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^Naturobjekt und
JVi^enscnenwerk
über einen Unterschied in der
wissenschaftlichen Betrachtung natürlicher
und künstlicher Sachverhalte
Internationaler
Psychoanaly tiscner Verlag
Wien
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Über einen Unterschied in der wissenschaftlichen Betrachtung
natürlicher und künstlicher Sachverhalte
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Max Der!
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SonderabdruJc aus „Imago, ZcitsJirifl für Anwendung der
Psychoanalyse auf die Natur- und Geisteswissensdiaften"
(herausgegeben von Sigm. Freud), Bd. XVII (ip?i)
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Internationaler Psychoanalytischer Verlag
"Wien
Alle Rechte,
insbesondere die der Übersetzung,
vorbehalten
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Un!versit8!sbib!!othek
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Druck: Christoph Reisser's Söhne, Wien V
Vorbemerkung
Es kann sich für den Bearbeiter jedes geisteswissenschaftlichen Gebietes
als notwendig erweisen, neben den Fragen seines eigentlichen Faches auch
Problemstellungen benachbarter Gebiete zu berücksichtigen. Für du, Kunst-
wissenschaft etwa, das SpeziaJgebiet des Verfassers, wurden in den letzten
Jahrfünften psychologische, soziologische und psychoanalyttsche Frage-
stellungen wichtig. Es ergaben sich dabei mancherlei Schwierigketten, dre
bewußtseinspsychologischen und soziologischen Gesichtspunkte m« den
psychoanalytischen störungslos zu vereinigen. Das Folgende stell. : « n Ver
Ich dar, die verschiedenen Arten der Fragestellung in leicht durch schau-
barer Ordnung so miteinander zu verbinden, daß jeder ihr MW
ohne daß der anderen das Konzept verdorben wird. Und zwar schemt dam t
ein Arbeitsscheue gegeben, das nicht nur bei der wissenschaftlichen Behand-
tang von Kunstwerken, sondern bei der aller von Menschen stammenden
Werke mit Vorteil angewendet werden kann. Das Neue, das versucht wrrd,
bringt also im wesentlichen keine neuen sachlichen Ergebnisse sondern
nur deren methodische Anordnung für die jeweilige Arbeit. Die Tatsachen
selbst sind dem Wissenschaftler zum größeren Teil bereits bekannt
Der erste Teil referiert die wissenschaftliche Behandlung naturheher
Sachverhalte (Naturwissenschaft); der zweite Teil erörtert die Methode nach
der heute noch alle künstlichen Sachverhalte wissenschaftlich behandelt
„erden müssen (Geisteswissenschaften oder Kulturwissenschaften).
Max Der!
l) Ick und Außenwelt
Für das Bewußtsein des erwachsenen Einzelmenschen zerfällt die Welt
in eine Zweiheit: in das eigene Ich und in die Außenwelt um dieses Ich
her Schon bei der Einführung dieser ersten „scharfen Trennung" zweier
Gebiete sei prinzipiell und für alles Folgende bemerkt, daß diese sowie
alle noch folgenden Einteilungen rein begrifflichen, also rein ideellen
Charakter besitzen. Sie werden nötig, um überhaupt Wissenschaft treiben
zu können. Denn mag die Realität auch für unsere makroskopische Wahr-
nehmung wohl ausnahmslos kontinuierlich sein: die Begriffe, mit denen
diese kontinuierliche Realität zum Zwecke der wissenschaftlichen Erkenntnis
bezeichnet werden muß, sind unbedingt diskreter Natur. „Die Schärfe der
Begriffe besteht in ihrer Diskretion von anderen Begriffen, die Verschwommen-
heit alles Realen besteht in seiner Kontinuität, die keine absolut scharfen
Grenzen duldet" (Schlick: Allgemeine Erkenntnislehre, 2. Aufl., 1 925, S. 133).
Soll also überhaupt Erkenntnis von der Natur, also Realwissenschaft möglich
sein so wird sie auf keine andere Weise möglich, als daß man den kontinuier-
lichineinander übergehenden Realitäten scharf getrennte, diskrete Begriffe zu-
ordnet. Hiebei muß notwendigerweise das jeweilige Übergangsgebiet vorerst
vernachlässigt werden. Im nachhinein ergibt sich dann stets die Möglich-
keit es eben als Zwischengebiet - je nach dem Zwecke der Untersuchung -
entweder von der einen oder von der anderen Seite her der begrifflichen
Bearbeitung zu unterwerfen. Demgemäß wird jedes Ubergangsgebiet durch
^Möglichkeit charakterisiert, bis zu einem gewissen Grade durch zwei
Klassen von Begriffen eindeutig bezeichnet werden zu können.
zeigt auch die erste Teilung, die zwischen Ich und Außenwelt, «n.
Zone die sowohl zum Ich wie auch zur Außenwelt gerechnet werden kanr.
unseren Körper. Je nach dem Zwecke der Untersuchung kann £*£<£ !
die eigene Hand oder der eigene Fuß als ob,ektiv äußeres Gebilde oder
aber als zum Ich gehörig betrachtet werden^ wichen
Um nun für das Folgende möglichste Durchsichtigkeit zu erreichen,
nehmen wir vorerst an der „Außenwelt" einige Vereinfachungen vor.
Naturotjckt und Mcnsdienwcrk
Dia Außenwelt umfaßt für den Einzelnen: die anderen Mensehen, die
Tiere und die „leblosen" Dinge und Vorgänge. _ m
Als erstes vernachlässigen wir alle Übergänge zwischen Lebendigem
und „Totem«. Dabei fassen wir das „Tote" als dasjenige, dem kein Be-
wußtsein« eigne,, und stellen es allem Lebendigen, also allem mit einem
Bewußisein Ausgestatteten scharf geschieden gegenüber^
So zerfällt uns die dem Ich gegenüberstehende Außenwelt m Belebtes
"In^rhärbTes Belebten nun wieder schalten wir für alles Folgende die
Tiere mit ihrem Bewußtsein aus. Wir vernachlässigen dam« wieder alle
£ne Übergänge, die von der Einteile zum Menschen führen und stellen
den Menschen der toten Natur kraß gegenüber.
Uno schließlich nehmen wir als letzte Vereinfachung an daß sich die
Menschen einer relativ begrenzten Kulturstufe in der Grundstruktur ihres
Psychischen genügend ahnein, um - bezüglich dieser Grundstniktur -
wechselseitig füreinander eintreten zu können. Nehmen wir diese Ver-
tauschbarkef, der Persönlichkeit für alle Mitglieder einer relativ geschlossenen
Kulturstufe an, so können wir a„e diese Einzelnen jeweils ^ als : gesch ossene
Gruppe» aus der übrigen Natur herausheben und dieser in ähnlicher Em
heitBchkeit gegenüberstellen, wie wir dies mit unserem Einzel-Ich gegen-
über der übrigen Natur tun: das Verfahren der Soziologie.
Damit zerfallt uns die Welt in zwei Bezirke, die kraß einander gegen-
überstehend gedacht werden. Auf der einen Seite steht der Bezirk aller
tb ndigen Menschen«, sowohl der Individuen wie der Kolcktive; wobei
t beide" als erwiesen angenommen wird, daß ihnen sowohl ein Bewußt«
wie ein Unbewußtes eigne,. Auf der anderen Seite stehen <^T>^_
l0 sen Realitäten, also alle „toten Dinge und Vorgänge ; wobei als gemein
same Bezeichnung für die relativ dauernden Dinge und für die rasch vor
übergehenden Vorgänge der Name „Sachverhalt gewählt wird.
2) Natürlidie un<J künstWie Sachverhalte
Betrachtet man zuers, diese „,o,en Dinge und Vorgänge" der realen
Außenwelt näher, so zerfallen sie abermals in zwei Gruppen: in die von
Natur aus daseienden und in die vom Menschen gemachten Sach-
verhalte. Wir wollen die ersten die „natürlichen«, die zweiten die „künst-
lichen« Sachverhalte nennen.
Beispiele für „natürliche Sachverhalte" wären etwa Bäume, Berge, Flusse, Ge
witter, Erdbeben, Jahreszeiten . . . Beispiele für „künstliche Sachverhalte geben
etwaWege, Felder, Werkzeuge, Häuser, Kleiderröcken , Maschinen, Religionen.
Philosophien, wissenschaftliche Theorien, Symphonien, Gedichte, Bildwerke . . .
Auch bei dieser Zweiteüung sehen wir davon ab daß die beiden Gruppen
stetig ineinander übergehen. Die „Grenze" wäre in diesem B«*»ft« «*
schwerer zu ziehen als in allen anderen. So waren beispielsweise kaum exakt
zu trennen: die etwa durch eine vulkanische Bodenhebung naturgemäß er-
rungene Abweichung eines Flußlaufes - von der durch anschliche Tat^
Lit bewirkten Umleitung; die Entwaldung emes Gebirgsstockes, etwa durch
emen Gletscherstrom - von der Abholzung durch die Menschen wobei sich
düe Anhörung wieder ohne die Mitwirkung von Regen und Wind nicht zur
heutigen völligen Kahlheit ausgewirkt hätte; die Veränderung einer Pflanze als
FoS des Verschleppens ihres Samens durch Wind oder Wasser ui andere klima-
Sfe GeMete -von der Veränderung, die sie durch das Verbringen von
Menschenhand aus erfahren hat. Bei der außerordentlich weiten Einflußnahme
SieTer Mensch im Laufe der Jahrtausende an so vielen SteUen der Erde auf
"o viele irdische Sachverhalte getätigt hat, ist das Zwischengebiet zwischen
natürlichen und künstlichen Sachverhalten kaum mehr übersehbar. Ist ein Apfel
oder sonst eine „gezüchtete" Naturfrucht ein natürlicher oder em „kunst-
Hcher" Gegenstand? Sind die Blumen unserer Garten natürliche oder kunst-
liche Gebilde? Und noch von einer anderen Seite her wird dieses Zwischen-
lebiet zwischen natürlichen und künsüichen Sachverhalten abermals vergrößert,
die Greven neuerlich verwischt. Die eben besprochenen Mischgebilde lagen
auf dem Gebiete des menschlichen Eingreifens in die Natur; auf der Linie also,
die von einem völlig unberührten Naturgegenstande, etwa von einem Felsblock
in bisher noch unbetretenem Gebiete der Erde her, bis zu einem völlig künst-
lichen Gebüde etwa einer Dynamomaschine oder einer Symphonie, führt. Der
zweite Bezirk 'der „natürlich-künstlichen Mischgebilde" Hegt auf der Entwick-
luneslinie vom Einzeller zum Menschen. Denn nicht nur der Mensch greift
mit seinen Handlungen in das „tote" Naturgebiet ein, auch alle Tiere tun es.
Und hätten wir nicht die tierischen Bewußtseine ausdrücklich aus dieser Be-
trachtung ausgeschaltet, «o würden die von den Tieren erstellten „künstlichen
Obiekte" die „tierischen Werke", einen zweiten, wohl lückenlos-stetigen Uber-
on den "natürlichen zu den künstlichen Sachverhalten vermitteln können.
Denn von den physikalisch- chemischen Umsetzungen der organischen Gebüde,
etwa der Pflanzenwurzeln im Erdboden - über die Veränderungen, die dieser
Erdboden sowie die gesamte anorganische Natur etwa durch die Tätigkeit
Wetter Gewesen erfährt, - über die von größeren ££»££
Höhlen und getretenen W ege - weiter « ^^^ST^ ge-
gebauten Nestern - dann weiter zu den von innen g p j ^
brüllten Rhythmen und gesungenen Melodien - bis ^" Ö ^V s - elen
Menschen „gegrabenen Höhlen" und „gebauten Nestern und gespielten bp
und gesungenen Melodien: scheint ein stetiger Weg zu fuhren.
NaturoLjekt und Mcnsdienwerk
Gleichwoh! bleibt bestehenden -^^«5TÄÄ*
gebiett is . auch Id. W—** ^Ä und ^ »natürliches« Ge-
SX Äkontinuitat begrifflicher Erkennt»» anfangen.
wir _ dc mgemsß fü r au« .^-tn^^ttrir^:
zwei kraß getrennten Gebieten: zwischen den natürlichen un
liehen Sachverhalten. ^ ^^ diese künst .
Rptrachten wir nun weiter die zweite wu^
- S ach „ha,, e nach — -^^fÄ^^
Symphonien. _ . Gegensatze zu
w ; dieser letzten Gruppenscheidung ist es aber m 6
rton beteilig« sind. Am deutschsten bt dteselatsach
B.nkuns, und ta Kunstgewerbes >u durchschauen. '" » k uns
Hauser, Brücken oder Kirchen, im ^^^^"L diese
brauchst für "eckermUung rem — ta-«^ ^ ^
technische Konstruktion wird dann und
g r öß ere Rolle das Obiekt im 8---^*,, ™" Kons f rutti<m
mäßigen Seite her nbernotwend Mt«^M technisc hes
des Gebildes die Erreichung des -£j££^£2ll. Ausgestaltung
Werk; soweit, hinzukommend, ubernotweneug
vorliegt, ist es Kunstwerk. natürlichen und künstlichen
Bei der wissenschaftlichen Betrachtung der naturlichen u
Max Deri
3) Die phänomenale .Betrachtung
Die wissenschaftliche Behandlung sowohl der natürlichen wie auch der
künstlichen Sachverhalte wendet sich, auf ihrer ersten Stufe, der reinen
Beschreibung zu. Dies geschieht, indem das Wahrgenommene in seinem
Nebeneinander oder Nacheinander mit seinen individuellen Namen benannt
und vom Größten bis ins Kleinste mit den üblichen Wörtern der Sprache
möglichst eindeutig bezeichnet wird. Man beschreibt so das reine Phäno-
men unserer Wahrnehmungen — gleichsam das „behavior der Sach-
verhalte. Man nennt diese rein beschreibende wissenschaftliche Behandlung
die phänomenale Betrachtung.
4) Erxistenziale und historische phänomenale .Betrachtung
Diese rein phänomenale Betrachtung kann in zwei Einstellungen vor-
genommen werden. Man kann sich entweder auf die Beschreibung des gegen-
wärtig so Seienden beschränken, oder die Veränderungen, die dies jetzt so
Seiende im Zeitablaufe erfahren hat, mit in die Betrachtung nehmen. Die
rein phänomenale Erscheinung der meisten Dinge ändert sich ja merklich
im Zeitablaufe. Die reine Beschreibung des jetzt und hier so Seienden wird
die existenziale genannt; die Beschreibung, die alle Veränderungen im
Ablaufe der Zeit mitbenennt, als historische bezeichnet.
Als Beispiel: die phänomenal-existenziale Betrachtung etwa eines
Gebirgszuges zählt und benennt die Gipfel, mißt Höhen und Neigungs-
winkel, benennt das Material, gibt die Anzahl der Gletscher, ihre Formen
und Größen, die Spaltungen und ihre Tiefen ... in der gegenwärtigen Ver-
fassung an. Die entsprechende Betrachtung eines künstlichen Sachverhaltes,
etwa eines Gebäudes, benennt, beschreibt und mißt dessen Einzelteile. —
Die phänomenal-historische Betrachtung natürlicher oder künstlicher
Sachverhalte sammelt derartige Daten über längere Zeiträume hinweg und
beschreibt damit — stets nur rein „von Außen her" — alle die Verände- «
rungen, die vom Damals, Dort und Anders bis zum Jetzt, Hier und So
geführt haben.
6) Kausale Betrachtung
Die zweite Stufe der wissenschaftlichen Behandlung eines Sachverhaltes
fragt nach den Ursachen der phänomenalen Erscheinungstatsachen, geht
also von der „beschreibenden" zur „erkennenden" wissenschaftlichen Behand-
Naturotjckt und Mcnsdienwerk
lung über. So fragt sie etwa danach, ob der eben phänomenal beschriebene
Gebirgszug seine So-Formung vulkanischen Vorgängen verdankt, oder ob die
Erkaltungsvorgänge der Erde mit den sie begleitenden Schrumpfungen diese
Formung bestimmt haben. Die Wissenschaft kann weiterhin — im idealen
Falle — bis in die kleinste Einzelheit, bis in Form und Neigungswinkel
der kleinsten Fläche hinein nach den Ursachen fragen, die zu der So-Form
geführt haben und sie etwa in erster Annäherung in den Wirkungen von
Wind, Regen, Schnee, Erosion und Frost, Lawinen und Sturzbächen fest-
stellen, und auch diese ersten Ursachen wieder weiterhin auf die ihnen
zugrunde liegenden zurückzuführen versuchen. Man nennt diese Art der
Betrachtung die kausale Betrachtung.
6) E-xistenziale und historische kausale Betrachtung
Diese kausale Betrachtung kann sich wieder entweder auf die gegen-
wärtige Formung des Gebildes beschränken oder die Ursachen auch der
vergangenen Erscheinungsformen festzustellen versuchen; sie kann sich also
selbst wieder entweder existenzial oder historisch orientieren. Wir kommen
so zu vier Möglichkeiten wissenschaftlicher Behandlung sowohl der natür-
lichen wie der künstlichen Sachverhalte:
1) phänomenal-existenzial 3) kausal-existenzial
2) phänomenal-historisch 4) kausal-historisch
Diese vier wissenschaftlichen Betrachtungsweisen sind heute alle im
Gebrauche, wenn auch häufig ohne klare Unterscheidung voneinander.
Zumeist verwendet man für sie abgekürzte Namen. Und zwar wird meist
genannt :
1) phänomenal-existenzial . . . phänomenale Betrachtung
2) phänomenal-historisch. . . . historische Betrachtung
3) kausal-existenzial. . • kausale Betrachtung
4) kausal-historisch genetische Betrachtung
Im Schema:
historische phänomenale
^^^^^^^ Betrachtung.
genetische kausale
So ergeben sich zwei „Schichten" wissenschaftlicher Behandlungsart,
deren eine „unter" der anderen liegt und damit die „tiefere" Fragestellung
andeutet.
7)T
Max Deri
rennung der natürlichen von den künstlichen Sachverhalten
in der kausalen .Betrachtung
Nun erweist sich aber, daß wir von der kausalen Betrachtung ab jene
zwei Bezirke voneinander trennen müssen, in die uns die Welt der äußeren
Objekte zerfiel: die natürlichen von den künstlichen Sachverhalten.
Die natürlichen Sachverhalte sollten, wie man sich erinnert, unserer
Benennung nach alles das und alles das so umfassen, was und wie es heute
vorhanden wäre und im Laufe der Erdgeschichte vorhanden gewesen wäre,
auch wenn niemals Menschen auf der Erde gelebt hätten. Die künstlichen
Sachverhalte sollten alle jene Dinge und Vorgänge sein, die vom Menschen
im Laufe seiner Geschichte erstellt und in diese Welt hineingestellt wurden.
Die kausale Betrachtung aller natürlichen Sachverhalte, also aller jener,
bei deren „Herstellung" kein „lebendiges Bewußtsein" beteiligt war, kann
nun in durchaus einheitlicher Weise durchgeführt werden Doch bei den
von einem lebendigen menschlichen Bewußtsein hergestellten künstlichen
Objekten besteht heute noch keine Möglichkeit, ohne einen mehrmaligen
Wechsel in der Betrachtungsweise auszukommen.
8) Die kausale Betrachtung der natürlidien .Sachverhalte
Das Wesen der „kausalen wissenschaftlichen Betrachtung'', also die Er-
kenntnis der Ursachen einer Erscheinung wird hier durchaus im Sinne
der heutigen Naturwissenschaft gefaßt. Und es wird dabei jene Formulierung
des Erkenntnisbegriffes benützt, die ihm Moritz Schlick in seiner „All-
gemeinen Erkenntnislehre" gegeben hat.
Nach dieser Formulierung ist jedes Erkennen das Wiederfinden eines
Vorher- Erlebten in einem Neu -Erlebten, oder das Auffinden eines Neu-
Erlebten in einem Vorher -Erlebten: also bedeutet, allgemein definiert, „das
Erkennen in der Wissenschaft, wie schon im täglichen Leben, ein Wieder-
finden des Einen im Anderen" (Schlick, S. 10). Und dieses Erkennen, diese
Zurückführung des Einen auf das Andere" ist offensichtlich um. so voll-
kommener, je vollkommener im neu zu erkennenden Einen das Andere
wiedergefunden wird. Die vollkommenste Art dieses Wiederfindens ist aber
nun die quantitative, die zahlenmäßige Angabe des Einen im Anderen.
Können alle qualitativ scheinbar so verschiedenen objektiven Sachverhalte
so behandelt werden, daß „ihre Unterschiede als rein quantitative aufgedeckt
und damit aufeinander zurückgeführt" werden (S. 253), so ist die voll-
Naturobjekt und Mcnscnenwcrk 1»
kommenste Erkenntnis gewonnen. „Denn das Wiederfinden des einen Gegen-
standes im anderen findet am vollkommensten da statt, wo der letztere eine
bloße Summe von lauter gleichen Exemplaren des ersteren ist" (S. 254).
Wendet man diesen Grundsatz auf die kausale Behandlung der natür-
lichen Sachverhalte an, so ermöglicht er, im idealen Falle, eine durch-
gehende Gleichheit der verwendeten Begriffe. Vorerst zerfallen dem
Menschen allerdings die natürlichen Sachverhalte in die verschiedenen Ge-
biete seiner Sinnesorgane: das Getastete. Geschmeckte, Gerochene, Gehörte,
Gesehene . . . stehen unverbunden und unverbindbar nebeneinander, zeigen
kraß verschiedene „Qualitäten". Doch unter jenem oben angeführten Gesichts-
punkt ist es der Naturwissenschaft bereits in weitestem Maße — ja nach
der neuen „Einheitlichen Feldtheorie" Einsteins vielleicht schon völlig —
gelungen, die vielen verschiedenen sinnlichen Qualitäten der natürlichen
Sachverhalte auf Eine angenommene Urqualität zu reduzieren. Denn selbst
die beiden letzten, bisher noch unverbunden nebeneinander gebliebenen
Qualitäten des Universums, das Gravitationsfeld und das elektromagnetische
Feld, scheinen auf ein einheitlich Gemeinsames zurückgeführt, „als eine
einheitliche Struktur des vierdimensionalen Raumes" (Einstein) erkannt.
Damit wäre für die natürlichen Sachverhalte im Prinzip das ideale Ziel
der Erkenntnis erreicht. Denn nun wäre es prinzipiell möglich, alle diese
natürlichen Sachverhalte restlos so zu „erklären", zu „erkennen", auf ihre
kausalen Ursachen zurückzuführen, daß man eine einzige „Urqualität" oder
„Intensität" mit den, jedem einzelnen natürlichen Sachverhalt zugehörigen
quantitativen individuellen Indizes versieht; und so, von einer einzigen
fundamentalen Größe aus, alle einmaligen natürlichen Sachverhalte auch
eindeutig zu bezeichnen vermag. Damit aber wäre das prinzipiell letzte Ziel
jeder Erkenntnis erreicht: „Es soll das Individuelle nur mit Hilfe der allge-
meinsten Namen und dennoch eindeutig bezeichnet werden" (Schlick, S. 13).
Diese Tatsache bedeutet, daß man in der Naturwissenschaft also prinzipiell
nur eine einzige Art von Begriffen braucht, um alle natürlichen
Sachverhalte zu „erkennen" oder — was dasselbe bedeutet — zu „erklären"
oder zu „begreifen". So würden wir bei dem Beispiele des Berges, das
wir im Anfange erwähnt haben, in der Zurückführung der heutigen Kon-
stellation auf ihre früheren und immer früheren Zustände stets allgemeinere
Formeln finden, aus denen das heutige Gebilde kausal ableitbar wäre. Wir
würden auf diesem Wege schließlich zur — relativ willkürlich, nämlich aus
Zweckmäßigkeitsgründen gewählten — Urqualität kommen: doch stets
würden wir dabei ein und dieselbe Art von Begriffen, nämlich nur
J
solche quantitativer Art verwenden, da sich jeder einzelne individuelle
Natursachverhalt von jedem beliebigen anderen nur durch die quanti-
tativen Größen jener Urqualität unterscheidet. Und auch wenn man
an Stelle strenger Determiniertheit nur Wahrscheinlichkeiten annimmt, also
an Stelle der Kausalgesetze nur statistische Sätze verwendet, ändert sich
an dieser Tatsache nichts. Auch in diesem Falle erreichte man jeden
einzelnen individuellen natürlichen Sachverhalt — falls man ihn über-
haupt erreicht — von den „Anfangsbedingungen" jener Urqualität aus:
unter ausschließlicher Verwendung rein quantitativer Begriffe.
Einschaltung : A^eltanscbaulidie Konsequenzen
Aus diesen Feststellungen lassen sich zwei, für jeden Wissenschaftler ebenso
interessante wie wichtige Tatsachen ableiten. Erstens der erkenntnistheo-
retische Monismus. „Wir sind also von der Überzeugung durchdrungen,
daß alle Qualitäten des Universums, daß alles Sein überhaupt insofern von
einer und derselben Art ist, als es der Erkenntnis durch quantitative Begriffe
zugänglich gemacht werden kann. In diesem Sinne bekennen wir uns zu einem
Monismus. Es gibt nur eine Art des Wirklichen — das heißt für uns: wir
brauchen im Prinzip nur ein System von Begriffen zur Erkenntnis aller Dinge
des Universums, und es gibt nicht daneben noch eine oder mehrere Klassen
von erfahrbaren Dingen, für die jenes System nicht paßte (Schlick, S. 2g 9).
Und zweitens folgt — eine Konsequenz übrigens, die nicht von Schlick
gezogen wird — aus der Notwendigkeit, eine Urqualität anzunehmen, die eben
quantitativ in allen anderen Qualitäten des Universums wiedergefunden wird,
der exakte wissenschaftliche Agnostizismus. Denn es kann auf die „letzte
Frage" nach der Erklärung, nach der „Erkenntnis" jener Urqualität nur die
eine Antwort geben: ich weiß es nicht, und ich werde es, dem inneren
Sinne jeder Erkenntnis nach, auch niemals wissen können. Denn da Erkennen
ein Wiederfinden des Einen im Anderen ist, ist weitere Erkenntnis prinzipiell
ausgeschlossen, wenn ausnahmlos alles in einem Letzten wiedergefunden wurde.
Dieses Letzte ist dann eben das Erklärungsprinzip für alles, kann aber selber
nicht mehr weiter erklärt werden, weil sozusagen „nichts mehr da ist", in
dem es wiedergefunden werden könnte. So endet hier auch die Gültigkeit des
Satzes vom „ausgeschlossenen Dritten" — daß der „letzte Grund des Daseins
entweder „dieses" oder „dieses nicht" sein müsse — und es gibt auf die Frage
nach diesem „letzten Grunde des Daseins" prinzipiell keine andere wissen-
schaftliche Antwort als die des bewußten Verzichtes, des bewußten Ein-
geständnisses der Nicht-Erklärbarkeit, der Nicht-Erkennbarkeit, der Nicht-
Wißbarkeit: also des bewußten Agnostizismus.
Dabei darf allerdings die prinzipielle Einseitigkeit dieses wissenschaft-
lichen, monistisch-agnostischen Weltbildes nicht übersehen werden. Sie besteht
darin, daß es sich ausschließlich auf die eine der beiden Grundfunktionen
Noturobjekt und Menschenwerk
des menschlichen Bewußtseins stützt: nur auf die intellektuelle Funktion, auf
das denkende Erkennen, und nicht auch auf die emotionelle Funktion, auf das
fühlende Erleben Rücksicht nimmt. Tut man dies zweite aber, so bemerkt
man, daß hier, bei der emotionellen Funktion, nicht nur kein Grund vor-
handen ist, jenes monistische Verfahren zur Ausschaltung aller verschiedenen
Qualitäten einzuschlagen, sondern daß hier gerade das gegenteilige Verhalten
das gegebene ist. Denn für das fühlende Erleben ist gerade die besondere
und einmalige Art des vorliegenden Erlebnisses, seine unersetzbare und originale
Eigenqualität das Wichtigste, das als Gefühlserlebnis und im Gefühlserlebnis
eigentlich und einzig Gesuchte. „In diesem Sinne muß aber jede verständige
und aufrichtige Weltanschauung pluralistisch sein, denn das Universum ist
eben bunt und mannigfaltig, ein Gewebe unendlich vieler Qualitäten, von denen
keine der anderen genau gleicht. Ein formelhafter metaphysischer Monismus
gibt davon nicht Rechenschaft mit seinem Satze, daß alles Sein in Wahrheit
eines ist; er bedarf notwendig eines pluralistischen Prinzips zur Ergänzung.
Es muß 'irgendwie Platz bleiben für die Wahrheit, daß es unendlich viele
Spielarten von Qualitäten gibt, denn die Welt ist nicht kalt und eintönig,
sondern vielgestaltig und voll ewigen Wechsels" (Schlick, S. 305). Und so er-
gibt sich, dem erkenntnistheoretischen Monismus der intellektuellen Einstellung
homolog, vorerst ein erlebensmäßiger Pluralismus für die emotionelle
Welterfassung. ,•,.».«■
Zieht man aber nun wieder von hier aus die weltanschauliche Konsequenz,
so gelangt man von diesem erlebensmäßigen Pluralismus aus wohl zu keinem
anderen Ende als zu dem der Mystik. Denn was vom denkenden Erkennen
her zum Eingeständnis des Nichtwissens und Nichtwissenkönnens führen muß,
das bleibt für das fühlende Erleben eben das Unerklärbare, das Unverstehbare
_ aber das geheimnisvoll dennoch Daseiende: also eben das Mystische. Und
diese Mystik — die nichts mit Wissenschaft zu tun hat, denn sie hat keine
Folgerungen zu ziehen und keine Voraussagen zu machen — diese Mystik gilt,
von hier aus erlebt, dem „letzten Grunde" des Daseins nicht weniger als aus-
nahmslos allen seinen Inhalten. Dem kleinsten Kieselstein wie dem Leben und
dem Tode, dem fernsten Nebelfleck wie dem Kreisen des Elektrons und dem
Wachsen jedes Grashalms. Denn sie gilt sowohl dem Vorhandensein der Welt
und ihrer Inhalte überhaupt, wie auch dem Sosein ihrer Artung vom Atomaren
bis zum Kosmischen. .
So erst rundet sich das Weltbild des heutigen, nicht mehr magisch-
animistischen und nicht mehr religiös-infantilen Menschen: Monismus des Er-
kennens, Pluralismus des Erlebens; Agnostik des Denkens, Mystik des Fuhlens:
und beidem ist die gleiche Welt das Objekt. Denn von dieser gleichen Welt
aus gelangte er durch die Methode des erkenntnistheoretischen Monismus zum
wissenschaftlichen Agnostizismus; und auf den Wegen des erlebensmäßigen
Pluralismus zur gefühlsmäßigen Mystik.
»4 Max Dcri
9) Die kausale Jjetracntung der künstlicnen Sacnvernalte
Ergibt sich so, daß — prinzipiell und im idealen Falle — bei der kausalen
Betrachtung der natürlichen Sachverhalte die Verwendung ein und der-
selben Art von Begriffen, nämlich der quantitativen, durch das gesamte
Gebiet hindurch festgehalten werden kann, so erweist sich dies bei der
kausalen Betrachtung künstlicher Sachverhalte heute nicht als durchführbar.
Zwar mag man überzeugt sein, daß einer fernen Zeit wohl auch die Zu-
rückführung seelischer Vorgänge auf quantitative Änderungen jener Ur-
qualität gelingen wird, womit die Einordnung der psychologischen Wissen-
schaften in die Naturwissenschaften durchgeführt wäre. Der Weg dazu
und seine ersten primitiven Anfänge sind ja bereits bekannt: er führt
über die Physiologie des Gehirnes und des gesamten menschlichen Körpers.
Doch heute sind wir noch so weit von jenem wissenschaftlichen Ideal
entfernt, daß sich eine prinzipiell andere Orientierung der kausalen Er-
klärung künstlicher Sachverhalte als nötig erweist.
Künstliche Sachverhalte sind vom Menschen gemacht, also notwendiger-
weise aus seelischen Zuständen heraus entstanden. Diese Tatsache gilt aus-
nahmslos für alle vom Menschen erstellten Sachverhalte. Denn vor allen
künstlich, also durch menschliches Handeln erstellten Sachverhalten steht
die Motilität des Menschen, vor dieser aber — Reflexhandlungen kommen
für uns hier nicht in Betracht — stehen Bewußtseinsabläufe. Nun kennen
wir zwar diese Bewußtseinsabläufe unmittelbar nur aus dem eigenen Er-
leben. Aber die erfahrungsgemäß sehr weitgehende Ähnlichkeit der Bewußt-
seinsabläufe aller Individuen eines relativ geschlossenen Kulturkreises macht
es möglich, von den aus den Handlungen der Menschen erwachsenen künst-
lichen Gebilden auf jene Handlungen selbst, und von ihnen aus auf die vorauf-
gegangenen Bewußtseinsabläufe der Ersteller zurückzuschließen. Sind wir auf
diesem Wege in den Bereich des Psychischen gelangt, so erweist sich in
diesem Gebiete die Möglichkeit quantitativer Erkenntnis als derzeit noch
unmöglich. Damit bleibt ein, wenn auch nicht theoretisch notwendiger, so
doch tatsächlich vorhandener methodischer Unterschied zwischen den
Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften bestehen.
Sicherlich ist dies heute noch der Fall. Denn auch die Messung seelischer
Vorgänge in der Psychophysik, etwa die Empfindungsmessungen nach dem
Weber-Fechnerschen Verfahren, sind zwar immerhin exakter und damit
eine wichtige und bedeutende Stufe in der wissenschaftlichen Erkenntnis
höher als die rein introspektive Beschreibung der seelischen Erlebnisse.
Naturotjckt und Menschcnwerk l*>
Doch sie geben noch keine eigentliche, noch keine „echte" Erkenntnis
des Psychischen. Sie verfahren so, daß eine Energiequelle gleichzeitig
die Versuchsperson und das Meßinstrument trifft; worauf dann objektive
Änderungen dieses Meßinstrumentes den subjektiven Empfindungsände-
rungen der Versuchsperson von außen her eindeutig zugeordnet werden.
Doch die echte Erkenntnis der psychischen Vorgänge wäre erst dann ge-
wonnen, wenn die Messung nicht durch eine, wenn auch eindeutig, so doch
noch willkürlich zugeordnete Reihe meßbarer „äußerer Parallelvorgänge"
zu den inneren Empfindungsänderungen erfolgen würde; sondern wenn die
Messung an jenem inneren, an jenem „körperlichen" Vorgange selbst er-
folgte, der die unmittelbare „Ursache" der innerseelischen Erscheinungen,
der erlebten Empfindungsänderungen ist. Nicht die am äußeren Meß-
instrument ablesbaren „Reizstärken" dürften also gemessen werden, die
die inneren Erregungen hervorrufen: sondern diese Erregungen der
nervösen Materie selbst, die uns als psychische Vorgänge bewußt werden
oder auch unbewußt bleiben, müßten der Meßmöglichkeit unterworfen
werden können — es müßte eine „Physik, der Gehirnvorgänge" geschaffen
werden. Denn selbst wenn man voraussetzt, daß man bereits sämtliche
seelischen Erscheinungen nach derpsychophysischen Methode messen könnte
ein äußerst erstrebenswertes Ziel, dem die Untersuchungen von Bernfeld
und Feitelberg (Imago, 1930, XVI. Bd., S. 66 ff.) ja näher zu kommen
scheinen — selbst dann „wäre wohl eine Zuordnung von Zahlen zu seelischen
Größen nach einer willkürlichen Skala erzielt, aber sie wären nicht auf
etwas anderes zurückgeführt und blieben untereinander völlig unverbunden,
von einer Wesenserkenntnis könnte man nicht sprechen. Man hat ganz
denselben Fall wie im physikalischen Beispiel : das Wesen der .Temperatur'
blieb so lange unerkannt, als ihre Messung nur durch Zuordnung von
Zahlen auf Grund einer willkürlichen Skala erfolgen konnte; die mecha-
nische Theorie der Wärme aber, welche an Stelle der Temperatur die
lebendige Kraft der Moleküle einführte, gab damit zugleich ein natürliches
Prinzip der quantitativen Beherrschung, das jede Willkür ausschaltete. Erst
wenn die quantitativen Beziehungen nicht bloß eine willkürliche Fest-
setzung widerspiegeln, sondern gleichsam aus der Natur der Sache folgen
und eingesehen werden, stellen sie eine Erkenntnis des Wesens dar. Wie
hier die Temperatur auf mechanische, so müßten die Bewußtseinsdaten,
um wahrhaft erkannt zu werden, allgemein durch natürliche Prinzipien
auf physikalische Bestimmungen zurückgeführt werden; und wie das bei
der Temperatur, der objektiven Wärmequalität, nur möglich ist durch Hypo-
Max Deri
thesen über die molekulare Struktur der Materie, so bedarf es zur Erkenntnis
der subjektiven psychischen Qualitäten eindringender physiologischer Hypo-
thesen über die Natur der Gehirnvorgänge. Der gegenwärtige Stand der
Forschung erlaubt aber leider noch nicht die Aufstellung derartiger genügend
spezieller Hypothesen, wie sie zur Erreichung dieses letzten Zieles der Psycho-
logie erforderlich wären" (Schlick, S. 264).
So gilt die derzeitige Grenze wissenschaftlicher Erkenntnismöglichkeiten
für alle von Menschen vollführten Handlungen und alle eventuell daraus
folgenden Resultate. Ob es sich um die unbedingt notwendigen, lebens-
erhaltenden Tätigkeiten handelt, die in erster Linie das Essen, Trinken,
Schlafen, Kleiden, Wohnen betreffen; ob es die übernotwendige Aus-
gestaltung der leiblichen Bedürfnisse, also die zivilisatorischen Er-
rungenschaften gilt, etwa Werkzeuge, Feldwirtschaft, Tierzähmung und
-haltung, Brücken, Straßen, Maschinen, alles sogenannte technische Werk
betrifft, Ordnung, Sicherheit, Reinlichkeit angeht; oder ob es sich schließ-
lich um die übernotwendige Ausgestaltung der seelischen Bedürfnisse,
also um die kulturellen Errungenschaften der Menschen handelt, die etwa
in den Gebieten der animistischen Magie, der Religion, der Ethik, der Kunst
und der Wissenschaft — und in deren Mischformen und Übergangsformen,
wie etwa in der „Philosophie" — zutage traten: alle diese „künstlichen"
Sachverhalte, die nicht vorhanden wären, wenn es keine Menschen gäbe,
sind heute ausnahmslos noch nicht quantitativ erkennbar, sondern auf die
Aufzeigung subjektiver seelischer Qualitäten, auf die „introspektive Psycho-
logie" angewiesen.
10) Die drei Kausalscnichten bei künstlimen Oacnverhalten
Versucht man nun die Begriffe zu ordnen, die zur Erklärung der künst-
lichen Sachverhalte dienen, so findet man drei oder vier Gebiete, die inner-
halb ihrer Grenzen „Begriffe ähnlicher Qualität verwenden. Sie sind: das
bewußte individuelle Seelengebiet; das bewußte Gemeinschafts-Seelengebiet;
das unbewußte Gebiet. Dieses Unbewußte könnte wieder in den individuellen
und den kollektiven Teil getrennt werden; wir führen hier diese letzte
Trennung nicht durch.
Trägt man diese drei Gebiete in das frühere Schema ein, und zwar —
entsprechend der jeweils in „tiefere" Seelengebiete reichenden Fragestellung —
in Schichten, die untereinander liegen, so läßt sich die Situation für die
künstlichen Sachverhalte im folgenden Schema veranschaulichen.
Naturobjekt und Menscbcnwerk
] 7
Genetisch
Existenzial
IReintkxhrtils»] ikimti tehterbiltis:
fluxmule ßt/radfvaj
1. Bei/uife foJlridaellc 5cbidit:
hyihologiidit Betrachtung.
S. bewiik ücmeinsdafts- Schicht;
Souotoyisdxr ßtfrathtcy
I Ikki/asste Schlaf:
Analytische Betrachtung.
Die erste Schicht der Pyramide gibt den unmittelbar wahrnehm-
baren Tatbestand des künstlichen Sachverhaltes. Er wird der reinen Be-
schreibung unterworfen. Diese Schicht ist die phänomenale, ihre Behand-
lung ergibt die phänomenale Betrachtung.
Diese phänomenale Betrachtung ist also bei natürlichen und bei künstlichen
Sachverhalten die gleiche. Erst von jetzt ab, von der kausalen Behandlung an, tritt
der Unterschied zwischen natürlichen und künstlichen Sachverhalten zutage.
Die zweite Schicht umfaßt jenen Teil des individuellen Bewußt-
seins, der bei der Erstellung des künstlichen Sachverhaltes durch den tat-
handelnden Menschen vorwiegend und unmittelbar beteiligt war. In dieser
Schicht müssen wir aber, auf Grund der Ergebnisse der Bewußtseinspsychologie,
zwei Bezirke unterscheiden : den intellektuellen und den emotionellen Bezirk.
Sie entsprechen den zwei — dem bewußten Wollen vorgelagerten — Grund-
funktionen der menschlichen Seele, dem Denken und dem Fühlen. Die
Bewußtseinspsychologie kann — wie bereits erwähnt — feststellen, daß,
von dieser bewußten Schicht aus gesehen, die wissenschaftlichen und die
technischen Werke aus vorwiegender Einstellung auf gedanklich-intellektuelle
Abläufe gebildet werden, die künstlerischen Werke aus vorwiegender Isolierung
gefühlsmäßig-emotioneller Abläufe entstehen. Von beiden Sektoren des Be-
wußten also, vom intellektuellen wie vom emotionellen aus, führen — über
das Wollen und das darauffolgende Hande^/=- direkte Verbindungen zur
7 3?
j8 Max Den
phänomenalen Gestalt. Als Faustformel könnte man angeben, daß in diese
zweite Schicht, in das individuell Bewußte, alles das gehört, was der Tat-
handelnde selbst auf die Frage antworten würde oder antworten könnte:
welche seelischen Vorgänge und Abläufe er in sich selbst während der
schaffenden Tätigkeit beobachtet hat oder hätte beobachten können. Man
bezeichnet diese zweite Schicht als die bewußte individuelle Schicht
und die ihr zugehörige Betrachtung als die psychologische Betrachtung.
Die dritte Schicht umfaßt das, was im Leben der Gemeinschaft be-
wußt da ist. Also alle Beaktionen, die durch die Zugehörigkeit zu einer
„Gruppe" bedingt sind, und damit auch die seelischen Inhalte und Abläufe,
die durch die wirtschaftlichen Gegebenheiten bedingt werden. Und auch
hier müssen die beiden Sektoren des Intellektuellen und des Emotionellen
unterschieden werden: die „säkularen Gedankeninhalte" von den „säkularen
Gefühlsgegebenheiten", also etwa die „Weltanschauungen" von den „Kunst-
stilen". Man nennt diese Schicht des bewußten Gemeinschaftslebens die
bewußte Gemeinschaftsschicht und die ihr zugehörige Betrachtung die
soziologische Betrachtung.
Die vierte Schicht umfaßt das Unbewußte. Hier scheint vorerst eine
Trennung in individuell Unbewußtes und Gemeinschafts-Unbewußtes noch
nicht recht durchführbar. Zwar kann man zuweilen bereits derartige
Feststellungen machen. So etwa, wenn Freud — in „Der Dichter und das
Phantasieren" (Ges. Schriften, Bd. X, S. 229) — von den Mythen sagt, es
sei „durchaus wahrscheinlich, daß sie den entstellten Überresten von Wunsch-
phantasien ganzer Nationen, den Säkularträumen der jungen Menschheit,
entsprechen" 5 oder wenn man die „säkulare Verdrängung" beachtet, die das
Erotische in der Kunst des neunzehnten Jahrhunderts fast zwei Generationen
lang _ Wendepunkt seit den achtziger Jahren mit Conradi und Wedekind —
erfahren hat. Aber klar faßbar und erfaßbar dürfte die Scheidung in
individuelles und säkulares Unbewußtes kaum schon sein. Wir beschränken
uns auf die allgemeine Einordnung des Unbewußten in die Pyramide als
einheitlich tiefster Schicht, von der aus Wirkungswege in die drei darüber-
liegenden Schichten führen. Dabei müssen sowohl alle indirekten Wege aller
Schichten untereinander durch die darüberliegenden Schichten hindurch als
möglich angenommen werden, wie auch alle direkten Verbindungen der
einzelnen Schichten miteinander, ohne Durchgang durch eine der anderen
Schichten. Denn sie sind alle von Fall zu Fall als wirklich zu beobachten.
Die wissenschaftliche Behandlung dieser vierten, der unbewußten
Schicht, wird die analytische Betrachtung genannt.
Naturobjekt und Menschenwerk l 9
11) Die wissensckaftlicke Notwendigkeit der dreifacken
Kausalierung künstlicker Sackverkalte
Die Notwendigkeit, die künstlichen Sachverhalte von drei verschiedenen
Ursachen-Schichten her zu kausalieren, ergab sich aus der Tatsache, daß
die Verwendung einheitlicher Begriffe für diese drei Schichten bisher
nicht möglich ist. In jedem dieser drei Gebiete gelangen wir, bei den
heute möglichen Rückführungen, zu verschiedenen Begriffssystemen, bei
denen bisher nur in seltenen Fällen eine weitere Rückführung aufeinander
gelang. Die gegenseitige „Zurückführung des Einen auf das Andere", das
„Wiederfinden" der Grundbegriffe der einen Schicht in denen der anderen
gelingt heute noch nicht — kann ja nicht wirklich gelingen, solange die
quantitative Messung weder im individuellen noch im sozialen Bewußten
noch auch im Unbewußten möglich ist.
In Analogie also, wie in der Physik auf primitiver Stufe die ver-
schiedenen Sinnesgebiete des Menschen die verschiedenen, streng von-
einander getrennten Kapitel der physikalischen Wissenschaft bestimmten —
das Körpergefühl die Mechanik, das Sehen die Optik, das Hören die Akustik,
der Temperatursinn die Wärmelehre -, so bleiben vorerst die Gebiete
des individuell Bewußten, des sozial Bewußten und des Unbewußten da-
durch voneinander geschieden, daß ihre Grundbegriffe keine gemeinsamen
Elemente besitzen.
Allerdings scheint unter einem gewissen Gesichtspunkt diese Formulierung
übertrieben scharf. Wenn man sich den Weg hypothetisch ausdenkt, den
die Erklärung der künstlichen Sachverhalte wohl gehen wird, so dürfte
zunächst versucht werden, die Grundbegriffe dieser drei Schichten erst ein-
mal unter sich anzugleichen, indem man sie aufeinander zurückfuhrt. Es
ist naheliegend, hier der Ergebnisse zu gedenken, die Freud in der Zurück-
führung der bewußten individuellen und kollektiven Begriffe aufeinander
in Massenpsychologie und Ich-Analyse" erreicht; sowie der Zurückführung
der unbewußten individuellen und kollektiven Begriffe, die im letzten Kapitel
seines „Unbehagen in der Kultur" begonnen wurde, ja im „Vergleich des
Kulturprozesses mit der Einzelentwicklung" (S. 126 ff.) und im „Über-Ich
der Gemeinschaft" (S. ia 9 ff.) bereits gewonnen scheint.
Trotzdem aber halten wir es bei dem heutigen Stande der Wissenschaft
von der menschlichen Seele für vorteilhaft, die Drei-Schichtung der Kausa-
lierung künstlicher Sachverhalte vorerst beizubehalten. Denn sie kann zu-
ao Max Den
mindest zum Beweise verwendet werden, daß sich die Fragestellungen der
vier Gebiete untereinander nicht mehr zu stören und schon gar nicht aus-
zuschließen brauchen.
1 2) Die Einbettung der künstlichen Sachverhalte in die Realität
Bevor wir an zwei Beispielen die Fruchtbarkeit der Vier-Schichten-Ordnung
für die methodische wissenschaftliche Behandlung künstlicher Sachverhalte
zu erweisen trachten, muß noch das Verhältnis dieser vier Schichten zur
Bealität festgestellt werden.
Dieses Verhältnis ist so zu denken, daß die gesamte Schichtenpyramide,
sowohl in ihrer gegenwärtigen Existenz wie auch in ihrer gesamten historisch-
genetischen Abfolge, völlig in das Gebiet der äußeren Realität ein-
gebettet gedacht werden muß. Die Realität besitzt dabei direkte Wirkungs-
möglichkeiten unmittelbar in alle vier Schichten hinein: Wirkungswege
führen direkt von der Realität aus in das Phänomenale, in das individuell Be-
wußte, in das Soziologische und in das Unbewußte. Und diese Tatsache in
Verbindung mit der Kommunikationsmöglichkeit aller vier Schichten unter-
einander ergibt die hohe Kompliziertheit aller hiehergehörigen Probleme.
So kann etwa eine Maschine, ein Gebäude, ein Denkmal im Laufe der
Jahre verrosten, verfallen, verwittern, also seine phänomenale Gestalt durch
reine Realeinflüsse ändern: Real — I. Dabei kann die Vernachlässigung
der Pflege dieses Objektes bewußte individuelle Ursachen haben : // — I.
Diese etwa können wieder durch reine Realitätsgründe, etwa durch Nahrungs-
sorgen bedingt sein : Real — II — Real — I. Oder soziale Umwälzungen
können den Grund für den Verfall abgeben: Z/7 — II — Real — I; wobei
diese Umwälzungen wieder wirtschaftlich -reale Ursachen haben mögen:
Real — III — II — Real — I; und in all diese Verwicklungen spielen dann
noch die individuellen und gruppengemäßen unbewußten Determinierungen
hinein, von Fall zu Fall auf ihre Mächtigkeit zu prüfen.
i3) Beispiele für die vierfache Betrachtung künstlicher
Sachverhalte
Es sollen zwei Beispiele besprochen werden, eines aus dem technischen
und eines aus dem bildkünstlerischen Gebiete. Dabei wird sowohl von der
Einbettung der Beispiele in die Realität wie auch von ihrer genetischen
Herleitung abgesehen.
Naturotjekt und Mcnsckcnwcrk ai
A) Beispiel aus dem technischen Gebiete: Der Pflug
I) Phänomenal
Rein äußere Beschreibung des Aussehens eines Pfluges und seiner ein-
zelnen Bestandteile. Angabe des Materiales, seiner Maße, seines Gewichtes
sowie aller anderen sehbaren und tastbaren Gegebenheiten.
II) Psychologisch
1) Intellektuell
a) Allgemeines
Die allgemeine Definition des „Technischen Werkes" ist für den idealen
Fall und innerhalb der individuell-bewußten Schicht rein von der intellek-
tuellen Funktion aus zu geben. Ein technisches Werk ist ein Gebilde, das
zu einem bestimmten vorausgedachten äußeren Zwecke auf Grund möglichst
isolierter verstandesmäßiger Überlegungen erstellt wird. In diesen verstandes-
mäßigen Überlegungen wird die Zueinanderordnung von Naturkräften vor-
erst im Gedankenexperiment vorgenommen, indem die sie tragenden Kon-
struktionsteile in der Vorstellung probeweise aneinandergefügt werden. Dann
wird die Ausführung in vorhandenem Materiale versucht. Widerspricht keines
der bestehenden Naturgesetze der phantasiemäßig vorausgenommenen Kon-
struktion, war diese also den realen Zwängen richtig angepaßt: so kann
das neue technische Gebilde praktisch hergestellt werden und erfüllt dann
den vorgenommenen Zweck.
b) Besonderes
Die spezielle Konstruktion des Pfluges sucht den vorgestellten Zweck,
nämlich das Auflockern der Erde, unter Verwendung bekannten Materiales
auf jene Weise zu erreichen, die den beiden äußeren Vorgegebenheiten am
besten angepaßt ist: der Konsistenz des Erdbodens als des zu bearbeitenden
Materiales und der Kinematik des menschlichen Körpers oder des zur Arbeit
verwendeten Tieres. Der pflügbare Erdboden besitzt eine Konsistenz, die
zwischen dem durch Rühren zu bewältigenden flüssigen Zustand und der
nur durch Schlag oder Stoß zu bewältigenden Gesteinsfestigkeit liegt. Damit
erweisen sich sowohl die stoßmäßige Betätigung des Grabstockes wie die
schlagmäßige Betätigung der Hacke auf die Dauer als unnötige Kraft-
vergeudung. Die Pflugkonstruktion konnte den Gedanken ausführen, die
einmal in den Boden eingeschlagene Hacke durch Heranziehen an den
Körper zum „Aufreißen" des Erdreiches zu verwenden. Kehrte sich dann
»* Max Den
der Arbeitende um, benützte er die zum „Ziehen" sehr geeignete Kinematik
des menschlichen oder tierischen Körpers und sorgte dabei dafür, daß das
einmal in den Boden eingedrückte Werkzeug seine Tiefe beibehielt : so war
der Pflug im Prinzip erfunden. Die Form der in den Boden gedrückten
Hacke, die durch ihre eigene Schwere oder durch die Kraft eines Helfers
während des Ziehens in ihrer Tiefe erhalten wurde, paßte sich dieser neuen
Tätigkeit an, indem sie ihre Seiten zu „Schaufeln" ausbildete, die die auf-
gerissenen Schollen beiseite schoben. Die Keilform des Gerätes, die ein
selbsttätiges Einbohren in den Erdboden bewirkt, erleichtert dabei das Ver-
bleiben der Pflugspitze in der Erdtiefe. Damit war der Pflug fertig aus-
gebildet. — Der Weg des „Verstehens" einer Konstruktion ist dabei prinzipiell
immer der gleiche: aus den gegebenen Formungen können rückläufig
die Überlegungen und Gedankenexperimente erschlossen werden, die den
Erfinder zur vorliegenden Gestaltung geführt haben.
2) Emotionell
Gefühle aller möglichen Art mögen diese rein verstandesmäßigen Über-
legungen begleiten: Hoffnung auf Arbeitserleichterung, Hunger, Ehrgeiz,
Schollenverbundenheit . . . Doch diese Begleitgefühle und etwa daraus er-
wachsende Wünsche dürfen keinerlei Einfluß auf die „richtige" Konstruktion
nehmen, die unter möglichst reiner Einstellung auf die intellektuelle Funktion
gefunden werden muß. Denn diese technische Konstruktion ist ja durch die
vorhandenen Naturgesetze, durch die Materialeigenschaften und durch den
erstrebten Zweck eindeutig determiniert.
III) Soziologisch
1) Intellektuell
Der Pflug befördert die Bationalisierung der Nahrungsbeschaffung für die
Gemeinschaft. Er bringt ihr Erleichterung der ökonomischen Lebenshaltung
und spart ihr Zeit. Er befördert die Arbeitsteilung sowie die Verwendung
der größeren Kraft gezähmter Tiere an Stelle der Menschenkraft. Damit
bringt er der Lebenserhaltung eine erhöhte Sicherheit.
2) Emotionell
Mit dieser größeren Sicherung der Gemeinschaft verringert der Pflug
die Sorgen und Ängste um die Lebenserhaltung, bringt das Gefühl der
Erleichterung durch das Freiwerden von Kräften für andere Lebenstätig-
keiten, für Genuß, Spiel und Tanz. So wird er zum Freudenmehrer der
Gemeinschaft und bindet deren Mitglieder fester aneinander.
rJnturobjekt und Meiisdienwcrk 23
IV) Analytisch
Der Pflug kann analytisch nur in jenem erweiterten Zusammenhange
erörtert werden, dem er psychologisch entstammt. Dann ergibt sich in
gedrängtester Kürze folgender Gedankengang: Die Zweckhandlungen des
Bodenbaues sind im Sinne der unbewußten Gleichsetzung (Symbolik) von
Erde = Mutter, Pflug = männliches Genitale, Pflügen = Begatten, Säen =
Befruchten usw. erotisiert, d. h. sie dienen zur zielabgelenkten Abfuhr-
stelle für den inzestuösen Liebesdrang. Die unterdrückten motorischen und
Gefühlsenergien des inzestuösen Sexualverlangens strömen der Bearbeitung
des Bodens als einer Ersatzhandlung zu, wodurch eine außerordentliche
Erleichterung dieser schweren Tätigkeit erreicht wird. Aus der Erschließung
unbewußter Kraft- und Lustquellen geht ferner eine Beihe neuer und
intensiver Gefühlsbindungen hervor, die nicht nur auf die zweckrationale
Tätigkeit selbst modifizierend (fördernd und hemmend) einwirkt, sondern
gegebenenfalls auch Änderungen in der sozialen Organisation herbeiführt.
„Mit der Einführung des Ackerbaues hebt sich die Bedeutung des Sohnes
in der patriarchalischen Familie. Er getraut sich neuer Äußerungen seiner
inzestuösen Libido, die in der Bearbeitung der Mutter Erde eine symbolische
Befriedigung findet" (Freud, Totem und Tabu).
B) Beispiel aus dem bihi künstlerischen Gebiete: Leonardo,
Anna Selbdritt, Louvre, Paris
I) Phänomenal
Das annähernd quadratische Ölgemälde wurde unter Veränderung eines
früheren Kartons um das Jahr 1505 ausgeführt. — Farbenbeschreibung. —
Der Hintergrund zeigt eine ferne Gebirgslandschaft, der Vordergrund die
Figurenkomposition in Form einer Pyramide. Eine Frauenfigur sitzt frontal
in der Mitte des Bildes, auf ihrem Schöße eine zweite Frauenfigur, die
sich zu einem kleinen Kinde nach rechts hinabbeugt, das eben ein kleines
Lamm rittlings besteigen will. Die beiden, nahezu gleichaltrigen Frauen
sehen beide leise lächelnd auf das Kind hinab.
Man kann darüber im Zweifel sein, ob die kompositionelle Aufgabe:
einer erwachsenen Frau eine zweite Erwachsene auf den Schoß zu setzen:
überhaupt formal-zeichnerisch, also bildkünstlerisch lösbar ist. Doch in
jedem Falle muß die Fülle der Unklarheiten und merkwürdigen Ver-
zerrungen und Verzeichnungen auffallen, denen ein so großer Könner und
*4
Max Deri
gereifter Künstler unterlag, wie es der über fünfzigjährige Leonardo zur
Zeit der Ausführung dieses Bildes war. Vorerst ist die Proportion der hinten
sitzenden Frau, der Anna, völlig unmöglich: die Körperpartie zwischen
Knien und Hüften ist völlig ungeklärt und nicht nachfühlbar. Und ebenso
ist die Hüftpartie der Maria gänzlich verzerrt worden, was am deutlichsten
wird, wenn man den Weg über ihren linken Oberschenkel zur linken
Hüfte mit dem von ihrer linken Schulter zur Hüfte zu vereinigen sucht.
Die gesamte Zone also, in der die beiden Frauenkörper aufeinander ruhen
sollen, war Leonardo in der Vorstellung offenbar völlig unklar und er ver-
suchte nicht, sich hier zur Klarheit der Formvorstellung hindurchzuarbeiten
— wenn auch immerhin gegenüber dem Karton ein gewisser Fortschritt in
der Durchformung der Bildaufgabe deutlich zu erkennen ist.
Die Unklarheit der Figurenkomposition wird noch dadurch vergrößert,
daß der hintere Kontur der Maria über Bücken und Gesäß das Auge ver-
leitet, vertikal nach unten weiterzugehen, ihn im linken Kontur des
Kleides der Anna fortgesetzt zu glauben. Damit wird es noch schwerer,
die beiden Frauenfiguren für das Erleben klar voneinander zu lösen.
II) Psychologisch
l) Intellektuell
Es handelt sich um eine Darstellung der „Anna Selbdritt aus der
christlichen Mythologie. Anna: Mutter der Maria; Maria: Mutter des
Christusknaben ; Lamm : Allegorie . . .
2) Emotionell
a) Allgemeine Definition des Kunstwerkes
Die allgemeine Definition des Kunstwerkes ist vom Schaffenden aus zu
geben und erfährt dann vom Erlebenden her ein Zusatzmerkmal. Sie
gründet sich ausschließlich auf die emotionelle Funktion des Bewußtseins.
Sieht man von allen komplizierteren Funktionen des bewußten Seelen-
teiles ab, so vereinfacht sich — nach vollendeter Aufspaltung der magisch-
eidetischen Frühform — die Struktur des Bewußtseins auf die drei be-
kannten Grundfunktionen des Denkens, des Fühlens und des Wollens, auf
die intellektuelle, die emotionelle und die voluntaristische Funktion. Diese
drei Funktionen sind aber nicht — wie häufig angenommen wird ein-
ander nebengeordnet, sondern das bewußte Wollen ist dem bewußten
Denken und Fühlen nachgeordnet. Bei jedem bewußten Erleben des
Leonardo da Vinci: Die bciligc Anna ScltJritt
1
Naturobjekt und Mcnsdienwerk
heutigen erwachsenen Menschen, etwa bei der Wahrnehmung eines blühenden
Baumes, treten das erkennende Denken und das erlebende Fühlen gleich-
zeitig und in unmittelbarer innerer Verbundenheit in Funktion, während
das bewußte Wollen erst nach einem gewissen Ablauf des Fühldenkens
aufspringen kann. So bleiben zwei Grundfunktionen des Bewußtseins:
das denkende Erkennen und das fühlende Erleben. Ihre Anordnung kann
im Schema etwa folgendermaßen verbildlicht werden:
Außeras OAJetr^
Im Laufe der Kulturentwicklung, beziehungsweise im Laufe der Ent-
wicklung des Einzelnen vom Kind zum Erwachsenen gewinnt nun der Mensch
die Fähigkeit, eine der beiden Grundfunktionen für sich zu isolieren und
sich in dieser Isolierung des Denkens oder des Fühlens auf das Objekt
gerichtet einzustellen. Die Isolierung, die „Ummauerung" der intellektuellen
Funktion und ihre vom Fühlen möglichst ungestörte Richtung auf ein äußeres
Objekt der Realität oder auf ein inneres Objekt einer Vorstellung: führt zum
wissenschaftlichen Verhalten. Die möglichste Isolierung der emotionellen
Funktion in ihrer Richtung auf das äußere oder auf das innere Objekt:
führt zum ästhetischen Verhalten. Diese Isolierungen können, bei der
ursprünglichen inneren Verbundenheit der beiden Grundfunktionen im Be-
wußtsein, natürlich nur mit relativem Gelingen durchgeführt werden. Doch
bleibt einerseits für das wissenschaftliche Verhalten spezifisch, daß Gefühls-
regungen — und die aus ihrer Verbindung mit Willensvorgängen folgenden
„Wünsche" — keinen Einfluß auf die wissenschaftliche Feststellung des
Resultates gewinnen dürfen; und daß anderseits wieder intellektuelle Über-
legungen — und aus ihrer Verbindung mit Willensregungen folgende „Zweck-
setzungen — stets das ästhetische Verhalten stören.
■1
a ß Mnx Deri
Nun kann es aber aus jeder der beiden relativ isolierten Einstellungen,
hier des denkenden Erkennens im wissenschaftlichen Verhalten, dort des
fühlenden Erlebens im ästhetischen Verhalten, unmittelbar und direkt
zu Willensentschlüssen und daraus folgenden Handlungen kommen. In
diesem Falle können aus der intellektuellen Isolierung die wissenschaft-
lichen und technischen Werke, aus der emotionellen Isolierung die
Kunstwerke erstehen. In ungefährem Schema:
; nraaem
/:■* -jVi.-i». .'-■■'■:"- ■■•■■.■ ^tSiSj^"
! KMavSetiri
Hmfknxtxr: ge- ! >?J*«»irt
£o*&sen dB Ai'nchmmta
Definition: ein Kunstwerk ist, vom Bewußten her und im idealen
Prozeß definiert: ein von einem Menschen aus isolierter Gefühls-
haltung heraus erstelltes Gebilde, das so beschaffen ist, daß es
dieses Gefühl in adäquater Formung in sich beschlossen ent-
hält — D as so erstellte künstlerische Gebilde wird zum Gefühlsträger,
und ist als solcher imstande, seine Gefühlsinhalte einem anderen Menschen
des gleichen oder eines verwandten Kulturkreises — zu vermitteln, sie
dessen Bewußtsein zu „übertragen".
b) Besondere Gefühle der „Anna Selbdritt"
So wie man beim technischen Werk aus den konstruktiven Gegeben-
heiten rückläufig die gedanklichen Überlegungen des Erfinders erschließen
kann, so vermag man beim Kunstwerke durch Einfühlung in die farb-
lichen und formalen Gegebenheiten rückläufig die Gefühle in sich wach-
zurufen, die das Bewußtsein des Künstlers beim Schaffen erfüllten. Dieser
Vorgang, der meist das „Verstehen" des Kunstwerkes genannt wird, sollte
entsprechender als „Erfühlen" des Kunstwerkes bezeichnet werden. Nimmt
man die „Anna Selbdritt" Leonardos im Ganzen in Blick und in Gefühl,
so fällt eine eigentümliche „Weitung" des Raumes vom Hintergrunde aus
nach vorne auf. Von der enge gesehenen Landschaft des Hintergrundes
:
Naturobjekt und Aicnsdicn-wcrk 27
geht es in etwas abruptem Übergang zum „ausgedehnteren" Vordergrunde.
Die gleiche „Weitung" findet man in anderen beglaubigten Werken des
Leonardo, so etwa in der Felsgrottenmadonna, in den unvollendeten Bildern
des Hieronymus und der Anbetung der Könige und am deutlichsten im
Abendmahle, in dem ein tiefer und im Hintergrunde schmaler Innenraum
nach vorne hin in einem Gefühle „auseinanderläuft", auseinanderweicht, sich
aufspannt, das wie das Aufspannen eines weiten Maules aus engem Rachen
wirkt. Durchaus verwandt mit diesem Räumlichen ist bei der Anna Selb-
dritt die „Entwicklung" der Figurenkomposition. Denkt man sich das Bild
horizontal hingelegt und damit die Figuren vertikal in die Höhe empor-
wachsend: so wachsen die Körper und die Glieder wie aus einer schmalen
Wurzelplatte, die etwa den Sitzkreis der beiden Frauenfiguren umfaßt. Wie
wenn eine Pflanzenstaude aus engem Gefäße aufwachsend sich weiten, ver-
breiten, entfalten würde: so ist das Gefühl, mit dem der Oberkörper und
die Oberschenkel der Anna, der Oberkörper und die Beine der Maria von
den Hüften ab deutlich in der Proportion größer werden. Dieses merk-
würdige Gefühl des „Anschwellens" — das alle sicher beglaubigten Bilder
Leonardos zeigen — , das Breiterwerden und Dickerwerden und Schwererwerden
nach den „Enden" hin, dieses in ihrem Volumen „Wachsende" aller Propor-
tionen: kann man am deutlichsten zum Kopf der Anna und zu ihrem linken
Arm hin, von den Hüften der Maria zu ihrem „aufgeschwollenen" Nacken,
zur „aufgeschwollenen" rechten Schulter hin, an den Füßen zu den auf-
fallend langen Zehen hin beobachten. Ja, nimmt man die Proportion des im
Schatten sichtbaren rechten Fußes der Anna in Vergleich zu dem zuge-
hörigen Unterschenkel, so erreicht der Fuß fast die Länge dieses Unter-
schenkels. Hat man dies einmal im Einzelnen erfühlt und geht dann zum
Gesamten zurück, so wachsen von der engeren Hüftzone, von der Be-
rührungsfläche der beiden Frauenkörper aus, alle Figurenteile wie leise
dynamisch, wie eben irgendwie mit prallem Safte sich füllend in einen
nach vorne hin „geweiteten" Raum. Es wirkt wie das stetige Anschwellen
eines Tones, als bliese man einen Posaunenton, piano beginnend, ihn
ständig stetig zu immer vollerem Forte verstärkend. Es wirkt wie das all-
mählige Dickerwerden einer Keule von ihrem dünneren Griff zum rund
gewölbten Kopfe hin. Wie wenn man eine zwar noch geschlossene, doch
aber schon zur Reife hin gediehene Fuchsienknospe zwischen den Finger-
spitzen auf- drückt, so daß jetzt eben sich die Blätter spannend entfalten,
die Fingerspitzen auseinander-drücken — es wirkt wie ein eben erigierendes
Glied. Nimmt man andere Bilder Leonardos zur Stärkung dieses Erleb-
5
r»
L
Ja
- ^,^_
a 3 Max Deri
nisses hinzu: so wird dies Anschwellende, dies Tumeszente, dies sich ehen
erst mit wachsend spannendem Gehalte Erfüllende völlig deutlich. 1
Aus dem gleichen Gefühle scheinen auch die Vorschriften geboren, die
Leonardo in seinem „Trattato della Pittura" den Malern für die Innen-
modellierung der Körper gibt, und die er in seinen Bildern und besonders
in seinen Zeichnungen mit so faszinierendem Erfolge anwendete. „Zuletzt
achte darauf, daß die Schatten und die Lichter ohne Striche und ohne
Ränder ineinander übergehen wie ein Rauch (a uso difumo)." Spürt man
diesem „Sfumato" in seinem Gefühle nach, spürt im besonderen, wie sich
in den nackten Körperteilen aus den durchsichtig-weichgetönten Halb-
schatten die helleren Partien leise, stetig, in lyrischer und doch allmählich
verstärkter Rundung zu hellerem Leuchten erheben, wie auch hier das
„Schwellende" eines Nackens, einer Schulter, zweier Wangen, eines Kinnes
wie aus wehendem Rauche eben „erwachsend" lebendig wird: dann wird
auch hier dies aus dünnerem Gefühle zu breiterer Kraft eben erst sich
Entwickelnde in einer leisen Berauschtheit des Erlebenden deutlich. Und
in dieses Gebiet scheint auch zum Teile das Lächeln zu gehören, das die
Frauenköpfe Leonardos seelich durchleuchtet. Die Frauenköpfe der Stilstufe
vor Leonardo zeigten das gespannte, helle, metallische Lächeln, das aus so
vielen Porträtbüsten des Quattrocento bekannt ist: das achtzehnjährige,
frische, junge, knospig herbe Mädchen spielte in der damaligen Gesell-
schaft die Hauptrolle. Die Frauenköpfe der Stilstufe nach Leonardo zeigen
1) Prinzipiell sei gesagt, daß die Formel der psychologischen Analyse eines
künstlerischen Gebildes folgenden Weg geht. Die Kunstform K erweckt im Er-
lebenden ein bestimmtes Gefühl G„ das spezifisch zu dieser Kunst-
jf V form gehört. Um dieses Gefühl möglichst eindeutig zu bezeichnen,
it assoziiert der Erlebend-Analysierende aus sein-n Gefühlserinnerungen
ein möglichst ähnliches Gefühl G g , von dem er annehmen kann, daß
Q »- G s es dem Miterlebenden aus seiner eigenen Erfahrung bekannt ist.
Dieses assoziierte Gefühl hatte seinerzeit einen bestimmten Anlaß-
träger V. Indem man nun zu diesem Anlaß, dem Vergleichsobiekt V, weiterschreitet
und es dem Hörer oder Leser nennt, erweckt man in ihm das dieser Repräsentanz
zugehörige Gefühl. Und damit erweckt man gleichzeitig, auf Grund der Ähnlichkeit
mit dem der Kunstform zugehörigen Gefühl, im Erlebenden das Gefühl der Kunst-
formung selbst, „öffnet ihm die Augen". So geht der Weg des Verstehenden den Weg
zurück, den der Analysierende genommen hatte: statt von K über G, und G 2 zu V:
von V über G a zu G, und K. Dabei ist es stets nötig, die Vergleichsobjekte und damit
die Vergleichsgefühle zu häufen, da ein spezifisches Sehgefühl niemals durch ein
Wortgefühl, also durch ein Gefühlswort wirklich adäcpiat wiedergegeben, also ein-
deutig bezeichnet werden kann. Man muß dabei die Vergleichsobjekte uud damit die
Vergleichsgefühle in der Weise zu häufen suchen, daß sie das neuerlebte spezifische
Gefühl der gesehenen Kunstform möglichst dicht „einkreisen".
Naturolijekt und JVlensdicnwerk 29
einen ernsten, schweren, zuweilen tragisch getönten Ausdruck: die reife
und voll erblühte Frau von dreißig Jahren spielte jetzt die Hauptrolle in
der Gesellschaft. Die Frauenköpfe Leonardos aber stehen auch hier mitten
inne, auf dem Wege vom schmaleren Dur zum breiteren Moll. Noch haben
sie halb jugendlichen Charakter, noch lächeln die Lippen, noch sind auch
— wie etwa bei der Mona Lisa — die Augenbrauen nach quattrocenti-
stischer Mode rasiert, um die glatt gespannte Fläche des Gesichtes nicht
durch lastende Horizontalen zu beschweren. Doch gleichzeitig ist auch
schon in den Köpfen der Anna und der Maria die Reife zu spüren, die
im Kommen ist, der Ernst, der die Lippen zu beschwerterer Lastung zu-
sammenführt, die Mundwinkel vom Fernen her leise umdunkelt. „Auf
dem Wege" also von der dünnen und gespannten Seele einer Achtzehn-
jährigen zur breiten und sonoren Seele einer Dreißigjährigen bringt Leonardo
jenes „Stärker wer den" und „Gewichtigerwerden", jenes anschwellend immer
voller Tönende, das seine rein formalen Bildungen beherrscht, auch im
Ausdruck seiner Gesichter, also im unmittelbar Seelischen seiner Figuren.
III) Soziolo gisch
1) Intellektuell
Das religiöse Bild als Träger der Kirchenmacht, als Bilderschrift für
Ungebildete, als allen sichtbarer Zielpunkt für den gemeinsamen Gottes-
dienst: also als „Einigungsmittel" und als „Machtmittel" der Kirche.
2) Emotionell
a) Allgemeines
Der große Künstler überragt den Durchschnitt der Gemeinschaftsgenossen
durch eine Doppelbegabung: erstens durch die Intensität und die Seltenheit
seiner Gefühle, zweitens durch die Fähigkeit, diese Gefühle in irgendeiner
Kunstart adäquat gestalten zu können. Das Kunstwerk ist dann weiterhin
— als Träger dieser Gefühle — imstande, sie einem anderen Mitmenschen,
dem Erlebenden, zu vermitteln. So erhält das Kunstwerk eine soziale Be-
stimmung: es bereichert die Gemeinschaftsgenossen um Gefühle, die diese
von sich selbst aus zu erleben nicht imstande gewesen wären. So wie der
Durchschnittsmensch im verstehenden Lesen eines genialen wissenschaft-
lichen Werkes gleichsam so klug wird, wie der Verfasser war; so weitet
und vertieft der ein Kunstwerk Erlebende in diesem Erleben sein eigenes
Gefühl zu der Seltenheit oder Intensität des Gefühles, das dem genialen
■
3 Max Dcri
Schaffenden eignete. Damit wird das Kunstwerk zu einem wesentlichen
Freudenhringer und Freudenmehrer der Gemeinschaft und die soziale Be-
stimmung des Künstlers ist es, für diese Lebensbereicherung der Gemein-
schaft Sorge zu tragen.
Der Boden, von dem aus dabei das gegenseitige „Verstehen" von Künstler
und Gemeinschaft erfolgt — besser: von dem aus das richtige, das „erfüllende"
Erfühlen des Kunstwerkes erfolgt — ist das allgemeine Stil-Gefühl der Zeit.
„Stil" ist dabei das Gemeinschaftsgefühl einer relativ umgrenzten Gruppe
von Menschen in einer relativ umgrenzten Zeitspanne.
b) Besonderes
Die stilmäßige Funktion, die die Anna Selbdritt sowie die übrigen Bilder
Leonardos in der Generation zwischen 1480 und 1510 erfüllen, kann nicht
verständlich werden, ohne weit hinter diese Zeit zurückzugehen.
Bis etwa um 1300 war das herrschende Stilgefühl die Gotik gewesen:
das aufs Höchste sublimierte und verfeinerte Gefühl einer feudalen Ober-
schicht, der Geistlichkeit und des Rittertums. Als Folge der Kreuzzüge —
1100 bis 1300 — , die einen Goldstrom vom Orient ins Abendland brachten,
war — besonders auf dem Hauptwege der Kreuzzüge : in Italien — seit dem
dreizehnten Jahrhundert eine neue gesellschaftliche Schicht, das privat-
kapitalistische Bürgertum entstanden: Kreuzzugsgewinnler. Dieses städtische
Bürgertum depossedierte allmählich, in Vorstößen und Rückschlägen, die
kirchliche und weltliche Feudalaristokratie und verdrängte sie, auf Grund
seines starken wirtschaftlichen Aufstieges, aus den politischen Machtpositionen.
Das Lebensgefühl dieser ungebrochen starken Neukommer aber war dem
hochkultivierten, ja bereits reichlich dekadenten lyrischen Feinheitsgefühle
der gotischen Gesellschaft diametral entgegengesetzt: es war, dem Aufstiege
aus tieferen Schichten entsprechend, brutal, stark, kräftig, diesseitig. Da
sich nun die Kirche gegen die allmähliche Aufnahme des neuen Lebens-
gefühles in ihre Kunstwerke sträubte, kam es zur „Stauung" und damit
zum revolutionären Durchbruche des Neugefühles, vorerst in Italien. Giotto
i n den Fresken der Arenakapelle in Padua vom Jahre 1305 — ist der
erste Repräsentant dieses jungen, privatkapitalistischen Bürgertums und seines
neuen Lebensgefühles, das „Renaissance" genannt wurde. Seine Bilder zeigen
die fast brutale Kraft, die die neue Schicht noch ungebrochener, eben erst
in die Kultur eintretender Menschen revolutionär dem aristokratischen
Feinheitsgefühle der alten, hochkultivierten, feudalen und geistlichen Führer-
schicht entgegenstellte. Da nun dieser Kraftschlag ohne jeden vermittelnden
^
Naturobjekt und Mcnsdienwcrk •**
stetigen Übergang dem früheren Stilgefühle entgegengeworfen wurde, mußte
es — nach dem Gesetze der Stetigkeit jeder Entwicklung — zur Reaktion
kommen, die jede Revolution im Gefolge hat.
Diese erste Reaktion zum Gotischen erfüllte die zweite Hälfte des vier-
zehnten Jahrhunderts und gipfelte in dem gotischen Reaktionär Fra Angelico.
der bis 1455 lebt. Doch die Reaktion zum alten gotischen Feinheitsgefuhle
ging zu weit, stellte das alte Gefühl nahezu vollständig wieder her: so
mußte es zu einer zweiten Revolution kommen. Hundert Jahre nach dem
ersten Renaissancemaler Giotto, zwischen 1400 und 1450, brachen der Bau-
meister Brunelleschi (Domkuppel in Florenz), der Maler Masaccio und seine
Schule, der Bildhauer Donatello zum zweiten Male abrupt und unstetig
gegen die wiedererstarkte Gotik vor: wiederum wurde der neue privat-
kapitalistisch-bürgerliche Kraftstil brutal der feinen gotischen Lyrik ent-
gegengeworfen. So mußte die zweite Reaktion zur Gotik kommen, deren
Hauptträger Botticelli und Verrocchio wurden. Doch diese zweite Reaktion
zum Gotischen war nun eine „gesunde": sie führte nicht zur völligen
Wiederherstellung und Wiederkehr des Gotischen, sondern sie blieb eine
Teilreaktion. War — formelhaft gefaßt — das rein gotische Gefühl „fein
und weich", das revolutionäre Renaissancegefühl „stark und hart" gewesen:
so ist die zweite Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts „fein und hart".
Dieser reaktionäre Stil entnimmt also nur eine seiner Gefühlskomponenten,
die „Feinheit", dem alten Gotischen, verbindet sie mit der „Härte", also
mit einer der Gefühlskomponenten der neuen Renaissance: und stellt damit
die Stetigkeit der Entwicklung wieder her.
Der Schüler Verrocchios nun, also dieses halb im Gotischen, halb im
neuen Gefühle lebenden Repräsentanten, war Leonardo. Und seine unerhörte
Mission und seine kaum hoch genug zu schätzende Tat waren es - vom
Soziologischen, also vom allgemeinen Gemeinschaftsgefühle her gesehen — ,
daß er nun nicht abermals abrupt und revolutionär den neuen Kraftstil
propagierte: sondern daß er in stetiger „Weitung" und Vergrößerung und
Verdichtung und beschwerender „Anschwellung" aus dem „dünnen Gefühle
Botticellis und Verrocchios in das große, gewichtige und monumentale Stark-
gefühl Michelangelos überleitete. So wurde er der Mittler und Vermittler
zum endgültigen Siegesgefühle des städtischen Bürgertums über den Feudal-
adel, wurde der „Übergangsmeister" zur Hochrenaissance.
Erst von hier aus erhält also das so eigentümlich „gehemmt wachsende ,
für das persönliche Erleben so außerordentlich reizvolle, es so stark be-
reichernde individuelle Bildgefühl Leonardos seine breitere soziologische
3a Max Den
Gründung. Leonardos „Zaghaftigkeit" ist ja — siehe die nachstehende analy-
tische Betrachtung — im Tiefsten individuell gegründet und bedingt gewesen.
Doch sie wurde für die Zeit und ihre Kunst — trotz dem Minimalen der
künstlerischen Produktion dieses siebenundsechzigjährigen Lebens: er malte
kaum ein Dutzend Bilder, von denen mindestens ein Drittel unvollendet
blieben — stilmäßig so außerordentlich fruchtbar, weil sie die soziale Mission
erfüllte, durch die Vermeidung einer abermaligen „Revolution der Gemein-
schaft eine abermalige „Reaktion" zu ersparen. Faßt man das Gesagte in
einige Sätze zusammen, so kann man die soziologische Funktion von Leo-
nardos individuellem Schaffen etwa folgendermaßen beschreiben:
Die Stilstufe vor Leonardo war fein und hart gewesen, die Figuren wie
aus Metall getrieben, voll dünner innerer Spannung. Das Ziel aber, dem
der neue Stil seit 1300 zustrebte, war ein Starkstil, wollte Größe und Breite,
Majestät und „Gewichtigkeit". Indem nun Leonardo in langsamem Größer-
werden, Gewichtigerwerden, Wachsen und Anschwellen die dünnen und
gespannten Formen stetig zur Breite und Größe entwickelte, schuf er die
Basis für Michelangelo, der dann in seiner Monumentalität und maestä der
Gefühlsrepräsentant des siegenden Bürgertums wurde. Leonardos „Stilgefühl
ist also das Stilgefühl des sich endgültig in seiner Herrschaftsstellung sichern-
den und behauptenden privatkapitalistischen Bürgertums.
Diese soziologische Interpretation, die Leonardos Stellung in der allgemeinen
Stilentwicklung zu klären versucht, scheint seiner einmaligen Persönlichkeit wenig
Spielraum zu lassen. Doch dieser Anschein entsteht immer und muß entstehen,
wenn ein großer Künstler gleichzeitig zum ersten Träger eines neuen Stilgefühles
wird — was keineswegs immer der Fall ist. Es gab und gibt bedeutende Künstler,
deren persönliche Art so sehr dem Zeitstile entgegensteht, daß sie Außenseiter
bleiben und dadurch weit individueller, einmaliger und eigenwilliger wirken
können, als individuell größere Künstler, die sich dem Zeitstile einordnen. Es
kommt in dieser Frage darauf an, ob ein künstlerisch bedeutend Veranlagter
„zur rechten Zeit geboren ist", so daß sich seine persönliche Artung mit dem
Gefühle der Zeit verträgt, tendenzmäßig dieselbe Richtung aufweist. In diesen
Fällen lehrt die Erfahrung, daß — soziologisch gesehen — der große Künstler
bloß die beste und empfindlichste Antenne des neu erstehenden Gemeinschafts-
gefühles ist: er vermag damit als Erster jene Gefühle zu formen und klar heraus-
zustellen, die die Gemeinschaft erst dunkel ahnt, die noch halb unbewußt in
ihr schlummern, ihr Gefühlsleben eben erst zu orientieren beginnen. Damit
bestätigt und erlöst der große Künstler diese neuen Gefühle, treibt sie zur Reife,
stärkt sie und führt sie zu klarer Bewußtwerdung bei allen. Von hier aus ge-
sehen bildet also dieses neue Gemeinschaftsgefühl, der jeweilige „Stil", den Kern
der Darstellung jedes großen und gleichzeitig führenden Künstlers, und seine
einmalig individuellen Züge erscheinen nur als Fransen, als „fringes", die
Naturobjekt und Mensdicnwerk 33
stilmäßig, also soziologisch gesehen — als minder Wichtiges diesen Kern um-
lagern. Formelmäßig gefaßt: die Hochrenaissance wäre, als Gefühlsgestaltung
des siegenden Bürgertums, in ihrem Wesentlichen auch entstanden, wenn Leo-
nardo und Michelangelo und Raffael als kleine Kinder gestorben wären. Es
würden in diesem Falle dem Bilde der Hochrenaissance die individuellen Züge
dieser drei fehlen; doch im Kerne, in ihrer „maestä" wäre sie als Zeitstil in
gleicher Weise entstanden. Man durchschaut diese Situation am klarsten beim
eigenen Zeitstile der Gegenwart, da ja in diesem Falle jeder in seiner Zeit
Lebendige das Stilgefühl selbst in sich trägt. So heben sich etwa in der Baukunst
der Gegenwart selbst die größten Künstler nur in ihrer persönlichen Differenz von
den anderen ab. Für frühere Zeiten aber lernen wir ja das jeweilige Gemeinschafts-
gefühl, da wir es nicht ohneweiters selbst in uns tragen, erst durch die
großen Künstler der Vergangenheit kennen: so daß hier dem Individuum zu-
geschrieben zu werden pflegt, was Gemeinschaftsleistung ist.
Die unerhörte, weite Wirksamkeit, die Leonardo, trotz der außerordentlichen
Spärlichkeit seines Schaffens, in seiner Zeit gewann, ist zum größten Teil darauf
zurückzuführen, daß seine persönliche Artung so sehr dem Übergangscharakter
der Zeit entsprach und entgegenkam. Und gerade daran, daß seinen bedeutenden
wissenschaftlichen Erkenntnissen beiweitem nicht die Wirksamkeit seiner künst-
lerischen Taten zukam, mag man ermessen, wie sehr er für die ersteren zur
falschen Zeit, nämlich zu früh geboren war und wie sehr bei den zweiten das
Glück des zur rechten Zeit Geborenseins Einfluß und Wirksamkeit seiner Werke
ins Außerordentliche weitete.
IV) Analytisch
Die Abhandlung von Freud: „Eine Kindheitserinnerung des Leonardo
da Vinci" (Ges. Sehr. Bd. IX, S. 369 ff.) gilt der Analyse von Leonardos
Gesamtpersönlichkeit und befaßt sich nur zu einem kleinen Teile — sieben
Seiten von dreiundachtzig — mit der „Anna Selbdritt". Es geschieht dies in
der zweiten Hälfte des vierten Kapitels. In der ersten Hälfte dieses Ab-
schnittes behandelt Freud das Lächeln der Mona Lisa. Freud führt dieses
Lächeln auf früheste Kindheitserinnerungen des Leonardo zurück. „Es mag
also so gewesen sein, daß Leonardo vom Lächeln der Mona Lisa gefesselt
wurde, weil dieses etwas in ihm aufweckte, was seit langer Zeit in seiner
Seele geschlummert hatte, eine alte Erinnerung wahrscheinlich. Diese Er-
innerung war bedeutsam genug, um ihn nicht mehr loszulassen, nachdem
sie einmal erweckt worden war; er mußte ihr immer wieder neuen Aus-
druck geben. Die Versicherung Paters, daß wir verfolgen können, wie sich
ein Gesicht wie das der Mona Lisa von Kindheit auf in das Gewebe
seiner Träume mischt, scheint glaubwürdig und verdient wörtlich verstanden
zu werden" (S. 425). „Wir erfahren also, daß seine Kunstübung mit der
%i Max Dcri
Darstellung von zweierlei Objekten begann, die uns an die zweierlei Sexual-
objekte mahnen müssen, welche wir aus der Analyse seiner Geierphantasie
erschlossen haben. Waren die schönen Kinderköpfe Vervielfältigungen seiner
eigenen kindlichen Person, so sind die lächelnden Frauen nichts anderes
als Wiederholungen der Catarina, seiner Mutter, und wir beginnen die
Möglichkeit zu ahnen, daß seine Mutter das geheimnisvolle Lächeln besessen,
das er verloren hatte, und das ihn so fesselte, als er es bei der Florentiner
Dame wiederfand" (S. 425 und 426).
An diese unbewußte Gründung des Lächelns der Mona Lisa in die
Erinnerung an früheste Kindertage Leonardos schließt dann Freud die Be-
sprechung des Anna-Selbdritt-Bildes an. „Bei Leonardo sitzt Maria auf dem
Schöße ihrer Mutter vorgeneigt und greift mit beiden Armen nach dem
Knaben, der mit einem Lämmchen spielt, es wohl ein wenig mißhandelt.
Die Großmutter hat den einen unverdeckten Arm in die Hüfte gestemmt
und blickt mit seligem Lächeln auf die beiden herab. Die Gruppierung ist
gewiß nicht ganz ungezwungen. Aber das Lächeln, welches auf den Lippen
beider Frauen spielt, hat, obwohl unverkennbar dasselbe wie im Bilde der
Mona Lisa, seinen unheimlichen und rätselhaften Charakter verloren; e6
drückt Innigkeit und stille Seligkeit aus" (S. 427).
„Bei einer gewissen Vertiefung in dieses Bild kommt es wie ein plötz-
liches Verständnis über den Beschauer: nur Leonardo konnte dieses Bild
malen, wie nur er die Geierphantasie dichten konnte. In dieses Bild ist
die Synthese seiner Kindheitsgeschichte eingetragen; die Einzelheiten des-
selben sind aus den allerpersönlichsten Lebenseindrücken Leonardos erklär-
lich. Im Hause seines Vaters fand er nicht nur die gute Stiefmutter Donna
Albiera, sondern auch die Großmutter, Mutter seines Vaters, Monna Lucia,
die, wir wollen es annehmen, nicht unzärtlicher gegen ihn war, als Groß-
mütter zu sein pflegen. Dieser Umstand mochte ihm die Darstellung der
von Mutter und Großmutter behüteten Kindheit nahebringen. Ein anderer
auffälliger Zug des Bildes gewinnt eine noch größere Bedeutung. Die heilige
Anna, die Mutter der Maria und Großmutter des Knaben, die eine Matrone
sein müßte, ist hier vielleicht etwas reifer und ernster als die heilige Maria,
aber noch als junge Frau von unverwelkter Schönheit gebildet. Leonardo
hat in Wirklichkeit dem Knaben zwei Mütter gegeben, eine, die die Arme
nach ihm ausstreckt, und eine andere im Hintergrunde, und beide mit
dem seligen Lächeln des Mutterglückes ausgestattet" (S. 427 und 428).
„Leonardos Kindheit war gerade so merkwürdig gewesen wie dieses Bild.
Er hatte zwei Mütter gehabt; die erste seine wahre Mutter, die Catarina,
Naturobjekt und Menscnenwerk 35
der er im Alter zwischen drei und fünf Jahren entrissen wurde, und eine
junge und zärtliche Stiefmutter, die Frau seines Vaters, Donna Albiera.
Indem er diese Tatsache seiner Kindheit mit der ersterwähnten, der An-
wesenheit von Mutter und Großmutter, zusammenzog, sie zu einer Misch-
einheit verdichtete, gestaltete sich ihm die Komposition der heiligen Anna
Selbdritt. Die mütterliche Gestalt weiter weg vom Knaben, die Großmutter
heißt, entspricht nach ihrer Erscheinung und ihrem räumlichen Verhältnis
zum Knaben der echten früheren Mutter Catarina. Mit dem seligen Lächeln
der heiligen Anna hat der Künstler wohl den Neid verleugnet und über-
deckt, den die Unglückliche verspürte, als sie der vornehmeren Rivalin wie
früher den Mann, so auch den Sohn abtreten mußte. So wären wir von
einem anderen Werke Leonardos her zur Bestätigung der Ahnung gekommen,
daß das Lächeln der Mona Lisa del Giocondo in dem Manne die Erinnerung
an die Mutter seiner ersten Kinderjahre erweckt hatte" (S. 428 und 429).
Versucht man an diesem Bilde die Figuren der Anna und der Maria
voneinander abzugrenzen, so gelingt dies nicht ganz leicht. Man möchte
sagen, beide sind so ineinander verschmolzen wie schlecht verdichtete Traum-
gestalten, so daß es an manchen Stellen schwer wird zu sagen, wo Anna
aufhört und wo Maria anfängt. Was so vor der kritischen Betrachtung als
Fehlleistung, als ein Mangel der Komposition erscheint, das rechtfertigt sich
vor der Analyse durch Hinweis auf seinen geheimen Sinn. Die beiden Mütter
seiner Kindheit durften dem Künstler zu einer Gestalt zusammenfließen.
Es ist dann besonders reizvoll, mit der heiligen Anna Selbdritt des Louvre
den berühmten Londoner Karton zu vergleichen, der eine andere Komposition
desselben Stoffes zeigt. Hier sind die beiden Muttergestalten noch inniger
miteinander verschmolzen, ihre Abgrenzungen noch unsicherer, so daß Be-
urteiler, denen jede Bemühung einer Deutung ferne lag, sagen mußten, es
scheine, ,als wüchsen beide Köpfe aus einem Rumpf hervor' " (S. 429, Anm.).
Aus dem hier Angeführten fällt nun auf einige jener Eigentümlichkeiten
des Bildes klärendes Licht, denen wir innerhalb des phänomenalen und des
psychologischen Abschnittes begegnet sind. Vorerst werden die Mängel in
der kompositioneilen Durcharbeitung des formalen Grundproblemes, des
Sitzens der Maria auf dem Schöße der Anna verständlich — wenngleich
ein solches Verständnis niemals einem ästhetischen Mangel abzuhelfen
vermag. Die Unklarheit in der Zusammenordnung der beiden Frauenfiguren
wird als die zweier „schlecht verdichteter Traumgestalten" erkennbar, und
zwar als die der beiden Mütter Leonardos, die dem Künstler „zu einer
Gestalt zusammenfließen". Dann werden die viel bemerkte Gleichaltrigkeit
36 Max Dcri
der beiden Frauen sowie ihr gleicherweise gütiges und liebevolles Lächeln
daraus verständlich gemacht, daß Leonardo dem Knaben „zwei Mütter gegeben
hat, eine, die die Arme nach ihm ausstreckt, und eine andere im Hintergrunde,
und beide mit dem seligen Lächeln des Mutterglückes ausgestattet".
Über dies Spezielle des einzelnen Bildes hinaus kann aus Freuds Abhand-
lung auch die allgemeinere Tatsache begründet werden, daß sich Leonardo
so leicht und so widerstandslos in die Rolle des Übergangsmeisters gefügt
hat, der stetig und allmählich aus einer Stilgepflogenheit in die andere
hinüberleitete, ohne irgendwie „revolutionär gegen die „Kunst der Väter"
aufzutreten. Denn erstens hatte er in den entscheidenden Jahren den „strengen
Vater", den Rivalen, der sonst zwischen Mutter und Sohn steht, nicht kennen-
gelernt,einander
nehmen, bedenkt man das Netz dieser Reaktionen durch die ganze Genese
eines künstlichen Sachverhaltes, also oft durch Jahrhunderte, ja durch Jahr-
tausende hindurch: so erhält man das Bild einer ganz außerordentlichen
Kompliziertheit. Dieser Reichtum der tatsächlichen Relationen zwingt zur
Einsicht, einen wie kleinen Teil nur des Wirklichen derjenige faßt, der
menschlich zivilisatorisches und kulturelles Geschehen bloß von einem
Standpunkt aus betrachtet: sowohl der rein phänomenal beschreibende
Historiker, der die Objekte nur sammelt und ordnet; wie der experimentelle
und introspektive Psychologe, der bloß die bewußten individuellen Gründe er-
forscht ; wie der Soziologe, der ausschließlich die breitere Bettung in das Gemein-
schaftsleben bringt; wie aber auch der Psychoanalytiker, der allein die deter-
minierenden Wurzeln des Unbewußten aufdeckt. Da nun heute wohl nur für
die allereinfachsten Fälle ein Einzelner imstande wäre, die Behandlung eines
Problemes von allen vier Schichten aus, als Historiker, als Psychologe, als
Soziologe und als Analytiker — und all dies von den Ursprüngen bis zur
Gegenwart — befriedigend durchzuführen: scheint auch von hier aus die
bewußte Trennung aller geisteswissenschaftlichen Aufgaben in die vier
Problemkreise von Vorteil. Denn sowohl für die richtige Abfassung wie
auch für die richtige Auffassung einer wissenschaftlichen Untersuchung ist
es vorteilhaft, nicht nur den Problemkreis klar zu sehen, den die Arbeit
behandeln soll, sondern auch zu wissen, was alles die vorliegende Unter-
suchung in gewußter Ausschaltung beiseite läßt.
r^
38 Den : Naturobjclt un d Men«fccnwerk
So erweist sich auch von hier aus wieder einmal, um wie vieles schwieriger
die Arbeit des Kulturwissenschaftlers ist, als die des Naturwissenschaftlers.
Während dieser in der theoretischen Nominierung des „reinen Falles" und
in seiner angenäherten Realisierung im willkürlich anzuordnenden Experi-
ment ein bequemes Mittel besitzt, sich ein überschaubares Untersuchungs-
feld zu schaffen, wird die Fülle der Probleme nahezu unübersehbar und
kaum durch experimentelle Einengung besser beherrschbar, sowie die
Schöpfungen der menschlichen Psyche mit in den Kreis des Interesses
treten.
Humboldt-Universität zu Bsriin
Universitätsbibliothek
Zweigbibiicrtbek Philoeophi» und
Kutturwissenscfiaften
Unter den Linden 9
10099 BerHn
v_
Innaltsverzeicnn is
Seite
Vorbemerkung
1) Ich und Außenwelt
2) Natürliche und künstliche Sachverhalte 5
3) Die phänomenale Betrachtung
4) Existenziale und historische phänomenale Betrachtung •
5) Kausale Betrachtung
6) Existenziale und historische kausale Betrachtung 9
7 ) Trennung der natürlichen von den künstlichen Sachverhalten in der kausalen
Betrachtung
8) Die kausale Betrachtung der natürlichen Sachverhalte 10
Einschaltung: Weltanschauliche Konsequenzen > 2
9) Die kausale Betrachtung der künstlichen Sachverhalte 14
10) Die drei Kausalschichten bei künstlichen Sachverhalten 16
1,) Die wissenschaftliche Notwendigkeit der dreifachen Kausalierung künstlicher
Sachverhalte 19
12) Die Einbettung der künstlichen Sachverhalte in die Realität 20
15 ) Beispiele für die vierfache Betrachtung künstlicher Sachverhalte 20
A) Beispiel aus dem technischen Gebiet: Der Pflug 21
I) Phänomenal
II) Psychologisch
1) Intellektuell 21
2) Emotionell
III) Soziologisch
1) Intellektuell 22
2) Emotionell "
IV) Analytisch ' *," " " 25
B) Beispiel aus dem bildkünstlerischen Gebiete: Leonardo, Anna Selbdntt,
Louvre, Paris
I) Phänomenal '
II) Psychologisch
1) Intellektuell 24
2) Emotionell
a) Allgemeine Definition des Kunstwerkes 2 4
b) Besondere Gefühle der Anna Selbdritt 2 °
III) Soziologisch 29
1) Intellektuell 29
' ,, 29
2) Emotionell
...... *.*>
IV) Analytisch
14) Zusammenfassung
iia
iSigm. F reu d
Vjesammelte -Schriften
Elf Bände in Lexikon format
Unter Mitwirkung des Verfassers herausgegeben
von Anna Freud und A. J. iStorfer
I) Studien über Hysterie / Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 1892—1899
II) Die Traumdeutung
HI) Ergänzungen und Zusatzkapitel zur Traumdeutung / Über den Traum / Beiträge
zur Traumlehre / Beiträge zu den „Wiener Diskussionen«
IV) Zur Psychopathologie des Alltagslebens / Das Interesse an der Psychoanalyse /
Über Psychoanalyse / Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
V) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie / Arbeiten zum Sexualleben und zur Neu-
rosenlehre / Metapsychologie
VI) Zur Technik / Zur Einführung des Narzißmus / Jenseits des Lustprinzips / Massen-
psychologie und Ich-Analyse / Das Ich und das Es / Anhang
VJJ) Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse
VIII) Krankengeschichten
IX) Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten / Der Wahn und die Träume
in W. Jensens „Gradiva" / Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci
X) Totem und Tabu / Arbeiten zur Anwendung der Psychoanalyse
XI) Schriften aus den Jahren 1923—1926 / Geleitworte zu fremden Werken / Gedenk-
artikel / Vermischte Schriften / Schriften aus den Jahren 1926 — 1928
In Ganzleinen M. aao.—, in Halhleder 2& 380.—
Hermann Hesse in der »Neuen Rundschau«: Eine grofje, schöne
Gesamtausgabe, ein würdiges und verdienstvolles Werk wird da unter
Dadi gebracht.
Prof. Ray mund S di midt in Aen »Annalcn der Philosophie«: Druck
id Ausstattung sind geradezu aufregend schön.
un
Int
Jniversitätsbibliothek der HU Berlin
01321100059858
rl
ag
Zweigbibliothek Philosophie
iSigm. Freud
Cr e s ammelt e Ochrilten
E-lf Bände in Lexikon lormat
Unter Mitwirkung des Verfassers herausgegeben
von Anna Freud und A.J.5torfer
I) Studien über Hysterie / Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 1892—1899
II) Die Traumdeutung
III) Ergänzungen und Zusatzkapitel zur Traumdeutung / Über den Traum / Beiträge
zur Traumlehre / Beiträge zu den „Wiener Diskussionen"
IV) Zur Psychopathologie des Alltagslebens / Das Interesse an der Psychoanalyse /
Über Psychoanalyse / Zur Geschiebte der psychoanalytischen Bewegung
V) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie / Arbeiten zum Sexualleben und zur Neu-
rosenlehre / Metapsychologie
VI) Zur Technik / Zur Einführung des Narzißmus / Jenseits des Lustprinzips / Massen-
psychologie und Ich-Analyse / Das Ich und das Es / Anhang
VII) Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse
VIII) Krankengeschichten
IX) Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten / Der Wahn und die Träume
in W. Jensens „Gradiva" / Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci
X) Totem und Tabu / Arbeiten zur Anwendung der Psychoanalyse
XI) Schriften aus den Jahren 1923—1926 / Geleitworte zu fremden Werken / Gedenk-
artikel / Vermischte Schriften / Schriften aus den Jahren 1926—1928
•
In Ganzleinen M. aao.—, in Halbleder .M 280.—
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Gesamtausgabe, ein würdiges und verdienstvolles Werk wird da unter
Dach gebradit.
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und Ausstattung sind geradezu aufregend schön.
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