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Full text of "Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung für die Psychoanalyse"



Internationale Psychoana ly tische' Bibli othek 

Band XIV 



■ / 



Das 

Trauma der Geburt 

und seine Bedeutung für die 

Psychoanalyse 



von 



Otto Rank 




Internationaler Psychoanalytischer Verl 



Leipzig / Wien / Zürich 



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■ 



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[NTERNATIONALE PSYCHOANALYTISCHE BIBLIOTHEK 



; Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen, 
piskussion, gehalten auf dem V. Internationalen 
teychoanalytischen Kongreß in Budapest, 28. und 
g. September 1918.) 1919. 

ühalt: Einleitung von Piof. SIGM. FREUD. — DIs- 
Jssionsbeliräge von" Dr. S. FERKNCZI (Budapesl), Dr. 
ART, ABRAHAM (Berlin) und D,-. ERNST SrMME[. 
erlin). — Dr. ERNEST JONES (London) : Die Kriegs- 
iui-osen und dio Frendsche l'lioojic. 

:. Dr.S.FERENCZl: Hysterie und Palho- 
Burosen. 1919. 

ih alt: Über Pathoneurosen. — IlysteVisclie Matwiali- 
äoiisphänomone. — Eiklaiiings versuch einiger hystcr. 
^nita. — Ti'chnische Schwieriglcpiten einer Hyslerie- 
alyse. — Die Psyehoanalyse eines Fh11l-s von "hvster. 
rpocliondiie. — Über zwei Tj-peu der Kriegs lij-sten^. 

■. Dr. OTTO RANK: Psychoanalytische 
Biträge zur Mythenforschung. (Aus den 
hren 1912 bis 1914.) 2., veränderte Aufl. 1922. 
halt: Vorwort. Mythologie und Psvehoancüvsp - 
B Symbolik. - Völkerpsycl.ologisehe ParüIIelen V.u don 
antuen Sc.:<naIll;,.o,ien, - Zur Doulnng der Sinlilul- 
e. - Mamieken-Piß und Didraten-Sc heißer. - Das 
ideriRarcIicn. - Mjthns und Märchen. 

Dr. THEODOR iIeIK: Probleme der 
(hgionspsychologie. I. Teil: Das Ri- 
ftl. Mit einer Vorrede von. Prof. Dr. SIGM. 
lEUD. 1919. 

talt: EinlMtung. - Die Couvade und die PsYcllO- 
^e derV^redtimpfracht. ~ Die PuberlüisriLen der 
1 Widde,Sär' """' de^Gelubdes.) -Das Schofax 

;Dr.GEZARÖHEIM:Spiegelzatiber.iy,g. 

i.Dr.EDUARD HITSCHMANN.- Gotifried 
Her. Psychoanalyse des Dichters, seiner 
stalten und Motive, 191g. 

[I. Dr. OSKAR PFISTER: Zum Kampf um 
I Psychoanalyse. (Mit einer KunsÜieilage 
I 15 Textabbildungen.) 1920. 
lalt: Die Psychoanalyse hIs psychologische Methode 
logetisches. Der ei-falmingswissensciiafüidie Qiu- 
pr der Psychoanalyse. Proben psychoanalytischer Ar- 
: (Nachtwandeln, ünbezwingliche Abneignng ge^cii 
Speise, llyijnopompisclier Einfall. Ein Fall von 
rrinini?.iercnder religiöser und irdischer Liebe usw.) 
ee Ergebnisse und Ausblicke. - Die ]^nlstehung der 
iücrischen Inspiration. — Zur Psychiilogie des Kiieges 
■ des Friedens. Die Tiefen mächte des Kri«ges. Die 
hologischen Voranssct/ungen des VöLkerfriudens. — 
iPsychologie det hyslerischen Madonnenkullus. — 
leric und Lehensgang bei Margareta Ebner. — Ps3-c}io- 
yse. und WeltuiisdiiiumiK. (Positiv ismiis, Metaphysik, 
fc.) — Gefährdete Kinder ui(d ihre ps ych an idy tische 
llldlung. — Wahiivoi-stellung und Scliiilersclbst- 
L — Das Kinderspiel als Frülisymptom krankhafter 
Hcklmig, zugleich ein Beitrag zur ^^'issen5tllaft5- 
polngie. 



IX. AUREL KOLKAI: Psychoanalyse und 
Soziologie. Zur Psychologie von Masse und 
Gesellschaft. 1920, 

X. Dr. KARL ABRAHAM: Klinische Bei- 
träge zur Psychoanalyse aus den Jahren 
'907 — 1920. 1921. 

Inhalt: Über die Bcdoutnng sexneller Jugendträume 
liir die Symptümatologie der Dementia praecox ^- Die 
psycliosexnellen Differenzen der Hysterie und dev De- 
njentia praecoY, - Die psychologischen Ke-.^iehunecn 
■/.wischen Sexualität und Alkoholismiis. — Die Stellung 
der Verwand! enehe in der Psycliologie der Neurosen. — 
Über hystei-ische Traum iiuslän de. — Bemerkungen zur 
Ps;-cho:inalyse eines Falles-von Fuß- tnid Korsetlfe Uschis- 
irLu.s, — Ansätze zur p.'jychoanaly tischen Erforschung und 
liehandlung des nianisch-depressi\'CH Irreseins und ver- 
wandter Zuslajide. — Über die determinierende Kraft 
des Narneiis. — Über ein koniplii-ierti's Zerenioniell 
nourolisclier Frauen. — ühnnuächel und Gehiirgang als 
erfreue Zone. — Zur Psychogeiiese der Sli;iÜ('iiangst im 
Kinde5nUer. — Sollen wir die Patienten ihre Triiurne 
iiufscln-eiljen lassen? — Einige Bemerkungen über die 
Rolle der GroOeltem in der Psycliologie der Neiu'osen. — 
Eine Deckerinriernng, betrefiViid ein Kindhcitserlebnis 
\oii scheinbar ätiologischer BedfUUiiig. — Psychische 
Nachwii^kimgen der Beobachtinig des olterÜcheti Ge- 
schlechts Verkehrs bei Gi7iem neun fähngeTiKihde. —Kritik 
zu C. G. Jung: Versuch einer DarsteUung der psycho- 
analytischen Theorie, — Ül)er eint- konstitutionelle 
Grundlaiie der loknmot (irischen Angst, — über Ein- 
schränkungen und Umwandlungen der Schaidust bei 
den Psychonenrolikern. -Über neiuotische Exogamie, - 
Untersuchungen über die frülicste prägenitale ICnt- 
wicklimgsstufe der Libido, - Über eiacidatio riraecox, — 
Einige Belege zur Gefiililsslelinng weiblicher Kinder 
gegenüber den Eltern, - Das Geldausgeben im Angst- 
ziistand. — Über eine besondere l'orm des neurotisclien 
Widerstandes gegen die psychoanalj-tische Methodik. — 
Beiyerkungen zn Ferenc/is Mitteilungen über Sonntapt- 
ncurosen. — Zur Pi-ognose psychoanalytischer Beliand- 
limgen im vorge.'ichriitenen Lebensalter, 

Xr. Dr. ERKEST 'JONES: Therapie der 
Neurosen. 1921,' i 

Xir. J. VARENDONCK: Über das vor- 
bewuDte phantasierende Denken. Mit 
Geleitwort von Prof. Dr. Sigm. Freud. 1922. 
XIIJ. Dr. S. FERENCZI: Populäre Vor- 
träge über Psychoanalyse. 19^2. 
Inhalt: Zur analytischen AnffiLSsung der Psycho- 
neurosen, - Traume der Ahnungslosen. - Suggestion 
und Psychoanrdyse. — Die Psvchoannlyse des Wit7.es 
und dos Komischen. ^ FJn Vortrag für' Richte,- und 
.Sta.lsanwiüle. - Psychoanalyse und Kriminologie - 
I ulosophie und Psychoanalyse. -^ Zur Psvchogenese der 
Mechanik. - Cornelia, die Mutler der Gracchen. - Anatol 
1-rance nls A.ialyLiker.- Gla„b^, Uuglaube.Ütaerzangung 

XIV. Dr. OTTO RANK: Das Trauma der 
Geburt und seine Bedeutung für die 
Psychoanalyse. 1924,, 

XV. Dr. S, PERENCZI: Versuch einer 
Genitaltheorie. 1924. 



fXERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 



WIEN, VII. ANDREASGASSE g. 



■*■ 




JrSL. 



L 



Internationale Psychoanalytische Bibliothek 

Bd. XIV 






Das 

Trauma der Geburt 

und seine Bedeutung für die 
Psychoanalyse 

Von 

Otto Rank 



1924 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
Leipzig / Wien / Zürich 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

□ IE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




Alle Reclite, 

insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten 

* 

Copyright 1924 

hy „Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m.b.H. Wien' 

* 
Druck von E. Haberlünd in Leipzig 



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Priiited in Gennaiiv 



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SIGM. FREUD 

DEM ERFORSCHER DES UNBEWUSSTEN 

SCHÖPFER DER PSYCHOANALYSE 

ÜBERREICHT ZUM 6. MAI 1923 



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Es gelal die alte Sage, daß König Micks lange Zeit nach dem weisen 
Silen, dem Begleiter des Dionysus. im Walde gejagt habe, ohne ihn 
zu fangen. Als er ihm endlich in die Hände gefallen ist. fragt der König 
was für den Menschen das Allerbeste und Aller vorzüglichste sei Starr 
und unbeweglich schweigt der Dämon; bis er, durch den König ge 
zwangen, endlich unter gellem Lachen in diese Worte ausbricht- 
„Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal" 
was zwingst du mich dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das 
Ersprießlichste ist? Das Allerbeste ist für dich gänzlich uner- 
rexchbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, Nichts zu sein 
Das Zweitbeste aber ist für dich — Bald zu sterben." 

Nietzsche (Die Geburt der Tragödie) 



as f-s rf ^ -T -'~-^" '. SJ-»-^'- < ■} ' ''■' ■. ■■i^:S::?;t!^:T!J---'-=:-^ L2^i^3iJ- 



INHALT; 

Seite 

Vorbemerkung 

Die analytische Situation - 

Die infantile Angst ^ 

Die sexuelle Befriedigung ,i 

Die neurotische Reproduktion -.g 

Die symbolische Anpassung _2 

Die heroische Kompensation 1^2 

Die religiöse Snblimierung ^^ 

Die künstlerische Idealisierung j_. 

Die philosophische Spekulation jg^ 

■Die psychoanalytische Ei-kenntnis ^„^ 

Die therapeutische Wirkung ^^^ 



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Korbemerkung 

Die nachstehenden Ausführungen bedeuten einen ersten Versuch, 
die psychoanalytische Denkweise als solche auf das Verständnis der ge- 
samten Menschheitsentwicklung, ja sogar Menschwerdung selbst anzu- 
wenden; oder richtiger gesagt, nicht anzuwenden, denn es handelt sich 
nicht um eine der üblichen „Anwendungen der Psychoanalyse auf die 
Geisteswissenschaften", vielmehr um die Fruchtbarmachung psycho- 
analytischen Denkens für unsere gesamte Auffassung vom Menschen 
und der Menschheitsgeschichte, welche letzten Endes Geistesgeschichte, 
d. h. die Geschichte der Entwicklung des menschlischen Geistes und des 
von ihm Geschaffenen darstellt. 

Diese eigenartige, noch nicht ganz klar zu fassende Betrachtungs- 
weise erschließt sich uns auf Grund der ungeheueren Bewußtseinser- 
weiterung durch die Psychoanalyse, die uns in den Stand setzt, nunmehr 
auch ein Stück des tiefsten Unbewußten als solches zu erkennen und 
in seiner Wirksamkeit zu verstehen. Da die wissenschaftliche Erkenntnis 
selbst nur einer bewußten Erfassung von vorher Latentem entspricht, 
ist es nur folgerichtig, daß jedes Stück Bewußtseinserweiterung, das 
wir durch die Analyse erwerben, sich in Verständnis umsetzt. Es zeigt 
sich nunmehr an einer ganz bestimmten Stelle der psychoanalytischen 
Erkenntnis, die wir gleich näher charakterisieren werden, daß auch ein 
ganzes Stück organischer bzw. biologischer Entwicklung nur vom Psy- 
chischen her zu „verstehen" ist, d. h. vom Psychischen, welches ja zu- 

1 Rank 



U^. 



f^ 



Das Trauma der Geburt 



gleich mit allen Entwicklungsreston auch unseren Erkenntnisapparat 
selbst in sich schließt, der eben durch unser fortschreitendes Wissen vom 
Unbewußten mit einem Male um ein ganz Bedeutendes leistungsfähiger 

geworden ist. 

Indem wir einige neue psychoanalytische Einzelerfahrungen lediglich 
zum Ausgangspunkt für weit umfassendere Betrachtungen und allge- 
meine Erkenntnisse nehmen, glauben wir etwas von der bisherigen 
„Anwendung" der Psychoanalyse wesentlich Verschiedenes angebahnt 
zu haben, wobei wir Wert darauflegen, uns auch vor einer Überschätzung 
der auf die Therapie „angewandten" psychoanalytischen Lehre vom 
Unbewußten freizuhalten, ohne damit die Grenzen psychoanalytischer 
Denkweise zu verlassen, sie allerdings nach beiden Richtungen hin 
erweiternd. Ist es doch kein Zufall, daß die Psychoanalyse, sobald sie 
sich aus einem therapeutischen Verfahren zur Lehre vom unbe- 
wußten Seelenleben zu entwickeln begann, fast gleichzeitig von ihrem 
medizinischen Ursprungsgebiet abweichend, nahezu auf alle Geistes- 
wissenschaften befruchtend übergriff, um schließlich selbst zu einer 
der mächtigsten geistigen Bewegungen der Gegenwart zu werden. Wird 
auch der seelisch Kranke, an dem und mit dessen Hilfe die Psycho- 
analyse entdeckt und entvrickelt wurde, immer der Mutterboden für 
die weitere Forschung und Ausgestaltung der Lehre bleiben, so kommt 
doch heute schon diesem Ursprung nicht mehr Bedeutung zu als ver- 
gleichsweise dem Ausgangsland des Columbus, das dem kühnen See- 
fahrer die praktischen Mittel zu seiner Entdeckungsreise zur Verfügung 
stellte. 

Indem wir im Folgenden zunächst ein Stück Fortentwicklung der 
Psychoanalyse selbst zu skizzieren versuchen, wie es sich aus der konse- 
quenten Anwendung der von Freud geschaffenen Methode und seiner 
darauf gegründeten Lehre ergeben hat, wollen wir dann von dieser Basis 
aus weiter reichende und allgemeinere Erkenntnisse durch unmittel- 
bare Erfassung des Unbewußten zu gewinnen trachten. Wer mit dem 



Vorbemerkung 



eigenartigen Gang der psychoanalytischen Forschung vertraut ist, wird : 
sich nicht wundern, daß sie — im Einzelnen wie auch im Ganzen von j 
der seelischen Oberfläche ausgehend — bei immer weiterem Vordringen 1 
in die verborgenen und schwer zugänglichen Tiefen des Psychischen am j 
Ende auf einen Punkt stoßen mußte, an dem sie ihre natürliche Grenze, \ 
zugleich aber auch ihre Fundierung findet. Nach allseitiger Durch- \ 
forschung des Unbewußten, seiner seelischen Inhalte und komplizierten '\ 
Mechanismen derUmsetzungins Bewußtesind wir bei der Analyse abnor- '' 
mej aber auch normaler Menschen auf den letzten Urspmng des Seelisch- 
Unbewußten im Psychophysischen gestoßen, den wir nunmehr auch bio- '. 
logisch faßbar machen können. Indem wir das anscheinend rein kÖrper- :; 
liehe Geburtstrauma in seinen ungeheuren seelischen Folgen für die '■ 
gesamte Entwicklung der Menschheit aus analytischen Erfahrungen ■ 
erstmalig zu rekonstruieren versuchen, vermögen wir in ihm das letzte ' 
biologisch faßbare Substrat des Psychischen zu erkennen und gelangen 
so zur Einsicht in Fundament und Kern des Unbewußten, auf dessen Ver- 
ständnis sich der von Freud geschaffene Bau der ersten umfassenden ; 
und wissenschaftlich begründeten Psychologie erhebt. In diesem Sinne 

sinddiefolgendenAusfiihrungennurmöglichundverständlichauf Grund 

der gesamten psychoanalytisch erarbeiteten Erkenntnisse über den Auf- ' ' 

bau und die Funktionen unseres eigentlichen seelischen Apparates. ; 

Scheint es so möglich geworden, das von Freud entdeckte und er- , ■ 

forschte Unbewußte, d. h. aber das eigentlich Seelische, biologisch zu \ 

fundieren, so ist eine zweite Absicht der Arbeit, die gesamte seelische : 
Menschheits-Entwicklung synthetisch in den großen Zusammenhang 

der so fundierten Mechanik des Unbewußten einzureihen, wie sie sich aus , \ 
der analytisch erkannten Bedeutung des Geburtstraumas und den ewig 

wiederkehrenden Versuchen zu seiner Überwindung darstellt. Dabei : 
bemerken wir mit Überraschung, wie uns die Verknüpfung der tiefsten 
biologischen Schichte des Unbewußten mit dem höchsten manifesten 
Inhalt der geistigen Produktionen des Menschen zwanglos gelingt, daß 



? =. ^ f*» -^» ' l=^ ™i 



Das Trauma der Gehurt 



also Fundament und Giebel einander entsprechen und harmonisch er- 
gänzen oder wie Freud selbst es in seiner jüngsten Schrift ausdrückt: 
„Was im einzelnen Seelenleben dem Tiefsten angehört hat, wird durch 
die Idealbildung zum Höchsten der Menschenseele im Sinne unserer 
Wertungen."* 

Indem wir im folgenden versuchen, dem Mechanismus dieser „Ideal- 
bildung" in der Entwicklung des Menschen bis ins Biologische nach- 
zugehen, erkennen wir, wie durch all die komplizierten Verwandlungs- 
prozesse des Unbewußten hindurch — die uns erst die Psychoanalyse ver- 
stehen gelehrt hat — der tiefste biologische Inhalt schließlich fast unver- 
ändert, nur durch unsere eigene innere Verdrängung unkenntlich, bis 
in die höchsten intellektuellen Leistungen hinein als manifeste Form 
greifbar bleibt. Es wird darin ein normales und allgemein-gültiges 
psycho-biologisches Gesetz zum erstenmal sichtbar, dessen volle Bedeu- 
tung weder abzuschätzen noch im Rahmen unserer skizzenhaften Aus- 
führungen zu erschöpfen ist. Auf dieses den In halt de terminieren de 
biologisch fundierteFormungsgesetzaufmerksamzumachenund 

hie und da die dahinter auftauchenden weiteren Probleme mehr ahnen 
zu lassen als lösen zu wollen, ist die Hauptabsicht dieser Arbeit. Das Ge- 
samtpToblem aber überhaupt stellen und wenigstens die ersten Schritte 
zu seiner Lösung wagen zu können, verdanken wir dem Forschungs- 
Instrument und der Denkweise, die Freud uns in seiner Psychoanalyse 
an die Hand gegeben hat. 



i) Das Ich und das Es. 1923, S. 4,5 



Die analytische Situation 

Wenn ich es zunächst unternehme, die Erforschung des Unbewui3ten 
auf Gnind von psychoanalytischen Erfahrungen und Beobachtungen 
ein Stück weiter zu verfolgen, so möchte ich mich dabei auf ein Ar- 
beitsprinzip berufen, welches auch bisher die psychoanalytische For- 
schung im Wesentlichen geleitet hat. Freud hat gelegentlich die Be- 
merkung gemacht, daß die Psychoanalyse eigentlich von der ersten Pa- 
tientin erfunden worden sei, die Breuer im Jahre 1881 behandelte 
und deren Krankheitsgeschichte (Anna O . . .) viele Jahre später in den 
„Studien über Hysterie" (1895) veröffentlicht wurde. Das junge Mäd- 
chen, das in ihren Zuständen nur englisch verstand, nannte die sie er- 
leichternden hypnotischen Aussprachen mit ihrem Arzt talking eure 
oder bezeichnete sie scherzhaft als cMmney sweeping. Und noch in 
späteren Jahren, als die psychoanalytischen Erfahrungen und Ergebnisse 
wegen ihrer überraschenden Neuartigkeit angefeindet und vielfach als 
Ausgeburten einer verderbten Phantasie ihres Autors kritisiert wurden, 
pflegteFreud diesen unverständigen Einwendungen entgegenzuhalten,' 
daß keines Menschen Hirn je imstande gewesen wäre, derartige Tat- 
sachen und Zusammenhänge zu erfinden, wenn sie ihm nicht aus einer 
Reihe gleichartiger Beobachtungen unabweisbar aufgedrängt worden 
wären. In diesem Sinne darf man also wohl sagen, daß nicht nur die 
Grundidee der Psychoanalyse, sondern auch ihre weitere Ausgestaltung 
zu einem großen Teil den Kranken zu verdanken ist, die in anerken- 



Das Trauma der Geburt 



nenswerter Arbeit Material auf Material beigebracht haben, bis sich die 
einzelnen ungeordneten und ungleichwertigen Stücke der Beobach- 
tungsgabe Freuds zu allgemeinen Einsichten, Erkenntnissen und Ge- 
setzmäßigkeiten verdichteten. 

An diesem Forschungsweg. den die Analyse schrittweise, gegen 
Widerstände aller Art ankämpfend, gegangen ist, kann auch erst der 
Satz Freuds voll gewürdigt werden, daß der Patient eigentlich irgend- 
vfie. immer Recht habe, wenn er auch selbst nicht wisse wieso und 
warum ; dies hat ihm der Analytiker durch Aufdeckung der verdrängten 
Zusammenhänge, durch Füllung der amnestischen Lücken zu zeigen, 
indem er den „Sinn" der Krankheit und ihrer Symptome aufdeckt. 
Psychologisch hat also der Kranke recht, und zwar, weil aus ihm das 
Unbewußte — wenngleich in pathologischer Entstellung — spricht, 
wie es seit jeher auch aus dem Genie, dem Seher, Religionsstifter, 
Künstler, Philosophen und Entdecker gesprochen hat. Denn nicht nur 
die psychologische Erkenntnis, die auf der seelischen Intuition ruht, 
ist ein schrittweises Erfassen und Verstehen des Unbewußten, sondern 
die Fähigkeit zum Erkennen selbst setzt ein Stück Aufliebung oder Über- 
windung von Verdrängungen voraus, hinter denen wir das Gesuchte 
„entdecken" können. Der wissenschaftliche Wert der an anderen vor- 
genommenen Psychoanalysen liegt nun darin, daß sie uns ermöglichen, 
die Verdrängungen, die wir in uns selbst nicht durchschauen können, 
an anderen — oft unter stärkster Bemühung — auflieben zu müssen, ■ 

und so Einblick in neue Gebiete des Unbewußten zu erlangen. Wenn 
ich mich nun auf diese einzig objektive Forschungsmethode der Psycho- j; 

analyse berufe, so geschieht es, weil ich mich unter der Fülle über- 
raschend gleichartiger Eindrücke entschließen mußte, dem Unbewußten 
wieder einmal dort Recht zu geben, wo wir ihm bisher nur ungläubig 
und zaudernd zu folgen wagten. h 

In einer Reihe meist erfolgreich zu Ende durchgeführter Analysen 
ist es mir aufgefallen, daß in der Endphase der Analyse der Heilungs- 



Die analytische Sititation 



i) Siehe jetzt Internat. Zschr, f. Psa. IX, 4, 1925. 

2) Vgl. Freud: Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. KI. Sehr. IV, 
S.Sgi if und die dort daran geknüpfte Diskussion, die wir im vorletzten Abschnitt 
weiterführen und zu lösen versuchen, 



■vorgangvomUnbewußtenganzregelmäßiginderunsgroßenteils . ■ ' '] 

schon bekannten typischen Geburtssymbolik dargestellt wurde. Ich \ 

habe diese auffällige Tatsache dann Jim Zusammenhang mit anderen ■ 'j 

eigentümlichen Zügen des Heilungsprozesses {z. B. der Identifizierung :i 

mit dem Analytiker u. a. m.) in einer bisher noch unveröffentlichten ] 

Arbeit (aus dem Winter 1921/23), die „Zum Verständnis der Libido- ' 

entwicklung im Heilungs Vorgang" betitelt ist, auch theoretisch zu wür- . ' 

digen versucht. " Ich hatte dort bemerkt, daß es sich dabei offenbar um die ■ J 

bekannte Phantasie der Wiedergeburt handle, in die der Gene- / 

sungswille des Patienten seine Heilung einkleidet, %vie ja Kranke so ,1 

häufig in der Rekonvaleszenz davon sprechen, daß sie sich „wie neu- - ■ 

geboren" fühlen. Ich betonte auch das unverkennbare Stück Subli^ 1 

mierungsarbeit, das darin liege, daß der Patient nunmehr imstande sei, :. 

die infantile Libidofixierung, die im Oedipuskomplex Ausdruck findet, 

zugunsten der Analyse aufzugeben, indem er auf die Phantasie vom 

infantilen Kinde, das er — wie die Mu tter — dem Vater schenken wollte, 

endgültig verzichte und sich selbst als das neugeborene (geistige) Kind 

(des Analytikers) betrachte. " > 

Trotzdem sich diese Auffassung regelmäßig aus dem analytischen ' 

Material, das ich dort kurz mitteilte, ergeben hatte und im Rahmen \ 

des Heilungsvorganges zweifellos auch berechtigt schien, stieß ich mich * 1 

doch einerseits an dem infantilen, anderseitsan dem „ anagogischen " Cha- \ 

rakter der „Wiedergeburtsphantasie", die ja von Jung unter Vernach- " 

lässigungihrerlibidinösen Tendenzen überGebührunddahertheoretiscfa 
irreführend bewertet worden war. Die Existenz solcher Gedankengänge 
war ja nie geleugnet worden^ was mich störte, war nur, daß uns das 
reale Substrat dafür fehlte, was wir sonst niemals zu vermissen hatten. 



kl=S^ 



Das Trauma der Gehurt 



So ließ ich die Sache liegen, bis mir eines Tages an einem besonders 
deutlichen Fall klar wurde, daß der stärkste Widerstand gegen die Lö- 
sung der Übertragungslibido in der Endphase der Analyse sich in Form 
der frühesten infantilen Fixierung an die Mutter äußert. In zahl- 
reichen Träumen dieses Endstadiums drängte sich immer wieder 
die endlich unabweisbare Tatsache auf, daß diese Fixierung an die 
Mutter, welche der analytischen Fixierung zugrunde zu liegen schien, 
die früheste rein physiologische Beziehung zum mütterlichen Körper 
beinhaltet. Damit wurde auch die Regelmäßigkeit der Wiedergeburts- 
phantasie verständlich und ihr reales Substrat analytisch faßbar. Die 
„Wiedergeburtsphantasie" des Patienten erwies sich einfach als Wieder- 
holung seiner Geburt in der Analyse, wobei die Lösung vom Libido- 
objekt des Analytikers einer genauen Reproduktion der ersten Lö- 
sung vom ersten Libidoobjekt, des Neugeborenen von der Mutter, zu 
entsprechen schien. 

Da die Patienten — und zwar ohne Unterschied des Geschlechtes 
sich unbeeinflußt von dem selbst noch unwissenden Analytiker diese 
Endsituation ganz regelmäßig selbst zu schaffen schienen, war es klar, 
daß dem eine prinzipielle Bedeutung zukommen müsse und es nur 
darauf ankomme, den Mut aufzubringen, dem Unbewußten auch hierin 
zu folgen und es ernst zu nehmen. Es ergibt sich dann zweifellos, daß 
das wesentlichste Stück der analytischen Arbeit, die Lösung und Be- 
freiung der an den Analytiker „neurotisch" fixierten Libido, eigentlich 
nicht mehr und nicht weniger zu leisten hat, als dem Kranken die 
seinerzeit unvollkommen gelungene Ablösung von der Mutter in der 
Analyse mit besserem Erfolg wiederholen zu lassen. Dies ist aber kei- 
neswegs irgendwie metaphorisch — auch nicht im psychologischen 
Sinne — zu nehmen, sondern der Patient wiederholt sozusagen bio- 
lorisch in der analytischen Situation die Schwangerschaftsperiode und 
im Abschluß der Analyse, der neuerlichen Trennung vom Ersatzobjekt, 
den Geburtsakt, meist in allen seinen Einzelheiten getreu. Die Ana- 



Die analytische Situation 



lyse erweist sich so letzten Endes als nachträgliche Erledi- 
gung des unvollkommen bewältigten Geburtstraumas. 

Dieser Schluß, zu dem ich durch eine Fülle verschiedenartigen Ma- 
terials unabweisbar gedrängt wurde, insbesondere von Träumen, die in 
einem größeren Zusammenhange veröffentlicht werden, hat sogleich bei 
mir selbst einige Einwendungen wachgerufen, die ich nur andeuten 
möchte, da sie durch weitere Erfahrungen bald zum Schweigen gebracht 
wurden. Ich habe mir gesagt, daß ich möglicherweise durch meine Indi- 
viduaHtät oder eine besondere Handhabung der Technik, welche auch 
nach der klassischen Freud sehen Methode die Zersetzung der „Kom- 
plexe" zum Ausgangspunkt nimmt — allerdings nicht damit endet — , 
das Ich des Patienten in immer frühere Libidopositionen zurückdränge ', 
so daß es dann schließlich kein Wunder wäre, im Endprozeß die letzte 
Zuflucht der Libido in das intrauterine Stadium provoziert zu haben 
Auch könnte man vielleicht glauben, daß dies als Resultat übermäßig 
lange fortgeführter Analysen sich schließlich auch ergeben müsse. 
Demgegenüber möchte ich betonen, daß es sich erstens nicht um 
bloße Regressionsphänomene etwa im Sinne der uns allen geläufigen 
„Mutterleibsphantasie" handelte, die ja längst von der Analyse als eine 
der typischen Urphantasien betrachtet wird, sondern um viel greifbarere 
Reproduktionen unter dem Einfluß eines realen Wiederholungszwanges ; 
ferner, daß meine Analysen, soviel mir bekannt ist, zu den zeitlich 
kürzeren gehören, sich also in Zeiträumen von etwa^yier^bhlängstens 
acht Monaten abspielten. 

Aber diese und andere Bedenken ähnlicher Art, die ich mir anfangs 
selbst gemacht hatte, schwanden bald spurlos unter dem überraschenden 
Eindruck dahin, daß bei Einstellung der analytischen Aufmerksamkeit 
auf diese Tatsachen auch die theoretisch und therapeutisch noch gänzlich 

i) Ähnliches konnte ja Ferenczi für den organischen Zersetzungsprozeß 
bei der progressiven Paralyse annehmen. (HoUös-FerenciJ, aur Analyse der 
parajyt. Geistesstörung, Beih. V, 1923.) 



jQ Das Trauma der Geburt 



unbeeinflußten Analysanden von Anfang an die gleiche Tendenz 
zeigten, die analytische Situation vom ersten Augenblick mit der intra- 
uterinen zu identifizieren. In einigen gleichzeitig begonnenen Fällen 
von ganz verschiedenem Charakter- bzwr. Neurosentypus haben die Ana- 
lysanden — gleicherweise Männer und Frauen — den Analytiker gleich 
zu Beginn in der unzweideutigsten Weise mit der Mutter identifiziert 
und sich selbst in ihren Träumen und sonstigen Reaktionen in die 
Situation des Ungeborenen zurückversetzt.^ Daraus ergibt sich, daß 
die eigentliche Übertragungslibido, die wir bei beiden Geschlechtern 
analytisch aufzulösen haben, die mütterliche ist, wie sie in der präna- 
talen physiologischen Bindung zwischen Mutter und Kind gegeben war. 
Wenn man sich mit dieser Auffassung näher vertraut gemacht, hat, 
scheint es einem bald, als hätte man eigentlich stillschweigend oder 
besser gesagt, unbewußt immer damit gearbeitet; zugleich wird man * 

aber mit Erstaunen gewahr, wie Vieles überdeutlich für sie spricht und 
wie manches Dunkle und Rätselhafte an der Analyse und insbesondere 
am Heilungsvorgang mit einem Schlage schwindet, sobald man das 
wahre Wesen und die wirkliche Bedeutung dieser Tatsache bewußt und 
voll zu erfassen vermag. 

Zunächst scheint die analytische Situation selbst, die sich ja histo- | 

risch aus der hypnotischen entwickelt hat', das Unbewußte direkt zum 
Vergleich mit dem Urzustand herauszufordern. Die ruhige Lage im halb- ; J 

dunkeln Raum, das Hindämmern in einem von realen Anforderungen '; 



\) Auch dieses Beweisraaterial werde ich, so wie es sich der Beobachtung 
darbot, in einer vorbereiteten Publikation über „Die Technik der Traum- 
deutung in der Psychoanalyse« mitteilen. 

2) Der hypnotische Schlaf, der wie alle ähnlichen Zustände in den „Wieder"- 
Geburtsträumeii als typisches Element des Intrauterinzustandes auftritt, legt die 
Vermutung nahe, daß das Wesen der Hypnose selbst wie der hypnotischen Be- 
einfluß barkeit auf die Urbeziehung des Kindes zur Mutter zurückgeht. Übrigens 
hat schon vor vielen Jahren Poul Bjerre einen ähnlichen Gedanken aus- 
gesprochen. („Das Wesen der Hypnose.") 



TT ^ 

Die analytische Situation il ,i 



•i 



fast freien Zustand des Phantasierens (Halluzinierens), die Gegen wart und 
gleichzeitige Unsichtbarkeit des Libidoobjektes u. a. m. Aus dieser un- | 

bewußten Auffassung der analytischen Situation erklärt sich dann zwang- J 

los, wieso der Patient spontan dazu kommen konnte, mit seinen Assozia- y.. 

tionen, deren unbewußte Ziel Vorstellung die mütterliche Ursituation ist, '■ } 

in die Kindheit zurückzugehen und so den Analytiker auf die Bedeutung ! 

des infantilen Materials und infantiler Eindrücke zu führen; es ent- '. 

sprechen die so gerichteten Assoziationen auch vom Bewußtsein her einer 
asymptotischen Annäherung an jene primäre Übertragungsein Stellung, 
in der sich das Unbewußte des Patienten von Anfang an befindet. 

Die gesteigerte Erinnerungsfähigkeit in der Analyse, insbesondere 
für vergessene (verdrängte) Eindrücke der Kindheit, erklärt sich also, 
wie die ähnliche Erscheinung in der Hypnose, aus der vom „Drängen" 
des Arztes (Übertragung) ermunterten Tendenz des Unbewußten, „das 
Eigentliche", nämlich die Ursituation, zu reproduzieren, wie dies bei- 
spielsweise in den gleichfalls hyperranestischen Zuständen des Traumes, 
gewissen neurotischen Zuständen (double conscience) oder psychotischen 
Rückbildungen (das sog. „archaische Denken") automatisch geschieht. 
In diesem Sinne sind gewissermaßen alle infantilen Erinnerungen als 
„Deckerinnerungen" aufzufassen und die ganze Reproduktionsfähigkeit 
wäre überhaupt der Tatsache zu verdanken, daß die „Urszene" eben nie 
erinnert werden kann, weil die peinlichste aller „Erinnerungen", das 
Trauma der Geburt „assoziativ" daran geknüpft ist. Die ans Unglaub- 
liche grenzende Sicherheit der Technik des „freien Einfalls" erhielte 
auf diese Weise ihre biologische Begründung. Wir wollen aber der ver- 
lockenden Versuchung nicht nachgeben, das ganze psychophysische 
Problem des Gedächtnisses von diesem archimedischen Punkt aus in 
Angriff zu nehmen, von dem der ganze Verdrängungsprozeß seinen 
Ausgang nimmt und analytisch leicht rückgängig zu machen ist/ Nur 
der Vermutung sei hier Ausdruck gegeben, daß die Urverdrängung des 
i) Siehe den letzten Abschnitt. 



j2 Das Trauma der Geburt 



Geburtstraumas als Ursache des Gedächtnisses überhaupt, d. h. der par- 
tiellen Merkfähigkeit anzusehen wäre; also der Tatsache, daß Einzelnes 
im Sinne einer Auslese haften bleibt, weil es einerseits von der Ur- 
verdrängung angezogen wird, um anderseits späterhin als Ersatz des 
eigentlich Verdrängten, des Urtraumas, reproduziert zu werden.' 

Es steht dann in gutem Einklang mit dieser frühesten, einmal real 
durchlebten Phase der Mutterbindung, daß sich der analytische Wider- 
etand gegen das Aufgeben derselben am Vater (-Substituten) abspielt, 
der ja auch tatsächlich den ersten Anstoß zur Urlösung von der Mutter 
gegeben hatte und so zum ersten und dauernden Feind geworden war. 
Dem Analytiker, der im Verlaufe der Behandlung beide infantilen 
Libidoobjekte repräsentiert, fällt dann die Aufgabe zu, die Urfixierung 
an die Mutter zu lösen, was der Patient eben nicht allein imstande war, 
und sie — je nach dem Geschlecht des Patienten auf die Vater- bzw. 
Mutter-Imagines — weiter übertragungsfähig 2U machen. Ist ihm dies 
durch Überwindung des Urwiderstandes, der Mutterfixicrung, zunächst 
inbezug auf die eigene Person gelungen, so setzt er der Analyse einen 
fixen Termin, innerhalb dessen der Patient automatisch die neue Lö- 
sung von der Mutter(-ersatz)figur in Form der Reproduktion des Ge- 
burtsaktes wiederholt. Somit erscheint die oft gestellte Frage, wann eine 
Analyse zu Ende sei, in diesem Sinne beantwortet, indem eine bestimmte 
Dauer zum Ablauf dieser Prozesse natürlicherweise notwendig Ist und 
ihre biologische Erkläi-ung und Rechtfertigung aus der Auffassung erhält, 

i) Es würde zu weit führen, dieses wichtige Thema hier im Detail m ver- 
folgen. Bei einer Patientin mit phänomenalen Gedächtnisleistungen ließ sich 
analytisch leicht feststellen, daß ihre ganze Kunst auf der intensiven Verdrän- 
gung eines schweren Geburtstraumas beruhte. Uir Assoziation sapparat war auf 
eine Unzahl von Geburtsdaten verwandter, bekannter und historischer Per- 
sonen aufgebaut, auf Grund deren sie dann weitere inhaltliche Verknüpfungen 
herstellte. Von hier aus fallt auch ein neues Licht auf die so problematisch ge- 
wordene Analyse von Zahlen ein fällen, in denen fast immer Geburtsdaten 
als die Assoiiationszentren erscheinen. — Siehe dazu auch das weiter unten 
über die Zeit Gesagte. 



\im».,L,^K;.t^mM 



Die analytische Situation iß j 

daß dieAnaljse dem Patienten die nachträgliche Erledigung des Geburts- J 

traumas durch einen entsprechenden zeitlichen Ablauf ermöglichen soll. -. ^ 

der unter diesem therapeutischen Gesichtspunkt allerdings in weitgehen- ■ ' 

dem Maße regulierbar wird.' Natürlich zeigt der Patient hinter all 

seinen Widerständen immer die Tendenz, die in so hohem Maße be- i 

friedigendeanalytischeSituatiuninsEndlosezu verlängern*, was von An- i 

fang an Gegenstand der Analyse seiner Fixieningstendenz werden muß. ' 

Auch das erfolgt eigentlich automatisch durch strenge Einhaltung 
der Freudschen Regel, die vorschreibt, den Patienten täglich eine 
gleiche Zeitspanne, und zwar eine volle Stunde zu sehen. Jede dieser 
Stunden repräsentiert für das Unbewußte des Patienten eine kleine 
Analyse in nuce, mit der neuerlichen Fixierung und allmählichen Lö- 
sung, was bekanntlich die Patienten am Anfang recht schlecht ver- 
tragen.'' Sie empfinden schon das im Sinne der Lösung von der Mutter 
als eine zu „aktive Therapie'', während anderseits die Neigung, dem 
Analytiker überhaupt zu entlaufen, sich als Tendenz zur allzu direkten 
Wiederholung des Geburtstraumas erkläit, welches eben die Analyse 
durch eine allmähliche Ablösung zu ersetzen hat. 

i) Vgl. Meiu auch meine Erläuterungen in der gemeinsamen Arbeit mit 
Ferenczi: Entwicklungswege der Psychoanalyse (1924}, 

2) Bekannt ist ja, wie häufig dahei die Dauer der Gravidität (7—10 Monate) 
bevorzugt wird, was aber nicht bloß auf die bekannte Schwangerschaf tsphantasie 
(Kind vom Vaterl, sondern in tiefster Schichte auf die eigene Geburt bezug hat 

Vgl. dazu auch die bekannten Kuren von D^j^rine, der seine Patienten wie^ 
Gefangene behandelt: sie im verdunkelten Raum von aUer Welt abscldießt und 
ihnen sogar das Essen durch eine Öfüiung reichen läßt; nach einer gewissen 
Zeit sind sie dann froh, aus diesem Kerker entlassen zu werden. 

5) Viele von ihnen können nicht erwanen, bis der Analytiker sie wegschickt, 
sondern wollen dies selbst bestimmen, sehen öfter nach der Uhr, andere — oder 
auch dieselben — erwarten einen Händedruck zum Abschied usw. 

VgLdazu auch das von Ferenczi beschriebene passagfere Symptom„Schwin- 
delempfindung am Schluß der Analysenstunde" {Zscbr. 1914), wo die Fat. auf das • 
psychische Trauma der plötzlichen Trennung mit einer analogen Störung des 
Gleichgewichtes — als Jiysterischem Symptom — reagieren. 



»*• 



F 



Die infantile Angst 

Der nächste Schluß, den wir aus diesen analytischen Erfahrungs- 
tatsachen und ihrer uns nahegelegten Auffassung ziehen müssen, ist 
der, daß das Unbewußte des Patienten die analytische Heilungssituation 
dazu benützt, um das Trauma der Geburt zu wiederholen und so teil- 
weise abzureagieren. Bevor wir aber verstehen können, wie sich das Ge- 
burtstrauma in den einzelnen Krankheitssymptomen auswirkt, müssen 
wir zunächt seine allgemein-men schiische Wirkung in der Entwicklung 
des normalen Individuums, namentlich in der Kindheit, verfolgen. Der 
Freudsche Satz, daß Jeder Angstaffekt im Grunde auf die physio- 
logische Geburtsangst (Atemnot) zurückgehe, soll uns dabei als Leit- 
linie dienen. 

Betrachten wir die seelische Entwicklung des Kindes unter diesem 
Gesichtspunkt, so können wir ganz allgemein sagen i der Mensch scheint 
viele Jahre — nämlich seine ganze Kindheit — zu brauchen, um dieses 
erste intensive Trauma in annähernd normaler Weise zu überwmden. 
Jedes Kind hat normalerweise Angst und man kann mit einer gewissen 
Berechtigung vom Standpunkt des gesunden, erwachsenen Durch- 
schnittsmenschen die Kindheit des Einzelnen als dessen Normalncurose 
bezeichnen, die sich eben nur bei gewissen — darum infantil geblie- 
benen oder so geheißenen — Individuen, den Neurotikern, ins reife 
Alter fortsetzt. 

Untersuchen wir, an Stelle zahlloser Beispiele mit dem gleichen ein- 
fachen Mechanismus, den typischen Fall der Kinderangst, die eintritt. 



Die infantile Angst jj 



wenn das Kind allein im dunkeln Raum {meist im Schlafzimmer, 
beim Zubettgehen) gelassen wird. Diese Situation erinnert das dem 
ürtrauma noch näherstehende Kind offenbar an die Mutterleibssituation 
— allerdings mit dem bedeutsamen Unterschied, daß das Kind nun^ 
mehr bewußterweise von der Mutter getrennt ist, deren Leib nur durch 
das dunkle Zimmer oder warme Bett „symbolisch" ersetzt erscheint. 
Die Angst verschwindet, nach der glänzenden Beobachtung von Freu d , 
sobald dem Kinde das Dasein (die Nähe) der geliebten Person wieder 
bewußt wird (Berührung, Stimme usw.).' 

An diesem einfachen Beispiel läßt sich der Mechanismus der Angst- 
auslÖsung, der dann bei den Phobikern fast unverändert wiederkehrt 
(Klaustrophobie, Eisenbahn-Tunnel -Reise- Angst usw.), als unbewußte 
Reproduktion der Geburtsangst verstehen und zugleich auch die 
reale Grundlage der Symbolisierung studieren; nicht zuletzt die 
Bedeutung des Getrenntseins von der Mutter und die bei-uhigende 
„therapeutische" Wirkung der wenn auch nur partiellen oder „symbo- 
lischen" Wiedervereinigung mit ihr. 

Indem wir uns die weittragenden Erörterungen über diese vielver- 
heißenden Ausblicke für spätere Abschnitte aufsparen, fassen wir eine 
zweite, gleichfalls typische Angstsituation des Kindes ins Auge, die noch 
näher an den wirklichen tief verdrängten Sachverhalt rührt. Das ist die 
universelle kindliche Angst vor Tieren, zu deren Erklärung wir trotz 
ihrer häufigen Beziehung auf Raubtiere (Fleischfresser, wie den Wolf) 
nicht auf einen ererbten Furchtinstinkt der Menschheit rekurrieren 
müssen, was schon daraus hervorgeht, daß sich ein solcher nicht auf 
die seit Jahrtausenden domestizierten Haustiere beziehen könnte deren 
Harmlosigkeit und Ungefährüchkeit von unzähligen Generationen Er- 
wachsener ebenso erfahren und erlebt wurde wie die Gefährlichkeit 
der Raubtiere ; man wollte denn auf die Urzeiten des Menschen - oder 
gar auf seine biologischen Vorstufen (wie z . B. Stanley Hall u. a.) — . 
i) Siehe: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 1905, 8.7^, Fußnote. 



j^ Das Trauma der Geburt 



zurückgreifen, und damit auf die wilden Vorfahren unserer Haustiere, 
um eine typische Angstreaktion zu erklären, die in unserer individuellen 
Entwicklung ihren Ursprung hat. Für die Wahl dieser Angstobjekte, 
die ursprünglich nach der dem Kind imponierenden Größe (Pferd, 
Rind usw.) erfolgt, sind ganz andere, nämlich psychologische („symbo- 
lische") Momente maßgebend. Wie die Analysen kindlicher Phobien 
unzweifelhaft gezeigt haben, bezieht sich die Größe bzw. Dicke (Leibes- 
umfang) der Angsttiere auf die Gravidität, an die das Kind, wie wir 
zeigen können, mehr als eine dunkle Erinnerung hat, und die Raub- 
tiere liefern dann eine auch für den erwachsenen Psychologen schein- 
bar noch ausreichende Rationalisierung für den Wunsch — durch Ge- 
fressenwerden — in den tierischen Leib der Mutter zurückzugelangen. 
Die Bedeutung der Tiere als Vaterersatz, die Freud aus der Neurosen- 
psychologie für das Verständnis des Totemismus fruchtbar gemacht 
hat, bleibt durch die Auffassung nicht nur unberührt, sondern erhält 
eine vertiefte biologische Bedeutung, indem sie zeigt, wie durch Ver- 
schiebung der „Angst" auf den Vater (das Totemtier, das man 
selbst frißt) der lebensnotwendige Verzicht auf die Mutter gesichert 
wird. Denn dieser gefürchtete Vater verhindert das Zurückgehen zur 
Mutter und damit die Auslösung der viel peinlicheren Urangst, die 
sich aufs mütterliche Genitale, als dem Ort der Geburt, wie späterhin 
auf alle seine Ersatzobjekte, bezieht. 

Das ebenso häufige, aber fast regelmäßig mit Grauen gemischte Angst- 
gefühl kleiner enTieren gegenüber hat die gleiche Grundlage und verrät 
-in der „Ünheimlichkeit" dieser Objekte auch deutlich diese Herkunft. 
Aus der Analyse solchet Phobien oder Angstträume, die ebenso, wenn 
auch weniger häufig, beim Mann als bei der Frau gefunden werden, 
ergibt sich mitallerDeutlichkeit, daß die Unhcimlichkeit dieser kleineren 
Kriechtiere wie Maus, Schlange, Kröte, Käfer usw. auf deren Eigen- 
schaft zurückgeht, in kleinen Erdlöchem usw. spurlos zu verschwinden. 
Sie zeigen also den Wunsch nach Rückkehr in das mütterliche Versteck 



Die infantile Angst jj 



restlos erfüllt und das Grauenhafte, das ihnen anhaftet, rührt daher, 
daß sie dabei selbst die eigene Tendenz realisieren, als deren Objekt 
man sich vor ihnen entsetzt.^ Während man also in die großen Tiere 
immer noch im Sinne der, wenn auch verdrängten (Angst) Ursituation 
eindringen kann, liegt das Unheimliche der kleinen Tiere in der 
Gefahr, daß sie selbst in den eigenen Körper eindringen können. 
Übrigens sind die ganz kleinen Tiere wie Insekten usw. von der 
Psychoanalyse schon längst als symbolische Darstellung von Kindern 
bezw. Embryonen aufgefaßt worden; wohl nicht nur wegen der Klein- 
heit, sondern auch wegen ihrer Vermehrungsfähigkeit (Fruchtbarkeits- 
symbol).^ Zum Penis- „Symbol" oder besser gesagt Penis- Ideal werden 

i) Ein kleines Maderl von 3Y4 Jahren, das sich ebenso oder mehr vor kleinen 
als vor großen Hunden fürchtet, hat auch Angst vor Insekten (Fliegen, Bienen 
usw.). Auf die Frage der Mutter, warum sie sich denn vor diesen kleinen Tieren 
die ihr ja nichts tun könnten, fürchte, erwidert die Kleine ohne Zögern: , Sie können 
mich doch schlucken!" Dabei aber macht sie beim Herannahen kleiner Hunde 
die gleichen charakteristischen Abwehrbewegungen wie etwa eine Erwachsene 
gegen eine Maus: Sie beugt, indem sie die Beine fest zusammenpreßt, die Knie 
so tief, daß sie ihr Kleidchen bis ganz zum Boden ziehen und sich damit be- 
decken bann, als wollte sie das „Hereinschlüpfen" verhindern. Ein andermal 
direkt um die Ursache ihrer Bienenangst von der Mutter befragt, erklärt sie 
widerspruchsvoll, sie wolle in den Bauch der Biene hinein und doch wieder nicht. 

2) Zuletzt noch bei Freud: Massenpsychologie, igai, S. 126. — Für die 

Schmetterlingsangst konnte Freud zeigen, daß das Öffnen und Schließen der 
Flügel das auslösende Moment ist, welches wieder eindeutig an das GebÜrorgan 
„erinnert". (Vgl. dazu das weitverbreitete mythische Motiv der Symplegaden 
oder Klappfelsen.) 

Die Spinne ist ein deutliches Symbol der unheimlichen Mutter, in deren 
Netz man gefangen wird. Man vgl. dazu die „unbewußte Geburtsphantasie", 
die F e r en c zi aus der Tagebuch-Beschreibung des Angstanfalles eines Patienten 
wiedergibt („Introjektion und Übertragung", Jahrb. I, 1909, S.450/51, Fußnote): 
„Die Hypochondrie umspinnt meine Seele, wie ein feiner Nebel, oder eher wie 
ein Spinngewehe, so wie Schimmelhlumen den Morast bedecken. Ich habe das 
Gefühl, als stäke ich in so einem Sumpf, als müßte ich den Kopf herausstecken, 
um atmen zu können. Zerreißen, ja zerreißen möchte ich das Spinngewebe. 
Aber nein, es gebt nicht! Das Gewebe ist irgendwo befestigt — man müßte 
a Rank 



i 



l8 Das Trauma der Geburt 



sie aber eberj nur durch ihre Fähigkeit des restlosen Eindringen- 
könnens, wobei ihre wesentliche Eigenschaft, die besondere Kleinheit, 
die sogar zti ihrer Deutung als Spermatozoen oder weiblichen Eiern 
geführt hat, direkt auf den Mutterleib als ihren Aufenthaltsort hinweist. 
So ist das (große) Tier zuerst lust- dann angstbesetztes Muttersymbol, 
dann durch Verschiebung der Angst im Sinne der Phobien hemmender 
Vaterersatz, um schließlich auf dem Umweg der sexuellen Tierbeobach- 
mng und der kleinen Tiere, die FÖtus wie Penis symbolisieren, wieder 
mit maternaler Libido besetzt zu werden. 

Diesen Zusammenhängen verdankt eine Reihe von kleinen Tieren 
auch dieAuffassungalsSeelentiere im Volksglauben. Am bekanntesten 
ist dies von der Schlange, deren phallische Bedeutung zweifellos auch 
auf die Leichtigkeit des vollständigen Eindringens und Verschwin- 
dens im (Erd-) Loch zurückgeht. ' 

Dies zeigt der bekannte Tiergeisterglaube der Australier und ge- 
wisser zentralasiatischer Stämme, wonach die Kinder in Gestalt kleine- 
rer Tiere in die Mutter eingehen, und zwar meist durch den Nabel. So 
glauben die Eingeborenen von Kap Bedford, „daß die Knaben in Ge- 
stalt einer Schlange, die Mädchen als kleine Brachschnepfen in den 
Leib der Mutter eingehen."' Diese ganz primitive Vereinigung von 
Kind und Phallus — der Phallus geht ganz in die Frau ein und wächst 
dort zum Kind heran — wirkt noch im Volksglauben und im Märchen 
als „Körperseele" nach, wo die Seele des Schlafenden oder Verstorbenen 

die Pfähle herausreißen an denen es hangt. Geht das nicht, so müßte man sich 
durch das Netz langsam durcharheiten, um Luft zu schöpfen. Der Mensch ist 
doch nicht dazu da, um von solch einem Spinngewebe uraschleiert, erstickt, dee 
Sonnenlichts beraubt lu werden," 

i) Daß die Eigenheit besonders großer Schlangen, ihre Beute lebendig im 
Ganzen hinunterzuwürgen, wobei ihr Leib aufschwillt, in diesen Vorstellungs- 
kreis hineingehört, erscheint mir ebenso zweifellos wie die andere Auffälligkeit 
ihrer Häutung (Wiedergeburt). 

3)e. Artikel „Aberglaube" von F. Reitzenstein im „Handwörterbuch der 
Semalwisseaschaft", hg. von Max Marcuse, 1925, S, 5. 



Die infantile Angst ip 



in Gestalt solcher Tiere (Maus, Schlange usw.) aus dem Munde schlüpft, 
um nach einiger Zeit wieder durch den Mund in denselben Menschen 
(Traum) oder in einen anderen {Befruchtung, Neugeburt) einzugehen,' 
Hier schließt sich der uralte Volksglaube von der Gebärmutter als ei- 
nem Tier an, Äer bis jetzt noch keine Erklärung gefunden hat/ aber 
vermutlich auch mit der Vorstellung von dem in den Mutterleib hinein- 
gekrochenen und nicht wieder herausgekommenen Tier zusammen- 
hängt, also sich in letzter Linie auf den Inhalt der befruchteten Ge- 
bärmutter bezieht. So soll z. B. im Braun seh weigischen in den ersten 
24 Stunden nach der Geburt das neugeborene Kind nicht bei der 
Mutter liegen, „sonst kann die Gebärmutter keine Ruhe finden und 
kratzt im Innern der Frau, wie eine große Maus.^ Sie kann auch im 
Schlafe aus dem Munde hervorkriechen, sich baden und auf demselben 
Wege zurückkehren", wie in der von Panzer mitgeteilten Sage von 
einer Wallfahrerin, die sich zur Ruhe ins Gras gelegt hat (Beiti-. z. d. 
Mythologien, 195). Kann sie den Rückweg nicht finden, dann wird die 
Frau unfruchtbar. 

Der Hinweis auf diese typischen Angstsituationen der Kinder und 
ihre völkerpsychologischen Parallelen dürfte genügen, um zu zeigen, 



1) Im malayischen Panany-Märcheii hat sich die ostafrikanisclie Todesschlanee 
zu einem Seelenwurm entwickelt, der nach 6 bis 8 Monaten mittels eines in 
die Erde gesteckten Bambusrohres aus dem Grab hervorkommt. (Nach H. L. 
Held: Schlangenkultus. Atlas Africanus, H. III, München 192a.) 

2) Daß dies meist die Kröte ist, die sich in dunkeln unzugänglichen Löchern 
verkriecht (ihr Name kommt davon), würde gut dazu stimmen. Siehe „Die Kröte, 
ein Bild der Gebärmutter" von Karl Spieß (Mitra I, Sp. 209 ft., 1914, Nr. 8). — 
Schon im alten Ägypten wurde die Geburtsgöttin froschköpfig gedacht (siehe 
Jacoby und Spiegelberg; Der Frosch als Symbol der Auferstehung bei den 
Ägyptern. Sphinx VII.) ; anderseits weist der Kopf unserer Gebärmutter- Kröte 
zuweilen menschliche Züge auf (s. Abb. 7 bei Spieß I. c. Sp. 2 17), Über die gleiche 
Bedeutung der Kröte im alten Mexiko vgl. Ernst Fuhrmann: Mexiko lU, 
S. 20 ff. (Kulturen der Erde, Bd. XIIT, Darmstadt 1922). 

5) s. Art. Aberglaube 1. c. 



20 Das Trauma der Geburt 

was wir meinen. Bei genauer Erforschung der Umstände, unter denen 
die Kinderangst auftritt, wird man finden, daß tatsächlich der Angst- 
affekt des Geburtsaktes im Kinde unerledigt weiterwirkt und jede Ge- 
legenheit, die irgendwie — meist „symbolisch" — daran „erinnert", 
dazu benützt wird, um den unerledigten Affekt immer und immer aufs 
neue abzureagieren (Pavor nocturnus). Wenn man so die von Freud 
erkannte Herkunft des Angstaffektes aus dem Geburtsvorgang ernst und 
wörtlich zu nehmen sich getraut — und dazu nötigt uns die Reihe 
der mitgeteilten Erfahrungen — so wird man leicht erkennen, wie jede 
Äußerung infantiler Angst einer partiellen Erledigung der 
Geburtsangst entspricht. Der unabweisbaren Frage, woher die Ten- 
denz zur Wiederholung eines so starken Unlustaffektes stammen könnte, 
werden wir später bei Erörterung des Lust-Unlust-Mechanismus näher- 
treten, möchten iedoch schon hier auf die ebenso unzweifelhafte ana- 
lytische Tatsache verweisen, daß ganz wie jeder Angst die Geburtsangst 
zugrunde liegt, jede Lust letzten Endes zur Wiederherstellung 
der intrauterinen Urlust tendiert. Schon die normalen, von der 
Analyse als libidinös erkannten Funktionen des Kindes, die Nahrungs- 
aufnahme (Saugen) und die Ausstoßung der Stoffwechsolprodukte ver- 
raten die Tendenz, die unbeschrankten Freiheilen des pränatalen Zu- 
standes so lange als möglich fortzusetzen. Wie wir aus der Analyse der 
Neurotiker wissen, gibt das Unbewußte diesen Anspruch, den das Ich 
zugunsten der sozialen Anpassung zurückstellen muß, niemals auf, und 
ist jederzeit bereit, in Zuständen seiner Vorherrschaft, die sich der Ur- 
situation annähern (Traum, Neurose, Coma), damit hervorzutreten. 

Deutlicher noch zeigen die aus dem zu intensiven Festhalten an die- 
sen Lustquellen folgenden „Kinderfehler" Herkunft und Tendenz 
dieser Libidobefriedigungen: nämlich das Lutschen einerseits, das Be- 
nässen und Beschmutzen anderseits, wenn sie zeitlich oder ihrer Inten- 
sität nach über ein gewisses Maß hinausgehen (z. B. iu dem exquisit „neu- 
rotischen" Symptom der Enuresis nocturna). In der vom Bewußtsein 



Die infantile Angst 21 



unkontrollierbaren, scheinbar automatischen Entleerung des Urins und 
des Kotes („als Liebesbeweis" für die Mutter) benimmt sich das Kind so, 
als wäre es noch im Mutterleib: inter faeces et urinas;^ auf ähnlichen 
Mechanismen ruht der sprichwörtliche Zusammenhang von Angstaffekt 
und Defäkation. Der Ersatz der zeitweise oder nach der Entwöhnung 
gänzlich vermißten Mutterbrust durch einen Finger zeigt dagegen den 
ersten Versuch des Kindes, den Körper der Mutter durch den eigenen 
Korper („Identifizierung"), bzw. einen Teil desselben zu ersetzen, wobei 
die rätselhafte Bevorzugung der Fußzehen deutlich die Tendenz nach 
Wiederherstellung der intrauterinen Körperstellung verrät.' Vom Lut- 
schen sowohl wie von der lustvollen Harnentleerung (Enuresis) führen 
die von der Analyse aufgedecktenWege zum „Kinderfehler" kat exochen, 
der genitalen Masturbation (s. auch den späteren Ersatz der Eniuesis : die 
Pollution), welche den endgültigen und großartigsten Ersatz der Wieder- 
vereinigung mit der Mutter, den Sexualakt, einleitet und vorbereiten 
hilft. Der Versuch, das angstbesetzte (mütterliche) Genitale sexuell zu 
besetzen, macht Schuldgefühl, indem die maternale Angst nach dem 
Mechanismus der Phobie an den Vater gebunden wird. Auf diesem 
Wege erfolgt die teilweise Verwandlung der Urangst in (sexuelles) 
Schuldgefühl, wobei man oft sehr schön beobachten kann, wie die ur- 
sprünglich mütterliche Tierangst in die deutlich auf Sexualverdrängung 
beruhende Vaterangst übergeht, die durch Verschiebung auf Räuber, 
Einbrecher (Schwarzer Mann usw.) einwandfrei im Sinne des phobi- 
schen Mechanismus rationalisiert werden kann. Hierbei entsteht die sog. 



i) Das Klosett erscheint im Traum als tj-pische Mutterleibsdarstelluiig (be- 
reits bei Stekel: Die Sprache des Traumes, igii). 

2) Nach einer mündlichen Mitteilung des Wiener Kinderarztes J. K. Fiied- 
jung konnte er nicht selten Kinder beobachten, die mit dem Finger im Mund 
zur Welt kamen. Dies zeigt die Tendenz zur unmittelbaren Ersetzung der Mut- 
ter in „statu nascendi". — In letzter Zeit sollen Versuche über die Reflexerregbar- 
keit beim Fötus gezeigt haben, daß schon etwa im 6. — j. Monate Saugreflexe 
auslösbar sind. 



22 Das Trauma der Gehurt. 

Realangst deutlich als Bindung und Abfuhr der verschobenen Urangst, 
wobei die Verwandlung der mütterlichen Raumangst in die väterliche 
Eindringensangst vollkommen dem Verhalten zu den großen (mütter- 
lichen) und den kleinen (phallischen) Tieren entspricht. 

An dieser Stelle wird sich voraussichtlich ein Einwand von psycho- 
analytischer Seite selbst erheben, den wir aber um so leichter zu er- 
ledigen hoffen. Die Erfahrung, daß jede Angst des Kindes der Ge- 
burtsangst entspricht (und jede Lust des Kindes zur Wiederherstellung 
der intrauterinen Urlust tendiert), könnte im Hinblick auf die sog. 
Kastrationsangst, die neuestens so stark betont wurde, in ihrer 
Allgemeingültigkeit angezweifelt werden. Doch scheint mir leicht 
verständlich, daß die kindliche Urangst sich im Laufe der Entwick- 
lung ganz besonders an das Genitale heftet, eben wegen seiner ge- 
wiß dunkel geahnten (oder erinnerten) faktischen biologischen Be- 
ziehung zur Geburt (und Zeugung). Es ist begreiflich, ja eigentlich 
selbstverständlich, daß gerade das weibliche Genitale als der Ort des 
Geburtstraumas dann bald wieder zum Hauptobjekt des ursprüng- 
lich von dorther stammenden Angstaffektes wird. So basiert die Be- 
deutung der Kastrationsangst, wie schon Stärcke gemeint hat,^ auf 
der „Urkastration" der Geburt, d. h. der Trennung des Kindes von der 
Mutter.' Nur erscheint es nicht gerade zweckmäßig, dort schon von 
„Kastration zu sprechen, wo es sich noch nicht um eine deutlichere 
Beziehung der Angst aufs Genitale handelt, als sie durch die Tatsache 
der Geburt aus dem (weiblichen) Genitale gegeben ist.^ Eine starke 
heuristische Stutze findet diese Auffassung darin, daß sie uns zwanglos 
das Rätsel der Ubiquität des „Kastrationskomplexes" löst, indem sie ihn 

i) A. Stärcke; Psychoanalyse und Psychiatrie (Beiheft IV), 1921. 

2) In Endträumen der analytischen Kur fand ich den Phallus öfters als 
„Symbol" der Nabelschnur verwendet. 

5) Siehe auch Freud: Die infantile Genitalorganisation. Zschr. IX/a, 1925. 
(Erst nach Abschluß dieser Arbeit zitiert.) 



▲. 



I 



Die infantile Angst 2} 



auf die unbestreitbare Allgemeinheit des Geburtsaktes zurückführen 
kann; ein Gesichtspunkt, der sich für das volle Verständnis und die 
reale Fundierung auch der anderen „Urphantasien" von der größten 
Bedeutung erweisen wird. Auch glauben wir nun besser zu verstehen, 
warum die „Kastrationsdrohung" regelmäßig eine so kolossale und nach- 
haltige Wirkung auf das Kind ausübt, — übrigens auch, warum die 
kindliche Angst und das daraus stammende, vom Geburtsakt „mitge- 
brachte Schuldgefühl durch keinerlei Erziehungsmaßnahmen zu ver- 
meiden oder durch die üblichen analytischen Aufklärungen zu beheben 
ist.' Die Drohung trifft nicht nur auf das dunkel erinnerte Urtrauma, 
bzw. die dasselbe repräsentierende unerledigte Angst, sondern bereits 
auf ein zweites voll bewußt erlebtes und der Nachdrängung verfallenes 
Unlusttrauma, die Entwöhnung, dessen Intensität und Nachhaltig- 
keit lange nicht der des ersten gleichkommt, ja ein gut Teil seiner 
„traumatischen" Wirkung dem voraufgegangenen verdankt. Erst an 
dritter Stelle tritt dann das in der Individualgeschichte regelmäßig 
phantasierte, höchstens als Drohung erlebte Genitaltrauma' der 
Kastration, das aber gerade wegen seiner Unrealität besonders prädis- 
poniert scheint, den größten Teil des natalen Angstaffektes als Schuld- 
gefühl zu übernehmen, das sich tatsächlich, ganz im Sinne des biblischen 
Sündenfalls, an die Trennung der Geschlechter, die Verschiedenheit 



i) Siehe daiu Melanie Klein: Eine Kinderentwicklung, Imago,Bd.VII igzi. 

2) Die typische Zweiheit, welche als Abwehr- und Trostsymbol der 
Kastration den Verlust des einen unersetzlichen Gliedes (oft durch eine Viel- 
heit) kompensieren soU, scheint ursprünglich dem Entwöhnungstrauma zuzuge-, 
hören und auf die Möglichkeit der Ernährung an beiden Brüsten zurück- 
augehen, wobei tatsächlich die eine Brust den „Verlust" der anderen ersetzt. 
Auch die „symbolische" Verwendung der Testikel erweist sich nicht selten 
als Mittelsvorstellung zwischen den Brüsten und dem Penis, wie das Kuheuter 
(vgl. dazu Stekels symbolische Gleichung der „paarigen Organe"). 

In einer andern Schichte scheint die Zweiheit der Kastrationsabwehr der 
infantUen Ironie gegenüber dieser Lüge der Erwachsenen zu dienen (siehe dazu 
das Folgende im Text). 



24 Das Trauma der Geburt 



der Sexualorgane und -funktionell geknüpft erweist; das tiefste Unbe- 
wußte, das immer geschlechtlich indifferent (bisexuell) bleibt, weiß da- 
von nichts und kennt nur die primäre Urangst des allgemein-mensch- 
lichen Geburtsaktes. 

Im Vergleich mit den wirklich schmerzhaft erlebten realen Traumen 
der Geburt und Entwöhnung scheint sogar eine tatsächlich erfolgte 
Kastrationsdrohung die normale Abfuhr der Urangst als genitales Schuld- 
bewußtsein insofern zu erleichtern, als ja das Kind den Unernst der 
Kastrationsdrohung ebensobald entdeckt hat wie alle anderen Unwahr- 
heiten der Erwachsenen. Dem Urtrauma gegenüber wirkt dann die bald 
als leere Drohung entlarvte Kastrationsphantasie vielmehr als ein Trost, 
daß ja doch die Trennung nicht erfolgen könne.' Von hier führt ein 
direkter Weg zu den infantilen Sexual theorien (s. später S. 52 f.), welche 
die „Kastration" (das weibliche Genitale) nicht anerkennen wollen, 
offenbar um damit das Trauma der Geburt (Ur-Trennung) verleugnen 
zu können. 

Wir bemerken hier übrigens, daß jede spielerische Verwendung der 
tragischen Urmotive, welche mit dem Bewußtsein der Irrealität einher- 
geht, lustauslösend wirkt, indem sie die Negierung des Geburtstraumas 
vortäuscht. So die typischen Kinderspiele, vom frühesten „ Verstecken " 
{Guck-Guck)uberSchaukeln, Eisenbahn-, Puppen- undDoktorspielen,'^ 
welche übrigens, wie Freud sehr frühzeitig erkannt hatte, dieselben 
Elemente wie die entsprechenden neurotischen Symptome, nur mit posi- 
tivem Lustvorzeichen beinhalten. Das Versteckenspielcn (auch „Zau- 
bern"), das die Kinder unermüdlich wiederholen, stellt die Situation der 



1) Den gleichen Trost-Mechanismen finden wir bei den als Opferhandlungen 
erkannten Fehlleistungen des Verlierens wieder: Man trennt sicli von einem 
wertvollen Teil seines Ich anstatt selbst ganz „getrennt" zu werden („Der Ring 
des Polykrates", der ins Meer geworfen wird, aber im Fischbauch wieder zur 
Welt kommt.) 

2) Die beiden letzten mit direktem Bezug auf das Kinderkriegen (Puppe=Fö- 
tus in Träumen). 



Die infantile Angst 2J 



Trennung (und des Wiederfindens) als nicht ernst dar ; die rhythmischen 
Bewegungsspiele (Schaukeln, Hopp-hoppreiten) wiederholen einfach den 
embryonal empfundenen Rhythmus, der dann im neurotischen Sym- 
ptom des Schwindels die zweite Seite seines Januskopfes zeigt. Bald wird 
dann alles Spiel des Kindes irgendwie dem wesentlichen Gesichtspunkt 
der Irrealität untergeordnet und die Psychoanalyse hat ja zeigen können, 
wie daraus die höheren und höchsten lustspendenden Irrealitäten, die 
Phantasie und die Kunst hervorgehen.' Selbst noch in den höchsten 
Formen dieser Scheinrealität, wie sie beispielsweise die griechische Tra- 
gödie repräsentiert, sind wir imstande, Angst und Schrecken zu ge- 
nießen, indem wir dieseUrafTekte im Sinne von Aristoteles' Katharsis 
abreagieren, ähnlich wie das Kind die angstvolle Situation der Trennung 
als freiwilliges Verstecken," das beliebig leicht und oft rückgängig zu 
machen und zu wiederholen ist. 

Die aus dem Geburtstrauma stammende ständige Angstbereit- 
schaft des Kindes, die sich gerne auf alles mögliche verschiebt, äußert 
sich noch in ganz direkter, sozusagen biologischer Weise in dem auch 
Itulturgeschichtlich bedeutsamen , charakteristischen Verhältnis des 
Kindes zum Tode. Was uns dabei zunächst überrascht hat, war nicht 
die Tatsache, daß das Kind die Todesvorstellung gar nicht kennt, son- 
dern daß es auch hier, ähnlich wie auf dem Gebiete der Sexualität, 
lange Zeit nicht imstande ist, entsprechende Erfahrungen und selbst 
Aufklärungen in ihrer wirklichen Bedeutung zu akzeptieren. Es ist eines 
der größten Verdienste Freuds, unsere Aufmerksamkeit auf diese ne- 
gative Todesvorstellung des Kindes gelenkt zu haben, die sich darin 
äußert, daß es beispielsweise verstorbene Personen wie zeitweise ab- 
wesende behandelt. Bekannt ist auch, daß das Unbewußte diesen Stand- 

i) Freud: Der Dichter und das Phantasieren, 1908. 

2) Auch im Märchen, z. B. von den sieben Geißlein, hat das Verstecken die 
Geburts-Rettungs- Bedeutung, d.h. der Rückkehr in den Mutterleib bei äußerer 
Gefahr. 



26 Das Trauma, der Gehurt 

punkt niemals aufgibt, wofür nicht nur der unausrottbare, in immer 
neuen Formen auflebende Unsterblichkeitsglaube Zeugnis ablegt, son- 
dern auch die Tatsache, daß wir von Verstorbenen wie von Lebenden 
träumen. Es wäre nun wieder gänzlich verfehlt, im Sinne unserer in- 
tellektualistischen Einstellung zu glauben, das Kind könne die Todes- 
vorstellung wegen ihrer Peinlichkeit und ihres Unlustcharakters nicht 
akzeptieren; dies ist schon deswegen nicht der Fall, weil es sie a priori 
ablehnt, ohne noch die Vorstellung ihres Inhalts vollzogen zu haben. 
Überhaupt kennt das Kind keine abstrakte Todes Vorstellung, es reagiert 
nur auf den erlebten Todesfall oder den geschilderten (erklärten) in- 
bezug auf die ihm nahestehenden Personen. Totsein ist für das Kind 
gleichbedeutend mit Fortsein (Freud), d. h. getrennt sein, was un- 
mittelbar an das Urtrauma rührt. Das Kind akzeptiert also die bewußte 
Todesvorstellung, indem es sie unbewußt mit der Urtrennung identi- 
fiziert. Darum kann es den Erwachsenen roh erscheinen, wenn das Kind 
einen unerwünschten Konkurrenten, etwa ein neues Geschwisterchen, 
dessen Störung ihm unangenehm ist, tot wünscht, was so viel heißt, 
wie wenn wir selbst jemandem sagen, er möge zum Teufel gehen, d. h. 
uns allein lassen. Nur verrät das Kind ein weit besseres Wissen um den 
ursprünglichen Sinn dieser „Redensarten" als die Erwachsenen, wenn 
es beispielsweise dem störenden Geschwister eben rät, wieder dorthin 
zu gehen, woher es gekommen sei. Dies meint das Kind ganz ernsthaft 
und ist dazu auch imstande, wieder auf Grund jener dunkeln Erinne- 
rung an den Ort, woher die Kinder kommen. Der Todesgedanke ist 
somit von Anfang an mit einem starken unbewußten Lustaffekt, dem 
der Rückkehr in den Mutterleib, besetzt, der sich durch die ganze 
Geschichte der Menschheit, von den primitiven Bestattungssitten 
bis zur Wiederkehr im spiritistischen Astralleib unvermindert er- 
halten hat. 

Aber nicht bloß die Todes Vorstellung des Menschen hat diesen 
libidinösen Hintergrund, sondern auch gegen die bewußterweise als 






Die infantile Angst ^7 



real erkannte Vernichtung im Tode spielt der Mensch unbewußt den 
Trumpf der pränatalen Existenz aus, welche den einzig wirklich er- 
fahrenen Zustand jenseits des bewußten Lebens repräsentiert. Wenn das 
Kind einen störenden Konkurrenten beseitigen will, ihm also den Tod 
wünscht, so kann es dies nur mittels der eigenen lustvoUen Erinnerung 
an den Ort tun, von wo es selbst gekommen ist und woher auch das 
Geschwisterchen kam: von der Mutter. Man könnte auch sagen, es 
wünscht sich selbst an den Ort zurück, wo es noch keinerlei Störungen 
von außen gab. Die Berechtigung, in den kindlichen Todeswünschen das 
eigene unbewußte Wunschelement zu betonen, erhellt aus dem Verständ- 
nis der neurotischen Selbstvorwürfe, mit denen regelmäßig auf die zu- 
fällige Erfüllung eines solchen Wunsches reagiert wird. Wenn man eine 
nahestehende Person, gleichgültig welchen Geschlechts, verliert, so er- 
innert diese Trennung wieder an die Urtrennung von der Mutter und die 
schmerzliche Aufgabe, die Libido von dieser Person abzulösen, welche 
Freud im Vorgang der Trauer erkannt hat, entspricht einer psychi- 
schen Wiederholung des Urtraumas. An den verschiedenen Trauerriten 
der Menschen wird unzweifelhaft klar, wie erst kurzlich Reik in einem 
Vortrag gezeigt bat, ' daß der Trauernde sich mit dem Toten zu iden- 
tifizieren trachtet, was zeigt, wie er ihn um die Rückkehr zur Mutter 
beneidet. Die bedeutungsvollen Eindrücke, die tatsächlich frühverstor- 
bene Geschwister im Unbewußten des Überlebenden, später oft neuro- 
tisch Gewordenen zurücklassen, zeigen deutlich die unheimliche Nach- 
wirkung dieser Identifizierung mit dem Verstorbenen, die sich nicht 
selten darin äußert, daß der Betreffende sein Leben sozusagen unbewußt 
in steter Trauer, d, h. in einem Zustande verbringt, der dem suppo- 
nierten Aufenthaltsort des Verstorbenen verblüffend angepaßtist. Manche 

Neurose läßt sich geradezu in ihrer Ganze als eine solche embryonale 
Fortsetzung der unterbrochenen Existenz eines frühverstorbenen Ge- 



i) „Tabnit, König von Sidon" (Wiener PsA. Vereinigung, März i9»3)- 



2ö Das Trauma der Gehurt 



schwisters verstehen und die Melancholie zeigt denselben Mechanismus ■ 
häufig a]s Reaktion auf einen aktuellen Todesfall.^ 

Das Kind beneidet den Toten um das Glück der Rückkehr zur Mutter 
und dementsprechend knüpft die eigentliche Eifersucht auf das neue 
Geschwisterchen, wie man in den Analysen noch deutlich sieht, in der 
Regel an die Schwangerschaftsperiode, d.h. dessen Aufenthalt im Mutter- 
leibe an, während die bekannte Abfindung mit der Tatsache des neuen 
Konkurrenten durch Identifizierung mit der Mutter (das Kind vom Vater) 
bald nach der Geburt beginnt (das Kind als lebende Puppe). In dieser 
unbewußten Tendenz des Kindes, sich mit dem intrauterinen Geschwi- 
sterchen, dessen bevorstehende Ankunft ihm ja genugsam angekündigt 
wurde, 2u identifizieren, liegt das Wesentliche dessen beschlossen, was 
man im Sinne der psychoanalytischen Forschungen als das Trauma 
des zweiten Kindes (Geschwister-Trauma) bezeichnen könnte. Das 
Wesentliche dabei besteht darin, daß das nachfolgende Kind die tiefste 
Wunschtendenz des bereits vorhandenen, den Aufenthalt in der Mutter 
realisiert, so aber ein- für allemal den Weg zur Rückkehr sozusagen 
verlegt, was bestimmend für die ganze weitere Einstellung und Ent- 
wicklung des Erst- oder Vorhergeborenen werden kann (siehe die Psycho- 
logie des Jüngsten S. 107: „Die heroische Kompensation"). Von da aus 
werden auch manche sonst unverständlicheZüge im erwachsenen Liebes- 
leben (neurotische Kinderheschränkung usw.)—, wie gewisse organ- 
neurotische Frauenleiden analytisch zugänglich (Pseudo-Sterilitätusw.). 
Die Identifizierung des Todeszustandes mit der Rückkehr in den Mut- 
terleib erklärt auch, warum die Toten in ihrer Ruhe nicht gestört werden 
dürfen und warum eine solche Störung als die größte Strafe empfunden 
wird. Dies beweist die sekundäre Natur der ganzen Wiedergeburts- 
phantasie, welche keinen andern Sinn hat, als den ursprünglichen Zu- 
stand wiederherzustellen. Dies zeigen auch verschiedene biologische 

1) Es wäre der Mühe wert, in den Anamnesen Melancholischer darauf zu 
achten, ob sie in der Kindheit einen Todesfall (in der Familie) erlebt haben. 



Die infantile Angst 2^ 



i 



Tatsachen, bei denen das von Jung irrtümlich für das Wesentliche 
gehaltene ethisch-anagogische Element der Wiedergeburtsidee ausge- 
schlossen ist.' Ein besonders lehrreiches Beispiel bildet eine bestimmte 
Art der Cichliden, „Maulbrüter", deren Weibchen die Laichkörner bis 
zur Reife in einem Kehlsack austragen." Bei der in Nordafrika leben- 
den Art Haplocliromis strigigena, die ihre Eier an Pflanzen und Steine 
heftet, wird erst den ausgeschlüpften Jungen der Kehlsack der 
Mutter Zuflucht und Schutzorgan. Droht Gefahr oder kommt die Nacht, 
dann öffnet die Mutter das Maul und eine ganze Schar der jungen 
Haplochromen kriechen darin unter und bleiben so lange dort, bis die 
Gefahr vorüber ist oder der Morgen graut. Dies Gebahreti ist besonders 
interessant, weil es nicht bloß den durch die ganze Tierreihe hindurch- 
gehenden physiologischen Schlaf als zeitweilige Rückkehr in den Mutter- 
leib erweist, sondern weil gerade bei dieser Spezies die eigentliche 
Brütung außerhalb des mütterlichen Körpers erfolgt (auf Steinen und 
Pflanzen) und von diesen Tieren sozusagen später nachgeholt wird, weil 
sie scheinbar nicht darauf verzichten können. 

Andere Tiere, die nicht wie die Beuteltiere (Känguruh) die partielle 
Rückkehr in den Mutterleib als Schutz haben, ersetzen diesen in einer 
nur „symbolisch" zu nennenden Weise, wie beispielsweise die Vogel 



,) Jung ist hier blind an den biologischen Tatsachen vorbeigegangen, weil 
er sich gegen die „analytische" Regressionstendenz zu schützen suchte und dabei 
die biologische übersali. So ist er oppositionell in die ethisch-anagogische Rich- 
tung geglitten, welche die Idee der Wiedergeburt in den Mittelpunkt stellt, die 
doch nur ein intcllcktualistischer Ausläufer ist („Wandlungen und Symbole der 
Libido", Jahrbuch, IV, 1912, S. 267). 

a) Die Mau Ibrut pflege findet sich bei zahlreichen Knochenfischen, ja sogar 
vereinzelt unter den Wirbeltieren. S. Meisenbeimer: Geschlecht und Ge- 
schlechter im Tierreich. Jena 1921, I. Band, Kap. 20: „Die Verwendung des 
elterlichen Körpers im Dienst der Brutpflege", VIII. Stufe, S. 566 f. — Hierher 
gehören auch die wunderbaren Ortsinstinkte der Zugvögel und Wanderfische, 
die von jedem fremden Platz, an den man sie bringt oder an den sie selbst ge- 
langen, ivieder an den Ort ihrer Geburt zurückkehren. 



30 Das Trauma der Geburt 

durch den Nestbau ' (den übrigens schon Jung heranzieht). Wir werden 
hier darauf aufmerksam, daß das, was wir tierischen Instinkt nennen, 
im wesentlichen die Anpassung der pränatalen Libido an die Außen- 
welt beinhaltet, also die Tendenz, diese Außenwelt möglichst getreu 
dem vorher erlebten Urzustand anzugleichen, während der Mensch auf 
Grund seiner langen Graviditätsperiode und mit Hilfe der später ent- 
wickelten höheren Denkfähigkeiten den wirklichen Urzustand auf alle 
mögliche "Weise, sozusagen schöpferisch wieder herzustellen sucht, was 
ihm in den sozial angepaßten Phantasieprodukten der Kunst, Religion, 
Mythologie bis zu einem hohen Grade von Lustgewinnung gelingt, 
während es in der Neurose kläglich scheitert. 

Der Grund hierfür liegt, wie die Psychoanalyse gezeigt hat, in einer 
psycho - biologischen Entwicklungshemmung, welche wir unter dem 
Gesichtspunkt des Sexualtraumas im nächsten Abschnitt besprechen 
wollen, da das wesentliche Moment der Neurosenentwicklung darin 
zu liegen scheint, daß der Mensch bei der biologischen wie kulturellen 
Überwindung des Geburtstraumas, welche wir Anpassung nennen, am 
Durchgangspunkt der Sexualbefriedigung scheitert, welche sich der 
Ursituation am meisten annähert, ohne sie doch vollinhaltich im in- 
fantilen Sinne wieder herzustellen. 



i) Eine amerikanische Kiadergärtnerin erzählte mir einmal, daß die kleinen 
Kinder, wenn sie mit Plastelin spielten, zumeist spontan Vogelnester nachbildeten. 



..i 



Die sexuelle Befriedigung 

Das ganze infantile Sexualproblem liegt eigentlich in der berühmten 
Fragenach der Herkunfider Kinder beschlossen. Diese Frage, zu der das 
Kind früher oder später spontan gelangt, tritt, wie wir erfahren haben, als 
Endresultat eines unbefriedigenden Denkprozesses hervor, der sich in 
mannigfachen Eigenarten des Kindes (Fragedrang) äußert, die beweisen, 
daß das Kind in sich selbst die verlorene Erinnerung an seinen früheren 
Aufenthalt sucht und infolge einer äußerst intensiven Verdrängung nicht 
finden kann. Daher bedarf es auch in der Regel eines äußeren Anstoßes, 
meist der Wiederholung des Ereignisses durch die Geburt eines Ge- 
schwisterchens,' um die Frage schließlich offen hervorbrechen zu lassen 
„„a so an die Hilfe der Erwachsenen zu appellieren, die offenkundig 
dieses einmal verlorene Wissen irgendwie wiedergefunden zu haben 
scheinen. Bekanntlich bringt aber die Beantwortung der Frage, selbst 
durch analytisch aufgeklärte Erzieher, dem Kinde ebensowenig Be- 
freiung wie dem erwachsenen Neurotiker die Mitteilung irgendeines 
ihm nicht bewußt gewesenen Zusammenhanges, den er infolge innerer, 
gleichfalls unbewußter Verdrängungs widerstände nicht akzeptieren 
kann. Auch verrät die typische Reaktion des Kindes auf die wahrheits- 
getreue Antwort (das Kind wachse im Mutterleib, wie etwa die Pflanze 

i) Es Bcheinl nach verschiedenen analytischen Erfahrungen, daß einiige oder 
jüngste Kinder (hxw. auch solche, die ein schweres Geburtstraumaiu verdrängen 
hatten) die Frage nicht so direkt stellen, 



^2 Das Trauma der Gehurt 

in der Erde), wo das eigentliche Interesse des Kindes liegt: nämlich im 
Problem, wie man hineinkomme! Dies bezieht sich aber nicht so 
sehr auf das Rätsel der Zeugung, wie die Erwachsenen von sich aus 
riickschließen, sondern zeigt zunächst die Tendenz zur Rückkehr dort- 
hin, wo man vorher war. ' Da das Trauma der Geburt die intensivste 
Verdrängung erfahren hat, so kann das Kind die Erinnerung trotz 
der Aufklärung nicht herstellen und hält an seinen eigenen Theo- 
rien von der Herkunft der Kinder fest, welche offenkundig unbewußten 
Reproduktionen des pränatalen Zustandes entsprechen und ihm so 
die Illusion einer möglichen Rückkehr offen lassen, welcher es durch 
Akzeptierung der Aufklärung verlustig ginge. 

Da ist vor allem die berühmte Storchfabel, die ja geradezu darauf 
gegründet scheint, daß der periodisch an denselben Ort wiederkehrende 
Zugvogel das Kind sowohl bringen als auch wieder mit sich zurück- 
nehmen kann,^ wobei gleichzeitig der traumatische Sturz in die Tiefe 
durch den sanften Gleitflug des ausdauernden Fliegers ersetzt ist. Eine 
andere von Freud aus dem Unbewußten erschlossene infantile Geburts- 
theorie knüpft mit ihrer Beziehung auf die Verdauungszirkulation 
direkt an das Leibinnere der Mutter an: das Kind kommt (als Speise) 
durch den Mund in die Mutter und wird als Kot durch den Darm 
entleert. Auch dieser, wie wir wissen, für das Kind luslvolle Vorgang, 
der sich täglich abspielt, soll die Leichtigkeit der Wiederholungsmög- 
lichkeit im Sinne der Kompensation des Traumas gewährleisten. Auch 

i) Mephistopheles: „'s ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster; 
Wosiehereingesclilüpft, da müssen sie hinaus. 
Das erste steht uns frei, beim zweiten sind wir Knechte." 
Die Indianer sollen bei der Herstellung von Pleclitarbeiten u.a. die Kreise in 
den Ornamenten nicht ganz schließen, weil die Frauen sonst keine Kinder be- 
kämen (nach mündlicher Mitteilung einer Reisenden). 

2) Sei es zu anderen Eltern (Familienroman), sei es an den Ort der Herkunft 
f „Todeswunsch"). Siehe des Verfassers Abhandlung über die Lohengrin- 
sage, igii. 




Die sexuelle Befriedigung }} 

die spätere Theorie, an der viele Menschen ziemlich lange festhalten, 
daß nämlich die Kinder durch Aufschneiden der Mutter (meist in der 
Nabelgegend) geboren werden, beruht auf der Verleugnung der eigenen 
Geburtsschmerzen, die zur Gänze der Mutter aufgebürdet werden/ 

Der gemeinsame Zug aller infantilen Geburtstheorien, die auch 
ethnologisch {Mythen und besonders Märchen) reichlich zu belegen 
sind,^ ist die Verleugnung des weiblichen Sexualorgans und dies verrät 
deutlich, daß sie auf der Verdrängung des dort erlebten Geburtstraumas 
beruhen. Die unlustvolle Fixierung an diese Funktion des weiblichen 
Genitales als Gebärorgan, liegt letzten Endes noch allen neurotischen 
Störungen des erwachsenen Sexuallebens zugrunde, der psychischen 
Impotenz wie der weiblichen Frigidität in allen ihren Formen, äußert 
sich aber auch besonders deutlich in bestimmten Arten von Platzarigst 
(Schwindelanfällen), die mit dem Gefühl des Enger- and Weiterwerdens 
der Straße einhergehen usw. 

Weiters gehen aber auch die Perversionen, die ja nach Freud 
das Positiv der Neurose darstellen, in entscheidender Weise auf die in- 
fantile Ursituafion zurück. Wie ich bereits anderwärts ausgeführt habe^ 
jst das Verhalten des Perversen dadurch charakterisiert, daß er die in- 



se 



i) Hier ist die typische Mythenphantasie zu erwälinen, daß der furchtlo-_ 
Held regelmäßig einaus dem Mutterleib Geschnittener ist, der— meist frühreif — 
schon als Kind Wundertaten vollbringt; ihm bleibt offenbar mit der Geburts- 
angst auch die neurotische Frühperiode ihrer Erledigung erspart (siehe den Ab- 
schnitt: Die heroische Kompensation, S. 102). 

Übrigens hat es nach vereinzelten Erkundigungen den Anschein, als ob Kinder, 
die operativ zur Welt gebracht wurden, sich tatsächlich in gewisser Beziehung 
besser entwickelten. Anderseits hatte eine Frau, die ihr Kind in Narkose zur Welt 
gebracht hatte, das Gefühl, es sei nicht ihres, weü sie bei der Geburt bewußtlos 
gewesen sei. Ihr infantiles Interesse, woher die Kinder wirklich kommen, ist also 
dabei unbefriedigt geblieben. 

2) Siehe meine Abliandlung : Völkerpsychologische Parallelen zu den infantilen 
Sexualtheorien, 1911. 

5) Perversion und Neurose, (Zschr., VIII, 1922.) 
3 Raak 



)4 Das Trauma der Geburt 

fantile Geburtstheorie vom analen Kind durch ihre teilweise Reali- 
sierung vor der Verdrängung mittels des Schuldgefühls bewahrt: er 
spielt selbst das anale Kind, ehe es das Geburtstrauma erleiden mußte, 
also in möglichster Annäherung an den Zustand der ( „polymorph -per- 
versen ")Urlustsit-uation. Für die Ko pro- und Urolagnie bedarf es dazu 
keiner weiteren Erklärung und ebenso setzen alle anderen Arten der 
Mundperversion die intrauterine Libidobefriedigung {bzw. die postnatale 
an der Mutterbrust) irgendwie fort.' Der Exhibitionist ist dadurch 
charakterisiert, daß er in den paradiesischen Urzustand der Nacktheit 
zurückkehren will, in dem er vor der Geburt lebte und den das Kind 
darum so liebt. Eine besondere Lustbetonung weist dabei der Akt des 
Auskleidens, das Abstreifen der Hüllen auf, wie wir es in ausge- 
sprochenen Fällen finden. Die Entblößung der Genitalien entspricht 
dann im Sinne der heterosexuellen Entwicklungsstufe dem Ersatz des 
stellvertretenden Teiles (Penis — - Kind) für den ganzen Körper, wobei 
der Mann die erste, das Weib die zweite Bedeutung bevorzugt, was mit 
der verschiedenen Entwicklung des Kastrationskomplexes (normal: 
Schamgefühl) zusammenhängt. Die besondere Charakteristik des sexu- 
ellen Schamgefühls, das Schließen oder Bedecken der Augen" und das 
Erröten weisen auf die pränatale Situation hin, in der bekanntlich dem 
nach unten gerichteten Kopf das Blut zuströmt. Übrigens ist auch die 
apotropaische Bedeutung der Genitalen tblößung, die ein großes Stück 
des Aberglaubens beherrscht, ursprünglich nichts anderes als der Aus- 
druck des auf dem Gebärorgan lastenden Verdrängungsfluches, der auch 



x) Aus der Analyse einer Frau, die den Cunnilingus bevorzugte, ergab sich, f. 

daß die LustempGndung an das Gefühl geknüpft war, ihre Klitoris (analog dem 
Penis) in einer warmen Höhle zu spüren. 

2) Die tiefe Verknüpfung der von mir als „exhibitioniBtisch" erklärten Motive 
der Nacktheit: Kleidung, Blendung und Fesselung (s.w. unten) ergibt sich 
erst durch ihre gemeinsame Beziehung zur Ursituation. (Siehe meine damalige 
Abhandlung; Die Nacktheit in Sage und Dichtung, 1911. 1 



-•!■ 



a 



Die sexuelle Befriedigung )j 

in den verschiedensten Verwünschungen und Flüchen deutlich zum 
Ausdruck kommt. 

Ähnliches gilt für den Fetischismus, dessen Mechanismus als einer 
Partial Verdrängung mit kompensatorischer Ersatzbildung Freud längst 
beschrieben hat; die Verdrängung betrifft dabei ganz regelmäßig das 
mütterliche Genitale im Sinne der traumatischen Angstbesetzung und 
dessen Ersatz durch einen lustbesetzten Körperteil oder dessen ästhetisch 
noch einwandfreiere Hülle (Kleider, Schuhe, Korsett usw.). 

Für den Masochismus haben mich schon frühere analytische Er- 
fahrungen ahnen lassen, daß es sich dabei um die Umwandlung der 
Geburtsschmerzen („SchlagephantasJe") in lustvolle Empfindungen 
handelt, ^ was sich aus anderen typischen Elementen der masoch istischen 
Phantasie erklärt, wie der fast regelmäßigen Fesselung (Strafe: 

s. später), als teilwei ser Wiederherstellung derintrauterinenLustsituation 
der Unbevveglichkeit, die ja in der Windelsituation (Sadger) nur 
nachgeahmt erscheint,^ Auf der anderen Seite scheint der typische 
Sadist, der im Blut und in den Eingeweiden wühlende Kinderschlächter 
(Gilles de Ray) oder Frauenmörder (Bauch aufschlitzer), die infantile 
Neugierde, wie es im Leibesinnern aussieht, restlos zu agieren. W^ährend 
der Masochist den ursprünglichen Lustzustand durch affektive Um- 



i) Hierher scheint der weitverbreitete Fruchtbark ei tszauber des Ruteii- 
schlagens („Lebetisrute") zu gehören, wie er in den Mythen der jungfräulichen 
Bona Dea als Strafe von seiten des eigenen Vaters erscheint, dessen Lüsten sich 
die keusche Göttin widersetzt. — Man vgl. dazu das Peitschen der Brautpaare 
in den deutschen Hochzeitsbräuchen (W. IVI an nhardt: Antike Feld- und Wald- 
kulte I, 299—503), in den römischen Luperkalien, im Wintersonnenwendefest 
der Mexikaner, wobei die jungen Madchen mit Säckchen geschlagen wurden, 
um sie fruchtbar zu machen. 

2.) Die bei den letztgenannten Formen (Exhibitionismus, Masochismus) be- 
sonders hervortretende Rolle der von Sadger sog. „Haut -Seh leim haut- und 
Muskelerotik" scheint direkt aus der intrauterinen Situation ableitbar, wo der 
ganze Körper sozusagen ständig durch ein wohliges Gefühl von Weichheit, 
Wärme und Flüssigkeit angenehm „gekitzelt" wird. 

3* 



^s 



^6 Das Trauma der Geburt 

Wertung des Geburtstraumas wieder herzustellen sucht, verkörpert der 
Sadist den unauslöschlichen Haß des Ausgestoßenen, der mit seinem 
voll erwachsenen Körper wirklich versucht, dort wieder hineinzu- 
kommen, wo er als Kind herausgekommen war, ohne Rücksicht darauf, 
daß er dabei auch sein Opfer zerfleischt, was keineswegs die Haupt- 
sache ist. (Siehe später über das Opfer, S. 94.) 

Auch die Homosexualität scheint sich dieser Auffassung zwanglos 
zu fügen; basiert sie doch ganz offensichtlich beim Manne auf dem 
Abscheu vor dem weiblichen Genitale, und zwar wegen seiner innigen 
Beziehung zum Geburtsschock. Der Homosexuelle sieht im Weib nur 
das mütterliche Gebärorgan und ist daher unfähig, es als lustspendendes 
Organ anzuerkennen. Überdies spielen die Homosexuellen beiderlei 
Geschlechts, wie wir aus den Analysen wissen, nur bewußterweise 
Mann und Frau, im Unbewußten regelmäßig Mutter und Kind — 
was bei der weiblichen Homosexualität direkt manifest ist — und stellen 
insofern tatsächlich eine besondere Art der Liebesbeziehung dar {„das 
dritte Geschlecht*'), nämlich die direkte Fortsetzung der ungeschlecht- 
lichen aber libidinösen Bindung der Ursiluation. Es ist der Hervor- 
hebung wert, daß die Homosexualität als diejenige Perversion, die 
sich anscheinend nur auf den Geschlechtsunterschied bezieht, eigent- 
lich zur Gänze auf der im Unbewußten fortlebenden Bisexualitat des 
embryonalen Zustands beruht.' 

Mit diesen Erörterungen befinden wir uns mitten in dem Problem 
der Geschlechtlichkeit, welches die simplen Äußerungen der Ur- 
libido späterhin in so unerwünschter Weise kompliziert. Ich denke 
das konsequente Festhalten an unserer bisherigen Auffassung wird uns 
auch in den Stand setzen, dem Verständnis der normalen Sexualent- 
wicklung ein Stück näher zu kommen und die scheinbar entgegen- 
stehenden Schwierigkeiten zu überwinden. 

1) Hier wird die Hinfälligkeit von Adlers „männlichem Protest" als Er- 
klärungsprinzip für die Perversionen (HomoseKualität) offenkundig. 



4 



Die sexuelle Befriedigung 57 

Es ist besonders in letzter Zeit wiederholt bemerkt worden, daß 
unsere gesamte Mentalität und Welteinstellung den männlichen Stand- 
punkt so sehr in den Vordergrund rückte und den weiblichen fast 
gänzlich vernachlässigt hat. Vielleicht das krasseste Beispiel für diese 
Einseitigkeit auch des sozialen und wissenschaftlichen Denkens ist die 
Tatsache, daß lange und bedeutsame Perioden der menschlichen Kul- 
turentwicklung unter dem Einfluß des von Bachofen „entdeckten" 
und sogenannten „Mutterrechtes' , d. h. der Vorherrschaft der Frau 
standen und es erst einer besonderen Anstrengung, der deutlichen Über- 
windung von Widerständen bedurfte, um diese offenbar auch aus der 
Überlieferung „verdrängten" Perioden wiederzufinden und als Tat- 
sachen zu akzeptieren.' Wie weit diese Einstellung sogar noch in uns 
Psychoanalytikern nachwirkt, zeigt sich darin, daß wir in der Regel 
die Sexualverhältnisse stillschweigend nur für den Mann darstellen, 
wie wir vorgeben der Einfachheit wegen oder wenn wir ehrlicher sind, 
aus mangelhaftem Verständnis des weiblichen Lebens. Ich glaube kaum, 
daß diese Einstellung die Folge einer sozialen Unterschätzung der Frau 
ist, wie Alfred Adler meinte, sondern umgekehrt, beides der Ausdruck 
jener Urverdrängung, welche das Weib wegen seiner ursprünglichen 
Verbindung mit dem Geburtstrauma auch sozial und intellektuell herab- 
zusetzen und zu verleugnen sucht. Indem wir nun die verdrängte 
ürerinnerung an das Geburtstrauma wieder bewußt zu machen suchen, 
glauben war auch, die damit zugleich verdrängte Hochschätzung des 
Weibes durch Befreiung des auf seinem Genitale lastenden Fluches 
wieder zu rehabilitieren. 

Wir haben mit Überraschung aus den Analysen Freuds erfahren, 

daß es ein vollwertiges, wenn auch intensiv verdrängtes männliches 

Gegenstück zu dem schon oberflächlicher Beobachtung erkennbaren 

— ^ — . — ' — — \ ^ • ^ — ' — '-^ — ' 

i) Siehe M. Vaerting: Die weibliche Eigenart im Männerstaat und die 
männliche Eigenart im Frauenstaat. Karlsruhe igai- 



1 



ßS Das Trauma der Geburt 



Penisneid der Mädchen gibt: nämlich den unbewoißten Wunsch des 
Knaben, Kinder — auf dem analen Weg — gebären zu können. Diese 
Wunschphantasie, die durch die unbewußte Gleichsetzung von Kind 
und Kot (anales Kind), späterhin mit dem Penis, im Unbewußten wirk- 
sam erhalten bleibt, stellt gleichfalls nichts anderes dar, als einen Ver- 
such zur Wiederherstellung der Ursituation, in der man selbst noch 
ein „anales" Kind war; d. h. aber, ehe man als erstes Genitale das weib- 
liche kennen lernte, dessen primäre Wahrnehmung wohl physiologisch 
feststeht, psychologisch aber erst durch das Geburtstrauma repräsentiert 
wird. Daß der Knabe bald nach der Geburt das ihm eigene Glied bei 
allen anderen Geschöpfen voraussetzt, ist wohl aus der anthropomor- 
phen Einstellung des Menschen überhaupt leicht verständlich. Den- 
noch sollte uns die Hartnäckigkeit, mit der er gegen aJlen Augenschein 
an dieser Auffassung festhält, davor warnen, dies der narzißtischen 
Selbstüberschätzung allein zuzutrauen. Es liegt vielmehr nahe an- 
zunehmen, daß der Knabe die Existenz des weiblichen Genitales so- 
lange als möglich zu leugnen sucht, weil er es vermeiden will, an 
den ihm noch in allen Gliedern spukenden Schreck beim Passieren 
dieses Organs erinnert zu werden, d. h. den daran hängenden Angst- 
aiiekt zu reproduzieren. Beweisend dafür sclieint mir jedoch, daß 
sich das kleine Mädchen in der gleichen ablehnenden Weise gegen 
das eigene Genitale einstellt, und zwar eben weil es auch das weib- 
liche ist, ohne des narzißtischen Vorteils eines Penisbesitzes teil- 
haftig zu sein. Diese Einstellung manifestiert sich als der sogenannte 
„Penisneid", wobei sich zeigt, daß auch der — mehr oder weniger 
bewußten — Motivierung vom Ich (Neid) keineswegs die Hauptrolle 
zufällt. Im Gegenteil ergibt sich, daß beide Geschlechter in gleicher 
Weise das weibliche Genitale geringschätzen und zu verleugnen suchen, 
weil beide ohne Rücksicht auf ihr Geschlecht der Urverdrängung des 
mütterlichen Genitales unterworfen sind. Beider Überschätzung des 
Penis — von Adler in Anlehnung an die sexuale Schulpsychologie 




Die sexuelle Befriedigung }9 



aus dem nicht einmal sekundären Gefühl der „Minderwertigkeit" er- 
klärt — erweist sich letzten Endes als Reaktionsbildung gegen die 
Existenz eines weiblichen Sexualorgans überhaupt, aus dem man ein- 
mal schmerzhaft ausgestoßen wurde. Die Akzeptierung der „Kastration , 
die ja die normale weibliche Entwicklung bedingt, die uns aber auch 
in so typischer Weise im Kastrationswunsch der männlichen Neuro- 
tiker entgegentritt, ist vermöge des bereits erwähnten phantastischen 
Elements geeignet, die reale Trennung von der Mutter durch die Identi- 
fizierung mit ihr zu ersetzen und so auf dem Umweg der Geschlechts- 
liebe sich wieder der Ursituation anzunähern. 

Für den Mann bedeutet ja ganz zweifellos, wie Ferenczi' in geist- 
reicher Weise ausgeführt hat, das Eindringen in die Va^nalöffnung 
des Weibes eine partielle Rückkehr in den Mutterleib, die durch Identi- 
fizierung mit dem Penis, den wir als Symbol des Kleinen („Däumling") 
kennen, nicht nur zu einer vollständigen, sondern auch wieder zur 
infantilen wird. Bei der Frau liegen aber die Verhältnisse, wie sich an 
analytischem Material nachweisen läßt, ganz ähnlich, denn auch die 
Frau ist vermöge der in der Masturbation so intensiv erlebten Klitoris- 
libido imstande, sich in weitgehendem — oft genug zu weitgehendem - — 
jyjaße mit dem Penis, bzw. dem Mann zu identifizieren und so sich 
indirekt auch der Mutterleibssituation anzunähern. Die darin schein- 
bar zutage tretende Männlichfceitstendenz, die auf der unbewußten 
Identifizierung mit dem Vater ruht, verfolgt letzten Endes den Zweck, 
wenigstens so des unschätzbaren Vorteils teilhaftig zu werden, den der 
Mann vor der Frau voraus hat und der darin besteht, daß er sich par- 
tiell mit dem das Kind selbst repräsentierenden Penis in die Mutter 
zurückbegeben kann. Für die Frau ergibt sich dann eine noch weiter- 
gehende, die normale, Befriedigung dieses ürwunsches in der Identi- 
fizierung mit der Leibesfrucht, die als Mutterliebe manifest wird. 



i) Versuch einer Genitaltheorie (Kongreßbericht), Zschr. VIII, 1922, S. 479. 



40 



Das Traujna der Gehurt 



Die unbewußte Gleichsetmng von Kind und Penis, die wir in den 
Psychosen so häufig be^vußt finden, vermagzwei analytisch gefundeneTat- 

sachenzuerklären. Einmal die sohäufige, von Boehm(Zschr.Vin,i922) 
beschriebene Angstvorstellung des (homosexuellen oder impotenten) 
Mannes, von einem bei der Frau versteckten ungeheueren „aktiven" 
Penis, der plötzlich (nach Art eines Rüssels oder Pferdegliedes) heraus- 
geschleudert wird, was deutlich auf die Identifizierung mit dem im 
mütterlichen Genitale versteckten Kinde hinweist, das plötzlich — im 
GebuTtsakt — herauskommt. Das weibliche Gegenstück zu dieser 
Vorstellung der „Frau mit dem Penis" hat sich mir aus Analysen, 
besonders von weiblicher Frigidität ergeben, wo nicht, wie man meinen 
sollte, der erste Anblick eines männlichen Gliedes (etwa des Brüder- 
chens oder von Gespielen) im Sinne des „Penisneides" pathogen wirkte. 
Vielmehr war es der Anblick eines großen (erigierten oder väterlichen) 
Genitales, was die traumatische Wirkung hatte, weil es an die Kindes- 
größe erinnerte, d. h. statt eines am eigenen Leib (durch Masturbation) 
wahrgenommenen Körpereingangs bereits etwas drin stecken zeigt, was 
den supponierten Eingang versperrt und sich späterhin (auf der sexu- 
ellen Stufe) sogar als etwas erweist, das in den eigenen Körper ein- 
dringen will (vgl. dazu die Angst vor Meinen Tieren). Der oft bewußte 
Schreck neurotischer Frauen, wie denn das große Ding in sie hinein- 
gehen solle, rührt unmittelbar an die ürverdrängung des Geburts- 
traumas. Anderseits zeigt die bekannte Hochschätzung des gioßen Glie- 
des durch die Frau, daß sich gerade daran und eben deswegen die 
höchste Lustmöglichkeit knüpft, die durch eventuelle Schmerzen im 
Smne der Ursituation nur gesteigert wird. Aus den Analysen der 
weiblichen Frigidität (Vaginismus) ergibt sich mit Sicherheit, daß die 
typischen (masochistischen) Vergewaltigungsphantasien, die bei diesen 
Frauen verdrängt sind, nichts anderes darstellen als mißglückte An- 
passungsversuche an ihre (weibliche) Sexualrolle, indem sie sich als 
Niederschlag der anfänglischen Identifizierung mit dem Manne (Penis) 



i&t 



Die sexuelle Befriedigung 41 

erweisen, die das aktiv-libidinöse Eindringen in die Mutter ermög- 
lichen sollte.^ Das männliche Vorbild dazu finden wir in dem für die 
meisten Männer besonders lustvollen („sadistischen") Aktder Defloration, 
dem schmerzlichen und blutigen Eindringen in das weibliche Genitale, 
in dem noch niemand drin war." 

Im ersten Stadium der Kindheit verhalten sich also beide Geschlechter 
in bezug auf das Urobjekt der Libido, die Mutter, ganz gleich. Der Kon- 
flikt, den wir dann in den Neurosen in so großartiger Entfaltung sehen, 
setzt erst mit der Kenntnis des Geschlechtsunterschiedes ein. welche 
ebenfalls für beide Geschlechter das für die spätere Neurosenbildung 
entscheidende Trauma darstellt. Für den Knaben, weil er das weibliche 
Genitale kennen lernt, dem er entstammt, und in das er später ein- 
dringen soll, für das Mädchen, weil es das männliche Genitale kennen 
lernt, das nicht nur ein Eindringen in das Liebesobjekt unmöglich zu 
machen scheint, sondern später selbst einzudringen bestimmt ist. Ge- 
lingt es auch dieses Trauma durch glückliche Anpassung an die Oedipus- 
situation zu überwinden, dann kommt es im späteren Liebesleben durch 
den Geschlechtsakt zu einer teilweisen Befriedigung des Urwunsches, 

1) Vgl. zu dieser typischen Form der weiblichen Objektwahl meine bereits 
zitierte Arbeit über die Libido Vorgänge bei der Heilung (1. c). 

gj Vgl. auch die späteren Hinweise auf mythologisches Material (S. io6). 

Es scheint übrigens, daß auch diese unbewußten Strebungen, wie so vieles 
andere, in der Folkloristik als unverstandene Tatsachen existieren. So die be- 
kannte Mikaoperation der Australier, die meist nach der Beschneidung (Circum- 
cision) ausgeführt wird (zwischen 1 2 und 14 Jahren) und eine künstliche Hypo- 
spadie des Penis erzeugt, der damit im erigierten Zustande flach und lappen- 
fdrmig wird. Beim Weibe — deren Labien und Klitoris Übrigens vielfach 
beschnitten werden, um den Kindern nicht zu schaden (offenbar bei der Ge- 
burt) — wird dann zur Ermöglichung des Koitus der Hymen gewaltsam durch- 
trennt und der Scheiden ein gang durch einen Schnitt gegen den After hin er- 
weitert. Trotzdem muß der Mann seinen Penis noch mit besonderer Schwierigkeit 
einführen, offenbar aus Angst gänzlich hängen zu bleiben oder hineinzufallen. 
(Siehe Näheres über die Operationen inReitzensteins bereits zitiertem Artikel 
im „Handwörterbuch der Sexualwissenschaft", S. 5 ff.) 






I 



4-2 Das Trauma der Geburt 



jedenfalls zur weitestgehenden, die Überhaupt möglich ist. Das Scheitern 
an diesem Trauma jedoch ist das für die spätere Neurose Entscheidende, 
in der ja Oedipus- und Kastrationskomplex eine so überragende Rolle 
spielen und die Sejcuakblehnung bei beiden Geschlechtern im Vorder- 
grande steht. Beide werden dann in der Neurose auf die Stufe des ersten 
GenitalkonHifctes zurückgeworfen und flüchten von da weiter zurück 
in die ursprüngliche Libidosituation, die wieder für beide Geschlechter 
in der Rückkehr zur Mutter besteht. 

Der Mann kann dabei von Anfang an beim selben Objekt bleiben, 
das für ihn Mutter, Geliebte und Weib darstellt, wobei der Vater bald 
zum Repräsentanten der an die Mutter (das mütterliche Genitale) ge- 
Icnüpften Angst wird. Bei der Frau ist dagegen ein Stück entscheidende 
Übertragung der ursprünglich mütterlichen Libido auf den Vater not- 
wendig, der mit dem von Freud bereits gewürdigten Passivitäts-Schub 
parallel geht. Handelt es sich doch für das Mädchen darum, auf die 

aktiveRückkehrzurMutter,dasals„männliches«Vorrechterkannteoder 
geahnte Eindringen zu verzichten und den Wunsch nach Wiedererlan- 
gung des seligen Urzustandes auf dem Wege der passiven Reproduktion, 
d. h. der Schwangerschaft und Geburt des Kindes im höchsten Mutter- 
gluck zu befriedigen. Das Scheitern dieses psychobiologischen Umwand- 
lungsprozesses sehen wir in den weiblichen Neurotikern, die ausnahms- 
los das männliche Genitale ablehnen, indem sie es im Sinne des soge- 
nannten „Männlichkeitskomplexes" nur als Instrument zum eigenen 
Emdrmgen in das Liebesobjekt gelten lassen wollen. Beide Geschlechter 
werden also neurotisch, wenn sie die Urlibido der Rückkehr zur Mutter, 
welche das Trauma der Geburt gutmachen soll, nicht auf dem ihnen 
vorgezeichneten Wege der Sexual befriedigung, sondern in der ursprüng- 
lichen Form der Infantilbefriedigung stillen wollen, wobei sie natürlich 
wieder auf die Angstgrenze des Geburtstraumas stoßen müssen, die eben 
auf dem Wege der Sexual befriedigung am besten vermieden wird. 
So erweist sich die Geschlechtsliebe, die in der sexuellen Vereinigung 



.jTi. 



~is^M- 



Die sexuelle Befriedigung 43 

gipfelt, als der großartigste Versuch einer partiellen Wiederherstellung 
der Ursituation zwischen Mutter und Kind, die erst im neuen Frucht- 
keim wieder volle Erfüllung findet. Und wenn Plato das Wesen der 
Liebe, in Übereinstimmung mit orientEilischen Überlieferungen, aus 
der Sehnsucht zweier ehemals vereinigt gewesener und dann getrennter 
Teile erklärt, so ist dies die schönste poetische Umschreibung' für den 
großartigsten biologischen Versuch der Überwindung des Geburtstrau- 
mas durch die wahrhaft „platonische Liebe", die des Kindes zur Mutter. 

Auf Grund dieser Auffassung wird uns auch die Entwicklung des 
Geschlechtstriebes etwas verständlicher, derimGegensatzzurLibidodoch 
zur Fortpflanzung" als dem einzigen Mittel der Endbefriedigung ver- 
urteilt ist. Die erste deutliche Äußerung des Geschlechtstriebes ist im 
Oedipuskomplex gegeben, dessen Zusammenhang mit dem Wunsch 
nach Rückkehr in den Mutterleib von Jung im Sinne der anagogischen 
Wiedergeburtsphantasie" gedeutet worden war, während Ferenczi 
(1. c.) ihm wieder seinen Platz als biologische Grundlage desselben ange- 
wiesen hat. Tatsächlich steht ja auch im Hintergrund der Oedipussage 
jje dunkle Schicksalsfrage nach der Herkunft des Menschen, die Oedi- 
nus nicht erkenntnismäßig, sondern durch faktische Rückkehr in den 
Mutterleib lösen will. ' In symbolischer Form erfolgt dies auch restlos, 
denn seine Blendung stellt im tiefsten Grunde die Rückkehr in das 
Dunkel des mütterlichen Leibesinnern dar und seine schließliche Ent- 
rückung durch eine Felsspalte in die Unterwelt drückt die gleiche 
Wunschtendenz nochmals an der Mutter Erde aus. 

Wir gelangen damit zum Verständnis des psycho-biologischen Sinnes, 
der sich in der normalen Entwicklungsstufe des Oedipuskomplexes 

i) Man vergleiche die entsprechenden bibliselien Aussprüche: „Mann und 
Frau sind ein Fleisch^' usw. (Erant duo in carne una). 

3) Die kürzlich von Abraham aufgezeigte vaginale Symbolik des Hohlwegs 
(bzw. Dreiwegs) in der Oedipussage rekurriert auf die bekannte intrauterine 
Phantasie, in die der Vater (bzw. dessen Penis) störend eintritt (siehe Image IX, 
1923,5. ia4fE). 



44 Das Trauma der Gehurt 



. manifestiert. Vom Standpunkt des Geburtstraumas haben wir im Oedi- 
puskomplex den ersten vollwertigen Versuch zu erblicken, die Angst 
vor dem (mütterlichen) Genitale durch seine lustvoJle Besetzung als 
Libidoobjekt zu überwinden. Das heißt mit anderen Worten, die ur- 
sprüngliche— d. h. intrauterine- Lustmöglichkeit auf den Genital aus- 
gang, der angstbesetzt ist, zu übertragen, also eine alte durch Verdrän- 
gung verschüttete Lustquelle wieder zu eröffnen. Dieser erste Versuch 
ist von vornherein zum Scheitern verurteilt: Nicht nur weil er mit un- 
vollkommen ausgebildetem Sexualapparat unternommen wird, sondern 
hauptsächlich, weil er sich am Urobjekt selbst abspielt, an dem noch die 
ganze Angst und Verdrängung des Urtraumas unmittelbar hängt. Dies 
erklärt aber auch, warum dieser — man wäre versucht zu sagen — tot- 
geborene Versuch überhaupt unternommen- werden muß. Offenbar ist 
es die Voraussetzung für das Gelingen der späteren normalen Über- 
tragung in der Liebeswahl, daß das Kind die Trennung vom Urobjekt 
auch auf der ersten Stufe der Geschlechtsentwicklung, als Sexual- 
trauma wiederholt. Damit ist aber auch der Oedipuskomplex, als die 
dritte große Wiederholung des Urtraumas der Trennung, dazu verur- 
teilt, von der Urverdrängung des Geburtstraumas in den Orkus hinab- 
gezogen zu werden, allerdings nur, um bei jeder neuen Libido versagung 
mit den typischen Rückfallssymptomen zu reagieren. 

Von hier aus glauben wir auch den von Freud erkannten und in 
den Analysen wiederholten zweizeitigen Ansatz in der menschlichen 
Sexualentwicklung aus der Individualgeschichte zu verstehen, indem 
wir in ihm den Nachklang der durch das Trauma der Geburt so tief 
geschiedenen Zustände des lustvollen Intrauterinlebens und der extrau- 
terinen Anpassungsaufgaben erblicken. Es folgt dann auf das Se- 
xualtrauma der geschlechtlichen Lösung von der Mutter die „Latenz- 
periode", mit ihrem zeitweiligen Verzicht auf die direkte Regressions- 
tendenz zugunsten der Anpassung, bis dann wieder mit der Pubertät 
das Primat der Genitalzone erreicht wird, das wir im Sinne unserer 



Die sexuelle Befriedigung 45 

Ausführungen als Wiedergewinnen der einst als Urprimat erlebten 
Schätzung des (mütterlichen) Genitales auffassen müssen. Denn das 
Genitalprimat, welches den endgültigen Ersatz des ganzen Körpers als 
Objekt für die Mutter durch das (männliche) Genitale bedeutet, kann 
nur zugelassen werden, wenn es gelungen ist, die ursprünglich ans 
Genitale geknüpfte größte ünlusterfahrung in die möglichste Annähe- 
rung an jene Urlust zurückzu verwandeln, deren man beim ersten Auf- 
enthalt in der Mutter teilhaftig war. Die Möglichkeit dazu wird ge- 
schaffen unter den bekannten Zeichen schwerster Erschütterung, die 
wir als Pubertät zusammenfassen und gipfelt im Liebesakt mit seinen 
hundertfachen Vorstadien, Annäherungen und Variationen, die alle auf 
einen möglichst innigen Kontakt, eine Einverleibung (Fressen vor 
Liebe) hinauslaufen (l'ammale ä deux dos). Nicht ohne Grund 
hat man daher den Zustand der Verliebtheit, der bis zur Identifizie- 
rung der ganzen Außenwelt mit dem Objekt gehen kann (Wagners 
Tristan und Isolde"), als eine neurotische Introversion und den Koitus 
uiit seinem momentanen Bewußtseinsverlust als kleinen hysterischen 
j^nfall bezeichnet. 



Die neurotische Reproduktion 

Nachdem wir die kindliche Libidoentwicklung bis zum Sexual- 
trauma des Ödipuskomplexes, als dem für die Neurosen Bildung ent- 
scheidenden Durchgangspunkt, verfolgt haben, können wir zu der Frage 
zurückkehren, inwiefern das einzelne neurotische Symptom selbst, wie es 
im analytischen Heiiungsprozeß verständlich wird, dem Geburtstrauma 
entspricht. Nun scheint die Formel dafür recht einfach zu sein : Als Kern 
jeder neurotischen Störung hat die Analyse bekanntlich die Angst er- 
wiesen und da wir die Herkunft der Urangst aus dem Geburtstrauma 

durch Freud kennen, müßte sich eigentlich dieBeziehungdarauf überall 
leicht nachweisen lassen, ganz ähnlich wie in den Affektreaktionen des 
Kindes. Es handelt sich aber nicht etwa bloß um die Auffassung, daß der 
Angst affekt, der sich dann in verschiedener Form an bestimmte Inhalte 
heftet, aus jener Urquelle stammt, sondern es läßt sich analytisch am 
emzelnen Symptom und der ganzen Neurosenbildung mit aller Sicher- 
heit zeigen, daß es sich dabei wirklich um reproduzierte Reminiszenzen 
an die Geburt bzw. ihr lustvolles Vorstadium handelt. Wenn wir 
damit letzten Endes wieder auf die ursprüngliche „traumatische" Theorie 
der Neurose zurückgreifen, wie sie in den klassischen „Studien über 
Hysterie" vor mehr als einem Yierteljahrhundert formuliert wurde, so 
denke ich, daß weder wir noch diese Theorie sich dessen zu schämen 
brauchen. Man darf wohl sagen, daß in all diesen arbeits- und erfolg- 
reichen Jahren der analytischen Forschung keinen von uns — selbst bei 
weitestgehender Würdigung aller andern Faktoren — je die Gewißheit 



Die neurotische Reproduktion 4y 

verlassen hat, daß an dem „Trauma" doch mehr dran sei als wir uns 
einzugestehen getrauten. Allerdings müssen wir zugeben, daß auch 
der Zweifel an der Wirksamkeit jener scheinbaren Traumen berechtigt 
war, die Freud bald als bloße Wiederholungen von „Urphantasien" 
erkannt hatte, deren psychobiologisches Substrat wir nun glauben im 
allgemein-menschlichen Trauma der Geburt mit allen seinen Folgen 
gefunden zu haben. 

In statu nascendi können wir dieses Neurotisch werden, sozusagen 
als Kurzschluß, in der echten traumatischen Neurose verfolgen, 
wie sie besonders im Kriege zu beobachten war {„Kriegsneurose"). Dort 
wird durch den Schock die Urangst selbst unmittelbar mobilisiert, da 
die äußere Todesgefahr die sonst unbewußterweise reproduzierte Ge- 
burtssituation affektiv realisiert.' Daß dann von hier aus die ver- 
schiedensten neurotischen Symptome entstehen können, die wir in 
anderen Fällen ohne Einwirkung des Schocks entstehen sehen, be- 
weist eben die fundamentale Bedeutung des Geburtstraumas als Aus- 
drucksmittel jeder neurotischen Angst. Nur steht die traumatische Neu- 
rose, mit diesem Zusammentreffen von Form und Inhalt, am Anfang 
einer pathogenen Reihe, an deren Ende die ausgesprochenen Psycho- 
neurosen stehen, deren Inhalt das Sexualtrauma ausmacht, während sie 
sich als Abwehr und Abfuhrmittel desselben universalen Regressionsaus- 
drucks bedienen, sobald das Individuum irgendwie an der Realität 
scheitert. Der Neurotiker scheitert nun ganz allgemein gesprochen, wie 
ja die Analyse nachweisen konnte, an der Sexualität, was in diesem Zu- 
sammenhange so viel heißt, daß er sich nicht mit der partiellen Be- 
friedigung der Rückkehr zur Mutter, wie sie der Sexualakt und das Kind 
gewähren, begnügt, sondern stark „infantil" geblieben, selbst noch 
ganz in die Mutter zurückverlangt. Er ist so letzten Endes unfähig. 



i'i Die Traume der traumatischen Neurosen „wiederholen" in typisch er Weise 
das Geburtstrauma in der Einkleidung des aktuellen traumatiBchen Erlebnisses, 
aber meist mit dem einen oder anderen verräterischen Geburtsdetail. 



^S Das Trauma der Geburt 

das Trauma der Geburt auf dem normalen Wege der Angstverhütuug 
durch Sexual befriedigung zu erledigen und wird auf die Urform der 
Libidobefriedigung zurückgeworfen, die ja unerfüllbar bleibtund gegen 
die sich sein erwachsenes Ich mit Angstentwicklung sträubt. 

Bereits an verschiedenen Stellen der bisherigen Ausführungen über 
die kindliche Libidoentwicklung wurde andeutungsweise auf die ent- 
sprechenden Erscheinungen in der Neurose hingewiesen ; namentlich 
bei allen Zuständen, in denen die Angst manifest wird, ebenso bei 
den unmittelbaren Störungen der Sexual funktion {„Aktualneurcsen")- 
Halten wir uns zum besseren Verständnis der neurotischen Angst- 
zustände noch einmal den einfachsten Fall der kindlichen Angstent- 
bindung vor Augen, der vorbildlich für jede neurotische Angstentbin- 
dung bleibt: die Angst des Kindes im dunkeln Raum. Diese Situa- 
tion — man kann es kaum anders ausdrücken, obwohl es nicht ganz 
so ist — „erinnert" das Unbewußte des Kindes an den Aufenthalt im 
dunkeln Mutterleib, der zwar seinerzeit äui3erst lustvoll empfunden 
wurde — was auch die Tendenz zu seiner Wiederherstellung erklärt — , 
aber durch die angstauslösende Trennung von der Mutter beendet 
wurde, die das all ein gelassene Kind nun vermißt. In der Angst vor 
dem Alleinsein wird also offenbar der Angstaffekt der ersten Trennung 
vom Libidoobjekt er-innert, und zwar durch reales Wiedererleben, 
durch Reproduktion und Abfuhr. Dieser Zwang zur Reproduktion des 
starken Unlustaffektes, dessen Mechanismus uns später noch beschäf- 
tigen wird, ist jedenfalls ganz ausgezeichnet geeignet, die Echtheit und 
Realität dieser „Erinnerung" zu illustrieren. Dem gleichen Vorgang 
entsprechen alle Formen neurotischer Angstentwicklung, einschließ- 
lich der Phobien, auf dem Wege der durch die Analyse aufgedeckten 
Mechanismen. Ebenso die sogenannte Aktualform der Angstneurose, 
die aber bereits — wie auch die Neurasthenie — zu den direkten 
Störungen der Sexual funktion hinüberleitet, indem der sie auslösende 
Koitus interruptus der Angst vor dem mütterlichen Genitale entspricht 



Die neurotische Reproduktion 4^ 

(gefährliche vagina dentata). Auf der gleichen mütterlichen Ur- 
fixierung und der geschilderten infantilen Entwicklung beruhen alle 
Formen von männlicher Impotenz — der Penis schreckt überhaupt vor 
dem Eindringen zurück — und weiblicher Anästhesie (Vaginismus): 
hier versagt, nach dem von Freud beschriebenen hysterischen Mecha- 
nismus, die eine Funktion des Organs zugunsten einer anderen unbe- 
wußten ; Lustfunktion — Gebärfunktion, worin der Gegensatz zwischen 
Art (Propagation) und Individuum (Lust) steckt. ' 

Weisen diese ausgesprochenen Angstsymptome darauf hin, daß der 
Neurotiker ein Mensch ist, der das Trauma der Geburt nur in höchst 
unzureichendem Maße überwunden hat, so zeigen die körperlichen Sym- 
ptome der Hysterie, nicht nur ihrer manifesten Form, sondern auch 
dem tiefsten unbewußten Inhalt nach vielfach ganz direkte physische 
Reproduktionen des Geburtsaktes mit der ausgesprochenen Tendenz 
der Verleugnung, d. h. der Rückkehr in die vorherige Lustsituation 
des Intrauterinlebens. Hierher gehören vor allem die Erscheinungen 
der hysterischen Lähmung, von denen jaz.B. die Gehhemmung nichts 
anderes als die körperlich dargestellte Platzangst ist' und die Unbeweglich- 
fceit der lustvollen Ursituation zugleich mit dem Schreck der Befreiung 
daraus zur Darstellung bringt. Die typischen, durch Anziehung der Ex- 
tremitäten an den Körper charakterisierten Lähmungserscheinungen, 
ebenso die Coordinationsstörungen wie man sie z. B. bei Chorea minor 
findet, nähern sich der Intrauterinstellung noch getreuer an.^ 



1) Siehe die entsprechenden Ausführungen in meiner Arbeit: Perversion und 
Neurose. 

, 2) Vgl. Federns Arbeit (Jahrb. VI, 1914) ,,über zwei typische Traumsen- 
sationen", der Hemmung und des FUegens, sowie ihrer Beziehung zu den neu- 
rotischen Symptomen der Lähmung, bzw. des Schwindels. AU diese Sensationen 
erweisen sich als eindeutige Reproduktionen entsprechender Geburtssensationen 
(siehe das im Abschnitt „Symbolische Anpassung" über den Traum Gesagte, S.76). 

5) Man sieht wie diese Auffassung an M ey n e r t anknüpft, derdie Bewegungen 
der Chorea minor bereits auf die Säuglingsbewegungen zurückführte. 

4 Raak 



JO 



Das Trauma der Gehurt 



Bei Begründung dieser hysterischen Symptome als Reproduktionen 
von Intrauterinstellüng, bezw. Geburtsakt erscheint auch das Problem 
der Konversion in einem neuen Lichte. Nicht die „Konversion" der 
psychischen Erregung ins Körperliche ist zu erklären, sondern der Weg, 
auf dem das ursprünglich nur körperliche Ausdrucksmittel auch 
psychische Ausdrucksmöglichkeiten erlangen konnte. Dieser Weg 
scheint aber der Mechanismus zu sein, auf dem die Angst entsteht, 
die sozusagen der erste psychische Inhalt ist, dessen sich der 
Mensch bewußt wird. Von der Angst führen dann mannigfaltige Wege 
zum weiteren psychischen Überbau, von denen wir den kulturgeschicht- 
lich wie pathologisch bedeutsamsten, unter dem Namen der Symbol- 
bildung bekannten, später noch weiter bis zur Sprachbüdung verfolgen 
werden. Hier wollen wir nur kurz auf die Phantasiebiidungen, diese 
psychischen Ausläufer der hysterischen Körpersymptome hinweisen, 
wie sie sich beispielsweise in den sogenannten hysterischen Traum- 
oder Dämmerzuständen (einschließlich der Absencen) äußern. Aus der 
trefflichen Schilderung von Abraham (Jahrb. II 1910) ist leicht 
ersichtlich, daß es sich dabei um „psychische Konversionen", d. h. uro 
Reproduktionen der Ursituation auf psychischem Gebiete handelt, 
wobei das physische Zurückgehen in die Mutterleibssituation durch die 
bloße Introversion der Libido ersetzt, d. h. das Zurückziehen von der 
Außenwelt auf sich selbst durch die psychische Isolierung dargestellt 
wird, die wir dann in den Psychosen realisiert sehen. Bezeichnend ist 
übrigens, wie häufig diese Traumzustände mit einem Angstaflekt enden, 
der dem Zurückgehen in der Phantasie eine Grenze setzt, wie die Angst 
dem nächtlichen Traum. Wie nahe diese Zustände den mystischen Ek- 
stasen, der Versenkung in das eigene Innere stehen, ist ja bekannt, 
wenngleich seiner Herkunft nach unverstanden.' 



1) CavendishMoxon (Mystical ecstasy and hysteiical dream states. TLe Jour- 
nal of abnormal Psychology,i92o/zi,p. 529) schildert die Beziehungen zur Extase, 
während eine tiefergehende Arbeit von Theodore Schroeder (Prenatal psycbism 



Die neurotische Reproduktion JI 

Zu den direkten körperlichen Reproduktionen des Geburtstraumas 
gehören ferner alle neurotischen Atembeschwerden (Asthma), welche 
die Erstickungssituation wiederholen, der so vielseitiger Verwendung 
fähige neurotische Kopfschmerz (Migräne), der auf die besondere 
schmerzhafte Rolle des Kopfes beim Geburtsakt zurückgeht, und schließ- 
lich ganz direkt alle Krampfanfälle, wie man sie übrigens schon bei 
ganz kleinen Kindern, sogar Neugeborenen, als fortgesetzte Erledigung 
des primären Geburtstraumas beobachten kann. Der große hysterische 
Anfall endlich bedient sich des gleichen Mechanismus, nur zeigt er, 
auf der vollen Höhe der sexuellen Entwicklung stehend, auch die volle 
Abwehr in der bekannten Stellung des arc de cercle, welcher der ein- 
gekrümmten Embryonal Stellung diametral entgegengesetzt ist. ^ 

Vom hysterischen Anfall aus, den die Psychoanalyse als Äquivalent 
und Abwehr der Koitusstellung erkannt hat, lassen sich einige Probleme 
des Neurosenmechanismus und der Neurosenwahl streifen. Die emi- 
nente Sexualablehnung, die sich im hysterischen Anfall so deutlich 
manifestiert, ist eine Folge der Mutterfixierung. Die Kranke verleugnet 
in der „Organsprache" zugleich mit dem Sexualwunsch auch den 
Wunsch der Rückkehr in den Mutterleib, welcher sie eben an der nor- 
malen sexuellen Einfühlung hindert. Diese pathologische Sexualisierung 



and mystical pantheism. Internat Journal of Psychoanalysis, Vol. III 1922) auf 
die pränatalen Momente hinweist. 

1) In dieser ganzen Auffassung liegt vielleicht ein Hinweis auf die tiefere 
Bedeutung der Hysterie als ,,Uterus"-Krankheit (siehe auch E i s 1 e r : Hysterische 
Erscheinungen am Uterus, Kongreßvortrag, Berlin, Sept. 1922). 

Auch die typischen Menstrualbeschwerden lassen sich leicht in diesem Sinne 
verstehen, wie ja tatsächlich die Geburt nur eine Kollektiv- Menstruation dar- 
stellt. Die Menstruation, welche ja auch „periodisch" die Mutterleibsexistenz 
fortsetzt, scheint beim Kulturmenschen in die allgemeine Verdrängung des 
Geburtstraumas einbezogen worden zu sein. Ursprünglich das Signal der höch- 
sten lustvoUen BefruchtungsShigkeit des Weibes, ist sie unter dem Einfluß der 
Verdrängung zum Sammelpunkt der verschiedensten neurotischen Beschwerden 
geworden. 

1* 



* 



s^ 



Das Traunia der Geburt 



des Geburtsaktes ist das Zerrbild der zur Erreichung des normalen 
Sexualzieles notwendigen. Dagegen wird auch das ganze Quantum 
Sexuallust (Libido) aus der späteren Entwicklung sozusagen in die 
infantile Ursituation rückverlegt, was dem Anfall den von allen Beo- 
bachtern beschriebenen lüsternen Charakter verleiht. So könnte man 
den hysterischen Anfall, in die bewußte Sprache übersetzt, als den 
Schrei: Weg vom (mütterlichen) Genitalel formulieren, und zwar im 
sexuellen gleichwie im infantilen Sinne. Denselben Mechanismus 
zeigen aber auch all die anderen von der Analyse verständlich ge- 
machten hysterischen „Verschiebungen", die zumeist nach der oberen 
Körperhälfte tendieren („Verlegung nach oben"), wobei es nicht be- 
deutungslos sein mag, daß gerade der Kopf zuerst das mütterliche 
Genitale verläßt, also der Körperteil ist, der das Geburtstrauma nicht 
bloß am intensivsten erlebt, sondern es auch zuerst passiert hat. 

Aus einzelnen Analysen kann man den bestimmten Eindruck ge- 
winnen, daß die spätere „Wahl" der Neurosenform in ganz entschei- 
dender Weise vom Akt der Geburt, den besonderen Angriffspunkten 
des Traumas' und der Reaktion des Individuums darauf bestimmt 
wird. Ohne den Detailuntersuchungen hier vorgreifen zu wollen, 
möchte ich als allgemeinen Eindruck formulieren, daß die Verschie- 
bungen sowohl nach oben (z. B. Globus — Atemnot) als nach unten 
(z. B. Lähmungen — Krämpfe) jedenfalls einem Divergieren vom Geni- 
talmittelpunkt entsprechen, ein Gesichtspunkt, der sich für das Ver- 
ständnis des neurotischen Charaktertypus überhaupt und seiner ge- 
samten Reaktionsweise als hochbedeutsam erweist, da er die ganzen 
psycho- biologischen Reaktionen auf das Geburtstrauma umschließt. 
Das heißt die körperlichen Symptome versuchen zumeist mit Umgehung 
der 'Angstgrenze direkt in das pränatale Stadium zu regredieren, wobei 
sich die umgangene Angst jenachdem direkt oder in der oben (S. 21) 



1I Man vgl. die typischen Körperfehler der neugeborenen Helden, S, 102. 






Die neurotische Reproduktion S} 



beschriebenen Abwehrform von Seiten des Ich als sexuelles Schuldgefühl 
manifestiert, was dann auch die sexuelle Bedeutung der Symptome erklärt 
(z. B. Steife, Röte : Erektion). Die psychischen Symptome versuchen vom 
gleichen Angstpunkt des mütterlichen Genital-Aus-Eingangs in der ent- 
gegengesetzten Richtung des psychophysischen Apparates sich dem 
gleichen Ziel zu nähern (Phantasiebildung, Introversion, Halluzination 
und die als Endstadien dieser Reihe aufzufassenden stupurösen und kata- 
tonen Dämmerzustände). Beide Wege führen zum Endeffekt der so- 
genannten „Sesualablehnung", die letzten Endes auf die Ablehnung des 
mütterlichen Genitales zurückgeht : die körperlichen Verschiebungs- und 
„Konversions"-Symptome, indem sie das Genitale durch weniger angst- 
besetzte Ersatzgenitalien vertreten lassen; die psychischen Symptome, 
"indem sie zunächst überhaupt vom Körperlichen wegführen, abzulenken 
suchen und so zu den Sublimierungsprozessen und Reaktionsbildungen 
Anlaß geben, die wir dann in den hochentwickelten Leistungen von 
Kunst, Philosophie und Ethik in höchster Ausbildung sehen. 

All diese weitverzweigten psychischen Zusammenhänge erkannt und 
im einzelnen erforscht zu haben ist heute schon das unbestrittene Ver- 
dienst der Psychoanalyse. Dagegen fehlt es noch an einer entsprechend 
beweiskräftigen Begründung für den psychischen „Sinn" der körper- 
lichen Symptome. Nun glauben wir, daß unsere Auffassung von der 
psychobiologischen Bedeutung des Geburtstraumas imstande ist, diese 
Lücke auszufüllen, indem sie auf einen Zustand rekurriert, der uns 
sozusagen zum erstenmal ein reales Substrat für die psychophysiologi- 
schen Zusammenhänge und Beziehungen liefert. Die von Ferenczi' 
in seinen Hysteriestudien angebahnte und von Groddeck^ für die 
organischen Krankheiten geltend gemachte Auffassung scheint mir erst 
durch die volle theoretische Würdigung des Geburtstraumas ihre wirk- 

i) Hysterie und Pathoiieurosen, 1919. 

2) Psychische Bedingtheit und psychoanalytische Behandlung organischer 
Leiden. 1917. Und die jüngste Publikation; Das Buch vom Es. 1933. 



vi 



S4 



Das Trauma der Geburt 



liehe biologische Begründung zu erhalten. Von der Reproduktion des 
Geburts- und Intrauterin-Zustandes im Traume ist nur ein Schritt zu 
den entsprechenden Darstellungen in der Hysterie und von da wieder 
nur ein Schritt zu den gleichen rein organischen Krankheitssymptomen, 
die immer noch denselben „Sinn zu Iiaben scheinen und den gleichen 
Tendenzen dienen. Die Übergänge dieser verschiedenen Erscheinungs- 
formen ineinander sind so fließend, daß manchmal eine differential- 
diagnostische Unterscheidung kaum möglich ist. Aus der Zuriickfüh- 
rung dieser Erscheinungen auf einen Primärzustand, wo Psychophy- 
slsches noch vereint ist, wo es also diese Trennung noch nicht gibt 
(Groddeck), wird neben dem Mechanismus zugleich auch Inhalt 
und Form der neurotischen Kürpersyraptorae verständlich. Dies gilt 
dann für die als „psychisch" anerkannten Fälle ebenso wie für die 
neurologisch oder organisch qualifizierten. Denn vom Standpunkt 
unserer Auffassung ist es ganz gleichgültig, ob etwa eine anatomische 
Schädigung im Gehirn oder ein toxischer Reizzustand oder endlich ein 
rein psychogenes Erlebnis das Ich nötigt, dem ewigen Drang des Un- 
bewußten nachzugeben und zum Urquell der Libidobefriedigung und 
des Schutzes zu regredieren. Die Gleichartigkeit der Symptome aus 
diesen verschiedenen Anlässen wird dann selbstverständlich, die ganze 
künstlich hineingetragene Problematik verschwindet, denn das Indi- 
viduum kann ja gar nichts anderes tun, als die Bahnen der psycho- 
physischen Entwicklung so weit zurückzulaufen, als es die individuelle 
Angstfixierung resp. Verdrängungsgrenze zuläßt. Ein Problem ent- 
stünde erst, wenn die Symptome nicht so gleichmäßig wären wie sie 
es tatsächlich sind und naturnotwendig sein müssen. 

Ich muß mich hier damit begnügen, auf ein paar schlagende Bei- 
spiele zu verweisen und die weitere Verfolgung dieser vielversprechen- 
den Aufklärungen neurologisch und internistisch erfahrenen Beobach- 
tern zu überlassen. So zeigen die Fälle von Narkolepsie, sowohl die 
genuinen wie die hysteroiden, den typischen Zustand des Embryonal- 



vi 



■VJ 



Die neurotische Reproduktion SS 



Schlafes, wobei auch das Symptom der plötzlichen Willenslähmung, 
die kataplektischen Hemmungen, sich in sinnvollem biologischen Zu- 
sammenhang mit dieser Situation erweisen dürften (Gliederstellung!). 
Nicht unwesentlich scheint es, daß die plötzliche Schlafsucht die Patien- 
ten oft gerade in gefährlichen Situationen überfällt (beim Straßenüber- 
queren, Bahnfahrten usw.), was wieder an die Somnambulen erinnert, 
die es gleichfalls lieben, sich in solche Situationen zu begeben, die im 
Normalzustand Angst auslösen würden. Bei der organischen Parallel- 
erkrankung, der Encephalitis, weisen die bekannten Symptome des 
Tag- und Nachtwechsels, der Atemnot, der Tics, direkt auf das Geburts- 
trauma hin. Das praktisch Bedeutsame aus diesen Einsichten ergibt 
sich durch Anknüpfung an die bekannte klinische Erfahrung, wie 
leicht diese und ähnliche Zustände psychisch beeinflußbar sind.' Es 
ist jedoch zweifellos, daß ebenso wie das gleiche Symptom von beiden 
Seiten her entstehen kann, es auch möglich sein muß, es von beiden 
Seiten her therapeutisch zu beeinflussen. Wenn in letzter Zeit davon 
die Rede war, daß beispielsweise AsthmaanfäUe — auch solche psychi- 
scher Natur — durch laryngolo^sche Eingriffe günstig beeinflußt wer- 
den konnten, so ist dies ebensowenig zu bezweifeln wie ähnliche neuere 
Erfahrungen über Behebung von nervösen Erscheinungen bei Kin- 
dern (Angstzustände, ängstliche Träume usw.) durch operative Frei- 
machung der Nasenluftwege. ^ Anderseits wird man bei Kenntnis der 
dabei wirkenden psychophysischen Mechanismen nicht überrascht sein 



i) Ich führe hier eine mündliche BemerkungvonDoz. Paul Schilder aus der 
Zeit der Niederschrift dieser Arbeit (April 1923) an, der darauf hinwies, daß 
z. B. die Anfälle einer Kranken mit Cliorea minor schwanden, sobald mändje 
Patientin ins Bett (!) legte, und der auch die leichte psychische Ansprechbarke it 
der senilen Abasien und Astasten betonte. 

2) Siehe Dr. Stein in der Wiener tlin. Woch. (April 19115) und gleichzeitige 
Mitteilungen (in der Ges. d. Ante zu Wien) von Eppioger (Klinik Wencke- 
bach) und Hofer (Klinik Hajek) über operative Behandlung bei Asthma 
bronchiale. 



/^ 



Das Trauma der Gehurt 



zu hören, daß narkotisierte Kinder eine Zeitlang später direkt Angst- 
zustände entwickeln, die sie scheinbar schon längst überwunden hatten, 
oder daß bestehende Ängstlichkeit (allein im dunkeln Zimmer zu 
schlafen, Schreckträume, pavor nocturnus usw.) nach der Narkose in 
auffallend verstärktem Maße auftritt.' Alle diese Tatsachen erklären 
sich so, daß das Körpersymptom (z. B. Atemnot) automatisch die Geburts- 
angst mit dem ganzen daranhängenden psychischen Komplex mobili- 
siert oder der narkotische Schlaf wieder in die Ursituation zurückführt. 
Es wird von Art und Schwere des Falles abhängen, ob man sich für 
eine organische (operative) oder psychische Beeinflussung entscheidet; 
die letzte ist vorläufig noch zu ungewohnt, wird sich aber über kun 
oder lang bei entsprechender Vereinfachung gewiß einbürgern. 

Schließlich sei in diesem Zusammenhange noch ein Problem erwähnt, 
das von allgemeinerer Bedeutung zu sein scheint. Wenn wir die Ana- 
lyse z. B. einer Zwangsneurose konsequent durchführen, eo buchen wijc 
es als ersten Erfolg, wenn wir den Patienten dazu gebracht haben, von 
seinen rein intellektuellen Spekulationen zu den früheren infantilen 
Vorstadien derselben, den Zwangshandlungen — eventuell sogar den ur- 
sprünglich lustvollen — zurückzukehren. Nicht selten stellen sich dabei 
sogar körperliche „ Kon versions "-Symptome her. Die Analyse zeigt dann, 
daß die Zwangsneurose häutig — meine beschränkte Erfahrung erlaubt 
mir nicht zu sagen immer, obzwar ich es regelmäßig gefunden habe — 
von emem „hysterischen" Kern ausstrahlt, den wir ja am Grunde jeder 
Kinderneurose vermuten müssen. 

So wie man hinter der Zwangsneurose fast regelmäßig einen hyste- 

1} Einer englischen Kinderärztin verdanke ich die Mitteilung, daß die Kinder 
nach Mandeloperationen in der Narkose oft noch jahrelang nächtliche Angst- 
anfalle haben, die von den Eltern (oder sonstigen Beobachtern) seihst auf das 
„Trauma" der Operation zurückgeführt werden. Übrigens ist dies nach verein- 
zelten Erfahrungen auch noch häufig hei den Erwachsenen so, die auf Operationen 
in der Narkose mit typischen Mutterregressionsträumen, bezw. -Symptomen rea- 
gieren. 



Die neurotische Reproduktion jy 



rischen, vom Geburtstraiima unmittelbar abhängigen Kern auffinden 
kann, so hat mich die Analyse einiger Fälle von Hysterie gelehrt, daß 
neben der seit frühester Kindheit (schweres Geburtstrauma) bestehenden 
Neigung zu körperlichen Symptomen („Konversion"), die sich in der 
Neurose lärmend vordrängen, eine zwangsneurotische Ader fast immer 
in das hysterische Urgestein eingesprengt ist, ohne deren Aufdeckung 
selbst die vollständige Analyse der Hysterie und das Schwinden ihrer 
Symptome unvollständig bleibt. In den mir in Erinnerung gebliebenen 
Fällen von weiblicher Hysterie ergab sich mit voller Klarheit, daß die 
körperlichen Symptome, auf dem Geburtstrauma basierend, fast restlos 
im Sinne des (heterosexuellen) Ödipuskomplexes verwendet waren, 
sich also auf die Übertragung der Libido auf den Vater, die Reaktion 
auf die Enttäuschung und das Schuldgefühl zurückführen ließen. Die 
körperlichen Symptome der Neurose erwiesen sich so (bei weiblichen 
Patienten) als Niederschlag der in pathologischer Weise auf den Vater 
verschobenen Libido (Mutteridentifizierung). 

Aus der Enttäuschung am Vater hat aber ein Teil der Libido dieser 
Mädchen wieder den Rückweg zur Mutter eingeschlagen, um die be- 
reits teilweise aufgegebene (auf den Vater übertragene) früheste Libido- 
fixierung wieder zu besetzen. Da dies dann noch weniger gelingen kann, 
weil die Mutter inzwischen zur Ödipuskonkurrentin erhoben wurde, 
muß jetzt zu einem stärkeren Abwehrmittel gegriffen werden um die 
auch biologisch notwendige neuerliche Lösung von derMutter zu voll- 
ziehen. Dies erfolgt auf dem Wege der durch die Analyse aufgedeckten 
Verwandlung von Liebe in Haß. den für die Zwangsneurose charakteristi- 
schen Mechanismus. Dieser Haß, der dazu dienen soll, von der Liebe 
zur Mutter loszukommen, bedeutet aber nur eine andere Art der Fi- 
xierung an die Mutter, an die man nun in Haß gebunden ist. Die se- 
kundären Befreiungsversuche von ihr führen, meist unter dem trau- 
matischen Eindruck eines neugekommenen Geschwisters, zur Ver- 
schiebung auf dasselbe oder den Vater, als die eigentlich von der Mutter 



y8 Das Trauma der Gehurt 



trennenden Faktoren. Hier ist aber auch die Wurzel der direkten „To- 
deswünsche" (weiblicher Patienten) gegen die Mutter zu suchen, welche 
die eigene Rücksehnsucht („Liebestod") durch Abstoßung der Mutter 
zu überwinden versuchen. Der weitere Weg der Reaktionsbildungen 
gegen diese „sadistischen", nicht ichgerechten Todeswünsche, von den 
ethischen Hemmungen (Hypermoral, Mitleid) bis zur schwersten Selbst- 
bestrafung (Masochismus, Depression) sind ja analytisch bereits einge- 
hend verstanden und gewürdigt. 

Die Versuche, diesen ambivalenten Urkonflikt durch intellektuelle 
Arbeit zu bewältigen, die dann in so großartiger Hypertrophie im Zwangs- 
grübeln und Zwangsdenken wiederkehren, gehören ja entschieden der 
späteren Periode der „ Sexual forschung" an. Durch Abtragung dieses 
spekulativen Überbaues, dem wir durch Angstentbindung und Libido- 
zufuhr den Boden entziehen können, treiben wir die im „System" ver- 
schanzte und kaum mehr auffindbare Urangst eigentlich wieder ins 
Körperliche zurück, um sie auf diesem normalen Wege — sozusagen 
in die Erdleitung — abströmen zu lassen. 

Dieser ebenfalls längs der gebahnten psychobiologischen Wege ver- 
laufende Prozeß kann sich nun auch unter weniger extremen Bedin- 
gungen, sozusagen im Normalausmaß abspielen und tatsächlich hat man 
von sehr vielen rein organischen Leiden den Eindruck, daß sie — wenn. 
man so sagen kann — dem Individuum den Luxus einer Neurosen bildung 
ersparen; richtiger wäre es allerdings zu sagen, daß die Neurose der an- 
spruchsvollere Ersatz für ein banales Organleiden ist, dem aber die gleiche 
Ursache zugrundeliegt. Nicht selten sieht man zu seiner Überraschung, 
wie eine Neurose mit ihren „nachgemachten" körperlichen Symptomen 
eigentlich jede wirkliche Erkrankung derselben Organe zu verhindern, 
weil zu ersetzen imstande ist. Es ist übrigens auch — wie Freud ge- 
legentlich erwähnte — bemerkenswert, daß beispielsweise Patienten, 
die viele Jahre hindurch an den schwersten Angstanfällen leiden, dabei 
blühend aussehen ; ebenso daß Patienten mit jahrelanger Schlaflosigkeit 



Die neurotische Reproduktion j"j> 

nicht ermüdet sind wie Menschen, die „wirklich" solange nicht ge- 
schlafen hätten. Offenbar bezieht das Unbewußte aus dem Symptom 
so viel Urlibido, um den „neurotischen" Ausfall wettzumachen. 

Von den hysterischen Erscheinungen an den Extremitäten, die in 
ganz charakteristischer Weise auf den Komplex des Urtraumas zurück- 
weisen, führt eine gerade Linie zu gewissen zeremoniellen, zwangs- 
mäßigen Lagerungen im Bett, wie wir sie ebenso schon bei kleinen 
Kindern beobachten können und dann bei gewissen Zwangskranken 
wiederfinden, die es häufig auf die peinlich genaue Anordnung ihrer 
Garderobe zu verschieben pflegen. Daß dieses Zeremoniell sich an die 
Bettlage knüpft, stimmt zur Auffassung des Schlafzustandes als einer 
zeitweisen Rückkehr in die Embryonalsituation. 

Ohne uns auf die Übergangsformen von den hysterischen Symptomen 
zu den Zwangshandlungen, wie den Tics u. a. einzulassen/ heben wir 
nur die klassische Zwangsneurose hervor, bei der ja der Weg vom ur- 
sprünglich körperlichen Symptom (Zwangshandlung) zu dem rein psy- 
chischen, ja intellektuellen Bewaltigungs versuch von der Analyse restlos 
klargelegt wurde. Gilt für die körperlichen Erscheinungen Zwangs- 
kranker {z. B. Tic) das für die Hysterie Gesagte vollinhaltlich, so geht 
das typische Zwangsdenken und Zwangsgrubeln, wie die Analyse gleich- 
falls gezeigt hat, auf das infantile Problem der Herkunft der Kinder zu- 
rück („anales Kind") und knüpft damit an die ersten kindlichen Versuche 
einer intellektuellen Bewältigung des Geburtstraumas an; 
dabei gelangt der Zwangskranke schließlich doch wieder auf dem Wege 
der „ Gedankenallmacht" in die ersehnte ürsituation zurück(F e r e n c z i), ' 
allerdings indem er dabei auf seine individuelle Weise den Umweg zu 



i) Hierher gehören auch die sogenannten „Impulshandlungen" (Stekel), die 
meist im (hysterischen) Dämmerzustände ausgeführte Zwangshandlungen sind 
(Wandertrieb: Heimweh — Zurückgehen! Pyromanie: Feuer — Wärme — 
Mutter). 

2) Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. Zschr. I, 1913. 



6o Das Trauma der Geburt 

philosophischen Spekulationen über Tod und Unsterblichkeit sowie das 
Jenseits mit seinen Höllenstrafen sucht. Er wiederholt damit die scheinbar 
unvermeidliche Projektion des Lebens vor der Geburt in die Zukunft, 
nach dem Tode, welche die Menschheit viele Jahrtausende hindurch 
auf die verschlungen dsten Irrwege des religiösen Aberglaubens, der in 
den Unsterblichkeitslehren gipfelt, geführt hat und noch heute bei der 
breiten Masse in dem starken Interesse am Übersinnlichen, Okkulten, 
mit seiner ganzen Geisterwelt weiterlebt. ' 

Den Stimmungsschwankungen des Zwangskranken stehen die Cy- 
clothymien sehr nahe, seiner spekulativen Systembildung gewisse For- 
men von ausgesprochener Psychose. Dieerste Krankheitsform, mitihrem 
plötzlichen Wechsel von Melancholie und Manie, geht ganz unmittelbar 
auf die Reproduktion der Gefühlszustände vor und nach dem Geburts- 
trauma zurück, indem der Urmechanismus der Lust -Unlustverwand- 
lung bei Verlust des ersten Libidoobjektes, der Trennung vom Mutter- 
leib, wiedererlebt wird. Diese Krankheitsform ist daher für das Studium 
des Lust-Unlustproblems von ganz besonderer Bedeutung. Bei der Ana- 
lyse tiefer Depressionszustände kann man die darin verarbeitete Libido 
sozusagen als Niederschlag herauskristallisieren; sie äußert sich oft als 
„Sexualerregung an der ganzen Körperoberflächc". Das melancholische 
Stadium, das in einer das tiefste Wesen so treffend ausdrückenden Weise 
„Depression" genannt wird, ist charakterisiert durch körperliche Symp- 
tome, welche säm tlich zur intrauterinen Situation tendieren,' während 

. i) Ich kann es mir hier nicht versagen, eine überaus charakteristische Äuße- 
rung von Thomas Mann wiederzugeben, der in einer Schilderung einer okkul- 
tistischen Seance, der er bei S c h r e n ck - N o 1 1 i n g beiwohnte, vom M edium u. a. 
folgenden Eindruck wiedergab (in einem Vortrag in Wien am 29. III. 1925): 
„Einen mystischen Eindruck gewinnt die Situation nur durch das ringende 
Almen des Mediums, dessen Zustand unzweideutig und täuschend an 
den Gebärakt erinnert." 

2) Gedrückte Körperhaltung, Einrollen im Bett, tagelanges nnbewegli ches Lie- 
gen , Verweigerung der selbständigen Ernährung, des Sprechens, ja jeder Bewe- 
gung usw. 



-P--V 



"^- ' . ' ^ - f ftf^ V -^ 



Die neurotische Reproduktion 6l 



der Affekt der Traurigkeit dem post natum omne ardmal triste est 
Ausdruck gibt. Das darauffolgende manische Stadium ist dagegen 
ausgezeichnet körperlich durch die postnatale Lebhaftigkeit und Be- 
weglichkeit, während das hohe Glücks- und Seligkeitsgefühl der 
praenatalen Libidobefriedigung entspricht. Den interessanten Mecha- 
nismus dieser sonderbar gekreuzten Aufteilung von Affekt und Inhalt 
werden wir bei Besprechung des Lust-Unlustmechanismus aufklären. 
Hier, wo es sich nur um grob schematisierende Hervorhebung des 
neuen Gesichtspunktes handelt, müssen wir darauf verzichten zu 
zeigen, wie sich auch des feinere Detail der Symptombildung, bezw. 
der Mechanismus der Affektverteilung im Sinne unserer Auffassung rein 
analytisch verständlich machen läßt. Die symptomatische Entsprechung 
von prae- und postnataler Libidosituation wird sich in praxi dadurch 
komplizieren, daß sich ja im Geburtsakt selbst, dessen psychische Be- 
gleiterscheinungen wir eben direkt nicht beobachten können, neben 
dem hauptsächlich „traumatischen" Erleben auch lustvolle, oder zu- 
mindest relativ lustvolle Momente einschieben, auf die vermutlich auch 
regrediert werden kann.^ 

Wir möchten nur noch hervorheben, daß die Melancholie sicii 
zum Unterschied von den rein neurotischen Symptomen dadurch in 
bemerkenswerter Weise unterscheidet, daß sie nicht nur den eigenen 
Körper (oder das Ich) als Darstellungsmittel der Ursitualion verwendet, 
sondern bereits die Neigung verrät, Dinge der Außenwelt im gleichen 
Sinne zu benützen (z. B. Verdunkeln des Raumes), was wir als „psy- 
chotischen" Einschlag bezeichnen können. Macht so der Melancho- 
liker mit seiner Zurückziehung von der Außenwelt die Anpassung an 
dieselbe ein Stück weit wieder ruckgängig, so sollen die psychotischen 

i) Es scheint sich aber dabei vorwiegend um die normalen Regressions- 
möglichkeiten zu handeln, die im Gegensatz zur Manie bloß „euphorisch" zu 
nennen wären. — Zur Bezeichnung dieser Affektlage wäre der von Hatting- 
herg geprägte Begriff der „Angstlust" gut brauchbar. 



^2 Das Trauma der Gehurt 



Wahnsysteme, deren Inhalt so offenkundig die Wiederherstellung des 
Urzustandes anstrebt, die nicht mehr libidogerechte Außenwelt durch 
die beste aller Welten, das intrauterine Dasein ersetzen. Wo immer 
man eine solche Krankengeschichte, namentlich der weiten Gruppe 
der sogenannten Dementia praecox aufschlägt, findet man gehäufte 
Darstellungen von Geburtsphantasien, die letzten Endes Reproduktionen 
der eigenen Vorzeit entsprechen, sei es in direkter, nur ihres Affektes 
beraubten Sprache, sei es in symbolischen Ausdrücken, deren Be- 
deutung auf Grund der psychoanalytischen Traumforschung leicht 
verständlich geworden ist. 

Die ersten verdienstvollen Schritte zum Verständnis des „Inhalts der 
Psychose" verdanken wir der einsichtsvollen Züricher Psychiaterschule 
unter Führung von Jung und Bleuler, die bereits früh die eminente 
Bedeutung der psychoanalytischen Funde für die Psychiatrie erkannte 
und nutzbar machte.' Nachdem Freud bereits 1894 den Abwehr- 
mechanismus zur Aufklärung gewisser halluzinatorischen Psychosen 
herangezogen und 1896 zum erstenmal die „Verdrängung' auch in 
Fällen von Paranoia als wirksam nachweisen konnte, ^ dauerte es ein 



1) Siehe Jungs Referat über die einschlägige Literatur im Jahrbuch f. psycho- 
analytieche u. psychopathol, Forschungen, Bd. II, 1910, S. 556— 388 (die ent- 
sprechende Literatur deutscher u. Österr, Autoren ref. v. Abraham [s. auch 
dessenArbeit: Die psjchosexiiellenDifferenienderHysterieundDementia praecox, 
1908] im Jahrbuch I, S. 546ff.; fortgesetzt in Jahrbuch VI, 1914, S. 343f. und 
schließlich im „Bericht über die Fortschritte der Psychoanalyse in den Jahren 
1914—1919", Wien und Leipzig 1921, S. igSf.) Insbesondere sei hier verwiesen 
auf die ersten Arbeiten von Jung: Über die Psychologie der Dementia praecox, 
Halle 1907 und: Der Inhalt der Psychose, Leipzig und Wien 1908. — Ferner 
die einschlägigen grundlegenden Arbeiten von Honegger, Itten, Maeder, 
Nelken, Spielrein u. a. in den verschiedenen Bänden des „Jahrbuchs". SchlieJ3- 
lich Bleulers groß angelegtes Werk: Dementia praecox oder Gruppe der 
Schizophrenien, igii, das zum größten Teil nichts als die Anwendung der 
Ideen Freuds auf die Dementia praecox sein wUl. 

2) „Die Abwehmeuropsychosen" und „Weitere Bemerkungen über die Ab- 
wehmeuropsychosen" (Kl. Sehr. Bd. T\. 



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Die neurotische Reproduktion 6^ 

volles Dezennium, bis die Zürcher Klinik den ersten großen Vorstoß 
auf diesem Gebiet unternahm. Bald danach trat Freud (1911) mit 
seiner großangelegten Analyse eines Falles von Paranoia (Schreber) 
hervor, die — an seine eigenen Vorarbeiten anknüpfend und die 
wertvollen Ergebnisse der Züricher Schule verwertend — zum ersten- 
mal das Verständnis für den psychischen Mechanismus und struktuellen 
Aufbau der Psychose eröffnete. Dabei erwies sich die „homosexuelle" 
Einstellung und die Abwehr gegen diese feminine Libidoposition durch 
den Mann als das bedeutsamste Stück des Mechanismus, der auch wieder 
der allgemeinsten Tendenz zur Überwindung des Geburtstraumas' — 
im Sinne der Identifizierung mit der Mutter und des Gebarens (anales 
Kind) — unterzuordnen ist. Durch diese Untersuchungen Freuds war 
erst das theoretische Verständnis der Psychose möglich geworden, dem 
dann eine Reihe von Einzelarbeiten seiner Schüler gewidmet war, ^ In 
die allgemeine Psychiatrie sind diese umstürzenden Auffassungen natur- 
gemäß sehr langsam eingedrungen, scheinen aber gerade in der allerletzten 
Zeit die Betrachtungsweise der jüngeren Psychiatergeneration entschei- 
dend zu beeinflussen. 3 Im Vordergrundestehtdabeiderentwicklungspsy- 

cholo^scheGesichtspunkt, der ein unbestreitbares Verdienst der Züricher 
Schule (Honegger, Jung) ist, gegen dessen methodologischen Miß- 
brauch sich aber bereits F reu d gewendet hatte, indem er zeigen konnte 



1) In der klassischen Paranoia laßt sich leicht hinter den lärmenden Sym- 
ptomen das Ur Symptom der Angst aufdecken (Verfolgtwerden!), ganz ähnlich 
wie hinter den Schutibauten der Phobien oder den Reaktionsdämmen der 
Zwangsneurose. 

2) Literatur: Jahrbuch VI, S. 545 ff.; Bericht, S. 158. 

5} Siehe besonders die interessanten Arbeiten von Dozent Paul Schilder 
(Wien) und seine letzte zusammenfassende Darstellung; Seele und Leben 
(Springersche Monographien, Berlin 1925^. Die fast gleichzeitig erschienene 
Arbeit von Alfred Storch (Tübingen): Das archäisch -primitive Erleben und 
Denken der Schizophrenen (Berlin 1922), ruht fast ganz auf analytischer Auf- 
fassung, ohne dies so rückhaltlos wie Schilder zuzugestehen. — Rein analytisch 
sind die wertvollen Beiträge von Nunbergin der Internat. Zschr. f. Psychoanalyse. 



L- - . 



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^A Das Trauma der Geburt 



wie vieles noch der individuellen Analyse zugänglich und verständlich 
ist, ehe man zur Heranziehung phylogenetischer Materialien oder Ge- 
sichtspunkte greifen dürfe. Natürlich hat diese Mahnung nicht viel 
genützt und so sehen wir jetzt die fortgeschrittenen Psychiater im des- 
kriptiven Vergleich der Psychologie der Schizophrenen mit der des 
Primitiven stecken.' Wenn beispielsweise Storch in seiner zweifellos i[- 

interessanten Arbeit die archäisch-primitiven Gefühlseinstellungen mit 
den „magisch-tabuistischen" vergleicht und die „mystische Einigung" 
wie die „kosmische Identifizierung" betont, so macht er insoferne einen 
Ruckschritt von der Psychoanalyse, als er deren Verständnis der primi- 
tiven Einstellung nicht zur Erklärung der schizophrenen heranzieht, 
sondern sich an der Nebeneinander Stellung genügen läßt, ohne zu be- 
merken, daß er ein offenbar einfacheres Problem der Individualpsycho- 
logie nur durch ein komplizierteres ethnologisches ersetzt hat. 

Unsere Auffassung tendiert vielmehr dahin, das individualpsycho- 
logische Verständnis noch ein ganzes Stück weiter zu führen und so 
auch weitere Aufklärungen der völkerpsychologischen Rätsel zu finden. 
Der hier vertretene Gesichtspunkt von der fundamentalen Bedeutung 
des Geburtstraumas scheint uns nun tatsächlich der Lösung nahe zu 
bringen. In den Psychosen ist ja die Regressions tendenz so stark aus- 
geprägt, daß wir erwarten dürfen, in ihnen die weitestgehende An- 
näherung an dieUrsituation zu finden. Tatsächlich erweist sich der Inhalt 'j 
der Psychose teils ganz offenkundig, teils in den den Kranken eigenen 
Zerfallssymptomen des Denkens und Sprechens vollständig durchsetzt 
von den ausgebreitetes ten Geburts- und Intrauterinvorstellungen. 

Wir müssen es der fleißigen Arbeit der Psychiater danken, daß sie uns 
durch ausführliche Mitteilung von Krankengeschichten, deren Material 
unter dem Einfluß analytischer Gesichtspunkte gewertet ist, in den Stand 
gesetzt haben, dieaus der Analyse der Neurosen gewonnenen Erfahrungen 

i) Siehe auch die im Material interessante Arbeit von Prinzhorn: Bildnerei 
der Geisteskranken, Berlin igaa. 



Die neurotische Reproduktion 6j 

in so schlagender Weise an den Psychosen bestätigen zu können. Indem 
ich auf das diesbezügliche große Material in der bereits zitierten Literatur 
hinweise, möchte ich nur aus der letzten, mir zu Gesicht gekommenen 
Publikation von Storch einiges zur Illustration anführen. „Ein an- 
nähernd stupuröser Kranker macht andauernd Drehbewegungen, indem 
er mit seiner Hand um den Nabel herumfährt. Auf Fragen gibt er 
die Erklärung ab, er wolle ein Loch machen (wozu?) um in die Frei- 
heit hinauszukommen. Weiteres ist nicht zu erfahren." Es ist jedoch 
klar, daß Pat. damit unbewußt die Rückkehr in den Leib meint, da 
sonst das „Symbol" unverständlich bliebe. Sogar für eine manifest aus- 
gesprochene Kastrationshandlung gibt er die gleiche Motivierung: „der 
Kranke biß sich einige Tage nach dem vorhinerwähnten Vorfall ein 
Fingerglied ab ; erst nach Überwindung vieler Sperrungen gab er eine 
Motivierung: .Durch das Abbeißen des einen Gliedes habe ich die 
anderen Leute herbeigezogen, um zu zeigen, daß es an einer Stelle fehlt.' 
Bei weiterem Nachfragen fuhr er dann aber fort: ,Ich wollte in die Frei- 
heit; durch das Loch bin ich hinausgeschlüpft, wie ein Käfer'" 
(S. 7). Storch vermutet zwar, daß damit nicht nur das Verlassen der 
Klinik, sondern im analytischen Sinne auch die „unklare" Vorstellung 
von einer Befreiung aus dem Mutterleib {Nabelgeburt) mit anklang, 
und bemerkt dazu, daß dem Kranken, wie so vielen Schizophrenen die 
Idee der Wiederverkörperung eine durchaus selbstverständliche Tat- 
sache war, ebenso wie dem Primitiven die Reinkarnation. — Eine 
junge Schizophrene, die als Kind vom eigenen Vater vergewaltigt worden 
war und aus ihrem Dienst entlief, durchlebte in einem katatonen Zu- 
stand eine Geburtsphantasie, indem sie sich zugleich als das Christus- 
kind und dessen Mutter vorkam (S. 6l), Dieselbe Kranke „sprach von 
einem .Auseinander fallen ihrer eigenen Jugend mit ihrer jetzigen Per- 
son'. Sie habe das Gefühl, daß sich in ihrem Körper zwei Per- 
sonen befänden, eine mit der häßlichen Vergangenheit, und eine andere; 
die etwas .ganz Hochgestelltes. Übergeschlechtlicbes' sei" (S. 7W78). 

S Rank 



^6 Das Trauma der Geburt 



Eine andere Kranke (S. 65) machte die Pflegeschwester zu ihrem „Herr- 
gott" und sagte, „in ihr und in der Schwester sei alles enthalten, alles, 
,von Christus bis zum Niedrigsten'". (Auf Befragen nach ihrer Be- 
ziehung zu der Krankenschwester) ,Wir sind ganz eins, beide eine. 
sie ist der Herrgott, ich bin dasselbe wie sie . . . Ich bin in der Schwester, 
und die Schwester ist in mir' . Ein andermal sagt sie, „sie habe 
die ganze Welt in sich" und erläutert dies (auf Befragen) in charak- 
teristischer Weise (S. 80). 

Einige Kranke zeigen die Regressionstendenz in Form des Wunsches 
nicht erwachsen zu sein, den man oft auch als Gegenstück zur Größen- 
sehnsucht bei Kindern findet. „Ein in der Mitte der 50 er stehender 
Schizophrener beklagt sich in gereiztem Ton, daß er zu einem Kind 
gemacht werde: Ich bin nicht mehr der Mann, bin bereits ein Kind; 
wie mich meine Frau besucht hat, war ich nicht der Mann, der zu 
der Frau gehört, ich bin dagesessen wie ein Kind bei seiner Mutter" 
(S. 57). Im Gegensatz zu anderen Fällen, wo „die Umwandlung in 
den weiblichen oder kindlichen Lebenszustand von den Kranken als 
Minderungund Herabsetzung ihres Ichs erlebt" wird, bemerkt S torch, 
„machten wir öfters bei jungen Schizophrenen, die eben über die 
Schwelle der Kindheit ins Leben der Erwachsenen hineintreten, 
die entgegengesetzte Erfahrung; wir fanden bei ihnen nicht selten eine 
ausgesprochene Lebensfurcht und Angst vor dem Erwachsensein, 
unter Umständen im Konflikt mit starkem Lebensdrang und Liebes- 
bedürfnissen. Aus diesem Konflikt heraus möchten sie in die Kindheit 
zurückfliehen . . ." (S. 89). Ich glaube, daß wir in dieser Tendenz den 
Kern dessen vor uns haben, was die Bezeichnung des Krankheitsbildcs 
(als Dementia praecox) auch psychologisch rechtfertigen würde. Andere 
stellen direkt die alte Kloakentheorie, d. h. den Aufenthalt im Mutterleib 
wieder her, wie die Kranke (S. 42), die „zwar nicht glaubt, daß die Kinder 
durch denDarm geboren werden, wohl aber, daß zwischen dem ,TragBack , 
in dem ihrer Meinung nach das Kindin der Mutter heranwächst, und den 



Die neurotische Reproduktion ^7 

untersten Darmabschnitten ein Gang besteht, durch den der Embryo 
seinen Kot entleert. Das Kind ist im Tragsack, saugt innen an den Er- 
nährungzäpfchen (die sich innen an Stelle der Brüste befinden).VomTrag- 
sack geht ein ,AuBlauf nach dem After, ,daß das Kind gesäubert wird von 
der Nahriing, die es mit der Milch nimmt.' Vor dem Gebären heilt 
der Auslauf aus, gehl er weg, ist zum Putzen da' . Eine andere Kala- 
tone mit Koprophagie gibt direkt die embryonale Motivierung für ihr 
Tun, wenn sie berichtet, „wie sie während ihrer psychotischen Zustände 
Urin habe trinken und Kot essen müssen; nachdem sie vorher das Er- 
lebnis des Absterbens durchgemacht hatte, habe sie gemeint, sie brauche 
die Stoffe für ihren ,Aufbau'. In einem von Nunberg eingehend 
analytisch untersuchten Fall eines Katatonen bedeutete das Verschlucken 
der Exkremente eine Selbstbefruchtung und Wiedererneuerung. ' Zu- 
sammenfassend sagt Storch (im Abschnitt „Wiedergeburt"): „Wir 
treffen auf die Idee, gestorben und wiedererwacht zu sein, auf die Idee 
eines Hindurchgehens durch den Tod, des Neuwerdens und schließlich 
der Vergottung; wjr finden auch die primitiv-sinnlichen Ein- 
kleidungen des Wiedergeburtsgedankens, die Vorstellung eines 
wirklichen Geborenwerdens und dgl, wieder. Dabei läßt das 
komplexe Denken der Kranken in der Geburts- und Kindschaftsvor- 
Stellung das Gebären und Geborenwerden, das Mutter- und 
Kindsein oft durcheinanderfließen" (S. 76).' 

Aber nicht nur der Inhalt der Wahn bildungen scheint eindeutig 
nach dieser Richtung bestimmt, sondern auch die psychotischen Aus- 
nahmszustände wie Halluzinationen, Dämmerphasen und Kata- 
tonien lassen sich als weitergehende Regiessionen in den Fötahustand 
verstehen. Den ersten kühnen Versuch einer solchen Auffassung aus 
analytischem Material verdanken wir der wertvollen Arbeit des früh- 
verstorbenen Tausk „Über die Entstehung des Beeinflussungsappa- 

1) Über den katatonischen Anfall. Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, VI, 1920. 

2) Hervorhebungen von mir. 

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68 



Das Trauma der Geburt 



rates in der Schizophrenie",' den er als Projektion des eigenen im 
Mutlerleib genitalisierten Körpers auffaßt. „Die Projektion des eigenen 
Körpers wäre also eine Abwehr gegen eine Lipidoposition, die der des 
Endes der fötalen und des Anfangs der extrauterinen Entwicklung ent- 
spricht" {I. c. S. 23). Von hier aus versuchte Tausk die Erklärung 
verschiedener schizophrener Symptome anzubahnen: „Könnte die 
Katalepsie, A\e ßexibilitas cerea, nicht jenem Stadium entsprechen, in 
dem der Mensch seine Organe nicht als eigene empfindet und sie. als 
nicht zu sich gehörig, der Gewalt fremden Willens überlassen muß? . . . 
Könnte der katatone Stupor, der eine vollkommene Ablehnung der 
Außenweh darstellt, nicht eine Zurückversetzung in den Mutterleib 
sein? Sollten diese schwersten katatonen Symptome nicht das ulti- 
mum refugium einer Psyche sein, die auch die primitivsten Ich- 
funktionen aufgibt und sich ganz auf den foetalen und Säuglingsstand- 
punkt zurückzieht .... Das katatone Symptom, die negativistische 
Starre des Schizophrenen, ist nichts anderes als eine Absage an die 
Außenwelt, in .Organ spräche' ausgedrückt. Spricht nicht auch der 
Säuglingsrefiex im Endstadium der progr. Paralyse für eine solche Re- 
gression zum Säuglingsleben? Manchen Kranken wird diese Regression 
in die Säuglingszeit und sogar bis in die Foetalzeit — das letzte wohl 
nur als Drohung mit einer Konsequenz der Krankheitsentwicklung — 
sogar bewußt. Ein Patient sagte mir: ,Ich fühle, daß ich immer 
jünger und kleiner werde, jetzt bin ich vier Jahre alt, dann komme 
ich in die Windeln und dann in die Mutter zurück'" (S. 23I)- Tausk 
meint also, daß die Phantasie von der Rückkehr in den Mutterleib,' 
die als weitere atavistisch vorgebildete „Urphantasie" angenommen 
werden müsse, „als pathologische Realität der sich zurückbilden- 
den Psyche in der Schizophrenie symptomatisch auftritt . 



1) Internat. Zeitschr, f. Psychoanalyse, V, 1919- 

b) Er merkt übrigens an» daß der Ausdruck „Muttcrleibsphantasie" von 
Gustav Grüner stamme. 



Die neurotische Reproduktion 6^ 

Setzt man nun hier die Realität des Geburtstraumas mit seinen 
folgenschweren Nachwirkungen ein, so kann man die Vermutungen 
von Tausk nicht nur sicher bejahen, sondern sie real begründen und 
zum Verständnis auch anderer Symptome Geisteskranker gelangen, die 
sich direkt auf das Geburtstrauma und nur indirekt auf das Vor- 
stadium beziehen. So alle Anfälle, insbesondere der sogenannte epi- 
leptische,' der inhaltlich und formal die deutlichsten Reminiszenzen 
an den Geburtsakt verrät. Dabei findet übrigens eine ähnliche zwei- 
zeitige Trennung wie bei der Cyclothymie statt, wenngleich ohne die 
der letzteren eigene zeitliche Umkehrung; denn die dem großen epi- 
leptischen Anfall vorangehende flura mit ihrem von Dostojewski so 
meisterhaft beschriebenen Glückseligkeitsgefühl, entpricht der präna- 
talen Libidobefriedigung, während der Krampfs nfall selbst den betreffen- 
den Akt der Geburt reproduziert. 

All diesen psychotischen Krankheitsymptomen ist gemeinsam, daß 
sie im Sinne der Analyse eine noch weitergehende Regression der 
Libido als die Neurosen darstellen, indem sie den Verlust des ürobjek- 
tes in einer kosmologisch zu nennenden Projektion durch Ablösung 
ihrer Libido von der die Mutter ersetzenden Außenwelt vervollstän- 
digen, wobei sie aber durch Einverleibung (Introjektion) der Objekte 
in ihr Ich wieder nur zur Ursituation zurückgelangen (Mutter und 
Kind). In diesem eigentlich psychotischen Mechanismus, der die Störung 
des Verhältnisses zur Außenwelt beeinhaltet, steht die klassische Para- 
noia — und die paranoiden Formen der Psychose — dem mytho- 
lo^schen Weltbild am nächsten.^ Sie scheint dadurch charakterisiert. 



i) Die Zuriickführbarkeit des epileptischen Anfalles auf eine frühe Phase 
der Gebärdensprache hat bereits Ferenczi in seiner auch für die hier vorge- 
tragene Auffassung grundlegenden Arbeit über „Entwicklungsstufen des Wirk- 
lichkeilssinnes" angedeutet (Internat. Zeitschr. f. PsA. I, 1915). 

■2) Siehe im „Mythus von der Geburt des Helden" (1909) die „paranoide" 
Charakterisierung der mythischen Phantasicbildung (S. 75, 2. Aufl. 1922» S. 123). 



csl 



70 



Das Trauma der Gehurt 



daß bei ihr die Außenwelt in einer die normale „Anpassung" weit 
übersteigenden Intensität mit Libido besetzt, sozusagen die ganze Welt 
zum Uterus gemacht ist, dessen feindlichen Einflüssen der Kranke nun- 
mehr ausgesetzt ist (die elektrischen Ströme usw). ' Die ganze Situation 
des schützenden Mutterleibs ist hier in ihrer kulturellen und kosmo- 
logischen Bedeutung mittels der Gefühlsumkebrung (Hass) gegen den 
störenden Vater zu einem einzigen feindlichen Riesenobjekt geworden, 
das den mit dem Vater Identifizierten (Helden) verfolgt und zu immer 
neuen Kämpfen herausfordert, 

i) Es ist bemerkenswert, daß der Paranoiker Strindberg die Erklärung für 
die ersten Wahrnehmungen des Kindes, Furcht und Hunger, in der vorgeburt- 
lichen Einwirkung erkannt hat. (In seinem autobiographischen Werk: Die 
Vergangenheit eines Toren). Auf die Beziehungen, die sich von hier zum Ver- 
sehen" der Schwangeren ergeben, kann nur hingewiesen werden. Es seien hier 
einige für unsere Auffassung besonders bezeichnende Äußerungen Strind- 
bergs angeführt (nach Storch 1, c. S. ifif). Als ihm die Geliebte durch einen 
Fremden genommen wird, ist ihm das eine „Erschütterung seines ganzen 
Seelenkomplexes", denn „es war ein Teil von ihm selber, der jetzt von 
einem andern eingenommen wurde, ein Teil seiner Eingeweide, mit 
dem man jetzt spielte". (Entw. einer Seele, Kap. 5). — „In der Liebe schmilzt 
er mit der geliebten Frau zusammen, dann aber, wenn er ,sich und seine Form 
verloren' hat, erwacht sein Selb sterhaUungs drang, und in der Angst, sein .Selbst 
durch die ähnlich machende Macht der Liebe zu verlieren', sucht er sich von 
ihr frei zu machen, um sich als etwas ,für sich Existierendes' wiederzu- 
finden (Entzweit, Kap. 2/3). Nach der Psychose zieht er sich in die Einsam- 
keit zurück, hat sich in „die Seide seiner eigenen Seele eingesponnen" (Einsam, 
Kap. 3). Aus seiner schizophrenen Spätzeit berichtet er von Schutzmaßregeln, 
die er gegen die iim zur Nachtzeit störenden Ströme anwendet : „Wenn man den 
Strömen einer Frau ausgesetzt ist, meistens während des Schlafes, so 
kann man sich isolieren; ein Zufall vcranlaßte mich eines Abends, ein wollenes 
Tuch über Achsel und Hals zu werfen, und in dieser Nacht war ich ge- 
schützt, obwohl ich die Attaken der Strome merkte". Schließlich verrät er auch, 
daß die „Verfolgung" bei ihm an die Angst geknüpft ist, indem erden „pani- 
schen Schrecken vor allem und nichts" für seine Ruhelosigkeit verantwortlich 
macht. — Strindbergs traurige Kindheit und sein besonderer „Mutterkom- 
plex"sindbekannt(s.denHinweis„Inzestmotiv", 1912,8.52 Note ). Vondiesem 
Punkte aus ist seine ganze Entwicklung, Persönlichkeit und Leistung zu verstehen. 



; 



Die neurotische Reproduktion 7^ 



Im Sinne dieser Rücktendenz zur Mutter, die der Psychotiker auf 
dem Wege der Projektion anstrebt, ist der psychotische Krankheitsver- 
lauf, wie Freud erkannt hat, tatsächlich als Heilungsversuch aufzu- 
fassen, was wir ja im analytischen Heilungsprozeß, von dem wir aus- 
gegangen waren, auch deutlich sehen. Nur findet die Psychose aus dem 
unterirdischen Labyrinth der Mutterleibssituation nicht mehr den Weg 
zum Tageslicht der Gesundung, während der Neurotiker sich an dem 
ihm vom Analytiker zugeworfenen Ariadnefaden der Erinnerung wie- 
der ins Leben zurückzufinden vermag. 

Wie nach der Freudschen Auflassung die Hysterie der künst- 
lerischen Produktion, die Zwangsneurose der Religionsbildung und 
philosophischen Spekulation nahestehen, so die Psychosen dem mytho- 
logischen Weltbild. Wenn analytisch eingestellte Psychiater erkannt 
haben, daß der Inhalt der Psychose, „kosmologisch" sei, so dürfen wir 
den nächsten Schritt, zur Analyse der Kosmologien selbst, auch nicht 
scheuen und werden dann finden, daß sie nichts anderes als die auf die 
Natur projizierte infantile Reminiszenz der eigenen Geburt darstellen. 
Indem ich mir die eingehendere Begründung dieser Auffassung an 
reichem mythisch -kosmologischen Material vorbehalte, wie ich sie seit 
langem unter dem Titel „Mikrokosmos und Makrokosmos" geplanthabe, 
kann ich hier nur auf verschiedene eigene Vorstudien aus dem Gebiet der 
Mythologie verweisen, welche zu zeigen versuchen, daß das mensch- 
liche Geburtsproblem tatsächlich im Mittelpunkt des mythischen wie 
des infantilen Interesses steht und den Inhalt der Phantasiebildungen 
entscheidend bestimmt/ 



x) Siehe die Arbeiten: Der Mythus von der Geburt des Helden (1909), 
Die Loheiigrinsage (1911)1 Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage (»912) 
(namentlich Kap. IX; Die Weltelternmythe) und schließlich; Psychoanalytische 
Beiträge zur Mythenforschung. Gesammelte Studien aus den Jahren 1911 ^1914; 
2. veränd. Auflage 1923 (namentlich die Sintflutsage, Verschlingungsmythen, 
Tiermärchen usw.) 



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Die symbolische Anpassung 



Bevor wir uns den mythischen Verarbeitungen des Geburtstraumas 
in den großartigen Kompensationsschöpfungen der Heroenbildung zu- 
wenden, haben wir teils näherliegende, teils menschlich bedeutsamere 
Tatsachen anzuführen, welche die fundamentale Bedeutung des Geburts- 
traumas und die unsterbliche Sehnsucht, es zu überwinden, in geradezu 
überwältigender Weise offenbaren. Diese biologischen Tatsachen sind 
schließlich auch geeignet, uns die zwischen der asozialen neurotischen 
und der überwertigen heroischen Leistung liegende Anpassung des Nor- 
malen verständlich zu machen und zu erklären, wieso ihm diese An- 
passung, die wir Kultur nennen, überhaupt gelingen kann. 

Der Zustand des Schlafes, der sich allnächtlich automatisch her- 
stellt, legt die Auffassung nahe, daß auch der normale Mensch, wie zu 
erwarten, das Geburtstrauma eigentlich nie ganz überwindet, da er ja 
die Hälfte seiner Lebenszeit in einem dem intrauterinen fast gleich- 
kommenden Zustand verbringt." In diesen Zustand verfallen wir auto- 



il Siehe dazu besonders Freud: Vorlesungen (Taschenausg. S. 80) und Fe- 
ten cii:EiitwickIungsstufendes Wirklichkeitssinnes. Internat. Zschr. f. PsA. 1913. 

Die neurotische Schlaflosigkeit scheint regelmäßig auf zu intensiver Ver- 
drängung dieser biologischen Notwendigkeit auf Kosten libidinöser Strebungen 
(tur Mutter) zu beruhen (wie der Somnambulismus in allen seinen Formen). Die 
so häufige Angst, lebendig begraben zu werden, gehört gleichfalls in diesen 
Zusammenhang («.Traumdeutung, 2. Aufl. igog, S. 19g Fußnote), ebenso wie 
ihr „perverses" Gegenstück, die Nekrophilie. 



Die symbolische Anpassung "]} 

matisch, sobald es dunkel wird, also wieder wie beim dunkeln Zimmer 
der Kinderangst, wenn die äußeren Umstände dem Unbewußten die 
Identifizierung mit dem Urzustand nahelegen. Daher wird auch das 
Dunkelwerden im Vorstellungsleben aller Völker in anthropomorpher 
Angleichung als Rückkehr der Sonne in den Mutterleib (Unterwelt) 
aufgefaßt. ' 

Im Schlafzustand, in dem wir selbst täglich in weitgehendem Maße 
in die Intrauterinsituation zurückkehren, träumen wir und bedienen 
uns dabei, wie schon die Alten wußten, merkwürdiger Symbole, die 
von der Psychoanalyse empirisch festgesteHt, aber in ihrer Herkunft 
und allgemein-menschlichen Bedeutung noch nicht ganz verstanden 
sind. Nun zeigen die analytischen Traume, von deren Verständnis wir in 
der Heilungssituation ausgegangen sind, daß diese Symbole im Wunsch- 
tranm letzten Endes regelmäßig den Aufenthalt im Mutterleib 
darstellen, während im Angsttraum das Geburtstrauma, die Ver- 

il Der Mond mit seinem periodischen Wachsen und Verschwinden scheint 
sich noch besser zur mythologischen Darstellung der immer wieder aufs neue 
ersehnten Rückkehr zu eignen, und erscheint in den Mythen nicht nur direkt als 
schwangeres und gebärendes Weib, sondern auch als das verschwindende und 
wiederkehrende Kind. Auch gilt die Mondgöttin als Beistand der Geburt (Heb- 
amme), was mit ihrem Einfluß auf die Menstruation zusammenhängt. Die Kon- 
gruenz der weiblichen Menses und der lunaren Phasen, die ja auch noch bei uns 
im Volksglauben als identisch gelten", führt Th. W.Danzel dazu, die astrono- 
misch-kosmische Periodik erst als symbolischen Ausdruck subjektiver Pe- 
rioden und Rhythmen ins Bewußtsein treten zu lassen und dem Kalender zu- 
grunde zu legen, der ursprünglich in den Astralländem (China, Babylonien, Ägyp- 
ten, Mexiko) ein „Buch der guten und bösen Tage« war (siehe „Mexiko" Bd. I, 
S. 28 [Kulturen der Erde, Bd. XI], Darmstadt 1922). „Der aSotagigen Periode des 
Tanal-anad^ die im mexikanischen Kalender eine besondere Rolle spielt, hat 
vielleicht außer astronomischen Zeiträumen auch die Dauer der Schwanger- 
schaft zugrunde gelegen" fDanzel: Mexiko^II, S. 25, Darmstadt 1922). Fuhr- 
mann (Mexiko III) erhebt diese Vermutung zu größerer Sicherheit, indem er 
das mexikanische Jahr auf die vorgeburtliche Zeit des Menschen und die 
neue (nicht auf den Sonnenlauf basierte) Zeitrechnung auf dieses Embryo-Jahr 
zurückführt (S. 21). 



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14 



Das Trauma der Gehurt 



treibung aus dem Paradies, oft mit allen wirklich erlebten körperlichen 
SensationenundDetailsreproduziert wird. Die halluzinatorischeWunsch- 
erfüUung des narzißtischen Traum-Ich, zu deren Verständnis Freud 
auf den embryonalen Zustand zurückgreift," läßt sich tatsächlich aus 
völlig unbeeinflußten analytischen Träumen als ein wirkliches Zurück- 
gehen und Reproduzieren der intrauterinen Situation nachweisen, wie 
sie ja rein physiologisch durch den Schlafzustand in weitem Ausmaße 
bereits physiscli realisiert ist. Ja, die Traumbildung erweist sich vielfach, 
zumindest ihrer von Freud postulierten unbewußten Wunecherfül- 
lungstendenz nach, als eine vollständigere Rückkehr in uterum, als sie 
durch den bloß physiologischen Schlaf vollzogen scheint. " Der infantile 
Charakter des Traumes geht also viel weiter zurück und ist viel tiefer 
fundiert als wir bis jetzt uns anzunehmen getrauten, weil wir mit un- 
serem Bewußtsein, das zur Wahrnehmung der Außenweit geschaffen 
ist, dieses eigentliche tiefste Unbewußte nicht erfassen konnten. 

Indem ich unter Vorbehalt des zu veröffentlichenden reichen Ana- 
lysenmaterials hier nur darauf hinweise, daß sich Wunsch -und Angst- 
traum, die beiden von Freud aufgestellten Haupttypen, der Zurück- 
führung auf die Lirsituation, bzw. ihrer peinlichen Unterbrechung durch 
das Geburtstrauma,' zwanglos fügen, möchte ich nur noch den dritten 
Typus Freuds, den Straftraum erwähnen. Wenn sich der — meist 



i) Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre. 1917. 

2) Wir glauben daraus auch besser zu verstehen, warum das Traumleben unter 
dem Einfluß der analytischen Situation oft in so überraschender Weise zu flo- 
rieren, ja üppig zu wuchern beginnt. 

5) Das Erwachen, besonders aus dem Angsttraum, wiederholt regelmäßig 
den Geburtsvorgang,dasZurweltkommen;diesderSinndersogenantiten „Schwel- 
lensymbolik" (Silber er), die ja auch mythologisch ganz eindeutig als Geburts- 
situation erscheint. (SieheRöheim: Die Bedeutung des Überschreitens. Zschr. 
VI, 1910, im Anschluß an die dortseihst vorangehende Arbeit von Frau Sokol- 
nicka.) Übrigens äußert sich das Gehurts- Schwellensymptom auch in den so 
häufigen Zuckungen der Beine beim Einschlafen. 



Die symbolische Anpassung ']$ 

im JLeben erfolgreiche — Träumer später, wie es den Anschein hal 
„strafweise , in eine peinliche Situation zurückversetzt, so ist es, wie 
Freud angedeutet hat, neben einer „masochistischen" Tendenz der 
Verjüngungs wünsch, der ihn dazu bewegt, der aber letzten Endes auf 
die lustvolle Rückkehr in den Mutterleib abzielt. Typischerweise erfolgt 
dies im sogenannten Prüfungstraum, einem fast allgemeinen Angst- 
traumerlebnis aller Menschen, der eben bis zur Angstgrenze der 
bestandenen Prüfung in der Schulzeit zurückgeht. Der vorbewußte 
Trostgedanke, dem der Prüfungstraum Ausdruck verleiht, daß es näm- 
lich „damals" auch gut gegangen sei, bezieht sich regelmäßig zutiefst aut 
den Geburtsakt, der übrigens auch die Vorstellung des glatten „ Durchrut- 
schens", bezw. des peinlichen „ Durchfallens" verständlich macht. Was 
auch hier zu erklären bleibt, ist das intensive Schuldgefühl, das sich 
an diesen Urwunsch regelmäßig knüpft und offenkundig mit dem 
Angstaffekt der Geburt so zusammenhängt, daß es seine volle Re- 
produktion vermeiden soll, wie ja auch das „Steckenbleiben" bei der 
Prüfungssituation das weitere Zurückgehen zum Urtrauma selbst ver- 
hindert. 

Das Gegenstück zum Straftraum, der Bequemlichkeitstraum, 
läßt sich als Versuch zur Wiederherstellung der Intrauterinsituation 
verstehen, auch wenn er scheinbar von so realen Nöten wie Hunger 
oder Sekretionsbedürfnis ausgelöst wird. Denn mit der physiologischen 
Schlaf Situation lebt auch die Tendenz zur hemmungslosen Befriedigung 
aller Körperbedürfnisse in der intrauterinen Form wieder auf (Enuresis, 
auf sexueller Stufe Pollution, gleichbedeutend mit Inzest, weswegen 
gerade die offenkundigen Inzestträume so häufig mit Pollution einher- 
gehen und anderseits der Pollutionstraum fast immer einen unverhüll- 
ten Inzestwunsch darstellt). Ja selbst auch der „Bequemlichkeits"- 
Wunsch zu schlafen, den Freud als wesentlich für die Traumbildung 
überhaupt hervorhebt, entspricht der Rückkehrtendenz in die intra- 
uterine Situation, 



7(> 



Das Trauma der Geburt 



AUeTräumevonkörperlichenSensationen, auch wenn sie durch 
äußere Reize ausgelöst werden ' — wie die Bequemlichkeitsträume durch 
innere Reize — gestatten eine zwanglose Rückführung auf die Ursitu- 
ation. Beispielsweise die Kälteempfindung bei abgerutschter Bettdecke, 
die vom Unbewußten im Sinne des ersten Verlustes der schützenden 
Hülle interpretiert und durch traumhafte Zurückziehung in ein Mutter- 
leibssymbol kompensiert wird. Ähnlich die Hemmungs- resp; Flug- 
sensation, die nicht selten beim gleichen Träumer abwechseln: erstere 
häufig bei Menschen mit schwerer Geburt (Hemmung) vom Unbewuß- 
ten im wunscherfüllenden Sinne des Nichthinauskönnens aus der Mutter 
verwendet; letztere das heftige Geburtstrauma im Sinne der Storch- 
fabel zu einem leichten Hinausschweben verwandelnd, im tiefsten Un- 
bewußten aber den Dauerzustand des wohligen Schwabens in der Ur- 
situation reproduzierend (siehe die geflügelten Engel, die Seelen der 
noch Ungeborenen usw.); die entsprechende Angstsituation erscheint 
in den Fallträumen reproduziert. 

Wir bemerken hier, vorläufig zusammenfassend, daß die bis jetzt 
besprochenen Traumtypen und -Sensationen ganz allgemeine Traum- 
erlebnisse betrafen, deren typischer Charakter sich eben aus dem all- 
gemein-menschlichen Geburtserlebnis erklärt." Dies gilt aber auch für 
die von der Analyse ihrem latenten Inhalt nach als typisch erkannten 

i) Auch auf die sogenannten experimentelleriTräumefälU hierneues Licht. 
Die apphzierten Reize werden im Sinne der erlebten Ursituation interpretiert 
(Stellung der Gliedmaßen usw.), um so mehr, als sie meist vom Experimentator 
unbewußt so gewählt werden (Auflegen von Gesichtsmasken, Nasenreiie, Fuß- 
sohlenkitzel usw.), 

a) Dies gilt auch für die sogenannten Zahnreizträume, die bereits Jung 
bei Frauen als Geburtsträume agnoszierte (s. Traumdeutung, 5. Aufl. 191 1, S. 300 
Fußnote, sowie das dort von mir mitgeteilte Traumbeispiel). Im Sinne der hier 
dargelegten Auffassung ist das tertium comparalionis der typische leichte Aus- 
fall des Zahnes, der die Schwere des Traumas (Schmerzen) kompensieren soll, 
bieser Grundbedeutung lassen sich dann leicht die bisher gegebenen Deutungen 
unterordnen (Geburt, Todesbefiirchtung, Kastration, Masturbation usw.). 



Die symbolische Anpassung 77 

Träume, von denen ich hier zunächst den sogenannten Geburtstraum 
anführen möchte. Dieser stellt nach meiner Erfahrung den Wunsch 
(oder die Ablehnung) eines eigenen Kindes regelmäßig durch Repro- 
duktion des eigenen Geburtsaktes bzw. der Intrauterinsituation (im 
Wasser) dar. Der Richfungswechsel, der in der Darstellung der Geburt 
(des Herauskominens) durch das Hineinstürzen (ins Wasser) liegt, er- 
klärt sich eben als gleichzeitige Darstellung des Traumas (Sturz) und 
der Rückkehrtendenz, welche es wieder aufzuheben strebt. Diese Nöti- 
gung, dem zeitlichen und topischen Regressionsanspruch' im mani- 
festen Traumbild gleichzeitig gerecht zu werden, ist für das Verständ- 
nis der Träume von ausschlaggebender Bedeutung. Sie erklärt nicht 
nur die Freuds che Beobachtung, daß die sogenannten „biographischen 
Träume" in der Regel von rückwärts nach vorn zu lesen sind (d. h. 
wunschgemäß mit dem Intrau terinzustand enden), sondern legt es 
nahe, von der ümkehrungstechnik einen weit ausgedehnteren Gebrauch 
bei der Deutung von Träumen zu machen, wobei der sekundäre Sinn 
der sogenannten progressiven Tendenzen in ihrem Verhältnis zu den 
regressiven deutlich greifbar wird. Die Doppelschichtung, die am 
besten in den Geburtsträumen zu beobachten ist, ' äußert sich meist im 
Auftreten zweier Generationen oder in Wiederholungen von Situationen 
(z. B. des Geburtsaktes selbst, wie auch im Heldenmythus) und zeigt 
deutlich, wie die Mutleridentifizierung (aus dem Ödipuskomplex) dazu 
benützt wird, um gleichzeitig Mutter und Kind darzustellen und zwar 
letzteres mittels Reproduktion des eigenen Geburtsaktes. 

Diese Träume sind so der beste Beweis für die urnarzißtische Ten- 
denz des Traumunbewußten und dafür, daß es gar nichts anderes als 
die Situation darstellen kann, die den Ürnarzißmus in der vollkommen- 



1) Siehe Freud;-Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre. 
a) Siehe auch meine frühere Abhandlxmg: Die Symbolschichtung im Weck- 
traum. Jahrb. IV, 1912. 



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I 



7^ Das Trauma der Geburt 

sten Weise befriedigt, ja geradezu verkörpert.' Damit bekommt auch 
die von Jung sogenannte Deutung auf der „Subjektstufe", mit der so 
viel anagogischer Mißbrauch getrieben wurde, eine reale Basis, ebenso 
wie alle angeblich prospektiven Tendenzen, auch des Traumes, als Pro- 
jektionen der Mutterleibssituation in die Zukunft zu entlarven sind.' 

Schließlich sei hier seines allgemeineren Interesses wegen noch i 

eine typische Form des Angsttraumes besprochen, die uns zu zeigen ver- 
mag, wie alle vom Träumer und vom Traumdeuter dem Traum unter- 
legten prospektiven Tendenzen die Wirkung der Urverdrängung des 
Geburtstraunias darstellen . Es sind dies die sogenannten R ei se träume, 
deren charakteristische Details sich mit Leichtigkeit aus dem Urtrauma 
verstehen lassen; Nichterreichen des Zuges, Kofferpacken und Nicht- 

i) Es gehört dieser Darstellungsmodus am eigenen Körper, mit eigenem 
Material einer gaiii primitiven Stufe der Entwicklung an, wie sie beispielsweise 
im hysterischen Anfall wiederhergestellt wird (Ferencüis „Gebärdensprache") 
und auf die Freud zuerst aufmerksam gemacht hat, indem er zeigte, wie der 
Hysterische an sich selbst auch die Aktion des gewünschten Liebespartners 
(z. B. die Umarmung) darstellt (Allgemeines über den hysterischen Anfall, 1909 
und: Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität, 1908). — 
Man halte dazu die interessanten Beobachtungen von Köhler an den Anthro- 
poiden, die das Gewünschte dadurch zum Ausdruck bringen, daß sie es durch 
Andeutung am eigenen Körper vormachen. So deutete eine Schimpansin die Um- 
armung, die ihr Herr an ihr vornehmen sollte, dadurch an, daß sie sich ihre 
ArmeumdeneigenenKörperlegte. (Zur Psychologie der Schimpansen. 1911.) 

a) Die sogenannten telepathischen Träume lassen sich analytisch leicht als 
Projektionen der Ursituation in die Zukunft auflösen, wie überhaupt der ganze 
moderne Okkultismus, der auf der altindischen Wiedergeburtssymbolik ruht, 
sich restlos aus dem Urtrauma und seiner projektiven Verarbeitung (Astrologie) 
verstehen läßt, Nehmen doch die Okkultisten beispielsweise richtig an, daß im 
Traum Erinnerungen an Dinge wiederkehren, die im Vorleben des Träumers 
von Bedeutung waren; nur daß sie dieses Vorleben weiter zurück projizieren. 

Anderseits entspricht die Gnmdidee der Telepathie einem in die Zukunft pro- 
jizierten, antizipierten dija vu, etwas schon einmal Erlebtem, was gleichfalls nur 
auf die vorgeburtliche Existenz bezug haben kann. (Vgl- dazu auch das inter- 
essante von Dr. Szilägyi unter dem Titel „Der junge Spiritist" veröffentlichte 
Materia], Zsch. IX/5, 1923. Zitiert nach Abschluß dieser Arbeit.) 



1 ' 



Die symbolische Anpassung 79 

fertigwerden, Gepäckverlieren usw,, was im Traum so peinlich emp- 
fanden wird, ist nur zu verstehen, wenn man die Abreise im Sinne 

jf der Trennung von der Mutter auffaßt und das Gepäck (Koffer) als 

symbolischen Ersatz für den Mutterleib, der ja auch durch alle Arten 
von Fahrzeugen ersetzt wird (Schiff, Auto, Bahnkoupe, Wagen usw.). 
Die anscheinende Todessymbolik (StekeP) ist darin ebenso vorbewußt 
wie etwaige prospektive Tendenzen (Lebensreise). Das Unbewußte :■, 

: kann die Trennung, die Abreise, ja selbst das Sterben, nur im Sinne ; 

; . der wunscherfüllenden Rückkehr in den Mutterleib auffassen, da es ' 

gar keine andere Wunschtendenz kennt und darstellen kann. Die Um - A 

kehrungstendenz, die jede Fortbewegung im Traume doch wieder 
nur als eine Rückkehr auffassen muß, erklärt eine ganze Reihe sonst 

; unverständlicher Traum Situationen mit einem Schlage' (siehe vorhin 

die Umkehrung der Geburtsrichtung) und zeigt wieder, daß gerade die ' - ' 

anscheinend höheren psychischen Funktionen (nicht nur im Traume), 
wie Form, Orientierung, übrigens auch alles Zeitliche, ^ gerade mit den 

i) jjDie Sprache des Traumes", xgu, wo im Anschluß an die Traumfor- 
schungen Freuds eine reiche Sammlung der sogenannten „Todessymbolik" ,. 
' zusammengestellt ist. — Auch im Kapitel „Mutterleibs träume" finden sich eine 
I Reihe guter Beobachtungen, die jedoch über das rein Praktische der „Symbol- 1 

^ deutung"nurmitderVermutunghinausgehen,daßeiiieErinnerungsspur vielleicht 

das materielle Substrat für den Geburtstraum liefern mag. 
i , 2) So erklärt sich die Abneigung so vieler Menschen, gegen die Fahrtrichtung ■ 

' zu sitzen. Es ist dieselbe Urverd rängung, die den mythischen Personen verbietet, i 

auf ihrem Wege rückwärts zu blicken (Versteinerung), die das verkehrt 7U Pferde > 

' Sitzen des verspotteten Helden (Christus!) bewirkt und noch in der Redensart .' 

nachklingt: Das Pferd beim Schwanz aufzäumen. — Die entsprechende lustvolle 
' Situation zeigt das kindliche R e i s e s p i e 1 (Kutscher, Eisenbahn usw.), wobei im '\ 

Sinne der Mutterleibssituation (Wagen, Schiff, Coupe usw.) der vom Erwachsenen 
als lächerlich empfundene Man gel der Fortbewegung gerade das eigentb'ch 

wunscherfüUende Element bildet (Siehe dazu Peer Gynts kindliche „Fahrt" , 

mit der toten Mutter, an die dann seine Weltreise anschließt). 
' " 3) Bei Frauen, die man in der Schwangerschaft — bis knapp zur Entbindung — 

zanalysieren kann, erweist sich, daß die Zeiten und besonders die Zahlen zurück- , 

gehen aufSchwangerschaftund Geburt (Monate,Jahre, Kinder, Geschwister usw.), 



8o Das Trauma der Geburt 

allerttefsten unbewußten Wünschen zusammenhängt, nicht nur das rein 
Körperliche (Sensationen, Stellung, Lage usw.). Die von Silberer in 
ihrer Bedeutung gewiß überschätzte „funktionale" Deutung einzelner 
Traumelemente, in der wir immer schon einen „Widerstand gegen 
die analytische Deutung vermutet haben, erweist sich hier als unmittel- 
bare Folge einer Fluchttendenz vor dem eigentlich Verdrängten. Aller- 
dings folgt diese Tendenz gebahnten psychischen Wegen, die wahr- 
scheinlich auch in der psychischen Entwicklung des Einzelnen von der 
Verdrängung des ürtraumas zur Entwicklung der sogenannten höheren 
Funktionen führt. 

Bevor wir uns von der Traumsymbolik ?,um allgemeinen Verständ- 
nis der Symbolik überhaupt uqd ihrer Verwendung im Dienste der 
Kulturanpassung wenden, möchten wir noch besonders betonen, daß 
unsere Auffassung von der durchgreifenden Bedeutung des Geburts- 
traumas ihre stärkste Stütze in der analytischen Traumdeutung findet, 
deren detaillierte Darstellung ich mir darum für einen größeren Zu- 
sammenhang aufsparen muß. Hier sei nur hervorgehoben, daß die ein- 
gangs erwähnten analytischen Erfahrungen uns in den Stand setzen, 
die in der Analyse sehr frühzeitig entdeckte „Mutterleibsphantasie", 
wie sie seit Freud an zahlreichen in der analytischen Literatur mit- 
geteilten Beispielen gezeigt wurde, real zu fundieren. Da die Konse- 
quenzen dieser Erfahrungen von ungeheurer Tragweite zu sein scheinen, 

wobei besonders die Geburtstage eine Rolle spielen, auf denen übrigens die 
meisten Analysen von Zahlen einfallen berulicn, Es darf dabei nicht wunder- 
nehmen, wenn im Unbewußten weniger die aus unserer Sonnenrechnung stam- 
mende Neunzalil fder Schwangerschaftsmonate) als die dem „natürlichen Kalen- 
der" (siehe Note i S. 75} entsprechenden Zahlen zw finden sind, ähnlich wie 
auch in der Mythologie die heiligen Zahlen zwisclien Sieben, Neun, Zehn 
schwanken. So gibt es beispielsweise in Mexiko 9 Unterwelten, in Neuseeland 10 
(„die unterste Schicht meto oder Verwesungsgeslank ist der Ort, wo der Prozeß 
der Umwandlung des verwesenden Leichnams in die Gestalt eines Wurmes sich 
vollendet". Danzel, Mexiko I, S. 21). In China beenden sich die zehn HöUen- 
regionen tief im Innern der Erde und heißen „Gefangnisse der Erde" uaw. 



.i^. 



Die symbolische Anpassung 8 t 

soll kein Zweifel daran gelassen werden, was damit gemeint ist. Daß 
es ein Rückphantasieren in den Mutterleib gibt, ist ebensowenig zu 
bestreiten' wie die von Silberer an schönen Beispielen von „Sperma- 
tozoenträumen" aufgezeigte Wunsch tendenz, noch weiter in der Ent- 
wicklung, also in den Körper des Vaters zurückzugehen/ Doch sind 
dies wie bemerkt Phantasien, die z. T. sogar an gehörte oder gelesene 
Aufklärungen über die Sexualvorgänge anknüpfen. Aus der Analyse 
von Kurträumen ergibt sich aber mit zweifelloser Sicherheit, daß in 
den Träumen vielfach direkte, gänzlich unbewußte Reminiszenzen 
bzw. Reproduktionen der individuellen Intrauterin Stellung oder der 
Besonderheiten des Geburtsaktes vorliegen, die aus keiner bewußten 
Erinnerung oder Phantasiebildung stammen können, weil sie nieman- 
dem bekannt sein konnten. Natürlich verwertet der Traum dann auch 
nachträglich über die eigene Geburt Gehortes, oft aber in so charak- 
teristischer Weise, daß man sich genötigt sieht, dem unbewußten Ein- 
druck (der oft im wahren Sinne des Wortes ein „Eindruck" war) des 
Träumers gegen die bewußte Erinnerung recht zu geben. Daß der 
Aufenthalt im Leib des Vaters reproduktionsfähig sei, möchte ich nicht 
behaupten, im Gegenteil scheint es mir, daß es sich bei diesen „Sper- 
matozoenträumen", wenn man ihre Analyse unter Berücksichtigung der 
hier dargelegten Gesichtspunkte fortführt, letzten Endes doch wieder 
um Mutterleibsträume handelt, die mittels eines später erworbenen 
bewußten Wissens umgearbeitet sind.^ Ja, oft genug erweisen sich die 
sogenannten „Vaterleibsträume" insoferne direkt als verkappte Mutter- 
leibsträume, als ja der einzige Weg, um wieder in die Mutter zu kom- 



i) Die klassische Darstellung bietet ein 179g unter einem Pseudonym erschie- 
nenes Buch „Meine Geschichte eh' ich gebohren wurde. Eine anständige FoBse 
vom Mann im grauen Rocke" (Neudrucke literarhiBtorischer Seltenheiten Nr. z, 
Berlin o. J. Ernst Frensdorff). 

2) Silberer: „Sperma tozoen träume" und „Zur Frage der Spermatozoen- 
tfäume". Jahrbuch IV, 1912. 

3) Dies hat bereits Winterstein (Imago (I, 1915, S. 319) richtig vermutet. 
S Rank 



82 



Das Trauma der Geburt 



men, die Rückkehr zum väterlichen Spermatozoon ist. So entsprechen 
diese Träume keineswegs Phantasien von der Rückkehr in den „Vater- 
leib", die vielmehr nur als Mittel benutzt wird, um sich neuerlich vom 
Vater zu trennen und so dauernd mit der Mutter zu vereinigen. Denn 
die Fötalsituation, mindestens in der letzten Zeit der Schwangerschaft, 
und die Geburtssituation sind dem Individuum als solchem doch 
unmittelbar gegeben und als solche zweifellos reproduktionsfähig. Wir 
behaupten also nicht mehr und nicht weniger als die Realität der 
„Mutterleibsphantasie", wie sie sich im kindlichen Leben, in den 
neurotischen Symptomen und in der physiologischen Schlafsituation 
(Traum) tatsächlich offenbart. 

Wenn wir versuchen, die nächste Konsequenz aus dieser Tatsache 
zu ziehen, so müssen wir darauf gefai3t sein, verschiedenen Einwen- 
dungen zu begegnen, die uns vor allem gerade die sogenannte Realität, 
d. h. die Außenwelt entgegenhalten werden, an der ja schließlich doch 
die Macht des Unbewußten, und wenn wir uns sie auch noch so groß 
vorstellen, ihre natürliche Grenze finden müsse. Nun wollen wir ge- 
wiß nicht so weit gehen, die reale Außenwelt zu leugnen, obwohl 
gerade die großartigsten Denker in der menschlichen Geislesgeschichte, 
zuletzt noch Schopenhauer in seiner idealistischen Philosophie, sich 
einer solchen Einstellung stark annähern. Die „Welt als Vorstellung' , 
d. h. als meine individuelle Vorstellung in meinem Ich, hat eben doch 
gute psychologische Gründe, deren analytische Aufdeckung die Realität 
der Außenwelt nicht einschränkt und doch die Macht der „Vorstellung" 
erklärt. Wenn wir alles dem Ich als Objekt der Außenwelt Gegen- 
überstehende in das von Natur aus Gegebene und alles andere vom 
Menschen Geschaffene teilen, so ergeben sich zwei Gruppen, die wir 
als Natur und Kultur zusammenfassen können. Von der Kultur läßt 
sich nun, angefangen von den primitivsten Erfindungen, wie depi 
Feuer und den Werkzeugen, bis zu den kompliziertesten technischen 
Leistungen, zeigen, daß sie nicht nur vom Menschen, sondern auch nach 



I 



Die symbolische Anpassung ^3 



dem Menschen gebildet sind," dessen anthropromorphe Weltanschauung 
von dieser Seite her erst ihre Berechtigung erhält. Es würde zu weit füh- 
ren, diese Auffassung, die von der Ur- und Kulturgeschichte in gleicher 
Weise wie von der Analyse die stärksten Beweise erhalten hat, hier 
im Detail zu begründen. Wesentlich ist das Verständnis des psycho- 
logischen Mechanismus, mittels dessen alles „Erfinden", das eigentlich 
ein Herausfinden von etwas latent Vorhandenem ist, und somit die 
gesamte Kulturschöpfung, vor sich geht, die sich in den Mythen als 
menschliche Weltschöpfung nach dem Muster der eigenen Schöpfung 

spiegelt. 

Das Studium und Verständnis der sogenannten Traumsymbolik setzt 

uns nun in den Stand, den Akt der Kulturschöpfung bis zu seinem Ur- 
sprung im tiefstenUnbewußtenzurückzu verfolgen. Aus der verwirrenden 
Fülle des kulturellen Tatsachenmaterials, welches die Menschheil in 
vieltausendjährigem Fortschreiten immer wieder aufs neue aus der 
gleichen alten Ursehnsucht produziert, wollen wir hier nur ein einziges, 
bereits zum Verständnis der infantilen Angst herangezogenes Beispiel 
besprechen, das uns mitten in unsere Kultursphäre hineinversetzt, 
eleichzeitigaber den Rückblick auf die Entwicklungsgeschichte gestattet. 
Es handelt sich um das Zimmer, den Raum, der für das Unbewußte 
reeelmäßig das weibliche Genitale vertritt, wie noch unser Sprach- 
ffebrauch vom „Frauenzimmer" verrät;' undzwarimletztenGrundedas 
einzige dem Unbewußten bekannte weibliche Genitale, den mütter- 
lichen Körper, in dem man sich vor dem Geburtstrauma geschützt 
und gewärmt aufgehalten hat. Es ist nun nach kulturhistorischen 
Untersuchungen gar kein Zweifel, daß ebenso wie der Sarg und seine 

i) Siehe Ferenczis Hinweis aufdie„Psychogenese der Mechanik" ^.Iniago V, 
iQiq) und die dort litierten Arbeiten von Mach, E. Kapp u. a. Dazu: Die 
Maschine in der Karikatur, von Ing.H. Wettich (mit 260 Bildern), Berlin 1916, 
sowie: Die Technik im Lichte der Karikatur, von Dr. Anton Klima (mit 
139 Bildern), Wien 1915. 

2) Siehe Bachofens griechische Parallele dazu („Das Mutterrecht«, S. 55). 

6« 



'&=^ 



i 



84 Das Trauma der Geburt 

primitiven Vorläufer, das Baum-, Erd- und Hockergrab {Embryonal- 
stellung), einzig der Mutterleibssituation nachgebildet sind, in die man 
nach dem Tod zurückzukehren wünscht, wie die primitiven Wohnungen 
der Lebenden, mögen es nun Erdhöhlen' oder hohle Bäume gewesen 
sein', in instinktiver Erinnerung an den wärmenden, schützenden 
Mutterleib gewählt oder gemacht wurden, analog dem Nestbau des 
Vogels, der die schützende Eihülle ersetzt. Was sich später im Laufe 
der fortschreitenden Ur Verdrängung, die eine allmähliche Entfernung 
vom Urtrauma in sublimierte Ersatzbildungen des Urzustandes bedingt, 
daraus entwickelt hat, bleibt doch immer ganz offenbar mit jener realen 
Ursituation aufs tiefste verknüpft, wie das moderne Kind uns mit seiner 
Angst im dunkeln Räume verrät. Mag es die primitive Laubhütte 
(Nest) sein, oder der erste „Altar'\ der aus dem Herdfeuer (Mutter- 
wärme) hervorging, oder das Urbild des „Tempels" (wie die indischen 
Höhlentempel), der das Dach oder Haus zum Schutz dieses Feuers 
darstellte; oder die überdimensionalen orientalischen Tempelbauten, 
die der himmlischen und kosmischen Projektion dieser menschlichen 
Stätten entsprechen (Babelturm), welche im giiechischen Tempelbau 
mit seinen den primitiven Baumstamm ersetzenden und die mensch- 
lichen Beine repräsentierenden Säulen und seinen formenreichen 

i) Amerikanisches Material zur Geburtshöhle bringt Roheini in einem Ar- 
tikel: Primitive Man and Environment (Internat. Journal of Psycho an alysis II, 
1921, p. 170 pp). Von den reiclilich zitierten Quellen ist besonders W. Mathews 
erwälinenswert, der die Geburlssymbolik in den betreffenden Mythen erkannt 
hat (Mythe at Gestation and Parturition. Americ. Anthropol. TV, 190», p. 737)- 

2) Emil Lorenz hat in einer Studie: Der politische Mythus, Beiträge zur 
Mythologie der Kultur (Imago V!, igaounderweitert separat 1922), anknüpfend 
an Jungs mythologische imd Ferenczis biologische Gesichtspunkte auf diese 
symbolische Bedeutung eindringlich hingewiesen und für das Verständnis der 
„Anpassung der Wirklichkeit an unsere Wünsche und Bedürfnisse unter dem 
bestimmenden Einfluß des Urtypus der durch die Mutter- Imago vermittelten 
ersten Auseinandersetzung des Icliganzen mit der Welt" den Begriff des „psychi- 
schen Integrals" vorgeschlagen (S. 57 der Separatausgabe). 



Die symbolische Anpassung Sj 

Kapitalen (Köpfen)die höchste künstlerischeldealisierung dieses mensch- 
lichen Usprungs erreichte, wie er im Hohen Lied naiv versinnbildlicht 
erscheint; oder die gotischen Kirchenbauten des Mittelalters mit ihrer 
Rückkehr zu den aufstrebenden und doch drückenden dunkeln Ge- 
wölben; oder schließlich die amerikanischen Wolkenkratzer mit ihrer 
glatten Körperfassade und den Liftschächten im Innern : überall handelt 
es sich um eine über die bloße „Symbolbildung" des Traumes, ja auch 
der Kunst hinausgehende Reproduktion, d. h. schöpferische Gestaltung, 
welche in angenäherter Form den Ersatz der Ursituation gestattet. 

Von diesem simpelsten Fall der „symbolischen" Realpassung ergeben 
sich die weitesten Perspektiven für das Verständnis der gesamten mensch- 
lichen Kulturentwicklung: Die Kinderstube, die vom Beutel des Kän- 
guruhs und dem Nest, über die Windeln und die Wiege sich erweitert 
zu dem dem mütterlichen Körper instinktiv nachgebildeten Haus,' 



i) Das Bauopfer, das ursprünglich darin besteht, ein lebendes Kind in das 
Fundament eines neuen Hauses einzumauern, soll den Charakter des Gebäudes 
als Mutterleibsersati sinnfällig machen. 

Ernst Fuhrmann, der in seinen interessanten Arbeiten auf das menschlich- 
körperliche Urbild des Profan- und Sakralbaues hingewiesen hat, als dem 
schützenden Raum, in dem der Mensch sich zur Nachtzeit verkriecht (Haiis) 
oder aus dem er die Neugeburt erwartet (Tempel), weist auch auf bemerkens- 
werte sprachliche Übereinstimmungen hin: „Das Haus entsprach also der Haut, 
es entsprach dem Wasser, in das die Sonne eingeht, und auch das ganze Wort- 
register für Dorf usw. zeigt, daß ein Untergangsbe griff damit verbunden war. 
Aus Haut wurde Hut, Hütte, Haus usw., aus Fell %vurde Ville, Bull usw. Aus 
Schaf wurde Schuppen, auch russ. Schuba, der Pelz. Aus WV, dem Wassdr, 
wurden Bect, Beih, das hehr. Haus, Ved^ der Wald im Schwedischen, das Holz 
usw. . . . Wenn ein Mensch ins Bett ging, war er im Wasser angelangt. Seine 
Decken waren die Wellen, zwischen denen er lag, und sie wurden entsprechend 
aus einer Materie gemacht, die weich und fließend war. An den Pfosten des 
Bettes wurden häufig Schnitzereien angebracht, die auf die Ungeheuer der 
Unterwelt Bezug hatten, aber auch die Engel, die Geister, die den Körper 
wieder belebten, mußten dabei vorhanden sein . . ." {„Der Sinn im Gegen- 
stand", München 1923 ; und „Der Grahbau", München 1925, bes. S. 43 u. ff.) 



ߣ Das Trauma der Geburt 



zur schützenden Stadt," zur befestigten Burg^ und von da in An- 
knüpfung an die bereits früher erfolgte mythische Anghedemng 
(Projektion bzw. Introjektion) der Natur (Erde, Kosmos) einerseits zu 
den sozialen Verschiebungs- und Ersatzbildungen begrifflicher Art wie 
Vaterland, Nation und Staat, die in der von Freud rekonstruierten 
Weiset an die Urhordengeschichte und den gemeinsamen Verzicht und 
Besitz der Urmutter in der späteren sozialen Gemeinschaft anknüpfen. 
Wie Freu d gezeigt hat, wird der Urvater von den Söhnen erschlagen. 
die in den Besitz der Multer gelangen, d. h. wieder zur Mutter zurück 
wollen, was in der Urhorde das „starke Männchen", der „Vater", als 
äußerer Widerstand und Träger der „Angst" (vor der Mutter) verhin- 
dert. Der Grund des Verzichtes ist aber, daß sie wohl — wie die primi- 
tiven orgiastischcn Totenfeiern zeigen —alle die Mutter geschlechtlich 
besitzen (Promiskuität), nicht aber alle in sie zurückkehren können. 
Dies ist das psychisch -reale Motiv der „heroischen Lüge", d.h. der 
Tatsache, daß im Mythus und Märchen immer nur ein Einzelner, und 
zwar der Jüngste, der keinen Nachfolger bei der Mutter hatte, die 

Urtat begehen kann. 

Aus diesem psychologischen Motiv heraus erfolgt auch die für die 
Menschheitsentwicklung so folgenschwere männliche Staatenbildung, 
indem es auch sozial notwendig wird, daß wieder ein Einzelner in Iden- 
tifizierung mit dem Vater dessen Platz einnehme und so den Bann der 
Unzugänglichkeit der Mutter, der im sogenannten „Mutterrecht" seinen 

soziologischen Ausdruck gefunden hatte, zu durchbrechen.* Die Auf- 
richtung der Vatermacht erfolgt also, indem die zur Ehrfurcht gemilderte 
Furcht vor der Mutter auf den neuen Usurpator der Vaterstelle, den 



i) Zur Stadt als Muttersymbol vgl. meine Arbeit: Um Städte werben, 1911. 
Die sieben Hügel Roms entsprechen den Zitzen der säugenden Wölfin. 

2) Von; Berg — verbergen: ursprünglich „Fluchtburg" (Lorenz, S. 8;-), 
5) „Totem und Tabu«, 191B. — „Massenpsychologie und Ich-Analyse", 1921. 
4) Bachofen: Das Mutterrecht, 1861 (zweiter unveränderter Abdruck 1897). 



^ 



.:- 






Die symbolische Anpassung 07 



Häuptling, Führer, König übertragen wird. Den Schutz, den er aut 
Grund von „Rechten" (Verträgen) gegen die Wiederholung des Ur- 
verbrechens, d. h. das neuerliche Erschlagen werden genießt, den ver- 
dankt er der Tatsache, daß er an Stelle der Mutter tritt, und so aus 
der teilweisen Identifizierung mit der Mutter die ihr freiwillig zugestan- 
denen „Rechte" mit übernimmt. In der sogenannten Herrschaft des 
Vaterrechts stammt also das „Recht", d.h. der gegenseitige (vertrag- 
liche) Schutz, die soziale Schonung und Achtung des anderen, aus der 
natürlichen Phase der Mutterbindung, die einerseits auf dem Schutz 
durch die Mutter (Leib), anderseits auf der aus dem Geburtstrauma 
stammenden Angst vor ihr beruht. Die sonderbare Ambivalenz gegen 
den Herrscher erklärt sich daraus, daß er geliebt, geschützt und geschont 
wird, d. h. tabu^ ist, soweit er die Mutter repräsentiert, dagegen gehaßt, 
gequält und erschlagen wird als Repräsentant des Urfeindes bei der 
Mutter. Er selbst kehrt in all den Einschränkungen (Zeremoniell), die 
seine „Rechte" oft vollständig aufzuheben scheinen, teilsweise in die 
lustvolle Ursituation zurück, an den Ort, wohin selbst der König ohne 
Begleitung und zu Fuß gehen muß. 

Dies wird besonders im „Sonnenkultus" klar, dessen Bedeutung sich 
keineswegs in der bewußten Identifizierung mit dem mächtigen Vater 
erschöpft, sondern seine tiefer liegende unbewußte Lustquelle in der 
ursprünglichen Geburtsvorstellung hat, welche die täglich auf- und 
niedergehende Sonne als das neugeborene und nächtlicherweile zur 
Mutter rückkehrende Kind auffaßt (Sonne-Sohn). Im Leben der peru- 
anischen Herrscher, dessen Zeremoniell der Sonnenidentifizierung ent- 
spricht, kommt dies deutlich zum Ausdruck: Der Inka „geht niemals 
zu Fuß, sondern wird stets in einer Sänfte getragen. Er nimmt die Nah- 
rung nicht selbst zu sich, sondern wird von seinen Frauen gefüttert. Er 
trägt ein Kleid nur einen Tag lang, dann legt er es ab und sechs Mo- 

1) Das Urtabu ist das mütterliche Genitale, das von Anfang an ambivalent 
besetzt ist (heilig- verrucht), 



88 



Das Trauma der Geburl 



l^..- 



nate lang werden diese abgelegten Kleider aufgehoben und dann an 
einem Tage verbrannt. Der Inka nimmt Nahrung nur einmal aus einem 
Gefäß, jedes Ding benutzt er nur einmal . , , Der Inka ist also an jedem 
Tage ein ganz neues Wesen, der Säugling der Frauen, der auch von 
ihnen genährt werden muß".' Der Inka ist also durchaus „eintägig", 
dauernd in statu nascendi wie Fu hrmann mit Recht zusammenfassend 
bemerkt. Einem ähnlichen Geburtszeremoniell ist aber jeder Herrscher 
mehr oder minder unterworfen. Der Priester-König auf Neu-Guinea darf 
sich nicht bewegen und muß sogar sitzend schlafen (um so für einen 
gleichmäßigen Zustand der Atmosphäre zu sorgen). — Im alten Japan 
mußte der Mikado jeden "Vormittag einige Stunden lang mit der Kaiser- 
krone auf dem Haupt auf dem Thron sitzen (noch heute die Vorstellung 
unserer Kinder vom „Regieren" ^= Allmacht auf Erden ausüben); aber 
steif wie eine Statue, ohne Hände, Füße, Kopf oder Augen zu bewegen, 
da sonst Unheil über das Land kommen würde (nach Kämpfer: Hi- 
story of Japan)." ■ * 

Der König ist also ursprünglich nicht „Vater", sondern Sohn, und 
zwar ein kleiner Sohn, infam, ein Unmündiger, „Seine Majestät das 
Kind , das von Mutters Gnaden regiert.^ Wir haben schon angedeutet, 

Puhrmana: Reich der Inka, Hagen 1922,8,52 (Kulturen der Erde, Bd.I). 

2) Der König oder Gott sitzt aber nicht „wie eine Statue", sondern die „Statue" 
verewigt nur diesen seligen Ruhezustand der Unbeweglichkeit (siehe Abschnitt 
über die Kunst). — Die Krone, diese höchste aller Kopfbedeckungen, geht letzten 
Endes auf die embryonale „Glückshaube" zurück, wie noch unser Hut, dessgp 
Verlust im Traum die Bedeutungder Trennung von einem Teil desIchs hat.— 

Das Szepter, dessen phallische Bedeutung keinem Zweifel unterliegt, 
stammt aus der primitivsten Phase der Mutterlierrschaft (Frau mit dem Penis) 
und hat für den männlichen Herrscher ursprünglich nur den Sinn, ihn — der 
wie die ältesten Priester kastriert = die Mutter war — durch diesen Ersatz wieder 
zum Mann zu machen (siehe die hölzerne Nachbildung, die Isis vom verlorenen 
gegangen PhaEus des Osiris für sich machen läßt, — Dazu Rank: Die Matrone 
von Ephesus, 1915)- 

5) Vielleicht hangt Kaiser = cfl«ßr mit schneiden zusammen : der Heraus- 
geschnittene (siehe auch „Kaiserschnitt"?). 



*. - 



Die symbolische Anpassung S^ 

wie es zu dieser frühesten Vorstufe einer sozialen Organisation, diesem 
Staat „in Kinderschuhen', gekommen sein mag. Die frühere Hoch- 
schätzung des Weibes (ihres Genitales), die noch in den alten Göt- 
tinnenkulten sichtbar ist und ihre Spuren im späteren „Mutterrecht 
hinterlassen hat, mußte durch die spätere soziale Vaterorganisation, wie 
sie Freud aus der primitiven Horde abgeleitet bat, abgelöst werden. Der 
gestrenge, aber rechtliche, nicht mehr gewalttätige Vater mußte wieder 
als „Inzestschranke" gegen die Rückkehrten denz zur Mutter aufge- 
richtet werden, womit er nur wieder seine ursprüngliche biologische 
Funktion aufnahm, die Söhne von der Mutter zu trennen. Die Angst 
vor der Mutter wird dann als Ehrfurcht auf den König und die hem- 
menden Ich(-Ideal)-Instanzen, die er repräsentiert (Recht, Staat) über- 
tragen. Die Söhne (Bürger, Untertanen) stellen sich zu ihm in der 
bekannten doppelseitigen ödipuslibido ein und die systematische soziale 
Entwertung der Frau resultiert schließlich aus ihrer ursprünglichen 
Hochschätzung als Reaktion auf die infantile Abhängigkeit, die der 
Vater gewordene Sohn auf die Dauer nicht ertragen kann.' 

Daher strebt jede mächtige und erfolgreiche Eroberernatur letzten 
Endes nach dem Alleinbesitz der Mutter' (Vateridentifizierung) und 
jede Revolution, die den Sturz der männlichen Herrschaft anstrebt. 



es 



i) Eine äußerst instruktive Illustration zu dieser biologischen Wurzel d 
„Matriarchats« bietet die von Leo Frobenius („Das unbekannte Afrika'-. 
München 1923,8.23) veröffentlichte und S. 4iff in diesem Sinne erläuterte 
Felszeichiiung von Tiut in Algerien, die einen durch die Nabelschnur 
mit der (betenden) Mutter verbundenen Jäger zeigt. 

2} Siehe L. Jekels; Der Wendepunkt im Leben Napoleons L, Imago IIJ, 
J914 und William Boven: Alexander der Große, ebenda VIII, 1922. 

Man beachte übrigens das charakteristische Bekenntnis des jungen Napoleon, 
der am 26. Oktober 1798 schreibt: „Es gibt wohl kaimi einen kleinmütigeren 
Menschen, als ich es hin, wenn ich einen militärischen Plan vorhabe . . . ich 
bin wie ein Mädchen, das seine Niederkunft erwartet. Habe ich aber 
meinen Entschluß gefaßt, dann ist altes vergessen bis auf das, was zum Erfolg 
beitragen kann" (Napoleon- Brevier, hg. von Hans F. Helmolt, Görlitz 1923). 



^0 Das Trauma der Geburt 

tendiert zur Mutterrückkehr. Veranlaßt und ermöglicht wird aber diese 
blutige Auflehnunggegen die Vaterherrschaft letzten Endes von der Frau, 
und zwar ganz im Sinne der „heroischen Lüge" des Mythus. Wie die fran- 
zösische Revolution zeigt, ist es weniger der König als die ausschweifende 
Königin,— der man übrigens charakteristischerweise den Inzest mit ihrem 
Sohn nachsagte, — überhaupt die Maitressenwirtschaft und Weiberherr- 
schaft, welche die Wut der Menge reizt und auch die hervorragende Rolle 
der Frau in den revolutionären Bewegungen mitbestimmt.' Durch ihre 
sexuelle Macht (vgl. auch die serbische Königin Draga Maschin) wird sie 
für die Geroeinschaft gefährlich, deren soziales Gefüge auf der auf den 
Vater verschobenen Angst ruht. Der König wird erschlagen, nicht um 
aus dem Joch loszukommen, sondern um sich ein stärkeres, sicher vor 
der Mutter schützendes aufzuerlegen;^ Le roi est mort, vive le roi.^ 

Denn die Frau wirkt antisozial,'' was ihren Ausschluß sowohl in pri- 
mitiven (Klubhäuser) wie in hochentwickelten Kulturen vom sozialen 
wie politischen Leben psychologisch bcgiündet.^ Der Mann schätzt sie 

i) Sielie dazu Beate Rank; Zur Rolle der Frau in der Entwicklung der 
menschlichen Gesellschaft. (Vortrag, Wiener PsA. Vereinigung, Mai 1923). 

2) Bachofeii (S. 51) leitet das pariicidiwn des römischen Rechtes, das ur- 
sprünglich den Königs- oder Vaterniord bedeutet, von pareo =^ gebären ab. „In 
dem Worte parricidium wird der Geburtsakt besonders hervorgehoben . . . Pari- 
cidiuni ist die an der gebärenden Urmutter in irgendeiner ihrer Geburten 
begangene Verletzung". fvSieKe auch A.J. Stör f er: Zur Sonderstellung des Vater- 
mordes. Eine rechts geschichtliche und völkerpsychologische Studie, 1911). 

5) Siehe auch Paul Pedern: „Die vaterlose Gesellschaft. Zur Psychologie der 
Revolution", 1919, der zum Schlüsse kommt, daß die Menschheit eine vaterlose 
Gesellschaft auf die Dauer nicht vertragen kann. 

4.) Als Leutnant hatte Napoleon Biionaparte einen Dialog über die Liebe ver- 
faßt, in dem es heißt: „Ich halte die Liebe fürschädlichderGesellschaft, 
dem Glücke des Einzelnen; ich glaube, daß sie mehr Übles als Gutes verursacht, 
und hielte es für eine Wohltat, wenn die Gottheit die Well davon befreien wollte !" 

5) In seiner wertvollen Arbeit über „Die Pubertätsriten der Wilden" hat 
Th. Reik geieigt, wie die eigentliche Mannwerdung durch eine symbolische 
Wiederholung der Geburt, durch Ablösung von der Mutter dargestellt wird 
(Imago IV, 1915/16). 



. F^V 



Die symbolische Anpassung ' 9^ 



nur bewußterweise gering, im Unbewußten fürchtet er sie. Sie wird 
darum auch in der französischen Revolution als Göttin der Vernunft ent- 
sexualisiert und idealisiert, wie im alten Hellas die aus dem Haupte des 
Zeus geborene Athene. Die „Freiheit" (la liherte) hat immer weiblichen 
Charakter gehabt und geht letzten Endes wieder nur auf die Befreiung 
aus dem mütterlichen Gefängnis zurück (die Erstürmung der Bastille). 
Die Ausgestaltung der vaterrechtlichen Herrschaft zu den immer 
stärker vermännlich ten Staatssystemen ist also eine Fortwirkung der 
Urverdrängung, ' welche darauf hinausgeht, die Frau — eben wegen 
der peinlichen Erinnerung an das Geburtstrauma — immer weiter aus- 
zuschalten, sogar um den Preis, die so unsichere Herkunft vom Vater 
(semper iiicertus) zur Grundlage des ganzen Rechtswesens zu machen 
(Namen, Erbfolge usw.).^ Die gleiche Tendenz, den schmerzhaften 



i) Dies hat bereits Winterstein im Anschluß anBacliofen zum Verständ- 
nis der philosophischen Sjstembildungen verwertet (ImagoU, 1915, S. 194 u. 2o8), 

2) Der ursprüngliche Schwur bei den Testikeln des Vaters (tettes'), auf dem 
noch unser Eid (Fingerstellung) beruht, ist im Sinne des Unbewußten immer ein 
Meineid, da dieses mir die Herkunft von der Mutter kennt, wie die volkstüm- 
lichen Schwüre und Flüche zur Genüge beweisen, die alle in eindeutig derber 
Weise auf den Mutterleib deuten. 

Daß der Name des „Rechts" von der Körperseite abgeleitet ist, die physiologisch 
durch das Geburtstrauma weniger betroffen und also kräftiger ist, zeigt in welcher 
Weise diese biologischen Urtatsachen die Menschwerdung bestimmen. Die linke 
Seite, die in den Geburtsträumen so häufig als die gefährdete erscheint und die be- 
reits B a c h o f e n aus mythischer Überlieferung als die „mütterliche" erkaimt hatte, 
ist ja durch anatomische Besonderheiten des Menschen von Anfang an, und zwar 
ontogenetisch, zur Minderwertigkeit bestimmt (die normale Geburtsposition in 
Linkslage). So erweist sich die (ethische) Symbolik von rechts und links (= schlecht), 
auf die Stekel hingewiesen hat, im Geburtstrauma, ja im Intrauterin zustand 
verankert. Sieheauch die psychischen Besonderheiten der Linkshänder (Fl i e fl u. a. 
Autoren) sowie die Erklärung der hysterischen Hemianästhesie bei Ferenczi: 
Erklärungsversuch einiger hysterischer Stigmata („Hysterie und Pathoneu- 
rosen", 1919.) Datu in der jüdischen Mystik die Auffassung, daß das Linke 
(Weibliche) abstoße, das Rechte [Männliche) anziehe, sowie Ähnliches in der 
chinesischen Mystik (Langer: Die Erotik der Kabbala. Prag 19231 S- 125)- 



■f 



92 



Das Trauma der Gehurt 



Anteil der Frau an der eigenen Entstehung gänzlich auszuschalten, haben 
uns alle die Mythen bewahrt, in denen der Mann die erste Frau schafft. 
wie beispielsweise in der biblischen Schöpfungsgeschichte, also sozu- 
sagen das Ei vor der Henne dagewesen sein soll. 

Auf die ständige Festigung der Vatermacht scheint nun auch eine 
Reihe von Erfindungen abzuzielen, ähnlich wie die bereits genannten 
Kulturschöpfungen auf die ständige Erweiterung des Schutzes durch 

die Mutter. Wir meinen die Erfindung derWerkzeugeund Waffen, die 
eigentlich alle dem männlichen Geschlechtsorgan direkt nachgebildet 

smd,we]chcslange voraller Kultur, in der biülogischenEntwicklung.dazu 
bestimmt ist, in die spröde weibliche Materie (Mutter) einzudringen. ' 
Da dies in einem für das Unbewußte immer nur höchst unzureichenden 
Maße der Fall sein kann, wird der Versuch an den natürlichen Ersatz- 
stonen (maleria) immer wieder mit vollkommeneren Mitteln, eben 
den Werkzeugen, wiederholt, die bekanntlich als Vervollkommnung 
der anderen, natürlichen Werkzeuge (wie Hände, Füße, Gebiß) gelten. 
Diese Vervollkommnung erhält aber ihren unbewußten Antrieb von 
der Mutlerlibido, d. h. der ewig unbefriedigbaren Tendenz zum voll- 
ständigen Eindringen in die Mutter, wozu die auffällige Tatsache 
summt, daß der Penis selbst infolge der Urangst keinerlei ähnliche „Ver- 
längerung" erfahren hat wie sie die Werkzeuge für die andern Glied- 
maßen darstellen,' auf die eben diese Tendenz verschoben erscheint, 
ebenso wie die Mutter durch die materia ersetzt ist. Bei dieser mir 
ungern vollzogenen Ersetzung (Erde),^ welche die erste kulmrelle An- 
passungsleistung darstellt, scheint nun auch eine ganz entschiedene rein 

,) Priti Giese: Sexual Vorbilder bei einfachen Erfindungen, Imago III, 1914. 

1) Dagegen zur Lusterhohung im Se^ualakt selbst wie die (S. 41, Fußnote a) 
angeführten Veranstaltungen Primitiver zeigen, die wir psychologisch als „Fräser- 
vativ" vor der Angst des gänzlichen Verschlungen werdens auffaßten. 

5) Nach den (bisher noch unveröffentlichten) bioanalytischen Unters uchungeu 
Perenczis scheint die Erde selbst ein Ersatz der Urmutter aller Lebewesen, 
des Seewassers zu sein (Meer als Muttersjmbol). 



■7 






i^v.-.jtA- «Vf 



n 



Die symbolische Anpassung p} 

körperliche Abwendung vom Weibe als dem Urobjekt der Bewältigungs- 
libido stattgefunden zuhaben. Es scheint, daß wir in der Aufrichtung 
desMenschen vom Erdboden, die ja neuerdings mit der Werkzeug- 
erfindung in Verbindung gebracht wird,' den entscheidenden Schritt 
zur eigentlichen Menschwerdung, d. h. zur „kulturellen" Überwindung 
des Geburtstraumas durch Abwendung vom weiblichen Genitale und 
Anpassung an die genitalisierte Außenwelt, zu erblicken haben, die 
letzten Endes wieder nur mütterliche Bedeutung hat. 

Eng verwandt in der Genese mit den Werkzeugen sind die Waffen, 
ursprünglich vermutlich sogar identisch und wohl gleichzeitig zur Be- 
arbeitung von Material wie zur Jagd (Tötung) verwendet. Die Jagd 
selbst knüpft wieder unmittelbar an den Ersatz der mütterlichen Nah- 
rung an, und zwar um so direkter je weiter wir in der Ernährung durch 
die Mutter zurückgehen. Das warme Blut des erlegten Tieres wurde 
in direkter Fortsetzung der intrauterinen Ernährung getrunken, das 
rohe Fleisch verschlungen — wovon noch in den Verschlingungsmy then 
deutliche Nachklänge zu finden sind, wo der Held im Innern des Tieres 
von dessen Weichteilen zehrt. Die „Einverleibung" des tierischen Flei- 
sches, auf dessen mütterliche Bedeutung kürzlich Ro h ei m hingewiesen 
hat,' wird noch auf der Stufe des totemistischen Vateropfers, im Sinne 
der Intrauterlnsituation, als Begabung mit den Kräften des Verzehrten 
aufgefaßt; ähnlich wie die Löwenhaut, in die sich beispielsweise Hera- 
kles hüllt, ihm nicht bloß die männliche (väterliche) Kraft des Tieres 
verleiht, sondern die Unverwundbarkeit des in utero geschützten Kindes 
(vgl. dazu denim „Schutze" der Nabelschnur jagenden Afrikaner). Hier ist 
übrigens daran zu erinnern, daß jed^ Schutz vo r elementaren Gefahren 

i)PaulAlsberg: Das Menschheitsrätsel. Versuch einer prinzipiellen Lösung 
(1922), der allerdings umgekehrt die Menschwerdung als Resultat des Werkzeug- 
gebrauchs hinstellen möchte; und zwar ursprünglich des mit der Hand gewor- 
fenen Steins. 

2) „Nach dem Tode des Urvaters« (Kongreß Vortrag, Berlin, September 1922) 
ImagoIX, 1, 1925. 



L 



f. 



i) Dies zeigt die hlassische Überlieferung, nach der die persischen Frauen die 
panische Flucht ihrer Männer und Söhne vor den Mcdem durch Entblößung 
ihrer Scham aufhielten : rogantes mim in uUroi matrium vtl uxorum vtlint refagere. 
j" Plutarch, de virt. niulierum, 5). 

i- a) Das Einhüllen des Körpers in die warme Haut frisch geschlachteter Tiere gilt 

dem Volk noch heute als Heilmittel, weil es die vorgeburtliche Situation herstellt. 

* Die den Embryo umgebende Eihaut kannte schon Empedokles unter dem 

> Namen „Schafhaut" [s. Schultz: Dokumente der Gnosis, 1910, S. 22 u. 128). 

\ So erweist sich die noch heute vorwiegend aus tierischen Stoffen gefertigte 

'■ Kleidung gleichzeitig als körperlicher Schuti vor der Kälte {die man bei der 

Geburt zuerst erfahren hat) und als libidinöse Befriedigung durch teilweise 

Rückkehr in den warmen Mutterleib. 






l Qj Das Trauma der Geburt i 

\ oder menschlichen Angriffen (mit Waffen), von der Erdhöhle oder dem 

j ßaumloch bis zum beweglichen Schild oder Streitwagen, Unterseeboot 

und Tank, letzten Endes eine Flucht in die mütterliche Schutzhülle 

' bedeutet.* Das noch warme Fell des Tieres (Haut), das dem Menschen 

zugleich als erste Schutzhülle gegen die Kälte diente, ist so das reale 

Gegenstück zum mythischen Hineinkriechen in den warmen tierischen 

Leib." Ein Stück der Ambivalenz des späteren Tieropfers, die schon in der 

Bezeichnung „Opfer" liegt, erklärt sich aus dieser mütterlich-libidinösen 

Bedeutung und drückt das Bedauern aus, daß die teilweise Realisierung 

der Ursituation an die Tötung der Mutter gebunden ist („Sadismus"), 

iür die daher später der großartige totemistische Opfertod des Urvaters 

eingesetzt wird, ganz im Sinne der früher hervorgehobenen Ersetzung 

. des mütterlichen Libidoobiektes durch das väterliche Ichideal. 

Diesen Übergang zeigt sehr schön das große mexikanische Frühlings- 
{- fest {Ochpanixtli = Wegkehren), bei dem eine die Göttin Tlazolteotl 

l repräsentierende Frau durch Kopfabschneiden, getötet wurde. „Dann 

!" wurde dem Opfer die Haut abgestreift, die ein Priester über- 

t zog, der bei den weiteren Zeremonien nun die Göttin reprä- 

sentierte. Aus der Schenkelhaut des Opfers wurde eine Maske gefertigt 
(„Schenkelmaske'^), mit derderSohn der Göttin, der Maisgott arateo^/, 
bekleidet wurde" (Danzel, Mexiko I, S. 45). Auch in diesen seltsamen 



1 

1 



t. 



Die symbolische Anpassung pS 

Bräuchen handelt es sich um die Darstellung einer Geburt (die des 
Maisgottes), was auch durch die gespreizte Beinstellung des Abbil- 
des der Göttin versinnbildlicht wird (die mit der dem Sohn über den 
Kopf gezogenen Schenkelmaste in Verbindung zu stehen scheint). Auch 
hier zeigt sich wieder, daß der Übergang vom Mutteropfer (Göttin) zum 
Vateropfer (Priester) über den Sohn erfolgt, derauf dem Wege dieses 
Opfers wieder in die Mutter eingeht. Denn die ursprünglichen 
Menschenopfer, wie sie uns am reinsten der mexikanische Kult bewahrt 
hat, lassen keinen Zweifel daran, daß der Geopferte mit dem in die 
Mutter Zurückgeschickten identisch war und der Akt des Opferns selbst 
den Vorgang der Geburt rückgängig machen sollte' „Der Gedanke des 
Gefangenenopfers beherrschte so sehr die Anschauungen der Mexikaner, 
daß sogar das Gebären eines Kindes dem Erbeuten eines Gefangenen 
verglichen wurde. Die Frau, die ein Kind geboren, ist der Krieger, der 
einen Gefangenen gemacht hat, und die Frau, die im Kindbett gestor- 
ben ist, ist der Krieger, der in die Hände der Feinde gefallen und auf 
dem Opfersteine getötet worden ist' (Danzel, Mexiko I, S. 2g).' Dem- 
entsprechend finden wir zum Fest Toxcatl einen Knaben als Opfer, der 
ein Jahr lang als der Gott verehrt wurde, als dessen Repräsentant er 
geopfert werden sollte. Dieses Jahr entspricht der oben angeführten 
Embryonal dauer von 260 Tagen, während deren der Knabe beständig 
von acht Pagen timgeben war; während der letzten 20 Tage wurde 
ihm ein Mädchen (als neunter Begleiter) beigegeben (nach Fuhr- 
mann, Mexiko III, S. 15). 

Wir glauben die „Symbolik" als das wichtigste Mittel zur Realan- 
passung in dem Sinne verstanden zu haben, daß aller „Comfort", den 



1) In den mexikanischen Bilderhandschriften wird der Geopferte meist als 
ein mit eingezogenen Gliedmaßen kopfabwarts Stürzender darge- 
stellt (s, Danzel, Mexiko, Bd. I). 

2) Diese Auffassung wird psychoanalytisch erläutert von Alice Bilint: Die 
mexikanische Kriegshieroglyphe athlachinolli (Imago IX, 4, 1925). 



96 



Das Trauma der Geburt 



Zivilisation und Technik fortwährend zu steigern suchen, nur durch 
immerwährende Substitution das Urziel zu ersetzen sucht und sich 
dabei im Sinne der sogenannten Entwicklung immer weiter davon ent- 
fernt. Daraus erklärt sich der sonderbare Charakter des Symbols und 
die eben so sonderbare Reaktion der Menschen darauf, die es in einem 
gewissen Zusammenhang leicht erkennen, in einem anderen aber ent- 
rüstet ablehnen. Denn die vom Menschen geschaffene Realwelt selbst 
hat sich uns als eine Kette ununterbrochen erneuerter Symbolbil- 
dungen erwiesen, die aber nicht bloß einen Ersatz für die verlorene 
Urrealität darstellen sollen, die sie möglichst getreu nachbilden, sondern 
gleichzeitig so wenig als möglich an das daran hängende Urlrauraa er- 
innern dürfen. Dies erklärt u. a. auch das Problem, wieso eine moderne 
Erfindung, wie beispielsweise der „Zeppelin" , als u n be w u ß tes Symbol 
verwendet werden kann: weil er nämlich selbst nach dem unbewuß- 
ten Urbild gestaltet ist, das sich darin nur selbst wieder erkennt. Daß 
es sich auch bei allen praktischen Erfindungen letzten Endes um nichts 
anderes als um die Verminderung der äußeren Widerstände gegen eine 
möglichst ausgiebige, dem Urzustände möglichst angenäherte Libido- 
befriedigung handelt, zeigt die Analyse des Erfinderwahns, die Kiel- 
holz in einer schönen Arbeit versucht hat.' In einzelnen seiner Fälle 
ist offensichtlich, daß die Kranken, welche das perpetuum mobile oder 
die Quadratur des Zirkels finden wollen, damit das Problem des Dauer- 
aufenthalts im Mutterleibe (ev. die Schwierigkeit der Größenverhält- 
nisse) lösen wollen; in anderen Fällen von elektrischen Erfindungen 
(Apparat, wo warme Ströme unsichtbar hindurchgehen) u. ä. dürfte eine 
eingehendere Beschäftigung mit dem Wahnsystera der Kranken dessen 
Bedeutung als Reaktion auf das Geburtstrauma klarstellen.' 

i) „Zur Genese und DynamikdesErfiaderwahns." Kongreßvortrag, Berlin 1922. 

2) Siehe Tausks Vennutung, daß die „elektrischen Ströme" der Schiio- 
phrcncn vielleicht die Empfindung der ersten Nerven- und Muskelfunktionen 
des Neugeborenen darstellen (1. c. S. 28 Kote). 



i 



Die symbolische Anpassung ^7 

Haben wir so die „Symbolbildung" als das eigentlich menschliche 
Urphänomen erkannt, das den Menschen zum Unterschied vom Tier 
befähigt, statt der Veränderung des eigenen Körpers (Autoplastik* 
wie beim Giraffen, der sich „nach der Decke", d. h. dem Futter streckt), 
die Außenwelt in derselben Weise als genauen Abklatsch des Unbe- 
wußten zu gestalten (Alloplastik), so erübrigt noch, mit einem Worte 
auch des eigentlich intellektuellen Ausdrucksmittels zu gedenken, das 
gleich dem aufrechten Gang den Menschen vom Tier fundamental un- 
terscheidet: der Sprache und ihrer Entwicklung. Die merkwürdige 
analytische Erfahrung, daß einerseits die Übereinstimmungen in der 
Symbolik als einer lautlosen Universalsprache" über die Sprachgrenzen 
weit hinausgehen, anderseits verblüfTende sprachliche Gleichklänge und 
Anklänge sich bei Völkern finden, bei denen eine direkte Beeinflussung 
gänzlich ausgeschlossen erscheint, wird mit einem Schlage verständlich, 
wenn wir die Symbolik nicht als Niederschlag der Sprachbildung, son- 
dern diese als Fortentwicklung der „Ursymbolik" verstehen. Daß auch 
die Träume der Tiere, die eine Fötalentwicklung durchmachen, die 
Mutterleibssituation reproduzieren, ist anzunehmen, nur fehlt ihren 
Darstellungen der sprachliche Ausdruck, der für den Menschen charak- 
teristisch ist. Wieso gerade der Mensch dazu gekommen ist, hängt 
natürlich mit der phylogenetischen Entwicklung der höheren Zentren 
und Funktionen zusammen, aber ein Stück weit geht ja — auch noch 
in der individuellen Entwicklung des Einzelnen — die Entstehung und 
die Funktion des tierischen Lautes dem Urstadium der artikulierten 



i) Nach Ferenczi: Hysterische Materialisationsphänomene (Hysterie und 
Patlioneurosen, 1919, S. 24); dortselbst ist auch bemerkt, „daß in der Hysterie 
ein Stück der organischen Grundlage, auf die die Symbolik im Psychischen über- 
haupt aufgebaut ist, zum Vorschein kommt" (S. 39). 

2) Schon Schelling betonte in einer Jugendarbeit, daß die „älteste Sprache 
der Weh keine anderen als sinnliche Bezeichnungen der Begriffe kannte". — 
Siehe auch die Arbeit von Hans Apfelbach: Das Denkgefühl, Eine Untersu- 
chung über den emotionellen Charakter der Denkproiesse. Wien igaa. 
7 Rant 



98 



Das Trauma der Gehurt 



Sprache parallel. Die erste Reaktion nach dem Geburtsakt ist der Schrei, 
der vermutlich als gewaltsame Aulhebung der Atemnot ein Stück Angst 
mit abführt (entspannt). ' Derselbe Schrei wird dann als Verlangen nach 
der Mutter wiederholt, wobei die beim Saugen an der Brust geübte 
Lippenstellung als Wunschmoment zur Formung der allgemein mensch- 
lichen Silbe ma führt.'' Hier ist die Bildung des Lautes aus dem Sym- 
bol in statu nascendi zu erfassen;^ denn die zum Saugen geformten 
Lippen stellen den ersten Ersatz der Mutter durch einen sozusagen auto- 
plastischen Ansatz dar, dessen Mißlingen wieder nur den ersten unlust- 
vollen Angstschrei auslöst, welcher die Trennung von der Mutter signa- 
lisiert. Dieser Auffassung fügt sich die Theorie vom sexuellen Lock- 
rufzwanglos ein, der auf der geschlechtlichen Stufe ja nur das Verlangen 
nach Wiedervereinigung mit dem Objekt wiederholt. Natürlich ließe 
sich auch in der Wort- und Sprachbildung, die späterhin immer mehr 
sexualisiert wird, ein gutes Stück der Ursymbolik als fortlebend und 
fortwirkend nachweisen,* wie ja auch noch auf der nächsten Ersatzstufe 
für das Wort, nämlich in der Schrift und ihrer Vorstufe der Zeichnung 
(Bilderschrift) die Symbolik eine große Rolle spielt, die dann der Künst- 
ler durch Wiederentdecken und seine besondere Art der Reproduktion 
für den ästhetischen Genuß nutzbar zu machen weiß, während ihre 
peinlichen Angstwirkungen in der Analyse der Sprachstörungen (Stot- 
tern — Steckenbleiben), sowie in den Neologismen u nd dem Sprach- 

1) Vom auegepreßten Schrei führt nach Pfeifers phylogenetischer Theorie 
ein direkter Weg mr Stimmbildung und zum Gesang (Kongreß Vortrag, Berlin, 
Sept. 1922). Der Weg zur Musik scheint nach Schlüssen aus Analysen nicht vom 
Geburtstrauma, eondem von der Intrauterinsituation unmittelbar abiuiweigen. 

2) Siehe dam S.Spieltein: Die Entstehung der kindlichen Worte Papa und 
Mama. Imago VIII, 1922. 

5) Die amerikanische Schule der behaviourins läßt die Werte im Kehlkopf 
zuerst plastisch geformt werden. 

4.) Siehe Hans Sperber: Über den Einfluß sexueller Momente auf Entstehung 

und Entwicklung der Sprache. Imago I, 1912; und Berny: Zur HypoÜiese des 
sexuellen Ursprungs der Sprache, ebenda II, 1913. 



Die symbolische Anpassung S^ 

zerfall der Geisteskranken wieder auf die ursprüngliche Symbolbe- 
deutung regredieren.' - ,. 

Nachdem wir so den Umkreis menschlicher Schöpfung als Versuch 
zur Realisierung der Ursituation, d. h. zur Rückgängigmachung des Ur^ 
traumas, vom nächtlichen Wunschtraum bis zur Realanpassung durch- 
messen haben, wobei sich der sogenannte Fortschritt der Kulturent- 
wicklung als eine ständig wiederholte Anpassung der triebhaften Tendenz 
der Rückkehr zur Mutter an die erzwungene Entfernung von ihr erwiesen 
hat, wollen wir, dem Gang der Kulturentwicklung folgend, an diesem 
Punkt devüberdeutlichen Annäherungan das Urtraumadem Ruf: Zurück 
zur Natur ! folgen. Sehen wir uns aber das Verhältnis des Menschen zur 
Natur näher an, so erkennen wir darin eine nur noch deutlichere Art der 
anthropomorphen Angleichung, die darauf hinausläuft, alles kosmisch 
Gegebene im gleichen Sinne des Unbewußten zu apperzipieren wie die 
Kultur es zu reproduzieren strebt. In der Naturmythologie sehen wir die 
großartigen Überreste dieser vielleicht primitivsten Anpassungsleistung 
sowohl im phylogenetischen wie auch im ontogenetischen Sinne. Denn 
das Neugeborene könnte gar nicht leben, wenn es nicht sofort den ihm 
zunächst liegenden Teil der Außenwelt und damit letzten Endes diese 
selbst sofort zum Mutterersatz machen würde: seien es nun die Hände 
der Hebamme oder das warme Wasser, späterhin dieWindel, das Bettchen, 
das Zimmer usw. — Das phylogenetische Gegenstück sehen wir in den 
Mythen, wo zunächst die greifbare Erde, später gerade wegen seiner Un- 
erreichbarkeit der Himmel als schützende Mutterhülle erscheinen. Vor 
der Erde vertritt das Wasser in Angleichung an das Intrauterinleben den 
mütterlichen Urquell, während der Sonne als Wärmequelle diese Bedeu- 
tung zufällt, die noch in der „Symbolik" des Feuers fortlebt. Die Gebirge 
mit ihren Grotten undHöhlen,mitihrer Bewaldung (Haar) werden aisrie- 
sige Urmutter mit besonderer Betonung des schützenden Charakters ange- 

i) Vgl. Freud: Das Unbewußte, 1915 (Kl. Sehr. IV, S. 329 u. ff.). 
7- 



100 



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■' ; 



Das Trauma der Geburt f 



1 

V 



sehen. Mit fortschreitender Erkenntnis der Unzulänglichkeit all dieser ge- 
gebenen Ersatzbildungen kommt es teils zur realen Schöpfung womöglich 
vollkonimenererKulturbildungen.und, so weit auch dies unzureichend 
ist, parallel damit zu den großartigen kompensatorischen Phantasiebil- 
dungen vom naiven Paradies und dem himmlischen Fortleben, oder vom 
realistischen Schlaraffenland oder idealistischen Sehnsuchtsland Orplid. 
Soweit es sich dabei um Schöpfungen des Menschen handelt, also um 
Kultur im engsten und weitesten Sinne, haben wir es mit Realanpas- 
sungen und Phantasieergänzungen zu tun, die vom biologisch-instink- 
tiven bis zum bewußt-sozialen Tun reichen und unter dem Gesichtspunkt .^ 
derAnpassung der Realität an das Unbewußteals eigentliches 

Entwicklungsprinzip des Menschen betrachtet zu werden ver- 
dienen.' Soweit es sich um die Einbeziehung der Natur in diesen 
durch das lange menschliche Fötalstadium gegebenen „Symbolkreis 
handelt, haben wir den Mechanismus der mythischen Projektion voruns, 
mittels deren der Mensch allein imstande ist, die gegebene „Natur' im 
Sinne dieser angeborenen Urformen zu apperzipieren. So erklären sich 
die Weltschöpfungs- und „Welteltern"-raythen, welche uns im Prozeß 
der kosmischen Angleichung den großartigsten Versuch zur Rückgängig- 
machung des Urtraumas, zur Verleugnung der Trennung von der Mutter, j 
aufbewahrt haben." Die erste bewußte Anerkennung dieser Trennung 
bleibt der erkenntnistheoretischen Erfassung des Gegensatzes von Ich 



i) Biologische Vorstufen dazu im Tierreich zeigt Brun: Selektionstheorie 
und Lustprinzip.Iiitem.Zschr.f.PsA.IX, 2, 1925. — Ansätze schon hei Ferenczi: ,v 

Hysterische Materialisationsphänomene, 1919, S. 31. J 

2) Ähnlich die Weltuntergangsphantasien (Schieber) und -my then, welche in ^'. 

der radikalste« „Trennung" die innigste Wiedervereinigung (Auflösung ins All) 
erreichen. — Die Sintflut, die ja ein neues Weltzeitalter einleitetj ist nichts ; 

anderes als eine „universelle" Reaktion auf das Geburtstrauma, wie auch die |, 

Natursagen" von der Entstehung der Erde oder der Meere zeigen. Hierin ^ 
scheint überhaupt der Schlüssel zum Verständnis der Überlieferungen vom 
neuen Weltzeitalter zu liegen, die ich an anderer Stelle behandeln werde. 



h 



Die symbolische Anpassung lOl 

und Nicht-Ich vorbehalten, nachdem die philosophische Spekulation 
sich am Urproblem der „Identität" erschöpft hatte, das letzten Endes 
in der physiologischen Beziehung von Mutter und Kind beschlossen 
liegt. 



- 



Die heroische Kompensation 



i- 



Wenn wir von unserem neugewonnenen Standpunkt aut die psycho- 
analytische Mythenforschung zurückblicken, so bemerken wir. daß hier, 
wo das Material mit universaleren Ausdrucksmitteln als in den Neu- 
rosen und Psychosen spricht, uns die Bedeutung des Geburtstraumas 
zuerst nahegebracht worden war. Schon der „Mythus von der Geburt 
des Helden", den der Scharfblick Freu ds als Kernproblem der Mythen- 
bildung erkannt hatte, hätte uns volle Klarheit darüber verschaffen 
können, wenn wir jener analytischen Erfahrungen teilhaftig gewesen 
wären, die uns ermutigt hätten, diesen „ Kinder märchen" einen noch 
größeren Wahrhclts- und Realilätsgehalt zuzugestehen und diese Pro,ek- 
tionsphänomene nach der Anweisung Freuds' restlos in Psychologie 
zurückzuübersetzen. Statt dessen hat diemenschliche Neigung, auf jede 
zu deutliche Annäherung an die Erkenntnis dos Urtraumas mit Ver- 
drängung zu reagieren, später zu einer Vernüchtigung der Einsicht in 
den anagogisch-ethischen Mythendeutungen Jungs geführt. 

Der Mythus von der Geburt des Helden beginnt bekanntlich mit 
der Situation des Kindes im schützenden Mutterleib (Kästchen), wo es 
bereits vom Vater verfolgt wird, der das Kind — im Sinne der ür- 
wunscherfüllung — gar nicht zur Welt kommen lassen will. Das 
ganze weitere Schicksal des Heros ist nun nichts anderes als die Aus- 
wirkung dieser Situation, d.h. die Reaktion auf ein besonders schweres 
i) Siehe; Zur Psychopathologie des Alltagslebens (letzter Abschnitt). 



r 



Die heroische Kompensation lO) 



Geburtstraunia, das durch überkompensatorische Leistungen, unter 
denen die Wiedergewinnung der Mutter an erster Stelle steht, über- 
wunden werden mui3. 

Denn diese als Heldentaten bekannten Leistungen dienen auch im 
Mythus, genau wie in der Neurose und allen anderen Schöpfungen 
des Unbewußten, der Wiedergewinnung der ürsituation in der Mutter, 
wobei natürlich der Vater gleichzeitig als Hauptobjekt des Widerstandes 
bekämpft wird. Wie wir im Neurotiker den Menschen erkannten, der 
den Uraffekt der Angst aus dem Geburtstrauma nicht ohne Schaden 
Überwinden kann, so repräsentiert der Heros den angstfreien Typus, 
der ein anscheinend besonders schweres Geburtstrauma durch kompen- 
satorische Wiederholung in seinen Taten zu überwinden sucht. Daher 
ist der Held in der nachträglich gebildeten (infantilen) Wunschphantasie 
regelmäßig ein aus dem Mutterleib Geschnittener, dem also das Angst- 
trauma von Anfang an erspart geblieben ist. Anderseits zeigt dieses 
Motiv im Sinne des Mythus von der Geburt des Helden, wie schwer es 
dem Heros von Anfang geworden ist, den schützenden Mutterleib zu 
verlassen, in den er hinter der Maske aller noch so kühnen Reform- und 
Eroberertaten immer wieder zurückzukehren strebt. Auch das Motiv der 
heldischen Unverwundbarkeit erklärt sich als eine Art Daueruterus, 
den der Held als Panzer, Hornhaut oder Helm (Tarnkappe) mit zur W^elt 
bringt,' der aber doch durch die einzig sterbliche Stelle, die ,, Achilles- 
ferse", verrät, wie stark einst auch der Held rein körperlich an die 
Mutter fixiert war." Deswegen wird im Motiv der Aussetzung, das 

i) Auch die die trojanischen Helden in Gefahr verhüllenden „Wolken" oder 
Nebel" der Athene gehören hierher. — Manchmal wird der Held in voller 
Rüstung geboren, wie Uitzilopochtli, der Stammesheros der Azteken. 

2) Im Gegensati zum „geschütien" Kopf (Glückshaube, Krone), der den 
Mutterleib zuerst verläßt, sind meist die Füße, die zuletzt herauskommen, der 
schwache Teil. Wie die Achillesferse, übrigens auch die geschwollenen Füße 
des Ödipus, zeigen, dürfte es sich um diejenige Korperstelle handeln, die tat- 
säcUicli das mütterliche Genitale beim Anstritt zuletzt berührt hat; dies würde 



_ji--- 



■^ 



jOA Das Trauma der Geburt 



>■ 
■VI 



gleichzeitig die Rückkehr zur Mutter und das Trauma der Geburt 
darstellt (Hineinstürzen), eine zweite und schmerzlosere Ablösung von 
der Mutter durch phantastische Reproduktion der UrsituatJon versucht, 
während das Motiv der zwei Mütter, das Jung als Wiedergeburts- -p 

Symbol auffaßt, durch deren Charakterisierung als Mutter und Amme Jj 

(Tiersäugung) direkt auf das zweite Trauma der Entwöhnung hinweist. ^ 

Wie den Mythen dabei, genau wie den Neurosen, ganz reelle Remi- "^ 

niszenzen an die beiden erlebten Urtraumen zugrunde liegen, möge ein 



W^ 






kurzer Hinweis auf den Heraklesmythus illustrieren, der ausdrücklich *i 
berichtet, wie schwer die Geburt des Herakles gewesen sei. Und 
aus seiner Säuglingszeit wird eingehend geschildert, daß das von der 
Mutter ausgesetzte, d. h. aus ihrem Leibe ausgestoßene Kind von der 
Gottermutter Hera selbst an die Brust gelegt wurde. Aber der kräftige 
Knabe bereitete ihr, wie die Sage weiter erzählt, solche Schmerzen, daß 
sie das Kind unwillig zu Boden warf.' Eine deutlichere Erinnerung an 
diese frühesten Traumen darf man selbst in der Analyse kaum erwarten, 
es sei denn in Form neurotischer Reproduktionen, die sich aber in 

der heroischen Überkompensation als Heldentaten manifestieren. ;| 

Weit naiver als die unter dem Zeichen der mythischen Kämpen- ^- 
sation erfolgende Heroenbildung verraten die Kindermärchen, d. h. 

die Märchen, in denen der Held selbst noch als Kind, also vorwiegend ,"_ 

H 

auch erklärlich machen, wieso dieser schwache Punkt später zum „symbolischen-' | 

Vertreter des eigenen Genitales werden kann (Fuß = Penis ; Kastratioiisangst!). > 

Auch die Adlersche Theorie von der Organmiiiderwertigkeit und ihrer 7, 

Überkompensation (Achilleus heißt der „Schnellfüßige"), die der Autor hereditär- 1 

embryologisch zu begründen versuchte, scheint individuell in der Reaktion auf r: 

das Geburtstrauma verankert. i; 

1) Siehe: Der Mythus von der Geburt des Helden (.1909, 2. Aufl. 1922, ■', 

S. 58/59), wo noch ähnliche Überlieferungen angeführt sind. f 

Auch Achilleus, der spätere Heros der äolischen Auswanderer, tragt in i 

seinem Namen das Zeichen des Entwöhnungstraumas; er heißt der Uppenlose I 

{a-xeii(.os) , weil seine Mutter ihm im Feuer, wo sie ihn unsterblich machen ^ 

wollte, eine Lippe verbrannt hatte. ] 

■ 

< 

■ ^ 



Die lieroische Kompensation JOJ 



leidende Person auftritt, die typische Reaktion auf das Urtrauma. Neben 
dem bereits analytisch gewürdigten Geburtsmärchen vom Rotkäppchen, 
das sogar die Asphyktie des aus dem Wolfsbauch geschnittenen Kindes 
und seinen Blutandrang zum Kopfe (Rotkäppchen) nicht vergißt — (und 
seinen Varianten: sieben Geißlein usw.)' —, sei hier nur, als die viel- 
leicht eindeutigste Darstellung des Geburtsthemas, das Märchen von 
Hansel und Gretel genannt, welches aus dem die Kinder verschlingen- 
den Tier wieder die böse Urmutter (Hexe) macht und zeigt, wie die 
postnatale Situation der Lebensnoi" (Hunger) durch immer neue Dar- 
stellungen des mühelos ernährenden Mutterleibes ersetzt wird : im Schla- 
raffenlandmotiv vom eßbaren Haus, im Käfig, wo man so dick gefüttert 
wird, daß man schließlich heraus muß, aber nur, um wieder in den 
heißen Backofen zu kommen. ^ 



i) Siehe meine Psychoanalyt. Beiträge zur Mythenforschuiig, 2. Aufl., S. 67, 
, 2) Ich möchte es hier dahingestellt sein lassen, inwieweit die urgeschicht- 
liche Not der Eiszeit, die im Mythus von der Sintflut dargestellt sein soll, aus 
der individuellen Urgeschichte ihre näher liegende Erklärung findet. Kennt ja 
doch das Unbewußte den plötzlichen Temperaturwechsel, die Gegensätze von 
warm und kalt, als typische Reproduktionen des Gehurtstraumas, sowohl im 
Traum als auch in gewissen neurotischen (vasomotorischen) Störungen wie Fro- 
stein, Erröten usw. Jedenfalls scheint diese individuelle Erfahrung nicht ohne 
Einfluß auf unsere Vorstellung von der „Eiszeit" gewesen zu sein, deren 
wissenschaftliche Erfassung keineswegs noch gelungen ist. Wahrscheinlich ist 
daß es sich nicht um eine, sondern um mehrere ganz langsam fortgeschrittene 
Abkühlungsperioden handelte, die der einzelne überhaupt nicht als solche wahr- 
genommen hahen kann. — Im übrigen ließen sich beide Auffassungen mittels der 
bioanaly tischen Katastrophentheorie Ferencais auf dem Boden der Phyloge- 
nese vereinigen. 

Sehr hübsch bemerkt Fuhrmann, daß die Märchen ursprünglich Winter- 
märchen seien, d. h. daß man sie nur im Winter erzählt hat, um sich über die 
langen dunkeln Monate hinwegzutrösten. (Das Tier in der Religion, München 
1912, S. 55). — Man vgl. übrigens auch ebendort seine Deutung der dänischen 
Sage vom König Lindwurm im Sinne des Geburts Vorgangs (S. gi ff-)- 

5) Die bekannte Geburts Symbolik des Brotes und Backens, die Fuhrmann 
zuletzt dargestellt hat (s. : Der Sinn im Gegenstand, S. 6). 



io6 Das Trauma der Geburt 

Ein zweiter Typus von Märchen führt nicht mehr das Kind in 
seinen unmittelbaren Reaktionen auf das Geburtstrauma vor. sondern 
den herangereiften Jüngling in seinem Liebesleben. Diese beliebten 
Erzählungen vom erfolgreichen Märchen prinzen,' der die ihm von 
Anfang an bestimmte Jungfrau erlöst und gegen alle Brüder -Kon- 
kurrenten für sich gewinnt, läßt sich im Sinne unserer Ausführungen 
über das Sexualtrauma, d. h. die Reaktion der Urlibido auf die Genita- 
lität, verstehen. 

Während im Geburtsmythus der Heros von der Mutter gerettet, d. h. 
im Mutterleib — vor dem Vater — geborgen wird," um später als 
sozialer und ethischer Reformer den Kulturfortschritt gegen die alte 
Vatergeneration durchzusetzen,^ zeigt uns der Familienroman des Mär- 
chenprinzen die Revancherettung der Mutter- (oder Tochterfigur) aus 
der Gewalt des bösen Tyrannen. Die typischen Erlösungsmärchen 
verraten uns aber, wieso er dazu imstande ist, und was die furchtlose 
Überwindung all der schrecken erregenden Abenteuer letzten Endes 
bedeutet. Die typischen Details der Erlösungssituation zeigen mit 
aller Deutlichkeit, daß die Rettung der Frau aus dem Todesschlaf 
nichts anderes darstellt, als die mittels der „heroischen Lüge" erfolgte 
Umwertung des eigenen Geburtsaktes. Die Schwierigkeit und Gefähr- 
lichkeit des Herauskommens ist dabei durch die Schwierigkeit des Ein- 



■ i) Der dem Heldenmythus zugrunde liegende und im Märchen ganz naiv 
durchbrechende „Familienroman" hat neben der bewußten Erhöhungs- 
tendenz und der unbeivußten Vaterablehnung noch den letzten Sinn der Rück- 
gängigmachung der eigenen Geburt überhaupt, 

2) Typus : Menachenfressermythen. Ansätze zu ihrer Analyse in meiner Ab- 
handlung: Die Don Juan-Gestalt (Image VIII, igaa). 

5} Als „Städtegründer" versucht er wieder die Ursituation des mütterlichen 
Schutzes zu realisieren. 

Noch in der Psychogenese des geistigen Roformers, des intellektuellen Heros, 
wie ihn vielleicht am deutlichsten Nietzsche repräsentiert, erkennen wir im 
„Freimachen" von allem Überkommenen, Konventionellen die gleiche Tendenz 
der Loslösung. 



Die heroische Kompensation 



loy 



dringens (Dornröschen, Waberlohe, rutschiger Glasberg, Klappfelsen) 
ersetzt und der endgültige Durchbruch der schützenden Hülle im Auf- 
schneiden des Panzers, öffnen des Sarges oder Auftrennen des Hemdes 
dargestellt, in dem das Mädchen eingeschlossen erscheint. Daß alle diese 
Handlungen auch offenkundige Defloration ssymbole darstellen, bestätigt 
nur die Auffassung, daß es sich im Koitus selbst um die lustvolle Um- 
arbeitung des Eindringens in die Mutter handelt, wobei das physiolo- 
gische Ideal der Virginität sich nicht bloß als Verleugnung, sondern 
auch als direkten Ersatz des mütterlichen Ideals erweist.' Die für das 
Verständnis der Märchen wichtige Tatsache, daß regelmäßig hinter der 
genitalen BedeutungderSymboleanch die Geburtsbedeutung steht,' weist 
wieder auf die doppelte Lust-Unlustqualität des Geburtsakts hin und 
zeigt, wie die aus dem Geburtstrauma stammende Angst durch die 
„erlösende" Liebe überwunden werden kann. So ergibt sich, daß die 
Rettung der schlafenden Frau durch den furchtlosen Helden die Ver- 
leugnung der Geburtsangst zur Grundlage hat. Dies zeigt sich dann 
deutlich in jenen Fassungen, wo der Held nach Tötung des Drachens, 
aus dem er die Jungfrau befreit, 3 selbst in einen todesähnlichen Schlaf 
verrällt, während dessen ihm der Kopf abgehackt und nachher wieder 
verkehrt aufgesetzt wird* (Geburtssituation). Der Todesschlaf ist dabei 
wie in allen Zuständen der Hypnose, Starrheit (Versteinerung) usw.. 



i) Das Eindringen wird um so lustvoller, je mehr es an die Schwierigkeiten 
des Herauskommens erinnert. Anderseits verringert die Virginität die Urangst, 
da dort noch niemand drin gewesen sein kann, worüber bekanntlich kein Mann 
hinwegkommt (Hebbel, Maria Magdalena). Vgl. auch Freuds Abhandlung: 
Das Tabu der Virginität. 1918 (Kl. Schriften, IV. Folge.) 

2) Als ein Beispiel dieser, man möchte sagen „phylogenetischen" Symbolik sei 
auf das Märchen vomFroschkönig verwiesen, wo der Frosch den Penis, aber 
auch den Foetus bedeutet. 

5) In der babylonischen Kosmologie wird aus dem Leib des entzweigeschnit- 
tenen Ungeheuers Tiamat die Welt gemacht. 

4) Z. B. im „Brüderinärcheii". Siehe meine Psychoanalyt. Beiträge a. Mythen- 
forschung, a. Aufl. Kap. VI, S, iigff. 



lOS Das Trauma der Geburt 



ebenso aber auch im Traum und allen neurotischen wie psychotischen 
Zuständen, als ein typisches Detail der intrauterinen Situation repro- 
duziert. ' 

Hier wird auch klar, warum es gerade immer der Jüngste sein muß, 
der als Heros vor seinen Brüdern erscheint. Sein Attachement an die 
Mutter beruht nicht bloß auf den psychischen Motiven der Zärtlichkeit 
und Verwöhnung (Muttersöhnchen), sondern diese selbst hat biologische 
Gründe. Er bleibt sozusagen auch rein körperlich immer mit ihr ver- 
bunden, da nach ihm kein anderer den Platz in der Mutter eingenom- 
men hat (Virginitätsmotiv), er also wirklich der einzige ist, für den die 
Rückkehr in den Mutterleib und das Verbleiben dort möglich wäre, 
für den es sich sozusagen lohnt. Wohl aber versuchen die älteren Brü- 
der — vergebens — ihm diesen Platz streitig zu machen, den er trotz 
der für ihn charakteristischen „Tumpheit" erringt und behauptet. =" 
Seine Überlegenheit besteht eigentlich darin, daß er als Letzter kommt, 
der die anderen sozusagen vertreibt, darin wieder dem Vater ähnlich, 
mit dem er allein sich aus dem gleichen Motiv schließlich zu identifi- 
zieren vermag. 

Zum Typus der Erlösungsmythen gehört auch die biblische Para- 
dieslegende, wo in direkter Umkehm ng des wirklichen Vorgangs 

i) Hierher gehört aizch das in anekdotischer und novellistischer Form darge- 
steUte Thema der Befnichtung (Koitus) im Schlafe. (Siehe : Heinr. v. K 1 e i s t : Die 
Marquis cvon O ... Die Dichtung und ihre Quellen. Mit einem EegleJtwort hrg. 
von Alfred Klaar.) 

2) Diese Torheit, die sich immer auch als sexuelle Unerfahrenheit manifestiert 
(so schläft Parzival einige Nächte bei der Geliebten ohne sie zu berühren), scheint 
der ursprünglichen Li hid ob efriedigungs -Situation zu entsprechen, wie afrika- 
nische Erzählungen zeigen, die Frobenius bei den Hamiten des Nilgebietes 
hörte. Dort schläft häufig ein Konigssohn monatelang bei einer Priniessin; 
jede Nacht „umschlingen sie sich mit den Beinen" und „saugen sie sich fest an 
den Lippen". Nach Monaten erfolgt die Entdeckung. Der Prinz wird um ein 
Haar geopfert. Da wird sein Rang entdeckt, die Hochzeit gefeiert und das Bei- 
lager. Und in der Hochzeitsnacht „fand er eine undurchbohrte Muschel, und das 
Blut netzte die Leinewand" {„Das unbekannte Afrika", S. 77). 



k 



Die heroische Kompensation lO^ 

das Weib aus dem Mann geschnitten, d. h. der Mann „heldenhaft" 
geboren wird, da auch hier er es ist. der in den Todesschlaf ver- 
fällt. ' Die darauffolgende Vertreibung aus dem Paradies, das für uns alle 
das Sjmbol des unerreichbaren seligen Urzustandes geworden ist, stellt 
wieder nur eine Wiederholung des schmerzlichen Geburtsvorganges, der 
Trennung von der Mutter — durch den Vater — dar, der Mann und Frau 
in gleicher Weise unterworfen sind. Der auf die Erbsünde der Geburt 
folgende Fluch; Mit Schmerzen sollst du deine Kinder gebären, verrät 
unverhüllt das der ganzen Mythenbildung zugrunge liegende Motiv, 
das Urtrauma rückgängig zu machen, dessen unvermeidlich fortwir- 
kende Wiederholung im Fruchtgleichnis ausgesprochen ist. Das Verbot, 
die Paradiesesfnicht vom Baum zu pflücken, erweist sich im Sinne des 
Geburtstraumas als der gleiche Wunsch, die reife Fmcht nicht vom 
mütterlichen Stamm zu trennen, wie im Mythus von der Geburt des 
Helden die ursprüngliche Feindseligkeit des Vaters, der den Helden 
gar nicht zur Welt kommen lassen will. Auch die auf die Übertretung 
gesetzte Todesstrafe zeigt deutlich, daß das Vergehen des Weibes in der 
Abtrennung der Frucht, d. h. der Geburt besteht und auch hier 
wieder erweist sich der Tod im Sinne der Rückkehrtendenz als wunsch- 
hafte Reaktion auf das Geburtstrauma. 

Wie ich bereits im „Mythus von der Geburt des Helden" angedeutet 
und in der „Lohengrinsage" breit ausgeführt habe, gilt dies für alle 
mythischen Überlieferungen vom Tod des Helden, was sich in der Art 
seines Sterbens und in den Bestattungssitten aller Völker und Zeiten 
in einer auf den ersten Blick vielleicht überraschenden, unserem Un- 
bewußten aber recht vertrauten Weise offenba rt. ' Und zwar keineswegs, 

i) Das Einblasen des Odems durch die Nase weist wieder auf diebegleitende 
Atemnot des Neugeborenen hin. Die spatere griecliische und neutestanientliche 
Pneumakonzeption hat hier ihre Wurzel. 

. 2) In der Polarzone wird der Tote in einen mit Haut überzogenen prisnia- 
fischen Behälter in Hockcrstelluag gesetzt; ähnlich übrigens im alten Ägypten, 
noch vor der Periode der Einbalsamierung, in lusanimengekauerter Stellung in 



jjQ Das Trauma der Geburt 



wie Jung auB dem manifesten Inhalt geschlossen hat, durch die Wieder- 
geburtsidee, die ja von vornherein wieder mit dem Todesfluch belastet 
wäre (Seelenwanderung), sondern durch die unbewußte Auffassung des 
Todes selbst als dauernde, ewige Rückkehr in den Mutterschoß. „Alle 
Geburt sinkt wieder in den Mutterschoß zurück, aus welchem sie ernst, 
durch des Mannes Tat erweckt, ins Reich des Lichts hervortrat. Ja die 
Alten erkennen gerade in der Wiederaufnahme des Toten die höchste 
Äußerung der Mutterliebe, die Ihrer Geburt in dem Augenblick die 
Treue bewahrt, in welchem sie von allen anderen verlassen dasteht . . . 
(Bachofen).' Sehr schön hat Bachofen dies an der todbringenden 
Nemesis gezeigt, die aus dem (Vogel-) Ei stammt.' sowie an einer Reihe 
anderer antiker Unterwelts- und TodesgöttJnnen. „Wir sehen, wie diese 
Anschauungsweise durchaus eine Eselin und eine weibliche Typho (im 
Oknos-Mythus) erforderte und erkennen den inneren Zusammenhang, 
welcher die Eselin mit den eigestalteten Todesmüttem des lykischeu 
Harpyenmonumentes, mit der Beisetzung der ägyptischen Königstochter 
im Leibe der eigens angefertigten Kuh (Herod. 2, 151), mit der gorgo- 
nischen Minerva steriler Todesnatur, mit der Vorsiellung von großen 
Grabesmüttern und mit der demetrischen Benennung der Verstorbenen 

ein Fell eingehüllt (Fuhrmann: Der Grabbau). In Neuguinea befinden sich die 
Grabstätten unter den Frauenhäusem. Bei den späteren Kulturvölkern bekommt 
der Tote seine Frau mit ins Grab, oder, wenn er unverheiratet war, ein Witwen- 
oder Mädchenopfer, das später durch die sogenannten „Totenkonkubinen" (nackte 

weihliche Tonfiguren) ersetzt wurde (Handw. d. Sex. Wiss.). 

i)„Oknos,der Seilfl echter." Erlösungsgedanken antikerGräbersymbolik (Neu- 
ausgabe; München 1925, S. 81). Das Oknos-Motiv gehört in die Reihe jener 
Unterwelts-Arbeiten, die wir im nächsten Abschnitt als Umwandlungen der Ur- 
lust-Situation in eine peinvolle Straf Situation verstehen werden: er flicht das 
Seil unaufhörlich, dessen anderes Ende von der Eselin verschlungen wird 
(Nahelschnurfixierung !). 

2) „Auf dem Lycischen Harpyenmonument bildet das Ei selbst den Vogelleib. 
Ei und Henne fallen also hier ganz zusammen. Was der Mythus durch Tochter 
(Leda)- und Mutterverhältnis nebeneinanderateUt, gibt die bildende Kunst in 
voller Durchdringung" („Mutterrecht", S. 7off.). 



Die heroische Kompensation III 

aufs engste verbindet. Überall erscheint das Weib als Träger des Todes- 
gesetzes und in dieser Identifizierung zugleich als liebreiche und als 
finster drohende Macht, voll der höchsten Zuneigung, aber auch des 
höchsten Ernstes, wie die mütterlich gestalteten Harpyen und die alles 
stofflichen Lebens Gesetz in sich tragende ägyptisch-phönizische Sphinx 
(Oknos S.83). Dies erklärt nach Bachofen auch, warum die Männer 
von den antiken Trauerriten ausgeschlossen waren (siehe die „Klage- 
weiber" an der Leiche Hektors urid die trauernden Frauen am Fuße 
des Kreuzes) und das „weibliche' Totenzeremoniell, wie es auch im 
deutschen Volksaberglauben in einzelnen unverstandenen Bräuchen 
weiterlebt. So die Süddeutschen Totenbretter, die keinen anderen 
Zweck hatten, als dem Toten die Berührung mit dem mütterlichen 
Holze zu vermitteln; ferner ihn mit den Füßen nach auswärts aus dem 
Hause zu tragen — also in der umgekehrten Geburtsstellung — und 
hinter ihm Wasser (Fruchtwasser) auszuschütten." 

Wie dieses einfache naturmythische Muttersymbol die für das Reli- 
giöse charakteristische Umgestaltung zum Bilde ewiger Strafe erfährt, hat 
gleichfalls bereits Bachofen in besonders schöner Weise am Dana'iden- 
mythus, gezeigt („Oknos" S. 89 ff.). Wenn also selbst die Todesstrafe, die 

in der biblischen ErzählungdieVertreibungaus dem Paradies wiederholt 
und verschärft, letzten Endes als die definitivste Wunscherfüllung des 
Unbewußten erscheint, so steht dies in vollem Einklang mit der infan- 
tilen Auffassung des Sterbens als Rückkehr an den Ort, woher man ge- 
kommen ist. In den Mythen vom Paradies und dem goldenen Zeitalter 
haben wir die lustbetonte Darstellung dieses Urzustandes vor uns. 



1) Nach L r e n z I. c. S. 77. Siehe dortselbst auch den Grabspruch an den Toten 
und die Erde aus dem Rigveda (X 18, 49 und 50); „Krieche nun ein hier in die 
Mutter Erde, in die weiträumige, breite, hochheilvoUe. Wolleweich ist die Erde 
dem Opferlohngeber, sie heschütie dich auf deiner Weiterreise." — „Hebe dich 
empor, o du breite, drücke nicht niederwärts, sei ihm leicht zugäng- 
lich und leicht einläßlich. Wie die Mutter den Sohn mit dem Zipfel 
bedecke du ihn, o Erde." 



JI2 



Das Trauma der Geburt 



während die sogleich dualist ischauftretenden großen Religionssysteme, 
im Sinne der zwangsneurotischen Ambivalenz, die ethischen Reaktions- 
bildungen gegen das Auftauchen der angstbesetzten Rücksehnsucht 
und die Versuche zu ihrer Sublimierung darstellen. 



: 



ii 



Die religiöse Suhlimierung 

Die letzte Tendenz aller Religionsbildung liegt in der Schaffung eines 
helfenden und schützenden ürwesens, in dessen Schoß man aus allen 
Nöten und Gefahren flüchten kann und zu dem man schließlich in 
ein jenseitiges, zukünftiges Leben zurückkehrt, welches das getreue, 
wenn auch stark sublimierte Abbild des einmal verlassenen Paradieses 
ist. Am konsequentesten ist diese Tendenz ausgebildet in der die ge- 
samte antike Weltanschauung zusammenfassend abschließenden christ- 
lichen Mythologie, mit ihrem reich bevölkerten Himmel, der aller- 
dings eine Wiedervermenschlichung der altorientalischen Himmels- 
mythologie darstellt, an die dann in einem späteren Verdrängungsschub 

die mittelalterliche Astrologie mit ihrenGeburts-Horoskopen' wie- 
der anknüpft, um dann schließlich in der wissenschaftlichen Astro- 
nomie, die noch reichlich iin bewußt-phantastische Elemente enthält 
zu münden. 

Wie sich das altanlike Weltbild, das in der babylonischen Welt- 
anschauung kulminierte, letzten Endes entwickelt hat, könnte uns 
nur die psychologische Analyse lehren, denn soweit die Überlieferung, 
auch in bezug auf die Bildwerke, zurückreicht, sehen wir immer nuj" 
ein ferriges scheinbar ganz astrales Weltbild, Über dessen Genese aus 
der babylonischen Kultur zunächst keine Auskunft zu holen ist. Ein 

i) Die Astrologie konnte man eigentlich als die erste Lehre vom Geburta- 
trauma beieichoen; Des Menschen ganzes Wesen und Schicksal wird davon 
bestimmt, was im Momentseiner Geburt (am Himmel) vorgeht. 
8 Rank 






Das Trauma der Geburt 
114 



„euexer Versuch dieser Art von Hermann Schneider, „die lungstein- 
zeitliche Sonnenreligion im ältesten Babylonien und Ägypten nach- 
zuweisen, scheint mir insofern nicht ganz geglückt, als der gelehrte 
Verfasser m sehr darauf ausgeht, das zu finden, ^vas er sucht und dabei 
dem Material vielfach Zwang antun muß. Jedenfalls ergibt sich aber, 
daß das von ihm herangezogene Material der vorbabylonischen Siegel- 
bilder aus der Zeit um 4000 v. Chr. stammt, wo uns bereits „die ganze 
Symbolik der jungsteinzeitlichen Sonnenreligion, die wir aus den nor- 
dischen Felszeichnungen kennen", als fertiges Produkt entgegentritt 
(1 c S 11) Erst wenn man sich um die psychische Genese ebensosehr 
kümmert wie um die historische Bestimmung, ist man imstande, das 
ganze ProblemderEntwicklungdieser jungsteinzeitlichen Sonnen- 

religion zu erfassen. 

Das astrale Weltbild, das uns hier scheinbar fertig entgegentritt, .st 
- wie ich an anderer Stelle ausführlich begründen werde - das spate 
Produkteines langen psychischenEntwicklungsprozesses der Projektion. 

auf den im Laufe der folgenden Ausführungen noch einiges Licht 
fallen wird. Hier genügt es, hervorzuheben, daß auch nach Ansicht 
Schneiders diese ganze Entwicklung „von der Wertung des Feuers 
ausgehen" mag, das auch „als Sonne am Himmel steht", wie es „im 
warmen Menschen- und Tierleib gegenwärtig ist (1. c. S. 4)- Liegt hier 
der mütterliche Ursprung des Sonnenkults auf der Hand, so mag eine ein- 
fache Danebenstellung des „Sternenkults" primitiver Völker, der Cora- 
Indianer, veranschaulichen, wie auch diese „religiösen" Vorstellungen 
tief im Verhältnis des Kindes zur Mutter wurzeln. Der Sternenhimmel 
wird dort mit der Unterwelt identifiziert, da an beiden Orten Nacht 
herrscht. So ist er der Ort des Todes. In diesem Zusammenhang gelten 
die Sterne als die verstorbenen Vorfahren, die durch ihr Eingehen in 
die Unterwe lt zugleich am Nachthimmel auftauch eiKDa^ber^u^-; 

1922, g. 27. JahrgangV 



Die religiöse Sublimierung IIS 

Unterwelt alle Vegetation emporwächst, so ist der als Spiegelbild der 
Unterwelt gedachte Nachthimmel zugleich ein Ort der Fruchtbarkeit. ^ 
In altmexikanischen Mythen werden die Sterne als Opfer bezeichnet, 
welche der Sonne beim Untergehen als Nahrung dienen, die ohne diese 
Speise sich nicht erneuern könnte. Die irdischen Menschenopfer sind, 
wie Preuß ausführt, großenteils nur Nachahmungen dieses Opfers der 
Sterngottheiten {1. c. p. XXXV). 

Ganz abseits, ja direkt entgegengesetzt dieser antiken Projektion ins 
MakTofcosraische führt der andere große Zweig der altorientalischen 
Religionsentwicklung, die mystische Versenkungslehre Ahindiens. in 
den menschlichen Mikrokosmos hinein und gelangt dort bis zum tiefsten 
Punkt der Überwindung des Geburtstraumas in der Seelenwanderungs- 
iehre. Den ausgesprochen „therapeutischen" Charakter dieser religiös 
gefärbten Philosophie und Ethik, der „Yogapraxis", hat erst kürzlich 
F. Alexander in einer ausgezeichneten Studie,^ auf der Darstellung 
von Heiler^ fußend, aufgezeigt und dabei auf die Ähnlichkeit mit dem 
analytischen Verfahren hingewiesen.'' Das Ziel all dieser Übungen ist 
das Nirwana, das lustvolle Nichts, die Mutterleibssituation, zu der noch 
Schopenhauers halb metaphysischer Wille einzig zurückzukehren 
sich sehnt. Der Weg dazu ist, ähnlich dem analytischen, die Versetzung 



i) Preuß: Nayarit-Expedition, p. XXVII u. XXX (zit. nach Storch 1. c.) 
3) Der biologische Sinn psychischer Vorgänge. Eine psychoanalytische Studie 

über Buddhas Versenkungslehre. Imago IX, 1, 1925. (Kongreßvortrag, Berlin, 

Sept. J922-) 

3) Die Buddhistische Versenkung. München 1922, 

4) Neuere Versuche, wie der von OscarA. H. Schmitz, „Psychoanalyse und 
Yoga" zu verbinden, zeugen nur von der unzulänglichen psychologischen Er- 
fassung beider Erscheinungen, die einander höchstens in gewissem Sinne ersetien 
könnten. — Die Tendenz zur Modernisierung alter Formen der Überwindung 
des Geburtstraumas verrät nur die Ünverwüstlichkeit des Regressionsdranges, 
dessen Quellen übrigens Schmitz an einem Punkte seiner Darstellung, in An- 
lehnung an psychoanalytische Gedankengänge, nahekommt. [Psychoanalyse und 
Yoga. Darmstadt 1925, S. 89.) 



Il6 



Das Trauma der Gehart 



in eine dem Embryonalzustand angenäherte Situation des hmdammern- 
den Meditierens, dessen Ergebnis, nach Alexander tatsachhch exn 
weitgehendes Rückerinnern an die Intrauterinsituation ermöglicht 

Den kürzlich erschienen Untersuchungen von Haner^ verdanken 
wir die Zugänglichkeit der altindischen Schilderungen ekstatischer 
Erlebnisse, die in unzweifelhafter Weise den Sinn all dieser Veran- 
staltung erkennen lassen. Der Brahmacarin, der geweihte Brahmanen- 
Schüler, der sich mit der geheimen Zauberkraft zu erfüllen trachtet, 
die für den Inder den Urgrund des Seins bedeutet, muß während semer 
Einv^eihung (üpanayana) einen dreitägigen hypnotischen Schlafzu- 
stand durchmachen. Es heißt von ihm, daß er drei Tage im Mutter- 
leib des Lehrers ruht: „Der Lehrer, der den Schüler einführt, macht 
ihn zum Embryo in seinem Innern. Drei Nächte trägt er ihn im 
Mutterleib. Dann gebiert er den, den zu schauen die Götter kommen 
(Atharvaveda XI, 5 ; nach Hauer, S. 86). Wahrscheinlich saß der Novize, 
wie dies Oldenburg für die sog. Diksa {Opferweihe) festgestellt hat, 
drei Tage lang mit geballten Fäusten und nach oben gebogenen Beinen 
in Embryostellung, mit allerlei Hüllen (amnion) umgeben, in einer 
Hütte (Haner S. 98): „Die Priester machen den wieder zum Em- 
bryo, an dem sie die Diksa vollziehen ... Die Diksitahütte ist für den 
Diksita der Mutterleib: so lassen sie ihn in seinen Mutterleib em- 
gehen, ... sie umhüllen ihn mit dem Gewände. Das Gewand \bX. für 
den Diksita das Amnion; so umhüllen sie ihn mit dem Amnion. Man 
legt darüber ein schwarzes Antilopenfell, außerhalb vom Amnion ist 
das Chorion : so umhüllen sie ihn mit dem Chorion. Er ballt die Fäuste. 
Mit geballten Fäusten liegt der Embryo darinnen ; mit geballten Fäusten 
wird der Knabe geboren ... das schwarze Antilopenfell ablegend, steigt 
er zum Avabhrthabad hinab: deshalb werden die Embryonen vom 
Chorion gelöst geboren. Mit seinem Gewand steigt er hin a b, deshal b 
Die AnfdBge der Yogapraxis. Eine Untersuchung über die Wur«In der 
indischen Mystik. 1922- 



Die religiöse Sublimierung 



IJ7 



wird der Knabe mit dem Amnion geboren".' Deutlich wird im Rig- 
veda eine Stellung beschrieben, uttana, die sich bis auf die heutige 
Yogapraxis erhalten hat und die, wie Storch (l. c. S. 78) bemerkt, 
„g2inz gewissen Embryostellungen gleicht, wie wir sie als Haltungs- 
stereotypie katatoner Kranken nicht selten sehen." An anderen Stellen 
des Rigveda ist von rollenden Kopf- und Augenbewegungen, von 
Schaukelbewegungen, Zittern und Schwanken die Rede, was sich wieder 
auf das Geburtstrauma zu beziehen scheint. 

Wir haben hier das primitive Urphänomen der lustvoll-schützenden 
Situation vor uns, aus dem dann später durch Trennung von der Mutter 
und Übertragung auf den Vater die Gestalt des allmächtigen und all- 
gütigen, aber auch strafenden Gottes als religiöse Sublimierung auf dem 
Wege der Projektionsschöpfung hervorgeht. Wie Rudolf Otto^ meint, 
stehen am Ursprung aller Religionsgeschichte, vor der Ausbildung be- 
stimmt umrissener Dämonen- und Göttergestalten, gewisse „numinöse 
Urgefühle", Gefühle des Erschauerns vor dem Unheimlichen, des Stau- 
nens vor dem Unbegreiflichen, die sich beim Primitiven zunächst als dä- 
monische Scheu" manifestieren. 3 Wir wissen nun durch Freuds Auf- 
klärungen,* daß die Dämonen sich ursprünglich auf die Furcht vor den 
Toten beziehen, d. h. dem nach außen projizierten Schuldgefühl ent- 
sprechen, während sich anderseits die unbestimmte Angst selbst — wie 
beim Kinde — als Fortvvirkung des Urtraumas erklärt. Aus der indi- 
viduellen Entwicklung ist es verständlich, daß sich dann die Uran<rst 
unmittelbar an den die Ursituation repräsentierenden Toten wieder an- 



1) Oldenburg: Religion des Veda, 2. Aufl. S. 405. 

2) Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein 
Verhältnis zum Rationalen. 11. Anfl. Stuttgart 1923. 

5) Die positive Seite dieses religiösen Urgefühls, das „mystische Kraftkonti- 
Huum", wie es unter den Namen des Ormda, JVakondo, Mana als in und zwi- 
schen allen Menschen und Dinge wirksam gedacht wird, hat bereits Loreni 
(1. c. S. 58 ff.) als Projektion der Mutter-Kind-Beziehung aufgefaßt. 

4) Totem und Tabu. 1912. S. 13. 



SB" 



!J71Tt.TC- 



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ii8 



Das Trauma der Geburt 



knüpft. Der Weg vom Dämonen- zum Götterglauben ist mythologisch 
und folkloristisch gut erforscht; das psychologische Agens der ganzen 
Entwicklungliegt aberim allmählichen Ersatz der angstbesetztenMutter 

(Dämonen) durch die an die „sublimierte" Angst, das Schuldgefühl, 
appellierende Vatergestalt. Dieser Prozeß der religiösen Entwicklung 
geht absolut parallel dem der sozialen, wie wir sie (S. 86-90) geschildert 
haben. Auch hier anfangs der Kult der großen asiatischen Muttergott- 
heit, „bald als die wilde Göttin der wollüstigen Liebe und des üppigen 
Naturlebens" genommen, „bald als reine Himmelskönigin, als die jung- 
fräuliche Göttin",' die in der Eva und Maria wiederkehren und sich in 
der Charis des Irenäus, der Helena des Simon Magnus, der Sophia u. a. 
fortsetzen. „Es ist gi-oßartig,"bemerkteinneuererUntersucher der „Gno- 

stischen Mysterien".' „welche Biegsamkeit der Glaube an die Mutter- 
göttin beweist; in ihm konnte schlechterdings alles Heimatrecht finden, 
was religiös in irgendeinem Sinne war, vom Orgiasmus bis zum Kunst- 
und Schönheitswillen, von den Mysterien der ovvovaia bis 7.ur Astro- 
logie und bis zum Licht von Bethlehem. Die Muttergöitin konnte 
Weltseele, Weltgeist, Weltentwicklung, Wcltlust, AVeltleid. Welt- 
erlösung, Weltlicht, Weltsame, Weltsünde — und alles dessen eine Ab- 
strahlung in allen Stufenreihen der Wesen bis zum Gemüse — sie 
konnte Lachen und Weinen, Geist und Leib. Göttin und TeufeUn. 
Himmel, Erde und Hölle, sie konnte alles sein!" Die späteren Vor- 
stellungen religiöser und philosophischer Art von einer Schöpfung der 
Welt durch den männlichen Gott gehen, wie bereits Winterstein er- 
kannte, nur auf eine Verleugnung der Urmuttex hinaus ^ ganz wie die 

1) Siehe Bousset in Realenzyklopädie von Fauly-Wissowa-Kroll, VII, 1515^- 

2) Ein Beitrag aur GeEchichte des christlichen Gottesdienstes von Dr. Leon- 
hard Fendt. München 1923,8.41. 

5) Noch in der christlichen Religion wird Gott dalier mit einer Gebärmutter 
versehen. Bei Petavius, deTrinitate lib. V, c. 7,§ 4 heißt es; „Ebenso sagt die 
Schrift daß der Sohn aus der Gebärmutter vom Vater erzeugt sei: denn obgleich 
in Gott keine Gebärmutter, überhaupt nichts Körperliches ist, so ist doch in ihm 



I 



Die religiöse Sublimieruiig ^^9 



biblische Mensch enschöpfung. Dementsprechend finden wir die ketze- 
rischen Sekten sowohl des jüdischen wie des christlichen Glaubens 
charakterisiert durch eine sexuell betonte Rückkehr zur Muttergöttin. 
Diese revolutionären Bewegungen innerhalb der Religion erfolgen also 
auch' vollkommen in der gleichen Weise wie bei den sozialen Be- 
wegungen, nämlich als Regi-essionen zur Mutter. 

wahre Erzeugung, wahre Geljurt, die el>cn mit dem Worte ,Geb an nutter' an- 
gezeigt wird" (zit. nach Wiuterstein 1. c. S. 194). 

Weiteres hierhergeliörige überaus interessante Material bei Wolfgaug 
Schultz: Dokumente der Guosis, Jena 1910. 

Ich kann es mir hier nicht versagen, aus dem prachtvollen „Buch von der 
Schöpfung des Kiudcs", wie es in den „Kleinen Midraschira" überliefert ist, den 
Hauptgedankengang und einige Satze anzuführen. Das „Buch" beginnt mit dem 
Beischlaf der Eltern und den ersten Schicksalen des „Tropfens", der von eiuem 
Engel beschützt wird, Nachdem „der Geist" in den Tropfen gebracht ist, fuhrt ihn 
der Engel des Morgens in „das Paradies" und des Abends in „die Hölle« und 
zeigt ihmdann den Ort, wo er auf Erden wohnen, und den Ort, wo er begraben 
sein wird. „Der Engel führt ihn aber immer wieder in den Leih seiner Mutter zu- 
rück, und der Heilige, gelobt sei er, macht ihm Türe und Riegel. Und der Heilige, 
gelobt sei er, sagt zu ihm : Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter. Und es 
liegt das Kind in dem Schöße seiner Mutter neun Monate. — Die ersten drei 
Monate wohnt es in der untersten Kammer, die drei mittleren in der mittleren 
Kammer und die drei letzten in der obersten Kammer. Und es ißt von allem, 
wovon seine Mutter ißt, und es trinkt von allem, wovon seine Mutter trinkt, und 
führt keinen Kot ab ; denn sonst würde seine Mntter sterben. — Und sobald jene 
Zeit gekommen ist, daß es hinausgehe, kommt jener Engel und sagt zu ihm: 
Gehe hinaus; denn die Zeit ist gekommen, daß du hinausgehest in die Welt. Und 
der Geist des Kindes antwortet: Ich habe bereits vor demjenigen, der da sprach, 
und die Welt ward, gesagt, daß ich es mir genügen lasse an der Weit, 
in der ich gewohnt habe. Und der Engel antwortet ihm : Die Welt, in die 
ich dich bringe, ist schön. Und ferner ; Wider deinen Willen bist du im Leibe 
deiner Mutter gebildet worden und wider deinen Willen wirst du ge- 
boren, um hinauszugehen in die Welt. Sofort weint das Kind. Und weshalb 
weint es? Wegen jener Welt, in der es war, und die es jetzt verläßt. Und wie es 
hinausgeht, schlägt es der Engel unter seine Nase und verlöscht das 
Licht über seinem Haupte. Er bringt es gegen seinen Willen hinaus, 
und es vergißt alles, was es gesehen hat. Und wie es lunauskommt, 
weint es." 



120 



Das Trauma der Geburt 



So erscheint der bekannte Spermatult im gnostischen Abendmahl 
der Sekte der Phibioniten (etwa soo — 300 n. Chr.) verbunden mit 
dem Dienst der asiatisch-ägyptischen Mnttergöltin ; Mami bei den Sume- 
rern, Ischtar in Babylon, Magna Mater, Kybele, Ma, Ammas in Klein- 
asien, Große Mutter in ^Carthago, Isis in Ägypten, Demeter bei den 
Griechen, Astarte bei den Syrern, Anahita bei den Persem, Alilat bei 
den Nabatäern, Kwannyin im indischen, Kwannon im japanischen 
Buddhismus und die „Ur-Mutter" des chinesischen Ta'oismus. Die 
Phibioniten -Mahle, diese religio libidinum, die ,, trotz allem echten 
Heidentum in ihnen, immer wieder wie alte schwerverständliche Kom- 
mentare zum christlichen Abendmahl und seinem Abkömmling, der 
Messe, anmuten",* bestehen ihrem Wesen nach, wie Fendt richtig er- 
kannte (1. c. 4), nicht in der geschlechtlichen Vermischung, die ihnen 
so sehr zum Vorwurf gemacht wurde," sondern im Genuß (Verzehren) 
der Sexualexkrete. „Es nehmen das Weib und der Mann das männliche 
Sperma in ihre Hände . . . Und so essen sie es und kommunizieren 
ihre eigene Schande und sprechen: Das ist der Leib des Christus . . . 
Ebenso aber (machen sie es) mit dem vom Weibe, wenn das Weib die 
Blutperiode hat . . . und sie essen es ebenso gemeinsam. Und sie spre- 
chen: Das ist das Blut des Christus. "^ Folgerichtig sieht Fendl 
0. c. g) in der dritten Feier, die sie „das vollkommene Pascha" nennen, 
die Ergänzung und Erklärung der beiden anderen in dem Sinne, daß 
der Sexualakt nur dazu verwendet wird, um den Samen, dieses Mittel 



1) Siehe Fendt: Gnostische Mysterien, 1. c. S. 8. 

2) Besonders die inzestuösen Orgien, die ja zum asiatischen Mutterkult ge- 
nau so gehören (siehe Rank: Iniestmotiv, 1912) wie zuTSatai]s-Messe,indcrdas 
Weib wieder angebetet wird (vgl. LÖwenstein: Zur Psychologie der Schwar- 
zen Messen. Iinago IX/i, 1923). 

Den Phihioniteii wirft Minucius Felix (nach 200) vor: „-poit multat epulat, 
ubiconvivium ealuit et incettae libidinü tbriatU ftrvor exarsit" (Fendt 1. c. 12). 

3) Eine iiluiliche Gleichsetzung der Großen Mutter mit Christus als dem 
Logos s. bei Fendt, S. 80. 



Die religiöse Siiblimierung I2l 

des Ärchons der Begierde, zu vertilgen. „Ist nämlich trotz allem ein 
Kind erzeugt worden, so wird die heilige Speise des dritten Mahles dies 
Kind sein! Aus jeder so zufällig Mutter gewordenen Frau wird der 
Embryo herausoperiert, zerhackt, mit Honig, Pfeffer, Öl und Wohl- 
geriichen präpariert, und jeder ißt mit dem Finger davon. Und danach 
beten sie zur Danksagung die Formel: ,Der Archon der Begierde ver- 
mochte uns nicht zu narren, nein, wir haben die Sünde des Bruders 
aufgelesen." — Nun kennen wir", setzt Fendt (S. 5) erläuternd hinzu, 
..eine Bekämpfung der Archonten in der Form der Auflösung des Ge- 
botes, die der alexandrinische Klemens von den Antitakten und Niko- 
laiten aussagt: was der Vatergott schuf, war alles gut; aber ein Unter- 
gotl mischte das Böse darein; von diesem Untergotte stammen die 
Gebote . . . der Archon der Begierde will, daß Kinder erzengt werden — ■ 
darum wird alles getan, um die Kindererzeugung zu verhindern." 

Wir haben diesen Kult und seine Kommentare ausführlich wieder- 
gegeben, weil darin der ganze Mechanismiis der religiösen Sublimie- 
rung, also der eigentlichen Religionsbildnng unverhüllt zutage tritt. 
Der böse Untergott, der die Kinder zur Welt bringen, sie also das Ge- 
burtstrauma immer wieder erleiden lassen will, ist die Mutter und die 
ganze (inzestuöse) Unzucht der Gnostiker läuft darauf hinaus, wieder 
in den Mutterleib einzudringen, wobei jedoch die Erneuerung des Ge- 
burtstraumas ausgeschlossen werden soll: daher wird der Same vom 
Mand aus einverleibt (gegessen). Ist dennoch Konzeption erfolgt, so 
wird der Embryo herausgeschnitten, um das Trauma zu verhindern 
und wieder nur durch den Mund einverleibt. „Man begi-eift", sagt 
Fendt, „die Weltentwicklung ist ein ungeheurer Fehlschlag, die Er- 
lösung kommt nur durch Zurücknahme des im All Wirksamen."' 

1) Auch der Brahinaiienschüler, der Samejiverlust erlitten hat, betet; „Zu 
mir kehre zurück die Sinnenkraft, Leben und Segen, zu mir kehre Brahmanen- 
schaft, lu mir Besitz. Der Samen, der mir heute zur Erde entglitten ist, der %u 
den Kräutern, zu den Wassern entflohen ist, den nehme icb_wieder in mich 
auf. zu langem Leben und Glanz" (Oldenburg, 1. c. 430). Vom Yogin heißt 



122 D^s Trauma der Geburt 



Der Vatergott ist an Stelle der angst-lustbesetzten Urmutter ge- 
setzt worden, um ganz im Sinne des Freudschen „Totemismus die 
soziale Organisation zu schaffen und zu gewährleisten. Jeder Rückfall 
in die Mutter Verehrung, der sich nur sexuell auswirken kann, gilt 
darum als antisozial und wird mit allen Schrecken des sog. religiösen 
Fanatismus verfolgt,' der aber letzten Endes, wie auch die soziale Re- 
volution, auf Erhaltung und Verstärkung der välerlichen Macht zum 
Schutz der sozialen Gemeinschaft hinausläuft. Deswegen folgt auf alle 
Zeiten solcher Rückfallsbewegungen eine verstärkte puritanische Reak- 
tion, wie auch in der Geschichte des jüdischen Glaubens. Die bekann- 
teste Bewegung dieser Art ist die pseudomessianische Zeit der „Schab- 
batianer", vor etwa 300 Jahren, deren Urheber Schabbatai Z'wi ein 
spaniolischer Jude aus Smyrna war. ^ Ähnlich wie die Gnostiker prokla- 
mierte auch er eine Auflösung des Gebotes und seine Anhänger ent- 
fernten sich denn auch — besonders nach seinem Tode — vollständig von 
den sittenstrengen Satzungen des Judenmms. Ihre Besonderheit bestand 
darin, daß ihnen die Frau als Gottheit galt und verbotene Formen 
des Geschlechtslebens, besonders inzestuöse, als Gottesdienst. „In Höhlen 
in der Nahe Salonikis veranstalteten sie zu religiösen Zwecken wildeste 
Orgien. Am Eingange des Sabbaths stellten sie eine nackte Jungfrau 
in die Mitte und tanzten, gleichfalls nackt, um sie herum. Die Stelle 
der Gebete nahmen Orgien ein. Ähnliche Gebräuche haben sich bald 
beinahe durch alle jüdischen Gemeinden der Welt verbreitet . . . Natür- 



es: er zwinge durch Übung den Tropfen, der in den Schoß der Frau 
fahren will,umiukehten. Wenn aber der eigene Tropfen schon gefallen 
ist, zwinge er ihn umzukehren und behalte ihn. Der Yogin, der so den Trop- 
fen bewahrt, wird den Tod besiegen. Denn wie der gefallene Tropfen den 
Tod bedeutet, ebenso bedeutet das Zurückgehaltene das Leben." {Schmidt: 
Fakire und Fakirtum, 1908.) 

1) Siehe zu diesem Thema Reik: Der eigene und der fremde Gott. Zur 
Psychoanalyse der religiösen Entwicklung. 1923. 

2) Nach M. D. Georg Langer: Die Erotik der Kabbaln, Prag 1925. 



Die religiöse Suhlinüerung I2) 

lieh wurden sie durch die Rabbiner aufs schärfste verfolgt . . . Trotz- 
dem gelang es ihnen doch zweihundert Jahre lang nicht, die Sekte aus- 
zurotten. In der Türkei gibt es Übeneste bis zum heutigen Tage." 
(Langer, 1. c. S. 59). Die unmittelbare Reaktion, welche dann allerdings 
nach Langers schöner Erklärung nicht nm- zur asketischen Aus- 
schaltung des Weibes, sondern zur Verstärkung der (sozial wirkenden) 
homosexuellen Bindung führte,' ist an den Namen des berühmten 
Rabbi Israel ben Elieser, Baal Sehern Tow (1700 — 1760) und des 
von ihm geschaffenen Chassidismus geknüpft. Langer kommt zu dem 
Schluß: „Die ganze innere Geschichte des ewigen Volkes erscheint 
also eigentlich wie eine Kette mehr oder minder bewußter Kämpfe der 
beiden Richtungen. Der Kampf wurde gewöhnlich mit einem Kom- 
promiß abgeschlossen, welches in der prähistorischen Zeit neue Ge- 
setze und neue Symbole zu den schon bestehenden hinzufügte. Dabei 
greift der von Freud so genannte Ödipus-Komplex und der Todes- 
gedanke mächtig ein und so ist die gesamte jüdische Gesetzgebung 
eigentlich vom Eros präformiert, ehe sie durch die Offenbarung die gött- 
liche Sanktion erhält" (1. c. 95). 

, An diese ausgezeichnete Formulierung möchten wir eine methodor 
logische Bemerkung knüpfen, die auch auf die psychoanalytische Relir 
gionsforschung Bezug hat. Es unterliegt keinem Zweifel, daß wir es in 
diesen mütterlichen Sekten und Kulten mit ßückfallserscheinungen im 
Sinne einer „Wiederkehr des Verdrängten" zu tim haben. Man muß 
sich aber hier ebenso wie auf biologischem Gebiete vor dem vorzeitigen 
Hineintragen des phylogenetischen Gesichtspunktes hüten, auch durch- 
aus ein historisches Substrat finden oder rekonstruieren zu wollen, wo 
jedenfalls ein psychologisches Substrat, dieses aber sicher im Unbewuß- 
ten, vorliegt. So greifen die modernen jüdischen Sektierer scheinbar auf 



1) Deuteronomimn (15^ 7) spricht von dem „Freunde, der dir wie deine 
'■■ Seele. ist" gleich neben der „Frau deines Schoßes« als vo^ etwas durchaus 

\ allgemein Bekanntem (Langer S. gi). 



->r- 



j^. Das Trauma der Geburt 



die asiatischen Muttcrkulte zurück, während sie natürlich gar nichts 
davon zu wissen brauchen, sondern die gleichen Reaktionen aus ihrem 
individuell erlebten Unbewußten produzieren können. Aber auch wo 
eine direkte Übernahme möglich oder sogar wahrscheinlich ist, wie beim 
„goldenen Kalb" der Juden,' welches „das Neugeborene" als Sohn- 
Gott darzustellen scheint, ist der psychologische Tatbestand bedeutsamer 
und interessanter als der immer nur mechanische der „Überlieferung . 
Wenn wir anderseits in der Überlieferung der Vaterreligionen selbst 
Bruchstücke der verdrängten mütterlichen Vorstufen zu erkennen und 
zu rekonstruieren vermögen, werden wir daran festzuhalten haben, dali 
es sich eben nur um Vorstufen der Religionsbildung im eigent- 
lichen Sinne des Wortes handelt, die wir mit Freud' als Endresultat 
der Urkämpfe für um und gegen die Mutter und als Sieg der sozialen 
Vatermacht anerkennen müssen. 

Unter diesem Gesichtspunkt können wir, neben der von Freud ge- 
schilderten sozialen Entwicklung der „Brüderhorde" zur Gemeinschaft, ; 
auch deren religiöse Entwicklung ein Stück weiter verfolgen, und zwar > 
in Übereinstimmung mit unserer Annahme von der sozialen Entwick- [| 
lung (König-infans) , als Ü bergang des Mutterkultus zurVaterreligion über J 
die Sohn-Gottschaft, die im Christentum ihren reinsten Ausdruck ? 
gefunden hat. Vielleicht beruht die welthistorische Bedeutung des Chri- 
stentums überhaupt darauf, daß sie es zum erstenmale gewagt hat, den 
Sohn-Gott in den Mittelpunkt zu stellen, ohne gleichzeitig die Ursprung- j 
liehen Rechte der Mutter und die sekundären des Vaters anzulasten. Dem ^ 
entspricht auch die hohe Bewertung des Kindes durch Christus in den * 
Evangelien texten. Christus selbst ist immer infant geblieben, wie ihn ' 
auch die Bildwerke — selbst noch als Toten — darstellen (Pietä). i 



i) „Götzendienst" scheint schlechtweg Dienst der Muttergottheit lu bedeu- 
ten. Vgl. den Dienst des Baal (kanaanäisch : El), dem bei den PhÖnikem und 
anderen Völkern kleine Kinder in den glühenden Rachen geworfen wurden. 

a) Totem und Tabu, 1912. 



~r-.r-Sr??^g'n?^-;-'^— '--T^-^Hr--^ ■ •^■-'-" ■'■ ' - ' " ' ' -■' .■ 



Die religiöse Sublimierung j 2/ 



In den antiken Mysterien wurde jeder einzelne Myste selbst 
unmittelbar zum Gott. Die Bekenntnisformel : „Ich habe gefastet, 
ich habe den Kikeon (Mischtrank) getrunken, ich habe es aus der Kiste 
genommen, und nachdem ich gearbeitet hatte, habe ich es in den Korb 
gelegt und aus dem Korb in die Kiste", zeigt, daß es sich dabei um eine 
Rückkehr (und Wiederkehr) in den Mutterleib handelt, als welcher die 
cysta mystica jetzt auch schon von den Archäologen aufgefaßt wird. 
„Indem der Myste aus der heiligen xtaxi^ die Nachbildung eines Mutter- 
schoßes nahm und über seinen Leib gleiten ließ, empfing er die Gewiß- 
heit, aus dem Schoß der Erdmutter wiedergeboren, ihr leibliches Kind 
geworden zu sein."^ So erklären sich auch die noch dunkleren Andeu- 
tungen, in denen manche christlichen Schriftsteller vom Geheimnis 
der eleusinischen Mysterien sprachen: ,,Ist dort nicht der finstere 
Niedersteig und das feierliche Zusammensein des Hierophanten und 
der Priesterin, zwischen ihm und ihr allein, und hält nicht eine un- 
zählbare Menge fiir ihr Heil, was in der Finsternis von den beiden voll- 
zogen wirdl"'Daß es sich üicht um den bloßen Koitus, auch nicht 
den „sakralen" handelt, dessen ja die „unzählbare Menge" auch teil- 
haftig werden kann, sondern um die Vereinigung mit der Mutter be- 
weist nicht nur das Symbol der cysta mystica, sondern noch eindeutiger 
der realistische phiygische Mysterienkult, in dem der Myste in ein 
Grab hinabsteigt, „wo ihn das Blut eines geschlachteten Stieres über- 
rieselt. Nach der Wiedergeburt empfängt er Milchnahrung, da der 
Gott in ihm oder er in dem Gott noch ein Kind ist, dann steigt er 
empor und wird von der Gemeinde als Gott verehrt". -' Auch die indische 

i) A. Körte im Arch. f. Rel.-Wiss. XVUI, 1915, ' 

2) De Jong: Das antike Mysterienwesen, 1909, S. 22. ' - 

3) ReitiensteiniHeUeoistischeMysterienkuite. 2. Aufl. 1920,3.53.10 einem 
hermetischen Wiedergeburtsmysterium ruft der Myste aus ; „Ich bin im Himmel, 
ich bin in der Erde, im Wasser bin ich, bin in der Luft, ich bin in den Tieren, 
in den Pflanien, im Mutterleib, von Mutterleib, nach Mutterleib, 
bin überall" (ebenda S. 29 u. 55). — Man vgl, auch die Mysterien des persischen 



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/ Das Trauma der Geburt i 

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Yogaprasis ermöglicht es ]eAem einzelnen durch mystische Ver- 
senkung selbst zum Gott zu werden, daB heißt durch Eingehen in 
den Mutterleib, durch Rückverwandlung in den Embryo, der göttlicher 
Allmacht teilhaftig ist (siehe Ferenczi: Entwicklungsstufen). 

Erweist sich so das in/ans — letzten Endes das Ungeborene — als Gott, 
ganz wie sein Statthalter auf Erden, sei es nun der König oder der noch 
stärkeren Einschränkungen unterworfene Papst, so wird gefolgert : jeder 
war einmal selbst ,,Gott" und kann es wieder werden, wenn bzw. so weit ■ 

er sich wieder in den Urzustand zurückversetzen kann und deswegen ist - 

jeder so leicht imstande, sich mit dem späteren „einen und einzigen Gott' , 

zu identifizieren.' Wie aber nicht alle in die Mutter zurück können, 
so können nicht alle König oder Gott sein. Daher sind die aus einer Viel- 
heit Auserwählten, die Priester, ursprünglich Kastrierte, d. h. sie müssen 
auf diesesVorrecht des Eindringens in die Mutter verzichten, schließlich 
zLigunsten eines einzigen und zwar des Jüngsten, der sich wirklich 
an die Stelle des Vaters zu setzen vermag und mittels der religiösen Subli- 
mjerung die lustvollste Handlung, mit der ihn allerdings die Menge 
zu strafen glaubt, in ein freiwilliges Opfer für die anderen umzuwan- 
deln.* So rettet er aber die soziale Gemeinschaft vor dem Zerfall. Die 
Mutter wird dabei teils zur Himmelskönigin erhöht, teüs als das böse | 

verlockende Urprinzip alles Gebarens zur religiös-ethischen Ausgestal- ^ 

tung des antiken Unterweltsbegriffs verwendet, der aus der Himmels- J 

mythologie (Jenseits) stammend, über die in der Joha nnes-Apokalypse ^ 

Mithras und dessen Stieropfer. (Cumont: Mithras; Dieterich: EineMithras- » 

liturgie^. 'I 

i) Siehe die gleiche Auffassimg im „Mythus von der Geburt des Helden", I 

daß jeder einzelne ein „Held" und die Geburt die eigentUche Leistung sei. ~ f 

Wenn beispielsweise eine Schizophrene (S t o r c h S. 60) sich mit Christus iden- 
tifiziert, da auch sie in einem Stall zur Welt gekommen sei, so hat sie vollkom- 
men recht: denn auch sie ist auf natürlichem Wege geboren und will das Ge- 
burtstrauma verleugnen. 

2) So scheint Mahomet in seinen epileptischen Zuständen (Aura?) das isla- 
mische Paradies mit seinen Wonnen (Huris) konxipiert *u haben. 



Die religiöse Suhlimierung 12^ ' '} 



vorbereitete religiöse Sublimierung bis zum andern Extrem der mittel- ij 

alterHchen Höllen Vorstellung führt, '\ 

Diese offenbart sich in ihren krassen körperlichen Details als das \ 

angstbesetzte Gegenstück zur intrauterinen Paradies- und Himmels- \ 

Phantasie. Insbesondere die Höllenstrafen, die den griechischen Un- \ 

terweltstrafen entsprechen, stellen bis ins einzelne gehende Reproduk- 1 

tionen der Intrauterin-Situation dar (Fesseln, Hitze usw.), und es kann m 

uns daher nicht wundern, wenn die Hysterien des Mittelalters sich j 

mit besonderer Vorliebe dieses voi-gebildeten Materials zur Darstellung \ 

der gleichen unbewußten Tendenzen bedienten.' Aus der Analyse des \ 

Unbewußten ergibt sich dann, warum der spätere Herr dieser ,, Hölle" J 

die Züge des bösen Urvaters trägt, denn er ist es ja, der den ursprüng- 
lichen Schauplatz aller Lustsensationen in deren Gegenteil verkehrt 

hat. Die ursprünglich weibliche Bedeutung des Teufels, der ja den \ 

Höllenschlund selbst verkörpert, ist vielleicht noch in der halb komi- ''■ 

sehen Figur seiner Großmutter erhalten, die ja in den Hexen — und ' 

nicht nur in denen des Märchens — als die alte böse und gefähr- 
liche Urmutter fortlebt. Im mittelalterlichen Hex enwahn und den gi-au- '' 
samen Verfolgungen durch die Inquisition können wir nichts anderes ■ 
erblicken als die in die Wirklichkeit übertragene Höllen Situation mit 
ihren Strafen, was nach einer mündlich geäußerten Vermutung Freuds 
auf ein reales Trauma zurückgehen mag, welches das Sexual- und da- 
mit auch das Geburtstrauma unmittelbar berührt zu haben scheint. 

Mit der Deutung der Höllenstrafen als Darstellungen der Intrauterin- 
Situation mit negativem Vorzeichen haben wir uns einem bereits wie- 
derholt berührten Thema genähert, das wir im letzten Abschnitt als 
das psychologische Kernproblem des Geburtstraumas verstehen werden. 
Auch können wir den komplizierten, durch das Studium der Zwangs- 
neurose erhellten Weg von diesen primitiven Projektionen zu den hoch- 



i) Siehe dazu Groddeck: Der Symbolisierungszwang, Imago VIII, 1932. 






128 



Das Trauma der Geburt 



wertigen ReaktionsbUdungen hier nicht weiter verfolgen, die in den 
ethischen Vorstellungen gipfeln. Wir möchten nur auf den fort- 
schreitenden Prozeß der Verinnerlichung hinweisen, der sich dabei 
vollzieht und der parallel geht'mit der zunehnnenden Einsicht in die 
psychische Genese der ethischen Bildungen, die ja letzten Endes im 
^mbewußten Schuldgefühl wurzeln, Die strafenden und lohnenden 

höheren Mächte, die man nicht 
verletzen darf, werden schließ- 
lich wieder ins Ich zurückver- 
legt, von wo sie einst aus dem 
narzißtischen All mach tsgefühl 
in die Ober- und Unterwelt 
projiziert worden waren und 
dort je nachdem als mütter- 
liche (Schutz, Hilfe, Gnade) 
oder väterliche Repräsentan- 
ten (das eigene Allmachtsge- 
fühl) figurieren. Erst der tita- 
nischen Geistestat des starrsten 
Ethikers Kant blieb es vor- 
behalten, das moralische Ge- 
setz in uns vom gestirnten Himmel über uns wieder zu trennen und 
auch ihm nur, indem er diese schwer aufgegebene Identität in dem 
bekannten Gleichnis wenigstens metaphorisch wiederherstellte. 

Für die Entwicklung des Strafbegriffs ist es bedeutsam, daß nicht 
nur alle Strafen, die die Menschheit in der Phantasie ersonnen, son- 
dern die sie auch in die Tat umgesetzt hat, den Urzustand der Mutter- 
leibssituation mit Betonung des Unlustcharaklers darstellen. Ohne uns 
auf eine detaillierte Deutung der griechischen Unterweltsstrafen ein- 
lassen zu können, sei nur erwähnt, daß die bekanntesten von ihnen 
typische Züge aufweisen, die man schon mit Rücksicht auf die Loka- 




Ixion auf dem Rade 
(Anssclmitt ans einem Vasenbild in Berlin) 



Die religiöse Sublimierung 



12^ 



lität leicht versteht. Das Vergehen dieser Ursti'äflinge besteht regel- 
mäßig in einer Auflehnung gegen den höchsten der Götter, meist be- 
gründet mit dem Begehren nach dessen Weib, der Urmutter, wie bei 
Ixion, der überhaupt als der erste Verwandtenmorder gilt. Seine Strafe 
besteht darin, daß er auf Zeus' Befehl „auf ein geflügeltes feuriges Rad 




Tantalos 
(Auf emem Saikopha.g) 

mit vier Speichen, das sich unaufhörlich dreht, mit Schlangen gefesselt 
und unter Geiselhieben und dem Ausmfe: .Wohltäter soll man ehren", 
durch die Luft dahingerollt wird. Doppelt schwer erscheint die Strafe 
für Ixion, sofern er unsterblich ist."" Ähnlich wird Tantalos, eine 
„Personifaktion der Fülle und des Reichtums" wegen seines freveln- 
den Übermuts gegen die Götter, denen er gleich sein will, gestraft. Die 

i) Roschers Lexikon der Mythologie II/i. 
9 Kwk 



•la-'TiTVIKI 



I}0 



Das Trauma der Gehurt 



msprüngliche Version zeigt die Angstsimstion in Pemianenz, indem 
über seinem Haupte ein Stein schwebt, der stets niederzufallen droht ; 
die andere Strafe des ihn ewig quälenden Hungers und Durstes bezieht 
sich offenbar auf den, an allen üppigen Gbrtermahlzeiten als Gast teil- 
nehmenden Günstling, der, um die Götter auf die Probe zu stellen, 
ihnen Menschenfleisch vorsetzte. Auch er erscheint übrigens auf einem 
Sarkophag (s. Röscher Bd. V. Sp. .85/84) i" g^i"'- naturalistischer Weise 
aufs Rad geflochten, während Ixion in schöner Stilisierung in den 
Doppelkreis hineinkomponiert ist. Sisyphos endlich, den es auch nach 
der gleichen „Unsterblichkeit" der Götter verlangt, wird dieser Wunsch 
in der gleichen Weise erfüllt: das ewige Zurückrollen des Steines, 
den er gegen dessen natürliche Tendenz herunterzustürzen, immer 
wieder versucht, über den Gipfel des Berges zu wälzen: „Schweiß rinnt 
von seinen Gliedern und eine Staubwolke umhüllt sein Haupt. 

Alle diese Strafen und Sträflinge sind aber, nach der griechischen 
Überlieferung selbst, erst später, und zwar im Sinne der griechischen 
Kulturentwicklung an den Ort der Unterwell, den Tartaros, versetzt 
worden. Ursprünglich waren sie nicht nur real und halten auch als solche 
die gleiche unbewußte Bedeutung, sondern sie sind ia im Dunkel des 
Mittelalters, das im Vergleich zum Griechentum selbst eine höllische 
Unterwelt darstellt, wieder- realisiert worden. Die Verbrennung und 
Räderung der Hexen — nicht zu sprechen von den Köipcrverrenkungen 
der Gefesselten und Gefolterten {Kopfabwärtshängen) — die Blendung 
oder Aussetzung im Wasser, die typische Strafe für den Vatermörder, 
der in einen Sack vernäht ins Meer vei'senkt wird': all dies zeigt so 
recht deutlich den unverwüstlichen Wunschcharakter des Unbewußten 
wie_ihn Freud erkannt hat, daß selbst noch die schrecklichsten Strafen, 
die der Mensch ersinnen konnte und die er in den körperlichen Sym- 
ptomen der Neurose gegen sich selbst richtet, in die Form der ersten 



i) SieheStorfer: Ziir Sonderstelhiiig des Vaterinordes. 1911. 



Die religiöse Sublimierung Ißl 

und stärksten Lusterfahvung, des Intrauterinlebeiis eingekleidet werden. 
So wird es möglich und verständlich, daß derartige Strafen nicht nur 
ertragen, sondern auch InstvoU empfunden werden, wie übrigens auch* 
die Veranstaltungen von Masochisten täglich beweisen. Dies erklärt 
auch zum größten Teil den Lustcharakter gewisser neurotischen Sym- 
ptome, in denen der Patient sich selbst zum Gefangenen macht, in dem 
er sich in ein Zimmer zurückzieht und einsperrt oder indem er in 
pessimistischen Phantasien die ganze Welt als Kerker empfindet und sich 
dabei unbewußtdarin wohlfühlt. 'Die eigen tlicheStrafe, die ihnlängst ge- 
troffen hat und der er durch diese Selbstbestrafungsphantasien nur schein- 
bar entrinnen will, war ursprünglich das Verlassen des Mutterleibs, die 
VertreibungausdiesemUr-Paradies, das immer wiederin allen möglichen 
Formen von der unstillbaren Sehnsucht realisiert zu werden versucht. 
Auch die Kreuzigung, die als Strafe für die Auflehnung gegen 
Gottvater im Mittelpunkt der Christusmythe steht, entspricht derselben 
Verwandlung und Angleichung der intrauterinen Situation, wie die 
Einschließung des Ixion ins Rad, mit dessen Wegfall die Speichen zum 
Kreuz werden.^ Die Kreuzigung entspricht somit gleichfalls der unlust- 
betonten Rückkehr in den Mutterleib, auf die ganz folgerichtig die 
Auferstehung, d. h. die Geburt und nicht die Wiedergeburt folgt. 
Denn es handelt sich auch hier um nichts anderes als um eine ins 
Ethisch-Religiöse sublimievte WiederholungHind Reproduktion des Ge- 



,) Von hier aus ist auch die Tiefenpsychologie der sog. .,Haftpsychoseii" erst 
zu verstehen. 

2) So stellt das Kreuz selbst noch etwas „Inneres" dar, niimtich die von der 
Umklammerung des Radkranzes befreiten Speichen. — „Auch das Hakenkreuz 
gehört in diesen Zusammenhang: das Speichenkreuz dem der Radkranz wieder 
wächst, ist natürlich Sinnbild des Lebens luid des Sieges" {Schneider, 1. c. 
S. 8, Anm. 2). 

3) Christus selbst erklärt in den Evangelien deren unglaubwürdige Wider- 
ijprüche aus der Tatsache des Wiederholungszwanges r ..Damit erfüllet werde 
das Wort des Propheten!" 

9* 



I}2 



Das Trauma der Geburt 



burtsvorgangs im Sinne der neurotischen Überwindung des Urtrau- 
mas. Daher erklärt sich die große Rolle, die das christliche Erlösungs- 
»mysterium auch im Phantasieleben der Neurotiker und der Geistes- 
kranken spielt, als Identifizierung mit dem passiven Heros, dem die 
Rückkehr auf dem Wege des lustvollen Leidens geglückt ist. Diese 
Identifizierung ist ein großartiger Heilungsversuch, der die Menschheit 
aus dem Untergang der antiken Welt gerettet hat, und ist als solcher 
auch in den überlieferten "Wunderheilungen Christi deutlich kenntlich, 
der Blinde und Lahme durch sein Beispiel, d. h. durch Herausforderung 
zur Identifizierung gesund machte, weil sie in ihm den Überwinder 
des Geburtstraumas erblicken konnten.' 

In diese Auffassung der Christuslegende fügt sich die infantile Theorie 
von der unbefleckten Empfängnis als dogmatische Fassung der Tat- 
sache des Geburtstraumas zwanglos ein : Sie besagt im Sinne des Heroen- 
mythus, dessen extremste Ausgestaltung die Christusfigur repräsentiert, 
daß auch dieser negative Held, dem die Überwindung in so weitgehen- 
dem Maße gelungen ist, nicht auf dem natürUchen Wege geboren, ja 
auch nicht auf dem natürlichen Wege in die Mutter hineingekommen 
ist. Diese menschliche UnvoUkommenheit eines schweren Geburts- 
traumas wird nun, ganz im Sinne unserer Auffassung von der Deter- 
miniertheit des neurotischen Symptoms, im späteren Leben vom Er- 
wachsenen in seinen körperlichen und seelischen Leidenssymptomen 
gewissermaßen nachgeholt. Dabei stellt die manifeste Strafe ihrem 
latenten Inhalt nach die ideale Wunscherfüllung, die Rückkehr in die 
Mutter dar, während die künstlerische Idealisierung des ornamental ge- 
kreuzigten Heilands ihrem latenten Sinn nach die eigentliche Unterwelt- 
strafe, die Verhinderung der Embxyonalstellung, ausdrückt. 



i) Die neue Zeitrechnung, die mit Christi Geburt beginnt, entspricht 
psychologisch dem Embiyonaljahr und seiner ewigen Wiederholung. (S. die 
mexikanische Parallele S. 75, Fußnote). 




Lukas Cranach: Kreuzigung 



Holzschnitt 




Lukas Granach: Kreuzigung (1502) 



a 



Die künstlerische Idealisierung 



Eine treffende Illustralion zu dieser allzu menschlichen Auffassung der 
Chrismsmythe bieten die realistischen Kreuzigungsdarstellungen von 
Lukas Cranach,' wo neben dem in der bekannten gestreckten Kör- 
perhaltung gekreuzigten Heiland die anderen Sünder in überaus charak- 
teristischer Embryonalstellung an Baumstämme genagelt erscheinen. 
Weist so die stilisierte Kreuzstellung Christi in der Kunst auf einen 
ähnlichen Abwehr- bzw. Strafmechanismus wie der arc de cercle hin, 
so gibt die Gegenüberstellung der realistischen Figuren durch Lukas 
Cmnach ein Bild von der Idoalisierungslendenz der künstlerischen 
Darstellung, die darauf auszugehen scheint, die allzu deutliche An- 
näherung an den Urzustand, die ihm auch Stvarrharakter verleiht, durch 
ästhetische Formgebung zn mildern. = 

i) Nocli reaüstischere Darstelluiigeii der Schacher bei Urs Graf u. a. 

2) Es ist interessant, daß für Schopenliaiier das Wesen der ästhetischen 
Wirkung i" der Erlösung vom „Willen" bestand. Niefi sehe, der die dahinter 
wirkende „Sexualverdrängung" bereits klar erkannte (.Genealogie der Moral, 6), 
führt die bekannte Stelle („Die Welt als Wille und Vorstellung", I, 351) darüber 
an; Das ist der schmerzlose Zustand, den Epikuros als das höchste Gut 
und als den Zustand der Götter pries; wir sind, für jenen Augenblick, des 
schnöden- Willensdrangs entledigt, wir feiern den Sabbath der Zuchtliaus- 
arbeit des \VoUens, das Rad des Ixion steht still." — Wozu Nietzsche 
bemerkt : „Welche Vehemenz der Worte ! Welche Bilder der Qual und des langen 
Überdrusses! Welche fast pathologische Z ei t-Gegenüberstellung, jenes 
Augenblicks' und des sonstigen ,Kads des Ixion'." 



n6 



Das Trauma der Geburt 



Dieser Piozeß der künstlerischen Idealisierung, der bei Wahrung 
aller Naturtreuheit doch den ästhetischen Schein, die Unwirklichkeit 
ja geradezu die Verleugnung der „Natur" anstrebt, hat seinen un- 
bestrittenen Höhepunkt in der griechischen Kultur gefunden, deren 
meisterhafte psychologische Analyse Nietzsche zum ersten Male ge- 
gegeben hat. In seinem genialen Erstlingswerk schon erfaßte er die 
harmonische Fähigkeit dessen, was uns das griechische Wesen bedeutet 
und was er das „Apollinische" nennt, als Reaktion auf eine ursprüng- 
liche neurotische Zerrissenheit, die er als das „Dionysische" charak- 
terisiert. Und mit Recht führt er als Maßstab und Gradmesser dieses in 
der menschlichen Geistesgeschichte einzig dastehenden Idealisierungs- 
vorgangs das gänzlich veränderte Verhältnis zum Tode an, wie es sich 
in der Anpreisung des Glückes der Ungeborenheit durch die Weisheit 
des Silen und in der Einstellung der homerischen Helden zum l,eben 
äußert, von denen man, „mit Umkehrung der silenischen Weisheit, 
sagen könnte, das Allerschlimmste sei für sie, bald zu sterben, das 
Zweitschlimmste, überhaupt einmal zu sterben." — „So ungestüm 
verlangt, auf der apollinischen Stufe, der .Wille' nach diesem Dasein, 
80 Eins fühlt sich der homerische Mensch mit ihm, daß selbst die 
Klage zu seinem Preisliede wird. Hier muß nun ausgesprochen werden, 
daß diese von den neueren Menschen so sehnsüchtig angeschaute Har- 
monie, ja Einheit des Menschen mit der Natur, für die Schiller das 
Kunstwort ,naiv' in Geltung gebracht hat, keinesfalls ein so einfacher, 
sich von selbst ergebender, gleichsam unvermeidlicher Zustand ist, dem 
wir an der Pforte jeder Kultur, als einem Paradies der Menschheit be- 
gegnen müßten ... Wo uns das , Naive' in der Kunst begegnet, haben 
wir die höchste Wirkung der apollinischen Kultur zu erkennen: welche 
immer erst ein Titanenreich zu stürzen und Ungetüme zu toten hat 
und durch kräftige Wahnvorspiegelungen und lustvolle Illusionen über 
eine schreckliche Tiefe der Weltbetrachtung und reizbarste Leidens- 
fähigkeit Sieger geworden sein muß , , . Der Grieche kannte und emp- 



Die künstlerische Idealisierung i }7 

(and die Schrecken und Entsetzlichkeiten des Daseins: um überhaupt 
leben zu können, mußte er vor sie hin die glänzende Traumgeburt 
der Olympischen stellen. Jenes ungeheure Mißtrauen gegen die tita- 
nischen Mächte der Natur, jene über allen Erkenntnissen erbarmungs- 
los thronende Moira, jener Geier des großen Menschenfreundes Prome- 
theus, jenes Schreckenslos des weisen Ödipus, jener Geschlechtsfluch 
der Atriden, der Orest zum Mutterinorde zwingt, kurz jene ganze Phi- 
losophie des Waldgottes, samt ihren mythischen Exempeln, an der die 
schwermütigen Etrurier zugrunde gegangen sind — wurde von den 
Griechen durch jene künstlerische Mittel weit der Olympier fort- 
während von neuem überwunden, jedenfalls verhüllt und dem 
Anblick entzogen."' 

In diesen Sätzen hat Nietzsche das Problem der griechischen Kul- 
turen twicklung mit unerhört kühnem Zugriff an der Wurzel erfaßt. 
Wir brauchen nur einen kleinen Schritt weiter in der psychologischen 
Erfassung des „Dionysischen" zu gehen und veir stehen am Urquell, 
der diese ganze Entwicklung gespeist hat: der Angst! Um mm aber 
den Weg von der Angst zur Kunst zu verfolgen und gleichzeitig zu 
verstehen, wieso gerade die Griechen zur höchsten Vervollkommnung 
der künstlerischen Idealisierung gelangen konnten, müssen wir wieder 
auf ein Kernsymbol der Urangst in ihrer Herkunft aus dem Trauma 
der Geburt zurückgreifen: auf die Sphinx. 

In seinem bedeutsamen Buche: Das Rätsel der Sphinx, hat Ludwig 
Laistner (1884) die griechische Volkssage vom menschen würgenden 
Ungeheuer mit den Alpsagen germanischer Überlieferung zusammen- 
gestellt und beide auf das menschliche Erlebnis des Alptraumes zu- 
rückgeführt. Daß der Angsttraum selbst die primäre Geburtsangst re- 
produziert, ist uns nun psychoanalytisch klar geworden. Ebenso ist die 
das Angsterlebnis als solches repräsentierende Figur der mischgestalteten 
Sphinx von der Psychoanalyse als Muttersymbol erkannt worden, und 

1) Heivorhebungen von mir. 



138 



Das Trauma der Geburt 



ihr Charakter als „Würgerin" macht die Beziehung auf die Geburts- 
angst eindeutig. In diesexn Sinne zeigt die Rolle der Sphinxgeslalt hi 
der Ödipussage ganz klar, daß der Hekl auf dem Wege der Rückkehr 
zur Mutter die Geburtsangst überwinden muß. die ja die Schranke 
darstellt, an die auch der Neurotiker in allen seinen Regressions versuchen 
immer wieder stößt. Reik' hat in schöner Weise ausgeführt, \vic die 
Sphinxepisode eigentlich eine DoubletLe der Ödipussage seJbsi darstellt ; 
nur hat er, offenbai- verleitet von dem keineswegs primären, wenn auch 
vielleicht historisch früheren Typus des männlichen agyptisclien Sphmx, 
den von der Analyse ursprünglich fesLgestellten Muttercharaktei- der 
Figur als sekundär erweisen wollen, was sich nicht bloU in dem hier 
entwickelten Zusammenhang, sondern nach den verschiedensten Rich- 
tungen als unhaltbar erweist. Gewiß ist die Ödipussage eine Doublette 
derSphinxepisodi;, wasaber psychologisch so viel bedeutet, als die Wieder- 
holung des Urtraumas auf dcj- sexuellen Stufe (Ödipuskomplex), wäh- 
rend die Sphinx das Urtraunia selbst darstellt. Ihr menschenverschün- 
gender Charaktei- stellt sie unmittelbar neben die inlaiUilen Angsttiere, 
■/.u denen das Kind ja auch die bereits geschilderte ambivalente Ein- 
stellung aus dem Geburtstrauma hat. Der Held, dei- von ihr nicht 
verschlungen wird, vermag eben durch Überwindung der Angst 
diesen unbewußten Wunsch in der lustvollen Form des Geschlechts- 
aktes mit der Mutter zu wiederholen.^ Entsprechend ihrem Angst- 
charkter als Wüvgerin stellt aber die Sphinx nicht nur ihrem latenten 
Inhalt nach den angst besetzten Wunsch der Rückkehr in die Mutter 
als Verschlingungsgefahr dar, sondern sie repräsentiert in ihrer mani- 
festen Gestalt den Geburtsaltt selbst imd das Sträuben dagegen, indem 



i) Ödipus und die Sphinx, hnago VI, igso. 

2) Id der Hcsiod scheu Theogonie, wo die Spliiiix literarisuli zuerst erwälmt 
erscheint, entsteht sie aus der Verbindung der in unterirdischer Höhle des Anmer- 
landes hausenden Echidna mit ihrem eigenen Sohne. „Ausgeburt der unterirdi- 
schen Echidna" wird sie auch von Euripides genannt (Koscliors Lex.). 



Die künstlerische Idealisierung 



J39 



der menschliche Oberleib aus dem tierischen (mütterlichen) Unterleib 
herauswächst, ohne sich endgültig davon lösen zu können.^ Dies ist 
das Rätsel der Sphinsfigur, und in seiner Lösung ist der Schlüssel zum 
Verständnis der ganzen griechischen Kunst- und Kulturent Wicklung 
gegeben. 

i) Eine besonders sinnfällige psychologische Vorstufe dazu bietet das be- 
rühmte Terrakottarelief von Tenos, das die Sphinx als eine die Jugendblüte 
dahinraffende Todesgüttin darstellen soll. (Rosclier IV, Sp. 1370,) [Dazu halte 

man die älinliche „Harpic des 
Grabmals von Xantos" bei Ko- 
scher I/2, Sp. 184G]. Diese Be- 
ziehung der Sphinx zum Tode 
wird uns leicht vers.tändlich. 
wenn wir uns daran erinnern, 
daß ja auch der große ägypti- 
sche Sphinx von Gizeh nichts 
anderes als einGrabist,dersich 
von den anderen „Tiersärgen", 
ivie z.B.denElephantenalleen 
der Minggräber in China, nur 
durch die besondere Kombi- 
nation von Mensch und Tier 
imterscheidet, d. h. die Her- 
kunft des Menschen aus dem 
tierischen Leib im Sinne des 
Heroenmytinis unterstreichf. 
Die rein genitale Bedeutung des Sphinxleibes (als Gebärorgan) kommt schließ- 
lich zum Vorschein in spätgricchischen, offenkundig zu weiblichem Gebrauch 
bestimmten erotischen Salbgefäßen in Sphinxform, ivie sie liberg (in Roschers 
Lexikon IV, Sp, 1384) bespricht (z. B. die schöne Sphinxvase im Brit, Mus. aus 
S. Maria di Capua, welche Murray um 440 ansetzt). 

Dasselbe sehen wir in der altperuanischen Keramik, die gleichfalls beweist, 
daß die Sphinxfigur ursprünglich ein Gefäß war, und zwar das Gefäß, in dem 
der Mensch selbst aufbewahrt wurde imd aus dem er auch herauskam. So die 
merkwürdige Darstellung eines „sphinxartigen" Menschen mit Raubtiergebiß 
unter einem Schneckenhaus, die Fühler wachsen ihm ans den Augen 
heraus (nach Fuhrmann: Peru II, 1922, Tafel 57); oder Tafel 31 aus dem 
Hamburger Museum für Völkerkunde, zu der Fuhrmann bemerkt: „Eine sehr 




Sphinx 

(Terrakottari'lief von Tenos) 



p 



jjQ Das Trauma der Gehurt 



Vergleichen wir auch nur flüchtig das klassische Zeitalter der grie- 
chischen Kunst mit seinen orientalischen Vorläufern, so können wir 
sagen, daß die Griechen die affektiv erlebte Tendenz, sich vom Mutter- 
leib zu lösen, die in den Sphinx- und Kentaurgestalten einen so eigen- 
artigen Ausdruck gefunden hat, in der ganzen Entwicklung ihrer Kunst 
konsequent durchgeführt haben, indem sie die tierischen Götter der 
asiatischen Welt durch menschliche, ja in Homers Darstellung allzu 
menschliche Gestalten ersetzten. All die mischgestalteten Fabelwesen, 
an denen die griechische Mythologie so überreich ist, scheinen den 
SchmerzunddieQual dieser Loslösungsbestrebungvon der Mutter wider- 
zuspiegeln, dessen Resultat wir in dem edelgeformten, von allem Mensch- 
lichen losgelösten und doch so menschlich gebliebenen Körper ihrer 
Büdv^erke, insbesondere des nackten Jünglings bewundern. 

So liegt die tiefe kultur- und entwicklungsgeschichtliche Bedeutung 

merkwürdige Darstellung mit einem Menschen köpf, der hinten aus dem Tier 
herauszuwachsen scheint, und die relativ starke Leibung des Tieres, das dem 
vorigen Bild zu entsprechen scheint (siehe Tafel go), könnte darauf hindeuten, 
daß der Körper des Menschen im Tiere selbst noch verborgen ist." — Tafel 30, 
aus dem Wiener Naturhistorischen Museum, nähert sich bereits in dem vor- 
geschrittenen Stadium des herausgekommenen Menschen dem Kentauren- 
Typus, dessen psychologische Bedeutung in unserem Sinne durch die Bemerkung 
von Fuhrmann unterstützt wird, daß ein Reittier in Peru nicht bekannt sei, 
daher „muß die Grundlage dieser Darstellung noch geklärt werden." Jedenfalls 
wird die „Entstehung« des Reiters dabei verständlich, der wieder nichts anderes 
als den mit der Mutter Verbundenen und darum Stärkeren, Höheren, Mächti- 
geren, Vornehmeren (König, Führer, Herrscher) darstellt. (Als die Ureinwohner 
Mexikos die spanischen Eroherer auf ihren Pferden sahen, meinten sie, Roß und 
Reiter seien ein untrennbares Ganze.) Das infantile Vorbild zu diesen fast „psy- 
chotischen" Regressionen in den tierischen Leib bilden nicht nur die Schaukel- 
und Steckenpferdchen der Kinder, sondern noch eindeutiger das sog. „Pferdchea- 
spjel",bei dem das Kind Beine und Unterkörper nach Pferdeart bewegt (springt), 
während der Oberkörper den menschlichen Reiter darstellt. — Das primitive 
Steckenbleiben in diesem Zustand versinnbUdlichen sehr hübsch die von Bert- 
G ch i n ger publizierten „Illustrierten HaUuzinationen"eineB Schizophrenen (Jahr- 
buch f. PsA. III, 1911). 



Die künstlerische Idealisierung 141 



dergriechischenKunstdarin, daß sie den biologischen und prähistorischen 
Akt der Menschwerdung, die Loslösung von der Mutter und die Aufrich- 
tung von der Erde, in der Schaffung und Vervollkommnung ihres Kunst- 
ideals vom menschlichen Körper wiederholte.' In der typischen Form 
der Giebelkomposition, die von dem am Boden liegenden verwun- 
deten Krieger bis zum aufgerichtet stehenden Gott eine Reihe von 
Zwischengliedern — auch kentauren hafte — darstellt, möchte ich 
ein Abbild dieses biologischen Entwicklungsprinzips sehen. Im übrigen 
ist ja für die ganze asiatische Kunst, soweit sie den Menschen abbildete, 
der Typus des Sitzenden („Thronenden") maßgebend gewesen, wie bei- 
spielsweise in den Buddhastatuen mit den untergeschlagenen Beinen, in 
der chinesischen Plastik usw. Erst die ägj'ptische Kunst beginnt den auf- 
recht stehenden oder schreitenden Körper — allerdings noch mit dem 
Tierkopf — zu bevorzugen, der dann in der griechischen Kunst sozusagen 
wörtlich aus dem tierischen Mischkörper als von allen Schlacken der 
Geburt gereinigtes Schönheitsideal herauswächst. In der ägyptischen 
Plastik wächst, ähnlich wie in den alten chinesischen Felsskulpturen, 
allmählich die Figur aus üem Stein selbst heraus („Steingeburt"), wie 
beispielsweise die im Berliner Museum befindliche Granitstatue des 
Senmut (um 1470 v. Chr.), der eine Prinzessin hält; von beiden sieht 
man nur den Kopf aus einem mächtigen Granitblock herausragen. Das- 
selbe Motiv, schon mehr gelöst aus dem künsderischen Geburtssymbol, 
zeigt die gleiche Gruppe in Kairo. Hedwig Fechheimer sagt in ihrem 
schönem Werk von der Plastik der Äg>-pter, ' daß sie ihrer Natur nach nur 
die in Ruhe verharrende Gestalt als einwandfreien Vorwurf gelten lassen 
konnte: Sitzen, festes Stehen, Hocken, Knien seien ihre häufigsten 
Motive. Die Granitstatue des Senmut, bei der die menschliche Gestalt 



i) Im „Laokoon" sagt Lessing, daß bei den Alten „schöne Menschen Bild- 
säulen erzeugten, und der Staat schönen Bildsäulen schöne Menschen mit zu 
verdanken hatte". 

2) In der Sammlung: Die Kunst des Ostens. Bd.I. Berlin. 



j 2 Das Trauma der Gehurt 



vollständig in einen vom Kopf bekrönten Block hineinkomponiert sei. 
stelle in ihrer schroffen Gesetzmäßigkeit vielleicht den konsequentesten 
Auscfruck dieser Raumphantasie dar, die an architektonische Formen 
grenze (S. 25/26). Von hier aus erscheinen uns Plastik und Architektur, 
die ja ursprünglich offenbar eins waren, wieder ihren psychologischen 
Zusammenhang zu bekommen : die Architektur, als „Raumkunst" im 
wahren Sinne des Wortes, ist eine negaüve Plastik, wie die Plastik eine 
„raumfüllende" Kunst ist. „Die Würfelfiguren übertreffen jede bekannt- 

Plastik — auch die monumentalen Statuen vom Didymaion bei Milet. 
durch die starre Konsequenz ihrer kubischen Auffassung. - . Das Form- 
schema, zu dem die komplizierte Stellung des Kauerns mit hoch- 
gezogenen Knien und übergefalteten Armen sich in der Vor- 
stellung vereinfachen ließ, ist im Bildwerk restlos verwirkhcht. Die 
beiden Figuren sind völlig vom Würfel durchdrungen" (S. 59)- 

Wie sehr dem ägyptischen Geist selbst dieses Herausarbeiten des 
Menschen aus der Urform mit dem Geburtsakt verwandt schien, beweist 
die Sprachbildung: „ein Bildwerk ,schaffen' heißt nämlich im Ägyp- 
tischen ,zum Leben bringen', die Tätigkeit des Plastikers wird durch 
die Kausativform des Wortes ,leben' bezeichnet. Daß hier keine Laut- 
ähnlichkeit, sondern ein innerer Grund waltete, wird durch das Vor- 
kommen von Eigennamen für Statuen bestätigt, das diese zu Indivi- 
duen erhebt Der Mythus gestaltete das Motiv in seiner Weise aus: 

der Urgott Ptah, der einst sich selbst, die Götter und alle Dinge schuf. 
ist zugleich der Schöpfer der Kunst und der Werkstätten. Sein Hoher- 
priestex führt den Titel ,Oberster aller Kunstwerke', sein Name scheint 
mit einem seltenen Wort für , bilden' eng zusammenzuhängen (S. 13). 
Die doppelgestaltige Sphinxfigur, die für den Unsterblichkeitsglauben 
des Ägypters den vollendetsten künstlerisch-architektonischen Ausdruck 
der Wiedergeburt darstellte, wurde für den griechischen Menschen zum 
Ausgangspunkt eines Überwindungsprozesses dieser mütterlichen Reli- 
gion und führte so zur Schaffung des höchsten männlichen Kunstideals. 



p — 



-i 



Die künstlei-ische Tdealisieru7ig j /f.} 

Der Weg, auf dem diese Entwicklung vor sich ging, ist in der griechi- * 

sehen Kulturgeschichte leicht zu verfolgen. Neben der übernomme- J 

nen Sphinx ist nämlich die griechische Luft von einem Spuk erfüllt, ^ 

der ims verrät, auf welciiem Fundament dieser Prozeß der ..Helleni- i 

t 

sierung" ruht: nämlich auf der intensivsten Verdrängimg des mütter- '\ 

liehen Prinzips. Die Sphinx ist, wie Ilberg (s. Roschers Lexikon) im \ 
Anschluß an Rohde und Laistner ausführt, zwar ein aus der Fremde 

iibernoninienes Fabelwesen, das aber von der griechischen Volksphan- '■ 
Tasie bald mit* den eigenen Gebilden verwandter Art verschmolzen 

wurde, Es handelt sich dabei um das uraltem Glauben entstammende \ 

gespenstische Heei' weiblicher Unholde, wie es in solcher Fülle au(-]\ ,' 

nur die griechische Sagenwelt auTzuweisen hat, die in Gestalt der ^ 
Hekate, Gorgo, Morrao, Lamia, Gello, Empusa, ferner der Karen, Erin- 

nyen, Harpyien, Sirenen und ähnlicher Höllengeister und Todcsdämo- i 

nen erscheint. Sie alle sind Repräsentanten der angstbesetzten Urmutter 1 

(Geburtsangst) und zeigen als solche den fundamentalen Unterschied \ 

zwischen der griechischen und asiatischen Kultur, in der die gi-oße Ur- 1 

mutter göttliche Verehrung genoß (Astarte-Kybele), während sie vom I 

Griechentum durch Reaktiviei-ung der Angstbesetzung verdrängt und ' 

durch den männlichen Götlerhimrael ersetzt wurde, dem auf Erden j 

der männliche Staat entsprach. ' Den Übergang zwischen diesen beiden ' 

extremen Weltanschauungen scheint die ägyptische Kultur zu bilden, j 

aus der ja auch dieSphinxfigttrin das Griechentum übernommen wurde. \ 

Die ägj'ptische Kultur ist durch drei Determinanten gegeben, die J 

sich alle in gleicher Weise auf die ersten Verdrängimgsschübe der posi- j 



1) Wie unvollkommen diese Verdrängung des Weibes gehmgen ist, blickt 
noch in den ehelichen Zwistigkeiten des Götter\'aters Zeus mit der Muttergöttin 
Hera durch, die sciioii bei H oin e r des koniisdien Beigesclnnacks nicht entbehren 
und die Figur des göttlichen „Pantoffelhelden" rechtfertigen, den Offenbach 
aus dem abenteuerlustigen Ehemann gemacht hat. — Das christliche Gegen- 
stück daiu ist des Teufels Großmutter, die auch unheslriltene Herrin der Unter- 
welt bleibt fs. S. 1 27l. In Indien ist es die schreckliche Durya, 



j v^ Das Trauma der Geburt 



tiven Einstellung zur Mutter zurückführen lassen, die in den asiatischen 
Kulturen sich noch unverdrängt in der geschlechtlichen Hochschätzung 
der Urmutter auszuwirken scheint und in der christlichen Muttergottes 
insublimierterForni wiederkehrt: Religiös in dem eigenartigen Toten- 
kult, der in allen seinen sonderbaren Details, insbesondere der Kon- 
servierung des Körpers, auf ein Weiterleben im Mutterleib hinaus- 
läuft;' künstlerisch durch die übertriebene Wertschätzung des Tier- 
körpers (Tierkultus); und sozial durch die Hochschätzung der Frau 
(„Mutterrecht"). Diese ursprünglich rein „mütterlichen" Motive werden 

nun im Laufe eines Jahrtausende währenden Entwicklungsprozesses, 
\welcher der Überwindung des Geburtstraumas dienstbar ist, „vermänn- 
licht", d. h. im Sinne der Anpassung auf die Vaterlibido umgearbeitet. 
Typisch für alle drei Manifestationen dieses Mutterprinzips, wie für die 
beginnende Tendenz zu seiner Überwindung, ist die Verehrung der 
Mondgöttin Isis, neben der ihr Bruder Sohn und Gatte Osiris sich all- 
mählich Geltung verschafft. Das gleiche spiegelt sich in der allmäh- 
lichen Entwicklung des Sonnenkults, der aber nicht nur, wie Jung 
meinte, die Angleichung an die Wiedergeburtsphantasie gestattet, son- 
dern im Sinne der ursprünglicheren Mondverehrung der Mutterlibido 
Ausdruck gibt. Nicht nur weil die Sonne wieder aufgeht, identifiziert sich 
der Held mit ihr, sondern weil sie jeden Tag aufs neue in der Unterwelt 
verschwindet und so dem Urwunsch der Vereinigung mit der Mutter 
= Nacht entspricht Dies beweist gerade der ägyptische Sonnenkult un- 
zweideutig: mit seinen zahlreichen bildlichen Darstellungen, welche das 
Sonnenschiff auf seiner Nachtfahrt in der Unterwelt bevorzugen, wie 
auch in den Texten des Totenbuches: „Unter der als Scheibe gedachten 
Erde liegt eine andere Welt, die den Abgeschiedenen gehört; betritt der 
Sonnengott sie, .so erheben die Toten ihre Armeund preisen ihn ; der Gott 

i) Freud hat darauf hingewiesen, daß das Einsargen der Mumie in eine 
Hülse von menschlicher Gestalt die Rückkehr in den Mutterleib andeutet («t. 
bei Tausk, 1. c. S. 24, Anmerkg.). 



:■-( 



-*T' *naij . 



— i 



Die künstlerische Idealisierung i^j 



erhört die Gebete derer, die in den Särgen liegen, und gibt ihren Nasen 
wieder Atem.' Das ,Ued. der Urgötter' ruft den Sonnengott an : , Wenn du 
niedergehst in die Unterwelt in der Stunde (?) der Dunkelheit, weckst 
du Osiris auf mit deinen Strahlen. Wenn du aufgehst über den Köpfen 
der Höhlenbewohner (= Toten), jubeln sie dir zu ... Du läßt auf- 
stehen, die auf ihren Seiten liegen, wenn du in die Unterwelt eindringst 
bei Nacht!' Besondere Sprüche sollen es dem Toten ermöglichen, 
daß seine Seele in die Sonnenbarke einsteige und mitfahre. Die Toten 
preisen den Sonnengott mit Liedern, die uns in den ihebanischen Königs- 
gräbem erhalten sind. . . . Wegen dieser starken Abhängigkeit der Toten 
von der Sonne stellt man in den Gräbern aus dem Ende des neuen Reiches 
den Sonnengott dar: in den Königsgräbern tritt der Verstorbene dem 
Gott wie ein Gleichgestellter gegenüber" (Röscher, Bd. IV, „Sonne"). 
Dementsprechend wird auch die Entstehung der Sonne in der ägyp- 
tischen Kosmologie so gedacht, daß der Sonnengott sich selbst erzeugt 
habe. Im Lied der Urgötter beten diese: „Geheim sind seine Gestalten 
bei seinen Entstehungen . . ., der entstand als Re . . ., der von selbst 
entstand . . ., der sich aus seinem Leibe schuf, der sich gebar; er ging 
nicht aus einem Mutterleib hervor; [woraus] er hervorging ist 
die Unendlichkeit.'^ Auch das andere „Lied der Urgötter" sagt: Es 
gibt keinen Vater von ihm, sein Phallus zeugte ihn; es gibt keine 
Mutter von ihm, sein Same trug ihn, — Vater der Väter, Mutter der 
Mütter" (1. c. Sp. 1 191). Noch näher steht der embryonalen ürsitua- 
tion eine andere Fassung dieses Geburtsmythus, wonach der Sonnen- 
gott ein Ei geschaffen habe, aus dem er dann selbst hervorging. Im 
Totenbuch heißt es: ,Re. der aus dem Ozean emporgestiegen ist', sagt. 
,Ich bin eine Seele, die der Ozean geschaffen hat . . . Mein Nest ist 
nicht gesehen, mein Ei ist nicht zerbrochen ... Ich habe mein Nest an 
den Enden des Himmels gemacht'. Und die von Reeder (Roschers 
Lex.) hierher gerechneten bekannten „Darstellungen des Käfers, der 
eine Kugel (d. h. sein Ei?) vor sich her wälzt [dortige Abb. 7], und zwar 

10 Rcink 



14^ 



Das Trauma der Geburt 



in den Leib der Himmelsgöttin hinein, von der er später 
geboren wird," lassen keinen Zweifel daran, daß es sich um die 
Urtendenz zur Rückkehr in den Mutterleib handelt, die auch dem 
Sonnenkultus ursprünglich an soweit entfernten Stellen der Erde wie 
Ägypten und Peru die gleiche Bedeutung gab. 

Die Ausgestaltung des Sonnenkults geht aber regel- 
xnäßig einher mit einer entschiedenen Wendung von der 
Mutterkultur zur Vaterkultur, wie sie sich auch in der 
schließlichen Identifizierang des neugeborenen Königs 
(infam) mit der Sonne zeigt. Dieser Gegensatz zur Vorherr- 
schaft der Frau, sowohl auf sozialem Gebiet (Vaterrecht) 
wie auf religiösem, setzt sich ah Übergangsprozeß von 
Ägypten nach Griechenland fort, wo er in der vollständigen 
Verdrängung der Frau, sogar aus dem erotischen Üben, 
zur höchsten Blüte der männlichen Kultur und der ihr ent- 
sprechenden künstlerischen Idealisierung führt. 

Der Übergangs- und Knotenpunkt dieser entscheidenden 
^^^^^ Wendung zu unserer abendländischen Kulturentwicfclung 

«^ liegt in Kreta, wo sich bekanntlich zuerst ägyptische Ein- 

Der Sonnen- ^ a„„t 

gott in der flüsse mit griechischen zur mykenischen Kultur vermengt 

Lotosblüte >,aben. Wie diese nach Furt wänglev in der Greiffigur die 
*""'"* deutlichste Übereinstimmung mit dem Sphinxtypus des 
Neuen Reiches zeigt, so brachte sie auch den ganz ägyptisch anmutenden 
Minotaui-us hervor, der gänzlich in Menschengestalt, nur mit emem 
Stierkopl gebildet ist. Das Gefängnis dieser Mißgeburt, das berühmte 
Labyrinth, ist seitdem bedeutsamen Fund Weidners' auch dem ana- 
lytischen Verständnis zugänglich geworden (mündliche Mitteilung von 
Prof. Freud). Weidner hat aus Inschriften erkannt, d aß es sich bei den 
1) E F. Weidner: Zur babylonischen Eingeweideschau. Zugleich ein Bei- 
trag zur Geschichte des Labyrinths. (Orient, Studien, Fritz Hommel zum 60. Ge- 
burtstag. I. Band, Leipzig 1917, S. 191.I 




Die künstlerische Idealisierung 



m 



unentwirrbar verschlungenen dunkeln Gängen des Labyrinths um Dar- 
stellungen der menschlichen Gedärme handelt („Palast der Eingeweide" 
heißt es in den von ihm entzifferten Inschriften), deren analytische 
Auffassung als Gefängnis der mißgebildeten Gestalt (Embryo), die den 
Ausgang nicht finden kann, im Sinne der unbewußten Wunscherfüi- 
lung klar ist. Indem ich die eingehende Beweisführung für diese Auf- 
fassung, deren Konsequenzen für das Verständais ganzer Kulturkreise 
(nicht nur des kretisch-mykenischen, sondern auch des nordischen) 
und ihrer Kunstübung (Labyrinth tanze, Ornamentik usw.) von unge- 
ahnter Bedeutung ist, für einen gi-ößeren Zusammenhang aufspare,' 




Die aus der Trojaburg kommenden Reiter 

(DarstoUung: vom Krog von Tragliatßlla) 

möchte ich für die vorliegende Darstellung die Gegenfigur des Theseus 
hervorheben, dem es mittels des von der Ariadne ihm zugeworfenen 
Fadens (Nabelschnur) gelingt, den Ausgang aus dem Labyrinth zu fin- 

,) Für die bereits genannte Arbeit: Mikrokosmos und Makrokosmos 
Vgl. F. Adama van Scheltema: Die altnordische Kunst. Berlin 1925, 
S. 115 ff.: „Der Kreis als Mutterform der Bronzezeitomamentik.« 

Oben eine Abbildung (nach Krause) zur vorläufigen Illustration: die Dar- 
stellung von dem berühmten Krug von Traghatella : Die aus der Trojaburg, dem 
„Labyrinth", kommenden Reiter darstellend, wobei der Schweif des hinteren 
Pferdes noch in Windungen desselben steckt (s. Kraus e: Die nordische Herkunft 
der Trojasage, Glogau 1895}. , 



L.- 



i 



jjg Das Trauma der Geburt 

den, nach anderer Überlieferung sie daraus zu befreien. Diese seine 
Befreiung, welche in der Ausdi-ucksweise der mythischen Kompen- 
sation als Erlösung der gefesselten Jungfrau durch den Helden darge- 
stellt wird, repräsentiert die Geburt des griechischen Idealmenschen. | 
des Heros, und seine Loslösung von der antiken Urmutter. 

Wir können von hier aus rückblickend verstehen, wie das vorder- 
asiatische Weltbild, das ein rein mütterliches war, über den ange- 
deuteten Weg der Vermännlichung in der ägyptischen Kulturwelt, 
zur raänDerstaatlichen Sozial Organisation der Griechen (Sparta) und zur 
Idealisierung dieser rein männlichen Kultur in der künstlerischen 
Menschenschöpfung führte. Den vollendetsten Ausdruck dieses Ent- 
wicklungsganges finden wir im Mythus von P r o m e t h e u s , dem kühnen 
Feuerbringer und Menschenschöpfer, der sich vermaß, ganz wie seine 
menschlichen Vorbilder, die unerreichten griechischen Steinkün stier, 
Menschen aus Erde zu bilden und ihnen das Feuer des Lebens einzu- 
hauchen." Dies sowie die Schöpfung des ersten Weibes, der Pandora, 
die ihm besonders zugeschrieben wird, stellen ihn in eine Reihe mit 
dem alttestamentarischen Gott; nur galt er den erlösungsbedürftigen 
Griechen als Freund und Heilbringer der Menschen und seine Taten 
wurden als titanische Frevel vom Göttervater Zeus bestraft. Wir dürfen 
erwarten, auch in seiner Bestrafung wieder die tiefste Wunscherfüllung 
des Unbewußten zu finden, die seinem Verbrechen entspricht: an einen 
einsam stehenden Felsen festgeschmiedet — spätere Überlieferung spricht 
auch hier von „Kreuzigung" — frißt ein Raubvogel unaufhörlich an 

i) Wie Bapp(RoschersLex.) schon nachgewiesen hat, handelt es sich keines- 
wegs um das „himmlische Feuer" (Blitz usw.), das Prometheus rauht, sondern 
um Feuer von der Erde (Mutter). — Hier knüpft auch die nahverwandte 
Hephaistos-Mythe vom göttlichen Schmiede an, der selbst lahm (Geburts- 
trauraa beim Sturz aus dem Himmel!), Menschen nicht mehr aus schmutziger 
Erde (Lehm) bildet, sondern aus edlem, reinen Metall. Siehe d&zM auch 
Mc Curdy: Die Allmacht der Gedanken und die Mutterleibsphantasie in den 
Mythen von Hephästos und emem Koman von Bulwer Lytton. {Imago III, 1914-) 



Die künstlerische Idealisierung 149 



seiner Leber, die bei Nacht immer nachwächst, um seine Qua] — und 
seine unbewußte Lust — zu einer ewigen zu machen. Daher weiß auch 
die alte Überlieferung bei Hesiod nichts von seiner Befreiung, die erst 
später dem Herakles zugeschrieben wird, der ja selbst einen solchen, 
ewig ans Weib gefesselten (Omphale) Helden darstellt, der iramer 
wieder vergebens versucht, sich zu befreien." 

Dasselbe tut aber der Künstler, indem er wie Prometheus Menschen 
schafft, nach seinem Bilde, d. h. in immer neuen, stets wiederholten 
Geburtsakten sein Werk und in ihm sich selbst unter den weiblichen 
Schmerzen der Schöpfung gebiert. So hat der eminent künstlerische 
Grieche, der das Weib nur als Gebärorgan verstand, und der Knaben- 
liebe huldigte, sich in Identifizierung mit der Mutter zum Menschen- 
schöpfer erhoben, indem er selbst sich in den Kunstwerken schrittweise 
und unter größtem W^iderstreben von der Mutter loszulösen versuchte, 
wie all die sphinxartigen Fabelwesen so überzeugend darlun. Von diesem 
„Moment" der gleichzeitig ersehnten und doch nicht gewollten Los- 
lösung vom tierischen Mutterleib, von diesem ewigen Steckenbleiben 
im Geburtsakt, das den Neurotiker alle Angst der Ursituation immer 
wieder aufs neue erleben läßt, fand der griechische Künstler und mit 

i) Auch hier knüpft die spätere satirische Auffassung vom „Unglück Weih" 
(die Unheilbüchse der Pandora, in der schon Preller die 
cvsta my^cay das weibliche Genitale erkannte) an die 
alte Stelle bei Hesiod an, wonach Zeus von Hephaistos 
die Pandora aus Erde schaffen Heß, um den Prometheus 
für den Feuerraub zu strafen. Hesiods Eriählung schließt 
mit den Worten: „So vermochte selbst Prometheus, der 
Leidabwender, dem Zorn des Zeus nicht zu entfliehen, 
und gewaltsam hält ihn, so listig er ist, die mäch- Prometheus 
tige Fessel gefangen." — Welche weibliche Fessel da- vom Adler gequält 
mit im tiefsten Grunde gemeint ist, zeigt eine der ältesten (inioUtoia 

Darstellungen der Prometheusstrafe in einer Gemme auf '■" ^"'' ""'■' 
einem der sog. „Inselsteine" des Britischen Museums, die 
wieder nach Kreta, dem alten Sitz einer „vielleicht pelasgisch zu nennenden" 
Kunstübung zurückgeht. (Nach Röscher III/2, Sp. 3087.) 




IjO Das Trauma der Geburt 



ihm das ganze Volk den Weg zur Idealisierung im Festhalten dieses 
bewegten Augenblicks, in seiner Erstarrung im Stein, den das Medusen- 
haupt noch in seiner schreckhaften Bedeutung bewahrt hat/ 

So ist die griechische Kunst die erste Darstellung des Bewegten ge- 
worden, welche die unbeholfene Steifheit der asiatischen und ägyptischen 
BildnisseinBewegungaufgelöst hat, die aber selbst wieder zur Erstarrung 
verurteilt war (Lessings Laokoon-Problem). Das Bewegungselement 
hat der Grieche, der auch der erste „Sportsmann" war. in seiner Körper- 
kultur, in den Spielen, Wettkämpfen und Tänzen, auf deren Bedeutung 
als idealisierte (rhythmisierte und stilisierte) körperliche Paroxismen des 
Unbewußten (Anfälle) wir hier nur hinweisen können." 

Nach all dem wird es wahrscheinlich, daß wir in der „Plastik die 
Anfänge jeder Kunst überhaupt zu suchen haben. Bevor aber der Ur- 
mensch daran ging, wie Prometheus Menschen in Ton nachzubilden, 
hat er vermutlich, in Analogie mit dem „Instinkt" des Nestbaues, erst 
das Gefäß zur Aufnahme und zum Schutz, den Mutterleib plastisch 
nachgebildet.^ Die altbabylonische Überlieferung von dem Gott, der 



i) Auch hier ist der IdcalisierungsprazeD vom schreckenerregenden gorgoni- 
schen Schlund, bis zur schmerz verklärten Medusa Rondanini, der griechischen 
Madonna, zu verfolgen, (siehe die entsprechenden Abb. bei Koscher I/s, 
Sp. 1716/17; 1725). Vgl. Ferenczi: Zur Symbolik des Medusenhanptes (Int. 
Zschr. f. PbA. IX, i, 1925, S. 69^ luid die ergänzende Bemerkung von Freud : Die 
infantile Genitalorganisation (ebda. H, 3, S. 171, Anmkg. i). 

2) Vgl. die Schilderung und Geschichte der „Labyrinthtänze" bei Krause. 
Noch in den römischen Zirkusspielen, die in nhserer Rennbahn i'orllehcn, findet 
der Lauf in fiktiven Labyrinthgängen statt. 

5) Fuhrmann (Der Sinn im Gegenstand, S. af.) miterscheidet zwei Typen 
von Gefäßen: die einen, nicht für Flüssigkeit bestimmten, sind nach dem tieri- 
schen Darm gebildet, woraus sich die Wulattechnilt der Keramik entwickelte (z. B. 
auf Neuguinea). „Der Bauchtopf stellt daher im Grunde den Unterleib des 
Menschen naturgetreu dar, also eine endlose Linie von spiralig geordneten 
Därmen, die außen durch eine Haut iiberkleidet sind und innen den Magen 
enthalten, bzw. den Nabrungsvorrat in sich aufnehmen sollen," — DiefürFlüssig- 
lieiten bestimmten Gefäße seien dem Euter der Tiere, bzw. der Bnist der Frau 



1 



Die künstlerische Idealisierung J i^ 



die Menschen auf der Töpferscheibe dreht — so ist auch im Tempel 
von Luxor der Gott Chnura dargestellt— weist in die gleiche Richtung. 
Das ursprüngliche „Gefäß" ist also, wie im „Mythus von der Geburt 
des Helden", der Mutterleib, der zuerst nachgebildet wird. Bald erfährt 
dann das Gefäß eine immer deutlichere Entwicklung in der Richtung, 
daß es den ursprünglichen Inhalt, d. h. den verkleinerten Menschen, 
das Kind, oder dessen Kopf (Topf) darstellt. Es bekommi einen Bauch, 
Ohren, einen Schnabel usw. (Vgl. die typischen Kopfbecher, bes. der 
Primitiven, die Gesichtsurnen u. a. ra.) * Also auch diese erste Menschen- 
schöpfung vom Gefäß zu dem (darin befindlichen) Kind wiederholt 
die biologische Entwicklung getreu; und wenn die spätere richtige 
Kunst, die den Menschen sozusagen gänzlich vom Gefäß befreit hat, 
gleich fertige, erwachsene Menschen hervorbringt wie Prometheus und 
die griechischen Künstler, so haben wir auch darin die Tendenz zui- 
Vermeidung des Geburtstraunias, der schmerzlichen Auslösung zu 

erkennen. - 

Hierin haben wir die eigentliche Wurzel der Kunst zu er- 
blicken: in dieser autoplastischen Nachbildung" des eigenen Werdens 

nachgebildet (s. Schlauch = ouire — nterus; — Bocksbeulel, Beutel; — fn. 
bouieille, engl, bottle, so daß jede Flasche ein Euter ist, das auf der Basis steht, 
die Zit7.e nach oben". 
i) Die spätere Ornamentik auf dem Gefäß ersetzt dann den ursprünglichen 
Inhalt, wie besonders deutlich die peruanische Keramik zeigt (s.inPuhrmanns 
Peru 1 besonders die merkwürdigen Tier- und Menschenfiguren auf den 
bauchigen Korper-Gcfdßen der Chimu-Kultur, Tafel 6 u. ff.). — Ähnlich ist auch 
die Ornamentik auf dem berühmten Krug von Tragbatella als Darstellung 
des Innern an der Oberfläche lu verstehen. — In der indischen Bbagavad Gita 
werden die Körper krchetra, d. h. Gefäße, fruchttragender Boden, Mutterleib, 
genannt (nach Winterstein 1. c, S. 195). 

2) Verworn hat aus der Vollkommenheit und EntwicliUuigslosigkeit des 
dilurialen Naturalismus auf den von ilun sog. „phjsioplastischen" Charakter 
dieser Frühkunst geschlossen (Zur Psychologie der primitiven Kunst, 1908). 
-- Reinach hat dafür das trefflich doppelsinnige Wort geprägt: Prohi sine 
matre crraia, inater sine prolc defuncta (nach Schcitemo 1. C, S. ö). 



I 



I j2 Das Trauma der Geburt 

und Entstehens aus dem mütterlichen Gefäß; denn die Nachbildung 
dieses Gefäßes selbst mochte auch praktischen Bedürfnissen dienstbar 
gemacht worden sein, während die Gestaltung nach dem eigenen Körper 
die für die Kunst charakteristische Zutat des scheinbar Zwecklosen und 
doch irgendwie Sinnvollen bedeutet. In diesem Sinne entwickelt sich 
die Kunst sozusagen als ein Zweig des „Kunstgewerbes", dassieursprüng- 
licb wohl war, und als solches spielt sie in der Realkultur eine ganz 
bedeutsame Rolle. Und es ist gewiß auch kein Zufall, daß die vor ' . 

allem den männlichen Körper idealisierenden Griechen in der Stili- 
sierung und Veredelung des mutterlichen Gefäßes die höchste Stufe 
der Vollendung in ihrer Vasenkunst erreicht haben. 

In den naturgetreuen Tierdarstellungen der Eiszeit haben wir die ent- 
sprechenden Anfänge der Malerei vor uns. In diesen Höhlenzeichnungen 
scheint sich der Mensch den zu dem wärmenden Unterschlupf dazu- 
gehörigen Tierkörper reproduziert zu haben. Nur so wird es vei-ständ- 
lich, daß „einzelne Tiere oder Tiergmppen in versteckten Tiefen, in 
Kapellen und Nischen, schwer, mühsam, nach Überwindung beträcht- 
licher Hindernisse (die den Unkundigen in Lebensgefahr bringen 
können, Pasiega), oft nur den Kriechenden oder Knieenden zugäng- 
lich" sind (nach Schneider l.c.,S.5).^ Diese Auffassung würde der 
herrschenden „magischen" Erklärung nicht nur nicht widersprechen, 
sondern sie psychologisch (vom Unbewußten) versländlich machen: 
handelt es sich doch um Tiere, die den Menschen wärmen, schützen 
und ernähren, wie einst die Mutter. 

In der späteren Malerei, beispielsweise der christlichen Kunst, wird 
das ganze Leben Jesu von der Geburt bis zum Tode dem des Lesens 
unkundigen Volk bildlich vorgestellt, so daß die Identifizierung leicht 
ermöglicht wird. Maria mit dem Kind entwickelt sich schließlich in 
der italienischen Malkunst zum Symbol des Mutterglücks, d. h. des 

i) Siehe dazu R. Schmidt: Die Kunst der Eiszeit, 1922, und Herb. Kühn; 
Die Malerei der Eiszeit, 1923. 



\ 



'*-^- ^- — 



Die künstlerische Idealisierung IJ) 



Glücks von Kind und Mutter in der Vereinigung. So löst sich der 
individuelle Erlöser wieder in die einzelnen göttlichen Individuen, die 
Kinder, auf. Der gekreuzigte und „wiedergeborene" Christus wird hier 
■/.um gewöhnlich geborenen Kind an der Mutterbrust. 

Die modernen Kunstbewegungen, die so viele primitive Züge auf- 
weisen, wären dann die letzten Ausläufer jener „psychologisierenden 
Kunstrichtung, die bewuflterweise „das Innere" des Menschen dar- 
stellt, d. h.sein Unbewußtes, und zwar vorwiegend in „embryonalen" 
Formen. '■ 

Wir sind hiermit auf die Wurzel des Problems der Kunst gestoßen, 
das ja letzten Endesein Formproblem ist. Wie sich uns ergeben hat, 
geht alle „Form" auf die Urform des mütterlichen Gefäßes zurück, 
die in der Kunst in weitgehendem Maße Inhalt geworden ist; und zwar 
in einer idealisierten und — eben zur Form — sublimierten Weise, 
welche die der Urverdrängung verfallene Urform wieder akzeptabel 
niacht, indem sie als „schön" dargestellt und empfunden werden kann. 

Fragen wir uns nun, wie es möglich war, daß das griechische Volk 
dazu befähigt wurde, eine so weitgehende Idealisierung des Geburts- 
tvaumas zustande zu bringen, so gibt uns vielleicht die griechische Ur- 
geschichte einen WinkzumVerständnisdiesereinzigartigenEntwicklung. 
Ich meine die dorische Wanderung mit allen ihren B'olgen, die einen Teil 
des Griechen Volkes in früher Urzeit aus dem Mutterlande hinaus- 
drängte und es zwang, auf den gegenüberliegenden Ionischen Inseln 
und aö der kleinasiatischen Küste ein neues Mutterland zu suchen. 
Diese gewaltsame Trennung vom heimischen Mutterbaden scheint 
nun im Sinne einer Wiederholung des Gebm-tstraumas, der gewalt- 
samen Lösung von der Mutter, die ganze weitere Entwicklung der 
gi-iechischen Kultur entscheidend bestimmt zu haben. Sicher ist, daß 

i) Siehe Hennami Bahr: Expressionismus, 191G, Oskar Pfister: Der 
psycho!, u. biolog. Untergrund d. Expressionismus, 1920, und zuletzt noch 
Prinzhorn: Die Bildiierei der Geisteskranken, igaa. 



'S4 



Das Trauma der Geburt 



die homerischen Epen, insbesondere die Ilias, die erste künstlerische 
Reaktion auf den Abschluß dieser großen Völkerwandemng, die Be- 
siedelung der kl ein asiatischen Küste duixh die griechischen Kolonisten, 
darstellt. Der Kampf um die Veste Troja und die dahin aus dem 
Mutterlande entführte ewig junge Helena spiegeln die verzweifelten 
Versuche der griechischen Auswanderer wieder, sich im neuen Mutter- 
boden festzusetzen, wobei die homerischen Götterkampfe darauf hin- 
zuweisen scheinen, daß sich dabei auch der Kampf der nnühsom auf- 
gerichteten olympischen Herrschaft des Zeus gegen den in Kleinasien 
noch herrschenden Kult des Mutteridols (Athene) wiederholte. Ich 
hoffe, einmal zeigen zu können, wie sich aus der inhaltlichen Analyse 
der epischen Phantasie die wirkliche historische Wahrheit aus den 
Überwuchei-ungen der unbewußten Verarbeitung herausschälen und 
so die giiechische Urgeschichte rekonstruieren läßt, wozu mir bereits vor 
vielen Jahren Prof. Freud die Anregung gegeben hatte, indem er mir 
nahelegte, den psychoanalytisch erkannten Mechanismus der Epenbil- 
dung an den homerischen Gedichten zu verfolgen.' Ich möchte hier nur 
hervorheben, daß der den asiatischen Muttergöttinnen kongeniale grie- 
chische Demeterkult {Pfj-fiijtrjQ ^= Mutter-Erde) nach Herodot schon 
vor der dorischen Einwanderung Heimatrecht auf dem Peloponnes 
hatte. Dies stützt unsere Vermutung, daß die von den dorischen Ein- 
dringlingen vertriebene Bevölkerung stark an die Multer-Rrde fixiert 
war-, während es anderseits vielleicht einen Hinweis darauf geben 
mag, daß die Dorier in Reaktion auf diese allzu mütterliche Bindung 
■lUT Knabenliebe ihre Zuflucht genommen haben. Die Gestalt des 
Herakles, nach Wilamowitz ein getreues Spiegelbild der recken- 
haften Adelskultur der peloponnesischen Dorier. würde dann nur im 



i) Siehe meine Vorarbeiten dazu (Imago V, igi^ — ig): Psychologische Bei- 
träge zur Entstehung des Volksepos. I. Homer (Das Problem). II. Die dich- 
terische Phantasiebildung (daselbst S. 157 Fußnote die Skizze zum Plan des 
Werkes, das bis jetzt nicht über die Vorarbeiten hinausgeführt ivurcte). 



Die künstlerische Idealisierung IJS 



Sinne der Heroisierung die Schwierigkeiten dieser Loslösung von Aei- 
Mutter bewahrt haben. Herakles erscheint denn auch in vorhomeri- 
scher Überliefei-ung als Eroberer von Troja. 

Die homerische Darstellung gibt uns ein gules Beispiel davon, wie 
der Dichter beim Versuch der Rückerinnerung peinlicher historischer 
Ereignisse auf die eigenen unbewußten Wunsch phantasien zurücksinkt. 
Während die Ilias nur die vergeblichen Kämpfe um Troja schilderl, 
wird in der Odyssee der inihmreiche Abschluß dieses zehnjährigen 
Ringens rückschauend erzählt. Der kluge Held läßt in der berühmten 
Geschichte vom hölzernen Pferd, in dessen Bauch versteckt die Achäi- 
schen Helden in das Innere der Festung gelangen, die Kämpfe ihren 
Abschluß finden. Diese menschlich und poetisch gleich tiefe Über- 
lieferung zeigt deutlich, daß es sich letzten Endes für die vom Mutter- 
boden gewaltsam vertriebenen Auswanderer' um die Wiedergewinnung 
des ewig jungen und schönen mütterlichen Ideals (Helena') auf fremdem 
Boden handelte, und zwar in der dem Unbewußten einzig möglichen 
Form der Erfüllung, der Rückkehr in den tierischen Mutterleib, die 
der furchtlosen Helden sonst so wenig als Zuflucht und Versteck wür- 
dig wäre, wenn wir nicht wüßten, daß gerade ihre Heldennatur sich 
von der Schwierigkeit des Geburtstrauraas und der Kompensation der 



wi 



i) Ähnliches gilt von der Vertreibung der Israeliten aus Ägypten, diesem 
ichtigsten „traumatischen" Ereignis ihrer Geschichte, von dem sich ihr ganzee 
vveiteres Schicksal ableitet und das dein Urtrauma der Vertreibung aus dem 
Paradies genau entspricht. Seither suchen die Juden dieses gelobte Mutterland, 
wo Milch und Honig fließt, ohne es finden zu können (Ahasver). Übrigens 
spiegelt die Paradies Vertreibung wegen Genusses der verbotenen Frucht (Mutter- 
brust) die strenge Notwendigkeit des Entwöhnungstranmas, das der Mensch 
mittels Realanpassung, durch Gewinnung künstlicher Nährungsstoffe aus der 
Erde (Ackerbau), zu kompensieren sucht. 

2) Bekannüich wird erzählt, daß vor Einnahme der Stadt das schützende 
Standbild der Athene durch Odysseus und Diomedes entführt worden sei, und 
zwar aus einem unter der CeUa der Göttin gelegenen Adyton durch unterirdische 
Kanäle oder Brunnenschächte. 



I j6 Das Trauma der Geburt 

Angst ableitet. So ist das trojanische Pferd das direkte unbewußte Gegen- 
stück zu den Kentauren und Sphingen des Mutterlandes, deren 
Schöpfung später den großartigen Befreiungsprozeß von der Mutter ein- 
leitete und begleitete. Aber auch Troja selbst, das Uneinnehmbare, in 
dessen Innere man nur durch List gelangen kann, ist, wie jede Festung, 
ein Symbol der Mutter;' so erklärt sich auch die „Unterweltsbedeutung", 
die ihm die Mythologen beilegen, ebenso seine enge Verwandtschaft 
mit den kretischen und nordischen Labyrinthen, die Ernst Krause 
{Carus Sterne) in einem geistreichen Buche, das nur zu sehr am histo- 
risch-mythologischen Denken krankt, über jeden Zweifel sichergestellt 
hat.' 

Die sprichwörtliche Schlauheit und Verschlagenheit des Odysseus, 
die übrigens allen „Himmelsstürmern der griechischen Mythologie 
eignet und ihnen den Sturz in den Tartaros und die Höllenstrafen ein- 
trägt, wirft ein bedeutsames Licht auf die Psychologie des Dichters.^ 
Odysseus. der als Erzähler all dieser Lügenmärchen, welche die Rück- 
kehr in den Mutterleib berichten, ganz offenbar als Vertreter des Dich- 
ters selbst auftritt, darf wohl als Repräsentant und Urvater des epischen 
Dichters überhaupt aufgefaßt werden, dessen Funktion es zu sein scheint, 
das Urtrauma durch lügenhafte Übertreibung zu entwerten und dabei 
doch die Illusion einer hinter der Urphantasie liegenden Urrealität auf- 
recht zu erhalten. Noch die spätesten Nachfahren dieser Gattung, wie 
der berühmt gewordene Baron von Münchhausen, suchen das Un- 
mögliche, nie zu Erreichende — ja der Natur direkt Widersprechende, 
z. B. sich selbst an den Haaren aus dem Wasser zu ziehen und anderes 



i) Siehe meine Abhandlung: Um Städte werben. Int. Zschr. f. PsA. I, 1913. 

2) Die Trojaburgen Nordeuropas. Ihr Zusammenhang mit der indogerma- 
nischen Trojasage von der entführten mid gefangenen Sonnenfrau, den Troja- 
Epielen, Schwert- und Labjrinthtänzen zur Feier ihrer Lenzbefreiung. Mit 26 Ab- 
bildungen im Text. Glogau 1893. 

3) Das psychologische Verhältnis des Dichters zum Heros habe ich in meiner 
Studie Über „Die Don Juan-Gestalt" gestreift (Imngo VIII, 1922, S. 195). 



I 



Die künstlerische Idealisierung I yj 

mehr — als die leichteste Sache von der Welt darzustellen, wobei ge- 
rade die Unmöglichkeit der Situation fürs Unbewußte das am meisten 
beruhigende und befriedigende Element darstellt.* 

Diesem schlauen Überlister der natürlichen und göttlichen Ge- 
setze, der diesen ewig unerfüllbaren Wunsch doch irgendwie zu be- 
friedigen vermag, steht in den märchenhaften Erzählungen der typische 
Dummling gegenüber, der merkwürdigerweise ebenso spielend die 
unmöglichsten Aufgaben löst. Seine „Tumbheit ist aber nichts anderes 
als ein Ausdruck seiner Kindlichkeit, er ist auch ein infans, so uner- 
fahren wie der neugeborene Gott Horus, der mit dem Finger im Mund 
dargestellt wird. Je dümmer, also je kindlicher er ist, desto eher gelingt 
ihm die Erfüllung des Urwunsches und hat er gar nur die Große der. 
ersten Embryonal zeit, wie der Däumling unseres Märchens, dann ist 
er beinahe allmächtig und hat den Idealzustand erreicht, von dem noch 
der Neurotiker so häufig träumt, ' und den die neugeborenen mythischen 
Helden zu verkörpern scheinen: nämlich wieder ganz klein und dabei 
doch aller Vorteile des Erwachsenen teilhaftig zu sein.^ 

Auf der anderen Seite ist die gleichfalls von den Griechen zur höch- 
sten Blüte gebrachte Tragödie, die nach Nietzsche am „ästhetischen 



i) Das Widernatürliche erweist sich oft verknüpft mit der Unrealisier- 
barkeit der Mutterleibssituation und ihrer Darstellung. So bei Macbeth die 
Drohung, er werde fallen, wenn der Bimamwald sich auf ihn zu bewege (statt : er 
in den Wald hinein); diese Warnung entspricht der anderen, daß nur ein Unge- 
borener, d.h. der aus dem Mutterleib geschnittene Macduff, ihn besiegen 
werde (vgl. auch das Haupt des ungehorenen Kindes, das Macbeth erscheint und 
das blutige Haupt). Von diesem Angelpunkt des Stuckes, das nach Freud auf 
dem Thema der Kinderlosigkeit ruht, wird manches Rätselhafte darin verständ- 
lich. — Man vgl. daiu die Bemerkungen Freuds Über „Das Unheimliche" 
(Imago V, 1917—19) in der Dichtung, das letzten Endes auch der Mutterleibs- 
situation entspricht (1. c. S. 261 ff.) 

a) Vgl. den Ausspruch eines Patienten Freuds (Traumdeutung), der bedauerte, 
die Situation an der Ernst seiner Amme damals nicht besser ausgenutzt zu haben. 

5) F e r e n c I i hat zuerst auf diesen „Traum vom gelehrten Säugling" aufmerk- 
sam gemacht (Internat. Zsch. f. PsA. IX, S. 70). 



-J."- 



IjS Oas Trauma der Geburt 



Sokratismus", d. h. an der Hypertrophie des Bewußtseins zugrunde ging, 
aus den mimischen Darstellungen der mythischen Kulthandlungen er- 
wachsen und versinnbildlicht die Leiden und Strafen des mythischen 
Heros aus seiner tragischen Schuld.' Diese ist uns in ihrer unbewußten 
Bedeutung aus der Analyse der mythischen Überlieferung bekannt ge- 
worden und der Urspiung der Tragödie aus den Tänzen und Gesängen 
der in Bocksfelle gehüllten Vollstrecker des Opfers zeigt deutlich, worum 
es sich dabei handelt. Das Fell, in das sich die Teilnehmer nach der 
Opferung und Ausweidung der Tiere hüllen, ist wieder nichts anderes 
als ein Ersatz des schützenden Mutterleibs und auch diese teilweise 
Realisierung der Rückkehr hat in den zahllosen bocksbeinigen und bocks- 
köpligen Faunen und Satyren der griechischen Mythologie' und Plastik 
gleichfalls dauernden bildhaften Ausdruck gefunden. So lebt in der 
Kunstgattung der Tragödie, die wie der Tanz den lebenden Menschen 
selbst zum Objekt nimmt, der Angst- und Strafcharakter des verdräng- 
ten Urwunsches in gemilderter Form als tragische Schuld fort, die jeder 
einzelne von den sterblich geborenen Zuschauern im fortwährenden 
Wiedererleben immer aufs Neue abreagieren kann, während in der 
epischen Dichtung die Ansätze zur Überwindung des Urwunsches durch 
lügenhafte Umdichtung vorliegen. Die in der starren Plastik erreichte 
höchste Idealisierung des Geburtstraumas wird in der mitleiderregen- 
den Tragödie sozusagen wieder in den weichen Urstoff des abfuhrfähigen 
Angstaffektes aufgelöst, während in der epischen und satirischen Dich- 

i) Vgl. auch Wintersteiia: Zur Entstehungsgeschichte der griechischen 
Tragödie. Imago VIII, 1922. 

2) In einer tiefgehenden psychoanalytischen Untersuchung; Panit und Pan- 
Komplex {Imago VI, 1920) hat Dr. B. Felszeghy den Affekt des „panischen" 
Schreckens im Anschluß an Ferenczis Untersuchungen über die Entwicklung 
des Wirklichkeissinnes auf die Wiederholung der Gebuitsangst zurückgeführt 
und die merkwürdige mythische Gestalt des Pan restlos aus dieser Bedeutung 
verständlich gemacht. Vieles, was in unserer Arbeit von anderer Seite her eine 
neue Beleuchtung erfahrt, findet sich bereits bei Pelszeghy ausgesprochen. 



r 



Die künstlerische Idealisierung 



iS9 



lung die zu hochgespannte Idealisierung sich als pralilerische Lügen- 
haftigkeit entlädt (Der Zyniker Diogenes im Faß). 

So steht die Kunst als Darstellung und gleichzeitige Verleugnung der 
Wirklichkeit dem kindlichen Spiel nahe, von dem wir erkannt haben, 
daß es das Urtrauma durch das Bewußtsein des Unernstes zu entwerten 
sucht. Von da führt ein Weg zum Verständnis des Humors, dieser 
höchsten Stufe der Verdrängungsüberwindung durch eine ganz be- 
stimmte Einstellung des Ich zum eigenen Unbewußten, dessen Genese 
wir aber hier nicht weiter verfolgen können, da sie uns wieder tief in 
die Neurotik und in deren Therapie auf Grund der Ichpsychologie 
hineinführt. 



P 



r— ^ 



Die philosophische Spekulation 



Die griechische Philosophie, die eigentlich als erste diesen Namen ver- 
dient, — wenngleich Aristoteles recht hatte, seine Vorläufer noch als 
nahe Verwandte des Philomythos zu bezeichnen, — zeigt in ihren 
Anfängen, bei den ionischen Naturphilosophen, an die später die Physik 
anknüpfte, das naive Gegenstück zu der aufs höchste gespannten Ideali- 
sierungstendenz, wie sie uns in der griechischen Kunst und Mythologie 
entgegengetreten ist. Diese ersten abendländischen Denker von Thaies 
bis Sofcrates scheinen die Übergangsstufe von der kosmischen Welt- 
anschauung des alten Orients zu unserer naturwissenschaftlichen Be- 
trachtungsweise zu bilden und repräsentiei-en die Vorläufer unseres 
heutigen westeuropäischen Geisteslebens. 

Während die orientalische Weltanschauung in großartiger kosmischer 
Projektion das irdische Schicksal aus dem kosmischen Himmelsbild ab- 
zuleiten suchte,' haben die ionischen Denker in naiver Anschauung 
die Trennung dieser Sphären vollzogen und im Zurückgehen zur ur- 
sprünglichen Mutter Natur das irdische Leben, befreit von übernatür- 
lichen Einflüssen, zu erfassen versucht. Daß dies nur gelingen konnte, 
indem die Griechen gleichzeitig die ganze orientalische Himmelsmytho- 
logie im wahren Sinne des Wortes in die Unterwelt verbannten, haben 
wir bereits im vorigen Abschnitt angedeutet. Durch diese Reinigung 

i) Bei den Babyloniem geht die himmlische Stemdeutehunst der irdischen 
Eingeweideschau parallel. Der Mensch und sein Inneres wurde an den Himmel 
projiziert (s. meine vorhercitete Arbeit: Mikrokosmos und Makrokosmos), 



Die philosophische Spekidation l6l 



der Luft vom kosmischen Spuk wurden sie in den Stand gesetzt, dort, 
wo die orientalische Weltanschauung nur himmlische Gesetzmäßig- 
keiten zu erkennen glaubte, die sich auf Erden auswirken, die eigent- 
lichen Naturgesetze in naiver Form zu sehen und zu erfassen. 

Die griechische Philosophie beginnt bekanntlich mit dem Satz des 
Thaies, daß das Wasser der Ursprung und Mutterschoß aller Dinge 
■ sei. ' Ehe wir die weitere Entwicklung des griechischen Denkens von 
dieser lapidaren Formel verfolgen,' machen wir uns klar, daß damit 
die erste erkenntnismäßige Fassung des individuellen Ursprungs des 
Menschen zu einem allgemeinen Naturgesetz gegeben ist. Der Mecha- 
nismus dieser Erkenntnis, die für das biologische Geschehen zweifel- 
los richtig ist,^ unterscheidet sich von der kosmischen und mythischen 
Projektion von Himmelsgewässern (Milchstraße) und Unter weltsflüssen 
(Totenstrom) dadurch, daß es sich wirklich um ein Ent-decken, das 
Wegziehen eines Vorhanges, oder wie wir sagen würden, die Aufliebung 
einer Verdrängung handelt, die es bisher verhindert hatte, im Wasser 
den Ursprung alles Lebens wiederzufinden, eben weil man selbst ein- 
,„al aus dem Fi-uchtwasser gekommen war. Die Voraussetzung zur Ent- 
deckung einer Wahrheit ist somit die Agnoszierung des Unbewußten 
in der Außenwelt durch Aufhebung einer inneren Verdrängung, welche 
unmittelbar - wie gerade die Entwicklung der Philosophie deutlich 
zeigt — von der Urverdrängung ausgeht. 

Schon beim Nachfolger des Thaies, bei Anaximander aus Milet, 
dem ersten philosophischen Schriftsteller der Alten, zeigt sich die 
Reaktion, wenner sagt: „WoherdieDingeihreEntstehunghaben, dahin 

i) Vg].: Die Bedeutung des Wassers im Kult und Leben der Alten. Eine 
symbolgeschichtliche Untersuchung von Martin Ninck (Pliilologus, Suppl. 
Bd. XIV, Heft 2, Leipzig igai). 

2) Nach Nietzsche: Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen 
(1875); danach alle folgenden Zitate. 

3) Siehe jetzt dazu Ferenczis phylogenetische Parallele zur Individual- 
entwicklung (Versuch einer Genitaltheorie, 1924.). 

II Rank 



■ ff 



L-' 

1- 



^- Das Trauma der Ge burt ^^ ^^_ 

müssen sie auch zugrunde gehen, nach der Notwendigkeit; denn sie 
müssen Buße zahlen und für ihre Ungerechtigkeiten gerichtet werden, 
gemäß der Ordnung der Zeit." Mit Recht deutet Nietzsche diesen 
orakelhaften Ausspruch als die erste pessimistische Note in der Philo- 
sophie und vergleicht sie einer Äußerung des klassischen Pessimisten 
Schopenhauer, die dessen ganze Einstellung zum Leben und zur "Welt 

erklärt: „Der rechte Maßstab zur Beurteilung eines jeden Menschen 
ist, daß er eigentlich ein Wesen sei, welches gar nicht existieren sollte, 
sondern sein Dasein abbüßt durch vielgestaltiges Leiden und Tod: — 
was kann man von einem solchen erwarten? Sind wir denn nicht alle 
zum Tode verurteilte Sünder? Wir büßen unsere Geburl erstlich durch 
das Leben und zweitens durch das Sterben ab." Der Satz des Anaxi- 
mander ergänzt so die Erkenntnis des Thaies durch Betonung der Ruck- 
kehr zu allem Ursprung und hat damit ein zweites Naturgesetz aus 
psychologischer Intuition entdeckt, das in nur etwas veränderter Form 
in unser naturwissenschaftliches Denken übernommen wurde.' 

Indem Nietzsche zeigt, wie der griechische Denker von der Ver- 
gänglichkeit alles Irdischen zur notwendigen Annahme einea „Un- 

i) Wer weiß, ob nicht auch der hingeworfene anthropomorphe „EinfaU" 
Nietzsches; „aUe unorganische Materie ist aus organischer entstanden, es ist 
tote organische Materie, Leichnam und Mensch", einmal unsere Naturwissen- 
schaft „umwerten« wird. —Wie weit auch die exakten Naturwissenschaften un- 
bevnißt determiniert sind, versuchte neuerlich S. Rad ö darzustellen: Die Wege 
der Naturforschuug im Lichte der Psychoanalyse. (Imago VIII, 1922) — l*"'" 
die Vorstufe der Chemie, die AI c h i m i e , hat bereits J u n g die umfassende Formel 
geprägt, daß sie letzten Endes darauf ausging, Kinder ohne Mutter zu erzeugen. 
Vgl. dazu H. Silberer: Der Homunkulus (Imago III, 1914) "»^ ' Probleme 
der Mystik und ihrer Symbolik, 1914. — Zu unserer modernen Chemie Vgl. 
man den interessanten Aufsatz von Dr. Alfred Robitsek: Symbolisches Denken 
in der chemischen Forschung (Imago I, 1912). — Es ist übrigens psychologisch 
bemerkenswert, daß der eigentliche Vernichter der Alchimie und erste natur- 
wissenschaftliche Chemiker Justus Liebig Erfinder des Kunstdüngers und des 
Fleischextrakts ivurde und so den alchimistischen Wunschtraum in realsym- 
bolischer Weise erfüllte. 



d.« 



Die philosophische Spekulation l6ß 

bestimmten", eines Urwesens kommt, das der Mutterschoß aller Dinge 
ist, gelingt es ihm, einen Einblick in den Weg zu eröffnen, der von 
da über die platonische „Idee zum kantjschen „Ding-an-sich führt, 
in dem erst Schopenhauer wieder den „Willen", wenn auch noch in 
naturphilosophischer Verkleidung erkannte. Aus diesem Konflikt zwi- 
schen Entstehen und Vergehen, der direkt aus der Verdrängung des Ur- 
traumas stammt, suchte sich Heraklit durch sein Gesetz vom ewigen 
Werden zu retten, indem er ganz im Sinne der Urverdrängung „den 
eigentlichen Hergang jedes Werdens und Vergehens, welchen er unter 
der Form der Polarität begriff, als das Auseinandertreten einer Kraft in 
zwei qualitativ verschiedene, entgegengesetzte und zur Wiederver- 
einigung strebende Tätigkeiten" erkannte. Handelt es sich hier um Er- 
fassung der an den Akt desWerdens (Geburt) geknüpften Urambivalenz, so 
fehlen auch nicht die qualitativen Substrate dieses Zustandcs. Hatte schon 
Anaxiroander die Theorie vom (kalten) Wasser dahin weitergebildet, 
daß er es aus „warm" und „feucht" als seinen Vorstufen hervorgehen 
läßt, GO deutet sich der „Physiker" Heraklit „dieses anaximandrlsche 
Warme um als den Hauch, den warmen Atem, die trockenen 
Dünste, kurz alles Feurige; von diesem Feuer sagt er nun dasselbe aus, 
was Thaies und Anaximander vom Wasser ausgesagt hatten, es durch- 
laufe in zahllosen Verwandlungen die Bahn des Werdens, vor allem 
in drei Hauptzuständen, als Warmes, Feuchtes, Festes." Auf diese Weise 
entdeckt er den atmosphärischen Kreislauf mit seiner Periodizität, die 
er aber zum Unterschied von Anaximander auffallenderweise so auffaßt, 
daß der immer wieder erneuerte Untergang in dem alles vernichtenden 
Weltbrande „als ein Begehren und Bedürfen charakterisiert wird, das 
volle Verschlungensein im Feuer als die Sattheit." Mit dieser Erkenntnis 
der lustvollen Rückkehr ins Nichts, die das Werden wieder zu einem 
unlösbaren Problem zu machen schien, hat sich die naive verdrängungs- 
befreite Anschauung bereits wieder unter dem Einfluß einer neuen 
Verdrängungswelle der Spekulation zugewendet. 



i64 



Das Vrauma der Geburt 



Während Heraklit noch mit Recht sagen konnte: „Mich selbst 
suchte und erforschte ich", beginnt sein Nachfolger Parmenides die 
neue Abwendung von den zu nah geschauten Realitäten in die logische 
Abstraktion des ,, Seienden" und „Nichtseienden", die er aus den ur- 
sprünglich ganz real-menschlichen Tatsachen des Seins und Nichtseins 
herausspann, welche in ihrer anthropomorphen Übertragung auf die 
Welt noch in den Sprachbildungen zu verfolgen sind: „denn esse heißt 
ja im Grunde nur , atmen'" (Nietzsche). Durch logische Deduktion 
gelangt dann Parmenides zur ersten Kritik des Erkenntnisapparates, 
der nur den Schein erkennen lasse, und hat damit jene philosophische 
Scheidung von „Geist und Körper" angebahnt, die noch in unserem 
wissenschaftlichen Denken fortbesteht. Hier wird /.um erstenmal die 
idealistische Weltbetiachtung, die bei Plato und noch deutlicher bei 
seinen indischen Vorläufern aus einer mystischen Versenktheit in den 
Urzustand hervorging, rein logisch zu begründen versucht. 

Einen weiteren Schritt in die Naturwissenschaft wie Erkenntnis- 
theorie machte dann Anaxagoras, indem er die Möglichkeit bestritt, 
daß aus dem einen Urelement, dem Schoß des Werdens, die Vielheit der 
Qualitäten hervorgehen könne. Nach ihm gibt es vielmehr von Anfang 
an zahllose Substanzen, die nur durch die Bewegung die Buntheit und 
Mannigfaltigkeit der Welt erzeugen. „Daß aber die Bewegung eine 
Wahrheit und nicht ein Schein sei, bewies Anaxagoras aus der un- 
bestreitbaren Sukzession unserer Vorstellungen im Denken, gegen Par- 
menides." Um aber nun wieder die Bewegung der Vorstellungen ihrer- 
seits zu erklären, nahm er im „Geist an sich", im Naus, „einen ersten 
Bewegungsmoment in einer Urzeit an, als den Keimpunkt alles so- 
genannten Werdens, das heißt aller Veränderung." Und so gelangt er 
schließlich, auf dem Umweg über die logische Deduktion, wieder zu 
jenem berühmt gewordenen Urzustand, dem Chaos, m dem der Nous 
noch nicht auf die Materien eingewirkt hatte, sie also noch unbewegt 
waren, im seligen Mischzustand ruhten, den Anaxagoras mit dem Aus- 



Die philosophische Spekulation I^S 

druck „Samen aller Dinge" bezeichnet. Wie sich der Denker aus diesem 
Chaos des durch den Nous bewegten Kreises die Formung des Kosmos 
vorstellt, das rührt bei aller primitiven Bildhaftigkeit der menschlichen 
Zeugung, wie Nietzsche schon zeigt, an die Gesetze der Mechanik, wie 
sie zwei Jahrtausende später Kant in seiner Natrurgeschichte des Him- 
mels mit erhabener Begeisterung verkündete. 

So kommen die ersten philosophischen Denker der Griechen vom 
Urproblem des Werdens, von der Frage der Herkunft der Dinge nicht 
mehr los, entfernen sich aber gleichzeitig auf verschiedenen Wegen, 
auf denen ihnen dann die späteren Philosophen folgen, in immer 
weiter gehender Abwendung von dem eigentlichen hinter der Ur- 
verdrängung liegenden Problem der Herkunft des Menschen. Erst dem 
Genius des Plato blieb es vorbehalten, in seiner Lehre vom Eros das 
Problem umzukehren und so auch auf dem Gebiet der Philosophie 
den Menschen als Maß aller Dinge wieder zu entdecken, wie ihn fast 
gleichzeitig die griechische Kunst entdeckt hatte. Die Eroslehre Fla tos, 
die von psychoanalytischer Seite bereits mehrfach gewürdigt wurde,' 
stellt den menschlichen Zeugungstrieb in den Mittelpunkt der Welt- 
erklärung, indem sie aufden verschiedenen Stufen des Eros die sinnliche, 
seelische, philosophischeundreligiöse (mystische) Einstellungnachweist. 
Hier ist zum erstenmal das philosophische Problem an der Wurzel er- 
faßt und wir dürfen uns daher auch nicht wundern, wenn Plato zur 
Darstellung seiner Lehre auf Bilder zurückgi-eift, die den biologischen 
Tatsachen ganz nahe kommen. Er faßt den Eros als die Sehnsucht nach 
einem verlorenen Zustand, ja noch deutlicher nach einer verlorenen 
Einheit auf und erklärt auch in seinem berühmten Gleichnis von dem 



i) Besonders eindringlich in der wertvoUen Untersuchung von Winter- 
stein: Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie. 
(Imago II, 1915-) — Später von Nachmannsohn: Freuds Libidotheorie ver- 
glichen mit derEroslehre Piatos (Internat. Zsch. f, PsA. III, 1915) und Pfister: 
Plato als Vorläufer der Psychoanalyse (ebenda VII, 1921). ■ ■ - 



PW.IUR'W 



i"i--.._." . 



i66 



Das Trauma der Geburt 



in zwei Hälften geschnittenen Urwesen, die nach Wiedervereinigung 
streben, das Wesen des Geschlechtstriebes. Dies ist die deutlichste be- 
wußte Annäherung an das Verlangen nach Wiedervereinigung des 
Kindes mit der Mutter, die bisher in der menschlichen Geisteegeschichte 
erreicht wurde und an die erst Freud wieder mit seiner Libidotheorie 
anknüpfen konnte.' Ja, Plato kommt im Anschluß an die orphisch-dio- 
nysische Religion zu der fast letztraöglichen biologischen Erkennt- 
nis, der Eros sei der Schmerz, womit der Dämon, der durch 
eigene rätselhafte Schuld in die Geburt gestürzt sei.^nach 
dem verlorenen Paradies seines reinen und eigentlichen 
Wesens zurückverlange. 

Indem Plato durch ungewöhnlich intensive Intuition in. sich selbst 
diese Sehnsucht erfaßt und zur Darstellung gebracht hatte, projiziert 
er sie nun aber, der unerbittlichen Urverdrängung gemäß, auf die ge- 
samte Außenwelt und gelangt so dazu, in allen Dingen die Sehnsucht 
nach dem Übersinnlichen, das Streben nach Vollkommenheit, das Auf- 
gehenwollen im Urbild der „Idee" zu erkennen. Wie nahe diese Vor- 
stellung psychologisch der Entstehungaus einem Urwesen steht, brauchte 
uns nichterstdurchdiezur Verdeutlichungherangezogenen primitiveren 
Vorstellungen anderer Völker bewiesen zu werden,^ da die unbewußte 
Bedeutung so klar ist. Der in dieser Auffassung zutage tretende plato- 
nische Idealismus, der Bruch mit der Sinnenwelt, mit dem Plato offen- 
bar seine Einsicht in die Innenwelt bezahlen mußte, findet in dem 
berühmt gewordenen Vergleich des menschlichen Daseins mit dem 
Aufenthalt in einer unterirdischen Höhle, an deren Wand man nur 
die Schatten der wirklichen Vorgänge wahrnehme, eine wunscher- 
fullende Darstellung, die auf die subjektive Quelle von Platos Ein- 



i) Freud: Jenseits des Lustpriazips. 1921. 
, 2) „Der Ausdruck ,Sturz in die Geburt' lindet sich nicht nur bei den Orphikem, 
sondern auch im Buddhismus" (Winterstein 1. c, S. 184V 

5) Winterstein 1, c. S, 195. 



Die philosophische Spekulation J^7_ 



sichten ein helles Licht wirft. Der Höhlenvergleich ist nicht bloß, 
wie bereits Winterstein (1. c.) vermutet hat, „eine Mutlerleibsphan- 
tasie", sondern läßt uns einen tieien Blick in den Geist des Philo- 
sophen tun. der den alles vorwärts treibenden Eros als Sehnsucht zur 
Rückkehr in den Urzustand empfand und zugleich den Ausdruck der 
höchsten philosophischen Sublimierung dafür in seiner Ideenlehre 
schuf.' 

Hatte in Plato die philosophische Erkenntnis des Menschen ihren 
Höhepunkt erreicht, so bleibt nur zu erklären, was die Denker der 
folgenden zwei Jahrtausende zwang, sich von dieser großarligen Syn- 
these und Idealisierung der naiven nautrphilosophischen Entwicklung 
des frühen Griechentums wieder abzuwenden und die krausen Wege 
der Verdrängung und intellektuellen Verschiebung einzuschlagen. 
Plato war der gesuchten Urerkenntnis so nahegekommen, daß eine 
starke Reaktion unvermeidlich wurde, als deren Träger wir seinen 
unmittelbarenSchülerundNachfolger Aristoteles erkennen. Diesem 
gelang durch Abwendung vom philosophisch formulierten Urtrauma 
die naturwissenschaftliche Eroberung eines neuen Stückes der Wirk- 
lichkeit, mit der er der Vater der eigentlichen Natur- und Geistes- 
wissenschaften wurde. Dazu aber mußte er wieder den Blick nach 
innen verschließen und in zwangsneurotischer Verschiebung der ver- 
drängten Urlibido auf die Denkvorgänge die logisch - dialektische 
Spekulation zur höchsten Blüte bringen, von der das ganze abend- 
ländische Philosophieren bis auf Schopenhauer gezehrt hat, der erst 
wieder auf die indische Urweisheit und ihre philosophische Darstellung 
bei Plato zurückgriff. Es würde hier zu weit führen, auch nur an- 
deutungsweise den Entwicklungsgang des aristotelischen Denkens zu 

i) Die phylogenetische Ergänzung dazu ist nach Nietzsches Gedanken die 
Seelenwanderung des Pythagoras, die die Frage beantwortet, wie wir etwas 
von den Ideen wissen können: durch Erinnerung an frühere Existenien; d.h. 
aber biologisch gesprochen den Embryonal zu stand. 



i68 



Das Trauma der Geburt 



skizzieren, das gerade deswegen von so ungeheurem Einfluß auf die 
gesamte Geistesgeschichte Europas blieb, weil es immer tiefer in die 
scholastische Spekulation und damit scheinbar immer weiter weg vom 
Verdrängten führte. Ich sage scheinbar, denn noch in den abstraktesten 
logischen Rösselsprüngen der Aristoteliker lassen sich so gieifbare 
Spuren des Urverdrangten nachweisen,' daß man schon daraus allein 
die immer weiter fortgesetzte Spekulation verstehen könnte. Ander- 
seits verrät die allgemein introvertierte Geistesrichtung des spekulativen 
Logikers und des ihm psychologisch nahestehenden Mystikers, daß er mit 
der gedankhchen Entfernung vom Verdrängten sich in seiner gesamten 
psychischen Einstellung selbst immer mehr der Ürsituation des Ver- 
sinkens und Aufgehens nähert, der er im Inhalt des Denkens auszu- 
weichen sucht. 

Die philosophischen Mystiker stellen so die direkte Fortsetzung der 
religiösen Mystik, des Versenkens in das eigene Innere dar. Nur nennen 
sie den Gott, den sie jetzt in ihrem eigenen Innern aufsuchen, Er- 
kenntnis, aber das Ziel ist. das gleiche; die urdo mysüca, das Eins- 
werden mit dem All. Daß dieses mystische Erlebnis stark sexuell ge- 
lärbt ist, die Vereinigung mit der Gottheit unter dem Bilde einer ge- 
schlechtlichen Vereinigung (Erkennen = coiVe) geschaut und emp- 
iunden wird,' weist nur auf den libidinösen Urgi-und des ganzen 



_ i) In einer während der Niederschrift bei der Redaktion von „Imago" ein- 
gelaufenen Arbeit von E. Boeder: Das Ding an sicii {Analytische Versuche 
an Aristoteles' Analytik), wird dies in eindringender Weise bis mm biologischen 
Ding an sich, dem Embryo im Mutterleib, gezeigt, von welclier Vorstellung 
insbesondere der ganze (geometrische) RaumLegriff des Aristoteles abgeleitet ist.. 
a) Siehe Pfisler: Hysterie und Mystik bei Margareta Ebner (1291-1551). 
1910. („Zum Kampf um die Psychoanalyse," Kap. V, 1930.) Ders.: Die Fröm- 
migkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf. Ein psa. Beitrag z. Kenntnis der 
relig. Sublimierungsprozessc und zur Erklärung des Pietismus, igio. ~ Femer 
A. Kielholz: Jakob Boehme. Ein pathographischer Beitrag zur Psychologie 
der Mystik. 1919. — Siehe auch G. Hahn: Die Probleme der Hysterie und die 
Offenbarungen der Heiligen Therese, 1906. . 






ttk 



HMW! 



Die philosophische Spekulation j6p 



Strebens, die Rückkehr in den Urzustand, hin: „So wie einer, von 
einem geliebten Weibe umschlungen, kein Bewußtsein hat von 
dem, was außen und innen ist, so hat auch der Geist, der von dem 
Urselbst verschlungen ist, kein Bewußtsein von dem, was außen und 
innen ist", heißt es in den Upanischaden. Und Plotin sagt von der 
mystischen Ekstase: „Es ist kein Zwischenraum mehr da, es sind nicht 
mehr zwei, sondern beide sind eins, sie sind nicht voneinander 
zu scheiden, solange jenes da ist. Diese Vereinigung ahmen 
hier in dieser Welt die Liebenden und Geliebten nach, die 
miteinander zu einem Wesen verschmelzen wollen.' Wie schon das 
indische tat twam asi {das bist du selbst) zeigt, handelt es sich dabei 
um eine Aufhebung der Grenzen zwischen Ich und Nicht-Ich, wie 
sie das Gebet durch Einswerden mit Gott herzustellen sucht (man ver- 
gleiche die Verse Mechthilds: „Ich bin in dir und du bist in mir". Heiler' 
Das Gebet), und ein islamischer Mystiker ruft in der seligen Ekstase ■ 
„Es hat zwischen uns aufgehört das Ich und das Du, ich bin nicht ich, 
du bist nicht du, auch bist du nicht ich; ich bin zugleich ich und du 
du bist zugleich du und ich. Ich bin in Verwirrung darüber, ob du ich 
oder ich du seist" (1. c). 

Wie wir sehen, war es den Neuplatonikern und ihren Nachfolgern 
griindhch gelungen, das in der Eroslehre ihres Meisters poetisch for- 
mulierie Streben nach Einssein mit ihrem Ursprung in weitgehendem 
iMaße, allerdings auf Kosten der philosophischen Einsicht, zu realisieren 
Ais Reaktion darauf erscheint die neuer e Philosophie, die ganz ähnlich 

Plotin litt selbst a« solchen ekstatisch-vi.ionären Seelen Verzückungen, 
wie er in den Enneaden (IV, 8, .) berichtet - Diese Befreiung der Seele vom 
Z wang der Sch.cksalsnotwendigkeiten und der Wiedergeburten lehrten auch die 
Theurgen, Mag.er und Gnostiker. - Die echten Theurgen, wie die Neuplatoni- 
ker, erzielten dies bei sich selbst durch Versenken in das Grübeln über die letzten 
Dinge und wohl auch durch körperliche Vorbereitung, wie läuterndes Parten 
und Kasteiungen aller Art (siehe Th. Hopfner: Über die Geheunlehren von 
Jamblichup. Quellenschr. d, Griech. Mystik, Bd. I, Leipzig 1932). 



JJO 



Das Trauma der Gehurt 



wie die giiechische Philosophie ihren Ausgangspunkt von der Ent- 
deckung des Menschen als eines Teiles der Natur nahm und seine 
Trennung von ihr gedanklich zu verleugnen und rückgängigzumachen 
suchte. Dies beginnt auf einer höheren psychischen Entwicklungsstufe 
mit der Entdeckung des Ich, als etwas vom Nicht-Ich Verschiede- 
nem durch Descartes, um schließlich in der genialen Icherweiterung 
des Kant sehen Systems zu gipfeln, während die hypertrophischen Ich- 
systeme nach Art desFichteschen das Gegenstück zur mythologischen 
Ichprojektion in die Umwelt darstellen. Aber auch Kant ist es nur ge- 
lungen, die Apriorität der Vorstellungen von Raum und Zeit als an- 
geborener Kategorien aus der Unmittelbarkeit des intrauterinen Zu- 
standes zu erkennen und erkenntnistheoretisch zu fassen, indem er den 
transzendenten Tendenzen seines Unbewußten einerseits in der groß- 
artigen Kompensation seiner Erkenntnis der kosmischen Gesetzmäßig- 
keiten, anderseits in seinem pathologischen Sonderlingsdasein eine 
weitgehende direkte Befriedigung bot. Das „Ding-an-sich", das er als 
das einzig Transzendente, also Unerforschliche, bestehen ließ, mußte 
ihm dabei natürlich entgehen. Nicht bloß der Rückschluß aus der 
Entwicklung des philosophischen Denken verrät uns, daß dieses Ding- 
an-6ich wieder identisch ist mit dem geheimnisvollen, so stark ver- 
drängten Urgrund unseres Seins, dem MutterschoQ ; sondern auch die 
weitere philosophische Bestimmung dieses Begriffs durch den „Willen' 
Schopenhauers, der damit das Ding-an-sich aus seiner transienden- 
talen Verhexung wieder vermenschlichte und in unser Inneres ver- 
legte, vvo es dann Nietzsche als den egoistischen Willen zur Macht zu 
erkennen glaubte, während die Psychoanalyse auf dem von ihr neuge- 
fundenen Wege der „Selbsterkenntnis" darin die unbewußt wirkende 
Urlibido psychologisch faßbar gemacht hat. 

Dies „Erkenne dich selbst", mit dem erst die Psychoanalyse wirk- 
lich Ernst gemacht hat, führt uns zu Sokrates zurück, der diese 
Forderung des delphischen Apollo zu seiner Lehre gemacht hatte. Wir 



Die philosophische Spekulation lyi 

haben bis jetzt von diesem unmittelbaren Vorläufer des Plato nicht 
gesprochen, ohne den dieser selbst und die ganze folgende Entwicklung, 
auch psychologisch, undenkbar ist. Denn vor dem Bilde des bewußt 
und furchtlos in den Tod gehenden Sokrates hat sich sein Liebling 
und Schüler Plato, wie Nietzsche sagt, „mit aller inbrünstigen Hin- 
gebung seiner Schwärmerseele" niedergeworfen und sein Leben der 
Pflege und Bewahrung des Andenkens an seinen Meister gewidmet. 
Aber erst die Lehre des Sokrates zeigt das konkrete Substrat des Ur- 
traumas, auf das sein Schüler Plato und dessen Nachfolger Aristoteles 
in so weittragender Weise reagiert haben. Mit dem Auftreten des So- 
krates, der sich als Sondertyp aus der Reihe der Philosophen vor und 
nach ihm scharf heraushebt, tritt im griechischen Denken jene ent- 
scheidende Wendung nach Innen ein, die dann durch Plato ihre phi- 
losophische Gestaltung erhält, und die schon äußerlich dadurch ge- 
kennzeichnet ist, daß Sokrates, wie Xenophon in seinen Memorabilien 
berichtet, das Nachdenken über die Weltentstehung und die damit ver- 
wandten Fragen ausdrücklich als unnütz ablehnte. 

Um die Bedeutung des Sokrates, in dem Nietzsche „den einen 
Wendepunkt und Wirbel der sogenannten Weltgeschichte" sieht, voll 
würdigen zu können, müssen wir wieder auf Nietzsches unübertreff- 
lich scharfsichtige Psychoanalyse dieses seines Erzgegners in der Ge- 
burt der Tragödie" zurückgreifen. „Nur aus Instinkt! Mit diesem Aus- 
druck berühren wir Herz und Mittelpunkt der sokratischen Tendenz. 
Mit ihm verurteilt der Sokratismus ebenso die bestehende Kunst wie 
die bestehende Ethik . . . Von diesem einen Punkte aus glaubte So- 
krates das Dasein korrigieren zu müssen: er, der Einzelne, tritt mit 
der Miene der Nichtachtung und der Überlegenheit, als der Vorläufer 
einer ganz anders gearteten Kultur, Kunst und Moral, in eine Welt 
hinein . . . Dies ist die ungeheure Bedenklichkeit, die uns jedesmal, 
angesichts des Sokrates, ergreift und die uns immer und immer wieder 
anreizt, Sinn und Absicht dieser fragwürdigsten Erscheinung des Alter- 



1-^2 



Das Trauma der Gehurt 



tums zu erkennen. Wer ist das, der es wagen darf, als ein Einzelner 
das griechische Wesen zu verneinen . . .?" 

„Einen Schlüssel zu dem Wesen des Sokiates bietet uns jene wunder- 

■ bare Erscheinung, die als ,Dämonion des Sokrates' bezeichnet wird. 
In besonderen Lagen, in denen sein ungeheurer Verstand ins Schwan- 
ken geriet, gewann er einen festen Anhalt durch eine in solchen Mo- 
menten sich äußernde göttliche Stimme. Diese Stimme mahnt, wenn 
sie kommt, immer ab. Die instinktive Weisheit zeigt sich bei dieser 
gänzlich abnormen Natur nur, um dem bewußten Erkennen hier und 
da hindernd entgegenzutreten. Während doch bei allen produktiven 
Menschen der Instinkt gerade die schöpferisch -affirmative Kraft ist 
und das Bewußtsein kritisch und abmahnend sich gebärdet: wird bei 

; Sokrates der Instinkt zum Kritiker, das Bewußtsein zum Schöpfer — 
eine wahre Monstrosität per defectum.^' 

An diese Diagnose knüpft dann Nietzsche, fast xwanzig Jaiire 
später, eine Analyse des Menschen Sokrates,* die in ihrer Unerbittlich- 
keit nicht nur vor dem Allzumenschlichen nicht haltmacht, sondern 
geradezu da ansetzt: ,, Sokrates gehörte, seiner Herkunft nach, zum 
niedersten Volk: Sokrates war Pöbel. Man weiß, man sieht es selbst 
noch, wie häßlich er war. Aber Häßlichkeit, an sich ein Einwand, ist 
unter Griechen beinahe eine Wiederlegung. War Sokrates überhaupt 
ein Grieche? Die Häßlichkeit ist häufig genug der Ausdruck einer ge- 
kreuzten, durch Kreuzung gehemmten Entwicklung. Im andern 
Falle erscheint sie als niedergehende Entwicklung. Die Anthropo- 
logen unter den Kriminalisten sagen uns, daß der typische Verbrecher 
häßlich ist: monstrum in fronte, momtrum in animo . . . Aui dScadence 
bei Sokrates deutet nicht nur die zugestandene Wüslheit und Anarchie 
in den Instinkten, ebendahin deutet auch die Superfötation des Lo- 
gischen und jene Rhachitifcer-Bosheit, die ihn auszeichnet. Ver- 



i) Das Problem des Sokrates (.Götzendämmerung, 1888). 



Die philosophische Spekulation IJ) 

gessen wir auch jene Gehörshalluzinationen nicht, die als .Dämonion 
des Sokrates' ins Religiöse interpretiert worden sind." 

„Als jener Physiognomiker dem Sokrates enthüllt hatte, wer er war, 
eine Höhle aller schlimmen Begierden, ließ der gi-oße Ironiker noch 
ein Wort verlauten, das den Schlüssel zu ihm gibt. ,Dies ist wahr,' 
sagte er, aber ich wurde über alle Hen,' Wie wurde Sokrates über 
sich Herr? — Sein Fall war im Grande nur der extreme Fall, nur 
der in die Augen springendste von Dem, was damals die allgemeine 
Not zu werden anfing: daß niemand mehr über sich Herr war, daß 
die Instinkte sich gegeneinander wendeten. Er faszinierte als dieser 
extreme Fall — seine furchteinflößende Häßlichkeit sprach ihn für 
jedes Auge aus: er faszinierte, wie sich von selbst versteht, noch stärker 
als Antwort, als Lösung, als Anschein der Kur dieses Falls." 

„Vernunft ^^Tugend^^Glück heißt bloß: man muß es dem Sokrates 
nachmachen und gegen die dunklen Begehrungen ein Tageslicht in 
Permanenz herstellen — das Tageslicht der Vernunft. Man muß klug, 
tlar, hell um jeden Preis sein: jedes Nachgeben an die Instinkte, ans 
Unbewußte führt hinab . . ." 

In Sokrates erblickt also Nietzsche „den Typus des theoreti- 
schen Menschen", der in unerschütterlichem Optimismus daran 
glaubt, „daß das Denken, an dem Leitfaden der Kausalität, bie in die 
tiefsten Abgründe des Seins reiche, und daß das Denken das Sein nicht 

nur zu erkennen, sondern sogarzukorrigierenimstandesei."Sokrates 
hat bekanntlich kerne schriftlichen Werke hinterlassen, sondern sich 
damit begnügt, durch „bloßes Reden" auf seine Schüler und Jünger 
zu wirken. In dieser Technik, in ihrem Ziel der Selbsterkenntnis, in 
seiner Anschauung, daß die Einsicht zur Tugend führe, und nicht zu- 
letzt in seinem ganzen therapeutischen Wirken darf man ihn wohl als 
den Urvater der analytischen Technik bezeichnen, die in Plato ihren 
würdigen Theoretiker gefunden hatte. Dieser Vergleich erhält eine 
tiefe Berechtigung, wenn wir uns erinnern, daß Sokrates selbst seine 



jy^ Das Trauma der Gehurt 

dialektische Therapie des Herausziebens der Gedanken der Hebammen- 
praxis gleichgestellt hat, wie er es in Nachahmung seiner Mutter, die 
Hebamme war, übe. Diese Anekdote beweist ebenso wie die Überliefe- 
rung von seinem bösen Weib Xanthippe, daß sich bei ihm, offenbar aus 
rein individuellen Motiven, jene heftige Reaktion auf das Urtrauma ein- 
gestellt hatte, die ihn anscheinend zu dem von Nietzsche geschilderten 
type degeneri gemacht hatte. Die biologische Folge davon, seine Häß- 
lichkeit, Rhachitis, Gehörshalluzinationen und die ganze Unbeherrscht- 
heit seines Trieblebens, wie sie Nietzscheschildert, würde so miteinem 
Schlage verständlich werden. AberauchseinepsychischeReaktion darauf, 
die ihn offenbar zwang, in der bekannten Identifizierung mit der Mutter 
die Loslösung der überstarken Fixierung an sie zu erreichen und sich 
der Knabenliebe hinzugeben, in der er das verlorene Mutter-Kind- Ver- 
hältnis immer wieder erneuern konnte. Endlich ist ihm auch noch 
in einer dritten Form die Überwindung des Geburtstraumas gelungen, 
nämlich in der Überwindung der Todesangst. Wie Nietzsche ganz 
richtig erkannte, hat Sokrates seinen Tod freiwillig gewollt, da für 
Vergehen seiner Art nur die Verbannung üblich war. Er hat ihn ge- 
wollt und er konnte ihn wollen: ,,Er erscheint uns als der Erste, der an 
der Hand jenes Instinktes der Wissenschaft nicht nur leben, sondern 
was bei weitem mehr ist — auch sterben konnte; und deshalb ist 
das Bild des sterbenden Sokrates als des durch Wissen und Gründe 
der Todesfurcht enthobenen Menschen das Wappenschild, das 
über dem Eingangstor der Wissenschaft einen jeden an deren Bestim- 
mung erinnert, nämlich das Dasein als begreiflich und damit als ge- 
rechtfertigt erscheinen zu machen." 

So ist es Sokrates — allerdings nur mit Hilfe verschiedener, z. T. 
neurotischer Ersatzbefriedigungen und um den Preis des Schierlings- 
bechers — gelungen, das Geburtstrauma als Erster intellektuell zu 
überwinden und damit zum unmittelbaren Vorläufer der psycho- 
analytischen Therapie zu werden. 



Die psychoanalytische Erkenntnis 



Wir haben aus der analytischen Situation und ihrer Darstellung 
durch das Unbev«mßte des Analysierten die fundamentale Bedeutung 
des Geburlstraumas, seiner Verdiängung und deren Wiederkehr in 
neurotischer Reproduktion, symbolischer Anpassung, heroischer Kom- 
pensation, ethischer Reaktionsbildung, ästhetischer Idealisierung und 
philosophischer Spekulation erkannt. Wir glauben in flüchtigem Über- 
blicken der wesentlichen Kulturleistungen und -ent Wicklungen ge- 
zeigt zu haben, daß nicht nur alle sozial wertvollen, ja überwertigen 
Schöpfungen des Menschen, sondern sogar die Menschwerdung einer 
spezifischen Reaktion auf das Geburtstraunaa entspringt, und wie 
schließlich die Erkennmis dieser Tatsache selbst durch die psychoanaly- 
tische Methode der bisher weitest gehenden Aufhebung der Urver- 
drängung durch Überwindung des Urwiderstandes, der Angst, zu ver- 
danken ist. 

Die Entwicklung der psychoanalytischen Erkenntnis selbst gibt ein 
lehrreiches Bild von der Macht dieses Urwiderstandes und von der 
gewaltigen Leistung Freuds, die notwendig war, ihn überwinden 
zu helfen. Wie Freud immer wieder betont, ist er selbst nicht 
der eigentliche Entdecker der Psychoanalyse gewesen, sondern der 
Wiener Arzt Dr. Josef Breuer, der 1881 den eingangs erwähn- 
ten Fall von Hysterie behandelte und dabei von der Patientin auf 
die Idee der talking eure, symbolisch gesprochen des chimney sweeping, 
gebracht wurde. Wenn Freud gelegentlich im Freundeskreis von 






1-7$ Das Trauma der Gebart 

der Rolle Breuers in der Psychoanalyse sprach, ließ er ein tiefes 
menschliches Verständnis durchblicken, das er in seiner persön- 
lichsten Arbeit „Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung"' 
auch andeutet: daß nämlich Breuer letzten Endes vor den Konse- 
quenzen seiner Entdeckung, wie vor einem untoward event betroffen, 
flüchtete, weil er das sexuelle Moment nicht erkennen wollte, dessen 
mutige Anerkennung B''reud selbst viel später auch zum Verständnis 
der Reaktion seines Lehrers verholfen hat. Und auch die späteren 
Abfallsbewegungen, welche sich dann innerhalb der Anhängerschaft 
der Psychoanalyse vollzogen und zu neuen, nicht auf Beobachtung, 
sondern auf Widerspruch gegründeten Theoriebildungen geführt haben, 
hat Freud selbst in der gleichen Darstellung als „rückläufige, von der 
Psychoanalyse wegstrebende Bewegungen " charakterisiert. Wie er selbst 
genugsam erfahren hatte, scheinen dieMenschen am allerwenigsten dazu 
geschaffen, die psychoanalytischen Wahrheiten zu ertragen, imd öftev 
äußerte er, wenn ihm der oder jener die weitere Gefolgschaft versagte, 
daß es eben nicht jedermanns Sache sei, immerfort in den dunkeln 
Schächten des Unbewußten zu forschen und das Tageslicht nur gelegent- 
lich zu erblicken. Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll, 
den Entdeckermut oder die Kampfzähigkeit Freuds, mit der er seine 
Funde gegen die Widerstände der ganzen Welt hartnäckig zu vertei- 
digen wußte; noch intensiver gegen einzelne ihm nahegestandene Mit- 
arbeiter, die vor diesen Entdeckungen erschraken und wie Breuer 
die Flucht ergriffen, wenn auch nach den verschiedensten Richtungen, 
aus denen ihnen die Hoffnung winkte, diese an den Schlaf der Welt 
rüttelnden Einsichten loszuwerden. Was sie Richtiges auf diesen Ruck- 
wegen als Zuflucht fanden, hat Freud mit bewundernswerter Objek- 
tivität von den Entstellungen und Verleugnungen der nur flüchtig ge- 
ahnten Wahrheit gesondert, gleichzeitig aber als nicht eigentlich 
„psychoanalytisch" aus seinem Arbeitsgebiet ausgeschieden. 

i"! Jahrb. d. Psychoanalyse. VI, 1914 (dann in den „Kleinen Schriften", 4. Folge). 



Die psychoanalytische Erkenntnis lyy 



So bietet die Geschichte der psychoanalytischen Bewegung, auch in 
manchen Übertreibungen und Mißverständnissen der ihm treu geblie- 
benen Anhänger, welche die Lehren des Meisters oft allzu wörtlich in 
ihrer Weise interpretierten, das gleiche hin und her schwankende Bild 
jeder geistigen Bewegung, die die Wahrheit in einem entscheidenden 
Punkte enthüllt. Dieser entscheidende Punkt war tatsächlich die Ent- 
deckung Breuers, aus der allerdings erst Freud imstande war, die 
praktischen und theoretischen Schlüsse mit gleicher Konsequenz zu 
ziehen. Wenn wir daher jetzt wieder unniiittelbar an die Breuersche 
Entdeckung anknüpfen, so geschieht es, um zu zeigen, wie folgerichtig 
Freud selbst in allen seinen Anschauungen war, aber auch, wie folge- 
richtig die hier vorgetragene Auffassung die Breuersche Entdeckung 
und die Freud sehe Konzeption und Ausarbeitung derselben abschließt. 

Der Ausgangspunkt Breuers war die „Grundtatsache, daß die Sym- 
ptome der Hysterischen von eindrucksvollen, aber vergessenen Szenen 
ihres Lebens (Traumen) abhängen, die darauf gegründete Therapie, sie 
diese Erlebnisse in der Hypnose erinnern und reproduzieren zu lassen 
(Katharsis), und das daraus folgende Stückchen Theorie, daß diese Sym- 
ptome einer abnormen Verwendung von nicht erledigten Erregungs- 
größen entsprechen (Konversion)". Setzen wir in diese Freudsche 
Formulierung' des Kernes der Breuerschen Urentdeckung das durch 
die Freudsche Methode, also die eigentliche Psychoanalyse, schließlich 
aufgedeckte Urlrauma der Geburt ein, das in der Kur zur Wieder- 
holung und Lösung gelangt, so erscheint damit der psychophysiologische 
Ausgangspunkt der Analyse vom Problem der „Konversion" (Freud) 
mit dem gleichfalls psychophysischen Moment des Geburtstraumas ver- 
knüpft. Was dazwischen liegt, ist die von Freud allein geschaffene 
Psychologie des Unbewußten, d. h. die erste Psychologie über- 
haupt, die diesen selbständigen Namen verdient, da die Bewußtseins- 
psychologie, aus philosophischer Spekulation hervorgegangen, allmäh- 

i) Zur Geschiclite d. psa. Bewegung, I, c. S. 208. 
ti Ratik 



17« 



Das Trauma der Gehurt 



lieh immer mehr auf medizinischen Boden gestellt wurde (Sinnes- 
physiologie, Neurologie, Gehirnanalomie). Wir verstehen nun besser, 
wie die erste Differenz sich zwischen der „physiologischen" Auffassung 
Breuers, der „Hypnoidtheorie", und der rein psychologischen Auf- 
fassung Freuds, der ,, Abwehrlehre", herstellen mußte, die dann zur 
Entdeckung der Verdrängung führte und weiterhin zur Erforschung 
des Verdrängten (Vorbewußten — Unbewußten), sowie schließlich der 
verdrängenden Instanzen des Ich {und seiner Derivate: Gewissen, 
Schuldgefühl, Idealbildung usw.). 

Es ist nicht nur geschieh ts wissenschaftlich, sondern auch menschlich 
interessant, daß sich die Trennung Freuds von Breuer auf dem 
psychophysischen Grenzgebiet der „Konversion" vollzog, deren Name 
zwar von Freud stammt, deren Tatsache sich aber den beiden For- 
schern nach Freu d s Aussage „gleichzeitig und gemeinsam ergeben hat" 
(1. c. S. 3og). Es ist, als halte auf diesem Boden der Entzweiung, der 
Loslösung des Schülers von seinem Lehrer, seither ein Tabu gelastet, 
- denn nicht nur ist das Problem der Konversion bis heule ungelöst ge- 
blieben, sundern es hat sich auch kaum einer der Schüler je daran- 
gewagt.' Wenn wirnun durch die konsequente Verfolgung der Freud- 
schen Methode wieder auf dieses analytische Urproblem hingedrängt 
werden, so bleiben wir uns der Verantwortung bewußt, die der Versuch 
zu seiner Lösung in sich trägt, glauben ihn aber durch die bereits er- 
wiesene allgemeine Bedeutsamkeit unseres Gesichtspunktes hinlänglich 
gerechtfertigt. 

Wiederholt sind wir im Verlaufe unserer Darstellung der Frage aus- 
gewichen, wieso es kommt, daß das als Urtehdenz der Libido er- 
kannte Streben nach Wiederherstellung der lustvollen Ursiluation 
im Mutterleib, das wir als Ausdruck der höchsten Lustmöglichkeit 

i) Siehe allerdings Ferenczi (Hysterie und Pathoiieuroscn, 1919), der die 
Konversion in einem «Imlichen Sinne wie hier als „Regression zur Protopsyche" 
auffaßt (1. c. S. 24). 



Die psychoanalytische Erkenntnis l"]^ 

überhaupt ansehen müssen, in so unentrinnbarer Weise mit dem der 
Urangst verbunden ist, wie es der Angsttraum, das neurotische Sym- 
ptom, aber auch alle psychischen Abkömmlinge und Verwandte dieser 
Bildungen verraten. Um das zu verstehen, müssen wir uns vor Augen 
halten, daß der lustvolle Urzustand durch den Akt der Geburt — ver- 
mutlich auch schon kurz vorher durch Verlagerungen und Druck 
(Kindsbew^egungen) — in unerwünschter Weise unterbrochen wird 
und das ganze Leben dann darin besteht, dieses verlorene P.aradies auf 
den geschilderten, höchst komplizierten Umwegen der Libidoschickale 
zu ersetzen, da es tatsächlich nicht mehr zu erlangen ist. 

Es scheint, daß der Qrangstaffekt der Geburt, der das ganze Leben 
hindurch, bis zur neuerlichen Trennung von der allmählich zur zweiten 
Mutter gewordenen Außenwelt im Tode wirksam bleibt, von Anfang 
an nicht bloß Ausdruck physiologischer Beeinträchtigungen (Atemnot 
— enge — Angst) des Neugeborenen ist, sondern infolge Verwandlung 
einer höcht lustvollen in eine äußerst unlustvolle Situation sogleich 
einen „psychischen" Gefühlscharakter bekommt. Diese empfundene 
Angst ist so der erste Inhalt der Wahrnehmung, sozusagen der erste 
psychische Akt, welcher der noch ganz intensiven Tendenz zur Wieder- 
herstellung der eben verlassenen Lustsituation die erste Schranke ent- 
gegensetzt, in der wir die Urverdrängung zu erkennen haben. Die Kon- 
version, deren normale Äußerungen Freud in dem sogenannten körper- 
lichen Ausdruck der Gemütsbewegung erkannte, erweist sich so als 
identisch mit der Entstehung des Psychischen aus der Körperinner vation, 
d. h. mit dem bewußten Eindruck der wahrgenommenen Urangst. Wäre 
diese rein physiologisch, so könnte sie wahrscheinlich früher oder später 
auch voll abgeführt werden; so aber wird sie psychisch verankert, um 
die Rückstrebung (Libido) zu verhindern, die sich dann in allen späteren 
Zuständen, vvo Angst entwickelt wird, an diesem Grenzwall der Ur- 
verdrängung bricht. Das heißt der wahrgenommene und psychisch 
fixierte Eindruck der Urangst löscht die Erinnerung an den voran- 



i8o 



Das Trauma der Geburt 



gegangenen Lusizustand aus, verhindert damit die Rückstrebung, die 
uns lebensunfähig machen würde, wie ja der „mutige" Selbstmörder, 
der diese Angstgrenze riickschreitend zu passieren vermag, beweist. Es 
scheint, daß der Mensch die schmerzliche Trennung vom Urobjekt gar 
nicht ertragen, und die ersatzmäßige Anpassung an die Realität über- 
haupt nicht zustande bringen würde, ohne durch die drohende Wieder- 
holung der Urangst von einer weitgehenden Rückstrebung abgehalten 
XU werden. Sobald man — sei es im Schlaf (Traum), sei es im Wachen 
{unbewußte Phantasie) — sich dieser Grenze annähern will, tritt Angst 
auf und dies erklärt sowohl den unbewui3ten Lust- wie den bewußten 
ünlustcharakter aller neurotischen Symptome. Die einzige reaieMöglich- 
keit für die annähernde Wiederherstellung der Urlust bietet die ge- 
schlechtliche Vereinigimg, das partielle rein körperliche Zurückgehen 
in den Mutterleib. Diese TeiJbefriedigung, an die die höchste Lust- 
empfindung geknüpft ist, genügt aber nicht allen Individuen, oder 
besser gesagt, sie können infolge stärkerer Wirkung des Gcbiu-tstraumas, 
die sich letzten Endes aus dem Keimplasma ableiten lassen wird, und 
der stärkeren Urverdrängung (Reaktion), die es notwendig macht, diese 
partielle körperliche Beziehung zum Objekt nur in mehr oder weniger 
unbefriedigender Weise herstellen. Ihr Unbewußtes strebt danach, die 
volle Rückkehr zu reproduzieren, sei es durch Herstellung der kom- 
pletten körperlichen Identität von Mutter und Kind mit dem Sexual- 
partner (Masturbation, Homosexualität'), sei es durch die Abwehr des 
Identifizierungsmechanismus im neurotischen Symptom, anstatt dies 
durch Vollziehung des Geschlechtsaktes und Schaffung eines neuen 
Lebewesens zu tun, mit dem sie sich identifizieren können. Hier liegt 
übrigens der fundamentale Unterschied in der gesamten psychischen 
Entwicklung von Mann und Weib, indem das letztere imstande ist, 
durch ganz reale Reproduktion der Ursituation, das heißt durch wirk- 

i") Von den Homosexuellen sagt schon Martial: pars est itna patrU cetera 
matrii habent. 



m 



Die psychoanalytische Erkenntnis iSi 

liehe Wiederholung von Schwangei-schaft und Gebärakt, sich die am 
weitesten gehende Annäherung an die Urbefriedigung zu verschaffen, 
während der hierin auf die unbewußte Identifizierung angewiesene 
Mann sich Ersatz für diese Reproduktion in der Identifizierung mit 
der „Mutter und der daraus folgenden Schöpfung kultureller und 
künstlerischer Produktionen schaffen muß. Dies erklärt die geringe 
Rolle, welche die Frau in der Ku lturen twickiung spielt und aus 
der dann ihre soziale Minderbewertung sekundär folgt, während im 
Grunde genommen die ganze Ktolturschöpfung nur aus der durch 
die Urverdrängung beseitigten libldinösen Überschätzung des mütter- 
lichen Urobjektes durch den Mann erfolgt. ' So könnte man sagen, daß 
die normale soziale Anpassung einer weitgehenden Übertragung der 
Urlibido auf das Väterliche, Schöpferische entspricht, während alles 
Pathologische — aber auch Übernormale — auf einer allzu starken 
Mutterfixierung, bezw. der Abwehr-Reaktion dagegen, beruht. Da- 
xwischen liegt die volle sexuelle Befriedigung, die auch den Kinder- 
wunsch einschließt, und eine nahezu rastlose Rückverwandlung der 
Urangst in die Urlibido zuläßt; daher lösen die zahlreichen, innerhalb 
des komplizierten Sexualmechanismus möglichen Störungen sogleich 
Angst aus, die bei den direkten Störungen der Sexualfunktion („Aktnal- 
neurosen" Freuds) unmittelbar frei wird, bei den psychisch veranker- 
H len Psychoneurosen dagegen im Schutzbau des Symptoms gebunden er- 

scheint, und im Anfall jeder Art auf reproduktiven Wege abgeführt wird. 
Mit dem Geburtstrauma und den ihm vorangehenden Foetalzustande 
haben wir das vielumstrittene Grenzgebiet des Psychophysischen end- 
lich greifbar gemacht und verstehen von da aus nicht nur die Angst, 
dieses Ursymptom des Menschen, sondern auch die im Psychophysischen 



t 



i) Hier liegt die tiefste Motivierung für die von Alfred Adler als primum 
movens herangezogene Vorstellung von der „Minderwertigkeit" der Frau, die 
sich übrigens als direkte Folge der Verdrängung des Geburtstraunias ganz un- 
abhängig vom Geschlecht findet. 



flp^T^^^^J^^»^^*^^?^^^ 



1S2 



Das Trauma der Gehurt 



wurzelnde Konversion in gleicher Weise wie das gesamte Affekt- und 
Triebleben. Der Trieb ist tatsächlich nichts anderes als die nächste 
Reaktion auf die psychisch verankerte Urangst, sozusagen der durch 
diese modifizierte Instinkt, indem das Ich in seinem Riickdrang von 
der Angstgrenze immer wieder aufs neue vorwärts getrieben wird, 
das Paradies statt in der Vergangenheit in der nach dem Ebenbild der 
Mutter gestalteten Welt zu suchen und soweit dies mißlingt, in den 
großartigen Wunschkompensationen der Religion, Kunst und Philo- 
sophie. Denn diese ungeheure Anpassungsleistung gelingt in der Realität 
erstmalig nur einem Typus Mensch, den uns die Geistesgeschichte als 
Heros überliefert hat, soweit es sich um ein Gestalten realer Werte 
handelt, und den wir als „Künstler" im weitesten Sinne des Wortes 
bezeichnen möchten,' soweit es sich um ein Schaffen ideeller Werte, 
des phantastischen Überbaus handelt, der aus den in der Realschöpfung 
unbefriedigten Resten der Urlibido geschaffen wird. Der normale 
Mensch wird dann in diese das Ursymbol bereits repräsentierende* 
Welt hineingeboren und findet die dem durchschnittlichen Ver- 
drängungsgrad entsprechenden Befriedigungsmöglichkeiten bereits als 
fertige Formen vor, die er aus seiner individuellen Urerfahi-ung nur 
wieder zu erkennen und zu gebrauchen hat („Symbolik ). 

Hier ist der Ort, eine der wichtigsten theoretischen Folgerungen aus 
dieser Auffassung zu ziehen, die sich ebenfalls als ganz direkte Forl- 
setzung der von Freud angebahnten Forschungsrichtimg erweist. Von 
Anfang an war der spezifisch analytische Gesichtspunkt die vorläufige 
Zurückstellung aller hereditären und phylogenetischen Einflüsse, die 
ja großenteils ohnehin unfaßbar waren und deren maßlose Überschät- 
zung die Psychoanalyse dadurch korrigierte, daß sie ein großes und 
höchst bedeutsames Stück der individuellen Entwicklung, nämlich die 
frühe Kindheit, der Erforschung zugänglich und als determinierenden 

i) Rank: Der Künstler. Ansätze -m einer Sexualpsychologie. 1907. (2. Aufl. 

3918.) 



i| 



•i 



Die psychoanalytische Erkenntnis i 8} 



Faktor ersten Ranges in ausgiebigstem Maße verständlich gemacht hat. 
Da uns aber die Ausgestaltung der analytischen Technik in den Stand 
gesetzt hat, im Laufe unserer Erfahrung dieses infantile Entwicklungs- 
stadium immer weiter nach rückwärts, schließlich bis in das pränatale 
Stadium, zu verfolgen, ergibt sich, — insbesondere aus einem vertieften 
Studium der Traum symkolik, — daß wir den phylogenetischen Ge- 
sichtspunkt des mitgebrachten psychischen Besitzes entbehren, be- 
ziehungsweise ihn wieder auf das biogenetische Grundgesetz im Sinne 
Haeckels einschränken können. Nicht nur klärt sich die ganze Sym- 
bolik und alle daran geknüpften Probleme in einfacherer und befrie- 
digenderer Weise auf, als dies durch das vorzeitige Hineintragen phylo- 
genetischer Gesichtspunkte in die Analyse durch die spekulative Nei- 
gung Jungs der Fall war, der von der Psychiatrie kommend und die 
Mythologie als Vergleich sobjekt heranziehend der einzig aufschluß- 
reichen Erfahrungen aus der Neurosenanalyse entbehrte, die ihm ge- 
stattet hätten, über die bloße Deskription und die daran geknüpfte 
Spekulation hinauszugehen. Freud hat auch sogleich die Unfrucht- 
barkeit des Beginnens erkannt, mit Hilfe ungedeuteten völkerpsycho- 
logischen Materials die Phänomene der Individualp sychologie verständ- 
lich machen zu wollen, und hat den einzig richtigen umgekehrten Weg 
eingeschlagen, den wir nun noch weiter verfolgen und damit den phylo- 
genetischen Gesichtspunkt ein ganzes Stück zurückschieben können. 
Nachdem wir bereits die Urphantasien von der Kastration und 
der ödipussituation auf das Geburtstrauma (Trennung), bzw. dessen 
lustvolles Vorstadium (Wiedervereinigung mit der Mutter) zurück- 
führen konnten, fällt es uns nicht schwer, in direktem Anschluß an 
Beobachtungen Freuds, die beides in sich fassende typische Situation 
von der Belauschung des elterlichen Koitus auf ihr reales Substrat, die 
pränatale Situation zurückzuführen. Bereits in der zweiten Auflage der 
„Traumdeutung" (1909) berichtet Freud von typischen Träumen, 
denen „Phantasien über das Intrauterinleben, das Verweilen im Mutter- 



i84 



Das Trauma der Gehurt 



leibe und den Geburtsakt zugrunde liegen" {S. 198), und führt als eines 
der Beispiele den Traum eines jungen Mannes an, „der in der Phan- 
rasie schon die intrauterine Gelegenheit zur Belauschung eines Koitus 
zwischen den Eltern benützt." Dieser sowie der nächste dort mitge- 
teilte Geburtstraum einer Patientin, die sich vom Analytiker trennen 
soll, sind, wie Freud zuerst erkannte, analytische Kurträume, von 
deren Regelmäßigkeit unsere Untersuchung ihren Ausgang genommen 
hat. In bezug auf die Heilungssituation entsprechen sie wohl „Phan- 
tasien", die aber nur dem Reflex der tatsächlichen Reproduktion des 
Geburtsakts mit echtem, „erinnertem" Material entsprechen. Dieses 
Problem hat dann Freud viele Jahre spater, nachdem die sogenannte 
„Mutterleibsphantasie" längst zum Spott aller Kritiker Heimalsrecht 
in der Psychoanalyse erhalten hatte, in seiner klassischen Darstellung 
der „Geschichte einer infantilen Neurose"' wieder aufgegriffen und 
die allerdings unfaßbar gebliebene Realität der „Urszene" nicht nur 
gegen die Umdeutungsversuche ehemaliger Anhänger, sondern eben- 
sosehr gegen seine eigenen wissenschaftlichen Zweifel hartnäckig ver- 
fochten. Von den analytischen Wiedergeburtsphantasien des Patienten 
ausgehend, dessen Klagen, „daß ihm die Welt durch einen Schleier 
verhüllt sei," sich auf seine Geburt in einer „Glückshaube" zurück- 
führen ließen, gelangt Freud zur Auffassung, daß sich der Patient in 
den Mutterleib zurückwünsche {1. c. S, 695), um dort in Identifizierung 
mit der Mutter vom Vater befruchtet zu werden und ihm ein Kind 
zu gebären. Der erste Teil des Wunsches ist, wie wir an einwandfreiem 
Material zeigen können, ganz real biologisch zu nehmen, der zweite 
Teil zeigt das ganze Maß von psychischer Verkleidung und Umarbei- 
tung, welche diese ursprüngliche Wunschtendenz durch die spezifischen 
Erlebnisse des Knaben in seiner Kindheit erfahren hat. Freud selbst 
bezeichnet in einer Fußnote (1. c. S. 695) diese Frage der Rückerinne- 

1) Sammlung kleiner Schriften zur Neurosen lehre. IV. Folge. 1918. Die Ar- 
beit selbst ist im Winter 1914/ig niedergeschtiefaen. 



Die psychoanalytische Erkenntnis iSs 

rungsfähigkeit als ,,die heikelste der ganzen analytischen Lehre'' und 
kommt zu dem Schluß, man könne „die Auffassung schwer von sich 
weisen, daß eine Art von schwer bestimmbarem Wissen, etwas wie 
eine Vorbereitung zum Verständnis, beim Kinde dabei [bei der Reakti- 
vierung der Urszene] mitwirkt. Worin dies bestehen mag, entzieht 
sich jeder Vorstellung; wir haben nur die eine ausgezeichnete Analogie 
mit dem weitgehenden instinktiven Wissen der Tiere zur Ver- 
fügung" (1. c. 716). Die Tatsache, daß in den gänzlich unbeeinflußten 
Träumen zu Beginn der Analyse, die dem allgemeinen Traumtypus 
der betreffenden Person überhaupt entsprechen, neben der aus Ge- 
hörtem und Gelerntem rückphantasierten Belauschungssituation rein 
biologische Elemente (wie Gliedersteilung, besondere Geburtsschmer- 
zen usw.), die auch der Mutter nicht bekannt gewesen sein können, 
im Zusammenhang mit den körperlichen Symptomen der Neurose 
nachzuweisen sind, setzt uns In den Stand, das reale Substrat auch 
der ,,Belauschungsphantasie" zu erfassen.' Wir brauchen dazu nur den 
geschilderten Weg der „symbolischen" Anpassung an die Realität vom 
elterlichen Schlafzimmer, in das die Szene meist verlegt wird, zu seinem 
realen Urbild, dem Mutterleib, zurückzu verfolgen. Auf diesem Wege 
,vird dann das eigentliche Wesen der „Urphantasie", nämlich die 
Gleichgültigkeit, ob die Szene erlebt wurde oder nicht, ohne weiteres 
verständlich, denn auch der beobachtete Koitus könnte nicht die trau- 
matische Wirkung haben, wenn er nicht an das ürtrauma, der ersten 
Störung der seligen Ruhe durch den Vater, erinnern würde. So erweist 
sich der spätere kindliche Ödipuskomplex als direkter Abkömmling, 
d.h. als die psychosexuelleVerai-beitung der intrauterinen ÖdipussiUia- 
tion, die sich so doch als „ Kernkomplex der Neurosen " erweist, da diese 

i) Das phantastische Element daran, die Rückprojizienmg der heterosexu- 
ellen Stufe, hat in zahlreichen mythischen Überlieferungen, wo der Held schon 
im Mutterleib koitiert (Osiris), sowie in obszönen Scherzen Niederschlag ge- 
funden. 



j86 Das Trauma der Geburt 

väterliche Störung, wenn auch nicht das erste „Trauma", so doch dessen 
unmittelbarer Vorläufer genannt zu werden verdient.' 

Unter diesen Gesichtspunkten läßt sich das reale Substrat der „Ur- 
phanlasien" greifbar machen, die Urrealität aufzeigen, die ihnen zu- 
grunde liegt und so die „psychische Realität", die wir nach Freud 
dem Unbewußten zuerkennen müssen, als eine biologische Realität 
fassen und verstehen. Wir können auf die Annahme einer Vererbung 
psychischer Inhalte einstweilen verzichten, denn das primäre See- 
lische, das eigentlich Unbewußte, erweist sich als das im wachsenden 
Ich unverändert fortlebende Embryonale,^ welches die Psycho- 
analyse als letzte metapsychologische Einheit im Begi-iff des geschlecht- 
lich neutralen „Es" zusammengefaßt hat. Alles, was darüber hinausgeht, 
insbesondere auch alles Geschlechtliche im engeren Sinne, gehört dem 
Vorbewußten an, wie ja auch die in Witz, Folklore und Mythus ver- 
wendete Sexualsymbolik zeigt ; wirklich unbewußt daran ist nur das 
libidinöse Verhältnis des Embryo zum Mutterleib. 

Aus dieser Bestimmung des Unbewußten erklären sich zwanglos 
alle Charaktere, die nach Freuds letzter Darstellung^ dem eigentlich 
unbewußten Kern unseres Ichs eignen : vor allem die in ihrer Intensität 

i) Es kann daKer auch nicht ganz gleichgültig sein, bis in welche Zeit der 
Gravidität derGeschlechtsverkehr fortgesetzt wird. Vgl. hierzu die Ausfüliningen 
von Dr. H. Hug-Hellmuth: Aus dem Seelenleben des Kindes. Eine psa. Studie. 
2. erw. Aufl. 1921, g, 2. ~ Daselbst auch der Hinweis, daß die Freude am 
Rhythmus beim kleinen Kinde in ursächlichem Zusammenhang mit den Be- 
wegiingsempfindungen des Foetus im Mntterleibe steht. 

2) Ein Beweis dafür ist die analytisch bekannte, aber als unverstandener 
Widerspruch hingenommene Tatsache, daß als Darstellung für „dasjl^be wußte" 
im Traume die gleichen Symbole verwendet werden wie für den Mutterleib 
(Zimmer, Gebäude, Schränke, Schächte, Höhlen, die Silberer nur rein „funk- 
tional" als psychische Selbstdarstellung zu fassen vermochte. Sieh© seine letzte ' 
diesbezügliche Arbeit in den Sitzungsberichten der Wiener Gruppe (Internat. ^A 
Zschr. f. Psa. VHI, 1922, S. 556). ] 

5) Freud: Das Ich und das Es. 1925. y- 



Die psychoanalytische Erkenntnis isy 

stets unveränderliche und durch nichts zu befriedigende Wunsch- 
tendenz, die Freud biologisch als das Streben der Libido nach Wieder- 
herstellung eines verlorenen Urzustandes erfaßt hat ; dann der „narziß- 
tische" Urcharakter dieser Sitation, das vollkommene Fehlen der 
Geschlechtsdifferenzierung, wodurch ursprünglich jedesObjekt, das dem 
Ich gegenübersteht, Muttercharakter erhält; ferner die Zeitlosigkeit und 
der Mangel jederNegation, die, .erst durch den Vorgangder Verdrängung 
eingeführt" wird,' also aus der psychischen Erfahrung des Geburts- 
traumas stammt; endlich die fundamentalen seelischen Mechanismen 
des Unbewußten : wie das für die Kulturentwicklung ausschlaggebende 
Streben zur Projektion, die den verlorenen Zustand draußen ersetzen 
soll, und die so rätselhafte J^eigung zur Identifizierung, dig. wieder 
auf die Herstellung der alten Identität mit der Mutter abzielt. 
'"" "2,u den wesentlichen und für das Verständnis der gesamten Lebens- 
vorgänge hochbedeutsamen Charakteren des Unbewußten gehört auch 
das vollkommene Fehlen der „Negation an sich", derTodesvorsteliung, 
wie Freud frühzeitig aus dem infantilen Leben erschlossen hat. Das 
Kind und sein seelischer Repräsentant, das Unbewußte, weiß nur von 
(5er ihm aus der Erfahrung bekannten Situation vor der Geburt, deren 
lustvolle Erinnerung in dem unverwüstlichen Unsterblichkeitsglauben, 
den Ideen eines ewigen Lebens nach dem Tode fortwirkt. Aber auch 
was uns biologisch als Todestrieb erscheint, kann nichts anderes an- 
streben, als den bereits erlebten Zustand vor der Geburt wieder her- 
zustellen, und der „Wiederholungszwang" ' rührt von der Unerfüllbar- 
keit dieses Strebens her, das immer wieder in neuen Formen alle 
Möglichkeiten erschöpft. Diesen Vorgang heißen wir biologisch ge- 

i) Siehe: Ans der Geschichte einer infantilen Neurose, 1. c. 669, Fußnote 2. 

a) Siehe Freud: Jenseits des Lustprinzips. 1921. — Mit der hier vertretenen 
Auffassung decken sich fast vollinhaltlich die zusammenfassenden Ausführungen 
von R6heiin am Schluß seiner Artikelserie: Das Selbst (Imago VIT, 1921, 
S.gosf.). 

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1 88 Das Trauma der Geburt 

sprechen „Leben". Ist es im Verlaufe desselben dem durch das Geburts- 
trauma losgelösten „normalen" Individuum auch gelungen, unter den 
geschilderten Schwierigkeiten der Kindheitsentwickking und mit Ver- 
meidung neurotischer Rückfälle, sich die Außenwelt als die „beste 
aller Welten", nämlich als Mutterersatz anzupassen, so zeigt sich, dalJ 
doch das Unbewußte inzwischen mit zäher Beharrlichkeit [den ihm 
vorgeschriebenen Rückweg eingeschlagen hat, der es gegen den Willen 
des Ich doch zu seinem ursprünglichen Ziele zurückführt. Dieser Vor- 
gang, den wir „Altern" nennen, muß sich aber zur Erreichung dieses 
unbewußten Zieles auf die systematische Zerstörung des ganzen Kor- 
pers verlegen, den es durch Krankheiten aller Art schließlich zum 
Tode fülirt.' Im Moment des Sterbens trennt sich der Köx-per neuer- 
dings von dem Mutterersatz, der „Frau Welt", deren Vorderseite schön 
und wohlgebildet, deren Rückseite jedoch häßlich und grauenerregend 
gedacht wird," welche Trennung für das Unbewußte anscheinend doch 
leicht ist,^ da es sich ja nur um das Aufgeben eines Ersatzes zur Er- 
langung der eigentlichen Seligkeit handelt. Hier wurzelt nicht nur die 
populäre Vorstellung vom Tod als Erlöser, sondern auch das Wesent- 
liche aller religiösen Exdösungsideen. Anderseits ist die schreckhafte 

i) Siehe die drei buddhistischen Übel: Alter, Krankheit und Tod. 

Sokrates sagte, als er den Giftbecher nahm: „Leben — das heißt lange 
Itrank sein: ich bin dem Heilande Asklepios einen Hahn schuldig," — (Natür- 
lich ist der Heiland Asklepios mythisch eine Wiedergeburtsgottheit, die von Zeus 
mit dem Blitztod bestraft wurde, weil sie einen Toten erweckt hatte.) 

a) Siehe „Frau Welt" von H. Niggemann („Mitra",!, igi+^Nr. io,S. 279.} 

5) Schon der große Arzt und Menschenbeobachter Hufeland spricht von 
der scheinbaren Schmerzhaftigkeit des Sterbens. — In einem Aufsatz, den 
ich zufällig während der Niederschrift dieser Arbeit zu Gesicht bekam, zeigt 
Heinz Welten {„Über Land und Meer", April 1925), „wie leicht sich's stirbt" 
an den überlieferten letzten Worten unserer großen Geister. — Der berühmt ge- 
wordene Ausspruch Goethes: Mehr Licht, weist deutlich auf die unbewußte. 
G^urtsphantasie^den Wunsch,JasJiight_derJVelt^u erblicken, hm. Goethes 
a^ornTschweresUeburtstrauma, von dem er selbst berichtet, erklärt das Rätsel- 
hafte in seinem Leben und Schaffen. 



Die psychoanalytische Erkenntnis lo^ 

Vorstellung des Todes als Sensenmann, der Einen mit gewaltigem 
Schnitt wieder vom Leben trennt, auf die Urangst zurückzuführen, die 
der Mensch beim letzten Trauma, dem letzten Atemzuge des Todes, 
zum letztenmal reproduziert und so aus der höchsten Angst, der Todes- 
angst, noch den Lustgewinn der Negierung des Todes durch Wieder- 
erleben der Geburtsangst zieht. Wie ernst es dem Unbewußten mit 
der Auffassung des Sterbens als einer Rückkehr in den Mutterleib ist, 
geht aus den- Totenriten aller Völker und Zeiten hervor, welche die 
Störung des ewigen Schlafes (durch den Vater) als die giÖßte Unbill 
und den ruchlosesten Frevel ahndet. 

So wie die Seele nach dem tiefsinnigen Dogma der Kirchenväter erst 
im vorgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft, wenn das Kind die 
ersten Eindrücke wahi-zunehmen imstande ist, in den Embi^o fährt, 
so verläßt sie im Tode den Körper, um des unsterblichen Lebens teil- 
haftig zu werden. In diese Trennung der Seele vom Körper versucht 
das unstillbare Wünschen die Unsterblichkeit zu retten. Wir stoßen 
hier wieder auf den ursprünglichen, scheinbar phantastischen, in Wirk- 
lichkeit aber ganz realen Inhalt der Seelen Vorstellung, die sich nach 
den schönen Ausführungen von Erwin Rohde („Psyche, Seelenkult 
^md Unsterblichkeitsglaube der Griechen") aus der Todesvorstellung 
entwickelt hat. Die Seele wird ursprünglich ganz real und körperlich 
als ein Doppclgänger des Verstorbenen vorgestellt (der ägyptische Ka und 
seine Parallel gestalten},' der ihn im Sinne eines ganz realen Fortlebens 
nach dem Tode ersetzen soll. Wie sich daraus der primitive Seelen- 
glaube, die religiöse Seelenvorstellung und der philosophische Seelen- 
begriff entwickelt haben, versuchte ich gelegentlich in anderem Zu- 
sammenhange zu skizzieren. =' Die psychoanalytische Forschung, die all 



i) F. S. Krauss: Sreca. Glück und Scliicksal im Volksglauben der Sudslavcn. 
Wien 1886. — Ders. : Der Doppelgängerglaube im alten Ägypten und bei den Süd- 
slaven. Imago VI, 1920, S. 38^ f. — Rank: Der Doppelgänger. Imago III, 1914. 

a) Die Don Juan-Gestalt. Imago VII, 1922, S. 166 ff. 



1^0 Das Trauma der Gehurt 

diese Gebilde als unbewußte Wunschphantasien entlarvt hat, greift 
nun wieder auf den realen Seeleninhalt zurück, wie er sich in dem 
immer wieder aufs neue gegebenen Embryonalzustand realisiert. 

Angesichts all dieser großartigen, immer wieder erneuten Versuche, 
sich auf den verschiedensten Wegen der Ersatzbefriedigung den ver- 
lorenen Urzustand wieder herzustellen und das Urtrauma zu verleugnen, 
glaubt man einen Augenblick lang den schwankenden Gang der Welt- 
geschichte mit ihren scheinbar willkürlich wechselnden Phasen in 
seiner biologisch bedingten Gesetzmäßigkeit zu verstehen. Es scheint 
darin der gleiche Urmechanismus zu walten, der sich von der ürver- 
drängung in so großartiger Weise auswirkt. Zeiten gi-oßer äußerer Not, 
die das Unbewußte zu stark an die erste Lebensnot des Individuums, 
das Geburtstrauma, erinnern, führen automatisch zu verstärkten Re- 
gressionsversuchen, die wieder aufgegeben werden müssen, nicht nur 
weil sie niemals zum eigentlichen Ziele führen können, sondern gerade 
dann, wenn sie ihm wieder zu nahe gekommen sind und auf die Ur- 
angst stoßen, die vor dem Paradiese Wache hält wie die Cherubim mit 
dem gezückten Schwert vor dem Eingang zum Paradies. So wirkt gegen 
die Urtendenz zur Wiederherstellung der alten höchsten Lusterfahrung 
nicht nur die Urverdrängung als Schutz gegen die damit verbundene 
Wiederholung der größten Unlusterfalirung, der Urangst, sondern gleich- 
zeitig auch das Sträuben gegen die Lustquelle selbst, an die man nicht 
erinnert werden will, weil sie unerreichbar bleiben muß. In dieser 
doppelt gefügten Verdrängungsschranke, die der Abhaltung 
von der Urlusterinnerung durch die Geburtsangst und dem Vergessen 
des schmerzlichen Geburtstraumas durch Erinnerung an das vorherge- 
gangene Lusterlebnis entspricht, also in dieser Urambivalenz des 
Psychischen, liegt das Rätsel der Menschheitsentwicklung beschlossen, 
das nur auf einem Wege, der Entdeckung des Verdrängungsvorganges 
selbst durch die Psychoanalyse, gelöst werden konnte. 



Die therapeutische Wirkung 



Wenn wir uns an die am Schluß des vorigen Abschnitts noch einmal 
ins Auge gefaßte Macht der Urverdrängung erinnern und an die Jahr- 
tausende hindurch von der Menschheit ebenso unermüdlich wie ver- 
geblich wiederholten Versuche sie zu überwinden, so mag sich im 
ersten Augenblick zu den pessimistischen Konsequenzen, zu denen 
diese Auffassung allenthalben zu führen scheint, der Gedanke an die 
Hoffnungslosigkeit jeder Psychotherapie gesellen. Denn welche Macht 
der Erde sollte imstande sein, das Unbewußte zum Verzicht auf seine 
ureigenste Natur, zum Einschlagen einer andern als der ihm im wahren 
Sinne des Wortes angeborenen Richtung zu bewegen? Nun tatsächlich 
scheint aus dem Gesagten kein anderer Schluß möglich, als der, daß es 
eben keine solche Macht geben könne. Anderseits zeigt die analytische 
Erfahmng. daß doch etwas existieren müsse, was es möglich macht, 
schwer neurotische Menschen, bei denen das Unbewußte besonders 
mächtig herrscht, wirklich in so weitgehendem Maße von dessen Über- 
macht zu befreien, daß sie imstande sind — so wie die Nichtneurotischen 
7.U leben. Das ist allerdings auch alles, sehr viel und zugleich sehr 
wenig, je na<:hdem yon welchem Standpunkt man dieses Resultat be- 
trachtet. Nun ist anscheinend nur der Analytiker selbst geneigt, es vom 
ersten Standpunkt zu betrachten, während der Patient es häufig genug 
nur vom zweiten beurteilen kann. Dieser Widerspruch scheint zwar 
zunächst keiner weiteren Begründung zu bedürfen, verdient aber doch, 
auf seine psychologische Motivierung untersucht zu werden. 



1 p2 Das Trauma der Geburt 

Es ist nicht die Rede von Fällen, wo der Analytiker mit subjektiver 
Berechtigung glauben darf, nicht nur sein Bestes, sondern Alles getan 
zu haben und wo ein wirklicher Erfolg tatsächlich ausbleibt; sondern 
ich habe Fälle im Auge, wo der Patient, tatsächlich von seinem Leiden 
befreit, wieder arbeits- und genußfähig gemacht ist und sich doch wie ein 
Unzufriedener benimmt. Doch lassen wir uns dadurch natürlich keinen 
Augenblick von unserer Aufgabe abbringen oder wankelmütig machen. 
Wer sagt uns denn, daß alle die anderen Menschen, welche die Analyse 
nicht dui-chgemacht haben, bei denen es vielleicht auch gar nicht nötig 
wäre, zufriedener, glücklicher sind? Wir erinnern uns dabei eines Aus- 
spruches von Freud, der lautet, daß der geheilte Neurotiker oft genug 
nachher nur gemeines Unglück zeige, wo er früher „neurotisches" 
hatte! Der Arzt kann auch beim körperlich schwer Erkrankten dessen 
Ansprüche auf volle Gesundheit kaum je erfüllen, geschweige denn 
beim Neurotiker, der gerade am Übermaß seiner Ansprüche erkrankt 
ist und zwar jener Ansprüche der Libido, die nach den Erkenntnissen 
der Psychoanalyse ihrer Natur nach überhaupt niemals zu befriedigen 
sind. Führt also die letzte Erkenntnis der Verursachung der Neurose 
nicht eher zum Aufgeben jedes Heilungsversuches, statt uns mit der Er- 
kenntnis der Verursachung auch die Mittel zu ihrer Beseitigung an die 
Hand zu geben! Und bedeutet dies nicht geradezu den vollständigen 
Nihilismus in der Psychotherapie? Ja, noch mehr, eine Absage an die 
ganze Forschung und Wissenschaft, die ja tatsächlich auf dem ins Tech- 
nische gewendeten sokratischen Satz zu ruhen scheint : Wissen istMacht t 

Nun hat ja gerade die Psychoanalyse zu allererst an diesem Vorurteil 
gerüttelt, das von ihrem antiken Vorläufer als die Summe seiner Weis- 
heit überliefert ist. Die Psychoanalyse hat uns schrittweise gezwungen, 
unseren intellektuellen Hochmut abzulegen und die Macht unseres 
Bewußtseins gegenüber der biologischen Elementarkraft des Unbewußten 
immer mehr und mehr geringschätzen zu lernen. Ich glaube, wir haben 
nun denselben Weg auf dem Gebiet der psychoanalytischen Therapie 



Die therapeutische Wirkung Ipß 

selbst weiter zu gehen, nachdem wir uns genügend Wissen erworben 
haben, um — Sokrates variierend — zu erkennen, daß alles, was wir 
wissen, ist, daß unser Wissen therapeutisch nicht viel taugt, wenn wir 
es nicht in wirksamer Weise anwenden können. Freu d selbst hat schon 
frühzeitig davor gewarnt, das eigene Wissen und Verstehen mit dem 
des Kranken zu verwechseln,^ indem er scharf zwischen der Psycho- 
analyse als Forschungsmethode und als Therapie unterschied. Solange 
wir noch zu wenig vom Unbewußten erfahren hatten, war es aller- 
dings häufig unvermeidlich, die Forschung in den Vordergrund zu 
rücken, wenn das bisherige Wissen zui- Erzielung des therapeutischen 
Effektes nicht ausreichte. Aber die reichen Erfahrungen der letzten 
Jahre haben uns übei-zeugt, daß die therapeutischen Möglichkeiten der 
A^'ermehrung unseres Wissens nicht im erwarteten Maße entsprechen, 
ja daß sogar das naive therapeutische Zugreifen durch ein Zuviel an 
Wissen und Einsicht gehemmt werden kann.'' Anderseits hatte die Er- 
fahrung schon lange gezeigt, daß die Mitteilung unseres Wissens an 
den Patienten und sogar seine intellektuelle Akzeptierung desselben 
an seinen Symptomen nichts ändert. Die Analyse mußte den thera- 
peutischen Wert auf die affektive Akzeptierung legen, die letzten Endes 
dem Abreagieren der Affekte gleichkam und nur nach Beseitigung 
der unbewußten Widerstände möglich war. An Stelle des aus der hyp- 
uotischen Vorzeit stammenden bewußten Erinnernlassens trat bald die 
Wiederholung in der positiven und negativen Übertragung, der sich 
die wirkliche affektive Reproduktion anschloß. ^ Es zeigte sich weiter, 



i) Weitere RatscUäge zur Technik der Psychoanalyse: Zur Einleitung der 
Behandhmg. 1915 (Kl. Sehr. IV, Seite 456). 

2) Solche Erfahrungen dürften denn auch Professor Fr eudveranlaßthaben,auf 
dem letzten Kongreß (September 1922) „Das Verhältnis der psychoanalytischen 
Theorie zur Technik" zum Gegenstand einer Preisausschreibung zu machen. 

5) Weitere Ratschläge usw. : Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten. 1914 
(Kl. Sehr. IV). Vgl. dazu Ferenczi und Rank; Entwicklungsziele der Psycho- 
analyse. Zur Wechselbeziehung von Theorie imd Praxis. 1924. 

1,3 R.-inl: 



194 



Das Trauma der Qehurt 



daß man diese durchaus nichl: zu vermeiden, sondern oft genug gerade 
zu provozieren habe, wenn der Patient das Erinnern als Schutz vor 
dem Wiederholen , also in seiner biologischen Funktion benützte. 
Zuerst hat bekanntlich Ferenczi auf diese Notwendigkeit einer „ak- 
tiven" Therapie nachdrücklich hingewiesen ' und diesen Hinweis dann 
in einer eingehenderen Darstellung gegen eine mißverständliche Auf- 
fassung zu rechtfertigen und zu begründen gesucht.^ Mit Recht betont 
er, daß die als Neuerung verschriene Aktivität ja seit jeher in der 
Psychoanalyse stillschweigend geübt worden war, und ich vi'üßte dem 
kein weiteres Argument hinzuzufügen als höchstens das, daß jede Thera- 
pie ihrer Natur nach „aktiv" sei, d. h. irgend eine willkürliche Beein- 
flussung und eine daraus folgende Veränderung, einen Effekt bezwecke. 
Die an der Psychoanalyse mit Recht gerühmte „Passivität" ist eine 
Tugend des Forschers, die ihn in den Stand setzt, überhaupt etwas 
Neues zu finden, was er noch nicht weiß oder durch sein Wissen provo- 
ziert hat. Doch ebensowenig wie der Internist am Krankenbett in der 
Geschichte der Medizin, ja selbst nicht in einem Lehrbuch nach- 
schlagen wird, wie man zur richtigen Diagnose gelange, kann der 
praktische Analytiker darauf eingestellt sein, mit seinem Patienten, 
Schritt für Schritt der psychoanalytischen Forschung folgend, dessen 
Seelenleben sozusagen historisch aufzurollen. Er hat eben auch die 
Summe alles bisher erarbeiteten Wissens in richtiger Weise in sich 
aufzunehmen und sie dann den Forderungen des Falles entsprechend 
praktisch anzuwenden. Daß er dabei „aktiv" vorgehen muß, ist nur 
selbstverständlich, wenn er irgend einen nennenswerten therapeutischen 
Effekt erzielen will. Ist doch sein Eingieifen nicht weniger aktiv als 
das des Chirurgen und hat zum Ziel: die kunstgerechte Lösung der 
Urlibido aus ihrer Fixierung durch Aufhebung oder Milderung der Ur- 
verdrängung und damit die Lösung des Patienten aus seiner neuro- 

i) Technische Sclnvierigkeiten einer Hysterieanalyse. Int, Kschr, f. FsA. V, igig. 
2) Weiterer Ausbau der ,aktiven Technik' in der Psa. ebenda VII, 1921. 



Die therapeutische Wirkwig I?S 

tischen Fixierung; in letzter Linie zurückgehend bis auf die Wieder- 
holung des Geburtstrauraas mit Unterstützung einer erfahrenen Heb- 
amme. Ich sage absichtlich nicht „Arztes", weil es mir zunächst um 
die Betonung des rein menschlichen und praktischen Momentes zu 
tun ist. 

Verweilen wir einen Moment lang mit unserer Überlegung bei diesem 
neu fixierten therapeutischen Ziel, so bemerken wir mit Befriedigung 
den ersten Hoffnungsschimmer im Dunkel des therapeutischen Pessi- 
mismus, bei dem wir zu landen schienen. Wir erkennen dann, daß 
wir eigentlich nichts anderes getan haben, als das, was der Patient 
ohnehin sein ganzes Leben lang, nur mit unzureichendem Erfolg, ver- 
sucht hat, nämlich das Geburtstrauma im Sinne der Kulturanpassung 
zu überwinden. Nach unserer Auffassung würde ja das neugeborene 
Individuum sofort in den verlassenen Zustand, d. h. praktisch gesprochen 
dem Tode verfallen, wenn nicht dieNamr den ersten „therapeutischen" 
Eingriff an ihm vornähme und ihm das Zurückstreben durch Ver- 
ankerung der Angst verbieten würde. Von diesem Moment erhalt 
eigentlich jede weitere Tätigkeit des Individuums im Leben „thera- 
peutischen Charakter, indem sie entgegen den Rückstrebungsten- 
denzen den „aufgegebenen" Patienten eine ganze Weile am Leben 
erhält, ohne daß ihr dies allerdings auf die Dauer gelingen kann. Wir 
möchten in diesem Zusammenhang auch nicht versäumen, auf den 
hohen „kathartischen Wert hinzuweisen, den gerade die angeblich am 
wenigsten nützlichen, d. h. dem Ausdruck unbewußter Tendenzen die- 
nenden Betätigungen haben: vom kindlichen Spiel' bis zum Spiel der 
Erwachsenen, das im Trauerspiel seine höchste kathartische Ausgestal- 
tung erfährt. Ja, wie Freud an dem Zerrbild der Psychosen zeigen 
konnte, haben wir selbst deren Verlauf vielmehr als einen Heilungs- 
versuch aufzufassen, der genau so wie der analytische eine rückläufige 

i) Siehe Karl Grooß: Das Spiel als Katharsis. Zsclir. f. pädag. Psycholo- 
gie, XII, 1912. 

>3* 



1^6 



Das Trauma der Geburt 



Bewegung einschlägt. Dieser mußte auch die Analyse folgen, wollte sie 
überhaupt eine Möglichkeit der Beeinflussung gewinnen. Nur ist sie 
imstande, dem Patienten immer gerade nur so viel Lust zu gewähren, 
daß die endgültige Entziehung des Libidomißbrauchs nicht gefähr- 
det ist. Dabei ersetzt sie ihm in der eingangs geschilderten Weise 
das verlorene Urobjekt der Mutter durch ein Surrogat, auf das er um so 
eher verzichten lernen kann, als es ihm fortwährend nur als solches 
bewußt gemacht wird. Der hohe Wert, den dieses Surrogat tiotzdem 
für ihn hat und der sich in dem Phänomen der Übertragung äußert, 
liegt in seiner Realität, d. h. darin, daß der Analytiker dem Patienten 
nicht nur eine Zeitlang gestattet, seine Libido an ihn zu fixieren, son- 
dern dies durch die Bedingungen und Veranstaltungen der Kur geradezu 
herausfordert. So wird die neurotische Introversion durch die analy- 
tische Situation paralysiert und das Medikament, auf das die Psycho- 
analyse damit zurückgi-eifl, ist der Mensch, der ähnlich den magischen 
Praktiken des Medizinmannes dadurch wirkt, daß er direkt an das 
Unbewußte des Patienten appelliert.' Wenn man dies Suggestion nennen 
will, so ist dagegen nichts einzuwenden, außer daß man damit einen 
nuiimehr psychologisch verständlichen Vorgang durch ein inhaltloses 
Kunstwort ersetzt hat.* 

Nicht nur die analytische Therapie, jede Therapie, auch alle medi- 
kamentöse, wirkt letzten Endes im selben Sinne „suggestiv", d. h. inso- 
fern sie das Unbewußte des Patienten anspricht. Dies äußert sich schon 
in der Wahl oder der persönlichen Beziehung zum Arzte, die regel- 
mäßig auf der Übertragung ruht'' und so sekundär dessen therapeu- 
tischen Maßnahmen den nötigen Nachdruck des Unbewußten verleiht. 
Aus zahlreichen Erfahrungen in den Analysen sind wir aber in der 

i) Siehe dazu das reichhaUige, wie mir scheint jedoch in zu komplizierter 
Weise ausgedeutete folkloristische Material bei Hdlieim: Nacli dem Tode des 
Urvaters. Imago IX/i, 1925. 

2) Siehe Freud : Zur Dynamik der Übertragung. 1, c. S. 595. 

g) Siclie Fcrenczi: liitroj ektion und Übertragung. Jahrb. I, 1319. 



Die therapeutische Wirkung i^'] 

l-.age, diese unbewußte Übertragungs Wirkung in ihrem Mechanismus 
aufzuklären. Wir wissen, daß im Leben des Kindes der „Doktor" eine 
ganz bestimmte, eng umgrenzte Rolle spielt, die im bekannten Doktor- 
spiel eindeutig zutage tritt: er repräsentiert insofei-n das unbewußte 
Ideal des Kindes, als er sicher zu wissen scheint, woher die Kinder 
kommen und was überhaupt im Innern des Körpers vorgeht. Ob er nun 
horcht und klopft, die Exfcretionen prüft oder mit dem Messer ope- 
riert, immer rührt er dabei an das dunkle Urlrauma; die psychoanaly- 
tische Situation, in der diese „Übertragung" bewußt gemacht werden 
muß, zeigt uns mit voller Deutlichkeit, in welchem Ausmaße das Un- 
bewußte der erwachsensten Menschen das ganze Leben lang am „Doktor- 
spiel" fixiert geblieben ist, welches in direkter Verknüpfung mit dem 
Urtrauma steht. Ja, jeder Kranke benimmt sich manifesterweise wie das 
ängstliche Kind im dunkeln Zimmer, d. h. er beruhigt sich bekanntlich 
sogleich wesentlich, wenn der Arzt nur erscheint und ihm tröstend zu- 
spricht. Wenngleich nun die Mehrzahl der Ai-zte dies nicht anerkennen 
wollen — und vielleicht können es viele gar nicht, die selbst noch im 
Unbewußten zu viel „Doktor spielen" — weil sie davon eine Einbuße 
ihrer wissenschaftlichen Reputation fürchten, so mögen sie von den 
wenigen analytisch beeinflußten Internisten und Spezi aläi-zten lernen, 
denen die ernsthafte Anerkennung und praktische Verwendung dieser 
Tatsache manchen unerwarteten Erfolg gebracht hat. Die Analyse, 
welche aber nicht bloß zur Anerkennung dieser Tatsache, sondern auch 
zur Aufklärung des Patienten darüber geführt hat, scheint zu beweisen, 
daß dies, weit davon entfernt zu schaden, sogar die einzige Möglich- 
keit ist, um dem therapeutischen Erfolg eine Dauerwirkung zu geben. 
Denn diese Loslösung vom Analytiker, die das wesentliche 
Stück der analytischen Arbeit ist, wird im Zeichen der Reproduktion 
des Geburistraumas vollzogen, so daß der Kranke zugleich mit seinem 
Arzt auch sein Leiden verliert, ja, besser gesagt, seinen Arzt aufgeben 
muß, um sein Leiden zu verlieren. 



1^8 



Das Trauma der Geburt 



Dieser Parallel vorgang gibt zu denken und führt zur eigentlichen 
Frage des Heilungs Vorganges, seines Mechanismus und der Technik, 
deren man sich dabei zu bedienen hat. Nun lassen sich diese Probleme 
nur am Material selbst und seiner detaillierten Analyse studieren, auf 
deren baldige Veröffentlichung ich hier vertrösten muß,' Nur mit 
ein paar Bemerkungen möchte ich dabei die Rolle des Unbewußten 
einerseits, des vielfach mißverstandenen bewußten Wissens anderseits 
umschreiben. 

Wir müssen uns hier besonders davor hüten, in den von Nietzsche 
mit Recht kritisierten „Sokratismus" zu verfallen, einer Gefahr, der 
aber auch Sokrates selbst schließlich auf gewaltsame Weise entging. 
Wir alle sind immer noch viel zu sehr „theoretische Menschen" und 
geneigt zu glauben, daß das Wissen tatsächlich schon „tugendhaft" 
mache. Das ist, wie gerade die Psychoanalyse bewiesen hat, durchaus 
nicht der Fall. Die Erkenntnis ist etwas vom Heilfaktor durchaus Ver- 
schiedenes. Das tiefste Unbewußte ist seinem Wesen nach ebensowenig 
zu ändern, wie andere lebenswichtige Organe des Menschen; das ein- 
zige, was wir in der Psychoanalyse erreichen können, ist eine ver- 
änderte Einstellung des Ich zum Unbewußten. Dies bedeutet 
aber sehr viel, ja, wie die Entwicklungsgeschichte der Menschheit zeigt, 
geradezu alles. Denn die psychische Gesundheit und Leistungsfähig- 
keit des Menschen hängt vom Verhältnis seines Ich zum Unbewußten, 
zum Es, ab.' Beim normalen leistungsfähigen Menschen sind die ver- 
schiedenen hemmenden Ichinstanzen, die dem sokratischen ,, Dämo- 
nion" entsprechen, imstande, das Unbewußte durch kritische Verur- 
teilung und gefühlsmäßige Ablehnung (Gewissen und Schuldgefühl) 
in Schach zu halten. In den Neurosen vom hysterischen Typus muß 
ein stärkeres Mittel, nämlich die Angst des Urtraumas immer wieder 



i) Siehe vorläiifigr Zum VcratäiidiiiB der Libidoentwicklung im Heihingsvor- 
{fang. Ztschr. IX, 4, 1923. 

2) Siehe dazu Freuds letzte Arbeit: Das Ich und das Es. 1923. 



Die therapeutische Wirkung 



199 



mobilisiert werden, um das Unbewußte zu verhindern, das aus ihm 
hervorgegangene Ich in die Riickbewegung mitzureißen; in den Neu- 
rosen vom Zwangstypus wird derselbe Effekt durch Hypertrophierung 
der Ichinstanzen erreicht; während wir in den Psychosen das abschrek- 
kende Resultat selbst vor uns haben, das eintritt, wenn sich das Es zu 
mächtig und das Ich zu schwach erweist.^ Der therapeutische Wir- 
kungsbereich der Analyse umfaßt also alle jene Fälle, in denen es sich 
darum handelt, das Verhältnis des Ich zum Es so zu regulieren, daß 
durch entsprechende Dosierung, d. h. Libidoverteilung, das harmonische 
Verhältnis resultiert, das wirals normale Leistungsfähigkeit bezeichnen. 
Dieses Gebiet umfaßt nicht nur alle neurotischen Störungen und die 
Anfangszustände der Psychosen,' sondern auch alles, was man als psy- 
chischen „Sekundäraffekt" bezeichnen könnte: d. h. Sexualkonflikte 
und Charakterabnormitäten bis zu einem gewissen Grade. Also nicht 
nur die groben Störungen des Verhältnisses zwischen Ich und Es, son- 
dern auch eine Reihe von feineren Funktionsstörungen innerhalb dieses 
Verhältnisses. 

Es ließe sich unter Berücksichtigung der Bedeutung des Geburts- 
traumas eine neue Charakter- und Typenlehre aufstellen, die vor 

j) Dies ist natürlich am ehesten an dem Knotenpunkt der Entwicklung mög- 
lich, den ivir als „Pubertät" bezeichnen und diese Erfahrung hat oiTenbar die 
Psychiatrie verleitet, den ursprünglich in diesem Sinne berechtigten Krankheits- 
begriff der Dementia praecox so übermäßig auszudelinen, daß er seinen guten 
Sinn verlor. 

3) Ich habe den Eindruck, daß sich von hier aus vielleicht auch therapeu- 
tische Möglichkeiten für die Psychosen ergeben könnten, wie überhaupt die 
dargelegten Gesichtspunkte erste Ansätze zu einer wesentlich vereinfachten 
therapeutischen Einwirkung, die mehr aufs Unmittelbare geht, zu bieten schei- 
nen. Die Neurosen einfacher Menschen und der primitive Inhalt der Psychosen 
legen es ja nahe, die Beeinflussung auch auf einem ehifachen Wege zu suchen. 
Ich verweise hier übrigens auf die bekannte klinische Tatsache, daß geistes- 
kranke Frauen nach einer Geburt oft wesentliche Besserungen zeigen ; aber auch 
das Gegenstück, die Puerperalpsychosen, lassen die hier dargelegten Zusammen- 
hänge erkennen. 



200 ' Das Trauma der Gehurt 



den bisherigen Versuchen dieser Art' ein weitgehendes Verständnis der 
individuellen Bedingtheit und damit die Möglichkeit einer ßeeiii- 
flussbarkeit voraus hat. Den introvertierten und ex tro vertierten Neu- 
rosentypen {die Bezeichnungen stammen von Jung) entsprechen näm- 
lich ähnliche Charakter typen, die sich in gleicher Weise aus dem Ur- 
trauma bzw. der Reaktion darauf ableiten lassen. Den schwachen, 
zarten, leichten Kindern, die oft Frühgeburten, meist auch leichte 
Geburten hatten, scheint der Introversionscharakter anzuhaften, wäh- 
rend die voll ausgetragenen, daher meist starken Kinder häufig den 
entgegengesetzten Typus zeigen. Dies erklärt sich daraus, daß bei den 
ersteren infolge des relativ schwächeren Geburtstraumas die Urangst 
nicht so mächtig ist und dem Ruckstreben weniger Widerstand ent- 
gegensetzt; wenn diese Menschen neurotisch werden, zeigen sie ge- 
wöhnlich introvertiert depressiven Charakter. Die zweiten treibt die 
intensiv erlebte Urangst mächtig nach außen und sie werden in ihren 
Neurosen weniger zur Reproduktion der Ursituation als des Geburts- 
traumas selbst neigen, auf das sie bei ihrem Rückstreben mächtig stoßen. 
Während wir also glaubten, bis zum ersten verursachenden Trauma 
der Neurosen vorgedrungen zu sein, mahnt uns hier etwas, uns zu 
hüten, am Ende nicht einem Irrtum zu verfallen, den die Psychoana- 
lyse am Anfang und seither wiederholt durch das scharfe Beobachten 
und Denken Freuds immer wieder rechtzeitig durch Fortschritte in 
der Forschung und Erkenntnis zu vermeiden gewußt hat. So wie die 
ersten „Traumata", die man für das Zustandekommen der neurotischen 
Symptome verantwortlich zu machen geneigt war, sich als allgemein 
menschliche Normalerlebnisse erwiesen, und wie schließlich noch der 
analytisch aufgedeckte Kern der Neurosen, der Ödipuskomplex, als die 
typische Normaleinstellung des Kindes und Kulturmenschen erkannt 
wurde, so ist auch noch das letzte analytisch faßbare Trauma, das 

i) Siehe i. B. Kretschmer: Körperbau und Charakter, igai, oder Jung: 
Psychologische Typcni igzi. 



■.,^-^.<y.^^..:-^. 



Die therapeutische Wirkung 201 

Trauma der Geburt, geradezu das allgemeinste menschliche Erlebnis 
überhaupt, aus dem sich eben mit zwingender Notwendigkeit der Ent- 
wicklungsgang des Einzelnen wie der Menschheit in der geschilderten 
Weise ableitet und erklärt. Es ist offenbar kein Zufall, daß xmmpr 
wieder, sobald wir nur glauben, den Schlüssel zum Verständnis der 
Neurosen gefunden zu haben, dieser sich uns in der Hand zu eineiti 
Instrument verwandelt, das doch besser geeignet erscheint, die bisher 
unbekannte Psychologie des Normalen zu erschließen. So erklärt es 
sich auch, daß Freuds Hauptwerk eigentlich das erste Verständnis der 
normalpsychologischen Phänomene (Traum, Witz, Alltagsleben, Sexual- 
theorie), die Schaffung der ersten Psychologie überhaupt bedeutet, die 
allerdings aus pathologischem Material, und zwar mittels der psj'^cho- 
analytischen Methodik und Technik gewonnen wurde. Und so möchten 
wir auch unsere Ausführungen über die Bedeutung des Traumas der 
Geburt für die Psychoanalyse nur als einen Beitrag zum Freudschen 
Gebäude der Normalpsychologie betrachten, im besten Falle als einen 
seiner Grundpfeiler, wobei wir allerdings aucli glauben, die Neurosen- 
lehre — einschließlich der Therapie — ein gutes Stück gefördert zu haben. 
Wir wollen uns aber ganz klar machen, wie weit dies gelungen ist, 
weil davon die eigentliche weitere Problemstellung abhängt. Wir 
glauben, daß es uns gelungen ist, alle Neurosenformen und Symptome 
als Ausdrucksmittel einer Regression von der Stufe der Sexualanpassung 
in den pränatalen Urzustand, bzw. in die Geburtssituation, die ja dabei 
überwunden werden muß, zu erkennen. Für das iii-ziliche Verständnis 
und das therapeutische Eingieifen ist diese Einsicht keineswegs zu 
unterschätzen, mag sie auch in bezug auf die Theorie der Neu- 
rosen in dem oben angedeuteten Sinne unbefriedigend geblieben sein, 
da sie ja das Spezifische des Falles, bzw. der Sj'mptombildung auf 
etwas so allgemeines wie das Geburtstrauma zurückführt; wenngleich 
']& innerhalb desselben sowohl für hereditäi'e Einflüsse des Keimplasmas 
wie auch für etwaige individuelle Eigentümlichkeiten (des Geburtsaktes) 



202 Das Trauma der Geburt 



reichlich — man könnle vielleicht sogar finden : zuviel — Raum bleibt. 
Immerhin versucht unsere Auffassung, die Theorie verschiedener Fixie- 
rungsslellen, welche die Neurosenwahl beslimraen sollen, durch eine 
Verschiedenes bewirkende traumatische Schädigung an einer einzigen 
Fixierungsstelle, im Geburtsakt, zu determinieren. Gibt es doch unserer 
Ansicht nach nur eine einzige Fixierungsstelle überhaupt, nämlich den 
mütterlichen Körper und alle Symptome beziehen sich inultinm analyxis 
auf diese Urfixierung, die uns eben durch die psychobiologische Tatsache 
unseres Unbewußten gegeben ist. In diesemSinneglaubenvvirim Trauma 
der Geburt das Urtrauma entdeckt zu haben und brauchen im einzelnen 
Falle erst gar nicht auf dem langwierigen WegderanalylischenForschung 
die „pathogenen Traumata" zu eruieren, sondern nur das spezifische Ge- 
burtstrauma in der Reproduktion zu erkennen und dem (erwachsenen) 
Ich des Patienten als infantile Fixierung xu demonstrieren. Dabei gibt 
der im Geburtstramna wirkende Trostmechanismus (am besten bekannt 
aus dem Prüfungstraum: Es ist auch damals glimpflich abgelaufen!) 
einen nicht zu unterschätzenden Heilfaktor ab, der zu einem entschie- 
denen therapeutischen Optimismus berechtigt. 

Liegt also in unserer neuen Einsicht vom Wesen und Charakter des 
Unbewußten (Es) ein eminent praktischer Vorteil, so müssen wir in 
bezug auf die Neurosenlehre bekennen, daß erst von hier aus die 
Theorie der Neurosen eine Ausgestaltung erfahren müßte. Zunächst 
haben wir aber die Neurosen in all ihren vielfältigen Formen als Repro- 
duktionen und Auswirkungen des Gebiirtstraumas erkannt, welches 
aber zugleich auch die kulturelle Normalanpassung sowie alle Höher- 
leistungen des Menschen bedingt und begründet. Wir kommen hier 
auf den frühen Satz Freuds zurück, daß die Psycho-Neurosen eigeni- 
Ikh keine Krankheiten im strengen medizinischen Sinne des Wortes 
sind," sondern Entwicklungshemmungen in der realen sexuellen An- 

i) Ein Sati, den Jung dann auch für die Psychosen bestätigen konnte, die 
nach ihm mit denselben .,Komplexen" ringen, die der Normale bewältigt hat. 



S£k 



Die therapeutische Wirkung 20 J 

passungsleistung des Menschen; sie stellen aber, ebenso wie diese, 
Versuche zur Überwindung des Geburtstraumas dar, wenn auch ge- 
scheiterte. In der Kulturanpassung, mit all ihren schwierigen normalen 
und überwertigen Leistungen sehen vvir die in verschieden hohem 
Grade gelungenen Versuche zur Überwindung des Geburtstraumas, zu 
deren gelungenstem wir die Psj'choanalyse — und dies keineswegs nur 
in ihrer therapeutischen Anwendung — rechnen müssen. 

So reduzierte sich letzten Endes das Neurosenproblem scheinbar auf 
ein Formproblem, Denn wir sehen in der biologischen Anpassung des 
Kindes an die Extrauterinsituation, in der Normalanpassung des Kultur- 
menschen, sowie in seinen kompensatorischen Überleistungen der Kunst 
(im weitesten Sinne des Wortes) den gleichen Überw in du ngs versuch 
sich in ähnlichen Formen abspielen; mit dem einzigen, allerdings 
wesentlichen Unterschied, daß der Kulturmensch und noch mehr 
der „Künstler" dies in vielfältigen, durch das Urtrauma bestimmten, 
streng determinierten Formen objektiv reproduzieren kann, wäh- 
rend es der Neurotiker immer wieder nur in gleicher Weise am 
eigenen Korper zu produzieren gezwungen ist.' In dieser zwangs- 
raäßigen „Wiederkehr des gleichen" Produkts am eigenen Körper 
scheint aber das Wesen der meisten pathologischen Prozesse zu bei-uhen. 
Der Neurotiker wird so immer wieder auf das reale Geburtstrauma zu- 
rückgeworfen, während der Normale und Übernorraale es sozusagen nach 
vom wirft und nach außen projiziert, es also zu objektivieren vermag. 

Wollen wir uns schließlich noch kurz Rechenschaft darüber geben, 
in welcher Weise wir therapeutisch wirken und worin der Heilfaktor 
besteht, so haben wir abermals die analytische Erkenntnis und den 
Weg zu ihr als etwas bereits Gegebenes herauszustellen. Die Analyse 
ist jetzt in der Lage, sichin weitgehendem Maße von der Forschungs- 
arbeit zu befreien, nachdem nicht nur der ganze Inhalt des Unbewußten 

i) Siehe dazu Ferenczis Zitat der Freudschen Auffassung eines auto- 

plastischtin Stadiums. 



204 Das Trauma der Geburt 



und die psychischen Mechanismen, sondern auch das vorläufig letzte. 
Element, das Urtrauma, von vornherein bekannt sind. Da der Patient 
in der Regel mit der Übertragung einsetzt, ist auch technisch die 
Möglichkeit gegeben, mit der Aufdeckung des Urtraumas zu beginnen. 
anstatt dem Patienten Zeit zu lassen, es am Schluß der Analyse auto- 
matisch zu wiederholen. Man kommt dadurch in dieLage, den gordischen 
Knoten der Urverdrängung mit einem kräftigen Schnitt zu lösen, an- 
statt sich mühselig um seine Entknüpfung zu bemühen, die dämm so 
schwer gelingt, weil jedes Stückchen Lösung auf der einen Seile den 
Knoten auf der anderen nur um so fester zusammenzieht. Die Rekon- 
struktion der Kindheitsgeschichie erfolgt dann nach Aufdeckung ihres 
Fundamentes auf dem festum rissen en Plan desselben sozusagen vom 
Sockel aufwärts ohne Mühe, wobei auch das Erinnerungsgefühl, das 
mit dem Urtrauma verdrängt war, sich einstellt. Es handelt sich also 
darum, den Patienten, der in seiner Neurose zur Muttex-fixierung zurück- 
geflüchtet ist, das Geburtstrauma während der Analyse in der 
Übertragung und deren Auflösung wiederholen und ver- 
stehen zu lassen und ihm nicht die unbewußte Reproduktion des- 
selben bei Lösung vom Analytiker y.u gestatten. Der imgeheure thera- 
peutische Vorteil, den man durch diese rechtzeitige Aufdeckung der 
Urfixierung erreicht, ist der, daß man am Schluß der Analyse statt der 
Reproduktion des Geburtslraumas die Sexualkonflikte, vor denen der 
Patient geflüchtet ist (Ödipuskomplex etc.) und das zu ihnen gehörige 
Schuldgefühl (statt der Angst) rein erhält und so ungestört vom Regres- 
sionsmechanismus lösen kann. Das Hilfsmittel ist die aus der Über- 
tragung folgende Identifizierung mit dem Analytiker, mittels deren 
libidinösem Anteil der Patient die Angst auf dem Wege der sexuellen 
Übertxagungsmöglichkeiien überwinden lernt. Letzten Endes wird also 
in der Therapie der Zwang zur Wiederholung (Reproduktion) des Ur- 
traumas bezw. der Ursituation beseitigt, indem die Richtung der Libido 
im Sinne der Anpassungsstiebung veränderl wird. 



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Die therapeutische Wirkung 20S 

All dies erfolgt mittels der von Freud ausgebauten Assoziations- 
und Übersetzungstechnik als Hilfsmittel, wobei wir aber als hauptsäch- 
lichen Motor dem Unbewußten des Patienten unser eigenes Unbe- 
wußtes entgegensetzen,' Dies ist das einzige Mittel, mit dem wir auf 
seine Libido einwirken können. Wir gestatten ihm dabei sozusagen 
zeitweise eine weitgehende Wiederherstellung der Ursituation, indem 
wir sein Unbewußtes durch die „Versagung" (Freud) dazu drängen, 
um dann sogleich durch das Aufzeigen des infantilen Charakters dieser 
Tendenz sein bewußtes Ich von der Unmöglichkeit und Verwerflichkeit 
dieses Zieles zu überzeugen, anstatt es durch fortwährende Angst- 
produktion davon abschrecken zulassen. Das wichtigste technische Mittel, 
die Lösung vom Ersatzobjekt der Libido, dem Analytiker, wird nicht 
erst auf der Höhe der Überlragungsentfaltung durch die unwiderruf- 
liche Terminsetzung angewendet: sondern tritt ganz automatisch von 
Anfang an in Aktion. Nicht nur ist dem Patienten immer bewußt, daß die 
Kur einmal beendet werden muß, sondern jede einzelne Stunde fordert 
von ihm im Kleinen die Wiederholung der Fixiemng und Lösung, bis 
er imstande ist. sie auch endgültig durchzuführen. Dazu kommt, daß 
es ihm ja der Analytiker, wie der Lehrer dem Schüler, vormacht, und 
daß er, auch wie der Schüler, nur lernen kann, indem er sich mit dem 
Lehrer identifiziert, d. h. die Einstellung des Analytikei-s zum Unbe- 
wußten akzeptiert, indem er ihn zum Ich-Ideal nimmt. Hier streifen 
wir das Problem der Vaterübertragung, deren überragende Heilfunktion 
es rechtfertigt, daß sie in der analytischen Technik im Vordergrunde 
steht. Der Patient muß im Laufe der Analyse lernen, die an der Mutter 
hängende ürverdrängxmg so weit durch „Übertragung" zu lösen, daß 
er sie dann auf ein reales Ersatzobjekt übertragen kann, ohne die Ur- 
verdrängung mitzunehmen. Diesen Versuch, der ja in der normalen 
Entwicklung mit mehr oder weniger Erfolg automatisch gelingt, muß 
der Neurotiker in der Analyse mit Zuhilfenahme bewußter Kräfte nach- 
i) Freuds Vergleich yorarecävei- (Kl. Sehr. IV, 405). 



2o6 Das Trauma der Geburt 



holen, wobei wir mit allen Mitteln der Bewußtmachung seiner un- 
bewußten Regressionstendenzen an sein bewußtes Ich appellieren, um 
es im Kampf gegen das übermächtige Es zu stärken. 

Wir bemerken dabei, daß der Patient letzten Endes nichts anderes 
zu machen hat, als ein Stück versäumter oder fehlerhafter Entwicklung 
nachzutragen (die sog. „Nacherziehung" Freuds). Und zwar jenes 
Stück der sozialen und Menschh ei tsent wickjung, welches durch das 
Geburtstrauma einerseits notwendig gemacht, anderseits so sehr er- 
schwert wird: nämlich die Loslösung von der Mutterfixienmg durch 
Libidoübertragung auf den Vater (das „männliche Prinzip" [Bach- 
ofens]), d.h. analytisch gesprochen die Phase vor der Entwicklung 
des Ödipuskomplexes, Gegen diese Nacherziehung wehrt sich das 
Es des Patienten mittels des Libidowiderstandes, d. h. indem es die 
volle mütterliche Libidobefriedigung nunmehr vom Analytiker will, — 
sei es in heterosexueller oder homosexueller Wiederholung der Ödipus- 
situation. Daß sein Ich imstande ist, durch Identifizierung mit dem 
Analytiker diese aktuell-libidinösen Tendenzen der Übertragung ebenso 
zu überwinden wie die regressiv-mütterlichen, erklärt sich daraus, daß 
dieses sein Ich eben schon von Anfang an zu dieser besonderen Auf- 
gabe aus dem Es geschaffen und entwickelt worden war. In der Analyse 
wird dann schließlich auch dieses normale Hilfsmittel der Entwicklung 
durch bewußte Veränderung verstärkt, da dem Patienten schließlich 
auch die Tatsache seiner Identifizierung mit dem Analytiker bewußt 
und er dadurch unabhängig von ihm gemacht wird. 

Wenn wir dabei letzten Endes doch wieder auf das so schwache 
Bewußtsein und seine Hilfe zurückgreifen müssen, so dürfen wir uns 
mit folgenden Erwägungen trösten: Wenn das Bewußtsein auch nur 
eine schwache Waffe ist, so ist es doch die einzige, die uns im Kampf 
gegen die Neurose zugänglich ist. Die psychische Verankerung der 
Angstempfindung des Geburtsaktes im Bewußtsein als eines biologisch- 
therapeutischen Mittels gegen das Zurückstreben bewirkt, wie wir zu 



Die therapeutische TVirkung 20J 

zeigen versuchten, die Menschwerdung, und das Bewußtsein ist ja das 
menschliche Charakteristikum hat exochen. Sollte da nicht die" analy- 
tische Aufhebung der Urverdrangung und ihre Verankerung im Be- 
wußtsein hinreichen, um den Neurotiker in dem geringen Maße er- 
wachsen zu machen, in dem der selbst noch in den Kinderschuhen 
steckende Kulturmensch es tatsächlich heute erst ist? Der Neurotiker 
ist nur noch ein bißchen früher, im Geburtstrauma, steckengeblieben 
und was von der Therapie verlangt werden kann, ist nur, ihn bis zu 
den „Kinderschuhen zu bringen, in denen die Menschheit im ganzen 
noch steckt. 



Geschrieben im April 1^2} 



Phn Dr. Otto Rank erschienen früher: 

Der Künstler. Ansalze zu einer Sexualpsychologie. Leipzig unrl 
Wien 1907; 2. und 3. Auflage 1918. 

Der Mythus von rler Geburt des Helden. Versuch einer 
psychologischen Mythendeutung. (Schriften zur angewandten Seelen- 
kunde Nr. V.) Leipzig und Wien 1909; Q.Auflage 1922. 
The Myth of the Birth of the Hcro. (Nervous and Mental Disease 
Monograph Series.) New York 1914- 

It inito della nascita degli F.roi. ^BiWioteca Psicoanalitica Italiana 
N0.4.) Zurigo, Napoli, Vienna, Nocera Inferiore 1921. 

Die Lohengrinsage.Ein Beitrag zu ihrer Motivgestaltung und 
Deutung. (Schriften zur angewandten Seelenkunde Nr. XIII.) Leipzig 
und Wien 1911. 

D a s I n z e s l ni o t i V i n D i c h t u n g u n d S a g e . Grundzüge einer 
Psychologie des dichterischen Schaffens. Leipzig und Wien 1912- 

Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geistes- 
wissenschaften. {Mii Dr. Hanns'Sachs.) Wiesbaden 1913- 
The significance of Psy ch o- Analy sis for the Mental ScieneeB. 
(Nervous and Mental Disease Monograph Series.) New York igi?' 

Psycho analytischeBeilrägezur Mythe nforschung. 
Gesammelte Studien aus den Jahren 1912-1914- (Internationale 
Psychoanalytische Bibliothek Nr. 4.) Leipzig, Wien, Zürich 1919; 
2. Auflage 1922. 

Entwicklungszielc der Psychoanalyse. Zur Wechsel- 
beziehung vonTheorie und Praxis. (Mit Dr. ^.Ffirenczi.) Neue Arbeiten 
ärztlichen Psychoanalyse, Heft 1. Leipzig, Wien, Zürich 1924. 



zur 



Bücher von Dr. Otto Rank 



Der Künstler. Ansätze zu einer Sexualpsycho- 
logie. (Imago-Bücher I.) 4. Tausend, Leipzig, 
Wien. Zürich 1922 

Wohl eines der interessantesten Probleme, denen die Psydio- 
analysc sich zugewandt hat. (Frankfurter Zeitung) 

DsB Wuvk Ranks htliandelf in lielitvoUer Darstellung ent- 
sclieideiide Fragen, Dtr Weg ist külm -- aber kein Marsch 
auf der Straße. (Die Zeit) 

Viele sehr verdienstvolle, wenn auch harte und beinahe riiti- 
sichtslose Meinungen. Es gehört eine große Freiheit des 
Geistes und eine sehr schät/hare Unbefangenheit dazu. 
Übrigens hat Otto Rank auf dem Wege zur Seeiensdiau des 
Kiin.stlers eine ganie Menge psychologischer Faktoren auf 
ihren sexuellen Gehalt hin geprüft und mit »diöner Prägnanz 
demonstriert. (Münchner A llg-em ei n e Zeitung) 

Hödist [nteressant, wie die Vertiefung' der Freud'schen Lehre 
auf Teile uralter religionspsydiotog-ischcr Grundmauern stoßt. 
Das Studium dieser gcistreiclien Schrift kann sehr empfohlen 
werden. (Zeitschrift für Religionspsychologie) 

As dimly g:Iimpsed by Nletisehe, Hinton nnd olher earlicr 
thinkets, — the main explanation of tlie dynaniic prooesK 
by whidi the nrts, in thc widest scnse, havc come into beeing, 
i:i naw chiefly btin^ explored. One thinks of I' rcud and 
cspeeially of Dr. Rank, pcrhaps the most brilliant and 
clairvoyiint of the youngor investigators who still stand hy 
the master's side. (Havelock Ell is in „Tbedanceof the life")'- 



Der Mythus von der Geburt des Helden. 

Versuch einer psy (biologischen Mythendeutung. 
{Schriften zur angewandten Seelenkunde. 
Nr. 5.) Zweite Auflage, Leipzig u. Wien. 1922 

The Myth of the Birth of the Herb. (Nerv, and 
■ Ment. Disease Monogr. Series) New- York 1914 

n mito della nascita degli Eroi. (Biblioteca 
Psicoanalitica Italiana. Nr. 4.) Zurigo, Napoli, 
Vienna, Nocera Inferiore 1921 

Die Verbindung mit dem Sozialen und dem "Individuellen ist 
Rank vollkommen gelungen. (Berliner Tageblatt) 

Es ist ein in seiner Tragweite kaum lu umfassender Gedanke: 
die ganie Gesdiiclite ein ungeheurer Spiegel. Das Buch von 
Rank wirkt nicht nur belehrend und anregend, sondern auch 
befreiend. (Die Zeit) 

Psychoanalytische Beiträge zur Mythen- 
forschung. (Internat. Psychoanalyt. Bibliothek. 
Nr. 4.) 2. Aufl., Leipzig, Wien, Zürich 1922 

I-nhslt: Vorwort / Mythnlnffie u. Psydioanalyse / Die Sym- 
bolik /Volkerpsydiol'giscke Parallelen zu den Infantilen Semal- 
theorien / Zur Deutung der Sintflutsage > Männtkeu-Piß und 
Dukaten -Scheiß er / Das Brüdermarchen / Mythus u. Märchen. 

Daß Rank es verstanden hat, sein Thema klar, übersichthch 
und fesselnd zu ge.stalten, ist für den Kenner seiner Arbeiten 
keine Oberras diu ng. {Zeitsch. f. Solu al wissunsch uft) 

Kritische Leser werden viel Anregung- und interessantes Ma- 
terial in diesen Aufsalzen finden. (Literarisches Echo) 

Libro ... de una prcsenlacion elegante es uno de l^s magni- 
ficas contribuciones a la interpretaciön psicoanalitica de 
raitos y legendas. (Kevista di ,Psi qu ia tria, Lima) 



Die Lohengrinsage. Ein Beitrag zu ihrer Motiv- 
gestaltung und Deutung. (Schriften zur angew. 
Seelenkunde. Nr. 13.) Leipzig u. Wien 1911 

Der Verfasser, einer der scharfsinnigsten Sdiüler Freuds, ver- 
folgt die psychisch 1)rälingten Umbildungen des Stoffes, indem 
er sich auf ein ungelioure^ Material stützt von der altfranzS. 
sisehen Sage vom Cheval!;ei.iu eygne an bis lu Wagners Musi k- 
drania.Besonaer]5,interBSf!ai}t ist die Verbindunfriwischen denin 
der Sage lebenden Vorsteüilngcn und dem aus dem Seelenleben 
der Neurotiker Erschlossenen. (Wiener Klin, Rundschau) 

t ^ 

I 

Das Inzestraotiv in Dichtung und Sage. 

Grundzüge feiner Psydiologie des dichterischen 
Schaffens. Leipzi^-ü;j Wien 1912. [Vergriffen] 

Der Verfasser darf mit Rcdit behaupten, die „Grundzüge 
einer Psychologie des dichterischen Schaffens" gegeben nu 
haben. ■ {Die Neue Generation) 

Vülkerpsydiologisch wie hiologisdi mit einem Schlage eine unge- 
ahnte Perspektive eröffnet iMiinc(io. Med. Wochensohr.) 

Einen Teil der neuen, Urhaftes belichtenden Seelenlehre, die 
wagniakräftig über die schwanken Mauern der Träume steigt, 
in die fahlen Gärten körperhdier Wallungen zwiadien Kinder 
und Eltern tritt, — einen Teil dieser neuen Lehre erhärtet Rank | 
in 24 Kapiteln. . . Es geht den Wisscrisdtaftler an, wie den 
gliedernden (undiergliederlen) Dichter. (Al.f red Kerrim Fan) 
Von Seite zu Seite floßt die Rank'sdie Gedankenarbeit dem 
Leser wadisende Achtung vor der strömenden Fülle stets 
kampfbereiter ethnologischer und literarisdier Kenntnisse 
unter wahrhaft erstaunlicher Belesenhcit ihres Schöpfers . . . 
Das Werk hat berechtigte Aussicht die kun.sttheo retische 
Bibel der Freudianer zu werden (Literar. Zentralblatt) 
Das BudiThüß als die erste große Leistung einer" neuen 
Literatutbetrachtung begrüßt worden. (Die Zeil) 

Eines der hedeutensten Werke in der psydiounolylisdien 
Literatur. (Zeitschrift f. angewandte Psychologie) 



Das Trauma der Geburt und seine Be- 
deutung für die Psychoanalyse. (Intern. 
PsAna]yt.Bibl.Bd.l4.)Leipz.,Wien,Zürichl924 



Mit Dr. Hanns Sachs 

Die Bedeutung der Psychoanalyse für die 
Geisteswissenschaften. Wiesbaden 1913 

The significance of Psycho-Analysis for 
the Mental Sciences. (Nervous and Mental 
Disease Monograph Series) New-York 1916 

The book forms an invaluahle iotroduclion . . . It is to bc 
hoped tbat a carefui perusal of the book by a wide circle 
of such readers on both sides of the Allantie may help tu 
bring about a coltaboration. 

(The Internat. Journ. of Psychoanalysis) 



Mit Dr. S. Ferenczi 

Entwicklungsziele der Psychoanalyse. Zur 
Wechselbeziehung von Theorie und^ Praxis. 
(Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse, 
Heft 1) Leipzig, Wien, Zürich 1924 



Zu beaichen 
durch ! 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 



Wien, VU. 
AndreasgosSE 3 





-I» ! ■'^ 



iNTERNATIONA-LER> PSYCHOÄNrtYTISCH.E^ 

. 'S WIE», Vri. ÄNDREASGASSE 5' 



Im Dezember i^2y erschei7ten: 

Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse, Heft I 

Dh S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 

Entwicklungsziele der Psychoanalyse 

. ' Zur Wechselbeziehung von Theorie und Praxis 

■ * 

- Heft II 

Dr. Karl Abraham 

Versuch einer 

Entwicklungstheorie der Libido 

auf Grund der Psychoanalyse seehscher Störungen 

Bd. XF 

Dr. S. Ferenczi 

I 

Versuch einer Genital Iheorie 

' Vera Schmidt 

Psychoanalytische Erziehung 
in Sowj^etrußland 

Bericht über das Moskauer Kinderheim-Sanatorium ' 

* 

Prof. Dr. Sigm. Freud 

Zur Geschichte 
der psychoanalytischen Bewegung 

(ErstnuiUga sdbitHrulige Veröffmllichimg der Arbeit aus der „Fierwt Folge" der „Sammlung kiemer 

Schriften zur Neitrosenlehre^^)