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Full text of "Hindu-Mythologie und Kastrationskomplex. Eine psychoanalytische Studie"

Xlindu ~ JVLy thologie und 
iVastrationskomplex 

üine psych oanalytiscne iStudie 



von 



C. D. Daly 

Quetta, Indien 



Aus dem englischen Manuskript übersetzt von Peter Mendelssohn 



Sonderabdrude aus „Lmago, Zeitschrift für Anwendung der 
Psychoanalyse auf die Natur- und (Geisteswissenschaften 
(herausgegeben von öigm. £ reud), Hd. JClll (i()2fj 



1927 

Internationaler Psyaioanalytiscner Verlag 

Leipzig / VY i e n / Züt'ich 



Alle Rechte, 
insbesondere die der Übersetzung, vorbehalten 

* 

Copyright 1927 

by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 

Ges. m. b. H.", Wien 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Druck: Christoph Rcisser's Söhne, Wien V 



I 

Xvinleitung 

A.) Allgemeines zur Psychologie der Hindu 

Ein flüchtiges Studium der Zeremonien und Riten der Hindu und der 
verwandten Völker ist ausreichend, um zu zeigen, daß sie unter kollektiven 
Zwangsvorstellungen leiden, die in vieler Hinsicht denen gleichkommen, 
die wir bei den europäischen Zwangsneurotikern zu beobachten gewöhnt 
sind. Ein früherer Autor hat die Aufmerksamkeit bereits auf die Tatsache 
gelenkt, daß ihre Charakterzüge fast ausschließlich dem analen Reaktions- 
typus 1 angehören. 

Die Trauerstimmung des Hinduvolkes ist nicht allein durch eine Bezug- 
nahme auf die Analerotik zu erklären ; denn die anale Erotik kann in keinem 
Stadium des primitiven Lebens als der Menschen größtes Vergnügen hin- 
gestellt werden ; nur in der Beziehung zu der direkten Hemmung des sexu- 
ellen Impulses kann ein solcher ernster Zustand der Dinge entstehen, wie 
er sich bei dem Hinduvolk findet. Aber wenn wir imstande sind, im pri- 
mitiven Leben ein Stadium aufzuzeigen, in dem der Mensch sich angstvoll 



1) O. Berkeley - Hill: Der analerotische Faktor in der Religion, der Philo- 
sophie und in dem Charakter der Hindu. International Journal of Psycho-Analysis. 
Bd. II, Teil 3/4, S. 506. 



C. D. Daly 



von dem abwendet, was vormals seine wesentliche Lust, wenn man jene 
visuellen und olfaktorischen Reizmittel in Betracht zieht, die vorher die 
stärksten sexuellen Erreger gewesen waren, dann und nur dann kann man 
dieses komplizierte Rätsel lösen. 

Wir wollen vorerst einige Fragen aus unserer Kenntnis ähnlicher Phä- 
nomene beim europäischen Individuum aufwerfen. 

Welches ist diese äußerste Furcht, die sie zur Vollführung ihrer lang- 
wierigen Zeremonien und Riten getrieben hat? Es sollte uns nicht ver- 
wundern zu finden, daß unter Menschen, die offensichtlich Linga und Toni 
huldigen, das Kastrationstrauma außerordentlich schwer ist und eine so mäch- 
tige Regression veranlaßt, daß eine Parallele unter den Europäern nur in iso- 
lierten und pathologischen Fällen aufzufinden ist. Wenn das Kastrations- 
trauma den Menschen veranlaßt, auf anale Interessen zurückzugehen, dann 
werden diese letzteren verstärkt durch die Energie des vergeblichen Ver- 
langens nach dem Inzest und durch die der ergänzenden Kastrationsängste, 
während die Mutter, die ursprünglich auf die primitiven Neigungen störend 
einwirkte, gefürchtet wird (der Hauptgrund dafür wird im Laufe der Unter- 
suchung klar hervortreten) als die Quelle und das Symbol der Kastration. 

Ähnlich stehen wir dem Problem gegenüber, warum die Hindu in 
charakterlicher Hinsicht sich so stark von anderen Rassen unterscheiden. 
Warum sind gerade sie nicht imstande, anale Tendenzen zu sublimieren, 
wie andere Rassen es mit Erfolg tun? Obwohl die Begründung teilweise 
in den oralen sadistischen Tendenzen zu finden sein mag, so erscheint 
der Ernst des Kastrationstraumas doch ohne Zweifel als der Hauptgrund. 1 
Und warum leiden sie schließlich unter solch einer entsetzlichen Angst vor 

der Befleckung? 

Die außergewöhnlichen Zeremonien, denen der Hindu in bezug auf 
Sauberkeit geradezu versklavt ist, sind religiöser Natur im Dienste der Re- 
aktionsbildungen als eine positive Sublimierung ihrer analerotischen Ten- 
denzen. Es ist offenkundig genug, daß die Hindu als Volk an sanitären 



1) Ich bin ebensosehr geneigt, einen zweiten Faktor zu mutmaßen (obgleich ich kein 
sehr großes Gewicht auf ihn lege), der in der Verschiedenheit der frühen Umgebung und 
Erziehung des Kindes liegt. Den europäischen Kindern wird Sauberkeit von Kindheit 
auf anerzogen, während die Mehrheit der Hindukinder in unsauberer und schmutziger 
Umgebung aufwächst. Die europäischen Kinder haben daher schon einen verhältnis- 
mäßig größeren Teil ihrer analen Interessen sublimiert als die Hindukinder, ehe sie 
durch Kastrationsängste in ihre anale Erotik zurückgeworfen werden; darüber hinaus 
haben sie noch den Vorteil ihrer sauberen Umgebung, die ihnen wiederum in dem 
Maße bei der Sublimierung hilft, als das Kastrationstrauma heilt. 



HIiidu-Alytliologie und Kastratioiiskomplex 



Maßnahmen nicht interessiert sind. Es ist der besonderen Erwähnung wert, 
daß die Hindu in ihren Zeremonien die Begattung als die unanständigste 
und ekelerregendste ihrer natürlichen Funktionen ansehen. Die größten 
Säuberungsvorsichtsmaßregeln haben nach dem Verkehr zu erfolgen, was 
beweist, daß das stärkste Gefühl der Schuld und der Verunreinigung ebenso 
wie der größten Befleckung sich hier festgesetzt hat. Ein Brahmane muß 
seinen Mund viermal waschen, nachdem er Wasser getrunken hat, acht- 
mal nach der Ausleerung, zwölfmal nach der Nahrungsaufnahme und 
sechzehnmal nach geschlechtlichem Verkehr. 

Die extremen Formen des hinduistischen Asketismus sind in der Haupt- 
sache der Tatsache zuzuschreiben, daß eine allgemeine innere Wendung 
gegen das Ich aus einem starken, grausamen Wunsch gegen die Eltern und 
gegen das schuldbeladene Gewissen, das durch eine unendliche Vielfalt 
auferlegter Bestrafungen Befreiung zu erlangen sucht, stattfindet. Mit dem 
Anwachsen der Libido während der Pubertät kehrt das verdrängte Ver- 
langen nach dem Inzest der Ödipus-Phase wieder und unterliegt nochmals 
beträchtlichen Verdrängungen, die als direkter, verletzender Vorstoß gegen 
das neuerlich gebildete Ichideal in der Projektion ihrer Eltern, des großen 
Gottes Siva und seiner Gattin Parvati empfunden werden. Während die- 
jenigen, die keinerlei Bewußtsein entwickelt haben, nur unter dem Über- 
gewicht ihrer primären Emotionen stehen geblieben sind (sie werden zu- 
meist Revolutionäre, Diebe, Prostituierte usw.) und dazu neigen, sich mit 
der Gottheit Kali zu identifizieren, die nicht nur die Projektion ihrer pri- 
mären Agressivität darstellt, sondern auch die sekundäre sadistische Kom- 
ponente, die ihrerseits mit dem sexuellen Impuls eng verknüpft ist. 



BJ Die A-bspaltung 

Wir haben uns hier mit einem in der Mythologie so gewöhnlichen Mecha- 
nismus zu befassen, der in der psychoanalytischen Literatur als Spaltung 
bekannt ist. Diese Spaltung ist in mancher Hinsicht der Gegensatz zur „Ver- 
dichtung", die für Träume charakteristisch ist, in denen die Attribute ver- 
schiedener Leute zu einer Figur zusammenfließen, während in der Mytho- 
logie eine Anzahl von Göttern und Göttinnen existiert, von denen 
ein jedes die Projektion besonderer Attribute früher Libido- 
objekte darstellt. Diese können, grob genommen, in zwei Gruppen ge- 



C. D. Daly 









teilt werden, und zwar in diejenigen, die die Projektion primärer aggressiver 
und Haßtendenzen sind, und in die, die die Projektion der Ichidealtendenzen 
der Liebe und des Verlangens Eltern und nahen Verwandten gegenüber dar- 
stellen. Wir werden uns hier hauptsächlich mit den ersteren zu befassen 
haben. Von den vornehmsten Hindugottheiten wird angenommen, daß sie 
eine Doppelnatur oder zwei Charaktere besitzen — einen in Ruhe befind- 
lichen und einen aktiven; letzterer wird Sakti genannt und als das Weib 
oder die weibliche Hälfte des göttlichen Wesens, auf der linken Seite be- 
findlich, vorgestellt. Es ist nunmehr zu beachten, daß gerade, als die männ- 
liche Gottheit Siva unter ihrer Person die Attribute und Funktionen aller haupt- 
sächlich wichtigen Gottheiten zusammenfaßte, und zu dem „großen" Gott 
(Maha-deva) wurde, d. h. zum strengsten und erhabensten Gott des hinduisti- 
schen Pantheons, daß gerade da das weibliche Gegenstück „die eine große 
Göttin" (devi, maha-devi) wurde, die mehr Sühnopfer verlangte als irgend- 
eine andere Göttin, und die in gewissem Ausmaß alle anderen Manifestationen 
der Tri-murti darstellte und alle ihre Funktionen in sich vereinigte. Aus 
eben diesem Grunde behauptet man von den Weibern des Brahma und 
Vishnu, daß sie ihre Töchter seien. Dem Vayu-purana zufolge war nicht 
nur Siva selbst eine zwiefache Natur, männlich und weiblich, sondern 
auch seine weibliche Natur war zweigeteilt, und zwar in die eine weiße 
Hälfte oder Asita und in die andere schwarze Sita, von denen jede 
wiederum vielfältig war. Die weiße oder milde Natur teilte sich in die 
Sakti, genannt Uma, Gauri, Lakshmi Sarasvati usw., die schwarze oder 
strenge Natur in solche, genannt Durga, Kali Candi, Camunda usw. Kurz, 
alle anderen Saktis scheinen durch die Sakta in der Sakti oder Energie 
des Siva inbegriffen zu sein, die sich unter Umständen zu ungezählten 
getrennten Manifestationen und Personifikationen aller natürlichen, physi- 
schen, moralischen und intellektuellen Kräfte entwickeln können. Diese 
Kräfte oder besser diese Gott gleichgemachten Personifizierungen, die über 
ihnen herrschen, werden in verschiedene Klassen geteilt, wie Manavidyas 
(Quellen des großen Wissens), Matris (göttliche Mütter) und Yoginis (Gott- 
heit mit magischen Kräften usw.). 1 Monier Williams ist der Meinung, daß 
der Grund für die Oberherrschaft der Kali über die Hindu in einer Furcht 
vor der Zerstörung liegt. In seiner Analyse und in weiteren Untersuchungen 
hoffen wir, die Genesis dieser Furcht vor der Zerstörung aufzeigen zu 
können. 



1) Monier Williams: Hinduism. S. 125, 124. 



Hmdu-Mytnologie und Kastrationskomplex 



Nach Ernest Jones entspricht die fortschreitende Abspaltungsreihe dem 
weiteren Stadium der Verdrängung. 1 

Der folgende hinduistische Mythos ist ein interessantes Beispiel für die 
Kastration des Vaters durch den Sohn, indem sie nämlich die Abspaltung 
des Vaters zeigt. Sie wird von der Anugrahamurti-Form des Siva erzählt, 
in der er Gnade gegenüber seinen Untergebenen walten läßt, und illustriert 
besonders gut die ambivalente Natur des Sohnes zum Vater: 

„In dem Dorfe Seyriatur am Ufer des Flusses Manni im Lande Cholu lebte 
ein frommer und gelehrter Brahmane namens Yajnadatta von Kasyapagotra. 
Er hatte einen Sohn mit Namen Vicha-rasarman, der von großer Intelligenz 
war. Eines Tages, als der Junge zur Schule ging, sah er, wie ein Kuhhirt eine 
Kuh, jenes heilige Tier, das verehrt wird, in brutaler Weise mißhandelte. Gereizt 
wegen des Verhaltens jenes Kuhhirten, nahm es der junge Vicha-rasarman auf 
sich, die Kühe des Dorfes zu hüten, worein die Dorfbewohner willigten. Von 
diesem Tage an waren die Kühe glücklich und begannen viel mehr Milch zu 
geben als ihre Euter halten konnten, worauf die überflüssige Milch auszufließen 
begann. Als Vicha-rasarman sah, daß die Milch verschwendet wurde, sammelte 
er sie in Gefäßen, setzte aus Sand geformte Lingas auf und begann sie mit 
der überflüssigen Milch zu baden unter dem Anzeichen intensiver Frömmigkeit. 
Der Kuhhirt, der seine Stellung wegen des Brahminenjungen verlor, befand 
das als einen geeigneten Grund, um ihn zu beschuldigen. Er begab sich un- 
verzüglich nach dem Dorf zurück und berichtete den Bewohnern, daß der Knabe 
Vicha-rasarman mutwillig die Kühe melke, die Milch mit seinen Kameraden 
austrinke und den Best über kleine Sandhügel ausgieße. Da die Klage in dieser 
Weise zu oft wiederholt wurde, machte sich einer der Dorfbewohner auf, um 
selbst zu sehen, was an der von dem Kuhhirten vorgebrachten Anklage wahr 
sei; und zu seinem Erstaunen sah er, wie der junge Vicha-rasarman tatsächlich 
Milch auf kleine Sandhügel ausgoß, aber \r ließ sich nicht die Zeit, die Sache 
genauer zu untersuchen und zu sehen, daß es nur die überflüssige Milch war, 
die der Knabe in seiner tiefen Ehrerbietung vor Siva dem aus Sand gebildeten 
Symbol der Linga opferte. 

Sofort beklagte er sich bei dem Vater des Knaben Yajnadatta über die 
Schlechtigkeit seines Sohnes. Auf diese Klage hin begab sich der Vater gleich- 
falls eines Tages nach dem Flußufer, um zu sehen, was sein Sohn da tat und 
fand ihn gerade dabei, Milch auf den Sand zu verschütten. Er näherte sich 
ihm und stand nahe bei ihm, aber Vicha-rasarman, ganz versunken in seine 
Hingabe, bemerkte seinen Vater nicht. Als er die offensichtliche Untat seines 
Sohnes sah, zerstörte Yajnadatta im Zorn die Sandhügel, worauf der Sohn aus 
seinen Träumereien erwachte und ihm mit der Axt das Bein abschlug, 2 das den 
Gegenstand seiner Verehrung gestört hatte, so daß Yajnadatta hinfiel. 



1) Ernest Jones: Essays in applied Psycho-Analysis. S. 75, 76. 

2) Dies bestätigt die psychoanalytische Deutung ähnlicher Phänomene in Träumen, 
die stets das Symbol der Kastration sind. 



8 



C. D. Daly 



Siva, dem die Ergebenheit des Knaben gefiel, erschien darauf mit seinem 
Weibe Parvati und überschüttete ihn mit seiner Gnade, versprach, ihn hin- 
fort an Sohnes statt anzunehmen, umarmte ihn und machte ihn zu seinem Haus- 
hofmeister. 1 

"Versuchen wir nun eine kurze Deutung dieses Mythos: zuerst sieht derr- 
Knabe Vicha-rasarman (von großer Intelligenz, wie bemerkt werden muß ; 
finden wir doch oft in der Analyse von Träumen diese Überkompensation 
für die Minderwertigkeit der Kindheit) 2 wie ein Kuhhirt (Vater) in brutalem 
Weise eine Kuh, ein geheiligtes Tier (Mutter), mißhandelt, was einer sadisti- 
schen Auffassung des Koitus entspricht. Er nimmt die Pflicht auf sich, die 
Kühe zu hüten (Inzest und Verstoßen des Vaters). Er gießt Milch auf das 
Symbol des Siva. Vielleicht dürfen wir dies als Bestätigung ansehen für 
die Übertragung früherer Libidobefriedigung von der Brustwarze zum Penis. 
Er beginnt dann seinen Genitalien seine Aufmerksamkeit zuzuwenden, zn 
onanieren und schließlich viel über seines Vaters außergewöhnlich großen 
Phallus nachzudenken, der für ihn die Quelle des Neides ist; während et- 
seinem Vater zürnt, der auf beides störend und hemmend einwirkt kraft 
seiner autoerotischen Gelüste, und der Beziehungen zu seiner Mutter unter- 
hält. Daraufhin kastriert der Sohn in seiner Phantasie den Vater. Das Schuld- 
gefühl wird beschwichtigt durch die Einführung der projizierten Ichideale 
der Eltern, des großen Gottes und der Göttin. Der Gott nimmt ihn in 
Gnaden auf, umarmt ihn, adoptiert ihn usw. 

Das primäre Verhalten, das des Knaben Eifersucht auf seines Vaters Be- 
ziehungen zur Mutter zeigt, sein Neid gegen des Vaters Penis und der Wunsch 
zur Kastration zeichnen sich hier Klar ab. 3 

Er ist aktiv und aggressiv seinen Untergebenen gegenüber, wie dem 
Kuhhirten, und passiv und unterwürfig gegenüber Höhergestellten, dem 
Ichideal, dem Gott. Seine Verehrung der Linga und deren aktive Be- 
schützung beweist seine Ängstlichkeit in Verbindung damit; während seine 
Furcht vor der Gemeinde, nämlich daß der Brahmine die Angelegenheit 
den Dorfbewohnern hinterbringen könne, angedeutet wird. Der Mythos 
sorgt nicht nur für einen Abfluß der verpönten vatermörderischen Impulse 

i) Gopinath Rao: Elements of Hindu Iconography. Bd. II, Teil I, S. 245—247. 

2) Diese Überkompensation des Minderwertigkeitskomplexes findet sich bei den 
Hindu. Der Hindu selbst glaubt, daß er intellektuell allen anderen Rassen überlegen 
sei, indem er die Abneigung anderer Völker ihrem Neid und Eifersucht zuschreibt. 
Berkeley-Hill op. cit. 

5) In einem Traum ermordet X. seinen Vater, schneidet ihn so m Stucke, daß 
der aufrechte Penis des Vaters in seiner Hand bleibt. 



Hindu-Mythologie und Kastrationskomplex 



des Unbewußten, indem klar gezeigt wird, wie der Penisneid als Resultat der 
Inzestwünsche in bezug auf die Mutter entsteht; sondern er gibt auch eine 
definitive Zustimmung und Befreiung von irgendwelchen Schuldgefühlen, 
indem der Inzestwunsch in diesem Falle als lobenswert, als eine religiöse 

Zeremonie dargestellt wird. 

Die Spaltung des Ich zeigt sich in diesem Mythos ganz klar. Die aggressive 
Seite der Natur des Knaben, die auf einer niedrigen Stufe bleibt, erhält 
einen sadistischen Anstrich, während die zärtliche Seite mit Gott identifiziert 
wird und im masochistischen Licht erscheint. 



C) Kurze Analyse gewisser Bestandteile des Hinduismus 

Freud zeigt in seinem „Totem und Tabu", daß das erste Verbrechen 
im ersten Stadium ein Resultat des Neides ist, im zweiten der Homosexualität 
und im dritten der passiven Unterwerfung unter Gott (Totem usw.), also 
der Minderwertigkeitsgefühle. 

Der Hindu leidet unter einem Vaterkomplex, der aber, soweit ich gegen- 
wärtig sehe, abgesehen von seiner Intensität kein neues Material zu unserer 
schon vorhandenen Kenntnis dieses Gegenstandes beiträgt; so daß ich mich 
eigentlich vorerst mit der mütterlichen Seite dieses Elternkomplexes 
beschäftigen möchte. Scheint es mir doch, als ob die Göttin Kali den 
Schlüssel bietet zu gewissen Phänomenen, die uns in so weitgehendem 
Maße vor Rätsel gestellt und sich unserer Forschung entzogen haben. Ich 
möchte die Aufmerksamkeit auf gewisse Gebräuche lenken, die einiges 
Licht auf diesen Gegenstand zu werfen geeignet sind, da sie anzudeuten 
scheinen daß die Hindus unter einem anormalen unbewußten Widerwillen 
und Haß gegen die Frauen leiden. Ich werde mich jedoch mit ihnen nur 
kurze Zeit befassen. 1 

a) Mädchenmord. 

b) Sati. Die Sitte, nach der die "Weiber der Hindu sich selbst auf dem 
Begräbnisscheiterhaufen ihrer Männer opfern. 

c) Johur. Eine Sitte, nach der die Hindu bei Kriegen der Stämme unter- 
einander eher ihre Weiber selbst opfern, als sie Gefahr laufen zu lassen, 
durch den Feind befleckt zu werden. 



1) Der Grund dafür, daß die Aufmerksamkeit auf diese Gebräuche gelenkt wird, 
liegt hauptsächlich darin, daß im Hinduismus ein gewisses Element in einer aus- 
gesprocheneren Form existiert als bei den europ ai schen Rassen. Hier ist nur eine 
grobe und oberflächliche Analyse angestrebt worden. 



io C. D. Daly 

Nach Todd 1 sind Statistiken vorhanden, die zeigen, daß durch diese 
Sitte ganze Stämme ausgerottet worden sind. 

Die Hauptpunkte unseres Interesses sind kurz die folgenden: 

a) Was den Kindesmord angeht, so ist die Tochter im Kindesalter unter 
Übergehung des allen Rassen gemeinen ökonomischen Faktors für das 
Unbewußte der Hindu eine doppelte Drohung. In erster Linie hat der 
Hindu dieses beschämende Etwas, ein Weib, hervorgebracht, und zweitens 
wird er, wenn er seiner Tochter zu leben erlaubt, bei ihrer Verheiratung 
einen schweren Verlust zu tragen haben, und deshalb wird sie in dieser 
Weise die Drohung, die ein weibliches Wesen ihm antun kann, nämlich 
die Kastration, realisieren. Besonders in diesen Punkten scheint das Motiv 
von dem abzuweichen, was bei anderen Nationen beobachtet wurde. 

b) Sati. Die psychologischen Quellen dieser Sitte liegen höchstwahr- 
scheinlich erstens in der Furcht des Hindus vor der Befleckung seines 
Weibes, und zweitens in dem Haß gegen die Mutter, der Quelle seines 
alten Inzestkonfliktes. Uma (Kali) war zu einer gewissen Zeit ihrer Existenz 
als Sati bekannt mit einer Anspielung auf den Mythos, der besagt, daß, 
als ihr Vater ihren Gemahl geringschätzig behandelte, indem er ihn nicht 
zu einem großen Opfer einlud, das er veranstaltete, sie sich aus freiem 
Willen in die Flammen stürzte. Die Psychoanalyse läßt uns angesichts 
einer solchen sekundären Bearbeitung tiefer blicken. Wir wissen, daß der 
Sohn oft die Mutter haßt, weil sie sich dem Vater hingibt, daß er seine 
Mutter für eine Hure hält und grausame und schlimme Wünsche gegen 
sie hegt. In dem Ichideal wird dies umgeformt in den Wunsch, die Mutter 
soll sich aus Liebe zu ihm opfern, und in diesem Wunsch werden auch 
die Ichstrebungen nebstbei befriedigt. Ich bin daher der Ansicht, daß dieser 
Mythos mehr oder weniger wie folgt zu deuten ist: 

Da die Mutter den Sohn geringschätzig behandelt, indem sie sich im 
geschlechtlichen Verkehr dem Vater hingibt, wünscht der Sohn in seinem 
Zorn und Ärger, sie möge in den Flammen umkommen. Mythen arbeiten 
gleicherweise wie Träume oft genau mit dem Gegenteil. Damit gelangen 
wir zu der Phantasie des Beleidigten, sterben oder sich selbst töten zu 
wollen, um die geliebte Person zu bestrafen, die ihn verletzt hat. 

Die Göttin stellt sich als frühere Sati beim Daksha's Opfer ihrem Gemahl 
in zehn feierlichen Gestalten dar, als dashama havidya — Kali, Bagala, 
Chhinnamasta, Bhuvaneshvari, Matanzini, Shorosi, Dhumavati, Tripura- 

i) Todd: Rajosthan, Bd. I. 






Hindu-Mytliologie und Knstrationskomplcx 



sundari, Tara und Bhairavi; — und sie tut dies, um ihrem Gemahl ihre 
Macht zu zeigen, der ihrem Wunsche nicht willfahren hat, d. h. ihr 
erlaubt hatte, dem Daksha-O-pter beizuwohnen. In Scham und Sorge gibt 
sie bei dem Opfer ihr Leben auf, da ihr Vater ihren Gemahl so behandelt 
hat. Ihr Gemahl Siva nimmt den Körper hinweg, trägt ihn immer mit 
sich, bleibt völlig verzweifelt und verbringt sein Leben in Kummer und 

Gram. 

Um die Welt vor den bösen Mächten zu bewahren, die aus der Ent- 
ziehung der göttlichen Kontrolle erwuchsen und erstanden, schnitt Vishnu 
nun den Körper in fünfzig Stücke, die auf die Erde an die verschiedensten 
Orte fielen, an denen die Göttin unter den verschiedensten Namen ver- 
ehrt wird. Ihr Yoni fiel auf den geheiligten Schrein von Kamrup in Assam, 
auf dem nach dem Glauben der Hindu die Menstruation der Erde sich 
im Monat Assar manifestiert. 1 

Für uns sind hier einige Einzelheiten von Interesse, selbst wenn sie keine 
Beweise für unsere Theorien enthalten. Erstens, daß die Frau ihren Mann 
mit der Beschreibung und Erläuterung dieser schrecklichen Formen ein- 
zuschüchtern versucht, die nach des Verfassers Meinung nicht nur die 
Kastration symbolisieren, sondern auch die ursprüngliche Todesangst, die 
aus dem Menstruationskomplex des jungen Mannes erwächst; denn dieses 
sind die blutigsten der zahlreichen Manifestationen der Mutter, und man 
muß beachten, daß es ein Resultat ihres unbefriedigten Wunsches ist, 
daß sie sich vor Siva selbst so darstellt. 

Ich bitte meinen Leser, diese Gedankengänge bei der Lektüre der zweiten 
und dritten Studie dieser Serie gegenwärtig zu halten. Was den Standpunkt 
der Frau anlangt, so möchte ich sagen, daß die Tatsache, daß der Mann 
sich der Frau während ihrer Periode vorenthält, einer der 
primären Gründe ihrer Ambivalenz ist. Ebenso wird man bemerkt 
haben, daß während der Zeit, in der die göttliche Kontrolle dieses Gottes 
fehlte, die bösen Kräfte in der Welt gewachsen sein sollen, ein Umstand, 
der sich der Freudschen Theorie von der Entwicklung des Psychischen 
außerordentlich gut einfügt. In Wahrheit kränkt der Vater nicht sein Weib, 
sondern seinen Sohn, indem er ihn nicht einlädt, an den sexuellen Orgien 
mit seiner Mutter teilzunehmen, wie auch die Mutter den Sohn durch 
die Manifestation ihrer Menstruationsperioden schreckt, eine fürchterliche 
Mahnung an die Strafe, mit der er belegt wird, wenn er das Inzestgesetz 



i) Avalon: Hymns to the Goddess. S. 8, 9. 



C. D. Daly 



verletzt. Diese Deutung können wir uns gestatten, wenn wir die Theorie 
annehmen, daß diese frühen Mythen in sich den Kern der Verdrängungen 
des noch viel früheren primitiven Menschen bergen. 

c) Johur. Es wird durch ähnliche unbewußte Gedankengänge wie die 
oben angeführten motiviert, namentlich durch die Furcht vor der Be- 
fleckung durch den Feind. Wenn wir beobachten, daß diese Sitte ihre 
Auswirkung in den Kämpfen der Stämme untereinander fand, so finden 
wir dafür nur eine ähnliche Rechtfertigung, wenn wir annehmen, daß die 
Feinde Barbaren waren ; besonders da ein Heiratssystem an der Tagesordnung 
war, das das Vermächtnis früher stattgehabter Exogamie zu sein schien, ein 
System, das Todd für einen mit allen Kräften betriebenen Kindesmord 
hält. Er sagt: „Nicht nur das Heiraten der Rajputs untereinander wird ver- 
hindert, und zwar in Familien desselben Klan (Campa), sondern auch unter 
den Leuten des gleichen Stammes (Goti); und mögen Jahrhunderte über 
diese Trennung hinweggegangen sein und abgespaltene Zweige ihr ur- 
sprüngliches Patronymikon verloren haben, so können sie trotzdem nie- 
mals dem ursprünglichen Stamm wieder aufgepfropft werden. Dafür ein 
Beispiel: obgleich die beiden großen Unterteilungen der Gehloten seit 
acht Jahrhunderten getrennt sind, und die jüngere, die Seesodia, über 
die ältere, die Aharya, die Oberhand behalten hat, und eine jede ihren 
eigenen Staat regiert, wurde eine Heirat der Zweige untereinander als 
Inzest aufs höchste verurteilt; der Seesodia ist noch immer der Bruder 
des Aharya und sieht jedes weibliche Wesen dieser Rasse als seine 

Schwester an." 1 

Es scheint nun, als ob der allgemein angenommene Grund, und 
zweifellos der den Rajsputen bewußte, der war, die Ehre ihrer Frauens- 
leute vor der Befleckung durch den Feind zu retten. Aber die Tatsache, 
daß dieses Opfer schon vorher, gewissermaßen als Resultat eines Ver- 
nichtungskampfes ausgeführt wird, ist keine gewöhnliche Erscheinung im 
Leben der Völker und erinnert uns an die unbewußte Einstellung des 
Sohnes Vater und Mutter gegenüber, der sich einerseits dem Vater gegen- 
über machtlos fühlt, anderseits aber auf seine Mutter, die sich einem 
Feinde hingibt, eifersüchtig ist, und in seiner Phantasie eher sie töten 
würde, als sie dem Vater zu überlassen. Dieses unbewußte Motiv ist dem 
der Geliebtenmorde ähnlich, wie man sie häufig in den Zeitungen ange- 
führt findet. 



1) Todd: Rajasthan. Bd. I, S. 61. 



HiiiJu-.Mytliologie und Kastrntionskoniplex l3 



D) Die Rückkehr zu den analen Interessen und die Fixierung in ihnen 
als Resultat der Kastrationsangstzustände 

Als Ergänzungsstück zu dem bereits erwähnten Mythos findet sich ein 
anderer, der Bezug auf die Kastration des Sohnes durch den Vater nimmt 
und sehr überzeugend ist, weil er eine direkte Rückkehr zur Analerotik 
und zu einer Fixierung in ihr zeigt als Resultat eben dieser Kastration durch 

den Vater. 

Ganesa, der Gott des Wohlstandes, mit dem Elefantenhaupt, wurde aus- 
drücklich durch Uma (Parvati — Ichideal — Göttin) aus den Unreinheiten ihres 
Körpers geschaffen, und zwar gab sie ihm das Leben, indem sie ihn mit 
dem Wasser des Ganges benetzte. Sie setzte ihn am Eingang ihrer Höhle 
nieder, um Eindringlinge fernzuhalten, während sie badete. Siva kam dazu, 
und als er versuchte, die Höhle auf der Suche nach Uma zu durchforschen 
und durch den Wächter gehindert wurde, schlug er in seiner Wut dem Knaben 
den Kopf ab. Dann entdeckte er sie, und sie sagte ihm weinend, daß er 
ihr Kind getötet habe. Um sie zu versöhnen, beschloß der Gott, den Knaben 
wieder zum Leben zu erwecken und befahl, daß man ihm den ersten Kopf, 
den man erlangen könne, bringen solle. Dieser erste Kopf stellte sich aber 
als ein Elefantenhaupt heraus; Siva setzte ihn auf den Rumpf auf und 
erweckte so seinen Sohn wieder zum Leben. 

Dieser Mythos ist einer ganzen Anzahl von Träumen sehr ähnlich. Das 
Kind wird geboren aus den Unreinheiten, die aus dem Körper der Mutter 
herrühren, — anale Konzeption der Geburt, — es nimmt seines Vaters Platz 
als Hüter der Tugend seiner Mutter ein, wird kastriert durch den Vater, seinen 
in der Gunst der Mutter allmächtigen Rivalen, erhält aber auf die Bitte des 
letzteren hin das polyphallische Symbol (das Elefantenhaupt) auf dem Wege 
der Kompensation, da der Elefant selbst anscheinend ein Vatersymbol ist. 
(Kopf, Rüssel und Fangzähne sind sämtlich männliche phallische Symbole.) 
Ganesa ist daher eine passende Form für den Gott des Wohlstandes, der aus 
den Unreinheiten (faeces, Gold) ' geschaffen ist, zum Hüter der Porta seiner 
Mutter wird, durch die Kastration wehrlos gemacht und schließlich wieder 



1) Aus der Tatsache, daß er aus Unreinheiten (faeces) geboren wurde, und daß 
sein Haupt durch ein polyphallisches Symbol ersetzt worden ist, können wir eine 
reiche Quelle des polyphallischen Symbolismus herleiten. Es sind besonders drei Um- 
stände in Verbindung mit ihren Exkrementen, an denen Kinder ein besonderes Interesse 
zeigen, das sind: Menge, Größe und Anzahl, wenn wir die Frage der Farbe, des Ge- 
ruchs und der Konsistenz beiseite lassen, die bereits von Jon es angemessen besprochen 
wurde. 



»4 



C. D. D,.ly 



hergestellt wird durch den Empfang von des Vaters Phallus. Selbstverständ- 
lich wird er als Gott des Erfolges versöhnt mit seinem Körper als Symbol 
der Macht und mit seinem fetten Leib als dem Symbol des Wohlstandes, 
der Zufriedenheit und der Fruchtbarkeit. 

Das Fortbewegungsmittel dieses Gottes ist die Ratte, und Ratten werden 
allgemein oft als Götter begleitend angeführt und gezeigt. Von besonderem 
Interesse für uns ist nun aber die anale Konzeption der Geburt und 
die Rückkehr zur Analerotik als einem Resultat des Kastrations- 
traumas. Ich brauche dabei nicht in die Fragen des Wohlstandes, Reich- 
tums und des Geldes und in ihre Beziehung zur Analerotik einzudringen, 
da doch über diesen Gegenstand erschöpfende Analysen bereits von Freud, 
Ferenczi, Jones u. a. veröffentlicht worden sind, deren Stoff und Gegen- 
stand den Lesern dieser Zeitschrift wohl bekannt sein dürfte. 



K) Ambivalente Einstellung zu den weiblidien Genitalien 

Ein intensives ambivalentes Verhalten des Mannes zu den weiblichen 
Genitalien in der Kindheit des Menschengeschlechtes entspricht einem ähn- 
lichen Stadium in der Entwicklung des Kindes von heute. Abraham lenkte, 
als er von der Anziehungskraft sprach, die in des Knaben Verhalten dem 
Körper der Mutter gegenüber vorherrschend ist, die Aufmerksamkeit auf 
die Tatsache, daß diese Vorgänge in einem frühen Stadium einer Mischung 
aus Neugier und Furcht gleichkommen, mit anderen Worten: ambivalente 
Gefühle im Kinde erwecken. 

Wir wollen nunmehr mit Bezug auf die heutigen Wilden auf das ent- 
sprechende Verhalten den weiblichen Genitalien gegenüber hinweisen, ein 
Verhalten, welches während der Menstruationsperiode sich in solch über- 
triebenen Formen äußert. Abraham 1 hat gezeigt, daß das Kind allmählich 
zu einer Libidobesetzung seines Liebesobjektes als Ganzes gelangt, wenn 
in ihm zielgehemmte Libidoströmungen zum Liebesobjekt zum Ausdruck 
kommen, wie z. B. die Gefühle der Zuneigung, der Ehrerbietung usw. In 
der normalen Entwicklung gehen diese Gefühle erst auf den Vater über, 
dann auf nahestehende Personen der Umgebung, bis sie schließlich die 
Gemeinschaft als Ganzes umfassen. Abraham geht mit seiner Auffassung 
so weit, zu behaupten, daß die definitive Charakterbildung eines Individuums 
notwendigerweise bedingt, daß es in seinen Objektrelationen eine Stufe 



1) Abraham: Psychoanalytische Studien zur Charakterbildung (III. Zur Charakter- 
bildung auf der „genitalen" Stufe). Internationale Psychoanalytische Bibliothek, Nr. XV. 



Hindu-Mythologie und Kastrationskomplex 



l5 



erreicht, „auf welcher das Genitalorgan des anderen Geschlechts nicht mehr 
Gegenstand einer ambivalenten Affekteinstellung ist, sondern bereits als 
Bestandteil einer als Ganzes geliebten Person anerkannt wird". 

Freud hat in seinem „Totem und Tabu" als erster eine definitive Theorie 
der psychischen Evolution geliefert, aber er wußte wohl um eine bestimmte 
Lücke und ließ es durchblicken, daß eben sie durch die Lösung des Ge- 
heimnisses ausgefüllt werden könnte, das die Muttergottheiten umgibt. 
Nachdem er seine bekannte Theorie von der Apotheose des Vaters, die der 
vorangegangenen Vernichtung durch den Sohn entspringt, erläutert hat, 
sagt er: „Wo sich in dieser Entwicklung die Stelle für die großen Mutter- 
gottheiten findet, die vielleicht allgemein den Vatergottheiten vorhergegangen 
sind, weiß ich nicht anzugeben" (Ges. Schriften, Bd. X, S. 180). Später schreibt 
er in demselben Werk: „Wir haben so oft Gelegenheit gehabt, die Gefühls- 
ambivalenz im eigentlichen Sinne, also das Zusammentreffen von Liebe und 
Haß gegen dasselbe Objekt, an der Wurzel wichtiger Kulturbildungen auf- 
zuzeigen. Wir wissen nichts über die Herkunft dieser Ambivalenz. Man 
kann die Annahme machen, daß sie ein fundamentales Phänomen unseres 
Gefühlslebens sei. Aber auch die andere Möglichkeit scheint mir beachtens- 
wert, daß sie, dem Gefühlsleben ursprünglich fremd, von der Menschheit 
an dem Vaterkomplex (respektive Elternkomplex) erworben wurde, wo die 
psychoanalytische Erforschung des Einzelmenschen heute noch ihre stärkste 
Ausprägung nachweist" (Ges. Schriften, Bd. X, S. 189). 

Man wird sehen, daß meine Theorie von der Bedeutung des Menstrualtabus 
den Entdeckungen nicht widerspricht, zu denen Freud auf objektivem Wege 
in seiner Neurosenforschung gelangte, sondern sie vielmehr stützt. Der Haß 
gegen den Vater, der von jenem allmählich auf alle Menschen überging, 
brachte die großen Gesetze mit sich, wie „Du sollst nicht töten" oder „Du 
sollst nicht ehebrechen", die des Menschen Todesfurcht in direkte Beziehung 
zu seinem größten Wunsch bringen, und die nicht nur aus der Verschiebung 
seines primär-ambivalenten Verhaltens vom Manne zur Frau resultieren, im 
besonderen ihren Genitalien zur Zeit des Gebarens gegenüber, sondern zu 
einem exzessiven Anwachsen von Furcht und Haß führen. Der daraus ent- 
springende vergebliche Wunsch zeigt vielleicht den ersten Anfang der Hysterie 
im Menschen an. 

Die Furcht vor der Destruktion, die in den periodischen Manifestationen 
der Frau ihren Ursprung nimmt, sorgt für die Reaktion, die den Menschen 
endlich in der homosexuellen Gemeinschaft zusammenschließt, wie sie bis 
auf die heutige Zeit überkommen ist. 






l6 C. D. Daly 

Freud zeigte schon 1908, daß mit der Einschränkung der sexuellen Be- 
tätigung bei jedem Volke ganz allgemein eine Zunahme der Lebensängsthchkext: 
und der Todesangst einhergeht, was der Fähigkeit, Freude zu empfmdexx, 
die jeder Irdische besitzt, stört und die Bereitwilligkeit, Todesgefahr auf sicH 

zu nehmen, aufhebt. 1 . w;-^«- 

Die Tendenz dieser Einschränkungen bring, ohne Zweifel eine Wieder- 
kehr verdrängter Todesängste mit sich, deren Ursprung in den Menstruation s - 
tabus der Primitiven zu finden ist - nämlich die aufgespeicherte Energie, 
die auf eine primitivere den prähistorischen Perioden des Lebens der Indi- 
viduen angehörenden Ebene zurückkehrt. 












I . 






x) Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität (Ges. Schriften, Bd. V, 
S. 167). 




Beilage :u : C. D. D a 1 y, «Hindu. 
AlytLologie und Kastrationskomplex« 



II 

Die nmouistisaie Gröttin Ivali 

A) Allgemeine Beschreibung der Göttin und ihrer Attribute 

Eine der frappantesten Erscheinungen in der Mythologie ist die der 
hinduistischen Göttin Kali, die als alles umfassende Mutter verehrt wird, 
eine Form Parvatis, der Berggöttin (Bhagavait oder Durga), deren Symbol 
der Yoni ist. Sie ist die Göttin des Schreckens, der Zerstörung, der Nacht 
und des Chaos; sie ist das Weib Sivas (dessen Symbol die Linga ist) und 
stellt gewisse Attribute der personifizierten weiblichen Hälfte der Energie 
dieses Gottes dar. Sie ist die Hauptgöttin der Saktas oder der Verehrer des 
aktiven energieerfüllten Willens Gottes (Sakti). Von den Hauptgottheiten 
der Hindu wird zuweilen angenommen, daß sie eine Doppelnatur, mit 
anderen Worten zwei Charaktere, einen ruhigen und einen tätigen, besitzen. 
Der Tätige wird Sakti genannt, wozu zu sagen ist, daß das tätige schöpferische 
Prinzip, sei es, daß es sich in der Schöpfung, in der Erhaltung oder in der 
Zerstörung dartut, von denen ein jedes das andere mit sich zieht, in späteren 
Stadien des Hinduismus eine lebende, sichtbare Personifikation wurde. „An 
einigen Orten der Verehrung, besonders an denen der Jains, wird von der 
Sakti angenommen, daß sie sich in einem Wasserbehälter darstellt, der als 
ihr Emblem errichtet ist." 1 

1) Wilson, Essays on the religion of the Hindus. Bd. I, S. 323. 



C. D. Daly 



„Da die Zerstörung gefürchteter war als die Neuschaffung oder Erhaltung, 
wurde das Weib des Gottes Siva, das über der Auflösung und Zerstörung 
waltete und Kali (Bhawari, Durga) hieß, für die große Mehrheit der Ver- 
ehrer, deren Religion sich in abergläubischen Ängsten auswirkt, die wichtigste 
Persönlichkeit im ganzen Pantheon." ' 

Die Hindu verehren eine Mischung von männlichen und weiblichen 
Prinzipien nicht nur als notwendige Ursache einer Produktion und einer 
Reproduktion, sondern als eine Quelle der Kraft, der Stärke und der erfolg- 
reichen Unternehmungen. Unter den vielen Formen ist diejenige, die hier 
besonders Reachtung findet, als Kali-Ma bekannt, als das schwarze Weib 
oder die schwarze Mutter. Sie ist die schrecklichste von allen, und das Bild, 
das wir hier wiedergeben, ist dasjenige, auf dem sie für gewöhnlich in 
Basaren Indiens und Ceylons zu sehen ist. Die Göttin wird zumeist als 
schwarzes oder blaues Weib mit vier Armen abgebildet, in einer Hand hält 
sie das Haupt des von ihr erschlagenen Riesen, während sie mit der anderen 
das Blut in einem Becher oder in einer Schüssel auffängt; eine dritte Hand 
hält das vertilgende Schwert, während die vierte nach unten auf die Zer- 
störung um sie herum hinweist. Zuweilen hält die untere Hand ein Haupt, 
während die obere ein Schwert hält, und in diesem Falle ist die vierte Hand 
hocherhoben. Man nimmt dann an, daß das eine Anspielung auf die zu- 
künftige Regeneration des Volkes durch eine neue Schöpfung darstellen soll, 
während andere Autoren vermuten, daß sie mit diesen beiden Händen ihre 
Anbeter ermutigt, indem sie mit der einen Hand einen Segen austeilt, mit 
der anderen aber die Furcht untersagt (wobei die Korrelation zwischen Liebe 
und Furcht beachtet werden muß). 

Zuweilen wird sie mit menschlichen Körpern als Ohrringen dargestellt, 
während an anderer Stelle, wie in der Abbildung, die hier wiedergegeben 
wird, sie mit Elefantenhäuptern dargestellt wird. Sie trägt fast unver- 
änderlich ein Halsband von Menschenköpfen oder Schädeln. 

Um die Hüften hat sie einen Ring von Menschenhänden (Unter- 
arm und Hand), die sie ihren besiegten Feinden abgeschlagen hat. 
Die verwundete Oberfläche wird immer besonders hervorgehoben. 

Sie tanzt auf der Leiche ihres Gemahles Siva, während ihre Zunge zu- 
weilen, vom Blut der erschlagenen Riesen tropfend, weit heraushängt, wie 
man annimmt aus Reue über die Respektlosigkeit, die sie ihm gegenüber 
gezeigt hat. Der gewöhnlichen Version dieses Mythos gemäß, sagt man. 



1) Monier Williams: Indian Wisdom, 4. Edition, S. 523, 524. 



Hindu-Alythologie tind Kastrationskomplex ig 

daß sie nach einem Sieg über die Riesen vor Freude verrückt wurde und 
soviel tanzte, daß sogar die Erde erzitterte und bebte, und die Götter 
nahten und Siva ersuchten, ihr Einhalt zu gebieten. Sie aber war so toll 
vor Erregung wegen ihres Sieges über die Riesen, deren Blut sie getrunken 
hatte, daß sie ihn nicht hörte und er sich also zu den Erschlagenen legte. 
Kali fuhr fort zu tanzen, bis sie ihres Gemahls gewahr wurde, der zu 
ihren Füßen lag. Das Bild zeigt, wie Siva an der Erde in einer Blutlache 
liegt, in deren rechten Hand eine Trommel, das allgemeine Attribut dieses 
Gottes, das zu seinem Yogi- Charakter gehört. Der 36. Vers der „Unmai 
Vilakham" erzählt, daß die Schöpfung aus der Trommel erstehe, während 
wir das folgende den „Chidambara Mummani Kovai" entnehmen: „Oh, 
mein Herr, deine Hand, die die geheiligte Trommel hält, hat die Himmel 
geschaffen und hält sie im Bann und die Erde und die Welten und die 
unzähligen Seelen. 

Der andere Körper auf dem Bild ist der eines Riesen, den sie erschlagen 
hat. Ihr wildes und verwirrtes Haar reicht in großen Massen bis an die 
Erde, während ihre Hände und Füße mit Blut befleckt sind. Auf anderen 
Bildern, besonders im Süden von Indien (und in dem tibetanischen Gegen- 
stück, Lha-mo), wird sie mit flammendem Haar gezeigt oder mit einem 
flammenden Hintergrund, was beides ihre Beziehung zu Agni und ihren 
destruktiven Charakter andeutet. 

Ihre Augen werden zuweilen so rot wie die der Säufer und Trunken- 
bolde dargestellt ; sie sind für gewöhnlich starr und hervorstechend. Ein drittes 
Auge hat sie auf der Stirn. 

Es gibt zahllose Bilder, Bronzen und Skulpturen von dieser Göttin, von 
denen nahezu alle mit Ausnahme der Werke einiger moderner Künstler 
mehr oder weniger schrecklich und ekelerregend sind, wie auch die gottes- 
dienstlichen Riten, die ihr zu Ehren veranstaltet werden. Wahr ist, daß 
wir, wie Coleman sagt, was wir auch immer vom Geschmack der Hindu 
denken mögen, ihnen in bezug auf die außerordentliche und höchst frucht- 
bare Kraft ihrer Einbildung restlose Anerkennung nicht versagen können. 
Diese Mischung von Farben, Gesten und Ausdrucksformen ist gewiß eine 
höchst machtvolle Verkörperung des dunklen Charakters, der hier abgebildet 
wird. 

Als Durga (Kali) geschaffen wurde aus einer Vermischung der Götter, 
überlieferten jene in ihre Hände das Emblem ihrer Macht, mit dem sie 
das Monstrum Mabisha angriff und schlug und die Götter wieder in ihre 
himmlischen Wohnsitze einsetzte. Bei dieser Gelegenheit erhielt sie von 

2" 



~ 



C. D. Daly 



Vühnu den Diskus, von Siva den Dreizack, von Varuna die Muschel (dxe 
Kriegshülle), von Agni einen flammenden Wurfspieß, von Vayi einen Bogen, 
von Surya einen Köcher und Pfeile, von Yama eine eiserne Rute und eine 
ebensolche Keule, von Brahma den Kopfschmuck, von Indra einen Donner- 
keil von Kuvera einen Knüppel, von Visva-Kurma eine Streitaxt, von 
Sarnudra (dem Meer) kostbare Steine und Waffen, von dem Milchozean ein 

Perlenhalsband, vom Berg Himalaya einen Löwen als Hüter und von Huanta. 

ein geflochtenes Schlangenhalsband. Die übrigen Götter beschenkten sie mit 

zahlreichen anderen Edelsteinen und mit Kriegsgerät. 

Kali wird auch die Göttin der Friedhöfe genannt, und wird zuweilen 

als Schutz gegen Cholera verehrt, ein Übel, von dem man annimmt, daß 

es als Folge ihres Zornes ausbricht. 

Weiterhin ist sie die Zerstörerin der Zeit. Auf einigen Bildern soll ein 

Palmzweig ihren Sieg über die Zeit andeuten. Auch vertreibt sie Angst 

und Furcht (Bhaya-Nasini) , da ja nach dem Amdu-Dharma der Tod 

schließlich nur eine Pforte ist, durch die die ewige Seele aus einem Korper 

in den anderen übergeht. 1 

Früher waren Menschenopfer zu Ehren dieser grausamen Göttin üblich, 
und die Kaliha-Purana legen Form, Art und Weise dieser Handlung fest; 
dasselbe Werk gibt an, wie einem Menschen sein eigenes Fleisch abzu- 
hacken und den Göttern darzubringen sei, und wie es anderseits verbrannt 
werden müsse. Coleman 2 zitiert den folgenden Auszug aus dem Rudhira- 
Dhyaya oder dem Blutkapitel obengenannten Werkes: „Durch Opfer er- 
reichen Fürsten die Seligkeit im Himmel und den Sieg über ihre Feinde. 
Vögel, Alligatoren, Fische, neun Spezies von wilden Tieren, Büffel, Bullen, 
Ziegen, Löwen, Tiger, Menschen und das Blut der Geopferten sind ge- 

eignete Opfergabe. 

Das Purana legt die Länge der Zeit fest, in der die verschiedenen 
Opfer die Göttin befriedigen werden; so heißt es z. B., daß ein Mensch 
oder ein Löwe ihr tausend Jahre hindurch gefällig sein werden, aber daß 
sie durch Opfer von drei Menschen für hunderttausend Jahre befriedigt 
sein wird. Die Opfernden müssen den Namen Kali sprechen, wiederholen 
und sie mit den Worten ehren: „Hrang, hring, Kali, Kali! O schrecklich 
gezähnte Göttin! Friß, zerschlag, zerstöre alles Böse, schlag mit der Axt, 
binde, binde, greif und trinke Blut, springe, rette, heil Dir, Kali. 

a) Eine offensichtliche Geburtsprojekticn: der Tod als Folge einer bestimmten 
Rückkehr in den Himmel des Mutterleibes verdrängt alle Angstgefühle. 
2) Coleman: Hindu Mylhology, S. 94. 






Hindu-Mythologie und Knstrationskomplcx 



Die Riten und Zeremonien, die an den Altären dieser blutdürstigen 
Göttin gefeiert werden, sind bis auf den heutigen Tag höchst blutig und 
von einer aufreizenden Natur; man findet eine große Anzahl von Büffeln 
und Ziegen usw. zu ihren Ehren regelmäßig geopfert. Die Darbringungen 
und Opfer, die veranstaltet werden, um sie zu besänftigen, sind so er- 
staunlich zahlreich, daß an einigen Festtagen die Tempel buchstäblich von 
Blut schwimmen. Sie ist die Göttin der Diebe, die ihr tiefe Ehr- 
erbietung zollen und blutige Opfer bringen, damit sie weiterhin ihre 
bösen Absichten begünstige. Die Zeremonien, die sie in Verbindung damit 
ausführen, dürften Stoff für interessante Untersuchungen bieten, die einiges 
Licht in die Psychologie des Diebstahls bringen könnten, der, wie wir 
wissen, mit dem Kastrationskomplex eng verknüpft ist. Die Thugs, die so 
lange die Geißel Indiens waren, mordeten durch Erhängen der Opfer, die 
sie dann unter der religiösen Sanktion dieser Göttin ausraubten. 

Nach Ward 1 sind unter den Geschenken, die reiche Leute der Göttin 
machen, silberne Hände, goldene Zungen und Augen, deren sym- 
bolische Bedeutung nicht zu übersehen ist. In diesem Zusammenhang 
möchte ich auf die interessante Tatsache aufmerksam machen, daß die 
Prostituierten ebenfalls der Kali ihre Ergebenheit bezeigen und für 
Gesundheit und Wohlstand ihrer Geliebten beten. 

Auch wenn der Regen fehlt, wird Kali durch Opfer umgestimmt. 

Obgleich man von Kali annimmt, daß sie der Furcht und Angst ent- 
gegenwirkt, wird auf der anderen Seite behauptet, sie habe einen beson- 
deren Geruch an sich, der dazu bestimmt sei, in den Sinnen der 
Menschen Furcht zu erwecken. 2 

Brennand 3 weist darauf hin, daß sie, obgleich sie die so zarte Be- 
zeichnung „Mutter" führe, doch gefürchtet sei als die Quelle aller Übel, 
viel häufiger als Segenspenderin. 

Sie ist die Göttin der Friedhöfe. Wenn die Cholera in einem Dorfe aus- 
bricht, so glauben die Leute, daß Kali ihnen einen Besuch abgestattet habe, 
weil sie nicht befriedigt worden sei. 

B) Lha-^Mo, aas tibetanische Qregenstück zu Jxali 

Die tibetanisch-buddhistischen Gegenstücke zu dem hinduistischen Gott 
Siva und seiner Gemahlin Kali sind Fudo-myo-o (Myo-o „Mala Devi") 

1) Ward: History of the Hindus. 

2) Gopmath Roa: Elements of Hindu Mythology, Bd. I, S. 568. 
5) Brennand: Hindu Astronomy, S. 141. 



C. D. Dflly 



und Lka-Mo. 1 Fudo-myo-o wird als streng und bösartig dargestellt, obwohl 
man trotzdem auf ihn als den Gott der Liebe blickt. Er wird in Tibet 
gewöhnlich mit einem Schwert in der rechten Hand abgebildet, um die 
Schuldigen zu schlagen, und einem Lasso in der Linken, um die Bösen 
zu fangen und zu binden. Zuweilen wird er vierarmig und auf einem. 
Drachen stehend gezeigt. Hinter ihm ist eine Flammenglorie, die die Zer- 
störung des Übels symbolisieren soll. Seine Farbe ist schwarz. 2 

Die Göttin Lka-Mo ist wie Kali die Gemahlin Yamas, des Gottes der 
Zerstörung und des Todes. Sie ist eine der schrecklichsten Gestalten im 
nordbuddhistischen Pantheon. Ähnlich wie Kali wird sie in blauer Farbe 
dargestellt. Ihr Symbol ist das Schwert und die Keule. Die Mäuse sind die 
heiligen Tiere dieser Göttin. 

Als die älteste Göttin unter den acht Schrecklichen wurde sie von den 
Göttern bewaffnet. 

Hevajra gab ihr zwei Würfel, um das Leben der Menschen zu be- 
stimmen, Brahma gab ihr eine Tonne voll Pfauenfedern, und von Vishnu 
erhielt sie zwei leuchtende Gegenstände, von denen sie einen in ihrem 
Kopfputz trägt, während der andere über ihrem Nabel angebracht ist. 

Kuvera, der Gott des Wohlstandes, gab ihr einen Löwen, den sie im 
rechten Ohr trägt, und Nanda, der Schlangengott, gab ihr eine Schlange, 
die von ihrem linken Ohr herabhängt.3 Von Vajrapani erhielt sie einen 
Hammer, andere Götter gaben ihr ein Maultier, dessen Decke die Haut 
eines Yaksha oder Dämonen ist, und die Zügel sind aus giftigen Schlangen. 
Sie sitzt seitlich auf dem Maulesel. Hinter der Krone, die sie auf dem 
Kopfe trägt, erhebt sich ihr Haar, in dem eine Schlange und ein Halb- 
Vajra sind, in Flammengestalt, zuweilen von einem Mond überragt. Sie 
trägt eine lange Girlande von Köpfen und über ihrem Nabel hängt ein 
radähnliches Ornament; ihre Bekleidung ist ein Tigerfell; in der rechten 
Hand schwingt sie ein Zepter, das zuweilen oben mit einer Krone ver- 
sehen ist, während die Linke eine Kappe vor die Brust hält. Das Hinter- 
teil des Maultieres ist mit der Haut eines Dämonen bedeckt, dessen Kopf 
herunterhängt. 

Nach der Legende* „ist die Haut die ihres Sohnes, den sie getötet hat 

1) Eine ausgezeichnete Photographie einer alten Bronze dieser Göttin ist re- 
produziert in Elenkenburgs „Die Donnerwaffe in Religion und Folklore". 

2) Es zeigt tatsächlich die Beziehung zu Agni, wie in dem hinduistischen Gegenstück. 

3) Von ähnlicher Bedeutung wie die Elefantenköpfe oder Menschenkörper in 
Kalis Ohren. 

4) A. Getty: The Gods of Northern Buddhism. 



Huidu-Mythologic und Kastrationskoniplex 23 

gemäß dem Schwur, ihn umzubringen, wenn sie nicht imstande sein sollte, 
ihre Leute zum Buddhismus zu bekehren, während eine andere Erzählung 
besagt, sie sei in einer ihrer Inkarnationen das Weib eines Königs der 
Yakshas auf Ceylon gewesen. Sie habe geschworen, ihren Gemahl zum 
Buddhismus zu bekehren oder aber im Falle des Mißlingens das könig- 
liche Geschlecht auszurotten. Da sie sich nun außerstande sah, ihren Gemahl 
zu beeinflussen, begann sie, ihren Sohn bei lebendigem Leibe zu schinden 
und zu martern, trank darauf sein Blut und aß sein Fleisch . 

Sie wird von zwei Akolythen begleitet, dem Zauberer Makarovaktra (blau) 
mit einem Elefantenhaupt, der die Zügel des Maultieres hält, und der 
Hexe Simhavatra (rot) mit einem Löwenhaupt, die ihr folgt und ein Hack- 
messer und eine Sturmhaube hält. Die Gruppe schreitet in einem Blut- 
meer, in dem Schädel und Menschenknochen auf und niederfluten. Wie 
Kali hat sie verschiedene Erscheinungsformen und ist das erschreckendste 
und grauenerregendste Wesen innerhalb der Gruppe. Ihre Beziehungen zum 
Bösen und zum Haßgefühl sollen durch die Schlangen angezeigt werden, 
die zwischen ihren Beinen hervorkommen. 

Angesichts der Theorien, die in der dritten Folge dieser Studien ent- 
wickelt werden sollen, und denen zufolge die Phänomene, die hier ge- 
schildert sind, als Ursachen genommen werden für die Unterwerfung des 
Mannes unter die Frau, möchte der Verfasser die Aufmerksamkeit auf eine 
sehr bezeichnende Tatsache lenken. 

Die Krishna-Legenäe soll angeblich die Herrschaft der unbarmherzig 
grausamen nordischen Dämonin in der Weise beschreiben, daß die mörde- 
rische Göttin Kali bei einem Massaker der Priester und des Viehes (der 
Totemtiere) dabei gewesen sein soll, während die Tempel der Götter mit 
Blut besudelt waren. 1 Ob dies eine Phantasie oder eine Tatsache ist, weiß 
ich nicht, aber es wird uns nicht überraschen zu erfahren, je nachdem, 
ob Tatsache oder Phantasie, daß die Herrschaft der Muttergöttin den Mann 
einer Behandlung unterwarf, ähnlich der, die die Herrschaft der Götter 
der Frau bereitete. 

C) Bemerkungen zu einer Jnnauistisaien Abhandlung über Kali 

Der Verfasser der hinduistischen Abhandlung über Kali, betitelt „Was 
ist Kali?" a zeigt, daß diese Göttin alle Wunschformen in sich begreift von 

1) He witt: Ruling- Races of Prehistoric Times. Bd. I, Essay 5, S. 463. 

2) Was ist Kali? Sidharta Deepitra, Madras, Juni 1899. Der Verfasser ist Sir John 
Marshall, dem Generaldirektor des Archäologischen Departements Indien und seiner 



M C. D. Daly 

der niedrigsten bis zur höchstsublimiertesten Form spiritueller Liebe. Sakti 
mag als die Verehrung der Libido in allen ihren Formen angesehen werden 
und scheint nach diesem Autor nicht nur alle gegenständlichen Wünsche, 
sondern auch die regressiven Ausdrucksformen zu umfassen, die mit den. 
frühen analen und mit vielen der analerotischen Tendenzen zusammen- 
hängen. Wir meinen, der Autor wird da, um mit den Worten Freuds zu 
sprechen: „von innerlich tief begründeten Vorlieben beherrscht, denen er 
mit seiner Spekulation unwissentlich in die Hände arbeitet. 

Seine Bemerkungen zeigen die analerotische Quelle seines Denkens und 
die Formen seiner unbewußten Phantasien in bezug auf Geburt und Inzest. 
a) „Gott schafft, unterhält, bildet neu und befreit." b) „Das ursprüngliche 
Sakti ist rein, formlos, unbegreiflich und unendlich." c) „Gottes Macht ist 
unergründlich, ein kleiner Teil seiner Macht steigt herab und spiegelt sich 
in einer geringeren Kraft, Sakti genannt. Das Verhältnis ist wie die Be- 
ziehungen der gröbsten Erde zu dem höchsten Sakti des Klanges und der 
Form." d) „Der Klang ist das erste, was in der Entwicklung hervorgebracht 
wird." 

Der Verfasser verbindet den Begriff Klang mit den rhythmischen Tänzen 
des Siva und der Kali, hinter denen wir kindliche Bewegungen, Drehungen 
und Windungen vermuten, die Folgen vorübergehender Blähungen sind, 
als Vorläufer späterer Windungen und Bewegungen, die ihrerseits mit den 
zeitweiligen faeces zusammenhängen, in denen wir vielleicht einen Teil 
entdecken können des Ursprungs der Freude, Musik durch Tanz zu inter- 
pretieren. In der Form finden wir sodann das höchste Stadium der Sakti 
dargestellt, und es wird uns nicht überraschen zu sehen, daß der Schreiber 
einen Diamanten als Beispiel nimmt, um zu erklären, was die „Form" 
Sakti ist, dessen symbolische Bedeutung von Ferenczi 2 so außerordentlich 
gut entwickelt worden ist, als die Sublimation des /aeces-Interesses über 
die Steine zu Geldreichtümern; während Jones 3 dieses weiter entwickelt 
und zeigt, daß Klang, Feuer und Licht Äquivalente sind, wofür die Schrift 
„Was ist Kali?" den exakten Beleg liefert. 

Die ganze Schrift hindurch befaßt sich der Verfasser mit dem Übergang 






Abteilung zu Dank verpflichtet, daß sie ihm eine Kopie dieser Abhandlung zur Ver- 
fügung stellten und ihm weitere Werke dieser wertvollen Bibliothek ankündigten. 

1) Freud: Jenseits des Lustprinzips. Ges. Schriften, Bd. VI, S. 252. 

2) Ferenczi: Die Ontogenese des Geldinteresses (Bausteine zur Psychoanalyse, 
Bd. I, S. 109. Internationaler Psychoanalytischer Verlag 1927). 

3) Ernest Jones: Essays in applied Psycho-Analysis, Kapitel 8, III.Teil,S.26g— 317. 



Hindu -Mythologie und Knstrationskomplex SO 



vom Narzißmus zur Objekterotik. Diese allmähliche Entwicklung des be- 
schreibenden logischen Denkens als einer Form der Abwehr ist eine der 
ursprünglichen Mechanismen im Dienst der archaischen Kultur und auch die 
Ursache der Schwierigkeiten jeder vor-psychoanalytischen Mythendeutung. 

In den archäologischen Funden, die aus den Tagen der primitiven Kunst 
auf uns überkommen sind, in diesen symbolisierten Verdrängungen der 
Völker in ihrer Kindheit, finden wir zahlreiche, noch nicht mit anderen 
vermischte und unverarbeitete psychoanalytische Begriffe vor, und zwar mit 
einer Offenheit, wie wir sie heute nur noch in unseren Träumen finden 

können. 

Moderne Hindukünstler haben bei der Behandlung desselben Gegen- 
standes diese archäologischen und frühen bildnerischen Darstellungen so 
entstellt und verdeckt, daß sie nahezu unerkennbar geworden sind. So z. B. 
unser Bild Her Kali; die modernen Künstler 1 wechseln so oft das Beiwerk, 
daß das Bild der ursprünglichen Kali kaum mehr ähnlich ist; während alle 
tatsächlichen Anzeichen der Kastration und der Menstruation weggelassen 
werden, beschränken sie sich nur mehr auf die Darstellung des Tanzes. 3 

Die Funktion dieser verfeinerten Ausarbeitung scheint die Umbildung 
der frühen Symbolik zu sein, die für die heutige Auffassung zu roh dar- 
gestellt ist, so daß die Verdrängungsleistungen nicht in scharfer Weise 
gefährdet werden sollen. Wir können diesen Beginn der nächsten Entwick- 
lungsstufe in der hinduistischen Kunst (unter dem Einfluß europäischer 
Erziehung, obgleich man als Reaktion gegen den europäischen Einfluß 
heute seine eigenen Themata behandelt) mit dem vergleichen, was in 
Griechenland geschah. 3 



i) Siehe i. B. das Bild der Kali auf S. 590, Mythen der Hindu und Buddhisten 
von Nivaditta. 

2) Noch weiter geht ein sehr modernes Bild von F. Cadogan Cowpers A. B. A. 
in der Königlichen Akademie 1926. Es heißt „La belle Dame sans Merci" und 
illustriert die folgenden Zeilen von Keats: 

„And there she lulled me asleep, 

And there I drearrid — Akt woe betide — 

The lotest dream I ever dreamed 

On the cold UWs side." 
Die Frau auf diesem Bild ist besonders schön, sie ist rot gekleidet und sitzt in 
einem Feld von roten Mohnblumen, während der Bitter in wachem Tod vor ihr 
liegt. Wenn meine Interpretation richtig ist, so ist dies ein unbewußtes Porträt der 

Kali der Europäer. 

3) Lecky: Entstehen und Einfluß des Bationalismus in Europa. Kapitel in, 

S. 230 — 234, 260 f. 



3 6 C. D. Daly 

Flügel 1 hat gezeigt, daß Sphinx und Medusa gleicherweise dazu ten- 
dieren, ihre aggressiven Attribute zu verlieren, die er der „Wiederkehr des 
Verdrängten" zuschreibt. Diese Wiederkehr bedingt und erweckt wieder 
den ewigen Wunsch der Menschheit, all das zu verdecken, was peinlich 
und unerfreulich ist durch eine immer weitergehende sekundäre Bearbeitung 
der noch immer nicht zureichend verhüllten Symbole. Nach Ansicht Freud s 2 
hat Ferenczi mit völliger Berechtigung die Spuren des mythologischen 
Symboles des Ekels — des Medusenhauptes — zurückverfolgt bis zu dem 
Eindruck, der durch den Mangel des Penis in den weiblichen Genitalien 
hervorgerufen wird. Wozu er noch hinzufügt: „daß im Mythos das Genitale 
der Mutter gemeint ist. Athene, die das Medusenhaupt an ihrem Panzer 
trägt, wird eben dadurch das unnahbare Weib, dessen Anblick jeden 
Gedanken an sexuelle Annäherung erstickt. 3 

In Übereinstimmung mit diesen Autoren möchte ich ihre Theorien 
weiter ausbauen, bis auf die, wie ich glaube, ursprüngliche Quelle, indem 
ich besonderen Nachdruck auf die Tatsache lege, daß es immer die blutige 
Oberfläche der Wunden ist, die bei Medusa, China-mastuha und anderen 
Formen der Kali so betont wird, und die, wie ich meine, an erster 
Stelle zu stehen hat auf Grund des frühen Menstruationstabu, 
das aus den nachdrücklichen und scharfen Inzestgesetzen der 
Primitiven entstanden ist. 

In der Gestalt der Kali und der mit ihr vereinigten Göttinnen kann 
jeweils der Ersatz der Vagina durch den Phallus zurückverfolgt werden 
bis auf die Projektion der verdrängten männlichen Inzestwünsche auf die 
Mutter. Flügel behandelt in seiner Schrift „Polyphallischer Symbolismus 
und der Kastrationskomplex ' zahlreiche Erscheinungsformen, unter denen 
der polyphasische Symbolismus in der Folklore und Mythologie zutage 
tritt, und vieles in seiner Schrift bringt Beweise, die mit einer wenig 
weitergehenden Deutung die hier vorgetragene Theorie stützen. Wo er über 
weibliche Ungeheuer spricht, bezieht er sich auf Echidna und diese Klasse 
mythologischer Gestalten, die die gefährliche und verführerische Weiblichkeit 
repräsentieren, deren Wirkungskreis anfängt bei dem zeitweiligen Aufhören 
heroischer Betätigung (Circe oder Tannhäusers Venus) oder zur Zerstörung 
und Vernichtung führen (die kaukasische Königin Thamar, Loreley, die 

1) Flügel: Polyphallischer Symbolismus und der Kastrationskomplex. Inter- 
national Journal of Psycho-Analysis, Bd. II, S. 185. 

2) Freud: Ges. Schriften, Bd. V, S. 235. 

3) Von mir gesperrt. 



Hindu-Mythologie und Kastratioiiskomplex 27 

Sirenen). Und doch kann ich mit Flügels Interpretation des Echidna- 
Herakles-Mythos nicht völlig übereinstimmen. Wenn sie z. B. seine Pferde 
gestohlen hat und sie nur zurückgibt unter der Bedingung, daß er einige 
Zeit bei ihr verweilt, deutet dies Flügel so, daß sie ihn dadurch zwingt, 
ein ruhiges, unheroisches und relativ feminines Leben zu führen ; ich würde 
die Deutung bevorzugen, daß sie ihn zwingt, ihrem sexuellen Verlangen 
zu genügen. In der Tat des Perseus, der die Medusa erschlägt, können wir 
anderseits das Spiel der beiden Seiten beobachten in Anbetracht des Ver- 
haltens des Mannes der Mutter gegenüber. Ich möchte aber immerhin 
bemerken, daß, wenn wir den aus der Traumlehre bekannten Mechanismus 
der Darstellung durch das Gegenteil" in der Interpretation des Mythos 
in Anwendung bringen, wir bereit sein müssen, ihn nötigenfalls auf jeden 
einzelnen Teil des Mythos anzuwenden. In vielen Mythen beschenkt die 
Göttin den Helden mit magischen Waffen, in anderen stiehlt er sie zuweilen 
seiner Mutter und zuweilen dem Vater. In dem fraglichen Mythos stiehlt 
er sie den Graeae, aber — da wir wissen, daß die Graeae die Hüter der 
Gorgonen sind, und da Wächter fast überall gleichmäßig männlichen 
Geschlechts sind, dürfen wir nicht vermuten, daß die Graeae in diesem 
Teil des Mythos nun „alte Weiber" sind eben im Sinne der „Darstellung 
durch das Gegenteil"? Es ist leichter, schwache alte Weiber zu bestehlen 
als den mächtigen Vater, — ist er jedoch mit diesen magischen Waffen 
gerüstet, so ist er imstande, beide, seine gehaßte Mutter (Medusa) und 
den Vater (das Ungeheuer) zu überwinden, während er seine ideale Mutter 
(Andromeda) rettet. 

Flügel erklärt die Unnahbarkeit der Athene durch die Kraft des Medusen- 
hauptes auf ihrem Panzer, da ja das Haupt ein Penissymbol ist, das die 
Frau vor sexuellen Angriffen schützt. So wurde Athene das unnahbare Weib, 
dessen Anblick jeden Gedanken an sexuelle Annäherung erstickt. Wenn wir 
indessen hier dem Mechanismus der Darstellung durch das Gegenteil Rechnung 
tragen, dann symbolisiert eben der Penis die Vagina, aber in diesem Fall 
füge ich dem geöffneten Mund der Medusa das Moment der Furcht hinzu, 
verbunden mit dem blutigen Äußeren des abgeschlagenen Hauptes, das, wie 
ich behaupten möchte, als die sexuell bereite, gefährliche und verführerische 
Frau aufgefaßt werden soll, die vorher das menstruierende Weib war. Und 
was kann den Mann mehr zum Helden machen und ihm mehr Kraft geben, 
als das Überwinden seiner größten Angst? Der Perseus-Mythos zeigt den 
Weg, auf dem alle Männer wieder tapfer werden, wenn sie nur diese intra- 
psychischen Schwächen überwinden können. Dadurch, daß er seine größte 



> 



28 C D. Daly 

Angst überwand, wurde Perseus fähig, seinen Vater zu erschlagen und den 
Inzest mit seiner Schwester — Mutter, Andromeda zu begehen. Freud hat 
es schon gesagt, daß der Mann auf jeden Fall imstande sein muß, diese 
Vorstellung zu ertragen, d. h. seine Neigungen völlig und offen zu erkennen, 
wenn er wieder stark werden soll. Und wenn er dann Erfolg hat, dann 
kann und wird die Frau wieder auf ihre natürlichen Funktionen stolz sein, 
stark im Geist zum ewigen Wohl der Menschheit. 

Daß Medusa aus einem schönen und begehrenswerten Weibe zu einem 
gefährlichen, grauenerregenden wurde, ist nun ganz eindeutig auf die Mutter 
zu beziehen, die nicht mehr begehrenswert war kraft ihrer abstoßenden äußeren 
Genitalien ; nimmt man doch an, daß diese Verwandlung als Folge eines 
sexuellen Verkehrs im Tempel der Athene aufzufassen ist, der wahren Göttin, 
die später das Haupt der Medusa auf ihrem Schild trug. Die Identifikation 
ist nun vollständig und das Motiv liegt klar auf der Hand. Denn wie die 
unendlichen Tabus der Menstruation zeigen, haben die äußeren Organe des 
Weibes seit Jahrtausenden in das Herz des Mannes den Schrecken gejagt, 
während der Anblick des aufrechten männlichen Penis in einem viel ge- 
ringeren Grad erschreckend ist. So ist der offene Mund der Vagina der 
Medusa — Athene — Mutter in richtiger Weise als Schild gegen den Inzest 
gebraucht worden, denn auf Grund von völligen Verdrängungen des männ- 
lichen Wunsches, sich zu dieser Zeit mit der Frau zu vereinigen, hatte als 
Resultat die Todesstrafe bei Übertretung des Inzestgesetzes, die vorherige 
Anziehungskraft in Abstoßung verwandelt und die einst Schöne wurde häßlich 
und ekelerregend. Aber sie blieb respekteinflößend. Es muß eine Periode 
gegeben haben, in der es noch nicht nötig war, die Göttin mit einem Penis 
auszustatten; und die Medusa stellte dieses Zwischenstadium dar, wenn sie 
die abstoßende Vagina auf ihrem Schild trägt, während sie als schöne Frau 
aufgefaßt wird, ist es für Schild und Haupt kaum mehr ein Schritt weiter, 
durch den Penis ersetzt zu werden. Gewiß bin ich der zahlreichen anderen 
Elemente gewahr geworden, wie Homosexualität usw., die hier eine Rolle 
gespielt haben mögen; aber sie sind in weitgehendstem Maße von anderen 
Autoren behandelt worden, und es ist nicht die Absicht dieser Arbeit, sich 
mit ihnen zu befassen, da ich lediglich das Ziel habe, die Aufmerksamkeit 
auf den Menstruationskomplex zu lenken, der meiner Ansicht nach aus 
ersichtlichen Gründen in unseren psychoanalytischen Neurosentheorien nur 
in so ungenügendem Maße in Betracht gezogen worden ist. 



in 

13er JA-alisyinDoüsmus 

In diesem Bild der Kali ist der Symbolismus besonders offenkundig in 
Anbetracht seiner Beziehung zum Kastrationskomplex. Die Köpfe, Unter- 
arme und Hände, 1 die sie ihren Feinden, den Riesen, abschlug und die 
ihr von den Lenden herabhängen, sind offensichtlich Symbole der Kastration. 
Ich habe während des Schreibens sechs Bilder der Kali vor mir, die alle von 
verschiedenen Künstlern stammen. Eines von ihnen zeigt die Kastrations- 
symbole besonders vollständig. Die Gestalt des Siva liegt, umgeben von 
allen Zeichen des Blutbades, auf dem Schlachtfeld. Zwei blutüberströmte 
Beine liegen, die rauhe Oberfläche nach außen gekehrt, auf dem Gras, eine 
mit Blut bedeckte Gestalt, auf der ein Rabe 2 sitzt, schneidet die Leber aus 
dem Körper, ein Hund beißt einem abgeschlagenen Kopf Kinn und Zähne 
ab usw., während Kali auf dem Körper ihres Gemahls, Siva, tanzt. Dieses 
und drei andere Bilder enthalten sehr bezeichnende Merkmale; so hängen 

i)Im museo secreto in Neapel befinden sich zahlreiche Amulette in Bronze usw., 
die von den Römern in Pompeji getragen wurden; sie bestehen aus einem Unterarm, 
an dessen Hand der Daumen zwischen den Fingern liegt, was die Vereinigung von 
Linga und Yoni bedeutet, während das Ende, das dem gerundeten Unterarm auf dem 
Bild der Kali entspricht, ein Penis ist. Dieselbe Form findet sich auch auf einigen 
der Lampen. Da man eine große Anzahl gefunden hat, müssen sie bei den Römern 
dieser Periode sehr gebräuchlich gewesen sein. 

2) Eine Symbolik ähnlich der des Adlers, der die Leber des Prometheus auffrißt. 
Auch der Rabe ist ein Symbol des Todes. 



3o C. D. Daly 

um den Hals bis zu den Knien herab die Häupter der besiegten Feinde — 
beide, diese und die Stirne der erschlagenen Riesen, die am Boden liegen, 
tragen die Merkmale der Saivitenkaste und zeigen damit, daß die Feinde 
gleichzeitig die nahen Verwandten gewesen sind. Sie bestätigen damit die 
psychoanalytische Theorie, daß Haß, Penisneid und Kastrationsphantasien 
primär direkt gegen nahe Verwandte gerichtet sind. Wir wissen aus den 
Traumanalysen, daß ein Riese fast immer einen Vater repräsentiert. So sind 
wir berechtigt, die Häupter und Hände als phallische Kastrationssymbole 
der männlichen Familienmitglieder anzusehen. Auf einem anderen dieser 
Bilder liegt der Gemahl der Kali anstatt auf dem Schlachtfeld, wo sie auf 
ihm tanzt, mit dem Gesicht nach unten auf einer Lotusblüte, einem weib- 
lichen Symbol, das den Ersatz des männlichen Organs durch das weibliche 
anzeigt. Man kann daraus schließen, daß die Demütigung ihres Gemahles, 
des großen Gottes, dadurch, daß sie auf seinem Körper tanzt, das Resultat 
ihres Neides ist, beziehungsweise des Hasses gegen den Mann, den sie zuerst 
gegen ihren Riesenvater bewies; daß die Hände den Feinden angehören, 
wissen wir aus unserer Kenntnis ähnlicher Traumsymbole. Dies ist jedoch 
mehr eine vorläufige Deutung auf Grundlage des Penisneides und gibt uns 
keineswegs die volle Bedeutung des Bildes, das eine männliche Phantasie 
ist, obwohl es viele weibliche Wünsche erfüllt, die zum Teil für die universale 
Popularität dieser Göttin sprechen, und die Kastration und Annahme des 
Phallus und die aktive Rolle, die die Frau ausübt, darstellen sollen. In 
dem tibetanischen Gegenstück zur Kali, bekannt als Lha-Mo, kann man 
weit mehr überzeugendes Beweismaterial finden, indem nämlich dort anstatt 
des Ringes von Unterarmen zwei Schlangen zwischen den beiden der Göttin 
aufgehängt sind. 

Der folgende Traum einer Europäerin zeigt eine ähnliche Symbolik: 

„Ich träumte, ich schritt eine Treppenflucht hinauf, um nach einem Künstler 
zu sehen; das Treppenhaus war sehr eng und steil. Der Künstler modellierte eine 
Venusstatue, aber er gab ihr keine Arme, und ich sagte, daß die Venus mit 
Armen noch viel schöner sein würde. 

Darauf schickte er nach einer Anzahl Mädchen mit Armen, und sie standen 
alle in einer Reihe, von der Größten angefangen herab bis zur Kleinsten. Er- 
ging sie der Reihe nach durch, und -wählte das kleinste Mädchen, weil er fand, 
daß es die wohlgebildetsten Arme hätte. Es war ein kleines Mädchen, und 
doch schien es alt und irgendwie erwachse?i. Er modellierte seine Arme, ober- 
er heftete sie der Venus nicht an. Später blieben alle Arme der Mädchen in 
seinem Atelier und hingen von einem Seil herab. 

Ich fragte ihn, -warum er nicht die schönen Arme an der Venus anbringe, 
und er sagte, daß die Arme die Statue verdorben hätten, wenn er es getan 



Hindu-Mytnologie und Kastratioiiskomplex 



hätte. So behielt er sie getrennt in seinem Atelier, damit die Leute sie ansehen 
konnten. In diesen Traum scheint eine Liebesgeschichte verwebt zu sein. Der 
Künstler verliebte sich in das kleine Mädchen, — es war nicht dagewesen, als 
die Mädchen zuerst hereingebracht wurden, — sie wurde erst später entdeckt. 
Es war ein kleines Mädchen, das sich in seinem Atelier umsah. Es folgt eine 
Beschreibung des Mädchens, die deutlich zeigt, daß es die Träumende selbst ist. 
Der Künstler entdeckte, daß sie die schönsten Arme von allen hatte, daher 
wählte er sie und setzte sie in ein kleines hölzernes Gehäuse, das sie rings- 
herum passend umschloß. 

Eine teilweise Analyse dieses Traumes zeigt, daß die Träumende auf den 
Penis neidisch war und es beklagte, daß sie keinen besaß. Sie dachte, daß 
die Frau schöner sein würde, wenn sie einen Penis hätte — dessen Symbol 
die Arme sind. Der Künstler ist ihr Vater, der sie schuf und sie in ihrer 
Mutter Schoß legte — sie ist eifersüchtig auf ihre Mutter, deren Symbol 
die Frauen sind, die zuerst in das Atelier gebracht werden. Aber endlich 
wählt ihr Vater sie aus, die kleine, unbedeutende Zuspätkommerin, und 
beginnt, sie zu lieben. Aber die Frauen, die zuerst mit Armen erschienen, 
lassen diese nun hinter sich zurück. Sie glaubte, daß ihr Vater, der 
Schöpfer, wenn er gewollt hätte, ihr Arme hätte geben können und daß 
Frauen Wesen sind, die entweder ganz ohne Penis geschaffen, oder die 
von ihren Vätern des Penis beraubt worden sind. 

Sie verehrte, beneidete und haßte ihren Vater, da er einen Penis 
besaß, und beneidete und haßte ihre Mutter, weil sie den Penis empfing. 
Der Traum befriedigt ihren unbewußten Wunsch, daß der Vater sie der 
Mutter vorziehen möge. Die Symbolik des Künstlers, der sie in ein Gehäuse 
sperrt, muß umgekehrt werden, um verstanden werden zu können, obwohl 
der Glaube sichtbar ist, daß das Mädchen durch den Vater in die Mutter 
hineingesetzt worden ist. 

Die Träumende gehört dem egoistischen und antisozialen Typ an. Sie 
ist sadistisch und erfreut sich an der Demütigung ihres Liebhabers und hat 
dabei eine starke Tendenz zu Betrug und Täuschung. Sie bewundert Leute 
mit schönen Armen und Händen und freut sich, wenn sie ihre eigenen 
Arme und Hände zeigen kann. Der Grad dieser Neigung zu Betrug 
und Täuschung hängt teilweise von der unbewußten Lust ab, die sie aus 
dem Gedanken an eine psychische Kastration empfängt, der seinerseits in 
dem daraus resultierenden Erfolg begründet ist — Bache an dem Mann, 
weil er ihr den Penis vorenthalten hat, und am Vater, der ihre Wünsche 
nicht befriedigte. Die Geburt eines Kindes (die Empfängnis des Penis) modi- 
fiziert diese Charakterzüge sehr stark, die zu dem männlichen Protest gehören. 



32 C. D. Daly 

Ich bedauere, eine vollständige Analyse dieses Traumes nicht erlangt zu 
haben, aber für unseren Zweck genügt es: i) den Symbolismus der Hände 
zu zeigen, 2) den Penisneid, }) die Idee der Schönheit, verbunden mit dem 
Besitz des Penis, und 4) den Vater als den Spender von beidem, des Penis 

und des Kindes. 

Flügel 1 führt einige Fälle an von Schlangen- und Haarsymbolik mit 
einem ausgesprochenen Kastrationskomplex, unter denen sich ein besonders 
schlagendes Traumbeispiel befindet, das kürzlich von Dr. H. Flournoy* 
berichtet wurde, und das hier wiederzugeben ich nicht widerstehen kann. 

„Ich halte in meiner Hand mein Organ, das enorme Proportionen angenommen 
hat; es gibt eine Flüssigkeit in einem ununterbrochenen Strom von sich, und ich 
habe einen Maren Eindruck von meiner Kraft und Männlichkeit, ohne irgend- 
welche wollüstige Sensationen. Das Organ nimmt solche Dimensionen an, daß 
ich anfange, aufgeregt zu werden; sein äußerstes Ende bildet sich in einen 
Schlangenkopf um; es bewegt sich in allen Richtungen, und ich bekomme Angst, 
daß es mich in die Hand beißen könnte. Auch habe ich den Eindruck, daß nun 
aus dem Schlangenmaul nicht mehr eine Flüssigkeit, sondern Feuer strömt. An 
diesem Punkt erwache ich und habe ganz unwillkürlich das Bild eines gewissen 
Frauenkopfes vor mir, dessen Haar aus Schlangen besteht." 

Der Symbolismus dieses Traumes zeigt in mehreren Punkten Ähnlich- 
keit mit dem des Kali-BMes. Obgleich das Haar der Kali nicht medusen- 
haft dargestellt wird, — als siedende, kochende Schlangenmasse, — so wird 
sie doch mit einer übergroßen Menge von Haar abgebildet, zweifellos einem 
Symbol der Macht, oder mit Flammenhaar, so die Beziehung zu Agni = Feuer 
zeigend. Die symbolische Bedeutung des Feuers liegt in dem Traum von 
Flournoys Patienten ganz klar, indem die Schlange gleichfalls Feuer = Sperma 
ausspeit; Feuer wird gewöhnlich als Symbol der Libido benützt. Das besonders 
stark betonte Haar der Kali muß als eine überdeterminierte Kom- 
pensation des Phallusmangels bei den Frauen gedeutet werden.3 
Vielleicht darf man es nicht nur als eine Modealbernheit auffassen, daß 
die modernen Frauen mit der Erlangung ihrer Unabhängigkeit sich dem 
kurzen Haar zugewendet haben. Die phallische Bedeutung des Haares und 
des Feuers zeigt sehr klar der ungarische Brauch, die Geburt zu beschleunigen, 
indem der Gemahl einige seiner Schamhaare abschneidet und anzündet, 



1) Flügel, a. a. O. S. 156. 

2) H. Flournoy: Civa Androgyne. Archives de Psychol. 1922, XVII, S. 21. 

3 ^ Zeus erlaubte, daß das Haar des Attis als Ersatz für seine Kastration wachsen 
dürfe. Weiterhin erzählt die Bibel, daß Simson mit dem Verlust seines Haares auch 
seine Kraft verlor. 



Hindu-Mythologie und Kastrntionskomplex 33 



so daß der Rauch mit der Vagina in Berührung kommt.' Die symbolische 
Gleichwertigkeit des Feueranzündens und der Sexualität bei den Primitiven 
ist wohl bekannt. 

Im museo secreto zu Neapel, das die phallischen Überreste Pompejis 
enthält, finden sich zahlreiche Lampen, bei denen die Flamme einem 
großen Penis entspringt. Löwen mit Penis statt Köpfen, aus denen 
Flammen hervorkommen. Auf einer ist der Kopf eines großen Penis und 
das Haar besteht aus lauter kleinen Penes. Der Symbolismus in dem Bilde 
der Kali kann allein aus diesem Material gedeutet werden ohne Hilfe der 
Traumsymbolik. Und ich möchte denjenigen Kritikern Freuds, die die 
psychoanalytische Theorie der Traumsymbolik als Resultat einer Verbohrt- 
heit in dem Thema „Sexualität" ansehen, empfehlen, diesem Museum einen 
Besuch abzustatten. Sie mögen dort z. B. die Symbolik der Vorderarme, die 
Kalis Lenden verzieren, mit den römischen Vorderarmen =- Zaubermitteln 
vergleichen, bei denen das obere Ende die Eichel des Penis ist. 

Kali ist wie ein Weihnachtsbaum mit phallischen Symbolen bedeckt. Die 
Überdeterminierung ist höchst vollständig ausgeführt. 

Die Elefanten- oder Menschenköpfe als Ohrringe der Kali sind aus 
dem Mechanismus der Verlegung von unten nach oben zu deuten. Die 
Ohren können so entweder den Anus oder die Vagina symbolisieren im 
Sinne dieser Verschiebung von unten nach oben, obwohl der Mund noch 
öfters Symbol der Vagina ist. Ein Beispiel für diese Symbolik kann in 
dem Hindumythos von der zwiefachen Geburt des Ganges gesehen werden, 
des ersten aller heiligen Ströme Indiens, der vom Himmel herab auf das 
Haupt des Gottes Siva fiel, später von der heiligen Jahna verschluckt und 
aus den Ohren wiedergeboren wurde. Eine ähnliche Idee findet sich bei 
Kindern, die glauben, daß die Empfängnis durch Aufnahme von Nahrung 
oder irgendwelcher Substanzen durch den Mund erfolgt und die Geburt 
durch den Anus. Schließlich zeigt die Tatsache, daß die Ohren auf vielen 
der Äaft-Bilder durch phallische Symbole von Elefantenköpfen oder Menschen- 
leibern ersetzt werden, mit unabweislicher Beweiskraft, daß die Ohren in 
diesem Falle als weibliche Organe angesehen werden müssen, die in Über- 
einstimmung mit dem ganzen Schema durch männliche zu ersetzen sind. 
Wir wissen auch aus einem Madonnenmythos, der von Jones 2 zum 

i) G. R6heim: Die Bedeutung des Überschreitens. Internationale Zeitschrift für 
Psychoanalyse, VI, 1920, S. 244. 

2) Ernest Jones: Die Empfängnis der Jungfrau Moria durch das Ohr. Jahrbuch 
für Psychoanalyse, Bd. VI, 1914. 



Gegenstand einer gelehrten Arbeit gemacht worden ist, daß von der Jung- 
frau Maria angenommen wurde, sie habe empfangen, indem der Atem des 
Heiligen Geistes in ihr Ohr eindrang, während Piero di Cosimo auf 
seinem Bild von der Befreiung der Andromeda durch Perseus (Offizien, 
Florenz) zeigt, wie der Atem geradeswegs aus den Nüstern des Ungeheuers 
in die Vagina der Andromeda hineinströmt. 

Von Kali wird gesagt, daß sie sich dem Trinken des Blutes ihrer Feinde, 
der Riesen, hingegeben habe, durch welche Tat, wie es heißt, sie deren 
Kraft erlangt haben soll. 

Opferblut wurde von vielen Völkern auf den Erdboden vergossen, um 
der Fruchtbarkeit ganz sicher zu sein. Ebenso Milch. Die Kinder der Medusa 
entsprangen dem Blut, das ihrem Rumpf entströmte, während in ähnlicher 
Weise in der hinduistischen Mythologie zahlreiche Stellen zu finden sind, 
bei denen das Leben aus dem Blut entspringt als Resultat einer Enthauptung, 
die möglicherweise in gewissem Maße aus der sadistischen Auffassung des 
Geschlechtsverkehrs mit der Kastration als Folge entspringen. August 
Stärcke' hat auf die Beziehung hingewiesen, die zwischen Milch, Blut, 
Urin und dem männlichen Samen besteht, in einer Schrift, in der er 
großen Nachdruck auf seine Annahme legt, daß die Hauptquelle früher 
prägenitaler Prädispositionen zu den späteren Auswirkungen des Kastrations- 
komplexes der Verlust der Brustwarze sei; er nimmt desgleichen an, daß 
die primäre Form des Sadismus in der Situation zu finden ist, in der das 
Kind der Mutter Schmerzen verursacht, indem es die Warze verletzt, 
während es zugleich eine erhöhte Befriedigung empfindet und so lernt, 
aggressiv und kannibalistisch zu werden. 2 Eine andere der vielen Manifesta- 
tionen des weiblichen Gegenstückes des Siva ist jene schreckliche Gestalt, 
die von den Saktas verehrt wird und als Chinaa-mastak bekannt ist; ihre 
bildliche Darstellung zeigt eine nackte Göttin, die auf einem Menschen- 
paar steht, in der einen Hand einen bluttriefenden Krummsäbel hält, in 
der anderen Hand ihr eigenes abgeschlagenes Haupt an den Haaren haltend, 
das das aus dem kopflosen Rumpf strömende Blut trinkt. Zwei andere 
Bilder zeigen, wie zwei ihrer Untergebenen zwei weitere Blutströme auf- 
fangen. (Die Deutung dieser Gestalt wird später gegeben werden.) 

In der hinduistischen Mythologie wird das Kuheuter oft als Leben ent- 

1) August Stärcke: Der Kastrationskomplex. Internationale Zeitschrift für Psycho- 
analyse, Bd. VII (1921). 

2) Bei genauer Lektüre dieser Studien wird man bemerken, daß dieses Phänomen 
auf viel früher liegenden Faktoren in der Kindheit des Menschengeschlechts basiert. 



Hindu-Mythologie und KnstrntionsKoraplex 35 

haltend dargestellt, das sich a) auf die assoziative Verbindung zwischen 
Milch, Samen und Urin bezieht, b) auf die Tatsache, daß beide einem 
hervortretenden Körperteil entspringen, c) auf die Kuh als Symbol der 
Frau mit dem Penis, 1 d) auf die natürliche Assoziation von Euter und 
Brustwarze. 

Es ist eine bezeichnende Tatsache, daß in früheren Zeiten (ebenso wie 
bei zeitgenössischen wilden Stämmen) den jungen und schwachen Mit- 
gliedern der Gemeinschaft Beschränkungen auferlegt werden in bezug auf 
Nahrungsaufnahme, wie auf die Realisationen ihrer sexuellen Impulse, die 
später, wenn das Bewußtsein sich entwickelt, auf die Götter übertragen 
werden. „Gesundheit, soweit sie ein Attribut der Götter ist, wird durch 
eine ununterbrochene Fülle von Opfern erhalten." 2 Freud hat das weiter 
entwickelt und gezeigt, daß die Sühnung der Götter auf dem Wege über 
den Instinkt der Selbsterhaltung geschieht. 

Von der Zunge (die auf dem Bild der Kali heraushängt) wissen wir, 
daß sie ein in Träumen häufig erscheinendes phallisches Symbol ist, in 
welchen Fällen sie für gewöhnlich heraussteht. Melanie Klein führt 
einen Fall von ähnlicher Symbolik an in dem Traum eines vierjährigen 
Kindes (loc. cit.). Die Hindu hingegen hängen die Zunge heraus als Zeichen 
der Scham, so daß sie in diesem Falle als Symbol der weiblichen Genitale 
aufzufassen ist. 

Die sekundäre Bearbeitung des ÄaZi-Mythos, die besagt, daß die Göttin 
die Zunge heraushängen läßt, um anzudeuten, daß sie sich ihres schlechten 
Benehmens dem Gemahl gegenüber schämt, ist ein Trostwörtchen für das 
Ich des Hindu-Ehemannes auf den mangelnden Respekt hin, den sie seiner 
erhöhten und gesteigerten Form, dem Gotte Siva, gegenüber an den Tag 
gelegt hat. Die phallische Bedeutung der Zunge wird klar durch die Tat- 
sache, daß die reichen Verehrer und Anhänger dieser Göttin ihr Geschenke 
in Gestalt von goldenen und silbernen Zungen gemacht haben. 3 Jones 
sagt: „Ihr physiologischer Charakter macht sie besonders geeignet für diese 
Symbolik; so eben die Tatsache, daß sie ein spitzes Organ ist mit ge- 
fährlichen inneren Möglichkeiten, fähig sich selbst zu bewegen, gewöhnlich 



1) Meine Auffassung an dieser Stelle ist von Melanie Klein in ihren Artikeln 
über die Entwicklung des Kindes bestätigt und bekräftigt worden. Image-, Bd. XL 

2) E. J. Payne: History of the New World called America, Oxford 1882, Bd. I, 

S. 437 und 434. 

3) Auf einigen der Terrakottalampen aus Pompeji, jetzt im Nationalmuseum 
Neapel, haben die Köpfe an Stelle der Zunge einen Penis. 

3* 



36 C. D. Daly 

vorsichtig verborgen, jedoch mit der Möglichkeit, jeweils hervorzustoßen 
(wie hei trotzigen und verbotenen Äußerungen der Kinder), ein Organ, 
das schließlich noch eine Flüssigkeit hervorbringen kann (den Speichel), 
die ein gewöhnliches Symbol des männlichen Samens ist. l Die Assoziatio- 
nen zwischen Zunge und Sprache sind bekannt genug, als daß man sie 
hier weiter erwähnen müßte. Die Tatsache, daß die Hindu ihre Zunge 
als ein Zeichen von Scham aus dem Munde hängen lassen, gibt uns den 
Schlüssel zur Deutung dieses Mythos, und zwar bedeutet er im Sinne der 
Verschiebung von oben nach unten die Ströme des Menstruationsblutes aus 
der Vagina. 2 

Auch das Auge ist ein phallisches Symbol. Das dritte Auge, das oft 
ähnlich stark leuchtend wie die Sonne dargestellt wird, ist das älteste der 
männlichen Symbole. Das hervortretende und starrende Auge, das Kali auf 
Bildern des öfteren hat, kann in gleicher Weise als das „starre Glotzen" 
mancher Frauen, d. i. als das Äquivalent zu einer Erektion 3 ausgelegt 
werden. In einigen Fällen besteht die Vorstellung, daß der starre Blick die 
Menschen erschreckt, ähnlich den männlichen Exhibitionisten, die die 
Frauen durch den Anblick ihres aufgerichteten Phallus zu erschrecken suchen. 
Die zahlreichen Wunden auf den Bildern der Kali sind als Vagina- 
symbole aufzufassen, während ich weiterhin glaube, daß die vorerwähnten 
Blutlachen nicht nur den Zusammenhang dieser Wunden mit der Kastrations- 
vorstellung, sondern auch mit der Menstruation der Frau zeigen, wie sie 
in der Girlande scharlachroter Hybiskusblüten symbolisiert sind. Ich werde 
zu diesem wichtigen Gegenstand später zurückkehren. 

Um zu einer richtigen Deutung des Ä/zft-Bildes der Sage zu gelangen, 
muß die Verschiebung der Kastrationsangst des Sohnes, der eigent- 
lich die kastrierende Mutter fürchtet, auf den Vater als gehaßten 
Bivalen herangezogen werden. Professor Freud, der so freundlich war, 
meine früheren Notizen zu dieser Arbeit durchzulesen, sagte, daß er diese 
Bestätigung der psychoanalytischen Theorie sehr interessant finde und schlug 
vor, daß ich die Theorie noch mehr hervorheben soll. Die Berufung auf 
seine Autorität macht weitere Ausführungen überflüssig. Die sekundären 



i) Ernest Jones: Essays in applied Psycho-analysis, The Madonna's Conception, 
S. 311. 

2) Abraham: Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes. Internatio- 
nale Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. VII (1921V 

3) Eine demnächst erscheinende Abhandlung handelt von der Analyse des Men- 
struationstabus und der Psychogenesis der Scham. 



xAindti-ivlytaoIogie und JVastrationskomplcx 3? 

Bearbeitungen des Kali-Myihos geben zahlreiche oberflächliche Begrün- 
dungen für die Demütigungen, die Kali dem großen Gotte Siva, ihrem 
Gemahl, antut. Es ist nun interessant festzustellen, daß bei den Legenden 
um ihr tibetanisches Gegenstück Lha-Mo diese Verschiebung fehlt. Diese 
Göttin, die nicht imstande war, ihren Gemahl zu beeinflussen, schindete 
ihren Sohn bei lebendigem Leibe, trank sein Blut und aß sein Fleisch. J 

In Anbetracht dessen, daß die Mäuse der Lha-Mo heilig waren, wird 
man mit der Vorstellung vertraut, daß eine Frau sich auf einen Stuhl 
stellt, wenn eine Maus im Zimmer ist. Jedoch sind nach Monroe 2 in 
der Kindheit Knaben Mäusen gegenüber furchtsamer als Mädchen. Wenn 
das stimmt, so ist es darin begründet, daß Männer stets eine heftige Freude 
empfinden bei dem Gedanken, daß die Frau auf dem Stuhl steht (die Angst 
wird motiviert durch den offenbar unbewußten Wunsch, die Maus möge 
ihr Loch — die Vagina finden). Das liegt hinwiederum teilweise an der 
Homosexualität des Knaben, aber ich vermute hier in dieser Beziehung 
andere Erklärungsmöglichkeiten; so z. B. l) des Knaben Angst, daß sein 
Penis (Maus) in einer Falle gefangen werden könne (die Vagina), 2) die 
Vorstellung, daß die Frau, die er fürchtet, durch eine Maus erschreckt 
werden könnte und so seine eigenen unterdrückten Ängste Gelegenheit 
hätten, sich im Gelächter zu befreien. 

Jetzt können wir auch verstehen, warum die Maus der Göttin der 
Kastration und der Menstruation heilig ist. Denn die Menstruation erinnert 
die Frau zutiefst im Unbewußten an die Tausende von Jahren des Konfliktes, 
die sie durchgemacht hat bei dem Versuch, ihre natürlichen Wünsche zu 
einer Zeit zu verdrängen, da sie ihr sexuelles Objekt heftig forderte und 
begehrte. Hierin liegt eine teilweise Erklärung des „männlichen Protestes , 
wie auch der Psychologie des Diebstahles und der Prostitution, die so eng 
mit der des Penisneides verknüpft ist. 3 Ich sehe keinen Grund, warum 
die Frau auf den Phallus neidisch sein sollte, ehe sie sich seiner beraubt 
gefühlt hat, obgleich diese Situation erst um weniges früher entstand, als 
der Mann versuchte, mehr Frauen zu beherrschen, als er befriedigen konnte ; 
und doch glaube ich, daß nur geringe Zweifel an der Tatsache bestehen, 
daß dies nur seine wahre Bedeutung erlangte, wo er sich der Frau versagte, 

j) In dieser Weise vermuten wir eine Verschiebung der kannibalistischen Tendenzen 
des Sohnes auf die Mutter. 

2) Die Entwicklung des sozialen Bewußtseins der Kinder, zitiert nach Havelock 
Ellis, Man and Woman, S. 410. 

a) Diese Prägen sollen in einer späteren Schrift behandelt werden. 



38 C. D. Daly 

da die Befriedigung ihrer Wünsche im Menstruationstabu begründet ist, 
das seinerseits vom Manne aufgerichtet wurde. Dadurch wurde die Inzest- 
schranke verstärkt. Es war etwas, das endgültig zwischen die Geschlechter 
gekommen war, und zwar auf der Höhe ihrer Wünsche und endlich alle 
Beziehungen des Mannes zur Frau überdeckte. Der Weg von der 
Lösung des Mäuse- und Battensymbolismus bis hierher scheint etwas lang 
gewesen zu sein, aber dem ist nicht so, denn diese beiden Tiere sind die 
größten Diebe, die der Mensch kennt. {Kali ist, wie gesagt, die Göttin 
der Diebe und der Prostitution.) Sie stehlen des Menschen Nahrung, kehren 
zu ihren Höhlen zurück und stillen ihren Hunger. So können Ratten und 
Mäuse, besonders aber die letzteren, obgleich gewöhnlich Symbol des Vaters, 
auch den Phallus symbolisieren. Ebenso wie die Mäuse der Göttin Lha-Mo 
(Kali) heilig sind, begleiten die Ratten den Ganesa oder sind seine Fort- 
bewegungsmittel, jenes Sohnes, der von seinem Vater kastriert wurde und 
als Kompensation dessen Phallus erhielt (den Elefantenkopf), und von 
dessen geheimnisvoller Geburt wir schon in der Einleitung gesprochen 
haben. 

Der Zusammenhang zwischen dem Geld und den Fäzes ist jetzt in der 
psychoanalytischen Literatur wohl bekannt, so daß ich ihn nur kurz streifen 
werde. Der Gott des Reichtums wurde, laut der Sage, aus Exkrementen 
geboren. Wir sehen sogleich, daß Fäzes, Ratten, Phallus und Kinder alle 
untereinander in einer gewissen Beziehung stehen und gewisse, auf der 
Hand liegende Berührungspunkte haben. Freud 1 hat die Rattenvorstellung 
bereits 190g in einer Schrift über die Zwangsneurose besprochen, in der 
er die Aufmerksamkeit auf zwei heute sehr wohl bekannte infantile Sexual- 
theorien lenkt. Die eine sagt, daß die kleinen Kinder dem Anus ent- 
springen, und die andere, daß Männer ebenso gut Kinder haben können 
wie Frauen. In der Geschichte seiner Fälle, in der er dies Phänomen be- 
spricht, zeigt er, wie die Ratten Vorstellung die anale Erotik des Patienten 
aufregt, und daß die Ratten das Geld darstellen. Sein Patient, der wußte, 
daß Ratten Träger von Infektionskrankheiten sind, verwandte sie als Sym- 
bole seiner Furcht vor einer syphilitischen Infektion, die er ihrerseits in 
Beziehung zum Penis brachte, der ja tatsächlich Träger dieser Krankheit 
ist. Wir wissen, daß die Furcht vor einer Krankheit eng verknüpft ist mit 
dem verdrängten Wunsch, schwanger zu werden. Die Ratten kommen wie 
die Fäzes aus schmutzigen Höhlen und die Vertauschbarkeit der Vorstellung 

1) Freud: Über einen Fall von Zwangsneurose. Ges. Schriften, Bd. VIII. 



HinJu-Mythologic und Kastrntionskoinplex 3g 



vom Heraus- und Hineingehen ist eine Tatsache, die allen Analytikern 
geläufig ist. Bei Freuds Patienten hatten die Ratten diese Bedeutung, vor 
allem aber die von Kindern. 

Was die Girlande von roten Hibiskusblüten oder die der Kali geheiligten 
Zauberblume angeht, so sagen Thompson und Spencer, daß rote Hibiskus- 
blumen der Kali dargebracht werden, weil sie die Farbe des Blutes haben. 
Ich möchte hier einen Vers aus Artur Avalons Hymnus auf die Göttin 
anführen : ' 

Ich nahm meine Zuflucht zu Tripurasandari, 

Der Gemahlin des Dreiäugigen, 

Über die man nachsinnen soll, im ersten Aufwallen ihrer mannbaren Jugend 

Ihr blaues Gewand von roten Blutstropfen befleckt. 

Smaretprathama Pushpinive, die „erste Blüte" haben, im selben sym- 
bolischen Sinn gebraucht, wie im Englischen. Der Pushpotsava ist das reli- 
giöse Fest, das bei den ersten Anzeichen der Pubertät gefeiert wird. 

Nach dem Glauben der Hindu 2 hängt die Farbe einer Göttin von der 
Form ab, in der sie betrachtet wird, und gerade dieses bietet eine gute 
Stütze für die psychoanalytischen Theorien von der Bevorzugung gewisser 
Farben. Und zwar wie folgt: 

Weiß — bei Erteilung der Freiheit. 

Rot — der Gewalthaber über Frauen, Männer und Könige. 

Safran — Gewalthaber über das Geld. 

Rosa — Leidenschaft der erschauernden Liebe. 

Lohfarben — Ursprung der Feindschaft. 

Schwarz — die Aktion des Erschlagens. 



i) Avalon: Hymns to the Goddess. S. 27, 59, 40, 115 und die entsprechenden 

Fußnoten. 

2) Avalon: Hymns to the Goddess, S. 7. Verschiedene andere Stellen dieser alten 
Hymnen haben eine Beziehung auf diese Studien. „Zwei lotosgleiche Brüste, duftend 
von Sandelholz, mit Aschen bedeckt, erzählend von Sivas Umarmung, erinnern an 
die rotgetünchten Tempel, triefend von Götterblut." — Samadasyakumbhan, der Götter 
Ichor, der den Schläfen des brünstigen Elefanten entsteigt, ein geschlechtlich an- 
ziehender Geruch; während im 25. Vers desselben Hymnus Kalis Haarreichtum, dessen 
Symbol schon besprochen wurde, hingestellt wird als ein Schwärm von Bienen, der 
über duftende Blüten hinsummt. — Karala-Vadana (weit offener Mund) ist Epithet der 
Kali, „starren Mundes, vierarmig, mit gelöstem Haar". — Karala-Vadanany gharang 
mukta-keshing chalurbhujam, wie der Kali dhyana lautet, das Karali-Kruse (grausam), wie 
auch die verschiedenen Bilder der Kali zeigen sicher, daß sie die Göttin der Grau- 
samkeit par excellence ist. 



4o C. D. Dnly 

Wir haben uns in unserer Studie über Kali hauptsächlich mit ihren 
schwarzen und roten Manifestationen beschäftigt. Es wird uns nicht ver- 
wundern zu finden, daß sie in Rot, einer der Symbole von Gefahr und 
Angst, Beherrscherin der Menschenwesen ist, wurde doch in früheren 
Zeiten die Menschheit hauptsächlich durch Angst und Schrecken regiert. 



) 



IV 

Der Jrenisneio 

Es ist nicht meine Absicht, in dieser Schrift eine erschöpfende Ab- 
handlung über die mannigfaltigen Aspekte des Kastrationskomplexes zu 
geben, sondern vielmehr diejenigen Punkte zu besprechen, die Bezug haben 
auf die hier vorgebrachte Theorie des chronologisch früher liegenden Kom- 
plexes, aus dem, wie der Autor glaubt, der Kastrationskomplex entstanden 
ist. Es scheint mir, als ob das regelmäßige Auftreten eines Phänomens, 
wie der Penisneid im sogenannten männlichen Protest, den Mann infolge 
des männlichen Narzißmus zu dem irrigen Glauben verleitet haben, daß 
der Penisneid primärer Natur sei, während er es tatsächlich nicht ist. So 
ist z. B. der Umstand, daß viele Frauen sich der Tatsache bewußt sind, 
daß gewisse Phänomene ihres Geisteslebens aus einem intensiven Wider- 
willen gegen ihr Weibsein entspringen, 1 der heute klinisch fast überall 
regelmäßig auf den Penisneid zurückgeführt werden kann, kein Beweis 
dafür, daß wir es mit einer primären Stufe in der Phylogenese zu tun 

haben. 

Der Verlust des narzißtischen Wertes ihrer Genitalien für die Frau ist 
ihr, wie man glaubt, durch den Mann aufgezwungen worden als Resultat 
seiner damit verbundenen Ängste, — phylogenetisch gesprochen, der Todes- 



1) Abraham.Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes. Internationale 
Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. VII (1921). 



43 C. D. Daly 

angst, und später in der religiösen Phase, der Angst vor der Kastration als 
Resultat einer Verletzung des Inzestgesetzes. Abraham weist daraufhin, daß 
bei Vollendung der Entwicklung des Weibes ihre Libido an die Idee der 
Erwartung, in Verbindung mit dem Manne gebunden ist. 1 Da ihre Ausdrucks- 
möglichkeit durch gewisse Verhinderungsmaßregeln unterbunden wird, _ 
nämlich durch das Schamgefühl, scheint kein bestimmter Versuch gemacht 
worden zu sein, den Ursprung dieses Schamgefühls zu erforschen und seine 
Quelle festzustellen, obwohl Abraham so weit geht zu sagen, daß „eine 
tägliche Beobachtung uns zeigt, wie häufig dieses normale Endziel der Ent- 
wicklung nicht erreicht wird . Diese Tatsache sollte uns nicht verwundern, 
denn das Leben einer Frau gibt Anlässe genug, die die Überwindung des 
Kastrationskomplexes schwierig gestalten. Wir beziehen uns auf diejenigen 
Faktoren, die die Kastration beständig ins Gedächtnis der Frau zurück- 
rufen. Die frühere Vorstellung von der Wunde wird wieder belebt durch 
den Eindruck, der durch die erste und jede folgende Menstruation und 
schließlich durch die Defloration hervorgerufen wird; denn beide Prozesse 
sind mit einem Blutverlust verbunden und erinnern an eine Verletzung. 2 
Ich spreche vorerst vom Entwicklungsmäßigen und nicht vom klinischen 
Standpunkt. Diese Verletzung war vielleicht das Resultat einer Versagung 
von seiten des Mannes, so daß das Verlangen der Frau nach dem Phallus 
unbefriedigt blieb und ihre Annäherungen, vorher so willkommen, nunmehr 
mit offensichtlichen Zeichen von Haß und Abscheu zurückgestoßen wurden. 
Dies ist natürlich eine Hypothese, die im Lichte der offensichtlichen 
Beweiskraft, die ihrer Stützung entspringt, gesichert zu sein scheint. Zweifellos 
gab es Zeiten, in denen die Tochter während der Pubertät nicht vergebens 
nach des Vaters Phallus verlangte, noch wurden die Anzeichen ihrer 
kommenden Bereitschaft zu gebären mit einer Gebärde des Ekels und des 
Abscheus entgegengenommen. Daß die Rache eine so große Rolle in den 
Charakterzügen der Frau spielt, scheint dem Verfasser nicht weiter er- 
staunlich zu sein, oder daß die Furcht vor der Rache der Frau einem ähn- 
lichen Charakterzug des Mannes entspreche, und schließlich ist es, im 
ganzen betrachtet, ein Glück für den Mann, daß der Mutterinstinkt der 
Frau in weitgehendem Maße der Aktivierung ihres verdrängten, archaisch 
erworbenen Racheinstinkts entgegenwirkt. Der Wunscherfüllungstyp und 
der Rachetyp der Frauen repräsentieren zwei Seiten des weiblichen Kastrations- 

1) Abraham, a. a. O. 

2) Abraham, op. cit. 



HinJu-Mytliologic und Kastrationskomplex ^3 



komplexes, die vermutlich in dem phylogenetisch früheren Menstruations- 
komplex ein gemeinsames Organ hatten. Wir dürfen uns vielleicht ge- 
statten anzunehmen, daß aus dem Wunsch der Frau nach dem Phallus in 
der Brunstzeit und der späteren größeren Freiheit, die der Mann genoß, 
allmählich der Wunsch entstand, Mann zu sein, einen Phallus zu haben 
wie er an Stelle einer Vagina, zusammen mit den Privilegien, die der Mann 
für sich selbst aufgehoben hatte, — kurz der Wunscherfüllungstyp. Während 
aus der Weigerung des Mannes, der verächtlichen Behandlung und den 
Zurücksetzungen, denen sich zu unterwerfen er die Frau veranlaßte zur Zeit 
ihrer natürlichen Neigungen und Offenbarungen, der Rachetyp entstand, der 
sogenannte „archaische" Typ. Abraham schreibt mit Bezug auf den Rachetyp 
(a. a. O. S. 438) : „Es sind zwei Tendenzen, die uns in verdrängter Form 
bei diesen Patientinnen mit großer Regelmäßigkeit begegnen: Das Verlangen 
nach Rache am Manne und das Begehren, sich das ersehnte Organ ge- 
waltsam zu nehmen, es also dem Manne zu rauben." Primitiven Frauen 
mag es wohl möglich gewesen sein, in ihren Reaktionen den Mann zu 
kastrieren, und wir können ganz sicher sein, daß sie es, wenn nicht in 
Wirklichkeit, jedoch oft in der Phantasie getan haben. Bei Frauen mit 
ausgesprochenen Kastrationskomplexen entsprechen die Neigungen i) den 
Liebhaber zu enttäuschen, 2) ihn zu demütigen, der Behandlung, die der 
Frau in Zeiten früher Vergangenheit durch den Mann zuteil geworden ist. 
Es scheint mir, als ob wir bei dem weiblichen Kastrationskomplex ebensoviel 
Nachdruck auf das hinzutretende Gefühl der Minderwertigkeit der weib- 
lichen Genitalien, wie auf den Penisneid zu legen hätten, denn es gibt 
Fälle in denen ersteres stärker ist, obgleich der Penisneid nicht zum Aus- 
druck kommt, während ein beträchtlicher teil der Vorstellung von der 
Wunde", die der infantilen Idee kastriert worden zu sein angehört, tat- 
sächlich auf den Wunsch der Frau zurückzuführen ist, den Vater oder sein 
Surrogat zu kastrieren, den sie nun gegen sich selbst wendet. Daher kommt 
das Schmerzgefühl in den eigenen Genitalien beim Anblick einer Wunde 
am Körper des Mannes, das vielleicht zu oft vollständig der Vorstellung, 
verletzt worden zu sein, zugeschrieben wird, die im Unbewußten gelegentlich 
nur eine geringe Rolle spielt. Vielleicht ist dies auch ein Resultat des 
Narzißmus des Mannes; er zieht es vor. von der Frau zu glauben, daß sie 
bei Nichtempfang seines eigenen Stolz- und Machtsymbols gedemütigt oder 
gar vernichtet werde, als daß sie unbewußt vor der Demütigung des Mannes 
Ekel empfindet. Der Verfasser hofft, daß seine Leser bemerken werden, daß es 
der Gegenstand der vorliegenden Diskussion ist, die Aufmerksamkeit auf die- 



44 C. D. Daly 

jenigen Faktoren zu lenken, die übersehen oder nurungenügend bemerkt worden 
sind, ohne den Anteil der offenbaren Komponenten des Kastrationskomplexes 
zu schmälern, die der psychoanalytischen Wissenschaft schon bekannt sind. 
Das oben beschriebene Phänomen steht in engster Beziehung zu dem, was 
Freud in seinem „Tabu der Virginität" beschrieben hat, wo jemand anderer 
die Defloration der Braut vollzieht, um die Rachereaktion gegen den Gemahl 
zu vermeiden, und zwar — dies sei hervorgehoben — zumeist der Vater 
oder ein Vaterersatz. Es scheint mir, daß nahezu jede Frau, wenn wir tief 
genug geforscht haben, an einem phylogenetisch erlangten Minderwertigkeits- 
gefühl leidet, das nach meiner Ansicht das Resultat der Verstoßung der Frau 
während der Menstruationsperioden ist, was die Tatsache erklärt, daß Schön- 
heit die narzißtische Wunde kompensiert, und auch teilweise auf Rechnung 
des Verlangens der Frauen nach Kleidung zu setzen ist. Dies aber ist wiederum 
nur die Ergänzung zu demselben Wunsche beim Manne; wünschen doch 
beide, das Häßliche zu verbergen und durch das Schöne zu ersetzen. Der 
Wunsch der Frau, den Mann auf die Erleichterung, die sie ihm bieten kann, 
warten zu lassen, kann wohl außer den Gründen, die durch die klinische 
Analyse ermittelt wurden, eine viel primitivere Basis haben, die mit der 
langen Entwicklungsperiode, während deren sie auf die Geneigtheit des 
Mannes, ihres Herrn und Meisters, zu warten hatte, zusammenhängt. Ich 
mache absichtlich auf eine besondere Seite der psychischen Entwicklung auf- 
merksam, aber ich möchte der Annahme begegnen, ich legte keinen Wert 
auf die zahlreichen psychoanalytischen Theorien, zu denen man auf medi- 
zinischem Wege im Zusammenhang mit dem Kastrationskomplex gelangt 
ist. Da es ja in Wahrheit ohne ausgiebige Beobachtung des Hineinspielens 
der verschiedenen Faktoren dieser menschlichen Komplexe unmöglich ge- 
wesen wäre, unsere Theorie zu formulieren, obwohl diese zum Teil durch 
die allmähliche Überwindung beträchtlicher interner psychischer Widerstände 
auf seiten des Verfassers, was gewissermaßen als bekräftigender Beweis an- 
gesehen werden kann, zustande kam. Karen Horney 1 stellt fest, indem sie 
sich auf die von mir oben teilweise besprochene Schrift von Abraham be- 
zieht: „Dennoch ist das bisherige Resultat der Untersuchungen, welches 
doch nichts weniger besagen würde, als daß die eine Hälfte des Menschen- 
geschlechts unzufrieden sei mit ihrer Geschlechtsrolle und diese Un- 
zufriedenheit nur unter günstigen Verhältnissen überwinden könne, nicht 



1) Karen Horney: Zur Genese des weiblichen Kastrationskomplexes. Internationale 
Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. IX. 



HinJu-Mytliologie und Kastrationskomplex 4^> 



nur für den weiblichen Narzißmus, sondern auch für das biologische Denken 
recht unbefriedigend." Eine Ansicht, mit der ich übereinstimme. In der 
Diskussion der geläufigen psychoanalytischen Theorien im Zusammenhang 
mit dem Penisneid liefert die Verfasserin eine sehr tief eindringende Analyse 
gewisser Aspekte, indem sie die Wichtigkeit des frühen Liebesbandes zwischen 
Tochter und Vater betont, als einer der frühesten Ursachen des Penisneides, 
sowohl in ontogenetischer wie auch phylogenetischer Hinsicht. Die Verfasserin 
versäumt jedoch, dies in Beziehung zu den frühen Tabus zu bringen, die 
im Dienste der Triebeinschränkung errichtet worden sind. Dennoch mußte 
sie der Lösung sehr nahe gewesen sein, als sie zu der Auffassung gelangte, 
daß die aktive und passive Koprophilie die Kräfte liefern, die die urethrale 
Erotik hervorbringen und erhalten. Die Tatsache, daß die Menstruation 
nicht erwähnt wird, gibt uns den Schlüssel zu der Hemmung, die die Ver- 
fasserin daran hinderte, sich dem Gegenstand von beiden Seiten zu nähern; 
denn ich setze schon als möglich voraus, daß die völlige Unterdrückung der 
Exhibition ihrer anschwellenden Organe eine der Grundursachen für den 
Penisneid der Frau ist, insbesondere wenn wir bedenken, daß der erigierte 
Phallus lange Zeit hindurch als Gegenstand des Stolzes und der Schönheit 
angesehen wurde, während die Frauen ihre Perioden als eine Ekel und 
Scham erregende Angelegenheit betrachten mußten und die geringste An- 
spielung darauf mit tiefster Demütigung bestraft wurde. Vielleicht entspricht 
es den Tatsachen, daß, je tiefer der Penisneid sitzt, desto größer das Ver- 
langen nach der Demütigung des Mannes ist, deren Grund und Ursache 
so vielen Spekulationen den Weg geöffnet hat. Karen Horney bemerkt, 
daß wie die Frau für den Mann das große Rätsel bleibt wegen der Ver- 
borgenheit ihrer Genitalien, ist der Mann für die Frau eben wegen der 
Sichtbarkeit ein Gegenstand heftigen Neides." Wir können, glaube ich, diesen 
Gedanken unbehelligt weiter verfolgen und sagen, daß dies anfänglich daher 
kommt, daß der Mann sein Verlangen nach dem Geschlechtsverkehr offen 
zeigen kann, während die Frau erst erforscht werden muß. Wir können 
den Einwand, daß kleinen Mädchen das Phänomen der Erektion nicht be- 
kannt ist, nicht akzeptieren, denn solche Naturtatsachen bleiben nie ver- 
borgen, ja sie erstehen in der Phantasie, wenn sie praktisch noch nicht 
erfahren worden sind. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß die Frau 
vor dem Tabu der Menstruation und des Gebarens schon unter 
dem Penisneid litt, da die Anzeichen ihrer Gebärbereitschaft 
genügten, um das „Besitzen" des Phallus, nach dem es sie ver- 
langte, herbeizuführen, während die Männer um das Vorrecht, 



^6 C. D. Daly 

sie zu besitzen und zu schwängern, kämpften. Wir können daher 
sagen, daß der Penisneid ph3 r logenetisch nicht primär ist, und daß eben- 
deshalb kein Grund besteht, warum mittels der Erziehung dieses Hindernis 
weiterer psychischer Entwicklung nicht mit der Zeit aufgehoben werden 
sollte, was vielleicht in Zukunft dadurch erlangt wird, daß man den Tat- 
sachen der Sexualität gegenüber ein gesundes Verhalten zeigt, das aller 
falschen Scham entledigt sein wird, die jetzt den ganzen Gegenstand um- 
gibt — eine der Hauptaufgaben der Psychoanalyse. 

Die Idee des Raubes, die der weiblichen Phantasie so geläufig ist, hat 
etwas Archaisches an sich und bezieht sich fast überall auf das Vatersurrogat, — 
jener groteske Vorgang, den Frauen in Träumen erleben, indem sie nämlich 
von Löwen oder anderen großen Tieren geschwängert werden, kann immer 
in diesem Sinne ausgelegt werden. In diesem Zusammenhang sagt Karen 
Horney: „Zahlreiche eindeutige Beobachtungen gleicher Art lassen es 
wichtig erscheinen, sich klar zu machen, daß das Kind in dieser ersten 
Phase auf Grund der — feindlichen oder freundlichen — Mutteridentifi- 
zierung als ontogenetische Widerholung einer phylogenetischen Periode eine 
völlige Besitzergreifung durch den Vater phantasiert, und daß es dieses in 
der Phantasie ebenso real erlebt, wie es einmal real gewesen ist, zu einer 
Zeit, wo alle Frauen in erster Linie dem Vater gehörten." 

Wir wissen, daß das natürliche Schicksal dieser Liebesphantasie ihre 
Verneinung durch die Wirklichkeit ist. In Fällen, in denen der Kastrations- 
komplex nachträglich dominiert, führt dieser Fehlschlag oft zu einer tiefen 
Enttäuschung, die ihre eindringlichen Spuren in der Neurose hinterläßt. 1 
Der Gegenstand der Identifikation ist von äußerster Wichtigkeit für das 
völlige Verständnis der Phänomene, die wir zu besprechen versuchen, doch 
davon wird ausführlich in einer späteren Schrift die Rede sein, in der wir 
den Zusammenhang zwischen Inzest, Penisneid, Kriminalität, Prostitution 
und Revolution aufzeigen werden, alles Dinge, die von der indischen Göttin 
Kali regiert werden. 

Eine der wichtigsten Ursachen des Penisneides ist die Enttäuschung beim 
Nichtempfang eines Kindes vom Vater, eine Reaktion auf die tiefste Quelle 
vergeblichen Inzestverlangens. Ich kann in dieser Beziehung nichts Besseres 
tun, als einen Teil der Geschichte eines Falles zu wiederholen, die von 
Karen Horney angegeben worden ist. Die Patientin Z. behält nach dem 
Verschwinden einiger zwangsneurotischer Symptome als letztes und hartnäckig- 



1) Karen Horney, op. cit. 



Hindu-Mythologie und Kastrationskomplex ^7 



stes Symptom „eine heftige Angst vor Schwangerschaft und Entbindung". 
Es erwies sich hier neben spät fortgesetzten Koitusbeobachtungen der Eltern 
eine Schwangerschaft der Mutter und die Geburt eines Bruders, als sie zwei 
Jahre alt war, als das entscheidende Erlebnis. Dieser Fall erschien lange 
Zeit so recht geeignet, die zentrale Bedeutung des Penisneides darzutun. 
Der Penisneid, der sich an den Bruder anknüpfte und die Wut gegen den 
Bruder, als den Eindringling, der sie aus der Position des einzigen Kindes 
verdrängte, wurden — einmal aufgedeckt — sehr affektvoll bewußt ver- 
treten; mit ihm alle Äußerungsformen, die wir als seine Folgeerscheinung 
zu sehen gewohnt sind. Also vor allem die Racheeinstellung gegen den 
Mann mit intensiven Kastrationsphantasien, die Ablehnung weiblicher 
Arbeiten und weiblicher Funktionen, insbesondere der Schwangerschaft, 
sowie eine starke, unbewußte Homosexualität. Erst als die Psychoanalyse 
unter den denkbar größten Widerständen in tiefere Schichten eindrang, 
zeigte es sich, daß der Penisneid zurückging auf einen Neid auf 
das Kind, das die Mutter und nicht sie vom Vater bekommen hatte, und 
daß er erst vom Kinde auf den Penis verschoben war". Das Resultat dieser 
sehr vollständigen Analyse war die Heilung der Patientin und die Wieder- 
aufnahme der weiblichen Rolle. Karen Horney weist darauf hin, daß hier 
der Mechanismus ganz klar zutage trat, den Freud entdeckt hat, daß näm- 
lich, nachdem der Vater als Liebesobjekt aufgegeben wird, die Objekt- 
beziehung regressiv durch eine Identifikation mit ihm ersetzt wird. — 
Etwa wie folgt: Verschiebung des Neides in bezug auf den Bruder und 
seinen Penis, Identifizierung mit dem Vater und Regression auf eine prä- 
genitale Phase. Dies alles wirkt in ein und derselben Richtung, nämlich 
den mächtigen Penisneid zu entfachen, der dann auch im Vordergrund 
bleibt und das ganze Bild zu beherrschen scheint. 

Ich glaube, es ist aus dieser sehr klaren Beschreibung des Prozesses 
offensichtlich, daß ein vergebliches Verlangen, vom Vater geschwängert zu 
werden ein Kind von ihm zu haben, eine der Hauptursachen des Penis- 
neides ist, und in dem antisozialen, rachedurstigen Verhalten, das als Be- 
gleiterscheinung auftritt, eine hervorragende Rolle spielt als Komponente 
des Kastrationskomplexes. 

In Karen Horneys Arbeit findet sich eine Äußerung, die sich meiner 
Meinung nach auf das tiefer liegende Phänomen bezieht, das an der Wurzel 
des Kastrationskomplexes der Menschheit liegt. Sie spricht von einer Patientin, 
deren Verlangen nach dem Penis völlig groteske Formen annahm. Das Ge- 
fühl, eine Wunde erhalten zu haben (die Phantasie des Raubes durch den 



48 C. D. Daly 

Vater resultiert in der Kastration), wurde hier auf andere Organe ver- 
schoben, so daß, als die zwangsneurotischen Symptome aufgelöst waren, 
das klinische Bild ausgesprochen hypochondrisch war. An diesem Punkt 
nahm der Widerstand die folgenden Formen an: „Es ist doch lächerlich, 
daß ich mich analysieren lasse, denn mein Herz, meine Lungen, mein 
Magen und mein Darm sind doch organisch krank." (Von mir ge- 
sperrt.) Ihre Assoziationen führten schließlich zu der Vorstellung, daß sie 
von ihrem Vater mit einer Krankheit geschlagen sei. 1 Karen Horney sagt 
dazu: „Ich sehe keine Möglichkeit, diesen Erscheinungen nur vom Penis- 
neidkomplex her gerecht zu werden — womit ich völlig übereinstimme, 
aber ich glaube, daß sie nicht tief genug geht, um zu der vollständigen 
Lösung zu gelangen. Die Verfasserin sagt, sie sei geneigt zu glauben, daß 
diese „Grundphantasie des durch die Liebesbeziehungen zum Vater Kastriert- 
seins" die zweite Wurzel des Kastrationskomplexes bei der Frau ist. 2 Ich 
glaube, daß diese Feststellung grundsätzlich richtig, aber unvollständig ist, 
obgleich der nächste Satz sie fast vervollständigt: „Die große Bedeutung 
dieser Kombination liegt darin, daß solcherart ein wichtigstes Stück ver- 
drängter Weiblichkeit auf das innigste mit Kastrationsphantasien verknüpft 
wird." Oder aber, wenn man vom Standpunkt des zeitlichen Nacheinander 
die Sache betrachtet, ist es die verletzte Weiblichkeit, die den Kastrations- 
komplex erwachsen läßt, und dann ist es eben dieser Komplex, der die 
weibliche Entwicklung (wenngleich nicht primär) stört. Hier haben wir 
wahrscheinlich die Grundbasis des rachedurstigen Verhaltens gegen den 
Mann, das so oft ein hervorstechender Zug ist bei Frauen, die Anzeichen 
des Kastrationskomplexes tragen. 3 

Bis hierhin stimme ich völlig mit der Autorin überein; und sie zeigt 
auch ganz folgerichtig, daß der Penisneid in der Psychoanalyse weit eher 
beschrieben wurde, als die tiefer verdrängte Phantasie, die den Verlust der 
männlichen Genitalien einem sexuellen Akt mit dem Vater als Partner 
zuschreibt. Ich glaube, daß wir trotzdem andere Faktoren auch in Betracht 
ziehen müssen, um dieses Rätsel vollkommen zu verstehen, i) In den 
Beschreibungen der Folklore von dem Ursprung der Menstruation ruft ent- 
weder eine Schlange oder ein Vatersurrogat den Erguß hervor. 2) Die 
Menstruation wird als ein organisches Übel angesehen, dem die Frau peri- 
odisch unterworfen ist. j) Der wichtigste Teil der zu erfassenden ver- 

1) Karen Horney, op. cit. S. 24. 

2) Karen Horney, op. cit. S. 24. 
5) Karen Horney, op. cit. S. 24. 



HinJu-Mytliologic und Kastrationskomplex 49 



drängten Weiblichkeit liegt in der Verdrängung ihrer Triebe, zur natür- 
lichen Zeit zu kohabitieren. 4) Die gefährlichste psychische Wunde, die 
überhaupt möglich war, entstand sicher, als der Mann begann, auf die 
Zeit der größten Schönheit und Anziehungskraft der Frau als auf eine 
unbegreiflich häßliche, Abscheu und Ekel erregende zu sehen. In der end- 
lichen Zusammenfassung ihrer Theorien sagt Karen Horney: „Denn es 
kommt dadurch die geschilderte Verknüpfung der Kastrationsvorstellungen 
mit den den Vater betreffenden Inzestphantasien gerade zu dem verhängnis- 
vollen Resultat, daß nun umgekehrt das Weibsein an sich als Schuld 
empfunden wird." 1 Aber warum sollte die Frau so fühlen? Des Verfassers 
Antwort darauf wird sich in einer demnächst erscheinenden Arbeit finden, 
die sich mit dem Menstruationskomplex befaßt. 



Karen Horney, a. a. O. S. 26. 



V 

SAU 

Die Todesangst der Hindu 

Die Muttergöttin Kali ist die schreckliche, gefürchtete Frau, die blutige 
Göttin, die Krankheiten verbreitet und die Kastration und den Tod der 
Männer verursacht, die alle Attribute besitzt, die der Mann in der Ver- 
gangenheit auf sie verschoben hat, und die ihm nun, wie er fürchtet, aus 
Rache all seiner Macht berauben und ihn so weit demütigen wird, wie 
er es in seinem Unbewußten zu verdienen glaubt; es ist die schreckliche 
Strafe, die der Sohn in seinen Phantasien auf den Vater überträgt. Wenn 
diese Deutung der Göttin des Hasses und der Zerstörung richtig ist, dann 
glaube ich, stützt sie meine Ansicht, daß die Rasse der Hindu in einem 
frühen Stadium menschlicher Entwicklung, welches der dunklen Vergangen- 
heit angehört, eine Fixierung erfuhr, und daß die Besonderheiten ihres 
Temperamentes, ihrer Kunst und ihrer Religion das Resultat von Subli- 
mierungen sind, die auf dieser Basis stattgefunden haben, was seinerseits 
einigen Aufschluß gibt über die Extreme ihrer geistigen Richtung, in denen 
ihre philosophische Doktrin verläuft. Der Hindu wird beherrscht und bestimmt 
durch die Furcht vor dem Tode, und wir mögen uns wenden, wie wir wollen 
und versuchen, was wir können, um auf den Grund der Hauptprobleme des 
menschlichen Seelenlebens zu gelangen, wir stoßen überall stets auf diese 
Todesangst als dem Ausgangspunkt dieser psychischen Systeme. 



Hindu-Mythologie und Kastrationskomplex 5l 



Während die Todesangst auf dem Hindu lastet, ist es immer Kali, die 
er um Hilfe anruft; und obgleich einige sich mit der Erklärung zufrieden 
geben, daß am Ende die menschliche Psyche in Augenblicken, die zu einer 
starken Regression zwingen, sich immer zu der Mutter, als der frühesten 
Quelle des Schutzes wendet, so erscheint für den Verfasser diese Erklärung 
doch nicht als zureichend, um diese intensive Todesfurcht und ihre nahe 
Verbindung mit der Mutter, die, wie eine genauere Analyse zeigt, das 
indische Gemüt charakterisiert, zu erklären. 

Ein Studium der hinduistischen Hymnen und der Tantras wird zeigen, 
daß in diesem Zusammenhang immer von Kalis bluttriefenden Füßen die 
Rede ist. Ramprasad Sen sagt: „Nimm diese Binde von meinen Augen, 
damit ich die Füße sehe, die die Furcht verbannten." * 

Ich glaube, daß diese Füße der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit ge- 
worden sind, als Resultat einer Verschiebung nach unten. Derselbe Autor 
schreibt in dieser Hymne, die „Sivas Sturm-Prozession" genannt worden 
ist: „Sieg, Sieg, Kali, rufen sie dir — die Verehrer und Anbeter sollen 
zittern, der blumengeschmückte Wagen ist am Himmel." Die Sym- 
bolik des blumengeschmückten Wagens wird auf meine Leser nicht ohne 
Eindruck bleiben. Die zahllosen Lobpreisungen ihrer Schönheit hören zu- 
meist auf mit einem Hinweis auf ihre bluttriefenden Füße. 

Da sie die Mutter der ganzen Welt ist, repräsentieren die menschlichen 
Köpfe um den Hals der Kali die Häupter ihrer Söhne, und als solche sind 
sie richtigerweise von bengalischen Dichtern unsterblich gemacht worden, 
wie das folgende Zitat beweist: 

„Häupter Deiner Söhne, jeden Tag aufs neue getötet, 
Hängen wie eine Girlande um Deinen Hals. 2 
„Schande Dir, Mutter, Schande Deinen bösen Wegen, 
Daß Du in Deinen tollen Freuden das Lebensblut 
Deiner Söhne um Dich spritzest. 
Wer kann eine solche Seele verstehen?" 3 

In der Einleitung wies ich auf das Leichentuch hin, das über der hin- 
duistischen Rasse hängt, und bemerkte dazu, daß, wenn wir ein Stadium 
im primitiven Leben aufzeigen könnten, in dem der Mensch sich von dem, 
was vorher seine größte Freude war, zu Furcht und Angst hinwandte, dann 

1) Thompson und Spencer, op. cit. S. 49. 

2) Nach der englischen Übertragung aus dem Ramprasad von E. J. Thompson 
und A. M. Spencer, enthalten in der religiösen bengalischen Lyrik, Saktu, S. 46. 

3) Daselbst S. 79. 

V 



&> C. D. Daly 

wären wir vielleicht imstande, dieses Rätsel zu lösen. In dieser Studie über 
die Hindugöttin und ihre verschiedenen Formen, besonders aber über Kali, 
die Zerstörerin, hoffen wir, das Geheimnis in einigem Ausmaß aufgedeckt 
zu haben. Ich kann weder die Bedingungen, unter denen der Hindu lebt, 
so niederdrückend sie ohne Zweifel sind, noch den analerotischen Faktor 
als ausreichend betrachten, um diesen bemerkenswerten Stand der Dinge 
in der hinduistischen Rasse zu rechtfertigen. Ramprasad sagt: „Meine 
Seele, warum so verdrießlich, wie ein mutterloses Kind? Wenn du in die 
Welt kommst, sitzt du brütend und sinnend und schauernd in der Furcht 
vor dem Tode — welcher Todesschrecken ist dieser, der in dir ist, du Kind 
des Mutterherzens aller? Was für eine Tollheit ist dies, welche Verrücktheit 
geradezu? Kind des Mutterherzens, was wirst du fürchten? Wonach sinnst 
du in vergeblicher Sorge?" 1 



Kali, die Schlaaitenkönigln 

„Immer tanzest Du in der Schlacht, o Mutter, 

Nie war einer schöner als Du, mit Deinem wehenden Haar 

Die Du tanzest, ein nackter Krieger auf Sivas Brust; 

Die Häupter Deiner Söhne, täglich von neuem getötet, hängen kettengleich 

um Deinen Hals. 
Wie sind Deine Hüften mit Menschenhänden geschmückt! Kleine Kinder Dein« 

Ohrringe ! 
Gedankenlos Deine herrlichen Lippen, und schön wie Kunda in voller Blüte 

Deine Zähne! 
Dein Antlitz glänzt, wie das der Lotosblume, und schrecklich ist sein ewiges 

Lächeln, 
Schön, wie die Regenwolken ist Dein Leib und vom Blute gerötet Deine Füße." 

Prasad sagt: „Mir ist, als tanze meine Seele. Nicht länger mehr können 
meine Augen solche Schönheit ertragen." Wir können, denke ich, die letzte 
Zeile getrost umkehren, um zu dem wahren Verständnis der schrecklichen 
Todesfurcht zu gelangen, deren höchster Ausdruck die Verehrung dieser 
Göttin ist. Hingegen äußert sich die Inzestfixierung in der letzten Hoffnung 
des Ramprasad: „Daß ich am Ende Ruhe finden möge zu deinen Füßen." 

Es ist eine der Besonderheiten unbewußter Vorgänge, daß Gegensätze 
stets durch ein und dasselbe Symbol dargestellt werden; deshalb dürfen 
wir annehmen, daß sie in der Vergangenheit auch synonym gewesen sind. 

1) Thompson und Spencer, S. 57. 



Hiiitlu-Mytliologie unJ KaAlrationskomplcx SS 



Ich weiß von keiner anderen Situation, außer der der Tabus der Menstrua- 
tion und des Gebarens, in der diese Zustände im Leben der Primitiven 
auffindbar wären und glaube demnach, daß die psychischen Erscheinungen, 
die als Grundlage der „Darstellung durch das Gegenteil" und der „Reak- 
tionsbildung" anzunehmen sind, zum guten Teil auf diesen Komplexen 
beruhen. Es handelt sich um den Konflikt zwischen Liebestrieb und Selbst- 
erhaltungstrieb und vielleicht (ich weiß nicht, ob ich schon so weit gehen 
kann) zwischen dem Lebens- und dem Todestrieb. Auf jeden Fall bin ich 
davon überzeugt, daß die Doppelnatur der Frau, wie sie aus Mythos und 
Folklore erwiesen ist, letzten Endes auf den Menstruations- und Geburts- 
komplex zurückzuführen ist. Freud begründet in seiner Analyse des Themas 
von den drei Kästchen die Ersetzung der Göttin der Liebe durch die Göttin 
des Todes folgenderweise : „Diese Ersetzung . . . war durch eine alte Ambi- 
valenz vorbereitet, sie vollzog sich längs eines uralten Zusammenhanges, 
der noch nicht lange vergessen sein konnte." „Die Liebesgöttin selbst, die 
jetzt an die Stelle der Todesgöttin trat, war einst mit ihr identisch 
gewesen. (Von mir gesperrt.) Noch die griechische Aphrodite entbehrt 
nicht völlig der Beziehungen zur Unterwelt, obwohl sie ihre chthonische 
Rolle längst an andere Göttergestalten, an die Persephone, die dreigestaltige 
Artemis-Hekate abgegeben hatte. Die großen Muttergottheiten der orienta- 
lischen Völker scheinen aber alle ebensowohl Zeugerinnen wie Vernich- 
terinnen, Göttinen des Lebens und der Befruchtung wie Todesgöttinen 
gewesen zu sein. So greift die Ersetzung durch ein Wunschgegenteil bei 
unserem Motive auf eine uralte Identität zurück. ' 

Wenn meine Mutmaßung richtig ist, haben wir damit die Lösung des 
Geheimnisses der fast immer gegenwärtigen Todesfurcht in der Psyche der 
Hindu gewonnen. Freud erinnert uns in seinem Essay „Zeitgemäßes 
über Krieg und Tod" 2 daran, daß es etwas Sekundäres war, was gewöhnlich 
für das Resultat des Schuldbewußtseins gehalten wurde, da die Schuld 
primär auf eine Übertretung des Inzestgesetzes zurückzuführen sei im 

animistischen Stadium der Entwicklung vor der Bildung des Ödipus- 
komplexes während einer späteren Entwicklungsperiode. 



i) Freud: Das Motiv der Kästchenwahl. Ges. Schriften, Bd. X, S. 255. 
2) Ges. Schriften, Bd. X, S. 315. 



54 C. D. Daly 

Das „Unheimliche und aas „Creneimnlsoolle 

Die unheimliche oder schreckeneinflößende Natur der Kali ist von nicht 
geringer Bedeutung für die Lösung unseres Problems. Freud hat schon 
das Gefühl des Unheimlichen zum Gegenstand einer besonderen Unter- 
suchung gemacht, so daß wir nichts Besseres tun können, als diese kurz 
hier wieder aufzurollen. Nach Freud gehört das Unheimliche zu all dem, 
was schrecklich ist, — zu allem, was Furcht und Schrecken hervorruft — 
zur Verdrängung. Es ist jene Art des Erschreckenden, die zu etwas uns 
sehr Bekanntem, einst sogar Vertrautem, zurückführt. Zu etwas, das ver- 
borgen geblieben sein sollte, und jetzt ans Lichl kommt. Freud analysiert 
daraufhin die Worte „heimlich und unheimlich", und nachdem er die 
verschiedenen Situationen, in denen das Gefühl des Unheimlichen geweckt 
wird, besprochen hat, stellt er endlich zwei Überlegungen an, die die 
wesentlichen Punkte seiner Untersuchung enthalten. 

„Erstens, wenn die psychoanalytische Theorie in der Behauptung recht hat, 
daß jeder Affekt einer Gefühlsregung, gleichgültig von welcher Art, durch die 
Verdrängung in Angst verwandelt wird, so muß es unter den Fällen des Ängst- 
lichen eine Gruppe geben, in der sich zeigen läßt, daß dies Ängstliche etwas 
wiederkehrendes Verdrängtes ist. Diese Art des Ängstlichen wäre eben das 
Unheimliche und dabei muß es gleichgültig sein, ob es ursprünglich selbst 
ängstlich war oder von einem anderen Affekt getragen. Zweitens, wenn dies 
wirklich die geheime Natur des Unheimlichen ist, so verstehen wir, daß der 
Sprachgebrauch das Heimliche in seinen Gegensatz, das Unheimliche übergehen 
läßt, denn dies Unheimliche ist wirklich nichts Neues oder Fremdes, sondern 
etwas dem Seelenleben von alters her Vertrautes, das ihm nur durch den 
Prozeß der Verdrängung entfremdet worden ist. Die Beziehung auf die Ver- 
drängung erhellt uns jetzt auch die Schellingsche Definition, das Unheimliche 
sei etwas, was im Verborgenen hätte bleiben sollen und hervorgetreten ist." 

Freud bringt sodann das Unheimlich-ungemütliche in Verbindung mit 
dem Tode, und hier nähert er sich sehr stark der endlichen und primären 
Analyse dieses Faktors oder dem, was ich dafür halte. Aber bevor ich 
diese endliche Lösung hinzufüge, möchte ich einige wenige Auszüge aus 
der oben erwähnten Schrift machen, von denen die ersten beiden in der 
umgekehrten Ordnung wie in der Originalschrift erscheinen. 

_ «Abgetrennte Glieder, ein abgehauener Kopf, eine vom Arm gelöste Hand 
wie in einem Märchen von Hauff, Füße, die für sich allein tanzen wie in 



1) Der Autor hat diese Diskussion des Unheimlichen eingeschoben, als diese 
Schrift schon geschrieben war, nach der Lektüre von Freuds Abhandlung über diesen 
Gegenstand. Freud, Ges. Schriften, Bd. X, S. 56g. 



Hiiidu-Mytliologic und Kastratioiiskomplcx äö 



dem erwähnten Buche von A. Schaeffer, haben etwas ungemein Unheim- 
liches an sich, besonders wenn ihnen wie im letzten Beispiel noch eine selb- 
ständige Tätigkeit zugestanden wird. Wir wissen schon, daß diese Unheimlich- 
keit von der Annäherung an den Kastrationskomplex herrührt. Manche Menschen 
würden die Krone der Unheimlichkeit der Vorstellung zuweisen, scheintot 
begraben zu werden. Allein die Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß diese 
schreckende Phantasie nur die Umwandlung einer anderen ist, die ursprünglich 
nichts Schreckhaftes war, sondern von einer gewissen Lüsternheit getragen 
wurde, nämlich der Phantasie vom Leben im Mutterleib." 

Ich stimme mit dieser Feststellung völlig überein, möchte aber das 
Phänomen des Menstruationskomplexes (und im geringeren Grade das der 
Schöpfung) der frühen animistischen Periode als primärsten Faktor unter 
allen angesehen wissen, denn diese waren es, die den Menschen auf dem 
Wege über das Inzestgesetz von Angesicht zu Angesicht dem Tode gegen- 
überstellen. Bei der Menstruation haben wir die Tatsache, daß etwas Ver- 
drängtes zurückkehrt und immer wieder zurückkehrt, trotzdem gerade in 
diesem Zusammenhang wir es mit dem Beispiel der hartnäckigsten Ver- 
drängungsarbeit zu tun haben, das uns die Geschichte der Menschheit bietet. 
Freud weist auf die ambivalente Beziehung des männlichen Patienten 
zu den weiblichen Genitalien hin (ein Gegenstand, über den Abraham 
eine sehr genaue Beobachtung angestellt hat), als auf ein schönes Beispiel 
seiner Theorie vom Unheimlichen, da doch der unheimliche Ort das 
frühere Heim jedes menschlichen Wesens ist. Man braucht nur diese 
Gedanken in Verbindung mit dem Inzestgesetz und dem Menstruations- 
komplex zu bringen, um die Theorie zu vervollständigen, denn sie geben 
die Ursache für die Verdrängung von Gedanken, die früher zu des Men- 
schen größtem Vergnügen gehört haben müssen. Wir können das tun, 
gestützt auf zwei in dieser Schrift angeführte Beispiele von visuellen und 
Geruchstimuli, auf die ich in meiner früheren Schrift über „Psychologische 
Beaktion auf Geruchstimuli" hingewiesen habe. 

Freud führt einen Fall an, in dem er das Gefühl des Unheimlichen 
selbst erfuhr, und der in ihm jenes Gefühl der Hilflosigkeit erweckte, die 
man zuweilen in Träumen hat. Er sagt: 

„Als ich einst an einem heißen Sommernachmittag die mir unbekannten, 
menschenleeren Straßen einer italienischen Kleinstadt durchstreifte, geriet ich 
in eine Gegend, über deren Charakter ich nicht lange im Zweifel bleiben 
konnte. Es waren nur geschminkte Frauen an den Fenstern der kleinen Häuser 
zu sehen, und ich beeilte mich, die enge Straße durch die nächste Einbiegung 
zu verlassen. Aber nachdem ich eine Weile führerlos herumgewandert war, 
fand ich mich plötzlich in derselben Straße wieder, in der ich nun Aufsehen 



56 C. D. Daly 

zu erregen begann, und meine eilige Entfernung hatte nur die Folge, daß 
ich auf einem neuen Umwege zum dritten Male dahingeriet. Dann aber erfaßte 
mich ein Gefühl, das ich nur als unheimlich bezeichnen kann, und ich war 
froh, als ich unter Verzicht auf weitere Entdeckungsreisen auf die kürzlich 
von mir verlassene Piazza zurückfand." 

Es besteht nun die Frage, was die primäre Ursache dieses unheimlichen 
Gefühls sei. Wir erklären es mit Hilfe der psychoanalytischen Theorien, 
d. i. mit demjenigen der Verdrängung und der Verschiebung, der Anziehung, 
der Abstoßung und der Wiederkehr. Die gemalten Gesichter 1 stellten 
eine Verschiebung von unten nach oben dar, und zwar dessen, was einst 
für den Mann der größte Anziehungspunkt gewesen war und später Gegen- 
stand seiner größten Furcht wurde — der geschwollenen und roten weib- 
lichen Genitalien. Die Rückkehr zu derselben Örtlichkeit berührte diesen 
alten Verdrängungskomplex an seinem schwächlichsten Punkt — die un- 
widerstehliche Anziehung und ihre Rückkehr. 

Es ist nunmehr nötig, diesen Faktor des Menstruationskomplexes in 
Beziehung zu der Theorie von der Zwangswiederholung zu bringen, in 
bezug auf welche Freud schreibt: 

„Im seelisch Unbewußten läßt sich nämlich die Herrschaft eines von den 
Triebregungen ausgehenden Wiederholungszwanges erkennen, der wahrscheinlich 
von der innersten Natur der Triebe selbst abhängt, stark genug ist, sich über 
das Lustprinzip hinauszusetzen, gewissen Seiten des Seelenlebens den dämoni- 
schen Charakter verleiht usw." 

Alles in allem bereitet uns das Vorangegangene auf die Entdeckung 
vor, daß, was immer auch an diesen inneren Wiederholungszwang erinnert, 
das Gefühl des „Unheimlichen" erregt. Ich bedauere, daß mir der Raum- 
mangel nicht gestattet, dieses interessante Thema in diesem Zusammen- 
hang weiter zu verfolgen. Wir haben uns jetzt mit einem anderen Beispiel 
des Unheimlichen zu befassen, das Freud anführt. Es handelt sich um 
eine Geschichte, aus dem englischen Magazin „Strand", in der erzählt 
wird, „wie ein junges Paar eine möblierte Wohnung bezieht, in der sich 
ein seltsam geformter Tisch mit holzgeschnitzten Krokodilen befindet. Gegen 



1) Wir finden das Folgende in den Anmerkungen, die zu der Prophezeiung des 
Enoch gegeben worden sind. Man nahm von der Welt an, daß sie voll von bösen 
Geistern sei, von denen einige Engel waren und in der antidiluvialen Welt mit den 
Töchtern der Menschen vereinigt worden waren, und die, da ihnen gelehrt worden 
war, Wolle zu färben und sich sogar die Gesichter zu malen, zu ewigen Leiden 
verurteilt worden seien. Lecky, Aufkommen und Einfluß des Rationalismus in Europa, 
S. 6 f. 



Hlndu-MytLologic uuJ Kastra tionskomplc x 07 



Abend pflegt sich dann ein unerträglicher, charakteristischer Gestank in 
der Wohnung zu verbreiten, man stolpert im Dunkeln über irgend etwas, 
man glaubt zu sehen, wie etwas Undefinierbares über die Treppe huscht, 
man soll erraten, daß infolge der Anwesenheit dieses Tisches gespenstische 
Krokodile im Hause spuken, oder daß die hölzernen Scheusale im Dunkeln 
Leben bekommen oder etwas Ähnliches. Es war eine recht einfältige Ge- 
schichte, aber ihre unheimliche Wirkung verspürte man als ganz hervor- 

ragend . 

Diese Erzählung gibt zwei Faktoren an, die ich als Quellen des Un- 
heimlichen hingestellt habe, Menstruation und Erektion und die Lust in 
Beziehung auf erstere, die eine der tiefsten Verdrängungen des Mannes 
darstellt. Sie manifestiert sich hier in dem typischen Geruch, der die 
Wohnung durchzieht. 

Alle die Elemente, auf die ich hier hinwies, sind in den JfoK-Bildern 
symbolisiert — Erektion — Menstruation — Tod. 

Im Schlußteil dieser Schrift schreibt Freud: 

„Das Unheimliche des Erlebens kommt zustande, wenn verdrängte infantile 
Komplexe durch einen Eindruck wieder belebt werden, oder wenn überwundene 
primitive Überzeugungen wieder bestätigt scheinen. Endlich darf man sich durch 
die Vorliebe für glatte Erledigung und durchsichtige Darstellung nicht vom Be- 
kenntnis abhalten lassen, daß die beiden hier aufgestellten Arten des Unheim- 
lichen im Erleben nicht immer scharf zu sondern sind. Wenn man bedenkt, daß 
die primitiven Überzeugungen auf das innigste mit den infantilen Komplexen zu- 
sammenhängen und eigentlich in ihnen wurzeln, wird man sich über diese Ver- 
wischung der Abgrenzungen nicht viel verwundern. 

Der M.enstfuationskomplex 

Es scheint mir, daß die „Menstruationstabus" von viel größerer Wichtig- 
keit sind, als wir vormals angenommen haben, und weit zurück in der Ver- 
gangenheit der Menstruationskomplexe hinter zahlreichen Phänomenen liegt, 
die wir gewöhnt sind, dem Kastrationskomplex zuzuschreiben. Er ist, chrono- 
logisch gesehen, in der psychischen Entwicklung des Menschen ein früher- 
liegendes Phänomen, das dem animistischen Entwicklungsstadium angehört. 
Der Kastrationskomplex, wie wir ihn jetzt kennen, gehört der religiösen Phase 
an, und die Tatsache, daß beide in der Gestalt der Kali vereinigt sind, ist 
vielleicht auf die Regression zurückzuführen, der die hinduistische Rasse 
unterlag auf Grund ihrer anormalen Reaktion auf den späteren Kastrations- 
komplex, der sie zu einer Rasse machte, die von Besessenheiten und Zwangs- 



58 



C. D. Daly 



Vorstellungen ähnlicher Natur beherrscht wird, wie die, die wir bei den 
Neurotikern gefunden haben. Es gibt reichlich Beweise, um zu zeigen, daß 
die hinduistische Religion viel psychisches Material enthält, das dem Zeit- 
alter der Geister und der Magie angehört, weswegen seine Analyse uns 
auch viel direkter zu einigen tiefer liegenden Problemen führt. Das erklärt, 
denke ich, die Art, in der die europäischen Völker geneigt sind, sich von 
dem Versuch abzuwenden, ihre Rätsel zu lösen. Seine sehr primitive Natur 
zeigt nur zu klar ihre eigenen Verdrängungen. 

Die Psychologie des weiblichen Geschlechtes war von jeher dunkler als 
die des männlichen. Wir dürfen, glaube ich, vermuten, daß die Genese 
des männlichen Protestes in der Frau teilweise auf eine Reaktion auf das 
Menstruationstabu zurückzuführen ist. Denn, um es nochmals zu betonen, 
der Frau ist auf der Höhe ihrer Wünsche der Phallus versagt geblieben,' 
nach dem es sie verlangte. Aber nicht nur das, vielmehr wurde sie zu der 
Zeit, da sie für den Verkehr mit dem Manne reif war und voraussichtlich 
höchst anziehend gewesen wäre, von ihm behandelt, als sei sie physisch 
Abscheu erregend und unnahbar; während sie anderseits, wenn sie ihre 
natürlichen Instinkte benützte, um den Mann zu versuchen, damit er ihr 
Verlangen befriedige, der unvermeidlichen Bestrafung durch den Tod ent- 
gegensah. 

Freud 1 hat darauf hingewiesen, daß „die unzähligen Tabuvorschriften, 
denen die Frauen der Wilden während der Menstruation unterliegen, durch 
die abergläubische Scheu vor dem Blute motiviert werden und in ihr wohl 
auch eine reale Begründung haben". Wenn der Anblick von Blut Tod be- 
deutet, dann hat er für die Wilden einmal Leben bedeutet. Blut ist aufs 
engste mit der Fruchtbarkeit in der Menschenseele verknüpft, was aus den ver- 
schiedenen Riten erhellt, in denen um die Erhaltung der Fruchtbarkeit der 
Felder gebeten wird. Aber darüber hinaus hat das Blut direkte Beziehungen zur 
Schwängerung, nahm man doch im primitiven Leben an, daß das Leben 
ganz allgemein dem Blut entspringe, — wie auch die Schlangenbrut der 
Medusa dem Blut entspringt, das aus ihrem abgetrennten Haupte fließt. 
Wenden wir uns aber zu einem der Gegenstücke der Kali, so finden wir, 
daß diese Göttin dargestellt wird, als habe sie ihr eigenes Haupt abge- 
schlagen und halte es in der linken Hand, während sie mit dem Mund 
einen Blutstrom auffängt, das blutige Schwert, mit dem sie die Tat voll- 
brachte, in der Rechten schwingend. Zwei weitere Blutfontänen werden von 



1) Freud: Totem und Tabu. Ges. Schriften, Bd. X, S. 121. 



Hindu-Mythologie und Kastrationskomplex 69 



zwei ihrer Untergebenen mit dem Munde aufgefangen. Diese halten in der 
Linken mit Blut gefüllte Gefäße und in der Rechten blutige Messer. Sie 
alle tanzen auf den Leibern eines menschlichen Liebespaares. Das Messer 
stellt in diesem Fall die Parallele zu der Schlangensymbolik dar, die wahr- 
scheinlich auch das Haupt der Göttin, während ihr blutiger Nacken und 
die mit Blut gefüllten Gefäße wahrscheinlich die menstruierende Vagina 
darstellen. Die Göttin macht so sich selbst und ihr Geschlecht durch ihre 
eigene Kastration vom Manne unabhängig. Der Nichtbesitz des Phallus wird 
als Beraubung aufgefaßt, — diese Gabe, die der Vater ihr hätte doppelt geben 
können, wenn er gewollt hätte. Das ist eine Seite des „männlichen Protestes" 
der Frauen, der, wie ich glaube, in erster Linie daher rührt, daß der Frau die 
Befriedigung in der animistischen Periode versagt wurde, da der Mann sich 
der Frau auf Grund seiner Furcht vor dem Inzesttabu vorenthielt. Wir dürfen 
ganz gewiß sein, daß dieses Tabu aus einem Verbot entstand, das vom Manne 
und nicht von der Frau aufgestellt wurde, und daß die Frau nur hinein- 
gezogen wurde auf Grund ihrer untergeordneten Stellung, in der sie sich 
den Anordnungen des stärkeren Geschlechtes zu unterwerfen hatte. 

Obgleich wir gewöhnlich finden, daß die Traumen der Individual- 
neurose in einer Periode auftreten, die fast genau den Parallelen in der 
Kindheit der Rasse entspricht, so vermute ich doch, wegen der Erbveran- 
lagung, die sich auf der einen, und wegen der rezessiven Züge gewisser 
Phänomene, die sich auf der anderen Seite entwickelt haben, daß bei den 
Europäern die Kastration und andere Traumen zuweilen in früheren Stadien 
der Entwicklung stattgefunden haben, als ihre Parallelen bei unseren wilden 
Vorfahren. (Ich möchte diese Ansicht nicht restlos vertreten, sondern sie viel- 
mehr als Anregung aufgestellt haben, um sie in der analytischen Praxis zu 
untersuchen oder zu bestätigen.) 

Wir haben früher nicht gewußt, was hinter der Intensität der Kastrations- 
ängste lag. Wir nahmen, natürlich in Anbetracht der allseitigen schlagenden 
Beweise, an, daß die Angstvorstellung der Kastration ein Ergebnis der Inzest- 
versuchung sei, ohne zu vermuten, daß weit zurückliegend in der Vergangen- 
heit ein sehr stark wirkender Faktor existiert habe, der inzwischen über- 
überlagert geworden sei. Ich stütze mich hiebei auf den Kastrationskomplex 
des primitiven Menschen. Vielleicht gaben wir uns mit dem Gedanken zu- 
frieden, daß die Vagina eine Wunde symbolisiere und deshalb den Knaben 
an die Kastration erinnerte, ohne zu bedenken, daß das in sich eine un- 
genügende Erklärung für eine solche Intensität sei, wenn sie nicht auf etwas 
im primitiven Leben noch Fundamentaleres basiert wäre. Die Kastration selbst 



^ D "ly= HmJu-Mytliologlc u nj Kastratloiukomplcx 

scheint keine primäre Angstvorstellung in der Geschichte der Rasse zu sein, 
aber sie entstand, wie ich glaube, in der späten amnestischen und frühen 
religiösen Phase der Entwicklung, während die Todesfurcht auf die Angst- 
vorstellung des Verlustes des Phallus' verschoben wurde. Ich stelle nunmehr 
die Theorie auf, daß der größte geistige Konflikt, mit dem die Menschen 
zu kämpfen hatten, aus dem Wunsche nach der Vereinigung während der 
weiblichen Menstruationsperiode und aus der Todesfurcht, als Folge dieses 
Wunsches, resultierte. 



«J„ 5 glb ' e,ne t?. VOn Träumen, in der der Träumende seinen Phallus in der 

ZJ£a iT 7 e ™ opfert Das Motiv dafür ist: » Nimm mein Genita]e - ■*«* 

h hZ h ^ entStehen auf dem We ? e üb« den Selbst- 



Inhaltsverzeichnis 

Seit..' 

I) Einleitung 3 

A) Allgemeines und Psychologie der Hindu 5 

B) Die Abspaltung 5 

C) Kurze Analyse gewisser Bestandteile des Hinduismus 9 

D) Die Rückkehr zu den analen Interessen und die Fixierung in ihnen 

als Resultat der Kastrationsangst > 5 

E) Ambivalente Einstellung zu den weiblichen Genitalien 14 

II) Die hinduistische Göttin Kali »7 

A) Allgemeine Beschreibung der Göttin und ihrer Attribute 17 

B) Lha-Mo, das tibetanische Gegenstück zu Kali 21 

C) Bemerkungen zu einer hinduistischen Abhandlung über Kali ... 25 

III) Der Kalisymbolismus 2 9 

IV) Der Penisneid 4 l 

V) Schluß 5° 

Die Todesangst der Hindu 5° 

Kali, die Schlachtenkönigin 5 2 

Das „Unheimliche" und das „Geheimnisvolle" 5+ 

Der Menstruationskomplex 57 



TH EODOR REIK 

GESTÄNDNI SZ¥AN G 

UND 

STRAFB EDÜRFNIS 

PROBLEME DER PSYCHOANALYSE 
UND DER KRIMINOLOGIE 

Geheftet M 8 '— , Ganzleinen M 10'— 

Inhalt: Der unbewußte Geständniszwang / Wiederkehr des Ver- 
drängten / Tiefendimension der Neurose / Der Geständniszwang in 
der Kriminalistik / Psydioanalytisdie Strafreditstlieorie / Der Ge- 
ständniszwang in Religion, Mythus, Kunst und iSpradie / Entstehung 
des Gewissens / Kinderpsydiologie und Pädagogik / 
Der soziale Geständniszwang 

Die hochinteressante Arbeit eines tiefgründigen Denkers und scharfen Beob- 
achters, deren große Bedeutung für die Weiterentwicklung der Psychoanalyse 
die Zukunft zeigen wird. (Österreichische Richterzeit ung) 

Kein Leser wird sich dem Ernst entziehen können, mit dem Reik den selt- 
samen Kontrast zwischen äußerer Selbstgerechtigkeit des Menschen (als Einzel- 
nen wie als Kollektivum) und dem inneren Selbstgericht aufdeckt, der den 
Leitfaden der echten sittlichen Entwicklung bildet. (Bücherrundschau) 

Vermittelt über die letzten Wurzeln des Geständnis- und Bestrafungstriebes 
bei Neurotikern viele überraschende und originelle, sicher auch einst frucht- 
bar werdende Einsichten. (Zentralblatt f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie) 

Reik versteht es in glänzender Weise, seine Hypothesen vorzutragen. Ein 
bewundernswerter Glaube an die Bedeutung der Psychoanalyse läßt ihn zur 
höchsten Höhe einer optimistischen Zukunftshoffnung aufsteigen. 

(Prof. Friedländer in der Umschau) 



Internationaler Psychoanalytischer Ve r 1 a g 
Wien VIT, Andreasgassc 3 



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