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Full text of "Das Unbehagen in der Kultur"


\>igm. Freud 




:$ Ünbenagen 

in der 

Kultur 

■_ ..._"1.___ 



S I G M. FREUD 



DAS UNBEHAGEN 
IN DER KULTUR 





DAS UNBEHAGEN 






IN DER 






KULTUR 






VON 






SIGM. FREUD 






1. — 1£. Tausend 






1930 

INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN 











AIJJE RECHTE, 

INSBESONDERE DIE DER ÜBERSETZUNG 

VORBEHALTEN 



COPYRIGHT 193o 
By INTERNATIONALER FSyCHOANA- 
tyTISCHER VERLAG, GES. M.B.H./WIEN I. 



DRUCK: JOH. N. VERNAy A.-G„ WIEN, IX., CANISIUSGASSE 8-fo 



I 



Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß 
die Menschen gemeinhin mit falschen Maßstäben messen, 
Macht, Erfolg und Reichtum für sich anstreben und bei 
anderen bewundern, die wahren Werte des Lebens 
aber unterschätzen. Und doch ist man bei jedem solchen 
allgemeinen Urteil in Gefahr, an die Buntheit der 
Menschenwelt und ihres seelischen Lebens zu vergessen. 
Es gibt einzelne Männer, denen sich die Verehrung 
ihrer Zeitgenossen nicht versagt, obwohl ihre Größe 
auf Eigenschaften und Leistungen ruht, die den Zielen 
und Idealen der Menge durchaus fremd sind. Man wird 
leicht annehmen wollen, daß es doch nur eine Minder- 
zahl ist, welche diese großen Männer anerkennt, wäh- 
rend die große Mehrheit nichts von ihnen wissen will. 
Aber es dürfte nicht so einfach zugehen, dank den 
Unstimmigkeiten zwischen dem Denken und dem Han- 
deln der Menschen und der Vielstimmigkeit ihrer 
Wunschregungen. 

Einer dieser ausgezeichneten Männer nennt sich in 
Briefen meinen Freund. Ich hatte ihm meine kleine 



Das ozeanische Gefühl, 



Schrift zugeschickt, welche die Religion als Illusion be- 
handelt, und er antwortete, er wäre mit meinem Urteil 
über die Religion ganz einverstanden, bedauerte aber, 
daß ich die eigentliche Quelle der Religiosität nicht ge- 
würdigt hätte. Diese sei ein besonderes Gefühl, das 
ihn selbst nie zu verlassen pflege, das er von vielen 
anderen bestätigt gefunden und bei Millionen Menschen 
voraussetzen dürfe. Ein Gefühl, das er die Empfindung 
der „Ewigkeit" nennen möchte, ein Gefühl wie von 
etwas Unbegrenztem, Schrankenlosem, gleichsam „Ozea- 
nischem". Dies Gefühl sei eine rein subjektive Tatsache, 
kein Glaubenssatz ; keine Zusicherung persönlicher Fort- 
dauer knüpfe sich daran, aber es sei die Quelle der 
religiösen Energie, die von den verschiedenen Kirchen 
und Religionssystemen gefaßt, in bestimmte Kanäle ge- 
leitet und gewiß auch aufgezehrt werde. Nur auf Grund 
dieses ozeanischen Gefühls dürfe man sich religiös 
heißen, auch wenn man jeden Glauben und jede Illu- 
sion ablehne. 

Diese Äußerung meines verehrten Freundes, der selbst 
einmal den Zauber der Illusion poetisch gewürdigt hat, 
brachte mir nicht geringe Schwierigkeiten. Ich selbst 
kann dies „ozeanische" Gefühl nicht in mir entdecken. 
Es ist nicht bequem, Gefühle wissenschaftlich zu be- 
arbeiten. Man kann versuchen, ihre physiologischen 
Anzeichen zu beschreiben. Wo dies nicht angeht, — 
ich fürchte, auch das ozeanische Gefühl wird sich einer 



angebliche Quelle der Religiosität 



solchen Charakteristik entziehen, — bleibt doch nichts 
übrig, als sich an den Vorstellungsinhalt zu halten, der 
sich assoziativ am ehesten zum Gefühl gesellt. Habe ich 
meinen Freund richtig verstanden, so meint er dasselbe, 
was ein origineller und ziemlich absonderlicher Dichter 
seinem Helden als Trost v;or dem freigewählten Tod 
mitgibt : „Aus dieser Welt können wir nicht fallen." * 
Also ein Gefühl der unauflösbaren Verbundenheit, der 
Zusammengehörigkeit mit dem Ganzen der Außenwelt. 
Ich möchte sagen, für mich hat dies eher den Charakter 
einer intellektuellen Einsicht, gewiß nicht ohne beglei- 
tenden Gefühlston, wie er aber auch bei anderen Denk- 
akten von ähnlicher Tragweite nicht fehlen wird. An 
meiner Person könnte ich mich von der primären Natur 
eines solchen Gefühls nicht überzeugen. Darum darf ich 
aber sein tatsächliches Vorkommen bei anderen nicht 
bestreiten. Es fragt sich nur, ob es richtig gedeutet 
wird und ob es als „fons et origo" aller religiösen Be- 
dürfnisse anerkannt werden soll. 

Ich habe nichts vorzubringen, was die Lösung dieses 
Problems entscheidend beeinflussen würde. Die Idee, 
daß der Mensch durch ein unmittelbares, von Anfang 
an hierauf gerichtetes Gefühl Kunde von seinem Zu- 
sammenhang mit der Umwelt erhalten sollte, klingt so 
fremdartig, fügt sich so übel in das Gewebe unserer 

l) D. Chr. G r a b b e : Hannibal : „Ja, aus der Welt werden wir 
nicht fallen. Wir sind einmal darin." 



Das Ichgefühl 



Psychologie, daß eine psychoanalytische, d. i. genetische 
Ableitung eines solchen Gefühls versucht werden darf. 
Dann stellt sich uns folgender Gedankengang zur Ver- 
fügung: Normalerweise ist uns nichts gesicherter als 
das Gefühl unseres Selbst, unseres eigenen Ichs. Dies 
Ich erscheint uns selbständig, einheitlich, gegen alles 
andere gut abgesetzt. Daß dieser Anschein ein Trug 
ist, daß das Ich sich vielmehr nach innen ohne scharfe 
Grenze in ein unbewußt seelisches Wesen fortsetzt, 
das wir als Es bezeichnen, dem es gleichsam als Fassade 
dient, das hat uns erst die psychoanalytische Forschung 
gelehrt, die uns noch viele Auskünfte über das Ver- 
hältnis des Ichs zum Es schuldet. Aber nach außen 
wenigstens scheint das Ich klare und scharfe Grenz- 
linien zu behaupten. Nur in einem Zustand, einem 
außergewöhnlichen zwar, den man aber nicht als krank- 
haft verurteilen kann, wird es anders. Auf der Höhe 
der Verliebtheit droht die Grenze zwischen Ich 
und Objekt zu verschwimmen. Allen Zeugnissen 
der Sinne entgegen behauptet der Verliebte, daß Ich 
und Du Eines seien und ist bereit, sich, als ob es so 
wäre, zu benehmen. Was vorübergehend durch eine 
physiologische Funktion aufgehoben werden kann, muß 
natürlich auch durch krankhafte Vorgänge gestört wer- 
den können. Die Pathologie lehrt uns eine große An- 
zahl von Zuständen kennen, in denen die Abgrenzung 
des Ichs gegen die Außenwelt unsicher wird, oder die 



Entwicklung des Ichgefühls 



Grenzen wirklich unrichtig gezogen werden ; Fälle, in 
denen uns Teile des eigenen Körpers, ja, Stücke des 
eigenen Seelenlebens, Wahrnehmungen, Gedanken, Ge- 
fühle wie fremd und dem Ich nicht zugehörig er- 
scheinen, andere, in denen man der Außenwelt zu- 
schiebt, was offenbar im Ich entstanden ist und von 
ihm anerkannt werden sollte. Also ist auch das Ich- 
gefühl Störungen unterworfen und die Ichgrenzen sind 
nicht beständig. 

Eine weitere Überlegung sagt: Dies Ichgefühl des 
Erwachsenen kann nicht von Anfang an so gewesen 
sein. Es muß eine Entwicklung durchgemacht haben, 
die sich begreiflicherweise nicht nachweisen, aber mit 
ziemlicher Wahrscheinlichkeit konstruieren läßt. ' Der 
Säugling sondert noch nicht sein Ich von einer Außen- 
welt als Quelle der auf ihn einströmenden Empfin- 
dungen. Er lernt es allmählich auf verschiedene An- 
regungen hin. Es muß ihm den stärksten Eindruck 
machen, daß manche der Erregungsquellen, in denen 
er später seine Körperorgane erkennen wird, ihm jeder- 
zeit Empfindungen zusenden können, während andere 
sich ihm zeitweise entziehen — darunter das Begehrteste : 
die Mutterbrust — und erst durch ein Hilfe heischendes 
Schreien herbeigeholt werden. Damit stellt sich dem 

l) S. die zahlreichen Arbeiten über Ichentwicklung und Ichgefühl 
von Ferenczi, Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes (1913), 
bis zu den Beiträgen von P. Federn 1926, 27 und später. 



10 Lust-Ich und Real-Ich 



Ich zuerst ein „Objekt" entgegen, als etwas, was sich 
„außerhalb" befindet und erst durch eine besondere 
Aktion in die Erscheinung gedrängt wird. Einen wei- 
teren Antrieb zur Loslösung des Ichs von der Empfin- 
dungsmasse, also zur Anerkennung eines „Draußen", 
einer Außenwelt, geben die häufigen, vielfältigen, un- 
vermeidlichen Schmerz- und Unlustempfindungen, die 
das unumschränkt herrschende Lustprinzip aufrieben 
und vermeiden heißt. Es entsteht die Tendenz, alles, 
was Quelle solcher Unlust werden kann, vom Ich abzu- 
sondern, es nach außen zu werfen, ein reines Lust-Ich 
zu bilden, dem ein fremdes, drohendes Draußen 
gegenübersteht. Die Grenzen dieses primitiven Lust-Ichs 
können der Berichtigung durch die Erfahrung nicht ent- 
gehen. Manches, was man als lustspendend nicht 
aufgeben möchte, ist doch nicht Ich, ist Objekt, und 
manche Qual, die man hinausweisen will, erweist sich 
doch als unabtrennbar vom Ich, als innerer Herkunft. 
Man lernt ein Verfahren kennen, wie man durch ab- 
sichtliche Lenkung der Sinnestätigkeit und geeignete 
Muskelaktion Innerliches — dem Ich angehöriges — 
und Äußerliches — einer Außenwelt entstammendes — 
unterscheiden kann und tut damit den ersten Schritt 
zur Einsetzung des Realitätsprinzips, das die weitere 
Entwicklung beherrschen soll. Diese Unterscheidung 
dient natürlich der praktischen Absicht, sich der ver- 
spürten und der drohenden Unlustempfindungen zu 



__ 



Überleben des primären Ichgefühls 



erwehren. Daß das Ich zur Abwehr gewisser Unlust- 
erregungen aus seinem Inneren keine anderen Methoden 
zur Anwendung bringt, als deren es sich gegen Unlust 
von außen bedient, wird dann der Ausgangspunkt be- 
deutsamer krankhafter Störungen. 

Auf solche Art löst sich also das Ich von der Außen- 
welt. Richtiger gesagt: Ursprünglich enthält das Ich 
alles, später scheidet es eine Außenwelt von sich ab. 
Unser heutiges Ichgefühl ist also nur ein eingeschrumpf- 
ter Rest eines weitumfassenderen, ja, — eines allum- 
fassenden Gefühls, welches einer innigeren Verbunden- 
heit des Ichs mit der Umwelt entsprach. Wenn wir 
annehmen dürfen, daß dieses primäre Ichgefühl sich im 
Seelenleben vieler Menschen — in größerem oder ge- 
ringerem Ausmaße — erhalten hat, so würde es sich 
dem enger und schärfer umgrenzten Ichgefühl der 
Reifezeit wie eine Art Gegenstück an die Seite stellen, 
und die zu ihm passenden Vorstellungsinhalte wären 
gerade die der Unbegrenztheit und der Verbundenheit 
mit dem All, dieselben, mit denen mein Freund das 
„ozeanische" Gefühl erläutert. Haben wir aber ein 
Recht zur Annahme des Überlebens des Ursprüng- 
lichen neben dem Späteren, das aus ihm geworden ist ? 

Unzweifelhaft ; ein solches Vorkommnis ist weder 
auf seelischem, noch auf anderen Gebieten befremdend. 
Für die Tierreihe halten wir an der Annahme fest, 
daß die höchstentwickelten Arten aus den niedrigsten 



Die Erhaltung des Primitiven in der Psyche 



hervorgegangen sind. Doch finden wir alle einfachen 
Lebensformen noch heute unter den Lebenden. Das 
Geschlecht der großen Saurier ist ausgestorben und 
hat den Säugetieren Platz gemacht, aber ein richtiger 
Vertreter dieses Geschlechts, das Krokodil, lebt noch 
mit uns. Die Analogie mag zu entlegen sein, krankt 
auch an dem Umstand, daß die überlebenden niedri- 
gen Arten zumeist nicht die richtigen Ahnen der heuti- 
gen, höher entwickelten sind. Die Zwischenglieder sind 
in der Regel ausgestorben und nur durch Rekonstruk- 
tion bekannt. Auf seelischem Gebiet hingegen ist die 
Erhaltung des Primitiven neben dem daraus entstande- 
nen Umgewandelten so häufig, daß es sich erübrigt, 
es durch Beispiele zu beweisen. Meist ist dieses Vor- 
kommen Folge einer Entwicklungsspaltung. Ein quanti- 
tativer Anteil einer Einstellung, einer Triebregung, ist 
unverändert erhalten geblieben, ein anderer hat die 
weitere Entwicklung erfahren. 

Wir rühren hiermit an das allgemeinere Problem der 
Erhaltung im Psychischen, das kaum noch Bearbeitung 
gefunden hat, aber so reizvoll und bedeutsam ist, daß 
wir ihm auch bei unzureichendem Anlaß eine Weile 
Aufmerksamkeit schenken dürfen. Seitdem wir den Irr- 
tum überwunden haben, daß das uns geläufige Ver- 
gessen eine Zerstörung der Gedächtnisspur, also eine 
Vernichtung bedeutet, neigen wir zu der entgegen- 
gesetzten Annahme, daß im Seelenleben nichts, was 



Die Erhaltung des Vergangenen in einer Stadt 13 

einmal gebildet wurde, untergehen kann, daß alles 
irgendwie erhalten bleibt und unter geeigneten Um- 
ständen, z. B. durch eine so weit reichende Regression 
wieder zum Vorschein gebracht werden kann. Man 
versuche sich durch einen Vergleich aus einem ande- 
ren Gebiet klar zu machen, was diese Annahme zum 
Inhalt hat. Wir greifen etwa die Entwicklung der 
Ewigen Stadt als Beispiel auf. 1 Historiker belehren uns, 
das älteste Rom war die Roma quadrata, eine um- 
zäunte Ansiedlung auf dem Palatin. Dann folgte die 
Phase des Septimontium, eine Vereinigung der Nieder- 
lassungen auf den einzelnen Hügeln, darauf die Stadt, 
die durch die Servianische Mauer begrenzt wurde, und 
noch später, nach all den Umwandlungen der republi- 
kanischen und der frühen Kaiserzeit die Stadt, die 
Kaiser Aurelianus durch seine Mauern umschloß. Wir 
wollen die Wandlungen der Stadt nicht weiter ver- 
folgen und uns fragen, was ein Besucher, den wir mit 
den vollkommensten historischen und topographischen 
Kenntnissen ausgestattet denken, im heutigen Rom von 
diesen frühen Stadien noch vorfinden mag. Die aurelia- 
nische Mauer wird er bis auf wenige Durchbrüche fast 
unverändert sehen. An einzelnen Stellen kann er Strecken 
des Servianischen Walles durch Ausgrabung zu Tage 
gefördert finden. Wenn er genug weiß, — mehr als 

1) Nach The Cambridge Ancient History, T. VII. 1928. „The 
founding of Rome" by Hugh Last. 



14 Die Stadt Rom als Beispiel 

die heutige Archäologie, — kann er vielleicht den 
ganzen Verlauf dieser Mauer und den Umriß der 
Roma quadrata ins Stadtbild einzeichnen. Von den 
Gebäuden, die einst diese alten Rahmen ausgefüllt 
haben, findet er nichts oder geringe Reste, denn sie 
bestehen nicht mehr. Das Äußerste, was ihm die beste 
Kenntnis des Roms der Republik leisten kann, wäre, 
daß er die Stellen anzugeben weiß, wo die Tempel 
und öffendichen Gebäude dieser Zeit gestanden hatten. 
Was jetzt diese Stellen einnimmt, sind Ruinen, aber 
nicht ihrer selbst, sondern ihrer Erneuerungen aus 
späteren Zeiten nach Bränden und Zerstörungen. Es 
bedarf kaum noch einer besonderen Erwähnung, daß 
alle diese Überreste des alten Roms als Einsprengungen 
in das Gewirre einer Großstadt aus den letzten Jahr- 
hunderten seit der Renaissance erscheinen. Manches 
Alte ist gewiß noch im Boden der Stadt oder unter 
ihren modernen Bauwerken begraben. Dies ist die Art 
der Erhaltung des Vergangenen, die uns an histori- 
schen Städten wie Rom entgegentritt. 

Nun machen wir die phantastische Annahme, Rom 
sei nicht eine menschliche Wohnstätte, sondern ein 
psychisches Wesen von ähnlich langer und reichhaltiger 
Vergangenheit. In dem also nichts, was einmal zu- 
stande gekommen war, untergegangen ist, in dem ne- 
ben der letzten Entwicklungsphase auch alle früheren 
noch fortbestehen. Das würde für Rom also bedeuten, 



Phantastische Konsequenzen einer Annahme 15 

daß auf dem Palatin die Kaiserpaläste und das Septi- 
zonium des Septimius Severus sich noch zur alten Höhe 
erheben, daß die Engelsburg noch auf ihren Zinnen 
die schönen Statuen trägt, mit denen sie bis zur 
Gothenbelagerung geschmückt war, usw. Aber noch 
mehr: an der Stelle des Palazzo Caffarelli stünde wie- 
der, ohne daß man dieses Gebäude abzutragen brauchte, 
der Tempel des Kapitolinischen Jupiter, und zwar 
dieser nicht nur in seiner letzten Gestalt, wie ihn die 
Römer der Kaiserzeit sahen, sondern auch in seiner 
frühesten, als er noch etruskische Formen zeigte und 
mit tönernen Antifixen geziert war. Wo jetzt das 
Coliseo steht, könnten wir auch die verschwundene 
Domus aurea des Nero bewundern, auf dem Pantheon- 
platze fänden wir nicht nur das heutige Pantheon, wie 
es uns von Hadrian hinterlassen wurde, sondern auf 
demselben Grund auch den ursprünglichen Bau des 
M. Agrippa, ja, derselbe Boden trüge die Kirche Maria 
sopra Minerva und den alten Tempel, über dem sie 
gebaut ist. Und dabei brauchte es vielleicht nur eine 
Änderung der Blickrichtung oder des Standpunktes von 
Seiten des Beobachters, um den einen oder den ande- 
ren Anblick hervorzurufen. 

Es hat offenbar keinen Sinn, diese Phantasie weiter 
auszuspinnen, sie führt zu Unvorstellbarem, ja, zu Ab- 
surdem. Wenn wir das historische Nacheinander räum- 
lich darstellen wollen, kann es nur durch ein Neben- 



16 Einwendungen und 

einander im Raum geschehen ; derselbe Raum verträgt 
nicht zweierlei Ausfüllung. Unser Versuch scheint eine 
müßige Spielerei zu sein ; er hat nur eine Rechtferti- 
gung; er zeigt uns, wie weit wir davon entfernt sind, 
die Eigentümlichkeiten des seelischen Lebens durch 
anschauliche Darstellung zu bewältigen. 

Zu einem Einwand sollten wir noch Stellung neh- 
men. Er fragt uns, warum wir gerade die Vergangen- 
heit einer Stadt ausgewählt haben, um sie mit der 
seelischen Vergangenheit zu vergleichen. Die Annahme 
der Erhaltung alles Vergangenen gilt auch für das 
Seelenleben nur unter der Bedingung, daß das Organ 
der Psyche intakt geblieben ist, daß sein Gewebe nicht 
durch Trauma oder Entzündung gelitten hat. Zerstö- 
rende Einwirkungen, die man diesen Krankheitsursa- 
chen gleichstellen könnte, werden aber in der Ge- 
schichte keiner Stadt vermißt, auch wenn sie eine 
minder bewegte Vergangenheit gehabt hat als Rom, 
auch wenn sie, wie London, kaum je von einem 
Feind heimgesucht wurde. Die friedlichste Entwicklung 
einer Stadt schließt Demolierungen und Ersetzungen 
Von Bauwerken ein, und darum ist die Stadt von 
vorneherein für einen solchen Vergleich mit einem 
seelischen Organismus ungeeignet. 

Wir weichen diesem Einwand, wenden uns unter 
Verzicht auf eine eindrucksvolle Kontrastwirkung zu 
einem immerhin verwandteren Vergleichsobjekt, wie 



andere Vergleiche 17 

es der tierische oder menschliche Leib ist. Aber auch 
hier finden wir das nämliche. Die früheren Phasen der 
Entwicklung sind in keinem Sinn mehr erhalten, sie 
sind in den späteren, zu denen sie den Stoff geliefert 
haben, aufgegangen. Der Embryo läßt sich im Erwach- 
senen nicht nachweisen, die Thymusdrüse, die das Kind 
besaß, ist nach der Pubertät durch Bindegewebe er- 
setzt, aber selbst nicht mehr vorhanden ; in den Röh- 
renknochen des reifen Mannes kann ich zwar den 
Umriß des kindlichen Knochens einzeichnen, aber 
dieser selbst ist vergangen, indem er sich streckte und 
verdickte, bis er seine endgültige Form erhielt. Es 
bleibt dabei, daß eine solche Erhaltung aller Vorstufen 
neben der Endgestaltung nur im Seelischen möglich 
ist, und daß wir nicht in der Lage sind, uns dies Vor- 
kommen anschaulich zu machen. 

Vielleicht gehen wir in dieser Annahme zu weit. 
Vielleicht sollten wir uns zu behaupten begnügen, daß 
das Vergangene im Seelenleben erhalten bleiben kann, 
nicht notwendigerweise zerstört werden muß. Es 
ist immerhin möglich, daß auch im Psychischen manches 
Alte — in der Norm oder ausnahmsweise — soweit 
verwischt oder aufgezehrt wird, daß es durch keinen 
Vorgang mehr wiederhergestellt und wiederbelebt werden 
kann, oder daß die Erhaltung allgemein an gewisse 
günstige Bedingungen geknüpft ist. Es ist möglich, aber 
wir wissen nichts darüber. Wir dürfen nur daran fest- 



18 Zweifel an der Rolle des ozeanischen Gefühls 

halten, daß die Erhaltung des Vergangenen im Seelen- 
leben eher Regel als befremdliche Ausnahme ist. 

Wenn wir so durchaus bereit sind, anzuerkennen, 
es gebe bei vielen Menschen ein „ozeanisches" Gefühl, 
und geneigt, es auf eine frühe Phase des Ichgefühls 
zurückzuführen, erhebt sich die weitere Frage, welchen 
Anspruch hat dieses Gefühl als die Quelle der reli- 
giösen Bedürfnisse angesehen zu werden. 

Mir erscheint dieser Anspruch nicht zwingend. Ein 
Gefühl kann doch nur dann eine Energiequelle sein, 
wenn es selbst der Ausdruck eines starken Bedürfnisses 
ist. Für die religiösen Bedürfnisse scheint mir die Ab- 
leitung von der infantilen Hilflosigkeit und der durch 
sie geweckten Vatersehnsucht unabweisbar, zumal da 
sich dies Gefühl nicht einfach aus dem kindlichen Leben 
fortsetzt, sondern durch die Angst vor der Übermacht 
des Schicksals dauernd erhalten wird. Ein ähnlich starkes 
Bedürfnis aus der Kindheit wie das nach dem Vater- 
schutz wüßte ich nicht anzugeben. Damit ist die Rolle 
des ozeanischen Gefühls, das etwa die Wiederherstellung 
des uneingeschränkten Narzißmus anstreben könnte, 
vom Vordergrund abgedrängt. Bis zum Gefühl der kind- 
lichen Hilflosigkeit kann man den Ursprung der reli- 
giösen Einstellung in klaren Umrissen verfolgen. Es 
mag noch anderes dahinterstecken, aber das verhüllt 
einstweilen der Nebel. 

Ich kann mir vorstellen, daß das ozeanische Gefühl 



Andere Zusammenhänge 19 

nachträglich in Beziehungen zur Religion geraten ist. 
Dies Eins-sein mit dem All, was als Gedankeninhalt 
ihm zugehört, spricht uns ja an wie ein erster Versuch 
einer religiösen Tröstung, wie ein anderer Weg zur 
Ableugnung der Gefahr, die das Ich als von der Außen- 
welt drohend erkennt. Ich wiederhole das Bekenntnis, 
daß es mir sehr beschwerlich ist, mit diesen kaum 
faßbaren Größen zu arbeiten. Ein anderer meiner 
Freunde, den ein unstillbarer Wissensdrang zu den 
ungewöhnlichsten Experimenten getrieben und endlich 
zum Allwisser gemacht hat, versicherte mir, daß man 
in den Yogapraktiken durch Abwendung von der Außen- 
welt, durch Bindung der Aufmerksamkeit an körper- 
liche Funktionen, durch besondere Weisen der Atmung 
tatsächlich neue Empfindungen und Allgemeingefühle 
in sich erwecken kann, die er als Regressionen zu ur- 
alten, längst überlagerten Zuständen des Seelenlebens 
auffassen will. Er sieht in ihnen eine sozusagen physio- 
logische Begründung vieler Weisheiten der Mystik. 
Beziehungen zu manchen dunkeln Modifikationen des 
Seelenlebens wie Trance und Ekstase lägen hier nahe. 
Allein mich drängt es, auch einmal mit den Worten 
des Schiller sehen Tauchers auszurufen: 

„Es freue sich, wer da atmet im rosigen Licht." 



II 

In meiner Schrift „Die Zukunft einer Illusion" han- 
delte es sich weit weniger um die tiefsten Quellen des 
religiösen Gefühls, als vielmehr um das, was der ge- 
meine Mann unter seiner Religion versteht, um das 
System von Lehren und Verheißungen, das ihm einer- 
seits die Rätsel dieser Welt mit beneidenswerter Voll- 
ständigkeit aufklärt, anderseits ihm zusichert, daß eine 
sorgsame Vorsehung über sein Leben wachen und 
etwaige Versagungen in einer jenseitigen Existenz gut- 
machen wird. Diese Vorsehung kann der gemeine Mann 
sich nicht anders als in der Person eines großartig er- 
höhten Vaters vorstellen. Nur ein solcher kann die 
Bedürfnisse des Menschenkindes kennen, durch seine 
Bitten erweicht, durch die Zeichen seiner Reue be- 
schwichtigt werden. Das Ganze ist so offenkundig in- 
fantil, so wirklichkeitsfremd, daß es einer menschen- 
freundlichen Gesinnung schmerzlich wird zu denken, 
die große Mehrheit der Sterblichen werde sich niemals 
über diese Auffassung des Lebens erheben können. 
Noch beschämender wirkt es zu erfahren, ein wie 




Die Religion des gemeinen Mannes 21 



großer Anteil der heute Lebenden, die es einsehen 
müssen, daß diese Religion nicht zu halten ist, doch 
Stück für Stück von ihr in kläglichen Rückzugsgefechten 
zu verteidigen sucht. Man möchte sich in die Reihen 
der Gläubigen mengen, um den Philosophen, die den 
Gott der Religion zu retten glauben, indem sie ihn 
durch ein unpersönliches, schattenhaft abstraktes Prinzip 
ersetzen, die Mahnung vorzuhalten : Du sollst den 
Namen des Herrn nicht zum Eitlen anrufen! Wenn 
einige der größten Geister vergangener Zeiten das 
Gleiche getan haben, so darf man sich hierin nicht auf 
sie berufen. Man weiß, warum sie so mußten. 

Wir kehren zum gemeinen Mann und zu seiner 
Religion zurück, der einzigen, die diesen Namen tragen 
sollte. Da tritt uns zunächst die bekannte Äußerung 
eines unserer großen Dichter und Weisen entgegen, 
die sich über das Verhältnis der Religion zur Kunst 
und Wissenschaft ausspricht. Sie lautet: 

„Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, 

hat auch Religion; 

Wer jene beiden nicht besitzt, 

der habe Religion!" 1 

Dieser Spruch bringt einerseits die Religion in einen 
Gegensatz zu den beiden Höchstleistungen des Menschen, 
anderseits behauptet er, daß sie einander in ihrem 

l) Goethe in den „Zahmen Xenien" IX (Gedichte aus dem 
Nachlaß). 



22 Schwierigkeiten des Lebens und Linderungen 

Lebenswert vertreten oder ersetzen können. Wenn wir 
auch dem gemeinen Mann die Religion bestreiten 
wollen, haben wir offenbar die Autorität des Dichters 
nicht auf unserer Seite. Wir versuchen einen besonderen 
Weg, um uns der Würdigung seines Satzes zu nähern. 
Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für 
uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, 
unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir 
Linderungsmittel nicht entbehren. (Es geht nicht ohne 
Hilfskonstruktionen, hat uns Theodor Fontane ge- 
sagt.) Solcher Mittel gibt es vielleicht dreierlei : mächtige 
Ablenkungen, die uns unser Elend gering schätzen 
lassen, Ersatzbefriedigungen, die es verringern, Rausch- 
stoffe, die uns für dasselbe unempfindlich machen. Irgend- 
etwas dieser Art ist unerläßlich. 1 Auf die Ablenkungen 
zielt Voltaire, wenn er seinen „ G a n d i d e" in den Rat 
ausklingen läßt, seinen Garten zu bearbeiten ; solch eine 
Ablenkung ist auch die wissenschaftliche Tätigkeit. Die 
Ersatzbefriedigungen, wie die Kunst sie bietet, sind 
gegen die Realität Illusionen, darum nicht minder psy- 
chisch wirksam dank der Rolle, die die Phantasie im 
Seelenleben behauptet hat. Die Rauschmittel beeinflussen 
unser Körperliches, ändern seinen Chemismus. Es ist 
nicht einfach, die Stellung der Religion innerhalb dieser 
Reihe anzugeben. Wir werden weiter ausholen müssen. 

l) Auf erniedrigtem Niveau sagt Wilhelm Busch in der 
»Frommen Helene" dasselbe : „Wer Sorgen hat, hat auch Likör." 



" 



Der Zweck des Lebens 23 



Die Frage nach dem Zweck des menschlichen Lebens 
ist ungezählte Male gestellt worden; sie hat noch nie 
eine befriedigende Antwort gefunden, läßt eine solche 
vielleicht überhaupt nicht zu. Manche Fragesteller haben 
hinzugefügt: wenn sich ergeben sollte, daß das Leben 
keinen Zweck hat, dann würde es jeden Wert für sie 
verlieren. Aber diese Drohung ändert nichts. Es scheint 
vielmehr, daß man ein Recht dazu hat, die Frage ab- 
zulehnen. Ihre Voraussetzung scheint jene menschliche 
Überhebung, von der wir soviel andere Äußerungen 
bereits kennen. Von einem Zweck des Lebens der Tiere 
wird nicht gesprochen, wenn deren Bestimmung nicht 
etwa darin besteht, dem Menschen zu dienen. Allein 
auch das ist nicht haltbar, denn mit vielen Tieren weiß 
der Mensch nichts anzufangen — außer, daß er sie 
beschreibt, klassifiziert, studiert — und ungezählte Tier- 
arten haben sich auch dieser Verwendung entzogen, 
indem sie lebten und ausstarben, ehe der Mensch sie 
gesehen hatte. Es ist wiederum nur die Religion, die 
die Frage nach einem Zweck des Lebens zu beant- 
worten weiß. Man wird kaum irren, zu entscheiden, 
daß die Idee eines Lebenszweckes mit dem religiösen 
System steht und fällt. 

Wir wenden uns darum der anspruchsloseren Frage 
zu, was die Menschen selbst durch ihr Verhalten als 
Zweck und Absicht ihres Lebens erkennen lassen, 
was sie vom Leben fordern, in ihm erreichen wollen. 



Die Antwort darauf ist kaum zu verfehlen ; sie streben 
nach dem Glück, sie wollen glücklich werden und so 
bleiben. Dies Streben hat zwei Seiten, ein positives 
und ein negatives Ziel, es will einerseits die Abwesen- 
heit von Schmerz und Unlust, anderseits das Erleben 
starker Lustgefühle. Im engeren Wortsinne wird „Glück" 
nur auf das letztere bezogen. Entsprechend dieser 
Zweiteilung der Ziele entfaltet sich die Tätigkeit der 
Menschen nach zwei Richtungen, je nachdem sie das 
eine oder das andere dieser Ziele — vorwiegend oder 
selbst ausschließlich — zu verwirklichen sucht. 

Es ist, wie man merkt, einfach das Programm des 
Lustprinzips, das den Lebenszweck setzt. Dies Prinzip 
beherrscht die Leistung des seelischen Apparates vom 
Anfang an; an seiner Zweckdienlichkeit kann kein 
Zweifel sein, und doch ist sein Programm im Hader 
mit der ganzen Welt, mit dem Makrokosmos eben- 
sowohl wie mit dem Mikrokosmos. Es ist überhaupt 
nicht durchführbar, alle Einrichtungen des Alls wider- 
streben ihm; man möchte sagen, die Absicht, daß der 
Mensch „glücklich" sei, ist im Plan der „Schöpfung" 
nicht enthalten. Was man im strengsten Sinne- Glück 
heißt, entspringt der eher plötzlichen Befriedigung hoch 
aufgestauter Bedürfnisse und ist seiner Natur nach nur 
als episodisches Phänomen möglich. Jede Fortdauer 
einer vom Lustprinzip ersehnten Situation ergibt nur 
ein Gefühl von lauem Behagen; wir sind so ein- 



Die Quellen des Leidens 25 

gerichtet, daß wir nur den Kontrast intensiv genießen 
können, den Zustand nur sehr wenig. 1 Somit sind un- 
sere Glücksmöglichkeiten schon durch unsere Konsti- 
tution beschränkt. Weit weniger Schwierigkeiten hat es, 
Unglück zu erfahren. Von drei Seiten droht das 
Leiden, vom eigenen Körper her, der zu Verfall und 
Auflösung bestimmt sogar Schmerz und Angst als 
Warnungssignale nicht entbehren kann, von der Außen- 
welt, die mit übermächtigen, unerbittlichen, zerstören- 
den Kräften gegen uns wüten kann, und endlich aus 
den Beziehungen zu anderen Menschen. Das Leiden, 
das aus dieser Quelle stammt, empfinden wir vielleicht 
schmerzlicher als jedes andere ; wir sind geneigt, es als 
eine gewissermaßen überflüssige Zutat anzusehen, ob- 
wohl es nicht weniger schicksalmäßig unabwendbar 
sein dürfte als das Leiden anderer Herkunft. 

Kein Wunder, wenn unter dem Druck dieser Leidens- 
möglichkeiten die Menschen ihren Glücksanspruch zu 
ermäßigen pflegen, wie ja auch das Lustprinzip selbst 
sich unter dem Einfluß der Außenwelt zum bescheide- 
neren Realitätsprinzip umbildete, wenn man sich bereits 
glücklich preist, dem Unglück entgangen zu sein, das 
Leiden überstanden zu haben, wenn ganz allgemein 
die Aufgabe der Leidvermeidung die der Lustgewin- 

1) Goethe mahnt sogar : „Nichts ist schwerer zu ertragen 
als eine Reihe von schönen Tagen*. Das mag immerhin eine 
Übertreibung sein. 



26 Verschiedene Methoden der Lebensweisheit 

nung in den Hintergrund drängt. Die Überlegung lehrt, 
daß man die Lösung dieser Aufgabe auf sehr ver- 
schiedenen Wegen versuchen kann; alle diese Wege 
sind von den einzelnen Schulen der Lebensweisheit 
empfohlen und von den Menschen begangen worden. 
Uneingeschränkte Befriedigung aller Bedürfnisse drängt 
sich als die verlockendste Art der Lebensführung vor, 
aber das heißt den Genuß vor die Vorsicht setzen 
und straft sich nach kurzem Betrieb. Die anderen 
Methoden, bei denen die Vermeidung von Unlust die 
vorwiegende Absicht ist, scheiden sich je nach der 
Unlustquelle, der sie die größere Aufmerksamkeit zu- 
wenden. Es gibt da extreme und gemäßigte Verfahren, 
einseitige und solche, die zugleich an mehreren Stellen 
angreifen. Gewollte Vereinsamung, Fernhaltung von 
den anderen ist der nächstliegende Schutz gegen das 
Leid, das einem aus menschlichen Beziehungen er- 
wachsen kann. Man versteht: das Glück, das man auf 
diesem Weg erreichen kann, ist das der Ruhe. Gegen 
die gefürchtete Außenwelt kann man sich nicht anders 
als durch irgendeine Art der Abwendung verteidigen, 
wenn man diese Aufgabe für sich allein lösen will. Es 
gibt freilich einen anderen und besseren Weg, indem 
man als ein Mitglied der menschlichen Gemeinschaft 
mit Hilfe der von der Wissenschaft geleiteten Technik 
zum Angriff auf die Natur übergeht und sie mensch- 
lichem Willen unterwirft. Man arbeitet dann mit Allen 



Die Intoxikation 27 



a m Glück Aller. Die interessantesten Methoden zur 
Leidverhütung sind aber die, die den eigenen Orga- 
nismus zu beeinflußen versuchen. Endlich ist alles Leid 
nur Empfindung, es besteht nur, insofern wir es ver- 
spüren, und wir verspüren es nur infolge gewisser 
Einrichtungen unseres Organismus. 

Die roheste, aber auch wirksamste Methode solcher 
Beeinflussung ist die chemische, die Intoxikation. Ich 
glaube nicht, daß irgendwer ihren Mechanismus durch- 
schaut, aber es ist Tatsache, daß es körperfremde Stoffe 
gibt, deren Anwesenheit in Blut und Geweben uns 
unmittelbare Lustempfindungen verschafft, aber auch 
die Bedingungen unseres Empfindungslebens so ver- 
ändert, daß wir zur Aufnahme von Unlustregungen 
untauglich werden. Beide Wirkungen erfolgen nicht 
nur gleichzeitig, sie scheinen auch innig miteinander 
verknüpft. Es muß aber auch in unserem eigenen 
Chemismus Stoffe geben, die ähnliches leisten, denn 
wir kennen wenigstens einen krankhaften Zustand, die 
Manie, in dem dies rauschähnliche Verhalten zustande 
kommt, ohne daß ein Rauschgift eingeführt worden 
wäre. Überdies zeigt unser normales Seelenleben 
Schwankungen von erleichterter oder erschwerter Lust- 
entbindung, mit denen eine verringerte oder vergrö- 
ßerte Empfänglichkeit für Unlust parallel geht. Es ist 
sehr zu bedauern, daß diese toxische Seite der seeli- 
schen Vorgänge sich der wissenschaftlichen Erforschung 



28 Die Triebbeherrschung 

bisher entzogen hat. Die Leistung der Rauschmittel im 
Kampf um das Glück und zur Fernhaltung des Elends 
wird so sehr als Wohltat geschätzt, daß Individuen 
wie Völker ihnen eine feste Stellung in ihrer Libido- 
ökonomie eingeräumt haben. Man dankt ihnen nicht 
nur den unmittelbaren Lustgewinn, sondern auch ein 
heiß ersehntes Stück Unabhängigkeit von der Außen- 
welt. Man weiß doch, daß man mit Hilfe des „Sor- 
genbrechers" sich jederzeit dem Druck der Realität 
entziehen und in einer eigenen Welt mit besseren 
Empfindungsbedingungen Zuflucht finden kann. Es ist 
bekannt, daß gerade diese Eigenschaft der Rauschmittel 
auch ihre Gefahr und Schädlichkeit bedingt. Sie tragen 
unter Umständen die Schuld daran, daß große Energie- 
beträge, die zur Verbesserung des menschlichen Loses 
verwendet werden könnten, nutzlos verloren gehen. 
Der komplizierte Bau unseres seelischen Apparats 
gestattet aber auch eine ganze Reihe anderer Beein- 
flussungen. Wie Triebbefriedigung Glück ist, so wird 
es Ursache schweren Leidens, wenn die Außenwelt uns 
darben läßt, die Sättigung unserer Bedürfnisse ver- 
weigert. Man kann also hoffen, durch Einwirkung auf 
diese Triebregungen von einem Teil des Leidens frei 
zu werden. Diese Art der Leidabwehr greift nicht 
mehr am Empfindungsapparat an, sie sucht der inne- 
ren Quellen der Bedürfnisse Herr zu werden. In 
extremer Weise geschieht dies, indem man die Triebe 







ertötet, wie die orientalische Lebensweisheit lehrt und 
die Yogapraxis ausführt. Gelingt es, so hat man damit 
freilich auch alle andere Tätigkeit aufgegeben (das Le- 
ben geopfert), auf anderem Wege wieder nur das Glück 
der Ruhe erworben. Den gleichen Weg verfolgt man 
bei ermäßigten Zielen, wenn man nur die Beherr- 
schung des Trieblebens anstrebt. Das Herrschende sind 
dann die höheren, psychischen Instanzen, die sich dem 
Realitätsprinzip unterworfen haben. Hierbei wird die 
Absicht der Befriedigung keineswegs aufgegeben ; ein 
gewisser Schutz gegen Leiden wird dadurch erreicht, 
daß die Unbefriedigung der in Abhängigkeit gehalte- 
nen Triebe nicht so schmerzlich empfunden wird wie 
die der ungehemmten. Dagegen steht aber eine unleug- 
bare Herabsetzung der Genußmöglichkeiten. Das 
Glücksgefühl bei Befriedigung einer wilden, vom Ich 
ungebändigten Triebregung ist unvergleichlich intensi- 
ver, als das bei Sättigung eines gezähmten Triebes. 
Die Ünwiderstehlichkeit perverser Impulse, vielleicht 
der Anreiz des Verbotenen überhaupt, findet hierin 
eine ökonomische Erklärung. 

Eine andere Technik der Leidabwehr bedient sich 
der Libidoverschiebungen, welche unser seelischer Ap- 
parat gestattet, durch die seine Funktion so viel an 
Geschmeidigkeit gewinnt. Die zu lösende Aufgabe ist, 
die Triebziele solcher Art zu verlegen, daß sie von 
der Versagung der Außenwelt nicht getroffen werden 



3« Libidoverschiebung und Sublimierung 



können. Die Sublimierung der Triebe leiht dazu ihre 
Hilfe. Am meisten erreicht man, wenn man den Lust- 
gewinn aus den Quellen psychischer und intellektueller 
Arbeit genügend zu erhöhen versteht. Das Schicksal 
kann einem dann wenig anhaben. Die Befriedigung 
solcher Art, wie die Freude des Künstlers am Schaffen, 
an der Verkörperung seiner Phantasiegebilde, die des 
Forschers an der Lösung von Problemen und am Er- 
kennen der Wahrheit haben eine besondere Qualität, 
die wir gewiß eines Tages werden metapsychologisch 
charakterisieren können. Derzeit können wir nur bild- 
weise sagen, sie erscheinen uns „feiner und höher", 
aber ihre Intensität ist im Vergleich mit der aus der 
Sättigung grober, primärer Triebregungen gedämpft; 
sie erschüttern nicht unsere Leiblichkeit. Die Schwäche 
dieser Methode liegt aber darin, daß sie nicht allge- 
mein verwendbar, nur wenigen Menschen zugänglich 
ist. Sie setzt besondere, im wirksamen Ausmaß nicht 
gerade häufige Anlagen und Begabungen voraus. Auch 
diesen Wenigen kann sie nicht vollkommenen Leidens- 
schutz gewähren, sie schafft ihnen keinen für die Pfeile 
des Schicksals undurchdringlichen Panzer und sie pflegt 
zu versagen, wenn der eigene Leib die Quelle des 
Leidens wird. 1 



l) Wenn nicht besondere Veranlagung den Lebensinteressen 
gebieterisch die Richtung vorschreibt, kann die gemeine, jedermann 
zugängliche Berufsarbeit an die Stelle rücken, die ihr von dem 






Phantasiebefriedigung 31 



Wenn schon bei diesem Verfahren die Absicht deut- 
lich wird, sich von der Außenwelt unabhängig zu 
machen, indem man seine Befriedigungen in inneren, 
psychischen Vorgängen sucht, so treten die gleichen 
Züge noch stärker bei dem nächsten hervor. Hier wird 
der Zusammenhang mit der Realität noch mehr ge- 
lockert, die Befriedigung wird aus Illusionen gewon- 
nen, die man als solche erkennt, ohne sich durch deren 
Abweichung von der Wirklichkeit im Genuß stören 
zu lassen. Das Gebiet, aus dem diese Illusionen stam- 
men, ist das des Phantasielebens ; es wurde seinerzeit, 

weisen Ratschlag Voltaires angewiesen wird. Es ist nicht mög- 
lich, die Bedeutung der Arbeit für die Libidoökonomie im Rah- 
men einer knappen Übersicht ausreichend zu würdigen. Keine an- 
dere Technik der Lebensführung bindet den Einzelnen so fest an 
die Realität als die Betonung der Arbeit, die ihn wenigstens in 
ein Stück der Realität, in die menschliche Gemeinschaft sicher ein- 
fügt. Die Möglichkeit, ein starkes Ausmaß libidinöser Komponen- 
ten, narzißtische, aggressive und selbst erotische, auf die Berufs- 
arbeit und auf die mit ihr verknüpften menschlichen Beziehungen 
zu verschieben, leiht ihr einen Wert, der hinter ihrer Unerläßlichkeit 
zur Behauptung und Rechtfertigung der Existenz in der Gesell- 
schaft nicht zurücksteht. Besondere Befriedigung vermittelt die Be- 
rufstätigkeit, wenn sie eine frei gewählte ist, also bestehende 
Neigungen, fortgeführte oder konstitutionell verstärkte Triebregun- 
gen durch Sublimierung nutzbar zu machen gestattet. Und dennoch 
wird Arbeit als Weg zum Glück von den Menschen wenig ge- 
schätzt. Man drängt sich nicht zu ihr wie zu anderen Möglich- 
keiten der Befriedigung. Die große Mehrzahl der Menschen arbei- 
tet nur notgedrungen, und aus dieser natürlichen Arbeitsscheu der 
Menschen leiten sich die schwierigsten sozialen Probleme ab. 



32 Abkehr von der Realität 

als sich die Entwicklung des Realitätssinnes vollzog, 
ausdrücklich den Ansprüchen der Realitätsprüfung ent- 
zogen und blieb für die Erfüllung schwer durchsetz- 
barer Wünsche bestimmt. Obenan unter diesen Phan- 
tasiebefriedigungen steht der Genuß an Werken der 
Kunst, der auch dem nicht selbst Schöpferischen durch 
die Vermittlung des Künstlers zugänglich gemacht 
wird. 1 Wer für den Einfluß der Kunst empfänglich 
ist, weiß ihn als Lustquelle und Lebenströstung nicht 
hoch genug einzuschätzen. Doch vermag die milde Nar- 
kose, in die uns die Kunst versetzt, nicht mehr als 
eine flüchtige Entrückung aus den Nöten des Lebens 
herbeizuführen und ist nicht stark genug, um reales 
Elend vergessen zu machen. 

Energischer und gründlicher geht ein anderes Ver^ 
fahren vor, das den einzigen Feind in der Realität er- 
blickt, die die Quelle alles Leids ist, mit der sich nicht 
leben läßt, mit der man darum alle Beziehungen ab- 
brechen muß, wenn man in irgendeinem Sinne glück- 
lich sein will. Der Eremit kehrt dieser Welt den 
Rücken, er will nichts mit ihr zu schaffen haben. Aber 
man kann mehr tun, man kann sie umschaffen wollen, 
anstatt ihrer eine andere aufbauen, in der die uner- 
träglichsten Züge ausgetilgt und durch andere im Sinne 

l) Vgl. „Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychi- 
schen Geschehens", 1911 (Ges. Schriften Bd. VI) und „Vorlesungen 
zur Einführung in die Psychoanalyse», XXIII (Ges. Schriften Bd. VII). 



Wahnbildung 33 



der eigenen Wünsche ersetzt sind. Wer in verzweifel- 
ter Empörung diesen Weg zum Glück einschlägt, wird 
in der Regel nichts erreichen; die Wirklichkeit ist zu 
stark für ihn. Er wird ein Wahnsinniger, der in der 
Durchsetzung seines Wahns meist keine Helfer findet. 
Es wird aber behauptet, daß jeder von uns sich in 
irgendeinem Punkte ähnlich wie der Paranoiker be- 
nimmt, eine ihm unleidliche Seite der Welt durch eine 
Wunschbildung korrigiert und diesen Wahn in die 
Realität einträgt. Eine besondere Bedeutung bean- 
sprucht der Fall, daß eine größere Anzahl von Men- 
schen gemeinsam den Versuch unternimmt, sich Glücks- 
versicherung und Leidensschutz durch wahnhafte Um- 
bildung der Wirklichkeit zu schaffen. Als solchen 
Massenwahn müssen wir auch die Religionen der 
Menschheit kennzeichnen. Den Wahn erkennt natür- 
lich niemals, wer ihn selbst noch teilt. 

Ich glaube nicht, daß diese Aufzählung der Metho- 
den, wie die Menschen das Glück zu gewinnen und 
das Leiden fernzuhalten bemüht sind, vollständig ist, 
weiß auch, daß der Stoff andere Anordnungen zuläßt. 
Eines dieser Verfahren habe ich noch nicht angeführt ; 
nicht daß ich daran vergessen hätte, sondern weil es 
uns noch in anderem Zusammenhange beschäftigen wird. 
Wie wäre es auch möglich, gerade an diese Technik 
der Lebenskunst zu vergessen ! Sie zeichnet sich durch 
die merkwürdigste Vereinigung von charakteristischen 



34 Das Glück in der Liebe 

Zügen aus. Sie strebt natürlich auch die Unabhängig- 
keit vom Schicksal — so nennen wir es am besten 
■ — an und verlegt in dieser Absicht die Befriedigung 
in innere seelische Vorgänge, bedient sich dabei der 
vorhin erwähnten Verschiebbarkeit der Libido, aber 
sie wendet sich nicht von der Außenwelt ab, klam- 
mert sich im Gegenteil an deren Objekte und ge- 
winnt das Glück aus einer Gefühlsbeziehung zu ihnen. 
Sie gibt sich dabei auch nicht mit dem gleichsam müde 
resignierenden Ziel der Unlustvermeidung zufrieden, 
eher geht sie achtlos an diesem vorbei und hält am 
ursprünglichen, leidenschaftlichen Streben nach positi- 
ver Glückserfüllung fest. Vielleicht kommt sie diesem 
Ziele wirklich näher als jede andere Methode. Ich 
meine natürlich jene Richtung des Lebens, welche die 
Liebe zum Mittelpunkt nimmt, alle Befriedigung aus 
dem Lieben und Geliebtwerden erwartet. Eine solche 
psychische Einstellung liegt uns allen nahe genug; 
eine der Erscheinungsformen der Liebe, die geschlecht- 
liche Liebe, hat uns die stärkste Erfahrung einer über- 
wältigenden Lustempfindung vermittelt und so das 
Vorbild für unser Glücksstreben gegeben. Was ist 
natürlicher, als daß wir dabei beharren, das Glück auf 
demselben Wege su suchen, auf dem wir es zuerst 
begegnet haben. Die schwache Seite dieser Lebens- 
technik liegt klar zu Tage ; sonst wäre es auch keinem 
Menschen eingefallen, diesen Weg zum Glück für 



Genuß der Schönheit 35 



einen anderen zu verlassen. Niemals sind wir unge- 
schützter gegen das Leiden, als wenn wir lieben, nie- 
mals hilfloser unglücklich, als wenn wir das geliebte 
Objekt oder seine Liebe verloren haben. Aber die auf 
den Glückswert der Liebe gegründete Lebenstechnik 
ist damit nicht erledigt, es ist viel mehr darüber zu 
sagen. 

Hier kann man den interessanten Fall anschließen, 
daß das Lebensglück vorwiegend im Genüsse der Schön- 
heit gesucht wird, wo immer sie sich unseren Sinnen und 
unserem Urteil zeigt, der Schönheit menschlicher Formen 
und Gesten, Naturobjekte und Landschaften, künst- 
lerischer und selbst wissenschaftlicher Schöpfungen. Diese 
ästhetische Einstellung zum Lebensziel bietet wenig 
Schutz gegen drohende Leiden, vermag aber für vieles 
zu entschädigen. Der Genuß an der Schönheit hat 
einen besonderen, milde berauschenden Empfindungs- 
charakter. Ein Nutzen der Schönheit liegt nicht klar 
. zu Tage, ihre kulturelle Notwendigkeit ist nicht einzu- 
sehen, und doch könnte man sie in der Kultur nicht 
vermissen. Die Wissenschaft der Ästhetik untersucht 
die Bedingungen, unter denen das Schöne empfunden 
wird; über Natur und Herkunft der Schönheit hat sie 
keine Aufklärung geben können; wie gebräuchlich, 
wird die Ergebnislosigkeit durch einen Aufwand an 
volltönenden, inhaltsarmen Worten verhüllt. Leider 
weiß auch die Psychoanalyse über die Schönheit am 

3' 



36 



Unerfüllbarkeit des Glücksstrebens 



wenigsten zu sagen. Einzig die Ableitung aus dem 
Gebiet des Sexualempfindens scheint gesichert ; es wäre 
ein vorbildliches Beispiel einer zielgehemmten Regung. 
Die „Schönheit" und der „Reiz" sind ursprünglich 
Eigenschaften des Sexualobjekts. Es ist bemerkenswert, 
daß die Genitalien selbst, deren Anblick immer er- 
regend wirkt, doch fast nie als schön beurteilt werden, da- 
gegen scheint der Charakter der Schönheit an gewissen 
sekundären Geschlechtsmerkmalen zu haften. 

Trotz dieser Unvollständigkeit getraue ich mich be- 
reits einiger unsere Untersuchung abschließenden Bemer- 
kungen. Das Programm, welches uns das Lustprinzip 
aufdrängt, glücklich zu werden, ist nicht zu erfüllen, 
doch darf man — nein, kann man — die Bemühungen, 
es irgendwie der Erfüllung näher zu bringen, nicht auf- 
geben. Man kann sehr verschiedene Wege dahin ein- 
schlagen, entweder den positiven Inhalt des Ziels, den 
Lustgewinn, oder den negativen, die Unlustvermeidung, 
voranstellen. Auf keinem dieser Wege können wir 
alles, was wir begehren, erreichen. Das Glück in jenem 
ermäßigten Sinn, in dem es als möglich erkannt wird, 
ist einJProblem der individuellen Libidoökonomie. Es 
gibt hier keinen Rat, der für alle taugt; ein jeder 
muß selbst versuchen, auf welche besondere Fasson er 
selig werden kann. Die mannigfachsten Faktoren werden 
sich geltend machen, um seiner Wahl die Wege zu 
weisen. Es kommt darauf an, wieviel reale Befriedi- 



Lebensweisheit 37 



gung er von der Außenwelt zu erwarten hat und in- 
wieweit er veranlaßt ist, sich von ihr unabhängig zu 
machen; zuletzt auch, wieviel Kraft er sich zutraut, 
diese nach seinen Wünschen abzuändern. Schon dabei 
wird außer den äußeren Verhältnissen die psychische 
Konstitution des Individuums entscheidend werden. Der 
vorwiegend erotische Mensch wird die Gefühlsbezie- 
hungen zu anderen Personen voranstellen, der eher 
selbstgenügsame Narzißtische die wesentlichen Befriedi- 
gungen in seinen inneren seelischen Vorgängen suchen, 
der Tatenmensch von der Außenwelt nicht ablassen, 
an der er seine Kraft erproben kann. Für den mitt- 
leren dieser Typen wird die Art seiner Begabung und 
das Ausmaß der ihm möglichen Triebsublimierung da- 
für bestimmend werden, wohin er seine Interessen 
verlegen soll. Jede extreme Entscheidung wird sich da- 
durch strafen, daß sie das Individuum den Gefahren 
aussetzt, die die Unzulänglichkeit der ausschließend ge- 
wählten Lebenstechnik mit sich bringt. Wie der vor- 
sichtige Kaufmann es vermeidet, sein ganzes Kapital 
an einer Stelle festzulegen, so wird vielleicht auch die 
Lebensweisheit raten, nicht alle Befriedigung von einer 
einzigen Strebung zu erwarten. Der Erfolg ist niemals 
sicher, er hängt vom Zusammentreffen vieler Momente 
ab, von keinem vielleicht mehr als von der Fähigkeit 
der psychischen Konstitution, ihre Funktion der Um- 
welt anzupassen und diese für Lustgewinn auszunützen. 



Wer eine besonders ungünstige Triebkonstitution mit- 
gebracht und die zur späteren Leistung unerläß- 
liche Umbildung und Neuordnung seiner Libidokompo- 
nenten nicht regelrecht durchgemacht hat, wird es 
schwer haben, aus seiner äußeren Situation Glück zu 
gewinnen, zumal, wenn er vor schwierigere Aufgaben 
gestellt wird. Als letzte Lebenstechnik, die ihm wenig- 
stens Ersatzbefriedigungen verspricht, bietet sich ihm 
die Flucht in die neurotische Krankheit, die er meist 
schon in jungen Jahren vollzieht. Wer dann in späterer 
Lebenszeit seine Bemühungen um das Glück vereitelt 
sieht, findet noch Trost im Lustgewinn der chronischen 
Intoxikation, oder er unternimmt den verzweifelten 
Auflehnungsversuch der Psychose. 

Die Religion beeinträchtigt dieses Spiel der Auswahl 
und Anpassung, indem sie ihren Weg zum Glücks- 
erwerb und Leidensschutz allen in gleicher Weise auf- 
drängt. Ihre Technik besteht darin, den Wert des 
Lebens herabzudrücken und das Bild der realen Welt 
wahnhaft zu entstellen, was die Einschüchterung der 
Intelligenz zur Voraussetzung hat. Um diesen Preis, 
durch gewaltsame Fixierung eines psychischen Infanti- 
lismus und Einbeziehung in einen Massenwahn gelingt 
es der Religion, vielen Menschen die individuelle Neurose 
zu ersparen. Aber kaum mehr; es gibt, wie wir ge- 
sagt haben, viele Wege, die zu dem Glück führen 
können, wie es dem Menschen erreichbar ist, keinen, 



Ihr Fehlschlagen 39 



der sicher dahin leitet. Auch die Religion kann ihr 
Versprechen nicht halten. Wenn der Gläubige sich 
endlich genötigt findet, von Gottes „unerforschlichem 
Ratschluß" zu reden, so gesteht er damit ein, daß ihm 
als letzte Trostmöglichkeit und Lustquelle im Leiden 
nur die bedingungslose Unterwerfung übrig geblieben 
ist. Und wenn er zu dieser bereit ist, hätte er sich 
wahrscheinlich den Umweg ersparen können. 



HI 

Unsere Untersuchung über das Glück hat uns bisher 
nicht viel gelehrt, was nicht allgemein bekannt ist. Auch 
wenn wir sie mit der Frage fortsetzen, warum es für 
die Menschen so schwer ist, glücklich zu werden, scheint 
die Aussicht, Neues zu erfahren, nicht viel größer. Wir 
haben die Antwort bereits gegeben, indem wir auf die 
drei Quellen hinwiesen, aus denen unser Leiden kommt: 
die Übermacht^ der^ Natur, die Hinfälligkeit unseres 
eigenen Körpers und die Unzulänglichkeit der Einrich- 
tungen, welche die Beziehungen der Menschen zu 
einander in Familie, Staat und Gesellschaft regeln. In 
betreff der beiden ersten kann unser Urteil nicht lange 
schwanken; es zwingt uns zur Anerkennung dieser 
Leidensquellen und zur Ergebung ins Unvermeidliche. 
Wir werden die Natur nie vollkommen beherrschen, 
unser Organismus, selbst ein Stück dieser Natur, wird 
immer ein vergängliches, in Anpassung und Leistung 
beschränktes Gebilde bleiben. Von dieser Erkenntnis 
geht keine lähmende Wirkung aus ; im Gegenteil, sie 
weist unserer Tätigkeit die Richtung. Können wir nicht 



Die Kultur als Leidensquelle 41 

alles Leiden aufheben, so doch manches, und anderes 
lindern, mehrtausendjährige Erfahrung hat uns davon 
überzeugt. Anders verhalten wir uns zur dritten, zur 
sozialen Leidensquelle. Diese wollen wir überhaupt nicht 
gelten lassen, können nicht einsehen, warum die von 
uns selbst geschaffenen Einrichtungen nicht vielmehr 
Schutz und Wohltat für uns alle sein sollten. Aller- 
dings, wenn wir bedenken, wie schlecht uns gerade 
dieses Stück der Leidverhütung gelungen ist, erwacht 
der Verdacht, es könnte auch hier ein Stück der un- 
besiegbaren Natur dahinter stecken, diesmal unserer 
eigenen psychischen Beschaffenheit. 

Auf dem Wege, uns mit dieser Möglichkeit zu be- 
schäftigen, treffen wir auf eine Behauptung, die so er- 
staunlich ist, daß, wir bei ihr verweilen wollen. Sie 
lautet, einen großen Teil der Schuld an unserem Elend 
trage unsere sogenannte Kultur ; wir wären viel glück- 
licher, wenn wir sie aufgeben und in primitive Ver- 
hältnisse zurückfinden würden. Ich heiße sie erstaunlich, 
weil — wie immer man den Begriff Kultur bestimmen 
mag — es doch feststeht, daß _alles, womit wir uns 
gegen die Bedrohung aus den Quellen des Leidens zu 
jichjitzen^vj^uchen^eben der nämlichen JCultur zugehört. 

Auf welchem Weg sind wohl so viele Menschen zu 
diesem Standpunkt befremdlicher Kulturfeindlichkeit 
gekommen? Ich meine, eine tiefe, lang bestehende 
Unzufriedenheit mit dem leweiligen Kulturzustand 



42 Historische Anlässe der Kulturfeindlichkeit 

stellte den Boden her, auf dem sich dann bei bestimm- 
ten historischen Anlässen diese Verurteilung erhob. 
Den letzten und den vorletzten dieser Anlässe glaube 
ich zu erkennen; ich bin nicht gelehrt genug, um die 
Kette derselben weit genug in die Geschichte der 
menschlichen Art zurückzuverfolgen. Schon beim Sieg 
des Christentums über die heidnischen Religionen muß 
ein solcher kulturfeindlicher Faktor beteiligt gewesen 
sein. Der durch die christliche Lehre vollzogenen Ent- 
wertung des irdischen Lebens stand er ja sehr nahe. 
Die vorletzte Veranlassung ergab sich, als man im 
Fortschritt der Entdeckungsreisen in Berührung mit 
primitiven Völkern und Stämmen kam. Bei ungenü- 
gender Beobachtung und mißverständlicher Auffassung 
ihrer Sitten und Gebräuche schienen sie den Europäern 
ein einfaches, bedürfnisarmes, glückliches Leben zu 
führen, wie es den kulturell überlegenen Besuchern 
unerreichbar war. Die spätere Erfahrung hat manches 
Urteil dieser Art berichtigt ; in vielen Fällen hatte man 
irrtümlich ein Maß von Lebenserleichterung, das der 
Großmut der Natur und der Bequemlichkeit in der 
Befriedigung der großen Bedürfnisse zu danken war, 
der Abwesenheit von verwickelten kulturellen Anfor- 
derungen zugeschrieben. Die letzte Veranlassung ist 
uns besonders vertraut; sie trat auf, als man den Me- 
chanismus der Neurosen kennen lernte, die das bißchen 
Glück des Kulturmenschen zu untergraben drohen. Man 



Die technischen Fortschritte 43 

fand, daß der Mensch neurotisch wird, weil er das 
Maß von Versagung nicht ertragen kann, das ihm die 
Gesellschaft im Dienste ihrer kulturellen Ideale aufer- 
legt, und man schloß daraus, daß es eine Rückkehr zu 
Glücksmöglichkeiten bedeutete, wenn diese Anforde- 
rungen aufgehoben oder sehr herabgesetzt würden. 

Es kommt noch ein Moment der Enttäu- 
schung dazu. In den letzten Generationen haben die 
Menschen außerordentliche Fortschritte in den Natur- 
wissenschaften und in ihrer technischen Anwendung 
gemacht, ihre Herrschaft über die Natur in einer frü- 
her unvorstellbaren Weise befestigt. Die Einzelheiten 
dieser Fortschritte sind allgemein bekannt, es erübrigt 
sich, sie aufzuzählen. Die Menschen sind stolz auf 
diese Errungenschaften und haben ein Recht dazu. 
Aber sie glauben bemerkt zu haben, daß diese neu 
gewonnene Verfügung über Raum und Zeit, diese 
Unterwerfung der Naturkräfte, die Erfüllung Jahrtau- 
sende alter Sehnsucht, das Maß von Lustbefriedigung, 
das sie vom Leben erwarten, nicht erhöht, sie nach 
ihren Empfindungen nicht glücklicher gemacht hat. 
Man sollte sich begnügen, aus dieser Feststellung den 
Schluß zu ziehen, die Macht über die Natur sei nicht 
die einzige Bedingung des Menschenglücks, wie sie ja 
auch nicht das einzige Ziel der Kulturbestrebungen ist, 
und nicht die Wertlosigkeit der technischen Fortschritte 
für unsere Glücksökonomie daraus ableiten. Man 



44 Für und wider den Glückswert 

möchte einwenden, ist es denn nicht ein positiver 
Lustgewinn, ein unzweideutiger Zuwachs an Glücks- 
gefühl, wenn ich beliebig oft die Stimme des Kindes 
hören kann, das Hunderte von Kilometern entfernt 
von mir lebt, wenn ich die kürzeste Zeit nach der 
Landung des Freundes erfahren kann, daß er die lange, 
beschwerliche Reise gut bestanden hat? Bedeutet es 
nichts, daß es der Medizin gelungen ist, die Sterblich- 
keit der kleinen Kinder, die Infektionsgefahr der ge- 
bärenden Frauen so außerordentlich herabzusetzen, ja, 
die mittlere Lebensdauer des Kulturmenschen um eine 
beträchtliche Anzahl von Jahren zu verlängern? Und 
solcher Wohltaten, die wir dem vielgeschmähten Zeit- 
alter der wissenschaftlichen und technischen Fortschritte 
verdanken, können wir noch eine große Reihe anfüh- 
ren, — aber da läßt sich die Stimme der pessimisti- 
schen Kritik vernehmen und mahnt, die meisten die- 
ser Befriedigungen folgten dem Muster jenes „billigen 
Vergnügens", das in einer gewissen Anekdote ange- 
priesen wird. Man verschafft sich diesen Genuß, indem 
man in kalter Winternacht ein Bein nackt aus der 
Decke herausstreckt und es dann wieder einzieht. Gäbe 
es keine Eisenbahn, die die Entfernungen überwindet, 
so hätte das Kind die Vaterstadt nie verlassen, man 
brauchte kein Telephon, um seine Stimme zu hören. 
Wäre nicht die Schiffahrt über den Ozean eingerichtet, 
so hätte der Freund nicht die Seereise unternommen, 



ich brauchte den Telegraphen nicht, um meine Sorge 
um ihn zu beschwichtigen. Was nützt uns die Ein- 
schränkung der Kindersterblichkeit, wenn gerade sie 
uns die äußerste Zurückhaltung in der Kinderzeugung 
aufnötigt, so daß wir im Ganzen doch nicht mehr 
Kinder aufziehen, als in den Zeiten vor der Herr- 
schaft der Hygiene, dabei aber unser Sexualleben in 
der Ehe unter schwierige Bedingungen gebracht und 
wahrscheinlich der wohltätigen, natürlichen Auslese 
entgegengearbeitet haben ? Und was soll uns endlich 
ein langes Leben, wenn es beschwerlich, arm an Freu- 
den und so leidvoll ist, daß wir den Tod nur als Er- 
löser bewillkomnen können? 

Es scheint festzustehen, daß wir uns in unserer 
heutigen J Kujtur^chjL. wohlfühlen, aber es ist sehr 
schwer, sich ein Urteil darüber zu bilden, ob und in- 
wieweit die Menschen früherer Zeiten sich glücklicher 
gefühlt haben und welchen Anteil ihre Kulturbedin- 
gungen daran hatten. Wir werden immer die Neigung 
haben, das Elend objektiv zu erfassen, d. h. uns mit 
unseren Ansprüchen und Empfänglichkeiten in jene 
Bedingungen zu versetzen, um dann zu prüfen, welche 
Anlässe zu Glücks- und Unglücksempfindungen wir in 
ihnen fänden. Diese Art der Betrachtung, die objektiv 
erscheint, weil sie von den Variationen der subjek- 
tiven Empfindlichkeit absieht, ist natürlich die subjek- 
tivste, die möglich ist, indem sie an die Stelle aller 



4 6 Was ist Kultur? 



anderen unbekannten, seelischen Verfassungen die 
eigene einsetzt. Das jGlückJisj. aber etwas durchaus 
objektives,. Wir mögen noch so sehr vor gewissen 
Situationen zurückschrecken, der des antiken Galeeren- 
sklaven, des Bauern im 30jährigen Krieg, des Opfers 
der heiligen Inquisition, des Juden, der den Pogrom 
erwartet, es ist uns doch unmöglich, uns in diese Per- 
sonen einzufühlen, die Veränderungen zu erraten, die 
ursprüngliche Stumpfheit, allmähliche Abstumpfung, 
Einstellung der Erwartungen, gröbere und feinere 
Weisen der Narkotisierung in der Empfänglichkeit für 
Lust- und Unlustempfindungen herbeigeführt haben. 
Im Falle äußerster Leidmöglichkeit werden auch be- 
stimmte seelische Schutzvorrichtungen in Tätigkeit ver- 
setzt. Es scheint mir unfruchtbar, diese Seite des 
Problems weiter zu verfolgen. 

Es ist Zeit, daß wir uns um das Wesen dieser 
Kultur kümmern, deren Glückswert in Zweifel ge- 
zogen wird. Wir werden keine Formel fordern, die 
dieses Wesen in wenigen Worten ausdrückt, noch ehe 
wir etwas aus der Untersuchung erfahren haben. Es 
genügt uns also, zu wiederholen, 1 daß das Wort „Kul- 
tur" die ganze Summe der Leistungen und Einrichtun- 
gen bezeichnet, in denen sich unser Leben von dem 
unserer tierischen Ahnen entfernt, und die zwei Zwecken 



i) Siehe: Die Zukunft einer Illusion, 1927. 



Die Zähmung des Feuers 47 

dienen : dem Schutz des Menschen gegen die Natur 
und der Regelung der Beziehungen der Menschen 
untereinander. Um mehr zu verstehen, werden wir 
die Züge der Kultur im einzelnen zusammensuchen, 
wie sie sich in menschlichen Gemeinschaften zeigen. 
Wir lassen uns dabei ohne Bedenken vom Sprach- 
gebrauch, oder wie man auch sagt : Sprachgefühl, leiten 
im Vertrauen darauf, daß wir so inneren Einsichten 
gerecht werden, die sich dem Ausdruck in abstrakten 
Worten noch widersetzen. 

Der Eingang ist leicht : Als kulturell anerkennen wir 
alle Tätigkeiten und Werte, die den Menschen nützen, 
indem sie ihm die Erde dienstbar machen, ihn gegen 
die Gewalt der Naturkräfte schützen und dergl. Über 
diese Seite des Kulturellen besteht ja am wenigsten 
Zweifel. Um weit genug zurückzugehen, die ersten 
kulturellen Taten waren der Gebrauch von Werk- 
zeugen, die Zähmung des Feuers, der Bau von Wohn- 
stätten. Unter ihnen ragt die Zähmung des Feuers als 
eine ganz außerordentliche, vorbildlose Leistung hervor, 4 

l) Psychoanalytisches Material, unvollständig, nicht sicher deut- 
bar, läßt doch wenigstens eine — phantastisch klingende — Ver- 
mutung über den Ursprung dieser menschlichen Großtat zu. Als 
wäre der Urmensch gewohnt gewesen, wenn er dem Feuer be- 
gegnete, eine infantile Lust an ihm zu befriedigen, indem er es 
durch seinen Harnstrahl auslöschte. An der ursprünglichen phalli- 
schen Auffassung der züngelnden, sich in die Höhe reckenden 
Flamme kann nach vorhandenen Sagen kein Zweifel sein. Das 



48 Werkzeuge als Organe 

mit den anderen schlug der Mensch Wege ein, die er 
seither immer weiter verfolgt hat, zu denen die An- 
regung leicht zu erraten ist. Mit all seinen Werkzeugen 
vervollkommnet der Mensch seine Organe — die 
motorischen wie die sensorischen — oder räumt die 
Schranken für ihre Leistung weg. Die Motoren stellen 
ihm riesige Kräfte zur Verfügung, die er wie seine 
Muskeln in beliebige Richtungen schicken kann, das 
Schiff und das Flugzeug machen, daß weder Wasser 
noch Luft seine Fortbewegung hindern können. Mit 
der Brille korrigiert er die Mängel der Linse in 
seinem Auge, mit dem Fernrohr schaut er in ent- 
fernte Weiten, mit dem Mikroskop überwindet er die 
Grenzen der Sichtbarkeit, die durch den Bau seiner 
Netzhaut abgesteckt werden. In der photographischen 

Feuerlöschen durch Urinieren — auf das noch die späten Riesen- 
kinder Gulliver in Liliput und Rabelais' Gargantua zurückgreifen 
— war also wie ein sexueller Akt mit einem Mann, ein Genuß 
der männlichen Potenz im homosexuellen Wettkampf. Wer zuerst 
auf diese Lust verzichtete, das Feuer verschonte, konnte es mit 
sich forttragen und in seinen Dienst zwingen. Dadurch daß er 
das Feuer seiner eigenen sexuellen Erregung dämpfte, hatte er 
die Naturkraft des Feuers gezähmt. Diese große kulturelle Erobe- 
rung wäre also der Lohn für einen Triebverzicht. Und weiter, 
als hätte man das Weib zur Hüterin des auf dem häuslichen 
Herd gefangen gehaltenen Feuers bestellt, weil ihr anatomischer 
Bau es ihr verbietet, einer solchen Lustversuchung nachzugeben. 
Es ist auch bemerkenswert, wie regelmäßig die analytischen Er- 
fahrungen den Zusammenhang von Ehrgeiz, Feuer und Harn- 
erotik bezeugen. 



Die Erfüllung der Märdienwünsche 49 

Kamera hat er ein Instrument geschaffen, das die 
flüchtigen Seheindrücke festhält, was ihm die Gram- 
mophonplatte für die ebenso vergänglichen Schallein- 
drücke leisten muß, beides im Grunde Materialisatio- 
nen des ihm gegebenen Vermögens der Erinnerung, 
seines Gedächtnisses. Mit Hilfe des Telephons hört er 
aus Entfernungen, die selbst das Märchen als unerreich- 
bar respektieren würde; die Schrift ist ursprünglich 
die Sprache des Abwesenden, das Wohnhaus ein Er- 
satz für den Mutterleib, die erste, wahrscheinlich noch 
immer ersehnte Behausung, in der man sicher war 
und sich so wohl fühlte. 

Es klingt nicht nur wie ein Märchen, es ist direkt 
die Erfüllung aller — nein der meisten — Märchen- 
wünsche, was der Mensch durch seine Wissenschaft 
und Technik auf dieser Erde hergestellt hat, in der er 
zuerst als ein schwaches Tierwesen auftrat und auf der 
jedes Individuum seiner Art wiederum als hilfloser 
Säugling — oh inch of nature ! — eintreten muß. All 
diesen Besitz darf er als Kulturerwerb ansprechen. Er 
hatte sich seit langen Zeiten eine Idealvorstellung von 
Allmacht und Allwissenheit gebildet, die er in seinen 
Göttern verkörperte. Ihnen schrieb er alles zu, was 
seinen Wünschen unerreichbar schien, — oder ihm ver- 
boten war. Man darf also sagen, diese Götter waren 
Kulturideale. Nun hat er sich der Erreichung dieses 
Ideals sehr angenähert, ist beinahe selbst ein Gott ge- 



50 Die Beherrschung der Erde 

worden. Freilich nur so, wie man nach allgemein mensch- 
lichem Urteil Ideale zu erreichen pflegt. Nicht voll- 
kommen, in einigen Stücken gar nicht, in anderen nur 
so halbwegs. Der Mensch ist sozusagen eine Art Pro- 
thesengott geworden, recht großartig, wenn er alle seine 
Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm ver- 
wachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu 
schaffen. Er hat übrigens ein Recht, sich damit zu 
trösten, daß diese Entwicklung nicht gerade mit dem 
Jahr 1930 A. D. abgeschlossen sein wird. Ferne Zeiten 
werden neue, wahrscheinlich unvorstellbar große Fort- 
schritte auf diesem Gebiete der Kultur mit sich bringen, 
die Gottähnlichkeit noch weiter steigern. Im Interesse 
unserer Untersuchung wollen wir aber auch nicht daran 
vergessen, daß der heutige Mensch sich in seiner Gott- 
ähnlichkeit nicht glücklich fühlt. 

Wir anerkennen also die Kulturhöhe eines Landes, 
wenn wir finden, daß alles in ihm gepflegt und zweck- 
mäßig besorgt wird, was der Ausnützung der Erde 
durch den Menschen und dem Schutz desselben vor 
den Naturkräften dienlich, also kurz zusammengefaßt: 
ihm nützlich ist. In einem solchen Land seien Flüsse, 
die mit Überschwemmungen drohen, in ihrem Lauf 
reguliert, ihr Wasser durch Kanäle hingeleitet, wo es 
entbehrt wird. Der Erdboden werde sorgfältig bear- 
beitet und mit den Gewächsen beschickt, die er zu 
tragen geeignet ist, die mineralischen Schätze der Tiefe 



Die Forderung nach Schönheit 51 

emsig zu Tage gefördert und zu den verlangten Werk- 
zeugen und Geräten verarbeitet. Die Verkehrsmittel 
seien reichlich, rasch und zuverlässig, die wilden und 
gefährlichen Tiere seien ausgerottet, die Zucht der zu 
Haustieren gezähmten sei in Blüte. Wir haben aber 
an die Kultur noch andere Anforderungen zu stellen 
und hoffen bemerkenswerterweise sie in denselben 
Ländern verwirklicht zu finden. Als wollten wir 
unseren zuerst erhobenen Anspruch verleugnen, be- 
grüßen wir es auch' als kulturell, wenn wir sehen, daß 
sich die Sorgfalt der Menschen auch Dingen zuwendet, 
die ganz und gar nicht nützlich sind, eher unnütz er- 
scheinen, z. B. wenn die in einer Stadt als Spielplätze 
und Luftreservoirs notwendigen Gartenflächen auch 
Blumenbeete tragen, oder wenn die Fenster der Woh- 
nungen mit Blumentöpfen geschmückt sind. Wir merken 
bald, das Unnütze, dessen Schätzung wir von der 
Kultur erwarten, ist die Schönheit; wir fordern, daß 
der Kulturmensch die Schönheit verehre, wo sie ihm 
in der Natur begegnet, und sie herstelle an Gegen- 
ständen, soweit seiner Hände Arbeit es vermag. Weit 
entfernt, daß unsere Ansprüche an die Kultur damit 
erschöpft wären. Wir verlangen noch die Zeichen von 
Reinlichkeit und Ordnung zu sehen. Wir denken nicht 
hoch von der Kultur einer englischen Landstadt zur 
Zeit Shakespeares, wenn wir lesen, daß ein hoher Mist- 
haufen vor der Türe seines väterlichen Hauses in Strat- 

4* 



52 Die Forderung nach Reinlichkeit 

ford lagerte; wir sind ungehalten und schelten es 
„barbarisch", was der Gegensatz zu kulturell ist, wenn 
wir die Wege des Wienerwaldes mit weggeworfenen 
Papieren bestreut finden. Unsauberkeit jeder Art scheint 
uns mit Kultur unvereinbar ; auch auf den menschlichen 
Körper dehnen wir die Forderung der Reinlichkeit aus, 
hören mit Erstaunen, welch üblen Geruch die Person 
des Roi Soleil zu verbreiten pflegte, und schütteln den 
Kopf, wenn uns auf Isola bella die winzige Wasch- 
schüssel gezeigt wird, deren sich Napoleon bei seiner 
Morgentoilette bediente. Ja, wir sind nicht überrascht, 
wenn jemand den Gebrauch von Seife direkt als Kultur- 
messer aufstellt. Ähnlich ist es mit der Ordnung, die 
ebenso wie die Reinlichkeit sich ganz auf Menschen- 
werk bezieht. Aber während wir Reinlichkeit in der 
Natur nicht erwarten dürfen, ist die Ordnung vielmehr 
der Natur abgelauscht; die Beobachtung der großen 
astronomischen Regelmäßigkeiten hat dem Menschen 
nicht nur das Vorbild, sondern die ersten Anhaltspunkte 
für die Einführung der Ordnung in sein Leben ge- 
geben. Die Ordnung ist eine Art Wiederholungszwang, 
die durch einmalige Einrichtung entscheidet, wann, wo 
und wie etwas getan werden soll, sodaß man in jedem 
gleichen Falle Zögern und Schwanken erspart. Die 
Wohltat der Ordnung ist ganz unleugbar, sie ermög- 
licht dem Menschen die beste Ausnützung von Raum 
und Zeit, während sie seine psychischen Kräfte schont. 



und Ordnung 53 

Man hätte ein Recht zu erwarten, daß sie sich von 
Anfang an und zwanglos im menschlichen Tun durch- 
setzt und darf erstaunen, daß dies nicht der Fall ist, 
daß der Mensch vielmehr einen natürlichen Hang zur 
Nachlässigkeit, Unregelmäßigkeit und Unzuverlässigkeit 
in seiner Arbeit an den Tag legt und erst mühselig 
zur Nachahmung der himmlischen Vorbilder erzogen 
werden muß. 

Schönheit, Reinlichkeit und Ordnung nehmen offen- 
bar eine besondere Stellung unter den Kulturanforde- 
rungen ein. Niemand wird behaupten, daß sie ebenso 
lebenswichtig seien wie die Beherrschung der Natur- 
kräfte und andere Momente, die wir noch kennen 
lernen sollen, und doch wird niemand gern sie als 
Nebensächlichkeiten zurückstellen wollen. Daß die 
Kultur nicht allein auf Nutzen bedacht ist, zeigt schon 
das Beispiel der Schönheit, die wir unter den Inter- 
essen der Kultur nicht vermissen wollen. Der Nutzen der 
Ordnung ist ganz offenbar ; bei der Reinlichkeit haben 
wir zu bedenken, daß sie auch von der Hygiene ge- 
fordert wird und können vermuten, daß dieser Zu- 
sammenhang den Menschen auch vor der Zeit einer 
wissenschaftlichen Krankheitsverhütung nicht ganz fremd 
war. Aber der Nutzen erklärt uns das Streben nicht 
ganz ; es muß noch etwas anderes im Spiele sein. 

Durch keinen anderen Zug vermeinen wir aber die 
Kultur besser zu .kennzeichnen, als durch die Schätzung 



54 Die Schätzung der höheren psychischen Tätigkeiten 

und Pflege der höheren psychischen Tätigkeiten, der 
intellektuellen, wissenschaftlichen und künstlerischen 
Leistungen, der führenden Rolle, welche den Ideen im 
Leben der Menschen eingeräumt wird. Unter diesen 
Ideen stehen obenan die religiösen Systeme, auf deren 
verwickelten Aufbau ich an anderer Stelle Licht zu 
werfen versuchte; neben ihnen die philosophischen 
Spekulationen und endlich, was man die Idealbildungen 
der Menschen heißen kann, ihre Vorstellungen von 
einer möglichen Vollkommenheit der einzelnen Person, 
des Volkes, der ganzen Menschheit und die Anforde- 
rungen, die sie auf Grund solcher Vorstellungen er- 
heben. Daß diese Schöpfungen nicht unabhängig von 
einander sind, vielmehr innig untereinander verwoben, 
erschwert sowohl ihre Darstellung, wie ihre psycho- 
logische Ableitung. Wenn wir ganz allgemein an- 
nehmen, die Triebfeder aller menschlichen Tätigkeiten 
sei das Streben nach den beiden zusammenfließenden 
Zielen, Nutzen und Lustgewinn, so müssen wir .das- 
selbe auch für die .hier- angeführten kulturellen Äuße- 
rungen gelten lassen, obwohl es nur für die wissen- 
schaftliche und künstlerische Tätigkeit leicht ersichtlich 
ist. Man kann aber nicht bezweifeln, daß auch die an- 
deren starken Bedürfnissen der Menschen entsprechen, 
vielleicht solchen, die nur bei einer Minderzahl ent- 
wickelt sind. Auch darf man sich nicht durch Wert- 
Urteile. , über ..einzelne . .dieser . .religiösen, phjlQsophi sehen 



Recht und rohe Gewalt 55 



Systeme und dieser Ideale beirren lassen; ob man die 
höchste Leistung des Menschengeistes in ihnen sucht 
oder ob man sie als Verirrungen beklagt, man muß 
anerkennen, daß ihr Vorhandensein, besonders ihre 
Vorherrschaft, einen Hochstand der Kultur bedeutet. 

Als letzten, gewiß nicht unwichtigsten Charakter- 
zug einer Kultur haben wir zu würdigen, in welcher 
Weise die Beziehungen der Menschen zu einander, die 
sozialen Beziehungen, geregelt sind, die den Menschen 
als Nachbarn, als' Hilfskraft, als Sexualobjekt eines an- 
deren, als Mitglied einer Familie, eines Staates be- 
treffen. Es wird hier besonders schwer, sich von be- 
stimmten Idealforderungen frei zu halten und das, was 
überhaupt kulturell ist, zu erfassen. Vielleicht beginnt 
man mit der Erklärung, das kulturelle Element sei 
mit dem ersten Versuch, diese sozialen Beziehungen 
zu regeln, gegeben. Unterbliebe ein solcher Versuch, 
so wären diese Beziehungen der Willkür des Einzelnen 
unterworfen, d. h. der physisch Stärkere würde sie im 
Sinne seiner Interessen und Triebregungen entscheiden. 
Daran änderte sich nichts, wenn dieser Stärkere seiner- 
seits einen einzelnen noch Stärkeren fände. Das mensch- 
liche Zusamenleben wird erst ermöglicht, wenn sich 
eine Mehrheit zusammenfindet, die stärker ist als jeder 
einzelne und gegen jeden einzelnen zusammenhält. Die 
Macht dieser Gemeinschaft stellt sich nun als „Recht" der 
Macht des Einzelnen, die als- „rohe Gewalt" verurteilt 



56 Die Gerechtigkeit 



wird, entgegen. Diese Ersetzung der Macht des Ein- 
zelnen durch die der Gemeinschaft ist der entscheidende 
kulturelle Schritt. Ihr Wesen besteht darin, daß sich 
die Mitglieder der Gemeinschaft in ihren Befriedigungs- 
möglichkeiten beschränken, während der Einzelne keine 
solche Schranke kannte. Die nächste kulturelle Anfor- 
derung ist also die der Gerechtigkeit, d. h. die Ver- 
sicherung, daß die einmal gegebene Rechtsordnung 
nicht wieder zu Gunsten eines Einzelnen durchbrochen 
werde. Über den ethischen Wert eines solchen Rechts 
wird hiermit nicht entschieden. Der weitere Weg der 
kulturellen Entwicklung scheint dahin zu streben, daß 
dieses Recht nicht mehr der Willensausdruck einer 
kleinen Gemeinschaft — Kaste, Bevölkerungsschichte, 
Volksstammes — sei, welche sich zu anderen und viel- 
leicht umfassenderen solchen Massen wieder wie ein 
gewalttätiges Individuum verhält. Das Endergebnis soll 
ein Recht sein, zu dem alle — wenigstens alle Gemein- 
schaftsfähigen — durch ihre Triebopfer beigetragen 
haben und das keinen — wiederum mit der gleichen 
Ausnahme — zum Opfer der rohen Gewalt werden läßt. 
Die individuelle Freiheit ist kein Kulturgut. Sie war 
am größten vor jeder Kultur, allerdings damals meist 
ohne Wert, weil das Individuum kaum imstande war, 
sie zu verteidigen.. Durch die Külturentwicklung er- 
fährt sie Einschränkungen und die Gerechtigkeit for- 
dert,, daß keinem diese Einschränkungen erspart wer- 



Die individuelle Freiheit 57 

den. Was sich in einer menschlichen Gemeinschaft als 
Freiheitsdrang rührt, kann Auflehnung gegen eine be- 
stehende Ungerechtigkeit sein und so einer weiteren 
Entwicklung der Kultur günstig werden, mit der Kul- 
tur verträglich bleiben. Es kann aber auch dem Rest 
der ursprünglichen, von der Kultur ungebändigten 
Persönlichkeit entstammen und so Grundlage der Kul- 
turfeindseligkeit werden. Der Freiheitsdrang richtet sich 
also gegen bestimmte Formen und Ansprüche der 
Kultur oder gegen Kultur überhaupt. Es scheint nicht, 
daß man den Menschen durch irgendwelche Beeinflus- 
sung dazu bringen kann, seine Natur in die eines 
Termiten umzuwandeln, er wird wohl immer seinen 
Anspruch auf individuelle Freiheit gegen den Willen 
der Masse verteidigen. Ein gut Teil des Ringens der 
Menschheit staut sich um die eine Aufgabe, einen 
zweckmäßigen, d. h. beglückenden Ausgleich zwischen 
diesen individuellen und den kulturellen Massenan- 
sprüchen zu finden, es ist eines ihrer Schicksalsprobleme, 
ob dieser Ausgleich durch eine bestimmte Gestaltung der 
Kultur erreichbar oder ob der Konflikt unversöhnlich ist. 
Indem wir uns vom gemeinen Empfinden sagen ließen, 
welche Züge im Leben der Menschen kulturell zu 
nennen sind, haben wir einen deutlichen Eindruck 
vom Gesamtbild der Kultur bekommen, freilich zu- 
nächst nichts erfahren, was nicht allgemein bekannt ist. 
Dabei haben wir uns gehütet, dem Yorurteil beizu^ 



58 Der Prozeß der Kulturentwicklung 

stimmen, Kultur sei gleichbedeutend mit Vervollkomm- 
nung, sei der Weg zur Vollkommenheit, die dem 
Menschen vorgezeichnet ist. Nun aber drängt sich uns 
eine Auffassung auf, die vielleicht anderswohin führt. 
Die Kulturentwicklung erscheint uns als ein eigenarti- 
ger Prozeß, der über die Menschheit abläuft, an dem 
uns manches wie vertraut, anmutet. Diesen Prozeß 
können wir durch die Veränderungen charakterisieren, 
die er mit den bekannten menschlichen Triebanlagen 
vornimmt, deren Befriedigung doch die ökonomische 
Aufgabe unseres Lebens ist. Einige dieser Triebe 
werden in solcher Weise aufgezehrt, daß an ihrer Stelle 
etwas auftritt, was wir beim Einzelindividuum als 
Charaktereigenschaft beschreiben. Das merkwürdigste 
Beispiel dieses Vorganges haben wir an der Anal- 
erotik des jugendlichen Menschen gefunden. Sein ur- 
sprüngliches Interesse an der Exkretionsfunktion, ihren 
Organen und Produkten wandelt sich im Lauf des 
Wachstums in die Gruppe von Eigenschaften um, die 
uns als Sparsamkeit, Sinn für Ordnung und Reinlich- 
keit bekannt sind, die, an und für sich wertvoll und 
willkommen, sich zu auffälliger Vorherrschaft steigern 
können und dann das ergeben, was man den Anal- 
charakter heißt. Wie das zugeht, wissen wir nicht, an 
der Richtigkeit dieser Auffassung ist kein Zweifel. 1 

l) S. Charakter und Analerotik, 1908 (Ges. Schriften, Bd. V) 
und. . zahlreiche weitere Beiträge von E. Jones u.a.. 



Die Triebsublimierung 59 



Nun haben wir gefunden, daß Ordnung und Reinlich- 
keit wesentliche Kulturansprüche sind, obgleich ihre 
Lebensnotwendigkeit nicht gerade einleuchtet, ebenso 
wenig wie ihre Eignung als Genußquellen. An dieser 
Stelle mußte sich uns die Ähnlichkeit des Kulturpro- 
zesses mit der Libidoentwicklung des Einzelnen zuerst 
aufdrängen. Andere Triebe werden dazu veranlaßt, die 
Bedingungen ihrer Befriedigung zu verschieben, auf 
andere Wege zu verlegen, was in den meisten Fällen 
mit. der uns wohlbekannten Sublimierung (der 
Triebziele) zusammenfällt, in anderen sich noch von 
ihr sondern läßt. Die Triebsublimierung ist ein beson- 
ders hervorstechender Zug der Kulturentwicklung, sie 
macht es möglich, daß höhere psychische Tätigkeiten, 
wissenschaftliche, künstlerische, ideologische, eine so 
bedeutsame Rolle im Kulturleben spielen. Wenn man 
dem ersten Eindruck nachgibt, ist man versucht zu sa- 
gen, die Sublimierung sei überhaupt ein von der Kul- 
tur erzwungenes Triebschicksal. Aber man tut besser, 
sich das noch länger zu überlegen. Drittens endlich, 
und das scheint das Wichtigste, ist es unmöglich zu 
übersehen, in welchem Ausmaß die Kultur auf Trieb- 
verzicht aufgebaut ist, wie sehr sie gerade die Nicht- 
befriedigung (Unterdrückung, Verdrängung oder sonst 
etwas ?) von mächtigen Trieben zur Voraussetzung 
hat. Diese „Kulturversagung" beherrscht das große 
Gebiet der sozialen Beziehungen der Menschen; wir 



60 Die Kulturversagung 



wissen bereits, sie ist die Ursache der Feindseligkeit, 
gegen die alle Kulturen zu kämpfen haben. Sie wird 
auch an unsere wissenschaftliche Arbeit schwere An- 
forderungen stellen, wir haben da viel Aufklärung zu 
geben. Es ist nicht leicht zu verstehen, wie man es 
möglich macht, einem Trieb die Befriedigung zu ent- 
ziehen. Es ist gar nicht so ungefährlich; wenn man es 
nicht ökonomisch kompensiert, kann man sich auf ernste 
Störungen gefaßt machen. 

Wenn wir aber wissen wollen, welchen Wert unsere 
Auffassung der Kulturentwicklung als eines besonderen 
Prozesses, vergleichbar der normalen Reifung des Indi- 
viduums, beanspruchen kann, müssen wir offenbar ein 
anderes Problem in Angriff nehmen, uns die Frage 
stellen, welchen Einflüssen die Kulturentwicklung ihren 
Ursprung dankt, wie sie entstanden ist und wodurch 
ihr Lauf bestimmt wurde. 



IV 



Diese Aufgabe scheint übergroß, man darf seine 
Verzagtheit eingestehen. Hier das Wenige, was ich 
erraten konnte. 

Nachdem der Urmensch entdeckt hatte, daß es — 
wörtlich so verstanden — in seiner Hand lag, sein 
Los auf der Erde durch Arbeit zu verbessern, konnte 
es ihm nicht gleichgültig sein, ob ein anderer mit oder 
gegen ihn arbeitete. Der andere gewann für ihn den 
Wert des Mitarbeiters, mit dem zusammen zu leben 
nützlich war. Noch vorher, in seiner affenähnlichen 
Vorzeit, hatte er die Gewohnheit angenommen, Fami- 
lien zu bilden; die Mitglieder der Familie waren 
wahrscheinlich seine ersten Helfer. Vermutlich hing die 
Gründung der Familie damit zusammen, daß das Be- 
dürfnis genitaler Befriedigung nicht mehr wie ein 
Gast auftrat, der plötzlich bei einem erscheint und 
nach seiner Abreise lange nichts mehr von sich hören 
läßt, sondern sich als Dauermieter beim Einzelnen 
niederließ. Damit bekam das Männchen ein Motiv, 
das Weib oder allgemeiner : die Sexualobjekte bei sich 



^ Entwicklungsgeschichte der Kultur 



zu behalten; die Weibchen, die sich von ihren hilf- 
losen Jungen nicht trennen wollten, mußten auch in 
deren Interesse beim stärkeren Männchen bleiben. 1 



l) Die organische Periodizität des Sexualvorgangs ist zwar er- 
halten geblieben, aber ihr Einfluß auf die psychische Sexualerre- 
gung hat sich eher ins Gegenteil verkehrt. Diese Veränderung 
hängt am ehesten zusammen mit dem Zurücktreten der Geruchs- 
reize, durch welche der Menstruationsvorgang auf die männliche 
Psyche einwirkte. Deren Rolle wurde von Gesichtserregungen über- 
• nommen, die im Gegensatz zu den intermittierenden Geruchsreizen 
eine permanente Wirkung unterhalten konnten. Das Tabu der 
Menstruation entstammt dieser „organischen Verdrängung" als Ab- 
wehr einer überwundenen Entwicklungsphase; alle anderen Moti- 
vierungen sind wahrscheinlich sekundärer Natur. (Vgl. C. D. 
D aly, Hindumythologie und Kastrationskomplex, Imago XIII, 1927). 
Dieser Vorgang wiederholt sich auf anderem Niveau, wenn die 
Götter einer überholten Kulturperiode zu Dämonen werden. Das 
Zurücktreten der Geruchsreize scheint aber selbst Folge der Ab- 
wendung des Menschen von der Erde, des Entschlusses zum auf- 
rechten Gang, der nun die bisher gedeckten Genitalien sichtbar 
und schutzbedürftig macht und so das Schämen hervorruft. Am 
Beginne des verhängnisvollen Kulturprozesses stünde also die Auf- 
richtung des Menschen. Die Verkettung läuft von hier aus über 
die Entwertung der Geruchsreize und die Isolierung der Periode 
zum Übergewicht der Gesichtsreize, Sichtbarwerden der Genitalien, 
weiter zur Kontinuität der Sexualerregung, Gründung der Familie 
und damit zur Schwelle der menschlichen Kultur. Dies ist nur eine 
theoretische Spekulation, aber wichtig genug, um eine exakte Nach- 
prüfung an den Lebensverhältnissen der dem Menschen nahe- 
stehenden Tiere zu verdienen. 

Auch in dem Kulturstreben nach Reinlichkeit, das in hygieni- 
schen Rücksichten eine nachträgliche Rechtfertigung findet, aber sich 
bereits vor dieser Einsicht geäußert hat, ist ein soziales Moment 



Die „organische" Verdrängung 63 

In dieser primitiven Familie vermissen wir noch einen 
wesentlichen Zug der Kultur; die Willkür des Ober- 
hauptes und Vaters war unbeschränkt. In „Totem und 
Tabu" habe ich versucht, den Weg aufzuzeigen, der 
von dieser Familie zur nächsten Stufe des Zusammen- 
lebens in Form der Brüderbünde führte. Bei der Über- 
unverkennbar. Der Antrieb zur Reinlichkeit entspringt dem Drang 
nach Beseitigung der Exkremente, die der Sinneswahrnehmung 
unangenehm geworden sind. Wir wissen, daß es in der Kinder- 
stube anders ist. Die Exkremente erregen beim Kinde keinen Ab- 
scheu, erscheinen ihm als losgelöster Teil seines Körpers wertvoll. 
Die Erziehung dringt hier besonders energisch auf die Beschleuni- 
gung des bevorstehenden Entwicklungsganges, der die Exkremente 
wertlos, ekelhaft, abscheulich und verwerflich machen soll. Eine solche 
Umwertung wäre kaum möglich, wenn diese dem Körper ent- 
zogenen Stoffe nicht durch ihre starken Gerüche verurteilt wären, 
an dem Schicksal teilzunehmen, das nach der Aufrichtung des 
Menschen vom Boden den Geruchsreizen vorbehalten ist. Die 
Analerotik erliegt also zunächst der „organischen Verdrängung", 
die den Weg zur Kultur gebahnt hat. Der soziale Faktor, der die 
weitere Umwandlung der Analerotik besorgt, bezeugt sich durch 
die Tatsache, daß trotz aller Entwicklungsfortschritte dem Menschen 
der Geruch der eigenen Exkremente kaum anstößig ist, immer nur 
der der Ausscheidungen des Anderen. Der Unreinliche, d. h. der, 
der seine Exkremente nicht verbirgt, beleidigt also den Anderen, 
zeigt keine Rücksicht für ihn und dasselbe besagen ja auch die 
kräftigsten, gebräuchlichsten Beschimpfungen. Es wäre auch unver- 
ständlich, daß der Mensch den Namen seines treuesten Freundes 
in der Tierwelt als Schimpfwort verwendet, wenn der Hund nicht 
durch zwei Eigenschaften die Verachtung des Menschen auf sich 
zöge, daß er ein Geruchstier ist, das sich vor Exkrementen nicht 
scheut, und daß er sich seiner sexuellen Funktionen nicht schämt. 



Qa Eros und Ananke 



wältigung des Vaters hatten die Söhne die Erfahrung 
gemacht, daß eine Vereinigung stärker sein kann als 
der Einzelne. Die totemistische Kultur ruht auf den 
Einschränkungen, die sie zur Aufrechthaltung des neuen 
Zustandes einander auferlegen mußten. Die Tabuvor- 
schriften waren das erste „Recht". Das Zusammenleben 
der Menschen war also zweifach begründet durch den 
Zwang zur Arbeit, den die äußere Not schuf, und 
durch die Macht der Liebe, die von Seiten des Man- 
nes das Sexualobjekt im Weibe, von Seiten des Weibes 
das von ihr abgelöste Teilstück des Kindes nicht ent- 
behren wollte. Eros und Ananke sind auch die Eltern 
der menschlichen Kultur geworden. Der erste Kultur- 
erfolg war, daß nun auch eine größere Anzahl von 
Menschen in Gemeinschaft bleiben konnten. Und da 
beide großen Mächte dabei zusammenwirkten, könnte 
man erwarten, daß sich die weitere Entwicklung glatt 
vollziehen würde, zu immer besserer Beherrschung der^ 
Außenwelt wie zur weiteren Ausdehnung der von der 
Gemeinschaft umfaßten Menschenzahl. Man versteht 
auch nicht leicht, wie diese Kultur auf ihre Teilnehmer 
anders als beglückend wirken kann. 

Ehe wir noch untersuchen, woher eine Störung 
kommen kann, lassen wir uns durch die Anerkennung 
der Liebe als einer Grundlage der Kultur ablenken, 
um eine Lücke in einer früheren Erörterung auszufüllen. 
Wir sagten, die Erfahrung, daß die geschlechtliche 



Nochmals : das Glück aus der Liebe 65 

(genitale) Liebe dem Menschen die stärksten Befriedi- 
gungserlebnisse gewähre, ihm eigentlich das Vorbild 
für alles Glück gebe, müßte es nahegelegt haben, die 
Glücksbefriedigung im Leben auch weiterhin auf dem 
Gebiet der geschlechtlichen Beziehungen zu suchen, die 
genitale Erotik in den Mittelpunkt des Lebens zu stellen. 
Wir setzten fort, daß man sich auf diesem Wege in 
bedenklichster Weise von einem Stück der Außenwelt, 
nämlich vom gewählten Liebesobjekt, abhängig mache 
und dem stärksten Leiden aussetze, wenn man von 
diesem verschmäht werde oder es durch Untreue oder 
Tod verliere. Die Weisen aller Zeiten haben darum 
nachdrücklichst von diesem Lebensweg abgeraten; er 
hat dennoch für eine große Anzahl von Menschen- 
kindern seine Anziehung nicht verloren. 

Einer geringen Minderzahl wird es durch ihre Kon- 
stitution ermöglicht, das Glück doch auf dem Wege 
der Liebe zu finden, wobei aber weitgehende seelische 
Abänderungen der Liebesfunktion unerläßlich sind. 
Diese Personen machen sich von der Zustimmung des 
Objekts unabhängig, indem sie den Hauptwert vom 
Geliebtwerden auf das eigene Lieben verschieben, sie 
schützen sich gegen dessen Verlust, indem sie ihre 
Liebe nicht auf einzelne Objekte, sondern in gleichem 
Maße auf alle Menschen richten, und sie vermeiden die 
Schwankungen und Enttäuschungen der genitalen Liebe 
dadurch, daß sie von deren Sexualziel ablenken, den 



66 Die Liebe des heiligen Franz von Assisi 



Trieb in eine zielgehemmte Regung verwandeln. 
Was sie auf diese Art bei sich zustande bringen, der 
Zustand eines gleichschwebenden, unbeirrbaren, zärt- 
lichen Empfindens hat mit dem stürmisch bewegten, 
genitalen Liebesleben, von dem es doch abgeleitet ist, 
nicht mehr viel äußere Ähnlichkeit. Der heilige Fran- 
cisco von Assisi mag es in dieser Ausnützung 
der Liebe für das innere Glücksgefühl am weitesten 
gebracht haben; was wir als eine der Techniken der 
Erfüllung des Lustprinzips erkennen, ist auch vielfach 
in Beziehung zur Religion -gebracht worden, mit der 
es in jenen entlegenen Regionen zusammenhängen mag, 
wo die Unterscheidung des Ichs von den Objekten 
und dieser von einander vernachlässigt wird. Eine ethi- 
sche Betrachtung, deren tiefere Motivierung uns noch 
offenbar werden wird, will in dieser Bereitschaft zur 
allgemeinen Menschen- und Weltliebe die höchste Ein- 
stellung sehen, zu der sich der Mensch erheben kann. 
Wir möchten schon hier unsere zwei hauptsächlichen 
Bedenken nicht zurückhalten. Eine Liebe, die nicht 
auswählt, scheint uns einen Teil ihres eigenen Wertes 
einzubüßen, indem sie an dem Objekt ein Unrecht tut. 
Und weiter: es sind nicht alle Menschen liebenswert. 
Jene Liebe, welche die Familie gründete, bleibt in 
ihrer ursprünglichen Ausprägung, in der sie auf direkte 
sexuelle Befriedigung nicht verzichtet, und in ihrer 
Modifikation als zielgehemmte Zärtlichkeit in der Kultur 



■i 



Entzweiung zwischen Liebe und Kultur 67 

weiter wirksam. In beiden Formen setzt sie ihre Funk- 
tion fort, eine größere Anzahl von Menschen an einander 
zu binden und in intensiverer Art, als es dem Interesse 
der Arbeitsgemeinschaft gelingt. Die Nachlässigkeit der 
Sprache in der Anwendung des Wortes „Liebe" findet 
eine genetische Rechtfertigung. Liebe nennt man die 
Beziehung zwischen Mann und Weib, die auf Grund 
ihrer genitalen Bedürfnisse eine Familie gegründet haben, 
Liebe aber auch die positiven Gefühle zwischen Eltern 
und Kindern, zwischen den Geschwistern in der Familie, 
obwohl wir diese Beziehung als zielgehemmte Liebe, 
als Zärtlichkeit, beschreiben müssen. Die zielgehemmte 
Liebe war eben ursprünglich vollsinnliche Liebe und 
ist es im Unbewußten des Menschen noch immer. 
Beide, vollsinnliche und zielgehemmte Liebe greifen 
über die Familie hinaus und stellen neue Bindungen 
an bisher Fremde her. Die genitale Liebe führt zu 
neuen Familienbildungen, die zielgehemmte zu „Freund- 
schaften", welche kulturell wichtig werden, weil sie 
manchen Beschränkungen der genitalen Liebe, z. B. 
deren Ausschließlichkeit entgehen. Aber das Verhältnis der 
Liebe zur Kultur verliert im Verlaufe der Entwicklung 
seine Eindeutigkeit. Einerseits widersetzt sich die Liebe 
den Interessen der Kultur, andererseits bedroht die Kultur 
die Liebe mit empfindlichen Einschränkungen. 

Diese Entzweiung scheint unvermeidlich; ihr Grund 
ist nicht sofort zu erkennen. Sie äußert sich zunächst 

5* 



68 Gegensatz der Liebe zur Gesellschaft 



als ein Konflikt zwischen der Familie und der größe- 
ren Gemeinschaft, der der Einzelne angehört. Wir 
haben bereits erraten, daß es eine der Hauptbestrebun- 
gen der Kultur ist, die Menschen zu großen Einheiten 
zusammenzuballen. Die Familie will aber das Indivi- 
duum nicht freigeben. Je inniger der Zusammenhalt 
der Familienmitglieder ist, desto mehr sind sie oft ge- 
neigt, sich von anderen abzuschließen, desto schwieri- 
ger wird ihnen der Eintritt in den größeren Lebens- 
kreis. Die phylogenetisch ältere, in der Kindheit allein 
bestehende Weise des Zusammenlebens wehrt sich, 
von der später erworbenen kulturellen abgelöst zu 
werden. Die Ablösung von der Familie wird für jeden 
Jugendlichen zu einer Aufgabe, bei deren Lösung ihn 
die Gesellschaft oft durch Pubertäts- und Aufnahms- 
riten unterstützt. Man gewinnt den Eindruck, dies 
seien Schwierigkeiten, die jeder psychischen, ja, im 
Grunde auch jeder organischen Entwicklung anhängen. 
Ferner treten bald die Frauen in einen Gegensatz 
zur Kulturströmung und entfalten ihren verzögernden 
und zurückhaltenden Einfluß, dieselben, die anfangs 
durch die Forderungen ihrer Liebe das Fundament der 
Kultur gelegt hatten. Die Frauen vertreten die Interes- 
sen der Familie und des Sexuallebens ; die Kulturar- 
beit ist immer mehr Sache der Männer geworden, 
stellt ihnen immer schwierigere Aufgaben, nötigt sie 
zu Triebsublimierungen, denen die Frauen wenig ge- 



Die kulturelle Tendenz zur Einschränkung der Liebe 69 

wachsen sind. Da der Mensch nicht über unbegrenzte 
Quantitäten psychischer Energie verfugt, muß er seine 
Aufgaben durch zweckmäßige Verteilung der Libido 
erledigen. Was er für kulturelle Zwecke verbraucht, 
entzieht er großenteils den Frauen und dem Sexual- 
leben: das beständige Zusammensein mit Männern, 
seine Abhängigkeit von den Beziehungen zu ihnen 
entfremden ihn sogar seinen Aufgaben als Ehemann 
und Vater. So sieht sich die Frau durch die Ansprüche 
der Kultur in den Hintergrund gedrängt und tritt zu 
ihr in ein feindliches Verhältnis. 

Von Seiten der Kultur ist die Tendenz zur Ein- 
schränkung des Sexuallebens nicht minder deutlich als 
die andere zur Ausdehnung des Kulturkreises. Schon 
die erste Kulturphase, die des Totemismus, bringt das 
Verbot der inzestuösen Objektwahl mit sich, vielleicht 
die einschneidendste Verstümmelung, die das mensch- 
liche Liebesleben im Laufe der Zeiten erfahren hat. 
Durch Tabu, Gesetz und Sitte werden weitere Ein- 
schränkungen hergestellt, die sowohl die Männer als 
die Frauen betreffen. Nicht alle Kulturen gehen darin 
gleich weit; die wirtschaftliche Struktur der Gesellschaft 
beeinflußt auch das Maß der restlichen Sexualfreiheit. 
Wir wissen schon, daß die Kultur dabei dem Zwang 
der ökonomischen Notwendigkeit folgt, da sie der 
Sexualität einen großen Betrag der psychischen Energie 
entziehen muß, die sie selbst verbraucht. Dabei be- 



70 Sexualeinschränkung in unserer Kultur 

nimmt sich die Kultur gegen die Sexualität wie ein 
Volksstamm oder eine Schichte der Bevölkerung, die 
eine andere ihrer Ausbeutung unterworfen hat. Die 
Angst vor dem Aufstand der Unterdrückten treibt zu 
strengeren Vorsichtsmaßregeln. Einen Höhepunkt sol- 
cher Entwicklung zeigt unsere westeuropäische Kultur. 
Es ist psychologisch durchaus berechtigt, daß sie da- 
mit einsetzt, die Äußerungen des kindlichen Sexual- 
lebens zu verpönen, denn die Eindämmung der sexu- 
ellen Gelüste des Erwachsenen hat keine Aussicht, 
wenn ihr nicht in der Kindheit vorgearbeitet wurde. 
Nur läßt es sich auf keine Art rechtfertigen, daß die 
Kulturgesellschaft so weit gegangen ist, diese leicht 
nachweisbaren, ja auffalligen Phänomene auch zu leug- 
nen. Die Objektwahl des geschlechtsreifen Individuums 
wird auf das gegenteilige Geschlecht eingeengt, die 
meisten außergenitalen Befriedigungen als Perversionen 
untersagt. Die in diesen Verboten kundgegebene For- 
derung eines für Alle gleichartigen Sexuallebens setzt 
sich über die Ungleichheiten in der angeborenen und 
erworbenen Sexualkonstitution der Menschen hinaus, 
schneidet eine ziemliche Anzahl von ihnen vom Sexual- 
genuß ab und wird so die Quelle schwerer Ungerech- 
tigkeit. Der Erfolg dieser einschränkenden Maßregeln 
könnte nun sein, daß bei denen, die normal, die nicht 
konstitutionell daran verhindert sind, alles Sexualinter- 
esse ohne Einbuße in die offen gelassenen Kanäle ein- 



Die Schädigung der Sexualfunktion 71 

strömt. Aber was von der Ächtung frei bleibt, die 
heterosexuelle, genitale Liebe wird durch die Be- 
schränkungen der Legitimität und der Einehe weiter 
beeinträchtigt. Die heutige Kultur gibt deutlich zu er- 
kennen, daß sie sexuelle Beziehungen nur auf Grund 
einer einmaligen, unauflösbaren Bindung eines Mannes 
an ein Weib gestatten will, daß sie die Sexualität als 
selbständige Lustquelle nicht mag und sie nur als bis- 
her unersetzte Quelle für die Vermehrung 'der Men- 
schen zu dulden 'gesinnt ist. 

Das ist natürlich ein Extrem. Es ist bekannt, daß 
es sich als undurchführbar, selbst für kürzere Zeiten, er- 
wiesen hat. Nur die Schwächlinge haben sich einem so 
weitgehenden Einbruch in ihre Sexualfreiheit gefügt, 
stärkere Naturen nur unter einer kompensierenden 
Bedingung, von der später die Rede sein kann. Die 
Kulturgesellschaft hat sich genötigt gesehen, viele Über- 
schreitungen stillschweigend zuzulassen, die sie nach 
ihren Satzungen hätte verfolgen müssen. Doch darf man 
nicht nach der anderen Seite irre gehen und annehmen, 
eine solche kulturelle Einstellung sei überhaupt harmlos, 
weil sie nicht alle ihre Absichten erreiche. Das Sexual- 
leben des Kulturmenschen ist doch schwer geschädigt, es 
macht mitunter den Eindruck einer in Rückbildung 
befindlichen Funktion, wie unser Gebiß und unsere 
Kopfhaare als Organe zu sein scheinen. Man hat wahr- 
scheinlich ein Recht anzunehmen, daß seine Bedeutung 



72 



Der Sexualwiderstand 



als Quelle von Glücksempfindungen, also in der Er- 
füllung unseres Lebenszweckes, empfindlich nachge- 
lassen hat. 1 Manchmal glaubt man zu erkennen, es sei 
nicht allein der Druck der Kultur, sondern etwas am 
Wesen der Funktion selbst versage uns die volle Be- 
friedigung und dränge uns auf andere Wege. Es mag 
ein Irrtum sein, es ist schwer zu entscheiden. 8 



1) Unter den Dichtungen des feinsinnigen Engländers J. G a4 s- 
worthy, der sich heute allgemeiner Anerkennung erfreut, schätzte 
ich früh eine kleine Geschichte, betitelt: „The Appletree". Sie 
zeigt in eindringlicher Weise, wie im Leben des heutigen Kultur- 
menschen für die einfache, natürliche Liebe zweier Menschenkinder 
kein Raum mehr ist. 

2) Folgende Bemerkungen, um die oben ausgesprochene Ver- 
mutung zu stützen: Auch der Mensch ist ein Tierwesen von un- 
zweideutig bisexueller Anlage. Das Individuum entspricht einer 
Verschmelzung zweier symmetrischer Hälften, von denen nach An- 
sicht mancher Forscher die eine rein männlich, die andere weib- 
lich ist. Ebensowohl ist es möglich, daß jede Hälfte ursprünglich 
hermaphroditisch war. Die Geschlechtlichkeit ist eine biologische 
Tatsache, die, obwohl von außerordentlicher Bedeutung für das 
Seelenleben, psychologisch schwer zu erfassen ist. Wir sind gewohnt 
zu sagen : jeder Mensch zeige sowohl männliche als weibliche 
Triebregungen, Bedürfnisse, Eigenschaften, aber den Charakter des 
Männlichen und Weiblichen kann zwar die Anatomie, aber nicht 
die Psychologie aufzeigen. Für sie verblaßt der geschlechtliche Gegen- 
satz zu dem von Aktivität und Passivität, wobei wir allzu unbe- 
denklich die Aktivität mit der Männlichkeit, die Passivität mit der 



Die psychoanalytische Arbeit hat uns gelehrt, daß 
gerade diese Versagungen des Sexuallebens von den 
sogenannten Neurotikern nicht vertragen werden. Sie 
schaffen sich in ihren Symptomen Ersatzbefriedigungen, 
die aber entweder an sich Leiden schaffen oder Leidens- 
quelle werden, indem sie ihnen Schwierigkeiten mit 
Umwelt und Gesellschaft bereiten. Das letztere ist 



Weiblichkeit zusammenfallen lassen, was sich in der Tierreihe 
keineswegs ausnahmslos bestätigt. Die Lehre von der Bisexualität 
liegt noch sehr im Dunkeln, und daß sie noch keine Verknüpfung 
mit der Trieblehre gefunden hat, müssen wir in der Psychoanalyse 
als sdiwere Störung verspüren. Wie dem auch sein mag, wenn 
wir als tatsächlich annehmen, daß der Einzelne in seinem Sexual- 
leben männliche wie weibliche Wünsche befriedigen will, sind 
wir für die Möglichkeit vorbereitet, daß diese Ansprüche nicht 
durch das nämliche Objekt erfüllt werden und daß sie einander 
stören, wenn es nicht gelingt, sie auseinander zu halten und jede 
Regung in eine besondere, ihr angemessene Bahn zu leiten. Eine 
andere Schwierigkeit ergibt sich daraus, daß der erotischen Be- 
ziehung außer der ihr eigenen sadistischen Komponente so häufig 
ein Betrag von direkter Aggressionsneigung beigesellt ist. Das 
Liebesobjekt wird diesen Komplikationen nicht immer soviel Ver- 
ständnis und Toleranz entgegenbringen, wie jene Bäuerin, die sich 



leicht verständlich, das andere gibt uns ein neues Rät- 
sel auf. Die Kultur verlangt aber noch andere Opfer 
als an Sexualbefriedigung. 

Wir haben die Schwierigkeit der Kulturentwicklung 
als eine allgemeine Entwicklungsschwierigkeit aufge- 
faßt, indem wir sie auf die Trägheit der Libido zurück- 
führten, auf deren Abneigung, eine alte Position 
gegen eine neue zu verlassen. Wir sagen unge- 
fähr dasselbe, wenn wir den Gegensatz zwischen Kul- 
tur und Sexualität davon ableiten, daß die sexuelle 
Liebe ein Verhältnis zwischen zwei Personen ist, bei 
dem ein Dritter nur überflüssig oder störend sein kann, 
während die Kultur auf Beziehungen unter einer größe- 
ren Menschenanzahl ruht. Auf der Höhe eines Liebes- 



beklagt, daß ihr Mann sie nicht mehr liebt, weil er sie seit einer 
Woche nicht mehr geprügelt hat. 

Am tiefsten reicht aber die Vermutung, die an die Ausfüh- 
rungen in der Anmerkung S. 62 anknüpft, daß mit der Auf- 
richtung des Menschen und der Entwertung des Geruchssinnes die 
gesamte Sexualität, nicht nur die Analerotik ein Opfer der or- 
ganischen Verdrängung zu werden drohte, so daß seither die 
sexuelle Funktion von einem weiter nicht zu begründenden Wider- 
streben begleitet wird, das eine volle Befriedigung verhindert und 
vom Sexualziel wegdrängt zu Sublimierungen und Libidoverschie- 
bungen. Ich weiß, daß Bleuler („Der Sexualwiderstand". Jahr- 
buch für psychoanalyt. und psychopathol. Forschungen, Bd. V, 
1913) einmal auf das Vorhandensein einer solchen ursprünglichen 
abweisenden Einstellung zum Sexualleben hingewiesen hat. An 
der Tatsache des „Inter urinas et faeces nascimur" nehmen alle 
Neurotiker und viele außer ihnen Anstoß. Die Genitalien erzeugen 



Die Verliebtheit 75 



Verhältnisses bleibt kein Interesse für die Umwelt übrig ; 
das Liebespaar genügt sich selbst, braucht auch nicht 
das gemeinsame Kind, um glücklich zu sein: In keinem 
anderen Falle verrät der Eros so deutlich den Kern 
seines Wesens, die Absicht aus mehreren eines zu 
machen, aber wenn er dies, wie es sprichwörtlich ge- 
worden ist, in der Verliebtheit zweier Menschen zu 
einander erreicht hat, will er darüber nicht hinaus- 
gehen. 

Wir können uns bisher sehr gut vorstellen, daß eine 
Kulturgemeinschaft aus solchen Doppelindividuen be- 
stünde, die in sich libidinös gesättigt, durch das Band 
der Arbeits- und Interessengemeinschaft mit einander 
verknüpft sind. In diesem Falle brauchte die Kultur 

audi starke Geruchsempfindungen, die vielen Menschen unerträglich 
sind und ihnen den Sexualverkehr verleiden. So ergäbe sich als 
tiefste Wurzel der mit der Kultur fortschreitenden Sexualverdrängung 
die organische Abwehr der mit dem aufrechten Gang gewonnenen 
neuen Lebensform gegen die frühere animalische Existenz, ein 
Resultat wissenschaftlicher Erforschung, das sich in merkwürdiger 
Weise mit oft laut gewordenen banalen Vorurteilen deckt. Immer- 
hin sind dies derzeit nur ungesicherte, von der Wissenschaft nicht 
erhärtete Möglichkeiten. Wir wollen auch nicht vergessen, daß trotz 
der unleugbaren Entwertung der Geruchsreize es selbst in Europa 
Völker gibt, die die starken, uns so widrigen Genitalgerüche als 
Reizmittel der Sexualität hochschätzen und auf sie nicht verzichten 
wollen. (Siehe die folkloristischen Erhebungen auf die „Umfrage" von 
Iwan Bloch „Über den Geruchssinn in der vita sexualis" in ver- 
schiedenen Jahrgängen der „Anthropophyteia" von Friedrich 
S. Krauß.) 



76 Die Vermutung eines störenden Faktors 

der Sexualität keine Energie zu entziehen. Aber dieser 
wünschenswerte Zustand besteht nicht und hat niemals 
bestanden ; die Wirklichkeit zeigt uns, daß die Kultur 
sich nicht mit den ihr bisher zugestandenen Bindungen 
begnügt, daß sie die Mitglieder der Gemeinschaft auch 
libidinös an einander binden will, daß sie sich aller 
Mittel hiezu bedient, jeden Weg begünstigt, starke 
Identifizierungen unter ihnen herzustellen, im größten 
Ausmaße zielgehemmte Libido aufbietet, um die Ge- 
meinschaftsbande durch Freundschaftsbeziehungen zu 
kräftigen. Zur Erfüllung dieser Absichten wird die Ein- 
schränkung des Sexuallebens unvermeidlich. Uns fehlt 
aber die Einsicht in die Notwendigkeit, welche die 
Kultur auf diesen Weg drängt und ihre Gegner- 
schaft zur Sexualität begründet. Es muß sich um 
einen, von uns noch nicht entdeckten, störenden 
Faktor handeln. 

Eine der sogenannten Idealforderungen der Kultur- 
gesellschaft kann uns hier die Spur zeigen. Sie lautet: 
Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst; sie ist 
weltberühmt, gewiß älter als das Christentum, das sie 
als seinen stolzesten Anspruch vorweist, aber sicherlich 
nicht sehr alt; in historischen Zeiten war sie den Men- 
schen noch fremd. Wir wollen uns naiv zu ihr ein- 
stellen, als hörten wir von ihr zum ersten Mal. Dann 
können wir ein Gefühl von Überraschung und Be- 
fremden nicht unterdrücken. Warum sollen wir das ? 



Das Gebot der Nächstenliebe 77 

Was soll es uns helfen? Vor allem aber, wie bringen 
wir das zustande? Wie wird es uns möglich.? Meine 
Liebe ist etwas mir Wertvolles, das ich nicht ohne 
Rechenschaft verwerfen darf. Sie legt mir Pflichten auf, 
die ich mit Opfern zu erfüllen bereit sein muß. Wenn 
ich einen anderen liebe, muß er es auf irgendeine Art 
verdienen. (Ich sehe von dem Nutzen, den er mir 
bringen kann, sowie von seiner möglichen Bedeutung 
als Sexualobjekt für mich ab; diese beiden Arten der 
Beziehung kommen für die Vorschrift der Nächsten- 
liebe nicht in Betracht.) Er verdient es, wenn er mir 
in wichtigen Stücken so ähnlich ist, daß ich in ihm 
mich selbst lieben kann; er verdient es, wenn er so- 
viel vollkommener ist als ich, daß ich mein Ideal von 
meiner eigenen Person in ihm lieben kann; ich muß 
ihn lieben, wenn er der Sohn meines Freundes ist, 
denn der Schmerz des Freundes, wenn ihm ein Leid 
zustößt, wäre auch mein Schmerz, ich müßte ihn teilen. 
Aber wenn er mir fremd ist und mich durch keinen 
eigenen Wert, keine bereits erworbene Bedeutung für 
mein Gefühlsleben anziehen kann, wird es mir schwer, 
ihn zu lieben. Ich tue sogar Unrecht damit, denn meine 
Liebe wird von allen den Meinen als Bevorzugung 
geschätzt; es ist ein Unrecht an ihnen, wenn ich den 
Fremden ihnen gleichstelle. Wenn ich ihn aber lieben 
soll, mit jener Weltliebe, bloß weil er auch ein Wesen 
dieser Erde ist, wie das Insekt, der Regenwurm, die 



78 Der Nächste ist nicht liebenswert 

Ringelnatter, dann wird, fürchte ich, ein geringer Be^ 
trag Liebe auf ihn entfallen, unmöglich soviel, als ich 
nach dem Urteil der Vernunft berechtigt bin, für mich 
selbst zurückzubehalten. Wozu eine so feierlich auf- 
tretende Vorschrift, wenn ihre Erfüllung sich nicht als, 
vernünftig empfehlen kann? 

Wenn ich näher zusehe, finde ich noch mehr Schwie- 
rigkeiten. Dieser Fremde ist nicht nur im allgemeinen 
nicht liebenswert, ich muß ehrlich bekennen, er hat 
mehr Anspruch auf meine Feindseligkeit, sogar auf 
meinen Haß. Er scheint nicht die mindeste Liebe für 
mich zu haben, bezeigt mir nicht die geringste Rück- 
sicht. Wenn es ihm einen Nutzen bringt, hat er kein 
Bedenken, mich zu schädigen, fragt sich dabei auch 
nicht, ob die Höhe seines Nutzens der Größe des 
Schadens, den er mir zufügt, entspricht. Ja, er braucht 
nicht einmal einen Nutzen davon zu haben ; wenn er 
nur irgend eine Lust damit befriedigen kann, macht 
er sich nichts daraus, mich zu verspotten, zu beleidigen, 
zu verleumden, seine Macht an mir zu zeigen, und je 
sicherer er sich fühlt, je hilfloser ich bin, desto sicherer 
darf ich dies Benehmen gegen mich von ihm erwarten. 
Wenn er sich anders verhält, wenn er mir als Fremdem 
Rücksicht und Schonung erweist, bin ich ohnedies, ohne 
jene Vorschrift, bereit, es ihm in ähnlicher Weise zu 
vergelten. Ja, wenn jenes großartige Gebot lauten 
würde : Liebe deinen Nächsten wie dein Nächster dich 



Das Gebot : Liebe deine Feinde 79 

Hebt, dann würde ich nicht widersprechen. Es gibt ein 
zweites Gebot, das mir noch unfaßbarer scheint und 
ein noch heftigeres Sträuben in mir entfesselt. Es heißt : 
Liebe deine Feinde. Wenn ich's recht überlege, habe 
ich unrecht, es als eine noch stärkere Zumutung abzu- 
weisen. Es ist im Grunde dasselbe. 1 

Ich glaube nun von einer würdevollen Stimme die 
Mahnung zu hören : Eben darum, "weil der Nächste 
nicht liebenswert und eher dein Feind ist, sollst du 
ihn lieben wie dich selbst. Ich verstehe dann, das ist 
ein ähnlicher Fall wie das Credo quia absurdum. 

Es ist nun sehr wahrscheinlich, daß der Nächste, wenn 
er aufgefordert wird, mich so zu lieben wie sich selbst, 
genau so antworten wird wie ich und mich mit den 
nämlichen Begründungen abweisen wird. Ich hoffe, nicht 
mit demselben objektiven Recht, aber dasselbe wird 

1) Ein großer Dichter darf sich gestatten, schwer verpönte psy- 
chologische Wahrheiten wenigstens scherzend zum Ausdruck zu 
bringen. So gesteht H. Heine: „Ich habe die friedlichste Gesin- 
nung. Meine Wünsche sind : eine bescheidene Hütte, ein Strohdach, 
aber ein gutes Bett, gutes Essen, Milch und Butter, sehr frisch, 
vor dem Fenster Blumen, vor der Tür einige schöne Bäume, und 
wenn der liebe Gott mich ganz glücklich machen will, läßt er mich 
die Freude erleben, daß an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben 
meiner Feinde aufgehängt werden. Mit gerührtem Herzen werde 
ich ihnen vor ihrem Tode alle Unbill verzeihen, die sie mir im 
Leben zugefügt — ja man muß seinen Feinden verzeihen, aber 
nicht früher, als bis sie gehenkt werden." (Heine, Gedanken und 
Einfälle.) 



Homo homini lupus 



auch er meinen. Immerhin gibt es Unterschiede im Ver- 
halten der Menschen, die die Ethik mit Hinwegsetzung 
über deren Bedingtheit also „gut" und „böse" klassi- 
fiziert. Solange diese unleugbaren Unterschiede nicht 
aufgehoben sind, bedeutet die Befolgung der hohen, 
ethischen Forderungen eine Schädigung der Kultur- 
absichten, indem sie direkte Prämien für das Bösesein 
aufstellt. Man kann hier die Erinnerung an einen Vor- 
gang nicht abweisen, der sich in der französischen 
Kammer zutrug, als über die Todesstrafe verhandelt 
wurde; ein Redner hatte sich leidenschaftlich für ihre 
Abschaffung eingesetzt und erntete stürmischen Beifall, 
bis eine Stimme aus dem Saale die Worte dazwischen- 
rief: „Que messieurs les assassins commencent !" 

Das gern verleugnete Stück Wirklichkeit hinter alle- 
dem ist, daß der Mensch nicht ein sanftes, liebebedürf- 
tiges Wesen ist, das sich, wenn angegriffen, auch zu 
verteidigen vermag, sondern daß er zu seinen Trieb- 
begabungen auch einen mächtigen Anteil von Aggres- 
sionsneigung rechnen darf. Infolgedessen ist ihm der 
Nächste nicht nur möglicher Helfer und Sexualobjekt, 
sondern auch eine Versuchung, seine Aggression an 
ihm zu befriedigen, seine Arbeitskraft ohne Entschädi- 
gung auszunützen, ihn ohne seine Einwilligung sexuell 
zu gebrauchen, sich in den Besitz seiner Habe zu setzen, 
ihn zu demütigen, ihm Schmerzen zu bereiten, zu 
martern und zu töten. Homo homini lupus; wer hat 



Der Aggressionstrieb 81 



nach allen Erfahrungen des Lebens und der Geschichte 
den Mut, diesen Satz zu bestreiten? Diese grausame 
Aggression wartet in der Regel eine Provokation ab 
oder stellt sich in den Dienst einer anderen Absicht, 
deren Ziel auch mit milderen Mitteln zu erreichen 
wäre. Unter ihr günstigen Umständen, wenn die seeli- 
schen Gegenkräfte, die sie sonst hemmen, weggefallen 
sind, äußert sie sich auch spontan, enthüllt den Men- 
schen als wilde Bestie, der die Schonung der eigenen 
Art fremd ist. Wer die Greuel der Völkerwanderung, 
der Einbrüche der Hunnen, der sogenannten Mongolen 
unter Dschengis Khan und Timurlenk, der Eroberung 
Jerusalems durch die frommen Kreuzfahrer, ja, selbst 
noch die Schrecken des letzten Weltkrieges in seine 
Erinnerung ruft, wird sich vor der Tatsächlichkeit dieser 
Auffassung demütig beugen müssen. 

Die Existenz dieser Aggressionsneigung, die wir bei 
uns selbst verspüren können, beim anderen mit Recht 
voraussetzen, ist das Moment, das unser Verhältnis 
zum Nächsten stört und die Kultur zu ihrem Aufwand 
nötigt. Infolge dieser primären Feindseligkeit der Men- 
schen für einander ist die Kulturgesellschaft beständig 
vom Zerfall bedroht. Das Interesse der Arbeitsgemein- 
schaft würde sie nicht zusammenhalten, triebhafte Lei- 
denschaften sind stärker als vernünftige Interessen. Die 
Kultur muß alles aufbieten, um den Aggressionstrie- 
ben der Menschen Schranken zu setzen, ihre Äußerun- 



82 Schwäche der Kulturstrebung gegen den Aggressionstrieb 

gen durch psychische Reaktionsbildungen niederzuhalten. 
Daher also das Aufgebot von Methoden, die die Men- 
schen zu Identifizierungen und zielgehemmten Liebes- 
beziehungen antreiben sollen, daher die Einschränkung 
des Sexuallebens und daher auch das Idealgebot, den 
Nächsten so zu lieben wie sich selbst, das sich wirk- 
lich dadurch rechtfertigt, daß nichts anderes der ur- 
sprünglichen menschlichen Natur so sehr zuwiderläuft. 
Durch alle ihre Mühen hat diese Kulturstrebung bisher 
nicht sehr viel erreicht. Die gröbsten Ausschreitungen der 
brutalen Gewalt hofft sie zu verhüten, indem sie sich selbst 
das Recht beilegt, an den Verbrechern Gewalt zu üben, 
aber die vorsichtigeren und feineren Äußerungen der 
menschlichen Aggression vermag das Gesetz nicht zu 
erfassen. Jeder von uns kommt dahin, die Erwartun- 
gen, die er in der Jugend an seine Mitmenschen ge- 
knüpft, als Illusionen fallen zu lassen und kann erfahren, 
wie sehr ihm das Leben durch deren Übelwollen er- 
schwert und schmerzhaft gemacht wird. Dabei wäre es 
ein Unrecht, der Kultur vorzuwerfen, daß sie Streit 
und Wettkampf aus den menschlichen Betätigungen 
ausschließen will. Diese sind sicherlich unentbehrlich, 
aber Gegnerschaft ist nicht notwendig Feindschaft, wird 
nur zum Anlaß für sie mißbraucht. 

Die Kommunisten glauben den Weg zur Erlösung 
vom Übel gefunden zu haben. Der Mensch ist ein- 
deutig gut, seinem Nächsten wohlgesinnt, aber die 



Die Aufhebung des Eigentums 



Einrichtung des privaten Eigentums hat seine Natur ver- 
dorben. Besitz an privaten Gütern gibt dem einen die 
Macht und damit die Versuchung, den Nächsten zu 
mißhandeln ; der vom Besitz Ausgeschlossene muß sich 
in Feindseligkeit gegen den Unterdrücker auflehnen. 
Wenn man das Privateigentum aufhebt, alle Güter 
gemeinsam macht und alle Menschen, an deren Genuß 
teilnehmen läßt, werden Übelwollen und Feindselig- 
keit unter den Menschen verschwinden. Da alle Be- 
dürfhisse befriedigt sind, wird keiner Grund haben, 
in dem anderen seinen Feind zu sehen; der notwen- 
digen Arbeit werden sich alle bereitwillig unterziehen. 
Ich habe nichts mit der wirtschaftlichen Kritik des 
kommunistischen Systems zu tun, ich kann nicht unter- 
suchen, ob die Abschaffung des privaten Eigentums 
zweckdienlich und vorteilhaft ist. 1 Aber seine psycho- 
logische Voraussetzung vermag ich als haltlose Illusion 
zu erkennen. Mit der Aufhebung des Privateigentums 

l) Wer in seinen eigenen jungen Jahren das Elend der Ar- 
mut verkostet, die Gleichgiltigkeit und den Hochmut der Besitzen- 
den erfahren hat, sollte vor dem Verdacht geschützt sein, daß er 
kein Verständnis und kein Wohlwollen für die Bestrebungen hat, 
die Besitzungleichheit der Menschen und was sich aus ihr ab- 
leitet, zu bekämpfen. Freilich, wenn sich dieser Kampf auf die 
abstrakte Gerechtigkeitsforderung der Gleichheit aller Menschen be- 
rufen will, liegt der Einwand zu nahe, daß die Natur durch die 
höchst ungleichmäßige körperliche Ausstattung und geistige Bega- 
bung der Einzelnen Ungerechtigkeiten eingesetzt hat, gegen die es 
keine Abhilfe gibt. 



84 Kritik an der Heilslehre des Kommunismus 

entzieht man der menschlichen Aggressionslust eines 
ihrer Werkzeuge, gewiß ein starkes, und gewiß nicht 
das stärkste. An den Unterschieden von Macht und 
Einfluß, welche die Aggression mißbrauchen, daran hat 
man nichts geändert, auch an ihrem Wesen nicht. Sie 
ist nicht durch das Eigentum geschaffen worden, 
herrschte fast uneingeschränkt in Urzeiten, als das 
Eigentum noch sehr armselig war, zeigt sich bereits in 
der Kinderstube, kaum daß das Eigentum seine anale 
Urform aufgegeben hat, bildet den Bodensatz aller 
zärtlichen und Liebesbeziehungen unter den Menschen, 
vielleicht mit alleiniger Ausnahme der einer Mutter zu 
ihrem männlichen Kind. Räumt man das persönliche 
Anrecht auf dingliche Güter weg, so bleibt noch das 
Vorrecht aus sexuellen Beziehungen, das die Quelle 
der stärksten Mißgunst und der heftigsten Feindselig- 
keit unter den sonst gleichgestellten Menschen werden 
muß. Hebt man auch dieses auf durch die völlige Be- 
freiung des Sexuallebens, beseitigt also die Familie, 
die Keimzelle der Kultur, so läßt sich zwar nicht vor- 
hersehen, welche neuen Wege die Kulturentwicklung 
einschlagen kann, aber eines darf man erwarten, daß 
der unzerstörbare Zug der menschlichen Natur ihr auch 
dorthin folgen wird. 

Es wird den Menschen offenbar nicht leicht, auf die 
Befriedigung dieser ihrer Aggressionsneigung zu ver- 
zichten; sie fühlen sich nicht wohl dabei. Der Vorteil 



Die Resistenz des Aggressionstriebs 85 

eines kleineren Kulturkreises, daß er dem Trieb einen 
Ausweg an der Befeindung der Außenstehenden ge- 
stattet, ist nicht gering zu schätzen. Es ist immer mög- 
lich, eine größere Menge von Menschen in Liebe an 
einander zu binden, wenn nur andere für die Äuße- 
rung der Aggression übrig bleiben. Ich habe mich ein- 
mal mit dem Phänomen beschäftigt, daß gerade be- 
nachbarte und einander auch sonst -nahe stehende Ge- 
meinschaften sich gegenseitig befehden und verspotten, 
so Spanier und Portugiesen, Nord- und Süddeutsche, 
Engländer und Schotten usw. Ich gab ihm den Namen 
„Narzißmus der kleinen Differenzen", der nicht viel zur 
Erklärung beiträgt. Man erkennt nun darin eine be- 
queme und relativ harmlose Befriedigung der Aggres- 
sionsneigung, durch die den Mitgliedern der Gemein- 
schaft das Zusammenhalten erleichtert wird. Das überall 
hin versprengte Volk der Juden hat sich in dieser 
Weise anerkennenswerte Verdienste um die Kulturen 
seiner Wirtsvölker erworben ; leider haben alle Juden- 
gemetzel des Mittelalters nicht ausgereicht, dieses Zeit- 
alter friedlicher und sicherer für seine christlichen Ge- 
nossen zu gestalten. Nachdem der Apostel Paulus die 
allgemeine Menschenliebe zum Fundament seiner christ- 
lichen Gemeinde gemacht hatte, war die äußerste In- 
toleranz des Christentums gegen die draußen Verblie- 
benen eine unvermeidliche Folge geworden; den Rö- 
mern, die ihr staatiiches Gemeinwesen nicht auf die 



86 Die Kultur fordert Opfer 

Liebe begründet hatten, war religiöse Unduldsamkeit 
fremd gewesen, obwohl die Religion bei ihnen Sache 
des Staates und der Staat von Religion durchtränkt 
war. Es war auch kein unverständlicher Zufall, daß der 
Traum einer germanischen Weltherrschaft zu seiner Er- 
gänzung den Antisemitismus aufrief, und man erkennt 
es als begreiflich, daß der Versuch, eine neue kommu- 
nistische Kultur in Rußland aufzurichten in der Ver- 
folgung der Bourgeois seine psychologische Unter- 
stützung findet. Man fragt sich nur besorgt, was die 
Sowjets anfangen werden, nachdem sie ihre Bourgeois 
ausgerottet haben. 

Wenn die Kultur nicht allein der Sexualität, sondern 
auch der Aggressionsneigung des Menschen so große 
Opfer auferlegt, so verstehen wir es besser, daß es 
dem Menschen schwer wird, sich in ihr beglückt zu 
finden. Der Urmensch hatte es in der Tat darin besser, 
da er keine Triebeinschränkungen kannte. Zum Aus- 
gleich war seine Sicherheit, solches Glück lange zu ge- 
nießen, eine sehr geringe. Der Kulturmensch hat für 
ein Stück Glücksmöglichkeit ein Stück Sicherheit ein- 
getauscht. Wir wollen aber nicht vergessen, daß in der 
Urfamilie nur das Oberhaupt sich solcher Triebfreiheit 
erfreute; die anderen lebten in sklavischer Unter- 
drückung. Der Gegensatz zwischen einer die Vorteile 
der Kultur genießenden Minderheit und einer dieser 
Vorteile beraubten Mehrzahl war also in jener Urzeit 



in der Befriedigung des Aggressionstriebs 87 

der Kultur aufs Äußerste getrieben. Über den heute 
lebenden Primitiven haben wir durch sorgfältigere Er- 
kundung erfahren, daß sein Triebleben keineswegs ob 
seiner Freiheit beneidet werden darf ; es unterliegt Ein- 
schränkungen von anderer Art, aber vielleicht von 
größerer Strenge als das des modernen Kulturmenschen. 
Wenn wir gegen unseren jetzigen Kulturzustand mit 
Recht einwenden, wie unzureichend er unsere Forde- 
rungen an eine beglückende Lebens Ordnung erfüllt, wie 
viel Leid er gewähren läßt, das wahrscheinlich zu ver- 
meiden wäre, wenn wir mit schonungsloser Kritik die 
Wurzeln seiner Unvollkommenheit aufzudecken streben, 
üben wir gewiß unser gutes Recht und zeigen uns 
nicht als Kulturfeinde. Wir dürfen erwarten, allmählich 
solche Abänderungen unserer Kultur durchzusetzen, die 
unsere Bedürfnisse besser befriedigen und jener Kritik 
entgehen. Aber vielleicht machen wir uns auch mit der 
Idee vertraut, daß es Schwierigkeiten gibt, die dem 
Wesen der Kultur anhaften und die keinem Reform- 
versuch weichen werden. Außer den Aufgaben der 
Triebeinschränkung, auf die wir vorbereitet sind, drängt 
sich uns die Gefahr eines Zustandes auf, den man „das 
psychologische Elend der Masse" benennen kann. Diese 
Gefahr droht am ehesten, wo die gesellschaftliche Bin- 
dung hauptsächlich durch Identifizierung der Teilnehmer 
unter einander hergestellt wird, während Führerindivi- 
dualitäten nicht zu jener Bedeutung kommen, die ihnen 



Das Elend der Masse 



bei der Massenbildung zufallen sollte. 1 Der gegenwär- 
tige Kulturzustand Amerikas gäbe eine gute Gelegen- 
heit, diesen befürchteten Kulturschaden zu studieren. 
Aber ich vermeide die Versuchung, in die Kritik der 
Kultur Amerikas einzugehen; ich will nicht den Ein- 
druck hervorrufen, als wollte ich mich selbst amerika- 
nischer Methoden bedienen. 



1) Siehe: Massenpsychologie und Ich-Analyse, 1921. 



VI 



Ich habe bei keiner Arbeit so stark die Empfindung 
gehabt wie diesmal, daß ich allgemein Bekanntes dar- 
stelle, Papier und Tinte, in weiterer Folge Setzerarbeit 
und Druckerschwärze aufbiete, um eigentlich selbstver- 
ständliche Dinge zu erzählen. Darum greife ich es gerne 
auf, wenn sich der Anschein ergibt, daß. die Anerken- 
nung eines besonderen, selbständigen Aggressionstriebes 
eine Abänderung der psychoanalytischen Trieblehre 
bedeutet. 

Es wird sich zeigen, daß dem nicht so ist, daß es 
sich bloß darum handelt, eine Wendung, die längst 
vollzogen worden ist, schärfer zu fassen und in ihre 
Konsequenzen zu verfolgen. Von allen langsam ent- 
wickelten Stücken der analytischen Theorie hat sich die 
Trieblehre am mühseligsten vorwärts getastet. Und sie 
war doch dem Ganzen so unentbehrlich, daß irgend 
etwas an ihre Stelle gerückt werden mußte. In der 
vollen Ratlosigkeit der Anfänge gab mir der Satz des 



90 Die Entwicklung der 

Dichterphilosophen Schiller den ersten Anhalt, daß 
„Hunger und Liebe" das Getriebe der Welt zusam- 
menhalten. Der Hunger konnte als Vertreter jener 
Triebe gelten, die das Einzelwesen erhalten wollen, die 
Liebe strebt nach Objekten; ihre Hauptfunktion, von 
der Natur in jeder Weise begünstigt, ist die Erhaltung 
der Art. So traten zuerst Ichtriebe und Objekttriebe 
einander gegenüber. Für die Energie der letzteren, und 
ausschließlich für sie, führte ich den Namen Libido ein ; 
somit lief der Gegensatz zwischen den Ichtrieben und 
den aufs Objekt gerichteten „libidinösen" Trieben der 
Liebe im weitesten Sinne. Einer von diesen Objekt- 
trieben, der sadistische, tat sich zwar dadurch hervor, 
daß sein Ziel so gar nicht liebevoll war, auch schloß er 
sich offenbar in manchen Stücken den Ichtrieben an, 
konnte seine nahe Verwandtschaft mit Bemächtigungs- 
trieben ohne libidinöse Absicht nicht verbergen, aber 
man kam über diese Unstimmigkeit hinweg ; der Sadis- 
mus gehörte doch offenbar zum Sexualleben, das grau- 
same Spiel konnte das zärtliche ersetzen. Die Neurose 
erschien als der Ausgang eines Kampfes zwischen 
dem Interesse der Selbstbewahrung und den Anforde- 
rungen der Libido, ein Kampf, in dem das Ich gesiegt 
hatte, aber um den Preis schwerer Leiden und Ver- 
zichte. 

Jeder Analytiker wird zugeben, daß dies auch heute 
nicht wie ein längst überwundener Irrtum klingt. Doch 



psychoanalytischen Trieblehre gl 

wurde eine Abänderung unerläßlich, als unsere For- 
schung vom Verdrängten zum Verdrängenden, von den 
Objekttrieben zum Ich fortschritt. Entscheidend wurde 
hier die Einführung des Begriffes Narzißmus, d. h. 
die Einsicht, daß das Ich selbst mit Libido besetzt ist, 
sogar deren ursprüngliche Heimstätte sei und ge- 
wissermaßen auch ihr Hauptquartier bleibe. Diese nar- 
zißtische Libido wendet sich den Objekten zu, wird 
so zur Objektlibido und kann sich in narzißtische 
Libido zurückverwandeln. Der Begriff Narzißmus machte 
es möglich, die traumatische Neurose, sowie viele den 
Psychosen nahe stehenden AfFektionen und diese selbst 
analytisch zu erfassen. Die Deutung der Übertragungs- 
neurosen als Versuche des Ichs, sich der Sexualität zu 
erwehren, brauchte nicht verlassen zu werden, aber der 
Begriff der Libido geriet in Gefahr. Da auch die Ich- 
triebe libidinös waren, schien es eine Weile unver- 
meidlich, Libido mit Triebenergie überhaupt zusammen- 
fallen zu lassen, wie G. G. Jung schon früher ge- 
wollt hatte. Doch blieb etwas zurück wie eine noch 
nicht zu begründende Gewißheit, daß die Triebe nicht 
alle von gleicher Art sein können. Den nächsten Schritt 
machte ich in „Jenseits des Lustprinzips" (1920) als mir der 
Wiederholungszwang und der konservative Charakter 
des Trieblebens zuerst auffiel. Ausgehend von Speku- 
lationen über den Anfang des Lebens und von biologi- 
schen Parallelen zog ich den Schluß, es müsse außer 



g2 Die Erschließung des Todes- 

dem Trieb, die lebende Substanz zu erhalten und zu 
immer größeren Einheiten zusammenzufassen, 1 einen an- 
deren, ihm gegensätzlichen, geben, der diese Einheiten 
aufzulösen und in den uranfänglichen, anorganischen 
Zustand zurückzuführen strebe. Also außer dem Eros 
einen Todestrieb ; aus dem Zusammen- und Gegen- 
einanderwirken dieser beiden ließen sich die Phäno- 
mene des Lebens erklären. Nun war es nicht leicht, 
die Tätigkeit dieses angenommenen Todestriebs aufzu- 
zeigen. Die Äußerungen des Eros waren auffällig und 
geräuschvoll genug; man konnte annehmen, daß der 
Todestrieb stumm im Inneren des Lebewesens an 
dessen Auflösung arbeite, aber das war natürlich kein 
Nachweis. Weiter führte die Idee, daß sich ein Anteil 
des Triebes gegen die Außenwelt wende und dann 
als Trieb zur Aggression und Destruktion zum Vor- 
schein komme. Der Trieb würde so selbst in den 
Dienst des Eros gezwängt, indem das Lebewesen ande- 
res, Belebtes wie Unbelebtes, anstatt seines eigenen 
Selbst vernichtete. Umgekehrt würde die Einstellung 
dieser Aggression nach außen die ohnehin immer vor 
sich gehende Selbstzerstörung steigern müssen. Gleich- 
zeitig konnte man aus diesem Beispiel erraten, daß die 

l) Der Gegensatz, in den hierbei die rastlose Ausbreitungs- 
tendenz des Eros zur allgemeinen konservativen Natur der Triebe 
tritt, ist auffällig und kann der Ausgangspunkt weiterer Problem- 
stellungen werden. 



beiden Triebarten selten — vielleicht niemals — von 
einander isoliert auftreten, sondern sich in verschiede- 
nen, sehr wechselnden Mengungsverhältnissen mit 
einander legieren und dadurch unserem Urteil unkennt- 
lich machen. Im längst als Partialtrieb der Sexualität 
bekannten Sadismus hätte man eine derartige beson- 
ders starke Legierung des Liebesstrebens mit dem 
Destruktionstrieb vor sich, wie in seinem Widerpart, 
im Masochismus, eine Verbindung der nach innen ge- 
richteten Destruktion mit der Sexualität, durch welche 
die sonst unwahrnehmbare Strebung eben auffällig und 
fühlbar wird. 

Die Annahme des Todes- oder Destruktionstriebes 
hat selbst in analytischen Kreisen Widerstand gefun- 
den ; ich weiß, daß vielfach die Neigung besteht, alles, 
was an der Liebe gefährlich und feindselig gefunden 
wird, lieber einer ursprünglichen Bipolarität ihres 
eigenen Wesens zuzuschreiben. Ich hatte die hier ent- 
wickelten Auffassungen anfangs nur versuchsweise ver- 
treten, aber im Laufe der Zeit haben sie eine solche 
Macht über mich gewonnen, daß ich nicht mehr anders 
denken kann. Ich meine, sie sind theoretisch ungleich 
brauchbarer als alle möglichen anderen, sie stellen jene 
Vereinfachung ohne Vernachlässigung oder Vergewalti- 
gung der Tatsachen her, nach der wir in der wissen- 
schaftlichen Arbeit streben. Ich erkenne, daß wir im 
Sadismus und Masochismus die stark mit Erotik legier- 



94 Destruktion und Aggression 



ten Äußerungen des nach außen und nach innen ge- 
richteten Destruktionstriebes immer vor uns gesehen 
haben, aber ich verstehe nicht mehr, daß wir die 
Ubiquität der nicht erotischen Aggression und Destruk- 
tion übersehen und versäumen konnten, ihr die ge- 
bührende Stellung in der Deutung des Lebens einzu- 
räumen. (Die nach innen gewendete Destruktionssucht 
entzieht sich ja, wenn sie nicht erotisch gefärbt ist, 
meist der Wahrnehmung.) Ich erinnere mich meiner 
eigenen Abwehr, als die Idee des Destruktionstriebs 
zuerst in der psychoanalytischen Literatur auftauchte 
und wie lange es dauerte, bis ich für sie empfänglich 
wurde. Daß andere dieselbe Ablehnung zeigten und 
noch zeigen, verwundert mich weniger. Denn, die 
Kindlein, sie hören es nicht gerne, wenn die angebo- 
rene Neigung des Menschen zum „Bösen", zur Aggres- 
sion, Destruktion und damit auch zur Grausamkeit er- 
wähnt wird. Gott hat sie ja zum Ebenbild seiner 
eigenen Vollkommenheit geschaffen, man will nicht 
daran gemahnt werden, wie schwer es ist, die — trotz 
der Beteuerungen der Christian Science — unleugbare 
Existenz des Bösen mit seiner Allmacht oder seiner 
Allgüte zu vereinen. Der Teufel wäre zur Entschuldi- 
gung Gottes die beste Auskunft, er würde dabei die- 
selbe ökonomisch entlastende Rolle übernehmen, wie 
der Jude in der Welt des arischen Ideals. Aber selbst 
dann: man kann doch von Gott ebensowohl Rechen- 



Der Teufel und das Böse 95 



schaft für die Existenz des Teufels verlangen, wie für 
die des Bösen, das er verkörpert. Angesichts dieser 
Schwierigkeiten ist es für jedermann ratsam, an ge- 
eigneter Stelle eine tiefe Verbeugung vor der tief sitt- 
lichen Natur des Menschen zu machen; es verhilft 
einem zur allgemeinen Beliebtheit und es wird einem 
manches dafür nachgesehen. 1 

Der Name Libido kann wiederum für die Kraft- 
äußerungen des Eros verwendet werden, um sie von 
der Energie des Todestriebs zu sondern." Es ist zu- 

1) Ganz besonders überzeugend wirkt die Identifizierung des 
bösen Prinzips mit dem Destruktionstrieb in Goethes Mephisto- 
pheles : 

„Denn Alles, was entsteht, 

Ist wert, daß es zu Grunde geht. 



So ist denn alles, was Ihr Sünde, 

Zerstörung, kurz das Böse nennt, 

Mein eigentliches Element." 
Als seinen Gegner nennt der Teufel selbst nicht das Heilige, 
das Gute, sondern die Kraft der Natur zum Zeugen, zur Mehrung 
des Lebens, also den Eros. 



„Der Luft, dem Wasser, wie der Erden 
Entwinden tausend Keime sich, 
Im Trocknen, Feuchten, Warmen, Kalten ! 
Hätt' ich mir nicht die Flamme vorbehalten, 
Ich hätte nichts Aparts für mich." 

2) Unsere gegenwärtige Auffassimg kann man ungefähr in dem 
Satz ausdrücken, daß an jeder Triebäußerung Libido beteiligt ist, 
aber daß nicht alles an ihr Libido ist. 



96 Die selbständige Triebanlage 

zugestehen, daß wir letzteren um so viel schwerer erfassen, 
gewissermaßen nur als Rückstand hinter dem Eros er- 
raten und daß er sich uns entzieht, wo er nicht durch 
die Legierung mit dem Eros verraten wird. Im Sadis- 
mus, wo er das erotische Ziel in seinem Sinne um- 
biegt, dabei doch das sexuelle Streben voll befrie- 
digt, gelingt uns die klarste Einsicht in sein Wesen 
und seine Beziehung zum Eros. Aber auch wo er 
ohne sexuelle Absicht auftritt, noch in der blindesten 
Zerstörungswut läßt sich nicht verkennen, daß seine 
Befriedigung mit einem außerordentlich hohen narziß- 
tischen Genuß verknüpft ist, indem sie dem Ich die 
Erfüllung seiner alten Allmachtswünsche zeigt. Ge- 
mäßigt und gebändigt, gleichsam zielgehemmt muß 
der Destruktionstrieb, auf die Objekte gerichtet, 
dem Ich die Befriedigung seiner Lebensbedürfnisse 
und die Herrschaft über die Natur verschaffen. Da 
seine Annahme wesentlich auf theoretischen Gründen 
ruht, muß man zugeben, daß sie auch gegen theore- 
tische Einwendungen nicht voll gesichert ist. Aber so 
erscheint es uns eben jetzt beim gegenwärtigen 
Stand unserer Einsichten; zukünftige Forschung und 
Überlegung wird gewiß die entscheidende Klarheit 
bringen. 

Für alles Weitere stelle ich mich also auf den Stand- 
punkt, daß die Aggressionsneigung eine ursprüngliche, 
selbständige Triebanlage des Menschen ist und komme 



zur Aggression 97 

darauf zurück, daß die Kultur ihr stärkstes Hindernis 
in ihr findet. Irgend einmal im Laufe dieser Unter- 
suchung hat sich uns die Einsicht aufgedrängt, die Kultur 
sei ein besonderer Prozeß, der über die Menschheit 
abläuft, und wir stehen noch immer unter dem Banne 
dieser Idee. Wir fügen hinzu, sie sei ein Prozeß im 
Dienste des Eros, der vereinzelte menschliche Indi- 
viduen, später Familien, dann Stämme, Völker, Nationen 
zu einer großen Einheit, der Menschheit, zusammen- 
fassen wolle. Warum das geschehen müsse, wissen wir 
nicht; das sei eben das Werk des Eros. Diese Men- 
schenmengen sollen libidinös aneinander gebunden 
werden; die Notwendigkeit allein, die Vorteile der 
Arbeitsgemeinschaft werden sie nicht zusammen- 
halten. Diesem Programm der Kultur widersetzt sich 
aber der natürliche Aggressionstrieb der Menschen, die 
Feindseligkeit eines gegen alle und aller gegen einen. 
Dieser Aggressionstrieb ist der Abkömmling und 
Hauptvertreter des Todestriebes, den wir neben dem 
Eros gefunden haben, der sich mit ihm in die Weltherr- 
schaft teilt. Und nun, meine ich, ist uns der Sinn der 
Kulturentwicklung nicht mehr dunkel. Sie muß uns 
den Kampf zwischen Eros und Tod, Lebenstrieb und 
Destruktionstrieb zeigen, wie er sich an der Menschen- 
art vollzieht. Dieser Kampf ist der wesentliche Inhalt 
des Lebens überhaupt und darum ist die Kulturent- 
wicklung kurzweg zu bezeichnen als der Lebenskampf 



g8 Der Kampf zwischen Eros und Todestrieb 

der Menschenart. * Und diesen Streit der Giganten 
wollen unsere Kinderfrauen beschwichtigen mit dem 
„Eiapopeia vom Himmel" ! 



l) Wahrscheinlich mit der näheren Bestimmung : wie er sich 
von einem gewissen, noch zu erratenden, Ereignis an gestalten 
mußte. 



VII 



Warum zeigen unsere Verwandten, die Tiere, keinen 
solchen Kulturkampf? Oh, wir wissen es nicht. Sehr 
wahrscheinlich haben einige unter ihnen, die Bienen, 
Ameisen, Termiten durch Jahrhunderttausende gerungen, 
bis sie jene staatlichen Institutionen, jene Verteilung 
der Funktionen, jene Einschränkung der Individuen 
gefunden haben, die wir heute bei ihnen bewundern. 
Kennzeichnend für unseren gegenwärtigen Zustand ist 
es, daß unsere Empfindungen uns sagen, in keinem 
dieser Tierstaaten und in keiner der dort dem Einzel- 
wesen zugeteilten Rollen würden wir uns glücklich 
schätzen. Bei anderen Tierarten mag es zum zeitweili- 
gen Ausgleich zwischen den Einflüssen der Umwelt und 
den in ihnen sich bekämpfenden Trieben, somit zu einem 
Stillstand der Entwicklung gekommen sein. Beim Ur- 
menschen mag ein neuer Vorstoß der Libido ein neu- 
erliches Sträuben des Destruktionstriebes angefacht haben. 
Es ist da sehr viel zu fragen, worauf es noch keine 
Antwort gibt. 



Die Verinnerlichung der Aggression 



Eine andere Frage liegt uns näher. Welcher Mittel 
bedient sich die Kultur, um die ihr entgegenstehende 
Aggression zu hemmen, unschädlich zu machen, vielleicht 
auszuschalten? Einige solcher Methoden haben wir 
bereits kennen gelernt, die anscheinend wichtigste aber 
noch nicht. Wir können sie an der Entwicklungs- 
geschichte des Einzelnen studieren. Was geht mit ihm 
vor, um seine Aggressionslust unschädlich zu machen ? 
Etwas sehr merkwürdiges, das wir nicht erraten hätten 
und das doch so nahe liegt. Die Aggression wird in- 
Irojiziert, verinnerlicht, eigentlich aber dorthin zurück- 
geschickt, woher sie gekommen ist, also gegen das 
eigene Ich gewendet. Dort wird sie von einem Anteil 
des Ichs übernommen, das sich als Über-Ich dem übri- 
gen entgegenstellt, und nun als „Gewissen" gegen das 
Ich dieselbe strenge Aggressionsbereitschaft ausübt, die 
das Ich gerne an anderen fremden Individuen befrie- 
digt hätte. Die Spannung zwischen dem gestrengen 
Über-Ich und dem ihm unterworfenen Ich heißen wir 
Schuldbewußtsein; sie äußert sich als Strafbedürfnis. 
Die Kultur bewältigt also die gefährliche Aggressions- 
lust des Individuums, indem sie es schwächt, ent- 
waffnet und durch eine Instanz in seinem Inneren, 
wie durch eine Besatzung in der eroberten Stadt über- 
wachen läßt. 

Über die Entstehung des Schuldgefühls denkt der 
Analytiker anders als sonst die Psychologen ; auch ihm 



zum Gewissen 101 

wird es nicht leicht, darüber Rechenschaft zu geben. 
Zunächst, wenn man fragt, wie kommt einer zu einem 
Schuldgefühl, erhält man eine Antwort, der man nicht 
widersprechen kann: man fühlt sich schuldig (Fromme 
sagen: sündig), wenn man etwas getan hat, was man 
als „böse" erkennt. Dann merkt man, wie wenig diese 
Antwort gibt. Vielleicht nach einigem Schwanken wird 
man hinzusetzen, auch wer dies Böse nicht getan hat, 
sondern bloß die Absicht, es zu tun, bei sich erkennt, 
kann sich für schuldig halten, und dann wird man die 
Frage aufwerfen, warum hier die Absicht der Aus- 
führung gleichgeachtet wird. Beide Fälle setzen aber 
voraus, daß man das Böse bereits als verwerflich, als 
von der Ausführung auszuschließen erkannt hat. Wie 
kommt man zu dieser Entscheidung ? Ein ursprüngliches, 
sozusagen natürliches Unterscheidungsvermögen für Gut 
und Böse darf man ablehnen. Das Böse ist oft gar nicht 
das dem Ich Schädliche oder Gefährliche, im Gegenteil 
auch etwas, was ihm erwünscht ist, ihm Vergnügen 
bereitet. Darin zeigt sich also fremder Einfluß ; dieser 
bestimmt, was Gut und Böse heißen soll. Da eigene 
Empfindung den Menschen nicht auf denselben Weg 
geführt hatte, muß er ein Motiv haben, sich diesem 
fremden Einfluß zu unterwerfen. Es ist in seiner Hilf- 
losigkeit und Abhängigkeit von anderen leicht zu ent- 
decken, kann am besten als Angst vor dem Liebes- 
verlust bezeichnet werden. Verliert er die Liebe des 



102 Das „schlechte Gewissen" 



anderen, von dem er abhängig ist, so büßt er auch 
den Schutz vor mancherlei Gefahren ein, setzt sich 
vor allem der Gefahr aus, daß dieser Übermächtige 
ihm in der Form der Bestrafung seine Überlegenheit 
erweist. Das Böse ist also anfänglich dasjenige, wo- 
für man mit Liebesverlust bedroht wird; aus Angst 
vor diesem Verlust muß man es vermeiden. Darum 
macht es auch wenig aus, ob man das Böse bereits 
getan hat oder es erst tun will; in beiden Fällen 
tritt die Gefahr erst ein, wenn die Autorität es ent- 
deckt, und diese würde sich in beiden Fällen ähnlich 
benehmen. 

Man heißt diesen Zustand „schlechtes Gewissen", 
aber eigentlich verdient er diesen Namen nicht, denn 
auf dieser Stufe ist das Schuldbewußtsein offenbar nur 
Angst vor dem Liebesverlust, „soziale" Angst. Beim 
kleinen Kind kann es niemals etwas anderes sein, 
aber auch bei vielen Erwachsenen ändert sich nicht 
mehr daran, als daß an Stelle des Vaters oder beider 
Eltern die größere menschliche Gemeinschaft tritt. Dar- 
um gestatten sie sich regelmäßig, das Böse, das ihnen 
Annehmlichkeiten verspricht, auszuführen, wenn sie 
nur sicher sind, daß die Autorität nichts davon er- 
fährt oder ihnen nichts anhaben kann und ihre 
Angst gilt allein der Entdeckung. 1 Mit diesem Zustand 



l) Man denke an Rousseaus berühmten Mandarin! 



Das Über-Ich 103 

hat die Gesellschaft unserer Tage im allgemeinen zu 
rechnen. 

Eine große Änderung tritt erst ein, wenn die Auto- 
rität durch die Aufrichtung eines Über-Ichs verinnerlicht 
wird. Damit werden die Gewissensphänomene auf eine 
neue Stufe gehoben, im Grunde sollte man erst jetzt 
von Gewissen und Schuldgefühl sprechen. 1 Jetzt ent- 
fällt auch die Angst vor dem Entdecktwerden und 
vollends der Unterschied zwischen Böses Tun und Bö- 
ses Wollen, denn vor dem Ober-Ich kann sich nichts 
verbergen, auch Gedanken nicht. Der reale Ernst der 
Situation ist allerdings vergangen, denn die neue 
Autorität, das Über-Ich, hat unseres Glaubens kein Mo- 
tiv, das Ich, mit dem es innig zusammengehört, zu 
mißhandeln. Aber der Einfluß der Genese, der das 
Vergangene und Überwundene weiterleben läßt, äußert 
sich darin, daß es im Grunde so bleibt, wie es zu 
Anfang war. Das Über-Ich peinigt das sündige Ich mit 
den nämlichen Angstempfindungen und lauert auf 
Gelegenheiten, es von der Außenwelt bestrafen zu 
lassen. 

1) Daß in dieser übersichtlichen Darstellung scharf getrennt wird, 
was sich in Wirklichkeit in fließenden Übergängen vollzieht, daß 
es sich nicht um die Existenz eines Über-Ichs allein, sondern um 
dessen relative Stärke und Einflußsphäre handelt, wird jeder Ein- 
sichtige verstehen und in Rechnung bringen. Alles Bisherige über 
Gewissen und Schuld ist ja allgemein bekannt und nahezu unbe- 
stritten. 



104 Eigentümlichkeiten des Gewissens 



Auf dieser zweiten Entwicklungsstufe zeigt das Ge- 
wissen eine Eigentümlichkeit, die der ersten fremd war 
und die nicht mehr leicht zu erklären ist. Es benimmt 
sich nämlich um so strenger und mißtrauischer, je 
tugendhafter der Mensch ist, so daß am Ende gerade 
die es in der Heiligkeit am weitesten gebracht, sich der 
ärgsten Sündhaftigkeit beschuldigen. Die Tugend büßt 
dabei ein Stück des ihr zugesagten Lohnes ein, das ge- 
fügige und enthaltsame Ich genießt nicht das Vertrauen 
seines Mentors, bemüht sich, wie es scheint, vergeblich, 
es zu erwerben. Nun wird man bereit sein einzuwen- 
den: das seien künstlich zurecht gemachte Schwierig- 
keiten. Das strengere und wachsamere Gewissen sei 
eben der ihn kennzeichnende Zug des sittlichen Men- 
schen, und wenn die Heiligen sich für Sünder aus- 
geben, so täten sie es nicht mit Unrecht unter Berufung 
auf die Versuchungen zur Triebbefriedigung, denen sie 
in besonders hohem Maße ausgesetzt sind, da Ver- 
suchungen bekanntlich durch beständige Versagung nur 
wachsen, während sie bei gelegentlicher Befriedigung 
wenigstens zeitweilig nachlassen. Eine andere Tatsache 
des an Problemen so reichen Gebiets der Ethik ist die, 
daß Mißgeschick, also äußere Versagung die Macht des 
Gewissens im Über-Ich so sehr fördert. So lange es dem 
Menschen gut geht, ist auch sein Gewissen milde und 
läßt dem Ich allerlei angehen ; wenn ihn ein Unglück 
getroffen hat, hält er Einkehr in sich, erkennt seine 



Das Schicksal als Fortsetzung der Elterninstanz 105 

Sündhaftigkeit, steigert seine Gewissensansprüche, legt 
sich Enthaltungen auf und bestraft sich durch Bußen. 1 
Ganze Völker haben sich ebenso benommen und be- 
nehmen sich noch immer so. Aber dies erklärt sich be- 
quem aus der ursprünglichen infantilen Stufe des Ge- 
wissens, die also nach der Introjektion ins Über-Ich nicht 
verlassen wird, sondern neben und hinter ihr fortbe- 
steht. Das Schicksal wird als Ersatz der Elterninstanz 
angesehen; wenn man Unglück hat, bedeutet es, daß 
man von dieser höchsten Macht nicht mehr geliebt 
wird, und von diesem Liebesverlust bedroht, beugt 
man sich von neuem vor der Elternvertretung im Über- 
Ich, die man im Glück vernachlässigen wollte. Dies 
wird besonders deutlich, wenn man in streng religiö- 
sem Sinne im Schicksal nur den Ausdruck des gött- 
lichen Willens erkennt. Das Volk Israel hatte sich für 
Gottes bevorzugtes Kind gehalten, und als der große 
Vater Unglück nach Unglück über dies sein Volk 
hereinbrechen ließ, wurde es nicht etwa irre an dieser 
Beziehung oder zweifelte an Gottes Macht und Ge- 
rechtigkeit, sondern erzeugte die Propheten, die ihm 



1) Diese Förderung der Moral durch Mißgeschick behandelt 
Mark Twain in einer köstlichen kleinen Geschichte : "The first 
melon I ever stole. Diese erste Melone ist zufällig unreif. Ich hörte 
Mark Twain diese kleine Geschichte selbst vortragen. Nachdem er 
ihren Titel ausgesprochen hatte, hielt er inne und fragte sich wie 
zweifelnd: „Was ü the first"? Damit hatte er alles gesagt. 



106 Ursprünge des Schuldgefühls 



seine Sündhaftigkeit vorhielten und schuf aus seinem 
Schuldbewußtsein die überstrengen Vorschriften seiner 
Priesterreligion. Es ist merkwürdig, wie anders sich der 
Primitive benimmt ! Wenn er Unglück gehabt hat, gibt 
er nicht sich die Schuld, sondern dem Fetisch, der offen- 
bar seine Schuldigkeit nicht getan hat, und verprügelt 
ihn, anstatt sich selbst zu bestrafen. 

Wir kennen also zwei Ursprünge des Schuldgefühls, 
den aus der Angst vor der Autorität und den späteren 
aus der Angst vor dem Über-Ich. Das erstere zwingt 
dazu, auf Triebbefriedigungen zu verzichten, das andere 
drängt, da man den Fortbestand der verbotenen 
Wünsche vor dem Über-Ich nicht verbergen kann, außer- 
dem zur Bestrafung. Wir haben auch gehört, wie man 
die Strenge des Über-Ichs, also die Gewissensforderung, 
verstehen kann. Sie setzt einfach die Strenge der äußeren 
Autorität, die von ihr abgelöst und teilweise ersetzt 
wird, fort. Wir sehen nun, in welcher Beziehung der 
Triebverzicht zum Schuldbewußtsein steht. Ursprünglich 
ist ja der Triebverzicht die Folge der Angst vor der 
äußeren Autorität ; man verzichtet auf Befriedigungen, 
um deren Liebe nicht zu verlieren. Hat man diesen 
Verzicht geleistet, so ist man sozusagen mit ihr quitt, 
es sollte kein Schuldgefühl erübrigen., Anders ist es im 
Falle der Angst vor dem Über-Ich. Hier hilft der Trieb- 
verzicht nicht genug, denn der Wunsch bleibt bestehen 
und läßt sich vor dem Über-Ich nicht verheimlichen. Es 



Die Rolle des Triebverzichts 107 



wird also trotz des erfolgten Verzichts ein Schuldgefühl 
zustande kommen und dies ist ein großer ökonomischer 
Nachteil der Über-Ich-Einsetzung, wie man sagen kann, 
der Gewissensbildung. Der Triebverzicht hat nun keine 
voll befreiende Wirkung mehr, die tugendhafte 
Enthaltung wird nicht mehr durch die Sicherung 
der Liebe gelohnt, für ein drohendes äußeres Unglück 
— Liebesverlust und Strafe von Seiten der äußeren 
Autorität — hat man ein andauerndes inneres Un- 
glück, die Spannung des Schuldbewußtseins, einge- 
tauscht. 

Diese Verhältnisse sind so verwickelt und zugleich 
so wichtig, daß ich sie trotz der Gefahren der Wieder- 
holung noch von anderer Seite angreifen möchte. Die 
zeitliche Reihenfolge wäre also die : zunächst Triebver- 
zicht infolge der Angst vor der Aggression der äußeren 
Autorität, — darauf läuft ja die Angst vor dem Liebes- 
verlust hinaus, die Liebe schützt vor dieser Aggression 
der Strafe, — dann Aufrichtung der inneren Autorität, 
Triebverzicht infolge der Angst vor ihr, Gewissens- 
angst. Im zweiten Falle Gleichwertung von böser Tat 
und böser Absicht, daher Schuldbewußtsein, Strafbe- 
dürfnis. Die Aggression des Gewissens konserviert die 
Aggression der Autorität. Soweit ist es wohl klar ge- 
worden, aber wo bleibt Raum für den das Gewissen 
verstärkenden Einfluß des Unglücks (des von außen 
auferlegten Verzichts), für die außerordentliche Strenge 



10 ° Diskussion der Beziehung 

des Gewissens bei den Besten und Fügsamsten? Wir 
haben beide Besonderheiten des Gewissens bereits er- 
klärt, aber wahrscheinlich den Eindruck übrigbehalten, 
daß diese Erklärungen nicht bis zum Grunde reichen, 
einen Rest unerklärt lassen. Und hier greift endlich 
eine Idee ein, die durchaus der Psychoanalyse eigen 
und dem gewöhnlichen Denken der Menschen fremd 
ist. Sie ist von solcher Art, daß sie uns verstehen läßt, 
wie uns der Gegenstand so verworren und undurch- 
sichtig erscheinen mußte. Sie sagt nämlich, anfangs ist 
zwar das Gewissen (richtiger: die Angst, die später 
Gewissen wird) Ursache des Triebverzichts, aber später 
kehrt sich das Verhältnis um. Jeder Triebverzicht wird 
nun eine dynamische Quelle des Gewissens, jeder neue 
Verzicht steigert dessen Strenge und Intoleranz, und 
wenn wir es nur mit der uns bekannten Entstehungs- 
geschichte des Gewissens besser in Einklang bringen 
könnten, wären wir versucht, uns zu dem paradoxen 
Satz zu bekennen: Das Gewissen ist die Folge des 
Triebverzichts ; oder : Der (uns von außen auferlegte) 
Triebverzicht schafft das Gewissen, das dann weiteren 
Triebverzicht fordert. 

Eigentlich ist der Widerspruch dieses Satzes gegen 
die gegebene Genese des Gewissens nicht so groß, 
und wir sehen einen Weg, ihn weiter zu verringern. 
Greifen wir zum Zwecke einer leichteren Darstellung 
das Beispiel des Aggressionstriebes heraus und nehmen 



zwischen Triebverzicht und Schuldgefühl 109 

wir an, es handle sich in diesen Verhältnissen immer 
um Aggressionsverzicht. Dies soll natürlich nur eine 
vorläufige Annahme sein. Die Wirkung des Triebver- 
zichts auf das Gewissen geht dann so vor sich, daß jedes 
Stück Aggression, dessen Befriedigung wir unterlassen, 
vom Über-Ich übernommen wird und dessen Aggression 
(gegen das Ich) steigert. Es stimmt dazu nicht recht, daß 
die ursprüngliche Aggression des Gewissens die fortge- 
setzte Strenge der äußeren Autorität ist, also mit Verzicht 
nichts zu tun hat. Diese Unstimmigkeit bringen wir 
aber zum Schwinden, wenn wir für diese erste Ag- 
gressionsausstattung des Über-Ichs eine andere Ab- 
leitung annehmen. Gegen die Autorität, welche das 
Kind an den ersten, aber auch bedeutsamsten Befriedi- 
gungen verhindert, muß sich bei diesem ein erheb- 
liches Maß von Aggressionsneigung entwickelt haben, 
gleichgiltig, welcher Art die geforderten Triebent- 
sagungen waren. Notgedrungen mußte das Kind auf 
die Befriedigung dieser rachsüchtigen Aggression ver- 
zichten. Es hilft sich aus dieser schwierigen ökonomi- 
schen Situation auf dem Wege bekannter Mechanismen, 
indem es diese unangreifbare Autorität durch Identi- 
fizierung in sich aufnimmt, die nun das Über-Ich wird 
und in den Besitz all der Aggression gerät, die man 
gern als Kind gegen sie ausgeübt hätte. Das Ich des 
Kindes muß sich mit der traurigen Rolle der so er- 
niedrigten Autorität — des Vaters — begnügen. Es 



Diskussion der Beziehung 



ist eine Umkehrung der Situation, wie so häufig. 
„Wenn ich der Vater wäre und du das Kind, ich 
würde dich schlecht behandeln." Die Beziehung zwi- 
schen Über-Ich und Ich ist die durch den Wunsch ent- 
stellte Wiederkehr realer Beziehungen zwischen dem 
noch ungeteilten Ich und einem äußeren Objekt. Auch 
das ist typisch. Der wesentliche Unterschied aber ist, 
daß die ursprüngliche Strenge des Uber-Ichs nicht — 
oder nicht so sehr — die ist, die man von ihm er- 
fahren hat oder die man ihm zumutet, sondern die 
eigene Aggression gegen ihn vertritt. Wenn das zu- 
trifft, darf man wirklich behaupten, das Gewissen sei 
im Anfang entstanden durch die Unterdrückung einer 
Aggression und verstärke sich im weiteren Verlauf 
durch neue solche Unterdrückungen. 

Welche der beiden Auffassungen hat nun recht? 
Die frühere, die uns genetisch so unanfechtbar erschien, 
oder die neuere, welche die Theorie in so will- 
kommener Weise abrundet? Offenbar, auch nach dem 
Zeugnis der direkten Beobachtung, sind beide berech- 
tigt; sie widerstreiten einander nicht, treffen sogar an 
einer Stelle zusammen, denn die rachsüchtige Aggression 
des Kindes wird durch das Maß der strafenden 
Aggression, die es vom Vater erwartet, mitbestimmt 
werden. Die Erfahrung aber lehrt, daß die Strenge des 
Über-Ichs,das ein Kind entwickelt, keineswegs die Strenge 
der Behandlung, die es selbst erfahren hat, wieder- 



zwischen Triebverzicht und Schuldgefühl 



gibt. 1 Sie erscheint unabhängig von ihr, bei sehr milder 
Erziehung kann ein Kind ein sehr strenges Gewissen 
bekommen. Doch wäre es auch unrichtig, wollte man 
diese Unabhängigkeit übertreiben; es ist nicht schwer, 
sich zu überzeugen, daß die Strenge der Erziehung 
auch auf die Bildung des kindlichen Über-Ichs einen 
starken Einfluß übt. Es kommt darauf hinaus, daß bei 
der Bildung des Über-Ichs und Entstehung des Ge- 
wissens mitgebrachte konstitutionelle Faktoren und Ein- 
flüsse des Milieus der realen Umgebung zusammenwir- 
ken, und das ist keineswegs befremdend, sondern die all- 
gemeine ätiologische Bedingung all solcher Vorgänge." 

1) Wie von Melanie Klein und anderen englischen Autoren 
richtig hervorgehoben wurde. 

2) Fr. A 1 e x a n d e r hat in der „Psychoanalyse der Gesamt- 
persönlichkeit" (1927) die beiden Haupttypen der pathogenen Er- 
ziehungsmethoden, die Oberstrenge und die Verwöhnung im An- 
schluß an Aichhorns Studie über die Verwahrlosung zutreffend 
gewürdigt. Der „übermäßig weiche und nachsichtige" Vater 
wird beim Kinde Anlaß zur Bildung eines überstrengen Über-Ichs 
werden, weil diesem Kind unter dem Eindruck der Liebe, die es 
empfangt, kein anderer Ausweg für seine Aggression bleibt als die 
Wendung nach Innen. Beim Verwahrlosten, der ohne Liebe er- 
zogen wurde, entfällt die Spannung zwischen Ich und Über-Ich, 
seine ganze Aggression kann sich nach außen richten. Sieht man also 
von einem anzunehmenden konstitutionellen Faktor ab, so darf 
man sagen, das strenge Gewissen entstehe aus dem Zusammen- 
wirken zweier Lebenseinflüsse, der Triebversagung, welche die 
Aggression entfesselt, und der Liebeserfahrung, welche diese Ag- 
gression nach innen wendet und dem Über-Ich überträgt. 



"2 Der historische Ursprung des Schuldgefühls 



Man kann auch sagen, wenn das Kind auf die ersten 
großen Triebversagungen mit überstarker Aggression 
und entsprechender Strenge des Ober-Ichs reagiert, folgt 
es dabei einem phylogenetischen Vorbild und setzt 
sich über die aktuell gerechtfertigte Entgegnung hin- 
aus, denn der Vater der Vorzeit war gewiß fürchter- 
lich und ihm durfte man das äußerste Maß von Ag- 
gression zumuten. Die Unterschiede der beiden Auf- 
fassungen von der Genese des Gewissens verringern 
sich also noch mehr, wenn man von der individuellen 
zur phylogenetischen Entwicklungsgeschichte übergeht. 
Dafür zeigt sich ein neuer bedeutsamer Unterschied in 
diesen beiden Vorgängen. Wir können nicht über die 
Annahme hinaus, daß das Schuldgefühl der Menschheit 
aus dem Ödipuskomplex stammt und bei der Tötung 
des Vaters durch die Brüdervereinigung erworben 
wurde. Damals wurde eine Aggression nicht unter- 
drückt, sondern ausgeführt, dieselbe Aggression, deren 
Unterdrückung beim Kinde die Quelle des Schuldge- 
fühls sein soll. Nun würde ich mich nicht verwundern, 
wenn ein Leser ärgerlich ausriefe : „Es ist also ganz 
gleichgiltig, ob man den Vater umbringt oder nicht, 
ein Schuldgefühl bekommt man auf alle Fälle! Da 
darf man sich einige Zweifel erlauben. Entweder ist 
es falsch, daß das Schuldgefühl von unterdrückten Ag- 
gressionen herrührt oder die ganze Geschichte von der 
Vatertötung ist ein Roman, und die Urmenschenkinder 



Die Reue 113 

haben ihre Väter nicht häufiger umgebracht, als es die 
heutigen pflegen. Übrigens, wenn es kein Roman, 
sondern plausible Historie ist, so hätte man einen Fall, 
in dem das geschieht, was alle Welt erwartet, näm- 
lich daß man sich schuldig fühlt, weil man wirklich 
etwas, was nicht zu rechtfertigen ist, getan hat. Und 
für diesen Fall, der sich immerhin alle Tage ereignet, 
ist uns die Psychoanalyse die Erklärung schuldig ge- 
blieben." 

Das ist wahr und soll nachgeholt werden. Es ist 
auch kein besonderes Geheimnis. Wenn man ein Schuld- 
gefühl hat, nachdem und weil man etwas verbrochen 
hat, so sollte man dies Gefühl eher Reue nennen. 
Es bezieht sich nur auf eine Tat, setzt natürlich vor- 
aus, daß ein Gewissen, die Bereitschaft sich schul- 
dig zu fühlen, bereits vor der Tat bestand. Eine solche 
Reue kann uns also nie dazu verhelfen, den Ursprung 
des Gewissens und des Schuldgefühls überhaupt zu 
finden. Der Hergang dieser alltäglichen Fälle ist ge- 
wöhnlich der, daß ein Triebbedürfnis die Stärke erworben 
hat, seine Befriedigung gegen das in seiner Stärke auch 
nur begrenzte Gewissen durchzusetzen, und daß mit 
der natürlichen Abschwächung des Bedürfnisses durch 
seine Befriedigung das frühere Kräfteverhältnis wieder- 
hergestellt wird. Die Psychoanalyse tut also recht 
daran, den Fall des Schuldgefühls aus Reue von 
diesen Erörterungen auszuschließen, so häufig er auch 



u 4 Die Entstehung des Schuldgefühls 

vorkommt und so groß seine praktische Bedeutung 
auch ist. 

Aber wenn das menschliche Schuldgefühl auf die 
Tötung des Urvaters zurückgeht, das war doch ein 
Fall von „Reue", und damals soll der Voraussetzung 
nach Gewissen und Schuldgefühl vor der Tat nicht 
bestanden haben? Woher kam in diesem Fall die 
Reue? Gewiß, dieser Fall muß uns das Geheimnis 
des Schuldgefühls aufklären, unseren Verlegenheiten 
ein Ende machen. Und ich meine, er leistet es auch. 
Diese Reue war das Ergebnis der uranfänglichen Ge- 
fühlsambivalenz gegen den Vater, die Söhne haßten 
ihn, aber sie liebten ihn auch ; nachdem der Haß durch 
die Aggression befriedigt war, kam in der Reue über 
die Tat die Liebe zum Vorschein, richtete durch Iden- 
tifizierung mit dem Vater das Über-Ich auf, gab ihm 
die Macht des Vaters wie zur Bestrafung für die ge- 
gen ihn verübte Tat der Aggression, schuf die Ein- 
schränkungen, die eine Wiederholung der Tat ver- 
hüten sollten. Und da die Aggressionsneigung gegen 
den Vater sich in den folgenden Geschlechtern wieder- 
holte, blieb auch das Schuldgefühl bestehen und ver- 
stärkte sich von Neuem durch jede unterdrückte und 
dem Über-Ich übertragene Aggression. Nun, meine ich, 
erfassen wir endlich zweierlei in voller Klarheit, den 
Anteil der Liebe an der Entstehung des Gewissens 
und die verhängnisvolle Unvermeidlichkeit des Schuld- 



r 



aus dem Ambivalenzkonflikt 115 

gefüihls. Es ist wirklich nicht entscheidend, ob man 
den Vater getötet oder sich der Tat enthalten hat, 
man muß sich in beiden Fällen schuldig finden, denn 
das Schuldgefühl ist der Ausdruck des Ambivalenz- 
konflikts, des ewigen Kampfes zwischen dem Eros und 
dem Destruktions- oder Todestrieb. Dieser Konflikt 
wird angefacht, sobald den Menschen die Aufgabe des 
Zusammenlebens gestellt wird; solange diese Gemein- 
schaft nur die Form der Familie kennt, muß er sich 
im Ödipuskomplex äußern, das Gewissen einsetzen, 
das erste Schuldgefühl schaffen. Wenn eine Erweite- 
rung dieser Gemeinschaft versucht wird, wird derselbe 
Konflikt in Formen, die von der Vergangenheit abhän- 
gig sind, fortgesetzt, verstärkt und hat eine weitere Stei- 
gerung des Schuldgefühls zur Folge. Da die Kultur einem 
inneren erotischen Antrieb gehorcht, der sie die Menschen 
zu einer innig verbundenen Masse vereinigen heißt, kann 
sie dies Ziel nur auf dem Wege einer immer wach- 
senden Verstärkung des Schuldgefühls erreichen. Was 
am Vater begonnen wurde, vollendet sich an der 
Masse. Ist die Kultur der notwendige Entwicklungs- 
gang von der Familie zur Menschheit, so ist unablösbar 
mit ihr verbunden, als Folge des mitgeborenen Am- 
bivalenzkonflikts, als Folge des ewigen Haders zwi- 
schen Liebe und Todesstreben, die Steigerung des 
Schuldgefühls vielleicht bis zu Höhen, die der Einzelne 
schwer erträglich findet. Man gedenkt der ergreifenden 

8* 



116 Die Unvermeidlichkeit des Schuldgefühls 



Anklage des großen Dichters gegen die „himmlischen 

Mächte" : 

„Ihr führt in's Leben uns hinein, 
Ihr laßt den Armen schuldig werden 
Dann überlaßt Ihr ihn der Pein, 
Denn jede Schuld rächt sich auf Erden." 1 

Und man darf wohl aufseufzen bei der Erkenntnis, 
daß es einzelnen Menschen gegeben ist, aus dem Wir- 
bel der eigenen Gefühle die tiefsten Einsichten doch 
eigentlich mühelos heraufzuholen, zu denen wir ande- 
ren uns durch qualvolle Unsicherheit und rastloses 
Tasten den Weg zu bahnen haben. 



i) Goethe, Lieder des Harfners in „Wilhelm Meister"; 



VIII 

Am Ende eines solchen Weges angelangt, muß der 
Autor seine Leser um Entschuldigung bitten, daß er 
ihnen kein geschickter Führer gewesen, ihnen das Er- 
lebnis öder Strecken und beschwerlicher Umwege nicht 
erspart hat. Es ist kein Zweifel, daß man es besser 
machen kann. Ich will versuchen, nachträglich etwas 
gutzumachen. 

Zunächst vermute ich bei den Lesern den Eindruck, 
daß die Erörterungen über das Schuldgefühl den Rah- 
men dieses Aufsatzes sprengen, indem sie zuviel Raum 
für sich einnehmen und ihren anderen Inhalt, mit dem 
sie nicht immer innig zusammenhängen, an den Rand 
drängen. Das mag den Aufbau der Abhandlung ge- 
stört haben, entspricht aber durchaus der Absicht, das 
Schuldgefühl als das wichtigste Problem der Kultur- 
entwicklung hinzustellen und darzutun, daß der Preis 
für den Kulturfortschritt in der Glückseinbuße durch 
die Erhöhung des Schuldgefühls bezahlt wird. 1 Was an 

l) „So macht Gewissen Feige aus uns allen ..." 
Daß sie dem jugendlichen Menschen verheimlicht, welche Rolle 
die Sexualität in seinem Leben spielen wird, ist nicht der einzige 



u8 Der Preis des Kulturfortschritts 



diesem Satz, dem Endergebnis unserer Untersuchung 
noch befremdlich klingt, läßt sich wahrscheinlich auf das 
ganz sonderbare, noch durchaus unverstandene Verhält- 
nis des Schuldgefühls zu unserem Bewußtsein zurück- 
führen. In den gemeinen, uns als normal geltenden 
Fällen von Reue macht es sich dem Bewußtsein deut- 
lich genug wahrnehmbar; wir sind doch gewöhnt, an- 
statt Schuldgefühl „Schuldbewußtsein" zu sagen. Aus 
dem Studium der Neurosen, denen wir doch die wert- 
vollsten Winke zum Verständnis des Normalen dan- 
ken, ergeben sich widerspruchsvolle Verhältnisse. Bei 
einer dieser Affektionen, der Zwangsneurose, drängt 
sich das Schuldgefühl überlaut dem Bewußtsein auf, es 
beherrscht das Krankheitsbild wie das Leben der Kran- 



Vorwurf, den man gegen die heutige Erziehung erheben muß. Sie 
sündigt außerdem darin, daß sie ihn nicht auf die . Aggression 
vorbereitet, deren Objekt er zu werden bestimmt ist. Indem sie 
die Jugend mit so unrichtiger psychologischer Orientierung ins 
Leben entläßt, benimmt sich die Erziehung nicht anders, als wenn 
man Leute, die auf eine Polarexpedition gehen, mit Sommer- 
kleidern und Karten der oberitalischen Seen ausrüsten würde. 
Dabei wird ein gewisser Mißbrauch der ethischen Forderungen 
deutlich. Die Strenge derselben würde nicht viel schaden, wenn 
die Erziehung sagte : So sollten die Menschen sein, um glücklich 
zu werden und andere glücklich zu machen ; aber man muß damit 
rechnen, daß sie nicht so sind. Anstatt dessen läßt man den 
Jugendlichen glauben, daß alle anderen die ethischen Vorschriften 
erfüllen, also tugendhaft sind. Damit begründet man die Forde- 
rung, daß er auch so werde. 



Das unbewußte Schuldgefühl 119 



ken, läßt kaum anderes neben sich aufkommen. Aber 
in den meisten anderen Fällen und Formen von Neu- 
rose bleibt es völlig unbewußt, ohne darum gering- 
fügigere Wirkungen zu äußern. Die Kranken glauben 
uns nicht, wenn wir ihnen ein „unbewußtes Schuld- 
gefühl" zumuten; um nur halbwegs von ihnen ver- 
standen zu werden, erzählen wir ihnen von einem un- 
bewußten Strafbedürfnis, in dem sich das Schuldgefühl 
äußert. Aber die Beziehung zur Neurosenform darf 
nicht überschätzt werden ; es gibt auch bei der Zwangs- 
neurose Typen von Kranken, die ihr Schuldgefühl nicht 
wahrnehmen oder es als ein quälendes Unbehagen, 
eine Art von Angst erst dann empfinden, wenn sie an 
der Ausführung gewisser Handlungen verhindert wer- 
den. Diese Dinge sollte man endlich einmal verstehen 
können, man kann es noch nicht. Vielleicht ist hier die 
Bemerkung willkommen, daß das Schuldgefühl im 
Grunde nichts ist als eine topische Abart der Angst, 
in seinen späteren Phasen fällt es ganz mit der Angst 
vor dem Über-Ich zusammen. Und bei der Angst 
zeigen sich im Verhältnis zum Bewußtsein dieselben 
außerordentlichen Variationen. Irgendwie steckt die 
Angst hinter allen Symptomen, aber bald nimmt sie 
lärmend das Bewußtsein ganz für sich in Anspruch, 
bald verbirgt sie sich so vollkommen, daß wir genötigt 
sind, von unbewußter Angst — oder wenn wir ein 
reineres psychologisches Gewissen haben wollen, da ja 



die Angst zunächst nur eine Empfindung ist — von 
Angstmöglichkeiten zu reden. Und darum ist es sehr 
wohl denkbar, daß auch das durch die Kultur erzeugte 
Schuldbewußtsein nicht als solches erkannt wird, zum 
großen Teil unbewußt bleibt oder als ein Unbehagen, 
eine Unzufriedenheit zum Vorschein kommt, für die 
man andere Motivierungen sucht. Die Religionen 
wenigstens haben die Rolle des Schuldgefühls in der 
Kultur nie verkannt. Sie treten ja, was ich an anderer 
Stelle nicht gewürdigt hatte, 1 auch mit dem Anspruch 
auf, die Menschheit von diesem Schuldgefühl, das sie 
Sünde heißen, zu erlösen. Aus der Art, wie im Christen- 
tum diese Erlösung gewonnen wird, durch den Opfer- 
tod eines Einzelnen, der damit eine allen gemeinsame 
Schuld auf sich nimmt, haben wir ja einen Schluß darauf 
gezogen, welches der erste Anlaß zur Erwerbung dieser 
Urschuld, mit der auch die Kultur begann, gewesen 
sein mag. 8 

Es kann nicht sehr wichtig werden, mag aber nicht 
überflüssig sein, daß wir die Bedeutung einiger Worte 
wie: Über-Ich, Gewissen, Schuldgefühl, Strafbedürfhis, 
Reue erläutern, die wir vielleicht oft zu lose und eines 
für's andere gebraucht haben. Alle beziehen sich auf 
dasselbe Verhältnis, benennen aber verschiedene Seiten 
desselben. Das Über-Ich ist eine von uns erschlossene 

1) Ich meine-: Die Zukunft einer Illusion (1927). 

2) Totem und Tabu (1912). 



Einige Begriffsbestimmungen 121 

Instanz, das Gewissen eine Funktion, die wir ihm 
neben anderen zuschreiben, die die Handlungen und 
Absichten des Ichs zu überwachen und zu beurteilen 
hat, eine zensorische Tätigkeit ausübt. Das Schuldgefühl, 
die Härte des Über-Ichs, ist also dasselbe wie die 
Strenge des Gewissens, ist die dem Ich zugeteilte Wahr- 
nehmung, daß es in solcher Weise überwacht wird, die 
Abschätzung der Spannung zwischen seinen Strebungen 
und den Forderungen des Über-Ichs, und die der ganzen 
Beziehung zu Grunde liegende Angst vor dieser kriti- 
schen Instanz, das Strafbedürfnis, ist eine Triebäußerung 
des Ichs, das unter dem Einfluß des sadistischen Über- 
Ichs masochistisch geworden ist, d. h. ein Stück des in 
ihm vorhandenen Triebes zur inneren Destruktion zu 
einer erotischen Bindung an das Über-Ich verwendet. 
Vom Gewissen sollte man nicht eher sprechen, als bis 
ein Über-Ich nachweisbar ist; vom Schuldbewußtsein 
muß man zugeben, daß es früher besteht als das Über- 
Ich, also auch als das Gewissen. Es ist dann der un- 
mittelbare Ausdruck der Angst vor der äußeren Auto- 
rität, die Anerkennung der Spannung zwischen dem 
Ich und dieser letzteren, der direkte Abkömmling des 
Konflikts zwischen dem Bedürfnis nach deren Liebe 
und dem Drang nach Triebbefriedigung, dessen Hem- 
mung die Neigung zur Aggression erzeugt. Die Über- 
einanderlagerung dieser beiden Schichten des Schuld- 
gefühls — aus Angst vor der äußeren und vor der 



inneren Autorität — hat uns manchen Einblick in die 
Beziehungen des Gewissens erschwert. Reue ist eine 
Gesamtbezeichnung für die Reaktion des Ichs in einem 
Falle des Schuldgefühls, enthält das wenig umgewan- 
delte Empfindungsmaterial der dahinter wirksamen Angst, 
ist selbst eine Strafe und kann das Strafbedürfhis ein- 
schließen; auch sie kann also älter sein als das Ge- 
wissen. 

Es kann auch nichts schaden, daß wir uns nochmals 
die Widersprüche vorführen, die uns eine Weile bei 
unserer Untersuchung verwirrt haben. Das Schuldgefühl 
sollte einmal die Folge unterlassener Aggressionen sein, 
aber ein andermal und gerade bei seinem historischen 
Anfang, der Vatertötung, die Folge einer ausgeführten 
Aggression. Wir fanden auch den Ausweg aus dieser 
Schwierigkeit. Die Einsetzung der inneren Autorität, 
des Über-Ichs, hat eben die Verhältnisse gründlich ge- 
ändert. Vorher fiel das Schuldgefühl mit der Reue zu- 
sammen ; wir merken dabei, daß die Bezeichnung Reue 
für die Reaktion nach wirklicher Ausführung der Ag- 
gression zu reservieren ist. Nachher verlor infolge der 
Allwissenheit des Über-Ichs der Unterschied zwischen 
beabsichtigter und erfüllter Aggression seine Kraft ; nun 
konnte sowohl eine wirklich ausgeführte Gewalttat 
Schuldgefühl erzeugen — wie alle Welt weiß — als 
auch eine bloß beabsichtigte — wie die Psychoanalyse 
erkannt hat. Über die Veränderung der psychologischen 



des Schuldgefühls 123 

Situation hinweg hinterläßt der Ambivalenzkonflikt der 
beiden Urtriebe die nämliche Wirkung. Die Versuchung 
liegt nahe, hier die Lösung des Rätsels von der wechsel- 
vollen Beziehung des Schuldgefühls zum Bewußtsein 
zu suchen. Das Schuldgefühl aus Reue über die böse 
Tat müßte immer bewußt sein, das aus Wahrnehmung 
des bösen Impulses könnte unbewußt bleiben. Allein 
so einfach ist das nicht, die Zwangsneurose widerspricht 
dem energisch. Der zweite Widerspruch war, daß die 
aggressive Energie, mit der man das Über-Ich ausge- 
stattet denkt, nach einer Auffassung bloß die Straf- 
energie der äußeren Autorität fortsetzt und für das 
Seelenleben erhält, während eine andere Auffassung 
meint, es sei vielmehr die nicht zur Verwendung ge- 
langte eigene Aggression, die man gegen diese hem- 
mende Autorität aufbringt. Die erste Lehre schien sich 
der Geschichte, die zweite der Theorie des Schuldge- 
fühls besser anzupassen. Eingehendere Überlegung hat 
den anscheinend unversöhnlichen Gegensatz beinahe 
allzuviel verwischt; es blieb als wesentlich und ge- 
meinsam übrig, daß es sich um eine nach innen ver- 
schobene Aggression handelt. Die klinische Beobachtung 
gestattet wiederum, wirklich zwei Quellen für die dem 
Über-Ich zugeschriebene Aggression zu unterscheiden, 
von denen im einzelnen Fall die eine oder die andere 
die stärkere Wirkung ausübt, die im allgemeinen aber 
zusammenwirken. 



124 Vorschlag, die Quelle des Schuldgefühls 

Hier ist, meine ich, der Ort, eine Auffassung ernst- 
haft zu vertreten, die ich vorhin zur vorläufigen An- 
nahme empfohlen hatte. In der neuesten analytischen 
Literatur zeigt sich eine Vorliebe für die Lehre, daß 
jede Art von Versagung, jede verhinderte Triebbefrie- 
digung eine Steigerung des Schuldgefühls zur Folge 
habe oder haben könne. 1 Ich glaube, man schafft sich 
eine große theoretische Erleichterung, wenn man das 
nur von den aggressiven Trieben gelten läßt, und 
man wird nicht viel finden, was dieser Annahme 
widerspricht. Wie soll man es denn dynamisch und 
ökonomisch erklären, daß an Stelle eines nicht erfüll- 
ten erotischen Anspruchs eine Steigerung des Schuld- 
gefühls auftritt ? Das scheint doch nur auf dem Um- 
wege möglich, daß die Verhinderung der erotischen 
Befriedigung ein Stück Aggressionsneigung gegen die 
Person hervorruft, welche die Befriedigung stört, und 
daß diese Aggression selbst wieder unterdrückt werden 
muß. Dann aber ist es doch nur die Aggression, die 
sich in Schuldgefühl umwandelt, indem sie unterdrückt 
und dem Über-Ich zugeschoben wird. Ich bin über- 
zeugt, wir werden viele Vorgänge einfacher und durch- 
sichtiger darstellen können, wenn wir den Fund der 
Psychoanalyse zur Ableitung des Schuldgefühls auf die 

l) Insbesondere bei E. Jones, Susan Isaacs, Melanie 
Klein; wie ich verstehe, aber auch bei Reik und Alex- 
ander. 



ausschließlich im Verzicht auf Aggression zu sehen 1 25 

aggressiven Triebe einschränken. Die Befragung des 
klinischen Materials gibt hier keine eindeutige Antwort, 
weil unserer Voraussetzung gemäß die beiden Trieb- 
arten kaum jemals rein, von einander isoliert, auf- 
treten ; aber die Würdigung extremer Fälle wird wohl 
nach der Richtung weisen, die ich erwarte. Ich bin 
versucht, von dieser strengeren Auffassung einen 
ersten Nutzen zu ziehen, indem ich sie auf den Ver- 
drängungsvorgang anwende. Die Symptome der Neu- 
rosen sind, wie wir gelernt haben, wesentlich Ersatz- 
befriedigungen für unerfüllte sexuelle Wünsche. Im 
Laufe der analytischen Arbeit haben wir zu unserer 
Überraschung erfahren, daß vielleicht jede Neurose 
einen Betrag von unbewußtem Schuldgefühl verhüllt, 
der wiederum die Symptome durch ihre Verwendung 
zur Strafe befestigt. Nun liegt es nahe, den Satz zu 
formulieren: wenn eine Triebstrebung der Verdrängung 
unterliegt, so werden ihre libidinösen Anteile in 
Symptome, ihre aggressiven Komponenten in Schuld- 
gefühl umgesetzt. Auch wenn dieser Satz nur in durch- 
schnittlicher Annäherung richtig ist, verdient er unser 
Interesse. 

Manche Leser dieser Abhandlung mögen auch unter 
dem Eindruck stehen, daß sie die Formel vom Kampf 
zwischen Eros und Todestrieb zu oft gehört haben. 
Sie sollte den Kulturprozeß kennzeichnen, der über 
die Menschheit abläuft, wurde aber auch auf die Ent- 



126 Die Formel vom Kampf zwischen Eros und Todestrieb 



Wicklung des Einzelnen bezogen und sollte überdies 
das Geheimnis des organischen Lebens überhaupt ent- 
hüllt haben. Es scheint unabweisbar, die Beziehungen 
dieser drei Vorgänge zu einander zu untersuchen. Nun 
ist die Wiederkehr derselben Formel durch die Er- 
wägung gerechtfertigt, daß der Kulturprozeß der 
Menschheit wie der Entwicklung des Einzelnen auch 
Lebensvorgänge sind, also am allgemeinsten Charakter 
des Lebens Anteil haben müssen. Anderseits trägt 
gerade darum der Nachweis dieses allgemeinen Zuges 
nichts zur Unterscheidung bei, solange dieser nicht 
durch besondere Bedingungen eingeengt wird. Wir 
können uns also erst bei der Aussage beruhigen, der 
Kulturprozeß sei jene Modifikation des Lebensprozes- 
ses, die er unter dem Einfluß einer vom Eros gestell- 
ten, von der Ananke, der realen Not angeregten Auf- 
gabe erfährt, und diese Aufgabe ist die Vereinigung 
vereinzelter Menschen zu einer unter sich libidinös 
verbundenen Gemeinschaft. Fassen wir aber die Be- 
ziehung zwischen dem Kulturprozeß der Menschheit 
und dem Entwicklungs- oder Erziehungsprozeß des 
einzelnen Menschen ins Auge, so werden wir uns 
ohne viel Schwanken dafür entscheiden, daß die bei- 
den sehr ähnlicher Natur sind, wenn nicht überhaupt 
derselbe Vorgang an andersartigen Objekten. Der Kul- 
turprozeß der Menschenart ist natürlich eine Abstrak- 
tion von höherer Ordnung als die Entwicklung des 



Vergleich des Kulturprozesses mit der Einzelentwicklung 127 

Einzelnen, darum schwerer anschaulich zu erfassen, und 
die Aufspürung von Analogien soll nicht zwanghaft 
übertrieben werden ; aber bei der Gleichartigkeit der 
Ziele — hier die Einreihung eines Einzelnen in eine 
menschliche Masse, dort die Herstellung einer Massen- 
einheit aus vielen Einzelnen — kann die Ähnlichkeit 
der dazu verwendeten Mittel und der zustande kom- 
menden Phänomene nicht überraschen. Ein die beiden 
Vorgänge unterscheidender Zug darf wegen seiner 
außerordentlichen Bedeutsamkeit nicht lange unerwähnt 
bleiben. Im Entwicklungsprozeß des Einzelmenschen 
wird das Programm des Lustprinzips, Glücksbefriedi- 
gung zu finden, als Hauptziel festgehalten, die Ein- 
reihung in oder Anpassung an eine menschliche Ge- 
meinschaft erscheint als eine kaum zu vermeidende 
Bedingung, die auf dem Wege zur Erreichung dieses 
Glücksziels erfüllt werden soll. Ginge es ohne diese 
Bedingung, so wäre es vielleicht besser. Anders aus- 
gedrückt : die individuelle Entwicklung erscheint uns 
als ein Produkt der Interferenz zweier Strebungen, 
des Strebens nach Glück, das wir gewöhnlich „ego- 
istisch", und des Strebens nach Vereinigung mit den 
anderen in der Gemeinschaft, das wir „altruistisch" 
heißen. Beide Bezeichnungen gehen nicht viel über 
die Oberfläche hinaus. In der individuellen Entwick- 
lung fällt, wie gesagt, der Hauptakzent meist auf die 
egoistische oder Glücksstrebung, die andere, „kulturell" 



zu nennende, begnügt sich in der Regel mit der Rolle 
einer Einschränkung. Anders beim Kulturprozeß; hier 
ist das Ziel der Herstellung einer Einheit aus den 
menschlichen Individuen bei weitem die Hauptsache, 
das Ziel der Beglückung besteht zwar noch, aber es 
wird in den Hintergrund gedrängt ; fast scheint es, die 
Schöpfung einer großen menschlichen Gemeinschaft 
würde am besten gelingen, wenn man sich um das 
Glück des Einzelnen nicht zu kümmern brauchte. Der 
Entwicklungsprozeß des Einzelnen darf also seine be- , 
sonderen Züge haben, die sich im Kulturprozeß der 
Menschheit nicht wiederfinden; nur insofern dieser 
erstere Vorgang den Anschluß an die Gemeinschaft 
zum Ziel hat, muß er mit dem letzteren zusammen- 
fallen. 

Wie der Planet noch um seinen Zentralkörper kreist, 
außer daß er um die eigene Achse rotiert, so nimmt 
auch der einzelne Mensch am Entwicklungsgang der 
Menschheit teil, während er seinen eigenen Lebens- 
weg geht. Aber unserem blöden Auge scheint das 
Kräftespiel am Himmel zu ewig gleicher Ordnung er- 
starrt; im organischen Geschehen sehen wir noch, wie 
die Kräfte miteinander ringen und die Ergebnisse des 
Konflikts sich beständig verändern. So haben auch die 
beiden Strebungen, die nach individuellem Glück und 
die nach menschlichem Anschluß, bei jedem Individuum 
mit einander zu kämpfen, so müssen die beiden Pro- 



Das Über-Ich der Gemeinschaft 129 



zesse der individuellen und der Kulturentwicklung ein- 
ander feindlich begegnen und sich gegenseitig den 
Boden bestreiten. Aber dieser Kampf zwischen Indi- 
viduum und Gesellschaft ist nicht ein Abkömmling 
des wahrscheinlich unversöhnlichen Gegensatzes der 
Urtriebe, Eros und Tod, er bedeutet einen Zwist im 
Haushalt der Libido, vergleichbar dem Streit um die 
Aufteilung der Libido zwischen dem Ich und den Ob- 
jekten, und er läßt einen endlichen Ausgleich zu beim 
Individuum, wie hoffentlich auch in der Zukunft der 
Kultur, mag er gegenwärtig das Leben des Einzelnen 
noch so sehr beschweren. 

Die Analogie zwischen dem Kulturprozeß und dem 
Entwicklungsweg des Individuums läßt sich um ein 
bedeutsames Stück erweitern. Man darf nämlich be- 
haupten, daß auch die Gemeinschaft ein Über-Ich aus- 
bildet, unter dessen Einfluß sich die Kulturentwick- 
lung vollzieht. Es mag eine verlockende Aufgabe für 
einen Kenner menschlicher Kulturen sein, diese Gleich- 
stellung ins Einzelne zu verfolgen. Ich will mich auf 
die Hervorhebung einiger auffälliger Punkte beschränken. 
Das Über-Ich einer Kulturepoche hat einen ähnlichen 
Ursprung wie das des Einzelmenschen, es ruht auf 
dem Eindruck, den große Führerpersönlichkeiten hinter- 
lassen haben, Menschen von überwältigender Geistes- 
kraft oder solche, in denen eine der menschlichen 
Strebungen die stärkste und reinste, darum oft auch 



130 Das Über-Ich der Gemeinschaft 



einseitigste, Ausbildung gefunden hat. Die Analogie 
geht in vielen Fällen noch weiter, indem diese Per- 
sonen — häufig genug, wenn auch nicht immer — zu 
ihrer Lebenszeit von den anderen verspottet, mißhan- 
delt oder selbst auf grausame Art beseitigt wurden, 
wie ja auch der Urvater erst lange nach seiner gewalt- 
samen Tötung zur Göttlichkeit aufstieg. Für diese 
Schicksalsverknüpfung ist gerade die Person Jesu Christi 
das ergreifendste Beispiel, wenn sie nicht etwa dem 
Mythus angehört, der sie in dunkler Erinnerung an 
jenen Urvorgang ins Leben rief. Ein anderer Punkt 
der Übereinstimmung ist, daß das Kultur-Uber-Ich ganz 
wie das des Einzelnen strenge Idealforderungen auf- 
stellt, deren Nichtbefolgung durch „Gewissensangst" 
gestraft wird. Ja, hier stellt sich der merkwürdige Fall 
her, daß die hierher gehörigen seelischen Vorgänge 
uns von der Seite der Masse vertrauter, dem Bewußt- 
sein zugänglicher sind, als sie es beim Einzelmenschen 
werden können. Bei diesem machen sich nur die 
Aggressionen des Über-Ichs im Falle der Spannung als 
Vorwürfe überlaut vernehmbar, während die Forde- 
rungen selbst im Hintergrunde oft unbewußt bleiben. 
Bringt man sie zur bewußten Erkenntnis, so zeigt sich, 
daß sie mit den Vorschriften des jeweiligen Kultur- 
Ober-Ichs zusammenfallen. An dieser Stelle sind sozu- 
sagen beide Vorgänge, der kulturelle Entwicklungs- 
prozeß der Menge und der eigene des Individuums 



Die ethischen Forderungen 13 • 

regelmäßig mit einander verklebt. Manche Äußerungen 
und Eigenschaften des Über-Ichs können darum leichter 
an seinem Verhalten in der Kulturgemeinschaft als 
beim Einzelnen erkannt werden. 

Das Kultur-Uber-Ich hat seine Ideale ausgebildet und 
erhebt seine Forderungen. Unter den letzteren wer- 
den die, welche die Beziehungen der Menschen zu 
einander betreffen, als Ethik zusammengefaßt. Zu allen 
Zeiten wurde auf diese Ethik der größte Wert gelegt, 
als ob man gerade von ihr besonders wichtige Leistun- 
gen erwartete. Und wirklich wendet sich die Ethik 
jenem Punkt zu, der als die wundeste Stelle jeder 
Kultur leicht kenntlich ist. Die Ethik ist also als ein 
therapeutischer Versuch aufzufassen, als Bemühung, 
durch ein Gebot des Über-Ichs zu erreichen, was bis- 
her durch sonstige Kulturarbeit nicht zu erreichen war. 
Wir wissen bereits, es fragt sich hier darum, wie das 
größte Hindernis der Kultur, die konstitutionelle Nei- 
gung der Menschen zur Aggression gegen einander, 
wegzuräumen ist, und gerade darum wird uns das 
wahrscheinlich jüngste der kulturellen Über-Ich-Gebote 
besonders interessant, das Gebot : Liebe deinen Näch- 
sten wie dich selbst. In der Neurosenforschung und 
Neurosentherapie kommen wir dazu, zwei Vorwürfe 
gegen das Über-Ich des Einzelnen zu erheben : Es küm- 
mert sich in der Strenge seiner Gebote und Verbote 
zu wenig um das Glück des Ichs, indem es die Wider- 

9* 



'32 Einwendungen gegen die 

stände gegen die Befolgung, die Triebstärke des Es 
und die Schwierigkeiten der realen Umwelt nicht ge- 
nügend in Rechnung bringt. Wir sind daher in thera- 
peutischer Absicht sehr oft genötigt, das Über-Ich zu 
bekämpfen und bemühen uns, seine Ansprüche zu er- 
niedrigen. Ganz ähnliche Einwendungen können wir 
gegen die ethischen Forderungen des Kultur-Über-Iclis 
erheben. Auch dies kümmert sich nicht genug um die 
Tatsachen der seelischen Konstitution des Menschen, 
es erläßt ein Gebot und fragt nicht, ob es dem Men- 
schen möglich ist, es zu befolgen. Vielmehr es nimmt 
an, daß dem Ich des Menschen alles psychologisch 
möglich ist, was man ihm aufträgt, daß dem Ich die 
unumschränkte Herrschaft über sein Es zusteht. Das ist 
ein Irrtum und auch bei den sogenannt normalen Men- 
schen läßt sich die Beherrschung des Es nicht über be- 
stimmte Grenzen steigern. Fordert man mehr, so er- 
zeugt man beim Einzelnen Auflehnung oder Neurose 
oder macht ihn unglücklich. Das Gebot „Liebe deinen 
Nächsten wie dich selbst" ist die stärkste Abwehr der 
menschlichen Aggression und ein ausgezeichnetes Bei- 
spiel für das unpsychologische Vorgehen des Kultur- 
Über-Ichs. Das Gebot ist undurchführbar ; eine so groß- 
artige Inflation der Liebe kann nur deren Wert herab- 
setzen, nicht die Not beseitigen. Die Kultur vernach- 
lässigt all das ; sie mahnt nur, je schwerer die Befol- 
gung der Vorschrift ist, desto verdienstvoller ist sie. 



Forderungen des Kultur-Üi>er-Ichs 133 

Allein wer in der gegenwärtigen Kultur eine solche 
Vorschrift einhält, setzt sich nur in Nachteil gegen den, 
der sich über sie hinaussetzt. Wie gewaltig muß das 
Kulturhindernis der Aggression sein, wenn die Ab- 
wehr derselben ebenso unglücklich machen kann wie 
die Aggression selbst ! Die sogenannte natürliche Ethik 
hat hier nichts zu bieten außer der narzißtischen Be- 
friedigung, sich für besser halten zu dürfen, als die 
anderen sind. Die Ethik, die sich an die Religion an- 
lehnt, läßt hier ihre Versprechungen eines besseren 
Jenseits eingreifen. Ich meine, solange sich die Tugend 
nicht schon auf Erden lohnt, wird die Ethik vergeblich 
predigen. Es scheint auch mir unzweifelhaft, daß eine 
reale Veränderung in den Beziehungen der Menschen 
zum Besitz hier mehr Abhilfe bringen wird als jedes 
ethische Gebot ; doch wird diese Einsicht bei den Sozia- 
listen durch ein neuerliches idealistisches Verkennen 
der menschlichen Natur getrübt und für die Ausführung 
entwertet. 

Die Betrachtungsweise, die in den Erscheinungen der 
Kulturentwicklung die Rolle eines Ober-Ichs verfolgen 
will, scheint mir noch andere Aufschlüsse zu versprechen. 
Ich eile zum Abschluß. Einer Frage kann ich allerdings 
schwer ausweichen. Wenn die Kulturentwicklung so 
weitgehende Ähnlichkeit mit der des Einzelnen hat und 
mit denselben Mitteln arbeitet, soll man nicht zur 
Diagnose berechtigt sein, daß manche Kulturen — oder 



134 Mensdiheitsneurosen 



Kulturepochen, — möglicherweise die ganze Menschheit, 
— unter dem Einfluß der Kulturstrebungen „neurotisch" 
geworden sind ? An die analytische Zergliederung dieser 
Neurosen könnten therapeutische Vorschläge anschließen, 
die auf großes praktisches Interesse Anspruch hätten. 
Ich könnte nicht sagen, daß ein solcher Versuch zur 
Übertragung der Psychoanalyse auf die Kulturgemein- 
schaft unsinnig oder zur Unfruchtbarkeit verurteilt wäre. 
Aber man müßte sehr vorsichtig sein, nicht vergessen, 
daß es sich doch nur um Analogien handelt, und daß 
es nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Begriffen 
gefährlich ist, sie aus der Sphäre zu reißen, in der sie 
entstanden und entwickelt worden sind. Auch stößt die 
Diagnose der Gemeinschaftsneurosen auf eine besondere 
Schwierigkeit. Bei der Einzelneurose dient uns als 
nächster Anhalt der Kontrast, in dem sich der Kranke 
von seiner als „normal" angenommenen Umgebung 
abhebt. Ein solcher Hintergrund entfällt bei einer gleich- 
artig affizierten Masse, er müßte anderswoher geholt 
werden. Und was die therapeutische Verwendung der 
Einsicht betrifft, was hülfe die zutreffendste Analyse 
der sozialen Neurose, da niemand die Autorität besitzt, 
der Masse die Therapie aufzudrängen ? Trotz aller 
dieser Erschwerungen darf man erwarten, daß jemand 
eines Tages das Wagnis einer solchen Pathologie der 
kulturellen Gemeinschaften unternehmen wird. 

Eine Wertung der menschlichen Kultur zu geben, 



Wertung der Kultur 135 



liegt mir aus den verschiedensten Motiven sehr ferne. 
Ich habe mich bemüht, das enthusiastische Vorurteil 
von mir abzuhalten, unsere Kultur sei das Kostbarste, 
was wir besitzen oder erwerben können, und ihr Weg 
müsse uns notwendigerweise zu Höhen ungeahnter 
Vollkommenheit führen. Ich kann wenigstens ohne 
Entrüstung den Kritiker anhören, der meint, wenn man 
die Ziele der Kulturstrebung und die Mittel, deren sie 
sich bedient, ins Auge faßt, müsse man zu dem Schlüsse 
kommen, die ganze Anstrengung sei nicht der Mühe 
wert, und das Ergebnis könne nur ein Zustand sein, 
den der Einzelne unerträglich finden muß. Meine Un- 
parteilichkeit wird mir dadurch leicht, daß ich über all 
diese Dinge sehr wenig weiß, mit Sicherheit nur das 
eine, daß die Werturteile der Menschen unbedingt von 
ihren Glückwünschen geleitet werden, also ein Versuch 
sind, ihre Illusionen mit Argumenten zu stützen. Ich 
verstünde es sehr wohl, wenn jemand den zwangs- 
läufigen Charakter der menschlichen Kultur hervorheben 
und z. B. sagen würde, die Neigung zur Einschränkung 
des Sexuallebens oder zur Durchsetzung des Humani- 
tätsideals auf Kosten der natürlichen Auslese seien Ent- 
wicklungseinrichtungen, die sich nicht abwenden und 
nicht ablenken lassen, und denen man sich am besten 
beugt, wie wenn es Naturnotwendigkeiten wären. Ich 
kenne auch die Einwendung dagegen, daß solche Stre- 
bungen, die man für unüberwindbar hielt, oft im Laufe 



136 



Die Schicksalsfrage der Menschheit 



der Menschheitsgeschichte bei Seite geworfen und durcl 
andere ersetzt worden sind. So sinkt mir der Mut, vo 
meinen Mitmenschen als Prophet aufzustehen, und icl 
beuge mich ihrem Vorwurf, daß ich ihnen keinen Tros 
zu bringen weiß, denn das verlangen sie im Grund« 
alle, die wildesten Revolutionäre nicht weniger leiden- 
schaftlich als die bravsten Frommgläubigen. 

Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zi 
sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwick- 
lung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens 
durch den menschlichen Aggressions- und Selbstver- 
nichtungstrieb Herr zu werden. In diesem Bezug ver- 
dient vielleicht gerade die gegenwärtige Zeit ein be- 
sonderes Interesse. Die Menschen haben es jetzt in dei 
Beherrschung der Naturkräfte soweit gebracht, daß sie 
es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den 
letzten Mann auszurotten. Sie wissen das, daher ein 
gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks, 
ihrer Angststimmung. Und nun ist zu erwarten, daß 
die andere der beiden „himmlischen Mächte", der ewige 
Eros, eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf 
mit seinem ebenso unsterblichen Gegner zu behaupten. 






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