(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Das Unbewusste"

Israel L 



evine 



JDas Unbewusste 



Internationale PsycLoanalyiis <3ie BiUlotkek XX 





INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



INTERNATIONALE PSYCHOANALYTISCHE BIBLIOTHEK 

Nr. XX 



Das Unbewußte 



von 



Israel Levine 

M. A., D. Litt. 

Autorisierte Übersetzung aus dem Englischen 
von 

Anna Freud 



1926 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Leipzig / Wien / Zürich 









Alle Rechte vorbehalten 



i 



' : 



■ 
Druck der Offizin Waldheim-Eberle A. G., Wien VII 



ERSTER TEIL 



Das Unbewußte vor Freud 







§1 

Einleitung 

Der Begriff unbewußter seelischer Vorgänge (das heißt see- 
lischer Prozesse, von denen das Individuum keine bewußte 
Kenntnis hat, die aber trotzdem sein bewußtes Denken und 
Handeln bestimmen) ist mehr als einmal in der Geschichte 
der Philosophie aufgetaucht. Er ist, um nur einige heraus- 
zugreifen, besonders mit den Namen Leibniz, Schopen- 
hauer, Hartmann und Nietzsche verknüpft. Man kann 
fast von einer Tradition des Unbewußten sprechen, die viele 
hervorragende Philosophen zu ihren Anhängern zählt. 

Der Begriff des Unbewußten aber, der heute im Vorder- 
grund des Interesses steht, ist natürlich jüngeren Datums. Er 
ist nicht älter als die „Traumdeutung" Freuds (1900) und 
die als Psychoanalyse bekannte Wissenschaft. Trotzdem ist 
die Betrachtung verschiedener Auffassungen des Unbewußten 
vor Freud von mehr als historischem Interesse. Sie lehrt 
uns, neben manchen bedeutsamen Tatsachen, eine richtige 
Abschätzung dessen,, was Freud zu diesem Thema beigetragen 
hat, und zeigt, inwieweit seine Auffassung in vollem Gegen- 
satz zu der seiner Vorgänger steht. 

Ich beabsichtige deshalb, der Darstellung der Freudschen 
Lehre vom Unbewußten eine solche historische Übersicht 
vorauszuschicken. 




Das Unbewußte vor Freud 



§2 

Leihniz 

(1646-1716) 

Die umfassende Gelehrsamkeit, für die Leibniz so be- 
rühmt ist, läßt es natürlich erscheinen, daß er sich sogar 
auch zum Thema des Unbewußten geäußert hat. Er führt 
diesen Begriff ein, um ein Grundprinzip seiner Philosophie, 
das Gesetz der Kontinuität, zu veranschaulichen. 

Leibniz behauptet die Kontinuität aller Existenz. Es gibt 
unendlich viele Grade dieser einen Art von Existenz. Das 
absolute Einzelwesen ist durch die „Monade" seiner meta- 
physischen Konstruktion gegeben. Jede Monade ist ein lebender 
Spiegel, welche das Universum je nach ihrem Standpunkt 
darstellt und so geregelt ist wie das Universum selbst. Es 
gibt auch unendlich viele Abstufungen in den Monaden, 
indem die einen mehr oder weniger über die andern 
herrschen. 

Das Wesen der Monade können wir uns nur auf dem 
Wege der Analogie mit jener substantiellen Form vorstellen, 
von der wir direkte und sichere Kenntnis haben, nämlich 
mit unserer eigenen Seele. Sie besteht also aus einem Drang, 
einer Tendenz oder einem Begehren (appetition), einem 
bestimmten Gesetz gemäß aus einem Zustand in einen 
andern überzugehen. Wir neigen dazu, die Mannigfaltigkeit 
der Zustände, die durch das Begehren bewirkt werden, als 
eine Mannigfaltigkeit in der Natur der Monade anzusehen. 
Betrachtung und Analyse lehren aber, daß die scheinbaren 
Verschiedenheiten der Natur nur aufeinanderfolgende Stufen 
eines kontinuierlich weiterentwickelten Begehrens sind. 



Leibniz 7 

Dieser Unterschied der Stufe oder des Grades ist aber 
einfach ein Unterschied in der Klarheit oder Dunkelheit. Wenn 
wir einen Zustand dem andern gegenüber als höher entwickelt be- 
zeichnen, so meinen wir damit letzten Endes nur, daß dieser klarer 
und deutlicher ist als jener. Es gibt eine kontinuierliche 
Stufenreihe von Zuständen, die alle ihrer Natur nach einerlei 
sind und sich nur durch die Grade der Klarheit und 
Dunkelheit voneinander unterscheiden. Das ist es, was Leibniz 
mit seinem Kontinuitätsgesetz zu meinen scheint. 

Leibniz' bekannteste Anwendung dieses Prinzips ist zweifel- 
los seine Erfindung der Unendlichkeitsrechnung, bei der er 
sich mit den kontinuierlichen, verschwindend kleinen Verän- 
derungen der Größen beschäftigt. Er verfolgt die Bedeutung 
der verschwindend kleinen Größen auch auf das Gebiet des 
Seelischen, wo sie sich in zwei verschiedenen Arten äußert: 

a) Das Denken selber muß kontinuierlich aus Vorgängen 
entwickelt werden, die von ihm nur durch den geringeren 
Grad an Klarheit und Deutlichkeit unterschieden sind. Das 
Bewußtsein entsteht, anders ausgedrückt, nicht auf einen 
Schlag. Die Natur macht niemals Sprünge. Infolge des Ge- 
setzes der Kontinuität müssen wir annehmen, das Bewußtsein 
sei ein klarerer, höherer Grad dessen, was auf dunkleren oder 
niedrigeren Stufen unbelebt oder anorganisch genannt wird. 

b) Aber auch die bewußten Vorgänge selber veranschaulichen 
das Kontinuitätsgesetz. Es gibt ja, nach Leibniz, seelische Zu- 
stände in allen möglichen Übergängen aus Dunkelheit in Klarheit. 

Man kann im besonderen drei Hauptgrade solcher Zustände 
unterscheiden : 

1) Die Vorstellung schlechtweg (Perzeption), die eine „Mehr- 
heit in der Einheit oder Einfachheit umschließt", der innere 
Zustand in der Monade ist und die äußeren Dinge vorstellt. 




Das Unbewußte vor Freud 



2) Deutlichere Vorstellungen, die „von Erinnerungsver- 
mögen begleitet" sind. Die Bezeichnung „Seele" sollte für 
solche Monaden vorbehalten werden. 

ß) Die Apperzeption oder die Erfassung, „welche das Bewußt- 
sein oder das auf diesen inneren Zustand sich richtende 
Wissen ist". (Leibniz, Monadologie, § 14, 18, Prinzipien der 
Natur und Gnade, § 4.) 

■ Nähere Hinweise auf die Natur unbewußter Vorstellungen 
gibt Leibniz in der Vorrede zu den „Neuen Abhandlungen 
über den menschlichen Verstand". Er schreibt dort: „Übrigens 
gibt es gar viele Anzeichen, aus denen wir schließen müssen, 
daß es in jedem Augenblick in unserm Innern eine unend- 
liche Menge von Wahrnehmungen, jedoch ohne Bewußtsein und 
Reflexion, das heißt Veränderungen in der Seele selbst gibt, 
deren wir uns nicht bewußt werden, weil diese Eindrücke 
entweder zu unbedeutend und zu zahlreich oder zu einför- 
mig sind, so daß sie nichts besonders Unterscheidendes an 
sich haben, jedoch, mit andern verbunden, darum ihre Wir- 
kung dennoch nicht verfehlen und in ihrer Gesamtheit 
wenigstens auf verworrene Weise empfunden werden." (S. 14.) 

Leibniz veranschaulicht im folgenden seine Meinung an 
dem Beispiel von Menschen, die neben einer Mühle oder 
einem Wasserfall leben. Nach einiger Zeit zieht jene Bewe- 
gung nicht mehr ihre bewußte Aufmerksamkeit auf sich. Sie 
wird aber die ganze Zeit hindurch wahrgenommen, nur werden 
die Wahrnehmungen nicht gleich bewußt. Um — in einem 
andern Beispiel — das Getöse oder Geräusch des Meeres vom 
Ufer her zu vernehmen, muß man die dieses Ganze bildenden 
Teile, das heißt das Geräusch einer jeden Welle hören, obgleich 
man jedes dieser geringen Geräusche nicht bemerken würde, 
wenn die es verursachende Wehe die einzige wäre. Alles 



was wir hören, ist eine verworrene Gemeinschaft von Ge- 
räuschen. „Denn man muß von der Bewegung dieser Welle ein 
wenig affiziert worden sein und von jedem dieser Geräusche, 
mögen sie auch noch so gering sein, einige Wahrnehmung 
haben, sonst würde man nicht die von hunderttausend Wellen 
haben, da hunderttausend Nichtse auch nichts wirken können." 

(1. c. S. 15.) 

Folglich sind, wie Leibniz fortfährt, „solche geringe Wahr- 
nehmungen also von mehr Wirksamkeit als man denken 
mag". Sie stellen die Identität des Individuums her. Sie 
bestimmen uns bei vielen Gelegenheiten, ohne daß wir es 
wissen. „Man kann sogar sagen, daß infolge dieser geringen 
Wahrnehmungen die Gegenwart der Zukunft voll und mit 
der Vergangenheit erfüllt . . . ist." „Die unmerklichen Wahr- 
nehmungen haben mit einem Worte in der Pneumatik 
(Lehre vom Geiste) ebenso großen Nutzen als die kleinsten Kör- 
per in der Physik." (1. c. S. 17.) 

Es ist also die Anschauung Leibniz', daß es unbewußte 
Wahrnehmungen gibt, die das bewußte Denken und Handeln 
beeinflussen. Es gibt Wahrnehmungen in allen Abstufungen 
der Klarheit und die bemerkbaren Wahrnehmungen entstehen 
stufenweise aus jenen, welche zu schwach sind, tun bemerkt 
zu werden. 

§3 
Zur Theorie von Leibniz 

Die psychologische Forschungsrichtung, welche sich an die 
eben geschilderte Theorie von Leibniz anschließt, kehrt in 
den Begriffen einer „Schwelle" der Aufmerksamkeit und eines 
„unterschwelligen" Bewußtseins wieder, die aus den Aus- 
führungen von Herbart, Fechner, James und M y e r s 



I 



1° Das Unbewußte vor Freud 



bekannt sind. Tatsächlich sind diese Begriffe weit eher als 
der Begriff eines Unbewußten im Freud sehen Sinne geeignet, 
die von L e i b n i z angeführten Tatsachen zu decken. Freud 
aber behauptet, „daß die seelischen Vorgänge an und für 
sich unbewußt sind und die bewußten bloß einzelne Akte 
und Anteile des ganzen Seelenlebens". (Vorlesungen S. 9.) Es 
ist klar, daß diese Aufstellung, welche Freud übrigens als 
die bedeutsamste Quelle des intellektuellen Widerstands be- 
trachtet, auf den seine Resultate gestoßen sind, einer ganz 
anderen Kategorie angehört als die Theorie der unbewußten 
Wahrnehmungen, welche Leibniz vorbringt. 

Die petites pereeptions von Leibniz sind tatsächlich von 
späteren Autoren im großen und ganzen fallen gelassen worden. 
James, um nur einen zu nennen, beschreibt sie als ein aus- 
gezeichnetes Beispiel eines sogenannten Trugschlusses. Daraus, 
daß tausend Geräusche miteinander eine Wahrnehmung hervor- 
rufen, folgt, wie er sagt, noch nicht, daß auch ein einziges 
Geräusch sie hervorrufen muß. Das einzige Geräusch affiziert 
nur die Nerven. „Wir haben nicht den leisesten Grund an- 
zunehmen, daß dies (die Affektion des Nerven nämlich) eine 
ihrer selbst unbewußte Wahrnehmung ist." (Principles of 
Psychology, Vol. I. p. 164.) 

Es scheint mir darum ausreichend, wenn ich — wie es 
bereits geschehen ist — ■ hier nur den Sinn angebe, in dem 
die Bezeichnung „unbewußt" von Leibniz gebraucht wird. 

§4 

Schopenhauer 

(1788-1860) 

Der Begriff des „Unbewußten" bei Schopenhauer ist 
ein ganz anderer als der bei L e i b n i z. Er ist viel weitreichender, 






Schopenhauer a 



viel metaphysischer. Die einzigen Ähnlichkeiten sind die Heran- 
ziehung der Analogie mit unserem eigenen Seelenleben und 
die Bedeutung des Prinzips der Kontinuität. 

Die Bedeutung des „Unbewußten" bei Schopenhauer wird 
am besten durch den Hinweis auf seinen Begriff des Willens 
erläutert. Er betrachtet den Willen als das Innerste des Menschen, 
wie auch als das Innerste der Welt. 

i) Im Individuum erscheint er als der Wille zum Leben, 
ein innerer Drang, ein Streben oder Trachten, eine absolut 
„grundlose Kraft". Auf diese Quelle ist letzten Endes die 
Mannigfaltigkeit des Seelenlebens zurückzuführen. Es ist der 
beständige, blinde Wille zum Leben, der nach immer adä- 
quaterer Ausdrucksform strebt, der die verschiedenen Gefühle 
und Gemütsbewegungen, Lust und Unlust, Liebe und Haß, Hoff- 
nung und Furcht entstehen läßt. Der Mensch ist vor allem Wille, 
selbst sein Körper ist nur eine Objektivierung des Willens. 
„Das Gehirn ist, objektiv angeschaut, der Wille zu erkennen, 
der Fuß der Wille zu gehen, der Magen der Wille zu verdauen." 

2) In der Welt im allgemeinen ist wieder der Wille das 
Innerlichste, die Inspiration alles Lebens, ob es pflanzlich, 
tierisch oder menschlich ist. Selbst in den . sogenannten me- 
chanischen Vorgängen, bei denen die Naturkraft, wie wir 
sagen, die Hauptrolle spielt, ist ein Grad von Wille vorhanden, 
denn der kosmische Wille, der Weltwille, ist überall wirksam, 
auf physikalischem ebenso wie auf organischem Gebiet. Er 
ist das fundamentale Prinzip des Universums und seine Äuße- 
rungen lassen sich in eine Reihe von Stufen unterscheiden, 
von den niedrigsten mechanischen Kräftewirkungen bis zu 
den höchsten psychischen Strebungen. 

Was hat das alles, wird man fragen, mit dem Unbewußten 
zu tun ? Schopenhauer unterscheidet zwischen dem empirischen 



12 Das Unbewußte vor Freud 

individuellen Willen, welcher das wirkliche Wesen eines 
Selbst ausmacht und dem Bewußtsein. Das Unbewußte wird 
von ihm an den reinen Willen geknüpft. . Es gibt im 
besonderen drei Punkte in der Lehre Schopenhauers, welche 
mit dem von der Psychoanalyse aufgestellten Begriff des Un- 
bewußten in direkte Beziehung zu setzen sind. 

a) Schopenhauer unterscheidet zwischen dem unbewußten 
Willen und bewußten, vernunftgemäßen Vorgängen. Der 
erstere ist es, der das Wesen des Lebens ausmacht. Schopen- 
hauer ist der Ansicht, daß dieses Wesen des Lebens, das 
ruhelose Drängen des unbewußten Willens, ein irrationelles 
Prinzip, ein blinder Impuls ist. Er betont die verhältnis- 
mäßige Ohnmacht der Vernunft. Die Rätsel der Welt, meint 
er, können nicht „auf dem Wege der bloßen Erkenntnis 
und Vorstellung" ergründet werden, sondern nur „aus der 
dunkeln Tiefe unseres Inneren", der unbewußten Quelle 
unserer Vorstellungen und unseres Seelenlebens. (Wer sich 
für den Nachweis einer Annäherung der Auffassungen 
Schopenhauers und Bergsons interessiert, möge diese 
Ansicht mit Bergsons grundlegender Unterscheidung 
zwischen Trieb und Intellekt vergleichen.) 

Das Unbewußte ist also sozusagen ursprünglicher als das 
Bewußtsein. Das Bewußtsein ist, wie wir jetzt sagen würden, 
ein spätes Ergebnis der Entwicklung. Es ist ein Mittel, um den 
Organismus von dem tatsächlichen Vorhandensein von Reizen 
unabhängig zu machen, wodurch der Umfang der ihm mög- 
lichen Ausdrucksformen unendlich erweitert wird. Seine 
Quelle und Herkunft aber liegen im unbewußten Willen, 
welcher sich das Bewußtsein als ein Instrument erfunden hat. 

b) An einer anderen Stelle betont Schopenhauer den 
Einfluß des unbewußten Willens auf das bewußte Denken 






Schopenhauer 13 



und Handeln. Die Einzelheiten sind zu ausführlich, um 
sie hier zu zitieren 5 ich benütze daher eine Stelle aus 
Hoffding, welcher Schopenhauers Argumentation kurz 
zusammenfaßt. 

„Wenn wir uns das Leben als ein Gut vorstellen und des- 
wegen es zu erhalten und zu entwickeln streben, so ist dies 
einem uns unbewußten Einflüsse des Weltwillens auf unsere 
Vorstellungen zu verdanken. Er gaukelt uns Güter vor und 
erweckt fortwährend neue Erwartungen, um sich auf neuen 
Wegen an die Existenz klammern zu können . . . Wir 
werden von hinten angetrieben, während wir glauben, auf 
unsere frei gewählten Zwecke loszusteuern" (Hoff ding, 
Geschichte der neueren Philosophie, II. Band, S. 255). 

Diese Annahme, daß unbewußte Motive eine hervorragende 
Rolle bei der Bestimmung des bewußten Lebens spielen, 
steht der psychoanalytischen Lehre außerordentlich nahe. 
Auch die Tatsache, daß „wir glauben auf unsere frei 
gewählten Zwecke loszusteuern" (wie Hoff ding es aus- 
drückt), ist ein gutes Beispiel für den jetzt als „Rationalisierung" 
bekannten Mechanismus, den Ernest Jones, ein Anhänger 
Freuds, in einer seiner Abhandlungen so ausgezeichnet dar- 
gestellt hat. Mit andern Worten, das Bewußtsein scheint 
rationelle glaubhafte Vorwände zu erfinden, die in ihm 
selbst Überzeugung hervorrufen, um mit ihnen die Wirk- 
samkeit unbewußter Motive zu maskieren, die das Ich bei 
ihrem offenen Auftreten als anstößig von sich weisen 
würde. So stellt sich in unseren heutigen Ausdrücken die 
Tatsache dar, auf die Schopenhauer verweist. 

(Ich meine, es ist auch von Interesse, den Standpunkt 
Schopenhauers mit der Auffassung des Wunsches zu ver- 
gleichen, die ein so moderner Autor wie Bertrand Russell 



14 Das Unbewußte vor Freud 

vertritt. In seiner „Analysis of Mind" (Ch. 5) führt Russell 
aus, daß die von der Psychoanalyse aufgestellte Theorie des 
unbewußten Wunsches eine neue Definition des Wunsches 
zum Bedürfnis macht. Es ist nicht mehr möglich anzunehmen, 
daß es eine seelische Einheit, bewußter Wunsch genannt, 
gibt, die auf einen bestimmten Zweck hinzielt. Er schlägt 
deshalb vor anzunehmen, Wunsch sei der Charakter einer 
gewissen Reihe von Handlungen oder eines „behaviour 
cycle", für den aber der auslösende Reiz, wie er sagt, ein 
Antrieb von hinten, nicht eine Anziehung aus der 
Zukunft ist. 

Die Übereinstimmung des Ausdrucks ist hier wahrscheinlich 
nicht ohne tiefere Bedeutung.) 

c) Das Unbewußte in Schopenhauers System über- 
schreitet aber auch die Grenzen des Individuums. Es ist der 
Impuls, welcher der Existenz der Rasse zugrunde liegt. Es 
ist tatsächlich die letzte Quelle der Handlungen und Errungen- 
schaften der ganzen Menschheit; die Individuen, durch die 
er wirkt, sind ihm nur die Mittel zur Erreichung seiner eigenen 
universellen Ziele. Das beste Beispiel dafür ist die Natur der ge- 
schlechtlichen Paarung. Der Einzelne ist darin, wie Schopenhauer 
sagt, „nur das Mittel für das Streben des Willens nach 
andauerndem Fortleben in der Gattung. Sogar bei der indi- 
viduellen Wahl im geschlechtlichen Verhältnisse wird er ohne 
sein Wissen demjenigen Individuum zugeführt, das mit 
ihm der Welt die beste Nachkommenschaft geben kann" 
(1. c, von mir hervorgehoben). 

Diese Annahme, daß das Unbewußte in gewissem Sinne 
ein rassenmäßiges oder kollektives Unbewußtes ist, ist in 
neuerer Gestalt von Jung wieder aufgenommen worden. 
Die reiche Symbolik, von der die unbewußten Phantasien, 



Schopenhauer 15 



Mythen, Legenden und andere Produkte des unbewußten 
Denkens aller Zeiten durchsetzt sind, scheinen auf einen der 
Rasse gemeinsamen Grundstock hinzuweisen, wie immer 
dieser Begriff auch zu verstehen ist. Die andern Folgerungen, 
die sich aus dieser Ansicht für die geschlechtliche Paarung 
ergeben, finden sich eher in den Arbeiten von Galton 
und Weismann als bei den Autoren über das Unbewußte. 
Man kann aber hinzufügen, daß die Psychoanalyse eine 
Beziehung zwischen der Wahl des Partners und der unbe- 
wußten Mutterimago erfolgreich nachweisen konnte. 

In diesen drei Punkten also, a) der Unterscheidung zwischen 
dem unbewußten Willen und der Vernunft oder dem Bewußt- 
sein, b) dem Einfluß des Unbewußten auf die Bestimmung 
des bewußten Handelns und Denkens und c) der Annahme 
eines Unbewußten, welches die Grenzen des Individuums 
überschreitet, mahnen die Theorien Schopenhauers an 
einige Ergebnisse der Psychoanalyse. Freud berichtet auch, 
daß Otto Rank ihn auf die Stelle in Schopenhauers 
„Welt als Wille und Vorstellung" aufmerksam gemacht hat, 
in welcher dieser sich um eine Erklärung des Wahnsinns 
bemüht. Was dort gesagt wird, deckt sich vollkommen mit 
dem Verdrängungsbegriff, der einen so wichtigen Bestandteil 
der Freudschen Lehre bildet. 

Das Unbewußte bei Schopenhauer ist aber, wie aus 
dem bereits Gesagten hervorgeht, im ganzen ein durchaus 
spekulativer und außerordentlich unbestimmter Begriff. Dagegen 
hat dieser Begriff bei Freud den Rang einer wissenschaft- 
lichen Induktion und ist aus einer Fülle von Beobachtungen 
der Tatsachen des Seelenlebens hervorgegangen, die zum großen 
Teil ganz außerhalb des Bereichs der Forschungen Schopen- 
hauers gelegen sind. 






16 



Das Unbewußte vor Freud 



§5 
Zur persönlichen Charakteristik Schopenhauers 

Ich meine, für den in Schopenhauers System ent- 
haltenen Dualismus von Unbewußtem und Bewußtem ist es 
von Interesse, sich daran zu erinnern, daß der Schöpfer dieses 
Systems selber im Leben beständig von widerstreitenden 
Leidenschaften hin- und hergerissen worden zu sein scheint. 

Er war auf der einen Seite stark sinnlich veranlagt und 
seine überscharfe Kritik der Frauen hat manchen seiner 
Schriften ein auffälliges Gepräge verliehen. W. W a 1 1 a c e 
verweist in seiner Studie über Schopenhauer in dieser Be- 
ziehung auf die bekannte Abhandlung „Metaphysik der 
Geschlechtsliebe", in welcher der Eros als die „höchste 
Gottheit des natürlichen Menschen" verherrlicht wird. Ferner 
gibt es in einem Exemplar der Parerga Verweisungen auf 
einige Abhandlungen über Liebe und Ehe, die, wie Wallace 
sagt, zu deutlich zur Veröffentlichung waren. Sie wurden 
offenbar nach dem Tode Schopenhauers von seinem Testa- 
mentsvollstrecker und Biographen vernichtet. 

Anderseits gab es eine Seite seines Wesens, die nach dem 
Frieden und Reichtum eines beschaulichen Lebens im Sinne 
des Aristoteles strebte und in seiner Vorliebe für abstrakte 
Spekulation und besonders in den ethischen und ästhetischen 
Theorien des dritten und vierten Buches seines größten Werkes 
ihren Ausdruck fand. 

Was ich behaupten möchte, ist also, daß ein derartiger 
Konflikt, von den miteinander ringenden Elementen seiner 
eigenen Natur in die Welt hinausprojiziert, von maßgebender 
Bedeutung für das Verständnis jenes Dualismus von blindem 
Willen und Vernunft ist, das seinem System zugrunde liegt. 



Unter seinen persönlichen Eigenschaften ragen ein ungeheurer 
Egoismus und seine großartige Selbsteinschätzung hervor, wie 
sie sich, merkwürdig genug, auch bei manchen späteren Ver- 
tretern der Lehre vom Unbewußten finden. (Siehe zum Beispiel 
Nietzsche.) Die Tatsache, daß das sexuelle Thema sich bei ihm 
ungewöhnlich in den Vordergrund drängt, wäre, oberflächlich 
betrachtet, ein Berührungspunkt mit der Psychoanalyse. Es ist 
aber zweifelhaft, ob man dem eine besondere Bedeutung 
beilegen soll. 

§6 

Maine de Biran 

(1766-1824) 

Ich erwähne diesen Philosophen, weil sein nachgelassenes 
Werk, das „Journal Intime", eine Anzahl psychologischer 
Beobachtungen enthält, die seither weiter ausgearbeitet worden 
sind. Er gibt zum Beispiel eine Analyse des Bewußtseins, in 
der er es als das zentrale psychologische Faktum betrachtet, 
von dem aus das Seelenleben ins Unbewußte verschwimmt. 
Er betont auch den Gegensatz zwischen dem bewußten Wissen 
und dem inneren Ich oder dem Unbewußten. „Von unserm 
bewußten Wollen durchaus unabhängig," schreibt er, „regen 
sich eine Menge wechselnder Erscheinungen in unserem Innern, 
welche das Ich antrifft, wenn es sich seiner bewußt wird, 
und welche von einer andern inneren Ursache als dem Ich 
herrühren müssen." 

Diese verschwommenen Empfindungen werden von Biran 
als perceptions obscures bezeichnet. 

Sie sind ihrem Wesen nach den petites perceptions Leibniz' 
ähnlich. Maine de Biran vertritt die Ansicht, daß diese 

L e v i n e, Das Unbewußte. 2 . 






18 



Das Unbewußte vor Freud 



perceptions obscures außerhalb des Ichs oder des Bewußtseins 
und von dem Verhältnisse zur Außenwelt unabhängig be- 
stehen können. 

Levy-Bruhl weist darauf hin, daß „fast zur selben Zeit 
Schopenhauer in Deutschland dasselbe ausgesprochen hat." 
Tatsächlich besteht zwischen den beiden Philosophen eine enge 
Übereinstimmung hinsichtlich ihrer Lehre vom Unbewußten. 
„Beide stellen der bewußten Persönlichkeit des Ichs in gleicher 
Weise den dunkeln, unbewußten Hintergrund entgegen, von 
dem es umhüllt und beherrscht wird, der ihm sogar die Richtung 
gibt und ohne unser Wissen unsere Gedanken und Handlungen, 
unsere Intelligenz und unsern Charakter vorherbestimmt." 
(Levy-Bruhl, History of Modern Philosophy in France, 
PP- 525—526.) 



§7 
Eduard von Hartmann 

(1842-1907) 

Die „Philosophie des Unbewußten", wie Hartmanns 
Hauptwerk heißt, bringt den spekulativen Begriff eines Un- 
bewußten in den Vordergrund eines vollständigen Systems. 
Das Buch erregte besondere Aufmerksamkeit. Es wurde außer- 
ordentlich populär, erlebte Auflage nach Auflage und gab 
den Anstoß zu einer umfangreichen Literatur, die sich mit 
ihm beschäftigte. Der Autor, der damals nicht älter als 
27 Jahre war, stand offenbar stark unter dem Einfluß 
Schopenhauers. Der ganze Begriff des Unbewußten wird 
aber bei Hartmann viel gründlicher ausgearbeitet. In einem 
Vorwort zu einer der späteren Auflagen wehrt Hartmann 
sich übrigens ausdrücklich dagegen, als Schopenhauerianer 




Eduard von Hartmann 19 



behandelt zu werden. Hartmann versucht die Mitwirkung- 
unbewußter Vorgänge selbst in den einfachsten Phasen der Seelen- 
tätigkeit nachzuweisen. Einige seiner wichtigsten Argumente 
sind die folgenden : 

a) Bei dem Zustandekommen der sinnlichen Wahrnehmung, 
welche nach Hartmann die Grundlage aller bewußten Geistes- 
tätigkeit bildet, löst eine Analyse die scheinbar unmittelbare 
Erkenntnis in Folgerung und Erwartung auf, welche von 
einer ganzen Reihe unbewußter Prozesse abhängig sind. Die 
detaillierten Beweise dafür sind, wie wir bemerken wollen, 
schon vor Hartmann von Wundt und Helmholtz aus- 
führlich dargestellt worden. Hartmann zitiert übrigens auch 
einige Stellen aus Wundt, in denen jener die Ansicht vertritt, 
daß die Wahrnehmung im wesentlichen ein unbewußter 
Vorgang ist und daß nur dessen Ergebnisse im Bewußtsein 
erscheinen. Die Ausführlichkeit, mit der Hart mann diesen 
Standpunkt entwickelt, übertrifft aber, wie James irgendwo 
sagt, selbst die von Wundt. (Hart mann 1. c. Kap. 5.) 

b) Hartmann behauptet ferner, daß es bei der Ideen- 
assoziation nicht das Bewußtsein ist, welches die zweck- 
entsprechende Vorstellung aussucht. Die wirkliche Auswahl 
der Vorstellungen findet „vor der Entstehung" statt. Es ist 
das Unbewußte, welches dem augenblicklichen Hauptinteresse 
entsprechend zweckmäßig wählt. Das gilt für die Ideen- 
assoziation „sowohl beim abstrakten Denken, als beim sinnlichen 
Vorstellen und künstlerischen Kombinieren". Daß es eben 
die rechte Vorstellung sei, welche eintritt, dafür kann nur 
das Unbewußte sorgen. „Alle Hilfsmittel und Kniffe des 
Verstandes können dem Unbewußten nur sein Geschäft 
erleichtern, aber niemals es ihm abnehmen." (Kap.V.) 
Hartmann erwähnt als Beispiel hier den Witz, der, vom 




20 Das Unbewußte vor Freud 

Sprachgebrauch treffend Einfall genannt, immer „ein Geschenk 
von oben" bleibt, den man nie in der Gewalt hat und der 
seine Abstammung aus dem Unbewußten dadurch beweist, 
daß er sich durch eine absichtliche Anspannung des Geistes 
nicht erzwingen läßt. 

Zwei Punkte in diesem Absatz, bei denen ich kurz ver- 
weilen möchte, sind von historischem Interesse. Der eine 
ist die Beziehung der Ansicht Hartmanns zur Entwicklung 
der psychoanalytischen Technik. Die Methode der freien 
Assoziation war es, die Freud für die Ergründung des un- 
bewußten Materials so wertvoll gefunden hat, und Wort- 
assoziationen waren es, die Jung instand setzten, die Wirk- 
samkeit unbewußter Komplexe aufzudecken. Die Bedeutung 
der Theorien Hartmanns sollte darum nicht voreilig verkleinert 
werden. Die von ihm eingeschlagene Richtung war offenbar 
fruchtbar. Der zweite Punkt ist Hartmanns Heranziehung 
des Witzes zur Erläuterung seiner Ansichten. Freud wurde, 
wie wir wissen, durch bestimmte auffallende Ähnlichkeiten 
zwischen der Traumarbeit und der Witztechnik dazu veranlaßt, 
die Beziehung des Witzes zum Unbewußten ausführlich zu 
analysieren. 

c) Hartmann behauptet in nächster Linie, daß das 
Unbewußte auch im Gefühl eine Rolle spielt. Er glaubt, 
daß „das Unklare, Unaussprechliche, Unsägliche der Gefühle 
in der Unbewußtheit der begleitenden Vorstellungen liegt". 
(Kap III.) In der Tat ist, wie er schreibt, die Wichtigkeit 
der unbewußten Vorstellungen für dieses Gebiet gar nicht 
hoch genug zu veranschlagen. Man weiß, wie oft Gefühle 
verkannt und mißverstanden werden. Wir sind „in betreff 
derselben den größten Selbsttäuschungen unterworfen. Wir 
sind oft von einem Gefühle beherrscht, das in unserm 



Eduard von Hartmann 21 



innersten Wesen schon feste Wurzel geschlagen hat, ohne es zu 
ahnen". Wir können überhaupt ein Gefühl nie in seinem ganzen 
Umfang mit völlig klarem Bewußtsein erfassen. „Man wird stets 
auf einen unauflöslichen Rest stoßen, der jeder Bemühung spot- 
tet, ihn mit dem Brennspiegel des Bewußtseins zu beleuchten." 

Das wären also einige der Wege, auf denen nach Hart- * 
mann die unbewußten Prozesse bei der Bestimmung des 
bewußten Seelenlebens mitwirken. 

Hartmanns Begriff des Unbewußten hat aber eine noch viel 
weiter ausgreifende Bedeutung. Ich kann das nur an einigen 
anderen Zusammenhängen klarmachen und wähle zu diesem 
Zweck die Rolle des Unbewußten im Instinkt, in Charakter 
und Sittlichkeit, in der Entstehung der Sprache, in der Mystik 
und in der Geschichte. 

1) Ein unentbehrliches Glied jeder Instinkthandlung ist, 
nach Hartmann, die „unbewußte Zweckvorstellung". Sie ent- 
hält oft Data, welche für das Resultat unentbehrlich sind, 
dem Bewußtsein aber „unmöglich bekannt sein können". „Der 
Instinkt ist nicht Resultat bewußter Überlegung" . . ., „sondern 
der Zweck des Instinkts wird in jedem einzelnen Faile vom 
Individuum unbewußt gewollt und vorgestellt und darnach 
unbewußt die für jeden besondern Fall geeignete Wahl der 
Mittel getroffen." 

So unbefriedigend Hartmanns Ausdrucksweise uns im Lichte 
der erweiterten Kenntnisse über den Instinkt, die wir heute 
besitzen, auch erscheinen mag und selbst Samuel Butler 
schon vor 40 Jahren erschienen ist, so ist es doch noch immer 
eines der Probleme, die mit dem Unbewußten zusammen- 
hängen, die Stellung des Instinkts zu den seelischen Vorgängen zu 
bestimmen. Besonders Rivers hat sich in einer bekannten Arbeit 
mit der Beziehung des Instinkts zum Unbewußten beschäftigt. 






22 



Das Unbewußte vor Freud 



2) In betreff des Charakters ist, nach Hartmann, festzuhalten, 
daß „die Werkstatt des Wollens im Unbewußten liegt". Alles, 
was wir zu erreichen vermögen, ist eine unsichere Kunde 
über jene unbewußten Tiefen der Seele, „wo die Reaktion 
des Willens auf das Motiv und sein Übertritt in das bestimmte 
Wollen stattfindet". Dasselbe gilt auch für den Ursprung der 
Prädikate moralisch oder unmoralisch. Sie liegen „in der 
tiefsten Nacht des Unbewußten' . 

}) Auch der Ursprung der Sprache liegt in einer unbewuß- 
ten Seelentätigkeit, da ja, wie Hartmann sagt, „jedes bewußte 
menschliche Denken erst mit Hilfe der Sprache möglich ist". 
„Die Sprache ist ein Werk der Masse des Volkes. Sie legt 
Zeugnis ab für einen gemeinsamen Urgrund des allgemeinen 
Geistes, der den individuellen Verschiedenheiten zugrunde liegt. 

4) Das Wesen der Mystik haben wir, nach Hartmann, zu 
begreifen: „als Erfüllung des Bewußtseins mit einem Inhalte 
(Gefühl, Gedanke, Begehrung) durch unwillkürliches Auftauchen 
desselben aus dem Unbewußten". Jeder Philosoph ist in diesem 
Sinne Mystiker, wenigstens „insoweit er wahrhaft originell 
ist". Spinoza ist, nach Hartmann, „die Blume des philoso- 
phischen Mystizismus". Die Philosophie versucht nach ihm 
„das, was sie mystisch empfangen, vernünftig zu beweisen 
und dadurch das Alleingut des Mystikers zum Allgemeingut 
der denkenden Menschheit zu machen". 

In der Geschichte, schreibt Hartmann, wirkt „noch etwas 
anderes als die bewußte Absicht der Einzelnen oder die 
zufällige Kombination der einzelnen Handlungen". Dieses 
andere ist natürlich das Unbewußte. Hartmann zitiert S c h e 1- 
ling zur Unterstützung seiner Ansicht, daß in der Geschichte 
dem bewußten Willen eine unbewußte Tätigkeit entgegen- 
steht, die bald Schicksal, bald Vorsehung genannt wird. 






(Siehe Schellings Werke, I, S. 598.) „Was ist das Schick- 
sal oder diese Vorsehung denn weiter," schreibt Hartmann, 
als das Walten des Unbewußten : des historischen Instinktes 
bei den Handlungen der Menschen ?" 

Das wären in Kürze einige der weitergehenden Anwendun- 
gen des Begriffs, den Hartmann das Unbewußte nennt. 

Im allgemeinen ist Hartmann der Ansicht, daß die be- 
wußte Vernunft nur „negierend, kritisierend . . ., vergleichend . . ., 
ein- und unterordnend . . . ist". „Aber niemals ist sie 
schöpferisch produktiv, niemals erfinderisch." „Hierin hängt 
der Mensch . . . ganz vom Unbewußten ab." Das Unbewußte 
ist die Quelle der Inspirationen, alles dessen, was das Dasein 
über die Einförmigkeit erhebt. „Darum ist ihm das Unbe- 
wußte unentbehrlich," bricht Hartmann aus, „und wehe dem 
Zeitalter, das seine Stimme gewaltsam unterdrückt, weil es in 
einseitiger Überschätzung des Bewußt- Vernünftigen ausschließ- 
lich dieses gelten lassen will: es fällt unrettbar in einen wässe- 
rigen, seichten Rationalismus, der nichts Positives leisten kann." 

Es ist nicht uninteressant, daß Hartmann an einer Stelle 
die Ansicht vertritt, das Unbewußte werde durch die Frau 
in demselben Sinne wie das Bewußt- Vernünftige durch den 
Mann repräsentiert. 

Man muß schließlich hinzufügen, daß Hartmann sich den 
verschiedenen Vorteilen, die das Bewußtsein bietet, nicht 
verschließt. Das Bewußtsein ist zum Beispiel verläßlicher, man 
weiß es als sein eigen, es ist der Verbesserung und der 
Veränderung fähig, es ist dem bewußten Willen Untertan. 
Es ist deshalb in gewissem Sinne „für uns als das Wichti- 
gere anzuerkennen". Das Individuum soll, mit andern Worten, 
die bewußte Vernunft soweit als möglich entwickeln, „eben 
weil sie dem Individuum das Höhere ist". 






24 



Das Unbewußte vor Freud 



§8 
Eine Bemerkung über die Lehre Hartmanns 

Es ist klar, daß Hartmanns Begriff des Unbewußten dem 
Schopenhauers außerordentlich nahesteht. Wir finden die- 
selbe scharfe Gegenüberstellung von bewußter Vernunft und 
Unbewußtem 5 dieselbe Universalität, dieselbe Ubiquität, den 
gleichen Umfang des Anwendungsgebietes. Nur darin weicht 
Hartmann von Schopenhauer ab, daß er den unbewußten 
Willen und die unbewußte Vorstellung, in eins gefaßt, in 
den Begriff einschließt. Ich selber, schreibt Hart mann, 
koordiniere die „unbewußte Vorstellung Schellings als 
gleichberechtigtes metaphysisches Prinzip dem des unbewußten 
Willens". (Einleitendes.) 

In dem eben zitierten Terminus „metaphysisches Prinzip" 
liegt gerade das wesentlichste Stück der Auffassung Hart- 
manns. Die Tatsachen und Beweise, die er bringt, wirken 
nicht überzeugend. Gerade die ungeheure Weite des Anwen- 
dungsgebietes, das er dem Prinzip in seinem Buche einräumt, 
erinnert uns unfehlbar an einen „deus ex machina". Wie 
J a m e s es ausdrückt, „gibt es nichts zwischen Himmel und Erde, 
auf das Hartmann nicht sein Prinzip der unbewußten Vorstellung 
anwenden würde, kein Ding auf der Welt, das nicht als Beispiel 
dafür dienen könnte." (Principles of Psychology, Vol. I., p. 169.) 

„Seine Logik ist so lax", fährt James mit großer Schärfe 
fort, „er ist so absolut unfähig, die augenfälligsten Einwen- 
dungen in Betracht zu ziehen, daß es im ganzen einfach 
Zeitverschwendung wäre, sich eingehender mit seinen Argu- 
menten zu befassen." Dasselbe gilt übrigens, nach James, 
auch für Schopenhauer. Bei Schopenhauer, sagt er, „erreicht 
die Mythologie ihren Höhepunkt". 



Das mag richtig sein oder nicht, sicher ist jedenfalls, daß 
der Begriff des Unbewußten bei Schopenhauer wie auch 
bei Hartmann im wesentlichen ein metaphysisches Prinzip 
ist. Diese Autoren tragen Schuld daran, daß der Begriff des 
Unbewußten von vielen Psychologen so verächtlich behandelt 
wird. Man sah in ihm „das beste Mittel, in der Psychologie 
alles Beliebige für glaubhaft zu erklären und das, was eine 
Wissenschaft sein könnte, zum Tummelplatz wunderlicher 
Launen zu machen". (1. c. p. 163.) 

Wenn es also auch erscheint, als ob Hartmann an vielen 
Punkten die Richtung vorausgeahnt hätte, welche die spätere 
Forschung eingeschlagen hat, so ist doch zwischen seiner 
Auffassung und der Freuds keine einzige fundamentale 
Übereinstimmung zu finden. Das Unbewußte bei Freud ist 
weder ein metaphysisches Prinzip noch ein mythologischer 
Begriff. Es stimmt, daß Hartmann sich stellenweise mit den- 
selben Problemen beschäftigt wie Freud. Freuds Methode ist 
aber eine streng wissenschaftliche und von diesem Gesichts- 
punkt aus muß die Auffassung des Unbewußten in der Psycho- 
analyse von der in der philosophischen Tradition enthaltenen 
gesondert gehalten werden. 



§9 
Fechner 

(1801-1887) 

Das Unbewußte steht in Fechners Lehre nicht im Vorder- 
grund. Ich erwähne ihn aber, weil, unter anderm, seine 
Anschauungen an die Lehre von den petites perceptions bei 
L e i b n i z erinnern. Fechner verwendet für diese Erscheinungen 
die Bezeichnung „Atome". Sie sind die letzten Elemente eines 



26 Das Unbewußte vor Freud 

Systems, das in seiner inneren Erscheinung die Seele oder 
das Bewußtsein gibt. Diese Auffassung gibt Anlaß zu einer 
Reihe neuer Fragestellungen. 

Auch Fechners Verwendung des Begriffs der „Schwelle" 
des Bewußtseins hat für gewisse neue Lehren über ein „unter- 
bewußtes" oder „unterschwelliges" Ich eine große Rolle ge- 
spielt. Dieser Begriff hat auch viel zu einem Verständnis gewisser 
Phänomene der Aufmerksamkeit und des Schlafes beigetragen. 

Dazu kommt noch, daß sich in Freuds eigenen Arbeiten 
einige interessante Verweisungen auf F e c h n e r sehe Theorien 
finden. Ich führe im folgenden nur zwei von diesen an. 

i) Freud verweist darauf, daß niemand die Wesens- 
verschiedenheit von Traum- und Wachleben stärker betont 
als Fechner. „Sollte der Schauplatz der psychophysischen 
Tätigkeit", schreibt Fechner, „während des Schlafens und des 
Wachens derselbe sein, so könnte der Traum meines Er- 
achtens bloß eine auf einem niederen Grade der Intensität 
sich haltende Fortsetzung des wachen Vorstellungslebens sein . . . 
Aber es verhält sich ganz anders." 

Freud schreibt darüber: „Was Fechner mit einer solchen 
Umsiedlung der Seelentätigkeit meint, ist wohl nicht klar 
geworden . . . Vielleicht erweist sich aber der Gedanke einmal 
als sinnreich und fruchtbar, wenn man ihn auf einen seelischen 
Apparat bezieht, der aus mehreren hintereinander einge- 
schalteten Instanzen aufgebaut ist." Später, bei der Psychologie 
der Traumvorgänge, kommt Freud wieder auf diese Bemerkung 
Fechners zurück und stellt sie seiner Erörterung der Idee 
einer psychischen Lokalität voran. (Freud, Traumdeutung, 
7. Aufl., S. 55, 54, 4005 Ges. Schriften, Bd. II, S. 52, 456.) 
Freud fand offenbar in diesen Ausführungen Fechners eine 
Bestätigung seiner eigenen Auffassung, daß zwischen der 



Zur Fechnerschen Theorie 



17 



wachen Seelentätigkeit und der Traumtätigkeit ein wesentlicher 
Unterschied besteht. Bekanntlich war es die „Traumdeutung" 
Freuds in der seine Ansichten über das Unbewußte zuerst 
zur ausführlichen Darstellung gebracht worden sind. 

2) Auch in einer neueren Arbeit („Jenseits des Lust- 
prinzips", ] 922) verweist Freud darauf, daß Fee hn er eine 
Auffassung von Lust und Unlust vertreten hat, welche im 
wesentlichen mit der zusammenfällt, die uns von der psycho- 
analytischen Arbeit aufgedrängt wird. Das Bestreben des 
seelischen Apparates, dem Lustprinzip zu folgen, ordnet sich 
einfach als spezieller Fall dem Fechnerschen Prinzip der Tendenz 
zur Stabilität unter. 

Die Bedeutung dieser Auffassungen wird später bei der 
Darstellung der Freudschen Lehre vom Seelenleben gewürdigt 
werden. Ich habe die Verweisungen darauf hier nur eingefügt, 
um auf einige wichtige Berührungspunkte zwischen Freud und 
Fechner aufmerksam zu machen. 



§ 10 
Zur Fechnerschen Theorie 

Die Zusammensetzung der geistigen Atome, die ein Stück 
der Fechnerschen Psychologie ist, hat kein Entgegen- 
kommen in der Literatur gefunden. Sie ist zum Beispiel von dem 
Gesichtspunkt aus beanständet worden, daß sie gegen das 
logische Prinzip der Identität verstößt, da sie die gleiche 
seelische Einheit einmal als bewußt, ein anderes Mal als 
unbewußt hinstellt. Es scheint korrekter, hier mit James 
nicht einfach von einer Verbindung oder Verschmelzung der 
unbewußten Atome zu sprechen, sondern vielmehr einer 
neuen Bildung, einer psychischen Reaktion von eigener 
frischer Prägung. 



28 Das Unbewußte vor Freud 



Fechners allgemeine metaphysische Auffassung scheint, 
wie ich noch erwähnen möchte, eine Anwendung des 
Prinzips der Kontinuität zu sein, das L e i b n i z und S ch o p e n- 
hauer so sehr betonen. Fechner findet das Bewußtsein 
überall, man könnte sagen, fast in jeder Körperzelle. Er ver- 
gleicht die niedrigeren und höheren Formen des Bewußtseins 
mit kleinen Kreisen innerhalb größerer Kreise. Ebenso wie 
es Seelenstufen unterhalb der menschlichen oder tierischen 
Welt gibt, gibt es auch über dieser Welt Seelen, ein Be- 
wußtsein der Erde oder das Allgemeinbewußtsein ihrer 
Bewohner und das Allgemeinbewußtsein des Weltgeistes. 

Von Fechners persönlicher Charakteristik ist ferner noch 
ein interessanter Umstand zu berichten. Er vereinigte in sich 
sozusagen ein doppeltes Ich, einerseits eine humoristische, 
phantastische Person, die unter dem Namen Dr. Mi s es einige 
frühe Arbeiten veröffentlichte, und anderseits den eigentlichen 
Fechner, einen sehr gelehrten Professor der Physik. Es ist 
gerade das von der Psychoanalyse angeregte Studium des 
Verdrängungsmechanismus, das uns heute ein besseres Ver- 
ständnis dieses merkwürdigen Charakterzuges ermöglicht. 

§ u 

Nietzsche 

(1844-1900) 

Bei Nietzsche wird der Schopenhauer-Hartmannsche 
Begriff des Unbewußten wieder aufgenommen. Wir gehen 
nicht sehr weit fehl, wenn wir den Willen zur Macht als 
eine neue Variation desselben Themas auffassen, eine Form 
jenes blinden, irrationellen Strebens oder Trachtens, das aller 
Existenz zugrunde liegt. Diejenigen Züge des Unbewußten, 
die wir schon beschrieben haben, kommen also auch in den 




Nietzsche 20 



durch Nietzsches Werken verstreuten Bemerkungen über 
dieses Thema wieder in den Vordergrund. 

Wir finden zum Beispiel die Gegenüberstellung der be- 
wußten vernünftigen Erkenntnis mit jenem andern, tiefer 
wurzelnden Stück des Ich, dem Unbewußten. „Alle Eigen- 
schaften eines Menschen, deren er sich bewußt ist," schreibt 
Nietzsche, „und namentlich, wenn er deren Sichtbarkeit und 
Evidenz auch für seine Umgebung voraussetzt, stehen unter 
ganz andern Gesetzen der Entwicklung als jene Eigenschaften, 
welche ihm unbekannt oder schlechtbekannt sind und die 
sich auch vor dem Auge des feineren Beobachters durch ihre 
Feinheit verbergen und wie hinter das Nichts zu verstecken 
wissen." (Die fröhliche Wissenschaft, I., 8.) 

Er kehrt mehrmals zu diesen „unsichtbaren Qualitäten" 
der Menschen zurück und verwendet sogar einige der 
Metaphern zu ihrer Beschreibung, die wir in populären Dar- 
stellungen der Psychoanalyse so häufig wiederfinden. „Wir 
haben alle", schreibt er, „verborgene Gärten und Pflanzungen 
in uns; und, mit einem andern Gleichnisse, wir sind alle 
wachsende Vulkane, die ihre Stunde der Eruption haben 
werden." (Ibid., g.) 

Nietzsche anerkennt auch ausdrücklich den Einfluß der 
unbewußten Motive auf die Bestimmung des menschlichen 
Handelns und das Wesen der Rationalisierung, die beide schon 
von Schopenhauer gewürdigt worden sind. Wir müssen, 
wie Nietzsche sagt, zwischen den wirklichen Motiven zu 
unterscheiden wissen, welche vielen Handlungen zugrunde 
liegen und den geglaubten oder eingebildeten Motiven. Diese 
letzteren bestehen nur aus dem Glauben an diese oder jene 
Motive. Sie sind das, „was die Menschheit sich selber als 
die eigentlichen Hebel ihres Tuns bisher untergeschoben hat." 



30 Das Unbewußte vor Freud 

Die wirklichen Motive sind die unbewußten, auf die wir 
unser Interesse richten müssen, wenn die geschichtliche 
Entwicklung verständlich werden soll. 

Ahnlicherweise wiederholt Nietzsche in „Wille zur Macht" 
diese Lehre : es sei falsch anzunehmen, daß eine Handlung 
von dem abhängen muß, was ihr im Bewußtsein vorher- 
gegangen ist. 

Nietzsches Ausführungen über die allgemeine biologische 
Funktion des Bewußtseins sind im Lichte späterer Spekulationen 
von Interesse. Er betrachtet die Bewußtheit als „die letzte 
und späteste Entwicklung des Organischen und folglich auch 
das Unfertigste und Unkräftigste daran". „Aus der Bewußtheit 
stammen unzählige Fehlgriffe, welche machen, daß ein Tier, 
ein Mensch zugrunde geht, früher als es nötig wäre." Die 
Bewußtheit ist ungründlich und leichtgläubig. Sie urteilt 
verkehrt und phantasiert „mit offenen Augen". „Wäre nicht 
der erhaltende Verband der Instinkte", das Unbewußte also, 
„so überaus viel mächtiger . . . müßte die Menschheit zu- 
grunde gehen". 

Die Unreife und Unausgebildetheit der Bewußtheit ist so- 
gar eine „Gefahr des Organismus". Diese Gefahr wird aber, 
nach Nietzsche, dadurch verringert, daß unsere Natur unter 
ihren Mechanismen auch einen Selbstschutz gegen die Un- 
reife einer ihrer Funktionen besitzt. Unser wirkliches un- 
bewußtes Ich veranlaßt uns zu einer bestimmten falschen 
Schätzung des Bewußtseins, durch welche seine richtige 
Entwicklung gewährleistet wird. „Weil die Menschen die 
Bewußtheit schon zu haben glaubten, haben sie sich wenig 
Mühe darum gegeben, sie zu erwerben." Wir gestatten dem 
Bewußtsein, sich in der ihm natürlichen Richtung zu entwickeln 
und erhöhen dadurch seine biologische Nützlichkeit. 



Zur Persönlichkeit Nietzsches 



31 



Das geht in folgender Weise zu: „Man denkt," schreibt 
Nietzsche, „hier sei der Kern des Menschen ; sein 
Bleibendes, Ewiges, Letztes, Ursprünglichstes! Man hält die 
Bewußtheit für eine feste gegebne Größe! Leugnet ihr 
Wachstum, ihre Intermittenzen ! Nimmt sie als ,Einheit des 
Organismus' ! Diese lächerliche Überschätzung und Verkennung 
des Bewußtseins hat die große Nützlichkeit zur Folge, daß 
damit eine allzu schnelle Ausbildung desselben verhindert 
worden ist. Es ist immer noch eine ganz neue und eben 
erst dem menschlichen Auge aufdämmernde, kaum noch 
deutliche Aufgabe, das Wissen sich einzuverleiben 
und instinktiv zu machen." (Fröhliche Wissenschaft, I, 11.) 

Aus diesen Zitaten geht also hervor, daß Nietzsches 
gelegentliche Bemerkungen über das Unbewußte und seinen 
Charakter sich in der von Schopenhauer und Hartmann 
angegebenen Richtung bewegen. 

§ 12 
Zur^Persönlichkeit Nietzsches 

Ich habe vorhin auf das ungeheure Selbstbewußtsein 
Schopenhauers hingewiesen, der bekanntlich von der 
Größe . seines eigenen Genius die höchste Einschätzung hatte. 
Nietzsche ist interessanterweise in dieser Beziehung ein Gegen- 
stück zu Schopenhauer. Sein „Ecce homo" (seine Selbstbiographie) 
vor allem zeigt in ihrem Inhalt und schon in ihren Kapitelüber- 
schriften (zum Beispiel „Warum ich so weise bin", „Warum ich 
so gute Bücher schreibe") ein gesteigertes Selbstbewußtsein, 
das schon an Größenwahn grenzt. 

Möglicherweise hat diese Übereinstimmung eine tiefere 
Bedeutung. Eine Erforschung der Kinderjahre beider Männer 
würde vielleicht auf ihr späteres Verhalten und manche ihrer 



32 Das Unbewußte vor Freud 

Charakterzüge Licht werfen. Nietzsche zum Beispiel verlor 
seinen Vater schon im vierten Lebensjahr. Nun ist es der 
heutigen Psychoanalyse selbstverständlich, die Bedeutung der 
Person des Vaters für die Entwicklung des Individuums zu 
betonen. Diese Bedeutung äußert sich zum Beispiel in der 
Art, in der zur Zeit der Pubertät die Gottesvorstellung als 
Vaterimago an Stelle des wirklichen Vaters tritt. Nietzsches 
Anschauungen über das Christentum und Gott sind wahr- 
scheinlich nicht ohne Zusammenhang mit einem gewissen 
Mangel an Autorität in seinen frühen Kinderjahren. Jungs 
Arbeit „Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des 
Einzelnen" behandelt dieses Thema in seinem ganzen Umfang. 
Auch Schopenhauer scheint in seinen späteren Jahren 
ein merkwürdig „unkindliches" Verhältnis zu seiner Mutter 
gehabt zu haben. 

Eine so flüchtige Behandlung derartiger Fragen kann 
natürlich leicht irreführend wirken. Aber eine neue Arbeit 
von Flügel, „The Psycho-Analytic Study of the Family", 
zeigt in ausgezeichneter Weise, wie fruchtbar eine Anwen- 
dung psychoanalytischer Lehren auf diese Verhältnisse werden 
kann. Ohne mich auf bestimmte Deutungen einzulassen, habe 
ich darum hier nur die eine oder andere Tatsache erwähnt. 
Die ausführliche Behandlung dieser Daten gehört der neuen 
Wissenschaft der „Psychographie" an. 

§ 13 

Samuel Butler 

(1835-1902) 

Der Beitrag Butlers zur Lehre vom Unbewußten betrifft 
einen einzigen Punkt; er besteht in der Aufstellung eines 
„unbewußten Gedächtnisses". 



Samuel Butler 33 



Butler verfolgt die Absicht, die Tatsachen des Instinkts, 
der Angewöhnung, des Wachstums und der Entwicklung 
(die wir für gewöhnlich nicht zum Gedächtnis rechnen) mit 
denen des Gedächtnisses im eigentlichen Sinne unter einen Hut 
zu bringen. Seine in dem Buche „Life and Habit" (1877) 
zuerst veröffentlichte Theorie betont folgende Gesichtspunkte: 

i) Die Einheit der Persönlichkeit zwischen Erzeugern und 
ihren Nachkommen. 

2) Das Gedächtnis bei den Kindern an bestimmte Ver- 
richtungen, welche sie nicht selbst, sondern in der Persönlich- 
keit ihrer Ahnen ausgeführt haben. 

ß) Die Latenz dieses Gedächtnisses bis zu seiner Wieder- 
erweckung. 

4) Die Unbewußtheit bei der Ausführung gewisser gewohn- 
heitsmäßiger Handlungen. (S. Unconscious memory, Ausg. 
v. 1910, p. 19.) 

Butler verweilt besonders eindringlich bei diesem letzten 
Thema. Er findet den Schlüssel zu seiner Bedeutung in der 
Tatsache, daß die Menschen selbst hochkomplizierte Leistungen 
unbewußterweise ausführen können, wenn sie erst durch 
Gewöhnung eingeübt worden sind. Das „Unbewußte" bei 
Butler, scheint mit dem genau Bekannten und Vertrauten 
zusammenzufallen. Jede Handlung, führt er aus, erfordert zu 
Anfang einen Aufwand von bewußter Anstrengung. Dieser 
wird aber durch häufige Wiederholung so sehr verringert, 
daß die Handlung endlich ohne Bewußtsein vor sich geht. 
Zum Beispiel : „Wenn wir geläufig lesen gelernt haben, so 
werden die Mittel und Wege, die uns dabei zum gewünschten 
Erfolg führen, ebenso unbewußt für uns wie etwa das 
Wachstum unserer Haare und der Kreislauf unseres Blutes." 
(Life and Habit, p. 8.) 

L e v i n e, Das Unbewußte. * 



34 Das Unbewußte vor Freud 

Das Verhältnis des Bewußtseins zum Unbewußten ist also 
gleichzustellen dem des Zweifels oder der Unsicherheit zur 
Gewißheit. „Unsere Kenntnis haust an der Grenze der Un- 
sicherheit. Wo wir ganz sicher sind, wissen wir auch nicht, 
daß wir wissen. 

Auch rein physiologische Funktionen müssen nach Butlers 
Ansicht als Belege dieses unbewußten Gedächtnisses verstanden 
werden. Diese Annahme deckt in gleicher Weise die Tatsache, 
daß das Krebstier Scheren entwickelt hat, wie die, daß das 
Neugeborene kurz nach der Geburt zu atmen anfängt. 

Butlers Lehre hängt historisch von der Auffassung des 
Gedächtnisses ab, welche 1870 von E. Hering in seinem 
Vortrag „Über das Gedächtnis als eine allgemeine Funktion 
der organischen Materie ausgesprochen wurde. Butler bringt 
in „Unconscious Memory" eine Übersetzung dieses Vortrags, 
aus welchem nachstehende Stelle hier zitiert werden mag : 
„Leicht erkennt man bei näherer Betrachtung, daß das Ge- 
dächtnis nicht eigentlich als ein Vermögen des Bewußten, 
sondern vielmehr des Unbewußten anzusehen ist. Was mir 
gestern bewußt war und heute wieder bewußt wird, wo war 
es von gestern bis heute ? Es dauerte als Bewußtes nicht fort 
und doch kehrte es wieder. Nur flüchtig betreten die Vor- 
stellungen die Bühne des Bewußtseins, um bald wieder hinter 
den Kulissen zu verschwinden und andern Platz zu machen. 
Nur auf der Bühne selbst sind sie Vorstellungen, wie der 
Schauspieler nur auf der Bühne König ist. Aber als was 
leben sie hinter der Bühne fort? ... So liegt das einigende 
Band, welches die einzelnen Phänomene unseres Bewußtseins 
verbindet, im Unbewußten ... (1. c. S. 10 — 12.) 1 

1) Anmerkung des Übersetzers: Dem deutschen Leser, dem der oben er- 
wähnte Vortrag von Hering als eine Meisterleistung vertraut ist, läge es 



Samuel Butler 35 



Es verdient Hervorhebung, daß Butler sich die größte 
Mühe nimmt, seine eigene und die Heringsche Auffassung 
gegen das Hartmann sehe Unbewußte in seiner metaphy- 
sischen Ausgestaltung und seiner Clairvoyance (nach dem 
bezeichnenden Ausdruck von Sully) abzugrenzen. Butler 
betont, daß er und Hering ihre Auffassung auf eine Tat- 
sache „der täglichen und stündlichen Beobachtung" gründen, 
nämlich auf die Neigung häufig wiederholter Handlungen, 
endlich als unbewußte Verrichtungen abzulaufen. 

Streng genommen gehören die Gedanken Butlers einer 
andern Forschungsrichtung an als die waren, denen wir bisher 
in der Behandlung des Problems des Unbewußten begegnet 
sind. Sie betreffen das allgemeine Problem der Beziehung von 
Leiblichem und Seelischem, das nicht nur die Psychologie, 
sondern ebensowohl die Biologie und die Physiologie angeht. 
Die Tatsachen, auf die sich Butler beruft, werden heute 
vielleicht besser in rein physischen Kunstworten, wie zum 
Beispiel in der Mnemehypothese Semons beschrieben. 

Gelegentlich spricht Butler auch von „unbewußten Ge- 
danken". So schreibt er in einem Brief an einen Freund, 
der zur Verteidigung seines Ausdrucks „ Unconscious Memory' 1 
bestimmt ist: „Ich glaube überdies, daß es auch so etwas 

natürlich ferne, die davon abgeleiteten Erörterungen Butlers in den Vorder- 
grund zu rücken. Bei Hering findet man übrigens treffende Bemerkungen, 
welche der Psychologie das Recht zur Annahme einer unbewußten Seelen- 
tätigkeit zusprechen: „Wer könnte hienach hoffen, das tausendfältig ver- 
schlungene Gewebe unseres inneren Lebens zu entwirren, wenn er seinen 
Fäden nur nachgehen wollte, soweit sie im Bewußtsein verlaufen ? — Man 
hat solche Ketten unbewußter materieller Nervenprozesse, an welche sich 
schließlich ein von bewußter Wahrnehmung begleitetes Glied anreiht, als un- 
bewußte Vorstellungsreihen und unbewußte Schlüsse bezeichnet, und vom 
Standpunkt der Psychologie läßt sich dies auch rechtfertigen. Denn der Psycho- 
logie verschwände oft genug die Seele unter den Händen, wenn sie nicht an 
ihren unbewußten Zustanden festhalten wollte." 

3" 



36 Das Unbewußte vor Freud 

wie ein unbewußtes Denken gibt, aber das ist wohl zu fein 
und zu flüchtig für die bewußte Analyse." (Memoir of 
Butler, von H. F. Jones, Vol. I, p. 546.) 

Endlich erwähne ich einige Berührungspunkte zwischen 
Butler und L e i b n i z. Leibniz scheint die Butlersche 
Theorie durch seine Idee antizipiert zu haben, daß der Kern 
der Persönlichkeit von einer großen Menge von unbewußten 
Vorgängen gebildet wird. Butler scheint seinerseits sich einer 
Anschauung angeschlossen zu haben, die an Leibniz erinnert, 
wenn er in einem andern Briefe schreibt : „Ich bin jetzt der 
festen Überzeugung, daß man keine scharfen Grenzlinien 
ziehen darf und daß jedes Molekül der Materie von Wille 
und Bewußtsein erfüllt ist." (Ibid. p. 555.) 

Aus diesen verschiedenen Angaben wird hoffentlich klar- 
geworden sein, in welchem Sinne sich Butler des Ausdrucks 
„unbewußt" bedient, und inwieweit er dabei mit den früher 
erwähnten Autoren in Übereinstimmung ist. 

§ 14 
Abschließende Bemerkungen 

Obwohl die nun vollendete Übersicht über die Theorien 
des Unbewußten vor Freud keineswegs vollständig ist, so 
meine ich doch, sie wird genügen und nichts Wesentliches 
übergangen haben. Welchen allgemeinen Eindruck behalten 
wir aber von alldem, was wir gehört haben ? 

Es ergibt, daß einzelne Denker, zumeist solche, die durch 
ihre Gelehrsamkeit oder ihren Schwung berühmt geworden 
sind, die Existenz von etwas, was sie das Unbewußte nennen, 
behaupten. Sie stützen sich dabei auf recht verschiedenartige 
Argumente. Leibniz und in gewissem Sinne auch S c h o p e n- 



Abschließende Bemerkungen 37 

hauer leiten dies Unbewußte als notwendige Konsequenz 
aus dem Prinzip der Kontinuität ab, Hartmann begründet 
es auf eine reiche Anzahl von Erwägungen aus dem Gebiet: 
der Psychologie wie der Philosophie 5 bei Nietzsche und ; 
Butler steht die Lehre fast wie eine vereinzelte Paradoxie 
da, die von der Absonderlichkeit dieser Denker zeugt. 

Aber gleichgültig, auf welchem Wege dieser Begriff zu- 
stande gekommen ist, immer trägt er das Gepräge eines 
verschwommenen Produkts der theoretischen Spekulation. Die 
unbewußten Wahrnehmungen zum Beispiel „sind der innerste 
Kern und die permanente Identität des Ichs", das Unbewußte 
ist ein „blinder Wille", eine „absolut grundlose Kraft". Es 
ist der „Gegensatz der bewußten Vernunft", es ist das „Schick- 
sal", die „Vorsehung", die „Lebenskraft", der „Wille zur Macht", 
All diese Beschreibungen mögen ihren Wert als allgemeine 
spekulative Anschauungen haben, sie lassen sich aber nicht 
wie wissenschaftliche Hypothesen einer strengen Prüfung 
unterziehen. Man muß zugeben, daß die Verhältnisse, welche 
durch sie erklärt %erden sollen, gebieterisch die Einführung 
neuer Begriffe erfordern. Aber ein Begriff, der so unbestimmt 
und so umfassend ist wie der dieses „Unbewußten", wirkt 
auf uns nicht so sehr wie ein Erklärungsversuch, sondern 
wie eine Bemäntelung unserer Unwissenheit. 

Wir werden also nicht überrascht sein zu erfahren, daß 
die klassische Psychologie den Begriff des Unbewußten in 
seiner bisherigen Fassung im großen und ganzen abgelehnt 
hat. Sie meint, mit einfacheren Annahmen ausreichen zu 
können. 

L James nimmt zum Beispiel folgende Stellung ein: 
Er meint, der unbewußte oder automatische Charakter 
gewohnheitsmäßiger Handlungen (Butlers Begründung des 



38 Das Unbewußte vor Freud 

„Unbewußten Gedächtnisses") erkläre sich a) durch eine 
bewußte Tätigkeit, die so rasch abläuft, daß sie keine 
Erinnerung zurückläßt, b) durch ein „abgespaltenes kortikales 
Bewußtsein". 

Die zum Beispiel von Hartmann verwerteten Tatsachen 
der Assoziation bezieht er in ähnlicher Weise auf das Ver- 
gessen einer bewußten Tätigkeit oder auf die isolierte Funk- 
tion eines Gehirnabschnittes. 

James stellt nicht in Abrede, daß schon an den gewöhn- 
lichen Sinneswahrnehmungen, wie an unsern Urteilen und 
Entschließungen eine Anzahl von Schlußfolgerungen beteiligt 
ist, von denen keine bewußt wird, ja daß überhaupt „der 
größte Anteil unseres Wissensschatzes zu allen Zeiten poten- 
tieller Natur" ist. Aber er meint, diese Verhältnisse recht- 
fertigen doch in keiner Weise die Annahme „unbewußter 
seelischer Prozesse". Sie sind als „Kurzschlüsse" im Gehirn 
aufzufassen, rühren von „Tendenzen" zu Handlungen her, 
die nichts anderes sind als Modifikationen der Hirnsubstanz 
oder der Erfolg „besonderer Anordnungen der Moleküle an 
bestimmten Hirnteilen". 

Über den Instinkt sagt er : „Alle Erscheinungen der In- 
stinkte lassen sich als Leistungen des Nervensystems erklären, 
als mechanische Abfuhren der auf die Sinnesorgane wirken- 
den Beize." 

In solcher Weise kann James die Annahme des Unbe- 
wußten als überflüssig verwerfen. Die Tatsachen, auf die sich 
Hartmann und die anderen berufen, sollen nach James 
nur beweisen, „entweder daß bewußte Vorstellungen vor- 
handen waren, die im nächsten Momente vergessen wurden, 
oder daß gewisse Erfolge, die den Ergebnissen der Vernunft- 
tätigkeit ähnlich sind, durch rasch ablaufende Vorgänge 



Abschließende Bemerkungen 39 

im Gehirn, an die sich keine seelische Tätigkeit knüpft, 
hervorgebracht werden können." Sie beweisen keineswegs 
das Vorhandensein unbewußter seelischer Vorgänge. 

Ebensowenig rechtmäßig erscheint es demselben Autor, 
den Beruf des Unbewußten zur Aufklärung der Wesenheit 
einer Individualität anzurufen. Gewiß stößt man bei der 
Analyse eines menschlichen Verhaltens auf Motive, die man 
nicht vermuten konnte. Gewiß gibt es in der Persönlichkeit 
einen Strom von Gefühlen, „deren Gesamtheit das Gefühl 
des körperlichen Lebens ergibt". Unzweifelhaft kommen un- 
zählige Empfindungen in uns vor, denen wir für gewöhnlich 
keinerlei Aufmerksamkeit schenken, zum Beispiel die beim 
Öffnen und Schließen der Stimmritze. Aber alle Schlüsse von 
solchen Tatsachen auf die Existenz eines Unbewußten verur- 
teilt James als „Hirngespinste von Verwirrung und Ver- 
wechslung". Die Verwechslung wäre eine zweifache: 

Erstens verwechsle man die Tatsache, daß man jetzt eine 
Vorstellung habe, mit der anderen, daß man nachher allerlei 
über sie weiß. ~~ 

Zweitens verwechsle man einen subjektiven seelischen 
Vorgang mit dem objektiven Inhalt, den man in ihm findet. 
Hat .man sich einmal diese beiden Unterscheidungen klar- 
gemacht, so verliert die Annahme einer unbewußten seelischen 
Tätigkeit jeden Boden. (James, Principles of Psychology, 
I, p. 164 u. ff.) 

Was bleibt uns also von unserer historischen Überschau 
übrig? Offenbar nichts, was einer Kritik Widerstand leisten 
würde. Es ist nicht angezeigt, schon an dieser Stelle die 
Argumente von James zu diskutieren, ich habe ihn ja 
nur als den besten Vertreter der klassischen Einstellung zu 
unserm Problem herausgegriffen. 



40 Das Unbewußte vor Freud 



Man muß zugeben, daß die Begriffsbestimmung des 
Unbewußten bei den Autoren vor Freud durchwegs in 
hohem Grade spekulativ, nicht recht faßbar und leicht an- 
greifbar ist. Man kann etwa den Eindruck empfangen haben, 
daß wirklich ein Gegensatz zwischen den vernünftigen, 
bewußten Seelenvorgängen und anderen, die schwerer zu 
beschreiben sind, besteht. Man merkt, es ist Anlaß zu weiterer 
Forschung vorhanden, die man wahrscheinlich in physio- 
logischer Richtung fortzuführen geneigt wäre. Das ist aber 
auch alles. 

Im nächsten Kapitel werde ich den Sinn des Unbewußten 
bei Freud und in der Psychoanalyse darzulegen haben. 



ZWEITER TEIL 



Freud und das Unbewußte 




Einleitung — Das „Unbewußte" bei Freud 



43 



§ 15 

Einleitung 

Freud ist seinem Wesen nach medizinischer Psychologe und 
alles eher als der Begründer eines metaphysischen Systems. 
Sein Begriff des Unbewußten ergab sich ihm in erster Linie 
aus dem Studium der Hysterie und anderer psychischer 
Erkrankungen. Seine Arbeitsmethode ist die des geduldig 
beobachtenden und sammelnden Wissenschaftlers. Allgemeine 
Sätze formuliert er mit äußerster Vorsicht und nur auf Grund 
eines umfassenden Tatsachenmaterials. 

Wenn wir uns also von der Literatur vor Freud zu den 
Arbeiten von Freud selber wenden, so verlassen wir damit 
das Gebiet mehr oder weniger spekulativer Konzeptionen und 
beschäftigen uns mit Auffassungen, die als das Ergebnis 
wissenschaftlicher Induktion gewertet werden wollen. 



§ 16 
Das „Unbewußte" bei Freud 



Zur Verbindung dieses Kapitels mit dem vorhergehenden 
müssen wir vor allem feststellen, in welchem Sinne Freud 
das Wort „unbewußt' gebraucht. Gehen wir dabei von den 
bekannten Tatsachen des Gedächtnisses aus. Eine Vorstellung, 
die im gegebenen Moment in unserm Bewußtsein vorhanden 



44 Freud und das Unbewußte 



ist, kann für eine Zeit daraus verschwinden und später wieder- 
belebt werden. In welcher Form existiert diese Vorstellung in 
der Zwischenzeit? 

Man könnte antworten, daß sie in der Zwischenzeit über- 
haupt nicht als Vorstellung, sondern nur als physische Dis- 
position vorhanden ist. Freud zeigt aber, daß es gegen eine 
solche Antwort schwerwiegende Bedenken gibt. Sie ist gleich- 
wertig mit der stillschweigenden Gleichsetzung des Psychischen 
mit dem Bewußten, die er bestreitet. Der Psychologie das 
Recht absprechen, die Phänomene ihres eigenen Erscheinungs- 
gebietes mit ihren eigenen Mitteln zu erklären, hieße außer- 
dem, ihre Existenz als Wissenschaft unberechtigterweise in 
Frage stellen. 

Freud bezeichnet deshalb Vorstellungen, die nicht Gegen- 
stand gegenwärtiger Wahrnehmung sind, als „latent" oder 
„unbewußt". Er schreibt: „Eine unbewußte Vorstellung ist 
dann eine solche, die wir nicht bemerken, deren Existenz wir 
aber trotzdem auf Grund anderweitiger Anzeichen und Beweise 
zuzugeben bereit sind." (Ges. Schriften, Bd. V, S. 454.) 

Aber auch zwischen diesen unbewußten Vorstellungen gibt 
es noch Unterschiede. Manche von ihnen können leicht oder 
mit geringer Mühe zum Bewußtsein vordringen ; sie werden 
als „vorbewußte" Vorstellungen bezeichnet. Andere können 
überhaupt nicht bewußt werden ; sie stellen das eigentliche 
Unbewußte dar. 

Freud selber betont, daß die Existenz und Natur unbe- 
wußter Vorstellungen in diesem Sinne schon vor seinen eigenen 
Arbeiten nachgewiesen worden war. Er verweist hiefür auf die 
Phänomene der posthypnotischen Suggestion, wie er sie in den 
Experimenten von B e r n h e i m mitansah. Bei diesen Experimen- 
ten erhielt eine in Hypnose befindliche Versuchsperson von dem 



Das „Unbewußte" -bei Freud 



45 



Arzt den Auftrag, eine gewisse Handlung zu einer bestimmten 
Zeit nach dem „Erwachen" auszuführen. Zur festgesetzten Zeit 
führte die Versuchsperson die Handlung aus, ohne dabei den 
Auftrag oder irgend welche Begleitumstände der Hypnose zu 
erinnern. Das eigentliche Motiv der Handlung war offenbar 
der Auftrag des Arztes. Trotzdem war diese Vorstellung bei 
Ausführung der Handlung nicht gegenwärtig. Eine Vorstellung 
scheint also in solchen Fällen gleichzeitig wirksam und un- 
bewußt sein zu können. 

So bezeichnet Freud als „unbewußt" „nicht bloß latente 
Gedanken im allgemeinen, sondern besonders solche mit einem 
bestimmten dynamischen - Charakter, nämlich diejenigen, die 
sich trotz ihrer Intensität und Wirksamkeit dem Bewußtsein 
ferne halten." (Ges. Sehr., Bd. V., S. 457.) 

Woher kommt aber, muß man hier fragen, jener Unter- 
schied zwischen vorbewußten und unbewußten Vorstellungen? 
Was ist der Grund, daß die letzteren nicht ohne weiteres in 
das Bewußtsein eintreten können? 

Der Grund liegt, nach Freud, in dem Wirken irgend einer 
Kraft, welche unbewußte Vorstellungen vom Bewußtsein ab- 
hält. Abwehrmaßnahmen und Widerstand machen sich fühl- 
bar. In der Natur dieser Vorstellungen selbst liegt etwas, was 
sie dazu nötigt, unbewußt zu bleiben. Sie haben den Einfluß 
der Verdrängung erfahren. 

Das wäre also die vorläufige Auskunft, was unter einer 
unbewußten Vorstellung verstanden wird. Die Phänomene, durch 
die Freud zur Aufstellung unbewußter seelischer Vorgänge 
gedrängt wurde, gehören den verschiedensten Erscheinungs- 
gebieten an. Um tiefer in das Wesen der Freudschen Lehre 
eindringen zu können, wollen wir uns im folgenden einen 
Überblick über diese Gebiete verschaffen. 



46 



Freud und das Unbewußte 



§ 17 
Die Träume 

„Die Traumdeutung . . .", schreibt Freud, „ist die Via regia 
zur Kenntnis des Unbewußten im Seelenleben." (Ges. Schriften, 
Bd. III, S. 169.) Während des Schlafzustandes nämlich tritt 
mit der Herabsetzung der psychischen Aktivität eine Abnahme 
des Widerstandes ein, den die herrschenden seelischen Mächte 
dem Verdrängten entgegensetzen. Dieses Abnehmen des Wider- 
standes macht die Traumbildung möglich. Der beste Zugang zur 
Kenntnis des Unbewußten führt deshalb über die Träume. 
(Ges. Sehr., II, S. 446!) 

Freud findet, daß der Traum ein sinnvolles Phänomen 
und deutbar ist, daß er sich durch etwas ersetzen läßt, „was 
sich als vollwichtiges, gleichwertiges Glied in die Verkettung 
unserer seelischen Aktionen einfügt." (Ges. Sehr., II, S. 100.) 
Diese These bildet den Hauptinhalt seiner ersten großen Arbeit. 

Der Traum, wie er sich während des Träumens wirklich dar- 
stellt oder wie er kurz nach dem Erwachen vom Träumer erzählt 
wird, wird als manifester Trauminhalt bezeichnet. Zur Deu- 
tung dieses Inhalts ist eine Analyse notwendig. Der Träumer 
wird aufgefordert, sich der ruhigen Selbstbeobachtung zu über- 
lassen und alle auftauchenden Gedanken ohne irgend welche 
Auswahl oder Kritik mitzuteilen. Jedes Element oder Bild des 
manifesten Trauminhalts wird einzeln zum Ausgangspunkt 
einer solchen Analyse genommen. 

Infolge dieser Aufhebung der Kritik, die wir für gewöhnlich 
über unseren Vorstellungsablauf ausüben und der damit ver- 
bundenen Ersparnis an psychischer Energie, taucht eine un- 
begrenzte Anzahl von Vorstellungen in (unserem Bewußtsein 
auf. Wir erhalten so im Laufe der Analyse eine Menge von 



Die Träume 



47 



sogenannten „freien Assoziationen' , die mit dem analytischen 
Ausdruck als latente Traumgedanken oder Hintergedanken 
des Traumes bezeichnet werden. Die gründliche Sichtung dieser 
latenten Gedanken führt dann zur Deutung des Traumes. 

Was erfahren wir durch die Deutungsarbeit ? Freud lehrt, 
daß die vollständige Deutung den Traum als eine „Wunsch- 
erfüllung" erkennen läßt. (1. c. S. 126.) 

Es gibt einfache Beispiele, wie die sogenannten „Bequemlich- 
keitsträume", in welchen dieser Charakter des Traumes ohne 
weiteres erkennbar ist. „Da ist zum Beispiel ein Traum," schreibt 
Freud, „den ich mir beliebig oft, gleichsam experimentell, 
erzeugen kann. Wenn ich am Abend . . . stark gesalzene Speisen 
nehme, bekomme ich in der Nacht Durst, der mich weckt. 
Dem Erwachen geht aber ein Traum voraus, der jedesmal den 
gleichen Inhalt hat, nämlich daß ich trinke . . . Der Anlaß 
dieses einfachen Traumes ist der Durst, den ich ja beim 
Erwachen verspüre. Aus dieser Empfindung geht der Wunsch 
hervor zu trinken, und diesen Wunsch zeigt mir der Traum 
erfüllt . . . Wenn- es mir gelingt, meinen Durst durch den 
Traum, daß ich trinke, zu beschwichtigen, so brauche ich 
nicht aufzuwachen, um ihn zu befriedigen. Es ist also ein 
Bequ.emlichkeitstraum." (1. c. S. 128.) 

Auch die Träume der kleinen Kinder sind häufig simple 
Wunscherfüllungen. Ein sechsjähriges Mädchen meiner Be- 
kanntschaft zum Beispiel bewunderte eines Tages lebhaft einen 
kleinen Hermelinmantel und Hut in einer Geschäftsauslage. 
Am nächsten Morgen erzählte sie, sie sei im Traum in diesem 
Mantel und Hut im Park spazieren gegangen. 

Solche Träume sind aber verhältnismäßig selten. In den 
meisten Träumen zeigt der manifeste Trauminhalt keine er- 
kennbare Wunscherfüllung. Im Gegenteil, Angst, Schrecken 



48 



Freud und das Unbewußte 



und eine Unzahl anderer Unlustgefühle können in ihm ent- 
halten sein. Wir erklären wir uns diesen Widerspruch? 

Die Erklärung lautet, daß die Wunscherfüllungstheorie sich 
auf die latenten Traumgedanken, nicht auf den manifesten 
Inhalt bezieht. Wo in dem letzteren die Wunscherfüllung 
unkenntlich ist, „da müßte eine Tendenz zur Abwehr gegen 
diesen Wunsch vorhanden sein, und infolge dieser Abwehr 
könnte sich der Wunsch nicht anders als entstellt zum Aus- 
druck bringen." (1. c. S. 145.) 

Der manifeste Traum ist eben das Produkt einer Art 
Zensur. Die Wünsche werden verkleidet oder entstellt, ehe 
sie in dem manifesten Inhalt auftreten können. 

Diese Entstellung der Wünsche ist notwendig, weil sie dem 
wachen Ich des Träumers als unzulässig erscheinen. Diese 
Wünsche können primitive infantile Regungen sein, die der 
Träumer bei Bewußtsein mit Abscheu und Schrecken von sich 
weisen würde. Sie können dem kindlichen Egoismus oder der 
infantilen Sexualität entspringen. Jedenfalls sind es Wünsche, 
die sich mit dem realen Wachleben und den kulturellen An- 
sprüchen nicht vereinigen lassen. 

Wir verändern also unsere Formel, die das Wesen des 
Traumes ausdrücken soll, in folgender Art: „Der Traum ist 
die verkleidete Erfüllung eines verdrängten Wunsches." 

Die Traumarbeit bedient sich bei der Umwandlung der 
latenten Gedanken in den manifesten Trauminhalt der folgenden 
Mechanismen. 

Verdichtung. — Jedes Element des manifesten Traumes 
kann durch mehr als einen Gedankengang determiniert sein. 
Die Verdichtungsquote ist überhaupt fast unbestimmbar; ein 
einziges Traumbild kann eine Menge der verschiedensten 
latenten Gedanken zur Darstellung bringen. Durch diesen 



Die Träume 



49 



Mechanismus werden häufig sogenannte „Sammel- oder Misch- 
personen" hergestellt, die zum Beispiel aktuelle Züge zweier oder 
mehrerer Personen zu einer einzigen Traumgestalt vereinigen. 
Der Traum behandelt auch Worte häufig wie Dinge und 
liefert dadurch der Verdichtung reichliches Material. 

Verschiebung. — Was in den latenten Gedanken wesent- 
lich ist, kann im manifesten Trauminhalt als nebensächlich 
behandelt werden. Die psychischen Wertigkeiten werden ver- 
schoben und Affekte an Vorstellungsinhalte geheftet, zu denen 
sie nicht passen. — Andere Darstellungsmittel des Traumes 
sind Anspielung, Darstellung durch das Gegenteil und Um- 
kehrung. 

Dramatisierung. — Die Gedanken werden in konkreter, 
bildhafter Form dargestellt. Die logischen Relationen zwischen 
den latenten Gedanken werden nicht abstrakt, sondern mit 
Hilfe bestimmter Anordnungen und Reihenfolgen innerhalb 
der manifesten Traumbilder ausgedrückt. 

Sekundäre Bearbeitung. — Die sekundäre Be- 
arbeitung ist während der ganzen Traumbildung tätig; sie 
schafft Ordnung, füllt Lücken aus und verwertet Material, das 
aus Tagträumen und Phantasien bereitliegt. „Die Identifizierung 
dieser, psychischen Funktion . . . mit der Arbeit unseres 
wachen Denkens ergibt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit . . . 

(r. c. s. 427). 

Der ganze Erfolg der Traumarbeit — die Veränderung, 
Verdichtung, Verschiebung, Darstellung durch Anspielungen 
oder Symbole, die Dramatisierung, Umwandlung in visuelle 
Bilder — muß bei der Deutung des Traumes rückgängig 
gemacht werden. Freud vergleicht diese Arbeit mit dem Ent- 
ziffern von Hieroglyphen. Eine Richtschnur bei der Arbeit 
geben die im Traum vorhandenen Affekte. Die Verschieb- 



L e v i 11 e, Das Unbewußte. 



50 Freud und das Unbewußte 

barkeit der Vorstellungsinhalte, an welche die Affekte geheftet 
sind, steht oft im Gegensatz zur Unveränderlichkeit dieser 
Affekte selber. So wird uns im Traum gerade das oft lächer- 
liche Mißverhältnis zwischen einem Affekt und dem ihm 
scheinbar zugehörigen Sachverhalt zu einer wertvollen Hilfe 
für die Deutungsarbeit. 

Freud erklärt die beschriebenen Verhältnisse bei der Traum- 
bildung mit Hilfe folgender Annahme : „Wir würden also als 
die Urheber der Traumgestaltung zwei psychische Mächte 
(Strömungen, Systeme) im Einzelmenschen annehmen, von 
denen die eine den durch den Traum zum Ausdruck gebrachten 
Wunsch bildet, während die andere eine Zensur an diesem 
Traumwunsche übt und durch diese Zensur eine Entstellung 
seiner Äußerung erzwingt." (1. c. S. 146.) Freud bezeichnet 
das System, das den Wunsch beistellt, als das System des 
Unbewußten (System Ubw). Die Zensurtätigkeit wird vom 
System des Vorbewußten (System Vbw) ausgeübt. Einer 
Sache bewußt werden heißt nur, einen aus anderer Quelle 
stammenden psychischen Inhalt wahrnehmen. Das Bewußtsein 
ist eine Art „Sinnesorgan". Das Unbewußte hat keinen Zugang 
zum Bewußtsein, außer durch das Vorbewußte. Beim Über- 
gang aus dem Unbewußten ins Vorbewußte muß sich das 
Material, wie wir gesehen haben, Veränderungen, Verkleidungen 
und Entstellungen gefallen lassen. 

Fassen wir zusammen, was das Gebiet der Träume bisher 
für die Kenntnis des Unbewußten ergeben hat: Das Unbewußte 
ist ein psychisches System, in dem verdrängte Wunschregungen 
wirksam sind. Diese Wunschregungen haben einen bestimmten 
dynamischen Charakter. Sie können nicht direkt oder 
unentstellt bewußt werden. Sie gelangen aber indirekt zur 
Äußerung, indem sie sich während des Schlafzustandes, so- 



Die Fehlleistimgen 



5* 



lange die verdrängenden Kräfte des Wachlebens in ihrer 
Tätigkeit nachlassen, mit vorbewußten Gedanken in Ver- 
bindung setzen. 



§ 18 
Die Fehlleistungen 

Die Untersuchung der Fehlleistungen eröffnet ein zweites 
Erscheinungsgebiet, in dem wir die Existenz unbewußter 
Motivierungen im Seelenleben aller Mensehen bestätigt finden. 
Wir verstehen unter Fehlleistungen das gelegentliche Versprechen, 
Verlesen oder Verschreiben, das zeitweise Vergessen von Per- 
sonen- und Ortsnamen, das Verlegen von Dingen und das 
Vergreifen bei Ausführung gewohnheitsmäßiger Handlungen. 

Wir sind gewohnt, diese Fehlleistungen dem bloßen Zufall 
oder bestimmten körperlichen Zuständen, wie Unwohlsein oder 
Ermüdung, zuzuschreiben. F-r e u d dagegen lehrt, daß die An- 
erkennung eines „Zufalls" die ganze wissenschaftliche Welt- 
anschauung über den Haufen wirft. Ermüdung aber ist höchstens 
ein begünstigender Umstand, denn das Auftreten der Fehl- 
leistungen ist nicht an ihr Vorhandensein gebunden. 

Freuds eigene Hypothese lautet deshalb, daß solche Fehl- 
leistungen in Wirklichkeit auf unbewußte Absichten und 
Strebungen zurückzuführen sind. Sie zeigen den Zusammen- 
stoß zweier Intentionen, einer störenden und einer gestörten 
Tendenz. Die störende Tendenz ist nicht notwendigerweise 
mit dem bewußten Denken unvereinbar. Gewöhnlich aber 
haben wir nichts von ihr gewußt, ehe sie sich durch dieses 
gewaltsame Eindringen in unser Bewußtsein bemerkbar gemacht 
hat. In manchen Fällen weisen wir sogar die Zumutung, daß 
sie unserm Denken angehört habe, entrüstet zurück. 



52 Freud und das Unbewußte 

Wir vergessen zum Beispiel völlig an eine Verabredung. 
Nach Freuds Hypothese wird die Analyse zeigen, daß ein un- 
bewußtes Motiv oder Bestreben in uns an diesem Vergessen 
schuld ist. Wahrscheinlich war uns die Verabredung aus irgend 
einem Grunde unangenehm. Oder wir vergessen — wie wir 
nachträglich zu unserem Erstaunen erfahren — an einen 
Geburts- oder sonstigen Jahrestag. Die Analyse unserer Be- 
ziehungen zu der betroffenen Person wird zeigen, daß auch 
hier eine unbewußte Absicht mitgespielt hat. Diese Dinge 
beruhen einfach auf dem allgemein menschlichen Bestreben, 
alles irgendwie Unangenehme zu vergessen. Wie Nietzsche 
es ausdrückt: „Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. 
Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt 
unerbittlich. Endlich — gibt das Gedächtnis nach." („Jenseits 
von Gut und Böse", IL Hauptstück 68.) 

Auch das Versprechen und Verschreiben läßt unbewußte 
Motivierungen erraten. Ich erhielt eines Tages einen falsch 
datierten Dankbrief einer Dame für ein ihr übersandtes Hoch- 
zeitsgeschenk. Der Brief war am 25. Februar geschrieben, aber 
mit 25. März datiert 5 ihre Hochzeit sollte im März statt- 
finden. Es war nicht schwer, als unbewußtes Motiv dieses 
Verschreibens die ungeduldige Erwartung zu erraten und den 
Schluß zu ziehen, daß die junge Dame als Braut glücklich 
war und den Monat ihrer Eheschließung herbeisehnte. 

Es wird jedem leicht fallen, sich aus seiner eignen Er- 
fahrung zahlreiche ähnliche Vorkommnisse zurückzurufen. Ich 
zitiere im folgenden ein von Ernest Jones erwähntes Bei- 
spiel: „Eine Dame erzählt mir, daß ein Jugendfreund seinen 
Brief an sie mit dem merkwürdigen Satz schließt: Hoffentlich 
fühlen Sie sich wohl und unglücklich." Dieser Freund hat sich 
in früheren Zeiten selbst Hoffnungen auf ihre Hand gemacht 



Die Fehlleistungen 



53 



und die peinliche Vorstellung, sie mit einem andern glücklich 
zu wissen, war offenbar der Grund seines Verschreibens. Sie 
hatte kurz vorher geheiratet. (Papers on Psycho-Analysis, 

p. 67.) 

Freud vertritt die Ansicht, daß diese Phänomene „als An- 
zeichen eines Kräftespiels in der Seele" zu begreifen sind, 
als ,Äußerung von zielstrebigen Tendenzen, die zusammen oder 
gegeneinander arbeiten". Sie sind ein guter Beleg für die dyna- 
mische Auffassung der seelischen Erscheinungen. (Vorlesungen, 
Ges. Sehr. VII., S. 62.) Daraus folgert er: „Wenn wir unsere 
so vielfältig als berechtigt erwiesenen Deutungen der Fehl- 
leistungen konsequent fortführen wollen, werden wir unaus- 
weichlich zu der Annahme gedrängt, daß es Tendenzen 
beim Menschen gibt, welche wirksam werden 
können, ohne daß er von ihnen wei ß." (1. c. 

S. 70.) 

Diese Gruppe von Erscheinungen, die ausschließlich dem 
Bereich des normalen Seelenlebens entnommen sind, ist also 
eine der Quellen, aus denen Freuds Begriff des Unbewußten 
stammt. Die Fehlleistungen lassen sich übrigens häufig als Hin- 
weise auf Charakterzüge, Gefühle und Impulse gegen unsere 
Nebenmenschen verwerten, die wir sonst nie in uns vermutet 
hätten. 

(Anmerkung. — Besonders interessant erscheint mir in diesem 
Zusammenhang der Fall des Mörders. Bekanntlich führt 
selbst dort, wo alle Einzelheiten eines Verbrechens vorher 
berechnet und alle Spuren verwischt scheinen, fast immeT 
irgend ein vernachlässigter Nebenumstand, oft sogar eine ganz 
elementare, grobe Unvorsichtigkeit, zur Entdeckung des Täters. 
Sollte die Erklärung dafür nicht in der Interferenz zweier 
Absichten liegen, auf die Freud uns oben verweist?) 



54 



Freud und das Unbewußte 



§ 19 

Der Witz 

Ein anderes Erscheinungsgebiet, dessen Studium lehrt, in 
welcher Weise unbewußte Regungen zu bewußter Äußerung 
gelangen können, ist das Phänomen des Witzes. Genau wie 
in den Träumen erreichen wir auch in Witzen und Spaßen 
die Befriedigung und lustvolle Abfuhr von Wunschregungen, 
die verdrängt worden sind und normalerweise keinen Zugang 
zum Bewußtsein haben. 

Die Verhältnisse liegen dabei wahrscheinlich folgender- 
maßen. Mit dem Fortschritt der Zivilisation steigt auch die 
Bedeutung der kritischen Vernunft für unser Leben. Es gibt 
aber Augenblicke, in denen wir diese Oberschicht von kritischer 
Vernunft als drückend und lästig empfinden. Die Unterschichten 
oder die verdrängten unbewußten Wunschregungen steigen 
dann zur Oberfläche. Diese unbewußten Regungen entstammen 
der Sphäre kindlichen Unsinns und primitiven Luststrebens. 
Sie sind der Vernunft entgegengesetzt. Wird also die Herr- 
schaft der Vernunft zeitweilig abgesetzt, dann wird auch die 
Freude am Unsinn und das unbewußte Streben nach primi- 
tiver Lustgewinnung für den Augenblick vom Druck der 
verdrängenden Kräfte befreit und kann zum Bewußtsein 
aufsteigen. 

Der Witz arbeitet mit technischen Hilfsmitteln, die denen 
der Traumarbeit sehr nahe stehen. Er bedient sich der Ver- 
dichtung ; die aus ihr resultierende Ausdrucksersparnis, die 
„Kürze", gilt allgemein als Seele des Witzes. Er bedient sich 
auch mit Vorliebe der Anspielung und Umkehrung. Die Ver- 
schiebung äußert sich in der im Witz üblichen Ablenkung 
des Gedankenganges von einem Thema zum andern. 



Der Witz 



55 



Die Anwendung dieser technischen Hilfsmittel führt sichtlich 
zu einem gewissen Lustgewinn; in den Wortwitzen zum 
Beispiel sind sie die einzige Lustquelle. 

Die Hauptrolle bei Erregung der Lachlust spielt aber der 
eigentliche Witzinhalt. Man könnte sagen, der Grad von 
psychischer Hemmung, die einer verbotenen Regung im 
Gewöhnlichen auferlegt ist, ist ein Maß für die Größe des 
Lustgewinns bei ihrer Freigabe. Witze über verhaßte oder 
beneidete Personen oder auf Kosten von Institutionen, gegen 
die wir uns im Unbewußten wehren (etwa die Ehe oder 
Religionsgemeinschaft), erzielen vielleicht deshalb einen 
besonders hohen Lustgewinn. Jede nicht fest begründete 
Autorität bietet für Witz und Spott eine bequeme Ziel- 
scheibe. 

Da die zivilisierte Gesellschaft einem Großteil aller Sexual- 
strebungen die direkte Abfuhr verwehrt und sie ins Unbe- 
wußte verbannt, spielt gerade darum das Sexuelle eine her- 
vorstechende Rolle in der Witzliteratur aller Zeiten. 

Im allgemeinen kann man die Witzart, welche die Lachlust 
eines Menschen besonders, reizt, als Hinweis auf seine ver- 
drängten oder unbewußten Wunschregungen verwerten. Aus 
diesem Grund ist auch der Humor der verschiedenen Nationen, 
ja sogar der verschiedenen Gesellschaftsschichten innerhalb des 
gleichen Volkes, ein so verschiedener. Soziale wie auch indi- 
viduelle Faktoren spielen hier eine wichtige Rolle. Wir finden 
es zum Beispiel heute schwer, die Witze des Aristophanes zu 
würdigen. Ebenso sind die Lustspiele Bernard Shaws in 
Paris weniger wirkungsvoll als in London. Ein englischer 
Kabarettier wird sogar finden, daß ein Publikum in Devon- 
shire seine Darbietungen anders aufnimmt als das inLancaster- 
shire. 



56 Freud und das Unbewußte 

Auf Perioden ungewöhnlich anhaltender oder energischer 
Hemmung pflegt ein Umschlag in die entsprechend freie 
Stimmung zu folgen. Der studentische „Ulk" zum Beispiel 
ist eine solche Reaktion. 

Die Untersuchung der Witzphänomene führt also zu 
Ergebnissen, die sich der Annahme eines verdrängten Unbe- 
wußten zwanglos einfügen lassen. Dies ist die Behauptung, 
die Freud in seiner Arbeit über den Witz vertritt. 

Ich bemerke abschließend, daß die Ergebnisse Freuds 
sich in wichtigen Hinsichten dem „mechanischen" Gesichts- 
punkt Bergsons annähern. Gegen Ende seiner Arbeit über 
das Lachen weist Bergson vorsichtig darauf hin, daß die 
Verfolgung der Quellen des Witzes uns in Tiefen der mensch- 
lichen Natur führen würde, deren allzu gründliche Erforschung 
vielleicht nur Peinliches zu Tage fördern könnte. 

§20 
Die Neurosen 

Die vierte und wichtigste Gruppe unserer Darstellung 
bilden Phänomene, die bestimmten seelischen Erkrankungen, 
den Psychoneurosen, zugehören. Auf diesem Gebiet hat die 
berühmt gewordene Psychoanalyse Freuds ihren Ursprung 
genommen 5 die Forschungsarbeit in diesem Bereich hat zu- 
erst zur Erkenntnis und Überzeugung von der Existenz un- 
bewußter seelischer Vorgänge geführt. Der medizinische 
Gesichtspunkt spielt in Freuds Aufstellung des Unbewußten 
überhaupt eine wichtige Rolle. Die Psychoanalyse ist schließlich 
eine Weiterführung der Psychiatrie. 

Die beiden neurotischen Krankheitsformen, an deren 
Studium die Entwicklung der Psychoanalyse ursprünglich 



Die Neurosen 57 



anknüpfte, sind Hysterie und Zwangsneurose. Freud be- 
schreibt die letztere mit folgenden Worten: „Die Zwangs- 
neurose äußert sich darin, daß die Kranken von Gedanken 
beschäftigt werden, für die sie sich eigentlich nicht interessieren, 
Impulse in sich verspüren, die ihnen sehr fremdartig vor- 
kommen, und zu Handlungen veranlaßt werden, deren Aus- 
führung ihnen zwar kein Vergnügen bereitet, deren Unter- 
lassung ihnen aber ganz unmöglich ist." Die Gedanken sind 
oft ganz und gar „läppisch", die Impulse können einen 
kindischen Eindruck machen oder auch den schreckhaftesten 
Inhalt haben. „Dabei dringen sie niemals, aber wirklich kein 
einziges Mal, zur Ausführung durch." „Was der Kranke 
wirklich ausführt — die sogenannten Zwangshandlungen — 
das sind sehr harmlose, sicherlich geringfügige Dinge, meist 
Wiederholungen, zeremoniöse Verzierungen an Tätigkeiten 
des gewöhnlichen Lebens", die aber dadurch zu „höchst lang- 
wierigen und kaum lösbaren Aufgaben" werden. (Vorlesungen, 
Ges. Sehr. VII., S. 265!.) 

Wie sollen wir uns dieses Verhalten erklären? Nach Freud 
ist die Zwangshandlung ein sinnreicher Akt, der wie die 
Analyse zeigt, in intimer Beziehung zu dem oft der frühen 
Kindheit angehörigen Erleben des Kranken steht. Der Kranke 
ist, wie der analytische Ausdruck sagt, an ein bestimmtes 
Stück seiner Vergangenheit „fixiert". Das ist überhaupt „ein 
allgemeiner Charakter der Neurose" (1. c. S. 285). 

Ebenso bedeutsam ist, daß der Patient nichts von dem 
Sinn weiß, der sich hinter dem Symptom verbirgt. Es müssen 
seelische Vorgänge in ihm abgelaufen sein, deren Resultat 
die Zwangshandlung ist. Er verspürt die Wirkung, aber nichts 
von ihren psychischen Vorbedingungen kommt zur Kenntnis 
seines Bewußtseins. 



58 Freud und das Unbewußte 

„Einen solchen Sachverhalt", schreibt Freud, „haben 
wir im Auge, wenn wir von der Existenz un- 
bewußter seelischer Vorgänge rede n." Natürlich 
ist nicht die Zwangsvorstellung oder Handlung, das Symptom 
an sich, unbewußt, sondern „die psychischen Vorbedingungen, 
die wir durch die Analyse für sie erschließen, die Zusammen- 
hänge, in welche wir sie durch die Deutung einsetzen" 
(1. c. 286 ff.). 

Es ist schwer, dieses Stück der Freudschen Lehre ohne 
Heranziehung von Details aus der Pathologie anschaulich zu 
machen. Ich zitiere darum einen von Ernest Jones an- 
geführten einfachen Fall ohne besondere medizinische Schwierig- 
keiten. „Bei einer häufigen Form von Zwangsneurose", schreibt 
Jones, „drängt es den Kranken, sich fast unaufhörlich die 
Hände zu waschen. Gleichzeitig tritt der Zwangsgedanke auf, 
die Hände seien beschmutzt . . . oder die Phobie, die Hände 
könnten verunreinigt werden . . . Der Wasch- und Reinlichkeits- 
zwang kann sich auf den ganzen Körper, bei Frauen auch 
auf den Haushalt erstrecken und so zu einer nicht seltenen 
Quelle häuslichen Unbehagens werden . . . Das Symptom bleibt 
dunkel, so lange wir nicht mit Hilfe der Analyse in seine 
Natur und Herkunft eingedrungen sind." 

Jones führt weiter aus, daß Shakespeare den Sinn des 
Symptoms am Fall der Lady Macbeth enthüllt hat. „Es ist 
ihre gewöhnliche Geberde', daß sie sich die Hände reibt, als 
wüsche sie sich . . . Die Kranke gibt selbst die Lösung des 
Rätsels, während sie schlafwandelnd ihre geheimsten Ge- 
danken ausspricht. ,Was werden diese Hände nimmer rein ? . . . 
Hier riecht es nach dem Blut noch. Alle Wohlgerüche 
Arabiens machen nicht süßduftend diese kleine Hand.' Wir 
haben hier ein schönes Beispiel von Symptombildung: ein 







Die Neurosen 59 



Wunsch, der sich auf einen unlustbetonten Vorstellungsinhalt 
bezieht, wird auf Indifferentes verschoben und kommt dort 
zur Befriedigung." (Papers on Psycho-Analysis, p. 288.) 

Wir verfolgen hier den Weg von den unbewußten seelischen 
Vorgängen zur S y m p t o m bildung. Das Symptom hat Er- 
satz Charakter. „Die Symptombildung", schreibt Freud, „ist 
ein Ersatz für etwas anderes, was unterblieben ist. Gewisse 
seelische Vorgänge hätten sich normalerweise so weit ent- 
wickeln sollen, daß das Bewußtsein Kunde von ihnen erhält. 
Das ist nicht geschehen, und dafür ist aus den unterbrochenen, 
irgendwie gestörten Vorgängen, die unbewußt bleiben mußten, das 
Symptom hervorgegangen." (Vorlesungen, Ges. Sehr. VII., S. 289.) 

Freud nennt diese „Unterbrechung" oder „Störung", die 
Kraft also, die einen seelischen Vorgang hindert, zum Be- 
wußtsein vorzudringen, eine Verdrängung. Dieselbe Kraft 
widersetzt sich während der analytischen Kur dem 'Be- 
mühen, das Unbewußte ins Bewußte überzuführen. Sie wird 
als Widerstand des Patienten bezeichnet. Die Verdrängung 
ist also die „Vorbedingung der Symptombildung". (Vorlesungen, 
Ges. Sehr. VII., S. 504.) 

Die psychoanalytische Arbeit hat ferner als die Absicht, 
der alle Symptome solcher Neurosen dienen, die sexuelle 
Befriedigung erkannt. Wie erwähnt, werden in der modernen 
Kulturgemeinschaft vor allem die Sexualregungen von der 
Verdrängung betroffen. Die natürliche Folge ist, daß die 
Symptome der Sexualbefriedigung der Kranken dienen, ein 
Ersatz für solche Befriedigung sind, die sie im Leben ent- 
behren (1. c. S. 508 f.). 

Wir müssen hier betonen, daß in der Psychoanalyse der 
Begriff „Sexualität" dem gewöhnlichen Gebrauch gegenüber 
eine Erweiterung erfahren hat. Er umfaßt in der erweiterten 






6o Freud und das Unbewußte 

Bedeutung auch das Sexualleben der Kinder und der Perversen. 
Forschungen auf diesen Gebieten haben Freud veranlaßt, 
zur Erklärung der Perversionen die aufeinanderfolgenden 
Organisationsstufen der Sexualität heranzuziehen. Die Kraft, 
mit welcher der Sexualtrieb sich äußert, bezeichnet Freud 
als Libido. Die Libido durchläuft in den frühesten Kinder- 
jahren verschiedene Phasen (die orale, anal-sadistische etc.); 
zu dieser Zeit spricht man richtiger nicht von einem einzigen 
Sexualtrieb, sondern verschiedenen sexuellen Partialtrieben. 
Die Psychoanalyse verdankt der Erforschung des Sexuallebens 
einige ihrer überraschendsten Funde (wie auch die erbitterte 
Feindseligkeit, mit der man ihr begegnet ist). Die frühen 
Entwicklungsphasen der Libido zum Beispiel geben Aufklärung 
über viele merkwürdige Charakterzüge des späteren Lebens 
(i. e. anal-erotische Charakterzüge). Ferner ist die Objekt- 
beziehung der sexuellen Partialtriebe, insbesondere die Wahl 
der Mutter, beziehungsweise des andersgeschlechtlichen Eltern- 
teils, zum Liebesobjekt — der Oedipuskomplex — als 
Grundlage der Neurosenbildung erkannt worden. Zur Zeit der 
Pubertät nämlich besetzt der jetzt zuerst voll erstarkte Sexual- 
trieb von neuem die alten inzestuösen Objekte, muß aber 
von ihnen gelöst und auf ein fremdes Liebesobjekt gerichtet 
werden, wenn das normale erwachsene Verhalten erreicht 
werden soll. Erst nach der Lösung dieser großen Aufgabe 
kann das Individuum „aufhören Kind zu sein, um ein Mit- 
glied der sozialen Gemeinschaft zu werden". Dem Neurotiker 
gelingt diese Lösung nicht. „In diesem Sinne", sagt Freud, 
„gilt der Oedipuskomplex mit Recht als der Kern der Neu- 
rosen" (1. c. S. 549). 

Die Einschaltung dieses Stücks Freudscher Sexualtheorie 
war notwendig, um die Bedeutung des sexuellen Faktors bei 



Die Neurosen 



61 



der neurotischen Symptombildung zu rechtfertigen. Symptome 
sind Kompromißbildungen, in denen die verdrängten 
Sexualregungen und die verdrängenden Kräfte des Ichs gleich- 
zeitig zur Äußerung kommen. 

Die auslösende Ursache einer Neurose ist immer ein psy- 
chischer Konflikt. Ein Stück der Persönlichkeit vertritt gewisse 
libidinöse Wünsche, ein anderes sträubt sich dagegen. Es ent- 
steht ein Konflikt zwischen den Sexualtrieben und den Ich- 
trieben. An den Ichtrieben kommt die gesamte Ichentwicklung 
unter dem Einfluß der sozialen, moralischen und intellektuellen 
Bedingungen zum Ausdruck. Die aus ihnen erwachsenden 
Forderungen müssen mit den Ansprüchen der Libido in 
Widerspruch treten. Ist der entstandene Konflikt be- 
sonders schwer, so ist Krankheit die Folge. „Ohne solchen 
Konflikt", schreibt Freud, „gibt es keine Neurose" (1. c. 
S. 562). 

Es gibt im allgemeinen zwei wichtige Wege von abnormer 
Verwendung der Libido. 

Die eine wird als Fixierung bezeichnet. Eine Fixierung 
entsteht, wenn einer der sexuellen Partialtriebe auf einer 
frühen Stufe in seiner Entwicklung aufgehalten wird und 
infolgedessen seine Ver schiebb arkeit verliert. Die Fixierung ist 
also nichts als „eine besonders innige Bindung des Triebes 
an das Objekt" (Ges. Sehr. V., S. 448). 

Die zweite Möglichkeit ist die Regression der Libido. 
Sie tritt ein, wenn ein Triebanteil in rückläufiger Bewegung 
auf eine seiner früheren Entwicklungsstufen zurückkehrt, 
weil die Erreichung seines Zieles in fortschreitender Richtung 
auf unübersteigliche Hindernisse stößt. 

Wir können jetzt den ganzen Prozeß der Symptombildung 
zum Beispiel für die Hysterie in folgender Weise beschreiben: 



Unter den Bedingungen eines Konflikts, nach Art des oben 
geschilderten, betritt die aufgestaute Libido, um dem Einspruch 
des Ichs auszuweichen, den Weg der Regression und über- 
trägt ihre Energiebesetzung (wie der Terminus lautet) auf 
frühere Fixierungsstellen. Die jetzt mit Libido besetzten Vor- 
stellungen gehören dem System Ubw an und können nicht 
unverändert zum Bewußtsein durchdringen. Dadurch wird 
die Symptombildung notwendig. Das Symptom entsteht, wie 
Freud es ausdrückt „als vielfach entstellter Abkömmling der 
unbewußten libidinösen Wunscherfüllung" und verhilft der 
Libido zu einer „allerdings außerordentlich eingeschränkten 
und kaum mehr kenntlichen realen Befriedigung" (Vor- 
lesungen, Ges. Sehr. VII., S. 575). 

Heben wir hervor, daß bei der Symptombildung die Vor- 
stellungen ebenso wie bei der Traumbildung den Prozessen 
der Verdichtung und Verschiebung unterliegen. 

Wir haben noch eine charakteristische Eigentümlichkeit 
der Neurose zu erfahren. Die unbewußten Vorstellungen, 
welche die Libido jetzt besetzt hat, entstammen nicht not- 
wendigerweise realen Kindheitserlebnissen des Ichs, besser 
gesagt des Kranken. Phantasie und Wirklichkeit sind hier 
reichlich vermengt. „In der Welt der Neurose ist die psychische 
Realität", nicht die materielle Realität, „die maßgebende" 
(Vorlesungen, Ges. Sehr. VII., S. 585). 

So viel über die neurotischen Symptome und ihr Verhältnis 
zu den unbewußten Seelenvorgängen. Hinzuzufügen wäre 
noch, daß alles Gesagte nur für jene Neuroseformen Gültigkeit 
hat, die bisher das spezielle Arbeitsgebiet der Psychoanalyse 
waren: die Übertragungsneurosen also. Die Gruppe der Über- 
tragungsneurosen umfaßt Zwangsneurose, Angsthysterie und 
Konversionshysterie. Zur Aufklärung der sogenannten narziß- 



Zusammenfassung 



63 



tischen Neurosen * (bei denen an Stelle von Objekten das 
Ich mit Libido besetzt wird), konnte die Psychoanalyse bisher 
verhältnismäßig wenig beitragen. Es ist das Gebiet, auf dem, 
wie Freud schreibt, „die nächsten Fortschritte der analytischen 
Arbeit zu erwarten sind" (Vorlesungen, Ges. Sehr. VII., 
S. 43«)- 



§21 
Zusammenfassung 

Ich habe die Freudsche Auffassung des Unbewußten nur 
ihren Umrissen nach dargestellt, zumindest aber auf ihre 
hervorstechendsten Besonderheiten hingewiesen. Unter „un- 
bewußt" sollen wir also in erster Linie das „Verdrängte" 
verstehen. Freud nimmt im Individuum zwei psychische Systeme 
an. Das eine von ihnen, das die verdrängten Wunschregungen 
enthält, wird der Kürze halber als System Ubw bezeichnet. 
Seinen Inhalt sollen wir uns nicht als passiv, sondern als 
intensiv wirksam vorstellen. Wir müssen also annehmen, „daß 
es Tendenzen beim Menschen gibt, welche wirksam werden 
können, ohne daß er von ihnen weiß". Für die Richtigkeit dieser 
Hypothese liefert die Analyse der neurotischen Symptome 
den entscheidendsten Beweis. Denn sie erschließt psychische 
Vorbedingungen, von denen der Patient nichts weiß, deren 
unleugbare Abkömmlinge aber die Symptome oder Zwangs- 
handlungen sind. Die Analyse der Träume und Fehlhandlungen 
des Alltagslebens bestätigt dann die Schlußfolgerungen, die 
sich aus dem Studium der Neurosen ergeben haben. 

Ich gehe nun daran, die Berechtigung der Freudschen 

Aufstellungen im allgemeinen zu prüfen. Können die von 

1) Was man gemeinhin Psychose heißt. Übrigens schreitet die psychoanalytische 
Aufklärung dieser Krankheitsformen gegenwärtig in raschem Tempo fort. 



64 Freud und das Unbewußte 

ihm angeführten Daten nicht auf Grund einfacherer, vielleicht 
rein physiologischer Hypothesen erklärt werden? Ist das Un- 
bewußte im Freudschen Sinne eine für das Verständnis des 
Seelenlebens notwendige und legitime Annahme? Es wäre 
müßig, die Bedeutung dieser Aufstellungen zu erörtern, ehe 
wir uns über ihre Berechtigung überhaupt klar geworden 
sind. Das nächste Kapitel soll sich mit dieser Frage beschäftigen. 



I 



DRITTER TEIL 



Die Rechtfertigung des 
Unbewußten 



Zur Kritik des Unbewußten 



67 



§22 

Zur Kritik des Unbewußten 



Die endokrinen Drüsen 



Der Begriff des Unbewußten ist von vielen Seiten her als un- 
haltbar, als eine weder zwingende noch legitime Folgerung 
aus den beigebrachten Tatsachen bezeichnet worden. Diese 
Einwände kommen in erster Linie aus dem Gebiet der 
Physiologie 5 ihre schärfste Formulierung entstammt einer 
Forschungsrichtung, die sich mit den sogenannten endokrinen 
Drüsen (Drüsen ohne Ausführungsgang) beschäftigt. 

Leonard Williams zum Beispiel versichert in einem 
kürzlich veröffentlichten Aufsatz, es sei zwecklos, die Geheim- 
nisse des Unbewußten ergründen zu wollen, ehe die weit 
größere Bedeutung realer physiologischer Tatsachen Anerken- 
nung gefunden habe. Er schreibt : „Man wird viel bessere 
und brauchbarere Resultate erzielen, wenn man sich von der 
recht phantastischen Analyse immaterieller Träume zu einer 
ernsthaften Erforschung der realen Phänomene des endokrinen 
Systems wendet. Nur sie sind imstande, uns Rätsel zu lösen 
und Wunderdinge vor Augen zu führen." (British Journal of 
Psychology, Medical Section, July, 1922.) 

Das Studium der endokrinen Drüsen ist für eine dogmatische 
Darstellung seiner Bedeutung noch nicht weit genug vorge- 



68 Die Rechtfertigung des Unbewußten 

schritten. Der heutige Stand der Forschungen ist etwa der 
folgende : 

Die Eingeweide, das sympathische Nervensystem und die 
Drüsen innerer Sekretion bilden das sogenannte vegetative 
System. Sie stehen in beständiger Funktion, lenken aber die 
Aufmerksamkeit nur dann auf sich, wenn das Individuum 
zur Herabsetzung eines Druckes oder Erleichterung einer 
Spannung eine Handlung vorzunehmen hat. Nach Williams 
steht „unser gesamtes animalisches physiologisches Leben 
unter der Herrschaft dieses sogenannten vegetativen Systems". 
Seine Funktion besteht, wie der Name andeutet, in der 
Regulierung der Atmungs-, Blutzirkulations-, Ernährungs-, 
Exkretions- und Fortpflanzungsvorgänge. Sein Ahnherr, wenn 
wir weit genug zurückgehen, ist das Nervensystem der wirbel- 
losen Tiere, das man als die erste Annäherung an etwas wie 
eine „Seele" bezeichnen könnte. 

Nun geht in unserem eigenen Leben die Arbeit der Ein- 
geweide, die für den Organismus so maßgebend ist, unbewußt 
vor sich. Wäre es da nicht möglich (das zum Beispiel ist die 
Annahme Williams'), daß dieses ganze vegetative System 
die greifbare Realität darstellt, welche der Begriff „unbe- 
wußtes Seelenleben" bezeichnen soll? 

Es gilt auch als wahrscheinlich, daß „die endokrinen Drüsen 
mit den in ihnen erzeugten Stoffen, den sogenannten Hormonen, 
die Haupttriebkraft dieses merkwürdigen Mechanismus", näm- 
lich des vegetativen Systems, abgeben. Könnte es da nicht 
stimmen, daß die wirkliche Erklärung des unbewußten 
Seelenlebens in der Tätigkeit der endokrinen Drüsen zu 
suchen ist? 

Vorläufig allerdings wird zugegeben, daß auch die Auf- 
stellungen über das Wesen der endokrinen Drüsentätigkeit 



Zur Kritik des Unbewußten 



69 



zum Teil nichts anderes sind als Spekulationen. So viel nur 
weiß man mit ziemlicher Sicherheit, daß die Nebennieren 
die ältesten dieser Drüsen sind, daß es außerdem noch drei 
andere, gleich wichtige gibt, die Schilddrüse, die Hypophysen 
und die Keim- oder Geschlechtsdrüsen, und daß sie alle in 
organischer Beziehung und enger Abhängigkeit voneinander 
stehen. B e r m a n hat in einer viel bemerkten Arbeit bestimmte 
Arten der inneren Sekretion mit bestimmten Typen von 
Persönlichkeit in Zusammenhang gebracht. Williams meint, 
daß ein Vorwiegen der Nebennierenfunktion die Männlichkeit 
und Aggression steigert, die Schilddrüse auf Reizzufuhr und 
Wärmeverteilung wirkt, so daß ihre volle Funktion „tempera- 
mentvoll" macht. Die vordere Hypophyse soll bei Überpro- 
duktion Riesenwuchs erzeugen. Die Geschlechtsdrüsen sind 
typisch männlich oder weiblicher Natur, bei den meisten 
Menschen aber sind neben dem vorherrschenden Typus auch 
weniger hervorstechende Andeutungen des anderen Typus 
zu finden. 

So gesteht man zwar zu, daß die Einzelheiten der endokrinen 
Drüsentätigkeit noch im Dunkeln liegen, läßt aber trotzdem 
den Anspruch nicht fallen, daß es das endokrine System ist, 
das für die Verursachung der Phänomene, aus denen wir 
auf die Existenz unbewußter Seelenvorgänge schließen wollen, 
in erster Linie in Betracht kommt. Man ist nicht nur sicher, 
daß „die Entziehung eines einzigen Hormonstoffes die groß- 
artigsten psychischen und physischen Veränderungen zur Folge 
haben kann" 5 die Forscher dieser Schule behaupten auch: 
„Das Seelenleben selbst ist vor allem eine physische Angelegen- 
heit. Das bewußte Denken ist in seiner Einleitung, seiner 
Ausführung und seiner Struktur wesentlich eine Sache der 
Physik und der Chemie. Denken, Vernunft und Intellekt 



70 



Die Rechtfertigung des Unbewußten 



sind fast durchwegs von rein animalischen und chemischen 
Ursachen abhängig." (Williams, 1. c.) 

Das wäre also einer der Einwände gegen die Aufstellung 
des Unbewußten. 



§ 23 
Zur Kritik des Unbewußten 

Die Mneme 

Von den Phänomenen der Gedächtnisleistung (und ihres 
Versagens) führt ein direkter Weg zur Aufstellung des Un- 
bewußten. Daneben aber wird der Standpunkt vertreten, daß 
das Gedächtnis eine rein physiologische Funktion des Organis- 
mus ist. Die „mnemische" Hypothese von Richard Semon 
zum Beispiel geht von solchen Gesichtspunkten aus. Semon 
versucht, die verschiedenen Phänomene der Gewohnheit, des 
Gedächtnisses, der Fortpflanzung und der Vererbung unter 
einen gemeinsamen Oberbegriff zu bringen. Er postuliert eine 
besondere Eigenschaft der lebenden Substanz, „Mneme" ge- 
nannt, durch welche alle diese Leistungen ermöglicht werden. 
Ein Abriß seiner Theorie wäre wie folgt: 

Die psychische energetische Situation beruht auf den Er- 
regungsvorgängen in der organischen Substanz. Diese Substanz 
ist von Natur aus Erregungen zugänglich oder, wie der 
technische Ausdruck lautet, „reizbar". Quelle der Erregungen 
sind die Reize, die der energetischen Situation der Außenwelt 
entstammen, und Auftreten und Dauer der psychischen Er- 
regungen bewirken. Die durch einen Reiz hervorgerufene 
Erregung muß dem Reiz selber nicht synchron sein 5 wir 
kennen auch „akoluthe" Reizwirkungen oder, einfacher aus- 
gedrückt, „Nachwirkungen" der Reize. 



Zur Kritik des Unbewußten 



71 



Vor der Einwirkung des Reizes befindet sich der Organismus 
im „primären Indifferenzzustand". Wenn nach Aufhören des 
Reizes die Erregung ausgeklungen ist, tritt der „sekundäre 
Indifferenzzustand" ein. Primärer und sekundärer Indifferenz- 
zustand sind aber nicht identisch. Inzwischen ist die reizbare 
Substanz des Organismus in bezug auf ihre Reaktionsfähigkeit 
dem betreffenden Reiz gegenüber dauernd verändert worden. 

Semon bezeichnet eine so bewirkte dauernde Veränderung 
der organischen Substanz als das Engramm des betreffenden 
Reizes. Die Summe der Engramme, die ein Organismus be- 
sitzt, nennt er seinen Engrammschatz, wobei ein ererbter 
von einem individuell erworbenen Engrammschatz zu unter- 
scheiden ist. Das Vorhandensein der Engramme ist es, aus 
dem die Gedächtnisphänomene oder mnemischen Erscheinungen 
resultieren. „Mneme" ist der Inbegriff der mnemischen Fähig- 
keiten eines Organismus. Die Erinnerungsfähigkeit oder das 
Gedächtnis im engeren Sinn fällt unter den Begriff der Mneme. 

Semon gibt an, daß die Fähigkeit, engraphische Reiz- 
wirkungen festzuhalten, nicht bei allen reizbaren organischen 
Substanzen die gleiche ist. Die höchste engraphische Empfäng- 
lichkeit ist im Nervensystem ausgebildet. 

Das Engramm befindet sich nach Ablauf der durch den 
Reiz bewirkten Erregung im Zustand der Latenz. Es kann 
aber reproduziert werden. Unter gewissen Einflüssen wird 
der von dem engraphisch wirksamen Reiz verursachte Er- 
regungszustand wieder hervorgerufen. Ein solcher Einfluß ist 
nicht nur die Wiederkehr des Originalreizes. Zur Auslösung 
des mnemischen Erregungszustandes genügt auch die Wieder- 
kehr des Originalreizes in quantitativ verminderter Form oder 
die Ekphorie eines assoziierten Engramms oder selbst die 
durch periodische Abläufe bedingte partielle Wiederkehr einer 






72 Die Rechtfertigung des Unbewußten 

bestimmten energetischen Situation. Unter diesen Einflüssen 
steht natürlich die Assoziation obenan. Alle simultan oder 
sukzessiv erzeugten Engramme sind untereinander assoziiert. 

Die Bedeutung der Semonschen Hypothese für das konkrete 
Leben erhellt besonders aus der von ihm geschilderten Ver- 
bindung der Engramme zu Engrammkomplexen. Diese 
Engrammkomplexe sind so organisiert, daß jede Einzelkompo- 
nente zur Ekphorie der ihr nachfolgenden befähigt ist. Die 
verschiedenen Prozesse, die zu einer Gedächtnisleistung oder 
Ausführung einer gewohnheitsmäßigen Handlung erforderlich 
sind, folgen also ganz mechanisch aufeinander. Sogar die 
eigentlich physiologischen Vorgänge, die rhythmischen Abläufe 
von Schlaf, Verdauung, Wachstum und Ernährung lassen sich 
auf die gleichen Prinzipien zurückführen. Ja, man kann sagen, 
daß der gesamte Entwicklungsprozeß von der befruchteten 
Keimzelle zum erwachsenen reifen Organismus dem Vorgang 
bei der Wiederholung eines auswendig gelernten Gedichtes 
durchaus analog ist. Der einzige Unterschied liegt darin, 
daß das mnemische Vermögen im ersteren Falle ererbt, 
im letzteren während der Lebensdauer des Individuums 
erworben ist. 

Das wäre also in großen Umrissen eine Darstellung der 
mnemischen Hypothese S e m o n s. 



§ 24 
Entgegnung — Rechtfertigung der Psychologie 

Die beiden eben geschilderten kritischen Einwände greifen 
nicht nur die Aufstellung unbewußter seelischer Vorgänge an, 
sondern stellen gewissermaßen die Berechtigung der Psychologie 



Entgegnung — Rechtfertigung der Psychologie 



73 



überhaupt in Frage. Nach ihnen ist ja keine Notwendigkeit 
vorhanden, zur Erklärung des Seelenlebens im allgemeinen, 
noch weniger zur Erklärung des unbewußten Seelischen, über 
das Bereich der Physiologie hinauszugehen. 

Wir müssen also an dieser Stelle darüber entscheiden, ob 
die Psychologie Existenzberechtigung als Wissenschaft hat. 
Gibt es überhaupt eine Aktivität, die man als psychisch 
bezeichnen kann und die sich in chemischen oder physiolo- 
gischen Begriffen nicht völlig erfassen läßt? 

Auf Grund der Selbstbeobachtung würden wir bejahend 
antworten. Allerdings ist die Selbstbeobachtung unter den 
Behavioristen in Verruf geraten; es läßt sich manches gegen 
sie einwenden. Sie setzt offenbar das Bemühen voraus, einen 
in Wirklichkeit bewegten, kontinuierlich fließenden Strom 
von Aktivität aufzuhalten und in Starrheit zu bannen. Ihre 
Wirkung ist zunächst eine plötzliche Unterbrechung des kon- 
tinuierlichen Strömens. Der Organismus befindet sich in einem 
bestimmten Spannungszustand. Die verschiedenartigen orga- 
nischen Bewegungen, die unaufhörlich im Innern toben, 
werden nun in übermäßiger Weise betont. Es ist, als würde 
der Einfluß der umgebenden Außenwelt auf ein verschwin- 
dendes Maß herabgesetzt, so daß außer der bloßen Reaktions- 
bereitschaft keine Ansprüche an den Organismus gestellt 
werden. 

Aber diese anscheinende Wirkung der Selbstbeobachtung 
zeigt, gerade wenn sie so absichtlich und künstlich gesteigert 
wird, ihre hohe Bedeutsamkeit. Sie gibt uns die Möglichkeit, 
das Wesen der Tätigkeit, die man so beeinflußt hat, in der 
klarsten Weise zu erfassen. Diese Tätigkeit, die man jetzt 
sozusagen von innen her betrachtet, ist nämlich nichts anderes 
als Bereitschaft zur Reaktion, Berücksichtigung der Reize und 






74 Die Rechtfertigung des Unbewußten 



Regulierung oder Abfuhr von Spannungen. Wir haben keine 
anderen Mittel, sie zu beschreiben, als indem wir uns dieser 
rohen Annäherungen bedienen. 

Daß diese Aktivität sich nicht in den Hilfsvorstellungen 
eines fremden Gebietes voll erfassen läßt, scheint mir kein 
ausreichender Grund, sie zu vernachlässigen. Die Behavioristen 
sind damit zufrieden, den Gebrauch der Termini „psychisch", 
„bewußt' etc. auszumerzen. Dieses Vorgehen erspart der 
Psychologie sicher viele Schwierigkeiten. Als Wissenschaft 
muß es sie aber früher oder später auf einen toten Punkt 
bringen. Die Nicht-Behavioristen finden, daß die Aktivität, 
die man gemeinhin „seelisch" heißt, den Kern jeder voll- 
ständigen Darstellung des menschlichen Verhaltens bildet, also 
alles eher als nebensächlich ist. Sie geben zu, daß sie nicht 
in den Begriffen eines anderen Gebietes ausgedrückt werden 
'kann. Ich meine aber, es gibt überhaupt kein Phänomen, 
das sich anders als in seinen ureigensten Begriffen dar- 
stellen läßt. 

Auf der Grundlage der Selbstbeobachtung scheint also der 
Schluß unabweisbar, daß man eine solche „geistig" oder 
„seelisch" zu nennende Tätigkeit anzunehmen habe. Diese 
ist offenbar etwas ganz Einzigartiges. Vorläufig kann weder 
die Chemie noch die Physiologie uns zeigen, aus wel- 
chen chemischen oder physiologischen Bedingungen diese 
seelischen Vorgänge hervorgehen, noch welche Vorgänge aus 
ihren Bereichen den seelischen genau entsprechen. Die Wissen- 
schaft der Psychologie, welche diese einzigartige Tätigkeit 
postuliert, hat folglich das vollste Recht, die Phänomene des 
menschlichen Verhaltens durchwegs von ihrem eigenen Stand- 
punkt her aufzufassen und mit der Hypothese „psychischer" 
Vorgänge zu arbeiten. 



» 




Psychologie und Physiologie 




75 




§ 25 
Psychologie und Physiologie 






Ich habe 


im vorhergehenden Abschnitt den 


Versuch 


g e ~ 


rechtfertigt, 


von der Annahme einer seelischen 


Tätigkeit 


aus 


zu einem Verständnis der Phänomene des menschlichen Ver- 



haltens vorzudringen. Damit wollte ich aber nicht sagen, daß 
die Inangriffnahme des Problems von anderen Gesichtspunkten 
her unstatthaft ist. Ich habe nirgends die Meinung vertreten, 
daß die Psychologie uns eine restlos befriedigende Erfassung 
der studierten Phänomene ermöglicht. Es ist gar nicht daran 
zu zweifeln, daß die Untersuchung derselben Phänomene auf 
physiologischer Basis fruchtbar werden kann. Nur behaupte 
ich, daß auch die Physiologie kein vollständiges Verständnis 
der Erscheinungen vermittelt und bestreite ihr das Recht, als 
einzige Wissenschaft Theorien zur Erklärung dieses Gebietes 
aufzustellen. 

Dem Argument, daß für die Verursachung der sogenannten 
unbewußten Seelenvorgänge in erster Linie die endokrinen 
Drüsen in Betracht kommen, halte ich entgegen, daß die 
Kenntnis der endokrinen Drüsentätigkeit zwar für die Physio- 
logie von größter Wichtigkeit ist, aber mit der Annahme 
eines Unbewußten nichts zu tun hat. Sie steht auf der anderen 
Seite der Gleichung, wenn wir uns die psycho-physische 
Relation als Gleichung vorstellen wollen. 

Man muß zugeben, daß zwischen Physischem und Psychi- 
schem irgend welche Beziehungen bestehen. Man erhält oft 
den Eindruck, als wären sie voneinander abhängig, als müßte 
es zwischen Affektleben und physiologischen Vorgängen ver- 
borgene Verbindungswege geben. Schon oberflächliche Beob- 
achtung läßt zwischen einem Fieberzustand und einem psychi- 



sehen Delirium organische Zusammenhänge ahnen. Es ist 
aber Aufgabe der reinen Philosophie, sich Theorien über das 
Wesen dieser Zusammenhänge zu bilden. Weder Psychologie 
noch Physiologie sollten sich von solchen Hypothesen in ihren 
wissenschaftlichen Konstruktionen beirren lassen. 

Alles Wissen über die endokrinen Drüsen dient also nur 
dazu, unser Verständnis für die physische Seite der unbe- 
wußten Prozesse zu klären und zu erweitern. Das Bedürfnis 
nach einem Verständnis ihrer psychischen Seite wird dadurch 
nicht aus der Welt geschafft. Ebenso wie auf rein physischer 
Seite die Phänomene mit Hilfe von Kenntnissen über die 
innere Sekretion analysiert und zergliedert werden können 
geschieht diese Analyse und Zergliederung auf rein psychischer 
Seite mit Hilfe von Kenntnissen, die der Ergründung des 
Unbewußten entstammen. Daß es schließlich einmal zu einer 
Synthese dieser beiden Phasen kommen kann, liegt von der 
Wissenschaft wie von der Metaphysik aus im Bereiche der 
Möglichkeit. Ich behaupte aber, wenn wir auf unserem 
heutigen Stand von Erkenntnis brauchbare Resultate erhalten 
und Verwirrung vermeiden wollen, dann müssen wir der 
Psychologie und Physiologie gestatten, die Phänomene des 
menschlichen Verhaltens in gesonderten Begriffen zu erfassen. 
Beide Auffassungen sind wertvoll und keine von ihnen 
widerspricht der anderen. Jede aber muß die Grenzen 
respektieren, innerhalb derer ihre Mittel sie zum Vordringen 
befähigen. 

Auf dieser Grundlage und mit diesen Einschränkungen 
ist also die Psychologie, vielmehr der Ansatz einer psycho- 
logischen Betrachtungsweise, gerechtfertigt. Eine psychologische 
Auffassung des menschlichen Verhaltens, innerhalb derer 
psychische Ursachen von psychischen Wirkungen gefolgt 



Zur Kritik des Unbewußten 



77 



werden, erscheint mir gegenwärtig als eine legitime Aufgabe. 
Ihre Lösung verspricht uns Resultate, die durch die Ergeb- 
nisse anderer Wissenschaften nicht ersetzt werden können. 



§26 
Zur Kritik des Unbewußten 

Ein Paradoxon 

Man kann aber die Existenzberechtigung der Psychologie 
als Wissenschaft zugeben und trotzdem der Aufstellung eines 
Unbewußten die Berechtigung versagen. Beschäftigen wir uns 
im. folgenden mit diesem Problem. Welches sind die Argu- 
mente, auf Grund derer der Begriff des Unbewußten abgelehnt 
werden kann? 

Man kann behaupten, daß der Begriff des Unbewußten 
nichts als ein sinn- und wertloses Paradoxon ist. Dieser Stand- 
punkt wird am schärfsten bei G. C. F i e 1 d vertreten (Beitrag 
zum Diskussionsthema „Is the Conception of the Unconscious 
of Value in Psychology ?", Mind, Oct. 1922.) Der Autor ver- 
sichert, daß diese Hypothese für die Psychologie wertlos sei. Er 
schreibt: „Wir wissen über die körperlichen Vorgänge hinaus 
nichts von unserem Innenleben, was uns nicht durch die Wahr- 
nehmung unserer eigenen Bewußtseinsvorgänge vermittelt 
würde. Das einzige, was wir überhaupt in irgend einem Sinne 
als ,Seelenleben' oder ,seelisch' bezeichnen können, sind also 
diese Bewußtseinsvorgänge." Alles etwa sonst noch Vorhandene 
müßte einfach in negativer Ausdrucksweise beschrieben werden. 
Es ist ein großes X, eine unbekannte Ursache. Es zu postu- 
lieren, bedeutet nur ein Eingeständnis unserer Unwissenheit. 

Dieser hier so scharf formulierte Standpunkt beruht auf 
der Gleichsetzung der Begriffe „seelisch" und „bewußt". Für 



1 



78 Die Rechtfertigung des Unbewußten 



jeden, der diese Gleichsetzung annimmt, müssen unbewußte 
das heißt nichtseelische seelische Vorgänge einen greifbaren 
Widersinn bedeuten. 

Freud wendet sich aber mit aller Entschiedenheit gegen 
die Gleichsetzung des Seelischen mit dem Bewußten. Er ver- 
tritt den Standpunkt, daß die seelischen Vorgänge an sich 
unbewußt sind und „ihre Wahrnehmung durch das Bewußt- 
sein mit der Wahrnehmung der Außenwelt durch die Sinnes- 
organe zu vergleichen" ist. (Ges. Sehr., V., S. 486.) 

Nach Freud ist das Unbewußte das eigentlich reale 
Psychische, zu dem das Attribut des Bewußtseins hinzutreten 
kann oder auch nicht. Das Bewußtsein ist also nicht der all- 
gemeinste oder wesentlichste Charakter der seelischen Vorgänge 5 
es ist nur die spezielle Funktion eines bestimmten Systems 
innerhalb des seelischen Apparates. 

Der Unterschied zwischen den beiden Standpunkten ist, wie 
man sieht, für alles Weitere maßgebend. Wollen wir uns also 
ein Urteil bilden, welcher von ihnen den Tatsachen am 
ehesten gerecht wird, so müssen wir mit einer Definition 
des Bewußtseins beginnen. Auf jeder der beiden Seiten wird 
der Begriff Bewußtsein in dem einen oder anderen Sinn ge- 
braucht. Wenn wir diesen Sinn geklärt haben, wird es leichter 
sein, die Frage der Gleichsetzung des Seelischen mit dem 
Bewußten zu entscheiden. 



§27 
Das Wesen des Bewußtseins 

Die Diskussion über das Wesen des Bewußtseins in ihrer 
heutigen Form erhielt ihren ersten Anstoß von William James. 
In einer berühmt gewordenen Arbeit stellte er die einfach ge- 



Das Wesen des Bewußtseins 



79 



faßte Frage: „Does Consciousness existP" („Gibt es ein Be- 
wußtsein?") Seine eigene Antwort lautete, daß das Bewußtsein 
nicht als Wesenheit existiert, sondern als eine Aktivität oder 
Funktion aufgefaßt werden muß. 

Spätere Autoren sind zu weit radikaleren Folgerungen ge- 
langt. Für Abhot zum Beispiel ist das Bewußtsein nichts 
anderes als die Gehirnfunktion. Das Seelenleben verhält sich 
nach ihm zum Körper wie Funktion zu Struktur. Ebenso wie 
die Atmung die Funktion der Lungen, so ist das Seelenleben 
die Funktion des Körpers als Ganzem. (Psychological Review, 
XXIIL, pp. 117.) Die Behavioristen (ich verstehe darunter die 
von W a t s o n begründete Schule) scheiden, wie erwähnt, den 
Begriff Bewußtsein wenigstens aus ihrer offiziellen Psychologie 
vollkommen aus. Nach ihnen berechtigen die Tatsachen nur zur 
Annahme von Einzelorganismen, die auf einfache oder zusammen- 
gesetzte Reize mit einer Mannigfaltigkeit von direkten und in- 
direkten motorischen und sprachlichen Äußerungen reagieren. 

Anderseits widerlegt Bertrand Russell in seiner „Analysis 
of Mind" die Theorie, daß das Bewußtsein das wesentliche 
Element alles psychischen Erlebens bedeute. Er entnimmt seine 
Beweise den Ergebnissen des Behaviorismus und der Psycho- 
analyse, ferner der Erkenntnistheorie und dem „Neuen Realis- 
mus" von P e r r y und Holt. 

Wir sehen also, daß das Wesen des Bewußtseins, ja sogar die 
Berechtigung dieses Begriffes überhaupt, zum Gegenstand 
heftigster Meinungsverschiedenheit geworden ist. Ich schlage 
deshalb an dieser Stelle zur Klärung des Problems die Unter- 
suchung eines typischen Beispieles von Verhalten vor, das man 
allgemein als ein „bewußtes" bezeichnen würde. 

Nehmen wir den Fall eines Studenten, der eine Vorlesung 
anhört und sich Notizen über das Gehörte macht. Das wäre die 



80 Die Rechtfertigung des Unbewußten 

grobe oder populäre Beschreibung seines Verhaltens. Was ergibt 
da die Analyse? 

i) Sie zeigt in erster Linie einen lebenden Organismus. Da 
stoßen wir aber bereits auf Unsicherheit. Es ist ebenso schwierig 
das Wesen des Lebens in Worte zu fassen, wie etwa seine 
chemische Konstitution aufzudecken. Wir sprechen gewöhnlich 
von einem Trieb oder Drang, einer kontinuierlichen Tätigkeit 
oder einem Streben. Im Grunde aber sind die einzigen Anzeichen 
aus denen wir auf die Natur des Lebens schließen können, die 
Phänomene des Lebens. 

Die organische Chemie gibt uns freilich einige Hinweise auf 
das Wesen des Lebens. Das Protoplasma selbst ist ja ein soge- 
nanntes „kolloides" System. An einer aus einer Anhäufung von 
Molekülen gebildeten kolloiden Lösung lassen sich aber ganz 
bestimmte Erscheinungen beobachten. Die Lösung zeigt bei 
Einwirkung verschiedener Reize ganz bestimmte Reaktionen, 
wobei das System als Ganzes anders reagiert, als irgend eines 
der einzelnen Moleküle bei Einwirkung des gleichen Reizes 
reagieren würde. 

Wir können die Reaktion des ganzen Systems als eine Syn- 
these (Vereinheitlichung, Integration, im gewöhnlichen, 
nicht mathematischen Sinne des Wortes) beschreiben. Es besteht 
offenbar ein inniger Zusammenhang zwischen Leben und Syn- 
these. Die Aktivität, welche das Leben ausmacht, scheint sich 
auszubreiten, zu differenzieren und nach immer reichhaltigeren 
oder komplizierteren Ausdrucksmöglichkeiten zu streben. 
Gleichzeitig aber bewahrt sie die ganze Zeit über ihre Einheit, 
koordiniert ihre mannigfachen Bestandteile und hält sie zu- 
sammen. 

Auch der lebende tierische Organismus zeigt das gleiche 
Streben nach Synthese, so weit er auch sonst von einer kol- 



Das Wesen des Bewußtseins 



81 



loiden Lösung oder einer Amöbe entfernt ist. Er benimmt 
sich den einwirkenden Reizen gegenüber als eine Einheit. 
Dies zu ermöglichen ist natürlich die Funktion des Nerven- 
systems. In einem vor kurzem gehaltenen Vortrag, der noch 
nicht nach seiner vollen Tragweite gewürdigt wurde, äußert 
Sherrington, daß das Nervensystem seit seinem ersten 
Auftauchen durch die ganze Geschichte der Entwicklung die 
besondere Aufgabe" hatte, „die Einzelbestandteile des Körpers 
immer mehr zu einem konsolidierten Mechanismus zu ver- 
schmelzen, der auf die veränderliche Außenwelt als eine 
Wesenseinheit reagiert." „Diese Leistung", fügt er hinzu, 
„stellt den Gipfel der Vereinheitlichung dar, der im tierischen 
Organismus möglich ist." (Presidential Address, British Associa- 
tion, 1922.) 

Der Student, mit dessen Verhalten wir uns hier beschäftigen, 
besitzt also als lebender Organismus, der mit einem Nerven- 
system begabt ist, die Fähigkeit zur Synthese (Vereinheitlichung 
oder Integration). 

2) Die Analyse zeigt in nächster Linie eine zusammen- 
gesetzte Gruppe von Reizen, die der Organismus zu berück- 
sichtigen hat. Ein Teil dieser Reize kommt aus der Außenwelt. 
Andere haben ihren Ursprung im Innern des Organismus 
selbst. Wir bezeichnen eine derartige zusammengesetzte Gruppe 
von Reizen mit einem bequemen Ausdruck von E. B. Holt 
als „Situation". 

Jedem Einzelelement der Situation kommt offenbar ein 
gewisser Einfluß auf das Verhalten des Organismus zu. Wenn 
zum Beispiel die inneren organischen Reize infolge einer 
Funktionsstörung, etwa einer Indigestion, ungewöhnlich intensiv 
werden, oder wenn die Reize der Umgebung die Anwesenheit 
einer jungen Dame, für welche der Student sich interessiert, 

Levine, Das Unbewußte. 6 



82 Die Rechtfertigung des Unbewußten 

einschließen, so wird die Gesamtreaktion anders ausfallen 
Tatsächlich ist es die Gesamtsituation, auf die der Organismus 
reagiert, wobei jedem Einzelelement der Situation ein Stück 
Anteil am Zustandekommen seines schließlichen Verhaltens 
zukommt. 

ß) Die Analyse zeigt ferner gewisse bemerkbare Reaktionen 
des Organismus, die aus Körperbewegungen, und zwar vor 
allem Finger-, Hand- und Armbewegungen bestehen. Eine 
eingehendere und genauere Untersuchung würde diese Bewe- 
gungen als koordinierte vereinheitlichte Reaktionen infolge 
früherer Erfahrungen des Organismus und seiner Beeinfluß- 
barkeit durch dieselben erkennen lassen. Manche von ihnen 
gehen scheinbar ganz automatisch vor sich. So zum Beispiel 
die Wahrnehmung der Gehörsreize und ihre Übersetzung in 
die konventionell sinnvollen Worte. Solche Reaktionen sind 
offensichtlich so tief in der Struktur des Organismus begründet, 
daß sie dem Reiz, der sie hervorruft, ebenso unvermeidlich 
folgen, wie die Bewegung einer Billardkugel, die von einer Bande 
abprallt. Andere Reaktionen werden weniger spontan ausgeführt 
und erfordern scheinbar einen gewissen Kraftaufwand. Aber 
alle diese Teilreaktionen fügen sich zu einer einzigen Gesamt- 
reaktion zusammen. 

Fassen wir das Ergebnis dieser Analyse zusammen, so ergibt 
das Verhalten des Studenten: a) das Vorhandensein eines 
lebenden Organismus; b) eine aus inneren und äußeren Reiz- 
einwirkungen zusammengesetzte Situation ; c) eine vereinheit- 
lichte Gesamtreaktion. 

Bisher haben wir aber nicht erfahren, was dieses Verhalten 
zu einem bewußten macht. Die Selbstbeobachtung legt uns 
nahe, daß wir dieses Verhalten auch von der Innenseite her 
rekonstruieren könnten, um so das Wesen des Bewußtseins 






Das Wesen des Bewußtseins 



83 



Z u entdecken. Wenn wir also das Verhalten als Momentbild 
der psychischen Aktivität auffassen, welche Qualitäten dürfen 
wir ihm zuschreiben? 

i) Da ist in erster Linie eine Wahrnehmung von Reizen. 
p as ist offenkundig ein aktiver Vorgang. Nur durch die Analyse 
sind „Situation" und Wahrnehmung der Situation von ein- 
ander zu trennen. Die Wahrnehmung selbst ist bereits Aktivität 
und die „Situation" erhält ihre Bedeutung erst dadurch, daß 
sie von einem reizempfindlichen Organismus, der fähig ist, 
zu ihr in Beziehung zu treten, apperzipiert, übersetzt und 
gedeutet wird. 

Die seelische Tätigkeit ist also mehr als die bloße Fähigkeit 
zur Aufnahme von Sinneseindrücken. Sie ist nominell wie 
tatsächlich ein aktiver Vorgang. 

2) Diese aktive Übersetzung oder Deutung, wie ich sie ge- 
nannt habe, bleibt unverständlich, wenn wir sie nicht als das 
Resultat einer vorhergegangenen Schulung auffassen. Die ge- 
samte Vorgeschichte der psychischen Aktivität des Organismus 
ist in irgend einer Weise an seiner gegenwärtigen Aktivität 
mitbeteiligt. (Wir haben sogar Grund anzunehmen, daß es sich 
hier nicht nur um den individuellen Organismus handelt, 
sondern in gewissem Sinne um die gesamte Rasse, deren 
zeitweiliger Vertreter dieses Einzelwesen ist.) Eine Erklärung 
dafür ist natürlich nicht leicht zu geben. Aber die mnemische 
Hypothese Semons liefert eine interessante Analogie dazu im 
Bereiche der Physiologie. 

3) Die Aktivität hat ferner den Charakter einer Auswahl 
oder eines Aufbaues. Es ist nicht korrekt zu sagen, die gegen- 
wärtige Reaktion sei nichts anderes als das Ergebnis aus der 
Vorgeschichte des Organismus. Die gesamte Vorgeschichte mit 
der gegenwärtigen zusammengesetzten Situation würden allein 



84 Die Rechtfertigung des Unbewußten 

noch keine Erklärung für die Form der gegenwärtigen 
Reaktion ergeben. Es scheint noch eine Auswahl innerhalb 
der angeborenen oder erworbenen Reaktionsneigungen hinzu- 
zukommen, ihre systematische Anordnung oder Koordination, 
welche der Reaktion erst ihren einheitlichen Charakter verleiht. 

Vielleicht dämmert uns in diesem Charakter der Seelen- 
tätigkeit der erste Hinweis auf die Bedeutung des Elements 
„Bewußtsein" auf. Die bewußte Seelentätigkeit scheint ihrem 
Material eine bestimmte Form aufzudrücken, es nach be- 
stimmten Mustern gestalten zu wollen. Dabei gelingt es ihr, 
eine Bewältigung der Reize zu erreichen. Was sonst ein Chaos 
wäre, wird auf diese Weise in eine verhältnismäßig geordnete 
Formel gebracht. 

Das Maximum des Gelingens scheint erreicht, wenn diese 
Formel in Worten ausgedrückt ist. Ein Wort ist 
ja imstande, eine beliebig große Reizmenge in sich zusammen- 
zufassen, in kurzer und bequem verfügbarer Form den Aus- 
druck für ganze Reihen vergangener Reizerfahrungen zu 
schaffen. 

4) Man kann die Aktivität ferner als Erledigung der durch 
die Situation geschaffenen Spannung charakterisieren. Man 
könnte sagen, das Bewußtwerden eines Vorganges schafft Er~ 
leichterung. Vielleicht ist gerade das die Funktion des Be- 
wußtseins. Jedenfalls ist es eine seiner Leistungen. 

Das Verhalten des Studenten, der einen Vortrag anhört 
und sich über das Gehörte Notizen macht, läßt sich also, soweit 
es „bewußt" ist, wie folgt zusammenfassen : 

i) Es besteht in einer Aktivität, die in erster Linie auf die 
Aufnahme von Reizen oder Sinneseindrücken gerichtet ist. 

2) Es spiegelt im Gegenwärtigen die gesamte gleichgerich- 
tete vergangene Aktivität des Organismus wider. 



Argumente für das Unbewußte 



85 



ß) Es verleiht dem Formlosen Form und Bestimmtheit (in 
unserem Falle mit Hilfe von Worten). 

4) Es bewältigt den Reiz mit Hilfe dieser Formgebung und 
bewirkt so eine Entladung und Abfuhr der Spannung. 

Das scheint also in dem Begriff „bewußtes" Verhalten ent- 
halten zu sein. Es ist klar, daß Bewußtsein und Leben in 
inniger Beziehung stehen, denn die Integration, die das Be- 
wußtsein leistet, ist nichts anderes als ein komplizierterer Fall 
derselben fundamentalen Tätigkeit, die für das Leben selbst 
charakteristisch ist. 

Sherrington äußert in seinem bereits erwähnten Vor- 
trag, daß „die Vorderhirnrinde der Hauptsitz des Seelenlebens 
ist" und gerade dort das große Integrationssystem der Lebe- 
wesen eine noch weitere Integration erfährt. Diese oberste 
Instanz der Integration ist der Sitz alles dessen, was wir mit 
Deutlichkeit als das Seelenleben der Lebewesen erkennen 
können. (Presidential Address, British Association, 1922.) 

Das Ergebnis unserer psychologischen Analyse scheint sich 
also mit den Resultaten der rein physiologischen Untersuchung 
über das Seelenleben zu decken. 



§28 

Argumente für das Unbewußte 

Die vorstehende Analyse eines Verhaltens und der Versuch, 
das Wesen des Bewußtseins zu beschreiben, sollten uns die 
Frage entscheiden helfen, ob das Seelische mit dem Bewußten 
gleichzusetzen ist. Wir fanden, bewußt sein heiße verein- 
heitlichen, das Formlose in eine Form fassen, Spannungen 
entladen. Wie sollen wir uns aber dieses Formlose vorstellen? 



86 Die Rechtfertigung des Unbewußten 



Woran arbeitet die Tätigkeit Bewußtsein ? Ist dieses Material 
ihr gleichartig oder ist es etwas Körperliches ? 

Wenn es ihr gleichartig ist, dann wäre es zwar seelisch 
aber nicht bewußt. Wenn es etwas Körperliches ist, dann 
hätte man recht, das Bewußte mit dem Seelischen gleich- 
zusetzen, die beiden Begriffe zusammenfallen zu lassen. 

Die Annahme eines Unbewußten fußt auf der ersten dieser 
Möglichkeiten. Ihre Gegner müssen (wie zum Beispiel Field 
in der zitierten Arbeit) den Standpunkt vertreten, daß „die 
Erklärung für jedes bewußte Geschehen, das durch voran- 
gegangene Bewußtseinsvorgänge nicht hinreichend determiniert 
ist, in physischen Prozessen gesucht werden kann 
und muß." (Mind, Oktober 1922, p. 418. Von mir gesperrt.) 

Ich schlage darum vor, die Argumente zusammenzustellen, 
welche eine Annahme des Unbewußten befürworten, bevor 
wir in dieser schwierigen Alternative eine Entscheidung treffen. 
Um die Argumente mit voller Kraft wirken zu lassen, gebe 
ich sie, soweit als möglich, mit Freuds eigenen Worten 
wieder. Sie lauten wie folgt: 

i) Die Erfahrung lehrt uns, daß die Daten des Bewußt- 
seins in „hohem Grade lückenhaft" sind. „Sowohl bei Gesunden 
als bei Kranken kommen häufig psychische Akte vor, welche 
zu ihrer Erklärung andere Akte voraussetzen, für die aber das 
Bewußtsein nicht zeugt." 

Solche Akte sind nicht nur die Traumtätigkeit, die Fehl- 
leistungen, die Zwangserscheinungen. „Unsere persönlichste 
tägliche Erfahrung macht uns mit Einfällen bekannt, deren 
Herkunft wir nicht kennen, und mit Denkresultaten, deren 
Ausarbeitung uns verborgen geblieben ist." 

Ferner: „Alle diese bewußten Akte blieben zusammenhang- 
los und unverständlich, wenn wir den Anspruch festhalten 



Argumente für das Unbewußte 



87 



wollen, daß wir auch alles durchs Bewußtsein erfahren müssen, 
was an seelischen Akten in uns vorgeht, und ordnen sich in 
einen aufzeigbaren Zusammenhang ein, wenn wir die er- 
schlossenen unbewußten Akte interpolieren. (Freud, Ges. 
Schriften, Bd. V, S. 481.) 

2) Es zeigt sich, daß wir auf die Annahme des Unbewußten 
ein erfolgreiches Handeln aufbauen können, durch welches 
der Ablauf der bewußten Vorgänge beeinflußt 
wird. Dieser Erfolg ist ein unanfechtbarer Beweis für die 
Existenz des angenommenen Unbewußten. 

ß) Die Gleichstellung des Bewußten mit dem Seelischen ist 
entweder eine petitio principii oder eine Sache der Nomenklatur. 
Warum sollte sie als solche für unantastbar erklärt werden ? Sie 
erweist sich sogar als durchaus unzweckmäßig. „Sie zer- 
reißt die psychischen Kontinuitäten, stürzt uns in die unlös- 
baren Schwierigkeiten des psychophysischen Parallelismus, 
unterliegt dem Vorwurf, daß sie ohne einsichtliche Begründung 
die Rolle des Bewußtseins überschätzt und nötigt uns, das 
Gebiet der psychologischen Forschung vorzeitig zu verlassen, 
ohne uns von anderen Gebieten her Entschädigung bringen 
zu können. (Ges. Schriften, Bd. V, S. 482.) 

4) Zugegeben aber, daß wir etwas, ein Physisches oder Psychi- 
sches postulieren müssen, was nützt es uns, es als physisch zu 
bezeichnen, wenn die physischen Wissenschaften, also Chemie 
und Physiologie, uns keine Ahnung von seinem Wesen ver- 
mitteln können? Auf der anderen Seite steht fest, daß diese 
unbekannten Prozesse mit den bewußten seelischen Vorgängen, 
also mit der Psychologie, die ausgiebigste Berührung haben. 
Sie können mit all den Kategorien beschrieben werden, die 
wir auf die bewußten Seelenakte anwenden, als Vorstellungen, 
Strebungen, Entschließungen u. dgl. Sie lassen sich sogar 



1 



88 



Die Rechtfertigung des Unbewußten 



unter gewissen Bedingungen in bewußte Vorgänge umsetzen. 
Ist es da nicht richtiger, sie als Objekte psychologischer For- 
schung zu behandeln? 

$) Hält man aber an der Ablehnung der unbewußten 
seelischen Vorgänge fest, welche Erklärung erübrigt dann für 
die mannigfachen Tatsachen, deren Aufdeckung die Psycho- 
analyse zu ihrer speziellen Aufgabe gemacht hat? Sind die patho- 
logischen Phänomene Mythen? Sind die Fehlleistungen nur 
Zufälligkeiten? Die Träume, wie das alte Sprichwort be- 
hauptet, nur Schäume ? Und was fängt man mit den Tatsachen 
der post-hypnotischen Suggestion an, welche die Existenz und 
Wirkungsweise des seelisch Unbewußten bereits vor der Zeit 
der Psychoanalyse sinnfällig demonstriert hatten? 

6) Man kann auch dartun, daß die Annahme eines Un- 
bewußten keine so überraschende oder so paradoxe Hypothese 
ist, als uns auf den ersten Blick erscheinen konnte. Die Un- 
sicherheit der Schlußfolgerung, auf die wir uns hier einlassen, 
ist nichts Einzigartiges. Im Gegenteil, wir entfernen uns bei 
ihrer Aufstellung keinen Schritt von unserer gewohnten 
Denkweise und allen anderen Hypothesen, die uns zur Er- 
klärung des Seelenlebens notwendig geworden sind. Das Be- 
wußtsein vermittelt jedem einzelnen von uns ja nur die 
Kenntnis seiner eigenen Seelenzustände ; daß auch ein anderer 
Mensch ein Bewußtsein hat, ist eine Schlußfolgerung 
(inevitable belief) nach Lord Balfour. Einst wurde dieser 
Schluß vom Ich auf die ganze belebte und unbelebte Welt 
ausgedehnt. Unsere heutige Kritik weist diese Annahme in 
den meisten Fällen zurück. Aber auch wo die (ursprüngliche 
Identifizierungsneigung die kritische Prüfung bestanden hat, 
bei dem uns nächsten menschlichen Anderen, ruht die An- 
nahme des Bewußtseins nur auf einem Schluß. 



Schlußfolgerungen 89 

JJie Psychoanalyse fordert nun, nach Freud, nichts 
anderes, als daß dieses Schlußverfahren auch gegen die eigene 
Person gewendet werde. Das heißt, wenn wir Akte an uns 
bemerken, welche dem Anschein nach Ausdruck einer psy- 
chischen Tätigkeit, aber mit keinem Bewußtseinsvorgang zu 
verknüpfen sind, so sind wir berechtigt, für diese Akte einen 
anderen psychischen Ursprung in uns selber, nämlich im Un- 
bewußten, anzunehmen. Die Schlußfolgerung ist dann nicht 
weniger verbindlich, als der Schluß auf das Bewußtsein 
anderer Personen. 

Auf den Einwand, daß dieses Schlußverfahren korrekter- 
weise nicht zur Aufdeckung eines Unbewußten, sondern zur 
Annahme eines anderen, 'zweiten Bewußtseins führen 
würde, erwidert Freud, daß es sinnlos ist, eine Seelen- 
tätigkeit, von der das Ich nichts weiß, als Bewußtsein zu be- 
schreiben. Außerdem weist die Analyse darauf hin, daß die 
als unbewußt bezeichneten Vorgänge Charaktere und Eigen- 
tümlichkeiten besitzen, welche uns fremd erscheinen und den 
Eigenschaften des Bewußtseins direkt zuwiderlaufen. Die 
korrekte Folgerung beweist also nicht „ein zweites Be- 
wußtsein in uns, sondern die Existenz von psychischen Akten, 
welche des Bewußtseins entbehren", die wir also als unbewußte 
Vorgänge bezeichnen müssen. (Ges. Schriften, Bd. V, S. 485.) 

Auf diesen verschiedenen Grundlagen erhebt die Annahme 
des Unbewußten den Anspruch, als eine zwingende und legitime 
psychologische Hypothese angesehen zu werden. 

§29 
Schlußfolgerungen 

Ich halte die Argumente, die ich im vorigen Abschnitt 
zur Rechtfertigung der Existenz unbewußter seelischer Vor- 



1 



90 Die Rechtfertigung des Unbewußten 



gänge angeführt habe, für überzeugend. Hat man überhaupt 
einmal zugegeben, daß eine psychologische Auffassung des 
menschlichen Verhaltens eine legitime Aufgabe ist, so wäre 
es unlogisch, der Psychologie das Recht zu bestreiten, ihre 
eigenen Phänomene mit Hilfe ihrer eigenen Hypothesen zu 
erklären. 

Eine Vermengung des Physischen mit dem Psychischen 
innerhalb derselben Wissenschaft muß unter allen Umständen 
zu Verwirrung führen. Die abgelaufene Seelentätigkeit als 
bloße physische Veränderung des Organismus zu betrachten, 
halte ich für willkürlich. Jedenfalls wird der Wert der dann 
noch möglichen psychologischen Erklärungen dadurch ver- 
mindert ; das allgemeine psychophysische Problem wird be- 
deutend erschwert und kompliziert. Für ein bestimmtes meta- 
physisches Problem kann es vorteilhaft sein, sozusagen mit 
dem Psychischen und Physischen zu jonglieren, jedes dort 
auszuspielen, wo sich die Unzulänglichkeiten des andern un- 
angenehm fühlbar machen. Daß aber ein solches Verfahren 
auch als wissenschaftliche Methode großen Wert hat, wird 
niemand behaupten wollen. 

Aveling bringt in dem bereits erwähnten Symposium ein 
Argument, welches im Prinzip mit unserm Standpunkt über- 
einstimmt. „Das Unbewußte", schreibt er, „kann nur erkannt 
werden durch die Erwägung dessen, was es leistet. Es liefert 
uns einen Zusammenhang und ein Erklärungsprinzip für die 
Prozesse, welche in unserem Bewußtsein vor sich gehen." 
Und weiter : „Die hypothetischen Elemente, welche sich zum 
Ausbau einer Wissenschaft als notwendig erweisen, sollen 
den ursprünglichen Daten derselben wesensverwandt sein. 
Wenn es zur Vervollständigung des wissenschaftlichen Ge- 
bäudes nicht unerläßlich ist, sollten sie keine Charaktere auf- 



Schlußfolgerungen 



91 



weisen, welche die ursprünglichen Daten nicht an sich tragen." 
(Mind, Oct. 1922, p. 427.) 

Es gibt also einerseits Einwände gegen jene Vermengung 
von Physischem und Psychischem, welche bei der Verwerfung 
des Unbewußten unvermeidlich wird ; und es gibt anderseits 
zwingende Argumente, welche im Interesse der Psychologie 
für die Zulässigkeit dieser Annahme sprechen. Daraus ergibt 
sich meiner Ansicht nach die Folgerung, daß die Annahme 
unbewußter seelischer Vorgänge vom Standpunkt einer psycho- 
logischen oder wissenschaftlichen Methode eine notwendige, 
vollberechtigte und wertvolle Hypothese ist. 

Es wird manchmal behauptet, daß der Begriff des Un- 
bewußten zu leichtfertig aufgestellt wird. Laird zum Bei- 
spiel fragt in dieser Beziehung : „Ist diese Theorie verständlich? 
Ist sie fundamental? Ergeben sich aus ihr notwendigerweise 
gewisse Ableitungen? Geht sie auf logischem Wege aus den 
Tatsachen hervor?" Er fügt hinzu, daß bei den neuen 
Psychologen die Erörterung dieser Fragen „in unbefriedigen- 
der Weise abgetan oder überhaupt vernachlässigt" wird. (Mind, 
Oct. 1922, p. 455.) 

Dieser Vorwurf ist für die zahlreichen populären Dar- 
stellungen der Freud sehen Lehre sicher zutreffend. Freud 
selber, wie ich mich im vorigen Abschnitt zu zeigen bemüht 
habe, formuliert diese Fragen und beantwortet sie in be- 
sonnener Sprache und mit richtiger Schätzung für die Grenzen 
der Gültigkeit seiner Hypothese. 

Man hat die Annahme des Unbewußten mit der des Äthers 
in der Physik verglichen. Sie scheint wie jene eine ungeheure 
Menge von Tatsachen, welche sonst unerklärlich blieben, zu- 
sammengefaßt und verständlich gemacht zu haben. Aber wenn 
Freud auch schreibt, daß „mit der Annahme unbewußter 



Seelenvorgänge eine entscheidende Neuorientierung in Welt 
und Wissenschaft angebahnt ist" (Vorlesungen, Ges. Schriften 
Bd. VII, S. 15), behauptet er doch nirgends, daß sie mehr als 
eine notwendige Hypothese ist. Sie ist diejenige Hypothese 
welche augenblicklich den Tatsachen am besten gerecht zu 
werden verspricht. Das ist aber alles, was wir von einer 
wissenschaftlichen Konzeption überhaupt verlangen können. 

Ich unterbreche hier, um zu überblicken, wie weit uns 
unsere allgemeine Übersicht bisher geführt hat. Mit Abschluß 
des zweiten Teiles hatten wir den Sinn des Unbewußten 
bei Freud definiert und einen kurzen Überblick über die 
wichtigsten Gebiete erhalten, aus denen er hervorgegangen 
ist. Ehe wir an eine Detailerörterung des Unbewußten gehen 
konnten, war vor allem die Frage nach der Berechtigung der 
ganzen Hypothese zu entscheiden. Der jetzt beendete dritte 
Teil hat die Daten zusammengetragen, die zu einer solchen 
Entscheidung erforderlich sind, und den Schluß gezogen, daß 
die Theorie berechtigt ist. 

Wir haben im Verlauf der Argumentation nicht übersehen, 
daß diese Hypothese eine Reihe neuer Fragestellungen zur 
Folge hat. Sie zwingt uns insbesondere, die Gleichsetzung des 
Seelischen mit dem Bewußten abzulehnen. Sie setzt voraus, 
daß es seelische Vorgänge gibt, die unbewußt sind, über die 
wir aber bestimmte bewußte Ansichten aussprechen können. 
Die verschiedensten Fragen über das Verhältnis zwischen Un- 
bewußtem und Bewußtem tauchen vor uns auf. 

Kurz, die Annahme des Unbewußten macht eine völlige 
Rekonstruktion des Seelenlebens und einen Umbau der psy- 
chologischen Theorie notwendig. 

In dem jetzt folgenden vierten Teil wird es unsere Auf- 
gabe sein, eine solche Rekonstruktion und Neugestaltung zu 






Schlußfolgerungen 



93 



versuchen. Wo es möglich ist, werde ich Freuds Ansichten 
in seinen eigenen Worten wiedergeben, so daß dieser Teil 
auch die Freudsche Lehre vom Seelenleben heißen könnte. 
Ich möchte versuchen, in meiner Darstellung das ganze Lehr- 
gebäude wiederzugeben, in welchem dem Unbewußten eine 
so zentrale Stelle zugewiesen ist. Es scheint mir, daß der Be- 
griff des Unbewußten innerhalb dieses Lehrgebäudes seinen 
paradoxen Charakter verliert, durchaus verständlich, ja so gut 
wie unvermeidlich wird. 



VIERTER TEIL 



Die Theorie des Unbewußten 



Leben und Konflikt 



97 



§ 30 
Leben und Konflikt 

A bstrakt betrachtet besteht die Tätigkeit des Lebens wesent- 
-^*- lieh aus dem Aufbringen eines Aufwands, der durch die 
Aufgabe der Selbstbehauptung des Ichs angesichts einer feind- 
lichen Außenwelt erforderlich wird. Für jedes Individuum 
kommen eigentlich nur zwei Dinge in Betracht : sein eigenes 
Ich und die übrige Welt, so weit sie zu diesem Ich in eine Be- 
ziehung tritt. Insoweit die Dinge der Außenwelt die Selbstbe- 
hauptung des Ichs fördern oder stören, bilden sie eine Realität, 
die sich vom Ich absondert. 

Die Selbsterhaltung im Kampf ums Dasein erfordert eine 
gewisse Anpassung des Ichs an die übrige Welt. Das ist aber 
niemals eine leichte Aufgabe. Das Ich hat dringende, gebieterische 
Bedürfnisse. Die Welt ist unbeugsam und unerbittlich. Es ist 
der Zusammenstoß zwischen diesen Bedürfnissen des Ichs 
und diesen Eigenschaften der Welt, dem die Schwierig- 
keiten im Leben und die unzähligen Mängel der Anpassung 
entspringen. 

Dieser Zusammenstoß oder Konflikt ist offenbar eine funda- 
mentale Tatsache. Er liegt „an der eigentlichen Wurzel und 
Quelle des Lebens", ist „gerade der Stoff, aus dem das Leben 
gemacht ist". (White, Mechanisms of Character-Formation, 
p. 65.) Man hat sogar versucht, eine physiologische Basis für 

L e v i n e, Das Unbewußte. 7 



Die Theorie des Unbewußten 



ihn in dem Gegensatz zwischen autonomem und sympathischem 
Nervensystem zu finden. B a y 1 i s s allerdings bezweifelt, ob die 
Tatsachen dazu berechtigen. Der Konflikt, welcher das Wesen 
des Lebens ausmacht, ist einfach im allgemeinsten Sinne der 
zwischen der Realität oder äußeren Notwendigkeit und dem 
Selbst. 

Es gibt aber eine mehr spezifische Verwendung des Wortes 
Konflikt, die in der medizinischen Psychologie geläufig ist. 
Konflikt bedeutet dort den Zusammenstoß zwischen zwei 
Wünschen oder Absichten, von denen eine unbewußt bleibt. 
Wir haben schon gehört, daß ein Konflikt in diesem Sinne des 
Wortes den Neurosen zugrunde liegt. Freud gibt folgende 
Definition des Konfliktes ; „Es ist ein Widerstreit zwischen 
zwei Mächten, von denen die eine es zur Stufe des Vorbewußten 
und Bewußten gebracht hat, die andere auf der Stufe des Un- 
bewußten zurückgehalten worden ist". (Vorlesungen, Ges. 
Schriften, Bd. VII, S. 449.) Darin liegt das wesentliche Merk- 
mal des neurotischen Konflikts. 

Konflikt in diesem speziellen Sinne ist der Zusammenstoß 
zwischen den verdrängten und den verdrängenden 
Kräften. Die Verhältnisse der Realität machen es dem Ich un- 
möglich, alle seine primitiven Triebregungen zu befriedigen, 
wenn das Individuum an dem Leben der Gemeinschaft teil- 
nehmen will. Manche dieser Triebregungen werden deshalb 
verdrängt und ein Teil ihrer Energie auf sozial höher gewertete 
und nicht mehr anstößige Ziele gelenkt. Wo diese Ablenkung 
der Energie aber nicht vollständig gelingt, geraten die ver- 
drängten Triebregungen noch weiter in Widerstreit mit den 
Anforderungen der Realität, die sich in den verdrängenden 
Kräften des Ichs verkörpern. Das ist es, was wir in der psycho- 
analytischen Theorie unter einem Konflikt verstehen. 



Das Lustprinzip und das Realitätsprinzip 99 

§31 

Das Lustprinzip und das Realitätsprinzip 

Wir erfahren näheres über den Konflikt, wenn wir uns 
mit den Prinzipien beschäftigen, die den Ablauf der seelischen 
Tätigkeit beherrschen. Eines dieser Grundprinzipien ist als 
„Lustprinzip" bekannt. „Es scheint," schreibt Freud, „daß 
unsere gesamte Seelentätigkeit darauf gerichtet ist, Lust zu 
erwerben und Unlust zu vermeiden." Darin ist „ihre Haupt- 
absicht" zu erkennen. (Vorlesungen, Ges. Schriften, Band VII, 

s. 569-) 

Das Lustprinzip reguliert die Seelentätigkeit in folgender 
Weise. Der Ablauf der seelischen Vorgänge wird jedesmal durch 
eine unlustvolle Spannung angeregt und schlägt eine solche 
Richtung ein, daß sein Endergebnis mit einer Herabsetzung 
dieser Spannung, also mit einer Vermeidung von Unlust oder 
Erzeugung von Lust zusammenfällt. Er wird auf diese Weise 
„automatisch durch das Lustprinzip reguliert". (Jenseits des 
Lustprinzips, Ges. Schriften, Band VI, S. 191.) Eine solche 
Auffassung fußt offenbar auf einer ökonomischen Betrach- 
tungsweise der Reize, die auf das Seelenleben einwirken. Lust 
und Unlust werden mit der Quantität der im Seelenleben 
vorhandenen Erregung in Beziehung gebracht, solcherart, 
daß Unlust einer Steigerung, Lust einer Verringerung dieser 
Quantität entspricht. 

Man denkt dabei natürlich nicht an direkte Proportionalität 
oder ein einfaches Größenverhältnis. Auch der Hedonismus 
als ethische Theorie fällt noch nicht unter diesen Gesichtspunkt. J 
Es handelt sich bei diesem angenommenen Bestreben, wie 
Freud sagt, um einen „speziellen Fall des Fechn ersehen 



1) Siehe unten, § 52. 



7* 



100 Die Theorie des Unbewußten 

Prinzips der Tendenz zur Stabilität", um das „Bestreben 
des seelischen Apparates . . . die in ihm vorhandene Quantität 
von Erregung möglichst niedrig oder wenigstens konstant 
zu erhalten". (Jenseits des Lustprinzips, Ges. Schriften, Band VI 

S- 195O 

Das Lustprinzip ist also eine fundamentale Tendenz des 
Seelenlebens, eine Tendenz allerdings, die früher oder später 
einer Hemmung unterliegt. Man könnte sagen, daß die 
Schwierigkeiten der Lustgewinnung schon mit der Geburt 
einsetzen. Vorher wird das ganze Bedürfnis des Kindes nach 
Schutz und Nahrung von der Mutter gedeckt. Der seelische 
Zustand des Kindes, soweit man überhaupt von einem solchen 
sprechen kann, ist, nach einem Ausdruck von Ferenczi, die 
„Periode der bedingungslosen Allmacht". 1 (Entwicklungsstufen 
des Wirklichkeitssinnes, Internat. Ztschr. f. Psychoanalyse I 
1915.) Das ändert sich mit dem Augenblick der Geburt. Wenn 
auch die zärtliche Sorgfalt der Pflegepersonen dem Säugling 
in der allerersten Zeit eine Fortsetzung seiner Allmächtigkeit 
ermöglicht, so tritt der Widerstand der Außenwelt doch den 
Allmachtsgefühlen allmählich als unerbittliches Hindernis ent- 
gegen. 

Das kleine Kind scheut anfangs vor der Anerkennung 
dieser peinlichen Tatsache zurück. Die volle Versöhnung mit 
ihr liegt am Ende eines Weges, der durch bittere Erfahrungen 
und Enttäuschungen geführt hat. Während der ganzen Wachs- 
tums- und Entwicklungsperiode taucht immer wieder die 
Neigung auf, sich von den harten Anforderungen der Realität 
abzuwenden und in Phantasien oder Tagträumereien den ur- 
sprünglichen Zustand der vollkommenen Wunschbefriedigung 
wiederherzustellen. 

1) D. h. jeder Trieb wird befriedigt, sobald er sich meldet. 



Das Lustprinzip und das Realitätsprinzip 



101 



Diese Hemmung, welche dem Lustprinzip auferlegt wird, 
können wir als Realitätsprinzip bezeichnen. Es handelt 
sich dabei weniger um die Einführung eines völlig neuen 
Prinzips als um eine Ausgestaltung des Lustprinzips. Wenn 
das Selbst mit den Schwierigkeiten der Außenwelt zusammen- 
trifft, würde die volle Herrschaft des Lustprinzips seiner 
Existenz bald zur Gefahr werden. Das Lustprinzip muß des- 
halb modifiziert werden. Es wird in diesem Fall durch ein 
Prinzip ersetzt, das auf weniger direktem Wege nach Lust 
strebt und diese Modifikation ist es, die wir als Realitäts- 
prinzip bezeichnen. „Das Ich erfährt," schreibt Freud, „daß 
es unvermeidlich ist, auf unmittelbare Befriedigung zu 
verzichten, den Lustgewinn aufzuschieben, ein Stück Unlust 
zu ertragen und bestimmte Lustquellen überhaupt aufzugeben. 
Das so erzogene Ich ist ,verständig' geworden, es läßt sich 
nicht mehr vom Lustprinzip beherrschen, sondern folgt dem 
Realitätsprinzip." (Vorlesungen, Ges. Schriften, VII., S. 370.) 

So ist es also das Realitätsprinzip, welches nach einer anderen 
Äußerung Freuds, „ohne die Absicht endlicher Lustgewinnung 
aufzugeben, doch den Aufschub der Befriedigung . . . auf dem 
langen Umweg zur Lust fordert und durchsetzt." (Jenseits 
des Lustprinzips, Ges. Schriften, VI., 194.) 

Realitätsprinzip ist die allgemeine Bezeichnung für eine 
nicht leicht zu definierende Tendenz. Die Faktoren, welche die 
Erwerbung des Wirklichkeitssinnes beim einzelnen Individuum 
bestimmen, sind zum großen Teile von den sozialen, moralischen 
und ökonomischen Zuständen der Gemeinschaft abhängig, 
welcher dieses Individuum angehört. Diese kulturellen Be- 
dingungen bestimmen sozusagen das Niveau der Realität. Vielen 
Individuen gelingt es nicht, den Anforderungen dieses Niveaus 
m zureichender Weise zu entsprechen. Das mag die Folge 



102 Die Theorie des Unbewußten 

irgend einer Prädisposition sein oder das Ergebnis eines be- 
sonders schädigenden Erlebnisses. Die Gesellschaft erklärt solche 
Individuen für lebensunfähig und bringt sie (oder wenigstens 
einen Teil von ihnen) in Anstalten unter. 

Andere Individuen halten sich in dem Kampf eine Weile 
aufrecht, brechen dann irgendwann zusammen und nehmen 
ihre Zuflucht zu den Zuständen, die man ungenauerweise 
als Neurasthenie oder Hypochondrie bezeichnet. Wieder andere 
sind der Realität im großen ganzen angepaßt, zeigen aber 
leichte Regressionen und Unzulänglichkeiten, die nur nicht 
ernsthaft genug sind, um sie in ihrer wichtigsten Lebens- 
tätigkeit zu stören. Sie sind, wie wir sagen, Opfer gewisser 
sonderbarer Täuschungen und Vorurteile. 

Kurz, es kommen alle möglichen Abstufungen in dem Miß- 
glücken einer vollkommenen Anpassung an die Realität vor. 
Nur wenn das Realitätsprinzip wirklich der beherrschende 
Faktor im Leben einer Person geworden ist, kann man sagen, 
daß die Anpassung des Ichs an die Außenwelt gelungen ist. 
Wir könnten sagen, das Maß für den Erfolg eines Individuums 
in dieser Anpassungsleistung ist der Umfang, in dem es die 
Ablösung der Herrschaft des Lustprinzips und seine Ersetzung 
durch das Realitätsprinzip durchführen konnte. 

Durch die Kenntnis dieser Prinzipien wird jetzt das Wesen 
des seelischen Konflikts verständlicher. Die Ersetzung des Lust- 
prinzips durch das Realitätsprinzip ist ebenso unerläßlich für 
die Selbstbehauptung des Ichs wie schwierig herzustellen. Es 
ist bedeutsam, daß die Sexualtriebe diesem Stück Entwicklung 
ein heftigeres Widerstreben entgegensetzen als die übrigen 
Triebe, so daß sie eine reichlich fließende Quelle von Konflikten 
ergeben. Oft behält das Lustprinzip in ihrem Bereich zum 
Schaden des Ichs sogar die unumschränkte Herrschaft. 



Die Grundlagen der Seelentätigkeit — Der Reizbegriff 



103 



§32 
Die Grundlagen der Seelentätigkeit — Der Reizbegriff 

Wenn wir die seelische Tätigkeit jetzt eingehender unter- 
suchen, finden wir, daß sie sich in erster Linie als Reaktion 
auf Reizeinwirkungen beschreiben läßt. Es gibt zwei Arten 
von Reizen, je nachdem ob sie in der Außenwelt oder im 
Innern des Organismus selbst ihren Ursprung haben. Im 
ersteren Falle wirkt der Reiz wie ein einmaliger Stoß, der 
auch durch eine einmalige Reaktion erledigt wird. So wird 
zum Beispiel die visuelle Wahrnehmung eines tollen Hundes 
von der motorischen Fluchtreaktion gefolgt. Im anderen Falle 
wirkt der Reiz eher wie eine konstante Kraft, gegen die eine 
einmalige Reaktion wie die Flucht unwirksam bleibt. 

Es ist wahrscheinlich, daß schon die Unterscheidung 
zwischen inneren und äußeren Reizen mit diesem Unterschied 
der Reaktion zusammenhängt. Die Wirksamkeit ihrer Muskel- 
tätigkeit wird, wie Freud es ausdrückt, zum Anhaltspunkt 
für die wahrnehmende Substanz des Lebewesens, um ein 
„außen" von einem „innen" zu scheiden. 

Auf der physischen Seite wird die Aufgabe der Reizbe- 
wältigung mit Hilfe des Nervensystems durchgeführt. Biolo- 
gisch betrachtet, ist das Nervensystem „ein Apparat, dem die 
Funktion erteilt ist, die anlangenden Reize wieder zu be- 
seitigen, auf möglichst niedriges Niveau herabzusetzen, oder 
der, wenn es nur möglich wäre, sich überhaupt reizlos er- 
halten wollte". (Ges. Schriften, V., 446.) Die Reize aus dem 
Innern des Organismus sind schwerer zu erledigen als die 
sogenannten physiologischen Reize. Sie sind wahrscheinlich 
die eigentlichen Motoren der Fortschritte in der Entwicklung 
des Nervensystems. 



104 



Die Theorie des Unbewußten 



Auf psychischer Seite ist die Reizbewältigung die Aufgabe 
des sogenannten seelischen Apparats oder des Seelenlebens 
Der Reiz, dessen Wirkungsweise wir mit einer konstanten 
Kraft verglichen haben, wird als Triebreiz, besser als Be- 
dürfnis bezeichnet. Seine Aufhebung wird Befriedigung 
genannt. 

Die physikalischen oder chemischen Grundlagen der Triebe 
fallen nicht mehr in das Gebiet der Psychologie. Vom Stand- 
punkt des Seelenlebens gesehen, ist der Trieb ein Reiz oder 
Impuls, ein Drang, der nach der Erreichung des ihm adäquaten 
Zieles strebt. 

Die Reize sind also das Rohmaterial, das der seelische 
Apparat zu verarbeiten hat. Wie wird das Seelenleben mit 
ihnen fertig? 

§ 33 
Die Polaritäten — Die seelischen Kategorien 

Die Ergebnisse der psychoanalytischen Forschung haben es 
uns ermöglicht, etwas mehr Einblick in die Reizvorgänge zu 
gewinnen und das Schicksal der Triebe, insbesondere der 
Sexualtriebe, von ihrem ersten Auftauchen an zu verfolgen. 
Die Psychoanalyse lehrt, daß „die Triebregungen den 
Einflüssen der drei großen das Seelenleben beherrschenden 
Polaritäten unterzogen werden." (Triebe und Triebschick- 
sale, Ges. Schriften, V., 465.) 

Diese Polaritäten bestehen aus den Gegensätzen von: 

a) Subjekt (Ich) — Objekt (Außenwelt). 

b) Lust — Unlust. 

c) Aktiv — Passiv. 

An dem Fall von Liebe und Haß können wir den Sinn 
dieser Polaritäten erläutern. Das Ich findet sich ursprünglich 






Die Polaritäten — Die seelischen Kategorien 



105 



zum Teil fähig, seine Triebe an sich selbst zu befriedigen. 
Es fällt um diese Zeit das Ich-Subjekt mit dem Lustvollen, 
die Außenwelt mit dem Gleichgültigen zusammen. Das Lieben 
kann also zunächst als „die Relation des Ichs zu seinen Lust- 
quellen" definiert werden. (Ges. Schriften, V., 460.) 

Diese Beschreibung mahnt in bemerkenswerter Weise an 
die Definition der Liebe bei Spinoza, nämlich : „Lust, be- 
gleitet von der Vorstellung einer äußeren Ursache." (Ethik III.) 

Im Laufe der Entwicklung tritt das Ich in immer weiter- 
gehende Beziehungen zur Außenwelt. Insofern die von dieser 
Außenwelt dargebotenen Objekte Lustquellen sind, werden 
sie vom Ich aufgenommen, introjiziert (nach dem Ausdrucke 
Ferenczis). Gleichzeitig lernt das Ich bestimmte eigene Trieb- 
reize als Unlustanlaß kennen und stößt sie von sich aus, ein Vor- 
gang, der als Projektion bekannt ist. Das Ergebnis ist die 
Verwandlung des anfänglichen Real-Ich in ein Lust-Ich, dem 
die Außenwelt in zwei Teile zerfällt, einen Lustanteil, den 
es sich einverleibt hat und einen Rest, der ihm fremd ist, 
fremd und feindlich, wie Hegel sagen würde. „Das Äußere, 
das Objekt, das Gehaßte, wären zu allem Anfang identisch", 
wie überhaupt der „ursprüngliche Sinn des Hassens die Re- 
lation gegen die fremde und reizzuführende Außenwelt" be- 
deutet. (Freud, Ges. Schriften, V., 461.) 

Auf diese Weise spiegelt sich also die Polarität Ich- Außen- 
welt in der Entwicklung von Liebe und Haß. Unter dem Ein- 
fluß der Polarität Lust-Unlust werden Liebe und Haß selbst zum 
Gegensatzpaar. Lust und Unlust bedeuten Relationen des Ichs 
zum Objekt. Die Lust erweckt eine motorische Tendenz, 
welche das Objekt dem Ich annähern, ins Ich einverleiben will, 
die Unlust eine Tendenz, die Distanz zwischen ihm und dem 
Ich zu vergrößern, es abzustoßen oder zu vernichten. 



1 



106 Die Theorie des Unbewußten 

Aus dem Zusammenwirken der beiden Polaritäten, wenn 
man so sagen darf, resultiert also der Gegensatz von Liebe 
und Haß. 

Die Polarität Aktiv-Passiv läßt sich in folgender Weise ver- 
anschaulichen. Ein Trieb durchläuft während seiner Ent- 
wicklung verschiedene Phasen und es kann geschehen, daß 
ein passiver Schub, der von einem aktiven überlagert wird 
latent bleibt und nicht zugrunde geht. Wir haben dann das 
scheinbar paradoxe Bild, daß Liebe und Haß „häufig auf 
dasselbe Objekt gerichtet vorkommen". 

Für dieses Zusammentreffen gegensätzlicher Gefühle hat 
Bleuler den Namen Ambivalenz geprägt. 

§ 34 
Die Ambivalenz 

Das Prinzip der Ambivalenz verleiht, nach Bleuler, der- 
selben Vorstellung zwei entgegengesetzte Gefühlsbetonungen 
und somit gleichzeitig negativen und positiven Charakter. 
Es ist uns aus brahmanischen Lehren bekannt und spielt 
eine Rolle bei gewissen religiösen Empfindungen. James 
zum Beispiel weist darauf hin, daß „ein feierlicher Gemüts- 
zustand nie einfach oder unzusammengesetzt ist, sondern einen 
gewissen Beisatz seines Gegensatzes in sich enthält". In jeder 
feierlichen Freudigkeit ist ein Tropfen Bitterkeit mitenthalten. 
(Varieties of Religious Experience, 1914 ed. p. 48.) 

Das wichtigste Gebiet der Ambivalenz, das Freud durch 
seine Forschungen zugänglich gemacht hat, ist wahrscheinlich 
das Zusammentreffen zärtlicher und feindseliger Regungen. 
In seinem Buche „Totem und Tabu", einer Reihe von Auf- 
sätzen, die sich mit den „Übereinstimmungen im Seelenleben 



Die Ambivalenz 



107 



der Wilden und der Neurotiker" beschäftigen, weist Freud 
nach, daß dieser Gegensatz den wesentlichsten Charakter eines 
Tabu darstellt. Das Wort selbst hat, wie das lateinische „sacer" 
oder das hebräische „kodausch" die doppelte Bedeutung von 
a) heilig, geweiht, b) verboten, unrein, unheimlich. 

Freuds Theorie lautet, daß die Tabus Verbote sind, die 
ursprünglich von außen aufgedrängt wurden und Tätigkeiten 
betroffen haben, zu denen eine starke Neigung bestand. 
Die Erhaltung des Tabu ist ein Beweis für den Fortbestand 
der Lust, das Verbotene zu tun, die aber im Laufe der Zeit 
unbewußt geworden ist. „Grundlage des Tabu ist ein 
verbotenes Tun, zu dem eine starke Neigung im Unbewußten 
besteht." (Totem und Tabu, Ges. Sehr. X. 42.) 

Die Tabuvorschriften oder Vermeidungen, welche die Be- 
ziehung zwischen bestimmten Personen (zum Beispiel Schwieger- 
sohn und Schwiegermutter) regeln, beweisen, daß diese Be- 
ziehungen ambivalent, das heißt aus widerstreitenden zärtlichen 
und feindseligen Gefühlen zusammengesetzt sind. Die bei den 
primitiven Völkern herrschenden Vorschriften über die Be- 
handlung der Feinde, die mannigfachen Einschränkungen oder 
Tabus der Könige und Herrscher, in denen sich ein Übermaß 
an Freiheit mit einem Übermaß an Beschränkung vermengt, 
sind dafür die bemerkenswertesten Beispiele. 

Die Seelenregungen der Primitiven sind offenbar in höherem 
Grade ambivalent als die unsrigen. Es ist aber vielleicht nicht 
unangebracht, sich hier an das Schicksal führender Persönlich- 
keiten auch in unseren Zeiten zu erinnern. So hat zum Bei- 
spiel der Sturz des Präsidenten Wilson ein erstaunliches Maß 
von Feindseligkeit in der großen Masse seines Volkes an den 
Tag gebracht, die bis dahin unbewußt geblieben war. Ebenso 
ausgeprägt ist die Ambivalenz im Benehmen der Massen, bei 



denen das primitive Seelenleben die Vorherrschaft hat. Der 
Held des einen Augenblicks wird im nächsten zum Gegenstand 
des Hasses und der Verachtung. 

Die allgemeine Bedeutung der Ambivalenz wird auch ein 
Stück weit durch die Philologie bestätigt. Es ist natürlich 
daß in der Sprache Überreste primitiver seelischer Einstellungen 
zu finden sind. Die Sprache ist ja eine der frühesten Kultur- 
erwerbungen und hat eine kontinuierliche Entwicklung durch- 
gemacht. Freud berichtet über eine Arbeit des Sprachforschers 
Karl Abel („Über den Gegensinn der Urworte", Leipzig 1884) 
in welcher der Autor zeigt, daß für die ältesten Sprachen die 
Ambivalenz oder der Zusammenfall der Gegensätze charakte- 
ristisch ist. Dasselbe Wort steht scheinbar für zwei einander 
entgegengesetzte Vorstellungen und spaltet sich erst später in 
zwei verschiedene Bezeichnungen für die in ihm enthaltenen 
Gegensätze. So wurden anfangs beide Stücke der Gegensatz- 
paare stark-schwach, alt-jung, weit-nah usw. durch ein einziges 
Wort bezeichnet. Abel entnimmt seine Beispiele für diesen 
Gegensinn dem Altägyptischen, Semitischen und den indo- 
germanischen Sprachen. 

Ich verdanke einer Kollegin (Miss Buckhurst, of the English 
Department, Exeter) eine Anzahl Beispiele von Gegensinn 
aus der englischen Sprache. Eines davon ist die alte Wurzel 
„agan" (Infinitiv), dem normannischen „eiga" entsprechend, 
mit der doppelten Bedeutung von : q) „haben", b) „schulden". 
Ein anderes ist die Vorsilbe un-, die im Altenglischen a) 
„sehr", b) „gar nicht" bedeutet. Beide Bedeutungen finden 
sich zum Beispiel im Beowulf, die erstere im Wort „unhar" 
im Sinne von: „sehr haarig". Ein drittes Beispiel ist der 
Gebrauch von „for" im Sinne von „against", wie es zum 
Beispiel in Chaucers Prologue zu finden ist. 



Zur Definition der Metapsychologie 



109 



Wir müssen uns ferner daran erinnern, daß eine der größten 
Leistungen auf dem Gebiete des spekulativen Denkens — 
die He gel sehe Dialektik — den Gegensätzen und Wider- 
sprüchen die gleiche grundlegende Bedeutung zuschreibt. 
Jener Zug des Seelenlebens, den wir als Ambivalenz beschrieben 
haben, scheint die Grundlage, auf der Hegels Konstruktion 
der Realität und seine Interpretation der Geschichte fußt. 

Das sind also einige Eigentümlichkeiten des Seelenlebens, 
die uns bei der Untersuchung der Triebschicksale auffällig 
geworden sind. Die Triebregungen werden dem Einfluß der 
Polaritäten unterworfen und zeigen in ihrem ferneren Schicksal 
die Einwirkung dessen, was man so treffend Ambivalenz ge- 
nannt hat. Unsere Beschreibungen waren aber bisher sehr 
allgemein gehalten. Ich habe nur einzelne allgemein gültige, das 
Seelenleben beherrschende Prinzipien oder Kategorien hervor- 
gehoben, die man, wenn die Analogie gestattet ist, in gewissem 
Sinn den Kantischen Kategorien vergleichen könnte. Das 
Seelenleben verfährt mit den anlangenden Reizen in einer 
Weise, wie es diese Grundprinzipien irgendwie andeuten. 

Wir haben aber jetzt die Möglichkeit, zu detaillierteren 
und exakteren Betrachtungsweisen der seelischen Vorgänge 
überzugehen. In dem heutigen Stand der Freud sehen Theorie 
gibt es drei Gesichtspunkte für eine solche Betrachtung, zu 
deren Bezeichnung Freud den Namen Metapsychologie 
geprägt hat. 



§ 35 
Zur Definition der Metapsychologie 

In einer Fußnote zu einer der Abhandlungen aus seiner 
Vierten Folge der Sammlung Kleiner Schriften schreibt Freud, 
daß er ursprünglich eine Sammlung von fünf Aufsätzen unter 



110 Die Theorie des Unbewußten 

dem Titel „Zur Vorbereitung einer Metapsychologie" in Buch- 
form veröffentlichen wollte. („Triebe und Triebschicksale" 
„Die Verdrängung", „Das Unbewußte", „Metapsychologische 
Ergänzung zur Traumlehre", „Trauer und Melancholie", i) 
„Absicht dieser Reihe", fügte er hinzu, „ist die Klärung und 
Vertiefung der theoretischen Annahmen, die man einem psycho- 
analytischen System zugrunde legen könnte." 

Wir entnehmen, daß Metapsychologie ein allgemeiner Name 
für die Theorie ist, auf der Freuds Auffassung des Seelen- 
lebens fußt. Sie ist also die psychologische Fundierung der 
Psychoanalyse. 

„Wir werden es nicht unbillig finden," schreibt Freud an 
anderer Stelle, „die Betrachtungsweise, welche die Vollendung 
der psychoanalytischen Forschung ist, durch einen besonderen 
Namen auszuzeichnen. Ich schlage vor, daß es eine meta- 
psychologische Darstellung genannt werden soll, wenn es 
uns gelingt, einen psychischen Vorgang nach seinen dyna- 
mischen, topischen und ökonomischen Beziehungen 
zu beschreiben." (Ges. Schriften, V, S. 497, Fußnote 520.) 

Der ökonomische Gesichtspunkt läßt sich am leichtesten 
im Lichte dessen verstehen, was wir oben über das Lustprinzip 
gesagt haben. Wir konnten zeigen, daß die Reize eine ökonomi- 
sche Darstellungsweise zulassen, anders gesagt, daß man den 
Vorstellungen eine Besetzung mit einem gewissen Maß von 
Energie zuschreiben darf. „Das Endziel der seelischen Tätig- 
keit," schreibt Freud, „das sich qualitativ als Streben nach 
Lustgewinn und Unlustvermeidung beschreiben läßt, stellt sich 
für die ökonomische Betrachtung als die Aufgabe dar, die im 
seelischen Apparat wirkenden Erregungsgrößen (Reizmengen) 
zu bewältigen und deren Unlust schaffende Stauung hintanzu- 

1) Diese Arbeiten sind jetzt im V. Band der Gesamtausgabe untergebracht. 



Zur Definition der Metapsychologie 



111 



halten." (Vorlesungen, Ges. Schriften, VII., S. 389 f.) Es scheint 
tatsächlich, als ob das Seelenleben immer nur einen gewissen 
Betrag von unverwendeter Energie in Schwebe halten könnte. 
pie Energie muß irgendwie untergebracht werden. Das ist 
o-emeint, wenn wir vom ökonomischen Gesichtspunkt sprechen. 

Der topische Gesichtspunkt fußt auf der Annahme ge- 
sonderter psychischer Systeme innerhalb des seelischen Apparats. 
Wir stellen uns vor, daß jeder psychische Prozeß in einem be- 
stimmten System vor sich geht. Die beiden Systeme, die wir 
bereits unterscheiden gelernt haben (Zweiter Teil, Träume), 
sind das System Bewußtsein (Bw) und Unbewußtes (Ubw). 
Freud schlägt vor, sich diese Systeme topisch, das heißt, räum- 
lich getrennt vorzustellen. Er gibt zu, daß das rohe, aber „für 
das Verständnis der Beobachtungen brauchbare" Vorstellungen 
sind. Es ist bequem, das System Ubw „einem großen Vorraum" 
gleichzusetzen, „in dem sich die seelischen Regungen wie Ein- 
zelwesen tummeln" 5 daran schließe sich „ein zweiter, engerer, 
eine Art Salon, in welchem auch das Bewußtsein verweilt." 
(Vorlesungen, Ges. Schriften, VII., 505.) 

Der dynamische Gesichtspunkt ist das allerwesentlichste 
Stück der Freud sehen Psychologie. Freud betrachtet die 
Vorstellungen als Herde von Aktivität, mit bestimmten Energie- 
mengen besetzt. Das ist, besonders auf die unbewußten Vor- 
gänge angewendet, eine sehr bedeutsame Annahme. Diese 
letzteren sind, wie wir gehört haben, zwar verdrängt, sie sind 
aber damit nicht vernichtet worden, sondern setzen ihre Wirk- 
samkeit immer weiter fort. 

Da der Weg zum Verständnis des Systems Ubw über die 
Verdrängung geht, soll uns jetzt ein eingehenderes Studium 
dieses Mechanismus tiefer in die gesamte „metapsychologische" 
Darstellung der seelischen Vorgänge hineinführen. 



112 Die Theorie des Unbewußten 

§ 36 

Die Verdrängung 

Verdrängung ist der Mechanismus, welcher bei der oben 
geschilderten Ersetzung des Lustprinzips durch das Realitäts- 
prinzip in Tätigkeit tritt. Mit seiner Hilfe entwickelt sich 
das Individuum zu einem sozialen Wesen. Es paßt sich den 
Forderungen der Gemeinschaft an, in der es lebt, entzieht 
sich der Herrschaft des irrationalen Luststrebens und ersetzt 
es durch den Wirklichkeitssinn und die Anerkennung der 
realen Außenwelt, die ihm für den Kampf ums Dasein nütz- 
lich werden. 

Wenn Triebregungen aus irgend einem Grund nicht be- 
friedigt werden können, kann sich der Organismus doch nicht 
vor ihnen retten. Er kann sich Reizen aus der Außenwelt, 
die zum Unlustanlaß werden, durch die Flucht entziehen. 
Die Triebreize aber verlangen eine andere Behandlung. Sie 
werden verdrängt. 1 Die spätere Analyse zeigt, daß die Be- 
friedigung des der Verdrängung unterliegenden Triebes ur- 
sprünglich wohl möglich, daß sie aber mit anderen Ansprüchen 
des Ichs unvereinbar gewesen wäre. Die Verdrängung setzt 
also immer eine gewisse Höhe der seelischen Entwicklung 
von seiten des Individuums voraus. Sie ist kein ursprünglich 
vorhandener Abwehrmechanismus. 

Das Bedeutsame an der Verdrängung ist, daß sie nicht die 
Vernichtung der von der Befriedigung abgehaltenen Trieb- 
regung, sondern nur ihre Abweisung vom Bewußten erreicht. 
Die Triebregung wird vom Bewußtsein ferngehalten. Sie muß 

1) Das heißt vom Bewußten ferngehalten. Das Wort Verdrängung im ana- 
lytischen Sinn hat nur diese Bedeutung. 



Die Verdrängung 



113 



unbewußt bleiben. Es liegt also auf der Hand, daß „Ver- 
drängtes" und „Unbewußtes" organisch zusammenhängen. Sie 
sind sogar in einem gewissen Ausmaß korrelativ. Freud sagt: 
„Alles, was verdrängt ist, ist unbewußt ; aber nicht von allem 
Unbewußten können wir behaupten, daß es verdrängt sei." 
(Gradiva, Ges. Schriften, Bd. IX., S. 516.) Über die Ver- 
drängung geht also, wie oben gesagt, der Weg zum 
Verständnis des Systems Ubw und seiner Sonderung vom 
System Vbw. 

Es gibt zwei Phasen der Verdrängung: a) eine Ur Ver- 
drängung, die darin besteht, daß der psychischen (Vor- 
stellungs-) Repräsentanz des Triebes die Übernahme ins Be- 
wußte versagt wird. Mit dieser ist eine Fixierung gegeben; 
die betreffende Repräsentanz bleibt von da an unveränderlich 
bestehen und der Trieb an sie gebunden, b) die eigentliche 
Verdrängung oder das Nachdrängen betrifft psychische 
Abkömmlinge der verdrängten Vorstellung oder Gedankenzüge, 
die in assoziative Beziehung zu ihr getreten sind. Denn die 
ursprünglich verdrängte Triebrepräsentanz ist, wie Freud 
hervorhebt, weder zugrunde gegangen noch passiv. Im Gegen- 
teil, sie besteht fort und kann dynamisch außerordentlich 
wirksam bleiben. Sie organisiert sich weiter, bildet Abkömm- 
linge und knüpft Verbindungen an. Sie entwickelt sich unge- 
stört und reichhaltig, „wuchert dann sozusagen im Dunkeln" 
und übt eine Anziehung auf alles aus, womit sie sich in 
Verbindung setzen kann. Das also ist gemeint, wenn wir 
sagen, eine Triebregung werde durch die Verdrängung nicht 
vernichtet. Die Verdrängung stört nur „die Beziehung zu 
einem psychischen System, dem des Bewußten." (Ges. Schriften, 
V., 469.) 

Diese Abkömmlinge der verdrängten Vorstellung entfalten 

Levine, Das Unbewußte. 8 



114 Die Theorie des Unbewußten 

sich ungehemmt in der Phantasie, bis sie unter bestimmten Be- 
dingungen beim Neurotiker Zugang zum Bewußtsein erhalten. 
Oft erschrecken sie, wenn sie auftauchen, durch die Vor- 
spiegelung einer außerordentlichen Triebstärke. Die Be- 
dingungen, unter denen ihnen der Zugang zum Bewußtsein 
frei steht, sind, grob ausgedrückt, die Annahme bestimmter 
Entstellungen oder eine gewisse Anzahl eingeschobener Mittel- 
glieder zwischen ihnen und der ursprünglich beanständeten 
Vorstellung. „Es ist," schreibt Freud, „als ob der Wider- 
stand des Bewußten gegen sie eine Funktion ihrer Ent- 
fernung vom ursprünglich Verdrängten wäre." (Ges. Schriften, 
Bd. V, S. 470.) 

Die Einfälle, die beim „freien Assoziieren" unter Ver- 
zicht auf Kritik und Auswahl auftauchen, sind nichts 
anderes als solche Abkömmlinge der verdrängten Vorstellung, 
aus denen wir eine „bewußte Übersetzung" der verdrängten 
Repräsentanz, mit der sie in Beziehung stehen, wiederher- 
stellen. 

Wir dürfen uns die Verdrängung offenbar nicht als ein 
einmaliges Geschehen mit Dauererfolg vorstellen. Sondern die 
Verdrängung erfordert „einen anhaltenden Kraftaufwand" 
(Ges. Schriften, V., 471). Das Verdrängte übt „einen konti- 
nuierlichen Druck in der Richtung zum Bewußten hin" aus, 
dem durch „unausgesetzten Gegendruck" von seiten der ver- 
drängenden Kräfte „das Gleichgewicht gehalten werden 
muß". 

Wir können in diesem Zusammenhang darauf verweisen, 
daß der teilweise Nachlaß der Verdrängung, für den die 
Traumarbeit zeugt, in gewissem Maße jene Ersparnis an 
Energie erklärt, deren Erzielung die eigentliche Funktion des 
Schlafes ist. 



Die Verdrängung und die Affekte 115 

§37 
Die Verdrängung und die Affekte 

Bisher verstanden wir unter einer verdrängten „Triebreprä- 
sentanz" eine Vorstellung, welche vom Trieb her mit Energie 
besetzt ist. Der Betrag der Energiebesetzung ist nicht konstant 
und spiegelt sich in der Anzahl und Stärke der von der ver- 
drängten Vorstellung gebildeten Abkömmlinge. 

Wir sind jetzt genötigt, den Begriff „verdrängte Triebreprä- 
sentanz" noch weiter zu zerlegen. Sie scheidet sich in zwei 
Elemente: a) die eigentliche Vorstellung, b) einen Affekt- 
betrag. Wir nehmen an, daß jeder Vorstellung ein be- 
stimmter Gefühlston oder Affekt anhaftet, der aber, von der 
ursprünglich mit ihm verbundenen Vorstellung ausgehend, 
über ein weiteres Vorstellungsgebiet ausstrahlen kann. Er 
kann auch verschoben werden und sich an Vorstellungen 
heften, die mit der ihm ursprünglich zugehörigen nur in 
einem entfernten oder sogar nur symbolischen Zusammenhang 
stehen. Diese Affektverschiebung spielt, wie wir gehört haben, 
eine wichtige Rolle bei der Traumdeutung. 

Die Verdrängung wirkt aber nicht in derselben Weise auf 
die Vorstellung wie auf den Affekt. Die den Trieb reprä- 
sentierende Vorstellung selbst verschwindet aus dem Bewußtsein 
oder wird vom Bewußtsein abgehalten. Das Schicksal des 
Affektbetrages kann aber ein mannigfaltiges sein. Er wird 
entweder ganz unterdrückt, so daß man nichts von ihm auf- 
findet. Oder er kommt als irgendwie anders gefärbter Affekt 
zum Vorschein, oder er wird in Angst verwandelt. Wir können 
den Unterschied zwischen dem Schicksal des Affektbetrages 
und dem der Vorstellung in folgender Weise beschreiben. 
Nach der Verdrängung verbleibt die Vorstellung als etwas 



116 Die Theorie des Unbewußten 

wirklich Bestehendes im System Ubw. Vom Affekt hingegen 
bleibt nur eine Möglichkeit, die zu seiner Entwicklung führen 
kann oder auch nicht. Das hiehergehörige Tatsachenmaterial 
findet sich natürlich in den Neurosen und Träumen. 

Es scheint also, daß das Verdrängungsschicksal des Affekts 
von der entscheidendsten Bedeutung ist. „Vorstellungen werden 
nur verdrängt," sagt Freud, „weil sie an Gefühlsentbindungen 
geknüpft sind, die nicht zustande kommen sollen." (Gradiva, Ges. 
Schriften, Bd. IX, S. 517.) Tatsächlich weist uns der Gefühlston 
häufig den Weg zur Auffindung verdrängter Vorstellungsgruppen. 

Die Gegensätze in der Affektbetonung spielen auch eine 
Rolle bei der Differenzierung zwischen Unbewußtem und Be- 
wußtem. Wie Ernest Jones schreibt : „Man kann als allgemeine 
Regel aufstellen, daß Vorstellungen, die im Unbewußten einen 
positiven Affektton haben, also lustvoll sind, im Bewußten 
negative Affektbetonung, also Unlustcharakter haben.' Man 
kann sogar sagen, daß das „wesentlichste Merkmal der Ver- 
drängung in dieser Affektverwandlung von Lust in Unlust ge- 
legen ist". (British Journal of Psychology, IX., p. 249.) 

Das erklärt vielleicht, warum wir oft heftige Abneigung 
gegen etwas fühlen, ohne sie vernünftig begründen zu können. 
Sie kann die bewußte Abwehr gegen einen verdrängten unbe- 
wußten Wunsch sein. Die Prüderie ist das einleuchtendste Bei- 
spiel dafür. Oft gibt gerade die Intensität eines bewußten Haß- 
gefühls oder Vorurteils einen Hinweis auf die affektive Stärke 
der verdrängten Triebregung, aus deren Umwandlung es ent- 
standen ist. 

Diese Auffassung des Verdrängungsschicksals der Affekte be- 
stätigt, wie wir sehen, die Bedeutung des Lustprinzips für die 
Arbeitsweise des seelischen Apparats. Motiv und Absicht der 
Verdrängung ist ja nichts anderes als die Vermeidung von Un- 



Der topische Gesichtspunkt in der Verdrängung 



117 



lust. Sie wird natürlich nur erreicht, wenn die Entwicklung 
des Affekts vollkommen unterdrückt wird. Sie ist mißglückt, 
wenn der Affekt in Unlustempfindungen oder Angst verwandelt 
wird. Zwischen dem System Bw und dem System Ubw tobt sozu- 
sagen ein ständiges Ringen um die Beherrschung der Affektivität, 
Von diesem Gesichtspunkt aus erscheint uns die Verdrängung 
als eine Waffe, deren sich das Bewußtsein im Kampfe 
bedient. 

Eine geglückte Verdrängung bringt also dreierlei zustande: 
Sie erreicht die Ausstoßung einer Vorstellung aus dem Bewußt- 
sein. Sie verhütet die Entwicklung eines Affektes. Und sie ver- 
hindert gerade dadurch die motorische Aktion, welche der ver- 
drängte Affekt verursacht hätte. 



§ 38 
Der topische Gesichtspunkt in der Verdrängung 

Diese Beschreibung der Verdrängung in ihren Relationen 
zur topischen Auffassung der Vorstellungen läßt bestimmte 
Probleme vor uns auftauchen. Wenn eine unbewußte Vorstellung 
zum Beispiel im Laufe einer psychoanalytischen Behandlung 
die Umsetzung in das System Vbw erfährt, sollen wir annehmen, 
daß damit eine neuerliche Niederschrift der betreffenden Vor- 
stellung verbunden ist, die also auch an einer neuen psychischen 
Lokalität enthalten sein kann ? Oder handelt es sich um eine 
bloß funktionelle Zustandsänderung, die sich an derselben 
psychischen Lokalität vollzieht? 

Die Annahme, daß es sich um eine an anderem Ort befindliche 
Niederschrift handle, ist — nach Freud — unzweifelhaft die 
gröbere, aber auch fürs erste die bequemere. Wenn man einem 
Patienten eine seiner verdrängten Vorstellungen mitteilt, so 



118 Die Theorie des Unbewußten 

ändert dies zunächst natürlich nichts. Es hebt vor allem nicht 
die Verdrängung auf und macht deren Folgen nicht rückgängig, 
obwohl die früher unbewußte Vorstellung nun 
bewußt geworden ist. Der Patient hat aber jetzt tat- 
sächlich dieselbe Vorstellung an verschiedenen Stellen seines 
seelischen Apparats, erstens hat er die bewußte Erinnerung 
an die Gehörspur der Vorstellung durch die Mitteilung, zweitens 
trägt er daneben die unbewußte Erinnerung an das Erlebte in 
der früheren Form mit sich. 

Die nächste Überlegung zeigt aber, daß die Identität der 
beiden Vorstellungen nur eine scheinbare ist. Das Gehörthaben 
und das Erlebthaben sind zwei nach ihrer psychologischen Natur 
ganz verschiedene Dinge. Die wahrscheinlichere Annahme 
scheint also doch zu sein, daß es sich hier nicht um eine neue 
Niederschrift, sondern nur um eine funktionelle Zustands- 
änderung handelt. Die Energiebesetzung der Vorstellung ist 
verändert worden. Das System Vbw zieht sozusagen im Augen- 
blick der Verdrängung seine Besetzung zurück ; die Vorstellung 
bleibt dann im System Ubw. Um von neuem bewußt zu werden, 
muß sie die entzogene Energiebesetzung zurückbekommen. 1 

So irgendwie haben wir uns also die Topik der Verdrängung 
vorzustellen. Es ist schwer zu entscheiden, inwieweit derartige 
Probleme rein verbaler Natur sind, etwa die Folge davon, daß 
wir an Stelle des ständigen Ablaufs der Vorgänge im Organis- 
mus, wie er uns in einer sogenannten „Situation' einzig und 
allein von der Erfahrung gezeigt wird, den starren Begriff der 
Vorstellung gesetzt haben. Es ist auch schwierig, diesem Problem 
anders als in dem Zusammenhang eines konkreten Falles nahe- 
zukommen. Es scheint mir deshalb am besten, das Thema der 

l) Übrigens ist auch das noch nicht die wirkliche Lösung; es fehlt noch 
ein Faktor, den wir weiter unten kennen lernen. S. § 40. 



Die Entwicklung des Systems Ubw 



119 



Verdrängung hier zu verlassen, um uns mit den unbewußten 
Vorgängen selber zu beschäftigen. 



§ 39 
Die Entwicklung des Systems Ubw 

Der seelische Apparat, wie wir ihn bisher immer geheißen 
haben, ist das Ergebnis einer Entwicklung von einfacheren 
Vorstufen her. Er nahm, wie Freud meint, vielleicht in 
seinem ersten Aufbau „das Schema des Reflexapparates an, 
das ihm gestattete, eine von außen an ihn anlangende sensible 
Erregung alsbald auf motorischem Wege abzuführen". (Traum- 
deutung, Ges. Schriften, IL, 482.) Der einfache Reflexvorgang 
bleibt das Vorbild auch aller psychischen Leistung. Der 
seelische Apparat, können wir sagen, hat eine Richtung, und 
zwar vom sensibeln zum motorischen Ende. Im Reflexvorgang 
gibt es keine Komplikationen. 

Jedoch die inneren Ansprüche, die Körperbedürfnisse des 
Organismus, erzwangen eine Abänderung der obigen einfachen 
Funktion. Die durch die inneren Bedürfnisse gesetzte Erregung 
kann nur durch das Gefühl der Befriedigung aufgehoben werden. 
Beim Kinde wird die Erfahrung des Befriedigungserlebnisses 
durch fremde Hilfeleistung herbeigeführt. Ein wesentlicher 
Bestandteil dieses Erlebnisses ist das Erscheinen einer gewissen 
Wahrnehmung, zum Beispiel der Speise, deren Erinnerungs- 
bild von jetzt an mit der Gedächtnisspur der Bedürfnisbefriedi- 
gung assoziiert bleibt und selbst wieder hervorgerufen wird, 
wenn das Bedürfnis ein nächstes Mal auftritt. Eine solche 
Regung ist das, was Freud einen Wunsch heißt. „Das 
Wiedererscheinen der Wahrnehmung", schreibt er, „ist die 
Wunscherfüllung und die volle Besetzung der Wahrnehmung 



120 Die Theorie des Unbewußten 

von der Bedürfniserregung her der kürzeste Weg zur Wunsch- 
erfüllung." (Traumdeutung, Ges. Schriften, IL, 485.) 

In einem primitiven Zustand des psychischen Apparats wird 
dieser Weg wirklich so begangen. Das Wünschen läuft also 
in ein Halluzinieren aus. Diese Besetzung der Wahrnehmuns- 
auf regredientem Wege vom Innern des Apparates her ist als 
Primärvorgang bezeichnet worden. 

Die Erfahrung zeigt aber bald, daß diese Methode nicht 
die gleichen Folgen für die Herabsetzung der Bedürfniserregung 
hat, wie die Besetzung derselben Wahrnehmung von außen 
her. Es werden darum andere Wege zur Erledigung gesucht. 
Die Regression wird aufgehalten, so daß sie nicht über das 
Erinnerungsbild hinausgeht und die psychische Energie dazu 
verwendet, die Belebung der Wahrnehmung von der Außen- 
welt her zu ermöglichen. „All die komplizierte Denktätigkeit 
aber," führt Freud aus, „welche sich vom Erinnerungsbild 
bis zur Herstellung der Wahrnehmungsidentität durch die 
Außenwelt fortspinnt, stellt doch nur einen durch die Erfahrung 
notwendig gewordenen Umweg zur Wunscherfüllung dar." 
(Traumdeutung. Ges. Schriften, IL, 485.) Dieser Umweg wird 
als Sekundärvorgang bezeichnet. 

Diese beiden Arten der Arbeitsweise sind sozusagen der 
Keim, aus dem sich im späteren Leben die Systeme Ubw 
und Vbw entwickeln. Der Nachdruck, den Freud hier auf 
die „Vorgänge" und „Arbeitsweisen' legt, gibt eine wertvolle 
Ergänzung zu dem rein topischen Gesichtspunkt, der sich in 
den Bezeichnungen „psychische Lokalität" und „Systeme" 
ausdrückt. Wir werden dadurch auf die dynamische Auffassung 
der seelischen Vorgänge hingeleitet. 

Freud beschreibt den Inhalt des Unbewußten in folgender 
Weise: „Wenn es beim Menschen ererbte psychische Bil- 



Die Entwicklung des Systems Ubw 



121 



düngen, etwas dem Instinkt der Tiere Analoges gibt, so macht 
dies den Kern des Unbewußten aus. Dazu kommt später das 
während der Kindheitsentwicklung als unbrauchbar Beseitigte 
hinzu, was seiner Natur nach von dem Ererbten nicht ver- 
schieden zu sein braucht. Eine scharfe und endgültige Scheidung 
der beiden Systeme" (nämlich des Unbewußten und Vor- 
bewußten) „stellt sich in der Regel erst mit dem Zeitpunkte 
der Pubertät her." (Ges. Schriften, V., 510.) 

„Unbewußt" ist also die Bezeichnung für eine bestimmte 
Art psychischer Vorgänge, die sich in der beschriebenen Weise 
entwickeln. Gleichzeitig ist es auch der Name des ganzen 
Systems, das sich aus diesen Vorgängen zusammensetzt. 

Die Betrachtung des „Primärvorgangs", den wir als Ansatz 
zur Bildung des Systems Ubw erkannt haben, drängt uns hier 
einige weitergehende Annahmen auf. Die Theorie ist nahe- 
liegend, daß das Unbewußte „eine regelmäßige und unver- 
meidliche Phase in den Vorgängen ist, die unsere psychische 
Tätigkeit begründen". Freud stellt die Behauptung auf: „Jeder 
psychische Akt beginnt als unbewußter." „Die 
Unterscheidung zwischen vorbewußter und unbewußter Tätig- 
keit ist keine primäre, sondern wird erst hergestellt, nachdem 
die , Abwehr 4 ins Spiel getreten ist." (Ges. Schriften, Bd. V., 

S. 459-) 

Freud erläutert diese überraschende Annahme durch eine 
Analogie aus dem Gebiet der Photographie. „Um uns dieses 
Schicksal zu versinnlichen, nehmen wir an, daß jeder seelische 
Vorgang . . . zuerst in einem unbewußten Stadium oder Phase 
existiert und erst aus diesem in die bewußte Phase übergeht, 
etwa wie ein photographisches Bild zuerst ein Negativ ist und 
dann durch den Positivprozeß zum Bild wird. Nun muß aber 
nicht aus jedem Negativ ein Positiv werden, und ebensowenig 



122 Die Theorie des Unbewußten 



ist es notwendig, daß jeder unbewußte Seelenvorgang sich i n 
einen bewußten umwandle." (Vorlesungen, Ges. Schriften 
VII., 505.) 

Was wissen wir von den unbewußten Vorgängen in dem 
eben erläuterten Sinne des Wortes? 



§ 40 
Die besonderen Eigenschaften der unbewußten Vorgänge 

Unbewußte Vorgänge sind natürlich an und für sich uner- 
kennbar. Das System Vbw beherrscht, wie wir gesehen haben 
den Zugang zum Bewußtsein. Aber unter den Bedingungen des 
Träumens und der Neurosen und an den verschiedenen Phäno- 
menen, von denen wir unsere Kenntnis der Regression geholt 
haben, wird es möglich, die besonderen Charaktere der unbe- 
wußten Vorgänge zu rekonstruieren. 

i) Erstens gibt es in diesem System keine Negation, keinen 
Zweifel, keine Grade von Sicherheit. Es besteht aus Wunsch- 
regungen, die mit einem bestimmten Energiebetrag besetzt sind. 
Die unbewußten Vorgänge sind, kurz gesagt, triebhafte Wünsche. 

2) Zweitens heben sich unbewußte Wunschregungen gegen- 
seitig nicht auf, selbst wenn ihre Ziele dem bewußten Denken 
als unvereinbar erscheinen. Sie treten statt dessen zur Bildung 
eines mittleren Zieles, eines Kompromisses, zusammen. Wir 
könnten, allgemeiner ausgedrückt sagen, daß es im System Ubw 
keine Logik gibt. Wie Ernest Jones ausführtest das Ubw 
„unlogisch", oder wo Logik vorhanden ist, ist sie „eine affek- 
tive, keine intellektuelle Logik". (Papers on Psycho-Analysis, 
p. 656.) 

3) Ferner herrscht eine geringere Hemmung der Besetzungs- 
intensitäten. Die Energie ist, wie der analytische Ausdruck 



Die besonderen Eigenschaften der unbewußten Vorgänge 



123 



lautet, „frei beweglich". Das zeigt sich vor allem in den 
Mechanismen der Verschiebung und Verdichtung, den Merk- 
malen des Primärvorganges. 

4.) Die Vorgänge des Systems Ubw sind ferner zeitlos. Der 
Zeitbegriff „ist in dieser Region des Seelenlebens gar nicht vor- 
handen". (Jones, 1. c. p. 126.) Dem Unbewußten ist jede Zeit- 
vorstellung fremd. Freud schreibt: „Es ist... eine hervor- 
ragende Besonderheit unbewußter Vorgänge, daß sie unzer- 
störbar bleiben. Im Unbewußten ist nichts zu Ende zu bringen, 
ist nichts vergangen oder vergessen." (Traumdeutung, Ges. 
Schriften, Bd. II, S. 494.) 

j ) Die Ubw -Vorgänge kennen keine Rücksicht auf die Reali- 
tät, sondern sind ausschließlich dem Lustprinzip unterworfen. 
„Ihr Schicksal hängt nur davon ab, wie stark sie sind." (Freud, 
Ges. Schriften, Bd. II, S. 502.) Sie kümmern sich nicht um 
vernünftige Überlegungen und ersetzen die äußere durch die 
psychische Realität. Nach Ernest Jones stehen die unbewußten 
Vorgänge „der äußeren Realität unglaublich ferne". (1. c. 5. ed. 
p. 126.) 

6) Gegensätze fallen im Ubw zusammen und sind gegen- 
einander austauschbar. „Diese erstaunliche Entdeckung", schreibt 
Jones, blieb unverständlich, bis man fand, daß das gleiche 
Phänomen in den ältesten Formen der menschlichen Sprache 
als der sogenannte „Gegensinn" der Urworte nachweisbar 
ist (1. c). 

j) Man muß hinzufügen, daß im Inhalt des Ubw wie 
folgerichtig die infantilen und sexuellen Wunschregun- 
gen vorherrschen. Diese Charaktere gehen aus dem organi- 
schen Zusammenhang des Unbewußten mit der Verdrängung 
hervor. Der Gegenstand der Verdrängung in unserer heutigen 
Gesellschaft spiegelt sich in dem Inhalt dessen, was unbewußt 



124 Die Theorie des Unbewußten 

bleibt. Die Kulturforderungen, welche die Gesellschaft an ihre 
Mitglieder stellt, streben vor allem danach, die Energie der 
Sexualtriebe und der egoistischen Strebungen in sozial nützliche 
Bahnen zu lenken. Was wir vom Unbewußten erfahren, zei<n 
gerade die übermächtige Stärke dieser Triebregungen und 
ihren gelegentlichen Sieg über die Kulturmächte, mit denen 
sie in Konflikt geraten, 

8) Es gibt noch einen Charakter der Ubw-Yorgänge, der 
wie unten gezeigt wird, für das spekulative Denken bedeutsam 
ist. Dieser Zug wird am besten am Fall der Neurose veran- 
schaulicht, die unter dem Namen Dementia praecox bekannt 
ist. In psychoanalytischer Auffassung entspricht diese Krank- 
heit einer Abziehung der Libido von den realen Objekten der 
Außenwelt und ihrer Wendung auf das eigene Ich. Das Ich 
ist jetzt in sich selbst verliebt, daher auch der für diese Störung 
typische Größenwahn. (Es kann natürlich sein, daß die Liebe 
zu realen Objekten selbst nur die Weiterentwicklung eines 
früheren Zustandes ist, in dem Libido und Ichstrebungen zu- 
sammenfallen. Das kommt aber hier nicht weiter in Betracht.) 

Die Krankheitserscheinungen der Dementia praecox zeigen 
das Bemühen des Patienten, seine Libido wieder in normaler 
Weise zu verwenden. Das Bedeutsame dabei ist, „daß die 
Libido bei der Dementia praecox in ihrem Bemühen, wieder 
zu den Objekten, das heißt zu den Vorstellungen der Objekte 
zu kommen, wirklich etwas von ihnen erhascht, aber gleich- 
sam nur ihre Schatten, ich meine die ihnen zugehörigen Wort- 
vorstellungen". Bei dieser Krankheit „werden die Worte 
demselben Prozeß unterworfen, der aus den latenten Traum- 
gedanken die Traumbilder macht, den wir den psychischen 
Primärvorgang geheißen haben". Der wesentlichste Charakter 
dieser Krankheit ist tatsächlich „das Überwiegen der Wort- 



J 



Die besonderen Eigenschaften der unbewußten Vorgänge 



125 



beziehung über die Sachbeziehung". (Ges. Schriften, Bd. V, 

s. 515, 515-) 

„Ich meine," fährt Freud fort, „dies Benehmen der rück- 
strebenden Libido hat uns gestattet, eine Einsicht in das zu 
gewinnen, was wirklich den Unterschied zwischen einer be- 
wußten und einer unbewußten Vorstellung ausmacht. (Vor- 
lesungen, Ges. Schriften, Bd. VII, S. 457.) Der Unterschied 
liegt im folgenden: „Die beiden sind nicht, wie wir gemeint 
haben, verschiedene Niederschriften desselben Inhaltes an ver- 
schiedenen psychischen Orten, auch nicht verschiedene funk- 
tionelle Besetzungszustände an demselben Orte, sondern die 
bewußte Vorstellung umfaßt die Sach Vorstellung plus der 
zugehörigen Wortvorstellung, die unbewußte ist die 
Sachvorstellung allein." 1 (Ges. Schriften, Bd. V, S. 516.) 

Die Abwesenheit der Wortvorstellungen ist also für die 
Ubw- Vorgänge, die Verknüpfung der Sachvorstellungen mit den 
entsprechenden Wortvorstellungen für das System Vbw charak- 
teristisch. Das Vorbewußte hat die primäre Sachvorstellung 
sozusagen mit der Wortvorstellung überlagert oder überbesetzt ; 
eine solche Überbesetzung ist das Zeichen einer höheren psychi- 
schen Organisation. 

Man muß sich natürlich daran erinnern, daß das System 
Vbw die Zugänge zum Bewußtsein beherrscht, so daß die 
Verknüpfung mit der Wortvorstellung mit der Bewußt- 
seinsfähigkeit zusammenfällt. 

Das wären also die besonderen Eigenschaften der unbe- 
wußten Vorgänge. Sie sind triebhaft, unlogisch, frei beweg- 
lich, zeitlos, dem Lustprinzip unterworfen, größtenteils infantil 
und sexuell und nicht mit Worten verbunden. 



1) Dies wäre die Lösung des oben aufgeworfenen Problems. (§ 38.) 



§41 
Der Verkehr der beiden Systeme 

Freud hat ausgeführt, daß zwischen dem Unbewußten 
und dem Vorbewußten eine Macht am Werke ist, die man 
mit einer Zensur vergleichen könnte. Es ist, als ob an der 
Grenzlinie zwischen beiden ein Zensor stünde, und die Be- 
werber um Aufnahme in das System Vbw einer Musterung 
unterwürfe. Diese Annahme steht in engem Zusammenhang 
mit der Annahme der Verdrängung. Es entspricht der Natur 
der unbewußten Wunschregungen, daß sie ohne Abänderung 
nicht zum Bewußtsein vordringen können. Es ist daher die 
Aufgabe der Zensur, sie wie bei der Traumarbeit abzuändern, 
ehe sie zur Abfuhr ins Bewußte zugelassen werden. Auf diese 
Weise bleibt die Absicht der Verdrängung gewahrt. 

Aus der Analyse bestimmter Formen von Neurosen — im 
besonderen der als narzißtisch bezeichneten Affektionen — hat 
Freud den Schluß gezogen, daß es im Ich „eine Instanz gibt r 
die unausgesetzt beobachtet, kritisiert und vergleicht und sich 
solcherart dem andern Anteil des Ichs gegenüberstellt." Wir 
können sie als Ideal- Ich bezeichnen. „Die selbstbeobachtende 
Instanz", fährt Freud fort, „kennen wir als den Ichzensor, 
das Gewissen ; sie ist dieselbe, die nächtlicherweile die Traum- 
zensur ausübt." (Vorlesungen, Ges. Schriften, Bd. VII, S. 444.) 
Auch ein großer Anteil des Vorbewußten unterliegt infolge 
seiner Abstammung aus dem Unbewußten einer Zensur, ehe er 
bewußt werden kann. Es wird uns also außer der Zensur 
zwischen dem Ubw und dem Vbw noch eine zweite Zensur 
zwischen Vbw und Bw nahegelegt. Wir können annehmen, 
daß jedem Übergang von einem System zum nächst höheren 
eine neue Zensur entspreche. 



L 



Der Verkehr der beiden Systeme 127 

Der ganze Vorgang läßt sich mit den Worten Freuds 
wie folgt beschreiben: „Das Ubw wird an der Grenze des 
Vbw durch die Zensur zurückgewiesen, Abkömmlinge des- 
selben können diese Zensur umgehen, sich hoch organisieren, 
im Vbw bis zu einer gewissen Intensität der Besetzung her- 
anwachsen, werden aber dann, wenn sie diese überschritten 
haben und sich dem Bewußtsein aufdrängen wollen, als Ab- 
kömmlinge des Ubw erkannt und an der neuen Zensur- 
grenze zwischen Vbw und Bw neuerlich verdrängt." (Ges. 
Schriften, Bd. V, S. 507 f.) 

Einen Beweis für die Existenz dieser zweiten Zensur er- 
bringen wir in der psychoanalytischen Behandlung, in der die 
Vbw Abkömmlinge des Ubw vor ihrem Bewußtwerden einen 
Widerstand zu überwinden haben. Dabei ist es deutlich, 
daß sie dem Bewußtsein um so annehmbarer erscheinen, je 
schwächer ihre Energiebesetzung ist. Es ist zum Beispiel nach- 
weisbar, daß Träume eine geraume Zeit nach ihrem Auftreten der 
Analyse und Deutung leichter zugänglich sind. Wir müssen 
annehmen, daß Veränderungen, die inzwischen im Seelen- 
leben eingetreten sind, einen Nachlaß der Verdrängung be- 
wirken. Jedenfalls aber ist es der quantitative Faktor, der 
Energiebetrag, mit dem eine verdrängte Vorstellung besetzt 
ist, der über ihr Verbleiben im Ubw oder ihre Zulassung zum 
Bewußtsein entscheidet. 

Die ganze Aufstellung der „Zensur" klingt vielleicht sehr 
phantastisch. Freud betrachtet sie aber immer nur als Hilfs- 
konstruktion und warnt ausdrücklich vor „jedem Mißbrauche 
dieser Darstellungsweise". Wir müssen uns erinnern, schreibt 
er, „daß Vorstellungen, Gedanken, psychische Gebilde im all- 
gemeinen überhaupt nicht in organischen Elementen des 
Nervensystems lokalisiert werden dürfen, sondern sozusagen 



128 



Die Theorie des Unbewußten 



zwischen ihnen, wo Widerstände und Bahnungen das ihnen 
entsprechende Korrelat bilden. Alles, was Gegenstand unserer 
inneren Wahrnehmung werden kann, ist virtuell, wie das 
durch den Gang der Lichtstrahlen gegebene Bild im Fern- 
rohre. Die Systeme aber, die selbst nichts Psychisches sind 
und nie unserer psychischen Wahrnehmung zugänglich werden, 
sind wir berechtigt anzunehmen gleich den Linsen des Fern- 
rohres, die das Bild entwerfen. In der Fortsetzung dieses 
Gleichnisses entspräche die Zensur zwischen zwei Systemen 
der Strahlenbrechung beim Übergange in ein neues Medium." 
(Traumdeutung, Ges. Schriften, Bd. II, S. 527 f.) 

Die Systeme unterhalten aber außer der Zensur noch andere 
Beziehungen zueinander. Wenn auch in pathologischen Fällen 
das Unbewußte oft eine kaum glaubliche Selbständigkeit und 
Unabhängigkeit zeigt, so ist ganz allgemein gesprochen doch 
in gewissen Grenzen eine Kooperation zwischen dem Ubw 
und dem Vbw möglich. Die psychoanalytische Therapie zeigt, 
daß eine Beeinflussung des Ubw vom Bw her, wiewohl müh- 
sam, nicht unmöglich ist 5 oft kommt auch eine Kooperation 
zwischen der Intensität und Energie einer unbewußten 
Wunschregung und einer vorbewußten Ichstrebung zustande 
und befähigt dann zu besonders vollkommener Leistung. 

Das Unbewußte wird aber auch von den aus der äußeren 
Wahrnehmung stammenden Erlebnissen getroffen. „Alle Wege 
von der Wahrnehmung zum Ubw bleiben in der Norm frei." 
(Freud, Ges. Schriften, Bd. V, S. 508.) 



§42 
Das System Bw 

Die Bedeutung der vorangegangenen Analyse des Seelen- 
lebens liegt vor allem in der Auffassung, die sich aus ihr für 



Das System Bw 



129 



das Wesen des Bewußtseins selber ergibt. Ich darf daran er- 
innern, daß wir gerade hier den Knotenpunkt für die Frage 
nach der Berechtigung des Unbewußten gefunden hatten. 
Nach Freuds Ansicht ist das Bewußtsein nicht der allge- 
meinste Charakter der seelischen Vorgänge, sondern nur eine 
besondere Funktion derselben. (Siehe § 26.) Freud vergleicht 
das Bewußtsein mit einem Sinnesorgan: „. . . Das Bewußt- 
sein . . . , das uns ein Sinnesorgan für die Auffassung psychi- 
scher Qualitäten bedeutet ..." (Traumdeutung, Ges. Schriften, 
Bd. II, S. 490.) 

Nach dieser Auffassung ist, wie wir gesehen haben, die 
Gleichsetzung des Seelischen mit dem Bewußten unberechtigt. 

„Das Unbewußte ist das eigentlich reale Psy- 
chische." Das Attribut des Bewußtseins kann noch hinzu- 
treten oder auch nicht, der volle Wert einer psychischen — 
wenn auch unbewußten — Leistimg wird aber dadurch nicht 
beeinträchtigt. Funktion des Bewußtseins ist die Wahrneh- 
mung des Psychischen. Die wirkliche innere Natur dieses 
Psychischen bleibt uns unbekannt. Es bleibt uns seiner inneren 
Natur nach so unbekannt, schreibt Freud, „wie das Reale der 
Außenwelt und ist uns durch die Daten des Bewußtseins ebenso 
unvollständig gegeben wie die Außenwelt durch die Anga- 
ben unserer Sinnesorgane." (Traumdeutung, Ges. Schriften, 
Bd. II, S. 529.) 

Die Ähnlichkeit dieses Standpunktes mit dem Kants ist 
überraschend. Unsere Wahrnehmung ist, nach Kant, nicht 
identisch mit dem Wahrgenommenen oder dem Ding an sich, 
sondern nur ein „Phänomen", das Ergebnis seelischer Formen 
und Kategorien. So mahnt Freud, die Bewußtseinswahr- 
nehmung nicht an die Stelle des unbewußten psychischen 
Vorganges zu setzen, welcher ihr Objekt ist. „Wie das Phy- 



L e v i n e, Das Unbewußte. 



130 



Die Theorie des Unbewußten 



sische, so braucht auch das Psychische nicht in Wirklichkeit 
so zu sein, wie es uns erscheint." (Ges. Schriften, Bd. V, S. 486.) 

Wenn wir uns eingehender mit dem Bewußtsein beschäf- 
tigen, bemerken wir, daß seine Wahrnehmungssphäre eine 
doppelte ist. Es liefert Wahrnehmungen von Erregungen, die 
aus der Außenwelt kommen und von Empfindungen, die aus dem 
Innern des seelischen Apparates stammen. Wir können darum 
annehmen, daß das System Wahrnehmungs-Bewußtsein (System 
W-Bw) an der Grenze von außen und innen liegt. Ähnlich 
verlegt die Hirnanatomie den „Sitz" des Bewußtseins in die 
Hirnrinde, „in die äußerste, umhüllende Schicht des Zentral- 
organs". (Freud, Jenseits des Lustprinzips. Ges. Schriften, 
Bd. VI, S. an.) 

Das System Bw stößt also unmittelbar an die Außenwelt 
an. Durch seine Lage hat es den unausgesetzten Anprall neuer 
Reize auszuhalten, die aus der Außenwelt an es herantreten. 
Diese Erregungsvorgänge werden aber nicht nur in einem 
bestimmten Augenblick vom Bewußtsein wahrgenommen, sie 
hinterlassen auch Dauerspuren als Erinnerungsreste im see- 
lischen Apparat. In welchem System kommen diese Dauer- 
spuren zustande? Sollen wir auch sie dem System TF-Bw 
zuschreiben ? Oder sollen wir die Dauerspuren anderen Systemen 
innerhalb des seelischen Apparats zuweisen? 

Freud entscheidet sich für die letztere Möglichkeit. Er 
nimmt an, daß das System W-Bw der Reizaufnahme dient, 
aber keine Erinnerungsreste enthält. Die anderen 
Systeme verwandeln die kurzdauernde Erregung des Wahr- 
nehmungssystems in Dauerspuren. Bewußtwerden und Hinter- 
lassung einer Gedächtnisspur sind für dasselbe System 
miteinander unverträglich. 

„Wenn man bedenkt," schreibt Freud, „wie wenig wir 



Das System Bw 131 



aus anderen Quellen über die Entstehung des Bewußtseins 
wissen, wird man dem Satze, das Bewußtsein entstehe 
an Stelle der Erinnerungsspur, wenigstens die Be- 
deutung einer irgendwie bestimmten Behauptung einräumen 
müssen." (Jenseits des Lustprinzips. Ges. Schriften, Bd. VI, S. 2 1 5.) 

Die Erinnerungssysteme sind die Grundlage der Assoziation ; 
sie unterscheiden sich je nachdem sie die Assoziation durch 
Gleichzeitigkeit, Ähnlichkeit oder andere Beziehungen ver- 
treten. Ein noch bedeutsameres Ergebnis der Freudschen 
Theorie ist aber, daß Erinnerungen an sich unbe- 
wußt sind. Sie üben ihre Wirksamkeit im Zustand des 
Unbewußten aus. (Etwas dieser Art war wohl die Meinung 
der Autoren vor Freud, die in den unbewußten Elementen 
den Kern oder Grundstock des Charakters und der Persön- 
lichkeit erblickt hatten.) 

Freud schreibt also dem Bewußtsein die Funktion der Wahr- 
nehmung des Psychischen zu und gibt ihm eine Mittelstellung 
zwischen der Außenwelt und dem Innern des Organismus; das 
Bewußtsein selber entstehe an Stelle einer Erinnerungsspur. 
Das System Bw wäre also „durch die Besonderheit ausgezeichnet, 
daß der Erregungsvorgang in ihm nicht . . . eine dauernde 
Veränderung seiner Elemente hinterläßt, sondern gleichsam 
im Phänomen des Bewußtwerdens verpufft." 

Die Erklärung für diese Besonderheit des Systems wäre in 
seiner exponierten Lage zu suchen. Der ständige Anprall von 
Reizen hätte seine Fähigkeit zur Modifikation abgestumpft. Der 
Erregungsvorgang nimmt einen stereotypen Ablauf, ohne weitere 
Veränderungen des Systems bewirken zu können. 

Das System Bw nimmt aber auch Erregungen vom Innern 
des Organismus her wahr, die seine Leistung entscheidend 
beeinflussen. Gerade die Notwendigkeit zur Verarbeitung dieser 

9* 



132 Die Theorie des Unbewußten 

inneren Erregungen ist für die besondere Arbeitsweise des 
seelischen Apparats maßgebend geworden. Die von innen an- 
kommenden Erregungen erzeugen die Reihe der Lust-Unlust- 
empfindungen und wie wir wissen ist die Funktion auf der 
Basis des Lustprinzips eine grundlegende Tendenz in der Arbeits- 
weise des seelischen Apparats. Das System Bw wird also durch 
diese inneren Erregungen entscheidend bestimmt. Es wird seine 
Aufgabe vor allem in der Bindung und Verteilung der aus 
dem Innern anlangenden Reizmengen oder Erregungen zu 
sehen haben. 

Der Index für die Erregungsvorgänge im Innern des Apparates 
ist als die Reihe der Lust-Unlustempfindungen bekannt. Ihr 
Bewußtwerden ist eines der Mittel zur Verteilung und Bindung 
der Energiebesetzungen im Innern des Apparates. 

Was wissen wir über diese inneren Reize, die für die 
Funktion des Seelenlebens so wichtig scheinen? Ihre Haupt- 
quelle ist das, was wir als Triebe bezeichnen. Freud hat, 
wie die meisten Psychologen, seine eigene Trieblehre aufge- 
stellt. Ihr Verständnis wird uns mit den letzten Konsequenzen 
seiner Lehren über Leben und Seelentätigkeit bekannt machen. 

§43 
Die Natur der Triebe 

Die Trieblehre ist, nach Freud, eines der wichtigsten und 
dunkelsten Gebiete in der psychologischen Forschung. Die 
Triebe sind letzten Endes sicher die Niederschläge äußerer 
Reizwirkungen, welche verändernd auf den Organismus ein- 
gewirkt haben. Sie müssen aber jetzt als innere, dem Individuum 
eingeborene Bedürfnisse angesehen werden. Freud hat in 
einer seiner Arbeiten den Trieb als einen „Grenzbegriff 



Die Natur der Triebe 133 



zwischen Seelischem und Somatischem beschrieben, als „ein 
Maß der Arbeitsanforderung, die dem Seelischen infolge seines 
Zusammenhanges mit dem Körperlichen auferlegt ist." (Ges. 
Schriften, Bd. V, S. 447.) 1 

Freud hat vorgeschlagen, „von solchen Urtrieben zwei 
Gruppen zu unterscheiden, die der Ich- oder Selbst- 
erhaltungstriebe und die der Sexualtriebe". Der 
Anlaß zu dieser Aufstellung hat sich aus der Neurosenlehre 
der Psychoanalyse ergeben. 

Ich möchte hier darauf hinweisen, daß ein Großteil der 
Kritik der Freudschen Lehre sich gegen die unberechtigte 
Annahme wendet, die Psychoanalyse wolle alles von der 
Sexualität ableiten. So finde ich zum Beispiel heute in einer 
führenden englischen Zeitschrift die Phrase von der „pestiferous 
race of psycho-analysts and sexual maniacs" (verderblichen 
Sekte der Psychoanalytiker und von der Sexualität Be- 



1) Eine spätere Veröffentlichung (Jenseits des Lustprinzips, 1920) bringt eine 
Reihe anregender, offenbar spekulativer Annahmen über das Wesen der Triebe. 
Freud nennt dort den Trieb einen „dem belebten Organischen innewohnenden 
Drang zur Wiederherstellung eines früheren Zustandes," . . . „eine Art von 
organischer Elastizität," . . . „die Äußerung der Trägheit im organischen 
Leben," . . . „den Ausdruck der konservativen Natur des- Lebenden." (Ges. 
Schriften, Bd. VI, S. 226.) 

Die überzeugendsten Beweise dafür geben die Phänomene der Erblichkeit und 
die Tatsachen der Embryologie. „Wir sehen, der Keim eines lebenden Tieres 
ist genötigt, in seiner Entwicklung die Strukturen all der Formen, von. denen 
das Tier abstammt — wenn auch in flüchtiger Abkürzung — zu wiederholen, 
anstatt auf dem kürzesten Wege zu seiner definitiven Gestaltung zu eilen . . . 
Und ebenso erstreckt sich weit in die Tierreihe hinauf ein Reproduktionsver- 
mögen, welches ein verlorenes Organ durch die Neubildung eines ihm durchaus 
gleichen ersetzt." (1. c. S. 226 f.) 

Die Triebe streben also zu dem frühesten Ausgangszustand des Organischen 
zurück, das heißt zum Anorganischen, zum Tode. Die Tatsache der Erhaltimg 
der Organismen zeigt aber, daß nicht alle Triebe auf das Sterben hinarbeiten. 
Neben den Todestrieben gibt es auch Lebenstriebe, die wir als Sexualtriebe kennen. 






134 Die Theorie des Unbewußten 

sessenen.) Nun stimmt es zwar, daß die psychoanalytische 
Forschung bisher vor allem auf den Sexualtrieb und die von 
ihm abgeleiteten Strebungen gerichtet war. Die Psychoanalyse 
hat aber an das Vorhandensein anderer Triebkräfte niemals 
vergessen. „Sie hat sich auf der scharfen Sonderung der 
sexuellen Triebe von den Ichtrieben aufgebaut", schreibt 
Freud. „Sie hat auch gar kein denkbares Motiv, Existenz 
oder Bedeutung der Ichtriebe zu bestreiten. . . . Nur daß es 
ihr Schicksal geworden ist, sich in erster Linie mit den Sexual- 
trieben zu beschäftigen, weil diese durch die Übertragungs- 
neurosen der Einsicht am ehesten zugänglich geworden sind 
und weil es ihr obgelegen hat, das zu studieren, was andere 
vernachlässigt hatten." (Vorlesungen, Ges. Schriften, Bd. VII, 
S. 564.) 

Freuds Einteilung der Triebe in Ich- und Sexualtriebe 
wird durch eine Hypothese A. Weismanns bestätigt. Dieser 
Forscher scheidet die lebende Substanz in Soma und Keimplasma, 
von denen das erstere dem Tode verfallen, das letztere potentiell 
unsterblich ist. Freud verweist ferner auf die Ähnlichkeit 
mit den Äußerungen E. Herings, nach dessen Theorie in 
der lebenden Substanz zweierlei Prozesse entgegengesetzter 
Richtung ablaufen, die einen aufbauend, assimilatorisch, die 
anderen abbauend, dissimilatorisch. Wir finden hier auch eine 
Annäherung an die spekulative Philosophie Schopenhauers, 
für den ja der Tod „das eigentliche Resultat" und insofern 
der Zweck des Lebens ist, der Sexualtrieb aber die Verkörperung 
des Willens zum Leben. (Jenseits des Lustprinzips, Ges. 
Schriften, Bd. VI, S. 241.) 

Was haben wir aus dieser Auffassung der Triebe für die 
Funktion des Systems Bw zu entnehmen ? Gerade so viel, daß 
die Funktion der Reizbewältigung, die Aufgabe, den seelischen 



Zusammenfassung 



135 



Apparat überhaupt erregungslos zu machen, oder den Betrag 
der Erregung in ihm konstant oder möglichst niedrig zu erhalten, 
Anteil hätte an dem allgemeinsten Streben 
alles Lebenden, zur Ruhe der anorganischen Welt zurück- 
zukehren. (1. c. S. 256.) l 



§ 44 
Zusammenfassung 

Wir können jetzt die allgemeine Theorie des Seelenlebens, 
die sich uns ergeben hat, in ihren Umrissen überblicken. Das 
Wesen des Lebens haben wir als Zusammenstoß oder Konflikt 
beschrieben und fanden, daß dieser Konflikt innerhalb des 
Seelenlebens in einem Ringen verdrängter mit verdrängenden 
Kräften besteht. Das Prinzip, welches den Ablauf der seelischen 
Tätigkeit reguliert, bezeichneten wir als Lustprinzip und zeigten, 
wie es im Laufe der Entwicklung teilweise durch eine Modi- 
fikation seiner selbst, das sogenannte Realitätsprinzip, ersetzt wird. 

Der nächste Gegenstand unserer Untersuchung war die seelische 
Tätigkeit. Wir definierten sie als Reaktion auf Reizeinwirkungen, 
wobei die Reize in innere und äußere unterschieden wurden. 
Die inneren Reize sind, wie wir zeigten, die sogenannten 
Triebreize oder Bedürfnisse. Wir fanden, daß die Reize eine 
quantitative Betrachtung zulassen und erkannten als Aufgabe 

1) Man kann hinzufügen, daß die Lebens- oder Sexualtriebe für die innere 
Wahrnehmung weit mehr in Betracht zu kommen scheinen als die Todestriebe. 
Sie erzeugen als ständige Friedensstörer die Spannungen, deren Lösung dann 
als lustvoll empfunden wird. Die Todes- oder Ichtriebe anderseits arbeiten 
geräuschlos, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. 

Es wäre übrigens nicht vorteilhaft, Spekulationen dieser Art viel weiter zu 
verfolgen. Freud selbst bezeichnet diese letzte Phase seiner Theorie ausdrücklich 
als spekulative Annahmen, als einen „Versuch zur konsequenten Ausbeutung einer 
Idee, aus Neugierde, wohin dies führen wird''. 



136 



Die Theorie des Unbewußten 



des seelischen Apparates die Bewältigung und Verteilung der 
Energiebesetzungen, die den Reizen zugehören. 

Die Art, wie das Seelenleben mit den Reizen fertig wird 
war unser nächstes Problem. Gewisse allgemeine Prinzipien, 
die das Seelenleben beherrschen, die sogenannten Polaritäten 
wurden geschildert und der Zug, den man Ambivalenz nennt, 
eingehender dargestellt. Darauf folgte eine Analyse der seelischen 
Vorgänge selbst in der von Freud metapsychologisch 
geheißenen Darstellungsweise. 

Die dynamische, topische und ökonomische Auffassung der 
seelischen Vorgänge wurde durch eine eingehende Darstellung 
der Verdrängung und ihrer Beziehungen zu einem bestimmten 
System des seelischen Apparates, dem System Ubw erläutert. 
Die Entwicklung dieses Systems, die Natur des Primär- und 
Sekundärvorgangs, die Bedeutung des Wunsches bei Freud 
und die Inhalte des Unbewußten wurden in allgemeinen 
Umrissen beschrieben. Die besonderen Eigenschaften der unbe- 
wußten Vorgänge wurden aufgezählt, der Verkehr zwischen 
den Systemen Ubw, Vbw und Bw veranschaulicht und der 
metaphorische Begriff einer „Zensur" erläutert. 

Der nächste Punkt war die Funktion des Bewußtseins selbst. 
Wir hörten, daß Freud das Bewußtsein als ein Sinnesorgan 
für die Auffassung psychischer Qualitäten betrachtet und daß 
die bewußte Wahrnehmung die Funktion eines besonderen 
Systems innerhalb des psychischen Apparates ist. Diesem System 
fehlt die Fähigkeit, Erinnerungen zu bewahren. Es stößt seiner 
Lage nach unmittelbar an die Außenwelt an, hat sich infolge 
dieser exponierten Stellung einen Reizschutz gegen von außen 
anlangende Erregungen erworben und hat sich vor allem um 
die Bewältigung der von innen kommenden Reizmengen zu 
kümmern. 



Zusamm enf assung 



137 



Schließlich folgte noch eine kurze Beschreibung dieser inneren 
Reize, der Triebe, mit dem Hinweis auf die fruchtbaren 
biologischen und physiologischen Parallelen zu Freuds vor- 
läufiger Klassifikation der Triebe. 

Freuds Begriff des Unbewußten muß also im Lichte dieses 
allgemeinen psychologischen Lehrgebäudes beurteilt werden. 
Dieses Gebäude wirkt auf den ersten Blick sehr eigentümlich 
und vielleicht verwirrend. Man muß aber einsehen, daß die 
bloße Darlegung eines so radikal neuen Standpunktes in der 
Psychologie nicht allen Folgerungen gerecht werden kann, die 
sich aus ihm ergeben. Der wirkliche Prüfstein für den Wert 
der Aufstellungen Freuds ist letzten Endes der Gewinn an 
neuen Einsichten in menschliche Beziehungen und mensch- 
liche Verhaltungsweisen. Eine bloße Aufzählung der Theorien 
ohne Hinweis auf ihre Anwendungsgebiete wirkt vielleicht 
ebenso irreführend wie sie abstrakt ist. 

Ich stelle mir deshalb in den folgenden Abschnitten die 
Aufgabe, den bisher gegebenen Bericht über die Freud sehe 
Psychologie durch eine Schilderung ihrer Anwendungen zu 
ergänzen. Nur auf diesem Wege kann die Bedeutung der 
Theorie wirklich klargemacht werden. Der Reichtum an 
Material, der einem zur Verfügung stünde, ' ist fast über- 
wältigend. Ich habe darum vor, mich auf die Bedeutung der 
Freud sehen Lehre für die Geisteswissenschaften zu beschränken 
und werde dabei besonders jene Gebiete herausgreifen, über 
die bisher noch verhältnismäßig wenig gearbeitet worden ist: 
Ethik, Ästhetik, Logik und reine Philosophie. 



FÜNFTER TEIL 



Die Bedeutung des Unbewußten 



Psychoanalyse und Erziehung 



141 



Psychoanalyse und Erziehung 

§45 

Die Sublimierung 

n^ie Erziehungswissenschaft fußt zum großen Teil auf psycho- 
*-^ logischen Erkenntnissen, so daß es nur verständlich ist, 
wenn die Anwendung der Psychoanalyse auf die Theorie der 
Erziehung Anlaß zu zahlreichen neuen Problemstellungen 
gegeben hat. Die Erziehungswissenschaft selbst befindet sich 
jetzt in einem Zustand von Unklarheit. Die Montessoribewegung 
und die Entwicklung der Experimentalpsychologie, die ihren 
Höhepunkt im Behaviorismus erreicht, haben, im Verein mit 
den Wirkungen der Psychoanalyse, die Pädagogik in einen 
Zustand versetzt, den man wirklich nur als eine provisorische 
Übergangsphase auffassen kann. Über die Anwendung psycho- 
analytischer Gesichtspunkte auf dieses Thema läßt sich aber 
schon jetzt Bestimmteres aussagen. Ihre Wirkung besteht in 
erster Linie in einer höheren und wissenschaftlich vertieften 
Einschätzung des Sublimierungs Vorganges. 

In seiner Arbeit über die Triebschicksale führt Freud aus, 
daß bestimmte Triebe „leicht ihre Objekte wechseln können". 
Infolgedessen sind sie „zu Leistungen befähigt, die weitab von 
ihren ursprünglichen Zielhandlungen liegen." (Ges. Schriften, 
Bd. V, S. 452.) Die Sexualtriebe liefern die besten Beispiele 
für ein solches Verhalten. Die ihnen zugehörige Energie kann 



142 Die Bedeutung des Unbewußten 

von ihrem ursprünglich sexuellen Ziel abgelenkt und für sozial 
und kulturell wertvolle Zwecke verwendet werden. Wir nennen 
diese Ablenkung der Energie „Sublimierung", ivobei wir, wie 
Freud ausführt, der allgemeinen Schätzung folgen, welche 
soziale und kulturelle Ziele höher stellt als die sexuellen. 

Diese Ablenkung oder Verschiebung war aber auch schon 
vor der Psychoanalyse in der Psychologie bekannt. Wir finden 
sie zum Beispiel bei Spinoza und der Schule der Assoziations- 
psychologen. McDougall betont sie in der Social Psychology.. 
Drever formuliert das der Sublimierung zugrundeliegende 
Prinzip in seiner kürzlich veröffentlichten „Introduction to the 
Psychology of Education" in Anlehnung an McDougall in 
folgender Weise: „Unter gewissen, mehr oder weniger be- 
stimmten Bedingungen kann es vorkommen, daß eine Trieb- 
regung in Verbindung mit Objekten oder Situationen tritt, 
die ganz verschieden sind von jenen, in denen sie sonst zu 
entstehen pflegt und oft gar keinen inneren Zusammenhang mit 
diesen haben" (p. 70). 

Das Verdienst der Psychoanalyse war es aber, in vielen 
Fällen die Zwischenglieder und Übergangsstadien dieser Ab- 
lenkung aufzuzeigen und die Wirkungsweise dieses Mechanis- 
mus so bis ins einzelnste bloßzulegen, daß er ein wertvolles 
Hilfsmittel der Erziehung werden konnte 5 wertvoll, weil letzten 
Endes ja die von den Trieben stammende seelische Energie das 
Rohmaterial des ganzen Erziehungsprozesses ist. Die Art der Ver- 
wertung dieses Rohmaterials entscheidet über das ganze spätere 
Schicksal des betreffenden Individuums. 

Dieses Material geht, wie wir gesehen haben, niemals zu- 
grunde. Die Verdrängung vernichtet die Triebregung nicht; 
sie zwingt sie nur, eine indirekte oder Ersatzbefriedigung zu 
suchen. Es ist die Aufgabe der Erziehung, auf die Auswahl 



Psychoanalyse und Erziehung 



143 



und Gestaltung dieser Befriedigung bestimmend einzuwirken. 
Für die Interessen der Gemeinschaft — der Rahmen, in dem 
die Entwicklung des Einzelwesens vor sich gehen muß — ist 
es unerläßlich, daß die den Triebregungen zugehörige Energie 
in Bahnen gelenkt wird, auf denen sie für soziale Zwecke 
soweit als irgend möglich verwertet werden kann. Ernest 
Jones schreibt: „Die Gewöhnung des Kindes an Berück- 
sichtigung der Außenwelt und soziale Interessen, die ja das 
Wesen der Sublimierung ausmacht, ist vielleicht der wichtigste 
Einzelprozeß im Rahmen des ganzen Erziehungsvorganges." 
(Papers on Psycho-Analysis, p. 608.) 

Die Sublimierung fällt natürlich in die Periode der Kind- 
heit. Die egoistischen Strebungen müssen geschickt geleitet 
und ihre Energie an sozial erwünschte Betätigungen gebunden 
werden. Wo das nicht durchaus möglich ist, findet der Über- 
schuß an Energie in Spielen, sportlichen Betätigungen und in 
Ausbrüchen gewöhnlichen Übermutes seine Abfuhr. Die Wege, 
auf denen die Sublimierungen zustande kommen, werden 
einerseits durch individuelle Faktoren bestimmt, anderseits 
durch die pädagogische Zielsetzung, die im sozialen Leben 
einer bestimmten Gemeinschaft üblich ist. Die Einsicht in 
den Vorgang selber und in seine mögliche Verwertung für 
die Charakterbildung ist aber jedenfalls eine wertvolle Hilfe, 
welche die Psychoanalyse der Pädagogik zu bieten hat. 



§46 
Charakter und Unbewußtes 

Erziehliche Beeinflussung setzt einen Einblick in das Seelen- 
leben und vor allem die Kenntnis der Triebquellen des mensch- 
lichen Verhaltens voraus. Nun war es aber eine der speziellen 



144 



Die Bedeutung des Unbewußten 



Leistungen der Psychoanalyse, diese Einsicht zu vertiefen, zu 
zeigen, wie das Seelenleben sich entwickelt und Charakterzüge 
gebildet werden. Ihre Forschungen auf diesem Gebiet bedeuten 
also für die Erziehung eine praktische Hilfeleistung. Es gibt 
zum Beispiel bestimmte Mechanismen der Charakterbildung 
welche die Psychoanalyse aufgedeckt hat. 

Unter ihnen hebe ich als besonders häufig die sogenannten 
„Reaktionsbildungen" hervor. Bernard Hart berichtet über 
den Fall eines Mannes, der in seiner Jugend kleine Geldsummen 
zu stehlen pflegte und in späteren Jahren eine so übertriebene 
Rechtschaffenheit entwickelte, daß er „endlose Zeit und Mühe 
auf die Nachzahlung irgend eines belanglosen Fahrpreises ver- 
wenden und eine unbezahlte Schuld zum Anlaß endloser Selbst- 
vorwürfe und Selbstquälereien machen konnte". (Psychology of 
Insanity, p. 107, siehe auch Drever, 1. c.) Die Gewissenhaftig- 
keit ist in diesem Fall eine Reaktionsbildung, die über dem 
jetzt verdrängten Stehltrieb aufgebaut ist. Rank und Sachs 
erwähnen, daß ein ursprünglich grausames Kind im späteren 
Leben infolge intensiver Verdrängung der triebhaften Grausam- 
keit seine Befriedigung in humanitären Betätigungen suchen 
kann. Es ist auch nicht unmöglich, daß ein Stück des über- 
triebenen, irrationellen Vorurteils gegen die Vivisektion in ganz 
unbewußt gewordenen derartigen Vorstadien seine psycholo- 
gische Wurzel hat. 

Eine Bildung ganz anderer Art ist der sogenannte „Abwehr-" 
oder „Kompensationsmechanismus", für den sich wahrschein- 
lich auf physiologischem Gebiet Analogien finden lassen. Für 
das Seelenleben ist er jedenfalls von großer Bedeutung. Ein ein- 
faches Beispiel ist der Fall eines angeborenen Defekts oder einer 
Minderwertigkeit, die das Individuum veranlassen, besondere 
Anstrengung auf ihre Überwindung zu verwenden und so eine 



Psychoanalyse und Erziehung 



145 



kompensatorische Überleistung zustande zu bringen. Das be- 
kannteste Beispiel hiefür ist der Fall des Demosthenes. 

Die Bedeutung des Unbewußten äußert sich aber am deut- 
lichsten in den kleinen Eigentümlichkeiten und Verschroben- 
heiten, die sich bei den meisten Kindern zeigen, und in ihren 
psychologischen Zusammenhängen unverständlich bleiben, wenn 
wir nicht psychoanalytische Überlegungen zu Hilfe nehmen. 
Tun wir das aber, dann lernen wir Verhaltungsweisen, die vor- 
her unbeeinflußbar, völlig sinnlos und sogar sozial gefährlich 
erschienen sind, als die Folgen bedeutsamer Verschiebungen 
oder Entstellungen normaler Triebregungen verstehen. Manchmal 
ist die Verschiebung ohne Mühe erkennbar. Jedenfalls wird das 
Benehmen des Kindes verständlicher und der Beeinflussung zu- 
gänglicher, wenn wir es nicht mehr als eine Folge von Launen- 
haftigkeit oder absichtlicher Bosheit betrachten. „Eine Menge 
von kindlichen Eigenschaften," schreiben Rank und Sachs, 
„die entweder gar nicht oder nur falsch verstanden und durch 
die üblichen pädagogischen Maßnahmen meist nur verschlimmert 
werden, enthüllen sich dem psychoanalytisch geschulten Er- 
zieher auf den ersten Blick als vom Unbewußten determinierte 
neurotische Züge, die, im Stadium ihres Auftretens und im 
jugendlichen Alter erkannt, leicht unschädlich gemacht werden 
können". 

Kindliche Fehler, wie Eigensinn, Verschlossenheit, Stehltrieb, 
die „jeder pädagogischen Beeinflussung hartnäckig widerstanden 
hatten' , konnten zum Verschwinden gebracht werden, wenn 
es gelungen war, sie auf „neurotische Einstellung zu den Eltern 
oder falsche Triebverschiebung" zurückzuführen. (Rank und 
Sachs, „Die' Bedeutung der Psychoanalyse für die Geistes- 
wissenschaften," S. 111.) 

Man muß auch daran denken, daß die Bedeutung unbe- 

L e vi ne, Das Unbewußte. 10 



146 Die Bedeutung des Unbewußten 

wußter Regungen keine geringere Rolle beim Erzieher oder 
Lehrer selber spielt. Jeder, der an der Charakterbildung anderer 
tätigen Anteil nimmt, sollte seine eigenen Triebregungen und 
womöglich die verdrängten Tendenzen seines eigenen Wesens 
verstehen. Seine Vorliebe oder Abneigung für eine autoritative 
Stellung, für die Forderung nach Gehorsam und Disziplin und 
alle jene Charakterzüge, die im persönlichen Verhältnis zwischen 
Erzieher und Zögling zum Ausdruck kommen, haben den nach- 
drücklichsten Einfluß auf seine Leistungen als Erzieher und 
entscheiden letzten Endes darüber, ob er zu diesem Beruf über- 
haupt geeignet ist. 

Die Psychoanalyse hat einen sehr bedeutsamen — wenn auch 
vielfach bestrittenen — • Beitrag zur Erziehungswissenschaft ge- 
liefert, der das Thema des Sexuallebens und die allerfrüheste 
Entwicklung des Kindes betrifft. Freud hat die Bedeutung der 
frühesten Erlebnisse für die späteren Äußerungen des Trieb- 
lebens aufgedeckt. Er zeigt, daß die Entwicklungsstufen, welche 
die Libido in den ersten fünf Lebensjahren durchläuft (eine 
Periode, für die im späteren Leben eine fast vollständige 
Amnesie besteht), von bestimmendem Einfluß für die Phase der 
Pubertät wie für das ganze spätere Leben bleibt. Es ist ihm 
vor allem gelungen, die Beziehungen des Kindes zu seinen 
Eltern oder deren Ersatzpersonen während dieses frühen Lebens- 
alters zu rekonstruieren. 

Unter diesen Rekonstruktionsversuchen hat besonders die Be- 
tonung des sogenannten Ödipuskomplexes die allgemeine 
Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Unter dem Ödipuskomplex 
versteht Freud, um seine eigenen Worte zu gebrauchen, „die 
Liebeskonkurrenz mit deutlicher Betonung des Geschlechts- 
charakters". Es ist natürlich auch schon der gewöhnlichen Be- 
obachtung auffällig geworden, daß die Mütter etwas mehr 



Psychoanalyse und Erziehung 147 

Zärtlichkeit für den Sohn, die Väter für eine Tochter zu zeigen 
pflegen. Das heftige Sträuben gegen die von Freud gebrachte 
Deutung dieser Verhältnisse richtet sich gegen seine Einführung 
des „sexuellen" Elementes in diese Zusammenhänge. Wir 
dürfen aber nicht vergessen, in welchem erweiterten Sinne 
Freud das Wort sexuell gebraucht. (Siehe §20.) Nach Freud 
beginnt der Sohn „schon als kleines Kind eine besondere Zärt- 
lichkeit für die Mutter zu entwickeln, die er als sein eigen be- 
trachtet, und den Vater als Konkurrenten zu empfinden, der 
ihm diesen Alleinbesitz streitig macht, und ebenso sieht die 
kleine Tochter in der Mutter eine Person, die ihre zärtliche Be- 
ziehung zum Vater stört und einen Platz einnimmt, den sie 
selbst sehr gut ausfüllen könnte". (Vorlesungen, Ges. Schriften, 
Bd. VII, S. 211.) 

Wir haben den Ödipuskomplex bereits im Zusammenhange 
mit den Neurosen kennengelernt, die in vielen Fällen direkt 
auf seine Wirksamkeit zurückgeführt werden. Abgesehen von 
diesen für die Pathologie bedeutsamen Folgen, hat die psycho- 
analytische Forschung gezeigt, daß der Ödipuskomplex einen 
regelmäßigen Bestandteil des frühkindlichen Seelenlebens bildet. 
Wir können daraus den Schluß ziehen, daß eine spätere psycho- 
analytische Behandlung wahrscheinlich überflüssig gemacht 
würde, wenn die erste, früheste Erziehung des Kindes seine 
normale Libidoentwicklung gewährleisten könnte. 

Es ist natürlich nicht möglich, bestimmte Regeln für eine 
solche Früherziehung aufzustellen. Gewiß scheint jedenfalls, 
daß es gefährlich -ist, das Sexualleben für den Blick des Kindes 
in eine Atmosphäre undurchdringlicher Heimlichkeit zu hüllen. 
Man sollte wenigstens falsche oder entstellte Auskünfte über 
sexuelle Fragen vermeiden können. Sie zu geben, ist nicht nur 
von Grund auf falsch, es erschüttert auch, wenn das Kind der 



1 



148 



Die Bedeutung des Unbewußten 



Unwahrheit auf die Spur kommt, zum großen Nachteil der 
weiteren Entwicklung das ganze Vertrauen des Kindes zu 
seinen Eltern. 

Das wären also einige ganz allgemeine Erwägungen über Be- 
rührungspunkte zwischen Psychoanalyse und Erziehungswissen- 
schaft. 



Psychoanalyse und Massenpsychologie 

§47 

In einer seiner neueren Arbeiten (Massenpsychologie und 
Ich-Analyse, 1921) beschäftigt sich F r e u d mit einigen Punkten 
aus dem fesselnden Problem der Massenpsychologie, zu deren 
Aufhellung die Psychoanalyse geeignet erscheint. Es ist häufig 
nachgewiesen worden, daß ein Individuum als einzelne Person 
anders reagiert wie als Mitglied einer Masse. Le Bon hat 
diese Verschiedenheiten in einer sehr bekannt gewordenen Arbeit 
geschildert. Andere Beiträge englischer Autoren zu diesem 
Thema stammen von Conway, E. D. Martin und 
McDougall. 

Bei Betrachtung dieser Beschreibungen ergibt sich in erster 
Linie, daß das Verhalten einer Masse große Ähnlichkeiten mit 
den Charakteren des Systems Ubw zeigt. Die Masse wird uns 
als äußerst impulsiv und ' wandelbar geschildert. Die Impulse, 
denen sie gehorcht, sind so gebieterisch, daß nicht einmal das 
Interesse der Selbsterhaltung zur Geltung kommt. Sie ist un- 
verständig, kritiklos und außerordentlich leichtgläubig. Sie 
denkt in Bildern, die einander assoziativ heivorrufen, wie sie 
sich sonst in Zuständen des freien Phantasierens einstellen. 
Sie kennt keinen Zweifel, keine Ungewißheit und keine Über- 
legung. Sie verträgt keinen Aufschub zwischen dem Begehren 
und seiner Verwirklichung. Sie geht sofort zum Äußersten: 



150 Die Bedeutung des Unbewußten 

ihre Gefühle sind gleichzeitig sehr einfach und sehr über- 
schwenglich. 

Alle diese Eigentümlichkeiten stehen in ganz deutlicher 
Übereinstimmung mit dem Seelenleben der Kinder, der Neu- 
rotiker und der Primitiven. Kurz, es scheint, als ob die Ein- 
reihung in eine Masse dem Individuum ermöglichen würde, 
gewisse Erwerbungen des bewußten, wachen Lebens abzu- 
werfen. Insbesondere weisen die Steigerung des Machtgefühls 
und die Herabsetzung der Verantwortlichkeit, die bei der 
Massenbildung zustande kommen, auf die Abschwächung be- 
stimmter Verdrängungen hin, die das soziale Leben dem 
einzelnen auferlegt. 

Gesellschaftliche Veranstaltungen jeder Art können uns diesen 
Nachlaß der Verdrängungen mit der sich daraus ergebenden 
Äußerung unbewußter Verhaltungsweisen veranschaulichen. 
Gesellschaften, Bälle, Gastmähler und ähnliche Festlichkeiten 
gestatten den an ihnen Teilnehmenden sich für den Augen- 
blick den schweren Hemmungen zu entziehen, die ihnen im 
normalen Leben von den verdrängenden Kräften des Wach- 
lebens auferlegt werden. Mir ist in Amerika aufgefallen, daß 
das Wort party selber zur Bezeichnung jeder ungewöhnlichen 
Lustquelle oder Aufhebung von Hemmungen verwendet wird. 

Ein weiterer bedeutsamer Zug der Massenseele ist die in 
ihr erreichte Steigerung aller Gefühlsregungen. Die Masse 
setzt die intellektuellen Leistungen herab und steigert gleich- 
zeitig die Intensität der Affekte ins Ungeheure. Die Masse 
kann eine Stärke des Gefühls und Enthusiasmus erreichen, 
die alle Hindernisse überwindet. 

Man ist gewöhnt, diese Erscheinung auf irgend eine Form 
der „Suggestion" zurückzuführen. L e Bon vergleicht sie mit 
den Erscheinungen unter dem Einfluß der Hypnose. Tarde 



r 



Psychoanalyse und Massenpsychologie 151 

bezeichnet sie als Nachahmung. McDougall gibt eine 
glänzende Analyse des Phänomens auf Grund des Prinzips 
der von ihm sogenannten „sympathetic induction of emotion" 
(gegenseitigen Gefühlsansteckung). Es ist der Mühe wert, hier 
bei dem von Freud selber gegebenen Erklärungsversuch zu 
verweilen. Freud findet, daß der Begriff der „Suggestion" 
selbst noch der Erklärung bedürftig ist. Er zerlegt ihn in 
seine Elemente unter Anwendung des Begriffs der Libido 
(das heißt der Energie der Sexualtriebe) und kommt auf diese 
Weise zu einigen überraschenden Schlußfolgerungen. 

Die Macht, durch welche eine Masse zusammengehalten 
wird, ist, wie Freud zeigt, das Wichtigste an ihr. „Welcher 
Macht könnte man aber diese Leistung eher zuschreiben als 
dem Eros, der alles in der Welt zusammenhält?" (Massen- 
psychologie, Ges. Schriften, Bd. VI, S. 288.) In anderen Worten, 
Gefühlsbindungen (Liebesbeziehungen) machen das Wesen der 
Massenseele aus. Das ist die grundlegende Annahme bei Freud. 

Er veranschaulicht seine Auffassung durch die Untersuchung 
zweier hochorganisierter dauerhafter Massen, der katholischen 
Kirche und des Heeres. In beiden Massen spielt der Begriff 
eines Oberhauptes eine deutliche Rolle. In der katholischen 
Kirche ist es Christus. In der Armee ist es der Feldherr. 
Diese Massen werden durch die Illusion einer Gefühlsbeziehung 
des Oberhauptes zu allen einzelnen zusammengehalten. Der 
Führer liebt alle einzelnen der Masse mit der 
gleichen Liebe. (Vergleiche „Was ihr getan habt einem 
unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir 
getan.") Alle Anforderungen an den einzelnen leiten sich im 
Grunde von dieser Liebe ab. Die Bindung jedes einzelnen an 
den Führer ist auch die Ursache ihrer Bindung untereinander. 

Nach dieser Auffassung rückt die Bedeutung der Führerschaft 




152 Die Bedeutung des Unbewußten 

in der Masse an die oberste Stelle. Führer wie Cäsar oder 
Napoleon können ihre Macht auch über die nationalen oder 
territorialen Grenzen ausdehnen. Wenn die Führerschaft fehlt 
oder das Vertrauen zu ihr erschüttert ist, dann wird dieselbe 
Armee, die vorher Gefahren und Schrecknissen standgehalten 
hat, in Panik verfallen, wenn auch die Gefahren durchaus 
nicht größer sind als die bereits bestandenen. Die Zersetzung 
einer religiösen Masse ist nicht so leicht zu beobachten. Um so 
deutlicher werden dafür in ihr die Haßimpulse gegen jene 
Personen, die nicht zur Glaubensgemeinschaft gehören, also 
außerhalb der Liebesbindung der Gruppe stehen. Die Ab- 
schwächung in diesen Äußerungen der Intoleranz in den 
heutigen Zeiten läßt, nach Freud, kaum auf eine Milderung 
in den Sitten der Menschen schließen. Die Ursache davon ist 
weit eher in der Abschwächung der religiösen Gefühle und 
der von ihnen abhängigen libidinösen Bindungen zu suchen. 
Freud schreibt: „Wenn eine andere Massenbindung an die 
Stelle der religiösen tritt, wie es jetzt der sozialistischen zu 
gelingen scheint, so wird sich dieselbe Intoleranz gegen die 
Außenstehenden ergeben wie im Zeitalter der Religionskämpfe" 
(1. c. S. 296). 

Wir sehen, daß diese Auffassung der Massenbildung auf 
jener Gefühlsambivalenz aufgebaut ist, die wir in der 
psychischen Entwicklung nachgewiesen haben. Die feindselige 
Komponente ist bei der Massen- oder Gruppenbildung gewöhn- 
lich nicht bewußt vorhanden 5 die Liebesbeziehung steht im 
Vordergrund. Das feindselige Element ist aber auch nicht 
völlig abwesend. Es äußert sich in dem Murren der Unter- 
gebenen gegen die Vorgesetzten, in lokalen oder nationalen 
Eifersüchteleien, im Rassenhaß, die alle einen Beweis für die 
Stärke der latenten Regungen liefern. 




Psychoanalyse und Massenpsychologie 153 



Man kann einwenden, es sei unberechtigt, für die Erklärung 
des Zusammenhaltes einer Masse L i e b e s bindungen in An- 
spruch zu nehmen. Aber Aristoteles selber bezeichnet die 
„Freundschaft" als die staatenbildende Macht. (Ethik, VIII., 
Kap. 1.) Freud hat in seinen Auseinandersetzungen offenbar 
einen dem griechischen Eros analogen Begriff im Auge. Die 
Liebe, von der er spricht, strebt nicht nach direkt sexuellen 
Zielen. Die Liebesstrebung ist von den sexuellen Zielen ab- 
gelenkt. Er weist ferner darauf hin, daß die Objektbesetzung 
nicht die einzig mögliche Form der Liebesbindung ist. Es 
gibt zum Beispiel die Beziehung, die er als Identifizierung 
bezeichnet. 

Freud schlägt daher als die einfachste Formel zur Be- 
schreibung der Konstitution einer Masse mit ihrem Führer 
die folgende vor: „Eine solche primäre Masse ist eine Anzahl 
von Individuen, die ein und dasselbe Objekt an die Stelle 
ihres Ichideals gesetzt und sich infolgedessen in ihrem Ich 
miteinander identifiziert haben" (1. c. S. 516). 

Das wäre also der anregende Gesichtspunkt, den die Er- 
gebnisse der Psychoanalyse für die Massenpsychologie liefern. 
Der geschilderte Standpunkt steht offenbar im Gegensatz zu 
Auffassungen, die eine „Massenseele" postulieren. 

Er ist auch unvereinbar mit der von T r o 1 1 e r aufgestellten 
Hypothese eines primären Herdentriebes. Freud findet, daß 
sich im Seelenleben des Kindes zu Anfang keine Spuren eines 
Herdentriebes nachweisen lassen. Das Massengefühl bildet sich 
erst aus dem Verhältnis des Kindes zu seinen Eltern, und zwar 
als Reaktion auf den anfänglichen Neid, mit dem das ältere 
Kind das jüngere aufnimmt. Angesichts der Tatsache, daß alle 
späteren Kinder auch in der gleichen Weise von den Eltern 
geliebt werden, ist es dem Kind unmöglich, seine ursprüngliche 



154 Die Bedeutung des Unbewußten 

feindselige Einstellung festzuhalten; es wird zur Identifizierung 
mit den anderen Kindern gezwungen und es bildet sich in der 
Kinderschar ein Massen- oder Gemeinschaftsgefühl. Dieses 
Gemeinschaftsgefühl erfährt seine weitere Entwicklung in der 
Schule, wo sich die Forderung nach Gerechtigkeit bei jedem 
einzelnen Kind laut und unbestechlich äußert. 

„Das soziale Gefühl ruht also auf der Umwendung eines 
erst feindseligen Gefühls in eine positiv betonte Bindung von 
der Natur einer Identifizierung" (1. c. S. 522). 

Das wäre also die Anwendung der Libidotheorie auf die 
Probleme des Herdenlebens. Meiner Ansicht nach läßt das, 
was man die „Herdenhaftigkeit" eines Individuums nennt, 
sehr wohl eine psychologische Analyse auf Grund dieses 
Gesichtspunktes zu. Über die philosophische Seite der sozio- 
logischen Probleme soll natürlich durch das Vorstehende nichts 
ausgesagt werden. 






Psychoanalyse und die Persönlichkeit 

§48 
Verdrängung und Spaltung der Persönlichkeit 

Es ist verlockend, die Scheidung zwischen den Vorgängen, 
welche das bewußte wache Ich akzeptiert, und den unbewußten 
Prozessen so hinzustellen, als ob es sich um eine Trennung 
in zwei verschiedene Personen handeln würde. Populäre Dar- 
stellungen der Freud sehen Psychologie haben sich in manchen 
Fällen einer solchen travestierenden Beschreibung schuldig ge- 
macht. „Jeder von uns", könnte einer dieser Autoren ge- 
schrieben haben,, „trägt in sich ein unbekanntes Ich, das, in 
Dunkel und Geheimnis gehüllt, zur Zufluchtsstätte der be- 
grabenen Hoffnungen und kindlichen Wünsche geworden ist. 
Diese Wünsche aber sind lebendig, mit wirksamen Kräften 
ausgestattet und erwarten nur den Augenblick, in dem unser 
bewußtes, moralisches Ich in seiner Wachsamkeit nachläßt, 
um alle Schranken zu durchbrechen, einzudringen und die 
Herrschaft über das Gebiet des Bewußtseins an sich zu reißen.' 

Eine Darstellung dieser Art ist aber eher romantisch als 
zutreffend. Sie erhebt eine Metapher zum wissenschaftlich be- 
glaubigten Faktum. Was uns die Freud sehen Hypothesen in 
Wirklichkeit gestatten, ist das Verständnis der sogenannten 
Spaltung der Persönlichkeit mit Hilfe des Verdrängungsbegriffes. 

Gewisse Erfahrungen sind, wie wir gesehen haben, nicht 



156 Die Bedeutung des Unbewußten 

in der normalen Weise für das Bewußtsein zugänglich. Sie 
sind verdrängt worden und werden als „unbewußt" bezeich- 
net. Man kennt aber Fälle, in denen es diesem unbewußten 
Material gelungen ist, für eine Zeitlang jene Herrschaft über 
die Motilität an sich zu reißen, welche im Normalen dem 
System Bw vorbehalten ist. Das unbewußte Material wird 
auf diese Weise zu einem unabhängigen System von Vor- 
stellungen und Affekten, welches anstatt oder alternierend mit 
dem gewöhnlichen wachen Ich die Funktionen beherrscht. 

Die Bedingungen, welche einen solchen Wechsel in der 
Beherrschung der Motilität ermöglichen, sind für die Psycho- 
logie das eigentlich interessante Problem. Sie sind aber schwer 
erkennbar und es gibt noch wenig Material, auf dem sich ein 
Erklärungsversuch aufbauen ließe. James berichtet über 
einige Fälle und Morton P r i n c e hat den berühmten Fall 
Sally Beauchamp einer eingehenden Untersuchung unter- 
zogen. Vorläufig wird aber noch keine Hypothese allen Tat- 
sachen gerecht. 

Man müßte beachten, daß das Phänomen nicht auf diese 
extremen Fälle von double conscience oder alternierender, 
multipler Persönlichkeit beschränkt ist. Es ist in abgeschwäch- 
tem Maße häufig zu finden. Stevensons „Mr. Jekyll 
und Mr. Hyde" gibt ein ausgezeichnetes Bild davon und 
Barrie spricht in einem kürzlich vor Studenten gehaltenen 
Vortrag über den Mut halb scherzhaft von einer „Seite" (side 
oder mood) seines Wesens, der er den Namen M'Connachie 
beilegt und von der er behauptet, daß sie als anmaßendes 
autokratisches Ich mit seinem übrigen Wesen in Rivalität tritt. 

Aus der Literatur habe ich bereits oben Fechner 
und Dr. Mises als Beispiel erwähnt. Noch besser bekannt 
ist der auch von Morton Prince beschriebene Fall „Fiona 






Psychoanalyse und die Persönlichkeit 157 



Macleod". „Fiona Macleod" hieß im gewöhnlichen Leben 
William Sharp. Aus einer von Elizabeth A. Sharp über ihn 
angefertigten Lebensbeschreibung geht hervor, daß er ein 
sehr phantasievolles Kind war und daß seine Phantasien und 
Tagträume sich zu einem System organisierten, das von seinem 
übrigen Seelenleben mehr oder weniger abtrennbar war. Sie 
schreibt: „Er lernte, es abzuschließen und ihm eine Art 
eigener Existenz zu schaffen." Von Zeit zu Zeit aber „über- 
wältigte es die Herrschaft des Bewußtseins", unter dem Ein- 
fluß irgend einer im Unbewußten entwickelten Phantasie 
„wurde alles übrige aus dem Bewußtsein ausgelöscht" und 
er begann mit großer Schnelligkeit und in völliger Selbst- 
versunkenheit zu schreiben. (Zitiert bei Prince, „The Un- 
conscious", S. 295 ff.) 

Bei diesem Phänomen scheint es sich also ganz einfach um 
eine Dissoziation, eine Spaltung zu handeln. Der Freudsche 
Verdrängungsbegriff ermöglicht uns ein Verständnis ihrer 
Funktion. Wir haben die Aufgabe der Verdrängung bereits 
gekennzeichnet. Sie legt den Grundstein zur Entwicklung 
der sozial gerichteten Persönlichkeit. Sie ist der Mechanismus, 
durch dessen Wirksamkeit das Individuum instand gesetzt 
wird, Anteil an dem Leben einer Kulturgemeinschaft zu 
nehmen. Die Verdrängung ist aber auch schon auf niedrigeren 
Stufen zu beobachten. Wir kennen zum Beispiel eine Unter- 
drückung physiologischer Funktionen, sowie jene Zurück- 
drängung eines Teils der vorhandenen Sinneseindrücke, welche 
die Voraussetzung der gewöhnlichen Aufmerksamkeitseinstellung 
ist. Prince schildert den Sachverhalt wie folgt: „Jeder 
seelische Vorgang setzt die Verdrängung eines mit ihm in 
Widerspruch stehenden Vorganges voraus; ohne solche Ver- 
drängung wäre das Seelenleben ein einziges Chaos" (1. c. p. 548). 



156 



Die Bedeutung des Unbewußten 




in der normalen Weise für das Bewußtsein zugänglich. Sie 
sind verdrängt worden und werden als „unbewußt" bezeich- 
net. Man kennt aber Fälle, in denen es diesem unbewußten 
Material gelungen ist, für eine Zeitlang jene Herrschaft über 
die Motilität an sich zu reißen, welche im Normalen dem 
System Bw vorbehalten ist. Das unbewußte Material wird 
auf diese Weise zu einem unabhängigen System von Vor- 
stellungen und Affekten, welches anstatt oder alternierend mit 
dem gewöhnlichen wachen Ich die Funktionen beherrscht. 

Die Bedingungen, welche einen solchen Wechsel in der 
Beherrschung der Motilität ermöglichen, sind für die Psycho- 
logie das eigentlich interessante Problem. Sie sind aber schwer 
erkennbar und es gibt noch wenig Material, auf dem sich ein 
Erklärungsversuch aufbauen ließe. James berichtet über 
einige Fälle und Morton Prince hat den berühmten Fall 
Sally Beauchamp einer eingehenden Untersuchung unter- 
zogen. Vorläufig wird aber noch keine Hypothese allen Tat- 
sachen gerecht. 

Man müßte beachten, daß das Phänomen nicht auf diese 
extremen Fälle von double conscience oder alternierender, 
multipler Persönlichkeit beschränkt ist. Es ist in abgeschwäch- 
tem Maße häufig zu finden. Stevensons „Mr. Jekyll 
und Mr. Hyde" gibt ein ausgezeichnetes Bild davon und 
Barrie spricht in einem kürzlich vor Studenten gehaltenen 
Vortrag über den Mut halb scherzhaft von einer „Seite" (side 
oder mood) seines Wesens, der er den Namen M'Connachie 
beilegt und von der er behauptet, daß sie als anmaßendes 
autokratisches Ich mit seinem übrigen Wesen in Rivalität tritt. 

Aus der Literatur habe ich bereits oben Fechner 
und Dr. Mises als Beispiel erwähnt. Noch besser bekannt 
ist der auch von Morton Prince beschriebene Fall „Fiona 



r 






Psychoanalyse und die Persönlichkeit 157 

Macleod". „Fiona Macleod" hieß im gewöhnlichen Leben 
William Sharp. Aus einer von Elizabeth A. Sharp über ihn 
angefertigten Lebensbeschreibung geht hervor, daß er ein 
sehr phantasievolles Kind war und daß seine Phantasien und 
Tagträume sich zu einem System organisierten, das von seinem 
übrigen Seelenleben mehr oder weniger abtrennbar war. Sie 
schreibt: „Er lernte, es abzuschließen und ihm eine Art 
eigener Existenz zu schaffen." Von Zeit zu Zeit aber „über- 
wältigte es die Herrschaft des Bewußtseins", unter dem Ein- 
fluß irgend einer im Unbewußten entwickelten Phantasie 
„wurde alles übrige aus dem Bewußtsein ausgelöscht" und 
er begann mit großer Schnelligkeit und in völliger Selbst- 
versunkenheit zu schreiben. (Zitiert bei Prince, „The Un- 
conscious", S. 295 ff.) 

Bei diesem Phänomen .scheint es sich also ganz einfach um 
eine Dissoziation, eine Spaltung zu handeln. Der Freudsche 
Verdrängungsbegriff ermöglicht uns ein Verständnis ihrer 
Funktion. Wir haben die Aufgabe der Verdrängung bereits 
gekennzeichnet. Sie legt den Grundstein zur Entwicklung 
der sozial gerichteten Persönlichkeit. Sie ist der Mechanismus, 
durch dessen Wirksamkeit das Individuum instand gesetzt 
wird, Anteil an dem Leben einer Kulturgemeinschaft zu 
nehmen. Die Verdrängung ist aber auch schon auf niedrigeren 
Stufen zu beobachten. Wir kennen zum Beispiel eine Unter- 
drückung physiologischer Funktionen, sowie jene Zurück- 
drängung eines Teils der vorhandenen Sinneseindrücke, welche 
die Voraussetzung der gewöhnlichen Aufmerksamkeitseinstellung 
ist. Prince schildert den Sachverhalt wie folgt: „Jeder 
seelische Vorgang setzt die Verdrängung eines mit ihm in 
Widerspruch stehenden Vorganges voraus 5 ohne solche Ver- 
drängung wäre das Seelenleben ein einziges Chaos" (1. c.p. 548). 



II 




158 Die Bedeutung des Unbewußten 


Es scheint also, daß die Dissoziation, wie wir sie in den 



extremen Fällen von double conscience oder multipler Persön- 
lichkeit kennengelernt haben, als eine „Übertreibung" jenes 
für die Entwicklung des Seelenlebens normalen und wertvollen 
Mechanismus aufzufassen ist. Jeder von uns hat bestimmte 
Seiten seines Wesens verdrängt. Und selbst bei bestem seelischen 
Gleichgewicht kommen gelegentlich die verdrängten Wünsche 
und Strebungen in den Vordergrund, wenn auch nur in Form 
von Vorurteilen, Launen und abergläubischen Neigungen. 

Selbst wenn wir also zugeben, daß die Bedingungen, unter 
denen dem System Bw die Herrschaft über die Motilität ent- 
zogen wird, noch dunkel sind, sehen wir doch keine Nötigung, 
zur Erklärung des Phänomens der Persönlichkeitsspaltung irgend 
welche neue Hypothesen aufzustellen. Vor allem ist es nicht 
nur ganz unberechtigt anzunehmen, daß neben unserem be- 
wußten Ich noch ein oder mehrere „Ich" vorhanden sind, es 
ist auch direkt verwirrend. Diese verschiedenen Ich 
funktionieren ja alle mit Hilfe eines und dessel- 
ben Körpers. Sie benutzen dieselben Bewegungszentren und 
die gleichen Reaktionsweisen in all den zahllosen Einzelheiten 
des Verhaltens. Ein Wechsel in den Bedingungen der Beherr- 
schung ist noch durchaus keine Grundlage für die Annahme 
eines doppelten oder multipeln Ich. 

Die Freudsche Theorie rechtfertigt also in Wirklichkeit 
keineswegs die populäre Auffassung der Ichspaltung, für die 
sie verantwortlich gemacht wird. Im Gegenteil, sie gibt uns 
eine Erklärung gerade jener Tatsachen, auf Grund derer in 
einigen extremen Fällen ein solcher Dualismus aufgestellt 
worden ist. 



1 




Psychoanalyse und die Persönlichkeit 159 

§49 

Das unterbewußte Ich 

Man muß die Freud sehe Psychologie von jenen Theorien 
unterscheiden, die ein „unterbewußtes" oder „unterschwel- 
liges" Ich in jedem Individuum annehmen. Schon die Ter- 
minologie zeigt, daß hier „Bewußtsein" als der wesentlichste 
Charakter des Seelischen angesehen wird, eine Auffassung, der 
die Freud sehe Lehre, wie wir gesehen haben, ferne steht. 

Der Begriff des unterbewußten Ich findet sich zum Beispiel bei 
Frederick Myers (1845 — 1901). Myers beteiligte sich, ge- 
meinsam mit P o d m o r e, an der Herausgabe von G u r n e y s 
„Phantasms of the Living". Sein Hauptwerk ist das Buch 
„Human Personality and its Survival of Bodily Death". 

Myers schreibt: „Das bewußte Ich des Individuums, wie 
es gewöhnlich genannt wird, — das empirische überschwellige 
Ich, wie ich es lieber nennen würde, — umfaßt nicht die 
Gesamtheit unseres Bewußtseins oder der in uns enthaltenen 
geistigen Fähigkeit. Es gibt ein umfassenderes Bewußtsein, eine 
tiefer reichende Fähigkeit, die zum größten Teil potentiell 
bleiben, so weit das Erdenleben reicht, von der aber das Be- 
wußtsein und die Leistungen des Erdenlebens nur Ausschnitte 
sind und die erst in ihrer vollen Ausdehnung zur Geltung 
kommen, wenn die befreiende Veränderung des Todes ein- 
getreten ist." (Human Personality, p. 14.) 

Myers gibt zu, daß diese Ansichten einen mystischen Klang 
haben, bemüht sich aber, sie auf eine wissenschaftliche Basis 
zu stellen. Er definiert in erster Linie, was er unter unter- 
schwellig versteht. Der Begriff deckt, wie er sagt, „alles, 
was unter der gewöhnlichen Schwelle oder, wenn man lieber 
will, außerhalb der gewöhnlichen Sphäre des Bewußtseins vor sich 



i6o Die Bedeutung des Unbewußten 

geht . . . Empfindungen, Gedanken, Affekte, die stark, bestimmt 
and unabhängig sein können, die aber infolge der ursprüng- 
lichen Konstitution unseres Wesens nur selten zu dem über- 
schwelligen Strom des Bewußtseins auftauchen, den wir für 
gewöhnlich mit uns selbst identifizieren" (1. c. gekürzte Aus- 
gabe, pp. 14 — 15). 

Da diese unterschwellige Seelentätigkeit kontinuierlich 
vor sich geht, spricht Myers von einem unterschwelligen Ich, 
„jenem Teil des Ichs, das für gewöhnlich unterschwellig bleibt". 
Den Nachweis für seine Existenz liefert er in folgendem: 
„Die Ausbrüche des Unterschwelligen zeigen ihrer Qualität 
nach häufig typische Verschiedenheiten von allen Elementen, 
die uns in unserem gewöhnlichen überschwelligen Leben be- 
kannt sind. Ihre Besonderheiten weisen auf das Vorhandensein 
von Fähigkeiten hin, von denen wir sonst keine Kenntnis 
hatten und die in einer Umwelt zur Wirksamkeit kommen, 
von der uns bis dahin nicht das Geringste bekannt war" 
(I.e. p. 16). 

Myers bringt die von ihm gefundenen Tatsachen unter 
die Rubriken: Telepathie, Telästhesie, Alternieren der Per- 
sönlichkeit, Hysterie, Schlaf, Hypnotismus, sensorische und 
motorische Automatismen. Interessanterweise verweist er bei 
der Erörterung der Hysterie auf einen Fall, der von Freud 
in einer seiner frühesten Arbeiten eingehend dargestellt wurde. 
(Breuer und Freud, Studien über Hysterie, 1895.) 

Die Hypothese, auf welcher seine ganze Arbeit ruht, for- 
muliert Myers kurz in folgender Weise: „Ich habe ange- 
nommen, daß der Mensch ein von einer Seele belebter oder 
ein beseelter Organismus ist. Diese Ansicht enthält aber bereits 
die Hypothese, daß wir unser Leben gleichzeitig in zwei 
Welten leben: ein planetarisches Leben in dieser Welt der 



Psychoanalyse und die Persönlichkeit 



l6l 



Materie, zu der der Organismus in Beziehung treten muß 5 
und gleichzeitig ein zweites, kosmisches Leben in jener spiri- 
tuellen oder metaätherischen Welt, welche die natürliche Um- 
welt für die Seele bildet" (1. c. p. 98). Oder an anderer Stelle; 
„Es ist meiner Ansicht nach durchaus nicht unwahrschein- 
lich, daß Ausstrahlungen, die der Wissenschaft vorläufig noch 
unbekannt sind, sensitiven Individuen aber in derselben Weise 
bemerkbar sind wie die telepathischen Impulse, von den leben- 
den menschlichen Organismen ausgesandt werden (1. c. p. 154). 

Diese Zitate geben eine Orientierung über das Wesen der 
Lehre von M y e r s. Die Tatsachen, auf die sie gegründet ist, 
entstammen den Gebieten, die auch Freud bearbeitet hat, 
besonders Traum und Hysterie. Aber vom Standpunkt der 
wissenschaftlichen Hypothese betrachtet, scheint mir der Erf 
klärungsversuch Myers' nicht gerechtfertigt. Freuds Auf- 
stellungen sind weniger mystisch und leichter nachprüfbar. 
Die ganze Richtung des „Psychical Research" war überhaupt 
eine Enttäuschung. Man kann sich kaum eine schlagendere 
Illustration zu dem vorstellen, was Münsterberg-die „er- 
bärmliche Leichtgläubigkeit" der Menschheit genannt hat. 

Wenn mir aber auch die Aufstellung eines unterbewußten 
Ich mit den von Myers, daraus gezogenen Folgerungen von 
sehr zweifelhaftem Wert erscheint, so bleibt: doch die von 
Leibniz behauptete Tatsache einer gewissen Kontinuität 
oder Abstufung in den seelischen Vorgängen bestehen. Janet 
zum Beispiel basiert seine Theorie der Hysterie auf die von 
ihm so genannte „Einschränkung des Bewußtseinsfeldes". Es 
gibt, wie er schreibt, „ungeheure Mengen von Phänomenen' 
die unaufhörlich in uns aufsteigen. Es ist sicher, daß das 
Individuum sie niemals alle wahrnehmen kann. Die Anzahl 
der „zur völligen Bewußtheit Aufsteigenden" variiert je nach 

Levine, Das Unbewußte. 11 



1 



1Ö2 Die Bedeutung des Unbewußten 

den Umständen und dem Individuum. Das für den Fall des 
Neuropathen Charakteristische ist, „das Verschwinden der 
höheren Funktionen des Seelenlebens bei Erhaltung und 
häufig bei Steigerung der niedrigeren Funktionen". Es handelt 
sich, kurz gesagt, um eine „Herabsetzung des seelischen 
Niveaus". (Pierre Jan et, The Major Symptoms of Hysteria, 
p. 516, 1920.) 

Mit einer derartigen Metapher befinden wir uns schon 
auf halbem Wege zu Freuds eigenem Begriff des Unbe- 
wußten. Die Psychologie hat gefunden, daß die Unterschei- 
dung zwischen fokalem und marginalem Bewußtsein oder 
zwischen bewußt und weniger voll bewußt, von höchstem 
Wert für sie ist. Es gibt, wie Aveling schreibt, „Grenz- 
falle", in denen nur ein Minimum von Bewußtsein vor- 
handen ist. Von hier aus ist es nur mehr ein Schritt 
zur offenen Anerkennung „unbewußter" Prozesse. Für den 
Fall der Wahrnehmung zum Beispiel hat Stout selber 
eine derartige Annahme gemacht. Er verteidigt den Wert 
der Introspektion mit dem Hinweis darauf, daß „es beim 
Zurückrufen eines Vorganges in das Gedächtnis unmittelbar 
nach seinem Ablauf häufig möglich ist, Einzelheiten zu 
erinnern, die uns während des wirklichen Vorganges ent- 
gangen sind. Ebenso kann der Astronom das Bild eines eben 
an seinem Blick vorübergezogenen Sterns in sein Gedächtnis 
zurückrufen und dann Einzelheiten bemerken, die ihm während 
seines wirklichen Auftauchens nicht auffällig geworden sind". 
(Manual of Psychology, pp. 44 ff.) 

Als Folgerung aus dem Voranstehenden ergibt sich uns also, 
daß die Annahme eines unterbewußten Ich dem Bereich der 
Mystik angehört, daß aber die Unterscheidung zwischen ver- 
schiedenen Graden von Bewußtheit wertvoll werden kann 



Psychoanalyse und die Persönlichkeit 163 



und tatsächlich bei konsequenter Fortführung zu Freuds 
eigener Theorie von der Existenz unbewußter seelischer Vor- 
gänge hinleitet. 

§50 
Jungs Auffassung der Persönlichkeit 

Die Auffassung C. G. Jungs, der ursprünglich einer der 
ersten Mitarbeiter Freuds war, später aber eine eigene 
Schule der Analytischen Psychologie (die sogenannte Züricher 
Schule) gründete, ist in einigen wichtigen Punkten der von 
Myers nicht unähnlich. 

Jung tritt für die Existenz eines kollektiven oder über- 
persönlichen Unbewußten ein. Er ist der Ansicht, daß im 
Unbewußten nicht nur die verdrängten Elemente aus der 
Lebensgeschichte des Individuums enthalten sind, sondern 
auch was er als „urtümliche Bilder" bezeichnet. Diese Inhalte 
sind von allen persönlichen Erwerbungen des Individuums 
zu sondern. Sie bilden eine Kollektivseele, welche ererbt, 
unabänderlich, a priori vorhanden, automatisch in ihren Funk- 
tionen, überpersönlich oder unpersönlich ist. Dieses „kollek- 
tive" oder „unpersönliche" Unbewußte ist nach Jung „das 
Fundament, auf dem sich jede Persönlichkeit aufbaut", „der 
Mutterboden, auf dem alle persönlichen Differenzierungen 
erwachsen", „die gemeinsame psychologische Funktion aus 
der Summe aller psychischen Inhalte des Individuums". (Jung, 
Analytical Psychology, p. 452.) 

Die Tatsachen, auf denen Jung seine Auffassung aufbaut, 
entstammen der Symbolik in Traum und Mythus und den 
unbewußten Phantasien seiner Patienten. Er gibt zu, daß 
zwischen den Inhalten des kollektiven Unbewußten und denen 

11* 



164 Die Bedeutung des Unbewußten 



des persönlichen Unbewußten keine strenge Scheidung möglich 
ist, betont aber im allgemeinen, daß „die in Phantasien und 
Träumen so häufig nachweisbaren archaischen Symbole kollek- 
tive Elemente sind. Alle primären Tendenzen und Formen 
des Denkens und Fühlens sind kollektiv; ebenso alle jene 
Ideen, die sich übereinstimmend bei der ganzen Menschheit 
finden, alles was auf der ganzen Welt verstanden, gesagt 
und getan wird" (1. c. p. 455). 

„Es ist erstaunlich," sagt Jung weiterhin, „wie viel von 
unserer sogenannten individuellen Psychologie in Wirklichkeit 
der Kollektivseele angehört." Die bewußte Persönlichkeit 
selber reduziert sich, nach Jung, auf einen mehr oder 
weniger „zufälligen Auszug aus der Kollektivpsyche". Das 
Unbewußte enthält „alle jene psychischen Inhalte, welche 
unter der Schwelle zu finden sind . . . alles Material, welches 
das Niveau des Bewußtseins noch nicht erreichen konnte" 
(1. c. p. 448). 

Die Tatsachen, die Jung zum Ausgangspunkt nimmt, 
sind an sich unbestreitbar. Aus dem Studium der Träume 
zum Beispiel hat sich mit voller Sicherheit ergeben, daß dem 
Individuum symbolische Ausdrucksmittel zur Verfügung 
stehen, die seinem bewußten Ich unbekannt, trotzdem zum 
Allgemeingut der Menschheit gehören. Freud schreibt: 
„Diese Vergleichungen werden nicht jedesmal neu angestellt, 
sondern sie liegen bereit, sie sind ein- für allemal fertig." 
„Das ist so verwunderlich, wie wenn Sie die Entdeckung 
machen würden, daß Ihr Stubenmädchen Sanskrit versteht, 
obwohl Sie wissen, daß sie in einem böhmischen Dorf ge- 
boren ist und es nie gelernt hat." (Vorlesungen, Ges. Schriften, 
Bd. VII, S. 168.) Wir finden das gleiche Symbol bei den. ver- 
schiedensten Volksstämmen und in weit auseinanderliegenden 



Psychoanalyse und die Persönlichkeit 165 

geschichtlichen Perioden. Ernest Jones schreibt: „Ein Sym- 
bol, das wir zum Beispiel heute in einer Zote finden, ist 
auch in einem mythischen Kult des alten Griechenland nach- 
weisbar, und ein anderes, dem wir nur bei der Traum- 
deutung begegnen, wurde vor mehreren tausend Jahren in 
den heiligen Büchern des Ostens benützt." (Papers on Psych o- 
Analysis, p. 143; deutsche Übersetzung:' „Die Theorie der 
Symbolik", Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, Bd. V, S.258.) 

Die Folgerungen, die sich aus diesen Tatsachen ergeben, 
sind aber weniger gesichert. Man erhält zwar den Eindruck, 
als ob das Unbewußte einer primitiven universellen Symbol- 
sprache fähig wäre. Es scheint mir aber gefährlich, eine 
solche bildliche Beschreibung der Tatsachen einer wissen- 
schaftlichen Erklärung gleichzusetzen. Dazu kommt, daß sich 
Jungs eigene spätere Arbeiten immer mehr der Mystik 
annähern. Es ist ja möglich, daß eine solche Annahme, 
welche ein Gegenstück zur Phylogenese auf seelischem Gebiet 
darstellen würde, sich einmal als zutreffend erweisen wird. 
Vorläufig sind solche Hypothesen aber größtenteils Spekula- 
tionen und erinnern in den Schwierigkeiten, die sich aus 
ihnen ergeben, an philosophische Lehren wie den Pam- 
psychismus oder die Theorie, die James in den letzten Ab- 
schnitten seiner „Varieties of Religious Experience" vertritt. 

Die allgemeinen Folgerungen aus diesem Abschnitt über 
Psychoanalyse und die Persönlichkeit sind also die folgenden: 

a) daß der „Freud sehe Verdrängungsbegriff ein Verständ- 
nis der Fälle ermöglicht, für die man eine Vervielfältigung 
der Persönlichkeit angenommen hat; 

b) daß die Annahme eines „unterbewußten Ich" zu ver- 
werfen ist, weil sie die stillschweigende Gleichsetzung des 
Seelischen mit dem Bewußten voraussetzt, daß aber die meta 



166 



Die Bedeutung des Unbewußten 



phorische Vorstellung einer Aufmerksamkeits„schwelle" oder 
einer Abstufung der Bewußtheit für die Psychologie von 
großem Wert ist; 

c) daß Jungs Auffassung des kollektiven Unbewußten 
als eines riesigen Ichreservoirs, von dem das bewußte Ich 
des Individuums nichts als ein Ausschnitt ist, als mystische 
und spekulative Lehre bezeichnet werden muß, obwohl die 
Tatsachen der Symbolik, auf welche sie basiert ist, für die 
Psychoanalyse wie auch für die reine Philosophie ein reales 
Problem bedeuten. 

Wenn also die Psychoanalyse auch zur Persönlichkeits- 
forschung keine direkt konstruktiven Beiträge geliefert hat, 
so ist es ihr doch gelungen, einige der ungesichertsten 
Hypothesen, an denen dieses schwierigste Gebiet so überreich 
ist, zu erledigen. 



Psychoanalyse und Ethik 

§51 
Ethik und Psychologie 

Die Stellung der Ethik unter den Wissenschaften ist augen- 
blicklich ungeklärt. Sie wird von altersher, seit griechischen 
Zeiten, und insbesondere seit Sokrates den philosophischen 
Disziplinen zugerechnet. Die großen metaphysischen Systeme 
weisen ihr einen der wichtigsten Plätze zu. Spinoza zum 
Beispiel gründet seine „Ethik" auf seine letzten metaphysischen 
Konstruktionen und Kant vertritt die Ansicht, daß in der 
Natur der Moral die Grundlagen für die Metaphysik selber 
zu finden sind. 

Die Philosophie hat sich aber in unseren Zeiten immer 
mehr spezialisiert, so daß die Ethik, die sich von der philo- 
sophischen Tradition befreit hat, von manchen Seiten her jetzt 
als „exakte" Wissenschaft bezeichnet wird. So angesehen ent- 
hält sie aber nur allgemeine Schlußfolgerungen, welche die 
uns bekannten Tatsachen über menschliche Bedürfnisse und 
menschliche Bestrebungen zusammenfassen. Sie ist ein Stück 
Empirie, das sein Material jenen Wissenschaften entnimmt, 
die sich mit den Rekonstruktionen der Menschheitsgeschichte 
vom Standpunkt der sozialen und kulturellen Entwicklung be- 
fassen. 

Diese allgemeine Unsicherheit in der Stellung der Ethik 



168 



Die Bedeutung des Unbewußten 



wird noch durch ganz neue Entwicklungsrichtungen bedeutend 
erhöht. Eine von diesen besteht in jener radikalen Umwand- 
lung der menschlichen Beziehungen und der gesellschaftlichen 
Struktur, welche den industriellen und ökonomischen Fort- 
schritt des letzten Jahrhunderts begleitet hat. Dieser Fortschritt, 
auf ökonomischem Gebiet ist mit so überraschender Schnellig- 
keit vor sich gegangen, daß der ethische Fortschritt, wie es 
scheint, damit nicht Schritt halten konnte. Ein zweiter neu 
hinzugekommener Faktor ist die psychologische Richtung, die 
wir als Behaviourismus kennen 5 wir haben über ihre Bedeu- 
tung bereits gesprochen. Der Behaviourismus versucht, das 
menschliche Verhalten ohne Zuhilfenahme der Begriffe Seelen- 
leben, Bewußtsein, Wille usw., der geistigen Faktoren also, zu 
erklären. Der Behaviourismus ist so kraftvoll, seine Ergebnisse 
sind so erfrischend neuartig, sein Standpunkt scheinbar so ein- 
fach, die Bewegung hat sich besonders in Amerika so gründ- 
lich durchgesetzt, daß eine ganz bestimmte Rückwirkung auf 
die Ethik, ja sogar eine Neugestaltung ihrer wissenschaftlichen 
Grundlagen nicht ausbleiben konnte. 

Zu all dieser Ungeklärtheit ist dann noch die Freudsche 
Psychologie als weiterer Einfluß hinzugetreten, so daß die Ethik 
sich augenblicklich in einem besonders schwankenden Über- 
gangsstadium befindet. Obwohl aber die Aufstellungen der 
Ereudschen Psychologie von wirklicher Bedeutung für die 
Ethik sind, so bleibt es doch wesentlich für uns, zunächst zu 
untersuchen, welches die allgemeine Beziehung zwischen Psycho- 
logie und Ethik ist. ' ] • • 

Menschliche Wesen, die in Gruppen zusammenleben, regeln 
ihre Beziehungen zueinander, sowie ihr Verhalten überhaupt, 
im allgemeinen nach bestimmten Sitten oder Gesetzen. Ethik 
ist die Wissenschaft, welche diese Sitten oder Gesetze sammelt 



Psychoanalyse und Ethik 



169 



und einer Würdigung unterwirft. Sie untersucht zum Beispiel 
ihren Anspruch, von göttlicher Offenbarung abzustammen oder 
einen bestimmten Gehalt an metaphysischer Wahrheit zu besitzen, 
ebenso wie ihre Beziehungen zur ökonomischen Entwicklung 
oder zu biologischen Prinzipien. 

Als Ergebnis der angestellten Überlegungen stellt die Ethik 
fest, daß alles menschliche Verhalten, auch das moralisch oder 
unmoralisch genannte, unter Bedingungen vor sich geht, welche 
von der Natur des Handelnden abhängig sind. Jedes „Sollen" 
setzt ein „Können" voraus. Die Untersuchung dieser Bedin- 
gungen ergibt also, was man als psychologische Prolegomena 
der Ethik bezeichnen könnte. Es ist, mit andern Worten, ein 
psychologischer Rahmen gegeben, dessen Einzelheiten bekannt 
sein müssen; innerhalb dieses Rahmens spielt sich der mora T 
lische Vorgang ab. Die Natur der Motive, Triebregungen, 
Intentionen, Wille, Bewußtsein, moralisches Ich, alle diese 
Einzelstücke des psychologischen Rahmens sind von dem Ver- 
ständnis der eigentlichen Ethik nicht zu trennen. 

Das wäre im Groben die Relation zwischen Psychologie 
und Ethik, aus der hervorgeht, daß die Anwendung der, Psycho- 
analyse vor allem für die • psychologischen Prolegomena der 
Ethik in Betracht kommt. Ihre Bedeutung kann nur in der 
Aufklärung liegen, welche sie über den menschlichen Rahmen 
verbreitet, innerhalb dessen das moralische Handeln statthat, 
ebenso wie über die Mechanismen der Charakterbildung und 
die Natur der Triebe, durch welche die Entwicklung des 
moralischen Ichs bedingt wird. 

Von diesem Standpunkt aus wird die Freudsche Psycho- 
logie vor allem durch ihre scheinbare Unterstützung des Hedo- 
nismus bedeutungsvoll. 



1 



170 



Die Bedeutung des Unbewußten 



§52 

Psychoanalyse und Hedonismus 

Der Hedonismus in der Moral bedeutet zweierlei: l) daß 
nach den Gesetzen der menschlichen Natur alle Handlungen 
Ausdruck eines Luststrebens sind; 2) daß die Herstellung von 
Lust und die Vermeidung von Unlust die einzig erstrebens- 
werten Ziele sind. Nach der oben ausgeführten Auffassung 
der Relation zwischen Ethik und Psychologie kann eine An- 
wendung der Psychoanalyse nur auf die erste der beiden Be- 
deutungen in Frage kommen. 

Die Ansicht Freuds ist, wie erinnerlich, daß der seelische 
Apparat vor allem auf Lusterwerb und Unlustvermeidung 
hinarbeitet. Der Apparat zeigt die Tendenz, sich vom „Lust- 
prinzip" beherrschen zu lassen. Auch das „Realitätsprinzip" 
will im Grunde „Lust erzielen, aber durch die Rücksicht 
auf die Realität gesicherte . . . Lust". (Vorlesungen, Ges. 
Schriften, Bd. VII, S. 570.) 

Es ist also klar, daß Freud in seiner Beschreibung des 
Prinzips, von welchem die menschliche, oder besser gesagt 
die seelische, Tätigkeit beherrscht wird, die psychologischen 
Grundlagen des Hedonismus bestätigt. Es ist aber wichtig, 
sich darüber klar zu werden, wie viel oder wie wenig diese 
Bestätigung der Ethik bedeutet. Meiner Ansicht nach ist sie 
auf keinen Fall eine Stütze für die Folgerungen, die sich aus 
der oben angeführten zweiten Bedeutung des Hedonismus 
ergeben. 

Nach Freud dient der psychische Apparat der Reizbe- 
wältigung. Wir haben Grund anzunehmen, daß die erfolg- 
reiche Durchführung dieser Aufgabe für die Erhaltung des 
Organismus unerläßlich ist. Sie ist tatsächlich das wichtigste 



Psychoanalyse und Ethik 171 

aller Probleme und die Entwicklung des Nervensystems der 
äußere Rahmen, innerhalb dessen seine Lösung sich abspielt. 

Die Reizbewältigung ist mit den Qualitäten verbunden, die 
wir als Lust und Unlust bezeichnen. Welches die Bedingungen 
der Entstehung von Lust und Unlust sind und worin diese 
Qualitäten eigentlich bestehen, läßt sich nicht mit Sicherheit 
angeben. Freud versucht die Behauptung, „daß die Lust 
irgendwie an die Verringerung, Herabsetzung oder das Er- 
löschen der im Seelenapparat waltenden Reizmenge gebunden 
ist, die Unlust aber an eine Erhöhung derselben". (Vor- 
lesungen, Ges. Schriften Bd. VII, S. 569). Alles, was wir behaupten 
können, ist also nur, daß die geglückte Bewältigung der Reize 
(letzten Endes der Sinn aller Seelentätigkeit) lustbringend ist, 
oder wie Aristoteles es ausdrückte: Lust ist eine „Begleit- 
erscheinung" erfolgreichen Funktionierens. 

Eine sehr klare Darstellung irgend einer derartigen bio- 
logischen Bedeutung der Lust-Unlustgefühte findet sich bei 
Spencer in den ersten Kapiteln seiner „Data of Ethics" und 
in seinen „Principles of Psychology" (Sektion 124). Er schreibt: 
„Es besteht ein ursprünglicher Zusammenhang zwischen lust- 
bringenden Handlungen und der Erhaltung oder Steigerung 
des Lebens und, in logischer Folge, zwischen unlustbringenden 
Handlungen und dem Abbau oder Verlust des Lebens . . . 
Jedes Individuum und jede Spezies wird durch ihr Streben 
nach dem Angenehmen und die Vermeidung des Unange- 
nehmen von Tag zu Tag am Leben erhalten. Mit Empfindung 
verbundenes Leben kann sich nur unter der Bedingung ent- 
wickeln, daß die lustbringenden Handlungen gleichzeitig lebens- 
erhaltende Handlungen sind. („Data of Ethics", p. 70, 71.) 

Das Lustprinzip wird also durch allgemeine Überlegungen 
dieser Art bestätigt. Es wird auch durch Beobachtungen be- 



1 



172 



Die Bedeutung des Unbewußten 



stätigt, die aus einem anderen Gebiet, dem der physiologischen 
Psychologie, stammen. Das Individuum, das etwas durch Er- 
fahrung lernt, scheint einen bestimmten Zusammenhang oder 
eine Assoziation zwischen einer sensorischen Bahn, zum Bei- 
spiel einem Gesichtseindruck und einem bestimmten motorischen 
Mechanismus herzustellen. Die Fixierung dieses Zusammen- 
hanges unter Ausschluß anderer möglicher Assoziationen ist es, 
die den wesentlichen Charakter dieses ganzen Vorganges aus- 
macht. Was ist es aber, das diese Fixierung einer bestimmten 
Assoziation hervorruft? 

Das bestimmende Moment ist hier, wie Thorndike und 
McDoügall zeigen, einfach die aus ihr resultierende Lust. 
Die Assoziation, die Lust bringt, prägt sich ein; die anderen 
werden ausgelöscht. Mc Dougall bezeichnet den Vorgang als 
das Gesetz der subjektiven oder hedonistischen Auslese, als 
einen Spezialfall des allgemeinen Gesetzes von Stout, nach 
dem „Handlungsweisen diskontinuierlich oder variabel blei- 
ben, insoweit; sie erfolglos sind, erfolgreiche Handlungen aber 
beibehalten werden". (McDoügall, „Primer of Physiological 
Psychology", p. 148.) 

Das scheinen mir wertvolle Illustrationen zur grundlegen- 
den Bedeutung des Lustprinzips für die Seelentätigkeit. Die 
psychologische Wahrheit, die im Hedonismus steckt, wird so 
durch die Psychoanalyse in helles Licht gerückt. Diese Be- 
stätigung wirkt auch nicht überraschend. Die lange Ent- 
wicklungsgeschichte des Hedonismus, sein ständiges Wieder- 
auftauchen in der ethischen und philosophischen Literatur 
vieler Zeiten und Völker, ja gerade die Heftigkeit des Wider- 
standes, dem seine Formulierungen jederzeit begegnet sind, 
legen die Vermutung nahe, daß ein endgültiges, fundamentales 
Element der menschlichen Natur in ihm zur Äußerung kommt. 



Psychoanalyse und Ethik 



173 



§53 
Psychoanalyse und Verantwortlichkeit 

Eine andere fast in die Augen springende Beziehung der 
Psychoanalyse zur Ethik ergibt sich aus dem Anschein, daß 
sie den Glauben an eine moralische Verantwortlichkeit er- 
schüttern will. Moralische Verantwortlichkeit besteht nach der 
üblichen Auffassung für Handlungen, die sich nicht unserer 
Herrschaft entziehen, die also einer bewußten Willensent- 
scheidung entspringen. Die Psychoanalyse lehrt nun, daß unser 
Handeln häufig Triebregungen entstammt, die „unbewußt 
und daher unserer Herrschaft entzogen sind. Die bewußte 
Willensentscheidung spielt nach ihrer Ansicht eine fast ver- 
schwindende Rolle in der Bestimmung unseres Verhaltens.« 
Die wirklichen Triebquellen des Handelns sind unbewußt. 
Und was noch schlimmer ist: die bewußte' Vernunft scheint 
nicht viel mehr zu sein, als ein Werkzeug der unbewußten 
Kräfte. Sie „rationalisiert", das heißt sie erfindet glaubhafte 
Vorwände, hinter denen sich unsere irrationellen Wunsch- 
regungen verbergen können. Wenn das aber so ist und wenn 
die wirklichen Motive des Verhaltens unbewußt sind, wie 
kann dann dem Individuum eine Verantwortlichkeit 
zugeschrieben werden? 

Ich glaube nicht, daß die Ergebnisse der Psychoanalyse die 
Berechtigung des Begriffes der Verantwortlichkeit in irgend 
einer Weise antasten. Es ist nicht schwer, das in erster Linie 
für die Verantwortlichkeit im Sinne des Gesetzes nachzu- 
weisen. Die Verantwortlichkeit im gesetzlichen Sinne betrifft 
Handlungen, insoweit sie praktische Folgen für das Leben der 
Gemeinschaft haben. Freud selber verweist darauf, daß für 
das praktische Bedürfnis der Charakterbeurteilung des Men- 



174 Die Bedeutung des Unbewußten 

sehen zumeist die Tat und die bewußt sich äußernde Ge- 
sinnung genügt." (Traumdeutung, Ges. Schriften, Bd. II, S. 557.) 

Man muß sich vor Augen halten, daß das Recht als soziale 
Institution das Verhalten der Menschen untereinander zu regeln, 
aber nicht den Verschlungenheiten ihrer unbewußten Motivie- 
rungen zu folgen hat. Es können natürlich spezielle Fälle vor- 
kommen, in denen eine solche Scheidung schwer zu treffen 
ist. Aber die Funktion und die soziale Absicht des Rechtes ver- 
langt gebieterisch, daß die Verantwortlichkeit vor dem Gesetz 
an bestimmte äußere Normen geknüpft und in den ihnen ent- 
sprechenden Terminis ausgedrückt werde, wenn nicht die 
Existenz der Gesellschaft unmöglich werden soll. Die feinen 
Unterscheidungen der psychologischen Forschung sind sicher 
für eine möglichst gerechte Handhabung der Strafgesetze von 
Weil. Man hat aber nicht den leisesten Grund anzunehmen, 
daß die Psychoanalyse, wenn sie sich bewahrheitet, die Ab- 
schaffung der Verantwortlichkeit vor dem Gesetz zur Folge 
haben müßte. 

Wie steht es aber mit der moralischen Verantwortlichkeit? 
Hier scheint die erste Wirkung der psychoanalytischen Er- 
gebnisse nach einer Bemerkung in einer neueren Arbeit 
Lairds eine „energische Einschränkung der Sphäre wirk- 
licher Verantwortlichkeit" zu sein. (Hibbert Journal, July 1922, 

P- 755-) 

Die moralische Verantwortlichkeit betrifft aber letzten Endes 

den Charakter als Ganzes und einzelne Handlungen nur in- 
sofern in ihnen festgefügte Dispositionen zur Äußerung kom- 
men. Das ethische Problem, das durch die psychoanalytischen 
Ergebnisse aufgeworfen wird, scheint mir deshalb in einer Er- 
weiterung der klassischen Diskussion des Aristoteles über 
Verantwortlichkeit und Gewohnheit zu bestehen. 



Psychoanalyse und Ethik 



175 



Aristoteles schränkt bekanntlich die moralischen Kate- 
gorien auf Handlungen ein, die „willkürlich" in seinem Sinn 
des Wortes sind, das heißt auf Handlungen, welche der will- 
kürlichen Wahl eines Mittels zur Erreichung eines Zweckes 
entspringen. Die häufige Wiederholung einer zu einem be- 
stimmten Zweck geeigneten Handlung führt aber, wie er 
zeigt, zur Bildung einer Gewohnheit oder Disposition, die 
sich wiederum in einer Ausführung der Handlung äußert. 
Von einem bestimmten Zeitpunkt an wird die Gewohnheit 
zu einem so tief eingewurzelten wesentlichen Bestandteil des 
Charakters der betreffenden Person, daß es nicht mehr mög- 
lich ist, den Charakter zu verändern oder die Handlung, in 
welcher sich die Gewohnheit äußert, zu unterlassen. 

Heißt das also, daß solche Handlungen frei von moralischer 
Schuld sind? Aristoteles' Antwort lautet, daß ja das Individuum 
selber die Gewohnheit und den Charakter durch seine häufige 
Wiederholung der Handlung erworben hat. Die einzelne Hand- 
lung ist vielleicht nicht „willkürlich" im gleichen Sinne wie 
die Bildung der Gewohnheit, die sich in ihr äußert. Das be- 
deutet aber nur, daß die wirkliche Sphäre der moralischen 
Verantwortlichkeit der gesamte Charakter ist. Es bedeutet nicht, 
daß der Begriff einer moralischen Verantwortlichkeit nicht auf- 
recht erhalten werden kann. 

Ich meine, die Leistung der Psychoanalyse besteht gerade 
in der Aufhellung der komplizierten Verhältnisse, welche der 
Charakterbildung zugrundeliegen. Die Lehre von der morali- 
schen Verantwortlichkeit wird durch sie keineswegs angegriffen 
oder widerlegt. Sie zeigt nur, daß die Charakterbildung in 
Feinheiten und Verschlungenheiten des Seelenlebens wurzelt, 
die man bisher nicht richtig eingeschätzt hat. Aber sie läßt 
das fundamentale Prinzip der moralischen Verantwortlichkeit 



L 



176 Die Bedeutung des Unbewußten 

unberührt. Denn die Basis, auf welcher dieses Prinzip beruht, 
liegt, meiner Ansicht nach, überhaupt außerhalb des Bereiches 
der Psychologie. 

§54 
Psychoanalyse und Willensfreiheit 

Man könnte aber meinen, daß die Folgerungen, die sich 
aus den psychoanalytischen Gesichtspunkten ergeben, in der 
vorstehenden Erörterung nicht herzhaft genug ins Auge ge- 
faßt worden sind, und daß die Freudsche Psychologie in 
Wirklichkeit der Lehre von der Willensfreiheit direkt wider- 
spricht. Die Psychoanalyse postuliert ja, wie wir gehört haben, 
den strengen Determinismus innerhalb des Seelenlebens. 
Alles Psychische soll sich in einen kausalen Zusammenhang 
einordnen lassen. Nichts ist rein „zufällig" oder spontan. Die 
einfachste seelische Äußerung ist sinn- und zweckvoll. 

Tatsächlich ist es eine der bedeutsamen Taten Freuds, 
diese Forderung auf das Gebiet des Seelenlebens ausgedehnt 
zu haben, auf dem sie gewissermaßen als eine Neuheit er- 
scheint und wirklich zuerst eine Art Unbehagen in uns er- 
weckt. In jedem von uns steckt, wie Freud sagt, „ein tief 
wurzelnder Glaube an psychische Freiheit und Willkürlich- 
keit", mit dem der Begriff einer das ganze Seelenleben be- 
herrschenden strengen Determinierung in vollem Widerspruch 
zu stehen scheint. 

Hier tritt aber der Unterschied zwischen Psychologie und 
Ethik wieder in den Vordergrund. Als Postulat der wissen- 
schaftlichen Psychologie scheint mir der psychische Deter- 
minismus gerechtfertigt. Er ist, streng genommen, ebenso 
gefechtfertigt wie das Postulat des physischen Determinismus, 






Psychoanalyse und Ethik 



177 



da beide auf einer ähnlich empirischen Grundlage ruhen. 
Wenn jemand die Kausalverknüpfung der Dinge an einer 
einzigen Stelle, gleichgültig an welcher, durchbricht, hat er 
nach Freud „die ganze wissenschaftliche Weltanschauung 
über den Haufen geworfen". (Vorlesungen, Ges. Schriften, 
Bd. VII, S. 21.) Ohne das Postulat des psychischen Deter- 
minismus kann man sich eine wissenschaftliche Auffassung 
des Seelenlebens kaum vorstellen. Über die Berechtigung dieses 
Postulats entscheidet einzig und allein das Maß seiner Unent- 
behrlichkeit für das Verständnis des Seelenlebens. Die Tatsachen 
der Psychoanalyse müssen letzten Endes, — was sie, wie ich 
meine, auch tun, — selber die Aufstellung dieser Forderung 
rechtfertigen. 

Man kann das aber im Interesse jener Auffassung des Ver- 
haltens, die wir Psychologie nennen, zugeben und trotzdem 
den Begriff einer moralischen Freiheit sinnvoll .finden. Vielleicht 
machen die Tatsachen des moralischen Lebens und des mora- 
lischen Gewissens es unerläßlich, im Interesse der Philosophie 
oder Metaphysik die moralische Freiheit zu postulieren. Der 
Unterschied zwischen Psychologie und Ethik, den wir hier 
betonen, ist durchwegs von einschneidender Bedeutung. Der 
äußere Bahmen, die Verhältnisse des menschlichen Lebens, 
innerhalb dessen der moralische Konflikt statthat, muß im 
Dienste eines endgültigen Verständnisses der Erfahrung von 
der Bedeutung dieses Konflikts selbst unterschieden werden. 

Ich meine, das Unbehagen, das die Aufstellung eines psy- 
chischen Determinismus erweckt, wird leicht verständlich, wenn 
wir das Gefühl der Willensfreiheit im Individuum nach seiner 
psychologischen Herkunft betrachten. Der menschliche Orga- 
nismus ist so gestaltet, daß er auf einen Beiz als Gesamtheit 
reagiert. Alle vergangenen Erfahrungen bleiben in ihm ver- 



IcTine, Das Unbewußte. 



178 Die Bedeutung des Unbewußten 



körpert, so daß seine Reaktionsfähigkeit im Laufe der Zeit 
immer mannigfaltiger wird. Aber die Gesamtheit dieser ver- 
gangenen Erlebnisse ist als latente oder potentielle Reaktion 
auch ein Element in der ständig wechselnden Situation, auf 
die der Organismus reagieren soll. Aus neuen Reizkombinationen 
gebildete Situationen rufen auf diese Weise immer neue und 
andersartige Reaktionen hervor. Auf diese Umstände, meine 
ich, läßt sich der Ursprung des im Individuum vorhandenen 
Gefühles von Willensfreiheit zurückführen. 

Es geht so zu, daß der den künftigen Situationen angehörige 
unbekannte objektive Faktor sozusagen introjiziert wird und 
das Gefühl des Unbestimmten, nicht Vorherzusehenden erzeugt, 
des freien Willens also. Eine derartige Introjektion wurde 
vorhin in ihrem Zusammenhang mit den frühen Entwicklungs- 
stufen des Seelenlebens beschrieben. Wir haben gezeigt, daß 
objektive Quellen von Lust- oder Machtgefühlen sich auf 
Grund dieses Prinzips leicht in Ichanteile verwandeln. Die 
Behauptung, die ich aufstellen möchte, lautet also, daß die 
Würdigung der Introjektion und die Anerkennung der Ver- 
wechslung zwischen psychischer und materieller Realität, wie 
sie der unmittelbare Glaube zeigt, den Ursprung des Gefühles 
der Willensfreiheit im Individuum klarmachen.- 

§55 
Psychoanalyse und Ethik — Schlußfolgerungen 

Die Anwendung der Psychoanalyse auf die Ethik hat bisher 
hauptsächlich negative Ergebnisse gebracht. Diese sind aber, 
wie ich meine, deshalb nicht weniger wertvoll. Positive Resultate 
können ja in der Ethik nur durch gedankliche Analyse des 
Selbstbewußtseins und der moralischen Werte, nicht durch die 



Psychoanalyse und Ethik 



179 



Erwägung psychologischer Triebquellen erreicht werden. Es 
gibt aber ein oder zwei andere Stellen, an denen die Psycho- 
analyse positive Beiträge, Anhaltspunkte und Einsichten, ge- 
liefert hat. 

A) Allgemein gesprochen kann man sagen, daß die Ethik 
sich mit den Grundlagen der Gesellschaftsordnung befaßt. 
Die Gesellschaftsordnung verlangt von den Individuen die 
Verdrängung bestimmter infantiler Triebregungen, zum Beispiel 
der Grausamkeit und des Machtstrebens. Es ist also das erste 
Erfordernis einer sozialen Ethik, die Entwicklung dieser Trieb- 
regungen zu verfolgen und den Vorgang zu begreifen, den 
Mc D o u g a 1 1 treffend beschreibt als „moralische Umwandlung 
des Individuums unter dem Einfluß der Gemeinschaft, in die 
es als ein Geschöpf geboren wird, in dem die moralischen 
und rein egoistischen Regungen so viel stärker sind als alle 
altruistischen Strebungen". Gerade hier sind aber die Ergebnisse 
der Psychoanalyse von besonderem Interesse gewesen. 

Die Psychoanalyse verfolgt im Einzelindividuum den Weg, 
auf dem infantile Triebregungen, wie die eben erwähnten, 
zur Grundlage von „Reaktionsbildungen" werden. Sie zeigt, 
mit anderen Worten, wie Mitleid und Wohlwollen oft nichts 
anderes sind als die bewußten Äquivalente der ihnen zugrunde- 
liegenden verdrängten • grausamen und egoistischen Trieb- 
regungen, aus deren Umwandlung sie hervorgegangen sind, 
die sie verdecken und deren Repräsentanten sie unter dem 
Drucke der Gesellschaft geworden sind. In den Systemen der 
großen Ethiker tritt uns die Bedeutung dieser Verhältnisse 
entgegen. Rank und Sachs geben als Beispiel die „von 
Zeit zu Zeit hervortretenden ethischen Revolutionäre, welche 
die verweichlichende Mitleidsmoral verspotten . . . , wie 
Stirn er und Nietzsche", und verweisen auf Schopen- 

12* 



hauer, der sich nicht genug tun kann „in der detaillierten 
Schilderung der boshaften, grausamen und eigensüchtigen Trieb- 
regungen" (1. c. S. 101). Die subjektiven Vorstufen eines be- 
stimmten ethischen Systems werden so durch eine „Psycho- 
graphie" dieser Art in lehrreicher Weise beleuchtet. 

B) Freud selber erörtert in seinem bereits erwähnten 
Buche „Totem und Tabu" die Beziehungen zwischen Tabu 
und „Gewissen" und findet, daß die Unmittelbarkeit und 
Sicherheit des Schuldbewußtseins in beiden Fällen die gleichen 
sind. Er schreibt: „Das Tabu ist ein Gewissensgebot, seine 
Verletzung läßt ein entsetzliches Schuldgefühl entstehen, welches 
ebenso selbstverständlich wie nach seiner Herkunft unbekannt 
ist." (Totem und Tabu, Ges. Schriften, Bd. X, S. 85.) Und 
weiter: „Also entsteht wahrscheinlich auch das Gewissen auf 
dem Boden einer Gefühlsambivalenz aus ganz bestimmten 
menschlichen Relationen, an denen diese Ambivalenz haftet." 
Die Relationen, die Freud meint, sind die des Ödipus- 
komplexes. Freud knüpft seine Theorie an die neueren 
Forschungen über die Urzustände der menschlichen Gesellschaft 
an. Von unserem Gesichtspunkt hier ist aber die Analogie 
zwischen der Sicherheit, Unmittelbarkeit und Unfehlbarkeit 
des Tabuzwanges und ähnlichen Zügen des Gewissens oder 
des „kategorischen Imperativs" von größtem Interesse. Die 
letzten Ursachen dieser Analogie sind vielleicht noch dunkel 
geblieben, Freuds Aufstellungen sind aber in hohem Grade 
eindrucksvoll und dürfen nicht übersehen werden. 

Im allgemeinen glaube ich, ist mir der Nachweis gelungen, 
daß die Anwendung der psychoanalytischen Hypothesen auf 
das Gebiet der Ethik fruchtbringend wirken kann. Gleichzeitig 
habe ich mich energisch dagegen verwahrt, die Ethik auf 
Psychologie zu reduzieren. Eine Einsicht in die endgültige 



Bedeutung des moralischen Lebens läßt sich nur gewinnen, 
wenn man die Resultate der psychologischen Analyse mit 
denen der Reflexion über die moralischen Werte und deren 
Ansprüche vereinigt. 



x 




Psychoanalyse und Ästhetik 

§56 
Phantasie und Kunst 

Bei Besprechung des Weges, auf dem in der menschlichen 
Entwicklung das Lustprinzip durch das Realitätsprinzip ersetzt 
wird, habe ich darauf hingewiesen, daß dieser Prozeß mit dem 
Aufgeben bestimmter Lustquellen verbunden ist. Dieser Verzicht 
kommt sozusagen unter dem Druck eines Zwanges zustande. 
Zur Entschädigung haben die Menschen sich, wie Freud 
schreibt, „eine seelische Tätigkeit vorbehalten, in welcher all 
diesen aufgegebenen Lustquellen und verlassenen Wegen der 
Lustgewinnung eine weitere Existenz zugestanden ist." (Vor- 
lesungen, Bd. VII, S. 587.) 

Diese Geistestätigkeit ist als Phantasie bekannt. Ihr 
Streben ist auf die Erfüllung von Wünschen gerichtet, denen 
die Realität die Befriedigung verweigert. „In der Phantasie- 
tätigkeit genießt also der Mensch die Freiheit vom äußeren 
Zwang weiter." Die Phantasie ist also eine Art „Schonung" ; wie 
Freud sagt : „eine dem Realitätsprinzip entzogene Schonung" 
(1. c. S. 587). 

Das beste Beispiel für diese Funktion der Phantasie finden 
wir in den Tagträumen, die vielleicht zur Zeit der Pubertät 
am häufigsten auftreten. Das Individuum ist in ihnen immer 
der Held, der am Ende über alle Gefahren und Hindernisse 



Psychoanalyse und Ästhetik 



183 



triumphiert und die Dame seines Herzens gewinnt. Das Indi- 
viduum verwirklicht auf diese Weise in der Phantasie alle 
seine unerfüllten sehnsüchtigen Strebungen. Sein geheimster 
Ehrgeiz, seine Allmachtwünsche, sein unersättliches Streben 
nach Macht und Ruhm lassen ihn durch die Befriedigung in 
der Phantasie jenen Zustand vollkommener Seligkeit erreichen, 
den die harte Wirklichkeit des Lebens nicht zustande 
kommen läßt. 

Infolge des „Identifizierungs' mechanismus können wir den 
Lustgewinn aus Tagträumen auch beziehen, ohne sie selber 
produzieren zu müssen. Die sogenannten „Unterhaltungsromane" 
und die modernen Kinodramen geben den Menschen die Mög- 
lichkeit, sich die Gestaltung ihrer eigenen Tagträume zu 
ersparen. 

Die Tagträume sind aber nur lose zusammenhängende, zum 
großen Teil sehr vage Schöpfungen der Phantasie.- Es gibt 
noch eine andere, strenger spezialisierte schöpferische Phase 
des Phantasielebens, die von der höchsten kulturellen Bedeutung 
für die Menschheit ist, und in der sich die tiefsten Deutungen 
des Lebens irgendwie spiegeln. Das ist, was wir Kunst heißen. 
Die Kunst erreicht ihre Ziele unter bestimmten Bedingungen, 
Bedingungen des äußeren Materials und des inneren Aufbaus. 
Ihr Ziel ist aber das gleiche wie das Ziel jeder Phantasie- 
tätigkeit, nämlich die Befriedigung von Strebungen, denen das 
reale Leben eine Versagung auferlegt. 

Aus dieser Auffassung des künstlerischen Schaffens ergibt 
sich die universelle Wirkung der Kunst. Der Künstler versteht, 
schreibt Freud, „seine Tagträume so zu bearbeiten, daß sie 
das allzu Persönliche, welches Fremde abstößt, verlieren und 
für die anderen mitgenießbar werden. Er weiß sie auch soweit 
zu mildern, daß sie ihre Herkunft aus den verpönten Quellen 



184 Die Bedeutung des Unbewußten 

nicht leicht verraten. . . So ermöglicht er es den anderen, aus 
den eigenen unzugänglich gewordenen Lustquellen ihres Unbe- 
wußten wiederum Trost und Linderung zu schöpfen". (Vor- 
lesungen, Ges. Schriften, Bd. VII, S. 591.) 

Der Antrieb zum künstlerischen Schaffen liegt also in 
Strebungen, die allen Menschen gemeinsam sind. Auch das 
Kriterion für die Größe des Kunstwerkes liegt, meiner Ansicht 
nach, in seiner Wirkung auf die Allgemeinheit. Auf psycho- 
logischer Basis scheint also der Glaube, daß Schönheit einen 
„absoluten" oder „objektiven" Wert hat, wohlbegründet. 
Die ästhetische Theorie und die Psychologie haben ihren 
Treffpunkt im Unbewußten, wo die der Menschheit gemeinsamen 
Wunschregungen zu finden sind. Im Unbewußten drängen sich 
unsere vergangenen Erlebnisse zusammen, vielleicht, wie wir 
gesehen haben, auch die Erlebnisse aus unserer Stammes- 
geschichte. Der große Künstler schöpft aus diesem unermeß- 
lichen Vorrat und gibt den unbewußten Sehnsuchtsregungen 
der Menschheit den getreuesten Ausdruck. 

Die ersten Ansätze zu dieser Auffassung lassen sich bis auf 
den Begründer der Ästhetik selber zurückverfolgen. Denn schon 
Aristoteles schreibt in seiner Poetik in der berühmt ge- 
wordenen Gegenüberstellung der Dichtkunst und Geschicht- 
schreibung: „Die Dichtkunst ist grundlegender und philo- 
sophischer als die Geschichte, weil sie mit der allgemeinen 
Wahrheit zu tun hat, nicht damit, was in den Einzelheiten 
steckt." 

Eine gute Illustration für den universellen Charakter der 
Kunst und ihre Beziehung zu einem Gemeinsamen in der 
menschlichen Natur ist das Gebiet der Symbolik. Wie bereits 
ausgeführt, lassen uns die Tatsachen der Symbolik vermuten, 
daß das Unbewußte einer primitiven allgemein menschlichen 



Psychoanalyse und Ästhetik 



185 



Symbolsprache fähig ist. Der Künstler bedient sich dieser 
Symbolsprache zur Darstellung seiner schöpferischen Phantasien 
und legt so in seine Schöpfungen einen Sinn, der über sein 
eigenes Bewußtsein hinausgeht. 



§57 
Kunst und Affektivität 

Wie aber, möchte man hier fragen, kann die Darstellung 
von Leiden und Trauer, welche sich die Kunst und insbe- 
sondere die Tragödie zur Aufgabe macht, die Erfüllung un- 
bewußter Wunschregungen bedeuten? Welche Lustquellen 
lassen sich in der allmählichen Entfaltung der Katastrophe 
des König Ödipus oder in der blutbefleckten Leidensgeschichte 
der Oper Tosca oder Bajazzo erkennen? Ich erinnere daran, 
daß Aristoteles diese Funktion der Tragödie in "seiner 
Theorie der Katharsis aufzuklären versuchte. Nach ihm wirkt 
die Tragödie auf die Erregung von Angst und Mitleid in 
einer Weise, die zur Reinigung von diesen Affekten führt. 

Was Aristoteles damit gemeint hat, ist in der ver- 
schiedensten Weise ausgelegt worden. Den einzig ausführ- 
licheren Hinweis gibt er selber in einer Stelle seiner „Politik", 
die sich mit der Musik beschäftigt. Dort vertritt er die 
Meinung, daß junge Leute aufregender Musik lieber zuhören 
sollten, anstatt sie selber auszuüben, weil beim Zuhören die 
latente Erregung des Hörenden an die Oberfläche gebracht 
und aus dem Körper ausgeschieden wird, der gereinigt zurück- 
bleibt. Diese Regel gilt für alle Gefühlsregungen, besonders 
aber für Mitleid und Furcht. Die künstliche Erweckung des 
Gefühles veranlaßt seine Ausscheidung. Aus dieser Stelle geht 
eigentlich hervor, daß die Katharsis des Aristoteles ein 



medizinischer Begriff ist. Ihre Wirkung ist, nach ihm, immer 
eine angenehme Erleichterung. In dieser Auffassung haben 
wir den wichtigsten Punkt seiner Theorie zu sehen. „Alle 
diese Personen", schreibt Aristoteles, „müssen eine gewisse 
Reinigung erfahren und sich dadurch in angenehmer Weise 
erleichtert fühlen. In gleicher Weise gewähren auch die das 
Gemüt reinigenden Gesänge den Menschen eine unschädliche 
Freude". (Aristoteles, Politik, übers, v. Kirchmann, Buch V, 
Kap.: VII.) 

Das wäre also Aristoteles Erklärung, auf welche Weise 
die Darstellung von Trauer, Leiden und Schrecken für den 
Zuschauer lustbringend wird. Viele spätere Autoren haben diese 
läuternde Wirkung der Kunst bestätigt. Burke, Shelley 
und Nietzsche vertreten ähnliche Ansichten. Hegel vor 
allem zeigt, wie die Kunst im Stande ist, die Roheit ganz 
eigensüchtiger oder individueller Leidenschaft zu mildern 
und durch die Aufdeckung der tiefsten menschlichen Not 
die , Befreiung des Einzelnen aus den Fesseln der eigenen 
brutalen Empfindungen zu fördern. (Hegel, Ästhetik, Ein- 
leitung.) Es ist auch eine aus der gewöhnlichen Erfahrung 
bekannte Tatsache, daß in lyrischen Gedichten, in Liedern 
und Symphonien traurige, wehmutsvolle Themen zur Quelle 
hoher Lustgefühle werden. 

Nun kann uns die psychologische Theorie, die im vierten 
Teil dieses Buches ausgeführt worden ist, über diese kathar- 
tische Wirkung der Kunst einige Aufklärungen geben. Wir 
haben erfahren, daß die Verhältnisse des realen Lebens 
Verdrängungen mit sich bringen und daß zwischen Ver- 
drängung und der Entbindung von Gefühlen, die nicht zu- 
stande kommen sollen, ein naher Zusammenhang besteht. 
Zwischen Bewußtsein und Unbewußtem schien ein Gegen- 



Psychoanalyse und Ästhetik 



187 



satz der Affektbetonung zu bestehen. Was im Unbe- 
wußten lustbetont ist, hat im Bewußten den entgegengesetzten 
Affektton. Diese „Affektverwandlung", wie wir sie nannten, 
ist ein wesentliches Merkmal der Verdrängung. 

Diese Analyse wirft Licht auf den ästhetischen Genuß, 
welcher zum Beispiel aus der Darstellung der Tragödie be- 
zogen wird. Die künstlerische Darstellung ruft bewußte Affekte, 
etwa Mitleid, Angst und Trauer wach. In Wirklichkeit aber 
hat sie gleichzeitig an die unbewußten lustvollen Affekte ge- 
rührt, aus deren Verwandlung Mitleid, Angst und Trauer 
entstanden sind. Wahrscheinlich ist es etwas dieser Art, woraub 
die Lustgewinnung in letzter Linie abzuleiten ist. 

An Stelle der Katharsis des Aristoteles setzt also unsere 
Psychologie die Lehre von der Verdrängung s und Affektver- 
wandlung. Trotzdem ist die Bezeichnung Katharsis noch zu- 
treffend geblieben. Denn, wie Rank und Sachs ausführen, 
bewirkt die Darstellung des Schauspiels „die Abfuhr und 
Phantasiebefriedigung der ihnen (dem Autor und den Zu- 
hörern) gemeinsamen Wünsche" (1. c. S. 85). 

Auch für das Prinzip, nach dem das Drama seine kathar- 
tische Wirkung ausübt, finden wir eine psychologische Grund- 
lage. Die Einheit des Dramas — die Einheit eines Kunst- 
werkes ist natürlich eines seiner wesentlichen Elemente — 
äußert sich in der Art, wie ein einziges Thema entfaltet und 
zu einem Höhepunkt geführt wird. Besonders die griechische 
Tragödie ist berühmt für die Strenge und Einfachheit ihres 
Aufbaues, ihre Konzentration und ihre Darstellung der Un- 
abänderlichkeit in der kausalen Verknüpfung. Alle Neben- 
umstände, Nebenfiguren, die nebensächlichen Intrigen, die Ex- 
position, werden im großen Drama dem einen Hauptthema 
untergeordnet. Aus welchem Grunde geschieht das? Ich meine, 



188 



Die Bedeutung des Unbewußten 



um die Katharsis herbeizuführen, wenn die Höhe des Affektes 
erreicht ist und die Abfuhr in der gründlichsten Weise vor 
sich gehen kann. Die untergeordneten Elemente des Stückes 
dienen nur dazu, die Affektbetonung des dominierenden Motivs 
zu steigern. 

Die Steigerung der Affektbetonung wird noch auf andere 
Weise herbeigeführt, nämlich durch die Einfachheit der Cha- 
raktertypen, die in manchen Kunstformen Bedürfnis ist. Das 
reale Leben enthält eine Menge von Einzelheiten, welche die 
Kunst nicht aufnehmen kann und als unwichtig beiseite läßt. 
Die Kunst muß sich auf etwas Allgemeines, Typisches kon- 
zentrieren. Wir sehen das sehr deutlich, zum Beispiel in der 
Neuen Komödie von Menander oder in den von den Römern 
überlieferten, wie bei Plautus und Terenz. Alle Charaktere 
sind künstlich vereinfacht und alle verwickelten Verhältnisse 
des realen Lebens im Interesse der Darstellung eines grob 
umrissenen abstrakten Typus ausgeschaltet. Auf diese Weise 
wird scheinbar eine Steigerung des Lustgewinnes erzielt. Das 
grellste Beispiel, wie weit sich eine solche künstliche Verein- 
fachung treiben läßt, zeigt uns der moderne Kinofilm, bei 
dem die Aufführung aus der Aufeinanderfolge mehr oder 
weniger zusammenhängender Situationen besteht und alles 
ausläßt, was den Zuschauer an die Nebenumstände des wirk- 
lichen Lebens erinnern könnte. Hier grenzt allerdings die Kunst 
an die Phase der bloßen Phantasieschöpfung. 

Die Affekttheorie, deren wir uns hier bedienen, kann auch 
auf die Diskussion über die Realistik in der Kunst angewendet 
werden. Das Wesen der Realistik besteht in einer Betonung 
des Details und einer energischen Ablehnung des Schwelgens 
in einer bloßen Phantasiewelt. Die realistische Kunstrichtung 
wendet sich also an jene Teile des Ich, die dem wachen Be- 



Psychoanalyse und Ästhetik 



189 



wußtsein und der Realität näher stehen als dem Unbewußten. 
Solche Kunstwerke sind vielleicht sehr naturgetreu, der Lust- 
gewinn aus ihnen ist aber geringer als aus Phantasieprodukten. 



§58 
Kunst und Verdrängung 

Nach der bisher angedeuteten Theorie der Kunst stehen 
Kunst und Verdrängung offenbar in einem nahen Zusammen- 
hang. Wir haben ja den Ursprung der Kunst auf die Ersetzung 
des Lustprinzips durch das Realitätsprinzip zurückgeführt, wobei 
Realität in diesem Zusammenhang das soziale, ökonomische 
und kulturelle Niveau der Gemeinschaft bedeutet. Diejenigen 
Wunschregungen also, die im Individuum vorhanden sind, 
auf dem betreffenden Niveau aber nicht befriedigt werden 
können, müßten im Antrieb zum künstlerischen Schaffen die 
Hauptrolle spielen. Oder mit anderen Worten : in der Kunst, 
die sich ein Volk in einer bestimmten Periode schafft, müßte 
sich das Kulturniveau und die Entwicklung dieser Periode 
widerspiegeln. 

So müßte zum Beispiel ein Vergleich zwischen griechischer 
und ägyptischer Kunst die entscheidendsten Beiträge zur Kennt- 
nis der Kultur, der Ideale und der verdrängten Wunschregungen 
der beiden Völker liefern. Wir können die Beziehungen zwischen 
Kunst und Verdrängung aber auch noch eingehender ins Detail 
verfolgen, wie ich im nachstehenden zeige. 

Die Kunst muß sich in einem gewissen Maß den For- 
derungen anpassen, welche das Kulturniveau der Gemeinschaft 
auferlegt. Die reine Phantasiebefriedigung der unbewußten 
Wunschregung muß modifiziert, entstellt, sublimiert werden, 
ehe das wache Bewußtsein sie akzeptieren kann. Auch hier 



igo Die Bedeutung des Unbewußten 



handelt es sich, wie im Traum, um die Arbeit eines „Zensors". 
Daher spiegelt der Grad der Entstellung des Kunstwerkes 
oder das Fehlen einer solchen das Maß an Verdrängung, das 
die Kulturanforderungen einer bestimmten Epoche und Ge- 
sellschaft dem einzelnen auferlegen. Ein Beispiel dafür ist 
etwa die Verschiedenheit in der Behandlung sexueller Fragen 
im englischen und französischen Drama ; oder in ähnlicher 
Weise der Unterschied zwischen Komödien der Restauration 
und den Lustspielen Bernard Shaws. 

Die sogenannten „Neuen Kunstrichtungen" illustrieren auch 
die Beziehungen zwischen der Zensur und den sozialen Ver- 
hältnissen. Diese sozialen Verhältnisse und die durch ihre 
Umgestaltung herbeigeführten feinen Schwankungen im Maß 
der von der Kultur geforderten Verdrängung spiegeln sich 
fast unmittelbar in einer veränderten oder verminderten Ent- 
stellung, die den unbewußten Phantasien auferlegt wird. Eine 
größere Freiheit der Sexualbeziehungen zum Beispiel gestattet 
auch dem Dichter größere Freiheiten in ihrer Darstellung. 
Der schwere Druck der ökonomischen Anforderungen in 
unseren Zeiten zeigt sich in einer weitergehenden Abwen- 
dung des Künstler von der Realität und einer vollen Hingabe 
an das Spiel der unbewußten Phantasien bis zur äußersten 
Kühnheit des Ausdruckes in Form, Farbe und Ton. 

Überlegungen dieser Art verweisen auf eine Erklärungs- 
möglichkeit für die verhältnismäßig dürftige Entwicklung 
der Kunst in Amerika. Die vorsätzliche Gestaltung der Lebens- 
formen auf dem neuen Boden war auf die Vermeidung jeder 
Art von sozialer Verdrängung gerichtet. Der Geist des Pionier- 
tums, die Freiheit, der Reichtum an natürlichen Hilfsquellen 
und die verlockenden Möglichkeiten für ihre Ausbeutung 
äußern sich in einem geringeren Bedürfnis und geringerer 



r 



Psychoanalyse und Ästhetik 191 

Bereitwilligkeit, zum reinen Phantasieleben Zuflucht zu neh- 
men. Selbst diejenigen künstlerischen Schöpfungen, die Amerika 
hervorgebracht hat —4 Hermann Melvilles schreckensvolle 
tour de force in „Moby Dick" oder die staunenerregende 
Macht der „Sinfonietta" Ornsteins — lassen sich nach den 
gleichen Grundsätzen erklären. „Man hört den Klang eines 
stählernen Zeitalters", schrieb ein Musikkritiker einmal von 
der Musik des Amerikaners Bloch. 

Das deutlichste Beispiel für eine Beziehung zwischen dem 
Inhalt der Kunst und dem Verdrängungsfaktor sind aber die 
Phantasieschöpfungen der Völker. Die Mythen und Legenden 
sind die Äußerung der Phantasien eines Volkes^ die „ent- 
stellten Überreste von Wunschphantasien ganzer Nationen". 
(Rank und Sachs, 1. c. S. 24.) Welches sind aber diese 
Wünsche, die im Seelenleben aller primitiven Völker auffindbar 
sind und unter dem Einfluß der Kultur allmählich der Ver- 
drängung verfallen ? Es sind ganz dieselben Wünsche, die 
im Unbewußten der Menschen vorhanden sind und in den 
Träumen und den Neurosen zur Äußerung kommen. Da- 
durch, daß die Psychoanalyse die Anwendung dieses neuen 
Gesichtspunktes ermöglicht, vertieft sie unser Verständnis für 
die Bedeutung der Mythen und Legenden, ihre Beziehungen 
zu Problemen der Familien- und Stammesgemeinschaft, für 
den Sinn der Ödipussage und die tiefsten und wichtigsten 
Strebungen der menschlichen Natur. 

§59 
Die Kunst und das Unbewußte — Schlußfolgerungen 

Welches aber auch die letzten metaphysischen Relationen 
zwischen Wahrheit, Schönheit und Güte sein mögen, jedenfalls 



192 Die Bedeutung des Unbewußten 



ist es heute zur allgemein anerkannten Forderung geworden, 
daß bei der Bewertung eines Kunstwerkes keine anderen als 
künstlerische Momente ins Gewicht fallen dürfen, daß also die 
Kunst auf ihrem eigenen Gebiet als souverän zu gelten hat. 
Moralistische Auffassungen der Kunst, wie bei Plato oder in 
modernen Zeiten bei Tolstoi und Ruskin werden jetzt von 
keiner großen Schule mehr im engeren oder wörtlichen Sinn 
vertreten. Der ästhetische Genuß scheint seine eigene Recht- 
fertigung in sich zu tragen. 

Diese auf philosophischer Grundlage entstandene Ansicht 
wird durch eine Erwägung bestätigt, die wir unserer oben er- 
örterten Psychologie entnehmen. Ich meine die Unterscheidung 
zwischen psychischer und materieller Realität. Als ver- 
nünftiges Glied der sozialen Gemeinschaft unterwirft sich das Ich 
der Herrschaft des Realitätsprinzips. In diesem Zusammenhang 
rechnet es mit der materiellen Realität. Die Quelle des ästheti- 
schen Genusses dagegen liegt in der psychischen Realität. Jedes 
Eindringen von Erwägungen, die dem realen Lebenskampf und 
den dort gültigen Normen angehören, zerstört die Illusion. So 
ist also die Bedeutung des Bart pour Vart letzten Endes an diese 
Unterscheidung zwischen psychischer und materieller Realität 
mit allem sich aus ihr Ergebenden geknüpft. 

Unsere Psychologie läßt sich auch zur Klärung der Frage 
verwenden, warum die Schönheit in der Kunst so oft höher ge- 
wertet worden ist als die Schönheiten der Natur, eine Ansicht, 
die zum Beispiel Hegel und Croce vertreten. Hegel recht- 
fertigt seine Ansicht in rationalistischer Weise damit, daß die 
Kunstschönheit frei ist, geistige Werte zum Ausdruck bringt. 
Croce bezeichnet als „natürliche Schönheiten" solche Objekte, 
welche zufällig geeignet sind, die Bilder unserer Vorstellung zu 
reproduzieren, aber schreibt er, „die Unvollkommenheit jeder 



Psychoanalyse und Ästhetik 193 

solchen Übereinstimmung, die Flüchtigkeit und Veränderlich- 
keit der natürlichen Schönheiten lassen berechtigt erscheinen, 
daß sie niedriger eingeschätzt werden als Schönheiten, welche 
die Kunst hervorgebracht hat". Daß „ein schöner Baum oder 
Fluß oder selbst die Schönheit einer menschlichen Gestalt" höher 
gewertet werden könne als „eine Schöpfung des Meißels Michel- 
angelos oder die Verse Dantes" hält Croce nur bei „Rhetorikern 
oder Berauschten für möglich". (The essence of Aesthetics, 
p. 47.) 

Diese Ansichten sind sozusagen „Rationalisierungen" von 
Gefühlen und Anschauungen, die im Unbewußten wurzeln. 
Sie beruhen letzten Endes darauf, daß die Kunst ein Abkömm- 
ling unbewußter Phantasien ist, als solcher sich selbst genügt 
und jedes Eindringen der materiellen Realität als Störung 
empfindet. 

Wahrscheinlich gilt auf Grund der gleichen psychologischen 
Verhältnisse allgemein die Musik als die reinste Ausdrucksweise 
der Kunst, die d er von der Kunst erstrebten vollkommenen Ver- 
schmelzung von Form und Inhalt am ehesten nahekommt. 
Balfour zum Beispiel vertritt diese Ansicht in einem seiner 
frühen Werke. Uns ist es klar, daß in der Musik die Phantasie 
von allen Fesseln und Hindernissen, die aus der Realität stammen, 
am wenigsten behindert wird. Die Musik hat freien Verkehr 
mit dem Unbewußten unter der größtmöglichen Ausschaltung 
störender Äußerlichkeiten. 

Eine andere Anwendungsmöglichkeit unserer Psychologie 
auf die Theorie der Ästhetik ist durch den Begriff der „Ein- 
fühlung" gegeben. Dieser zuerst von Lotze und Vischer 
auf die Ästhetik angewendete Begriff findet bei Lipps seine 
eingehendste Verwertung. Man versteht darunter die Ver- 
schmelzung der Tätigkeit des Beschauers mit den Qualitäten 

Levine, Das Unbewußte. *3 



des Beschauten. Nach dieser Auffassung besteht der ästhetische 
Genuß in einer lustvollen Empfindung der eigenen Seelen- 
tätigkeit. Diese Tätigkeit gehört aber nicht dem gesamten, 
realen Ich, sondern dem „idealen", kontemplativen, irrealen 
Ich an. Dieses ideale Ich identifiziert sich sozusagen mit seinem 
Objekt. Die letzte Ursache des ästhetischen Genusses liegt in 
dieser Identifizierung. 

Eine derartige Auffassung stimmt offenbar mit der oben gege- 
benen Schilderung des Seelenlebens in den wesentlichen Punkten 
überein. Die Zurückführung des ästhetischen Genusses auf ein 
irreales Ich und die Betonung eines Vorganges, der unserer 
Projektion analog zu sein scheint, ist nichts anderes als eine 
ins einzelne gehende Anwendung der oben niedergelegten 
allgemeinen Prinzipien. 

Schließlich bestätigt auch, was wir vom Künstler selber 
wissen, die allgemeine Theorie die Abhängigkeit der Kunst 
vom Unbewußten. Im Leben des Künstlers spielt das Unbewußte 
häufig eine viel wirksamere Rolle als bei gewöhnlichen Menschen. 
Der Künstler ist gewöhnlich unpraktischer, der Realität schlechter 
angepaßt, das heißt, der Herrschaft des Realitätsprinzips weniger 
unterworfen. In vielen Fällen wird sein geringes Maß an 
Sexualverdrängung auffällig. Häufig ist er ein wirklicher Neu- 
rotiker. 

Diese dominierende Rolle des Unbewußten ist es, welche 
die populäre Meinung unter dem sogenannten „künstlerischen 
Temperament" versteht. Beispiele dafür sind die Stimmungs- 
schwankungen Schillers und Goethes oder die Aus- 
schweifungen Burns' und Chopins. 

In all diesen verschiedenen Hinsichten weist also die 
Freudsche Psychologie den Weg zur Lösung bestimmter 
ästhetischer Probleme, wobei ihr Hauptverdienst eine zusammen- 



Psychoanalyse und Ästhetik 



195 



hängende und Stück für Stück nachprüfbare Darstellung ist. 
Trotz ihrer oberflächlichen Ähnlichkeit mit den von Croce 
sogenannten „antiquierten hedonistischen Theorien" ist gar 
kein Zweifel möglich, daß die psychoanalytischen Gesichts- 
punkte zumindest eine legitime Hilfe für die Interpretation 
und Lösung ästhetischer Probleme bedeuten. Die Ästhetiker 
selber werden am wenigsten versäumen wollen, in der Un- 
sicherheit ihrer Wissenschaft nach neuen Möglichkeiten des 
Verständnisses zu greifen, selbst wenn diese Hilfe von einer 
so wenig orthodoxen Seite kommt, wie es die Psychoanalyse 
heute noch ist. 

Ich gehe nun daran, in einem Schlußkapitel die Bedeutung 
des Unbewußten für einige Probleme der reinen Philosophie 
auseinanderzusetzen. 



13* 



Psychoanalyse und Philosophie 

§60 
Die Philosophen und das Unbewußte 

Philosophische Systeme können in erster Linie als subjektive 
Schöpfungen gewertet werden. Es ist für jede Philosophie 
charakteristisch, daß in ihr das Bild ihres Schöpfers hervortritt, 
trotzdem sie den Anspruch erhebt, nur das Ergebnis leiden- 
schaftsloser, logischer Gedankenarbeit zu sein. Fast wie ein 
Kunstwerk atmet ein philosophisches Lehrgebäude den Geist 
desjenigen, der es geschaffen hat. 

Die Verwunderung, sagt Plato, ist der Beginn aller Philo- 
sophie. Auf der psychologischen Seite scheint diese Verwun- 
derung in einer infantilen triebhaften Schaulust oder Neugierde 
zu wurzeln. Diese Triebregung ist letzten Endes einer der 
Partialtriebe der Sexualität. Technisch gesprochen, handelt es 
sich hier um einen Verschiebungsprozeß. Das ursprüngliche 
Objekt der Neugierde ist durch ein anderes ersetzt, die Trieb- 
energie oder Libido in diesem Fall von einem äußeren auf 
ein inneres Objekt verschoben worden. Sie ist, mit anderen 
Worten, introvertiert worden und besetzt jetzt den Denkvor- 
gang selber. 

Aus diesem Grunde beobachten wir in der Philosophie eine 
ständig fortschreitende Verlegung des Gebietes, auf das Ver- 
wunderung und Neugierde sich richten, von den realen Ob- 



Psychoanalyse und Philosophie 



197 



jekten der Außenwelt und selbst dem ursprünglich realen 
Gedankeninhalt aiif eine mehr und mehr intensivierte innere 
Konzentration, auf den Denkprozeß an und für sich. Die 
extreme Form, welche diese Verschiebung erreichen kann, ist 
zum Beispiel der von James mit Recht kritisierte fehlerhafte 
Intellektualismus. In gemilderter Form finden wir sie bei 
Philosophen wie Schopenhauer und Fichte oder sogar 
im subjektiven Idealismus im Sinne Berkeleys. Die „Koperni- 
kanische Revolution" bei Kant selber bedeutet die ausdrückliche 
Formulierung einer solchen Verlegung von außen nach innen. 
Es wird ja angenommen, daß die Realität notwendigerweise 
mit den Gesetzen und Kategorien des Denkens übereinstimmt 
oder zumindest daß diese Übereinstimmung alles uns Erkenn- 
bare charakterisiert. 

Daß die Neugierde, von deren Verschiebung wir gesprochen 
haben, ursprünglich auf ein sexuelles Ziel gerichtet war, findet 
in dem traditionellen Zölibat der Philosophen eine Bestätigung. 
Spinoza, Leibniz und Kant, um nur einige zu nennen, waren 
ihr Leben lang unverheiratet. Shaw äußert in einem seiner 
Vorworte in Anlehnung an Nietzsche und Schopenhauer: „Ein 
verheirateter Philosoph ist eine lächerliche Figur." 

Rank und Sachs weisen darauf hin, daß das Schicksal, das 
die Sexualregungen eines Individuums erfahren, zum bestimmten 
Faktor für den Aufbau seines philosophischen Systems wird. In 
manchen Systemen, schreiben sie, „wird das Weltall in ani- 
mistischer Weise belebt und der Dualismus der toten Körper- 
welt und des sie durchdringenden Geistes wird unter dem 
Bilde der geschlechtlichen Befruchtung angeschaut 5 die reiche 
Ausgestaltung dieser sexualen Symbolik bei einzelnen Mystikern 
verrät diese Systeme deutlich als Projektionen innerer Libido- 
vorgänge". Ferner daß Ludwig Feuerbach „einmal die philo- 



sophische Gegenüberstellung und spekulative Ausbeutung des 
Verhältnisses von Subjekt und Objekt auf das geschlechtliche 
Verhältnis von Mann und Frau zurückführt". Hieher gehört 

auch „der Glaube an die Präexistenz, die Seelenwanderung 

der in letzter Linie, wie die entsprechenden religiösen Glaubens- 
lehren, von unbewußten Mutterleibs- und Wiedergeburtsphan- 
tasien ausgeht" (1. c. S. 99). 

Ich meine, man muß zu diesen Ansichten hinzufügen, daß 
sie für die subjektive Wurzel der philosophischen Anschauung 
jedes Individuums Geltung haben. An und für sich sagen sie 
noch nichts über die Gültigkeit eines Systems. James unter- 
scheidet zu Beginn seiner „Varieties of Religious Experience" 
zwischen Herkunft und Wert, eine Unterscheidung, die auch 
hier verwendbar ist. Die Aufspürung der psychologischen Zu- 
sammenhänge oder Vorbedingungen, welche die Richtung 
einer Triebregung bestimmen und Beiträge zu ihrer endgül- 
tigen Äußerungsform liefern, ist nicht gleichbedeutend mit 
einer Abschätzung des Wertes oder der Bedeutung, welche 
dieser endgültigen Ausdrucksform zukommen. 

Mit dieser Einschränkung können also solche von der Psycho- 
analyse gegebene Anregungen als interessant und sogar be- 
deutsam angenommen werden. Es gibt übrigens noch eine 
weitere bedeutsame Beziehung zwischen den Philosophen und 
dem Unbewußten. Ich meine hier die große Rolle, die Phan- 
tasie und Mythus bei einem bestimmten Typus von Philo- 
sophenspielen, dessen hervorragendster Vertreter natürlich Plato 
ist. Die Herkunft aus unbewußten Triebquellen springt hier 
am meisten ins Auge. 



Psychoanalyse und Philosophie 199 

§61 

Das Problem der „Bedeutung" 

Der Inhalt des Problems der „Bedeutung" zeigt sich klar 
in der philosophischen Frage nach den Beziehungen zwischen 
Körper und Seele, zu der uns McDougalls diesbezügliche 
Arbeit einen bequemen Zugang verschafft. McDougall 
greift die Gültigkeit des Parallelismus mit einer Reihe von 
Argumenten an, in der Absicht, die Existenz einer oder mehrerer 
Seelen zu rechtfertigen. Eines dieser Argumente (wie die meisten 
Leser finden werden, das erste wirklich entscheidende) ist auf 
die „Bedeutung" gegründet. Er sieht in der Tatsache der 
„Bedeutung" einen Widerspruch gegen die Lehre vom Paral- 
lelismus, da für das Bewußtsein der Bedeutung kein Gegen- 
stück in den zerebralen Vorgängen zu finden ist. 

McDougalls Standpunkt ist etwa der folgende. Wenn wir 
an einen Gegenstand denken, so ist in unserem Bewußtsein 
mehr vorhanden als das aus Empfindungen zusammengesetzte 
Bild desselben. Besonders beim abstrakten Denken wird es 
deutlich, daß „das Bild nur einen ganz untergeordneten Be- 
standteil des Gesamtbewußtseins ausmacht". Das Wesentliche 
daran ist die Bedeutung. Das Bewußtsein der Bedeutung muß 
also zum Sinnesinhalt noch hinzutreten. Wir meinen zum 
Beispiel häufig etwas, ohne die für dessen Ausdruck notwen- 
digen richtigen Bilder finden zu können. „Die Bedeutung ist 
der wesentlichste Teil des Gedankens oder der Bewußtheit 
eines Objekts. Der Sinnesinhalt ist nur . . . ein Anzeichen 
für die Bedeutung". Oder allgemeiner ausgedrückt: „Das Den- 
ken besteht im wesentlichen aus einer Wechselwirkung von 
Bedeutungen", die wieder „relativ unabhängig von ihren 



200 Die Bedeutung des Unbewußten 



Sinnesanzeichen" sind. (McDougall, Body and Mind, pp. 302, 

5°5> 5°4> 5 11 - Ch - XXII.) 

McDougall zitiert Wun dt und Lotze zur Unterstützung 
der Ansicht, daß die Bedeutung kein physisches Korrelat hat. 
Ho er nie vertritt in einer Arbeit über „Image, Idea and 
Meaning" (Mind No. 61) die Ansicht, daß „jede Vorstellung 
ein aus Zeichen und Bedeutung zusammengesetztes konkretes 
Ganzes ist . 

Wenn es für die Bedeutung kein physisches Korrelat gibt, 
so ist sie offenbar der Ausdruck einer rein psychischen Aktivi- 
tät. McDougall arbeitet auf diese Folgerung hin. Er gibt 
zu, daß Veränderungen der Bedeutung von Veränderungen der 
Muskelinnervation begleitet sind, betont aber, daß sie nicht 
von diesen verursacht werden. Er verweist darauf, daß die 
Bedeutung dieselbe bleiben kann, während sich der Sinnes- 
inhalt verändert. Eine Notenfolge zum Beispiel, die eine musi- 
kalische Melodie bildet, kann in eine andere Tonart trans- 
poniert werden. Die Bedeutung (die Melodie) bleibt in diesem 
Fall die gleiche, obwohl der Sinnesinhalt sich verändert hat. 
So ist also die Bedeutung in einem gewissen Sinne vom 
Sinnesinhalt unabhängig. 

Die besondere Rolle, welche die vorangegangene Beweis- 
führung der Bedeutung zuzuschreiben bemüht ist, ist aber 
durchaus nicht unangreifbar. Besonders glaube ich, daß sie 
durch Freuds Auffassung der seelischen Vorgänge sehr in 
Frage gestellt wird. Denn eines der Kriterien, nach denen 
Freud die bewußten von den unbewußten Vorstellungen 
unterscheidet, ist, wie wir gesehen haben, die Verknüpfung 
der Sach- mit der Wortvorstellung. Die Verknüpfung beider 
ist ein Merkmal des vorbewußten Systems, also der Bewußt- 
seinsfähigkeit. Die unbewußte Vorstellung besteht aus der Sach- 



Psychoanalyse und Philosophie 201 

Vorstellung allein. Es gibt, mit anderen Worten, einen Zu- 
sammenhang zwischen der Bewußtseinsfähigkeit und der Über- 
setzung in Worte. 

Ferner ist die Berechtigung der Trennung des Sinnesinhalts 
von der Bedeutung zumindest zweifelhaft. Die Bedeutung einer in 
Ton modellierten und in Bronze gegossenen Statue ist, wie jeder 
Bildhauer bestätigen wird, sehr verschieden von der Bedeutung 
der gleichen Statue, wenn sie in Gips ausgeführt ist. Trotz- 
dem hat nur der Sinnesinhalt eine Veränderung erfahren. Bei 
einer musikalischen Melodie ist es nicht sicher, ob das Trans- 
ponieren in eine andere Tonart die Melodie oder Bedeutung 
unverändert läßt. Wenn die neue Tonart mit der ursprüng- 
lichen verwandt ist, wie gewöhnlich der Fall, so kann 
die Veränderung des Sinnesinhalts, die dem ungeschulten Ohr 
wahrscheinlich nicht wahrnehmbar wird, die Bedeutung schein- 
bar unverändert lassen. Das Transponieren um ein größeres 
musikalisches Intervall ließe den Unterschied aber sofort auf- 
fällig werden. 

Im Denken vor allem beeinflußt der Sinnesinhalt die Be- 
deutung ganz entschieden. Im Kindesalter ebenso wie auf einem 
primitiven Niveau des Seelenlebens werden Worte und Dinge 
nicht einmal voneinander unterschieden. Der Sinnesinhalt ist 
tatsächlich das allererste Element der Bedeutung. Man könnte 
die Bedeutung einfach als die individuelle Eigenart oder die 
Einzigartigkeit in der Ausbildung der Assoziationswege eines 
bestimmten Individuums beschreiben. Ob das Denken aus 
nichts . anderem als der Sprachgewohnheit besteht oder nicht, 
jedenfalls ist die Funktion der Worte, auf die Freud hin- 
gewiesen hat, ein integrierender Bestandteil dieses Vorganges. 

Auch der Verkehr der Individuen untereinander beruht, 
wie wir wissen, zum größten Teil auf der Verwendung von 



r' 




202 Die Bedeutung des Unbewußten 

Worten. Die Sprache ist das Hilfsmittel, durch das am leich- 
testen bei verschiedenen Individuen ähnliche Assoziationen 
hervorgerufen werden können ; diese Ähnlichkeit der Assozia- 
tionen ermöglicht aber den Verkehr untereinander. Der Ge- 
brauch derselben Worte, das heißt die Wahrnehmung des- 
selben Sinnesinhalts, ist das wirksamste Mittel der Verständigung. 
Es scheint also, daß das Bewußtsein der Bedeutung die ihm 
von vielen Seiten zugeschriebene Wichtigkeit nicht besitzt und 
daß wir darin kein unübersteigliches Hindernis für die Auf- 
stellung eines durchgehenden psychophysischen Parallelismus 
zu sehen brauchen. Es handelt sich hier um die Assoziationen des 
Individuum wie auch um die Affekte seines Seelenlebens. Lassen 
diese sich in zerebralen oder physischen Vorgängen ausdrücken, 
so muß auch für die Bedeutung ein Gegenstück im Cerebralen 
oder Physischen angenommen werden. Freuds Darstellung des 
Seelenlebens und seine Unterscheidung zwischen unbewußten 
und vorbewußten Prozessen macht es uns wenigstens möglich, 
die Fragestellungen bezüglich der Bedeutung schärfer zu fassen. 

§02 
Die Vernunft und das Realitätsprinzip 

Freuds Darstellung des Realitätsprinzips wirft neues Licht 
auf das Wesen der Vernunft selber und wird dadurch für die 
Philosophie bedeutungsvoll. 

Ich habe im ersten Kapitel dieses Buches gezeigt, daß in 
der traditionellen Lehre vom Unbewußten, wie sie vor allem 
bei Schopenhauer, Hartmann und Nietzsche zu 
finden ist, der Hauptakzent auf dem irrationellen Charakter 
der Kraft ruht, die allem Leben zugrunde liegt. Die Vernunft 
ist, nach dieser Auffassung, ein sekundäres oder erworbenes 



Psychoanalyse und Philosophie 203 

Prinzip, das in gewissen Hinsichten hinter dem „Instinkt" 
oder der „Intuition" zurücksteht. Sie bietet natürlich praktische 
Vorteile, ist überhaupt das eigentliche Instrument des prak- 
tischen Lebens. Das Grundprinzip des Lebens ist sie aber 
nach dieser Auffassung nicht. 

Was wird aber dann, können wir fragen, aus dem objektiven, 
allgemeingültigen Charakter der Vernunft? Arbeitet sie denn 
nicht nach Kategorien und eingeborenen Prinzipien, die das 
Sicherste sind, was unser Bewußtsein zu erfassen vermag? 
Wie kann die Vernunft aus etwas entstanden sein, was selbst 
unvernünftig ist? 

Nach Freud entsteht das Realitätsprinzip aus der Modifi- 
kation oder Ersetzung des Lustprinzips und ist für die Er- 
haltung des Individuums unerläßlich. Die Natur der Dinge, 
die äußere Notwendigkeit ist es, die den Organismus zur 
Anpassung mittels Unterwerfung unter das Realitätsprinzip 
zwingt. 

Die Bedeutung der Vernunft hängt also mit der Natur 
dieser Notwendigkeit oder der Realität organisch zusammen. 
Wir können annehmen, daß die Vernunft in derselben Weise 
entwickelt worden ist wie die Sinnesorgane oder die triebhaften 
Dispositionen. Ihre Existenz entspricht einer Stufe des Ent- 
wicklungsprozesses, durch den die primäre Kraft, der ursprüng- 
liche Lebenstrieb, einen besseren Ausdruck und eine kräftigere 
Selbstbehauptung in dem Kampf gegen die Materie oder die 
Außenwelt gewinnt. 

Die Realität oder die äußere Notwendigkeit stellt sich uns 
zwar in den ökonomischen, sozialen und kulturellen Normen 
und Lebensbedingungen der Gemeinschaft, der wir angehören, 
dar ; letzten Endes besteht sie aber aus etwas viel Elementarerem. 
Sie besteht aus den „Naturgesetzen", oder noch einfacher 



204 Die Bedeutung des Unbewußten 

ausgedrückt, den Eigenschaften der Moleküle. Um meiner 
Argumentation für den Augenblick eine dualistische Fassung 
zu geben (die letztlich nur von der Metaphysik her gerecht- 
fertigt werden kann): ich behaupte, das Wesen alles Lebens 
bestehe in einem Kampf zwischen der Lebenskraft und den 
Molekülen, wobei die Entwicklung der Vernunft eine Phase 
bedeutet, in der sich die Bemühung der Lebenskraft spiegelt, 
die Eigenschaften der Moleküle zu beherrschen, richtig einzu- 
schätzen, machtlos zu machen, um dadurch die Erreichung 
ihres eigenen Zieles zu sichern. Vernunft ist, mit anderen 
Worten, der Name für die Fähigkeit des Organismus, sich auf 
einer bestimmten Entwicklungsstufe im Kampfe mit der Außen^ 
weit zu erhalten. 

Diese Auffassung der Vernunft scheint auch durch den all- 
gemeinen Sprachgebrauch bestätigt zu werden. Wahnsinnig 
oder der Vernunft beraubt nennt man Personen, denen die 
Fähigkeit mangelt, sich den komplizierten Verhältnissen der 
umgebenden Realität erfolgreich anzupassen. Ein „unvernünf- 
tiger" Mensch ist ein Mensch, der sich nicht in der richtigen 
Beziehung zur Realität befindet. 

Nach dieser Auffassung der Vernunft wäre ihre genetische 
Beziehung zur Realität die Quelle für ihre Eigenschaften 
„objektiv" und „allgemeingültig". Denn gerade das sind auch 
die Eigenschaften der Realität. Sie primär oder ausschließlich 
der Vernunft als einem abstrakten Vermögen zuzuerkennen, 
wäre ein neues Beispiel für jene Introjektion. von außen nach 
innen, deren Bedeutung für die Mechanismen der seelischen 
Entwicklung wir bereits kennen. 

Dieser Schluß, zu dem wir in logischer Verfolgung der 
durch Freuds Realitätsprinzip gegebenen Anregung gelangen, 
wirft helles Licht auf die Stellung Kants in der Philosophie. 



Psychoanalyse und Philosophie 205 

Sie spiegelt von einem neuen Gesichtspunkt das zentrale 
Problem der Kantschen Erkenntnistheorie wider, von dem 
aus sich die ganze Bewegung des Nach-Kantianischen Idealismus 
übersehen läßt. Sie enthält, ganz einfach ausgedrückt, die 
Lehre, die Hegel selbst in bewundernswerter Kürze formuliert 
hat: „Alles was ist, ist vernünftig." 

Dieser Schluß beseitigt auch die aus der Auffassung der 
Autoren vor Freud sich ergebende Schwierigkeit, daß das 
Grundprinzip des Lebens irrationell sei. Im strengen Sinne 
des Wortes ist das Leben weder rationell noch irrationell. 
Die Lebenskraft hat es auf einer bestimmten Entwicklungsstufe 
zur Entstehung des Vermögens Vernunft gebracht 5 in ihren 
Äußerungen zeigen sich aber Tendenzen, die als Resterschei- 
nungen überwundenen Entwicklungsstufen angehören. Wir 
nennen sie impulsive oder instinktive Tendenzen. Sie sind 
aber genau genommen der Vernunft nicht entgegengesetzt. 
Man sollte sie, meine ich, prärationell nennen. Die Bezeich- 
nungen prärationell und rationell entsprechen besser als ir- 
rationell und rationell dem Verhältnis der aufeinanderfolgenden 
Phasen, die sich in der Entwicklung des Seelenlebens fest- 
stellen lassen. 

Ferner läßt sich die gesamte Entwicklung der modernen 
induktiven Logik seit Bacon als Kommentar zu der eben aus- 
einandergesetzten Auffassung der Vernunft betrachten. In ihr 
spiegelt sich die allmählich wachsende Überzeugung, daß die 
Sphäre des Objektiven und Allgemeingültigen von dem un- 
fruchtbaren formalen Kategoriensystem in die Außenwelt oder 
Natur eingetragen werden muß, wo ihr wirklicher Platz ist. 

Das wären also Beispiele für eine Anwendung der Psycho- 
analyse auf Probleme der reinen Philosophie. 



^ 



206 Die Bedeutung des Unbewußten 



§63 

Schluß 

Bei meinem Versuch, in den obigen Paragraphen ein Bild 
von der Bedeutung des Unbewußten zu geben, habe ich Ver- 
tiefung und Detailarbeit im Interesse eines Eindruckes von 
Weite und Umfang geopfert. Ich hoffe, daß es mir gelungen 
ist zu zeigen, wie weitreichend und fruchtbar sich die An- 
wendung der psychoanalytischen Hypothesen erweisen kann. 
Trotzdem war ich genötigt, ganze Forschungsrichtungen, wie 
Ethnologie, Soziologie, Rechtswissenschaft, Religionswissenschaft, 
beiseite zu lassen. 

Im allgemeinen möchte ich den Leser daran erinnern, daß 
(wie schon im Vorwort angedeutet) die Arbeit, die ich hier 
beschließe, nicht als erschöpfende Darstellung der Psychoana- 
lyse, sondern als Untersuchung der ihr zugrundeliegenden 
reinen Theorie beabsichtigt war. Aus diesem Grunde war auch 
der erste Ausgangspunkt dieser Theorie, nämlich die An- 
nahme unbewußter seelischer Vorgänge, mein hauptsächliches 
Thema. 

Die Psychoanalyse ist eine starke und eindrucksvolle Be- 
wegung, deren Leistungen uns leicht zur Bewunderung hin- 
reißen können. Wie Shand schreibt, hat die psychoanalytische 
Schule „durch das Genie ihres Begründers großartige Leistun- 
gen vollbracht und der akademischen Psychologie einen Stoß 
versetzt, den zu bedauern oder zu verleugnen mir sehr ferne 
liegt". (Alex. F. Shand, British Journal of Psychology, Oct. 22, 
p. 125.) 

Vielleicht erkennen wir die bedeutsame Rolle der Bewegung 
am deutlichsten aus der bekannten um Jahre zurückliegenden 



Psychoanalyse und Philosophie 207 



Prophezeiung Bergsons: „Die Ergründung der geheimsten 
Tiefen des Unbewußten, die Forschungsarbeit in dem Unter- 
grund des Bewußtseins wird in dem jetzt beginnenden Jahr- 
hundert die Hauptaufgabe der Psychologie sein. Ich zweifle 
nicht, daß großartige Entdeckungen sie dort erwarten, viel- 
leicht nicht minder wichtige als jene, die uns die vergangenen 
Jahrhunderte auf dem Gebiet der Physik und der Naturwissen- 
schaften gebracht haben." (The Independent, Oct. 50, 1915.) 
Wenn das Bedürfnis nach Weltverständnis sich bei einem 
Volke erhebt, so bietet die Weltordnung seinem Denken eine 
ungeheure Fülle von Gebilden, die mehr oder weniger un- 
abhängig voneinander scheinen. Soziale Organisationen und 
Institutionen, Gesetze und Sitten, Religion, Sprache, Kultur- 
und Kunstschöpfungen bilden miteinander ein großartiges, 
wenn auch verwirrendes Panorama, eine Mosaik der kulturellen 
Leistung und Entwicklung. Hinter diese scheinbar zusammen- 
hanglose Mannigfaltigkeit zu dringen und die allmähliche 
Entfaltung einer einzigen planvollen Gesetzmäßigkeit darin zu 
erkennen, bleibt dem Geiste eines Plato, Spinoza oder Hegel 
vorbehalten. Dieser Blick hinter die Zusammenhänge ist aber 
nur wenigen gegeben und indessen wächst die Aufgabe der 
Philosophie an Größe und Umfang. Wenn die Ergebnisse der 
Psychoanalyse — wie ich zu zeigen bemüht war — irgend 
etwas zu jenem tieferen Verständnis des Lebens, welches das 
Ziel aller Philosophie ist, beitragen können, dann wird die 
Lehre vom Unbewußten allein aus dieser Leistung einen nicht 
geringen Anspruch auf Anerkennung ableiten können. 



Register 



Abbot 79 
Abel, K. 108 
Abwehrmechanismen 144 
Ästhetik 182 — 195 
Affekt 49t, 115 — 117 

— Verwandlung 116, 187 
alternierende Persönlichkeit 156 — 158 
Ambivalenz 106 — 10g, 152 
Amerika, Kunst in 190—191 
Angst 116 — 117 
Apperzeption 8 
Aristophanes 55 
Aristoteles 153, 171, 174 — 175, 184, 

185-187 
Assoziation 19, g8 
Assoziationspsychologen 142 
Atome, geistige 25 — 26, 27 — 28 
Aveling, P. 90, 162 

Dacon 205 

Balfour 88, 193 

Barrie 156 

Bayliss 98 

Bedeutung 19g — 202 

Behaviourismus 73—74, 79, 141, 168 

Beowulf 108 

Bergson 12, 56, 207 

Bermann 6g 

B ernheim 44 

Beweglichkeit der Energie 122 

— der Besetzungsintensität 122 
Bewußtsein 30— 31, 50, 77, 78—85, 1 1 1, 129 

Xt e v i n e, Das Unbewußte. 



Bewußtsein, sein System 128 — 132, 134 

Biran, Maine de 17 — 18 

Bleuler 106 

Bloch 191 

brahmanische Lehren 106 

Breuer 160 

Buckhurst 108 

Burke 186 

Burns 194 

Butler, Samuel 21, 32 — 36 

V_jharakter 22, 143—148, 174—175 
Chaucer 108 
Chopin 194 
Conway 14g 
Croce ig2, ig5 

.Dementia praecox 124 — 125 

Demosthenes 145 

Determinismus 176 

Dissoziation 157 

Dramatisierung 49 

Drever, J. 142, 144 

Dualismus von Unbewußtem und Be- 
wußtem 16, 29 
— des Ich 28, 155 ff. 

dynamische Auffassung psychischer Vor- 
gänge 53, 110, 120 

JCjgoismus 17 

Einfühlung ig3 

endokrine Drüsen 67 — 70, 75 



210 



Register 



Engramme 71 — 72 
Erinnerung, Dauerspuren der 150 
Erledigung der Spannung 84 
Eros 151, 155 
Erziehung 141 — 148 
Ethik 167—181 
— ihre Beziehungen zur Psychologie 
167 — 169, 176 — 177, 180, 181 

Fechner 9, 25-27, 99, 156 

Fehlleistungen 51 — 55 

Ferenczi 100, 105 

Feuerbach 197 

Fichte 197 

Field, G. C. 77, 86 

Fixierung 57, 61 

Flügel 52 

freie Assoziation 20, 47, 114 

Freud 5, 10, 15, 20, 25, 26, 27, 45—64, 
78, 86-89, 9 1 — 9 2 < 93> 9?— x 37' 
141 — 145, 146, 149 — 154, 157—158, 
164, 169 — 170, 175, 176 — 177, 180, 
182 — 185, 200, 205 — 204 

Führerschaft in der Masse 151 — 152 

Cjalt on 15 
Gefühl 20 — 21, 185 
geringe Wahrnehmungen 9 
Geschichte 22 
Gewissen 180 
Gewohnheit 174 
Goethe 194 
Gurney 159 

Hart, Bernard 144 
Hartmann 5, 18 — 25, 55, 202 
Hedonismus 99, 170, 172, 195 
Hegel 105, 109, 186, 192, 205, 207 
Helmholtz 19 
Herbart 9 
Herdentrieb 155 



Hering 54, 154 

Hoernle 200 

Holt, E. B. 79, 81 

Hypnose 44 

Hysterie 57, 61 — 62, 160 

Ichideal 126, 155 
Ichtriebe 155, 154 
Identifizierung 155, 185 
Induktive Logik 205 
innere Erregung 151 — 152 
Instinkt 21, 58 
Integration 80, 85 
Intellektualismus 197 
Intoleranz in der Religion 152 
Introjektion 105, 178, 204 

James, William g, 24, 27, 57 — 59, 78, 

106, 156, 165, 197, 198 
Janet 161 
Jones, Ernest 15, 52, 58, 116, 122, 125, 

143' l6 5 
Jones, H. F. 36 
Jung, C. G. 14, 20, 52, 165 — 166 

K.ant 10g, 129, 167, 197, 204 
Katharsis 185 — 188 
katholische Kirche 151 
Kind, Eigenschaften des 145 
kolloide Lösungen 80 — 81 
Komplexe 20 
Konflikt 61, 97 — 98, 102 
Kontinuität 6, 28 

— und Denken 7 
Kunst 182 — 191 

— in Amerika 190 — 191 

— und Affektivität 185 — 191 

— und Phantasie 182 — 185 

— Universalität der 183 — -185 

— und Verdrängung 189 — 191 
Künstler, Temperament des ig4 
künstlerisches Schaffen 185 



Register 



211 



JLaird, J. 91, 174 

latente Traumgedanken 46—47 

Leben, Wesen des 80 — 81 

Lebenstrieb 205, 203 

Le Bon 149, 150 

Lehrer und die Psychoanalyse 146 

Leibniz 6 — 10, 36, 161, 197 

Levy-Bruhl 18 

Libido 60, 124, 146, 151 

Liebe und Haß 104 — 106, 152 

— in der Massenseele 151 
Lipps *93 

Logik in ubw Prozessen 120 
Lotze 193, 200 

Lust und Unlust 99, 132, 170—172 
Lustprinzip 27,99 — 102,116,132, 170, 172 

JYlanifester Trauminhalt 46, 48 

Martin, E. D., 14g 

McDougall 142, 149, 151, 172, 179, 

199—200 
Masse 107, 14g — 154 
Melville, H. 191 
Menander 188 
Metapsychologie 10g— 111 
Mises, Dr. 28, 156 
Mneme 70 — 72 
Mörder 53 
Monade 6 
Montessori 141 
Motilität, Beherrschung der 156 
Münsterberg 161 
Musik 185, 193, 200 — 201 
Myers, F. G. 159—160 
Mystik 22 
Mythen 191 

JNarzissmus 62 — 63 
Nervensystem 81, 103 
Neue Komödie 188 
— Kunstrichtungen igo 



Neurosen 36 — 63 

Nietzsche 5, 17, 28—32, 52, 179, 
186, 197, 202 

Ödipuskomplex 60, 146 — 147 
ökonomische Betrachtungsweise der 
Reize gg, 110 — 111 

— ö. Gesichtspunkt bei psychischen 
Vorgängen 55, 110—111 

Ornstein igi 

Pädagogik 145 
Pampsychismus 165 
Parallelismus 199 
Perry 79 

Persönlichkeit 155 — 166 
petites perceptions 10, 17, 25 
Phantasie(n) 182 — 183, '93> *9% 
Philologie 108 
Philosophie 196 — 205, 207 
Plato 192, 196, 198, 207 
Plautus 188 
Podmore 159 
Polaritäten 104 
Primärvorgang 120 
Prince, Morton 156, 157 
Projektion 105, 194 
psychische Lokalität 26, 110, 117 

— Realität 62, 123, 192 
Psychographie 32, 180 
Psychologie 72 — 77 
psychophysisches Problem 35—36, 76, 

90, igg — 202 

Hank 15 

— und Sachs, 144, 145, 17g, 187» 

19li 197 
Rationalisierung 13, 29, 173, 193 
Reaktionsbildungen 144, 179 
Realismus in der Kunst 188 
Realitätsprinzip 99 — 102, 192, 202 — 205 

14* 



r _ 


212 Reg 


ister 




Recht 174 


Thorndike 172 




Regression 61 


Tolstoj 192 




Reizbegriff 105 — 104 


topischer Gesichtspunkt 111 




Rivers, W. H. R. 21 


Tragödie 18g, 187 




Ruskin 192 


Träume 26, 46 — 51 




Rüssel, Bertrand 13, 7g 


Triebe 132 ff. 
Triebreiz 103 — 104 




Ochelling 23, 24 


Trotter lgg 




Trugschluß 10 




Schiller 194 






Schopenhauer g, 10—17, 18, 24, 25, 






28, 29, 31, 134, 179, 97, 202 


Ubertragungsneurosen 62 




Schwelle des Bewußtseins 9, 26 


Unbewußtes, Argumente für das 86- 


-89 


seelische Aktivität 73 — 74, 103 — 104 


— rassenmäßiges und kollektives 


14, 


— s. Apparat 104, 119 


163 — 166 




— s. gleichgesetzt bewußt jj ff. 


unbewußte Absichten 51, g2 




— s. Kategorien 104 ff. 


— u. Gedächtnis 32 — 3g 




sekundäre Bearbeitung 49 


— u. Seelenleben 68 




Sekundärvorgang 120 


— u. seelische Vorgänge 5, 19, 36, 


5?, 


Selbstbeobachtung 73 


78, 121, 122 — 126 




Selbstbewußtsein 31 


— u. System 50, 111, 119 — 122 




Semon, Richard 35, 70 — 72, 83 


— u. Tendenzen 53 — 54 




Sexualtrieb 60, 13g, 134, 146, 147, 196, 197 


— u. Vorstellungen 14, 24, 44 




Shand, A. 206 


— u. Wille 12, 24 




Sharp, W. 156—157 


unterbewußtes Ich 159 — 165 




Shaw, Bernard 55, 190, 197 


unterschwelliges Bewußtsein 9 — 10, 


2G, 


Shelley 186 


159 




Sherrington 81, 85 






Spencer 171 


Vaterimago 32 






Spinoza 22, 105, 142, 167, 197, 207 
Sprache 22, 201 


vegetatives System 68 
Verantwortlichkeit, Begriff der 17g— 


176 


Stevenson 156 


Verdichtung 48 — 49, 54, 62 




Stirner 179 
Stout 162, 172 
Sublimiernng 141—143 . 


Verdrängung 15, 28, 45, 56, 59, 112 — 
155. 157- 1S6— 187, 189— igi 
— und Affekt 115 — 117 


119, 


Suggestion 150 


— Nachlaß der 114 — 150 




Sully 35 

Symbolik 14 — ig, 163, 164. 184—185 
Symptom gg, 61 — 62 


— topischer Gesichtspunkti.d. 117— 
Vergessen 52 

Vernunft 12, 23, 202 — 20g 
Verschiebung 49, g4, 62, 197 


M9 


1 abu 106 — 107, 180 


Verwunderung 196 — 197 




Tagträume 182 — 183 


Vischer 193 




Tarde igo 


vorbewußt 44, go, 126 — 127, 200 





Register 



213 



Wahrnehmung 85 
Wallace, W. 16 
Watson, J. B. 79 
Weismann 15, 134 
White 97 
Widerstand 5g, 127 
Wille 11 

Willensfreiheit 176 — 178 
Williams, Leonard 67 — ( 
Wilson, Expräsident 107 



Witz 19, 54—56 

Worte 84, 123, 124, 201 

Wortwitze 55 

Wundt ig, 200 

Wunsch 13, 47, 48, 50, 120, 191 

Zensur 48, 126 ff. 

— in der Kunst igo — 191 
Zwangsgedanken, -handlungen, -neurose 
57 ff. 






Inhaltsverzeichnis 

Seite 

Erster Teil: Das Unbewußte vor Freud 3 

§ 1) Einleitung S. 5. — 2) Leibniz 6. — 3) Zur Theorie von 
Leibniz 9. — 4) Schopenhauer 10. — ■ 5) Zur persönlichen 
Charakteristik Schopenhauers 16. — 6) Maine de Biran 17. — 
7) Eduard von Hartmann 18. — 8) Eine Bemerkung über die 
Lehre Hartmanns 24. — 9) Fechner 25. — 10) Zur Fechner- 
schen Theorie 27. — 11) Nietzsche 28. — ■ 12) Zur Persönlichkeit 
Nietzsches 31. — 13) Samuel Butler 32. — 14) Abschließende 
Bemerkungen. 

Zweiter Teil: Freud und das Unbewußte 41 

§ 15) Einleitung S. 43. — 16) Das „Unbewußte" bei Freud 43. 

— 17) Die Träume 46. — -18) Die Fehlleistungen 51. — 19) Der 
Witz 54. — 20) Die Neurosen 56. — 21) Zusammenfassung 63. 

Dritter Teil: Die Rechtfertigung des Unbewußten 65 

§ 22) Zur Kritik des Unbewußten : Die endokrinen Drüsen 
S. 67. — 23) Zur Kritik des Unbewußten: Die Mneme 70. 

— 24) Entgegnung — Bechtfertigung der Psychologie 72. — 
25) Psychologie und Physiologie 75. — 26) Zur Kritik des 
Unbewußten: Ein Paradoxon 11. — 27) Das Wesen des Be- 
wußtseins 78. — 28) Argumente für das Unbewußte 85. — 
29) Schlußfolgerungen 8g. 

Vierter Teil: Die Theorie des Unbewußten 95 

§ 30) Leben und Konflikt S. 97. — 31) Das Lustprinzip und 
das Bealitätsprinzip 99. — 32) Die Grundlagen der Seelen- 
tätigkeit — Der Beizbegriff 103. — 33) Die Polaritäten ■ — 
Die seelischen Kategorien 104. — 34) Die Ambivalenz 106. — 
35) Zur Definition der Metapsychologie 109. — 36) Die Ver- 



Inhaltsverzeichnis 



drängung 112. — 37) Die Verdrängung und die Affekte 115. — 
38) Der topische Gesichtspunkt in der Verdrängung 117. — 
59) Die Entwicklung des Systems Ubw 119. — 40) Die be- 
sonderen Eigenschaften der unbewußten Vorgänge 122. — 
41) Der Verkehr der beiden Systeme 126. — 42) Das System 
Bw 128. — 43) Die Natur der Triebe 132. — 44) Zusammen- 
fassung 135. 

Fünfter Teil: Die Bedeutung des Unbewußten. . . 139 

Psychoanalyse und Erziehung 141 

§ 45) Die Sublimierung S. 141. — 46) Charakter und Un- 
bewußtes 143- 
Psychoanalyse und Massenpsychologie 

§ 47) s - *49- 
Psychoanalyse und die Persönlichkeit 

§ 48) Verdrängung und Spaltung der Persönlichkeit S. 155. 

— 49) Das unterbewußte Ich 159. — 50) Jungs Auffassung 
der Persönlichkeit 163. 

Psychoanalyse und Ethik 

§ 51) Ethik und Psychologie S. 167. — 52) Psychoanalyse 
und Hedonismus 170. — 53) Psychoanalyse und Verantwort- 
lichkeit 173. — 54) Psychoanalyse und Willensfreiheit 176. 

— 55) Psychoanalyse und Ethik — Schlußfolgerungen 178. 

Psychoanalyse und Ästhetik 

§ 56) Phantasie und Kunst S. 182. — 57) Kunst und Affekti- 
vität 185. — 58) Kunst und Verdrängung 189. — 59) Die 
Kunst und das Unbewußte — Schlußfolgerungen 191. 
Psychoanalyse und Philosophie 

§ 60) Die Philosophen und das Unbewußte S. 196. — 
61) Das Problem der Bedeutung 199. — 62) Die Vernunft 
und das Bealitätsprinzip 202. — 63) Schluß 206. 

Register 209 






Sigm. Freud 

Ges ammelte 
Schriften 

Unter Mitwirkung des Verfassers kerausgege- 
ben von Anna Freud und A. J. Storfer 



11 Bind. 



L e.x ikonformat 



Prospekte durch 

Internationaler 
Psychoanalytiacner Verlag 

Wien, VIL, Andreasgasse 3 



I m a g o 

Zeitschrift für Anwendung der 

Psychoanalyse auf die Natur- und 

Geisteswissenschaften 

Herausgegeben von : 

Sigm. Freud 

Redigiert von : 

O. Rank, H. Sachs, A. J. Storfer 

Alonmmtnt 1926 (Band XII) Marl, 20.- 

Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag 

Wien, VII., Andreasgasse 3 



Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse 

Offizielles Organ der » Internationalen 
Psychoanalytischen Vereinigung« 

Herausgeber : 

Sigm. Freud 

Unter Mitwirkung von Girindrasheknar Böse (Kalkutta) , 
A.A.Brill (New York), Jan van Emden (Haag), Paul 
Federn (Wien), E. Jones (London), E. Oberholzer 
(Zürich), E. Simmel (Berlin), M. Wulff (Moskau) 
redigiert von 

M. Eitingon, S. Ferenczi, Sändor Radö 



Alonnement 1926 {Bd. XII) Mark 24.— 

Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag 

VC^ien, VIL t Andreasgasse 3 



I 



m r e 



H 



ermann 



Gustav Tneodor 
Feckner 

Eine psychoanalytische Studie 

über individuelle Bedingtheiten 

wissenschaftlicher Ideen 



Geheftet Mk. 3.- 



Ganzleh 



anzlemen 



4.60 



Inhalt: Biographisches - Die schwere 
Krankheit in den Jahren 1840-1843 - Die 
Idee der Psychophysik— Die Idee derTages- 
ansicht — Das Formale im Denken Fech- 
ners - Bejahungsgrundlagen - Fechner als 
Vorlauf erpsychoanalytischer Erkenntnisse 



Otto Rank 
Die Don Juan-Gestalt 

Geheftet Mark 2.80, Ganzleinen Mark 3.40 



„Der unsterblich gewordene Name des spanischen 
Liebeshelden entfesselt mit seinem zauberischen Klang 
unwillkürlich eine Reihe von Vorstellungen und Er- 
wartungen erotischer Natur, die unlösbar mit ihm ver- 
bunden scheinen ... Ist man aber gerade in der 
Stimmung, der Mozartschen Oper mit der psycho- 
analytischen Einstellung gegenüberzutreten, d. h. die 
bewußte Zielvorstellung des erotischen Helden teil- 
weise auszuschalten, so bemerkt man unschwer und 
doch nicht ohne Überraschung, daß die Handlung 
eigentlich nichts weniger als einen erfolgreichen Sexual- 
abenteurer, vielmehr einen von Mißgeschick verfolgten 
armen Sünder darstellt, den schließlich das seinem 
Milieu entsprechende Los der christlichen Höllenstrafe 
erreicht . . . Wir folgen nur den vor gezeichneten 
Spuren von Tradition und Dichtung, wenn wir dieser 
dem menschlichen Denken offenbar peinlichen Seite 
des ,Don Juan* unsere Aufmerksamkeit zuwenden." 



Jean Varendonck 

Über das vorbewulite 
phantasierende Denken 

Aus dem Englischen übersetzt von Anna Freud 
Mit einem Geleitwort von Prof. Sigm. Freud 

Geheftet Mark 5.—, Halbleinen Mark 6.50 



Die Fruchtbarkeit der Anregungen, die von dem 
"Werke Freuds für die Psychologie noch ständig 
ausgehen, zeigt die vorliegende Arbeit eines vlä- 
mischen Gelehrten mit besonderer Eindringlichkeit. 
V. hat die Muße eines zweijährigen Kriegsdienstes 
als Dolmetscher hinter der englischen Front dazu 
verwandt, das richtungslose Denken zu fassen und 
zu beschreiben, das in der Zerstreutheit beim so- 
genannten Abschweifen der Gedanken, bei Tag- 
träumereien, vor dem Einschlafen vor sich geht. 
Das Material ist außerordentlich wertvoll und 
aufschlußreich. 

(„ Zentralbl, f. d, ges. Neurologie u. Psychiatrie") 
Die überaus reiche, aufs sorgfältigste überdachte 
und gegliederte Fülle des Stoffes ist durchwegs 
durch eine eingehende Selbstbeobachtung und 
Selbstzergliederung gewonnen. 

(„ Zeitschr* f. Sexualwissenscliaft" ) 



1 



Heinricn Gomperz 

Profeasor an der Universität Wien 

Psychologische Beobachtungen 
an griechischen Philosophen 

Geheftet Mark 3.50, Pafähand Mark 4.— 



Diese psychologischen Beobachtungen über geistig-leibliche Ver- 
anlagung und Entwicklung zweier repräsentativer griechischer 
Philosophen tragen zweifellos nicht wenig dazu bei, den eigen- 
tümlichen Lehrgehalt ihres Philosophierens besser verständlich 
zu machen. Der Dichter-Philosoph Parmenides selbst liebt 
das „weibliche Weib", ihm erscheinen kleine Hände und 
Füße, zarter Teint, eine helle Stimme, niedergeschlagene Augen 
und eine schüchterne Gemütsart als Kennzeichen des „wahren", 
also des begehrenswerten Weibes, Anderseits dürfte er selbst 
ein „männlicher Mann" gewesen sein. Die Welt des Parmenides 
erweist sich unverkennbar als die Verkörperung einer aus- 
schließlich dem anderen Geschlechte zugewandten Erotik. Und 
doch lehnt Parmenides diese, von der Geschlechtsliebe be- 
herrschte Welt entschieden ab, erklärt sie für eine Ausgeburt 
menschlichen Wahnes. Daß es nicht ausschließlich logische 
Gründe sind, die einen anscheinend von gesunder Erotik er- 
füllten Mann zwingen, das Zeugnis seiner eigenen Sinne zu 
verwerfen, ist klar. — Eine ausführliche Analyse wird der 
Persönlichkeit des Sokrates zuteil. Eigentümlich war dem 
großen Philosophen eine leiblich-geistige Anlage, die ihn erstens 
von ihm selbst unbewußt Gedachtes wie Fremdes von außen 
vernehmen und zweitens seine Liebesfähigkeit noch mehr als 
knabenhaften Frauen mädchenhaften Knaben zuwenden ließ. 
Besonders eingehend wird die Beziehung zur Gattin, zu den 
Dirnen und vor allem die zum Lehramte untersucht. 




Unbewusste 






a 




Internationale PsycWnaly&cIie Bil>Uotaek XX