Unser Patient durfte essen, soviel er wollte; ja er sollte 
recht viel essen; er durfte bei seiner Mutter im Bett liegen, sie um- 
armen, streicheln usw.; seine Entleerungsfunktioncn wurden getreu- 
lich befürsorgt. Als er aber daran ging, sich weitere sexuelle Be- 
friediguDgsraÖglichkeiten zu erobern, sicli für das Genitale der 
Mutter zu interessieren, sie betasten zu wollen usw., da erfuhr er 
die volle Strenge der elterlichen Autorität. — Soweit die oralen An- 
sprüche beim Masochismus mitwirken, begründen sie wie auch bei 
anderen Neurosen formen die depressive Stimmung. Spezifisch für 
den Masochismus ist, soweit die bisherigen Erfahrungen reichen, die 
besondere Korabination von Hauterotik, Analität und Angst, allein 
gelassen zu werden, die durch körperlichen Kontakt erledigt sein will. 
Diese erogene Disposition ist eine der wesentlichsten Ursachen 
des übersteigerten Liebesanspruches, der den spezifischen Unterton 
des „Wärme mich" {= „schütze mich") hat. Das „Schlage mich" ist 
ein bereits veränderter Axisdruck des gleichen Strebens. Es sieht so 
aus, als ob der masochistische Charakter zu wenig Liebe bekommen 
hätte und aus diesem Grunde einen so starken Liebesanspruch ent- 
wickelte. Richtig daran ist nur, daß er regelmäßig auch schwere 
Liebesversagungen erfuhr; sehr oft aber bildet er sich gerade aus 
einer übergroßen Verzärtelung heraus. Diese Übersteigerung des 
Liebesanspruches ist selbst wieder das Ergebnis bestimmter, aus der 
Welt des patriarchalischen Erziehungssystems etammender Schädi- 



Exhibitionshemmung und Selbstverkleinerungssucht 257 

gungen. Es geht um die Frage, wie es zur Setzung der erogenen 
Grundlagen des masochistischen Charakters kommt. Es ist nicht 
einfach eiue anale oder hauterotische Disposition, sondern das Er- 
gebnis eines spezifischen Zusammentreffens von Aufienwelteinflüssen, 
die die Erogeneität der Haut und des gesamten Sexualapparats tref- 
fen und so die Basis für den masochistischen Charakter schaffen. 
Erst nach deren Kenntnis können wir die übrigen Charakterzüge des 
Masochisten begreifen. 

3. Exhibitionshemmung und Selbstverkleinerungssucht 

Wir wollen nun einige weitere masochistische Charakterzüge, 
jetzt im Zusammenhang mit der Sexualstruktur des Masochisten, 
diskutieren. 

Wir hatten etwa ein Jahr gebraucht, um die charakterliche 
Panzerung des Trotzes, des Provozierens, des Klagens usw. soweit zu 
durchbrechen, daß man in die frühe Kindheit vordringen und vor 
allem den Patienten zur aktiven Teilnahme an der analytischen Ar- 
beit bringen konnte. Ich übergehe die bekannten und hier nicht sehr 
wichtigen Ergebnisse, die der Masochismus wie jede andere Neurose 
in der Analyse liefert, also etwa die Verstellung des Wunsches, sich 
dem Vater als Weib anal hinzugeben, durch die passive Schlage- 
phantasie, den typischen Ödipuskomplex, die Seh uldgefühlsreakt Io- 
nen aus dem verdrängten Haß, die Ambivalenz usw. Sie sind für 
den masochistischen Charakter nicht spezifisch. Ich werde nur die- 
jenigen Ergebnisse vorbringen, die man in ihrem Zusammenhang als 
für den Masochismus spezifisch ansehen muß, sowie die, welche die 
masochistische Störung des Lustablaufs begründen. 

Nach der Auflockerung des charakterlichen Gefüges imseres 
Patienten, insbesondere nach der Behebung der Verdrängung des 
Hasses gegen den Vater und der Angst vor ihm, brach die Genitali- 
tät mächtig durch. Er bekam Erektionen, die Onanie hatte in der 
masochistischen Form aufgehört, und er begann genital nach der 
Frau zu streben. Ein erstes Mißlingen veranlaßte die Analyse seiner 
tiefen, spezifisch anal gefärbten Liebe zu seiner Mutter. Bei dem 
raschen Fortschritt in der Besserung seines Zustandes fiel folgen- 
des auf: 

Seine Annäherung an Frauen war äußerlich kräftig, aber er 
wurde das Gefühl einer inneren Verkrampftheit und U n- 

Cbarakteranalyse ■ 17 



258 Der masochis tische Charakter ' i../ 

echtheit nicht los. Das gab ihm immer wieder den Anlaß zu 
masochistischen Klagen, daß er sich trotz äußerer Erfolge nicht ge- 
sund fühle: „An dem maBOchistischen Sumpf hat sich nichts gerührt." 

Er neigte zu rascher Enttäuschung bei kleinsten Anlässen und 
zog sich bei der geringsten Schwierigkeit aus der Realität in die 
masochistischen Phantasien zurück. Dieses Schwanken zwischen 
mehr oder minder kräftigen Versuchen, sich genital in der Wirklich- 
keit zu verankern, und raschem Flüchten in den Masochismus 
dauerte viele Monate. Ich wußte, daß seine Kastrat ionsangst nicht 
behoben und dafür verantwortlich war. Die Konzentration der Ar- 
beit auf dieses Gebiet brachte eine Fülle von interessanten analyti- 
schen Ergebnissen. Vor allem entpuppte sich der Kranke, der bis 
dahin keine Spur von genitalem Interesse gezeigt hatte, als voll von 
genitalen Angstvorstellungea. Hier nur einige Beispiele: Die Scheide 
ist ein „Sumpf", in dem es von Schlangen und Gewürm wimmelt; 
sein Glied wird an der Spitze abgezwickt; man versinkt in einem 
Schlund, ohne wieder herauszufinden. Die Besprechung all dieser 
Ängste rührte aber nicht an seinem labilen Zustand; die maso- 
chistisch vorgebrachte Klage, daß er „innerlich zerbrochen" sei, 
leitete monatelang jede Stunde ein. Man mußte die Übertragung 
immer wieder analysieren, stieß dabei auf neues Material über seine 
passiv-analen Strebungen, vor allem darauf, daß er sich sofort maso- 
chistisch von der Frau zurückzog, wenn ein Rivale auftauchte. Die 
Jdee, einen kleinen Penis zu besitzen, blieb zunächst unkorrigierbar. 
Zu jedem Rivalen entwickelte er eine neidvolle Haltung, die sofort 
durch passiv-feminine Einstellung überdeckt wurde: ein bekannter 
Mechanismus, die Angst vor dem Vater zu binden. Tiefe Analyse 
dieser Haltungen änderte aber nichts an seinem Gefühl, daß er trotz 
äußerer Erfolge Masochist geblieben war. 

Bei den ersten Koitusversuchen, bei denen er potent war, aber 
unbefriedigt blieb, stellte sich eine Syphilidophobie ein. Eines Tages 
zeigte er mir sein Glied mit der Frage, ob eine kleine Erosion nicht 
ein Zeichen einer Ansteckung wäre. Es war sofort klar, daß er dabei 
exhibieren wollte. Die Analyse führte nun glatt zur Klärung eines 
wichtigen Punktes seiner genitalen Entwicklung. Es stellte sich 
heraus, daß er die genitale Phase als Kind nur in Form des Her- 
zeigens des Gliedes erreicht hatte und sofort auf eine strenge Ver- 
sagung von Seiten der Mutter gestoßen war. Die genitale 
Enttäuschung war um so großer ausgefallen, als er anal vor der 



Exhibitionshemmun^ und SelbstverklpineTungssucht 259 

Mutter, die sich mit seinen Entleerungsfunktionen intensivst be- 
schäftigt hatte, reichlich exhihieren durfte. Noch im zehnten Lebens- 
jahre wurde er von seiner Mutter aufs Klosett geführt. Es war klar, 
daß seine Freude am Herzeigen des Gesäßes der Grund war, warum 
er die genitale Phase gerade mit dem Herzeigen des Genitales ein- 
geleitet hatte. Die Analyse ergab, daß seine ersten .genitalen An- 
näherungsversuche an die Mutter exhibitionistischer Art gewesen 
waren, ein Anspruch, der sofort wieder verdrängt wurde und später 
zu der schweren Hemmung im äußeren Auftreten führte. Bei den 
Koilusversuchen wagte er nie, sich der Frau nackt zu zeigen oder 
sie sein Glied anfassen zu lassen. Nach der Analyse dieses Elementes 
seiner Neurose begann er ernsthaft, einen Beruf zu suchen, und 
wurde Photograph. Der erste Ansatz dazu bestand darin, daß er 
sich einen Photoapparat kaufte, mit dem er alles knipste, was ihm 
in den Weg kam. Daran konnte man wieder einmal sehen, wie 
wesentlich genitale Gelöstheit für die Sublimierung ist. Heute füllt 
er den Beruf sehr geschickt aus. Es fehlte ihm aber lange Zeit die 
innere Freude am Beruf: „Ich spüre mich nicht, und wenn, so maso- 
chistisch elend." 

Die exhibitionistische Einleitung der genitalen Phase in der 
Kindheit mit sofortiger strenger Versagung und Verdrängung der 
Zeigelust bei kompletter Hemmung der weiteren Genitalentwicklung 
gehört meinen Erfahrungen nach ebenso spezifisch zum masochisti- 
schen Charakter,*) wie die Einleitung der Genitalität durch phalli- 
scheu Sadismus und seine Hemmung, in Verbindung mit anal-sadisti- 
scher Fixierung, spezifisch zur Zwangsneurose disponiert. Darauf 
sind einige typische Charakterzüge zurückzuführen, die das un- 
sichere, ataktische, ungelenke Auftreten der Masochisten begründen. 
Unser Patient schilderte diesen inneren Zustand drastisch durch ein 
Beispiel. Er sagte: „Ich komme mir immer vor wie ein Offizier, der 
mit Hurra und gezogenem Säbel seiner Truppe weit voranstürmt, 
sich plötzlich umsieht und bemerkt, daß ihm niemand gefolgt ist." 
Mit diesem Gefühl ist ein weiterer Charakterzug verbunden, der nur 
ganz oberflächlich mit dem Schuldgefühl zusammenhängt: Maso- 
chistische Charaktere vertragen kein Lob und neigen zur 
Selbstverkleinerung und Selbsterniedrigung. Der 



•) Zum Zusammenhang von Masoehismus und Exhibitionismus vgl. den 
Fall, den Fenichel in „Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen", 
S. 39, beschreibt. 

17* 



260 i|I'jpf*^<n, Di^r masochistische Charakter • >' ''- ' 't 

Patient ertrug es trotz großen Ehrgeizes nicht, wenn er in der Schule 
als guter Schüler figurierte. „Wenn ich ein guter Schüler bliebe, 
würde ich mir vorkommen wie vor einer großen Volksmenge mit 
entblößtem erigierten Glied." Das war nicht nur eine Bemerkung 
nebenbei, wie sie oft in der Analyse fällt, sondern es traf den Kern 
der Sache. Durch die Hemmung der genitalen Exhibition und ihre 
Verdrängung wird der späteren Sublimierung, Aktivität und Selbst- 
sicherheit die beste Stütze entzogen. Beim Masochislen steigert sich 
diese Hemmung der Exhibition bis zur Entfaltung gerade konträrer 
Züge. Der genital-narzißtische Charakter exhibiert in entstellter Form 
(vgl. die Erytbrophobie); der masochistische Cliarakter baut eine Re- 
aktionsbildung vor, das gerade Gegenteil; Selbstverkleine- 
rungssucht, um nicht hervorzustechen. Ihm fehlt das 
wesentlichste Stück des narzißtischen Gefüges des genitalen Cha- 
rakters: Auftreten- und Hervortretenkönnen. 

Der masochistische Charakter kann aus den beschriebenen Grün- 
den keine Führerrolle einnehmen, pflegt aber dennoch meist eine 
großartige Helden phantasie auszubilden. Sein wahres Wesen, sein 
Ich, ist durch die anale Fixierung in der Passivität festgelegt, durch 
die Hemmung der Exhibition überdies im Sinne der Sucht, sich zu 
verkleinern, verändert. Dieser Struktur des Ichs steht nun ein phal- 
lisches, aktives Ich-Idoai gegenüber, das nicht zur Realisierung ge- 
langen kann, weil das Ich konträr strukturiert ist.') Die Folge da- 
von ist wieder eine unerträgliche Spannung, die als weitere Quelle 
des Leidensgefühls hinzukommt und so den masochistischen Prozeß 
nährt. Das Bild vom vorauseilenden Offizier gibt dieses Ich-Ideal 
wieder, dessen man sich schämen muß, das man verbergen muß, weil 
das Ich (die Truppe) nicht folgt und — nicht folgen kann. 

Im Zusammenhang damit steht auch ein Charakterzug, den man 
sehr oft bei zum Masochismus neigenden Kindern und masochisti- 
schen Charakteren findet: entweder sich als blöde empfin- 
den oder in Ergänzung davon, „sich blöde mache n". Es paßt 
ganz in das Gefüge des masochistischen Charakters, daß er jede 
Hemmung in diesem Sinne der Selbsterniedrigung ausnützt. Ein 
anderer Patient sagte einmal, daß er Lob nicht vertrage, weil er sich 
dabei vorkomme wie exponiert mit heruntergelassenen Hosen. Man 
darf die Bedeutung nicht unterschätzen, die die anale Fixierung, die 

*) Vgl. hiezu mein Buch: „Der triebhafte Charakter", Abschnitt „Fehl- 
identitizierungen". (lut. P3A.-Verlag 1925.) 



Exhibitionshemmung und Selbstverkleinerungssucht 261 

Beschäftigung mit der Entblößung des Gesäfies, für die genitale Ent- 
wicklung des Kindes gewinnt. Man bringt die anale Scham in die 
genitale Phase mit und belastet dadurch die Genitalität mit beson- 
derer Scheu. Da jedes Lob eine Provokation exhibitionistischer Ten- 
denzen darstellt, da ferner das Sichzeigen mit schwerer Angst be- 
setzt ist, muß man zur Abwehr der Angst sich selbst erniedrigen. 
Das setzt natürlich einen neuen Grund dafür, sich vernachlässigt zu 
fühlen, was den ganzen Komplex der Liebebedürftigkeit provoziert. 

Dazu gehört auch die „Verblödung" oder das Sich-blöd-stellen. 
Unser Patient beschrieb einmal eine infantile Szene, in der er sich 
blöd gestellt hatte, folgendermaßen: „Ich will etwas, was man mir 
nicht gibt, dann ärgere ich mich und werde blöd. Aber wie sehr 
liebt man mich, auch wenn ich mich blöde stelle? Wenn ich nicht 
geliebt werde, dann bin ich nicht liebenswert und muß dann erst 
recht blöd und häßlich sein." 

Jetzt ist es an der Zeit, auch die Frage zu beantworten, warum 
der masochistische Charakter seinen Liebesanspruch in so verhüllter 
Form vorbringt, warum er gänzlich unfähig ist, direkt Liebe zu 
zeigen oder zu verlangen. Ein anderer Patient, ein genital-narzißti- 
scher Charakter mit starkem Leidensgefühl und Neigung zu maso- 
chistischem Klagen pflegte immer dann, wenn er eine Frau gewinnen 
wollte, sich elend zu zeigen. Er hatte eine panische Angst, der Frau 
seine Liebe direkt anzubieten, weil sie böse werden und ihn be- 
schämen oder strafen könnte. Er wies die gleiche exhibitionistiache 
Hemmung auf wie unser Patient. 

Das alles zusammen bedingt ein Gefühl der inneren Ataxie, oft 
ein quälendes Schamgefühl wegen der äußeren Erscheinung. Die 
Hemmung der Fähigkeit, Liebe offen zu zeigen oder zu verlangen, 
zwingt zu verstellten Äußerungen und macht, wie unser Patient sich 
ausdrückte, „bürokratisch", das heifit unnatürlich und steif. Da- 
hinter wirkt ständig die Angst vor Enttäuschung oder Zurück- 
gewiesenwerden. Unser Patient sagte einmal: „Ich stehe vor der 
Aufgabe, ein Glied, das nicht steht, in eine Scheide zu schieben, die 
mir nicht angeboten wird." 

Der hysterische Charakter entwickelt an Stelle der offenen 
Liebesbezeugung Angst, der Zwangscharakter Haß und Schuldgefühl; 
der masochistische Charakter zeigt und fordert Liebe aaf dem Um- 
wege über das Klagen, Provozieren oder Sich-elend-zeigen. Das ent- 
spricht völlig der spezifischen Genese: Der Hysteriker hat seine 



262 'Lv«'- Der masochistische Charakter 

Genifalität voll entfaltet, aber mit Angst besetzt; der Zwangscharak- 
ter hat seine Genitalität durch phalHschen Sadismus ersetzt, der 
masochistische Charakter hat die Genitalität exhibitionistisch er- 
reicht, dann verdrängt und verharrt nun auf der entstellten 
LiebesäuGerung. 

4. Unlustvolle Wahrnehmung der sexuellen Erregungs- 
steigerung als spezifisch masochistische Charakterbasis 

Es gibt keine ncui-otische Struktur ohne Störung der Genitalität 
in irgendeiner Form, die eine sexuelle Stauung bedingt und dadurch 
die Energiequelle für die Neurose schafft. Beim masochistischen 
Charakter findet man regelmäßig Störungen des orgastischen Ab- 
laufs in einer besonderen Form, und diese Störungen treten, wenn 
sie nicht von vornherein sichtbar sind, erst dann zutage, wenn die 
Impotenz oder Anästhesie im groben beseitigt wurde. Daraus er- 
klärt es sich, daß sie bisher völlig übersehen wurden. Versuchen 
wir, zunächst wieder an unser Thema anzuknii|jren. Wir konnten 
feststellen, daß der masochistische Charakter eine besonders ge- 
steigerte Unlust Produktion hat, die seinem Leidensgefühl eine reale 
Grundlage gibt. Wir konnten weiter sagen, dufi der psychische 
Apparat diese Spannung und Angstbereitschuft ständig auf in- 
adäquate Weise zu bewältigen versucht, und daß es das Besondere 
am masochistischen Charakter ausmaclit. daß er bei diesen Ver- 
suchen, Angst zu binden, immer nur tiefer in Spannung iiiul Unlust 
versinkt, die die Angstbereitschaft steigern, und so fort. Wir sahen 
ferner, daß die masochistische Strafvorstellung den Ersatz einer 
anderen wirklicli gefürchteten Strafe darstellt. 

Ist ein Erlebnis der Angst von der Art. wie es von unserem 
Patienten im dritten Lebensjahr erlebt wurde, imstande, die maso- 
chistische Fixierung der Phantasie, geschlagen zu werden, herzu- 
stellen? Nein, denn der Kranke könnte ja unbewußt, wie andere es 
tun, den sexuellen Triebansprncli, der die so sehr gefürclitctc Strafe 
provoziert, gänzlich aufgeben und sich dadurch den masochistischen 
Ausweg aus der Strafsituation, der nur Leiden bringt, ersparen. Es 
muß also noch etwas hinzukommen, was den gesamten masochisti- 
schen Meehanisjiius spezifisch begründet. 

Diesen Mechanismus spürt man erst dann auf, wenn es gelungen 
ist, den Kranken auf die genitale Stufe zu heben, das heißt, wenn 



' 



Unlusivolle Wahrnehmung der sexuellen ErregUDgssteigerung 263 

seine genitalen Wünsche sich zu regen beginnen oder aber erstmalig 
zur Entwicklung kommen. Dann stößt man auf eine neue Schwierig- 
keit. Sie besteht darin, daß der Kranke nunmehr starkes genitales 
Verlangen entwickelt, das zunächst vieles von seiner masochistischen 
Haltung beseitigt, um aber bei der ersten realen Erfahrung auf geni- 
talem Gebiet statt Lust Unlust zu erleben und dann infolgedessen 
in den „masochistischen Sumpf" der analen und sadomasochistischen 
Prägenitalität zurückgeworfen zu werden. Es dauerte Jahre, ehe 
dieses Rätsel sich löste, und man begriff, daß die „Unheilbarkeit des 
Masochistcn, der eben sein Leiden festhalten w i 1 1", nur unserer so 
lückenhaften Kenntnis seiner Sexual apparatur zuzuschreiben war. 
Es wäre sicher unmöglich gewesen, sich von der Klinik leiten zu 
lassen, wenn man bei der Auskunft, ein verdrängtes Schuldgefühl 
oder sein Straf bedürfnis als Ausdruck des Todestriebes fixiere ihn an 
das Leiden, stehen geblieben wäre. 

Mit diesen Feststellungen soll die Tatsache, daß Selbstbestrafun- 
gen das Gewissen erleichtern können, nicht geleugnet werden. Uns 
kommt es nur auf die Wertigkeit unserer klinischen Formn- 
licrungen an. Die Entlastung von Schuldgefühlen durch Erleiden 
von Strafen wirkt nicht im Zentrum, sondern an der Peripherie der 
Persönlichkeit, kann vollkommen wegfallen, ohne daß ein neuroti- 
scher Prozeß deshalb zum Stehen gebracht würde, kommt verhältnis- 
mäßig selten vor und ist überdies Symptom, nicht Ursache einer 
Neurose. Der Konflikt: Sexualwunsch — Strafangst dagegen ist in 
jeder Neurose zentral, ohne ihn gibt es keinen neurotischen Prozeß, 
er ist selbst nicht Symptom, sondern Ursache der Neurose. Die bis- 
herige Bewertung des Strafbedürfnisses in der Psychoanalyse führte 
zu einer irreführenden Abänderung der analytischen Neurosenlehre, 
beeinträchtigte die Theorie der Therapie, verrammelte den Weg zur 
Problematik der Neurosenprophylaxe und verdunkelte die sexuelle 
und soziale Ätiologie der Neurosen. 

Der masochistische Charakter beruht auf einer sehr merk- 
würdigen Krampfhaltung nicht nur in seiner psychischen, 
sondern vor allem auch in seiner genitalen Apparatur, die jede 
stärkere Lustsensation sofort hemmt und dadurch 
in Unlust verwandelt. Auf diese Weise nährt und steigert 
sich die Leidensquelle als die Grundlage der masochistischen Cha- 
rakterreaktionen ständig. Es ist klar, daß wir bei noch so eingehen- 
der und gründlicher Analyse des Sinnes und der Genese des maso- 






264 Der masochistische Charaktei 



■1, ,.).« 



chistischen Charakters zu keinem therapeutischen Effekt kommen 
können, wenn wir nicht bis zur Genese dieser Krampfhaltung vor- 
dringen. Andernfalls gelingt es uns nämlich nicht, die orgastische 
Potenz des Kranken, die Fähigkeit, sich im Genitalerleben voll zu 
lösen und sich gehen zu lassen, herzustellen, die allein imstande ist, 
die innere Quelle der Unlustzufuhr und Angstproduktion aufzuheben. 
Kehren wir zum Fall zurück. 

Als unser Patient den ersten Koitus unternahm, hatte er zwar 
eine Erektion, aber er wagte es nicht, in der Scheide Bewegungen 
auszuführen. Wir glaubten zunächst, daß es eine Befangenheit oder 
Unkenntnis war, und fanden erst viel später den wahren Grund. 
Er hatte Angst vor der gesteigerten Lust gehabt; ge- 
wiß ein sehr merkwürdiges Verhalten. Dieser Angst begegnen wir 
ja immer bei der Heilung der orgastischen Störung frigid gewesener 
Frauen, sie hat aber beim Masochisten besonderen Charakter. Um 
das zu verstehen, müssen wir auf das Material zurückgreifen. 

Nachdem der Patient einige Male geschlechtlich verkehrt hatte, 
wodurch sich sein genitales Selbstgefühl beträchtlich hob, stellte es 
sich heraus, daß er dabei eine viel geringere Lust empfand als beim 
masochistischen Onanieren. Doch er konnte sich trotzdem das geni- 
tale Wollustempfinden lebhaft vorstellen, was zu einem mächtigen 
Antrieb der Behandlung wurde. Das geringe genitale Erleben des 
Patienten war sehr bedenklich, denn wir können prügeniiale Lust 
auf keine andere Weise außer Funktion seizcn als durch Herstellung 
der natürlicherweise intensiveren genitalen Lust. Die Lusllosigkeit 
beim Akt war gewiß kein Antrieb zur Entfaltung der Geiiitalität. 
Bei weiteren Versuchen trat eine neue Störung auf. Das Glied wurde 
während des Aktes weich. War es nur Kastrat Ion sangst oder mehr? 
Weitere Analyse seiner Kastrationsvorstellungen änderte nichts am 
Zustand. Endlich stellte sich heraus, daß das Krämpfen der Beeken- 
bodenmuskulatur vor dem Samenerguß bei der Onanie eine größere 
Bedeutung hatte, als wir ursprünglich angenommen hatten. Ich stelle 
das infantile Material zusammen, welches zeigt, daß beim Maso- 
chisten, trotz seiner scheinbar freien und überbetonten analen und 
urethralen Befriedigung, eine aus früliester Kindheit herstammende 
anale und urethrale Hemmung und Angst besteht, die 
sich später auf die genitale Funktion überträgt und die unmittel- 
bare physiologische Grundlage für die überstarke Unlustproduktion 
schafft. 



Unlustvolle Wahrnehmung dei sexuellen Erregungssteigerung 265 

Als etwa Drei- bis Sechsjähriger entwickelte er eine Angst vor 
dem Klosett mit der Vorstellung, ein Tier könnte in den Popo 
kriechen. Das dunkle Loch selbst war angsterregend. Darauf begann 
er den Stuhl zurückzuhalten, was wieder die Angst, in die Hosen 
zu machen, hervorrief. Wenn man aber in die Hosen macht, so 
schlägt einen der Vater. Um das zu wissen, hatte die eindrucksvolle 
Szene im dritten Lebensjahr genügt. Wenn der Vater schlägt, so be- 
steht auch die Gefahr der Kastration, man muß daher die Schläge 
auf das Gesäß ablenken, damit sie nicht zufällig das Genitale tref- 
fen. Trotzdem quälte ihn bei den „kulturellen" Erziehungsmaßnahmen 
seines Vaters, die sehr gründlich ausfielen, stets die Angst, er könnte 
sich, wenn er am Bauche lag, einen Span in das Glied einziehen. 
Alles zusammen erzeugte einen Krampfzustand der Blase und des 
Darmes, eine Situation, aus der das Kind nicht herausfand. Und 
das gab der Mutter wieder Gelegenheit, sich um seine Kotentleerung 
besonders zu kümmern, was einen neuen Widerspruch setzte: Die 
Matter bejahte und befürsorgte die Entleerungsfunktionen so sehr, 
der Vater aber prügelte dafür. So wurde sein Ödipuskomplex vor- 
herrschend anal fundiert. Zunächst entwickelte sich die weitere 
Angst, daß die Blase und der Darm platzen könnten, daß also das 
Zurückhalten letzten Endes nichts nützen und man wieder das Opfer 
seines Erzeugers werden könnte, denn der verstand keinen Spaß in 
derartigen Dingen, wenn er auch sich selbst anal keinen Zwang auf- 
erlegte. Das typische Bild einer trostlosen und ausweglosen Situation, 
die gewiß nicht in biologischen, sondern in rein sozialen Gegeben- 
heiten wurzelte. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß der Vater 
seine Kinder mit besonderer Vorliebe ins Gesäß zu kneifen und 
unter anderem liebevoll anzukündigen pflegte, daß er „die Haut 
herunterziehen" werde, wenn sie irgend etwas anstellten. 

Das Kind hatte also zunächst anale Angst vor dem Vater, die 
sich mit der analen Fixierung an die Mutter und mit Sich-selbst- 
prügeln {Spiegelung der Strafangst vor dem Vater) verband. Das 
Kind fand seine Entleerung wegen der damit verbundenen Ent- 
spannung und Befriedigung strafbar und begann aus Angst vor 
Strafe durch den Vater sich selbst zu schlagen. Es leuchtet ein, daß 
dieser einfache Vorgang die Identifizierungen mit dem strafenden 
Vater und die masochistischen Haltungen dem sich entwickelnden 
analen Über-Tch gegenüber an Bedeutung für die Pathologie des 
Falles weit übertrifft. Solche pathologische Identifizierungen sind 



266 xi-.-i-r'^tiy Der masochisiische Charakter '' i ■ ..' 

ja selbst bereits neurotische Bildungen, im wesentlichen Folgen, nicht 
Ursachen des Kerns der Neurose.') Wir fanden gewiß all die kom- 
plizierten Beziehungen zwischen Ich und Uber-Ich. aber wir blieben 
nicht bei ihnen stehen, sondern hatten die wichtigere Aufgabe zu 
lösen, genau zu unterscheiden, welche Tatbestände des Musochismus 
dem realen Verhalten des Vaters, und welche inneren erogenen 
Strebungen entsprachen. Ich konnte bei diesem ebenso wie bei 
anderen ähnlichen Fällen zu keinem anderen Schluß kommen, als 
daß unsere Erziehungsmethoden weit mehr Aufmerksamkeit ver- 
dienen, als ihnen gewöhnlich zugewendet wird, und daß wir unsere 
Aufmerksamkeit sehr schlecht verteilen, wenn wir 98% davon der 
analytischen Ziselierarbeit und kaum 2% dun groben Schädigungen 
der Kinder durch dieEltern zuwenden. Auf diese Weise konn- 
ten wir bisher zu keiner entsprechenden Ausnutzung der psycho- 
analytischen Funde zur Kritik der patriarchulischen und familiären 
Erziehung gelangen. 

Diese kindliche Konfliktsituation, die vorwiegend auf das |k 

widerspruchsvolle Verhallen der beiden Eltern der Analität des Kin- 
des gegenüber zurückzuführen war. begründete nicht nur die weib- 
liche Hingabe an den Mann-Vater, sondern uucli das Gefühl der 
Leere und Impotenz. So oft der Patient später in die Nähe eines 
erwachsenen Mannes kam, fühlte er sich impotent; er entzog aus 
Angst sofort dem Genitale seine Besetzung und wurde anal-passiv, 
was sich in Bewunderung dieser Männer äußerte. 

Wir können nun zu folgenden Schlüssen kommen: Die übliche 
Erziehung zur Reinlichkeit (zu früh und zu schrolf) fixiert das Über- 
ragen der analen Lust; die Vorstellung, geschlagen zu werden, die 
sich damit verknüpft, ist durchaus unlustvoll und zunächst angst- 
besetzt. Es wird also nicht die Unlust des Geschlagenwerdens zur 
Lust, sondern dieAngst vordem Geschlagen werden 
behindert die Entfaltung der Lust. Das überträgt sieh 
dann im Laufe der Entwicklung auch auf das Genitale. 

Als der Patient die Vollpubertät erreicht halte, schlief er noch 
immer oft mit seiner Mutter im ehelichen Bett. Im 16. Lebensjahr 

') Die Neurose wird durch den Konflikt: Lust-Tch— strafende Au8en- 
welt, hergestellt, durch den Konflikt: Ich-Übcr-Ich, festgehalten. Das 
Uber-Ich wirkt konstant fort auf Gruud der standig ernouicn Erfahrungen, 
daß Sexuallust etwas Strafbares ist. Zur Fernwirkung aus der Kindheit 
kommt die gesellschaftliche Aktualität entscheidend hinzu. 



M 



Unlusivolle Wahrnehmung der sexuellen Erregungssteigerung 267 

eatwickelte er eine Phobie, seine Mutter könnte durch ihn schwanger 
werden. Die Körpernähe und -wärme der Mutter regte seine Onanie 
lebhaft an. Der Samenerguß bedeutete, was nach der bisherigen 
Entwicklung nicht anders sein konnte, ein Anurinieren der Mutter. 
Wenn die Mutter ein Kind bekam, so war ein corpus delicti seines 
urethralen Inzestes gegeben, strenge Strafe war zu befürchten. Und 
nun begann er den Samen zurückzuhalten und gleichzeitig lebhaft 
masochistisch zu phantasieren. Hier setzte seine definitive Erkran- 
kung ein. Seine Arbeitsfähigkeit in der Schule brach zusammen; 
nach einem kurzen Restitutionsversuch durch „Selbst anal yse", der 
mißglückte, begann die psychische Verödung zusammen mit der all- 
nächtlichen protrahierten masochistiscb-analen Onanie. 

Der endgültige Zusammenbruch wurde eingeleitet durch eine 
schwere Aktualneurose, die in ständiger Erregtheit, Schlaflosigkeit 
und migräneartigen Kopfschmerzen gipfelte. In dieser Zeit litt der 
gehemmte Jugendliche an einem starken Schub genitaler Libido. Er 
war in ein Mädchen verliebt, wagte aber nicht, sich ihr zu nähern; 
er fürchtete, daß er sie „angasen" würde, und versank vor Scham 
beim bloßen Gedanken daran. Er rannte jedem Mädel in einiger 
Entfernung nach, phantasierte dabei lebhaft, daß sie „die Bäuche 
aneinanderpressen" und daß dadurch sicher ein Kind geboren würde, 
das sie verraten konnte. Daneben wirkte die Angst, zurückgewiesen 
zu werden, auf Grund der analen Tendenzen, entscheidend mit. Wir 
sehen hier ein typisches Pubertätsschicksal: Hemmung des Primats 
derGenitalität teils durch gesellschaftliche Schranke, teils durch neur- 
otische Fixierungen auf Grund früherer Schädigungen der Sexual- 
struktur durch die Erziehung. 

Zunächst bestand neben der genitalen Spannung auch die anale 
in Form ständig verhaltenen Defäkations- und Flatulenzdranges. 
Eiue genitale Entspannung ließ der Patient nicht zu. Erst im 17. Le- 
bensjahr gelang die erste Pollution mit Hilfe nächtelanger passiver 
Schlagephantasien. Danach milderte sich die Aktualneurose, aber 
der erste Samenerguß wurde traumatisch erlebt. Der Patient sprang 
während der Ejakulation aus Angst, das Bett zu beschmutzen, auf, 
ergriff den Nachttopf uud war trostlos darüber, daß etwas Samen 
ins Bett gekommen war. 

Als er während der Behandlung seine Genitalität herzustellen 
begann, verlor sich die Erektion während des Aktes. Die Onanie 
begann in dieser genitalen Phase mit normaler männlicher und phal- 



S6S Der masochisiischc Charakter -..,'. . .. ' ,i 

lischer Libido, während der Luststeigerung setzte jedoch die maso- 
chistische Phantasie wieder ein. Die Analyse dieses Umschlagens 
vom Genitalen zum Masochist ischen während des sexuellen Aktes 
ergab folgenden Tatbestand. Solange die Lustempfindung gering 
war, blieb die genitale Phantasie. Sobald aber die Lust sicli zu 
steigern begann, sobald sich, wie der Patient sich ausdrückte, das 
„schmelzende Gefühl" einstellte, bekam er Angst, krampfte im 
Beckenboden, .statt sich zu lösen, und verwandelte dadurch die Lust 
in Unlust. Er beschrieb genau, dafi er das — sonst orgastisch lust- 
volle — „Schmelzen" unlustvoll bzw. angstvoll perzipierte, er 
fürchtete, daß das Glied sich auflösen könnte. Die Haut des Gliedes 
könnte infolge dieses Gefühls dahinschmelzcn, der Penis könnte 
platzen, wenn er sich noch weiter derart spannte (wie es beim Über- 
gang zur Akme normal ist). Er hatte das Gefühl, der Penis wäre ein 
mit Flüssigkeit gefüllter Sack, zum Platzen voll. Hier hatten wir 
den unwiderleglichen Beweis, dafi beim Mnsochismus nicht Unlust 
zur Lust wird, sondern dafi gerade umgekehrt, durch einen für den 
masochistischen Charakter spezifischen Mechanismus, jede über ein 
bestimmtes Maß hinaus gesteigerte Lust gehemmt wird und dadurch 
in Unlust umschlägt. Es ist noch zu erwähnen, daß der Patient seine 
Kastrationsvorstellung auf die Penishaut bezogen hatte: „Es wird 
mir dabei so heiß, wie einem gekochten Huhn, dem man die Haut 
abziehen kann.' 

Die bereitstehende Strafangst läßt die „schmelzende" Wärme- 
sensation beim Anstieg der Lustempfindung zur Akme als Wahr- 
werden der erwarteten Peniskatastrophc ansehen, hemmt dadurch 
den Ablauf der Erregung und erzeugt so rein physiologisch Unlust 
bis zur Schmerzempfindung. Fassen wir den Vorgang zusammen, 
wie er sich in drei Phasen abspielt: 

i. Phase: „Ich strebe nach Lust"; 

2. Phase; „Ich »schmelze', das ist die befürchtete Strafe"; 

3. Phase: „Ich muß die Empfindung ersticken, um mein Glied 
zu retten*'. 

Hier meldet sich ein Einwand; Die Hemmung der Entfaltung 
der sexuellen Lustempfindung aus infantiler Angst finden wir doch 
bei jeder Neurose, soweit sie überhaupt die Genitalität nicht völlig 
zerstört hat. Darin allein kann also nicht das für den Masochismus 
spezifische Moment gelegen sein. Warum führt nicht jede Hemmung 



Unlustvolle Wahrnehmung der sexuellen Erregungssteigerung 269 

der uuwillkürlicheD Steigerung der Lustempfindung zur Entfaltung 
des masochistischen Apparates? Dazu ist zu sagen: 

Es gibt zwei Möglichkeiten einer solchen Hemmung der Ent- 
faltung der Lusterap findung. Das „schmelzende" Gefühl der Lust 
wurde ohne Angst einmal erlebt, später trat die Angst hinzu, 
hemmte den Ablauf der Sexualerregung, aber die Lust wurde weiter 
als Lust perzipiert. Lust- und Unlustempfindung verlaufen zwei- 
zeitig. Das trifft für jede niclit masochistische Hemmung des Or- 
gasmus zu. Beim Masochismus wird das schmelzende Gefühl der 
orgastisch werdenden Lust selbst als die erwartete Schädigung 
perzipiert. Die Angst, die auf analem Gebiet anläßlich des Lust- 
gewinns erlebt wurde, bereitet eine psychische Haltung vor, die die 
spätere genitale Lusf, die ja bedeutend intensiver ist, bereits als das 
Zeichen der Schädigung und Strafe perzipieren läßt. 

Der masochistische Charakter stößt also immerfort zur erwarte- 
ten Lust vor, trifft aber immer wieder auf Unlust. Es macht nun 
den Eindruck, als ob er die Unlust anstrebte, während sich in Wirk- 
lichkeit vor das lustvolle Triebziel Angst geschoben hat, die das Er- 
sehnte als die erwartete Gefahr perzipieren läßt. An Stelle der End- 
lufit tritt Endunlust. 

Damit löst sich auch das Problem des Wiederholungszwanges 
jenseits des Lustprinzips. Es macht den Eindruck, als ob man 
eine unlustvoUc Situation wiedererleben wollte. Die Analyse zeigt 
dagegen, daß man in Wirklichkeit nach einer Ursprung- 
lichenLustsituation strebt, aber immerwieder auf 
die Versagung, Strafvorstellung oder Angst stößt, 
die sich dazwischen schiebt und das ursprüngliche 
Ziel vollkommen verdeckt oder unlustvoll verän- 
dert. Wir dürfen also zum Schluß kommen, daß es einen Wieder- 
holungszwanges jenseits des Lustprinzips nicht gibt, weil sich 
die entsprechenden Phänomene anders, i m Rahmen des Lustprinzips 
und der Strafangst erklären lassen. 

Wir müssen noch einmal zum Fall zurück. Aus dieser Störung 
des Lustablaufs erklärte sich endgültig die Verflachung und Protra- 
hierung seiner Onanie. Er vermied jede Steigerung der 
Lustempfiiidung. Als das klar war, sagte er einmal: „Es ist 
unmöglich, diese Empfindungen auf sich einströmen zu lassen, das 
ist ganz unerträglich." Wir begreifen nun, warum er stundenlang 



\_ 



in 



270 ,., ,.,nj?^£. Der masochistische Charakter '< i «'iiln'.' 

onanierte; kam er doch nie zur Befriedigung, da er keine unwill- 
kürliche Steigerung der Erregung zuließ. 

An dieser Hemmung der Empfindungssteigerung ist außer der 
Angst vor ihr noch ein Moment beteiligt. Der masochistische Cha- 
rakter ist an die flachkurvige, akmeiose, man möchte sagen „laue" 
Lust der Analzone gewöhnt. Er übertragt die anale Praktik und 
Lusterfahrung dann auf die Genitalapparatnr, die ganz anders funk- 
tioniert. Die intensive, plötzlich steile Steigerung der Lust am Geni- 
talapparat ist nicht nur ungewohnt, sondern auch besonders geeignet, 
Schrecken einzujagen, wenn man bisher nur die wenig überwälti- 
gende anale Lust gekannt hat. Kommt die Straferwartung hinKu, so 
sind alle Bedingungen für die sofortige Verwandlung der Lust in 
Unlust gegeben. 

Nachträglich wurden viele Tatsachen aus früher behandelten 
Fällen auf gleiche Weise klar, besonders aber die vielen Fälle, in denen 
mau die masochistische, leidvolle Stimmung nach unbefriedigender 
(jetzt ist zu sagen: in besonderer Weise gcsiöricr) Scxualbctäti- 
gung sah. Jetzt konnte man auch die starken inasoeliistischen Neigun- 
gen libidoökonomisch viel besser begreifen, die meine in „Der trieb- 
hafte Charakter" und in „Die Funktion des Orgasmus" geschilderten 
Fälle mit orgastischer Störung auszeichneten. Von einer Patientin 
mit masochistischer Perversion heißt es dort: „Sie onanierte... mit 
der masochistischen Phantasie, daß sie gefesselt und völlig ent- 
kleidet (!) in einen Käfig gesperrt werde, und daß man sie dort 
hungern lasse. Hier setzte die Hemmung des Orgasmus ein: Sie 
mußte nämlich plötzlich über eine Apparatur grübeln, die den Kot 
und Urin des gefesselten Mädchens, das sich nicht rühren darf, auto- 
matisch wegschaffen sollte". ...... In der Analyse pflegte sie, wenn 

die Übertragung sich zu sexueller Erregtheit steigerte, Harn- und 
Stuhldrang zu bekommen, den sie nicht beherrschen konnte..." Bei 
der Onanie mit Koitusvorstellungen drängten sich, „knapp bevor der 
Orgasmus einsetzen sollte, die masochistischen Phantasien wie- 
der vor". 

Die masochistische Einstellung mit der dazugehörigen Phantasie 
quillt also sexualökonomisch aus der unlustvollen Perzeption der 
Lustempfindung und dient der Bewältigung der Unlust durch die 
psychisch formierte Haltung: „Ich bin so elend, liebe mich!" Die 
Schlagephantasie muß nun hinzutreten, weil der Liebesanspruch auch 
genitale Forderungen enthält, die den Kranken zwingen, die Strafe 



UnlustvoUe Wahrnehmung der sexuellen Erregungssteigerung 271 

von vorn nach hinten abzulenken: „Schlage mich, aber kastriere 
mich nicht!" Die masochistische Reaktion hat also einen spezifischen 
aktua In eurotischen Unterbau. 

Die Probleme des Masochismus gruppieren sich somit um die 
besondere Störung der Lustfunktion. Es wurde klar, daß es die 
Angst vor dem auflösenden oder „schmelzenden" Gefühl der or- 
gastisch werdenden Lustempfindung ist, die zum Festhalten an der 
flachkurvigen sexuellen Erregung zwingt. Ist das nun eine Folge 
der analen Fixierung oder der genitalen Hemmung? Es ist wohl 
beides gleicherweise daran beteiligt, ebenso wie beides den chronisch- 
neuraslhenischen Erregungszustand bedingt. Die Analität mobilisiert 
den ganzen libidinöscn Apparat, ist aber nicht imstande, auch die 
Lösung der Spannung zu gewährleisten. Die Hemmung der Geni- 
talität ist nicht nur Folge von Angst, sondern bedeutet selbst einen 
angst er zeugenden Vorgang, was die Diskrepanz zwischen Spannung 
und faktischer Lösimg nur vergrößert. Es bleibt noch die Frage, 
warum die Schlagephantasie besonders typisch vor der Akme sich 
intensiviert oder erst einsetzt. 

Es ist interessant zu beobachten, wie der psychische Apparat 
die Diskrepanz zwischen Spannung und Befriedigung zu verkleinern 
sucht, wie sich in der Schlagephantasie der Drang nach Entspan- 
nung dennoch durchsetzt. Unser Patient hielt immer daran fest : 
„Von der Frau geprügelt werden, ist ganz dasselbe, wie ganz geheim 
in Gegenwart der Frau (= Mutter) onanieren." Das entsprach ja 
dem realen Erleben: Der Patient hatte als Kind und als Pueriler bei 
der Mutter im Bett masochistisch onaniert, das heißt am Glied herum- 
gequetscht, den Erguß vermieden (Zeugungsphobie) und dabei phan- 
tasiert, daß die Mutter ihn prügle; erst jetzt kam es zum Erguß. Das 
hatte folgenden Sinn, den der Patient bewußt erinnerte: „Mein Glied 
kam mir ganz zerkocht vor. Beim fünften oder sechsten Hieb mußte 
doch das Glied geplatzt daliegen, mußte die Blase zerspringen." 
Die Schläge sollten also die Entspannung herbei- 
führen, die auf andere Weise, das heißt selbst zu 
erzielen, verboten war. Wenn seine Blase infolge der Schläge 
der Mutter, wenn sein Glied aus dem gleichen Grunde platzte und 
der Samen sich ergoß, so war nicht er schuld, der Peiniger hatte es 
ja verursacht. Das Herbeisehnen der Strafe hat also im Kern den 
Sinn, die Entspannung auf einem Umwege doch herbeizuführen, da- 
bei die strafende Person schuldig werden zu lassen, also sich selbst 



272 yy •. -•^.-.■^i'^^.- Der masochistischc Charakter "' >' ■"*•' i 

zu entlasten. Wir sehen in der Basis den gleichen Mechanismus wie 
im charakterlichen Überbau. Heifit es hier: „Liebe mich, um mir die 
Angst zu nehmen!", bedeutet das Khxgen: „Du bist schuldig, nicht 
ich", so hat die Schlagephantasic die Funktion; „Schlage mich, damit 
ich auf diese Weise, ohne selbst schuldig zu werd(!n, mich entspunnel" 
Dies ist wohl der tiefste Sinn der passiven Schlagephantasic. 

Seit der ersten Kenntnisnahme dieser tiefsten Funktion der pas- 
siven Schlagepliantasie konnte ich den beschriebenen Mechanismus 
bei einigen anderen Fällen beobachten, die keine manifeste Perver- 
sion entwickelt hatten, sondern die masochistische Neigung durch 
charakterliche Ich- Veränderung in Latenz halten konnten. Hier nur 
einige Beispiele: Ein Zwangscharaktcr entwickelte eine Onanie- 
phantasie mit dem Inhalt, er wäre unter Wilde vorsetzt, die ihn zum 
Koitus zwängen und ihn verpflichteten, sich völlig ungehemmt zu 
benehmen. Ein anden.r Kranker, passiv femininer Charakter ohne 
manifeste Perversion, phantasierte, daß er durch Schläge aufs Glied 
zum Erguß gebracht wurde; er mußte jedoch gefesselt sein, um die 
Schläge auszuhalten und nicht davonrcnncn zu können. Hierher ge- 
hört auch die masochistische Sexuuleinstelluug neurotischer Frauen, 
die von manchen Analytikern als normale weibliche Haltung auf- 
gefaßt wird. Diese passive Vergewalligungsphantusic der Frau dient 
jedoch lediglich ihrer Entlastung vom Schuldgefühl. Der Geschlechts- 
akt will schuldlos erlebt werden, was nur unter der Bedingung mög- 
lich ist, daß eine Vergewaltigung stattfindet. Den gleichen Sinn hat 
das formale Sträuben mancher Frauen beim realen Akt. 

Das leitet über zum Problem der sogenannten „A n g s 1 1 u s t", 
die beim Masochismus eine große Rolle spielt. Dazu ein Beispiel 
aus einer anderen Analyse: 

Ein Patient erinnerte, daß er als Kind von etwa vier Jahren einen 
Pavor nocturnus bewußt zu produzieren pflegte. Er kroch unter die 
Decke, onanierte, bekam Angst und befreite sich von ihr, indem er 
plötzlich die Decke von sich warf. Wie nahe lag in einem solchen 
Falle die Annahme der Wirkung des Wiederholungszwanges: Er hatte 
zuerst Pavor nocturnus gehabt und wollte nun offenbar immer die 
Angst wieder erleben. Dazu ist zweierlei zu sagen: In Wirklichkeit 
wollte er nicht die Angst wiedererlebcn, sondern das Wollustgefühl, 
welches aber immer wieder mit Angst besetzt wurde. Ferner war die 
Befreiung von der Angst selbst eine Lustquelle. Das Wesentlichste 
aber an diesem Vorgang war, daß die Angsterregung anale und 



Bemerkungen zur Therapie des Masochismus 27S 

Urethrale Sensationen provozierte, um derentwillen man die Angst mit 
in Kauf nahm. Die Angst wird nicht als solche zur Lust, sondern 
bildet bloß den Anlaß zur Entfaltung einer besonderen Art von 
Lust.^) Oft erleben Kinder erst im Zustand der Angst die spannung- 
lösenden Sensationen, die sie sich sonst aus Angst vor Strafe ver- 
sagen. Die Entspannung bei plötzlichem Kot- und Harnverlust in 
einer Angstsiluation bildet oft die erste Ursache, Angst wieder er- 
leben zu wollen. Es bedeutet aber eine völlige Verkennung der Tat- 
sachen, diese Phänomene jenseits des Lustprinzips begreifen zu 
wollen. Schmerz und Angst werden unter bestimmten Bedingungen 
zur einzigen Möglichkeit, die sonst gefürchtete Entspannung zu er- 
leben. Der Ausdruck „Schmerzlust" oder „Angstlust" kann also nur 
— in nicht sehr zweckmäßiger Weise — den Sachverhalt meinen, daß 
Schmerz und Angst zu Anlässen der Sexual erregung werden. 

Daß bei unserem Patienten das „Platzen des Gliedes" nun doch 
als Triebziel erscheint, bildet keinen Widerspruch zu unserer Auf- 
fassung des Masochismus. Ist diese Vorstellung das eine Mal, in 
einem bestimmten Zusammenhange, eine Angstvorstellung, eine 
Strafe, so andrerseits auch eine Repräsentanz der Endbefriedigung, 
der Entspannung, die triebhaft gewollt wird. Diese psychische Dop- 
pelbedeutung der Vorstellung des Platzens der Blase, bzw. des 
Darmes bewirkt es, daß die Endlust selbst als der befürchtete Straf- 
vollzug perzipiert wird. 



5. Bemerkungen zur Therapie des Masochismus 

Die Herstellung des gesunden Geschlechtslebens, des geregelten 
Libidohaushalts kann nur erfolgen, durch zweierlei therapeutische 
Prozesse: durch die Lösung der Libido aus den prägenitalen Fixierun- 
gen und die Aufhebung der genitalen Angst. Daß das mit Hilfe der 
Analyse des prägenitalen und genitalen Ödipuskonfliktes (durch Be- 
hebung der Verdrängungen) geschieht, ist eine Selbstverständlichkeit. 
Nur ein Punkt, der die Technik betrifft, muß hier hervorgehoben 
werden. Löst man die prägeuitalen Fixierungen durch Aufhebung 
der Verdrängungen, ohne gleichzeitig die genitale Angst zu 



^) Vgl. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Ges. Sehr., 
Bd. V. S. 78 f. 

Cbaraktcranalyse 18 



274 '^i^-ft Der masochistische Charakter t ,' - 

beheben, so droht die Gefuhr einer Steigerung der sexuellen Stauung 
bei bleibender Behinderung der einzig adäquaten orgastischen Ab- 
fuhr, die sich bis zum Selbstmord gerade dann steigern kann, wenn 
die Analyse der Prägenitalität gelingt. Behebt man wieder die geni- 
tale Verdrängung ohne die prägenitalen Fixierungen, so bleibt der 
genitale Primat schwach, die genitale Funktion vermag nicht den 
Gesamtbetrag an Angst zu lösen. '■ 'r- 

Für die Therapie des Masochismus kommt speziell in Frage, wie 
man durch seine charakterlichen Verbauungen, durcli seine Neigung 
hindurchkommt, sein Leiden dazu zu benutzen, den Analytiker letz- 
ten Endes doch ins Unrecht zu setzen. Die Aufdeckung der sadisti- 
Bchen Natur des masochistisehen Verhaltens ist die erste und drin- 
gendste Maßnahme. Sie garantiert den Erfolg dadurch, daß sie die 
eeinerzeit erfolgte Rückwendung des Sadismus rückgängig macht und 
so an die Stelle passiv-masochistisch-analer aktiv-plmllisch-sadistische 
Phantasien setzt. Ist einmal auf diesem Wege die infantile Genitali- 
tät reaktiviert oder aber neu formiert, so gelingt die Aufdeckung 
der Angst vor der Kastrationsgefahr viel leiclitcr, die bis dahin durch 
die masochistisehen Reaktionen verdeckt war und aufgezehrt wurde. 
Es ist klar, daß durch die bisher genannten therapeutischen Maß- 
nahmen am masochistisehen Wesen des Patienten nicht im geringsten 
gerüttelt wird. Sein Klagen, Trotzen, Sich-selbsl-scimdigen und sein 
ungelenkes Wesen, dos einen rationalen Grund, sich von der Welt 
zurückzuziehen, abgibt, persistieren gewöhnlich so lange, bis die be- 
schriebene Störung seines sexuellen Erregungsablaufcs bei der Onanie 
aufgehoben ist. Ist enimal eine adäquate Abfuhr der Libido durch 
genitalen Orgasmus erzielt worden, so pflegt sich das Wesen des 
Patienten rasch günstig zu verändern. Aber die Neigung, vor der 
geringsten Enttäuschung, Versagung oder unbefriedigenden Situation 
in den Masochismus zurückzuflüchten, bleibt eine Zeitlang bestehen. 
Die ständige doppelgeleisige Arbeit an der genitalen Angst und an 
der prägenitalen Fixierung kann den Erfolg nur dann sichern, wenn 
die Schädigung der genitalen Apparatur nicht allzu schwer war und 
man nicht der Schwierigkeit gegenübersteht, daß die reale Umwelt 
des Patienten ihn immer wieder in die gebahnte masochistische Re- 
aktion zurückwirft. Es wird daher die Analyse eines ledigen jungen 
masochistisehen Mannes viel leichter gelingen als etwa die einer 
masochistisehen Frau, die im Klimakterium steht oder aber Ökono- 
misch an eine unglückselige Familiensituation gebunden ist. 



Bemerkungen zur Therapie des Masochismus 278 

Die gründliche Durcharbeitung der masochistischen Charakter- 
züge, die allein in den ersten Monaten der Analyse den Durchbruch 
zur Basis der Neurose ermöglicht, muß bis zum Absehlufl der Be- 
handlung unermüdlich fortgesetzt werden, weil man sonst bei den 
häufigen Rezidiven im Stadium der Herstellung des genitalen Primats 
leicht in schwierige Situationen kommt. Man darf auch nicht Ter- 
gessen, daß die definitive Lösung des masochistischen Charakters 
erst dann erfolgen kann, wenn der Patient längere Zeit hindurch ein 
ökonomisches Arbeits- und Liebesleben geführt hat, also lange nach 
Abschluß der Behandlung. 

Man muß dem Gelingen einer Behandlung masochistischer Cha- 
raktere, besonders solcher mit manifester Perversion, sehr skeptisch 
gegenüberstehen, solange man die charakterlichen Reaktionen nicht 
im Detail verstanden und daher nicht durchbrochen hat. Man hat 
aber allen Grund zum Optimismus, wenn das einmal gelungen ist, 
das heißt, wenn der Fortschritt zur Genitalität, obschon zunächst nur 
in Form genitaler Angst, stattgefunden hat. Dann besteht kein 
Grund, sich durch die \viedeTholten Rezidiven beängstigen zu lassen. 
Mau weiß es ja aus seiner sonstigen klinischen Erfahrung, daß die 
Heilung des Masochismus zu den schwersten Aufgaben gehört, die 
wir zu lösen haben, und diese Aufgaben sind auch sonst gewiß nicht 
leicht. Aber um ihnen gerecht zu werden, bedarf es eines konsequen- 
ten Festhaltens an derjenigen analytischen Theorie, die empirisch 
fest begründet ist. Hypothesen von der Art der hier kritisierten sind 
sehr oft nur Zeichen eines zu frühen Versagens vor den Aufgaben der 
analytischen Praxis. 

Führt man nämlich den Masochismus des Patienten auf einen 
letzten Endes ^virkenden Todestrieb zurück, so gibt man dem Patien- 
ten recht, indem man ihm sein angebliches Leidenwollen bestätigt, 
statt, wie es der Wirklichkeit entspricht und therapeutisch einzig den 
Erfolg ermöglicht, das Leidenwollen als verstellte Aggression zu ent- 
larven. 

Neben den beiden bereits genannten therapeutischen Aufgaben 
(Rück Verwandlung des Masochismus in Sadismus, Fortsehritt von der 
Prägenitßlität zur Genitalität) ergibt sich als dritte für den Maso- 
chismus spezifische Aufgabe die analytische Lösung der analen und 
genitalen Krampfhaltung, die, wie beschrieben, die aktuelle Quelle 
<ler Leidenssymptome ist. 

18* 



276 



-Hl.' ■:■ 



Der masochistiscUe Charakter 



Mit der hier gegebenen Darstellung des masochislischen Pro- 
zesses sind lange nicht alle Probleme des Masochisnius gelöst. Man 
darf aber behaupten, daß mit der Wiedereinreiliutig des Problems 
des MasochisDius in den Rahmen des Lust-Unlust-Frinzips sich der 
Weg zur Klärung der Restfragen, der durch die lodestriebbypothese 
Terlegt war, leicht wird finden lassen. 



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VI. Einige Bemerkungen über den Urkonflikt 
Bedürfnis— Außenwelt 

Um die theoretische Bedeutung des Vorgebrachten zu würdigen, 
ist es nötig, weiter auszuholen und einige Überlegungen über die 
Trieblehre überhaupt anzustellen. Die klinische Erfahrung bot reich- 
lich Gelegenheit, die Freud sehe Grundannahme des prinzipiellen 
Dualismus der psychischen Apparatur zu bestätigen, gleichzeitig aber 
auch einige Widersprüche in ihr zu beseitigen. Es wäre verfehlt, in 
diesem klinischen Rahmen die Problematik der Beziehungen zwischen 
Trieb und Aufienwelt so ausführlich darzulegen, wie es die Sache 
verdiente. Es ist aber notwendig, vorgreifend einiges dazu vorzu- 
bringen, sowohl lun den Ausführungen dieser Arbeit einen theoreti- 
schen Abschluß zu geben, als auch um ein Gegengewicht gegen die 
Uberbiologisierung der analytischen Psychologie zu schaffen. 

In der Freud sehen Triebtheorie gibt es eijie Reihe von Auf- 
stellungen von Triebgegensatzpaaren, wie überhaupt von gegen- 
einander wirkenden Tendenzen im psycl^ischen Apparat, Mit dieser 
durchwegs festgehaltenen Gegenüberstellung von psychischen Ten- 
denzen, die, obwohl Gegensätze, doch ineinanderfließen, hat Freud 
zum ersten Male, wenn auch unbewaifJt, die Grundlagen einer künf- 
tigen dialektisch-materialistischen Psychologie gelegt.*) Ursprünglich 
wurden den Selbsterhaltungstrieben (Himger) die Sexualtriebe (Liebe) 
gegenübergestellt. Später bildete der Destruktionstrieb, bzw. der 
Todestrieb den gegensätzlichen Partner der Sexualität. Die ursprüng- 
liche analytische Psychologie ging aus vom Gegensatz: Ich und 



») Vgl. meine Arbeit: „Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse" 
{„Unter dem Banner des Marxismus", 1929). Jede Naturwissenschaft ist 
materialistisch und dialektisch (letzteres immer unbewußt), soweit sie die 
Tatbestände der Wirklichkeit entsprechend erforscht. Wenn man also sagt, 
die Psychoanalyse habe die Grundlagen einer künftigen dialektisch- ma- 
terialistischen Psychologie gelegt, so bedeutet das eine methodologische 
Stützung ihrer Empirie. 



278 Einige Bemerkungen über den Urkonflikt Bedürfnis-Außenwelt 

Außenwelt; ihm entsprach der Gegensatz: Ichlibido und 
Objektlibido. Der Gegensatz; Sexualität und Angst 
war zwar nicht als Grundgegensatz der psychischen Apparatur auf- 
gefaßt, spielte aber bei der Erklärung der neurotischen Angst eine 
grundlegende Rolle. Nach dieser ursprünglichen Annahme schlägt 
Libido bei Hemmung ihres Durehbruchs zur Motilität und zum Be- 
wußtsein in Angst um; später lockerte Freud, meiner Überzeugung 
nach ganz mit Unrecht, wieder diesen Zusammenhang zwischen 
Sexualität und Angst. '^j Es läßt sich nun zeigen, daß diese verschiede- 
nen Gegensätze nicht wie zufällig nebeneinanderstehen, sondern sich 
gesetzmäßig auseinander ableiten. Es kommt nur darauf an, zu er- 
fassen, welcher der Urgegensatz ist, nnd wie. das hciiii von welchen 
Einflüssen auf die Triebapparatur bestimmt, sieh die Eulwicklung 
der weiteren Gegensätze vollzieht. 

Wir können an Hand unserer F^älle, wie auch jedes anderen, 
den wir nur genügend tief analysieren, feststellen, daß am Grunde 
säjntlicher Reaktionen nicht etwa der Gegensatz: Liebe und Haß, 
gewiß auch nicht der: Eros und Todestrieb, steht, sondern der Ge- 
gensatz von Ich („P e r s o n", E s = L u s t - 1 r h) und Außen- 
welt. Der bio-psych Ischen Einheit der Person entstammt zunächst 
nur die eine Strebung, innere Spannungen, mögen sie nun der Sphäre 
des Hungers oder der Sexualität entstammen, zu erledigen. Das ist 
ohne Berührung mit der Außemvelt unmöglich. Daher muß die 
erste Regung jedes Lebewesens eine Slrebung zur Berührung mit 
der Außenwelt sein. Die psychoanalytische Auffassung, daß Hunger 
und libidinöscs Bedürfnis Gegensätze und dennoch im Beginne der 
psychischen Entwicklung beim Säugling ineinander verflochten sind, 
da ja libidinöse Reize an der Mundzone („Saugclust") die Nalirungs- 
anfnahme sichern, führt in weiterer Verfolgung der Frage zu merk- 
würdigen und überraschenden Konsequenzen, wenn man die Auf- 
fassungen des Biologen Hartmann über die Funktion der Ober- 
flächenspannungen an den Organeinheiten auf unsere Fragen an- 
wendet. Unter Voraussetzung der Richtigkeit der H a r 1 m a n n sehen 
Theorie, die durch die Untersuchungen von Kranfi und Zondek 
an bestimmter Stelle ergänzt werden, muß sich die psychische 
Energie aus einfachen physiologisch-mechanischen, im Zellenchemis- 
mus begründeten Oberflächenspannungen ableiten, die in den ver- 



*) „Hemmung, Symptom und Angst." (Ges. Sehr.. Bd. XI.) 



Einige Bemerkungen über den Urkontlikt Bedürfnis-AuBeuwelt 279 

schiedenen Geweben des menschlichen Körpers, am ausgesprochen- 
sten am vegetativen System und den Anhangsorganen (Blut- und 
Lymphsystem) sich bilden. Die Störung des physiochemischen 
Gleichgewichts, das durch diese Spannungen hervorgerufen wird, 
erwiese sich demnach als der Motor des Handelns — wahrscheinlich 
letzten Endes auch des Denkens (gleich Probehandelns). Diese 
Störungen etwa im osmotischen Gleichgewicht der Organgewebe sind 
aber, wie eine Überlegung zeigt, prinzipiell von zweierlei Natur: Die 
eine Art ist gekennzeichnet durch ein Schrumpfen der Gewebe in- 
folge Verlustes von Gewebsflüssigkeit, die andere dagegen durch eine 
Dehnung der Organgewebe infolge Zunahme der flüssigen Inhalte; 
iu beiden Fällen stellt sich Unlust ein; während aber beim ersten 
sich ein Unterdruck infolge Sinkens der Oberflächenspan- 
nung ergibt und ein entsprechendes Unlustgefiihl, das nur durch 
Aufnahme von neuen Stoffen zu beseitigen ist, resultiert beim 
zweiten die eigentliche Spannung mit ebenfalls entsprechendem 
Unlustempfinden; aber diesmal kann die Spannung nnr durch eine 
Entspannung, das heiflt durch Ausstoßung von Stoffen be- 
seitigt werden. Nur die letztbeschriebene Art ist mit spezifischer 
Lust verbunden, während bei der ersten nur die Unlust weicht. 

In beiden Fällen ist ein „Trieb" gegeben, im ersten erkennen wir 
Hunger und Durst, im zweiten das Urschema der orgastischen Ent- 
ladung, das allen erogenen, das heißt sexuellen Spannungen eignet. 
Biologisch-physiologisch zeigt es sich, daß der primitive Organismus 
etwa eines Einzellers sich zentral entleeren und peripher mit Plasma 
überfüllen, das heifit spannen muß, wenn er etwa ein Nahrungs- 
körnehen sich einverleiben, das heifit einen Unterdruck im Inneren 
beseitigen will. In unserer Sprache ausgedrückt: er muß mit Hilfe 
eines libidinösen Mechanismus sich der Aufleuwelt nähern, um seinen 
Unterdruck", gleich Hunger, zu beseitigen. Wachstum, Kopulation, 
Zellteilung dagegen stehen völlig im Zeichen der libidinösen Funk- 
tion, die sich durch Spanniuig der Peripherie mit nachfolgender Ent- 
spannung, das heißt Verringerung der Oberflächenspannung aus- 
zeichnet. Immer steht also die Sexualenergie im Dienste der Nah- 
rungsbefriedigung, während umgekehrt die Nahrungsaufnahme die- 
jenigen Stoffe zuführt, die schließlich durch einen physiochemischen 
Prozeß zu libidinösen Spannungen führen. Ist die Nahrungsaufnahme 
die Grundlage der Existenz und der libidinösen Funktionen, so sind 
diese die Grundlagen der produktiven Leistungen, wie etwa der 



280 Einige Bemerkungen über den Urkonflikt Bedürfnis-Anflenwclt 

urspriinglichsten, der Bewehrung. Diese bio-physiologischeii Tatbe- 
stände bestätigen sieh vollkommen in der höheren Organisation des 
psychischen Apparates; Der Hunger ist unsiibli mierbar. die sexuelle 
Energie hingegen ist wandelbar, produktiv; das beruht auf der Tat- 
sache, daß beim Hunger nur ein negativer Zustand aufgehoben und 
keine Lust produziert wird, während beim Sexualbediirfnis eine 
Ausstoßung, also Produktion in ihrer einfachsten Form erfolgt und 
darüber hinaus Entspannung Lust vermiitelt, was nach einem noch 
völlig unverstandenen Gesetz zur Wiederholung der Aktion treibt; 
diese Wiederholung dürfte ein wesentliches Stück des Problems des 
Gedächtnisses ausmachen. Hunger ist also Zeichen eines eingetrete- 
nen Energie v e r 1 u s t e s, die Befriedigung des Nahrungslx-dürfnisses 
produziert keine Energie, die als Leistung (Verausgubnng von 
Energie) in Erscheinung träte; sie bedeutet bloß Aufhebung eines 
Mangels. So dunkel dieser Tatbestand noch ist. scheint sieh doch 
die psychoanalytische Erfahrungsthese, daß die Arbeitsleistung um- 
gesetzter libidinöser Energieprozcfi ist, daß ferner ArbeifsstÖrungen 
innigst mit Störungen des libidinösen Haushalts verknüpft sind, letzt- 
lich im beschriebenen Unterschied der beiden biologischen Grund- 
bedürfnisse zu begründen. 

Kehren wir nun zur Frage der Gegensätzlichkeit der Strebungen 
zurück. Sie liegen also ursprünglich nicht innerhalb der bio-psychi- 
schen Einheit, von etwaigen phylogenetischen AnIngen der Appara- 
tur abgesehen, sondern der eine Gegensalzteil wird durch die Außen- 
welt repräsentiert. Ist das ein Widerspruch zur F r e u d scheu An- 
nahme einer inneren Gegensätzlichkeit von Strebungenl:' Wir kön- 
nen sofort sehen, daß das nicht der Fall ist. Es ist nur die Krage, ob 
der innere Gegensatz, der innere Dualismus, von vornherein bio- 
logisch gegeben ist oder sich erst im Zusammenstoß des physiologi- 
schen Bedürfnisapparates mit der Außenwelt heraubildel;*) ferner, ob 
der erste Gegensatz von Strebungen innerhalb der Person ein solcher 
von Trieben oder anderem ist. Gehen wir von der Ambivalenz aus. 

») Es ist hier im Interesse der Vermeidung des Mifivcrstäiidnisses, als 
ob ich einen absoluten Gegensatz von fertigem Bcdiirfnisappurat und Aiifien- 
weltseinflüssen postulierte, wichtig, zu betonen, dn(i ja der Bcdiirfnis- 
apparat selbst eine lange historische Entwicklung hinter sich hat, daß er 
sich in der Phylogenese aus ähnlichen dialektischeu Prozessen entwickelt 
haben muß; — ein gewaltiges Problem der Entwickliingslehrc, sobald sie 
den mechanistischen Standpunkt der Betrachtung gegen den dialektischen 
einzutauschen willens sein wird. 



Einige Bemerkungen über den Urkonflikt Bedürfnis-Außenwelt 281 

Die „Ambivalenz der Gefühle" im Sinne gleichzeitiger 
Liebes- und Hafireaktion ist kein biologisches Gesetz, sondern viel- 
mehr sozial bedingtes Entwicklungsprodukt. In der Anlage ist nur 
die Fähigkeit des biopsychischen Apparats gegeben, auf Reize der 
Außenwelt in einer Weise zu reagieren, die sich zu einer chronischen 
Haltung entwickeln kann (nicht muß), die wir als Ambivalenz be- 
zeichnen. Dieses Phänomen bedeutet nur in oberflächlicher Schicht 
ein Schwanken zwischen Haß- und Liebesstrebung. In tieferer 
Schicht, die einer früheren Entwicklungsstufe entspricht, sind 
Schwanken, Zögern, Unentschlossenheit und andere Kennzeichen der 
Ambivalenz zu verstehen aus einer ständig vorwärtsstrebenden libidi- 
nösen Regung, die regelmäßig durch Angst vor dem Vollzug der 
Handlung gebremst wird. An die Stelle der Liebesregung tritt sehr 
oft, bei Zwangscharakteren regelmäßig, eine Haßregung, die sowohl 
in der Tiefe das Ziel der Liebesregung weiter verfolgt als auch durch 
die gleiche Angst gebremst wird wie die Sexualregung. So ent- 
sprechen der Ambivalenz je nach der Tiefe ihrer Funktion und 
Genese drei Formeln: 

a) „Ich liebe dich, fürchte aber Strafe dafür." (Liebe— Angst.) 

b) „Ich hasse dich, weil ich dich nicht lieben darf, fürchte aber 
die Befriedigung des Hasses." (H a ß — A u g s t.) 

c) „Ich weiß nicht, ob ich dich liebe oder hasse." (Liebe- 
Haß.) 

Das ergibt folgendes Bild vom Werdegang der seelischen Wider- 
sprüche: 

Aus dem Gegensatz Ich— Außenwelt, den man später als Gegen- 
satz: Narzißmus — Ob jekt Hb ido wiederfindet, ergibt sich 
zunächst als erster Widerspruch innerhalb der Person der Ge- 
gensatz von L i b i d o als einer Strebung in der Richtung zur Außen- 
welt und Angst als dem ersten und ursprünglichsten Ausdruck 
einer narzißtischen Flucht vor der Unlust, die die Außenwelt be- 
deutet, zurück ins Ich. Das Ausstrecken und Einziehen der Pseudo- 
podien beim Einzeller ist, wie wir an anderer Stelle ausführlich 
zeigen werden, weit mehr als ein bloßes Analogen für das „Aus- 
strecken" und „Einziehen der Libido". Veranlaßt Unlust, die man in 
der Außenwelt erfährt, zuerst die Rückziehung der Libido oder die 
ängstliche Flucht ins „Innere" (narzißtische Flucht), so bewirkt 



282 Einige Bemerkungen über den Urkonflikt Bedürfnis-Außenwelt 

offenbar die unlustvolle Spannung der nach Befriedigung drängen- 
den Bedürfnisse die Annäherung an die Welt. Würde die Außen- 
welt nur Lust und Befriedigung bringen, so gübc es kein Angst- 
phänomen. Da von ihr aber unlustvolle und gefahrbringende Reize 
ausgehen, so muß die Strebung der Objektiibido einen Gegenspieler, 
die narzißtische Fluchttendenz, bekommen. Der primitivste Aus- 
druck dieser narzißtischen Flucht ist die Angst. Libidinöse Annähe- 
rung an die Welt und narzißtische Flucht vor der Welt sind nur Um- 
schreibungen einer sehr primitiven, bei ausnahmslos allen lebenden 
Organismen vorkommenden Funktion. Sie äußert sich schon beim 
Einzeller in zweierlei Plasmaströmungen, von denen die eine in der 
Richtung Zentrum -*■ Peripherie, die andere in der Richtung Peri- 
pherie -»- Zentrum abläuft.*) Das Erblassen beim Schrecken, das 
Kältezittern beim Angstzustand, das ..Sträuben der Haare" entspre- 
chen einer Flucht der Besetzungen von der Körperperipherie ins 
Köri>erinnere, bedingt durch Kontraktion der peripheren Gefäße 
(und der Musculi erectores pilorum) und Erweiterung des zentralen 
Gefäßsystems (Angst durch Stauung). Der Turgor der peripheren 
Hautgewebe, die Rötung der Haut und das Wärmegefühl bei sexuel- 
ler Erregung sind das gerade Gegenteil davon und cutsprechen einer 
sowohl physiologischen wie psychischen Strömung der Energie- 
besetzungen in der Richtung Zentrum -»- Körperperipherie -»■ Welt. 
Die Erektion des Gliedes und das Feuchtwerden der Scheide sind 
nichts anderes als der Ausdruck dieser Strömung im Zustand der 
sexuellen Erregung; das Schrumpfen des Gliedes und das Trocken- 
werden der weiblichen Genitalorgane sind nichts anderes als der 
Ausdruck einer energetischen Entleerung der Körperperipherie, einer 
Strömung der Besetzungen und der Körpersäfte in der Riditung zum 
Zentrum. Der erste Gegensatz; Sexualerregung — Angst, 
ist nur der psychische Widerschein des Urgegensatzes Person — 
Außenwelt innerhalb der Person, der dann zur psychischen Realität 
des inneren Widerspruches: „Ich begehre — ich fürchte" 
wird. Angst ist also immer der einzig mögliche erste Ausdruck einer 
inneren Spannung, gleichgültig ob diese durch eine Behinderung des 
Fortschrittes zur Motilität oder der Bedürfnisbefriedigung von außen, 



•) Nach Weber gehen Unlustempfindungen mit zentripetaler, Lust- 
empfindungen mit zentrifugaler Blutströmung einher. Vgl. auch Kraus 
und Zondek: Syzygiologie „Allgemeine und spezielle Pathologie der 
Person". {I. Tiefenperson.) Thieme 1926. 



ii 



Einige Bemerkungen über den Urkonfükt Bedürfnis-Außenwelt 283 

oder durch eine Flucht der Euergiebesetzuugen ins Innere des Orga- 
nismus zustande kommt. Im ersteu Falle haben wir es mit Stauungs- 
angst oder Aktualangst, im zweiten Falle mit Realangst zu tun, in 
welch letzterem Falle mit Notwendigkeit ebenfalls eine Stauung und 
dadurch Angst erzeugt wird. Es lassen sich also beide Formen der 
Äugst (Stauungsangst und Realangst) auf ein Grundphänomen zu- 
rückführen, auf zentrale Stauung der Ene^giebesetz^lngen; nur ist 
die Stauungsangst ibr unmittelbarer Ausdruck, wäbrend die Real- 
angst zunächst nur eine Erwartung von Gefahr bedeutet, die sekun- 
där zur affektiven Angst wird, wenn sie durch Flucht der Besetzun- 
gen ins Innere eine Stauung am zentralen vegetativen Apparat her- 
beiführt. Die ursprüngliche Fluchtreaktion in Form des „Sich-in- 
sich-selbst-Verkriechens" tritt später mit einer phylogenetisch jüngeren 
Art der Flucht auf, die darin besteht, daß man die Distanz zur Ge- 
fahrenquelle vergrößert; sie ist an die Ausbildung eines Bewegungs- 
apparates gebunden (muskuläre Flucht). 

Neben der Flucht ins eigene Körperinnere und der muskulären 
Flucht gibt es auf höherer biologischer Organisationsstufe eine zweite 
sinnvollere Reaktion: die Beseitigung der Gefahrenursache. Sie kann 
nicht anders als als destruktiver Antrieb in Erscheinung tre- 
ten.*) Ihte Grundlage bildet die Vermeidung der Stauung oder Angst, 
die bei narzißtischer Flucht entsteht; sie ist also im Grunde genom- 
men nur eine besondere Art einer Spann imgsvermeidung oder Span- 
nungslÖsung. Auf dieser Stufe der Entwicklung kann man zur Welt 
in zweierlei Absicht streben, entweder, um einen Bedürfnisanspruch 
zu befriedigen {Libido) oder um einen Angstzustand zu vermeiden, 
indem man die Gefahrenquelle vernichtet (Destruktion). Auf dem 
ersten inneren Gegensatz von Libido und Angst baut sich nunmehr 
ein zweiter auf. Libido („Liebe") und Destruktion („Haß"). 



*) Man kann, wenn man will, schon in den Vorgängen bei der Befrie- 
digung des Hungers, im Vernichten und Einverleiben des Nahrungsstoffes, 
eine destruktive Regung erblicken. Dann wäre der Destrukiionstrieb 
eine primäre biologische Tendenz. Man darf aber die Unterscheidung 
zwischen Destruktion um der Vernichtung willen und Destruktion zum 
Zwecke der Befriedigung des Hungers nicht außer acht lassen. Nur jene 
kann als selbständige Triebrichtung angesehen werden, während diese 
nur ein Hilfsmittel darstellt. Dort ist die Destruktion an sich subjektiv 
gewollt, hier ist sie nur objektiv gegeben. Die Triebfeder der Handlung 
ist Hunger, nicht Destruktivität. Aber in jedem Falle ist die Destruktion 
zunächst auf ein Objekt außerhalb der Person gerichtet. 



284 Einige Bemerkungen über den UrkonfJikt Bcdürfnis-Anfienwelt 

Jede Versagung einer Triebbefriedigung kann nun entweder den 
ersten Gegenspieler der Libido, die Angst, oder aber, zu ihrer Ver- 
meidung, den genetisch jüngeren, den Destruktionsinipids. hervor- 
rufen. Diesen beiden Reaktionsarten entsprechen bei irrational be- 
gründeter Fixierung der Reaktion auf Gefahr zwei Charakterformen: 
Die Hysterie flüchtet vor der Gefahr, der Zwangscharaktcr will die 
Gefahrenquelle vernichten. Da der masochistischc Charakter weder 
über die genital-libidinöse Annäherung an das Objekt noch über die 
direkte destruktive Tendenz zur Vernichtung der Gefahrenquelle 
verfügt, muß er seine inneren Spannungen durch eine indirekte 
Äußerung, durch ein verstelltes Anflehen des Objekts, ihn zu lieben, 
das heißt ihm die libidinöse Entspannung zu gestatten und zu er- 
möglichen, zu lösen versuchen. Es ist begreiflich, daß ihm das nie- 
mals gelingen kann. 

Die Funktion des zweiten Gegensatzpaares: Libido ~ Destruk- 
tion erfährt nun eine neuerliche Veränderung da<lurcli, daß die 
Außenwelt nicht nur die libidinöse Befriedigung, sondern auch die 
des Destruktionstriebes versagt. Diese Versagung destruktiver Ab- 
sichten erfolgt wieder mit Strafandrohung und verstärkt somit die 
narzißtische Bereitschaft zur Flucht, indem sie jeden destruktiven 
Impuls mit Angst besetzt. Es entsteht ein vierter Gegensatz: De- 
struktionstrieb und Angst, über den. obwohl er noch sehr 
an der Oberfläche der Struktur der Person liegt, die gesamte 
Adler sehe Individualpsychologie nicht hinnusgekommen ist. Der 
Prozeß der Bildung ständig neuer gegensatzlicher Strebungen in der 
psychischen Apparatur aus den "Widersprüchen der ihnen voran- 
gehenden Strebungen mit der Welt schreitet fort. Die destruktive 
Tendenz wird einerseits verstärkt durch die libidinösen Absichten 
der Person; jede Versagimg der Libido treibt destruktive Absichten 
hervor, die dann leicht zum Sadismus werden können, indem dieser 
in sich die destruktive und libidinöse Absicht vereinigt. Auf der 
andern Seite wird die Destruktivität verstärkt durch die Angst- 
bereitschaft und die Absicht, angsterzeugende Spannungen auf die 
gewohnte destruktive Art zu vermeiden oder zu lösen. Du aber jede 
dieser neu entstehenden Absichten die strafende Haltung der Außen- 
welt herausfordert, ist es verständlich, daß dadurch ein ununter- 
brechbarcr Zirkel entsteht, der mit der ersten angsterzeugenden Be- 
hinderung einer libidinösen Abfuhr beginnt. Die Hemmung der 
aggressiven Impulse durch die strafdrohende Außenwelt erzeugt 



Einige Bemerkungen über den Urkonflikt Bedürfnis-Außenwelt 286 

nicht nur erhöhte Angst, behindert nicht nur die Abfuhr der Libido 
weit mehr als bisher, sondern sie erzeugt auch einen neuen Gegen- 
satz, indem sie die destruktiven Impulse gegen die Welt zum Teil 
gegen das Ich wendet und auf diese Weise dem Destruktions- 
trieb den Sclbstvernichtungstrieb, dem Sadismus 
den Masochismus als Gegenspieler hinzufügt. 

Das Schuldgefühl ist in diesem Zusammenhange ein Spätprodukt, 
das Ergebnis eines Konfliktes zwischen Liebe und Haß dem gleichen 
Objekt gegenüber; dynamisch entspricht das Schiddgefühl der In- 
tensität der gehemmten Aggression, was gleichbedeutend ist mit der 
Intensität der hemmenden Angst. 

Diese Ableitung eines theoretischen Gesamtbildes der psychi- 
schen Prozesse aus der Klinik der Neurosen, im speziellen des Maso- 
chismus, ergibt zweierlei: 1. daß der Masochismus, was ja auch die 
unmittelbare Kinderbeobachtung ergibt, erst ein sehr spätes Ent- 
wicklungsprodukt darstellt. Er pflegt selten vor dem dritten oder 
vierten Lebensjahr aufzutreten, kann also schon deshalb nicht der 
Ausdruck eines biologischen Urtriebes sein; 2. sind sämtliche Phäno- 
mene der psychischen Apparatur, aus denen man einen Todestrieb 
ableiten zu können glaubt, als Zeichen und Folgen der narzißti- 
schen {nicht der muskulären) Flucht vor der Welt zu entlarven: 
Selbstbeschädigungen sind der Ausdruck gegen die eigene Person 
rückgeweudeter Destruktivität; körperlicher Verfall infolge chroni- 
scher neurotischer Prozesse erweist sich als das Ergebnis der chroni- 
schen Störung des sexuellen Haushalts, der chronischen Wirkung un- 
gelöster innerer Spannungen, die ja eine physiologische Grundlage 
haben; er ist also Ergebnis chronischen seelischen Leidens, das ob- 
jektiv begründet, nicht aber subjektiv gewollt ist; bewußte Sehn- 
sucht nach dem Tode, nach Ruhe, nach Nichtdasein („Nirwana- 
prinzip") kommt nur vor unter der Bedingung sexueller, im beson- 
deren genilaler Unbefriedigtheit und Hoffnungslosigkeit, ist somit 
der Ausdruck letzter Resignation, einer Flucht aus dieser nur un- 
lustvoll gewordenen Realität in das Nichts; dieses ist, dank dem 
Primat der Libido, wieder nur repräsentiert als eine andere Art 
1 i b i d i n ö s e r Zielvorstellung, wie Im-Mutterleib-ruhen, Von-der- 
Mutter-besorgt-und -beschützt- werden. Jede Richtmig der Libido, die 
der zur Außenwelt entgegengesetzt ist, die einer Rückziehung ins 
eigene Ich entspricht, mit einem Worte, alle narzißtischen Regres- 
sionsphänomene, wurden als Beweis für die Existenz des Todes- 



286 Einige Bemerkungen über den Urkonflikt Bedürfnis-Außenwelt 

friebes vorgebracht und sind doch nichts anderes als Reaktionen auf 
reale Versaguugen der libidiuÖsen Bedürfnisbefriedigung und Stil- 
lung des Hungers durch unsere Gesellschaftsordnung oder sonstige 
Einflüsse der Welt. Ist diese Reaktion trotz fehlender realer Anlässe 
in der Gegenwart voll ausgebildet, so haben wir gerade in der Ana- 
lyse öas geeignete Instrument, nachzuweisen, daß es eben früh- 
infantile Versagungen der Libido waren, die die Flucht aus der 
Welt ins eigene Ich notwendig machten und eine psychische Struktur 
schufen, die die Person später unfähig macht, sich darbietende Lust- 
möglichkeiten der Welt zu gebrauchen. Gerade die Melancholie, die 
man so gerne zum Beweise des Todestriobcs heranzieht, zeigt mit aller 
Deutlichkeit, daß die Selbstmordneigungen einen grandiosen Überbau 
darstellen über versagter und durch komplette Hemmung der geni- 
talen Funktionen fixierter Oralität, ferner über einem besonders 
stark ausgebildeten, dieser frühen Stufe entsprechenden und durch 
die immense Libidostauung hochgetriebenen destruktiven Antrieb, 
der, gebremst und rückgewendet, eben keinen anderen Ausweg als 
den der Selbsfzerstörung finden kann. Man zerstiirt sich also selbst, 
nicht weil man biologisch dazu gedrängt wird, nicht weil man es 
„will", sondern weil die Realität innere Spaiinungen bewirkt hat, die 
unerträglich wurden und nur durch Seibstvcrnichtuug gelöst wer- 
den können. 

So wie die Außenwelt zu einer hundertprozentig unlustvollen 
äußeren, so ■wT.xrdc die eigene Triebapparatur zu einer hundertpro- 
zentig unlustvollen inneren Realität. Da aber die letzte Triebkraft 
des Lebens die Spannung mit Aussicht auf eine Möglichkeit der Ent- 
spannung ist, was gleichbedeutend ist mit Lustgcwinn, muß ein Lebe- 
wesen, dem diese Möglichkeiten äußerlich u n d innerlich genommen 
sind, zu leben aufhören wollen. Die Selbstvernichtung wird zur ein- 
zigen und letzten Möglichkeit einer Entspannung, so daß wir sagen 
dürfen: Auch im Willen zu sterben drückt sich noch das Lust-Un- 
iust-Priuzip aus. 

Jede andere Auffassuug geht au den tiefen klinischen Befunden 
vorbei, vermeidet die Auseinandersetzung mit der Frage nach der 
Struktur unserer realen Welt, die zur Kritik der Gesellschaftsord- 
nung führt, und begibt sich der besten Möglichkeiten, dem Kranken 
zu helfen, indem man ihn analytisch dazu befähigt, die Angst vor 
den Strafen dieser Welt zu überwinden und seine inneren Spannun- 
gen auf dem biologisch, physiologisch und sexual-ökonomisch ein- 



Einige Bemerkungen über den Urkonflikt Bedürfnis-Außenwelt 287 

wandfreieii Weg der reifen sexuellen Befriedigung und etwaiger 
Sublimierung zu lösen. 

Die Tatbestände beim Masochismus machen die Annahme eines 
primären Strafbediirfnisses hinfällig. Wenn es beim Masochismus 
nicht gilt, so wird man es schwerlich bei anderen Krankheitsformen 
finden. Das Leiden ist real, objektiv gegeben und nicht subjektiv 
gewollt; die Selbsterniedrigung ist ein Schutzmechanismus wegen 
genitaler Kastrationsgefahr, die Selbstschädigungen sind Vorweg- 
nahmen von milderen Strafen zum Schutze vor den wirklich gefürch- 
teteu, die Schlagephantasien sind die letzten Möglichkeiten einer 
schuldlosen Entspannung. Die ursprüngliche Neurosenformel: die 
Neurose entsteht aus einem Konflikt zwischen sexuellem Trieban- 
spruch und Angst vor realer, aus der patriarchalischen Gesellschaft 
drohender Strafe wegen sexueller Betätigung, besteht zu Recht. 
Daraus ergeben sich aber auch für die Schlußfolgerungen aus der 
Neurosenlehre grundlegend andere Gesichtspunkte. Das Leiden 
kommt aus der Gesellschaft, und wir sind dann voll berechtigt, zu 
fragen, warum sie Leiden schafft, wer ein Interesse daran hat. Daß 
die eine Hälfte des psychischen Konfliktes, die Versagung, in den Be- 
dingungen des Daseins unserer Gesellschaftsordnung begründet ist, 
folgt konsequent aus der ursprünglichen Freud sehen Formel, daß 
die Versaguug der Außenwelt entstammt. Wie sehr aber sich diese 
Formulierung durch die Todestrieb-Hypothese verwischt hat, beweist 
etwa eine Fragestellung von Benedek: „Wenn wir die dualistische 
Triebtheorie nur in dem Sinne der alten Trieblehre gelten lassen, 
dann entsteht eine Lücke. Dann, bleibt die Frage unbeantwortet, 
weswegen sich im Menschen Einrichtungen ausgebildet haben, die 
sich als Gegensatz zum Sexualtrieb auswirken." (1. c.) So sehr läßt 
die Annahme des Todestriebes die Tatsache vergessen, daß die „in- 
neren Einrichtungen" des Menschen, die sich im Gegensatz zum 
Sexualtrieb auswirken, als moralische Hemmungen die Verbote der 
Gesellschaft repräseutieren. Wir rennen also keine offenen Türen 
ein, wenn wir behaupten, daß der Todestrieb Tatbestände biologisch 
erklären soll, die sich bei konsequenter Fortführung der alten Theorie 
aus der Struktur der heutigen Gesellschaft ableiten. Es bleibt noch 
zu beweisen, daß die „nicht bewältigbaren destruktiven Antriebe", 
denen das Leiden der Menschen zugeschrieben wird, nicht biologisch, 
sondern gesellschaftlich begründet sind, daß es die Hemmung der 
Sexualität durch die autoritäre Erziehung ist, die die Aggressivität 



288 Einige Bemerkungen über den Urkonflikt Bedürfnis-Außenwelt 

zu einem nicht bewältigbareii Anspruch macht, indem sich gehemmte 
Sexualenergie in Destruktivität umsetzt. Und die nach Selbstzer- 
störung aussehenden Tatsachen unseres Kulturlebens sind nicht Er- 
scheinungen von „Selbstvernichtungstrieben", sondern von sehr realen 
destruktiven Absichten einer an der Unterdrückung des Sexuallebens 
interessierten Schicht der privat wirtschaftlichen Gesellschaft. 



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