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Full text of "Der Menstruationskomplex. Eine psychoanalytische Studie"

C. D. Daly 

(Quetta, Beluasdiistan) 



J3er jV^Lenstruationskomplex 



Ivine psychoanalytische »jtudie 



internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Leipzig / ~Wi en / Zürich 



•■ - . 

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kl 



87 02Zo\UKon 



JL/er JN^enstruationskomm 



Knie psychoanalytisdie orudie 



von 



C D. Daly 

Quetta, Deluascmstaii 



SonderabJruck aus „Imago, ZeitsJirift für Anwendung der 
JPsydioanalyse auf die Natur- und Creisteswissenschaften 
(herausgegeben von bigm. Freud), Dd. 2LL V (lp»8J 



Bibliothek d^s Da^irsanalytlscheii 
Institutes fO npto und 

Psychosomatik, I ■'-'■ ■<■ Boss-Stiftung 
SonneggslruSSv3 55, 6006 Zürich 



1938 

Internationaler Psydioanalytiscker Verlag 

Leipzig / "Wi c n / Züridi 



J INTERNATIONAL 
PSYCHOANALYTIC 
UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Aus dem englischen Manuskript übersetzt von Peter Mendelssohn 



Alle Rechte vorbehalten 



Druck : Christoph Reisser's Söhne, Wien V 



Vorbemerkung 

Die folgende Schrift ist eine Fortsetzung der psychoanalytischen Deutung 
der Gestalt der indischen Göttin Kali 1 und umfaßt eine Erweiterung der 
Freudschen Tabutheorie. Es sollen in dieser Schrift verschiedene Punkte 
in ihrer Beziehung zu ihrer nach meiner Theorie allen gemeinsamen primären 
Basis, dem Menstruationskomplex, beleuchtet werden. Diese Basis muß be- 
reits in einer primitiven Lebensstufe erstmalig wirksam gewesen sein und 
konnte wohl nur durch unbewußte Motive so lange übersehen oder wenig- 
stens unterschätzt werden. 

Erforschung und Verständnis der primären psychischen Faktoren sollen 
aber nicht durch irrationale Motive behindert werden. 

Es ist wahrscheinlich, daß der Menstruationskomplex wesentlich mit- 
gewirkt hat an der Vertiefung des Unterschiedes zwischen dem Verhalten 
des Menschen und dem der übrigen Tierwelt. Das primäre Ich wird nun 
durch einen tiefen Konflikt zerspalten, wobei eine Seite, und zwar die anti- 
soziale, einer allmählichen Verdrängung unterliegt, während die andere, ver- 
drängende, sich als Tabugefühl äußert ; die Verdrängung der Triebe wird an 
inneren Veränderungen sichtbar, die von der Außenwelt auferlegt zu sein 
scheinen; so beginnt die animistische Entwicklungsphase. Der Wert dieses 
Konfliktes als eines Faktors der Entwicklung scheint darin zu liegen, daß 
er den archaischeren Wiederholungszwang, von dem die Tierwelt beherrscht 
wird, und der auch den Menschen zwingt zu denken, ehe er handelt, im 



l) Dalv: Hindu-Mythologie und Kastrationskomple*. Imago XIII (1927), S. 145 fr. 



C. D. Daly 



Innersten stark erschütterte. Dieser innere Konflikt wird dann in die Außen- 
welt projiziert; die Welt ist dann nicht nur voll von jenen vergleichsweise 
einfachen und harmlosen Realgefahren, deren Bekämpfung Angelegenheit 
des Selbsterhaltungstriebes ist, sondern es finden sich in ihr auch alle jene 
spirituellen Projektionsgefahren, deren Schrecklichkeit sich der normale zivili- 
sierte Mensch gar nicht mehr annähernd vorzustellen vermag. 



I 

Eine Erweiterung der psychoanalytischen 
Entwicklungstheorie 

Die Hemmung 

In zwei vorangegangenen Schriften habe ich bereits auf bestimmte 
Phänomene hingewiesen, die noch hinter so vielem verborgen liegen, das 
selbst bisher für uns unerklärlich war; in meiner ethnologischen Beschreibung 
der hinduistischen Göttin Kali finden sich in bezug darauf die folgenden 
Bemerkungen: „Obgleich sie eine so zarte Bezeichnung wie die der Mutter 
trägt, wird sie doch weit eher gefürchtet und muß als Quelle allen Übels 
ausgesöhnt werden, als daß sie als Segenspenderin geliebt wird; und ob- 
gleich man von ihr annimmt, daß sie. die Zerstörerin der Furcht sei, soll 
sie doch einen besonderen Geruch an sich haben, der eben jene Furcht im 
Menschen erweckt." Wir hoffen zeigen zu können, daß das Verständnis für 
diesen Widerspruch möglich wird auf dem Wege über die Erkenntnis von 
Ursprung und Natur des Menstruations- und Gebärtabus. Havelock Ellis 1 
sagt in seiner interessanten Schrift über den „Einfluß der Menstruation auf 
die Stellung der Frau", daß die Menstruation eine emotionale Atmosphäre 
schafft, durch die der Mann die Frau sieht, und die bis jetzt noch nicht 
völlig geklärt und durchschaut ist. 

Fast die ganze Tierwelt scheint beeinflußt zu werden von dem, was wir 
hypnotische, den Sexualtrieb erregende Gerüche nennen möchten. Sie ent- 
strömen den weiblichen Tieren zur Zeit der Brunst. Es wird in der Wissen- 
schaft ganz allgemein angenommen, daß die Brunst der Tiere biologisch 

1) H. Ellis: Studies in Psychology of Sex. Bd. 1, Anh., S. 284. 






g CD. Daly 

der Menstruationsperiode der Frau entspricht. Die weiblichen Genitalien 
bilden außerdem höchst wahrscheinlich für den primitiven Mann einen 
visuellen Reiz. Diese zwei Stimulantien, Geruchs- und Gesichtsreize, müssen 
für unsere primitiven Vorfahren die hervorragendste Quelle der Versuchung, 
das Inzesttabu zu verletzen, gewesen sein, also zum Verbrechen gegen die 
ältesten Gesetze der Menschheit, dessen Aufdeckung den unmittelbaren Tod 
bedeutete. Deshalb mußten diese beiden Quellen der frühen Lustvorstellungen 
mit dem Begriff der Furcht in Zusammenhang gebracht werden. Sie wurden 
für den primitiven Menschen schließlich zu schrecklichen Mahnern an die 
Konsequenzen, die aus einer Schwäche den starken Versuchungen gegen- 
über entsprängen. So wurde der Geruch und der Anblick des weiblichen 
Genitale, die beide von der größten Anziehungskraft für den Mann gewesen 
waren, und der Teil des weiblichen Körpers, der ein Zentrum der Schönheit 
gebildet hatte, mit der größten Furcht des Mannes verbunden; und nun 
folgt die Verdrängung der Triebwünsche und die Verschiebung der Angst, 
wobei der Mensch sich zu dieser Zeit im Gegensatz zu der übrigen Tierwelt 
den Wunsch nach dem Koitus versagte. 1 






FolJcloristisches zum Ursprung der Menstruation 

Eine allgemeine frühe Vorstellung über den Ursprung der Menstruation 
besagt, daß sie die Folge eines männlichen Angriffs sei, der in einem Raub 
gipfelte. In der Folklore und in der Mythologie der meisten Länder wird 

l) Es ist immerhin eine anerkannte und bedeutungsvolle Tatsache, daß das Trieb- 
verlangen der Frau oft gerade besonders auffällig während ihrer Periode zutage tritt. 
H Ellis führt eine Anzahl von Autoritäten an, die diese Tatsache bestätigen. Sir 
W F Wade sagt in seinem Ingleby „Lectures": „Ich bin überzeugt, daß es möglich 
ist zu beweisen, daß in einigen Fällen die Heftigkeit der Begierde während der tat- 
sächlichen Zeit der Periode ihr Maximum erreicht, und ich vermute, daß Fälle vor- 
kommen, in denen sie, wenn nicht ganz, so doch zum größten Teil, auf diese Zeit 
beschränkt ist." (Lancet, 5. Juni 1*86.) Ellis schreibt: „Die Tatsache, daß eine so 
kardinale Beziehung zu dem Sexualleben der Frau von den meisten Autoren über- 
sehen oder ignoriert worden ist, stellt einen eigentümlichen Beweis für eine allgemein 
herrschende Ignoranz dar. Diese Ignoranz ist besonders dadurch gehegt und gepflegt 
worden, daß die Frauen sich selbst oftmals ihre Gefühle verheimlichen. Eine Dame sagte 
einmal, daß sie während der Menstruationsperiode zum Koitus durchaus bereit ge- 
wesen sei, daß aber die Vorstellung von der Unerfüllbarkeit dieses Wunsches sie ver- 
anlaßt habe, sich diesen Gedanken wieder aus dem Kopfe zu schlagen. Ich habe Grund 
zu der Annahme, daß diese Feststellung eine Darstellung der wahren Gefühle sehr 
vieler Frauen enthält. Die Aversion gegen den Koitus ist real aber oft nicht etwa 
dem Fehlen eines sexuellen Verlangens zuzuschreiben, sondern der hindernden Ein- 
wirkung mächtiger, aber eigentlich unwesentlicher Kausalitäten.« 



Der Mcnstruationskomplex 



dieser Angriff der Schlange oder anderen Tieren von ähnlicher symbolischer 
Bedeutung zugeschrieben. Ich führe ein Beispiel an: Bei den Chiriguanos 
in Bolivien laufen alte Weiber mit Stöcken herum, um die Schlange zu 
erschlagen, die die menstruierenden Mädchen verwundet hat.' 

Bei dem Studium dieser Phänomene am Material primitiver Völker darf 
man nicht aus dem Auge verlieren, daß vielfach Menstruation und Schwänge- 
rung noch nicht auseinandergehalten werden, so wie wir sie im Unbewußten 
noch heute zuweilen miteinander verbunden finden. 

Der folgende Traum einer Frau wurde mir erst kürzlich erzählt: „Ein 
Mann stieß ein Messer zwischen meinen ersten und zweiten Finger ; es ging 
gerade durch und kam in der Handfläche wieder heraus. Der Mann zog 
das Messer heraus und das Blut quoll hervor. Dann verwandelte sich das 
Blut in eine kleine Schlange, die ihren Kopf ruckweise hinein und hinaus- 
stieß. Der Kopf wurde größer und größer, so daß ich meine Hand auf ihn 
hielt und ihn niederdrückte, und jemand bat, schnell ein Messer zu holen 
und den Kopf abzuschneiden, nein, ich meine herauszuschneiden . u 

Man findet nicht oft einen Traum, der so manifest unbewußtes Material 
enthält und in symbolischer Form so deutlich Koitus, Schwängerung, Nieder- 
kunft und Kastration behandelt. Ich bedaure, daß ich keine detaillierte 
Analyse geben kann, aber wer mit der Traumdeutung vertraut ist, wird 
die Symboldeutung ohne Schwierigkeit vollziehen können. 

„Diese primitive Theorie vom Ursprung der Menstruation bringt uns 
dem Verständnis für das besondere und intime Band in seiner frühesten 
Gestalt näher, das nach altem Glauben die menstruierende Frau mit den 
natürlichen oder übernatürlichen Kräften der Welt in Zusammenhang bringt. 
Überall wird von menstruierenden Frauen angenommen, daß sie von Geistern 
besessen oder mit mystischen Kräften ausgestattet seien." 2 

Das Triebverlangen der Frau ist zudem — wie gesagt — bei Beginn 
der Menstruation auf einem Höhepunkt angelangt, sodaß der Glaube, von 
der Schlange gebissen worden zu sein, etwa einer symbolischen Wunsch- 
erfüllung entspricht. In einigen Gegenden Brasiliens ist es den Mädchen 
im Pubertätsalter verboten, in den Wald zu gehen, aus Furcht vor den 
Liebesangriffen der Schlangen. 3 

Ähnliche Verbote beziehungsweise Vorsichtsmaßregeln existieren auch 

1) H. Ellis, op. eh. I. Bd.; The Phenomenon of Sexual Periodicity, S. 100 und 102 

und Anmerkung. 

2) Havelock Ellis, op. dt. S. 285. 
5) Ibid. 



8 C. D. Daly 

in anderen Teilen der Welt. So findet sich in abgelegenen Teilen von 
Bengalen die Vorstellung, daß der Traum von Schlangen die Geburt eines 

Kindes ankündige. 

Der bösartige Aspekt, unter dem die Schlange erscheint, entspricht den 
sexuellen Angriffen des Mannes. Von diesem nimmt man wieder an, daß 
er im Zustand der Erektion von guten oder bösen Geistern besessen sei, 
gemäß denen das Objekt entweder zulässig oder tabu ist. Da aber die männ- 
liche sexuelle Erregung nicht von blutigen Erscheinungen begleitet ist wie 
die weibliche, und da das männliche überdies das stärkere Geschlecht dar- 
stellt, hat die Frau den größten Teil des üblen oder bösen Aspektes der 
Sexualität zu tragen. 



^ 



Die Menstruation in der Pubertät und im Leben der J^rivacksenen 

Unter den primitiven Völkern finden zwei der strengsten Taburegeln, 
die sonst bestimmend sind für das Leben der göttlichen Könige oder Priester, 

auch Anwendung auf Mädchen im Pubertätsalter. Die eine besagt, daß die 
Mädchen während dieser Zeit den Erdboden nicht mit den Füßen berühren 
dürfen, da eine solche Berührung Pollution oder irgendwelche Gefahren 
nach sich zöge, während die andere vorschreibt, daß eben die Mädchen 
nicht von der Sonne (oder vom Licht einer Flamme) beschienen werden 
dürfen. In zahlreichen Teilen der Welt werden diese Gesetze mit Gewalt 
aufrecht gehalten. Die Einschränkungen und Verbote, denen die Mädchen 
während der Zeit der Pubertät unterworfen waren und noch sind, wurden 
von Frazer 1 und anderen in weitem Umfange festgestellt, sodaß es hier 
nur nötig ist, sie kurz noch einmal aufzuführen. Man hält die Mädchen 
beispielsweise in engen Käfigen, in Hütten in den Wäldern, in Löchern 
im Erdboden oder an die Decke gebunden, halb in Sand eingegraben, in 
Käfigen in Bäumen, in eigens zu diesem Zweck hergestellten, dem jeweiligen 
Stamme gehörigen Hütten usw. und das ohne Feuer oder Licht, bei äußerst 
eingeschränkter Nahrungsaufnahme und unter dem Zwang, eine Anzahl 
von Gebräuchen und Zeremonien zu zelebrieren, deren Ausfall das Elend 
über alle anderen heraufbeschwören würde und sie vermutlich unwider- 
ruflich aller Gnade verlustig gehen ließe, und zwar für Zeiträume, die von 
einigen Monaten bis zu zirka sieben Jahren variieren, jedoch für gewöhnlich 
etwa für die Zeit von einigen Monaten. Oft dürfen sie während der ganzen 



i) Frazer: The Golden Bough, 2. Ausg., III. Bd., S. 201—230. 



Der Menstruationskoniplex 



Zeit der Abschließtmg nicht einmal mit den Händen ihren eigenen Körper 
berühren oder ihm Nahrung zuführen, auch werden sie zuweilen von der 
Unterhaltung mit der Außenwelt völlig abgeschlossen und bleiben dann 
für gewöhnlich ganz allein mit einigen alten Weibern. In einigen Fällen 
ist es den Mädchen nicht einmal gestattet, sich in ihrer Stellung zu be- 
wegen oder sich niederzulegen, vielmehr müssen sie während der ganzen 
Zeit entweder hockend, knieend oder auf dem Rücken liegend verharren. 
Sie werden dann als unrein oder als von einer Krankheit befallen angesehen. 
Bei gewissen brasilianischen Indianern ist es üblich, den Mädchen während 
der Pubertät das Haar abzusengen oder bis auf die Kopfhaut abzuschneiden. 
Sie werden dann auf einen flachen Stein gelegt und mit einem Tierzahn 
geschnitten, und zwar von den Schultern ab den ganzen Rücken hinab, 
bis der ganze Körper blutet. Sodann wird die Asche eines wilden Kürbis 
in die Wunden gerieben; das Mädchen wird in eine Hängematte gelegt 
und so fest darein gewickelt, daß es für niemand sichtbar ist. So hat es 
drei Tage ohne Essen und Trinken zu verharren. Nach Ablauf der drei 
Tage steigt es aus der Hängematte heraus auf den flachen Stein, denn 
seine Füße dürfen den Erdboden nicht berühren. Wenn es ein natürliches 
Bedürfnis hat, nimmt eine weibliche Verwandte das Mädchen auf den 
Rücken und trägt es hinaus, eine glühende Kohle dabei in der Hand haltend, 
um die bösen Einflüsse von dem Eintritt in den Körper des Mädchens 
abzuhalten. Wenn es sich wieder in der Hängematte befindet, darf es etwas 
Mehl, gekochte Wurzeln und Wasser zu sich nehmen, Salz und Fleisch 
aber nicht berühren. So wird bis zum Ende der ersten Monatsperiode fort- 
gefahren, nach deren Ablauf dem Mädchen wieder in Brust, Unterleib und 
in den übrigen Körper tiefe Wunden geschlagen werden. Während des 
zweiten Monats bleibt das Mädchen in der Hängematte; das Gesetz der 
Abstinenz ist nun weniger streng, es wird ihm sogar gestattet zu spinnen. 
Im dritten Monat wird das Mädchen mit einem gewissen Pigment schwarz 
gefärbt und darf dann wie gewöhnlich umhergehen. 

Bei den Macusisindianern in Britisch-Guyana finden sich ähnliche Ge- 
bräuche. Der Bannspruch, von dem man annimmt, daß ihm die Mädchen 
unterworfen sind, muß durch den Magier gelöst werden. Dieser spricht 
Zauberworte über sie, haucht sie und die wertvollsten Dinge, mit denen 
das Mädchen in Berührung gekommen ist, an. Nach dem ersten Bad muß 
das Mädchen sich von der Mutter schlagen lassen, ohne einen Schrei aus- 
zustoßen. Dasselbe geschieht am Ende der zweiten Periode. 

Andere Indianerstämme setzen die Mädchen gewissen Ameisensorten aus, 



C. D. Daly 



deren Bisse sehr schmerzhaft sind. Die Leidende hat, solange sie hoch oben 
in der Hängematte aufgehängt ist, Tag und Nacht zu fasten, sodaß sie, wenn 
sie herabkommt, fast einem Skelett gleicht. 

Bei den Uanpes in Brasilien wird das Mädchen für die Zeit eines Monats 
völlig abgeschlossen und darf nur geringe Mengen Brot und Wasser zu sich 
nehmen. Dann wird es hinausgeführt in den Kreis seiner Verwandten und 
Freunde, von denen ihm ein jeder vier oder fünf Schläge mit einem Stück Sipo 
gibt (einer elastischen Schlingpflanze), bis es bewußtlos oder tot zu Boden 
fällt. Wenn es sich erholt hat, wiederholt sich der Vorgang viermal in 
Zwischenräumen von je sechs Stunden. Es wird als Beleidigung der Eltern 
angesehen, wenn man nicht stark zuschlägt. Inzwischen werden Töpfe mit 
Fleisch und Fisch zubereitet, die Sipos werden hineingetaucht, und das Mädchen 
muß daran lecken. Danach wird es als heiratsfähige Frau angesehen. 

Hiezu bemerkt Frazer noch: „Die Sitte, das Mädchen zu diesen Zeiten 
von Ameisen beißen zu lassen oder mit Buten zu schlagen, wird, und dessen 
können wir sicher sein, nicht als Strafe oder als Probe auf seine Leidens- 
fähigkeit angesehen, sondern als eine Beinigung, deren Aufgabe es ist, die 
bösen und schädlichen Einflüsse auszutreiben, von denen das Mädchen in 
dieser Lage angeblich besessen ist, und die es gefangen halten. 

Ich kann Frazer nur teilweise zustimmen. Wir können, in Anbetracht 
der psychoanalytischen Erkenntnisse, unmöglich über die Befriedigung primi- 
tiver grausamer Triebe hinwegsehen, die in diesen Gebräuchen gegeben sind; 
denn warum sollte man gerade zu so grausamen Maßnahmen seine Zuflucht 
nehmen, wenn eine Beinigung beziehungsweise Läuterung das einzig an- 
gestrebte Ziel wäre? In einem solchen Fall würde allein die Tatsache des 
Badens genügen. Aber der Widerwille und der Abscheu, den diese Sitten 
hervorrufen, ist genügend Gewähr dafür, daß die Primitiven ein beträcht- 
liches Maß von Befriedigung und Genugtuung in der Ausübung solcher 
Grausamkeiten erleben, obgleich die Bationalisierung ihrer Gebräuche die 
Primitiven ohne Zweifel zu der Annahme führt, daß es der einzige Zweck 
solcher Maßnahmen sei, irgendwelche übelwollenden Einflüsse zu bekämpfen, 
von denen die Mädchen besessen sind. Wie viele europäische Schulkinder 
haben von ihren unbewußt sadistischen Schulmeistern ganz ähnliche Er- 
klärungen für die Auferlegung schwerer Strafen erhalten. 

Frazer zieht zur Stützung seiner Überlegungen den MaraA-Gebrauch 
der Cayenneindianer heran, eine Art nationalen Heilmittels, das haupt- 
sächlich auf die Jugend beiderlei Geschlechtes Anwendung findet, und von 
dem angenommen wird, daß es die jungen Menschen stärkt und in jedei 



Der MciistruatioiiskoHiplcx 



Weise sichert. Sie unterwerfen sich ihm zwei- oder dreimal während ihres 
Lebens. Frazer führt andere Fälle freiwilliger Leiden an, selbst auferlegte 
Züchtigungen mittels stechender Nesseln u. dgl, und vergleicht sie ganz 
richtig mit Schlägen und Geißelungen in religiösen Kulten, die ursprüng- 
lich einen Modus der Reinigung darstellten. Er sagt: „Sie bedeuteten die 
Austreibung einer gefährlichen Ansteckung oder Seuche, die entweder in 
einem Dämon personifiziert war oder nicht, die sich aber, wie angenommen 
wurde, sichtbar oder unsichtbar dem Körper der Leidenden in physischem 
Sinne anheftete. Die Schmerzen, die der geschlagenen Person zugefügt werden, 
sind nicht anders anzusehen als die, die wir heute bei jeder beliebigen 
Operation zu erdulden haben, sie stellen ein notwendiges Übel dar, und 
das ist alles." Er bezieht sich sodann auf die Tatsache, daß solche Gebräuche 
später in anderer Weise ausgelegt wurden, und daß der Schmerz, der zuerst 
eine Begleiterscheinung war, nunmehr zum Hauptgegenstand der Zeremonie 
gemacht wurde usw., wozu er noch bemerkt, daß „Askese, in welcher Form 
oder Gestalt sie auftreten möge, niemals primitiv sei". Seine Theorien scheinen 
darauf hinzuführen, daß er nirgends das Moment der Grausamkeit als primi- 
tives Agens zulassen, beziehungsweise zugeben möchte, daß die reine Freude 
an der Auferlegung einer Grausamkeit im Dienste des Hasses in den Ge- 
bräuchen und Sitten der Wilden eine große Rolle spielt. Der Psychoanalytiker 
kann jedoch eine solche Auffassung vom Seelenleben der Primitiven nicht 
zulassen, da er weiß, daß die Grausamkeit sowohl bei den Kindern wie 
bei den Primitiven durchaus einem primitiven Triebanspruch entspricht. 
Ich war verpflichtet, mich über diesen Punkt ein wenig zu verbreiten, 
da ich glaube, daß der Menstruationskomplex einen der Gründe 
für das Umschlagen der zärtlichen Ausdrucksformen des Sexual- 
triebes in die grausamen enthält. 

Ehe ich diesen Gegenstand verlasse, ist eine Deutung der Taburegeln, 
die auf Sonne und Erde Bezug haben, notwendig. Die Sonne ist der Phallus, 
d. h. das schwängernde Agens, die Erde stellt den Mutterschoß dar. Sich 
der Sonne auszusetzen bedeutet die Gefahr, geschwängert zu werden; dieses 
Verbot entspricht also dem anderen, daß sie keinen Mann — und besonders 
ihren Vater nicht — zu dieser Zeit in Versuchung führen darf. Da sie als 
unrein gilt, darf sie die Erde nicht berühren, d. h. nicht verunreinigen, 
widrigenfalls daraus alle Arten von Übeln entstünden. Wie sie selbst zu 
dieser Zeit nicht berührt werden kann, darf sie auch die Erde nicht be- 
rühren. Diese Anschauung entspringt einer Furcht der Primitiven vor einer 
Befleckung durch eine Frau, die sich in diesem als krankhaft und unrein 



C. D. Daly 



gedachten Zustand befindet. Während der Perioden ihrer Abschließung und 
an deren Ende haben sich die Mädchen allen Arten von Reinigungs- 
und Läuterungsgebräuchen zu unterwerfen, wie Baden, Abreiben mit Erde, 
Sand, dem Saft von Bäumen oder dem Blut frisch geschlachteter Opfer- 
tiere, Schwitzen, zahlreichen Züchtigungen usw. Schließlich werden sie 
den Gebräuchen des Landes entsprechend geschmückt, bemalt, mit Blumen 
und Blättern, beziehungsweise mit Ornamenten oder Juwelen bedeckt. Die 
Kleider und die Gefäße, die sie während dieser Zeit benutzt haben, werden 
verbrannt, zerbrochen, vergraben oder in irgendeiner Weise den Gebräuchen 
des Stammes gemäß vernichtet. 

Frazer schließt daraus, daß der Grund für die Abschließung der Mäd- 
chen während der Pubertät in der tief eingewurzelten Furcht liegt, die der 
Primitive fast durchweg vor dem Menstrualblut hat, eine Überlegung, mit 
der ich völlig übereinstimme. 

Von Gegenständen, die eine menstruierende Frau berührt hat, wird an- 
genommen, daß sie jeden töten, der sie in die Hand nimmt. 

„Ein Australier, der entdeckt hatte, daß sein Weib während der Men- 
struationsperioden auf seiner Decke gelegen hatte, tötete es und starb selbst 
vor Schreck innerhalb von vierzehn Tagen." (Frazer, op. cit. S. 525.) 

Den Knaben dieser Völker wird von Kindheit an gesagt, daß sie graue 
Haare bekommen und ihre Kräfte vor der Zeit verlieren würden, wenn 
sie Menstrualblut sähen. Während ihrer Perioden müssen die Frauen deshalb 
von den Männern gemieden werden, auch sind sie ihrerseits den strengsten 
Einschränkungen und Regelungen unterworfen, denn man ist überzeugt, 
daß der Einfluß der Frauen während dieser Zeit so unheilbringend ist, daß 
schon allein ihre Gegenwart genügen würde, um die Jagd zu verderben, 
die fischhaltigen Gewässer zu verunreinigen usw. Starke Schläge oder gar 
der Tod sind die Strafen, die einer eingeborenen Australierin auferlegt werden, 
wenn sie diese Gesetze verletzt. 

Die Dieri in Zentralaustralien glauben, daß, wenn die Frauen zu dieser 
Zeit Fisch essen oder in einem Fluß baden, die Fische alle sterben und 
das Wasser austrocknet. 

Ähnliche Vorstellungen und Gebräuche sind bei den verschiedensten Völkern 
der ganzen Erde verbreitet; überall gilt die Frau während der Menstruation 
als mit einem unheilvollen Einfluß behaftet, und der Mann lebt in der 
beständigen Furcht, von ihr befleckt zu werden. Bei dem oben erwähnten 
Stamme der Dieri ist es üblich, rund um den Mund der menstruierenden 
Frauen ein Zeichen aus rötlichem Ocker anzubringen. Eine solche Frau 



Der .Meustruationskomplcx 



U 



darf dann niemals Fisch essen. In fast allen diesen Gegenden wird den 
Frauen verwehrt, während dieser Zeit die aufgespeicherten Lebensmittel zu 
berühren oder gar zu essen. Sie dürfen die Felder nicht betreten, die Spuren 
der Jagdtiere nicht kreuzen u. dgl., denn dadurch würden, wie sie glauben, 
die Herden gestört und die Jagden verdorben werden. Bei den Buschmännern 
findet sich der Glaube, daß der Blick eines Mädchens während der Periode 
die Männer in jeder Stellung fixiert, in der sie sich eben befinden, oder 
daß sie in sprechende Bäume verwandelt werden. Die Viehzucht treibenden 
Stämme Südafrikas glauben, daß ihr Vieh stirbt, wenn seine Milch von 
einer menstruierenden Frau getrunken wird; damit sie sich nicht von einem 
plötzlichen Verlangen übermannen lassen, ist es den Frauen verboten, die 
Dörfer auf den Wegen zu betreten, die die Männer benutzen. Nach dem 
Talmud wird, wenn eine Frau zu Beginn ihrer Periode zwischen zwei 
Männer tritt, der eine von ihnen bestimmt dadurch getötet, befindet sie 
sich hingegen am Ende der Periode, so kann sie immer noch durch ihr 
Dazwischentreten einen heftigen Streit hervorrufen. 

Bei den Guyaquiries am Orinoco findet sich die Ansicht, daß alle Dinge 
oder Lebewesen, auf die eine Frau während ihrer Periode tritt, sterben 
müssen, und daß die Beine eines Mannes, der den Platz betritt, den ihre 
Füße berührt haben, gewaltig anschwellen werden. Die Crecks und die 
friedlichen Indianer der Vereinigten Staaten zwingen ihre Frauen, während 
der Menstruation in abgesonderten Hütten in einiger Entfernung vom Dorfe 
zu leben. Dort müssen sie bleiben, selbst auf die Gefahr hin, von Feinden 
überrascht und erschlagen zu werden. Es wird als eine „höchst schreckliche 
und gefährliche Befleckung" angesehen, sich einer Frau zu dieser Zeit zu 
nähern; und diese Gefahr erstreckt sich auch auf die Feinde, die, wenn sie 
die Frauen erschlugen, sich von der Befleckung mittels gewisser geheiligter 
Kräuter und Wurzeln zu reinigen haben. Bei den Thompson-River-Indianern 
findet sich der Glaube, daß die Pfeife, aus der eine menstruierende Frau 
raucht, später beim Rauchen immer sofort heiß wird. Wenn die Frau an 
einem Gewehr vorüber geht, bleibt die Waffe hinfort für Krieg oder Jagd 
untauglich, es sei denn, der Eigentümer wäscht sie in „Medizin", oder schlägt 
die betreffende Frau damit je einmal auf die Hauptkörperteile. Wenn ein 
Mann mit einer menstruierenden Frau ißt oder mit ihr in Verkehr steht, 
auch wenn er nur von ihr gefertigte oder geflickte Kleider oder Mokassins 
trägt, dann hat er auf der Jagd kein Glück und die Bären greifen ihn 
heftig an. Im übrigen findet sich bei verschiedenen Stämmen die Meinung, 
daß die Annäherung an ein menstruierendes Weib irgendwelches Mißgeschick 



i4 



C. D. Daly 



und unglückliche Ereignisse mit sich zöge, so etwa Krankheit oder Unglück 
im Krieg. Anderseits zieht der Gebrauch irgendwelcher Gegenstände, die 
eine menstruierende Frau berührt hat, folgenschwere Krankheiten oder Tod 
nach sich. Bei anderen Stämmen wiederum dürfen Frauen weder Fleisch noch 
irgend etwas Tierisches essen, besonders aber keine Vögel töten, weil deren 
Blut imstande wäre, besonders schwere Blutungen oder einen auf unnatür- 
liche Weise verlängerten Blutfluß bei der Schuldigen hervorzurufen. Auch 
die Tiere könnten davon geschädigt werden. Frazer bemerkt, daß dieser 
Glaube vielleicht das Gesetz zu erklären vermag, nach dem es den Frauen 
während der Periode nur gestattet ist, vegetarische Nahrung zu sich zu 
nehmen. Wir entnehmen diese Ausführungen alle dem „Golden Bough . 
Frazer 1 flicht hier noch die folgende Beobachtung ein: 

„Wer die menschliche Natur studiert, wird beobachten oder lernen, ohne 
dabei sehr zu erstaunen, daß Gedankengänge, die so tief in der Psyche der 
Primitiven verwurzelt sind, in einem höheren Entwicklungsstadium der Ge- 
sellschaft wieder auftauchen, und zwar in jenen überaus fein ausgearbeiteten 
und gegliederten Codices, die von Gesetzgebern zur Führung und Beherr- 
schung ihrer Völker aufgestellt worden sind, die ihrerseits für die Autor- 
schaft ihrer Gesetze und Vorschriften eine direkte göttliche Inspiration für 
sich in Anspruch nehmen." So berichtet der hinduistische Gesetzgeber Manu, 
daß „die Weisheit, die Energie, die Kraft, der Blick und der Lebensgeist 
eines Mannes, der sich einer Frau während ihrer Perioden nähert, alsbald 
dahin schwinden müssen", während all dies wächst und zunimmt, wenn 
er die Frau meidet. 

Der persische Gesetzgeber Zoroaster sagt, daß die Erscheinung der 
Menstruation mit ihren merkwürdigen Äußerungsformen das Werk Ahri- 
mans, des Teufels sei, und daß deshalb während ihrer Dauer die Frau 
„unsauber und von Dämonen besessen" sei. Sie muß unter strengster Auf- 
sicht zurückgehalten werden, fern von den Gläubigen, die durch ihre Be- 
rührung verunreinigt würden, und abseits vom Feuer, das durch ihren Blick 
verletzt und geschändet würde; es ist ihr nicht gestattet, soviel zu essen 
als sie mag, denn die Kraft, die sie dadurch erlangt, geht auf die Feinde 
über und kräftigt sie. Die Nahrung wird ihr nicht von Hand zu Hand, 
sondern über eine große Entfernung hinweg auf langen hölzernen Löffeln 
gereicht. Im Gegensatz hiezu behandelt der Gesetzgeber der Hebräer, Moses, 



1) Frazer: The Golden Bough. Zweite Ausgabe, Bd. III, S. 201—230. Dort auch 
weitere Literaturangaben. 



Der -Mciistruationskoinplex 10 



diese Angelegenheit mit noch größerer Breite und Ausführlichkeit, wie 
• Frazer ausführlich darstellt, um dann noch hinzuzufügen: „Der Aberglaube, 

der sich um diese geheimnisvolle Seite der weiblichen Natur gebildet hat, 
ist unter den zivilisierten Völkern Europas nicht weniger stark im Schwange 
als bei den Primitiven. In einer alten Enzyklopädie — der Naturgeschichte 
des Plinius — findet sich eine Liste aller der Gefahren, die von der 
Menstruation ausgehen, die länger ist als irgendeine von denen, die wir 
bei den Barbaren gefunden haben. ' Nach Plinius wird Wein durch die 
Berührung mit einer menstruierenden Frau in Essig verwandelt, Herden 
werden mit Seuchen angesteckt, Saaten vernichtet, Gärten versengt und 
verdorben. Klingen werden stumpf, Pferde verunglücken oder gehen ver- 
loren usw. In ähnlicher Weise trifft man in verschiedenen Teilen Europas 
den Glauben, daß der Eintritt einer menstruierenden Frau in eine Brauerei 
das Bier sauer werden lasse; Bier, Wein, Essig oder Milch werden bei 
solcher Berührung schlecht, von einer menstruierenden Frau eingekochte 
Marmelade hält sich nicht; besteigt sie ein Pferd, so wird sie damit ver- 
unglücken, Blumensträuße verwelken bei der geringsten Berührung, und 
Kirschbäume, die sie ersteigt, verdorren und gehen ein. In Braunschweig 
findet sich noch der Glaube, daß das Fleisch eines Schweins, das unter 
Beihilfe einer menstruierenden Frau geschlachtet worden ist, faul wird. 
Auf der griechischen Insel Calymnos ist es den Frauen zu dieser Zeit ver- 
boten, Wasser vom Quell zu holen, einen Strom zu überqueren oder auf 
dem Meere zu fahren. Die Anwesenheit einer Frau während ihrer Periode 
in einem Boot soll einen Sturm heraufbeschwören. 2 

Auf der anderen Seite werden dem Menstrualblut geheimnisvolle Kräfte 
zugeschrieben ; so wird es als magische Kraft gegen Feinde angewandt, es 
bannt alle Arten von Übeln, es bewahrt die Felder vor dem Verdorren und 
läßt die Raupen von den Obstbäumen herabfallen, oder das Ungeziefer vom 
Vieh ablassen. 

Über die Anwendung magischer Kraft gegen die entsprechende magi- 
sche Kraft, ein Vorläufer der Versuche, „Gleiches durch Gleiches zu heilen", 
handelt die einschlägige Literatur so ausführlich, daß es nicht nötig ist, 



1) Diese Bemerkung hat jedoch nicht so übermäßig große Bedeutung, wenn wir 
bedenken, daß ja von den meisten Primitiven von allem angenommen wird, daß es 
Menstruationsfolge sei, und ich glaube, daß, könnten die Primitiven Enzyklopädien 
schreiben, diese von beträchtlicher Länge gewesen sein müßten, obgleich das be- 
handelte Gebiet an Umfang wesentlich kleiner gewesen wäre. 

2) Frazer, op. cit. S. 231 ff. 



C. D. Daly 



es hier weiter zu verfolgen. Da der Mann in seiner Angst vor Verletzung 
des Inzesttabus vor solcher magischer Einwirkung zitterte, ist es verständlich, 
daß er von dieser magischen Kraft erwartete, daß sie dieselbe Wirkung auch 
auf seine Feinde habe. Ähnliche Vorstellungen sind auch heute in Europa 
noch zu finden. 

Der Glaube an gute oder böse magische Kräfte der menstruierenden 
Frau ist auf der ganzen Welt verbreitet, aber in einzelnen Gebieten in 
den Details verschieden. Während z. B. der Glaube an die Heilwirkung 
der Menstruation in der zivilisierten Welt meist geschwunden ist, ist der 
an die üblen Einflüsse noch sehr verbreitet. Die wohltuenden Einflüsse 
werden überwiegend mit der Heilung gewisser Krankheiten in Zusammen- 
hang gebracht, schützen vor Stich und Stoß, verhüten das Auslöschen des 
Feuers, beruhigen Stürme usw. Die bösen Kräfte, mit denen die Frau aus- 
gestattet ist, werden gegen die Feinde des Mannes ausgespielt. Der Gebrauch 
des Menstrualblutes als Liebestrank ist weit leichter zu verstehen. H. L. Strack 
berichtet, daß es noch im Jahre 1891 in Deutschland vorgekommen ist, 
daß Mädchen dem Kaffee ihres Liebsten einige Tropfen Menstrualblut bei- 
gefügt haben, um sich seiner- Liebe zu versichern. 1 

Auch die Kirche war zu gewissen Zeiten von einer Scheu vor menstru- 
ierenden Frauen erfaßt ; es wurde ihnen verboten, sich geheiligten Plätzen 
zu nähern, ja häufig wurde ihnen nicht einmal das Sakrament zugebilligt. 
Die Priester anderer Religionen treffen menstruierenden Frauen gegenüber 
oft ähnliche Anordnungen. 

Zahlreiche Aberglauben bezüglich menstruierender Frauen sind noch 
heute allerorten unter den europäischen Völkern im Schwange, ja, zum 
Ende des letzten Jahrhunderts leistete sogar die offizielle englische Medizin 
solchem Aberglauben weitgehendsten Vorschub. Havelock Ell is zitiert eine 
Kontroverse aus dem British Medical Journal vom Jahre 1878, in der 
versichert wird, daß Hammel, die von menstruierenden Frauen kuriert 
werden, unweigerlich eingehen müssen. Ein medizinischer Autor äußerte 
daraufhin den Wunsch, zu erfahren, was den Patienten der menstruierenden 
Ärztinnen geschähe. 2 

1) H. L. Strack: Der Blutaberglaube in der Menschheit. 4. Aufl. Zitiert von 

Havelock Ellis. 

2) Havelock Ellis, op. cit. S. 291 — 293. Der Verfasser bedauert, daß der Platz- 
mangel es ihm nicht gestattet, mehr des wertvollen Materials anzuführen, das Have- 
lock Ellis in diesem Band und in dem Appendix (Menstruation or the position of 
woman) gesammelt hat. Wer hier näher interessiert ist, muß auf das Original ver- 
wiesen werden. 



Der Aldis ll IIa ■ IO ::..!■.< > 1 1 1 1 ■ I c- >. 



JyLenstrualblut und öatwädie 

Es ist ein allen Völkern tief eingewurzelter Aberglaube, daß die Ver- 
einigung des Mannes mit der Frau den Mann schwäche; überall findet 
sich auch die Furcht des Mannes, er könnte von der Frau beherrscht 
werden. Aus diesem Grunde z. B. verraten die Wahaveita ' den Frauen 
nicht das Geheimnis des Feueranzündens. Hauptsächlich finden wir aber, 
daß die Gegenwart von menstruierenden, schwangeren oder niederkommenden 
Frauen auf den Mann diesen schwächenden Einfluß haben soll. Es ist eben 
das Menstrualblut oder das Blut des zerrissenen Hymen, das gefürchtet wurde 
und dem man eine gefährliche Wirkung zuschrieb. Dieses Phänomen scheint 
mir in hohem Grade für die Trennung der Geschlechter verantwortlich 
zu sein; ist es doch ein sehr verbreiteter Glaube, daß der Mann, der eine 
Frau während einer solchen Zeit berührt, von einer Krankheit befallen 
wird. Die Primitiven glauben, daß die Schwäche der Frau gewissermaßen 
übertragbar sei. 2 Der Primitive schreibt diese Schwäche nicht seiner Furcht- 
samkeit vor Frauen zu, vielmehr projiziert er aus seinem Haßempfinden 
heraus diese Ursache direkt auf die Frau selbst, sie ist ihm möglicherweise 
übel gesinnt und hat dann die Macht, die Schwäche ihres Geschlechtes 
auf ihn zu übertragen. Unter den Barea teilen Mann und Frau in den 
seltensten Fällen das Bett. Als Grund dafür wird angeführt, daß „der 
Atem des Weibes den Gemahl schwächen könnte . 3 Die Beziehung von 
Atem und Geschlechtsgeruch ist eine Tatsache, die den Psychoanalytikern 
zu wohl bekannt ist, als daß sie hier weiterer Belege bedürfte. Wir kennen 
einen Glauben der Primitiven, daß die Eigenheiten einer Person in ihren 
Geruch übergehen und durch Geruch übertragen werden. 

Auch das Blut ist lange Zeit als das beste Mittel zur Übertragung starker 
menschlicher Eigenschaften angesehen worden, und man hat angenommen, 
daß der Kannibalismus die Folge dieses Glaubens wäre. Das Menstrualblut, 
obgleich ebenfalls als Überträger aller Arten von Krankheiten durch Be- 
rührung angesehen, wurde dennoch in der Medizin auch als Liebesanreiz 
benutzt.* Auf Grund des Prinzips, daß die böse Macht notwendig sei, um 
die bösen Kräfte zu bekämpfen, ist man von jeher der Ansicht gewesen, 

1) E. T. Dalton: Ethnology of Bengal (33), zitiert von Crawley, op. cit. 
Bd. HT, S. 43. 

2) Crawley in „The Mystic Rose" führt dafür zahlreiche Beispiele an. 

3) Munzinger, zitiert von Crawley, op. cit. Bd. V, S. 93. 

4) Crawley, op. cit. S. 109. 

Daly: Der Menstruationskomplex. 3 



.8 C. D. Daly 

daß das Menstrualblut und die menstruierende Frau ganz allgemein diese 
ganz spezifische Kraft als Gegengift gegen von außen gefürchtetes Unheil 
besitzen. Plinius stellt fest, daß das Benetzen der Türpfosten mit der Men- 
struationsflüssigkeit genüge, um alle Zauberformeln zu lösen. 

Man glaubt weiterhin, daß die intensivierte sexuelle Reizbarkeit der 
Menstrualzeit unter besonderen Umständen durch das Agens der Nahrung 
übertragbar wird. So darf z. B. in Westvictoria die menstruierende Frau 
niemandes Trank oder Speise anrühren, und niemand wird eine etwa 
dennoch von ihr berührte Speise zu sich nehmen, „weil sie schwäche". 1 

Bei den Maoris wird ein Mann, wenn er eine menstruierende Frau 
berührt hat, Tabu, und wenn er Verkehr mit ihr gehabt hat, oder von 
ihr gekochte Nahrung gegessen hat, „Tabu einen Zoll dick". 2 Bei einigen 
Völkern haben die verschiedenen Geschlechter auch verschiedene Speisen, 
die bessere, ursprünglich für die Götter bestimmte, kommt nur den Männern 
zu; den Frauen wird, aus Furcht, sie könnten die Speise verunreinigen, 
bei Todesstrafe verboten, sie zu berühren. 3 

Ctawley macht den Versuch, diese Vorschriften auf rationalem Wege 
zu erklären. Er sagt: „Wenn bei den Primitiven die Männer fürchten, daß sie 
durch jede gewöhnliche Berührung mit Frauen mit deren Schwäche behaftet 
werden, und wenn die Zivilisierten eine moralische Verweichlichung 
fürchten, dann ist es ganz natürlich, daß diese Angst beim engsten Kontakt 
sich aufs äußerste steigert." 4 Es scheint an dieser Stelle, als ob Crawley 
den Kontakt allein als zureichenden Grund ansieht, aber es ist nirgends 
ersichtlich, daß etwa auch in der Tierwelt ein sexueller Kontakt von einem 
Furchtempfinden begleitet würde; und wir müssen wohl noch nach einem 
psychologischen Faktor in der Entwicklung des Menschengeschlechtes suchen, 
um die Trennung der Geschlechter als eine Berührungsfurcht zu erklären. 
Crawley erklärt den fast allgemein verbreiteten Glauben, daß ein sexueller 
Verkehr schwächend wirke, als „eine instinktive Auffassung, die in einer 
Besonderheit der sexuellen Funktion wurzelt". Diese Besonderheit liegt in der 
Tatsache, daß dem sexuellen Verkehr eine vorübergehende Depression folgt, 
die ihre Ursache in einem verstärkten Blutdruck hat. Die Vorstellung, daß 
die Berührung mit Frauen Schwäche mit sich bringe, entsteht so auf zwei 



1) Crawley, op. cit. S. 167. 

2) Crawley, op. cit. S. 167. 

3) Ellis, Polynesian Researches, zitiert von Crawley S. 176. 

4) Crawley, op. cit. S. 187. 



Der Aleiistriiationskomplex 



>9 



Wegen, die aber durch ein bemerkenswertes Zusammenfallen im sexuellen 
Akt zusammentreffen. 1 

Crawley macht dann auf die damit in Beziehung stehende Vorstellung 
aufmerksam, nach der die Kraft in der Samenflüssigkeit ihren Sitz haben 
soll, und führt die Tatsache an, daß die Krieger primitiver Stämme Ent- 
haltsamkeit beobachten, um auf diese Weise ihre Kraft und Stärke zu be- 
wahren und zu vermehren. Auch erwähnt er die Vorstellung, daß der Vater 
dem Kinde die Seele gibt, die Mutter nur den Körper. Er sagt dann: „Wenn 
wir nun diese Vorstellungen mit der physiologischen Tatsache in Verbindung 
bringen, daß der sexuelle Akt eine vorübergehende Depression zur Folge 
hat, dann können wir verstehen, daß sich die mehr oder weniger konstante 
Vorstellung fast mit Notwendigkeit ergibt, daß der Mann bei dem sexuellen 
Akt einen Teil seiner besten Kräfte, einen Teil seiner Seele oder seines Lebens, 
auf die Frau überträgt." 2 Ich halte diese Erklärung Crawleys für unzureichend, 
besonders wenn wir bedenken, daß doch normalen sexuellen Beziehungen 
ohne einen störenden psychologischen Schuldfaktor ein Gefühl des Wohl- 
behagens und der Zufriedenheit folgt. Wenn dem sexuellen Verkehr De- 
pressionen folgen, dann weist die Analyse dieser Depressionen regelmäßig 
den Einfluß psychischer Faktoren nach, die, wenn überhaupt, so sicher nicht 
völlig als Wirkung der physiologischen Funktion anzusehen sind. Eine solche 
Depression wird in hohem Maße durch den umstand hervorgerufen, daß 
die psychische Entlastung unvollständig gewesen ist, was seinerseits an 
Hemmungen, wie Schuld, Furcht, Haß usw. liegen mag. 

Crawley schreitet dann weiter zu der Diskussion derjenigen Phänomene, 
die uns meiner Ansicht nach einer korrekten Lösung viel näher bringen, 
nämlich der Zerreißung des Hymens und des Tabus der Jungfräulichkeit. 

Das Tabu der Virginität 

Freud bringt in einer Studie 3 das Tabu der Virginität in Zusammenhang 
mit der Menstruation und mit der primitiven Lust und Freude am Töten. 
Er macht dabei eine Bemerkung, die für uns besonders bedeutsam ist. 

Die Menstruation, zumal die erste, denkt er (der Primitive) als den Biß 
eines geisterhaften Tieres, vielleicht als Zeichen eines sexuellen Verkehrs 
mit diesem Geist. Gelegentlich gestattet ein Bericht, diesen Geist als den 



i) Crawley, op. cit. S. 187. 
2) Crawley, op. cit. S. 190. 
3; Freud: Das Tabu der Virginität. (Ges. Schriften, Bd. V, S. 217.) 



ao C. D. Daly 

eines Ahnen zu erkennen, und dann verstehen wir in Anlehnung an andere 
Ansichten, daß das menstruierende Mädchen, als Eigentum dieses Ahnen- 
geistes, tabu ist. 1 

Besonders auf diesen letzten Umstand möchte ich Gewicht legen; denn 
wenn die Frau hauptsächlich während der Menstruation Eigentum des Ur- 
vaters war, so stützt das meine Analyse, daß diese Zeit ursprünglich die 
des sexuellen Verkehrs gewesen ist. Die Gefahr dabei ging ursprünglich 
nicht von der Frau aus, sondern von dem starken Arm des Urvaters. Später 
erst, als die Gesellschaft die Pflicht auf sich nahm, mit Nachdruck das 
Inzestgesetz zu stützen, geschah es, daß man die Frau während ihrer Perioden 
selbst als eine Gefahr zu betrachten begann. Der Verfasser glaubt, daß die 
Menstruation der Frau, die den Mann den frühen gesellschaftlichen Inzest- 
gesetzen unterwarf, der Grund für das narzißtische Zurückstoßen der Frau 
durch den Mann ist, das so oft mit Verachtung und Widerwillen zusammen- 
geworfen und verwechselt wird und die die Psychoanalyse 2 bisher dem Kastra- 
tionskomplex zuschrieb, den der Verfasser eher als eine spätere Entwicklung 
ansieht, die der religiösen Phase der psychischen Entwicklung angehört. Es 
ist nötig, auf diesen Punkt in vielleicht etwas weitschweifiger Weise immer 
wieder zurückzukommen, ist es doch meine Absicht, diese Theorie von den 
verschiedensten Gesichtspunkten aus zu diskutieren, und zu zeigen, daß das 
universale Tabu des weiblichen Geschlechtes außerhalb der die Menstruation 
betreffenden Umstände entstand. Was das Tabu der Virginität angeht, so 
halten wir es für nötig, seine Beziehungen a) zum Menstruationskomplex, 
b) zu dem primären Vaterkomplex in Betracht zu ziehen. Was letzteren 
betrifft, so können wir vermuten, daß die Frau zur Zeit der Urhorde sich 
den Annäherungen der „Söhne und Brüder" gegenüber widerstrebend ver- 
hielt, und zwar bei beiden wegen des libidinösen Bandes, das sie an den 
Urvater fixiert und wegen der Züchtigungen, mit denen Schwäche und 
Fehltritt ohne Zweifel bestraft wurden. In dem späteren Menstruationskomplex 
hingegen dürfen wir den primären Hauptgrund für die Frigidität der Frau 
erblicken, — denn der Mann unterzog die Frau, dadurch daß er das Hymen 
verletzte und eine Blutung verursachte, der größtmöglichen Demütigung, 
d. h. einer Erniedrigung, die er ihr gewissermaßen selbst aufgezwungen hat. 
Damit gelangen wir auch zu der Erklärung des Lustgefühls, das die Be- 
schneidung der Knaben und dieExstirpation der Clitoris und der Labia minora 



1) Von mir gesperrt. 

2) Freud, op. cit. S. 226 ff. 



.. 



Der Alcnstruationstomplcx 



der Mädchen, bei den erwachsenen Primitiven hervorruft. Diese ist, glaube 
ich, einer unbewußten Strebung nach Rache zuzuschreiben, die Demütigungen 
der Kinder herbeiführen will, und ist sicher für die Genese des Sadismus 
bedeutungsvoll. Freuds Erklärung des Tabus der Virginität, daß in ihm die 
feindselige Einstellung der Frau auf den Mann übertragen werde, kann 
kaum in Frage gestellt werden. Für uns ist jedoch die Frage von Haupt- 
interesse, wie die Frau zu diesem feindseligen Gefühl gekommen ist ; wir glauben 
darauf antworten zu können, daß der Mann durch seinen Akt die Frau in 
ihren eigenen Augen erniedrigt; dies geschieht auf Grund seines Verhaltens 
dem Blut gegenüber; wenn er jeden Kontakt mit Blut und das Zerreißen 
des Hymens vermiede, brauchte die Frau in seiner Achtung niemals zu 
sinken, sodaß das Menstruationstabu ihn hinfort vor einem neuer- 
lichen Kontakt mit dem Blut bewahrt. So gestattet das Tabu der 
Virginität beiden Geschlechtern, einander mehr zu schätzen, da der ver- 
drängte Haß dadurch an der Manifestation gehindert wird. Man könnte 
einwenden, das sei nicht korrekt, da etwa der ältere Mann, der die rituelle 
Defloration an Stelle des Ehemanns unternimmt, dieselbe Gefahr auf sich 
nehmen müsse, aber in diesem Fall kann der Mann sich mit Hilfe be- 
sonderer Reinigungs- und Vorsichtsmaßregeln vor allem schützen, er ist älter 
und abgehärteter und Erregungen nicht so zugänglich, und außerdem muß er 
nicht in solcher Intimität mit der Frau leben. Bei der Deutung solcher 
Phänomene haben wir äußerst vorsichtig zu sein, damit unsere Kenntnis 
von den Reaktionen der zivilisierten Völker nicht den Blick für die tatsäch- 
lichen Vorgänge bei den Primitiven trübe. Es scheint, als seien aus dieser 
Ursache heraus einige sehr bedeutende Faktoren bisher übersehen worden, 
Beispiel das Folgende : Wenn der Vater des Mädchens oder ein Priester selbst 
erstmalig den Begattungsakt vollzieht, so wird des Mädchens „Sünde am 
Vater vermieden, und einem Schuldgefühl, das später sexuelle Lustgefühle 
verhindern könnte, vorgebeugt. Ich glaube nicht, daß sehr viele der Gründe, 
die für den Widerstand der jungen Frau gegen den ersten Koitus ins Feld 
geführt werden, standhalten werden, wenn wir bedenken, daß die jung 
verheiratete Primitive in jeder Hinsicht eine weit angesehenere Persön- 
lichkeit ist als das junge, unverheiratete Mädchen. 

Freud meint, 1 daß auf den Penisneid eine feindselige Verbitterung folge, 
die die Frau gegen den Mann zur Schau trägt; diese Verbitterung ver- 
schwindet nie völlig aus den Beziehungen der Geschlechter zueinander, 



1) Freud, op. cit. S. 227k 



2 _ ! C. D. Daly 

wofür die klarsten Beweise in den Schriften und Bestrebungen der „eman- 
zipierten" Frauen zu finden sind. Ich stimme mit dieser Anschauung überein, 
aber ich glaube nicht, daß diese Regungen bei den Primitiven als primär 

anzusehen sind. 

Ich sehe keinen Grund für die Annahme, daß ein Penisneid bereits vor 
der Bildung des Menstruationskomplexes existiert habe, d. h. einer männlichen 
Einstellung, die die Frau aller der Werte beraubte, die ihr aus den natür- 
lichen Funktionen der Menstruation und der Geburt erstehen, die bis dahin 
ihre Hauptreize ausgemacht haben müssen, — ist doch die Vagina während 
des Stadiums der Tumeszenz ursprünglich die Quelle aller Schönheit und 
möglicherweise auch des Neides des Mannes gewesen. Da aber als Resultat 
des Inzestverbotes ursprüngliche Reize auf den Mann abstoßend wirkten, — 
ohne Zweifel zum Teil auf Grund der Beziehungen zwischen Blut und 
Tod, — begann die Frau, den Mann um den Besitz eines Organes zu be- 
neiden, das fähig ist, in stolzer Erektion gerade nach vorn herauszustehen, 
ohne die Begleiterscheinungen der Menstruation, die bei ihr zu den schreck- 
lichen Einengungen und Demütigungen führten, die wir oben beschrieben 
haben. 

Die Kastrationsangst ist das Komplement zum Penisneid und gehört ent- 
wicklungsmäßig derselben Periode an ; denn beide Phänomene sind sekundäre 
Resultate des Inzestverbotes und des Menstruationstabus. Ist eine stärkere 
Ursache für feindselige Reizbarkeit vorstellbar, als die, die ein Mädchen 
haben muß, das nach Monaten oder gar Jahren der Abschließung, in denen 
es den strengsten Vorschriften unterworfen war, indem auf Nahrungsein- 
schränkungen quälende Reinigungsprozesse folgten, begleitet von denkbar 
strengster grausamer Behandlung (auf Grund der Pubertätsriten), in roher 
Weise defloriert und schließlich verschmäht und verstoßen wird, weil ihrem 
zerrissenen Hymen Blut entströmt? Ich kenne Fälle von Europäern, bei 
denen die Reaktionen auf den Anblick des Menstrualblutes Gefühlshem- 
mungen zur Folge hatten und wo sich bei solchen Anlässen sowohl bei Frauen 
als auch bei Männern Liebe in Haß umwandelte. Bei den Frauen waren 
diese Erscheinungen von intensiven Gefühlen der Feindseligkeit, der Scham 
und der Erniedrigung begleitet, während sie bei den Männern Haß, Ekel 
und Widerwillen hervorriefen ; dort war hinter diesen Gefühlen der Penisneid, 
hier die Kastrationsangst verborgen, bei unseren primitiven Vorfahren aber 
war meiner Überzeugung nach die Todesfurcht primär. Keine andere Furcht 
kann im primitiven Menschen so erschütternde Reaktionen zur Folge ge- 
habt haben, wie etwa die, die Lust am sexuellen Verkehr völlig zu unter- 



Der Memtruationskomplex 



binden, oder jegliches Zeugen während der natürlichen Zeit restlos zu ver- 
hindern als eben diese Furcht vor dem Tode. 



Die Todesfurcht und ihr Zusammenhang mit dem jM.enstrualblut 

Nach einem Mythos der Yars und der Wayisa in Ostzentralafrika kam 
der Tod ursprünglich durch eine Frau in die Welt, die zwei Männer lehrte, 
wie sie schlafen gehen müßten. Eines Tages, als sie schliefen, hielt sie die 
Nasenlöcher des einen zu, bis er nicht mehr atmete und starb. 1 

Bei den Vedahs von Travancore lebt die Frau zur Zeit der Menstruation 
fünf Tage lang in einer Hütte in ziemlich großer Entfernung von ihrem 
Heim. Die nächsten fünf Tage verbringt sie in einer anderen Hütte, die 
sich auf halbem Wege befindet. Während dieser zehn Tage darf der Gemahl, 
aus Furcht, sonst von dem Teufel getötet zu werden, nichts als 

Wurzeln essen. 2 

Die Maoris glauben augenscheinlich, daß der Tod durch den Ka.huka.hu 
(der Personifikation des männlichen Samens) in dem Menstrualblut ent- 
halten liegt. Sie vermeiden jeglichen Kontakt mit dem Menstrualblut, als 
sei es Gift, und glauben, daß der bloße Kontakt mit Dingen, die ein men- 
struierendes Weib berührt hat, genügt, um zu töten. 

Es scheint, als ob Crawley zu einer vollständigen Lösung der Phänomene, 
die er zu erforschen sucht, nicht gelangen konnte, entweder, weil er den 
Begriff der Ambivalenz nicht kannte, den erst spätere psychoanalytische 
Untersuchungen fundiert haben, oder weil er persönlichen Hemmungen 
unterlag. Auf jeder Seite seines Werkes führt er überwältigende Beweise 
an, um das Ausmaß, in dem das Menstrualblut von den Wilden gefürchtet 
wird, aufzuzeigen, und doch sucht er mit größter Mühe Gründe für die 
Annahme zu finden, daß darin nicht die primäre Ursache der Vermeidungs- 
vorschriften liege, sondern daß das Blut vielmehr ursprünglich dazu diene, 
Mut einzuflößen, und getrunken werde, um den Durst zu stillen und Kraft 
zu geben. Die Furcht vor dem Menstrualblut erscheint als eine der intensiv- 
sten Motive für die Ambivalenz der Geschlechter gegeneinander. Diese Furcht 
des Mannes bewirkte, daß er die ursprünglichen Beize der Frau nicht mehr 
schätzen konnte, daß er aber anderseits, wenn er die Furcht verdrängen 
konnte, die Frau vergeistigt und auf ein Piedestal gehoben hat, das sie 



1) Pison and Howitt, zitiert von Crawley, op. cit. IL, S. 27. 

2) Ploß: Das Kind. II, 455. Zitiert von Crawley, op. cit. IL, S. 61. 



*4 



C. D. Daly 



weder verdient hat, noch selbst wünscht. Ich möchte hier auf die Schwierig- 
keit zurückkommen, die bei der Annahme entsteht, daß im Leben der Primi- 
tiven noch irgendein anderer Faktor außer der Todesfurcht stark genug 
gewesen wäre, um den sexuellen Impuls in dem Maße, als es geschieht, 
zu hemmen, und die Unterwerfung der Frau in dem bereits beschriebenen 
Ausmaß zu erzwingen. 

Der genaue Beobachter wird längst entdeckt haben, wie stark des Mannes 
Schuldbewußtsein der Frau gegenüber im allgemeinen ist, und vielleicht 
hat er auch schon vermutet, daß die Ursache dieses Phänomens die Zurück- 
weisung ihrer Liebe ist. 

Ich möchte hier noch einen Punkt aufzeigen, der sich bei unseren primi- 
tiven Vorfahren findet, und der von R. Kleinpaul 1 in Zusammenhang mit 
dem Tabu des Todes erwähnt wird. Nach diesem Autor gipfelt die Be- 
ziehung zwischen Lebenden und Toten in der Überzeugung, daß die nach 
Blut dürstenden Toten die Lebenden zu sich in den Tod ziehen wollen. 
Aus diesem Grunde müssen die Lebenden in irgendeiner Form zwischen 
sich und die Toten Wasser stellen. Später ist man nur mehr gegen solche Tote 
ängstlich und böse gesinnt, die ein Recht zur Erbitterung und zum Haß 
hatten, wie etwa Bräute, die gestorben waren, ohne daß ihr Ver- 
langen befriedigt worden war. Verfolgt man diese Vorstellung weiter, 
so findet man, daß ein Teil der primitiven Konflikte des Mannes darin 
wurzelt, daß er eigentlich seiner Gatlin ein Recht, ihn zu hassen, ein- 
räumen muß, weil er sie aus Angst unbefriedigt gelassen und ihren Ver- 
suchungen widerstanden hatte. 

Die lneounterarüclcung 

Als der Mensch aus dem Selbsterhaltungstrieb heraus die sozialen Gesetze 
„Du sollst nicht töten und „Du sollst nicht ehebrechen" schuf, konnte 
er diese Gesetze nur aufrecht erhalten und ihnen Nachdruck verleihen durch 
die Einführung einer Strafe, durch das gesellschaftliche Übereinkommen, daß, 
wer gegen diese Gesetze verstieß, sein Leben verwirkt habe. Es war, um 
diese frühen Gesetze, die die fundamentale Basis jeglicher Gesetzgebung 
überhaupt sind, praktisch in Anwendung bringen zu können, notwendig, 
daß dem Verhalten des Einzelnen den Interessen der Gesellschaft als Ganzem 



1) R. Kleinpaul: Die Lebenden und die Toten in Folklore, Religion und Mythos. 
1898. Von Freud zitiert in „Totem und Tabu". 






Der Moiistruatioiiskoniplex -S 



gegenüber gewisse Schranken auferlegt wurden. Der frühe sozial empfin- 
dende Mensch äußerte daher ganz instinktiv eine solche kollektive Drohung, 
um seine sexuellen Impulse im Zaum zu halten. So waren die sozialen 
Gefühle ein Resultat der Notwendigkeit, um die Art als solche zu erhalten, 
die egoistischen Impulse der Individuen im ganzen einer Bewachung zu 
unterstellen. Die Umstände, die diese Notwendigkeit erzeugte, waren eine 
zeitweilige Regression auf ungehemmte libidinöse Impulse bei der Auf- 
lösung des Herdensystems, die eine Bedrohung der Arterhaltung darstellten. 
Ob die sozialen Gefühle eine Phase der psychischen Entwicklung darstellen, 
als Weiterentwicklung eines primitiven Herdentriebes, wissen wir nicht, doch 
scheint es wahrscheinlich. Aber soziales Bewußtsein und Herdentrieb müssen 
nicht notwendigerweise dasselbe sein, nur weil sie in mancherlei Hinsicht 
miteinander verknüpft sind. Gibt es doch einen Unterschied, der ganz offen- 
sichtlich ist: Der Herdentrieb enthält keinerlei Konfliktstoff in sich; in ihm 
gibt es nur blinden Gehorsam; wohingegen die sozialen Gefühle sich stets 
in gewissen Ausmaßen mit den individualistischen Tendenzen in Gegen- 
satz befinden, denn sie entstanden ja gewissermaßen bei deren Unterwerfung. 
Wir können an dieser Stelle einen Trugschluß feststellen: Es wird oft 
gesagt, daß die Art, in der ein Durchschnittsmensch seine Meinung über 
Dinge äußert, von denen er keine wirkliche Kenntnis hat, das Produkt 
des Herdentriebes sei, der ihn zwinge, sich im Sinne der allgemein vor- 
herrschenden Meinung zu äußern; obgleich diese Annahme oftmals der 
Wahrheit entsprechen mag, wird doch mindestens ebenso oft festgestellt, 
daß dieses Verhalten egoistischen Charakterzügen zuzuschreiben ist; da 
aber, wie schon gezeigt wurde, gerade das ungezügelte Nachgeben egoisti- 
schen Impulsen gegenüber, zu der Bildung der frühen Gesellschaft ge- 
führt hat, ist leicht einzusehen, daß ein anderer Faktor im Menschen vor- 
handen sein muß, der ihn fortgesetzt in Konflikte mit seinen Trieben 
bringt, und daß dieser Faktor bei den in Herden lebenden und instinkt- 
mäßig entsprechend eingestellten Tieren noch nicht vorhanden ist. Darin 
scheint die widerspruchsvolle Natur des Menschen zu liegen, die in ihrer 
endgültigen Form eine Folge der Bedrohung der Selbsterhaltung ist, jener 
Todesdrohung, der der Mensch gegenüberstand, wenn er ungehemmt seinen 
Trieben nach leben wollte; ihr Resultat ist die Unterdrückung des indi- 
viduellen Altruismus, die Umkehrung seiner psychischen Weichheit in 
Grausamkeit, und, wenn sie sich mit der aggressiven Komponente des 
Sexualtriebes verbindet, die Entstehung des Sadismus. 



C. D. Daly 



Der öad 



omasochismus 



ni6 



Wir möchten nun auf die masochistischen Möglichkeiten, sich auf dem 
Wege über selbstzugefügte Schmerzen Lust zu verschaffen, besonders nach- 
drücklich verweisen (sie werden uns später den Weg, den die Entwicklung 
gegangen ist, zeigen), denn jegliche neu erworbene Triebbeherrschung 
wird durch selbstauferlegte Leiden erlangt, wobei die neu erworbene innere 
oder äußere Herrschaft zu neuen Lustmöglichkeiten führt; das Lustgefühl 
selbst ist in erster Linie vollkommen narzißtischer Natur und auf die 
eigene Person beschränkt. Des Menschen Auffassung darüber, was lustvoll 
ist, mag wechseln, die Wirklichkeit allmählich wertvollere und schweren 
Kampfes würdigere Sache werden als die Phantasien, in denen zu leben 
noch heute die Mehrzahl der Menschen vorzieht. Es äußert sich z. B. eine 
Komponente des Sexualtriebes in dem Bestreben, selbständig durch die Herr- 
schaft über die Exkretionsfunktionen Lust zu gewinnen. Das ist möglicherweise 
das erste Stadium einer derartigen Verschiebung der entsprechenden Sexual- 
komponente (Selbstbeherrschung an Stelle ursprünglicher Organlust), ihre Ur- 
sache liegt darin, daß das Kind von der Mutter (besonders an ihren Brüsten) 
keine völlige Befriedigung erlangen kann. Wenn des Kindes ungestümer 
Wunsch, sich an den Mutterbrüsten zu befriedigen, auf Versagung gestoßen 
ist, dann versucht es erst, die Mutter zu verletzen, indem es z. B. die 
Brüste zerbeißt und zerkratzt. Wenn auch diese sadistischen Äußerungen 
unterbunden werden, versucht es, auf narzißtische Weise sich Genugtuung 
zu verschaffen und lernt zu gleicher Zeit, seinem Haß gegen die Mutter 
Ausdruck zu verleihen, indem es ihr seine Fäzes vorenthält, so wie sie 
ihm die Brüste versagte. Wenn dieser Haß sich gegen das Kind selbst 
wendet, so entsteht ein narzißtischer Masochismus. Freud 1 hat darüber 
gesagt, es gäbe ein „Zusammenwirken einer großen Beihe von Momenten, 
welche die ursprüngliche passive Sexualeinstellung übertreiben und fixieren. 
(Kastrationskomplex, Schuldbewußtsein.) Der Schmerz, der hiebei über- 
wunden wird, reiht sich dem Ekel und der Scham an, die sich der Libido 
als Widerstände entgegengestellt hatten." 

Diese Feststellung Freuds scheint meine Hypothese zu sichern, daß Ekel 
und Scham als Beaktion des Mannes auf die Menstruation der Frau 
aufzufassen sind. Freud sagt weiter: „Daß Grausamkeit und Sexualtrieb 
innigst zusammengehören, lehrt die Kulturgeschichte der Menschheit über 



1) Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. {Ges. Schriften, Bd. V, S. 52.) 



Der JMenstruatiotiskomplex 27 



jeden Zweifel, aber in der Aufklärung dieses Zusammenhanges ist man 
über die Betonung des aggressiven Moments der Libido nicht hinausge- 
kommen." 1 

Kehren wir nun zurück zu der Frage nach den Sexualhemmungen. Hypo- 
thetisch können wir vermuten, daß in der präanimistischen Periode die Unter- 
drückung des Sexualtriebes als Folge des Zwanges entstand, unbewußt die 
automatisch sich einstellende Sexualerregung auf äußere oder auf innere 
Anlässe hin als eine Quelle von Gefahr für das unreife Ich anzusehen, 
da für den Fall des Triebgehorsams die Selbsterhaltung direkt bedroht 
war, und die äußere Versagung für die inneren Hemmungen Anlaß wurde, 
sich bemerkbar zu machen. Das Resultat war eine innere Spannung, die 
der primitive Mensch, ähnlich wie der Neurotiker von heute, auf die Dauer 
schwer vertragen konnte. Die neue Gefahr, das Inzesttabu mit seiner unerbitt- 
lichen Todesdrohung, brachte so die Verdrängung aller sexuellen Lustgedanken 
mit sich, insbesondere aber die des Sexualtriebs zu der Zeit der größten 
Anziehungskraft der Frau, der Menstruation. Die den Mann verlockenden 
Reize wurden so von ihrem Ziel abgelenkt, wurden gefährlich und irgend- 
welchen unbekannten Einflüssen, z. B. Geistern, zugeschrieben. 

Nunmehr wird die Angst, die zuerst mutmaßlich durch eine äußere 
Gefahr hervorgerufen worden war, verinnerlicht und macht dann jenen 
höher entwickelten Teil des psychischen Apparates aus, der den Menschen 
zur Kontrolle über die primitiven sexuellen Triebe verhilft, wenn erst das 
Bewußtsein für die Notwendigkeit erweckt ist, die Hemmungsfunktion 
auszuüben, durch welche — im Interesse der Entwicklung von Kultur 
und Gesellschaft — die Triebbefriedigung aufgehoben werden kann. 

Wahrscheinlich wurde die Verdrängung des sexuellen Begehrens gerade 
während der Zeit der weiblichen Periode so zu einem der kausal bedeutungs- 
vollsten Momente der Neurosen bei Primitiven, da der Trieb dadurch eben 
zu dieser Zeit unbefriedigt blieb. Ich möchte hier an Freuds Begriff des 
Wiederholungszwanges" erinnern, den er als wesentliches Merkmal alter 
Triebe in seinem Werke „Jenseits des Lustprinzips beschreibt. Vielleicht 
verhält es sich sogar so, daß es gerade das Inzesttabu und der Menstruations- 
komplex waren, durch die der Trieb seine erste stärkere psychische Beein- 
trächtigung erlitt. Unter den Tieren (besonders deutlich z. B. bei den In- 
sekten) ist, wie ich an anderer Stelle gezeigt habe, die sexuelle Lockung 
stark genug, um allen gewohnten Sinn für Vorsichtsmaßregeln außer Wirkung 



1) Freud, op. cit. S. 52. 



=8 C. D. Daly 

zu setzen, während die Einrichtung der Todesstrafe für Verletzung 
des Inzestverbotes unter allen Umständen den Mann veranlaßt, 
gerade zur natürlichen Zeit des Sexualverkehrs seinen Trieb zu 
verdrängen. Diese Verhinderung der männlichen sexuellen Befriedigung 
durch Verdrängung scheint der Hauptgrund für sein ewiges Vorwärtsstreben 
nach Vollkommenheit zu sein. 

^Freuds Ansichten über diesen Gegenstand unterstützen meiner Meinung 
nach meine Theorie: „Allein ich glaube nicht an einen solchen inneren Trieb 
und sehe keinen Weg, diese wohltuende Illusion zu schonen. Die bisherige 
Entwicklung des Menschen scheint mir keiner anderen Erklärung zu be- 
dürfen als die der Tiere, und was man an einer Minderzahl von mensch- 
lichen Individuen als rastlosen Drang zu weiterer Vervollkommnung beob- 
achtet, läßt sich ungezwungen als Folge der Triebverdrängung verstehen, 
auf welche das Wertvollste an der menschlichen Kultur aufgebaut ist. Der 
verdrängte Trieb gibt es nie auf, nach seiner vollen Befriedigung zu streben, 
die in der Wiederholung eines primären Befriedigungserlebnisses bestünde ; 
alle Ersatz-, Reaktionsbildungen und Sublimierungen sind ungenügend, um 
seine anhaltende Spannung aufzuheben, und aus der Differenz zwischen 
der gefundenen und der geforderten Befriedigungslust ergibt sich das trei- 
bende Moment, welches bei keiner der hergestellten Situationen zu ver- 
harren gestattet, sondern nach des Dichters Worten ,ungebändigt immer 
vorwärts dringt' (Mephisto im .Faust' I, Studierzimmer). Der Weg nach 
rückwärts, zur vollen Befriedigung, ist in der Regel durch die Widerstände, 
welche die Verdrängungen aufrecht halten, verlegt, und somit bleibt nichts 
anderes übrig, als in der anderen, noch freien Entwicklungsrichtung fort- 
zuschreiten, allerdings ohne Aussicht, den Prozeß abschließen und das Ziel 
erreichen zu können." 1 

Später, in demselben Werk stellt Freud die Frage: „Wie soll man aber 
den sadistischen Trieb, der auf die Schädigung des Objekts zielt, vom lebens- 
erhaltenden Eros ableiten können ? Liegt da nicht die Annahme nahe, daß 
dieser Sadismus eigentlich ein Todestrieb ist, der durch den Einfluß der 
narzißtischen Libido vom Ich abgedrängt wurde, so daß er erst am Objekt 
zum Vorschein kommt?" (1. c. S. 246.) Ich weiß nicht, wie weit ich hier 
mit Freud übereinstimmen kann. Ich sehe den Sadismus als eine Reak- 
tionsbildung des lebenserhaltenden Eros gegen sein Objekt an, infolge einer 
Todesdrohung, die ursprünglich gegen das Ich selbst gerichtet gewesen war. 



m 




Der Meiistruationskomplex 



29 



Wahrscheinlich ist es die Unterdrückung der aggressiven Komponente, die 
Mut und Zartheit in Feigheit und Grausamkeit verwandelt. Wenn die 
aggressive Komponente des Sexualtriebes geschwächt wird, dann wendet 
sich der sadistische Impuls gegen die eigene Person und wird so auf narziß- 
tischer Grundlage zum Masochismus. Ich glaube, daß die sadistische Kompo- 
nente ruhig als „destruktiv" bezeichnet werden darf in Anbetracht ihres 
auf Zerstörung des anderen gerichteten Zieles, das die Reaktion ist auf 
die der eigenen Person drohende Todesgefahr. Die Grausamkeit des Sadismus 
zeigt, daß sie eine Perversion der Zartheiten des Eros darstellt ; aber ob wir 
sie auch als zu dem Todestrieb gehörig betrachten dürfen, ist eine andere 
Frage. Denn der ursprüngliche Sexualtrieb ist auch noch im Sadisten wirksam, 
wenn auch die Fähigkeit zum Sexualverkehr in extremen Formen garnicht 
mehr in Erscheinung treten kann, ehe das Opfer nicht seiner Grausamkeit 
den vollen Preis bezahlt hat. Die Funktion der normalen aggressiven Kompo- 
nente des Sexualtriebes ist die Unterwerfung des Sexualobjektes, während 
die Grausamkeit des Sadismus das Ziel hat, den Schmerz zu überwinden, 
den das Ich als Wirkung des verdrängten Traumas der gegen sich gerich- 
teten Todesdrohung an sich erfährt. 

Wir wollen noch einmal zusammenfassen: Meine Behauptung geht dahin, 
daß die aggressive Komponente des Sexualtriebes durch die Angst unter- 
drückt wurde, die das Phänomen der Menstruation durch die mit ihm ver- 
bundene Todesdrohung erzeugt hat. Der Haß, der so bei der Unterbindung 
des Sexualtriebes entsteht, kehrt die zarte Komponente der Sexualität in 
Grausamkeit und in den Wunsch um, dem Liebesobjekt Schmerz zuzu- 
fügen ; vielleicht ist es richtiger zu sagen, daß ein archaischeres primitives 
Grausamkeitsstreben sich jetzt mit der aggressiven Komponente des Sexual- 
triebes verbindet, indem diese auf jenes zurückgreift, also indem eine Re- 
gression eintritt. 

Kehren wir jedoch zu Freuds Vermutungen über die Natur der Triebe 
zurück, nach denen ein Trieb „ein dem belebten Organischen inne- 
wohnender Drang wäre, „zur Wiederherstellung eines früheren Zu- 
standes, welchen dies Belebte unter dem Einfluß äußerer Stö- 
rungskräfte aufgeben mußte". 1 

Der Menstruationskomplex, der aus dem Inzestverbot entsteht, ist vielleicht 
die wichtigste dieser äußeren Störungskräfte, die die Verdrängung der 



1) Freud: Jenseits des Lustprinzips. (Ges. Schriften, Bd. VI, S. 226.) — Von mir 
gesperrt. 



3o 



C. D. Daly 



Wiederholungszwangskomponente der Triebe verursacht hat, die den Menschen 
von der übrigen Tierwelt unterscheidet. Hieraus konnte die Phantasie im 
Menschen entstehen, die, wenn von der Realität kontrolliert, sich als seine 
wertvollste Eigenschaft herausstellt. Daß der Sexualtrieb auf diese Weise 
gehemmt wurde, hatte für die ganze menschliche Art traumatische Wirkungen, 
deren Ausmaß wir heute erst ahnen, ohne es ganz zu kennen. 

Gemäß unserer Theorie wendet sich der Neurotiker von der Wirklichkeit 
ab, weil ihre Perzeption seinem Ich zu schmerzlich ist. Aber wir können am 
Grunde dieses „Schmerzes" Bedrohungen der Selbsterhaltung vermuten. Wir 
nehmen an, daß die Versagung des Sexualtriebes das Resultat der bekannten 
Drohung gewesen ist, und daß der Haß gegen die Frau und die vollständige 
Unterwerfung des weiblichen Geschlechtes das Endergebnis der periodischen 
Steigerung ihrer sexuellen Anziehungskraft war, nachdem die Liebe ge- 
zwungen worden war, sich in Haß zu verkehren; ihre Anziehungskraft 
lieferte den Mann an seine von ihm selbst aufgestellten Gesetze zum 
Schutze des Inzestverbotes aus, — auf der einen Seite wurde er durch 
Gerüche und visuelle Reize angezogen, denen er kaum widerstehen konnte, — 
auf der anderen Seite geriet er, wollte er seinem Triebverlangen folgen, 
in akuteste Todesgefahr; das Ich mußte diesen Konflikt mit einer Abneigung 
gegen sexuelle Reize beantworten, die Lustgefühle, die durch den sexuellen 
Anreiz entstanden, mußten zurückgewiesen werden. Es kann kaum be- 
zweifelt werden, daß der Begriff der Schönheit sich ursprünglich an den 
Reizen, die von den Geschlechtsorganen ausgingen, gebildet hatte und von 
dort aus infolge des besprochenen Konfliktes erst verschoben werden mußte. 
Die volle Bedeutung dieses Konfliktes kann nur richtig eingeschätzt werden, 
wenn man bedenkt, wie vollständig die einschlägigen Vorstellungsinhalte 
aus dem menschlichen Bewußtsein geschwunden sind und wie viele sekundäre 
Folgen daraus entstanden sind. Auch in der Belletristik wie in der Mythologie 
sind Schönheit und Tod stets miteinander verknüpft geblieben. Judith sagt 
in Hebbels Tragödie: „Meine Schönheit ist die einer Tollkirsche. Ihr 
Genuß bringt Wahnsinn und Tod." 1 Jetzt ist es verständlich, warum die 
Vagina und die Frau überhaupt, besonders während der Menstrualzeit, so 
„unheimlich" werden mußte, und der Ursprung der Hexenkraft, auf die 
wir in der nächsten Studie zu sprechen kommen werden, liegt jetzt klar 
auf der Hand. 



1) Zitiert nach Freud: „Das Tabu der Virginität." (Ges. Schriften, Bd. V, S. 229.) 



-^ ; 



Der Ateiistniatioiisliomplex 



Homosexualität und -P. 



erversion 



Freud und Ferenczi haben in bezug auf die Objekthomoerotik Fest- 
stellungen gemacht, die meine Ansichten zu stützen scheinen. Ferenczi 
meint, daß die Objekthomoerotik a\if Sadismus und Analerotik beruht, 1 
während Freud in seiner Arbeit „Die Disposition zur Zwangsneurose" 
ebenfalls der Meinung ist, daß als ihre konstitutionelle Basis die prä- 
genitale sadistisch-anale Entwicklungsstufe der Libido anzusehen ist. 2 Es ist 
anzunehmen, daß diese beiden prägenitalen Regungen in der dunklen 
Vergangenheit in dem von mir oben beschriebenen Phänomen einen gemein- 
samen Ursprung gehabt haben. Man kann auch daraus ersehen, welche 
Bedeutung diesem Konflikt zukommt, daß er das Wiederauftauchen einer 
Sehnsucht nach dem Vater ermöglichte, nachdem die Ursache des Streites 
mit ihm, das Verlangen nach der Mutter resp. der Frau überhaupt, nicht 
mehr so stark war, sodaß die Liebe der Männer zueinander wieder ge- 
kräftigt werden konnte. 

Der primitive Menstruationskomplex spielt aller Wahrscheinlichkeit nach 
auch für die Inversion keine geringe Rolle, obgleich sein rezessiver Charakter 
ihn später durch andere Abweichungen und Verschiebungen des Sexual- 
triebes hat überdecken lassen. Freud sagt so z. B. von den männlichen 
Invertierten: „Ihr zwanghaftes Streben nach dem Manne erwies 
sich als bedingt durch ihre ruhelose Flucht vor dem Weibe." 3 

„Pervers" nennt man Menschen, die sexuelle Lust bei Handlungen 
empfinden, die in anderen Ekel und Widerwillen hervorrufen, wie Über- 
treibungen normaler Vorbereitungsakte zum Geschlechtsakt, Äußerungen 
der Analerotik u. dgl., die primitiver Natur sind und vermutlich normal 
waren vor dem Auftreten des Inzesttabus, das den Gefühlsumschwung in 
der männlichen Einstellung zum Sexualobjekt mit sich brachte. Diese 
Annahme stimmt mit Freuds Theorie überein, daß der Ekel einer der 
Kräfte war, die die Einschränkung der Sexualität besorgten. 

Freud sagt, daß es einzig die Ausschließlichkeit und die Fixierung* 
der Perversion seien, die es rechtfertigten, sie als krankhaft anzusehen. Be- 
trachten wir z. B. die Fellatio unter phylogenetischen Gesichtspunkten. 



1) Ferenczi: Zur Nosologie der männlichen Homosexualität. (Bausteine zur Psycho- 
analyse, Bd. I. Internationaler Psychoanalytischer Verlag.) 

2) Freud: Die Disposition zur Zwangsneurose. (Ges. Schriften, Bd. V.) 

5) Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. (Ges. Schriften, Bd. V, S. 18.) 
4) Freud, op. cit. S. 35. 






02 



C. D. Daly 



Dieses Phänomen mag aus der Zeit stammen, in der es als etwas ganz 
Natürliches erschien, sich gegenseitig die Genitalien zu beriechen und zu 
belecken, während in der prähistorischen Zeit des heutigen Individuums 
die Fellatio erstens mit der Reaktion auf den Verlust der Mutterbrust 
verbunden ist, da das Kind wünscht, sich für den Verlust am eigenen 
Körper zu entschädigen, und zweitens damit, daß später bei Beginn der 
Objektliebe dieser Wunsch die Form annimmt, die Eltern mögen dieses 
Zeichen der Liebe ihm zuteil werden lassen, eine sexuelle Phantasie, die 
oft durch die Angewohnheit mancher Mütter, die Genitalien des Kindes 
zu küssen, aufs äußerste gesteigert werden kann. Als Perversion kann die 
Fellatio eigentlich nur dann angesehen werden, wenn die sexuelle Be- 
friedigung ohne sie beim normalen Vollzug des Koitus nicht erreicht werden 
kann. Wenn die plötzliche Abwendung von der Frau in einem frühen 
sexuellen Entwicklungsstadium stattfindet, kann dieser Wunsch auf den 
Vater verschoben werden, oder es kann eine Regression stattfinden, auf 
koprophile Neigungen, die ihrerseits mit den Perversionen des Schmeckens, 
Beriechens und Befühlens der eigenen Fäzes verbunden sind. Der Ekel 
und Widerwille, den die Perversionen beim Gesunden hervorrufen, deutet 
darauf hin, daß auch bei ihnen ähnliche Wünsche tief im Unbewußten 
verdrängt liegen. 

Genetisch gesehen, ist für die Überschätzung des sexuellen Wertes extra- 
genitaler Körperteile wieder der Menstruationskomplex verantwortlich zu 
machen ; ebenso ist ihm die mit vollem Erlöschen des normalen sexuellen 
Verlangens einhergehende Knüpfung der Libido an ungeeignete Objekte 
zuzuschreiben, wie sie im Fetischismus und in der Homoerotik statthat. 
Ferenczi sagt z.B. von den Objekthomoerotikern : „Ich kann hier nur Weniges 
hervorheben: Die Koprophilie und die Riechlust ist bei ihnen tief ver- 
drängt, oft zu Ästhetentum, Vorliebe für Parfüms, Kunstenthusiasmus subli- 
miert. Charakteristisch ist weiter ihre Idiosynkrasie gegen Blut 
und alles Blutige. ' 

Wir geben nachfolgend in abgekürzter Form wieder, was er zu der 
frühen Geschichte der Homoerotiker männlichen Geschlechtes sagt: 

„Sie waren alle schon sehr frühzeitig sexuell, und zwar heterosexuell 
aggressiv . . . Ihre Ödipus-Phantasien waren immer normal und gipfelten 
in sexuell-sadistischen Angriffsplänen gegen die Mutter und grausamen 

1) Ferenczi: Zur Nosologie der männlichen Homosexualität. (Bausteine zur Psycho- 
analyse, Bd. I, S. 159 f.) 






Der Mcnstrtiationskomplcx 33 



Todeswünschen, gegen den störenden Vater. Sie waren alle auch intellektuell 
frühreif und schufen in ihrem Wissensdrang eine Menge infantiler Sexual- 
theorien . . . Nebst Aggressivität und Intellekt ualität ist die Konstitution durch 
ungewöhnlich starke Analerotik und Koprophilie charakterisiert. Sie wurden 
in frühester Kindheit von einem der Eltern wegen eines heteroerotischen 
Vergehens . . . hart bestraft und mußten bei dieser Gelegenheit . . . einen 
heftigen Wutanfall unterdrücken . . . Beim Libidoschub der Pubertät wendet 
sich die Neigung des Homoerotikers zunächst wieder dem anderen Geschlecht 
zu ; es genügt aber die leiseste Rüge oder Mahnung seitens einer Respekts- 
person, um die Angst vor den Weibern wieder zu erwecken, worauf dann 
unmittelbar oder nach kurzer Latenz die endgültige Flucht vom weiblichen 
zum eigenen Geschlecht stattfindet." 1 « 

Diese Feststellung Fe renezis scheint die Theorie vom phylogenetischen 
Ursprung der Gesellschaftsbildung auf homosexueller Grundlage zu recht- 
fertigen. Einzig nicht ganz klar ist, was in diesem Zusammenhange die 
von Freud nachdrücklich erwähnte Tatsache bedeutet, daß ein Verweis von 
seiten der Mutter als ursächlicher Faktor der Homosexualität häufig auf- 
trete. Wir mögen uns hier an das Bild der Kali erinnern und werden be- 
rechtigt sein, zu behaupten, daß — phylogenetisch betrachtet — die älteste 
Drohung als von der Frau selbst kommend empfunden wurde, und zwar 
gerade zu der Zeit der Menstruation, da sie am weiblichsten war. Vielleicht 
beruht in diesem Sinne die Idiosynkrasie der Homoerotiker gegen das Blut 
und alle blutigen Gegenstände auf einer phylogenetischen Erfahrung. Die 
Tatsache der tief verdrängten Riechlust der Objekthomoerotiker sichert die 
Annahme eines solchen Zusammenhangs, besonders wenn man sie im Lichte 
der Phänomene betrachtet, die ich in meiner Schrift : „Psychological Reactions 
to Olfactory Stimuli" besprochen habe, wo ich die Verdrängung der Riech- 
lust dem Umstand zuschreibe, daß der Sexualgeruch, der von der Frau 
ausgeht, für den Mann eine Anziehungskraft darstellte, die in ihm nach 
Einführung der gesellschaftlichen Institution des Inzestverbotes die stärksten 
Konflikte hervorrief. 

Das JyLcnstruatioiistauu 

Zum Schluß müssen wir uns noch fragen, wieso die Tabus, die Men- 
struation und Niederkunft betreffen, sich so hartnäckig trotz aller Fort- 
schritte der Erziehung in den vergangenen Jahrhunderten erhalten haben. 

1) Ferenczi, 1. c. 

Daly: Der Menstruationskoraplex 5 



54 C. D. Daly 






Ich glaube, daß das darin seine Ursache findet, daß die Kinder von Anfang 
an unter dem Einfluß der Tabus der Frau stehen und dadurch notwendiger- 
weise den Einschränkungen von sehen der Mutter unterworfen werden, sodaß 
die Tabus sich in ihnen geradezu vom Beginn ihrer Existenz an befestigten. 

Wie Freud gezeigt hat, 1 ist der Ursprung des Schuldgefühls auf ein 
Tabu zurückzuführen. Die strenge Gültigkeit des Tabu mag teilweise aus 
Furcht vor den Konsequenzen entstanden sein, die seine Verletzung nach sich 
ziehen mußte (obwohl der letzte Ursprung des Inzestverbotes ungewiß ist 
und nur sehr unbestimmt gemutmaßt werden kann). Die Inzestsünde war 
mit einem ungeheuren Schuldgefühl verbunden, — aber mehr als das, — 
schon der bloße Gedanke einer Verletzung des Inzestverbotes, den doch jeder 
Mann haben mußte, scheint eine so gewaltige Angst zur Folge gehabt 
zu haben, daß der Mann sich von ihr nur dadurch befreien konnte, daß 
er sie auf das schwächere Geschlecht verschob, das aus physiologischen 
Gründen für ihn eine so schwere Versuchung bedeutete. Dies bedarf einiger 
Erläuterungen. Zu diesem Zweck muß ich auch auf die bisher unerklärte 
Tatsache verweisen, daß, während die Frau ihre der tierischen Brunst 
analoge Periodizität, die doch ohne Zweifel — wie noch heute bei den 
Tieren — einmal beiden Geschlechtern zukam, beibehalten hat, der Mann 
eine bestimmte Periode der „Brunst an sich aber nicht mehr erfährt. 

Es mag auf den ersten Blick scheinen, als ob unsere primitiven Vor- 
fahren uns durch ihr Bestreben, sich selbst von dem Schuldgefühl zu be- 
freien, das ihnen aus den Versuchungen, das Tabu zu verletzen, entstanden 
war, einen sehr zweifelhaften Segen hinterlassen haben. Denn eben dieses 
Bestreben, den Qualen des Schuldgefühles zu entrinnen, indem man es 
auf das weibliche Geschlecht verschiebt, mag einerseits den ersten Anlaß 
gegeben haben zur Entstehung jener subtilen Triebabwehren der Zwangs- 
neurotiker, die in der Analyse so schwer zu verstehen sind, während ander- 
seits die gleiche Reaktion in späterer Zeit die Quelle des höheren Gewissens 
gewesen sein könnte, das den Mann zwang, seinen Narzißmus zu erkennen. 
Auf jeden Fall scheint sich diese Vorstellung unserer Kenntnis einzufügen, 
daß im Charakter der Zwangsneurotiker der Zug der peinlichen Gewissen- 
haftigkeit hervortritt als ein Reaktionssymptom gegen die im Unbewußten 
lauernde Versuchung und daß bei Steigerung des Krankseins die höchsten Grade 
von Schuldbewußtsein von ihnen entwickelt werden. 2 Dieses Vermächtnis der 



1) Freud: Totem und Tabu. 

2) Freud: Totem und Tabu. (Ges. Schriften, Bd. X, S. 86.) 






Der .Menstruationskomplex 35 



Primitiven, das bei den Zwangsneurotikern wieder manifest wird, kommt 
mit unseren höheren Ichidealen in Konflikt, der sich infolgedessen möglicher- 
weise bei den Europäern sogar noch vergrößert hat. Diese Erscheinung hängt 
auch damit zusammen, daß die Frauen im Laufe der Entwicklung in der 
sozialen Achtung stiegen, so daß die Schuld, die der Mann seinerzeit auf 
das weibliche Geschlecht verschoben hatte, nun zu ihm in Form eines 
Schuldbewußtseins der Frau gegenüber wieder zurückkehrt. Der Grund 
hiefür liegt allerdings noch völlig im Dunkeln. 

Die Angst des Primitven, die sich, wie Freud gezeigt hat, aus der durch 
die Verdrängung umgewandelten Libido gebildet hat, wird nun leichter 
verständlich. Das Motiv für die Verdrängung jenes Wunsches, das Tabu zu 
verletzen, liegt in der Todesfurcht, 1 während die Verschiebung der Schuld 
auf die Frau ihren Grund in dem Schmerz hat, der der Furcht entsprang, 
die das Ich des Primitiven zu ertragen unfähig war. So setzte der Primitive 
die Frau herab, deren visuelle und geruchliche Reize seine Furcht ge- 
weckt hatten. 

Freud gelangt zu dem Verständnis dieser Dinge durch einen Vergleich 
des Tabus mit den Zwangshemmungen des Neurotikers und faßt sie wie 
folgt zusammen: 

„Das Tabu ist ein uraltes Verbot, von außen (von einer Autorität) auf- 
gedrängt und gegen die stärksten Gelüste der Menschen gerichtet. Die Lust, 
es zu übertreten, besteht in deren Unbewußtem fort; die Menschen, die dem 
Tabu gehorchen, haben eine ambivalente Einstellung gegen das vom Tabu 
Betroffene. Die dem Tabu zugeschriebene Zauberkraft führt sich auf die 
Fähigkeit zurück, die Menschen in Versuchung zu führen; sie benimmt 
sich wie eine Ansteckung, weil das Beispiel ansteckend ist, und weil sich 
das verbotene Gelüste im Unbewußten auf anderes verschiebt. Die Sühne 
der Übertretung des Tabu durch einen Verzicht erweist, daß der Befolgung 
des Tabu ein Verzicht zugrunde liegt." 2 

An anderer Stelle finden wir die folgenden Ausführungen: 
„Wir werden also eher die psychologischen Bedingungen für das Tabu 
zu bestätigen suchen, welche wir für die Zwangsneurose kennengelernt 



1) Oder auch in Furcht vor Krankheit. Wir wissen aus Analysen, daß eine solche 
Angst oft die Angst deckt, geschwängert zu werden. In unserem Falle könnte man 
in dieser Angst eine Wiederkehr des verdrängten Wunsches sehen, die Frau zu 
schwängern, weiters die Angst vor der Ansteckung, mit der bei der Frau vermuteten 
Krankheit, also letzen Endes wieder Todesfurcht. 

2) Freud: Totem und Tabu. (Ges. Schriften, Bd. X, S. 46.) 



36 C. D. Daly 

haben. Wie gelangten wir bei der Neurose zur Kenntnis dieser psycho- 
logischen Momente ? Durch das analytische Studium der Symptome, vor allem der 
Zwangshandlungen, der Abwehrmaßregeln und Zwangsgebote. Wir fanden 
an ihnen die besten Anzeichen für ihre Abstammung von ambivalenten 
Regungen oder Tendenzen, wobei sie entweder gleichzeitig dem Wunsche, 
wie dem Gegenwunsche entsprechen oder vorwiegend im Dienste der einen 
von den beiden entgegengesetzten Tendenzen stehen. Wenn es nun gelänge, 
auch an den Tabuvorschriften die Ambivalenz, das Walten entgegengesetzter 
Tendenzen aufzuzeigen, oder unter ihnen einige aufzufinden, die, nach der 
Art von Zwangshandlungen, beiden Strömungen gleichzeitigen Ausdruck 
geben, so wäre die psychologische Übereinstimmung zwischen dem Tabu 
und der Zwangsneurose im nahezu wichtigsten Stücke gesichert. 

Am Menstruationstabu kann man den Anteil beider ambivalenter Regungen 
deutlicher erkennen, als bei irgendwelchem anderen Tabumaterial, das Gegen- 
stand psychoanalytischer Untersuchungen geworden ist. Wir wollen dies 
noch an Hand von einigen weiteren kurzen Anführungen aus der ein- 
schlägigen Literatur verfolgen. Es wird dabei klar werden, wie viel im 
heutigen Verhalten der Männer gegenüber den Frauen in den gleichen 
psychischen Erscheinungen wurzelt, auf Grund deren die Frauen ursprünglich 
während ihrer Periode tabu wurden. 

„Bei den Surinam-Negern muß die Frau während der Dauer ihrer Periode 
in der Einsamkeit leben; es ist für Mann und Weib gleicherweise ge- 
fährlich, sich ihr zu nähern. Wenn sich ihr jemand nähert, so ruft sie 
angstvoll: ,Mi Kay! Mi Kay! Ich bin unrein!'" 2 

Hier erblicken wir die Wirkung des Inzesttabus. Die Frau hat schon 
gelernt, die Hauptquelle ihrer Anziehungskraft zu fürchten, selbst zu glauben, 
daß ihr Übel und Gefahr für die Gemeinschaft entspringt; sie nimmt das 
Gesetz und die Oberherrschaft des Mannes an, sodaß, was vorher ihr 
stärkster Reiz war, nun ihre Schande wurde. 

Beachten wir, wasFrazer dazu sagt. Er faßt seine Ansichten wie folgt 
zusammen: „Der Zweck dieser Abschließung der Frau während der Men- 
struation ist die Neutralisation der gefährlichen Einflüsse, die, wie man an- 
nimmt, von ihr ausgehen. Man glaubt vom Mädchen, es sei im Besitz einer 
mächtigen Kraft, die, wenn sie nicht gefesselt wird, zur Folge hat, daß 
nicht nur das Mädchen selbst, sondern auch alle Personen, mit denen es in Be- 



il Freud: Totem und Tabu. (Ges. Schriften, Bd. X, S. 46 f. 1 
2) H. Ellis, op. cit. S. 284. 



Der ivlenstriiatioriskoniplex 



*7 



rührung kommt, dem Untergang anheim fallen. Diese Kraft zum Heil aller 
zu bändigen, ist der Zweck des in Frage stehenden Tabus." 1 

Wir können dies mit dem vergleichen, was Freud über die Tabuverbote 
sagt: Es scheint, „als ob die Verbote notwendig wären, weil gewissen Per- 
sonen und Dingen eine gefährliche Kraft zu eigen ist, die sich durch Be- 
rührung mit dem so beladenen Objekt überträgt, fast wie eine Ansteckung . 
Diese Kraft haftet nun an allen Personen, die etwas Besonderes sind, wie 
Könige, Priester, Neugeborene, und allen Ausnahmszuständen, wie den körper- 
lichen der Menstruation, der Pubertät, der Geburt . . . 2 

Der Hauptzweck des Tabus scheint nun der Schutz des Individuums 
und der Gemeinschaft vor ihren eigenen primitiven Begierden zu sein, 
deren Befriedigung nicht im Interesse der Gemeinschaft liegt. 

Die Tatsache, daß alle tabuierten Gegenstände gleichzeitig heilig und 
unrein sind, wird verständlich, wenn wir bedenken, daß die jetzt abstoßenden 
Objekte stets früher in der einen oder anderen Weise anziehend gewesen 
sind. Eine Triebversagung verwandelt die Anziehung in Abstoßung. Die 
Frau während der Menstruation ist für den Primitiven gleicherweise un- 
rein und unheilbringend wie heilig und gesegnet. Sie ist dem Manne 
zu eben der Zeit versagt, in der sie früher so anziehend gewesen ist, daß 
die Männer sich gegenseitig in einem Ausmaße bekämpft und vernichtet 
haben, das für die Gemeinschaft allmählich unerträglich wurde. Daher 
schuf die primitive Gesellschaft Gesetze zum Schutze der Individuen vor- 
einander, Gesetze, die das Faustrecht als alleinigen Schutz des Besitzes be- 
seitigten und dem Stamme Macht über den Einzelnen gaben. Infolge der 
besonderen Stärke des Sexualtriebes wurden diese Gesetze aller Wahrschein- 
lichkeit nach immer und immer wieder verletzt, was stets die unerbittliche 
Vollstreckung der primitiven Gesetze nach sich zog, nämlich das damals 
einzig mögliche Schreckmittel, die Tötung. Man muß daran denken, daß 
einmal die Menschen noch Brunstperioden hatten, in denen ihr Sexualtrieb 
so stark war, daß jede vernünftige Triebeinschränkung, die vielleicht sonst 
schon vorhanden war, hinfällig wurde, indem der Trieb im Nu jeglichen 
Gedanken an das Gesetz und an seine Konsequenzen über den Haufen 
warf. Früher stellten die Männer während der Brunstperiode füreinander 
Feinde dar; nun jedoch wurden die Frauen zur eigentlichen Gefahr. Die 
Zurückdämmung der männlichen Aggressivität gegen Mann und Frau, der 



1) Frazer: The Golden Bough. Kap. IV, S. 28. 

2) Freud: Totem und Tabu. (Ges. Schriften, Bd. X, S. 30 f.) 









38 



C. D. Daly 



nun jegliches Ventil verschlossen war, erhöhte das libidinöse Verlangen, so- 
daß die Gefahr der weiblichen Anziehung noch weit größer wurde als 
vorher; denn die Perioden der Frau wurden allmählich eine Mahnung an 
den Tod, sie weckten nur Gefühle der Angst und Schwäche, anstatt alle 
Aggressivität wieder ins Leben zu rufen und den Mann zum Kampfe mit 
den Rivalen zu veranlassen, der, hätte er siegreich geendet, alle Begierden 
neu erweckt hätte. 

So wurde das Menstrualblut für den Mann allmählich weit abstoßender 
als irgend etwas sonst; die Frau, die mit dieser widerwärtigen Erscheinung 
behaftet war, wurde zum Gegenstand der Angst, des Ekels und des Ab- 
scheus, wurde eines der nötigen Übel des Lebens, das für die Zwecke des 
Mannes gebraucht und mißbraucht wurde. Und er hat, wie wir gerade 
hier zeigen möchten, die Frau von jeher so angesehen, indem er seinem 
Haß durch Einschränkungen, die er der Frau auferlegte, Luft machte. Zur 
selben Zeit jedoch hat er sie infolge seiner Furcht auch zu einem Ideal 
erhoben, wofür das beste Beispiel die Madonna ist, die unbefleckt empfing. 
Jetzt wird die ganze Frage der großen Muttergöttinnen verständlicher. Eine 
Vereinigung mit ihnen wurde fast allgemein für todbringend gehalten. 

Die Entstehung der Muttergottheit ist in weitem Ausmaße die Folge 
der Verschiebung der Angst vom Mann auf die Frau. Infolge seiner Un- 
befriedigtheit fürchtet der Mann die Vergeltung und so bezaubert die Göttin 
den sterblichen Mann, befriedigt ihre Begierde, aber vernichtet ihn an 
Körper und Seele. 

Kehren wir zu den Primitiven und zu dem Tabu zurück. Zahlreiche 
findige Argumente sind vorgebracht worden, um zu zeigen, daß die Un- 
reinheit des Primitiven etwas anderes bedeutet als unsere moderne Vor- 
stellung von Unreinheit, nämlich daß sie mit dem Heiligen und dem Tabu 
zusammenhängt. In Wahrheit ist der „heilige" Charakter des Tabu (der 
Begriff der Reinheit) seither weggefallen und hat sich mit unseren Vor- 
stellungen in Verbindung gesetzt. Ursprünglich war die Frau zwischen 
ihren Perioden rein, jedoch nicht heilig, während ihrer Perioden unrein 
und heilig, jetzt wird sie für „heilig" gehalten, wenn sie rein ist, d. h. 
erhaben über alle sexuellen Vorstellungen. Dies findet sich besonders deut- 
lich seit der Erhebung der Madonna in ihre Stellung der Heiligkeit im 
Christentum. In anderen Religionen, besonders bei den Hindus, sind diese 
beiden Elemente auf verschiedene Göttinnen aufgespalten; es gibt furcht- 
bare, die versöhnt werden müssen, und solche, die sich dem Madonna- 
Ideal mehr nähern. Die ersten sind jedoch immer noch Göttinnen und 






Der jMciistrtiationskonimcx 



oq 



noch nicht zu Teufeln geworden, die letzteren sind nicht so vollkommen 
über die menschlichen Leidenschaften erhaben wie die Madonna, und von 
beiden wird angenommen, daß sie verschiedene Äußerungsformen der einen 
großen Muttergottheit sind. Die Göttin Kali gilt, wie wir gesehen haben, 
als Göttin der Cholera, der Zerstörung und des Todes. Sie unterscheidet 
sich trotzdem wenig von der anderen großen Muttergöttin, sie stellt nur 
in ihrer besonderen Form den übelwollenden Aspekt der Mutter als Ver- 
körperung von Haß und Ekel dar. Sie kennt keinerlei Scham. Sie schreckt 
den Mann mit ihrer blutigen Vagina, sie kastriert ihn, tritt ihn mit Füßen, 
demütigt ihn aufs äußerste und schlägt ihn mit Krankheiten. Mit anderen 
Worten, sie ist das von dem Primitiven so gefürchtete menstruierende 
Weib. Sie ist auch, wie schon erwähnt, die Beschützerin der Prostituierten; 
auch diese sind schamlos und verbreiten Krankheiten. Sie ist die Schutz- 
göttin der Diebe und derer, die das Gesetz übertreten, d. h. derer, die 
ihre verbrecherischen Neigungen auf Kosten der Gesellschaft befriedigen. 

Wie läßt sie sich mit den anderen großen Muttergöttinnen vergleichen? 

Wir erinnern uns da an die Mythen von Attis und Cybele, von Adonis 
und Aphrodite, von Isis und Osiris. Es gibt in der ganzen Welt zahllose 
solche Mythen, die erzählen, wie ein Sohn, der Inzest beging, mit dem 
Tode bestraft wird; es ist bemerkenswert, daß das sich meist im Frühling 
abspielt. Warum der Mann gerade die Kastration durch die Mutter so 
fürchtet, ist ein Punkt, in dem ich mich nicht festlegen möchte, obgleich 
wir nachgewiesen haben, daß der primitive Haß gegen die Frau stark genug 
ist, um eine erbliche Vergeltungsangst zu erklären, während anderseits 
der männliche Protest der Frau sie dazu veranlaßt haben mag, männlichen 
Kindern „im Spiel" zu drohen. Es ist sehr wohl bekannt, daß Frauen oft 
„im Spiel" ihrem Kinde drohen, ihm den Penis abzuschneiden. Tatsächlich 
werden solche Drohungen als Einschüchterungsmittel gegen die Mastur- 
bation häufig angewandt. Die meisten Kinder bekommen irgendeinmal diese 
Drohung zu hören. Die Erektion des Phallus ähnelt in den Charakteren 
ihrer psychisch-teleologischen Bedeutung denen der Menstruation, denn 
der Penis ist selbst ein Tabugegenstand, wie seine Verehrung bei späteren 
Völkern bezeigt. Der Zustand der Erektion, obwohl primär ein Sinnbild 
der Macht, ist wahrscheinlich später in einem gewissen Ausmaß für ebenso 
„unrein angesehen worden wie das weibliche Organ; da er aber nicht von 
blutigen Erscheinungen begleitet war, erregte er nicht in demselben Maße 
Ekel und Widerwillen. 

Die in vielen Teilen der Welt verbreiteten Menschenopfer für die Erd- 



4o C. D. Daly 

göttin und das Aussprengen von Menschenblut auf Getreidefeldern, hat 
sicher eine Beziehung zum Menstrualblut. Denn obgleich das Menstrual- 
blut später eine Abschreckung bedeutete, muß es letztlich doch sogar im 
Unbewußten des Mannes mit der Schwängerung im Zusammenhang stehen. 
Die Tatsache, daß die Männer dieser Stämme die Frau so verehrten und 
fürchteten, daß sie sie gleichzeitig auf der einen Seite in jeder Hinsicht 
erniedrigten und auf der anderen sie als eine Gottheit verehrten, genügt, 
um den doppelten Zweck zu zeigen, den diese beiden Opfer aller Wahr- 
scheinlichkeit nach zu erfüllen hatten, nämlich die Erde durch Blut und 
Fleisch des Opfers fruchtbar zu machen und die Göttin durch Leid und 
Tod zu besänftigen, weil sonst ihre unbefriedigten Begierden zum Verderben 
des Mannes würden. Wir wissen, daß in höheren Religionen die Mutter- 
göttin oft den Mann zum Geschlechtsverkehr verführt, einem nur kurz 
dauernden Glück, da ihm bald der Tod des Mannes, entweder selbst auf- 
erlegt oder als Kulthandlung, folgte. Unter einigen Völkern gilt das Inzest- 
verbrechen als Ursache für die Vernichtung der Ernte des laufenden Jahres, 
während auch schon Unzucht und Ehebruch die Ernte sehr verschlechtern. 
Geheime Sünde verbittert die Erde. Noch heute bringt man schwere Kata- 
strophen mit Verbrechen dieser Art in Zusammenhang. Die Opferung eines 
Schweines ist eines der häufigsten Mittel, um eine Katastrophe abzuwenden, 
die durch ein solches Verbrechen entstehen könnte. Typisch ist ja das 
ambivalente Verhalten der Menschen dem Schweine gegenüber. Die diesem 
Tier geltende Verehrung und Angst, die auf der ganzen Erde verbreitet 
sind, sind in hohem Grade der assoziativen Verbindung mit Schmutz, Un- 
reinheit, Diebstahl zuzuschreiben (früher war das wilde Schwein ein ge- 
fährlicher Feind der Felder des Menschen), daher erinnert das Graben mit 
der Schnauze in der Muttererde an den verbotenen Inzest. Es vereinigt die 
Tabus von Mann und Frau, denn es ist — ähnlich wie die Frau — unrein 
und in seinem symbolischen Inzestvergehen schamlos. Die Sünde des Ehe- 
bruches und der Unzucht zerstört angeblich die Fruchtbarkeit des Landes ; 
um sie wiederherzustellen, muß ein Schwein geschlachtet und sein Blut 
der Erde dargebracht werden. 1 

Wir können in den in Frage kommenden Tabuvorschriften den Ausdruck 
der Furcht des Primitiven vor seinen Trieben sehen, die ihn dazu verführen 
wollen, Inzest zu begehen, wenn er durch die physiologischen Anzeichen 
der Bereitschaft der Frau in Versuchung geführt wird; er bemüht sich, 

i) Siehe Frazer, Bd. II, „The Golden Bough«. 






Der Mcnstmntionskomplcx ^i 



dem dadurch geweckten Schuldgefühl zu entgehen, indem er die Frau als 
Ursache alles Übels ansieht, denn die Reaktionen auf ihre Menstruation, 
von der ja ursprünglich die Anziehung und die Versuchung ausgingen, 
finden ihren Ausdruck in der Umwandlung der Gefühle in Schrecken, Wider- 
willen, Ekel und Scham. 



I 



II 

-M-enstruationstabu und Oexualnemmung 

Vorbemerkung 

Havelock Ellis stellt die Merkmale der sexuellen Zurückhaltung folgender- 
maßen zusammen (1. c. S. 80): 

„Unter den Merkmalen, die die Zurückhaltung ausmachen, haben wir 
gefunden: l) Die primitive, auch bei Tieren zu beobachtende Ablehnung 
männlicher sexueller Annäherungen durch das weibliche Wesen, das sich 
nicht gerade in der Zeit befindet, in der sie die Annäherung des Mannes 
wünscht ; 2) die Furcht vor aufsteigendem Ekel ; diese Furcht ist vorerst der 
Nachbarschaft von sexuellem Zentrum und Exkretionsorganen zuzuschreiben, 
deren Produkte auch meist für die Tiere nutzlos und ohne Lustbedeutung sind; 
"}) die Furcht vor der magischen Wirkung sexueller Handlungen, und die 
Zeremonien und rituellen Übungen, die ursprünglich auf diese Furcht 
gegründet waren und später zu einfachen Sittengesetzen wurden, Zeichen 
und Hüter der Zurückhaltung; 4) die Entwicklung von Schmuck und 
Kleidung, die zu gleicher Zeit die sexuelle Zurückhaltung fördern, die die 
männliche sexuelle Begierde zurückweist, und die Koketterie begünstigen, 
die sie wieder lockt und anreizt; f) die Auffassung der Frau als Eigentum, 
die ihrer affektiven Zurückhaltung, die bereits vorher auf natürliche und 
primitive Tatsachen gegründet war, eine neue und gewichtige Berechtigung 
verleiht." 

Ich meine nun, daß eine Anzahl dieser Faktoren nicht länger mehr 
haltbar ist in Anbetracht der hier von uns vertretenen Theorien über 
primäre Faktoren der Triebhemmung, die von Ellis übersehen worden 



Der Mcnstruationskomplex 43 

sind. Wir wollen nun aus dem höchst wertvollen Sammelwerk über diesen 
Gegenstand Auszüge machen und diese analytisch betrachten und kommen- 
tieren. 1 

Zurückhaltung, Widerwillen und /Scham 

Havelock Ellis definiert das Schamgefühl als eine instinktive Furcht, 
die zur Verheimlichung anreize, für gewöhnlich in den sexuellen Prozessen 
ihren Mittelpunkt habe und, obwohl sie beiden Geschlechtern gleicherweise 
zukomme, doch ausgesprochen feminin sei (S. 1). Er weist auf die 
enorme Bedeutung der schamhaften Zurückhaltung für die Entstehung der 
männlichen Leidenschaft hin und führt einige überaus scharfsinnige Beob- 
achtungen Stendhals an: „Der Nutzen des Schamgefühls liegt darin, daß 
es die Mutter der Liebe ist. Was den Mechanismus dieses Gefühls anlangt, 
so ist er höchst einfach: Die Seele ist nun von einem Gefühl der Scham 
erfüllt, anstatt von Begierde und Verlangen. Begierde ist verboten, 
denn Begierde führt zur Tat" (S. 2). 

Diese Definition zeigt meiner Ansicht nach auf Grund unserer Kenntnis 
des Inzesttabus, daß der Primitive unter dem Antrieb der Furcht vor dem 
als Strafe für den begangenen Inzest drohenden Tode, das Tabu der Men- 
struation als Schutz einsetzte gegen seine eigenen Begierden zur Zeit seiner 
größten Versuchung, während die Frau allmählich in Anbetracht ihrer 
Unreinheit während der Perioden die Herrschaft des Mannes anerkannte 
und während dieser Zeit ihres größten sexuellen Verlangens auf sich selbst 
voller Scham blickte, besonders da die Befriedigung dieser Begierde für 
den Mann den Tod bedeutete. Die Befriedigung mußte nun zwischen den 
Menstruationsperioden gefunden werden. Das Gefühl der Scham als Folge 
des nicht befriedigten Sexualtriebes bei beiden Geschlechtern und des Schuld- 
gefühls beeinflußte allmählich das gesamte psychische Leben der primitiven 
Gesellschaft. In unseren Kulturkreisen tritt sie nur mehr unter Umständen 



1) Alles, was von besonderer Bedeutung für meine Theorie ist, wurde von mir 
gesperrt, in einigen Fällen, in denen das Original gesperrt ist, wird dies besonders 
bemerkt werden. Die Seitenzahlen, die sich auf Havelock Ellis beziehen, gelten, 
wenn nicht anders bemerkt, für Bd. I seiner „Studies in the Psychology of Sex". 
Bezugnahmen auf andere Werke werden in den Fußnoten angemerkt. — Der Autor 
ist an der indischen Grenze stationiert, wo ihm eine einschlägige Bibliothek fehlt 
und die Umstände es ihm nicht gestatten, andere als seine eigenen Bücher mit sich 
zu führen. Die Leser werden die Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, würdigen. 
In dieser Position sind die Werke Havelock Ellis unschätzbar; hingegen bedauert 
der Verfasser es sehr, sich nicht auf andere anerkannte Werke beziehen zu können. 






I 



44 C. D. Dalv 

zutage, die bereits sehr weit von ihrer ursprünglichen Quelle entfernt 
sind. Ellis führt Madame Celine Renvoy als Autorin einiger sehr treffender 
Bemerkungen an, obgleich sie seiner Meinung nach falsche Schlüsse zieht, 
indem sie primäre Tatsachen durch Rückführung auf sekundäre Faktoren 
erklären will, die sich in Wahrheit erst während der Dauer der Entwick- 
lung aus jenen gebildet haben. Sie schreibt: „Der Lauf der menschlichen 
Entwicklung hat die Psychologie der Geschlechter ins Gegenteil verkehrt, in- 
dem der Frau eine Konsequenz der männlichen Sexualität aufgezwungen wurde. 
Hier liegt der Ursprung der konventionellen Lügen, die durch eine Art so- 
zialer Suggestion die Frau eingeschüchtert und furchtsam gemacht haben. Sie 
hat, wie sich endlich herausstellt, den Zwang zur Schamhaftig- 
keit, den der Mann ihr auferlegt hat, angenommen, die Sitt- 
samkeit, um derentwillen sie gepriesen wird, wird nur durch 
Sitte und Gewohnheit stets von neuem angeregt und gefördert. 
Sie bedeutet in Wahrheit einen Frevel an ihrem Geschlecht" 

(S. 3 )- 

Diese Autorin scheint unter dem Einfluß eines überstarken männlichen 
Protestes zu arbeiten, wenn sich auch in einigen ihrer Bemerkungen eine 
scharfe Intuition zeigt. Der letzte Teil des Zitats bestätigt meine Theorie, 
daß das Schamgefühl auf eine bestimmte primäre Ursache zurückzuführen 
ist, nämlich auf die Äußerungen des Schreckens, des Widerwillens 
und des Ekels beim Manne. 

Die Sittsamkeit ist also in sehr verschleierter Form eine Nachgiebigkeit 
jenen Begierden gegenüber, die Inzestverbot und Sitte im Menschen ver- 
borgen wissen wollen, eine Nachgiebigkeit, die aber die Angst durchblicken 
läßt, erstens die Furcht vor den Konsequenzen und zweitens die Ungewiß- 
heit, ob das Resultat einer Enthüllung Ekel und Widerwille (mit dahinter 
verborgener Todesangst) oder eine Wertschätzung sein würde. 

„Verlangen und Widerwillen vermengen sich in seltsamer Weise, wenn 
man, selbst unbefriedigt, die Befriedigung eines anderen mit ansieht. Hier 
sehen wir den Beginn des altruistischen Stadiums, das zwei Seiten hat: 
die Furcht, Verlangen im anderen zu erwecken, und die Furcht, 
Ekel zu erregen; in jedem Falle ist eine Vereinsamung das 
Ergebnis". 1 

Die Sittsamkeit scheint aus einem Wissen um die Quellen der ver- 
botenen Anziehung zu entstehen, während die Schamhaftigkeit in der 

j) Crawley: The Mystic Rose. S. 159. 



- J ■ ■ - — ^" 



Der Menstriiationstoinplcx j£ 



Furcht, Ekel zu erregen, ihren Ursprung hat. So sind sie beide, da ihre 
letzte Ursache schließlich die gleiche ist, aufs innigste miteinander ver- 
schmolzen. Gibt es einen Anblick, der mehr verlegen macht, als der einer 
feinfühligen Frau, die unter den unkontrollierbaren Erschütterungen ihres 
Unbewußten leidet, da Scham und Sittsamkeit all das zu verdrängen suchen, 
was im Grunde natürlicher Ausdruck ihrer brennendsten Sehnsucht ist, 
während sie mit der Furcht kämpft, sie könnte Mißfallen oder Abscheu 
erregen, — und wie herrlich reizvoll kann sie dann plötzlich werden, wenn 
diese Tabuvorstellung beiseite geschoben wird. 

Die Frau muß unter einer schweren Demütigung als Folge des ihr vom 
Manne auferlegten Menstruationstabus gelitten haben, von der sie sich nie 
wieder erholt hat, während sie anderseits vielleicht auch aus den magischen 
Kräften, die man ihrer sexuellen Anziehung zuschrieb, einige Vorteile ziehen 
konnte, obgleich die meisten Frauen höchst willfährig, auf das Piedestal, 
auf das sie wegen ihres magischen Einflusses erhoben worden sind, verzichten 
würden; die normale Frau zeigt bei Gelegenheit sehr klar, daß sie lieber 
als Frau, denn als Göttin behandelt zu werden wünscht. 

Die Sittsamkeit scheint daher mit den magischen und religiösen Attributen 
dieses Erscheinungsgebietes verknüpft zu sein, während die Scham wohl fast 
ausschließlich mit dem Moment der Erregung von Abscheu zusammenhängt. 
Professor Richet 1 unterstützt diese Annahmen desgleichen, wenn er (nach 
Ellis. S. 47) den Schluß zieht, daß es das Gefährliche und das Nutz- 
lose sei, was Widerwillen errege (im Original gesperrt). Aber diese beiden 
Faktoren sind wohl im Grunde ein und dasselbe, da im Leben der Primi- 
tiven das Nutzlose gefährlich ist, wie der Glaube an die Gefährlichkeit 
alter Leute beweist, die nicht mehr jagen oder arbeiten können, oder 
Kranker, die ebenfalls zur Arbeit unfähig sind und die Gesunden gefährden 
sollen. 

Havelock Ellis gibt eine lange Reihe von Zitaten aus verschiedenen 
Werken an, die auf die Sittsamkeit bei den Primitiven und unter den 
modernen Völkern Bezug haben. Für uns ist dabei bemerkenswert, daß in 
nahezu allen diesen Werken eine Bezugnahme auf die Menstruationsperioden 
der Frau fehlt, da fast das ganze Interesse der modernen Forschung auf die 
Zusammenhänge von Sittsamkeit und Nacktheit u. dgl. konzentriert ist. 

Ziehen wir einige der wenigen Ausführungen in Betracht, in denen 
dennoch die Menstruation erwähnt wird: „Die Manduricu-Frauen Brasiliens 



1) G. Richet: Les causes du Degout. L'homme de l'intelligence. 



46 C. D. Daly 

sind vollständig nackt, aber sie vermeiden jede unschickliche Haltung, so 
daß es ganz unmöglich ist, zu bemerken, wann sie menstruiert sind."' 

Diese Bemerkung ist nicht von Bedeutung, da die Frauen stets darauf 
achten, sich in dieser Zeit keine Blöße zu geben. 

Eine Autorin bemerkt hinsichtlich der Menstruation, daß die Masai und 
andere ostafrikanische Stämme die größte Zurückhaltung beobachten und 
fast mehr als sittsam sind. 2 Diese Bemerkung hat mehr Bezug auf 
unseren Gegenstand, besonders die Beobachtung, daß sie „mehr als sitt- 
sam sind". 

Unter etwa hundert Zitaten wird nur in diesen beiden Fällen die Men- 
struation überhaupt erwähnt. Wüßten wir nicht, daß die ganze Frage der 
Menstruation auch heute noch tabu ist, wäre diese Tatsache wohl recht 
verwunderlich. Eine besonders prägnante Bemerkung aus der Feder eines 
geschulten und klugen Beobachters bestätigt dies. Ellis sagt von diesem 
Autor (S. 55), er beweise, daß „jedes Gefühl des Widerwillens, das von einer 
Frau ausgeht, notwendigerweise immer die Gegend ihres Schoßes zum 
eigentlichen Inhalt hat. Er schließt daraus, daß diese Gegend am meisten 
tabu ist und daß in diesem Tabu der Ursprung der Sittsamkeit liege". 
„Die Geschlechtsorgane mußten schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt 
verhüllt werden, um zu vermeiden, daß die Gefahr, die von ihnen 
ausströmt, die Umgebung schädige. Die Verhüllung ist ein Mittel, 
magische Einwirkungen zu verhindern. Die Verhüllung wurde dann einmal 
eingerichtet, beibehalten und umgeformt. 3 

Die Sitte, das Antlitz zu verhüllen, kann nun nach Dürkheims Fest- 
stellungen über den Zweck der Genitalverhüllung als Verschiebung von 
unten nach oben aufgefaßt werden. Die Singalesen-Frauen glauben, daß sie 
die Vulva verhüllt halten müssen, damit die Dämonen keinen Verkehr mit 
ihnen haben können (S. 56). Es besteht also kaum ein Zweifel, daß das 
Verhüllen im Grunde eine Vorsichtsmaßregel ist, die in Zusammenhang 
mit dem Tabu entstand, und deren Funktion es war, die von den weib- 
lichen Genitalien ausgehende Inzestversuchung zu verdecken. 4 Später wurde 
die Verhüllung in verschiedene Zeremonien und Riten und in zahlreiche 

1) Tocantins, zitiert von Mantegazza. Fisiologia della Donna, cap. 9 (p. 12). 

2) Mrs. Frence-Sheldon: Journal of the Anthropological Institute. 1894, p. 382. 

3) Dürkheim: La Prohibition de l'inceste. L'annee sociologique 1898, S. 50. 

4) Die Frauen, die ihre Genitalien verhüllen, verfolgen damit offenbar einen 
doppelten Zweck: Einmal wollen sie das Entweichen der dort zentrierten magischen 
Kräfte verhindern, um sie für sich zu behalten, dann wollen sie aber auch die andern 
vor dem Übel bewahren, dessen Opfer sie selbst schon geworden sind. 



Der Meiistruationskoniplcx i- 



magisch-religiöse Gebräuche aufgenommen, — so verhüllten die Leute sich 
beispielsweise, um sich vor dem bösen Blick zu schützen u. dgl. Das Ver- 
hüllen entspricht also in seiner eigentlichen Bedeutung einer Vorsichts- 
maßregel gegen Gefahr; daß es später auch zur Quelle sexueller Anziehung 
wurde, können wir in gewissem Sinne der Abschwächung des Tabu zu- 
schreiben, denn hinter der Furcht lag ja immer der verdrängte Wunsch 
bereit, sich wieder geltend zu machen, sobald die Gefahr nachließ. Diese 
Bemerkungen beziehen sich bereits allgemein auf die Frage der Kleidung, 
die wir hier kurz besprechen wollen. 

Ellis weist (S. 55) daraufhin, daß auf einer frühen Kulturstufe „die Men- 
struation als ein Beinigungsprozeß, als ein gefährlicher Ausfluß schlechter 
Säfte angesehen wurde. Daher nannten die alten Hellenen die Menstruation 
auch ,Beinigung"\ Mit Hilfe unserer neuen Theorie ist es für uns nicht 
allzu schwierig zu verstehen, wie es dazu kam. Ellis führt auch das 
mosaische Gesetz an, das besagt: „Wenn ein Mann ein menstruierendes 
Weib enthüllt, dann werden sie beide zugrunde gehen." (Leviticus, Kap. XX. 
V. 18.) Hieraus ist zu ersehen, daß ein Verstoß gegen das Tabu mit den 
schwersten Strafen geahndet wurde. In den Kastrationsdrohungen der Mütter 
oder Ammen gegenüber dem mit dem Genitale spielenden Kind ist das gleiche 
Prinzip noch heute wirksam. 

Ellis meint, daß die Sittsamkeit weit eher sozialen als sexuellen Ursprungs 
sei (S. 56). Ich glaube jedoch zeigen zu können, daß diese beiden Faktoren 
sich nicht so leicht voneinander trennen lassen. Ich möchte die Sittsamkeit 
als Beaktion auf den Menstruationskomplex auffassen, der seinerseits aus 
der Inzestschranke entstanden ist. 

Ellis sagt, indem er Prof. Starbook (Psychology of Beligion, Kap. XXX) 
zitiert: „Man kann wohl sagen, daß die volle Entwicklung der 
Sittsamkeit erst zur Zeit der Pubertät statthat", obwohl er zugibt, 
daß die Sittsamkeit ein einfaches und primitives affektives Element ist. Ich 
glaube, daß er im Irrtum ist, wenn er annimmt, daß die sexuelle Zurück- 
weisung, die beispielsweise eine nicht brünstige Hündin einem Hund zuteil 
werden läßt, psychologisch der menschlichen Sittsamkeit entspricht, deren 
klassisches Beispiel die Venus von Medici darstellt, die das Becken zurück- 
zieht, mit der einen Hand die Schamgegend und mit der anderen die Brüste 
schützt. Ellis hält das für äquivalent, denn er meint: „Das wesentliche 
Moment ist in jedem Falle die Verteidigung der Genitalgegend gegen eine 
unerwünschte männliche Annäherung" (S. 38). Die Hündin versagt sich 
allerdings, weil sie sich nicht im Stadium der Bezeptivität befindet. Die 






4 8 C. D. Daly 

primitive Frau hingegen versagt sich genau aus dem gegenteiligen Grunde, 
denn sie versagt sich gerade im Stadium der Empfänglichkeit, weil sie be- 
fürchtet, daß ihre sexuellen Reize den Mann zu Handlungen hinreißen 
würden, die sie beide der Grausamkeit des Inzestgesetzes ausliefern müßten. 
Diese Angst ist der Ursprung der Sittsamkeit. Ellis betont selbst an anderer 
Stelle seiner Studien, daß die Zurückhaltung der Frau im Manne eine Leiden- 
schaft auslöst; aber wie sollte das möglich sein, wenn seine ererbten Triebe 
ihm zeigen müßten, daß die sich versagende Frau sich nicht im Stadium 
der Empfänglichkeit befand? 

Ich stimme also mit Ellis darin überein, daß die sexuelle Sittsamkeit 
in der sexuellen Periodizität der Frau wurzle (S. 39), nicht aber darin, daß 
sie „ein unwillkürlicher Ausdruck für die organische Tatsache 
sei, daß für die Liebe die Zeit nicht da wäre" (S. 59). Er meint ja 
in seinen Studien, daß die Brunst der Tiere der Periodizität der Frau ent- 
spreche. Er unterstützt seine Meinung, indem er die Frage nach der 
Koketterie unter den weiblichen Tieren aufwirft, deren die Weibchen sich 
bedienen, um die Männchen in die größte sexuelle Erregung zu versetzen. 
Aber irrt er nicht auch hier, wenn er meint, daß Koketterie dasselbe sei 
wie sittsame Zurückhaltung? Die Koketterie ist viel älter und mächtiger als 
diese. Wenn er jedoch Koketterie und sittliche Zurückhaltung als gleich an- 
sieht, dann hätte ja die Zurückhaltung während der Perioden eben zu be- 
deuten, daß gerade jetzt die Zeit gekommen sei! Sie würde für den Mann 
nicht Versagung, sondern Ermutigung bedeuten. Auch legt die moderne Frau 
für gewöhnlich außerhalb ihrer Perioden eine weit größere Neigung zur 
Koketterie an den Tag, als während dieser Zeit; während dieser Zeit neigt 
sie vielmehr zu Depressionen und schämt sich ihres Zustandes. 

Ellis führt die Koketterie auf den Faktor der sexuellen sittlichen Zurück- 
haltung zurück und führt zahlreiche andere Autoren an, die ähnlicher An- 
sicht sind. Ich möchte diesen Zusammenhang umkehren. Die sitt- 
liche Zurückhaltung hat ein Element der Scham in sich, wohingegen die 
Koketterie bei den Tieren nichts damit zu tun hat, vielmehr eine Form 
der Ermutigung durch Versagung und Verzögerung darstellt. Ellis zieht 
auch Montaignes Meinung über die jungfräuliche Sittsamkeit heran. „Was 
ist der Zweck dieser jungfräulichen Scham, jener gelassenen Kälte, jenes 
strengen Verhaltens, wenn das alles in uns nicht den Wunsch nach Er- 
oberung und Unterwerfung stärken sollte?" (S. 42.) Ellis benutzt hier 
dasselbe Argument, mit dem er vorher bewies, daß die Zeit nicht gekommen 
sei, um nun nachzuweisen, daß sie gekommen sei. 



Der Meii.struationskomplcx 4^ 



Ich möchte betonen, daß für den Psychologen die Frage, ob die Men- 
struation dem Oestrum oder dem Praeoestrum der Tiere entspreche, nicht 
bedeutungsvoll ist. Denn auch das Praeoestrum ist für das männliche Tier 
auf jeden Fall ein Zeichen, daß die Zeit, in der seine Begierden befriedigt 
werden sollen, sich nähert, und ein Mittel, seine Erregung aufs höchste 
zu steigern. 1 

Die Sittlichkeit entsteht also aus Zweifeln darüber, wie der Partner sich 
verhalten werde; sie wird, worauf zahlreiche Autoren bereits hingewiesen 
haben, angelegt wie eine Hülle und wieder abgelegt, sobald der Träger 
merkt, daß der Partner das nicht mißbilligt. 

Ellis zitiert in diesem Zusammenhang Chaucers „Wife of ßath's 
Prologue" (S. 50): 

„He sayde, an woman cast her shame aiuay 
When she cast of her smock." 

Er sagt: „Es ist natürlich unmöglich, aus der Tatsache, daß die Scham- 
gegend des Körpers das Hauptobjekt der Geheimnistuerei ist, die Bedeutung 
dieses Faktors der Sittlichkeit nachzuweisen.'' Er fügt hinzu: „Wohl kann 
man aber sagen, daß der Schamgegend diese Rolle nicht nur deshalb zu- 
kommt, weil sie der Sitz der Exkretionsfunktionen ist" (S. 51). Diese be- 
deutsame Frage verlangt eine Lösung. Es steht fest, daß heute die meisten 
Menschen die Nachbarschaft von Anus und Vagina als eine Ursache ihrer 
Sexualhemmungen ansehen, und Traumanalysen zeigen, daß dieser Konflikt 
allgemein verbreitet ist. Aber das kleine Kind empfindet den Anus jedenfalls 
nicht als abstoßend, und ich bezweifle, daß die Kinder der Primitiven ihn 
so empfunden haben. 

Es ist anzunehmen, daß gerade das Gegenteil zutreffend ist, und 
daß der Anus ursprünglich seiner Nachbarschaft zurVagina wegen 
ekelerregend wurde; denn der größte Schrecken und Widerwillen 
des Mannes galt ursprünglich der Menstruation. Derselbe Umstand 
spielt wohl eine Rolle bei der Verdrängung der Analerotik und der Riech- 
lust beim Manne. Die umgekehrte Ansicht hat möglicherweise ihren Grund 
im Unbewußten der Autoren. Wenn man den Ekel den Tatsachen ent- 
sprechend auf die Vagina bezogen hätte, so hätte das dank der Verdrän- 

1) Heape unterscheidet zwischen dem Praeoestrum oder der Periode der Kongestion 
bei weiblichen Tieren und dem unmittelbar darauffolgenden Oestrum, der Periode 
des Verlangens. Bei den niederen Tieren findet unter allen Umständen der sexuelle 
Verkehr nur während des Oestrums statt und nicht während des Praeoestrums. — 
W. Heape: The Sexual Season of Mammals. Zitiert von H. Ellis, op. cit., Bd. II, S. 26. 

Daly: Der Menstruationskotnplex. + 



5o C. D. Daly 

gung einen schweren Konflikt hervorgerufen. Deshalb wurde der Ur- 
sprung des Widerwillens auf die Analgegend bezogen, die eine 
geringere sexuelle Anziehungskraft hat und damit weniger 
gefährlich ist. 

Havelock Ell is ist der Meinung, daß „die soziale Angst der Menschen, 
sie könnten Abscheu erregen, sich auf dieser animalischen Basis entwickelt 
hat" (S. 50). Ich persönlich glaube, daß Lombroso und Ferrero, die er 
in einer Fußnote zitiert, der richtigen Lösung weit näher gekommen sind. 
Er sagt, daß sie pudor von puderi herleiten, d. h. von dem Widerwillen, 
der durch die sich zersetzenden Vaginalsekrete hervorgerufen wird; man 
muß dabei beachten, daß die Furcht, Ekel zu erregen, bei den 
Frauen der Primitiven das einzige Motiv der sittlichen Zurück- 
haltung ist, wie sie auch noch heute unter den Prostituierten die ein- 
zige Form der Scham bildet (S. 52). (LaDonna Delinquenta, S. 540.) Durgas 
ruft aus: „Welche Gefahr bringt doch die Aufdeckung der sonst geheimen 
Begleiterscheinungen der Liebe mit sich! Es drohen Desillusionierung, 
Widerwille, das Bewußtwerden von physischen Unvollkommenheiten, von 
Brutalität und Kälte, Entzauberung ästhetischer Erwartungen, eine empfind- 
liche Erschütterung, die wahrgenommen oder nur geahnt werden. Um ohne 
sittliche Zurückhaltung zu sein. d. h. keine Furcht vor der Feuerprobe 
der Liebe zu haben, muß man seiner selbst ganz sicher sein . . . Nehmen 
wir also an, daß die sittliche Zurückhaltung auf ein ästhetisches Unbe- 
hagen zurückzuführen sei, auf die Furcht der Frau, nicht zu gefallen, oder 
nicht schön genug zu erscheinen" (S. 52). Wir können mit der größten 
Wahrscheinlichkeit weiterschließen, daß diese Furcht der Frauen, nicht 
schön genug zu sein, die Folge des Schreckens ist, von dem der Mann be- 
fallen wurde, als ihm nach Errichtung des Menstruationstabus das gezeigt 
wurde, was einst der Hauptreiz der weiblichen Schönheit und Anziehung 
war, so unbegreiflich uns das auch heute scheinen mag. 

Ich beabsichtige nicht, mich hier näher mit der Wandlung des Schön- 
heitsbegriffes und mit der Ausdehnung der Sittsamkeit zu befassen, die 
mit dieser Wandlung Hand in Hand gegangen ist. Ein solches Unterfangen 
überschritte die Grenzen dieser Schrift. Ein Hinweis darauf wurde bereits 
in der ersten dieser Studien gegeben, als die Entwicklung des künstlerischen 
Ausdrucks gestreift wurde. 1 



1) Ich befasse mich hier nur mit den primären Fakten und beschränke mich 
darauf, genügend Beweise für meine Theorie beizubringen. Um den kritischen Ein- 



Der -Meiistruntioiiskoinplcx 



Ellis hat beobachtet, daß „die Moden der weiblichen Kleidung den 
doppelten Zweck der Verhüllung und der Anziehung haben, wie übrigens 
auch zuweilen der Gebrauch von Parfüms". Ebenso verhält es sich mit 
dem kleinen Schurzfell der primitiven Schönen (S. 59). Die Erhöhung 
der Anziehung ist in der Tat eine durchaus logische Folge der 
Furcht, Ekel zu erregen (S. 5g). Sollte darin das einzige Motiv für 
die weibliche Freude am Schmuck liegen, so können wir damit höchst- 
wahrscheinlich auch die Entstehung dieser Freude am Schmuck auf die 
Schwächung der weiblichen Anziehungskraft und Schönheit zurückführen, 
die das Menstruationstabu mit sich gebracht hat. So kam es, daß die Frau 
sich mehr an Schmuck und Zierat freut als der Mann. 

Zahlreiche Autoren haben Beweise dafür gesammelt, daß der ursprüng- 
liche Zweck der Kleidung nicht die Verhüllung, sondern der Schmuck des 
Körpers war; aber dieses Beweismaterial ist nicht sehr belangvoll, wie man 
leicht erkennen kann, wenn man bedenkt, daß von zehn Autoren, die so viel 
Material über diesen Gegenstand sammelten, neun einen so bedeutenden 
Faktor im Leben der Frau, wie die Menstruation, nicht einmal erwähnen. 
Aber selbst die wenigen, die sie erwähnen, scheinen ungenügend informiert, 
da man ihnen über dieses Phänomen, das streng tabu war, wahrscheinlich 
allzuwenig mitgeteilt hat. Sie verweisen auf das Tätowieren der Geschlechts- 
organe, auf den Gebrauch von Perlenschmuck u. dgl., weiterhin noch auf die 
zahlreichen Belege dafür, daß, wenn irgendeine Verhüllung der Genitalien 
stattfand, sie nur den Zweck hatte, anzuziehen und die Aufmerksamkeit 
zu wecken und nicht zu verbergen. Ohne Zweifel hatten sie recht, wenn sie 
annahmen, daß das Schmücken der Genitalien den sexuellen Reiz nur erhöhe. 
Aber es ist auch zu sagen, daß die Frauen während der Menstruations- 
perioden oft vollkommen in Kleider eingehüllt und jedem Blick völlig 
entzogen werden. Da aber die Frauen der Primitiven gerade in dieser Zeit 
gewöhnlich überhaupt nicht zu sehen sind und sie und ihre Männer 
von selbst nicht davon sprechen, können wir verstehen, wieso es kam, daß 
von den Autoren das größere Gewicht auf Schaustellung und Schmuck 
gelegt wurde, die der Beobachtung leichter zugänglich waren und die die 
Leute jederzeit stolz zu zeigen und zu besprechen bereit waren. Außerdem 
ist noch zu sagen, daß in Ländern, in denen sonst Nacktheit ohne Scham 

wand der Einseitigkeit zu verhindern, muß ich feststellen, daß ich wohl weiß, 
daß der männliche Exhibitionismus in der Hervorbringung der in 
Frage stehenden Faktoren eine Rolle gespielt hat. Ich hoffe, diese Seite 
der Frage in einer späteren Veröffentlichung vollständiger behandeln KU können. 

4* 



5 2 C. D. Daly 

ganz allgemein ist, ausnahmsweise getragene Kleider den Körper sicher 
bedecken und verhüllen und nicht enthüllen sollen. 

Ich möchte also annehmen, daß die Kleider möglicherweise ursprünglich 
getragen wurden, um die Tatsache der Menstruation zu verbergen, 
und daß gewisse Parfüms demselben Zweck dienten, daß aber, als die 
Frauen merkten, daß die Kleider einen Anreiz bildeten, sie zur Zeit, da sie 
nicht tabu waren, Kleider und Parfüms weitergebrauchten, jetzt aber, um 
ihr Objekt anzulocken. In frühester Zeit verbargen die Frauen ihre Ge- 
schlechtsteile wahrscheinlich soweit als möglich (wie die Primitiven es 
noch heute tun), dann aber, sobald sie nicht mehr der Menstruation wegen 
abgeschlossen waren, verfielen sie wohl in das entgegengesetzte Extrem, 
schmückten ihre Genitalien und benutzten Parfüms, um sich in den Augen 
ihrer Männer anziehend zu machen. Damit hängt es auch zusammen, daß 
viele Frauen, die sich nicht scheuen, vor dem Manne nackt zu erscheinen, 
doch eine außerordentliche Scheu davor haben, sich in Gegenwart von 
Männern zu entkleiden. Denn wenn die Kleidung einst benutzt wurde, 
um die unausprechliche Schande der blutigen Genitalien zu verbergen, 
dann verstehen wir, daß diese Ängstlichkeit der Möglichkeit gilt, vom 
Manne gesehen zu werden, wenn sie ihre Kleider ablegen, ehe sie sich 
nach der Abschließung gewaschen haben. Und wenn die Frauen später 
ihr Möglichstes taten, um sich auf einem primitiven Wege dem stärkeren 
Geschlecht gefallig zu zeigen, dann mag der Mann im Zurückblicken seine 
Sympathie auf sie ausgedehnt, im Vorwärtsblicken aber erkannt haben, 
daß viele der Züge, die ihm an der Frau mißfallen, eben durch ihn selbst 
der Frau aufgezwungen worden sind. 

Wir dürfen nicht übersehen, daß das Entkleidetwerden immer eine 
Demütigung bedeutet, mag es sich nun um den Schurz und anderen 
Schmuck der Primitiven, oder um die Kleidung des modernen Europäers 
handeln. Ellis sagt darüber: „Das war schon so zu Zeiten des Homer; 
erinnern wir uns doch an Odysseus' Drohung, den Theyester zu ent- 
kleiden. 

Es ist interessant zu bemerken, daß, wenn immer die Frage der Sitt- 
samkeit und Keuschheit in Verbindung mit der Auffassung diskutiert wird, 
die Frau sei Eigentum ihres Mannes, d. h. wenn der Gegenstand weit 
genug von dem gefürchteten Menstruationskomplex abgerückt 
ist, daß dann einige Autoren, Ellis eingeschlossen, die Sache 
vollkommen richtig ansehen. Ellis sagt diesbezüglich: „Diese Sittsam- 
keit ist der Frau so streng auferlegt worden, damit der Mann vor Ver- 



Der Aieiistruationskomplex 53 



suchung bewahrt bleibt" (S. 64), während Hinton, den er zitiert, so weit 
geht, zu meinen, die körperliche Zurückhaltung sei der Frau vom Manne 
zum Zweck der Erhaltung seiner eigenen Kraft und Tugend auferlegt 
worden. Mit diesen Feststellungen stimme ich überein. — Sodann dis- 
kutiert Ellis die Sprache in ihrem Zusammenhang mit der Sittlichkeit 
und hier werden wir weitere Bestätigungen für den Menstruationskomplex 
finden. 

Wie man aus der frühen realistischen dramatischen Literatur verschie- 
dener Länder ersehen kann, bestand in Europa bis zum 17. Jahrhundert 
unter dem Volk keine besondere Abneigung gegen eine offene Ausdrucks- 
weise in sexuellen Angelegenheiten. Von dieser Regel findet sich nur eine 
bemerkenswerte Ausnahme. Es existierte eine solche Abneigung ganz deut- 
lich im Hinblick auf die Menstruation. Es ist nicht schwer zu verstehen, 
warum eine solche Scheu gerade bei dieser Funktion eingesetzt hat. Wir 
haben hier nicht nur eine Funktion, die auf nur ein Geschlecht beschränkt 
ist, und für die eine Bezeichnung sich daher auch leicht nur im Wort- 
schatz dieses Geschlechtes finden mag; sondern, was wichtiger ist, ein 
Glaube, der schon bei den Römern und überall sonst in der Welt bestand, 
hat sich auch das ganze Mittelalter hindurch erhalten. 1 Die Bezeichnung 
menses" (Monate) ist ein Euphemismus, die meisten alten wissenschaft- 
lichen Bezeichnungen für diese Funktion sind in ähnlicher Weise um- 
schreibend. Was die populäre Ausdrucksweise der Frauen vor dem 1.8. Jahr- 
hundert angeht, so gibt Sc hur ig darüber weitgehende Auskünfte. 2 Er 
bemerkt, daß sowohl' in den lateinischen wie auch in den germanischen 
Ländern die Menstruation gewöhnlich mit einem Terminus bezeichnet 
wurde, der etwa dem Ausdruck „Blumen" gleichkommt. Die Menstruation 
ist ja tatsächlich ein Blühen, das die Möglichkeit einer späteren Frucht 
anzeigt. Die deutschen Bauernfrauen haben dafür die Bezeichnung „Rosen- 
kranz" (S. 68). 

Bezüglich der Erklärung der für „Menstruation" gebräuchlichen Aus- 
drücke möchte ich bemerken : 

Blumen und Rosenkranz: Diese beiden Bezeichnungen ersetzen die 
verabscheute Vorstellung durch eine angenehme. Die unangenehm ge- 
wordenen Vorstellungen der Periode werden verhüllt, aber die ursprüng- 
lichen anziehenden Elemente (Gesichts- und Geruchsreize) verraten sich 



1) Siehe z.B. Ploß und Bartels: Das Weib. Bd. I, XIV. Auch H. Ellis: Man and 
Woman. 4. Aufl., Kap. XI. 

2) Parthenologia 1729, S. 27 fr. 



54 CD. Daly 

noch in der Wahl der Ersatzvorstellung (schöne und wohlriechende Blumen) • 
auch das Anzeichen, daß die Möglichkeit der Geburt da sei, wird bei- 
behalten (Blüte!).' 

Genau denselben Mechanismus kann man in Träumen beobachten, in 
denen die menstruierende Vagina durch Blumen sj'mbolisiert wird. Ähn- 
liche Symbolik findet sich im Hinduismus, — so Smaret Prathna, Pushpinin, 
wörtlich „als hätte sie die erste Blüte". 



Das Erröten 

Mit dem Phänomen des Errötens sind Sittsamkeit, Scham, Schüchtern- 
heit, Furchtsamkeit und Verwirrung eng verknüpft. Partridge sagt: „Aller 
Augenschein zeigt, daß der seelische Zustand des Errötenden eine Art Furcht 
ist. Das Vorhandensein von manifester Angst, von Herzklopfen, Neigung 
zur Flucht und zum Verstecken, innerer Erschütterung, all dies bestätigt 
diese Anschauung." Auch Medinaud 2 stellt fest, daß das Erröten stets mit 
der Furcht in Zusammenhang steht, — daß der Errötende etwas zu ver- 
hüllen hat, von dem er fürchtet, es könnte entdeckt werden (S. 62). 

Ellis sagt, „man habe nachzuweisen versucht, daß das Erröten der letzte 
Überrest einer allgemeinen krankhaften sexuellen Reizbarkeit 
sei, aus der die Scham entsprang" (S. 73). Diese Feststellung stimmt mit 
meiner eigenen Ansicht überein, und es ist wahrscheinlich, daß das Er- 
röten sich ursprünglich hauptsächlich an den Geschlechtsorganen abgespielt 
hatte und in engem Zusammenhang mit der Tumeszenz steht.3 



1) Eine bekannte englische Schauspielerin erhielt einst beim Verlassen der Bühne 
einen Blumenstrauß. Ein bekannter Komiker betrat nun die Szene und sein Erscheinen 
wurde mit großen Ovationen begrüßt, worauf er sagte: „Sie ist mit den Blumen 
davongegangen, und „I haue come on with the clap" (clap = Applaus, aber aucli vulgärer 
Ausdruck für Gonorrhöe - ). Man hat mir gesagt, daß dieser Scherz eines der größten 
Gelächter hervorgerufen hat, die London je gehört hat. Die psychologische Bedeutung 
dieses Scherzes ist nicht zu übersehen; ganz abgesehen davon, daß eine schöne Frau 
bloßgestellt worden war, als sähe man ihr die blutige Ausscheidung an, die sie doch 
zu verbergen bemüht sein würde, und daß ein Mann offen zugab, an einer Geschlechts- 
krankheit zu leiden, die allgemein gefürchtet und verheimlicht wird, findet sich noch 
eine tiefere Bedeutung in der Beziehung zwischen der Periode und der Ansteckung, 
die hier in nahen Zusammenhang zueinander gebracht werden und zu der Tatsache, 
daß nur ein paar Sekunden zwischen beiden Ereignissen vergangen waren. 

2) Pourquoi rougit-on? Bevue des deux mondes, Octobre 1895. Zitiert von H. Ellis. 
5) Das erste Zeichen des Praeoestrums, das bei den niederen Säugetieren zu bemerken 

ist, ist Schwellung und gesteigerter Turgor der Vulva, sodann Ruhelosigkeit, Er- 
regbarkeit und Unbehagen. Zahlreiche Affenarten weisen einen Blutandrang im 






Der Meiistruntioiiskomplcx 



Stanley Hall scheint ebenfalls Ansichten zu haben, die mit meiner 
Theorie über den Ursprung der Scham übereinstimmen; aber immerhin 
führt er sie nicht auf das Menstruationstabu zurück. Er wird von Ellis 
wie folgt zitiert: „Hall scheint anzunehmen, daß das sexuelle Erröten 
vikariierend für eine genitale Blutüberflutung eintrete, die von der genitalen 
Sphäre durch eine Furchtregung abgelenkt worden ist, wie auch beispiels- 
weise das Gekicher der Mädchen sehr oft einer Schamregung entspricht; 
das sexuelle Erröten wäre somit die Auswirkung einer archaischen Sexual- 
furcht; daß das Erröten ein Lustelement enthält, entspricht dem Umstand, 
daß es ein Abkömmling der sexuellen Reizbarkeit ist. 1 

Ellis zitiert eine Stelle aus einem Brief, den er erhielt: „Glauben Sie 
nicht, daß das schamhafte Erröten letzten Endes wirklich ebenso wie die 
Erektion nicht im Grunde ein vasomotorischer Entspannungseffekt ist? Das 
Unbehagen des Errötens entsteht, wenn diese vasomotorische Reaktion unter 
Umständen wahrgenommen wird, die im Augenblick als unpassend emp- 
funden werden. Wahrscheinlich entsteht dann Furcht, Mißfallen zu er- 
regen, wenn man seine unangebrachte Erregung merkte. Bekannt ist das 
Erröten junger Mädchen, wenn sie mit Komplimenten überhäuft werden. 
Dieses Erröten scheint von einem Lustgefühl begleitet zu sein, das nicht 
in Furcht oder Widerwillen umschlägt, sondern als reizvoll empfunden 
wird. Wenn es doch unbehaglich wird, so drücken das die Frauen meistens 
aus: „das sieht ja so aus, als könnte ich mich nicht beherrschen." Wird 
solche Selbstbeherrschung überflüssig, so hört die Angst auf, so daß sich 

Gesicht und in den Brustwarzen auf, auch in den Hinterbacken, den Oberschenkeln 
und den benachbarten Körperteilen; zuweilen sind diese in bemerkenswerter Weise 
angeschwollen. Bei einigen Arten zeigt ein gelegentlich sogar außerordentliches An- 
schwellen der zarten Gewebe um den Anus und die Vagina das Fortschreiten des 
Praeoestrums an. Im Uterus folgt während des Praeoestrums einer Proliferation des 
Stromas rasch eine Proliferation der Gefäße des Stromas. Das Ganze erhält eine 
stärkere Blutzufuhr, die Oberfläche ist gerötet und in hohem Maße gefäßreich. Der 
Prozeß schreitet vor, bis das ganze innere Stroma gespannt und stark injiziert ist. — 
Die Menstruation der Frau ist in allen wesentlichen Punkten mit der des Affen 
identisch. 

W. Heape: The Sexual Season of Mammals, wie zitiert von H. Ellis, op. cit. III. 
S. 26. Ellis sagt: „Diese Beschreibung zeigt ganz klar den fundamentalen vaskulären 
Charakter des Prozesses, den ich Tumeszenz genannt habe. Es muß jedoch hinzu- 
gefugt werden, daß die nervösen Elemente im Menschen in diesem Prozeß 
mehr in Erscheinung treten und diese primitiven Äußerungen mehr oder weniger 
verwischen. (Von mir gesperrt, da die Bemerkung für die hier vorgetragenen Theorien 
von Bedeutung ist.) Ellis bezieht sich noch auf Heapes Feststellung, daß bei den 
Tieren, die menstruiert sind, der Koitus immer nach der Menstruation statthat. 

1) Stanley Hall: „A Study of fears." American Journal of Psychology 1897. 






56 C. D. Daly 

dem vasomotorischen Effekt ein weiteres Gebiet eröffnet und eine allgemeinere 
Durchblutung entsteht infolge einer Anregung der spinalen sexuellen Zentren. 
So scheint ein solches Erröten ein sexuelles Äquivalent zu sein, das andere 
sexuelle Erscheinungen verhindern kann, sowohl indem es vor ihnen warnt 
und Angst erzeugt, als auch indem es selbst ein bequemes Ventil für die 
vasomotorische Erregung bildet. Wenn die Beziehungen der Beteiligten 
eine ungezwungene ist, wie zum Beispiel in der Ehe, dann findet sich das 
Erröten nicht so oft, noch ist es immer eine Folge von Angst (S. 74). 

Hingegen schreibt Ellis: „Die Bedeutung des Errötens und der da- 
hinter verborgenen Affektstörung als Zeichen der Schamhaftigkeit erweist 
sich an der Tatsache, daß es möglich ist, durch Beschwichtigung der Affekt- 
störung das Gefühl der Scham zu unterbinden. Mit anderen Worten, wir 
haben es hier mit einer Angst zu tun, und zwar in weitem Ausmaß mit 
Sexualangst, die verborgen bleiben möchte und die Aufmerksamkeit der 
anderen fürchtet. Diese Angst verschwindet natürlich, sogar wenn ihre 
augenscheinliche Ursache bestehen bleibt, sobald es offenbar wird, daß kein 
Grund für Angst vorhanden ist" (S. 75). 

In diesem Kapitel über das Erröten, in dem weder von Ellis noch 
von einem der zahlreichen zitierten Autoren der Menstruation 
Erwähnung getan worden ist, gelangen dennoch sowohl Ellis als auch 
manche der anderen Autoren zu Schlüssen, die den meinen weitgehend 
entsprechen. Ich halte das für eine bedeutsame Tatsache und meine, daß 
die Autoren zu ganz korrekten Schlußfolgerungen gelangen, solange es sich 
nicht um die Menstruation handelt, bei der das Tabu, das auf der ganzen 
Menschheit ruht, auch die Verfasser hemmt, so daß sie, wenn im unter- 
suchten Material eine Verbindung mit der Menstruation auftaucht, oftmals 
der Wahrheit völlig blind gegenüberstehen. 

Ich habe schon darauf hingewiesen, daß der Menstruationskomplex an 
der Wurzel von Zwang und Zweifel liegt, die in der menschlichen Xatur 
und in pathologischen Formen in der Zwangsneurose ganz alltäglich sind. 
Oft habe ich bemerkt, daß viele Menschen, wenn man mit ihnen auf Dinge 
zu sprechen kommt, die die Menstruation betreffen, Zwang und Zweifel 
produzieren, und dies kann nirgends besser beobachtet werden als bei den 
persönlichen Hemmungen des Autors jenes unschätzbaren Sammelwerkes, dem 
ich das Material für die vorliegende Arbeit verdanke. Der Verfasser wendet 
sich, wenn er sich den zentralen Faktoren genähert hat, immer wieder von 
ihnen ab und leugnet ihre primäre Bedeutung. Wie nahe kommt er z. B. im 
Folgenden der korrekten Lösung: „Ein anderer Faktor der Sittsamkeit, der 






Der M-cnstruatioiiskoinpIcx 5/ 



im primitiven Seelenleben zu hoher Entwicklung gelangt, ist das rituelle 
Element, vor allem die Vorstellung von der zeremoniellen Unreinheit, die 
der Furcht vor den übernatürlichen Einflüssen entspricht, die, wie man 
annimmt, von den sexuellen Organen und Funktionen ausgehen. In ge- 
wissem Grade mag es auf die Elemente, die hier schon erwähnt wurden, 
zurückzuführen sein." (S. 54.) Und weiter: „Durch diese geheimnisvolle 
Furcht wurden Verstöße gegen das Ritual notwendig; obgleich sie ernsterer 
Natur sind als Verstöße gegen sexuelle Zurückhaltung oder gegen die Furcht, 
Widerwillen zu erregen, so verdichten sich doch alle diese Elemente, ver- 
stärken einander und sind nur schwer auseinanderzuhalten. 

Die Verfolgung der Frau dural den Mann 

Jetzt ist es vielleicht möglich, ein wenig besser zu verstehen, warum 
der Mann die Frau verfolgt. Der Mann fürchtete seine primitiven Impulse 
der Frau gegenüber; er errichtete Tabus, um sich vor ihnen zu schützen, 
er mußte sich gerade während der Menstruationsperioden das sexuelle 
Objekt vorenthalten. Auf dem Wege über das Inzesttabu entstand 
die wahre Brüderschaft der Männer; das Menstruationstabu ist 
eine der Ursachen jener Gegensätzlichkeit der Geschlechter, 
die sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Darin sehen wir 
die Richtigkeit von Freuds Vermutung, daß die Gesellschaft auf homo- 
sexuellen Bindungen basiert sei, während die Heterosexualität ursprünglich 
auf eine Desintegration der Gesellschaft hinzielt. 

Wir hoffen, nunmehr die Behauptung gerechtfertigt zu haben, daß der 
primitive Menstruationskomplex eine reiche Quelle der Ambivalenz des 
Mannes darstellt. 

Jedoch kann der intensive Haß, der gelegentlich gegen die Frauen an 
den Tag tritt, auf diesem Wege nicht ganz erklärt werden. Ich muß auf 
verschiedene, noch unerwähnte Gedankengänge zu sprechen kommen, die 
meine Theorien angehen. Ich muß mir dabei immer wieder die Frage vor- 
legen, ob ein erörterter Faktor für sich allein ausreichend sei, 
um die Intensität der Reaktion zu erklären. Ist er es. dann ist in 
ihm die Hauptursache gefunden; ist er es nicht, so muß man tiefer suchen. 
Im Falle des Hasses gegen die Frauen sind die ausschlaggebenden Faktoren 
nicht schwer zu finden. Der Ermordung des Urvaters folgte ohne Zweifel 
eine lange Periode, in der ein heftiger Kampf der Männer um den Besitz 
der Frauen tobte. So war zwar ihrer Aggressivität ein Ventil dauernd ge- 






58 



C. D. Daly 



öffnet, aber das Leben wurde unerträglich. So wurde das Gesetz „Du 
sollst nicht töten" begründet, mit dem gleichzeitig auch das Inzesttabu 
entstand, das ohne jenes nicht denkbar wäre. So konnten sich die Haß- 
tendenzen des Mannes am bisherigen Objekt nicht mehr befriedigen. „Eva" 
war der unschuldige Anlaß gewesen, und schließlich wandte sich der Haß 
gegen sie. Wir dürfen annehmen, daß die Hemmung der aggressiven Im- 
pulse von einem Anwachsen der Sexualtriebe begleitet wurde, die aber 
wiederum durch das Inzesttabu, später durch den daraus entstehenden Men- 
struationskomplex gehemmt wurden. Wir können eine Bestätigung dafür 
darin finden, daß die Verfolgung für gewöhnlich unter mehrminder ähn- 
lichen Umständen stattfindet, so wie etwa während des verschärften Zölibats 
im Dienste des religiösen Idealismus, während der auf einen Krieg folgenden 
Friedenszeiten, während der Vorherrschaft des Feindes in einem eroberten 
Lande, dessen religiöse Vorstellungen von den landesüblichen abweichen. 
Anderseits zeigt die ganze Geschichte der Zivilisation, daß das Sexual- 
verlangen, das nicht mehr auf Brunstperioden beschränkt ist, stetig wächst 
und daß die Notwendigkeit, es zu stillen, unter den Zivilisierten viel größer zu 
sein scheint als unter den Primitiven. Hier machen sich ökonomische 
Faktoren geltend. Die intensiven Energien, die ursprünglich nur während 
der Zeit der Brunstperioden frei wurden, äußern sich nun unausgesetzt 
wahrend des ganzen Lebens. Die Liebe verlangt fortgesetzt ihren Tribut: 
Lust, eine periodische Explosion, gefolgt von Perioden der Inaktivität. 
Hinter allem Tabu liegen Versuchung, Feindseligkeit und Todeswunsch gegen 
die geliebte Person verborgen. 

In Zeiten religiöser Zölibate ist an Frauen oft schreiendstes Unrecht 
verübt worden, z. B. bei den Hexenverfolgungen in Europa. Hierin spiegelt 
sich die Ruckkehr des Verdrängten weit stärker als in allen anderen Bei- 
spielen für meine Theorie. Keiner war bei der Verfolgung der Frau als 
der Quelle allen Übels gewalttätiger als die Priester, ob heidnisch oder 
christlich. Wieviel unschuldiges Leben hat im sechzehnten und siebzehnten 
Jahrhundert die Kirche vernichtet! Sie lehrte, daß Barmherzigkeit einer 
Hexe gegenüber eine Beleidigung des Allmächtigen sei. 1 „Kirchliche Tribu- 
nale verdammten Tausende zum Tode und zahllose Bischöfe wandten ihren 
ganzen Einfluß auf, um die Zahl der Opfer noch zu vergrößern. Wenn 
ein Volk von einer Art Massenneurose befallen ist, wie es die europäischen 
Völker zur Zeit der Hexenverfol gungen waren, dann finden wir oft, daß 

1) Lecky: The Rise and Influence of Rationalism in Europe. Maeic and Witch- 
craft. S. 6/7. 






Der Mcnstruatlonskoinplex ^>9 



es vor einer vorgestellten äußeren Gefahr zittert, die der Projektion jener 
inneren Gefahr entspricht, die auf das Opfer verschoben worden ist, an 
dem nun die grausamen Impulse befriedigt werden, deren Psychogenese 
mit dem Menstruationskomplex in ganz enger Verbindung steht. 

Auf diese Weise ist der Einfluß des Heidentums auf die christlichen 
Taten im Römischen Reich mit Leichtigkeit erkennbar. Damals herrschte 
die schreckliche Vorstellung von einer ewigen Strafe in ihrer materia- 
listischsten Form. Sie ist das natürliche Resultat der Rückkehr des Ver- 
drängten, wenn man annimmt, daß eine der primitivsten Quellen der 
Grausamkeit im Menstruation s- und Inzestkomplex zu suchen ist, durch 
den das frühere Paradies des Menschen zu seiner Hölle und die größte 
Anziehungskraft der Frau zu ihrer größten Scham und Erniedrigung ge- 
worden ist. Die Christen glauben, daß aller derer, die ihrer Kirche an- 
gehören, ewiger Friede wartet, und daß alle Außenstehenden zu ewigen 
Qualen verurteilt seien. Eine interessante Rückkehr des Verdrängten sehen 
wir in der Prophezeiung des Enoch. Man nahm damals an, daß die Welt 
voll von Geistern sei; einige Engel, die sich vor der Sintflut mit den 
Töchtern der Menschen verbunden und sie gelehrt hatten. Wolle zu 
färben, und — eine noch größere Schandtat — sich die Ge- 
sichter zu bemalen (worin wir eine Verschiebung von unten nach oben 
erblicken), waren zu ewigem Leiden verurteilt worden. Alle bösen Geister 
„versuchen nun, auf jede Weise die Pläne des Allmächtigen zu durch- 
kreuzen, und ihre besondere Freude ist es, die Verehrung, die allein 
ihm gebührt, auf sich abzulenken". 1 

Alle, sogar die alleredelsten heidnischen Gottheiten, wurden von den 
Christen als unzweifelhaft „teuflisch" angesehen. Die Verlegung der eigenen 
libidinösen Regungen des Mannes in die Frau zeigt sich auch deutlich in 
dem Glauben, daß die Hexen Teufel geheiratet hätten, was übrigens eine 
der gewöhnlichsten Anklagen auf den Hexentribunalen war; sogar noch in 
späteren Tagen sagte man, daß sie fleischlichen Verkehr mit dem Teufel 
hätten. 2 Das Phänomen des Nachtmahr (Alpdrücken) war, wie schon der 
Name sagt, mit diesem Glauben verknüpft. Frauen, die ein eingeschränktes 
Geschlechtsleben führten, glaubten, daß sie, wenn sie vom Alpdrucken 
heimgesucht worden waren, den Resuch des Teufels empfangen hatten. 
Die Griechen schrieben den Alpdruck einem Dämon namens Ephialtes zu. 

Die mittelalterlichen C hristen glaubten sich von allen Arten von bösen 

i) Von mir gesperrt. 

2 l H. Ellis, op. cit. Bd. I, S. 87. 



60 C. D. Daly 

Geistern verfolgt. Diese waren aber nicht so schrecklich, wie wir vielleicht 
heute glauben könnten; konnten sie doch durch das Zeichen des Kreuzes, 
durch einige Tropfen Weihwasser oder durch den Namen der Maria aus- 
getrieben werden. Man sieht, wie die Regression der Massenneurose die 
Menschen ihren primitiven Vorfahren wieder angenähert hat. 1 In ganz 
Europa und Amerika wurden die Hexen Verfolgungen 2 bis in das achtzehnte 
Jahrhundert mit größtem Eifer und mit unbegreiflicher Grausamkeit durch- 
geführt. 3 

Das angebliche Verbrechen der Hexen, nämlich fleischlicher Verkehr mit 
dem Teufel, und seine Bestrafung unter der Begründung, daß es eine 
Beleidigung des Allmächtigen sei, stellt einen seelischen Inhalt dar, 
der in der ganzen Menschheitsgeschichte seine Rolle spielt und bei den 
Neurotikern in überspitzter Form auftritt. Es handelt sich um den Wunsch 
des Mannes, der im Ödipusmythos dargestellt ist, den Vater zu töten und 
geschlechtliche Beziehungen zur Mutter zu haben, um die archaischeste 
Sünde, die später unter dem Einfluß der Religion als gegen Gott, gegen 
das projizierte Vaterideal, gerichtet empfunden wurde. Der Einfluß des 
religiösen Idealismus übertönte alle alten verdrängten Feindschaftsgefühle 
gegen den nunmehr bewußt idealisierten Vater, so daß diese nur in einer 
Hinwendung auf die Frau Befriedigung finden konnten. 

Der Teufel 

Der Teufel ist eine verdichtete Figur und stellt sowohl den gehaßten 
Vater als auch den Sohn dar. Der Sohn schiebt in seiner Phantasie seine 
schuldhaften Begierden den (im Unbewußten) gehaßten Eltern, besonders 
aber der Mutter zu. Wenn er glauben kann, daß sie gegen den All mäch - 



1) Sigm. Freud: Totem und Tabu. (Ges. Schriften, Bd. X.) 

2) Lecky hat Statistiken darüber mit der größten Einsicht zusammengestellt und 
kommentiert. Er hat einen so überwältigenden Beweis erbracht, der die psychoanaly- 
tischen Gesichtspunkte in einer Weise stützt, daß sie keiner weiteren Erläuterung 
mehr bedürfen. 

5) Jede christliche Glaubensgemeinschaft hat irgendwann eine andere verfolgt. 
So verfolgte die englische Regierung beispielsweise auf Anstiftung der schottischen 
Bischöfe und unter Zustimmung der Englischen Kirche die Presbyterianer in Schott- 
land. Man riß ihnen die Ohren ab, verbrannte sie mit heißen Eisen, zerquetschte 
ihnen die Finger in Daumenschrauben, man zerbrach ihnen die Knochen, Frauen 
wurden öffentlich durch die Straßen gegeißelt usw. Ähnliche Barbareien können 
anderen Regierungen nachgewiesen werden, und unaufhörlich verfolgten die christ- 
lichen Sekten einander. 



Der Meustruationskomplex 






ti^en gesündigt habe, so wird er selbst von seiner Inzestschuld befreit, 
indem er sie auf die unschuldige Mutter verschiebt. Das wird dadurch 
erleichtert, daß die Mutter, die dem Vater erlaubte, sich ihr zu nähern, 
dem Sohne aber nicht, in dessen Unbewußtem schon deswegen keineswegs 
als wirklich unschuldig galt. Der Teufel, der mit der Mutter Sexualverkehr 
hat, ist auch ein verdrängtes Vaterideal und hilft vieles im Verhalten des 
Sohnes als Rückkehr des Verdrängten verständlich zu machen. In der 
Phantasie ahmt er die sexuelle Aggression seines früheren Vaterideals nach, 
in der Realität handelt er grausam nach außen hin. Wie ist das zu er- 
klären? Seine homosexuellen Tendenzen gestatten ihm nicht, seine Aggres- 
sivität gegen den Vater zu wenden, und zwar aus zwei Gründen: Erstens 
der verschobenen Liebe zu seiner Mutter wegen, denn er würde damit 
sein primäres Mutterideal töten, und zweitens der Furcht vor der Gesell- 
schaft wegen, die ursprünglich aus dem Gesetz: „Du sollst keinen Mann 
töten" entstand. In der Verfolgung der Frau aber finden seine grausamen 
Impulse, die teilweise durch die Erinnerung an den Menstruationskomplex 
verstärkt sind, dessen Inhalt zwar verdrängt wurde, dessen Wirkung aber 
fortbesteht, offenen Ausdruck. 

Daß der Mann als Resultat einer Gefühlshemmung der Frau gegenüber 
homosexuelle Tendenzen entwickelte, muß doch in großem Ausmaß dem 
Menstruationskomplex zuzuschreiben sein. 

Auch der Primitive sieht die Frau als mächtige Hexe an und glaubt, 
daß sie zur Zeit der Menstruation Beziehungen zur Geisterwelt unterhält. 
Die frühere unbewußte Quelle dafür mag der Periode der Urhorde an- 
gehören. 

Das Opfer 

Hiebei ist noch ein anderer Faktor zu beachten. Mit diesem seelischen 
Mechanismus vermied der Mann Konflikte mit dem Vater; überdies be- 
sänftigte er ihn durch Opfer. Die spanische Inquisition und die Hexen- 
verfolgungen haben durchaus die Natur eines Opfers gehabt. Ich möchte 
das an Hand eines Traumes eines Mannes erläutern: „Der Vater (der 
schon tot ist) kommt, seinen Sohn zu besuchen; er bringt ihm als Geschenk 
zwei gebratene Seelen mit. Er gibt sie dem Sohn jedoch nicht, sondern 
setzt sich nieder und ißt sie mit ihm auf." Hier findet sich in einem 
Traume eine Art Kommunion, in der Vater und Sohn sich in die In- 
korporation des mütterlichen Leibes teilen. Die beiden gebackenen Seelen 
stellen die Mutter und die Schwester des Träumenden dar. (Die Mutter 



» CD. Daly 

war schon tot, und der Träumende wünscht unbewußt, daß seine Schwester 
es auch sei.) So kehrt der gefürchtete und abgeschiedene Vater mit den 
Seelen der abgeschiedenen Mutter (und Schwester) zurück, nachdem er 
sie getötet und gebacken hat. Dies zeigt, wie der Sohn seine auf die 
Mutter gerichtete sadistisch gefärbte, unbewußte Aggressivität dem gehaßten 
Vater zuschiebt und sich so von der Last seines Schuldgefühls befreit. Die 
sadistische Sexualauffassung stammte aus einer frühen Urszene und hatte 
sich anläßlich des Anblicks einer Vagina reaktiviert; seine natürliche Ag- 
gressivität war in Grausamkeit gewandelt (Regression auf die sadistische 
Stufe), während die Liebe zur Mutter auf den vormals gehaßten Vater 
übertragen wurde. 

Was für Konsequenzen hätte eine solche Entwicklung in einem überaus 
religiösen Zeitalter gehabt, wenn eine solche Persönlichkeit in einem Hang 
zum Idealismus sich dem Leben im Zölibat hingegeben hätte? Die Antwort 
darauf vermittelt eine genaue Lektüre des ersten Kapitels von Leckys The 
History of the Rise and Influence of the Spirit of Rationalism in Europe" 

Wenn ein Mann unserer Tage in die entsprechende seelische Situation 
gelangt, dann ist, wie wir wissen, eine ernste Neurose die nahezu unver- 
meidliche Folge. 

JLeoen und loa 

Ich möchte nunmehr einen Traum in drei Fragmenten hier wieder- 
geben, der ein verdrängtes Kindheitstrauma klar durchschauen läßt, indem 
der Träumer einen Teil seiner längst für begraben gehaltenen Vergangen- 
heit wieder belebt. 

Erstes Fragment. „Der Träumende ging, um eine bekannte alte Pro- 
stituierte aufzusuchen, mit der Absicht, mit ihr zu verkehren. Er wußte 
daß sie hübsch und sauber war, obgleich ihre Vagina trocken und sie selbst 
rncht sehr anziehend war. Als sie sich jedoch ihm hingab, war ihm der An- 
blick ihrer Genitalien ekelerregend und widerwärtig und dabei unbegreif- 
lich aufregend." 

Zweites Fragment. „Der Träumer traf einen Mann mit einem roten 
Hut, der eine Frau für ihn finden sollte, und er führte ihn mit sich 
an einen Ort, wo eine Anzahl junger, sauberer und anziehender Mädchen 
sich unter Aufsicht einer alten Frau befand. Er wollte ihre Klitoris küssen, 
hatte aber Angst vor Ansteckung. Er wählte eine, die auf einer Felsenplatte 
stand. Er legte seine Hand zwischen ihre Beine und war erfreut, zu finden, 
daß sie regelmäßig gebildet und erregt war. Das war für ihn ein Zeichen 



Der .Menstruationskomplex o^ 



der Liebe und beruhigte seine Angst. Da merkte er aber, daß sie leicht 
blutete, weil sie gerade ihre Periode hatte.* Hier brach die Erinnerung des 
Traumes unmittelbar ab. 

Drittes Fragment. „Der Träumer ging mit einer anziehenden Frau in 
Schwarz spazieren. Sie sagte, die Landschaft (man war mitten in den Bergen) 
sei sehr schön. Er fand das nicht, denn er hatte die Gegend schon einmal 
gesehen und sie gefiel ihm ganz und gar nicht. Die auffallend großen, 
länglichen, roten Lehmflecken fand er sehr häßlich. Sie aber lenkte seine 
Aufmerksamkeit auf eine schöne Stelle mit bunten Blumen in der Mitte eines 
Tales. Er blickte auf sie und wurde alsbald bewußtlos. Als er wieder 
zu sich kam, fand er, daß er mit einem Arm an der Spitze einer Klippe 
hing, die Frau lag auf dem Weg über ihm. Er bat sie, sich nicht zu be- 
wegen, denn sie würde, wenn sie es täte, unweigerlich herabfallen und tot 
sein. Wenn er sich aber nur von der Klippe erheben könnte, dann würde 
alles gut sein und er zu ihr Beziehungen unterhalten können. 

Es ist hier nicht möglich, eine vollständige Analyse dieses Traumes zu 
geben. Der Patient hat in seiner Kindheit unter Ohnmachtsanfällen ge- 
litten. Dieser Traum stellt nun die ausschlaggebenden Erlebnisse seiner 
Kindheit dar. Das erste Fragment bezieht sich auf seine Mutter und auf 
seine Großmutter, zu denen er verdrängte Inzestneigungen hatte, und 
der zufällige Anblick der Vagina der einen von beiden hatte den ersten Ohn- 
machtsanfall ausgelöst. Er versichert wiederholt, was für ein abstoßender 
Anblick es gewesen sei und was für ein stechender Geruch davon aus- 
gegangen sei. 

Das zweite Fragment betrifft seine um vier Jahre ältere Schwester. Als 
er vier Jahre alt war und ein kleiner Bruder geboren wurde, war die 
Schwester beim Anblick einer Schüssel mit Blut, die aus dem Schlafzimmer 
der Mutter getragen wurde, ohnmächtig geworden. Diesen Vorfall ahmte 
der jüngere Bruder in seinen Anfällen nach; bald danach versuchte die 
Schwester, mit ihm Vater und Mutter zu spielen; dabei verletzte er sich 
am Penis ; überdies erschreckte ihn der Anblick ihrer Vagina um so mehr, 
als ihm die Schwester auch drohte, sie werde ihm den Penis abschneiden, 
wenn er nicht täte, was sie verlangte. An diesem Traumteil ist bemerkenswert, 
daß alle Erinnerung mit dem Anblick der blutenden Vagina aufhört. 

Das dritte Fragment reproduziert eine wirklich durchgemachte Ohnmacht. 
Mutter und Schwester sind in dem Traum enthalten. Die Schwester hatte 
ihm ihre Vagina gezeigt und ihm gesagt, sie sei viel schöner als sein Penis. 
Auf Grund dieser Erfahrungen an der Schwester hat er sich dann Vorstel- 



64 C. D. Daly 

lungen über die Genitalien der Mutter gemacht. Der Ort mitten in den 
Bergen ist die Vagina, die er für häßlich und sie für schön hielt. Die 
Berge sind auch die Brüste der Mutter. Die Stelle mit den Blumen in der 
Mitte des Tales bedeutet die Ideal -Vagina, während die großen roten Flecken 
die geöffneten weiblichen Genitalien darstellen, wie er sie in Wirklichkeit 
gesehen hatte; er hatte sie damals als unangenehm empfunden und wollte 
diesen Anblick nicht wieder haben. Beim realen Anblick der Vagina hatte 
er ja die Handlungsweise seiner Schwester bei der Geburt des Brüderchens 
nachgeahmt und zum erstenmal das Bewußtsein verloren. In allen drei 
Fragmenten finden wir die gegensätzlichen Vorstellungen von Sauberkeit 
und Schmutz, von Anziehung und Abstoßung. Im zweiten Fragment erscheint 
der Mann mit dem roten Hut = der Vater, sowie die alte Frau = die Groß- 
mutter oder Mutter, die seine Begierde erregt und dadurch hemmende Kräfte 
geschwächt hatten. Sie konnten jedoch nicht völlig beseitigt werden, weil 
das Tabu doch zu stark war. Daß die Frau im Traum sich auf einer höher 
gelegenen Felsplatte befindet, bedeutet, daß sie auf Grund des Inzesttabus 
für ihn unerreichbar ist. Als der Träumende dennoch versucht, das Tabu 
zu überwinden, sieht er sich dem Schrecken der Menstruation gegenüber. 

Im dritten Fragment ist die Frau schwarz gekleidet und anziehend und 
verbindet so Vorstellung des Todes mit der sexuellen Anziehung. Das be- 
deutet dasselbe wie der Gegensatz des schönen und des häßlichen Ortes, 
nämlich die Verlegung des Begriffes des „Schönen" von den Genitalien zur 
Brust und zum Antlitz. Die Berge stellen die Brüste dar, während die 
schönen Seen, die dort waren, die Augen symbolisieren. Die Blumen stehen 
symbolisch für die Vagina und sind ein sehr volkstümliches Bild für die 
Menstruation. 

Die Vagina übt auf den Träumenden eine verhängnisvolle Anziehungs- 
kraft aus: Er blickt nach ihr und verliert das Bewußtsein. Dann sieht er 
sich dem Tod gegenüber, indem er mit einer Hand an der Spitze eine 
Klippe hängt, während seine Mutter in Schwarz, die auch den Tod dar- 
stellt, auf einem nahen, sicheren Weg liegt. Er bittet sie, sich nicht zu 
rühren, sonst würde sie herabfallen. Hier sehen wir den Kampf mit der 
Begierde und deren Verschiebung auf die Mutter. Eigentlich ist gemeint: 
Beweg dich nicht oder ich werde getötet! Und dann ist da noch jene 
Bemerkung, daß er, wenn er sich zur Klippe erheben, also das Inzesttabu 
überwinden kann, mit ihr Beziehungen haben wird. Aber auch sie ist auf 
der Klippe über ihm unerreichbar, und er hat nicht die Kraft, sich zu 
ihr hinaufzuziehen. 



Der Alenstruationskomplex 65 



Haß und Zwangsneurose 

Ich komme nunmehr zu der Vermutung, daß viele der Erscheinungen, 
die der Analerotik zugerechnet werden, einer regressiven Verschiebung der 
genitalen Erotik entsprechen; der Umstand, daß wir nichts vom Menstruations- 
komplex wußten, hat zur Folge gehabt, daß wir viele Erscheinungen als 
primär anal aufgefaßt haben, die in Wirklichkeit durch eine Regression 
von der schon erreichten genitalen Stufe auf die anale zustande gekommen 
sind. Es scheint mir z. B., daß wir in der Frage der Psychogenese des 
Hasses manches werden neu sehen lernen müssen, ebenso in der des Sadis- 
mus und in noch manchen anderen bedeutungsvollen Fragen. 

Sicher liegt eine der bedeutungsvollsten Quellen von Zwang und Zweifel 
in diesem Konflikt zwischen sexueller Begierde und hindernder Todesfurcht, 
entsprechend der psychischen Situation des Sohnes der Urhorde vor dem 
Vatermord, die seit dem Erscheinen von Freuds „Totem und Tabu 
klassisch geworden ist. Jones meint, daß irgendein ererbter Zusammen- 
hang bestehen müsse zwischen dem Haß und der Analerotik, der in der 
Zwangsneurose besonders deutlich werde. 1 Wir hoffen, daß unsere Über- 
legungen auch die Existenz dieses ererbten Zusammenhanges deutlich 
machen kann. 

Jones macht die interessante Beobachtung, daß wir „niemals eine 
Person hassen, die nicht in irgendeiner Weise, oft ganz unauffällig, stärker 
ist als wir oder uns doch in irgendeiner Hinsicht in ihrer Macht 
hat". 2 

Es scheint, als habe sich der Haß in erster Linie gegen den Urvater 
entwickelt, der den Sohn von der Mutter und den anderen Frauen der 
Horde trennte. Aber die Mutter war auch für den Sohn die große Ver- 
sucherin, die in ihm den Wunsch hochkommen ließ, den Vater zu er- 
morden, damit er seine Inzestneigungen befriedigen könne. Später jedoch 
wandelten die abschreckenden und an das Tabu gemahnenden Menstruationen 
die Einstellung zur Mutter in einen intensiven Haß, während der Sohn 
unter einem unbewußten Schuldgefühl leidet und sich vielleicht nach seiner 
alten Sicherheit zurücksehnt. 

Die erste Beziehung zum Vater war die der Rivalität, aber die Angst 
vor dem als Strafe drohenden, nahezu gewissen Tode, war vermutlich noch 

1) Jones: Haß und Analerotik in der Zwangsneurose. Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse, I, 1913, S. 427. 

2) Von mir gesperrt. 

Daly: Der Menstruationskomplex. » 












G€ C. D. Daly 

nicht vorhanden. Sie entstand erst mit der Einrichtung des Inzestgesetzes. 
Mit ihr treten andere Faktoren, hauptsächlich Furcht und Schuld, ins Spiel, 
und wandeln den Haß aus der ursprünglichen Äußerung der sexuellen 
Rivalität zu einem hochentwickelten Gebilde mit komplizierter Psycho- 
gen ese. 

Jones 1 meint, daß der Haß sich zuerst gegen die Imago der späteren 
Liebesobjekte entwickelt, so daß die Liebesfähigkeit schon bei ihrem Ur- 
sprung „gehemmt oder vernichtet wird". Wenn das richtig ist, dann werden 
meines Erachtens die Probleme immer schwieriger. Aber wir wollen unsere 
Hypothese weiter verfolgen, ohne uns unbedingt auf sie in allen Details 
festzulegen. Wenn also diese Feststellung richtig ist, dann glaube ich, werden 
wir annehmen müssen, daß der Haß gegen die Mutter sich als Resultat 
des Inzestverlangens des Sohnes entwickelte, und zwar vor dem Tode des Ur- 
vaters, wenn die Mutter möglicherweise den Sohn, bei Eintritt einer späteren 
Schwangerschaft, vernachlässigte und verachtete, so daß dieser seine früheren 
Leidenschaften zum Teil aufgeben und die nötige Energie entwickeln mußte, 
um selbst in kurzer Zeit Vater einer Horde zu werden. (Dies ist kaum mehr 
als Hypothese, aber das Studium der Verhaltungsweise der weiblichen Tiere 
ihren Jungen gegenüber stützt sie einigermaßen.) 

Darüber dürfen wir aber nicht vergessen, daß noch ursprünglicher der 
Haß sich gegen den Urvater richtete, der versagend zwischen den Mann 
und seine Begierden trat. Wir dürfen nicht übersehen, daß der Sohn sich 
gegen den Vater mit Erfolg auflehnt, während beide gegen die Tabus der 
frühen Gesellschaftsordnung verstoßen. 

Die Intensität dieses Hasses ist von sehr großer Bedeutung und für die 
Schwere des späteren Kastrationskomplexes ausschlaggebend. Jones meint, 
daß der Zusammenhang mit der Analerotik zu erklären vermag, warum 
die Zwangsneurose bei Männern viel häufiger auftritt als bei Frauen. Ich 
kann ihm hierin nicht mehr beistimmen, weil ich finde, daß der genitale 
Kastrations- und Menstruationskomplex von weit größerer Bedeutsamkeit ist 
als die Analerotik, und daß diese Komplexe erst die Regression auf die 
anale Stufe hervorriefen. Mit der Annahme, daß der Haß primär in Ver- 
bindung mit der Analerotik entstand, gingen wir wohl fehl. Diese Annahme 
hätte nicht mehr Recht, als daß die Vagina ekelerregend sei, weil sie dem 
Anus benachbart ist, während meiner Ansicht nach, gerade das Umgekehrte 
richtig ist. Es fehlt jeder Beweis dafür, daß der Haß zuerst in Verbindung 

1) Jones, op cit. S. 428. 



4 



T 



Der Ali nati iiiiiiuii -. iv 1 1 in | >[ .- \ g_ 



mit der Analerotik entstand, aber ich glaube, daß das Menstrualtabu 
uns Beweis genug dafür ist, daß der Anblick der menstruierenden Frau den 
Mann mit Angst, mit Schrecken und Ekel erfüllte. An dieser Theorie 
dürfen wir so lange festhalten, bis sie jemand widerlegt. 

Der Verfasser will in keiner Weise die Analerotik etwa als irrelevant 
hinstellen, besonders von ihrer Bedeutung, für die Erziehung und die Charakter- 
bildung ist er überzeugt. Wir wollen nur unsere Werteinschätzung der 
Analerotik um ein weniges korrigieren. Sie wird erst nach einer Regression 
von der bereits erreichten genitalen Stufe bedeutungsvoll. Es ist offensichtlich, 
daß Erlebnisse während der analen Phase in der Kindheit eine Fixierung 
setzen und so eine nachmalige Regression aus Kastrationsangst erleichtern 
können. 

Min Hoßiiiingsstrahl 

Ferenczi 1 sagt: „Es ist in der Tat erstaunlich, wie sehr den heutigen 
Männern die Neigung und die Fähigkeit zur gegenseitigen Zärtlichkeit und 
Liebenswürdigkeit abhanden gekommen ist. Statt dessen herrscht unter 
Männern ausgesprochene Schroffheit, Widerstand und Streitsucht." Er faßt 
diese Symptome als Zeichen der allgemeinen Verdrängungsneigung gegen- 
über homosexuellen Regungen auf. Wollen wir solche Tatbestände verstehen, 
so müssen wir, obgleich das Kind in seiner Entwicklung auch die psychi- 
sche Phylogenie der Menschheit wiederholt, uns von dem Bilde des 
einzelnen heutigen Neurotikers losmachen und zu unserem Studium der 
Massenneurose eines ganzen Volkes zurückkehren, denn das Individuum 
gibt mit allen seinen Regressionen kein vollständiges Bild der phylogeneti- 
schen Vergangenheit. Zahlreiche, für die Phylogenie belangreiche Sym- 
ptome mit rezessivem Charakter, wie eben der Menstruationskomplex, 
können als offenkundige aktive Faktoren in Individualneurosen bereits 
verschwunden sein und nur außergewöhnlich als sehr starke konflikt- 
lose Tendenzen zurückbleiben. Ich möchte daher annehmen, daß die von 
Ferenczi hervorgehobene Kulturerscheinung auch teilweise der Abnahme 
der Furcht des Mannes vor der Frau zuzuschreiben ist, die mit einer 
allmählichen Rückkehr seiner früheren Aggressivität zusammengeht. Sollte 
diese Annahme, so anfechtbar sie in mancher Hinsicht sein mag, richtig 
sein, dann dürfen wir eine Phase erwarten, in der die Zuneigung 



1) Ferenczi: Zur Nosologie der männlichen Homosexualität. („Bausteine zur Psycho- 
analyse." Internationaler Psychoanalytischer Verlag.) 

5' 



68 C. D. Daly 

zwischen den Männern in noch höherem Maße abnehmen und ihre Ver- 
haltungsweise beiden Geschlechtem gegenüber noch weniger ambivalent 
sein wird. Wir sollten dieses Stadium begrüßen, denn es bedeutet eine 
natürliche Remission einer auf der ganzen Welt verbreiteten Neurose der 
Menschheit (nämlich der Menstruationsangst), vielleicht den Anfang des 
größten Fortschritts, den die Menschheit jemals gemacht hat, die erste 
wahre Frucht der vereinigten Wirksamkeit der modernen Wissenschaften. 
Das wäre aufs innigste zu wünschen und die Tatsachen, die zu diesen An- 
schauungen führten, scheinen eine solche hoffnungsvolle Prognose zu ge- 
statten. Allerdings bin ich nicht optimistisch genug, um zu glauben, daß 
ein solcher Wechsel sich sehr schnell vollziehen wird. Es wird dem Mann 
nur nützen, wenn er ein wenig von seiner verdrängten Feindseligkeit 
vom weiblichen Geschlecht auf sein eigenes wird hinübergleiten können. 
Ich glaube nicht, daß wir dabei nachteilige Folgen zu befürchten hätten, 
da es sich ja nicht um eine Regression, sondern um die Lösung einer 
unserer schwersten Hemmungen handelte. Würde eine solche Verstärkung 
der Aggressivität mit einer Überwindung der so tief verwurzelten Furcht- 
und Haßgefühle, mit einer Herabminderung der Grausamkeit bei gleich- 
zeitig wachsender Unabhängigkeit einhergehen, dann können wir auf das 
Nahen einer wahren Freundschaft zwischen den Geschlechtern hoffen, 
die auf gegenseitigem Verständnis und nicht auf Furcht gegründet sein 
wird. 

Die Annahme einer möglichen Selbstheilung einer Neurose ist nicht 
unwahrscheinlich. Ebenso wie die Natur jeweils eine Immunität gegen 
Infektionskrankheiten herstellt, so wird sie in der Sphäre des Psychischen 
auch die Neurose allmählich überwinden, wenn diese ihren Zweck erfüllt 
hat; natürlich könnte auch der Zweck der Neurosen sein, den Menschen 
zu vernichten, um den Weg für eine höher entwickelte Art frei zu machen, 
aber ich bin nicht dieser pessimistischen Ansicht. Die psychoanalytische Auf- 
fassung der „Sublimierung" zeigt den Weg, auf dem eine Weiterentwick- 
lung möglich ist. So wichtig aber die Sublimierung auch sein mag, ebenso 
wichtig ist auch die Aufhebung jener Schranken, die uns die freie Ver- 
fügung über unsere Triebenergien und damit auch die Möglichkeit noch 
weitergehender Sublimierungen rauben. 

„Die Anerkennung der Umwelt, d. h. die Bejahung auch der Unlust, ist 
aber nur möglich, wenn vorerst die Abwehr der unlustbringenden Objekte 
und deren Verneinung aufgegeben wird und deren Reize ,dem Ich' ein- 
verleibt, zu inneren Antrieben umgewandelt werden. Die Macht, die diese 



Der Menstruationskomplex (Jg 



Umwandlung verwirklicht, ist der bei der Triebentmischung freiwerdende 
Eros." 1 

Wer weiß, welche Möglichkeiten sich dem Menschengeschlecht eröffnen 
werden, wenn es gelernt haben wird, inneres Leid zu ertragen, Illusionen 
beiseite zu tun und für die Wahrheit den Blick zu öffnen? 



l) Ferenczi: Das Problem der Unlustbejahung. („Bausteine iut Psychoanalyse", 
Bd. I, S. 99. Internationaler Psychoanalytischer Verlag.) 



Innaltsverzeicnnis 

Seite 

Vorbemerkung 

I) Eine Erweiterung der psychoanalytischen Entwicklungstheorie 

Die Hemmung c 

Folkloristisches zum Ursprung der Menstruation 6 

Die Menstruation in der Pubertät und im Leben der Erwachsenen 8 

Menstrualblut und Schwäche i- 

Das Tabu der Virginität 10/ 

Die Todesfurcht und ihr Zusammenhang mit dem Menstrualblut . 25 

Die Triebunterdrückung 2 ± 

Der Sadomasochismus 26 

Homosexualität, und Perversion 51 

Das Menstruationstabu sz 

II) Menstruationstabu und Sexualhemmung 

Vorbemerkung > a 

Zurückhaltung, Widerwillen und Scham 4,3 

Das Erröten <- 

Die Verfolgung der Frau durch den Mann 57 

Der Teufel 6o 

Das Opfer g r 

Leben und Tod g 2 

Haß und Zwangsneurose gc 

Ein Hoffnungsstrahl 67 



. 



J 



-—1 



Von C. D. DALY ersckien frülier 
im »Internationalen Psychoanalytischen Verlag« 



.Hindu --M-ytliologie und 



Ivastrationskomplex 



SiänC psychoanalytische Studie 

(Mit einer Kunstbeilage) 

Geheftet M. a.8o, Ganzleinen M. 4.20 



Inhalt: 

I) Einleitung. Allgemeines zur Psychologie der Hindu. Die 
Abspaltung. Kurze Analyse gewisser Bestandteile des Hinduis- 
mus. Die Rückkehr zu den analen Interessen und die Fixierung 
in ihnen als Resultat der Kastrationsangst. Ambivalente Ein- 
stellung zu den weiblichen Genitalien. — II) Die hinduis ti- 
sche Göttin Kali. Allgemeine Beschreibung der Göttin und 
ihrer Attribute. Lha-Mo, das tibetanische Gegenstück zu Kali. 
Bemerkungen zu einer hinduistischen Abhandlung über Kali. — 
III) Der Kalisymbolismus. — IV) Der Penisneid. — 
V) Schluß. Die Todesangst der Hindu. Kali, die Schlachten- 
königin. Das „Unheimliche" und das „Geheimnisvolle". Der 
Menstruationskomplex. 






r 



I 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER \ "ERLAG 

WIEN, VII., ANDREASGASSE 3 



IMAGO-BÜCHER 



I) OTTO RANK, Der Künstler und andere Beiträge zur Psycho- 
analyse des dichterischen Schaffens. 4. vermehrte Auflage. Geh. M. f — , 

Halbleinen M. S'JO, Halbleder M. II' $0 

Es gehört eine große Freiheit des Geistes und eine sehr schätzbare Unbefangenheit dazu. 
das Sexuelle offen als den Anfang und Ausgangspunkt dessen zu bezeichnen, womit abgerechnet 
werden muß. Otto Rank hat den Vorwurf der zynischen Brutalität, der bei solchen Dingen 
niemandem erspart bleibt, nicht gescheut. (Münchner Allg. Zeitung) 

Auch unser Zeitalter hat seine Sophisten. Der in seiner verblüffenden Dialektik au Otto 
Weininger gemalmende Wiener Psychologe Otto Rank — ein Reineke Fuchs der Philosophie 
an staunenden Ränken — leitet in der Schrift „Der Künstler" überhaupt alles menschliche Leben 
mit seinen Kulturbestrebungen, Religion, Wissenschaft, Philosophie, Poesie samt den anderen 
Künsten aus dem geschlechtlichen Urzustand und dessen allmählicher Entwicklung ab. 

(Der Bund) 
Das Studium dieser geistreichen Schrift kann sehr empfohlen werden. 

(Zeitschrift für Religionspsychologie) 

fl) N. OSSIPOW, Tolstois Kindheitserinnerungen. Ein Beitrag 
ZU Freuds Lihidotheorie. Geh. M. 6'—, Halbleinen M. ffO, Halbleder M. 10'— 

Die Arbeit hält sich nicht streng an die Freudsche Doktrin, sondern versucht, in der Richtung 
Freudscher Gedankengänge zu neuen grundsätzlichen Aufstellungen zu gelangen . . . I 1 
beherrscht das Material und wirft stellenweise Schlaglichter von überraschender Wirkimg 
auf Leben und Werk des seltsam gespaltenen Genies . . . Besonders die Abschnitte über 
den Narzißmus und die kindliche Amnesie sind wertvoll und anregend. 

(ZentralblaU f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie) 

Die Schrift Ossipows ist eine vollständige Darstellung der Freudschen Entwicklungslehre von 
der Zeugung ab am Beispiel Tolstois und findet als seinen Hauptcharakterzug den Nar/.iKmus, 
d. h. die Liebe zu sich selbst als körperlich geistigem Wesen. (Sozialistisdte Monatshefte) 

III) THEODOR REIK, Der eigene und der fremde Gott. Zur 
Psychoanalyse der religiösen Entwicklung. Geh. M. S'jo, Halbleinen M. 10' — , 
Halbleder M. Iß'— 

Der tiefblickendste und scharfsinnigste Religionspsychologe unserer Zeit . . . 

(Scliul reform, Bern) 

Ein geistreiches Buch . . . Einer der hellsten Köpfe unter den Psychoanalytikern. 

(Alfred Dbblin in der Vossischen Zeitung) 

Gut ist die Analyse des Fanatismus . . . Man wird eine Methode, die so tiefe Sachverhalte 
aufdecken kann, nicht a limine ablehnen. (Prof. Titius in der Theologischen Literaturzeitung) 

Das Buch ist unmittelbar erschütternd. Es versäume niemand, dem psychologischen Zusammen- 
hang zwischen Christus und Judas Ischarioth unter Reiks sachkundiger Führung nachzusinnen. 
Der erste Eindruck mag leicht ähnlich erschreckend wirken, wie die Begegnung mit dem 
Hüter der Schwelle; allein auch hier wird sich der Schreck, vom Richtigen richtig erlebt. 
als heilsam erweisen. {Graf Hermann Keyserling im Weg zur Vollendung) 



IV) JOLAN NEUFELD, Dostojewski. Skizze zu seiner Psychoanalyse. 

Geh. M. y — , Halbleinen M. 4'JO, Halbleder M. 7'— 

Wer sich von der Behauptung beunruhigt fühlt, daß Dostojewski ein Chaotiker gewesen sei, 
der alle Sympathien auf die Verbrecher gelegt habe, dem sei dieses Buch empfohlen . . . 
Diese ruhigen Untersuchungen, die dem Dichter und Menschen rein analysierend nahezxikommen 
suchen, heben aus ihm allgemeine, typische Züge heraus und lehren ihn menschlich verstehen. 
Dieses Verstehen aber birgt in sich zugleich das Vorbeugemittel gegen die suggestive Einfluß- 
gewalt, die von den Schöpfungen des russischen Dichters ausgeht. Die kühle Luft zerlegender 
Wissenschaft nimmt den Gestalten das Bezwingende . . . Wir wissen um den Mechanismus 
dieser Welt, und sie wird uns nicht mehr zu willenlosen, blinden Verführten machen können. 

(Deutsche Allgemeine Zeitung) 

Der ernste, etwas analytisch orientierte Leser wird die flüssige und beredte Dostojewski- 
Skizze in einem Zuge durchlesen und ohne Widerspruch. (Neue Zürcher Zeitung) 



V) HANNS SACHS, Gemeinsame Tagträume. Geh. M. 6— t 
Halbleinen M. 7' $0, Halbleder M. 10' — 

Als die Psychoanalyse auf die entscheidende Bedeutung der Tagträume für den Lebensweg 
und die Liebeswahl des einzelnen hinwies, traf sie mit einer längst gangbaren Überzeugung 
zusammen, daß nämlich die Tagträume die Vorstufe seien, von der aus sich in begnadetem 
Sonderfalle der Aufstieg zum Kunstwerk vollziehe. Sachs untersucht nun, wie sich der Tag- 
traum zum Kunstwerk verwandelt, wobei er besonders den Fall ins Auge faßt, wenn zwei 
irgendwie Gleichgerichtete sich zusammentun, um gemeinsam einen Tagtraum auszuführen, 
der dann eine Zeitlang beiden den eigenen, allein geführten Tagtraum ersetzt. Sachs behandelt 
auch die Frage, wodurch sich der Dichter vom Neurotiker, vom Verbrecher, vom Führer der 
Masse unterscheidet. Er weist auf den Zusammenhang zwischen dem nach Entlastung lech- 
zenden Schuldbewußtsein und dem zur Verschiebung auf das Werk bereiten Narzißmus hin, 
Auch die formal-ästhetischen Elemente, die der künstlerischen Form, haben den Endzweck, 
hinter der Fassade einer vorläufigen Lustprämie, der Vorlust, unbemerkt und straflos die 
aus dem Unbewußten stammende Lust zu genießen. Besonders analysiert er dann zwei 
Kunstwerke, die Anzeichen einer Produktionshemmung im Leben ihrer Schöpfer darstellen: 
Schillers „Geisterseher" und Shakespeares „Sturm". Die Psychoanalyse entwickelt 
sich „nach dem Gesetz, nach dem sie angetreten"; aus der Erforschung der Störungen 
erwachsen, die der unvollkommenen Bewältigung unbewußter Wünsche ihr Dasein verdanken, 
vermag sie sich den Problemen der künstlerischen Schöpfung auch am besten von der Seite 
der Hemmungen her zu nähern. Abgründe öffnen sich bei Shakespeare und bei Schiller, die 
das Schaffen überspannen und verdecken konnte, solange es ungehemmt dem Lichte zustrebte. 



VD GUSTAV HANS GRABER, Die Ambivalenz des Kindes. 

Geh. M. y SO, Halbleinen M. J'—, Halbleder M. 7 — 

Inhalt: Der Begriff der Ambivalenz; bei Bleuler; bei Freud. Das Wesen der Ambivalenz. 
Ambivalenzbildung. Hereditäres und Akzidentelles. Der Urhaß. Bindungen ans Ich. Der 
Geschlechtsunterschied. Das Lustverbot. Symbolisierung. Tierphobien. Aufhebung der 
Ambivalenz und Regression. Ausblick. 

Besonders fruchtbar. Bringt neues individuelles Material von Kindern selbst. Lesenswerter 
systematischer Versuch. (Zeitschr. f. Sexualwissenschaft) 

Wichtige Fingerzeige zur Kindererziehung. (Berner Woche) 

Jeder, der mit Kindern zu tun hat, wird diese Arbeit mit Gewinn lesen. 

(Prof. Schneider, Riga in der Schulreform) 




VII) IMRE HERMANN, Psychoanalyse und Logik. Individuell- 
logische Untersuchungen aus der psychoanalytischen Praxis. Geh. M. yjo, 

Halbleinen M. f — , Halbleder M. f — 
Hermann untersucht mit Hilfe der Psychoanalyse das „logische Denken", wohei er besonders 
den Denkmechanismus der Neurotiker zum Verständnis heranzieht. Z. B. erörtert er an Hand 
des Einfallmaterials einer Patientin (die sich in der Liebe immer das Vorhandensein einer 
Konkurrentin vorstellen mußte) den „Dualschritt", dessen Auftreten er mit Beispielen aus 
der Kinderpsychologie, Ethnologie und Kulturgeschichte belegt. In Zurückführung der Denk- 
schritte ins Biologische wird deren Verhältnis zur Trieblehre verfolgt. Das Evidenzeefühl 
wird aus den Beziehungen der Ich-, bezw. Liebesideale verfolgt. In der psychoanalytischen 
Behandlung der individuellen Logik sieht Hermann eine der Grundlagen der Charakterologie. 



VIII) ALFRED WINTERSTEIN, Der Ursprung der Tragödie. 
Ein psychoanalytischer Beitrag zur Geschidite des griechischen Theaters. 

Geh. M. 8'JO, Halbleinen M. fjO, Halbleder M. 12' JO 
Es wird der Versuch unternommen, einen im Gebiete des alten Thrakiens beobachteten 
Karnevalsbrauch aus einer antiken ländlichen Dionysosfeier herzuleiten, die die Keim- 
zelle des attischen Dionysosdramas gebildet haben dürfte. Anderseits wird das moderne 
Maskenspiel in die weit verbreitete Gattung der Frühlingsfeste des „Vegetationsdämons" 
eingereiht und an reichem Material deren Verwandtschaft mit den Knaben weihen der 
Wilden nachgewiesen. Auch der Anteil des Toten- und Heroenknltes an der Entstelnm»- 
der Tragödie wird gewürdigt und sein Niederschlag im ausgebildeten Drama des näheren fesN 
gestellt. Anschließend wird die Bedeutung des Wortes Tragödie — Bocksgesang erläutert. 
Die historische Entwicklung der attischen Tragödie und die Entstehung des mittelalterlichen 
Dramas aus der kirchlichen Liturgie bilden den Gegenstand der späteren, durch Betrachtungen 
über den tragischen Helden, den Chor, den Schauspieler und den Zuschauer ergänzten Aus- 
führungen. An einem Beispiel aus einem völlig entlegenen Kulturkreise — an einem Tanz- 
schauspiel der Indianer in Guatemala in vorkolumbischer Zeit — wird schließlich gezeigt, 
daß auch hier der ewige Konflikt zwischen Vater und Sohn das tiefste Motiv für die Schöpfung 
des Dramas darstellt. 

DC) ERWIN KOHN, Lassalle - der Führer. Geh. M. 4-, Ganz- 

leinen M. 6' — 
Inhalt: I) Die psychologische Entstehung des Führers. - II) Die psychologische Technik 
der Fuhrung bei L. — in) Das Liebesschicksal Ls. — IV) Die psychische Struktur des 
Führertums bei L. Die Nachfolge Ls. und das Ende seiner Organisation. 
Aus der Fülle des Materials und der überall durchblitzenden Helle entsteht ein geistiges Bild 
des einstigen Arbeiterführers, das in seiner Zwingkraft beinahe schmerzt. Ausgezeichnet das 
Kapitel über die psychische Struktur des Führertums bei Lassalle, der aus dem seine 
Erfolge erklärenden Narzißmus herauswuchs und mit den Jahren immer mehr den Cäsarismus 
an sich emporkommen ließ . . . Interessant die Gegenüberstellung der ganz wesensverschie- 
denen Führer Marx und Lassalle. (Volksrtcht, Zürich) 

X) ECKART von SYDOW, Primitive Kunst und Psychoanalyse. 
Eine Studie über die sexuelle Grundlage der bildenden Künste der 
Naturvölker. (Mit Kunstbeilagen). Geh. M. 8' — , Ganzleinen M. 10'— 

Inhalt: Die Wiedererweckung der primitiven Kunst. — Die drei Wege zur Erkenntnis der 
naturvölkischen Kirnst. — Die sexuelle Grundlage der Baukunst, der Plastik, der 
zeichnerischen Künste. — Lust und Unlustprinzip in ihrem Verhältnis zum natur- 
völkischen Kunstwerk. Kunst- und Wirtschaftsformen bei den Naturvölkern. — „Körper- 
kunst" und deren sexuelle Grundlage. — Die geschichtliche Reihenfolge der Künste. — 
Die geistige Kunstform als selbständige Kulturmacht. — Der Grund des Stillstandes der 
primitiven Kunst. 






Biologie und Sexualwissenschaft, Philosophie, Psychologie und Biographik, Ästhetik 

und Literaturforschung, Soziologie, Religionswissenschaft und Ethnologie, Pädagogik 

und Jugendpsychologie sind die hauptsädilidisten Stoffgebiete der 

IMAGO 

Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die 
Natur- und Geisteswissenschaften 

Herausgegeben von Sigm. Freud 

Redigiert von Sandor Radö, Hanns Sachs, A. J. Storfer 
Jährlich (4 Hefte, 500-600 Seiten Großquart) M. 22-, (1928 erscheint Band XIV) 

Die letzten Jahrgänge enthielten unter anderem folgende Arbeiten: 



Abraham, Geschichte eines Hochstaplers 

Alexander, Der biologische Sinn psycholo- 
gischer Vorgänge (Buddhas Versenkungsichre) 

Arndt, Über Tabu und Mystik 

Balint, Die mexikanische Kriegshieroglyphe 
atl-tlachlnolll 

Berger, Zur Theorie der menschlichen Feind- 
seligkeit 

Bernfeld, Über eine typische Form der männ- 
lichen Pubertät 

Chadwick, Die Gottphantasie bei Kindern 

Chi|s, Iufaiitilisiiuis in der Malerei 

— Das Unisono Inder musikalischen Komposition 
Christoffel, Farbensymbolik 

D aly, Hlndumythologlc und Kastrationskomplex 

Deutsch, Okkulte Vorgänge wahrend der 
Psydioaualyse 

Fromm, Der Sabbatli 

Fromm-Reichmann, Das Jüdische Speise- 
ritual 

Gl esc, Psychoanalytische Psychotcchnik 

Gompcrz, Beobachtungen an griechischen 
Philosophen 

Graber, C G. Carus 

Gr o ddc ck, Symbollslcrungszwang 

Harnlk, Die Irlcbhaft-alfckiiven Momente im 
Zeitgefühl 

Hermann, G. Th. Fechncr 

— Bcnvcnuto Ccllinls dichterische Periode 
Hermann-Cziner, Die zeichnerische Bega- 
bung bei Marie Bashkirtscff 

Hitschmann, Ein Gespenst aus der Kindheit 

Knut Hamsuns 
Jckels, Psychologie der Komödie 
Jones, Probleme des Jugendlichen Alters 

— Psychoanalyse und Anthropologie 

— Mutterrecht und sexuelle Unwissenheit der 

— "Wilden 

Klug lein, Die Romane Ina Seidels 
Kolnal, Max Schelers Kritik und Würdigung 
der Frcudschen Libidolchre 



Kraus, Die Frauensprache bei primitiven. Völ- 
kern 

Kühnen, Psychoanalyse und Baukunst 

Lowtzky, Bedeutung der Libidoschlcksale für 
die Bildung religiöser Ideen 

Mallnowski, Muttcrrcchtllchc Familie und 
Ödipuskomplex 

Marbach, Die Bezeichnungen für Blutsver- 
wandte 

Müllcr-Braunschwcig, Beitrage zur Meta- 
psychologie (Dcscxuallsierung; Verliebtheit, 
Hypnose und Schlaf usw.) 

Pflstcr, Die primären Gefühle als Bedingungen 
der höchsten Geistesfunktionen 

— Die menschlichen Einigungsbestrebungen 
Pötzl, Zur Metapsydiologle des „dejä vu" 
Radö, Die Wege der Naturforschung im Lichte 

der Psychoanalyse 

Rank, Beata, Zur Rolle der Frau in der Ent- 
wicklung der menschlichen Gesellschaft 

Rcik, Dogma und Zwangsidee 

Robitsck, Der KotUlou. Beitrag zur Sexual- 
symbolik 

Röheim, Die Sedna-Sage 

— Die wilde Jagd 

— Mondmythologie und Mondrcligion 
Rorschach, Zwei schweizerische Sektenstifter 
Sachs, Carl Spittclcr 

Schilder, Zur Naturphilosophie 
Schmidt, Brustsaugen und Fiugerlutschen 
Schneider, Identifikation 
Sperber, Die seelischen Ursachen -des Alterns, 

der Jugendlichkeit und der Schönheit 
Stärcke, Über Tanzen, Schlagen, Küssen usw. 
Stcrba, Zur Analyse der Gotik 
Westermon-Holstljn, Die psychologische 

Entwicklung Vincent van Goghs 
Winterstein, Psychoanalyse des Spuks 
Wulff, Die Koketterle in psychoanalytischer 

Beleuchtung 




Waldholm-Eberlo A. Q., Wien Vil. 











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C. D. Daly 






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(Quetta, Beludschistan) 






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Der JN\enstruationskomplex 




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Eine psychoanalytische Otudie 






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^ internationaler Psychoanalytischer Verlag 






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Leipzig / YVi en / Zürich 






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