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Full text of "Naturobjekt und Menschenwerk. Über einen Unterschied in der wissenschaftlichen Betrachtung natürlicher und künstlicher Sachverhalte."

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JV\.ax _L)eri 

^Naturobjekt und 
JVi^enscnenwerk 



über einen Unterschied in der 

wissenschaftlichen Betrachtung natürlicher 

und künstlicher Sachverhalte 



Internationaler 

Psychoanaly tiscner Verlag 

Wien 






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±Slaturobjekt und jMlenscn 



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Über einen Unterschied in der wissenschaftlichen Betrachtung 
natürlicher und künstlicher Sachverhalte 



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Max Der! 



Bcrlii 



SonderabdruJc aus „Imago, ZcitsJirifl für Anwendung der 
Psychoanalyse auf die Natur- und Geisteswissensdiaften" 
(herausgegeben von Sigm. Freud), Bd. XVII (ip?i) 



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Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

"Wien 



Alle Rechte, 

insbesondere die der Übersetzung, 

vorbehalten 



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Un!versit8!sbib!!othek 
^vi^. *■■ 1 3 5 n s C^J-, 




Druck: Christoph Reisser's Söhne, Wien V 



Vorbemerkung 

Es kann sich für den Bearbeiter jedes geisteswissenschaftlichen Gebietes 
als notwendig erweisen, neben den Fragen seines eigentlichen Faches auch 
Problemstellungen benachbarter Gebiete zu berücksichtigen. Für du, Kunst- 
wissenschaft etwa, das SpeziaJgebiet des Verfassers, wurden in den letzten 
Jahrfünften psychologische, soziologische und psychoanalyttsche Frage- 
stellungen wichtig. Es ergaben sich dabei mancherlei Schwierigketten, dre 
bewußtseinspsychologischen und soziologischen Gesichtspunkte m« den 
psychoanalytischen störungslos zu vereinigen. Das Folgende stell. : « n Ver 
Ich dar, die verschiedenen Arten der Fragestellung in leicht durch schau- 
barer Ordnung so miteinander zu verbinden, daß jeder ihr MW 
ohne daß der anderen das Konzept verdorben wird. Und zwar schemt dam t 
ein Arbeitsscheue gegeben, das nicht nur bei der wissenschaftlichen Behand- 
tang von Kunstwerken, sondern bei der aller von Menschen stammenden 
Werke mit Vorteil angewendet werden kann. Das Neue, das versucht wrrd, 
bringt also im wesentlichen keine neuen sachlichen Ergebnisse sondern 
nur deren methodische Anordnung für die jeweilige Arbeit. Die Tatsachen 
selbst sind dem Wissenschaftler zum größeren Teil bereits bekannt 

Der erste Teil referiert die wissenschaftliche Behandlung naturheher 
Sachverhalte (Naturwissenschaft); der zweite Teil erörtert die Methode nach 
der heute noch alle künstlichen Sachverhalte wissenschaftlich behandelt 
„erden müssen (Geisteswissenschaften oder Kulturwissenschaften). 






Max Der! 



l) Ick und Außenwelt 

Für das Bewußtsein des erwachsenen Einzelmenschen zerfällt die Welt 
in eine Zweiheit: in das eigene Ich und in die Außenwelt um dieses Ich 

her Schon bei der Einführung dieser ersten „scharfen Trennung" zweier 
Gebiete sei prinzipiell und für alles Folgende bemerkt, daß diese sowie 
alle noch folgenden Einteilungen rein begrifflichen, also rein ideellen 
Charakter besitzen. Sie werden nötig, um überhaupt Wissenschaft treiben 
zu können. Denn mag die Realität auch für unsere makroskopische Wahr- 
nehmung wohl ausnahmslos kontinuierlich sein: die Begriffe, mit denen 
diese kontinuierliche Realität zum Zwecke der wissenschaftlichen Erkenntnis 
bezeichnet werden muß, sind unbedingt diskreter Natur. „Die Schärfe der 
Begriffe besteht in ihrer Diskretion von anderen Begriffen, die Verschwommen- 
heit alles Realen besteht in seiner Kontinuität, die keine absolut scharfen 
Grenzen duldet" (Schlick: Allgemeine Erkenntnislehre, 2. Aufl., 1 925, S. 133). 
Soll also überhaupt Erkenntnis von der Natur, also Realwissenschaft möglich 
sein so wird sie auf keine andere Weise möglich, als daß man den kontinuier- 
lichineinander übergehenden Realitäten scharf getrennte, diskrete Begriffe zu- 
ordnet. Hiebei muß notwendigerweise das jeweilige Übergangsgebiet vorerst 
vernachlässigt werden. Im nachhinein ergibt sich dann stets die Möglich- 
keit es eben als Zwischengebiet - je nach dem Zwecke der Untersuchung - 
entweder von der einen oder von der anderen Seite her der begrifflichen 
Bearbeitung zu unterwerfen. Demgemäß wird jedes Ubergangsgebiet durch 
^Möglichkeit charakterisiert, bis zu einem gewissen Grade durch zwei 
Klassen von Begriffen eindeutig bezeichnet werden zu können. 

zeigt auch die erste Teilung, die zwischen Ich und Außenwelt, «n. 
Zone die sowohl zum Ich wie auch zur Außenwelt gerechnet werden kanr. 
unseren Körper. Je nach dem Zwecke der Untersuchung kann £*£<£ ! 

die eigene Hand oder der eigene Fuß als ob,ektiv äußeres Gebilde oder 
aber als zum Ich gehörig betrachtet werden^ wichen 

Um nun für das Folgende möglichste Durchsichtigkeit zu erreichen, 
nehmen wir vorerst an der „Außenwelt" einige Vereinfachungen vor. 



Naturotjckt und Mcnsdienwcrk 



Dia Außenwelt umfaßt für den Einzelnen: die anderen Mensehen, die 
Tiere und die „leblosen" Dinge und Vorgänge. _ m 

Als erstes vernachlässigen wir alle Übergänge zwischen Lebendigem 
und „Totem«. Dabei fassen wir das „Tote" als dasjenige, dem kein Be- 
wußtsein« eigne,, und stellen es allem Lebendigen, also allem mit einem 
Bewußisein Ausgestatteten scharf geschieden gegenüber^ 

So zerfällt uns die dem Ich gegenüberstehende Außenwelt m Belebtes 

"In^rhärbTes Belebten nun wieder schalten wir für alles Folgende die 
Tiere mit ihrem Bewußtsein aus. Wir vernachlässigen dam« wieder alle 
£ne Übergänge, die von der Einteile zum Menschen führen und stellen 
den Menschen der toten Natur kraß gegenüber. 

Uno schließlich nehmen wir als letzte Vereinfachung an daß sich die 
Menschen einer relativ begrenzten Kulturstufe in der Grundstruktur ihres 
Psychischen genügend ahnein, um - bezüglich dieser Grundstniktur - 
wechselseitig füreinander eintreten zu können. Nehmen wir diese Ver- 
tauschbarkef, der Persönlichkeit für alle Mitglieder einer relativ geschlossenen 
Kulturstufe an, so können wir a„e diese Einzelnen jeweils ^ als : gesch ossene 
Gruppe» aus der übrigen Natur herausheben und dieser in ähnlicher Em 
heitBchkeit gegenüberstellen, wie wir dies mit unserem Einzel-Ich gegen- 
über der übrigen Natur tun: das Verfahren der Soziologie. 

Damit zerfallt uns die Welt in zwei Bezirke, die kraß einander gegen- 
überstehend gedacht werden. Auf der einen Seite steht der Bezirk aller 
tb ndigen Menschen«, sowohl der Individuen wie der Kolcktive; wobei 
t beide" als erwiesen angenommen wird, daß ihnen sowohl ein Bewußt« 
wie ein Unbewußtes eigne,. Auf der anderen Seite stehen <^T>^_ 
l0 sen Realitäten, also alle „toten Dinge und Vorgänge ; wobei als gemein 
same Bezeichnung für die relativ dauernden Dinge und für die rasch vor 
übergehenden Vorgänge der Name „Sachverhalt gewählt wird. 

2) Natürlidie un<J künstWie Sachverhalte 

Betrachtet man zuers, diese „,o,en Dinge und Vorgänge" der realen 
Außenwelt näher, so zerfallen sie abermals in zwei Gruppen: in die von 
Natur aus daseienden und in die vom Menschen gemachten Sach- 
verhalte. Wir wollen die ersten die „natürlichen«, die zweiten die „künst- 
lichen« Sachverhalte nennen. 






Beispiele für „natürliche Sachverhalte" wären etwa Bäume, Berge, Flusse, Ge 
witter, Erdbeben, Jahreszeiten . . . Beispiele für „künstliche Sachverhalte geben 
etwaWege, Felder, Werkzeuge, Häuser, Kleiderröcken , Maschinen, Religionen. 
Philosophien, wissenschaftliche Theorien, Symphonien, Gedichte, Bildwerke . . . 

Auch bei dieser Zweiteüung sehen wir davon ab daß die beiden Gruppen 
stetig ineinander übergehen. Die „Grenze" wäre in diesem B«*»ft« «* 
schwerer zu ziehen als in allen anderen. So waren beispielsweise kaum exakt 
zu trennen: die etwa durch eine vulkanische Bodenhebung naturgemäß er- 
rungene Abweichung eines Flußlaufes - von der durch anschliche Tat^ 
Lit bewirkten Umleitung; die Entwaldung emes Gebirgsstockes, etwa durch 
emen Gletscherstrom - von der Abholzung durch die Menschen wobei sich 
düe Anhörung wieder ohne die Mitwirkung von Regen und Wind nicht zur 
heutigen völligen Kahlheit ausgewirkt hätte; die Veränderung einer Pflanze als 
FoS des Verschleppens ihres Samens durch Wind oder Wasser ui andere klima- 
Sfe GeMete -von der Veränderung, die sie durch das Verbringen von 
Menschenhand aus erfahren hat. Bei der außerordentlich weiten Einflußnahme 
SieTer Mensch im Laufe der Jahrtausende an so vielen SteUen der Erde auf 
"o viele irdische Sachverhalte getätigt hat, ist das Zwischengebiet zwischen 
natürlichen und künstlichen Sachverhalten kaum mehr übersehbar. Ist ein Apfel 
oder sonst eine „gezüchtete" Naturfrucht ein natürlicher oder em „kunst- 
Hcher" Gegenstand? Sind die Blumen unserer Garten natürliche oder kunst- 
liche Gebilde? Und noch von einer anderen Seite her wird dieses Zwischen- 
lebiet zwischen natürlichen und künsüichen Sachverhalten abermals vergrößert, 
die Greven neuerlich verwischt. Die eben besprochenen Mischgebilde lagen 
auf dem Gebiete des menschlichen Eingreifens in die Natur; auf der Linie also, 
die von einem völlig unberührten Naturgegenstande, etwa von einem Felsblock 
in bisher noch unbetretenem Gebiete der Erde her, bis zu einem völlig künst- 
lichen Gebüde etwa einer Dynamomaschine oder einer Symphonie, führt. Der 
zweite Bezirk 'der „natürlich-künstlichen Mischgebilde" Hegt auf der Entwick- 
luneslinie vom Einzeller zum Menschen. Denn nicht nur der Mensch greift 
mit seinen Handlungen in das „tote" Naturgebiet ein, auch alle Tiere tun es. 
Und hätten wir nicht die tierischen Bewußtseine ausdrücklich aus dieser Be- 
trachtung ausgeschaltet, «o würden die von den Tieren erstellten „künstlichen 
Obiekte" die „tierischen Werke", einen zweiten, wohl lückenlos-stetigen Uber- 
on den "natürlichen zu den künstlichen Sachverhalten vermitteln können. 
Denn von den physikalisch- chemischen Umsetzungen der organischen Gebüde, 
etwa der Pflanzenwurzeln im Erdboden - über die Veränderungen, die dieser 
Erdboden sowie die gesamte anorganische Natur etwa durch die Tätigkeit 
Wetter Gewesen erfährt, - über die von größeren ££»££ 
Höhlen und getretenen W ege - weiter « ^^^ST^ ge- 
gebauten Nestern - dann weiter zu den von innen g p j ^ 
brüllten Rhythmen und gesungenen Melodien - bis ^" Ö ^V s - elen 
Menschen „gegrabenen Höhlen" und „gebauten Nestern und gespielten bp 
und gesungenen Melodien: scheint ein stetiger Weg zu fuhren. 



NaturoLjekt und Mcnsdienwerk 



Gleichwoh! bleibt bestehenden -^^«5TÄÄ* 
gebiett is . auch Id. W—** ^Ä und ^ »natürliches« Ge- 

SX Äkontinuitat begrifflicher Erkennt»» anfangen. 

wir _ dc mgemsß fü r au« .^-tn^^ttrir^: 

zwei kraß getrennten Gebieten: zwischen den natürlichen un 

liehen Sachverhalten. ^ ^^ diese künst . 

Rptrachten wir nun weiter die zweite wu^ 
- S ach „ha,, e nach — -^^fÄ^^ 

Symphonien. _ . Gegensatze zu 

w ; dieser letzten Gruppenscheidung ist es aber m 6 

rton beteilig« sind. Am deutschsten bt dteselatsach 

B.nkuns, und ta Kunstgewerbes >u durchschauen. '" » k uns 

Hauser, Brücken oder Kirchen, im ^^^^"L diese 

brauchst für "eckermUung rem — ta-«^ ^ ^ 

technische Konstruktion wird dann und 

g r öß ere Rolle das Obiekt im 8---^*,, ™" Kons f rutti<m 

mäßigen Seite her nbernotwend Mt«^M technisc hes 

des Gebildes die Erreichung des -£j££^£2ll. Ausgestaltung 

Werk; soweit, hinzukommend, ubernotweneug 

vorliegt, ist es Kunstwerk. natürlichen und künstlichen 

Bei der wissenschaftlichen Betrachtung der naturlichen u 



Max Deri 






3) Die phänomenale .Betrachtung 

Die wissenschaftliche Behandlung sowohl der natürlichen wie auch der 
künstlichen Sachverhalte wendet sich, auf ihrer ersten Stufe, der reinen 
Beschreibung zu. Dies geschieht, indem das Wahrgenommene in seinem 
Nebeneinander oder Nacheinander mit seinen individuellen Namen benannt 
und vom Größten bis ins Kleinste mit den üblichen Wörtern der Sprache 
möglichst eindeutig bezeichnet wird. Man beschreibt so das reine Phäno- 
men unserer Wahrnehmungen — gleichsam das „behavior der Sach- 
verhalte. Man nennt diese rein beschreibende wissenschaftliche Behandlung 
die phänomenale Betrachtung. 

4) Erxistenziale und historische phänomenale .Betrachtung 

Diese rein phänomenale Betrachtung kann in zwei Einstellungen vor- 
genommen werden. Man kann sich entweder auf die Beschreibung des gegen- 
wärtig so Seienden beschränken, oder die Veränderungen, die dies jetzt so 
Seiende im Zeitablaufe erfahren hat, mit in die Betrachtung nehmen. Die 
rein phänomenale Erscheinung der meisten Dinge ändert sich ja merklich 
im Zeitablaufe. Die reine Beschreibung des jetzt und hier so Seienden wird 
die existenziale genannt; die Beschreibung, die alle Veränderungen im 
Ablaufe der Zeit mitbenennt, als historische bezeichnet. 

Als Beispiel: die phänomenal-existenziale Betrachtung etwa eines 
Gebirgszuges zählt und benennt die Gipfel, mißt Höhen und Neigungs- 
winkel, benennt das Material, gibt die Anzahl der Gletscher, ihre Formen 
und Größen, die Spaltungen und ihre Tiefen ... in der gegenwärtigen Ver- 
fassung an. Die entsprechende Betrachtung eines künstlichen Sachverhaltes, 
etwa eines Gebäudes, benennt, beschreibt und mißt dessen Einzelteile. — 
Die phänomenal-historische Betrachtung natürlicher oder künstlicher 
Sachverhalte sammelt derartige Daten über längere Zeiträume hinweg und 
beschreibt damit — stets nur rein „von Außen her" — alle die Verände- « 

rungen, die vom Damals, Dort und Anders bis zum Jetzt, Hier und So 
geführt haben. 

6) Kausale Betrachtung 

Die zweite Stufe der wissenschaftlichen Behandlung eines Sachverhaltes 
fragt nach den Ursachen der phänomenalen Erscheinungstatsachen, geht 
also von der „beschreibenden" zur „erkennenden" wissenschaftlichen Behand- 



Naturotjckt und Mcnsdienwerk 



lung über. So fragt sie etwa danach, ob der eben phänomenal beschriebene 
Gebirgszug seine So-Formung vulkanischen Vorgängen verdankt, oder ob die 
Erkaltungsvorgänge der Erde mit den sie begleitenden Schrumpfungen diese 
Formung bestimmt haben. Die Wissenschaft kann weiterhin — im idealen 
Falle — bis in die kleinste Einzelheit, bis in Form und Neigungswinkel 
der kleinsten Fläche hinein nach den Ursachen fragen, die zu der So-Form 
geführt haben und sie etwa in erster Annäherung in den Wirkungen von 
Wind, Regen, Schnee, Erosion und Frost, Lawinen und Sturzbächen fest- 
stellen, und auch diese ersten Ursachen wieder weiterhin auf die ihnen 
zugrunde liegenden zurückzuführen versuchen. Man nennt diese Art der 
Betrachtung die kausale Betrachtung. 

6) E-xistenziale und historische kausale Betrachtung 

Diese kausale Betrachtung kann sich wieder entweder auf die gegen- 
wärtige Formung des Gebildes beschränken oder die Ursachen auch der 
vergangenen Erscheinungsformen festzustellen versuchen; sie kann sich also 
selbst wieder entweder existenzial oder historisch orientieren. Wir kommen 
so zu vier Möglichkeiten wissenschaftlicher Behandlung sowohl der natür- 
lichen wie der künstlichen Sachverhalte: 

1) phänomenal-existenzial 3) kausal-existenzial 

2) phänomenal-historisch 4) kausal-historisch 

Diese vier wissenschaftlichen Betrachtungsweisen sind heute alle im 
Gebrauche, wenn auch häufig ohne klare Unterscheidung voneinander. 
Zumeist verwendet man für sie abgekürzte Namen. Und zwar wird meist 
genannt : 

1) phänomenal-existenzial . . . phänomenale Betrachtung 

2) phänomenal-historisch. . . . historische Betrachtung 

3) kausal-existenzial. . • kausale Betrachtung 

4) kausal-historisch genetische Betrachtung 

Im Schema: 

historische phänomenale 

^^^^^^^ Betrachtung. 

genetische kausale 

So ergeben sich zwei „Schichten" wissenschaftlicher Behandlungsart, 
deren eine „unter" der anderen liegt und damit die „tiefere" Fragestellung 
andeutet. 






7)T 



Max Deri 

rennung der natürlichen von den künstlichen Sachverhalten 
in der kausalen .Betrachtung 



Nun erweist sich aber, daß wir von der kausalen Betrachtung ab jene 
zwei Bezirke voneinander trennen müssen, in die uns die Welt der äußeren 
Objekte zerfiel: die natürlichen von den künstlichen Sachverhalten. 

Die natürlichen Sachverhalte sollten, wie man sich erinnert, unserer 
Benennung nach alles das und alles das so umfassen, was und wie es heute 
vorhanden wäre und im Laufe der Erdgeschichte vorhanden gewesen wäre, 
auch wenn niemals Menschen auf der Erde gelebt hätten. Die künstlichen 
Sachverhalte sollten alle jene Dinge und Vorgänge sein, die vom Menschen 
im Laufe seiner Geschichte erstellt und in diese Welt hineingestellt wurden. 

Die kausale Betrachtung aller natürlichen Sachverhalte, also aller jener, 
bei deren „Herstellung" kein „lebendiges Bewußtsein" beteiligt war, kann 
nun in durchaus einheitlicher Weise durchgeführt werden Doch bei den 
von einem lebendigen menschlichen Bewußtsein hergestellten künstlichen 
Objekten besteht heute noch keine Möglichkeit, ohne einen mehrmaligen 
Wechsel in der Betrachtungsweise auszukommen. 

8) Die kausale Betrachtung der natürlidien .Sachverhalte 

Das Wesen der „kausalen wissenschaftlichen Betrachtung'', also die Er- 
kenntnis der Ursachen einer Erscheinung wird hier durchaus im Sinne 
der heutigen Naturwissenschaft gefaßt. Und es wird dabei jene Formulierung 
des Erkenntnisbegriffes benützt, die ihm Moritz Schlick in seiner „All- 
gemeinen Erkenntnislehre" gegeben hat. 

Nach dieser Formulierung ist jedes Erkennen das Wiederfinden eines 
Vorher- Erlebten in einem Neu -Erlebten, oder das Auffinden eines Neu- 
Erlebten in einem Vorher -Erlebten: also bedeutet, allgemein definiert, „das 
Erkennen in der Wissenschaft, wie schon im täglichen Leben, ein Wieder- 
finden des Einen im Anderen" (Schlick, S. 10). Und dieses Erkennen, diese 
Zurückführung des Einen auf das Andere" ist offensichtlich um. so voll- 
kommener, je vollkommener im neu zu erkennenden Einen das Andere 
wiedergefunden wird. Die vollkommenste Art dieses Wiederfindens ist aber 
nun die quantitative, die zahlenmäßige Angabe des Einen im Anderen. 
Können alle qualitativ scheinbar so verschiedenen objektiven Sachverhalte 
so behandelt werden, daß „ihre Unterschiede als rein quantitative aufgedeckt 
und damit aufeinander zurückgeführt" werden (S. 253), so ist die voll- 



Naturobjekt und Mcnscnenwcrk 1» 



kommenste Erkenntnis gewonnen. „Denn das Wiederfinden des einen Gegen- 
standes im anderen findet am vollkommensten da statt, wo der letztere eine 
bloße Summe von lauter gleichen Exemplaren des ersteren ist" (S. 254). 

Wendet man diesen Grundsatz auf die kausale Behandlung der natür- 
lichen Sachverhalte an, so ermöglicht er, im idealen Falle, eine durch- 
gehende Gleichheit der verwendeten Begriffe. Vorerst zerfallen dem 
Menschen allerdings die natürlichen Sachverhalte in die verschiedenen Ge- 
biete seiner Sinnesorgane: das Getastete. Geschmeckte, Gerochene, Gehörte, 
Gesehene . . . stehen unverbunden und unverbindbar nebeneinander, zeigen 
kraß verschiedene „Qualitäten". Doch unter jenem oben angeführten Gesichts- 
punkt ist es der Naturwissenschaft bereits in weitestem Maße — ja nach 
der neuen „Einheitlichen Feldtheorie" Einsteins vielleicht schon völlig — 
gelungen, die vielen verschiedenen sinnlichen Qualitäten der natürlichen 
Sachverhalte auf Eine angenommene Urqualität zu reduzieren. Denn selbst 
die beiden letzten, bisher noch unverbunden nebeneinander gebliebenen 
Qualitäten des Universums, das Gravitationsfeld und das elektromagnetische 
Feld, scheinen auf ein einheitlich Gemeinsames zurückgeführt, „als eine 
einheitliche Struktur des vierdimensionalen Raumes" (Einstein) erkannt. 
Damit wäre für die natürlichen Sachverhalte im Prinzip das ideale Ziel 
der Erkenntnis erreicht. Denn nun wäre es prinzipiell möglich, alle diese 
natürlichen Sachverhalte restlos so zu „erklären", zu „erkennen", auf ihre 
kausalen Ursachen zurückzuführen, daß man eine einzige „Urqualität" oder 
„Intensität" mit den, jedem einzelnen natürlichen Sachverhalt zugehörigen 
quantitativen individuellen Indizes versieht; und so, von einer einzigen 
fundamentalen Größe aus, alle einmaligen natürlichen Sachverhalte auch 
eindeutig zu bezeichnen vermag. Damit aber wäre das prinzipiell letzte Ziel 
jeder Erkenntnis erreicht: „Es soll das Individuelle nur mit Hilfe der allge- 
meinsten Namen und dennoch eindeutig bezeichnet werden" (Schlick, S. 13). 
Diese Tatsache bedeutet, daß man in der Naturwissenschaft also prinzipiell 
nur eine einzige Art von Begriffen braucht, um alle natürlichen 
Sachverhalte zu „erkennen" oder — was dasselbe bedeutet — zu „erklären" 
oder zu „begreifen". So würden wir bei dem Beispiele des Berges, das 
wir im Anfange erwähnt haben, in der Zurückführung der heutigen Kon- 
stellation auf ihre früheren und immer früheren Zustände stets allgemeinere 
Formeln finden, aus denen das heutige Gebilde kausal ableitbar wäre. Wir 
würden auf diesem Wege schließlich zur — relativ willkürlich, nämlich aus 
Zweckmäßigkeitsgründen gewählten — Urqualität kommen: doch stets 
würden wir dabei ein und dieselbe Art von Begriffen, nämlich nur 






J 



solche quantitativer Art verwenden, da sich jeder einzelne individuelle 
Natursachverhalt von jedem beliebigen anderen nur durch die quanti- 
tativen Größen jener Urqualität unterscheidet. Und auch wenn man 
an Stelle strenger Determiniertheit nur Wahrscheinlichkeiten annimmt, also 
an Stelle der Kausalgesetze nur statistische Sätze verwendet, ändert sich 
an dieser Tatsache nichts. Auch in diesem Falle erreichte man jeden 
einzelnen individuellen natürlichen Sachverhalt — falls man ihn über- 
haupt erreicht — von den „Anfangsbedingungen" jener Urqualität aus: 
unter ausschließlicher Verwendung rein quantitativer Begriffe. 

Einschaltung : A^eltanscbaulidie Konsequenzen 

Aus diesen Feststellungen lassen sich zwei, für jeden Wissenschaftler ebenso 
interessante wie wichtige Tatsachen ableiten. Erstens der erkenntnistheo- 
retische Monismus. „Wir sind also von der Überzeugung durchdrungen, 
daß alle Qualitäten des Universums, daß alles Sein überhaupt insofern von 
einer und derselben Art ist, als es der Erkenntnis durch quantitative Begriffe 
zugänglich gemacht werden kann. In diesem Sinne bekennen wir uns zu einem 
Monismus. Es gibt nur eine Art des Wirklichen — das heißt für uns: wir 
brauchen im Prinzip nur ein System von Begriffen zur Erkenntnis aller Dinge 
des Universums, und es gibt nicht daneben noch eine oder mehrere Klassen 
von erfahrbaren Dingen, für die jenes System nicht paßte (Schlick, S. 2g 9). 

Und zweitens folgt — eine Konsequenz übrigens, die nicht von Schlick 
gezogen wird — aus der Notwendigkeit, eine Urqualität anzunehmen, die eben 
quantitativ in allen anderen Qualitäten des Universums wiedergefunden wird, 
der exakte wissenschaftliche Agnostizismus. Denn es kann auf die „letzte 
Frage" nach der Erklärung, nach der „Erkenntnis" jener Urqualität nur die 
eine Antwort geben: ich weiß es nicht, und ich werde es, dem inneren 
Sinne jeder Erkenntnis nach, auch niemals wissen können. Denn da Erkennen 
ein Wiederfinden des Einen im Anderen ist, ist weitere Erkenntnis prinzipiell 
ausgeschlossen, wenn ausnahmlos alles in einem Letzten wiedergefunden wurde. 
Dieses Letzte ist dann eben das Erklärungsprinzip für alles, kann aber selber 
nicht mehr weiter erklärt werden, weil sozusagen „nichts mehr da ist", in 
dem es wiedergefunden werden könnte. So endet hier auch die Gültigkeit des 
Satzes vom „ausgeschlossenen Dritten" — daß der „letzte Grund des Daseins 
entweder „dieses" oder „dieses nicht" sein müsse — und es gibt auf die Frage 
nach diesem „letzten Grunde des Daseins" prinzipiell keine andere wissen- 
schaftliche Antwort als die des bewußten Verzichtes, des bewußten Ein- 
geständnisses der Nicht-Erklärbarkeit, der Nicht-Erkennbarkeit, der Nicht- 
Wißbarkeit: also des bewußten Agnostizismus. 

Dabei darf allerdings die prinzipielle Einseitigkeit dieses wissenschaft- 
lichen, monistisch-agnostischen Weltbildes nicht übersehen werden. Sie besteht 
darin, daß es sich ausschließlich auf die eine der beiden Grundfunktionen 



Noturobjekt und Menschenwerk 



des menschlichen Bewußtseins stützt: nur auf die intellektuelle Funktion, auf 
das denkende Erkennen, und nicht auch auf die emotionelle Funktion, auf das 
fühlende Erleben Rücksicht nimmt. Tut man dies zweite aber, so bemerkt 
man, daß hier, bei der emotionellen Funktion, nicht nur kein Grund vor- 
handen ist, jenes monistische Verfahren zur Ausschaltung aller verschiedenen 
Qualitäten einzuschlagen, sondern daß hier gerade das gegenteilige Verhalten 
das gegebene ist. Denn für das fühlende Erleben ist gerade die besondere 
und einmalige Art des vorliegenden Erlebnisses, seine unersetzbare und originale 
Eigenqualität das Wichtigste, das als Gefühlserlebnis und im Gefühlserlebnis 
eigentlich und einzig Gesuchte. „In diesem Sinne muß aber jede verständige 
und aufrichtige Weltanschauung pluralistisch sein, denn das Universum ist 
eben bunt und mannigfaltig, ein Gewebe unendlich vieler Qualitäten, von denen 
keine der anderen genau gleicht. Ein formelhafter metaphysischer Monismus 
gibt davon nicht Rechenschaft mit seinem Satze, daß alles Sein in Wahrheit 
eines ist; er bedarf notwendig eines pluralistischen Prinzips zur Ergänzung. 
Es muß 'irgendwie Platz bleiben für die Wahrheit, daß es unendlich viele 
Spielarten von Qualitäten gibt, denn die Welt ist nicht kalt und eintönig, 
sondern vielgestaltig und voll ewigen Wechsels" (Schlick, S. 305). Und so er- 
gibt sich, dem erkenntnistheoretischen Monismus der intellektuellen Einstellung 
homolog, vorerst ein erlebensmäßiger Pluralismus für die emotionelle 

Welterfassung. ,•,.».«■ 

Zieht man aber nun wieder von hier aus die weltanschauliche Konsequenz, 
so gelangt man von diesem erlebensmäßigen Pluralismus aus wohl zu keinem 
anderen Ende als zu dem der Mystik. Denn was vom denkenden Erkennen 
her zum Eingeständnis des Nichtwissens und Nichtwissenkönnens führen muß, 
das bleibt für das fühlende Erleben eben das Unerklärbare, das Unverstehbare 
_ aber das geheimnisvoll dennoch Daseiende: also eben das Mystische. Und 
diese Mystik — die nichts mit Wissenschaft zu tun hat, denn sie hat keine 
Folgerungen zu ziehen und keine Voraussagen zu machen — diese Mystik gilt, 
von hier aus erlebt, dem „letzten Grunde" des Daseins nicht weniger als aus- 
nahmslos allen seinen Inhalten. Dem kleinsten Kieselstein wie dem Leben und 
dem Tode, dem fernsten Nebelfleck wie dem Kreisen des Elektrons und dem 
Wachsen jedes Grashalms. Denn sie gilt sowohl dem Vorhandensein der Welt 
und ihrer Inhalte überhaupt, wie auch dem Sosein ihrer Artung vom Atomaren 

bis zum Kosmischen. . 

So erst rundet sich das Weltbild des heutigen, nicht mehr magisch- 
animistischen und nicht mehr religiös-infantilen Menschen: Monismus des Er- 
kennens, Pluralismus des Erlebens; Agnostik des Denkens, Mystik des Fuhlens: 
und beidem ist die gleiche Welt das Objekt. Denn von dieser gleichen Welt 
aus gelangte er durch die Methode des erkenntnistheoretischen Monismus zum 
wissenschaftlichen Agnostizismus; und auf den Wegen des erlebensmäßigen 
Pluralismus zur gefühlsmäßigen Mystik. 



»4 Max Dcri 

9) Die kausale Jjetracntung der künstlicnen Sacnvernalte 

Ergibt sich so, daß — prinzipiell und im idealen Falle — bei der kausalen 
Betrachtung der natürlichen Sachverhalte die Verwendung ein und der- 
selben Art von Begriffen, nämlich der quantitativen, durch das gesamte 
Gebiet hindurch festgehalten werden kann, so erweist sich dies bei der 
kausalen Betrachtung künstlicher Sachverhalte heute nicht als durchführbar. 
Zwar mag man überzeugt sein, daß einer fernen Zeit wohl auch die Zu- 
rückführung seelischer Vorgänge auf quantitative Änderungen jener Ur- 
qualität gelingen wird, womit die Einordnung der psychologischen Wissen- 
schaften in die Naturwissenschaften durchgeführt wäre. Der Weg dazu 
und seine ersten primitiven Anfänge sind ja bereits bekannt: er führt 
über die Physiologie des Gehirnes und des gesamten menschlichen Körpers. 
Doch heute sind wir noch so weit von jenem wissenschaftlichen Ideal 
entfernt, daß sich eine prinzipiell andere Orientierung der kausalen Er- 
klärung künstlicher Sachverhalte als nötig erweist. 

Künstliche Sachverhalte sind vom Menschen gemacht, also notwendiger- 
weise aus seelischen Zuständen heraus entstanden. Diese Tatsache gilt aus- 
nahmslos für alle vom Menschen erstellten Sachverhalte. Denn vor allen 
künstlich, also durch menschliches Handeln erstellten Sachverhalten steht 
die Motilität des Menschen, vor dieser aber — Reflexhandlungen kommen 
für uns hier nicht in Betracht — stehen Bewußtseinsabläufe. Nun kennen 
wir zwar diese Bewußtseinsabläufe unmittelbar nur aus dem eigenen Er- 
leben. Aber die erfahrungsgemäß sehr weitgehende Ähnlichkeit der Bewußt- 
seinsabläufe aller Individuen eines relativ geschlossenen Kulturkreises macht 
es möglich, von den aus den Handlungen der Menschen erwachsenen künst- 
lichen Gebilden auf jene Handlungen selbst, und von ihnen aus auf die vorauf- 
gegangenen Bewußtseinsabläufe der Ersteller zurückzuschließen. Sind wir auf 
diesem Wege in den Bereich des Psychischen gelangt, so erweist sich in 
diesem Gebiete die Möglichkeit quantitativer Erkenntnis als derzeit noch 
unmöglich. Damit bleibt ein, wenn auch nicht theoretisch notwendiger, so 
doch tatsächlich vorhandener methodischer Unterschied zwischen den 
Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften bestehen. 

Sicherlich ist dies heute noch der Fall. Denn auch die Messung seelischer 
Vorgänge in der Psychophysik, etwa die Empfindungsmessungen nach dem 
Weber-Fechnerschen Verfahren, sind zwar immerhin exakter und damit 
eine wichtige und bedeutende Stufe in der wissenschaftlichen Erkenntnis 
höher als die rein introspektive Beschreibung der seelischen Erlebnisse. 






Naturotjckt und Menschcnwerk l*> 



Doch sie geben noch keine eigentliche, noch keine „echte" Erkenntnis 
des Psychischen. Sie verfahren so, daß eine Energiequelle gleichzeitig 
die Versuchsperson und das Meßinstrument trifft; worauf dann objektive 
Änderungen dieses Meßinstrumentes den subjektiven Empfindungsände- 
rungen der Versuchsperson von außen her eindeutig zugeordnet werden. 
Doch die echte Erkenntnis der psychischen Vorgänge wäre erst dann ge- 
wonnen, wenn die Messung nicht durch eine, wenn auch eindeutig, so doch 
noch willkürlich zugeordnete Reihe meßbarer „äußerer Parallelvorgänge" 
zu den inneren Empfindungsänderungen erfolgen würde; sondern wenn die 
Messung an jenem inneren, an jenem „körperlichen" Vorgange selbst er- 
folgte, der die unmittelbare „Ursache" der innerseelischen Erscheinungen, 
der erlebten Empfindungsänderungen ist. Nicht die am äußeren Meß- 
instrument ablesbaren „Reizstärken" dürften also gemessen werden, die 
die inneren Erregungen hervorrufen: sondern diese Erregungen der 
nervösen Materie selbst, die uns als psychische Vorgänge bewußt werden 
oder auch unbewußt bleiben, müßten der Meßmöglichkeit unterworfen 
werden können — es müßte eine „Physik, der Gehirnvorgänge" geschaffen 
werden. Denn selbst wenn man voraussetzt, daß man bereits sämtliche 
seelischen Erscheinungen nach derpsychophysischen Methode messen könnte 
ein äußerst erstrebenswertes Ziel, dem die Untersuchungen von Bernfeld 
und Feitelberg (Imago, 1930, XVI. Bd., S. 66 ff.) ja näher zu kommen 
scheinen — selbst dann „wäre wohl eine Zuordnung von Zahlen zu seelischen 
Größen nach einer willkürlichen Skala erzielt, aber sie wären nicht auf 
etwas anderes zurückgeführt und blieben untereinander völlig unverbunden, 
von einer Wesenserkenntnis könnte man nicht sprechen. Man hat ganz 
denselben Fall wie im physikalischen Beispiel : das Wesen der .Temperatur' 
blieb so lange unerkannt, als ihre Messung nur durch Zuordnung von 
Zahlen auf Grund einer willkürlichen Skala erfolgen konnte; die mecha- 
nische Theorie der Wärme aber, welche an Stelle der Temperatur die 
lebendige Kraft der Moleküle einführte, gab damit zugleich ein natürliches 
Prinzip der quantitativen Beherrschung, das jede Willkür ausschaltete. Erst 
wenn die quantitativen Beziehungen nicht bloß eine willkürliche Fest- 
setzung widerspiegeln, sondern gleichsam aus der Natur der Sache folgen 
und eingesehen werden, stellen sie eine Erkenntnis des Wesens dar. Wie 
hier die Temperatur auf mechanische, so müßten die Bewußtseinsdaten, 
um wahrhaft erkannt zu werden, allgemein durch natürliche Prinzipien 
auf physikalische Bestimmungen zurückgeführt werden; und wie das bei 
der Temperatur, der objektiven Wärmequalität, nur möglich ist durch Hypo- 



Max Deri 



thesen über die molekulare Struktur der Materie, so bedarf es zur Erkenntnis 
der subjektiven psychischen Qualitäten eindringender physiologischer Hypo- 
thesen über die Natur der Gehirnvorgänge. Der gegenwärtige Stand der 
Forschung erlaubt aber leider noch nicht die Aufstellung derartiger genügend 
spezieller Hypothesen, wie sie zur Erreichung dieses letzten Zieles der Psycho- 
logie erforderlich wären" (Schlick, S. 264). 

So gilt die derzeitige Grenze wissenschaftlicher Erkenntnismöglichkeiten 
für alle von Menschen vollführten Handlungen und alle eventuell daraus 
folgenden Resultate. Ob es sich um die unbedingt notwendigen, lebens- 
erhaltenden Tätigkeiten handelt, die in erster Linie das Essen, Trinken, 
Schlafen, Kleiden, Wohnen betreffen; ob es die übernotwendige Aus- 
gestaltung der leiblichen Bedürfnisse, also die zivilisatorischen Er- 
rungenschaften gilt, etwa Werkzeuge, Feldwirtschaft, Tierzähmung und 
-haltung, Brücken, Straßen, Maschinen, alles sogenannte technische Werk 
betrifft, Ordnung, Sicherheit, Reinlichkeit angeht; oder ob es sich schließ- 
lich um die übernotwendige Ausgestaltung der seelischen Bedürfnisse, 
also um die kulturellen Errungenschaften der Menschen handelt, die etwa 
in den Gebieten der animistischen Magie, der Religion, der Ethik, der Kunst 
und der Wissenschaft — und in deren Mischformen und Übergangsformen, 
wie etwa in der „Philosophie" — zutage traten: alle diese „künstlichen" 
Sachverhalte, die nicht vorhanden wären, wenn es keine Menschen gäbe, 
sind heute ausnahmslos noch nicht quantitativ erkennbar, sondern auf die 
Aufzeigung subjektiver seelischer Qualitäten, auf die „introspektive Psycho- 
logie" angewiesen. 

10) Die drei Kausalscnichten bei künstlimen Oacnverhalten 

Versucht man nun die Begriffe zu ordnen, die zur Erklärung der künst- 
lichen Sachverhalte dienen, so findet man drei oder vier Gebiete, die inner- 
halb ihrer Grenzen „Begriffe ähnlicher Qualität verwenden. Sie sind: das 
bewußte individuelle Seelengebiet; das bewußte Gemeinschafts-Seelengebiet; 
das unbewußte Gebiet. Dieses Unbewußte könnte wieder in den individuellen 
und den kollektiven Teil getrennt werden; wir führen hier diese letzte 
Trennung nicht durch. 

Trägt man diese drei Gebiete in das frühere Schema ein, und zwar — 
entsprechend der jeweils in „tiefere" Seelengebiete reichenden Fragestellung — 
in Schichten, die untereinander liegen, so läßt sich die Situation für die 
künstlichen Sachverhalte im folgenden Schema veranschaulichen. 



Naturobjekt und Menscbcnwerk 



] 7 



Genetisch 



Existenzial 




IReintkxhrtils»] ikimti tehterbiltis: 
fluxmule ßt/radfvaj 

1. Bei/uife foJlridaellc 5cbidit: 
hyihologiidit Betrachtung. 

S. bewiik ücmeinsdafts- Schicht; 
Souotoyisdxr ßtfrathtcy 

I Ikki/asste Schlaf: 
Analytische Betrachtung. 



Die erste Schicht der Pyramide gibt den unmittelbar wahrnehm- 
baren Tatbestand des künstlichen Sachverhaltes. Er wird der reinen Be- 
schreibung unterworfen. Diese Schicht ist die phänomenale, ihre Behand- 
lung ergibt die phänomenale Betrachtung. 

Diese phänomenale Betrachtung ist also bei natürlichen und bei künstlichen 
Sachverhalten die gleiche. Erst von jetzt ab, von der kausalen Behandlung an, tritt 
der Unterschied zwischen natürlichen und künstlichen Sachverhalten zutage. 

Die zweite Schicht umfaßt jenen Teil des individuellen Bewußt- 
seins, der bei der Erstellung des künstlichen Sachverhaltes durch den tat- 
handelnden Menschen vorwiegend und unmittelbar beteiligt war. In dieser 
Schicht müssen wir aber, auf Grund der Ergebnisse der Bewußtseinspsychologie, 
zwei Bezirke unterscheiden : den intellektuellen und den emotionellen Bezirk. 
Sie entsprechen den zwei — dem bewußten Wollen vorgelagerten — Grund- 
funktionen der menschlichen Seele, dem Denken und dem Fühlen. Die 
Bewußtseinspsychologie kann — wie bereits erwähnt — feststellen, daß, 
von dieser bewußten Schicht aus gesehen, die wissenschaftlichen und die 
technischen Werke aus vorwiegender Einstellung auf gedanklich-intellektuelle 
Abläufe gebildet werden, die künstlerischen Werke aus vorwiegender Isolierung 
gefühlsmäßig-emotioneller Abläufe entstehen. Von beiden Sektoren des Be- 
wußten also, vom intellektuellen wie vom emotionellen aus, führen — über 
das Wollen und das darauffolgende Hande^/=- direkte Verbindungen zur 

7 3? 



j8 Max Den 

phänomenalen Gestalt. Als Faustformel könnte man angeben, daß in diese 
zweite Schicht, in das individuell Bewußte, alles das gehört, was der Tat- 
handelnde selbst auf die Frage antworten würde oder antworten könnte: 
welche seelischen Vorgänge und Abläufe er in sich selbst während der 
schaffenden Tätigkeit beobachtet hat oder hätte beobachten können. Man 
bezeichnet diese zweite Schicht als die bewußte individuelle Schicht 
und die ihr zugehörige Betrachtung als die psychologische Betrachtung. 
Die dritte Schicht umfaßt das, was im Leben der Gemeinschaft be- 
wußt da ist. Also alle Beaktionen, die durch die Zugehörigkeit zu einer 
„Gruppe" bedingt sind, und damit auch die seelischen Inhalte und Abläufe, 
die durch die wirtschaftlichen Gegebenheiten bedingt werden. Und auch 
hier müssen die beiden Sektoren des Intellektuellen und des Emotionellen 
unterschieden werden: die „säkularen Gedankeninhalte" von den „säkularen 
Gefühlsgegebenheiten", also etwa die „Weltanschauungen" von den „Kunst- 
stilen". Man nennt diese Schicht des bewußten Gemeinschaftslebens die 
bewußte Gemeinschaftsschicht und die ihr zugehörige Betrachtung die 
soziologische Betrachtung. 

Die vierte Schicht umfaßt das Unbewußte. Hier scheint vorerst eine 
Trennung in individuell Unbewußtes und Gemeinschafts-Unbewußtes noch 
nicht recht durchführbar. Zwar kann man zuweilen bereits derartige 
Feststellungen machen. So etwa, wenn Freud — in „Der Dichter und das 
Phantasieren" (Ges. Schriften, Bd. X, S. 229) — von den Mythen sagt, es 
sei „durchaus wahrscheinlich, daß sie den entstellten Überresten von Wunsch- 
phantasien ganzer Nationen, den Säkularträumen der jungen Menschheit, 
entsprechen" 5 oder wenn man die „säkulare Verdrängung" beachtet, die das 
Erotische in der Kunst des neunzehnten Jahrhunderts fast zwei Generationen 
lang _ Wendepunkt seit den achtziger Jahren mit Conradi und Wedekind — 
erfahren hat. Aber klar faßbar und erfaßbar dürfte die Scheidung in 
individuelles und säkulares Unbewußtes kaum schon sein. Wir beschränken 
uns auf die allgemeine Einordnung des Unbewußten in die Pyramide als 
einheitlich tiefster Schicht, von der aus Wirkungswege in die drei darüber- 
liegenden Schichten führen. Dabei müssen sowohl alle indirekten Wege aller 
Schichten untereinander durch die darüberliegenden Schichten hindurch als 
möglich angenommen werden, wie auch alle direkten Verbindungen der 
einzelnen Schichten miteinander, ohne Durchgang durch eine der anderen 
Schichten. Denn sie sind alle von Fall zu Fall als wirklich zu beobachten. 

Die wissenschaftliche Behandlung dieser vierten, der unbewußten 
Schicht, wird die analytische Betrachtung genannt. 



Naturobjekt und Menschenwerk l 9 



11) Die wissensckaftlicke Notwendigkeit der dreifacken 
Kausalierung künstlicker Sackverkalte 

Die Notwendigkeit, die künstlichen Sachverhalte von drei verschiedenen 
Ursachen-Schichten her zu kausalieren, ergab sich aus der Tatsache, daß 
die Verwendung einheitlicher Begriffe für diese drei Schichten bisher 
nicht möglich ist. In jedem dieser drei Gebiete gelangen wir, bei den 
heute möglichen Rückführungen, zu verschiedenen Begriffssystemen, bei 
denen bisher nur in seltenen Fällen eine weitere Rückführung aufeinander 
gelang. Die gegenseitige „Zurückführung des Einen auf das Andere", das 
„Wiederfinden" der Grundbegriffe der einen Schicht in denen der anderen 
gelingt heute noch nicht — kann ja nicht wirklich gelingen, solange die 
quantitative Messung weder im individuellen noch im sozialen Bewußten 
noch auch im Unbewußten möglich ist. 

In Analogie also, wie in der Physik auf primitiver Stufe die ver- 
schiedenen Sinnesgebiete des Menschen die verschiedenen, streng von- 
einander getrennten Kapitel der physikalischen Wissenschaft bestimmten — 
das Körpergefühl die Mechanik, das Sehen die Optik, das Hören die Akustik, 
der Temperatursinn die Wärmelehre -, so bleiben vorerst die Gebiete 
des individuell Bewußten, des sozial Bewußten und des Unbewußten da- 
durch voneinander geschieden, daß ihre Grundbegriffe keine gemeinsamen 
Elemente besitzen. 

Allerdings scheint unter einem gewissen Gesichtspunkt diese Formulierung 
übertrieben scharf. Wenn man sich den Weg hypothetisch ausdenkt, den 
die Erklärung der künstlichen Sachverhalte wohl gehen wird, so dürfte 
zunächst versucht werden, die Grundbegriffe dieser drei Schichten erst ein- 
mal unter sich anzugleichen, indem man sie aufeinander zurückfuhrt. Es 
ist naheliegend, hier der Ergebnisse zu gedenken, die Freud in der Zurück- 
führung der bewußten individuellen und kollektiven Begriffe aufeinander 
in Massenpsychologie und Ich-Analyse" erreicht; sowie der Zurückführung 
der unbewußten individuellen und kollektiven Begriffe, die im letzten Kapitel 
seines „Unbehagen in der Kultur" begonnen wurde, ja im „Vergleich des 
Kulturprozesses mit der Einzelentwicklung" (S. 126 ff.) und im „Über-Ich 
der Gemeinschaft" (S. ia 9 ff.) bereits gewonnen scheint. 

Trotzdem aber halten wir es bei dem heutigen Stande der Wissenschaft 
von der menschlichen Seele für vorteilhaft, die Drei-Schichtung der Kausa- 
lierung künstlicher Sachverhalte vorerst beizubehalten. Denn sie kann zu- 



ao Max Den 

mindest zum Beweise verwendet werden, daß sich die Fragestellungen der 
vier Gebiete untereinander nicht mehr zu stören und schon gar nicht aus- 
zuschließen brauchen. 

1 2) Die Einbettung der künstlichen Sachverhalte in die Realität 

Bevor wir an zwei Beispielen die Fruchtbarkeit der Vier-Schichten-Ordnung 
für die methodische wissenschaftliche Behandlung künstlicher Sachverhalte 
zu erweisen trachten, muß noch das Verhältnis dieser vier Schichten zur 
Bealität festgestellt werden. 

Dieses Verhältnis ist so zu denken, daß die gesamte Schichtenpyramide, 
sowohl in ihrer gegenwärtigen Existenz wie auch in ihrer gesamten historisch- 
genetischen Abfolge, völlig in das Gebiet der äußeren Realität ein- 
gebettet gedacht werden muß. Die Realität besitzt dabei direkte Wirkungs- 
möglichkeiten unmittelbar in alle vier Schichten hinein: Wirkungswege 
führen direkt von der Realität aus in das Phänomenale, in das individuell Be- 
wußte, in das Soziologische und in das Unbewußte. Und diese Tatsache in 
Verbindung mit der Kommunikationsmöglichkeit aller vier Schichten unter- 
einander ergibt die hohe Kompliziertheit aller hiehergehörigen Probleme. 

So kann etwa eine Maschine, ein Gebäude, ein Denkmal im Laufe der 
Jahre verrosten, verfallen, verwittern, also seine phänomenale Gestalt durch 
reine Realeinflüsse ändern: Real — I. Dabei kann die Vernachlässigung 
der Pflege dieses Objektes bewußte individuelle Ursachen haben : // — I. 
Diese etwa können wieder durch reine Realitätsgründe, etwa durch Nahrungs- 
sorgen bedingt sein : Real — II — Real — I. Oder soziale Umwälzungen 
können den Grund für den Verfall abgeben: Z/7 — II — Real — I; wobei 
diese Umwälzungen wieder wirtschaftlich -reale Ursachen haben mögen: 
Real — III — II — Real — I; und in all diese Verwicklungen spielen dann 
noch die individuellen und gruppengemäßen unbewußten Determinierungen 
hinein, von Fall zu Fall auf ihre Mächtigkeit zu prüfen. 

i3) Beispiele für die vierfache Betrachtung künstlicher 

Sachverhalte 

Es sollen zwei Beispiele besprochen werden, eines aus dem technischen 
und eines aus dem bildkünstlerischen Gebiete. Dabei wird sowohl von der 
Einbettung der Beispiele in die Realität wie auch von ihrer genetischen 
Herleitung abgesehen. 



Naturotjekt und Mcnsckcnwcrk ai 

A) Beispiel aus dem technischen Gebiete: Der Pflug 

I) Phänomenal 

Rein äußere Beschreibung des Aussehens eines Pfluges und seiner ein- 
zelnen Bestandteile. Angabe des Materiales, seiner Maße, seines Gewichtes 
sowie aller anderen sehbaren und tastbaren Gegebenheiten. 

II) Psychologisch 
1) Intellektuell 

a) Allgemeines 

Die allgemeine Definition des „Technischen Werkes" ist für den idealen 
Fall und innerhalb der individuell-bewußten Schicht rein von der intellek- 
tuellen Funktion aus zu geben. Ein technisches Werk ist ein Gebilde, das 
zu einem bestimmten vorausgedachten äußeren Zwecke auf Grund möglichst 
isolierter verstandesmäßiger Überlegungen erstellt wird. In diesen verstandes- 
mäßigen Überlegungen wird die Zueinanderordnung von Naturkräften vor- 
erst im Gedankenexperiment vorgenommen, indem die sie tragenden Kon- 
struktionsteile in der Vorstellung probeweise aneinandergefügt werden. Dann 
wird die Ausführung in vorhandenem Materiale versucht. Widerspricht keines 
der bestehenden Naturgesetze der phantasiemäßig vorausgenommenen Kon- 
struktion, war diese also den realen Zwängen richtig angepaßt: so kann 
das neue technische Gebilde praktisch hergestellt werden und erfüllt dann 
den vorgenommenen Zweck. 

b) Besonderes 

Die spezielle Konstruktion des Pfluges sucht den vorgestellten Zweck, 
nämlich das Auflockern der Erde, unter Verwendung bekannten Materiales 
auf jene Weise zu erreichen, die den beiden äußeren Vorgegebenheiten am 
besten angepaßt ist: der Konsistenz des Erdbodens als des zu bearbeitenden 
Materiales und der Kinematik des menschlichen Körpers oder des zur Arbeit 
verwendeten Tieres. Der pflügbare Erdboden besitzt eine Konsistenz, die 
zwischen dem durch Rühren zu bewältigenden flüssigen Zustand und der 
nur durch Schlag oder Stoß zu bewältigenden Gesteinsfestigkeit liegt. Damit 
erweisen sich sowohl die stoßmäßige Betätigung des Grabstockes wie die 
schlagmäßige Betätigung der Hacke auf die Dauer als unnötige Kraft- 
vergeudung. Die Pflugkonstruktion konnte den Gedanken ausführen, die 
einmal in den Boden eingeschlagene Hacke durch Heranziehen an den 
Körper zum „Aufreißen" des Erdreiches zu verwenden. Kehrte sich dann 



»* Max Den 

der Arbeitende um, benützte er die zum „Ziehen" sehr geeignete Kinematik 
des menschlichen oder tierischen Körpers und sorgte dabei dafür, daß das 
einmal in den Boden eingedrückte Werkzeug seine Tiefe beibehielt : so war 
der Pflug im Prinzip erfunden. Die Form der in den Boden gedrückten 
Hacke, die durch ihre eigene Schwere oder durch die Kraft eines Helfers 
während des Ziehens in ihrer Tiefe erhalten wurde, paßte sich dieser neuen 
Tätigkeit an, indem sie ihre Seiten zu „Schaufeln" ausbildete, die die auf- 
gerissenen Schollen beiseite schoben. Die Keilform des Gerätes, die ein 
selbsttätiges Einbohren in den Erdboden bewirkt, erleichtert dabei das Ver- 
bleiben der Pflugspitze in der Erdtiefe. Damit war der Pflug fertig aus- 
gebildet. — Der Weg des „Verstehens" einer Konstruktion ist dabei prinzipiell 
immer der gleiche: aus den gegebenen Formungen können rückläufig 
die Überlegungen und Gedankenexperimente erschlossen werden, die den 
Erfinder zur vorliegenden Gestaltung geführt haben. 

2) Emotionell 
Gefühle aller möglichen Art mögen diese rein verstandesmäßigen Über- 
legungen begleiten: Hoffnung auf Arbeitserleichterung, Hunger, Ehrgeiz, 
Schollenverbundenheit . . . Doch diese Begleitgefühle und etwa daraus er- 
wachsende Wünsche dürfen keinerlei Einfluß auf die „richtige" Konstruktion 
nehmen, die unter möglichst reiner Einstellung auf die intellektuelle Funktion 
gefunden werden muß. Denn diese technische Konstruktion ist ja durch die 
vorhandenen Naturgesetze, durch die Materialeigenschaften und durch den 
erstrebten Zweck eindeutig determiniert. 

III) Soziologisch 

1) Intellektuell 

Der Pflug befördert die Bationalisierung der Nahrungsbeschaffung für die 
Gemeinschaft. Er bringt ihr Erleichterung der ökonomischen Lebenshaltung 
und spart ihr Zeit. Er befördert die Arbeitsteilung sowie die Verwendung 
der größeren Kraft gezähmter Tiere an Stelle der Menschenkraft. Damit 
bringt er der Lebenserhaltung eine erhöhte Sicherheit. 

2) Emotionell 

Mit dieser größeren Sicherung der Gemeinschaft verringert der Pflug 
die Sorgen und Ängste um die Lebenserhaltung, bringt das Gefühl der 
Erleichterung durch das Freiwerden von Kräften für andere Lebenstätig- 
keiten, für Genuß, Spiel und Tanz. So wird er zum Freudenmehrer der 
Gemeinschaft und bindet deren Mitglieder fester aneinander. 



rJnturobjekt und Meiisdienwcrk 23 



IV) Analytisch 

Der Pflug kann analytisch nur in jenem erweiterten Zusammenhange 
erörtert werden, dem er psychologisch entstammt. Dann ergibt sich in 
gedrängtester Kürze folgender Gedankengang: Die Zweckhandlungen des 
Bodenbaues sind im Sinne der unbewußten Gleichsetzung (Symbolik) von 
Erde = Mutter, Pflug = männliches Genitale, Pflügen = Begatten, Säen = 
Befruchten usw. erotisiert, d. h. sie dienen zur zielabgelenkten Abfuhr- 
stelle für den inzestuösen Liebesdrang. Die unterdrückten motorischen und 
Gefühlsenergien des inzestuösen Sexualverlangens strömen der Bearbeitung 
des Bodens als einer Ersatzhandlung zu, wodurch eine außerordentliche 
Erleichterung dieser schweren Tätigkeit erreicht wird. Aus der Erschließung 
unbewußter Kraft- und Lustquellen geht ferner eine Beihe neuer und 
intensiver Gefühlsbindungen hervor, die nicht nur auf die zweckrationale 
Tätigkeit selbst modifizierend (fördernd und hemmend) einwirkt, sondern 
gegebenenfalls auch Änderungen in der sozialen Organisation herbeiführt. 
„Mit der Einführung des Ackerbaues hebt sich die Bedeutung des Sohnes 
in der patriarchalischen Familie. Er getraut sich neuer Äußerungen seiner 
inzestuösen Libido, die in der Bearbeitung der Mutter Erde eine symbolische 
Befriedigung findet" (Freud, Totem und Tabu). 

B) Beispiel aus dem bihi künstlerischen Gebiete: Leonardo, 
Anna Selbdritt, Louvre, Paris 

I) Phänomenal 

Das annähernd quadratische Ölgemälde wurde unter Veränderung eines 
früheren Kartons um das Jahr 1505 ausgeführt. — Farbenbeschreibung. — 
Der Hintergrund zeigt eine ferne Gebirgslandschaft, der Vordergrund die 
Figurenkomposition in Form einer Pyramide. Eine Frauenfigur sitzt frontal 
in der Mitte des Bildes, auf ihrem Schöße eine zweite Frauenfigur, die 
sich zu einem kleinen Kinde nach rechts hinabbeugt, das eben ein kleines 
Lamm rittlings besteigen will. Die beiden, nahezu gleichaltrigen Frauen 
sehen beide leise lächelnd auf das Kind hinab. 

Man kann darüber im Zweifel sein, ob die kompositionelle Aufgabe: 
einer erwachsenen Frau eine zweite Erwachsene auf den Schoß zu setzen: 
überhaupt formal-zeichnerisch, also bildkünstlerisch lösbar ist. Doch in 
jedem Falle muß die Fülle der Unklarheiten und merkwürdigen Ver- 
zerrungen und Verzeichnungen auffallen, denen ein so großer Könner und 



*4 



Max Deri 



gereifter Künstler unterlag, wie es der über fünfzigjährige Leonardo zur 
Zeit der Ausführung dieses Bildes war. Vorerst ist die Proportion der hinten 
sitzenden Frau, der Anna, völlig unmöglich: die Körperpartie zwischen 
Knien und Hüften ist völlig ungeklärt und nicht nachfühlbar. Und ebenso 
ist die Hüftpartie der Maria gänzlich verzerrt worden, was am deutlichsten 
wird, wenn man den Weg über ihren linken Oberschenkel zur linken 
Hüfte mit dem von ihrer linken Schulter zur Hüfte zu vereinigen sucht. 
Die gesamte Zone also, in der die beiden Frauenkörper aufeinander ruhen 
sollen, war Leonardo in der Vorstellung offenbar völlig unklar und er ver- 
suchte nicht, sich hier zur Klarheit der Formvorstellung hindurchzuarbeiten 
— wenn auch immerhin gegenüber dem Karton ein gewisser Fortschritt in 
der Durchformung der Bildaufgabe deutlich zu erkennen ist. 

Die Unklarheit der Figurenkomposition wird noch dadurch vergrößert, 
daß der hintere Kontur der Maria über Bücken und Gesäß das Auge ver- 
leitet, vertikal nach unten weiterzugehen, ihn im linken Kontur des 
Kleides der Anna fortgesetzt zu glauben. Damit wird es noch schwerer, 
die beiden Frauenfiguren für das Erleben klar voneinander zu lösen. 

II) Psychologisch 
l) Intellektuell 

Es handelt sich um eine Darstellung der „Anna Selbdritt aus der 
christlichen Mythologie. Anna: Mutter der Maria; Maria: Mutter des 
Christusknaben ; Lamm : Allegorie . . . 

2) Emotionell 
a) Allgemeine Definition des Kunstwerkes 

Die allgemeine Definition des Kunstwerkes ist vom Schaffenden aus zu 
geben und erfährt dann vom Erlebenden her ein Zusatzmerkmal. Sie 
gründet sich ausschließlich auf die emotionelle Funktion des Bewußtseins. 

Sieht man von allen komplizierteren Funktionen des bewußten Seelen- 
teiles ab, so vereinfacht sich — nach vollendeter Aufspaltung der magisch- 
eidetischen Frühform — die Struktur des Bewußtseins auf die drei be- 
kannten Grundfunktionen des Denkens, des Fühlens und des Wollens, auf 
die intellektuelle, die emotionelle und die voluntaristische Funktion. Diese 
drei Funktionen sind aber nicht — wie häufig angenommen wird ein- 
ander nebengeordnet, sondern das bewußte Wollen ist dem bewußten 
Denken und Fühlen nachgeordnet. Bei jedem bewußten Erleben des 




Leonardo da Vinci: Die bciligc Anna ScltJritt 



1 



Naturobjekt und Mcnsdienwerk 



heutigen erwachsenen Menschen, etwa bei der Wahrnehmung eines blühenden 
Baumes, treten das erkennende Denken und das erlebende Fühlen gleich- 
zeitig und in unmittelbarer innerer Verbundenheit in Funktion, während 
das bewußte Wollen erst nach einem gewissen Ablauf des Fühldenkens 
aufspringen kann. So bleiben zwei Grundfunktionen des Bewußtseins: 
das denkende Erkennen und das fühlende Erleben. Ihre Anordnung kann 
im Schema etwa folgendermaßen verbildlicht werden: 




Außeras OAJetr^ 










Im Laufe der Kulturentwicklung, beziehungsweise im Laufe der Ent- 
wicklung des Einzelnen vom Kind zum Erwachsenen gewinnt nun der Mensch 
die Fähigkeit, eine der beiden Grundfunktionen für sich zu isolieren und 
sich in dieser Isolierung des Denkens oder des Fühlens auf das Objekt 
gerichtet einzustellen. Die Isolierung, die „Ummauerung" der intellektuellen 
Funktion und ihre vom Fühlen möglichst ungestörte Richtung auf ein äußeres 
Objekt der Realität oder auf ein inneres Objekt einer Vorstellung: führt zum 
wissenschaftlichen Verhalten. Die möglichste Isolierung der emotionellen 
Funktion in ihrer Richtung auf das äußere oder auf das innere Objekt: 
führt zum ästhetischen Verhalten. Diese Isolierungen können, bei der 
ursprünglichen inneren Verbundenheit der beiden Grundfunktionen im Be- 
wußtsein, natürlich nur mit relativem Gelingen durchgeführt werden. Doch 
bleibt einerseits für das wissenschaftliche Verhalten spezifisch, daß Gefühls- 
regungen — und die aus ihrer Verbindung mit Willensvorgängen folgenden 
„Wünsche" — keinen Einfluß auf die wissenschaftliche Feststellung des 
Resultates gewinnen dürfen; und daß anderseits wieder intellektuelle Über- 
legungen — und aus ihrer Verbindung mit Willensregungen folgende „Zweck- 
setzungen — stets das ästhetische Verhalten stören. 



■1 



a ß Mnx Deri 

Nun kann es aber aus jeder der beiden relativ isolierten Einstellungen, 
hier des denkenden Erkennens im wissenschaftlichen Verhalten, dort des 
fühlenden Erlebens im ästhetischen Verhalten, unmittelbar und direkt 
zu Willensentschlüssen und daraus folgenden Handlungen kommen. In 
diesem Falle können aus der intellektuellen Isolierung die wissenschaft- 
lichen und technischen Werke, aus der emotionellen Isolierung die 
Kunstwerke erstehen. In ungefährem Schema: 




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£o*&sen dB Ai'nchmmta 



Definition: ein Kunstwerk ist, vom Bewußten her und im idealen 
Prozeß definiert: ein von einem Menschen aus isolierter Gefühls- 
haltung heraus erstelltes Gebilde, das so beschaffen ist, daß es 
dieses Gefühl in adäquater Formung in sich beschlossen ent- 
hält — D as so erstellte künstlerische Gebilde wird zum Gefühlsträger, 
und ist als solcher imstande, seine Gefühlsinhalte einem anderen Menschen 

des gleichen oder eines verwandten Kulturkreises — zu vermitteln, sie 

dessen Bewußtsein zu „übertragen". 

b) Besondere Gefühle der „Anna Selbdritt" 
So wie man beim technischen Werk aus den konstruktiven Gegeben- 
heiten rückläufig die gedanklichen Überlegungen des Erfinders erschließen 
kann, so vermag man beim Kunstwerke durch Einfühlung in die farb- 
lichen und formalen Gegebenheiten rückläufig die Gefühle in sich wach- 
zurufen, die das Bewußtsein des Künstlers beim Schaffen erfüllten. Dieser 
Vorgang, der meist das „Verstehen" des Kunstwerkes genannt wird, sollte 
entsprechender als „Erfühlen" des Kunstwerkes bezeichnet werden. Nimmt 
man die „Anna Selbdritt" Leonardos im Ganzen in Blick und in Gefühl, 
so fällt eine eigentümliche „Weitung" des Raumes vom Hintergrunde aus 
nach vorne auf. Von der enge gesehenen Landschaft des Hintergrundes 



: 



Naturobjekt und Aicnsdicn-wcrk 27 

geht es in etwas abruptem Übergang zum „ausgedehnteren" Vordergrunde. 
Die gleiche „Weitung" findet man in anderen beglaubigten Werken des 
Leonardo, so etwa in der Felsgrottenmadonna, in den unvollendeten Bildern 
des Hieronymus und der Anbetung der Könige und am deutlichsten im 
Abendmahle, in dem ein tiefer und im Hintergrunde schmaler Innenraum 
nach vorne hin in einem Gefühle „auseinanderläuft", auseinanderweicht, sich 
aufspannt, das wie das Aufspannen eines weiten Maules aus engem Rachen 
wirkt. Durchaus verwandt mit diesem Räumlichen ist bei der Anna Selb- 
dritt die „Entwicklung" der Figurenkomposition. Denkt man sich das Bild 
horizontal hingelegt und damit die Figuren vertikal in die Höhe empor- 
wachsend: so wachsen die Körper und die Glieder wie aus einer schmalen 
Wurzelplatte, die etwa den Sitzkreis der beiden Frauenfiguren umfaßt. Wie 
wenn eine Pflanzenstaude aus engem Gefäße aufwachsend sich weiten, ver- 
breiten, entfalten würde: so ist das Gefühl, mit dem der Oberkörper und 
die Oberschenkel der Anna, der Oberkörper und die Beine der Maria von 
den Hüften ab deutlich in der Proportion größer werden. Dieses merk- 
würdige Gefühl des „Anschwellens" — das alle sicher beglaubigten Bilder 
Leonardos zeigen — , das Breiterwerden und Dickerwerden und Schwererwerden 
nach den „Enden" hin, dieses in ihrem Volumen „Wachsende" aller Propor- 
tionen: kann man am deutlichsten zum Kopf der Anna und zu ihrem linken 
Arm hin, von den Hüften der Maria zu ihrem „aufgeschwollenen" Nacken, 
zur „aufgeschwollenen" rechten Schulter hin, an den Füßen zu den auf- 
fallend langen Zehen hin beobachten. Ja, nimmt man die Proportion des im 
Schatten sichtbaren rechten Fußes der Anna in Vergleich zu dem zuge- 
hörigen Unterschenkel, so erreicht der Fuß fast die Länge dieses Unter- 
schenkels. Hat man dies einmal im Einzelnen erfühlt und geht dann zum 
Gesamten zurück, so wachsen von der engeren Hüftzone, von der Be- 
rührungsfläche der beiden Frauenkörper aus, alle Figurenteile wie leise 
dynamisch, wie eben irgendwie mit prallem Safte sich füllend in einen 
nach vorne hin „geweiteten" Raum. Es wirkt wie das stetige Anschwellen 
eines Tones, als bliese man einen Posaunenton, piano beginnend, ihn 
ständig stetig zu immer vollerem Forte verstärkend. Es wirkt wie das all- 
mählige Dickerwerden einer Keule von ihrem dünneren Griff zum rund 
gewölbten Kopfe hin. Wie wenn man eine zwar noch geschlossene, doch 
aber schon zur Reife hin gediehene Fuchsienknospe zwischen den Finger- 
spitzen auf- drückt, so daß jetzt eben sich die Blätter spannend entfalten, 
die Fingerspitzen auseinander-drücken — es wirkt wie ein eben erigierendes 
Glied. Nimmt man andere Bilder Leonardos zur Stärkung dieses Erleb- 



5 



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a 3 Max Deri 

nisses hinzu: so wird dies Anschwellende, dies Tumeszente, dies sich ehen 
erst mit wachsend spannendem Gehalte Erfüllende völlig deutlich. 1 

Aus dem gleichen Gefühle scheinen auch die Vorschriften geboren, die 
Leonardo in seinem „Trattato della Pittura" den Malern für die Innen- 
modellierung der Körper gibt, und die er in seinen Bildern und besonders 
in seinen Zeichnungen mit so faszinierendem Erfolge anwendete. „Zuletzt 
achte darauf, daß die Schatten und die Lichter ohne Striche und ohne 
Ränder ineinander übergehen wie ein Rauch (a uso difumo)." Spürt man 
diesem „Sfumato" in seinem Gefühle nach, spürt im besonderen, wie sich 
in den nackten Körperteilen aus den durchsichtig-weichgetönten Halb- 
schatten die helleren Partien leise, stetig, in lyrischer und doch allmählich 
verstärkter Rundung zu hellerem Leuchten erheben, wie auch hier das 
„Schwellende" eines Nackens, einer Schulter, zweier Wangen, eines Kinnes 
wie aus wehendem Rauche eben „erwachsend" lebendig wird: dann wird 
auch hier dies aus dünnerem Gefühle zu breiterer Kraft eben erst sich 
Entwickelnde in einer leisen Berauschtheit des Erlebenden deutlich. Und 
in dieses Gebiet scheint auch zum Teile das Lächeln zu gehören, das die 
Frauenköpfe Leonardos seelich durchleuchtet. Die Frauenköpfe der Stilstufe 
vor Leonardo zeigten das gespannte, helle, metallische Lächeln, das aus so 
vielen Porträtbüsten des Quattrocento bekannt ist: das achtzehnjährige, 
frische, junge, knospig herbe Mädchen spielte in der damaligen Gesell- 
schaft die Hauptrolle. Die Frauenköpfe der Stilstufe nach Leonardo zeigen 



1) Prinzipiell sei gesagt, daß die Formel der psychologischen Analyse eines 
künstlerischen Gebildes folgenden Weg geht. Die Kunstform K erweckt im Er- 
lebenden ein bestimmtes Gefühl G„ das spezifisch zu dieser Kunst- 
jf V form gehört. Um dieses Gefühl möglichst eindeutig zu bezeichnen, 

it assoziiert der Erlebend-Analysierende aus sein-n Gefühlserinnerungen 
ein möglichst ähnliches Gefühl G g , von dem er annehmen kann, daß 

Q »- G s es dem Miterlebenden aus seiner eigenen Erfahrung bekannt ist. 

Dieses assoziierte Gefühl hatte seinerzeit einen bestimmten Anlaß- 
träger V. Indem man nun zu diesem Anlaß, dem Vergleichsobiekt V, weiterschreitet 
und es dem Hörer oder Leser nennt, erweckt man in ihm das dieser Repräsentanz 
zugehörige Gefühl. Und damit erweckt man gleichzeitig, auf Grund der Ähnlichkeit 
mit dem der Kunstform zugehörigen Gefühl, im Erlebenden das Gefühl der Kunst- 
formung selbst, „öffnet ihm die Augen". So geht der Weg des Verstehenden den Weg 
zurück, den der Analysierende genommen hatte: statt von K über G, und G 2 zu V: 
von V über G a zu G, und K. Dabei ist es stets nötig, die Vergleichsobjekte und damit 
die Vergleichsgefühle zu häufen, da ein spezifisches Sehgefühl niemals durch ein 
Wortgefühl, also durch ein Gefühlswort wirklich adäcpiat wiedergegeben, also ein- 
deutig bezeichnet werden kann. Man muß dabei die Vergleichsobjekte uud damit die 
Vergleichsgefühle in der Weise zu häufen suchen, daß sie das neuerlebte spezifische 
Gefühl der gesehenen Kunstform möglichst dicht „einkreisen". 






Naturolijekt und JVlensdicnwerk 29 



einen ernsten, schweren, zuweilen tragisch getönten Ausdruck: die reife 
und voll erblühte Frau von dreißig Jahren spielte jetzt die Hauptrolle in 
der Gesellschaft. Die Frauenköpfe Leonardos aber stehen auch hier mitten 
inne, auf dem Wege vom schmaleren Dur zum breiteren Moll. Noch haben 
sie halb jugendlichen Charakter, noch lächeln die Lippen, noch sind auch 
— wie etwa bei der Mona Lisa — die Augenbrauen nach quattrocenti- 
stischer Mode rasiert, um die glatt gespannte Fläche des Gesichtes nicht 
durch lastende Horizontalen zu beschweren. Doch gleichzeitig ist auch 
schon in den Köpfen der Anna und der Maria die Reife zu spüren, die 
im Kommen ist, der Ernst, der die Lippen zu beschwerterer Lastung zu- 
sammenführt, die Mundwinkel vom Fernen her leise umdunkelt. „Auf 
dem Wege" also von der dünnen und gespannten Seele einer Achtzehn- 
jährigen zur breiten und sonoren Seele einer Dreißigjährigen bringt Leonardo 
jenes „Stärker wer den" und „Gewichtigerwerden", jenes anschwellend immer 
voller Tönende, das seine rein formalen Bildungen beherrscht, auch im 
Ausdruck seiner Gesichter, also im unmittelbar Seelischen seiner Figuren. 

III) Soziolo gisch 

1) Intellektuell 
Das religiöse Bild als Träger der Kirchenmacht, als Bilderschrift für 

Ungebildete, als allen sichtbarer Zielpunkt für den gemeinsamen Gottes- 
dienst: also als „Einigungsmittel" und als „Machtmittel" der Kirche. 

2) Emotionell 
a) Allgemeines 

Der große Künstler überragt den Durchschnitt der Gemeinschaftsgenossen 
durch eine Doppelbegabung: erstens durch die Intensität und die Seltenheit 
seiner Gefühle, zweitens durch die Fähigkeit, diese Gefühle in irgendeiner 
Kunstart adäquat gestalten zu können. Das Kunstwerk ist dann weiterhin 
— als Träger dieser Gefühle — imstande, sie einem anderen Mitmenschen, 
dem Erlebenden, zu vermitteln. So erhält das Kunstwerk eine soziale Be- 
stimmung: es bereichert die Gemeinschaftsgenossen um Gefühle, die diese 
von sich selbst aus zu erleben nicht imstande gewesen wären. So wie der 
Durchschnittsmensch im verstehenden Lesen eines genialen wissenschaft- 
lichen Werkes gleichsam so klug wird, wie der Verfasser war; so weitet 
und vertieft der ein Kunstwerk Erlebende in diesem Erleben sein eigenes 
Gefühl zu der Seltenheit oder Intensität des Gefühles, das dem genialen 



■ 



3 Max Dcri 

Schaffenden eignete. Damit wird das Kunstwerk zu einem wesentlichen 
Freudenhringer und Freudenmehrer der Gemeinschaft und die soziale Be- 
stimmung des Künstlers ist es, für diese Lebensbereicherung der Gemein- 
schaft Sorge zu tragen. 

Der Boden, von dem aus dabei das gegenseitige „Verstehen" von Künstler 
und Gemeinschaft erfolgt — besser: von dem aus das richtige, das „erfüllende" 
Erfühlen des Kunstwerkes erfolgt — ist das allgemeine Stil-Gefühl der Zeit. 
„Stil" ist dabei das Gemeinschaftsgefühl einer relativ umgrenzten Gruppe 
von Menschen in einer relativ umgrenzten Zeitspanne. 

b) Besonderes 

Die stilmäßige Funktion, die die Anna Selbdritt sowie die übrigen Bilder 
Leonardos in der Generation zwischen 1480 und 1510 erfüllen, kann nicht 
verständlich werden, ohne weit hinter diese Zeit zurückzugehen. 

Bis etwa um 1300 war das herrschende Stilgefühl die Gotik gewesen: 
das aufs Höchste sublimierte und verfeinerte Gefühl einer feudalen Ober- 
schicht, der Geistlichkeit und des Rittertums. Als Folge der Kreuzzüge — 
1100 bis 1300 — , die einen Goldstrom vom Orient ins Abendland brachten, 
war — besonders auf dem Hauptwege der Kreuzzüge : in Italien — seit dem 
dreizehnten Jahrhundert eine neue gesellschaftliche Schicht, das privat- 
kapitalistische Bürgertum entstanden: Kreuzzugsgewinnler. Dieses städtische 
Bürgertum depossedierte allmählich, in Vorstößen und Rückschlägen, die 
kirchliche und weltliche Feudalaristokratie und verdrängte sie, auf Grund 
seines starken wirtschaftlichen Aufstieges, aus den politischen Machtpositionen. 
Das Lebensgefühl dieser ungebrochen starken Neukommer aber war dem 
hochkultivierten, ja bereits reichlich dekadenten lyrischen Feinheitsgefühle 
der gotischen Gesellschaft diametral entgegengesetzt: es war, dem Aufstiege 
aus tieferen Schichten entsprechend, brutal, stark, kräftig, diesseitig. Da 
sich nun die Kirche gegen die allmähliche Aufnahme des neuen Lebens- 
gefühles in ihre Kunstwerke sträubte, kam es zur „Stauung" und damit 
zum revolutionären Durchbruche des Neugefühles, vorerst in Italien. Giotto 

i n den Fresken der Arenakapelle in Padua vom Jahre 1305 — ist der 

erste Repräsentant dieses jungen, privatkapitalistischen Bürgertums und seines 
neuen Lebensgefühles, das „Renaissance" genannt wurde. Seine Bilder zeigen 
die fast brutale Kraft, die die neue Schicht noch ungebrochener, eben erst 
in die Kultur eintretender Menschen revolutionär dem aristokratischen 
Feinheitsgefühle der alten, hochkultivierten, feudalen und geistlichen Führer- 
schicht entgegenstellte. Da nun dieser Kraftschlag ohne jeden vermittelnden 



^ 



Naturobjekt und Mcnsdienwcrk •** 



stetigen Übergang dem früheren Stilgefühle entgegengeworfen wurde, mußte 
es — nach dem Gesetze der Stetigkeit jeder Entwicklung — zur Reaktion 
kommen, die jede Revolution im Gefolge hat. 

Diese erste Reaktion zum Gotischen erfüllte die zweite Hälfte des vier- 
zehnten Jahrhunderts und gipfelte in dem gotischen Reaktionär Fra Angelico. 
der bis 1455 lebt. Doch die Reaktion zum alten gotischen Feinheitsgefuhle 
ging zu weit, stellte das alte Gefühl nahezu vollständig wieder her: so 
mußte es zu einer zweiten Revolution kommen. Hundert Jahre nach dem 
ersten Renaissancemaler Giotto, zwischen 1400 und 1450, brachen der Bau- 
meister Brunelleschi (Domkuppel in Florenz), der Maler Masaccio und seine 
Schule, der Bildhauer Donatello zum zweiten Male abrupt und unstetig 
gegen die wiedererstarkte Gotik vor: wiederum wurde der neue privat- 
kapitalistisch-bürgerliche Kraftstil brutal der feinen gotischen Lyrik ent- 
gegengeworfen. So mußte die zweite Reaktion zur Gotik kommen, deren 
Hauptträger Botticelli und Verrocchio wurden. Doch diese zweite Reaktion 
zum Gotischen war nun eine „gesunde": sie führte nicht zur völligen 
Wiederherstellung und Wiederkehr des Gotischen, sondern sie blieb eine 
Teilreaktion. War — formelhaft gefaßt — das rein gotische Gefühl „fein 
und weich", das revolutionäre Renaissancegefühl „stark und hart" gewesen: 
so ist die zweite Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts „fein und hart". 
Dieser reaktionäre Stil entnimmt also nur eine seiner Gefühlskomponenten, 
die „Feinheit", dem alten Gotischen, verbindet sie mit der „Härte", also 
mit einer der Gefühlskomponenten der neuen Renaissance: und stellt damit 
die Stetigkeit der Entwicklung wieder her. 

Der Schüler Verrocchios nun, also dieses halb im Gotischen, halb im 
neuen Gefühle lebenden Repräsentanten, war Leonardo. Und seine unerhörte 
Mission und seine kaum hoch genug zu schätzende Tat waren es - vom 
Soziologischen, also vom allgemeinen Gemeinschaftsgefühle her gesehen — , 
daß er nun nicht abermals abrupt und revolutionär den neuen Kraftstil 
propagierte: sondern daß er in stetiger „Weitung" und Vergrößerung und 
Verdichtung und beschwerender „Anschwellung" aus dem „dünnen Gefühle 
Botticellis und Verrocchios in das große, gewichtige und monumentale Stark- 
gefühl Michelangelos überleitete. So wurde er der Mittler und Vermittler 
zum endgültigen Siegesgefühle des städtischen Bürgertums über den Feudal- 
adel, wurde der „Übergangsmeister" zur Hochrenaissance. 

Erst von hier aus erhält also das so eigentümlich „gehemmt wachsende , 
für das persönliche Erleben so außerordentlich reizvolle, es so stark be- 
reichernde individuelle Bildgefühl Leonardos seine breitere soziologische 









3a Max Den 

Gründung. Leonardos „Zaghaftigkeit" ist ja — siehe die nachstehende analy- 
tische Betrachtung — im Tiefsten individuell gegründet und bedingt gewesen. 
Doch sie wurde für die Zeit und ihre Kunst — trotz dem Minimalen der 
künstlerischen Produktion dieses siebenundsechzigjährigen Lebens: er malte 
kaum ein Dutzend Bilder, von denen mindestens ein Drittel unvollendet 
blieben — stilmäßig so außerordentlich fruchtbar, weil sie die soziale Mission 
erfüllte, durch die Vermeidung einer abermaligen „Revolution der Gemein- 
schaft eine abermalige „Reaktion" zu ersparen. Faßt man das Gesagte in 
einige Sätze zusammen, so kann man die soziologische Funktion von Leo- 
nardos individuellem Schaffen etwa folgendermaßen beschreiben: 

Die Stilstufe vor Leonardo war fein und hart gewesen, die Figuren wie 
aus Metall getrieben, voll dünner innerer Spannung. Das Ziel aber, dem 
der neue Stil seit 1300 zustrebte, war ein Starkstil, wollte Größe und Breite, 
Majestät und „Gewichtigkeit". Indem nun Leonardo in langsamem Größer- 
werden, Gewichtigerwerden, Wachsen und Anschwellen die dünnen und 
gespannten Formen stetig zur Breite und Größe entwickelte, schuf er die 
Basis für Michelangelo, der dann in seiner Monumentalität und maestä der 
Gefühlsrepräsentant des siegenden Bürgertums wurde. Leonardos „Stilgefühl 
ist also das Stilgefühl des sich endgültig in seiner Herrschaftsstellung sichern- 
den und behauptenden privatkapitalistischen Bürgertums. 

Diese soziologische Interpretation, die Leonardos Stellung in der allgemeinen 
Stilentwicklung zu klären versucht, scheint seiner einmaligen Persönlichkeit wenig 
Spielraum zu lassen. Doch dieser Anschein entsteht immer und muß entstehen, 
wenn ein großer Künstler gleichzeitig zum ersten Träger eines neuen Stilgefühles 
wird — was keineswegs immer der Fall ist. Es gab und gibt bedeutende Künstler, 
deren persönliche Art so sehr dem Zeitstile entgegensteht, daß sie Außenseiter 
bleiben und dadurch weit individueller, einmaliger und eigenwilliger wirken 
können, als individuell größere Künstler, die sich dem Zeitstile einordnen. Es 
kommt in dieser Frage darauf an, ob ein künstlerisch bedeutend Veranlagter 
„zur rechten Zeit geboren ist", so daß sich seine persönliche Artung mit dem 
Gefühle der Zeit verträgt, tendenzmäßig dieselbe Richtung aufweist. In diesen 
Fällen lehrt die Erfahrung, daß — soziologisch gesehen — der große Künstler 
bloß die beste und empfindlichste Antenne des neu erstehenden Gemeinschafts- 
gefühles ist: er vermag damit als Erster jene Gefühle zu formen und klar heraus- 
zustellen, die die Gemeinschaft erst dunkel ahnt, die noch halb unbewußt in 
ihr schlummern, ihr Gefühlsleben eben erst zu orientieren beginnen. Damit 
bestätigt und erlöst der große Künstler diese neuen Gefühle, treibt sie zur Reife, 
stärkt sie und führt sie zu klarer Bewußtwerdung bei allen. Von hier aus ge- 
sehen bildet also dieses neue Gemeinschaftsgefühl, der jeweilige „Stil", den Kern 
der Darstellung jedes großen und gleichzeitig führenden Künstlers, und seine 
einmalig individuellen Züge erscheinen nur als Fransen, als „fringes", die 



Naturobjekt und Mensdicnwerk 33 

stilmäßig, also soziologisch gesehen — als minder Wichtiges diesen Kern um- 
lagern. Formelmäßig gefaßt: die Hochrenaissance wäre, als Gefühlsgestaltung 
des siegenden Bürgertums, in ihrem Wesentlichen auch entstanden, wenn Leo- 
nardo und Michelangelo und Raffael als kleine Kinder gestorben wären. Es 
würden in diesem Falle dem Bilde der Hochrenaissance die individuellen Züge 
dieser drei fehlen; doch im Kerne, in ihrer „maestä" wäre sie als Zeitstil in 
gleicher Weise entstanden. Man durchschaut diese Situation am klarsten beim 
eigenen Zeitstile der Gegenwart, da ja in diesem Falle jeder in seiner Zeit 
Lebendige das Stilgefühl selbst in sich trägt. So heben sich etwa in der Baukunst 
der Gegenwart selbst die größten Künstler nur in ihrer persönlichen Differenz von 
den anderen ab. Für frühere Zeiten aber lernen wir ja das jeweilige Gemeinschafts- 
gefühl, da wir es nicht ohneweiters selbst in uns tragen, erst durch die 
großen Künstler der Vergangenheit kennen: so daß hier dem Individuum zu- 
geschrieben zu werden pflegt, was Gemeinschaftsleistung ist. 

Die unerhörte, weite Wirksamkeit, die Leonardo, trotz der außerordentlichen 
Spärlichkeit seines Schaffens, in seiner Zeit gewann, ist zum größten Teil darauf 
zurückzuführen, daß seine persönliche Artung so sehr dem Übergangscharakter 
der Zeit entsprach und entgegenkam. Und gerade daran, daß seinen bedeutenden 
wissenschaftlichen Erkenntnissen beiweitem nicht die Wirksamkeit seiner künst- 
lerischen Taten zukam, mag man ermessen, wie sehr er für die ersteren zur 
falschen Zeit, nämlich zu früh geboren war und wie sehr bei den zweiten das 
Glück des zur rechten Zeit Geborenseins Einfluß und Wirksamkeit seiner Werke 
ins Außerordentliche weitete. 

IV) Analytisch 

Die Abhandlung von Freud: „Eine Kindheitserinnerung des Leonardo 
da Vinci" (Ges. Sehr. Bd. IX, S. 369 ff.) gilt der Analyse von Leonardos 
Gesamtpersönlichkeit und befaßt sich nur zu einem kleinen Teile — sieben 
Seiten von dreiundachtzig — mit der „Anna Selbdritt". Es geschieht dies in 
der zweiten Hälfte des vierten Kapitels. In der ersten Hälfte dieses Ab- 
schnittes behandelt Freud das Lächeln der Mona Lisa. Freud führt dieses 
Lächeln auf früheste Kindheitserinnerungen des Leonardo zurück. „Es mag 
also so gewesen sein, daß Leonardo vom Lächeln der Mona Lisa gefesselt 
wurde, weil dieses etwas in ihm aufweckte, was seit langer Zeit in seiner 
Seele geschlummert hatte, eine alte Erinnerung wahrscheinlich. Diese Er- 
innerung war bedeutsam genug, um ihn nicht mehr loszulassen, nachdem 
sie einmal erweckt worden war; er mußte ihr immer wieder neuen Aus- 
druck geben. Die Versicherung Paters, daß wir verfolgen können, wie sich 
ein Gesicht wie das der Mona Lisa von Kindheit auf in das Gewebe 
seiner Träume mischt, scheint glaubwürdig und verdient wörtlich verstanden 
zu werden" (S. 425). „Wir erfahren also, daß seine Kunstübung mit der 



%i Max Dcri 

Darstellung von zweierlei Objekten begann, die uns an die zweierlei Sexual- 
objekte mahnen müssen, welche wir aus der Analyse seiner Geierphantasie 
erschlossen haben. Waren die schönen Kinderköpfe Vervielfältigungen seiner 
eigenen kindlichen Person, so sind die lächelnden Frauen nichts anderes 
als Wiederholungen der Catarina, seiner Mutter, und wir beginnen die 
Möglichkeit zu ahnen, daß seine Mutter das geheimnisvolle Lächeln besessen, 
das er verloren hatte, und das ihn so fesselte, als er es bei der Florentiner 
Dame wiederfand" (S. 425 und 426). 

An diese unbewußte Gründung des Lächelns der Mona Lisa in die 
Erinnerung an früheste Kindertage Leonardos schließt dann Freud die Be- 
sprechung des Anna-Selbdritt-Bildes an. „Bei Leonardo sitzt Maria auf dem 
Schöße ihrer Mutter vorgeneigt und greift mit beiden Armen nach dem 
Knaben, der mit einem Lämmchen spielt, es wohl ein wenig mißhandelt. 
Die Großmutter hat den einen unverdeckten Arm in die Hüfte gestemmt 
und blickt mit seligem Lächeln auf die beiden herab. Die Gruppierung ist 
gewiß nicht ganz ungezwungen. Aber das Lächeln, welches auf den Lippen 
beider Frauen spielt, hat, obwohl unverkennbar dasselbe wie im Bilde der 
Mona Lisa, seinen unheimlichen und rätselhaften Charakter verloren; e6 
drückt Innigkeit und stille Seligkeit aus" (S. 427). 

„Bei einer gewissen Vertiefung in dieses Bild kommt es wie ein plötz- 
liches Verständnis über den Beschauer: nur Leonardo konnte dieses Bild 
malen, wie nur er die Geierphantasie dichten konnte. In dieses Bild ist 
die Synthese seiner Kindheitsgeschichte eingetragen; die Einzelheiten des- 
selben sind aus den allerpersönlichsten Lebenseindrücken Leonardos erklär- 
lich. Im Hause seines Vaters fand er nicht nur die gute Stiefmutter Donna 
Albiera, sondern auch die Großmutter, Mutter seines Vaters, Monna Lucia, 
die, wir wollen es annehmen, nicht unzärtlicher gegen ihn war, als Groß- 
mütter zu sein pflegen. Dieser Umstand mochte ihm die Darstellung der 
von Mutter und Großmutter behüteten Kindheit nahebringen. Ein anderer 
auffälliger Zug des Bildes gewinnt eine noch größere Bedeutung. Die heilige 
Anna, die Mutter der Maria und Großmutter des Knaben, die eine Matrone 
sein müßte, ist hier vielleicht etwas reifer und ernster als die heilige Maria, 
aber noch als junge Frau von unverwelkter Schönheit gebildet. Leonardo 
hat in Wirklichkeit dem Knaben zwei Mütter gegeben, eine, die die Arme 
nach ihm ausstreckt, und eine andere im Hintergrunde, und beide mit 
dem seligen Lächeln des Mutterglückes ausgestattet" (S. 427 und 428). 

„Leonardos Kindheit war gerade so merkwürdig gewesen wie dieses Bild. 
Er hatte zwei Mütter gehabt; die erste seine wahre Mutter, die Catarina, 



Naturobjekt und Menscnenwerk 35 



der er im Alter zwischen drei und fünf Jahren entrissen wurde, und eine 
junge und zärtliche Stiefmutter, die Frau seines Vaters, Donna Albiera. 
Indem er diese Tatsache seiner Kindheit mit der ersterwähnten, der An- 
wesenheit von Mutter und Großmutter, zusammenzog, sie zu einer Misch- 
einheit verdichtete, gestaltete sich ihm die Komposition der heiligen Anna 
Selbdritt. Die mütterliche Gestalt weiter weg vom Knaben, die Großmutter 
heißt, entspricht nach ihrer Erscheinung und ihrem räumlichen Verhältnis 
zum Knaben der echten früheren Mutter Catarina. Mit dem seligen Lächeln 
der heiligen Anna hat der Künstler wohl den Neid verleugnet und über- 
deckt, den die Unglückliche verspürte, als sie der vornehmeren Rivalin wie 
früher den Mann, so auch den Sohn abtreten mußte. So wären wir von 
einem anderen Werke Leonardos her zur Bestätigung der Ahnung gekommen, 
daß das Lächeln der Mona Lisa del Giocondo in dem Manne die Erinnerung 
an die Mutter seiner ersten Kinderjahre erweckt hatte" (S. 428 und 429). 
Versucht man an diesem Bilde die Figuren der Anna und der Maria 
voneinander abzugrenzen, so gelingt dies nicht ganz leicht. Man möchte 
sagen, beide sind so ineinander verschmolzen wie schlecht verdichtete Traum- 
gestalten, so daß es an manchen Stellen schwer wird zu sagen, wo Anna 
aufhört und wo Maria anfängt. Was so vor der kritischen Betrachtung als 
Fehlleistung, als ein Mangel der Komposition erscheint, das rechtfertigt sich 
vor der Analyse durch Hinweis auf seinen geheimen Sinn. Die beiden Mütter 
seiner Kindheit durften dem Künstler zu einer Gestalt zusammenfließen. 
Es ist dann besonders reizvoll, mit der heiligen Anna Selbdritt des Louvre 
den berühmten Londoner Karton zu vergleichen, der eine andere Komposition 
desselben Stoffes zeigt. Hier sind die beiden Muttergestalten noch inniger 
miteinander verschmolzen, ihre Abgrenzungen noch unsicherer, so daß Be- 
urteiler, denen jede Bemühung einer Deutung ferne lag, sagen mußten, es 
scheine, ,als wüchsen beide Köpfe aus einem Rumpf hervor' " (S. 429, Anm.). 
Aus dem hier Angeführten fällt nun auf einige jener Eigentümlichkeiten 
des Bildes klärendes Licht, denen wir innerhalb des phänomenalen und des 
psychologischen Abschnittes begegnet sind. Vorerst werden die Mängel in 
der kompositioneilen Durcharbeitung des formalen Grundproblemes, des 
Sitzens der Maria auf dem Schöße der Anna verständlich — wenngleich 
ein solches Verständnis niemals einem ästhetischen Mangel abzuhelfen 
vermag. Die Unklarheit in der Zusammenordnung der beiden Frauenfiguren 
wird als die zweier „schlecht verdichteter Traumgestalten" erkennbar, und 
zwar als die der beiden Mütter Leonardos, die dem Künstler „zu einer 
Gestalt zusammenfließen". Dann werden die viel bemerkte Gleichaltrigkeit 



36 Max Dcri 

der beiden Frauen sowie ihr gleicherweise gütiges und liebevolles Lächeln 
daraus verständlich gemacht, daß Leonardo dem Knaben „zwei Mütter gegeben 
hat, eine, die die Arme nach ihm ausstreckt, und eine andere im Hintergrunde, 
und beide mit dem seligen Lächeln des Mutterglückes ausgestattet". 

Über dies Spezielle des einzelnen Bildes hinaus kann aus Freuds Abhand- 
lung auch die allgemeinere Tatsache begründet werden, daß sich Leonardo 
so leicht und so widerstandslos in die Rolle des Übergangsmeisters gefügt 
hat, der stetig und allmählich aus einer Stilgepflogenheit in die andere 
hinüberleitete, ohne irgendwie „revolutionär gegen die „Kunst der Väter" 
aufzutreten. Denn erstens hatte er in den entscheidenden Jahren den „strengen 
Vater", den Rivalen, der sonst zwischen Mutter und Sohn steht, nicht kennen- 
gelernt, also auch keinen Haß gegen diesen Vater entwickelt. Und zweitens 
sagt Freud über die allgemeine Charakteranlage Leonardos: „Eine gewisse 
Inaktivität und Indifferenz schien an ihm unverkennbar. Zu einer Zeit, 
da jedes Individuum den breitesten Raum für seine Betätigung zu gewinnen 
suchte, was nicht ohne Entfaltung energischer Aggression gegen andere 
abgehen kann, fiel er durch ruhige Friedfertigkeit, durch Vermeidung aller 
Gegnerschaften und Streitigkeiten auf. Er war mild und gütig gegen alle, 
lehnte angeblich die Fleischnahrung ab, weil er es nicht für gerechtfertigt 
hielt, Tieren das Leben zu rauben, und machte sich einen besonderen Genuß 
daraus, Vögeln, die er auf dem Markte kaufte, die Freiheit zu schenken. 
Er verurteilte Krieg und Blutvergießen und hieß den Menschen nicht so 
sehr den König der Tierwelt als vielmehr die ärgste der wilden Bestien." 
(S. 377 und 378.) 

Keine unmittelbare Aufklärung finden wir dagegen in Freuds Ausführun- 
gen für das eigentümlich „Anschwellende", Tumeszente in Leonardos Ge- 
staltungen und Formengebungen. Es scheint das Zärtliche, das Schmeichle- 
rische, das im Malen und Zeichnen, im Schattieren und Komponieren so 
eigentümlich sich „Hebende" irgendwie mit der „gehemmten Sexualität", 
dem „gebändigten Affekt" des Leonardo zusammenzuhängen, wie sie Freud 
in seiner Abhandlung klarstellt. Besonders ein persönlicher Satz Freuds 
scheint zu beweisen, daß auch Freud selbst diese eigentümliche „gehemmte 
Schwellung", den „gedämpften Trieb", der sich in der Formengebung 
Leonardos zeigt, wohl erfühlt hat: „Ich bin wie andere der Anziehung 
unterlegen, die von diesem großen und rätselhaften Manne ausgeht, in 
dessen Wesen man mächtige triebhafte Leidenschaften zu ver- 
spüren glaubt, die sich doch nur so merkwürdig gedämpft äußern 
können" (S. 450). 



Naturobjekt und jMenscLenwerk 



■V 



1 



Freud hat, wie erwähnt, in seiner Abhandlung eine Analyse der Gesamt- 
persönlichkeit Leonardos gegeben. Es erschiene uns nicht als aussichtsloses 
Beginnen, bei Zuhilfenahme des gesamten bildkünstlerischen Werkes Leo- 
nardos eine ganze Reihe von Behauptungen, die Freud aus dem Geiertraum 
und aus anderen außerkünstlerischen Sachverhalten erschlossen hat, auch in 
den Bildgestaltungen nachzuweisen. Doch zu diesem Ziele müßte sich die 
Kenntnis des bildkünstlerischen Materiales mit gründlichster analytischer Er- 
fahrung vereinen. 

14) Zusammenfassung 

Bei keinem der besprochenen Beispiele wurde für den betreffenden künst- 
lichen Sachverhalt die Einbettung in die Realität vorgenommen, noch auch 
die Herleitung von den Frühformen aus bis zum heutigen Entwicklungs- 
stadium berücksichtigt. Vergegenwärtigt man sich die Fülle der Einwirkungen 
und Gegenwirkungen, die — in alle vier Schichten hinein und von allen 
vier Schichten her — Realität und künstlicher Sachverhalt aufeinander 
nehmen, bedenkt man das Netz dieser Reaktionen durch die ganze Genese 
eines künstlichen Sachverhaltes, also oft durch Jahrhunderte, ja durch Jahr- 
tausende hindurch: so erhält man das Bild einer ganz außerordentlichen 
Kompliziertheit. Dieser Reichtum der tatsächlichen Relationen zwingt zur 
Einsicht, einen wie kleinen Teil nur des Wirklichen derjenige faßt, der 
menschlich zivilisatorisches und kulturelles Geschehen bloß von einem 
Standpunkt aus betrachtet: sowohl der rein phänomenal beschreibende 
Historiker, der die Objekte nur sammelt und ordnet; wie der experimentelle 
und introspektive Psychologe, der bloß die bewußten individuellen Gründe er- 
forscht ; wie der Soziologe, der ausschließlich die breitere Bettung in das Gemein- 
schaftsleben bringt; wie aber auch der Psychoanalytiker, der allein die deter- 
minierenden Wurzeln des Unbewußten aufdeckt. Da nun heute wohl nur für 
die allereinfachsten Fälle ein Einzelner imstande wäre, die Behandlung eines 
Problemes von allen vier Schichten aus, als Historiker, als Psychologe, als 
Soziologe und als Analytiker — und all dies von den Ursprüngen bis zur 
Gegenwart — befriedigend durchzuführen: scheint auch von hier aus die 
bewußte Trennung aller geisteswissenschaftlichen Aufgaben in die vier 
Problemkreise von Vorteil. Denn sowohl für die richtige Abfassung wie 
auch für die richtige Auffassung einer wissenschaftlichen Untersuchung ist 
es vorteilhaft, nicht nur den Problemkreis klar zu sehen, den die Arbeit 
behandeln soll, sondern auch zu wissen, was alles die vorliegende Unter- 
suchung in gewußter Ausschaltung beiseite läßt. 



r^ 



38 Den : Naturobjclt un d Men«fccnwerk 



So erweist sich auch von hier aus wieder einmal, um wie vieles schwieriger 
die Arbeit des Kulturwissenschaftlers ist, als die des Naturwissenschaftlers. 
Während dieser in der theoretischen Nominierung des „reinen Falles" und 
in seiner angenäherten Realisierung im willkürlich anzuordnenden Experi- 
ment ein bequemes Mittel besitzt, sich ein überschaubares Untersuchungs- 
feld zu schaffen, wird die Fülle der Probleme nahezu unübersehbar und 
kaum durch experimentelle Einengung besser beherrschbar, sowie die 
Schöpfungen der menschlichen Psyche mit in den Kreis des Interesses 
treten. 






Humboldt-Universität zu Bsriin 

Universitätsbibliothek 
Zweigbibiicrtbek Philoeophi» und 
Kutturwissenscfiaften 

Unter den Linden 9 
10099 BerHn 






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Innaltsverzeicnn is 

Seite 

Vorbemerkung 

1) Ich und Außenwelt 

2) Natürliche und künstliche Sachverhalte 5 

3) Die phänomenale Betrachtung 

4) Existenziale und historische phänomenale Betrachtung • 

5) Kausale Betrachtung 

6) Existenziale und historische kausale Betrachtung 9 

7 ) Trennung der natürlichen von den künstlichen Sachverhalten in der kausalen 

Betrachtung 

8) Die kausale Betrachtung der natürlichen Sachverhalte 10 

Einschaltung: Weltanschauliche Konsequenzen > 2 

9) Die kausale Betrachtung der künstlichen Sachverhalte 14 

10) Die drei Kausalschichten bei künstlichen Sachverhalten 16 

1,) Die wissenschaftliche Notwendigkeit der dreifachen Kausalierung künstlicher 

Sachverhalte 19 

12) Die Einbettung der künstlichen Sachverhalte in die Realität 20 

15 ) Beispiele für die vierfache Betrachtung künstlicher Sachverhalte 20 

A) Beispiel aus dem technischen Gebiet: Der Pflug 21 

I) Phänomenal 

II) Psychologisch 

1) Intellektuell 21 

2) Emotionell 

III) Soziologisch 

1) Intellektuell 22 

2) Emotionell " 

IV) Analytisch ' *," " " 25 

B) Beispiel aus dem bildkünstlerischen Gebiete: Leonardo, Anna Selbdntt, 

Louvre, Paris 

I) Phänomenal ' 

II) Psychologisch 

1) Intellektuell 24 

2) Emotionell 

a) Allgemeine Definition des Kunstwerkes 2 4 

b) Besondere Gefühle der Anna Selbdritt 2 ° 

III) Soziologisch 29 

1) Intellektuell 29 

' ,, 29 

2) Emotionell 

...... *.*> 

IV) Analytisch 

14) Zusammenfassung 












iia 



iSigm. F reu d 

Vjesammelte -Schriften 

Elf Bände in Lexikon format 

Unter Mitwirkung des Verfassers herausgegeben 
von Anna Freud und A. J. iStorfer 

I) Studien über Hysterie / Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 1892—1899 
II) Die Traumdeutung 
HI) Ergänzungen und Zusatzkapitel zur Traumdeutung / Über den Traum / Beiträge 

zur Traumlehre / Beiträge zu den „Wiener Diskussionen« 
IV) Zur Psychopathologie des Alltagslebens / Das Interesse an der Psychoanalyse / 

Über Psychoanalyse / Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 
V) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie / Arbeiten zum Sexualleben und zur Neu- 
rosenlehre / Metapsychologie 
VI) Zur Technik / Zur Einführung des Narzißmus / Jenseits des Lustprinzips / Massen- 
psychologie und Ich-Analyse / Das Ich und das Es / Anhang 
VJJ) Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 
VIII) Krankengeschichten 
IX) Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten / Der Wahn und die Träume 

in W. Jensens „Gradiva" / Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci 
X) Totem und Tabu / Arbeiten zur Anwendung der Psychoanalyse 
XI) Schriften aus den Jahren 1923—1926 / Geleitworte zu fremden Werken / Gedenk- 
artikel / Vermischte Schriften / Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 

In Ganzleinen M. aao.—, in Halhleder 2& 380.— 

Hermann Hesse in der »Neuen Rundschau«: Eine grofje, schöne 
Gesamtausgabe, ein würdiges und verdienstvolles Werk wird da unter 
Dadi gebracht. 

Prof. Ray mund S di midt in Aen »Annalcn der Philosophie«: Druck 
id Ausstattung sind geradezu aufregend schön. 



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Jniversitätsbibliothek der HU Berlin 
01321100059858 





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Zweigbibliothek Philosophie 



iSigm. Freud 

Cr e s ammelt e Ochrilten 

E-lf Bände in Lexikon lormat 

Unter Mitwirkung des Verfassers herausgegeben 
von Anna Freud und A.J.5torfer 



I) Studien über Hysterie / Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 1892—1899 
II) Die Traumdeutung 

III) Ergänzungen und Zusatzkapitel zur Traumdeutung / Über den Traum / Beiträge 
zur Traumlehre / Beiträge zu den „Wiener Diskussionen" 

IV) Zur Psychopathologie des Alltagslebens / Das Interesse an der Psychoanalyse / 
Über Psychoanalyse / Zur Geschiebte der psychoanalytischen Bewegung 

V) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie / Arbeiten zum Sexualleben und zur Neu- 
rosenlehre / Metapsychologie 
VI) Zur Technik / Zur Einführung des Narzißmus / Jenseits des Lustprinzips / Massen- 
psychologie und Ich-Analyse / Das Ich und das Es / Anhang 
VII) Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 
VIII) Krankengeschichten 
IX) Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten / Der Wahn und die Träume 

in W. Jensens „Gradiva" / Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci 
X) Totem und Tabu / Arbeiten zur Anwendung der Psychoanalyse 
XI) Schriften aus den Jahren 1923—1926 / Geleitworte zu fremden Werken / Gedenk- 
artikel / Vermischte Schriften / Schriften aus den Jahren 1926—1928 

• 

In Ganzleinen M. aao.—, in Halbleder .M 280.— 

Hermann Hesse in der »Neuen Rundsdiau«: Eine grolje, schöne 
Gesamtausgabe, ein würdiges und verdienstvolles Werk wird da unter 

Dach gebradit. 

Prof. Ray mund 5di midt in den »Annalcn der Philosophie«: Druck 

und Ausstattung sind geradezu aufregend schön. 



Iniversitatsbibliothek der HU Berlin 




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01321100059858 

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Zwa1gb1bL1othek Philosophie 




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