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Full text of "Der triebhafte Charakter"

Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse 

Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud 

Nr. IV 



Der triebhafte Charakter 

Eine psychoanalytische Studie 

zur Pathologie des Idi 



von 



Dr. Wilhelm Reidi 



1925 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
Leipzig / Wien / Zürich 




Alle Rechte, 
insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten 

Copyright 1925 

by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 

Ges. m. b. H.« Wien 



Gesellschaft für Graphische Industrie A.-G., Wien, III., Rüdengasse ii 



Inhalt 

Seite 

I. Einleitung 5 

n. Allgemeines über den neurotischen und den triebhaften Charakter 14 

III. Ambivalenzkonflikt und Über-Ich-Bildung beim triebgehemmten 
Charakter • ^^ 

Die Realisierung der Forderungen des Über-Ich 3^ 

Der Einfluß der Partialtriebe auf die Gestaltung des Ober-Ich 35 

Geschlechtliche Fehlidentiflzierung 43 

IV. Ambivalenzkonflikt und Ichbildung beim triebhaften Charakter 55 

Einflüsse der Erziehung 57 

Zur Frage der „Grenzfälle" • °4 

V. Die Isolierung des Über-Ich , 79 

Zur Frage der Verdrängung des Ober-Ich 95 

Die Isolierung des Über-Ich als normale Dnrchgangsphase in der Ich-Entwicklung lOO 

VI. Einige Bemerkungen über den schizophrenen Projektionsvorgang 
und die hysterische Spaltung 107 

VII. Therapeutische Schwierigkeiten 115 

Namen- und Sachregister 129 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



I 

Einleitung 

Eine auch nur einigermaßen systematische Charakterlehre 
auf psychoanalytischer Basis gibt es derzeit nicht. Es liegt im 
Wesen der psychoanalytischen Forschungsmethode, daß sie, 
wie in der Einzelanalyse, so auch auf dem Gesamtgebiete der 
Psychopathologie zunächst die Einzelerscheinung untersucht 
und erst in zweiter Linie zur Zusammenfassung der Einzel- 
ergebnisse, damit auch zu allgemein gültigen Theorien gelangt. 
Eine psychoanalytische Charakterlehre setzt die genaue Kennt- 
nis der detailliertesten Mechanismen seelischer Entwicklung 
voraus, eine Forderung, von deren Erfüllung wir noch weit 
entfernt sind. Wenn auch die Theorie von der Sexualent- 
wicklung in den wesentlichsten Stücken festgefügt erscheint, 
so reicht sie dennoch zum charakterologischen Erfassen einer 
Persönlichkeit nicht aus. Wer aber die Entwicklung der Psycho- 
analyse, insbesondere die einschlägigen Schriften Freuds 
genau kennt und in eigenem passivem und aktivem, analyti- 
schem Erleben lebendig erfassen konnte, wird auch begreifen, 
daß die Dynamik des Ich schwerer faßbar ist, als die des 
Sexuellen. 

Die Psychoanalyse hat es, wie Freud in seinen grund- 
legenden Arbeiten immer wieder, neuerdings in „Das Ich und 
das Es"' betont, eifrigst vermieden, mit fertigen, konstruktiven 

i) 1923 (Ges. Schriften, Bd. VI). 



Theorien an die Persönlichkeit des Kranken heranzutreten; im 
Prinzip auf genetisches Begreifen eingestellt, sozusagen als 
Embryologie der Psyche, mußte sie den mühevolleren und 
längeren Weg der Detailuntersuchung gehen, was durchaus 
auf die Therapie einwirkte; denn analytisch heilen heißt zunächst, 
Fehlentwicklungen erkennen und verstehen, und soweit möglich, 
das Verstandene zur Änderung der Fehlentwicklung ausnützen. 
Es ist daher die psychoanalytische Therapie derzeit ebenso 
unabgeschlossen, wie ihre Theorie. Die ideale Voraus- 
setzung der psychoanalytischen Therapie wäre aber das voll- 
kommene genetische Erfassen des Charakters des 
Kranken. 

Die Psychoanalyse hat längst aufgehört, lediglich Symptom- 
therapie zu sein; sie entwickelt sich vielmehr konstant zur 
Therapie des Charakters. Man kann diesen Umschwung auf 
die erste Erkenntnis Freuds beziehen, daß das Wesentliche 
der analytischen Arbeit nicht im Erraten des unbewußten 
Sinnes eines Symptoms und in dessen Mitteilung an den 
Patienten, sondern im Erkennen und Beheben der Wider- 
stände besteht.^ Im Widerstand drücken sich aber regelmäßig 
zwei Grundelemente aus: erstens enthält jeder Widerstand 
das einer bestimmten analytischen Situation entsprechende 
Verdrängte und gleichzeitig das Verdrängende, welches die 
Abwehr leistet. Zweitens besteht neben diesen speziellen 
Elementen, beziehungsweise Inhalten eine spezielle Form des 
Widerstandes; jeder Widerstand erhält sozusagen von der 
Gesamtpersönlichkeit seinen spezifischen Charakter. Die Ab- 
wehr eines inzestuös unterbauten Übertragungswiderstandes 
hat sowohl bei der Zwangsneurose als auch bei der Hysterie 
denselben Inhalt, aber grundverschiedene Form, die dem 

i) S. Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 1014 CGes 
Schriften, Bd. IV). & s y t v 



zwangsneurotischen, beziehungsweise hysterischen Charakter 
entspricht. Es genügt für die Erledigung der dringendsten 
analytischen Arbeit wohl das Erkennen des Inhalts; die 
Beachtung der Art, wie sich die Persönlichkeit des Patienten 
in seinen Widerständen kundgibt, hat zunächst keine Bedeu- 
tung. Ist man aber einmal über den Standpunkt der reinen 
Symptomanalyse hinausgekommen, hat man einsehen gelernt, 
daß es nicht auf die analytische Beseitigung des Symptoms, 
sondern auf die der neurotischen Reaktionsbasis, das heißt des 
neurotischen Charakters ankommt, wenn man Unfähigkeit zur 
Rezidive, mit anderen Worten, wirkliche Heilung erreichen 
will, so muß auch an Stelle der Symptomanalyse die Charakter- 
analyse treten. Es ist aber noch nicht lange her, daß die 
Charakteranalyse in den Vordergrund der analytischen Arbeit 
gestellt wurde. Es ist auch nicht expressis verbis geschehen.^ 
Ferenczi und Rank^ heben die Wichtigkeit der Analyse 
des neurotischen Agierens besonders hervor. Sie kritisieren 
die bisher fast ausschließlich geübten Methoden der Symptom-, 
beziehungsweise Komplexanalyse; mit der Hervorhebung der 
Notwendigkeit, den Patienten vorwiegend am Agieren zu 
fassen, wird aber der Anschein hervorgerufen, als stellten sie 
das von Freud in therapeutischer Hinsicht immer an erste 
Stelle gerückte Erinnern zurück. Nun ist ja sicher in der 
Analyse der neurotischen Aktionen der Hauptangriffspunkt 
der Charakteranalyse gegeben, sicher in weit höherem Maße, 
als bei der „Erinnerungsanalyse", weil gerade in der Aktion 
Gesamthaltung und Charakterverschrobenheiten am deutlichsten 
zum Ausdruck kommen. Aber die Aktion eignet sich ohne 

i) Mittlerweile erschien die in jeder Beziehung aufschlußreiche Arbeit 
Abrahams: Psychoanalytische Studien zur Charakterbildung (Internat. 
PsA. Bibl. Bd. XVI. 1924), in welcher die „Charakteranalyse" direkt als 
notwendig erachtet wird (s. S. 64). 

2) Entwicklungsziele der Psychoanalyse, 1923 (Neue Arb. z. ärztl.PsA.,Nr.I). 



Der triebhafte Charakter 



darauffolgendes Erinnern, beziehungsweise analytisches Rekon- 
struieren der Aktionsquellen, sehr schlecht zum genetisch- 
analytischen Verstehen, andererseits ist es Erfahrungstatsache, 
daß nichtagierende Patienten trotz tiefgehender Erinnerungs- 
arbeit in therapeutischer Hinsicht zur Unbeeinflußbarkeit neigen. 
Teilstücke einer psychoanalytischen Charakterologie waren 
zuerst gegeben in Freuds^ Aufstellungen über den „anal- 
erotischen Charakter«, die insbesondere von Jones- und 
Abrahams fruchtbar ausgebaut wurden. Hier wurde zum 
ersten Male aufgezeigt, daß primitive Triebkräfte an der Bildung 
von Charaktereigenheiten beteiligt sind: Sparsamkeit, Ordnungs- 
smn, Pedanterie, Reinlichkeitssinn, Trotz usw. wurden als direkte 
nicht neurotische Abkömmlinge der Analerotik erkannt. Das 
Problem, auf welches es ankommt, daß hier eine primitive Trieb- 
kraft in ein neurotisches Symptom, dort in einen Charakterzug 
mündet, steht noch heute offen. Ebenso hängt das wesentliche 
Problem an der Erkenntnis, daß urethralerotische Trieb- 
kräfte hier das neurotische Symptom der Ejaculatio praecox 
(Abraham) und Enuresis nocturna (Freud, Sadger, 
St ekel), mitbedingen, dort den Neid mitkonstituieren, der 
Charakterzug, nicht Symptom zu nennen ist. Dasselbe gilt für 
die Rolle des Sadismus beim zwangsneurotischen Charakter, der 
uns charakterologisch weit durchsichtiger ist, als zum Beispiel 
der hysterische Charakter. Ebenso ist es durchaus unaufgeklärt, 
wieso die universelle Tatsache des Wiederholungszwanges 4 nur 
m bestimmten Fällen als Charakterzug, als Zwang, immer 
wieder gewisse Situationen zu erieben, dominiert, in anderen 
wieder gar nicht die Rolle zu spielen scheint, die ihm seiner 

1) Charakter und Analerotik, 1908 (Ges. Schriften, Bd. V) 

2) Beiträge zur Lehre vom analen Charakter (Int. Ztschr. f. PsA V loiq) 

3) i-rganzungen zur Lehre vom Analcharakter (Int. Ztschr f PsA ix' 
1923) und die soeben erschienene Monographie, I. c. S. 7 ' ' ' 

4) Freud, Jenseits des Lustprinzips, 1920 (Ges. Schriften, Bd VI) 



Einleitung 



biologischen Natur nach zukommen müßte. Es gibt neurotische 
Charaktere ohne neurotische Symptome, es gibt Symptom- 
neurosen, ohne daß der Charakter, die Gesamtpersönlichkeit 
wesentlich pathologisch erschiene. 

AUe diese Probleme gehören in den Bereich einer psycho- 
analytischen Charakterologie, deren methodisches Grundprinzip 
eine vergleichende, analytische Psychologie sein müßte, 
wie es eine vergleichende Embryologie gibt. 

Mochte die wissenschaftliche Genugtuung des ärztlichen Ana- 
lytikers noch so groß sein, Symptome verstehen, einzelne 
Charakterzüge auf ihre Quelle zurückführen und kausale Therapie 
ausüben zu können — man konnte sich niemals über den 
Mangel einer systematischen Charakterologie hinwegtäuschen, 
der um so empfindlicher verspürt wurde, als die therapeutischen 
Erfahrungen eindringlich auf die überragende Bedeutung der 
Charakteranalyse hinzuweisen begannen. 

Den Grundstein einer auszubauenden Charakterlehre auf 
psychoanalytischer Basis erblicken wir in Freuds „Ich und 
Es". Am Eingang zum charakterologischen Verständnis einer 
PersönUchkeit steht die Tatsache der Identifizierung: „Der 
Charakter des Ich (ist) ein Niederschlag der aufgegebenen 
Objektbesetzungen." „Wir haben seither verstanden, daß solches 
Ersetzen (der Objektbeziehung durch die Identifizierung) einen 
großen Anteil an der Gestaltung des Ichs hat und wesentlich 
dazu beiträgt, das herzustellen, was man seinen Charakter 
heißt." Dieser notwendige Entwicklungsprozeß kann sich auch 
pathologisch gestalten: „Nehmen diese (Objektidentifizierungen) 
überhand, werden allzu zahlreich und überstark und mit- 
einander unverträglich, so liegt ein pathologisches Ergebnis 
nahe. Es kann zu einer Aufsplitterung des Ichs kommen, in 
dem sich die "einzelnen Identifizierungen durch Widerstände 
gegeneinander abschließen, und vielleicht ist es das Geheimnis 



lO Der triebhafte Charakter 

der Falle mit sogenannter multipler Persönlichkeit, daß 
die einzelnen Identifizierungen alternierend das Bewußtsein an 
sich reißen. Auch wenn es nicht so weit kommt, ergibt sich 
das Thema der Konflikte zwischen den verschiedenen Identi- 
fizierungen, in die das Ich auseinanderfährt, Konflikte, die 
endlich nicht durchwegs als pathologische bezeichnet werden 
können. " 

Freud unterscheidet dann zwischen Ich und Über-Ich (Ich- 
ideal), indem das Über-Ich das eigentliche Ersatzprodukt der 
Objekte darstellt und das Ich sich dem Über-Ich ebenso unter- 
wirft, sich ihm ebenso als Liebesobjekt anträgt, wie es sich 
seinerzeit den Eltern gegenüber verhielt. Das Über-Ich hat aber 
ein „Doppelangesicht«: es heißt nicht nur: „So (wie der Vater) 
sollst du sein", es umfaßt auch das Verbot: „So (wie der 
Vater) darfst du nicht sein, das heißt nicht alles tun, was 
er tut; manches bleibt ihm vorbehalten." Damit hat uns Freud 
den Rahmen für weitere Detailarbeit geschaffen. Insbesondere 
ist die Frage nach dem Einfluß der erogenen Zonen auf die 
Ichidealbildung in „Ich und Es" offengelassen worden. Sie hängt 
mit der Frage nach der spezifisch-erogenen Objekt- 
beziehung aufs innigste zusammen. 

Es muß von einschneidender Bedeutung für die endgültige 
Gestaltung des realitätstüchtigen und pathologischen Cha- 
rakters sein, 

i) welche Haltungen der elterlichen Persönlichkeit sich das 
Kind fl) als bejahendes und b) als verneinendes Ichideal ein- 
verleibt, 

2) ob die Ichidealbildung beim Knaben vorwiegend nach 
dem Vater- oder nach dem Muttertypus erfolgt (dasselbe 
gilt für das Mädchen) und wie das Vorbild für das Ichideal 
beschaffen war. Es kann 

3) auch nicht gleichgültig sein, in welchem Stadium der 



Einleitung 



libidinösen Entwicklung eine wirksame Identifizierung 
erfolgt. In der zeitlich zu bestimmenden Wechselwirkung 
zwischen Sexualentwicklung und Ichentwicklung muß die 
spezifische Determinierung der Charakterform zu suchen sein^ 
(zum Beispiel eine wirksame Identifizierung in der genitalen 
oder analen Phase), 

^) Wir kennen auch die Bedingungen nicht, unter welchen 
die^Realisierung der Ichidealforderungen erfolgt; denn 
neben dem Real-Ich, welches die Summe der realisierten 
Ichidealforderungen darstellt, dem So-sein, besteht noch eine 
Reihe von nicht reaUsierten Ichidealforderungen (So-sein- 
w ollen). Und wir wissen, daß die Spannung zwischen So-sein 
(Real-Ich) und So-sein-wollen, beziehungsweise So-nicht-sein- 
dürfen (Über-Ich) an der Wurzel so mancher Erkrankung 
steht. Und 

j) ist zu erwägen, daß ja ein primitives „Lust-Ich" schon 
vor aller Identifizierung vorhanden ist, welches diese vollzieht, 
und daß seine Stellungnahme zur Identifizierung für deren 
Erfolg ausschlaggebend sein muß. 

Wenn sich auch die hier kurz skizzierte Problematik ein- 
deutig aus der charakterologischen Betrachtung jeder Analyse 
ergibt, so sind die Schwierigkeiten, ihr an milden Übertragungs- 
neurosen auch nur einigermaßen näher zu kommen, sehr große. 
Dazu eignen sich am besten solche Fälle, welche grobe Defekte 
der Ichstruktur aufweisen, jene Menschen, welche in stetem 
Kampfe mit der Außenwelt stehen und sich so ausnehmen, als 

i) Schon in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie* schreibt 
Freud (Ges. Schriften, Bd. V., S. 117): ,Es kann nicht gleichgültig sein, 
ob eine gewisse Strömung früher oder später auftritt als ihre Gegen- 
strömung . . . eine zeitUche Abweichung in der Zusammensetzung der 
Komponenten ergibt regelmäßig eine Änderung des Resultates." Es käme 
also jetzt darauf an, typische Abweichungen vom normalen Ablauf der 
zeitlichen Entwicklung zu finden und sie zu bestimmten pathologischen 
Resultaten in Beziehung zu bringen. 



wären sie über die ersten Stadien der Identifizierung, beziehungs- 
weise Über-Ich-Bildung nie hinausgekommen. Diese unter einem 
typischen Wiederholungszwa^g stehenden Neurotiker, die 
Asozialen, die zeitweise KrimineUen, die systematisch ihr 
eigenes Dasein Erschwerenden und Vernichtenden, die auch 
im Ich vollkommen infantil Gebliebenen sind für das Studium 
der Ichidealbildüng in statu nascendi am besten geeignet. Sie 
geben uns auch wertvolle Anhaltspunkte zum analytischen 
Verständnis der milderen Charakteranomalien, stellen sie doch 
nur grobe Verzerrungen der letzteren dar. Diese ungehemmten 
Triebmenschen bilden eine eigene Kategorie, der von psycho- 
analytischer Seite bisher nur Alexander^ und Aichhorn- 
ausführlicher nähergetreten sind. Daß sie also sozusagen noch 
psychoanalytisches Neuland bilden, kann wohl nur darauf 
zurückzuführen sein, daß sie sich für ambulatorische Behandlung 
gewöhnlich schlecht eignen, meist keine wirksame Krankheits- 
einsicht haben und, wenn sie in der Analyse Fuß fassen, das 
feine Instrument der Analyse schwer gebrauchen lernen. Auf 
alle diese Punkte wird noch speziell eingegangen werden. Das 
mir zur Verfügung stehende Krankenmaterial rekrutiert sich 
zum größten Teile aus schweren Charakterneurosen, die ich 
im Wiener psychoanalytischen Ambulatorium zur Behandlung 
vorsätzhch Wählte. Auf gedrängte Darstellung einiger Kranken^ 
geschichten kann ich, um Mißverständnissen zu begegnen, nicht 
verzichten, wenn mir auch klar ist, daß alle Mängel gekürzter 
psychoanalytischer Krankengeschichten auch diesen anhängen. 
Ihre Publikation ist um so mehr gerechtfertigt, als schon die 
bloße Darstellung des Eriebens dieser Kranken ohne die übliche 
Interpretation geeignet sein wird, das WesenÜichste und für 
sie Spezifische dem Analytiker zu eröffnen. 

1) Kastrationskomplex und Charakter (Int. Ztschr. f. PsA., Bd Vffl 1022) 

2) Über die Erziehung in Besserungsanstalten (Imago, 1923). ^ ^" 



Einleitung 13 



Unser Versuch, bewegt sich demnach gleichzeitig in zwei 
Richtungen, die schließhch konvergieren werden: der speziellen 
Erörterung eines bisher psychoanalytisch wenig gewürdigten 
Krankheitsbildes, das wir mit Alexander den „triebhaften 
Charakter" nennen, werden Untersuchungen über die Charakter- 
bildung an Hand dieses Materials parallel laufen. Wir streben 
keineswegs eine systematische Darstellung an. Eine solche kann 
in der induktiven, empiristischen Methode der Psychoanalyse 
nie gegeben sein. Wir werden uns bescheiden müssen, auf 
einige typische Fehlentwicklungen in der Charakterbildung 
hinzuweisen, wobei wir die besser bekannten Mechanismen der 
sexuellen Entwicklung zur Basis machen werden. 



n 

Allgemeines über den neurotischen und trieb- 
haften Charakter 

Wenn man an psychoanalytisch wenig erforschtes Gebiet 
herantreten will, so tut man gut daran, sich an bereits gründ- 
lich verstandene Phänomene seelischer Störungen zu halten. 
Man darf dabei von der Voraussetzung ausgehen, daß es, wie 
die Psychoanalyse deutlich demonstriert hat, keine scharfen 
Grenzen zwischen den einzelnen Krankheitstypen und Krank- 
heitserscheinungen, ja nicht einmal solche zwischen „Normalem" 
und „Krankem" gibt. Der Zugang vom Normalen her ist von 
vornherein schon deshalb verfehlt, weil uns der seelische 
Normalzustand, sofern es ihn überhaupt gibt, in seiner Dynamik 
und Genese weit mehr Problem ist, als die gutbekannten 
Mechanismen zum Beispiel des hysterischen Symptoms. Ver- 
sucht man trotzdem zu differenzieren, Krankheitsbilder und 
Krankheitstypen untereinander und vom „Gesunden" zu trennen, 
so tut man es mit gutem Rechte auf Grund der Tatsache, daß 
sich aus verschiedenen Zusammensetzungen der seelischen 
Konfliktstoffe verschiedene führende Mechanismen ergeben, 
welche ihrerseits dieses und jenes Krankheitsbild sowie den 
Normalzustand konstituieren. Daß eine bestimmte Zusammen- 
setzung gerade Realitätstüchtigkeit bedingt (und wir können 
derzeit unter seeHscher Gesundheit nichts anderes verstehen), 
ist Sache konventioneller Wertung, die wir, in eine kulturelle 




Allgemeines über den neurotisdien und triebhaften Charakter 15 



Gemeinschaft' hineingestellt, ihren Forderungen entlehnen. 
Anders ist es, wenn wir Beziehungen zwischen den einzelnen 
Krankheitsformen herstellen. Es ist an sich gleichgültig, ob wir 
sagen, der neurotische Chai-akter, der triebhafte Charakter, 
die Psychopathie, sei ein Grenzzustand zwischen Gesundheit 
und Psychose, wie es die klinische Psychiatrie im allgemeinen 
annimmt, oder daß „jeder neurotische Charakter den Keim 
einer bestimmten Neurosenform in sich trägt" (wie es bei 
Alexander heißt), er also gewissermaßen einen Grenzzustand 
zwischen Gesundheit und Neurose darstellt. Es kommt auf den 
Standpunkt an, von dem wir an die Frage herantreten, und 
auf den Gewinn, den wir uns bei solcher Ordnung erhoffen. 
Wir legen also kein besonderes Gewicht auf den Standpunkt, 
welchen wir in dieser Arbeit einnehmen, daß nämlich der 
triebhafte Charakter in Bezug auf gewisse spezifische Mecha- 
nismen zwischen Symptomneurose und Psychose steht. — 
Alexander führt aus, daß neurotische Charaktere Menschen- 
typen sind, „die an keinen ausgesprochenen Krankheits- 
erscheinungen leiden, sondern im Leben auffallend triebhaft, 
häufig sogar zwanghaft handeln, besonders stark unter der 
Herrschaft der unbewußten Tendenzen stehen" und daß „ein 
Teil der neurotischen Charaktere, gewisse triebhafte Verbrecher- 
typen . . . offenbar an Mangel . . . (der) Abwehrreaktionen" 
leiden. Alexander weist mit Recht auf das Auftreten von 
passagferen Symptomen bei solchen Kranken hin, wenn sie in 
der Analyse unter die Herrschaft der Versagung kommen, und 
wirft die Frage auf, „ob der Druck des krankheitsverursachen- 
den Moments — die Libidostauung — nicht genug groß 
ist, um in neuen Bahnen, in Symptomen abgeführt zu werden, 
oder ob die Abwehrreaktion des Organismus — die Ver- 
drängung — nicht ausgiebig genug ist, um die realen 
Befriedigungen ganz zu versperren." 



L 



Das Problem ist in dieser Form nicht ganz richtig gestellt. 
Man stößt in der Analyse des triebhaften Charakters auf 
Amnesien, die in nichts der typischen hysterischen Amnesie 
nachstehen. Andere Verdrängungsmechanismen, wie zerrissene 
Zusammenhange genetisch zueinander gehörender Erlebnis- 
stücke, verschobenes Schuldgefühl, reaktive Abwehr destruktiver 
Tendenzen sind beim triebhaften Charakter zumindest ebenso 
intensiv, wie bei der Zwangsneurose. Wir werden dies später 
an einigen Beispielen aufzeigen. Von einer Schwäche der 
einzelnen Verdrängungen kann also nicht gesprochen werden, 
wir werden aber gerade die Frage, was denn die mangelhafte 
Abwehr bedingt, in das Zentrum der Abhandlung stellen und 
zu untersuchen haben, was am Verdrängungsmechanismus 
defekt ist, so daß Aktionen möglich werden, die bei der 
einfachen Symptomneurose niemals den Zugang zur Motilität 
erlangen. 

Was die Bemerkung Alexanders anbelangt, „daß jeder 
neurotische Charakter den Keim einer bestimmten Neurosen- 
form in sich trägt«, so ist dazu zu sagen, daß es wohl ganz 
vereinzelte Fälle gibt, welche kein einziges umschriebenes 
neurotisches Symptom aufzuweisen haben. So gehört auch der 
von Alexander publizierte Fall zu den symptomlosen 
Charakterneurosen. Aber die weitaus überwiegende Mehrzahl 
der triebhaften Charaktere zeigt neben der meist nicht als 
krankhaft empfundenen Triebhaftigkeit Symptome aller Art, 
wie Phobien, Zwangshandlungen und -zeremonielle, Zwangs- 
grübeleien, besonders aber kommen bei weiblichen Charakter- 
neurosen alle bekannten Formen des Konversionssymptoms vor. 
Gerade die Symptomatologie solcher Kranker ist durch das 
Groteske der Symptome charakterisiert, wir möchten sagen, 
sie seien pathologische Verzerrungen der „gut bürgerlichen" 
Symptome. Wie banal und ungefährlich erscheint der Zwangs- 




Allgemeines über deü neurotisdien und triebhaften Charakter YJ 

gedanke des einfachen Symptomneurotikers, sein Kind oder 
seinen Freund umzubringen, neben dem Zwangsimpuls des 
Triebmenschen, sein Kind langsam mit einem Kienspan zu 
rösten. Man kann es nicht mehr einen Zwangsimpuls nennen 
(trotz der ähnlichen Struktur), wenn eine meiner Patientinnen 
ihr größtes Vergnügen darin findet, alles im Hause zu ver- 
brennen und ihrem Kinde mit einem brennenden Zündholz 
um den Leib zu fahren. Wie milde erscheint die passive 
Kastrationstendenz eines Patienten, der an zwanghaftem Ver- 
lieren und Verlegen von Gebrauchsgegenständen leidet, neben 
der Zwangshandlung einer Patientin, die als Bedingung des 
onanistischen Orgasmus abundante Blutungen aus dem Genitale 
aufgestellt und sich mit dem Stiel eines Messers an der Cervix 
schwere Verletzungen und schließlich eine Gebärmuttersenkung 
beigebracht hat. An umschriebenen neurotischen Symptomen 
lassen es also solche Patienten nicht fehlen, dazu kommt aber 
ein der einfachen Symptomneurose fehlendes Plus, welches 
nicht nur den Unterschied gegen die klassische Konversions-, 
Angsthysterie und Zwangsneurose ausmacht, sondern einen 
beträchtlichen Teil triebhafter Charaktere in bedenkliche Nähe 
zur Schizophrenie bringt. In der Anamnese Schizophrener 
sind derart groteske Triebhandlungen nicht selten und wir 
werden später an einem Falle sehen können, wie schwer es 
auch nach monatelanger psychoanalytischer Behandlung ist, 
sich für die Diagnose Schizophrenie oder Übertragungsneurose 
zu entscheiden. 

In einem wesentlichen Punkte unterscheiden sich aber die 
Fälle, auf welche ich mich stütze, von dem Alexanders, so 
daß die verschiedene Beurteilung ihren guten Grund gewinnt. 
Wir sprechen von triebhaftem Charakter immer dann, wenn 
vom Wiederholungszwang diktierte Aktionen und Verhaltungs- 
weisen gegen die Außenwelt den Charakter beherrschen. Es 

Reich, Der triebhafte Cliarakter. 2 



I8 Der triebhafte Charakter 

wird nun darauf ankommen, ob die Aktionen durch primitive 
Tendenzen in unverhüllter Form repräsentiert werden oder 
weitgehende sekundäre Bearbeitung und Verstellung erfuhren. 
Der Fall Alexanders zeichnete sich dadurch aus, daß aus 
einem tiefen Strafbedürfnis heraus immer wieder solche Freunde 
(unbewußt) gewählt wurden, welche ihn um sein Geld betrogen, 
bis er schließlich materiell und seelisch zusammenbrach. Er 
gehört zu jenen Menschen, über die Freud in „Jenseits des 
Lustprinzips" schreibt: „Der Zwang, der sich dabei äußert, ist 
vom Wiederholungszwang der Neurotiker nicht verschieden, 
wenngleich diese Personen niemals Zeichen eines durch Symptom- 
bildung erledigten neurotischen Konfliktes geboten haben. So 
kennt man Personen, bei denen jede menschliche Beziehung 
den gleichen Ausgang nimmt: Wohltäter, die von jedem ihrer 
Schützlinge nach einiger Zeit im Groll verlassen werden, so 
verschieden sie sonst auch sein mögen, denen also bestimmt 
scheint, aUe Bitternisse des Undanks auszukosten ; Männer, bei 
denen jede Freundschaft den Ausgang nimmt, daß der Freund 
sie verrät; . . . Liebende, bei denen jedes zärtliche Verhältnis 
zum Weibe dieselben Phasen durchmacht und zum gleichen 
Ende führt usw. Wir verwundern uns über 'diese ,ewige 
Wiederkehr des Gleichen' nur wenig, wenn es sich um ein 
aktives Verhalten des Betreffenden handelt und wenn wir den 
sich gleichbleibenden Charakterzug seines Wesens auffinden, 
der sich in der Wiederholung der nämlichen Erlebnisse äußern 
muß. Weit stärker wirken jene Fälle auf uns, bei denen die 
Person etwas passiv zu erleben scheint, worauf ihr ein Einfluß 
nicht zusteht, während sie doch immer nur die Wiederholung 
desselben Schicksals erlebt." Unsere Fälle weisen denselben 
„dämonischen Zug in ihrem Wesen" auf, doch ist das triebhaft 
Agierte und Erlebte primitiv und mit unverhüllten maso- 
chistischen, sadistischen, analen, oralen und ähnlichen Antrieben 



Allgemeines über den neurotisdien und triebhaften Charakter IQ 

durchsetzt. Es mag also Fälle triebhaften Charakters geben, 
für welche unsere Frage nach der Natur des Verdrängungs- 
defektes nicht zutrifft und die eine andere Dynamik des 
psychischen Konfliktes aufweisen. 

Schon jetzt kristallisieren sich drei Fragen heraus, welche 
uns im Folgenden beschäftigen werden: 

I.) Welche dynamischen Gleichheiten und Verschiedenheiten 
charakterisieren die Beziehung des triebhaften Charakters zur 
einfachen Übertragungsneurose? 2.) Gibt es für den triebhaften 
Charakter spezifische Defekte des Verdrängungsmechanismus? 
Und an diese Frage eng anschließend die ^.^, ob, wenn solche 
spezifische Defekte der Verdrängung existieren, sie nicht Be- 
ziehungen zum Defekt der Schizophrenie haben: dadurch 
träten wir auch dem Verständnis der allgemeinen psychiatri- 
schen Konstatierung näher, daß „Psychopathien" zum Teil 
„unentwickelte Vorstufen wirklicher Psychosen" (Kraepelin^), 
insbesondere der Schizophrenie sind oder zumindest in sehr 
naher Beziehung zu ihnen stehen. 

Allerdings ist unser Begriff des triebhaften Charakters viel 
enger, als der in der psychiatrischen Literatur übliche der 
„Psychopathie". Er wird hier zumeist überdehnt und es werden 
psychopathisch vielfach auch noch Erscheinungen genannt, 
welche wir als Symptome innerhalb einer sonst geordneten 
Persönlichkeit finden. Aber auch dort, wo der Begriff der 
Psychopathie enger gehalten wird, wird Heterogenstes dar- 
unter verstanden, weil genetische Gesichtspunkte fehlen. Auch 
Bleuler^ hält jeden deskriptiven Abgrenzungsversuch mit 
Recht für verfehlt. Es kann sich doch nur um Untersuchungen 
führender Mechanismen handeln. So schreibt Bleuler: 
„Die hierher gehörenden Krankheitsbilder haben weder unter- 

i) Kraepelin: Klinische Psychiatrie. Leipzig, 1916. 
2) Lehrbuch der Psychiatrie. Leipzig, igi8. 



20 Der triebhafte Charaktef 



einander noch gegen das normale hin scharfe Grenzen ... ich 
möchte sagen Grenzen überhaupt; von welchem Grad der 
Intensität und der Häufung an man den Psychopathen als 
krank bezeichnen will, ist willkürlich. Von der Gruppe aus gibt 
es breite Übergangs- und Mischzonen zu allen nervösen Krank- 
heiten, namentlich auch zur Hysterie. Paranoide Veranlagung 
braucht nicht in jedem Falle zur Paranoia zu führen. Symptome 
der verschiedenen Bilder können beim nämlichen Patienten sich 
mischen ... namentlich fehlen affektive Abnormitäten und 
neurotische Erscheinungen fast nie ..." Bei solcher Beurteilung 
der Psychopathie ist es begreiflich, daß die Einteilung, welche 
Bleuler selbst trifft, nämUch in Erregbare, Haltlose, Trieb- 
menschen, Verschrobene, Lügner und Schwindler, Gesellschafts- 
feinde und Streitsüchtige, gerade noch zur vorläufigen Orientierung 
taugt. Der Grundfehler aller solcher Einteilungsversuche ist 
der, daß man ein gerade hervorstechendes Merkmal zum 
Kriterium einer Gruppe macht und darüber übersieht, daß 
zum Beispiel jeder Triebmensch im Sinne Bleulers ebenso 
haltlos wie verschroben, der Verschrobene gesellschaftsfeindlich 
ist und deshalb auch streitsüchtig sein muß. Diese Einteilung 
Bleulers ist der Kraepelins entlehnt, doch hat Bleuler 
die Beziehung mancher Formen der Psychopathie zur Psychose 
schärfer herausgearbeitet. Auch Liepmann^ definierte die 
Psychopathien als „krankhafte Abweichungen vom psychischen 
Normalzustande, welche nach ihrer Ausprägung noch nicht in 
die Kategorie vollentwickelter Psychosen gehören, weil die 
schwereren Symptome der letzteren . . . fehlen." 

Die nahe Verwandtschaft der Psychopathien mit Psychosen, 
insbesondere der Dementia praecox, ist besonders jenen Autoren 
aufgefallen, die den Begriff der Psychopathie nicht so weit 

i) Die Beurteilung psychopathiseher Konstitution (sogenannter psychischer 
Minderwertigkeit). Ztschr. f. ärztl. Fortbildung. Bd. 9. 1912. 



Allgemeines über den neurotisdien und triebhaften Charakter 21 

Spannten, daß er auch jene seelischen Erkrankungen umfaßte, 
welche zur unkomplizierten Hysterie und Zwangsneurose 
gehören. So scheiden Kraepelin und Bleuler zum Beispiel 
auch die Neurasthenie von der Psychopathie, während bei 
Schneider^ die Neurasthenie unter dem Bilde der selbst- 
unsicheren, stimmungslabilen und asthenischen Psychopathen 
beschrieben wird. Kraepelin bezeichnet einen Teil der 
Psychopathen als „ unentwickelte Vorstufen wirklicher Psychosen " , 
andere wieder als „mißratene Persönlichkeiten, deren Aus- 
bildung durch ungünstige Vererbungseinflüsse, Keimschädigungen 
oder sonstige früheinwirkende Hemmungen gestört worden sind. 
Wenn sich dabei ihre Mängel im wesentlichen auf das Gemüts- 
leben und die Willensanlage beschränken, bezeichnen wir sie 
als Psychopathen". Mit Bezug auf die Psychose fand D i ck h o f f=, 
daß sich insbesondere Hebephrenie, Dementia paranoides und 
Paranoia aus psychopathischen Eigentümlichkeiten heraus ent- 
wickeln. „Einige Psychosen ruhen ganz (Paranoia simplex) 
oder zu einem wichtigen Teile auf der Weiterentwicklung 
psychopathischer Minderwertigkeit." „Bei psychopathischen 
Minderwertigkeiten höheren Grades kommen mit oder ohne — 
seltener — äußere Veranlassung kürzere oder längere Psychosen 
verschiedener Art vor, die wenig Gesetzmäßigkeiten in Verlauf 
und Erscheinungsform bieten. Die Prognose für die einzelne 
Erkrankung ist im allgemeinen eine gute, doch ist die Wahr- 
scheinlichkeit weiterer Anfälle von Geistesstörung eine hohe." 
Einige Autoren, wie Birnbaum,^ Gaupp,* Mezger,s 
fassen den Begriff der Psychopathie sehr weit, letzterer zum Bei- 

i) Die psychopathischen Persönlichkeiten. Wien, 1923. 

2) Die Psychosen bei psychopathisch Minderwertigen (Allg. Ztschr. 
f. Psych. 1898). 

3) Über psychopathische Persönlichkeiten. Wiesbaden, 1909. 

4) Über den Begriff d. psychopath. Konstitution (Z. f. ärztl. Fortbildg,, 1917). 

5) Die abnorme Charakteranlage (Arch. f. Krim. Anthr., 1912). 



22 Der triebhafte Charakter 

spiel spricht schon „jede Abweichung vom tatsächlichen Normal- 
typus, jede Abnormität ... als krankhaft, als pathologisch" an. 



Wir gebrauchten bisher wahllos die Bezeichnungen „trieb- 
hafter Charakter«, „neurotischer Charakter", „Charakterneurose", 
müssen uns aber nunmehr zu einer reinlichen Terminologie 
bequemen, was angesichts der Unbestimmtheit des „Charakters" 
überhaupt nicht leicht fallen kann. Wir werden dabei trachten 
müssen, zwischen Scylla und Charybdis ohne Schaden hindurch- 
zukommen. Wir wollen einerseits nicht in den Fehler ver- 
fallen, der bei Diskussionen lebendigen Geschehens in der 
offiziellen Wissenschaft leider allzuoft begangen wird: 
nämlich über terminologischen Diskussionen die lebendige 
Erscheinung aus den Augen zu verheren. Andererseits müssen 
wir es vermeiden, was ebensooft geschieht, durch dilettan- 
tische Terminologie eine Verwirrung anzurichten, die jedem 
Mißverständnis Tür und Tor offen läßt. Wenn wir ganz unver- 
bindlich, nur als Grundlage für unsere Erörterung, den Cha- 
rakter eines Menschen als die für dieses Individuum spezifische 
Erscheinungsform seiner psychischen Haltung zur Umwelt 
definieren, die ihrerseits von Disposition und Erlebnis im Sinne 
der Freud sehen „Ergänzungsreihe" eben in ihrer Spezifität 
bestimmt ist, so wird uns als neurotischer Charakter derjenige 
imponieren, welcher mehr oder weniger grobe Abweichungen 
aufweist in Bezug auf reaUtätsgerechte Zielstrebigkeit, in 
sexueller und kultureller Hinsicht und in Bezug auf soziale 
Anpassungsfähigkeit. Als gemeinsames Merkmal aller Formen 
neurotischer Charaktere kann die Zerrissenheit und Wider- 
sprochenheit im Erleben angesehen werden, daher auch die 
Unabgeschlossenheit in Handlung und Einstellung. Von der 
Psychoanalyse her wissen wir, daß diese Merkmale Konse- 



Allgemeines über den neurotisdien und triebhaften Charakter 23 



quenzen einer gestörten Entwicklung sind, daß ganze Stücke 
der Persönlichkeit zurückblieben, auf früheren Entwicklungs- 
stufen durch Fixierungen festgehalten wurden. Und wir treffen 
wohl die unverbindlichste und nach unserem heutigen Wissen 
prägnanteste Unterscheidung zwischen neurotischem Symptom 
und neurotischem Charakter, wenn wir sagen, das umschriebene 
neurotische Symptom entspräche direkt den Teils tücken 
der hier öder dort fixierten Persönlichkeit, während der neu- 
rotische Charakter immer ein Ausdruck der dieser Fixierung 
entsprechenden Gesamthaltung ist. Eine Fixierung (und 
der daraus resultierende psychische Konflikt) würde also 
immer gleichzeitig zwei Ausdrucksweisen finden: das 
dieser Fixierung speziell entsprechende neurotische 
Symptom (zum Beispiel ein hysterisches Erbrechen als 
Ausdruck der oralgenitalen Fixierung) und den neuroti- 
schen Charakter, der jener Störung entspräche, welche 
durch die Teilfixierung in der Gesamtpersönlichkeit hervor, 
gerufen wurde. Müssen wir doch folgerichtig annehmen, daß 
auch an sich unbedeutendste Teilfixierungen die übrige Per- 
. sönlichkeit nicht unangetastet lassen. So baut sich jedes neu- 
rotische Symptom über einem neurotischen Charakter auf. Wir 
dürfen dann von einem hysterischen und zwangsneurotischen 
(eventuell schizoiden) Charakter sprechen, dem die Symptome 
aufsitzen, wie die Gipfel einem Bergmassiv. Der neurotische 
Charakter ist durch das Stadium, in welchem die Entwicklungs- 
hemmung vorfiel, ebenso in seinen Besonderheiten determiniert, 
wie das neurotische Symptom. Der Zwangsneurotiker, welcher 
wegen seines Impulses, den Freund mit einem Messer von 
hinten zu erstechen, die Analyse aufsucht (zwangsneurotisches 
Symptom), weist dann auch den zwangsneurotischen Charakter 
auf: er ist pedantisch rein, ordnungsliebend, übergewissenhaft. 
Sowohl die Charaktereigenheiten als auch das Symptom tragen 



24 Der triebhafte Charakter 



die Merkmale der sadistisch-analen Stufe an sich. Der Ausdruck 
„triebhafter Charakter" kann dann nur eine spezielle 
Form des neurotischen Charakters meinen, nämlich eine 
Störung der Gesamtpersönlichkeit, welche gekenn- 
zeichnet ist durch mehr weniger ungehemmtes Agieren. 
Und wie wir zwischen neurotischem Symptom und neurotischem 
Charakter unterschieden, so müssen wir jetzt die Zwangs- 
handlung als unhemmbare zwanghafte Aktion vom triebhaften 
Charakter trennen. Während erstere nämhch wie abgekapselt, 
als Fremdkörper inmitten einer sonst geordneten Persönlichkeit 
erscheint und von ihr verurteilt wird, ist das Triebhafte einer 
neurotischen Persönlichkeit das Attribut ihrer Gesamtheit und 
wird daher auch meist, von hellen Augenblicken abgesehen, 
nicht als krankhaft eingesehen. Die triebhaften Impulse sind 
meist diffus, nicht immer auf spezielle Gegenstände gerichtet, 
nicht an bestimmte Situationen gebunden, sowohl in der Art 
als auch Intensität meist wechselnd, von Milieuverhältnissen 
durchaus abhängig; eine Unfreiheit, die im Gegensatz steht 
zur starren und von äußeren Umständen meist unabhängigen 
zwangsneurotischen Handlung. Die Beziehung des triebhaften 
Charakters zur Außenwelt ist im allgemeinen viel deutlicher, dem 
Sinne nach viel leichter zu erfassen als die des zirkumskripten 
neurotischen Symptoms. Die triebhaften Impulse erscheinen 
nie so sinnlos, wie die zwangsneurotischen, sie sind durch 
Rationalisierungen in weit höherem Maße motiviert, als die 
letzteren. 

Die Grenze gegen die Schizophrenie, insbesondere gegen 
die paranoide und katatone Form, ist in manchen Fällen ebenso 
verwischt, wie gegen die klassische Übertragungsneurose. Was 
manche besonders krasse Formen von der ausgesprochenen 
Schizophrenie noch trennen läßt, ist eine überaus lebhafte, sehr 
häufig den Anschein des Übertriebenen erweckende Beziehung 



Allgemeines über den neurotisdien und triebhaften Charakter 25 

zur Außenwelt. Bei einigen Fällen, die auf der Wiener 
psychiatrischen Klinik^ zuerst als „psychopathisch-minder- 
wertige" Durchgeher, Lügner oder streitsüchtige Querulanten 
diagnostiziert wurden, traten dann ausgesprochene Größen- und 
Verfolgungsideen auf, so daß die Übertriebenheit der Beziehungen 
zur Außenwelt nur als reaktive Abwehr gegen die Regression 
zum Autismus aufgefaßt werden konnte. Ferner fehlt die 
typische schizophrene Spaltung der Persönlichkeit, sie ist aber 
durch weitgreifende Depersonalisationszustände ersetzt, die bei 
keinem meiner hierhergehörigen Fälle fehlten. Die Depersonali- 
sation kann aber nicht als stichhältiges Kriterium erachtet 
werden, weil, wie Nunberg^ mit Recht hervorhebt, jede 
seelische Erkrankung mit Depersonalisationszuständen als Aus- 
druck der Libidoablösung einsetzt. Allerdings sind die Ent- 
fremdungsgefühle, sei es in Bezug auf die Außenwelt, sei es in 
Bezug auf den eigenen Körper, bei reinen Übertragungsneu- 
rosen selten so auffallend und kraß, wie bei den triebhaften 
Charakteren oder der Schizophrenie. Einer meiner Fälle, über 
den ich später ausführlich berichten werde, hatte dem äußeren 
Anscheine nach ausgesprochen stuporöse Zustände, die einige 
Wochen lang je zwischen der Samstag- und der Montag- 
sitzung anhielten. Sie saß am Sofa zusammengekauert in ihrem 
Zimmer, hatte die Türe zugesperrt, aß nichts und sprach mit 
niemand. Solche Zustände traten immer dann auf, wenn sie 
einen Chok in der Analyse erfahren hatte, wenn die Über- 
tragung zu wanken schien. 

Des weiteren fehlen Größen- und Verfolgungsideen, wenn 
auch Beziehungsideen 3 nicht selten sind, die aber ihrem Aufbau 

i) Diese Gelegenheit sei gern ergriffen, um Herrn Hofr. Prof. Wagner- 
Jauregg großen Dank auszusprechen, daß er mir Gelegenheit gab, das 
reiche Beobachtungsmaterial der Klinik zu studieren. 

2) Über Depersonalisation (Internat. Zschr. f. PsA., Bd. X, 1924). 

3) S. Kretschmer: Der sensitive Beziehungswahn. Berlin, 1918. 



36 Der triebhafte Charakter 

nach der Idee des Zurückgesetztseins entsprechen und auch 
der einfachen Übertragungsneurose eigentümHch sind. FreiHch 
steigert sie sich beim triebhaften Charakter häufig zu querula- 
torischem Wahn. Die Realitätsprüfung, die Beurteilung der Ich- 
grenze, ist unangetastet, wenn auch in Einzelheiten durch 
Affekte getrübt. 

Nur in dreien meiner Fälle triebhaften Charakters waren 
während der Analyse eine Zeit lang akustische und visuelle 
Halluzinationen aufgetreten. In dem einen Falle handelte es 
sich um Halluzinationen während eines hysterischen Dauei*- 
zustandes, im anderen um solche, während eines jäh durch- 
gebrochenen Angstaffektes, im dritten um eine akute paranoide 
Phase. Wenn auch insbesondere akustische Halluzinationen bei 
hysterischen Psychosen häufig sind, so muß ich doch darauf 
hinweisen, daß der ersterwähnte Fall, dessen Analyse wegen 
eines anhaltenden Dämmerzustandes aufgegeben werden mußte, 
sehr an Schizophrenie denken ließ und auch die Konsiliarien 
dieses Falles (Doz. Dr. Schilder und Dr. jekels) die 
Diagnose einer Schizophrenie trotz des typischen hysterischen 
Bildes nicht auszuschließen wagten. Wir dürfen ja nach den 
neuesten psychiatrischen Arbeiten über den „schizoiden Formen- 
kreis", insbesondere Kretschmers' und Bleulers^ annehmen, 
daß die schizoide Hysterie, wenn sie in hysterische Spaltung 
der Persönlichkeit im Dämmerzustand verfällt,3 latente schizo- 
phrene Mechanismen aktiviert. Wer wie wir auf dem Stand- 
punkt steht, daß die Schizophrenie nicht qualitativ (im Sinne 
ihrer organischen Natur) von Hysterie und Zwangsneurose zu 
trennen ist, wird auch stets die Möglichkeit offen lassen können, 
daß eine Hysterie oder Zwangsneurose unter bestimmten, 

i) Körperbau und Charakter. 

2) Schizoidie und Syntonie (Ztschr. f. d. ges. Psych, u. Neur., 1923). 

3) Reich: Eine hysterische Psychose in statu nascendi (Erscheint dem- 
nächst in der Int. Ztschr. f. PsA.). 



Allgemeines über den neurotisdien und triebhaften Charakter 2/ 

heute noch völlig dunklen Umständen, in eine Schizophrenie 
umschlagen kann. 

Mit der defektuösen Verdrängung hängt es auch zusammen, 
daß bei den triebhaften Charakteren unverhüllte Perver- 
sionen fast zur Regel gehören, insbesondere solche des sadistisch- 
masochistischen Bereiches. Diese besondere Affinität zum 
Bereiche der Destruktionstriebe Freuds werden wir, völlig 
in Anlehnung an seine Untersuchungen über das Über-Ich 
(Ichideal), als Ausdruck einer gestörten Über-Ich-Entwicklung 
kennen lernen. 

Der Diskussion spezifischer Entwicklungsstörungen beim 
triebhaften Charakter schicken wir eine kurze Abhandlung 
über typische charakterneurotische Störungen, wie sie bei jeder 
Symptomneurose vorkommen, voraus, um die wichtigen 
Differenzen klarer hervortreten zu lassen. Ganz allgemein 
kommt es uns darauf an, die Dynamik des triebgehemmten 
Charakterneurotikers mit der des triebhaften Charakters 
zu vergleichen. ' 



in 

Ambivalenzkonflikt und Uber-Ich-Bildung beim 
triebgehemmten Charakter 

Wir haben durch Fr eu d verstehen gelernt, wie all das, was 
wir Kultur und Zivilisation nennen, auf Triebunterdrückung 
in erster, auf Triebsublimierung in zweiter Linie beruht. Der 
kulturelle Fortschritt der Menschheit vom Primitiven bis zum 
Durchschnitt des heutigen Kulturmenschen muß von jedem 
einzelnen zwar abgekürzt, aber doch in den Grundzügen voll 
wiederholt werden. Ein reines Trieb-Ich ist in diese Welt voll 
Einschränkung und Bindung hineingestellt, es muß sich ihr an- 
passen, indem es seine Ansprüche zum größten Teile aufgibt, 
zum kleinsten Teile in einem viel späteren Zeitpunkt zu voller 
Befriedigung bringt. Die Anpassung erfolgt allmählich in mehr 
oder weniger scharf umschriebenen Phasen. Sie erfolgt aber nicht 
automatisch, etwa so, wie sich der Körper aus der Eizelle ent- 
wickelt, sondern die „psychische Eizelle" bedarf ganz ausge- 
sprochener Anhaltspunkte in der zunächst sehr engen Umwelt, 
welche vor allem durch die ersten Erziehungspersonen repräsen- 
tiert ist. Diese werden nicht nur Objekte der ersten triebhaften 
Ansprüche, nicht nur bis zu einem gewissen Grade trieb- 
befriedigende Objekte, insbesondere in der Säuglingsperiode, 
sondern haben die entscheidende Rolle der Triebversagung zu 
spielen, von ihnen gehen die ersten und bedeutungsvollsten 
Einschränkungen aus. 



F 



Ambivalenzkonflikt u. Über-Idi-Bildung beim triebgehemmten Charakter 29 

Es liegt aber im Wesen des Triebhaften, daß es keine end- 
gültige Vernichtung von Trieben gibt, sondern nur Formung, 
Wandlung des Zieles und des Weges, kurz, keine Trieb- 
befriedigung kann ohne Ersatz „verschwinden". Die Tatsache, 
daß es sexuelle EntM^icklungsstufen gibt, beruht auf dieser Er- 
setzung. So tritt die anale Phase beim Kinde erst dann in 
vollster Deutlichkeit auf, wenn die orale bereits der Versagung 
erlegen ist. Jede Versagung hat zur Folge, daß die betreffende, 
gerade führende Libido aufgesplittert wird. Die bisher bestdurch- 
schauten Resultate der Aufsplitterung sind : Erstens mehr oder 
weniger unverändertes Erhaltenbleiben in ursprünglicher Form, 
weil die Partialtriebe dazu bestimmt sind, im späteren Sexual- 
leben als Vorlust eine bedeutende Rolle zu spielen. Zweitens, 
je nach der Natur der Triebkraft, mehr oder weniger energische 
Reaktionsbildungen, wie zum Beispiel der Ekel als Reaktion 
gegen die analerotischen Tendenzen. Drittens Sublimierungen, 
wie zum Beispiel die Reinlichkeit als eine primitive Sublimierungs- 
form der Analerotik erscheint, und spätere Sublimierungen, 
welche viel komplexerer Natur sind und, wie die Psychoanalyse 
nachweisen konnte, auf allen Betätigungsgebieten menschlichen 
Geistes eine zentrale dynamische Kraft entfalten. Viertens dient 
jede erotische Triebkraft dazu, Beziehungen zu den Pflege- 
jjersonen herzustellen. Ansätze deutlicher Objektliebe sind schon 
im oralen Stadium direkt zu beobachten und entfalten sich zur 
intensivsten Objektbeziehung in der genitalen Phase, deren 
Höhepunkt wir um das vierte Lebensjahr herum vermuten. Im 
Flusse der Entwicklung verlaufen die hier skizzierten Auf- 
splitterungen aber nicht separiert, sie stehen vielmehr in engster 
Wechselbeziehung; so hat insbesondere die Objektliebe die 
wichtige Rolle, die Reaktionsbildungen zu schaffen und den 
Triebverzicht erträgUch zu gestalten. Denn das Kind ist ih 
jenem frühen Alter so sehr Lustwesen (Lust-Ich nach 



30 Der triebhafte Charakter 

Freud), daß es zunächst nur Lust gegen Lust eintauschen 
will und kann. Es gewöhnt sich an die Reinlichkeit zunächst 
der Mutter „zuliebe". Störungen der primitivsten Objektliebe 
machen sich ja auch sofort als Trotz bemerkbar, der insbesondere 
in der Form des analen Trotzes bekannt geworden ist. Wenn 
das Kind aber der Mutter zuliebe auf eine bestimmte Art von Lust 
verzichtet hat, so hat es eine Forderung der Mutter zu seiner 
eigenen gemacht, wir haben den Fall der primitivsten Iden- 
tifizierung vor uns. Es steckt noch viel Objektliebe in ihr, 
ohne die sie nicht haltbar wäre. Diese ersten Identifizierungen 
sind dazu bestimmt, die späteren, endgültigen, das wirklich 
Kulturelle betreffenden vorzubereiten. Aber zunächst schiebt 
sich eine Phase intensivster Objektbeziehung ein, deren Er- 
scheinungen Freud unter dem Begriff des Ödipuskomplexes 
zusammengefaßt hat. Der Knabe beginnt mehr weniger deutlich 
den Vater bei der Mutter ersetzen und ihn als lästigen Neben- 
buhler beseitigen zu wollen, das Mädchen kommt in dieselbe, 
ihrem Geschlecht entsprechende Einstellung. Mit der ObjektUebe 
zum heterosexuellen Objekt geht eine Identifizierung mit dem 
homosexuellen einher. Dieses einfache Ödipusverhältnis wird 
aber kompliziert durch ein in manchen Fällen ausgesprochenes, 
in vielen nur angedeutetes gegenteiliges Streben. Der Knabe 
liebt auch den Vater und identifiziert sich mit der Mutter, das 
Mädchen liebt die Mutter und identifiziert sich mit dem Vater. 
Freud (a. a. O.) meint, man täte gut daran, den „doppelten 
Ödipuskomplex" in allen Fällen vorauszusetzen, weil der 
Bisexualität als Anlage allgemeine Bedeutung zukomme. Die 
Konflikte dieser Phase, welche zu den bedeutungsvollsten, 
menschlichen Erlebens gehören und im Zentrum ausnahmslos 
jeder Neurose stehen, mobiUsieren ein mächtiges Schuldgefühl, 
dessen eigentliche Herkunft nach Freud noch durchaus 
dunkel ist. Es entfaltet sich besonders intensiv an den Haß- 



Ambivalenzkonflikt u. Über-Idi-Bildung beim triebgehemmten Charakter 31 

einstellungen, welche im Ödipuskonflikt gegeben sind. Es ist 
aber durchaus nicht so gemeint, daß der Haß erst hier entsteht, 
er scheint vielmehr bereits längst vorbereitet zu sein und wir 
betrachten schon die ersten Bemächtigungs- und Zerstörungs- 
antriebe des kleinen Kindes als primitive Erscheinungsformen 
des Hasses. Wir können nachweisen, daß keine Versagung 
ohne Haßregungen akzeptiert wird, mögen sie auch im günstigen 
Falle durch geglückte Lustersetzung oder Objekthebe verdeckt 
werden. Sie behalten aber die Bereitschaft, durchzubrechen, 
wenn die Versagungen zu intensiv ausfallen. 

Freud hat den libidinösen Tendenzen destruktive gegen- 
übergestellt, welche ursprünglich gegen Objekte gerichtet sind, 
dann ebenfalls der Unterdrückung auf dem Wege der Reaktions- 
bildung und Sublimierung erliegen, zum Aufbau des sozialen 
Gewissens und der moralischen Instanzen verwendet werden 
und ein spezielles Schicksal erfahren, welches an der Melan- 
cholie studiert wurde: Die Wendung gegen die eigene 
Person als Masochismus in allen seinen Erscheinungsformen. 
(Die Annahme Freuds,' daß es einen ursprünglichen erogenen 
Masochismus gäbe, der, gegen die Außenwelt gerichtet, als 
Sadismus zum Vorschein komme und dann, wie oben skizziert, 
zum sekundären Masochismus werde, sei hier nur erwähnt.) 
Die eigentHche Sachlage stellt sich nun so dar, daß das primitive 
Trieb-Ich durch eine Instanz in Schach gehalten wird, welches 
Freud das Ichideal oder Über-Ich nennt. Seine Quelle hat es 
in den aufgegebenen Objektbesetzungen, es konstituiert sich 
ausfallen jenen Forderungen, welche seinerzeit die Eltern oder 
sonstigen Erziehungspersonen an das Trieb-Ich stellten. Die 
Eltern werden schließlich als Objekt aufgegeben und auf dem 
Wege der Identifizierung als Über-Ich festgehalten. Damit 

i) Das ökonomische Problem des Masochismus. Int, Ztschr. f. PsA., 
1924. (Ges. Schriften, Bd. V.). 



werden die Objektbeziehungen auch desexualisiert. Die Trieb- 
kraft, deren sich die so entstandene Ichinstanz bedient, um das 
Trieb-Ich in Schach zu halten, mit anderen Worten die Ver- 
drängungsarbeit zu leisten, ist der Sadismus in seiner subli- 
mierten Form als moralischer „Masochismus", der vom erogenen 
(der Perversion) zu trennen ist. 

Die Realisierung der Forderungen des Über-Ich 

Am Beginne der Über-Ich-Bildung steht somit die Versagung. 
Ihren in den Grundzügen endgültigen Abschluß erreicht sie 
in der Versagung des Ödipuswunsches. Auf jeder Stufe der 
Hbidinösen Entwicklung werden Versagungen erfahren, so daß 
man sagen kann, die Über-Ich-Bildung beginne knapp nach 
der Geburt. Denn schon die Gewöhnung des Säuglings an 
bestimmte Mahlzeiten ist eine Versagung des ständigen Lutsch- 
bedürfnisses. Ja, man kann weitergehen und die erste Ver- 
sagung an die Geburt anknüpfen lassen, indem damit das lust- 
volle, weil reizlose Dasein im Mutterleib abgeschlossen wird.^ 

Diese primitiven Vorstufen des Über-Ich erfahren nun voll- 
ständige Realisierung. Ohne die Realisierung der Forderung: 
„Du mußt zu bestimmten Zeiten und an bestimmtem Orte 
defäzieren" gäbe es keinen Fortschritt in der Hbidinösen Ent- 
wicklung, denn jeder Trieb neigt zu Perseveration, zur Unver- 
änderlichkeit. Die Realisierung wäre aber auch unmöglich, 
wenn sich nicht, wie erwähnt, andere Lustmöglichkeiten dar- 
böten. Später wird es anders. Je entwickelter und geschlossener 
die Persönlichkeit des Kindes wird, desto mehr lehnt es sich 
gegen die Einschränkungen auf, insbesondere im Stadium des, 
Narzißmus, das dem der vollen Objektliebe vorangeht. So gut 

i) Hiezu insbesondere Rank: Das Trauma der Geburt (Int. PsA. Bibl. 
Bd. XIV, 1924), und der schöne Aufsatz von Garley: Der Chok des 
Geborenwerdens (Int. Ztschr. f. PsA., Bd. X, 1924). 




Ambivalenzkonflikt u. Über-Idi-Bildung beim triebgehemmten Charakter 33 



wie alle Kinder, auch die später gesund bleibenden, machen 
eine Phase intensiver Ablehnung der einschränkenden Gewalten 
durch. Ja, allzu große Gefügigkeit des Kindes kann das Vor- 
zeichen einer späteren neurotischen Schwäche, der bekannten 
neurotischen Unfähigkeit sein, sich im Kampfe ums Dasein 
erfolgreich zu behaupten. Die Realisierung der erzieherischen 
Forderungen erfolgt dann nur mehr partiell. Entgegen den Über- 
Ich-Forderungen setzt sich das Trieb-Ich mehr oder weniger 
durch. Dadurch ist ein Stück individueller Entwicklung gesichert. 
Insbesondere die infantile Onanie ist jetzt seine Domäne. Es 
ist verständlich, daß die Spannung zwischen nicht reaKsiertem 
Über-Ich und Trieb-Ich Schuldgefühle erzeugt. Was an ver- 
bietenden Ichidealforderungen realisiert wird, baut Schuld- 
gefühl ab. Das sich jetzt entwickelnde Real-Ich 
entsteht somit zum größten Teile aus realisierten 
Forderungen des Über-Ich. Die Realisierung von 
Ichidealforderungen findet nie ihren Abschluß, es besteht viel- 
mehr durch das ganze Leben ein fortwährendes Oszillieren 
zwischen Real-Ich und Ichideal fort. Das Ichideal erfährt immer 
wieder Erhöhung, seine Forderungen werden weiter und reich- 
haltiger, so oft Anteile realisiert wurden, so oft erreicht wurde, 
was man sein woUte. Wir hätten also zunächst einen typischen 
Konflikt zwischen So-sein (Real-Ich) und So-sein-woUen 
(Über-Ich). Ein Ausdruck dieses Konfliktes ist das Minder- 
wertigkeitsgefühl und seine Kompensation im Sinne Adlers. 
In einem wesentHchen Punkte unterscheidet sich das Real- 
Ich des Kindes von dem des Erwachsenen. Während das 
erstere nur aus realisierten Über-Ich-Forderungen zusammen- 
gesetzt ist, enthält das letztere auch Elemente aus dem Sexual- 
bereiche, alle jene realitätsgerechten Sexualstrebungen, die 
mit dem Über-Ich nicht in Konflikt geraten. An dieser Ent- 
vyicklung vom sexualverneinenden zum sexual- 
Reich, Der triebhafte Charakter. » 



bejahenden Real- Ich, welche normalerweise einige Jahre 
nach der Pubertät beginnt, setzen die meisten neuroseauslösen- 
den Konflikte an. Das sexualverneinende Real-Ich des Kindes 
ist aber durchaus von der herrschenden Erziehungsmoral 
geschaffen. Es wäre sehr gut denkbar und vom psycho- 
analytischen Standpunkt zu bejahen, daß auch das Real-Ich des 
Kindes sexualbejahende Elemente enthielte. Es spricht manches 
dafür, dem Kinde ein Stück genitaler Befriedigung zu gestatten. 
Denn wenn die kindliche Onanie schon zu den physiologischen 
Attributen der Entwicklung gehört, dann ist es in prophylak- 
tischer Hinsicht sinnlos, das Real-Ich des Kindes von diesen 
Elementen zu separieren und einen Onaniekonflikt zu schaffen, 
welcher ausnahmslos in der Pubertät zur Auswirkung gelangt 
und in vielen FäUen pathogen wird. 

Auch die Realisierung des Über-Ich schreitet normalerweise 
langsam fort. Zum Über-Ich des gesund bleibenden Knaben 
gehört die volle Identifizierung mit dem Vater, zu der des 
Mädchens die mit der Mutter. Es ist notwendig, zur leichteren 
Übersicht zwischen triebbejahenden und triebver- 
neinenden, ferner, entsprechend den beiden moraUschen 
Prinzipien: „Du sollst«^ und „Du darfst nicht", zwischen 
positiven und negativen Über-Ich-Forderungen zu unter- 
scheiden. Die triebverneinenden Forderungen werden von allem 
Anfang an realisiert, die anderen erst viel später. Nun gehört es 
zur psychischen Gesundheit, daß triebbejahende Tendenzen im 
Über-Ich enthalten seien. Das nur verneinende Über-Ich schafft 
eine Hemmungssituation, wie sie beim ambivalenten, gehemmten, 
ästhetisch-religiösen Zwangsneurotiker anzutreffen ist Das trieb-^ 



i) Es ist einmal in privater Diskussion die Frage aufgeworfen worden, 
ob es solche positive Ichidealforderungen von allem Anfang an überhaupt 
gibt. Wir geben die Möglichkeit zu, daß sich alle späteren „Soll'-Ideale 
avif kompUzierten "Wegen aus Verboten entwickeln. 



Ambivalenzkonflikt u. Über-Idi-Bildung beim triebgehemmten Charakter 35 

bejahende Ichideal wird ein Real-Ich schaffen, welches sehr bald 
mit der Realität in Konflikt geraten muß. Dieser Typ wird 
durch den triebhaften Charakter repräsentiert. 

Der Einfluß der Partialtriebe auf die Gestaltung des 

Über-Idi 

Wie stellt sich uns nun die Realisierung des Über-Ich beim 
gesund bleibenden Knaben dar? Im doppelten Ödipuskomplex 
überwiegt die heterosexuelle Strebung zur Mutter und die 
Identifizierung mit dem Vater. Zunächst umfaßt die Vater- 
identifizierung auch die genitalen Antriebe, die aber bald der 
Unterdrückung, dann der Verdrängung verfallen. Die ent- 
sprechende Über-Ich-Forderung lautet: „Du darfst deine Mutter 
nicht sexuell, bzw. genital begehren." Die Realisierung dieser 
Über-Ich-Forderung setzt die Inzestschranke. An positiven Über- 
Ich-Forderungen wird sehr viel reaUsiert, der Knabe trachtet, 
den Vater nachzuahmen, seine Spiele gruppieren sich zum 
großen Teil um die Idee erwachsen zu sein, aber mit 
Genitalausschluß (Abraham). Gelingt der Genital- 
ausschluß nicht, drängt die verdrängte Genitalität vor, so muß 
es zur Symptombildung kommen. Die aus der Vateridentifi- 
zierung geborene, sublimierte Ichidealforderung lautet: „Ich 
will so groß, so stark, so gescheit sein, wie mein Vater." Der 
Penisstolz führt, wenn er nicht durch Kastrationsangst wesent- 
lich gehemmt ist, zur Verachtung der penislosen Frau, beziehungs- 
weise des kleinen Mädchens. Dadurch wird aber verhindert, 
daß eine verhängnisvoll werdende Mutteridentifizierung platz- 
greift. 

In der Pubertät erwacht, wie die Psychoanalyse regelmäßig 
nachweisen kann, der Inzestwunsch wieder, allerdings normaler- 
weise ohne ins Bewußtsein zu dringen und, wenn die Vater- 



36 Der triebhafte Charakter 

Identifizierung stark genug, die Kastrationsangst nicht über- 
mächtig ist, kommt es nach einer Phase genitaler Onanie mit 
heterosexuellen Phantasien, die inzestuös gehalten sind, zunächst 
zu wertvollen Sublimierungen. Soll der junge Mann aber gesund 
bleiben, so muß die in der Kindheit realisierte Ichidealforderung 
„Du darfst deine Mutter nicht sinnlich begehren" eine wesent- 
Uche Modifikation erfahren, die wir so formulieren möchten: 
„Du darfst deine Mutter nicht begehren, aber alle anderen 
Frauen sind dir erlaubt." Also Umstoßung des sexual- 
verneinenden Über-Ich mit Mutterausschluß. 
Man kann nachweisen, daß der schuldgefühlfreie Durchbruch 
genital-heterosexueller Tendenzen eine Vorbedingung späterer 
Gesundheit ist. Die Vateridentifizierung muß stark sein, ja, sie 
muß die Fähigkeit in sich schließen, den Vater zu überwinden, 
auch dort, viro sexualverneinende Vateridentifizierung bisher wirk- 
sam war. Die Überwindung des Vaters gelingt aber nur dann, 
wenn die phallische Phase in der Kindheit voll erreicht wurde. 
Die voll entfaltete, genitale Aktivität führt bald zum Sexual- 
verkehr, und wenn das reale, junge Weib erobert ist, so erfolgt 
auch die sexuelle Entwertung der Mutter. Diese ist eine Vor- 
bedingung gelungener Objektwahl, Die Lösung des Inzest- 
wunsches fixierter Neurotiker erfolgt in der Analyse ebenfalls 
unter dem Bilde der Sexualentwertung der Mutter. Einer 
meiner Patienten brachte den bewußt gewordenen Inzest- 
wunsch mit folgenden Worten zur Verurteilung: „Wie dumm 
doch der Mensch ist, daß er unbedingt seine alte, häßliche 
Mutter besitzen will, wo es doch so viele junge Frauen gibt." 
Es ist anzunehmen, daß die normale, genitale Objektfindung 
unter Veränderungen an der inzestuösen Bindung vor sich 
geht, welche der hier geschilderten gleichen. 

Die gelungene Überwindung des Vaters führt aber auch eine 
weitgehende Befreiung vom ursprünglichen väter- 




Ambivalenzkonflikt u. Über-Idj-Bildimg beim triebgehemmten Charakter 37 

liehen Ideal herbei. Neurotisch fixierte Männer zeigen auch 
eine Starre des Über-Ich, deren bekannteste Form die ist, 
daß jede Vaterimago imitiert werden will, ohne Rücksicht auf 
eigene Talente und Fähigkeiten. Über die verschiedenen Formen 
der neurotischen Fixierungen des väterlichen Über-Ich (Jch 
muß so sein wie mein Vater") wird noch gesprochen werden. 
Gerade gesunde Männer sind es, welche weitgehende 
Abweichungen vom väterlichen Ideal zeigen, sie kommen auch 
gelegentlich zur Formel: „so wie dein Vater sollst du nicht 
sein". Sie sind fähig, sich an qualitativ verschiedene Vater- 
imagines anzulehnen und können es dadurch zu weitgehender 
Vervollkommnung ihrer Persönlichkeit bringen. Es wäre kein 
kultureller Fortschritt denkbar, wenn die Identifizierung mit 
qualitativ anderen Vaterimagines, das heißt Aufrichtung neuer 
Ichideale nach Auflösung des alten nicht stattfände. Diese 
sublimierende Wandlung des väterlichen Ideals 
steht einer später zu beschreibenden, neurotischen Wandlung 
nahe, welche durch reaktive Über-Ich-Bildung gekenn- 
zeichnet ist. Es ist aber nicht gleichgültig, ob ein Revolutionär 
auf sozialem Gebiet lediglich aus Reaktion gegen den Vater 
„revolutioniert«, oder aus Anlehnung an eine revolutionäre 
Vaterimago, ohne Rücksicht auf die väterliche Einstellung. 
Bedingung dieser günstigen Über-Ich-Entwicklung ist, daß keine 
hemmende, objektlibidinöse Bindung an den Vater vorUegt. 



Wie beim Manne genitale Identifizierung mit dem Vater die 
psychische Gesundheit gewährleistet und die Möglichkeit zur 
Überwindung des väterlichen Ideals schöpferische Kräfte frei- 
legt, so ist bei der Frau die vaginale Identifizierung mit der 
(gebärenden) Mutter eine Vorbedingung der Realitätsfähigkeit 
und des subjektiven Wohlbefindens. Das Mädchen hat, wie 



gS Der triebhafte Charakter 



die Psychoanalyse nachgewiesen hat, größere Überwindungs- 
arbeit zu leisten als der Knabe. Der Peniswunsch drängt von 
vornherein stärker zur Identifizierung mit dem Manne. Es wird 
also auch hier darauf ankommen, daß s'chon in der Ödipusphase 
die Mutteridentifizierung überwiegt. Dies gelingt dann am besten, 
wenn der Kindeswunsch den Peniswunsch wirksam ersetzen 
konnte. Die Psychoanalyse konnte zunächst nachweisen, daß 
zuerst Peniswunsch und Penisneid platzgreifen und dann im 
günstigen Falle durch den Kindeswunsch ersetzt werden. 
Karen Ho rney^ konnte einen weiteren typischen Verlauf auf- 
zeigen, den ich nach meinen Erfahrungen an weiblichen Neurosen 
bestätigen kann. Es entwickelt sich in dieser zweiten Gruppe 
zunächst ein intensiver Kindeswunsch bei normaler Mutter- 
identifizierung und erst auf seine Versagung hin entsteht der 
Peniswunsch. Ist im ersteren Falle das Kind ein Ersatz des 
Penis geworden, so hier umgekehrt, der phantasierte Penis 
ein Ersatz des versagten Kindes. Allerdings scheint der zuerst 
geschilderte Vorgang der weitaus häufigere zu sein. Für die 
psychische Gesundheit, das heißt die spätere Etablierung der 
mütterlichen Position ist es nun günstiger, wenn die mütterliche 
Identifizierung zuerst platzgriff und die später notwendige 
Bereitschaft zu gebären, von langer Hand vorbereitet ist. Das 
kleine Mädchen akquiriert nun zuerst das mütterliche Ideal: 
„Du darfst deinen Vater nicht sinnlich begehren«, und ver- 
drängt ihre genitale Bereitschaft. Die infantile Genitalität des 
kleinen Mädchens hat aber in den meisten Fällen nachweisbare 
Klitorisqualität, welche sie der phallischen Erotik des Knaben 
gleichsetzt. Während aber die phallische Erotik des Knaben 
ganz im Einklang steht mit der vorzubereitenden, endgültigen 
Sexualrolle, widerspricht die KlitorissexuaUtät der später 

i) Horney: Zur Genese des weiblichen Kastrationskomplexes. (Int. 
Ztschr. f. PsA. Bd. IX. 1923.) 



Ambivalenzkonflikt u. Über-Idi-Bildimg beim triebgehemmten Charakter 39 

notwendigen vaginalen Einstellung der Frau. In der Pubertät 
wird die Wandlung von der Klitoris- zur vaginalen Erotik, wie 
H. Deutsch neuerdings in einem Vortrage ausführte, nach 
einer Verstärkung der ersteren („Aktivitätsschub") normaler- 
weise durchgeführt. Der endgültige Verzicht auf den Penis 
geht mit Festigung des mütterlichen Ideals einher. Es ist aber 
noch durchaus problematisch, woher die Vagina ihre erogenen 
Qualitäten bezieht. Die Lehre von der „Verschiebung der 
Klitoriserotik" läßt die Frage offen, wie es denn möglich sei, 
daß die seeUsch durchaus phallisch-aggressiv verarbeitete Khtoris- 
erotik die Wendung zum Vaginal-passiven durchmacht. 
H. Deutsch glaubt, daß hier eine typische Wendung eines 
Triebes mit aktivem zu solchem mit passivem Ziele stattfinde. 
Wie dem auch sei: gewisse vaginal-erotische Merkmale, die 
wir in der Analyse vaginal-anästhetischer Frauen zu studieren 
Gelegenheit haben, lassen vermuten, daß die Vagina nur dann 
bereit ist, die Klitoriserotik sozusagen zu übernehmen, wenn 
sie mit erogenen Qualitäten anderer Natur in intensiver Ver- 
bindung steht. 

In erster Linie scheinen anale Triebkräfte die vaginale Erotik 
mitzubegründen. Vagina und Anus sind für das Unbewußte 
gleichbedeutend, „die Vagina ist dem After abgemietet" (Lou 
Andreas-Salom6, siehe auch Jekels' und Ferenczi=). 
H. Deutsch leitete in ihrem Vortrage am Psychoanalytischen 
Kongreß in Salzburg die „saugende" Tätigkeit der Vagina 
während des Aktes von oralen Triebkräften ab, sicher mit 
Recht. Wenn aber die spätere vaginale Erotik nicht von vorn- 
herein als solche in der Kindheit präformiert wird, wie etwa 
die männliche, phallische, sondern sich später aus analen und 
oralen Qualitäten zusammensetzt, so gehört zur normalen 

i) Einige Bemerkungen zur Trieblehre (Int. Ztschr. f. PsA., Bd. I, 1913). 
2) Genitaltheorie (Int. PsA. Bibl., Bd. XV. 1924). 



40 Der triebhafte Charakter 

Entwicklung der Frau ein partielles Zurückgreif en 
auf frühere Stufen der libidinösen Entwicklung 
nach der phallischen Versagung.' ■ 

Bezüglich der normalerweise stattfindenden Umwandlung 
des rein triebverneinenden in ein auch triebbejahendes Ichideal 
nach der Pubertät, gilt für die Frau dasselbe wie beim Manne. 
Infolge der sogenannten „doppelten Geschlechtsmoral ", vollzieht 
sich aber diese notwendige Wandlung gewöhnlich nicht. Die 
Folge davon ist die nachweisbare, weitaus überwiegende Mehr- 
zahl frigider Frauen. Eine Statistik darüber liegt nicht vor. Unver- 
bindliche Schätzungen lauten auf 80 bis 90 Prozent, wenn man 
das Fehlen der vaginalorgastischen Fähigkeit als Kriterium der 
Frigidität auffaßt. 

Die bisher so ziemlich allgemein geltende Anschauung vom 
„weiblichen Ideal" ist fast durchwegs dem mütterlichen ent- 
lehnt und auf an alennind oralen Qualitäten aufgebaut. Das 
bürgerliche Idol von der sparsamen, reinlichen, fügsamen, 
ruhigen Hausfrau enthält auch die Forderung, die Frau solle 
ihr Kind selbst stillen, sie solle kochen und die Wirtschaft 
führen können; man mag über den Wert solchen Ideals streiten 
und behaupten, daß diese Ideologie vom Manne geschaffen 
wurde, um es recht bequem zu haben, und wir können 
bestätigen, daß der Mann in der Frau die für alles sorgende, 
letzten Endes die säugende Mutter sucht. Es ist damit in den 
letzten Jahren, insbesondere seit dem Kriege anders geworden. 
In das mütterliche Ideal sind Elemente des väterlichen auf- 
genommen worden, die Frau soll einen Beruf haben, die 
Familie miterhalten, sie soll sich auf allen Gebieten mensch- 
lichen Geistes ebenso betätigen wie der Mann. 

i) Wie mir Frau Dr. H. Deutsch mitteilt, ist sie in ihrer demnächst 
erscheinenden „Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen" von 
anderen Gesichtspunkten her ebenfalls zu diesem Schlüsse gelangt. 



Ämbivalenzkonflikt u. Über-I(fa-Bildung beim triebgehemmten Charakter 4I 

Diese nicht nur von Frauen ausgehende Änderung des alten, 
rein mütterlichen Ideals ist geeignet, die Konflikte, welche sich 
um den endgültigen Verzicht auf den Penis gruppieren, milder 
zu gestalten. Wenn nach dem rein mütterlichen Ideal der 
Peniswunsch keine andere Wandlung erfahren konnte, als die 
zum Kindeswunsch, so stehen heute Möglichkeiten offen, den 
Peniswunsch zu sublimieren. Zunächst wird es nach dem 
Vatervorbilde geschehen. Aber vielleicht schon in der nächsten 
Generation werden soziale und wissenschaftliche Tätigkeiten 
der Frau nicht mehr als Realisierung des väterlichen, sondern 
als solche des mütterlichen Ideals gelten. Heute schließt bei 
neurotischen Frauen das eine das andere aus, weil die 
Realisierung des väterlichen Ideals keine sublimierende, sondern 
reaktive ist. Frauen, welche „männliche" Berufe ergreifen, 
haben zumeist auf den Penis nicht verzichtet und erweiseh sich 
unfähig zur Realisierung des mütterhchen Ideals (Gebären, 
vaginale Bereitschaft). Die Analysen von Frauen, welche das 
väterliche, durch hervorragende Klitorisqualitäten gehaltene 
Ichideal reaktiv zu realisieren trachten, führen zu zweierlei 
Resultaten: entweder es wird auf den Penis verzichtet und an 
dessen Stelle das Kind (und der Mann) akzeptiert oder der 
Peniswunsch erfährt teilweise Sublimierung. Die Patientin, 
welche bisher krampfhaft, aus Reaktion zum Beispiel, studierte 
und womöghch jede mütterliche Haltung zurückwies, sowie 
männliche Eigenschaften betonte, kommt zur Einsicht, daß sich 
Studium oder ein anderer „männUcher" Beruf mit Weiblichkeit 
sehr gut vereinbaren läßt. Sie akzeptiert ihre biologische Rolle 
als Kindesgebärerin und hört auf, an dem die ganze Frauen- 
bewegung charakterisierenden Paradoxon festzuhalten, daß man 
nur als Mann studieren, nur als Mann „sexuelle Freiheit" 
genießen könne. Denn der eigentliche Sinn einer Frauen- 
bewegung hätte doch nur sein können, die Frau als Weib 



42 Der triebhafte Charakter 

zur Entwicklung zu bringen. Am richtigsten hat noch Grete 
Meisel-Heß^ diesen Irrtum der Frauenbewegung wahr- 
genommen. So aber drohte die Bewegung daran zu scheitern, 
daß sie (unbewußt) Unmögliches wollte, nämlich der Frau den 
schwer vermißten Penis zu verschaffen. Was die Analyse im 
Einzelfalle leistet, hat soziale Not in breiten Schichten des 
arbeitenden Proletariats zuwege gebracht: die Vereinigung 
mütterlicher Haltung mit sozialerTätigkeit. Auf 
intellektuellem Gebiete ist es bisher nur noch teilweise in der 
Pädagogik geschehen. Hier und dort ist die Ideologie, daß 
soziale und wissenschaftliche Berufe männliche seien, man also 
dazu unbedingt einen Penis benötige, größtenteils aufgegeben 
worden. 

Wir fassen die Ergebnisse dieses Teiles unserer Aus- 
führungen zusammen: 

i) Bedingung der Anpassung an die Realität ist die Reali- 
sierung des mütterlichen Ideals bei der Frau, des väterlichen 
beim Manne. 

2) Beide sind durchaus abhängig von der erogenen Bereit- 
schaft: 

a) Die Realisierung des väterlichen Ideals setzt 
die gelungene Aktivierung der phallischen Phase und die 
Überwindung des Kastrationskomplexes voraus. Diese schafft 
die Möglichkeit, sich eventuell auch vom väterlichen Ideal los- 
zumachen, wenn veränderte Lebensbedingungen es erfordern. 
Die prägenitalen Triebkräfte werden zu sublimierten Strebungen 
auf sozialem Gebiete, die phaUischen bleiben als solche bestehen. 

b) Die Realisierung des mütterlichen Ideals hat zur 
Vorbedingung den ' Verzicht auf den Penis, seine Ersetzung 
durch das Kind (und durch den Mann). Klitorisqualitäten sind 
zur Begründung des mütterlichen Ideals schlecht geeignet. 

i) Das Wesen der Geschlechtlichkeit (Jena 1919). 




Ambivalenzkonflikt u. Über-IA-Bildung beim triebgehemmten Charakter 43 



Dieses basiert vielmehr auf partiell reaktivierten, analen und 
oralen Triebkräften, welche den weiblichen Charakter kon- 
stituieren helfen. Die Klitoriserotik hilft zum Teil an der Her- 
stellung der vaginalen Erotik mit, zum Teil wird sie in soziale 
Tätigkeit umgewandelt und schafft den aktiven Zug, dessen 
die Frau in hohem Maße fähig ist. 

ß) Bei beiden Geschlechtern bauen sich normalerweise die 
triebbejahenden Ichidealforderungen über der 
genitalen Stufe auf. Die Komplikation der genitalen Struktur 
des gesunden Weibes besteht lediglich darin, daß Erogenitäten 
dreier Organe (Klitoris, Anus, Mund) sich vereinigen müssen, 
um die realitätsgerechte Libidoposition zu schaffen. Negative 
Über-Ich-Bildungen der genitalen Stufe gibt es nur 
insofern, als sie den Inzestwunsch in der Verdrängung halten. 
Beim genital befriedigten Menschen kommt aber dieses negative 
Über-Ich kaum in Betracht, weil der (sonst zu unterdrückende) 
Inzestwunsch abgebaut wurde. Alle übrigen negativen Ich- 
ideale basieren auf den prägenitalen Stufen, soweit prägenitale 
Libido zu unveränderter Befriedigung drängt. Soweit sie 
sublimiert ist, verschmelzen die negativen Ichideale als positive 
mit denen der genitalen und schaffen eine harmonische, ziel- 
strebige, voll realitätsangepaßte Persönlichkeit. Ganz allgemein 
spiegeln sich die Gegensätze: gesund— krank, Realitätsprinzip — 
Lustprinzip, in den anderen: genital— prägenital, positives — 
negatives Über-Ich, Sublimierung — Reaktionsbildung wieder. 

* ■ 

Wir gehen nun über zur Erörterung pathologischer 
Über-Ich-Bildungen auf Grund der 

geschleditlidien Fehlidentifizierung, 

wobei wir unser Hauptaugenmerk wieder der erogenen Grund- 
lage der Fehlentwicklung des Ich zuwenden werden. 



44 Der triebhafte Charakter 

In der Psychoanalyse ist die Identifizierung der Tochter mit 
dem Vater („Männlichkeitskomplex"), sowie die des Sohnes mit 
der Mutter („passiv-feminine Einstellung zum Vater") eine 
längst bekannte und gut studierte Tatsache. „Der Ausgang der 
Ödipussituation in Vater- oder Mutteridentifizierung scheint . . . 
bei beiden Geschlechtern von der relativen Stärke der beiden 
Geschlechtsanlagen abzuhängen" (Freud „Ich und Es"). Die 
„Geschlechtsanlagen" bedienen sich aber bestimmter erogener 
Positionen, wie zum Beispiel die passiv-feminine Haltung des 
Mannes auf analer Libido fußt. Damit sind aber die Tat- 
bestände nicht erschöpft. Wir kennen zum Beispiel eine Iden- 
tifizierung mit der Mutter, bei welcher die männliche Haltung 
nicht aufgegeben wird. Der typische Repräsentant dieser Mög- 
lichkeit ist der narzißtisch-männliche Homosexuelle, der, wie 
S a d g e r nachwies, als Mann die Mutter mit dem Penis sucht, 
dabei aber selbst mit Vorliebe Junge Männer zu Liebesobjekten 
wählt, denen gegenüber er unbewußt die führende, sorgende 
Mutter spielt. Im übrigen bestehen Identifizierungen mit dem 
gegengeschlechtlichen Elfernteile wohl in jedem Falle. 

Das, worauf es aber letztlich ankommt, ist, wie weit diese 
Fehlidentifizierung sich in der Gesamthaltung ausdrückt, wie 
weit sie der Frau den Stempel des Männlichen, dem Manne 
den Stempel des Weiblichen wirklich aufdrückt. Mit anderen 
Worten: ob diese Fehlidentifizierungen im Ich- 
ideal oder im Ich erfolgen, also realisiert werden. Ehe 
wir zu speziellen Erörterungen übergehen, wollen wir ganz 
allgemein feststellen, daß es prinzipiell zwei Möglichkeiten 
gibt, welche zu geschlechtlichen Fehlidentifizierungen Anlaß 
geben: i) Die Fehlidentifizierung wird von vornherein ein- 
geleitet durch eine schon bestehende' erogene Anlage, So 

I) Hier gilt die Einschränkung, daß die erpgenen Anlagen durch ent- 
sprechendes Verhalten der Erziehungspersonen gestärkt werden können. 



Ambivalenzkonflikt u. Über-Idi-BUdung beim triebgehemmten Charakter 45 

wird eine starke anale Disposition das männliche Kind von 
vornherein auf der analen Stufe festhalten und damit die 
Grundlage zu einer weitgehenden Identifizierung mit der Mutter 
abgeben. Eine besonders betonte Klitorisposition wird beim 
Mädchen dasselbe in Hinsicht auf die Vateridentifizierung 
leisten. 2) Zu diesen erogenen Anlagen kommt aber ein 
Erlebnismoment hinzu, welches nicht unterschätzt werden 
darf: die Analyse kann nämlich nachweisen, daß die Über- 
ich-Bildung vorwiegend nach jenem Elternteile 
erfolgt, dem gegenüber die Ambivalenz beson- 
ders wirksam ausgeprägt war, oder mit anderen 
Worten, von dem die hauptsächlichen Versagungen ausgingen. 
Es liegt in der Natur der libidinösen Starre, daß objekt- 
libidinöse Beziehungen, solange sie effektiv bestehen, nicht zur 
Identifizierung führen. Erst wenn die Versagung und damit die 
Ambivalenz einsetzt, erfolgt die Rückziehung der Libido und 
die Aufnahme des Objekts ins Ich. Normalerweise hat das 
Mädchen eine mehr weniger eindeutige, positive Stellung zum 
Vater, eine ambivalente zur Mutter, der Knabe umgekehrt. Aus 
dieser Situation entwickelt sich, wenn keine weiteren Kompli- 
kationen eintreten, die normale Mutteridentifizierung beim 
Mädchen, die Vateridentifizierung beim Knaben. An ihrer 
Wurzel- sitzt der entsprechende Ambivalenzkonflikt. 

Der Knabe erfährt die Versagung des Inzestwunsches schon 
durch das bloße Dasein des Vaters, das Mädchen durch das 
der Mutter. Die Analyse neurotischer Charaktere mit starken 
Fehlidentifizierungen zeigt nun den typischen Tatbestand auf, 
daß neben den sozusagen normalen Versagungen durch den 
gleichgeschlechtlic|)|en auch solche vom gegengeschlechtlichen 
in wirksamem Ausmaße erlebt wurden. Die nächste Folge 

So stärkt übermäßig langes Säugen die orale, ein anales Milieu die anale 
Position. 



ify Der triebhafte Charakter 



davon war dann, daß eine akute Ambivalenz auch dem gegen- 
geschlechtlichen Elternteil gegenüber entwickelt wurde, was 
weiter zur Rückziehung der Objektlibido und zur Introjektion 
des Objektes, also zur Fehlidentifizierung führte. Es ist für die 
Entwicklung des Ich von ganz entscheidender Bedeutung, ob 
die wirksamen Versagungen der Onanie, des Kinderspieles, des 
Inzestbegehrens usw. vom Vater oder von der Mutter aus- 
gingen. Dabei sehen wir noch vollkommen von der kompli- 
zierenden Möglichkeit ab, daß der Charakter der versagenden 
Erziehungsperson, beziehungsweise die Differenz der Charaktere 
beider Elternteile sich in der Ichbildung des Kindes spezifisch 
ausdrücken muß. 

Treffen die erwähnten zwei Grundlagen der Fehlidentifizierung 
zusammen, so muß es endgültig zum „MännUchkeitskomplex" 
der Frau und zum , Weiblichkeitskomplex" des Mannes 
kommen. Aber ebenso wie die Tatsache, daß jeder Mensch 
einen »Ödipuskomplex« hat, so gehört die Ubiquität des 
Männlichkeits-, beziehungsweise Weiblichkeitskomplexes bereits 
zu den Banaütäten. Die Frage, auf welche es ankommt, ist 
heute nicht mehr die, o b die Tatsache besteht, sondern w i e 
sie besteht, wie die Konflikte erledigt wurden. Das prinzipielle 
Festhalten an dieser Fragestellung wird nicht nur vor ein- 
seitigen Erklärungsweisen schützen, sondern das fruchtbarste 
Gebiet, das Problem der Neurosenwahl, der Psychoanalyse 
eröffnen. Wenn wir auch heute noch sehr im Dunkeln tappen, 
sobald an uns die Frage nach der spezifischen Ätiologie 
herantritt: hie und da zeigen sich bestimmte Typen, welche 
bestimmte typische Entwicklungsschädigungen aufweisen. Der 
Versuch einer psychoanalytisch-geAetischen Typen- 
lehre würde aber heute sicher zu einer Verbauung jeder 
Entwicklung unserer Forschung in dieser Richtung führen. Sie 
steht nicht am Anfang, sondern am Ende der psychoanalytischen 



Ambivalenzkonflikt u. Über-Idj'BÜdung beim triebgehemmten Charakter 47 

Arbeit. Es fehlt uns in erster Linie die Psychoanalyse der 
Schizophrenie. Unser Versuch kann sich also nur darauf 
beschränken, einzelne typische Mechanismen der Charakter- 
bildung aufzuzeigen und muß die Ausfüllung der Lücken der 
weiteren, langsamen Forschung überlassen. 

Die Mutteridentifizierung des Mannes kann zwei typische 
Bilder zeigen, welche zwei verschiedenen erogenen Fixierungen 
entsprechen: die Mutteridentifizierung der ambi- 
valenten genitalen Stufe (nach Abraham) und die 
der analen Stufe. Der typische Vertreter der ersten ist der 
narzißtische, mehr weniger bewußt Homosexuelle, wie ihn 
Sadger^ und Abraham'' bereits beschrieben haben. Diese 
oberflächlich selbstsicheren, „kompensierenden Narzißten "3 zeigen 
"folgende typische Libidoentwicklung : sie haben den Ödipus- 
komplex nie überwunden, sind vielmehr an der ambivalenten, 
genitalen Stufe* fixiert geblieben, jedoch ohne wirksame 
Regressionen zu früheren Stufen. Eine zentrale Bedeutung hat 
die Vorstellung von der Mutter mit dem Penis gewonnen. Zwei 
solcher Patienten, die ich behandelte, träumten ganz offen- 
kundig von Frauen, deutlichen Mutterimagines, welche Schläuche 
oder auch direkt männliche Geschlechtsteile an Stelle der 
weiblichen hatten. In dieser Vorstellung wirkt typischerweise 
zweierlei mit: erstens kann das penislose Genitale der Frau 
wegen der eigenen Kastrationsangst nicht glatt gedacht werden, 
das - Unbewußte hält am Penis der Frau fest (Freud); 
zweitens hat der weibliche Penis auch regelmäßig die Bedeutung 
der Brust. Solche Männer haben auch die orale Fixierung nie 

i) Gescblechtsverirrungen, Wien, 1921. 

2) Über eine besondere Form des neurotischen Widerstandes gegen 
die psychoanalytische Kur (Int. Ztschr. f. PsA., Bd. VI, 1920). 

3) Reich: Zwei narzißtische Typen (Int. Ztschr. f. PsA., VIII, 1922). 

4) Abraham: Entwicklungsgeschichte der Libido (Neue Arb. z. ärztl. 
PsA., Nr. II. 1924). 



48 



Der triebhafte Charakter 



überwunden und der passive und aktive Fellatioakt spielt in 
ihrem Geschlechtsleben eine große Rolle. Auf der genitalen 
Stufe hatten sie zunächst den Weg zur normalen, genitalen 
Vateridentifizierung eingeschlagen. Nach Mißlingen derselben 
(Kastrationsangst vor dem Vater!) beginnt eine Identifizierung 
mit der Mutter. Wenn solche Männer, welche von vornherein 
zur aktiven Form der Homosexualität neigen, diese manifest 
werden lassen, so lieben sie junge, mädchenhafte Männer, das 
heißt wieder die Frau mit dem Penis, aber andrerseits spielen 
sie ihnen gegentiber die Mutter, sie spielen sich als ihre 
Beschützer auf, führen sie ins Geschlechtsleben ein, sind dabei 
heterosexuell ganz oder partiell impotent. Kommt es zu Fellatio- 
akten, so wirken passive und aktive Säugephantasien (Mutter- 
identifizierung!) typisch mit. Zwei meiner Patienten dieses 
Typs sind ohne Väter aufgewachsen, der Vater des einen war 
früh gestorben, der andere war uneheliches Kind. Das Fehlen 
des Vaters scheint somit die Aktivierung der genitalen Stufe 
nicht zu hindern, im Gegenteile besonders intensiv zu gestalten 
und trotzdem die Mutteridentifizienmg zu ermöglichen. Wo 
die Kastrationsangst der Mutter gilt, da ist die mütterliche 
Identifizierung so gut wie sicher, besonders dann, wenn die 
Mutter die vorwiegend erziehende Person war. Dem wider- 
spricht nicht, daß diese aktiven und narzißtischen Homosexuellen 
im Objekt auch sich selbst suchen, wie Freud und Sa dg er 
fanden. Ist doch jede Objektliebe von narzißtischer getragen. 
Gerade in diesem Suchen der eigenen Person im Objekt 
(„narzißtische Objektwahl", Freud) kommt die Mutteridentifi- 
zierung zum Ausdruck. 

Ganz anders ist es mit derMutteridentif izierung auf 
analer Basis. Es fehlt die genitale Aktivität, es besteht 
immer Impotenz, meist in Form der ejaculatio praecox mit 
oder ohne Erektionsunfähigkeit. Im Charakter sind diese Patienten 



Ambivalenzkonflikt u. Über-Idi-Bildung beim triebgehemmten Charakter 49 

weich, weiblich, zeigen demütige Hingabe an starke Vater- 
imagines. Trotz hochgespanntem, väterlichen Über-Ich besteht 
eine neurotisch-resignierende Haltung. Das väterHche 
Ideal ist zwar vorhanden und vielfach stark, aber nicht 
realisiert, der Wunsch, ein voller Mann, tüchtig im Sexuellen 
und Sozialen zu sein, lebt sich zumeist in Tagträumen aus, 
realisiert ist lediglich das mütterliche Wesen, das in scharfen 
Gegensatz tritt zum nicht realisierten väterlichen Ideal, Diese 
Menschen zeigen die von Adler betonten Mechanismen des 
Minderwertigkeitsgefühls und seiner Kompensation durch 
„fiktive Leitlinien" in typischer Weise. Da sie das väterliche 
Ideal nicht zu realisieren vermögen, spinnen sie sich in eine 
Märtyrerrolle ein, hinter welcher der narzißtische Glaube steckt, 
sie allein seien edel und gut und letzten Endes mehr wert als 
die ganze übrige Welt, unter deren Roheit (gemeint ist 
Realitätstüchtigkeit) und materialistischer Gesinnung sie zu 
leiden hätten. Dabei kokettieren sie mit der „Roheit", möchten 
gerne selbst roh, materialistisch, letzten Endes so potent sein 
wie ihr Vater. 

Ein Patient dieses Typs erklärte mir eines Tages, er glaube gar nicht, 
daß die Analyse ihn von der Impotenz befreien könnte; er werde dann 
potent sein, wenn sein Vater gestorben sein werde. Es war nun sehr 
merkwürdig, daß er seinen Vater verurteilte, weil er noch mit 60 Jahren 
die ebenso ahe Mutter „mit dem tierischen Verkehr quäle". Der Patient 
selbst litt nicht nur an ejaculatio praecox durchaus urethralerotischer 
Natur, sondern wies eine anale Fixierung auf, wie sie nicht häufig ist. Er 
litt seit frühester Kindheit an Obstipation. Es war vorgekommen, daß er, 
insbesondere auf Reisen, 10 und 12 Tage nicht defäzleren konnte. Die 
Defäkation war an bestimmte Bedingungen geknüpft: er mußte auf einem 
mit heißem Wasser gefüllten Topf hocken oder sich von der Mutter 
eine Irrigation geben lassen. Es bestand eine zentrale, anale 
Fixierung an die Mutter. Schon in frühester Kindheit wollte er nur 
von der offenkundig ebenfalls analen Mutter Irrigationen empfangen. Die 
ganze FamiUe litt an habitueller Obstipation. Die des Patienten wich dauernd 
in der Analyse. Als er zum ersten Mal einen Koitusversuch unternehmen 
wollte, passierte ihm das Merkwürdige, daß er der Frau den Rücken 

Reich, Der triebhafte Charakter. j 



zukehrte und einschlief. Die Analyse erwies, ddß er damals unbewußt 
die Irrigation erwartet hatte. Er hatte eben seine spezifisch anale Beziehung 
zur Mutter in die Situation übertragen. Sein Wesen glich bis ins kleinste 
Detail dem der Mutter. Er war pedantisch, rein, ordnungsliebend, in sich 
gekehrt, gedrückt, den Vater fürchtend und verachtend wie sie. Drei ältere 
Geschwister hatten sich längst vom Hause zurückgezogen und geheiratet, 
er konnte sich von der Mutter nicht trennen. Er fühlte sich verpflichtet, 
„den Kitt der miserablen Ehe" zu bilden. Der Wunsch, von der Mutter 
irrigiert zu werden, war von einem tieferen getragen, vom Vater anal 
koitiert zu werden. Der Patient hatte die anale Stufe nie überwunden, 
die genitale war nur in Ansätzen erreicht worden. Die Onanie war anal 
und urethral. Es bestanden keine genital-heterosexuellen Koitusphantasien, 
sondern Wünsche, an der Brust, auch an der Vagina zu lecken, der Frau 
zwischen die Beme zu kriechen, gebunden zu werden und ähnUches mehr. 
Im vierten Lebensjahr war nach einer kurzen Periode genitaler Onanie 
eine Kastrationsdrohung vom älteren Bruder vorgefallen, worauf die 
Genitalität voll unterdrückt wurde. Dazu kam die intensivierende Wirkung 
auf die anale Position durch die Mutter. 

Er pflog mit Vorliebe sexual-gehemmte Freundschaften mit überlegenen, 
durchaus männlichen Männern, die seinem Wesen vollkommen wider- 
sprachen. Er bewunderte sie, fühlte sich minderwertig, bis er sich 
schließlich unter irgend einem nichtigen Vorwand zurückzog. In der 
Analyse entfahete er nun eine durchaus passiv-feminine Übertragung und 
produzierte in Anlehnung an die Analyse der Obstipation ausgesprochene 
Schwangerschaftsphantasien; in einem Traume heißt es, er setze Kot ab, 
dieser verschwinde und dann spielten „winzig kleine" Kinder im Zimmer. 
„Winzig klein" waren aber die Kotstückchen bei der gewöhnlichen 
Defäkation. In anderen Träumen hieß es, der Analytiker oder der Freund 
befruchte ihn durch den Mund (orale Empfängnistheorie). 

Zu dieser Realisierung des mütteriichen Ideals mit Sexualausschluß fürs 
Bewußtsein traten Charaktereigenschaften hinzu, welche das genaue 
Gegenteil derjenigen des Vaters darstellten. Der Vater war neugierig, 
öffnete jeden ins Haus gelangenden Brief, der Patient befleißigte sich 
besonderer Diskretion. Der Vater war geizig, schätzte das Geld sehr hoch 
ein, der Patient verachtete und vergeudete es. Der Vater legte sich 
bezügUch intimer Angelegenheiten keinen Zwang im Hause auf, er ließ 
Winde ohne Rücksicht auf die Anwesenheit von FamiUenmitgliedern; der 
Patient Utt schwer unter der Unfähigkeit zur Flatulenz (sie wich in der 
Analyse prompt nach Aufdeckung des Zusammenhanges). Der Vater war 
ein Frauenjäger, der Patient das Gegenteil. Der Vater war schließlich, wie 
der Patient behauptete, „überpotent", der Patient war impotent. 



Ambivalenzkonflikt u. Über-Idi-BUdung beim triebgehemmten Charakter 51 

Die realisierten Vateridentifizierungen sind also durch- 
wegs reaktiver Natur. , Nicht so sein wie der Vater, sondern das 
gerade Gegenteil", war die Devise. Solche reaktive Über- 
ich-Bildungen sind im Charakter neurotischer Menschen 
überaus häufig anzutreffen. Sie konstituieren die Persönlichkeit 
des (gehemmt) passiv-femininen Mannes ebenso, wie die der 
Frau mit gehemmtem Männlichkeitskomplex und werden dann 
besonders kraß ausfallen, wenn die Charaktere der Eltern aus- 
geprägt kontrastierten. Es ist insbesondere für das männhche 
Kind unheilvoll, wenn ein strenger, liebloser Vater der ganzen 
übrigen Familie gegenübersteht. Mutter und Kinder schließen 
sich wie zur Abwehr innig zusammen, das männliche Kind 
identifiziert sich mit der Mutter, welche es liebt und vor dem 
Vater schützen will; es verzichtet dabei auf seine Genitalposition 
und weicht auf die anale Stufe zurück. Es resigniert im Kampfe 
mit dem Vater und bringt es nie zu einer wesentlichen Un- 
abhängigkeit (n e u r o t i s c h e Resignation). 

Hat hier die Reaktion gegen den strengen Vater zur Mutter- 
identifizierung geführt, so kann ein ähnliches Resultat entstehen, 
wenn der Vater weich, gütig, nachgiebig war und die Mutter den 
„Herrn im Hause" spielte. Dann hegt aber keine Mutteridentifi- 
zierung, sondern eine Identifizierung mit dem milden Vater vor : 
es gibt feminine Männer, die in ihren Objektwahlen immer das 
Moment der herben, strengen Mutter betonen, das „Mannweib" 
lieben, dem sie sich gewissermaßen masochistisch hingeben. Diese 
Liebesbedingung färbt aber auch auf die Gesamthaltung ab. 

Die Fehlidentifizierungen der Frau sind an den 
verschiedenen Formen der Frigidität am besten zu studieren. 
Man kann zwei Haupttypen frigider Frauen unterscheiden: die 
einen haben das mütterUche Wesen und den Kindeswunsch 
beibehalten, die anderen tragen ein prononciert männhches 
Wesen zur Schau, haben vielfach „männhche" Berufe ergriffen, 

4* 



52 



Der triebhafte Chr -T^kter 



weisen den Geschlechtsverkehr entweder ganz zurück oder 
bleiben, wenn sie einmal heiraten, kalt, unzugänglich, herb. 
Im ersten Falle liegt eine führende, aber gehemmte Mutter- 
identifizierung vor. Die Frigidität solcher Frauen ist meist 
leichter zu beheben, als die des zweiten Typs und hat ihre 
letzte Ursache in einer unbewußten Bindung an den Vater, 
welche nie aufgegeben wurde. Wenn auch immer Peniswünsche 
bestehen, so sind sie entweder in Kindeswünsche übergegangen, 
das Kind bedeutet dann immer auch das männliche Glied, aber 
sie sind nie stark genug geworden, um den Charakter männHch 
zu gestalten. Diese Tatsache erfordert eine strengere Scheidung 
zwischen den Begriffen „Peniswunsch" und „Männlichkeits- 
wunsch". Dieser ist der weitere und schließt jenen, in sich, 
aber keineswegs ist dies umgekehrt immer der Fall. Die Frauen 
des ersten Typs können mit ihrer Frigidität sogar eine intensive 
Liebe zu ihrem Manne oder Geliebten entwickeln, sie scheitern 
bloß an der Realisierung der mütterlichen Forderung: „Du 
darfst deinen Vater nicht begehren." Befreit man sie von der 
Bindung an den Vater und vom übertragenen Verbot, so weicht 
die Frigidität prompt. 

Die Frauen des zweiten Typs haben die Liebesenttäuschung 
vom Vater nicht ertragen und haben sich nach dem bekannten 
Schema den Vater einverleibt, sind selbst das geworden, was 
sie nicht erreichen konnten. Peniswunsch und kompensierte 
Kastrationsangst stehen im Vordergrunde; sie haben die 
Realisierung des mütterlichen Ideals hintangehalten und die 
des väteriichen bewirkt.' Die frühinfantile Geschichte solcher 



i) Eine besondere Ausgangsform dieses Konfliktes ist die von Freud 
in „einem Falle weiblicher Homosexualität" (Int. Zschr. f. PsA. 1920, Ges. 
Schriften, Bd. V) beschriebene: das Mädchen wendet sich vom Vater ab 
und a 1 s W e i b einer männlichen Frau zu. Die speziellen Bedingungen 
dieser Konfliktlösung sind unbekannt geblieben. (Strenge Mutter — 
milder Vater?) 




Ambivalenzkonflikt u. Über-Idi-Bildung beim triebgehemmten Charakter 53 

Frauen enthält aber fast regelmäßig die starke, mütterliche Iden- 
tifizierung: die Hingabe an den Vater als Weib (Mutter) und 
den Wunsch, vom Vater ein Kind zu bekommen. Solche Fälle 
sind die prognostisch günstigeren, weil die Analyse die ver- 
drängte, realitätsgerechte Position des mütterlichen Ideals 
wieder aktivieren kann. Diese schwerere Form der Frigidität 
wird auf dem Wege der Analyse schließlich zur leichteren 
(erster Typ) gemacht. 

Haben aber Peniswunsch und Kastrationsangst einsetzen 
können, ehe die normal zu nennende, einfache Odipussituation 
sich entfalten konnte (zum Beispiel durch allzu frühe Spiele mit 
Knaben, wobei der Penisneid erwachte, oder Hemmung der 
Liebe zum Vater von vornherein durch abweisendes Verhalten 
desselben), dann hat die Analyse weit schwierigere Arbeit zu 
leisten. Es wäre eine dankenswerte Aufgabe zu untersuchen, 
ob (manifest) männlich-homosexuelle Frauen nicht solche Kinder 
waren, die nie eine wirksame, weibliche Einstellung zum Vater 
aktiviert hatten. Ich selbst verfüge über kein Material aus 
diesem Gebiete, kann mich aber auf Fälle berufen, welche aus 
dieser spezifischen Entwicklung heraus eine andere Wesens- 
einstellung zeigen. Grob schematisiert, verläuft die Libido- 
entwicklung folgendermaßen: der Vater war streng abweisend, 
lieblos, die Mutter gütig, gedrückt, liebevoll. Das Mädchen 
gerät sehr früh in einen schweren Ambivalenzkonflikt ra i t 
dem Vater, was erfahrungsgemäß die heterosexuelle Liebe 
schwächt und die Disposition zum Männlichkeitskomplex setzt. 
Die ganze Liebe wird der Mutter zugewendet. Die Bindung 
an die Mutter ist eine vorwiegend orale und schafft später 
mit oder ohne eigene Männlichkeitswünsche eine intensive 
Hingabe an entsprechende Mutterimagines als Kind. Solche 
Mädchen leiden an den Forderungen der Realität und führen 
die Situation des Schoßkindes immer wieder herbei. Auch 



54 



Der triebhafte Charakter 



Mutterleibssehnsucht steht dann mehr im Vordergrunde, als in 
anderen Fällen und führt zu einer oft sehr weitgehenden 
Realitätsunfähigkeit. 



Wie verlockend auch der Versuch ist, weitere atypische 
Abweichungen von der realitätsgerechten Charakterstruktur an 
speziellen Fällen zu erörtern: wir unterlassen es mit Rücksicht 
auf die Lückenhaftigkeit der empirischen Befunde. Wir sind 
uns auch der Schematik unserer bisherigen Darstellung bewußt, 
die sich auf analytische Erfahrung und auf die bisherigen 
analytischen Theorien stützen konnte. Aber die Mannigfaltigkeit 
und Kompliziertheit menschlichen Erlebens läßt sich niemals 
restlos in Begriffen ausschöpfen. Wer über eigene ana- 
lytische Erfahrung verfügt, wird unsere Ausführungen 
bestätigen, gewiß auch korrigieren und erweitern können. 

Mögen Fehlidentifizierungen, konfliktuöses Verharren im 
Ödipuskomplex oder anderes, spezielles Erleben auf dem Grunde 
einer spezifischen, erogenen Disposition den Charakter eines 
Menschen so gestaltet haben, daß Realitätsfähigkeit und Lebens- 
freude mit oder ohne Bildung neurotischer Symptome litten: 
die Ichideale sind in die Persönlichkeit fest eingebaut, das 
Ich „identifiziert" sich mit ihnen, ja, wir glauben gezeigt zu 
haben, daß die Realisierung bestimmter Ichideal-Forderungen 
den neurotischen Charakter erst konstituiert. Der Unterschied 
des triebgehemmten, neurotischen Charakters, wie er jeder 
Symptomneurose zugrunde liegt, gegen den ungehemmten, 
triebhaften Charakter ist in einer spezifischen Entwicklungs- 
störung des Ich zu suchen, deren Erörterung wir uns in den 
folgenden Abschnitten zuwenden. 



IV 

Ambivalenzkonflikt und Idi-Bildung beim 
triebhafl:en Charakter 

Wie fruchtbar auch die psychoanalytische Durchforschung 
des kindlichen Erlebens zwischen dem dritten und sechsten 
Lebensjahre geworden ist, es läßt sich doch nicht leugnen, daß 
uns die wesentlichsten Stücke zum vollen Verständnis der 
seelischen Entwicklung noch fehlen, weil wir in den Analysen 
Erwachsener nur ganz ausnahmsweise tiefer, als bis zum dritten 
Lebensjahre vordringen können. Erinnerungen aus früherer Zeit 
tauchen zwar gelegentHch auf, sie sind aber derart vage, so 
wenig in organischer Verbindung mit dem übrigen Material, 
daß man es nicht wagen kann, auf ihnen einigermaßen sichere 
Schlüsse aufzubauen. Dennoch kann heute die Annahme als 
gesichert gelten, daß der Mensch gerade in den ersten zwei 
Lebensjahren mehr, und in entscheidenderer Weise erlebt als 
jemals später. In diese so kritische Phase des Ödipusalters tritt 
das Kind bereits mit, wenn auch nicht endgültig, so doch in 
großen Zügen fertigen Haltungen ein. Der Ödipuskomplex 
stellt sich uns als eine Linse dar, in der sich die Strahlen der 
Triebe brechen. Sie verleihen ihm sein spezifisches Gepräge 
und erfahren durch die Erlebnisse dieser Phase weitgehende 
Modifikation. Der von Anna Freud' mitgeteilte Fall eines 

i) Ein hysterisches Symptom bei einem zweieinviertelj ährigen Kinde 
(Imago, Bd. EX, 1923). 



56 Der triebhafte Charakter 

hysterischen Symptoms bei einem zweieinviertel Jahre alten 
Kinde zeigt, wie dunkel dieses Gebiet noch ist. Die methodischen 
Schwierigkeiten scheinen unüberwindbar zu sein. Soweit bisher 
direkte Kinderbeobachtungen mitgeteilt wurden, erstrecken sie 
sich nur auf Kinder nach dem zweiten Lebensjahre. Es fehlt 
uns an analytisch geschulten Kleinkinder- und Säuglings- 
pflegerinnen. 

Ein zweiter indirekter Weg zur Kenntnis der frühesten 
Entwicklungsphasen ist die klinische Durchforschung bestimmter 
Formen der Schizophrenie und der MelanchoUe, deren Fixierungs- 
stellen wir in jenen ersten postembryonalen Stadien zu finden 
glauben. Es gibt Fälle von Schizophrenie, welche tatsächlich 
Verhaltungsweisen und Mechanismen bieten, die dem des 
Säuglings oder des einjährigen Kindes, ja dem embryonalen 
Zustande selbst entsprechen. Sehr lehrreich in Bezug auf die 
Verwischung der Ichgrenze gegen die Außenwelt ist der FaU 
von Tausk,' in Bezug auf primitivste Sexualkonflikte der 
Fall Nunbergs.^ 

Wenn sich bei gewissen Formen der Schizophrenie die Ich- 
grenze ganz oder teilweise verwischt und wir gleichzeitig 
bestimmte Züge des kleinen Kindes auftreten sehen, so kann 
es nicht mehr Spekulation genannt werden, wenn die Psycho- 
analyse annimmt, daß das Ich des Kindes sich erst allmählich 
aus dem Chaos löst, daß die Ichgrenze sich langsam heraus- 
bildet und in dieser ersten Phase der Ichbildung der Grund- 
stein zu Fehlentwicklungen des Ich gelegt wird. 

Ein reines Trieb- oder Lust-Ich tritt den Reizen der 
Umwelt entgegen, „identifiziert" sich mit ihnen, soweit sie lustvoU 
sind, lehnt sie ab, wenn sie unlustvoll sind, auch dann, wenn sie 

i) Entstehung des Beeinflussungsappärates in der Schizophrenie (Int. 
Ztschr. f. PsA., Bd. V, 1919). 

2) Über den Icatatonen Anfall (Int. Ztschr. f. Psa., Bd. VI, 1920). 



Ambivalenzkonflikt und Idi-Bildung beim triebhaften Charakter 57 

diesem Trieb-Ich selbst entstammen. Das ursprüngliche Lust-Ich 
hat weitere Grenzen als das spätere Real-Ich, soweit es sich um 
Lusterleben (Freu d)/ engere, soweit es sich um Unlust handelt. 
Lustvolle Objekte der Außenwelt werden als dem eigenen Ich 
zugehörig aufgefaßt und da das zentrale Objekt dieser ersten 
Phase die mütterliche Brust ist, glauben wir auch das Motiv, 
verstehen zu können, welches die Aussendung von Objekt- 
libido aus dem narzißtischen Reservoir bewirkt : die Mutter- 
brust muß schließlich doch als der Außenwelt zugehörig 
erkannt, sie muß daher aus dem Ich „hinaus verlegt" werden 
und zieht den an ihr hängenden Libidobetrag nach sich. So 
wird zum ersten Mal narzißtische Libido in Objekthbido 
verwandelt. Die ersten Objekte sind nicht Personen der Um- 
gebung als ganze, sondern deren Organe, soweit sie lustvoll 
waren. In der Analyse zerfällt das Objekt allmählich in einzelne 
Organe, zum Beispiel an der Mutter tritt dann besonders die 
Brust hervor. Sowie in der Analyse rückläufig die zärtliche 
Libido letzten Ende's zu reiner Organlibido zurückführt, so setzt 
sich die kindliche Organlibido fortschreitend in sublimiertere 
Formen zärtlicher Libido um. Von der Mutterbrust breitet sich 
die Libido auf die Spenderin der Nahrung, Liebe und Ruhe, 
auf die Mutter aus. 

Einflüsse der Erziehung 

Aber schon an der ersten Phase dieses bedeutsamen Prozesses 
setzen Versagungen ein : die Mutterbrust wird entzogen. 
Gewährung und Versagung stehen einander aber an jeder 
Entwicklungsstufe gegenüber, ja die Fortentwicklung von Stufe 
zu Stufe ist allein durch die Versagung gewährleistet. 

i) Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens 
(1911, Ges. Schriften, Bd. V). 



58 



Der triebhafte Charakter 



In dem Nebeneinander von Triebbefriedigung 
und Versagung haben wir aber mit Grab er' die onto- 
genetische Wurzel der Ambivalenz zu erblicken. 
Das Kind liebt die triebbefriedigende und haßt die trieb- 
versagende Person. Wenn der Haß älter ist als die Liebe, wie 
Stekel und Freud ausgeführt haben, so liegt das an der 
Unlust bei der Geburt. Diese Unlust wird dann durch Organ- 
lust vergessen gemacht und tritt in Form von Geburtsangst, 
beziehungsweise von Wünschen nach Rückkehr in den Mutter- 
leib, wie Rank betont, dann auf, wenn die Triebversagungen 
von allem Anfang an zu stark ausfallen. 

Die Ambivalenz ist also in der seehschen Entwicklung natur- 
notwendig gegeben. Diese ambivalenzzeugenden Situationen 
hat jeder Mensch mitgemacht, so daß wir uns fragen müssen, 
was hinzukommen müsse, damit die Ambivalenz pathogen 
werde. Es kommt darauf an, in welcher Form und Stärke und 
in welchem Stadiiun der Triebbefriedigung die Versagung 
einsetzte, sowie darauf, welche Einstellung das Kind zur Er- 
ziehungsperson im fraglichen Zeitpunkt hatte. Es gibt nun 
prinzipiell vier Möglichkeiten: 

/^Partielle Triebbefriedigung und stückweise 
Versagung, dadurch allmähliche Verdrängung. 
Diese Situation stellt das Optimum des Entwicklungsganges 
dar: im Stadium der partiellen Triebbefriedigung lernt das 
Kind die Erziehungsperson lieben und nimmt dann die Ver- 
sagungen ihr „zuliebe" auf sich. Dieses Optimum versuchen 
wir ja auch in der analytischen Situation herzustellen. Die 
Triebbefriedigung muß von allem Anfang an partiell sein, der 
Säughng muß sich zum Beispiel von vornherein an bestimmte 
Stunden der Nahrungsaufnahme gewöhnen. Die Versagung 



i) Die Ambivalenz des Kindes (Imago-Bücher, Nr. VI, 1924). 



Ambivalenzkonflikt und Idi-Bildung beim triebhaften Charakter 59 

muß immer intensiver werden, ohne jedoch jemals zur totalen 
Triebhemmung zu führen. Denn der zu unterdrückende Trieb 
muß die Möglichkeit haben, sich umzusetzen, beziehungsweise 
durch einen anderen Partialtrieb ersetzt zu werden. 

2) Die Triebversagung erfolgt nicht allmählich, sondern 
setzt in jeder Phase von allem Anfang an voll 
ein. Es muß zu totaler Triebhemmung kommen, wie sie 
für manche abulische Patienten typisch ist. So wirkt zum 
Beispiel in manchen Fällen das Aufziehen bei der Flasche 
oder die totale Versagung der genitalen Onanie hemmend 
auf die Liebesfähigkeit ^ ein. Ist die Triebbereitschaft eine 
starke, so wird der Ambivalenzkonflikt zugunsten des Hasses 
verstärkt. Dies besteht für viele triebgehemmte Zwangsneu- 
rosen zu Recht. 

ß) Die Triebversagung fehlt zur Zeit der ersten 
Entwicklung vollkommen oder praktisch so gut wie 
vollkommen, weil das Kind ohne Aufsicht aufwächst. Das 
Resultat kann nur ungehemmte Triebhaftigkeit sein. Da sich 
früher oder später doch die Einflüsse der weiteren Umgebung 
geltend machen, muß es zu schweren Konflikten kommen. 
Während wir die unter i) und 2) genannten Möglichkeiten 
analytisch belegen können, ist die dritte Möglichkeit in dieser 
extremen Form konstruiert. Doch sind wir der Überzeugung, 
daß analytische Durchforschung von Verbrechern, Prostituierten 
usw. solche Tatbestände zutage fördern wird. 

Als 4. Möglichkeit haben wir schließlich jene im Auge, 
welche meiner Erfahrung nach beim triebhaften Charakter 
typisch ist. Sie deckt sich zum Teile mit der dritten. In der 
Analyse triebhafter Charaktere findet man mit überraschender 
Regelmäßigkeit den Tatbestand vor, daß einer weitgehend 



i) Fall 6 in Reich: Über Genitalität (Int. Ztschr. f. PsA., Bd. X, 1924). 



6o 



Der triebhafte Charakter 



ungehemmten Triebb ef riedigung eine (oft spät 
einsetzende) traumatisch wirkende Versagung 
entgegenstand. So zum Beispiel wurde eine meiner hier- 
hergehörigen Patientinnen von ihrem Vater mißbraucht, anderer- 
seits aber von ihm bis zur Ohnmacht geprügelt, wenn sie sich 
mit Spielgenossen auf der Straße abgab. Eine andere Patientin 
war vollkommen ohne Aufsicht aufgewachsen und schon mit 
drei Jahren (wahrscheinlich schon früher) zu genitalen Spielen 
gekommen, wurde aber von der Mutter aufs fürchterlichste 
geprügelt, wenn sie einmal zufällig erwischt wurde. Es ist 
überaus häufig, daß zum Beispiel Kinder in Bezug auf ein 
bestimmtes Moment besonders streng gehalten, sonst aber 
vollkommen sich selbst überlassen werden. So legte zum 
Beispiel der Vater einer Patientin besonderes Gewicht darauf, 
daß die Kinder pünktlich und alles aßen, er übersah aber voll- 
kommen, daß die Kinder sonst mit Kot spielten, onanierten usw. 
Ebenso häufig kommt es vor, daß Kinder wenig beaufsichtigt 
werden, dadurch mangelhafte Triebhemmungen erwerben, bis 
eines Tages die Sache den Eltern „zu dumm wird" und nun- 
mehr plötzlich, ohne Vorbereitung und mit aller Vehemenz 
„andere Saiten aufgezogen werden". Wir ersparen uns die 
Aufzählung weiterer Möglichkeiten. Jeder sehende Erzieher wird 
darüber mehr zu sagen haben. Die Inkonsequenz der Erziehung, 
mangelhafte Triebversagung auf der einen, auf ein Detailstück 
konzentrierte oder plötzlich, zu spät einsetzende Versagung auf 
der anderen Seite ist das gemeinsame Merkmal in der Ent- 
wicklung der triebhaften Charaktere. 

Der Ambivalenzkonflikt nimmt hier ganz charakteristische 
Formen an. Entweder es überwiegt ständig Haß und Furcht 
den Erziehungspersonen gegenüber bei gleichzeitig ungehemmter 
Triebhaftigkeit, welche gelegentlich durch Trotzreaktionen noch 
verstärkt wird, oder, was ebenso häufig vorkommt, es steht 



Ambivalenzkonflikt und Idi-BUdung beim triebhaften Charakter 6l 

einer intensiven, unbefriedigten Liebesselinsucht ein ebenso 
intensiver Haß gegenüber. Es hängt von anderen Momenten 
ab, ob aus solcher Entwicklung mehr masochistische oder mehr 
sadistische Formen resultieren. Die Liebesunfähigkeit ist hier 
immer kraß und viel schärfer ausgeprägt als bei einfachen 
Symptomneurosen. Daneben besteht starke Liebessehnsucht. 

Gegenüber der Ambivalenz der Zvirangsneurose besteht der 
wesentliche Unterschied, daß die Reaktionsbildungen mangel- 
haft sind, die sadistischen Impulse mehr oder weniger voU ausge- 
lebt werden. Bei der typischen Zwangsneurose ist die Ambivalenz 
auf Details, auf Gleichgültiges in scheinbar sinnloser Weise 
verschoben. Beim triebhaften Charakter kann es gelegentlich 
auch zu solchen Verschiebungen kommen, typisch ist aber, daß 
das ambivalente Verhältnis zu den ursprünglichen Objekten 
oder geeigneten Ersatzobjekten dauernd offenkundig bleibt. 
Beim triebhaften Charakter liegt die Schädigung durch das 
Verhalten der Erziehungspersonen klar zutage, bei einfachen 
Neurosen kommen solche Schädigungen gelegentiich vor, in 
der Mehrzahl der Fälle liegen sie gar nicht vor oder sind 
zumindest nicht auffallender als bei Gesundgebliebenen. Im 
infantilen Erleben triebhafter Charaktere liegen Häufungen 
grober Schädigungen vor, bei den Symptomneurosen 
sind grobe Schädigungen entweder gar nicht vorgefallen oder 
nur gelegentlich einmal. Typische Erlebnisse, wie sie auch von 
Gesunden erlebt wurden, zum Beispiel Kastrationsdrohungen, 
Beobachtungen des elterlichen Geschlechtsverkehres usw. haben 
beim triebhaften Charakter besonders krasse Formen ange- 
nommen, sei es, daß solche Menschen besondere Grausamkeit 
auch für nichtige Vergehen, gehäufte sexuelle Verführungen 
von den Erziehungspersonen selbst erfuhren oder in einem 
sadistischen Milieu aufwuchsen. Von der schlechten Ehe des 
kultivierten Menschen bis zu den ehelichen Roheitsexzessen des 



, 62 Der triebhafte Charakter 

Säufers gibt es alle Übergänge. Gerade für diese Art von 
Kranken gilt die Freud sehe Annahme, daß Neurosen und 
pathologische Charakterbildungen zum großen Teile angelernt 
sind.' Es ist ja von vornherein klar ersichtlich, daß eine durch 
mangelhafte Triebhemmung charakterisierte Umgebung einer- 
seits mangelhafte Ichidealbildungen beim Kinde setzt, anderer- 
seits die Triebversagungen brutaler ausfallen läßt, als notwendig 
ist. So kommt es zu der typischen akuten und scharfen 
Ambivalenz des triebhaften Charakters, der sich mit Recht 
darauf berufen könnte, er habe es nicht anders gelernt. Die 
Inkonsequenz des „Erziehers" spiegelt sich dann in den inkon- 
sequenten Haltungen zur Umwelt. Es wäre durchaus falsch, 
hier von fehlenden Ichidealen zu sprechen. Das trieb ver- 
nein ende Ichideal ist aufgerichtet worden und vorhanden, 
doch ist das trieb bejah ende Über-Ich gleichzeitig akquiriert 
worden. Wäre dies nicht der Fall, so würde ungehemmte 
Triebhaftigkeit ohne neurotische Bildungen resul- 
tieren, wie es für manche asoziale Typen ohne solche zu- 
treffen mag. 

Auch das immer vorhandene Schuldgefühl insbesondere 
der masochistischen Formen des triebhaften Charakters weist auf 
eine starke Position der Ichideaie hin ; die Stärke der Ichideal- 
position muß aber durch ein jMoment 'paralysiert sein, wenn 
trotzdem die Triebhaftigkeit ungehemmt wirksam ist. 

Dieser vorwiegend durch äußere Momente bedingten patho- 
genen Über-Ich-Bildung kommt ein allen triebhaften Charakteren 
eigenes, inneres Moment entgegen. Es macht gleichzeitig den 
dispositionellen Faktor aus: die regelmäßig zu konstatierende, 
abnorm frühe sexuelle Bereitschaft, die übermäßig starke 

i) „Die närrischen Launen, welche man auf Rechnung der Natur schreibt 
und dennoch bloß durch Erziehung pflanzet", schreibt Rousseau in 
seinen „Bekenntnissen" (Ausgew. Werke, Cotta, Bd. I, S. 51). 



Ambivalenzkonflikt und Idi-Bildung beim triebhaften Charakter 63 



Betonung sämtlicher erogener Zonen. Ich konnte insbesondere 
feststellen, daß die Genitalität bei solchen Kranken abnorm früh 
zu voller Entfaltung kam. Bei milden Neurosen und bei Gesund- 
gebliebenen pflegen Ja Sexualbetätigungen in früher Kindheit 
zur Regel zu gehören, insbesondere die genitale Phase scheint 
um das 4. — 5. Lebensjahr regelmäßig einen Höhepunkt zu 
erreichen. In manchen Fällen ist es zu durchaus gehemmter 
Triebbetätigung gekommen, Sexualwünsche und Inzestbegehren 
sind vielfach niemals mit voller, sinnlicher Kraft bewußt geworden, 
waren aber unbewußt in voller Stärke gegeben. Triebhafte 
Charaktere haben hingegen ihre Sexualität nicht nur sehr früh, 
sondern auch mit ganz bewußten Inzestwünschen ausgelebt. 
Dabei hat nicht eine Phase die andere abgelöst, wie bei der 
Symptomneurose, sondern es standen die Partialtriebe mehr 
oder weniger gleichwertig nebeneinander. Gerade solche Kranke 
weisen den typischen Befund polymorph-perverser Kinderspiele 
auf. Infolge der Sorglosigkeit der Umgebung haben solche 
Kranke weit mehr vom Sexualleben der Erwachsenen gesehen 
und verstanden, als es bei einfachen Neurosen im allgemeinen 
der Fall ist. Die Latenzzeit ist entweder überhaupt nicht oder 
nur sehr mangelhaft aktiviert worden. Bedenkt man die wichtige 
Rolle, welche die Latenzzeit in der Ichentwicklung des Menschen 
in Hinsicht auf Sublimierungen und Reaktionsbildungen zu 
leisten hat, so kann man den Schaden ermessen, der hier 
gestiftet wird. Die Pubertät wird von extremen Durchbrüchen 
der Sexualität eingeleitet. Ein Ausgleich findet nicht einmal 
durch die Onanie oder durch sehr früh aufgenommenen Sexual- 
verkehr statt, weil die ganze libidinöse Organisation durch 
Enttäuschung und Schuldgefühl zerrissen ist. 

Der folgende Fall ist in dieser Hinsicht lehrreich. Er zeigt 
neben der polymorph-perversen Libidostruktur Mechanismen 
des Schuldgefühls, welche auch für andere Formen triebhafter 



64 



Der triebhafte Charakter 



Charaktere gelten. Ihre Besprechung soll die spätere des 
-isolierten Über-Ich" einleiten. 



Zur Frage der „Grenzfälle" 

Es handelt sich um eine Zwangsneurose, die aber die Diagnose 
einer Schizophrenie sehr nahe legt. 

Eine 19jährige Patientin sucht die Analyse wegen eines quälenden 
Gedankens auf, der immer darin auftritt, wenn sie etwas Böses getan zu 
haben glaubt: die Welt geht unter, sie s t ürz t z u samme n. 
Wenn sie eine Arbeit leisten soll, so muß sie denken: „Wozu soll ich das 
leisten, wenn die Welt eh' morgen untergeht." Am nächsten Tage ist sie 
ganz erstaunt darüber, daß „die Welt noch nicht untergegangen" ist. Dabei 
fehlt jede Spur manifester Angst; die Weltuntergangsphantasie ist viel- 
mehr begleitet von einem Gefühl großer Trostlosigkeit und Öde, „alles 
ist tot, ausgestorben, ich wundere mich manchmal, daß die Menschen sich 
noch bewegen." Diese Depersonalisationszustände waren immer mit der 
Weltuntergangsphantasie verbunden, traten aber auch sonst mehrere Male 
am Tage auf.' Sie empfindet zunächst die Phantasie vom Weltuntergang 
nicht als krankhaft, sie behauptet im Anfang, fest an die Möglichkeit eines 
Weltunterganges zu glarben. Die Patientin macht zeitweise einen sehr 
verlorenen Eindruck, sie hat Zustände, in welchen sie wie geistesabwesend 
während des Sprechens stockt und in die Ferne blickt, und spricht zeitweise 
unzusammenhängend. Der erste Eindruck war der einer Dementia praecox. 
Auch der Bericht der Ehern, daß sie tagelang traumverloren und arbeits- 
unlustig sei, schien dafür zu sprechen. 

Ehe wir den Bericht fortsetzen, möchten wir erwähnen, daß ihre ähere 
und hübschere Schwester vollkommen lebenstüchtig ist, soweit bekannt, 
keinerlei neurotische Erscheinungen zeigt. Der Vater ist ein arbeits- und 
lebenstüchtiger Mensch, reizbar, jähzornig, herrisch, intelUgent. Die Mutter 
angebUch gesund, eine Person mit einem geistig etwas beschränkten 
Horizont. 

Den oben beschriebenen typisch schizoiden Merkmalen steht ein 
Verhaken gegenüber, das eine intensive, durch Trotz und Widerspruchs- 
geist charakterisierte Beziehung zur Außenwelt, insbesondere zu Eltern 
und Schwester verrät. Die Patientin fühlt sich in extremem Maße minder- 
wertig, sie könne nichts leisten und müßte alles leisten können. Sie wollte 
alle Handwerke erlernen, Mathematik verstehen, den Aufbau einer Maschine 
begreifen, sie empfindet Nichtkönnen als „eine Unterdrückung vom Mann 
zur Frau". Wenn sie auf der Straße ein Mädchen Radfahren lernen sieht, 



Ambivalenzkonflikt und Idi-Bildung beim triebhatten Charakter 65 

so muß sie denken, daß ein Mann viel geschickter sei, und s i e empfindet 
die Unfähigkeit der Lernenden als Unterdrückung. Das Minderwertigkeits- 
gefühl steht in innigster Verbindung mit bewußten selbstquälerischen 
Tendenzen. Um nur ein Beispiel zu nennen: sie lernte Kochen, fühlte sich 
minderwertig, machte oft ganz bewußt und absichthch alles verkehrt, und 
ihr größtes Vergnügen bestand darin, von der Mutter geschimpft zu werden. 
Sie gibt selbst zu, viele Dinge verkehrt zu machen, um die Leute zu 
ärgern und um geschimpft zu werden. Sie lernte nähen und zerschnitt 
absichthch Stoffe, um hinausgeworfen zu werden. In der Analyse benimmt 
sie sich trotzig, renitent, und nach einigen Sitzungen fragt sie : „Ja, warum 
schmeißen Sie mich denn nicht hinaus?" Mit der Selbstquälerei geht 
regelmäßig die Idee vom Weltuntergang einher. Aber sie quält auch 
andere, so insbesondere die Mutter: sie stellt ihr absichtlich ein Bein, 
damit „sie falle und zerschelle". Sie ergötzt sich am Erfinden grausamer 
Phantasien, sowohl mit masochistischen, als auch sadistischen Zielen. 
Beispiele für erstere: es wird ihr ein Schwert durch die Scheide gestoßen, 
so daß es am Scheitel wieder hervordringt. Oder sie wird gezwungen, mit 
nackten Füßen auf einem mit Nägeln beschlagenen Brett zu gehen, so daß 
das Blut hervordringt. 

Die erste Phantasie hängt mit ihrer Gonorrhöe zusammen, die sie im 
vierten Lebensjahre, wie sie genau angibt, vermutlich von einer Gouver- 
nante akquirierte. Sie datiert auch ihr „Verrücktsein" von ihrem vierten 
Lebensjahr an. Sie stand durch sechs Jahre in spezialistischer Behandlung 
und die Schwertphantasie hat ihren realen Hintergrund in den Schmerzen, 
welche sie durch die Erweiterung der Cervix erfahren hatte. Die zweite 
Phantasie hängt mit ihrer seit frühester Kindheit ununterbrochen fort- 
gesetzten Onanie zusammen. Sie war schon mit vier Jahren aufgetreten, 
als der Vater ihr die bekannten Kastrationsdrohungen zurief, ihr die Hände 
für die Nacht band und ähnliches mehr. Ihre sadistischen Phantasien 
lassen sich sämtlich aus den masochistischen ableiten. So sagte sie der 
Mutter: „Nimm ein Brett, beschlage es mit Nägeln und schlage es dem 
Vater an den Schädel." Oder: „Steig' aufs Fenster und stürz' dich 
hinunter. SoHte ich währenddessen beim Essen sein, so darfst du nicht 
glauben, daß ich dich hindern werde. Ich werde ruhig fertig essen und 
dann in den Hof gehen, um mir deine zerschellte Leiche anzusehen." Sie 
empfindet derartige Aussprüche weder als krankhaft, noch als lästig, Sie 
sagt es ruhig, ohne momentane innere Gemütsbewegung. Dann wieder 
bringt sie es zuwege, der Mutter um den Hals zu fallen und sie zu küssen. 
Es bedurfte in der Analyse langer, intensiver Anstrengung, der Patientin 
klarzumachen, daß die an banale Vorkommnisse geknüpfte Weltunter- 
gangsphantasie dem Schuldgefühl entspräche, das eigentlich ihren 

Reich, Der triebhafte Charakter. c 



66 Der triebhafte Charakter 



sadistischen Impulsen angehört. Besonderen Spaß bereitet es der Patientin, 
ihrer Mutter nahe vor den Augen mit gekrümmten Fingern „zu krallen", 
wie um sie zu blenden. 

Vom Vater fühh sich die Patientin unterdrückt, sie achtet ihn aber, weil 
er „gescheit ist" und der Herr im Hause war. Der Vater, ein offenbar 
stark sadistischer Charakter, schlug die Kinder (oft auch mit Ruten) 
ohne Erbarmenfürkleinste Vergehen. Trotzdem, oder, ihrer masochistischen 
Einstellung entsprechend, gerade deswegen achtete sie ihn, ja sie hätte 
ein Stück seiner Art zu ihrer eigenen gemacht, denn sie benahm sich der 
Mutter gegenüber genau so wie der Vater. Sie zerschlug Teller im Zorn, 
war bissig und grausam zur Mutter, während sie ihrer großen Rivalin, 
der hübscheren und von allen vorgezogenen Schwester wie der Vater, 
später wenigstens, ihre Liebe und Bewunderung schenkte. Die Mutter 
stört sie „schon durch ihre bloße Anwesenheit". Sie sei dumm, schwach, 
lasse sich alles gefallen, verdiene daher keine Achtung. 

Wir sehen deutlich, wie das brutale väterliche Ideal im Ich 
der Patientin platzgriff, wie stark ihre Identifizierung mit dem 
Vater ist. Daneben besteht in tieferer Schichte die masochistische 
Hingabe an den Vater, der die sadistische Einstellung gegen 
die Mutter parallel läuft. Sowohl die , sadistische, als 
auch die masochistische Tendenz ist aber voll 
bewußt und wir sehen das Typische dieses Falles gerade in 
der vollen Bewußtheit von Tendenzen, die bei der einfachen 
Zwangsneurose stärkster Verdrängung zu unterliegen pflegen. 
Unserer Patientin fehlt auch die typische zwangsneurotische 
Übergewissenhaftigkeit, sie ist im Gegenteil in der Hauptsache 
gewissenlos. 

Ein Äquivalent der zwangsneurotischen Gewissenhaftigkeit 
stellt das zentrale Symptom: die Weltuntergangsphantasie dar, 
die dem ungeheuren Schuldgefühl der Mutter gegenüber ent- 
sprach (über eine weitere, tiefere Determinierung später), sich 
aber an banale Alltagsbegebenheiten geknüpft hatte. Gerade 
diese Verschiebung des Schuldgefühls auf Banales ermöglichte 
aber erst die manifest sadistische Haltung. In der Analyse 
gelang die richtige Verknüpfung wieder; jetzt erst begann die 



Ambivalenzkonflikt und lA-BÜdung beim triebhaften Charakter 67 

Patientin, ihre sadistischen Impulse der Mutter gegenüber als 
Zwang zu empfinden. In diesem Stück hatte der triebhafte, 
zwangsneurotische Charakter eine Umwandlung in ein typisches 
Zwangssymptom erfahren. 

Bei der typischen Zwangsneurose ist, für den Fall, daß ein 
unverhüllter Zwangsgedanke oder -impuls besteht, das Schuld- 
gefühl direkt mit dem Symptom verknüpft. In der scharfen 
Trennung zwischen sadistischem Impuls und 
Schuldgefühl sehen wir einen der typischen 
Mechanismen beim triebhaften Charakter. Als 
weiteren Beweis führen wir an, daß bei übergewissenhaften 
Zwangsneurosen, welche die sadistischen Impulse vollkommen 
verdrängt haben, sich das Schuldgefühl ebenso wie beim trieb- 
haften Charakter an banale Ereignisse knüpft. 

Wir werden uns noch später genau mit der für den trieb- 
haften Charakter kardinalen Frage zu befassen haben, was 
die Trennung des Schuldgefühls vom manifesten Sadismus 
ermöglicht, und wollen jetzt kurz die Libidogeschichte des 
Falles darstellen. Ihre Sexualität ist in höchstem Ausmaße 
ungehemmt. 

Die Patientin onaniert fast tägHch ohne orgastische Sensation mit 
abundanten masochistischen Phantasien. Kein Geschlechtsverkehr. Darüber 
hinaus ist ihre Libidostruktur als durchaus polymorph-pervers zu bezeichnen. 
Eine onanistische Phantasie hat den Inhah, sie esse mit ihrem 
Vater gefüllte Scheiden, die zuerst herausgeschnitten und mit 
Kot gefüllt wurden. Also Elemente aller drei Libidostufen. Essen (oral) 
statt koitieren - Scheiden (genital) — mit Kot gefüllt (anal); das 
Ganze wird masochistisch erlebt: sie wird dazu gezwungen (maso- 
ch istisch). Manifeste Koitusphantasien normaler Natur spielen eine 
nebensächliche Rolle. Die orale Komponente dieser Onaniephantasie hat 
ihre besondere Geschichte: sie und ihre Schwester hatten als Kinder an 
Eßstörungen gelitten. Zu deren Bekämpfung hatte der Hausarzt (! !) 
empfohlen, sie zum Essen mit allen Mitteln zu zwingen und, falls sie das 
Gegessene erbrechen soUten, sie mit Gewah anzuhalten, auch das Erbrochene 
zu essen. Das war wiederhoU geschehen. Wie begreiflich, daß dann die 



68 



Der triebhafte Charakter 




Verdrängung und Sublimierung der oralen und analen Tendenzen mißlang, 
so daß die Patientin noch im siebenten und achten Lebensjahr Kot und 
Vaginalschleim aß. Zur Zeit der Analyse fand die Patientin größte Lust 
daran, Vaginalschleim zwischen den Fingern zu schmieren. 

Auch die Mutterleibsphantasien standen im Vordergrunde sowohl der 
Symptomatologie des Falles, als auch der Libidoentwicklung. Mit der 
Weltuntergangsphantasie, die letzten Endes eine vom Schuldgefühl diktierte, 

vorübergehende Regression zum 
Mutterleib darstellte, ging auch eine 
lebhafte visuelle Vorstellung einher: 
die Patientin sieht sich in der „Welt- 
kugel" liegen. Die Zeichnung hat Pa- 
tientin selbst geliefert: a) stellt die 
Weltkugel dar, c) ist sie selbst und 
h) sind „die Augenlider", welche als 
„Fächer" „den Innenraum auskleiden 
^—C und zum Körper laufen". Wir zaudern 
keinen AugenbUck, die geschilderte 
Situation als phantasierte Mutterleibs- 
situation aufzufassen.! 

Um die Libidostruktur solcher Kranker besser zu verstehen, 
muß man sich an jene der klassischen Hysterie und Zwangs- 
neurose als Vergleichsmoment halten. Bei der reinen Angst- 
hysterie tritt uns in der Analyse verdrängte genitale Libido 
als zentraler, pathogener Faktor entgegen. Wenn daneben in 
der Symptomatologie oder im Verlaufe tiefergreifender Analyse 
andersartige Libido auftaucht, so haben wir doch nie Griind, 
daran zu zweifeln, daß die Hauptfixierung der reinen 
Angsthysterie an der genitalen Stufe gelegen ist. Die Hysterie 
ist nach Freud eine Erkrankung der genitalen Stufe. Wenn 
wir bei einer Konversionshysterie vom oralen Typus, zum 
Beispiel beim hysterischen Erbrechen, im Zentrum des Libido- 

i) Ich verweise nur auf die eigentümliche Stellung der Fächer. Sie 
erinnert ganz an den Verlauf der Amnionhäute. Ich vermeide jeden Versuch 
einer Deutung, will aber bemerken, daß die Patientin, soweit eruiert wurde, 
nie eine Abbildung der Embryonallage gesehen hatte und daß diese 
Phantasie schon in früher Kindheit bestand. 



Ambivalenzkonflikt und Idi-Bildung beim triebhaften Charakter 69 

querschnittes die orale Fixierung finden, so belehrt uns die 
Bedeutung und der Zweck des oralen Symptoms, sowie die 
Analyse der Gesamtpersönlichkeit, des hysterischen Charakters, 
bald darüber, daß die orale Zone Genitalbedeutung 
angenommen hat („Verschiebung nach oben"), wie es Freud 
und Ferenczi ausgeführt haben. Bei der typischen, reinen 
Zwangsneurose, sei es mit sadistischen Impulsen, sei es anal- 
erotisch fundierten Reinigungszeremoniellen, steht die prä- 
genitale sadistisch-anale Fixierung zentral (Freud), sie schafft 
die Symptome, prägt dem zwangsneurotischen Charakter seinen 
spezifischen Stempel (übertriebene Gewissenhaftigkeit und 
Ordnungssinn usw. als Reaktionsbildungen gegen verdrängten 
Sadismus und Analität) auf. Bei der Melancholie steht, wie 
Abraham überzeugend nachwies, die orale Fixierung zentral, 
eine Tatsache, von der sich jeder analytisch geschulte Kliniker 
leicht überzeugen kann. Bei den Mischformen zwischen Zwangs- 
neurose und Hysterie fällt es bei tieferer Analyse nicht schwer, 
einzelne Symptome und bestimmte Charakterzüge auf die 
entsprechenden Fixierungsstellen zu beziehen. Wenn sich 
auch eine Reihe noch ungelöster, wichtiger Probleme um 
den Entwicklungsschub vom Anal-Sadistischen zum Genitalen 
gruppieren, welche zum Problem der spezifischen Ätiologie 
überhaupt gehören, so können immerhin bei den reineren 
und milderen Formen der Hysterie und Zwangsneurose um- 
schriebene Fixierungen und Entwicklungshemmungen eines 
Teiles der Persönlichkeit, mehr weniger scharf abgegrenzte 
Libidopositionen festgestellt werden. Beim ausgesprochenen 
triebhaften Charakter vom Typus unseres Falles kann von 
solchen Beurteilungen nie die Rede sein. Versucht man eine 
Reihe von Haltungen und Symptomen auf die genitale oder 
anale Fixierung zu beziehen, so ist man genötigt, der oralen 
eine ebenso bedeutende Rolle zuzuschreiben. Man findet auch 



70 Der triebhafte Charakter 



bei sehr eingehender Analyse keinen einheitlichen Fixierungs- 
punkt an einer der libidinösen Entwicklungsstufen, sondern 
ein mehr weniger gleich starkes Nebeneinander aller be- 
kannten Partialtriebe in meistens unlösbaren Verbindungen 
und Mischungen. Man bekommt den Eindruck, als hätte, um 
ein drastisches Gleichnis zu gebrauchen, ein Elefant im 
Porzellanladen der kindlichen Entwicklungsstube gewütet. 

Unser Fall zeigt im Verhalten zu Vater und Mutter eine 
dauernde, scharfe Ambivalenz, welche sich besonders der Mutter 
gegenüber in grausamen Akten und Aussprüchen kundgibt. Ihr 
Über-Ich ist vollkommen männlich orientiert. Sie bewundert 
den starken, rohen Vater und benimmt sich der „dummen", 
schwachen Mutter gegenüber wie er. Die Identifizierung ist 
dabei ganz bewußt. Ihr im Vordergrund der Klagen stehendes 
Minderwertigkeitsgefühl geht ganz auf die Identifizierung mit 
dem Vater und auf den Neid auf die von ihm vorgezogene 
Schwester zurück. 

Die Analyse ergab aber mit größter Wahrscheinlichkeit, daß 
der Vater nicht nur schwere Schädigungen durch sein sadistisches 
Verhalten gesetzt, nicht nur das Vorbild für das sadistische Ichideal 
abgegeben hatte, sondern in erster Linie an der mangelhaften 
Triebhemmung beteiligt war: er hatte sich den Kindern in 
unverhüllt sexueller Absicht genähert; ja, die Annahme, daß er 
ihr auch die Gonorrhöe beigebracht hatte, lag allzu nahe, als ich 
erfuhr, daß auch er an chronischer Gonorrhöe gelitten hatte. 
Die Patientin datierte selbst ihre Erkrankung mit ihrem vierten 
Lebensjahre, dem Zeitpunkt der gonorrhoischen Infektion und 
empfand vor dem Vater immer eine immense Scheu: sie 
phantasierte ständig von einem „sexuellen Überfall" durch den 
Vater. 

Aber auch in Hinblick auf die mangelhafte Beherrschung der 
Analität hatte der Vater schädlich gewirkt. Er zwang die Kinder, 



Ambivalenzkonflikt und [di-Bildung beim triebhaften Charakter 71 

Erbrochenes zu essen und förderte dadurch koprophile Tendenzen, 
die ja von vornherein da waren/ Begreiflich, daß sich dann 
die Verdrängung der Analität mangelhaft gestaltete. Er schlug 
die Kinder erbarmungslos für kleinste Vergehen, er selbst legte 
sich aber in analer Hinsicht nicht den geringsten Zwang auf. 

Man wird uns einwenden, daß ja die ältere Schwester doch 
gesund blieb, obwohl sie in demselben Miheu aufgewachsen 
war. Dem wollen wir entgegenhalten, daß sie der jüngeren 
Schwester immer als Muster hingestellt, in jeder Beziehung 
vorgezogen und überaus geliebt wurde. Ein Moment, das gewiß 
wichtig genug ist, den Ausschlag zu geben. Im übrigen haben 
wir keinen Einblick in die Libidoschicksale der Schwester und 
wissen nicht, was den günstigen Ausgang wirklich gefördert 
hatte. Sie haßt die Eltern ebenso wie die Patientin, doch hatte 
sie sich rechtzeitig vom Hause losgemacht. 

Der Fall zeigt ausgesprochen schizophrene neben klassischen 
zwangsneurotischen Mechanismen. Mancher Leser wird ihn als 
Schizophrenie diagnostizieren. Die Natur des zentralen Zwangs- 
symptoms, der Zwangsvorstellung vom Weltuntergang, ist sowohl 
ihrem Inhalt als auch der Erlebnisweise nach schizophren. Die 
Patientin neigt zum Autismus, die mangelhaften Verdrängungen, 
die Bewußtheit ihrer Sexualwünsche sprechen für Schizophrenie, 
dennoch fehlt zur strikten Diagnose jede gröbere Affektdissozia- 
tion und Zerfahrenheit, es bestehen weder Wahnideen noch 
Halluzinationen. Wir halten eine Diskussion der Frage, ob hier 
eine Schizophrenie oder Zwangsneurose vorhegt, nicht für 
fruchtlos, obwohl keine Aussicht besteht, eine Diagnose zu 
stellen. Das kann nur der weitere Verlauf lehren. Wenden wir 
hier den weiteren Begriff der Schizophrenie B 1 e u 1 e r s= an, so 

i) Die Phantasie von den mit Kot gefüllten Scheiden. 
2) Gruppe der Schizophrenien (in Aschaffenburg, Handb. d. Psychiatrie, 
1911). 



72 Der triebhafte Charakter 



werden wir zur Diagnose einer latenten Schizophrenie mit 
zwangsneurotischen Symptomen hinneigen, während wir nach 
der engeren K r a e p e 1 i nschen^ Fassung die Dementia praecox 
wohl ausschließen, aber die Patientin zu jener Sorte von 
„Psychopathien" zählen können, welche nach Kraepelin 
„unentwickelte Vorstufen wirklicher Psychosen" darstellen. Wir 
sehen, das Ganze droht letzten Endes in einen Streit um Worte 
auszulaufen. 

Eine prinzipielle Diskussion der Frage nach den „Grenzfällen" 
ist hier um so notwendiger, als wir es in unserer Abhandlung 
mit einem Krankheitsbilde zu tun haben, dessen Vertreter in der 
Mehrzahl der Fälle nicht nur vereinzelte schizophrene Symptome 
zeigen, sondern ihrer ganzen Libidostruktur nach weder nach 
der autistischen noch nach der objektlibidinösen Seite aus- 
geglichen sind. Bei fast allen Fällen ausgesprochen triebhaften 
Charakters müssen wir uns die Frage vorlegen, ob da nicht 
eine Schizophrenie vorliege. 

Vom psychoanalytischen Standpunkt aus kann zu dieser 
Frage derzeit nur im Sinne der Libidodynamik Stellung 
genommen werden. . Auch in der Psychoanalyse spricht man 
von „latenten Schizophrenien"; man kann aber darunter 
nicht verstehen, daß eine schizophrene Position effektiv besteht, 
welche durch übertragungsneurotische Symptome und Hal- 
tungen nur verdeckt ist. Eine solche Annahme widerspräche 
vollkommen den von uns eingesehenen dynamischen Prinzipien 
der Libido. Sie würde einen statischen Gesichtspunkt in 
ein nur dynamisch zu fassendes Gebiet tragen. So lange typisch 
schizophrene Symptome, wie Stupor, Wahnideen, Sprachver- 
wirrtheit oder Halluzinationen fehlen, können wir nicht sagen, 
daß eine Schizophrenie vorliegt, wir können auch nicht von 
einer „latenten" Schizophrenie sprechen. Wenn wir aber letzteres 



Ambivalenzkonflikt und Idi-Bildung beim triebhaften Charakter 73 

tun, so müssen wir uns stets dessen bewußt sein, daß wir nur 
die größere Neigung zur schizophrenen Ablösung der Libido 
von der Außenwelt meinen können. Man pflegt oft von einer 
überstarken narzißtischen Position auf die „latente" Schizophrenie 
zu schließen. Dem ist entgegenzuhalten, daß es Neurosen gibt, 
bei welchen von Schizophrenie keine Rede sein kann und die 
trotzdem eine narzißtische Position zeigen, welche an Intensität 
in nichts der schizophrenen nachsteht. Manche paranoide 
Schizophrenien haben andererseits ja auch starke Objekt- 
beziehungen. 

Die Frage, wodurch sich die narzißtische Position eines 
Schizophrenen von der eines „narzißtischen", unzugänglichen 
Übertragungsneurotikers unterscheidet, ist bisher in keiner 
befriedigenden Weise gelöst worden. Es kann auch nicht unsere 
Absicht sein, ihr hier näherzutreten. Aber gerade die analytische 
Durchforschung der „Grenzfälle" vom Typus unserer Patientin 
warnt vor der Annahme sozusagen fertiger Schizophrenien, die 
dann „manifest werden". Ich habe eine vierzigjährige Psycho- 
pathin behai^delt, die seit frühester Kindheit, besonders seit der 
Pubertät das Bild einer „latenten" Schizophrenie darbot; sie 
war eine querulierende Patientin, die sich von jedermann 
schlecht behandelt, vom Schicksal verfolgt glaubte. Zustände 
hatte, die sich sehr wenig von kataton-stuporösen unterschieden, 
daneben an Phobien, Zwangsvorstellungen und -Impulsen, sowie 
an Konversionssymptomen Utt. Auf der psychiatrischen 
Beobachtungsstation, wo sie mehrere Male gewesen war, wurde 
sie einmal als Psychopathie, ein anderes Mal als Zwangsneurose, 
zuletzt als Paraphrenie diagnostiziert, ohne daß sich das Krank- 
heitsbild seit der Pubertät wesentlich geändert hätte. Manche 
typische Zwangsneurosen, die der Rhythmik ihrer Depressionen 
nach der Gruppe der Zyclothymien zuzurechnen sind, scheinen 
die Schizophrenie vollkommen auszuschließen, andere wieder 



74 Der triebhafte Charakter 

zeigen eine besondere Verwandtschaft mit der Schizophrenie 
(wie zum Beispiel unser Fall). 

Das ganze Problem wird übersichtlicher, wenn wir uns von 
dem Vorurteil freimachen (das vielfach auch noch in analyti- 
schen Kreisen herrscht), die Schizophrenie sei eine ihrer 
organischen Natur nach (Jaspers^ spricht vom schizophrenen 
»Prozeß") von den übrigen „psychogenen" Neurosen prinzi- 
piell verschiedene Krankheit. Auch Schilder^ hält noch, 
daran fest. In der psychiatrischen Literatur wird noch vielfach 
die Beziehung zwischen Ausbruch der Psychose und Aktual- 
erleben gar nicht gesehen, weil man im Vorurteil der fertigen, 
organisch präformierten Psychose befangen ist. Hartmannshat 
zwei Schwestern beobachten können, die gleichzeitig anläßlich 
des Todes des Vaters schizophren erkrankten. Wie läßt sich 
diese Tatsache mit der präformierten Psychose vereinbaren? 
Es wurden insbesondere zwei Anschauungen ins Treffen 
geführt: Die Annahme einer innersekretorischen Ätiologie der 
Schizophrenie und der konstitutionellen, insbesondere seit 
Kretschmer.4 Ein Widerspruch gegen die psychoanalytische 
Auffassung besteht hier gar nicht. Denn Freud hat von jeher 
an eine innersekretorische Ätiologie auch der Übertragungs- 
neurosen gedacht, seine ganze Lehre von den „erogenen 
Zonen", welche in der Theorie der Neurosen eine so große, ' 
zentrale Stelle einnimmt, fußt auf dieser Annahme („Sexual- 
hormone"). Damit wäre aber die Obertragungsneurose von der 
Schizophrenie nicht prinzipiell verschieden. Auch die Annahme 
einer spezifischen Konstitution, zum Beispiel für den „schizoiden 
Formenkreis« (Kr etschmer), widerspricht nicht den psycho- 

i) Psychopathologie, Berün, 1920. 

2) Seele und Leben, Berlin, 1923. 

3) Ein Beitrag zur Lehre von den reaktiven Psychosen (Monatsschr. f. 
Psychiatrie u. Neur., Bd. 57, 1924). 

4) Körperbau und Charakter, Berlin, 1922. 



Ambivalenz konflikt und Ich-Bildung beim triebhaflen Charakter 75 

genetischen Gesichtspunkten. Der schizoide Formenkreis ist um 
vieles weiter als das Gebiet der Schizophrenie. Auch Zwangs- 
neurosen, insbesondere Hysterien gehören dazu. Auch die 
pathologischen Veränderungen der Großhirnrinde, die man bei 
dementen, alten Schizophrenen gefunden hat, widersprechen 
unserer Auffassung nicht. Denn erstens wissen wir nicht, was 
für (vielleicht zytoarchitektonische) Veränderungen auch bei 
Hysterien und Zwangsneurosen bestehen. Man hat bisher keine 
gefunden. Andererseits steht die Seltenheit und Dürftigkeit 
dieser Funde in keinem Verhältnis zur Häufigkeit der Schizo- 
phrenie, auch wenn wir vom durchaus diskutablen Problem 
absehen, ob denn diese Veränderungen bei jahrzehntealten' 
Demenzen nicht als „Inaktivitätsatrophien" aufzufassen wären. 
Wenn dem aber so ist, so besteht das Problem der Wandlung 
einer Zwangsneurose in eine Schizophrenie fort und wir 
meinen, daß es in jeder Hinsicht nur wertvoll sein kann, 
keine Mauer zwischen diesen Erkrankungen aufzurichten. Die 
Beziehungen sind allzu deutUch.^ 

i) Die Frage nach der Ätiologie der Schizophrenie hat Wilmanns 
(„Die Schizophrenie", Ztschr. f. d. ges. Nenr. u. Psych., 78. Bd., 4 u. 5. H., 
„Vorträge zur Schizophreniefrage") mustergükig geordnet und dabei auch 
der psychoanalytischen Anschauung die gebührende Stellung eingeräumt. 
Ebendort ist auch die gesamte einschlägige Literatur zusammengestellt!; 

Die von mir analytisch durchforschten und einfach beobachteten 
Fälle triebhaften Charakters mit stark dissozialem Einschlag haben das 
Gemeinsame, daß die Ungehemmtheit der Aktionen seit frühester Kind 
heit bestand. Nun haben Gerstmann und K a u d e r s (Über psycho- 
pathieähnHche Zustandsbilder bei JugendUchen. Archiv f. Psychiatrie 1924) 
interessante Fälle publiziert, welche nach einer enzephalitischen Erkran- 
kung unter den postenzephalitischen Zuständen neben der Hyperkinese 
auch ein dissozial-triebhaftes Wesen entwickelten. Der Analytiker darf 
solche Tatsachen nicht außerachtlassen. Die genannten Fälle sind aller- 
dings auf die vorenzephalitische Persönlichkeit hin nicht gründUch unter- 
sucht, insbesondere ist die Libidowandlung nicht besprochen. Weitere 
Schlüsse sind daher unzulässig. Es sei nur bemerkt, daß das Problem, 
inwieweit Hirnerkrankungen psychogene Prozesse auslösen, wiederholt, 
insbesondere von Schilder, diskutiert wurde. Daß eine Erkrankung 



i 



76 Der triebhafte Charakter 



Während der Analyse triebhafter Charaktere kann man 
passagöre Wahnbildungen in statu nascendi beobachten, man 
kann andererseits sehen, wie sich ein triebhafter, sonst nicht 
als Zwang empfundener Impuls in eine Zwangshandlung ver- 
wandelt. Es ist dann so, daß der Inhalt bleibt und lediglich 
die Form sich ändert. Einer meiner Erythrophoben entwickelte 
während der Analyse anläßlich der akut gewordenen homo- 
sexuellen Übertragung fünf Tage lang eine vollkommen systemi- 
sierte Verfolgungs- und Beeinträchtigungsidee. Er sei Arier, 
ich Jude, ich müsse ihm daher schaden Wollen, er fühle sich 
von mir beobachtet, er fürchte sich vor mir, ich sei ein sinn- 
liches Schwein, ich hätte sinnliche Lippen, ich sähe ihn so 
sinnlich an. Er hatte nichts anderes getan, als seine soeben in 
den Vordergrund der Analyse getretenen homosexuellen 
Wünsche auf mich projiziert. Nach dem Abklingen dieser 
Phase erkannte er die Zugehörigkeit der Wünsche zu sich 
selbst, er beschuldigte nun sich, sinnlich zu sein, mit den 
Augen zu koitieren usw. Wie H. Deutsch^ überzeugend 
ausgeführt hat, besteht das übertriebene, neurotische Miß- 
trauen, insbesondere der Zwangsneurose, darin, daß eigene 
sadistische, verdrängte Tendenzen anderen zugeschoben werden. 
Wir wissen, welche Rolle das Mißtrauen bei der Paranoia 
spielt. Eine später zu besprechende Patientin, bei welcher die 
Schizophrenie ebenfalls nicht auszuschheßen war, entwickelte 
während der Analyse eine vorübergehende akustisch- und 

des Zwischenhiras, beziehungsweise der Stammganglien eine Dissozialität 
„erzeuge" ist aber wohl ebenso indiskutabel, wie daß der paralytische 
Himprozeß Wahnideen „produziere". Es greift ein somatischer Prozeß 
eben gelegentlich einmal in die psychische Kausalreihe ein. („Cortex — 
Stammganglien: Psyche — Neurose." Ztschr. f. d. ges. Neur. u. Psychiatrie, 
Bd. 74, 1922, und „Ober den Wirkungswert psychischer Erlebnisse und 
über die Vielheit der Quellgebiete der psychischen Energie", Arch. f. 
Psych, 1923. Ferner „Seele und Leben", BerUn, 1923.) 
i) Psychologie des Mißtrauens, Imago, VII. 1921. 



Ambivalenzkonflikt und Idi-Bildung beim triebhaften Charakter 77 

visuell-halluzinatorische Phase. Sie hatte vom Tode einer 
geliebten Person erfahren, wollte an deren Tod nicht glauben, 
hörte ihre Stimme, vernahm Klopfen an der Tür, sah sie 
während einer Sitzung deutlich vor sich stehen. Eine aus- 
gesprochene Negierung des erlebten Verlustes, der Wunsch, 
die Verstorbene möchte leben, wird halluzinatorisch erfüllt. 
In allen solchen Fällen tritt eine vorübergehende Trübung der 
Realitätsprüfung ein, wodurch bewirkt wird, daß ein Erlebnis- 
inhalt wahnhaft erlebt wird. Nun neigen aber gerade Fälle 
der hier besprochenen Kategorie zu vorübergehenden Trübungen 
der Realitätsprüfung. Daß diese Tatsache mit akuter Rück- 
ziehung der Besetzung, mit einer narzißtischen Regression 
etwas zu tun hat, steht außer Frage. Wir würden nur gerne 
etwas darüber erfahren, welcher Natur dieser Zusammenhang 
ist. Die Überflutung des Ich mit narzißtischer Libido muß eine 
verändernde Wirkung auf jenen Teil des Bewußtseins haben, 
der die Wahrnehmungsreize aufnimmt (Wahrnehmungssystem, 
Freud) und die Realitätszensur beherrscht. Es ist, als ob der 
Weg, welcher das „narzißtische Reservoir" mit der objekt- 
libidinösen Stellung verbindet, in solchen Fällen viel „breiter" 
wäre, als bei reinen Übertragungsneurosen. Es ist gerade noch 
die gröbste Annahme, die wir machen können, daß die „Breite" 
der Kommunikation zwischen Ich und Außenwelt die große 
Rückziehungsbereitschaft erst ermöglicht. Die Libido dieser 
Kranken befindet sich in einem ständigen Pendel- 
zustand; auf geringfügigste Versagungen, beziehungsweise 
Enttäuschungen in der Realität hin erfolgt akute Rückziehung 
der Besetzung. Der Unterschied gegen die Abziehung der Libido 
bei der einfachen Übertragungsneurose ohne schizophrene 
Mechanismen ist von Freud bereits klargestellt worden: der 
Übertragungsneurotiker zieht nach Enttäuschungen die Libido 
von den realen Objekten zurück und besetzt damit phanta- 



1 



Der triebhafte Charakter 



sierte Objekte. Die Schizophrenen, beziehungsweise Ober- 
tragungsneurotiker mit schizophrenen Mechanismen vom Typus 
unseres Leitfalles, wenden die zurückgezogene Libido ins Ich, 
sie geben auch die Phantasiebesetzung auf. So wirkt die objekt- 
libidinöse Phantasiebesetzung als Schutz gegen narzißtische 
Regression. Ein breiter Regressionsweg zum Autismus, welcher 
Natur und Genese er immer sein mag, wird die Entscheidung 
zu Ungunsten der Phantasiebesetzung beeinflussen. 



Die Isolierung des Über-Idi 

Der im letzten Abschnitt besprochene Fall kann als Paradigma 
einer Gruppe von triebhaften Charakteren mit teils zwangs- 
neurotischen, teils schizophrenen Mechanismen angesehen 
werden, wie man sie auf der psychiatrischen Beobachtungs^ 
Station so oft zu sehen Gelegenheit hat. Die analytische Durch- 
forschung eines solchen Falles gibt dem analytisch geschulten 
Beobachter Mittel an die Hand, Kranke mit ähnlichen 
Mechanismen besser zu begreifen. Allerdings hat auch dieser 
FaU genügend Fragen offen gelassen, in erster Linie konnten 
wir aus seiner Ichidealstruktur keine strikte Erklärung für die 
Tatsache der mangelhaften Verdrängung ableiten; denn das 
hervorstechendste Merkmal seines Ichideals, der Versuch, den 
Vater voll zu imitieren (väteriiches Über-Ich) eignet 'auch 
weiblichen Zwangsneurosen mit nur im Symptombereiche 
defekten, aber sonst intakten Verdrängungen. 

Es ist eine bekannte Tatsache, daß man auf der Suche nach 
der Lösung einer kardinalen Frage auf den geeigneten Fall 
warten muß, der dann mit einem Schlage manches an anderen 
ähnlichen Fällen Unverstandene klären hilft. 

Eine Patientin mit genitalem Masochismus, ihrem Charakter 
nach voll infantil geblieben, deren Analyse ich vor eineinhalb 
Jahren begann, Ueferte mir nun die lang gesuchte Erklärung. 
Die Struktur ihres Ich war relativ leicht zu durchschauen, weil 



8o Der triebhafte Charakter 

es viel einfacher gebaut war, als zum Beispiel die Persönlich- 
keit der letzten Patientin oder jener Fälle triebhaften Charakters, 
welche ich teils vorher, teils gleichzeitig zu behandeln Gelegen- 
heit hatte. Die wesentlichsten libidinösen Positionen hatten seit 
frühester Kindheit eine gewisse Konstanz bewahrt, so daß wir 
uns nicht durch später hinzugekommene, sonst verwirrende 
Komplikationen erst hindurchzuarbeiten hatten. 

Wir bringen das Problenl, von dem wir ausgingen, nochmals 
in knapper Formulierung in Erinnerung: Wie verträgt sich die 
Tatsache ungehemmter Triebhaftigkeit mit gleichzeitig bestehen- 
den Amnesien und Verdrängungen, das heißt mit anderen 
Worten, wie sieht das Ichideal aus, welches zweifellos besteht, 
aber nur unvollkommen die bekannte Funktion der Trieb- 
unterdrückung leistet? 

Eine 26 jährige, ledige Patientin sucht das psychoanalytische Ambulatorium 
wegen fortwährender sexueller Erregung auf. Sie möchte befriedigt werden, 
empfinde aber beim Geschlechtsverkehr nichts, spüre nicht einmal das 
Eindringen des Gliedes. Sie liegt „gespannt" da und „hört", ob „die 
Befriedigung kommt". Bei der geringsten Körperbewegung verschwindet 
aber jedes aufgetretene Lustgefühl sofort. Sie leidet überdies an Schlaf- 
losigkeit, Angstzuständen und an abundanter Onanie. Sie onaniert mit dem 
Stiel eines Messers bis zu zehnmal im Tag, gerät dabei in heftige Erregung, 
die sie durch Aussetzen der Friktion nicht zum Abschluß kommen läßt; 
so unterbricht sie die Friktion mehrere Male, bis sie, völlig erschöpft, 
entweder gar nicht zum Orgasmus kommt oder absichtlich Blutung aus 
dem Genitale erzielt und dann mit begleitenden masochistischen Phantasien 
zur Befriedigung gelangt. Die Blutung aus der Scheide ist eine Bedingung 
der Befriedigung. Sie phantasiert, tief in den Uterus einzudringen, „i c h 
kann nur in der Gebärmutter befriedigt werden". Bei 
der Onanie phantasiert sie, ihr Genitale, das sie Lotte 
nennt, sei ein kleines Mädchen. Sie spricht unausgesetzt mit 
ihr, indem sie beide Rollen spielt. „Jetzt, mein Kind, wirst du befriedigt 
werden, schau (während der Analyse), der Doktor ist bei dir. Der hat ein 
schönes, langes Glied, aber es muß dir wehtun". Die Lotte: „Nein, ich will 
nicht, daß es mir weh tut!" (Sie weint.) „Du mußt leiden, das ist die 
Strafe für deine Geilheit, du bist ein Luder. Das muß noch mehr wehtun, 
das Messer muß zum Rücken herauskommen." Und so ähnlich geht es 



Die Isolierung des Über-Idi 8l 



fort. Die Onanie bedeutet für die Patientin eine schwere Sünde, für die 
keine Strafe hoch genug ist. Dabei phantasiert sie bewußt alle bekannten 
Männer, aber auch die „Mami", eine Analytikerin, bei der sie drei Jahre 
früher acht Monate lang in Behandlung war. (Nach zweijähriger Remission 
war die Patientin rezidiviert.) 

Der Vater der Patientin, sowie eine ältere Schwester und ein jüngerer 
Bruder sind angeblich gesund und lebenstüchtig. Der Vater war in der 
, unglücklichen Ehe mit einer herrschsüchtigen Frau offenbar unterlegen. Die 
Mutter herrschsüchtig, liebeleer, streng, dabei äußerst lebenstüchtig. Sie 
hat immer das Regiment im Hause geführt. Ein älterer Bruder verbüßt 
zur Zeit der Analyse eine Zuchthausstrafe wegen „Schändung". 

Von ihrer Mutter fühlt sich die Patientin schlecht behandeh, verstoßen. 
Die Rolle des verstoßenen, ungeliebten Kindes versucht sie auch in der 
Übertragung herzustellen, die sehr vehement ist (die Analyse steht fast 
völlig im Zeichen der Aktion). Nachdem die Bindung an die erste 
behandelnde Ärztin aufgelöst ist, tritt die Ambivalenz zur Mutter voll 
zutage. Sie sehnt sich nach der „Mami", erkennt in ihr anfangs ihre 
eigene Mutter gar nicht, mit der Begründung, sie könne doch nicht eine 
Mutter heben, die sie immer verstoßen, geschlagen, schlecht behandelt 
hatte, sich nicht um sie kümmere (dies entspricht den Tatsachen). Sie 
phantasiert, an jeweils gewählten „Mamis" zu saugen, Mutterleibswünsche 
stehen im Vordergrunde. Ihre Klage, sie müsse für andere leiden, müsse 
die Strafen für die Vergehen anderer auf sich nehmen, klärte sich auf, 
als wir erfuhren, daß sie als achtjähriges Kind eine Phantasie folgenden 
Inhalts produzierte: Die Mutter war in einem Wirtshaus, die Patientin in 
einem anderen angestellt. Die Mutter, welche mit dem Vater in schlechtester 
Ehe lebte, empfing häufig Besuche eines großen Herrn, den sie per „Graf" 
titulierte. Einmal wurde die Patientin diesem Herrn vorgestellt. Und nun 
glaubte das Kind, sie werde von der Mutter verstoßen, weil sie das Kind 
dieses Grafen sei und die Mutter gestört hätte. Sie phantasierte (es konnte 
nicht entschieden werden, ob es sich um Realität oder Phantasie handelte), 
der Graf vergewaltige sie mit Beihilfe der Mutter (siehe ihre Onanie- 
phantasie). Sie spüre ein großes GHed in ihre Scheide eindringen, das ihr 
große Schmerzen verursache. Es ist ein dunkles Zimmer, jemand steht 
dabei und schreit sie an, sie dürfe nicht weinen, sie müsse sich ruhig 
verhalten. Später deckt die Analyse eine ähnliche Phantasie (oder dunkle 
Reminiszenz?) aus ihrem vierten Lebensjahre auf. Sie wird von den Bett- ' 
gehern ihrer Eltern, zwei Männern, in das vermietete Zimmer getragen, 
der eine hält sie, der andere zwängt sein übergroßes Ghed in ihre Scheide.' 
Sie will schreien, kann aber nicht. Voll erinnert wurden sexuelle Spiele 
mit gleichaltrigen Jungen in einem Keller auch aus früherer Zeit. Mit 

Reich, Der tiiebhaile Charakter. /; 



82 Der triebhafte Charakter 



einem älteren Bruder koitierte sie im zehnten Lebensjahr. Sechs Jahre 
alt, spielt sie mit dem zwei Jahre alten Bruder, sieht sein Glied, versucht 
eine Stricknadel in sein Glied einzuführen, der Penis blutet, die Patientin 
zerrt daran. Das Kind schreit, sie wird von der Mutter geschlagen, an den 
Haaren gezerrt. 

Mit zwölf Jahren kommt sie als Kindermädchen in Stellung, zwei Jahre 
lang reizt sie der Dienstgeber fast allnächtUch, ohne zu verkehren. Mit 
fünfzehn Jahren glaubt sie schwanger zu sein, die Menstruation bleibt 
drei Jahre aus und tritt nach Abbruch der ersten Analyse wieder auf. Sie 
kommt nun auf die Idee, sich ein Stück Holz an die Scheide zu binden. 
Später kam sie oft in die Analyse mit dem Messer in der Scheide, was 
offenbar nur durch einen vaginistischen Krampf möglich war. Ohne das 
Messer in der Vagina stecken zu haben, kann sie nicht einschlafen. 

Der Beginn der Onanie, wie sie heute besteht, setzte im fünfzehnten 
Lebensjahre nach einer Nacht ein, die sie zusammen mit ihrem Vater in 
einem Zimmer verbrachte. Sie hatte schwer geträumt, den Angsttraum 
vergessen und war früh am Boden liegend aufgewacht. Die Bettlade war 
durchgebrochen. Der Vater fragte sie, was sie denn in der Nacht getan 
hätte, ohne ihr nähere Auskunft zu geben. Dieses Detail hat die Analyse 
bis dato nicht lösen können. Es sprach aber alles dafür, daß die Nähe des 
Vaters erregend gewirkt und zum Angsttraum geführt hatte. Es lag nahe 
anzunehmen, daß die Patientin damals onaniert hatte. 

Die Rezidive war ausgebrochen, nachdem sie mit einem Sadisten 
Bekanntschaft gemacht hatte, der sie mit Geißeln schlug, an den Haaren 
zerrte, schimpfte und überdies zu kriminellen Handlungen zwang. So 
mußte sie ihm zweimal kleine Mädchen bringen, für ihn stehlen usw. Dabei 
nennt sie ihn „ihren besten Freund", kann ohne ihn nicht leben, bringt es 
zuwege, ihm stundenlang in den Straßen der Stadt nachzurennen. In der 
Analyse gelingt es nur mit schwerer Mühe, unter Androhung des 
Abbruches der Kur, sie von ihm zu lösen. Sie überträgt sofort die maso- 
chistische Einstellung auf den Arzt, bringt eine Geißel in die Analysen- 
stunde mit und beginnt sich zu entkleiden, um geschlagen zu werden. Nur 
das schärfste Eingreifen bringt sie davon ab. Sie rennt mir in den Straßen 
nach, sucht mich um zehn Uhr nachts in meiner Privatwohnung auf, sie 
halte es nicht aus, ich müsse sie koitieren oder schlagen, sie müsse von 
mir ein Kind haben, nur ich könnte sie befriedigen. So geht es ungefähr 
acht Monate, keine Aufklärung, kein Zureden macht einen Eindruck auf 
sie. So oft sie etwas begangen hat, onaniert sie um so stärker und häufiger, 
„zur Strafe", „ich muß krepieren". Im achten Monat der Analyse unter- 
nimmt sie einen Giftmordversuch an ihrer älteren Schwester und deren 
Gatten. Darüber besteht wegen hier nicht näher anzuführender Umstände 



Die Isolierung des Über-ldi 83 



kein Zweifel. Die Patientin hatte das Ganze amnesiert, verriet aber die Tat 
in Träumen und durch besonders grausames Onanieren. Einige Tage vorher 
hatte sie Rattengift in die Analyse gebracht, sie hebe es so sehr, sie müsse 
es sammeln. 

Nur mit strengsten Verboten, unter Androhung des Abbrechens, war die 
Patientin in der Analyse zu halten. 

Im vierzehnten Monat der Analyse erinnert die Patientin in einer 
ruhigeren Phase vollkommen amnesierte Szenen aus dem Schlafzimmer 
der Eltern. Beobachtungen, sadistische Theorien über den Geschlechts- 
und Geburtsakt fanden hier ihre Aufklärung, ein Stück Angst wurde auf- 
gelöst, die Patientin trat einen Posten an und hielt sich nunmehr ganz gut. 
Charakteristischerweise bekam sie jetzt einen Eßzwang, nahm stark an 
Gewicht zu, was einer oralen Schwangerschaftsphantasie entsprach. Ihrer 
Neigung, die Analyse ins Unendliche hinauszuziehen, mußte, da das 
anscheinend wichtigste Stück durchgebrochen war, durch Setzen eines 
langfristigen Termines (weitere sechs Monate) entgegengearbeitet werden. 
Die Onanie flammte samt dem Schuldgefühl bei Erörterung der Schlaf- 
zimmerszenen wieder auf und mußte verboten werden. Das Verbot war 
besonders angezeigt, weil sich bereits lokale Schädigungen zeigten, wie 
eine Gebärmuttersenkung und -knickung. 

Die Hebung des reinen Inzestwunsches, der bisher vollkommen verdrängt 
war, brachte aber keine Verurteilung. Im Gegenteil, die Patientin 
phantasierte nunmehr bewußt, vom Vater koitiert zu werden und ein 
Kind zu bekommen. 

Die Phantasien steigerten sich manchmal zu lebhaften Halluzinationen. 
Sie sieht einen Teufel, der sie verhöhnt, sie werde es ja doch nicht ohne 
die Onanie aushalten, sie strenge sich umsonst an. Er hat das eine Mal 
die Züge des „Grafen", ein anderes Mal die der Mutter. 

Der Teufel repräsentiert ihre grausamen und inzestuösen Wünsche, 
deren sie sich zu erwehren hat, ihre Mutter und als verpöntes Objekt 
insbesondere den Vater. 

Fassen wir die Ergebnisse dieses Falles zusammen: es handelt 
sich um eine sowohl in der 'Sexual-, als auch insbesondere 
in der Ich-Konstitution infantil gebliebene Patientin. Die 
masochistisch-genitale Onanie ist triebhaft und nicht bezähmbar, 
wird anfangs nicht als Zwang empfunden und nicht als krank- 
haft eingesehen. Das Veto der introjizierten Mutter: „Du darfst 
den Vater nicht begehren und nicht onanieren", wird um- 
gewandelt in: „Du (das Genitale := die Patientin) bist eine 



I 



84 Der triebhafte Charakter 



,geile Hure' und mußt durch die Onanie für deine Sünden 
sterben." Die Onanie stellt also ein Kompromiß dar zwischen 
Befriedigung inzestuöser Phantasien („ich kann nur mit einem 
langen Glied in der Gebärmutter befriedigt werden") und 
einer unheilvollen Verknüpfung von Todeswünschen und 
destruktiven Tendenzen mit der Genitallust. Während des 
onanistischen Aktes identifiziert sie ihr Genitale „das kleine 
Mädchen", mit sich selbst, ihr Ich mit der strafenden Mutter. 
Das überstrenge Über-Ich ist vollkommen der 
Mutter entlehnt und seine Forderung wird während 
der Onanie zur Gänze realisiert. Diesem durch die 
Introjektion der Mutter entlehnten Teil des Ich steht das 
eigene, unentwickelte Ich gegenüber, welches charakterisiert ist: 
i) durch seine masochistische Hingabe an die strafende 

Mutter (später an das Über-Ich), 
2) durch seine volle Identifizierung mit dem Genitale = dem 

kleinen Mädchen, mit dem Lust-Ich, 
X> durch die vollkommen verdrängte genitale Objektbeziehung 

zum Vater, und 
4) durch die orale und Mutterleibsbeziehung zur Mutter. 

Der Peniswunsch ist vorhanden, hatte aber nicht zur Aus- 
bildung eines männlichen Charakters geführt. Die Patientin ist 
kindlich-weiblich geblieben. Dem entspricht auch der lebhafte, 
bewußte Wunsch nach einem Kinde. 

Im Sexualbereiche können wir eine Hauptfixierung annehmen: 
die auf der genitalen Stufe. Sie ist durch einen enornien 
Kastrationskomplex masochistisch fixiert und steht überdies in 
Konkurrenz mit der oralen Fixierung an die Mutter. Wir 
werden uns aber nun zu fragen haben, ob und wo eine 
Fixierung des Ich in diesem Falle vorliegt. Dazu ist es nötig, 
sich an die Entwicklung des Ich bei einfachen Symptomneurosen 
zu halten. 



Die Isolierung des Über-Idi 



85 



Ziehen wir die Zwangsneurose zum Vergleich heran, so 
können wir ohne weiteres feststellen, daß bei dieser Erkrankung 
das Ich dem sexuellen Anteile der Persönlichkeit in der 
Entwicklung um ein bedeutendes Stück voraus ist. Im 
Sexuellen dominiert die prägenitale, sadistisch-anale Stufe, 
während das Ich nicht nur zu voll ausgebildeten, sondern gewöhn- 
lich zu kulturell hochstehenden Formen gekommen ist. Dem Ein- 
wand, daß die animistische und magische Neigung (Aberglaube!) 
des Zwangsneurotikers (Freud, Ferenczi) auch auf eine 
Fixierung des Ich auf einer früheren Stufe hinweist, halten wir 
entgegen, daß, wenn wir die GesamtpersönKchkeit ins Auge 
fassen, nur von einer partiellen Fixierung des Ich 
gesprochen werden kann, während bei unserer Patientin das 
Gesamt-Ich auf primitiver Stufe verblieb. Wie sieht aber diese 
totale Fixierung aus und worin besteht sie? 

Wir erblicken das Spezifische unseres Falles in der enormen 
Diskrepanz zwischen Ich und Ichideal, die Mutter ist ganz im 
Über-Ich repräsentiert, das Ich steht streng separiert, ist infantil, 
ohnmächtig, von Inzestwünschen durchtobt. Normalerweise paßt 
sich das Ich des Kindes der Außenwelt an, indem es Teilstücke 
der Außenwelt als Über-Ich aufnimmt und dadurch Reaktions- 
bildung und Sublimierung einleitet. Die Entwicklung des Kindes 
ist eine allmähliche, Stück um Stück der realen Außenwelt 
wird als Über-Ich-Forderung aufgenommen und mit dem be- 
stehenden Ich aufs innigste verschmolzen. Sie 
werden, zum Teil verändert, der eigenen Ichstruktur angeglichen, 
ein lebendiges Trieb-Ich ist gezwungen, sich zu modifizieren 
und tut es durchaus auf dem Wege des Kompromisses. Bei 
der Analyse Normaler oder geringfügiger neurotischer Störungen 
ist man gar nicht imstande, Ichidealbildungen auf bestimmte 
Identifizierungen zurückzuführen, und wenn es einmal gelingt, 
so findet man das Ichideal in den mannigfachsten und kom- 



86 Der triebhafte Charakter 



pliziertesten Bindungen, oder besser Verlötungen, mit dem 
Sexuellen und anderen Ichanteilen vor. Je weiter wir die 
Reihe vom Normalen gegen das schwer Pathologische verfolgen, 
desto klarer wird uns die Erscheinung des isolierten Über- 
ich, desto mehr erkennen wir, welche Bedeutung es für die 
seelische Gesundheit hat, daß die Ichideale organisch 
mit der sich entwickelnden Persönlichkeit ver- 
schmelzen. 

Das Ich ist zusammengesetzt aus einer Reihe von Identi- 
fizierungen, ist es doch auf dem Wege der Identifizierung ent- 
standen, aber wir müssen bedenken, daß ein Etwas bereits 
vorhanden sein mußte, das die Identifizierungen vollzog. Dieses 
Etwas kann nichts anderes gewesen sein, als ein primitiveres, 
anders aufgebautes Ich, ein Ich, weiches durchwegs aus trieb- 
haften Tendenzen sexueller und destruktiver Natur aufgebaut 
war. Freud hat uns den komplizierten Weg verstehen gelehrt, 
den dieses primitive Trieb -Ich oder Lust- Ich einschlagen 
muß, wenn es sich zum Ich des normalen Erwachsenen ent- 
wickeln soll: die Triebeinstellung zur Außenwelt ist von allem 
Anfang an durchaus ambivalent. Erst die Liebe zur erziehenden 
Person bewirkt, daß man seine destruktiven Tendenzen zum 
Teil gegen sich selbst wendet, und zwar normalerweise in 
sublimierter Form das „Gewissen" als Schranke aufrichtet, dabei 
aber auch auf ein Stück sinnHcher Lust verzichten lernt. Es 
wird nun zu einem ganz wesentlichen Teile von der Außen- 
welt abhängen, in welcher Art die Aufnahme ihrer 
Forderungen abläuft. Es bestehen nun jene zwei, schon im 
dritten Kapitel genannten MögHchkeiten, den Prozeß der 
Identifizierung zu einem pathologischen zu gestalten: i) kann 
das Trieb-Ich sich von vornherein gegen die Lusteinschränkung, 
das heißt gegen die Identifizierung mit der verbietenden 
Erziehungsperson, sträuben. Das tut es ja schon seiner Natur 



Die Isolierung des Über-Ich 



87 



nach als Lust-Ich immer. Es wird dann von der Intensität 
der erfahrenen, autoerotischen Organlust abhängen, wie stark 
dieses Sti'äuben ist. Je intensiver die Organlust und je früher 
effektive Organlust erlebt wurde, desto schwerer wird das 
verbietende Ichideal aufzurichten gewesen sein. Wir begreifen, 
daß gerade dieser Faktor stark von konstitutionellen Faktoren 
(innersekretorischer Natur?) beeinflußt sein wird. 2) kann die 
Ambivalenz zur maßgebenden Erziehungsperson eine derart 
starke sein, daß jeder Identifizierung eine ebenso starke Gegen- 
strebung widersprechen wird. Um eine aus krasser Ambivalenz 
geborene Identifizierung besser zu begreifen, müssen wir wieder 
daran erinnern, daß die Identifizierung von positiver Objekt- 
liebe getragen werden muß. Das Kind wird ein Verbot um so 
leichter akzeptieren, je mehr es dies der geliebten Person 
„zuliebe" tun kann. Schließlich wird das „Zuliebe" weg- 
fallen und das Verbot als Ichidealforderung bestehen bleiben. 
Konkurriert aber mit dem „Zuliebe" ein gleichstarker Trotz, 
eine negative Einstellung, so wird das Verbot zwar als wirk- 
same Instanz aufgenommen werden, aber gleichzeitig isoliert 
stehen bleiben. Diese Isolierung kann einer Ver- 
drängung gleichkommen. Das Verbot wird sich dann 
wie ein verdrängter Sexualwunsch triebhaft benehmen: auf 
Grund der vollzogenen Identifizierung wird es sich durchsetzen 
wollen, auf Grund der negativistischen Einstellung von selten 
des Lust-Ich wird es aber gebremst, der Gesamtpersönlichkeit 
nicht organisch einverleibt werden. Es muß ein KonfHkt im 
Ich entstehen, welcher in jeder Beziehung den Verdrängungs- 
konflikten im Sexualbereiche gleicht. (Die Beziehungen zwischen 
„Isolierung" und „Verdrängung" des Über-Ich soUen später 
diskutiert werden.) 

Versuchen wir es nun, die theoretische Hilfsvorstellung vom 
„isolierten Über-Ich" auf unseren Fall anzuwenden. Was der 




88 Der triebhafte Charakter 

Persönlichkeit der Patientin von jeher seinen spezifischen 
Stempel aufdrückte, war die scharfe, akute Ambivalenz zur 
Mutter. Der positive, hinstrebende Zug ist von oraler Fixierung 
an die Mutterbrust und von Mutterleibssehnsucht getragen. Sie 
will von ihrer Erwachsenheit nichts wissen, sie sei nicht sechs- 
undzwanzig, sondern zwei Jahre alt. Sie sei von der Mutter 
verstoßen, verwünscht, verflucht, sie werde nicht eher Ruhe 
haben, als bis die Mutter sie wieder zu sich genommen haben 
würde. Ganz bewußt war der Wunsch, an der Mutterbrust 
zu saugen. 

Der negative, wegstrebende Anteil der Ambivalenz ist 
begründet in der hemmungslosen Hingabe an inzestbetonte 
Objekte. Nur die Vatergestalt selbst war bis zur Analyse in 
stärkster Verdrängung. Schon mit drei Jahren spielte das 
wenig beaufsichtigte Kind mit ihren Brüdern und anderen 
Knaben grob-sexuelle Spiele. Das strenge Veto der Mutter 
setzt eines Tages plötzlich ein: Die Kinder werden erwischt, 
die Patientin wird grausam geschlagen. Das Schlagen und 
Schelten der Mutter („Du bist eine geile Hure" usw.) hat 
aber nur mehr den Effekt, das Schuldgefühl ins Maßlose zu 
steigern, gleichzeitig verhindert aber die trotzige, durch er- 
lebte SexuaUust verstärkte negative Haltung des Kindes, daß 
das Veto der Mutter den Sieg über die sich bereits voll aus- 
lebende Triebhaftigkeit erlangt. Dem Ich entgeht somit ein 
gutes Stück Möglichkeit sich fortzuentwickeln, da das mütter- 
_ liehe Ideal („Du darfst nicht sexuell spielen") zwar aufge- 
nommen, aber nicht mit dem übrigen Anteile der Persönlich-' 
keit verschmolzen wird. Das Ich bleibt infantil, auf der Stufe 
der Identifizierung mit dem lustspendenden Genitale und ist 
dazu verurteilt, mit dem aufgenommenen und ihm kraß wider- 
sprechenden Über-Ich zu kämpfen. Die Formel des Kampfes, 
der nie zum Abschluß kommt, lautet nicht wie in anderen 



Die Isolierung des Über-Idi 



89 



Fällen: „Ich möchte, aber ich darf nicht onanieren, den Vater 
begehren" usw., sondern: „Ich muß durch die Lust bei 
der Onanie oder beim Verkehr sterben." Das Resultat 
gipfelt im Symptom des genitalen Masochismus. 

Mit der „Isolierung des Über-Ich" ist also eine besondere 
strukturelle Gliederung der Persönlichkeit gemeint; die Genese 
dieser Struktur glaubten wir ein Stück weit verfolgen zu 
können. Es sei noch kurz auf die Beziehungen dieser struk- 
turellen Besonderheit zum dynamischen und ökonomischen 
Gesichtspunkt hingewiesen. Es handelt sich um eine Beleuchtung 
des triebhaften Charakters vom Standpunkt der Persönlichkeits- 
struktur, wenn ausgesagt wird, sein Über-Ich sei mit dem Ich 
nicht derart „organisch" verschmolzen, wie bei den trieb- 
gehemmten Neurosen, es stehe isoliert oder separiert. Die 
dynamischen Konsequenzen sind dann die mangelhafte 
Auswirkung des Über-Ich als verdrängenden und reaktions- 
bildenden Faktors, sowie der Mechanismus der triebhaften 
Impulse als „Verbrechen aus Schuldgefühl" (Freud). Das 
isolierte Über-Ich wirkt sich wie ein verdrängter Trieb aus und 
schafft jenes Straf bedürfnis, das meist in unverhüllt masochi- 
stischer Form Befriedigung sucht. Dies leitet über zum öko- 
nomischen Sinn solcher Dynamik: die triebhaften Impulse 
treten sekundär auch in den Dienst der Entlastung vom 
Schxoldgefühl auf dem pathologischen Wege der Befriedigung 
des Strafbedürfnisses. Wir müssen uns aber vor Überschätzung 
dieses gewiß sehr wesenthchen ökonomischen Motivs hüten, 
hat es sich doch erst sekundär herausgebildet. Das primäre 
Motiv stellt in unbestrittener Stellung die originäre Organlust 
dar, die bei solcher Persönlichkeitsstruktur auch ohne manifeste 
Schuldgefühle erlebt werden kann.' 

i) Hier berühren wir uns mit den Ausfüiirungen von Saciis, der 
„Zur Genese der Perversionen" (Int. Ztsciir. f. PsA. IX, 1923) ausführt: „Soll 



QO Der triebhafte Charakter 

Es wäre auch noch aus einem anderen Grunde unstatthaft, 
das Motiv der Triebhaftigkeit im Strafbedtirfnis allein zu 
suchen, indem man sich etwa an den so deutlich hervortre- 
tenden Mechanismus des „Verbrechens aus Schuldgefühl" beim 
sadistischen, an die Selbstbestrafung beim masochistischen 
Triebmenschen hielte. Denn das Strafbedürfnis ist auch in fast 
jedem Falle triebgehemmten neurotischen Charakters gegeben. 
Hier dient aber die Krankheit selbst der Befriedigung des 
masochistischen Strafbedürfnisses. Es muß die beschriebene 
Dissoziation im Ich hinzutreten, wenn der die Umgebung 
quälende Bösewicht sein Schuldgefühl tatsächlich rationalisieren 
und der triebhafte Masochist zu effektiver Bestrafung gelangen 
soll. Das Straf bedürfnis ist beim Triebmenschen nachweisbar 
in hohem Grade gegeben, aber für ihn nicht spezifisch. 

Eine interessante Wendung nahm der triebhafte Charakter 
bei einer anderen Patientin. Von frühester Kindheit bis 
zum 22, Lebensjahr lebte sie in ständigen Ambivalenz- 
konflikten mit den Eltern, log, tat absichtlich Böses, ging vom 
Hause durch, trieb sich mit Burschen herum, schlug wiederholt 
die Mutter ohne jedes Schuldgefühl, onanierte, erlebte wieder- 
holt „Vergewaltigungen", ohne daß es zum Verkehr kam. Nur 
vor diesem hatte sie enorme Angst. Gleichzeitig bestanden 
Angstzustände und zeitweise Schlaflosigkeit. Im 22. Lebensjahr 
gab sie sich endlich einer Vaterimago hin. Jetzt brach das 
Schuldgefühl durch. Die Mutter stieß sie aus dem Hause, die 
Patientin floh nach Wien, wo sie an hysterischem Erbrechen 



(bei der Perversion) die Verdrängung dennoch einigermaßen erfolgreich 
sein, so muß sie sich zu einem Kompromiß entschließen: sie muß 
gestatten, daß einem Teilkomplex die Lust erhalten bleibe, daß er ins Ich 
aufgenommen, sozusagen sanktioniert werde ..." Wir lassen die Frage 
offen, ob diese Sanktionierung durch das Ich, bzw. die Vermeidung von 
Unlust bei der Perversion nicht eine ähnliche Struktur des Ich zur Vor- 
aussetzung haben muß, wie beim triebhaften Charakter. 



Die Isolierung des Über-Idi 91 

und an Schmerzen im Bauch erkrankte. Sie wurde zweimal 
grundlos laparotomiert, weil die Ärzte die funktionelle Natur 
der Symptome nicht erkannten und an Kardiospasmus dachten. 
Die Triebhaftigkeit wurde mit einem Male gebremst, die 
Patientin wurde still, deprimiert und begann immer wieder 
Situationen herzustellen, welche der Verstoßung durch die 
Mutter in jedem Detail glichen. Auch in der Analyse benahm 
sie sich dementsprechend. Vor der symptomatischen Erkrankung 
hatte sie sich gegen die Akzeptierung des Über-Ich gesträubt 
und erst als sie den Inzestwunsch im Geschlechtsakt erfüllte, 
wirkte sich das bis dahin isolierte Ichideal als verdrängender 
Faktor voll aus : es bremste die Triebhaftigkeit und schuf eine 
Symptomneurose. (Das Erbrechen und der Bauchschmerz 
entsprachen einer Schwangerschaftsphantasie.) 

Vergleicht man mehrere solcher Fälle mit ungehemmter 
Triebhaftigkeit untereinander und hebt man insbesondere jene 
hervor, welche neben der Triebhaftigkeit auch Symptome 
erfolgter Verdrängungen, wie Angst, Zwangsgedanken, Phobien 
usw., aufweisen, so stößt man bald auf den Einwand, daß nicht 
immer nur die akute Ambivalenz einer Erziehungsperson gegen- 
über die pathologische Isolierung des Ichideals schafft, sondern 
es fällt eine weitere typische Möglichkeit auf: Das Verhalten 
der Erziehungspersonen, an welche sich die Ichidealbildung 
des Kindes anlehnen sollte, ist nicht gegen die originäre Trieb- 
haftigkeit gerichtet, sondern im Gegenteil vollkommen im 
Einklang mit derselben. Man pflegt in der Psychoanalyse die 
Bedeutung des Mangels eines Vorbildes für die Ichidealbildung 
zu unterschätzen. A i c h h o r n (a. a. O.) hat nachgewiesen, 
daß sehr häufig solche Menschen dissoziale Charaktere auf- 
weisen, welche entweder als uneheHche Kinder ohne Vater 
aufwuchsen oder sehr früh verwaisten. Es ist aber nicht ohne 
weiteres klar, warum solche Kinder ihr Ichideal nicht anderen 




92 Der triebhafte Charakter 



Erziehungspersonen entlehnten, oder, wenn sie es taten, eine 
dauernde Labilität der Hemmungen zeigen. Es wäre von 
großem Werte, einmal zu untersuchen, ob und inwiefern 
häufiger Wechsel der Erziehungspersonen eine dauernde 
Schwächung der abwehrenden Instanzen bedingt. Es wäre nur 
zu begreiflich, wenn häufiger Wechsel der Art der Beein- 
flussung des Kindes eine Zerrissenheit und Uneinheitlichkeit 
der Ichideale mit sich brächte. 

Eine solche Diskrepanz heterogener Ichideale zeigt eine 28 jährige 
Patientin, welche wegen eines hysterischen Mutismus von der Fürsorge 
der Gemeinde Wien ins Ambulatorium gebracht wurde. Gleichzeitig bestand 
enorme Angst, welche sich in plötzlichem, angstvollem Zusammenschrecken, 
in abwehrender Haltung der Arme und in plötzlichen Fluchtbewegungen 
kundgab. Der Mutismus stellte den hysterischen Schutz gegen die Durch- 
führung eines Zwangsimpulses dar : die Patientin lebte mit drei Kindern 
in größter materieller Not von einem lächerlich kleinen Geldbetrage, den 
sie mit Flickarbeit erwarb. Da hatte sie den Entschluß gefaßt, mit den 
Kindern den Tod zu suchen. Die Durchführung des Entschlusses scheiterte 
an dpm Weinen und Schreien ihres jüngsten Kindes, eines zweijährigen 
Mädchens. Nun stellte sich zwanghaft der Impuls ein, den Entschluß allen 
Menschen mitzuteilen, gleichzeitig aber auch die Angst, dafür auf der 
Psychiatrie interniert zu werden. (Die Patientin war wegen eines Suizid- 
versuches bereits interniert gewesen.) Und nun wurde die Patientin stumm, 
um sich vor der Durchführung des Zwangsimpulses zu schützen. Der 
Mutismus brach eines Nachts nach einem Angsttraum aus: sie träumte, 
daß das Zweitälteste Kind tot sei. Mit diesem Kinde war sie nämlicil 
schwanger gewesen, als der erste Gatte verunglückte. Sie hatte damals das 
Kmd im Leibe verflucht und sich gedacht, es sollte doch lieber sterben. 
Die Patientin war zweimal verheiratet gewesen, der erste Gatte 
verunglückte, vom zweiten Heß sie sich, weil er Trinker war und sie 
mißhandelte, scheiden. Es ist zu bemerken, daß die Patientin trotz vieler 
Verhältnisse total frigid war. Bald stellte es sich aber heraus, daß die 
Patientin nicht nur Mordimpulse gegen die Kinder hatte, welche sie ver- 
urteilte, sondern überdies in voller Bewußtheit, ohne Verurteilung, also 
nicht zwanghaft, durchaus kriminelle Handlungen beabsichtigte; so wollte 
sie ihren Schwiegervater vergiften, machte zu diesem Zwecke die Bekannt- 
schaft eines Apothekers, der ihr aber die Ausfolgung der giftigen Drogen 
verweigerte. Während der dreiwöchigen Analyse stellte sie mir nach, 
lauerte mir im Haustor und im Garten der Ambulanz auf, um ihre Wut 



Die Isolierung des Über-Icb 93 



an mir „zu kühlen", um mir „wenigstens ein paar Haare" auszuraufen. Sie 
versuchte sich einen Revolver zu verschaffen, um micii zu erschießen. 
Sie dachte auch ganz bewußt daran, daß es das Schönste wäre, den 
Schwiegervater und den Arzt zu kastrieren. Es bestehen Pyromane Impulse, 
denen sie nachgibt, ohne sie zu verurteilen, ja sogar mit großer Freude 
nachgibt. Sie verbrennt alles im Hause, dessen sie habhaft werden kann. 
Sie fährt ihrem Kinde mit einem brennenden Span um den Leib. Als 
Zehnjährige zündete sie einen Heuschober an, um sich an seinem Besitzer 
zu rächen, weil er sie geschimpft hatte. Sie legte (ebenfalls als Zehnjährige) 
in einem Nachbarhaus Feuer, das beinahe das ganze Dorf gefährdete. 
Sie schwelgte in der Freude über die Angst der „Anderen", die Anderen 
sollten auch leiden, nicht nur sie. 

Ihre Kindheit ist in der Tat eine trostlose gewesen. Sie wurde als 
uneheliches Kind geboren, von der Mutter weggelegt und vier Jahre in 
einem Findelhaus „erzogen". Dann kam sie zu einer entfernten Ver- 
wandten, welche sie, gemeinsam mit den eigenen Kindern, systematisch 
zum Stehlen anhielt. Daneben gab es immerfort Prügel. Sie schlief mit 
acht anderen, zum Teil erwachsenen Personen in einem kleinen, engen 
Raum und war nicht nur Zeuge intimster sexueller Angelegenheiten, 
sondern wurde auch vom Onkel und einem jungen Manne mißbraucht. 
Sie stahl nicht gern, aber nur weil sie fror. Sie haßte ihre Umgebung, 
aber nur weil sie geprügelt wurde. Sie rächte sich auch, soweit sie es 
konnte, war bösartig, stellte in der Schule, die sie nur unregelmäßig 
besuchte, allerhand an, fand ihr größtes Vergnügen darin, die Buben zu 
prügeln, die Lehrer zu quälen, schließlich Feuer zu legen (bis zum 
zwölften Lebensjahre bestand eine Enuresis). In ihrem zwölften Lebens- 
jahre nahm sich der neue Direktor der Schule ihrer an, nahm sie aus dem 
Hause, gewann großen Einfluß auf sie, lehrte sie Lesen und Geleseries 
auch verstehen und wollte sie auf eigene Kosten erziehen und lernen 
lassen. Die Verwandten nahmen sie aber fort und das alte Leben setzte 
wieder ein. Jetzt traten zum ersten Male Angstzustände auf, sie bremste 
ihre Impulse, was ihr aber nur teilweise gelang. Der Haß gegen ihre 
Bedrücker wuchs ins Maßlose, gleichzeitig aber war der Einfluß des 
Direktors zu wirksam geworden, der Haß stieß auf Gegen- 
strebungen, welche dem neu erworbenen Über-Ich, 
dem guten Direktor, entsprachen. Sie verschaffte sich Bücher, 
las viel, eignete sich einige Bildung an und erwarb einen relativ guten 
Stil. Ich konnte einige Briefe lesen, welche sie aus dem Steinhof schrieb. 
Mit vierzehn Jahren lernte sie ihre Mutter kennen, welche sie jetzt in die 
Stadt mitnahm, wo ein Leben voller Elend und Entbehrung seine Fort- 
setzung fand. Die alten Impulse waren so lebhaft wie je, aber zum Teil 



I 



94 Der triebhafte Charakter 



gebremst. Ihren ersten Mann quälte sie maßlos ohne Gewissensbisse nach 
seinem Tode mächte sie sich Vorwürfe (Suizidversuch, Internierung) und 
erlebte eine Phase bis zum Wahn gesteigerter Erregung: sie glaubte, ihr 
Mann lebe noch und verfolge sie auf der Straße. Sie knüpfte mehrere 
Verhältnisse an, die unglücklich ausgingen, und hielt es beim zwehen 
Manne nicht aus, wurde schließlich arbeitsunfähig und faßte den Entschluß, 
mit den Kindern den Tod zu suchen. 

Eine analytische Behandlung war im Ambulatorium wegen 
der gefährlichen Aktionen undurchführbar. Über die Sexual- 
entwicklung der Patientin konnte also analytisch nicht viel in 
Erfahrung gebracht werden. Deutlich wurde aber der schroffe 
Gegensatz zwischen der mangelnden Ausgestaltung eines kul- 
turell wirksamen Ichideals bis zum zwölften Lebensjahre und 
dem Einfluß, welchen der Direktor auf sie genommen hatte. 
Erst jetzt bremste sie ihre Impulse, wenn auch meist ohne 
Erfolg, akquirierte aber gleichzeitig ein Schuldgefühl, welches 
sich zu der Angst vor Prügeln hinzuaddierte. Die ungehemmte 
Triebhaftigkeit wurde durch das so spät, aber dennoch intensiv 
akquirierte Über-Ich zum Teil gebremst und in neurotische 
Wege geleitet. Es hatte nicht ausgereicht, volle Verdrängungs- 
arbeit zu leisten, wohl nur deshalb, weil es zu spät in Aktion 
getreten war. Wir meinen hier Verdrängungsarbeit im Gröbsten. 
Denn wir zweifeln nicht daran, daß zum Beispiel die Frigidität 
unserer Patientin einem verdrängten Peniswunsch entsprach, 
wenn auch bewußte Kastrationswünsche bestanden. Und wir 
müssen uns fragen, was die Verdrängung des Männlichkeits- 
wunsches geleistet hatte, ohne uns darüber äußern zu können. 
Wir vergessen aber nicht, daß die Patientin geprügelt worden 
war, und müssen annehmen, daß die phylogenetische Verdrän- 
gungsbereitschaft, beziehungsweise das Schuldgefühl sich 
dieser „Erziehungsmaßnahmen" als Mittel zur Verdrängung 
bedienen konnte. Sie war von ihrem Ziehvater mißbraucht 
worden, sie hatte sich dagegen gesträubt und eine Abwehr 



Die Isolierung des Über-Idi 95 

des Mannes, gleichzeitig ein neurotisches Ankntlpfen von Ver- 
hältnissen bei totaler Frigidität in die Periode der Erwachsen- 
heit mitgebracht. War in dem Kinde nur Haß zur Auswirkung 
gekommen, war das Sträuben echt gewesen, weil es nie Zärt- 
lichkeit erfahren hatte, oder war da eine tiefe masochistische 
Liebe verdrängt worden? Wir können auch diese Frage nicht 
entscheiden. 

Wir dürfen aber in diesem Falle keinen prinzipiellen Gegen- 
satz zur genital-masochistischen Patientin suchen. Denn es 
scheint sich gleich zu bleiben, ob ein kulturell wertvolles Ich- 
ideal im zwölften oder im vierten Lebensjahr erworben wird. 
Es wird darauf ankommen, daß vom Tage der Geburt 
an das richtige, heute noch schwer zu bestimmende Ausmaß 
an Lustgewährung und Triebeinschränkung getroffen werde. 
Jede Inkonsequenz in Form plötzlich einsetzender Strenge muß 
zu Fehlentwicklungen des Ich führen, die mehr oder weniger 
der hier beschriebenen krassesten Erscheinung des isolierten 
(beziehungsweise verdrängten) Über-Ich nahekommen werden. 
Wir zweifeln aber nicht daran, daß es noch andere typische 
Ichdefekte gibt. 

Zur Frage der Verdrängung des Über-Ich 

Wir tragen einem möglichen Einwand Rechnung, wenn wir 
die Diskussion über die strukturelle und dynamische Differenz 
zwischen Zwangsneurose, Hysterie und triebhaftem Charakter 
noch ein Stück weit fortführen. Auch das Ich des Zwangs- 
neurotikers und des Hysterikers lehnt sich gegen die brutale 
Strenge des Über-Ich auf. Freud führt darüber in „Ich und 
Es" aus: „Bei der Zwangsneurose (gewissen Formen derselben) 
ist das Schuldgefühl überlaut, kann sich aber vor dem Ich 
nicht rechtfertigen. Das Ich des Kranken sträubt sich daher 
gegen die Zumutung, schuldig zu sein, und verlangt vom Arzt, 




96 Der triebhafte Charakter 



in seiner Ablehnung dieser Schuldgefühle bestärkt zu wer- 
den .. . Die Analyse zeigt dann, daß das Über-Ich durch Vor- 
gänge beeinflußt wird, welche dem Ich unbekannt 
geblieben sind.^ Es lassen sich wirklich die verdrängten^ 
Impulse auffinden, welche das Schuldgefühl begründen. Das 
Über-Ich hat hier mehr vom unbewußten Es gewußt als das 
Ich.« Der Unterschied gegen den triebhaften Charakter vom 
Zwangstypus wird dadurch klar: trotz der Auflehnung gegen 
das Über-Ich weiß das Ich vom Verdrängten nichts (im Gegen- 
satz zum triebhaften Charakter), es benimmt sich dabei etwa 
wie ein sich gegen die Brutalität seines Herrn innerlich 
empörender Sklave, der aber trotz der Empörung den Dienst 
leistet. Das Ich des Triebmenschen begeht offene und gewollte 
RebeUion. Daß die Auflehnung hier Erfolg hatte, dort nicht, 
ist darauf zurückzuführen, daß beim triebgehemmten Zwangs- 
neurotiker die Reaktionsbildung seinerzeit gelang (darüber 
ausführlicher weiter unten), d. h. die verbietende Persönlich- 
keit ganz ins Ich aufgenommen wurde, mag er sich auch 
später gegen sie aufgelehnt haben, während der Triebmensch 
den Akt der Identifizierung niemals ganz vollzog, sondern 
nur mit einem Teile seines Ich. 

Anders und komplizierter ist es bei der Hysterie; hier 
bleibt nämlich, wie Freud ausführt, das Schuldgefühl unbe- 
wußt. „Der Mechanismus des Unbewußtbleibens ist hier leicht 
zu erraten. Das hysterische Ich erwehrt sich der peinlichen 
Wahrnehmung, die ihm von selten der Kritik seines Über-Ich 
droht, in derselben Weise, wie es sich sonst einer unerträg- 
lichen Objektbesetzung zu erwehren pflegt, durch einen Akt 
der Verdrängung. Es liegt also am Ich, wenn das Schuldgefühl 
unbewußt bleibt. Wir wissen, daß sonst das Ich die Verdrängungen 
im Dienst und Auftrag seines Über-Ich vornimmt; h ier ist aber 
i) Von mir gesperrt. 



Die Isolierung des Über-Idi 97 



ein Fall, wo es sich derselben Waffe gegen seinen gestrengen 
Herrn bedient. Bei der Zwangsneurose überwiegen bekanntlich 
die Phänomene der Reaktionsbildung; hier gelin gtdem 
Ich nur die Fernhai tung des Materials, auf wel- 
ches sich das Schuldgefühl bezieht.'" Das Ich der 
triebgehemmten Hysterie leistet also die Verdrängung der 
Triebe des Es im Dienste des Über-Ich zufolge unbewußter 
Akzeptierung^ seiner Forderungen, erwehrt sich aber 
gleichzeitig seiner strengen Mahnung durch (systematische) 
Verdrängung des Schuldgefühls, welches wir in der Analyse 
aus den Angst- und Konversionssymptomen erst heraus- 
schälen müssen. 

In jedem Falle triebgehemmter Hysterie und Zwangsneurose 
liegt also eine unbewußte Akzeptierung der verbietenden Über- 
Ich-Forderungen vor, der Unterschied zwischen beiden liegt in 
der verschiedenen Stellungnahme des Ich zum Schuldgefühl. 
Uns interessiert hier aber hauptsächlich die Frage nach der 
Verdrängung des Über-Ich, weil wir die Beziehung 
zwischen Verdrängung und IsoUerung klarstelle müssen; 
sagten wir doch früher, die Isolierung komme einer Verdrängung 
gleich, das Über-Ich benehme sich dann wie ein aus der Ver- 
drängung hervorbrechender Trieb. 

Bei näherer Überlegung stoßen wir sofort auf den gewichtigen 
Einwand: sind denn die Kernforderungen des Über-Ich nicht 
immer unbewußt? Darf z. B. das Inzestverbot jemals 
bewußt werden? Würde damit nicht auch der Inzest w u n s c h 
bewußt? Diese innige Verkettung von Wunsch und Verbot 
verurteilt beide zur Unbewußtheit und gab als Problem in 

i) Von mir gesperrt. 

2) Von b e w u ß t e r Akzeptierung der Über-Ich-Forderungen dürfen 
wir bei der asketisch-religiösen Zwangsneurose sprechen. Daß auch diese 
auf einer tieferen, unbewußten ruht, braucht nicht hervorgehoben zu 
werden. 

Reich, Der triebhafte Charakter. 7 



w. 



98 Der triebhafte Charakter 



„Ich und Es" die Grundlage zur Theorie von der notwendigen 
Unbewußtheit eines Teiles des Ich — des Über-Ich. 

Aber „unbewußt" bedeutet nicht dasselbe, wie „verdrängt". 
Die Frage wird klar, wenn wir uns streng an die Freud sehe 
Unterscheidung zwischen dynamischer und systema- 
tischer (System Ubw), sowie an die zwischen geglückter 
und mißglückter Verdrängung halten. Nur die mißglückte 
dynamische Verdrängung ist pathogen. Der Kern des Über-Ich 
wäre also beim Gesunden und triebgehemmten Neurotiker 
immer systematisch und glücklich verdrängt. Die Dynamik der 
Verdrängung geht nicht über die Verhinderung des Bewußt- 
werdens hinaus und die systematische Verdrängung verträgt 
sich sehr gut mit der unbewußten Akzeptierung und Durch- 
führung der Über-Ich-Forderungen durch das Ich. Ja, die 
Unbewußtheit scheint eine Vorbedingung der Akzeptierung zu 
sein. Denn es fällt auf, daß beim ausgesprochenen Typ des 
infantilen Triebmenschen häufig Bewußtheit des Kernes der 
Über-Ich-Forderungen (Inzestverbot usw.) vorliegt.' (Dies ist 
übrigens besonders häufig bei der Schizophrenie der Fall.) 
Die systematische Verdrängung ist hier lücken- 
haft, die dynamische ist sehr stark ausgefallen 
und mißglückt. 

Wir glauben jetzt klarer zu sehen: 

Bei den triebgehemmten Neurosen liegt eine 
geglückte und systematische Verdrängung des Über-Ich-Kernes 
vor, die dynamische geht n icht über die Verhinderung des 

i) Dieser Tatbestand steht nur in scheinbarem Widerspruch zum im 
II. Kap. geschilderten, daß nämlich der triebhafte Charakter ebenso inten- 
sive Verdrängungen aufweist, wie der triebgehemmte Neurotiker Es ent- 
spricht vielmehr dieser klinische Tatbestand vollkommen der isolierten 
Stellung des Ichideals, indem es zwar in seiner Verdrängungsleistung 
behindert, aber doch nicht vollkommen ausgeschahet ist. Es besteht 
ferner die Möglichkeit, daß nur ein Teil der Ichideale das Schicksal der 
Isolierung erfuhr. 



Die Isolierung des Über-Idi 99 

Bewußtwerdens hinaus. Das Ich darf zwar vom Kern des Über- 
ich nichts wissen, es kennt nur seine Rationalisierungen, unter- 
wirft sich aber im übrigen seinen Forderungen, die Es- 
Strebungen zu verdrängen. Wir wissen, daß das Mißglücken 
dieser Verdrängung die Symptome schafft. Der psychische 
Konflikt spielt sich bei der triebgehemmten 
Symptomneurose zwischen Ich plus Über-Ich 
einerseits, dem verdrängten Anteile des Es (den 
verpönten Objektbeziehungen) andererseits ab. 

Beim triebhaften Charakter ist das Über-Ich „dyna- 
misch« und „mißglückt" verdrängt, die systematische Ver- 
drängung ist mangelhaft. Es ist leicht zu begreifen, daß die 
Lückenhaftigkeit der systematischen Verdrängung (ebenso wie 
die der Partialtriebe und des Sadismus) eine Folge der 
dynamischen Verdrängung des Ober-Ich durch das (Lust-)Ich 
ist. Der psychische Konflikt spielt sich hier 
zwischen drei Instanzen ab, dasich erwehrt sich 
einerseits im Dienste des Über-Ich gegen das 
Es (wie der triebgehemmte Neu rotiker), anderer- 
seits im Dienste des Es gegen das Über-Ich. 
Dieser doppelte Kampf (doppelte Gegenbesetzung) macht 
die hervorragende Zerrissenheit der Triebmenschen aus. 

Der Begriff der Isolierung des Über-Ich schließt also die 
mißglückte dynamische Verdrängung in sich, meint aber mehr: 
zunächst eine besondere strukturelle Gliederung der Persön- 
lichkeit, ferner, was später näher zu besprechen sein wird, 
ein normales Durchgangsstadium jeder Über-Ich-Bildung. Zur 
Rechtfertigung unserer terminologischen Neuprägung sei noch 
bemerkt,- daß wir es hier nur mit einem Spezialfall von Ver- 
drängung des Über-Ich zu tun haben. Möglicherweise wird 
einmal der Begriff der „Isolierung" in dem der „Verdrängung 
des Über-Ich" ganz aufgehen, wenn die Theorie der dynamischen 

7* 




lOO Der triebhafte Charakter 

„Ich Verdrängungen" (als Pendant zu der von den „Sexual- 
verdrängungen") ausgebaut und die Beziehung zur Struktur der 
Persönlichkeit erfaßt sein wird. 

Die Isolierung des Über-Idi als normale Durdigangsphase 
in der Idi-Entwicklung 

An dieser Stelle muß einem w^eiteren Einwände begegnet 
werden. Wir leiten die Isolierung des Über-Ich genetisch von 
der Ambivalenz des Kindes gegen das Objekt ab, welches 
später das Über-Ich abgeben soll, und stellen diese Fehlent- 
wicklung als spezifisches Attribut des triebhaften Charakters 
hin (im Gegensatz zur triebgehemmten, klassischen Zwangs- 
neurose). Nun wirkt aber gerade bei der Zwangsneurose die 
Ambivalenz als zentraler Faktor, sie steht an der Wurzel so 
mancher Symptome, wie der Zweifelsucht, der Unentschlossen- 
heit usw. Warum hat hier die Ambivalenz nicht die Isolierung 
des Über-Ich geleistet? Gerade die Zwangsneurose zeichnet 
sich durch weitgehende Realisierungen der negativen Ichideal- 
Forderungen, wie zum Beispiel durch Übergewissenhaftigkeit, 
Pedanterie, durch Neigung zu asketischen Ideologien, sexueller 
Abstinenz usw. aus. Dem Einwand ist leicht zu begegnen, wenn 
man in Betracht zieht, daß es auf die Form der Ambivalenz, 
das heißt auf ihre Erscheinungsweise, und auf den Zeitpunkt 
der seelichen Entwicklung ankommt, in dem sie wirksam ein- 
gesetzt hat. Bezüglich des letzteren Punktes verweise ich auf das 
im vorhergegangenen Abschnitte über die Differenzen zwischen 
beiden Erkrankungsformen Gesagte. Was die Erscheinungs- 
weise der Ambivalenz anbelangt, so ist folgendes zu sagen: 
die ambivalente Gefühlseinstellung kann i. dauernd mani- 
fest bleiben (manifeste Ambivalenz), 2. eine Wandlung 
zugunsten der Liebes-, beziehungsweise Haßseite erfahren. Wir ■ 
lernen in der Analyse das Phänomen kennen, welches von 



Die Isolierung des Über-Idi loi 



Freud zuerst beschrieben wurde und als reaktive Liebe, 
beziehungsweise reaktiver Haß imponiert (latente 
Ambivalenz). Im ersten Falle addiert sich zur ursprüng- 
lichen Liebeseinstellung ein in Liebe verwandelter Haß, im 
letzteren zur ursprüngUchen Haßeinstellung eine durch Ent- 
täuschung zum Haß gewordene Liebe hinzu. Bei der Zwangs- 
neurose liegt nun der typische Befund vor, daß die manifeste 
Ambivalenz sich in Symptomen äußert, meist auf Banales 
verschoben ist und dem ursprünglich ambivalent besetzten 
Objekt dann entweder reaktive Liebe oder reaktiver Haß 
zugewendet wird. Die Ambivalenz dem Objekt gegenüber wird 
erst in der Analyse manifest gemacht. Der triebhafte Cha- 
rakter hat die manifeste Ambivalenz dem Objekt gegenüber 
dauernd behalten und setzt diese Einstellung dem Ichideal 
gegenüber, wie ausgeführt wurde, fort. Zur ursprünglichen 
manifest-ambivalenten Einstellung des Zwangsneurotikers ist 
also eine Wandlung hinzugekommen, die beim ausge- 
sprochen triebhaften Charakter entweder ganz oder teilweise 
unterblieb : die reaktive Betonung der einen oder anderen 
Seite der Ambivalenz und die Verschiebung auf Banales. 
Die reaktive Wandlung der Ambivalenz zu einer manifest 
eindeutigen Haltung im Sinne der Liebe oder des Hasses ist 
natürlich auf Grund einer Verdrängung erfolgt, die, wie wir 
wissen, beim triebhaften Charakter mangelhaft blieb. So ist 
denn dann auch die Verdrängung und Reaktionsbildung bei 
der Zwangsneurose auf die Strenge und Festigkeit des ver- 
neinenden Ichideals zurückzuführen. Und es passen die Tat- 
sachen der mangelhaften Verdrängung und Reaktionsbildung, 
des Manifestbleibens der Ambivalenz und die Isolierung des 
Über-Ich beim triebhaften Charakter sehr gut zueinander. 
Eine schematische Darstellung der extremen Typen möge die 
Differenz übersichtlich machen: 




I02 



Der triebhafte Charakter 



Zwangsneurose. 

j) Manifeste Ambivalenz. 

2) Reaktive Wandlung der Ambi- 
valenz. 

j) Sti-enges, ins Ich eingebautes 
Über-Ich. 

4) Starke Verdrängung und Reak- 
tionsbildung. 

j) Sadistische Impulse mit Schuld- 
gefühl verknüpft. 

6) Charakter übergewissenhaft, aske- 
tische Ideologien. 



j) Das Ich unterwirft sich dem 
Über-Ich. 



Triebhafter Charakter. 

i) Manifeste Ambivalenz. 

2) Keine reaktive Wandlung oder 

überwiegender Haß. 
j) Isoliertes Über-Ich. 

4) Mangelhafte Verdrängungen. 

5) Sadistische Impulse ohne Schuld- 
gefühl. 

6) Charakter gewissenlos, Sexuali- 
tät manifest, das entsprechende 
Schuldgefühl eventuell in neuro- 
tischen Symptomen verankert 
oder total verdrängt. 

y) Das Ich steht beiderseits ambi- 
valent zwischen Lust-Ich und 
Über-Ich, faktische Gefolgschaft 
nach beiden Seiten. 



Bei 2) sitzt also die dichotomische Teilung der Entwicklung 
zur Zwangsneurose (oder zu einer anderen Symptonineurose), 
beziehungsweise zum triebhaften Charakter. Welchen Weg nun 
die Entwicklung einschlägt, hängt von dem Erleben bis zur 
sadistisch-analen Stufe ab. Entwickelt sich die wirk- 
same Ambivalenz erst hier, ohne daß es schon auf früheren 
Stufen Schädigungen gab, so wird die Entwicklung zur Zwangs- 
neurose (oder Hysterie) angebahnt werden; liegen scharfe 
Ambivalenzpositionen schon von früher her vor, dann wird die 
Aufnahme des Ichideals und die Reaktionsbildung mißlingen. 
Im Sinne unserer früheren Ausführungen wird allzufrühe Sexual- 
betätigung, insbesondere die Aktivierung der Genitalität 
vor der vollen Ödipusphase den Narzißmus des primi- 
tiven Lust-Ich derart stärken, daß Ichideale nur mehr in iso- 
lierter Form aufgerichtet werden können. Als weiterer ent- 
scheidender Faktor kämen alle jene Schädigungen von seiten 



Die Isoliening des Über-Idi 103 



der Liebesobjekte und Erzieher in Betracht, die wir früher 
eingehend geschildert haben. 

Es war nicht Zweck dieser Ausführungen, zur pathologischen 
Entwicklung des Ich und des Ichideals mehr beizutragen, als 
aus der Erörterung der Stellung des letzteren beim triebhaften 
Charakter erfloß. Die von Freud und F e r e n c z i " inaugurierte 
genetische Psychologie des Ich wird vermutlich mit ebenso 
charakteristischen „Entwicklungsstufen des Ich" zu rechnen 
haben, wie sie für die Sexualentwicklung bereits sichergestellt 
sind. In der Erscheinung des isolierten Ichideals dürfen wir 
aber den pathologischen Dauerzustand einer Phase erblicken, 
die vermutlich jeder Mensch auf dem Wege der Entwicklung 
vom primitiven Lust-Ich zum Mitglied einer kulturellen Gemein- 
schaft zu durchlaufen hat. Das kultivierte Real-Ich bildet sich 
erst auf dem Wege über das Ichideal, durch Realisierung 
einzelner Bestandteile desselben.^ Ein großer Teil mag immer 
unrealisiert bleiben und die Psychoanalyse vermag uns guten 
Einblick in die pathologischen Resultate einer mangelhaften 
Realisierung zu verschaffen. Die Akquisition des Ichideals geht 
aber nicht ohne Kampf vonstatten. Es liegt in der Natur des 
triebhaften Lust-Ich, sich gegen die erzieherischen Ein- 
schränkungen zu wehren. Die Abwehr der Einschränkungen 
wird durch Objektliebe paralysiert und so erfolgt die Auf- 
richtung des Ichideals. Aber zwischen vollkommener Ablehnung 
und faktischer Annahme schiebt sich eine Phase akuter, mani- 
fester Ambivalenz zum einschränkenden Objekt, beziehungs- 
weise zum späteren Ichideal, ein. Im weiteren Verlaufe ergeben 

i) Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. Int. Ztscli. f. PsA., Bd. 1, 1913. 

2) Wir vergessen dabei nicht, daß es unmittelbare Identifizierungen 
im Ich gibt. Es dürfte für die Struktur einer Persönlichkeit von ent- 
scheidender Bedeutung sein, ob die grundlegenden Identifizierungen im 
Ich oder im Ichideal erfolgten. (Vgl. hiezu unsere Ausführungen über die 
geschlechtliche Fehlidentifizierung, Kap. III.) 




I04 Der triebhafte Charakter 

sich zwei Möglichkeiten: entweder Wandlung der manifesten 
zur latenten Ambivalenz durch reaktive Betonung der Liebe 
oder des Hasses, oder Überwindung der Ambivalenz dem 
Objekt und Ichideal gegenüber. Den letzten Ausgang werden 
wir als den normalen ansehen und wir streben ihm auch in 
der analytischen Therapie jedes Einzelfalles zu. Es ist klar, daß 
die Überwindung der Ambivalenz im Ich nur einer solchen im 
Sexualverhältnis zum Objekt folgen kann (Erreichung der 
unambivalenten genitalen Stufe). Der ersterwähnte 
Ausgang ist in der Zwangsneurose und Hysterie vertreten. Wir 
kämen so zu folgender schematischer Übersicht: 

i) Stufe des primitiven Lust-Ich: eindeutige Abwehr 
der Einschränkung. 

2) Stufe der manifest ambivalenten Objektbesetzung, 
oder vom Standpunkt des Über-Ich aus, der ambivalenten 
Stellungnahme zum Über-Ich. Das Resultat einer 
Fixierung an dieser Stufe wäre somit die dauernde Fixierung 
eines isolierten Über-Ich und die Disposition zu unge- 
hemmter Triebhaftigkeit im Sinne unserer Ausführungen. 
• j) Stufe der reaktiven Wandlung der Ambivalenz: 
das Ich identifiziert sich mit der einschränkenden Erziehungs- 
person (Realisierung ihrer Forderungen auf ambi- 
valenter Grundlage). Hier setzen die Ausgangspunkte 
zu Fehlidentifizierungen' an. Fällt dieser Vorgang fixierend in 
die sadistisch-anale Stufe, so ist die Disposition zur Zwangs- 
neurose, fällt er in die genitale Stufe, so ist die zur Hysterie 
gegeben. 

■f) Stufe der (relativ) ambivalenzfreien Ich- 
Struktur. Wie dunkel ihre Genese und Dynamik auch noch 
sein mag, die analytischen Erfahrungen sprechen dafür, daß 
diese realitätsgerechte Position des Ich ohne triebbejahende 

i) Vgl. Kap. III. ~ 



Die Isolierung des Über-I(h 105 



Elemente im Ichideal, das heißt ohne die Möglichkeit zu 
geordnetem Libidohaushalt' nicht zustande kommen kann. 

Dieses Schema kann nur einer vorläufigen Orientierung 
dienen. Wir fügen noch hinzu, daß die Phasen i bis 3 jeder 
Stufe der libidinösen Entwicklung eignen müssen, indem sich 
in jeder Sexualphase der Kampf zwischen Luststreben 
und Versagung aufs Neue abspielt. So kommt es, daß wir 
triebhafte Charaktere vom zwangsneurotischen und hysterischen 
Typus unterscheiden können, je nachdem die Fixierung der 
Phase des isolierten Ichideals auf der sadistisch-analen oder 
genitalen Stufe erfolgte. 

Wir gewärtigen den Einwand, daß der Versuch, solche Phasen 
im Quer- und Längsschnitt der Entwicklung zu unterscheiden, 
leere Spekulation bleiben müsse, weil wir nie imstande sein 
könnten, die Einstellung des Kindes bis zum fünften Lebens- 
jahre einwandfrei zu rekonstruieren. Wer sich nur auf die 
analytische Rekonstruktion der Kindheit bezieht, wird in 
gewissem Maße recht behalten, selbst wenn wir auf den Gegen- 
einwand besonderes Gewicht legten, daß das festgefügteste 
Stück der Freudschen Theorie, die Lehre von den Ent- 
wicklungsstufen der Libido so gewonnen wurde und daß sich 
jeder von ihrer Richtigkeit, d. h. der präzisen Aufeinanderfolge 
der oralen, oralsadistischen, analsadistischen und genitalen Stufe 
durch direkte Kinderbeobachtung überzeugen kann. Aber unsere 
(ausdrücklich als vorläufig bezeichnete) Einteilung der Entwick- 
lung des Über-Ich in Phasen basiert zum geringsten Teile auf 
analytischer Rekonstruktion; sie stützt sich vielmehr auf die 
Erfahrungen, die wir bei der Behandlung triebhafter Charaktere 
speziell in der Analyse ihrer Ambivalenzkonflikte und Über- 
tragungspositionen machen. Sie ändern während der Analyse 

i) Vgl. Reich: Weitere Bemerkungen über die therapeutische Bedeutung 
der Genitallibido (erscheint in der Int. Ztschr. f. PsA., Bd. XI, 1925). 



Io6 Der triebhafte Cheurakter 

ihre Über-Ich-Struktur fortwährend in Korrespondenz mit dem 
Stand der Übertragung. Diese wieder ist ein genauer Abklatsch 
der seinerzeit innegehabten Objektbeziehungen, so daß wir, 
schärfer sehend seit „Ich und Es", einen tiefen Einblick in das 
Werden des kindlichen Ich gewinnen. 

Wir beschließen diesen Abschnitt mit dem Hinweis auf ein 
allgemeineres Problem: Selbstüebe („sekundärer Narzißmus" im 
Sinne Freuds und Tausks) und Objektliebe sind die lebens- 
bejahenden (Lebenstrieb), das Schuldgefühl (Strafbedürfnis) 
ist das lebensverneinende (Todestrieb) Element im Men- 
schen. Sie stehen zueinander in konträrer Beziehung, gelegent- 
lich verwandelt das Schuldgefühl die Selbstliebe in eine primi- 
tivere Form des Narzißmus, in den Ürnarzißmus der 
Mutterleibssituation. Das typischeste Vorbild für dieses Zusammen- 
fließen ist der melancholische Selbstmord. Das Schuldgefühl 
entwickelt sich nun in der Ontogenese später als der Narzißmus, 
daher das Überwiegen der lebensbejahenden Tendenz. Ein voll 
ausgebildeter, durch unambivalente Genitalität gehaltener Nar- 
zißmus wirkt dem Schuldgefühl am besten entgegen. Es muß 
nun für das spätere Schicksal des Menschen von ganz ent- 
scheidender Bedeutung sein, in welcher Entwicklungs- 
phase des Narzißmus ein wirksames Schuld- 
gefühl einsetzt und so die lebensbejahende 
Tendenz schwächt. Es scheint geradezu die Schwere 
einer Erkrankung davon abzuhängen, wie früh das Schuld- 
gefühl seine lebens- und realitätsverneinende Wirkung beginnt. 
Die Probleme dieser Gleichung dürfen wir zu den empirisch 
am schwersten faßbaren, aber auch zu den Kernproblemen der 
spezifischen Ätiologie der seelischen Erkrankungen zählen. 



VI 

Einige Bemerkungen über den schizophrenen 
Projektionsvorgang und die hysterische Spaltung 

Unsere Annahme eines isolierten Über-Ich erweist sich nach 
zwei Richtungen hin als heuristisch wertvoll: nämlich zur 
Formulierung weiterer dynamischer Bedingungen des schizo- 
phrenen Projektionsvorganges und der hysterischen Spaltung 
der Persönlichkeit. 

Als unsere genital-masochistische Patientin vom Tode der 
Ärztin erfuhr, welche sie zuerst behandelt hatte und ihr voll- 
wertige Mutterimago geworden war, brach eine akute (hyste- 
rische?) Psychose aus: die Patientin halluzinierte akustisch und 
visuell, die „Mami" klopfe des Nachts an ihrer Türe, sie rufe 
sie zu sich ins Grab; während einer Sitzung sah sie die „Mami" 
im Grabe liegen und ihr winken. Sie hörte Stimmen, welche 
ihr zuriefen, sie dürfe nicht onanieren, die „Mami" 
dulde es nicht. Sie betete stundenlang angstvoll vor dem Bilde 
der Verstorbenen und sah deren Bild sich bewegen. Wir 
haben guten Grund, diesen Halluzinationen denselben Mecha- 
nismus zugrunde zu legen, wie er für die schizophrene Projek- 
tion gilt: derselbe Projektionsvorgang spielt sich hier wie dort 
an einer Instanz des Ich ab, das Ichideal erscheint in der 
Außenwelt (wie der Verfolger und Kritiker in der paranoiden 
Schizophrenie), besser wieder in der Außenwelt, der Introjek- 
tionsvorgang wird rückgängig gemacht. Es ist daher nur eine 



L 




lo8 Der triebhafte Charakter 

folgerichtige Annahme, wenn wir sagen, daß jene Stücke 
der Persönlichkeit, jene Ichideale am ehesten 
und leichtesten das Schicksal der paranoiden 
Verlegung aus dem Ich in die Außenwelt erfahren 
werden, die seinerzeit nicht innig mit der ganzen Per- 
sönlichkeit verschmolzen, sondern als isolierte Bestand- 
teile derselben bestehen blieben. Daß der Inhalt der 
wahnhaften Projektion, sei es in Form eines Verfolgungswahnes 
oder einer paranoiden Halluzination, auch die vom Ichideal ver- 
urteilte Triebregung (meist die homosexuelle) enthält, wider- 
spricht jener Auffassung nicht. _ Der Kranke benimmt sich dann 
wie der Wirt, welcher zwei einander prügelnde Gäste vor die 
Tür setzt; allerdings muß er sich dann den Lärm vor der Türe 
gefallen lassen. Auch in der klinischen Erscheinung des Wider- 
standes ist beides enthalten, das Verdrängte und das Ver- 
drängende (Freud). 

Damit wäre eine Frage teilweise gelöst, welche, sich seit 
jeher an die Freudsche These von der paranoischen Projekv 
tion der Homosexualität geknüpft hat: der Projektionsvorgang 
wurde vom ökonomischen Standpunkt aus als ein Entlastungs- 
versuch begreiflich gemacht:' „Ich liebe ihn ja nicht — ich 
hasse ihn ja — weil er mich verfolgt."" Mit dieser ökonomi- 
schen Erklärung war aber nichts darüber ausgesagt, warum 
der paranoide Schizophrene sich seiner Triebregung gerade im 
Wege der Projektion zu entlasten versucht, warum nicht zum 
Beispiel der typische Verdrängungsmechanismus in Aktion 
tritt. Wir dürfen jetzt annehmen, daß die Projektion ermög- 
licht wird durch ein lockeres Stück im Ich, welches der ver- 

I) Freud: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch 
beschriebenen Fall von Paranoia. (Ges. Schriften, Bd. VIII.) S. ferner: 
Freud: Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und 
Homosexualität. Internat. Ztschr. f. PsA., Bd. Vm, 1922 (Ges. Schriften, 
Bd. V). . ' ^ ^ 



über den sdiizophrenen Projektionsvorgang u. die hyster. Spaltung lOQ 

pönten Regung gerade diesen spezifischen Weg der Erledigung 
weist. Ein Defekt in der Entwicklung des Ich im Sinne 
mangelhafter Verschmelzung der der Außenwelt ent- 
lehnten Ichideale würde somit die Disposition zur wahn- 
haften Projektion in die Außenwelt abgeben. Über die 
Natur dieses Defektes und über den Zeitpunkt, in dem er 
gesetzt werden soll, damit die Disposition zustande komme, 
erfahren wir aus der Beobachtung der paranoiden Formen der 
Schizoprenie selbst nichts. Daß die Ambivalenz dabei wesent- 
lich mitspielt, läßt der ambivalente Charakter insbesondere 
jedes Verfolgungswahnes deutlich erkennen. Lediglich die 
Analyse paranoider Charakterneurosen legt die Annahme dieser 
Fixierungsstelle nahe. Wenn aber unsere Anschauung von der 
Genese dieser Disposition richtig ist, so haben wir dadurch auch 
Anhaltspunkte für die zeitliche Bestimmung der schizophrenen 
Fixierung gewonnen und wir glauben, daß eine Annahme 
so lange einwandfrei ist, als sie Phänomene erklären kann. 

Schilder wies in einem Kurse auf die Auflockerung der 
Ichideale bei der Schizophrenie hin und erklärte daraus unter 
anderem auch die Bewußtheit der Symbolbedeutung. Er warf 
auch die Frage nach dem Zeitpunkt der schizophrenen Fixierung 
auf, ohne sie zu beantworten. Ein dieser Arbeit parallel laufen- 
der Gedankengang, welcher mit ihr aufs innigste zusammen- 
hängt und die Frage nach der Genese formaler Störungen des 
Seelenlebens zum Inhalte hat, geht von der Widerlegung der 
falschen Voraussetzung aus, daß man auf demselben Wege das 
Fixierungsstadium der Schizophrenie finden würde, wie das- 
jenige der MelanchoUe (oral-sadistisch), Zwangsneurose (anal- 
sadistisch) und Hysterie (genital). Denn erstens muß bei der 
Untersuchung der Frage nach der schizophrenen Fixierung den 
sie charakterisierenden formalen Störungen ganz besondere 
Bedeutung beigemessen werden, zweitens darf nicht übersehen 



werden, daß die Schizophrenie alle (in formaler Hinsicht abge- 
änderten) Bilder psychischer Erkrankung . (Zwangsneurose, 
Hysterie, Melancholie, Hypochondrie usw.) aufzeigen kann, und 
drittens, daß die Annahme einer narzißtischen Fixierung viel 
zu weit ist, um Striktes meinen zu können. Es wird sich 
dabei letzten Endes um ein bestimmtes Stadium 
innerhalb der narzißtisch-autoerotischen Entwicklungsphase 
handeln, vermutlich um jenes, in dem zum erstenmal die Brücke 
vom Ur-Ich zum Objekt geschlagen wird,' die ersten Identifi- 
zierungen^ erfolgen und die Realitätsprüfungsinstanz aufgebaut 



i) Nach Abschluß des Manuskripts erschien die Arbeit J. H. van der 
H o o p „Über die Projektion und ihre Inhalte". (Int. Ztschr. f. PsA., X., 
1924.) Der Autor kommt bei der Erörterung defe Wesens der Projektion 
von anderer Seite her zu ähnlichen Schlüssen wie wir (S. 288): „Die 
Schizophrenie muß psychologisch als ein intensiver Introversionszustand 
betrachtet werden, wobei zugleich eine immer mehr zunehmende Regression 
stattfindet nach einer infantil-archaischen Phase der Entwicklung, welche^ 
gekennzeichnet ist durch eine geringe oder keine Trennung von Subjekt 
und Objekt, weshalb die Projektion einen überaus mächtigen Einfluß in 
den Erscheinungen erlangen kann." Allerdings reicht die intensive Intro- 
version als Erklärungsgrund nicht aus, denn sie selbst ist doch nur eine 
Folgeerscheinung der Fixierung an dieser Phase. 

2) Zur Vermeidung eines Mißverständnisses bezüglich unseres absicht- 
lich gewähhen Ausdruckes „erste Identifizierung" müssen wir daran 
erinnern, daß wir mit Freud zwei Identifizierungsphasen zu unter- 
scheiden haben: /; nach „Massenpsychologie und Ichanalyse« die Iden- 
tifizierung vor aller eindeutigen Objektwahl („narzißtische Iden- 
tifizier u ng") und 2; jene Identifizierung, welche dem Objektstadium 
folgt und zu den endgültigen Ichidealbildungen durch Aufgeben der 
Objekte, beziehungsweise ihre Einverleibung als Über-Ich („Ich und Es") 
führt. In „Ich und Es" herrscht ein Widerspruch mit den Ausführungen 
in der „Massenpsychologie", indem hier eine narzißtische Identifizierung 
als Vorstufe der Objektwahl angenommen wird, dort hingegen der Iden- 
tifizierung eine Objektbesetzung vorausgeschickt wird. Der Widerspruch 
ist nur scheinbar, indem sich eine vor- und nachobjektlibidinöse Iden- 
tifizierung sogar sehr gut miteinander vereinigen lassen. Freud {„Massen- 
psychologie" S. 69): „Die Identifizierung (ist) die früheste und ursprüng- 
lichste Form der Gefühlsbildung" und („Ich und Es" S. 36): „Aber die 
Objektwahlen, die der ersten Sexualperiode angehören und Vater und Mutter 
betreffen, scheinen beim normalen Ablauf den Ausgang in solche Iden- 



über den schizophrenen Projektionsvorgang u. die hyster. Spaltung 



III 



wird. Die schizophrene Fixierung muß in der Phase der ersten 
Identifizierung mit den Objekten zu suchen sein. 

* 
Eine andere Art des Ich, sich seiner Rolle als Vermittler 
zwischen Über-Ich und primitiver Tendenz zu entledigen, ist 
(im Gegensatz zur Entlastung vom Über-Ich im Wege der 
wahnhaften Projektion) die hysterische Spaltung der 
Persönlichkeit {„double conscience" Janets). Hier erfolgt nicht 
die Projektion, der Hinauswurf der Gegner aus dem Ich (was 
immerhin eine eindeutige Entscheidung ist, mag sie auch immer 
ohne Erfolg bleiben), sondern das Ich identifiziert sich 
bald mit dem einen, bald mit dem anderen 
Gegner. So identifizierte sich unsere nymphomane Patientin 
während der Onanie, die wir als eine besondere Art 
hysterischen Ausnahmszustandes auffassen müssen, ganz mit 
der strafenden Mutter, ihr Lust-Ich mit. ihrem Genitale. Außer- 
halb des Ausnahmszustandes spielt sie allen irgendwie 
dazu geeigneten Personen gegenüber die Rolle des kleinen 
Kindes, sie versucht es, sich an Arzt, Schwester usw. anzu- 
schmiegen, benimmt sich aber überaus trotzig und flucht, wenn 
sie zurückgewiesen wird. Sie knüpft unzähHge, immer durch- 
aus inzestuös betonte Verhältnisse an und sucht den Mann, 
den Vater mit dem langen Glied. Kommt es aber zum Koitus, 
so tritt die Gestalt der drohenden Mutter dazwischen, bald in 
Form von Stimmen, die ihr „du geile Hure" zurufen, bald in 
Gestalt eines Teufels, der sie verflucht. 

Ein Fall weiblicher Hysterie mit Dämmerzuständen, der 
schließlich in eine dauernde Spaltung der Persönlichkeit aus- 
ging und von mir an anderer Stelle ausführiich dargestellt 
wird, legte die Vermutung nahe, daß die Spaltung einem 

tifizierung zu nehmen und somit die primäre Identifizierung zu 
verstärken." 




]I2 Der triebhafte Chareikter 



Heilungsversuch entspricht. Ich habe mich auch an zwei 
anderen Fällen davon überzeugen können. In den vorpsycho- 
tischen Dämmerzuständen erlebte die Patientin einerseits eine 
sonst amnesierte sexuelle Verführung durch einen Lehrer, 
andererseits onanierte sie an den Brüsten, kleidete sich mit 
ihren schönsten Gewändern, während sie sonst immer ganz 
einfach gekleidet ging. In den Dämmerzuständen ergab sich 
also ihr Ich den im gewöhnlichen Wachzustande vollkommen 
verdrängten, weil verpönten Antrieben, stellte sich ihnen zur 
Verfügung, indem es die Antriebe zur motorischen Abfuhr 
brachte. Im gewöhnlichen Wachzustande unterwarf sich das 
Ich dem strengen, mütterlichen Über-Ich, welches Askese 
gepredigt hatte. Schon im zweiten Lebensjahr hatte sie durch 
die Mutter eine Versagung der genitalen Onanie erlebt. Es 
scheint nun für solche Fälle charakteristisch zu sein, daß das 
Ich sich bald auf die Seite des vom Über-Ich Verpönten, bald 
auf die Seite des ersteren schlägt. Es ist der Diener zweier 
feindlicher Herren, es liebt beide, will beiden GTefolgschaft 
leisten. Der Konflikt wird aber nicht, wie bei der Symptom- 
neurose, auf dem Wege eines symptomatischen Kompromisses 
gelöst, sondern so, daß der eine von der Existenz des anderen 
nichts wissen darf (Spaltung in zweierlei Bewußtseinszustände). 
Auch dieser Fall zeigte eine ganz ausgesprochene, von 
erster Kindheit an scharfe Ambivalenz der Mutter gegenüber, 
auf welche wir hier nicht näher einzugehen brauchen. Wir 
erwähnen nur, daß die positive Strebung zur Mutter sich auf 
eine intensive orale Bindung und auf Mutterleibssehnsucht 
stützte, während die negative in erster Linie aus der im Sinne 
extremer Kastration aufgefaßten genitalen Versagung abzu- 
leiten war. Also ähnlich wie im Falle unserer nymphomanen 
Patientin, mit dem wesentlichen Unterschiede, daß es dort nie 
zu voller Triebbefriedigung in früher Kindheit gekommen war. 



über den sdiizophrenen Projektionsvorgang u. die hyster. Spaltung 



113 



Die Erledigung der Ambivalenz des Ich seinem Ideal gegen- 
über erfolgte schließlich in der Weise, daß die Patientin ihr 
Ich sterben ließ („ich habe die Eva S. [das heißt mich selbst] 
totgeküßt", „ich bin nicht die Eva S., sondern namenlos«), 
und zwar jenes Ich, welches sich mit dem Lust-Ich identifiziert 
hatte. Trotz der Mutter gegenüber hatte das Verhalten des 
Kindes von allem Anfang an beherrscht; auch hier muß die 
Neigung zur Spaltung in einer defektuösen Einverleibung des 
verbietenden mütterlichen Ideals zu suchen sein. Im Ausdruck 
„totgeküßt" ist die Ambivalenz voll enthalten. Die Entledigung 
von der krankheitseipsichtigen, depressiven, vorpsychotischen 
Persönlichkeit löste zunächst eine submanische Reaktion aus, 
die Patientin verlor ihre Symptome (Schlaflosigkeit und einen 
hysterischen Bauchschmerz) und fühlte sich wohl. 

In der psychotischen Phase erzählte mir die Patientin, jetzt 
wüßte sie weit mehr von der Eva S., als jene zu ihren Leb- 
zeiten gewußt hätte. Was das sei, wollte sie mir nicht mitteilen. 
Wir verstehen aber, daß sie jetzt mehr vom Verdrängten 
wissen durfte, nachdem es, wie sie wahnhaft glaubte, nicht ihr, 
sondern der von ihr „ totgeküßten'' Eva S. angehörte. 

Die Neigung zur schizophrenen und hysterischen Spaltung 
wäre somit auf eine mangelhafte Verschmelzung der auf- 
genommenen Ichideale mit dem Lust-Ich zurückzuführen. Die 
Frage nach dem Unterschiede beider Formen der Spaltung 
bleibt offen. 

* 

Grob schematisiert lassen sich die behandelten Tatsachen 
wie folgt zusammenfassen: 

Bei der wahnbildenden und halluzinierenden Schizophrenie 
besteht ein Konflikt und Zerfall im Ich; ersterer wird erledigt 
durch Entlastung auf dem Wege der wahnhaften Pro- 
jektion des Ichideals samt der verpönten Es-Strebung. 

Reich, Der triebhafte Charakter. e 



I 




Der triebhafte Charakter 



Bei der Spaltungshysterie wird die Lösung des Ich- 
konfliktes versucht durch sukzessive Parteinahme des 
Ich für seine beiden Herren mit jeweiliger Amnesie. 

Beim triebhaften Charakter besteht eine simultane 
Parteinahme, gelegentlich kommen Konfliktlösungen vom 
Typus der schizophrenen Projektion und der hysterischen 
Spaltung vor. 

Diesen Krankheitsbildern mit ihrer Dissoziation des Ich steht 
die triebgehemmte Charakter-, beziehungsweise 
Symptomneurose mit ihrem einheitlich geschlossenen Ich 
(sc. Ich 4" Über-Ich) gegenüber. 

Wir möchten aber nicht den Eindruck erwecken, als leug- 
neten wir für die triebgehemmten Neurosen jeden Konflikt 
innerhalb des Ich. Solche Konflikte, zum Beispiel zwischen 
konträren Ichidentifizierungen, gibt es gewiß. Es kommt nur 
darauf an, ob sie derart sind, daß die mit bestehenden Ich- 
konflikten sehr gut vereinbare einheitliche Abwehr, des zu 
Verdrängenden darunter leidet. 



VII 
Therapeutisdie Sdiwierigkeiten 

Die psychoanalytische Therapie hat seit ihrem Bestände 
immer weitere Kreise auf dem Gebiete seelischer Störungen 
gezogen: anfangs nur auf die Heilung der Hysterie eingestellt, 
zog sie bald auch die Zwangsneurose in ihren Bereich; sie 
erwies sich dabei als adäquateste Behandlungsmethode dieser 
Erkrankung. Therapeutische Versuche an der Melancholie und 
den ihr verwandten zyklischen Zuständen sind von Freud 
und Abraham bereits angestellt worden. Die Ergebnisse 
sind noch nicht sichergestellt. Ebenso verhält es sich mit Ver- 
suchen an initialen Fällen von Schizophrenie. In der psycho- 
analytischen Literatur findet man zwar keine Hinweise auf die 
Möglichkeiten' und eventueU schon erzielten Erfolge, aber man 
hört hier und dort in analytischen Kreisen, daß die Möglich- 
keit einer analytischen Beeinflussung dieser schwersten Form 
seelischer Erkrankung nicht a priori von der Hand zu weisen 
sei. Man wird zunächst die Bedingungen einer künftigen 
Beeinflussung genau feststellen müssen, weil es ja Grund- 
prinzip der Psychoanalyse ist, nur Verstandenes ändern zu 

i) In jüngster Zeit wurde ein dankenswerter Versuch, die theoretischen 
Voraussetzungen zur Beeinflussung der Schizophrenie zu klären, von 
Wald er unternommen: „Über Mechanismen und Beeinflussungsmöglich- 
keiten der Psychosen.« (Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 
Bd. X, 1924.) -1 j > 



1,5 Der triebhafte Charakter 



können. An fortgeschrittenen Anstaltsschizophrenien werden 
aber diese Bedingungen kaum zu fassen sein. Dazu werden 
sich nur initiale oder, zumindest vorderhand, nur solche Fälle 
eignen, die, ohne „fertige" Schizophrenien zu sein, doch typische 
schizophrene Mechanismen neben starker übertragungsneu- 
rotischer Position zeigen; also etwa Fälle vom Typus unserer 
Patientin mit der Weltuntergangsphantasie. Und da die der- 
zeitige Unbeeinflußbarkeit der Schizophrenie nicht nur ihrer 
Unfähigkeit zu übertragen, sondern auch der Defektuosität des 
Ichideals zuzuschreiben ist, darf die Gelegenheit, welche die 
Analyse triebhafter Charaktere bietet, gern ergriffen werden, 
die Bedingungen der Behandlung und ihre Schwierigkeiten, 
soweit sie typisch sind, zu erörtern. 

„Im Manne ist ein Kind verborgen, welches spielen will." 
Mit diesen Worten hatte Nietzsche die klassische Formel 
Freuds über den neurotischen Konflikt antizipiert. Wir 
appeUieren in der Analyse an den „Mann" im Menschen, wenn 
wir darangehen, das „Kind", das Unbewußte, das Infantile, 
das der Realitätsfähigkeit Widersprechende zu bändigen. Wir 
bleiben in unseren therapeutischen Bemühungen erfolglos, wenn 
der Mann den Kampf mit dem Kinde nicht aufnehmen will, 
wir siegen, wenn es uns gelingt, den Mann für uns zu 
gewinnen und ihn dazu zu bewegen, sich mit dem „Kinde" 
auseinanderzusetzen, es entweder neuerlich zu erziehen oder 
ihm eine gewisse, kontrollierte Freiheit zu lassen. Beim Über- 
tragungsneurotiker steht sehr bald der Großteil der Persön- 
Hchkeit auf unserer Seite und identifiziert sich mit unseren 
therapeutischen Absichten. Beim triebhaften Charakter ist dies 
nun ganz und gar nicht der Fall. Auch sein Ich ist mehr oder 
weniger infantil geblieben. Aus diesem Unterschiede der psycho- 
logischen Struktur resultieren sämtliche Schwierigkeiten der 
psychoanalytischen Behandlung dieser Kranken. 



Therapeutisdie Stfawierigkeiten nj 

Als erste typische Schwierigkeit tritt uns die mangelhafte 
oder vollkommen fehlende Krankheitseinsicht 
entgegen. Während das Bewußtsein krank zu sein, den 
Symptomneurotiker in die Analyse bringt und vor aller Über- 
tragung das Motiv abgibt, sich dem Analytiker überhaupt zu 
eröffnen, ist der triebhafte Charakter für seine wesenthchsten 
Störungen zunächst uneinsichtig. Auch beim einfachen Über- 
tragungsneurotiker erstreckt sich die Krankheitseinsicht im 
Anfang nur auf störende Symptome, neurotische Charakterzüge 
sind meist uneingesehen. Die Symptome geben aber will- 
kommene Einbruchspforten in das pathogene Material ab und 
der Erwerb erweiterter Krankheitseinsicht fällt dann nicht 
schwer. Anders beim triebhaften Charakter. 

Die Haltung solcher Patienten ist vorwiegend mißtrauisch. 
Manchmal sind sie überhaupt nicht zum Sprechen zu bewegen. 
Gelingt es in der ersten Aussprache, das Vertrauen des Patienten 
zu gewinnen, etwa dadurch, daß man sich von vornherein auf 
seine Seite stellt und ja nicht den Standpunkt des Gegners 
vertritt, oder gar Moral predigt, so kann man bald entscheiden, 
ob der Mangel an Krankheitseinsicht ein tiefergehender ist, wie 
zum Beispiel in Fällen offenkundiger Schizophrenie, oder ob 
bloß der scharfe, aktuelle Konflikt den Patienten etwa in die 
Situation gedrängt hat, seine Position einem Stärkeren gegen- 
über mit hysterischen Anfällen, Weinkrämpfen, Tobsuchts- 
anfäUen und ähnlichem zu behaupten. Da es sich dabei meist 
so verhält, daß der Gegner nicht gerade der Einsichtsvollere 
und Nachgiebigere ist, sondern seinerseits den Standpunkt des 
erziehenden Gatten oder Vaters vertritt und meist selbst 
schwer neurotisch ist, so hat die RationaUsierung der Zustände 
festen Fuß fassen können und es wäre verlorene Mühe, 
dagegen anzukämpfen. Meist ermöglicht dann erst die Ände- 
rung des Milieus, die Separierung vom Gegner, die Analyse, 




Der triebhafte Charakter 



was aber, besonders bei Unbemittelten, gewöhnlich schwer 
durchzuführen ist. 

Krankheitseinsicht für pathologische Erscheinungen, gleich- 
gültig, ob neurotische Symptome oder Charakterzüge, kann nur 
dann bestehen, weiin das Ich auf der Seite eines das Triebhafte 
scharf und erfolgreich ablehnenden Über-Ich steht. Ist das 
Über-Ich aber derart, daß es mit der pathologischen Haltung 
gleichgerichtet ist, ist es isoliert geblieben oder fehlt dem 
Symptom der Charakter des Irrationalen, des Absurden, dann 
fehlt auch die Krankheitseinsicht. So war unsere Patientin mit 
der Weltuntergangsphantasie für ihre Haltung der Mutter gegen- 
über vollkommen uneinsichtig, weil ihr Über-Ich dem sich 
ebenso gebärdenden Vater entlehnt war. Das Über-Ich unserer 
genital-masochistischen Patientin war vom Real-Ich isoliert ge- 
blieben („Du mußt durch die Onanie sterben"), daher fehlte 
auch hier die Krankheitseinsicht. Ja, man begegnet mangel- 
hafter Kfankheitseinsicht gelegentlich auch bei Patienten mit 
umschriebenen hysterischen Symptomen. So meinte eine 
Patientin mit hysterischem Erbrechen, welche in schwere 
aktuelle Konflikte mit der Frau ihres Bruders verstrickt war, 
es sei nur ganz natürlich, daß sie nach Aufregungen er- 
brechen müsse. 

Der Erwerb der Krankheitseinsicht erfolgt auf verschiedenen 
Wegen. Eine typische Möglichkeit ist die, daß eine starke 
Übertragung zu einer Identifizierung mit dem Analytiker führt 
und dadurch der uneingesehene triebhafte Impuls in eine 
typische Zwangshandlung umgewandelt wird. Als bei der 
genital-masochistischen Patientin zutiefst verdrängte Haßein- 
stellungen gegen die Mutter bewußt wurden, verlor sich auch die 
Realisierung des mütterlichen Fluches während der Onanie: 
der Impuls zur Onanie trat jetzt als typisches Zwangssymptom 
auf, mit Schuldgefühl, Verurteilung und Ausbruch von Angst, 



Therapeutlsdhe Sdiwierigkeiten 119 

wenn sie die Onanie zu unterdrücken trachtete» In dieser Phase 
hörten die strafenden Handlungen und Aussprüche gegen das> 
Genitale auf, sie onanierte mit heterosexueller Koitusphantasie 
und entsprechendem Schuldgefühl. Das alte Ichideal bewirkte 
in neuer Form die Verurteilung. 

Noch klarer wurde die Änderung der Einstellung zum Sjmiptom 
im Falle der Patientin mit der Weltuntergangsphantasie: 

Ich hatte es aus mißlichen Erfahrungen an anderen, ähnlichen 
Fällen eifrigst vermieden, in meinem Gehaben irgendwie an 
ihren Vater oder ihre Mutter zu erinnern, das heißt, ich unter- 
ließ zunächst jegliches Verbot, jeden aktiven Eingriff in ihr 
Tun und Lassen. Dadurch hätte ich sofort eine unüberwind- 
liche, akute Ambivalenz mir gegenüber nur gefestigt. Im An- 
fange beschränkte ich mich darauf, ihr ohne weitere Analyse, 
die übrigens auch unmöglich war, klar zu machen, daß ihre 
Aktionen sämtlich Racheaktionen wären, sie hätte von den 
Eltern sehr viel zu leiden gehabt, ihre ältere (hübschere) 
Schwester sei ihr vorgezogen worden, und nun trachte sie aus 
Rache, das Haus „auf den Kopf zu stellen". Ich vertrat den 
Standpunkt, daß sie zwar vollkommen Recht habe, aber sich 
selbst mit der Durchsetzung ihres Rechtes ruiniere. Zunächst 
erfolgten heftigste Abwehrreaktionen gegen mich. Allmählich 
begann aber die positive Übertragung derart zu überwiegen, 
daß sie sich einverstanden erklärte, sich versuchsweise 
zu Hause ruhig zu verhalten. Es gelang ihr nur mit ungeheurer 
Selbstüberwindung, trotzdem war schon der bloße Versuch 
als Fortschritt zu werten. Nach 14 Tagen brach es wieder 
durch. Ich erklärte ihr numehr, daß die Eltern die Analyse 
verhindern würden, wenn sie nicht Ruhe gäbe (diese Annahme 
war berechtigt). Die Übertragung war nunmehr so stark, daß 
sie den Abbruch der Analyse zu fürchten begann. Jetzt erst 
empfand sie die sadistischen Impulse gegen 



I20 Der triebhafte Charakter 

die Mutter als Zwang und litt darunter. Sie fing 
an, die Zwecklosigkeit ihres Gehabens einzusehen, das Schuld- 
gefühl, welches in der Weltuntergangsphantasie verankert war, 
wurde von ihr selbst richtig mit ihren sadistischen Impulsen 
verknüpft. Kritisch wurde die Situation, als sie, da nun ihre 
sadistischen Ergüsse nach außen hin gebremst waren, diese 
gegen sich selbst zuwenden begann: sie wollte sich das Leben 
nehmen. 

Diese kritische Wendung beim Auftauchen der Krankheits- 
einsicht scheint in solchen Fällen typisch zu sein. Ich habe 
die Erfahrung auch an zwei anderen Fällen gemacht: tritt 
Krankheitseinsicht für die aggressiven Aktionen 
gegen die Umgebung auf, indem das immer irgendwo 
gleichzeitig aktive Schuldgefühl richtig ver- 
knüpft wird, so brechen Suizidimpulse durch. 
Unsere Patientin gab wörtlich noch folgendes an: „Ich sehe 
ein, daß ich auf meine Art, durch Verrücktscheinen die Auf- 
merksamkeit und Achtung der Eltern auf mich lenken wollte. 
Ich fühle mich so minderwertig (die seit der Kindheit bestehende 
Rivalität mit der älteren Schwester), wenn mir das genommen 
wird, was bleibt mir da noch übrig?" Auf diesen sekundären 
Krankheitsgewinn konnte sie lange nicht verzichten. 

Die Änderung des Ichideals erfolgt auf dem Wege der 
Analyse der zugrundeliegenden Objektbeziehung. Wird das 
ursprüngliche Objekt entwertet, was teilweise durch intellek- 
tuelle Bearbeitung, zum Großteil durch die neue Bindung an 
den Arzt ermöglicht wird, so wird dem alten Über-Ich auch 
der dynamische Boden entzogen. Der Erwerb der Krankheits- 
einsicht erfolgt mehr oder weniger typisch in folgenden Phasen; 

i) Phase der fehlenden Kran kheitseinsicht: die 
pathologischen Reaktionen sind gleichsinnig mit dem wirk- 
samen Über-Ich oder die Isolierung des Über-Ich vom Ich 



Therapeutisdie SAwierigkeiten I2f 

ermöglicht die volle Unterwerfung des letzteren unter die 
triebhaften Strebüngen. 

.2) Phase der wachsenden positiven Über- 
tragung: der Patient macht den Arzt zum Objekt der 
Libido. Schon dadurch wird das alte Ideal auf die Objekt- 
Stufe herabgedrückt; soweit narzißtische Libido daran gebunden 
war, wird sie in Objektlibido verwandelt. Das neue Objekt, 
der Arzt, kann insoferne Grundlage einer neuen Über-Ich- 
Bildung werden, als er den Standpunkt des Realitätsprinzips 
vertritt und auch die bisher uneingesehenen Haltungen für 
realitätswidrig erklärt. 

ß) Phase der wirksamen Krankheitseinsicht: 
ein Stück des neuen, im übrigen durchaus inzestuös bewerteten 
Objektes, des Arztes, wird introjiziert, zum neuen Ichideal 
gemacht; das alte wird mitsamt seiner Quelle verurteilt. Jetzt 
erst kann die regelrechte Analyse einsetzen. 

In der ersten Phase übertragen solche Patienten ihre Haltungen 
und Aggressionen sofort in die analytische Situation, ins- 
besondere aber drohen Haß, Mißtrauen und Ambivalenz jeden 
Versuch einer Analyse illusorisch zu gestalten. Mißtrauen und 
Ambivalenz sind typische Attribute auch des Zwangsneurotikers. 
Sie wirken sich hier aber lediglich in Ablehnung des Analy- 
tikers aus und sind der Analyse im allgemeinen zugängKch. 
Beim triebhaften Charakter wirken sie sich in Aktionen aus. 
Der Arzt wird zum bitter gehaßten Feinde, ernste Absichten, 
ihn umzubringen, kommen vor. Die im V. Kap. zuletzt 
besprochene Patientin hatte einen genauen Plan entworfen, wie 
sie mir auf der Gasse auflauern und mich niederschießen 
würde. Sie war auch in einem Waffengeschäft gewesen, um 
einen Revolver zu kaufen. 

Wo die Aktionen nicht von Haß, sondern von Liebes- 
verlangen diktiert sind, zeigen sie ebenfalls alle Merkmale des 




122 Der triebhafte Charakter 



mangelhaften Ichideals. Die Liebe wird direkt gefordert, gegen- 
über den Versuchen des Analytikers, der an die Übertragungs- 
natur der Liebe erinnert, gibt es kein Einsehen. Unsere nym- 
phomane Patientin war nur mit Mühe davon abzuhalten, sich 
während der Sitzung zu entkleiden oder zu onanieren. Eine 
andere Patientin entwickelte sehr bald die unerschütterliche 
Hoffnung, der Arzt werde ein Verhältnis mit ihr eingehen. 
Auf die ausdrückliche Erklärung, daß davon nie die Rede 
sein könne, brach sie die Analyse ab. Ein Patient, der von 
mir homosexuellen Verkehr direkt forderte, geriet auf die 
Zurückweisung in Wut, warf die Polster an die Wand, 
schlug mit den Beinen um sich und war nur schwer zu be- 
ruhigen. Derartige Übertragungsformen sind bei einfachen 
Übertragungsneurosen undenkbar. Die Übertragung wird hier 
nur in Andeutungen zärtlicher Natur bewußt, sinnliche 
Wünsche müssen entweder erst aus Träumen herausgeschält 
werden oder werden sofort verurteilt, sobald sie ganz bewußt 
geworden sind. 

Da solche Patienten gewöhnUch in schweren akuten Kon- 
flikten mit den Eltern oder Vertretern derselben stehen und 
im allgemeinen Menschen sind, die wiederholt schwere Ent- 
täuschungen erlitten haben, so versuchen sie es zwanghaft, den 
Konflikt auch in die Analyse zu tragen. Sofern sonst Neurotiker 
diesen Wiederholungszwang in der Analyse in möglichen 
Grenzen ausleben, kann man ihnen ja Enttäuschungen ersparen. 
Man kann freundlicher, entgegenkommender sein, als sie es 
sonst von ihrer Umgebung her gewohnt sind. Aber wie soll 
dem begegnet werden, wenn der Patient Situationen herbei- 
führt, welche die Zurückweisung auch in gröbster Form nach 
sich ziehen müssen? Die so oft als Musterbeispiel zitierte 
nymphomane Patientin wußte es glänzend einzurichten, daß 
ich streng wurde. So erklärte sie oft, die Sitzung nicht beenden 



zu wollen. Gütiges Zureden half da nichts. Erst wenn erklärt 
wurde, man werde sie gewaltsam entfernen lassen, ging sie 
weinend, oft schreiend fort, man sei streng zu ihr, niemand 
liebe sie, man schimpfe mit ihr und ähnliches mehr. Dabei 
lebte sie die Versagung masochistisch aus und onanierte mit 
entsprechender Phantasie. Eine andere Patientin, die ich 
nach vielen Monaten schwieriger Arbeit endlich zur Einsicht 
gebracht hatte, daß sie nur deshalb immer zu spät komme, 
sich unfolgsam benehme usw., weil sie von mir geschlagen 
werden wolle, erklärte später freimütig, das sei ihr immer 
bewußt gewesen, sie habe nur meine Geduld auf die Probe 
stellen wollen, wie seinerzeit die des Vaters. Seine Schläge 
hatte sie aber lustvoll erlebt. 

Wo kriminelle Impulse bestehen, muß strengstes Verbot mit 
Androhung des Abbruches der Analyse eingreifen. Man muß 
ganz allgemein mit bedeutend stärkerer Übertragung arbeiten 
als sonst, wenn man überhaupt die Unterdrückung der Aktionen 
erzielen will. Dieser Scylla steht die Charybdis gegenüber, daß 
man eine Fixierung, insbesondere masochistischer Patienten, 
erzielt, die der Lösung oft gar nicht mehr fähig ist. Nach 
meinen bisherigen Erfahrungen kann man extrem schweren 
Fällen deswegen gar nicht beikommen. Dem wirkt nur täg- 
liche Besprechung der Übertragung mit scharfer Betonung 
der Aussichtslosigkeit auf Erfüllung der Wünsche einigermaßen 
entgegen.' In milderen Fällen gelingt die Überführung in die 
beschriebene dritte Phase recht gut. Eine der größten Schwierig- 
keiten ist die Unfähigkeit stark infantil gebliebener Patienten, 
die analytische Assoziationsarbeit zu leisten. Sie können oder 

i) Über derzeit laufende Versuche, dieser enormen masochistischen 
Fixierung durch systematisches Unterbrechen der Behandlung („Ent- 
wöhnung vom Arzt") beizukommen, kann wegen der Lückenhaftigkeit der 
Ergebnisse noch nicht berichtet werden. 



124 Der triebhafte Charakter 

wollen nicht verstehen, was man von ihnen verlangt.' Der 
Assoziationsarbeit steht auch das abundante Agieren hindernd 
im Wege. Gelingt es aber gelegentlich, sie zum Assoziieren, 
zur Produktion freier Einfälle zu bringen, und setzt endlich die 
Erinnerungsarbeit ein, so stößt man auf eine neue Schwierig- 
keit. Sie sei an einem Beispiel erörtert. 

Nach mehr als einem Jahre analytischer Arbeit war es 
gelungen, die nymphomane Patientin arbeitsfähig zu machen. 
Eine sechswöchige Ferialunterbrechung hatte insofern günstig 
gewirkt, als eine partielle Entwöhnung vom Arzt erfolgt war; 
die Aktionen hatten nachgelassen, die Erinnerungsarbeit an 
verdrängtem Material schritt durch drei Wochen recht gut 
fort. Die Patientin erinnerte Inzestwünsche aus ihrem vierten 
und dritten Lebensjahre, welche bis dahin vollkommen amne- 
siert waren. Bald darauf kam ihr Vater, ein Sojähriger, senil- 
dementer Mensch nach Wien. Die Patientin wurde unruhig, 
bekam erhöhtes Schuldgefühl und phantasierte, von ihm koitiert 
zu werden. So kraß diese Erscheinung hier auch war, sie 
kommt bei ausgesprochen triebhaften Charakteren in abge- 
schwächtem Maße typischerweise vor: die verpönten 
Wünsche werden nach dem Bewußtwerden nicht 
verurteilt, wie regelmäßig bei einfachen Über- 
tragungsneurosen, sondern drängen zur Abfuhr. 
Wie weit dies der Fall ist, hängt von dem Maße an Stärkung 
des Ichideals ab, das bis dahin erzielt werden konnte. 

Die theoretische Forderung würde somit lauten: in Fällen 
mit defektem Ichideal ist die Ichanalyse allem 
übrigen vorauszuschicken. Wie schön und begreiflich 
aber auch derart gewonnene theoretische Forderungen klingen, 

i) Die Art, wie manche auch intellektuell defekte Triebmenschen ihre 
„Debilität" verlieren, wenn die VereinheitUchung des Ich gelungen ist, läßt 
vermuten, daß auch Defekte des Intellekts psychisch begründet sein können. 



Therapeutisdie Sdiwterigkeiten 125 

in der Praxis ist es immer viel komplizierter. Da ist zunächst 
der Umstand, daß wir heute noch gar nicht wissen, wie die 
sogenannte „Ichanalyse" auszusehen hat und wir bezweifeln, 
ob sie überhaupt von der übrigen Analyse abzutrennen ist,' 
wenn damit nicht gröbste Persuasion ohne Rücksicht auf 
Determinierungen und Assoziation gemeint ist. Ohne gütiges 
Zu- und Überreden kommt man zwar in solchen Fällen, 
wenigstens im Anfang, nie aus. Erzieherisches Eingreifen muß 
erst die Analyse lege artis vorbereiten. Wir verfielen aber 
dem gröbsten Mißverständnis und würden nur unsere gründ- 
liche Unkenntnis von der seelischen Dynamik dokumentieren, 
wollten wir diese einleitende Phase verselbständigen und etwa 
unter der Bezeichnung „Psychagogik" der Analyse gegenüber- 
stellen. Man könnte uns entgegenhalten, wir selbst gäben zu, 
daß die Aufdeckung verdrängter Impulse in solchen Fällen 
den Drang nach motorischer Abfuhr mit sich bringe, die 
Analyse also kontraindiziert sei. Wir würden auch gerne selbst 
für reine Erziehung eintreten, wenn wir uns nur die Über- 
zeugung holen könnten, daß sie das erreichen kann, was die 
Analyse nicht zuwege bringt. Die von Aichhorn (a. a. O.) 
mitgeteilten erzieherischen Erfolge an Dissozialen sind zwar 
außerordentliche, doch sind seine Dissozialen erstens mit unseren 
triebhaften Charakteren nicht völlig identisch, wenn sie auch 
reichlich Ähnlichkeiten aufweisen. Zweitens kann sich kein 
Arzt und nicht sobald eine Anstalt die Zertrümmerung von 
Mobiliarien zum Zwecke des Abreagierens leisten. Drittens 
wird jeder, der mit solchen Kranken zu tun gehabt hat, 
zugeben, daß sie sich gerade durch die Unfähigkeit auszeichnen, 

i) Die theoretischen Elemente der „Ichanalyse", wie 2. B. die Analyse 
der Identifizierungen, im Besonderen der des Über-Ich, des Narzißmus 
usw., sind zwar auch empirisch gut faßbar, lassen sich aber in praxi von 
der Analyse der Libidoübertragung derzeit nicht abtrennen. Vor allem ist 
die Libidotibertragung auch das Vehikel der Analyse des Ich. 



126 Der triebhafte Charakter 

Persuasionen, schon gar nicht auf die Dauer, zu akzeptieren 
(Trotz!!). Wir bleiben also dabei, daß erzieherisches Eingreifen 
immer notwendig ist, um die folgende Analyse überhaupt zu 
ermöglichen. Die Frage, wie dem nachteiligen Durchbrechen 
der Impulse vorgebeugt werden könnte, müssen wir offen 
lassen. Unsere Erfahrung reicht nicht aus, um sie befriedigend 
zu lösen. Ganz allgemein kann nur die Regel gelten, sehr 
vorsichtig und langsam Unbewußtes aufzudecken, ja gelegentlich 
zu bremsen, insbesondere dann, wenn schizophrene Mecha- 
nismen mitspielen. 

.•1; 

Der einzig denkbare Weg, sozial gefährlicher Triebhaftigkeit 

beizukommen, ist heute leider versperrt: die psycho-' 

analytische Anstaltsbehandlung. Heute sind die 

Irrenanstalten, bis auf einige wenige, lediglich Internierungs- 

anstalten zum Schutze der Gesellschaft. Der Kranke selbst 

tritt völlig in den Hintergrund. Verfolgt man das Schicksal 

solcher Kranker, die einmal psychiatrisch interniert wurden, 

so stellt man folgendes fest: der Kranke wird zuerst wegen 

eines Suizidversuches interniert, dann entlassen, kehrt früher 

oder später wieder und allmählich bildet sich eine sonderbare 

Affinität an die Irrenanstalt heraus. Jedesmal werden die Impulse 

drängender, gefährlicher, bis schließlich einmal ein Suizidversuch 

tatsächlich von Erfolg begleitet ist, oder der Kranke, sei es als 

„Psychopath", sei es als Schizophrenie, dauernd interniert bleibt. 

Die Psychoanalyse hat zeigen können, wie sehr Milieu, 

materielle Misfere, Unverstand und Roheit der Eltern, eine 

konfliktschwangere Kinderstube, gewiß auch Veranlagung, 

Kinder zu dissozialen, kranken und verzerrten Menschen macht. 

Die Menschheit schützt sich vor ihnen durch Internierung, die 

unter den heutigen Bedingungen immer verschlechternd 

wirkt; Sollte aber das „Gewissen der Menschheit einmal 



Therapeutische Sdiwierigkeiten I27 

erwachen", sollte sie auch gutmachen wollen, was so mancher 
ihrer Vertreter an solchen Kranken verschuldet hat, dann 
wird die Psychoanalyse gewiß in allererster Linie dazu berufen 
sein, unter besseren Bedingungen als heute an der Befreiung 
vom neurotischen Elend mitzuwirken. 



Namen- und Sachregister 



Abkürzungen: tr. Ch. = triebhafter Charakter / Zw. = Zwangsneurose / 
Hy. == Hysterie / Schz. = Schizophrenie / n. Ch. == neurotischer Charakter / 

F = Fußnote 



Abraham 7, 8, 17, 35, 47, 47 F, 69, 115 
Adler 33, 49 
Aichhorn 12, 91, 125 
Aetiologie der Schz. 74 ff 
Aktivität, genitale 36 
Aktivitätsschub 39 
Alexander 12, 13, 15, 16, 18 
Ambivalenz 45, 58, 87, 100 ff 

— und Über-Ich-Bildung 45, 87 ff 

— der Zw. 61, looff 

— ontogenetische Wurzel der 58 

— Formen der 100 ff 
Ambivalenzkonflikt d. tr. Ch. 60 ff, 

lOlff 

Analerotik 40 
Andreas-Salome 39 
Anlage s. unter Disposition 
Anpassung a. d. Außenwelt 28, 87 
Anstaltsbehandlung, psychoanalytische 
126 

Assoziationsarbeit d. tr. Ch. 123 
Außenwelt 77, 107 

— Besetzung der A. 57 

Beeinflußbarkeit der Frigidität s. dort 

— des tr. Ch. s. dort 

Begriff der Psychopathie s. dort 

— des n, Ch. s. dort 

— des tr. Ch. s. dort 
Beruf der Frau 40 ff 
Beziehung zur Außenwelt 24, 77 . 
Beziehungsidee 25 
Birnbaum 21 

Bleuler 19, 21, 71 



Charakter 22 

— Beseitigung des n. Ch. 7 

— der Erziehungsperson 46 

— dissozialer 91 

— neurotischer 15, 22 

— triebgehemmter 32 ff, 59, 90 

— triebhafter 13, 24, 59ff, 66ff, 70, 
89, 98ff, 105, 114 ■ 

— Beeinflußbarkeit des tr. Ch. iisff 

— Dynamik des tr. Ch. 89 

— Ökonomik des tr. Ch. 89 

— psychischer Konflikt d. tr. Ch. 99 

— tr. Ch. und Schz. 17, 24 ff, 64, 71 

— tr. Ch. und Symptomneurose i6ff, 
63, 90 

— tr. Ch. und Zw. 24, 96, looff 

— und Symptom 23 
Charakteranalyse 7 
Charakterbildung, Probleme der 8 ff 
Charakterlehre psa. 5, 7 
Charakterneurose, triebgehemmte 114 

Dämmerzustand, hysterischer iiiff 
Debilität 123 F 
Defekt des Ich s. Ich 

— intellektueller 123F 
Demenz, schizophrene 75 
Depersonalisation 25 
Destruktionstrieb 27 
Determinierung des Charakters 11, 23 
Deutsch H. 39, 40 F, 76 
Disposition, anale 44 ff 

— des tr. Ch. 62 ff 
Dynamik des tr. Ch. s. dort 



Entwicklung, seelische 28 ff, 55 ff, 95 

— des Ich s. dort 

— des tr. Ch. s. dort 

— des Über-Ich s. dort 
Erlebnis und erogene Anlage 44 ff 
erogene Zonen 62, 74 

— Anlagen und Identifizierung 44 ff 
Erotik, anale 40 

— Klitoris-E. sSff 

— orale 40 

— phallische 38 

— vaginale 39 ff 
Erzieher 46, 58, 62, 91 
Erziehung 57 ff, 60, 95, 125 

— Inkonsequenz der E. 60 
Erziehungsmoral 34 

Fellatio 48 

Fehlidentifizierung, geschlechtliche 

43 ff 

— des Mannes 47 ff 

— der Frau 51 ff 
Ferenczi 7, 39, 69, 103 
Fixierung 23, 68 ff, 109 

— der Schizophrenie logff 

— des tr. Ch. 69, 85, 104 

— narzißtische iio 

— partielle 23, 85 
Forderung des Über-Ich s. dort 
Frauenbewegung 41 

~ Freud 5, 6, 7, 8, 9, 10, 18, 27, 28, 30, 
44, 47, 48, 52F, 57, 58, 62, 68, 69, 
74, 77, 95, 96, 98, 103, 106, 108, 
108F, iioF, 115, 116 

Freud Anna 55 

Frigidität 40, 51 ff 

— zwei Typen der 51 

— Beeinflußbarkeit der 51 ff 
Frühreife, sexuelle 63, 102 

Garley 32F 

Gaupp 21 

Gemeinschaft, kulturelle 15 

genitale Aktivität 36 

genitale Stufe, Identifizierung der 

s. Identifizierung 
Genitalausschluß 35 
Genitalität 102 

— unambivalente 106 

— des Mädchens 38ff 

— des tr. Ch. 63 
Gerstmann 75F 



Geschlechtsanlagen 44 
geschlechtliche FehUdentifizierung 

s. dort 
Gesundheit, psychische 34, 36 ff, 43 
Gräber 58 

Grenze des Ich s. u. Ichgrenze 
Grenzfälle 64 ff, 72 ff 

Halluzination 107 
Hartmann 74 
Haß loi 
Homosexualität 44 

— des Mannes 47 

— der Frau 52 F, 53 

— narzißtische 47 
Hoop iioF 
Horney 38 

hysterische Spaltung 26, iiiff, 114 
Hysterie 26, 69, 75, 96ff, 102, 114 

— Über-Ich bei Hy. 97 

Ich 10, 77, 85, 88, 95, 108 

— Aufsplitterung des 9, 113 ff 

— Fixierung des 85 

— und Außenwelt 77! 

— und Über-Ich 65, 86, 97 ff 
Ichanalyse 124, 125 
Ichbildung 56, 88 
Ichdefekt 109, iiaff 
Ichentwicklung 85 ff, 100, 103 ff 
Ichgrenze 56, 109 

Ichideal s. Über-Ich 
Ichkonflikt 87, 114F 
Ichstruktur 99 

— ambivalenzfreie 104 
Ichverdrängung 100 
Identifizierung 9, 30, 38, 44, 84, 96, 

I03F, IIO, IIOF, X2I 

— FehHd. s. diese 

— anale 49 

— genitale I. 35 

— vaginale I. 37 

— Mutterid. 47ff, 53 

— Vaterid. 35 
Ideal, mütterliches 40 

— väterliches 36, 42 

— weibliches 40 ff 
innere Sekretion 74 
Internierung, Wirkung der 126 
Inzestschranke .. 35 
Isolierung des Uber-Ich s. dieses 



Namen- und Sadiregister 



13! 



Janet iii 
Jaspers 74 
Jekels 26, 39 
Jones 8 

Kastrationsangst 35, 48 
Kastrationstendenz, passive 17 
Kasuistik 

— analer femininer Charakter 49 
-^ Zwangsneurose mit Weltunter- 
gangsphantasie 64 ff 

— genitaler Masochismus (Nympho- 
manie) Soff 

— Wandlung eines tr. Ch. zur 
Symptomneurose" 90, 92 

— hysterische Spaltung iii 
Kauders 75F 
Kindeswunsch 38 
Komplexanalj'se 7 
Konflikt, psychischer 99 
Kraepelin 20, 21, 72 
Krankheitseinsicht 117 ff, 120 
Kretschmer 25F, 26, 74 

Latenzzeit b. tr. Ch. 63 

Lebenstrieb 106 

Libido, Ablösung der 73, 77 

— narzißtische 57, ,77 

— Objektl. 57 

— Organl. 57, 89 
Libidohaushalt, geordneter 105 
Liepmann 20 

Lust 57 
Lust-Ich 29, 56 

— und Über-Ich 86ff 

Männlichkeitskomplex 44, 46 
Männlichkeits wünsch 52 
Masochismus 31 

— genitaler 83, 89 

Mechanismen der Verdrängung s. Vdg. 
Meisel-Heß Gr. 42 
Melancholie 69 

Mezger 21 

Minderwertigkeitsgefühl 33 
Mutter, Entwertung der 36 
Mutteridentifizierung 47 ff, 53 

— der analen Stufe 48 

— der genitalen Stufe 47 

Narzißmus 73, 106 

— Urnarzißmus 106 



narzißtische Fixierung iio 

— Libido 77 

— Objektwahl 48 

— Regression iio 
Neurose, triebgehemmte 98 
neurotischer Charakter s. Ch. 
Nietzsche 116 ■ 
Nunberg 25, 56 

Objekte, Aufgeben der 31, 45 
Objektbeziehung 73 

— spezifisch erogene 10, 49 
Objektlibido, Aussendung der 57 
Ödipuskomplex, doppelter 30, 35 
Onanie, kindliche 34 

— masochistische 83 
Oralerotik 40 
Organlust 87, 89 

Paranoische Projektion 108 
Partialtriebe, Einfluß der 35 
Penisneid 38 
Peniswunsch 38, 52 
Persönlichkeit, multiple 10 
Perversion 27, 8g F 
phallische Phase 36 
Phantasiebesetzung 78 
Projektion, schizophrene 107 ff 
Psychagogik 125 
Psychiatrie, klinische 15 
psychoanalytische Aristaltsbehandlung 

s. Anstaltsbehandlung 
Psychologie, vergleichend-analytische 

9 
Psychopathie 15, 19 ff 

— und tr. Ch. 19 

Psychose u. tr.. Ch. s. Charakter 
Pubertät und Über-Ich 35 ff 

Rank 7, 32F, 58 

Rationalisjerung 24 

reaktive Über-Ich-Bildung s. Über-Ich 

Real-Ich 33 ff 

Realisierung der Ichidealforderungen 

II, 32ff 

Realitätsfähigkeit 37 
Realitätsprüfung 77 
Regression, narzißtische 77 
Reich 26F, 47F, 59F, 105F 
Resignation, neurotische 49, 51 
Rousseau 62F 



132 



Namen- und Sachregister 



Sachs 89F 
Sadger 44, 47, 48 
Sadismus 31, 66 

— u. Schuldgefühl 67, 120 
Schädigung durch Erziehung s. Erz. 
Schilder 26, 74, 75F, 109 
Schizophrenie 72, 74, 77, 107, 109, 113 

— und tr. Ch. s. dort 

— Fixierung der Schz. logff 
schizophrene Projektion s. ProJ. 
Schneider 21 
Schuldgefühl 67, 96, 97, 106, 120 

— u. Sadismus 67 

— u. Verbrechen 89 
Selbstliebe 106 
Sexualentwertung 36 
Sexualentwicklung der Frau 3g ff 

— des tr. Ch. 62 ff, 69 
Spaltung, hysterische s. Hysterie 
Stekel 8, 58 
Strafbedürfnis 89ff, 106 
Sublimierung 41 
Suizidimpuls 120 

Symptom, neurotisches 23 

— u. Charakter s. Ch. 

Tausk 56, 106 

Therapie, psychoanalytische 6, 9 

— des tr. Ch. 115 ff 

— der Schz. 115 
Todestrieb 106 
traumatische Versagung 60 
Triebbefriedigung 57 f 
triebhafter Charakter s. Charakter 
Triebhaftigkeit und Zwangsimpuls 24, 

61 
Trieb-Ich 31, 56 

— und Über-Ich 85 ff 
Triebversagung 58ff, 62 
Typen der Frigidität s. Frigidität 
Typenlehre, psychoanalytische 46 

Über-Ich 10, siff, 43ff, Ssff, göff, 107, 
124 

— Isolierung des 79, S^ii, 99, 104, 108 



— mütterliches 37 ff, 40 

— negatives 34 

— positives 34 

— triebbejahendes 34, 43, 62, 105 

— triebverneinendes 34, 43, 62 

— Unbewußtheit des 97 ff 

— und erogene Zonen 35 ff 

— u. Ich, s. dieses 

— Verdrängung des 87, 97 ff 

— Wandlung des 36ff, i2off 
Uber-Ich-Bildung 10, 35 ff, 45, 91 

— pathologische 43, 62, 85 ff 

— reaktive 51 

Übertragung des tr. Ch. 120 ff, 123 
Unbewußt u. verdrängt 97 

Vaginale Erotik s. Erotik 

— Identifizierung s. Ident. 
Vateridentifizierung s. u. Ident. -^ 
Verbrechen 59 

Verbrechen aus Schuldgefühl 89 
Verdrängung 16, 32, 95 ff, 98 

— des Schuldgefühls 96 
Versagung 15, 29, 45, 57ff 

— traumatische 60 

— Wirkungen der 29, 31 ff 
Verurteilung der Es-Strebungen 124 

Wälder 115F 
Wagner-Jauregg 25F 
Wahn 76 

Wahrnehmungssystem 77 
Weiblichkeit 41 ^ 

-^ skomplex 46 
Wiederholungszwang 8, 18 
Widerstand 6 
Wilmans 75F 

Zwangsimpuls 23, 67, 118 ff 
Zwangsneurose, triebgehemmte 59, 
61, 64, 67ff, 75, 97, looff, 104 

— Ambivalenz der s. u. Ambivalenz 

— Ichfixierung der 85 i 

— Ichkonflikt der 95 

— und tr. Ch. 24, 96, 100 ff -