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Full text of "Das braune BKA"

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Jranffurter allgemeine 

SONNTAGSZEITUNG 
SS-Sälschaften prägten das BKA bis weit in die sechziger Jahre hinan 

Noch nie haben sich bisher die deutschen Sicherheitsbehörden mit ihrer dunklen Amtsgeschichte 
öffentlich befasst- BKA-Chef Jörg Ziercke hat jetzt den Anfang gemacht. 



Von Peter Carstens am 30. September 2007 



BERLIN. Was Kriminalrat Heinz Drescher im Februar 1944 in Auschwitz sah, gefiel ihm ganz und gar nicht: Diebstahl, Korruption, 
Tötungsdelikte. Der Kriminalist (Fachgebiet Erkennungsdienst) aus dem Reichssicherheitshauptamt war als Sonderermittler und in der 
Uniform eines SS-Hauptsturmführers in das größte deutsche Vernichtungslager nach Polen gereist und blieb dort mehr als vier Monate. 
Allerdings kritisierte Drescher bei seiner Rückkehr nicht etwa den industrialisierten Massenmord, der Auschwitz prägte, sondern 
Kleinkriminalität und irreguläre Verbrechen des SS-Personals. Judenvernichtung, bitte schön. Aber die Unterschlagung von Asservaten muss 
strengstens verfolgt werden. 

Ähnlich wie Drescher dachten und handelten viele Polizisten, die zwischen 1933 und 1945 zu Handlangern des Hitler-Regimes wurden. 
Einerseits jagten sie Betrüger und Bankräuber. Andererseits sah man sie in Hitlers Vernichtungskrieg bei Massenexekutionen in Polen und 
Russland, bei der Verfolgung und Ermordung von Juden, Sinti und Roma und bei der fanatischen "Reinigung des Volkskörpers" von 
sogenannten Asozialen, Homosexuellen und natürlich von Kommunisten. Die Polizei war, so sagte BKA-Präsident Ziercke kürzlich, "Stütze 
und willfähriger Diener des Regimes". Dann endet der Krieg. 

Zehn Jahre später sind Kriminalisten und Geheimpolizisten vom Schlage Dreschers wieder bei der Arbeit, diesmal in den 
Sicherheitsbehörden der jungen Bundesrepublik: im Bundeskriminalamt (BKA), beim Verfassungsschutz (BfV), beim 
Bundesnachrichtendienst (BND). "Es wird eine deutsche nachrichtendienstliche Organisation unter Nutzung des vorhandenen Potentials 
geschaffen, die nach Osten aufklärt, bzw. die alte Arbeit im gleichen Sinn fortsetzt", schrieb der frühere Wehrmachtsgeneral Reinhard Gehlen 
zum Aufbau des BND, den er unter höchst konspirativen Umständen aus der ehemaligen Rudolf-Hess-Siedlung in Pullach heraus bis 1968 
führte. Mit Billigung der alliierten Besatzer wurden die alten Kameraden nutzbar gemacht. Die meisten späteren Versuche der Strafverfolgung 



vereitelten Politik, Justiz und Polizei gemeinsam. So 
300 Angehörige des Reichssicherheitshauptamtes 
Kurz vor der Eröffnung des Prozesses beschloss der 
gleichzeitig aber diejenige für Beihilfe zum Mord zu 
von Gestapo, SD und Polizei aber auf Beihilfe-Vorwürfen 

Braunes Kriminalamt 

Organisationsplan des BKA 1954 



Leitung 



Dr. Jess 



T 



Vertreter 



Dickopf 

Untersturmführer 



scheiterte Ende der sechziger Jahre ein Verfahren gegen 
(RSHA) - der Zentrale des organisierten Völkermordes. 
Bundestag, die Verjährungsfristen für Mord zu verlängern, 
verkürzen. Da die Anklagen gegen die RSHA-Angehörigen 
ruhten, wurde das Verfahren eingestellt. Schon die 



Personen mit SS-Dienstgrad 



Verwaltung 
und Hilfsdienste 



Michael 

Hauptsturmführer 





Holle 

Hauptsturmführer 



Ausland 



Dickopf 

Untersturmführer 



Kriminalisti- 
sches Institut 



Dr. Niggemeyer 

Sturmbannführer 



Erkennungs- 
dienste 



Stemmender 




Kriminal- 
technik 




Zentral- 
fahndung 


Becker 




Amend 
Sturmbannführer 


.. 




1 



Nadvlchten- 
sammlung 




Sicher ungs- 
grupoe 


Schuermann 

Haupt Sturmführer 


Dr. Brückner 


1 




1" 



che Nachrichten ■ che Kommission 



unbesetzt 



Personalstelle 



Michael 

Hauptsturmführer 



T 



Lan deskriminal - 
ä mter/ Polizei - 
üj. Behörden 



Holle 

Hauptsturmführer 



unbesetzt 



Dr. Stangl 



T 



Drescher 

Hauptsturmführer 



T 



Dr. Grad mann 



T 



Personen- 
fahndung 



Worthmann 

Obersturmbannf. 



T 



Kapital- 
verbrechen 
und Diebstahl 



Kaintzik 

Sturmbannführer 



Wirtschafts- 
Stelle 



Schneider 




Ausländische 

Kriminal- 

behoYden 




Bücherei, ■ 
Archiv, Lehr- 




Mitschke 

Hauptsturmführer 


Fischer 

Hauptsturm führer 


1 




1 



Personenfest- ■Chemisch- I Bundes- 

stellung, Pässe, I physikalische I krlmlnalblatt 
Untersuchungen I 



Buttler 

Qbersturmbannf. 



Zimmermann 

Hauptsturmführer 



Schrift- und 
Rechtshilfe- 
verkehr 



Büttner 

Obersturmführer 



Ausbildung 



Eschenbach 

Hauptsturmführer 



T 



Mono- 

Dakty los Kopie 11 



unbesetzt 



Dr. Smie 



T 



Biologische, 

medizinische 

Untersuchungen a 



Dr. Martin 
Sturmbannführer 



Amend 

Sturmbannführer 



T 



Betrug 

und verwandte 

Straftaten 



Dr. Ochs 

Obersturmführer 



Zentral- 
referat 



Dr. Gunia 



T 



Schutz I 

und Sicherung 



Vogel 
Untersturmführer 



Hilfs- 
dienste 



Griese 

Hauptsturmführer 



T 



Urkunden- 
prüfung 



1 




| 


Sachfahndung 




Sittlichkeits- 
delikte 


Kaden 

Untersturmführer 


unbesetzt 



T 



Ermitt- 
lungen 



Saevecke 

Hauptsturmführer 



Mally 



SS-Angehörige 



: 



■ In „Einsatzgruppen" oder 
„Einsatzkommandos" in Polen 
oder der Sowjetunion 



-wenigstens neun wertem im BKA 



In gleicher Funktion beim 
Reichskriminalpolizeiamt 
(Reichssicherheitshauptamt V.) 



■ Mitarbeiter der Gestapo 
(Reichssicherheitshauptamt IV.) 
und der Geheimen Feldpolizei 



Seilschaft „Charlottenburger" 
(Ausbildung an der „Führer- 
schule der Sicherheitspolizei") 



i 



•wenigstens 13 weitere im BKA - wenigstens 16 weitere im BKA 

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Ermittlungen für solche Verfahren waren unendlich schwierig, schließlich wurden zahlreiche Kriminalpolizeien und Landeskriminalämter 
ebenfalls von Männern geführt, die noch wenige Jahre zuvor einen SS-Dienstgrad innehatten. So war es etwa bei den Landeskriminalämtern 
(LKA) von Rheinland-Pfalz, Niedersachsen oder Bremen und bei der Kripo in Städten wie Dortmund, Düsseldorf oder Essen. 
Das alles ist längst Geschichte und zumindest für das BKA auch schon öffentlich erörtert (beispielsweise bei Dieter Schenk, Die braunen 
Wurzeln des BKA, Köln 2003). Doch nie haben sich bisher die betroffenen Behörden öffentlich mit ihrer dunklen Amtsgeschichte befasst. 
Nun spricht, Sechsundsechzig Jahre nach seiner Gründung, zumindest das BKA erstmals von "zweiter Schuld", wie der BKA-Präsident Jörg 
Ziercke es mit einem Wort des Autors Ralph Giordano formulierte. Bei drei Fachtagungen und möglicherweise einem anschließenden 
Forschungsprojekt will Ziercke das Amt mit seiner Vergangenheit konfrontieren. "Für Mitarbeiter einer Behörde, die Hoheitsrechte ausübt und 
im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht, ist es wichtig, Sensibilität für die Geschichte zu haben und auf die eigene Arbeit zu übertragen", sagt 
Ziercke. 

Bei anderen Sicherheitsbehörden der Bundesrepublik reift derselbe Gedanke allmählich heran. Sehr allmählich allerdings. So plant der 
Bundesnachrichtendienst seit etwa zehn Jahren die Aufarbeitung seiner Geschichte. Die letzten drei Präsidenten - Hansjörg Geiger, August 
Hanning, Ernst Uhrlau - haben sich jeweils dazu bekannt, bislang allerdings ergebnislos. Der Historiker Gregor Schöllgen wurde vor drei 
Jahren zum ersten Mal gefragt und vor einem Jahr von BND-Präsident Uhrlau öffentlich als derjenige präsentiert, der im Amtsauftrag die 
BND-Geschichte schreiben könne. Als Schöllgen allerdings vor wenigen Tagen nach dem Fortgang des Projekts gefragt wurde, hatte er 
monatelang nichts mehr aus Pullach gehört. Erst die BKA-Offensive in Sachen brauner Vergangenheit brachte Schöllgen und Uhrlau wieder 
ans Telefon. Er sei noch immer "entschieden der Auffassung, dass das gemacht werden sollte", sagt Schöllgen, der unter anderem den 
Nachlass Willy Brandts betreut hat. Uhrlau hatte dieser Zeitung vor einem Jahr gesagt: "Ich bin sehr dafür, Historikern das zu geben, was 
möglich ist. Und Gregor Schöllgen ist für eine solche Arbeit ganz sicher ein besonders ausgewiesener Historiker." Das soll noch immer 
gelten. Allerdings könnte eine exklusive Beauftragung und Akten-Privilegierung des Erlangener Historikers als unfair kritisiert werden. 
Außerdem geht es wohl um Geld und Personal. 

Immerhin sind bei BKA und BND einige Tore geöffnet, während das Bundesamt für Verfassungsschutz hinter seinen Mauern weitgehend 
schweigt. Keinerlei Selbsterkundung der frühen Jahre wurde in dreißig Jahren vom Amt publiziert. Behauptungen, es seien wenigstens 16 
von 46 führenden Beamten der Gründungsjahre von SS und SD gekommen, bleiben vorläufig unkommentiert. "Wir sind grundsätzlich zur 
Zusammenarbeit bereit, auch mit Historikern", sagt auf Anfrage die Sprecherin Jutta Habets und fügt etwas lustlos hinzu: "Falls sich dafür 
jemand interessiert." 

So ziemlich zum letzten Mal hatte sich am 23. August 1963 das Innenministerium in einer offiziellen Mitteilung zu den NS-belasteten 
Mitarbeitern der Gründungsgeneration geäußert und behauptet, es seien "weniger als 2 von 100 des Gesamtpersonalstandes" bei solchen 
Organisationen gewesen. Darauf verweist das BfV noch heute. 

Das war vermutlich gelogen, aber beim Bundesamt für Verfassungsschutz sieht man keine Möglichkeit, Fragen nach den damaligen 
Vorgängen bald zu beantworten. Es sei überhaupt fraglich, ob Personalakten aus der damaligen Zeit nicht möglicherweise gelöscht wurden, 
teilte die Pressesprecherin des Hauses mit. Stattdessen erinnert der Verfassungsschutz daran, dass schon in den sechziger Jahren 
(ergebnislos) Aufklärung gefordert wurde, und schreibt in einer Zwischenmitteilung auf ein Dutzend detaillierter Fragen zur NS-Belastung des 
1950 gegründeten Inlandsgeheimdienstes: "Ich darf Sie diesbezüglich auf die Presseberichterstattung, z.B. des Kölner Stadtanzeigers vom 
29.08.1963 hinweisen, des Sterns vom 01.09.1963 bzw. der Zeit vom 06.09. 1963." Wenn man diese verstaubten Blätter ausgegraben hat, 
kann man dort lesen, es werde staatlicherseits "bagatellisiert das Ausmaß ehemaliger Mitarbeiter solcher NS-Organisationen, die nun einmal 
in besonders übler Erinnerung sind". Zudem wird schon 1963 - in der vom BfV zur Lektüre empfohlenen Ausgabe der "Zeit" festgehalten, 
dass "diese Behörde keinen Sinn dafür hat, dass die Beschäftigung ehemaliger SS-, SD- und Gestapo-Häuptlinge als Bewacher und 
Schützer einer demokratischen Verfassung geradezu ein Hohn ist". Neue Erkenntnisse vermag man dem kaum hinzuzufügen. In den 
Festschriften der Jahre 1990 und 2000 zum 40. beziehungsweise 50. Geburtstag des BfV habe es "keine besondere Fokussierung" auf das 
Gründungspersonal gegeben, teilt das Amt mit. Anders gesagt: Es wurde kein Wort darüber verloren. 

Im Oktober 1963 versprach Innenminister Hermann Höcherl (CSU) nach einer Abhöraffäre, das BfV werde nach Möglichkeit sechzehn 
ehemalige SS-Leute aus dem Amt versetzen, darunter beispielsweise den früheren höheren SS- und Polizeiführer von Elsaß-Lothringen, 
Werner Aretz. Oder den früheren SS-Hauptsturmführer und Gestapo-Mann Erich Wenger. Solche Versetzungen kamen bei BKA, BND und 
BfV gelegentlich vor, um belastete Mitarbeiter aus dem Blickfeld zu schaffen. Gelegentlich kehrten die Mitarbeiter später zurück in ihre 
ursprünglichen Behörden. 

Die kosmetischen Aktionen kaschierten, dass frühere Mitarbeiter aus dem Reichssicherheitshauptamt Heinrich Himmlers in zuweilen fast 
denselben Positionen wiederauftauchten. Beispielsweise beim Bundeskriminalamt. Dort führt der Auschwitz-Reisende Drescher bis Anfang 
der sechziger Jahre das Fachreferat für Fingerabdrücke (Daktyloskopie). Sein Kollege Becker, Cheftechniker im Reichskriminalpolizeiamt, 
übernahm im BKA die Abteilung Kriminaltechnik. Der Leiter der Fahndungsabteilung, SS-Sturmbannführer Kurt Amend, wurde Leiter der 
BKA-Abteilung "Zentralfahndung". 

Der Fachmann für biologische, bodenkundliche und medizinische Untersuchungen, der frühere SS-Sturmbannführer Otto Martin, war 
ebenfalls im BKA willkommen. Ab 1964 musste er allerdings aus ungeklärter Ursache für eine Weile zum Statistischen Bundesamt versetzt 
werden. 

Außer den Fachleuten wurden auch die Angehörigen verschiedener Kollegen- und Komplizenzirkel aus dem Reichskriminalpolizeiamt, der 
Geheimen Feldpolizei und der "Einsatzkommandos" aufgenommen. Sie bildeten im Bundeskriminalamt mit seinen damals etwa 400 
Mitarbeitern (Stand 1954, 2005 ca. 5200) verschworene Seilschaften: Hinter dem früheren SS-Untersturmführer und SD-Mann Paul Dickopf 
standen die "Charlottenburger", Absolventen eines Jahrgangs der Kriminalkommissare auf der "Führerschule der Sicherheitspolizei" zu 
Berlin-Charlottenburg. Allein fünf von ihnen leiteten beim BKA Abteilungen und Referate. Andere fanden sich in der Tiefe des Apparats, wie 
beispielsweise die Regierungskriminalräte und Dickopf-Kameraden Gerhard Freitag und Rudolf Thomsen. 

Sie alle galten im Amt als "Altkriminalisten" und hielten nach Dickopfs Amtsübernahme als BKA-Präsident (1965-1971) sogar eigene 
Dienstversammlungen ab. Dickopf, der bis 1965 als Vizepräsident und informeller BKA-Chef wirkte, hatte seinen Lebenslauf zur 
Widerstandskarriere umfrisiert. Anfang 1945 nahm er Kontakt zum amerikanischen Geheimdienst OSS, der späteren CIA, in der Schweiz auf. 
Das führte zu einer Verbindung von bislang unbekannter Intensität. Jahrelang schrieb er jedenfalls Berichte für einen amerikanischen 
Führungsoffizier. 

Auch andere Beschäftigte bei deutschen Strafverfolgungsbehörden und Geheimdiensten der Nachkriegszeit waren mehr als einem Staat 
dienstlich verbunden, so etwa BND-Chef Gehlen den Amerikanern oder der Präsident des BfV, Otto John, der unter anderem für die Briten 
arbeitete, vielleicht auch für den Osten. Gefügig gestimmt hatten die früheren Hitler-Diener monate-, manchmal jahrelange Aufenthalte in 
alliierter Haft. So saß etwa Doktor Otto Martin von 1946 bis 1948 im ehemaligen KZ Neuengamme ein. Amend hatte bei seiner Einstellung in 
Wiesbaden fünf Jahre Haft, zuletzt auf dem Gelände des Konzentrationslagers Buchenwald, hinter sich. Der spätere BKA- 
Unterabteilungsleiter und frühere SS-Obersturmführer Joseph ("Seppl") Ochs war im Herbst 1946 ebenfalls in der britischen Zone in 
Neuengamme interniert worden. 

Bernhard Niggemeyer kam 1951 aus dem Innenministerium ins BKA und wurde als Chef des Kriminalistischen Instituts zu einer der 
herausragenden Figuren des Amtes. Zwar überflügelte Dickopf ihn, als er im Wettstreit um den Stellvertreterposten unterlag. Doch nutzte er 
seine Verbindungen nach Bonn und wurde bekannt als Organisator der noch heute stattfindenden BKA-Herbsttagungen sowie als 
Herausgeber der hauseigenen Schriftenreihe. 1968 ging er unbehelligt in den Ruhestand. Seinen SS-Rang hatte er erfolgreich verheimlicht, 
seine Kriegstätigkeit wurde nie geahndet. Als "Leitender Feldpolizeidirektor" war Niggemeyer einer der ranghöchsten Geheimen 
Feldpolizisten hinter der Ostfront. 

Ab 1943 arbeitete er im Amt IV des Reichssicherheitshauptamtes bei der Gestapo, sozusagen Tür an Tür mit Adolf Eichmann (IV B 4). Der 
einstige SS-Sturmbannführer und spätere Kriminaltheoretiker Niggemeyer berichtete regelmäßig seinem Vorgesetzten, Feldpolizeichef 
Wilhelm Krichbaum. So schrieb er beispielsweise im August 1944 aus Russland: "53 Banditen wurden im Kampf niedergemacht und 19 



gefangen genommen und nach Vernehmung erschossen." In einem anderen Bericht heißt es, von 7000 überprüften Personen wurden "453 
als Banditen erkannt und erschossen". Niggemeyer behauptete später, er habe keine Befehlsgewalt gehabt. 

SS-Oberführer Krichbaum ging übrigens nach dem Krieg zum Bundesnachrichtendienst und zog dort ebenfalls bewährte Kollegen von 
Feldpolizei, SD und SS nach. Im BKA hielt Niggemeyer jahrelang seine Hände über seine früheren Kameraden aus der Geheimen 
Feldpolizei, so etwa über seinen ehemaligen Kompaniechef (GFP 717) Georg Franz Fischer oder über Regierungskriminalrat Karl Schulz und 
Georg Mody. Mody, der nach 1955 in der Sicherungsgruppe des BKA aufstieg, hatte im Krieg die Gruppe GFP 13 bei der Heeresgruppe Süd 
geführt. Der Referatsleiter und frühere SS-Sturmbannführer arbeitete zeitweise auch im RSHA bei der "Reichszentrale zur Bekämpfung der 
Homosexualität und der Abtreibung" (Referat V B3). Hier verbanden sich also Schreibtischtaten mit praktischen Erfahrungen. 
Wenigstens fünf weitere Mitglieder der Geheimen Feldpolizei und etliche Angehörige der "Einsatzgruppen" kamen beim Bundeskriminalamt 
unter, darunter Abteilungspräsident Eduard Michael (Einsatzgruppe 2/V), der SS-Hauptsturmführer Kurt Griese (Einsatzkommando 3), SS- 
Obersturmführer Adalbert Butler von der "Eingreifgruppe Pieper", der oben genannte "Seppl" Ochs von der Einsatzgruppe IV, der an den 
Massenmorden an gebildeten Polen ("Operation Tannenberg") beteiligt war. Oder auch Kriminalrat Martin Vogel, der seinen SS-Rang 
zunächst ebenso verschweigen konnte wie seine Beteiligung an der "Operation Tannenberg" im Einsatzkommando II/6. Der später wegen 
Geiselerschießungen in Italien zu lebenslanger Haft verurteilte SS-Hauptsturmführer Theo Saevecke war vor seiner Amtszeit in Mailand auch 
in einem Einsatzkommando tätig gewesen. 

All diese Leute übernahmen im Bundeskriminalamt leitende Funktionen, bildeten junge Leute aus, prägten das Amt und seine kriminalistische 
Auffassung bis weit in die sechziger Jahre hinein. Dreistigkeit und ängstliche Sorge vor Strafverfolgung hielten einander die Waage. 
Denn gelegentlich wurden Mitarbeiter aus ihren Ämtern heraus verhaftet, wie beispielsweise im Januar 1963 Ewald Peters, ein 
"Charlottenburger" Lehrgangskollege Dickopfs, dem vorgeworfen wurde, bei einer Einsatzgruppe in der Ukraine mitgetan zu haben, die etwa 
120 000 Menschen exekutiert hatte. Im Februar 1964 erhängte er sich in Untersuchungshaft. 

Männer wie er waren Stützen einer Behörde, die von ihren Nachfolgern, etwa von BKA-Präsident Horst Herold, als polizeifachlich beschränkt 
und selbstbezogen empfunden wurde. Als das Bundeskriminalamt mit dem Baader-Meinhof- und RAF-Terror vor eine ernsthafte Prüfung 
gestellt wurde, erwies sich anfangs seine Unzulänglichkeit. Unter anderem hatte man unter der Präsidentschaft des Auto- und Technikfeindes 
Dickopf die Entwicklung bei der modernen Datenverarbeitung komplett verschlafen. Ineffizienz war ein weiterer Preis des komplizenhaften 
Zusammenhalts unter den "Altkriminalisten".